Robert Seitz Der Leuchtturm Thorde Roman   1939 Paul Szolnay Verlag Berlin Wien Leipzig   Ungekürzte Sonderausgabe in der Reihe »Deutsche Erzähler von heute«   Copyright 1939 by Paul Zsolnay Verlag A.G., Berlin Wien Leipzig   * Es ging zum Herbst. Der See duftete. Die Luft hing voll Regen. Über die breiten Rücken ruhender Kühe hin waren die ersten Dächer des Dorfes sichtbar. Unbeweglich stand Sparre, der Kuhhirt, unter dem Weidenbaum. Über ihm, im wirren Geäst, hockte eine Krähe, und ihm zu Füßen lag schläfrig der Hund. Dann war der rostige Schlag einer Kirchuhr. Die Krähe stob davon, der Hund reckte sich, und Sparre schob umständlich den Fuß vor. Vom Weg her kam jetzt ein Lachen und Rufen. Die letzten Sommergäste fuhren ab. Lüßmanns Wagen war vollgepackt mit Menschen und Koffern. Vor den Türen standen Frauen und Kinder und winkten. Auch einige Männer waren unter ihnen, Laabs der Schuster, Dan Lebbers der Kaufmann und der Gärtner Patzke, der den Sommer über den Badestrand zu beaufsichtigen hatte. Segelfahrten gibt es in Sureiken und Waldwanderungen. Groß ist der See, und die Wälder ziehen sich weit in das Land hinein. Das hatte man am Meere nicht. Da war nackter steiniger Strand. Quallen kamen und schmieriger Tang, so sagten die Gäste. Das Meer ist unberechenbar. Es hat plötzliche Tiefen. Die Steine werden einem unter den Füßen fortgerissen. Dann ist nur noch Wasser, das nach dem Herzen greift. Stürme brechen jäh auf. Gewitter können tagelang über dem Meer sein. So sagen die Gäste. Aber in Sureiken ist der Sommer angenehm. Man kann im weichen Gras am Ufer liegen, in einem Boot im Schilf ausruhen. Wenn man ins Wasser steigt, ist eine gleichmäßig ruhige Bewegung. Es gibt nichts Lieblicheres als ein Bad in dem See bei Sureiken, sagen die Gäste. Nun geht es zum Herbst und alles ist Abschied. Die Leute von Sureiken stehen da, haben kleine Fähnchen in der Hand, die sie hin und her schwenken, und vom Wagen her ist ein Tücherwehen. Ein kleines seidenes Taschentuch wird am heftigsten geschwenkt. Das gehört der jungen Tänzerin. Dann ist das große rote Taschentuch des Postmeisters, der jedes Jahr kommt, einen viereckigen weißen Bart trägt und lustige Verse zu dichten versteht. Und es flattert groß zum Abschied der bunte Bademantel der Frau Wullke, die als letzte im Wagen sitzt, weil sie es da am bequemsten hat. Das ist ein langes, langes Wehen von Tüchern und Fähnchen. Worte flattern dazwischen. Lebe wohl und auf Wiedersehen. Dann hob Lüßmann die Peitsche. An der Schnur baumelte ein kleiner Blumenstrauß, den die Tänzerin noch schnell gepflückt hatte. Lüßmann hob die Peitsche, die Pferde zogen an, und der Sommer fuhr aus dem Dorf. Die Frauen standen noch ein Weilchen und schwatzten. »Sie war diesmal gar nicht so lustig«, sagte Frau Dahl, »wenn ich dran denke, im vorigen Jahr.« Sie meinte die Tänzerin. »Aber sie hat getanzt, viel getanzt und schön getanzt«, schwelgte Frau Laabs. Frau Dahl bekam Tränen in die Augen: »Nun kommt der Winter.« Sie war die erste, die nach Hause ging, neugierig, was die junge Tänzerin, die bei ihr gewohnt hatte, dieses Mal vergessen haben könnte. Im vorigen Jahre war es ein gesticktes Täschchen gewesen, das den ganzen Winter hindurch einen feinen Duft ausströmte. Sonntags hatte Frau Dahl es immer aus dem Kasten genommen, vor sich auf den Tisch gelegt und an die lustige Zeit gedacht, als die Boote noch mit bunten Laternen auf dem See fuhren, als der Mohn überall zwischen den Halmen stand, und die junge Tänzerin abends vor der Laube tanzte. Der Gärtner Patzke war noch zu Dan Lebbers in den Laden getreten. Er trank sein Glas Bier und ließ sich eine Zigarre geben. Vor dem Ladentisch stand der Stuhl, auf dem täglich der alte Postmeister gesessen hatte. »Ja ja«, sagte Patzke, und blickte auf den leeren Platz. Er dachte wohl daran, daß ihn nun vorläufig kein Mensch mehr Himmelhund nennen würde. Er hätte es auch jedem anderen übel genommen, nur der Postmeister durfte sich das erlauben. ›Komm her, Himmelhund, trink!‹ – ›Auf Ihr Wohl, Postmeister!‹ – ›Sauf, Himmelhund, die Böttcher machen neue Fässer.‹ – ›Und die Küfer sind auch nicht faul!‹ – ›Das soll sein! Prost, Himmelhund!‹ So war das Gespräch jeden Vormittag gewesen, jeden Nachmittag und jeden Abend. Patzke nahm die Mütze ab, die blaue Schirmmütze mit Flagge und Anker auf schwarzem Band. »Die käme nun also wieder in den Schrank«, sagte er. Auch das Messinghorn, das er an der Seite trug, und das Fernglas. Das waren die Zeichen seiner Würde als Badewärter. Mitte Mai wurde das alles aus dem Kasten hervorgeholt, durfte sich ein paar Monate im Sonnenlicht spreizen und verschwand wieder im Schrank, wenn Lüßmann mit den letzten Gästen davonrumpelte. Dan Lebbers verpackte einige Badeschuhe, die keinen Käufer gefunden hatten. Auch ein paar übriggebliebene Badekappen tat er hinzu. Das alles wurde nun fest verschnürt und auf Lager gestellt bis zum nächsten Jahre. »Ein guter Sommer«, sagte Dan Lebbers, »man kann zufrieden sein.« Die Sommerstuben waren alle vermietet gewesen und auch sonst hatten die Gäste nicht gespart. Der Kaufmann stellte das mit einem Blick auf die leeren Regale fest. Das Dorf würde nun leidlich über den Winter kommen. Es fiel jetzt ein feiner Regen. »Nun werden sie noch naß«, bedauerte Dan Lebbers. Lüßmanns Gefährt war ein offener Wagen, ein altmodischer Jagdwagen für zwölf Personen. Die beiden letzten Sitze ragten hoch über den anderen heraus. In gleicher Höhe mit ihnen war der Kutschbock, so daß die übrigen Sitze wie in einem Tal gebettet schienen. Lüßmann hatte den Wagen einmal billig gekauft. Er wollte immer schon ein neues Gefährt anschaffen, aber die Sommergäste waren auf diese alte Kalesche ganz versessen, die schließlich genau so zu den Eigentümlichkeiten des Dorfes gehörte wie das Rauchhaus und die Feuerspritze mit ihrer behäbigen Wassertonne. Über dem See lag milchig grau der Regen. Das jenseitige Ufer war verhangen, man sah kaum die dunklen Boote. Der Regen fraß sich auch in die Bäume, schob sich wie blasser Nebel gegen die Häuser, breitete sich wie ein engmaschiges Netz über die Dorfstraße und lief in dünnen Fäden an den Fenstern hinab. Es war ein wehmütiger Regen, ein Regen, der ohne Ende schien. Da war nun der Herbst. Patzke ging nachdenklich nach Hause. Er trug Fernglas und Messinghorn in der Hand. Er ging an dem Kirchhof vorbei, der von der Straße nur durch eine niedrige Steinmauer getrennt war. So waren die Toten kaum von den Lebenden geschieden. Die Gräber lagen wie Häuser an der Straße. Abends stand man an der Mauer und erzählte. Da konnten die Toten hören, was sie einmal in ihrer Jugend angestellt hatten. Mitternachts gingen Verliebte zwischen den grünen Gräberreihen. Der Tod hatte nichts Schreckhaftes für sie, er war nur ein anderes Leben. Wenn man bei Dan Lebbers einkaufen wollte, ging man, um den Weg abzukürzen, über den Kirchhof. Der Schulweg der Kinder führte hier entlang und Sonntags der Weg zum Tanz. Dieser Friedhof umgab etwas verwildert die Kirche, deren spitzer Turm weithin sichtbar war. Von der Kirche zum Pfarrhofe mußte man auf Holzbrücken über eine kleine Insel gehen, auf der sich eine gewaltige Eiche erhob. Nach dieser Stelle hatte das Dorf seinen Namen – Sureiken, saure Eiche. Es heißt, daß Mönche vor Zeiten, um die Allmacht ihres Gottes glaubhaft zu machen, auf dieser Insel eine uralte Eiche in wenigen Tagen verdorren ließen. Der alte Baum war gestürzt, aber ein neuer wuchs auf, nicht minder kräftig, unter dessen schattigen Ästen sich die Toten des Dorfes bargen. Das Dorf selbst war eine lange Straße. Die Häuser der einen Seite wurden vom See begrenzt, die der anderen von weiten Feldern. Nach der Straße hin lagen die Gärten. Im Sommer war es ein bunter blühender Weg. Jetzt standen noch ein paar Sonnenblumen und ein paar Malven und einfarbige Astern, die sich im Regen duckten. Frau Dahl saß am Fenster und hielt Patzke ein Paar Sandalen entgegen. Holzsandalen mit knallroten Leinenbändern. Es waren die Schuhe der Tänzerin. Frau Dahl klappte sie aneinander. Klapp klapp, das klang wie im Takt. »Was sie für kleine Füße hat«, rief Frau Dahl. Patzke trat heran und stellte den einen Schuh in seine Hand. Er lachte. Im Regen stand er da und freute sich an dem kleinen Schuh der Tänzerin. Es war wie eine Erinnerung an eine lang vergangene Zeit und war doch erst gestern gewesen, daß diese Schuhe hier zum letzten Male vor der Laube im Takt sprangen. »Die mußt du gut aufheben«, sagte Patzke. »Ich wickle sie ein«, antwortete Frau Dahl. »Daß bloß nichts herankommt«, sagte Patzke noch einmal besorgt. Dann ging er schmunzelnd weiter. »Sie hat natürlich die Schuhe vergessen«, sagte er zu Haus. »Ach Gott«, erschrak sich Frau Patzke. Sie wußte nicht, was ihr Mann meinte, aber es ist schlimm, wenn man die Schuhe vergißt. »So klein«, lachte Patzke und zeichnete beim Essen mit der Gabel einen winzigen Fuß auf den Tisch. »Was denn?«, fragte Frau Patzke. Er antwortete nicht darauf. Er sah über den Tisch fort zum Fenster hinaus. Draußen fiel noch immer der Regen. * Gegen Abend kam Lüßmann von der Bahn zurück. Er hatte einen Mann mitgebracht, ein Fahrrad und einen Rucksack. »Das gehört zusammen«, sagte er zu Dan Lebbers. »Ein später Gast?« wunderte sich der Kaufmann. »Er will bleiben«, berichtete Lüßmann. »Wieso?« erkundigte sich Dan Lebbers. »Jawohl«, nickte Lüßmann. Er wußte wohl nichts Genaues. »Nanu?« sagte Lebbers und blickte nachdenklich zu dem Fremden hinüber. Lüßmann besann sich. »Er hat wohl ein bißchen Geld.« Dan Lebbers lachte: »Also was zu verlieren!« Sein Lachen war etwas gezwungen. Ein Mann kommt mit Geld nach Sureiken? Er will bleiben? – Was will der Mann? Vielleicht ein Konkurrent. Der Gast, von dem sie sprachen, bemühte sich währenddessen, das Fahrrad vom Wagen zu heben und zu prüfen, ob es nicht Schaden genommen hätte. Dann kam er langsam zu Dan Lebbers in den Laden. »So eine Bahnfahrt macht einen doch müde, wenn man an Luft gewöhnt ist«, sagte er, »ich hätte lieber mit dem Rad fahren sollen.« »So ist's«, bestätigte Lebbers. »Ich kann es wohl im Flur stehenlassen?« fragte der Fremde. »Hier gibt's Gott sei Dank noch keine Langfinger«, sagte Dan Lebbers. Er war ärgerlich über die Frage. »Es ist nicht überall so gemütlich in der Welt«, antwortete der Fremde und setzte sich mit einiger Umständlichkeit. Den Rucksack legte er neben den Stuhl. Dan Lebbers war hinter den Ladentisch getreten und musterte den Gast, der seinen Blick über die Eßwaren schweifen ließ, die in einem Glaskasten aufbewahrt lagen. »Man hört so allerhand«, nahm der Kaufmann das Gespräch wieder auf. »Das soll sein«, bekam er zur Antwort. Dan Lebbers lachte: »Dem alten Pittelkow haben neulich in der Stadt die fixen Mädchen hundert Mark abgenommen. Vorher hatte er mit ihnen getrunken. Da hat er nun seine Schweine umsonst gefüttert.« »Wenn's weiter nichts ist«, sagte der Fremde gleichmütig. »Eine Stange Geld!« betonte Dan Lebbers und setzte sich zu ihm an den Tisch. Er wollte noch mehr von Pittelkow erzählen. Der Gast unterbrach ihn. Er bestellte zu essen und zu trinken. Dan Lebbers erhob sich mißmutig und holte das Gewünschte. Darauf zog er sich hinter den Ladentisch zurück und hantierte an den Flaschen herum. Der Fremde sollte nicht glauben, daß er ihn ausholen wollte. Schließlich aber dauerte es dem Wirt doch zu lange. »Schlechtes Reisewetter heute«, begann er wieder, »die Sommergäste können einem leid tun. Heut sind die letzten abgefahren.« »Dann fände man hier wohl leicht eine Stube«, meinte der Fremde. »Ihr wißt, daß ich hierbleiben will. Der Mann, der mich herfuhr, hat es Euch wohl erzählt.« »Ihr habt verflucht seine Ohren«, sagte Dan Lebbers etwas verlegen. »Ich hab's zwar nicht gehört«, antwortete der Fremde, »aber ich konnt es mir denken. Der Mann – wie heißt er doch –« »Lüßmann«, warf Dan Lebbers ein. »Richtig, Lüßmann«, sagte der Fremde, »er ist alles in einer Person, hat er mir erzählt, Tischler, Fuhrunternehmer und Totenfrau.« »Jawohl, er wäscht auch Leichen«, bestätigte Dan Lebbers. »Wovon soll der Mensch in Sureiken leben? Da hat jeder noch seinen Nebenberuf. Sommers werden die Wohnungen an Gäste vermietet und man wohnt selbst im Schuppen nebenan. Nein nein, hier ist kein Geld zu machen.« »Es ist überall das gleiche«, sagte der Fremde, »entweder gelingt's einem oder nicht. Mancher kriegt aus zehn Kiefern bloß Brennholz, aber bei manchem langt eine zum Haus.« »So rasch laufen die Hasen nicht«, lachte der Wirt, »auch in Sureiken gehört mehr dazu.« Er seufzte: »Ihr könnt mir's glauben, man hat's hier nicht leicht. Da kann ich Euch ein Lied singen. Überall soll man Kredit geben. Fragt mal hier herum. Beim Schuster, beim Schneider, beim Schmied. Den ganzen Tag quält man sich und es kommt nichts bei raus.« Er setzte sich wieder zu dem Fremden an den Tisch, legte ihm die Hand auf den Arm und fragte: »Ein Wort im Vertrauen, wie seid Ihr denn ausgerechnet nach Sureiken gekommen?« Der Fremde hatte den Teller beiseite geschoben und sah den Wirt an. »Einfach auf blauen Dunst«, sagte er lustig, »ich hab's an den Knöpfen abgezählt.« »Da habt Ihr Euch aber schön verzählt, Herr«, bemitleidete ihn der Wirt. »Zählt lieber noch einmal!« »Habt Ihr Angst um Euer Geschäft?« lachte der Fremde. »Ich, wieso? fuhr Dan Lebbers auf. »Das Geschäft besteht schon seine sechzig Jahre. Vorher war's ein Kramladen, ich hab was daraus gemacht. Seit zwanzig Jahren hab ich den Laden. Nein, uns hebt keiner so leicht aus dem Sattel. Sehen Sie, hier ist das Geschäft, und nebenan das Pensionshaus, das gehört auch dazu. Eine kleine, aber prima Wirtschaft: drei Kühe, acht Schweine. Na, wie steht man da?« »In Sureiken ist also doch etwas zu verdienen«, meinte der Fremde. Dan Lebbers sah betroffen aus. »Wenn man hinterher ist«, gab er zu. »Also bleiben wir in Sureiken«, entschied der Mann, zahlte und stand auf. »Wo wollt Ihr denn über Nacht bleiben?« fragte der Wirt erstaunt. »Ich hab hier Verwandtschaft«, sagte der Gast. »Also darum«, antwortete der Wirt, »und wen, wenn man fragen darf?« »Weshalb nicht? Es hängt keine Unehre daran. Ich hab hier einen Oheim. Kars –« »Den alten Iben Kars?« unterbrach ihn Dan Lebbers. »Derselbe«, bestätigte der Fremde. »Da will ich Euch was sagen«, riet Dan Lebbers, »geht lieber erst bei Tag vorbei und fragt an, ob's genehm ist. Zur Nacht könnt Ihr ihm nicht ins Haus fallen.« Dan Lebbers lachte. »Das müßt Ihr schon deutlicher machen«, sagte der Gast. Der Wirt blickte ihn erstaunt an. »Wißt Ihr nicht, daß er vor kurzem erst wieder geheiratet hat?« »Kein Wort«, murmelte der Fremde. Er setzte sich wieder. »So ist's«, fuhr Dan Lebbers fort, »seine Magd hat er geheiratet, die Lisa. Ein gutes, zuverlässiges Mädchen. Sie war schon, ehe die Frau starb, bei ihm im Dienst. Ausgang Juni haben sie geheiratet. Ich weiß nicht, ob sie schon vorher was miteinander gehabt haben.« »Der alte Kars hat geheiratet? Er geht doch schon auf die Siebzig«, wunderte sich der Fremde. »Achtundsechzig, aber so!« sagte der Wirt und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann ließ er die Hand durch die Luft schnellen und pfiff dazu. »Damit war er immer rasch bei der Hand. Er hat manche Klage deswegen gehabt. Nun, Ihr werdet ja Euren Onkel kennen!« »Bloß vom Hörensagen«, antwortete der Gast. »Mein seliger Vater hat mir manches von ihm erzählt. Ich selbst war noch nie in Sureiken.« »Eben«, meinte der Wirt nachdenklich, »dies Gesicht ist mir doch ganz fremd, aber jetzt, wo Ihr sagt, daß Ihr der Neffe seid, möchte ich meinen, es wäre eine gewisse Ähnlichkeit. Aber der alte Kars ist gut seinen Kopf größer, das heißt, Ihr seid auch nicht klein.« Bei diesen Worten hatte Dan Lebbers zwei Gläser mit Bier gefüllt und lud den Fremden ein. »Da seid Ihr also nicht fremd hier«, sagte er, »darauf wollen wir trinken.« Sie stießen an. »Ich will Ihnen einen Rat geben, Herr Kars, so darf ich wohl sagen?« Der Gast nickte. »Christian Kars«, sagte er. »Also Herr Kars, wenn ich Ihnen einen Rat geben kann, ich werde oben für Sie ein Zimmer zurechtmachen lassen, und Sie bleiben die Nacht hier. Morgen können Sie dann weiter sehen.« Dan Lebbers hatte auf einmal Interesse an dem Fremden. »Übrigens, wissen Sie, hab ich Ihren Vater gekannt. Hieß er nicht – warten Sie mal – Jürgen? Richtig, Jürgen Kars! Sehen Sie! Er war vor ein paar Jahren mal hier zu Besuch. Hatte er nicht so etwas wie eine kleine Bootswerft? An der Weichsel, glaub ich, stimmt's? Sehen Sie, na, da kenn ich ihn ganz genau. Er hat hier oft vorm Ladentisch gesessen. Ein guter, freundlicher Mann. Nun ist er also auch hinüber. Ja ja, das ist Menschenlauf. Wann hat er denn das Zeitliche gesegnet?« »Vor drei Jahren schon«, sagte Christian Kars. »Also das war ja dann gleich nachher. Er sah damals auch schon kränklich ans. War's nicht Rheumatismus? Das legt sich leicht aufs Herz. Also vor drei Jahren. Eine kleine Ewigkeit. Nun dürfen Sie's mir aber nicht übelnehmen, Herr Kars, wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, ich meine, hier mit Ihrem Onkel?« »Ich bin jahrelang auf See gefahren«, antwortete Christian Kars. »Na ja, natürlich«, unterbrach ihn der Wirt. »Nun haben Sie's satt, die Seefahrerei! Natürlich, man kommt in die Jahre, wo man gern vor Anker geht. Wissen Sie, ich kenn einen Haufen Seeleute! Wenn die Ischias kommt, machen sie 'ne Kneipe auf. Na ja und natürlich, man geht dann nicht gern in ein wildfremdes Nest. Sie denken nun, Sie haben hier Ihren Oheim. Man setzt gern den Fuß zuerst auf eine bekannte Schwelle, ist's nicht so? Besonders, wenn man sich in der Welt rumgetrieben hat.« »Stimmt«, antwortete Christian Kars, »fährst nach Sureiken, sagte ich mir, dahin bist du verwandt. Mein Vater hielt große Stücke auf den alten Kars. Er hat mir viel von ihm erzählt.« »Ihr Vater war eine Seele von Mensch«, sagte Dan Lebbers, »das kann ich mir denken. Er wird bloß Gutes von Iben Kars gesagt haben. Ihr Vater hat von allen Menschen das Beste gedacht. Glauben Sie's mir, Herr Kars, ich weiß es. Ich entsinne mich jetzt ganz deutlich. Hier hat Ihr Vater gesessen. Wir haben oft zusammen gesprochen. Er war ein Mensch, den man nicht wieder vergißt. Sie sehen ja, er ist mir noch ganz gegenwärtig.« »Dann wird sein Gedächtnis mir wohl eine gute Aufnahme schaffen«, sagte Christian Kars. »Selbstverständlich, ganz ohne Frage«, fiel der Wirt ein. »Aber kennen Sie die Menschen? Aus den Augen, aus dem Sinn, und wenn einer ganz und gar tot ist –! Wissen Sie, Herr Kars, mein Vater sagte immer, du darfst von den Menschen nicht zuviel verlangen. Es ist schon genug, wenn sie dir auf 'nen Taler richtig rausgeben. Wenn's Ihnen auf meinen Rat ankommt, Herr Kars, ich steh Ihnen natürlich zur Verfügung. Man kennt hier Land und Leute! Wer kauft schließlich nicht bei Dan Lebbers! Also auf mich dürfen Sie schon rechnen. Wie ich vermute, wollen Sie sich hier eine Existenz gründen?« »Stopp«, lachte Christian. Der geschwätzige Wirt überhörte den Einwurf – »Ich will mir die Sache durch den Kopf gehen lassen. Vielleicht kann ich Ihnen was Gescheites vorschlagen. Lachen Sie nicht, Herr Kars. Auch ein Gastwirt kann mal einen guten Einfall haben, und wenn er ganz und gar noch Kaufmann ist. Hahaha! Schließlich sind wir ja keine Fremden. Ihr Vater hat schon hier gesessen. Also Sie bleiben die Nacht da, Sie sind mein Gast!« »Davon kann keine Rede sein«, wehrte Christian. »Dann gut«, antwortete Dan Lebbers, »sagen wir, 'nen halben Taler. Das ist doch nicht zuviel?« Er war schon mit dem Kopf aus der Tür und gab seine Anordnungen nach draußen. »Berta«, rief er, »Zimmer fünf!« Christian Kars überließ sich der Fürsorge des Wirtes. Er begann sich gemütlich zu fühlen, ging langsam durch den Laden, betrachtete prüfend dieses und jenes und nahm schließlich die Zeitung. Es wurde jetzt auch lebendig bei Dan Lebbers. Patzke kam, um sein abendliches Bier zu trinken, und Ebers, der Photograph, war bei ihm. Auch er wäre schon heute abgefahren, aber es gab noch ein paar Aufnahmen zu entwickeln und mit der Post zu versenden. Ebers war ein kurzatmiger runder Mann, der in der Welt herumgekommen war. Während der Sommermonate wohnte er bei dem Fischer Kloth. Er hatte sich dort ein kleines Atelier eingerichtet. Seit sieben Jahren kam er schon nach Sureiken. Ein paar Tage, ehe die ersten Sommergäste eintrafen, erschien Ebers mit Kasten, Stativ, Platten und Säuren. Er war verliebt in die Landschaft. Jeden Tag ging er mit dem Apparat an den See, um endlich eine Aufnahme zu machen. Aber jedesmal kam er unverrichteter Dinge zurück. »So schön wird's auf dem Bild doch nicht«, sagte er, »es ist Sünde.« Nun setzten sich die beiden Männer zu Christian Kars. Es stand nur der eine Tisch im Laden. »Diesmal hat sie die Schuhe vergessen«, sagte Patzke zu Ebers, »so klein.« Er zeigte die Größe mit Daumen und Zeigefinger. »Ich hab zur Dahl gesagt, daß bloß nichts dran kommt.« Dann lachte er: »Hab mir schon was ausgedacht fürs nächste Jahr. Ich werde die Schuhe in einen Blumenstrauß stecken und der Postmeister soll mir einen Vers machen. Das gibt 'nen Spaß.« »Wenn sie bloß vorher nicht um die Schuhe schreibt«, sagte Ebers. »Das wird sie doch nicht!« Patzke war ganz erschrocken. Dann wendete er sich zu Christian Kars und erklärte ihm: »Sie ist Tänzerin. Sie tanzt sogar in der Hauptstadt. Das Mädchen kann was. Sie nennt sich Emita, in Wirklichkeit heißt sie Rosa. Es ist ihr Künstlername. Hast du nicht ein Bild da?« fragte er Ebers. Ebers zögerte. Er überlegte, ob er das Bild, das er zwischen Versicherungsscheinen und Geschäftsbriefen in der Seitentasche trug, hervorholen sollte. Er hatte sich heimlich einen Abzug gemacht. Den trug er nun bei sich, wie man eine letzte Sommerblume in ein Buch legt. Eigentlich hatte er die Tänzerin um ihre Unterschrift bitten wollen. Sie würde es ihm sicher nicht abgeschlagen haben, aber dann hätte er zugeben müssen, daß er ohne ihr Wissen sich das Bild verschafft hatte. Das aber wollte er nicht eingestehen. Ein Geschäftsmann muß korrekt sein, damit die Kundschaft das Vertrauen behält. So sagte Ebers jetzt: »Ich hab leider kein Bild von ihr zurückbehalten, aber im nächsten Jahre wollen wir sie darum bitten. Es ist doch schön, wenn man eine Erinnerung hat.« Christian Kars interessierte sich nicht für die Tänzerin. Er hatte auf Patzkes Erklärung nicht geantwortet. Patzke ärgerte sich darüber: »Es war auch eine Frau Wullke hier, die wog zwei Zentner.« Er sagte das so, als wollte er damit andeuten: vielleicht interessiert dich das. »Der Mensch kann nichts dafür, wenn er Leib hat«, sagte Ebers, »ich war früher auch schlank wie 'ne Tanne.« »Das sollte auch nicht gesagt sein«, erwiderte Patzke. Er wartete darauf, daß Christian Kars sich an dem Gespräch beteiligen würde. Er hätte ihn wohl auch gerne nach Woher und Wohin gefragt. Aber Christian verhielt sich still hinter der Zeitung. »Es ist schön hier in Sureiken«, wandte sich nun Ebers zu ihm, »ich bin weit herumgekommen, aber ich sage immer, Sureiken bleibt Sureiken. Wenn hier so ein goldner Sommerabend ist und drüben das Ufer, – da geht nichts drüber. Ich bin immer wieder von neuem entzückt, trotzdem ich doch allerlei gesehen habe. Auch mal ein Nordlicht auf der Insel Ösel. Es war wie ein Dom von Licht.« Patzke wollte ihn unterbrechen. Er hatte diese Schilderung schon oft gehört. Doch Ebers war begeistert: »Zuerst war es bloß ein heller Schein, aber dann wölbte er sich und strahlte in allen Farben. Man stand darin wie in einem großen Raum.« Seine Stimme klang gerührt über so viel Schönheit. Auch schienen ihm Tränen in die Augen zu treten. Patzke stieß gegen sein Glas und sagte: »Prost!« Er atmete auf, weil Berta, das Mädchen, hereinkam und in Ebers' Schilderung hineinrief: »Das Zimmer ist fertig!« Patzke sah neugierig auf Dan Lebbers. »Herr Kars übernachtet hier«, erklärte der Wirt. »Kars?« rief Patzke, »Kars? Doch nicht etwa –« »Allerdings«, sagte Dan Lebbers, »der Neffe!« »Was, der Neffe? Der Neffe vom alten Kars? Wie kommen Sie denn hierher?« Patzke war in Aufregung geraten. Das war ein größeres Ereignis als die Abreise der Gäste. »Herr Kars will in Sureiken bleiben«, berichtete Dan Lebbers. Man merkte ihm die Genugtuung an, eine solche Nachricht verbreiten zu können. »Ei du Donner«, erstaunte Patzke. Er rieb sich ein Weilchen die Nase. Dann sagte er zu Christian Kars: »Sie müssen den Alten wie ein rohes Ei behandeln. Er hat keine Kinder, und da könnte er denken –« Weiter kam Patzke nicht, Christian Kars hatte sich erhoben und sagte: »Guten Abend.« Er ließ sich den Zimmerschlüssel geben und ging. »Nun, wenn der Mensch keinen Rat annehmen will!« Patzke zuckte die Schultern. »Ich fürchte auch, daß er's sich leichter denkt«, sagte Dan Lebbers, »der Alte ist das Mißtrauen selbst, besonders, wenn man mit leeren Händen kommt. Nach Geld sieht der Neffe nicht aus. Er hätte zwar ein paar Ersparnisse, hat Lüßmann vorhin gesagt, aber was gilt ein Fingerhut bei vollen Säcken! Er will sich hier eine Existenz gründen. Ich meine, man kommt nicht mit 'nem Batzen Gold nach Sureiken. Das kriegt man auch woanders klein.« »Selbständig will er sich hier machen?« fragte Patzke, »hat er sich denn näher darüber ausgedrückt?« »Er scheint noch nicht zu wissen, was«, antwortete Dan Lebbers »er hat mich um Rat gebeten. Schließlich kennt man hier Land und Leute.« Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: »Da ist gerade das Wetzelsche Grundstück zu kaufen. Man könnte da eine Gärtnerei anlegen. Gemüsebau, so was rentiert sich immer.« Er trank Patzke zu. Dabei stieß er Ebers in die Seite: »Paß auf, jetzt geht der kleine Gärtner hoch!« »Damit bringst du mich nicht aus dem Häuschen«, erregte sich Patzke. »Eine Gärtnerei? Er hat keine Frau, die Kränze binden kann wie meine. Sie hat in ihrer Jugend in einer städtischen Gärtnerei darauf gelernt. Aber was meinst du, Ebers, wir könnten hier noch einen Kaufladen gebrauchen, was? Ohne Konkurrenz wird der Mensch übermütig.« Patzke strich sich den Mund. »Und jeden Tag Freibier!« sagte er. Er trank Lebbers zu und sie stritten sich noch ein Weilchen. »Ich wüßte, was ich täte«, sagte Ebers. »Wenn ich nicht Photograph wär, würde ich einen Eierhandel anfangen. Rundum würde ich Eier aufkaufen. Die Bauern sind froh, wenn sie ihre ständigen Abnehmer haben. Sie wissen, Mittwochs kommt Ebers und holt die Eier!« Dan Lebbers überlegte. Das war kein schlechter Gedanke. Vielleicht könnte er dies Geschäft mit Christian Kars Hand in Hand aufziehen. Er hatte auch schon Pläne darüber hinaus, aber er legte erst einmal die Stirne in Falten und sagte: »Was wäre schon daran zu verdienen? Bleib lieber bei deinem Leisten, Ebers. Ihr Photographen habt Phantasie! Eier! Die paar Pfennige, die daran zu verdienen sind.« Ebers widersprach. Er wollte einen Zettel haben und den Verdienst überrechnen. Bei einem Ei so viel Pfennige, bei zehn Eiern so viel, bei hundert – was sagst du nun, Lebbers? »Nichts«, antwortete der Kaufmann. »Du hast nämlich an der Stiege Eier höchstens so viel!« Er verbesserte, über den Tisch gelehnt, mit einem langen Zimmermannsblei, das immer neben seiner Kasse lag, die Zahlen, die Ebers aufgeschrieben hatte. Patzke amüsierte sich: »Der Kars wird schon wissen, was er will. Das mit der Existenz ist bloß pro forma, im Grund rechnet er wohl damit, beim alten Kars auf den Hof zu kommen.« »Warum soll's ihm nicht glücken?« meinte Ebers. »Ein Sohn ist nicht da. Ich hab mich immer gewundert, daß da keine Kinder sind.« »Die Frau war eine schwache Person«, sagte Dan Lebbers, »aber er hat sie auf Händen getragen, wie man so sagt.« »Daß die Ehe gut gegangen ist«, wunderte sich Patzke. »Er ist wie ein Stier.« »Darum fuhr er auch oft in die Stadt«, lachte Dan Lebbers. Er fügte ernst hinzu: »Die Frau wußte es, aber sie hat nichts gesagt, weil sie doch immer leidend war. Und zu ihr, alles was recht ist, war er wie ein Vater. Sie hatte nichts bei ihm auszustehen.« »Ja ja, wo die Liebe hinfällt«, meinte Patzke, nachdenklich über diese Erkenntnis. »Dazu kann man nichts sagen. Ich glaube, es kommt ihm nicht leicht an, daß keine Kinder auf dem Hofe sind. Vielleicht denkt er, daß Lisa ihm noch den Erben bringt.« »Das kriegt er fertig«, platzte Dan Lebbers heraus, »er steckt uns noch alle ein.« Christian Kars stand am Fenster der kärglich eingerichteten Logierstube. Er hörte das Gelächter der drei Männer aus dem Laden. An den Sommergast, der bis vor kurzem hier gewohnt hatte, erinnerte noch ein vergessener Fahrplan. Christian konnte über den See blicken, der blaß in der Dunkelheit lag, lautlos und ohne jeden Wellenschlag. Es war ein großer See, der, wie Lüßmann sagte, seine Stürme hatte und im Winter das Donnern des Eises. Über viele Meere war Christian Kars gefahren, und sein Schlaf war von Rauschen und Dröhnen umklungen gewesen. Nun stand er an dem offenen Fenster und horchte hinaus gegen die weite Fläche des Sees. Aber das Wasser blieb still. Ab und zu, gleichmäßig, huschte ein weißes Licht über den Himmel, kaum wahrnehmbar, und nicht größer als der fahle Flügel eines Vogels. Es war das Licht des Leuchtturms Thorde, weit weg am Meer. Am nächsten Morgen schien das Dorf aus den Kopf gestellt zu sein. Auf allen Zäunen lagen rote und gestreifte Betten und Kissen ausgebreitet. Es war ein sonniger Vormittag, der seine gesunde Wärme in die Daunen und Federn tragen sollte. Aus den Höfen standen auch Möbelstücke umher. Man war dabei, die Wohnungen der Sommergäste nun wieder für den eigenen Bedarf gemütlich einzurichten. Die Straße glich einer großen Auktion, Stühle, Bilder, Sofas und Waschschüsseln waren herausgekommen, um sich zu präsentieren. Die Frauen hantierten mit Besen und Bürsten. Sie hatten Tücher um das Haar gebunden und die Ärmel weit aufgekrempelt. Zwischen ihnen lief der Sattler Kuhse herum, der hier und da Beschädigtes in Ordnung bringen sollte. Auch Lüßmann, der nun wieder als Tischler zu Ehren kam, hatte alle Hände voll zu tun. Die Klopfer sausten lustig auf die Inletts nieder. Sie wollten das fremde Leben austreiben, das sich ein paar Monate lang darauf breitgemacht hatte. Der letzte Spuk der Sommergäste wurde verscheucht. Nun begann wieder das eigene Leben. Fast ein halbes Jahr lang hatte man sich selbst aufgegeben, sich fremden Wünschen eingeordnet, besorgt, jede Unzufriedenheit anderer aus dem Wege zu räumen. Man hatte, um das Geld für den Winter zurücklegen zu können, jede Art Unbequemlichkeit auf sich genommen, war vom eigenen Herd verdrängt gewesen und hatte sich wie ein Knecht mit dem Geringsten begnügt. Nun wurde man wieder sein eigener Herr. Das bekundete der weite Schwung der Arme, die Heftigkeit der Bewegungen und die lauten Worte, die von Hof zu Hof über die Nachbarzäune flogen. Auch die Kinder kamen wieder zu ihrem Recht, sie durften tollen und schreien. Bei diesem geschäftigen Wirrwarr entging den Frauen der Fremde, der langsam über die Dorfstraße schritt. Es fiel ihnen nicht einmal auf, daß er hier und da stehenblieb, den Hantierungen zusah und dann unschlüssig weiterging, als wüßte er nichts Rechtes mit seinem Weg anzufangen. Als Christian Kars am Morgen mit Dan Lebbers am Frühstückstisch gesessen hatte, mußte er eine lange Geschichte über seinen Ohm Iben Kars mit anhören. »Iben Kars? Ein Hüne, sag ich Ihnen. Das Dorf könnte schon seine Vorteile durch ihn haben, aber er ist ein Querkopf, ein richtiger Bauer. Das dürfte er gar nicht hören. Unterm Großbauer tut er's nicht. Hofbesitzer. Jawohl, darauf hält er. Was er braucht, kauft er in Thorde. Das heißt, Sie dürfen nicht denken, Herr Kars, daß ich Ihnen das nachtrage. Nein nein, Dan Lebbers besteht auch ohne Iben Kars. Natürlich, manchmal tut es einem leid. Weiß Gott, ich würde 'ne Flasche Wein spendieren, wenn der Alte mal herfände, und wenn er bloß 'ne Zigarre kaufte. Es ärgert einen doch! Aber wissen Sie, ich glaube, da ist nichts zu machen. Er hält sich eben vom Dorf zurück. Was können wir Männer dafür, wenn die Frauen Redereien machen. Was kann ich als Wirt dafür, wenn meine Gäste beim Glas Bier ihre Gedanken austauschen. Schließlich muß man bedenken, Sureiken ist ein kleines Nest, da nehmen sie jeden mal zwischen die Zähne. Aber der Alte tut so, als hätte er 'ne Krone auf. Natürlich haben sie ihn in den Gemeinderat gewählt. Erster Schöffe ist er. Das Schulzenamt hat er abgelehnt. Was hat er gesagt? Ich will mir nicht allen Dreck ins Haus tragen lassen. Ja ja, so ist Ihr Onkel! Na, Sie werden ihn ja noch kennenlernen. Vorsichtig, sag ich, Herr Kars, besonders in Ihrem Fall, wo Sie so – entschuldigen Sie – so plötzlich auf die Rampe springen.« Das und mehr hatte Dan Lebbers gesagt. Wenn Christian Kars auch den Worten des Wirtes nicht allzuviel Bedeutung beimaß, so sah er doch ein, daß Iben Kars ein Mensch war, mit dem sich nicht leicht verkehren ließ. Je mehr sich Christian dem Hofe des Oheims näherte, um so langsamer wurde sein Schritt. ›Er wird mich nicht erkennen, ich war noch ein Junge, als er mich das letztemal sah. Wenn er hartmütig ist, könnte er mich wie einen Fremden behandeln. Verlohnt's, sich dem auszusetzen? Aber er könnte erfahren, daß der Sohn seines Bruders hier ist und es übel vermerken. Also was hilft's, man soll nicht an der Schwelle umkehren.‹ Keine Zwiesprache ist umständlicher, als das Gespräch mit sich selbst. Man dreht sich im Kreise und ist bald wieder am Beginn. Schließlich geht man ohne Überlegung gradaus. Christian Kars war nach Sureiken gekommen, um für das Geld, das er in den Jahren seiner Seefahrten hatte zurücklegen können, etwas Land zu kaufen. Er hoffte wohl, daß sein Onkel ihm im Anfang mit Rat und Tat zur Seite stehen wurde. Vielleicht hatte Christian Kars auch an das Erben gedacht. Iben Kars ist alt. Er geht auf die siebzig. Er hat keinen Sohn, der einmal den Hof übernehmen könnte. Das hatte Christian sicher in seine Überlegungen mit hineinbezogen. Warum soll auch ein Mensch das nicht tun? Man macht sich viele Rechnungen. Manche gehen glatt auf, andere geben einen Rest, der einen ein Leben lang schmerzen kann. Christian Kars hat sich nicht weiter den Kopf darüber zerbrochen, wie es mit seiner Rechnung stehen wird. Als Seemann ist er gewohnt, sich dem Schicksal zu überlassen. Man kann nichts weiter tun, als dem Schiff den rechten Kurs geben. Was Sturm und Wetter dazu sagen, liegt nicht in des Schiffers Hand. Christian haderte mit sich, daß er dem schwatzhaften Dan Lebbers zu viele Worte gestattet hatte. Er ist unmutig, daß er überhaupt auf das Gespräch eingegangen war. Aber es ist wohl so, daß ein Seemann, der auf dem Wasser klar und eindeutig zu denken und reden vermag, auf dem Lande leicht übertölpelt wird, wie es auch den Seevögeln geschieht, diesen kühnen Schwimmern, die auf dem Strande jedem kläffenden Hund ausgeliefert sind. Christian Kars war durch Felder gegangen und kam nun an die Chaussee. Hier begann das Anwesen des alten Iben Kars. Das Haus, das weiter zurücklag und von dem festen Gemäuer der Scheunen und Ställe umgeben war, stand inmitten eines geräumigen Wirtschaftshofes. Bis zu der Wielingschen Mühle, deren Flügel sich in der Ferne langsam drehten, reichten die Äcker und Wiesen des Iben Kars. In der Umgebung wurde das Besitztum seiner Lage wegen allgemein der »Chausseehof« genannt. Es mußte eine stolze Freude sein, das alles sein eigen nennen zu können: Die Pferde, die mit breitem Schritt, harte Pflüge hinter sich, über das Land gingen. Die Kühe, die satt und trächtig in den Wiesen standen, mutwillige Schweine, die über die Furchen stoben, und schwere Gänse, plump, mit schlagenden Flügeln in großem Geschnatter. Dazwischen eifriges Hühnervolk, das im hastigen Fressen die Köpfe nicht vom Boden losbekam, und eine Schar friedlicher Enten, die wackelnd einem warmen Fleck in der Sonne zustrebte. Christian Kars sah das alles mit aufmerksamen Blicken. Er nahm die Mütze ab und atmete tief den Duft des letzten Heus, darin noch einmal Klee und vielerlei würzige Gräser zu leben schienen. Dann schritt er langsam auf das große Tor zu. Es ging auf Mittag. Lisa, die junge Frau, besorgte das Essen. Unter der großen Schürze trug sie ein dunkles Kleid. Die Ärmel saßen ungeschickt, und auch sonst schien das Kleid nicht für sie geschaffen zu sein. Lisa hörte den festen Schritt des Bauern im Flur. Sie beeilte sich mit ihrer Arbeit. Iben Kars war in die Stube gegangen, rückte den Stuhl mit großem Geschurr, prustete etwas und ließ dann ein behagliches Stöhnen hören. »Wo bleibt's Essen?« rief er. »Gleich«, antwortete hastig Lisa. Während sie dann die Schüssel füllte, ging die Flurtüre. Ein Schritt war auf der Diele und darauf ein Klopfen. Iben Kars rief: »Herein!« Seine Stimme klang unwillig. Er liebte keine Störungen um die Mittagszeit. Die Tür zwischen Stube und Küche stand offen, und Lisa sah nun einen Mann im Türrahmen stehen, nicht ganz so groß wie Iben Kars, aber doch breit und kräftig. Er mochte in den Dreißigern sein. Sie hatte sein Gesicht vorher nie gesehen und überlegte, wo sie es in ihren Gedanken unterbringen sollte. Sie betrachtete es aufmerksam. Plötzlich wandte sie sich verlegen ab, der Mann hatte den Kopf nach der halbgeöffneten Türe gewendet, doch konnte er von seinem Platz aus Lisa nicht sehen. »Guten Tag, Ohm Kars«, sagte jetzt der Fremde. Lisa horchte verwundert auf. Weil sie aber fürchtete, bemerkt zu werden, zog sie die Türe leise ins Schloß. Sie blieb dicht an der Türe stehen und wartete darauf, was Iben Kars antworten könnte. Doch schwieg er lange. Sie war besorgt, wie der Alte den Ankömmling aufnehmen würde. Daß es nicht gleich eine große Freundlichkeit wäre, wußte sie. Sie wollte in die Stube gehen und dem Gespräch einen guten Anfang geben, aber sie scheute sich, war verwundert über solchen Einfall, und um jeden weiteren Gedanken abzuwehren, bewegte sie lauter die Teller und Schüsseln. Wer mag es sein, fragte sie halblaut hin und wieder. »Guten Tag, Ohm Kars«, sagte Christian noch einmal. »Ich sehe, du kannst dich nicht auf mich besinnen«, fügte er hinzu. »Nein«, erwiderte Iben Kars. Zuerst hatte er nicht aufgesehen. Er dachte wohl, daß da irgend jemand um Arbeit vorsprechen wollte. Dann, als er sich angeredet hörte, schob er die Zeitung, die vor ihm lag, beiseite und begann langsam den Kopf zu heben. Wenn ein Fremder ins Zimmer tritt, blickt man auf. Neugierig, gespannt, was es für ein Mensch sein könnte. Wie sieht er aus, was will er, woher kommt er? Solche Blicke sind schnell bei der Hand, flink wie Depeschenreiter, spähend und auf der Sucht nach Erkundigungen. Bei Iben Kars aber wird jeder Blick geboren. Er entfaltet sich umständlich. Unter solch einem schwer aufgehenden Blick sagt der Fremde: »Ich bin dein Brudersohn Christian.« »So?« antwortete Iben Kars, und mit einer kurzen Bewegung sagte er: »Da steht ein Stuhl.« Es war die Aufforderung, Platz zu nehmen. Christian setzte sich. Die Arme aufgestützt, hatte sich Iben Kars vorgebeugt, sah Christian ein Weilchen an und blickte dann zum Fenster hinaus. Er tat, als erregte dort etwas seine Aufmerksamkeit, doch wollte er wohl nur Zeit gewinnen, um die Worte, die er sagen mußte, noch einmal zu überdenken. Er brummelte unwillig vor sich hin, aber das mochte sich auf den Vorgang auf dem Hofe beziehen. Er sagte dann: »Das ist recht von dir, einmal mit vorzusprechen«, und ein wenig gesprächiger setzte er hinzu: »Du bist also Christian. Hier hat sich viel geändert. Die Frau ist gestorben.« Er sagte nicht, daß er wieder geheiratet hatte. »Das wurde mir erzählt«, antwortete Christian. »Es war ein harter Schlag für dich.« »Ich hab sie allein begraben«, sagte Iben Kars, »das heißt, hier aus dem Dorf waren viele Leute mit, wie es sich gehört.« »Ich hab's erst später erfahren«, erwiderte Christian. Er spürte in den Worten einen Vorwurf. »Ich war noch auf See«, sagte er. »Richtig«, antwortete Iben Kars, als müßte er sich daran erinnern, »richtig, du dienst ja bei der Marine. Also da hat's nun Urlaub gegeben. Bist auf einen Sprung mal herüber gekommen. Du willst dich einmal nach dem alten Ohm umsehen. Nun, du siehst, es ist alles beiwege. Du kannst zu Mittag hierbleiben. Ich wills draußen sagen.« Er erhob sich, öffnete die Türe ein wenig und rief hinaus: »Da ist noch wer gekommen. Er bleibt zu Mittag hier.« Christian fühlte sich wenig heimisch. Er wäre am liebsten gegangen. Auch war es ihm unangenehm, gerade um die Mittagszeit gekommen zu sein. Er hatte das vorher nicht berechnet, nun sah es beinah absichtlich aus. »Ich will keine Umstände machen«, sagte er, »wir können auch ein andermal reden.« »Willst du denn länger bleiben?« fragte Iben Kars. »Ja«, antwortete Christian. »Ich bin knapp mit Platz im Hause«, sagte der Alte. »Doch wird man schon Rat schaffen. Dein Vater war öfter hier. Dich hat man bisher nie gesehen.« »Ich will euch nicht behelligen«, wehrte Christian. Iben Kars horchte auf. »Du weißt, daß ich wieder geheiratet hab?« »Lebbers erzählte es. Ich wohne bei ihm.« »So? Dann wäre das in Ordnung. Du willst also länger bleiben?« »Ich fahre nicht mehr auf See«, erwiderte Christian. »Darauf hätt'st du früher kommen sollen. Seefahrt ist ein wankelmütiger Beruf. Es hat schon manchen verdorben. Im Land bleiben und arbeiten, damit hab ich's gehalten. Nun, jeder wie er will.« Er erkundigte sich nicht weiter, was Christian nun anzufangen gedächte. Auch kam Lisa in diesem Augenblick herein mit Schüssel und Tellern. Iben Kars wischte mit der Hand über den Tisch. Dabei sagte er: »Das ist Christian Kars, der Sohn von meinem Bruder Jürgen. Der ist vor drei Jahren gestorben. Solange ist es doch wohl schon her?« Er füllte umständlich seinen Teller. »Langt zu«, sagte er dann. Sie aßen schweigend. Endlich sagte Iben Kars: »Er bleibt länger hier. Er wohnt beim Kaufmann.« »Da wäre oben das Zimmer«, meinte Lisa zögernd. »Die Äpfel sollen da rein«, antwortete Iben Kars. »Aber man könnte sie auch auf dem Boden lagern.« »Macht Euch keine Umstände«, bat Christian. »Ich muß mir sowieso hier einen festen Platz suchen. Ich werde in Sureiken bleiben.« Der Alte legte den Löffel hin und starrte ihn an. »Bleiben? fragte er. »Jawohl«, antwortete Christian, »so hab ich mich entschieden.« Aus diesen Worten war sein Ärger über die unwirtliche Art des Oheims zu spüren. »Und was wird aus eurer Werkstatt, aus der Werft?« »Die ist längst zum Teufel«, sagte Christian kurz. »Das konnte ich mir denken.« Der Alte lachte grimmig. »Alles was mit dem Wasser zu tun hat, geht dahin. Das hat keinen Bestand.« Er spreizte die Hände und sah sie zufrieden an. »Das und Erde«, sagte er, »dein Vater ist immer ein Wirrkopf gewesen. Er wußte nicht, was er wollte. Bald dies, bald das. Wenn er hier saß, erzählte er Gottweißwas. Von Amerika und sonst woher. Er kannte sogar die Sterne.« »Mein Vater war ein tüchtiger Mensch«, verteidigte Christian, »er hat die Welt kennengelernt. Er ist auf allen Meeren gefahren. Ich habe manches gute Wort von ihm für mich eingesteckt. Er hatte die Bootswerft gut im Zug, es war ein reelles Geschäft bis zu seinem Tod. Erst der Nachfolger hat's verschludert. Ich war damals noch auf See.« »Darüber kann ich nicht urteilen«, sagte Iben Kars. »Aber ich weiß, daß er vielerlei im Sinn hatte.« »Man hat's leicht, wenn man der Älteste ist«, antwortete Christian. Es war schon Zorn, was in seinem Wort saß. Der Alte wollte auffahren, doch dann beherrschte er sich und sagte nur: »Nicht das Erben ist's, sondern das Erhalten. Das solltest du auch schon wissen. Ich habe das Erbe verdoppelt, gut verdoppelt sogar.« Lisa blickte ängstlich von einem zum andern. Iben Kars sagte noch: »Bauer sein, ist leicht; aber Bauer bleiben, ist schwer.« Dabei strich er die Krümel auf dem Tisch zusammen und schüttete sie auf den Teller. Dann schob er den Teller beiseite und stand auf. Das war ein Zeichen. Auch Christian erhob sich, und Lisa tat die Überbleibsel in eine Schüssel. »Du kannst dir den Hof ansehen«, sagte Iben Kars zu Christian. Die beiden Männer gingen durch die Ställe. Iben Kars blieb stehen. »Die Leute reden viel«, sagte er, »sie sagen auch, ich hätte das Geld erheiratet. Das ist nicht wahr. Sie hatte nicht mehr als soviel.« – Er zeigte die flache Hand. »Sie ist eine gute Frau gewesen. Ich hätte keine bessere finden können. Aber das muß ich doch zu meiner Rechtfertigung sagen. Sie war auch zeitlebens kränklich, und wir haben keine Kinder gehabt miteinander. Doch sie hatte ein gutes Herz und eine heitere Gemütsart. Ihren Schmerz hat sie immer verschlossen. Das hat sie getan. Ich habe viel Geld für sie zum Arzt getragen. Es kam nicht darauf an, aber es hat nichts geholfen. Man hat mir gesagt, der Älteste hat's leicht. Ich hab es nicht leicht gehabt. Die Erde wirft einem nichts in den Schoß. Man muß mit ihr kämpfen. Ich sage dir, man muß mit der Erde kämpfen. Jede Frucht muß man ihr abringen.« Iben Kars ballte die Faust. In diesem Augenblick standen sich Bauer und Erde drohend gegenüber. Dann sagte er ruhiger: »Ich hab genug Rückschläge gehabt, Mißernten und Verdruß. Nun gut, ich hab das Erbe verdoppelt. Ich hab's auch um die Frau getan, sie war krank und leidend, doch sollte sie ihre Freude haben.« Er reckte sich und strich mit den Händen breit über die Brust. »Nun hast du die andere gesehen. Sie heißt Lisa und war hier Magd. Das ist keine Schande. Nicht für sie und nicht für mich. Ich hab keinen drum zu fragen. Den will ich sehen! – Sie ist gut und zuverlässig, sie hat der Frau auch beigestanden in den letzten Stunden. Sie ist anspruchslos, wie sie es immer war. Sie trägt die Kleider der Frau auf.« Das alles hatte Iben Kars gesagt, ohne Christian anzusehen. Nun wandte er sich zu ihm und sagte heftig: »Ich hab sie geheiratet, weil ich einen Erben haben will. Nun weißt du alles.« Er ging mit großen Schritten voran. Er mußte sich bücken, wenn er durch die Türen schritt. Vorher hatte er den Rundgang mit erklärenden Worten begleitet, doch jetzt sagte er nichts mehr über die Tiere und wie sie sich anstellten. Hinter der Scheune war ein ärgerliches Geschrei. Zwei junge Knechte waren aneinander geraten. Es handelte sich wohl um ein Mädchen. Iben Kars riß die Türe auf, packte die beiden vor die Brust und schleuderte sie auseinander. Die Knechte schlichen geduckt davon. Iben Kars aber ging über den Hof in das Haus. Er hatte Christian stehen lassen. * Ein paar Tage darauf zog Christian in das Haus des Fischers Kloth. Er wohnte jetzt in dem Zimmer, das der Photograph gehabt hatte. Ebers war mit Kasten, Platten und Säuren wieder in die Stadt zurückgekehrt. Am Abend vor seiner Abfahrt hatte es noch ein langes Beisammensein bei Lebbers gegeben. Ebers war gerührt über diesen Abschied. Im Verlaufe des Abends drückte er bei jeder Gelegenheit entweder Patzke oder Lüßmann die Hand. Auch mit Christian hatte er sich angefreundet. »Es wohnt sich gut bei Kloth«, sagte er, »das werden Sie bald merken. Zwar sind viele Kinder da, aber je mehr Kinder, je mehr Vaterunser. Abends, wenn die Straßenlaterne brennt, werfen die Grabkreuze große Schatten auf die Hauswand. Als ich es das erstemal vor Jahren sah, habe ich mich erschrocken. Sie werden sich auch daran gewöhnen. In Sureiken gehören die Toten zu den Lebenden. Das werden Sie bald merken. Die alte Frau Vedder sitzt oft bei gutem Wetter mit dem Strickstrumpf am Grab ihrer Tochter. Das Mädchen ist schon vierzig Jahre tot. Es ist mit achtzehn Jahren gestorben. Sie wäre heute auch schon eine alte Frau. Nun reden die beiden Alten zusammen, die Tote und die Lebende.« Lüßmann, der sonst manches oberflächliche Wort gebrauchte, wurde ernst, wenn man vom Tod sprach, denn er sorgte ja dafür, daß die Toten sauber und gut gekleidet ihren letzten Weg antraten. Er saß jetzt nachdenklich neben Ebers und sagte zu dessen Worten: »Früher soll sogar die alte Kirsten ihrem seligen Mann zum Geburtstage immer ein Stück Kuchen in den Efeu gesteckt haben. Das fraßen dann die Vögel und die Mäuse.« »Sterben ist mein Gewinn«, lachte Patzke dazwischen. Er hatte die Kränze zu liefern und stellte auch die Lorbeerbäume für die Kapelle. »Sterben ist mein Gewinn«, lachte er. »Tod gibt Tränen«, sagte Ebers vorwurfsvoll gegen Patzke. »Manchmal ist es ganz gut, wenn einer abfährt«, bemerkte Dan Lebbers obenhin. »Vorhin war Frau Drees hier bei mir im Laden. Jetzt fängt sie an sich zu erholen.« »Drees ist aber auch ein Satan gewesen«, sagte Patzke. »Nicht doch«, antwortete Lüßmann, »Drees hat immer Pech gehabt, zeitlebens Pech, da soll man schließlich kein Satan werden.« »Der Hof ist verschuldet«, meinte Lebbers, »ich möchte wissen, wie die Frau ihn hält.« Zu Christian Kars fügte er erklärend hinzu: »Es ist der letzte Hof am See. Iben Kars soll ein paarmal mit Geld eingesprungen sein, aber das war auch bloß ein Tropfen auf heißem Stein. Wo die Schwelle verhext ist, wird alles faul, was man rüber trägt.« Lüßmann setzte das näher auseinander. Einen der früheren Besitzer hatte man um einen Schuldschein betrogen. Es handelte sich um eine große Summe, die nun zweimal gezahlt werden mußte. So kam der Besitzer unverschuldet in Not und man fand ihn eines Morgens erhängt am Türrahmen. Als man den Toten löste, standen seine Füße noch einmal schwer auf der Schwelle. Nun konnten sich die späteren Besitzer des Hofes die Hände wund arbeiten, sie brachten es zu nichts. Einer nach dem andern ging arm aus dem Haus. Drees war vorher gestorben, ehe man ihm Schrank und Truhe verkaufte. Die Frau, die Milda hieß, biß die Zähne zusammen und arbeitete wie ein Mann. Es ging mit dem Hof nicht voran, aber auch nicht weiter zurück. Sie mußte schon damit zufrieden sein. Manchmal glaubte sie sogar, als wäre der Fluch erloschen, nun wo eine Frau das Regiment führte. Dieser Hof am See hatte den Leuten ans Sureiken schon oft Kopfschütteln gegeben. Es war das einzige Gehöft, an dem eine Geschichte hing. Alle anderen Häuser und Höfe, auch die Wielingsche Mühle, waren zuverlässige Stätten, die das Leben ihrer Bewohner hüteten. Auch die Gräber in Sureiken waren zuverlässige Kameraden. Aber der Seehof war ein tückischer Kobold, der sich an jedem Quartalsersten, wenn Zins und Steuer fällig waren, klein machte, um den Besitzern aus den Fingern zu springen. Immer mußten die Bauern vom Seehof den Hut bereit halten, um diesen Kobold wieder einzufangen. Wenn diese Zahltage heranrückten, vertauschten sie die Mütze mit dem Hut, zogen den Sonntagsrock an und fuhren nach Thorde. Sie hofften dort jemand zu finden, der ihnen die Summe vorstrecken könnte. Vielleicht der Kaufmann, vielleicht ein Notar, der Viehhändler oder eine vermögende Witwe. In Thorde gab es ein paar Villenstraßen. In jedem dieser Landhäuser wohnte dieser oder jener, der seine Lebensmittel vom Seehof in Sureiken bezog. Wenn es auf Frühlingsanfang ging oder auf Sommersende, wußte man schon, daß der Bauer selbst die Butter bringen würde. Er stand draußen unschlüssig und verlegen vor der Türe. Es war nicht leicht für die Männer vom Seehof, wenn sie den Hut aus dem Schrank nehmen und betteln gehen mußten. Aber der Hof, dieser Kobold, war flinker als die Hände der reichen Leute in Thorde, wenn sie die Tasche aufknöpfen sollten. Er war davon, bevor die Summe aufgebracht war. Der Hof hatte ein gefräßiges Maul. Das Geld, das man hineinstopfte, schlang er gierig hinunter, und immer stand er wieder da, hungrig und lechzend nach blanken Talerstücken. Nein, die Bauern vom Seehof hatten es nicht leicht. Als Drees, der letzte Besitzer, starb, wollte kaum einer mit zum Grabe gehen. Dieser Seehof war allen eine Bangnis. Eine düstere Wolke, die sich am Ausgang des Dorfes auftürmte, ein krankes Stück in der Herde, das man mied, um sich nicht anzustecken. Dazu kam, daß man dem Knecht, der unter Drees arbeitete, Siebensinniges nachredete. Am Todestage des Bauern war der Knecht über den Hof gegangen, hatte an den ersten Bienenstock geklopft, die Mütze abgenommen und gesagt: »Bienen, steht auf, euer Wirt ist gestorben!