Sir John Retcliffe Lieben und Sterben Die vorliegende Neuausgabe des Bandes »Lieben und Sterben«, wie überhaupt aller in dieser Sammlung erscheinenden Romane Sir John Retcliffe's, fußt auf der vom Verlag erworbenen und ihm allein zustehenden Ausgabe von Ernst Götz, in der Bearbeitung von Barthel-Winkler. Der Roman »Zwischen Kreuz und Schwert« und die angefügten Kurzgeschichten sind aus den früheren Werken »Villafranca« II, »Biarritz« III und IV, »Um die Weltherrschaft« III und IV und »Puebla« I herausgelöst. Der vorliegende Band bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Nach den Richtlinien, die wir im Vorwort zu dieser Gesamtausgabe – siehe »Volk in Folter«, Nena Sahib, I. Band – gezogen haben, wurden nunmehr sämtliche Werke Retcliffe's sorgfältig durchgearbeitet, von Unstimmigkeiten gereinigt, dem heutigen Geschmack angepaßt und – zum allerersten Mal – durch neuaufgefundne und neue Kapitel, zum Teil erheblich, ergänzt. Barthel-Winkler. Zum Geleit In dem vorliegenden Band »Lieben und Sterben« findet der Leser sieben eigenartige Erzählungen zusammengetragen, die mit den ursprünglichen Handlungen und Stoffsammlungen, aus denen sie gelöst wurden – »Villafranca«, »Biarritz«, »Puebla« und »Um die Weltherrschaft« – nichts zu tun hatten oder doch nur in losem Zusammenhang standen. So hat sich in diesem Band eine Reihe von Kurzgeschichten zu einer Kette verschlungen, die von der außerordentlichen Gestaltungskraft Sir John Retcliffes lebendiges Zeugnis ablegt. In blühender Phantasie führen die Erzählungen in die Wirren des spanischen Bürgerkrieges: »Das Schicksal der Bianca Ologa« ; unter die Perlenfischer an der kalifornischen Küste: »Die Perle von Espiritu Santo« ; in die Geheimnisse Kairos: »Die ägyptische Prinzessin« ; nach Italien: »Tagliacozzo« und »Der italienische Bismarck« , sowie in die Urwälder Südamerikas: »Die Schlangenbucht« . Aus den Trümmern einer sich im ursprünglichen Sammelwerk verlierenden Handlung ist nach verschiedenen Ergänzungen und Umstellungen nun in der Haupterzählung »Zwischen Kreuz und Schwert« eine in sich vollkommen abgeschlossene Novelle entstanden, die einen spannenden Ausschnitt aus Spaniens blutigster Zeit bietet. Barthel-Winkler Zwischen Kreuz und Schwert Die Verlorenen Von Azcoitia her kamen drei Reiter, gefolgt von zwei Reitknechten. Es waren zwei Offiziere des carlistischen Heeres im blauen Rock mit den Lilien der Bourbonen auf den Knöpfen, den krapproten schwarzgestreiften Beinkleidern und der Boina, dem flachen Barett. Der Zivilist hatte ein feingeschnittenes Gesicht, das in den Grundzügen die französische Herkunft nicht verleugnen konnte. Oberst Mortara, ein schwarzhaariger Mann in mittleren Jahren, war Italiener von Geburt; seine Haut zeigte eine auffallend dunkle Farbe; scharf gebogen wölbte sich seine Nase. Der jüngere Offizier, Fürst Lichnowsky, zählte etwa dreiundzwanzig Jahre. Er war von schlanker, seiner Gestalt. Zu dem etwas blassen Gesicht und den dunklen, blitzenden Augen paßten der schwarze Schnurrbart und das lockige Haar; eine kecke, fast übermütige Sorglosigkeit lag über seinem Wesen. Die Unterhaltung der drei wurde in französischer Sprache geführt, zuweilen aber auch in spanischer, die der jüngere Offizier mit fremder Betonung sprach. »Der Name Ihrer Familie, lieber Graf«, sagte Fürst Lichnowsky, der, die Zügel auf dem Nacken seines Pferdes, sich bemühte, kunstgerecht eine spanische Zigarette zu drehen, »muß in Italien auch unter den bürgerlichen Familien verbreitet sein. Ich erinnere mich, daß meine Wechsel auf Florenz, als ich es im vorigen Jahr besuchte, auf einen Kaufmann am Ponte vecchio lauteten, der den gleichen Namen führte: Mortara.« Eine scharfe Röte überflog das Gesicht des Obersten. Baron Neuillat, der neben Lichnowsky ritt, berührte ihn mit dem Fuß leise und abmahnend. »Es ist, wie Sie sagen, mein Prinz. Der Name Mortara wird in Oberitalien von mehreren Familien geführt; indes gibt es nur eine Linie der Grafen Mortara.« »Ich weiß nicht«, fuhr sorglos Fürst Lichnowsky fort, »die Familie fesselte mich. Der Bankier lud mich zu der Hochzeit eines Verwandten ein, und es war das erstemal, daß ich einer jüdischen Trauung beiwohnte. Es mag durch die schärferen Züge der Südländer überhaupt kommen, daß bei ihnen die Ähnlichkeiten häufiger sind als bei uns in Deutschland; aber in der Tat, ich fand von Anfang an in Ihrem Gesicht etwas Bekanntes und erinnerte mich durch den gleichen Namen unwillkürlich an den Bräutigam ...« Diesmal war das Zeichen, das Baron Neuillat ihm gab, unmöglich mißzuverstehen. Oberst Mortara maß Lichnowsky mit finsterm Blick. »Beabsichtigen Sie, mich zu beleidigen, Prinz?« Erstaunt schüttelte Fürst Lichnowsky den Kopf. »Ich begreife nicht – ich wüßte nicht, wie ich dazu kommen sollte, Herr Graf ...« »Ich dächte doch«, fuhr Oberst Mortara fort, »es wäre bekannt genug im Hauptquartier Seiner Majestät, daß die Grafen Mortara, die adelig durch eigenes Verdienst geworden sind, von einer jüdischen Familie abstammen, und daß einzelne Zweige dieser Familie noch bei ihrem Glauben beharren.« »Don Felice hatte keine Ahnung davon«, sagte vermittelnd Baron Neuillat, »und gewiß nicht die Absicht, Sie an eine Verwandtschaft zu erinnern, deren man sich bestimmt nicht zu schämen braucht. Herr von Rothschild ist der erste Baron der Welt. Hat doch der Heilige Vater selber einen Herzog aus seinem Kammerjuden gemacht. Mon ami , für das Anrecht auf eine tüchtige Erbschaft könnte mein eigener Papa der selige Abraham gewesen sein, das sollte mich herzlich wenig beirren.« »Herr de Neuillat hat recht«, sagte lebhaft der Fürst Lichnowsky; er reichte seinem ältern Gefährten die Hand. »Ich wußte den Henker von dieser Abstammung; sie ist nicht weniger ehrenwert als die unsre vom Haus Granson in Burgund und tut Ihrem Verdienst und Ihrer Liebenswürdigkeit keinen Abbruch. – Aber sehen Sie, ich glaube gar, die ehrwürdigen Väter Jesuiten wollen uns mit einer Prozession empfangen – nach dem Zug zu schließen, der dort aus dem Tor kommt!« Er wollte das Pferd antreiben. Da legte ihm Neuillat die Hand auf den Zügel. »Lassen Sie uns warten, bis der Zug sich entfernt hat! Der Anblick ist nicht angenehm und würde uns den Morgen verbittern.« »Was ist es denn?« »Ein Zug Verurteilter!« erklärte kühl Oberst Mortara. »Eine Bande Argelinos, Die carlistische Benennung für die Fremdenlegion von Algier unter General Benelle im christinischen Dienst. Das Korps, 6000 Mann stark, war von der französischen Regierung wie eine willenlose Herde der spanischen verkauft, eines Morgens in Oran eingeschifft und an der katalonischen Küste bei Tarragona ans Land gesetzt worden. die erschossen werden soll.« »Und warum sollen die Leute erschossen werden?« »Der Erlaß von Durango verurteilt sie zum Tod; es sind über zweihundert beim Sturm auf Oriamendi gefangen worden. Der größte Teil wurde auf dem Schlachtfeld niedergemacht, und der Rest kommt jetzt daran!« »Aber das ist unmenschlich!« rief Fürst Lichnowsky. »Das mag sein; es ist viel über die Maßregel hin und her gestritten worden. Unser Freund Neuillat hier hat sehr gefühlvolle Vorstellungen gemacht; aber es ist das einzige Mittel, den Abschaum aller Länder fernzuhalten, über Spanien herzufallen, und die Regierungen von Paris und London zu verhindern, die Truppen Seiner Majestät als Bagnoaufseher anzusehen. Wir wissen so schon nicht, was wir mit den Überläufern der Legionen anfangen sollen – viel weniger mit den Gefangenen. Espartero wird sich hüten, sie auszulösen.« Fürst Lichnowsky dachte einige Augenblicke nach. »Lassen Sie uns hinüberreiten«, sagte er dann entschlossen, »ich fühle, ich muß mich hier an das Schreckliche gewöhnen. Wir können das Kloster von San Ignacio ein andermal besuchen.« Sie wandten die Pferde und folgten der Richtung des Zugs aus dem Tor des Klosters, das zur Verwahrung der Gefangenen diente. * Wo sich die Abhänge der Sierra de Aralar zum Golf von San Sebastian ins Biskayische Meer senken, dehnt sich ein liebliches Tal; am Eingang wird es von dem freundlichen Städtchen Azcoitia, am Ausgang von der Stadt Aspeitia geschlossen. Schroffe Felsen umgeben es von beiden Seiten; dunkle Marmormassen wuchten, an deren Fuß üppiges Kastanienlaub neben dem dunklen Grün der Zypresse im warmen Wind weht und wuchernder Efeu das prächtige Gestein umspannt. Die Heerstraße zur Küste durchzieht das Tal in seiner ganzen Länge, von lieblichen Gärten und grünen Matten begrenzt. Und der Frühling ruft duftige Blumen aus Beeten und Büschen. Die Bewohner des Tales gelten für den schönsten Menschenschlag der drei Provinzen des alten Baskenlandes: Männer, große, kräftige Gestalten, abgehärtet von Sonne und Schnee, von der Jagd des Bären und des Wolfes in den kantabrischen Sierren, von dem Kampf mit der See, dem Schmieden des Eisens ihrer Berge und dem gefährlichen Handwerk des Schmugglers – Frauen von schönem Wuchs, mit regelmäßigen Zügen und dunklen, feurigen Augen, von langen Wimpern beschattet. An den Hügelabhängen liegen zerstreut die Solares , die vereinzelten Höfe. Der baskische Bauer hat sie erbaut und lebt auf ihnen, ein freier Mann in seinem Eigentum – und dennoch der treueste Sohn, der kühnste und ritterlichste Kämpfer seines Landes. Von den Bergspitzen und den Felsenhöhen schauen trotzig die casas solas , die halb zerfallenen Burgen und viereckigen Türme der zahlreichen alten Adelsgeschlechter des Landes. Aus diesen Tälern, von diesen Bergeshöhen stammen die Kämpfer der Freiheit – der Freiheit, die den Mann ehrt und die sein Recht verteidigt, nicht in zügelloser Gier nach fremdem Recht, sondern im Gefühl des eigenen starken Besitzes. Jener Freiheit, die den stolzen Nacken nicht beugt dem fremden Joch, aber willig Blut und Leben gibt für die Heimat. Aus diesen Bergen gingen die Kämpfer hervor, die den fränkischen Kaiser und seine Kohorten in jahrelangem Kampf ermüdeten und über die Pyrenäen zurücktrieben; in diesen Bergen erhob Tomas Zumalacarreguy, der Sohn des Landes, die Fahne für Recht und Freiheit und rief Don Carlos zum König von Spanien aus. * In der Mitte dieses Tales erhebt sich ein mächtiges Gebäude – von dem letzten spanischen König aus dem Haus Habsburg, Karl VI., begonnen. Prächtige Marmortreppen, Gänge und Säle, Säulen und Arkaden sind nur halb vollendet; und dennoch ist es ein Bau, den man mit Ehrfurcht bewundert. Eine geheimnisvolle Deutung liegt dieser Nichtvollendung zugrunde. Es ist ein Werk, zu dem jedes Jahrzehnt neue Steine, neue Räume fügen soll: die Mahnung zum Weiterbau, der nie enden wird, und dennoch immer mächtiger wächst. Denn das großartige Gebäude wölbt sich in kühnem Bogen und gewaltigen Quadern über einem ärmlichen Häuschen aus Backstein und Holz und schützt es vor den Stürmen der Sierren. Von dieser kleinen und engen Zelle aus wurde Jahrhunderte hindurch die Alte und Neue Welt beherrscht; das prächtige Marmorgebäude ist das Kloster des heiligen Ignatius; in dem niedern Haus, das es umschließt, wurde im Jahre 1491 Ignaz von Loyola, der Stifter des Jesuitenordens, geboren. * Das Tal von Aspeitia, sonst ein Sitz der Ruhe und des Friedens, bot am 23. März 1837 ein buntes, kriegerisches Bild. Der Infant Don Sebastian hatte am Tag vorher sein Hauptquartier von Durango nach Azcoitia verlegt; die carlistischen Truppen lagerten in der Stadt, im Tal und im Kloster und wurden stündlich durch neu Herbeiziehende vermehrt. Am 14. März waren die drei Korps des christinischen Heeres von verschiedenen Seiten gegen das Herz der carlistischen Stellung losgebrochen, um mit einem Schlag den Feldzug des Jahres schon im Beginn zu beenden: General Evans mit der englischen Hilfsschar aus den Wällen von San Sebastian gegen Ernani und Tolosa; Espartero von Bilbao gegen Durango und Sarsfield mit dem navarresischen Heer gegen die Truppen des Infanten Sebastian. Aber der junge Prinz zeigte sich dort zum erstenmal als geborener Feldherr. Er warf seine ganze Kraft dem englischen Parteigänger entgegen und trieb ihn bis hinter Pamplona, ließ eine geringe Macht unter Garcia und Zaratingui zu seiner Beobachtung zurück und kam am 15. März unvermutet dem König zu Hilfe, der sich des überlegenen Feindes nicht zu erwehren vermochte und schon die wichtige Stellung von Ernani verloren gab. Am 16. März stürzte sich der Infant Sebastian auf die Engländer und griff mit den Bataillonen von Guipuzcoa und Aragon die wütend verteidigte Schanze von Oriamendi an. Ein blutiger Kampf folgte; der bereits geworfenen Brigade Chichester eilte ein Bataillon britischer Marine zu Hilfe und stellte den Kampf wieder her. Auf dem gleichen Boden, auf dem vierundzwanzig Jahre vorher die Engländer für den rechtmäßigen Herrscher Spaniens gefochten und dessen Erde sie mit französischem Blut getränkt hatten, kämpfte Palmerstons Krämerpolitik jetzt gegen den rechtmäßigen Erben der Krone. Und der Kaufmannsgeist des Inselvolkes versah beide Parteien mit Waffen. Dreimal trat Villareal, der junge Gefährte Zumalacarreguys, zum Sturm an. Um fünf Uhr blieb die Schanze und mit ihr der Sieg in den Händen der Carlisten. Der von Evans befohlene Rückzug wurde zur wilden Flucht; es war kein geordnetes Heer mehr, sondern eine fessellose Bande. Im tollen Jagen wurden die hochmütigen Rotröcke bis an die befestigten Linien von San Sebastian getrieben. Nur dadurch, daß die englischen Kriegsschiffe alle Truppen schnell an Land setzten, wurde die britische Legion vor der Vernichtung gerettet und die Einnahme von San Sebastian verhindert. Am 20. März war der Infant Sebastian gegen Espartero gerückt, hatte ihn auf dem Rückzug von Durango erreicht und auf den Höhen von Galdácano geschlagen. Espartero, der neue Graf von Luchana, mußte die Garnison von Bilbao ausrücken lassen, um seinen Rückzug zu decken. Die Carlisten jagten ihn bis unter die Kanonen der Festung. Das waren die Siege und die Anstrengungen, von denen die Krieger jetzt im sonnigen Tal von Azcoitia sich erholten. Soldaten und Bewohner mischten sich in bunten Gruppen durcheinander. Vor dem Eingang eines Solare lagerte ein Haufe der Kernkompanien mit den grautuchenen Oberröcken und den roten Beinkleidern – die baskische Boina mit der langen Troddel über dem Ohr, von dem Bauer in der Volkstracht freigebig aus dem Schlauch von Ziegenfell bedient, der den dunklen Wein aus Navarra enthielt. Ein rauher Seemann, dem Sonne und Sturm das Gesicht unter dem blonden Haar noch stärker gebräunt, saß am Kalkofen, der vor jedem Hause steht, mit dem langbärtigen Arbeitssoldaten, und tauschte die Abenteuer der Antillen mit denen des Sturmes auf die Höhen von Galdácano. Die Milizen von Alava und Navarra lagen im Grase und kauten ihr einfaches Mahl, Brot und Zwiebel. Und dort drüben, unter dem uralten Kastanienbaum, tanzten beim Klang der Pfeife und der baskischen Trommel die Lanzenreiter in ihren braunen und grünen Jacken mit den dunkeläugigen Mädchen, daß die bunten Kopftücher und die langen Zöpfe flogen. Zwischen dem bunten Kreis, der sich um einen Hahnenkampf gebildet, leuchteten die roten Mäntel der Trompeter und die bunten Uniformen und Kleidungsstücke der zahlreichen Fahnenflüchtigen von den englischen, portugiesischen und französischen Freischaren der Christinos. Aber auch das blutige Nachspiel des Todes auf dem Schlachtfeld bot das bunte Bild des lachenden Tales. Wie im Unabhängigkeitskrieg wurde der Kampf zwischen den beiden Parteien, den Christinos und Carlisten, den Konstitutionellen und Legitimisten, mit Erbitterung und wilder Grausamkeit geführt. Der furchtbare Erlaß von Durango, das von seinen Gegnern erzwungene Hilfsmittel des Königs gegen den Abschaum der Abenteurerbanden aller Länder, die die hinterhältige Politik von London und Paris auf die Halbinsel schickte, warf seinen schwarzen Schatten auf diese Spiele und diese Lust. Für die Freischaren, die zum Sieg der Verfassung über Don Carlos und die Legitimisten auf spanischem Boden die ›Quadrupel-Alliance‹, Spanien unter der Königinregentin, Frankreich, England und Portugal. das Viermächtebündnis, entsandte, gab es nach dem Erlaß von Durango keine Gnade mehr. Die Fremdlinge, die mit Waffen in der Hand gefangengenommen waren, wurden ohne weiteres erschossen. Der Zug des Todes Der Trupp der zum Tod Verurteilten nahm seinen Weg auf einen der Hügel zu, von dem eine der Burgen des baskischen Adels über Eichen und Kastanien weit hinausschaute ins Land. Es war ein halb verfallener, viereckiger Turm mit einem Vorhof. Der Zug bestand aus einer halben Kompanie baskischer Infanterie von den Bataillonen Guipuzcoa unter der Anführung eines Kapitäns, der einen Trupp von zweiunddreißig Gefangenen begleitete. Eine Anzahl Lanzenreiter umgab mit den Infanteristen die Verurteilten, um jeden Fluchtversuch zu hindern. Die Gefangenen waren bis auf Hemd und Beinkleider entblößt, ja, von den Siegern, die zum Teil die geraubten Kleider unter ihren grauen Röcken trugen, wurden ihnen nach dem Gefecht oft auch noch die Hosen genommen. Als sie jedoch durch Tolosa geführt wurden, hielt man einen solchen Aufzug zu beleidigend für die Blicke der schönen Frauen und ließ von den Einwohnern, die für heimliche Christinos galten, Beinkleider für sämtliche Gefangene herbeischaffen. Mehrere Geistliche in ihren dunklen Gewändern schritten in der Mitte der Verurteilten – unbekümmert um die Hohnreden, die von den Frechsten der Todgeweihten ihnen zuteil wurden. – An der Spitze des Trupps, neben dem kommandierenden Offizier, ging ein Mann in einem spanischen Mantel, den breiten Rand des Hutes tief über das Gesicht gezogen. Die Verurteilten kannten ihr Schicksal. Auf den narbigen, sonnverbrannten, mit den Spuren von Ausschweifung und Leidenschaft gezeichneten Gesichtern prägte sich der Augenblick vor dem Tod sonderbar verschieden aus. Der Mann aus der Hefe von Paris, der unter der Fahne der Fremdenlegion im Kampf gegen die Kabylen Schutz vor dem dreimal verdienten Bagno gesucht hatte, ging dem Sterben frech und über die Geistlichen spottend entgegen, als schlendere er auf den Straßen der Vorstadt St. Antoine. Der Portugiese mit dem scheuen Mörderblick, der zehnmal seine Eide für Don Pedro und Dom Miguel gewechselt, wankte heulend und stöhnend daher und küßte alle Augenblicke das Kreuz, das der Pater in den gefalteten Händen trug. Ein brauner Ägypter, der unter Mehemed Ali gefochten, wandelte gleichgültig neben dem Albanesen her, der in Korfu, Konstantinopel und Malta gedient, bis ihn der unbändige Geist seines Volkes nach Algier getrieben hatte. Ein rotköpfiger Irländer pfiff munter sein Lied und unterstützte mitleidig, soweit es ihm die gebundenen Hände erlaubten, einen blassen jungen Mann mit blonden, vom Todesschweiß feuchten Haaren, dessen feines Gesicht trotz der tiefen Falten der Liederlichkeit bewies, daß er in seinem nordischen Vaterland vielleicht einem edlen Namen Schande und Schmach bereitet hatte, die hier auf spanischem Boden in wenigen Minuten sein Herzblut tilgen sollte. * Einer der Abenteurer, die Hände auf den Rücken geschnürt, mit der stolzen Haltung eines Granden, wandte sich an den Soldaten, der neben ihm marschierte. »Wäre es Ihnen gefällig, Señor, mir eine Zigarre von den Ihren zu geben? Sie sehen, die meine ist erloschen«, bat er in reinem Spanisch. »Mit Vergnügen, Señor!« Der höfliche Korporal reichte ihm seine eigene Zigarre, steckte sie ihm in den Mund und nahm eine andre. »Aus welcher Provinz stammen Sie, Señor, wenn ich so frei sein darf, zu fragen? Ihr Gesicht scheint mir nicht unbekannt.« »Ich glaube es«, gab der Verurteilte gleichmütig zurück. »Sie kauften oft in meinem Laden in Veracruz, ehe Sie noch den Dienst als Steuermann auf der ›Maria Fernanda‹ verließen und das Gericht mich zwang, wegen eines elenden Messerstichs mir gleichfalls eine andre Beschäftigung zu wählen. Wenn ich nicht sehr irre, standen Euer Gnaden in meinen Büchern noch mit einem Rest von zehn Piastern, den ich Ihnen auf Ihr ehrliches Gesicht für einen echten Panama stundete.« »Sie betrogen mich damit schändlich, Señor Tommaso«, tadelte der Korporal. »Es war nichts als amerikanisches Stroh, und ich verlor überdies den Hut, als unser Schoner von den rothaarigen Ketzern aufgebracht wurde. Aber ein Baske hält sein Wort. Es ist mir lieb, daß Sie mich an meine Schuld erinnern.« Er bat seinen Gläubiger, sein Gewehr zu halten. Tommaso brachte es mühsam mit den gebundenen Händen zustande. Der Soldat holte eine seidene Börse heraus, die er zwei Tage zuvor der Leiche eines englischen Offiziers abgenommen hatte. »Diese zwei Guineen gelten zehn Piaster und acht Realen; ich erhalte demnach noch acht Realen von Ihnen heraus.« »Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, Señor Caporal«, bedachte sich Tommaso. »Lassen Sie hören!« »Man hat mich bei der Gefangennahme aller kleinen Münze beraubt. Aber wenn Sie die zwei Goldstücke – ich setze voraus, daß sie vollwichtig sind! – in die Tasche meiner Beinkleider stecken und die acht Realen mir einstweilen anvertrauen wollen, setze ich Sie zu meinem Erben ein, sobald man mich erschossen hat.« »Ich bin damit einverstanden, Señor Don Tommaso; es ist nicht mehr als billig, da Sie mir auch so lange gestundet haben.« Er wollte ihm gewissenhaft die beiden Goldstücke in die Tasche stecken, fand aber zu seiner Betrübnis, daß beide bodenlos waren. In dieser Verlegenheit machte Tommaso den Vorschlag, sie unterdessen in der Wange aufzubewahren; der einstige Steuermann und jetzige Korporal steckte sie ihm in den Mund und empfahl ihm dringend, seine Lippen ja nicht zu öffnen, um zu reden oder zu schreien. Und das versprach sein Gläubiger auf Ehrenwort. Eine heisere, deutsche Stimme grölte: »Im Keller sollt ihr mich begraben, wo ich so manches Faß geleert. Den Kopf will ich beim Zapfen haben – Hurra, mein Jüngle! Luschtig! Immer Mut! I weisch zwar nit, wie du zu unsch kommst, aber der Teufel soll mich holen, wenn du mehr sterben kannst, alsch einmal!« Der Trost des wüsten Schwaben galt einem jungen Menschen von etwa siebzehn Jahren. Mit bleichem Gesicht, schwankenden Schritten und tränenden Augen taumelte er im Zuge mit; er gehörte offenbar nicht zu diesen Männern. »Schau, Jüngelchen – den Senjur Alferez, wie ihr's auf euer Kauderwelsch heißt«, fuhr der Schwabe fort, »der zuckelt nit mit den Augen, was sie ihm auch vorreden mögen von Höll' und Fegefeuer!« Die Worte des Freischärlers deuteten auf einen der Gefangenen, der mit stolz erhobenem Kopf neben einem der Pater herschritt. Er schien auf dessen Worte nicht einmal zu hören. Es war ein hagerer, mittelgroßer Mann; unter dieser braunen Haut schienen Muskeln von Stahl zu liegen, so geschmeidig und sicher war sein Tritt. Das schmale, bronzeartige Gesicht ließ keinen sicheren Schluß auf die Jahre zu; aber er konnte höchstens dreißig zählen. Sein Haar war kurz geschoren, als sei es gewohnt, den Turban zu tragen; und ein Fes, den man ihm als Auszeichnung gelassen hatte, weil er der Offizier der Argelinos war, bedeckte den Kopf. Die Adlernase war scharf gebogen, aber fein geformt; ein dunkler Schnurrbart fiel in langen Enden an den Winkeln des Mundes nieder. Aus den Augen sprühte ein Strahl unversöhnlichen Hasses, wenn er den Augen des Paters an seiner Seite oder dem Blick des Mannes im Mantel an der Spitze des Zuges begegnete, der sich von Zeit zu Zeit nach ihm umwandte und ihn mit gleicher Glut des Hasses anstarrte. Noch finsterer und zorniger aber wurde der Blick des Führers an der Spitze, wenn seine Augen auf den jungen Mönch fielen – auf seinen Sohn. Der Geistliche war vier Jahre jünger als der gefangene Offizier; aber sein Gesicht war hohler, finsterer und ohne den kühnen und offenen Ausdruck, der den Kopf des andern adelte. Aus seinen düsteren Augen und den Falten der Stirn, in den von Nachtwachen und asketischen Übungen eingefallenen und erblichenen Wangen malte sich Leidenschaftlichkeit, wie sie die Mitglieder des Ordens Jesu sonst nicht zeigen. Von dieser Leidenschaft zeugten auch seine Worte, die er ausschließlich an den gefangenen Offizier richtete. »Der Stolz ist die Wurzel aller Sünde«, drang er heftig in ihn. »Sohn eines verfluchten Geschlechts, der du dich mit sündigem Stolz Achmet der Hacene nennst – geh in dich!« Achmet, der Abkömmling der alten Könige von Granada, starrte ungerührt vor sich hin. »Die Heilige Jungfrau und die Märtyrer mögen dir gnädig sein in der Stunde deines Todes! – Misericordia ! Misericordia !« fuhr der Geistliche fort. »Erkenne die Hand des Herrn, der die Spreu von dem Weizen sondert und mit seinem Blitzstrahl die Bösen vertilgt! Dein Geschlecht hat das meine verfolgt. Dein Vater hat den meinen vertrieben. Und dennoch – dort schreitet er, mächtig und geehrt, die rechte Hand des Gesalbten des Herrn! – Ich selber habe das Fleisch überwunden, und sie, die mich dem Satan überliefern wollte, erwartet in der Hand der Gerechten die Buße!« Achmet de Hacena, der maurische Offizier, wandte sich schnell gegen ihn. »Diego«, sagte er mit plötzlich aufwallender Wärme in seiner dunkelklingenden Stimme, »wir spielten zusammen, als wir Kinder waren – auf jenen Trümmern, die von der Herrlichkeit meiner Väter noch nach Jahrhunderten zeugen. Bei der Erinnerung an unsre Kindheit – was weißt du von dem Schicksal meiner Schwester?« »Die Stimme der Sünde und des Fleisches ist verhallt für mich!« antwortete mit unterdrücktem Schauder der Geistliche. »Sie, die du deine Schwester nennst, hatte Gewalt über mich als den eitlen Toreador – nicht über den, der nun lebt in der Gemeinschaft der Heiligen! Bete und bereue deine Sünden, Sohn der Verfluchten – denn deine Stunde naht!« »Heuchler!« zürnte Achmet. »Mich betrügst du nicht – wie dein Vater das Ohr des Infanten! Du weißt, ich bin ein Christ so gut wie du, wenn ich auch mit Stolz an die Größe meines Volkes zurückdenke und wie alle freien Männer mit Jubel seine Ermannung begrüße. Nein – ich glaube nicht an deine Heiligkeit, an deine Demut – du gehörst nicht in die Reihen derer, die mit reinen Herzen und Händen das Erbe Loyolas verwalten. Du lügst – schweig, sag ich dir! – Du lügst, wenn du dich Priester nennst – und wenn du tausendmal die geistlichen Gewänder trägst.« Es war, als wolle jäh aufsteigende Wut dem Angegriffenen den Atem nehmen. Er würgte, um auf diesen Vorwurf zu antworten, und ein glühender Blick schoß nach seinem Vater an der Spitze des Zuges. Gewaltsam zwang er sich. »Du bist ein Werkzeug der Gotteslästerer! Du hast die Söhne der Kirche vertreiben helfen aus ihrem Eigentum!« sagte er mit erstickter Stimme. »Erinnere dich, Diego, daß du selber so dachtest, als du meine Schwester Ximene liebtest und noch ein fröhlicher Jüngling warst – nicht ein falscher Mönch, der seine Kutte zur Schmach für die wahrhaften Priester trägt!« Der Mönch warf ihm einen giftigen Blick zu; seine hageren Wangen überzog dunkle Röte. »Mahne mich nicht an die Zeit und die Schlange, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Nie ist einem der Corpas' Glück gekommen von dem Geschlecht der Hacenen! – Gesegnet seien die Heiligen, die mein unsterbliches Teil aus ihren Schlingen erlöst haben, auch wenn der Körper zugrunde geht!« »Lügnerischer Hund – gib mir Antwort auf meine Frage! Was weißt du von Ximene?« schnaubte Achmet. »Der Herr erleuchte ihr Herz ...« betete mit bebenden Lippen der Pater. »Heuchler!« Der Mönch machte das Zeichen des Kreuzes. »Er, der für uns gestorben ist, hat befohlen: Segnet, die euch fluchen! – Hast du lange keine Nachricht von ihr?« »Seit einem Jahr! – Martere mich nicht, Diego!« »Seit die Heiligen mich erleuchtet haben, bin ich der unwürdige Bruder Antonio! Don Manuel Corpas, mein Vater, hat versprochen, daß du sie wiedersehen sollst, ehe du stirbst!« Achmet blieb erschrocken stehen. »Befindet Ximene sich in den Händen deines Vaters – des bösen Dämons von Spanien?« Der Pater Antonio schlug die Augen zum Himmel. »Mein Vater wohnt dort oben! Don Corpas ist nur mein irdischer Erzeuger. Er wird die Jungfrau, die der Herr in seine Hand gegeben hat, zum Weg des Heils zwingen. – Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt, erbarme Dich dieser Seelen!« Und er begann das Gebet für die Sterbenden, ohne weiter der Fragen und der Schmähworte Achmets zu achten. Der Zug war jetzt bis auf die Spitze des Hügels gekommen, der auf der Rückseite steil nach einer Schlucht abfiel. Dicht an diesem Abhang stand der alte, noch gut erhaltene Turm, einst das Stammhaus eines berühmten baskischen Geschlechts, dessen Ahnherr unter Kolumbus die Fahrt über das Weltmeer erlebte. Die Fenster der dicken Mauern waren im Erdgeschoß und ersten Stock mit schweren Eisengittern versehen. Zwei vorspringende Erker zierten im zweiten und dritten Geschoß die Ecken des Gebäudes. Vor dem Turm, der nur einen einzigen gewölbten Eingang hatte, befand sich ein freier Raum, von uralten, halb verwitterten Kastanienbäumen beschattet. Ein steinernes Kreuz, zum Gedächtnis eines blutigen, mit der Geschichte des Tales verknüpften Ereignisses, befand sich an dem einen Ende des Platzes; ihm zur Seite war eine tiefe und breite Grube aufgeworfen, die bestimmt war, die Verlorenen – die Opfer des Erlasses von Durango – aufzunehmen. Eine Menge baskischer Landleute – Männer, Weiber und Kinder – hatte sich dort versammelt. Andre hatten sich mit Soldaten der überall lagernden Bataillone und Schwadronen dem Zug der Verurteilten angeschlossen. Und als die Verlorenen den Platz erreichten, harrte ihrer eine aufgeregte, schwatzende, neugierige Menge. Laut rauschten die Kastanien im Winde, die Sonne glänzte über der spanischen Erde und süßer Duft wob durch das Tal von Azcoitia. Der Zug der Todgeweihten hielt. Asylrecht »Nein – ich habe mich nicht geirrt!« »Was meinen Sie, lieber Neuillat?« Die drei Reiter, die dem Zug gefolgt waren, hielten jetzt mitten in der Menge. »Sehen Sie dort den Mann im Mantel, der mit dem Kapitän der Vollstreckungstruppen spricht, Durchlaucht?« »Ja – wer ist es?« »Ein Mann, der seine Finger in allem Unheilvollem hat, ein harter, selbstischer, grausamer Tyrann – die rechte Hand des Prätendenten und zugleich sein böser Engel! Ich will wetten, daß auch hier eine Teufelei im Spiel ist!« »Aber Sie haben mir noch immer nicht den Namen genannt?« Herr von Neuillat zog die Brauen hoch. »Wie fremd Sie noch an unserm jungen Hof sind, Durchlaucht! – Es ist Herr von Corpas!« »Und wer ist das: Herr von Corpas?« »Von Geburt ein Andalusier aus Granada. Zuerst Konsul in Faro. Später Ministerresident in Hamburg. Dann durch einen geschickten Betrug Mitglied der Kamarilla König Ferdinands VII. und nach der Wiederherstellung seiner souveränen Macht Gesandter in der Schweiz.« »Ah, der! – Weiter, lieber Neuillat – solche Menschen können gefährlich sein, und es ist gut, zu wissen, woran man mit ihnen ist.« »Er versuchte in Andalusien einen Aufstand für die carlistische Sache und flüchtete dann nach Frankreich. Jetzt ist er der politische Beichtvater unsrer etwas allzu lenkbaren Majestät. Zum öffentlichen Minister kann er's nicht bringen, weil es noch zu viel verständige und anständige Leute in der Umgebung des Königs gibt, die mit einem Mann seines Schlages nichts zu tun haben wollen. – Sehen Sie, da geht die Teufelei los!« Die Gefangenen mußten sich in einem Halbkreis aufstellen. Der Kapitän der Vollstreckungstruppen verlas nach einem Trommelwirbel den Befehl des Kommandierenden; alle bei Oriamendi und Galdácano gefangenen Fremdenlegionäre des christinischen Heeres, zunächst hier die Hälfte, sollten auf Grund des Erlasses von Durango erschossen werden. »Halten Sie ein, Señor«, erklang die Stimme des gefangenen Offiziers, Achmets, des Hacenen. »Ich lehne mich gegen dieses Urteil auf! – Nicht aus Furcht vor dem Tod, sondern als Offizier des stehenden Heeres Ihrer Majestät der Königin!« »Wir kennen keine andre Königin von Spanien, Señor, als die Gemahlin König Karls V.!« entgegnete grob der baskische Kapitän. »Sie sind mit diesen fremden Räubern und Ketzern gefangen worden und haben sie nach Ihrem eigenen Geständnis bei dem Ausfall geführt!« »Ich wurde dazu befehligt vom General Evans! Doch ich bin zu stolz, mit Ihnen um mein Leben zu streiten. – Dieser junge Mann aber gehört weder zu den Freischaren noch zum Heer. Er befand sich nur mit einer Botschaft bei den Truppen und gehört zum Haushalt der Königin!« Herr von Corpas sprach leise einige Worte zu dem Kapitän; dieser wandte sich zornig gegen den Gefangenen. »Er ist aus dem Adelsgeschlecht der Guzman und deshalb ein doppelter Verräter an seinem Herrn! – Er muß sterben wie du! – Angetreten, Leute! – Büttel, teilt die Gefangenen ab!« Die Vorbereitungen zur Hinrichtung waren kurz. Vier der Gefangenen, die eng zusammengedrängt standen, wurden abgesondert und zwischen das Kreuz und die Grube gestellt. Es waren Tommaso, der Gläubiger des Korporals, ein Deutscher und zwei Franzosen. Einer der Geistlichen reichte ihnen das Kreuz zum Kuß. Aber nur Señor Tommaso berührte es ehrerbietig mit den Lippen. Die beiden Franzosen stießen eine freche Lästerung aus, und der Deutsche – der junge Mann mit dem blassen verlebten Gesicht – biß die in Todesfurcht klappernden Zähne zusammen und stierte irren Blicks umher. »Caporal José – tretet an!« Der Korporal winkte seinem ehemaligen Gläubiger. »Leben Sie wohl, Señor Tommaso! Nehmen Sie den Trost mit hinüber, daß ich eine Messe für Ihre Seele lesen lassen werde!« Das blasse Gesicht Tommasos verzog sich zur Fratze – man konnte nicht recht unterscheiden, ob aus Dank, Bosheit oder Todesfurcht. »Angetreten!« Zwölf Grenadiere vom ersten Bataillon von Guipuzcoa, dem gleichen, das die Höhen von Galdácano erstürmt hatte, traten an. »Fertig zum Feuern!« Die Hähne knackten. Die Mönche erhoben betend ihre Stimmen, und das Volk fiel auf die Knie. »Heilige Maria!« »Heilige Mutter Gottes!« »Bitte für uns!« »In der Stunde unsres Todes!« »Amen!« »Schlagt an!« Die Trommel wirbelte in leisem, dumpfem Klang. »Von Ewigkeit erkorene Mutter des ewigen Sohnes.« »Bitte für uns!« »Feuer!« Die zwölf Schüsse krachten – ein Aufschrei – einer der Verurteilten war nur durch die Brust getroffen. Vier Körper schlugen im Todeskampf den Boden. »Fort von hier«, stieß tief erblaßt Fürst Lichnowsky hervor. »Ich überschätzte meine Kraft! – Das ist furchtbar.« Leon von Neuillat preßte ihm die Hand. Oberst Mortara blickte finster und ungerührt auf das blutige Schauspiel. »Es ist unmöglich, uns jetzt zurückzuziehen. Das Volk würde uns mit Steinwürfen verfolgen oder noch Ärgeres tun«, flüsterte Neuillat. »Und ich muß wissen, was Don Corpas hierhergeführt!« Fürst Lichnowsky bedeckte die Augen mit der Hand, um das Schreckliche nicht wiederholt zu sehen. Eben trat eine neue Abteilung vor; vier andre Gefangene wurden an die blutige Stelle geführt, indes man begann, die Körper ihrer Vorgänger noch unter den letzten Todeszuckungen in die Grube zu werfen. »Carajo!« fluchte der Korporal – er hatte ausdrücklich befohlen, seinem ehemaligen Freund nur nach dem Herzen zu zielen, und beugte sich nun über ihn, um sein Erbe zu holen. »Der Teufel möge ihn dreimal dafür braten! Einen anständigen Mann um sein rechtmäßiges Gut zu bringen! Der Schurke hat die Doublonen verschluckt und sicherlich gewußt, daß ich nicht Zeit haben würde, ihm den hungrigen Leib aufzuschneiden!« »Zur Seite, Korporal! – Fertig zum Feuern!« Weiter und weiter murmelten die Geistlichen die Totengebete – wieder und wieder rollten die Salven, mischten sich mit den Ausbrüchen der Angst und des Schmerzes, den Verwünschungen und Lästerungen wilden Trotzes bis in den Tod. Siebenmal hatten die Rotten gewechselt. Der Boden am Kreuz schwamm in Blut; selbst die Augen der rohen, blutdürstigen, schauergierigen Menge begannen, sich von der schrecklichen Hinrichtung abzuwenden. Da gellte ein weithin hallender, verzweifelter Schrei über die Köpfe der Menge hin. »Achmet! – Mein Bruder! – Barmherzige Jungfrau, sie töten ihn!« »Jetzt kommt's! – Passen Sie auf, Durchlaucht«, flüsterte Neuillat. »So etwas hab ich erwartet – ich kenne doch den Corpas!« Offenbar hatte man den Offizier der Argelinos, Achmet de Hacena, absichtlich bis zuletzt geschont und mit ihm den Jüngling, den Pagen der Königin, den liederlichen Schwaben und einen Schweizer, einen Fahnenflüchtigen aus Neapel. Achmet zuckte zusammen beim Ruf seiner Schwester Ximene. Er riß sich aus den Händen des Büttels und seiner Schergen und stürzte vor. Seine dunklen Augen flogen in wahnsinniger Erregung über die Menge. Droben im offenen Erker des zweiten Stockwerks rang ein junges Mädchen mit einem Mann, dessen Hut und Mantel bei dem Kampf herabfielen. »Don Corpas! – Sehen Sie, Durchlaucht – ich dachte es mir!« »Ximene! Schwester! Ximene! – Fluch über den Mörder unsres Vaters!« Achmet riß wie ein Rasender an den Stricken, die seine Hände fesselten. Die schlanke Ximene schleuderte den kränklichen alten Corpas zurück und schwang sich mit der Behendigkeit einer Gazelle auf die steinerne Rampe des Erkers. Jetzt flatterten die weiten Gewänder und das gelöste Haar der Andalusierin durch die Luft. Einen Augenblick lang glaubten die betroffenen Zuschauer, der junge Mädchenleib müßte auf dem Boden zerschmettern. Aber Ximene raffte sich von dem Fall auf und flog zum Bruder – und da erst erkannte man den gefährlichen und seltsamen Weg, den sie kühn entschlossen genommen hatte. Es war ihr gelungen, die starken Zweige des hoch am Turm emporrankenden Efeus zu packen, der vielleicht so alt war wie der Turm selber oder wie das Geschlecht, dessen Namen er trug. Und an diesen Efeuzweigen war sie mit der Geschicklichkeit einer Katze hinabgeglitten. In hetzender Hast durchschnitt sie mit einem kleinen Dolch, den sie an der Brust verborgen trug, die Bande des Bruders und drückte ihm die Waffe in die Hand. Aufschluchzend hielt sie dann Achmet umschlungen. Der Bruder erwartete flammenden Auges und mit geschwungenem Messer seine Feinde. Seine drei Todesgefährten drängten sich schutzsuchend um ihn. Die Aufregung, die durch Ximenes unerwartetes Eingreifen hervorgerufen worden war, teilte sich allem Volk mit. Die junge Andalusierin vereinte alle Reize ihres Volkes mit denen ihrer Ahnen, der Mauren. Zierlich und schlank, voll Geist und Leben war dies Gesicht. Die weiche Rundung der Hüften und die schönen Schultern deckte der dunkle Rebozo. Das eng anschließende Jäckchen von schwarzem Samt mit zahllosen Silberknöpfen ließ die vollen Arme und die zarten Knöchel frei; die feste Brust hob und senkte sich stürmisch in dem prallen Mieder von gelber Seide. Lange, schwarze, mit Korallen und Silbernadeln geschmückte Locken barg nur zum Teil das rote andalusische Netz; sie hingen von der jagenden Eile, von der Anstrengung des Ringens und der Flucht gelöst, auf Schultern und Busen nieder. Von diesem in der Todesangst um den Bruder erbleichten Gesicht vermochte der Fürst Lichnowsky seine Augen nicht mehr abzuwenden. Aber er war nicht der einzige, der so von der auffallenden Schönheit Ximene de Hacenas gefesselt war. Starr hafteten auch die Augen Diego Corpas' – des Bruders Antonio – auf ihr. Seine fahle Blässe war einer fliegenden Glut gewichen. Das Brevier zitterte in seiner Hand. Weit und abwehrend streckte er die Rechte gegen das Mädchen aus. Sein Mund murmelte Gebete, Flüche und Worte leidenschaftlicher Bewunderung, wildesten Verlangens. Der Vater des Mönchs – der Mann auf dem Erker, raffte sich auf und beugte sich weit über die Brüstung. »Laßt sie nicht entfliehen! – Sie ist eine Gefangene! – Zu Ihrer Pflicht, Don Ramon! – Im Namen des Königs!« »Trennt das Weib von dem Burschen!« befahl der baskische Offizier. »Seien Sie ein Mann, Señor. Fügen Sie sich in Ihr Schicksal!« Die Soldaten drängten heran. Aber Ximene deckte den Bruder mit ihrem Leib. »Señor Capitano«, rief Achmet laut durch den Lärm, »bei Ihrer Ehre! – Rufen Sie Ihre Leute zurück, ich habe Ihnen nur ein paar Worte zu sagen!« Don Ramon gebot Halt. Die drei Reiter drängten sich mit Gewalt durch die fiebernde Menge. Fürst Lichnowsky sprang aus dem Sattel, bereit, Ximene zu Hilfe zu eilen. »Geben Sie mir Ihr Wort als Edelmann und Offizier, Señor«, sagte Achmet zu Don Ramon, »daß meine Schwester, die ich widerrechtlich von einem Schurken, einem Feind meiner Familie, hier gefangengehalten finde, unter Schutz und ungekränkt an den ersten Posten des Generals Espartero geleitet wird. Dann will ich mich ohne Widerstand dem ungerechten Tod unterwerfen.« Kapitän Don Ramon war im Zweifel, was zu tun sei. Ehe er noch einen Entschluß fassen konnte, ertönte die gellende, zeternde Stimme des jungen Corpas. »Tötet! Tötet! – Es ist besser, daß der Leib sterbe, denn die Seele! – Laßt die Ketzerin mit ihm sterben – ehe sie entflieht!« Er schwang wie ein Wahnsinniger das Bild des gekreuzigten Erlösers gegen die Gruppe der Verurteilten. Entsetzt und abwehrend hoben die andern Geistlichen die Hände. Aber die blinde tolle Menge heulte Diego Corpas nach: »Tod den Ketzern!« »Tod der Abtrünnigen!« Don Corpas hatte den Turm verlassen. Er stand neben dem kommandierenden Offizier. Die Scheu, die er bei jeder Gelegenheit zeigte, handelnd in den Vordergrund zu treten, wich der Sorge, seine Opfer zu verlieren. Er drohte Don Ramon mit dem Zorn des Königs, wenn er die Hinrichtung nicht vollstrecke und Ximene nicht mit Gewalt nach dem Turm zurückführen lasse. Fürst Felix Lichnowsky wandte sich zu dem Grafen Mortara. »Sie sind vorgesetzter Offizier, Oberst«, sagte er leidenschaftlich. »Sie werden nicht dulden, daß diese Schmach bis zum Äußersten getrieben wird!« Graf Mortara zuckte die Achseln. Er mochte nicht gern mit dem Günstling des Königs anbinden. »Ich bin vom Generalstab«, sagte er kühl. »Ich habe kein Recht, mich hier einzumischen!« »Caramba!« schrie Don Ramon erbost. »Ich erfülle meine Befehle! Wenn die Señora ein Unglück trifft, ist es nicht meine Schuld! – Platz um die Verurteilten! – Caporal, lassen Sie die Mannschaft antreten!« »Elende Feiglinge!« schrie Fürst Lichnowsky. »Ist denn kein Mann unter allen, der Ehre genug besitzt, eine verfolgte Frau zu schützen?« Er brach sich mit Gewalt Bahn und eilte zu den Bedrohten. »Ich habe keine Macht, Sie selber zu retten«, sagte er schnell. »Aber ich verpfände Ihnen mein Wort, daß ich Ihre Schwester gegen jede Kränkung schützen und dorthin geleiten werde, wohin sie selber es bestimmt.« Achmet maß ihn mit flammendem Blick; dann versuchte er selber die Hände des sich anklammernden Mädchens zu lösen und sie dem Helfer in den Arm zu legen. »Ich vertraue Ihnen ihr Leben und ihre Ehre, Señor! – Möge Ihnen Gott vergelten, was Sie tun, und Sie vor Mörderhänden schützen, wie Sie meine Schwester!« »Er ist auch ein Ketzer! – Tötet sie! Tötet sie!« heulte Diego. Don Corpas besiegte seine letzte Scheu und trat heran. »Mit welchem Recht mischen Sie sich hier ein, Señor? Wer sind Sie?« fragte er mit dünner, schneidender Stimme. »Ich bin Offizier im Heer Ihres Königs, wie Sie sehen, und gehöre zur Grandezza!« herrschte Fürst Lichnowsky ihn an. »Wollen Sie meinen Rang und Namen wissen?« »Ich bitte darum!« kreischte Don Corpas. »Dann wenden Sie sich an den Grafen Mortara. Es widert mich an, mit Ihnen zu reden! – Sie mögen Ihr blutiges Mördergeschäft verrichten – aber diese Dame steht von jetzt an unter meinem Schutz!« Er legte die Hand an den Säbelgriff. Seine Augen blitzten unerschrocken den stechenden, drohenden Blicken des Spaniers entgegen. Durch den mutigen Widerstand stutzig gemacht, wandte sich Corpas an Graf Mortara. Jetzt hob Ximene zum erstenmal ihre dunklen Augen auf zu dem kühnen Helfer. Sie glitt aus den Armen des Bruders, sank vor dem Fürsten nieder und umfaßte seine Knie. »Oh, retten Sie ihn, Señor«, flüsterte sie leidenschaftlich. »Retten Sie Achmet – und ich will Sie lieben, solange ich atme! Wenn mein Bruder sterben soll, will auch ich nicht mehr leben!« Leon de Neuillat trieb sein Pferd dicht heran. Er sah sich vorsichtig um. Dann beugte er sich nieder auf den Hals des Rosses. »Spielen Sie den tapfern Ritter, mon Prince «, flüsterte er französisch. »Helfen Sie den armen Schluckern. – Das schöne Mädchen ist es wert!« fügte er leichtsinnig hinzu. »Aber mein Gott – wie? Meine Fürsprache ist machtlos! Ich bekleide hier noch keinen militärischen Rang, und Oberst Mortara weigert sich, einzuschreiten.« »Sehen Sie dort die eiserne, verrostete Kette über dem Torweg des Turmes?« »Ja – was soll das?« »Das Zeichen des Asylrechts! – Der König hat dort einmal geschlafen. Wenn diese Leute hier die Schwelle berühren können, sind sie vorläufig gerettet. – Ich möchte Don Corpas einen Streich spielen. – Aber eilen Sie!« Fürst Lichnowsky begriff, daß es sich hier um eine der ihm noch unbekannten Sitten des Landes handelte. Es galt raschen Entschluß; denn schon kehrte Don Corpas mit bösem Hohn in seinen kleinen, stechenden Augen zurück, und die Menge schrie ungestüm nach der Durchführung der Hinrichtung. Sie hatte sich an dem schon geflossenen Blut berauscht. »Fliehen Sie in den Eingang des Turmes! Dort wird man Sie schützen«, sagte Fürst Lichnowsky in französischer Sprache zu Achmet. Dann zog er den Säbel, faßte mit der Linken den Arm Ximenes und zog ihn unter den seinen. »Platz da – im Namen des Königs!« Er drängte vorwärts, als wolle er Ximene wegführen. Leon de Neuillat ließ sein wohlerzogenes Pferd steigen und tänzeln, daß die Menge zurückstob. Auch die Soldaten, die die Verurteilten umringten, sprangen zur Seite. Diesen Augenblick benutzte Achmet. Er schwang den Dolch und stürzte durch den Kreis – dem offenen Eingang des Turmes zu. Ohne zu wissen, worum es eigentlich ging, folgten ihm die drei andern Verurteilten, und der Schwabe rannte dabei Diego Corpas über den Haufen, der sich ihnen entgegenwarf. Achmet erreichte glücklich den unbewachten Eingang und verschwand in der Pforte; auch der Schwabe sprang über die Schwelle; aber der Page der Königin fiel dicht vor ihr nieder. Ehe die schreienden, fluchenden Soldaten ihn erreichen konnten, hatten ihn jedoch seine Gefährten ergriffen und in die Tür gezogen; nur der vierte Gefangene fiel in die Hände der Grenadiere. Alles stürzte und drängte zum Turmeingang. Da klang aus der Menge der Ruf: »Asyl! Asyl! – Ehrt das Asylrecht!« Don Corpas schleuderte Leon de Neuillat einen drohenden Blick zu. »Schleift die Argelinos heraus!« brüllte er. Doch die Menge, immer lüstern nach Überraschungen, vergaß ihre Blutgier. Schon wiederholten hundert Stimmen aus dem Volk den Ruf: »Asyl!« Die Hände wiesen hinauf nach den Ketten über der Pforte. Nach spanischem Gebrauch galt die zeitweilige Wohnung des Herrschers als königlicher Palast. Es war ein altspanisches Vorrecht, wenn ein König von Spanien auf Reisen in einem Bürger- oder Edelhaus übernachtete, eine eiserne Kette über dem Haustor für ewige Zeiten aufzuhängen. Der Henker und seine Knechte durften dann nie, die Schergen und Gendarmen nur nach eingeholter höherer Bewilligung in das mit der Kette begnadete Haus treten. Jedes niedrige Verbrechen des Hausherrn jedoch zog den Verlust der Kette nach sich. Don Corpas kannte dieses Vorrecht sehr wohl. Dennoch achtete er in der Sucht, einen alten Familienhaß zu befriedigen, nicht auf das Hindernis, sondern eilte nach der Tür und trieb den Büttel und die Soldaten an, sich der Entflohenen zu bemächtigen. Auch sein Sohn verlor die Selbstbeherrschung, diese vornehmste Tugend, die ihn die strenge Schule des Ordens in der zweijährigen, erst vor kurzem überstandenen Prüfungszeit gelehrt; er raffte sich auf, schwang das Kreuz wie eine Waffe und stürzte nach dem Turm. Aber jetzt warf sich ihnen Don Ramon de Zureda, der Offizier des Kommandos, selber entgegen. »Halt da, Señores! – Niemand soll die Männer berühren, die in dem alten Haus meiner Familie das Asylrecht gefunden haben – es sei denn, daß der Befehl des Obersten Gerichtshofes von Biscaya oder des Königs es bestimmt!