Ludwig Tieck Pietro von Abano oder Petrus Apone Eine Zaubergeschichte Die untergehende Sonne warf schon ihre roten Strahlen an die Türme, und über die Häuser von Padua, als ein junger Fremder, der eben angekommen war, durch ein Volksgewühl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam gemacht, und auf seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er fragte ein junges Mädchen, welches ihm ebenfalls schnell vorüber ging, was denn alle diese Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wißt Ihr es denn nicht? antwortete diese, die schöne Crescentia, das junge Kind, wird jetzt beerdigt; alle wollen sie noch einmal sehn, da sie immer für die anmutigste Jungfrau in der ganzen Stadt gegolten hat. Die Eltern sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der Entfernung zurück. Der Fremde beugte um den finstern Palast in die große Straße hinein, und ihm tönte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blaßroten Fackeln entgegen. Als er näher kam, sah er, nachdem das Gedränge des Volkes ihn vorgeschoben hatte, ein Gerüst, mit schwarzem Tuche verdeckt. Um dieses waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhöht, auf welchem die trauernden Eltern und Verwandten saßen, alle im finsteren Ernst, einige Gesichter mit dem Ausdruck der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich Figuren aus der Tür des Hauses, Priester und schwarze Gestalten trugen einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkränze und grüne Gewinde niederhingen. Zwischen den blühenden bunten Pflanzen lag auf Kissen die weibliche Gestalt, blaß, im weißen Kleide, die zarten lieblichen Hände gefaltet, die ein Krucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle schwarze Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein Kranz von Rosen, Zypressen und Myrten prangte. Man stellte den Sarg mit seiner schönen Leiche auf das Gerüst, die Priester warfen sich zum Beten nieder, die Eltern erhuben sich wie verzweifelnd, noch klagender ertönten die Hymnen, und alles umher, die Fremden selbst, schluchzten und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein so schönes weibliches Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so wehmütig an die Vergänglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte. Jetzt ertönte das feierliche Geläute der Glocken, und die Träger wollten eben den Sarg erheben, um die Leiche in das gewölbte Grab der großen Kirche zu tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes Gelächter und das Geschrei einer ausgelassenen Freude, die Eltern, Verwandten, Priester und Leidtragenden störte und erschreckte. Alles sah unwillig umher, und aus der andern Gasse schwärmte ein froher Zug junger Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwürdigen Lehrer immer wieder von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren die Studierenden der Universität, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern einen bejahrten Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne saß, mit einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute geschmückt, unter welchem weiße Silberlocken hervor quollen, so wie ein weißer langer Bart auf das schwarzsamtne Wamms majestätisch herabfloß. Ein begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und wollte schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die Trauerleute Platz machen, doch auf einen Wink des ehrwürdigen Alten senkten die Schüler die Trage, er stieg herab und näherte sich gerührt und mit feierlichem Anstande den weinenden Eltern. Vergebt, sagte er ernst und mit einer Träne im Auge, daß dieses wilde Geschrei so eure Leichenfeier stört, die mich innigst erschüttert und entsetzt. Ich komme von meiner Reise endlich zurück, meine Schüler wollen meinen Einzug durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und Anstalten nach, und finde nun, – wie? eure Crescentia, das Musterbild aller Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen düstern Prunk und jene Trauergestalten, um sie mit Tränen und Herzensweh zu ihrer Ruhestelle zu geleiten? – Er winkte seinen Begleitern und sprach einige Worte. Alles war schon längst still und stumm geworden, und die meisten entfernten sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stören. Da kam die Mutter zitternd näher und sank an der Gestalt des Alten nieder, indem sie im krampfhaften Schmerze dessen Knie umschlang. Ach! warum seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie verzweifelnd; Eure Kunst, Euer Wissen hätte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr, der Freund unsers Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel können untergehn lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flößt ihr noch jetzt von den Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wißt, und nehmt dafür zum Dank alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt und mit uns spricht! Laßt eure Verzweiflung nicht das Wort führen, antwortete Pietro: der Herr hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der Mensch vermesse sich nie, in den Arm seines weisen Ratschlusses zu greifen. Wer sind wir, daß wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn des Staubes, der im Winde verweht, mit seinem schwachen Atem gegen die ewigen Beschlüsse zürnen? Nein, meine Geliebten, fühlt als Eltern und Freunde ganz euren Schmerz: er soll unserm Herzen so einheimisch wie Lust und Freude sein, auch er wird von dem Vater zu uns gesendet, der jede unsrer Tränen sieht, der wohl unsre Herzen kennt und prüft, und weiß, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget denn dieses große übermächtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn nur Liebe ist es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmut zerrinnen will, sind sie nicht ein heiliges göttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden Tränen der höchsten, der ewigen Liebe als euer Köstlichstes darbringt? So rechnet es auch jener dort, der alle eure Seufzer und Tränen zählt. Aber der böse Feind, der immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die Heiligkeit dieser himmlischen Schmerzen, er ist es, der sie euch zur Verzweiflung, zum Zorn gegen den Schöpfer der Liebe und des Leides erhöhen will, damit ihr im Jammer nicht jener höchsten Liebe noch inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund des Hasses untergeht. Er, dieser Geist der Lüge, täuscht euch jetzt, und raunt euch boshaft seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren hättet, die doch nur in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als Unsichtbare zugehörte. Er will, daß ihr es vergessen sollt, wie diese schöne Hülle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt wiederkehrend. Werft ihn zurück, diesen Lügengeist, daß er sich vor der ewigen allmächtigen Wahrheit schämen muß, die ihr ihm entgegen haltet, daß sie noch euer ist, noch neben, nah um euch, ja weit mehr, weit inniger euer, als da euch diese Schranken des sterblichen Fleisches noch trennten, und euch in der Liebe selbst einander entfremdeten. Alle euere Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von heute an; sie leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie tröstet euch in den Blumen des Frühlings, sie küßt euch im zarten Hauch, der eure Wangen rührt, und jedes Entzücken, das fortan in euren Herzen aufblüht, ist ihr Herz und ihre Liebe zu euch, und dieses Entzücken, und diese ewige, unsterbliche Liebe sind eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer Ruhestelle, und folgt ihr in stiller, gottergebner Demut, damit durch euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen Friedens gestört und geängstigt werde. Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit dem Ausdruck der Herzlichkeit und des gefühlten Trostes. Man ordnete sich, der Zug setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die Brüderschaften, die es sich zur Pflicht machen, die Leichen zu begleiten, reihten sich in ihren weißen Gewändern, und mit verdecktem Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar waren. Stumm bewegte sich der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche erreicht, als ihnen ein Reiter auf schäumendem Rosse entgegen sprengte. Was gibt es? schrie der Jüngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem Ausruf der Verzweiflung wandte er das Roß, stürzte fort, und verlor in wilder Hast den Hut, so daß ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er war der Bräutigam, der zur Hochzeit kam. Die Finsternis umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die schöne Leiche in das Gewölbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde. Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der allein am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener majestätische Greis sei, der ihm wie mit göttlichen Kräften und überirdischer Weisheit begabt erschien. Als der Jüngling dem Geistlichen die bescheidene Frage vortrug, stand dieser still, und sah ihm beim Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf sie schien, scharf ins Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses schmales Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt ihn nicht? Unsern weltberühmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem man in Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht? Kennt nicht den größten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und Astrologen, von dem zu lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus dem fernen Polenlande hierher schwärmt? Der junge Spanier, Alfons, war im entzückten Erstaunen einen Schritt zurück getreten, denn der Ruhm dieses großen Lehrers hatte auch ihn von Barcelona über die See getrieben. Also er war es, er war es selbst? rief er begeistert aus: darum war auch mein Herz so tiefbewegt. Mein Geist erkannte den seinigen. O edler, frommer Mann, wie lieb' ich Euch darum, daß Ihr ihn nicht minder verehrt, wie alle Edlen und Guten der christlichen Welt. Wollt wohl auch unter ihm studieren? fragte der Priester im grimmigen Ton. Gewiß, antwortete jener, wenn er mich würdiget, sich meiner anzunehmen. Der Alte stand still, legte seine Hand auf die Schulter des Jünglings und sagte dann milder: Lieber junger Freund, noch ist es Zeit, hört noch meine väterliche Warnung, bevor es zu spät ist. Täuscht Euch nicht selbst, wie es so Viele, Unzählige schon getan haben, seid auf Eurer Hut und wahret Eurer Seele. Seid Ihr denn Eurer Ruhe und künftigen Seligkeit schon im voraus überdrüssig, wollt Ihr dem Heiland seine Liebe damit vergelten, daß Ihr ihm abtrünnig werdet, ihn leugnet, und als ein Rebell die Waffen gegen ihn schwingt? Ich verstehe Euch nicht, alter Mann, erwiederte Alfonso: habt Ihr nicht selbst gesehn und gehört, wie fromm, wie christlich, mit welcher eindringlichen Majestät der Herrliche sprach, und den verirrten Schmerz der Liebe durch himmlischen Trost wieder in seine rechte Bahn lenkte? Was vermag, was kann der nicht alles! dieser Künstler und Zauberer! rief der alte Priester bewegt aus. Zauberer? fragte Alfonso. Ihr wollt also auch den Wahn des Pöbels teilen, der die Wissenschaft hoher Geister nicht zu würdigen weiß und lieber das Abgeschmackte glauben, als die eigne Seele an der Erhabenheit des Mitbruders stärken will? Fahrt nur so fort, sagte der Priester erzürnt, so habt Ihr kaum nötig, in seine weltberühmte Schule zu treten. Es ist augenscheinlich, sein Zauber hat Euch schon umstrickt, so wie er jedes Herz bezwingt, das nur in seiner Nähe schlägt. Ja wohl, der Heide, hat er heut wie ein Priester gesprochen und geweissagt, und seiner Lüge auch einmal diese Farbe angestrichen. So regiert er auch das Haus des Podesta's. Die arme Crescentia konnte kaum in ihren letzten Stunden den Rückweg zur heiligen Kirche wieder finden, so war ihre Seele in den Irrlehren befangen, die der böse Heuchler wie giftige Netze um den jungen Geist geworfen hatte. Jetzt ist sie ihm entronnen, der Herr hat sie zu sich gerufen, und sandte diese Krankheit, um ihre Seele mit dem Verluste des Leibes zu retten. Die Sprechenden waren auf den großen Platz gekommen. Der Jüngling war empört und sagte jetzt, um seinem Gefühl Luft zu machen: wozu nur, geistlicher Herr, diesen grimmigen Neid? Seht ihr denn, erkennt ihr es denn nicht, wie die Welt nur um so mehr von euch abfällt, um so mehr ihr mit Bann und Fluch und Verfolgung den neuen Geist ersticken wollt? den Geist der ewigen Wahrheit, der jetzt alle Landschaften erregt? Der nicht wieder, trotz eurer Künste, untertauchen wird, um gläubig euren Legenden zu horchen. Wohl, sagte der Alte im hohen Zorne; haben wir doch jetzt Averroes statt Christus, und Aristoteles statt des Allmächtigen, und diesen Euren Pietro, diesen Ischarioth, statt des Geistes! Nicht wahr, der Erdgeist hat ihn groß und schlank auferbaut, und ihm ein feuriges Auge, edle Stirn, schönen Mund der Überredung, und majestätische Gebärden geliehen, um zu gaukeln und zu täuschen: indeß ich, der unwürdige Diener des Herrn, hier krank, schwach und unansehnlich wandle, und nur mein Bekenntnis, meinen Glauben habe, um darzutun, daß ich ein Christ sei. Ich kann nicht so in die Tiefen glänzender Weisheit hinabsteigen, nicht den Lauf der Sterne berechnen, Glück und Unglück vorhersagen, ich werde von den Überklugen geschmäht und verachtet, aber ich trage es demütig, ihm zu Liebe, der mir alles auferlegt hat. Doch erwartet das Ende, und seht, ob ihn seine sieben Geister, die er im Zauberbanne hält, erretten können, ob ihm sein Famulus, das Höllengebild, dann zur Hülfe sein wird. War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig. Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mönch, das sich als Narr ausstaffiert hatte? die Mißgeburt mit dem Höcker, den verdrehten Händen und Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der ungeheuren Nase in dem Fratzengesicht? Ich hielt alles dies für Maske. Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zu verlarven. So wie er da ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hölle, dieser Beresynth, wie sie ihn nennen. – Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt? Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft dem Manne nicht schuldig sein, der so den Herrlichen durch Verleumdung schmäht, dessen Name mich schon im Vaterlande entzückt hat, der mir hier als Vorbild wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, daß ich dergleichen von Euch habe anhören müssen, von einem Manne, dessen Stand und Alter mir verbeut, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur fromm heißen, der die Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im wachen Schlummer die Tage seines Lebens und die Kräfte seiner Seele hinwegträumt, so trete ich aus dieser dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist nicht so, und nicht der Mensch, der Christ oder Priester haben aus Euch gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl, wenn Ihr es mit diesen Gesinnungen könnt. Sie trennten sich, beide verstimmt. Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet war, sprengte wie rasend durch das Tor und rannte dann in ungemessener Eil durch Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stieß er Verwünschungen gegen Welt und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte seinen Sternen und seiner Jugend und eilte dann wie bewußtlos weiter. Er spornte dem Winde entgegen, der sich nächtlicherweise aufmachte, als wenn er die Glut seiner Wangen abkühlen wollte. Als es später ward, sank das Roß, das schon oft gestolpert war und das er knirschend immer wieder aufriß, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen Weg zu Fuß fortzusetzen. Er wußte nicht, wo er war, noch weniger, wohin er wollte; nur sein Elend stand mit unauslöschlichen Zügen vor ihm, die Nichtigkeit der Welt, die Unbeständigkeit alles Glücks. Verruchter Wahnsinn des Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du mich aus meinem Schlummer? Tödlich muß ich dich hassen um deine Gaukeleien, deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die unsre Jugend anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und wenn sie uns in die Wüste geführt, grinsend und höhnend davon fliegen. Leben! Was ist dieses törichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines Fieberkranken? Ein matter Schauer folgt auf den andern, ein verrücktes Gebild verjagt das andre, unsre Wünsche springen in der kahlen Einöde umher, und erkennen sich selber nicht. O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm zu mir, laß dich umarmen, und löse dieses stürmende Herz. Könnt' ich nur gleich meine letzten Minuten in Krämpfen verknirschen, daß die Morgensonne meine Stätte nicht mehr fände, daß kein Gedanke in mir ihrem neuen Strahl entgegen grüßte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschöpf, das atmet? Um so ärmer, wie ich nur vor wenigen Stunden mich das glücklichste dünkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem Gefühl des Herzens, die sich so leicht, so gröblich täuschen lassen. Ein Regen stöberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die Tropfen größer und dichter. Der Jüngling wußte nicht wohin er geraten war, der Wald lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nähe. Er fing an, seine Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder, Tränen flossen aus seinen Augen. Er haßte das Leben schon weniger, ihm war, als wenn die Nacht selbst ihn trösten und seinen Kummer lindern wollte. Ungewiß, ob er das gestürzte Roß wieder aufsuchen, ob er sich in einem Graben vor dem Unwetter bergen sollte, sah er noch einmal um sich, und entdeckte endlich, weit, weit hinab, hinter Tal und Busch ein hüpfend Lichtlein, welches ihn wie ein freundliches Auge durch die dicke Finsternis zu sich winkte. Er eilte dem ungewissen Scheine nach, der bald verschwand, bald wieder erglänzte. Alle seine Kräfte, seine Gefühle waren wie in einem Schlummer gebunden, sein ganzes Dasein war wie in einen Traum zergangen. Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken wälzten sich langsam herbei. Schon kam er Bäumen näher, wie es ihm dünkte, aber die Finsternis machte es ihm unmöglich, irgend etwas zu unterscheiden. Er stürzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und ein lauter Donnerschlag betäubte; wie er sich wieder aufraffte, war das Licht, welches ihn gelockt hatte, schon nahe. Er klopfte an das kleine Fenster, welches sich hinter einigen Bäumen zeigte, und bat um Einlaß gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute heisere Stimme antwortete von innen, doch vernahm der Jüngling kein Wort, denn Sturm und Gewitter und Regen, das Rauschen der Bäume, alles tobte jetzt so heftig durcheinander, daß jeder andre Laut erstarb. Die Tür des kleinen Hauses ging nach dem Garten, er mußte durch diesen eilen, dann faßte ihn eine weibliche Hand, leitete ihn durch einen finstern Gang, und eröffnete eine kleine Stube, aus welcher ihm der Schein einer Lampe und das Feuer auf dem Herde entgegen schimmerte. In der Ecke saß bei der Lampe eine häßliche Alte und spann, das junge Mädchen, das ihn hereingeführt hatte, machte sich am Herde zu tun, und lange konnte er vor dem ungewissen wankenden Schein die Gestalten nicht näher prüfen, lange konnte kein Gespräch gangbar werden, weil das Getöse des Donners alles übertäubte. Das ist ein grausames Unwetter, sagte in einer Pause die Alte mit krächzender Stimme. Woher seid Ihr denn, junger Mensch? Ich komme von Padua, seit heut Abend. Weither, rief die Alte, liegt ja sechs Stunden von hier. Wo wollt Ihr denn hin, da hier keine Landstraße geht? Weiß es nicht, mag es auch nicht wissen. Der Unglückliche ist nicht fähig, einen Plan zu entwerfen, oder für die Zukunft zu sorgen. Wie wohl würde mir sein, wenn es für mich gar keine Zukunft gäbe. Sprecht irre, junger Mensch, und das muß nicht sein. – Ei! rief sie aus, indem sie die Lampe erhob und ihn näher betrachtete, ja gar ein Florentiner! Das Wamms und den Kragen habe ich lange nicht gesehn. Je nun, das hat mir wohl auch was Gutes zu bedeuten. Hat mir das garstige Gewitter also einen lieben Gast beschert; denn wißt nur, mein junger Herr, ich bin auch aus dem gesegneten Lande. Ja, Florenz! Ach, wer doch einmal wieder auf deinen Boden treten und die teuren Berge und Gärten wieder sehn könnte! Und Euer Name, lieber, junger Herr? Antonio Cavalcanti, sagte der Jüngling, der wegen der Landsmannschaft zu der häßlichen Alten mehr Vertrauen faßte. O welcher Ton, rief sie wie begeistert aus: ja Cavalcanti, so einen habe ich vor Jahren wohl auch gekannt, einen Guido. Der war mein Vater, rief Antonio. Und lebt nicht mehr? Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange entrissen. Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt schon fünfzehn Jahre sein, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl dazumal in der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich's einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich durch, mit Vernunft und Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn bloß aus dem lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn meines Wohltäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die Hand darauf, junges Blut. Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange Zähne, die einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte zwei dürre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen mußte, fühlte er den Höcker, der die Häßlichkeit noch abscheulicher machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwärtigsten? Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen – Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei! Jeder Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich mir nicht wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der Welt schön nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht! Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir – Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten schwarzen Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub' es wohl, sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Festung da in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt' ich den ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten, wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So fielen sie denn nach und nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch übrig geblieben. Wenn sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die Oberlippe wird dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein Bildnis dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine törichte Künstlerin, sie macht ein Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und stümpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schämt sie sich am Ende, schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen wie die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um Brot und Rinderbraten zu kauen. Ei, ein, – zeigt – weiter auf den Mund – die stehn aber so sonderbar, – hm! und der Augenzahn! Nun, das ist zu bedenken. Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er sich heiter zu sein, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die gleichsam wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare Gewalt an ihm ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie plötzlich: Crescentia! ausrief. Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie? wißt Ihr von ihr? Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt. Sie nahm die Lampe und näherte sich dem Herde; aber wie ward dem Jünglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast eben so, wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen geschlossen, alle Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben so hatte sie die kleinen Händchen gefaltet, zwischen welchen sie ebenfalls ein Christusbild hielt. Das weiße Gewand half die Täuschung erhöhen, nur fehlten die Blumen, doch webte die Dämmerung wie Kränze schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist tot, seufzte Antonio, sie starr betrachtend. – Faul ist sie, die träge Dirne, sagte die Alte, und schüttelte die schöne Schläferin wach; nichts als beten und schlummern kann das unnütze Geschöpf. Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhöhte noch ihre Anmut. Antonio fühlte sich dem Wahnsinn nahe, daß er diejenige wieder vor sich sah, die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief er heftig aus, wo bin ich? Und welche Gebilde führst Du vor die irren Sinne? Sprich, wer ist jenes holdselige Wesen? Crescentia, bist Du wieder da? Erkennst Du mich noch als den Deinen? Wie bist Du hierher geraten? Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr Euer bischen Verstand verloren hättet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf herum? Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine Töchter, und ist es von je an gewesen. Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold errötend. Ich bin nie in der Stadt gewesen. Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, genießt, was da ist. Die Suppe wurde aufgetragen, einige Früchte, und aus einem kleinen Wandschrank nahm die Alte eine Flasche köstlichen florentinischen Weins. Antonio konnte nur wenig genießen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und seine verwirrte und erschütterte Phantasie wollte ihn immer wieder von Neuem bereden, diese sei seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann wieder, in einem schweren Traum gefesselt zu liegen, oder von einem Wahnsinn befangen zu sein, der alle Gegenstände um ihn verwandele, daß er vielleicht in der Stadt, oder in seiner Heimat weile, nur seine Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne und vernehme, die wohl tröstend oder klagend um ihn stehn möchten. Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glänzten am beruhigten dunkeln Himmel. Die Alte aß mit Begier und trank noch eifriger von dem süßen Weine. Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an, erzählet uns doch, was Euch nach Padua, was Euch hierher getrieben hat. Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr könnt wohl, erwiederte er, einige Nachrichten von Eurem Gaste verlangen, da Ihr obenein meinen Vater, und vielleicht auch meine Mutter gekannt habt. Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so gut als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine zweite Ehe mit der Marchese Manfredi stiftete. Also das wißt Ihr auch? Ist mir doch, fuhr jene fort, als sähe ich das schmucke Püppchen noch immer vor mir. Nun, lebt die schöne Stiefmutter denn noch? Als sie mich aus dem Lande jagten, war sie noch in ihrer schönsten Blüte. Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne Unrecht tun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte sich dieses Verhältnis, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses Hasses, wenn es früher nur über erlittene Kränkungen geblutet hatte. Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging es in der Haushaltung zu? Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern zu erzählen. Die Alte leerte ein Glas roten Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit lautem Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres Vergnügen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann, als wenn so zwei Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren, sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigertiere herumbeißen, schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern möchten, um eins das andere zu kränken, oder seiner los zu werden. Das, junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens. Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander getan, wohl gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so verhaßte Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan und die ganze Hölle ein hohes Fest, ein Jubeln und Zymbelnklang der Unterirdischen. Und hier nun gar, – doch, ich schweige, ich könnte leicht zu viel sagen. Crescentia sah den Erstaunten wehmütig an. Verzeiht ihr, sagte sie lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche. In Antonio's Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Szenen mit frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte. Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn dadurch aus seiner staunenden Träumerei. Was soll's? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß verfolgt und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht meinem Vater das Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem Gefängnisse, übersteigt die Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem Vater den Dolch in die Brust! Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei, sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher war in jüngern Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fügen muß. Da saß Euer Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn erst nach zwanzig Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und immer näher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund am Knochen. Trink, trink, mein Söhnchen, durch diesen Saft wird alles besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. – Nun, und Du? Erzähle doch weiter. Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio. So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand erst in ein Haus geschleudert ist, so muß er niemals, niemals wieder erlöschen. Von Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt das Gift, die Kinder rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein neuer Aderlaß muß wieder das Unglück retten und auf die Beine bringen, das sonst vielleicht gar verscheiden könnte. O Rache, Rache ist ein köstliches Wort. Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden. Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in die Welt? Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Städten, konnte aber keine Spur des Mörders entdecken. Der Ruf Pietro's von Abano hielt mich endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als ich in das Haus des Podesta kam – Nun? sprich heraus, Kind! Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, ob ich rase oder träume. Dort sah ich die Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe sie jetzt wieder vor mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein böser, ungeziemender Scherz, und diese Verkleidung, diese Flucht in die Wüste hierher ist wieder eine unziemliche Verlarvung. Gib Dich endlich, endlich zu erkennen, teure, holdselige Crescentia. Weißt Du es ja doch, daß mein Herz nur in Deinem Busen lebt. Wozu diese grausamen Proben? Sind Deine Eltern vielleicht dort in der Kammer, und hören alles, was wir sprechen? Laß sie nun endlich, endlich herein treten, es sei nun der grausamen Prüfung, die mich wahnsinnig machen kann, genug geschehn. Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an, eine solche Wehmut im Angesicht, daß ihm die Tränen aus den Augen stürzten. Er ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht, sagt, ist denn die Tochter des Podesta tot? Gestorben wäre sie? und wann? Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet. Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wieder einschenkte. Nun, da wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen. Warum? Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die Klugen immer gewünscht, es aber niemals hoffen können. Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weißt ja Alles. Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches läßt sich dann auch wohl erraten. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele. Erschreckt nur nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar nichts, daß mich die Herren Florentiner auf den Holzstoß setzen wollten, einige kleine unbedeutende Ursächelchen konnten sie immer für diesen Wunsch anführen. – Schau mir ins Gesicht, Knabe, streiche die Locken aus der Stirn: gut! Nun gib die linke Hand: die rechte; ei! ei! sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglück bevor, aber wenn du es überlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn. Jenseit! seufzte Antonio. Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was wir hier auf Erden nennen. Was die Narren für Worte brauchen. Es gibt kein Jenseit, alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der Brühe abschöpft, der ist übel betrogen. Aber damit kirren sie die Gelbschnäbel, daß sie hübsch im Geleise bleiben, wohin man sie lenken will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt, der ist auch dafür frei, und kann tun, was ihn gelüstet. Antonio sah sie zürnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die blasse Crescentia legte einen so demütig flehenden Blick für ihre Mutter ein, daß sein Zorn entwaffnet wurde. Die Alte gähnte und rieb sich die Augen, und es währte nicht lange, so war sie, vom häufigen Genuß des starken Weins betäubt, fest eingeschlafen. Das Feuer auf dem Herde war erloschen, und die Lampe warf nur noch matte Schimmer. Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia saß am Fenster auf einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der erschöpfte Jüngling endlich. Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte nun erst, daß sie die ganze Zeit über heftig geweint hatte. Sie putzte die Lampe, daß sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte eine schmale Treppe hinauf, und als sie oben in dem engen finstern Behältnisse waren, setzte das Mädchen die Leuchte auf einen kleinen Tisch und war im Begriff sich zu entfernen. Doch schon an der Tür kehrte sie noch einmal um, betrachtete den jungen Mann wie mit einem Totenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann laut schluchzend und in unverständlichen heftigen Klagen wie in Krämpfen zu seinen Füßen nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid. Nein, laßt mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier zu Euren Füßen, wenn ich doch jetzt sterben könnte! Nein, es ist zu entsetzlich! Und daß ich nichts tun, nichts hindern kann, daß ich den Gräuel nur stumm und ohnmächtig anschauen muß. Aber Ihr müßt es erfahren. So sammle Dich nur, sagte tröstend Antonio, daß Du nur Deine Stimme, daß Du nur die Worte wieder findest. Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer gestorbenen Geliebten ähnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in die Mördergrube führen muß. Meine Mutter kann leicht prophezeien, daß Euch ein nahes Unglück bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die allnächtlich hier einkehren. Dieser Höhle ist noch Keiner lebendig entronnen. Jede Minute führt ihn näher und näher, den gräulichen Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten und Gehülfen. Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes sein, Euch keine Hülfe, Euch keine Rettung bieten. Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd faßte er nach seinem Schwert, versuchte seinen Dolch, und sammelte Mut und Entschlossenheit wieder. So sehr er den Tod erst gewünscht hatte, so war es ihm doch zu furchtbar, in einer Räuberhöhle endigen zu müssen. Du aber, fing er an, Du mit diesem Angesichte, mit dieser Gestalt, kannst es über Dich gewinnen, eine Gesellin, eine Gehülfin der Verruchten zu sein? Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich diesem Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier über das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich sein. Ist es nicht besser, jetzt zu sterben? Komm, rief Antonio, die Tür ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der Wald werden uns ihren Schutz verleihen. Seht Euch nur um, sagte das Mädchen, seht nur, wie hier und im untern Gemache die Fenster mit starken Eisenstäben verwahrt sind, die Tür des Hauses ist mit einem großen Schlüssel versperrt, den die Mutter nicht von sich gibt. Saht Ihr nicht, wie sie die Tür ins Schloß warf, als Ihr hereingetreten wart? So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreißen ihr den Schlüssel – Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mädchengestalt, und klammerte sich mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten. Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht sei, und fest schlafe, den großen Schlüssel der Türe leise von ihrer Seite zu nehmen, dann zu öffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane schien Crescentia einige Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in das untere Gemach und fanden die Alte noch fest schlafend. Crescentia machte sich zitternd an sie, suchte und fand den Schlüssel, und es gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Gürtels abzulösen. Sie winkte dem Jüngling, behutsam näherten sie sich der Tür, mit Vorsicht brachten sie den eisernen Schlüssel in das Schloß, mit fester Hand wollte Antonio jetzt ohne Geräusch den Riegel zurückschieben, als er fühlte, daß draußen eben so geräuschlos ein andrer am Schlosse arbeite. Die Tür öffnete sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem Antonio, ein großer wilder Mann. Ildefonso! schrie das Mädchen auf, und der Jüngling erkannte in ihm auf den ersten Blick den Mörder Roberto. Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den Schlüssel? Wohin? Roberto! schrie Antonio und faßte den ungeheuren Mann wütend an der Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des Jünglings, den Bösewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf die Brust und senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei war indessen die Alte erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und riß unter Geheul und Verwünschungen die Tochter hinweg, sie schleppte sie zur Kammer hinauf, und verriegelte von innen die Tür. Jetzt wollte Antonio hinauf, um sich die Kammer mit Gewalt zu öffnen, als mehrere dunkle Gestalten herein traten, und nicht wenig erstaunten, ihren Anführer tot am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer Hauptmann! rief eine breite, bärtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jüngerer Räuber. Beide, auf ihrem Sinne bestehend, fielen sich mörderisch an. Die Lampe ward umgestürzt, und unter Geheul und Fluchen wälzte sich der Kampf in der Finsternis von einer Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine andre Stimme dazwischen; ihr laßt den Fremden entfliehn, schlagt ihn zuerst darnieder und fechtet dann eure Händel aus! Doch jene, vor Wut blind, vernahmen ihn nicht. Schon dämmerte der erste graue ungewisse Strahl des frühen Morgens. Da fühlte Antonio die Mörderfaust an seiner Brust, aber schnell und rüstig stieß er den Angreifenden nieder. Ich bin erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige, besetzt die Tür, laßt ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden, er sprang durch den kleinen Garten und über den Zaun, die Räuber, welchen unterdeß die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur um wenige Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen. Einer warf mit Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten. Unter Geschrei und Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier zeigten sich verschiedene Richtungen, und Antonio war ungewiß, welche er wählen sollte. Da sah er zurück und die Räuber getrennt, er stellte sich dem nächsten und verwundete ihn im Kampf, daß jener das Schwert mußte sinken lassen. Doch zugleich vernahm er Geschrei und sah von einem Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm den Weg bald verrennen mußten. In dieser höchsten Not traf er auf einer kleinen Waldwiese sein Roß wieder an. Es schien sich von der gestrigen Übermüdung erholt zu haben. Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den Zaum ergriffen und geordnet hatte, und mit der größten Schnelle, als wenn das Tier seine Gefahr gefühlt hätte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem Walde. Nach und nach ertönte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner und ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mußte, nichts mehr befürchten zu dürfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor sich liegen. Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Straße zur Stadt, Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurück, indem er nur weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete, warum sein Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Bürger sahen ihn mit Verwunderung an, als er vor dem großen Hause des Podesta abstieg. In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen, was bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimnis war. Kaum hatte sich die Finsternis dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man gemeiniglich nur von seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im innersten Zimmer seines Hauses alle Geräte, alle seine künstlichen Instrumente zu einer geheimen und seltsamen Operation in Ordnung richtete. Er selbst war in lange Gewänder gekleidet, die mit wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal hatte er die magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um seiner Wirkung gewiß zu sein. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht, und erwartete jetzt den günstigsten Augenblick. Sein Gefährte, der häßliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern angetan. Er holte und stellte auf den Befehl seines Gebieters alles so, wie dieser es nötig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wänden verbreitet, der Boden des Zimmers verkleidet, der große Zauberspiegel aufgerichtet, und näher rückte und näher der Moment, den der Magier für den glücklichsten erachtete. Hast Du die Kristalle in die Kreise gestellt? rief jetzt Pietro. Ja, antwortete der geschäftige Gesell, dessen Fratze sich zwischen den Phiolen, Spiegeln, menschlichen Gerippen und allen dem seltsamen Hausrat munter und unermüdlich tummelte. Jetzt wurde das Räuchwerk gebracht, eine Flamme entzündete sich auf dem Altar, und der Magier nahm vorsichtig, fast bebend, aus seinem geheimsten Schranke das große Buch. Geht's los? rief Beresynth. – Schweig, erwiederte der Alte feierlich, und störe die heilige Handlung durch keine frevelnden, durch keine unnützen Worte. Er las, erst leise, dann lauter und eifriger, indem er mit gemessenen Schritten auf und nieder, dann im Kreise wandelte. Nach einer Weile hielt er inne und befahl: schau hinaus, wie sich der Himmel gestaltet. Dichte Finsternis, sagte der rückkehrende Diener, hat den Himmel umzogen, Wolken jagen sich, ein Regen fängt an zu träufeln. – Sie sind mir günstig, rief der Alte, es muß gelingen! Jetzt kniete er nieder, und berührte oft, die Beschwörung murmelnd, mit der Stirn den Boden. Sein Gesicht war erhitzt, seine Augen funkelten. Man hörte ihn die heiligen Namen nennen, die verboten sind auszusprechen, und er sandte nach langer Zeit seinen Diener wieder hinaus, um nach dem Firmament zu schauen. Indessen vernahm man den heranbrausenden Sturm, Blitz und Donner jagten sich, und das Haus schien in seinen Grundfesten zu erbeben. Hört das Wetter, rief Beresynth, eilig zurückkehrend. Die Hölle hat sich von unten heraufgemacht, und wütet mit Feuer und wilden krachenden Donnerschlägen, ein Sturm braust dazwischen, und die Erde zittert. Haltet inne mit Beschwören, daß nicht die Speichen brechen, und die Fugen, die die Welt zusammen halten, zerspringen. Törichter! Blödsinniger! rief der Magier; genug der unnützen Worte! Alle Türen reiß auf, eröffne auch das Tor des Hauses. Der Zwerg entfernte sich, um die Gebote seines Herrn auszurichten. Dieser entzündete indeß die geweihten Kerzen, mit Schaudern nahte er sich der großen Fackel, die auf dem hohen Leuchter stand, auch sie brannte endlich, dann wand er sich auf dem Boden und beschwor lauter und lauter. Seine Augen funkelten, seine Glieder bebten alle, zuckten wie in Krämpfen, und ein kalter Schweiß der Angst floß von seinem Haupte. Mit wilder Gebärde sprang der Zwerg wie entsetzt wieder herein und rettete sich in die Kreise. Die Welt geht unter, schrie er bleich und mit den Zähnen klappernd, die Gewitter ziehn fort, aber alles ist in der stillen Nacht Entsetzen und Graus, jedes Geschöpf hat sich in das innerste Gemach und die Kissen des Bettes geflüchtet, um der Angst zu entweichen. Der Alte erhob vom Boden ein totenbleiches Antlitz, und verzerrt und unkenntlich schrie er mit fremdem Laute: Schweig, Unglückseliger, und störe das Werk nicht. Gib Acht, und behalte Deine Sinne. Das Größte ist noch zurück. Mit einer Stimme, als wollte er seine Brust zersprengen, las und beschwor er wieder, der Atem schien ihm oft zu fehlen, es war, als müsse die ungeheure Anstrengung ihn töten. Da hörte man plötzlich Stimmen durcheinander, wie im Streit, dann wie Gespräch, sie flüsterten, sie tobten und lachten, Gesang ertönte, und verworrener Klang von wundersamen Instrumenten. Alle Geräte wurden lebendig und schritten vor und gingen wieder zurück, und aus den Wänden in allen Gemächern quollen Wesen aller Art, Getier und Ungeheuer und abenteuerliche Fratzen im buntesten Gewirre. Herr! schrie Beresynth, das Haus wird zu enge! Wohin mit allen diesen Geistern? Einer muß den andern fressen. O weh! o weh! Immer gräulicher, immer toller wickelt sich einer aus dem andern: ich verliere den Verstand! Und diese Musik dazu, dies Gellen und Pfeifen, Gelächter dazwischen, und rührende Klagegesänge. Seht, Herr! seht! die Wände, die Zimmer dehnen sich aus: alles wird zu unermeßlichen Sälen, zu hohen Gewölben, und noch schießen die Kreaturen hervor, und vermehren sich mit dem wachsenden Räume. Könnt Ihr nicht raten, könnt Ihr nicht helfen? Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie sterbend. Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge nach dem Dom, und berichte mir, was Du siehst. Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte Beresynth, sie winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und lachen höhnisch über mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere Phantome? Ei was! wenn ihr nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich euch in die grünlichen und blauen Schnauzen hinein! Jeder ist sich selbst der Nächste. Er polterte murrend hinaus. Jetzt ward es still, und Pietro stand auf. Er winkte und alle jene Wundergestalten, die sich am Boden gekrümmt, die sich in der Luft durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schweiß und Tränen ab und holte freier Atem. Sein Diener kam zurück und sagte: Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorüber und verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt nach dem Dom hinschaue, ertönt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle Saiten einer Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, daß die Straße und alle Häuser zitterten. So riß sich dann die große Tür der Kirche auf, Flöten erklangen süß und lieblich, und eine sanfte lichte Klarheit ergoß sich aus dem Innern der Kirche. Gleich darauf trat ein weibliches Gebild in den Schein, blaß, aber glänzend, mit Blumenkronen geschmückt, sie schwebte aus dem Tor und Lichtstrahlen bereiteten ihr eine Straße, auf welcher sie wandeln sollte. Das Haupt gerade, die Hände gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu. Ist es denn diese, auf welche Ihr gewartet habt? Nimm den goldnen Schlüssel, antwortete Pietro, und eröffne mit ihm das innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist ausgebreitet, die Wohlgerüche duften. Dann fort und lege Dich nieder. Forsche nicht weiter nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen, wenn Du Dein Leben achtest. Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem Schlüssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurück warf. Indem kam ein liebliches Gesäusel näher, Pietro ging nach dem Vorsaal, und herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem Totenschmucke, das Krucifix noch in den gefalteten Händen haltend. Er stand vor ihr, sie schlug die großen Augen auf und schauderte in lebhafter Bewegung vor ihm zurück, so daß vom schüttelnden Haupte die Blumenkränze niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hände auseinander, in der linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt. An der rechten Hand führte er sie durch seine Gemächer, und sie ging neben ihm, starr und ohne Teilnahme, ohne sich umzusehn. Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet schmückten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhänge schimmerte am Tage das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die Bewußtlose, wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine Lilienblume, die der Wind bewegt, sie fiel auf die roten Decken und atmete schmerzlich. Aus einem goldnen Fläschchen goß der Alte eine kostbare Essenz in eine kleine Schale von Kristall und legte ihr diese an den Mund. Die blassen Lippen schlürften den wunderbaren Trank, sie schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren vormaligen Freund, wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel in einen tiefen Schlaf. Sorgfältig verschloß der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war ruhig. Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Büchern und Zaubergeräten den Aufgang der Sonne und die Geschäfte des Tages zu erwarten. Als der unglückliche Jüngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am folgenden Tage mit ihm und einem großen bewaffneten Gefolge aus, um jene Hütte, die häßliche Alte und die Räuber aufzusuchen und zu fangen. Nach der Erzählung Antonio's war der trostlose Vater sehr begierig geworden, jenes Mädchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so ähnlich sein sollte. Kann es sein, sagte der Alte unterwegs, daß ein Traum, dem ich mich nur zu oft überlassen habe, wirklich werden sollte? Der Vater war so eilig, daß er dem Jüngling nicht weiter Rede stand. Sie kamen in den benachbarten Wald, und hier glaubte sich Antonio noch zu erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschüttert, daß er nachher seinen Weg nicht entdecken konnte, den er während des Sturmes und dem Krachen des Donners, betäubt, zu Fuß, und über Acker und Feld irrend, fortgesetzt hatte. Sie kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen; wo nur Bäume oder Gebüsche sich entdecken ließen, dahin spornte Antonio, um die Räuberhütte und in ihr jene wundersame Erscheinung wieder anzutreffen, oder wenigstens, wenn die Einwohner auch verschwunden sein sollten, wie er wohl glauben mußte, irgend eine Nachweisung zu erhalten. Der Podesta glaubte endlich, als man schon einen großen Teil des Tages so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des Jünglings habe nur in der Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen gesehn. Das Glück, rief er aus, wäre zu groß, und ich bin nur zum Unglück geboren. In einem Dorfe mußte man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen. Die Bewohner wollten nichts von so verdächtigen Nachbarn wissen, auch hatte man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden. Nach kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der Podesta ihm mit größerem Mißtrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen aufstieß, wurden Erkundigungen eingezogen, doch keiner wußte irgend eine bestimmte Nachricht zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar zerstörten Platz, Asche und Schutt lag umher, einige verkohlte Balken zeigten sich zwischen den Steinen: Bäume, die nahe standen, waren verbrannt. Jetzt schien sich der Jüngling wieder zu erkennen. Hier, so meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mörder und jener wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit und breit war in der wüsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein Diener ritt zum nächsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten zu Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, daß schon seit einem Jahre eine Hütte hier abgebrannt sei, von Soldaten angezündet, der Eigentümer des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes geistliches Amt erwarte, der Verwalter desselben aber nach Ravenna gereist, um eine alte Schuld einzukassieren. Verdrossen und ermüdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurück. Der Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen Geschäften zurück zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles nur an sein Unglück erinnerte. Antonio wollte in der Schule des berühmten Apone sein Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er zog in das Haus dieses großen Mannes, welcher ihm schon seit lange gewogen war. Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum tiefsinnigen Antonio, habt Euch diesem unglücklichen Studio und jenem verderblichen Manne ergeben, der Eure Seele verführen wird? Warum zürnt Ihr, antwortet Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten dürfen, wie es in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt verehrt, den die Fürsten schätzen und lieben, den der heilige Vater selber bald zu einer geistlichen Würde erheben will? Warum haßt Ihr den, der Euch und jedermann mit Liebe entgegen kommt? Wüßtet Ihr, wie seine Lehre mich tröstet, wie er meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet, wie in seinem Munde Frömmigkeit und Religion die begeisterten Worte und Bilder finden, die seine Schüler, wie mit Schwingen des Geistes, in die überirdischen Regionen führen, Ihr würdet nicht so unbillig von ihm denken und sprechen. Lernt ihn näher kennen, sucht seinen Umgang, kommt dem, der keinen zurück weiset, freundlich entgegen, und Ihr werdet mit Reue und in Liebe Euren Haß, Euer voreiliges Urteil über ihn widerrufen. Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jüngling, vor ihm und seinem höllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig, wie sein Meister, belügen kann. Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine lächerliche und auch häßliche Figur, mich wundert selbst, daß ihn der edle Pietro so beständig in allen seinen Zimmern und Geschäften um sich dulden mag: aber sollen Höcker und andre häßliche Abzeichen uns gegen einen Armen, den die Natur vernachlässigt hat, grausam machen? Schöne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus: bei diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrüger. Seht! da kommt das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist kenntlich genug, und jedermann, in dem noch nicht alles Gefühl erloschen ist, gehe ihm aus dem Wege. Beresynth, der die letzten Worte gehört hatte, machte sich in einigen seltsamen Sprüngen herbei. Hochwürdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn etwa selbst von so ausbündiger Schönheit, daß Ihr so unbillig urteilen dürft? Mein Herr ist von Jugend auf ein majestätischer herrlicher Mann gewesen, und der denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders. Was? Ihr kleiner, untersetzter, verstumpfter, kollriger Mann, dem die Nase vor Zorne fast immer rot anläuft? Ihr mit Euren krummen Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten in der kleinen Stirn, Ihr wollt von meiner Häßlichkeit rumoren? Kuckt das Zwerglein doch kaum über die Kanzel hinaus, wenn es dorten hantiert, und ist so schmalbeinig und schmächtig, daß er nicht über den großen Platz gehn darf, wenn der Wind einmal stark weht; den die Gemeinde kaum erkennt, wenn er vor dem Altar gestikuliert, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen muß, in der Hoffnung, er sei wirklich zugegen: – wie, ein solcher Knirps und geistlicher Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede führen? Laßt Euch dienen, unansehnlich Gottseliger, daß man aus meiner Nase allein einen solchen Glaubenshelden, wie Ihr seid, formieren könnte, wobei ich meinen doppelten Höcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung bringe. Der erzürnte Priester Theodor hatte sich schon vor dem Schluß dieser Rede entfernt, und der melancholische Antonio verwies dem kleinen Gesellen seinen Mutwillen; doch dieser rief aus: fangt Ihr nur nicht auch an zu moralisieren! das leide ich einmal von keinem andern als meinem Herrn, denn der ist dazu in der Welt, die Moral, die Philosophie und dergleichen zu dozieren. Aber diese Windfahne von Mönch da, die nur von Neid und Bosheit so knarrend herum gedreht wird, weil er meint, ihm geschieht durch meinen herrlichen Meister ein Abbruch an Autorität, Geld und Gut, der soll nicht den zahnlosen Mund auftun, wo ich mein ungewaschnes Maul nur irgend brauchen kann; und von einem jungen Studenten leide ich auch keine Widerrede, denn ich habe mir schon den Bart verschneiden lassen, als Euer Vater noch im Westerhemdchen lief; Prügel in der Schule und den Esel bekam ich schon angehängt, als sie Eurem erlauchten Großvater die ersten Hosen antaten, darum erzeigt den Respekt da, wo er hingehört und vergeßt niemals, wen Ihr vor Euch habt. Erzürne Dich nicht, kleiner Mann, sagte Antonio, ich meine es gut mit Dir. Meint's, wie Ihr wollt, rief jener. Mein Herr wird Prälat, wißt Ihr das schon? Und Rektor der Universität! Und eine neue goldne Gnadenkette hat er von Paris erhalten! Und Ihr sollt zu ihm kommen, weil er verreisen und Euch vorher noch einmal sprechen will. Schleppt Euch nicht mit Pfaffen so herum, wenn Ihr ein Philosoph sein wollt. In krummen, wunderlichen Sätzen sprang er wieder die Straße hinüber, und Antonio sagte zu Alfonso, der jetzt hinzutrat, und seit einiger Zeit sich oft freundlich zu ihm gesellte: ich weiß niemals, wenn ich mit der kleinen Mißgeburt rede, ob sie ihre Worte ernsthaft, oder nur im Scherze meint. Scheint er doch über sich selbst und alle Kreatur zu spotten. Das ist ihm, antwortete Alfonso, ein notwendiger Ersatz, um sich über seine Ungestalt zu trösten, denn durch seinen Hohn macht er in seiner Einbildung alle übrigen Geschöpfe sich gleich. Aber wißt Ihr schon von den neuen Ehren, die unserm herrlichen Lehrer und Meister zugeteilt sind? Die Welt, erwiederte Antonio, erkennt sein hohes Verdienst, und daß auch der Papst, unser heiliger Vater, ihn jetzt zum Prälaten macht, das wird den neidischen Priestern und Mönchen, die den tugendhaften und frommen Mann immerdar verketzern wollen, endlich Schweigen gebieten. Sie trennten sich, und Antonio eilte, von seinem Lehrer auf einige Tage Abschied zu nehmen. Der kleine Zwerg Beresynth erwartete ihn schon in der Tür mit grinsender Freundlichkeit! In den Zimmern war es schon trübe, und da Beresynth den Jüngling verließ, so ging dieser, der seinen Lehrer im Saale, auch in seiner Bücherstube nicht traf, durch die vielen Gemächer, und gelangte so bis in das innerste, welches er noch niemals betreten hatte. Bei einer dämmernden Lampe saß hier Pietro und verwunderte sich nicht wenig, den Florentiner eintreten zu sehn, der über die Gerippe, seltsamen Instrumente und den wunderlichen Hausrat des Greises erstaunt war. Nicht ohne Verlegenheit näherte sich der Alte. Ich hatte Euch hier nicht erwartet, sagte er, sondern dachte Euch draußen zu treffen, oder Euch oben in Eurem eigenen Zimmer aufzusuchen. Ich soll dem Abgesandten des Papstes, unsers heiligen Vaters, entgegen reisen, um sein Schreiben und die neue Würde, die seine Gnade und väterliche Güte mir mitteilt, demütig und dankbar vom Prälaten dort anzunehmen. Antonio war befangen, und schien die Instrumente und den unbekannten Apparat genau zu betrachten. Ihr verwundert Euch, sagte der Alte endlich, über alle diese Dinge, die mir zu meinen Studien nötig sind; wenn Ihr einmal meine Vorlesungen über die Natur besucht habt, werde ich Euch in Zukunft alles erklären können, was Euch jetzt vielleicht unbegreiflich erscheint. Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio's Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenständen abzog. Eine Tür, die verschlossen schien, war nur angelehnt, sie tat sich auf, und der Jüngling sah in ein Gemach, das mit purpurrotem Lichte erfüllt war, aber in dieser Rosenglut stand an der Tür ein bleiches Gespenst, welches winkte und lächelte. Mit Blitzesschnelle wendete der Alte sich um, warf donnernd die Tür in das Schloß, und verriegelte sie mit einem goldenen Schlüssel. Zitternd und leichenblaß warf er sich dann in einen Sessel, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Als er sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio herbei und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimnis, mein junger Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn, das Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will ich in mein tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer Schüler, mein Erbe werden. Aber laß mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem einsamen Zimmer und rufe im brünstigen Gebete den Himmel und seine heiligen Kräfte zu Deinem Beistande auf. Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung überrascht und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt, denn ihm schien, als müsse dieser einen Zorn unterdrücken, als leuchte ein verhaltener Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem plötzlichen Erlöschen schnell einen stärkern Glanz ausstrahlten. Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im Wettstreit begriffen, wer die ärgsten Fratzen hervorbringen könnte. Der Meister rief jetzt laut den Diener, und die Mißgestalt hüpfte hinein. Antonio vernahm einen lauten Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig. Weinend und heulend kam Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom floß über die ungeheure Nase hinab. Kann er nicht selbst seine Türen verschließen, krächzte die Mißgeburt, der Allerweltsweise und Allmächtige? Ist der Herr dumm, so muß der Diener die Schuld tragen. Schert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf, und laßt mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie er ist, und doch in der Zartheit ein recht ausbündiger Kerl. Marsch da! Der Pylades will wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest zusammenfangen muß. Antonio verließ wie betäubt den Saal. Der florentinische Jüngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um ganz ungestört seinen Leiden und Studien leben zu können. Oben im entferntesten und höchsten Gemache des Hauses hatte er sich eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn er von hier die schönen und fruchtbaren Gefilde des Landes übersah und dem Laufe des Stromes mit den Blicken folgte, so dachte er um so inniger seiner entschwundenen Geliebten. Er hatte ihr Bild von den Eltern bekommen, und einiges Gerät, mit welchem sie als Kind gespielt hatte; vorzüglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren rührenden Klagegesängen nur sein eigenes Leid auszutönen schien. Dieser Vogel war von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der schwärmende Jüngling bewahrte ihn als ein Heiligtum, als den letzten Überrest seines irdischen Glückes. Andre Jünglinge seines Alters sahe er nicht, außer dem Spanier Alfonso, mit welchem ihn der gleiche Enthusiasmus für die Größe des Pietro Abano vereinigte. Der Podesta Ambrosia hatte seine Stelle niedergelegt und die Stadt verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich seinen Verwandten in Venedig zu entziehn. Er hatte es aufgegeben, die frühgeraubte Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um so inniger, daß Antonio ihm diese Hoffnung so erschütternd wieder in seine Seele gerufen hatte. Er war überzeugt, der Jüngling habe ihn und sich selbst mit den Fieber-Phantasien jener Nacht getäuscht. Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz allein im großen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht war ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild vor Augen, das ihm, wie es ihn erschüttert hatte, doch die schönsten Empfindungen zurück rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm erstorben sei, Gebilde, die er nicht festhalten konnte, bewegten sich in ewig umschwingenden Kreisen vor seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm fürchterlich, daß er an seinem verehrten Lehrer irre wurde, daß er unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen ahndete, das seit jenem Blick ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um ihm allen Lebensmut zu rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu überliefern. Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig sicher zu stellen, riß die Kette, an welcher er das Bildnis seiner Geliebten trug, und das Gemälde rollte nach der Wand zu, und hinter den eichenen alten Brettern hinab. Der Unglückliche wird auch von Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch forschte, war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm wurde mit jedem Hindernis heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte, den Schrein zu rücken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und hundert vergeblichen Bemühungen geschah ein Riß mit lautem Krachen, als wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wäre. Jetzt wich allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein geliebtes Bildnis. Es lag auf dem breiten Knauf einer Tür, die in der Mauer war. Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Tür öffnete sich, und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu schieben, um diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte, daß der Besitzer des Hauses diese geheime Öffnung, die mit so vieler Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, daß hinter der Tür eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige Stufen hinunter, die dichteste Finsternis umgab ihn. Er schritt weiter und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß, denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog, und sogleich öffnete sich die Mauer und ein roter Glanz quoll ihm entgegen. Noch ehe er in die Öffnung hineintrat, untersuchte er die Tür und fand, daß eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm aufgetan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach. Rote kostbare Teppiche schmückten es, mit Purpurdecken von schwerer Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von glänzendem Scharlach mit Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hörte das Getöse der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam und endlich dünkte ihm, er vernähme des Säuseln des Atems, wie von einem Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um zu spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge zurück – und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß, aber süß schlummernd, das Bildnis seiner geliebtesten Crescentia. Der Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Röte war den blassen Lippen angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich bewegt wurden. Das Haar war aufgelöst und lag in seinen schweren dunklen Locken auf den Schultern. Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich wie von einer übernatürlichen Gewalt getrieben, faßte er die weiße, schöne Hand, und wollte die Schläferin gewaltsam emporziehen. Diese stieß einen klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen, das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildnis umschlossen hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte sich wie ohnmächtig, und strebte in langsamen anmutigen Bewegungen dem Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten Ärmel zurück fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände falteten sich und sanken dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und der glänzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch strichen die feinen langen Finger sie zurück; ganz aufrecht sitzend kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß einen schweren Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen und glänzend. Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette befestigt war, richtete sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt in der purpurnen Umhüllung hoch aufgerichtet die große schlanke Gestalt, sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio, der zurück gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen Ausruf der Überraschung, wie wenn Kinder sich plötzlich über ein neues Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lächelte ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio! Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Überraschung und dem tiefsten Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu ihren Füßen stürzen, oder in Tränen aufgelöst sterben sollte. Das war derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die sein überschwellendes Gefühl erstickte. Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter. Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit den Händen sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst? Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme nieder, so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht tot, und lebe doch nicht. Reich' mir die Schale dort. Eine duftende Flüssigkeit schwebte in dem kristallenen Gefäß, er reichte es ihr zitternd, sie setzte es an den Mund und schlürfte den Trank in langsamen Zügen. Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur diese irdischen Kräfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu tun, um Hülfe von Dir zu erflehen, um Dich zu vermögen, mir zu der Ruhe zu verhelfen, nach welcher sich alle meine Gefühle so inbrünstig sehnen. Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio saß zu ihren Füßen. Höllische Künste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode erweckt. Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel verehrte, ist ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses Lebens. Er liebt mich, wie er sagt. Wie schauderte mein Gefühl vor ihm zurück, als ihn mein erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich atme, ich kann ganz, wenn ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es mir der Böse verheißen, wenn ich mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn er, in geheimer Verborgenheit, mein Gatte werden darf. – O Antonio, wie schwer wird mir jedes Wort, jeder Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an meiner Sehnsucht zum Tode. Das war fürchterlich, als mein Geist, schon in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer Anschauungen, aus dem stillen Frieden so gräßlich zurückgerissen wurde. Mein Leib war mir schon fremd, feindlich und verhaßt worden. Zurück kam ich, wie der befreite Sklave zu Ketten und Gefängnis. Hilf mir, Treuer, rette mich. Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb' ich? Wie muß ich Dich wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben zurückkehren? Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehören? Unmöglich! rief Crescentia mit einem ängstlichen Ton, und ihre Blässe wurde vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es wieder suchen, der schon davon gelöst war? Du Armer fassest die tiefe Sehnsucht nicht, die Liebe, das Entzücken, womit ich den Tod denke und wünsche. Noch inniger, wie ich Dich ehemals liebte, noch brünstiger, wie meine Lippen am Osterfeste nach der heiligen Hostie schmachteten, ist mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich freier und inniger in Gott. Dann bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb' ich, sonst war ich gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein Rätsel. Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein hinein schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in meiner Einsamkeit schlagen hörte, welch süßes Grauen, welche finstre Freude und Angst rieselte dann durch die Dämmerung meines Wesens. O hilf mir los von der Kette. Was kann ich für Dich tun? fragte Antonio. Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte eine Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach! wenn ich eine Kirche betreten könnte, wenn ich zugegen wäre, indem der Herr im Sakrament erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann würde ich in diesem seligen Augenblicke vor Entzücken sterben. Was hindert mich, sprach Antonio, den Bösewicht anzugeben, ihn den Gerichten und der Inquisition zu überliefern? Nein! nein! nein! ächzte das Bildnis in der höchsten Angst: Du kennst ihn nicht, er ist zu mächtig, er würde entfliehn und mich wieder mit sich in den Kreis seiner Bosheit reißen. Stille, ruhig nur kann es gelingen, wenn er sicher ist. Ein Zufall hat Dich zu mir geführt. Du mußt ihn ganz sicher machen, alles verschweigen. Der Jüngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie trank noch einmal von dem Wundertrank, dann ließ sie sich nach dem Lager führen. Lebe wohl, rief sie schon wie träumend, vergiß mich nicht. – Sie bestieg das Bett, legte sich ruhig nieder, die Hände suchten das Krucifix, das sie mit geschlossenen Augen küßte, dann reichte sie dem Liebenden die Hand, und winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer hinstreckte. Antonio betrachtete sie noch, dann ließ er die Feder die unsichtbare Tür wieder einfügen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu seinem Gemache wieder hinan, stellte den Schrank an seine vorige Stelle, und brach in heiße Tränen aus, als ihn der Gesang der Nachtigall mit seinen schwellenden Klagetönen bewillkommte. Auch er sehnte sich nach dem Tode, und wünschte nur vorher diejenige, die noch vor wenigen Wochen seine irdische Braut gewesen war, von ihrem wundersamen schrecklichen Zustande zu erlösen. Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurück käme, hatte Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes gelenkt. Es war ihm ungelegen, daß ihm hier sein Freund, der Spanier, begegnete, denn er war nicht gestimmt, ein Gespräch zu führen. Doch konnte er dem Gespielen nicht mehr ausweichen, und so ergab er sich in stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst erfreulich und tröstend gewesen war. Nur halb hörte er auf dessen Reden, und erwiederte nur sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von Alfonso's ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er endlich verdrüßlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid Ihr nicht mehr wie sonst fähig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und ihm den Preis zu geben, den er verdient? Antonio mußte sich sammeln, um nicht ganz in seinen träumenden Zustand zu versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, daß ich Euch beleidigt habe. – Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber wenn Ihr mich irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt, wenn nicht die bittersten Gefühle mein Herz zerreißen sollen, so unterlaßt heut das lobpreisen Eures vergötterten Pietro. Sprechen wir von andern Gegenständen. Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger Mensch, denn die Weisheit, das seh' ich nun wohl ein, ist Euch ein zu erhabenes Gut. Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch wieder nach den Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwärter. Bleibt nur bei diesen so lange, bis Euch die Milchzähne ausgefallen sind. Ihr sprecht übermütig, rief Antonio erzürnt, oder vielmehr wißt Ihr gar nicht, was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch. Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie ein Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jünglingen dieser Universität so hoch würdiget, daß Ihr in seinem Hause wohnen dürft, der Euch sein innigstes Vertrauen schenkt, wodurch hat dieser es verschuldet, daß Ihr ihn so kleinmütig verleugnet? Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, daß Ihr ihn nicht kennt, daß ich Ursache, und die vollständigste habe, anders von ihm zu denken, so würdet Ihr mich wieder nicht verstehn. Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso höhnisch, so hoch in seine geheime Philosophie hinein gestiegen, daß der gewöhnliche, unbegünstigte Erdensohn Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, daß das halbe und Viertel-Verdienst sich am höchsten aufbläht. Pietro Abano ist demütiger, als Ihr, seine schwächliche Kopie. Ihr seid ungezogen, rief der junge Florentiner in der höchsten Erbitterung aus. Wenn ich Euch nun bei meiner Ehre, bei meinem Glauben, beim Himmel und bei allem, was mir und Euch heilig und ehrenwert sein muß, versichere, daß es in ganz Italien, in Europa, keinen so argen Bösewicht, keinen so verruchten Heuchler gibt als diesen – Wen? schrie Alfonso. Pietro Abano, sagte Antonio gemäßigt: was würdet Ihr dann sagen? Nichts, rief jener wütend, der ihn nicht hatte endigen lassen, als daß Ihr und jedermann, der dergleichen zu sprechen wagt, der nichtswürdigste Schurke sei, der je das Heilige zu lästern sich erfrechte. Zieht, wenn Ihr nicht eine eben so verächtliche Memme, als ein niederträchtiger Verleumder heißen wollt. Das gezogene Eisen begegnete dem Auffordernden schon eben so schnell, und es half nichts, daß ihnen eine heisere ängstliche Stimme: Halt! zurief. Alfonso war in der Brust verwundet, und zu gleicher Zeit rann Blut aus dem Arm Antonio's. Der alte Priester, der die Erbitterten hatte trennen wollen, eilte nun herbei, er verband die Wunden und stillte das Blut, darauf rief er andere Studierende herzu, die er in der Nähe schon gesehen hatte, die den ermatteten Alfonso nach der Stadt führen sollten. Ehe sich dieser entfernte, ging Antonio noch einmal zu ihm, und raunte ihm ins Ohr: wenn Ihr ein Edelmann seid, so kommt von der Ursache unsers Zwistes kein Wort über Eure Lippen. In vier Tagen sprechen wir uns wieder, und wenn Ihr dann nicht meiner Überzeugung seid, bin ich zu jeder Genugtuung erbötig. Alfonso versprach feierlich, auch alle Umstehenden versicherten, daß die Wunde so wie das Gefecht selbst verschwiegen bleiben sollten, um den jungen Florentiner keiner Gefahr auszusetzen. Als sich alle entfernt hatten, ging Antonio mit dem Priester Theodor tiefer in den Wald. Warum, fing dieser an, wollt Ihr Euch, eines Verdammten wegen, selber der Hölle überliefern? Ich sehe, daß Ihr jetzt anderer Meinung seid; aber ist das Schwert wohl der Redner, der andre bekehren darf? – Antonio war ungewiß, in wie weit er sich dem Mönche entdecken sollte, doch verschwieg er ihm noch die wunderbare Begebenheit, welche er erlebt hatte, und bedung sich nur die Erlaubnis aus, bei dem nahe bevorstehenden Osterfeste, während des Hochamtes, durch die Sakristei in der Nähe des Altars zum großen Tempel eingehen zu dürfen. Nach einigen Einwürfen gab Theodor nach, ob er gleich nicht begriff, was der Jüngling mit dieser Erlaubnis bezwecken könne. Ich will einen Gast so in die Kirche einführen, sagte dieser nur noch, dem man am großen Tor den Eingang vielleicht versagen würde. Alle Glocken der Stadt läuteten, um das heilige Osterfest in Freuden und Andacht zu begehn. Das Volk strömte nach dem Dom, um das froheste christliche Fest zu feiern, und auch den berühmten Apone in seiner neuen Würde zu erblicken. Die Studierenden begleiteten ihren berühmten Lehrer, der vom Adel, dem Rat und der Bürgerschaft ehrfurchtvoll begrüßt in anscheinender Frömmigkeit und Demut dahin wandelte, Allen ein Beispiel, der Stolz der Stadt, das begeisternde Vorbild der Jugend. An der Tür des Tempels wich das Gedränge in scheuer Verehrung zurück, um dem Gefeierten Platz zu machen, der in der Tracht des Prälaten, mit der goldenen Kette geschmückt, im weißen Bart und lockigen Haupthaar einem Kaiser oder einem alten Lehrer der Kirche in seinem majestätischen Anstände zu vergleichen war. In der Nähe des Altars war dem berühmten Manne ein erhobener Sitz zubereitet, daß Schüler und Volk ihn sehn konnten, und als die Menge der Andächtigen in den Tempel hereingeströmt war, begann das Hochamt. Theodor, der kleine Priester, las an diesem Tage die Messe, und Jung und Alt, Vornehm und Geringe war in Freudigkeit, das Fest der Auferstehung des Herrn würdig zu begehn, den wiederkehrenden Glanz zu schauen, und sich nach den Tagen der strengen Fasten, nach den betrübenden Vorstellungen der Leiden und des Schmerzes an dem Gefühl des wieder erwachten Lebens zu trösten. Schon war der erste Teil des Gottesdienstes geendigt, da sah man mit Erstaunen an der Seite des Altars Antonio Cavalcanti in die Kirche treten, der eine dicht verschleierte Figur an seiner Hand führte. Er stellte diese auf die Erhöhung, dem Pietro dicht gegenüber, und warf sich dann betend am Altare nieder. Die Verschleierte stand starr und hoch da, und man sah unter der Verhüllung die brennend schwarzen Augen. Pietro erhob sich vom Sessel, und sank bleich und zitternd in denselben zurück. Die Musik der Messe strömte und wogte in volleren Akkorden, jetzt wickelte sich die Verhüllte langsam aus ihren Schleiern, das Antlitz war frei, und die Nächsten erkannten mit Entsetzen die gestorbene Crescentia. Ein Schauder ging durch die ganze Kirche, auch die Fernsten faßte ein heimliches Grauen, das totenbleiche Bild so hoch dort stehn zu sehn, das so andächtig betete und die großen feurigen Augen nicht vom Priester am Altar verwendete. Auch der große mächtige Pietro schien in eine Leiche verwandelt, man hätte ihn den entstellten Zügen nach für tot halten können, wenn sich sein Leben nicht im heftigen Zittern verraten hätte. Nun wendete sich der Priester, und erhob die geweihte Hostie, Trompeten verkündigten die erneute Gegenwart des Herrn, und mit einem Jubelton, mit hochentzücktem Antlitz, die Arme weit ausgebreitet, indem sie laut Hosiannah! rief, daß die Kirche wiedertönte, brach nun die bleiche Erscheinung zusammen, und lag tot, starr und bewegungslos zu Pietro's Füßen hingestürzt. Das Volk lief hinzu, die Musik verstummte, Fragen, Verwundern, Entsetzen und Schreck sprach und forschte aus jeder Miene, der Adel und die Studierenden wollten den ehrwürdigen Greis, der so tieferschüttert schien, trösten und unterstützen, als Antonio mit gellendem Tone: Zeter! Zeter! schrie, und die furchtbarste Anklage, die schrecklichste Erzählung begann, die höllische Kunst, die verworfene Magie des zagenden Sünders aufdeckte, von sich und Crescentia und ihrem schaudervollen Wiederfinden sprach, so daß Zorn, Wut, Verwünschung, Abscheu und Fluch, wie ein stürmendes Meer, um den Geängsteten tobten und ihn zu vernichten, im Wahnsinn des Grimmes zu zerreißen drohte. Man sprach von Schergen und Fesseln, die Inquisitoren nahten, als sich Pietro wie rasend erhob, mit geballten Fäusten um sich stieß und schlug, und riesenhaft sich auszudehnen schien. Er trat zu Crescentia's Leichnam, der lächelnd wie das Bild einer Heiligen dalag, betrachtete sie noch einmal, und ging dann brüllend und mit funkelnden Augen durch die Menge. Ein neues Entsetzen ergriff das Volk, man machte dem Ungeheuren Platz, alles wich zurück. So kam Pietro auf die freie Straße, doch nun besann sich der Pöbel, und mit Geschrei, Verfluchung und Schimpfreden verfolgte er den Fliehenden, der in Eil dahin rannte, indem sein Talar ihm weit nachflog, und die goldne Kette schallend auf Brust und Schultern schlug. Das Gesindel grub die Steine aus dem Boden und warf nach ihm, da es ihn nicht einholen konnte, und verwundet, blutend, triefend von Schweiß, die Zähne klappernd vor Angst erreichte Pietro endlich die Schwelle seines Hauses. Er verbarg sich in den innersten Gemächern, und der neugierige Beresynth trat fragend und forschend dem Pöbel und dem Andrang des Volkes entgegen. Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreißt den Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die Straße geführt und gestoßen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen und Schreien ward ihm keine Antwort, auch vernahm man in dem stürmenden Getümmel nichts anders als Flüche und Todesdrohung. Bringt mich ins Verhör! schrie endlich der Zwerg, da wird meine Unschuld offenbar werden! Die herbeigerufenen Schergen ergriffen ihn, und führten ihn nach dem Gefängnis. Alles Volk drängte sich nach. Hier hinein! rief der Anführer der Häscher, Ketten und Holzstoß warten Deiner. Er wollte sich losreißen, die Schergen packten ihn und stießen ihn hin und her, der faßte ihn am Kragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn fest zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewiß zu werden. Indem sie ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder zerrten, fuhren alle plötzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein Kleidungsstück, Ärmel, Mütze oder Schuh des Mißgeschaffenen, er selbst war nirgend zu sehn. Entflohen konnte er nicht sein, er schien verschwunden, doch keiner begriff wie. Als man Apone's Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden tot und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plünderte das Haus, die magischen Instrumente, die Bücher, der seltsame Hausrat, alles wurde den Flammen übergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als Verfluchung des Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der Gottheit verehrt hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem Trugbild wendeten, war nun um so größer. Als sich das Getümmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde der Leichnam Pietro's still in der Nacht außerhalb des geweihten Kirchhofes, beigesetzt. Antonio und Alfonso versöhnten sich wieder, und schlossen sich dem frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit Feierlichkeit und einer andächtigen Rede, den Leichnam der schönen Crescentia in die ihr bestimmte Gruft legen ließ. Antonio konnte nun nicht länger in Padua bleiben, er wollte seine Vaterstadt wieder besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich dann vielleicht in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso faßte den Entschluß, nach Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und Ablaß von Sünden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italien regte sich alles, sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Züge von Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhörte Feierlichkeit, dieses große Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn. Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine einsame Bahn, denn er vermied die große Straße, teils um seiner Schwermut desto ungestörter nachhängen zu können, teils um die Schwärme zu vermeiden, die sich auf dem großen Wege drängten, und in den Nachtlagern beschwerlich fielen. So seiner Laune folgend, streifte er durch die Fluren und die Täler des Apennins. Einst ging die Sonne unter, und keine Herberge wollte sich zeigen. Indem die Schatten dichter wuchsen, hörte er seitwärts im Walde das Glöcklein eines Einsiedlers schallen. Er ging dem Tone nach und gelangte, als die Dunkelheit der Nacht schon hereingebrochen war, an die kleine Hütte, zu welcher ein schmaler Steg von Brettern über den Bach in das Buschwerk hinein führte. Er fand einen alten gebrechlichen Greis in tiefster Andacht vor einem Krucifixe betend. Der Einsiedler nahm den Jüngling, der ihn freundlich begrüßte, mit Wohlwollen auf, bereitete ihm im Felsen, der durch eine Tür von der Einsiedelei getrennt war, ein Lager auf Moos, und setzte ihm von seinen Früchten, Wasser und etwas Wein vor. Als Antonio erquickt war, erfreute er sich am Gespräche des Mönchs, der früher in der Welt gelebt und als Soldat manchen Feldzug mitgemacht hatte. So war es tiefe Nacht geworden, und der Jüngling begab sich zur Ruhe, indem ein anderer kranker und schwacher Mönch hereintrat, der mit dem Einsiedler in Gebeten die Nacht zubringen wollte. Als Antonio eine Stunde geruht hatte, fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf. Ihm dünkte, er vernähme laute Stimmen und Streit. Er richtete sich empor, und es blieb ihm über das Gezänk und dem Wortwechsel kein Zweifel übrig. Auch die Töne schienen ihm bekannt, und er fragte sich selber, ob er nicht träume. Er näherte sich der Türe und entdeckte eine Spalte, durch welche er in den vordern Raum schauen konnte. Wie erstaunte er, als er Pietro Abano gewahr wurde, den er für gestorben halten mußte, der mit zornigen Augen und rotem Antlitz laut sprach und sich in heftigen Gebärden bewegte. Ihm gegenüber stand die Fratze des kleinen Beresynth. Also Euren Verfolger, rief dieser mit krächzender Stimme, der Euch unglücklich gemacht, den verliebten frommen Narren, habt Ihr hier in Eurem Hause? der ist von selbst, wie ein Kaninchen, zu Euch in die Grube gefallen? Und Ihr zögert noch, ihn abzuschlachten? – Schweig, rief die große Figur, ich habe mich schon mit meinen Geistern beraten, sie wollen nicht einwilligen, ich kann ihm nichts anhaben, denn er ist in keiner Sünde befangen. – So schlagt ihn, sagte der Kleine, ohne Eure Geister, mit Euren eigenen huldreichen Händen tot, so wird ihm seine Tugend und Sündenlosigkeit nicht viel helfen, und ich müßte ein elender Diener sein, wenn ich Euch in so löblicher Tat nicht beistehen sollte. – So laß uns, rief Pietro, an das Werk gehn, nimm den Hammer Du, ich führe das Beil, jetzt schläft er fest. – Sie näherten sich der Tür, doch Antonio riß diese auf, um den Bösewichtern mutig entgegen zu treten. Er hatte sein Schwert gezogen, aber er blieb wie eine Bildsäule, mit aufgehobenem Arme stehn, als er zwei kranke, gebrechliche Einsiedler auf den Knieen vor dem Kreuze liegend fand, die ihre Gebete murmelten. Wollt Ihr etwas? fragte ihn sein Wirt, der sich mühsam vom Boden erhob. Antonio konnte verwundert keine Antwort geben. Warum das Schwert? fragte der gebückte, schwache Eremit; wozu diese feindlichen Blicke? Antonio zog sich zurück mit der Entschuldigung, daß ihn ein böser Traum erschreckt und geängstigt habe. Er konnte nicht wieder einschlafen, so verstört waren seine Sinne. Da vernahm er wieder deutlich Beresynths krähende Stimme, und Pietro sagte mit vollem klaren Tone: laß ab, denn Du siehst, er ist bewaffnet und gewarnt, er wird sich dem Schlafe nicht von neuem überlassen. – Wir müssen ihn überwältigen! schrie der Kleine, da er uns nun wieder erkannt hat, sind wir ja auf alle Weise verloren! Der Knecht gibt uns morgen der Inquisition an, und das Volk ist auch dann gleich mit dem Verbrennen bei der Hand. Durch die zerrissene Tür erkannte er die beiden Zauberer. Er stürzte wieder mit gezogenem Schwerte hinein, und fand wieder zwei kranke Alte, im Gebete flehend, am Boden liegen. Erbittert über die Truggestalten ergriff er sie in seine Arme, und rang kräftig mit ihnen, sie wehrten sich verzweifelnd, bald war es Pietro, bald der Eremit, bald das Gespenst Beresynth, bald ein kranker Greis. Unter Geschrei, Toben, Fluchen und Wehklagen gelang es ihm endlich, sie aus der Zelle zu werfen, die er dann fest verriegelte. Nun hörte er draußen Gewinsel, Bitten und Ächzen, dazwischen ein Flüstern von vielen Stimmen, Gesang und Geheul, nachher schien Regen und Sturm sich aufzumachen und ein fernes Gewitter grollte zwischen das mannigfache Getöse. Betäubt schlief endlich Antonio, auf sein Schwert gelehnt, vor dem Krucifixe ruhend ein, und als ihn der kalte Morgenwind erweckte, fand er sich auf der höchsten Spitze einer schmalen Klippe, mitten im dicken Walde wieder, und glaubte hinter sich ein Hohngelächter zu vernehmen. Nur mit Lebensgefahr gelang es ihm, von der schroffen Höhe hinab zu klimmen, indem er die Kleider zerriß und Antlitz und Hand und Fuß verwundete. Mühselig mußte er durch die Wälder irren, kein Mensch war zu errufen, keine Hütte, so oft er auch die Anhöhe bestieg, weit umher zu entdecken. Erst in der Nacht traf er, von Müdigkeit, Hunger und Erschöpfung aufgelöst, auf einen alten Köhler, der ihn in seiner kleinen Hütte erquickte. Er erfuhr, daß er von jener Einsiedelei, die er gestern getroffen hatte, wohl zwölf Meilen und mehr entfernt sei. Erst spät am folgenden Tage konnte er, etwas gestärkt und ermuntert, seine Reise nach Florenz wieder fortsetzen. Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein väterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden, welchen Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glück des Daseins so treulos geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder Traum erwiesen hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in dem großen väterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den wohlbekannten Zimmern sein Unglück und das seiner Eltern sich recht lebhaft zu vergegenwärtigen. Er gedachte jener scheußlichen Hexe, die in sein Verhängnis verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so wunderbar wie seine Braut erschienen und wieder verschwunden war. Hätte er nur irgend eine Hoffnung fassen können, so wäre es ihm möglich gewesen, sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Endlich ging ihm der Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner Seele auf, nach Rom zu wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den Gnaden der Gläubigen Teil zu nehmen, die berühmten Kirchen und Heiligtümer zu besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedränge der unzähligen Fremden, die aus allen Teilen der Erde dorthin zogen, zu zerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermutete auch, den alten Ambrosio in der großen Stadt anzutreffen, sich von diesem Leidenden, der ihm Vater hatte werden wollen, trösten zu lassen, und dem Bekümmerten wohl auch Trost gewähren zu können. Mit diesen Gesinnungen und Erwartungen machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit in Rom an. Er erstaunte, als er in die große Stadt eintrat. So hatte er sich ihre Macht, ihre Denkmäler, und das Getümmel der unzähligen Fremden nicht vorgestellt. Hier war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder Bekannten aufzufinden, wenn man seine Wohnung nicht schon genau bezeichnen konnte. Und doch begegnete ihm dieser wunderbare Zufall, daß er den Ambrosio plötzlich antraf, indem er das Kapitol hinaufsteigen wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der Podesta nahm ihn sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die trauernde Mutter begrüßte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro's, von der Wiederbelebung Crescentia's und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger, entstellt, mit verworrenen Zusätzen und Widersprüchen, von der oftmaligen Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegenteil ausgebildet. Die Eltern hörten mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio's Munde, so furchtbar das Entsetzen auch beide, vorzüglich die Mutter, ergriff, die mit Abscheu den alten scheinheiligen Magier verwünschte, von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu glauben schien, daß er den Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft, herbeigeführt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem wahnsinnigen Frevel erwecken zu können. Überlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel; was geschah und stadt- und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere, die doch vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu verwickeln. Mag es sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin ich wenigstens dahin entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermögens zu entziehen. Durch meine Beschützer hier werde ich es möglich machen, meine Besitzungen Klöstern oder frommen Stiftungen zu übertragen, und mein Lebensüberdruß bewegt mich vielleicht, selbst als Mönch oder Klausner mein Leben zu enden. Wie aber, wandte die Mutter mit Tränen ein, wenn es doch noch möglich wäre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzählt hat, wieder aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht genannt hat, die Ähnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam überein, daß wir die Hoffnung, das allerhöchste Gut des Lebens, nicht zu früh, nicht übereilt aus Verzweiflung aufgeben sollen. Gute Eudoxia, sagte der Vater, laß, laß alle jene Träume, Sagen und Einbildungen fahren, für uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewiß, als der Tod, und daß dieser fromm und sanft sei, müssen wir wünschen und vom Himmel erflehen. Und wenn nun nachher, und zu spät, rief die Mutter aus, unser armes verwaistes Kind sich wieder finden sollte, dürfte uns die Unglückselige nicht mit Recht schelten, daß wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht vertraut, und ihr Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet haben? Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jüngling und sagte dann: es gehört noch zur Vergrößerung unsers Elends, daß Ihr die Arme mit Euren kranken Einbildungen angesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des Lebens geraubt habt. Wie meint Ihr das? fragte Antonio. Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und Wald, wo Ihr mir jenes Märchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen Nacht begegnet sein sollte – Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkürlich auf sein Schwert. Laßt das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer Lüge bezichtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmut, wie Eure Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jüngling, ohne meine Erinnerung beigefallen, daß seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge meiner Tochter begegnet, die Ihr am folgenden Tage als Braut heimzuführen gedachtet, Eure Sinne in Unordnung geraten sind, Eure Vernunft geschwächt ist? In der einsamen Nacht, im Gewitter, in aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die Gestorbene wieder zu sehen, daran knüpfte sich die Erinnerung an Euren unglücklichen Vater, an Eure früh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene Gebilde, und setzten sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur jener Hütte? Wußte uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen getöteten Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren Tochter, an welches ich wohl glauben muß, ist allein hinreichend, auch das kälteste Gefühl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun verwundern, wenn Ihr wieder etwas Unmögliches erlebt haben wollt, daß Ihr im Gebirge den gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht erkannt habt, daß jenes fast lächerliche Gaukelspiel mit Euch vorgenommen sei, das Ihr uns eben so bestimmt erzählt habt? Nein, junger Freund, Gram und Schmerz haben Euren gesunden Sinn zerrüttet, daß Ihr nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der Wirklichkeit sind. Antonio war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Wie sehr ihn der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkräften erschüttert hatte, so war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu deutlich bewußt, um sie auf diese Weise in Zweifel ziehen zu können. Er fühlte einen neuen Trieb zur Tätigkeit, er wünschte wenigstens dartun zu können, daß die Geschichte jener Nacht kein Traumbild, daß jene zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und darum war es sein lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den trauernden Eltern zurück zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschämen zu können. In dieser Stimmung verließ er den alten Freund, und streifte durch die Stadt, allenthalben vom Gewühl des Volks gedrängt und vom mannigfaltigen Geschrei, Fragen und Erzählen in allen Sprachen betäubt. So war er von den Massen geschoben und gestoßen bis zum Lateran fortgetrieben worden, als er ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewühl etwas öffnete, jene häßliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schönen Mädchens, die ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre Nähe zu kommen, und es schien ihm schon zu gelingen, als ein entgegenströmender Zug von Pilgern ihn wieder völlig von jener Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen unmöglich machte. Indem er am heftigsten kämpfte und sich auf die Stufen des Tempels des heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu können, fühlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich zu finden hoffte? Wie meinst Du das? fragte Antonio. Laß uns nur aus dem Gedränge und dieser Strömung kommen, rief jener, hier vernimmt man vor tausendfältigem Sprechen, und vor dem Gesumme der ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort. Sie begaben sich in das Gefilde, und hier eröffnete ihm Alfonso, daß, seitdem er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie, der Wahrsagekunst und ähnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals gehaßt, weil er der Überzeugung gewesen, sie könnten nur durch verdammliche Mittel und Hülfe der bösen Geister errungen werden. Seit ich aber, fuhr er fort, die Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio gemacht habe, erscheint mir dies Wissen in einem gar höheren und verklärteren Lichte. Ist es möglich, rief Antonio aus, daß nach jener furchtbaren Begebenheit in Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr bloß stellen kannst! Dir leuchtet nicht ein, daß dasjenige, was auf natürlichem Wege und mittelst der Vernunft zu erreichen steht, nicht der Mühe verlohnt, weil es geringfügige Künste sind, die nur Scherz und Gelächter veranlassen können; alles Höhere aber, welches nicht auf leere Täuschung hinausgeht, allerdings nur durch böse und verdammliche Kräfte aufzuregen ist? Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um unsere Natur ganz zu verstehn, viel weniger die übrige Welt und alle Geheimnisse zu fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken habe, so werden alle Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja kindlich, wie er ist, leuchtet uns aus jedem seiner Blicke das schönste Vertrauen entgegen. Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein. Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie ein überirdisches Wesen auftreten, er bestrebte sich mit Kunst und Bewußtsein, als ein Abgesandter des Himmels zu erscheinen, und mit erkünsteltem Glanz die gewöhnlichen Söhne der Menschen zu blenden. Er erfreute sich des Pompes, er ließ sich zwar herab, aber nur, um den ungeheuren Abstand zwischen ihm und uns noch fühlbarer zu machen. Schwelgte er nicht in der Bewunderung, die ihm Vornehm und Gering, Jugend und Alter zollen mußten? Aber mein jetziger Freund (denn das ist er, weil er sich mir ganz gleich stellt) will nicht groß und erhaben erscheinen, er belächelt dies Bestreben so vieler Menschen, und meint, schon dies leiste Gewähr, daß etwas Unechtes, Gebrechliches verhüllt werden solle, denn ein klares Bewußtsein wolle nur gelten als das, was es sich fühlt, und der größte der Sterblichen müsse sich ja doch gestehn, daß er eben so, wie der blödsinnige Bettler auch, nur ein Sohn des Staubes sei. Du machst mich begierig, sagte Antonio: er kennt also Zukunft und Vergangenheit? Die Schicksale der Menschen? Und weiß mir zu sagen, wie glücklich oder unglücklich noch meine Verhängnisse sein werden? Ob gewisse, geheimnisvolle Wünsche sich erfüllen können? Kann er denn erraten und entziffern, was mir selbst in meiner eigenen Geschichte undeutlich ist? Das eben ist seine Weisheit, sagte Alfonso begeistert, daß er durch Buchstaben und Zahlen auf die einfachste und unschuldigste Weise alles erfährt, wozu jene Unglückseligen Beschwörungen, Formeln, Heulen, Geschrei und Todesangst anwenden müssen. Darum findest Du auch jenen widerwärtigen Zauberapparat nicht bei ihm: keine Kristalle und eingesperrte Geister, keine Spiegel und Gerippe, kein Rauchwerk und keine fratzenartigen Phantome, sondern er ist sich selbst genug. Ich sagte ihm von Dir, und er fand in seiner Rechnung, daß ich Dich heut, in dieser Stunde auf den Stufen der Lateranskirche ganz gewiß antreffen würde. So ist es nun auch in derselben Minute geschehn. Antonio wurde begierig, den wunderbegabten Mann kennen zu lernen, und von ihm sein eigenes Schicksal zu erfahren. Sie speisten in einem Garten und gingen gegen Abend zur Stadt zurück. Die Straßen waren etwas mehr beruhigt, sie konnten ungestörter ihren Weg fortsetzen. In der Dämmerung kamen sie in die Gassen, die sich eng hinter dem Grabmal des Augustus zogen. Sie schritten durch ein Gärtchen: ein freundliches Licht schimmerte ihnen aus den Fenstern eines kleinen Hauses entgegen. Sie zogen die Glocke, die Tür öffnete sich, und mit den sonderbarsten und gespanntesten Erwartungen trat Antonio mit seinem Freunde in den Saal. Antonio war verwundert, einen schlichten, nicht großen jungen Mann vor sich zu sehen, der noch, dem Anschein nach, nicht viel über dreißig Jahre alt sein konnte. Mit einfacher Gebärde begrüßte er den eintretenden Jüngling wie einen alten Bekannten. Seid mir willkommen, sprach er mit wohllautender Stimme, Euer spanischer Freund hat mir so viel Gutes von Euch gesagt, daß ich mich schon längst auf Euren Umgang gefreut habe. Nur müßt Ihr freilich nicht wähnen, daß Ihr zu einem Weisen, zu einem Adepten gekommen seid, oder gar zu einem Manne, vor welchem die Hölle in ihren Grundfesten zittert, sondern Ihr findet hier einen Sterblichen, wie Ihr seid und werden könnt, so wie jeder, den die ernsten Studien und die Entfernung vom eitlen Weltgetümmel nicht abschrecken. Antonio fühlte sich wohl und behaglich, so sehr er auch überrascht war, er musterte die Stube, die, außer einigen Büchern und einer Laute, nichts Ungewöhnliches aufwies. Er verglich in Gedanken dieses kleine Haus und seinen schlichten Bewohner mit dem Palaste und Gepränge, den Instrumenten und den Geheimnissen seines ehemaligen Lehrers und sagte: freilich sieht man hier keine Spuren jener hohen und geheimen Weisheit, die mir mein Freund gerühmt und in welcher Ihr untrüglich sein sollt. Castalio lachte herzlich und sagte dann: Nein, mein junger Freund, nicht untrüglich, denn so weit kommt kein Sterblicher. Seht Euch nur um, dieses ist mein Wohnzimmer, dort in jener kleinen Kammer steht mein Bett; hier ist weder Raum noch Möglichkeit, trügerische Anstalten zu verbergen, oder künstliche Maschinen in Tätigkeit zu setzen. Alle jene Kreise, Gläser, Himmelsgloben und Sternbilder, die jene Beschwörer zu ihren Künsten nötig haben, finden hier keinen Platz, und jene Elenden werden auch nur vom Geist der Lüge hintergangen, weil sie die Kräfte ihres eignen Geistes nicht wollen kennen lernen. Wer aber in die Tiefen seiner Seele, von Demut und frommen Sinn geleitet, steigt, wem es Ernst ist, sich selbst zu erkennen, der findet auch hier alles, was er vergebens durch künstliche und verzweifelte Mittel von Himmel und Hölle erzwingen will. »Werdet wie die Kinder!« In diesem Aufruf liegt das ganze Geheimnis verborgen. Ist unser Gemüt ungefälscht, können wir, wenn auch nur auf Stunden und Augenblicke, das wieder von uns werfen, welches unsre ersten Eltern mit frevlem Mutwillen an sich zogen, so wandeln wir wieder im Paradiese und die Natur mit allen ihren Kräften tritt wie damals, im bräutlichen Jugendalter der Welt, dem verklärten Menschen entgegen. Ist denn unser Geist nicht eben dadurch Geist, daß körperliche Schranken, verwirrender Raum und Zeit, ihn nicht hemmen sollen? Er schwingt sich ja schon, von Sehnsucht und Andacht beflügelt, über alle Sternenräume hinaus, nichts hemmt seinen Flug, als jene Erdengewalt, die sich in der Sünde erst auf ihn geworfen, und ihn zu ihrem Knechte gemacht hat. Diese können und sollen wir aber wieder bezwingen, durch Gebet, durch Zerknirschung vor dem Herrn, durch Erkennen unsrer großen Schuld und durch ungemessene Dankbarkeit für seine überschwengliche Liebe, und dann sehn und hören wir, was sich uns durch Raum und Zeit entzieht, wir sind dort und hier, die Zukunft tritt heran, und schüttet, so wie die Vergangenheit, ihre Geheimnisse vor uns aus, das ganze Reich des Wissens, Begreifens steht uns offen, die himmlischen Kräfte werden freiwillig unsre Diener; und dennoch ist dem echten Weisen Ein Blick in die Geheimnisse der Gottheit, Eine Rührung seines Herzens, indem er ihre Liebe fühlt, mehr und wünschenswerter, als alle Schätze, die sich dem forschenden Geiste bieten, als alle Enthüllungen der Geschichte und Gegenwart, als die Kniebeugungen von tausend Engeln, die ihn ihren Meister nennen wollen. Alfonso sah seinen Freund mit begeisterten Blicken an, und Antonio konnte sich nicht erwehren, sich zu gestehn, daß ihm hier im Gewande einfacher Demut mehr entgegen komme, als ihn aus Apone's Munde, zur Zeit seiner größten Verehrung des prunkenden Weltweisen, jemals angesprochen hatte. Faßte er doch jetzt die Überzeugung, daß die Weisheit, welche man die übernatürliche nennt, sich wohl mit Frömmigkeit und der völligen Ergebung in den Herrn vereinigen lasse. Wißt Ihr nun von meinen Schicksalen? fragte der Jüngling bewegt; könnt Ihr mir von meiner Zukunft etwas sagen? Wenn ich das Jahr, den Tag und die Stunde Eurer Geburt weiß, antwortete Castalio, mit dem Horoskop, das ich dann stelle, die Lineamente Eures Antlitzes und die Züge Eurer Hand vergleiche, nachher mit meinem freien Geiste mich der Anschauung ergebe, so zweifle ich kaum, Euch etwas davon offenbaren zu können. Antonio übergab ihm ein Taschenbuch, in welchem sein Vater selbst seine Geburtsstunde bemerkt hatte. Castalio schenkte den Jünglingen Wein ein, indem er selber ein wenig von diesem genoß, schlug einige Bücher auf und setzte sich alsdann zum Rechnen nieder, ohne nebenher seine Gespräche mit den Jünglingen völlig abzubrechen. Es schien nur, als wenn der junge heitre Mann ein ganz gewöhnliches Geschäft vornehme, das bei weitem nicht seine ganze Aufmerksamkeit erfordere. So mochte unter Lachen und fröhlichen Gesprächen eine Stunde verflossen sein, als Castalio aufstand und Antonio zu sich in ein Fenster winkte. Ich weiß nicht, fing er an, wie viel Ihr Eurem Freunde dort vertraut, was Ihr ihm etwa verschweigen wollt. Er betrachtete hierauf Antonio's Gesicht, so wie seine Hände sehr aufmerksam, und erzählte ihm dann zusammenhängend die Geschichte und das Unglück seiner Eltern, den frühen gewaltsamen Tode der Mutter, die verirrte Leidenschaft des Vaters, dessen Ermordung durch seinen frevelhaften Mitschuldigen: hierauf kam er auf Antonio's eigne Begebenheiten, wie er den Mörder gesucht und verfolgt, und selbst von einer Leidenschaft in Padua sei festgehalten worden. Ihr seid also, beschloß er, was ich nicht ohne Erstaunen erfahren habe, jener Jüngling, der jüngst die Bosheit des verruchten Apone auf wunderbare Weise entdeckt hat, der den Schändlichen seiner Strafe überlieferte, obgleich er selbst nur um so unglücklicher wurde, weil er seine Geliebte zweimal auf entsetzliche Weise verlieren mußte. Antonio bestätigte dem freundlichen Manne alles, und hatte ein solches Zutrauen zu ihm gewonnen, daß es ihm war, als wenn er nur mit sich selber spräche. Er erzählte ihm hierauf noch von den Abenteuern jener Nacht, der zweiten Crescentia und jener widerlichen Hexe, die ihm, wie er glauben müsse, heute von neuem erschienen sei. Könnt Ihr mir nun, fragte er eifrig, sagen, ob dieses Wahrheit sei, wer jene Crescentia ist, ob ich sie wiedersehn und ihren Eltern zuführen werde? Castalio war nachdenklicher als zuvor. Wenn jener abenteuerliche Beresynth, die Fratze, welche den Zauberer begleitete, sich nicht als Weib verstellt hat, um den Nachforschungen zu entgehn, so getraue ich mir dieses Weib aufzufinden. Geduldet Euch nur bis morgen und ich sage Euch Bescheid. Übrigens sind die Begebenheiten jener Nacht keine Phantasien Eures Innern, sondern Wirklichkeit gewesen, damit mögt Ihr fürs Erste Euch und Euren ältern Freund beruhigen. Nachdenkend verließen die jungen Leute den wunderbaren Mann, und Antonio dankte dem Spanier herzlich, daß er ihm diese Bekanntschaft verschafft hatte. Antonio hatte sich aber nicht getäuscht. Es war wirklich die Alte, die er im Gedränge wahrgenommen hatte. Sie wohnte in einer kleinen Hütte, hinter verfallenen Häusern, unweit des Laterans. Verfolgt, dürftig, von aller Welt verlassen, gehaßt und gefürchtet, war sie hier, im Aufenthalte des Elendes, der Verzweiflung nahe. Sie wagte es nur selten, sich zu zeigen und war auch nur an diesem Tage gezwungen worden, auszugehn, um ihre Crescentia, die ihr entlaufen war, wieder zu finden. Da jedermann ihr scheu aus dem Wege ging, da es ihr selbst schwer wurde, nur hie und da ein Almosen zu erhalten, und ihre ehemaligen Künste keine Liebhaber fanden, so war sie nicht wenig erstaunt, als sie am Abend an ihre Tür klopfen hörte, indem draußen Geschrei und Lärmen tobte. Sie nahm ihre Lampe und machte auf, und sah draußen ein Rudel Gassenjungen und Pöbel, die eine kleine bucklige Figur, die in rotem Sammet mit Gold phantastisch gekleidet war, verfolgten. Wohnt hier nicht die würdige Frau Pankrazia? schrie der mißgestalte Zwerg. – So ist es, sagte die Alte, indem sie mit Gewalt die Tür zuschlug und das Volk draußen mit Schimpfreden zu vertreiben suchte – Wer seid Ihr? würdiger Herr, was sucht Ihr bei einer alten verlassenen Frau? Setzt Euch nieder, sagte der Kleine, und zündet etwas mehr Licht an, damit wir uns schauen und betrachten können, und weil Ihr Euch arm nennt, so nehmt diese Goldstücke, und wir wollen auf bessere Bekanntschaft ein Gläschen Wein mit einander leeren. Die Alte schmunzelte, zündete einige Wachskerzen an, die sie in einer Schieblade verwahrte und sagte: ich habe noch ein Fläschchen guten Florentiner, ehrwürdiger Herr, der uns schmecken soll. Sie öffnete einen kleinen Schrank und setzte die rote Labung auf den Tisch, dem Unbekannten zuerst einschenkend. Warum nennt Ihr mich ehrwürdig? fragte dieser. Sagen es die Goldstücke nicht aus, antwortete sie, Euer Wamms, die Tressen darauf, die Feder auf dem Hut? Seid Ihr kein Prinz, kein Magnat? Nein, schrie der Kleine: ei poz tausend, Muhme, kennt Ihr mich denn gar nicht? hat man mir doch schon in der Jugend damit schmeicheln wollen, daß wir uns einigermaßen ähnlich sehen, und wahrlich, wenn ich so Eure Statur, Physiognomie, den Ausdruck, das Lächeln und das Blinzeln der Augen unparteiisch betrachte und erwäge, so sind die Muhme Pankrazia, aus dem Hause Posaterrena aus Florenz, und der kleine Beresynth, aus der Familie Fuocoterrestro aus Mailand, so in Verwandschaftszügen, wie Muhme und Vetter, sich ähnlich genug. Jemine! schrie die Alte erfreut, so seid Ihr der Beresynth aus Mailand, von dem ich in meiner Kindheit wohl habe reden hören? Ei! ei! so muß ich so spät, im hohen Alter, noch einen so liebenswerten Vetter von Angesicht zu Angesicht kennen lernen! Ja, sagte der Kleine, recht von Nase zu Nase, denn die aufgeworfene hohe Schanze ist doch das größte Knochenstück in unsrem Gesicht. Kuriosität halber, liebe Muhme, probieren wir einmal, ob wir uns wohl einen vetterlichen Kuß geben können. – Nein, pur unmöglich, die weit ausgestreckten Vorgebirge rasseln gleich aneinander, und schließen unsre demütigen Lippen von jeder sanften Begrüßung aus. Man müßte mit beiden Fäusten die edlen Römernasen seitwärts zwängen. So. Laßt nicht abschnappen, Frau Muhme, ich möchte eine Ohrfeige kriegen, daß mir die letzten Zähne ausfielen. Unter herzlichem Lachen rief die Alte: Ei! so fröhlich bin ich lange nicht gewesen. Was wollte man denn von Euch da draußen, Vetter? Was? schrie der Kleine: mich ansehn, sich über mich freuen, weiter nichts. Ist der Mensch nicht, wertgeschätzte Frau Muhme, eine ganz dumme Figur? Hier in Rom sind nun seit Monaten Hunderttausende versammelt, ihrem Erlöser zu Ehren, so wie sie vorgeben, und ihre Sünden abzubüßen, und, so wie ich nur aus dem Fenster gucke (ich bin erst seit vorgestern hier), sei es auch nur in der Schlafmütze, oder gar mit ganzer Figur und in meinem besten Anzuge auf den Markt hinaus trete, so müßte man doch schwören, daß das ganze Gezeug bloß meinetwegen von allen Ecken Europa's ausgezogen sei, so gucken, äugeln, forschen, fragen sie, lachen und freuen sich. Reich, so scheint es, könnte ich werden, wenn ich mich die Zeit hier für Geld wollte sehen lassen, und wenn ich ihnen nun einmal umsonst die Freude mache, so schreit und lärmt das dumme Volk hinter mir drein. Eine Meerkatze, Affen oder Seehunde zu beschauen, müßten sie sich in Unkosten setzen, und statt meine Großmut ruhig und wie gesetzte Leute zu genießen, tobt und schimpft der Pöbel um mich her, und sucht alle Ekelnamen aus der Naturgeschichte zusammen, um seine krasse Ignoranz an den Tag zu geben. Ja wohl, ja wohl, seufzte die Alte: es geht mir nicht besser. Sind die Tiere wohl so dumm? Da mag einer Nase, Augen und Kinn nach Gutdünken haben, und es geht ihm ruhig hin. Seht nur die sonst einfältigen Fische an, fuhr Beresynth fort, welche philosophische Toleranz! Und unter denen sind manche Kerle doch ganz Schnauze, und halten den Forschern der Tiefe eine Physiognomie entgegen, ernst, kalt, ruhig im Bewußtsein ihrer Originalität, und umher krümmelt und wimmelt es von andren seltsamen Angesichtern, Kiefern, Zähnen, vorgequollnen