« Er klopfte an den zweiten, an den dritten Bienenkorb, ging barhäuptig weiter, sah in den Stall hinein und rief halblaut: »Der Bauer ist tot!« Er sagte es den Kühen, den Pferden und den anderen Tieren, die auf dem Hofe gehalten wurden. Am dritten Tage, als man den Bauer zu Grabe gebracht hatte, verlangte er, daß das Stroh, darauf der Tote gelegen, verbrannt würde. Als Frau Drees sich weigerte, das gute Bett zu opfern, wurde der Knecht unwillig, kramte seine Sachen zusammen und verließ noch am gleichen Tage den Hof. An derlei Brauch war man in Sureiken ungewöhnt, und es hatte sich bald herumgesprochen, was der Knecht an den drei stillen Tagen nach Abgang des Bauern angestellt hatte. Er war einige Zeit zuvor zugewandert und wollte wohl das, was er anderenorts gesehen und gelernt hatte, in Sureiken anbringen. Nun war er längst davon, und Frau Drees wirtschaftete alleine auf dem Hofe. Lüßmann lobte sie. Er war der einzige, der den Hof am See verteidigte, wenn man bei Dan Lebbers darauf zu sprechen kam. Frau Drees holte ihn, wenn es dieses oder jenes Handwerkliche zu tun gab. Vor kurzer Zeit war eine Nichte von ihr aus der Stadt gekommen, die ihr zur Hand gehen wollte. Aber das junge Mädchen mußte erst überall angelernt werden und man konnte nicht sagen, daß sie der Frau schon eine Hilfe wäre. Lüßmann hatte Emilie, so hieß die Nichte der Frau Drees, kennengelernt, und erzählte an diesem Abend bei Dan Lebbers, daß sie einen vorteilhaften Eindruck auf ihn gemacht hätte. »Du wirst doch nicht –? blinzelte der Wirt. Lüßmann erwiderte nichts darauf, auch in seinem Gesicht war keine Antwort zu lesen. Aber die forsche Bewegung, mit der er nach dem Glase griff, deutete an, daß er trotz seines Umganges mit den Toten einem hell aufspringenden Leben nicht abhold sein mochte. Er trank in langem Zuge das Glas leer. Dann setzte er es mit müder Hand hin und mit viel Ergebenheit. Seine Frau hatte ein plattes Gesicht, und ihre flache Gestalt war mitgenommen von vielen Geburten. Ebers drängte wieder zu Worte zu kommen. »Wie gesagt, Sie werden sich bei Fischer Kloth wohlfühlen, Herr Kars«, sagte er unvermittelt. »Keiner hat was gegen Kloth«, rief Patzke. Das Bier machte ihn immer lebhafter. »Kloth ist ein anständiger Kerl. Er sorgt für die Kinder, als wären es seine eigenen, dabei ist er mit der Hälfte seiner Kinder gar nicht mehr verwandt.« – Patzke wollte sich ausschütten vor Lachen. – »Sie heißen zwar auch Kloth wie er, aber das war ein anderer Kloth. Alle Fischer heißen hier Kloth. Auch die erste Frau hieß Kloth, und die zweite hieß auch Kloth. Da soll der Deubel draus klug werden.« Das kleine Fischerhaus, das an das Grundstück des Dan Lebbers grenzte, wurde ursprünglich von einem Hermann Kloth bewohnt, der ein Mädchen namens Minna Kloth heiratete. Aus dieser Ehe stammten fünf Kinder. Von der Geburt des fünften Kindes an blieb die Frau leidend. Sie erholte sich nicht wieder und starb im Jahre darauf. Da der Mann mit den Kindern nicht fertig werden konnte, zumal er oft lange mit dem Boot draußen war, heiratete er bald darauf die Kusine seiner verstorbenen Frau, eine junge Witwe, Emilie Kloth, die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. Sie lebten gut miteinander und freuten sich, als ihre Ehe mit einem Jungen gesegnet wurde. Dann aber geschah das Unglück, daß Hermann Kloth in einem Sturm mit dem Boote umschlug, unter die Aalreusen kam und ertrank. Die Frau saß nun mit acht Kindern da und quälte sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend, um das Geld zu verdienen, das notwendig war, die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen. Hermann Kloth hatte viel mit einem Fischer zusammen gearbeitet, einem gewissen Jakob Kloth, mit dem er trotz der Gleichheit des Namens nicht verwandt war, aber die beiden kannten sich schon von der Schulzeit her und waren auch während der Dienstzeit bei der Marine gute Freunde geblieben. Nun, wo Hermann Kloth tot war, fühlte sich Jakob verpflichtet, hin und wieder bei den vielen Kindern nach dem Rechten zu sehen. Er brachte der Witwe öfter Fische mit und half auch sonst im Hause. Schließlich fanden sie, daß es das Einfachste wäre, wenn sie heirateten. So kam der schweigsame Jakob Kloth zu einer Frau und acht Kindern. Er verkaufte sein Haus, weil er glaubte, daß es besser wäre, alle diese Menschenkinder unter dem Dach zu lassen, das sie bis jetzt beschirmt hatte. Daher zog er eines Tages, das Fischerzeug auf der Schubkarre, in das kleine Haus neben Dan Lebbers. Er lebte mit der Frau in gutem Frieden, und sie gebar ihm vier Kinder, von denen sie das älteste Jakob, nach dem neuen Hausherrn, nannten. Im siebenten Jahre der Ehe starb die Frau, und da die ältesten Kinder, zwei Mädchen, inzwischen so weit herangewachsen waren, daß sie für die Geschwister, für Haus und Küche sorgen konnten, verzichtete Jakob darauf, wieder zu heiraten. Er war ein großer hagerer, schweigsamer Mensch, und die Kinder erfuhren wohl nur selten eine Liebkosung von ihm, aber wenn er abends inmitten der Kinder am Tisch saß, ging eine große Zufriedenheit von ihm aus. Sein Blick schweifte oft von einem zum andern, als zählte er die Kleinen, die dicht gedrängt saßen. Er schien sich vergewissern zu wollen, ob keines von ihnen über Tag abhanden gekommen war. Die Kinder gediehen prächtig. Sie bekamen Fische zu essen und Ziegenmilch. Es gab viel Kartoffeln und Sonntags hin und wieder Brot. Im frühen Herbst sorgte Jakob schon für den Winter. Ein Teil der gefangenen Fische wurde im Ofen gebacken. Waren sie dann hart genug, daß man sie kaum brechen konnte, verpackte er sie sorgfältig und hob sie in der Scheune auf für die schweren Monate. Diese gebackenen Fische ließen sich dann wie Brot essen. Unter den Kindern waren auch schon ein paar Jungens, die ihm beim Fischfang zur Hand gehen konnten. Die übrigen, noch zu klein zu ernster Beschäftigung, krabbelten für sich selbständig durch das Haus. Es war erstaunlich, wie dieses kleine weiße Haus mit dem Strohdach die vielen Manschen fassen konnte. Doch sagt man, daß der geduldigen Schafe viele in einen Stall gehen, und so war es auch hier. Jeder wußte, wo er sein Fleckchen hatte, und alles rollte ordentlich ab. Es war sogar Platz genug, daß man eine Stube vermieten konnte. Der Erlös dafür kam Jakob sehr zustatten, denn es war immer einmal ein Kleidungsstück anzuschaffen, eine Segelwand, Stiefel oder ein Gerät für die Fischerei. So war er ganz zufrieden gewesen, als der Photograph mit Christian Kars kam, um ihn als neuen Mieter in Vorschlag zu bringen. Jakob Kloth ging sofort darauf ein. Da war Christian mit Fahrrad und Rucksack eingezogen und hatte nun statt des rauschenden Meeres das Hin und Her trappelnder Kinderfüße um sich. * Christian Kars ist jetzt viel unterwegs. Land und Leute will er kennenlernen. Er hat ja Sureiken dazu ausersehen, ihm eine Heimat zu werden. Er weiß, daß er auf den alten Iben Kars nicht rechnen kann. Vielleicht wäre es am einfachsten gewesen, sein Bündel zu schnüren und wieder abzuwandern in die Welt, irgendwohin, wo man nicht als Lästiger angeklopft hatte. Auf dem Heimwege damals von Iben Kars hatte Christian das erwogen, aber er verwarf diesen Gedanken sofort. Er wollte bleiben, um dem Alten zu zeigen, daß er auch ohne dessen Hilfe festen Fuß fassen könnte. Nun suchte er ein Stück Land zu kaufen mit Haus und Nebengelaß, ein Stück Eigentum, davon ein Mann, der keine besonderen Ansprüche stellt, sich nähren konnte. Dan Lebbers riet ihm, mit diesem Kauf zu warten, weil die Möglichkeit bestand, zum Frühjahr billiger anzukommen, denn es hieß, daß einer der Abwohner im Ausbau von Sureiken sich nicht über den Winter würde halten können. Um nicht müßig herumzusitzen und sein Erspartes anzugreifen, ging er auf einen Vorschlag, den Dan Lebbers ihm machte, sofort ein. Er fuhr von Bauernhof zu Bauernhof, kaufte dort die Eier auf, die Dan Lebbers dann an einen Händler in Thorde sandte, von wo aus sie mit gutem Gewinn weiter gingen. Noch etwas anderes hatte der geschäftstüchtige Wirt ausgetüftelt. Er instruierte Christian Kars eines Tages über landwirtschaftliche Maschinen, drückte ihm einen Katalog in die Hand und ermunterte ihn, bei den größeren Bauern sein Heil zu versuchen. Neben der Ladentür bei Dan Lebbers prangte nun auch ein Schild, das die Vertretung »landwirtschaftlicher Maschinen und Ackergeräte aller Art erster Fabriken« ankündigte. Dieses Schild erregte viel Aufsehen, und es war eine große Genugtuung für Dan Lebbers, seinen Kunden klarzumachen, daß er drauf und dran wäre, den bescheidenen Rahmen seines Geschäftes zu sprengen. »Wir brauchen uns nicht hinter Thorde zu verstecken, wir wollen aus Sureiken etwas machen. Dazu muß jeder beitragen.« Dan Lebbers vertrat auch den Standpunkt, daß man versuchen müsse, noch mehr Sommergäste nach Sureiken zu ziehen. »Ihr plackt euch viel zu viel«, sagte er zu den kleinen Bauern, »ihr rackert euch zu Tode und habt nicht mal was fürs Begräbnis. Das erlebe ich doch nun schon Jahr für Jahr. Ihr müßt froh sein, wenn euch der Müller das Pferd zum Pflügen borgt, und wenn er ein Auge zudrückt, weil eure Kuh sich auf seiner Wiese mit satt frißt. Hier –« – dabei trommelte Dan Lebbers mit der Faust auf den Tisch – »gut abvermieten im Sommer! Wenn's geht, noch ein paar Stuben einrichten, und dann das Land in Pacht geben. Hier, Geld einkassieren, darauf kommt's an! Ein paar Ferkel großziehen, Schweine schlachten, den Winter lang übern vollen Tisch gucken! Wozu lebt denn der Mensch schließlich? Ich sag euch, es soll Ortschaften geben, wo die Menschen bloß vom Sommer leben. Und das könnt ihr auch haben!« Auch im Gemeinderat hatte Dan Lebbers einmal versucht, diese Gedanken zu vertreten. Aber da war er von Iben Kars zurückgewiesen worden. »Wer seinen Stuhl einem Fremden überlassen will und sich mit der Bank in der Waschküche begnügt, der mag's tun.« Weiter hatte Iben Kars nichts gesagt, doch die anderen waren verlegen geworden und hatten geschwiegen. Aber im Sommer hatten sie alle ihre Stuben vermietet und waren in die Scheunen gezogen. Jetzt sagte Dan Lebbers zu Christian: »Ich weiß ja, wie der alte Kars drüber denkt, aber wenn man die Tasche voll Geld hat und die Truhen gefüllt, dann ist's leicht, vom alten Brauch nicht abzuweichen. Hier, die andern müssen erst mal sehen, wie sie ihre Mäuler satt kriegen.« Der Fischer Kloth stand dabei und nickte. Er überlegte lange und sagte dann: »Mein Vater hätt's auch nicht getan.« »Aber du kannst das Mietsgeld gut brauchen!« triumphierte Dan Lebbers. Das gab Kloth bedrückt zu. Zu Hause warteten zwölf Kinder auf Essen. Da konnte man nicht Anspruch darauf erheben, wie ein Herr im Eigenen sich breitmachen zu dürfen. Man hatte auf die beste Stube verzichtet und ging wie ein Fremder an deren Tür vorbei. »Ja ja«, sagte Kloth, und stand wieder schweigend unter den anderen, die sich lärmend die Abbildungen der Maschinen ansahen und von Dan Lebbers immer wieder wissen wollten, ob er auch jede derselben herbeischaffen könnte. In diesen Tagen sprach man nur von Maschinen in Sureiken, an deren Erwerb man nie denken konnte. Aber durch Dan Lebbers war man mit ihnen vertraut geworden, stritt sich über den Mechanismus und prahlte mit dem Traktor, der auf der Umschlagseite des Kataloges wie ein Sturm über das Land ging und von dem man viel mehr erwarten konnte als von dem alten Gaul, den man sich jedes Frühjahr vom Müller Wieling ausborgen mußte. Jawohl, aus Sureiken würde schon noch etwas werden. Da, an Dan Lebbers Türe war das Schild. * Christian war auf den Höfen bald gut bekannt geworden. Er hatte sich zuerst nicht entschließen können, auch bei Iben Kars mit vorzusprechen. Da er jedoch Dan Lebbers in dem Glauben ließ, daß der Alte ihn freundlich aufgenommen hätte, so durfte er den Chausseehof bei seinem Handel nicht auslassen, um diese Darstellung nicht zu erschüttern. Er fuhr also eines Tages dorthin und war froh, Iben Kars nicht anzutreffen. Er verhandelte alleine mit Lisa. Sie machten dann aus, daß Christian Anfang der nächsten Woche wieder mit vorbeikommen sollte. So war das Geschäftliche besprochen und Christian wollte gehen. Lisa bat ihn zu bleiben. Ehe Christian ablehnen konnte, begann sie schon den Tisch zu decken. Sie stellte Milch und Brot hin und machte sich am Herde mit dem Kaffee zu schaffen. Dabei begann sie ihn auszufragen. Er erzählte von seinem Leben. Wie er als Fünfzehnjähriger zur See gegangen, zuerst auf einem Segler und dann nach seiner Marinezeit auf Frachtschiffen gefahren wäre. »Ich hab es immer vermieden, mich auf Schiffen mit fester Route anheuern zu lassen. Man sieht mehr von der Welt, wenn man als Seemann auf Schiffen fährt, die für bestimmte Ladungen gechartert werden. Da haben wir dann manchmal vierzehn Tage und länger in Häfen gelegen, um neue Fracht zu bekommen.« »Ob's Ihnen da in Sureiken gefällt?« fragte Lisa, »Seeleute haben's bunt! Bei uns ist's schon langweilig!« »Man hat seine Beschäftigung«, sagte Christian. »Das schon«, antwortete Lisa. – »Da haben Sie ja allerhand erlebt«, lachte sie dann. »Das kann man sagen«, erwiderte Christian. »Ich war in Lissabon und in Schanghai. In Schanghai hatten sie unsern Koch erstochen. Das war eine schlimme Geschichte. Ein Malaie war es, der ihm den Garaus machte. ›Du schieläugiger Lump‹, hatte der Koch gesagt. Da stak ihm das Messer in der Kehle. Der Malaie fuhr als Heizer auf einem Portugiesen. Als wir's dem Kapitän meldeten, sagte er bloß: ›Wer von euch kann kochen?‹ Ich verstehe mich etwas darauf. So bin ich den Rest der Reise als Koch gefahren.« Er streckte die Beine weit aus und nahm ein Stück Brot. »Sie können auch kochen?« wunderte sich Lisa. »Was kann man nicht alles?« lachte Christian. »Ich hab sogar einmal geschneidert. Eine Hose hab ich genäht. Das war eine knifflige Arbeit. Aber was sollte ich tun? Wir hatten um zehn Grogs gewettet. ›So schlimm kann's doch nicht sein, eine Hose zustande zu bringen‹, hatte ich gesagt. Da nahmen sie mich beim Wort. ›Versuchs‹, meinte unser Steuermann. ›Das will ich tun! Also los! Zehn Grogs, abgemacht!‹ Die Hose sollte bis zum nächsten Vormittag fertig sein. Ich hab die ganze Nacht daran genäht. Es wurde auch eine Hose, aber sie paßte keinem. Doch war es eine Hose. Das mußte der Steuermann zugeben. Er hat die Wette auch bezahlt.« »So ein Seemann hat schon Flausen im Kopf«, sagte Lisa. »Der eine Kloth, der dritte am See, war auch Matrose. Das ist schon Jahre her. ›Was du so immer erzählst, Karl‹, haben wir gesagt. Manchmal mußte man sich die Ohren zuhalten.« Christian sah sie an. Sie wurde rot, aber sie blickte nicht weg. »Also Karl hieß er«, zwinkerte Christian. »Wie meinen Sie das?« fragte Lisa. »Sie sind schon einer! Neulich haben Sie kaum ein Wort gesprochen.« Christian zog die Füße bis an den Stuhl zurück, saß noch ein Weilchen schweigend da und stand dann auf. »Also Anfang der Woche«, sagte er. Lisa erhob sich ebenfalls, verwundert über seinen schnellen Aufbruch. An den Bäumen hingen pralle rote Früchte. An der Mauer aufgestapelt lagen dicke satte Kartoffeln. Von einem nahen Felde duftete es süß aus den gelben Blüten des Senfs. Lisa brachte Christian noch bis an das Tor. Sie ging unschlüssig neben ihm her. Sie hatten weiter nichts miteinander zu sprechen. Lisa zögerte noch etwas und begann dann die Äpfel aufzusammeln, die von Zeit zu Zeit im steten Wind dumpf auf den Boden schlugen. Vielleicht dachte sie, daß er ihr beim Aufsammeln behilflich sein würde. Vielleicht wünschte sie, daß er noch ein wenig bliebe. Aber Christian ging fort. Sie hatte beide Arme voll Äpfel, und als sie eine Bewegung machte, als wollte sie ihm noch einmal die Hand geben, rollten die Früchte wie aus einem Füllhorn zur Erde. An diesem Abend war Christian lebhafter bei Dan Lebbers. »So gefallen Sie mir schon besser«, sagte Patzke. Der Wirt fuhr ihm dazwischen. »Wer mäkelt da? Von Anfang an hab ich gesagt: Christian Kars prima! Der Mansch muß sich bloß erst eingewöhnen. So ist's! Ist's nicht so?« »Darauf wollen wir noch einen trinken«, rief Patzke. »Daß du bald zu 'ner Frau kommst! – Na na, nicht so von der Hand weisen, Herr Kars. Zum Leben gehören zwei, einer, der 's Geld verdient, und einer, der's ausgibt. Oder sind Sie ein Geizhals? Haha!« »Wenn wir in unsern schmierigen Ölanzügen von Bord kamen, schenkten uns die Damen seidene Taschentücher«, sagte Christian. »In der Bar mußten die Herren von der Tanzfläche mit ihren Scherben in den Augen.« »So ist's richtig, man muß es ihnen sagen«, rief Patzke. Er reckte sich, aber er sah um nichts größer aus. »Hier war auch mal so einer, ein anmaßender Kerl, die Badegäste beschwerten sich über ihn. Monookel und so weiter, na, ich hab ihm meine Meinung gesagt. Nach acht Tagen ist er abgefahren.« »Nachher stellte es sich heraus, daß es der Rendant aus der Kreisstadt war, und Patzke hat ihn immer Herr Graf tituliert, dabei hieß der Mensch Schimmelkorn!« Dan Lebbers wollte sich ausschütten vor Lachen. Er gluckste. Patzke wurde feuerrot, er schrie: »Das tut nichts zur Sache. Trug er ein Monookel oder nicht? Er hatte auch Fräulein Emita belästigt, die Tänzerin. ›Wer sind Sie denn überhaupt, Herr?‹ hat sie zu ihm gesagt. Fragt mal den Photographen, wenn er wiederkommt. Er war dabei, er wollte ihm eine runterhauen. Es war Tanz, und Bolk spielte gerade den Donauwalzer.« Manchmal, wenn Bolk der Schmied, der die Geige spielt, Zeit hat, ist Sonnabends Tanz in Sureiken. Hinter dem Pensionshaus hat Dan Lebbers einen Saal gebaut, eigentlich einen Schuppen, kahl und nüchtern, aber wenn Bolk die Musik macht, ist viel Lustigkeit darin und keiner stößt sich daran, daß die Dielen uneben und die Wände bloß weiß gekalkt sind. Vor den Fenstern stehen dann die Alten und sehen den Tanzenden zu. Als sie jung waren, mußten sie bis nach Thorde eine Stunde Chaussee, weil es noch keinen Tanzsaal gab in Sureiken. Der Jugend heute hat man es bequemer gemacht. Es ist auch ein verstimmtes Klavier da, das Dan Lebbers bedient. Allerdings kann er nur die Begleitstimme spielen, denn viel Fertigkeit hat er nicht, und was er hervorbringt, ist meistens nur ein stampfendes Gedröhn. So kann man nur nach der Geige tanzen, die Bolk spielt. Doch ist es schön, auch den Lärm dazu zu haben, den Lebbers auf dem Klavier hervorbringt. Manchmal also, wenn Bolk Zeit hat, ist Tanz in Sureiken. Vormittags kommt dann Frau Seba, die Schmiedsfrau, die wie ein Mann den Hammer schwingt. Schweißen kann sie und löten. Sie kommt vormittags zu Lebbers und sagt durch die halboffene Türe: »Heut abend spielt der Schmied.« Sie ist schon wieder davon, denn der Blasebalg wartet über der Esse oder die Zange, die das glühende Eisen packen soll, die Feile oder der Bohrer. Auf der Dorfstraße aber sagt sie es schnell noch dem jungen Volk, das unterwegs zu den Feldern ist, mit den Kühen kommt und den Pferden. Auch den jungen Fischern sagt sie es und den Mädchen, die ihnen bei den Netzen helfen. »Heut abend spielt der Schmied«, sagt sie und läuft schon weiter. An solchen Vormittagen ist ein Singen auf den Feldern, in den Ställen und an den Booten. Die Burschen lachen und kneifen die Mägde, und die Mägde kreischen. Es ist tagsüber schon ein heimlicher Tanz in Sureiken, wenn abends der Schmied die Geige hervorholen will. Im Sommer kommen auch die Gäste dazu. Die hellen Kleider der Frauen wehen wie Fahnen. Sie sitzen zwischen den Fischern, aber sie tanzen nicht mit ihnen. Die Fischer fühlen sich auch ungemütlich und gehen zeitig. Nur ein paar Burschen bleiben, ein paar Burschen, ein paar Mägde und die Sommergäste. Schließlich sind die Gäste allein im Saal, tanzen und trinken. Sie beherrschen im Sommer Sureiken. Aber wenn es zum Winter geht, regieren die Fischer den Tanzsaal. Sie und die Bauern, wenigstens die jungen, drehen sich bis in die Nacht im Tanz. Sie haben keinen hellen Kleidern Platz zu machen und keinen zierlichen Schuhen. Wenn sie irgendwo anstoßen, ist es der Tisch, auf dem die Gläser klirren, oder die Stühle, auf denen Mädchen sitzen an der Wand. Es ist ein derbes Atmen, wenn Bolk, der Schmied, spielt. An diesem Abend, als Christian und Patzke beim Bier saßen, kam Bolk selbst. Er ließ sich selten sehen, und Dan Lebbers begrüßte ihn mit lauter Verwunderung. »Ich spiel morgen«, sagte Bolk. »Abgemacht«, rief Lebbers und stellte das Bier hin. Morgen früh wird er die derben Gläser aus dem Schrank holen, die nicht gleich in Splitter gehen, wenn sie umgeworfen werden. Er wird auch den Humpen vom Rück nehmen und ihn putzen. Aus diesem Humpen wird Bolk, der Schmied, trinken. Das hat er sich ausbedungen, Drei Humpen voll und fünf gute Groschen, so ist es ausgemacht. Aber heute trank Bolk aus gewöhnlichem Glas. Er ist noch nicht der Geigenspieler, nach dessen Takt die Paare sich drehen, und von dessen Kunst Dan Lebbers viel hält. Er ist heute abend nichts weiter als der Schmied, der rußige Hände hat, ein Schurzfell und Rauch im Gesicht. »Das wird morgen oho«, sagt Patzke. »Zum erstenmal wieder ohne Sommergast.« »Tu nicht so, als ob's dich freut«, meint Lebbers. »Was macht ein Badewärter ohne Gäste?« Patzke lacht nur darüber, er ärgert sich nicht mehr. Wenn er das zehnte Glas getrunken hat, kann ihn nichts mehr aus der Ruhe bringen. »Ich bin die Sanftmut«, sagt er dann. »Ich war heut in Thorde«, erzählt Bolk, »hätte ein Rad hinzubringen. Es war Hochzeit in Thorde. Klimsch, der Maler, hat geheiratet. Ich sollte bleiben, jedoch ich hatt' kein hochzeitlich Kleid. Du darfst mir die Ehr nicht abschlagen, sagte Klimsch, da blieb ich ein Stündchen. So wie ich war im Arbeitsrock. Ist schon ein gutes Kleid, sagte Klimsch, und erzählte den Verwandten, die aus der Stadt kamen, daß ich Bolk wäre, der Schmied. Warum hast du die Geige nicht mitgebracht, Schmied? fragte Klimsch. Er ist ein Meister darauf, sagte er zu den Verwandten aus der Stadt. Da wunderten sie sich und sahen meine Hände an. Ich kann auch ein Eisen damit biegen, sagte ich. Ich wollte es ihnen weisen, aber es war kein Eisen zur Stelle. Ihr könnt euch darauf verlassen, sagte Klimsch. Sie glaubten es, obgleich es wohl zweierlei Ding wäre, Amboß und Geige.« »Sie waren in Thorde?« fragte Christian. »Bei Thorde ist ein Leuchtturm. – Das Meer ist bei Thorde«, setzte er noch hinzu. Patzke unterbrach ihn: »Sie schwingen doch morgen auch das Tanzbein, Herr Kars?« rief er. »Ich kenne hier kein Mädchen«, wehrte Christian ab. »Da wird schon jede ihren Tänzer haben.« Darauf versprach Bolk, ihn mit Emilie bekannt zu machen, der Nichte der Frau Drees. »Meine Frau ist mit ihnen weitläufig verwandt«, sagte er. Nun stellte es sich heraus, daß Christian Emilie schon auf dem Seehofe gesehen hatte, daß man aber in der Eile der täglichen Arbeit kaum zu ein paar Worten gekommen war. »Seitdem Drees tot ist«, sagte Bolk, »hat die Frau alle Hände voll zu tun. Auch Emilie muß tüchtig ran.« »Im Sommer wird es ihr besser bei uns gefallen«, behauptete Patzke. Da ist er wieder bei den Sommergästen. Seine Gedanken kommen nicht von ihnen los. Manchmal scheint es, als habe man in Sureiken kein eigenes Leben mehr. Alle Dinge sind von den Fremden berührt, und nun, wo die fort sind, klingen sie noch lange nach. Dieser Widerklang ist stärker als das Anschlagen des eigenen Herzens. Am nächsten Abend spielt Bolk, der Schmied. »Manchmal möchte ich wirklich mehr Zeit haben für mich«, sagt Emilie zu Christian. Sie haben einen Tisch in der Ecke des Saales nahe dem Podium, auf dem Bolk, der Schmied, die Geige führt. Auch sein Humpen steht auf ihrem Tisch. Zwischen den Tänzen setzt er sich zu ihnen und trinkt. Er spricht nicht mit ihnen, so angefüllt ist er von Musik. Nach dem ersten Humpen begann er die Walzer zu spielen, diese langsamen Geflüster für Liebende. Wenn der dritte Humpen zur Hälfte geleert ist, geigt er die wilden Tänze, die sie Chasse nannten und Galopp. Stets vor dem letzten Schluck kam Frau Seba. Es war kurz nach Mitternacht, wenn sie in der Türe des Saales auftauchte. Wenn Bolk sie sah, begann er den Donauwalzer zu spielen. Das war ihr Lieblingstanz. Sie hatten ihn nie zusammen getanzt, weil Bolk ja immer die Geige spielen mußte, und sie wünschte sich wohl nichts sehnlicher, als daß einmal ein anderer da wäre, der sich auf die Melodie verstünde, damit Bolk und sie sich danach drehen könnten. So stand sie allein im Saale und wiegte sich in den Schultern. Die Männer wußten, daß sie mit keinem anderen tanzte, und so baten sie Frau Seba nicht mehr um den Tanz. Sie kam auch nicht etwa, um Bolk an die Zeit zu mahnen. Sie wußte, daß er sein Spiel über alles liebte, doch freute es sie, daß er nach dem Walzer die Geige hinlegte, die Hände an den Mund tat und über das junge Volk hinrief: »Der Tanz ist aus!« Frau Seba kam nur des Heimgangs wegen. Sie gingen umschlungen die nächtliche Dorfstraße entlang und Bolk nannte ihr jeden Tanz, den er gespielt hatte. Er verstand auch, die Melodien leise vor sich hin zu pfeifen. Dabei wiegten sich ihre Schritte und ihre Schultern liebkosten sich. So holten sie auf dem Heimwege die Tänze nach, die sie im Saale nicht tanzen konnten, weil Bolk für die anderen spielte. Oft waren Sterne über ihrem Heimweg und oft auch der Mond. Im Sommer hörten sie das Gelächter der Frauen und im Winter die derben Rufe der Burschen. Auch trafen sie regelmäßig Sparre, den Kuhhirten, der nach einem Gläschen Schnaps seinem Stroh zutrottete. An diesem Abend nun setzte sich Frau Seba erst noch zu Christian und Emilie an den Tisch. Emilie war den Abend über in gedrückter Stimmung gewesen. Erst zum Schluß heiterte sie auf. Sie hatte zu Christian über die viele Arbeit geklagt, die es auf dem Hofe gab. Der neue Melker war nach ein paar Tagen schon wieder davongelaufen. Wenn es mit der Arbeit zum Spätherbst auch stiller würde, so war doch noch dieses und jenes zu schaffen, das zu beschwerlich war für Frauenhände. Emilie machte auch kein Hehl daraus, daß sie in der Stadt geblieben wäre, wenn sie gewußt hätte, wieviel Arbeit ihrer auf dem Lande wartete. Aber nun, wo sie hier war, wollte sie Frau Drees auch nicht im Stich lassen. Schließlich kann ein junges Mädchen nicht immer zu Hause herumsitzen. Ja, so sind überall kleine und große Enttäuschungen. Aber nun ist Musik und man tanzt. Ach ja, manchmal, wenn Bolk der Schmied Zeit hat, ist Sonnabends Tanz in Sureiken. Alte Melodien sind es, die er spielt. Oftmals muß Emilie lächeln. Die Eltern haben schon danach getanzt. Wie kann Bolk der Schmied auch wissen, was die Musiker in den Städten zu Gehör bringen. Er steht tagsüber am Amboß, er hat den Hammer zu schwingen. Was er als Junge gepfiffen hat, spielt er nun als Mann auf der Geige. Wem es nicht gefällt, mag aus der Tanzreihe treten. Doch ist keiner im Saal, der von dem Schmied neue Weisen verlangt. Christian versteht sich aufs Tanzen. Das muß man sagen. Emilie ist oft ganz außer Atem. Wenn sie wieder am Tisch sitzen, klopft noch immer heiß ihr Herz. Nun sitzt auch Frau Seba bei ihnen. Sie wiegt sich ein wenig auf dem Sitz. Frau Seba liebt ein freundliches Wort, auch ein neugieriges. Aber wenn ihr Mann, Bolk der Schmied, spielt, schweigt sie und wiegt sich ein wenig. »Besuchen Sie uns doch einmal«, sagt Emilie beim Abschied zu Christian. Er sagte für den nächsten Tag zu, aber am Morgen fiel ihm ein, daß er nach dem Chausseehof mußte. Lisa hatte geschickt, weil Iben Kars selbst mit ihm wegen des Handels sprechen wollte. So kam er nicht nach dem Hof an dem See. Iben Kars nahm ihn freundlicher auf, als er es erwartete. Er ließ sich von Christian das Geschäft auseinandersetzen. Auch über die landwirtschaftlichen Maschinen und Apparate wollte er orientiert sein. »So eine Verbindung zur Stadt, wie du es da vorhast, ist nicht schlecht«, sagte er. »Du erfährst alles über die neusten Erfindungen, und mancher kann hier daraus Nutzen ziehen. Für mich ist es nichts, ich bleib beim alten. Aber die Jungen geben mehr auf die Zeit.« Christian freute sich, daß der Alte seinen Entschluß immerhin anerkannte, ihm auch nicht von vornherein jeden Erfolg absprach, im Gegenteil zugestand, daß Christian bei einiger Ausdauer es zu etwas bringen könnte. »Warum sollen sie nicht auf dem Gut ein offenes Ohr haben«, sagte er. »Da werden ja oft Maschinen angeschafft. Ich kann dem Verwalter sagen, daß du aus meiner Verwandtschaft bist. Wir kennen uns schon viele Jahre.« Das war mehr als Christian erwartet hatte. Iben Kars wehrte seinen Dank ab. »Wo du nun schon hier bleibst, will ich auch, daß du vorwärts kommst. Es stünde uns schlecht an, wenn ein Kars hier herumlumpt.« Christian verstand, daß der Alte nur seines Namens wegen ein Interesse an seinem Fortkommen hatte. Es ärgerte ihn, und er wurde wieder einsilbig wie am ersten Tage. Später, als Lisa hinzukam, beherrschte er sich mehr. So kamen sie in ein Gespräch. Da er wußte, daß es Iben Kars verdrießen würde, erzählte er von dem Tanzabend bei Lebbers. Der Alte sah ihn an. »Findst du Gefallen daran?« fragte er. »Ich seh keine Sünde darin«, antwortete Christian. »So?« sagte Iben Kars kurz und beteiligte sich nicht mehr an dem Gespräch. »Emilie war auch da?« fragte Lisa. »Sie kommt aus der Stadt, sie will immer was herausbeißen. Dabei versteht sie nichts von der Arbeit.« »Ich sollte heute zu ihnen kommen«, sagte Christian. Lisas Worte waren ihm unangenehm, und er wollte damit sagen, daß er nichts gegen Emilie hätte. »So rasch ist sie bei der Hand«, lachte Lisa. »Was geht's dich an?« warf eben Kars ein. Er ging aus der Stube. »Sie müssen es ihm nicht übelnehmen«, sagte Lisa zu Christian. »Er ist alt und da wird man verdrießlich. Es waren wohl gestern viel Menschen bei Lebbers?« fragte sie dann. »Lustig ist es gewesen«, erzählte Christian. »Auch Patzke war da. Beim ›Großvater‹ stellte er sich ein Glas auf den Kopf. Es fiel nicht herunter. So langsam konnte er sich drehen.« »Man kommt hier gar nicht heraus«, seufzte sie. »Wie wär's, wenn ich Sie mal abholte, Lisa?« Er nannte sie zum erstenmal bei ihrem Vornamen. Sie sah ihn überrascht an. »Was würde Iben Kars dazu sagen?« »Nun, es bleibt in der Verwandtschaft«, lachte er, »was meinst du, Tante Lisa?« fügte er scherzend hinzu. »Da mußt du ihn fragen«, sagte Lisa. Sie war rot geworden und zupfte an den Ärmeln ihrer Bluse. »Ich trage die Kleider bloß auf«, sagte sie, »im Haus bei der Arbeit sind sie noch gut genug.« Christian ging, als er Iben Kars zurückkommen hörte. Sie sprachen sich beide nur kurz im Flur. »Du kannst dann zweimal in der Woche kommen. Fünf Stiegen Eier wird's schon geben«, sagte der Alte. »Es ist gut«, antwortete Christian. Unterwegs sah er nach der Uhr, aber es schien ihm doch schon zu spät, um noch den versprochenen Besuch bei Emilie zu machen. Er glaubte, daß sie sich noch zu wenig kannten, um gleich das erstemal sich zur Abendbrotzeit einzustellen. Als er nach Hause kam, war Emilie da. Sie hatte alle Kinder um sich und erzählte ihnen Geschichten. Jakob Kloth war auf den See gefahren. Er hatte Aalreusen gestellt. Emilie war nicht im mindesten befangen, als Christian eintrat. »Ich hab schon gehört, daß Sie zu Ihrem Onkel mußten«, sagte sie. »Es war mir zu langweilig auf dem Hof. Haben Sie ein Buch?« »Nein, ich hab wenig Bücher gelesen«, gestand Christian, »aber ich kann Ihnen von Lebbers eins holen.« Die Kinder schrien dazwischen. Sie wollten wissen, wie die Geschichte ausging, die Emilie zu erzählen begonnen hatte. »Wie war's doch gleich?« fragte sie. »Der Wolf machte das Maul weit auf«, sagte der kleine Jakob. »Richtig! Und wollte die Großmutter fressen«, fuhr Emilie fort, »da kam der Jäger und schoß ihn mausetot.« »Er hat aber die Großmutter gefressen«, berichtigte Emmi, die Achtjährige, »ich weiß es aus der Schule.« Sie erzählte nun das Märchen so, wie sie es wußte. Es gefiel auch den Kindern viel besser, daß die Großmutter gefressen und später wieder befreit wurde. Auch daß der Wolf Steine in den Bauch bekam, gab ihnen viel Spaß. »Wußtest du das nicht mehr?« fragte Emmi. »Es ist zu schrecklich«, sagte Emilie. »Schön ist es«, widersprach der kleine Jakob, »warum sagst du denn schrecklich? Die Großmutter lebt doch nachher wieder.« »Und der böse Wolf stirbt«, rief Tinchen. »Was rumpelt in meinem Bauch herum? hat er noch gesagt.« Tinchen lachte darüber. »Rumpel, rumpel, rumpel«, sang sie, und die Kleineren schrien es ihr nach. Es wurde ein heilloser Spektakel. Emilie hielt sich die Ohren zu. »Nun ist's genug«, bat sie. Aber die Kinder waren aus dem Häuschen, patschten auf den Tisch und sangen: »Rumpel, rumpel!« Sie klapperten mit den Löffeln gegen die Näpfe, darein ihnen die Älteste eingebrocktes Brot getan hatte. Sie aßen und sangen dabei. Christian setzte sich zu den Kindern. Er hätte Emilie in seine Stube bitten können, aber er wagte es nicht. »Ich wär gern noch zu Ihnen gekommen. Leider war es schon so spät«, sagte er. »Die Hoftüre wird bei uns nie zugeschlossen«, lächelte Emilie. Dann wurde sie befangen und um den Satz zu erklären, sagte sie: »Manchmal kommt abends nach der Arbeit noch Bolk mit seiner Frau.« »Er ist verwandt zu Frau Drees?« fragte Christian. »Frau Bolk. Ihre Mütter waren Kusinen«, erklärte Emilie. »Es ist gut, daß es so ist. Bolk geht uns oft zur Hand. Tante Milda ist froh darüber. Es gibt nämlich viel Feindschaft im Dorf.« Christian sah sie fragend an. »Sie werden es noch selber erfahren«, antwortete sie rasch. »Lisa Kars zum Beispiel ist auch nicht gut auf uns zu sprechen.« Christian entsann sich der Äußerung, die Lisa vorhin getan hatte. »Was hat es denn für einen Grund?« fragte er. »Das müssen Sie sich selbst einmal erzählen lassen.« Christian lachte. ›Wenn Frauen es miteinander zu tun kriegen, ist meistens ein Mann daran schuld‹, dachte er und lachte darüber. Emilie sah forschend auf. Sie wollte fragen, aber dann ließ sie es. Inzwischen war ein Teil der Kinder nach dem See gelaufen, um nach dem Vater auszublicken. Nun gab es ein großes Geschrei vom Ufer her. Christian wußte, was diese Aufregung andeutete. »Kloth ist gekommen«, sagte er. Bald darauf trat Jakob Kloth in die Stube. Er hatte Neunaugen gefangen und war unzufrieden. »Wenn die Neunaugen kommen, ist's mit dem Aal vorbei«, sagte er. In den letzten Wochen hatte es manchen guten Fang gegeben, aber nun war der Aal davon durch den Zugang nach dem Fluß und an Thorde vorbei in das Meer. In seinem Wandertrieb war er ein unbändiger Gesell, der es verstand, sich über das Fangnetz zu schnellen und auf und davon zu gehen. Jakob Kloth hatte etwas Geld zurücklegen können. Damit sollten alte Netzschulden abgedeckt werden. Er war froh, wenn er durch eine solche Abzahlung sein Anrecht an seinem Eigentum vergrößern konnte. Wenn auch das nächste Jahr gut wurde, hatte er seine Netze schuldenfrei, doch dachte er schon mit Sorge daran, daß das Haus einmal wieder neu mit Stroh gedeckt werden mußte. So gab es immer Ausgaben, und man kam nie glatt auf die Beine. Emilie betrachtete die Neunaugen, die sich wie Schlangen im Bottich krümmten. »Gebraten und sauer eingelegt, schmecken sie gut«, sagte Jakob Kloth. »Es ist nicht viel an ihnen sauber zu machen, sie sind blank innen und außen.« »Da kann ich wohl meine Bestellung nicht ausrichten«, sagte Emilie, »wir hätten morgen gern Aal gehabt.« Und zu Christian fügte sie hinzu: »Deswegen bin ich nämlich gekommen!« »Und ich dachte, Sie wollten ein Buch von mir haben«, sagte er enttäuscht. »Da ginge ich wohl besser zum Lehrer«, neckte sie. Christian machte ein Gesicht, wie ein betroffener Schuljunge. »Nicht gleich weinen«, tröstete sie lachend. Er hatte in gespielter Verlegenheit die Hand auf den Mund gelegt. Nun zog sie ihm die Hand fort, und er hielt die ihre ein Weilchen. Auch auf dem Heimweg nahm er ihre Hand. »Ich werde Sie ein Stück bringen, Fräulein Emilie«, hatte er gesagt. »Es tut nicht nötig«, sagte sie, »es ist ganz hell.« »Der Mond steht im Lichten«, warf Jakob Kloth ein, der mit vor die Tür gekommen war. »Um so besser, dann kann ich Sie sehen«, rief Christian. Er war erstaunt, daß ihm diese Wendung gleich eingefallen war, und er wiederholte die Worte noch einmal. »Dann kann ich Sie sehen, Emilie!« »So galant?« antwortete sie. »Er ist ein Weltmann«, sagte Jakob Kloth, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. Nun gingen sie Hand in Hand den Wiesenweg am See. Sie sprachen von dem Leben in Sureiken. »Es ist viel Wasser hier«, sagte Emilie. »Aber es rauscht nicht«, antwortete er. »Es ist ein großer See, und manchmal sieht man kaum drüben das Ufer. Dann könnte man sich einbilden, man wäre am Strand. Aber man horcht und horcht und das Wasser bleibt still.« Er erzählte nun von dem Meer. »Da gibt's auch elektrische Fische«, sagte er, »man nennt sie auch Degenfische. Sie sollen ein Pferd töten können. Das ist anders als hier die Neunaugen. Dann sind wir mal in einen Schwarm fliegender Fische geraten. Sie schossen meterhoch an uns vorbei. Da könnte ich Ihnen noch viel erzählen.« »Das dürfen Sie nicht vergessen«, antwortete Emilie, »im Winter sind die Tage hier lang genug. Dann hört man gern, was es alles in der Welt gibt. Ach ja, ich möchte auch schon reisen!« »Wie wär's, wenn wir davongingen«, lachte er, »aber nun bin ich ja hier Kaufmann geworden«, setzte er ernst hinzu. »Sind Sie damit zufrieden?« fragte Emilie. »Das muß man alles abwarten«, antwortete er. »Ich glaube, es ist schon gut, wenn man was Eigenes hat.« »Hoffentlich wird es Ihnen nicht zu eng hier«, sagte Emilie. »Eines Tages gehen Sie uns davon.« »Würde Ihnen das leid tun?« fragte er. »Ich weiß nicht«, antwortete sie und ging etwas schneller. »Jetzt laufen Sie mir davon«, scherzte er. Er hatte sie eingeholt und seinen Arm um sie gelegt. Sie machte sich leise los. »Es ist spät«, sagte sie verlegen. »Einmal hatten wir eine Baßgans gefangen«, erzählte er, »das ist ein possierlicher Vogel, ein Tölpel. Sie sollen viele Eier legen. Zwanzigtausend Stück findet man manchmal auf so einer kleinen Insel. Damals wußt' ich noch nicht, daß es mein Handelszweig wird, sonst hätt' ich mir wohl solche Vögel mitgebracht.« Sie gingen wieder Hand in Hand. Im Hause war Licht. Man konnte durch das niedrige Fenster sehen. Frau Drees hatte Besuch. Bolk, der Schmied, war da. Seine Frau saß auf dem Sofa unter einem Männerbild, das einen Plüschrahmen hatte und den verstorbenen Alfred Drees darstellen mochte. »Wollen Sie nicht mit hereinkommen?« fragte Emilie. Christian zögerte. »Ich hab schon von Ihnen erzählt«, gestand Emilie, »Sie kennen ja auch den Schmied.« Christian nahm nun die Einladung an. Frau Drees machte den Eindruck einer resoluten Frau. Sie nahm kein Blatt vor den Mund. »Beinah wären wir verwandt geworden«, sagte sie, »der Alte ging hier auf Freiersfüßen, aber nachher dachte er wohl, 'ne Magd hält stiller als 'ne Frau.« Sie sagte es im Scherz, aber man spürte doch deutlich den Ärger. Bolk wies sie zurecht: »Iben Kars hat nie davon gesprochen«, sagte er. »Das nicht! Aber jeden Tag machte er sich ein Gewerbe«, antwortete Frau Drees. »Auch gut, ich brauch ihn nicht. Die paar Groschen wird er schon mal wiederkriegen. Außerdem sitzt er im Fetten und braucht's nicht.« Christian war diese Aussprache unangenehm, auch wenn Frau Drees zu ihm sagte: »Sie können ja nichts dafür!« Er wandte sich zu Emilie, die verlegen ein Album zur Hand genommen hatte. Es waren Ansichten einer Hafenstadt. Drees hatte das Buch einmal von einer Reise mitgebracht. Er war stolz darauf gewesen, bis zu dieser Stadt gekommen zu sein. ›So weiß man wenigstens, wie's in der Welt aussieht‹, hatte er immer gesagt. Christian war diese Stadt wohl bekannt, und er erklärte dem Mädchen die Bilder. Er verschwieg, daß es dort wilde Matrosenkneipen gab, in denen er öfter gesessen hatte, er erzählte lieber von dem Zoologischen Garten und von den seltsamen Tieren darin. So saßen sie beide für sich in der Stube, die Gedanken eingesponnen in das verwirrende Leben einer fremden Stadt. »Ich würde Ihnen gern das alles zeigen«, sagt Christian. In seiner Stimme liegt viel Zärtlichkeit. Es ist lange her, daß er neben einem jungen Mädchen gesessen hat. Behutsame Geschöpfe sind sie, die leicht ein Wort vertreibt. Wenn man gewohnt ist, mit robusten Frauen umzugehen, muß man die Zunge doppelt hüten. Man ist täppisch wie in Jünglingsjahren und schließlich glaubt man gar nicht, welches Leben hinter einem liegt, wenn man erstaunt seinen eigenen Worten zuhört. Wenn das junge Mädchen eine Frage tut, ist man dankbar dafür, weil man fühlt, daß sie die Worte, die einem selbst wunderlich vorkommen, ernst und freundlich aufnimmt. Später muß Christian lächeln, weil er ihr so viel von Tieren erzählt hat, von Degenfischen und Baßgänsen, und von den sonderbaren Geschöpfen im Garten. »Es ist auch ein Restaurant da«, hatte er berichtet. »Man kann auf einer Terrasse sitzen. Es ist oft Musik und manchmal tanzt man im Freien. Dann sehen die Menschen wunderlicher aus als die Pinguine, die klug hinter dem Gitter stehen. Auch die Pelikane sehen zu und hin und wieder gehen sie und fangen sich einen Fisch.« Das hatte er erzählt und vieles andere. Halblaut hatten sie miteinander gesprochen, um die Rede nicht zu stören, die Bolk mit Frau Drees führte. »Der Knecht ist nun davon«, sagte Frau Drees, »es kann sich hier keiner beklagen, aber sie halten nicht aus. Ich weiß auch nicht, woran es liegt. Nun muß ich sehen, wo ich wen anders herkriege. All und jeden, der vorspricht, will man nicht nehmen. Es geht einem jetzt schon mehr aus dem Haus, als hereinkommt. Aber was soll ich machen? Das Schuppendach muß repariert werden, und wenn ich den Handwerker kommen lasse, kostet es wieder einen Haufen Geld. Dabei kann man's leicht selber schaffen, wenn eine Mannsperson da wäre.« Sie wollte es wohl Bolk nahelegen, daß er vielleicht einmal nach seiner Arbeitszeit daran gehen könnte. Aber Bolk sagte: »Wovon soll der Handwerker leben, wenn ihm jeder dazwischen pfuscht? Ich würde mich auch beklagen, wenn der Dachdecker anfinge, Pferde zu beschlagen.« »Es ist gut, wenn man in jeder Tasche eine Ausrede hat«, zankte Frau Drees. Frau Seba hatte hin und wieder einen Blick auf die jungen Leute geworfen. Es waren freundliche Blicke, und sie seufzte zuweilen dabei. Diese Frau, deren Hände schwielig und vom Schmiedefeuer gerötet waren, liebte es, sich weichen Empfindungen hinzugeben. Sie war stark wie ein Tier, und ihr Schritt klang laut über die Straße, aber ihr Herz war immer bereit, sich den Lichtblicken des kleinen Lebens zu öffnen, dem Lachen eines spielenden Kindes, den Träumen einer alten Frau oder dem Zärtlichtun Verliebter. Das alles wünschte Frau Seba mitzuerleben, und ohne sich einzudrängen, stand sie verschwiegen dabei, bekam weiche Augen und seufzte. Nun war es ihr unangenehm, daß Frau Drees so laut wurde und daß Bolk ihr widersprach. Sie hätte lieber gesehen, wenn sie geschwiegen und nur auf das halblaute Flüstern gelauscht hätten, das aus der Ecke des Zimmers kam. Sie verstand kein Wort, das Christian sagte oder Emilie antwortete, aber jeder Laut, der an ihr Ohr klang, schien ihr wie ein zärtliches Geständnis vorbeizuhuschen. Alle Zuneigung, die sie im Herzen trug, breitete sie jetzt schon im stillen über die beiden. Sie wog ihre Erscheinungen gegeneinander ab, und zufrieden über das Ergebnis seufzte sie wieder. »Wenn ich Zeit hätte, würde ich selber den Hammer nehmen«, sagte Frau Drees. Sie war noch immer bei dem Schuppendach, das wiederhergestellt werden mußte. Christian hörte ihre letzten Worte. Er hatte Emilie alles erzählt, was mit der Hafenstadt im Zusammenhang stand. Nun war das Album geschlossen und lag wieder auf dem Tisch. Sie waren aufgetaucht aus ihrer Versunkenheit und wandten sich wieder den anderen zu. Christian mußte nun die Geschichte von dem weggelaufenen Knecht anhören. »Vielleicht kann ich Ihnen etwas zur Hand gehen«, sagte er freundlich. Dabei drückte er leise Emilies Hand, als wollte er andeuten, daß sich ihm so Gelegenheit bieten würde, öfter und zwanglos in ihrer Nähe zu sein. Frau Drees sah ihn überrascht an. »Ich hätte schon Arbeit für Sie«, sagte sie dann lachend. Sie setzte ihm noch einmal die notwendige Reparatur des Schuppens auseinander. »Warum nicht?« antwortete Christian, »da könnte man sich mal wieder ausarbeiten.« Er erzählte nun, wie er früher öfter dem Schiffszimmermann geholfen hätte. Bolk hörte ihm mißmutig zu. Auf dem Heimwege sagte der Schmied: »Sie sollten das mit dem Schuppen nicht tun. Sie werden Ärger bekommen mit Lüßmann. Jeder hat sein Gewerbe. Sie Ihren Handel und er seine Werkstatt.« »Lüßmann hat auch allerlei«, antwortete Christian. »Er ist noch Fuhrunternehmer und Totenbesteller. Man hat mir erzählt, daß in Sureiken jeder dreierlei Berufe hat.« Dabei wollte er wohl auf Bolk selbst auch anspielen. Der Schmied überhörte den Vorwurf. Er sagte: »Lüßmann tut's, weil er ein schweres Auskommen hat in Sureiken. Wenn er von Hobel und Säge leben könnte, würd er's zufrieden sein. Jedoch er hat viel Mäuler zu stopfen. Das ist mit Holz allein nicht getan. Auch könnte man sagen, wer den Sarg macht, sorge desgleichen für den Bewohner.« Frau Seba hatte ihren Mann einige Male mahnend angestoßen. Nun sagte sie beim Abschied zu Christian: »Emilien wird's schon behagen.« Er drückte ihr vertraut die Hand, zufrieden, einen Menschen zu haben, der wußte, wie es in dieser Stunde um ihn stand. Sureiken war kein fremder Platz mehr, es begann, sich wie eine Heimat zu öffnen. So trat Christian lustig ins Haus. Jakob Kloth war noch auf, saß neben dem Herd und rauchte seinen Tabak. Es war auch Besuch da, der Nachtwächter war für ein Weilchen eingetreten. Tonnis hieß er und war ein kleiner runder Kerl. Er ging Jakob Kloth bequem unter die Arme hindurch. Die beiden saßen da und schwiegen. Sie nahmen von Christian kaum Notiz. Einmal sagte der Nachtwächter: »Sparre.« Das ist der Kuhhirt. »Sparre«, sagte er und lachte dazu, aber weiter erzählte er nichts. Als er fortging, um seine Runde zu machen, war er noch immer belustigt. Tagelang war er vergnügt wegen Sparre. Dann einmal, eines Abends, ging er von Kloths Haus den dunklen Seitenweg zum See. Er setzte sich auf den Rand eines Bootes und begann einzudruseln. Nach einem Weilchen fuhr er auf, weil er das Geräusch einer harten Säge vernommen hatte. Es klang nahe bei ihm, und er fürchtete, daß schlechte Hände sich an einem Fischkasten zu schaffen machten. Er erhob sich vorsichtig und blieb dann regungslos stehen. Die Säge ist eine böse Waffe. Sie kann einem leicht ins Bein fahren. Auch will man seine Knochen, wenn man sie siebzig Jahre lang in Ehren gebraucht hat, nicht leichtfertig zu Markte tragen. Es ist auch nicht viel Ehre dabei, sich mit Spitzbuben einzulassen. Am wenigstens für einen alten Mann, der einen guten Leumund hat. »Wo Stehen keine Ehre ist, ist Laufen keine Sünd'«, sagte Tonnis und schlich behutsam davon. Er klopfte Jakob Kloth heraus und sagte ihm, daß sich Burschen an seinem Fischkasten zu schaffen machten. Christian nahm die Fahrradlaterne, und so gingen sie zu dritt an den See. Man leuchtete über die Boote hin und sah, daß Sparre, der Kuhhirt, in dem einen Boot lag und schlief. »Er hat eine Säge im Leib«, brummte Tonnis ärgerlich. Sparre wachte durch den Lichtschein nicht auf. Man ließ ihn schlafen. In dieser Nacht mußte Tonnis noch mehr erleben. Es wird eine Nacht, an die er zeitlebens denken kann. Es ist eine große weite Nacht, mit so viel Dunkelheit, daß Tonnis seine Laterne dicht über den Weg halten muß. Es ist nichts weiter zu hören als sein langsamer, etwas schlurfender Schritt. Manchmal auch sein Gekrächz, wenn der Tabak zu dick in die Kehle läuft, manchmal auch sein gutmütiges Gekicher, wenn er an Sparre denkt. So geht Tonnis langsam den Weg entlang. Da schlafen nun also alle in Sureiken. Rechts und links der Straße, alles schläft. Die Lebenden in ihren Betten, die Toten ihnen gegenüber unter den Hügeln. Tonnis' Vorgänger hat noch ein Horn gehabt, mit dem er nachts die Stunden abblies. Es ist das Horn, das jetzt Patzke trägt, um während des Sommers die Schwimmer im See zu warnen, wenn sie an moorige Stellen kommen. Es hat Tonnis immer verdrossen, daß er dieses Horn nicht erben durfte. Er muß der schweigsame Wächter sein, der durch die dunklen Straßen stapft, und nur hin und wieder mit dem Stock gegen einen Zaun schlägt, wenn ein Hund ihn zu laut ankläfft. Man hat sich in Sureiken eine Neuerung ausgedacht. Es sind zwei Uhren angebracht, eine am Eingang des Dorfes, und eine am Ausgang. Jede Nacht muß Tonnis dreimal den Schlüssel in die Uhren stecken, damit der Herr Amtsvorsteher von einem Papierstreifen ablesen kann, ob Tonnis seine Pflicht getan hat. Tonnis hat viel auf die Kontrolluhren geschimpft. ›Man hat kein Vertrauen mehr zu einem Menschen‹, sagt er, ›wie ist das bloß in die Welt gekommen!‹ In dieser Nacht wird Tonnis nicht mehr bis zu den Kontrolluhren kommen. Am nächsten Morgen wird der Amtsvorsteher zu ihm sagen: »Die Uhr war nicht gesteckt«, und Tonnis wird darauf antworten: »Es war wegen Sparre.« Der Amtsvorsteher wird nicht im mindesten ärgerlich sein. Er wird nachdenklich sagen: »Ja ja, der arme Sparre! – Stecken Sie sich 'ne Zigarre an, Tonnis.« So freundlich wird der Vorsteher sein, obgleich Tonnis die Uhren versäumt hat. Aber noch ist Nacht, und Tonnis weiß noch nichts davon. Er geht langsam dem Ende des Dorfes zu. Im Hause des Schusters Laabs ist es laut geworden. Man hört eine Frauenstimme, die zankt und sich nicht beruhigen lasten will. Tonnis bleibt stehen und schüttelt den Kopf. Dann klinkt er die Tür auf und geht zu dem Schuster ins Haus. Das wiederholt sich alle Monat einmal, wenn Laabs nach Thorde gefahren ist, um Leder zu kaufen. Das Leder, das er mitbringt, hat seinen Gang wankend gemacht und seine Stimme zärtlich. Schon die letzten Schritte vor dem Haus beginnt Laabs dann jedesmal zu rufen. »Miesekinn, Miesekinn«, ruft er und knurrt wie ein Kater. Es ist das Wort, das sich seine Zärtlichkeit vor Jahren einmal für seine Frau ausgedacht hat. Sie kann das Wort nicht leiden, und an nüchternen Tagen wagt er auch nicht, es zu gebrauchen. Aber wenn er aus Thorde kommt, kündigt er sich damit an. Während die Frau mit Scheltreden auf ihn einfährt, ist Tonnis in das Zimmer getreten. Laabs sagt mit weinerlicher Stimme zu ihm: »Sie will keine Vernunft annehmen«, und Frau Laabs fährt dazwischen: »Ich mag ihn nicht ansehen. Sieh her, wie er aussieht!