« »Kapitän, es ist Ihre Pflicht, die Verbrecher ihrer Strafe zu überliefern! Sie haben den Befehl. Sie dürfen sich nicht durch ein Vorurteil daran hindern lassen!« fuhr Corpas ihn an. Das Gesicht des baskischen Offiziers färbte sich dunkelrot. »Niemand braucht mich an meine Pflicht zu erinnern, Señor«, sagte er heftig. »Aber dies ist die Burg der Familie Zureda. Und seit den Tagen König Philipps II. hat sie das Vorrecht der Kette besessen. Ich, ihr Abkomme, werde es zu schützen wissen!« »Aber bedenken Sie...« »Sie selber, Señor, haben gewünscht, daß die Hinrichtung der Feinde des Thrones an dieser Stelle vollzogen werde. Und wäre der Mörder meines Vaters in jenem Haus, kein Häscher sollte seine Schwelle überschreiten, bevor er nicht den Befehl des Obersten Gerichtshofes vorzeigt!« » In nomine Dei! – Tötet ihn! Tötet ihn! – Die Feinde des Königs sind die Feinde Gottes!« schrie mit gellenden Lauten, das Kreuz in der Hand, Pater Antonio, der Sohn des alten Corpas. Der älteste Jesuitenpater, der den Zug der Verurteilten begleitet hatte, zog den jungen Diego aus der lärmenden Menge. Das schwarze viereckige Birett, das seinen Kopf bedeckte, zeigte seinen höhern Rang im Orden, der von den jüngeren und geringeren Gliedern Gehorsam zu fordern hat. »Bezähme dich, Bruder Antonio«, sagte er streng und vorwurfsvoll. »Es ist weltliche Leidenschaft und Eigennutz in deinem Tun, nicht wahrer Eifer für den Herrn!« Diego beugte sich unter dem scharfen und berechtigten Vorwurf seines Vorgesetzten. Weltliche Leidenschaft... Oh, war denn dieses Brennen in seinem Innern nie auszulöschen? Nahm die Qual nie ein Ende? Wuchs in ihm immer wieder die Glut des Verlangens nach diesem berückend schönen Weib – das nicht nur ihn, den Sohn, nein, auch den Vater lockte? Das beiden die Sinne aufstachelte und das beide so voller Verachtung und Kälte zurückwies? Nein – sie durfte nicht Siegerin bleiben mit ihrem Märchengesicht, ihrer betörenden Gliederpracht – sterben sollte sie – sterben da drinnen in seinem Herzen, sterben in seinem Blut, in seinen einsamen Nächten – sterben lieber vor den Augen der Menge unter unsäglichen Leiden ... Sie sollte nicht leben im Sonnenschein ihrer quellenden Jugend, währenddes er das wilde Verlangen nach ihr, die Glut seiner Sinne in bitterer Entsagung und schmerzvoller Abtötung seiner Begierden im Grabesdunkel der Klosterzelle verscharrte. Seine lodernden Augen nahmen den früheren demütigen Ausdruck wieder an, sein Gesicht war wieder fahl und krankhaft. » Pater, peccavi! « schlug Pater Antonio seine Brust. »Der Teufel der Welt ist mächtig in uns«, fuhr der ältere Pater fort. »Ich bemerkte mit Trauer, daß der Sauerteig deiner Erinnerungen noch zuviel Gewalt über deine Seele hat. Wer sich dem Dienst unsres heiligen Stifters weiht, muß keine andern Zwecke kennen als die des Himmels. Kehre sofort zurück ins Kloster. Melde dich beim Pater Rektor zu dreitägiger Strafe. Ich werde das bei deinem irdischen Vater rechtfertigen.« Abermals hob Diego den Kopf. Der Gedanke an Widerspruch quoll in seinem Herzen. Er suchte mit leidenschaftlichem Blick Ximene und ihren fremden Beschützer und wandte sich dann beistandsuchend nach seinem Vater um; aber Don Corpas war in seinem Streit mit dem baskischen Offizier zu sehr erregt, um auf ihn zu achten. Ximene – da hing sie am Arm dieses Fremden... Alle Eifersucht, aller Haß, alle Glut loderten noch einmal in ihm auf. In übermächtiger Erregung stöhnte er. Aber der zwingende Blick des älteren Paters ließ ihn nicht los. Da beugte er sich und schlug sein Brevier auf, schritt durch die sich öffnende Menge, die Augen starr auf das Buch geheftet, die Zähne zusammengepreßt, Schmerz, Leid, Haß und Eifersucht im Herzen. Der Kapitän Don Ramon de Zureda hatte den Säbel gezogen. Er stand entschlossen vor dem Eingang des Turmes. » Valga me Dios! Ich spalte jedem Schurken den Kopf, der es wagt, das Asylrecht der Familie Zureda zu verletzen!« Corpas, der Berater und Günstling des Königs, wollte im Vertrauen auf diese Stellung aufs neue Einsprache erheben. Aber ein Blick umher belehrte ihn, daß er der eingefleischten Ehrfurcht vor dem alten Recht nicht gewachsen war. Das Volk nahm schon Partei, und die Soldaten, die sich vom ersten Eifer zur Verfolgung hatten hinreißen lassen, lehnten ruhig und fast frech auf ihren Gewehren. Der Büttel mit seinen beiden Gehilfen wagte nicht, einen Schritt weiter zu tun. Don Corpas kannte den unverrückbaren Sinn der Basken. Er fühlte, daß er nicht weitergehen durfte, wollte er sein Ansehen nicht preisgeben. »Kapitän«, sagte er böse, »Sie sind in Ihrem Recht. Aber Sie bürgen mit Ihrem Kopf für die Gefangenen, bis ich zurückkehre oder Botschaft sende. Ich werde Seiner geheiligten Majestät Befehle einholen.« Don Ramon verbeugte sich. »Mögen Euer Exzellenz tausend Jahre leben. – Der Befehl des Königs oder des Obersten Gerichtshofes wird die Türen meines Hauses öffnen. Bis dahin werde ich einen starken Posten meiner Kompanie zur Bewachung hier lassen.« »Ich begebe mich unverzüglich nach Tolosa an das Hoflager, Kapitän. Lassen Sie Doña Ximene de Hacena nach dem Kloster bringen, damit sie hier nicht mit ihrem Bruder verkehrt. Ich werde mit dem Pater Rektor sprechen, daß er sie hinter Schloß und Riegel bringt.« Während dieser Vorgänge hatte Fürst Lichnowsky ein paar Worte mit Neuillat gewechselt und wandte sich dann an Ximene. »Fürchten Sie nichts, Señora, für Ihren Bruder«, beruhigte er ihre Angst. »Der Infant Don Sebastian ist ebenso großmütig wie tapfer – er wird die Begnadigung Ihres Bruders nicht verweigern, um so mehr, wenn er hört, wie hier verfahren worden ist. – Diese Dame«, fuhr er zu Don Corpas und dem Kapitän fort, »steht unter meinem Schutz. Ich werde die Ehre haben, sie nach Azcoitia zu begleiten.« »Das werden Sie nicht, Señor«, stieß Corpas heftig hervor. »Das Weib da ist eine Staatsgefangene. Ich werde es nicht dulden, daß sie sich entfernt!« »Seine Majestät Don Carlos«, entgegnete Fürst Lichnowsky kalt, »führt nicht mit den Frauen von Andalusien Krieg. Die Señora hat mir anvertraut, daß sie von Ihnen bei dem Zug des Generals Gomez nach dem Süden ihrer Heimat entrissen und hierhergeschleppt worden ist. Man hat sie seit vielen Monaten gefangengehalten. Das sind unglaubliche Zustände. Sie haben in dieser Angelegenheit unverantwortlich gehandelt, Señor. Ich werde Sorge tragen, daß die Doña ihrer Familie zurückgegeben wird.« »Doña Ximene«, bemerkte beherrscht, aber höhnisch Don Corpas, »ist schön genug, um solchen Schutz zu belohnen. Für Ihre Beleidigungen, Señor, werden Sie mir an einem andern Ort Rede stehen. Die Señora ist für ein Kloster bestimmt. Sie wird dahin gebracht werden. Wir können warten. Kapitän Zureda wird für sie sorgen – nicht ein Fremder von zweifelhaftem Rang und Charakter!« Fürst Lichnowsky ließ den Arm Ximenes los und legte, glühend vor Zorn, die Hand an den Säbel; aber Leon de Neuillat kam ihm zuvor. »Ich habe die Ehre gehabt, Señor Don Corpas, Ihnen den Namen und Rang dieses Herrn zu nennen«, sagte er kurz. »Ich bürge für ihn. Soviel ich weiß, bekleiden Sie, Señor Corpas, gegenwärtig weder einen Posten in der Verwaltung noch einen militärischen Rang, der Sie berechtigt, hier irgendeinen Befehl zu geben; Sie dürfen es ebensowenig wie ich!« Corpas maß Neuillat mit giftigem Blick. »Ich habe sogleich Ihren Rat und Einfluß in der Durchkreuzung meiner Absichten erkannt. Aber, der Señor Kapitän...« unterbrach ihn mürrisch Zureda, »lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Weibsvolk! Ich bedaure ohnehin, Ihrem Wunsch gefolgt zu sein und unser altes Haus für eine fremde Ketzerin zum Gefängnis hergegeben zu haben. – Angetreten!« schrie er die Soldaten an. »An den Baum mit dem Schurken von Argelino dort, damit wir zu Ende kommen!« Fürst Lichnowsky rief in polnischer Sprache seinen Reitknecht, der sich durch die gaffende Menge drängte und die Pferde herbeiführte. »Verstehen Sie zu reiten?« fragte Lichnowsky seinen Schützling. Ximene lächelte durch Tränen. »Ich bin aus Andalusien, Señor. Aber kann ich meinen Bruder nicht noch einmal sehen, um ihm eine Beruhigung über sein und mein Schicksal zu geben?« Der Fürst befragte die Augen seines Begleiters. Neuillat nickte zustimmend. Lichnowsky bot Ximene den Arm und führte sie in den Turm, an dem wutschäumenden Corpas vorüber. Sie waren nur wenige Minuten bei den Gefangenen, als Schüsse das Herz Achmets und seiner Gefährten schaudern machten. Jetzt wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen, hätte der glückliche Rat, das Asylrecht zu benutzen, es nicht gewendet. Fürst Lichnowsky zweifelte nicht, die Rettung der Verurteilten vollenden zu können, indem er der Doña Gelegenheit zu einem Fußfall beim Infanten verschaffte. Er versprach, Ximene gegen jeden Versuch ihres Feindes zu schützen und so bald wie möglich zurückzukehren. Neuillat mahnte ihn zur Eile; bei dem Charakter ihres Gegners konnte jeder Augenblick unnützen Verzugs Verderben bringen. Ximene küßte ihren Bruder noch einmal und folgte dann vertrauensvoll dem Fürsten die Stufen hinab. Sie trafen Don Corpas schon im Sattel. Graf Mortara hatte ihm das Pferd seines Meldereiters nicht verweigern können. Leon de Neuillat hatte ein Reitkissen für Ximene herbeischaffen lassen. Lichnowsky befestigte es auf seinem eigenen Pferd; er selber bestieg das Tier seines polnischen Dieners. Don Corpas wandte sich im Sattel. »Kapitän«, sagte er mit eifriger Stimme, »Sie bürgen für die Gefangenen und halten Ihre Leute zur Hinrichtung bereit. Ehe die Nacht einbricht, werde ich von Tolosa mit dem Befehl des Königs zurück sein. – Bis dahin, Señor«, sagte er betont zu Neuillat, »sparen Sie Ihre Freude über den Sieg!« Leon de Neuillat lachte spöttisch. »Glückliche Reise, Señor Don Corpas! Tolosa ist zehn Leguas entfernt, und das Hauptquartier des Infanten Don Sebastian noch keine zwei. Sie sehen – Ihre Rechnung stimmt nicht!« Mit einer bittern Verwünschung zwischen den Zähnen sprengte der alte Spanier voran. Als sie an dem noch offenen Grab vorüberkamen, das vielleicht schon bestimmt war, ihren Bruder aufzunehmen, verhüllte Ximene schluchzend ihr Gesicht. Unter der Kapuze Vier Tage später flutete durch die hohen offenen Fenster der Balkone die abendliche Bergluft aus dem Tal von Azcoitia. Auf dem Söller des Palastes, der dem Marques de Narros gehörte, standen eng beieinander Fürst Felix Lichnowsky und Ximene de Hacena. Weit blickten sie hinaus über die monderleuchtete spanische Landschaft und zum funkelnden Sternenhimmel. Ximene, die heißblütige Andalusierin, schmiegte sich hingegeben an die Schulter des schlanken blonden Deutschen. Lange sprachen sie nicht. Aus dem Tal klang Gitarrenmusik und Gesang. Ein süßes, schwermütiges Lied verklang. Dann hörte man Gelächter und Geschrei, Hundegebell und Waffengerassel – und wieder Stille – Musik – ein klagendes getragenes Lied. Nach langem bewegten Schweigen beugte sich Fürst Lichnowsky zu Ximene nieder, strich ihr das Haar zurück und küßte sie auf die Stirn. »Ximene – du wirst mich immer lieben?« »Immer – immer!« »Und du vertraust mir?« »Wem sollte ich trauen, wenn nicht dir, meinem Retter? Als du mich in dieses Haus führtest und mich dann verließest, Felice, und Stunde auf Stunde verrann in banger Angst um das Schicksal Achmets – da vertraute ich nur auf dich! Du mußtest helfen – du allein konntest helfen. Und dir gehörte ich, wenn du uns Rettung brachtest! – Und als ich das dachte – da hörte ich durch die Nacht den Hufschlag deines Pferdes – du stürmtest die Treppe herauf, und dein erstes Wort war: Gerettet! Frei!« Felix Lichnowsky drückte sie zärtlich an sich. »Du Liebe! – Es war freilich kein Augenblick zu verlieren. Unsre Gegner waren schnell. Darum konnte ich dich nicht erst benachrichtigen. Der Infant bewilligte mir die Begnadigung sofort. Und Neuillat eilte nach Tolosa, um die Ränke der Feinde zu hintertreiben. Der Infant riet mir, die Gefangenen mit der Begleitung, die er mir gab, schnell zu den Vorposten der Christinos zu bringen, um ihre Auswechslung anzubieten. Es war ein Glück; schon eine Stunde nachher traf der Befehl des Königs ein, der das Asylrecht aufhob.« »Oh, Fluch über ihn! – Wie kann er das Blut der Söhne Spaniens so in kaltem Mord vergießen!« rief Ximene leidenschaftlich. »Und für ihn kämpfst du – der freie Fremdling? Warum mußt du denn helfen, das erwachte Reich der Geister wieder in die Nacht der Tyrannei zu stürzen, die uns so viel Elend gebracht hat?« Fürst Lichnowsky schüttelte leise abwehrend den Kopf und liebkoste ihr schönes Haar. »Laß uns nicht streiten über Politik, Ximene. Nicht für die Herrschaft der Gewalt kämpfe ich, sondern für den rechtmäßigen König des Landes. Nicht durch ein Unrecht, nicht durch die Machtgelüste einzelner Fürsten schreitet ein Volk vorwärts in seiner Entwicklung, sondern auf dem Weg der Gesetze, die durch die Erfahrung der Jahrhunderte geboren wurden. Wer frevelnd das Recht der Könige antastet, dem ist auch nichts anderes heilig, und er wird an allen Gütern der Menschheit rütteln!« Ximene wiegte zweifelnd den Kopf. »Achmet und ich sind die Kinder eines alten Königsgeschlechtes«, sagte sie endlich, »und dennoch denken wir anders! Nicht immer ist das Menschenrecht das Edelste. Es mag einer König und Mörder zugleich sein – ist's dann nicht ein Wahn, sich solchem ›rechtmäßigen‹ Herrscher zu beugen? – Achmet und ich glauben nur an die Rechtmäßigkeit des Herzens – an das reine Recht der Liebe!« »Recht der Liebe!« wiederholte er versonnen. »Vielleicht hast du die tiefste Wahrheit der Erde erfaßt. Vielleicht stände es besser um die Welt, wenn es keine andern Rechte, keine andern Vorrechte gäbe als das schöne Vorrecht der Liebe! – Steh ich nicht an deiner Seite auf Grund keines andern Vorrechts als dem der Liebe? – Aber in der Politik ...« Sie unterbrach ihn heiß. »Was kümmert's mich! – Hat doch Gott dich hierhergeführt, um uns zu helfen!« »Geliebte!« »Seit der Nacht, in der du mir die Nachricht von Achmets Rettung brachtest, war mein Herz bei dir. – Was kümmert mich der Streit der Könige und der Völker! In jener Nacht gab ich dir mein Herz, das für dich glühen wird, bis es sich selber verzehrt hat. – Oh, jag mich nicht von dir, Felice! – Niemals, niemals! – Getrennt von dir, müßte ich sterben!« Sie warf die Arme um seinen Hals, und er drückte Kuß um Kuß auf ihren Mund. So standen sie lange; nur der Ruf der Schildwachen aus dem Tal, vom fernen Kirchplatz her, wo die Lanzenreiter lagerten, fröhlicher Gesang oder der Klang der Gitarre und der waffenklirrende Schritt der Streiftrupps unterbrachen die köstliche Ruhe des Abends. Ximene schrak auf. Der Galopp eines Pferdes jagte näher und näher über das schlechte Pflaster und verstummte vor dem Tor des Palastes. »Wer kommt da so spät?« fragte sie ängstlich. Verträumt strich Fürst Lichnowsky in sehnsüchtiger Zärtlichkeit ihren Nacken. »Warum beunruhigt dich das? – Hundert Reiter kommen und gehen! Du weißt, daß noch mehr Offiziere im Palast wohnen. – Aber es ist Zeit zum Schlafen – von der Sierra her streicht der Wind kälter durchs Tal, und morgen in aller Frühe ist Truppenmusterung.« »Schickst du mich fort – Felice, mein Leben?« bettelte sie. »Laß mich bleiben!« Er beugte sich über sie und flüsterte ihr heiß ins Ohr. Errötend barg sie das Gesicht an seiner Brust und umschlang ihn fester und inniger. Da klopfte es an die Tür des Gemachs – laut und rasch. Erschrocken riß Ximene sich aus seinen Armen; sie traten vom Erker ins Zimmer zurück. »Wer ist da? – Was gibt es so spät?« rief Fürst Lichnowsky unwillig. »Schnell, Durchlaucht, öffnen Sie schnell! – Ein Freund von Tolosa!« Die Stimme schien Lichnowsky bekannt. Vergebens versuchte er, Ximene nach ihrem Zimmer zu führen. Sie weigerte sich zu gehen; sie fürchtete für ihn, den sie liebte. Die Hand aufs Herz gepreßt, blieb sie im Hintergrund. Ein Mann im spanischen Mantel, den Hut tief über die Augen, trat ein. »Wer ist der Mann, den ich im Vorzimmer fand? Es ist nicht Ihr polnischer Diener, Durchlaucht.« »Ach, nun erkenn ich Sie, liebster Neuillat! – Der Mann da draußen? Das ist ein Deutscher, einer der Verurteilten, den Sie retten halfen. – Willkommen! – Der Mann weigerte sich, zu den Christinos zurückzukehren; dort war ihm der Strick für den Diebstahl eines silbernen Kreuzes mit dem Christus ebenso gewiß wie bei uns die Kugel. Und so nahm ich ihn – weil ich den Fürsten von Oehringen kenne, aus dessen Land er stammt – zum Diener an.« »Trauen Sie ihm?« Der Fürst zuckte die Achseln. »Dankbarkeit und Anhänglichkeit sind die einzigen guten Eigenschaften, die er besitzt.« »Dann befehlen Sie ihm, Wache zu halten und sofort zu melden, wenn Alguacils Sprich Algwaßil, Titel der mit der Rechtsprechung und der Vollstreckung Betrauten. kommen.« »Alguacils? – Ich begreife Sie nicht! – Wie kommen Sie von Tolosa hierher? – Was ist geschehen?« »Nichts, dem nicht noch vorzubeugen wäre. Mein Brauner hat die elf Leguas in vier Stunden gemacht, um Sie zu warnen.« »Mich zu warnen? – Was ist denn los?« Mit einem Ausruf des Schreckens trat auch Ximene näher. Leon de Neuillat begrüßte sie durch eine Verbeugung. »Der Bote mit dem Befehl des Königs zur Auslieferung der Doña de Hacena folgt mir auf dem Fuß. Don Corpas hat gesiegt: Der Teufel weiß, durch welche Lügen oder Verleumdungen! – Aber der Befehl ist erteilt, ihm Doña Ximene zu überliefern. Und Sie können sicher sein, daß er schon in einer Stunde mit den Alguacils hier sein wird, um sie mit Gewalt zu holen. Don Corpas verließ mit mir zugleich Tolosa. Nur seinem Alter und der Schnelligkeit meines Pferdes verdanke ich den Vorsprung. Fassen Sie rasch Ihren Entschluß oder – fügen Sie sich ins Unvermeidliche!« »Ich werde mich weigern, Doña Ximene auszuliefern«, rief Fürst Lichnowsky aufgebracht. Seine Augen blitzten – er warf den Kopf in den Nacken. »Den ersten Schurken, der es wagt, meine Zimmer zu betreten, schieße ich über den Haufen!« »Um des Himmels willen, keine Gewalttat, Durchlaucht! – Sie kennen die spanischen Gerichte nicht. Sie sind wie die Harpyien! An wen sie sich einmal gehängt haben, den lassen sie nicht wieder los. Und dann – vergessen Sie nicht – ist der Befehl des Königs da! Sie würden durch Ihren Widerstand Ihre ganze Zukunft in diesem Land aufs Spiel setzen.« »Der Teufel hole sie!« brauste Lichnowsky auf. »Ich kümmere mich den Henker darum! Wir müssen versuchen, Doña Ximene zu verbergen!« Neuillat zuckte die Achseln und lächelte. »Halten Sie wirklich Don Corpas für so einfältig? Seit Sie und Doña Hacena versäumt haben, sich im ersten Augenblick aus seinem Bereich zu begeben, haben Sie keinen Schritt über diese Schwelle ohne seinen Willen tun können. Ich wette, daß der Palast von heimlichen Spähern umgeben und wahrscheinlich auch besetzt ist. Keine Verkleidung würde die Doña Ximene schützen, wenn sie sich aus dem Haus wagte. Nein, das hieße sie nur desto rascher ihrem Feind und Verfolger überliefern! Don Corpas schreibt ihrer freiheitlich gesinnten Familie seine Vertreibung aus Granada und das Scheitern früherer Pläne in Andalusien zu, und er will sich an ihr rächen! – Und bedenken Sie, daß sein einziger Sohn ihretwegen Mönch geworden ist. Sie wissen nicht, was spanischer Haß vermag!« »Das ist nicht wahr! – Nicht meinetwegen ist Diego ins Kloster gegangen! Er selber – Don Corpas – hat ihn dazu gezwungen!« rief Ximene flammend. »Gezwungen?« »Ja – denn Don Corpas –« Sie stockte und errötete. »Sprich doch!« bat der Fürst. »Don Corpas hat selber seine schmutzigen Hände nach mir ausgestreckt und um meine Gunst gebettelt! – Und weil ich ihn verachtete, glaubte er, Diego, mein und meines Bruders Jugendfreund, hindere ihn – glaubte, ich schenkte dem Sohn, was ich ihm verweigerte. Und deshalb – zwang er ihn!« »Wie – du meinst, der Pater Antonius sei gewissermaßen ein Gefangner im Jesuitenkloster?« »Nein – das nicht. Aber Don Corpas hat seinen Willen gebrochen – er ist entsetzlich, dieser Mann. Diego mag freiwillig Mönch sein – aus Angst – aus – aus Gram, weil ich seine Werbung ablehnte. Aber nimmermehr mit dem Herzen!« Der Fürst stützte sinnend das Kinn in die Hand – die andre hielt die des Mädchens umspannt. Dann legte er beruhigend einen Arm um sie. »Was tun?« fragte er auf deutsch. »Ich traue Ihnen, Neuillat! – Sehen Sie, das Mädchen ist mir in den wenigen Tagen ans Herz gewachsen. Ich kann mich nicht von ihm trennen. Ich bin ihm jeden Schutz schuldig!« »Ich dachte es mir fast – und deshalb meine Eile!« nickte Neuillat. »Man spielt bei den Andalusierinnen nicht ungestraft den Ritter! – Ja, was tun? Nur List bleibt übrig.« »Raten Sie – helfen Sie!« Neuillat sog tief den Atem ein und überlegte. Sein Blick flog sinnend über die beiden hin. Er zauderte noch. Aber dann entschloß er sich zum Reden. »Ein einziges Mittel gäbe es, Don Corpas und sein Gesindel mit langen Gesichtern abziehen zu machen. Aber es ist kaum möglich, Vorbereitungen dafür zu treffen!« »Sprechen Sie um des Himmels willen ...« »Der Befehl lautet auf Señora Ximene de Hacena ... und Sie haben kein Recht, sie zurückzuhalten.« »Nun?« »Wenn sie aber einen andern Namen führt, ist der Befehl ungültig.« Lichnowsky stutzte und sah ihn fragend an. »Wie meinen Sie das?« »Eine Scheintrauung – eine feierliche Äußerlichkeit, die durch das Fehlen irgendeiner Formel für beide Teile nicht bindend ist – und das Zeugnis des Priesters würden genügen, um jede weitere Verfolgung unmöglich zu machen. Ich glaube, es würde sich ein Helfer finden, der die Doña vor den gewalttätigen Händen dieses Corpas rettet.« Fürst Lichnowsky sprang auf. »Sie haben recht – das ist das einzige! Niemand wird es wagen, meine Gattin anzutasten. Aber nicht eine Scheinheirat, nein, eine wirkliche – denn ich liebe Ximene! – Schaffen Sie mir die Möglichkeit, noch in dieser Stunde die Trauung vollziehen zu lassen!« »Unter keinen Umständen, Durchlaucht«, sagte Neuillat entschlossen. »Wenn Sie sich nicht in meinen Vorschlag fügen, laß ich die Hände davon. Ich will nicht die Ursache sein, daß Sie später vielleicht sich und mir bittere Vorwürfe machen müssen wegen eines übereilten Entschlusses. Geben Sie mir nicht Ihr Ehrenwort, sich mit einer ungültigen Trauung zu begnügen, ziehe ich mich zurück!« »Niemand kann mir das Recht nehmen, auch eine Scheintrauung als eine gültige zu ehren«, sagte ernst und eindringlich der Fürst. »Nehmen Sie mein Wort. Und ich fordere das Ihre dagegen, daß Ximene nie von andern Lippen als den meinen die Wahrheit erfährt!« »Das ist Ihre Sache, Durchlaucht. – In der Nähe ist ein Dominikanerkloster« – er sah nach der Uhr –, »wir haben noch eine halbe Stunde Zeit. Ich kenne einen der Pater und werde ihn wecken lassen. Er ist gütig und wird Rat wissen. Bis ich zurückkehre, gestatten Sie niemandem Zutritt in Ihre Wohnung!« Er nahm Hut und Mantel und verschwand. Fürst Lichnowsky befahl dem Schwaben, dem ehemaligen Argelino im Vorgemach, sich zu bewaffnen und Wache zu halten, da der polnische Diener krank lag. Dann schloß er die Tür und wandte sich zu Ximene, die mit ängstlicher Spannung einer Erklärung harrte. Aber der Fürst bat sie, ihm zu vertrauen und zu warten. Ximene fügte sich und setzte sich still auf ein Ruhebett zur Seite. Ihr Blick folgte ihm; er schritt ungeduldig auf und nieder. Jeden Augenblick lauschte er nach dem Geräusch des wiederkehrenden Freundes oder der Ankunft der Häscher. Seine Pistolen lagen auf dem Tisch. In seiner leidenschaftlichen Erregung war er bis zum äußersten entschlossen. Lautlos erhob sich Ximene und glitt vor dem Betpult in der Ecke des Gemaches demütig auf die Knie. Vom Bild der Gottesmutter wandten sich ihre Augen von Zeit zu Zeit wieder auf den geliebten Mann. Auf dem Turm der Kathedrale schlug es dreiviertel zwölf. Ximene erhob sich leise und näherte sich auf den Zehenspitzen. Ihre Hände streichelten seine herabhängende Rechte. »Er kommt nicht! – Aber ob alle Mächte der Hölle sich dagegen verschwören, du bist meine Geliebte, und wehe dem, der es wagt, mein Teuerstes anzutasten!« stieß er hervor. »Ich verstehe dich nicht. Ich bitte dich – Felice –« Er fühlte ihre Marter. Da nahm er ihre beiden Hände und blickte ihr tief in die Augen. »Ximene – du liebst mich?« »Ich liebe dich!« »Der einzige Weg, dich zu retten, ist eine Trauung mit mir – unser Freund sucht einen Geistlichen, der uns verbindet. Ximene – du liebst mich?« »Bis in den Tod!« »Und du – – willst mein sein?« »Ich will.« »Dann laß uns zusammen warten – und hoffen!« Stumm neigte sie die Stirn. Er küßte sie. Da sprang es die Treppe herauf – zwei, drei Stufen. Ein schwerer Schritt folgte. Der Schwabe aus Oehringen riß die Tür auf. Leon de Neuillat stürzte ins Zimmer und drückte dem Fürsten die Hand. »Gefunden, Durchlaucht!« »Gott sei gelobt!« »Doch nun ist kein Augenblick zu verlieren! Schon verzweifelte ich an dem Erfolg; ich habe den Glockenstrick am Dominikanerkloster vergeblich abgerissen, ohne daß der Bruder Pförtner mir öffnete! Da ließ mich das Glück, als ich schon zurückkehren wollte, hier auf den Priester treffen, der die Nachtglocke im Kloster versäumt hat. Ein Wort gab das andre; ich habe ihn gewonnen. Er ist bereit, eine Scheintrauung zu vollziehen und doch Zeugnis für die Gültigkeit abzulegen – zu Ehren Gottes und zum Nutzen seines Klosters, wie er sagt!« Der Mönch, den Neuillat mit in das Gemach gezogen hatte, war am Eingang stehengeblieben. Seine gelbweiße Filzkutte mit dem Geißelstrick und dem Rosenkranz hüllte die ganze Gestalt ein. Die Kapuze war tief über den Kopf gezogen und verbarg das Gesicht vollkommen. »Der Name des Herrn sei gelobt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!« murmelte er. »Komm herein, Konrad, und schließ die Tür«, befahl Lichnowsky dem Schwaben. »Ehrwürdiger Vater«, wandte er sich dann zu dem Geistlichen, »ich höre von meinem Freund, daß Sie uns den Dienst erweisen wollen, den ich von Ihnen fordere. Sie sollen eine große Summe für Ihre Armen erhalten, aber ich bitte Sie, sich zu beeilen. Jeder Augenblick ist kostbar. Und was auch geschehen möge –« brach er plötzlich aus und seine Beherrschung verließ ihn –, »Sie werden dieses Gemach nicht lebendig verlassen, bevor Sie mir diese Dame nicht angetraut haben!« Der Priester stand bewegungslos. »Ich bin bereit, Señor.« Lichnowsky legte eine schwere Börse neben seine Pistolen. Leon de Neuillat hatte unterdessen einen kleinen Tisch mit einem Teppich bedeckt und zwei Kerzen und das Kreuz vom Betpult darauf gestellt. »Eine Hochzeit im Feldlager«, scherzte er, um die tiefe Erregung des Fürsten und seine Schroffheit dem Pater gegenüber zu mildern. »Nur der Kranz fehlt! – Doch ich erinnere mich – die Orangen reichen herauf bis zum Söller.« Er eilte auf den Erker und kehrte gleich darauf mit zwei blühenden Orangenzweigen zurück. Er legte sie zu einem Kranz zusammen und drückte ihn auf das dunkle Haar Ximenes. »Eilen Sie«, flüsterte er auf deutsch dem Fürsten zu. »Unten auf der Straße sammeln sich verdächtige Gestalten und reden mit den Schildwachen; ich sah es deutlich vom Balkon.« Lichnowsky ergriff die Hand des zitternden Mädchens und zog es auf die Kissen nieder, die auf Neuillats Geheiß der ehemalige Argelino vor dem Altar niedergelegt hatte. Der Mönch stand schon dort; er hielt das Brevier in der Hand. »Wollen Sie nicht Ihre Kapuze zurückschlagen, ehrwürdiger Vater!« bat Leon de Neuillat. – »Diese Verhüllung belästigt Sie.« Der Mönch murmelte einige abwehrende Worte und zog die Kutte noch fester um seine Schultern. Dann begann er die Eingangsformel der Trauung zu lesen. Bei dem ersten Klang seiner dumpfen Stimme erbebte Ximene. Die Röte des Glücks, die auf ihren Wangen lag, wich einer tiefen Blässe. Bald aber, als wiese sie einen unmöglichen Gedanken zurück, gewann sie ihre Fassung wieder. Auf die Frage, ob sie, Ximene de Hacena, den gegenwärtigen Verlobten nach dem Brauch der heiligen Mutterkirche zu ihrem Gatten nehmen wolle, antwortete sie mit einem leisen Ja. »Ihren Namen, Señor?« murmelte der Priester. »Felix, Fürst Lichnowsky.« »Vis accipere Ximenam de Hacena hic praesentem in tuam legitimam uxorem juxta ritum sanctae Matris Ecclesiae?« Gewehre und Hellebarden klirrten auf dem Pflaster der Straße; zwei Schläge donnerten gegen das schon verschlossene Tor. Leon de Neuillat stürzte ans Fenster und blickte nach der von Fackeln erhellten Straße. Auch der Mönch richtete aufmerksam seinen Blick dorthin. Aber Lichnowsky faßte heftig sein Gewand. »Ich will«, sagte er fest. »Vollenden Sie – oder ich werde Sie zwingen!« Neuillat winkte vom Fenster her. »Schnell! – Sie sind in fünf Minuten hier oben!« Eine klare, deutliche Stimme auf der Straße gab Befehl. »Im Namen des Königs – öffnet das Tor!« »Die Ringe«, sagte der Pater. Lichnowsky riß seinen Siegelring vom Finger. Der Stein, ein prächtiger Bluttopas, zeigte ein Wappen mit Fahnen und Trauben. »Gib – Geliebte – den Reif an deinem Finger!« »Niemals!« erschrak Ximene. »Wer ihn trägt und nicht aus dem Blut der Hacenen stammt, muß von Mörderhänden sterben!« Aber Lichnowsky hatte schon ihre Hand gefaßt und zog den Ring von unbekanntem Metall mit rotem, funkelndem Stein von ihrem Finger. »Wir haben keine Zeit, Märchen nachzuhängen«, sagte er leise und schnell. »Die Schurken haben das Tor geöffnet. – Halten Sie die Tür, Neuillat! – Konrad, Gewalt gegen Gewalt! – Vollenden Sie, Pater!« »Ego conjungo vos in matrimonium, in nomine Patris, et filii, et spiritus sancti. Amen!« Der Fürst steckte seinen Ring an den Finger Ximenes. Schwere, eilige Tritte von vielen Menschen kamen die Treppe herauf. Hände und Waffen schlugen gegen die feste Tür des Vorzimmers. »Öffnen! – Im Namen des Königs!« Fürst Lichnowsky packte eine der Pistolen, die in seiner Nähe lagen, und spannte sie. Seine dunklen Augen blitzten von der Tür, an der Neuillat und der Diener lauschten, drohend zurück zu dem Priester, der wieder zögernd innehielt. »Vollenden Sie, Pater – oder bei Gott – die Kugel ist für Sie!« Ein Krampf schien die schlanke Gestalt des Priesters zu durchbeben. Dann aber richtete er sich hoch auf. »Confirma hoc Deus, quod operatus es in nobis – A templo sancto tuo, quod est in Jerusalem!« Lauter donnerten die Schläge gegen die Tür. »Öffnen! – Im Namen des Gesetzes!« »Steigt über den Erker!« »Laßt niemanden entkommen!« Stimmen befahlen durcheinander. »Nach dem Söller, Neuillat! – Schießen Sie jeden über den Haufen, der es wagt, seinen Kopf über die Brüstung zu erheben! Wenige Augenblicke noch – und sie kommen zu spät! – Zu Ende, Pater, zu Ende!« »Sprengt das Schloß mit einem Schuß, wenn sie nicht gutwillig öffnen! – Die freche Dirne ist bei ihrem Buhlen – diese Leute bezeugen es!« Das war die dünne, schneidende Stimme des Don Corpas – man hörte ihr die Aufregung, den Triumph der nahen Rache an. »Nehmen Sie sich in acht, Señor«, spottete Neuillat. »Sie stören hier eine wichtige Handlung!« Corpas schäumte vor Wut, als er die Stimme Neuillats erkannte. »Bringt Äxte! Schlagt die Tür ein!« Der Mönch murmelte heiser die letzten Worte des Segens. »Ut quid te auctore junguntur, te auxiliante serventur: Per Christum Dominum nostrum. Amen.« Hölle ... »Jetzt«, rief lachend und erlöst Leon de Neuillat, »verderben Sie dem Herrn Marques de Narros nicht unnütz seine prächtigen Mahagonitüren! – Erlauben Sie, daß ich den Riegel zurückschiebe!« Die Scheiben des Erkereingangs flogen in Stücke. Im gleichen Augenblick öffnete auch Neuillat die Tür. Don Corpas und ein Alkalde an der Spitze eines Schwarms von Alguacils mit Stöcken und alten Spießen drangen in das Gemach. Eine Menge neugieriger Hausleute, Diener und Soldaten folgten, und zugleich stiegen mehrere bewaffnete Alguacils über den Erker ins Zimmer. Aber alle blieben betroffen am Eingang halten. Vor dem einfachen Altar, den Arm Ximenes in dem seinen, stand ruhig und in überlegener Haltung Fürst Felix Lichnowsky. Hinter ihnen hielt sich der Mönch, und Leon de Neuillat begrüßte mit spöttischer Verbeugung Don Corpas. Konrad, der Argelino, harrte, bis an die Zähne bewaffnet, zur Seite, bereit, auf den ersten Wink seines neuen Gebieters wie ein Bullenbeißer jedem an die Kehle zu springen. Fürst Lichnowsky trat einen Schritt vor. »Darf ich fragen, Señor, was dieses gewaltsame Eindringen in meine Wohnung zur Nacht zu bedeuten hat? Seine Exzellenz, der Marques de Narros, der mir hier während seiner Abwesenheit Gastfreundschaft gewährt, dürfte noch strengere Rechenschaft dafür fordern als ich, mein Herr!« Don Corpas hatte sich unterdessen zu sammeln gesucht. »Mit solchen Reden lassen wir uns in Spanien nicht schrecken, Señor«, höhnte er. »Ich sehe, Sie haben zwar einen sehr klugen Beistand« – er wies auf Neuillat –, »aber das Gesetz verlangt sein Recht. – Im Namen des Königs, Señor Alkalde, tun Sie Ihre Pflicht!« Der Alkalde trat mit all der Würde der alten spanischen Grandezza einen Schritt vor und entfaltete ein Papier. »Im Namen Seiner geheiligten apostolischen Majestät und der hohen Junta der drei sehr getreuen Provinzen Biskayas. – Hier ist der Befehl, die Señora Ximene de Hacena zu verhaften, wo die Justiz sie findet, und sie dem hier anwesenden sehr ehrenwerten Señor de Corpas, als dem ihr vom Gericht gesetzten Vormund und Aufseher, zu überliefern!« Neuillat konnte kaum seinem Lachen über die gespreizte Würde des Gerichtsbeamten wehren. »Ganz recht, würdigster Herr, aber ich sehe hier nirgends die Doña, die dieser Befehl benennt, obwohl man ihr wirklich wünschen könnte, unter so vortreffliche Vormundschaft gebracht zu werden!« »Dort steht sie – das ist die Dirne!« rief Don Corpas heftig und zeigte auf Ximene. »Brauchen Sie Gewalt, Señor Alkalde, wenn sie sich zu folgen weigert!« Der Alkalde erhob seinen Stab, um Ximene zu berühren. Aber Fürst Lichnowsky kam ihm zuvor und hob die Hand. »Wagen Sie nicht, mich zu beleidigen, Señor! – Das ist nicht Doña de Hacena, die vor Ihnen steht, sondern meine angetraute Gattin, die Fürstin Lichnowsky! Sie bedarf keines Vormundes und keines Schutzes, als den ihres Mannes!« Der Alkalde trat erstaunt zurück. Don Corpas wurde bleich vor Wut bei dieser Erklärung. »Lüge, Señor Alkalde, Lüge! – Ein nichtswürdiger Vorwand, dieses Geschöpf dem Gesetz zu entziehen! Auf meine Verantwortung tun Sie, was Ihnen befohlen ist!« Fürst Lichnowsky trat auf ihn zu. Seine Augen funkelten drohend. »Sprechen Sie mit Achtung von meiner Gattin, Señor«, sagte er hitzig, »wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie zu Boden schlage. Ich wiederhole Ihnen, Doña Ximene ist meine Gemahlin – und Sie kennen meinen Rang!« »Lüge! – Unmöglich! – Seit wann ...?« »Seit fünf Minuten! Aber ich lasse mich nicht herab, an Häscher weitere Fragen zu beantworten. Hier sind die Zeugen der Trauung – und hier steht der Geistliche, der sie verrichtet hat!« Er trat zur Seite und gab den Blick auf den Mönch frei, der anscheinend teilnahmlos dem Auftritt beiwohnte. »Ich bitte, sagen Sie diesen Herren, ehrwürdiger Vater, daß Sie eben die heilige Handlung vollzogen haben!« Der Mönch neigte ruhig den Kopf. »Ich bestätige es.« »Und jetzt, Señor Alkalde«, fuhr Lichnowsky fort, »werden Sie uns hoffentlich von Ihrer Gegenwart befreien und gestatten, daß ich mich zurückziehe. Doch damit diese Schufte da wenigstens nicht umsonst hierhergekommen sind nehmen Sie das – Señor Alkalde.« Er trat an einen Tisch, nahm aus der Lade eine Handvoll Gold und reichte es dem Alkalden. Dessen Finger schlossen sich gierig um die Goldstücke, und die Alguacils warfen lüsterne Blicke darauf. »Mögen Euer Gnaden tausend Jahre leben«, sagte der Alkalde kriechend. »Ich bitte demütig um Vergebung, Sie gestört zu haben. Der Befehl hat natürlich keinen Bezug auf Euer Gnaden Gemahlin. Ich lege meine Wünsche dem hohen Paar zu Füßen!« Er zog sich mit tiefen Verbeugungen nach der Tür zurück, umgeben von der Meute seiner Schergen. Don Corpas, den de Neuillat schadenfroh durch das Glas beobachtete, hielt den Beamten noch einmal zurück. »Dieser Priester kann ein gedungener Schurke sein – und die ganze Heirat ein Komödienspiel!« rief er. »Weswegen verbirgt er sein Gesicht?« Alle wandten sich nach dem Pater um. Der Mönch schritt schweigend durch die Gruppe auf Don Corpas zu. Dicht vor ihm lüftete er einen Augenblick die Kapuze; das junge Paar und Neuillat erblickten nur die Tonsur. Auf Don Corpas aber wirkte der Anblick des Priesters niederschmetternd. Er taumelte zurück und stöhnte auf. Doch ein gebieterisches Zeichen des Mönchs schloß ihm den Mund. »Pax vobiscum!« murmelte der Pater und schlug das Zeichen des Kreuzes. »Geht! Wo die heilige Kirche gesprochen, hat die weltliche Macht kein Recht!« Die Menge drängte sich durch die Tür. Der Alkalde zog den plötzlich willenlosen, verwirrten Don Corpas mit sich fort. Fürst Lichnowsky, Ximene, Leon de Neuillat und der Argelino blieben mit dem Pater allein zurück. »Mon Dieu« , lachte Neuillat, »Sie wissen vortrefflich mit unsrer spanischen Justiz umzuspringen, Durchlaucht. Erst die Verblüffung und dann das Gold – in der Tat, Sie könnten, wie unser würdiger Argelino dort, einen silbernen Christus vom Kreuz gestohlen haben, und der Alkalde hätte Ihnen noch die Hand geküßt. – Aber nun, ehrwürdiger Vater, ist die Komödie zu Ende. Nehmen Sie den Beutel da, den die Großmut des Fürsten für Ihre Armen bestimmt hat, und lassen Sie uns unsrer Wege gehn; denn es ist doch zu spät, um noch einen Hochzeitsschmaus zu halten!« Er reichte dem Schweigsamen die Börse, doch der Mönch machte eine abwehrende Bewegung. »Wie? – Sie weisen die Gabe zurück? Es ist Gold; ich sehe es durch die Maschen!« »Ich bitte um einen andern Dienst.« Lichnowsky trat näher. »Was wünschen Sie? Sprechen Sie!« »Die späte Stunde, Señor«, sagte gedämpft der Mönch, »gestattet mir nicht mehr, in mein Kloster zu gelangen oder sonst ein passendes Unterkommen zu finden. Ich werde ohnehin morgen durch den Dienst, den ich Ihnen erwiesen habe, in Strafe kommen. Erlauben Sie mir diese Nacht hier im Gebet zuzubringen, daß die Heiligen Ihre Ehe segnen mögen!« »Würdiger Vater, das ist ein sehr kleiner Dienst, den Sie verlangen«, entgegnete Lichnowsky. »Nehmen Sie diese Börse dazu und besuchen Sie uns noch einmal zur gelegneren Stunde. Konrad, mein Diener, wird Ihnen im Vorzimmer Wein einschenken, der Ihnen die langen Stunden der Nacht verkürzen mag. Und nun, liebster Neuillat, gute Nacht – und zählen Sie für den Dienst, den Sie mir heute geleistet haben, in jeder Lage des Lebens auf mich. Konrad wird Ihnen ein Zimmer anweisen!« Mit herzlichem Händedruck schieden die Männer. Lichnowsky legte zärtlich einen Arm um seine Braut und verschwand mit ihr durch die Tür des innern Gemachs. Der Pater folgte den andern ins Vorzimmer. Dort kniete er in einem Winkel nieder und begann seinen Rosenkranz zu beten. Der Argelino zündete frische Kerzen an und bereitete für Neuillat in einem benachbarten Zimmer aus Mänteln und Teppichen ein Lager. Vergeblich versuchte Neuillat den Mönch zum Sprechen zu bringen, ehe er ihn verließ; er blieb in seine Andacht vertieft. Aber kaum hatten sich beide entfernt, richtete der Pater sich auf. Bei der raschen Bewegung öffnete sich die weiße Dominikanerkutte und zeigte das schwarze Gewand des Jesuiten. In der sich öffnenden Falte der Brust blitzte der Griff eines langen katalonischen Messers. In wahnsinniger Erregung warf der Mönch die Kapuze zurück. Mit einem Sprung war er an der Tür des Gemaches, in dem die Trauung stattgefunden hatte, und beugte horchend den Kopf nieder an das Schloß. Als er sich wieder aufrichtete, war sein Antlitz fahl und weiß. Dicke Tropfen kalten Schweißes standen in langen Perlen an den Spitzen der Haare um seine Tonsur. Seine Lider zuckten. Seine Finger bogen sich zu Krallen. Zweimal packte seine Hand das Messer; zweimal streckte die andre sich aus nach dem Türgriff; zweimal hob sich der Fuß – als wolle er hineinstürzen – und beide Male senkte sich der Fuß, beugte sich der Kopf, und die sich ballende Faust schlug mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes an die keuchende Brust. »Retro Satanas! Misericordia, Domine, cum miserrimo peccatore!« murmelte er in tiefster Zerknirschung. Der Schwabe, zwei Flaschen Wein unter dem Arm, kehrte von der Besorgung des Nachtlagers für Herrn und Pferd zurück. Der Mönch kniete tief verhüllt wieder in der fernsten Ecke und ließ seinen Rosenkranz durch die Finger gleiten. »Na, Bruder«, sagte der Argelino gemütlich, »ich bin kein solcher Heide, wie die Leute mich verschrien haben, 's ist keine Schande, eine Flasche Wein zu trinken. Da – nehmen Sie die eine und ich behalte die andre! – Wie, Sie wollen nicht?« »Ich trinke nur Wasser«, schnitt der Pater kurz ab. »Na, hören Sie, das ist aber sonderbar! Wasser! – Aber wie Sie wollen. Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Ich hätt' auch im Leben nicht geglaubt, daß ein so vornehmer Herr, ein Fürst, so eine braune Zigeunerin heiraten würde! Aber trotzdem – trinken will ich auf ihre Gesundheit doch einen Schluck!« Er zog eine alte Matratze quer vor die Tür, legte seinen Säbel und die Pistolen neben sich nach der alten Gewohnheit in den algerischen Feldlagern und machte es sich dann bequem. Umständlich zündete er sich eine Zigarre an und öffnete eine Flasche. Noch einige Male versuchte er es mit gleichem Mißerfolg, den Pater in das kleine Gelage zu ziehen; aber als dieser ihn nicht beachtete und still in seinen Gebeten fortfuhr, machte er sich allein ans Trinken. Er summte wüste deutsche und französische Sauflieder und fluchte auf alle Völker der Welt. Bald verkündete sein tiefes Schnarchen, daß Müdigkeit und Wein ihn überwältigt hatten. * Der Mönch ließ die Hand mit dem Rosenkranz sinken und stützte den Kopf in die andre. Seine glühenden Augen bohrten sich fest auf die Tür gegenüber. Von Zeit zu Zeit bedeckte er sein bleiches Gesicht und stöhnte tief auf. Welche Gedanken, welche Leidenschaften durchwogten sein brennendes Hirn, seine keuchende, schweratmende Brust. Er hatte sie geliebt – geliebt mit der flammenden Glut des Südens –, trotz dem langen Haß ihrer Familien und der Feindschaft der politischen Parteien. Er, damals ein wüster, wilder Bursch, der keckste Toreador der Arena, der leichtsinnigste Bummler auf der Alameda Granadas, der tollste Spieler in den Höhlen des Lasters. Der Vater, der seine Netze spann im Ränkespiel um das unglückliche Spanien, kümmerte sich in seiner Selbstsucht nicht um ihn. Damals wies ihn Ximene mit Verachtung zurück und verschmähte seine Liebe und seine Hand. In einem Augenblick der Verzweiflung teilte Diego seinem Vater den Entschluß mit, in das Noviziat der Jesuiten einzutreten und die ersten Gelübde abzulegen. Kalt versagte ihm der Vater die Erlaubnis. Aber noch immer fand er keine Zeit, sich um seinen Sohn zu kümmern; er steckte so tief in seinen politischen Ränken, daß ihm Familie und Gesellschaft, ja alles Leben außerhalb seiner Parteiziele, gleichgültig waren. Ein Versuch, in Sevilla und Granada einen Aufstand für den Kronprätendenten Don Carlos zu veranlassen, scheiterte durch den Vater Achmets und Ximenes. Corpas und die Seinen mußten fliehen. Aber auch der Vater der Geschwister siechte dahin durch eine Schußwunde, die er in diesem Aufstand erhalten hatte. Auf einem Zug nach Andalusien begleitete Don Corpas den General Gomez, und dabei fiel ihm die Tochter seines Todfeindes in die Hand. Er schleppte sie gefangen nach Biskaya zurück und hielt sie in dem Turm im Tal von Azcoitia eingesperrt. Die Schönheit Ximenes, ihre zornige Verzweiflung, ihre Bitten und Tränen weckten allmählich die abgestorbenen Sinne des alten Corpas. Seine Augen sahen sich kaum satt an ihrer Jugend, ihrer Körperpracht. Er vergaß, wenn er sie aufsuchte, daß er von der Welt, von den Frauen nichts mehr hatte wissen wollen. Und nun war ihm die Liebe seines Sohnes zu Ximene im Wege. Er erinnerte sich an dessen Bitten, in das Noviziat der Jesuiten einzutreten. Und was Diego in seiner Zerknirschung einst vergeblich gewünscht, das befahl ihm jetzt der Vater, ohne dafür Gründe anzugeben. Aber Diegos Sinne hatten sich gewandelt. Er wußte, daß Ximene in der Gewalt seines Vaters war. Er wußte, daß sein Vater das Mädchen, das er liebte, begehrte; wußte, daß er nur beseitigt werden sollte; und so widersetzte er sich mit aller Kraft. Aber sein Widerstreben half nicht. Der Vater wollte ihm jede Hilfe entziehen; er weigerte sich, seine Schulden zu bezahlen; und als Diego gar das Gefängnis drohte, versprach der Vater ihm nur dann Beistand, wem er sich freiwillig in den Schoß der Kirche begab. Nahe dem Untergang, von der Liebe zu Ximene und von dem Haß gegen seinen Vater hin und her gerissen, krank durch sein tolles Leben und sehnsüchtig nach Ruhe, gab Diego endlich nach. Der Vater, um seinen Widerstand zu brechen, versprach ihm, Ximene de Hacena gleich seinem Sohn der Welt entsagen und zum Heil ihrer Seele in ein Kloster eintreten zu lassen. Der Gedanke, die Geliebte dem Himmel zu opfern, war für Diegos Eifersucht Balsam. Eifrig gab er sich seinen Studien hin und tat sich bald in der Strenge seiner Bußübungen hervor. Um so wilder aber flammte seine alte Leidenschaft auf, als er erkannte, daß Ximene die Gefangene seines Vaters blieb. Er vermochte seinen Haß gegen ihn nicht mehr zu bekämpfen. Und als dann ein Fremder Ximene und ihren Bruder am Turm in Schutz nahm und sie ihm entführte, kannte sein Gefühl keine Grenzen mehr. Der Haß gegen seinen Vater und der Zorn gegen den Mann, der es gewagt, Ximene ihm zu entziehen, steigerte sich zum Wahnsinn, als er vernahm, daß sie sich bei dem Fürsten befand. Seine Strafe war kaum beendet, so verschaffte er sich Urlaub aus dem Kloster; er eilte nach Azcoitia und schlich in der Kutte eines Dominikaners um die Wohnung seines Feindes wie ein blutdürstiges Tier. So traf ihn Neuillat; dessen Vorschlag ließ den Gedanken der Rache durch sein Hirn zucken. Noch war es unklar in ihm, wie er diese Gelegenheit benutzen sollte. Aber sie brachte ihn wenigstens in ihre Nähe und gab ihm Macht über sie und ihn. Er folgte Neuillat sogleich und verrichtete die Scheintrauung. Jetzt besaß er das Mittel, Schmach über sie beide zu häufen oder sie fürs Leben aneinander zu ketten. Es war geschehen... Er saß da und bohrte seine heißen Blicke in die Tür. Bei jedem Rascheln, bei jedem Laut, bei jedem Säuseln in den Blättern an der Mauer draußen glaubte er ihre Stimme zu hören, und wie ein Schwert bohrte es sich in seine wunde Seele. Immer wieder hingen seine Blicke an der schweigenden Tür, und seine glühende Vorstellungskraft malte ihm die Bilder dahinter, sie und ihn – Der Ausdruck, mit dem Ximenes Augen an ihrem Beschützer hingen – die Hingebung, mit der sie sich an ihn schmiegte – die flammende Glut des Glückes auf ihrer Stirn – nein, das war nicht eine Rolle, berechnet und bestimmt, die andern zu täuschen. Das war Liebe, Hingebung, das war andalusische Leidenschaft ... Diego sank ächzend zusammen. Um ihn gähnte die Hölle. Nun hatte er sie auf ewig verloren. Liebe ... Fürst Lichnowsky umfaßte die Geliebte und führte sie nach dem Gemach, in dem sie bisher gewohnt hatte: ein weites Zimmer, mit dunklem Eichenholz getäfelt; an den Pfeilern blitzten deckenhohe vergoldete Spiegel – ein Raub der Franzosen aus Aranjuez, den sie mit all der Beute nach der Schlacht von Vittoria in den baskischen Sierren zurückgelassen hatten. Ein breites Himmelbett mit seidenen Vorhängen und Federbüschen stand nach spanischer Sitte in der Mitte des Gemachs. Eine antike Ampel hielt den Raum in mattem Licht. Durch die geöffneten Rolläden wogte Orangenduft vom Garten des Palastes herauf, der die Sinne betäubte; dazwischen wehte dann und wann der frische Hauch der Sierren. Der Fürst trug Ximene auf ihr Lager, legte sie sanft nieder und kniete mit zitternden Händen an ihrer Seite. Mit den leuchtenden Farben dieses Landes, mit der feurigen Sonne, den freien Abenteuern war auch in dem kühleren Sohn des Nordens die Flamme der Leidenschaft heißer aufgeloht, als es vielleicht unter dem ruhigeren Himmel seiner Heimat geschehen wäre. Ja, er liebte Ximene, er liebte sie mit aller Glut, allem Begehren, die auch den Mönch vor seiner Tür verzehrten, den der harte Wille des Vaters gegen seine Wünsche in das Gewand der Entsagung gezwungen hatte. Aber hatte er ein Recht, Ximene sein eigen zu nennen? Zweimal öffneten sich seine Lippen, um das Schweigen zu brechen, um ihr zu sagen, daß er kein Recht auf sie besitze, daß die Trauung nur Schein war, um sie zu retten. Zweimal versuchte er, sich loszureißen aus ihren lockenden Armen und zu entfliehen. Und jedesmal tauchten seine Augen in das Verlangen, das ihm aus ihren Blicken entgegenleuchtete. Sie sprach nicht, aber ihre Augen sagten ihm: »Ich bin ja längst die Deine – und jetzt für immer! Oh, laß uns durch die Liebe binden, was der Priester schon gesegnet hat!