Augen und von frappantem Ausdruck aller Art, aber ruhig und still wandelt jedes Ungeheuer dort seinen Gang, ungeschoren und unmolestiert. Nur der Mensch ist so töricht, daß er über das Nebengeschöpf lacht und spottet. Und worauf, sagte die Alte, läuft denn nun der mächtige Unterschied hinaus? Ich habe doch noch keine Nase gesehn, die nur eine einzige Elle lang wäre, ein Zoll, höchstens zwei, kaum drei ist der Unterschied zwischen der sogenannten Mißgeburt und dem, was sie Schönheit nennen. Und auf den Höcker zu kommen. Wenn er im Bett nicht manchmal unbequem wäre, nicht wahr, so ist er eigentlich viel angenehmer, als so ein dummer, gerader Rücken, wo sich bei manchem großgewachsenen Schlingel die langweilige gerade Linie, ohne Verzierung und Schnörkel, bis ins Unermeßliche hinauf erstreckt. Recht habt Ihr, Frau Muhme, rief der schon trunkne Beresynth der Trunknen entgegen. Was macht denn die Natur, wenn sie solche gerade Katze, solche sogenannte Schönheit von der Töpferscheibe laufen läßt? Das ist ja kaum der Mühe wert, die Arbeit nur anzufangen. Aber solche Kabinetstücke, wie wir, da kann die schaffende Kraft, oder das Naturprinzip, oder Weltgeist, oder wie man das Ding nennen will, doch mit einer gewissen Beruhigung und Befriedigung seine Produktion anschauen. Das rundet sich doch, das bricht in merkwürdige Ecken aus, das zackt sich wie Korallen, springt hervor in Kristallen, formiert sich wie Basalt, und rennt und springt und hüpfelt in allen Linien um unsern Körper. Wir, Base, sind die verzognen, verhätschelten Kinder der Formation, und darum ist der Pöbel der Natur auch so boshaft und neidisch auf uns. Das schlanke miserable Wesen gränzt an den kläglichen Aal, da ist keine Auferbauung. Von der dummen Figur zur Seespinne ist schon sehr weit, und wie fern dann Meerkalb, wie übertreffen wir dieses, so wie den Seestern, Krebs und Hummer, getreuste Kousine, mit unsern Abnormitäten, die sich in keine Rechnung bringen lassen. – Wo habt Ihr nur die herrlichen beiden Zähne her? Diese unvergleichlichen Mordanten figurieren so recht schwarz und düster in der tiefsinnigen Fugierung Eures unergründlichen Mundes. O Schäker, o Schmeichler, lachte die Alte, aber Euer liebes Kinn, das sich so huldreich und dienstfertig hervordrängt und tischartig umbeugt. Könntet Ihr nicht einen ziemlichen Teller bequem daraufsetzen, und von ihm ungestört mit den Lippen herunter naschen, indessen Eure Hände anderswo Arbeit suchten? Das nenne ich ökonomische Einrichtung. Wir wollen uns nicht durch Lobeserhebungen verderben, sagte der Zwerg, sind wir ja doch schon auf unsre Vorzüge eitel genug, die wir uns nicht selbst gegeben haben. Ihr habt Recht, sagte sie, aber, was treibt Ihr, Vetter? Wo lebt Ihr? Kurios genug, antwortete Beresynth, bald hier, bald dort, wie ein Vagabund; jetzt aber will ich mich zur Ruhe setzen, und da ich hörte, daß noch eine nahe Verwandte von mir lebte, so wollte ich die aufsuchen, und sie bitten, mit mir zu ziehn. So komm ich zu Euch. In meiner Jugend war ich Apotheker in Kalabrien, da jagten sie mich fort, weil sie meinten, ich fabriziere Liebespulver. Du liebe Zeit! als wenn es deren noch bedürfte. Dann war ich einmal Schneider, es hieß, ich stöhle zu arg; als Pastetenbäcker wieder die Beschuldigung, daß ich Katzen und Hunden nachstellte. Ich wollte Mönch werden, aber kein Kloster wollte mich einlassen. Als Doktor sollt' ich verbrannt werden, denn sie sprachen gar von Hexerei. Ich wurde gelehrt; schrieb, dichtete, das Volk meinte, ich lästre Gott und die Christenheit. Nach vielen Jahren kam ich zum weltberühmten Pietro Apone, und wurde dessen Famulus, nachher Eremit, und was nicht Alles; am besten, daß ich in jedem Stande Geld gemacht und zurückgelegt habe, so daß ich meine alten Tage ohne Not und Sorge beschließen kann. – Und Ihr, Muhme, Eure Geschichte? Wie die Eurige, antwortete die Base: man wird immer unschuldig verfolgt. Ich habe etlichemal am Pranger stehn müssen, aus einigen Ländern bin ich verwiesen, sie wollten mich unter andern auch verbrennen: es hieß, ich hexte, ich stöhle Kinder, ich verzauberte die Leute, ich kochte Gift. Nicht wahr, sagte Beresynth treuherzig, es war auch etwas an diesem Gerede? Ich muß es wenigstens von mir bekennen, und vielleicht liegt es in der Familie, daß ich manche dem ähnliche Künste getrieben habe. Zarte Freundin, wer einmal vom lieben Hexen ein Bischen weg hat, der kann es nachher Zeitlebens nicht wieder lassen. Das Ding ist wie mit dem Weintrinken. Einmal den Geschmack gewonnen, und Zunge, Kehle, Gaumen, ja Lung und Leber lassen von dem Dinge nicht wieder los. Ihr seid ein Menschenkenner, lieber Vetter, sagte die Alte mit selbstgefälligem Lächeln. So etwas Mord und Hexerei, Gift und Diebstahl läuft auch beim Unschuldigsten mit unter. Das Kuppeln hat mir nie einschlagen wollen. Und was soll man sagen, wenn man an eignen Kindern Undank und Unheil erlebt? Meine Tochter, die nun gesehn hat, wie ich Hunger und Kummer leiden muß, wie ich mir an meinem alten Munde absparte, um sie nur schön in Kleidung zu setzen, die ungeratne Dirne hat sich nie von mir erweichen lassen, auch nur einen Groschen zu verdienen. Früher konnte sie gute Heiraten treffen: Ildefons, Andrea und noch einige andere tapfere Männer, die unser ganzes Haus und sie mit erhielten; da brauchte sie den armseligen Vorwand, daß die Herren Räuber und Mörder wären, denen sie ihr Herz verschließen müsse. Die Männer waren so großmütig, daß sie sich wirklich die Dirne wollten antrauen lassen, aber die dumme Jugend hat weder Verstand noch Tugend. Nun ruhen sie im Grabe, die vorzüglichen Männer, und sind auf eine schnöde Art umgekommen. Doch das rührt sie so wenig, wie mein Kummer und Elend, so daß sie nicht drein willigen mochte, mit einem jungen reichen vornehmen Herrn, dem Neffen eines Kardinals, zu leben, der unsre ganze Stube mit Gold überziehen konnte. Weggelaufen ist die einfältige Dirne, und man will sie mir gar nicht wieder ausliefern. So werden heut zu Tage die Eltern verachtet. Laßt sie laufen, die Verächtliche, sagte Beresynth, wir wollen ohne sie schon glücklich miteinander leben, denn unsre Neigungen und Gemüter sind sich gleich. Warum aber weglaufen, sagte die Alte, wie eine ungetreue, geprügelte Katze? Wir hätten uns ja wie Liebende, wie vernünftige Wesen trennen können. Es fand sich gewiß Gelegenheit, die bleichsüchtige Dirne vorteilhaft zu verkaufen, an Alt oder an Jung, und das hätte auch wohl gelingen können, wenn sie sich nicht einen einfältigen jungen Burschen ins Herz geschlossen hätte, den sie liebt, wie sie sagt. O hört auf, schrie Beresynth, taumelnd, und schon halb im Schlaf, wenn Ihr von Liebe sprecht, Base, so verfalle ich in so konvulsivisches Lachen, daß ich mich in drei Tagen nicht wieder erhole. Liebe! das dumme Wort hat meinem berühmten Meister Pietro den Hals gebrochen. Ohne den Taranteltanz säße die große Habichtsnase noch als Professor auf seinem Katheder, und kraute die jungen Gänse mit Philosophie und Tiefsinn an ihren dummen Köpfen, die ihm die Gelbschnäbel entgegen reckten. Ja, ja, Alte, das Affentum von Liebe und platonischer Seelentrunkenheit hätte uns beiden, Euch und mir, nur noch gefehlt, um die Wundertat unsrer heroischen Existenz vollständig zu machen. – Nun lebt wohl, Alte, morgen in der Nacht um diese Zeit hole ich Euch ab, und dann trennen wir uns nie wieder. Vetter, sagte Pankrazia, auf Wiedersehn. Seit Ihr zu mir eingetreten seid, bin ich ein ganz andres Wesen geworden. Wir wollen in Zukunft eine herrliche Haushaltung führen. Haben wir unser Jubeljahr doch nun auch gefeiert, lallte Beresynth, der schon auf der Straße stand, und in dunkler Nacht nach seiner Wohnung taumelte. Antonio hatte indessen den alten Ambrosio und dessen Gattin schon darauf vorbereitet, daß er gewiß jene widerwärtige Alte, und so auch deren Tochter Crescentia wieder auffinden würde. Die Mutter glaubte ihm gern, aber der Vater blieb bei seinen Zweifeln. Noch vor Sonnenuntergang begab sich der Jüngling mit seinem Freunde wieder zum weisen Castalio. Dieser kam ihnen schon lächelnd entgegen und sagte: Hier, Antonio, nehmt dieses Blatt, Ihr findet auf ihm verzeichnet, in welcher Gasse, in welchem Hause Ihr jene Unholdin antreffen werdet. Wenn Ihr sie aufgefunden habt, werdet Ihr an meiner Wissenschaft nicht mehr zweifeln. Schon jetzt bin ich überzeugt, sagte Antonio, ich war es schon gestern. Ihr seid der weiseste der Sterblichen, und werdet mich durch Eure Kunst zum glücklichsten machen. Ich gehe, die böse Alte aufzusuchen, und wenn Crescentia nicht gestorben, oder verloren ist, so führe ich sie in die Arme ihrer Eltern. Bewegt und voller Erwartung wollte er sich eilig entfernen, er hatte schon den Drücker der Tür in der Hand, als sich ein leises ängstliches Klopfen draußen ankündigte, von einem heisern Husten und Scharren der Füße begleitet. Wer ist da? rief Castalio, und da die Freunde öffneten, trat Beresynth herein, der sich gleich in die Mitte des Zimmers stellte, und unter vielen fratzenhaften Verbeugungen, so wie Verzerrungen des Gesichtes dem weisen Manne seine Dienste anbot. Wer seid Ihr? rief Castalio, der sich verfärbt hatte und mit blassem Angesicht einige Schritte zurückgewichen war. Ein Bösewicht ist der Verruchte! rief Antonio, ein Zauberer, den wir der Inquisition überliefern müssen, der verruchte Beresynth selbst ist es, dessen Namen Ihr, verehrter Mann, schon kennt, und von dem ich Euch erzählt habe. Meint Ihr, junges Blut? sagte Beresynth mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung. Mit Euch, ihr Kinder, habe ich nichts zu schaffen. Kennt Ihr mich nicht? rief er zu Castalio gewendet, und könnt auch meine Dienste nicht brauchen? Wie sollt ich? sagte Castalio mit ungewisser Stimme, ich habe Euch nie gesehn. Entfernt Euch, ich muß Eure Dienste ablehnen. In meinem kleinen Hause bedarf ich keines fremden Wesens. Beresynth ging mit großen Schritten auf und ab. Also Ihr kennt mich nicht? Kann sein; man verändert sich manchmal, denn der Mensch bleibt nicht in seiner Blüte. Doch, mein' ich, sollte man mich nicht so bald vergessen, oder mit andern verwechseln, wie so manchen glatten, fein gemalten, unbedeutenden Tropfen. – Und ihr, indem er sich zu den jungen Leuten wendete, kennt wohl jenen Weisheitsfinder auch nicht? O ja, sagte Antonio, er ist unser Freund, der treffliche Castalio. Da erhub der Kleine ein so ungeheures Lachen, daß Wände und Fenster des Zimmers erklirrten und wiederhallten. Castalio! Castalio! schrie er wie besessen; warum nicht auch Aganippe oder Hippokrene? Also, ihr habt den Brill vor den Augen, mit Kalbsblicken schaut eure Seele aus dem runden Kürbis eurer Köpfe dumm heraus? Reibt euch die Nase, und seht und erkennt doch euren verehrten Pietro von Abano, den großen Tausendkünstler aus Padua! Derjenige, der sich Castalio nannte, war wie ohnmächtig in einen Sessel gesunken, sein Zittern war so heftig, daß alle Glieder seines Körpers flogen, die Muskeln seines Antlitzes bebten so gewaltsam, daß kein Zug in ihm wahrzunehmen war, und nachdem die jungen Leute dies einige Zeit staunend betrachtet hatten, glaubten sie mit Entsetzen wahrzunehmen, daß aus den sich verwirrenden Lineamenten die alte Bildung des bekannten greisen Apone hervorstiege. Laut schreiend erhub sich der Zauberer vom Sessel, ballte die Fäuste und schäumte mit dem Munde, er schien in seiner Wut riesengroß. Nun ja, brüllte er im Donnerton, ich bin es, jener Pietro, und Du, Knecht, verdirbst mir jetzt mein Spiel, jene junge Brut dort auf einem neuen Wege zu vernichten. Was willst Du, Wurm, von mir, der ich, Dein Meister, Dich nicht mehr anerkenne? Zitterst Du nicht in allen Gebeinen vor meiner Rache und Strafe? Beresynth erhub wieder jenes schallende, entsetzliche Gelächter. Strafe? Rache? wiederholte er grinsend; Dummkopf ohne Gleichen! Mußt Du denn jetzt erst merken, daß Dir diese Sprache zu mir nicht geziemt? Daß Du, Gaukler, Dich vor mir im Staube krümmen mußt? daß ein Blick meines Auges, ein Griff meines erznen Armes Dich zerschmettert, Du erdgebornes Larvenspiel elender Künste, die nur ich gelingen ließ? Ein Scheusal stand im Saal. Seine Augen sprühten Feuer, seine Arme dehnten sich wie zwei Adlerschwingen aus, das Haupt berührte die Decke; Pietro lag winselnd und heulend zu seinen Füßen. Ich war es, fuhr der Dämon fort, der Deine arme Gaukelei beförderte, der die Menschen täuschte, der den Frevel durch meine Macht erschuf. Du tratst mich mit Füßen, ich war Dein Hohn, Deine hochmütige Weisheit triumphierte ob meinem Blödsinn. Nun bin ich Dein Herr! Jetzt folgst Du mir als mein leibeigner Knecht in mein Gebiet. – Entfernt euch, ihr Elenden! rief er den Jünglingen zu, was wir noch verhandeln, geziemt euch nicht zu schauen! Und ein ungeheurer Donnerschlag erschütterte das Haus in seinen Tiefen, geblendet, entsetzt stürzten Antonio und Alfonso hinaus, ihre Knie wankten, ihre Zähne klappten. Ohne zu wissen, wie, befanden sie sich wieder auf der Straße, sie flüchteten in einen nahen Tempel, denn eine heulende Windsbraut erhob sich mit Donner und Blitzen, und die Wohnung, als sie hinter sich sahen, brannte in zerfallenen Trümmern, zwei dunkle Schatten schwebten über dem Brande, kämpfend, so schien es, und sich in Verschlingungen hin und her werfend und ringend, Geheul der Verzweiflung und lautes Lachen des Hohnes erklang abwechselnd zwischen den Pausen des lautrasenden Sturmwinds. Erst nach langer Zeit konnte sich Antonio so viel sammeln, daß er stark genug war, nach der gegebenen Anweisung das Haus der Alten aufzusuchen. Er fand sie geschmückt und sie rief ihm frohlockend entgegen: ei! Florentiner! seid Ihr auch einmal wieder da? Wo ist Eure Tochter? fragte Antonio, zitternd vor Eil. Wenn Ihr sie jetzt haben wollt, sagte die Alte, so will ich sie Euch nicht vorenthalten. Aber bezahlen müßt Ihr rechtschaffen für sie, oder der Podesta von Padua, wenn er noch lebt, denn sie ist sein Kind, das ich ihm damals gestohlen habe, weil mir die Herren Markoni ein ansehnliches Stück Geld dafür gönnten. Wenn Ihr es beweisen könnt, sagte der Jüngling, so fordert. Beweise, so viel Ihr wollt, rief die Alte, Windeln mit Wappen, Kleider von damals, ein Mal auf der rechten Schulter, was ja die Mutter am besten kennen muß. Aber auch Briefe von den Markonis sollt Ihr haben, Schriften vom Podesta selbst, die ich damals in der Eile mit wegfischte. Alles, nur Geld muß da sein. Antonio zahlte ihr alles Gold, was er bei sich trug, und gab ihr noch die Edelsteine, die Hut und Kleidung schmückten, Perlen und eine goldne Kette. Sie strich alles lächelnd ein, indem sie sagte: wundert Euch nicht, daß ich so eilfertig und leicht zu befriedigen bin. Die Dirne ist mir weggelaufen, weil sie keinen Liebhaber wollte, und steckt im Nonnenkloster bei der Trajanssäule, die Äbtissin hat sie mir nicht herausgeben wollen, aber meldet Euch nur dort, das junge Blut wird Euch von selbst in die Arme springen, denn es träumt und denkt nur von Euch, so habt Ihr ihr törichtes Herz bezaubert, daß sie seit jener Nacht, der Ihr Euch wohl noch erinnern werdet, kein vernünftiges Wort mehr gesprochen hat, daß sie weder Liebhaber noch Mann mehr leiden konnte. Froh bin ich, daß ich sie so los werde, ich gehe mit einem vornehmen Vetter, Herrn Beresynth, der mich eigen dazu aufgesucht hat, noch heut Nacht auf seine Güter. Lebt wohl, junger Narr, und seid mit Eurer Crescentia glücklich. Antonio nahm alle Briefschaften, die Kleidung des Kindes, alle Beweise ihrer Geburt. In der Tür begegnete ihm schon jener Furchtbare, der sich Beresynth nannte. Er eilte, und war so leichten Herzens, so beflügelt, daß er den Sturm hinter sich nicht vernahm, der die Gegend zu verwüsten und die Häuser aus ihren Gründungen zu heben drohte. Bei nächtlicher Weile untersuchten die überglücklichen Eltern die Briefe, und diese, so wie die Kleider überzeugten sie, daß diese zweite Crescentia ihr Kind sei, die Zwillingsschwester jener gestorbenen, die sie in der Taufe damals Cäcilie genannt hatten. Der Vater holte am Morgen das schöne bleiche Mädchen aus dem Kloster, die sich wie im Himmel fühlte, edlen Eltern anzugehören, und einen Jüngling, der sie anbetete, wieder gefunden zu haben, dem sie in jener Nacht auf ewig ihr ganzes Herz hatte schenken müssen. Rom sprach einige Zeit von den beiden Unglücklichen, welche das Gewitter erschlagen hatte, und Ambrosio lebte nachher mit seiner Gattin, der wieder gefundenen Tochter und seinem Eidam Antonio in der Nähe von Neapel. Der Jüngling verschmerzte im Glück der Liebe die Leiden seiner Jugend, und an Kindern und Enkeln trösteten sich die Eltern über den Verlust der schönen und innig geliebten Crescentia.