« Laabs ist schmutzig am Ärmel und auch das linke Hosenbein ist weiß von Kalk. »Ich bin wo angestreift«, sagt Laabs, »weiter nichts.« Frau Laabs ist erschöpft vom Zank und fällt in den Stuhl. Sie ist kurzatmig, und man sieht, wie rasch ihr Atem geht. »Er bringt mich noch unter die Erde«, sagt sie. Tonnis weiß nun, was sein Amt ist. Er singt eintönig mit brummelnder Stimme: »Hört ihr Herrn und laßt euch sagen, Dem Herrgott mag kein Lärm behagen, Bewahr euch Gott vor aller Pein, Auch mag kein Wort verschwendet sein. Lobet Gott den Herrn.« Tonnis hätte nicht sagen können, wie er zu diesem Lied gekommen ist. »Ich hab's mir selbst ausgedacht«, behauptet er manchmal, aber es heißt, daß der alte Kantor von Thorde das Liedlein einmal am Stammtisch auf seinen jungen Nachfolger gesungen hätte. So ist es wohl auch in Sureiken bekanntgeworden. »Das Nachtwächterlied«, nennt es Tonnis. Zuweilen summt er nachts den Vers vor sich hin, er darf ihn ja nicht laut singen. Er ist traurig, daß es niemand hört. Nur bei Laabs kann er das Lied anbringen, jeden Monat einmal. Wenn er mit seinem Mummelgesang fertig ist, sagt Frau Laabs jedesmal: »So sollte es sein, weiß Gott, Tonnis, so sollte es sein.« Und der Schuster Laabs versucht immer, sich in die Brust zu werfen: »So ist's, so und nicht anders!« Frau Laabs fühlt, wie ihr kurzer Atem freundlicher wird. Er setzt ihr nicht mehr so zu wie anfangs, sondern er schnurrt nun ganz gemütlich in ihrem Hals. Sie verpustet sich noch ein wenig, hat ein paar Tränen in den Augen, und während ihr diese Tränen langsam über die Backen rollen, steht sie auf und holt die Kleiderbürste. Sie geht zu dem Schuster, der schon anfängt einzuschlafen, und sie säubert ihm vorsichtig den Jackenärmel und das linke Hosenbein. Im Halbschlaf murmelt er zärtlich: »Miesekinn«, und sie nimmt es ihm nicht übel. Wenn Tonnis geht, leuchtet sie ihm die Stiege hinab. »Fall bloß nicht«, mahnt sie, »Gott, ist das dunkel! Es ist nur gut, daß er nach Haus gefunden hat.« Dann geht die Türe zu und Tonnis stapft weiter. Ein paar Schritte hin fällt ihm die Geschichte mit Sparre ein. ›Was hat er sich in das Boot gelegt?‹ denkt Tonnis, ›er wird klamm werden. Es ist eine kalte Nacht. Warum bleibt er nicht in seinem Stroh? Ist's zu glauben, legt sich der Kuhhirt mitternachts in ein Boot! Er hat uns einen schönen Schreck eingejagt mit seinem Geschnarch‹, denkt Tonnis. Und wieder ein paar Schritte hin fällt ihm ein, worüber er schon bei Jakob Kloth gelacht hatte. ›Ich hätte Sparre danach fragen sollen, es war gute Gelegenheit am Boot. Möcht schon wissen, ob's wahr ist, daß er früher mal Pferde zugeritten hat beim Grafen. Lüßmann hat er's erzählt. Eine bunte Jacke will er angehabt haben und eine bunte Mütze. Auch Kanarienhosen. Auch soll seine Schwester adlig verheiratet sein.‹ Tonnis lacht wieder, doch das Lachen vergeht. ›Vielleicht hat er Ärger gehabt mit dem Amtsvorsteher, daß er nun nachts im Boot liegt. Der Vorsteher ist ein strenger Mann, der kann einen schon vom Stroh jagen.‹ Auf einmal hat Tonnis Sorge um Sparre. ›Ich will nach ihm sehen‹, entschließt er sich, ›es sind bloß ein paar Schritt.‹ So macht er sich auf den Weg zu den Booten. Als er die Laterne hoch hebt, sieht er, daß Sparre auf der Ruderbank sitzt. Er hört ihn auch ächzen. »Was hast du, Sparre?« fragt Tonnis. »Ist gut, daß du da bist«, sagt der Kuhhirt. »Mir ist heute so leicht, daß ich wegfliegen möcht.« »Das hört man gern«, antwortet Tonnis. »So nicht«, klagt Sparre, »es ist alles ohne Halt. Ich dacht schon, die Wand würde einfallen. Darum bin ich vom Stroh gegangen.« »Du hast das, was die Menschen Schwindel nennen«, erwidert Tonnis, »man hat das öfter, besonders wenn man zu Jahren kommt. Zwar ist's mir noch nicht zugestoßen.« »Das könnte es wohl sein«, meint Sparre. Sie sitzen dann ein Weilchen schweigend beieinander. »Jetzt kommt es wieder«, sagt Sparre, »der Himmel dreht sich.« »Er wird nicht einstürzen«, tröstet ihn Tonnis, »mach die Augen zu.« »Es dreht sich noch immer«, sagt Sparre. Auf einmal schreit er: »Nun falle ich!« Aber er fällt gar nicht, sondern sitzt nach wie vor auf der Ruderbank, doch ist ein Schütteln über ihn gekommen, das ihn hin und her reißt. »Du bist krank, Sparre«, sagt Tonnis, »du solltest nicht hier draußen bleiben, es ist eine kalte Nacht.« »Nun geht's schon vorüber«, antwortet Sparre. Das Schütteln hat aufgehört, er sitzt ganz ruhig. Dann schweigen sie wieder. Nach einem Weilchen sagt Sparre: »Man hat's nicht weit gebracht, das ist mir vorhin schon durch den Kopf gegangen. Man pfeift morgens die Kühe und abends laufen sie von selbst in den Stall. Manchmal denke ich, da wird man nun geboren.« »Du mußt dir darüber kein Nachdenken machen«, sagt Tonnis. »Steh lieber auf und komm. Ich will dich aufs Stroh bringen.« »Nein nein«, ruft Sparre. Es ist viel Angst in diesen Worten. »Ich bin gesund, Tonnis, es war bloß eine Anwandlung.« »Man kann keinem Menschen Zwang auftun«, antwortet Tonnis, »so will ich dich hierlassen. Ich muß nun noch zu der Uhr.« »Bleib noch ein bißchen«, bittet Sparre. »Ich will noch zehn Minuten dran geben«, sagt Tonnis, »so kann ich dich auch gleich fragen.« Er bringt nun vor, was er von Lüßmann gehört hat. Er erzählt es umständlich, auch die kanariengelben Hosen erwähnt er, und die Peitsche mit dem silbernen Stiel, die ihm nachträglich noch eingefallen ist. »Das alles hat seine Richtigkeit«, sagt Sparre. »So hoch her also«, wundert sich Tonnis. »Ich will dir alles erzählen«, antwortet Sparre hastig. »Ich fühl die Leichtigkeit wiederkommen«, fügt er ängstlich hinzu, »mein Herz will wegspringen.« Dann, nach einer Pause, beugt er sich zu Tonnis und beginnt zu sprechen. Seine Worte fliehen dahin. Nicht alle kann Tonnis einfangen. ›Was ist ihm?‹ denkt er nur, ›wie's doch den Menschen manchmal packt.‹ Auch wird Sparres Stimme immer leiser. Schließlich muß Tonnis mahnen: »Sprich lauter, Sparre, man hat nicht mehr die jüngsten Ohren.« Einmal wirft Tonnis ein: »Ist das denn wahr, Sparre?« »Tu mir den Gefallen und glaub's«, bettelt der Kuhhirt, »es ist so, mein Bruder ist aufs Studium gegangen. Er ist ein großer Mann. Rechtsanwalt nennt er sich, auch Notar. Er bewohnt ein großes Haus allein, die Treppe ist von Marmor. Auch steht eine Figur am Eingang, die eine große Lampe hält. Die Figur ist – ich weiß nicht mehr, ich weiß nicht mehr, Tonnis, wie man den Stoff nennt. Es könnte wohl Gold sein. Du kannst das alles glauben, auch das mit der adligen Schwester. Der Graf diente bei den Ulanen, er trug einen roten Leibrock. Das alles stimmt. Meine Mutter – – –« Sparre sprach nicht weiter. Er sank in sich zusammen, er war viel kleiner als vorher, man konnte ihn für ein Kind halten. »Wir waren vierzehn Kinder und sind alle gestorben«, flüsterte er. »Was sagst du da?« fragte Tonnis. »Alle tot«, antwortete Sparre. Seine Stimme krächzte. Tonnis griff ihm nach der Stirn, hielt ihm die Lampe dicht vors Gesicht und sah ihn besorgt an. »Das würde wohl Fieber sein«, meinte er. »Du mußt jetzt aufstehen, Sparre, ich will dich nach Haus bringen. Vielleicht riefe man den Arzt.« Er versuchte den Kuhhirten aufzurichten. Sparre sträubte sich jetzt nicht, doch taumelte er so, daß auch Tonnis wankte. Sie kamen beinahe zu Fall. »So wäre wohl auch Laabs aus Thorde heimgekommen«, sagt Tonnis. »Er hat Leder gekauft.« Es war ihm klar, daß auch Sparre einen über den Durst getrunken hatte. Wie konnte ein Mensch sonst so reden? Das hat ihm die Zunge leicht gemacht. Tonnis muß lachen. Er kichert laut vor sich hin, aber er verstummt, weil Sparre anfängt zu lallen. Nun ist es schon kein Lallen mehr, sondern eher ein Gurgeln, und nun schon ein Röcheln, das in der Kehle sitzt. »Sparre«, sagt Tonnis erschrocken und zieht ihn schneller mit. Tonnis ist noch gut beiwege, er hat noch nicht viel Kraft eingebüßt bei seinem Alter. Wenn's darauf ankäme, würde er den Kuhhirten auch tragen. Nicht weit, aber doch ein paar Schritt. Er hat seinen Arm fest um Sparre gelegt und zerrt ihn neben sich her. Sparre ist wieder zu sich gekommen. »Was machst du denn?« sagt Tonnis. »Du hast mir einen Schreck eingejagt.« »Tonnis«, sagt Sparre, »bring mich nicht aufs Stroh. Ich will in den Stall zu den Kühen.« »Was ist das für ein Einfall?« antwortet Tonnis. »Zu den Kühen«, ächzt Sparre. Dann ist schon wieder das Gurgeln da und das Röcheln. »Sparre, Sparre«, schreit Tonnis. »Sparre!« schreit er noch, als er mit ihm schon an einem Tor ist. Dahinter schlafen die Kühe von Dan Lebbers. Es ist der nächste Stall. Es ist überhaupt das nächste Gebäude am Weg. »Hast recht. Sparre, hier rein. Sparre, was ist denn? Sparre!« Der Kuhhirt ist in das Stroh gesunken, er liegt da wie ein Bündel. Eine Kuh ist aufgewacht und muht. Sie hat den Kopf hoch gereckt und ihr Atem geht warm über Sparre. Auch Tonnis fühlt, wie es warm von dem Maul der Kuh kommt. Sparre wälzt sich zur Seite, er liegt nun dicht neben der Kuh. In dem Schein von Tonnis' Laterne liegt der krumme Hirt und darüber das große Haupt der Kuh. Auch ein Stück ihres gewaltigen Nackens sieht man. Alles andere ist dunkel. Das Stroh, auf dem Sparre liegt, ist gelb und ein wenig feucht. Es riecht auch nach Dung. Tonnis steht unschlüssig da mit seiner Laterne. Er will gehen, um Hilfe zu holen, denn er sieht nun, wie es um den Hirten steht. Doch da richtet sich Sparre auf, hat große Augen, als wollten sie den Lichtschein der Laterne fassen, große dunkle Augen hat Sparre, daß sein Gesicht nicht größer scheint als eine Handfläche. Er hat sich aufgerichtet und läßt seine Blicke noch einmal groß durch den Stall gehen, erst durch das Licht und dann durch die Dunkelheit. Darauf fällt er langsam zurück. Es ist kein Fallen, eher ein Sichhinlehnen. Nun liegt sein Kopf an dem warmen Körper der Kuh. Das Tier liegt still da und nur vom Schnauben des Atems zittert leise sein Fell. Nach einem Weilchen beginnt Sparre sich zu strecken. Ganz lang streckt er sich, Beine und Arme. Nun ist er kein ängstliches Bündel mehr. Er ist wieder groß und ein Mensch. Dann liegt er ohne Bewegung, die Augen noch immer weit auf. Das alles hat Tonnis mit Schrecken gesehen. Nicht daß eine dieser Bewegungen ihm Furcht eingeflößt hätte. Es waren nicht die Bewegungen, sondern das Fremde darin, das Tonnis sich nicht erklären konnte. ›So legt sich ein Mensch in den Tod‹, denkt Tonnis. Er ist ängstlich geworden, und die Laterne in seiner Hand zittert. Rückwärts geht er aus dem Stall. Er läßt das Tor halb offen. Er klopft nebenan bei Jakob Kloth an das Fenster. Dreimal, viermal muß er klopfen. Sie haben einen festen Schlaf. Nur wenige Stunden hat Jakob Kloth Zeit zum Schlaf, aber in diesen Stunden schläft er tief und weit weg von allem. Viermal klopft Tonnis, dann wacht eins der Kinder auf und schreit. Nun wird auch Jakob Kloth munter und hört das Geklopf. Auch Christian ist wach geworden. Sie stehen nun zu dritt am Fenster, Jakob Kloth, Christian und eins der Kinder. Das Fenster wird etwas geöffnet und Tonnis sagt: »Der Kuhhirt liegt auf den Tod.« Nun ist Jakob Kloth schon vor der Tür. »Ich hol den Arzt!« ruft Christian und läuft nach dem Fahrrad. Er kommt angelaufen mit dem Rad, er springt im Laufen auf. Sein Lichtschein verweht zwischen den starren Bäumen. Christian fuhr nach Thorde zum Arzt. Jakob Kloth und Tonnis gehen zu dem Sterbenden. Sie gehen ohne Hast. Ihre Schritte sind groß und schwer. Tonnis hält die Laterne wieder fest in der Hand. So gehen sie langsam auf das Tor zu. Unter den hölzernen Pfosten hält Tonnis Jakob Kloth zurück. Er sagt umständlich: »Oft reckt sich der Mensch, aber dieser reckte sich anders.« Dann treten sie zu dem Toten. * Christian hatte in Thorde Bescheid gesagt. »Im Stall bei Lebbers?« fragte der Arzt und schüttelte den Kopf. Er ist durch die Glocke aus dem Schlaf gerissen und hat sich nun eine Zigarre angezündet mitten in der Nacht, um wach zu sein. Er läßt sich keine Zeit, er fährt gleich los. Noch auf der Straße in Thorde überholt er Christian. Das Licht des Wagens schiebt sich wie ein Kegel in die Nacht. Es blendet, leuchtet und schon huscht es weit weg. Ganz fern ist es schon wie ein Nebelfleck. Christian fährt langsam. Er war außer Atem in Thorde angekommen, nun erholt er sich von der raschen Fahrt. Ganz langsam fährt er die Straße entlang. Zuerst fährt er auch ohne Gedanken. Alles liegt schwer in seinem Kopf. Nun richtet sich dieses und jenes auf. Ein Stück Weges hin hat die kühle Nachtluft ihm den Kopf frei gemacht. Der Reihe nach kommen die Gedanken wieder in Ordnung. Da ist Sparre. Christian kennt den Kuhhirten kaum, doch ist ihm erzählt worden, daß Sparre nie ohne ein Buch in der Tasche die Kühe austreibt. Nun wird das letzte Buch ausgelesen sein. Da ist auch Tonnis mit seinem runden Gesicht. Seine Augen sind noch erschrocken. »Der Kuhhirt liegt auf den Tod«, hatte er gesagt. Der Kuhhirt liegt auf den Tod, wiederholt Christian. Das Wort ist nun schon wie eine Melodie während des Fahrens, ein langsames Auf und Ab: Der Kuhhirt liegt auf den Tod. Das ist nun schon wie eine Schläfrigkeit. Im Gesträuch an der Seite des Weges schreit ein Vogel. Ein kleiner Vogel schreit in der Nacht. Vielleicht im Traum, vielleicht aus Angst. Christian lauscht. Nein, es ist kein Schrei aus Angst. Es ist eher ein klagendes Seufzen, ein Schluchzen voll Verlassenheit. Ein banger Ruf aus einem Traum. Es ist später Herbst, auch die roten Beeren sind schon fahl und der Sommer ist weit. Der Kuhhirt liegt auf den Tod. Ein Mensch stirbt mutterseelenallein im Stall. Das war ihm wohl nicht an der Wiege gesungen. So einsam kann ein Leben enden. Nun ist der Ruf des Vogels fort. Im dunklen Feld ist der Schlag einer Uhr. Über alle Wege hin sagt die Nacht mit ihrer großen Dunkelheit von einem Kirchturm her die Stunde an. Unter dem Kirchturm schlafen die Häuser. In den Häusern ist ein geborgener Schlaf. In allen Ställen schläft das Vieh. Es ist gut an eine Nacht zu denken voll Schlaf. Da kommt eine liebe Heimlichkeit in das Herz. ›Auch sie schläft‹, denkt Christian, ›und sie träumt wohl gar.‹ – Und er denkt, sie könnte mir schon gefallen. Emilie, das ist ein verständiger Name. ›Frau Drees, werde ich sagen, da bin ich. Wo ist der Schuppen? Sie sollen sich wundern, Frau Drees, wie fix das geht. Aber es muß ein jemand die Bretter halten, er muß mir auch die Nägel zureichen. Wo ist denn Fräulein Emilie? – Da ist sie ja schon! Sauber sehen Sie aus, Emilie. Da kriegt man schon Appetit. Wie wär's mit 'nem Kuß? Sieh einer an, da sagt sie nicht nein.‹ ›Wie lieb du bist, und wie gut du bist, ach Emilie. Dein Mund ist so rot und dein Haar ist so hell, ach Emilie. Ich hatte gerade von dir geträumt, da schlug mir der Kuhhirt den Traum entzwei. Ich hatte gerade an dich gedacht – nun fahr ich allein durch das dunkle Land, ach Emilie. Ich bin schon durch manche Nacht gefahren allein, durch viele Nächte, nun ist das vorbei. Bald bin ich bei dir, Emilie.‹ Christian singt vor sich hin. In dem bleigrauen Himmel schwimmt ein verhängter Mond. Die Sonne ist noch nicht da, aber ein kleines, warmes Lied fährt über die Wege, und von den großen Lampen im Leuchtturm Thorde wandelt das Licht wie eine Schildwacht rastlos durch die dämmernde Stunde. Christian lacht und singt. Da hinten ist der Leuchtturm Thorde und dahinter das Meer. Daran denkt Christian in dieser Stunde nicht, denn eine kleine Singweise ist da. Ungefüge Worte sind es nach einer dummen Seemannsmelodie. Ja, diese Melodie ist schuld daran, daß er das Meer vergißt und das kreisende Licht nicht sieht über Thorde. Christian lachte und sang. So töricht ist nun ein Mann. Dazu in einer Nacht, wo er den Arzt rief zu einem Sterbenden. Wenn ich nach Hause komme, denkt Christian, wird man mir davon erzählen. Jakob wird da sein und Tonnis, und sie werden vom Tod sprechen. Ich pfeif auf den Tod, ich will nichts von hören. Und Christian fährt einen großen Umweg. Feldein fährt er und zurück nach Thorde und um Thorde herum durch das Holz. Aus einer Stunde werden zwei, werden drei. Zwischendurch ist er abgestiegen und hat sich in der Tür eines Schuppens ausgeruht, die Beine lang gemacht, die Hände unter dem Kopf, ein bißchen eingeschlafen und aufgewacht und weiter gefahren. Sonnabend muß Bolk wieder spielen, da hol ich dich zum Tanz, Emilie. Da wollen wir nichts von Arbeit reden und nicht hören, was der Gastwirt sagt. Tanzen wollen wir, tanzen, Emilie. Und die Nacht gehen wir ganz alleine nach Haus. Ach wie lieb du bist, und wie gut du bist, Emilie. Nun wird der Himmel schon etwas hell, die Kirchuhren schlagen wieder im Feld. Durch feuchtes Grau fährt nun das Rad. So schlägt man sich eine Nacht um die Ohren, denkt Christian, als wär man so ein verliebter Fant. Das hätte mir einer sagen sollen, noch gestern hätt' ich ihm gesagt: du bist ein alter Schafskopp, Freund. Dazu kennt man die Weiber zu genau, als daß einem das passieren könnt. Wir haben die Welt auf Stützen gestellt, wir hängen uns keine Schürze an. Beim Himmel, das hätt' ich ihm gestern gesagt. Und heute? Heute, Emilie! Durch den frühen Morgen fährt Christian nach Haus. Vor ihm rumpelt der Wagen der Molkerei, der die Milchkannen von den Höfen zusammenholt. »Morgen«, schreit der Kutscher. »Morgen«, ruft Christian, und sie fahren nebeneinander her. Christian hat die Hand auf das Kastenbrett des Wagens gelegt und läßt sich von den Pferden mitziehen. Er erzählt mit dem Kutscher. Nach Stunden einsamer Nacht tut ein Gespräch gut. Es stehen schon eine Anzahl Kannen auf dem Wagen, blanke Kannen sind es und gut verschlossen. »Bloß die von Otto könnte sauberer sein«, schimpft der Kutscher, »ich hab's ihm schon zehnmal gesagt, so was ist 'ne Schweinerei. Die Milch ist ein Nahrungsmittel, da muß man penibel mit umgehen. Aber er kann vor Dämlichkeit nicht geradeaus gehen. Eh der's begreift! – und seine Frau stirbt lieber, als daß sie sich umdreht. Aber so 'ne Art Menschen kommen auch durch.« Der Kutscher erzählt noch mehr. Jede Milchkanne hat ihre Geschichte. Es ist so, als säße der Bauer dabei, dem sie gehört. »Dreizehn Jahre fahr ich nun schon«, sagt der Kutscher, »da lernt man die Kannen kennen, die Kannen und die Menschen. Viermal am Tag fahr ich den Weg. Da ist man froh, wenn man Gesellschaft hat. Manchmal nehm ich die Kinder mit, wenn sie von der Schule kommen. Die machen immer ein Hallo, sag ich Ihnen. Schmeißt mir die Kannen nicht runter, ihr Bälger. Da setzt euch still hin, sag ich.« Christian läßt sich das alles berichten. Er lacht darüber und fühlt sich froh. »Kommen Sie denn auch nach dem Hof am See?« fragt er so nebenbei. Er denkt immer noch an Emilie. »Jawohl«, sagt der Kutscher, »gegen die Kannen ist nichts zu sagen. Das Fräulein scheuert sie selbst. Da stehen sie.« Er zeigt mit der Peitsche nach hinten und Christian betrachtet lächelnd die Kannen, die Emilie gescheuert hat. »Ein tüchtiges Fräulein«, sagt er. »Und freundlich«, meint der Kutscher, »sie ist schon ein paarmal mitgefahren.« »Auf dem Wagen hier?« fragt Christian. »Jawohl«, sagt der Kutscher, und Christian packt fester das Kastenbrett. »Jetzt sind wir gleich bei Ihrem Onkel«, sagt der Kutscher, »er ist gestern in die Stadt gefahren, ich sah ihn auf dem Bahnhof.« »So?« sagt Christian. Es liegt ihm fern, daß er kaum hinhört. »So forsch möcht ich auch mit siebzig sein«, sagt der Kutscher. Als sie vor den Chausseehof kamen, stand Lisa da. Sie war überrascht, Christian zu sehen. »Ich war nach Thorde zum Arzt«, sagte er, »der Kuhhirt stirbt.« Lisa hatte eine Bestellung für den Kutscher an die Molkerei. Darum wartete sie schon. »Du bist ganz verklamt«, sagte sie zu Christian, »komm rein und wärm dich auf. Es ist nichts, so in der Nacht mit dem Rad.« »Das ist keine dumme Idee«, antwortete Christian. Er ging mit in das Haus. Christian kommt geradewegs aus Tau und dünnem Nebel in die Wärme einer behäbigen Küche. Das Brot liegt noch auf dem Tisch, herrliches braunes Brot, rund gebacken und schwer. Daneben im Tontopf die Butter. Ineinander geschoben stehen Teller da und Näpfe, so wie das Gesinde sie nach dem frühen Imbiß stehen ließ. Vor dem Fischkorb am Herd sitzt die Katze, unentschlossen und die Pfote, die schon nach dem Fisch langt, ängstlich wieder zurückziehend. Sie erhebt sich jetzt und streift schnurrend um die Füße des Mannes. Das Feuer im Herd knackt und kracht. Eine Magd schleppt den Kessel mit Kartoffeln herbei, um ihn auf die Glut zu setzen. Das Mädchen ist barfuß, ihre schweren Holzpantinen hat sie an der Küchenschwelle abgestellt. Sie hat ein dummes gutmütiges Gesicht, und jeder Mannsperson zugetan, lacht sie Christian an. Lisa sah es und fuhr ihr mit einer unwirschen Frage über den Mund. Das Mädchen schlich betroffen hinaus. Christian war belustigt über diesen Zwischenfall. »Guck einer die Kröte an«, sagte er. »Es ist schon ein Jammer mit den Dingern«, zankte Lisa, »hinter jeder Hose sind sie her.« »Sie ist jung«, begütigte Christian. Lisa sah ihn an. Sie strich ihr Haar glatt. Der Ärmel hatte sich zurückgestreift, sie krempelte ihn um. Ihr Arm war voll und glatt. Christian hatte ohne Aufforderung Platz genommen. Er saß auf der Bank hinter dem Tisch, schnitt Brot ab und schob große Stücke in den Mund. »Du brauchst hier nichts trocken zu essen«, sagte Lisa. Sie fährt viel vor ihm auf, Speck, Wurst und kalten gebackenen Fisch. »Wo soll ich denn das alles hinessen?« lachte Christian. »Ein Mann verträgt schon was«, antwortete Lisa. »Du weißt Bescheid, darin kommt der Verstand mit der Ehe.« Zu diesen Worten nickte Lisa. »Du solltest ihn essen sehen«, sagte sie, »wie einen Wagen packt er sich voll, das geht wie beim Heustaaken. Er ist in der Stadt, da hat er beim Anwalt zu tun. Es handelt sich um den Grenzweg an der Mühle. Der Müller hat uns darum verklagt. Er wollte auch zu seinem Schwager. Der ist ja da an der Steuer. Er besucht ihn jedesmal, wenn er in der Stadt ist, und bleibt bei ihm über Nacht. Es ist der jüngste Bruder. Er hängt an ihm als wär es sein eigener. Der einzige Verwandte ist's, der aus der Familie der Frau noch lebt.« »Ich hab auch schon gehört, daß er gut mit ihr gelebt hat«, sagte Christian. »Kein Wunder! Er konnte machen, was er wollte. Sie hat nie was gesagt.« »Was sollte sie tun? Ich glaub schon, daß er seinen Kopf für sich hat«, erwiderte Christian. Lisa regte sich auf: »Mir hätte er nicht so kommen dürfen mit seinen Seitensprüngen.« Christian sagte nachdenklich: »Vielleicht hat sie ihn sehr gerne gehabt. So soll's wohl gewesen sein. Da wird sie ihm vieles nachgesehen haben. Es ist eben was Eigenes mit der Liebe.« Lisa lachte abwehrend: »Ihr Vater war ein kleiner Lehrer. Da wird sie froh gewesen sein, daß sie gut versorgt war.« Christian ärgerte sich: »Du redest eben, wie du's verstehst. Ich meine, es wird jede froh sein, wenn sie hier auf den Hof kommt.« »Ach so, du denkst, deswegen hab ich's getan? Und wenn schon, dann ginge es noch lange keinen was an. Es hat vorher keiner nach mir gefragt, und jetzt braucht's auch keiner. Ich hab mich genug rumstoßen lassen müssen. Mein Vater ist als Holzfäller verunglückt. Eines Tags haben sie ihn zerschmettert nach Haus gebracht. Er war gleich tot. Damals war ich vier Jahre, aber ich hab's bis heut nicht vergessen. Ein Baum hatte ihn erschlagen. Meine Mutter hat für uns Kinder geschuftet, aber sie war lungenkrank, und es ging ihr bloß alles schwer von der Hand. Als ich noch keine zehn Jahr war, hab ich schon beim Bauer geholfen. Abgewaschen und Wasser geschleppt. Auch auf dem Feld, in den Kartoffeln und bei den Rüben. Nein nein, viel Freude hat man nicht gehabt, auch nicht als Kind. Da kann sich keiner so leicht reindenken. Wenn er auch von morgens bis abends arbeiten muß, hat er doch wenigstens seinen vollen Napf. Er tut's auch für's Eigene.« »Nein nein«, sagte sie nochmal, »viel Freude ist nicht dran.« »Ich hab's auch nicht leicht gehabt«, antwortete Christian. Lisa schüttelte lachend den Kopf: »Nun hör das einer an.« Christian blickte betroffen auf: »Du glaubst es wohl nicht?« »Nein«, sagte sie, »nein«, und lachte noch immer: »Also auch schwer gehabt?« Sie wurde plötzlich ernst und sagte heftig: »Du kannst dich wohl beklagen, die ganze Welt gesehen! Ich bin kaum aus diesem Nest rausgekommeu. Wenn du auf deinem Schiff herumgegondelt bist, habe ich hier auf dem Feld den Rücken krumm gemacht, immer auf dem selben Feld. Abends habt ihr mit euren Mädchen in den Kneipen gesessen. Dann bin ich hier todmüde aufs Stroh gefallen. Wie Gentlemänner seid ihr umherstolziert und ich mochte mich in meinen Lumpen nicht mehr sehen. Hier, was Hab ich hier an? Das alte Kleid. Ihr altes Kleid. Sie hat's während der letzten Krankheit getragen, ich ekle mich drin, aber er will's, daß ich's anziehe. Die Frau hat's angehabt, dann ist's wohl auch für dich gut, hat er gesagt. Jawohl, das hat er gesagt. Zehnmal war ich ihm schon weggelaufen, aber wohin?« Sie schmiß sich in den Stuhl und fing an zu weinen. Sie zerrte an dem Rock, als wollte sie ihn abreißen. »Hier hat man wenigstens sein Fressen«, brüllte sie. Christian saß fassungslos da. Er zerkrümelte das Brot, das er in der Hand hielt, kein Wort fiel ihm ein. Schließlich stand er auf, ging zu der Weinenden und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Beruhige dich«, bat er, »draußen auf dem Hof kann man's hören.« »Und wenn's alle hören«, schrie Lisa. »Soll er sich doch aufhängen, wenn er die Frau nicht vergessen kann. Ich bin doch auch ein Mensch und gesund! Sie hat's nicht mal zu einem Kind gebracht.« Christian fuhr ihr tröstend über die Hand. »Darum hat er dich genommen. Wenn erst das Kind da ist, wird er deine Person schon mehr respektieren.« Sie sah ihn hilflos an. »Es ist kein Leben mehr in seiner Kraft«, sagte sie tonlos. Christian läßt ihre Hand los. Er geht mit großem Schritt durch die Küche. Er steht am Fenster. Sein Blick schweift über den Hof. Der Hof ist leer, das letzte Mädchen geht zum Feld. Das sieht Christian durchs Fenster. Nun wendet er sich um. Da sitzt Lisa. Sie hat den Kopf in die Hände gestützt und weint noch. Eine trostlose Frau sitzt da. Sie hat viel gearbeitet. Ihre Hände sind hart und breit. Das Gesicht zwischen ihnen ist wie herbes Holz. Es ist kein schönes Gesicht, es ist auch nicht jung. Es ist das zeitlose Gesicht mühevollen Lebens. Dieses Gesicht ist wie eine hartschalige Pflanze am Weg. Wind und Wetter geht über sie hin, Dürre und Hagel. Aber diese Pflanze behauptet sich. Sie hat keine Blüte. Ihre Blätter sind von einem grauen Grün. Es ist niemand da, der sie pflückt, um sie seinem Strauße einzuordnen. Nur der Erfahrene weiß, daß ihre Blätter heilsam sind gegen Wunden und Fieber. Es ist eine zuverlässige Pflanze, doch man geht achtlos vorüber, weil es keinem Frühling gelingt, sie zur Blüte zu bringen. In der Küche vor dem Tisch, auf dem das braune Brot liegt, das sie essen will, sitzt eine trostlose Frau. In ihrem Gesicht ist nicht viel von Jugend zu lesen. Auch nicht in ihren Händen. Aber ihre Arme sind voll und frisch. Sie hat die Ärmel hoch gestreift. O ja, ihr Arm ist jung und glatt. Christian hat sich umgewendet und sieht das alles. Ihr Gesicht, ihre Hände und ihre Arme. Er umfaßt das alles mit einem langsamen Blick. Lisa hielt den Kopf gesenkt, aber es schien, als ob sie diesen Blick hörte. Sie hob den Kopf und lächelte Christian an. Es war ein Lächeln in Tränen. Ja, Lisa lächelt. Diese Frau hatte in ihrem Leben wohl noch nie gelächelt. Vielleicht hat sie einmal gelacht, vielleicht auch öfter. Gelacht, ja. Aber nun blühte ein Lächeln in ihrem harten Gesicht auf. Plötzlich ist Christian hinter ihrem Stuhl, er packt ihre Schultern, er biegt sie zurück. »Ja ja«, lächelt sie. »Ja ja.« Als Christian später auf das Rad steigt, sagt sie bittend: »Du wolltest mit mir mal zum Tanz gehen.« Sie streichelt seinen Arm. Unablässig streichelt sie das Leder seiner Jacke. »Es bleibt beim Wort«, verspricht er. Von der Landstraße blickt er noch einmal zu ihr zurück. Sie steht noch immer da, die Hand ein wenig bittend ausgestreckt. Weiter weg erschrickt er über das Geschehene. In seinen Gedanken steht Emilie, blond, jung und mit freundlichem Lächeln. – »Das wäscht kein Regen ab«, keucht er. Heftig ist sein Atem. Er steigt vom Rad. Er schiebt das Rad mühsam neben sich her. * Damals amtierte in Sureiken der alte Pastor Lorentz. Was man auf dem Herzen hatte, trug man zu ihm. »Kind, was ist dir?« pflegte er zu fragen. Es war ihm gleich, wer vor ihm stand, ob es die Gutsbesitzerin von Thorde war oder der Nachtwächter Tonnis. »Kind, was ist dir?« fragte er und leerte langsam und andächtig sein Gläschen Rotspon. Das kleine Fräulein Hoffenthal, das schon auf die siebzig ging, ihm aber noch mit großer Rüstigkeit die Wirtschaft führte, hatte oft zu seufzen. »Dieser Rotspon!« seufzte sie, und sie konnte den Kopf schütteln und sagen: »Ach, wenn's wenigstens beim Rotspon bliebe, aber dieser Rum, dieser infernalische!« Sie liebte es, oft solche Andeutungen zu machen. »Kind, was ist dir?« antwortete dann Pastor Lorentz, »auch das beste Herz muß geölt werden.« Wenn sie darauf noch keine Ruhe gab, erzählte er ihr von der Hochzeit zu Kana und wie der Herr selber dort Wasser in Wein verwandelt hätte. Was konnte das kleine Fräulein Hoffenthal wohl auf diese heilige Geschichte erwidern? Sie schwieg und seufzte. Vielmals am Tage ging die Klingel im Pfarrhause. Dann lies Fräulein Hoffenthal an die Türe, öffnete und sagte: »Bitte, treten Sie näher, meine Liebe!« oder: »Kommen Sie getrost herein, Nachbar.« Nun also war Tonnis gekommen, hatte sich lange die Füße abgetreten und dann mit einiger Umständlichkeit gemeldet, daß der Kuhhirt Sparre gestorben wäre. »Dann wollen wir ihn begraben, wie's einem Christenmenschen zukommt«, sagte Pastor Lorentz. Und es war Tag und Stunde festgesetzt worden. Als Tonnis, der Nachtwächter, fort war, wurde Pastor Lorentz zu Lewe Haart gerufen, zu der alten armen Frau von Sureiken. Sie schickte sich an, dieses Erdental zu verlassen, darin sie nicht viel mehr als Tränen gehabt hatte. Nun wünschte sie den Pastor noch einmal zu sprechen. »Du willst uns davongehen?« fragte er. »Es muß wohl sein«, flüsterte sie. Hauchdünn war schon ihre Stimme. »Das ist recht«, sagte Pastor Lorentz, »du wirst es da oben besser haben.« Lewe Haart nickte mühsam. Bald darauf starb sie. Pastor Lorentz hatte noch das Vaterunser vor ihr beten können. »Hast du mir noch etwas zu sagen, Lewe Haart?« hatte er gefragt. Die Sterbende holte noch einmal schwer ihren Blick zurück. »Josse«, zitterte ihr mühseliger Atem. »Da kannst du ohne Sorge sein«, sagte Pastor Lorentz, »Josse ist ein tüchtiger Bursche, er wird schon mit der Welt fertig werden.« Lewe Haart lächelte etwas. Mit diesem Lächeln starb sie. Pastor Lorentz saß noch lange an ihrem Bett. »Arme Lewe Haart, unter Fremden ein langes Leben herumgestoßen. Nirgends ein Fünkchen Liebe. Tagsüber geschuftet und abends in die einsame Kammer gekrochen. Siebzig Jahre lang. Siebzig Jahre. Du hast nie einen Mann gehabt und niemals ein Kind, arme Lewe Haart. Wenn die anderen von ihren Söhnen sprachen, die beim Militär waren oder es in den Städten schon zu etwas gebracht hatten, mußtest du dabeistehen und zuhören. Eines Tages hast du gesagt: Nun ist auch Josse Soldat. – Josse? hat man gefragt. – Ja, Josse. – Das ist vor zehn Jahren gewesen. Als du sechzig Jahre alt warest, hast du dir diesen Sohn ausgedacht, der Josse hieß. Arme Lewe Haart. Er ist aus den heimlichen Wünschen deines Alltags geboren worden. Du warst ihm eine gute Mutter. Jeder Gedanke an ihn machte dich froh. Glückliche Lewe Haart. Die anderen lachten über dich. ›Nun ist sie verrückt geworden, die Lewe Haart.‹ Man hat dir mit bösen Worten viel zugesetzt, aber du bist still geblieben und hast gelächelt. Die Menschen haben dich gequält, Lewe Haart, du jedoch hast wie eine arme Heilige darüber gestanden.« Das alles sagte Pastor Lorentz zu der Toten, und er sagte: »Nicht Hunger und Elend sind das größte Leiden des Menschen. Wenn das einmal besiegt wäre, würde der Mensch erst Zeit haben, sein großes Leid zu erkennen, seine qualvollen Tiefen und seine schmerzensreichen Höhen. Du, Lewe Haart, hast das alles wie in einem Traum erfahren.« Als Pastor Lorentz gehen wollte, stand Lüßmann in der Türe. Er hatte ein Metermaß in der Hand und trat damit zu der Toten. Der alte Pastor lächelte: »Sie hat aber kein Geld im Strumpf – –« Lüßmann nahm die Mütze ab und begann Maß zu nehmen. Er sagte: »Nun, für eine alte Frau werden sich noch ein paar Bretter finden.« Pastor Lorentz nickte: »Wenn du mal eine Zigarre rauchen willst, Lüßmann, komm bei mir vorbei.« Der Tischler nahm das mit Dank an. So wurde Lewe Haart für eine Zigarre begraben. An diesem Tage sprach Pastor Lorentz noch lange mit dem kleinen Fräulein Hoffenthal. »Wir müssen Gott danken«, sagte er nachdenklich. Dabei stellte er eine neue Flasche auf den Tisch. Er war ein schwacher Mensch, und er wußte es. ›Ich will der Lewe Haart eine gute Grabrede halten‹, nahm er sich vor. Die nächsten Tage wich er nicht von seinem Schreibtisch. Er dachte nur daran, die schönsten Worte zu finden, mit denen er noch einmal Lewe Haart an ihrem Grabe feiern wollte. Viele Worte kamen ihm, er überlegte sie und strich die meisten. Keines schien ihm gut genug für Lewe Haart. Hin und wieder leerte er das Glas. Es war kalt in dem Zimmer. Fräulein Hoffenthal ließ nie vor Mitte Oktober heizen. »Man darf sich nicht verwöhnen«, sagte sie, »besonders nicht im Alter. Die Hitze legt sich einem bloß auf die Brust.« Draußen fuhr der Wind kalt durch die Bäume. Hin und wieder zwängte sich auch ein Luftzug durch das Fenster. Pastor Lorentz hatte eine Decke über das Knie genommen. Er trank seinen Rotspon, und er trank auch von seinem Rum. Mit jedem Glase fühlte er, wie die Worte, die er für Lewe Haart suchte, williger kamen. Wundervolle Worte waren es, die ihm jetzt einfielen. Es war eine große Freude, in diesen Worten das Leben nachzubilden, das Lewe Haart hatte führen müssen. Dieses arme einsame Leben und darin dieser glückselige Traum von dem Sohn, der Josse hieß und den sie nie geboren hatte. Wort für Wort schrieb Pastor Lorentz auf. Seine Hand konnte kaum den Gedanken folgen. Oft machte er sich nur kurze Andeutungen. Er hatte ein gutes Gedächtnis, und er wußte, daß kein Wort, das er erwählt hatte, ihm verlorenging. Auf einmal schob sich Tonnis, der Nachtwächter, in die Stube. Er stand verlegen da und sagte: »Herr Pastor, es ist Zeit.« »Kind, was ist dir?« fragte Pastor Lorentz verwundert. »Der Kuhhirt wartet mit seinem Begräbnis«, antwortete Tonnis. »Kind, Kind«, rief Pastor Lorentz erschrocken. Es war ihm in die Beine gefahren. Er erhob sich umständlich. »Geh geh, mein Sohn«, sagte er zu Tonnis, »ich bin sofort parat.« Es waren nicht viel Menschen da, die dem Kuhhirten Sparre die letzte Ehre antun wollten. Ein paar Tagelöhner waren es, ein paar arme Fischer, unter ihnen Jakob Kloth. Auch Frau Dahl war da und Frau Laabs. Auch einige andere Frauen und Mädchen. ›Neugier zieht mehr als zehn Pferde‹, heißt es im Land. Nun standen sie vor der bretternen Halle und warteten auf den Pastor. Er kam bald hinter Tonnis. Seine Schritte waren kürzer als sonst. Sie sollten wohl auch bestimmter sein. Er hielt sich auch aufrechter. In seinem Gesicht lag eine freundliche Röte. »Wir begraben heute einen armen Menschen«, sagte er. »Sein Leben ist Arbeit gewesen und große Geduld. Nur Dorniges trug der Garten, der ihm bereitet war.« Frau Dahl begann zu weinen und Frau Laabs holte ihr Tuch hervor und die Frauen drückten die Hände gegen die Augen. Die Männer sahen vor sich hin und waren in tiefem Sinnen. Jedes Wort nahmen sie auf, das der Pastor sagte. ›Wie schön er den Kuhhirten zu Grabe bringt‹, dachte Frau Dahl. »Wir begraben einen armen Menschen«, sagte Pastor Lorentz, »einen einsamen unbeachteten. Verstoßen hat er zwischen uns gelebt, er hat nie ein Wort der Klage gefunden.« Tonnis blickte zweifelnd auf. ›Das weiß ich besser‹, dachte er, ›wie oft hat Sparre geschimpft. Aber man soll dem Toten Gutes sagen. Er hat schon recht.‹ »Aber dieser arme Mensch ist glücklich gewesen in seinem Traum«, fuhr Pastor Lorentz fort, »Wahn und Lüge wird es oft genannt, ich aber nenne es Gnade.« Tonnis, der Nachtwächter, nickte. Er hatte unter dem Stroh beim Kuhhirten ein Buch gefunden. Ein Buch mit einem bunten Umschlag, aus dem ein Mann mit rotem Leibrock dargestellt war, der mit einer Frau sprach, die stolz zurückgelehnt in einem Sessel saß. Das war wohl der Graf von den Ulanen und die adlige Schwester. Tonnis hatte das Buch mitgenommen, er wollte darin lesen. »Es ist ein glückseliger Traum gewesen«, rief Pastor Lorentz, und Tonnis nickte. »Josse hat sie diesen Traum genannt.« Tonnis blickte den Pastor bestürzt an. ›Warum Josse?‹ dachte er. ›Wer ist Josse? Sollte der Graf so geheißen haben?‹ »Sie hat kein Kind geboren, aber ich sage euch, dieser Sohn ihres Traumes war ihr mehr als ein leibliches Kind.« ›Was redet der Pastor da?‹ erschrak Tonnis. Und auch die anderen sahen erschrocken auf. Sie blickten sich an, schüttelten den Kopf, Frau Laabs hüstelte sogar. »Ihr habt sie oft geschmäht«, rief Pastor Lorentz, »vieles habt ihr dieser Ärmsten abzubitten. Wir alle wollen das tun. Man hat dich im Leben erniedrigt, Lewe Haart, nun sollst du erhöht werden!« Die Trauergemeinde stand da in sprachloser Verwirrung. Sie wußten nicht, wie sie diesen Irrtum berichtigen sollten. In allen Gesichtern war nur ein starres Gestaun. Und Pastor Lorentz sprach von allem Unglück der Erde, von dem Unglück im großen und von dem Unglück im kleinen, von Not und Sorgen sprach er und wie man allem begegnen könnte durch ein gläubiges Herz. Die Gesichter der Horchenden lösten sich in Tränen. Was tat es, ob er von Sparre sprach oder von Lewe Haart? Von ihrer aller Not sprach er und von der großen Erlösung, deren jeder teilhaftig werden sollte nach Gottes ewigem Wort. Als Pastor Lorentz nun den Segen über den Toten sprach, neigten sie sich alle. Ihre Augen weinten und Tonnis nahm oft den Handrücken, um die Tränen fortzuwischen. »Das war eine gute Predigt«, sagte Jakob Kloth. Er ging mit Frau Dahl und dem Nachtwächter nach Hause. »Sie hat es nicht leicht im Leben gehabt«, sagte Frau Dahl. »Er ist bei den Kühen gestorben«, antwortete Tonnis leise. Man erzählte noch oft in Sureiken von diesem Begräbnis. Man sprach mit großem Ernst davon. Nur in vorgerückten Stunden beim Bier lachte man gutmütig über den Kuhhirten, der Sparre geheißen hatte, und als alte Frau begraben worden war. * Christian saß jetzt oft bei Dan Lebbers. Jeder Gedanke an Lisa bedrängte ihn. Alles erschien ihm wie ein Verrat an Emilie. Er hatte sich nicht wieder auf dem Hof am See sehen lassen. Sein Versprechen, das Dach des Schuppens wiederherzustellen, war noch nicht eingelöst. Er hatte Emilien seit jenem Abend nicht wiedergesehen. Der Morgen mit Lisa lag dazwischen wie eine zerbrochene Brücke. Auch bei Lisa war er nicht wieder gewesen. Dan Lebbers machte ihm wegen seines untätigen Herumsitzens Vorhaltungen. Seitdem er Christian die Vertretung der landwirtschaftlichen Fabrik verschafft hatte, behandelte er ihn oft wie einen Agenten, der auf gute Aufnahme angewiesen ist. Es war eine plumpe Vertraulichkeit, die er in seine Worte legte. »So wirst du auf keinen grünen Zweig kommen«, sagte er. Vielleicht fürchtete er auch, daß Christian ihn bald um Kredit angehen müßte, wenn das so weiter ginge. »Es ist schlechte Legezeit, die Hühner sind faul«, redete sich Christian heraus. »Die Maschinen wohl auch?« fragte Dan Lebbers vorwurfsvoll. »Kein Mensch hat Geld«, fertigte ihn Christian ab. »Und die auf dem Gut?« forschte Dan Lebbers. »Du hast mir doch da was erzählt. Der alte Kars wollte sich doch dafür verwenden. War's nicht so?« »Ja ja«, antwortete Christian mißmutig. »Du mußt ihn nicht aus den Scheren lassen«, ermahnte Dan Lebbers, »der Alte muß beim Wort genommen werden. Du mußt ihm nicht vom Speck gehen.« »Laß mich in Ruh«, fuhr Christian auf, »gib mir lieber einen Steinhäger. Kannst dir auch einen einschenken, wenn du mithalten willst.« Er warf das Geld nachlässig auf den Tisch. Dan Lebbers war ärgerlich und verzichtete auf den Schnaps. Er beschwerte sich bei Patzke, der eben in den Laden kam. »Hier stolziert die Dummheit in Hosen«, rief er. Christian wäre am liebsten gegangen, aber er wußte nicht, wohin er sollte. Zu Hause in seiner engen Stube kamen ihm verdrießliche Gedanken. Mit Jakob Kloth war nicht viel zu reden. Er war immer beschäftigt, mit dem Boot auf dem See oder mit den Netzen, die klar gemacht und getrocknet werden mußten. Dazu kamen noch allerhand häusliche Arbeiten, die von den Kindern nicht bewältigt werden konnten. Jakob Kloth hatte vollauf zu tun. Abends legte er sich zeitig zu Bett. Da war also für Christian nicht viel Ablenkung. Dagegen konnte man in Dan Lebbers Laden den Tag schon herumbringen. Abends spät kamen noch Leute, die tagsüber wenig Zeit hatten, um dieses oder jenes einzukaufen. Es gab nichts, was man nicht bei Dan Lebbers im Laden hätte kaufen können. Meistens blieben sie noch ein Weilchen, tranken ein Glas Bier und schwatzten. Es lagen auch Zeitungen da und in einer Ecke stand ein kleines Billard, nicht größer als ein Kuchenblech, aber doch geschickt, sich damit die Zeit zu vertreiben. »Er will alles serviert haben«, hatte Dan Lebbers zu Patzke gesagt, mit einem Seitenblick auf Christian, der sich an dem Billard zu schaffen machte, um einem weiteren Gespräch aus dem Wege zu gehen. »Was ist ihm in die Krone gefahren?« fragte Patzke leise. »Seit ein paar Tagen fährt er einem bei jeder Gelegenheit über den Mund. Wenn ich ihn sehe, hab ich schon die Taschen voll.« »Es muß ihm was schief gegangen sein«, brummte Dan Lebbers. »Geschäftlich?« fragte Patzke. »Daß ich nicht wüßte«, meinte Dan Lebbers. »Ein Mädchen?« kicherte Patzke. Dan Lebbers zuckte die Achseln. Sie lachten beide. Später kam Bolk, der Schmied. Er ließ sich ein paar Schrauben geben, die er gleich früh morgens zu seiner Arbeit gebrauchte. Er sagte zu Christian, der noch am Billard herumhantierte: »Ihr macht euch rar. Neulich fragte schon Frau Drees. Sie wird nun doch Lüßmann rufen müssen.« Christian wandte sich etwas verlegen um. Ehe er noch zu einer Antwort kam, sagte Bolk: »Es wäre auch noch ein Gruß auszurichten.« »Danke«, sagte Christian kurz. Patzke, der das Gespräch mit angehört hatte, pfiff vor sich hin und zwinkerte Dan Lebbers zu. »Das also ist der Kern vom Pudel«, sagte er halblaut. Er hätte gern Näheres erfahren, aber Bolk war schon gegangen. Es gab kein Gespräch mehr zu belauschen. Christian hatte sich scheinbar gleichmütig dem Zeitungsständer zugewandt. Patzke ließ es keine Ruhe. Er sagte: »Krach gibt's in den besten Familien. Da mußt du dir nichts draus machen, Christian.« »Wie meinst du denn das?« fragte Christian unwirsch. »Bleib in der Haut«, lachte Patzke, »das ist alles noch kein Grund, die Suppe ins Wasser zu kippen. Das zieht sich schon wieder zu. Emilie ist ein vernünftiges Mädchen.« Christian sah Dan Lebbers an und fragte mit einer Handbewegung: »Was will der?« »Er glaubt wohl, du wärst mit Emilien verzankt«, war die Antwort. Christian wollte auffahren, beherrschte sich aber und sagte bloß: »Unsinn!« Etwas später ging Patzke zu ihm und gab ihm die Hand. »Du mußt dir das mit Emilie nicht zu Herzen nehmen«, sagte er, »ein gutes Wort bringt's schon in Ordnung. Er hatte viel Bier getrunken und seine Stimme klang weinerlich. »Man sollte es wohl glauben«, antwortete Christian nachdenklich. Patzke, der auf diese versöhnliche Stimmung nicht gefaßt war, sah ihn verwundert an. »Du mußt es ihr bloß plausibel machen«, sagte er. Christian erschrak. »Was denn?« fragte er hastig. Patzke reckte sich und klopfte ihm auf die Schulter. »Daß du im Recht bist, natürlich«, erwiderte er. »Der Mann hat nämlich immer recht. Meine Frau hat's schon eingesehen.« Er wollte sich in die Brust werfen, aber er kam ins Taumeln und fiel auf den Stuhl. Am nächsten Tage ging Christian nach dem Hof am See. ›Man kommt sonst in Sureiken noch auf allerhand Gedanken‹, dachte er. ›Patzke hat mir gestern schon einen Schreck eingejagt. Beinah dachte ich, sie wüßten schon von der Geschichte mit Lisa, aber er hat es wohl anders gemeint.‹ Emilie machte aus ihrer Freude kein Hehl, als Christian kam. »Wir haben uns lange nicht gesehen«, sagte sie. »Es war allerhand dazwischen gekommen«, antwortete er ausweichend. – »Es ist nicht so einfach, ein Geschäft in Gang zu bringen«, fügte er hinzu. »Da gibt's allerhand Schwierigkeiten. Man stellt es sich immer leichter vor, auf eigene Füße zu kommen.« »Da haben Sie also Ärger gehabt«, sagte sie bedauernd. Er fand es gut, das Gespräch in dieses Geleis geschoben zu haben. Auch tat ihm Emilies Mitgefühl wohl und so schilderte er seinen Handel mühsamer und unrentabler, als es in Wirklichkeit der Fall war. Frau Drees war hinzugekommen und stimmte mit ein. »Das kann ich mir denken«, sagte sie, »was kann schon dabei herauskommen? Sie hätten ganz was anderes anfangen sollen. In so eine kräftige Hand gehört Spaten oder Hammer.« Christian unterbrach sie. »Darum bin ich hergekommen«, lachte er. Emilie warf ihm einen traurigen Blick zu. ›Also deshalb‹, dachte sie. »Sie werden mir doch helfen, Emilie«, bat er. »Gern«, rief sie fröhlich, und lief singend davon, um das Werkzeug zu holen. Sie kam bepackt zurück. Er nahm ihr Säge und Hammer ab. »Das ist nichts für Sie«, sagte er, »Sie dürfen mir höchstens die Nägel zureichen.« Sie widersprach: »Ich bin stark, passen Sie auf!« Sie nahm ein Brett und schleuderte es über den Hof. Die Gänse stoben schnatternd davon. So ausgelassen war sie, daß Frau Drees sie verdutzt beobachtete. Christian war mit einem Schwung auf dem Dach des Schuppens. »Gelernt ist gelernt!« rief er. Er hatte ein Stemmeisen und brach die Bretter los. Das Morsche wurde beiseite geworfen, das Brauchbare von Neuem zurechtgeschnitten. Er hantierte mit Hammer und Säge, als hätte er zeitlebens nichts anderes in der Hand gehabt. Er schlug so kräftig drauf los, daß Emilie fürchtete, der Schuppen möchte unter ihm zusammenfallen. Ab und zu rief sie ihm ängstlich ein warnendes Wort zu. Er achtete nicht darauf, lachte und hieb lustig weiter. Frau Drees hatte ein Weilchen zugesehen, und war dann fortgegangen, um das Vieh zu füttern. »Alles muß man selber machen«, hatte sie ärgerlich gesagt. Emilie tat, als hörte sie es nicht. Sie hatte die Hände voll Nägel, die sie Christian zureichte. Auch eine Leiter hatte sie an das Dach des Schuppens gestellt, damit er es bequemer hätte. Sie hielt diese Leiter, obgleich sein Fuß die oberste Sprosse nur lose berührte. »Da weiß man doch wenigstens, wozu man die Hände hat«, rief Christian. »Ganz im Vertrauen, Emilie, mein Handel ist mir schon über. Aber was soll man machen. Jetzt bin ich neun Tage nicht bei den Bauern gewesen.« »Sieh einer an«, antwortete Emilie etwas ungewiß, »und mir erzählt er vorhin, wie er sich hätte quälen müssen.« Sie drohte zu ihm herauf. Christian schien Mühe zu haben, einen Querbalken loszubekommen. Er beugte sich tiefer darüber und der Hammer schlug heftiger. Dann warf er den Hammer hin und stieg die Leiter herab. Er schien Emilies Worte nicht gehört zu haben. Im Schuppen stand er und maß von innen das Dach. Emilie war zu ihm getreten. Sie bemerkte den Mißmut in seinem Gesicht. Also hatte er wohl doch ihren Zuruf verstanden. »Ich glaub schon, daß Sie viel Arbeit gehabt haben«, sagte sie leise. »Aber Sie hätten doch einmal kommen können.« »Jetzt tut's mir auch leid«, antwortete Christian, »doch gab's vielerlei. Da war doch die Geschichte mit Sparre. Ich mußte nachts noch den Arzt aus Thorde holen. Das ist eine böse Geschichte geworden, aber, wissen Sie, ich traf dann morgens den Wagen von der Molkerei. Da standen auch die Kannen darauf, die Sie gescheuert hatten. Ach ja, Emilie, du mußt schon glauben, daß ich oft an dich denke.« Er zog sie an sich und küßte sie. Er küßte sie lange und gab auch dann ihren Kopf noch nicht frei. Sie lag still in seinen Armen und ließ ihn gewähren. Er hätte mehr von ihr fordern können in diesen Augenblicken, aber er tat es nicht. Er preßte sie noch einmal an sich und küßte sie. Dann ließ er sie los, war schon aus dem Schuppen, die Leiter empor, stand auf dem Dach, den Hammer in hellem Schwung und rief lachend: »Man müßte ein Haus bauen!« Emilie hörte diese Worte nicht. Sie lehnte noch in dem Schuppen. Es war eine Freude in ihr, die sie weinen ließ. Nun kam Christian jeden Tag auf den Hof am See. Frau Drees war zufrieden. Es erwies sich, daß er verstand, überall Hand anzulegen. Wo es ging, machte er sich nützlich. Schließlich begann er ein Stück des Zaunes, das umgebrochen war, auszubessern. Bei dieser Beschäftigung sah ihn Lüßmann. Frau Drees, ärgerlich auf ihn, weil sie der Ansicht war, daß er ihr bei der letzten Rechnung zuviel angeschrieben hätte, sah von der Türe her sein mißmutiges Gesicht. Sie kam ein paar Schritte vor und lachte verlegen. »Er versteht's ebensogut«, rief sie. Lüßmann wollte etwas erwidern, besann sich aber und ging ohne Gruß weiter. Er sprach über den Vorfall abends zu Dan Lebbers. »Nicht mal die paar Groschen soll man verdienen. Man hat's schwer genug, und nun kommt der noch und nimmt einem die Arbeit weg.« Auch bei Bolk, dem Schmied, beklagte er sich. »Ich hab es ihm gleich zu bedenken gegeben«, antwortete Bolk. Lüßmann tat ihm leid mit seinen vier Kindern und der kränklichen Frau. Um aber Christian zu entschuldigen, setzte er hinzu: »Er tut es wohl um Emilie.« Einige Tage darauf hatte Lüßmann aus dem Chausseehof zu tun. »Es soll ja schon eine Heirat im Gang sein«, erzählte er zu Lisa. Sie befragte ihn neugierig. »Wissen Sie es nicht?« antwortete er, »es ist doch Ihre Verwandtschaft.« »Christian?« fuhr es ihr über die Lippen. Lüßmann sah sie forschend an. Sie war rot geworden. »Ist das eine Glut«, sagte sie und trat vom Herd zurück. Lüßmann sah sie noch immer an. »Ach so«, sagte er, »Sie wissen es also doch.« Lisa hatte sich gefaßt. Sie schob Lüßmann einen Stuhl hin und sagte: »Kein Sterbenswörtchen weiß ich. Er besucht uns ja nie. Manchmal denke ich, er könnte ein bißchen mehr auf die Verwandtschaft geben. Aber mit Iben Kars ist es genau so. Nun, Sie kennen ihn ja.« »Dann ist's also doch eine Neuigkeit«, erwiderte Lüßmann. »Er ist jeden Tag auf dem Hof am See.« »Er will sich also ins warme Bett legen«, sagte Lisa hämisch. »Sie meinen Frau Drees?«. Lüßmann schüttelte den Kopf. »Emilie hat's ihm angetan.« »Emilie?« sagte Lisa heftig. »Was will er denn mit ihr? Sie hat nichts und er hat nichts. Wie kann das was werden?