« Und er küßte sie. Er küßte Stirn, Augen, Mund, Wangen; seine Lippen saugten sich fest auf ihrem Hals, ihren Schultern und Armen. Seine zitternden Hände tasteten fieberisch nach ihrer Schönheit. »Wirst du mich immer lieben, Felice?« »Immer! – Du sollst mein ewig angebetetes Weib sein – du, du!« »Du – mein Mann! – Ich liebe dich!« Durch die Fenster wogte schwer der Duft der Orangen. Fester preßten sich ihre Lippen aufeinander, als flössen über diese Liebesbrücke, für alle Ewigkeiten, hier unten und droben im Licht, untrennbar vereint, ihre besten Wünsche – als verschmölzen in der Lust der Sinne auch ihrer Körper edelster Inhalt: ihre unsterblichen Seelen ... Der frische Hauch der Sierren wehte in das Gemach und löschte den sterbenden, flackernden Schein der matten Ampel. »Ximene!« »Felice!« Ein süßer Traum senkte sich nieder auf die Liebenden. Ihre Herzen klopften glückesmatt aneinander. Arm in Arm, Ximenes Kopf an seiner Brust, vergaßen sie die Welt, vergaßen Krieg, Blut und Mord, vergaßen Feindschaft und Haß – und gleich einem leuchtenden Stern am unendlichen Himmel ihrer Leidenschaft strahlte die Stunde der Weihe. * In dem Hirn des Mannes, der draußen rastlos wie ein gefangener Panther und mit glühenden Augen durch das Gemach wanderte und wieder den schweren Kopf niederbeugte zur Tür über den Körper des vor ihr liegenden trunkenen Argelino hin, malten sich die gleichen Bilder wie den Glücklichen im Traum. Aber ein Teufel führte den Pinsel – Dämonen mischten die Farben. Diego von Corpas, der Pater Antonio, krallte die Nägel in die Brust; die Finger ballten sich um den Griff des katalonischen Messers. Seine Augen suchten die Brust des schlafenden Dieners, der ihm den Weg sperrte. – Aber keine Furcht ließ die Herzen der Liebenden schneller schlagen – ihre Liebe war ihr Schutz, ihr Schirm, ihre Gerechtigkeit. Und immer wieder sank die haß- und mordbewehrte Hand des Gequälten vor der Tür nieder – immer wieder griff er nach dem Rosenkranz und schrie auf zu dem Erlöser aller Schmerzen. * Rrrrrr! – Rrramtam! Durch die Straßen der kleinen Stadt wirbelte der Generalmarsch. Die langen Hörner der Infanterie von Guipuzcoa riefen in gedehnten, klagenden Tönen die Krieger der Berge zum Sammeln. Die Trompeten der Lanzenreiter von Navarra schmetterten durch die Nacht. Der Galopp der Adjutanten donnerte durch die Straßen. Lichter an allen Fenstern; auf dem Platz der Kathedrale sammelten sich die Bataillone; vor dem Palast Granada, dem Quartier des Infanten Don Sebastian, drängte und wogte es von Offizieren und Meldenden; Adjutanten eilten davon und brachten Botschaft. Der Name ›Espartero‹ war in aller Munde – Tolosa war angegriffen worden; das christinische Heer zog heran, um noch einen Versuch zu machen, die verlorene Provinz wiederzugewinnen. Widersprechende Gerüchte von Gefahr kreuzten sich. An die Tür des Schlafgemachs der jungen Vermählten donnerte die Hand des Barons de Neuillat. Die Linke schüttelte den Argelino aus seinem Rausch. »Offnen Sie, Durchlaucht! – Schnell, schnell! – Wir müssen zum Prinzen! – Die Truppen rücken aus! – Ich eile voran!« Aber schon der Trommelwirbel hatte den Fürsten Lichnowsky aus den umschlingenden Armen Ximenes gerissen. »Ruhe! – Keine Furcht, Geliebte! Das Los der Soldatenfrau – du mußt dich daran gewöhnen! – In deinen Adern fließt das Blut eines tapfern Geschlechts – hab Mut, mein Lieb!« – »Felice, bleib!« »Unmöglich! – Ich eile zum Hauptquartier, um zu hören, was es gibt, und kehre dann zu dir zurück! Nach der Liebe die Schlacht – vom Leichenfeld und Kugelsturm in die Arme des Glücks – das ist Soldatenart!« An den Mann ihrer Liebe, ihres Glückes geschmiegt, folgte ihm im leichten langen Nachtgewand Ximene zur Schwelle. Ihre Augen glänzten vor Scham, Furcht und Stolz und achteten nicht auf den zermarterten, glühenden Blick, der sie aus der Kapuze Diegos traf. Er taumelte auf von den Knien und wich weit zurück an die Wand. In wenigen Augenblicken war Fürst Lichnowsky gewappnet und gerüstet. Vor der Tür des Palastes saß Leon de Neuillat schon im Sattel. »Kommen Sie nach, Durchlaucht! – Angriff auf Tolosa!« rief er hinauf. Der zweite Reitknecht führte die Pferde vor. Da brach die zitternde Ximene in Schluchzen aus. »Ruhe, Liebste! – Hier bist du sicher und ohne Gefahr! – Konrad, du bleibst zurück, du bürgst für die Sicherheit der Fürstin und sorgst für meinen kranken Diener. Wenn ich erst Näheres weiß, komme ich zurück, um weitere Befehle zu geben!« Er küßte Ximene auf die Stirn, auf den Mund. Auf der Schwelle klammerte sich Ximene in jäher, unbezähmbarer Angst an ihn. »O Felice, verlaß mich nicht! – Mein Herz schlägt so schwer, als sollt ich dich niemals wiedersehen!« »Torheit, Ximene! – In einer halben Stunde bin ich zurück, um dir Nachricht zu bringen! – Jetzt dank ich Ihnen, ehrwürdiger Herr, daß Sie hiergeblieben sind«, wandte er sich nach dem verhüllten Priester um. »Nehmen Sie die Fürstin in Ihren Schutz, bis ich wieder hier bin – und beruhigen Sie meine Frau!« Noch eine letzte Umarmung – ein schriller Angstschrei Ximenes – dann eilte Fürst Lichnowski die steinernen Stufen hinab. Im nächsten Augenblick saß er zu Pferd. Ximene stürzte nach dem Balkon. Sie streckte die Arme nach ihm aus. »Felice! Felice!« Der Nachtwind öffnete spielerisch das Gewand über ihrer Brust – die Fackeln warfen verräterische Lichter zu ihr herauf und spiegelten sich wider in den fieberisch glühenden Augen des Mönchs hinter ihr. Ohnmächtig sank Ximene hintenüber. Diego Corpas fing die Geliebte, die er selber dem verhaßten Nebenbuhler angetraut und die er nun für ewig verloren wußte, in seinen Armen auf. Im Palast des Herzogs von Granada de Ega stand der Infant Don Sebastian im Kreis seiner Getreuen, bereit, den Lorbeer, den er auf den Höhen von Galdeano und vor den Wällen von San Sebastian um seine Stirn gewunden hatte, mit frischen Reisern zu schmücken. Meldungen auf Meldungen, Befehle auf Befehle jagten sich. Die Kernkompanien des vierten Bataillons von Guipuzcoa standen als Leibwache vor dem Tor des Palastes. Die Bataillone von Navarra zogen schon aus dem Tal herauf unter klingendem Spiel. Quilez führte die Grenadiere von Nieder-Aragon aus dem Tor nach Süden, den Ranzen auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter. Vor der Kathedrale hielten Manuelin und Osma mit den Karabinierschwadronen; der jüngere Montenegro rasselte eben mit seinen Sechzehnpfündern über den Platz, die der Schmied von Oñate in glühender Begeisterung aus alten Hufeisen zusammengehämmert hatte. Gleiches Leben und Treiben wie vor dem Palast auch in seinem Innern. In dem großen Saal stand neben einem Tisch mit Papieren, an dem Depeschen schreibende Adjutanten saßen, der Infant-Generalissimus in seinem dunkelblauen carlistischen Oberrock, das weißtuchene Großprioratskreuz von Sankt Johann und das goldene Vließ als Schmuck, die weiße Boina mit schwarzer Troddel auf dem Kopf und die rot und goldene Feldmarschallsschärpe um den Leib – bereit, den Fuß in den Bügel zu setzen. Um ihn die in mancher Schlacht geprüften Führer, deren Namen in jedem Mund waren. Der jugendliche Villareal, der sich in drei Jahren vom Hauptmann zum Generalleutnant aufgeschwungen hatte. Der greise Generalstabschef und die Seele aller Angriffskämpfe: Moreno, auf dem der Haß aller Liberalen ruhte, bis er unter dem Mordstahl fiel. Der Graf von Madeira, der Held zweier Weltteile, der bis zum letzten Augenblick seine Insel gegen die vereinten englisch-pedristischen Flotten verteidigt und, nun er für Dom Miguel nicht mehr kämpfen konnte, in Erwartung besserer Tage seinen Degen Karl V. geweiht hatte. Die Pfarrer Merino und Cunvillas, die beiden alten Bandenführer aus dem Unabhängigkeitskrieg. Pablo Sanz, der junge Gefährte Zumalacarreguis. General Elio, die seine jugendliche Gestalt des Militärsekretärs des Infanten. Die Obersten Cyprian Fulgosio und José Cabañas. Tomas Reyna, der Lieblingsadjutant Zumalacarreguis, der sein Schwert als Vermächtnis erbte, und der am unglücklichen Schlachttag von Mendigorria den König und das Heer rettete. Der ältere Montenegro, der Wallone Oberst Crayewinkel und der tapfere Vendéer Sabatier. In allen Augen blitzte triebhaft die Lust zum Kampf, zum Sturm, zum Sieg. Alle waren bereit zum Sterben. Alle waren bereit, sich für den Sieg ihrer Fahne aufzuopfern. Keiner dachte an Weib, Kind, Braut oder Geliebte. Der Krieg ist hart, der Krieg ist gewaltig. Der Krieg mordet die Liebe, die Treue, die Unschuld ... * Fürst Lichnowsky suchte vergeblich in den Vorzimmern den vorausgerittenen Baron de Neuillat. Er trat in den Saal und fand den Infanten Sebastian mit glänzenden Augen, eine Depesche in der Hand – auf allen Gesichtern nicht die Aufregung einer nahen Gefahr, sondern die Erwartung sichern Siegs. Der Infant kam ihm einige Schritte entgegen. »Glückliche Nachrichten, mein Prinz, glückliche Nachrichten! Sind Sie bereit zum Aufbruch?« »Jeden Augenblick, Königliche Hoheit, wenn es gilt, von Ihnen zum Sieg geführt zu werden!« »Nun, ich hoffe, das soll der Fall sein, wenn auch der Weg etwas weit ist! Wissen Sie, was geschehen ist?« »Keine Silbe, Hoheit, nur unbestimmte Gerüchte auf dem Weg hierher!« »Espartero hat den verwegenen Einfall gehabt, Tolosa zu überfallen und den König aufzuheben. Mein Oheim ist glücklich der Gefahr entgangen, wenn auch mit knapper Not. Cabrera ist dem Grafen von Luchana in die Flanke gefallen und hat ihn zum schleunigen Rückzug genötigt. Hier ist der Befehl, ihm mit dem ganzen Heer zu folgen – über die Grenzen von Biskaya hinaus –, in einer Stunde marschieren wir nach Aragon! In vierzehn Tagen stehen wir vor den Toren von Madrid!« Lichnowsky verbeugte sich vor der Entschlossenheit des Infanten. »Erlauben Sie mir, Euer Königlichen Hoheit zu der Siegesbahn Glück zu wünschen!« Der Infant drückte ihm lebhaft die Hand. Er vergaß den strengen spanischen Hofbrauch. Er war nur noch der Mann vor dem Mann. »Helfen Sie mir, jeder von uns hat alle Hände voll zu tun!« Die Meldereiter flogen. Einer der Führer nach dem andern verließ den Saal. Trommelwirbel und langgezogene Hornrufe abziehender Bataillone verkündeten Krieg, Krieg ... Gewalt, Blut, Mord ... Kaum eine Stunde war vergangen, als die Kompanien der Guiden den Befehl erhielten, sich zur Begleitung des Infanten bereit zu halten. »Sie begleiten uns, Durchlaucht«, sagte Infant Sebastian zu Fürst Lichnowsky, der bis dahin Adjutantendienste versehen hatte. »Ich wünsche Sie in meiner Nähe zu behalten.« Fürst Lichnowsky verbeugte sich. »Erlauben Hoheit, daß ich mich auf eine halbe Stunde entferne, um meinen Leuten noch einige Befehle zu geben. Ich hole Sie auf der Straße nach Villafranca ein!« Der Oberbefehlshaber winkte Genehmigung; Lichnowsky flog im Galopp an den marschierenden Kolonnen vorüber nach dem Palazzo de Narros am andern Ende der Stadt zurück. Kopf und Herz entwarfen den Plan: Ximene sollte ihn in Männertracht begleiten; so hatte er die Geliebte immer in seiner Nähe und wußte sie sicher vor jedem Feind. Jetzt hielt er am Haus; aber niemand war zu sehen. Die Schildwache schien fort. Von Soldaten und Dienern, die sonst hier herumlungerten, keine Spur – alle, von Pflicht oder Neugier getrieben, waren verschwunden. Er schaute am Haus hinauf – die Fenster des Schlafgemachs konnte er nicht erblicken. Aber in seinem eigenen und dem Vorzimmer brannte kein Licht. Mit einem Sprung war er aus dem Sattel und warf dem Reitknecht die Zügel zu. »Sieh nach meinem Diener Stephan!« Er stürzte durch die offene Halle, in der hin und wieder Lichter in einem Kandelaber flackerten, die breiten Marmorstufen der Treppe hinauf. Der Vorsaal war dunkel und leer. Vergeblich rief er den Argelino, den Mönch – niemand antwortete. Ihm war, als lege sich eine kalte Hand auf sein Herz, als schnüre es ihm die Brust zusammen. »Ximene!« Dünn und blechern klang der Ruf. Er eilte vorwärts – durch das zweite Gemach, in dem die Trauung stattgefunden. Auch dort nur Dunkel – aber aus der Tür gegenüber schimmerte Licht. »Ximene!« Zwei hastige Schritte. Er stolperte, sein Fuß glitt aus – ein leises Röcheln und Stöhnen. Seine Hand erfaßte im Fall die Tür – er riß sie auf. »Ximene! Ximene!« Leidenschaft ... Der Lärm und das Hin und Her, das den Aufbruch des Fürsten Lichnowsky begleitet hatte, waren verhallt. Diego Corpas, der Pater Antonio, hielt die ohnmächtige Ximene in seinen Armen und blickte mit starren Augen dem Davonreitenden nach. Dann hob er sie auf seinen Armen hoch und trug sie vom Balkon zurück ins Zimmer. Die Wärme ihres Körpers drang durch das dünne Gewand und jagte Schauer durch sein Blut. Mit wankenden Knien legte er Ximene auf das nachtzerwühlte Lager und blieb, einen unerhörten Sturm im Innern, schweigend, mit gekreuzten Armen, bei ihr stehen. Alles in ihm war leer, eisig, verloren. Es war ihm, als stünde er mit seinen Füßen auf einer Eisscholle im weiten, treibenden Meer, und ein Schritt nach links oder rechts, ein tieferer Atemzug, eine Bewegung müßten ihm den Tod in der Tiefe bringen. Lange stand er so, sah Bildern gleich sein Leben in sich abrollen. Spielte mit andern wilden Knaben im Schatten der Palmen, stand als kühner leichtsinniger Toreador in der Arena, hob die blitzende Machete dem Stier entgegen, koste mit kecken, glutäugigen Schönen auf der Alameda und zechte mit ausgelassenen Kameraden in rauchigen Kneipen. Nichts war zu heilig, nichts zu fern, nichts zu unantastbar, als daß er es nicht begehrt und erreicht hätte. Nur sie, Ximene, erreichte er nicht. Sie verschmähte ihn; sie warf sich in die Arme des andern, des Fremden, der sie brach und pflückte gleich einer lockenden Blume. Er aber, er hatte um sie gelitten, entsagt, gebüßt. Seine Augen senkten sich – er sah seinen Rosenkranz. Warum betete er nicht? Es gab eine Zeit, da ihm Gebet und Altar, Glaube und Ruhe Glück gewesen wären. Damals hatte der Vater ihm den Weg versperrt. Als er ihm die Pforten zu den Brüdern Jesu öffnete, war es zu spät – er hatte allen Glauben, alle Hoffnung verloren; er haßte nur noch, haßte ihn, den Vater. Und um ihn zu treffen, ihn, sie und den Fremden, willigte er in diese nächtliche Trauung. Aber die Tat des Hasses hatte ihn selber geschlagen. In dieser Nacht der Liebe, der letzten höchsten Seligkeit zweier Menschen, mußte er die tiefste Hölle der Qual, der Eifersucht, des Verschmähtseins durchleiden. Der Rosenkranz zerriß in seinen Fingern und fiel klirrend zu Boden ... Er fand keinen Trost im Glauben, weil er nicht glauben wollte. Er wollte Rache, Haß, Tod – nicht Leben und Liebe. An der Tür erklang ein Geräusch. Gleich einem wilden Tier, dem man die Beute nehmen will, duckte er sich. Der Argelino trat ein. Er kam von Stephan, dem kranken polnischen Diener und wollte dem Pater, den der Fürst zum Schutz der Herrin zurückgelassen hatte, seine Dienste anbieten. »Ich brauche dich nicht. Die Fürstin schläft, und ich werde für das Heil ihrer Seele beten«, sagte gedämpft der Pater. »Soll ich das Frühstück bereiten lassen?« »Nichts. – Geh.« Kopfschüttelnd gehorchte der Argelino. Solch eine Entsagung und Genügsamkeit war ihm in seinem wüsten Soldatenleben nicht geheuer. Die Tür schloß sich hinter ihm, und Diego heftete seine Blicke wieder unverwandt auf Ximene. Jetzt regte sie sich, stöhnte leise und schlug die Augen auf. »Felice – Geliebter!« Sie hob verlangend die Arme, als wolle sie ihn umschlingen. Ein tiefes Entsetzen ließ sie jäh zusammenzucken. Ihre Blicke wurden weit – ihre Lippen öffneten sich zu einem Schrei. »Ihr Heiligen!« »Schweig!« sagte er hart. Sie richtete sich zitternd auf. »Diego Corpas ...« Er antwortete nicht. »Pater Antonio!« Bitterer Spott grub sich um den Mund. »Sie ... was wollen Sie... hier ...« stieß sie hervor. »Noch vor wenig Stunden rief man mich – und ich war willkommen.« »Niemals rief ich einen Corpas!« Ximene gewann die Fassung wieder und bedeutete ihn mit einer Bewegung, von ihrem Lager zurückzutreten. »Verlassen Sie mich! – Der Fürst – mein Gemahl wird Rechenschaft fordern für Ihr keckes Eindringen!« »Dein Gemahl selber hat mich hierher gerufen.« »Das ist nicht wahr!« Ximene mühte sich vergeblich, ihr dünnes Morgengewand über ihre Blößen zusammenzuziehen. »Dein Gemahl, sage ich, hat mich gerufen – durch den Mund seines Freundes, der einen Priester suchte für eure Trauung.« Ximene erschrak – sie erinnerte sich. War es ihr nicht gleich bei den ersten Worten gewesen, als klänge ihr unter der Kapuze des Verhüllten eine bekannte Stimme entgegen? So hatte Diego sie getraut – er, der einst um sie geworben; er hatte sie bewußt vor seinem Vater gerettet, sie ins Glück geführt? ... Dieser Gedanke, ihrem Todfeind Rettung und Glück zu verdanken, verwirrte sie. Sie schwieg und betrachtete ihn – ja, er hatte seine Kapuze gelüftet vor Don Corpas – der alte Corpas war zurückgefahren und hatte nicht mehr gewagt, sie aus den Händen des Geliebten zu reißen. Kein Zweifel – Diego, ihr Feind, den sie verachtete, war ihr Retter ... Schweigend und finster stand er vor ihr. In seinem Hirn jagten sich die Gedanken. Sie hob endlich wieder die Augen. »Diego – wir haben als Kinder zusammen gespielt – du beschütztest mich oft vor der Rauheit der andern und warst schon als Knabe mein Ritter«, sagte sie in der vertrauten Anrede der Jugend. »Und nun ich in der größten Gefahr war, hast du mich wirklich gerettet. – Diego, ich habe dir Unrecht getan.« Aber kein Echo in seiner Brust antwortete ihr. Seine Augen blickten noch düsterer. Ein kalter Schauer lief über sie hin. Eine heimliche Angst kroch ihr zum Herzen. Sein Schweigen erschütterte sie. Sie stellte die Füße auf den Boden und zog das Gewand über der Brust zusammen. Dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie an ihm vorüber zur Tür. Da hob er die Hand; sie blieb stehen und sah angstvoll zu ihm auf. »Ich habe dich geliebt!« sagte er. Seine Stimme klang tief und schwer. »Ja – ja«, rief sie scheu. »Aber du darfst zu mir nicht mehr so reden! Du trägst das heilige Kleid der Kirche, und ich bin jetzt sein Weib – die Gattin des Fürsten Lichnowsky.« »Das bist du nicht!« Sie stutzte – dann strich sie sich eine Locke aus der Stirn und lächelte. »Diego, du selber hast mich vor deinem Vater gerettet – du selber hast uns getraut.« Erst nach einer Weile gab er Antwort, und dann sprach er so gelassen, als handle es sich um ganz gleichgültige Dinge. »Herr de Neuillat, der Freund des Fürsten Lichnowsky, rief mich von der Straße in dieses Haus. Er verlangte von mir, eine Scheintrauung zwischen dem Fürsten Lichnowsky und der Doña Hacena vorzunehmen, damit sich Don Corpas nicht der Doña Ximene bemächtigen könne. – Mußte ich dich nicht vor den Armen meines Vaters bewahren, den ich hasse? – Neuillat gab mir eine Börse Gold für die Armen. – Durfte ich denen, die da hungern, Brot verweigern? Ich nahm das Gold und vollzog die Trauung – zum Schein.« Entgeistert starrte Ximene ihn an. Ihre Brust hob und senkte sich nur schwach, als wage sie nicht zu atmen, als schmerze ihr das Herz. »Das ... lügst ... du ...«, entrang es sich ihr endlich stammelnd. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – man verlangte von mir eine Scheintrauung – und ich vollzog sie!« Totenblaß wich Ximene zurück und fiel auf das Bett. Die Hände, die das Gewand gehalten hatten, sanken ohnmächtig zur Seite. Eine Flamme loderte durch den Mann. Er, der sich mit übermächtiger Kraft bisher bezwungen hatte, vergaß, daß er das Kleid Gottes trug – er vergaß den Haß, und er vergaß das Leid um die Geliebte, die in dieser Nacht dem andern gehört hatte. Aufstöhnend brach er vor ihren Füßen auf die Knie nieder. »Ximene, ich liebe dich! – Mich hast du von dir gestoßen – meine Liebe hast du beschimpft – mich hast du verachtet und verschmäht – aber diesem Fremdling, der es wagte, das Blut der Tochter des alten Königsgeschlechts von Granada zu beschimpfen, der dich mit dieser Scheintrauung betrog, dem hast du dich hingegeben – oh!« »Halt ein!« Er umklammerte ihre Knie und barg das Gesicht in ihrem Schoß. »Da draußen vor der Tür hab ich gelegen wie ein Hund und hab mit dem Teufel gerungen! – Hab Gott um Gnade gebettelt, indes du in seinen Armen lagst und dich zu seiner Dirne machen ließest – oh!« »Schweig! – Du lügst, du lügst!« Er hob das glühende Gesicht zu ihr. »Geh mit mir! – Glaub mir, er kommt nicht wieder! – Hörst du die Hörner? Er geht in den Krieg und hat dich schon längst vergessen!« »Schurke!« Mit beiden Fäusten stieß ihn Ximene von sich und sprang wieder auf; aber er klammerte sich an sie, und seine Augen flackerten irr zu ihr auf. »Ich liebe dich, Ximene! – Die Hölle zerbrennt mir die Brust! – Laß den Verräter! – Geh mit mir – irgendwohin – in ein andres Land. Komm, Ximene – sieh mich betteln! Gib mir deine Liebe – ich will sie aufheben mit diesen meinen Händen aus dem Schmutz, in den sie dieser Hund getreten hat!« Sie entriß sich ihm und flog zur Tür. »Ich verachte dich!« Aber ehe sie die Klinke fassen konnte, stand er mit ausgebreiteten Armen davor. Seine Brust hob und senkte sich stöhnend. Fahl leuchtete sein Gesicht in der ersten Dämmerung. Kein Wort der Liebe kam mehr über seine Lippen. Er kämpfte den Kampf stumm zu Ende. Ximene wagte sich nicht zu rühren. Sie fürchtete seine flehende Stimme, seine drängenden Worte, seine kranke Leidenschaft. Nun sprach er wieder. Seine Stimme war matt, seine Worte langsam und voll tiefer Müdigkeit. »Wenn eine Tochter der Kirche gesündigt hat, so legen wir ihr Buße auf, zu sühnen, womit sie sich vergangen hat. Du willst mir nicht ins Leben folgen, nicht in die Liebe – wohl, so will ich mich vergraben in die dunkelste Zelle und will mit Wasser und Brot und Geißelhieben diese Macht der Hölle auslöschen in meinem Hirn. – Aber auch du kehre um vom Pfad des Lasters, Ximene! – Laß die Wollust der Welt hinter dir – neige dich vor unserm Herrn und Heiland und büße, was du gefehlt. – Aus dem Pfuhl der Sünde steige hinan auf den Pfad der Keuschheit. Ich werde dich in die Obhut eines Klosters bringen. Unter dem Schleier wirst du...« »Nie – nimmermehr!« »Du mußt! – Du darfst nicht leben, während ich mich begrabe. Meine Seele wird keine Ruhe finden, wenn ich dich in andern Armen weiß!« »Ich gehöre ihm! – Du schreckst mich nicht durch Drohungen, wie du mich auch durch falsche Bitten nicht einfangen konntest! Falsch und lüstern bist du! – Mach Platz – gib mir die Tür frei – ich will hinaus!« Mit stolzem Blick, hochaufgerichtet, so stand sie vor ihm. Er legte den Kopf zurück an das Holz der Tür, aber seine ausgebreiteten Arme rührten sich nicht. »Da du meine Braut nicht sein magst, so sollst du eine Braut Jesu werden!« »Fort, sag ich!« »Nicht lebendig kommst du über die Schwelle – oder du schwörst...« »Fort – oder ich rufe!« »Diese Waffe trifft dein Herz, wenn du dem Versucher nicht abschwörst!« Das lange katalanische Messer blitzte in seiner Rechten. Ximene schrie laut auf. »Hilfe! – Zu Hilfe!« Sofort donnerte im Vorzimmer die Faust des Argelino an die Tür. »Öffnet! – Öffnet!« Schwer wuchtete der Körper Diegos gegen das Mahagoniholz. Seine Rechte hielt den Dolch, die Linke tastete rückwärts nach dem Riegel. »Schwöre dem Verderber ab, Ximene, oder du gehst den Weg allen Fleisches!« »Nie! – Zu Hilfe! – Felice!« Verwundert und besorgt lauschte im Vorzimmer der Argelino; seine Fäuste bearbeiteten vergebens die allzu starke Tür. Jetzt ward es drinnen still. Nur noch ein Stöhnen – ein Röcheln – Jäh öffneten sich die Flügel. Im Rahmen stand, düster und groß im fahlen Frühlicht, der Pater Antonio, die Kapuze vor dem Gesicht, das keiner kannte außer Ximene und Don Corpas. * »Ximene! – Ximene!« Felix Lichnowskys Blick suchte die Geliebte im Brautzimmer. Nichts antwortete. Er tappte hinein. Da – der Armleuchter mit den zerbrochenen Kerzen lag auf dem Boden. Eine Seite des Seidenvorhangs am Bett zeigte noch aufgeschlagen das Lager des Glücks, als habe sich eine Hand mit Gewalt daran festgeklammert. Zwischen umgestürztem Gerät ein Fetzen des weißen Nachtgewandes... Der Fürst taumelte vorwärts, um eine der Kerzen aufzuheben und sie anzuzünden; wiederum klang ein schwerer, stöhnender Seufzer. Des Fürsten Augen suchten wirr im Bett – leer; dahinter – leer. Wieder und wieder klang der unheimliche Laut – dort – dort, jetzt hörte er's deutlich: im Vorgemach – Die Kerze in der Hand, eilte er dorthin und leuchtete auf den Boden. Eine Blutlache, darin krümmte und wand sich ein Körper: der Argelino, der Kruzifixdieb – neben ihm am Boden funkelte im Licht der Kerze ein langes, katalanisches Messer. Lichnowsky prallte entsetzt zurück; seine Augen forschten umher im Gemach; dann, als habe er sich überzeugt, daß der Unglückliche allein hier lag, kniete er nieder und untersuchte seine Wunden. Der Argelino hatte eine Stichwunde in der Brust, eine andre im Nacken. Seine Hände waren von Schnitten zerfetzt, als habe er sich wütend gewehrt gegen die scharfe Klinge. Jetzt bemerkte auch Lichnowsky die Zerstörung ringsum, wie nach einem verzweifelten Kampf. Der Argelino mußte überfallen worden sein, ehe er von den Waffen Gebrauch machen konnte. »Ximene! – Wo ist mein Weib? – Rede! Sprich – ich beschwöre dich!« bettelte er ächzend. Der Verwundete schien seinen Herrn zu erkennen. Er versuchte zu sprechen; doch nur gurgelnde Laute kamen. »Um des Himmels willen, Mensch, ermanne dich! Ein einziges Wort! – Wo ist Ximene?« Die Augen des Argelino wurden klarer, fester; sie schossen einen Blick grimmigsten Hasses. Er hob die verstümmelte Hand und streckte sie nach dem Erker. »Da – da – der Mönch –« Der Fürst schnellte auf und stürzte auf den Erker. Mit heiserem Stöhnen prallte er zurück. Ausgestreckt wie nach heftigem Sturz, als sei sie dorthin vor dem Mörder geflohen, lag sie, die er vor einer Stunde noch in den Armen gehalten. Das dünne Nachtgewand war zerrissen. Über die schimmernde Brust, den marmornen Leib ergoß sich das erste Morgenlicht. Unter dem Herzen rieselte noch Blut langsam und schwer herab. Ximene war tot. Ganz langsam schlossen sich die Augen des Fürsten. Er sank in die Knie, die Stirn fiel vornüber. Im Sinken noch umklammerte sein Arm die tote Geliebte. Sein Haupt bettete sich auf ihrem Herzen. So fanden ihn seine Leute. Vergeblich suchte die spanische Polizei nach dem Mörder. Weder Lichnowsky, noch Neuillat, noch der Argelino hatten sein Gesicht unter der Kapuze gesehen. Vergeblich versprach der erschütterte Mann Gold und gute Worte – tausend Augen spähten, tausend Ohren lauschten, aber niemals wurde das Geheimnis vom Tod der Fürstin Ximene gelöst. Ein einziger wußte es. Aber Don Corpas wagte nicht, den Büßer zur Rechenschaft zu ziehen, der da in der dunkelsten Zelle des Klosters lebte, die Welt verachtete, die Menschen haßte, an Gott nicht glaubte. Er hatte sein Geheimnis selbst in der Beichte verschwiegen, und die Brüder vom Orden Jesu ahnten nicht, wer in ihrer Mitte lebte und sich kasteite. Erst als der Schnee des Alters auf seinem noch jungen Scheitel lag und der Tod früh seinem zermarterten Herzen nahte, vernahm er in seiner verwirrten Seele die Stimme der Gnade. – Der Gnade, die auch dem niedrigsten der Sünder sich nicht versagt. Vielleicht hätte Achmet, der Bruder Ximenes, die Hand verraten, die seine Schwester an der Schwelle des Glücks dem Tod geweiht. Doch er fiel wenige Tage darauf in der Schlacht, und die Kunde von ihrem Tod erreichte ihn nicht mehr. Das Schicksal der Blanca Ologa Der Mond warf seine silbernen Lichter zwischen die sanft rauschenden Bäume und auf das Haus. Eine jener lauen spanischen Nächte umfing einschläfernd die Männer auf dem freien Platz vor dem Jagdhaus des alten Castillos; und die Stimmen der Jäger klangen bald laut und voll, bald leise und träumerisch hinein in die Stille. Alle hatten Castillos gebeten, von der Novillada Die bei den Basken sehr beliebten Kämpfe mit jungen Stieren, überhaupt Tierkämpfe. zu erzählen, die ihn in seiner Jugendzeit so verwandelt hatte. Castillos bedachte sich, und indes er schwieg und sann, schwiegen auch alle andern. Dann tat er einen Trunk, sah rundum im Kreis der Jagdgefährten und begann: * »Ich bin im Jahr 1801 geboren. Aus meinen Knabenjahren erinnere ich mich noch sehr gut des erbitterten Kampfes, den unser Volk um seine Freiheit und Selbstbestimmung gegen die Gabachos Franzosen. und den Kaiser Napoleon führte. Obgleich ich noch sehr jung war, nahm ich doch mehr als einmal teil, lockte kleine Scharen unsrer Feinde auf falsche Wege, damit sie in die Hände der gequälten und erbitterten Einwohner fielen, und feuerte von der Höhe der Hohlwege oder aus den dichten Myrtenbüschen das Pistol gegen sie ab, das mir mein Vater geschenkt hatte. So lernte ich frühzeitig den Gebirgskrieg. Später, als König Ferdinand dem Volk die Rechte von 1812 wieder genommen hatte, machte ich einige Fahrten über das Meer nach England und an die afrikanische Küste. Aber ich merkte bald, daß ich nicht zu den Wasserratten gehörte; ich hing mit allen Fasern des Herzens an meinen heimischen Bergen. So blieb ich denn in der Heimat, bestellte das Land meines Vaters und wurde ein Jäger. Durch die große Empörung, die 1820 begann, wurden die Franzosen wieder aus dem Land gejagt. Ich nahm damals keinen Teil an den inneren Umwälzungen und Kämpfen, in denen Bessières, die Freimaurer, Empecinado und andre hingerichtet wurden, und die Agraviados in Katalonien für die Wiederherstellung der Inquisition, des Ketzergerichts, fochten. Da geschah es, daß König Ferdinand, von seiner vierten Gemahlin, der Neapolitanerin Maria Christina, dazu bewogen, das alte salische Königsgesetz aufhob, das die Töchter der Könige von der Erbfolge ausschloß. Durch die pragmatische Sanktion vom 29. März 1830 nahm er seinem Bruder Don Carlos das Thronrecht und erklärte die wenige Monate später geborne Infantin Isabella zur Thronfolgerin. Was sind Rechte, was Gesetze? Eitel Menschenwerk – und wir wollen nicht darüber streiten. Königin Isabella sitzt nun auf dem Thron Spaniens; Gott möge seinen Glanz noch lange erhalten und die Königin vor schlimmem Rat bewahren! Damals aber brachte die Kunde eine schwere Spaltung ins Volk und erhitzte die Gemüter. In ganz Spanien war nicht ein Haus, nicht eine Hütte, wo man nicht mit Eifer Partei nahm für die eine oder die andre Seite. Der Infant Don Carlos widersprach von Portugal her der Wegnahme seiner Rechte; die Bourbonen in Italien traten auf seine Seite. Als König Ferdinand am 29. September 1833 gestorben war und die Königin Maria Christina die Herrschaft antrat, brach der blutige Kampf der Carlisten und Christinos aus, der Spanien sieben Jahre lang verwüstete. Die baskischen Landschaften, schon längst erbittert durch die Aufhebung ihrer Fueros, der viele Jahrhunderte alten Rechte und Freiheiten, erhoben ihre Fahne für Don Carlos als den rechtmäßigen König, den Schützer der alten gesetzlichen und kirchlichen Ordnung. Das ganze Land bewaffnete sich. Schon im Oktober hatten die Bauern Vittoria und Bilbao besetzt; und wenn auch die Generale der Königin Isabella sie bald wieder vertrieben, immer gewaltiger wuchs der Aufstand unter Führern wie Zavala, Sagastibelzas, Eraso, Merino und meinem tapfern Freund und Feldherrn Tomas Zumalacarreguy.« »So haben Sie den General selber gekannt, Señor Don Ramiro?« fragte einer der Jagdgenossen Castillos. »Ob ich ihn gekannt habe, Señor! Wenn er auch elf Jahre älter war als ich, durfte ich ihn doch Freund nennen. Niemals hat ein treueres baskisches Herz geschlagen und eine tapfrere Hand den Säbel geführt als die seine. Hätte Gott ihn nicht bei der Belagerung von Bilbao zu sich gerufen, niemals würde der Vertrag von Bergara uns unsre Rechte wieder genommen haben! Sehen Sie den Säbel dort, Freunde. Seine Hand führte ihn in der viertägigen Schlacht im Tal von Amescoas, und er schenkte ihn mir zum Gedächtnis, weil meine Hand den Christino niedergeschossen hatte, der mit tückischem Lanzenstoß sein Leben bedrohte. Daneben hängt der Handschuh eines edlen Aleman, Deutschen. eines Prinzen in seinem fernen Land, Don Felice Lichnowsky. Verflucht sei die Hand des Meuchlers, die sein junges Weib ermordete! ... Sie können denken, daß ich nicht fehlte, als Tomas Zumalacarreguy von Pamplona aus die Fahne des alten Königtums erhob. Dorthin hatte er sich zurückgezogen, als man ihn 1832 aus der Armee entlassen hatte, trotzdem er versprach, solange König Ferdinand lebte, sich nicht für Don Carlos zu erklären. Von allen Seiten strömten das Landvolk und die Gebirgsbewohner Don Tomas zu. Was die Knaben, die Männer in dem erbitterten Kampf gegen die Franzosen fünfundzwanzig Jahre vorher gelernt hatten, wurde blutig gegen die eigenen Landsleute wiederholt ... die Guerilla, der Bandenkrieg, wütete in unsern Bergen. Der wilde Mina, Unterbefehlshaber des Generals Rodil. zurückgekehrt aus der Verbannung und von der Königin an Rodils Stelle gesetzt, war später der blutigste der Mörder. Aus dieser ersten Zeit des Kampfes erzähle ich Ihnen das entsetzliche Ereignis, das mich auf lange Jahre hinaus zum einsamen, freudlosen Menschen machte. Don Tomas befahl ein ziemlich geordnetes Heer; ich hatte es jedoch vorgezogen, an der Spitze der Guerilla zu bleiben. Die Gebirgstruppe, Jäger und Landleute, Basken von reinem Blut, hatte mich zu ihrem Anführer gewählt. Ich führte manchen kühnen Streich mit ihr aus, und der Name Ramiro el cazador war bekannt und gefürchtet genug bei den Christinos. Das Treffen bei Viana war geschlagen. Das christinische Heer war zerstreut, teils über den Ebro geworfen, teils hatte es sich bis über die Arga zurückgezogen. Am Abend, als wir auf dem Schlachtfeld lagerten, ließ mich General Zumalacarreguy rufen. ›Señor Don Castillos‹, sagte er zu mir, ›ich bin mit dir zufrieden und will dich belohnen. Aus wieviel Mann besteht deine Truppe noch?‹ ›Vierundsechzig Mann, General; ohne die Verwundeten!‹ Er lachte und wies auf meinen Kopf. Ich trug eine Binde, denn der Hieb eines Dragoners hätte mir beinahe den Schädel gespalten, wenn sich nicht glücklicherweise der Säbel in der Hand gedreht hätte. ›Du rechnest dich wohl nicht zu den Verwundeten?‹ › Dios! Wer wird so etwas rechnen, General!‹ ›Und deine Leute sind alle aus der Gegend von Pamplona?‹ ›Zehn aus der Stadt selber, die andern aus dem Gebirge. Aber jedes Kind dort kennt die Stadt.‹ ›Was meinst du dazu, wenn wir die Gelegenheit der Flucht Señor Rodils benutzen, uns der Festung zu bemächtigen?‹ › Maria santissima! Das wäre ein Streich!‹ ›Paß auf, Freund Castillos. Ich kann natürlich jetzt nicht nach Pamplona marschieren und eine lange Belagerung anfangen. Ich bin hier nötiger, um zu verhindern, daß Rodil und Valdes ihre Truppen wieder sammeln. Aber ich kann ein Regiment entbehren. Das genügt nicht, um eine Festung zu belagern, aber es genügt, um einen kecken Handstreich zu unterstützen und gelingen zu lassen. Du weißt, daß wir in Pamplona die besten Verbindungen haben und der größere Teil der Einwohner sehnlich wünscht, die Christinos loszuwerden.‹ ›Sehr wohl, General. Möge sie der Teufel holen!‹ ›Hier ist ein Brief von Señor Ologa, meinem alten Kameraden in der Glaubensarmee und, wie ich höre, deinem künftigen Schwiegervater. Man benachrichtigt mich, daß General Rodil die Besatzung der Stadt sehr geschwächt hat, um seine Truppen zu verstärken. Sie beträgt in diesem Augenblick kaum sechshundert Mann. Wenn wir also etwas tun wollen, muß es jetzt geschehen, ehe sich ein Teil der versprengten Truppen hineinwirft.‹ ›Aber wie, General?‹ ›Du mußt mit deiner Truppe noch diesen Abend aufbrechen. Es sind zwölf Leguas bis Pampluna; morgen abend kannst du in der Nähe der Festung sein. Dann ist es deine Aufgabe, die Mannschaft als Landleute oder Flüchtlinge in die Festung zu schmuggeln und ihr bestimmte Sammelplätze anzugeben.‹ ›Das soll geschehen, General!‹ ›Du setzt dich mit den Verschworenen in Verbindung. Wir haben heute Samstag, den 7. September – Montag bist du in der Festung. In der nächsten Nacht müßt ihr euch eines der Tore bemächtigen. Das Regiment der Miliz von Guipuzcoa soll dann in der Nähe sein und euch zu Hilfe kommen. Am Morgen ist die Festung unser!‹ Ich hatte kein Wort dagegen. ›Zu Befehl, General!‹ Ehe eine Stunde vergangen war, befand ich mich mit meinen vierundsechzig Guerilleros auf dem Weg. * Freunde, mein Haar ist grau und mein Herz alt; dennoch wallt mir das Blut stärker durch die Adern, wenn ich an Blanca Ologa denke. Seit zwei Jahren war sie mit dem Willen ihres Vaters, des Kapitäns Ologa, meine Verlobte, und wäre schon seit Jahresfrist mein Weib gewesen, wenn die Erhebung nicht dazwischengekommen. Ich liebte sie mit der ganzen Kraft meiner jungen Jahre. Ich war toll nach ihr. Und Blanca liebte mich nicht minder. Sie war ein schlankes, feines Mädchen mit einer Seele voll Heldenmut, und eine treue Tochter Spaniens und der heiligen Kirche ... Am Sonntag abend befand ich mich in meinen heimischen Bergen, in der Solare Burg – turmartiges Haus. meiner Väter. Ich war längst ihr Herr; meine Eltern waren tot, mein jüngerer Bruder befand sich in Madrid, um sich für den geistlichen Stand auszubilden. Wir legten unsre kriegerische Rüstung ab, verkleideten uns als Landleute und zogen, die einen mit Karren voll Lebensmittel zum Verkauf, die andern mit Hab und Gut als Flüchtlinge, die dritten als Flüchtige von Viana her, im Lauf des Montags durch die verschiedenen Tore in die Stadt. Ich hatte mich so gut wie möglich verkleidet, um in Pamplona nicht erkannt zu werden. Dort hatte ich Freunde und Feinde genug. Mein erster Gang führte mich in das Haus Blancas, meiner Verlobten. Ich fand sie ebenso lieb und schön wie vor Jahresfrist, als ich sie verlassen hatte, nur etwas bleich und trüb; denn sie hatten viel von den Bedrückungen der Christinos zu leiden gehabt, weil ihre Familie zu denen gehörte, die standhaft die Anerkennung des estatuto real verweigert hatten. Kapitän Ologa, ihr Vater, war ausgegangen; als er zurückkehrte und mich fand, umarmte mich der alte Soldat. Nur die schwere Verwundung – er hatte 1823 ein Bein verloren – konnte ihn hindern, sich zu seinem alten Waffengefährten zu begeben. Dafür bildete er hier den Mittelpunkt aller carlistisch gesinnten Einwohner. Wir hatten uns bald verständigt. Es galt Eile, weil leicht ein Zufall unsre Entdeckung herbeiführen und den ganzen Plan vereiteln konnte. Kapitän Ologa gab mir eine genaue Darstellung der Verhältnisse der Besatzung und der Verteilung der Posten. Die Nachricht von dem verlorenen Treffen bei Viana war an diesem Morgen eingetroffen, und der Befehlshaber hatte strenge Maßregeln der Wachsamkeit für nötig gehalten, bis er Verstärkung erhielt. Ologa übernahm es sofort, sich mit den Männern unsrer Partei zu verständigen und den Plan vorzubereiten. Das Kloster der Jesuiten lag in der Nähe des Tors von Estella. Es wurde seit der Verbannung des Ordens nur von zwei alten Padres bewohnt; wir waren ihrer sicher, denn sie kannten uns und hatten uns alle gern. Da das Kloster mehrere Zugänge und eine sehr günstige Lage hatte, diente es zu den geheimen Zusammenkünften unsrer Partei. Dorthin bestellte ich für den späten Abend alle meine Leute, hielt mich bis dahin aber verborgen. Ich hatte nun Gelegenheit, mit meiner geliebten Blanca mehrere Stunden zusammen zu sein. Mein unruhiger, draufgängerischer Geist, mein abenteuerliches, rauhes Leben hatten mich bisher verhindert, mir eine Häuslichkeit zu gründen und mein Herz an ein Weib zu verlieren, bis ich zwei Jahre vorher Blanca kennenlernte. Da war ich verloren. Wir waren glücklich, schwelgten in Wiedersehensfreude und sprachen von der Zukunft. An dem Sieg unsrer Partei zweifelten wir nicht. Ich war durch das Erbe meiner Familie wohlhabend genug, um ihr nach Beendigung des Bürgerkrieges eine Heimat zu bieten. Blanca Ologa war erst zwanzig Jahre, wie Aphrodite gewachsen, und hatte die schönsten Füße und Hände, die je meine Augen erblickt haben. Wir blieben zusammen, solange ich es wagen durfte, bis sie selber mich erinnerte, es sei Zeit, sie zu verlassen. Ich drückte sie an mein Herz und beschwor sie, Gott und der Heiligen Jungfrau zu vertrauen. * Alle meine Leute waren glücklich in der Stadt angelangt, bis auf acht; wir bildeten also eine zum Äußersten entschlossene Schar von siebenundfünfzig Männern. Ologa hatte schon auf mich gewartet. Er kam mir entgegen und versicherte mit freudiger Miene, daß alles gut ginge und daß der Plan, den man gefaßt hatte, der beste sei und vollen Erfolg verspreche. Das Tor von Estella war am stärksten bewacht; aber ebendarum auch der Punkt, auf den man die wenigste Aufmerksamkeit verwenden würde. Meine Leute sollten in dem Kloster bis zur Zeit der Frühmesse versteckt bleiben. Die Padres machten sich anheischig, aus einer der Vorratskammern etwa zwanzig christinische Waffenröcke herbeizuschaffen; Waffen und Schießzeug befanden sich in genügender Zahl in den Kellern des Klosters verborgen. Dann sollte ich mit den zwanzig Mann gleich einer Streife nach dem nahen Tor marschieren, die Wache entwaffnen, das Tor öffnen und die Zugbrücke niederlassen. Zu gleicher Zeit sollten der Rest meiner Schar und die in der Nähe überall verborgenen Bürger unsrer Partei bewaffnet herbeieilen und ein Lärmschlagen durch die überfallenen Wachen oder den Angriff in unserm Rücken verhindern, bis das Regiment, das uns General Zumalacarreguy zu unsrer Unterstützung versprochen hatte, im Tor einmarschiert war. Bei der geringen Zahl der Besatzung und der Hilfe der Bürger mußte es dann leicht sein, die Festung in unsern Besitz zu bringen. Es galt nur noch, sich mit dem Regiment Zumalacarreguys in Verbindung zu setzen; es mußte schon in der Nähe sein. Ich hatte mit dem General verabredet, daß die Leute in Trupps verstreut auf dem rechten Ufer der Arga heranziehen und, bis ich ihrem Führer, dem Obersten Eraso, Nachricht sandte, an einer bestimmten Stelle an den Ufern des Baches lagern sollten, der von Norden her in die Arga fällt. Diese Nachricht zu überbringen, ohne Mißtrauen zu erregen, war allerdings schwierig. Nach kurzer Beratung bot Kapitän Ologa seinen Sohn Henriquez zu dem Botendienst an. Der Knabe war gewandt, kräftig und zuverlässig und erregte beim Verlassen der Festung und dem Herumstreifen in ihrer Nähe am wenigsten Verdacht. Eine Rakete sollte das Zeichen geben, daß er die Truppen erreicht hatte. Sobald wir das Tor besetzten und die Zugbrücke niederließen, sollte ein blaues Licht von der Höhe des Tors den befehlshabenden Offizier des Regiments benachrichtigen, daß der Zugang geöffnet war. Ich schrieb die Anweisungen auf. Das kleine Blatt wurde in einen Schuh des Knaben genäht; ich teilte ihm das verabredete Losungswort mit und mahnte ihn zur Vorsicht und zur Treue. ›Ich heiße Ologa‹, sagte Henriquez stolz. ›Ich bin ein Baske. Ich will mir eher die Zunge abschneiden lassen, als daß ich ein Wort sage.‹ Der arme Junge hat sein Wort gehalten ... Es war fünf Uhr, als sich Henriquez auf den Weg machte. In zwei bis drei Stunden konnte er das Ziel erreicht haben. Um ein Uhr mußte das Regiment vor dem Tor von Estella sein. Die Anführer der carlistisch gesinnten Bürger zerstreuten sich wieder in der Stadt. Wir blieben in dem Kloster zurück und trafen unsre Vorbereitungen. Kapitän Ologa war nach Haus gegangen, um Blanca über das Ausbleiben ihres Bruders zu beruhigen und für alle Fälle einige letzte Anordnungen zu treffen. Um neun Uhr kam der von uns auf den Turm der Klosterkirche gestellte Wächter, um zu melden, daß er in der Ferne die Rakete habe aufsteigen sehen. Das war das verabredete Zeichen; Henriquez hatte also den Obersten Eraso und die carlistischen Truppen gefunden. Der Turmwächter behauptete zwar, daß das Zeichen nicht von der Stelle gekommen sei, wo nach Verabredung das Regiment lagern sollte, sondern weiter nach der Straße von Estella zu; aber ich beachtete es nicht; wahrscheinlich hatte der Anführer sich schon näher an die Stadt herangezogen. Die Stunden vergingen. Um zehn Uhr begann sich ein Teil der Verschworenen zu sammeln. Die andern sollten sich in der Nähe des Tors an verschiedenen Punkten aufstellen. Auch Kapitän Ologa kam – es fiel ihm ein Stein vom Herzen, als ich ihm sagte, daß das Zeichen gegeben worden war. Henriquez war sein Liebling. Dennoch hatte er keinen Augenblick gezögert, ihn der Gefahr auszusetzen, als es seine Überzeugung galt. Gegen elf Uhr hörten wir die Runde; es war anzunehmen, daß wir jetzt bis zur Morgendämmerung Zeit hatten. Um ein Uhr sollte der Schlag fallen. Die Waffenröcke der Christinos waren in das Kloster gebracht worden; ich ließ sie die zwanzig Zuverlässigsten meiner kleinen Schar anlegen, versicherte mich, daß die Gewehre geladen und alle mit ihren katalonischen Messern versehen waren. Aufs strengste verbot ich, sich eher der Schußwaffen zu bedienen, als bis es uns gelungen war, das Tor zu öffnen. Ich wollte unnützes Blutvergießen vermeiden; aber wenn es nicht anging, mußte das Messer und das Bajonett uns den Weg bahnen. * Es schlug zwölf. Der Rest meiner Guerilleros entfernte sich auf die ihnen angewiesenen Posten; sie trugen gleich den Bürgern die Waffen unter ihrer Kleidung verborgen. Hinter dem Tor des Klosters harrte meine kleine Schar. Ich sah auf die Straße hinaus. Sie war leer. Ich selber trug den Waffenrock eines feindlichen Offiziers. Es war Zeit. Ich zog den Säbel und gab das Zeichen. Das Tor wurde wieder geöffnet; wir traten hinaus. Ich kannte den Weg genau. Jeder von uns wußte, was er zu tun hatte. Hinter meinen Soldaten ging Kapitän Ologa. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, uns zu begleiten. Mit schweren, festen Tritten marschierten wir durch die Straße nach dem Tor; an den Ecken und in den Haustüren sah ich die dunklen Gestalten unsrer Freunde. In der inneren Wölbung des Tors ging die Wache auf und nieder; aus den kleinen Fenstern des Wachhauses schimmerte Licht. Der Soldat hatte das Näherkommen der vermeintlichen Streife gehört. Er rief uns an. › Alto! – Wer da?‹ ›Streife!‹ ›Losung?‹ Ich war schon so nahe herangekommen, daß ich ihm mit einem Griff der linken Hand das Gewehr entreißen und mit der Rechten seine Kehle zusammenpressen konnte. ›Keinen Laut – oder du stirbst.‹ Ehe der Soldat zur Besinnung kam, war er gebunden und geknebelt. Er wurde in den Schatten des Tors geworfen. Von fünf Mann gefolgt, trat ich an die Tür der Wachstube. Es galt vor allem, sich der Schlüssel zu bemächtigen; ich wußte, daß sie in den Torwachen gewöhnlich hinter der Tür hingen. Wahrscheinlich hatte man in der Stube den Anruf der Wache und die Antwort gehört und in Erwartung des Herausrufs sich erhoben und die Tür geöffnet. Ich trat über die Schwelle in den engen Raum. ›Offizier der Runde!‹ rief ich. Den Unteroffizier, der heraustreten wollte, drängte ich zurück. Ein Blick überzeugte mich: die Schlüssel hingen an dem Nagel. Zwei Schritte und ich hatte sie in meiner Hand. ›Zum Teufel! – Was machen Sie da, Leutnant?‹ fragte der Sergeant erstaunt. Mit einem Sprung war ich zurück an der Tür. ›Ruhe! Wer sich rührt, wer einen Laut von sich gibt, ist ein toter Mann!‹ Meine fünf Begleiter schlugen ihre Gewehre an; zugleich streckte sich eine gleiche Zahl von draußen her durch die eingestoßenen Scheiben der Fenster. Ich kümmerte mich nicht darum, sondern rannte aus dem Wachhaus dem Tor zu. ›Die Laterne auf!‹ rief ich. Der Schlüssel drehte sich schon im Schloß. Der Guerillo, der es übernommen hatte, eilte, das Messer in der einen Hand, die Laterne mit dem blauen Licht in der andern, auf das Tor. Während ich und mehrere meiner Leute die Ketten der Zugbrücke zu lösen suchten, hörte ich über mir einen Schrei und dann einen Schuß. Aber es war zu spät für den Alarm. Auf dem Tor leuchtete das blaue Licht, und durch die Gürtel der Außenwälle konnte ich deutlich die Spitze einer dunklen Kolonne erkennen. Die Zugbrücke rasselte nieder. In diesem Augenblick fiel mir nicht auf, daß ich keine der Wachen auf den Außenwerken feuern oder ein Zeichen geben hörte; aber drinnen, innerhalb des Tors, wurde es schon lebendig. Schüsse fielen. › Viva el Rey! ‹ Siegesrufe schollen durch den Lärm. Die Wache mußte sich zur Wehr gesetzt haben, oder eine wirkliche Streife war auf meine Leute gestoßen. Ohne mich um die Anrückenden zu kümmern, denen der Weg nun geöffnet war, eilte ich zurück, um mich an die Spitze der Meinen zu stellen. Nur fünf Minuten brauchten wir das Tor zu halten; dann war der Sieg unser, die Festung genommen ... In der Tat waren meine Leute schon handgemein mit den Soldaten der Besatzung. Eine starke Streife war eben von einer andern Seite herangekommen. Der Unteroffizier der Torwache war ein alter tapferer Soldat. Nachdem er die erste Verblüffung überwunden hatte, versuchte er mutig, sich Bahn aus der Wachstube zu brechen. Schüsse knallten hin und her. Aber von allen Seiten eilten die Bürger heran, uns zu unterstützen und sich mit uns zum Widerstand zu vereinigen. Ich hegte keine Besorgnis mehr für den Ausgang. Ein Blick rückwärts belehrte mich, daß die Spitze unsrer Truppen schon das Tor durcheilte und sich rechts und links ausbreitete. Dunkle Massen folgten im Geschwindschritt; die Bajonette leuchteten im Blitzen der Schüsse. Wie eine Mauer zogen sich rechts und links die Reihen um unsern Kampf. › Vittoria! ‹ ›Die Stadt ist unser!‹ › Viva el Rey !‹ Aber die dunkle Masse unsrer Freunde gab zu meinem Erstaunen keinen jubelnden Widerhall. Ich überließ die Weiterführung des Scharmützels dem Kapitän Ologa und wandte mich, um den befehlenden Offizier der Hilfstruppen zu begrüßen und mich mit ihm zu verständigen. In der Stadt begannen schon die Lärmtrommeln durch die Straßen zu rasseln; die Glocken heulten Sturm. Von der Nordseite der Festung donnerten die Geschütze. Es war noch alles ziemlich dunkel ringsum; aber ich hatte deutlich erkannt, daß eine Reitergruppe durch das Tor einzog, hinter ihr sah ich die Fahnen einer Abteilung Lanzenreiter. Ich eilte auf sie zu. ›Oberst Eraso! Willkommen! Die Stadt ist unser, wenn Sie eilen!‹ Ich hatte beinah das Pferd des vordersten Offiziers erreicht und streckte die Hand nach ihm auf. Da erhob er sich im Sattel. ›Packt den Carlistenhund! Feuer auf die Kerle, wenn einer sich zu widersetzen wagt!‹ Ich fühlte mich von hinten gefaßt. Vollkommen überrascht und entsetzt, vermochte ich nicht einmal Widerstand zu leisten. Im nächsten Augenblick war ich zu Boden gerissen. ›Verrat! – Lieber tot als gefangen, Brüder!‹ Es war die Stimme des tapferen Ologa. Das Krachen einer Gewehrsalve ... und in deren Feuerblitz sah ich den Knaben Henriquez, an die Steigbügel zweier Lanzenreiter gebunden, mit totenbleichem, blutbeflecktem Gesicht, und fast bis zur Nacktheit der Kleider beraubt. Dann klang ein lauter Ruf: › Viva la Reyna Isabella! Viva la Regente! Nieder mit allen Rebellen!‹ Wir waren in der Gewalt der Christinos ... * Der Schlag war so unerwartet, so betäubend, daß ich eine Zeitlang alle Empfindung, alles Bewußtsein verloren hatte. Endlich fand ich mich, an Händen und Füßen gebunden, auf der Holzbank vor dem Wachhaus liegen. Wohl an dreißig meiner Guerilleros, zum Teil verwundet, und mehrere der Einwohner, die unser Unternehmen unterstützt hatten, standen gefesselt und von Wachen umringt. Der Platz vor dem Tor war durch Fackeln erhellt; ich sah mehrere Tote auf dem Pflaster liegen. Meine scharfen Augen erkannten an dem Stelzfuß darunter Kapitän Ologa, den Vater meiner Verlobten ... Ich wandte mich um. Da fielen meine Blicke auf den armen Knaben, der in einiger Entfernung gebunden am Boden saß. Henriquez mußte in die Hände der Christinos gefallen sein; sie mochten ihn mit Drohungen und Mißhandlungen gezwungen haben, alles zu verraten. Ich irrte mich. Mühsam erhob ich mich von der Bank, auf der ich bisher gelegen hatte, und rief ihn an. ›Henriquez!‹ Der Knabe blickte verstört auf. ›Du bist zum Verräter an uns geworden! – Heilige Mutter Gottes, was hast du getan!‹ Das junge, von Leiden bleiche Gesicht überzog sich mit dunkler Röte. Statt aller Antwort hob er seinen nackten, des Schuhs beraubten Fuß in die Höhe. ›Wenn auch‹, fuhr ich hart fort. ›Du hast uns verraten, sonst hätten sie uns nicht so überraschen können! Sieh hin – deine Schuld!‹ Ich wies mit einer Bewegung des Kopfes nach der Stelle, wo sein Vater erschossen lag. Ich hatte mich der baskischen Sprache bedient, um nicht von den Soldaten verstanden zu werden, die aus den andern Landschaften stammten. Dennoch hob einer der Schurken den Kolben, um mir mit einem tüchtigen Stoß Schweigen zu gebieten. Aber ich achtete des Schlags nicht; ich hatte nur Augen für das Entsetzliche, was geschah – die rauhen Worte, die ich dem armen Knaben gesagt, zerrissen mir jetzt das Herz ... Henriquez blickte auf. Eine zufällige Öffnung in den Reihen der Umstehenden erlaubte ihm, seinen toten Vater zu erblicken. Er öffnete weit den Mund. Aber kein Schrei ... nur ein gurgelnder Laut kam über seine Lippen. Zwischen ihnen floß frisches Blut heraus und färbte Kinn und Brust. Dann kroch der arme Knabe auf den gebundenen Händen und Füßen zu der Leiche Ologas, warf sich über sie und bedeckte sie mit seinem Blut und seinen Tränen. Stöhnende, gräßliche Laute entrangen sich seiner Kehle. ›Henriquez! Um der Heiligen Willen ...‹ ›Gib dir keine Mühe, Compadre‹, sagte rauh einer der Soldaten. Sie hatten den armen Knaben nicht gehindert, sich fortzuwälzen. ›Die kleine Natter zischt nicht mehr. Weil seine Zunge uns nichts gestehen wollte, hat der General sie ihm etwas schlitzen lassen! Für ein Ave vor dem Erschießen ist sie immer noch lang genug!‹ Ich sank auf meine Bank zurück. Das Blut stieg mir siedend zum Hirn und brauste mir in den Ohren. Ich rang vergeblich gegen die Bande, die meine Glieder fesselten, um mich auf einen der blutigen Mörder zu stürzen – um in seinem Tod den meinen zu finden. Erst später hörte ich von einem Christino den Hergang. Henriquez war glücklich aus dem Tor gekommen. Er hatte vorsichtig das nach Saragossa führende gewählt und wanderte im weiten Bogen um die Stadt, als er auf einige christinische Soldaten stieß, die als Kundschafter einer größeren Abteilung vorangingen. General Rodil hatte, nachdem er das Treffen von Viana verloren, seine zerstreuten Truppen wieder gesammelt. Die Wichtigkeit einer Stellung wie Pamplona erkennend, sandte er eine ansehnliche Verstärkung unter dem jüngeren Mina dorthin, um die Festung gegen einen Angriff Zumalacarreguys zu sichern. Hätte Henriquez es über sich gewinnen können, ruhig seinen Weg fortzusetzen, würde er wahrscheinlich gar nicht beachtet worden sein. So aber versuchte er zu entwischen und sich zu verstecken. Das erregte die Aufmerksamkeit der Leute. Bald war er eingeholt und ergriffen. Da er keine genügende Antwort über sich geben konnte oder sich in widersprechende Aussagen verwickelte, wurde er ihnen noch verdächtiger. Sie durchsuchten ihn genau. Bei der Gelegenheit entdeckte einer der Männer die frische Naht an seinem Schuh. Der Knabe wehrte sich wie eine wilde Katze, als er den Schuh in den Händen der Soldaten sah. Sie zerschnitten das Leder und fanden den Brief. Keiner von den Männern konnte lesen; die Umstände, unter denen sie das Papier gefunden hatten, zeigten ihnen jedoch, daß es von Wichtigkeit sein mußte. Sie befanden sich noch eine Stunde weit von der Festung und rechneten sich ebensoweit von ihrer Kolonne entfernt. So zogen sie es vor, zu ihrem Befehlshaber Mina zurückzukehren und Meldung zu machen. Sie schleppten unter hundert Mißhandlungen den Knaben mit sich fort, mußten aber länger marschieren, als sie gedacht hatten, ehe sie auf General Mina stießen. Der Brief erweckte bei den Offizieren der christinischen Abteilung große Unruhe. Es fand sofort ein Kriegsrat statt. Da sich in dem Brief keine Angabe befand, wie groß die Zahl meiner Guerilleros und der Verschwörer in der Stadt war, wurde Henriquez herangeschleppt. Er sollte durch seine Beichte vervollständigen, was das Schreiben andeutete. Ich hatte dem Sohn Ologas bitteres Unrecht getan... Keine Drohung, keine Mißhandlung entriß ihm ein Geständnis. Wütend durch seinen Widerstand, von Natur so grausam und jähzornig wie sein Verwandter, dessen Vorläufer er in Pamplona war, befahl er, dem armen Knaben die Zunge aufzuschlitzen. Ihr schaudert, Freunde? Aber das war die Art, wie man diesen entsetzlichen Bürgerkrieg zu führen begann! Noch Schlimmeres, Entsetzlicheres haben meine alten Augen gesehen, als Mina und Espartero den Oberbefehl erhielten! Taten, der Hölle entsprossen, und die blutige Saat trug blutige Früchte. Denn Cabrera blieb später den Feinden nichts schuldig. Ich habe gehört, daß die Gesandten der fremden Mächte sich ins Mittel legen und beiden Teilen eine menschlichere Kriegführung vorschreiben mußten – freilich erst, nachdem England und Frankreich ihre Bagnos geöffnet und das Heer der Königin mit Räubern und Mördern verstärkt hatten. * Bei aller Grausamkeit war jedoch General Mina ein umsichtiger, entschlossener Soldat. Da er nicht erfahren konnte, wie die Sachen in der Festung standen, faßte er den Entschluß, unsern Plan aus dem Brief gegen uns selber anzuwenden. Wenn er seinen Marsch auch noch so sehr beeilte, hätte er vor Mitternacht nicht mehr die Festung zum Entsatz erreichen können und mußte fürchten, auf die Carlisten zu stoßen. Die Verschworenen hätten dann leicht von dem Mißlingen ihres Plans Kunde erhalten und sich retten können. Seinem Blutdurst kam es aber darauf an, sie zu fangen, um an ihnen die Niederlage von Viana zu rächen. Es galt also nicht nur, die Festung zu retten, sondern auch den Carlisten eine grausame Niederlage zu bereiten. Sein Entschluß war alsbald gefaßt. General Mina ließ sofort von dem Brief Abschrift machen. Nichts wurde geändert als das Tor der Festung. Statt des Tors von Estella gab der Brief das auf der entgegengesetzten Seite gelegene nach Irurzun an. Auch das Zeichen der Rakete wurde fortgelassen. Der Oberst behielt es sich selber vor und sandte sofort einen Reiter ab, um in der Nähe der Festung eine Rakete steigen zu lassen. Zugleich wurde ein gewandter Bursche, als Bauer verkleidet, abgeschickt, um die von mir erwarteten carlistischen Truppen unter Oberst Eraso aufzusuchen und ihrem Führer den gefälschten Brief zu überbringen. Wenn man sich nun äußerst beeilte, konnte man kurz vor der bezeichneten Stunde eintreffen. Der Marsch wurde mit der größten Vorsicht ausgeführt. Das zur Verstärkung der Besatzung bestimmte Korps näherte sich dem Tor von Estella. Die Christinos brauchten die Vorsicht, sich den Außenposten als Freunde zu erkennen zu geben. Was dann geschah, das habe ich erzählt. Ich will nur noch erwähnen, daß Oberst Eraso wirklich in die Falle gegangen war und sich mit seinem Regiment nach dem Tor von Irurzun gewendet hatte. Dort begrüßten ihn die Batterien mit ihrem Feuer. Der Donner einzelner Kanonenschüsse klang von der andern Seite der Festung noch herüber, als General Mina mit mehreren Offizieren, darunter der Oberbefehlshaber Callega von Pamplona, nach dem Platz zurückkehrte, wo wir gefangen worden waren. Der Zorn, die Erbitterung des Don Ramon Callega und der christinischen Offiziere über den kecken Streich, den wir ihnen gespielt hatten, und die Gefahr, der sie nur durch einen Zufall entgingen, war groß. Das Kloster der Jesuiten wurde sofort genau untersucht; mehrere unserer Freunde, die sich dorthin geflüchtet hatten, wurden ermordet. Die Soldaten drangen in die Häuser, die ihnen von den Gegnern als die Wohnungen von Anhängern des Königs bezeichnet wurden. Sie plünderten und mordeten dort unter dem Vorwand, die Verschwörer zu suchen. Viel Unschuldige wurden gefesselt herausgebracht; bald war auf dem Platz eine Schar von mehr als siebzig Gefangenen versammelt. Ich sehe noch die von Todesfurcht bleichen oder trotzig blickenden Gesichter um mich her. Die beiden Oberoffiziere ritten jetzt heran und betrachteten uns beim Schein der Fackeln. ›Ich denke, wir haben die Burschen auch am Tor von Irurzun tüchtig heimgeschickt, Señor Don Ramon‹, sagte grimmig lachend General Mina zu dem Gouverneur. ›Sie müssen einen starken Verlust haben und werden sich hüten, Pamplona wieder nahe zu kommen. Jetzt haben wir Zeit, mit diesen Schurken da unsre Rechnung abzuschließen!‹ Don Ramon machte ein Zeichen des Einverständnisses. ›Die Hunde sollen hängen‹, nickte er. ›Das halten Sie, wie Sie wollen, mit Ihren Gefangenen, Señor Don Callega. Ich werde über die meinen verfügen.‹ Er näherte sich den Gefangenen und strich sich dabei den langen, roten Schnurrbart. ›Man hat mir gesagt, daß der kecke Versuch, die Festung Ihrer Majestät der Königin zu entreißen und sie in die Hände des verfluchten Papisten Carlos zu liefern, von dem Schurken el cazador gemacht worden ist, dem Genossen des Verräters Zumalacarreguy. Ich will wissen, ob der Carlistenhund seinen Lohn erhalten hat oder ob er noch lebt!‹ fuhr er uns an. ›Wenn du Ramiro Castillos suchst, den die Leute el cazador nennen‹, sagte ich entschlossen, ›hier bin ich! Du wirst wenigstens die Genugtuung haben, einen Mann zu morden, nicht einen Knaben.‹ ›Hund! Du sollst sterben von meiner Hand!‹ Er riß ein Pistol heraus, spannte es und schlug auf mich an. Ich erwartete den Tod. Ja – ich wünschte ihn. Das schmähliche Mißlingen des Unternehmens und seine Folgen hatten mich halb wahnsinnig gemacht. In dieser Sekunde fiel der volle Schein der Fackel eines der sich diensteifrig herbeidrängenden Soldaten auf mein Gesicht. Mina sah mich eine Weile genau an. Dann ließ er langsam den Arm sinken. ›Erkennst du mich?‹ fragte er. ›Gewiß!‹ ›Und du erinnerst mich nicht an den Adour?‹ ›Nein. – Warum sollte ich?‹ › Caramba! – So will ich mich daran erinnern!‹ Er steckte das Pistol zurück in die Halfter und wandte sich zu seinem Adjutanten. ›Lassen Sie alle Gefangenen in die Jesuitenkirche einschließen und streng bewachen!‹ Damit wandte er sein Pferd und ritt fort. Man schleppte uns in die nahe Kirche. Auch der arme Henriquez wurde zu uns geworfen. Meinen Bitten und dem Opfer allen Geldes, das ich bei mir führte, gelang es, einen der Unteroffiziere zu erweichen; er gestattete, daß ein Arzt dem armen Knaben einen Verband anlegte. Seine Wunde – die halbe Zunge war mit einem Messer aufgeschlitzt – war furchtbar, das ganze Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verschwollen. Aber trotz den entsetzlichen Schmerzen unterdrückte Henriquez nun, nachdem er an der Leiche seines Vaters gekniet, jede Äußerung des Schmerzes und der Seelenqual. Nur seine Augen glühten in ohnmächtiger Verzweiflung, als er während des Restes der Nacht im Wundfieber auf den Stufen des Hochalters lag, den Kopf in meinem Schoß. Ich will nicht versuchen, Freunde, Ihnen die Gefühle jener Nacht zu schildern. Die einzige Besorgnis, die mich erfüllte, war nicht die um mein Leben, sondern um das Schicksal Biancas. Das Haus ihres Vaters war gewiß nicht der Plünderung der Christinos entgangen. Ich begnüge mich, Ihnen die Frage Minas zu erklären. Drei Jahre vorher, zur Zeit, als die Umstürzler von der Regierung Ferdinands verbannt waren, hatte ich zufällig Gelegenheit, einen Mann vom Tod des Ertrinkens im Adour zu retten. Dieser Mann war der damalige Oberst Mina. Ich hielt mich nicht lange auf, seine Danksagungen in Empfang zu nehmen, sondern ging, ohne ihm meinen Namen zu sagen, meiner Wege. So wunderlich spielt das Schicksal; der Mann, den ich den Wellen des Adour entrissen hatte, mußte mich um alles bringen, was das Leben mir teuer machte, um Ruhm und Liebe. Die Nacht war vergangen, auch der Vormittag. Erst gegen Mittag öffneten sich die Türen der Kirche; eine starke Abteilung Christinos nahm uns in die Mitte. Wir wußten, daß wir zum Tode gingen. Selbst den kranken Knaben hatten die Mörder nicht vergessen. Weinend und jammernd begleiteten Frauen und Kinder unsern Zug; denn außer meinen Guerilleros befanden sich mehrere Bürger in unsern Reihen; wer gefangen wurde, war auch verurteilt. Der Gouverneur und General Mina hatten beschlossen, durch eine blutige Vergeltung alle Feinde der Königin und alle schwankenden Gemüter einzuschüchtern. Deshalb sollte die Hinrichtung auf einem öffentlichen Platz vollzogen werden; jedermann durfte ihr beiwohnen. Wer früher von Ihnen schon in unserm Baskenland gewesen ist, kennt die große Vorliebe für die Novilladas, die Tierkämpfe. Jede Stadt, jeder Flecken hat seine Kampfbahn, groß oder klein. Dort zeigt zwar nicht der Matador seine Kraft und Gewandtheit, aber der Stier, der Bär oder der Wolf werden aneinandergehetzt oder von der kräftigen Dogge zu Boden gerissen. Und wenn die größeren Raubtiere fehlen, begnügt man sich selbst mit dem Aufreizen angebundener junger Stiere. Die Kampfbahn von Pamplona war zur Richtstätte gewählt. Als wir über den Platz des Stadthauses schritten, bot sich uns ein erschütternder Anblick, der auch ein festes Herz erleben lassen mochte. An fünf schnell errichteten Galgen hingen die Leichen von fünf der angesehensten Bürger der Stadt, die zur Partei des Don Carlos gehört und sich an dem mißlungenen Versuch beteiligt hatten ... Vergeblich schaute ich mich um, ein Zeichen des Abschieds von Blanca Ologa zu erhalten oder sie noch einmal zu sehen. Der arme Henriquez hing schwer an meinem Arm. Kaum vermochten wir ihn fortzuschleppen. So kamen wir endlich zur Richtstätte. Die Plätze waren alle besetzt. Der Bevölkerung der Stadt sollte ein warnendes Beispiel gegeben werden, und so hatte man die Behörden und viele angesehene Bewohner gezwungen, dem Blutbad beizuwohnen. Ein wildes, blutdürstiges Hohngeschrei begrüßte uns, als wir durch die Reihen der Soldaten in das Innere geführt wurden; dort standen der Gouverneur, die Offiziere der Besatzung und der eingerückten Truppen mit den Vätern der Stadt; den übrigen Raum füllten die Soldaten. Man stellte uns in zwei Reihen auf; dann trat einer der Offiziere vor und verlas das Urteil des Kriegsgerichts. Man hatte es über uns abgehalten, ohne uns auch nur zu hören. Es lautete: Tod für alle, die bei dem Versuch, die Festung in die Hände des Feindes zu überliefern, auf der Tat ergriffen worden waren – durch Beschluß des Gouverneurs und des Generals Mina dahin gemildert, daß der fünfte Mann erschossen, die andern aber lebenslang auf die Galeeren gebracht werden sollten. Man scheute sich damals noch, Erschießungen in Masse anzuwenden – das blieb dem älteren Mina und dem ›Siegesherzog‹ Marschall Espartero. überlassen. Ausgenommen bleibt von der Zählung, besagte der Befehl weiter, der Anführer des schändlichen Versuchs, Ramiro Castillos, genannt el cazador ; er sollte zu seiner Bestrafung in das Hauptquartier der königlichen Truppen geliefert werden. Ein Schrei des Jammers, des tiefsten Schmerzes erklang aus der Menge bei der Nennung meines Namens. Ich hätte die Stimme unter Tausenden erkannt: sie gehörte Blanca, meiner Verlobten. Die Unglückliche war also in meiner Nähe. Sofort begann die Abzählung der Todeslose; der Adjutant, der sie in seinem Hut trug, fing von unten an. Jeder, der das Los mit dem verhängnisvollen › Muerte ‹ zog, wurde unter dem Jammern und Wehklagen der Mitleidigen oder unter dem Hohngeschrei der Gegner sofort zur Seite geführt. Bei dem Ausmarsch aus der Jesuitenkirche waren wir neunundsechzig Gefangene; drei von meinen Guerilleros und einer von den Bürgern waren während des Morgens an den erhaltenen Wunden gestorben; der Offizier hatte siebzig Lose gemacht, von denen vierzehn mit dem Wort › Muerte ‹ bezeichnet waren. Langsam ging er an den beiden Reihen entlang, begleitet von vier Sergeanten, die sich sofort des Opfers bemächtigten. Ihm folgte General Mina mit dem Gouverneur zu Pferd vor der Front der Verurteilten. Dreizehnmal war schon die Todesnummer gezogen worden. Ich und Henriquez, der an meiner Schulter lehnte, waren jetzt die letzten in der vordersten Reihe. Die drei Männer vor uns zogen eine weiße Nummer. Es blieb demnach noch ein Todeslos übrig. Der Offizier, der Mitleid mit Henriquez zu empfinden schien, wandte sich zu General Mina, der nun dicht vor uns hielt, uns finster betrachtete und dabei gewohnheitsmäßig seinen Schnurrbart strich. ›Señor General‹, sagte der Offizier, ›es sind noch zwei Lose und nur ein Verurteilter, da Sie bestimmt haben, daß dieser Mann nicht mitlosen soll.‹ › Ea! Ich habe nichts dagegen, daß dem jungen Burschen da eine Aussicht zum Entkommen gelassen wird. Er mag wählen unter den beiden Losen.‹ ›General Mina‹, sagte ich und trat einen Schritt vor. ›Es ist ein Knabe, kaum zwölf Jahre und schon entsetzlich bestraft und mißhandelt. Sie werden die Grausamkeit nicht so weit treiben, ihm noch das Leben zu nehmen. Lassen Sie mich das Los ziehen!‹ ›Ihr Schicksal ist bestimmt. Ich übe schon zuviel Gnade, wenn ich ihm die Möglichkeit lasse. – Zieh, Bursche!‹ Henriquez warf trotz seiner Schwäche und seinen Schmerzen einen stolzen Blick auf den Christino. Er zog das Los und reichte es dem Offizier. Viele Augen, auch Feindesaugen, waren mit Teilnahme auf den unglücklichen Knaben gerichtet. Der Leutnant öffnete langsam das Röllchen. › Muerte! ‹ Es war das Todeslos. ›Nehmt ihn!‹ sagte Mina kalt. Ich warf mich vor ihn. ›General Mina‹, rief ich, ›wenn Sie Ihren Ruf als tapfrer Soldat nicht für immer schänden, wenn Sie auf die Barmherzigkeit Gottes rechnen wollen, so üben Sie Gerechtigkeit! – Lassen Sie mich an die Stelle des Knaben treten!‹ Ein Echo schien von der andern Seite des Offiziers diese Bitte zu wiederholen. ›Gnade! Barmherzigkeit! – Gnade für beide!‹ Eine schwarzgekleidete Gestalt kniete zu Füßen seines Pferdes und streckte die Hände flehend zu ihm auf. Es war Blanca Ologa. Sie hatte sich mutig durch die Reihen der Soldaten gedrängt. Eine ältere Frau, einst ihre Amme, kniete neben ihr. ›Wer ist das Mädchen! Was will es? – Jagt es fort!‹ ›General Mina‹, rief ich außer mir, ›achten Sie die Tochter eines Offiziers, der seine Überzeugung mit dem Leben bezahlt hat!‹ ›Wer ist sie?‹ ›Die einzige Schwester dieses Knaben! Meine Verlobte! Die Tochter des gefallenen Kapitäns Ologa! – Denken Sie an den Adour – und lösen Sie Ihre Schuld!‹ Er warf mir einen bösen Blick zu. ›Wenn ich nicht daran gedacht hätte, wären Sie schon tot, Señor. Dennoch will ich meine Schuld lösen. Leben für Leben. Die Señorita mag wählen: den Bruder oder den Geliebten!‹ ›Das ist unwürdig! – Das ist abscheulich!‹ Blanca rang die Hände. ›Barmherzigkeit, Señor! – Ich kann nicht wählen!‹ rief sie. ›Lassen Sie mich sterben mit ihnen!‹ Ich wandte mich mit Verachtung von Mina ab. ›Blanca‹, bat ich, ›zeige, daß du die Verlobte eines Mannes bist, dessen Herz niemals in Todesfurcht bebte, wenn er dem Bären der Pyrenäen entgegentrat – er würde eher Mitleid haben mit dir als dieser Christino! – Nimm deinen Bruder und laß mich sterben mit meinen Kameraden, wie es mir ziemt!' Ich beugte mich nieder, denn meine Hände waren gefesselt, und küßte sie auf die Stirn. Dann trat ich zu dem Sergeanten, um mich den Todgeweihten anzuschließen. ›Halt!‹ Der Befehl kam von Mina. ›Sie haben es sehr eilig, Señor Castillos‹, sagte er spöttisch. ›Aber ich muß Sie höflich bitten, meine Entscheidung abzuwarten. – Stehen Sie auf, Señora. Antworten Sie mir. Sie sind die Verlobte dieses Mannes?‹ ›Ja, Señor!‹ ›Die Verlobte eines Bärenjägers! Nun, dann darf es Ihnen an Mut nicht fehlen. Ich müßte nicht selber ein geborner Baske sein, wenn ich nicht Freude an einer guten Bärenjagd empfände; ich habe sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr erlebt. – Kennen Sie die Art, wie man am Maldabich und am Monte Orion den Bären bekämpft?‹ Blanca fand nichts Böses in der Frage, wenn es ihr auch grausam scheinen mochte, daß sie in einem solchen Augenblick gestellt werden konnte. ›Ja, Señor!‹ antwortete sie. ›Ramiro, mein Verlobter, hat mir oft von der Gefahr erzählt, der er sich dabei aussetzte!‹ › Alto! Alto! Es ist so arg nicht, wenn man kaltes Blut behält und der Gefährte Kraft in den Adern hat. Ich habe große Lust, mir einmal wieder das Vergnügen einer Novillada zu machen; und da kein Stier vorhanden ist und Ihr Verlobter meint, die Bären der Pyrenäen besäßen ein mitleidigeres Herz als General Mina, nun, so will ich Ihr Schicksal in Ihre eigene Hand legen.‹ Ich erstarrte bei diesen Worten. Was hatte der Mann vor? Der Mann, von dem ich wußte, daß er schon in seiner Jugend ein herzloser Satan war? Mina wandte sich zu den städtischen Beamten, die mit großer Sorge in einiger Entfernung standen. ›Kommen Sie ein wenig näher, Señor Alcalde!‹ sagte er zu dem alten Mann, der im Verdacht stand, insgeheim der Sache des Don Carlos zugetan zu sein. ›Sie werden mir die beste Auskunft geben können.‹ Der Greis näherte sich. Er stammte, wie ich, aus einer der alten Familien, hatte ein langes, würdiges Leben hinter sich und genoß den Ruf unerschütterlicher Redlichkeit. Das allein war der Grund, daß die herrschende Partei noch nicht gewagt hatte, ihn von seinem Posten zu entfernen. ›Señor Alcalde‹, fuhr General Mina fort, ›Sie wissen, daß ich seit vielen Jahren nicht in meiner Vaterstadt gewesen bin. Wem gehören die beiden Bären, die ich am Eingang der Arena hinter dem Gitter bemerkt habe?‹ ›Sie sind Eigentum der Stadt, Señor General! Don Ramiro Castillos schenkte sie uns vor fünf Jahren beide als junge Tiere; er hatte sie aus dem Lager einer erlegten Bärin genommen. Leider hat der Versuch der Zähmung nichts genützt. Sie sind so grimmig, als hätten sie immer in der Wildnis gelebt; sie können nur mit größter Vorsicht zu den Kampfspielen benutzt werden.‹ ›Zu dem, was ich vorhabe, bedarf es keiner Vorsicht, Señor Alcalde. Ich brauche zwei gute Navajas.‹ Messer. Zehn Hände boten Waffen; alles war gespannt auf das, was folgen sollte. Blanca hatte sich zu mir gedrängt. Sie hielt schutzsuchend meinen Arm gefaßt. General Mina wandte sich wieder zu uns. ›Der Mann hier und der Knabe‹, sagte er, ›haben sich des Todes schuldig gemacht. Ramiro Castillos rettete mir das Leben. Auf sein Verlangen löse ich die Schuld. Ich begnadige den Knaben dort. Aber ich will mehr tun, als er getan. Ich will ihm Gelegenheit geben, sein eigenes, verfallenes Leben mit Ihrer Hilfe, Señorita, zu retten. Wenn Sie die Frau eines Bärenjägers werden wollen, müssen Sie zeigen, daß Sie dessen würdig sind. Ich lege diese Navajas in Ihre Hände; wenn er mit Ihrer Hilfe die Bären tötet, ist ihm das Leben geschenkt!‹ Der Vorschlag war so unerwartet, so abenteuerlich und zugleich so dem Charakter und der leidenschaftlichen Neigung des Volkes für Kämpfe angepaßt, daß ihm ein stürmischer Jubelruf folgte. Ja, ich sah, so groß ist die Macht der Neigungen, daß selbst meine dem Tod durch das Los verfallenen Guerilleros, geborne Basken, in den Zuruf der Menge mit einstimmten. Ich begriff vollkommen das Teuflische des Vorschlags. Ohne einen Augenblick des Schwankens hätte ich allein den Kampf mit den beiden Bestien angenommen. Aber die schreckliche Bedingung, daß die schwache Frau, meine Blanca, die Gefahr teilen sollte, mußte meine Kraft und Besonnenheit lähmen. Erst auf ein wiederholtes Zeichen des Generals beruhigte sich der Sturm der Menge. ›Nun, Señorita?‹ fragte Mina spöttisch. ›Wie gefällt Ihnen mein Vorschlag? Wollen Sie sich diesen Mann mit dem Messer in der Hand gewinnen? Oder soll ich vielleicht für einen andern Gatten sorgen? Sie sind hübsch und, wie ich höre, reich genug. Keiner meiner jüngeren Offiziere wird ein Bedenken tragen, eine kleine und reizende Rebellin zu bekehren.‹ Ehe ich ein Wort vorbringen und den Kampf für mich allein oder den Tod fordern konnte, erhob Blanca die Hand und winkte mir Schweigen. ›Señor General‹, sagte sie mit fester, ruhiger Stimme. ›Ich nehme Ihren Vorschlag an! Geben Sie mir die Messer.‹ Wie ein Schlag aufs Herz trafen mich diese Worte. Sekundenlang brauste mir das Blut so durch die Adern, daß ich nichts sah und nichts hörte – nur fühlte ... fühlte: Das tut sie für dich! So liebt sie dich! – Dann aber griff es wie mit einer Eishand nach meinem Herzen. Blanca – für mich – in Todesgefahr!? – Unmöglich! ›Blanca! Halt ein! Das darfst du nicht!‹ rief ich. Aber sie legte die Hand auf meinen Arm. ›Still, Ramiro! Sollen jene Männer sehen, daß du Furcht zeigst um meinetwillen? Der Mann hat recht. Die Frau eines Jägers darf die Gefahr nicht scheuen. Gott und die Heiligen werden uns nicht verlassen.‹ General Mina schien selber betroffen über die heldenmütige Annahme seines schrecklichen Vorschlages. Sein Blick ging zaudernd über ihr bleiches, entschlossenes Gesicht hin. Als er aber nur auf finstere Abwehr und stolzen Widerstand stieß, wandte er sich ab. Er befahl, die Kampfbahn zu räumen und mich meiner Bande zu entledigen, damit ich den vollen Gebrauch meiner Glieder wiedergewinne. Dann beaufsichtigte er selber die Anstalten zu dem Kampf. In diesem Augenblick, als sich General Mina am andern Ende der Schranken befand, und viele Frauen, selbst solche, die zu den Familien unsrer Feinde gehörten und noch kurz vorher unsern Tod gefordert hatten, sich um Blanca drängten und ihr Mut einzusprechen suchten, kam der greise Alcalde an meine Seite. Er war ein Freund meines Vaters gewesen und kannte mich schon als Knaben. ›Die Heilige Jungfrau beschütze dich, Ramiro. Mut und Besonnenheit! – Kann ich etwas für dich tun?‹ ›Zwei wollene Decken, Señor!‹ Er nickte verständnisvoll und entfernte sich sogleich wieder, um keinen Verdacht zu erregen. Ich sah, daß er einem seiner Alguacils einen Auftrag gab; der Mann entfernte sich schnell. Man hatte mir die Fesseln abgenommen. Ich prüfte die Gelenkigkeit meiner Glieder. Ich war nun entschlossen, den Kampf aufzunehmen und der Bosheit meines Überwinders Trotz zu bieten. Ich kannte vollkommen die schwere Aufgabe und war mir klar, daß die Teilnahme meiner Verlobten die Gefahr bedeutend vergrößerte; aber ich vertraute meiner Kraft und entwarf in scharfem Nachdenken meinen Plan. Es galt nur, Blanca zu verständigen, daß sie genau tat, was ich ihr sagte, und mir kein Hindernis bereitete. Da ich die Natur und die Gewohnheiten der Bären kannte, hoffte ich, sie zu trennen und sie so zu töten. Ich prüfte die Stärke und die Schärfe der beiden Messer; als General Mina jetzt heranritt, hatte ich die größte Lust, mich auf ihn zu werfen und ihn vom Pferd zu stechen. Aber – ich begann wieder zu hoffen, und ich wußte: gelang es mir, den Sieg zu gewinnen, mußte Mina sein Wort halten oder er verfiel unauslöschlicher Schande. Der General kam heran. Er sah mich mit seinen dunklen Augen eine Weile an und beugte sich aus dem Sattel nieder. ›Ich hatte es eigentlich anders und besser mit Ihnen vor, Señor Don Ramiro‹, sagte er; ›aber Ihre Hartnäckigkeit zwingt mich zu dem Ausweg! Haben Sie noch einen Wunsch, ehe Sie Ihr Heil versuchen?‹ ›Zehn Minuten mit meiner Verlobten zu sprechen. Dann werden wir bereit sein.‹ › Muy bien ! – Während der Zeit kann die Hinrichtung der Schufte dort erfolgen. Lassen Sie die Verurteilten in den großen Gang der Kampfbahn führen, Kapitän Lopez, und dort erschießen.‹ ›Ich hatte den gleichen Gedanken, Señor General; aber die Burschen bitten dringend, vor der Hinrichtung dem Kampf beiwohnen zu dürfen. Es sind echte Basken, General. Sie würden bedauern, sterben zu müssen, ohne ihrem Volksvergnügen noch einmal beizuwohnen.‹ General Mina strich sich den Bart und lachte. › Por me ! – Geben Sie ihnen gute Plätze! Ich glaube, die Sache wird sich der Mühe lohnen! – Wer hat das befohlen?‹ Die Frage galt dem Alguacil; er legte zwei große und starke Decken vor meine Füße. Der greise Alcalde trat einen Schritt vor. ›Ich selber, Señor General, kraft meines Amtes als Richter der öffentlichen Kampfspiele. Dem Matador gebührt seine Mueta.‹ Das vom Matador getragene rote Tuch, das er dem Stier über die Hörner wirft. Mina biß sich auf den langen Lippenbart. › Muy bien !‹ knurrte er dann. ›Ich will Ihre Rechte nicht bestreiten, Señor Alcalde. Ordnen Sie den Kampf und lassen Sie ihn beginnen. Wir wollen unsre Plätze einnehmen, meine Herren!‹ Er stieg vom Pferd und begab sich mit dem Gouverneur und seinen Offizieren in die Loge. Der Alcalde erteilte seine Befehle, traf Maßnahmen, als gälte es ein Stiergefecht oder einen der gewöhnlichen Tierkämpfe. Ich benutzte die Zeit, um mich Blanca zu nähern, die ihren Bruder umarmte und küßte, und führte sie in die Mitte des Platzes. ›Meine Blanca – mein geliebtes Mädchen! Die Heilige Jungfrau segne dich für das, was du für mich tun willst.‹ Ihre großen, seelenvollen Augen trafen mich mit heißem Aufleuchten. ›Ich liebe dich!‹ sagte sie. ›Und ich habe so lange auf dich gewartet! Wenn ich dich jetzt erringe, will ich dein Weib sein – ich habe keinen Vater mehr! – Wenn aber der Himmel unser Leben enden will, so wird uns der Tod vereinen.‹ Ich schwieg und drückte ihre liebe Hand... Aber die Zeit war zu kurz, als das wir unsern Gefühlen lange Raum lassen durften. Blanca war sehr bleich; aber sie bemühte sich, ruhig und entschlossen zu scheinen. Die einzige Aussicht des Erfolges lag darin, daß es mir gelang, die beiden Bären voneinander zu trennen und sie einzeln anzugreifen und zu töten. Ich kannte die Wildheit und die Kraft dieser Tiere. Ich beschwor Blanca, sich stets in meiner Nähe, aber immer so zu halten, daß ich zwischen ihr und den Tieren blieb; nur auf mein Rufen, und wenn es ohne alle Gefahr für sie geschehen konnte, sollte sie mir zu Hilfe kommen, und dann von hinten einen Stoß in das Genick oder den Hals des Bären versuchen. Ihre eigentliche Aufgabe sollte sein, mir immer die Decken bereitzuhalten, und für den Fall, daß mein Messer brechen sollte, mir das ihre zu reichen. Ich legte meine Stirn auf ihre Hände; dann knieten wir beide nieder und beteten zur Heiligen Jungfrau. Als ich mich erhob, sah ich mit einem prüfenden Blick über die Kampfbahn. Viele hatten mit uns gebetet. Die aufsteigenden Rundbänke waren dicht mit Menschen gefüllt; der Gouverneur und die Behörden saßen in ihren Logen, unterhalb der des Gouverneurs standen die Verurteilten. Ich grüßte zu meinen Kameraden hinüber und legte die Hand auf das Herz – sie antworteten mir mit hallendem Zuruf; sie wußten, was mein Zeichen bedeutete: gewann ich mein Leben in diesem Kampf, dann sollte ihr Tod gerächt werden ... Auch der Raum zwischen den Schranken und den Ringen der Bahn war dicht mit Menschen, meist Soldaten, gefüllt. Ich legte die beiden Decken zurecht, wie sie am besten für meine Absicht paßten; dann wickelte ich mein Taschentuch um meine rechte Hand, um damit den Griff der Navaja sicherer fassen zu können, schnürte meine Schärpe fest und steckte handgerecht die Waffe hinein. Ich war jetzt fertig mit meinen Vorbereitungen, und ich erinnere mich so deutlich, als ob es erst gestern geschehen wäre, daß mir das Gefühl des Stolzes, der glühenden Kampfeslust, der Siegesgewißheit die Brust schwellte. Ich mußte als Sieger hervorgehen – wenn nicht ein unglücklicher Zufall dazwischen trat. Blanca kniete noch immer neben mir. Ich drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und hob sie auf. ›Mut, Geliebte! Der Augenblick ist da!‹ ›Fürchte nichts. Ich bin stark!‹ Diese Versicherung war ihre einzige Antwort. Ich zog ihren Arm durch den meinen. Dann wandte ich mich zu der Loge des Gouverneurs. ›Geben Sie das Zeichen, Señor General! Wir sind bereit!‹ sagte ich laut. General Mina winkte dem Alcalden. Der Greis hob den Stab. Ich fühlte durch den an mich geschmiegten Leib Blancas einen Schauer gehen. Die uns gegenüber, am andern Ende der Bahn gelegene Gittertür war geöffnet worden. Die Wärter schoben und trieben mit Stangen und Schreien die Bären aus ihrem Zwinger. Die Tiere gehörten beide zu den kräftigsten und größten ihrer Art. Sie knurrten und brummten in ihrem plumpen Gang aus dem Gefängnis in den freien Raum der Kampfbahn. Sie wußten aus Erfahrung, jedesmal, wenn man sie herausholte, handelte es sich um ein tüchtiges Raufen mit Hengsten, Mauleseln, Stieren, Hunden oder Wölfen. Mißtrauisch schauten sie sich nach ihrem Feind um und setzten sich sofort nieder. Sobald die Bären erschienen, war das Publikum wie umgewandelt; alle Teilnahme, alles Mitleid für die Menschen war verschwunden. Man sah nur noch die Kämpfer, wettete auf uns, suchte durch Schimpfreden, Pfeifen, Wehen mit Tüchern und Hüten die Bestien aufzuregen. › Ea – alto! Alto! – Sus! – Sus! ‹ schallte es von allen Seiten. ›Seht die poltroni !‹ ›Auf sie, Jäger!‹ ›Stoß ihnen die Navaja in die Rippen!‹ Ich sah, es mußte etwas geschehen; der Angriff mußte von mir ausgehen. Ich bat Blanca, sich zwei Schritte hinter mir zu halten, legte die eine Decke über meine Hände und schritt langsam auf die Bären zu. Ein ermunternder Zuruf folgte dieser Bewegung. › Animo !‹ › Esfuezate !‹ »Halte dich brav, cazador !‹ › Manos â la obra !‹ »Los! Hand ans Werk!« Mein ruhiges, entschlossenes Näherkommen und die Decke in meiner Hand schienen die Tiere aufmerksam zu machen. Sie trennten sich brummend, der eine wich zurück. Der andre setzte sich auf die Hinterfüße und öffnete seinen blauroten Rachen. Der Augenblick war gekommen ... Ich ging drei Schritt, die Decke hin und her schwenkend, auf den Bären zu, der sich aufgerichtet hatte und mir grimmig die Zähne wies. Noch einen Schritt vortretend, schleuderte ich sie weit ausgebreitet über seinen Kopf und seine Pranken. ›Die Decke, Blanca ... dann flieh zur Seite!‹ Sie reichte mir die zweite Decke. Blitzschnell schlang ich sie um meinen linken Arm. ›Nein, Ramiro! Ich bleibe bei dir!‹ Es war keine Zeit, meine Anweisung zu wiederholen. Der zweite Bär, durch den Angriff auf seinen Gefährten gereizt, kam auf den Hinterbeinen auf mich zu; der erste suchte sich, wie ich beabsichtigt hatte, unbehilflich von der Decke zu befreien. In der Hoffnung, Blanca werde doch meiner Weisung folgen, stürzte ich mich auf meinen zweiten Gegner, suchte seinen Tatzenschlag mit dem durch die dicke Decke geschützten linken Arm abzuwehren und stieß ihm das Messer in die mir zugekehrte Brust. Ich fühlte, wie mir das Blut ins Gesicht spritzte, und roch den heißen Atem des nur handbreit von mir entfernten Rachens. Heiseres Gebrüll schlug an mein Ohr. Zweimal wiederholte ich den Stoß, ehe es dem Bären gelang, meinen Arm fest zu packen und sich in die Decke zu verbeißen. Ich fühlte mich von einem Hieb seiner Pranke quer über die Brust verwundet; aber ich achtete dessen nicht und zerfetzte mit meinen Stößen das Fell des Raubtiers. Da ließ mich ein ängstlicher Ruf hinter mir erbeben ... das stürmische Geschrei der Menge übertönte ihn ... › Alerta! Alerta! ‹ ›Zu Hilfe, cazador !‹ ›Zu Hilfe!‹ Es gelang mir, den Kopf zu wenden. Ein furchtbarer, lähmender Anblick bot sich mir. Blanca hatte mein Verbot nicht beachtet, sondern versucht, mir Beistand zu leisten. Als sie die zweite Bestie sich vergeblich von der Decke zu freien bemüht sah – was, wie ich wußte, den Bären noch einige Minuten lang beschäftigt haben würde –, hatte sie geglaubt, sich ihr ohne Gefahr nähern und den von mir geplanten Stoß ausführen zu können. Aber ihre Hand war zu schwach und zu ungeübt. Die Klinge glitt an dem starken Pelzwerk der Schulter ab, verwundete das Tier nur leicht und entfiel ihrer Hand. Erschrocken wandte sie sich jetzt zur Flucht. Aber eben die Verwundung hatte den Bären wild gemacht. In seinem Grimm zerriß er die Decke, die sonst ihr sicherer Schutz gewesen wäre. Sie wandte sich bei ihrer Flucht um – sah das wütende Tier, nur noch von den einzelnen Fetzen der Decke umschlungen ... Mit weit geöffnetem Rachen, die funkelnden, grünen Augen auf sie gerichtet, kam es ihr nach ... Der Anblick war zu schrecklich für sie. Ihr Mut, ihre Besonnenheit wich. Sie sank in die Knie und stieß den lauten Schrei aus, der mich hatte erzittern lassen. Ich war kaum fünf Schritt von ihr entfernt; der schnaubende Bär vielleicht ebensoweit. Nicht eine Sekunde war zu zögern, wenn ich sie retten wollte. Ich versuchte mit aller Kraft, mich von meinem Gegner loszureißen. Aber das sterbende Tier hatte sich so fest in meinen linken Arm verbissen und seine Pranke in meine Schulter geschlagen, daß alle Anstrengung anfangs vergeblich war. In meiner tollen Verzweiflung schleifte ich das schwer auf mir lastende Tier auf Blanca zu und versuchte durch Geschrei den zweiten Bären zu verscheuchen. Vergeblich ... Schritt um Schritt kam die Bestie näher. Ich sah, wie die Furcht ihr alle Besinnung geraubt hatte. Sie vermochte nur, ihm abwehrend ihre Hände entgegenzustrecken. Jetzt stand der Bär vor ihr ... mit seinen Pranken hieb er durch die Luft ... Da gelang es mir, die Navaja in das Auge des Bären, der mich festhielt, tief hineinzujagen. Die Spitze mußte ins Gehirn gedrungen sein. Der verkrampfte Rachen öffnete sich; ich konnte meinen Arm blutend, halb zermalmt, aus seinem furchtbaren Gebiß reißen. Ich achtete nicht des rasch aufeinander folgenden Donners mehrerer Kanonenschüsse von der Höhe der nahe gelegenen Zitadelle, die das Vorgelände der Festung und den Platz der Kampfbahn Pamplonas beherrschen konnte. Ich hörte nicht den Ruf der Wachen, das Geschrei: ›Zu den Waffen!‹ ›Der Feind, der Feind!‹ Ich hörte nicht auf die Donnerstimme Minas, die Befehle erteilte, nicht den entfernten Ruf: ›Vive el Rey!‹ , nicht das Angstgeschrei der Frauen, den Ruf der Männer, die sich aus der Bahn drängten. Ich sah vor mir nur die braune, zottige Masse des Bären, die sich auf die hilflose Bianca stürzte. Im nächsten Augenblicke war ich selber in diesen schrecklichen Knäuel von Tier und Mensch verflochten und wälzte mich nach den ersten Messerstößen mit dem Raubtier, das ich anfangs von hinten umklammerte, am Boden. Wie lange jener Kampf dauerte? – Ich weiß es nicht. Ich sah die grünen Augen der Bestie vor den meinen funkeln; ich fühlte, wie ihre Zähne mein Gesicht zerfleischten, ihre Klauen meinen Körper zerrissen. Mit beiden Händen hielt ich ihren Hals umspannt. Die Navaja hatte ich verloren. Ich fühlte, wie meine Kräfte schwanden ... und dann fühlte ich nichts mehr. Nur im Traum war es mir, als knallten Schüsse um mich her, als töne Kampfgeschrei ... Ich fühlte nichts mehr – lange, lange. Als ich endlich wieder zu fühlen, mich zu erinnern begann, waren Wochen verstrichen. Ich lag in dieser Halle, auf jenem Lager dort. Allein. Nur von dem Vater meines Freundes Tomaso und von einer alten Frau gepflegt, die jetzt längst das Grab deckt. Draußen aber ... in milder Oktobersonne wieherten auf dem Platz dort die Rosse und lagerten tapfere Männer, Landsleute: Escalduni Guerilleros des tapfern Ohm Ti, Der Volksname Zumalacarreguys. und unter ihnen manche meiner wackern Kameraden, die mit mir in jener unglücklichen Nacht versucht hatten, Pamplona für König Karl V. zu gewinnen. Der Anführer der Abteilung, Oberst Eraso, durch die falsche Nachricht Minas in der Nacht zuvor nach dem Tor von Irurzun gelockt und mit Kanonenschüssen zurückgetrieben, war an dem andern, für mich so verhängnisvollen Tag zurückgekehrt und hatte mit seinen Reitern einen ebenso kühnen wie glücklichen Angriff auf die Kampfbahn gemacht, um die Gefangenen zu befreien oder Geiseln für ihr Leben zu nehmen. Ein geheimer Wink aus der Stadt soll ihm über das Schicksal meiner Guerilla zugegangen sein. Er wäre freilich zu spät gekommen, wenn nicht die Wendung meines Schicksals die Hinrichtung verzögert hätte. Für mich und mein Glück kam er freilich zu spät. Doch war es in dem Durcheinander, das bei dem Angriff entstand, und bei dem raschen Rückzug der Christinos in das Innere der Festung wenigstens einem Teil meiner zum Tod und zu den Galeeren verurteilten Kameraden gelungen, sich zu befreien und sich ihren Wachen zu entziehen. Die andern, die General Mina mit in die Festung zurückschleppte, mußten freilich dafür büßen. Der General ließ sie sofort erschießen. Die Verfolgung der Bürger, die im Verdacht standen, der carlistischen Sache zugetan zu sein, wurde noch härter und führte zu den empörendsten Grausamkeiten, als der ältere Mina als Generalkapitän in Pamplona eintraf und den Oberbefehl der christinischen Nordarmee übernahm. Diesem Schlächter die Stirn zu bieten, hatte Zumalacarreguy eine Schar in die Berge geworfen, mit der er zum Teil selber manchen glücklichen Schlag ausführte. Der Heiligen Jungfrau sei Dank, daß jene Tage der furchtbaren Menschenschlächterei und der wildesten Grausamkeiten des Henkers Mina und seines Neffen hinter uns liegen! Nur wer sie mit erlebte, weiß, wie entsetzlich jene Zeit des Bürgerkrieges war.« Ramiro Castillos schwieg. Mit gesenktem Kopf saß er still und sah zu Boden. »Aber Señor Castillos«, sagte leise einer der Jäger, »Sie sprechen nicht von dem, was uns am meisten nahegeht ... von dem Schicksal der armen Blanca Ologa!« »Was ist viel davon zu reden?« sagte der Bärenjäger rauh. Er stieß mit dem Fuß auf das vor ihm liegende Fell. »Der da hatte mit einem Hieb seiner Tatze, noch ehe ich ihn faßte, ihren weißen Hals und ihre junge Brust getroffen! Das warme Lebensblut entströmte den zerrissenen Adern bis zum letzten Tropfen. General Mina hatte andres zu tun gehabt, als sich um seine Bärenkämpfer zu kümmern. Als mich meine Guerilleros aufhoben und mit sich trugen, weil sie trotz meinen Wunden noch Leben in mir fanden, blieb der entseelte Körper der armen Blanca zwischen den verendeten Bestien zurück. Erst am andern Tag haben mitleidige Hände sie begraben. Freunde ihres Vaters sorgten dafür, daß der arme Knabe Henriquez geheilt, und noch ehe der ältere Mina eintraf, aus Pamplona fortgeschafft wurde. Die gleichen Freunde sandten mir später dieses Bärenfell – und die Navaja dort – mit einer Locke der Toten!« »Und – lebt der Knabe noch?« »Sie können ihn in Madrid im Dienst der Kirche finden! – Was mich anbetrifft, Caballeros, da Sie mich so wißbegierig anschauen: ich tötete, als ich wieder hergestellt war, statt der Bären gefährlichere Bestien: Christinos. Und als das nicht mehr anging und der Vertrag von Bergara dem Krieg ein Ende machte, jagte ich wieder meine alten Gegner, die Bären. Und schwer hab ich jenen Tag an ihnen gerächt – aber ich bin ein freudloser, einsamer Mann geblieben!