« »Sie ist jung«, sagte Lüßmann, »und hübsch. Er hat schon Geschmack.« Er fühlte, daß Lisa sich über jedes Wort ärgerte. Nun machte es ihm Spaß, von diesem Gespräch nicht abzugehen. Er war geärgert worden, und so ärgerte er wieder. Wenn er seinen Ärger nicht bei Christian und Frau Drees anbringen konnte, so sollte wenigstens Lisa getroffen sein. Irgendwo merkte er undeutlich einen Zusammenhang. »Das dauert alles bloß seine Zeit«, antwortete Lisa. »Sie haben sich auf dem Tanzboden kennengelernt. Man weiß, wie das ist. Ihr solltet auch etwas Gescheiteres tun, als es gleich unter die Leute zu bringen.« Lüßmann fürchtete für sein Geschäft und lenkte ein. »Da könnt ihr wohl recht haben«, meinte er. Er lachte etwas, als er das Geld einstrich, das Lisa ihm für einige neue Forkenstiele auf den Tisch gezählt hatte. »Halte mich empfohlen«, sagte er und ging. Es war eine Redensart, die er einmal in Lebbers' Laden von einem reisenden Kaufmann gehört hatte. Dieses Gespräch ging Lisa nach. Sie war unmutig über Christian, daß er seit jenem Morgen nicht wieder da gewesen war. Sie hatte versucht, sich das zu erklären, und endlich eingesehen, daß er es wohl seines Onkels wegen nicht wollte. Sie mußte ihm recht geben und tröstete sich damit, daß die Zeit schon eine Gelegenheit wieder bieten würde. Nun hatte sie erfahren müssen, daß er nicht aus Bedenken zu Iben Kars fort geblieben war, sondern daß er ein junges Mädchen gefunden hatte, das er nun mit all seiner Liebe und Zärtlichkeit umgeben würde. Lisa stand vor dem Spiegel und musterte sich. Sie tat es selten, selbst morgens, wenn sie die Haare aufsteckte, sah sie kaum in den Spiegel. Sie fand, daß sie Emilien in nichts nachstand. Vielleicht war Emilie ein paar Jahre jünger, vielleicht waren auch ihre Hände noch nicht so verarbeitet. Vielleicht war auch ihr Gesicht glatter. Aber ihre Haut konnte nicht frischer und ihre Gestalt nicht voller sein. So dachte Lisa. Als sie so ihre jungen Jahre vor dem Spiegel feststellte, fiel es ihr doppelt schwer aufs Herz, an Iben Kars gekettet zu sein. Es gibt Männer, deren Alter still und abgeklärt ist. Wenn sie in späten Jahren eine jüngere Frau nehmen, tun sie es der Sonne wegen, die gut und friedvoll ein Leuchten über ihren herbstlichen Garten bringen soll. In dieser Sonne wollen sie die Erkenntnisse ihres Lebens zu Ende denken, die sorgsame Liebe des Jüngeren soll ein Wall sein gegen die Welt. Iben Kars aber hatte einen wilden und herrischen Abend. Er war ein Gewitter, das zu später Stunde jäh aufzog und rücksichtlos niederbrach. Ein Gewitter, nicht gut für das Land, das auf den Segen des Himmels wartete. Zerstörung ist in dem Unwetter, der Tod ist näher als der Keim. Lisa fürchtete sich oft vor Iben Kars. Es gab auch Stunden, wo sie ein Schaudern hatte. Es war so, als wollte Iben Kars mit Gewalt der Natur den Sohn abtrotzen. Das alles war wie ein Aufruhr gegen das göttliche Gesetz. Lisa mußte viel darunter leiden. Nun war Christian gekommen mit der selbstverständlichen Kraft junger Erde. Er war über sie hingegangen wie eine reife Stunde. Zitternd im großen Jubel hatte sie sich aufgetan. In allen Adern pochte das Übermächtige. Nun hatte er sie weggeworfen um eine andere. Was für Lisa Erlösung gewesen, schien für ihn nichts anderes zu sein, als der gute Zufall einer Morgenstunde. Die Wut packte sie, sie konnte sich nicht beherrschen. Sie lief in die Kammer und schrie. Sie wußte, daß sie kein Anrecht an ihn hatte, aber in dieser Stunde fühlte sie sich ihm mit allen Fasern verbunden. »Ich kann's nicht glauben«, klagte sie. »So schnell wird er mich nicht vergessen.« Es stand bei ihr fest, daß sie ihn sprechen müßte. Sie machte sich ein Gewerbe und fragte auf dem Nachbarhof. »Er scheint nicht mehr zu kommen«, sagte sie, »wir haben die Eier für ihn gesammelt. Nun müssen wir sie selbst einlegen.« Auch die Nachbarin war ärgerlich. »Er hätte wenigstens Bescheid sagen können, wenn er den Handel aufgibt«, zankte sie. »Auch die anderen beklagen sich.« So erfuhr Lisa, daß Christian Kars sich schon seit Tagen nicht mehr auf den Bauernhöfen hatte sehen lassen. Sie mußte nun glauben, daß er sich Tag für Tag auf dem Hof am See aufhielt. Lüßmann schien also recht zu haben. An einem Sonnabend hatte Iben Kars in der Gemeindesitzung zu tun. Er hatte vorher noch einiges mit dem Pastor zu besprechen und war zeitig hingegangen. Diese Sitzungen dehnten sich oft bis in die Nacht aus. Als Iben Kars ein Stündchen fort war, nahm Lisa ihr Tuch und lief in das Dorf. Sie klopfte bei Christian. Da sie vermutete, daß er das Vorderzimmer bewohnen würde, und da sie dort Licht sah, überlegte sie nicht lange. An diesem Abend spielte Bolk, der Schmied, bei Dan Lebbers. Über den Hof hin hörte man die Musik bis auf die Straße. An den hellen Fenstern des Tanzsaales standen neugierige Gestalten. Lisa war etwas zurückgetreten gegen die Mauer, damit die Vorübergehenden sie nicht erkennen sollten. Jetzt öffnete Christian das Fenster und sah nach dem Klopfenden. Lisa trat dicht heran und sagte: »Ich bin es!« Christian beugte sich weiter vor. Er erkannte sie wohl nicht gleich. Dann rief er erschrocken: »Lisa!« »Ja«, sagte sie hart. Er schloß schnell das Fenster und kam heraus. »Was gibt's?« fragte er hastig. Nun, wo er neben ihr stand, ließ sie alle Vorsicht außer acht. Sie zeigte auf das helle Fenster und fragte: »Du hast wohl Gesellschaft?« »Was soll das heißen?« antwortete er. Dann fragte er leise: »Willst du denn hereinkommen?« Er schien verwundert zu sein. »Warum nicht?« sagte sie und ging voran. Im Zimmer sah sie sich scheel um. Die Stube war leer. Auf dem Tisch stand nur eine Tasse, aus der Christian getrunken hatte. Es lag auch ein angebissenes Stück Brot daneben. »Ich dachte schon«, sagte sie und sah Christian ängstlich an. »Nimm Platz«, lud er sie ein. Sie bemerkte, daß er einen schnellen Blick auf die Uhr warf. »Du hast was vor?« fragte sie. »Ja«, antwortete er, »aber es ist noch Zeit.« Sie schwiegen und hörten abgerissen ein paar Takte der Musik aus dem Tanzsaal. »Das hast du mir versprochen«, sagte sie, »nun gehst du mit einer anderen.« Sie konnte sich nicht mehr halten und weinte. Er sah sie hilflos an. »Wie kommst du darauf?« fragte er. Es fiel ihm nichts Besseres ein. »Ich weiß es doch«, weinte sie, »man spricht schon von euch.« Sie drängte sich an ihn, streichelte seine Hand wieder und wieder: »Warum hast du mich so schnell vergessen?« Er wußte nicht, wie er sie trösten sollte. »Lisa«, stammelte er, »Lisa.« »Du willst mit ihr heut abend tanzen gehen, und mir hast du es versprochen!« Sie kam von diesem Gedanken nicht los. Sie hatte sich nun einmal an diese kleine Seligkeit geklammert. »Das geht doch nicht mit uns«, sagte Christian endlich, »das mußt du doch einsehen.« Sie nickte hastig. »Ja ja«, seufzte sie, aber sie ließ seine Hand nicht los. Er hatte Emilien versprochen, sie zum Tanz abzuholen. Er hielt seine Verabredungen pünktlich inne. ›Nun wird sie mir entgegengehen‹, fiel es ihm ein, ›vielleicht ist sie bald hier. Ich muß Lisa loswerden.‹ Doch Lisa hielt seine Hand, hatte sich darüber geneigt und schluchzte. Christian wurde von Minute zu Minute unruhiger. Sie fühlte es und sagte: »Du kommst schon noch hin.« Dann weinte sie wieder. Es war still im Hause. Jakob Kloth und die Kinder schliefen schon. Es war nichts hörbar als ihr Jammer und hin und wieder etwas Musik. »Du mußt nun gehen«, sagte er behutsam. »Wir wollen uns ein andermal sprechen.« »Nein nein«, schluchzte sie. »Es könnte sein, daß wer kommt«, gestand er. Es blieb ihm nichts weiter übrig, er mußte ihr das sagen. Lisa wurde trotzig: »Nun bleib ich gerade. Ich brauch mich vor keinem zu verstecken.« Sie klammerte sich an ihn: »Ich hab dich lieb. Weiter hab ich keinen.« Christian redete ihr gut zu, aber mit jedem Worte wuchs ihr Widerstand. Er sah ein, daß sie nicht gehen würde. Jeden Augenblick konnte Emilie da sein. »Sei still«, bat er. Er erhob sich etwas und löschte die Lampe. »Sie wird denken, ich wäre schon fort«, sagte er, »ich muß ihr das morgen dann klar machen.« Lisa schluchzte noch immer. »Sei doch still«, sagte er ärgerlich. Er glaubte, draußen einen Schritt gehört zu haben, auch wurde einmal leise an das Fenster geklopft. Dann entfernten sich die Schritte zögernd. »Liebster«, flüsterte Lisa. Sie warf sich an seinen Hals. * Iben Kars saß neben dem Pastor. Sie besprachen den Bau eines Konfirmandensaales. Der alte Raum war eigentlich nichts anderes als eine Scheune, in die einige rohe Bänke gestellt waren. Bei anhaltendem schlechten Wetter regnete es sogar durch. Pastor Lorentz hatte Iben Kars für den Neubau schon gewonnen. Er wußte, daß dieser Vorschlag nun so gut wie angenommen war. Die anderen Mitglieder des Gemeinderates tranken und redeten durcheinander. Sie warteten auf Lüßmann, der in diesem Falle als Sachverständiger galt. Endlich kam er. Iben Kars warf ihm ein heftiges Wort hin. Er hatte es nicht nötig, auf den Tischler zu warten. Auch die anderen nicht. Ein bestellter Mann hat pünktlich zu sein. So herrschte von Anfang an eine gereizte Stimmung. Lüßmann hatte bei Dan Lebbers gesessen und Bier getrunken. »Da muß solch Seemann kommen, was, und den Weibern den Kopf verdrehen. Hättest es sehen sollen, Lebbers, wie er sich da auf dem Seehof breit macht. Den Zaun baut er neu, und das Mädchen ist um ihn herum wie die Katze um die Milch. Na, und Frau Drees? ›Er kann's ebensogut!‹ hat sie gesagt. Was denn? Was kann er denn?« Dan Lebbers lachte breit. »Was wohl? Was kann ein Kars? Da mußt du dich bei dem Alten erkundigen. ›Er kann's ebensogut!‹ hat sie gesagt. Das ist ein Witz! Verstehst du? das ist ein Witz.« Und Dan Lebbers lachte. Lüßmann erregte sich immer mehr. »Dazu muß ein Seemann kommen! Natürlich, paß auf, sie laufen ihm nach. Das kriegen sie fertig. Ich sage bloß, ›da gibt's wohl bald 'ne Verlobung in der Verwandtschaft‹. Wie man sich so erkundigt, – und Lisa bekommt gleich einen roten Kopf. Was sagst du dazu, Lebbers?« Dan Lebbers schlitterte vor Vergnügen. Er beugte sich zu Lüßmann und sagte ihm laut ins Ohr: »Der kriegt's fertig, seinem Onkel ins Bett zu steigen. Du wirst noch dein blaues Wunder erleben! Warte ab.« Wenn Dan Lebbers sich ausschüttete vor Lachen, kam er leicht ins Husten. Es war ein gewaltiger Husten, der den Mund weit aufriß, die Nasenlöcher blähte und die Augen zublies. Lüßmann sah ohne Bewegung auf diesen großen, offenen Mund, darin es wie in einer unheimlichen Höhle fauchte, gurgelte, krächzte und stöhnte. Es dauerte lange, bis Dan Lebbers wieder zu sich kam. Dann sagte er, noch erschöpft von der Anstrengung: »Dem alten Kars gönn ich es. Nicht für einen Dreier kauft er hier.« Lüßmann erhob sich. Er hatte mehrere Schnäpse getrunken. Nun rief er: »Man muß ihnen einmal ordentlich auf den Kopf geben!« Als er aus dem Laden trat, blieb er plötzlich stehen und sah gespannt nach dem Nachbarhaus. Er schob sich vorsichtig in das Dunkel von Dan Lebbers' Torbogen. Er hörte Christians Ruf: »Lisa!« ›Sie brauchen mich nicht zu sehen‹, dachte Lüßmann, und ging durch den Torbogen an dem Tanzsaal vorbei über den Hof davon. Nun saß er neben Iben Kars. Pastor Lorentz hatte eine kleine Zeichnung von dem geplanten Konfirmandensaal angefertigt. »Fast so groß wie der Tanzsaal«, sagte Lüßmann. Iben Kars ärgerte sich über diesen Vergleich. »Das sitzt bei euch alles auf einem Brett«, sagte er vorwurfsvoll. »Besser als wenn es tanzt«, antwortete Lüßmann. Iben Kars, gewohnt, mit Hochachtung behandelt zu werden, wurde zornig. »Du kannst dein Maul zügeln«, fuhr er ihn an. Lüßmann wurde bedenklich. Er hatte Lisa gesehen. Sie ist eine junge Frau. Warum soll sie nicht einmal mit einem Verwandten tanzen gehen. Es wird schon so sein, sie wird Christian abgeholt haben. Was ist dabei? Womöglich weiß es Iben Kars überhaupt. Lüßmann fürchtet, zuviel gesagt zu haben. »Besser als wenn es tanzt«, hatte er geantwortet. Nun will er den Alten nicht weiter in Harnisch bringen. Der Mut der fünf Schnäpse ist verflogen. Er sagt einlenkend: »Es bleibt in der Verwandtschaft.« »Was soll das heißen?« begehrt Iben Kars auf. Die andern horchen verwundert auf den Wortwechsel. Sie bedeuten den Tischler mit Blicken stille zu sein. »Was soll das heißen?« schrie Iben Kars noch einmal. Pastor Lorentz wollte ihn beruhigen. »Er soll mir antworten, darauf besteh ich«, rief Iben Kars. Lüßmann zögerte. »Es ist ja schon gut«, sagte er. »Du willst was wissen«, sagte Iben Kars hartnäckig. »Nun sollst du es auch sagen. Entweder kommt man ins Haus oder bleibt draußen. Man bleibt nicht in der Türe stehen.« Pastor Lorentz wandte alle guten Worte auf, um Iben Kars zu besänftigen. Aber es gelang ihm nicht. »Dann sag's ihm schon«, seufzte er. Lüßmann stand auf. Er wollte gehen. Iben Kars brüllte ihn an: »Keinen Schritt! Hier vor allen sagst du es, Feigling!« Lüßmann zuckte zusammen. Er stützte sich auf die geballten Fäuste. Er zitterte vor Aufregung. ›Feigling‹, hatte eben Iben Kars gesagt. Lüßmann duckte sich. Er stand wie zum Sprung. Er schrie nur ein Wort. »Hahnrei!« schrie er. Iben Kars erhob sich langsam. Er ließ keinen Blick von Lüßmann. Er stand dicht vor ihm und sah ihm in die Augen. Dann spuckte er weit aus, nahm seinen Hut und ging. Die anderen drangen mit Vorwürfen auf Lüßmann ein. »Ich hab sie gesehen«, verteidigte er sich, »sie hatte sich gegen die Mauer gedrückt, aber ich hab sie deutlich bemerkt.« Lüßmann schlug auf den Tisch. »Feigling, hat er gesagt, Feigling.« Pastor Lorentz rückte erschrocken mit dem Stuhl. Auch die anderen starrten schweigend auf Lüßmann. »Jawohl«, schrie der, »ein sauberer Neffe!« Dann sprang er auf und lief hinaus. Im Saal bei Dan Lebbers tanzte man. Wenn Bolk die Geige spielt, achtet man nicht viel auf die Tür. Man hat nicht gesehen, daß der alte Kars gekommen ist. In einer Nische an der Wand steht er und mustert die Tanzenden. Da ist keiner, den sein Blick ausläßt. Auch die an den Tischen sitzen, prüft er. Es ist keine Erregung in seinem Blick. Jedes Gesicht betrachtet er, wie er die Tiere betrachtet, die er kauft oder zum Verkauf bringt. Weil er nicht das findet, was er nach Lüßmanns Andeutung finden soll, tritt er einige Schritte vor. Er schiebt auch Tanzende beiseite, um die Leute hinter dem Pfeiler zu sehen. Nun haben sie ihn bemerkt, und der Tanz stockt. Man hat ihm Platz gemacht, man ist beiseite getreten. Bolk hat die Geige sinken lassen, der Tanz ist zu Ende. Iben Kars geht mit langsamen Schritten durch den Saal. Kein Fleck entgeht ihm. In den Augen der Leute ist eine große Verwunderung. Auf einmal sieht Iben Kars, daß ein junger Knecht grinst. Es ist eine dumme grinsende Neugier, aber der Alte deutet es anders. Je fester er den Knecht ins Auge faßt, um so breiter wird dessen Grinsen. Iben Kars will auf ihn zugehen, er will ihm dieses Grinsen zerschlagen. Aber er besinnt sich, steht da und sieht sich um. Plötzlich deucht ihm, als grinsten sie alle. Ein blödes grinsendes Wissen scheint es ihm. Da dreht sich der Alte um und geht auf Bolk zu. Der Schmied hat die Geige auf den Tisch gelegt. Den Bogen hält er noch in der Hand. Was hier im Saale vor sich geht, will ihm nicht recht in den Kopf. Nun steht Iben Kars vor ihm und nimmt ihm den Bogen aus der Hand. Der Schmied läßt ihm den Bogen ohne Widerstand. So verwundert ist er. Iben Kars hält den Bogen und wendet sich zu den Leuten, die tanzen wollen. Zu den Knechten wendet er sich. Sie starren ihn an, da ist kein Grinsen mehr. Iben Kars hält den Bogen in beiden Händen. Er bricht den Bogen entzwei. Nun muß die Geige still sein. Er wirft den Bogen in den Saal, greift in die Tasche, Geld klimpert in seiner Hand. Er wirft die harten Geldstücke hin, klingelnd rollen sie durch den Saal. Dann ist Iben Kars gegangen. Zwischen den Leuten, die tanzen wollen, liegt der zerbrochene Bogen. Es hat keiner gewagt, sich nach dem Geld zu bücken. Das Geld liegt irgendwo unter den Tischen. Bolk, dem Schmied, hat es die Worte zerschlagen. Endlich faßt er sich, nimmt die Geige und ruft: »Der Tanz ist aus!« Über den zerbrochenen Bogen hinweg geht er aus dem Saal. In diesem Winter war kein Tanz mehr in Sureiken. Dan Lebbers beschwor zwar den Schmied, einen neuen Geigenbogen zu besorgen. Er erbot sich selbst, in die Stadt zu fahren. Aber der Schmied lehnte es ab. * Welches Gesicht tragen jetzt die Tage, diese Tage, die grau aus den Nebeln des Sees aussteigen, kurze eintönige Stunden haben und über den fahlen Bäumen der Landstraße versinken wie dichtes Gewölk. »Man kriegt's mit der Angst«, sagt Frau Dahl manchmal. Öfter noch denkt sie es. Seit Jahren pflegt sie in diesen Wochen sich täglich auf dem Chausseehof einzustellen. Die Feldarbeit ist getan, man kann an das Häusliche denken. Da gibt es vielerlei, Kleidung und Wäsche, was im Laufe des Sommers zu schaden kam, beiseite gelegt wurde und nun wieder hergestellt werden kann. Frau Dahl versteht sich auf Weißnähen und etwas auch auf Schneider». Nun kann sie diese Handfertigkeiten auf dem Chausseehof anbringen. Sie hat ihr Essen frei und ein wenig Geld obendrein. Früher saß man über dieser Arbeit und schwatzte. Man ließ den Sommer in seinen Gesprächen wieder aufleben, seine Heiterkeit und seine Zerstreuung. Man erinnerte sich der Gäste, die in Sureiken frohe Tage verbracht hatten, man stellte jedes kleine Erlebnis wieder in das winterliche Lampenlicht. Dieses Mal aber ist die Arbeit wortkarg. Man wagt kaum, den Blick zu heben. Am sichersten fühlt man sich tief über die Nadel gebeugt. Immer ist es, als läge ein Gewitter in Sureiken, das irgendwo zur Entladung kommen will. Es sind viele Andeutungen gemacht worden. Als Frau Dahl die Geschichte von dem zerbrochenen Geigenbogen hörte, hatte sie voller Schrecknis aufgeschrien. Sie fürchtete, daß sich nun eine große Entsetzlichkeit vorbereiten würde. Aber die Tage waren gleichmäßig weitergegangen, doch schien ein Gespenst heraufbeschworen zu sein, das hechelnd durch das Dorf lief. Es wagte sich nicht auf die offene Straße, aber es verstand, durch Wände und verschlossene Türen zu huschen, nirgends greifbar und doch überall. Frau Dahl war eine gute Frau. In einem Hause mit Strohdach und blauen Wänden, dicht an der Straße, wohnte sie mit ihrer achtjährigen Tochter. Hanni war ein zartes Kind, das ein wenig hinkte. Trotz dieses Leidens war Hanni flink und half überall, wo ihre kleinen Kräfte es zuließen. Vor Jahren war ein breiter Müllergesell auf der Wanderschaft in Sureiken hängengeblieben. Hermann Dahl hatte er geheißen. Das war Hannis Vater. Er hatte Arbeit bei dem Müller Wieling gefunden, und dann, als er sich mit seinem Meister überwarf, hatte er sich selbständig gemacht. Ohne viel Fragen bemächtigte er sich eines alten Backofens und begann nach eigenem Rezept Brot zu backen. Es war ein festes, etwas trockenes Brot, das den Leuten in Sureiken mundete. So fand er täglich seinen Verdienst. Er zog zu Frau Dahl, die damals noch Johanne Schwartz hieß und sich mit allerlei Handfertigkeiten ernährte. Dann gab es sich, daß sie wie Mann und Frau lebten. Sie kamen nie auf die Idee zu heiraten. Johanne fragte niemals danach, und er sagte nichts. Wenn er von ihr sprach, sagte er »meine Frau«, und so geschah es, daß aus dem Fräulein Johanne Schwartz Frau Dahl wurde. Das Land hat sein eigenes Gesetz. Als sie damals das Kind erwarteten, war der Mann davon überzeugt, daß es ein tüchtiger Junge werden würde. Doch wurde es ein kleines zierliches Mädchen. Darüber war der breite Bäcker Dahl immer wieder von neuem verwundert. Aus dieser Verwunderung wuchs eine große Zärtlichkeit für das schwache Geschöpf. Als sich dann herausstellte, daß die Kleine zeitlebens hinken würde, ergriff ihn eine rührende Liebe zu dem Kind. Er, der starke Mann, der nicht viel nach Recht und Unrecht fragte, mochte es am liebsten auf den Händen tragen. »So zierlich ist sie«, sagte er oft voll Staunen. Er arbeitete mehr als früher. Er legte Pfennig um Pfennig zurück, und weil ihm dieses Sparen zu langwierig erschien, kaufte er eines Tages eine Anzahl Lotterielose. Er hatte Glück und gewann so viel, um das kleine Haus an der Straße zu kaufen. Allerdings reichte das Geld nur für das Haus und nicht mehr für den Streifen Land davor. Wenn sie über die Schwelle traten, standen sie schon auf fremdem Besitz. Dieses Haus ließ er durch einen Rechtsanwalt in Thorde seiner Tochter überschreiben. Als er die Zustellung des Gerichts bekam, war er außer sich vor Freude. Mit den großen Händen, daran noch Mehl und Teig saß, hob er Hanni in die Höhe und drehte sich mit ihr durch das Zimmer, daß Frau Dahl erschrocken dazwischen fuhr. Das ist seine letzte Freude gewesen. Bald darauf warf ihn eine plötzliche Krankheit um. Frau Dahl konnte es nicht fassen. Eine Zeitlang waren ihre Sinne verwirrt. Aber das Leben ist mächtiger als Trauer oder Jubel. Gleichmäßig geht es weiter und streicht beides fort. So beruhigte sich auch Frau Dahl wieder und ging wie früher ihrem Broterwerb nach. Sie war glücklich, das Kind zu haben. Sie wußte nun, wofür sie arbeitete. Frau Dahl kannte das Leben und hatte ihre eigene Auslegung. Es gab nichts, das ihr fremd gewesen wäre, nicht etwa so, daß ihr Verstand für alles eine Auslegung gefunden hätte. Nein, es gab vieles, was Frau Dahl nicht begriff. Aber sie suchte alles in ihrem guten Herzen unterzubringen. Wenn sie eine böse Nachrede über andere hörte, schmerzte es sie, und sie glaubte, jedes bösen Mundes wegen sich schämen zu müssen. Nun saß sie schon vormittags gebeugt über zerschnittener Leinewand in der Stube aus dem Chausseehof. Oft ging ihr Blick zu Lisa, die stillschweigend ihr gegenüber saß. Frau Dahl wartete oft, daß Lisa etwas sagen würde, doch der Mund blieb verschlossen, und Frau Dahl fragte nicht. Manchmal kam Iben Kars in die Stube, stellte sich an den Tisch und betrachtete ihre Arbeit. Einmal hob er so ein Hemdchen, das nicht viel größer war als seine Hand, gegen das Licht. Da stand nun ein starker alter Mann mit so einer Zierlichkeit in den Fingern für ein noch nicht Geborenes. Frau Dahl mußte an ihren Mann, an den breiten Müllergesellen Hermann Dahl denken, und all die wunderliche Freude, die er um so ein Ding gehabt hatte. Da blickte sie auf und wagte Iben Kars anzusehen. Es war viel Nachdenkliches in seinem Gesicht. Frau Dahl wollte ein gutes Wort sagen, doch Iben Kars hatte das Hemdchen aus den Tisch geworfen und ging schon hinaus. Man merkte Lisa nichts an. Ihr Gesicht blieb still. Seit jenem Abend, wo Iben Kars Lisa auf dem Tanzboden gesucht hatte, war ihr Gesicht stumm geworden. In jener Nacht ging der Bauer in großer Bedachtsamkeit nach Hause. Schwatzhafte Augen sind im Dunkel und neugierige Münder. Unsichtbar sind sie, und man kann ihnen nicht zu Leibe rücken. Am Morgen jedoch ist jedes Haus von ihren bösen Worten voll. Man muß langsam und mit Bedacht hinschreiten, wenn man weiß, daß sie einem aufpassen wollen. Bis zum Hoftor haben sie ihr nächtiges Gebiet. Dahinter ist die eigene Schwelle. Bis zum Hoftor geht Iben Kars, wie es seine Gewohnheit ist. Sein Schritt ist nicht anders, als ginge er zu einer Gemeindesitzung oder zu einer Arbeit auf dem Felde. Am Hoftor bleibt er stehen, sieht sich um und sieht in die große Dunkelheit. Dann wendet er sich und geht. Aber sein Schritt ist jetzt hart und kurz. Härter und kürzer als sonst. Das ist ein jäher Antrieb, jäh und rücksichtslos. Er knallt die Tür ins Schloß. Er steht im Haus. Er steht vor der Tür zur Stube. Was wird er tun, wenn Lisa nicht da ist? Er reißt die Türe auf, er sieht Lisa im Bett liegen, ihre Augen voll Verwunderung. Sie denkt: Er wird ärgerlich sein. Irgend etwas ist in der Sitzung nicht nach seinem Kopf gegangen. Manchmal rotten sich die Kleinen zusammen und widersprechen ihm. Lisa hat sich aufgerichtet und fragt. Sie bekommt keine Antwort. Iben Kars ist dicht vor ihr Bett getreten und starrt sie an. Er sieht ihr unverwandt in das Gesicht. Sein Blick ist so starr, daß sie ängstlich wegsieht. Ihr Kopf ist ihm noch zugewandt, nur die Augen hat sie jetzt auf die Decke gerichtet. Es ist ein derbes rotweiß gewürfeltes Bettuch. Iben Kars lacht kurz. Es kann auch ein Aufhusten sein, es kann auch Zorn sein. Lisa wagt nicht sich zu bewegen. Plötzlich ist er bei ihr. Wie ein mächtiger unerbittlicher Feind bricht er auf sie ein. Er hat sich über sie gestürzt, als wollte er in ihr etwas töten, das ihm zuwider ist. So gewaltig ist sein Ausbruch, daß Lisa hilflos aufschreit. Am nächsten Morgen ist Iben Kars lange vor ihr aufgestanden. Als sie in die Küche tritt, ist er schon über die Felder. Mittags kommt er zurück. Beim Essen spricht er kein Wort, auch am Abend nicht und nicht am Morgen. Tags darauf stellt ihm Lisa nur das Essen hin. Dabei bleibt es. Sie ißt jetzt früher oder später. Iben Kars nimmt keine Notiz davon. Vierzehn Tage lang geht das so. Inzwischen ist Christian zu Frau Drees auf den Hof am See gezogen. Darüber spricht man in Sureiken, auch Lisa erfährt es und Iben Kars. Bei dieser Nachricht belauert Iben Kars Lisa um irgendeine Äußerung ihres Gefühls. Doch scheint sie es gleichmütig hinzunehmen. »Er weiß an den Tisch zu kommen«, sagt Iben Kars geringschätzig. Lisa widerspricht ihm nicht. »Ein Vagabund ist er«, sagt Iben Kars, »von der See ist er gekommen und will sich hier breit machen.« Lisa sagt nichts darauf. »Hast du mir nichts zu sagen?« schreit Iben Kars wütend. »Doch«, antwortet Lisa, »aber du willst es wohl nicht hören.« Sie blickt den Bauer fest an, ihr Blick ist ohne Zorn und ohne Liebe. »Was willst du mir sagen?« fragt Iben Kars etwas verwirrt. Lisa blickt über den Hof. Sie stehen beide am Brunnen unter dem leeren Baum. Ihr Blick umfaßt das Haus, Stall und Scheunen. Langsam in die Runde geht ihr Blick. Iben Kars wartet auf Antwort. Er läßt ihr Zeit dazu; dieser Blick von ihr scheint ihm Besonderes. Nun wendet sie sich zu ihm und langsam, als müßte sie jedes Wort weither holen, sagt sie: »Ich bekomme ein Kind.« Sie scheint auf keine Antwort zu rechnen. Sie ist schon gegangen. Iben Kars will ihr nach. Eine ungläubige Freude ist in ihm. In diesem Augenblick denkt er an nichts anderes als an dieses Wunder. »Lisa«, ruft er über den Hof. Sie hat seinen Ruf nicht gehört. Sein Mund wird wieder hart. Er geht über die Felder. Es ist ein schöner Besitz von der Chaussee bis weithin zu der Wielingschen Mühle. Über den Feldern ist eine rauhe Kälte. Der Winter meldet sich. Durch dieses Kaltwerden geht einsam Iben Kars. Manchmal sagt er leise vor sich hin: »Es wird ein Sohn sein.« Am nächsten Tage verlangt er, daß Lisa ihren Teller holt. Sie wollen wieder gemeinsam essen wie früher. Das ist alles. Schweigend nehmen sie ihre Mahlzeiten. Ein paar Tage darauf bestellt er Frau Dahl. Es wird noch lange Monate dauern, bis man diese Nähereien gebrauchen kann. Aber jetzt sind die stillen Wochen. Später ist wieder viel zu tun. Nun sitzt Frau Dahl schon tagelang und näht. Manchmal seufzt sie: »Ach Gott«, und tut, als habe sie sich in den Finger gestochen. Es soll keiner erraten, wie bedrückt sie ist über Lisas Augen, die ohne Freude über all diese Arbeiten hingehen. ›Wenn sie doch sprechen möchte‹, denkt Frau Dahl. ›Sie müßte sich alles von der Seele reden.‹ Sie blickt Lisa aufmunternd an, aber die Frau schweigt nach wie vor. Eines Tages kann Frau Dahl nicht an sich halten und sagt: »Das wird eine Freude sein, wenn er erst darin herumstrampelt.« Sie hält eine Windel hoch, der sie aus rotem Zwirn einen Saum gegeben hat. Diese Worte machen Lisa kopflos. Sie kann sich nicht mehr beherrschen, sie wirft den Kopf in die Hände und weint. Über den Tisch liegt sie. So wild sind ihre Tränen, daß ihr Rücken bebt, und daß Frau Dahl, die mit sanftem Streicheln sie beruhigen will, angstvoll fühlt, wie ihre streichelnde Hand auf und ab springt unter dem jähen Schmerz der anderen. Nun findet Lisa auch Worte. Wie gehetztes Wild jagen diese Worte hin. »Was ist das für ein Leben«, schreit Lisa. »Ich halte das nicht mehr aus!« Ihr ganzes Unglück schreit sie hinaus. Frau Dahl wehrt erschrocken. Sie blickt furchtsam nach der Tür, als könnte Iben Kars jeden Augenblick eintreten. Sie bedeutet Lisa, leiser zu sprechen. Sie macht ihr verlegene Zeichen. Sie will sagen: »Das weiß ich ja alles«, aber Lisa läßt sie nicht zu Worte kommen. »Alles wißt ihr!« ruft Lisa, »jawohl, alles wollt ihr wissen. Den ganzen Tag ist es ein Getratsch. Was noch nicht entzwei ist, macht ihr kaputt!« Nun weint auch Frau Dahl. Sie ist eine gute Frau, die nie einem Menschen ein Wörtchen Schlechtes angehängt hat. Nun muß sie für das Geschwätz der anderen herhalten. Lisa fährt mit ihren Anklagen gegen sie, als wäre Frau Dahl das Dorf. »Das ist ein Unrecht«, jammert Frau Dahl. Lisa kommt zur Besinnung. »Du kannst nichts dafür«, sagt sie, »du nicht. Nein, du nicht, das weiß ich.« Frau Dahl trocknet ihre Tränen. Sie greift wieder nach der Leinewand. Eine letzte Träne fällt darauf. Über diese letzte niederfallende Träne ist Frau Dahl so gerührt, daß sie wieder zu weinen beginnt. Da wird nun alles für den Empfang eines neuen Menschenkindes bereitet, und noch eh ihm das erste Lallen vergönnt ist, sind schon Not und Herzeleid um ihn. Lisa ist aufgesprungen und läuft durch das Zimmer. »Keine ruhige Minute hab ich mehr, so aufgeregt bin ich. Du siehst es mir nicht an, das ist alles bloß Schein, aber hier innen, ach Gott, hier innen.« »In deinem Zustand ist das oft so«, sagt Frau Dahl, »nach der ersten Zeit gibt es sich. Da war hier die junge Frau von einem Sommergast, Frau Macke hieß sie, oder Frau Matthes, ich weiß es nicht genau. Richtig, sie hieß wohl Macke. Die ist ihrem Mann davongelaufen. Einen ganzen Tag war sie fort. Überall hat man sie gesucht, weil man dachte, sie wäre ins Wasser gegangen. Am nächsten Tag kam sie von selbst wieder. Sie war einfach einen Tag fort. In deinem Zustand kommt das schon vor.« »Ich laufe auch weg«, schreit Lisa. »Willst du dem Kind das Bett nehmen?« fragt Frau Dahl erschrocken. »Das Kind?« wiederholt Lisa und besinnt sich. »Ja, das Kind«, sagt sie und fügt nach einem Weilchen hinzu: »Hierher gehört's. Ich will es.« Sie sagt das mit so ruhiger Bestimmtheit, daß Frau Dahl die Tränen, die sie noch in den Augen hat, fortwischt und ihr zunickt. Lisa hat sich wieder an den Tisch gesetzt. Das Vorhergegangene scheint sie vergessen zu haben. Bis in den Abend hinein nähen sie gemeinsam. In friedlichem Gleichmut bewegen sich die Nadeln. * Eines Tages ist Christian nach Thorde gefahren. Emilie hat Geburtstag, und er will ihr ein Geschenk besorgen. Auch für Frau Drees kauft er eine Kleinigkeit, und da ihm in dem Kaufladen Lisa in Gedanken kommt, ersteht er für sie ein Tuch. Er weiß nicht, wie er es ihr geben soll, doch hofft er, daß sich eine Gelegenheit findet. Als er in einen Gasthof in Thorde einkehrt, trifft er Dan Lebbers. Christian ist lange nicht in der Wirtschaft des Kaufmanns gewesen. Seitdem er auf dem Hof am See sein Zimmer hat, geht er abends kaum noch aus. Er tut es schon nicht des Geredes wegen, das über ihn in Sureiken umlief. Als er jetzt Dan Lebbers in der Gaststube sieht, möchte er am liebsten wieder hinausgehen, aber er will nicht als Flüchtling erscheinen und setzt sich. Dan Lebbers hat ihn sofort bemerkt. Er tut, als wäre noch die alte Freundschaft zwischen ihnen, hebt sein Glas und trinkt ihm zu. Er nimmt auch die Mappe, die auf dem Stuhl neben ihm liegt, und bedeutet Christian, dort Platz zu nehmen. Christian tut es. Die Einkäufe in Thorde haben ihn auf andere Gedanken gebracht. Er hat sich an den Auslagen in den Schaufenstern erfreut, hat zwischen den Männern und den Frauen an dem Markt gestanden, vor allem aber hatte er in dem kleinen Hafen in Thorde die Fahrzeuge betrachtet, die mit rüstigem Segelzeug zur Fahrt sich bereit machten. Er war mit einem Schiffer ins Gespräch gekommen, hatte sich von dem letzten Wetter erzählen lassen, und war dann weiter geschlendert bis zu der Stelle, von der aus man den Leuchtturm sehen konnte. Das alles waren für ihn Erlebnisse geworden, wie man sie auf großen Reisen hat, denn er war seit langer Zeit nicht mehr ans Sureiken herausgekommen. Ja, diese Eindrücke hatten ihn das Dorf fast vergessen lassen, und als er nun neben Dan Lebbers saß, wurde er neugierig aus die kleinen Geschehnisse, deren Berichterstattung der andere mit aufgebauschten Worten immer parat hatte. Zwischendurch sagte Dan Lebbers: »Es ist schade, daß du das alles aufgegeben hast.« Christian zuckte die Achseln: »Ich kann den Bauern nichts aufschwatzen. Was hat es für Zweck, Agent für eine Fabrik zu sein, wenn man in all der Zeit nicht eine einzige Maschine unterbringt.« Dan Lebbers widersprach. »Ausdauer«, sagte er, »Ausdauer und Zähigkeit, verstehst du? Wozu hat der liebe Gott einem die Sprache gegeben? Immer reden! Viele Worte kriegen den dicksten Kopf mürbe. Man muß bloß tun, als glaubte man das, was man schwatzt. Nein nein, du hast zu früh die Flinte ins Korn geworfen.« »Von dem Eierhandel könnt ich nicht leben«, sagte Christian. »Das war ja auch bloß ein Vorwand, der Handel. Du hast das bloß nicht begriffen«, antwortete Dan Lebbers. »Mit 'ner Stiege Eier kommst du nie auf 'nen grünen Zweig. Das ist klar. Aber durch solchen Handel wurdest du mit den Bauern bekannt. Da liegt nämlich der Hase. Sie müssen erst mal Vertrauen fassen. Und so nebenbei erzählst du, verstehst du, von deinen Maschinen. ›Da habe ich noch so was in petto, Bauer, eine feine Sache, ein raffiniertes Ding, das drischt das Korn von selbst.‹ Na, und so weiter. Du hätt'st ihnen das Maul wässrig machen müssen. Na ja, das alles will natürlich gelernt sein. Da kann ein anderer nichts zu sagen. Aber deswegen keine Feindschaft. Du könntest dich schon mal wieder bei uns sehen lassen.« Christian versprach es zögernd. Dan Lebbers unterbrach ihn: »Nicht so zaghaft, Junge, ich weiß schon, woran es liegt. Man hat allerhand in Sureiken geschwatzt. Na schön, das geht uns nichts an. Man braucht sich nicht darum zu kümmern. Was kannst du dafür, wenn der Onkel die Geige kaputt schlägt. Lüßmann ist ein Waschweib. So was mußt du dir gar nicht zu Herzen nehmen.« Dan Lebbers schlug plötzlich Christian auf die Schulter und lachte: »Aber das muß ich sagen, du bist schon so ein Heimlicher. Du verstehst es bei den Frauen an die Suppe zu kommen, alle Achtung! Du denkst auch, lieber die Tante mit 'nem Taler, als die Nichte mit nichts. Nun, sie ist ja auch noch sehr reputierlich, die Frau Drees. Da wird der alte Kars schöne Augen machen. Er ist auch mal bei ihr umgegangen.« Man merkte jetzt deutlich das viele Bier, das Dan Lebbers getrunken hatte. Er sprach mit schallender Stimme und sah vergnügt auf die Umsitzenden. Es waren Leute, die Christian nicht kannte und deren Mienen man anmerkte, daß sie aus den Worten des Dan Lebbers nicht klug wurden. Aber sie lachten trotzdem. Es ist gut, wenn man beim Bier guter Laune bleibt. Christian ärgerte sich über das Geschwätz. Da er es aber nicht auf einen Zank ankommen lassen wollte, entgegnete er nichts, doch stellte er den Absatz seines Schuhes so hart auf Dan Lebbers Fuß, daß der Kaufmann zusammenzuckte. Er starrte sprachlos in Christians lachendes Gesicht. Er spürte deutlich, daß es kein freundliches Lachen war. So lenkte er ein und sagte: »Also bleibt's beim alten!« Er wollte Christian zutrinken, aber der übersah das. »Nun wird's ganz verrückt«, brummelte Dan Lebbers. Er kratzte sich verlegen am Ohr, verabschiedete sich auch bald und meinte: »Du hast wohl doch noch in Thorde zu tun, Christian, aber laß dich mal wieder sehen.« »Darauf kannst du dich verlassen«, antwortete Christian. Dan Lebbers sah ihn fragend an. »Na na«, meinte er etwas besorgt und ging. Christian lachte hinter ihm her. Christian Kars kam mit seinen Geschenken nach Sureiken zurück. Er legte sie bis zum Sonntag beiseite. Dann war Emiliens Geburtstag. Er bewohnte eine Stube, die nach dem See hinausging. Es war ein kleines Zimmer, aber man konnte sich darin behaglich fühlen. Emilie hatte für allerlei kleine Bequemlichkeiten gesorgt. Als er das Zimmer bezog, fand er diese Dinge vor. Stillschweigend hatte sie alles eingerichtet. Er erkannte es dankbar an, denn das Zimmer war, als es ihm von Frau Drees vor dem Einzüge gezeigt wurde, kahl und ungemütlich gewesen. Er glaubte, Emiliens Sorgfalt herauszufühlen, mußte aber eine Ablehnung erfahren, als er ihr für diese Anzeichen ihrer Liebe danken wollte. Sie war gekränkt, daß er sie an jenem Sonnabend hatte warten lassen, daß sie vergebens an das dunkle Fenster geklopft hatte, und daß er ihr am nächsten Tage mit einer leeren Ausrede gekommen war. »Eine ganze Stunde habe ich bei Dan Lebbers gewartet. Jeden Tanz habe ich ausgeschlagen«, sagte sie, »nachher bin ich gegangen.« »Du mußt das verstehen«, antwortete er, »es handelte sich um eine Maschine. Der Bauer ließ mich nicht aus mit seiner Fragerei, ich saß wie auf Kohlen. Ich hab dann bei Lebbers noch reingesehen. Du warst nicht da, es war auch schon spät.« Er war gleich früh morgens zu Emilie gegangen und hatte noch nichts von dem zerbrochenen Bogen gehört. Das erfuhr er erst am Nachmittag. Er erschrak darüber und wußte nicht, wie er sich nun Emilie gegenüber verhalten sollte. Er fürchtete sich vor ihrer Frage. Aber sie überging das alles. Sie wollte dem Gerücht nicht glauben, und doch konnte sie sich vor all den hämischen Worten nicht verschließen. Lüßmanns Andeutungen, die heimlich von Mund zu Mund gingen, entsetzten sie. Später gab man zu, daß weder Lisa noch Christian in dem Tanzsaal gewesen wären. Doch waren nun einmal Zweifel in ihr aufgetaucht, und so konnte auch diese Feststellung sie nicht beruhigen. Früher würde sie geglaubt haben, daß Christian ihretwegen auf den Hof am See gezogen war. Jetzt sah ihr Zweifel eine kluge Berechnung darin. Sie stellte sich vor, daß Christian durch diesen Wechsel jede Gemeinschaft zu Lisa ableugnen wollte. So dachte Emilie oft. Dann wieder waren Stunden, in denen sie sich dieses Unglaubens wegen Vorwürfe machte, Christian vor ihrem Herzen verteidigte und es voll Glück empfunden haben würde, wenn ihre Liebe ihn von jedem Verdacht freigesprochen hätte. Nach solchen Augenblicken kam sie Christian freundlicher entgegen, ließ es auch zu, daß er ihre Hand drückte oder um einen Kuß bat, doch wenn er dann in Aufwallung seines Gefühles die Geliebte an sich ziehen wollte, konnte sie sich oft unsanft losreißen und weinend davonstürzen. Er blieb betroffen zurück und wußte nicht, mit welchem guten Wort er sich ihr wieder nähern sollte. So war diese Liebe, die ihn nur allzu kurz hatte glücklich sein lassen, in einen unausgesprochenen Zwiespalt verkehrt worden, der ihn im gleichen Grade wie Emilie quälte. Manchmal dachte er wohl, daß ein offenes Wort alles in einen guten Weg einmünden lassen könnte, doch scheute er sich vor dem Mädchen über Lisa zu sprechen, wohl weil er sich mit Recht sagte, daß ihre Jugend nicht dem besonderen Maß gerecht werden könnte, mit dem Lisas härteres Los bemessen werden mußte. Das allein war es wohl auch nicht. Er fürchtete, für seine eigene Handlungsweise nicht das rechte Wort zu finden. Darüber hinaus konnte er sein Gefühl für Emilie nicht überprüfen. Er spürte, daß ihn zum ersten Male eine große und innige Zärtlichkeit ergriffen hatte. Er sah ein, daß seine Empfindungen Emilie gegenüber tieferen Wurzeln entsprangen, als seine Beziehungen zu den Frauen zuvor. Schon daß er darüber nachdachte, um sich Klarheit zu verschaffen, erschien ihm bedeutsam. Wieweit jedoch diese Hinneigung von Bestand sein würde, darüber wagte er nicht zu entscheiden. Als Seemann ist er viele Wege der Liebe gegangen. Ungeordnete Pfade find es meistens gewesen. Zum ersten Male will sich hier ein fester Weg ankündigen. Aber noch ist nichts da als diese erste Schau. Wenn Emilie mit verweinten Augen durch das Haus geht, folgt er mürrisch den Arbeiten, die er freiwillig übernommen hat. Vor seinem guten Wort ist sie geflohen, und so bleibt ihm nichts anderes als eine unzufriedene Miene. Manch einmal möchte Frau Drees vermittelnd eingreifen. Sie steht, daß die beiden, besonders Emilie, sich quälen. Aber Frau Drees' gutgemeintes Wort ist von plumper Vertraulichkeit und scheint Emilie noch mehr zu beleidigen. So glaubt Frau Drees, daß Christian sich scheinbar im Recht befände, und sie tröstet ihn mit dem Hinweis auf die Launenhaftigkeit junger Mädchen. »Das ist wie mit dem Frühling«, sagt sie, »heute Sonne, morgen Regen. Mein Gott, man war ja auch mal verliebt. Das kommt alles wieder zur Vernunft.« Für Emilie hat sie oft Vorwürfe. »Du wirst ihn wieder aus dem Haus graulen. Ich bin froh, daß er hier wohnt und uns zur Hand geht. Natürlich ist's angenehmer, wenn man für sich allein lebt, aber du weißt genau, daß es mir übel ergangen wäre, wenn er das Geld nicht rausgerückt hätte. Es sind seine ganzen Ersparnisse gewesen. So was muß man anerkennen.« Frau Drees hatte ihre Zinsen nicht aufbringen können. Auch im Vorjahre war es ihr schwer gefallen, doch hatte damals Iben Kars ihr die Summe zur Verfügung gestellt. Zu jener Zeit sprach er öfter auf dem Hof am See mit vor. Abends kam er auf ein Stündchen, manchmal auch Sonntags, wie es die Zeit erlaubte. Seine Besuche hatten eine gewisse Umständlichkeit, man konnte mehr darunter vermuten als Zufälliges. Fran Drees merkte bald, daß Iben Kars in Gedanken mit einer neuen Heirat umging. Warum sollte sie es nicht sein, die er dazu ausersehen hatte? Sie war eine tüchtige Person, die allen Widerwärtigkeiten zum Trotz mit zusammengebissenen Zähnen versuchte, ihren Hof zu halten. Zwar wußte sie nicht für wen, denn ihre beiden Kinder waren kurz nacheinander in frühem Alter gestorben, doch hatte sie nicht die Hoffnung aufgegeben, daß das Leben noch eine Freundlichkeit für sie im Schoß trüge. Wenn sie sich diese auch anders vorgestellt hatte als einen späten Sommer auf dem Chausseehof, so würde sie doch zufrieden gewesen sein, weil sie durch diese Ehe aus allen wirtschaftlichen Nöten herausgekommen wäre. Iben Kars wußte, daß es mit dem Hof am See nicht zum besten stand, und ohne daß Andeutungen von ihrer Seite notwendig gewesen wären, bot er von sich aus seine Hilfe an. Sie sah darin ein untrügliches Zeichen für seinen Entschluß. Eines Abends war es dann schon so weit, daß er nach ihrer Familie fragte. Er wußte wohl einiges, auch, daß sie aus einem kleinen Ort hinter Thorde stammte, wo ihr Vater etwas Land gehabt hatte. Nun im Gespräch erfuhr er, daß ihre Mutter bis zur Heirat etwa ein Jahr lang in Sureiken gedient hätte. Sie holte ein Photographiealbum und zeigte ihm ein frühes Bildnis, das ihre Mutter als Braut in Thorde hatte aufnehmen lassen. Iben Kars trat mit dem Bild näher zum Lampenlicht und betrachtete es. Der Frau Drees, die in dem Album nach einer Photographie ihres Vaters suchte, entging sein jähes Erschrecken. Iben Kars blickte hastig zu ihr hin, legte das Bild auf den Tisch und schob es etwas zittrig über die Decke zu Frau Drees hin. Sie nahm das Bild und sagte: »Sie soll in der Jugend sehr hübsch gewesen sein. Später kommen Kummer und Sorgen. Aber ich weiß, daß mein Vater immer stolz auf sie gewesen ist. Ulli nannte er sie.« »Ulli?« wiederholte Iben Kars. »Ja, sie hieß Ulrike wie meine Großmutter«, antwortete Frau Drees, »ich hätte auch gern so geheißen, aber da war eine Tante, die den Namen für mich hergeben mußte. Man hielt in der Familie viel von ihr, sie war mit einem Kantor verheiratet. Nun heiße ich Milda. Wie das so ist.« An diesem Abend ging Iben Kars früher als sonst. Er konnte eine Hast nicht unterdrücken. Auf der Schwelle stolperte er und knickte mit dem Fuß um. Er verbiß sich den Schmerz, doch sah Frau Drees, daß er Mühe beim Gehen hatte. Sie wollte ihn stützen und bot ihm ihre Begleitung an, aber er lehnte es ab. Iben Kars war nicht wieder auf den Hof am See gekommen. Frau Drees konnte es sich nicht erklären und glaubte schließlich, daß der Unfall an der Schwelle schuld daran wäre. Sie wußte, welcher Aberglaube über den Hof am See im Dorfe verbreitet lag. Als er längere Zeit nicht mit vorbei gekommen war, machte sie sich eines Tages auf und besuchte Iben Kars. Sie fühlte, daß er sie verstohlen betrachtete, sie glaubte auch zuweilen ein Wohlgefallen zu merken, aber seine Worte waren von einer Verlegenheit, die man sonst nicht bei ihm gewohnt war. Beim Abschied wußte Frau Drees, daß er sich anders entschlossen haben mußte. Sie war eine verständige Frau und hatte längst gelernt, daß es keinen Sinn hatte, nach dem Hasen zu greifen, wenn er schon um die Ecke war. So kehrte sie, wenn auch ärgerlich, aus ihren Hof zurück. Im Sommer heiratete Iben Kars dann Lisa. Einmal in dieser Zeit mußte er gehört haben, daß Frau Drees wieder in Sorge gekommen war. Er schickte ihr Geld. Da sie jedoch nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, ließ sie es ihm wieder hintragen. * Nun war es wieder Winter geworden, und die Zinsen waren fällig gewesen. Frau Drees wußte nicht, wo sie das Geld herbekommen sollte. Mit banger Angst glaubte sie, die Stunde nicht abwenden zu können, die sie von ihrem Besitztum vertreiben würde. Sie hatte sich an einen Makler in Thorde gewendet. Darauf war ein ziemlich wucherisches Angebot gekommen, das überlegt sein mußte. Da Emilie ihr für derlei Überlegungen zu unerfahren schien, wandte sie sich eines Abends an Christian. Es war kurz nach jenem unglückseligen Sonnabend. In Sureiken, das ihm eine Heimat zu werden begonnen hatte, war plötzlich Feindseliges gegen ihn aufgestanden. Darum empfand er es als Trost, daß nun ein anderer Mensch mit seinen Sorgen zu ihm kam. Weil er überdies wußte, welche dunklen Reden man dem Hof am See anhängte, fühlte er sich aus Abwehr gegen die Schwatzhaften doppelt hingezogen. Ein erlösender Gedanke schien ihm gekommen zu sein, über den er glücklich war. Er bot Frau Drees seine Ersparnisse an, mit der Bedingung, auf dem Hofe leben zu können. Ohne das Wort auszusprechen, schwebte ihm wohl eine Art Schicksalsgemeinschaft vor. Christian sagte: »Mit dem Handel ist es sowieso nichts. Solche Geschäfte liegen mir nicht. Ich dachte daher, zum Frühjahr Land zu kaufen. Aber wenn ich mein Geld mit in den Hof hier stecke, werde ich wohl auch nicht schlechter ankommen.« Frau Drees glaubte, es ihm noch einmal zur Überlegung anheimstellen zu müssen, doch Christian widersprach: »Ich könnte auch fortgehen, aber den Gefallen will ich ihnen vorläufig nicht tun. Auch soll Iben Kars nicht denken, daß ein Mensch, der von der See kommt, mit dem Lande nicht fertig wird. Also schlagen Sie ein, Frau Drees.« Nun war sie über den Gang der Dinge erfreut. »Damals hab ich schon gesagt, in so eine Hand gehört der Spaten.« Zu Emilie sagte Frau Drees lachend: »Nun haben wir einen Mann auf dem Hof, aber er muß von der Pike auf lernen. Zuerst muß man ihm das Melken beibringen.« Sie war verwundert, daß Emilie Christians Entscheidung nicht so herzlich aufnahm, wie es eigentlich zu vermuten war. Nun mußte sie oft das Mädchen zur Rede stellen: »Du wirst es noch so weit treiben, daß er seiner Wege geht«, klagte sie verärgert. Eines Sonntags war dann Emiliens Geburtstag. Bolk der Schmied war gekommen mit Frau Seba. Man saß um den Tisch und erzählte. Frau Seba deutete auf Christian und sagte: »Ich wußte gar nicht, daß er so guten Geschmack hat. Das ist eine hübsche Handtasche, ich hätte wohl auch gern so eine.« Sie fuhr Emilie zärtlich über das Haar. »Nein, welch hübscher Geschmack!« Sie hatte gemerkt, daß etwas zwischen Emilie und Christian nicht stimmen mußte, und so wollte sie wohl ein wenig zur Versöhnung beitragen. Frau Drees hatte eine silberne Nadel angesteckt, die eine Perle hielt. Es war nichts Besonderes, aber es sah doch gut aus. Frau Seba kannte den Schmuck noch nicht und bewunderte ihn. Sie erschrak, als sie hörte, daß Christian ihn aus Thorde der Frau Drees mitgebracht hätte. »Milda?« sagte sie mit vorwurfsvoller Frage. Dabei streifte ihr Blick Emilie. Nun glaubte Frau Seba wohl, daß es Eifersucht wäre. »Wie kann er so etwas auch tun?« klagte sie am Abend vor ihrem Mann. »Er muß doch wissen, wie empfindlich junge Mädchen sind, besonders, wenn sie sich verliebt haben.« Sie wunderte sich, daß Bolk nicht darauf einging. Sie war überhaupt erstaunt, wie wortkarg er nach der kleinen Geburtstagsfeier war. Worüber wollte er sich beklagen? Man hatte in aller Freundschaft Kaffee getrunken und Kuchen gegessen, und am Abend hatte Frau Seba zu den beiden Männern gesagt: »Nun geht schon und trinkt euren Schoppen.« »Nach all dem Süßen will ein Mannsmagen was Herbes«, erklärte Frau Seba der Frau Drees. Sie war ärgerlich, daß Frau Drees nicht selbst daran gedacht und eine Kanne Bier besorgt hatte, aber vielleicht war sie zu knapp mit dem Geld gewesen. Frau Seba hatte auch bemerkt, daß die beiden Männer nicht viel miteinander sprachen. Bolk war nur mißmutig zu der Feier gegangen, wie er überhaupt vermied, mit Christian zusammenzukommen. ›Was sind das alles für Dummheiten?‹ dachte Frau Seba, ›was haben die Leute im Dorf zu schwatzen. Jeder soll vor seiner eigenen Türe kehren. Es ist auch nur, weil er neu hier angekommen ist. Sie denken, es könnte ihnen was von ihren Pfennigen abgehen. Sie wollen ihn gern wieder weg haben. Darum bringen sie ihn in solch schiefes Licht. Als wenn das Brot knapp würde, wenn noch einer mit äße. Natürlich, so ist es‹, hatte Frau Seba gedacht, und sie hielt auch vor ihrem Manne nicht damit zurück. »Wer hat denn nun dir in die Asche geblasen?« sagte sie ärgerlich. So war er schließlich doch mitgekommen, aber sie sah, daß er kaum zwei Worte mit Christian wechselte. »Trinkt euren Schoppen«, sagte Frau Seba, und wünschte, daß die Männer sich unter vier Augen einmal aussprächen. Warum sollte ein krummer Draht nicht wieder zurechtkommen? Nun, die beiden Männer gingen zum Schoppen. Sie gingen zu Dan Lebbers. Wohin sollten sie sonst gehen? In Sureiken konnte man sein Bier nur bei dem Kaufmann Dan Lebbers trinken. Die beiden hatten auf dem Wege nicht viel miteinander gesprochen. Sie sprachen auch kaum, als sie vor dem Ladentisch saßen. Das alles besorgte setzt Dan Lebbers. Er schlug sich schallend aufs Bein. »Der verlorene Sohn!« schrie er. Am Sonntagabend sucht man gern eine Unterhaltung. Ein Gespräch wenigstens muß sein. Man will die Woche ein wenig beschwatzen. So sind Lüßmann da und Patzke. Auch Laabs, der Schuster, sitzt in der Ecke und neben ihm Tonnis, der Nachtwächter. Es stehen auch noch ein paar andere Männer aus Sureiken vor dem blanken Schenktisch. Später sogar kommt noch Jakob Kloth, der Fischer, bei dem viele Kinder in einer Mütz leben, wie Pastor Lorentz immer sagt. »Du großes heiliges Vergnügen!« ruft der Schuster Laabs aus seiner Ecke. Man hat nicht viel zu erzählen gewußt, er war sogar schon etwas über dem Bier eingedruselt. Nun kam da Christian Kars, von dem man sich so viel ins Ohr tuschelte. Da wurde Laabs wach und rief: »Du großes heiliges Vergnügen!