« Wieder lag Schweigen auf der Gruppe der Jäger; ein Waldtier schrie irgendwo. Der Wind hauchte durch die Wipfel. Und der Mondschein malte die Schatten der Bäume auf den Boden der spanischen Erde ... Die Perle von Espiritu Santo » Caramba , Señores!« sagte der Perlenfischer Juan Racunha, »ich muß in die Leiden meines Herzens und in die Tiefen des Meeres hinabtauchen, wenn ich Ihnen meine Geschichte erzählen soll ... Indes, was tut's! Es ist alles vorbei; ein gescheiter Mann kümmert sich nicht um das, was vergangen und nicht mehr zu ändern ist!« Nach dieser kurzen, kühlen Vorrede, in der jedoch die Zuhörer ein leises Grauen zu empfinden glaubten, drehte sich der Perlenfischer eine neue Zigarre aus Maisstroh und begann seine Erzählung. »Sie haben beim Sonnenuntergang die schwarzen Felseninseln gesehen, die die Bucht von La Paz bilden. Wir werden uns morgen früh in der Mitte der Bucht befinden, wenn nicht ein Wirbelsturm oder der Klabautermann unsre ›Santa Maddalena‹ noch in dieser Nacht untergehen läßt. Aber ich habe keine Sorge – der Himmel ist klar und die See bewegt sich kaum. Ceralbo und Espiritu Santo steigen wie schwarze Mauern aus der Tiefe des Meeres und sind jetzt nur von drei oder vier Familien und von den Seevögeln bewohnt. Aber vor zwei Monaten hätten Sie hier sein müssen! Sie würden Ihr blaues Wunder erlebt haben ... Auf einer dieser Inseln, ich erinnere mich nicht mehr, ob es auf Ceralbo oder Espiritu Santo war, ist auch Ihr gehorsamster Diener seinerzeit zur Welt gekommen. Mein Vater war ein Spanier von reinem Blut und Aufseher der Perlen-Gesellschaft. Meine Mutter, ich muß es zu seiner und ihrer Schande gestehen, eine Indianerin, die freilich recht hübsch gewesen sein soll. Indes – wer kann für seine Gefühle, namentlich wenn auf fünfzig Meilen in der Runde keine Kastilianerin zu haben ist! Genug, ich war da. Und ich freute mich bald meines Lebens. Die Eltern meiner Mutter gehörten zu den besoldeten Tauchern, die an der Küste wohnen, und erzogen mich bis zu meinem zehnten Jahr; dann nahm mein Vater mich zu sich und weihte mich in die Geheimnisse des Geschäfts ein. Daher kommt es auch, Señores, daß ich mehrere Indianersprachen geläufig spreche und mir manchmal schon mein Brot als Dolmetscher erworben habe. Mein eigentliches Element ist aber das Meer; ich schwimme mit jedem Fisch um die Wette und tauche wie der Sturmvogel. Genug davon! Die meisten von Ihnen haben diese beiden einsamen, aber gesegneten Inseln wohl noch nie zu Gesicht bekommen. Gewöhnlich verödet, dienen sie nur während zweier Monate im Jahr den Perlenfischern und Schildkrötenfängern zum Aufenthalt, und zwar im Juni und Juli. In dieser Zeit versammelt sich dort eine zahlreiche Bevölkerung von Tauchern, Kaufleuten und Caballeros aller Art. Beide Inseln waren zu allen Zeiten im Golf von Kalifornien wegen ihrer Bänke von Perlenaustern und der großen Anzahl vortrefflicher Schildkröten berühmt. Der erste, der diese Perlenbank entdeckte, war ein spanischer Soldat. Nach einem glücklichen Streifzug in die Tiefen des Meeres befand er sich im Besitz von mehr als sechzigtausend Dollars. Seit jener Zeit lassen die Besitzer dieser Bänke sie alljährlich während der beiden günstigsten Monate ausbeuten. Wie Sie wissen, nimmt die Perlenfischerei in der Industrie und im Handel unsrer mexikanischen Republik eine bedeutende Stelle ein. Bekanntlich wird, wenn Zufall oder Nachsuchungen in Mexiko eine Gold- oder Silbermine an den Tag fördern, ihr Dasein der Regierung angezeigt. Diese erteilt die Bewilligung der Ausbeutung, jedoch nur, wenn der Entdecker weder ein Fremder noch ein Soldat oder Priester ist und sie in Jahr und Tag in Betrieb zu setzen vermag. Sonst fällt sie dem öffentlichen Schatz anheim. Die Bedingungen sind für die Perlenbänke die gleichen. Sobald sie erfüllt sind, schreitet man zur Vorbereitung des Fischens. Die Eigentümer der Bank oder ihre Bevollmächtigten dingen unter den indianischen Stämmen in den Küstengegenden des gegenüberliegenden Kaliforniens und der Sonora eine Anzahl von Buzos Taucher . Wie die Bergleute, haben auch die Taucher einen Anteil; das heißt, ihr Lohn besteht allein in einem Teil des Gewinnes. Es gelten dabei ganz besondere Bedingungen, durch das Herkommen zum Gesetz gemacht. Eine davon ist die Grundlage meiner Geschichte – und die Ursache, daß ich die Ehre habe, in Ihrer Gesellschaft zu sitzen, Caballeros!« Juan Racunha machte eine Pause, blies den Rauch seiner Zigarre von sich und begann aufs neue. »Sobald die Fischerei begonnen hat, werden die Buzos beständig beaufsichtigt. Sie begreifen, Señores, wie leicht die kostbarsten Perlen zu entwenden sind! Der Capataz oder Anführer einer Abteilung ist damit beauftragt. Man vertraut dieses Amt, das mit unbedingter Gewalt außer über das Leben verbunden ist, gewöhnlich einem Mann an, den seine körperliche Kraft und Gewandtheit und seine Entschlossenheit unter seinen Gefährten geachtet oder gefürchtet machen. Mit zwanzig Jahren, Caballeros, war ich Capataz auf Ceralbo unter dem Oberaufseher, meinem Vater. Sie müssen nun wissen: die Taucher werden stets von ihren Familien begleitet. Mit ihnen kommen gewöhnlich die Zauberinnen aus den verschiedenen indianischen Stämmen, denen die Buzos entnommen sind. Die alten Hexen beuten die indianische Leichtgläubigkeit genug aus! Sie haben die Aufgabe, die Haifische zu verzaubern und ihre Augen und ihr Gehör zu verstopfen, damit sie die armen Taucher nicht sehen und hören können! Die Rescatadores, die Makler, kommen zu der Buzeo, der Fischerei, um den Tauchern ihren Anteil an den Perlen abzukaufen. Dann stellen sich die Nutznießer ein, um Tendajos, Schenken, oder Casas de Partida, Spielbanken, zu eröffnen. Da die Zeit dieser Austernjagd auch für den Schildkrötenfang gilt, der zahlreiche Fahrzeuge nach Ceralbo und Espiritu Santo zieht, findet sich plötzlich eine wandernde Bevölkerung von drei- bis vierhundert Menschen auf jeder dieser Inseln ein, die während des übrigen Jahres ganz verödet sind.« »Wie jagt man denn die Austern?« fragte einer der Zuhörer Juan Racunhas, ein alter ehrlicher Jäger aus dem Felsengebirge und dem Wilden Westen. Der ehemalige Capataz zog, über die einfältige Frage seines Gefährten lächelnd, die dicke silberne Uhr hervor, die er in seiner Leibbinde von roter chinesischer Seide trug. »Erlauben Sie mir, Señor, Ihnen eines dieser jagdbaren Tiere unsrer Wildnis zu zeigen! Seine glückliche Erlegung bringt mehr ein als die Felle von hundert Tigern.« Er hielt ihm die Kette mit dem Berlock hin; in Silber gefaßt, hing daran eine große birnenförmige Perle von rotvioletter Farbe. »Aber ich sehe nichts von einem Tier? – Ist dieser hübsche Kiesel vielleicht in seinem Magen gefunden worden, daß Sie ihn zum Andenken tragen?« Juan Racunha lachte. »Sie haben das Richtige getroffen, Señor! Nur ist dies kein Kiesel, wie Sie ihn in den Bächen Ihrer Prärien finden, sondern eine kostbare Perle, die den Wert von etwa tausend Dollar hat. Sie liegt im Innern der Austermuschel. Die Austern wachsen an den Felsen unter der Oberfläche der See; man nennt sie die versteinerten Tränen der Sonne, die sie weint, wenn sie an gewissen Tagen vom Meer scheiden und in das Dunkel der Nacht sinken muß. Aber man findet nur selten Perlen von dieser Größe. Ich habe noch nie eine gesehen von dieser schönen Farbe!« »Pah! Es gibt viele Narren und Weiber in der Welt. Aber ich begreife noch immer nicht, was dabei für Gefahr sein soll?« Die Uhr hatte unterdes unter der Schiffsgesellschaft die Runde gemacht; jeder betrachtete die kostbare Perle. »Sie müssen ein verteufelt reicher Bursche sein, Monsieur Juan, wenn Sie tausend Dollar an Ihrer Uhr herumbaumeln lassen können!« sagte ein Franzose bewundernd. »Señor, ich habe geschworen, diese Perle nie zu verkaufen!« »Aber Sie können in Versuchung kommen, sie zu verspielen! Oder man könnte sie Ihnen stehlen!« » Carrajo! Ich habe sie schon dreimal verspielt!« »Und wieder gewonnen?« »Nein! Aber ich bin ein ehrlicher Mann, Señor. Und wenn ich so weit gekommen bin, daß ich keinen Real mehr in der Tasche habe und gezwungen bin, meine Perle einzusetzen, sage ich meinem Gegner, daß ich ihn töten müsse, wenn ich das Unglück haben sollte, sie zu verlieren.« »Und Sie haben Leute gefunden, die auf diese Bedingung eingegangen sind?« »Warum nicht, Señor? – Wir Mexikaner lieben einmal das Spiel, wie Sie die Jagd. Und außerdem hatten die Caballeros, die mit mir spielten, ja auch die Möglichkeit, mich töten und so die Perle behalten zu können.« »Von dieser Seite betrachtet, Monsieur Juan«, lachte der Franzose, »haben Sie recht. Ich erinnere mich, selber eine Probe von der Leidenschaft Ihrer Landsleute für das Spiel erlebt zu haben.« Der Capataz verbeugte sich höflich. »Daß mir diese Perle gestohlen werden könnte, ist nicht wahrscheinlich. Ich würde mit einem Dieb keineswegs die Umstände machen, die ein Caballero dem andern im Spiel schuldig ist; und da ich mit den Tintoreras fertig geworden bin, hege ich keinen Zweifel, auch einen Spitzbuben zur Vernunft bringen zu können.« »Tintorera? Was ist das?« »Sie werden es erfahren, wenn ich Ihnen beschreibe, wie wir die Perlenmuscheln zu holen, oder, wenn Ihnen das besser gefällt, zu ›jagen‹ pflegen«, lächelte Racunha. »Die dazu bestimmten Barken sind mit Ruderern und Tauchern bemannt. Die Taucher stürzen sich in das Wasser; während der eine untertaucht, ruht der andre aus. Ein Seil, an dessen Ende sich ein großer Stein befindet, halten sie zwischen den Fußzehen fest; es dient ihnen dazu, mit größerer Schnelligkeit unterzutauchen. Das andre Ende des Seils, am Boot befestigt, hilft ihnen, rascher in die Höhe zu kommen, wenn ihr Gewicht sich um das der Muscheln vermehrt hat. Die Muscheln lösen sie von dem Felsen in einer Tiefe von zehn oder zwölf Klaftern mit einem kleinen Hammer ab und tragen sie in einem Netz, das sie wie eine Schürze umbinden; es ist fast ihre einzige Bekleidung. Nicht selten verweilen die Taucher drei bis vier Minuten unter dem Wasser und kommen nachher ganz erschöpft herauf.« »Erlauben Sie – drei bis vier Minuten?« »Ja, Herr. Aber das hindert sie nicht, an einem Morgen vierzig- bis fünfzigmal unterzutauchen.« »Unglaublich, Señor. Man möchte es für Jägerlatein halten, wenn wir Sie nicht kennten! – Drei bis vier Minuten – ich wäre schon nach einer Minute tot!« »Die besten Taucher sind gewöhnlich die Hiaquis-Indianer, die an den Ufern des Hiaquis bei Guaymas leben. Diesem Stamm, Señores, gehörte meine Mutter an, und ich habe unter ihnen meine ersten Jahre verlebt, bis mein Vater seine Rechte an mich geltend machte, weil ich ihm gefiel und ihm gute Dienste leistete. Die Hiaquis beschäftigt man gern wegen ihrer Kühnheit und Gewandtheit. Denn wenn sich die Haifische auch bei diesen Fischereien sammeln, wie in allen besuchten Gegenden unsrer Küste, tauchen die Indianer doch in ihrer gefährlichen Nähe mit einer Kühnheit unter, die um so größer ist, wenn man die einzige Waffe bedenkt, die ihnen dabei zu Gebote steht: die Estaca – ein Stück Eisenholz, dessen beide Enden zugespitzt und am Feuer gehärtet sind. Die Taucher tragen es mit dem kleinen Hammer am Gürtel ihrer kurzen Lederbeinkleider. Sie wissen, Señores, daß wegen des auffallend kurzen Unterkiefers der Hai genötigt ist, sich auf den Rücken zu werfen, um seinen Raub zu ergreifen. Diesen Augenblick wählen die Taucher, um das unzerbrechliche Holz quer in den geöffneten Rachen ihres Feindes zu stoßen, seine Kinnladen können sich dann nicht mehr schließen. Aber es gibt ein Meerungeheuer, vor dem selbst der kühnste Buzo der Hiaquis zittert, wenn es seine Flossen aus dem Spiegel des Wassers neben dem gebrechlichen Kahn erhebt, wenige Augenblicke vielleicht, bevor er in den Abgrund tauchen soll, oder gar, wenn er atemlos aus der Tiefe emporschießt – und über sich im Wasser die bleigrauen matten Augen findet, die ihn von Luft und Leben trennen. Das, Señores, ist die Bestie, die wir auf Espiritu Santo Tintorera nennen! Die Tintorera ist unter den Haifischen das, was der Löwe oder der Tiger unter den Tieren der Wildnis ist; nur hundertmal erbarmungsloser und blutgieriger als der König der Wüste. Wenn die Tintorera einmal Menschenfleisch gekostet hat, kann nichts sie von seiner Spur abbringen; sie verläßt den Ort nicht, wo sie ihr Opfer ergriffen hat und noch Menschen wittert. Zum Glück kommt dieser Teufel des Meeres nicht häufig vor. Wo sich aber – sie sind immer zu zweien – an einer Perlenbank ein Paar einfindet, da weigern sich die Taucher, die jedem gewöhnlichen Hai mutig entgegentreten, in die Tiefe zu steigen. Die Bank muß oft für das ganze Jahr aufgegeben werden, wenn es nicht gelingt, die Tintoreras zu töten... Ich habe Ihnen noch einiges über die Fischerei zu sagen, Señores. Jeden Abend, nachdem das Tagewerk vorüber ist, schüttet und schichtet man am Ufer die Muscheln auf, die von den Tauchern gesammelt worden sind. Die zehnte Muschel gehört den Buzos und wird auf einen besonderen Haufen gelegt. Der Capataz überwacht die Teilung und die Öffnung der Muscheln, die in der Sonnenglut bald verwesen. Ist die Verwesung vollkommen, werden sie – so wie der Goldsand in den Placers des Sacramento, in großen Holzkufen ausgewaschen. Ich muß gestehen, der Schlamm riecht abscheulich! Aber es ist nicht zu ändern. Und die Indianer machen sich nichts daraus. Die entdeckte Perle wird gesäubert und dem Aufseher übergeben. Die Perlen, die auf diese Weise an der ganzen Küste von Kalifornien in der Mission von La Paz und zu Loreto gefischt werden, sind gewöhnlich von bläulicher Farbe; die größeren haben einen ins Schwarzviolette fallenden Regenbogenschein. Aber nur selten kommt eine Schönheit vor wie die meiner Perle. Sie müssen wissen, Señores: die Buzos haben das Recht, die in ihren zehnten Muscheln gefundenen Perlen an die Unternehmer der Bank oder an den Oberaufseher zu verkaufen – oder auch an die Rescatadores, die Makler, je nachdem das mit ihnen geschlossene Abkommen lautet. Die Fischerei dauert also zwei Monate; sobald sie beendet ist, besteigt die ganze Bevölkerung wieder ihre Boote; die Indianer kehren in ihre Dörfer zurück und verdingen sich zu einer andern Arbeit; die Schankwirte schlagen ihre Buden, die Spielhalter ihre Spieltische anderwärts auf; die Schildkrötenfänger bringen ihren Schiffsherren die Frucht ihrer Arbeit; die Aufseher den Unternehmern ihre Perlen für die Juweliere und die schönen Frauen Mexikos – und die Inseln bleiben bis zur nächsten Sammelzeit wieder verödet. Bis dahin vollendet sich die geheimnisvolle Erzeugung der Perle aufs neue. Haufen von Muschelschalen bleiben als Reste der betriebsamen Zeit am Ufer zurück. Früher erhielten die Schiffe, die nach Europa segelten, eine Prämie, um den Strand von ihnen zu befreien, indem sie sie als Ballast einnahmen; später wurde für die Tonne eine Abgabe von einem halben Dollar bezahlt; dann aber machte die Regierung von Kalifornien einen Erwerbszweig daraus; denn diese Muscheln liefern das beliebte Perlmutt. Aber – wenn ich soeben sagte, die Inseln blieben verödet zurück, so stimmte das nicht vollkommen. Wenigstens war dies zu meiner Zeit nicht der Fall. Und aller Glanz und alles Gewühl der Städte des Festlandes konnten die Blume nicht aufwiegen, die in der Wildnis von Espiritu Santo während des ganzen Jahres blühte... Oh, Señores, Sie haben die schönste Perle dieses Meeres, Sie haben Esperanza nicht gekannt! Sonst würden Sie wissen, von wem ich rede. Oh, hätte die Heilige Jungfrau gegeben, daß auch ich Unglücklicher sie nie gesehen hätte; vielleicht lebte sie dann noch...« Juan Racunha, der kaltblütige Abenteurer, wechselte einen Augenblick die Farbe und sah hinauf in den Nachthimmel und in die vom leisen Wind gebauschten Segel der ›Santa Maddalena‹, ehe er fortfuhr. »Ihr Vater war der Señor Don Vincenzo. Zwei Jahre vor dem Erlebnis, das ich Ihnen erzählen will, war er mit Doña Esperanza nach der Insel gezogen. Er betrieb das Gewerbe eines Rescatadore; aber er kehrte nicht mit den andern Händlern nach den großen Städten des Festlandes zurück, um die erworbenen Perlen dort wieder zu verkaufen. Die Leute sagten von ihm, er sei einer der Vertrauten des Generals Santa Anna gewesen und aus seiner Heimat geflüchtet, weil ihn dort die Todesstrafe erwarte. Er war ein finsterer, unheimlicher Mann. Selten sprach er mit unsereinem. Aber – er hatte eine schöne Tochter, und das glich alles andre aus. So viel ist sicher: er war sehr habsüchtig und empfing häufig Fremde, die weder Perlenfischer noch Schildkrötenfänger waren. Er sagte, es seien die Kaufleute, die ihm seine Perlen abkauften. Von den zwei oder drei Familien, die während des ganzen Jahres auf den Inseln wohnen, hörten wir, daß diese Besuche auch während der andern Zeit fortdauerten. Bueno! – Die Zeit, die ich nicht auf der Insel im Dienst der Placer-Compaña von Guaymas zubrachte, deren Oberaufseher mein Vater war, trieb ich mich in den Küstenstädten des Festlandes herum, um das Geld, das ich gewonnen hatte, wieder loszuwerden. Ich tanzte mit den Chinas, Leichtsinnige Mädchen brachte den vornehmeren Damen Serenaden, war ein Spieler, ein lustiger Gesell und hielt mit aller Welt Freundschaft, solange ich keine Ursache hatte, mein Messer zu ziehen. Das kam allerdings ziemlich oft vor, da ich die Schwäche habe, eine Beleidigung nicht eher vergessen zu können, als bis sie mit dem Blut des Gegners abgewaschen ist. Also, Señores: es war etwa ein Jahr, nachdem Don Vincenzo sich auf Espiritu Santo niedergelassen hatte, als ich ihn zum ersten Male sah. Und seine Tochter. Madonna santissima! Was soll ich Ihnen von ihr sagen? Keine Perle des Meeres konnte der Perle von Espiritu Santo gleichen! – Esperanza hatte eine Haut wie der Flaum eines Pfirsichs. Ihre Augen waren so dunkel und feurig wie der Blitz in der Gewitterwolke. Genug, die Señoras von der Alameda zu Guaymas waren nicht wert, ihr die Schuhriemen zu lösen. Und dazu war sie eine Dame von der Krone ihres Haars bis zur Spitze ihrer wunderbar kleinen Füßchen. Und wenn sie sich in ihren Rebozo hüllte und ihren Fächer spielen ließ, hätte auch der kühnste Mann nicht gewagt, sich ihr aufzudrängen. Señores, ich sah die Doña Esperanza – und ich liebte sie. Was soll ich noch mehr sagen? Meine Gefühle wogten wie das brausende Meer im Sturm. Ich dachte nur an sie; mein Blut und mein Leben lagen zu ihren Füßen. Ja, hätte sie mir befohlen, ein Ketzer zu werden, ich hätte den Heiligen in ihrer eigenen Kirche Trotz geboten. Aber, Caballeros, ich hatte nicht allein Augen für die Schönheit der Doña Esperanza. – Die Gesellschaft des Staates Sonora unterhielt auf Ceralbo eine Bank, auf der andern Seite der Insel, die sich anmaßte, mit der unsern zu wetteifern. An der Spitze dieses Unternehmens stand ein junger Mann – etwa vier Jahre älter als ich –, ein Engländer von Geburt; ein vortrefflicher Schwimmer. Er war ein stattlicher Mensch, kräftig, schön und ein Caballero. Richard Wellington – wir nannten ihn nur Riccardo – bewarb sich gleichfalls um die Gunst der Señora Esperanza; ich fürchtete, er werde mir den Rang ablaufen, denn er war bei dem Vater meiner Angebeteten sehr angesehen und verkehrte mehr als irgendein andrer mit ihm. Mich dagegen mochte der alte Vincenzo nicht leiden. Das kam daher, weil mein Vater ein eifriger Anhänger der Föderalregierung war und mir geradezu verbot, mit Don Vincenzo und seiner Familie Verkehr zu halten. Aber ich war jung und verliebt, und hatte meinen Kopf für mich. Bisher waren wir beiden Liebesgegner einander ausgewichen; es war noch nie zu einem offenen Streit zwischen uns gekommen. Ich muß gestehen, ich hatte eine gewisse Achtung vor dem Señor Riccardo und – es ging ihm vielleicht ebenso mit mir. Wir hätten vielleicht die besten Freunde sein können, wenn wir keine Nebenbuhler gewesen wären. Das ging so im ersten Sommer; aber während der ganzen andern Zeit, in der ich mich in Guaymas und der Sonora herumtrieb, sah ich die dunklen Augen der Señora Esperanza immer vor mir. Als ich im nächsten Jahr zurückkehrte, war ich toller verliebt als je zuvor. Mein Nebenbuhler war schon vor mir eingetroffen. Ich maß ihn mit nicht sehr freundlichen Blicken. Nun müssen Sie wissen, Caballeros, daß die Entfernung zwischen Ceralbo und Espiritu Santo, wo unsre Angebetete wohnte, mehrere Seemeilen beträgt. In unsern Kähnen konnten wir die Strecke leicht in einer Viertelstunde zurücklegen. Es schien ein stillschweigendes Abkommen zwischen Señor Riccardo und mir, uns auf der See ebenso zu meiden wie auf dem Land. Oft genug, wenn der Mond sein Silberlicht im Meer spiegelte, sah ich das Boot des Señor Riccardo mir entgegenkommen, denn der eine brachte nur die Stunden auf der Insel zu, die der andre fern war; und Doña Esperanza hielt in dieser Beziehung strenge Ordnung unter uns und gestattete nicht, daß wir in dem Haus ihres Vaters zusammentrafen oder länger auf der Insel blieben, als sie es uns erlaubte. Nun kam es mir in letzter Zeit vor, als ob meine Angebetete von meiner Liebe gerührt zu werden anfinge und sich mir mehr zuneige als meinem Nebenbuhler. Sie war freundlicher gegen mich, gewährte mir manche kleine Gunstbezeigung, und ich durfte länger bei ihr verweilen als sonst. Dazu kam, daß sie häufig von ihrem Vater redete und die Hoffnung aussprach, er werde einer Verbindung nicht entgegen sein. Aber sie deutete zugleich an, daß die Redereien der Leute nicht ganz unwahr wären: es bedrohe ihn eine gewisse Gefahr, die wir durch Aufmerksamkeit leicht von ihm abwenden könnten. Sie ermahnte mich, sorgfältig auf alles zu achten, was auf unsrer Insel vorkomme, und sie sofort zu warnen. Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß mein Vater als der Älteste auch das Amt eines Alkalden auf den beiden Inseln verwaltete und sehr streng die Gerechtigkeit handhabte; sonst wäre es nicht möglich gewesen, die Ordnung unter der wild zusammengewürfelten Gesellschaft einigermaßen aufrechtzuerhalten. In diese Zeit fiel ein Ereignis, das alle meine Hoffnungen wieder zu zerstören drohte. * Die Aufseher erhalten nicht wie die Buzos Anteil an den Muscheln, wahrscheinlich um zu verhindern, daß sie sich den Löwenanteil zueignen. Sie haben aber das Recht, den Tauchern ihren Anteil oder einzelne Muscheln abzukaufen, bevor sie geöffnet sind. Da die Buzos arme Teufel sind und selten zu etwas kommen, weil sie leidenschaftlich spielen und die Branntweinflasche lieben, wird ein sehr einträglicher Handel mit den Muscheln getrieben. Nun hatte Señor Riccardo einen Haufen Muscheln für seine Rechnung von einem alten Taucher gekauft, und als die Sonne ihr Werk verrichtet hatte und die Fäulnis abgeschwemmt wurde, fand sich in einer der Muscheln die kostbare Perle, die ich Ihnen vorhin zeigte. Seit langer Zeit war keine von dieser Größe und Schönheit gefunden worden. Ihr Ruf verbreitete sich rasch auch bis zu unsrer Gesellschaft und zog alle Makler herbei. Aber Señor Riccardo weigerte sich, die Perle zu verkaufen. Er ließ sie von einem auf der Insel anwesenden, geschickten Arbeiter in Silber fassen. Nun, mochte er tun, was er wollte – als ich aber zwei Tage später auf Espiritu Santo meinen Besuch machte, sah ich sie an einer Schnur am Hals der Doña Esperanza hängen... Sie können sich meinen Ärger und meinen Verdruß vorstellen. Es handelte sich nicht allein darum, daß mein Gegner mich bei Esperanza ausgestochen hatte; denn ihr Vater machte eine spöttische Bemerkung über meine leeren Hände, als er mir begegnete, und erklärte den Señor Riccardo für einen Mann, wie ein Vater ihn für seine Tochter zum Gatten nur wünsche. Auch Esperanza schien sich über den Schmuck außerordentlich zu freuen; der Ruf von dem Fund der schönen Perle hob auch das Geschäft des gegnerischen Unternehmens und drohte, unsre besten Taucher zu Überläufern zu machen. Zudem hatte sich vor vier Tagen etwas ereignet, das dem ganzen Geschäft großen Verlust brachte: Der gefürchtetste Feind, die Tintorera, war erschienen und hatte Angst und Schrecken bei den Buzos verbreitet. Zwei Taucher waren schon von den Tintoreras getötet worden. Den einen, einen Buzo von hohem Mut und großer Geschicklichkeit, hatte der Fisch mitten durchgebissen, als er eben mit seiner Ladung am Seil emporsteigen wollte; die Ruderer hoben nur noch seinen Oberkörper bis zur Brust an den Haaren aus dem Wasser ins Boot, als sie ihm zu Hilfe kamen. – Dem zweiten war das Bein über dem Knie abgerissen worden. Er starb zwei Stunden nach der gräßlichen Verwundung. Die Taucher, selbst meine alten Freunde, die Hiaquis, gingen nur mit Furcht und Schrecken an ihr Geschäft; viele weigerten sich geradezu. Man mußte den Lohn verdoppeln und alle möglichen Vorsichtsmaßregeln anwenden; das verminderte natürlich den Ertrag sehr. Meine Aufgabe als Capataz war, auf ein Mittel zu sinnen, die beiden Tintoreras zu beseitigen. Daß es in der Tat ein Paar war, davon hatte ich mich überzeugt. Mein Vater hatte mir am Morgen schon einen finsteren Blick zugeworfen und machte die zarte Andeutung: die Liebelei schiene mich zum Müßiggänger und Feigling gemacht zu haben, der sein Brot mit Sünden äße... Señores, Sie können sich wohl denken, daß ich keineswegs in sehr freundlicher Stimmung war, als ich – früher als sonst – die Insel und Doña Esperanza verließ und nach meiner Hütte zurückruderte. Da hatte ich einen Anblick, der alle meine Nerven erregte und mich vor Wut die Zähne knirschen ließ... Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne färbten die Wellen. Auf der Blickhöhe, in der Entfernung von kaum dreihundert Schritten, sah ich das Boot meines Nebenbuhlers; Señor Riccardo ruderte kräftig und guter Laune auf Espiritu Santo zu. Zugleich aber wurde meine Aufmerksamkeit nach der andern Seite meines Kahnes gelenkt. Aus den Wellen tauchten dicht nebeneinander zwei schwarze unheimliche Streifen auf und begleiteten den Kahn; es waren die Rückenflossen der Tintorera und ihres Weibchens. Daß sich die Bestien so nah an den Kahn hielten, bewies mir, daß der Zustand des Wetters Einfluß auf sie übte. Es war überaus schwül und heiß gewesen; ein Gewitter stand für die Nacht in Aussicht. Es gibt nichts, was die Tintorera wilder und blutdürstiger macht, als diese Gewitternächte. Eine klebrige Masse, die der Fisch aus den Öffnungen um seinen Rachen ausspritzt, verbreitet sich dann über seinen ganzen Körper und läßt ihn leuchten wie Feuerfliegen, besonders, wenn der Donner über das Meer rollt. Je dunkler die Nacht ist, um so heller glänzt die Tintorera... Ich ließ mein Boot nahe an sie heran treiben, und hörte auf, zu rudern. Dann versetzte ich dem nächsten Tier einen kräftigen Schlag auf den Rücken. Wie ein Blitz schoß es – gefolgt von seinem Gefährten – in die Tiefe. Aber darüber hatte ich das Boot des Engländers aus den Augen verloren; als ich mich wieder danach umsah, war er nicht mehr zu erblicken. Aber ich wußte zur Genüge, wo er weilte. So ließ ich mein Boot langsam treiben. Als ich das Ufer erreichte – unfern meiner einsamen Hütte, die ich der besseren Luft wegen auf einem Felsen hatte aufschlagen lassen –, war es schon dunkel. Ich blieb einige Zeit lang zu Hause; dann machte ich mich auf den Weg zu meinem Vater; ich wollte ihm sagen, daß ich die beiden Tintoreras gesehen hatte; ich würde mit einigen der mutigsten Burschen in der Nacht hinausgehen, denn ich beabsichtigte, den Versuch zu machen, sie mit einer Lockspeise auf einem Kettenhaken zu fangen oder mit der Harpune zu erlegen. Kaum hatte ich jedoch den Fuß des Felsens erreicht, auf dem meine Hütte stand, in der eine alte Hiaquis-Indianerin meine Wirtschaft besorgte, so bemerkte ich, daß mehrere Männer beschäftigt waren, mein Boot höher auf den Strand zu ziehen. Es waren Fremde, Soldaten der Republik. Ihre Flinten hatten sie zur Seite gestellt. › Caramba , Señores!‹ rief ich. ›Ihr macht Euch eine mir sehr unwillkommene Mühe! Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat?‹ ›Das hat zu bedeuten, Señor‹, erwiderte der Korporal, ›daß auf Befehl des Señor Alkalde alle Boote in dieser Nacht festgelegt und bewacht werden sollen, damit keines die Insel verläßt.‹ ›Was fällt meinem Vater ein? Das ist unmöglich! Ich habe gerade heute nacht vor, auf dem Wasser zu sein. Und darf ich fragen, Señores, was Sie überhaupt hier auf der Insel zu tun haben?‹ Der Korporal war ein äußerst höflicher Mann. ›Warum nicht, Señor?‹ erwiderte er. ›Die Frage steht Ihnen vollkommen frei; nur muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß es nicht in meiner Macht steht, sie zu beantworten. Wenn der Señor Alkalde Ihr Vater ist, so fragen Sie ihn.‹ Ich konnte mir die Mühe ersparen; ich wußte vorher, daß er mir schwerlich Antwort geben werde. Aber eine gewisse Ahnung sagte mir, daß es sich um Wichtiges, um ein Geheimnis handle, das ich auf jeden Fall erforschen mußte. Wer sollte nicht wissen, wie man einen Soldaten zum Schwatzen bringt! – Ich lud den Korporal ein, mit in meine Hütte zu treten, um ein Glas Mescal zu trinken; ein Vorschlag, den kein mexikanischer Soldat ausschlägt. So kamen wir bald ins Plaudern. Caramba! Beim siebenten Glas wußte ich, daß mein Vater richtig ausgekundschaftet hatte, wer eigentlich Señor Vincenzo auf Espiritu Santo war, und – daß er ihn der Regierung verraten hatte! Am Abend, bald nachdem Señor Riccardo sein Boot bestiegen hatte, war eine Abteilung Soldaten aus La Paz eingetroffen; sie wollten am andern Morgen nach Espiritu Santo übersetzen und den alten Rebellen, den Freund Santa Annas, Esperanzas Vater, festnehmen. Zum Henker, man brauchte nicht die Künste der indianischen Hexen zu verstehen, um vorauszusagen, was dann mit ihm geschehen würde! Die Föderados machten nicht viel Umstände mit dem Leben ihrer Gegner, und der Präsident Arispe selber hatte den Befehl zur Verhaftung des Flüchtlings gesandt. – Es hätte mich herzlich wenig gekümmert, ob sie den alten Aufrührer erschossen hätten oder nicht. Aber er war der Vater Esperanzas. Und sie hatte – vielleicht in der Ahnung der Gefahr, oder weil sie irgendeine Warnung bekommen hatte – sich an mich gewandt und meinen Schutz und meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Es galt also, ihrem Vater oder ihr selber noch in dieser Nacht Nachricht zu geben. Ich übersah mit einem Blick, das mußte mir ihre Gunst wieder erobern, ja meinen Gegner aus dem Feld schlagen. Das gerettete Leben des Vaters mußte bei Esperanza zehn solche Riccardo-Perlen aufwiegen; die Tatsache, daß ich noch diese Nacht hinüber mußte nach Espiritu Santo, stand also fest. Aber das Wie – das war eine andre Frage!... Ich hatte es mit einem alten Fuchs, einem vorsichtigen Gegner zu tun: meinem Vater. Ich weiß nicht, welche Gründe er hatte, seinen Feind erst am andern Morgen bei hellem Tageslicht verhaften zu lassen. Vielleicht, um ihn desto bitterer zu demütigen. Aber er hatte nichts versäumt, um zu verhindern, daß die Nachricht von der Ankunft der Soldaten nach Espiritu Santo kommen konnte. Sämtliche Boote und Fahrzeuge unsrer Insel hatte er sofort auf den Strand bringen lassen, die Ruder entfernt und Wachen dazu gestellt. Außer dem Boot Riccardos war jetzt kein Fahrzeug mehr auf dem Wasser. Und Señor Riccardo hatte die Insel schon vor der Ankunft der Soldaten verlassen. Aber ich mußte hinüber – und wenn es zehn Leben gegolten hätte! Das einzige Boot indes, das mir dazu dienen konnte, war das meines Nebenbuhlers. Das also mußte ich haben um jeden Preis. Als ich so weit mit meinem Entschluß war, brachte ich bald den Korporal auf die Beine, um seine Posten zu untersuchen. Ich wußte, um welche Stunde Riccardo zurückzukehren pflegte und kannte die Landungsstelle seines Bootes; denn ich hatte diese Rückkehr, hinter dem Felsen versteckt und glühende Eifersucht im Herzen, wohl zwanzigmal belauscht. Als der Korporal sich endlich mit seinen Leuten trollte und nur zwei Soldaten als Posten auf unserm Landungsplatz bei den Booten zurückließ, löschte ich das Licht in der Hütte aus und steckte mein schärfstes und bestes Dolchmesser in den Gürtel neben die Estaca, die jeder immer bei sich trägt. Dann verließ ich die Hütte und kroch an den Felsen entlang, bis ich außer dem Bereich der Wachen war. In zehn Minuten war ich an der Landungsstelle der Boote für die Gesellschaft Riccardos. Aber ich überzeugte mich sofort, daß mein Vater mindestens ebenso klug war wie ich. Neben den aufs Land gezogenen Fahrzeugen standen mehrere Wachen, um sich sofort des zurückkehrenden Bootes zu bemeistern. Zum Glück kannte ich eine enge Felsenzunge, die sich weit hinaus ins Meer streckte und an der mein Gegner auf seiner Rückfahrt vorüberkommen mußte. Das Landen dort war zwar gefährlich wegen der Brandung. Aber es blieb kein andres Mittel. Ich eilte fort und klomm die Felsen hinauf, bis ich den Ort erreicht hatte. Erschöpft warf ich mich lang hin. Etwa sechs Fuß unter mir schäumte das Meer. Die Spitzen der Wellen waren von hüpfenden weißen Flämmchen bedeckt; die Schwüle hatte immer mehr zugenommen. Der Sturm begann heftig zu heulen, am wolkenumzogenen Himmel zuckten in langen Strahlen die Blitze. Ein starkes Gewitter war dem Ausbruch nahe; das Meer schien es zu fühlen und sich selber aufzuregen ... In diesem Augenblick hörte ich Ruderschlag. Der nächste Blitz zeigte mir das Boot meines Gegners. ›Señor Riccardo! Señor Riccardo!‹ rief ich mit verhaltener Stimme; ich brauchte meine Hände als Trichter, um nicht von andern gehört zu werden. Man weiß, daß der Schall auf dem Wasser sehr weit trägt. Der Engländer hatte meinen Ruf gehört. Er wandte sofort die Spitze seines Bootes. ›Wer ruft mich? Was gibt's?‹ ›Hierher, Señor Riccardo!‹ antwortete ich. ›Bringen Sie Ihren Kahn in den Schutz des Teufelsfelsens und legen Sie an. Ich habe dringend mit Ihnen zu sprechen!‹ Der Engländer tat noch einige Ruderschläge, bis er dicht unter dem Felsblock auf der Leeseite lag, die von dem Anprall der Brandung geschützt war. Es war ein kühnes und schwieriges Unterfangen und erforderte eine sichere Hand; aber ich muß ihm den Ruhm lassen, daß er sie besaß. ›Wer will mich hier sprechen? – Und zu dieser Zeit?‹ Ich bemerkte, daß er auf seiner Hut war und das Ruder schlagfertig in der Hand hielt; wahrscheinlich argwöhnte er einen Überfall. ›Haben Sie keine Furcht, Señor Don Riccardo‹, sagte ich spöttisch. ›Ich bin der Capataz Juan Racunha.‹ ›Dann, Señor‹, meinte er hochmütig, ›wählen Sie eine andre Zeit. Ich bin müde und will nach Haus.‹ Er war im Begriff abzustoßen; ich unterdrückte meinen Groll. ›Hören Sie mich an, Señor Don Riccardo!‹ sagte ich fast flehend zu ihm. ›Ich habe eine dringende Bitte an Sie, von der mehr als mein Leben abhängt.‹ Er hielt sogleich inne. ›Eine Bitte?‹ fragte er erstaunt. ›Sie an mich?‹ ›Ja, Señor. Sie können mich durch deren Erfüllung zu Ihrem ewigen Schuldner machen. Fordern Sie meine ganze Habe, und ich werde sie Ihnen willig opfern!‹ ›Das ist seltsam‹, sagte er. ›Aber zunächst sagen Sie mir: was für eine Bitte?‹ ›Steigen Sie hier aus, statt nach Ihrer Bucht zu fahren‹, bat ich dringend. ›Überlassen Sie mir Ihr Boot auf eine Stunde.‹ Er mußte offenbar starkes Mißtrauen über dies Verlangen empfinden; das sprach sich auch sogleich in seinen Worten aus. ›Das geht nicht, Señor‹, erwiderte er. ›Warum wollen Sie mein Boot und benutzen nicht das Ihre? Das scheint mir sehr merkwürdig.‹ ›Mein Kahn ist unter Bewachung, ebenso alle andern; nur der Ihre ist noch frei. Leihen Sie mir ihn!‹ ›Nein! Oder – ich muß wissen, wozu!‹ ›Señor, ich beschwöre Sie, wenn Sie Doña Esperanza lieben, so geben Sie mir den Kahn – es droht ihr Gefahr! Es sind Soldaten auf der Insel!‹ ›Sprechen Sie wahr?‹ ›Bei der Heiligen Jungfrau, Señor! Aber den Kahn! Den Kahn!‹ ›Dann wissen Sie nicht, wie eilig es ist! – Ich werde selber gehen!‹ Er stemmte das Ruder gegen den Felsblock, um das leichte Fahrzeug in den Strudel der Wellen zurückzustoßen. In einem Augenblick wäre alles für mich verloren gewesen – er der Retter ihres Vaters – und ich nichts als ein elendes Werkzeug, das ihm noch zu seinem Sieg verhalf! Grenzenlose Wut erfaßte mich. In diesem Augenblick erleuchtete ein Blitz unsern Winkel und zeigte mir klar die Gestalt meines verhaßten und gefürchteten Nebenbuhlers. An seiner Brust steckte ein Blumenstrauß ... ich erkannte ihn. Es war der gleiche, den ich am Nachmittag an dem Mieder Esperanzas gesehen – und den sie mir verweigert hatte. Fast mit der Schnelligkeit des Blitzes, der eben den Engländer und sein Boot erleuchtet hatte, ergriff ich einen Steinblock, der auf dem Felsen lag, und schleuderte ihn nach dem Feind. Das schwere Wurfgeschoß traf gut. Es schlug sofort die dünne Wand des leichten Fahrzeugs ein. Der Kahn füllte sich gleich mit Wasser und sank. ›Elender Meuchelmörder!‹ rief Riccardo. ›Darauf also war es abgesehen?‹ Ich sagte Ihnen schon, Señores: Riccardo war lange Seemann gewesen und ein vortrefflicher Schwimmer, fast – oder ganz so gewandt, wie ich. Es dauerte also nur kurze Zeit, ehe er wieder an die Oberfläche des Wassers kam. ›Hierher, Señor Riccardo!‹ rief ich mit aller Kraft. ›Hierher! Reichen Sie mir die Hand! Bei meiner Ehre, Sie haben nichts zu fürchten!‹ Ich lehnte mich weit über den Felsen hinaus und streckte ihm meine Hand entgegen. Endlich hatte er sich aus der Brandung wieder herausgearbeitet, war am Felsen und faßte meine Hand. Ich strengte alle meine Kräfte an, und gleich darauf lag er neben mir auf der Höhe. Einige Augenblicke blieben wir, von der Anstrengung noch schwer atmend, nebeneinander liegen; dann erhoben wir uns und standen im Schein der Blitze gegenüber, um uns mit finsteren, drohenden Blicken zu messen. Riccardo ballte die Fäuste. ›Was soll das heißen, Señor Racunha?‹ rief er. ›Sie lauern mir auf, um mich tückisch ins Meer zu stürzen, und im nächsten Augenblick sind Sie bereit, mir zu helfen?‹ ›Sie verkennen mich, Señor‹, sagte ich kalt; ich hatte alle meine Ruhe wieder gewonnen. ›Ich bin kein Meuchelmörder. Ich schlage Ihnen einen Zweikampf vor!‹ ›Einen Zweikampf? Und deswegen haben Sie meinen Kahn zertrümmert und mich auf diese Klippe gelockt? Señor Racunha, ich glaube, ich wäre leichter zu finden gewesen!‹ ›Sie mißverstehen mich noch immer, Señor. Ich brauchte Ihren Kahn. Weil Sie ihn mir verweigerten, müssen wir jetzt beide unsre Kräfte und unsern Mut gegeneinander messen.‹ ›Aber was soll das heißen? – Wozu?‹ ›Um eine Botschaft nach Espiritu Santo zu bringen.‹ ›Eine Botschaft?‹ ›Ja, Señor. – Sie lieben Doña Esperanza?‹ ›Sie wissen es. Und Sie sind so töricht, meinen Nebenbuhler spielen zu wollen!‹ ›In der Liebe hat jeder gleiches Recht. Doch darauf kommt es hier nicht an. – Seit vier Stunden befinden sich Soldaten von La Paz auf der Insel. Sie haben den Auftrag, den Señor Vincenzo gefangenzunehmen und werden mit Sonnenaufgang nach Espiritu Santo aufbrechen!‹ ›Dann waren Ihre Worte von vorhin also keine Lüge? Mann! Um Himmels willen, reden Sie die Wahrheit!‹ ›Ich lüge nie; am wenigsten einem Feind gegenüber. Jetzt, Señor Riccardo, wissen Sie, weswegen ich Ihr Boot wollte!‹ ›Aber bei Ihrer eignen Liebe zu der armen Esperanza – dann lassen Sie uns eilen, und ein andres Boot holen! Zwei Ruder werden uns nötig sein; denn das Wetter wird immer schlimmer.‹ ›Ich wiederhole Ihnen, Señor Riccardo: auf der ganzen Insel ist kein Boot mehr zu haben. Die Soldaten bewachen alle. Das Ihre war das einzige, das noch frei war!‹ ›Sie sind wahnsinnig! Und dies einzige Mittel, nach Espiritu Santo zu gelangen, haben Sie vernichtet!‹ Riccardo stampfte zornig den Fuß auf den Boden. ›Weil ich nicht wollte, daß Sie den Nutzen haben sollten und ich das Nachsehen‹, sagte ich kühl. ›Aber dann sind die Unglücklichen verloren! Ich sage Ihnen, Capataz, die Verhaftung des Señor Vincenzo ist so gut, wie sein Todesurteil! Sie wissen nicht, wer er ist.‹ ›Ich habe vermutet, daß es sich um sein Leben handelt, wenn ich auch nicht die Ehre habe, der Vertraute des Señor Vincenzo zu sein wie Sie!‹ sagte ich spöttisch. ›Um so näher wird Ihnen die Pflicht liegen, Doña Esperanza nicht zur Waise werden zu lassen.‹ ›Aber wie? Um Gottes willen, wie? Sie mögen alles nehmen, was ich besitze!‹ ›Ich bot Ihnen vorhin schon all mein Eigentum für Ihren Kahn! – Ist darin auch Doña Esperanza eingeschlossen?‹ Er starrte mich wild an. ›Sie sind wahnsinnig, Capataz!‹ › Quien sabe? – Señor Riccardo, ich will Ihnen ein gleiches Spiel vorschlagen!‹ ›Lassen Sie hören!‹ Ich nahm seinen Arm und führte ihn bis an den Rand des Felsens. Wenn die Blitze weithin über die Fläche des jetzt in wilden, schaumbedeckten Wogen brausenden Meeres leuchteten, ließen sich in der Ferne die Felsengebilde von Espiritu Santo erkennen. › Ea! – Wir wollen beide mit gleichen Mitteln und auf gleiche Weise nach der Insel gehen. Jeder von uns kennt das Geheimnis. Wer glücklich zuerst anlangt, möge den Vater retten und die Hand der Tochter als Lohn fordern. Der andre tritt ihm hiermit feierlich seine Rechte ab!‹ ›Aber wie?‹ fragte' Riccardo Wellington. ›Selbst wenn ich den ungerechten Vertrag eingehen sollte – wie könnten wir hinübergelangen?‹ ›Señor Riccardo', erwiderte ich kalt, ›tun Sie, was Sie mich tun sehen!‹ Damit warf ich meine Jacke und mein Hemd ab und schnitt mit dem Dolch die Calzoneras, Die Beinkleider. die ich trug, eine Handbreit oberhalb des Knies ab. Dann reichte ich ihm den Dolch. ›Ich begreife Sie noch immer nicht! Was beabsichtigen Sie?‹ ›Hinüberzuschwimmen!‹ Riccardo trat einen Schritt zurück. ›Bei dieser See? In diesem Wetter?‹ › Ta! Es ist nur der Sturm! – Mut, Señor! Sie sind, wie ich bei der letzten Regatta gesehen habe, ein so guter Schwimmer wie ich. Der Wind ist uns günstig und treibt nach Norden, also nach Espiritu Santo. In einer Stunde spätestens können wir dort sein, wenn ...‹ ›Nun?‹ ›Wenn uns die Tintorera nicht unterwegs gefressen hat!‹ Er hatte schon begonnen, seine Kleider abzulegen; denn sein Stolz wollte ihn nicht zurückbleiben lassen. Aber bei diesen Worten hielt er doch inne und schlug die Hände vor das Gesicht. ›Gräßlich! – Unmöglich!‹ stöhnte er. In diesem Augenblick hätte ich ihm fast seine Liebe zu Doña Esperanza vergeben können, so stolz, so überlegen fühlte ich mich. Indes, um der Wahrheit die Ehre zu geben und seinem Andenken gerecht zu werden, Señores: ich glaube nicht, daß er weniger Mut hatte als ich. Nur meine indianische Erziehung machte mich gegen den Tod gleichgültiger als ihn. ›Warum unmöglich?‹ sagte ich. ›Es sind zwei Tintoreras und zwei Männer. Wäre es nur einer, so wären die Möglichkeiten für sein Entkommen allerdings gering – jetzt ist es anders. Wenn auch der eine gefressen wird, ist noch nichts verloren. Entschließen Sie sich, Señor Riccardo. Die Zeit drängt, und der Sturm wird immer heftiger.‹ Eine Weile lang kämpften sein Stolz und wohl auch die Liebe in seinem Innern mit dem Verstand, der ihm den Wahnsinn des vorgeschlagenen Unternehmens zeigte. › A Dios , Señor Riccardo‹, sagte ich verächtlich und trat an den Rand des Felsens vor. ›Als Caballero und Mann von Ehre werden Sie, wenn ich Espiritu Santo nicht erreichen sollte, morgen wenigstens Doña Esperanza sagen, daß ich nicht gezögert habe, für sie zu tun, was kein andrer Mann wagte!‹ Ich wollte mich in die Wellen stürzen; da packte er meinen Arm. ›Sie werden nicht allein gehen, Señor Racunha!‹ ›Gut! Dann eilen Sie.‹ ›Einen Augenblick noch! Ich muß nach meiner Wohnung, um wenigstens eine Waffe mitzunehmen. In fünf Minuten bin ich wieder zurück!‹ ›Das ist unnötig, Señor, und gefährlich. Man würde Sie festhalten und nach Ihrem Kahn fragen. Ich will redlich gegen Sie handeln. Hier sind zwei Waffen zur Bekämpfung der Tintorera, die Estaca und dieser Dolch. – Wählen Sie!‹ Er zögerte einen Augenblick. Dann ergriff er den Dolch. ›Ich muß gestehen, daß ich mit der Estaca nicht so gut umzugehen weiß wie die Eingeborenen‹, sagte er entschuldigend. ›Da das Messer gefährlicher zu handhaben ist‹, entgegnete ich, ›sind die Waffen gut und gleich. Aber, mit Ihrer Erlaubnis, Señor!‹ Ich nahm die Waffe aus seiner Hand und schnitt seine Calzoneras bis auf die Hälfte der Schenkel ab. Ein naher Donnerschlag mahnte uns zur Eile. ›Jetzt, Señor Don Riccardo', sagte ich, ›sind wir fertig. Sie sehen den Schein eines Feuers im Norden?‹ ›Ja!‹ ›Es brennt im Haus des Kapitäns der Schildkrötenfänger auf Espiritu Santo; man schmilzt das Fett. Behalten Sie dieses Licht im Auge, wenn Sie auf den Kamm der Wellen gehoben werden. Und nun, Señor Don Riccardo, lassen Sie uns zum ersten- und letztenmal in diesem Leben einander die Hand reichen. In einer Stunde wird einer von uns keinen Nebenbuhler mehr zu fürchten haben – oder wir haben es beide nicht mehr nötig. Sollte Sie ein Unglück treffen, so seien Sie versichert, daß ich Sie an der Tintorera rächen werde!‹ Er drückte mir fest die Hand. ›Sie sind ein Mann, Señor Juan‹, sagte er. ›Es ist schade, daß wir nicht Freunde gewesen sind!‹ ›Möge die Heilige Jungfrau mit uns sein!‹ Ich stand am Rand des Felsens und ließ mich langsam, um durch kein Geräusch die Ungeheuer der Tiefe aufmerksam zu machen, ins Wasser gleiten. Im nächsten Augenblick hörte ich meinen Gefährten neben mir. Ohne mich jetzt weiter um ihn zu kümmern, griff ich aus und war in zwei Stößen, durch den Rückprall der brandenden Wogen unterstützt, weit ab von den Felsen. Trotz der Finsternis, dem Heulen des Sturms und dem Schlagen der Wellen um mich her, fühlte ich mich in meinem Element. Ich schwamm rüstig und kaltblütig weiter, richtete mich nach dem Wind und benutzte das Schwellen der hochgehenden Wogen. Von den Wellenkämmen aus konnte ich immer das Feuer auf Espiritu Santo sehen und meine Anstrengung dahin richten, wenn ich mich auch im nächsten Augenblick wieder tief in einem Wogental befand. Zugleich spähte ich aufmerksam rechts und links nach der Tintorera aus. Der Himmel war jetzt ganz umzogen. Donner rollten und mischten sich mit dem Brausen des aufgeregten Meeres. Blitze zischten nach allen Seiten; die ganze See schien manchmal in Flammen zu stehen. Es galt vor allem, eine Überanstrengung der Kräfte vorzeitig zu vermeiden; ich wußte sehr wohl, daß sie vollständig beansprucht werden würden. Deshalb auch mochte ich vielleicht eine Strecke gegen meinen Gefährten bei dieser furchtbaren Schwimmfahrt zurückgeblieben sein. Señor Riccardo stieß rasch und regelmäßig aus und kam sehr schnell vorwärts. Da glaubte ich, als ich eben von einer Woge wieder auf ihren schaumbedeckten Gipfel gehoben worden war, nahe vor mir einen Schrei zu hören. In der nächsten Sekunde sah ich durch den tiefen schwarzen Grund, den die Höhlung zwischen der Woge, die mich trug, und der nächsten vor mir bildete, einen hellen, leuchtenden Streifen schießen. Ich konnte nicht zweifeln – es war die Tintorera! ... Aber ihr schimmerndes Licht verschwand in dem glänzenderen der Blitze, die die ganze Fläche der sturmbewegten See überzuckten. In ihrem Schein sah ich auf dem Kamm der nächsten Woge gerade vor mir meinen Nebenbuhler. Dann war alles wieder in tiefes Dunkel gehüllt. Ich tauchte mit Gedankenschnelle in den Abgrund vor mir hinab. Caramba! Ich gestehe Ihnen, Caballeros – die Nähe der Tintorera, der Anblick meines Nebenbuhlers und Blitz und Donnerschlag hatten mir einige Sekunden lang alle Geistesgegenwart und Ruhe geraubt. Ich wäre die wehrlose Beute des Hais gewesen, wenn ich in diesem Augenblick mit ihm zusammengetroffen wäre. Sogar die Augen hatte ich geschlossen und ließ mich aufs Geratewohl treiben. Dann aber brauste es in mir auf: ich wußte, ich war im Rachen der Gefahr! Die nächsten Minuten mußten über unser beider Schicksal entscheiden. Alle meine Sehnen spannten sich: Die Tintoreras waren auf unsrer Spur! ... Ich fühlte, nur mit einer Hand schwimmend, nach der Estaca in meinem Gürtel und öffnete die Lider. Vor mir, etwa zwölf Schritte entfernt, sah ich die leuchtenden Streifen. Das ausströmende, eigentümlich fahle Licht war so stark, daß ich deutlich die beiden Haie etwa zwei Ellen unter der Oberfläche des Wassers erkennen konnte. Mich aufbäumend, hob ich mich halb aus der Welle und stieß einen gellenden Warnungsschrei aus: ›Die Tintorera!‹ Dann atmete ich mit voller Brust die schwüle Luft ein und tauchte ins Meer hinab. Ich machte zwei oder drei Stöße; über mir sah ich das falbe, unheimliche Licht der Tintorera. Die eine der Bestien hatte mich offenbar erblickt. Ich konnte die regungslosen, matten, bleigrauen Augen auf mich gerichtet sehen. In der Tiefe, in der wir uns befanden, übte der Sturm keine Wirkung mehr. Das Wasser war ruhig; man merkte nicht, daß es auf der Oberfläche zu Schaum gepeitscht wurde. Die Tintorera – es war das Weibchen, das etwas kleiner ist, als der männliche Hai – ließ sich langsam sinken, um mich noch tiefer hinabzutreiben und dann mit einem Biß zu verschlingen. Das durfte ich nicht abwarten. Ich war schon so tief getaucht, daß die Last des Wassers schwer auf mich drückte. Ich hörte ein Brausen in den Ohren, als wollten sie zerspringen. Ich hatte nur noch für Sekunden Luft in den Lungen. Eine kräftige Bewegung mit den Beinen – ich schoß in schräger Richtung hinauf – gerade auf die Tintorera zu. Der weite, mit den drei furchtbaren Zahnreihen besetzte Rachen öffnete sich. In der Rechten hielt ich die Estaca. Ein Stoß ... ich fühlte, sie saß fest. Im gleichen Augenblick ließ ich los und zog die Hand zurück; mein Arm riß sich an den spitzen Zähnen. Gleichzeitig prallte ich, durch die Kraft des Aufschwungs, mit dem Körper des Hais zusammen. Das war wohl mein Glück. Sonst hätte mich ein Schlag des Schwanzes töten oder schwer betäuben können. An dem blitzschnell vorüberschießenden Hai gab ich mir einen Stoß und war im nächsten Augenblick an der Oberfläche. Meine Lungen saugten einen vollen Strom von Luft ein; der Druck trieb mir das Blut aus Nase und Ohren; so lange war ich unter Wasser geblieben. Dann sah ich mich um. Es war, als ob die Kraft des Gewitters sich mit jenem gewaltigen Schlag gebrochen hätte. Die Blitze flammten zwar noch und der Donner rollte immer wieder. Aber nicht mehr mit der früheren Gewalt. Ich mußte mich zunächst zurechtfinden, da ich bei dem Unterwasserkampf natürlich die Richtung verloren hatte. Aber das war in der Tat nicht leicht. Um mich die hohen, erregten Wogen ... über mir der dunkle, nur von Blitzen erleuchtete Himmel ... kein Stern ...« »Aber die Tintorera, Monsieur Juan?« fragte der alte Trapper. »Ich muß gestehen, die Bestie kommt mir fast noch gefährlicher vor als der graue Bär des Felsengebirges.« »Die Tintorera, Señor«, entgegnete höflich der Capataz, »pflegt an der Estaca in ihrem Rachen vollkommen genug zu haben. Ob sie daran verhungern muß oder ob sie sich das unbequeme Hindernis an irgendeinem unterirdischen Felsen oder Korallenast aus dem Rachen reißt, wobei wahrscheinlich ein schönes Stück Fleisch mitgeht, weiß man nicht. Soviel aber ist sicher: ein Hai mit einer Estaca zwischen den Kiefern sucht eilig das Weite und läßt sich nie wieder an der Stelle blicken, wo ihm das Unglück begegnet ist. – Guarda! Warum sollte nicht ein Haifisch eine gewisse Vernunft und Scham haben? Er schämt sich, daß er besiegt worden ist, und – verschwindet!« »Menschennatur!« bestätigte lachend der Franzose. »Es ist ein alberner Hochmut, wenn die Leute nur von dem ›Instinkt‹, dem Trieb der Tiere reden wollen. Es gibt Tiere, die viel klüger sind als Weiße und Indianer ... Aber fahren Sie fort, Monsieur Capataz! Ich möchte gern wissen, wie es Ihrem Kameraden ergangen ist!« » Ayme! – Señor, das war eine traurige Geschichte. Bei dem Wetterleuchten am Himmel sah ich meinen Nebenbuhler dicht vor mir mächtig ausstreichen, um einen dunklen Gegenstand zu erfassen, der vor ihm auf den Wellen trieb; ich konnte ihn aber nicht erkennen. Ich rief ihm laut zu; er wandte, indes wieder ein heller Blitz aufleuchtete, den Kopf nach mir ... Aber plötzlich schien er auf der Stelle, wo er schwamm, stillzuhalten, und erhob sich mit dem Oberkörper kerzengerade wohl eine Elle weit aus dem Wasser. Seine Augen waren auf mich gerichtet. Ich vergesse bis an mein Ende nicht den schrecklichen Ausdruck der Todesangst. Ein Schrei, so wild und entsetzlich, wie ich bis dahin nichts in meinem Leben gehört hatte, gellte durchdringend über Sturm und Donner. ›Esperanza!‹ Dann war alles wieder in dunkle Nacht gehüllt. Ich schwamm auf die Stelle zu. Mit der ausstreichenden Hand stieß ich an einen Gegenstand – es war der dunkle Körper, den ich auf den Wogen hatte treiben sehen – im Nu begriff ich, weshalb der Engländer ihn zu erreichen strebte: es war sein eigenes von mir zum Teil zerschmettertes Boot. Die Wellen hatten es umgestürzt. Es schwamm mit dem Kiel nach oben. Caballeros, ich weiß kaum einen Augenblick in meinem Leben, wo ich der Heiligen Jungfrau aufrichtiger für eine Gabe gedankt hätte, als für diese paar zerrissenen und wertlosen Bretter. Mit einer Kraftanstrengung, die mich alle Muskeln schmerzen ließ, schwang ich mich hinauf und streckte mich lang darauf aus. Es war die höchste Zeit; noch ehe ich hätte ein Vaterunser beten können, sah ich unter mir in der Tiefe das unheimliche Leuchten der zweiten Tintorera. Sie kam fast bis zur Oberfläche. Ich fühlte zweimal den Stoß ihres Körpers gegen das schwache Holz, das allein zwischen mir und der Ewigkeit war. Atemlos klammerte ich mich fest. Dann schoß der Feuerstreifen nach einer andern Seite. Ich sah nichts mehr von ihm ... Ich vermutete aber, er verfolge meinen Nebenbuhler, der durch irgendeinen unglücklichen Zufall, vielleicht durch meinen Anruf, von den Planken seines Bootes abgekommen war. In meiner Dankbarkeit gegen die Heilige Jungfrau über meine eigene Rettung empfand ich gar keinen Groll mehr gegen ihn, sondern wünschte nur, ihn zu retten. Ich befand mich in verhältnismäßiger Sicherheit und wollte auch ihm beistehen. Mit aller Kraft rief ich über die tobenden Wellen seinen Namen und schrie ihm zu. ›Hierher, Señor Riccardo!‹ Nichts antwortete mir, als das Brausen der Wogen und das sich rasch entfernende Rollen des Donners. Ich hatte jetzt so viel Halt gefunden, daß ich rittlings auf dem Kiel sitzen konnte. Mit beiden Händen hielt ich mich fest und wiederholte den Ruf. Keine Antwort. Auf dem weißen Gischt der Wogen waren nur ich und das lecke, zerbrochene Boot. Dennoch, indes mich die Strömung vorwärtstrieb, ließ ich nicht nach in meiner Anstrengung. Immer und immer wieder rief ich den Namen Riccardo, bis es mir endlich einfiel, daß er wahrscheinlich meiner spotte und, den Tintoreras entgangen, längst mir voraus, vielleicht schon an der Küste der Insel sei. Ich hob die Augen und sah – keine Viertelmeile vor mir – das Leuchtfeuer auf Espiritu Santo. Das Gewitter war vorüber; der Sturm wehte nur noch in einzelnen Stößen. Die Wolken flogen wie Lämmer am Himmel, an dem bald die Sterne und in ihrer Mitte das glänzende Kreuz des Südens funkelten. Der Zug der Wellen trieb gerade auf den kleinen Hafen zu, aus dem die Boote von Espiritu Santo auslaufen. Ich war jetzt keine hundert Schritt mehr vom Ufer und konnte die Hütte des Señor Vincenzo deutlich sehen. Aus einem Fenster schimmerte der Schein einer Lampe. Sie mußten während des Gewitters wach geblieben sein ... oder! ... Gewiß – das war es! – Der Engländer war schon vor mir angelangt und hatte sie gewarnt. Sie bereiteten sich wahrscheinlich zur Flucht. Ich knirschte mit den Zähnen aus Groll über meine Torheit, die meinem Feind selber das Mittel gegeben hatte, mich zu besiegen. Als ich eben an das Ufer steigen wollte, fiel mein Blick auf einen Gegenstand ... Ein menschlicher Arm streckte sich aus den Fluten. Die Faust hielt krampfhaft etwas umschlossen. Ay Dios mio! Mit Gedankenschnelle sprang ich zurück ins Wasser und faßte nach der Hand, um den Körper herauszuziehen. Aber die Hand gab nach. Es hing keine Last mehr daran. Ich hatte nur eine Hand in den Fingern, an der noch ein Stückchen Arm, ein Rest zerfetzten Fleisches war ... Diese Hand, im Erstarren krampfhaft geschlossen, hielt ein langes Messer – es war mein Dolch, den ich dem Engländer gegeben hatte. Der Arm gehörte dem unglücklichen Señor Riccardo. Wie Schuppen fiel es von meinen Augen: jener Ausdruck, mit dem mich der Schwimmer angestarrt – jener entsetzliche Schrei –, das war sein Todesruf gewesen in dem Augenblick, als die Tintorera ihn in die Tiefe zog. Er war tot – ich war der Sieger. Und Esperanza war mein ... Dennoch konnte ich ein Bedauern nicht unterdrücken über das Ende des mutigen Mannes, und gelobte seinem Angedenken, an der Tintorera Rache zu nehmen. Ich brach die erstarrte Hand auf, nahm das Messer heraus und steckte es in meinen Gürtel, fest entschlossen, mit der Klinge die Tintorera zu töten. Dann warf ich den blutigen Arm ans Ufer, damit wenigstens dieser Teil seines Körpers eine christliche Ruhestätte finden möge. Schnell schritt ich zur nächsten Hütte, öffnete die unverschlossene Tür, nahm den Mantel des Bewohners vom Pflock und hüllte mich ein. Ich konnte unmöglich in meiner dürftigen Bekleidung vor Señorita Esperanza treten. Fünf Minuten später stand ich vor dem Häuschen des Señor Vincenzo. Das Licht war nun gelöscht; aber ich wußte, wo das Gemach Esperanzas lag. Es war das einzige auf der ganzen Insel, das ein Fenster von Glas hatte. Ich klopfte mit der Spitze des Messers an die Scheiben. ›Wer ist da?‹ fragte die Stimme, die ich so liebte. ›Señora Esperanza, ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung; aber ich muß Sie dringend sprechen!‹ ›Señor‹, sagte Esperanza erschrocken, ›wer sind Sie?‹ ›Juan, der Capataz!‹ Ich hörte eine Bewegung, das Rauschen eines Gewandes; dann erschien ihr Kopf am Fenster. Sie öffnete es und lehnte sich heraus. ›Señor Juan‹, sagte sie abweisend, ›es muß etwas sehr Wichtiges sein, das Ihre Dreistigkeit entschuldigt. Sonst werde ich Sie auf immer aus meinen Augen verbannen.‹ ›Señora‹, erwiderte ich ehrerbietig, ›Sie haben den Sturm und das Gewitter gehört?‹ ›Ja. Ich habe derweil zu der Heiligen Jungfrau gebetet für alle armen Menschen ...‹ ›Nun, während Sie beteten, waren Señor Riccardo und ich auf dem Meer, um nach Espiritu Santo zu kommen!‹ ›Heilige Madonna! – Señor Riccardo? – Aber er war erst diesen Abend hier! – Was hat Sie veranlassen können, sich bei solchem Wetter den leichten Booten anzuvertrauen?‹ ›Señora, wir haben weder ein Boot noch sonst ein Fahrzeug gehabt. Wir sind herübergeschwommen!‹ ›Heilige Mutter Gottes, welch ein Wahnsinn! Und Señor Riccardo – wo ist er? Warum hat er sich solcher Gefahr ausgesetzt?‹ Immer nur er – immer nur er! Mein Blut begann zu kochen. ›Señora‹, sagte ich, ›ich hatte eine wichtige Nachricht für Ihren Vater. Um Ihnen zu beweisen, daß mir Ihr Wohl über alles geht, machte ich meinen Nebenbuhler um Ihre Gunst zu meinem Mitwisser. Wenn wenigstens einer von uns diese Insel erreichte, hätte er die Botschaft ausrichten können. Gott hat es gewollt, daß ich es bin!‹ ›Aber Riccardo! – Ich beschwöre Sie, Señor Juan, was ist aus Ihrem Begleiter geworden?‹ ›Señor Riccardo, Dona, ist von der Tintorera gefressen!‹ Esperanza schrie laut auf. Ich hörte sie zu Boden fallen. Ich sah ein, welche Dummheit ich begangen hatte, ein zartes Mädchen durch eine solche Mitteilung zu erschrecken. Ich war in Gefahr, mein Wagnis umsonst unternommen zu haben. Zum Glück hatte auch ihr Vater den Schrei seiner Tochter gehört. Eilig kam er, noch im Hemd, herbei. Sein Empfang war nicht gerade besonders höflich. ›Verdammter Räuber und Spitzbube‹, kreischte der Don mich an. ›Was tun Sie hier bei Nacht an dem Fenster meiner Tochter? Ein Bettler wie Sie ist nicht für meine Esperanza! Packen Sie sich zu dem alten Föderalisten, Ihrem Vater, und lassen Sie Ihre schmutzigen Füße nie wieder meine Schwelle betreten!‹ Pardioz , Caballeros, aber ich hatte doch große Lust, den alten Schurken seinem Schicksal zu überlassen und davonzugehen. Dann dachte ich an die schwarzen Augen seiner Tochter – und daß ich jetzt, nach dem Tod des Engländers, Hahn im Korbe sein mußte. Ich blieb. › Que dito , Señor Don Vincenzo‹, rief ich dem Alten zu. ›Sie werden die Nachbarn mit Ihrem Geschrei aufwecken, und dann werden sie den Mund nicht halten, wenn die Soldaten kommen! Sie werden ihnen erzählen, wohin Sie geflüchtet sind!‹ Der alte Geizhals wurde auf einmal höflich wie ein Ohrwürmchen. ›Was reden Sie da von Soldaten und von Flucht, Señor Racunha?‹ ›Es ist die reine Wahrheit. Sie haben nicht mehr viel Zeit zu verlieren! Der Präsident Arispe hat den Befehl zu Ihrer Verhaftung geschickt. Es sind von La Paz Soldaten zu meinem Vater gekommen, um ihn bei Ihrer Festnahme zu unterstützen. Ich bin in dieser verteufelten Nacht über das Wasser geschwommen, nur um Doña Esperanza mitzuteilen, daß morgen früh die Soldaten hier sein werden. Aber leider hat meine Botschaft sie so erschreckt, daß sie ohnmächtig geworden ist!‹ ›Diese blöden Weiber haben Nerven wie die Spinnweben! Statt ihren Vater zu warnen, liegt sie am Boden. – Kommen Sie geschwind herein, Señor Racunha. Sie sind ein Ehrenmann; ich küsse Ihnen tausendmal die Hand. Die Heiligen mögen Ihnen vergelten, was Sie an einem armen Verfolgten getan haben!‹ Kurz, Señores, der Alte war auf einmal umgewandelt und ganz Angst und Liebenswürdigkeit. Er bekümmerte sich wahrhaftig keinen Deut um seine Tochter und war nur besorgt, seine werte Person in Sicherheit zu bringen und sein Geld und seine Wertpapiere beiseite zu schaffen. Ich mußte Esperanza selber vom Boden aufheben und auf ihr Lager bringen; fürsorglich wusch ich ihre Schläfen mit Mescal. Es dauerte eine ganze Zeit, ehe sie wieder zu sich kam; dann stieß sie mich von sich und sah mich mit irren Blicken an. ›Haben Sie mir nicht gesagt, Riccardo sei ertrunken?‹ ›Nein, Señora. Ich berichtete, daß wir beide den Gefahren des Meeres getrotzt hätten, um Ihnen die Botschaft von der Gefahr Ihres Vaters zu überbringen. Señor Riccardo hat das Unglück gehabt, die Beute der Tintorera zu werden. Mir gelang es, die Bestie, die mich angriff, zu besiegen!‹ ›Sie lügen!‹ jammerte sie, die Augen weit aufgerissen, die Hände an den Schläfen. ›Señora‹, sagte ich und streckte den nackten Arm aus meinem Mantel hervor, ›Sie können hier noch die Spuren der Zähne des Hais sehen, als ich ihm die Estaca in den Rachen stieß!‹ ›Und Sie haben Señor Riccardo ohne Hilfe, ohne Beistand gelassen? Er versteht sich nicht auf die Anwendung dieser erbärmlichen Waffe.‹ ›Dennoch hat sie mir das Leben gerettet, Señora‹, sagte ich gekränkt. ›Señor Riccardo hat die Wahl gehabt; er hat nicht meine Estaca, sondern mein Messer gewählt. Hier sehen Sie es.‹ ›Sie haben es dem Unglücklichen verweigert?‹ ›Nein, Señora. Ich habe es aus seiner erstarrten Hand genommen, als ich den letzten Rest, der von ihm übrigblieb – seinen Arm – aus den Wellen zog.‹ Ich bot ihr das Messer hin; aber sie schauderte. ›Ta, ta!‹ schrie ihr Vater, der wahrhaftig kein Herz und keine Seele hatte. ›Es ist schade, daß Don Riccardo tot ist; er war ein sehr freigebiger Mann und hatte eine glückliche Hand im Perlenkaufen. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn du ihn geheiratet hättest; aber da er tot ist, haben wir nichts mehr mit ihm zu schaffen. – Pack geschwind deine besten Sachen zusammen, damit die Spitzbuben nichts zu plündern finden; und dann wollen wir beraten, was zu tun ist.‹ Esperanza preßte ihre schönen, kleinen Hände vor das Gesicht und verharrte trotz allen Scheltworten ihres Vaters in dieser Stellung. Als sie die Hände sinken ließ, schien sie den Schrecken über meine Nachricht überwunden zu haben. Sie war kalt und ruhig und gedachte mit keinem Wort mehr meines toten Nebenbuhlers. Sie redete mich freundlich an und dankte mir für den großen Dienst, den ich ihnen geleistet hatte. Dann half sie ihrem Vater das Nötigste zusammenpacken. Señor Don Vincenzo war auf ein solches Ereignis gefaßt gewesen. Er erklärte, wenn es ihm nur gelänge, das Festland von Kalifornien zu erreichen, werde er sich leicht verbergen oder Schutz finden können. Mit Señor Riccardo hatte er einen solchen Fall ausführlich verabredet; der Alte sollte sich, wenn wirklich Gefahr drohe, in einer der Höhlen, die das Meer in den Felsen ausgewaschen hatte, vor der ersten Verfolgung verbergen, bis es Riccardo gelang, ihn selber oder auch durch vertraute Indianer nach San José oder dem Festland überzusetzen. Die Höhle war von Riccardo entdeckt und nur ihm, dem Aufseher der Schildkrötenfänger und Don Vincenzo bekannt. Im ganzen änderte sich nichts an diesem Plan durch den Tod des Engländers; ich erklärte mich natürlich bereit, sofort an seine Stelle zu treten. Nur über Esperanza mußte eine andre Bestimmung getroffen werden; und das belebte mich mit den besten Hoffnungen. Esperanza konnte ihren Vater unmöglich auf seiner Flucht begleiten; da Riccardo nicht mehr da war, um sie zu beschützen, mußte sich Don Vincenzo schon darein ergeben, meine Bewerbung anzunehmen. Ich warf mich vor Esperanza auf die Knie und flehte sie an, meine Liebe endlich zu belohnen und meine Frau zu werden. Ich wollte sie gleich am andern Morgen mit mir nach Ceralbo nehmen und mich in La Paz mit ihr trauen lassen, meinem Vater zum Trotz. Das würde seinen Nachforschungen und seinem Haß Einhalt tun – so hoffte ich. In der nächsten oder zweiten Nacht konnte ich dann unbehindert meinen Schwiegervater in Sicherheit bringen, bis die Verhältnisse sich änderten oder bis es mir gelungen war, meinen Vater von seiner Abneigung zu bekehren. Doña Esperanza hörte die Vorschläge ruhig an. Sie erwiderte kein Wort, ließ es auch ruhig geschehen, daß mein Arm sie umschlang, daß ich sie an mein Herz drückte. Nur daß sie gar so bleich war, so still, wie eine Träumende, alles tat, was ihr Vater befahl, wollte mir nicht sonderlich gefallen. Ihre großen, schwarzen Augen sahen manchmal mit seltsamem, starrem Ausdruck vor sich hin ... Eine Stunde war vergangen; es war Zeit, daß Don Vincenzo sein Versteck erreichte, ehe der Tag anbrach und die Bevölkerung der Insel zum neuen Tagwerk erwachte. Esperanza packte einen Korb mit Lebensmitteln zusammen; ich nahm ihn, um selber meinen künftigen Schwiegervater nach seinem Schlupfwinkel zu bringen, damit ich ihn in der zweitfolgenden Nacht leicht auffinden konnte. Esperanza begleitete uns bis an die Haustür. Da drehte sich der alte Geizhals noch einmal um und verlangte von ihr, sie solle ihm die Perle geben, die sie an einer Schnur um den Hals trug. Der Schmuck sei in seinen Händen sicherer aufgehoben als bei ihr; und die Soldaten könnten ihn ihr am Ende entreißen. Es war noch zu dunkel, um den Ausdruck auf ihrem Gesicht sehen zu können; aber ich höre noch den scharfen Ton ihrer Antwort. ›Niemals!‹ sagte sie hart. Ich zog Señor Vincenzo mit mir fort. Seine Tochter kehrte in das Haus zurück. Aber wir hatten noch keine hundert Schritt gemacht, um uns nach der andern Seite der Insel zu begeben, als sich eine Hand auf meine Schulter legte. ›Señor Racunha‹, sagte eine rauhe Stimme, an der ich sofort den Korporal erkannte, mit dem ich am Abend in meiner Hütte gezecht hatte. ›Es ist nicht schön von Ihnen, einen guten Freund so zu betrügen. Aber der Señor Alkalde, Ihr Vater, scheint Sie gut zu kennen und zu wissen, daß Sie den Teufel im Leib haben. Der Señor da in Ihrer Begleitung ist unzweifelhaft der Mann, den wir suchen. – Sie nennen sich Don Vincenzo?‹ Es wäre Wahnsinn gewesen, Widerstand oder Flucht zu versuchen. Um uns starrten zehn Bajonette. Der alte Geizhals hatte sich sein Schicksal selber zuzuschreiben, weil er so lange gezögert hatte, um sein Gold und seine Habseligkeiten mit sich zu schleppen. Später hörte ich, daß mein Vater mich hatte zu sich rufen lassen. Als man mich in meiner Hütte nicht fand, hatte er Verdacht geschöpft und die Soldaten in ihrem Boot abgeschickt, sobald der Sturm seine erste Heftigkeit verloren und das Meer sich beruhigt hatte. Ich fand ihn schon im Haus des Señor Vincenzo und hatte große Lust, ihm sofort das gute Messer zwischen die dritte und vierte Rippe zu stoßen. Aber er vermied es gescheiterweise, sofort mit mir zu reden und mich zum Äußersten zu bringen. Nachdem die Soldaten Don Vincenzo um seine Last gründlich erleichtert hatten, sperrte man ihn in eine Kammer und kündigte ihm an, sobald die Sonne aufgegangen sei, werde man ihn mit nach Ceralbo und von da nach La Paz bringen. Ich hielt es jetzt an der Zeit, mit meinem Vater ein vernünftiges Wort zu sprechen. ›Señor Don Racunha‹, sagte ich höflich, ›Sie sollen tausend Jahre leben, wenn ich auch die Ehre habe, Ihr Sohn zu sein, und dann sehr lange auf mein Erbe werde warten müssen. Aber beliebt es Ihnen vielleicht, mir zu sagen, was mit meinem Schwiegervater beabsichtigt wird?‹ ›Mit deinem Schwiegervater, Schlingel?‹ ›Ja, Señor, wenn es Ihnen gefällig ist. Ich habe das Jawort dieser jungen Dame. Und da ich sie, ehe vierundzwanzig Stunden um sind, heiraten werde, finde ich, daß Sie Ihren Sohn auf das schändlichste bestehlen, wenn Sie diesen Schurken von Caballeros, Ihren Häschern, erlauben, sich an dem künftigen Erbe meiner Braut zu bereichern.‹ › Valga me Dios ‹, sagte mein Vater aufrichtig betrübt, ›das ist wahr. Wenn du so ein ungehorsamer Halunke sein willst, diese China ohne meine Erlaubnis zu heiraten, kann ich dich nicht daran hindern. Aber ich entsetze dich deiner Stelle als Capataz. Du bist ein saumseliger Bursche geworden und läßt meine besten Taucher von dieser gottverfluchten Tintorera fressen. Als Alkalde von Ceralbo jage ich dich fort!‹ ›Ta, ta!‹ erwiderte ich ruhig. ›Was die Tintorera betrifft, so schwimmt seit dieser Nacht wenigstens die eine mit aufgesperrtem Rachen im Weltmeer; und wenn Sie mir die Stelle als Capataz nehmen, so hoffe ich die des Aufsehers der andern Gesellschaft zu bekommen, und bin dann – was Sie sind!' ›Noch nicht, du Sohn einer roten Mutter‹, schrie mein Vater. Er wollte mir eine Ohrfeige geben; aber ich bückte mich geschickt, so daß der Korporal, der neugierig dicht dabei stand; den vollen Schlag empfing. Dann legte ich die Hand mit einem so bedeutsamen Blick auf den Griff meines Messers, daß mein würdiger Vater wohl merkte, ich würde mich nicht sehr bedenken. Er murmelte nur noch, Señor Riccardo werde hoffentlich so gescheit sein, mich nicht aufzunehmen, und hieß mich zum Teufel gehen. ›Señor Riccardo‹, antwortete ich höflich, ›befindet sich schon dort. Er hat mir in jeder Beziehung seine Erbschaft vermacht.‹ ›Hast du ihn ermordet?‹ blitzte mich mein Vater an. ›Señor Caporal, ich erteile Ihnen als Alkalde den Befehl, sich auch dieses jungen Verbrechers zu bemächtigen und ihn zu seinem Spießgesellen zu stecken!‹ ›Tente, tente!‹ lachte ich. ›Verbrennen Sie sich nicht die Finger, Señor Caporal. Wenn Sie auf dem Teufelsfelsen in Ceralbo nachsehen wollen, werden Sie die Kleider des armen Engländers finden. Und wenn Sie sich hier ans Ufer der Bucht bemühen, haben Sie den Beweis, daß er nicht so glücklich gewesen ist wie ich mit der Tintorera. Sie hat ihn aufgefressen.‹ Der Korporal war ein verständiger Mensch und schien keine Lust zu haben, mit mir anzubinden. Er sagte meinem Vater, er habe kein Recht, mich festzunehmen. Und mein Vater war so erfreut über die Nachricht vom Tod eines gefährlichen Geschäftsgegners, daß er mich gewiß sehr gern umarmt hätte, wenn ich es nur wollte. Señorita Esperanza war während der ganzen Verhandlung merkwürdig ruhig geblieben. Sie hatte mich nur manchmal mit dem toten, geisterhaften Blick angestarrt, den ich vorhin an ihr bemerkte. Selbst die Gefahr ihres Vaters und der Verlust ihrer Habe schienen keinen Eindruck auf sie zu machen und ihre Ruhe nicht zu stören. Ich bat sie, mich einen Augenblick zu entlassen. Ich wollte zu einigen Freunden auf der Insel gehen und von ihnen Kleider und ein Boot leihen, um sie zugleich mit ihrem Vater hinüber nach Ceralbo und dem Festland zu führen. Die Sonne war etwa eine Viertelstunde aufgegangen, als ich mit den Sachen zurückkehrte. Die ganze Bevölkerung der Insel war schon auf den Beinen. Die Nachricht von der Verhaftung des Don Vincenzo und vom Tod des Engländers hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet. Ich fand meinen Vater mit seinen Soldaten und dem Gefangenen am Strand, im Begriff, seine Barke zu besteigen; er wußte wohl, daß unter den Schildkrötenfängern von Espiritu Santo sich viele befanden, die zur Partei Carbajal hielten; deshalb hatte sich Don Vincenzo auch auf der Insel niedergelassen. Doña Esperanza war auch am Ufer und saß neben dem verstümmelten Arm des Engländers, um den sich ein Kreis von Fischern und andern Leuten gebildet hatte. Carrajo! Ich hielt mich nicht lange mit Erzählen auf, um ihre Neugier zu befriedigen. Ich eilte, meine Braut von dem traurigen Anblick zu entfernen und in das Boot zu führen. Sie gehorchte ohne Widerstand. Ich ergriff die Ruder und stieß ab. Wahrlich, Señores – unser gesegnetes Vaterland ist unvergleichlich schöner, als irgendein andres Land sein kann. Ich habe viele schöne Morgen auf diesen Inseln und an diesen Küsten erlebt; aber eines herrlicheren Tages als damals nach dem Sturm erinnere ich mich nicht. Die Luft war vom Sturm gereinigt und erfrischt. Beide Inseln lagen in den über das blaue Meer zitternden Strahlen der Sonne so nah, als sei der breite Kanal, der sie trennt, nur ein Fluß, und ihre Felsenmasse nicht Stein, sondern gediegenes Gold. Die Wellen zitterten unter meinen Ruderschlägen; ich hatte vor mir das Mädchen, das ich liebte – mit der Gewißheit, ehe die Sonne wieder in dies schimmernde Meer tauchte, sie mein zu nennen. Ich war der Held des Tages; ich hatte die Tintorera besiegt – ich war im Gewittersturm über den Kanal geschwommen ... Es gab in diesen Stunden keinen glücklicheren und keinen stolzeren Menschen als mich; ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, das Schicksal meines Schwiegervaters war mir nun, da ich meinen Zweck erreicht hatte, höchst gleichgültig. Aus dieser Glückstrunkenheit störte mich eine Handbewegung meiner Braut. ›Señor Juan‹, sagte sie leise, ›entfernen Sie sich bitte etwas mehr von der Barke dort. Rudern Sie nach der Stelle, wo Sie und – Señor Riccardo in dieser Nacht der Tintorera begegnet sind!‹ Ich glaubte, sie wolle mir eine Freundlichkeit über meinen Sieg sagen. Bereitwillig erfüllte ich ihren Wunsch. ›Ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, Esperanza ‹, erwiderte ich, ›daß auf dem Meer eine Stelle der andern sehr gleicht; im Dunkel der Nacht und in der Aufregung des Kampfes war es mir nicht möglich, ganz genau den Ort zu merken.‹ Mit starken Ruderschlägen brachte ich das Boot in die Gegend, die ich für die richtige hielt. ›Wenn mich meine Berechnung nicht ganz täuscht, muß es hier in der Nähe gewesen sein. Ich sah das Feuer der Schildkrötenfänger auf Espiritu Santo in dieser Richtung und – Pardioz! Da ist auch das sicherste Zeichen: die schwarze Rückenflosse der Bestie! – Wahrhaftig, sie treibt sich noch an der gleichen Stelle herum!‹ Sie erschauerte. ›Die Tintorera?‹ ›Ja, Esperanza, die Tintorera. Diese verfluchten Ungeheuer haben die Gewohnheit, lange an dem Ort zu verweilen, wo sie einmal eine gute Beute erwischt haben.‹ ›Jetzt, Señor Juan‹, fuhr sie in ihrer seltsam starren Weise fort, ›erzählen Sie mir bitte das Erlebnis dieser Nacht noch einmal; aber ganz genau. – Ich beschwöre Sie bei der Madonna und Ihrem Schutzheiligen, nicht ein Wort auszulassen oder daran zu ändern.‹ Zärtlich bettelnd sah ich ihr in die wundervollen Augen. ›Esperanza, warum das Vergangene aufrühren? Es würde Sie zu sehr angreifen.‹ ›Ich will es!‹ Wenn ein Weib einmal etwas will, was ist da zu machen? Ich fügte mich und erzählte ihr die ganze Geschichte wortgetreu, da sie ohnehin nicht zu meiner Schande gereicht. ›So haben Sie also das Boot Riccardos zerschmettert‹, fragte sie, ›damit er nicht allein nach Espiritu Santo gehe und uns warne?‹ ›Gewiß, Señora. Und es war mein gutes Recht; denn die Nachricht war mein Eigentum. Er hat das auch als verständiger Mann und Caballero anerkannt!‹ ›Und Sie sagen, daß er noch beim letzten Atemzug, als der Hai ihn zerriß, meiner gedacht und meinen Namen gerufen hat?‹ ›Ja, Señora. Es war sein letzter Laut!‹ Esperanza hatte sich im Kahn erhoben und sah mit ihren großen Augen über die Fläche des Meeres hin. Ihr Schleier war herabgefallen; ihre schlanke, süße Gestalt hob sich wunderbar von dem Gold der Sonne und des Meeres ab; sie strich die prächtigen Zöpfe nach hinten. ›Und wo, Señor Juan, ist die Tintorera, von der Sie eben sprachen?‹ fragte sie und sah sich wie suchend um. ›Der Henker hole sie! – Dort ist der schwarze Streif ihrer Flossen – die Bestie folgt unserm Kiel, als habe sie noch nicht genug an dem einen Opfer! Aber ich schwöre bei San Jago, meinem Schutzheiligen, daß ich ihr das Handwerk mit einer tüchtigen Harpune legen will, sobald unsre Hochzeit vorüber ist und ich Don Vincenzo befreit habe!‹ ›Señor Juan‹, sagte Esperanza feierlich, ›Sie lieben mich wirklich?‹ › Valga me Dios! – Können Sie noch daran zweifeln?‹ ›Nein! Aber – da Sie wissen, was Liebe ist – werden Sie mich auch leichter begreifen!‹ ›Wie meinen Sie das?‹ ›Ich meine, daß ich Sie nicht heiraten kann, weil ich schon die ... Gattin eines andern bin!‹ Ich ließ erschrocken die Ruder sinken. › Valàme! Sie scherzen grausam, Esperanza – ich bitte Sie, mich nicht mit solchen Worten zu necken!‹ ›Ich habe nie ernster gesprochen in meinem Leben, Señor Juan. – Ich schwöre es Ihnen bei der Madonna: Der Mann, der sich mit Ihnen in das Meer stürzte, um mir die Botschaft von der Gefahr meines Vaters zu bringen, war der, den ich allein liebte – war, wenn auch noch nicht vor der Welt, so doch vor Gott mein Gatte!‹ ›Esperanza!‹ schrie ich auf. Ich war wie vom Donner gerührt. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Alle meine Luftschlösser brachen zusammen. ›Señor Riccardo ist tot‹, stammelte ich endlich. ›Die Heiligen selbst haben entschieden zwischen uns beiden!‹ ›Er war mein ... Mann, Señor Juan. In der letzten Nacht seines Lebens bin ich die Seine geworden ...‹ In ihren Wimpern glänzte es wie Diamanten. Schwarz wurde es in meinem Herzen. Das, was sie mir sagte, das war wohl das Schwerste, was eine Frau einem liebenden Mann sagen kann. Aber meine Liebe war größer als alle irdischen Bedenken. Die Leidenschaft verbrannte alle Vorurteile, die ich vielleicht noch eine Nacht zuvor gehabt hätte. ›Esperanza‹, stammelte ich, vom Schmerz verwirrt. ›Zwischen gestern und heute liegt eine fürchterliche Nacht. Ich bin ein anderer geworden in diesen Stunden. – Lassen Sie mich Riccardos Erbe in Ihrem Herzen sein! Meine grenzenlose Liebe wird Sie erweichen – Sie werden ihn vergessen – in meinem Arm!‹ ›Nein, Señor Juan‹, sagte sie fest. ›Ich wünsche Ihnen alles Glück im Leben; aber das Weib gehört zu seinem Gatten. – Sehen Sie dorthin, Juan, Ihr Vater winkt Ihnen!‹ Ich war töricht genug, mich täuschen zu lassen, und sah nach der Barke hin. In der gleichen Sekunde hörte ich einen Fall ins Wasser. Hoch schlug es auf. Ich fuhr herum – das Boot war leer. Esperanza hatte sich ins Meer gestürzt ... Ich stand erstarrt ... Dann riß ich Jacke und Schuh von mir und stürzte ihr nach in die Wellen. Aber schneller als ich war die Tintorera. Als ich, den Kopf voran, ins Wasser sprang, quoll es schon rot herauf wie ein dunkler Strom. Eine Blutwoge schlug warm an mein Gesicht.« Señor Racunha schwieg. Er legte die Rechte über die Augen und sank in sich zusammen, als laste die Erinnerung wie mit Riesengewichten auf seiner Seele. »Und die Tintorera?« fragte der alte Trapper leise. Ohne seine Stellung zu verändern, nahm Juan Racunha seine Erzählung wieder auf. »Ich weiß nur noch, daß ich dicht vor mir die gläsernen Augen der Tintorera – und zwischen ihren gräßlichen Zahnreihen Fetzen von Esperanzas Kleidern sah. Dann muß ein schrecklicher Kampf unten in der Tiefe des Meeres vorgegangen sein; als die Barke meines Vaters heraneilte und die Soldaten mich beim Auftauchen aus den Wellen zogen, war meine linke Schulter zerfleischt; ich war bewußtlos. Aber in meiner rechten Faust hielt ich das Messer Richard Wellingtons fest umklammert ... Zwei Tage darauf fanden die Fischer von Ceralbo den toten Körper der Tintorera – den weißen, durch lange Schnitte zerfleischten Bauch nach oben, war das Ungeheuer an die Felsenküste der Insel getrieben. Die Nachricht weckte mich aus heftigem Wundfieber. Ich ließ die Tintorera vor meine Hütte schaffen und kroch von meinem Lager zu ihr hin. Trotz meiner Schwäche duldete ich nicht, daß ein andrer sie berührte oder gar geöffnet hätte. Was ich im Innern der Tintorera unter den schrecklichen Überresten gefunden habe und an mich nahm, haben Sie vorhin gesehen – die Perle Riccardos und Esperanzas ... Es dauerte zwei Monate, ehe ich durch Kräuter und andre einfache Heilmittel meiner indianischen Freunde wiederhergestellt war. Mein Vater hatte das Amt des Capataz einstweilen einem andern übertragen. Als ich genesen war, schickte er zu mir und ließ die Perle von mir fordern, weil ich sie auf dem Fischereigebiet seiner Gesellschaft gefunden hatte – und zwar in Erfüllung meines Amtes als Capataz, als ich den gefährlichen Feind des Buzos bekämpfte. Ich hieß den Boten und meinen Vater zum Teufel gehen und fuhr noch in der gleichen Nacht mit den Kähnen der Hiaquis hinüber aufs Festland. Von dort aus ging ich nach San Franzisko. Seitdem habe ich weder meinen Vater noch Ceralbo wiedergesehen. Aber ich habe meinen Eid gehalten: mich niemals, solange ich lebe, von der Perle der Esperanza zu trennen.« Niemand sprach, als Juan Racunha schwieg. Das Meer rauschte um die Planken der ›Santa Maddalena‹, die Segel klatschten leise gegen die Masten, und langsam begannen die Sterne zu erbleichen. Juan Racunha erhob sich stumm. Er schritt wie ein Trunkener zum Heck. Dort stand er lange und blickte über das gurgelnde Kielwasser hinaus in die Ferne – dorthin, wo sein Herz Espiritu Santo glaubte. Die ägyptische Prinzessin »Ist Mister Everett noch nicht zurückgekehrt?« »Noch nicht, Mylord.« Der kleine Boy stand in ehrerbietiger Haltung vor dem Fragenden. Lord Wallerston ließ seinen Blick unruhig durch die Halle des ›Hotels du Nil‹ schweifen. Es war ungewöhnlich, daß sein Vetter Archibald so lange auf sich warten ließ. Die Mahlzeiten pflegte er sonst nicht zu versäumen, wenn er nicht gerade, wie es allerdings auch vorkam, auf ein oder zwei Tage abwesend war – zur Flamingojagd oder zu einer Beduinenfahrt an den Ufern des Nils. Kopfschüttelnd kehrte er zu seinem Freund, dem Arzt Doktor Westhouse zurück. »Ich begreife nicht, wo in aller Welt sich Archie herumtreibt. Nehmen wir unsern Tee allein, Henry. Bis zum Abend wird er sich schließlich wieder einfinden.« Die beiden Männer traten noch einmal in die Halle, um nach dem Vermißten auszuspähen; als aber nichts von ihm in dem Gewühl auf den Straßen zu erblicken war, begaben sie sich in den Teeraum, und bald versanken ihre Köpfe hinter den Riesenblättern der ›Times‹. Vor einem halben Jahr war Lord Wallerston mit seinem jüngeren, sehr abenteuerlustigen Vetter Archibald Everett zu einem Weltenbummel von England aufgebrochen. Seine schnelle, bequeme Jacht hatte sie an die spanische, italienische, griechische und ägyptische Küste geführt. Bei der Landung in Alexandrien begegneten die Vettern ihrem Jugendfreund aus Oxford und Eton, dem Arzt Doktor Westhouse, der sich auf einer Studienreise befand, und man beschloß, gemeinsam Kairo aufzusuchen. Die Jacht blieb im Hafen von Alexandrien liegen. In El Kahira, der Siegreichen, der der Abendländer den Namen Kairo gegeben hat, nahmen sie Wohnung im ›Hotel du Nil‹, das in einem der Seitenwege der Muski lag. Trotz dem französischen Namen fand man dort deutsche Ordnung, Sauberkeit und Gemütlichkeit; unter der Leitung des Deutschen Friedmann war es das beste und angenehmste der ganzen Stadt. Diese Gasthöfe und Verpflegungsstätten in den Mittelpunkten des Orients, Alexandrien, Kahira, Syra, Smyrna und Konstantinopel, waren um jene Zeit sehr merkwürdig – ein Gemisch von europäischer Kultur und orientalischer Poesie. Man aß während des ganzen Krimkrieges nirgends besser als im französischen Haus der Madame Giraud in Smyrna; keine zehn Schritt davon aber hielten die wilden Taten des Räubers Jan Katarchi die ganze muselmännische und christliche Bevölkerung in Aufregung und Schrecken; und fünfzehn Jahre später wohnte man nirgends orientalisch ungestörter als in der deutschen Karawanserei der alten Hauptstadt Ägyptens ... im ›Hotel du Nil‹. Der hofähnliche Garten des Gasthofes hatte manches Eigentümliche; er verband gleichsam die Geheimnisse des Harems von Gizeh mit dem unbekümmerten Treiben und den fränkischen Lastern der Eskebijeh und den wechselnden Bildern des großen Basars, ja selbst mit der Wüstenpoesie der lybischen Karawanen. Lord Wallerston und Doktor Westhouse versanken in den ganzen Zauber der alten Stadt, in die historischen Erinnerungen; der abenteuerlustige Archibald aber hatte es bald verlernt, sich um die Wünsche seines Vetters und des Arztes zu kümmern. Die Unbeschränktheit seiner Launen hatte Wallerston und Doktor Westhouse zwar an Ausflüge von ein und auch zwei Tagen gewöhnt. Diesmal aber vergingen vier Tage, ohne daß Archibald Everett zurückkehrte. Lord Wallerston ärgerte sich anfangs über seine Rücksichtslosigkeit und nahm an, sein Vetter hätte vielleicht einen weiteren Ausflug unternommen; er erwartete deshalb eine schriftliche Nachricht von ihm. Als indes nichts dergleichen geschah, begab sich Wallerston zu dem Wirt des Gasthofs. Herr Friedmann machte ein ernstes Gesicht. »Es ist ein kühner Herr, Ihr Verwandter, Mylord«, sagte er. »Er scheint keine Besorgnisse zu kennen; aber es geschehen manchmal seltsame Dinge in dieser Stadt.« »Wieso?« »Wenn auch die Heiligkeit des Harems hier keineswegs so streng gehalten wird wie in Stambul oder andern Teilen des Orients ...« »Sie meinen doch nicht etwa, daß mein Vetter verrückt genug wäre, um ...« Friedmann hob die Schultern. »Dazu kenne ich Ihren Herrn Vetter zu wenig. Ich äußere nur Vermutungen. Wenn auch Said Pascha streng darauf hält, daß die Fremden mit möglichster Schonung behandelt werden, auch wenn sie die hiesigen Gesetze und Sitten verletzen – so ist es doch schon öfter vorgekommen, daß man bei Sonnenaufgang Ermordete in den Straßen gefunden hat und daß Fremde spurlos verschwunden sind. Erzählt man sich doch selbst aus der Nähe meines Hauses ...« Er brach vorsichtig ab und warf einen Blick nach einer der turmartigen hohen Terrassen der Umgebung, die an der Grenze der Eskebijeh lagen und von ihrer Höhe einen Einblick in den gartenartigen Hof gestatteten. »Nun? – Sprechen Sie weiter!« drängte Lord Wallerston. Aber Friedmann lehnte es ab, einen deutlichen Verdacht auszusprechen. Erst als er am Abend mit dem Arzt allein unter den Oleanderbüschen an einem Gartenhäuschen saß, zeigte er sich mitteilsamer. Die Zahl der Fremden war gegenwärtig nicht groß in Kahira, da die vorhergegangenen heißen Monate den sonst ziemlich großen Zudrang namentlich von Lungenkranken verspäteten. Doktor Westhouse, der sich durch die glückliche Behandlung eines Kindes des Wirts die Zuneigung Friedmanns erworben hatte, brachte das Gespräch auf die Umgebung des Gasthofs. »Haben Sie zufällig von der Prinzessin Mirjam erzählen hören?« fragte Friedmann. »Nein – wer ist diese Prinzessin? Was ist mit ihr?« »Ihr Haus liegt da drüben. Sie könnten von hier seine Terrassen übersehen, wenn die übliche Mauer den Einblick nicht verhinderte. Das ist die Sitte unsrer türkischen Häuser.« Er zeigte hinüber nach der Seite der Eskebijeh. »Und weiter?« »Die Prinzessin soll seit acht Tagen wieder von ihrem Palast an der Seeküste in ihrem Haus zu Kahira eingetroffen sein.« »Wer ist denn diese Prinzessin Mirjam? – Ich hörte nie von ihr.« »Eine Verwandte des früheren Vizekönigs, des Abbas Pascha, den vor sieben Jahren ein Assassine im eigenen Palast ermordete, weil er der starr islamitischen Partei zu mild und nachsichtig war. Sie soll aus dem Blut Mohammeds stammen, so gut wie der Khedive selbst, und genoß deshalb besonderen Schutz, schon zu des Ermordeten Zeiten, obgleich –« »Nun?« Obgleich ihr das Volk Schlimmes nachsagt. Vielleicht hat ihre Abstammung allein sie vor der Schnur geschützt.« »Was sagt man ihr denn nach?« »Daß sie ihren eigenen Gatten umbringen ließ. Sie ist heut noch nicht dreißig Jahre alt und soll noch immer sehr schön sein. Eigentümlich schön, wie eine Schlange oder ein Tiger. Seit dem Tod ihres Mannes, der zur Zeit des Krimkrieges starb, führt sie ein, wie der Volksmund flüstert, nicht gerade einsames Leben. Aber das redet man nur, denn zur offenen Anklage ist es nie gekommen. Man fürchtet ihren Einfluß – und ihre Rache. Sie soll ...« Wieder stockte er und hob die Schultern. »Aber so reden Sie doch! Sie werden sich doch vor mir nicht scheuen, Mister Friedman«.« »Man sagt, daß sie von der Erlaubnis Mohammeds einen verkehrten Gebrauch macht und einen Harem unterhält – aber von Männern. Tatsache ist, daß junge schöne Männer, namentlich Europäer, seit der Prinzessin Rückkehr nach Kairo – sie blieb nach dem Tod ihres Gatten mehrere Jahre verbannt, und diese Verbannung soll mit dem Wechsel auf dem Thron des Khedive nicht ohne Zusammenhang sein – in Kairo oft auf unerklärliche Weise verschwunden sind. Man weiß nicht einmal, ob der Tod ihr Los gewesen ist. Niemals hat man eine Spur von ihnen gefunden.« Doktor Westhouse schüttelte zweifelnd den Kopf. »Das klingt freilich sehr romantisch! – Ich ehre Ihre Vorsicht, Mister Friedman«, aber ich hoffe, Sie erinnern sich, daß Sie unter dem Schutz des Konsuls Ihres Vaterlandes stehen.« Der Deutsche lächelte spöttisch und zuckte die Achseln. »Der Schutz des französischen oder englischen böte mir bessere Sicherheit. Doch wie dem auch sei: ich bin ein Mann, der das, was er sagt, auch zu vertreten weiß – also fragen Sie!« »Sie bringen die Prinzessin Mirjam mit dem Verschwinden unsres Freundes, Mister Everett, in Verbindung? Seine Ansichten über Frauengunst sind allerdings etwas frei.« »Ich enthalte mich jeden Gedankens. Erlauben Sie mir dagegen, einige Fragen an Sie zu richten.« »Bitte sehr. Ich möchte ohnehin dann Ihre Hilfe in einer andern Sache.« »Haben Sie je bemerkt, Herr Doktor, daß Mister Everett hier eine Verbindung mit ägyptischen Damen unterhielt?« »Sie erinnern mich an einen kleinen Vorfall, der sonst wohl keine Bedeutung hätte. Am Tag vorher, ehe wir ihn das letztemal sahen, fand ich hier im Garten einen Eseltreiber bei ihm, der ihm einen Blumenstrauß gebracht hatte und mit ihm sprach.« »Hamed, der Schurke – ich weiß! Er ist Unterhändler für tausend Dinge! Weiter. Haben Sie je Ihren Freund – mit jener Richtung –« er deutete mit den Augen nach einer entfernten Terrasse – »in Verbindung stehen sehen?« »Ich sah ihn den Strauß zweimal an seine Lippen heben und – wie mir schien – hinüber blicken.« »Dann ist es richtig!« »Aber warum haben Sie ihn nicht gewarnt?« »Wie durfte ich das wagen? Aber er weiß wenigstens das, was ich Ihnen von dieser gefährlichen Sirene erzählt habe: daß keiner zurückkehrte, der in ihre Netze fiel.« »Gott sei Dank!« rief Doktor Westhouse. »Dann kennt er diese Frau und ist gewarnt, und wird im Augenblick der Gefahr ihre Netze zu zerreißen wissen! – Wie ich Everett kenne, ist er nicht der Mann, sich fangen zu lassen. Er ist ebenso kühn und verwegen wie klug!« »Dann dürfen wir darauf rechnen, ihn unerwartet wiederzusehen.« »Ich fürchte nur, daß es dabei nicht ohne Gewalttat abgehen wird!« »Das wäre hier gefährlich!« »Sein Vetter, Lord Wallerston, hat mir manches von ihm erzählt! – Dann würde es freilich das beste für uns alle sein, Kahira sofort zu verlassen. Lord Wallerstons Jacht wartet in Alexandrien. Mit dem Lord muß ich jedenfalls sprechen und, wenn Everett in drei Tagen nicht zum Vorschein kommen sollte, muß Wallerston sich an Scherif Pascha, den Minister des Äußeren, oder an den Vizekönig selber wenden.« »Der Weg der Gerechtigkeit ist hier weit und bringt nie ein Leben zurück. – Kann ich Ihnen sonst noch dienen?« »Ich erbitte nichts als einen Rat, wie man dem Vetter Lord Wallerstons am besten zu Hilfe kommen kann, wenn er wirklich in die Schlingen dieser gefährlichen ägyptischen Prinzeß geraten ist.« Friedmann dachte nach. »Ist Lord Wallerston bereit, für die Gewißheit über das Schicksal seines Vetters einiges Gold zu opfern?« »Gewiß!« »Dann wird es uns vielleicht gelingen, Nachricht zu erhalten; vielleicht auch mehr. Wir haben im Orient seit Jahren manchen tüchtigen europäischen Arzt. Aber daneben genießen im Volk vor allem die jüdischen Ärzte großes Vertrauen, und namentlich die weisen jüdischen Frauen bei unsern Wöchnerinnen.« »Ich kann noch nicht absehen, wohin Sie mit dieser Einleitung zielen.« »Diese Jüdinnen, zum Teil vom Stamm der Falaschas in Oberägypten, sind zugleich vielfach die Vertrauten des Harems und kommen auch in die Paläste unsrer Machthaber. Eine solche Alte, eigentlich eine Gelegenheitsmacherin, ist die Großmutter Hameds, unsres Unterhändlers. Ich weiß zufällig, daß die Alte vertrauten Zutritt hat zum Palast der Prinzessin Mirjam, ja dort täglich verkehrt. Würde ich sie durch ihren Enkel hierher kommen lassen, fiele das sicherlich beiden auf und würde weitergetragen werden. Sie kennen nicht die hundert Wege, durch die die Orientalen Nachforschungen zu vereiteln wissen! Aber dennoch gibt es Mittel, bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel zu dringen: Gold!« »Ich verstehe!« »Ich zweifle nicht, wenn es uns gelingt, die alte Rebekka in unverdächtiger Weise hierher zu locken, daß es auch möglich sein wird, sich ihres Beistands zu versichern, wenigstens eine Auskunft zu erhalten.« »Verfügen Sie über unsre Börse!« Friedmann versprach, die Alte rufen zu lassen. Unter dem Vorwand, eine Frau in gesegneten Umständen bedürfe ihrer, holte sie ein Diener Friedmanns in das ›Hotel du Nil‹. Sie wurde in ein Gemach zu Lord Wallerston und Doktor Westhouse geführt. Schon beim Eintritt fielen ihre Augen auf die geöffnete Rolle von englischen Goldstücken, die blinkend und lockend auf dem Tisch lagen. »Du bist eine weise und geschickte Frau«, sagte Doktor Westhouse, der das Arabische sprach und verstand. »Ich bin beauftragt, deine Dienste zu vergelten und dir das gleiche zu geben«, er schob ihr zwei Goldstücke zu, »wenn du der Wöchnerin helfen kannst.« Die Alte hob das runzelvolle Gesicht und musterte ihn mit scharfen, forschenden Augen. »Der Gott Jakobs segne dir die reiche Gabe. Unsre Gläubigen sind nicht so freigebig, wenn sie meiner Hilfe bedürfen. – Wo ist die Frau, der ich helfen soll?« »Du wirst es erfahren. Sie ist sehr aufgeregt über einen Freund, der uns in Unruhe versetzt hat über sein Verschwinden.« Er spielte mit zwei andern Goldstücken und schob sie nach der Seite des Tisches, an der auf seine Einladung die Alte Platz genommen hatte. Rebekka schwieg und sah ihn abwartend an. »Ich wünschte, Gold könnte seine Rückkehr beschleunigen«, fuhr er langsam fort. Die Alte schien einige Augenblicke mit sich zu Rate zu gehn; der Anblick der blanken Goldstücke wirkte für sie außerordentlich verführerisch. Lord Wallerston trat wie zufällig vor den Ausgang des Zimmers; währenddessen verschwanden die zugeschobenen Sovereigns in ihrer weiten Tasche. »Du bist ein weiser Hakim Arzt , wie mir mein Enkel erzählt hat«, sagte sie vorsichtig, »und hast das Leben des Kindes des fränkischen Wirts gerettet. Warum sollte ein so weiser Hakim nicht wissen, daß in diesem Land ein goldener Schlüssel alle Türen öffnet.