« Zuerst sah es gar nicht so aus, als wäre da etwas Besonderes gekommen. Die beiden Männer setzten sich vor den Ladentisch und tranken ihr Bier. Nach einem Weilchen stand Lüßmann auf und wollte gehen. Laabs hielt ihn zurück. Er lachte: »Warum so eilig, meine Herrschaften, fragte der Deibel.« »Hast recht«, antwortete Lüßmann und setzte sich wieder. Christian beachtete ihn nicht. Nein, es sah nicht aus, als würde sich Besonderes ereignen. Nur Laabs, der Schuster, bekam's mit dem Trinken. Er bestellte ein Glas nach dem anderen. »Himmel Kreuz Anis!« schrie er, und beruhigend setzte er hinzu: »Fluchen ist kein Versprechen.« »Donner Stern Raketenloch!« bekräftigte er es noch einmal. Die Leute wollten wissen, daß er sich neue Worte ausdachte, wenn er seinen Pechdraht zog. Er probierte sie aus, wenn er das Leder weich klopfte. Sagte seine Frau: »Pfui, Laabs!« dann war er zufrieden. Bei jedem Holznagel, den er in die Sohle einschlug, wiederholte er: »Pfui, Laabs.« Man konnte ihn für einen gefährlichen Menschen halten, aber er hatte geweint, als er einmal sah, wie eine Katze einen Vogel davontrug. Nun saß er da, trank ein Glas Bier nach dem andern und wartete auf seine Zerstreuung. Tonnis, der Nachtwächter, dem er ein Glas spendiert hatte, wollte sich erkenntlich zeigen. Er begann eine Erzählung. Das war noch umständlicher, als wenn er sich die Pfeife stopfte. Das ist auch selbstverständlich. Den Tabak nimmt man einfach aus dem Paket. Man weiß genau, woher man den Tabak nimmt. Aber woher holt ein Mensch die Worte? Das ist eine große Langwierigkeit. Man weiß nicht einmal, wie sie überhaupt zustande kommen. Natürlich ist es einfach. Der Mensch spricht. Das ist die einfachste Geschichte von der Welt. Das schon. Jedoch wie kommt er zu seiner Rede? Da wäre wohl noch manches zu bedenken, wenn man begönne, darüber nachzugrübeln. Manchmal macht Tonnis sich seine Gedanken. Heute ist er in Erinnerungen hinabgestiegen. Er ist alt, und vieles ist schon von dieser Welt abgeschieden, was mit ihm jung war. Nun ist auch Sparre begraben, Sparre, der Kuhhirt, und Lewe Haart ist begraben. Von seinem Jahrgang lebt bloß noch Miele Wulk. Ein rotes und ein graues Auge hat sie, und das eine Bein ist gut eine Handbreit kürzer als das andere. Früher war sie noch eitel und trug einen hohen Absatz, aber nun hat sie schon längst diese Eitelkeit aufgegeben und geht, so wie es ihr Gott bestimmt hat. Auf und ab, so ist ihr Gang, auf und ab. Tonnis ist öfter bei ihr. Er geht nun auch schon lange krumm. Den Hals vorgeneigt und den Blick zur Erde, so geht er. »Such den Tag«, fingen die Kinder. Oft muß man lachen, wenn Tonnis und Miele Wulk einen kleinen Spazierweg haben. Auf, ab, und Such den Tag, so gehen die beiden Alten. Dazu klappern sie mit den Stöcken und immer haben sie etwas zu kichern. Über den Kirchhof gehen sie – Auf, ab, und Such den Tag –, stehen hier am Grab und da am Grab, sagen »ja ja« und lachen. Komische Geschichten fallen ihnen ein, von denen, die da unten liegen. Kleine Bosheiten und große Dummheiten, alles, was die Menschen so anstellen in einem Leben. Tonnis sitzt auch öfter bei Miele Wulk in der Küche. Bevor er eintritt, überzeugt er sich jedesmal vorsichtig, ob die Ziege nicht wieder in der Diele steht. Manchmal nämlich, wenn Miele Wulk sich zu einsam fühlt, holt sie die Ziege herein. Einmal ist Tonnis umgestoßen worden. »Was ist dir in den Kopf gekommen, Miele Wulk«, hatte er gesagt, dann erst merkte er, daß es die Ziege gewesen war. Er war ärgerlich davongehumpelt und hatte überall erzählt: »Bei Miele Wulk sitzt die Ziege am Herd!« Die Leute wurden nicht schlau aus seinem Bericht, aber sie glaubten, daß es bei Miele Wulk nicht mehr stimmte, und so schickten sie ihr den Doktor ins Haus, und als der bei ihr nichts fand, den Pastor. Miele Wulk hatte den alten Pastor Lorentz kühl aufgenommen. Sie bot ihm nicht einmal einen Stuhl an. »Du hast ein verstocktes Herz«, hatte Pastor Lorentz gesagt. Und zu dem alten Fräulein Hoffenthal hatte er zu Hause geäußert: »Die geht keiner schiefen Katze aus dem Weg, die Miele Wulk.« Miele Wulk war lange zornig gewesen auf Tonnis, weil er das von der Ziege erzählt hatte. Aber schließlich war sie wieder zugänglich geworden, denn kurz vor dem Grabe soll man sich nicht mit dem erzürnen, der auch schon dahin auf dem Wege ist. Nun saß Tonnis mit Laabs, dem Schuster, zusammen am Tisch bei Dan Lebbers. Er sagte: »Wenn sie's nicht mit dem Fuß gehabt hätte, wär sie in der Jugend nicht so uneben gewesen. Neulich hatte sie einen Kuchen gebacken. Ich sollte mithalten, sagte sie, aber was soll ich Kuchen essen, wenn ich den Sod kriege.« »Das schwatzt und schwatzt«, rief Laabs. »Laß mich in Ruh damit. Sie hat ein rotes und ein graues Auge. Ich will nichts von ihr wissen.« Tonnis schüttelte den Kopf. »Sie hängt keinem Menschen was an«, sagte er. Nun fuhr Lüßmann herum und starrte den Nachtwächter an. »Auf wen soll das gehen?« schmunzelte Laabs. Nun war es also so weit. Jetzt mußte man nur sehen, daß der Funken nicht ausginge. Die anderen schwiegen aber noch. »Wer kriegt hier was angehängt?« stichelte Laabs. Christian trank langsam das Glas aus. Er drängte zum Aufbruch. Nur widerwillig war er geblieben, als er Lüßmann gesehen hatte. Warum aber sollte er ihm das Feld räumen? Er wußte, daß alles Gerede von Lüßmann stammte, ob zu Recht oder zu Unrecht. Wenn er gleich die Türe wieder hinter sich zugemacht hätte, würde man es ihm zum schlechten Gewissen angerechnet haben. Darum war er geblieben. Es war jedoch eine Spannung da, die sich auslösen wollte. Das merkte er deutlich, und darum wünschte er nun zu gehen. Jetzt war Patzke aus seiner Ecke hervorgekommen und stand neben dem Schuster. »Ich bin die Sanftmut selbst«, behauptete Patzke von sich, wenn er ein paar Glas Bier getrunken hatte. Er wußte, worauf der Schuster hinauswollte. »Jeder muß wissen, was er sagt, und damit gut!« sagte er. Mit diesem Satz wollte er wohl das Gespräch abtun, und um das noch deutlicher zu machen, hob er sein Glas, schwenkte es in die Runde und rief: »Aufs Wohl allseits!« Da hoben auch die anderen ihre Gläser, auch Bolk, der Schmied. Nur Christian ließ sein Glas stehen. Es war leer und er hätte es nun wohl füllen lassen müssen, um nachträglich dem anderen Bescheid zu geben. Doch schob er das leere Glas beiseite, stand auf, und zog die Weste zurecht. Auch ein sanftmütiger Mensch ärgert sich, wenn er nicht beachtet wird. Wie sollte es Patzke nicht kränken, der von Christian sich übersehen sah. Er stellte sein Glas hin und sagte zu Dan Lebbers: »Du hast einen stolzen Gast.« Laabs lachte: »Er will deinen Wunsch nicht annehmen, Patzke!« Das reizte den Gärtner noch mehr. Er wandte sich zu dem Schuster und sagte: »Nun ja, wenn einer drauf und dran ist, Hofbauer zu werden.« Er hatte es bloß halblaut gesagt. Das Wort war nur für Laabs bestimmt, doch Christian hatte es gehört. Er hatte die Hände in die Taschen gesteckt und mit einiger Verächtlichkeit sagte er: »Ihr seid einer wie der andere!« Die Männer im Laden fuhren hoch. Sie waren beleidigt und drohten. Dan Lebbers sah, daß es böse ausgehen könnte, und um den Sturm abzulenken, trat er vor den Ladentisch und fragte Christian: »Geht das auch auf mich?« »Auch auf dich«, antwortete Christian ruhig. Er sah dem Kaufmann glatt in das Gesicht. Nun war Dan Lebbers der Beleidigte. Die anderen konnten sich zufrieden geben. Dan Lebbers war ein starker Mann, der es nicht auf sich sitzen lassen würde. Nun konnten sie alle ihr Bier nehmen und beiseite treten. Sie gaben Raum für die beiden, die sich da gegenüberstanden. Bolk, der Schmied, erhob sich, nahm Christians Arm und sagte: »Komm.« Man sah allen an, daß sie falsch darüber waren. Es war wohl auch nicht richtig von dem Schmied, daß er Christian einer Auseinandersetzung entziehen wollte. Die Männer machten Miene, Christian nicht wegzulassen. Sie hätten das, wenn es darauf angekommen wäre, mit Gewalt getan. Dan Lebbers winkte ab. »Ich bin allein Manns genug!« Er wollte auf alle Fälle einen Tumult verhüten, auch wenn er sich mit Christian einlassen mußte. Er schob Bolk beiseite und sagte zu Christian: »Du hast mich beschimpft.« »Ich habe nicht mehr gesagt, als ihr wert seid«, erwiderte Christian. Er hatte die Hände aus den Taschen genommen und hielt sie in Bereitschaft. »So käme es darauf an«, sagte Dan Lebbers. Er zog die Jacke aus und legte sie auf den Tisch. Das alles geschah mit einiger Umständlichkeit. Nun werden sie miteinander ringen. Das Spiel der Muskeln soll nicht durch die Jacke behindert sein. Sie legen sie ab. Auch nicht durch das Hemd. Sie krempeln die Ärmel bis zu den Achseln auf. Sie stehen sich gegenüber und spähen einer des anderen Schwäche aus. Es ist gar kein Haß in ihren Mienen, nicht einmal Ärger. Alle Sehnen sind angespannt, jeder Muskel will sich erproben. Es ist eine Lust, einmal am anderen seine Kräfte zu messen. Als Seemann hat Christian das oft getan. Auf Deck im Spiel, in dunklen Gassen im Ernst. Er hat manchen Schlag davongetragen, doch auch nicht mehr als sein Gegner. Bis zur Erschöpfung hat er oft gerungen. Das war ein wundervoller Schlaf danach. Nun steht er wieder jemandem gegenüber. Das ist ein breiter, stämmiger Mensch, man sieht ihm an, daß er Kisten schleppt und schwere Säcke in seine Niederlagen trägt. Nein, Dan Lebbers ist kein Mensch, der vor einem anderen in das Mauseloch kriecht. Sie haben die Ärmel hochgestreift und mustern sich. Dan Lebbers schnalzt mit der Zunge. Sie werfen sich aufeinander. Gegeneinander stemmen sie sich, drängen sich ineinander, stehen starr wie Mauern im Griff, schieben sich schwer vor und zurück, beugen sich seitwärts und rückwärts, hochheben wollen sie sich und einander auf die Schultern zwingen. Sie reißen aneinander, um den festen Stand zu erschüttern. Doch stehen sie breitbeinig da wie Stiere. Es ist schon eine große Kraft in ihnen. Das muß man sagen. Doch dann kommen sie in Bewegung. Nun drängen sie ihre Körper durch den schmalen Raum. Sie haben nicht viel Platz. Der Laden ist nicht allzu groß, und die anderen, die zuschauen, müssen sich hinter den Ladentisch zusammenzwängen. Laabs will noch die Gläser, die vor dem Tisch stehen, in Sicherheit bringen. Aber schon ist es zu spät. Die Ringenden sind zu Fall gekommen und wälzen sich am Boden. Ein Stuhl ist umgefallen, ein Tisch. Es sind Gläser in Scherben gegangen, und die Ringenden bluten ans kleinen Schnittwunden. Sie rollen ineinandergeballt über den Boden. Nun bleibt kein Stück mehr an seinem Fleck. Auch die anderen Stühle sind umgestürzt. Das Regal, darin vielerlei Waren verstaut sind, schwankt. Es schwankt hin und her unter der Wucht des Anpralls. Wenn es umstürzt, wird nichts als eine große Verwüstung sein. Die Ringenden achten es nicht. Sie haben sich ineinander verbissen mit Händen und Füßen. Sie keuchen, und der Schweiß steht blank in ihren Gesichtern. Wenn das hohe Regal zusammenbricht, wird vieles zu Schaden kommen. Bolk, der Schmied, drängt sich aus den anderen heraus. Bolk hat große breite Hände. Es ist ein Wunder, daß er so zart die Geige zu spielen versteht. Schmiedefäuste hat er. Eisen kann er damit biegen. Das wissen die Leute. Selbst in Thorde wissen sie es. Eine Kette kann er zerreißen, wenn's darauf ankommt. Er tritt zu den Ringenden, er bückt sich und packt sie an den Schultern. Christian packt er und Dan Lebbers, den Kaufmann. Seine Hände sind so groß, daß ihre Schulterknochen darin verschwinden. Hart packt der Schmied zu. Fest und hart. Er reißt die Ringenden auseinander wie die Glieder einer Kette. So stark ist Bolk, der Schmied. Und als wäre er auf dem Tanzboden, ruft er: »Der Tanz ist aus!« Er steht zwischen den beiden Gegnern und läßt nicht zu, daß sie noch einmal aufeinander losstürzen. Allmählich beruhigen sie sich auch. Zwar geht ihr Atem noch lange heftig und ihre Hände zucken noch viel, aber man merkt doch, wie sie langsam zur Ruhe kommen. Auch sagt Laabs, der Schuster, mehrmals besänftigend: »Hand vom Pech. Donner auch. Hand vom Pech.« Inzwischen ist auch Tonnis vorgetreten und stellt die Stühle wieder auf. Die Glasscherben schurrt er mit dem Fuß an die Wand. Sie haben die Jacken wieder angezogen und stehen etwas unschlüssig da. Sie wissen nicht recht, war dieser Kampf zum Guten oder zum Bösen. Es war mehr als ein Spiel und doch wohl weniger als eine Feindschaft. Nun ist eine Verlegenheit zwischen ihnen. Auch die anderen bleiben schweigsam, als fürchteten sie, daß irgend etwas wieder aufflackern könnte. Jakob Kloth hat das alles mit angesehen, ohne Erregung hatte er den Kampf betrachtet. Nun ist er der erste, der geht. Er geht ohne Gruß, so wie es seine Gewohnheit ist. Es war Mond, und der Schatten der Kreuze lag auf der weißen Wand seines kleinen Hauses. Hinter diesen Schatten schliefen in wenigen Betten die vielen Kinder. Bunte Träume hatten sie, mit Fischen darin und komischen Kuhgestalten. Auch die Fische waren seltsamer als die in Vaters Netz. Der Traum gab allem eine fremde Gestalt, aber man brauchte sich nicht zu fürchten. * Christian fährt manchmal nach Thorde. Von Thorde aus sieht man das Meer. Ein schmaler Streifen, aber es ist das Meer. Man sieht auch den Leuchtturm, tagsüber entfernt wie eine graue Säule gegen den Himmel, abends jedoch nahe gerückt und nachbarlich durch den gutherzigen Schein. Oft blickt Christian hinüber. Er ist froh, wenn er nicht in Sureiken ist. Der Spektakel mit Dan Lebbers war kein Geheimnis geblieben. Emilie hatte schon am nächsten Tage davon gehört. Also deshalb hatte sie ihm einen Leinenlappen um die Hand binden müssen. »Ich hab mich ein bißchen geritzt. Nicht der Rede wert.« Er lachte, als sie ihm die Wunde verbinden wollte, aber ihr sanftes Zugreifen tat ihm wohl, und so hatte er es geschehen lassen. »Gerade zu meinem Geburtstag muß dir das passieren. Wie hast du das bloß angestellt?« jammerte Emilie. Am nächsten Morgen schon bekam alles ein anderes Gesicht. ›Er hat sich geschlagen, ausgerechnet an meinem Geburtstag. Es wird wieder eine böse Geschichte sein. Wer weiß, was noch alles geschieht.‹ Sie saß in der Ecke und weinte. Den ganzen Tag weinte sie, solange sie alleine war. Kam jemand herein, trocknete sie schnell die Tränen und versuchte zu lächeln. Frau Drees war unfreundlich zu ihr. Man sollte froh sein, daß ein Mann im Hause war, dessen Kräfte man im Frühjahr in der Wirtschaft gut gebrauchen konnte. Wer kann überhaupt wissen, wie lange er noch aushält, wenn er so maulige Tränen zu sehen bekommt. Frau Drees wollte das gutmachen und hatte für Christian freundliche Worte. Er blieb einsilbig. »Ich fahre nach Thorde«, sagte er und setzte sich auf das Rad. Es schneit. Dicke Flocken sind es, die durch die Luft wirbeln. Wann fährt jetzt ein Mensch ohne dringendes Geschäft nach Thorde? Es ist kein Vergnügen, den Schnee in das Gesicht zu bekommen. Man ist kaum aus Sureiken heraus, und schon ist man weiß wie ein Mehlsack. Kein vernünftiger Mensch ist auf der Landstraße. Doch Christian fährt nach Thorde. Er weiß nicht, was er dort soll. Thorde ist nicht viel größer als Sureiken. Kaum um die Hälfte größer ist es. Aber hinter Thorde geht der Fluß in das Meer. Hinter Thorde ist auch der Leuchtturm, ein roter Turm, düster am Tage, doch am Abend, wenn die große Lampe brennt, ein freundlicher Stern. Am Abend steht man auch nicht die graue Mauer darum und nicht das häßliche Haus, darin der Wärter wohnt. Am Tage ist es wie eine kleine erschreckende Fabrik, herzlos und ohne jeden guten Zuruf. Der Abend wischt das alles fort. Am Abend ist nur das große Licht, ein langes Licht, daß man dabei bis sieben zählen kann, und zwei kurze Lichtscheine, die nur bis drei ausreichen. Sieben und drei und drei, so ist das Lied, das der Leuchtturm hinaussendet. Im Winter ist dieses Licht schon frühzeitig wach. Jedenfalls leuchtet es schon, wenn Christian am Fluß entlang um den Hafen schlendert. Oft steht er lange und blickt nach dem Leuchtturm hin. Sieben zählt er und atmet tief. Er zählt drei und drei und schüttelt den Kopf. Man könnte denken, daß er Zwiesprache hielte mit dem Turm. Vielleicht sagt er dem Turm: ›Ich bin einer von denen, die deinem Meere untreu geworden sind. Nun weiß ich nichts Rechtes anzufangen. Es kann sein, daß ich zu dir zurückkehre, das könnte sein. Vielleicht aber geht es doch noch gut auf dem Land. Man kann das nicht wissen. Ja, vielleicht komme ich wieder.‹ Im Hafen hinter Thorde liegen nur wenige Schiffe. Es ist zwar eine große Mole gebaut worden, die ihr rotes Licht hat und ihr grünes Licht. Doch hat die Mole keine Stimme, und die Schiffe weit draußen auf See fahren vorüber. Ein paar Schiffe jedoch liegen immer bei Thorde. Es kommt auch vor, daß sie fremde Flaggen führen. Ja, manchmal geht ein ausländisches Schiff in Thorde vor Anker. Solch ein Schiff ist wieder angekommen. Christian kann sich nicht von diesem Schiff trennen. Ein kleiner Dampfer ist es nur, kaum der Rede wert. Man wundert sich, daß so ein Ding über die See kommt. Auf ganz anderen Schiffen ist Christian gewesen. Nun kann er sich von dieser Nußschale nicht losreißen. Er steht davor und starrt auf das schmutzige Schwarz der Bordwand. Einige schmierige Kerle laufen über Deck. Einer von ihnen kommt die Treppe heruntergeklettert. Neben Christian will er sich eine Zigarette anzünden. Es fehlt ihm aber das Streichholz und Christian bietet ihm Feuer an. Nun kommen sie in ein Gespräch. Der Mann spricht eine andere Sprache und es ist eine Art Kauderwelsch, was für die Unterhaltung herhalten muß. Christian geht mit an Bord. Er kriecht durch alle Ecken des kleinen wackligen Seedampfers. Er prüft die Taue und faßt über die Ankerkette. Er nickt mit dem Kopf. Alles ist gut. Ich hab manche Seefahrt gemacht. Es ist bloß ein kleiner Kasten, aber er hält durch. Schön, sagt Christian, und geht. Er klettert die Treppe herab, er steht noch ein Weilchen am Hafendamm. Da ist das schmierige Schwarz der Bordwand, eine flackernde Ölfunzel darüber. Das ist alles. Aber es war ein Schiff, das nach Meerfahrt roch. Christian fährt wieder nach Haus. Das also ist Sureiken, ein schmales, langes Dorf in der Dunkelheit. Allmählich werden kleine helle Augen im Dunkeln wach. Licht ist hinter den Fenstern. Nun ist schon freundlicher Abend. »Wie war es in Thorde?« fragt Frau Drees. »Was soll sein?« antwortet Christian, setzt sich und ißt. Frau Drees hat Eier gebacken. Sie hat auch Tee gekocht. »Das tut gut«, sagt sie. Dann ist Nacht über Sureiken und langer Schlaf. Auch über Thorde ist Nacht und Schlaf, und nur das Licht des Leuchtturms kreist über die See, drei, drei und sieben. * Einmal nach solch einer Fahrt trifft Christian Frau Dahl in der Küche. Frau Drees war verwundert über diesen Besuch. Frau Dahl läßt sich selten sehen auf dem Hof am See. Eigentlich ist sie schon seit langer Zeit nicht mehr dagewesen. Da sitzt sie nun in der Küche und erzählt. Es ist nicht viel Neues, was sie weiß. Man kann auch noch nicht ergründen, weshalb sie gekommen ist. Schließlich fragt sie, ob Frau Drees was zu nähen hätte. Deshalb also ist sie gekommen. »Man muß immer sehen, daß man ein paar Groschen verdient«, sagt sie. »Hanni muß einen Mantel haben, und ich brauche Schuhe.« Sie hätte doch bei Frau Kars zu tun, meint Emilie. »Ja ja, das schon, aber der größte Teil wäre geschafft.« Frau Dahl muß sich noch nach anderer Arbeit umsehen. »Wann soll denn das Kind kommen?« fragt Frau Drees. Das hätte noch seine Zeit. Nein, vor dem Sommer könnte man nicht damit rechnen. Man hätte auch nur die stillen Wochen für die Näherei nehmen wollen. Nachher ist alles wieder mitten in der Arbeit. »Es wird viel geschwatzt im Dorf«, sagt Frau Drees. Darüber läßt sich Frau Dahl nicht aus. Sie antwortet nur: »Der alte Kars freut sich.« »Auf das Kind?« fragt Frau Drees. Natürlich auf das Kind. Worauf denn sonst? Es ist immer sein Wunsch gewesen, so ein Kind. Hoffentlich wird es ein Junge. Dann ist Frau Dahl gegangen. Man weiß doch nicht so recht, was sie eigentlich wollte. Ein paar Tage darauf spricht sie wieder mit vor. Ob Frau Drees wohl schon Arbeit herausgefunden hätte? Diese Anfragen kommen der Bäuerin ungelegen. Sie muß sparsam mit dem Geld umgehen. Beinahe ist es zu wenig, um überhaupt noch mit umgehen zu können. Nun ja, sie braucht auch Neues. Ein paar Schürzen könnte sie schon gebrauchen. Wenn Frau Dahl nicht zu teuer wäre, möchte sie kommen. Das ist nun abgemacht und Frau Dahl sagt zu, daß sie in vierzehn Tagen einige Abende kommen würde. Doch bis dahin läßt sie sich noch mehrmals sehen. Sie hat immer eine kleine Anfrage. Welcher Stoff, welche Form. Sie will glauben machen, daß sie um diese Fragen extra käme. Frau Drees merkt, daß sie auch noch anderes auf dem Herzen hat. Frau Dahl ist eine brave Frau. Sie wünscht sich, daß alle Welt zufrieden wäre. Daß es nicht so sein soll, schafft ihr Herzeleid. Sie hat herausgefühlt, daß Lisa nicht glücklich ist. Sie glaubt auch, daß in Iben Kars ein Argwohn lauert, der jetzt noch gebändigt, einmal aber aufspringen könnte. Es ist gut, wenn man die Steine aus dem Wege räumt, an denen der Mitmensch sich stoßen kann. Warum sollte das so schwer sein? denkt Frau Dahl in ihrer Beschränkung. Nun will sie aus sich die Wege regeln, die andere zu gehen haben. Sie denkt sich nichts Arges dabei, im Gegenteil, sie will alles so gut machen wie nur möglich. Es wäre zum Besten, wenn alles schneller in Lauf käme. Man erzählt im Dorf, daß Christian auf Freiersfüßen geht. Noch ist es nicht ersichtlich, wie er sich entscheiden wird. Einige sagen, daß er es auf den Hof am See abgesehen hätte, andere meinen, daß es Emilie gälte. Nun will man in der letzten Zeit wissen, daß das junge Mädchen drauf und dran wäre, sich von Christian abzuwenden. Man muß ein paar gute Worte finden, nicht plump, damit das Mädchen nicht noch launischer wird, sondern ganz nebenbei im Gespräch. Am besten, wenn man zusammen bei der Arbeit sitzt, abends, wo einem der Tag nichts mehr tut. So denkt es sich Frau Dahl. Darum kommt sie öfter und wartet auf die Gelegenheit, ihr gutes Wort anbringen zu können. Einmal nun an so einem Abend trifft sie Christian. Er bringt viel Kälte von draußen mit in die Küche. Mit ihm scheint der Winter sich am Herd breitmachen zu wollen. Der Schnee ist schon vorüber, in der knitternden Luft kündet der Frost sich an. Wie immer, wenn er von Thorde zurückkommt, ist Christian wortkarg. Kaum, daß er eine Frage hat nach Ohm Kars. Nach Lisa erkundigt er sich gar nicht. Zwischendurch im Gespräch geht er hinaus, man hört durch die Wand seinen Schritt im Anbau. Als Frau Dahl geht und im Dunkeln vorsichtig am Zaun den Weg abtastet, steht Christian da. Er sagt: »Ich habe das neulich mitgebracht. Wollen Sie es ihr geben?« Und sie weiß, wen er meint. »Es braucht keiner zu wissen«, sagt er noch. Und sie weiß wieder, wen er meint. »Ja«, sagt Frau Dahl etwas ängstlich. Nun hat sie es versprochen, und sie wird Lisa das Tuch geben. Warum tut das Frau Dahl? Ihr Herz ist bekümmert darum und sie macht sich Vorwürfe. Da soll sie noch den Boten abgeben für eine große Verfänglichkeit. Frau Dahl sitzt zu Haus, weint und seufzt. Sie hat das bunte Tuch auf den Knien, das Christian aus Thorde für Lisa mitbrachte. Nun fallen ihre Tränen darauf, daß sie fürchtet, das Tuch könnte verderben, und so wickelt sie es wieder sorgfältig ein. Ja, sie wird Lisa das Tuch geben. Aus ihrer Angst heraus wird sie es tun. Es sind Kräfte am Werke, die Frau Dahl mit ihrem beschränkten Herzen nicht übersehen kann. Es ist nicht bloß Güte in der Welt, auch Böses ist da und Verdammnis, und wenn man es abwägt, weiß man nicht einmal, ob es so böse und so voller Verdammnis ist, wie es scheinen will. Dann über Nacht ist der See bei Sureiken gefroren. In den Tagen darauf ist aus dem hauchdünnen Glas des ersten Eises eine starke Decke geworden. Nun kann man wie auf einer Straße über den See gehen. Mittwinter zieht herauf. Frau Drees hat eine neue Sorge. Wie alljährlich ist auf dem Hof am See zum Herbst ein Schwein geschlachtet worden, doch Frau Drees brauchte Geld, und so hat sie viel davon verkauft. Was essen zwei Frauen schon? Man kann sich einschränken und mit einer Kleinigkeit über den Winter kommen. Aber nun war Christian mit zu verpflegen. Er ist ein kräftiger Mensch in den besten Jahren und hat einen guten Appetit. Frau Drees steht, daß sie mit ihren Vorräten nicht auskommen wird. Es muß hausgehalten werden. Sie nimmt vor Christian kein Blatt vor den Mund, und Christian lacht. »Da muß ich mich selbst beköstigen«, lacht er. Er holt die Angel hervor, die irgendwo in einer Ecke des Schuppens liegt. Frühmorgens ist er schon auf dem See. Er hat ein Loch in das Eis geschlagen und die Schnur hineingeworfen. In diesen ersten Frosttagen ist der Barsch gefräßiger als je. Christian kommt mit manchem Fisch nach Hause. Der Fisch wird gekocht und gebraten, immer abwechselnd, einmal gekocht, einmal gebraten. Christian erinnert sich aus seiner Kindheit, daß man im Osten den Barsch auch räuchert. Er weiß noch, wie die Tagelöhner es machten. In einer Heringstonne, die auf drei Mauersteinen stand, zwischen denen ein Kienfeuer schwelte, bekam der Fisch seinen Rauch. Baumrinde tat man ins Feuer, fauliges und morsches Gezweig, damit das Feuer einen langsamen Weg fand. Christian hat sein Vergnügen daran, diese einfachste Art des Räucherns auszuprobieren. Frau Drees ist besorgt; daß er Stall und Scheune in Gefahr bringen könnte. So sucht er sich einen alten Schuppen am See, aus dünnen Planken gebaut und in seiner Verfallenheit längst vom Besitzer im Stich gelassen. Dahin bringt Christian seinen dürftigen Räucherherd. Bald findet er soviel Gefallen daran, daß er Abend für Abend dort sitzt. Der schwelende Rauch beißt wohl in die Augen, aber die Wärme, die von der schwerfälligen Glut ausgeht, ist angenehm und voll von Behagen. Hier ist Christian auch ganz ungestört. Frau Drees hat sich die Werkstatt nur einmal betrachtet und ist schnell davongelaufen. Den ganzen Abend über mußte sie husten. Emilie vermeidet es, Christian in dem einsamen Schuppen aufzusuchen. Aus Thorde hat Christian eine Handharmonika mitgebracht. Ganz billig hat er sie gekauft von einem Schiffer, dem die Ankerkette zwei Finger abgerissen hatte. Da war es für ihn aus mit der Musik. Manchmal wenn Christian Freude hat, spielt er abends ein Lied. Durch die dünnen Wände des Schuppens klingt es hinaus in die Dunkelheit. Es ist aber niemand da, der zuhört. * Das Tuch, das Lisa von Christian bekommen hatte, war aus einem weichen Stoff und schmiegte sich warm um den Hals. Es waren auch leuchtende Farben darin, und so lag es wie ein Schmuck über der dunklen Bluse. Lisa versteckte das Tuch nicht vor Iben Kars. »Woher hast du das Tuch?« fragte er. »Ich Hab es mir aus Thorde mitbringen lassen«, sagte sie leichthin, »ich muß mich jetzt vor Erkältungen in acht nehmen.« Damit hatte sich Iben Kars zufrieden gegeben. Oder tat er bloß so? Einige Zeit darauf hatte er ein anderes Tuch besorgt, ein schweres wollenes Tuch mit schwarzen und grauen Streifen. Lisa aber band den bunten Schal um. »Die Wolle ist hart und kratzt mich«, sagte sie. Iben Kars gab dem Händler, als er wieder vorbei kam, das wollene Tuch zurück. »Die Frau hat einen zarten Hals«, sagte er. Nun war der Fall erledigt. Es war der erste Sieg, den Lisa gegen Iben Kars errang. Aber vielleicht nahm er nur Rücksicht auf ihren Zustand; obgleich es noch bis zum Sommer seine Zeit hatte. Lange leere Abende sind es, die Lisa verbringt. Einige Male noch kommt Frau Dahl, sie hat auch von der Räuchertonne erzählt. Sie weiß, wie glücklos das Leben der Frau ist, und sie weiß, daß es nicht gut ist, wenn junge Frauen sich trüben Gedanken hingeben. Kein Wesen ist so empfindlich als der Mensch, ehe er in die Welt tritt. Vor dieser dunklen Pforte knüpfen sich alle Fäden des Schicksals. Im Ungeborenen schon sind alle Wege beschlossen. Empfindsamer ist er als jede Blüte. Jeder Atem, den er empfängt, wird ihn dereinst vorwärts treiben zu Heil oder Unheil. Wie der Mensch getragen wird, so trägt er sich später, heißt es im Land. Darum ist es gut, einer jungen Frau freundliche Worte zu geben. Es ist auch gut, ihr das von den Augen zu lesen, was sie gerne hören will. Lisa hat nicht nach Christian gefragt, doch Frau Dahl erzählt von ihm. Nicht viel, nur soviel, als sie verantworten kann. Sie hat auch von dem verfallenen Schuppen gesprochen, auch daß er für sich alleine manchmal Musik macht. Lisa fragt nicht weiter. Sie stellt überhaupt keine Fragen. Die wenigen Sätze jedoch, die Frau Dahl sagt, trägt sie weiter in ihren Gedanken. Das ist nun schon eine kleine Geschichte, diese Räuchertonne. Eine warme heimliche Geschichte ist es, darin man wohl selber einmal lesen möchte. Nicht hastig Blatt für Blatt umwenden, sondern langsam es in sich ausnehmen, langsam und mit viel Bedacht. Darüber hinaus denkt Lisa noch mehr. Er wird Emilie heiraten, denkt sie, warum sollte er es nicht tun? Sie ist ein junges Mädchen, das seine Vorzüge hat. Es gibt Abende, an denen Lisa ganz ruhig darüber nachdenkt. Es sind aber mehr Abende, an denen ihr Herz zornig ist und ihre Gedanken böse sind gegen Emilie. Es wird aber nicht anders sein. Heiraten wird er, was kann er anderes tun? Er kommt langsam zu Jahren und muß sehen, daß er sein Haus gewinnt. Er hat nicht viel hinter sich gebracht und er ist nicht der Mensch, der ein Vermögen ersparen wird. Er ist ein Seemann, so, wie er vom Wasser kommt, das Leben ist ihm durch die Finger gelaufen, nicht viel ist darin zurückgeblieben. Was soll er nun tun, denkt Lisa, er muß natürlich zusehen, daß er seinen warmen Platz findet. Ich hab es ja auch getan, sagt sich Lisa. Aber was kann ein junges Mädchen wie Emilie ihm bieten? Nun, das wird Christians Sache sein, wenn er sich dahin entscheidet. Manchmal denkt Lisa: nein, er soll nicht Emilie nehmen. Wenn es schon sein muß, mag er der älteren gehören, aber nicht der jungen. Lisa ist eifersüchtig auf Emilie. Sie hat Christian seit vielen Wochen nicht mehr gesehen. Wintertage schaffen Einöde. Der Schnee verschließt das Haus, der Frost und das Eis. Auch wenn die Tage zugänglicher gewesen wären, würde Lisa Christian kaum wiedergesehen haben. Die Wege sind ihnen vorgezeichnet, und jeder geht seinen. Die Wege haben sich berührt und sind auseinander gelaufen, nun sind die Wege schon weit auseinander. Manchmal an einer Krümmung aber blickt man zurück. Lisas Gedanken stehen jetzt oft an solchen Krümmungen. Auch scheint es ihr öfter nicht schwer, den Weg zurückzugehen bis zu dem Kreuzweg, daran er den anderen trifft. Wozu das alles aber? denkt Lisa. Eines Abends jedoch lassen all diese Gedanken ihr keine Ruhe. Sie läuft aus dem Haus. Zu dem Mädchen sagt sie: »Ich hab Kopfschmerzen, ich will noch etwas an die Lust.« Es ist eine stählerne Kälte. Die Sterne sind hell und sehr hoch. Es ist lange her, daß Lisa durch einen Abend ging. Sie geht um den See, sie will gar nicht so weit gehen, aber sie geht weiter. * Das ist keine gewöhnliche Bretterbude mehr, was Christian sich da gebaut hat. Die Fugen sind gut verstopft, damit keine Kälte mehr hereinkann, das Dach ist mit Teerpappe beschlagen und die Türe geht ordentlich in den Angeln. Eine Bank steht darin und ein Tisch, und von der Decke hängt die etwas tranige Gemütlichkeit einer Stallaterne. Christian hat sich einen Aufenthalt geschaffen, der ihn mehr lockt als die Stube im Anbau. Es gibt jetzt nicht allzuviel auf dem Hof zu tun. Wenn das wenige getan ist, verschwindet Christian in seine Räucherbude. Hin und wieder nimmt er auch ein Buch mit und liest. Frau Drees sieht das mit einiger Bedenklichkeit. Sie sieht ein, daß es keinen Zweck hat, Emilie immer die gleichen Vorwürfe zu machen. Dazu scheint das junge Mädchen nun doch unter der dörflichen Einsamkeit zu leiden. Ihre Freundinnen in der Stadt haben vielerlei Zerstreuung. Manchmal kommt ein Brief aus der Stadt, und Emilie ist dann noch unzugänglicher. ›Was hält sie überhaupt noch in Sureiken?‹ denkt Frau Drees. ›Soll sie doch abfahren, wenn es ihr bei uns nicht paßt.‹ Emilie schien sich jedoch mit dem Gedanken an eine Abreise gar nicht zu tragen. ›Also scheint sie sich doch auf Christian zu spitzen‹, stellt Frau Drees fest. ›Nun, da wird sie den Rauch der Wärme wegen leiden müssen.‹ Nach allem jedoch will Emilie glauben machen, als hätte sie für Christian nicht mehr viel übrig. ›Daß er es nicht über bekommt, ihr immer wieder ein freundliches Wort zu sagen‹, wundert sich Frau Drees. ›Das wird eine Zeitlang gehen, und dann ist mit einem Mal Schluß.‹ Nun geht Christian Abend für Abend nach dem Essen in seinen Schuppen. Die Abende, an denen man gemütlich zusammen in der Stube saß, sind fort, als lägen Jahre dazwischen. Jetzt ist Christian immer der erste, der aufsteht. Einmal hat Frau Drees einen verwegenen Gedanken. Sie sagt zu Emilie: »Er hat die Schlüssel vergessen. Willst du sie ihm nicht hinbringen?« Frau Drees denkt wohl, sicher wird er auf das Mädchen warten. Abend für Abend wird er auf Emilie warten. Warum soll ein Mann nicht hoffen, daß ihn die Liebste einmal besucht. Frau Drees ist eine vernünftige Frau, und sie würde nichts dabei finden, wenn es für beide zum Guten ausfiele. Doch Emilie gibt ihr eine Antwort, die ihr ein für allemal solche Vorschläge aus dem Kopf treibt. Frau Drees beschäftigt sich zu viel mit den beiden Menschen. Sie denkt über Emilie nach und über Christian. Vielleicht denkt sie über Christian zu viel nach. Er ist etwas jünger als sie, nicht viel, ein paar Jahre nur. Er war Seemann und ist noch zu wenig geschickt für das Land. Aber er hat den guten Willen und wird auch schon mit dem Ungewohnten fertig werden. Er ist keiner von denen, die vorschnell die Flinte ins Korn werfen. Frau Drees weiß, daß es von Jahr zu Jahr schwerer für sie werden wird, den Hof zu halten. Sie hat die Knechte immer gut behandelt, doch da sie eine Frau ist, die viel arbeitet, verlangt sie auch viel von den anderen. Darum laufen ihr die jungen Knechte bald wieder davon. Wenn ein tüchtiger Mann auf dem Hofe wäre, brauchte man kein Dienstvolk. Das alles sind Gedanken, mit denen Frau Drees sich oft beschäftigt. ›Ich sollte Emilie sein‹, denkt sie. Seit ein paar Tagen ist sie freundlicher zu Christian. Sie ist immer freundlich zu ihm gewesen, und man würde kaum einen Unterschied merken. Es sind auch nur Winzigkeiten, die ihre Freundlichkeit wärmer werden lassen. Es ist auch nur der Tonfall und hier und da eine kleine Bewegung, ein Blick und eine gutmütige Berührung. So wenig scheint es zu sein, daß Christian gar nichts davon merkt, aber Emilie horcht auf. Frau Drees hat ihr Tuch genommen und ist gegangen. Emilie sitzt in der Stube und schreibt an einem Brief. Was wird sie schreiben? ›Aus unserem Dorf kann ich dir nicht viel Neues berichten. Ein Tag ist wie der andere. Es ist kalt, und wenn man Lust dazu hätte, könnte man auf dem See Schlittschuh laufen. Man könnte auch Schlitten fahren, aber hier scheint kein Mensch auf den Gedanken zu kommen. Übrigens wohnt jetzt ein Mann bei uns im Anbau. Er ist von der See gekommen und will Landwirt werden.‹ So ungefähr wird Emilie schreiben. Frau Drees geht am See entlang. Es ist gut, daß sie die dicke Wolljacke anhat und die warmen selbstgestrickten Strümpfe. Sie hat die Taschenlampe mitgenommen und hin und wieder leuchtet sie über den Weg. Wenn Christian guter Laune ist, spielt er sein Instrument. Dann soll Musik durch die dünnen Bretterwände hinausklingen in den dunklen Abend, hat Frau Dahl gesagt. Heute abend hört Frau Drees keine Musik. Doch durch das kleine Fenster, das Christian eingesetzt hat, – es ist nur eine Spanne breit – fällt der dösige Schein der Laterne. ›Da sitzt er nun und bläst Trübsinn‹, denkt Frau Drees. ›Nun, ich werde ihn schon auf andere Gedanken bringen.‹ Sie will die Türe öffnen, aber sie erschrickt. Sie läßt die Türe im Schloß. Sie steht im Dunkeln. Der Schein der Laterne berührt sie nicht mehr. Plötzlich ahnt sie eine Gestalt über den Weg. Sie wendet sich jäh um, sie geht auf das Dunkle zu. Dann ist der kleine aufhellende Schein ihrer Lampe. »Wir haben uns lange nicht gesehen, Iben Kars«, sagt sie beherrscht. Er steht vor ihr, blinzelt in den Lichtschein und brummelt ein verwundertes Wort. »Ich war beim Räuchern«, sagt Frau Drees, »Christian hat noch zu tun. Es ist eine gute Erfindung, die er sich da gemacht hat.« Frau Drees hat die Lampe wieder verlöschen lassen. Iben Kars hat ein scharfes Auge. Er soll ihr wohl nicht ins Gesicht sehen. Der Alte zögert. Er weiß nicht recht, was er nun tun soll. Nun, wenn Frau Drees bei Christian war, würde ja alles seine Richtigkeit haben. Iben Kars atmet erleichtert auf. Sie gehen nebeneinander her. Frau Drees wundert sich, daß sie den alten Kars hier am See getroffen hat. Sie sagt so. Was soll Iben Kars darauf antworten? Nichts antwortet er. Weshalb soll er der Frau Rede stehen? Es ist nicht seine Art, den Menschen Aufschluß über sein Handeln zu geben. Er tut, was ihm in den Kopf kommt und was er für richtig hält. Damit gut. »Du mußt hier lang gehen«, sagt er zu Frau Drees. »Es ist eine schöne Winternacht«, antwortet sie, »da kann man schon noch etwas Luft vertragen.« Er macht keine Einwendungen. Er läßt es sich gefallen, daß sie ihn begleitet. Der Frost hat die Wege glattgemacht. Zuweilen muß Iben Kars sich schwer auf den Stock stützen. Wenn man gewohnt ist, durch weiches Ackerland zu gehen oder über rauhe Schollen, werden die Füße schwerfällig auf glattem Eis. Darum geht Iben Kars langsam und oftmals unsicher. Wie kommt es, daß er nichts dazu sagt, als Frau Drees ihn kurzerhand unterhakt. »So!« sagt sie kurz und bündig. Sie sagt weiter nichts als »so« und hat ihren Arm unter seinen geschoben. Ist Iben Kars auf einmal so alt, daß er sich das ohne Widerspruch gefallen läßt? Es muß sein, denn er sagt kein Wort dagegen. Vielleicht gefällt es ihm auch. Man redet dem Alten allerhand nach. Wenn das wäre, würde er wohl eine Vertraulichkeit wagen. Doch das tut er nicht. Er geht still an ihrem Arm. Den Kopf hält er gesenkt. Sonst geht Iben Kars den Kopf hoch und vorgereckt. Oft hat er etwas Lauerndes, als wäre es gut, ständig nach Feinden auszuspähen. Oft liegt in seinem Gesicht viel Überhebliches. Auch ein verachtender Zug ist darin, als lohnte es nicht, sich mit den anderen abzugeben. Nun geht er, den Kopf gesenkt, und scheint in Gedanken. ›Es wird ihm was mit Lisa nachgehen‹, denkt Frau Drees, ›wie kann sie das auch tun?‹ Frau Drees hat nur Vorwürfe für Lisa. ›Ein Mann nimmt, was ihm in den Weg läuft. Es ist nicht schön von Christian, aber es ist nun einmal so. Natürlich wird Iben Kars das nachgehen.‹ Sie will ihn auf andere Gedanken bringen und erzählt dies und das und fragt nach diesem und jenem. Sie bekommt keine Antwort. Da schweigt sie auch. Iben Kars ist stehengeblieben und starrt vor sich hin. Dann gehen sie weiter. Nach einem Weilchen bleibt er noch einmal stehen. Und dann wieder. Ein paarmal ist er stehengeblieben, ohne Bewegung und ohne ein Wort. Frau Drees hat nicht gefragt, sie ist jedesmal mit stehengeblieben und wieder mit ihm weitergegangen, sie tut nichts, als daß sie ihren Arm ihm läßt wie eine leise unaufdringliche Nähe. Als sie an die Brücke kommen, die über den Grenzbach führt und an deren Ende ein Stein steht mit der Aufschrift »Maria«, weil an dieser Stelle einmal ein Bauer eine Magd von seinen Hunden hatte zerreißen lassen, weil sie ihm nicht zu Willen sein wollte, sagt Iben Kars auf einmal: »Du bist ein gutes Kind.« Was sind das für Worte aus Iben Kars' Munde? Fühlt er sich jetzt so alt, daß er Frau Drees, von der er doch im vorigen Jahre noch wünschte, daß sie seine Frau werden möchte, derart anredet? ›Ja, er fühlt, daß er alt ist‹, denkt Frau Drees, und in ihr Herz kommt eine große Rührung. Sie hat die Augen voll Tränen. Für eine Frau ist sie groß gewachsen. Sie ist die größte Frau im Dorf, doch reicht sie Iben Kars nur wenig über die Schulter. Sie muß den Kopf heben, wenn sie zu ihm aufsehen will. Sie hat den Kopf gehoben, sie würde kein Hehl aus ihren Tränen machen, auch wenn es nicht dunkel wäre und Iben Kars es sehen könnte. Sie hat nur den Wunsch, dem Alten vor ihr etwas Gutes zu sagen, doch fällt ihr kein Wort ein, denn Iben Kars ist stolz, und jedes weiche Wort zu ihm muß abgewogen sein. Nein. Frau Drees fällt ein solches Wort nicht ein. Aber sie nimmt seine alte Hand, streichelt sie und geht. In großer Verwirrung geht Frau Drees den Weg zurück. Ein paarmal wendet sie sich um, sie fühlt, daß Iben Kars noch an der Brücke steht, sie glaubt, seinen grauen Schatten neben dem Stein zu sehen. Als Lisa zurückkommt, steht er noch immer an der Brücke. Er ist behutsam aus dem Dunkel herausgetreten, er will Lisa wohl nicht erschrecken. Sie ist auch gar nicht verwundert. Sie wartet seine Frage auch gar nicht ab. Ohne Aufhebens sagt sie: »Ich war bei Christian.« Ja, Iben Kars ist ein alter Mann geworden. Kann man es glauben, daß er diese Nachricht ohne Aufbegehren anhört? Nein, er fährt nicht auf, er schlägt Lisa nicht ins Gesicht. So alt ist er, daß er kein Wort findet, wenn seine Frau von einem anderen Mann kommt. Vielleicht denkt er in diesem Augenblick auch ganz anderes. ›Sie hat mich also belogen, denkt er, warum hat sie das getan?‹ Ach ja, er denkt an Milda. An Frau Drees denkt er, die nicht wie ihre Mutter Ulrike heißen durfte, sondern nach einer Tante genannt wurde, die an einen Kantor verheiratet war. ›Warum hat sie das getan?‹ denkt er. Allmählich erst hört er auf das, was Lisa vor ihm redet. »Schon deinem Namen ist er es schuldig«, sagt sie. »Im Dorfe redet man über ihn, weil er nicht weiß, was er will. Frau Drees bringt er ins Gerede und Emilie. Soll er sich doch endlich entscheiden.« Lisa sagt noch mehr. Was hat sie da für Worte? »Wenn du dich nicht darum kümmerst, muß ich es tun. Ich hätte schon gern mit dir darüber gesprochen, aber weiß ich denn, woran ich bei dir bin. Heute bist du so zu mir und morgen so. Ich will nicht, daß alles ins Gerede kommt.« Nun weint Lisa. Warum weint sie eigentlich, wo Iben Kars ihr doch gar keine Vorwürfe macht. Sie weint wohl, weil er ihr keine Antwort gibt, und weil sie noch nicht weiß, wie alles ausgehen wird. Er hat Mißtrauen gegen sie. Natürlich ist er voller Mißtrauen. Wie wurde er ihr sonst hier im Dunkeln nachspionieren. Lisa weiß noch nicht, was er im Schilde führt. Oft ist Iben Kars jähzornig, oft aber langsam in seinen Entschlüssen und dann um so härter. Darum weint Lisa. Nichts ist unergründlicher als das Schweigen. »Ich wollte schon immer mit ihm reden«, klagt sie, »tags hab ich keine Zeit, und er kommt ja nicht mehr zu uns. Ein vernünftiges Wort vermag viel. Frau Drees wäre keine schlechte Partie für ihn.« »Laß die Frau aus dem Spiel«, sagt Iben Kars hart. Es ist das erste, was er sagt. Nun ja, der Name wird ihm nicht angenehm sein. Im Vorjahre hat er sich um sie bemüht. Sie hat ihn wohl abgewiesen, das wird es sein. »Laß die Frau aus dem Spiel«, sagt Iben Kars nochmal, »sie hat mit Luderei nichts zu tun.« ›Was soll das heißen?‹ will Lisa fragen, aber sie hütet sich und verschluckt das Wort. Sie weiß nun, wie er gesonnen ist. Treibt er's zu arg, lauf ich ihm davon. Es wird ihm nicht angenehm sein, wenn er nicht weiß, wo das Kind ist. Deswegen wird er auch nicht wagen, mir etwas zu tun. Schon vor den Leuten kann er es nicht. Wie will er sich an mir vergreifen? Lisa fühlt sich sicher im Schutze des Ungeborenen. Sie stehen noch immer an der Brücke. Lisa bemerkt das erst jetzt. Sie nimmt ihr Tuch fester zusammen und sagt: »Mir ist es hier zu kalt.« Damit geht sie weiter. Das wagt Lisa. Sie läßt Iben Kars auf der Brücke stehen. Sie geht ganz ruhig, als hätte sie das Vorgefallene schon vergessen, und Schritte hin sind ihre Gedanken schon in anderes gewiegt. Das also war der Schuppen gewesen und die Räuchertonne, von denen Frau Dahl erzählt hatte. Inmitten allem Schweren fällt Lisa dieses Nebensächliche zuerst ein. Das war also die Räuchertonne und der Schuppen. Wie geschickt die Tür im Haken ging. Beinahe lautlos. So lautlos jedenfalls, daß Christian es zuerst gar nicht bemerkt hatte. Der Rauch, der über der Tonne aufstieg, biß in die Augen und kratzte sich in die Kehle. Lisa hatte husten müssen. Heu, du?! Das ist ein geschickter Einfall. Weiß er es denn? – Natürlich weiß er es nicht. Das wäre eine schöne Bescherung, wenn er dahinter käme. – Er kann seine Augen nicht überall haben. – Bei mir hat er sie am wenigsten, Gott sei Dank. – Nun, da bist du also mal wieder, wir haben uns lange nicht gesehen. Also das Tuch hast du auch um, unter dem Überschlag selbstverständlich. Man braucht nicht alles gleich zu riechen. – Ich hätte mich noch wegen des Tuches zu bedanken. Beinah wär' es ärgerlich geworden, aber es ging noch mal glimpflich ab. – Hier ist die Bank, setz dich. Das ist bloß schwarz vom Rauch, das gibt keinen Fleck. Nun muß ich dich erst mal ansehen. Ach ja, der Mann ist ausgehungert. Er hatte Lisa an die Schultern gefaßt und ihr die Arme getätschelt. Laß das, sonst muß ich gleich gehen. Deswegen komm ich nicht. Das ist nun vorbei. – Was sollte das denn heißen? Also hast du nichts mehr mit mir im Sinn? Warum kommst du dann? – So wäre es nun auch nicht gemeint, aber jetzt schicke sich das nicht mehr. – Wieso das nicht? – Darauf hatte Lisa nicht geantwortet. Es war gut, daß die Laterne schlecht brannte. Aber er sah, wie sie die Hände auf den Leib legte. Ach so, nun, da täte es doch nichts mehr. So roh kann ein Mann sein. Was schwatzt du? Jetzt werde ich wirklich gehen, da bleibt's eben unbesprochen. – Was sie denn auf dem Herzen hätte? So, die dumme Geschichte mit Emilie. Darüber brauchst du dir keine grauen Haare wachsen zu lassen. Das ist sowieso aus. – Man hört es aber anders. Ob er wisse, was man im Dorf davon rede. – Nein, außerdem interessiere ihn das nicht. – Sag das nicht. Wir sind alle noch nicht zu Bett. Wenn es mit Emilie aus ist, wie sei es denn mit Frau Drees? Übrigens wäre es gut, daß er das junge Ding abgehängt hätte. Die mit ihrem Sonntagsblick. – Es ist nicht nötig, daß du über sie herfällst. So schlimm ist sie nicht. – Ach so, also ist es doch noch nicht aus. Nun ja, es wird schon stimmen, was die Leute sagen. Eine von beiden wird's werden, das Mädchen oder die Frau. Der Herr hat sich nur noch nicht entschieden. – Laß deine dummen Redensarten, oder bist du gekommen, um mich in Harnisch zu bringen. Ich hab sowieso schon meinen Kopf voll. Das ist nämlich eine ganz verfluchte Geschichte. Das kannst du dir doch auch denken, Da hab ich mein Geld in den Hof gesteckt. Viel ist es nicht, aber es sind doch meine ganzen Ersparnisse. Was lachst du denn? – Hätte man gedacht, daß ein Mannskerl so dumm ist. Also dein schönes Geld hast du hingegeben! Sie hat dich also geschoren. – Gar nichts hat sie, ich hab's aus freiem Willen getan. Schließlich ist es auch ganz gut so. – Dann wäre ja alles in Ordnung, wenn du zufrieden bist. Aber deine Rede höre sich doch nicht so nach Zufriedenheit an. – Es gäbe natürlich noch allerhand zu bedenken. Welcher Mensch ist wohl zufrieden? Mich ärgert's ja auch, was so geschwatzt wird. – Warum sollen wir lange hin und her reden? Ich wollte das alles einmal mit dir durchsprechen. Jaja, ich hab mir auch Gedanken gemacht. Man muß endlich aus allem Gerede herauskommen. Ich will dir sagen, was ich mir gedacht habe. Man hat uns beide hier in den Mund genommen. Das muß aus der Welt geschafft werden. Es soll keine Nachrede mehr sein, wenn das Kind da ist. Der Alte ist schon argwöhnisch. Er sagt zwar nichts, aber man merkt es doch. Am besten wär's gewesen, du hätt'st gesehen, aus Sureiken wegzukommen. Nun, wo du dein Geld angelegt hast, geht das nicht. Das sehe ich ein. Wie kann man auch so dumm sein und sein Geld weggeben? Also bleibt bloß die Heirat. – Behalt deine guten Ratschläge für dich. Es hat keiner darum gebeten. – Setz dich noch aufs hohe Pferd, so ist's richtig. Denkst du, ich will mich deinetwegen durch den Dreck ziehen lassen? – Was ist das für eine Sprache? So entpuppt sich nun der Mensch. – Ach so, du dachtest, ich war solche stille Emilie. Nun, da kennst du mich schlecht. Wenn die Suppe von uns beiden eingerührt ist, will ich sie nicht allein ausfressen, verstehst du? – So rum kommst du mir also, na warte! – Worauf soll ich denn warten? Bis es dir gefällt, was? Nein nein, Herr Christian, wir wollen reinen Tisch haben. – Schrei nicht so, du kannst auch ruhiger mit mir verkehren. – Das glaub ich, das hörst du nicht gern, nun, wo du mich reingerissen hast. Aber das sag ich dir, so kommst du nicht davon. Denkst du, ich lasse mich mit Schimpf und Schande vom Alten wegjagen, bloß weil du dickköpfig bist und das Gerede nicht abstellst. Ich wollte das alles in Frieden mit dir besprechen. Doch gehört ein grober Keil auf Unvernunft. – Ist ja alles gut und schön, was willst du denn eigentlich? – Ich will, daß du heiratest, und zwar bald. Noch ehe das Kind kommt. Es ist auch besser, daß es nicht das Mädchen ist. Was willst du mit solchem jungen Ding? Nachher hält sie dich noch zum Narren. Wenn sie erst dahinterkommt, nun das weiß man ja. – Jetzt halt das Maul. Ich hab genug. – Wer brüllt nun? Ich denke, wir wollen's mit der Ruhe halten. – Aber nicht, wenn du auf Emilie herumhackst. Das sag ich dir, laß das Mädchen aus dem Spiel. Sie hat dir nichts getan. – Nichts getan? – Warum weinst du denn nun? Hör auf, was hab ich denn gesagt? – Nichts, nichts, aber diese Emilie. Ach, wenn du wüßtest. – Nun beruhige dich doch. Tränen machen's auch nicht besser. Nun sei doch vernünftig. – Hast recht, aber diese Emilie. Nun ja, es wäre schon gut, wenn es nicht Emilie wäre. Du kannst mir glauben, die Frau paßt für dich viel besser. Es ist eine tüchtige Frau, die Frau Drees, ihr gehört auch der Hof. Da hast du dann dein Geld sicher. Weshalb überlegst du eigentlich so lange? Die Frau ist in den besten Jahren. Ja, sie ist fleißig. Wenn der Mann nicht solch Luder gewesen wär, dann hätte sie heute nicht solche Sorgen, die arme Frau. Man wünscht ihr im Dorf alles Gute, ich auch, das kannst du glauben. Warum besinnst du dich denn noch immer? Sieh mal, Christian, irgend was muß doch mit dir werden. Da hättest du dann deinen Hof, und so schlimm ist es nicht mit der Landwirtschaft. Das wird alles gelernt. Du hast einen hellen Verstand. – Jetzt muß ich aber lachen. Also du redest, das geht wie geschmiert. Das hast du dir fein ausgetüftelt. Aber so uneben ist es nicht, wenn man hinsieht. Ihr Frauen seid schon ein Volk. Na, siehst du, nun lachst du auch. Ich muß sagen, das ist gar nicht so übel, wenn man sich's anhört. – Siehst du, hab ich's nicht gesagt, überleg es dir nochmal. Mehr will ich ja gar nicht. Heute nicht. Aber nicht wahr, du siehst zu, daß du bald mit dir ins reine kommst. Du mußt auch Rücksicht auf mich nehmen. Wenn du nachher verheiratet bist, kräht kein Huhn und kein Hahn nach. Du hast es hier gemütlich. Frau Dahl hat mir davon erzählt. Also das ist die Räuchertonne und da werden nun die Fische reingehängt. Wie du dir das ausgedacht hast. Hübsch warm hast du's hier, aber der schreckliche Rauch. Man kriegt den Husten. – Hübsch warm, was, und gemütlich. Das ist hübsch, daß du mich mal besuchst, Lisa. – Nein, nicht, Christian, laß mich in Ruh. Ich wollte das bloß mal mit dir bereden. Nein nein, Christian, laß das. – Nun, wenn du's nicht willst. – – Nein, es war nichts vorgefallen an diesem Abend. Lisa konnte vor Iben Kars bestehen. Wie könnte sie sonst auch gewagt haben, nichts weiter zu sagen als: »Hier ist es mir zu kalt«, weiter nichts zu sagen und fortzugehen. Mochte der Alte stehenbleiben, wenn es ihm behagte. Es sollte sowieso nicht ganz geheuer an der Brücke sein. Eine Bauersfrau, die nachtsüchtige Augen hatte, und der man vielerlei Wissen um das Unsichtbare nachsagte, hat hier einmal nachts eine große Kuh liegen sehen. Mitten auf dem Wege lag die Kuh, unbeweglich und mit dummen traurigen Augen. Die Bäuerin hatte noch Zeit, ihren Wagen vorher abbiegen zu lassen, sonst würde sie die große Kuh überfahren haben, und wer weiß, was dann alles geschehen wäre. Mochte also Iben Kars sehen, wie er mit der Nacht an der Brücke fertig würde. Lisa war weitergegangen, und als sie in die Stube trat, war sie froh, das Licht anzünden zu können. Es ist gut, wenn ein helles Licht brennt in der Nacht. Sie legte sich zu Bett und wartete, wann Iben Kars heimkommen werde. Sie mußte bis gegen Morgen warten. Es hatte sie ein leichter Schlummer überfallen und sie hörte nicht, als er die Türe öffnete. Sie sah nur später im Dämmer den Mann am Fenster sitzen. Er war nicht mehr zu Bett gegangen und wartete wohl darauf, daß es Tag werden möchte. Aus Dunkelheit steigt das Leben des Menschen auf, wandelt seine Zeit und steht wieder am Rande einer Dunkelheit, die je nach der abgewandelten Zeit ihre guten Sterne hat oder bösen, ihre freundlichen Monde oder eine schluchzende Lichtlosigkeit. Ehe man aber in den letzten Weg, der zu ihr führen muß, eingeht, wird einem noch einmal das eigene Leben aufgezeigt. Was einem früher unbegreifbar schien, entwirrt sich und man sieht klar zwischen Schuld und Sühne. Man ist stolz und stark seine Straße gegangen, doch plötzlich steht am Wegkreuz eine hohe unerbittliche Gestalt und läßt aus dem Sand ihrer Uhr eine Stunde rinnen, die wie ein Tier den Menschen anspringt. Auf einmal wird der Jäger der Gejagte. Was hatte Iben Kars Böses begangen, daß ihm das Schicksal Schuldscheine aufzeigte, von denen er nichts wußte. Er hatte gelebt wie viele starke Männer seines Schlages. Jähzornig und hart, aber auch gut und milde, nicht oft, aber doch einige Male, und wenn er darüber nachsann, öfter als er es selbst gedacht hätte. Er hatte seine Frau barmherzig behandelt. Sie war leidend gewesen Zeit ihres Lebens, doch hatte er sie geliebt und dafür gesorgt, daß ihr nichts abginge. Sie hatte oft heimlich geweint, ja, das hatte sie. Wenn er in die Stube trat, war sie oft verstört in ihrer Bewegung. Er hatte ihre Hand gestreichelt und gesagt: »Ich muß nach Thorde. Ich habe dies oder jenes zu tun.« Sie hatte ihn lächelnd bis zur Türe begleitet, und er war fortgefahren ohne sich umzusehen, weil er manchmal fürchtete, sich vor ihrem Lächeln schämen zu müssen. In Thorde waren Frauen, und er war ein starker, gesunder Mann. Unzähmbar ist der Mensch in den Ausbrüchen seines Blutes. Als seine Frau starb, hatte er vor ihrem Bett gelegen, ehe die Männer mit dem Sarg kamen. Er war aufgestanden, als er deren harten Schritt in der Diele hörte. Sie traten ein mit ihrer hölzernen Last, und er stand im Zimmer, aufrecht und ohne jeden Ausdruck eines Schmerzes. Nun saß Iben Kars im Dunkeln am Fenster der Kammer. Er sah nicht auf das Bett, darin nun die Magd schlief, die er zur Frau genommen hatte, und die ein Kind im Schoße trug. Es ist nichts schwerer als seine Gedanken so zu ordnen, daß man sie an den Fingern herzählen könnte. Eine Gestalt war vor Iben Kars aufgestiegen, ein Weib war es, ein Weib, wie es zu jedem Manne gehört, aber es hatte vielerlei Köpfe, und er wußte nicht, welchen Namen er ihm geben sollte. Es stand vor ihm und blickte ihn an aus vielen Augen, gutmütigen und enttäuschten, gleichgültigen und glücklosen. Viele Augen waren da und sahen Iben Kars an in der Dunkelheit. Alle diese Augen waren durch sein Leben gegangen. Er hatte sie auf sich weilen lassen, solange es ihm gefiel, und er hatte sie abgetan, wenn sie ihm zudringlicher schienen, als sie einem Manne begegnen durften, der Herr seines Lebens ist. Zu vielen Frauen war Iben Karg gegangen. Manche hatten mehr erhofft, als die flüchtige Minute seiner Lust. Es waren gute und brave Geschöpfe unter ihnen gewesen. Sie waren wert, daß er sie besser behandelt hätte. Doch Iben Kars hatte für derlei Gutherzigkeit keinen Maßstab. Die Elle, die er anlegte, war zu kurz, um die freundliche Wärme zu ermessen, die in allen Wesen der Welt lebt. Nie hatte Iben Kars sich sonderlich Gedanken darüber gemacht. Arbeit wartete auf ihn. Seine Hände waren nie müde. Mit Anerkennung sprach man im Dorf von ihm. Er war rüstig und stellte auf dem Felde die Jüngeren in den Schatten. Wo Iben Kars Zugriff, wurde die Erde willfährig. Wie kann er da Vergangenem nachdenken? Er lebt nur in den Stunden, die vorwärtsgehen. Nun ist diese Nacht, die ihn verwirrt. Die Frau, die er aus kleinem Leben neben sich gehoben hat, ist aufsässig geworden gegen ihn. Wie kommt es, daß er sie nicht gezüchtigt hat? Sie trägt ein Kind, aber vermag das zu schützen vor einem jähen Zorn. Wo ist dein jäher Zorn geblieben, Iben Kars? Viele Zweifel krochen zu dir. Sie haben deine Kraft gebunden. Nur wer schnell zuschlägt, nimmt der Schlange das Haupt. Das hast du nicht bedacht, Iben Kars. Nun schwankst du zwischen Gläubigkeit und Verdacht. Es würde ein Wunder sein, wenn ein Sohn deinem Alter geschenkt würde, und du möchtest an die Reinheit dieses Wunders glauben. So stark ist dem Verlangen, daß du jeden Zweifel umbiegen möchtest in Vertrauen. Du willst gut sein zu der Frau, die eine Magd war, und ihr Kind willst du als dein eigenes hinnehmen. Das alles hast du im stillen schon mit dir beredet. Nun aber hat die Schande einen dreisten Mantel umgenommen und das Unrecht geht mit zuversichtlichem Schritt. Es wäre an der Zeit, die letzte Kraft zu erproben. Was aber ist Kraft, wenn die Stunde zu keinem Entschluß kommt. Iben Kars begreift, daß der Mensch von dem Schicksal gestaltet wird in unbarmherziger Laune. Er hatte sich dazu angehalten, öfter in die Kirche zu gehen. In früheren Jahren hat er keinen Sonntag ausgelassen. Mancher Spruch ist in seinen Gedanken hängengeblieben. Im Laufe der Jahre hat er sie oft genug gehört, denn Pastor Lorentz weiß, daß es gut ist, der Gemeinde oft das gleiche zu Ohren zu bringen, damit es nicht vergessen wird. So hat er viel darüber geklagt, daß der Mensch nichts anderes wäre als Spreu und wie ein Rohr im Winde. Iben Kars hat dieses Wort in sich bewahrt. Er hat es nicht seinem Herzen mitgeteilt. Wie man eine Merkwürdigkeit nicht vergißt, so hatte er dieses vergleichende Wort im Gedächtnis behalten. Was wußte Pastor Lorentz von Menschen, die stark auf dem Boden stehen, der ihnen gehört, daß er sie mit dem Rohre verglich, unter jedem Windhauch gebogen? In dieser grauen Stunde zwischen Nacht und Tag entsann sich Iben Kars dieses Wortes. Er fühlte, wie er einer Erkenntnis zu unterliegen begann. Hastig bäumte er sich gegen sie auf. Auf dem Tische in der Kammer, vor ihm steht eine Uhr. Es ist eine schwache Uhr, ein blechernes Ding, irgendwo her von einem Schützenfest, wert, daß sie längst beiseite gestellt wäre. Manchmal aber ist man mildtätig zu solchen Dingen und läßt sie gewähren. In diesem Augenblick, wo Iben Kars aufbegehrte, griffen seine großen rücksichtslosen Hände nach dieser Uhr. Es mußte in dieser Minute etwas da sein, was sie zerbrechen konnten. Er packte zu, doch seine Hand zitterte, und es gelang ihm nicht, das Gehäuse der Uhr zu zerdrücken. Schwach war seine Hand geworden im Zittern. Sie vermochte nicht, um eine Uhr, die nicht der Rede wert war, sich zu schließen. Gleichmütig tickte die Uhr. Es war eine eintönig mahnende Stimme, die in ihr aus der Dunkelheit aufstieg, als wollte sie unerbittlich den Weg weisen wie der uralte Totensang: »Krup unner, krup unner, de Welt is di gram.« Iben Kars erschrak. Sein Kopf sank nach vorn und sein Mund flüsterte: »Das meiste Brot wäre wohl nun gegessen.« So alt war Iben Kars, und er begriff, daß er es war. Frau Drees verriet sich mit keinem Wort vor Christian. Sie schwieg darüber, daß sie Lisas Stimme bei ihm im Schuppen gehört hatte. Sie sah ihn nach wie vor freundlich an. Ja, er gefiel ihr, warum sollte sie sich schämen, das einzugestehen? Sie besprach nun mit ihm auch die Wirtschaft. Er bekam auch den Platz am Tisch, wo Drees einst gesessen hatte. »Hier sitzt du besser«, sagte sie, »näher zum Herd.« Später sagt sie auch mal: »Da saß Drees immer.« Sie spricht jetzt öfter über den toten Mann. Sie will wohl damit andeuten, daß es ihr nichts mehr ausmacht, seiner zu gedenken. Sie erzählt von seinen Angewohnheiten, von seinen Fehlern und von den wenigen guten Seiten, die er gehabt hatte. Sie spricht von ihm wie von einem Bekannten, dessen man sich zufällig erinnert. Einmal sagt sie auch: »Es mußte alles groß hergehen bei ihm. Zur Hochzeit gab er noch tausend Mark zu. Es sollte ganz was Besonderes werden, diese Hochzeit. Später kam heraus, daß er das Geld geborgt hatte. Es mußte mit Zinsen zurückgezahlt werden. Wir hatten lange an der Hochzeit zu leiden.« So also war Drees gewesen. Er hätte besser wirtschaften können, doch der Hof am See hatte eine böse Schwelle, und Drees, der es wußte, glaubte wohl, daß der Hof ihm doch unter den Händen weglaufen würde, ganz gleich, wie er haushalten möchte. Davon allerdings erfuhr Christian nichts. Frau Drees mußte jetzt auch öfter an Iben Kars denken. Er tat ihr leid, und sie konnte sich wundern, daß sie in Gedanken an ihn soviel Mitgefühl verschwendete. Ja, Frau Drees schien verwandelt. Sie hatte gar kein so hartes Herz, wie sie oftmals glauben machen wollte. Christian belohnte die Sorgfalt, mit der sie ihn nun umgab. Er ließ von seinen Abenden im Schuppen, blieb nach den Mahlzeiten am Tisch sitzen und wurde wieder gesprächiger. Emilie sah das anfangs mit Verwunderung. Dann, eines Abends, begriff sie, wie diese Sorgfalt der Frau Drees zu deuten wäre. Bestürzt blickte sie auf ihre Tante, sprang auf, lief in ihre Stube und weinte. * Einförmig geht alles Tägliche in Sureiken seinen Gang. Der See war gefroren, dann ist das Eis mit Krachen geborsten. Es war Schnee gefallen, und das weiße Gehäufe am Wege ist wieder geschmolzen. Es ist Regen gekommen und Sturm, und einmal ein Tag mit etwas Sonne, daß man stehenblieb, um die Luft auf der Haut zu prüfen. Es war noch Winter, aber nun gab es ein paar Stunden Sonne und sekundenlang huschte ein Lufthauch weicher über das Gesicht. Im Februar stieg schon der Saft in den Bäumen. Jakob Kloth stand von dem knappen Wintertisch auf und löste das Boot. Lüßmann besann sich darauf, daß dieser und jener Nachbar irgendeine Verbesserung an seinem Hause haben wollte. Wenn er auch noch nicht mit Hammer und Säge kam, so sprach der Tischler doch schon mit vor und machte die Zeit aus, in der alle diese Arbeiten vorgenommen werden sollten. Dan Lebbers gab seine Bestellungen mit in die Stadt. Die Geschäftsreisenden kamen und legten ihre Muster vor. Dan Lebbers prüfte und wählte. Er hatte in dieser Zeit vielerlei im Kopf. Man mußte rechtzeitig darauf bedacht sein, das Fehlende wieder zu ergänzen. Auch waren neue Artikel einzuführen, wie es sich für einen Kaufmann gehört, der sich der Zeit nach jeder Richtung hin anpaßt. Weihnachten war gewesen. Der Punsch zu Silvester getrunken. Das Fest der kleinen Schützengilde gefeiert. Aus Thorde waren Musiker gekommen, denn Bolk weigerte sich noch immer, die Geige anzurühren. Wenn bei den Sonntagstänzen das Geld zu verdienen gewesen wäre, das die Musikanten aus Thorde für ihr Spiel verlangten, hätte Dan Lebbers sie jeden Sonntag kommen lassen. Aber er wußte genau, daß er sein gutes Geld dabei zusetzen würde. Darum blieb er hartnäckig, wenn die Jugend ihn anging. Nun liefen sie, wie früher die Eltern, Sonntags nach Thorde zum Tanz. Was wäre von diesem kleinen Dorf zu erzählen? Es ist das gleiche Leben heute und morgen. Es wird übermorgen nicht anders sein als vorgestern. Wie es im nächsten Jahre nicht anders sein kann als zehn Jahre zuvor. In den stillen Wintermonaten ereignet sich nichts Absonderliches. Man wartet kaum darauf, daß etwas geschieht. So wenigstens ist es bisher gewesen. In diesem Winter glaubte man, mit allerlei rechnen zu können. Es waren Anzeichen da, daß sich ein Schicksal vielleicht gewaltig und mitleidlos vollziehen würde. Was hätte vor dem Zorne des alten Iben Kars bestehen können? Doch der Alte war still geblieben, und man hatte es aufgegeben, an eine Abrechnung zwischen ihm und Christian zu glauben, wie man auch nicht mehr damit rechnete, daß er wenigstens der Frau die Türe weisen würde. Nein, es gab nichts, was das Gleichmaß der Tage unterbrach. Was blieb anderes übrig, als sich mit den Erzählungen des Nachtwächters zu begnügen. Tonnis hatte die Bücher, die Sparre, der Kuhhirt, hinterlassen hatte, nun durchstudiert. Alles war darin haargenau verzeichnet, die Marmortreppe und die goldene Lampe vor dem Palast des reichen Bruders. Auch die adlige Schwester war zu erkennen, und der Graf, der einen roten Leibrock trug. Das alles konnte nun Tonnis berichten. Er wußte auch noch mehr. Aus einem verschmutzten Notizbuch, das zwischen den Büchern lag, hatte er herausbuchstabiert, daß Sparre vor vielen Jahren eine Molkerei in der Stadt besessen hatte. Ja, eine Molkerei ist es gewesen, ein massives Gebäude mit wohlerhaltenem Wohnhaus. Nein, nicht alles war gelogen, was Sparre erzählt hatte. Wie konnte Tonnis das alles begreifen? Ein Mensch hat alle Schranken durchbrochen, ist wieder Nomade geworden, Hirte, wie in Urväterzeiten, treibt die Kühe über die Hütung, schläft in einer Mooshütte und stirbt im Stall beim Tier. Groß ist das Leben des Menschen, und es ist klein. Was jedoch ist groß und was klein? Nicht alles konnte Tonnis begreifen. Er geht reihum und erzählt, was er nun von Sparre weiß. Man hört ihm zu, froh über diese kleine Abwechslung. Hast recht, Tonnis. Er ist ein putziger Mensch gewesen, dieser Sparre, und dann mußte es ihm noch passieren, als alte Frau begraben zu werden. Das war eine fröhliche Geschichte, über die man viel lachen wollte. Man lacht gern beim Bier. Laabs, der Schuster, lacht, und Patzke, der Gärtner. Doch beim zehnten Glas hört Patzke auf zu lachen, ja, beim zehnten oder zwölften Glas lacht er nicht mehr. Er steht vor dem Tisch in Dan Lebbers Laden und sagt: »Sterben ist mein Gewinn.« Ein paarmal hat Laabs, der Schuster, auch Leder aus Thorde geholt. Dann war in seinem Hause ein Lärm in der Nacht, bis Tonnis ihn mit brummelndem Lied beschwichtigte. Ach ja, es blieb in diesem Winter alles beim alten in Sureiken. Wenn es zu kalt war, um die Ziege im Stall zu lassen, durch dessen Fugen die Kälte fuhr, holte Miele Wulk das Tier an den Herd. Sie wußte, daß man ihr darum nicht mehr den Doktor schicken würde, und auch nicht mehr den Pastor. Manchmal saßen sie ganz friedlich beisammen, Miele Wulk, die Ziege und Tonnis, der Nachtwächter. Es war ein gutmütiges Tier, und wenn sie auf den Steinfliesen lag, konnte man getrost die frierenden Füße unter ihr warmes, glänzendes Fell schieben. Nein, es ereignete sich nichts Besonderes. Eines Tages jedoch bekam Frau Dahl einen Brief von der Tänzerin. Herr Quandt, der Posthalter von Sureiken, stand vor der Tür. Er war den Seitenpfad entlang gekommen, zwischen Lüßmanns Haus und dem Garten des Sattlers Kuhse. Darum hatte Frau Dahl ihn vorher nicht gesehen. Sie saß am Fenster nach der Straße hin und strickte. Herr Quandt gab den Brief ab. Er tat das immer mit einer kleinen Feierlichkeit. »Ein Brief?« fragte Frau Dahl erstaunt. An diesem Tage fiel ein kalter Regen und Herr Quandt war durchnäßt. Er hatte ein lahmes Bein und oftmals siel ihm der Weg schwer. Aber er trug gewissenhaft seine Briefe aus in Wind und Wetter. Trotz des steifen Beines kam er schneller vorwärts als mancher Gesunde. Das alles ist Übung. Abends saß er am Ofen und las Bücher über Alexander und Napoleon. Herr Quandt verriet nie eine Neugier, wenn er seine Briefe abgab. Manchmal fiel es ihm schwer, wenn die Handschrift des Absenders ein gefälligeres Leben verriet als das durch klobige Schriftzeichen angedeutete harte Leben der Menschen vom Lande. Dann blieb Herr Quandt noch einen Augenblick stehen. Er erkundigte sich nicht nach dem Brief. Er sagte nur: »Heute schneit es«, oder: »Morgen werden wir Wind haben.« Er machte kleine Andeutungen über das Wetter, zögerte etwas und überließ es dem Empfänger, mit seiner Neugier über den unerwarteten Brief herauszuplatzen. »Der Regen geht durch«, sagte Herr Quandt zu Frau Dahl. »Sieh einer an«, antwortete sie, »sieh einer an.« Sie hatte den Umschlag aufgerissen. Es war ein Brief von der Tänzerin. »Von Fräulein Emita«, sagte Frau Dahl erfreut. »Der Tänzerin?« lachte Herr Quandt und versuchte, das lahme Bein zu schwenken. »Nein, so was!« rief Frau Dahl. Sie lief in das Haus, um den Brief zu lesen. Noch immer lachend ging Herr Quandt weiter. »So vergnügt?« fragte der Sattler Kuhse. Er hatte eine heisere Stimme, als säße ihm immer etwas Seegras in der Kehle. Er war auch ein mürrischer Mensch und konnte eine ärgerliche Verwunderung nicht unterdrücken, wenn er einen Menschen sah, der es fertig bekam, auf dieser Welt noch zu lachen. Manchmal unterhielt sich Herr Quandt mit ihm über Napoleon. Es stand nicht fest, ob der Sattler Kuhse im Bilde war, von welchem Napoleon Herr Quandt sprach. »Er war ein großer Geist«, konnte Herr Quandt schwärmen. »Wir haben ihm die Jacke vollgehauen«, antwortete Kuhse gereizt. »Ja«, sagte dann Herr Quandt mitleidig, »er mußte einsam auf Sankt Helena sterben.« »In Wilhelmshöhe«, verbesserte ihn der Sattler. Herr Quandt versuchte dann den Irrtum aufzuklären. So sprachen sie oft über Napoleon. Herr Quandt konnte dieses Mal die Neuigkeit nicht für sich behalten. Er sagte: »Frau Dahl hat einen Brief bekommen von der Tänzerin.« »Ach, von der?« krächzte Herr Kuhse. Herr Quandt lachte nicht mehr. Er sah dem Sattler ärgerlich nach. Beim Gärtner Patzke beschwerte er sich über ihn. »Es ist ein Mensch ohne Freude«, sagte Herr Quandt. Patzke hörte gar nicht hin. Ein Brief war gekommen von der Tänzerin außer der Zeit. »Das ist eine frühe Schwalbe«, rief Patzke. Er konnte seine gute Laune nicht verbergen. Leider wußte Herr Quandt ihm nicht zu sagen, was in dem Brief stand. Patzke sagte zu seiner Frau: »Du mußt Frau Dahl die Kuchenform wiedergeben. Was soll sie von dir denken?« »Das hat Zeit«, antwortete Frau Patzke verwundert. Er bestand darauf, daß sie sofort das Geliehene zurückgab. »Es regnet«, wendete Frau Patzke ein. »Das wird dich nicht fortschwemmen«, erwiderte Patzke. Die Frau kam unverrichteter Dinge nach Hause. Sie hatte Frau Dahl nicht angetroffen, und zu Patzkes Ärger die Kuchenform auf die Bank vorm Haus gestellt. »Was ist das für ein Einfall«, zankte Patzke. »Du wirst nachher nochmal hingehen.« Am Nachmittag kam Frau Dahl von selbst. Sie kam nicht allein, sie brachte Frau Bolk mit. Die drei Frauen hatten viel zu überlegen. Der Brief der Tänzerin lag auf dem Tisch. »Sie will jetzt schon kommen«, sagte Frau Dahl nachdenklich. »Kann ich den Brief lesen?« – »Ja, lies nur.« – »Was sie für eine Handschrift hat, ein Buchstabe wie der andere.« – »Ja, sie hat eine schöne Hand.« – »Was schreibt sie denn?« – »Lies doch, du wolltest doch selber lesen.« – »Ach, wo ist denn meine Brille?« – »Ich kann dir auch sagen, was in dem Brief steht.« – »Nein, ich will es selber lesen. Hier ist schon die Brille.« »Sie hat etwas auf dem Herzen«, sagte Frau Seba, »man merkt es durch. Der Brief will lustig sein, aber sie hat was auf dem Herzen.« »Ja, was sollte es wohl sein?« – »Wer kann das wissen? Was schreibt sie da?« – »Ich habe Ruhe nötig, schreibt sie. Eine Zeitlang möchte ich jetzt schon nach Sureiken kommen.« – »Was soll das wohl heißen?« – »Das schreibt sie doch, sie will Ruhe haben. Man kann das verstehen.« – »Natürlich kann man es verstehen, wenn so ein Mädchen Abend für Abend tanzen muß.« – »Sie wird's mit den Nerven haben.« – »Warum sollte sie es denn mit den Nerven haben? Sie ist jung. Ich hab nichts von Nerven bei ihr gemerkt.« »Vielleicht hat sie was Schweres durchgemacht«, sagte Frau Seba, »vielleicht ist es eine Liebesgeschichte. Ein reicher Mann, und sie ist nur ein armes Mädchen. Wer heiratet heute eine Tänzerin?« »Auf was für Gedanken du kommst.« – »Ich sag's ja, man muß sie nur fragen. Sie weiß immer gleich eine Geschichte.« – »Aber so dumm ist das gar nicht. Es könnte schon so etwas auf sich haben.« – »Du meinst, sie will den Mann vergessen?« »Sollte es das sein?« erschrak plötzlich Frau Dahl. »Was meinst du denn?« – »Ach nichts.« Frau Patzke lachte: »Sie weiß gar nichts. Du bist schon eine. Da tut sie so, als wäre ihr was eingefallen.« Frau Seba sah Frau Dahl an. Frau Dahl nickte ihr nachdenklich zu. Da begriff Frau Seba, was Frau Dahl meinte. »Um Gottes willen«, sagte Frau Seba, »das arme Mädchen. Es ist bestimmt ein Graf gewesen.« Sie schlug ihre großen Schmiedehände zusammen. Frau Patzke saß sprachlos da. Sie sah Frau Dahl an und sah Frau Seba an, die Schmiedsfrau. »Das arme Mädchen«, schluchzte Frau Dahl. »Daß ihr das auch passieren muß.« Nun ahnte auch Frau Patzke, weshalb die Tänzerin nach Sureiken kommen wollte, noch ehe es Frühling war. Sie saß hilflos da und sagte: »Ach Gott, es ist aber auch so bei dem Beruf. Wenn ich eine Tochter hätte, dürfte sie niemals Tänzerin werden, lieber ließe ich mich begraben.« Sie hörten, daß Patzke nach Hause gekommen war. Er zog die Pantoffeln an, die seine Frau ihm winters an den Herd stellte. Die schweren Schuhe schob er immer unter die Ofenbank. Daran hörten die Frauen, daß er nun da war. »Wir wollen vorher nichts davon sagen«, bat Frau Seba, »es braucht keiner zu wissen.« »Wie werde ich es ihm wohl sagen!« antwortete Frau Patzke. »Wir wollen sagen, sie kommt, weil sie's mit den Nerven hat«, schlug Frau Dahl vor. »Sie hat diesen Winter zuviel getanzt. Sie hat ein großes Engagement gehabt, das wollen wir sagen«, nickte Frau Seba. * Nun wußte schon jeder, daß die Tänzerin kam. In acht Tagen würde sie eintreffen und wieder bei Frau Dahl wohnen. Es ist noch Winter, doch die Tänzerin kommt. Sie hat es zwar mit den Nerven und wird sich schonen müssen. Doch ist es eine Abwechslung. Eine Abwechslung? Ein großes Ereignis ist es. Noch hängt Schnee in der Luft und schon trifft der erste Gast ein. »Eine frühe Schwalbe«, sagt Patzke überall. Es ist kein gewöhnlicher Gast, nicht irgend so ein Mensch, wie er zu Hunderten über die Straße läuft. Eine Tänzerin ist es, ein zierliches Geschöpf, nicht schwerer als eine Feder. So fliegt sie im Tanz durch die Luft. Man könnte sie einander zuwerfen. Wie einen leichten, springenden Ball. Es wird eine Lust sein, sie wiederzusehen. Sie geht wie ein Reh, wie ein Vogel singt sie, sie lacht, als klänge eine süße Glocke an, und sie tanzt, ach, sie tanzt, wie nur so ein Wunder tanzen kann. »Du kannst mir ihre Schuhe geben«, sagt Patzke zu Frau Dahl. »Die kleinen Schuhe kannst du mir geben, du hattest sie doch gut fortgestellt.« »Kein Tüpfelchen ist daran gekommen«, antwortet Frau Dahl. »Wir wollen ihr die Schuhe hinstellen, ich werde sie mit etwas Grün schmücken. Ich hab Ilex im Garten, weiter gibt es jetzt nichts. Es ist schade, daß noch nichts blüht. Der Krokos hat noch seine sechs Wochen.« Patzke ist ganz unglücklich, daß nichts in seinem Garten blüht. Wenn Fräulein Emita wie jedes Jahr im Sommer gekommen wäre, würde sie ihre Schuhe in einem großen Blumenstrauß gefunden haben. Nun ist nicht einmal der Postmeister da, der kleine Lieder zu dichten versteht. Nicht einmal mit einem Vers kann man Fräulein Emita begrüßen. Patzke würde es gern selber versucht haben, doch geniert er sich vor den anderen. Ein paar Reime hat er sich zurechtgesucht, aber sie sind schwerfällig und gefallen ihm nicht. Es müßte schon ein Gedicht sein, mit dem man Fräulein Emita empfängt. So muß Patzke sich mit den harten Blättern des Ilex begnügen. Ein paar rote Beeren findet er noch, die wird er dazwischen tun. Man muß schon so zufrieden sein. Über die bevorstehende Ankunft der Tänzerin hat Frau Dahl alles andere vergessen. Sie will es ihr so bequem wie möglich machen. Darum stellt sie auch den Lehnstuhl in die Stube. Immer findet Frau Dahl noch eine Kleinigkeit, die das Zimmer wohnlicher machen könnte. Oft steht sie auf der Türschwelle und prüft ihr Werk. Man muß sagen, es ist ein gemütliches Zimmer. Das große weiße Bett und der Lehnstuhl am Fenster. Auch der alte Schrank, unter dem morgens das feine, gelbe Mehl des Holzwurms liegt. Auch die Messinguhr und der kleine Tisch mit der roten Decke, ein wenig wacklig zwar, aber doch mit gedrehten Beinen. Man sieht, daß es Mahagoni ist. An der Wand hat immer ein Bild gehangen, das einen fliehenden Hirsch darstellt, der dem todbringenden Blei des Jägers zu entkommen trachtet. Dieses Bild vertauscht Frau Dahl mit einem lockigen Kinderkopf. Es ist ein billiger Öldruck, doch muß jeder zugeben, daß es kein hübscheres Kind in der Welt geben könnte als dieses da, mit dem lockigen blonden Haar, den blauen Augen und dem Mund, der röter ist als eine Kirsche. Frau Dahl hängt dieses Bild so, daß es vom Bett aus zu sehen ist. Wenn Fräulein Emita einschläft und aufwacht, immer wird ihr Blick dieses Kinderbild erhaschen. Über alle diese Vorbereitungen ist Frau Dahl nicht zu anderem gekommen. Sie hat vergessen, daß Frau Drees mit Arbeit auf sie wartet. Wollte sie nicht zum Nähen kommen? Schürzen waren anzufertigen und auch ein Kleid. Tatsächlich, daran hat Frau Dahl nicht mehr gedacht. Ein paar Tage später fällt es ihr ein. ›Daß ich das vergesse‹, wundert sich Frau Dahl und läuft am Abend nach dem Hof am See. Unter der Lampe sitzt Emilie mit einer Stickerei. Eine Tischdecke wird es mit roten und gelben Rosen und grüner Blätterranke. Frau Dahl kann sich nicht genug tun, die feine Art zu bewundern. Wieviel Arbeit das macht! Aber wenn man an den eigenen Hausstand denkt, hat man sein Vergnügen an derlei Zwirrerei. Emilie lächelt etwas. Es ist ein trauriges Lächeln, beinahe trostlos ist es, dieses Lächeln. Frau Dahl fühlt, wie es ihr in das Herz schneidet. Wenn sie jetzt nicht Frau Dahl wäre, sondern jemand, der ein Recht hätte, ohne Aufforderung seinen Stuhl an den Tisch zu stellen, würde sie Emilie leise das Haar streicheln. Gutes Kind, würde sie sagen, und einige Trostworte hinzufügen. Sie würde auch sagen: Laß nur, es wird alles noch gut werden. So aber ist sie Frau Dahl, die bei schlechtem Wetter ihre Holzschuhe draußen vor der Türe stehen läßt und auf Strümpfen in die Stube kommt. Frau Dahl, die immer nahe der Wand stehenbleibt, und wenn man sie an den Tisch bittet, erst bescheiden einige Einwendungen hat. So findet sie auf Emiliens unglückliches Lächeln keine Antwort. Erst nach einem Weilchen, als Emilie aufsteht, um die Schere zu holen, sagt sie: »Ich glaube, Sie sind noch gewachsen, Fräulein Emilie. Nein, wie Sie sich herausgemacht haben. Als Sie ankamen, waren Sie nicht halb so viel.« Sie hätte gerne gesagt: ›Sie sind auch viel schöner geworden, Fräulein Emilie.‹ Das jedoch wagte sie nicht. Emilie antwortet nicht darauf. Frau Dahl erklärt nun, weshalb sie gekommen ist. Daß man das auch vergessen konnte, die Schürzen. Doch nun kommt in ein paar Tagen die Tänzerin, Fräulein Emita – Emilie hätte es wohl schon gehört? Sie wissen es alle im Dorfe. »Eigentlich ist es eine traurige Geschichte«, sagt Frau Dahl, und ist drauf und dran, ihre Vermutung zu erzählen. Dann besinnt sie sich, wird etwas verlegen und schweigt. Emilie seufzt. Ach, die Liebe ist nicht immer ein Paradies oder doch, sie ist das Paradies, daraus der zornige Engel mit dem Flammenschwert das liebende Herz vertreibt. Grausam hält er Wache vor der heiligen Pforte, erbarmungslos hat er seine Augen auf die Menschen gerichtet, die sich vor ihm im Staube mühen müssen. Er muß blind sein, wie könnte er sonst diesen Anblick ertragen. Frau Dahl ist unruhig geworden vor Emiliens Seufzer. Sie steht hilflos da, möchte trösten und weiß nichts zu sagen. Schließlich sagt sie: »Ich habe die Stube schon eingerichtet. Nun steht ein Lehnstuhl darin und an der Wand hängt das Kinderbild.« Emilie hat rote Seide genommen und grüne, sie hat gelbe Seide genommen und kann sich nicht entschließen. Rosen will sie sticken und herrliche Sommerblätter. Sie zögert und wirft dann alles zusammen, und mit einem fast feindseligen Ton, als trüge auch Frau Dahl an allem schuld, die gute unschuldige Frau Dahl, sagt sie: »Frau Drees ist mit ihm nach Thorde.« Sollte man es glauben, sie sind nach Thorde. Bei diesem kalten, feuchten Wetter sind sie nach Thorde. Selbst Herr Quandt, der Posthalter, der an jedes Wetter gewöhnt ist, hat sich heute beklagt. Der Regen kommt durch, hat er gesagt. Sie sind wohl gar in dem offenen Wagen nach Thorde. Dabei könnte man sich ja den Tod holen, bei dieser Witterung. Es ist auch schon spät, und sie sind noch nicht zurück. Es geht schon auf neun. Eigentlich hätte Frau Dahl gar nicht so spät mehr kommen dürfen, doch war ihr das mit den Schürzen erst im letzten Augenblick eingefallen. ›Vielleicht sind sie aus dem Seehof noch wach‹, hatte sie gedacht. Nun sind sie nicht einmal da, in Thorde waren sie, abends spät, und bei solchem Wetter. Frau Dahl ist ängstlich geworden. Was soll das werden? Damals hatte er aus Thorde ein Tuch mitgebracht und sie hatte es Lisa bringen müssen. Sie wollte es nicht tun, aber was sollte sie machen? Nun gut, sie hatte Lisa das Tuch gegeben. Jetzt war er mit Frau Drees in Thorde. Was dachte er sich dabei? Hier sitzt das Mädchen und weint. Ein junges Mädchen, das ihn lieb hat. Man sieht es ihr doch an. Ja, man sieht, daß sie leidet. Früher war sie viel frischer im Gesicht. Ach Gott, da sitzt nun das junge Mädchen. Wie soll das alles werden? Nun ist auch Frau Dahl unglücklich. Sie sagt ein paarmal vor sich hin: »Ach Gott, ach Gott.« Emilie hat es gehört. Sie wendet den Kopf zu ihr. Da ist Frau Dahl erschrocken. Emilie wird doch nicht böse sein. Es ist ihr so herausgefahren, dies: »Ach Gott.« Aber Emilie ist gar nicht böse. Einsam muß sie sich fühlen, einsam und niedergeschlagen, denn auf einmal hat sie ihren Arm um Frau Dahls Schulter gelegt, ihren Kopf geneigt und schluchzt. Das tut Emilie. So groß ist ihr Schmerz, daß sie sich nicht mehr beherrschen kann. Sie hat keinen Menschen im Dorf, zu dem sie gehen könnte. Nun neigt sie sich zu einem, der zufällig da ist, zu Frau Dahl neigt sie sich in ihrem Leid. »Liebes Fräulein«, sagt Frau Dahl. Immer wieder sagt sie: »Liebes Fräulein.« »Warum tut er das?« klagt Emilie. Was soll Frau Dahl darauf antworten? Er wird es wegen des Hofes tun, denkt sie. So etwas wäre zu verstehen. Er ist kein junger Mensch mehr, er muß wissen, unter welchen Tisch er seine Füße setzen kann. So wird es sein, doch Frau Dahl will das nicht sagen. Es müßte Emilie zu tief treffen. Daß es anderes sein könnte, kann Frau Dahl sich nicht denken. Liebe war für sie nicht mit Hemmungen und Überlegungen verknüpft. Eines Tages war der Bäcker Hermann Dahl gekommen, sie waren zusammengezogen und bald schon kam das Kind. Frau Dahl war mit der Liebe zufrieden gewesen. Emilie spürt, daß Frau Dahl ihr wenig zum Trost sagen kann. Sie zieht den Arm zurück und geht um den Tisch. Sie setzt sich auf das Sofa. »Es ist ja noch nicht zu spät«, sagt nun Frau Dahl. »Was ist denn geschehen? Sie sind zusammen nach Thorde gefahren. Nun, sie werden dort ihre Geschäfte haben.« »Sie wollten zum Notar«, sagt Emilie. »Sein Geld soll auf das Grundstück geschrieben werden.« »Sehen Sie«, antwortet Frau Dahl und ist wieder guten Mutes. »Natürlich, das müssen sie tun. Ich kann's ihnen nicht verdenken.« »Sie haben's gesagt«, erwidert Emilie zweifelnd. Anscheinend glaubt sie es nicht. Das ist nicht recht von ihr. Sie darf dem Manne auch nicht mit zuviel Mißtrauen begegnen. Bäcker Dahl ist auch öfter in Thorde gewesen. Es ist eine harmlose Geschichte und davon macht sie so viel Wesens. Frau Dahl beginnt nun von ihrem Mann zu erzählen. »Er ist oft in Thorde gewesen«, sagt sie. »Da ist er auch nicht immer allein gefahren. Es war noch Platz auf dem Wagen. Einmal war sogar ein junges Mädchen dabei. Nein nein, das will nichts sagen. Man kann natürlich nie wissen, was geschieht.« Frau Dahl erzählt von ihrem Mann. Groß ist er gewesen und kräftig, und man hätte schon Sorge haben können, wenn er mit einem jungen Ding nach Thorde fuhr. Aber nein, das hat er nicht getan. Man muß sich auf den Mann verlassen können, den man gern hat. Natürlich ist das solche Sache, denn, wie gesagt, man ist nicht immer dabei, aber dann muß man eben Vertrauen haben. »Vertrauen«, sagt Frau Dahl und nickt Emilie zu. »Christian Kars ist ein guter Mensch. Man sieht's ihm an. Es wird zwar viel geredet, aber über wen schwatzen die Menschen nicht? Das hab ich auch durchgemacht. Ich sage immer, die Wespen suchen sich keine mulsche Birne aus.« Frau Dahl kann nun auch vorbringen, was sie schon lange auf dem Herzen hat. Darum war sie ja schon vor Wochen gekommen, um mit einem guten Wort zu Emilie alles in das rechte Geleis zu bringen. Nun setzt sie dem jungen Mädchen auseinander, wie sie mit dem Bäcker Dahl bekannt geworden ist. »Er war ein empfindlicher Mensch. Mein Gott, konnte er penibel sein. Anfangs hab ich mich in manches schicken müssen, aber was tut man nicht, wenn der Rechte kommt. Sehen Sie, Fräulein Emilie, nun wo der Rechte da ist, dürfen Sie's ihm auch nicht zu schwer machen. Ich glaub ganz und gar, Sie haben sich das dumme Gerede in den Kopf gesetzt. Darauf dürfen Sie nichts geben. Nein nein, Fräulein Emilie, Sie dürfen's ihm nicht zu schwer machen.« Emilie hört sich das alles mit an. Sie kommt gar nicht zum Nachdenken, Frau Dahl redet noch immer. Sie mag recht haben, die gute Frau. Ich hätte mir nichts draus machen sollen aus dem Geschwätz. Was geht mich die andere an – und Emilie meint Lisa. »Ich glaube, Sie haben recht, Frau Dahl«, antwortet sie leise. »Sehen Sie«, sagt Frau Dahl erfreut, »ich wollt es Ihnen schon immer einmal sagen. Nun ist's gut, daß wir darüber gesprochen haben. Sehen Sie, so schickt es sich gerade, daß er nach Thorde ist. Sonst wären wir gar nicht dazu gekommen. Nun werden Sie all das dumme Zeug vergessen, und morgen früh werden Sie freundlich zu ihm sein. Sie haben so liebe Augen, Fräulein Emilie, passen Sie mal auf!« Nun ist Emilie zwischen Lachen und Weinen. Ja, sie lacht schon, ein bißchen zaghaft noch, aber sie lacht. Sie hat die Augen mit dem Zeigefinger getrocknet. So rasch hat sie sich trösten lassen, weil sie, ach, so lange schon, auf einen Menschen wartete, der ihr ein Wort zum Trost sagen würde. »Setzen Sie sich doch, liebe Frau Dahl«, sagt sie nun. Frau Dahl sieht nach der Uhr, aber sie setzt sich doch. Über der Lampe ist ein großer gelber Schirm. »Es ist ein gemütliches Licht«, sagt Frau Dahl. Auf einmal ist draußen im Flur ein Lachen und Prusten, ein Türzuschlagen und Schritte. Emilie hat das Lachen verloren. Sie richtet sich aus dem Sofa auf, sie beugt sich ängstlich vor. Frau Dahl sieht sie erschrocken an, wendet den Blick und starrt auf die Tür. »Nun sind sie da«, sagt sie gezwungen. Dann ist das Lachen und Sprechen im Zimmer. In der Türe stehen sie beide, Frau Drees und Christian, naß vom Regen, die Kragen hochgeschlagen, ihre Gesichter sind rot von der harten Luft. »Wir haben dir was mitgebracht«, lacht Frau Drees. Aus der Tasche holt sie einen Schokoladenhund in Silberpapier gepackt. Sie stellt ihn mitten auf den Tisch. »Er beißt nicht«, lacht sie. Christian versucht zu bellen. Er lacht und bellt. Sie haben Bier getrunken, Likör, und vielleicht auch Wein. Sie sind in Thorde gewesen, am Hafen, und haben den Leuchtturm gesehen. Christian konnte nicht genug bekommen. ›So haben wir gelebt‹, hat er gesagt. ›Es lebe die Seefahrt, prost, Milda, trink doch, der Wirt hat noch mehr. Heute sind wir mal raus aus dem Nest. Ich hab noch Geld in der Tasche. Zwei Wacholder, Frau Wirtin! Was kostet die Welt!‹ ›Mein Gott, wie wild der Mann ist‹, dachte Frau Drees. ›Ich bin auch kein Duckmäuser, tausend Mark hat damals die Hochzeit gekostet, tausend Mark und noch mehr.‹ Prosit, Christian! Es ist gut, daß man mal was anderes sieht, immer dies Dorf und immer dies Dorf. Und dazu die Sorgen. Davon wollen wir heute nicht reden. Heute einmal wird gelebt. Ich hab noch Geld in der Tasche, Christian. Wo ist die Speisenkarte? Herr Wirt, die Karte! Die Karte, Herr Wirt. Sie reden und lachen. Auf dem Wagen in der Dunkelheit haben sie sich aneinander gehalten. Dieser aufgeweichte Landweg. Daß auch der Regen nicht aufhört. Wenn das Pferd sich bloß nicht den Fuß bricht! Wer hat uns die Laterne ausgeblasen? Laß doch, wir finden schon so nach Haus. Es ist nur gut, daß das Rad am Wagen kreischt. Ich wollt es immer schon ölen. Das ist schon gut, daß ich's vergessen hab. Nun hört man das Rad in der Finsternis. Das kreischende Rad, Achtung, wir kommen! Sie haben Bier getrunken, Likör, und vielleicht Wein. Sie reden und lachen. »Das war ein Weg«, sagt Frau Drees. »Du hast's gut«, sagt sie zu Emilie, »du sitzt in der warmen Stube. Ich bin ganz durchfroren. Jetzt wird Tee gekocht. Tee gibt es und ein Butterbrot. Einen Hunger hab ich, einen Hunger!« Emilie sagt nichts dazu. Ohne ein Wort steht sie auf und geht in die Küche. Sie wird Tee kochen und ein Brot zurechtmachen. ›Ich will gut zu ihm sein‹, denkt sie, ›ich will trotzdem gut zu ihm sein.‹ Wo ist denn Frau Dahl geblieben? Sie hat dort auf dem Stuhl gesessen, nahe am Tisch, noch im Lichtschein der gelben Lampe. Nun ist der Stuhl leer. Frau Dahl steht auch nicht an der Wand. Auch in der Küche ist sie nicht mehr. Heimlich hat sie sich aus der Türe gedrückt. Frau Drees hatte sie gar nicht bemerkt. * Am nächsten Tage schickt Lisa zu Frau Dahl. Warum sie denn nicht mehr käme? Es wäre doch noch etwas zu tun. »Das hab ich ganz vergessen«, sagt Frau Dahl, »Fräulein Emita kommt nämlich, die Tänzerin. Nun, das wißt ihr wohl schon. Ja, ich mußte das Zimmer in Ordnung bringen. Ich hatte auch vergessen, daß ich zu Frau Drees kommen sollte.« »Zu Frau Drees«, fragt Lisa, »was gibt's denn da?« Ein Dutzend Schürzen wären zu nähen, ein neues Kleid wohl auch. Frau Dahl kann ein Seufzen bei dieser Mitteilung nicht unterdrücken. Was sie gestern abend erlebt hat, liegt ihr noch schwer auf dem Herzen. Sie möchte es einem Menschen anvertrauen. Nun erzählt sie es Lisa. Ab und zu über die Arbeit fort prüft Frau Dahl Lisas Gesicht. Lisa nickt zufrieden. Darüber ist Frau Dahl verwundert. Lisa ist also ganz zufrieden, daß Christian mit Frau Drees nach Thorde fährt. Etwas später kommt Iben Kars in die Stube. Gott, wie sieht der Mann aus! Er ist doch recht alt, denkt Frau Dahl. Nun ja, wenn die gewohnte Arbeit fehlt, altert der Mensch rasch. Es ist eine faule Zeit, der Winter. Im Frühjahr, wenn es wieder an die Arbeit geht, wird er sich bald erholen. Der Alte ist ein Mann, der in den Sielen bleiben muß. Das ist wie bei einem großen starken Pferd. »Hast du's gehört?« fragt ihn Lisa. Iben Kars wird aus dem, was Frau Dahl da erzählt, nicht klug. Nun wiederholt ihm Lisa alles noch einmal. Es ist viel Genugtuung in ihrer Stimme. Da gibt's keinen Zweifel mehr, man wird bald eine Hochzeit haben auf dem Hof am See. Wie anders Lisa jetzt mit Iben Kars spricht. Vor ein paar Wochen war sie scheu und ängstlich. Hatte sie nicht sogar geweint, als sie mit Frau Dahl zusammen über der Näherei saß? Nun redet sie mit Iben Kars wie mit ihresgleichen. Sie wählt nicht einmal die Worte aus, die sie sagt. Sie spricht so, wie es ihr von Natur aus gegeben ist, derbe und zudringlich. Dazu kommt, daß sie heute einen Triumph nicht unterdrücken kann. Christian scheint also ihre Worte überlegt zu haben und hat nun wohl auch eingesehen, daß ihr Vorschlag die einfachste Lösung war. Es ist immer gut, wenn Männer das beachten, was Frauen in ihrer Schlauheit ihnen nahebringen. Iben Kars hört sich das alles mit an. Er geht an den Schrank, öffnet ein Schubfach, wühlt darin und schließt es wieder. Er öffnet ein anderes und schließt es. »Suchst du was?« fragt Lisa. »Nein«, antwortet Iben Kars. Er sucht nichts in dem Schubfach. Weder in dem einen noch in dem anderen. Er hat sich nur diese Bewegung gemacht, weil er seine Erregung unterdrücken will. Das ist nun der alte Iben Kars. Sinnlos schließt er an dem Schrank herum, anstatt mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Was soll ein Mann tun, der nicht einmal eine Uhr in der Hand zerdrücken kann. Verträglich muß er kommen. »So«, sagt Iben Kars. Weiter äußert er sich nicht zu Lisas Bericht. »So!« Er geht hinaus, durch die Diele geht er, durch die andere Stube, durch die Küche. Er geht über den Hof. Man sieht ihm an, daß er viele Gedanken trägt. »Was hat er?« fragt Frau Dahl besorgt. »Es wird ihm nicht passen«, lacht Lisa. »Er hat ja selbst einmal bei ihr angeklopft. Nun, danach wird keiner fragen.« Vielleicht hätt' ich's gar nicht erzählen sollen, denkt Frau Dahl. Was ein Mensch auch alles beachten muß. Überall sind Stricke gespannt und wehe, wenn er den Fuß über einen hinwegsetzt. Frau Dahl ist so verschüchtert, daß sie gar nicht mehr spricht. Auch aus Lisas Fragen antwortet sie nur Einsilbiges. Nicht einmal von Fräulein Emita, der Tänzerin, erzählt sie mehr. Stumm sitzt Frau Dahl am Tisch und näht. Als sie nach Haus gehen will, trifft sie aus Iben Kars in der Diele. Er hat die dicke Joppe an und es ist viel Kälte um ihn. Er wendet sich zu Frau Dahl: »Sag ihm, daß nichts daraus wird.« Frau Dahl blickt nach der Küchentür hin, hinter der sie Lisa weiß. Lisa klappert gleichzeitig mit den Töpfen. * Nun sind schon Wochen seit dem Ringkampf in Dan Lebbers Laden vergangen. Man spricht beim Bier noch oft von dem Abend. »Es ist alles ehrlich zugegangen«, sagt Dan Lebbers, »wir haben nach den Regeln gerungen. – Was verstehst du davon?« sagt er zu Lüßmann. Es ist so, daß Dan Lebbers ärgerlich ist auf den Tischler. Er macht kein Hehl daraus, daß er sich Christian seit dem Kampf befreundet fühlt. »So ein Seemann ist eine ehrliche Haut. Man muß ihm auch manches nachsehen. Er ist keiner von den Zaghaften. Es war nicht nötig, daß ihn hier jeder in den Mund nahm.« Dan Lebbers hätte gern gesehen, wenn Christian öfter gekommen wäre, aber er ließ sich nur selten blicken. Lüßmann ärgerte sich über Dan Lebbers' Vorwürfe. »Du machst so, als hätt' ich alles aus der Luft.« »Beinahe ist es so«, antwortete Dan Lebbers. »Es gibt bloß Unfrieden«, sagte Patzke, »Dan Lebbers hat recht.« Lüßmann warf die Türe hinter sich zu. Er hat sich vorgenommen, Dan Lebbers' Laden nicht wieder zu betreten, aber ein paar Abende darauf ist er wieder da. Obenauf ist er und lacht Dan Lebbers ins Gesicht. »Sie hat es mir selber gesagt. Was sagst du nun?« »Was ein Mensch so zusammenschwatzt«, ruft Dan Lebbers. Es ist gut, daß der Laden leer ist und keiner von dem Gespräch was hört. »Das hat sie gesagt?« fragt Dan Lebbers ungläubig. »Das hat sie gesagt«, bestätigt Lüßmann. »Sie hat gesagt, und wenn ich zehnmal bei ihm gewesen wär, hätt'st du nicht das Maul aufzureißen. – Also bist du bei ihm gewesen? hab ich gesagt. – Ja! Damit du's weißt, und nun geh hin und erzähl's den andern!« Dan Lebbers schüttelt den Kopf. »Wann hat sie denn die Worte gebraucht?« »Heut vormittag«, antwortet Lüßmann. »Ich war wegen des Stallfensters mit vorbei. Da soll ein neuer Rahmen eingesetzt werden.« »Wie seid ihr darauf gekommen?« erkundigte sich Dan Lebbers. Er hatte Bier eingegossen und zwei Jagdkorn. Er war atemlos. »Sollte man's glauben?« sagte er immer wieder. Lüßmann spuckte aus. »So ist sie«, sagte er, »nichts hab ich gesagt. Sie ist gleich über mich hergefallen. Frech angesehen hätt' ich sie. Ich hab's beileibe nicht getan. Schließlich kann ich mir die Augen nicht zubinden. So ist's gekommen. Ich muß sagen, wenn ich's nicht des Alten wegen täte, ich ginge nicht wieder hin.« Sie setzten sich und tranken. Sie erzählten es sich immer wieder. »Du hättest sie frech angesehen, da ist sie also gleich über dich hergefallen.« – »So wahr ich hier sitze. Ich hab zuerst kein Wort gesagt. Du hast recht, weshalb soll man sich immer den Mund verbrennen.« – »Das ist ein vernünftiges Wort, Lüßmann. Ich sag dir, Christian ist nicht der Schlechteste.« – »Das glaub ich, Dan Lebbers, glaub ich. Aber sie ist eine Hexe. Ich sage nichts gegen den Kars. Er ist ein Seemann und hat sein eigenes Gewissen.« – »So ist's. Nein, gegen ihn kann man nichts sagen, aber daß sie es so unverhohlen zugibt. Wie kann sie das bloß tun? Was sagt der Alte dazu?« – »Alt geworden ist er, man sieht's ihm an. Er wird wohl nichts sagen.« »So was! Vor einem halben Jahr noch mochte ich ihm nicht in die Finger geraten sein.« – »Er ist alt geworden, Dan Lebbers, er tut keiner Fliege was.« – »Und was hat sie gesagt? Damit du's weißt, und nun erzähl's den andern. Das ist also möglich.« Sie sitzen zusammen und trinken. Sie warten wohl auch darauf, daß noch jemand kommt. Die Türe geht auf und Christian tritt ein. Er beachtet Lüßmann nicht. Nein, er will sich nicht hinsetzen. »Gib mir eine Flasche Rum«, sagt er zu Dan Lebbers, »guten Jamaika. Wir wollen ihn zu Haus trinken.« »Rum ist gut. Wenn so feuchtkaltes Wetter ist, gibt es nichts Besseres«, lobt Dan Lebbers. »Ihr wollt euch eine kleine Feier machen. Das kann ich mir denken –«, und er zwinkert mit den Augen. Lüßmann hat heute mehr getrunken als sonst. Zuerst sitzt er stillschweigend und den Kopf gesenkt vor seinem Glas. Er starrt auf die Tischplatte. Was geht ihn Christian an? Nach und nach steigt ein Ärger in ihm auf. Der Mensch tut so, als wäre man Luft. Dabei hat er genug auf dem Kerbholz. Nicht einmal die Zeit hat er mir geboten, als er hereinkam. Er sollte froh sein, wenn man noch einen Blick für ihn hat. Geht hin und läßt sich einfach mit der Frau ein. Das läuft nun hier herum und hebt die Stirn. Lüßmann steht auf, steht vor Christian und sagt laut: »Guten Abend!« Dan Lebbers versucht, ihn mit Blicken zu beruhigen. »Guten Abend«, sagt Lüßmann laut und läßt Dan Lebbers' Blick unbeachtet. Christian wendet sich ab und dreht ihm den Rücken zu. Er bemäntelt das nicht einmal. Er dreht sich um und läßt Lüßmann stehen. »Sie hat es selber gesagt«, schreit Lüßmann plötzlich, »damit du's weißt, so, und nun erzähl's im Dorf!« Christian blickt Dan Lebbers fragend an. Der Wirt zuckt die Achseln. »Eine Hexe ist sie, ein Teufel«, schreit Lüßmann. Er hat getrunken, nun kommt der Zorn dazu. Das gibt einen Aufruhr. Christian hat keinen Blick für ihn. Er fragt Dan Lebbers: »Wen meint er?« Dan Lebbers weiß nichts anderes als die Schultern zu schütteln. »Erzähl's im Dorf!« schreit Lüßmann. »Sie hat's selber gesagt. Wen meine ich wohl? Das kannst du dir denken!« Jetzt starrt Christian ihn an. Das ist ein gefährlicher Blick. Wenn dieser Blick in den Kneipen kam, saß das Messer locker. Christian hat die Hand geballt. Er hebt schon die Faust, aber er besinnt sich und packt Lüßmann in das Genick. Er packt gar nicht so fest hin, aber Lüßmann schwankt. »Laß mich los!« brüllt er. Christian reißt mit der anderen Hand die Türe auf und schon ist Lüßmann draußen. Dan Lebbers schmunzelt. Er ist nicht ärgerlich über den kleinen Zwischenfall. So ein Seemann hat Kräfte, das muß man sagen. Er greift bloß einmal zu, und schon liegt der andere draußen. Sie sprechen auch nicht weiter darüber. Christian steckt die Flasche Rum in die Tasche, zahlt und geht. Dan Lebbers kommt mit bis zur Ladentüre, steht in der Türe, dreht den Kopf nach allen Seiten und sagt: »Schlechtes Wetter.« Wenn er einen Kunden, auf den er Wert legt, bis zur Türe begleitet, pflegt er immer in dieser Weise seine Betrachtung über das Wetter zu machen. »Schönes Wetter heute« – oder: »Nun wird's sich wohl ändern« – oder: »Schlechtes Wetter!« Heute also war schlechtes Wetter. Ein häßlicher feuchter Wind, der nicht mit einem spielte, sondern sich wie ein Schrat an einen klammerte. Der Wind hockte einem auf dem Rücken und man mußte ihn nach Hause schleppen. Dan Lebbers hatte nicht bloß nach dem Wetter ausgesehen. Sein Blick hatte auch die Straße abgestreift, so weit man sie im spärlichen Licht der Laterne übersehen konnte. Lüßmann war nicht mehr da. Das glaub ich, er ist gleich aus dem Staub und davon. Damit hatte er nicht gerechnet. Ein Griff und draußen! Er wird es sich hinter die Ohren schreiben. Was bringt er auch das Gerede wieder auf. Aber diese Lisa! Sieh einer an: und wenn ich zehnmal bei ihm gewesen wäre – sie macht kein Geheimnis draus. So eine ist sie. An der stößt sich Iben Kars die Hörner ab. Alt soll er geworden sein, das kann man glauben. Nein, Lüßmann läßt sich nicht sehen. Christian ist in den dunklen Abend verschwunden. Dan Lebbers schließt die Türe, er stellt die Gläser beiseite, blickt aus die Uhr, gähnt, nimmt ein frisches Glas und fängt wieder an zu trinken. Wo die Dorfstraße zum See abbiegt, um dann hinter dem letzten Hof in die Straße nach Thorde einzumünden, ist ein schmaler Graben. Wenn das Wasser des Sees steigt, wird auch er angefüllt, und die Kinder aus Sureiken spielen dann mit seinem schmalen Wasser. Meistens aber liegt er trocken. Vor vielen Jahren ist an dieser Stelle dem Tagelöhner Emil Panten, der ein Trunkenbold war und liederlicher Mensch, eines Nachts auf dem Heimwege ein weibliches Gespenst in langem weißen Kittel auf den Rücken gesprungen. Wie vom Teufel gejagt war der Mann gelaufen. Seine Trunkenheit ist in Schreck verflogen gewesen, doch das Gespenst hatte nicht locker gelassen und erst drei Schritte vor der Haustüre war es verschwunden. Von diesem Tage an wurde der Deputant Emil Panten ein gottesfürchtiger Mensch, und seine Frau, die eine tüchtige und arbeitsame Person war, hatte nicht nötig, sich noch einmal als weißer Geist in die gefahrvollen Bezirke der Unirdischen zu wagen. An diesem Graben mußte Christian vorüber. Die Zeiten der Mahrt, der Rodjackte, der Kobolde und Jülkes sind vergangen. Auch die Zeit des Hackupps und des wilden Alfs ist vorbei. Was jetzt nachts im Graben kraucht, ist unlauteres Gesindel. Verächtlich ist, wer sich der Finsternis verbinden muß. Nur wer allein in der Hellichtkeit der offenen Straße seinen Mann steht, verdient Achtung. Eigentlich sollte die Welt so sein und nicht anders. Aber selbst hier am Graben von Sureiken will einer im dunklen Schild der Nacht seinen Streit ausfechten. Es ist nur gut, daß auch die Dunkelheit sich verrät. Rechtzeitig kann Christian zur Seite springen, und der Stein poltert über den Weg abseits in die Nacht. Ehe Lüßmann den zweiten zu schleudern vermag, reißt Christian ihn an die Erde. An die Erde reißt er ihn und reißt ihn hoch. Nur ein Spielball noch ist Lüßmann, ein Spielball, nichts anderes. Christian weiß einen unentrinnbaren Griff. Solcherlei Griffe lernt man unter dem Schiffsvolk. Es ist gut, wenn man damit Bescheid weiß, sie retten einem das Leben. Nun gibt's kein Entkommen mehr. »Versuch keine Müh! Aus solcher Umklammerung sind ganz andere nicht herausgekommen als du. Auch wenn du treten und beißen willst, das wird dir nichts nützen. Tob dich aus, Lüßmann, tob dich aus. Wirst schon von selbst ruhig werden, ganz ruhig und still. Wie ein Kind, das über seinen Eigensinn müde wird, so wirst du müde werden. Zerschlagen könnte ich dich, zerdrücken, ins Wasser werfen. Das alles könnte ich. Zerdrücken, zerschlagen. Ich könnte dir endlich dein Maul stopfen. »Laß mich los«, winselt Lüßmann. Christian hält ihn fest. Er schleppt ihn mit. Nein, er läßt ihn nicht los. Er schleppt ihn mit wie ein Bündel. »Du sollst mich loslassen«, keucht Lüßmann. Christian lacht. Das ist ein grimmiges Lachen. Er lacht, nein, er läßt Lüßmann nicht los. Er schleppt ihn die Straße zurück. Da ist der Laden von Dan Lebbers. Das Licht brennt darin und durch die Scheibe steht man den Wirt sitzen vor seinem Bier. Auch Patzke steht man, der sich die Zeitung genommen hat. Christian schleppt Lüßmann weiter. »Laß mich los! Laß mich los!