« Doktor Westhouse erkannte, daß er offener sprechen könne. »Eine weise und geschickte Frau wie du muß in vielen Häusern und Harems der Reichen und Mächtigen Eintritt haben und ihre Geheimnisse teilen. Das Volk erzählt sich vieles von einer Verwandten des Khedive. Kennst du die Prinzessin Mirjam, die in diesem Stadtteil wohnt?« Sein Blick haftete fest auf ihr. Die Alte vermochte ein kleines Erschrecken nicht ganz zu verbergen. »Wer sollte die Sultana Mirjam nicht kennen? Sie ist eine kluge und mächtige Frau – es ist nicht gut für geringe Leute, sich ihrem Willen entgegenzustellen.« »Ihr Witz ist der eines Weibes, und es kann andre geben, die klüger sind als sie. Zwanzig dieser Goldstücke wären dein ... Sonst bleibt dem Aga dort –« er deutete auf Wallerston – »nichts übrig, als sich an die Polizei des Khedive zu wenden.« Die Alte lächelte verächtlich. »Der Aga würde schwerlich finden, was er suchen will. – Warum gleich die Gewalt, wenn andre Mittel sicherer zum Ziel führen? Hat der Hakim die gleichen Fragen getan an meinen Enkel Hamed wie an mich?« »Nein. Männer sind geschwätzig. Kluge Frauen niemals. Du bist die erste, mit der ich davon rede.« »Wallah! – Die Kinder Jakobs sind die Unterdrückten in diesem Land. Es ist oft gefährlich zu reden. Es wäre töricht von mir, zu tun, als ob ich nicht wüßte, daß du von dem schönen Inglis redest, der mit euch in diesem Haus wohnte und seit vier Tagen nicht zurückgekehrt ist zu seinen Freunden. – Aber daß ihr ein Weib bei euch habt, das meiner bedarf, habe ich noch nicht gewußt.« Westhouse lächelte über ihren scharfen Blick. »Wir wollen jetzt nicht von dem Weib, sondern von unserm Freund sprechen. – Wir fürchten, daß er sich in ein gefährliches Liebesabenteuer verstrickt hat und in einem Harem verborgen gehalten wird.« »Es mag sein! – Aber seine eigene Klugheit allein kann ihn daraus befreien.« »Lebt Archibald Everett noch?« »Ich habe nicht gesagt, ob er lebt oder nicht. Ich weiß nichts davon. – Es ist gut, daß der Hakim nicht mit meinem Enkel gesprochen hat; Hamed liebt das Geld allzusehr und fürchtet für seine Kehle. Frauen allein, wie du sagtest, verstehen zu schweigen und ohne Lärm guten Rat zu geben.« »Was läßt du uns so lange um die Sache herumgehen? Du weißt, daß wir dich nicht eines Weibes wegen gerufen haben, sondern weil wir Sorge haben um unsern Freund.« »Ich weiß es.« »Nun gut! – Wenn Archibald Everett noch unter den Lebenden ist, kannst du ihm einige Zeilen zustecken, die ihn vor Gefahr warnen?« Nach Art kluger Frauen antwortete die Alte mit einer Gegenfrage. »Kennt der Hakim eine Schrift, die keiner hier versteht, wenn ein schlimmer Zufall sie finden lassen sollte?« Doktor Westhouse sann nach. Die gewöhnlichen im Orient üblichen Sprachen schienen ihm nicht geeignet; außerdem war wohl zu bedenken, ob der tolle Archibald die gewählte kennen würde. Endlich glaubte er das Richtige gefunden zu haben. »Was meinen Sie, Wallerston – dieses Weib ist ebenso vorsichtig wie schlau! Sie will sich offenbar nicht bloßstellen. Wir sollen ihr ein paar Zeilen in fremder Sprache schreiben – versteht Archie noch genug Lateinisch?« »Ich bin sicher. – Hier ist Papier und Tinte – schreiben Sie, Henry!« Die Alte legte die Hand auf die Feder, nach der Westhouse griff. »Halt ein, weiser Hakim. Du darfst nur schreiben in deiner fremden Sprache, was ich dir vorsagen werde. Es darf nichts geschehen, was mich in Gefahr bringen könnte. Das Papier, das du schreibst, kann nur die zufällige Hülle eines andern Gegenstandes sein, einer Schnur von dem Haar der Kamele zum Beispiel – sie ist dünner als Seide und reißt niemals!« Westhouse sah sie mit einem verständnisvollen Blick an. »Ich hoffe, du weißt, wo eine solche Schnur zu finden ist und wem sie Dienste leisten muß. – Sag mir die Worte vor, die ich schreiben soll!« »Schreib.« Und fast ohne Stocken sagte die verhutzelte Alte ihm den Inhalt des Schreibens an. »Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, wenn er sich nicht selber befreit. Die Gefahr ist oft am dringendsten, wenn sie am fernsten scheint. Ein kluger Mann wartet nicht, bis der Tod an seinem Kissen steht. Ein Weiser setzt nicht Speise und Trank über das Leben, und die Schnur des Kameltreibers ist fester als der Gürtel von Gold und Seide. Ein kühner Sprung ist oft besser als ein schwerer Fall, und es ist nicht immer möglich, durch die Tür hinauszugehen, durch die man eingetreten ist. Wer weise ist, hüte sich vor allem, was dunkel ist. Er suche die Freunde und das Licht.« »Bist du zu Ende?« »Ja.« »Deine Worte sind unklar und ungenügend.« »Ich kann nicht mehr sagen. Wenn dein Freund klug ist, werden sie genügen. Nur möge er das Gras nicht wachsen lassen unter seinen Füßen in Kahira, wenn es ihm gelingt, der Gefahr zu entgehen. Ich kann nicht mehr reden.« »So sag wenigstens, was bedeutet die Anspielung auf das Licht und daß ein Sprung besser ist als ein Fall?« »Die Terrasse eines arabischen Hauses ist nicht hoch. Das Fenster einer Wöchnerin bleibt hell auch während der Nacht. Ich werde morgen während des Tages wieder nach ihr sehen. Die kleine Gasse, die von der Muski am Palast der Sultana Mirjam vorüber führt, läuft gleich mit der Mauer dieses Gartens. Lebt wohl – es ist Zeit, nach dem Viertel der Kinder Jakobs zu gehen.« »Ich glaube, ich habe dich jetzt verstanden«, sagte der Arzt, »und hoffe, daß du bald den Weg hierher finden wirst, um dein Geld zu holen. Wir werden ein Licht anzünden und unsre Maßregeln so treffen, daß nicht das Geringste dich bloßstellen kann. Leb wohl!« Die Alte verschwand und winkte draußen im Gang, der vom Gasthof zur Straße führte, dem Enkel, der dort in einem Winkel schlief, ihr das Tor zu öffnen und sie zu geleiten. Doktor Westhouse und Lord Wallerston blieben noch in ernster Beratung zusammen und erwogen genau alle Schritte. Sie beschlossen, am Morgen sofort nach Alexandrien zu drahten und die dort ankernde Dampfjacht in den Hafen von Bulak kommen zu lassen; denn die Fahrt auf dem eigenen Schiff war jedenfalls sicherer als die hundert Zufällen unterworfene auf der Eisenbahn. Lord Wallerston sollte noch im Lauf des Tages den britischen Konsul Sir Alfred Walen ersuchen, dem Flüchtling in seinem Haus für zwei Tage Aufnahme zu gewähren. Es war nicht zu befürchten, daß die ägyptischen Behörden unter irgendeinem Vorwand einen Eingriff in den britischen Schutz wagen würden. Während der nächsten zwei Abende wollten Wallerston und Westhouse in der Nähe des Palastes der Prinzessin Wache halten, um für alle Fälle bereit zu sein, den Entkommenen auf dem Weg bis zum Konsulat zu schützen. Als am Nachmittag des folgenden Tages die Alte kam, um angeblich die Wöchnerin zu besuchen, gab ein Wink ihnen die Gewißheit, daß es ihr gelungen sei, das Papier in die richtigen Hände zu spielen. * In einem nach orientalischer Sitte durch Zugluft und einen künstlichen, wohlriechenden Springbrunnen gekühlten, mit persischer Seide ausgeschlagenen Gemach saß auf einem bequemen Diwan die Prinzessin Mirjam in kostbaren Gewändern. Der Duft des Nargileh, aus dem sie mit dem Mann, der auf den Matten und Kissen zu ihren Füßen ruhte, zusammen durch den Doppelschlauch rauchte, erfüllte den Raum mit einem süßen wohligen Duft. Der Mann trug gleichfalls orientalische Gewänder: weite Beinkleider, über dem Hemd von weißer Seide eine gestickte ärmellose Jacke; um die Hüften aber schlang sich statt des kostbaren, goldgewirkten Schals, der neben ihm lag, ein einfacher Strick aus Kamelhaar. Er stützte sich auf Hand und Ellbogen des rechten Armes und schaute, den Kopf in den Nacken gelehnt, mit begehrenden Augen auf die schöne Frau. Das dünne, fast durchsichtige lose Seidengewand unterstützte bei jeder Bewegung das sinnverwirrende lockende Spiel ihrer Schultern, der Brust, der weichen Arme und der kräftigen Schenkel. Das wunderbar zarte Rot der Schminke, das ihre Wangen bis unter die Augen färbte, und der feine schwarze Pinselstrich unter den Lidern und den Wimpern, der das Feuer der schwarzen Augen noch hob, verbargen jedoch nicht die Schatten, die bis zur Nasenwurzel die Augen umgaben. Aber sie verrieten eine betörende Leidenschaftlichkeit, für die gerade die besten Männer sich in die größten Gefahren zu stürzen bereit sind. Die Stirn war niedrig und durch die Färbung der schmalen, tiefgeschwungenen Brauen noch verkleinert; die Nase fein und gebogen. Die Lippen, wenn die volle, mit kostbaren Ringen bedeckte Hand die dicke Bernsteinspitze des Nargilehs daraus entfernte, waren fast übervoll und zeugten mit dem starken Kinn und dem vollen Hals von Träumerei und Sinnlichkeit. Eine kleine Falte lauschte um die Mundwinkel und erzählte den Augen des Mannes zu ihren Füßen von Unbezähmbarkeit im Genuß, gleich wie das Raubtier unersättlich im Blut schwelgt und dann keine Furcht und Besorgnis kennt ... »Willst du mich wirklich morgen abend verlassen, schöner Inglis?« fragte Prinzessin Mirjam in italienischer Sprache. »Hält dich nichts länger in den Armen Mirjams zurück? – Geh, deine Liebe ist kalt – deine Leidenschaft allzu rasch ausgebrannt! – Und doch wurde Mirjam nicht müde, an deinem Herzen zu ruhen!« »Hast du ein Recht, mich zu schmälen?« erwiderte Archibald Everett. »Du weißt, wie ich dich begehre und wie ich mich an deinen Küssen nie satt trinken werde. Aber wir Franken sind vielleicht anders als die Orientalen. Der Harem allein mag uns nicht zu befriedigen. Wir bedürfen der Freiheit und der Bewegung, die Körper und Sinne stählt. Komm mit, Mirjam! Wir reiten hinaus in die Wüste – oder wir segeln auf einer Dehabijeh den Nil hinauf! Komm, wir sehen uns die Denkmäler von Abu Simbel an oder streifen mit einer Karawane in die Geheimnisse der Wüste!« Sie schwieg; dafür aber ließ sie ihre Schönheit sprechen, und sie streckte sich wie eine zärtliche Katze auf ihrem Lager. Heiß flammte es in seinen Blicken auf. Er wollte aufspringen und sie in seine Arme reihen, aber sein Wille hielt ihn zurück. »Meine Freunde werden voller Sorge um mich sein«, sagte er. »Ich muß sie erst beruhigen und werde dann in deine Arme zurückkehren!« »Du liebst mich nicht mehr«, keuchte Mirjam leidenschaftlich. »Ich habe oft von der Höhe meines Turmes in das Haus der Franken gesehen – viel schöne Frauen sind dort aus- und eingegangen! – Gehörst du einer dieser Frauen?« »Nein!« »Dann bleibe bei Mirjam! Fordere – und jeder Genuß sei dir gewährt! – Sollen die Almen wie gestern vor dir tanzen? Willst du die Weine der Ungläubigen trinken? – Sieh, du hast gewünscht, daß wir beide heut die Gewänder der heißeren Sonne tragen, und ich habe mich beeilt, dir einige aus dem Basar holen zu lassen. Willst du sie kostbarer, reicher geschmückt? Du sollst sie morgen haben! Nur gehöre Mirjam allein! Bleib bei mir!« »Du weißt, daß ich morgen wieder die Tracht der Franken anlegen muß. Heute wünschte ich nur diese Kleider, um mit dir unbemerkter auf der Eskebijeh zu wandeln, sobald es Abend wird. Ich will mich nicht von dir trennen, aber dazu ist es nötig, mich mit meinen Freunden zu verständigen. Du sollst auch immer, wenn ich bei dir bin, die Tracht des Orients tragen. Sie steht dir hundertmal besser als die Flitter von Paris.« Sie achtete nicht auf die Schmeichelei. Ihre Brauen zogen sich finster zusammen. »Wirst du deinen Freunden erzählen, daß du bei mir warst und zu mir zurückkehren willst?« fragte sie lauernd. »Warum nicht? Bin ich nicht Herr meines Herzens wie du? Wer kann uns hindern, zusammen zu leben!« »Niemand, solange der Schleier des Geheimnisses unsern Bund bedeckt. Bedenke, was du tun willst. Ein Weib ist nicht frei in diesem Land.« Er sah nachdenklich vor sich nieder; sie hielt den Blick forschend auf ihn gerichtet. »Warum hast du diesen schlechten Strick um deine Hüften gelegt, statt des Schals, den dir die Sklavin brachte?« »Er war zufällig um den Packen geschlungen, den du mir sandtest.« Sie beugte sich vor und sah ihm in die Augen. »Aber du hast auch den Trank verschmäht, den ich dir mischte. – Ist mein Liebling krank?« »Ich habe Sehnsucht nach frischer Luft – ein Gang ins Freie wird mir wohltun.« »Dein Wunsch ist für Mirjam Gebot. Sobald der Muezzin die Gläubigen zum Abendgebet ruft, wollen wir lustwandeln. Der Kamsin Sandwind der Wüste. hat dich matt gemacht. Du solltest ruhen auf diesen Kissen, bis die Liebe dich weckt.« »Nein, Sultana. Ich bedarf nichts als der gewohnten Freiheit, um glücklich zu sein. Wir wollen durch die Eskebijeh wandeln oder zum Ufer des Nils. Ich – ich will es!« »Du bist übler Laune, Freund. Aber es geschehe, wie du befiehlst. Erwarte mich. Ich gebe den schwarzen Sklaven Befehl, uns zu begleiten. Es schickt sich nicht für eine Sultana, sich ohne Diener außer dem Haus zu zeigen, wie das Weib eines Fellah!« »Wie du willst. – Diese Luft hier ist drückend!« »Sie ist es nur, weil du mich nicht mehr liebst und die Gesellschaft deiner Freunde vorziehst!« Archibald antwortete ihr nicht, sondern hing stumm seinen Gedanken nach, bis die Abendstunde ausgerufen wurde. Er sprang auf. »Laß uns jetzt gehen! Ich liebe dich, Mirjam, aber ich bin nicht dein Sklave. Wenn ich wiederkehren soll, darfst du mir keine Fesseln auferlegen, außer denen der Liebe. Komm, Sultana, diese Räume quälen mich! – Komm!« Trotzig lag Mirjam auf dem Diwan ausgestreckt, die nackten Arme unter dem Kopf. Sie tat, als höre sie das Betteln Archibalds nicht. »Komm!« sagte er gereizt. »Komm, oder ...« Jäh schnellte sie aus ihrer trägen Lage hoch. »Du drohst?« »Oder ich gehe allein!« Mirjams Augen flammten. »Du weißt, daß der Wächter die Pforte nur öffnen darf, wenn ich's gebiete. Mirjams Gunst hat dich zu ihrem Herrn gemacht. Es geschehe, wie du willst. Nur gib mir Zeit, mich in meine Schleier zu hüllen. Ich hoffe, wenn wir zurückkehren, wird deine Laune besser sein.« Sie klatschte in die Hände. Eine schwarze Sklavin trat ins Gemach. »Laß Massil und Zorab sich bereit halten, meinem Gebieter den richtigen Weg zu weisen durch die Pforte der Nacht. Er ist ein Undankbarer, wie alle Männer es sind – er will uns verlassen.« Die Sklavin kreuzte die Arme und verbeugte sich gehorsam; ein flüchtiger Blick fiel auf den Engländer. Archibald beugte sich zu Mirjam, küßte sie auf die Stirn, zog einen kostbaren Dolch aus ihrem Gürtel und schob ihn in den seinen. Ihr Blick blitzte argwöhnisch auf. »Was willst du mit meinem Dolch?« »Es paßt besser, daß der Mann die Waffe führt, nicht die Frau. Darf ich dir die Hand – oder wenn du den europäischen Brauch vorziehst – den Arm bieten?« »Es ist nicht Sitte in unserm Land, daß Männer und Weiber zusammen gehen. Geh voran. Ich folge dir!« Er schien schon gut im Haus Bescheid zu wissen, denn er trat sogleich in einen Gang, an dessen Ende eine steinerne Treppe in den Hofraum führte. Der Hof zog sich lang bis zum Tor hin. Davor saß ein finstrer, alter Araber mit weißem Bart, bereit, jeden anzufallen, der sich gegen seinen Willen diesem Ausgang nahte. Am Fuß der Steintreppe standen die beiden nubischen Sklaven, zwei herkulische Gestalten mit grimmigen, tierisch rohen Zügen, den Säbel im Gürtel über dem weißen Kaftan. Ihre Hand führte den großen Bambusstab mit schwerem Silberknopf, den die Khawassen und Diener bei einem Ausgang und im Dienst ihrer Gebieter zu tragen pflegen. Sie schieben damit wie der Läufer mit der Peitsche vor dem Wagen die Lästigen oder die den Weg Sperrenden zur Seite. Mit raschem Blick überflog Archibald Hof und Tor und erkannte die Begründung der Warnung, die er am Mittag auf dem Papier gefunden, in das der Einkauf der alten Rebekka im Basar geschlagen und mit dem Strick aus Kamelhaar umschnürt gewesen war. Er fühlte, jeder Augenblick des Zögerns konnte ihm Gefahr bringen. Die lateinischen Zeilen hatten ihn doch bedenklich gemacht, und bei einiger Überlegung mußte er sich zugestehen, daß Mirjam in ihrer tigerhaften Leidenschaftlichkeit und aus verletztem Stolz auch zu einem Verbrechen fähig sein mußte. Er durfte aber keine Spur von Besorgnis zeigen. Seine schöne, verräterische Freundin blieb auf der letzten Stufe der Treppe stehen. Er schritt kaltblütig, ohne den Kopf zu wenden, zwischen den beiden Schwarzen hindurch. Sie schienen auf den Wink ihrer Herrin zu warten. Schnell trat er auf den Pförtner zu. »Öffne!« Der Alte blickte an ihm vorüber zur Treppe hin, indem er die Hand an den Balken legte, der das Tor schloß. Aber schon waren auch die beiden schwarzen Sklaven Archibald gefolgt. Sie deuteten nach einer Seitenmauer des Hofes, in der ein andrer Gang in einen zweiten Raum führte. Der eine Schwarze griff nach seinem Arm, um ihn fortzuzerren. » Jalla, jalla! Taali schemalak !« »Vorwärts! Komm nach links!« Archibald verstand die Worte nicht, aber er begriff aus der Gebärde den Sinn der Weisung. Als habe ihn die Berührung des Sklaven erzürnt, entriß er ihm mit einer raschen Bewegung den gewichtigen Stab und schwang ihn rechts und links mit voller Kraft gegen die Schienbeine der Schwarzen. »Schurken! Was untersteht ihr euch?« Die Geschlagenen krümmten sich heulend und rieben die getroffenen Stellen. In schnellen Sätzen sprang Archibald an ihnen vorüber nach dem Eingang der Treppe zurück, überrannte die dort harrende Mirjam und flog trotz ihrem Kreischen die Stufen hinauf. Erst, als auf ihr Geschrei der weißbärtige Araber am Tor herbeieilte und ihr wieder auf die Füße half, zeterten wilde Schmäh- und Drohworte über ihre Lippen. »Verfolgt den Giaur, feige Hunde! – Tötet ihn! Um keinen Preis darf er entkommen!« Die Schwarzen stürzten die Stiege hinauf. Sie fanden an dem Absatz des ersten Flurs aber nur die schwarze Sklavin, die ihnen vorhin den Befehl der Herrin gebracht hatte. Auch sie lag am Boden. Hinter ihnen her tobte die Herrin. »Wo ist er? Er soll büßen! – Allah sei Dank, er kann nicht entrinnen!« Aber die Sklavin wies nach dem zweiten Gang. »Dort hinauf ist er – zum Dach!« Jetzt erst begriff das leidenschaftliche Weib, daß Archibald mit voller Berechnung einen ebenso kühn wie gut ausgeführten Fluchtversuch unternommen hatte. Gleich einer Rasenden schlug sie gegen die schwache Tür. Die Pforte gab nach der Sitte der orientalischen Häuser Einlaß auf das flache und von einer ziemlich hohen Mauer geschützte Dach, auf dem die orientalischen Frauen unter duftenden Gewächsen die Abendkühle genießen. Die Tür war durch den vorgeschobenen Riegel vom Dach her geschlossen, konnte aber den schweren Schlägen der Schwarzen nicht lange widerstehen. Dennoch hatten diese Augenblicke genügt, die Flucht des Bedrohten zu sichern. Als die Tür in Stücke flog und die erbitterte Mirjam, die einem der Sklaven den schweren Säbel entrissen hatte, wie eine Furie hinausstürzte, fand sie das Dach leer. Nur um einen der vorspringenden Steine war das Ende der Kamelhaarschnur geschlungen. Sie taumelte zurück und stützte sich schwer an die Mauer. »Er ist fort! Beim Propheten, der Inglis wird uns verraten! – Noch kann er nicht weit sein; die Gasse ist schmal. Sie hat keinen Ausgang. Hinunter mit euch allen! Ihm nach! Zehn Beutel für den, der ihn zurückbringt – tot oder lebendig!« Sie versuchte die äußere Mauer zu erklimmen, um nach dem Entwischten auszuschauen. Aber erst, nachdem die herbeilaufenden Sklavinnen eine kurze Leiter für die Gebieterin herangeschleppt hatten, gelang es Mirjam, über die Höhe der Mauer auf die Gasse hinabzuschauen. Sie war jedoch leer. Nur nach der Muski zu sah sie drei Männer sich hastig entfernen. Es klang zu ihr zurück wie lautes Gelächter. Ihre Faust drohte in ohnmächtigem Zorn hinter ihnen her. »Möge Allah dich verderben! – Zum Glück kann der falsche Inglis nur Verdacht geschöpft haben und mir nicht schaden. Aber dennoch wird es gut sein, seine Schritte zu bewachen und Hamed zu mir kommen zu lassen.« Aber der eilig herbeigeholte Hamed wußte auch nichts zu erzählen; er konnte nur berichten, daß der britische Lord und der Arzt in der Nacht zurückgekehrt waren, ohne Archibald mit ins Hotel zu bringen. Erst am zweiten Morgen vernahm die Prinzessin, daß der ihrer Macht Entschlüpfte sich im offenen Wagen mit dem englischen Konsul nach dem Hafen von Bulak an Bord eines kleinen Dampfers begeben habe, der mit dem Entkommenen und seinem Vetter, dem Lord Wallerston und dem Arzt Doktor Westhouse stromabwärts gefahren sei. * Dennoch, und obgleich Archibald kein Wort über sein Abenteuer an Fremde geäußert hatte, blieb es nicht ganz verschwiegen. Bei dem wiederholt vorgekommenen Verschwinden von jungen Fremden erregte die Angelegenheit doch so viel Aufsehen und Verdacht, daß sich der französische, britische und englische Konsul bald darauf veranlaßt sahen, beim Khedive auf eine genaue Untersuchung im Palast der Prinzessin Mirjam zu dringen. Man fand wirklich in einer alten Zisterne in einem abgelegenen Hof die zum Teil von Kalk zerstörten und unkenntlich gewordenen Leichen mehrerer Männer – offenbar Europäer, wie einige erhaltene Schmuckstücke und Uhren bewiesen. Die Prinzessin und ihre Diener leugneten, davon irgend etwas zu wissen. Es half der Verwandten des Vizekönigs indes nichts; der Khedive verbannte die schöne Mirjam nach Oberägypten unter dem strengen Verbot, Kairo oder Alexandrien je wieder zu betreten. Dort starb sie bald darauf. Ihre Freunde sagten: aus Gram über ihre Verbannung; Wissende meinten: aus Hunger nach Liebe. Soviel jedoch scheint sicher: das Übermaß ihrer Leidenschaft und die Unmöglichkeit, sie durch neue Abenteuer zu mildern, war wohl mit ein wesentlicher Grund ihres vorzeitigen Todes. Bald nachher wurde das Haus niedergerissen. Und damit verschwanden alle weiteren Spuren, die an das seltsame Abenteuer Archibalds mit der ägyptischen Prinzessin hätten erinnern können. Tagliacozzo Über die blauen Wellen des Golfs von Tarent schwamm an einem schönen Abend in der letzten Hälfte des August ein kleines Schiff, dessen Takelwerk und Ausrüstung keinen sicheren Schluß zuließ, ob es für friedlichen Handel oder für kriegerische Zwecke bestimmt sei. Es rief deshalb an Bord einer von Süden her steuernden Dampfjacht allerlei Vermutungen hervor, bis der Besitzer der Jacht dem Steuermann Befehl gab, sich dem geheimnisvollen Schiff zu nähern und seinen Lauf zu kreuzen. Wie das Segelschiff, das leicht und rasch die Wellen durchschnitt und seinen Bug nach der Höhe des Golfs gerichtet hielt, die Neugier an Bord der Jacht erweckt hatte, war es auch umgekehrt der Fall; nur, daß an Bord des Segelschiffs sich Besorgnisse kund gaben, die von den Passagieren der Jacht nicht geahnt wurden. »Es ist eine Feluke«, sagte der Schiffsherr. »So schnell wie ein Blitz! Aber es befremdet mich, daß sie die englische Flagge trägt. Engländer lieben diese Art von Schiffen nicht, die man vorzugsweise an den italienischen und griechischen Küsten findet.« »Sie kommt von Malta«, sagte der Steuermann. » Carrajo! Sie können recht haben!« Der Graf de Goya, ein reicher, unabhängiger Spanier, dem die Jacht gehörte, beobachtete den Segler aufmerksam. »Er hält nach der Küste ab!« »Englische Flagge hier an der Basilicata, wo unsre Freunde noch dem Herrn Vittorio Emanuele für den guten König Franz die Zähne oder vielmehr das Stilett zeigen? Drauf also! Wir wollen jedenfalls sehen, woran wir sind. He, Sebastians, befiehl dem Maschinisten, Volldampf zu geben. Laß das Zeichen zum Preien Schiff ansprechen. wehen.« »Ich glaube, das Fahrzeug legt bei. Es wechselt die Flagge!« sagte der Steuermann. » Caramba , Sie haben recht!« »Es sind die gelben und roten Streifen von Spanien. Wie kommt denn der Don in das Ionische Meer?« Am Steuer der Feluke stand der Padrone, ein Mann in den einfachen Gewändern der Seeleute der italienischen und griechischen Küsten; nur drei ihm ähnliche Matrosen lungerten an Bord, während man früher von der Jacht mit den guten Gläsern deutlich eine große Anzahl bewaffneter Männer in Soldatenröcken hatte erblicken können. »Was wünscht Ihr, Signore?« fragte der Padrone; er legte die Hände als Sprachrohr an den Mund. »Seid Ihr ein Engländer?« »Und Ihr?« fragte Graf de Goya zurück. »Das ist die ›Golondrina‹, Schwalbe. kommt von Malta und will nach Korfu!« Der Mann schien mit Absicht das Land der Herkunft nicht zu erwähnen; aber es half ihm nichts. »Wie kommt Ihr dazu, die spanische Flagge zu führen?« »Hab das Recht dazu! Glaubte einen Sarden in Euch; deshalb, um allen Plackereien zu entgehen, ließ ich zuerst die englischen Farben hissen!« Die Schiffe fuhren jetzt so dicht aneinander, daß die Unterhaltung leichter wurde. »Wenn Ihr ein Landsmann seid«, sagte Conde de Goya und wechselte die Sprache, »sagt mir, wer die Männer bei Euch auf Deck waren? Ich bin der Graf de Goya und kein Zollwächter! Also heraus mit der Sprache – wo sind die Männer?« »Hier, Señor Conde!« Die Tür der Kajüte, die im Heck der Feluke fast ihre Hälfte einnahm, öffnete sich. Mehrere breitschultrige Männer traten heraus, die unverkennbar Soldaten waren. »Wenn Sie in der Tat der Graf de Goya sind«, sagte der erste, »so werden Sie einen Mann achten, der mit Ihrem Vater für dieselbe Sache focht und starb!« »Starb?« Graf de Goya stutzte. »Ja, Señor Conde. Ihr Vater, ich erinnere mich seiner wohl, fiel unter den Kugeln der Christinos, und ich auch!« »Nur mit dem Unterschied, daß ich die Ehre habe, Sie lebendig vor mir zu sehen!« »So ist es – haben Sie nie von Garcia Fuentes gehört – dem Major der Lanzas von Guipuzcoa, den man den Rosuscitada nannte?« Conde de Goya riß ehrerbietig die Bortenmütze vom Kopf. »Wie, Señor – das wären Sie? Und diese Herren sind Ihre Freunde?« Der alte Offizier nickte. »Ich hoffe, Sie werden also dem ehrlichen Padrone nichts mehr in den Weg legen und ihn seinen Kurs fortsetzen lassen.« »Nicht eher, Señor Major, als bis ich Sie und Ihre Freunde gesprochen habe.« »Dann, Señor Conde, müssen Sie es mit unserm Anführer abmachen. Ich bin es nicht! – Kommen Sie, Señor Generale; wir brauchen uns diesen Herren gegenüber nicht mehr zu verbergen!« Ein hochgewachsener Mann trat aus der Kajüte. Noch ehe er das Wort nehmen konnte, hob Graf de Goya die Hand. »General Borges!« Er kannte den Carlisten von Paris her. Der General war einer der fremden Offiziere, die in Gaëta für den bourbonischen König Franz gegen den piemontesischen König Vittorio Emanuele kämpften. »Ich glaubte Sie bei Seiner Majestät dem König Franz König von Neapel, der schließlich mit dem Rest seiner Getreuen nach der Felsenfeste Gaëta floh, dort aber nach heldenmütiger Verteidigung durch Übermacht, Hunger, Seuchen und Verrat zur Übergabe gezwungen wurde. oder längst in Frankreich! Verzeihen Sie, Señor«, fuhr de Goya fort, »aber da der Zufall uns hier im Ionischen Meer zusammenführt, sollten wir nicht scheiden, ohne uns wenigstens näher gesprochen zu haben.« »Ich stehe zur Verfügung!« »Bestimmen Sie, ob Sie uns die Ehre Ihres Besuchs schenken wollen?« Es hatten sich um den General jetzt noch mehr der spanischen Offiziere geschart – mit ihm dreiundzwanzig. Nach kurzem gegenseitigen Höflichkeitsaustausch folgten sie der Einladung des Conde, an Bord der Jacht für ein paar Stunden seine Gäste zu sein. Bei dem ruhigen Zustand der See war es möglich, die beiden Fahrzeuge einander so zu nähern, daß eine Planke den Verkehr vom höhern Bord der Jacht vermitteln konnte. Beide Schiffe trieben ohne Segel und Dampf, lediglich von der Strömung getragen, vereint der italienischen Küste zu. * »Wollen Sie mir den Grund Ihrer unerwarteten Anwesenheit im Golf von Tarent mitteilen, Señor Generale?« fragte Graf de Goya noch einmal, indes er seine Gäste an der Frühstückstafel seiner Jacht zuvorkommend bewirtete. General Borges nickte und gab in kurzen Umrissen eine Erklärung, die den Grafen de Goya sehr betroffen machte. Das kleine, schnelle Segelschiff war von ihm in Malta zu einem Vorstoß an die Küste der Basilicata gemietet worden. Auf Anstiften des entthronten bourbonischen Königspaars, des Königs Franz II. und der Königin Maria, wollte er einen neuen Versuch zur Volkserhebung im Königreich Neapel machen. General Clary hatte den tapfern spanischen Offizier dazu veranlaßt und mit hundert Versprechungen zu dem kühnen Unternehmen beredet. Es sollte eine Verschwörung der Anhänger des Königs Franz durch alle Provinzen vorbereitet sein, und Tausende alter Soldaten warteten nur auf die Erhebung eines namhaften Führers, um sich seiner Fahne anzuschließen. Der Tag des Ausbruchs einer neuen sizilianischen Vesper in Neapel war schon festgesetzt. Borges wurde mit dem Oberbefehl über alle in den Bergen gebildeten Freischaren betraut, deren Zahl sich bei der fanatischen Grausamkeit des piemontesischen Generals Cialdini und dem rücksichtslosen Auftreten der Piemontesen gegen die Bevölkerung täglich mehrte. Der frühere Carlistenführer sollte Waffen, Schießzeug und Unterstützung aller Art bei seiner Landung vorfinden; im Vertrauen auf das königliche Versprechen hatte er den sicheren Aufenthalt in Malta verlassen und das kühne Unternehmen begonnen. Vergeblich machte ihm der Graf de Goya Vorstellungen; er hatte von dem Treiben der bourbonischen Hofpartei in Rom König Franz und die Königin Maria zogen sich nach dem Fall Gaëtas nach Rom zurück. zur Genüge gesehen, um befürchten zu müssen, daß man bei dem feigen Neid der Hofschranzen, die ihre eigene Haut in Sicherheit hielten und nur fremde Kämpfer für das verlorene Königtum in den Kampf sandten, auch die kühnen Spanier nur ins Verderben gelockt habe. Der tapfere Borges vertraute jedoch dem königlichen Wort. Er ließ sich nicht entmutigen. War doch in der Tat der Haß gegen die piemontesischen Eindringlinge unter dem Volk noch immer im Steigen. Trotz dem Erlaß der neuen Statthalterschaft, die alle Kämpfer für das alte Königshaus nur für ehrlose Briganten erklärte und mit schimpflichem Tod bedrohte, war der Widerstand so gewachsen, daß in der Tat damals eine gemeinsame feste Leitung der gesamten Kräfte die größte Aussicht auf Erfolg hatte. Aber freilich hätte eine solche Verbindung auch aufrichtig sein und nicht durch Ehrgeiz und Hader verhindert werden müssen. »Nein, Herr Graf«, sagte der General. »Ich habe zugesagt, und ich halte mein Wort!« So blieb denn dem Grafen de Goya nichts übrig, als, banger Ahnungen voll, der begeisterten kleinen Schar seine besten Glückwünsche für ihre Erfolge auszusprechen. Doch noch einmal versuchte de Goya, ihn von dem Plan abzubringen. »Euer Exzellenz wollen sich also unter keiner Bedingung abhalten lassen von dem Unternehmen? Ich versichere Ihnen, daß nach meinem Wissen...« »Nein, Señor Conde, es ist beschlossen, und ich ließ Seiner Majestät mein Wort verpfänden. Ich weiß, daß Major Langlais mich bereits erwartet und sich mit dem Haufen des Donatello und Coppa in Verbindung gesetzt hat. Der Aufstand in Neapel...« »Ich wünsche, daß Sie bei Ihrer Landung von dessen Erfolg vernehmen, habe aber wenig Vertrauen!« »Nun, Señor Conde, soviel ich hörte, waren Sie selber Soldat und wissen, daß eine Kugel das Los ist, dem der Soldat jeden Augenblick entgegensehen muß,« »Gewiß, aber zum rechten Kriegführen gehört es auch, sichere Mißerfolge zu vermeiden – Und man begibt sich nicht sehenden Auges in Gefahr!« »Daß nicht alle Kugeln den Tod bringen, sehen Sie ja am besten an mir. Ich bin nicht weniger als zwanzigmal verwundet worden und fühle mich doch noch rüstig genug, mit dem Segen des Heiligen Vaters und zu Ehren des rechtmäßigen Königtums einen Gang mit diesem Schlächter Cialdini zu wagen!« »Sie haben recht, General – nicht jede Kugel trifft ihr Ziel! – Und die spanische Geschichte kennt außer Ihnen noch ein gutes Beispiel!« » Caramba! Das müssen Sie erzählen.« »Es geschah während der Schlacht von Vittoria und betraf den kühnen Guerilla Guiposca de Condeiga.« »Erzählen – erzählen!« drängten auch die andern. Die Gläser wurden rings gefüllt, und der Conde begann. »Die französischen Dragoner hatten den Guerilla auf der Plazza am Ufer des Ebro vor das Gitter gestellt und mit einer Salve das Todesurteil an ihm vollstreckt. Dem im Todeskampf sich am Boden windenden, blutenden Körper wollte eben der Sergeant des Kommandos den mitleidigen Todesstoß geben, als der Guerilla, der mit dem linken Arm die seiner Brust bestimmten Kugeln aufgefangen hatte, aufsprang, seinen Feind mit dem Stoß des verborgen gehaltenen Dolches tot niederstreckte und mit dem gesunden Arm in Gegenwart vieler Hunderter sich über die Brüstung in den Strom schwang und trotz allen nachgesandten Kugeln im Schilf des Ufers glücklich entkam.« » Carrajo! « warf Major Garcia Fuentes ein. »Grade wie es mir einmal in den Gebüschen erging – nur daß die sechzig Kameraden, die mit mir gefangen und von den Christinos in Reih und Glied vor ihr Rollenfeuer gestellt waren, tot und sterbend am Boden lagen. Ich, nur von einer Kugel am Kopf gestreift, sprang, mit Blut bedeckt, auf, brach durch die Reihe der Überraschten und rannte davon, bis ich das rettende Gebüsch gewann.« »Teufel!« »Daß ich mich unterwegs nicht aufhielt, können Sie wohl denken. Es geschah ein Jahr, bevor der Graf, Ihr Vater, von den Christinos erschossen wurde – wie es später hieß, auf den besonderen Befehl des Marschalls Narvaez.« Der Conde reichte dem alten Major die Hand. »Seltsam – es war gerade jener Offizier, der an meinem Vater das Urteil vollziehen mußte, der mir vor einigen Monaten auf einer Überfahrt nach Rom von Ihrer Rettung erzählte. Das Schicksal spielt oft sonderbar.« »Wie hieß der Offizier?« »Don Diaz Cavalho, aus der alten Familie der Guzman!« »Doch nicht der Vetter und Amoroso der schönen Abenteurerin, die jetzt auf dem Thron Frankreichs sitzt?« »Der Kaiserin Eugenie? Ich erinnere mich, sie stammt gleichfalls aus der Familie der Guzman.« »Und ihre Mutter war schlau genug, ehe sie mit ihr nach London und Paris auf Abenteuer zog, ihr das reiche Erbe ihres Verwandten zu sichern – wie man damals wissen wollte, sogar durch eine heimliche Heirat mit dem dreizehnjährigen Mädchen. Das muß freilich wohl eine böswillige Erfindung sein, da Doppelehe eine Sache ist, die nur den mohammedanischen Untertanen Frankreichs und Spaniens erlaubt ist!« Der Conde nickte nachdenklich. »Sie haben recht, Señor Major, obgleich ich nicht zweifle, daß Ihre Majestät die Kaiserin von Frankreich der frühern Bewerber um ihre Liebe genug gehabt hat. Don Rosario, der meinem Vater vom Leben half, ist vielleicht vierzig Jahre –« »Das dürfte stimmen. Diaz Cavalho, so hieß er ja wohl in der Armee, muß ungefähr 1820 geboren sein –« »Und die Kaiserin Eugenie 1826«, fiel der Conde ein. »Mag sein. Es fiel mir nur zufällig bei dem Namen ein.« Es trat eine Pause ein. General Borges hob sein Glas und trank de Goya zu. Dann erhob er sich. »Die Pflicht ruft«, sagte er. »Und nun, Señor Conde, welchen Kurs schlagen Sie ein, nachdem Ihre Neugier über unsre Fahrt befriedigt ist? Es ist schade, daß wir einen Mann wie Sie nicht zu den Unsern zählen dürfen!« »Meine Wünsche sind mit Ihnen. Wir steuern nach dem Golf von Genua. Noch einmal – mögen Sie nicht getäuscht werden in Ihren Erwartungen!« * Nach Monden erst erfuhr Graf de Goya die Schicksale der Spanier. Die Warnung Goyas, der in Rom gewesen war und die Ränke kennengelernt hatte, die von einem verächtlichen, feigen Schranzentum um den jungen König von Neapel und seine heldenmütige Gemahlin gesponnen wurden, zeigte bald ihre Berechtigung. General Borges fand bei seiner Landung in der Basilicata diese Provinz in vollem Aufstand gegen die piemontesische Herrschaft. Die Truppe des Majors Langlais ordnete sich ihm willig unter. Der Ehrgeiz der eingeborenen Bandenführer verweigerte aber den Befehlen des entthronten Königs entweder offen den Gehorsam oder wußte auch die aufopferndsten Mühen des neuen Oberbefehlshabers zum Scheitern zu bringen. Schon bei der Landung an den Küsten der Basilicata traf General Borges die Nachricht, der beabsichtigte Aufstand in Neapel sei wenige Tage vor dem Ausbruch durch Verrat von der neuen Regierung Vittorio Emanueles entdeckt und mit schonungsloser Strenge unterdrückt worden. Vergeblich waren seine Erwartungen auf die versprochene Unterstützung von Rom her. Trotz allem Drängen der Königin Maria von Neapel blieben die verheißenen Sendungen an Waffen, Schießzeug und Geld aus; der schwache Franz II. war zu einem festen Auftreten nicht zu bewegen. Woche auf Woche verfloß, ohne daß den Spaniern von dieser Seite her Beistand wurde. Weder Waffen noch Geld trafen ein. Vergebens versuchte General Borges die einzelnen Banden zu einer Vereinigung gegen die von allen Seiten heranrückenden Piemontesen zu bringen. Kleinlicher Ehrgeiz und Mißtrauen bei den Führern, die mehr zum beliebten Banditentum der Camorra als zu einem offenen ehrlichen Krieg neigten, hinderten jeden seiner Pläne. Als die Langlaissche Truppe, durch Gefechte und Mangel aufgerieben, ihrer vollständigen Auflösung nahe war, entschloß sich Borges, sich mit seinen Spaniern zur Truppe des Coppa und Donatella zu begeben; aber auch dort mit Mißtrauen und der Verweigerung jedes Gehorsams empfangen und fast als Gefangener behandelt, entschloß er sich endlich, selber nach Rom zu gehen. In den ersten Dezembertagen brach er zu Pferde mit zweiundzwanzig Offizieren und zwei Führern aus der treu gebliebenen Landbevölkerung nach der römischen Grenze auf. Unsägliche Mühen und Gefahren hinderten die kleine, verzweifelte Schar auf dem Weg durch die drei von zahlreichen Feinden wimmelnden Provinzen bis zu dem nahe der römischen Grenze liegenden Städtchen Tagliacozzo, in der Nähe von Avezzano und dem Fuciner See. Der General umging das Städtchen; er machte bei einem einsam gelegenen Gehöft halt, obgleich die rettende Grenze kaum noch eine halbe Meile entfernt war. Aber Männer und Pferde waren todmüde und nicht mehr von der Stelle zu bringen. Es war Nacht – kein Feind zu sehen. Die Spanier begaben sich zur Ruhe. Das Los hatte entschieden, wer von ihnen unter der Tür auf Posten bleiben und den Schlaf der andern bewachen sollte. Das Los war auf einen der Jüngsten gefallen. Aber das Verhängnis war schon am Werk. Auf welche Weise der piemontesische Kommandant des etwa sieben deutsche Meilen oder achtundzwanzig Miglien von Sora entlegenen, von den Piemontesen besetzten Tagliacozzo die Anwesenheit der Truppe des Generals Borges in den Gebirgen der Gegend – dem spätern Schauplatz Chiavones – erfahren hatte, blieb unbekannt. Major Franchini war seiner Pflicht gemäß sofort mit einer starken Abteilung Bersaglieri zur Verfolgung der Spanier aufgebrochen. Er hatte seine Späher in der Nähe an der Grenze verteilt. Zwei Stunden nach Mitternacht trafen die Späher der Bersaglieri einen Mann in städtischer Tracht, in einen warmen Mantel von Schaffell gehüllt, der den Kommandanten zu sprechen verlangte. Er schien eine wichtige Nachricht zu bringen; denn Major Franchini ließ sofort seine Leute zusammentreten, befahl einem seiner Offiziere, mit fünfundzwanzig Mann den Fremden zu begleiten, und gab ihm seine Anweisungen; mit dem größeren Teil der Truppen folgte er in einiger Entfernung. Im Morgengrauen blieb der verräterische Führer stehen und deutete auf ein Gehöft. » Là !« Der Offizier zeigte ihm, indes er das ganze Gehöft umzingeln ließ, den Revolver und befahl ihm, voranzugehen, um zu sehen, ob und wo eine Wache ausgestellt sei. Der Verräter gehorchte; gleich darauf winkte er mit beiden Armen und deutete auf einen jungen Offizier, der quer über der offenen Torschwelle lag. Der Griff des Säbels war seiner Hand entfallen. »Er schläft!« Die schwere Erschöpfung hatte die Wache überwältigt. Auch im Innern des Hauses zeigte kein Laut, daß die Gefahr bemerkt worden sei. »Mit dem Bajonett! – Avanti!« Ein Sergeant der Bersaglieri durchstieß die Brust des Schlafenden. Mit einem Seufzer rollte der Unglückliche zur Seite. Über den Sterbenden hinweg, ohne Schuß, auf die blanke Waffe und ihre Übermacht vertrauend, eilten die piemontesischen Soldaten durch den Hof und sprangen die Stufen des Hauses hinan. Aber was er im Leben versäumt, tat der junge Spanier noch im Todeskampf. Entsetzen spiegelte sich in seinen brechenden Augen. Noch einmal richtete er sich hoch. » Los armas! – Adversarios! « rief er. Es war sein letzter Laut. Die schrille Stimme hatte genügt, die Schlafenden zu wecken. Ein wütendes Handgemenge entspann sich. Die über den Toten in das Haus Eindringenden wurden mit Dolchstößen und Pistolenschüssen empfangen und nach kurzem Kampf wieder ins Freie getrieben. Vielleicht wäre es der kleinen Schar der Spanier doch noch gelungen, ehe Major Franchini mit dem größeren Teil der Truppen herankam, das Freie zu gewinnen und einzeln zu flüchten. Aber sie verloren einige kostbare Minuten in der Erwartung des Befehls ihres Führers, des General Borges. Als sie dann an Türen und Fenster stürzten, um sie gegen die herankommenden Piemontesen zu verteidigen, erscholl ein Schreckensruf. »Es brennt!« Ein dicker Rauch verbreitete sich schnell in dem Gebäude. Später erzählten die Bersaglieri, es müßte dem fremden Verräter gelungen sein, während die schlafende Wache niedergestoßen wurde, Feuer an zwei Stellen anzulegen. Die Flamme fand an trockenem Holz und einigen ländlichen Vorräten reichlich Nahrung. Der Unbekannte war seitdem verschwunden. Das Binsendach stand bald in Glut. General Borges sah bald das Aussichtslose ihrer Lage ein. »Zurück!« rief er mit Donnerstimme. »Zurück in das Innere des Hauses!« Blutend, verwundet, vom Rauch geschwärzt, scharten sie sich um den verehrten Führer. Es gab kein Überlegen mehr; wenige Worte genügten zu dem allgemeinen Entschluß, sich lieber den Kugeln und Bajonetten des zehnfach überlegenen Feindes entgegenzuwerfen und so einen ehrlichen Soldatentod zu suchen und zu finden, als in dem rasch emporlodernden Feuer zu ersticken und zu verbrennen. »Vorwärts, Kameraden!« Den Dolch zwischen den Zähnen, in jeder Hand eine Pistole, so drängten sie sich aus dem Eingang ins Freie – bereit, sich auf die Bersaglieri zu stürzen. Aber die Bersaglieri hatten sich zurückgezogen und erwarteten die Spanier mit der Büchse an der Wange. Doch die Salve unterblieb. Der Major der Piemontesen trat vor die Seinen und wehte mit einem Tuch. »General Borges! – Wo ist der General? – Ich wünsche mit ihm zu unterhandeln!« Der Spanier sprang vor und grüßte mit dem Säbel. Vielleicht schwebte ihm die Hoffnung vor, seine Leute doch noch retten zu können. »Hier!« Der Major kam ihm entgegen. »Sie müssen die Waffen strecken, General«, sagte er. »Es wäre Wahnsinn und tapferer Männer unwürdig, auch nur den Versuch zu machen, meine Linie zu durchbrechen!« »Es ist nie Wahnsinn, Herr Major«, entgegnete der General, »bis zum Ende zu kämpfen. Und dem Tapferen stehen die Heiligen bei!« »Aber in den sichern Tod gehen, ist nicht besser als Selbstmord. Überzeugen Sie sich. Sie sind auf allen Seiten umzingelt. Unsre Übermacht ist zu groß, als daß es Ihnen gelingen könnte. Ich verspreche Ihnen und allen Ihren Begleitern ehrliche Kriegsgefangenschaft!« Der General sah ihn fest an. »Ihr Wort darauf?« »Das Wort eines Soldaten!« »Ihr habt es alle gehört, Kameraden! – Unter dieser Bedingung, Herr Major, ergeben wir uns!« Er warf Dolch und Pistolen auf den Boden. Die andern folgten seinem Beispiel, stumm und finster. »Bei der Madonna, ich hätte es lieber auf den Kampf ankommen lassen!« sagte der alte Major Garcia, als er seine Waffen ablegte. Es waren die einzigen Worte, die bei der Waffenstreckung fielen. Auf den Wink des piemontesischen Majors wurde der kleine Haufen der Männer umzingelt und von dem brennenden Hause abgeschnitten. Nur die beiden abruzzischen Führer, die sich auf Grund ihrer Erfahrungen lieber der Gnade der Flammen als der ihrer Feinde anvertrauen wollten, waren im Haus zurückgeblieben und verbrannten mit den im Kampfe gefallenen beiden Offizieren. Das Haus stürzte prasselnd zusammen. Der Rest der mutigen Kämpfer für das bourbonische Königtum wurde nach Tagliacozzo geführt. Major Franchini eilte voran, um die Gefangennahme der Spanier sofort nach Neapel zu drahten. Die ganze Bevölkerung erwartete sie am Tor und begleitete sie nach dem zum Militärgefängnis eingerichteten Zollhaus. * Die gefangenen Spanier saßen ohne Bande in dem ihnen angewiesenen Raum. Sie durften sich ungezwungen miteinander und mit den sie zahlreich besuchenden Offizieren und Eingeborenen unterhalten. Keiner von ihnen, am wenigsten der General selber, dachte daran, daß das Wort des Kommandanten gebrochen werden könne, obgleich ihnen Major Franchini mitgeteilt hatte, daß er ihrethalben an den Generalstatthalter nach Neapel berichten und weitere Befehle verlangen müsse. Nur Major Garcia saß finster und ahnungsvoll. Die empörenden Grausamkeiten, mit denen der piemontesische General Cialdini jede Äußerung der Anhänglichkeit für die gestürzte Königsfamilie zu unterdrücken gesucht hatte, waren schließlich Ursache diplomatischer Vorstellungen in Turin Die Residenzstadt Vittorio Emanueles. geworden. Sie hatten seine Ersetzung in der Statthalterschaft zu Neapel durch den General Lamarmora zur Folge gehabt. Aber der neue Generalstatthalter dachte ebenso wie sein Vorgänger. Eine seiner ersten Handlungen war jene denkwürdige Antwort auf die Anzeige von der Gefangennahme der Spanier. Kurz nach Mittag traf diese Antwort des Generalstatthalters von Neapel ein. Major Franchini erschien betroffen und verlegen im Gefängnis und ließ General Borges in ein besonderes Zimmer rufen. Zugleich bemerkten die Gefangenen, daß alle Posten auf dem Platz und in der Nähe des Hauses verstärkt wurden. General Borges trat mit einem höflichen Gruß ein. Major Franchini erwartete ihn mit zwei andern Offizieren. »Exzellenz«, sagte der Major ernst, »die Entscheidung des Generalstatthalters, der ich zu meinem Bedauern zu gehorchen habe, ist soeben eingetroffen.« »Wohin sollen wir also gebracht werden? – Ich hoffe, man wird uns mit den Galeeren verschonen.« Schweigend überreichte ihm Major Franchini das Telegramm. Es lautete kurz: »Die Gefangenen sind als Briganten zu behandeln und alle unverzüglich und von rückwärts zu erschießen – ›di fucilargli tutti immantenente!‹ Lamarmora.« General Borges starrte den zu Boden blickenden Major an. »Das wäre ebenso grausam wie ungerecht! – Wir haben Ihr Wort auf ehrliche Kriegsgefangenschaft!« Der Major zuckte die Achseln. »Ich habe hier nur zu gehorchen!« »Wie, Signore? Sie würden diesen Befehl wirklich vollziehen lassen?« Wieder ein Achselzucken. Hilfesuchend blickte Franchini auf den zweiten Offizier. Es war ein alter Kapitän der Bersaglieri, ein finstrer, roher Mensch, der vom Unteroffizier im Krimkrieg und im italienischen Feldzug auf gedient hatte. Von Cialdini beschützt, war er zu einem Rang befördert worden, zu dem sonst nur Männer von Erziehung erhoben zu werden pflegten. »Aber das wäre eine ehrlose Handlung – Bruch Ihres Soldatenworts – und gegen die ausdrückliche Bedingung unsrer Waffenstreckung! – Ich verlange ein Kriegsgericht!« »Der Generalbefehl lautet«, sagte der alte Kapitän grob, »alle Empörer als ehrlose Briganten zu behandeln.« »Unerhört!« »Wer hieß Sie in dieses Land kommen? Sie sind nicht Offiziere, sondern Einbrecher. Sie haben auf Kriegsrecht keinen Anspruch!« General Borges reckte sich hoch. »Und Sie? Sind Sie nicht selber in dies Land eines Königs, dem wir den Fahneneid leisteten, ohne ehrliche Kriegserklärung eingebrochen – mit Verrat und Gewalt?