« Da ist das Haus von Jakob Kloth, von Jakob Kloth, dem Fischer. Er ist diesen Abend vom See heimgekommen. In der Bütte auf dem Hofe zappeln noch die Fische. Die vielen Kinder schlafen in den wenigen Betten. Der Fischer bessert das Netz aus. Es hängt an dem Haken, der in der Stubendecke befestigt ist, zwischen den beiden Betten hängt es herunter, es füllt fast die Stube aus. Auf der Kante des einen Bettes sitzt Jakob Kloth und schiebt die Holznadel mit dem Hanf über Eck durch die zerrissenen Maschen. Das also ist das Haus von Jakob Kloth. Christian schleppt Lüßmann weiter. »Mach keinen Aufstand, sag ich dir. Jetzt kommst du mit. Nun wollen wir alles ins Reine bringen.« Lüßmann fügt sich in das Unabänderliche. Er wehrt sich nicht mehr. Wenn ihnen hier und da jemand entgegenkommt, scheint es, als gingen da im Dunkeln zwei gute Freunde, untergehakt und ohne Hader gegeneinander. Kein Wort sagt Lüßmann mehr, er weiß, daß es keinen Zweck hätte. Ach, der Ungebundene ist der Sieger. Es ist nichts gegen Lüßmann zu sagen. Er ist ein arbeitsamer Mensch. Er müht sich, das Brot heranzuschaffen für seine Kinder und für die Frau, die mager ist und unschön und der nichts geblieben war von den Frühlingsblicken ihrer Mädchenzeit. Auch Lüßmann ist nicht mehr der flotte Tischler, der Sonntags zum Tanz ging. Jahre sind darüber verblüht. Müde sind die beiden geworden neben einander. Nein, es ist nichts gegen Lüßmann zu sagen. Für eine Zigarre hatte er Lewe Haart das letzte Haus gezimmert. Sägespäne schenkte er den Kindern in Sureiken und Überbleibsel von der braunen Borke der Kiefer und von der weißen der Birke. Boote machen sie daraus und kleine Segelschiffe. Nein, es ist nichts gegen ihn zu sagen. Aber wenn an diesem Abend und in diesem Augenblicke die Männer des Dorfes zugegen gewesen wären, Lebbers, der Kaufmann, Laabs, der Schuster, Patzke und Kuhse, der Sattler, und Jakob Kloth, – ja, auch der schweigsame Fischer – sie alle würden in dieser Entscheidung für Christian Partei genommen haben. Was Recht, was Unrecht! Der Ungebundene ist der Sieger. »Jetzt kommst du mit, so, nun wird alles in Ordnung gebracht.« Von fern her hört man die Uhr schlagen. Sie werden noch wach sein auf dem Chausseehof. Iben Kars wird noch am Ofen sitzen, schweigsam, in Gedanken, wie es seine Gewohnheit ist. Lisa will noch zur Nacht das Vieh füttern. Ja, sie werden noch wach sein auf dem Chausseehof. Christian schleppt Lüßmann weiter. Lüßmann fragt nicht, er ahnt, wohin der Weg geht. Seine letzten Kräfte sammelt er noch einmal. Er geht noch ohne Widerstand. Er stemmt sich noch nicht. Er sammelt nur seine Kräfte. Da ist nun der Hof. Es ist Licht in der Stube. Lisa ist eben vom Füttern gekommen. Sie hat sich an den Ofen gelehnt. Draußen ist plötzlich ein Wutschrei. Ein Gebrüll, eine Flut von Worten. Iben Kars horcht auf. ›Die Knechte‹, denkt er, ›sollen sich totschlagen, wenn sie betrunken sind.‹ Lisa ist vom Ofen weg an das Fenster getreten. Sie hat es geöffnet. Sie ist ängstlich. Der Lärm draußen ist jetzt ganz nah. Man hört, daß zwei miteinander kämpfen. Aber der Kampf ist kurz, und dann wird die Türe aufgerissen, und herein stolpert Christian und zerrt einen anderen hinter sich her, einen anderen, der auf den Knien kriechen muß, weil er unter Christians Griff sich nicht aufrichten kann. Mitten in die Stube zerrt Christian diesen Menschen. »Lüßmann!« schreit Lisa erschrocken. Christian zwingt Lüßmann bis vor Lisa. Da läßt er ihn liegen. Iben Kars ist aufgestanden, aufgerichtet hat er sich. Er ist alt, aber seine Augen funkeln. Er blickt nicht auf den Verächtlichen, der da am Boden liegen muß. Er blickt auch nicht auf Christian, der noch gerötet vom Kampf schwer atmend dasteht. Er blickt auch nicht auf Lisa, die ihre Augen gesenkt hat. An allen vorbei sieht Iben Kars. Er atmet tief. Es ist ein großes, langes Atemholen, wie es ein Mensch hat, der aus den trüben Wassern der Flut auftaucht. Iben Kars steht aufgereckt da, seine Augen sind klar. Er versucht, die Hände etwas ineinander zu legen, und er denkt: ›Er ist wie ich, und das Kind wird ebenso sein.‹ Vor einiger Zeit noch hatte Iben Kars einmal zu Lisa gesagt: »Wenn er auf den Baum steigt, gehört ihm nichts mehr.« Damit hatte er Christian gemeint. In diesem Augenblicke hat Iben Kars dieses Wort ausgestrichen. Die Hände ineinander gelegt, sagt er leise: »Er ist wie ich, und das Kind wird ebenso sein.« Ja, ein Mann braucht nichts zu haben als die stolze Kraft. * Auf dem Hof am See hatte man auf Christian gewartet. »Ich weiß nicht, wo er bleibt«, sagte Frau Drees, »er wollte doch bloß den Rum vom Kaufmann holen.« »Es wird doch nichts passiert sein?« fragt Emilie ängstlich. Frau Drees lacht sie aus. Was kann schon in Sureiken passieren? Räuber und Diebe gibt es nicht. Ordentliche Menschen wohnen in Sureiken, nicht alle liebenswert, aber keiner so, daß man vor ihm auf der Hut sein müßte. Seit einem Jahr ist kein fremder Handwerksbursche mehr durch den Ort gekommen. Es gibt auch keine Landstreicher, welche die Gegend unsicher machen. Man kann sogar in Sureiken nachts die Türen auf lassen. Frau Drees lacht. Was sollte ihm wohl passieren? Natürlich, er könnte längst zurück sein. Aber wie Männer so sind. Da wird er wohl erst noch sein Glas Bier trinken. Wir Frauen können ja auch warten. Eine Stunde später wird auch sie unruhig. »Daß er gar nicht kommt«, sagt Frau Drees. Emilie hat den Mantel angezogen und will ihm entgegengehen. »Paß auf, er sitzt noch bei Dan Lebbers und trinkt«, sagt Frau Drees, doch glaubt sie es nicht recht. Emilie hat den Mantel umsonst angezogen. Noch ehe sie die Türe öffnet, kommt Christian. Er bringt auch die Flasche Rum. Man sieht ihm an, daß er guter Laune ist. »Du hast uns schön warten lassen«, meint Frau Drees. Emilie sieht Christian prüfend an. Er lacht und ist gut gelaunt, aber das ist es nicht allein. Sein Lachen ist zu laut und seine gute Laune zu forsch. In seiner Stimme, auch wenn er bloß Nebensächliches sagt, kann er eine Erregung nicht unterdrücken. Emilie möchte am liebsten fragen: Was ist denn gewesen? Sie fühlt, daß er nur ungern auf solche Frage antworten würde, und so läßt sie es. Für Frau Drees steht es fest, daß Christian getrunken hat. Warum auch nicht? Er wird einen Bekannten getroffen haben, Patzke oder Laabs, oder vielleicht auch Jakob Kloth. Sonntags sieht jeder zu, daß er noch zu seinem Gläschen Bier kommt. Frau Drees gefällt es, daß Christian so aufgeräumt ist. Sie ist eine starke Frau, die es nicht übelnimmt, wenn man sie derb anfaßt. Das Leben hat sie derbe genug angefaßt, und sie ist nicht darüber verzweifelt. Sie schimpft und zankt mit dem Leben, nicht immer, nein, im Grunde hat sie es gern. Sie schimpft mit dem Leben, wie man mit einem Kutscher zankt, der einen den falschen Weg fährt. Wenn es geradenwegs in den Abgrund ginge, würde Frau Drees bis zum letzten Augenblick zanken, poltern und lachen. Nun trinken sie den warmen Rum. Ja, Christian hat was erlebt. Auch Frau Drees merkt es nun. Er möchte gern eine Andeutung machen, nicht erzählen, nein, das geht keinen was an, aber eine Andeutung hat er schon auf der Zunge. Er geht mit starkem Schritt in der Stube auf und ab. Wie ein Löwe im Käfig, denkt Frau Drees. Ich möchte nicht im Ernst mit solch einem Seemann anbinden. Sie ist glücklich darüber, daß er so stark ist. Eine Wolke herben Duftes ist über den heißen Rum aufgestiegen. Emilie hat nicht viel getrunken, aber durch das Zimmer geht ein kleiner Rausch. Emilie hat warme dunkle Augen bekommen. Daß ich ihm so lange zürnen konnte, denkt sie und blickt Christian an. Frau Drees hat den Blick aufgefangen und runzelt etwas die Stirne. Nun steht Emilie auf und legt den Arm um Christian. »Schade, daß wir nicht tanzen können«, sagt sie, »wenn jetzt Bolk hier wäre mit der Geige.« Ach ja, der Schmied und die Geige. Keine Geige hat Bolk mehr angerührt, seit ihm der Bogen zerbrochen wurde. Vieles wohl wäre anders gewesen, wenn man wie früher hätte tanzen können. Trübe Gedanken und böse Gedanken, auch dumme Gedanken und nichtsnutzige kann man wegtanzen. Der Tanz ist die Seligkeit, vor der keine Pforte verschlossen bleibt. Ja, manches wäre gut geworden, wenn Bolk die Geige nicht beiseite gelegt hätte. Ein schwerer Mensch ist Bolk. Er ahnt das Dunkle. Zweierlei Mächte beherrschen die Welt, das Licht und die Finsternis. Wenn aber das Reich der Finsternis angebrochen ist, soll man sich dem nicht widersetzen, denn der Mensch wandelt nur seine Zeit, aber das Schicksal, das über Licht und Dunkel bestimmt, währt ewig. Wenn ein Mensch kommt und das Licht zerbricht, tut er es nicht aus sich. Wenn Iben Kars nicht mehr will, daß die Geige spielt, hat nicht er, sondern das Schicksal gesprochen. Es wäre vermessen, wenn Bolk die Geige hervorsuchte, ehe ihm durch den Mund des Alten die Aufforderung wird. Nein, bevor Iben Kars nicht den Tanz verlangt, wird Bolk, der Schmied, ihn nicht spielen. Emilie hat ihren Arm um Christian gelegt. »Soll ich euch eins singen?« fragt Frau Drees ärgerlich. »Nein, aber wenn du noch einen Rum hast!« lacht Christian. Es tut ihm wohl, daß ein weicher Arm um seinen Nacken liegt. Wie Katzen schnurren die Männer, wenn Liebe sie hätschelt. Nun hat er auch den Arm um Emilie gelegt, und sie stehen dicht aneinander. Frau Drees reicht Christian das Glas, doch Emilie muß zuerst daraus trinken. Frau Drees hat sich wieder gesetzt und überlegt. Dieses letzte kleine Glas Rum, daran Emilie kaum die Lippen genetzt hat, ist von einer großen Süßigkeit gewesen. Ein Schmiegen und Schweben ist von diesem Glase ausgegangen. Ja, es ist schön, jung und verliebt zu sein. »In Thorde ist der Rum nicht besser«, sagt jetzt Frau Drees. »Du hättest dabei sein sollen, Emilie! Nein, war das lustig.« Emilie fragt nichts danach. Sie ist glücklich, neben Christian zu sitzen. Die süße herbe Duftwolke liegt über ihren Gedanken. »Wir haben Wein getrunken«, sagt Frau Drees. »Das nächste Mal kommst du mit nach Thorde«, unterbricht Christian und streichelt Emilie die Hand. »Ja?« fragt sie erfreut. »Jawohl, wir fahren nach Thorde. Am Hafen gehen wir spazieren, ich zeige dir auch den Leuchtturm. Einmal war ein Schiff da, ein Ausländer. Ich war an Bord.« »Was war das für ein Schiff?« fragt Frau Drees. Sie will auch beteiligt sein an dem Gespräch über Thorde. Sie ist ärgerlich, daß sie überhaupt davon angefangen hat. »Wir konnten uns kaum verständigen. War das ein Kauderwelsch!« lachte Christian. »Es war ein gewöhnliches Schiff für Frachtgüter, aber immerhin, es war von weither.« »Ich möchte auch einmal mit so einem Schiff fahren«, schwärmt Emilie, »wie weit du schon herumgekommen bist.« »Ja«, antwortet Christian nachdenklich. Er trinkt und erzählt. »Himmel, was gibt es für Länder in der Welt und was für Städte. Braune Menschen und gelbe und schwarze. Jeder hat seine Musik. Sie trommeln auf Holz und blasen auf Häuten, und was für Lieder! Ja, überall ist was los. Das ist eine kunterbunte Welt! Anders als hier«, sagt Christian. »Aber erst das Wasser! Ach, das Wasser! Das weite Wasser.« Frau Drees erschrickt. Zum erstenmal hat Christian einen Vergleich gezogen. Er war schon drauf und dran, das alles zu vergessen. Welch dummes Ding, diese Emilie! Ihm davon zu reden. Wenn sie doch aufhören möchte. Aber nein, sie fragt weiter. »Das ist alles Firlefanz«, sagt Frau Drees, »das verdreht dem Menschen bloß den Kopf.« »Du sprichst wie Iben Kars«, lacht Christian. Emilie sieht ihn ängstlich an. Nein, ohne Scheu spricht Christian den Namen aus. Er hat den Alten lange nicht erwähnt, aber jetzt sagt er einfach: Iben Kars und lacht. Emilie atmet auf. Sie sagt: »Du mußt das verstehen. Sie haben ihren eigenen Boden. Ich habe ja auch nichts.« Sie tut, als wäre das nun ein Vorzug. Frau Drees fährt auf. »Man muß arbeiten können«, sagt sie. »Arbeiten, alles andere sind Flausen.« »Ich arbeite wohl nicht?« erwidert Emilie. »Natürlich arbeitest du«, antwortet Christian. Es ist viel Zärtlichkeit in seiner Stimme. »Mein Gott, wie empfindlich du bist«, beklagt sich Frau Drees. Am nächsten Morgen ist der Rum verflogen. Der Alltag ist da und die Arbeit. Es ist noch sehr früh im Jahr und die Arbeit frißt einen noch nicht auf. Frau Drees und Emilie fangen an, sich aus dem Wege zu gehen. Wer den Vorteil davon hat, ist Christian. Er kann sich nicht beklagen, daß er vernachlässigt wird. Aber er ist doch oft in Gedanken. Frau Drees spricht von der Wirtschaft und Emilie von der Seefahrt. Frau Drees spricht vom Acker und Emilie von Thorde. Frau Drees geht mit Christian über Land. »Das alles gehört zu unserm Hof. Das auch noch! Und auch noch das Stück da drüben. Es ist ein schöner Hof. Man kann zufrieden sein. Nun ja, es gibt allerlei Sorgen, aber man wird sich schon durchbeißen. Es ist ja nun auch ein Mann auf dem Hof«, sagt Frau Drees und pufft Christian in die Seite. »Wir werden die Karre schon ziehen«, antwortet Christian. Er weiß nun, wie mit dem Pflug umzugehen ist und wie mit der Egge. Er kennt auch den Kultivator. »Wann wollen wir nach Thorde fahren?« fragt Emilie. »Ich war erst einmal in Thorde und hab den Leuchtturm gar nicht gesehen.« »Wir wollen morgen hin«, verspricht Christian. Am Abend zeigt er ihr den blinkenden Lichtschein am Himmel. Doch tags drauf hat Frau Drees dieses Anliegen, tags darauf jenes. Immer wieder weiß sie irgendeine wichtige Arbeit, die getan werden muß. »Wir werden gar nicht mehr nach Thorde kommen«, klagt Emilie, »bald geht es mit der Frühjahrsbestellung los.« »Wir fahren nach Thorde«, erklärt Christian, »versprochen ist versprochen.« Doch vergehen noch Tage, ehe sie nach Thorde kommen. Frau Drees weiß es auch so einzurichten, daß sie nur den Nachmittag Zeit haben. Emilie fürchtet, daß aus der Fahrt überhaupt nichts werden könnte, und so ist sie wenigstens mit diesem Nachmittag zufrieden. Das also ist Thorde. Emilie möchte die Zeit langsam vergehen sehen. »Wir wollen uns nicht überhasten«, sagt sie. Vor jedem Schaufenster bleibt sie stehen. Alles muß Christian betrachten. »Das ist hübsch«, sagt Emilie. »Ja ja«, antwortet Christian. Damals mit Frau Drees war das anders gewesen. Wir wollen uns erst mal erwärmen, hatte sie gesagt. Frau Drees konnte lustig sein. Grog hatte sie getrunken und Liköre. Die Auslagen hatte sie kaum angesehen. Wir wollen nichts einkaufen heute, hatte sie gesagt, Gott sei Dank, daß wir mal aus dem Nest raus sind. Emilie aber blieb vor jedem Fenster stehen. Wie sie sich wundern konnte über die bunten Dinge, die darin lagen. Wie viele Schaufenster gab es Thorde. Jedes war wie ein Wunder. »Bei uns zu Hause gibt es größere Geschäfte«, sagte Emilie. »Aber wenn man so lange auf dem Dorf war, kommt einem das hier schon wie eine Herrlichkeit vor.« »Das glaube ich«, sagte Christian. Er war ungeduldig, er wollte nach dem Hafen. »Das ist hier nun der Hafen«, sagte er. »Ein kleiner Hafen ist es, es gibt ganz andere Häfen in der Welt, aber es ist ein Hafen. Da drüben hat damals das Schiff gelegen. Heute ist der Platz leer.« »Schade«, sagt Emilie, »ich wäre gerne mit auf den Dampfer gekommen.« Es ist überhaupt kein Schiff in Thorde. Emilie ist enttäuscht. Zwei oder drei Kähne liegen da, trübe, mißmutige Kähne. Das ist alles. Aber wenn man sich zur Seite wendet, steht man das Licht des Leuchtturms. »Da drüben ist der Leuchtturm«, sagt Christian, »sein Licht kommt auf drei und sieben.« Sie stehen ein Weilchen und zählen. Sie haben sich aneinander geschmiegt, zählen und küssen sich. »Drei, drei, sieben«, zählt Emilie. Was ist das auf einmal für ein junger Übermut. Sie küssen sich nach dem Kreisen des Leuchtturmlichtes. »Drei, drei, sieben«, lacht Emilie. »Das hast du dir schön ausgedacht«, schmunzelt Christian. »Drei, drei, sieben«, und er küßt das Mädchen. »Sieben«, sagt sie, »sieben«, und küßt ihn lange. Nun ist eine große Glückseligkeit. Alle dunklen Tage sind vergessen. »Ich habe dich lieb«, sagt Emilie. Sie gehen zurück nach Thorde. »Nun sollst du auch Kuchen haben«, sagt Christian, »wir wollen Kuchen essen und einen Likör trinken.« »Nein«, antwortet Emilie, »wir wollen lieber zu Fuß nach Sureiken gehen.« Was ist das für ein Einfall. Im Gasthof steht der Wagen. Ein Nachbar, Christof Braatz, hat in Thorde zu tun und hatte sie auf seinem Wagen mitgenommen. »Wir können ihn nicht warten lasten«, sagt Christian. »Er wird uns gar nicht vermissen«, antwortet Emilie. Sie weiß, wenn Braatz nach Thorde fährt, versäuft er Geld und Gedanken. Es ist gut, daß sein Pferd den Heimweg von selber findet. »Es sind Sterne«, sagt Emilie. Seit Tagen ist es der erste Abend wieder, der Sterne hat. Emilie würde gerne durch diesen Sternenabend gehen. Wo wandelt die Liebe glückseliger als unter Sternen. Christian will ihr das ausreden. Ja, was ist das für ein Einfall. Zwei Stunden mindestens müßte man zu Fuß laufen. Damit wär's nicht einmal geschafft. Warum soll man gehen, wenn ein Waagen zur Stelle ist? Emilie gibt nicht so schnell nach. »Wir wollen uns nicht zanken«, sagt sie schließlich. Sie gehen nach dem Gasthof zurück. In der Mitte der Stadt liegt er, dicht am Marktplatz. Die Bauern der Umgegend spannen hier aus, wenn sie nach Thorde kommen. Mittwochs und Sonnabends, wenn Wochenmarkt ist, findet man kaum einen Platz. An den weißgescheuerten Tischen sitzen sie, auf blanken rohen Holzstühlen. An der Wand hängt auch ein Bild von der Kirche in Sureiken. Das haben sie vor Jahren dort aufgehängt. Sie sind stolz aus ihre Kirche mit dem blanken, spitzen Turm. ›Ein Bleistift ist er‹, hatte Pastor Lorentz einmal gesagt, ›damit will sich Gott in euer Herz schreiben.‹ Nun saßen sie unter dem Bild von Sureiken und tranken. Als Emilie und Christian in die Wirtsstube traten, war schon ein großes Gewirr. Über allen aber dröhnte die Stimme von Christof Braatz. Diese laute Stimme begleitet von vielerlei Bewegung nahm einen sofort gefangen. Christian und Emilie standen einen Augenblick in der Türe und hörten zu. Dann blickte Emilie zur Seite. Sie stieß Christian ängstlich an. Sie flüsterte etwas, das er nicht verstand. Christian blickte hin und sah Iben Kars hinter dem Tisch sitzen. Jawohl, da sitzt Iben Kars. Was wird nun geschehen? Emilie zittert. Sie möchte Christian am liebsten aus der Gaststube haben. »Wir wollen gehen«, sagt sie leise, »er hat uns noch nicht gesehn.« Ach, sie zittert. Es ist ein schwerer Ruch von Bier und Spirituosen im Raum. Ein hitziger Nebel ist es, der die Köpfe verwirrt und böse Blicke, Zorn und Verachtung leicht aufspringen läßt. »Laß uns lieber gehen«, bittet Emilie. Aber was geschieht? Christian geht auf Iben Kars zu und gibt ihm die Hand, und Iben Kars zieht seine Hand nicht zurück. Nein, er hat sie ihm sogar entgegengestreckt, noch ehe Christian am Tisch ist. »Nehmt Platz«, sagt Iben Kars. Und Emilie und Christian sitzen neben ihm, das Mädchen verwundert über die Wandlung. Iben Kars zeigt sich heut von der großartigen Seite. Er ist nicht knausrig und zach mit dem Geld. Er läßt den Wirt ausfahren, was er Gutes hat hinter der Tonbank. Zwar spricht er nicht viel, doch die wenigen Worte sind ohne Arg. Sie kommen auch nicht dazu, viel zu reden. Braatz hat sich mit an den Tisch gesetzt und führt das große Wort. Er beugt sich vor und erzählt mit halblauter Stimme. Vorsichtig spricht er und vermeidet jeden herausfordernden Ton. Wenn man von solchen Dingen spricht, sollte man sich nur des Flüsterns bedienen. Wer weiß, wer das laute Wort hört. Wohl glaubt man nicht mehr an Fremdes, das außerhalb unserer Augen lebt, aber was steht schließlich der Mensch? Kann er zum Beispiel sehen, was jetzt jenseits der Mauer vorgeht? »Nein, das kann er nicht«, sagt Braatz. »Wenn er nicht einmal durch die Wand gucken kann, wie will er dann überhaupt was wissen?« Es ist traurig, wie wenig der Mensch weiß. »Dazu hat er sich die Wand selbst gebaut«, sagt Iben Kars. Braatz biegt sich vor Lachen. »So ist's. Er hat sich selbst die Wand gebaut, damit er nicht weit gucken kann. So ist nun der Mensch.« Braatz wendet sich zu den anderen. Er trinkt und lacht und ruft: »Wir haben uns die Wand selbst gebaut. Nun kommen wir nicht drüber weg. Wahrhaftig, das haben wir gemacht. Keiner kann durch die Wand.« Irgendeiner ruft: »Bau dir ein Fenster rein!« Braatz stutzt. Richtig, das Fenster, daran hat man gar nicht gedacht. Natürlich hat man sein Fenster. Man kann sich sogar rausbeugen. Dann sieht man, was hinter der Mauer ist. Natürlich kann man das. Bau dir ein Fenster rein, Braatz. »Als die Krankheit in der Luft war, haben sie die Fenster verschlossen. Da wären sie froh gewesen, wenn sie gar keine Fenster gehabt hätten. Jawohl«, sagt Braatz, »so ist's gewesen. Nämlich –« Er beugte sich vor und flüsterte nur noch. Man mußte gut aufmerken, um jedes Wort zu erhaschen. »Damals fuhr die Krankheit durch die Luft«, flüsterte Braatz. »Aus der Luft war eine Stimme: ›Habt ihr auch Brot?‹ fragte die Stimme. Die Stimme von der Krankheit war es. Ja, die Krankheit rief: ›Habt ihr genug Brot?‹ Die armen Leute hatten Türen und Fenster fest verschlossen. Hinter den dichten Fenstern saßen sie und antworteten: ›Ja, wir haben Brot.‹ Die armen Leute hatten nichts zu essen, nicht eine Brotrinde hatten sie. Aber sie riefen doch: ›Ja, wir haben genug Brot.‹ Sie wußten, daß die Krankheit die Hungernden zuerst frißt. Darum haben sie die Krankheit belogen.« Braatz trank nachdenklich sein Bier aus. »Mein Vater hat es uns oft erzählt«, sagte er. »Das haben die armen Leute damals gemacht. In Thorde und in Sureiken und weitum.« Iben Kars strich mit dem Rockärmel über den Tisch. »Die armen Leute«, sagte er. Emilie war traurig geworden über die Geschichte. Braatz wollte noch mehr erzählen, doch Iben Kars verwies ihm das. »Das ist dummes Geklön«, sagte er, »mau soll sich nicht damit aufhalten. Es macht bloß den Kopf schwer und lähmt die Hand.« »Du hast immer im Vollen gesessen«, knurrte Braatz, »dir ist alles geglückt. Wie man das macht, darüber könntest du mich belernen.« Braatz blinzelte Christian zu: »Laß es dir sagen von ihm, du kannst es noch brauchen. Du bist jung und hast eine Braut.« Dabei wies er auf Emilie. Das Mädchen war rot geworden. »So weit ist es noch nicht«, wehrte sie ab. Sie blickte Christian an. Ach, sie hätte wohl gerne gesehen, daß er jetzt widersprochen hätte. ›Jawohl, sie ist meine Braut‹, hätte er sagen sollen, ›wir sind zwar noch nicht öffentlich versprochen, aber das kommt noch.‹ So ähnliches hätte er wohl sagen können. Aber er schwieg und trank Braatz zu. »Laß es dir vom Alten sagen«, rief Braatz. »Er hat's geschafft, da war nie ein leerer Tisch.« Iben Kars achtete nicht auf Braatz. Er wandte sich zu Christian: »Ich bin mit dem Fünfuhrzug noch gefahren. Ich mußte zum Rechtsanwalt wegen des Mühlwegs. Seit Jahr und Tag setzt mir der Müller zu wegen der Grenze. Es ist unser Weg, doch wurde er damals nicht ins Grundbuch eingetragen. Nun ist's eine ewige Schererei, aber es ist gut, daß ich noch gefahren bin. So habe ich Sie kennengelernt, Fräulein.« Er sah Emilien an und sagte zu Christian: »Sie macht einen guten Eindruck.« Christian war darüber verwirrt. Der Alte tat, als wäre schon alles entschieden. Nun ja, Emilie ist ein gutes Mädchen. Sie ist tüchtig und hat ihn gern. Das hatte sie vorhin selbst gesagt. ›Ich habe dich lieb‹, hat sie gesagt. Ja, sie war hübsch gewachsen und man konnte Ehre mit ihr einlegen. Christian war verliebt in sie. Nein, das konnte er nicht leugnen. Es war wohl auch mehr. Warum sollte er nicht auch an eine Heirat denken? Schließlich mußte auch das einmal sein. Doch darüber war noch nicht geredet. Emilie war jung und gut, doch Frau Drees war eine erfahrene Frau und hatte den Hof. Das alles mußte überlegt werden. Mit Liebe allein ist schwer heiraten. Christian ging nicht auf das ein, was Iben Kars da sagte. Als sie aufbrechen wollten, war mit Braatz nichts mehr anzufangen. Er hatte an der Tonbank gestanden und Glas auf Glas geleert, weil Iben Kars ihm den Mund verboten hatte. Nun tanzte er vor der Tonbank. Er stampfte mit den Füßen, hockte nieder und warf ein Bein vors andere. »So tanzen die Rußki!« schrie er. »Rußki, Rußki«, sang er. Dazu spielte das Grammophon. Er schnellte hoch, die Hände in die Seiten gestemmt, drehte er sich. Er klatschte in die Hände. Nein, er war nicht totzukriegen, dieser Christof Braatz. Klein war er und dürr, aber zähe. Er war auch nicht mehr jung, er war schon über die Fünfzig hinaus. Er besaß einen kleinen Hof und schlug sich kümmerlich durch. Oft half er bei anderen. Er war ein tüchtiger Arbeiter und seine Hände waren nie müßig. Vom frühen Morgen bis in die Nacht konnte er schaffen. Aber wenn der Schnaps über ihn kam, tanzte er. Russisch konnte er tanzen und polnisch. Mit gebogenen Knien konnte er tanzen und mit steifen Beinen. Mit eingestemmten Armen und mit wirbelnden Händen. Mit geradem Kopf wie eine Wachspuppe und mit wackelndem Kopf wie ein Federwisch. Wie ein Kreisel konnte er sich drehen und langsam wie eine Kugel dahinrollen. Ja, Christof Braatz wußte auf vielerlei Art zu tanzen. Er stampfte, schnaufte und sang dabei. Wenn der Schnaps über ihn kam, war Christof Braatz ein großer Tänzer. Kein Weib brauchte er dazu. Er tanzte allein. ›Weiber verlieren den Atem beim Tanz‹, sagte er. ›Man muß durchhalten können mit der Lunge. Sie muß sich dehnen wie eine Harmonika.‹ Nein, keine Frau und kein Mädchen hatte solche Lungenkraft. Wie hätten sie mit Christof Braatz tanzen können. Nach einer Viertelstunde schon wären sie umgefallen. Welche Frau konnte eine halbe Stunde lang tanzen mit gebogenen Knien und mit steifen Beinen, die Füße vorgeworfen und zurück und die Schultern schüttelnd wie im heiligen Veitstanz. Ja, wie ein Besessener konnte Christof Braatz tanzen. Die anderen standen um ihn und sahen zu. Sie lachten nicht und schrien nicht. Ernste verwunderte Gesichter hatten sie, sie verhielten sich still, nein, sie wollten ihn nicht stören. Christof Braatz tanzte und tanzte, das Grammophon kreischte und zwitscherte, und die Männer standen in stillem Kreis schweigend in andächtiger Neugier. Ja, so sind die armen Leute. Die Krankheit fährt durch die Luft und fragt, ob sie Brot haben, und sie antworten: »Nein, wir hungern nicht. Du siehst doch, wir tanzen!« ›Wie soll nun die Heimfahrt werden?‹ denkt Emilie. ›Es ist nur gut, daß das Pferd den Weg weiß.‹ Immer bringt das Pferd den Tänzer gelinde nach Haus. Dieses Mal hat es gar keine Sorge. Christian ist ja dabei. Er wird die Zügel schon halten. Darum ist Emilie nicht besorgt, aber wie werden wir Christos Braatz mitkriegen? Er denkt nicht daran zu gehen. Nein, erst wenn der Wirt es gebietet, erst wenn er Feierabend sagt, bricht Christof Braatz auf. Keine zehn Pferde bekommen ihn vorher weg von der Tonbank. Nun tritt Iben Kars zu ihm, legt ihm die Hand auf die Schulter und befiehlt: »Komm, die Braut ist müde!« Da läßt Christof Braatz das Glas stehen und torkelt mit. Er leert es nicht einmal mehr. So ist nun dieser Christof Braatz. Was zehn Pferde nicht fertig bekommen, vermag dieses Wort: ›Die Braut ist müde.‹ »Wenn sie müde ist«, lallt er, »müssen wir sie ins Bett tragen. Sie soll keine roten Augen haben, wenn sie Hochzeit macht.« Iben Kars hat die Leine genommen. Hinter ihm sitzen Christian und Emilie. Vor ihnen quer über den Sitz liegt Christof Braatz. Er ist gleich auf die Kutschbank gesunken, wie er es auf jeder Heimfahrt gewohnt ist. Das Pferd findet den Weg allein. Der Wagen rollt in die Nacht hinein. Über die dunkle Straße ist nur das schmale Licht ihrer Laterne. Doch die Sterne glänzen groß und klar. Eng haben sich die Liebenden umfangen. Sie fahren durch die Nacht. Iben Kars hält die Zügel. Über den Himmel gleichmäßig huschte ein weißer Schein. Es war der Leuchtturm Thorde, weit weg schon hinter Feldern und brachem Land, weit weg schon, am Meer. Wozu hat Gott die bunten zärtlichen Schmetterlinge in die Welt gebracht? Ihr blühendes Taumelspiel, ihren weichen glückseligen Düftetanz? Die Freude des Sommers sind sie, die bunten zärtlichen Falter. Was wäre eine Sommerszeit ohne sie, ohne ihre strahlenden Flügelaugen? Arm an den Wegen würden die Blumen stehen, gekettet an vielen Wurzeln. Blühen würden sie und vergehen. Es wäre eine traurige Blüte und eine bange Vergängnis, denn über sie hin wäre nicht ihre bessere Seele gegaukelt, nicht der sehnsüchtige Tanz der bevorzugten Schwestern, die sich loslösen durften vom Boden, Falter wurden und seliges Schweben. Ach, solch ein Sommer würde ohne Freude sein. Ein Falter war Emita, die junge Tänzerin. Wenn sie die Jahre zuvor nach Sureiken kam, sprang sie leichtfüßig vom Wagen, wirbelte den Gärtner umher, der ihr behilflich sein wollte, drückte jedem die Hand, lachte, knickste und plauderte. Hundert Fragen hatte Emita auf einmal, und alle lachten ihr zu, winkten und riefen lustige Worte. Ein einziger froher Willkomm war dieser Tag. Dann hatte Sureiken seine Freude. Emita, die Tänzerin, war gekommen, blau lag das große Wasser des Sees und lockte zum Bad. An solchen Tagen war immer Sonne, jedes Haus bekam etwas davon ab. Wieviel Sonne es doch in der Welt gibt. Die Dächer leuchteten, die Fenster prangten, und die kleinen Wellen des Sees flackerten und glitzerten vor Sommer und Sonne. So war es all die Jahre gewesen. Nun kam die Tänzerin wieder. Da ist keine strahlende Sonnenstunde. Grau und feucht sind die Dächer, die Fenster starren erloschen und die Wellen des Sees sind langsam und schwer. Wie grau doch die Welt sein kann. Ja, Emita, die Tänzerin, ist gekommen. Bedachtsam steigt sie vom Wagen. Das ist eine vorsichtige Umständlichkeit. Verlegen sieht sie sich um. Da stehen sie alle wie jedes Jahr. Lachen wollen sie und sich necken. Sie wollen die Hand gedrückt bekommen und ein Knicksen sehen und Hopsen. Aber da steht nun Emita unter ihnen, befangen steht sie da, lächelt ein wenig und nickt ihnen zu. Ach, welche hämischen Blicke hat doch die Enttäuschung. Deswegen also ist sie gekommen. Nun ja, man konnte es sich denken. Wie wäre sie sonst so früh gekommen im Jahr? Die erste Schwalbe, hatte Patzke gesagt. Nein, das war keine Schwalbe, keine schlanke, selig hinschießende, keine blaue himmlische Seglerin. Schwerfällig stand sie da, befangen über das Ungeschick ihrer Glieder. Viele Blicke trafen sie, es war eine Gasse von Blicken, durch die Emita schreiten mußte. Grausam ist der Mensch, wenn ihm die Freude verwandelt wird in Enttäuschung. Frau Dahl bekam Tränen in die Augen. Sie ging hinter Emita her und trug ihr den Koffer. Die anderen standen noch und hechelten über die Tänzerin. Frau Seba sagte aber: »Das arme junge Ding, nun geht es in die Schule des Lebens.« Sie wollte Mitleid erwecken für Emita, doch man zuckte die Achseln. Wenn in Sureiken ein Mädchen ein Kind bekam, fand man nichts weiter dabei. Man würde es wohl auch Emita verziehen haben, wenn sie nicht die Freude von Sureiken gewesen wäre, und wenn man nach den trüben Monaten nicht Sehnsucht gehabt hätte auf ihren Lichtblick. Emita saß in dem Lehnstuhl und weinte. Sie sagte zu Frau Dahl: »Anfangs hab ich es wegtanzen wollen, aber nun bin ich doch froh. Andere Mädchen gehen zum Arzt. Meine Freundin Elvira hat gesagt: du bist schön dumm. Das ist ein Augenblick und du bist die Sorge los. Nein, ich wollte nicht zum Arzt gehen. Ich nehme mein Los auf mich«, beteuerte Emita. Sie bewegte schwermütig die Hand dabei. Ja, manchmal merkte man, daß sie am Theater war. »Ich nehme mein Los auf mich«, seufzte Emita, und ließ die Hand langsam durch die Luft gleiten. Mit müder Sorgfalt legte sie die Hand auf die Stuhllehne. Da hielt sie nun ihre weiße zierliche Hand bittend und halb geöffnet. »Ja, ich werde mein Los auf mich nehmen.« Frau Dahl stürzten die Tränen aus den Augen. »Liebes Fräulein Emita«, klagte sie, »liebes, liebes Fräulein Emita, ach Gott, ach Gott.« Als sie sich gefaßt hatte, erzählte sie, daß es ihr ähnlich ergangen wäre. Verschämt und in vielen Wiederholungen berichtete sie die Geschichte ihrer Liebe. Eines Tages war Hermann Dahl gekommen, ein stattlicher Mensch, ein Müllergeselle. Später wurde er selbständig und Bäcker. Arbeitsam war er, ja, er war ein gutmütiger Riese. Er hatte das Kind auf die Hände genommen und geschluchzt über so viel Zierlichkeit. Ja, so war es gewesen. »Ich habe es nicht bereut«, sagte Frau Dahl. »Ich bereue es auch nicht«, erklärte Emita. Sie holte ein Bild aus der Handtasche. Das zeigte sie Frau Dahl. »Welch schöner Mann«, lobte Frau Dahl. »Nein, welch schöner Mann!« »Er ist Künstler«, sagte Emita, »Klaviervirtuose. Vor acht Tagen ist er mit seiner Kapelle nach Rio gefahren. Ein Künstler darf nicht gebunden sein. Ja, ich freue mich auf das Kind. Es wird ein Mädchen werden, passen Sie auf, Frau Dahl, es wird ein Mädchen. Sie soll Tanz lernen und Musik. Ich werde sie früh zum Ballett geben.« Nun mußte Emita gestehen, was ihr noch auf dem Herzen lag. Sie sagte: »Ja, mit sechs Jahren könnte die Kleine zum Ballett. Ach, wenn sie doch erst sechs Jahre wäre.« »Die Zeit vergeht schnell, Fräulein Emita«, tröstete Frau Dahl. »Was sind sechs Jahre. Das vergeht im Hui!« »Ja ja, aber trotzdem. Wo soll ich mit dem Kind hin? Glauben Sie, daß man eine Tänzerin engagiert, die ein kleines Kind mit herumschleppt? Wo soll denn das Kind bleiben, wenn ich im Engagement bin? Ach, da hat man so wenig Zeit. Morgens Proben und nachmittags tanzen, nachmittags und abends bis in die Nacht. Den ganzen Tag tanzen.« Emita sagte das müde. »Wenn man nicht Solotänzerin ist und keinen Namen hat, dann ist das ein schweres Brot, das können Sie glauben, liebe Frau Dahl. Ach, die Leute denken immer, wir Tänzerinnen hätten's wie die Schmetterlinge. Nein, nein, so ist das nicht. Aber die Kleine soll einmal Solotänzerin werden, Ballettmeisterin, ja, Ballettmeisterin. Darum muß sie schon früh den Spitzentanz lernen.« »Was alles dazu gehört«, sagte Frau Dahl, »ich hab ja keine blasse Ahnung davon. Nein, was alles dazu gehört.« »Ja, und nun denken Sie, noch ein Kind dabei. Ein kleines Kind, das noch nicht laufen kann und den ganzen Tag weint, wenn die Mutter nicht da ist. Wenn ich wenigstens wüßte, wo ich es lassen könnte. Aber die Menschen find schlecht. Weiß man denn, was sie mit so einem Würmchen anstellen? Was muß man oft alles in der Zeitung lesen. Ja, wenn eine Frau darunter wäre wie Sie, liebe Frau Dahl.« Nun war es gesagt, was Emita auf dem Herzen hatte. »Wenn ich in der Stadt wohnte, würd ich's gerne tun«, sagte Frau Dahl. Emita lächelte. »Es braucht gar nicht in der Stadt zu sein. Warum soll die Kleine in der Stadt aufwachsen? Nein, das wäre auch ebensogut auf dem Lande.« Frau Dahl sah Emita bestürzt an. Sie hatte gedacht, daß die Tänzerin das Kind in der Nähe haben wollte. Nein, Frau Dahl hätte ihr Kind nie weit weggegeben. Eine Mutter muß doch ihr Kind im Auge behalten. »Ach, liebe Frau Dahl«, sagte Emita, »Sie könnten mir eine große Sorge abnehmen. Ich kenne Sie genau, liebe Frau Dahl, Sie sind gut, Sie würden dem Kinde eine zweite Mutter sein. Ach, liebe Frau Dahl, können Sie mir nicht helfen?« Emita hob beschwörend die Arme. Sie hatte weiße schlanke Arme, die sich nun zu Frau Dahl hin öffneten. Den dritten Finger und den Daumen hielt Emita leicht gebogen, so daß sie sich berührten. Die anderen Finger schwebten leicht hin, sie trugen glänzende Nägel mit schmalen weißen Monden. So war Emita, die Tänzerin, anmutig war sie und von großem Liebreiz. Frau Dahl fühlte plötzlich den Strahl eines unverhofften Glücks. Ihr Gesicht hatte sich etwas gerötet, sie spürte, wie ihr Herz schlug. »Ich will es gern tun, Fräulein Emita«, sagte Frau Dahl. Nun war wieder das Lachen nach Sureiken gekommen und das Singen. Trällernde Freude war wieder in Sureiken. »Liebe gute Frau Dahl«, lachte Emita. Sie faßte sie um die Taille und tanzte mit ihr durch die Stube. »Vorsichtig, vorsichtig«, warnte Frau Dahl. Gutmütig schüttelte sie den Kopf: »Vorsichtig, vorsichtig!« Aber sie tanzte mit Emita durch die Stube. Ohne Widerspruch ließ sie sich herumdrehen und wagte selbst ein paar Schritte. »Liebe gute Frau Dahl«, sang Emita. Danach tanzten sie: »Liebe gute Frau Dahl«, und sie küßte sie mitten ins Gesicht. Ja, die Tänzerin Emita küßte Frau Dahl. Da stürzten der Frau wieder die Tränen aus den Augen. Was konnte die gute Frau Dahl in solch einem Augenblick anderes tun? Sie weinte vor Freude. Am Mittag kam Hanni aus der Schule. »Wie du gewachsen bist«, sagte Emita und streichelte das Mädchen. »Möchtest du nicht gern ein Schwesterchen haben?« fragte Emita. »Ach ja«, antwortete Hanni und ihre Augen leuchteten. »Sie ist ein gutes Kind«, sagte Emita gerührt zu Frau Dahl. Sie kramte in ihrer Handtasche, und zwischen Briefen, Spiegel, Fläschchen und Schächtelchen brachte sie eine kleine Korallenkette zum Vorschein. Sie band Hanni die Kette um. »Das hab ich dir mitgebracht«, sagte sie. »Die Kette ist noch von meinem Vater.« »Dann hätte ich sie doch an Ihrer Stelle behalten«, antwortete Frau Dahl. Emita lächelte wehmütig. »Er hat meine Mutter geschlagen«, sagte sie. Frau Dahl sah erschrocken auf die Kette. Es war ihr nicht recht, daß Hanni sie nun trug. Frau Dahl brachte es aber nicht fertig, etwas dagegen zu sagen. Kummer und Freude, so dicht wohnen sie in der Welt. Zu Emitas Empfang hatte Patzke die blaue Mütze hervorgesucht, die er als Strandwärter trug. Nun lag die blaue Mütze wieder im Kasten. Mißmutig lief Patzke umher. Er war nicht einmal dazu gekommen, der Tänzerin die kleinen Schuhe zu überbringen, die kleinen Schuhe in Ilexgrün und in roten Beeren. Hämische Worte hatten ihm alle Lust daran verdorben. Am nächsten Vormittag aber stand Emita vor dem Fenster und klopfte gegen die Scheibe. Patzke legte die Zeitung beiseite und seine Frau das Strickzeug. »Kommen Sie doch rein«, lachte er. Frau Patzke holte ein Glas Milch und einen Apfel. Da saß nun Emita und plauderte. Das war alles wie früher. Emita besuchte auch Frau Seba, die Schmiedsfrau. Auch zum Schuster Laabs ging sie, und sie sprach bei Dan Lebbers mit vor. Nein, Emita versteckte sich nicht. Sie ging durch das Dorf, lachte und plauderte. Es gab wohl welche, die über sie herfielen. Das waren giftige Zungen. Sollten sie Lust daran haben, wenn es ihnen gefiel. Die anderen verstopften die Ohren gegen die bösen Worte. Es dauerte nicht lange, und Sureiken freute sich wieder an Emita, der Tänzerin. Patzke hatte ihr nun auch die kleinen Schuhe gebracht. Auf grünen Zweigen standen sie und in einem Gerank von Beeren. Wenn Patzke setzt sagte: »Es wird Frühling, die erste Schwalbe ist schon da«, sagte niemand mehr etwas dagegen. Jawohl, es ging zum Frühling. Emita, die erste Schwalbe, war gekommen und in wenigen Wochen würden die frühen Narzissen blühn. Einmal kam auch der alte Pastor Lorentz zur Tänzerin. Er glaubte sie trösten zu müssen und wollte ihr Mut zusprechen. »Kind, was ist dir?« sagte Pastor Lorentz. »Nein, du mußt den Kopf hochhalten. Ein Kind ist ein Geschenk Gottes. Da war hier früher eine alte Frau, Lewe Haart hieß sie, nun ist sie schon tot. Der hatte der Himmel kein Kind beschert. Da hat sie sich eins ausgedacht. ›Josse ist nun beim Militär‹, sagte sie. Wenn die anderen Frauen von ihren Söhnen sprachen, erzählte sie von ihrem Josse. Da könnte ich dir manche Geschichte berichten von der Lewe Haart, liebes Kind. Nein, du darfst nicht den Mut verlieren. Wenn du mich mal besuchst, will ich dir von Lewe Haart noch mehr erzählen. Das wird dich aufrichten.« Pastor Lorentz redete noch ein Weilchen über das Unglück des Menschen. »Da ist nichts gegen zu machen«, sagte er, »wir müssen es tragen, Leid und Freud. Du bleibst nun also vorläufig hier, liebes Kind?« fragte er. »Ja«, antwortete Emita, »Frau Dahl behält dann das Kind bei sich. Bis zum sechsten Jahre, dachte ich, dann soll es Spitzentanz lernen.« Pastor Lorentz konnte vor Überraschung keine Frage stellen. »Ja«, sagte Emita, »je früher es den Spitzentanz lernt, um so eher wird es Solotänzerin werden. Ach, ich möchte so gerne, daß das Kind einmal Ballettmeisterin wird. Dann ist es aus allem heraus.« »So?« fragte Pastor Lorentz. »Sie können es glauben, Herr Pastor«, sagte Emita, »ich freue mich auf das Kind. Ich habe es gleich Frau Dahl gesagt. Zuerst wollte ich es wegtanzen, doch jetzt bin ich froh.« »Aber Kind, aber Kind«, sagte Pastor Lorentz erschrocken. Er blieb den ganzen Tag in Nachdenklichkeit. Pastor Lorentz war ein guter Mensch. Er wußte, daß niemand ohne Schwächen war und er hatte sich seit Jahren bemüht, die eigenen zu erkennen und zu bekämpfen. Diese Einsicht veranlaßte ihn, Welt und Menschen milde zu beurteilen. Er versuchte alles zu begreifen und es kam selten vor, daß er aus der Fassung geriet. Nun saß er zu Hause und überlegte, was ihm da bei der Tänzerin Emita geschehen war. Er rief das kleine alte Fräulein Hoffenthal und sie saßen zusammen und schüttelten über die Tänzerin Emita den Kopf. »Ich wollte ihr Trost zusprechen«, sagte Pastor Lorentz, »ich habe es auch getan, aber sie ist gar nicht zerknirscht gewesen. Sie hat gesagt, das Kind lernt Spitzentanz. Was sagen Sie dazu, Fräulein Hoffenthal?« Was sollte nun das kleine alte Fräulein sagen? Auch sie hatte ihre kleine Bosheit im Herzen. Sie warf einen schiefen Blick auf die Weinflasche, die auf dem Schreibtisch stand, und antwortete: »Wo die Sünde eingewurzelt ist, hilft auch kein Bußgesang.« Pastor Lorentz merkte wohl, worauf sie hinauswollte. Etwas verlegen nahm er die Flasche vom Tisch und stellte sie neben den Stuhl. Er sagte nichts dagegen, als Fräulein Hoffenthal die Flasche mit hinausnahm. Seufzend setzte er sich an seine Predigt. Da kam es wohl, daß die Sätze, die er niederschrieb, mit jedem Worte zorniger wurden. Am Sonntag gab es ein großes Aufhorchen in der Kirche. Pastor Lorentz, der gute alte Pastor Lorentz, wetterte. Er kämpfte gegen die Sünde an, die sich überall breitmachen wollte, so grimmige Worte fand er, daß die Andächtigen im Holzgestühl sich duckten. Sie wußten nicht, wen er meinte, aber sie ahnten, daß ihm Absonderliches widerfahren sein mußte. Jeder fragte sich ängstlich im stillen, ob auch ihn das angekündigte Strafgericht erreichen könnte. Ja, es war schlimm, wie die Sünde sich breitmachte. Hoffärtig ginge sie einher, klagte Pastor Lorentz, und anstatt, daß sie in Scham und Reue an der Bank niedersänke, erhöbe sie das Haupt und tanzte auf den Spitzen. Emita war nicht in der Kirche, dafür saß Frau Dahl wie auf glühenden Kohlen, als wäre sie die Sünderin, die nun alle Zornesworte einstecken müßte. Auch Lisa fühlte sich von jedem Wort getroffen. Zuerst hatte sie der Rede, die von der Kanzel herabdonnerte, Hartherzigkeit entgegengesetzt, doch nach und nach schmolz die Kälte, mit der ihr Herz die Predigt aufnehmen wollte. Sie begann zu weinen. Ach, sie war eine sündige Magd und mußte dankbar sein, daß man sie duldete. Sie hatte Mitleid mit sich und beklagte ihr Schicksal. Ach ja, es war ein großes Herzeleid. Sie war niedergeschlagen und nichts war mehr da von der Härte, mit der sie sich gegen Iben Kars aufgereckt hatte. Klein war sie geworden unter den zornigen Worten Gottes, und sie empfand es plötzlich als Glück, daß ein Mann da war wie Iben Kars, den sie in vielen Gedanken geschmäht hatte, daß er, der Alte, da war und seine Hand nicht von ihr zurückgezogen hatte. Mit guten Vorsätzen ging Lisa nach Haus. In der Stube bei Iben Kars fand sie Christian. Scheu noch vom eben Durchdachten trat sie ein. Sie verschloß das Gesangbuch und wollte sich lautlos wieder entfernen, doch Iben Kars hielt sie zurück. »Ich habe Christian holen lassen«, sagte er, »du magst es mit anhören.« Lisa setzte sich. Sie war ängstlich und wußte nicht, was daraus werden sollte. Sie blickte Christian an, und als sie sah, daß er ohne Verlegenheit war, dämmte auch sie ihre Angst. »Ich bin alt«, sagte Iben Kars. Lisa wollte widersprechen, aber er wehrte es ab. »Ich bin alt«, sagte er. »Es ist gut, wenn der Mensch es rechtzeitig erkennt. Ich wollte es lange nicht sehen, gut, nun hab ich's gesehen. Darüber brauchen wir nicht zu reden.« Er senkte etwas den Kopf und mit dem Blick auf seine schweren Hände, die wie hartes Holz dalagen, sagte er: »Es ist eine besondere Gnade des Himmels, daß er mir noch einen Erben bescheren wird. Es ist eine große Gnade«, sagte Iben Kars. Lisa schluchzte leise. Sie war noch durchschüttert von der Predigt, und nun gingen ihr diese einfachen Worte nahe. Auch Christian hatte den Blick gesenkt. Er wünschte, daß diese Stunde vorüber wäre. »Ja, es ist eine große Gnade«, sagte Iben Kars. »Ich wollte das hier einmal vor euch klarstellen. Ihr seid jung und glaubt eigene Wege zu haben. Auch ich habe das geglaubt. Wenn aber der Mensch die Uhr nicht mehr zerbrechen kann, weiß er, daß es keine eigenen Wege gibt. Ja, ich konnte die Uhr nicht zerbrechen. In meinen Händen ging die Zeit weiter.« Iben Kars machte eine Pause, man hörte nur Lisas Schluchzen. »Weine nicht«, sagte Iben Kars, »es ist alles zum Guten beschlossen.« Da trocknete Lisa schnell ihre Tränen und sah ihn an. Wenn es Iben Kars gegeben wäre, in der Frühzeit seines Lebens das Lächeln gelernt zu haben, würde er jetzt wohl dieses Lächeln zurückfinden. Wie schnell hatte doch Lisa die Tränen getrocknet. Doch das Gesicht von Iben Kars blieb unverändert, wie es immer ohne Veränderung war im Guten und im Bösen. Nur wenn der Zorn aufkam, stand er dickfällig zwischen den Brauen. Nach dem Stillschweigen sagte Iben Kars zu Christian: »Du warst neulich mit deiner Braut in Thorde.« Christian wollte etwas dagegen sagen, doch schwieg er vor Iben Kars still. Lisa sah überrascht auf. Sie wußte nichts davon, daß Christian mit Emilie in Thorde gewesen war. Sie nahm an, daß Iben Kars Frau Drees meinte, von deren Fahrt nach Thorde Frau Dahl ihr damals erzählt hatte. Nun schien also auch Iben Kars für diese Heirat zu sein. »Ich habe einen guten Eindruck von ihr«, fuhr Iben Kars fort. Lisa lachte leise: wie konnte es anders sein? Er hatte sie selbst einmal sich zur Frau gewünscht. Das wußte jeder in Sureiken. Ja, Lisa mußte leise lachen. Iben Kars sagte jetzt ohne Unterbrechung: »Ich hab einen guten Eindruck von ihr und weiß, daß sie eine tüchtige Frau sein wird. Du wirst nicht falsch fahren. Es ist hier im Dorf mancherlei Geschwätz aufgekommen. Ich habe mich nicht darum gekümmert. Weil du nun aber meinen Namen trägst, wünsche ich, daß es nicht fortdauert. Auch um deines Vaters willen, meines Bruders, will ich es nicht. Wenn ich auch sein Leben nicht billigen konnte, habe ich doch immer eine Zuneigung gehabt. Ich bin froh, daß du dich vom Wasser getrennt hast. Ich weiß, es ist schwer, auf dem Land festen Fuß zu fassen. Ich will dir behilflich sein.« Aber Iben Kars gibt seine Hilfe nicht dem, der ihrer nicht wert ist. Darum sagt er: »Hinter dem See hab ich sechs Morgen Land. Unland wäre es, könnten die Leute sagen. Ich hab es als Hütung benutzt. Die will ich dir als Heiratsgut überschreiben lassen. Zeig, was du kannst.« Noch antwortete Christian nichts darauf. So also war der Alte. Hartes Brot warf er hin und befahl: Friß! Man hat keinen eigenen Weg, hatte er gesagt. Nein, es gab keinen eigenen Weg. Iben Kars jedoch wollte ihn anderen vorschreiben. Nicht mit lauten Schritten kam Iben Kars, wie er es früher getan hatte, vorsichtig trat er auf. Ich bin alt, sagte er, aber ich bin der Herr! Doch das verschwieg er. Iben Kars wartete ein Weilchen, und als Christian nichts erwiderte, sagte er: »Ich Hab das Land selbst urbar machen wollen, es ist liegengeblieben, weil es nicht dringend gebraucht wurde. Ich habe es nicht urbar gemacht, es gab Wichtigeres. Man kommt nicht zu Dingen, zu denen man nicht kommen soll. Es ist gut, daß das Land liegenblieb. Nun ist es dein Weg. Ich bin kein Freund von langem Hin und Her. Ich habe dir meinen Vorschlag gemacht. Nimmst du ihn an, soll alles gut zwischen uns sein.« Weiter sprach Iben Kars nicht. Das andere konnte Christian sich ergänzen. Lisa war kein Wort entgangen. Sie erschrak über den letzten Satz. Bittend blickte sie Christian an. ›Sei vernünftig‹, bat ihr Blick, ›und tu es. Du kennst den Alten, er kann hart sein und ohne Mitleid.‹ Christian lächelte etwas. Es war ein verlegenes Lächeln. Er wollte nicht zugeben, daß er in dieser Stunde der Schwächere war und keinen Rat wußte, wie er sich der Schlinge entziehen sollte. Er sah ein, daß es zum mindesten für Lisa böse ausgehen konnte, wenn er sich weigerte. Mit Samtworten war der Alte gekommen, aber unter der Milde waren Haken und Widerhaken verborgen. ›Ich will Zeit gewinnen‹, dachte Christian. Er lächelte verlegen und sagte: »Du willst, daß ich mich gleich entscheide. Ich habe wohl daran gedacht. Doch so ein Entschluß will überlegt sein. Ich bin von der See gekommen, und ich gebe zu, daß es mir schwer fällt auf dem Lande. Ich hab zwar den Willen, doch weiß ich nicht, ob ich es schaffe.« Iben Kars unterbrach ihn. Seine Stimme war gereizt. »Du traust dir's nicht zu. Jeder Knecht würde es schaffen.« Christian fuhr auf. »Ich würde mit deinem Ödland schon fertig.« »Beweise!« rief Iben Kars. Er hob sich im Stuhl. »Das will ich«, erwiderte Christian. Er stand zornig auf. »Also ist es abgemacht«, antwortete Iben Kars wieder ruhig. »Es ist abgemacht«, sagte Christian erregt. »Dann werde ich am nächsten Sonntag mit Frau Drees sprechen wegen Emilie«, sagte Iben Kars. Christian ging ohne eine Antwort. »Emilie?« fragte Lisa verwirrt. Sie begriff erst jetzt, wen Iben Kars gemeint hatte. »Emilie?« Doch Iben Kars hatte die Stube schon verlassen. Er ging durch die Ställe. Man merkte ihm nichts an. Er klopfte das Vieh auf den breiten Rücken und sprach zu ihm. * Frau Drees ist keine kleinliche Frau. Sie könnte Emilie schikanieren. Boshafte Worte könnte sie ihr sagen. Sie könnte ihr begreiflich machen: wie wäre es, wenn im nun wieder daran dächtest, nach Hause zu fahren? Sie könnte auch sagen: ›Ich verstehe nicht, wie man sich einem Manne so an den Hals werfen kann. Du fährst mit ihm nach Thorde und ihr kommt erst spät in der Nacht nach Haus. Ein junges Mädchen müßte mehr auf seinen Ruf bedacht sein.‹ Mit solchen Worten hätte Frau Drees Emilie treffen können, aber das tat sie nicht. Nein, Frau Drees war keine boshafte Frau. Sie war ärgerlich auf Emilie. Auf einmal dicht vorm Ziel schon gibt es noch ein Wettrennen. Es ist lächerlich, wenn zwei Frauen um einen Mann kämpfen müssen, von dem sie noch gar nicht wissen, ob sein Herz von ihnen berührt ist. Frau Drees schilt sich oft. Doch sie hat es sich in den Kopf gesetzt, daß Christian den Hof retten könnte. Zwar versteht er noch nicht viel von Vieh und Ackerwirtschaft, aber das lernt sich. Er ist ein kräftiger Mensch und obgleich er Seemann war, ist er sparsam und kann das Geld zusammenhalten. Frau Drees glaubt, daß sie kaum einen geeigneteren finden könnte. Nun, plötzlich, kommt ihr Emilie dazwischen. Sie hat ihre Launenhaftigkeit besiegt, und als müßte es dieser sein und kein anderer, klammert sie sich nun an Christian. Ja, Frau Drees ist ärgerlich. Was will das junge Mädchen mit diesem Mann? Sie ist aus der Stadt, hat eine leidliche Schulbildung, und ihre Eltern rechnen damit, daß sie einmal einen Lehrer heiratet oder einen Beamten. Statt dessen ist sie auf einen Mann erpicht, der nichts hat, und mit dem sie aus magerem Topf essen müßte, weil auch ihre Eltern ihr nichts weiter mitgeben können als Möbel und Leinenzeug. Wie stellen sie sich das eigentlich vor? denkt Frau Drees. Glauben sie vielleicht, ich ließe sie hier auf dem Hof schalten und walten. Vielleicht denken sie auch, ich ginge einmal aufs Altenteil. Was sind das für kuriose Einfälle? Weiß Gott, wie sich in manchen Köpfen die Welt malt! Frau Drees hat es aufgegeben, Christian abends mit Wirtschaftsdingen zu kommen. Er sitzt neben Emilie, und sie schwatzen und lachen zusammen. Christian hat selbst die Stühle wieder umgestellt. Er sitzt nicht mehr auf dem Platz, den Drees einmal inne hatte. Ja, Frau Drees ist ärgerlich über diese Wendung. Sie nimmt sich vor, mit Emilie ein ernstes Wort zu sprechen. Sie will mit ihr verhandeln. Sie wird zu ihr sagen: ›Du hast dich in ihn verliebt. Aber das ist noch längst keine Liebe. Tändeln und scharmutzieren, das ist Verliebtsein. Aber Liebe ist Hunger und Leiden. Das verstehst du noch nicht‹, will Frau Drees sagen. ›Schön, du bildest dir ein, daß du ihn lieb hast. Nun ja, er ist ein hübscher Mensch. Er hat auch allerlei hinter sich. Schließlich muß ein Mann sich die Hörner abgelaufen haben. Aber was nun? Woraufhin wollt ihr denn heiraten. Und was werden deine Eltern sagen? Du könntest in der Stadt bestimmt eine gute Partie machen. Da wärst du Zeit deines Lebens aus Sorgen raus. Und hier hängst du dich an einen Mann, der nichts ist und nichts hat. Wo wollt ihr denn überhaupt wohnen?‹ Das will Frau Drees zu Emilie sagen. Sie glaubt auch, daß Emilie dann in Tränen ausbrechen wird und Frau Drees wird sie dann trösten und zu ihr sagen: ›Am besten ist es, du fährst eine Zeitlang nach Hause. Paß auf, du wirst es mir noch danken.‹ So ungefähr hatte Frau Drees sich das vorgestellt. Aber nun kam Christian und bat sie in die Stube. »So feierlich?« lachte Frau Drees. Ihr war nicht wohl bei dem Lachen. Christian berichtete ihr das Gespräch mit Iben Kars. »Er hat recht«, sagte er, »was soll ich schließlich anfangen?« »Was will er?« antwortete Frau Drees. »Ich habe nicht über Emiliens Hand zu bestimmen. Da müßt ihr euch an ihre Eltern wenden.« Sie schob den Stuhl laut zurück. »Das magst du ihm selbst sagen«, erwiderte Christian. »Ich will aber nicht, daß er für mich den Freier macht. Ich werde mir selbst Emiliens Wort holen.« Damit ging Christian hinaus. Am Sonntag kam Iben Kars auf den Hof am See. Frau Drees empfing ihn in großer Ruhe. Sie hörte seine Worte an und rief Emilie herein. Iben Kars fragte sie, ob sie seinem Brudersohn Christian Kars eine gute Frau zu werden bereit sei. Errötend versprach es Emilie. Es stellte sich heraus, daß Christian nach Thorde gefahren war. Iben Kars beherrschte sich. Er sagte: »Ich habe sein Wort, das genügt.« Sie setzten dann noch den Tag fest, an dem die Verlobung gefeiert werden sollte. Emilie glaubte, daß bis dahin auch die Antwort ihrer Eltern eingegangen wäre. Iben Kars blieb über Mittag. Frau Drees, auf seinen Besuch vorbereitet, hatte ihn eingeladen, und er schlug es nicht ab. Es wurde nicht viel geredet beim Essen. Doch war jedes Wort, das Iben Kars an Frau Drees richtete, von großer Herzlichkeit. Sie nötigte ihn zuzulangen und legte ihm die besten Stücke auf den Teller. Dankbar schien er ihre Fürsorglichkeit zu empfinden. Am Nachmittag kehrte Christian aus Thorde zurück und brachte Emilie einen Ring mit. * Mit der Geige kam Bolk, der Schmied. Nicht mehr zerbrochen war der Bogen. Es war wieder Tanz und Musik. Iben Kars hatte den Schmied holen lassen. Bis in die Nacht waren die Fenster hell auf dem Hof am See. Es waren viele Gäste gekommen. Beinahe wie eine Hochzeit ließ Iben Kars die Verlobung feiern. Selten sind solche Feste in Sureiken. Schade wäre es gewesen, wenn Mißlaune die frohen Stunden gestört hätte. Nein, es gab keinen Unmut. Keinen Verdruß gab es, nicht einmal einen scheelen Blick. Iben Kars saß oben an der Tafel. Er gab acht, daß kein Ärger aufkam. Frau Drees bewirtete die Gäste. Lisa half ihr dabei. Emilie aber saß an Christians Seite und hatte nichts weiter zu tun, als Glückwünsche zu empfangen. Ihnen gegenüber war Frau Sebas Platz. Wenn sie den Blick zu dem jungen Paare wandte, lag eine süße Vergessenheit darin. Sie hätte am liebsten die Brautleute für sich gehabt und ihnen von ihrer eigenen Liebe erzählt, damals, als Bolk um sie freite, Abend für Abend mit der Geige kam und ihr jeden Wunsch von den Augen spielen wollte. Iben Kars hatte sich dieses Fest etwas kosten lassen. Er, der sonst mit jedem Pfennig zu rechnen verstand, hatte Frau Drees Geld in die Hand gedrückt. ›Wenn es nicht reicht, sag es. Ich wünsche, daß dem Fest nichts abgeht.‹ Iben Kars wollte den Leuten zu verstehen geben, daß kein Stein läge zwischen ihm und Christian. Frau Drees war eine kluge Frau. Sie nahm das Geld und ließ es sich nicht anmerken, daß sie lieber gewünscht hätte, diese Feier würde für sie gerüstet. Christian war der ganze Spektakel, wie er es nannte, unangenehm. »Die Leute wissen, woher das Geld kommt«, murrte er. »Der Alte will sich nur groß tun und zeigen, wie erbärmlich man ist.« Er hätte am liebsten einen Ärger vom Zaun gebrochen, um diese Feier im letzten Augenblick noch zu verhindern, aber Frau Drees redete ihm gut zu: »Was ist dabei? Iben Kars ist der Bruder deines Vaters. Kein Mensch findet etwas daran. Letzten Endes stammt ja das, was er dir zukommen läßt, von dem Erbe, das ihm als dem Älteren einmal zufiel. Hier würde mancher froh sein, wenn er der Neffe von Iben Kars wäre. Glaub mir, die würden ihm ganz anders auf der Tasche liegen. Was hat er denn schon für dich getan?« Christian wollte widersprechen, doch Frau Drees ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Sei nicht dumm. So fest steht kein Mensch auf der Erde, daß er nicht mal den Arm des andern braucht. Stell dich gut mit ihm. Du mußt nun auch an die Zukunft denken, schon Emiliens wegen.« Es gelang Frau Drees schließlich, Christian zum Nachgeben zu bringen. Nun wo das Schicksal für Emilie entschieden hatte, wäre Frau Drees die letzte gewesen, die es sich herausgenommen hätte, diesen Entscheid zu ihren Gunsten zu wandeln. Man kann dem Himmel keine Zügel anlegen. Er fährt wohin er will. Man muß sehen, daß man nicht unter ihm zu Fall kommt. Frau Drees hatte ihre Pläne wieder einmal durchstreichen müssen. Das hatte sie schon öfter getan im Leben. Sie war freundlich und redete Christian gut zu. Nun war auch Bolk mit der Geige gekommen, und es gab viel Lärmen und Fröhlichkeit auf dem Hof am See. Bier gab es und Branntwein für die Männer, und süße Schnäpse für die Frauen. Schinken und Wurst gab es und bestreuten Kuchen, den Frau Drees selbst gebacken hatte. Auch Lisa hatte ein paar Kuchen herübergeschickt. Die schnitt sie nun selber auf. Ja, auch Lisa war auf dem Hof am See erschienen. Iben Kars hatte sie an seinem Arm hereingeführt. Sie trug ein reiches Kleid und eine Kette lag um ihren Hals. Nun waren alle Mäuler gestopft in Sureiken. Man sprang auf und begrüßte die beiden mit lauten Worten. Lisa sagte ihre Glückwünsche. Zuerst der Braut, und dann dem Bräutigam. Sie reichte Christian die Hand, sie sprachen miteinander. Nein, zwischen den beiden konnte nichts vorgefallen sein. Wie hätten sie sonst so lange miteinander reden können, wenn rings am Tisch die Neugier hockt. Neben Iben Kars saß Otto Boek, dem der Nachbarhof gehörte. Er beugte sich zu dem Alten und lobte Christian. Vor Wochen noch hatte er zu Iben Kars ein schiefes Wort über Christian gesagt. Er glaubte damals, mit so einem Schwatz gut anzukommen. Aber Iben Kars war ihm über den Mund gefahren. Nun wollte Otto Boek das gutmachen. Darum lobte er den Bräutigam. Vor dem vollgepackten Tisch tanzte Braatz. Keiner achtete auf ihn, denn heute wollte jeder sich von seiner lustigen Seite zeigen. Sie sangen, schrien und scherbelten durcheinander. Frau Seba seufzte. Sie beugte sich zu Frau Laabs und sagte: »Sie tanzen die Hochzeit weg.« Aber Frau Laabs lachte, lachte wie die anderen und rief: »Nein, sie tanzen die Taufe heran!« Die bunten Liköre waren ihr zu Kopf gestiegen und ihr Mann stieß sie in die Seite und sagte: »Heute hast du das Leder gekauft.« Ja, Bier gab es, Branntwein und bunte Liköre in Hülle und Fülle. Doch das genügte Iben Kars noch nicht. »Von diesem Tage soll man reden in Sureiken. Bis nach Thorde soll man von diesem Tag sprechen.« Jawohl, so ist Iben Kars, er ist alt, aber er ist reich und mächtig. Was er nicht sehen will, sieht er nicht. Er zwingt auch die anderen, mit seinen Augen zu sehen. Was er nicht sehen will, werden auch sie nicht sehen. Nun wird es keinen mehr geben, der einen Witz zur Hand hat, wenn man von Iben Kars spricht. Was ist der Neffe gegen ihn? Ein Waschlappen, den er ausdrückt, wenn es ihm gefällt. Iben Kars ruft Christian zu sich heran und Christian kommt. Der Alte spricht leise mit ihm. Er zieht die Geldbörse aus der Tasche, so daß es jeder steht, er klimpert mit dem Geld, dann besinnt er sich, schließt die Börse und gibt die ganze Börse Christian. Vor aller Augen hat Iben Kars in die Tasche gegriffen und Christian das Geld in die Hand gedrückt. Ja, Iben Kars ist reich und mächtig. Christian wagt nicht, sich dagegen aufzulehnen. Er nimmt das Geld. Er findet wohl nicht einmal etwas dabei. Bier hat er getrunken und Schnaps, und nun nimmt er die Börse, winkt Emilie und sie gehen hinaus. Ja, Christian tut, was Iben Kars will. Körbe nehmen sie und machen sich auf den Weg zu Dan Lebbers. Sie kommen als Boten von Iben Kars. Wein wollen sie holen. Iben Kars will, daß Wein getrunken wird! Emilie freut sich darüber. Auch in der Stadt wird Wein getrunken. Nein, an diesem Tage merkt man nicht, daß man auf dem Dorfe lebt. Es geht zu wie in der Stadt. Weil Iben Kars es wünscht, ist dieser Tag zu einem Fest geworden, wie man es in Städten nicht besser feiern kann. Dan Lebbers packt die Körbe voll Flaschen. Emilie kann kaum ihren Korb tragen. Christian muß noch helfen. Sie gehen langsam nach Hause und schleppen schwer an dem Wein. Am kürzesten ist der Weg, wenn sie gleich über den Kirchhof gehen. Zwischen den Gräberreihen gehen sie entlang. Früher hat sich Emilie davor gefürchtet. Sie tut es schon längst nicht mehr, denn sie weiß, daß die Toten von Sureiken friedlich sind, und daß sie neben den Lebenden ihr zufriedenes Leben führen. Auf einmal aber ist zwischen den Gräbern ein Gekicher. Kein junges tuschelndes, das seine Liebe nicht verraten will, ein altes zahnloses Gekicher ist es. Vielleicht war es der Wind. Aber nein, es ist kein Wind da, die Sträucher stehen still. Die Zweige der noch kahlen Bäume rühren sich nicht. Nein, es ist kein kichernder Vorfrühlingswind, der in die Nacht vorübertollt. Das Gekicher steht still. Zwischen den Gräbern steht dieses greise heisere Kichern. Emilie zittert vor Schreck. Christian hebt die Laterne. Zwischen den Gräbern stehen Miele Wulk und Tonnis, der Nachtwächter. ›Heute wird in Sureiken getanzt‹, hatte Tonnis gesagt, ›das ist ein verrückter Abend.‹ Warum soll Miele Wulk schlafen gehen, wenn andere tanzen? Miele Wulk hat in ihrer Jugend nicht viel getanzt. Wer tanzt mit einem Mädchen, das ein rotes Auge hatte und ein graues? Und deren linkes Bein gut eine Handbreit kürzer ist als das rechte? Keiner hat mit Miele Wulk getanzt, nur manchmal bat ein betrunkener Bursche sie um den Tanz, weil die anderen ihren Spaß haben wollten. Miele Wulk hatte nie nein gesagt. Mit dem Trunkenen hatte sie getanzt, zornig und mit ingrimmigem Schmerz. Wenn sie sich Mühe gegeben haben würde, hätte sie leichter auftreten können, aber nein, sie trat hart auf und riß den Trunkenen mit. Berg und Gruft, so war ihr Tanz. Nein, Miele Wulk gab sich keine Mühe, den Fehler, den ihr Gott mitgegeben hatte, zu vertuschen. Sie sprang im Tanz, als wäre ihr linkes Bein drei Handbreit kürzer und nicht nur eine. So grausam konnte Miele Wulk mit sich sein. Selten nur hatte Miele Wulk getanzt. Warum aber sollte sie schlafen gehen, wenn andere tanzten? ›Es ist ein verrückter Abend‹, hatte Tonnis gesagt. ›Bolk spielt die Geige.‹ Er spielt, weil Iben Kars es will. Er hat wohl vergessen, daß der Alte ihm selbst den Bogen zerbrach. Ach, Bolk hatte das nicht vergessen, aber er glaubte, daß ihm nicht Iben Kars, sondern das Schicksal den Bogen zerbrochen hatte, und er wußte, daß er sich nicht sträuben durfte, wenn das Schicksal ihm den Bogen wieder in die Hand geben wollte. Nein, Iben Kars hatte ihm nicht den Bogen zerbrochen. Welcher Mensch hätte wohl Bolk verbieten können, den Bogen zu führen. Es war das verwirrende Schicksal gewesen. »Komm mit, wir wollen durchs Fenster sehen«, hatte Tonnis gesagt. Vor dem erleuchteten Fenster hatten die beiden Alten gestanden und die Gesichter gegen die kalte Scheibe gedrückt. Sie hatten zugesehen, wie in der Stube getrunken wurde, gegessen und getanzt. Sie hatten Iben Kars beobachtet, und wie alles nach seinem Wink zu gehen schien. Sie waren auch die einzigen, die auf Christof Braatz achtgaben, als er sich vor dem vollen Tische drehte. In den Hüften wiegte er sich, warf die Beine und reckte die Arme. Wie eine Drahtpuppe drehte er sich, die eine Hand eingeklemmt und die andere wie ein Dach über den Kopf. Ja, russisch konnte er tanzen und polnisch. Keiner in der Stube gab acht auf ihn, aber die beiden Alten draußen am Fenster hatten ihre Freude, bogen sich schief und krumm vor Lachen und stießen sich prustend in die Seite. »Das ist einer, der Christof Braatz. Willst wohl auch so tanzen?« hatte Miele Wulk zu Tonnis gesagt. Er wollte sich ausschütten vor Lachen, daß sie auf solchen Gedanken kommen konnte. »Ja«, sagte er, »ich will auch so tanzen«, und er knickte mit den Beinen. »Fall noch hin«, drohte Miele Wulk, »du wirst dir noch den Fuß verstauchen. Sie haben dich angesteckt.« Resolut nahm sie Tonnis unter den Arm und zog ihn fort. Weiß Gott, was der Alte noch angestellt hätte, nun, wo er Christof Braatz tanzen sah. Die beiden Alten gingen weiter und lachten noch immer. Tonnis mußte die Runde machen, und Miele Wulk begleitete ihn. Sie gingen über den Kirchhof, dunkel war es, und der dünne Mond erhellte kaum ihren Weg. Aber sie wußten auch im Dunkeln, wo jeder der Toten sein Grab hatte. Tonnis blieb stehen und lachte. »Sparre, hättest auch dein Vergnügen gehabt! Dieser Braatz, wie ein Twalling macht er sich.« Tonnis kicherte und bewegte wacklig die Beine. Er wollte wohl dem toten Sparre zeigen, wie Christof Braatz zu tanzen verstand, wenn der Schnaps über ihn kam. Miele Wulk stand daneben, hatte die Hände auf den Bauch gelegt und schlitterte vor Gelächter. Als sie weiter gingen, kicherten sie noch immer. Nun fiel ihnen das Licht der Laterne ins Gesicht. »Da sind die Gespenster«, sagte Christian zu Emilie. Sie gingen aneinander vorbei. Doch dann kehrte Christian um, rief Tonnis und sprach mit ihm. Da sagte Tonnis zu Miele Wulk: »Was meinst du? Gehen wir noch ein Stündchen mit. Er lädt uns ein, es ist seine Verlobung.« Miele Wulk begann wieder zu lachen. »Was sagt denn Iben Kars dazu?« Das war ein Spaß! Tonnis, der Nachtwächter, und Miele Wulk, die alte Hexe, die ihr Brot mit der Ziege teilt, gehen zum Fest. Einfach von der Straße weg gehen sie zum Ball, wo Iben Kars residiert. Lange hatte Iben Kars überlegt, ob man zum Beispiel Laabs, den Schuster, einladen könnte oder den Kätner Braatz. Nobel sollte es zugehen. Nun kamen gar der Nachtwächter und die Hexe. »Es ist unsere Verlobung«, sagte Christian zu den beiden, »das hier ist meine Braut. Ihr könnt mitkommen, ich lade euch ein.« Da erzählte Tonnis, daß sie schon am Fenster gestanden hätten. »Wir haben Braatz tanzen geseh'n«, kicherte er. »Wir wollen das Tanzbein schwingen«, rief Mielke Wulk. Sie kamen mit in die Stube. Such den Tag kam und Auf und ab. Der wacklige Wächter kam und die hinkende Alte. Einen Augenblick waren alle erstarrt. »Was wollen die hier?« fragte man. »Ich habe sie eingeladen«, sagte Christian und stellte die Weinflaschen auf den Tisch. Die Augen konnten einem übergehen, so viel Wein war da. Iben Kars hatte die Stirne gerunzelt, als Tonnis und Miele Wulk eintraten. ›Das hat er mir zum Tort getan‹, dachte er, ›ja, er ist ein Kars. Er duckt sich nicht. So viel ist mir dein Reichtum wert, daß ich die Bettler von der Straße an deine Tafel hole, das wollte Christian andeuten.‹ Iben Kars begriff es. Seine Stirne glättete sich. Er nickte Christian zu, stand auf und begrüßte Miele Wulk, die Bettlerin, und Tonnis, den Nachtwächter. »Es sind deine Gäste«, sagte er zu Christian, »darum sind es auch meine.« Die anderen beruhigten sich. Was sollten sie tun, wenn Iben Kars nichts dabei fand, mit Miele Wulk an einem Tisch zu sitzen. Nicht einmal die Haare hatte sie in Ordnung, diese Miele Wulk. So wie sie am Morgen aus dem Bett gekommen war, saß sie an der Tafel. Sie ließ sich nicht bitten. Sie packte sich den Teller voll und aß. Schnaps trank sie und Bier. Auch von dem Wein ließ sie sich einschenken, aber die seinen bunten Liköre schob sie beiseite. Tonnis saß ihr gegenüber. Er langte nur zu, wenn man ihn ausforderte. Er wußte, was sich gehört. Er nimmt auch immer nur ein Brot auf den Teller. Den Kuchen wies er zurück. »Vom Kuchen krieg ich den Sod«, sagte er entschuldigend. Er trank auch kein Bier und keinen Schnaps. Nur Wein trank er heute. Er kniff die Augen zusammen und schlürfte langsam am Glase. Einmal schnalzte er auch mit der Zunge. Darüber erschrak er und sah sich verlegen um. Ja, nun hatten alle ihre Erstarrung überwunden. Sie lachten wieder, tanzten und tranken. Alle waren in Bewegung. Standen zusammen und schwatzten oder drehten sich paarweis um den vollen Tisch zu Bolks Musik. »So!« sagten sie, wenn ein Tanz zu Ende war. Allein am Tisch saßen Tonnis und Miele Wulk. Für sie standen alle Herrlichkeiten da, Schinken, Kuchen und fette Würste. Das braune duftende Brot war für sie, für sie waren die vollen Gläser. Eins nach dem andern trank Miele Wulk aus. Es wäre schade gewesen um jeden Rest im Glas. Sie kicherte, trank und kicherte, und Tonnis tat ihr Bescheid. Sein Mund glänzte von fetter Butter. Alles war Wohlbehagen. »Das müßte Sparre erlebt haben«, sagte er mitleidig zu Miele Wulk. »Ich habe seine Bücher gelesen. Nicht alles, was er vorbrachte, war gelogen.« Miele Wulk hatte nie viel im Sinn gehabt mit dem Kuhhirt. Kauend sagte sie zu Tonnis: »Der Pastor hat ihn schön zu Grab gebracht.« »Was kann Sparre dafür?« antwortete Tonnis vorwurfsvoll. »Auch war es eine schöne Predigt.« Miele Wulk barst vor Lachen. »Hör davon auf, mir tut schon die Seite weh! Wie war es doch? Er hatte sich geirrt. Er dachte, es wäre die Lewe Haart.« »Was gibt es da zu lachen?« brummelte Tonnis. »Sie haben's beide nicht leicht gehabt. Sparre nicht und nicht Lewe Haart. Warum lachst du über sie?« »Ich lache nicht über sie«, rief Miele Wulk, »ich lache über dich, weil du ein Dummkopf bist!« Um sie herum tanzten alle. Mitten in dem Tanz saßen die beiden krepligen Alten und zankten sich aus. Der Wein hatte sie hitzig gemacht. »Du bist ein alter Esel!« schrie Miele Wulk. »Was bist du?« eiferte Tonnis. »Bloß die Ziege will was von dir wissen.« »Nicht mal eine Ziege hat sie gehabt, deine Lewe Haart«, rief Miele Wulk. »Sie war eine eingebildete Person. ›Josse ist beim Militär‹, hat sie gesagt. So eine war sie!« Miele Wulk ist so ärgerlich geworden, daß sie auf die Toten schimpft. Sie zankt auf jene, die es auch nicht besser gehabt hatten im Leben. Nun ja, Lewe Haart hatte gesunde Augen, sie brauchte auch nicht zu hinken. Aber auch mit ihren geraden Gliedern war sie nicht glücklich geworden. Nun mußte sie sich von Miele Wulk noch beschimpfen lassen. Ist denn keiner da, der ein Wort findet für die tote Lewe Haart? Alle stehen um die beiden Alten, die sich am Tisch zanken. Der Tanz ist unterbrochen, das ist ein größerer Spaß jetzt, diese beiden alten Krähen, die aufeinander loshacken. »Warum zankst du auf Lewe Haart?« ruft Tonnis immer wieder. Weiter sagt er nichts. Er will es mit Miele Wulk nicht verderben. Und Miele Wulk rupft die Tote. Kein gutes Haar läßt sie an ihr. Sie macht nach, wie Lewe Haart gesprochen hat. »Josse, mein Josse ist beim Militär!« Miele Wulk kreischt vor Vergnügen. Wirklich, sie ist eine Hexe. Nun wird es Iben Kars zuviel. Er könnte Miele Wulk aus der Stube weisen. Sie würde sich wie ein geprügelter Hund davonschleichen. Doch das tut er nicht. ›Es sind deine Gäste‹, hatte er zu Christian gesagt, ›darum sind es auch meine.‹ Iben Kars sieht Miele Wulk an. Er nimmt das Glas, schenkt es voll und sagt: »Lewe Haart war eine anständige Person.« Dann leert er langsam das Glas. Der reiche Bauer hat auf das Gedächtnis der toten Schwachsinnigen getrunken. Miele Wulk duckt sich. Es ist keiner mehr, der lacht. * Was sollte bei einer Verlobung herauskommen, auf der Such den Tag und Auf und ab das Wort führten? Alle guten Wünsche, die man Emilie gesagt hatte, schienen verklungen zu sein in dem Streit, den Miele Wulk und Tonnis wegen der toten Lewe Haart hatten. Es war so, als hätte sich das trostlose Leben der drei über die Blumen gebreitet, die in den Fenstern standen, und auf die bunten Geschenke gelegt, die Emilie nun in der Truhe verwahrte. Wenn sie an ihren Verlobungstag dachte, kam ihr immer wieder dieser mitternächtige Spuk in Gedanken, den die beiden Alten mit hereingebracht hatten. Gespenster waren es, aber Christian selbst hatte sie gerufen. Emilie hatte manchen Vorwurf, daß er an jenem Abend auf den absonderlichen Einfall gekommen war. Sie verschwieg ihm auch ihre Vorwürfe nicht. Nun war es schon so, daß sie manchmal wegen Miele Wulk aneinander gerieten. Das allein war es nicht. Christian quälte sich den ganzen Tag auf dem Ödland, grub Steine und versuchte, das Queckgras zu vertilgen. Wenn auch langsam, so schritt die Arbeit doch voran, und er glaubte, schon bald das Land pflügen zu können. Es lag ihm daran, mit der Hochzeit nicht allzu lange zu warten. Emilie hatte ihm gesagt, daß sie etwas Geld in Aussicht hätte. Wenn man sparsam damit umginge, könnte man sich ein Haus errichten. Es brauchte nicht groß zu sein, zwei Stuben, Küche und Vorratsraum würden zunächst genügen. So dachte es sich Christian. Emilie dagegen hatte allerlei Einwände. Wie es sich für eine Braut gehörte, wollte sie mit voller Truhe in die Ehe kommen. Nun galt es, noch vieles zu nähen, zu sticken und mit Monogramm zu versehen. Christian arbeitete schwer auf dem Unland. Das war ein hartes Stück. Um vorwärtszukommen, wollte er die Arbeit mittags nicht allzu lange unterbrechen, darum verabredete er mit Emilie, daß sie ihm das Essen brächte. Er zeigte ihr dann mit einigem Stolz, was er in den Stunden geschafft hatte. Das Land lag hinter dem See und ein dichter Schilfwald verdeckte die Sicht auf das Wasser. So weit man blickte, sah man gleichförmig ebenes Land, Wiesen und Ackerstreifen, auf denen man schon mit der Frühjahrsarbeit begann. Weit hinten, verborgen durch das dichte Baumgebüsch der feuchten Wiesen, lag Thorde. Abends konnte man von kleiner Anhöhe ans das Licht des Leuchtturms wahrnehmen. Das Wetter war angenehm, es gab schon warme Stunden über Mittag. Emilie leistete Christian während der Mahlzeit Gesellschaft. Wenn er sich ihr nähern wollte und mehr verlangte als eine Umarmung, sagte sie: »Ich bin Braut.« Was sie ihm früher willig zugestanden hätte, verschloß sie nun vor seinen begehrlichen Wünschen. Christian fühlte, daß es ihr schwer fiel, aber sie bestand auf ihrer Weigerung, und sagte: »Ich bin Braut.« Sie glaubte wohl, den Mann fester an sich zu ketten, wenn sie sich ihm bis zur Hochzeit vorenthielte. Oftmals, wenn sie selber fürchtete, nicht stark bleiben zu können, vermied sie es, mit Christian allein zu sein. Schien es sich nicht umgehen zu lassen, dann verschwand sie mit einer Ausrede in ihr Zimmer. Sie gab vor, mit einer Arbeit beschäftigt zu sein, mit der sie Christan überraschen wollte. Tatsächlich hatte sie sich aus Thorde noch eine große Tischdecke schicken lassen, an der sie oft stundenlang stickte. Die andere Decke mit den gelben und roten Rosen lag bereits vollendet in der Truhe. Christian zankte über diese Sinnlosigkeit. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn Emilie als natürlicher Mensch mit ihm gelebt, teilgenommen hätte an seiner Arbeit, und wenn sie gemeinsam sich das schwere Land erobert hätten. So jedoch war er das Ackerpferd, sie aber die Braut, die fadenscheinige Mädchenträume um ihren Brautstand winden wollte, wie sie es von ihren Freundinnen in der kleinen Stadt her wußte. Der Ring am Finger hatte sie verwandelt. Christian hielt es für notwendig, ein ernsthaftes Wort mit ihr zu reden. Jung war Emilie und sie war hübsch. Sie hatte eine angenehme Stimme. Der Mann, der sie heimführen wird, konnte schon glücklich sein. Da saß sie nun neben Christian am Feldrand. Auf altem, warmen Mantel saßen sie. Hier und da hatten sich schon Gänseblümchen herausgewagt. Auch eine Kuhblume stand dort, und grünes Buschwerk, dessen sommerliche Pracht noch verschlossen in den Säften lag. Sie saßen nebeneinander in freundlicher Sonne. Christian bekam es nicht fertig, Emilie Vorhaltungen zu machen. Er konnte den Blick nicht von ihr abkehren. Sie war eine liebreizende Braut. Weit und leer sind die großen Felder. Mittag ist es, die Knechte sind heimgekehrt zu den Höfen. Sie werden nun in den Küchen sitzen und ihr Essen haben. Einsam sind die großen Felder. Es ist eine glückliche Einsamkeit, durchzirpt von einem frühen Lied. Nichts ist da als dieser kleine singende Vogel. Weiterhin schreiten Krähen. Spähend gehen sie die Furchen ab. Zuweilen hüpfen sie umeinander, springen mit schwerfälligem Flügelschlag und schreiten weiter, den Schnabel zu schnellem Griff gesenkt. Weiter ist nichts da als die verschwiegenen Vögel. Nichts ist weiter auf den großen weiten Feldern. Christian will Emilie an sich ziehen. Sie beugt sich zu ihm und küßt ihn. »Lieber«, sagt sie, denn sie liebt ihn, kein anderer Mann ist in ihren Gedanken. Ach, das sind viele Küsse, drollige und innige, verliebte und zärtliche. Welche sind voll Scherz und Neckerei, welche aber sind glühend und verzehrend, hinsinkende Küsse sind es, deren dunkle Glut alle Wege verwischt. Solche Küsse verketten für eine Seligkeit. Emilie zittert. Sie wehrt sich plötzlich. Leise, behutsam, entwindet sie sich Christians Armen. »Nein«, flüstert sie verstört. »Nein«, und läuft davon. Am nächsten Mittag brachte Hanni, Frau Dahls Tochter, Christian das Essen. Er hatte sehnsüchtig auf Emilie gewartet, aber sie kam nicht. Sie fürchtete sich vor diesen verführenden Mittagsstunden, in denen schon der Frühling lebendig war. Hanni brachte das Essen. Sie war zutraulich und hielt nicht gerne den Mund still. Von der Mutter verwöhnt, glaubte sie, daß alle Menschen sich an ihrer kleinen lieben Schwatzhaftigkeit freuen müßten. »Ich komme morgen wieder«, sagte sie zu Christian. Emilie hatte sich also entschlossen, ihn nicht mehr auf dem Felde aufzusuchen. Es gab nun auch für sie wieder mehr auf dem Hof am See zu tun. Da Christian fast nur noch mit seinem Land beschäftigt war, hatte Iben Kars der Frau Drees einen alten Knecht zur Verfügung gestellt, der tüchtig Zugriff und manchmal noch Zeit fand, Christian zu helfen. Frau Drees hatte das Anerbieten des alten Kars gern angenommen. Er tat so, als geschähe es seines Neffen wegen, doch fühlte sie heraus, daß auch ihr eigenes Wohl ihm am Herzen zu liegen schien. An dem Nachmittage, als er das alles mit ihr besprach, ließ er sich noch einmal das Bild ihrer Mutter geben. »Du hast mir doch mal ihr Bild gezeigt«, sagte er etwas stockend, »nachher fiel mir ein, daß sie mir wohl doch nicht ganz unbekannt wäre. Ich konnte mich nur im Augenblick nicht darauf besinnen.« »Ulli hat sie geheißen«, sagte er, und betrachtete das Bild. »Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist nun aber schon viele Jahre her. Du hast nicht viel Ähnlichkeit mit ihr.« »Nein«, sagte Frau Drees, »ich schlage wohl mehr nach meinem Vater.« »Hast du ein Bild von ihm?« fragte Iben Kars. »Nein«, antwortete Frau Drees. Sie wollte nicht gestehen, daß sie für ihren Vater nie viel übrig gehabt hatte. Er war ein schwächlicher Mensch gewesen, der sich von jedem Nachbarn beschwatzen ließ. Frau Drees würde es leid getan haben, wenn sie diesem Vater ähnlich gewesen wäre. Sie hatte es vor Iben Kars so hingesagt. »Er war wohl ein stattlicher Mensch?« erkundigte sich Iben Kars. »Meine Mutter war größer als er«, erwiderte Frau Drees. Da lachte Iben Kars kurz auf und sagte: »Es ist gut.« Von diesem Tage an besuchte er oft Frau Drees. Anfangs schützte er irgendeinen Vorwand vor, nach und nach aber war sein Kommen eine Selbstverständlichkeit. Er besprach auch manches mit Frau Drees. Emilie kam also nicht mehr zu Christian aufs Feld. Statt ihrer kam Hanni. Sie kam pünktlich und voll Wichtigkeit. Einmal war sie von Emita, der Tänzerin, begleitet. Da kam also Emita, die anmutig unförmige Tänzerin. Sie saßen in der Sonne und plauderten, während Christian aß. Am jenseitigen Feld hatte Christian die Steine aufgeschichtet, die er mühsam ausgegraben hatte. »Das ist eine schwere Arbeit gewesen«, sagte er. »Nun, wenn man es gewohnt ist«, erwiderte Emita. »Man muß«, sagte Christian ärgerlich. Emita sah ihn an und fragte: »Ach, es ist gar nicht Ihr Beruf?« »Er war doch Kapitän«, rief Hanni dazwischen. Nun, Christian war kein Kapitän, aber da Hanni es gesagt hatte, wollte er es vor der Tänzerin nicht richtigstellen. Die Tänzerin hieß ja auch nicht Emita, sondern hatte einen gewöhnlichen Namen. Warum soll der Mensch sich klein machen, wenn es nicht notwendig ist. »Kapitän?« fragte Emita erstaunt. Sie hatte auch einmal einen Kapitän kennengelernt, einen großen braungebrannten Mann, dem das Geld locker in der Tasche saß. Sie prüfte Christians Gesicht. Nun, es konnte schon sein, daß er Kapitän gewesen war. Sie sagte mitleidig: »Warum sind Sie dann hier?« Was sollte Christian nun darauf antworten. Wenn er es sich recht überlegte, wußte er selbst nicht, weshalb er in Sureiken war. Nun ja, er hatte das unstete Leben satt. Er wollte festen Boden unter die Füße kriegen. Nun war er ja auch beinahe so gut wie verheiratet. Verheiratet? Verlobt oder wie diese Lächerlichkeit hieß. Er stand gewissermaßen vor dem Hochzeitstor und wartete darauf, daß er eingelassen würde, wenn die Braut sagte: So, nun ist es so weit. Die Wäsche ist gezeichnet, die Truhe gefüllt. Christian hatte Emita auf ihre Frage nicht geantwortet. »Warum sind Sie denn hier?« Nein, er wußte wirklich nicht, was er darauf sagen sollte. Er hätte sagen können: Aus Trotz. Ich habe nämlich hier einen Oheim, den alten Iben Kars, einen stolzen eingebildeten Bauern, der den Mund voll nimmt, wenn er von seinem Besitz spricht, und was er alles zuwege gebracht hat. Diesem Alten ist es eingefallen, mir fünf Morgen Ödland zu schenken. Das zwingst du doch nicht, denkt der Alte, du kommst vom Meer, hast Flausen im Kopf und weißt im Grunde nichts Rechtes mit deinen Fäusten anzufangen. – Ich bin also hier, um dem Alten zu zeigen, daß ich vor seinem Unland nicht die Waffen strecke. Das hätte Christian sagen können. Aber was würde Emita, die Tänzerin, darauf geantwortet haben? Gar nicht begriffen hätte sie es. Ein Kapitän, der aus Trotz Steine ausgräbt. Nein, Christian sah ein, daß sie einen solchen Vorwand nicht anerkennen würde. Außerdem, was ging es sie an, weshalb er in Sureiken war. Aus welchem Grunde sie hier war, wußte nun ja schon alle Welt. Sie sollte froh sein, daß man keine Frage an sie stellte. Christian ärgerte sich über Emita. Sie aber sah ihn mit ihren großen dunkeln Augen an und fragte neugierig: »Da haben Sie wohl die ganze Welt bereist?« Nun, so schlimm ist das nicht gewesen. Die halbe wohl, wenigstens gut ein Viertel. Aber weshalb soll er das zugeben? Wenn sie glaubt, daß er die ganze Welt bereist hat, wird er sie bei diesem Glauben lassen. Christian sagt also: »Jawohl, die ganze Welt.« Emita ist noch nie im Ausland gewesen, doch kennt sie alle großen Städte des Landes. Sie erzählt, wo sie überall getanzt hat. Sie nennt eine Reihe Städte bei Namen. Ob Christian die kennt? Nein, er kennt die Städte nicht. Aber die großen Hasenstädte kennt er. Von ihren Tanzstätten berichtet er. Emita sagt: »Ich kann ein Engagement dahin bekommen. Ich werde im nächsten Winter dort tanzen.« »Das ist wenigstens noch Leben«, sagt Christian. »Teufel auch, da geht's hoch her. Das letztemal haben wir Champagner getrunken. Die Mädchen haben uns auf dem Schoß gesessen.« Christian nimmt keine Rücksicht darauf, daß Hanni dabei ist. Emita macht ihn mit einem Blick darauf aufmerksam. Er lacht und sagt: »Nun, so gefährlich war's nicht.« Emita erzählt noch, daß ihr Verlobter nach Rio unterwegs ist. Ob Christian wohl Rio kennt? »Natürlich«, sagt Christian, »das wäre ein schlechter Kapitän, der nicht Rio kennt.« »Ja, mein Bräutigam spielt nun mit seiner Kapelle in Rio«, sagt Emita. Diese Weiber, sie haben nichts weiter im Kopf als den Ring. Auch Emita hat sich einen breiten Reif auf den Finger gesteckt. Nun kommt die Tänzerin jeden Mittag mit Hanni. Es ist ein hübscher Spaziergang. O doch, Sureiken ist schön. Die Wiesen und der große See. Ja, und die Kirche mit dem spitzen Turm. Doch doch, Sureiken ist ganz hübsch. Auch die Menschen sind nett. Man kann sich nicht über sie beklagen, sagt Emita. Nun ja, sie haben ganz andere Interessen. Es sind gute Menschen, aber sie verstehen einen nicht. Frau Dahl täte schon gut, wenn sie Hanni rechtzeitig in die Stadt gäbe. Ihr Gesichtskreis würde sich weiten, sagt Emita. »Eigentlich verstehe ich nicht, wie Sie es hier aushalten können, Herr Kapitän! Nun ja, Sie haben hier Ihre Braut. Sie sind doch wohl mit Fräulein Emilie verlobt. Man erfährt ja gleich alles in so einem Nest Und wenn Sie hier Ihren Acker haben und Begabung zum Landmann, warum nicht? Es kann ja nicht ein Mensch sein, wie der andere. Nicht wahr, das stimmt doch? Ich glaube, ich könnte es hier nicht aushalten.« Jeden Mittag kommt nun Emita. Emilie weiß es und sagt nichts dazu. Emita wird ihr in ihrem Zustande nicht gefährlich werden. Emilie wundert sich, daß die Tänzerin ihre Bürde so selbstverständlich zur Schan trägt. Sollte man's glauben, eine Tänzerin, die so wenig eitel ist? Nein, Emita ist nicht eitel. In diesen Wochen wenigstens nicht. Ihre Eltern sind kleine Leute gewesen. In den Häusern und Höfen, in denen Emita aufwuchs, sah sie frühzeitig schon ungestaltete Frauen, die ihren Zustand nicht verbargen. Auf den Treppen standen sie, keiften sich an und warfen sich sogar ihre Schwangerschaften vor. Nein, in diesen Wochen war Emita keine eitle Tänzerin. Das Unglück war geschehen, und sie ging ganz selbstverständlich ihren Weg. Sie ging ihn wie tausende ihrer Gleichgeborenen, die in Fabriken arbeiteten oder in engen Büros. Nur aus den zarten Bewegungen ihrer gepflegten Hände konnte man schließen, daß sie das Haus ihrer dunklen Kindheit verlassen hatte. »Die Leute von Sureiken sind gut, aber sie verstehen einen nicht«, sagte Emita. Sie rechnete Emilie dazu, über deren kühle Zurückhaltung sie verstimmt war. Als Frau Dahl einmal mit der Tänzerin auf den Hof am See gekommen war, hatte Emilie kaum ein Wort gesprochen. Fast schien es, als wäre sie in ihrem Magdtum über diesen Besuch beleidigt gewesen. Ja, Emilie war die Braut, aber Emita hatte sich nur einen breiten Ring auf den Finger gesetzt. Jeden Mittag kam nun die Tänzerin auf das Feld. Sie saßen zu dritt, Emita, Hanni und Christian. Ein schillernder Vogel sang von fernen Küsten. Über den Wiesen in flimmernder Luft erhob es sich wie die Umrisse ferner Städte. Alle Abenteuer des Meeres wurden lebendig. Zwischen den Büschen wippender Wiesen schienen die Masten hoher Schiffe aufzutauchen, im Schrei der Vögel waren die Rufe vieler Sprachen. Hundert Fragen hatte Emita. Sie, der Sureiken ohne die Lust des Sommers zu eng wurde, begann in den Erzählungen des Mannes aufzuleben. Aus seinen Schilderungen baute sie sich das große Leben, das sie für die Zeit ihrer Mutterwerdung entbehren mußte. Hanni saß mit offenen Augen dabei. Diesem Kinde war es, als würde ein Märchenbuch vor ihm aufgeblättert. Ach, sie wollte in die große Stadt. Sie wollte ihre Mutter darum bitten. Christian aber begann sich mehr und mehr von dem Boden zu lösen, auf dem er hatte bauen wollen. Ja, Meerfahrt, herrliche Meerfahrt! Über die endlose Fläche ziehen die großen weißen Dampfer, kühne Segler uns die schweren schwarzen Schiffe der Arbeit. Ewig ist der Gesang des Meeres. In seinem großen Atem wiegt sich das Herz. Ja, die Sprache des Meeres ist laut. Sie benimmt uns den Sinn, sie treibt uns fort, ewige Meerfahrt. Leise, heimlich und kaum vernehmbar ist die Stimme des Landes. Nein, die Schollen haben kein Lied. Der Gesang der Wiesen ist ein geborgter. Sie mußten die Vögel darum bitten. Nein, die Wiesen haben keinen Tanz wie die Wellen. Von den Schmetterlingen mußten sie ihren Tanz entlehnen. Was auch ist der Gesang der Ähren im Felde? Der Wind ist es, der Hauch der Luft, der sie anklingen läßt. Aber das Meer hat seine eigene Melodie. Das endlose Rollen der Steine im Grunde, das Schwingen der Wogen, dieses Schwingen aus sich selbst, diese ewige stete Bewegung. Wie kann ein Herz, das gefüllt ist mit dem Lied des Meeres, glauben, daß es dieses Lied vergessen könnte. Wie kann es glauben, so feine Äderchen zu haben, um die Stimme des armen Bodens zu vernehmen, der im Herbst und im Frühjahr aufgerissen und gequält wird, der lautlos jeden Schmerz duldet, damit die Welt ihre Ernte hat und ihr Brot. Wenn Christian den Pflug führte über das Unland, das sich nun zur Fruchtbarkeit wandeln sollte, hatte er wohl gehofft, dieses Bodens Herzschlag zu spüren. Oft hatte er den Männern zugesehen, wenn sie die Pflüge über das Land führten. Das war ein schöner heiliger Gang. Ja, sie müssen glücklich sein, diese Menschen, unter deren Händen die Erde blühen darf und Frucht tragen. Nun, wo Christian selbst den Pflug führte, war es nichts als ein harter Gang. Ein schwerer schmerzhafter Gang war es. Ja, die Erde ließ sich nicht ohne Mühe zwingen, nicht den Traum gab sie, sondern die schwere traumlose Müdigkeit. Wie ein Toter fiel man abends ins Bett. Wenn Emita kam, sprachen sie vom Meer. Die Tänzerin erzählte von dem blanken Badeort, wo sie einmal gewesen war, von dem Pavillon aus breitem Steg, der abends wie eine leuchtende Glocke über dem Wasser thronte, von dem hellen Strand erzählte sie und von den jubelnden Instrumenten, deren Lieder sehnsüchtig versanken in dem weiten Liede des Meeres. Christian erzählte von den großen Kranen, die spielend jede Last hoben. Abends waren im weichen Dunst die bunten Lichter des Hafens. Morgens aber zog das Schief stolz hinaus. Ja, am frühen Morgen ging der Dampfer aus Fahrt, begleitet von dem Geschrei zahlloser Möwen. Nicht einmal eine Möwe gab es in Sureiken. Nur die grauen Krähen stelzten über die Äcker und zum Sommer zogen die Gänse und Enten auf den See. Nichts als die braunen Segel der kleinen Fischerboote erinnerte an das ewige Wasser. Von diesen Gesprächen wußte Emilie nichts. Ach, wenn sie doch geahnt hätte, wie die beiden sich in eine ferne Welt verloren. Aber sie saß zu Hause, nähte und stickte und bemühte sich, mit Dingen fertig zu werden, die sie für notwendig hielt für ihr Leben. Allmählich aber fühlte sie doch die Unruhe des Mannes. Langsamer ging seine Arbeit. Der Pflug ruhte oft unter seiner Hand. Schwerer kamen die Gedanken mit jedem Tag. Christian begann, sich von Sureiken zu lösen. Als Emilie das fühlte, versuchte sie, ihn wieder an sich zu ziehen, ihn zu halten und sich an seinem Herzen anzuklammern, aber dieses Herz war schon weggeweht wie ein Segel in glücklichem Wind. An einem dieser Tage sprach Christian auch Lisa. Iben Kars hatte ihn zu sich gerufen, um mit ihm die Saat zu besprechen. Christian mußte warten und setzte sich zu Lisa. Seit langem hatten sie nicht miteinander gesprochen. Was sie auch heute redeten, war nicht viel. Unsichtbar zwischen ihnen stand der Wille des Iben Kars. Christian erzählte von seiner Arbeit. Das war etwas, das jede Verlegenheit ausschloß. Lisa fühlte heraus, daß er keine rechte Freude daran hatte. Sie sagte: »Warum tust du es eigentlich?« Das war nur eine kleine Frage, aber sie rollte wie ein Stein in den Bach, so daß man hinüberschreiten konnte. Auch Lisa wunderte sich, daß er in Sureiken blieb. Wie hätte sie sonst so fragen können? Nun war Christian schon aus dem jenseitigen Ufer. In diesem Augenblicke war alles entschieden. Er verriet sich nicht, er sagte nur: »Eigentlich hast du recht.« Was sie dann noch sprachen, war Nebensächliches. »Ich habe dein Tuch noch«, sagte Lisa. Dann kam Iben Kars. Beim Abschied hielt Christian Lisas Hand etwas länger. Er schien noch etwas sagen zu wollen. Lisa wartete darauf, daß er noch ein gutes Wort hätte. Sie standen in der Türe. Iben Kars war im Zimmer geblieben. So wenig machte es ihm jetzt aus, daß Lisa und Christian zusammenstanden im Dunkeln. Lisa zog ihre Hand nicht zurück. Sie drückte sogar Christians Hand. Ja, sie war ihm noch immer herzlich gut, das konnte er wissen. Christian näherte sich ihr. Sein Mund war dicht vor ihr. Aber er küßte sie nicht. Er sagte nur: »Laß es dir gut gehn.« Was ist das für ein Wort? denkt Lisa. Er tut, als stünde er vor einer Reise. Nichts Dümmeres konnte ihm einfallen als solch ein Wunsch. Lisa lachte über dieses Wort. Am nächsten Tage fuhr Christian nach Thorde. Er schützte eine wichtige Besorgung vor. Im Hafen lag der schwarze Seedampfer, der Ausländer, den Christian damals besichtigt hatte. Ein Matrose stieg die Treppe herab. Christian trat zu ihm. Sie rauchten zusammen Zigaretten. Sie standen lange und sprachen. Dann ging Christian mit an Bord. Es war Abend geworden. Die großen Lampen des Leuchtturms wurden hell, und über Thorde und über dem Meer hinter Thorde war nun wieder für lange Stunden die starke Ruhe des unermüdlichen Lichtes. * In Sureiken wartete man darauf, daß Christian zurückkäme, aber er kam nicht wieder. Iben Kars pflügte nun an seiner Statt. Ja, der alte Iben Kars nahm den Pflug, den Christian hatte stehenlassen. Wortlos nahm er ihn, aber sein Blick war hell geworden. Iben Kars pflügte. Kurze Zeit darauf wurde das Kind der Tänzerin geboren. Es bekam den Namen Melitta. Frau Dahl verschenkte ihr ganzes Herz an dieses Kind. Sie wurde eifersüchtig auf Hanni, die es auch gern auf den Arm nehmen wollte. Nach vierzehn Tagen schon wurde das Neugeborene getauft. Es war mit Bändern und Schleifen geschmückt und lag zierlich im Kissen. Acht Tage später fuhr die Tänzerin weg. Und, wieder nach einiger Zeit, gebar Lisa einen Sohn. Iben Kars war auf dem Felde. Als ihm die Geburt des Erben mitgeteilt wurde, ging er nicht sofort nach Hause. Zuerst pflügte er den Streifen Ackerland zu Ende. Dann spannte er die Pferde vom Pflug, und hinter den Pferden schritt er nach Haus. Groß und stark, der Bauer Iben Kars. Ja, nun könnte er wieder die Uhr zerbrechen. Als sie auf den Hof kamen, wieherte das Handpferd. Es war ein stolzes, frohes Wiehern. Iben Kars trat zu Lisa ans Bett. Er ließ sich das Kind zeigen. Er betrachtete es lange. Dann hob er es auf. Da lächelte Lisa. * Emita, die Tänzerin, also hatte Sureiken verlassen. Die frühe Schwalbe war wieder entschwunden. Patzke hätte traurig sein können. Doch war es an der Zeit, die blaue Mütze wieder hervorzuholen mit dem goldenen Anker auf schwarzem Band, auch das Messinghorn und das Fernrohr. Auf den Zäunen vor den Häusern lagen die roten und gestreiften Betten in der Sonne. Die Sommerstuben wurden eingerichtet. Die Bewohner von Sureiken zogen wieder in die Scheunen und in die Waschküchen. Lüßmann fuhr jeden Tag nach der Bahn. Als erster kam Ebers, der Photograph. Er kam mit Säuren und Platten und wohnte wieder bei Jakob Kloth. Patzke hatte ihm viel zu berichten. Es war ein Winter gewesen, über den man noch lange reden konnte. Abends betrachtete Ebers das Bild der Tänzerin, das er noch immer zwischen Rechnungen und Kaufmannsbriefen in der Tasche trug. Und Lüßmann fuhr jeden Mittag zur Station. Eines Tages reiste Emilie ab. Frau Drees brachte sie in dem einspännigen Wagen zur Bahn. Das Mädchen kehrte zu ihren Eltern zurück. Sie hatte den Ring vom Finger gestreift. Nein, sie war keine Braut mehr. Von Christian war ein Brief gekommen. Man wußte nicht einmal, ob Emilie traurig darüber war. Sie nahm die Truhe mit, die nun bis zum Rande mit gezeichneter Wäsche gefüllt war. Frau Drees hatte mit großer Unruhe Christians Brief genommen. Sie las ihn hastig. Dann las sie ihn noch einmal langsamer. Er ist kein schlechter Mensch, dachte Frau Drees. Sie war froh über den Brief. Christian schrieb nichts von dem Geld. Nun hatte Frau Drees Emilie zum Bahnhof gebracht. Der Zug war in der Ferne verschwunden. Frau Drees hatte das Taschentuch wieder eingesteckt. Auf der Rückfahrt traf sie Iben Kars. Er war auf dem Feld bei den Leuten gewesen und ging nun nach Haus. Frau Drees hielt den Wagen an und erzählte ihm von Emilie. Ja, nun war sie abgereist. Iben Kars stieg auf den Wagen. Er saß neben Frau Drees. Er ließ es sich gefallen, daß sie die Zügel führte. Sie sprachen dieses und jenes. Worüber kann man sich unterhalten bei einer Wagenfahrt. Die Räder rollen und rucken und kreischen etwas, die Hufe des Pferdes klappern, es sind Biegungen, an denen man aufpassen muß. Man kann sich nur Nebensächliches zurufen. Doch als Frau Drees an dem Feldweg nach dem Chausseehof den Wagen anhält, bleibt Iben Kars noch sitzen. Er sagt: »Du könntest einmal zu uns kommen. Ich habe deine Mutter gut gekannt.« Dabei greift er ungeschickt nach der Hand, die den Zügel hält. Iben Kars drückt Milda die Hand. Dann steigt er vom Wagen. Das sind Worte, über die Frau Drees noch lange nachdenken wird. Nun fährt sie weiter die Chaussee entlang. Die Räder rucken und kreischen, die Hufe klappern und hinter dem Wagen fliegt der Staub auf und tanzt wie ein Mückenschwarm in der Sonne. An diesem Tage ging Frau Drees zu den Bienenstöcken. Sie trat an den ersten heran, an den zweiten und dritten. Sie ging durch die Ställe, zu den Kühen, den Pferden und den anderen Tieren, die auf dem Hofe gehalten wurden. Sie empfing das geruhsame Summen der Bienen und das starke Atmen des Viehes. Der alte Knecht, den Iben Kars zur Arbeit auf den Seehof geschickt hatte, mengte gemächlich das Futter. An diesem Tage brachte Lüßmann einen ganzen Schwärm Mensche« ins Dorf. Es war, als hätte sich ein Taubenschlag über Sureiken geöffnet. Der Ferienzug war gekommen. Da waren sie alle, der weißbärtige Postmeister und die dicke Frau Wullke mit dem bunten Badetuch. Vor den Türen standen die Frauen und Kinder und winkten, auch Laabs, der Schuster, Patzke und der griesgrämige Kuhse. Sie standen da, hatten kleine Fähnchen in der Hand, und vom Wagen her war ein Tücherwehen. Frau Dahl trug Emitas Kind auf dem Arm. Sie stand ganz in Sonne. Auch Herr Quandt, der Posthalter von Sureiken, hatte sein Kontor geschmückt. Er war ein würdevoller Mann, aber an diesem Tage war er aus sich herausgegangen. Er hatte neben dem Postkasten, sichtbar für alle, ein Schild angebracht: »Herzlich willkommen.« Neben diesem Schild in der Türe stand Herr Quandt. Er lächelte und grüßte. Auf dem linken Ärmel seiner grünen Joppe war ein goldenes Posthorn gestickt. Alle waren sie in Aufregung. Nur Dan Lebbers fehlte. Einer Erbschaft wegen hatte er eine große Reise angetreten. Bis ins Ausland sollte er gefahren sein. Man erzählte viel von dieser Reise in Sureiken. Auch die Sommergäste wurden sofort damit überschüttet. Sie kannten ja alle Dan Lebbers. Nun sollte er eine Million geerbt haben. Als er zurückkam, hatte er noch denselben Anzug an. Auch der Reisekoffer war noch genau so leicht wie vorher. Dan Lebbers war nicht im Ausland gewesen, aber bis in die große Hafenstadt war er gekommen. Er hatte auch einen riesigen Ozeandampfer besichtigt. Davon erzählte er nun Wunderdinge. Er ging mit Patzke an den See, Jakob Kloth mußte gleich anlegen. Der Fischer hatte schon die Ruder genommen, um in die kleine Bucht einzulaufen. Dan Lebbers wollte Fische essen. Wenn die vielen Gäste in Sureiken waren, mußte man der erste am Boot sein, um den besten Fisch zu erwischen. Nun stand Lebbers mit Patzke am Steg. Er erzählte: »So groß war der Dampfer, ungelogen, so groß. Ich mußte mich einbooten lassen. – Richtig«, fiel es ihm plötzlich ein, »was ich noch sagen wollte, richtig. Direkt an der Anlegestelle, auf einmal, geht ein Seemann an mir vorbei. Das ist doch, denke ich, das ist doch Kars, Moment mal, und ich rufe. Christian, ruf ich, Christian! Aber er war schon weg, wie fortgeblasen.« Patzke hörte verwundert zu. Dan Lebbers war tatsächlich aufgeregt: »Also, was soll ich dir sagen, ein Seemann ging an mir vorbei. Wie konnte ich das bloß vergessen?« – Er unterbrach sich. – »Die Fische!« rief er. »Tausend noch, die Fische!« Jakob Kloth hatte das Boot festgemacht. Die Fische hingen schwer in den Maschen der Netze. Jedesmal, wenn der Fischer sein Netz auswarf, pflegte er zu sagen: »Komm gesegnet an Land.«