« »Machen Sie das mit General Lamarmora ab – in einer andern Welt! Wir kennen als Soldaten nur den Befehl unserer Vorgesetzten. Was sind da für Umstände zu machen – mit Briganten! – Das Urteil wird vollstreckt, wie sich's gebührt, ob an einem General oder an einem Bauern!« General Borges hielt noch immer die Depesche in der Hand. Jetzt knüllte er das Papier zusammen und schleuderte es dem Kapitän in das Gesicht. »Morden Sie uns, wenn Sie es wagen! – Ganz Europa, jeder ehrliche Soldat wird richten über Sie!« »Halten Sie sich in zwei Stunden bereit«, sagte der Kapitän kalt. »Soviel Zeit braucht man schon für das Auswerfen der Grube.« »Verächtlicher Schurke! Mit Ihnen habe ich nichts mehr zu schaffen!« General Borges wandte sich ab. »Der Befehl sagt: immantenente!« rief der Kapitän mit erhobener Stimme. »Sollen wir Ihnen einen oder zwei Priester schicken? – Es wäre das Leuten wie Ihnen gegenüber eigentlich allzuviel Rücksicht!« Der General sah ihn nur mit Verachtung an und wandte sich an Major Franchini. »Wir sind katholische Christen und wünschen als solche zu sterben!« Dann verließ er, ohne sich zu einer weiteren Auseinandersetzung zu erniedrigen, das Zimmer und wurde zu seinen Gefährten zurückgeführt. »Kameraden«, sagte er finster, »ich hoffe, es ist keiner unter uns, der nicht zu sterben weiß für den König, gleichviel, ob im Kampf oder ... auf dem Sandhaufen. Man weigert sich, das uns gegebene Wort zu halten! Das neue Italien will uns wie Räuber morden!« Ein Schrei der Entrüstung antwortete. »Ich habe nur eine Bitte«, setzte General Borges hinzu. »Vergebt mir, daß ich euch am Kampf hinderte – daß mein Herz noch nicht schwarz genug war, an eine solche Schurkerei zu denken!« Die Aufregung war furchtbar. Alle umringten den General, aber es war nicht einer unter ihnen, der ihm nicht die Hand drückte oder ihm einen Vorwurf machte. »Die Schmach falle auf sie – laßt uns als Männer sterben!« »Pah«, sagte kalt der alte Major Garcia. »Dieser Conde de Goya hatte recht! Die Kugel auf dem Sandhaufen, der ich vor fünfundzwanzig Jahren entging, findet mich dennoch! Hat einer von Ihnen Papyros? Denn diese Zigarren von Neapel sind so schlecht wie seine Ehre!« * Noch größer war die Aufregung unter der Bevölkerung des Ortes, als die Entscheidung bekannt wurde. Heulend und wehklagend umringten Frauen und Kinder das Gefängnis der Verurteilten. Die Männer knirschten mit den Zähnen und stießen Flüche und Drohungen aus. Es hätte sicherlich nur eines entschlossenen Führers bedurft, um eine Erhebung der ganzen Bevölkerung zur Befreiung der Gefangenen zu veranlassen. Major Franchini ließ sofort die ganze Besatzung mit scharfen Patronen unter Waffen treten und alle Ausgänge der Stadt besetzen. Gleichzeitig drahtete er nach Sora um Verstärkung. Vielleicht auch hätte ein Aufruf der Spanier den Funken ins Pulverfaß geworfen. Aber die spanischen Offiziere riefen die Bevölkerung nicht für sich auf. Sie wollten nicht schuldloses Bürgerblut vergießen. Sie beschlossen, als Märtyrer ihrer Sache zu sterben und die Schmach auf ihren Gegnern zurückzulassen und auf dem Mann, dessen eitler Ehrgeiz sich wenige Jahre später mit politischem Wortbruch gegen den nordischen Verbündeten des geeinigten Italiens selber brandmarkte: auf Lamarmora, der keinen Augenblick gezögert hatte, die Ehre seiner eigenen Offiziere mit Füßen zu treten. Alfonso Ferrero, Cavaliere de Lamarmora, geboren am 18. November 1804 in Turin, gestorben am 5. Januar 1878 in Florenz, entwarf später den verfehlten Feldzugsplan von 1866. Seine Eitelkeit war schon vorher durch den Versuch Preußens, Einfluß auf den italienischen Kriegsplan zu gewinnen, verletzt worden, und er hielt sich in der Folge gegen Preußen mißtrauisch zurück. Nach der Schlacht von Custoza verhielt er sich in unbegreiflicher Untätigkeit; infolge des Urteils der öffentlichen Meinung legte er im August 1866 sein Amt nieder. Später machte er unter Verletzung von Staatsgeheimnissen einen scharfen Vorstoß gegen Bismarck und nannte dessen Politik treulos und verräterisch, was Bismarck zu einer schroffen Verurteilung Lamarmoras Veranlassung gab. Selbst die italienische Regierung gab ihn preis und machte durch eine Änderung des Strafgesetzbuches eine ähnliche Verletzung von Staatsgeheimnissen unmöglich. Vergleiche auch den Band »Das Kreuz von Savoyen«. Die Geschichte des ersten Napoleon bietet in der Hinrichtung der Schillschen Offiziere kaum ein ähnliches Beispiel von Haß und Tyrannei, wie der Mord der spanischen Offiziere zu Tagliacozzo. Zwei Stunden, nachdem den Spaniern der Befehl des Generals Lamarmora verkündet worden war, wurde die große Grube fertig. Sie traten unter den Bajonetten der Bersaglieri, begleitet von drei Priestern, die ihre letzte Beichte empfangen und ihnen das Abendmahl gereicht hatten, den Weg zum Richtplatz an. Rechts und links lag die Bevölkerung auf den Knien und betete für ihre Seelen. Der piemontesische Platzkommandant, Major Franchini, fühlte sich von der niedrigen Mißachtung seines Ehrenwortes auf das tiefste gedemütigt und übertrug deshalb einem seiner Offiziere das Kommando über die zur Erschießung bestimmten dreiundsechzig Mann. In drei Abteilungen gingen die Spanier zum Richtplatz – ohne ein Wort, ohne einen Blick für die Offiziere, die sich zum Wortbruch zwingen ließen und nicht ihre Degen zerbrachen. »Wo sollen wir erschossen werden?« fragte General Borges. »Hier – an der Grube! – Wie Briganten, die einen ehrlosen Tod verdienen! So lautet der Befehl: von rückwärts zu erschießen!« Die Spanier umarmten einander. Die Henker traten heran und banden ihnen trotz ihrem Widerspruch die Hände auf dem Rücken zusammen. »Wir sind Soldaten, die ihrem Eid gehorchten! – Wir wollen auch wie Soldaten sterben!« » Avanti! – Wir haben nicht Zeit, uns lange zu unterhalten! – Die erste Abteilung vor!« General Borges, um seinen Kameraden ein Beispiel zu geben, trat zuerst an den bezeichneten Platz; in kurzer Entfernung neben seiner Abteilung stellten sich die beiden andern in einer langen Reihe auf – den Bersaglieri gegenüber, den Rücken ihnen zugekehrt. Die piemontesischen Soldaten standen in drei Gliedern – für jeden Mann drei Kugeln. Manchem rannen im Unwillen ehrlicher Scham und im Mitleid für die betrogenen Männer Tränen über die Wangen. Als die Verurteilten die Stätte ihres Todes betraten, begannen die Kirchenglocken von Tagliacozzo ihr schauerliches Grabgeläut. Mit einer zornigen Verwünschung wandte sich der Kapitän der Bersaglieri gegen die Priester. Sie waren eben auf seinen Wink zurückgetreten, nachdem sie den Todgeweihten noch einmal das Kreuz zum Kuß gereicht hatten. Diese Totenfeier war nicht befohlen... »Wer hat das gewagt? Sogleich zum Turm...« Der älteste der Priester, ein silberhaariger Greis, hielt dem rohen Landsknecht das Kreuz entgegen. »Bist du ein Christ, wie wir? Denkst du nicht an deine eigene letzte Stunde?« Major Franchini, der sich nur im Hintergrund hielt, winkte ihn zurück. Der Kapitän trat zur Seite. Später ergab sich, daß zwei Frauen aus der Stadt den Küster zu diesem Grabgeläut gedungen hatten. Schwer und mächtig sandte es seine fernen Klänge durch die Lüfte. »Fertig zum Feuern! – Schlagt an!« General Borges blickte dankend zur Stadt hinüber und schlug seine Augen zum Himmel auf. » Viva el Re Francisco! » »Feuer!« Vierzig Schüsse knallten. Die Getreuen stürzten neben- und übereinander und wälzten sich im Blut und im Todeskampf. Nur der alte Major Garcia stand noch aufrecht. » Viva el Re Fran... « Zwei Kugeln knallten hinterdrein. Dann fiel auch er. Als der Pulverdampf sich verzog, sahen die entsetzten Zuschauer noch Leben in mehreren der Angeschossenen. Zwölf der Gefallenen waren auf der Stelle tot; den andern, darunter dem General Borges, mußten die herbeispringenden Sergeanten den Gnadenschuß geben. Sie setzten ihnen die Mündung der Gewehre hinter die Ohren und drückten ab. Dann als die Kompanieärzte den Tod aller einundzwanzig festgestellt hatten, warf man die Leichen zusammen in die gemeinsame Grube und verscharrte sie. Bis zum letzten Augenblick hatten ihnen die Glocken das Grablied gesungen. Die Zuschauer waren mit Entsetzensschreien geflohen... So starben General Borges und seine Offiziere. Ob ihre Schatten wohl das Sterbelager des Bourbonen Franz bedrängten, der sie in den Tod locken ließ für sich und selber mit seiner Schranzenschar im sichern Rom saß? Später schien man sich auch auf der Seite der Piemontesen des von Lamarmora verübten Wortbruchs zu schämen. Die amtlichen Blätter widmeten den ›unglücklichen Verblendeten‹ einige bedauernde Worte, und Lamarmora gestattete, daß die Leiche des Generals ausgegraben und nach Rom gebracht wurde. Dort segnete man sie in der Kirche Gésu ein. Der italienische Bismarck Camillo Cavour war im Jahr 1810 in Turin geboren als Sohn eines reichen Getreidehändlers aus der Grafschaft Nizza, der von König Carlo Alberto geadelt wurde. Er wandte sich, nachdem er 1831 seinen Abschied als Offizier genommen hatte, dem Studium der Nationalökonomie zu, beteiligte sich an der Redaktion konstitutioneller Blätter und nahm 1847 an einer Denkschrift an den König um Erteilung einer Verfassung für das Land teil. Zum Mitglied der Kammer gewählt, wurde er von dem neuen Ministerpräsidenten Vittorio Emanueles, dem Marquis d'Azeglio, 1850 in das Ministerium berufen und erhielt das Ministerium des Handels, im Jahre darauf auch das der Finanzen. Schon damals, als Azeglio dem König die Berufung Cavours vorschlug, hatte Vittorio Emanuele Scharfblick genug, ihm zu sagen: ›Aber sehen Sie nicht, daß dieser Mann Sie alle ausstechen wird?‹ Der neue Minister hatte die schwere Aufgabe, die durch den unglücklichen Krieg von 1849 zerrütteten Finanzen zu ordnen und die Mittel zur Erneuerung eines Staates heranzuschaffen, der seit einem Menschenalter alle politischen und wissenschaftlichen Fortschritte vernachlässigt hatte. Und der neue Finanzminister löste diese Aufgabe. 1852 legte er zwar seine Ministerposten nieder, aber schon im Oktober des gleichen Jahres, als d'Azeglio wegen des Zerwürfnisses mit der Kurie, die den neuen Kirchengesetzen den leidenschaftlichsten Widerstand entgegensetzte, zurücktrat, stellte ihn der König auf den Rat seines Vorgängers an die Spitze des neuen Kabinetts, zugleich als Finanzminister, dem später das Ministerium des Auswärtigen folgte. Von einer festen Mehrheit der Kammer umgeben, verfolgte er seitdem eine freiheitliche und völkische Politik, auf die Grundsätze der Verfassung von 1848 gestützt. Sie brachte ihn bald in heftige Kämpfe mit der Geistlichkeit Sardiniens, gegen deren Widerstand er den Verkauf der Besitzungen der Toten Hand durchsetzte und den religiösen Orden das Monopol des Unterrichts entzog. Schon damals drohte der Papst, über ihn und den König den Kirchenbann zu verhängen, und zwang ihn, die Einführung der Zivilehe und die vollständige Befreiung der Laien von der Herrschaft der Kirche wenigstens zu vertagen. Der freisinnigen Politik im Innern schloß sich in seinen Bestrebungen die völkische an, auf eine Einigung Italiens unter dem Haus Savoyen gerichtet, die er nie aus den Augen verlor und für die er selbst den Gegnern seiner Ziele Opfer brachte: so durch die Verbindung mit den offnen Republikanern unter Mazzini und Garibaldi und dem Kaiser Napoleon durch die Abtretung von Nizza und Savoyen und die Maßregeln gegen die politischen Flüchtlinge nach dem Orsinischen Anschlag. Diesen auf die Zukunft gerichteten Plänen war auch der Anschluß an England und Frankreich beim Krimkrieg zuzuschreiben und die nach dessen Beendigung bald eintretende Wiederannäherung an Rußland durch die Öffnung des Hafens von Villafranca. Die Leitung seines Hauses lag, da er nicht verheiratet war, den Töchtern seines Bruders ob. Dessen Sohn sollte sein Erbe sein, der einzige männliche Sproß der Familie. Cavour hing sehr an seiner Nichte, der Contessa Marietta. Er suchte ihren Verlobten, den Grafen Castelgufo, zu seinem Schüler in der Politik auszubilden und hatte ihn für die diplomatische Laufbahn bestimmt. Im nächsten Spätherbst sollte die Hochzeit sein. Cavour beabsichtigte dann, den jungen Diplomaten einer der größeren Gesandtschaften beizugeben. * Selbst in seinem Tuskulum, einer prächtigen Villa am rechten Ufer des Po und am Abhang der Hügelkette, die dem Strom von Moncalieri bis Casale folgt, war der Erste Minister nicht vor zahlreichen Besuchen sicher. Er hatte seinem Landsitz vielleicht deshalb den Namen Vareina – Ausgang, Durchgang – gegeben. Denn außer Freunden der Familie besuchten ihn hier auch viele Fremde, die er zwangloser empfangen wollte, als das im Ministerpalais von Turin möglich war. Auch an einem Tag am Ende des März schien sich schon Besuch eingefunden zu haben. Denn auf dem Vorplatz der Villa hielt ein vornehmer Wagen mit einem Jäger auf dem Bock, und ein Stallknecht führte ein von scharfem Ritt noch dampfendes Pferd auf und ab. Der Kutscher des Hauses stand neben dem Bock des Wagens und plauderte mit dem Jäger. * »Also das ist der Generale Prussiano, der gekommen ist, um unserm Re Glück zu wünschen zum neuen Königtum von Italien? Schau, Gasparo, es ist doch hübsch, daß die Barbari hierhergekommen, ihre Achtung zu bezeigen für das italienische Volk! Ja, ja, unser Conte, der versteht's, sich in Achtung zu setzen.« Der Kutscher auf dem Bock kratzte sich hinter den Ohren. »Schau, Filippo, ich weiß nicht recht, ob der General hierhergekommen ist wegen des neuen Königtums draußen in Prussia oder wegen der Turiner Geschichten. Ich versteh' ihre verdammte Sprache noch nicht so recht oder hab's vergessen. So viel weiß ich nur, daß mein Gesandter mit dem fremden Offizier herausgefahren ist, weil der deinem Grafen, dem Conte Cavour, einen Abschiedsbesuch machen wollte; denn er fährt morgen wieder fort nach Berlin!« »Berlin?« meinte der andere. »Das liegt wohl da über den Bergen, hinter Paris, oder über der See, wo die Kosaken, die Russen und die andern wilden Völkerschaften wohnen?« » Babbaccione! – Du weißt doch, daß ich bei einem zahmen Gesandten in Dienst bin – und nicht bei einem wilden! Wenn's ein wilder wäre, wär' er gewiß auch auf und davon, wie der Graf Stackelberg, den der russische Zar fortgerufen hat, weil der König Vittorio Emanuele und dein Herr den armen Bombino König Franz. Siehe auch »Die Donner von Gaëta«. und den Heiligen Vater so schlecht behandelt haben. Nein, mein Sohn, Berlin ist das Turin von einem Land jenseits der Alpen – wo sie die Österreicher so wenig leiden mögen wie wir. Und es soll, wie unsere Leute auf der Gesandtschaft erzählen, noch dreimal so groß sein wie unser Turin, wenn sie auch keinen Po haben, sondern nur ein Flüßchen, das man Spree nennt. Und obwohl die Leute, die dort wohnen, Ketzer sind, soll es doch auch katholische Christen und Kirchen dort geben, so gut wie bei uns.« »Schau, compare mio , was du nicht alles weißt! – Aber ich muß dir sagen, ich habe mir ein ganz anderes Bild von diesen Prussiani gemacht, als dein Herr ist – und dieser Generale. Ich habe immer geglaubt, die Leute jenseits der Alpen wären halbe Riesen und könnten mit einem Faustschlag einen Ochsen totschlagen.« Der Kutscher des Gesandten lachte. »Ja, Filippo, es muß doch wohl nicht so sein, denn unsre alte Eccellenza ist kein Riese und schlägt keine Katze tot, obgleich er Gespenster zitieren kann und mit den Seelen aus dem Fegfeuer verkehren soll! Na, und es ist wahr – dieser General sieht auch nicht aus wie ein gewaltiger Kriegsheld. Aber he – wer ist denn das dort? Den habe ich bei euch ja noch gar nicht gesehen?« »Oh, er ist schon einen Monat im Dienst – es ist der neue Jäger. Ich glaube, die jetzige Wirtschafterin, die Signora Martina, beschützt ihn. Es ist ein netter Bursche, nur zu wenig gesellig. Seit des Herrn alter Kammerdiener, der Paolo, tot ist, der ihn von Kindesbeinen sozusagen bedient hat, haben sie schon zweimal gewechselt. Und keiner kann's dem Herrn recht machen. Der da läßt sich aber gut an, wie ich die Contessa Marietta selber neulich zu ihrem Bräutigam sagen hörte – da ist er eben wieder angekommen.« Das Gespräch hatte einem schlanken, großen Mann mit starkem Bart in Jägertracht gegolten, der eben aus einem Seitenbau kam. Dort befand sich die Küche der Villa. Der Diener trug auf einem silbernen Teller eine Tasse Schokolade nach dem Hauptgebäude. »Na«, sagte der Gesandtschaftskutscher, »ist das euer ganzes Frühstück? – Da verstehn wir's besser.« »Es ist das Frühstück des Herrn«, erklärte sein Gefährte. »Er nimmt stets um ein Uhr seine Tasse Schokolade, das einzige, was er vor Tisch genießt. Er ist überhaupt sehr mäßig, obgleich er's doch haben könnte; aber er soll ein bißchen wassersüchtig sein, sagen die Doktoren. Sonst ist er kerngesund. Was uns anbetrifft, wir haben's freilich weit besser, wenn wir drinnen im Palazzo Cavour sind, an der Ecke der Via Cavour und der Via Lagrange. Es ist seines Vaters Haus, und er ist auch darin geboren. Der Palazzo Cavour, in dem auch der Minister starb, ist nach dem Tod seines Neffen und Erben in andre Hände übergegangen. Die Economa drüben ist auch ein ganz anderes Weib, sie gönnt anderen Leuten was. Die hier auf der Villa – da schielt sie eben aus der Küchentür – ist ein geiziger Satan. Ich hoffe, man jagt sie bald wieder fort, denn die ganze Dienerschaft beklagt sich über sie.« Aus dem Hauptgebäude der Villa kam der Jäger des Ministerpräsidenten zurück. Sein Gang war etwas schwankend, ungleich, sein Gesicht gerötet; er ging zur Küche, in deren Tür die Haushälterin stand, eine blonde, schmächtige, blasse Frau von etwa achtundzwanzig Jahren mit wunderschönen, schwarzen Augen. Der Jäger ging auf sie zu. »Haben Sie dem Herrn die Schokolade gebracht, Antonio?« »Ich habe sie in den Salon gesetzt; der Herr ist noch bei den Fremden.« Er fuhr mit der Hand über die brennende Stirn und die Augen. »Eh' ich's vergesse, Signora Martina – die Contessa fragte, ob noch mehr Schokolade da sei.« »O gewiß, Sie haben doch gesagt, daß sie sofort welche bekommen könne?« Der Jäger schauderte leicht zusammen. »Gewiß, aber –« Er warf einen ängstlichen fragenden Blick auf sie. »Oh – ich werde frische machen. Sollen Sie eine Tasse holen? Vielleicht für den Bräutigam? Ein hübscher Mann, dieser junge Conte. Sie werden sehr glücklich sein, wenn sie – zum Herbst heiraten.« Wieder wechselte der Jäger die Farbe. »Die Contessa hat noch nichts befohlen!« »Gehen Sie auf Ihre Kammer, Antonio«, sagte leise die Haushälterin, »oder in den Garten. Sie sehen so blaß aus!« Der Jäger murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen. Dann stieg er zu seiner Kammer hinauf, die im Nebengebäude lag. Die Wirtschafterin sah ihm mit spöttischem Lächeln nach. ›Pah!‹ dachte sie,›es ist nur das erstemal! – Ich muß neue bereiten, wenn man sie verlangt. Ja, die neapolitanischen Schokoladen sind immer berühmt gewesen.‹ Und mit langem Blick nach den Fenstern, hinter denen sie den Grafen Cavour wußte, verschwand sie in der Küche. Im Salon der Villa befand sich die Contessa Marietta mit ihrer Mutter und ihrem Bräutigam, dem sie mit dem Batisttuch den Schweiß von der Stirn trocknete. »Armer Freund, du bist ja ganz erschöpft von dem langen und raschen Ritt. Bis La Venaria und zurück, das sind ja zwölf Miglien. Am Ende hast du kaum gefrühstückt?« »Nicht einen Trunk Wasser! Ich wollte unterwegs in einer Trattoria eine Foglietta Asti nehmen, aber er sah mir etwas gar zu trübe aus und schmeckte so jung, daß ich ihn stehenließ. Ich wollte dich nicht warten lassen, und so gab ich nur die Depeschen auf dem Ministerium ab und ritt gleich hierher weiter.« »Dafür, caro Wendelino, sollst du auch einen Kuß haben und – auch etwas Nahrhafteres. Da, mein Herz, nimm einstweilen die Schokolade des Onkels«, – sie holte den Silberteller von einem Seitentisch, wohin ihn der Jäger gestellt hatte, und reichte ihm die Tasse. »Der preußische Gesandte und der General sind bei dem Onkel. Und Graf Brassier hat immer allerlei Schnurren und Anekdötchen, mit denen er nicht fertig wird. Auch wartet, glaub' ich, noch ein anderer fremder Herr auf Gehör – es ist also besser, du trinkst sein Frühstück, als daß es kalt wird. Antonio mag anderes bringen, wenn der Onkel schellt.« Der junge Diplomat nahm die Tasse und löffelte sie mit Behagen leer. Der kleine Gesellschaftsraum lag zur Linken der klassisch-schönen Halle. Er öffnete sich auf eine Gartenterrasse. Ein königliches Lustschloß. Rechts befand sich das geräumige Empfangs- und Arbeitszimmer des Ministers, an das nach hinten sein Schlafzimmer stieß. Indes die bräutliche Fürsorge so das Frühstück des Hausherrn verschenkte, befand sich Graf Cavour in seinem Empfangszimmer mit dem preußischen Gesandten, dem Grafen Brassier de St. Simon und dem mit der Notifizierung des Thronwechsels beauftragten preußischen Botschafter General Bonin. Graf Cavour war ein Mann von Mittelgröße, ziemlich untersetzt und sehr beleibt, das Gesicht rund und freundlich, von braunem Rundbart umgeben, die kleinen, klugen Augen hinter einer goldgefaßten Brille verborgen. Er sprach mit scharfer, nicht angenehmer Stimme und besaß durchaus keine schwungvolle Redegabe, aber große Schlagfertigkeit und Witz, und vor allem kluge Darstellungskunst. Und gerade das verschaffte ihm in der Kammer ein großes Übergewicht über die leidenschaftlichen Redner beider Parteien. Er saß mit seinen Gästen um einen kleinen Rauchtisch vor dem Eckdiwan des Zimmers und in lebhafter politischer Unterhaltung. Der Gesandte Graf Brassier de St. Simon-Vallade war dreiundsechzig Jahr alt und hatte eine längere diplomatische Laufbahn hinter sich. Namentlich seine Tätigkeit in Konstantinopel und seine Aufmerksamkeit und Teilnahme für okkulte Gebiete, für den Mesmerismus und die Lehren des Somnambulismus hatten ihn bekannt gemacht. Man erzählte sich allerdings, daß er, obwohl mit einer Tochter des russischen Geheimen Rats- und Oberkammerherrn Grafen Ribeaupierre aus dem Geschlecht der Potemkin verheiratet, doch stets ein weibliches Medium oder zuzeiten auch mehrere zur Hand hatte, und daß er sie häufig zu sehr ungeistigen Versuchen benutzte. Doch Eingeweihte nannten das eine Verleumdung seiner Gegner. Graf Brassier war klein, mit starkem Kopf, etwas eitel und dabei als sehr geizig verschrien. Ruhig folgte der lebhaften Unterhaltung der dritte, der preußische General von Bonin, Generaladjutant des Königs. Der General war mittelgroß, fast zierlich, mit feinem, klugem Gesicht. Da der Besuch kein amtlicher war, wandte sich das Gespräch zwanglos auf die Ereignisse in Mittel- und Unteritalien. »Sagen Euer Exzellenz«, erkundigte sich der Gesandte Graf Brassier, »wenn die Frage nicht aufdringlich erscheint, was in aller Welt ist denn eigentlich an der Geschichte mit General Pinelli?« Cavour lächelte. »Ich fürchte, sie ist wahr! Da fast alle Welt davon spricht, braucht man kein Geheimnis daraus zu machen. Nur möchte ich niemandem raten, sie in Gegenwart des armen Pinelli zu erzählen, er speit Feuer und Flamme. – Es blieb freilich nichts übrig, als ihn abzuberufen, denn er hat es in der Tat etwas arg getrieben.« »Pinelli?« fragte der preußische General. »Ist das der, von dem der ›Constitutionel‹ den famosen Tagesbefehl mitgeteilt – und die französischen Offiziere erklärt haben, daß, wenn er sich an einem Ort blicken lassen werde, den französische Truppen innehaben, sie – ich weiß nicht gleich was – mit ihm vornehmen würden?« Der Minister war etwas rot geworden. »Sprechen Sie es immer aus, Exzellenz. Man hat gedroht, ihn mit dem Steigbügelriemen zu verprügeln. Aber Sie wissen, von der Drohung bis zur Ausführung ist immer noch ein weiter Weg, das hat der Streit zwischen Pélissier und Cialdini bewiesen. Es ist wahr, er hat grausam gehandelt, aber mit diesem Räuberunwesen ist nun einmal nur durch eiserne Strenge fertig zu werden.« »Ja, Exzellenz«, sagte boshaft, sich die Hände reibend, der Gesandte Brassier, »bei solchen Sachen hilft nur Pulver und Blei.« »Exzellenz sind strenge Maßregeln wahrscheinlich noch von dem Umgang mit den Türken gewohnt«, spöttelte der General. Der Gesandte, der gar zu gern andere schraubte, meinte mit unschuldigem Lächeln, er freue sich, eine gewisse Wahlverwandtschaft mit dem Herrn General zu besitzen. »Bei alledem«, sagte, sich erhebend, der General, »kann ich Euer Exzellenz nur versichern, daß auch König Wilhelm der Regierung Ihres Monarchen nur seine Achtung zollen wird für diese Zubilligung an die öffentliche Meinung Europas und die soldatische Ehre, und ich hoffe, daß sie dazu beitragen wird, auch unsere diplomatischen Anschauungen auszugleichen. Der Herr Gesandte hier wird uns sicherlich mit seinem Blick in die Zukunft die Hand bieten.« Cavour war mit seiner lächelnden Miene dem kleinen Wortgefecht der politischen Gegner gefolgt. Er reichte dem General die Hand. »Euer Exzellenz erfreuen mich durch diese Aussicht aufs höchste. Ich bitte, Ihrem gnädigsten Herrn und König meine Ehrfurcht zu Füßen legen zu wollen und auch Herrn von Schleinitz, wenn Sie Gelegenheit dazu finden, mich zu empfehlen, wenn er auch nicht die Sympathie für unsere italienische Politik zu empfinden scheint, wie Herr von Vincke; bitte, sagen Sie ihm« – und die starke, beleibte Gestalt des italienischen Staatsmannes schien förmlich zu wachsen –, »was sich nicht in diplomatische Noten fassen läßt: ich hoffe, es werde, und zwar recht bald, auch für Deutschland die Zeit kommen, wo es wie Italien nicht bloß das Bedürfnis einer großen Einigung fühlen, sondern sie auch erreichen werde. Dann möge es Preußen vorbehalten sein, diese Einigung herbeizuführen und an ihrer Spitze zu stehen. Wir hier in Italien konnten nicht erwarten, daß das ohne den Kitt des Blutes geschehen werde, und ich glaube, Ihre jetzigen oder künftigen Staatsmänner werden es auch nicht erwarten. Wenn Gott dann nicht anders über mich verfügt haben und ich noch auf diesem Posten stehen sollte, wird Preußen und das geeinigte Deutschland keinen festeren Bundesgenossen haben als Italien; denn, Exzellenz, unsere Wege sind die gleichen, und die drei Gegner, die wir zu bekämpfen haben, werden auch die Ihren sein. – Bis dahin, Exzellenz, freut es mich, Sie bitten zu dürfen, einstweilen in Berlin zu versichern, daß es der ernste Wille Seiner Majestät des Königs Vittorio Emanuele ist, allen Verwicklungen mit Deutschland mit aller Kraft entgegenzutreten.« Der preußische General schüttelte dem italienischen Staatsmann herzlich die Hand, und die beiden Herren verließen, von ihm bis zur Schwelle begleitet, die Villa. * Als die beiden Gesandten zur Stadt zurückkehrten, wandte sich der General an den Grafen Brassier. »Was ist das für eine Geschichte von General Pinelli?« »Man erzählt sie verschieden – auch der Name eines ehemaligen preußischen Offiziers wird dabei genannt, eines Herrn von Arnim, der bei den piemontesischen Truppen stand«, erwiderte Brassier. »General Pinelli soll in höchst grausamer Weise ein junges Mädchen, eine Irländerin, Verwandte des spanischen Marschalls O'Donnell, behandelt haben. Siehe »Capitana Maria«. Sie befand sich bei einer Truppe, die nach dem Treffen von Castelfidardo den Gebirgskrieg gegen die Sardinier fortsetzte. Bei dem Bemühen, gefangne piemontesische Soldaten vor einem schrecklichen Tod zu retten, fiel sie in seine Hände, und er war Narr genug, sie zu beschimpfen, und wollte sie peitschen lassen. Selbst die piemontesischen Offiziere beschwerten sich darüber beim Kriegsminister. Leutnant von Arnim, der zu den von ihr geretteten Offizieren gehörte, hat, als er die von General Pinelli befohlenen Rutenhiebe nicht hindern konnte, das Mädchen erschossen, um es vor der Schmach zu schützen. Wie gesagt, die Geschichte hat Aufsehen gemacht. Sie gab unter einigen Tollköpfen in Rom zu der Wette Veranlassung, General Pinelli mit ähnlich grausamer Züchtigung zu bestrafen, zu der er die junge Irländerin Mary O'Donnell – Capitana Maria nannten sie sie – verurteilt hatte. Kurz, die tollen Burschen haben ihre Maßregeln so gut getroffen und scheinen durch Späher so vortrefflich bedient gewesen zu sein, daß sie den zurückberufenen General auf einer Fahrt von Rom zur Grenze abfingen, ihn aus seinem Wagen lockten und ihm eine demütigende Strafe verabfolgten.« Siehe auch den Band »Don Juan de Lerida«. »Hat man die Täter nicht entdeckt?« fragte der General. »Sie sollen sämtlich geschwärzte Gesichter gehabt haben; auch hat die französische Polizei in Rom jetzt andre Dinge zu tun und ist nicht gut auf die Piemontesen zu sprechen. Ihre Freunde in Rom geben ihr allnächtlich viel Arbeit. So wird General Pinellis Strafe wohl ungesühnt bleiben.« Sie schwiegen eine Weile. »Wo ist der General jetzt?« »Welchen meinen Exzellenz? – Wir haben so viel Generale hier im Land herumlaufen, daß man den Po mit ihnen zustopfen könnte.« »Ich meine General Garibaldi!« »Der befindet sich auf Caprera, grollt dem König und Cavour, daß sie ihn als Generalgouverneur von seinen Freischaren fortgeschickt haben, und bereitet ein neues Unternehmen zur Eroberung Venetiens und des südlichen Tirol vor.« »Aber Sie hörten, Graf Brassier, welche Versicherung uns Cavour unaufgefordert gab.« »Ah, ah, liebster General«, lachte der Gesandte, der seine Niederlage von vorhin auswetzen wollte, »die ›Unitia Italia‹ von heut morgen behauptet ganz bestimmt, daß zwischen Frankreich und Piemont ein geheimes Bündnis bestehe, das dem einen die Rheingrenze und dem andern Rom, Venetien und Bozen sichern soll; Graf Cavour ist ein Mann, der ohne sonderliche Gewissensbisse die guten Gelegenheiten wahrzunehmen pflegt und selbst seinem hohen Beschützer in Paris die jetzigen muratistischen Kundgebungen in Neapel mit allerlei Putschen in Rom zu vergelten versteht. Wenn es Kossuth gelingen sollte, in Ungarn eine neue Erhebung zustande zu bringen, wird er Garibaldi wahrhaftig nicht große Hindernisse in den Weg legen, noch einmal den Weg über Spondalunga nach Tirol zu versuchen. Lassen Sie sich sagen, Exzellenz, daß man, um der Politik dieser Italiener zu folgen, ein sehr scharfes Auge und eine vortreffliche Nase haben muß. Die neue Königskrone von Italien steht auf einem sehr vulkanischen Boden; denn auf den Ruf ihres alten Meisters Garibaldi sammelt sich alles in Genua; von Marseille erwartet man bedeutende Waffensendungen, und die ungarischen und polnischen Verbannten sind in lebhafter Bewegung.« Die Antwort des Generals blieb unverständlich. Der Wagen rollte eben über die Ponte del Po und die prächtige Piazza Vittorio Emanuele. * Cavour kehrte von der Begleitung zurück und wollte sich eben nach dem Familienzimmer wenden, um das gewohnte Frühstück einzunehmen, als ihm einfiel, daß noch jemand auf Empfang harre. Er kehrte in sein Arbeitszimmer zurück und öffnete selber die Tür seines Schlafgemachs, in das er den Dritten bei der Ankunft der beiden Preußen hatte eintreten lassen. »Nun, mein Herr, wenn es Ihnen gefällig ist! – Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht eher befreite, aber die diplomatischen Pflichten gehen oft über die Gebote der Höflichkeit. Bitte, nehmen Sie Platz.« Der Eingetretene war ein Mann in den fünfziger Jahren, hoch und schlank, Magyar von Gesicht und Haltung. Auch die ungarische Tracht kennzeichnete ihn als einen Sohn seiner Heimat. Der Minister hatte eine Besuchskarte von seinem Schreibtisch genommen und las den Namen. »Herr Maytényi?« »Zu dienen, Exzellenz. Ein Verwandter und Freund des Herrn Kossuth.« »Ich habe Ihren Namen heut morgen in einem Telegramm gefunden. Sie haben gestern in einer Versammlung des Revolutionskomitees in Mailand Mitteilungen des Generals Klapka aus London gebracht?« »Euer Exzellenz sind gut unterrichtet. Das wird mir meinen Auftrag erleichtern. General Klapka hat mir befohlen, Eurer Exzellenz diesen Brief zu eignen Händen zu übergeben und Ihre Befehle in Empfang zu nehmen.« Cavour nahm den Brief und behielt ihn in der Hand, ohne ihn zu öffnen. »General Klapka befindet sich gegenwärtig in London?« »Jawohl, Exzellenz! General Klapka schreibt mir nur, daß er in London Kossuth und den Chef des englischen Komitees für die Befreiung Ungarns gesprochen hat, und daß unsre Sache gut steht. Im übrigen verweist er mich an Euer Exzellenz.« »Hm! Das Telegramm – ausführlichere Nachricht habe ich noch nicht erhalten – spricht auch von einem Brief des Generals Türr.« »Ganz richtig! General Türr hat an den Syndikus Beretta geschrieben. Er hat vortreffliche Aufnahme in Paris gefunden, zweimal den Prinzen Napoleon gesprochen –« »Seine Kaiserliche Hoheit steht infolge seiner Brandrede im Senat gegenwärtig etwas in Mißkredit!« »Euer Exzellenz wissen, das kann nur scheinbar der Fall sein. Der Prinz ist mit unserm Vorgehen vollkommen einverstanden. General Türr hat die besten Zusicherungen erhalten, es sind ihm bedeutende Mittel in Aussicht gestellt, und er wird dem Komitee binnen kurzem sechzigtausend Franken und dreitausend Jägerstutzen senden. General Garibaldi hat seine Stabsoffiziere nach Brescia geladen, und Kossuth verspricht, dazu einzutreffen.« »Sie haben sich in Turin wohl nicht aufgehalten, Herr Maytényi?« »Nein, Exzellenz! Ich bin diesen Morgen von Mailand abgereist und habe mich von Turin gleich auf den Weg gemacht, da ich begierig bin« – er wies auf den Brief – »die Befehle Euer Exzellenz entgegenzunehmen.« »Ah so – ich vergaß! Sie erlauben wohl!« Der Minister öffnete mit einer ziemlich kühlen Neigung des Kopfes den Brief. Ein Blatt fiel heraus, das er ansah und mit einem seinen Lächeln auf seinen Schreibtisch legte. Dann las er den Brief. »Es ist, wie ich mir dachte. – Hat Ihnen General Klapka auch eine Abschrift des großen Feldzugsplanes gesandt?« »Mir? – Nein. – Was ich von General Mieroslawski weiß – ich hoffe von Euer Exzellenz das weitere ...« Der Minister hatte das vorhin überflogene Blatt aufgenommen. »Nun, so hören Sie wenigstens die allgemeinen Züge. Es sollen sich zwanzig- bis dreißigtausend Freischärler Ende März, in fünf oder sechs Abteilungen, an den Abhängen der Schweizer und Tiroler Alpen sammeln. Das Hauptquartier wird in Bergamo sein, die Vorhut in Brescia und Desenzano. Führer der verschiedenen Abteilungen: Rino, Bixio, Cosenz, Medici, Türr und Mieroslawski. Nach zwei oder drei gegen die Mincio- und Pogrenze ausgeführten Scheinangriffen werfen die Haupttruppen dieser Abteilungen sich in die Engpässe Südtirols und suchen durch rasche Besetzung der wichtigsten Stellungen dieses für den Kleinkrieg höchst geeignete Gebirgsland unter ihre Herrschaft zu bringen. Während ein Teil der revolutionären Truppen in Tirol Stellung gewinnt, um den Anschluß des Landes bis nach Bozen und dem Passeier für Italien vorzubereiten, dringen die beweglichsten Scharen rasch auf den Straßen von Vicenza, Bassano, Belluno vor, um die Verbindung der österreichischen Abteilungen zu beunruhigen. Andre werfen sich auf Brixen und Bruneck, um in die Kärntner Alpen einzudringen und von dort den südslawischen, ungarischen und deutschen Bundesgenossen die Hand zu reichen. Die Hauptführer werden über Udine nach Triest vordringen, durch einen Handstreich sich des Hafens bemächtigen, um von dort aus Illyrien zu beunruhigen, jedenfalls aber die österreichische Besatzung in Venedig vom Mutterland abzuschneiden und zum Rückzug hinter den Tagliamento oder doch zu schwächender Zersplitterung an der Mincio- und Polinie zu zwingen. Dann wird der Aufstand in Venedig ausbrechen und das an diesen Linien gesammelte sardinische Heer in das Festungsviereck einbrechen. Von Illyrien her wird der Aufstand im südlichen Ungarn unterstützt werden, und zugleich die Erhebung in Krakau und Galizien die österreichischen Truppen im Norden beschäftigen.« Cavour blickte, noch immer lächelnd, auf. »Ich muß Ihnen sagen, Herr Maytényi, für altgeübte Verschwörer finde ich den Plan ziemlich ungeschickt.« Der Ungar sah den Minister erstaunt an. »Aber ich sollte meinen...« »Ich fürchte«, fuhr Cavour fort, »General Benedeck wird herzlich lachen über diesen Feldzugsplan, wenn er morgen die Einzelheiten in den Zeitungen liest!« »General Benedeck – in den Zeitungen...« stammelte der Ungar. »Aber mein Himmel, wissen Sie denn nicht, was geschehn ist? – Wo in aller Welt kommen Sie denn her?« »Ich – ich begreife Euer Exzellenz nicht...« » Cospeto – das wäre stark! Sollte das Revolutionskomitee in Mailand, das der Regierung so manche Hindernisse und Verwicklungen bereitet, in der Tat noch nicht wissen, was sich gestern auf der Südbahn von Genua nach Verona ereignet hat?« »Ich bitte Euer Exzellenz, mir endlich sagen zu wollen, um was es sich handelt.« »Um nichts mehr und weniger, als daß sich der ganze Plan mit allen Einzelheiten in den Händen des Staatsanwalts und der Gerichte befindet, und daß gewisse Paragraphen unsrer Kriminalgesetze von Verschwörungen gegen auswärtige befreundete Herrscher handeln.« Der Ungar war aufgestanden. »Euer Exzellenz scheint es Vergnügen zu machen, mit mir ein Spiel zu treiben«, sagte er erregt. »Bewahre, mein Herr – nur werden Sie einsehen, daß es mir nicht einfallen kann, mich mit diesem Brief des Generals Klapka, den ich persönlich hochschätze, weiter zu beschäftigen, da der vertrauliche Inhalt bereits eine Sache des Gerichts geworden ist.« »Ich begreife das – obgleich ich den Vorgang nicht kenne.« »Ich kann ihn aus bester Quelle erzählen. General Mieroslawski hat seine Vertrauten schlecht gewählt. Ein gewisser Wiesner...« »Sein früherer Adjutant in dem badischen Feldzug...« »Mag sein! Er hatte als politischer Flüchtling Aufnahme in Genua gefunden und ist der Herausgeber der Italienischen Korrespondenz. Die nationale Partei, der er von Mieroslawski dringend empfohlen war, scheint ihm jedoch nicht recht getraut zu haben, da er etwas verdächtigen Umgang mit Reaktionären, namentlich mit früheren bayrischen Offizieren hielt. Kurz und gut, man hatte Wind bekommen, daß dieser Wiesner mit doppelten Karten spielte. Gestern morgen sandte man einen seiner Freunde nach Verona, um General Benedeck den Angriffsplan Garibaldis für vierzigtausend Gulden anzubieten. Das nationale Komitee hat zwei entschlossene Männer mit dem Unterhändler abreisen lassen, und diese haben unterwegs im geschlossenen Kupee dem Bayern erklärt, daß sie ihm ohne weiteres eine Kugel durch den Kopf jagen und ihn dann als Selbstmörder ausgeben würden, wenn er sich nicht dazu verstände, die ihm von Wiesner anvertrauten Papiere auszuliefern. Der Bayer hat nach einigem Sträuben den Brief an Benedeck nebst dem ganzen Plan hergegeben, unglücklicherweise aber auf der nächsten Station Lärm geschlagen und seine beiden Begleiter verhaften lassen. So fiel alles in die Hände der Polizei und der Gerichte.« »Aber dann hätte man es leicht unterdrücken können!« rief der Ungar. »Würde verzweifelt wenig genützt haben, Herr Maytényi. Es wußten zu viel Personen darum, und Wiesner, den ich in Genua sofort habe einstecken lassen, machte gar kein Hehl aus seiner Absicht, sondern schreibt sich ein Verdienst um die Ruhe und Sicherheit des Staates zu. So werden Sie begreifen, daß es am besten ist, wenn ich den Brief des Generals Klapka nicht beachte, insbesondere, da ja auch früher Kossuth und Klapka wiederholt öffentlich erklärt haben, daß sie die Zeit für eine neue Erhebung Ungarns noch nicht gekommen glauben.« Der Ungar verbeugte sich kalt. »Es scheint mir, daß es am Besten gefehlt hat: an dem Willen, uns zu unterstützen und Österreich den Krieg zu erklären. Man hat keine Sympathien für unsre Sache!« »Glauben Sie das ja nicht, Signore«, erwiderte Cavour gelassen. »Die Regierung ist nur vorläufig genötigt gewesen, zur Beruhigung der fremden Mächte ein paar Dutzend Mitglieder des Revolutionskomitees für einige Zeit einstecken oder ausweisen zu lassen. Ich fürchte, Herr Maytényi, Sie stehen selber auf der Liste der Mailänder Polizei! – Ich denke, wir geben Ihnen einen genügenden Beweis unsrer Sympathie, wenn wir der Ausgabe Ihrer Kossuth-Noten bisher nichts in den Weg gelegt haben und Ihre Bank in Mailand gar nicht sehen. Aber in der Tat, die Herren dürfen nicht zu viel verlangen. Sie müssen einsehen, daß wir einen auswärtigen Krieg in diesem Augenblick nicht vertragen können. Wir haben noch so viel im Innern in Ordnung zu bringen. Deshalb werden Sie unsrer und Ihrer Sache den besten Dienst tun, wenn Sie helfen, das Mailänder Revolutionskomitee zu beruhigen, das ich sonst – aufheben müßte!« Eine Handbewegung des Ministers zeigte dem Ungarn, daß der Empfang zu Ende sei, und er entfernte sich grollend und niedergeschlagen über den unerwarteten Ausgang. ›Eine bittere Lehre!‹ dachte der Minister. ›Aber nun zu meinem Frühstück!‹ Allein, es war, als wolle die Laune des Zufalls oder – die Vorsehung ihn heut hindern; er hatte noch nicht die Tür erreicht, als der Diener sie mit einer Meldung öffnete: »Seine Eccellenza, der Präsident der Abgeordnetenkammer, Signor Ratazzi.« »Grade recht –zur Fortsetzung!« murmelte der Minister. »Sehr willkommen!« Er ging dem Besuch entgegen und begrüßte ihn höflich. Ratazzi, der bald bestimmt war, in der Entwicklung des neuen Italiens eine bedeutende Rolle zu spielen, war längere Zeit mit Graf Cavour in politischem Gegensatz, söhnte sich aber kurz vor seiner Erwählung zum Präsidenten der Abgeordnetenkammer mit ihm vollständig wieder aus. »Wirklich, lieber Präsident«, sagte der Minister, seinen Besuch zum Sitzen nötigend, »Sie sind äußerst willkommen; denn wenn Sie nicht die Liebenswürdigkeit gehabt hätten, mich hier aufzusuchen, würde ich noch vor Tisch zu Ihnen gekommen sein, um so mancherlei mit Ihnen zu besprechen.« »Dann sind wir einander in unsern Wünschen begegnet; und deshalb sehen Sie mich hier. Turin ist voll von Gerüchten; man erzählt von Verhaftungen verschiedener Führer des Klubs – und Sie wissen, wie schwer es ist, die Heißsporne unsrer Linken, wie Brofferio, im Zaum zu halten. Ich habe mich niemals mit der Auflösung der garibaldischen Freischaren befreunden können.« »Sie war eine Notwendigkeit. Nach dem Urteil aller Militärs hatte sie auf unsre Truppen lockernden Einfluß. Sie hauste fast wie die alte Camorra in Neapel und Sizilien, und es wäre unmöglich gewesen, ohne ihre Auflösung zur Herstellung eines festen Regiments zu gelangen.« »Aber Garibaldi ist sehr erbittert. Sie wissen, daß wir ihn nicht entbehren können; das Volk hängt an seinem Namen, das beweist die Verehrung, die man ihm überall entgegenbringt.« Der Minister lächelte. »Selbst die Polizei! Sie wissen doch, daß sie in Neapel die nächtlich an die Ecken geklebten Plakate: ›Es lebe Murat!‹ nicht mit der Inschrift: ›Es lebe Vittorio Emanuele!‹, sondern mit dem Plakat: ›Es lebe Garibaldi!‹ zu ersetzen wagte.« »Diese muratistische Bewegung gibt zu denken!« »Uns beiden sicherlich nicht. Halten Sie wirklich den Kaiser Napoleon III. für einen solchen Freund der italienischen Einheit, daß er nicht verfehlen würde, uns von Zeit zu Zeit einige Steine in den Weg zu werfen, um uns bemerklich zu machen, wie sehr wir seiner Hilfe, ja – ich muß es offen aussprechen – seiner Zustimmung zu allem bedürfen?« »Die Rede des Prinzen Peter Napoleon kann nicht ohne seinen Willen gehalten worden sein,« »Der Kaiser Louis Napoleon liebt es, à deux mains zu spielen. Die Rede ist in Rom bekrittelt worden, und die Worte, mit denen den französischen Offizieren die Genehmigung zur Annahme der Ordensverleihung des Exkönigs Franz erteilt wurde: er habe keine Ursache, diesen nicht als den rechtmäßigen König von Sizilien und nicht als berechtigt zur Verleihung seiner Orden zu betrachten – geben Gelegenheit zu Betrachtungen.« »Aber dann ist das Vorgehen der Revolutionskomitees gegen Südtirol und Venetien um so wünschenswerter, um ihn endlich einmal zu zwingen, Farbe zu bekennen und diesem Schwanken ein Ende zu machen.« »Glauben Sie wirklich, daß die Herren Garibaldi und Kossuth die österreichischen Truppen schlagen werden?« »Aber warum hat man dann General Cialdini zurückberufen?« »Wenn Lamarmora darauf besteht, wegen seines Streites mit dem Kriegsminister Fanti sein Kommando aufzugeben, haben wir keinen Führer für das Mincio-Heer. In Neapel genügen jetzt andre Persönlichkeiten. Wir mußten uns auf alle Fälle vorsehen.« »Wenn der König wirklich den Angriff der Komitees zu unterstützen wünscht, warum dann diese plötzlichen Verhaftungen? Seine Äußerung gilt als Bürgschaft – man zweifelt nur an dem guten Willen Eurer Exzellenz! Ich bürge dafür, daß die Kammer die Mittel bewilligt!« »Lesen Sie!« Der Minister nahm aus einer Mappe eine entzifferte Depesche und reichte sie ihm. »Von Herrn Nigra aus Paris?« »Von ihm – vertraulich an mich! Ich erhielt sie vorgestern und habe sie sofort Seiner Majestät vorgelegt und vor einer Stunde durch meinen künftigen Neffen die Zustimmung des Königs erhalten.« Der demokratische Präsident der Kammer las den Auszug einer Unterredung mit Thouvenel, dem Minister des Auswärtigen. Thouvenel sprach ganz unverhohlen den Willen des Kaisers aus, daß ein Vorgehen der Garibaldianer und der fremden Flüchtlinge gegen die österreichischen und deutschen Grenzen auf keine Unterstützung Frankreichs zu rechnen habe. Italien müsse die Folgen allein tragen, und Österreich sei unter Zustimmung Rußlands und Preußens entschlossen, bei Unterstützung revolutionärer Bewegungen seitens Sardiniens Truppen an der Grenze aufzustellen, oder sie zu besetzen. Ebenso finde Frankreich keine Veranlassung, dem Papst seinen Schutz zu entziehen und die französischen Truppen aus Rom zu entfernen. Es werde vielmehr eine Verstärkung dieser Macht erfolgen, wenn die Werbungen fortdauerten, und es würden zu diesem Zweck zwölftausend Mann unter General Trochu bei Lyon angesammelt. Diese ganz unerwartete Wendung in der Politik des Kaisers Napoleon verfehlte nicht ihren Eindruck auf den italienischen Staatsmann. Erregt gab Ratazzi die Depesche dem ihn ruhig beobachtenden Minister zurück. »Was sagen Sie dazu?« fragte Cavour. »Daß ihn der Teufel holen möge mit seiner unzuverlässigen Freundschaft! Er behandelt Italien wie seine Kolonie– und uns wie Schulbuben! Jetzt begreife ich Ihre Abwicklung. Meine Hochachtung für das geschickte Manöver mit den Wiesnerschen Enthüllungen.« »Ich sehe, lieber Freund, Sie haben mich vollständig begriffen. Die Festnahme der Papiere des Herrn Wiesner durch unsre Justiz erspart der Regierung eine Niederlage!« »Meinetwegen! Garibaldi muß warten; aber sagen Sie mir ehrlich und offen, Graf Cavour, sollen wir denn für immer ganz und gar von diesem Herrn in den Tuilerien abhängig bleiben?« »Im Augenblick läßt sich nichts dagegen tun, aber ich glaube, der Kaiser Napoleon steht auf dem Zenith seiner Macht, und Sie kennen das ewige Naturgesetz.« »Das kann lange dauern!« »So müssen wir uns nach anderen Bündnissen umsehen!« »England?« »Sie wissen, daß man in England eine fast kindische Furcht vor Frankreich hat. Aber Rußland und Preußen! Oder sollen wir etwa die Insel Sardinien hinter Nizza und Savoyen herwerfen?« »Um keinen Preis! Der Handel von Achtundfünfzig hat uns in der Meinung Aller schon Nachteil genug gebracht!« Clavour zuckte die Achseln. »Sie wissen nur zu gut, daß wir ohne ihn nicht da wären, wo wir doch heut sind. Glauben Sie mir, auch in Deutschland regt sichs, und über kurz oder lang ist ein Zusammenstoß zwischen Preußen und Osterreich nicht zu vermeiden. Der Ausgang ist mir nicht zweifelhaft, wenn wir dazu helfen, Osterreich zu vereinsamen. Und dann noch – die Personen wechseln; auch ich kann fallen durch Gottes Hand, oder – den Haß meiner Feinde. Deshalb wünsche ich, wenn ein solcher Fall eintritt, in die Brust des Mannes, der mich ersetzen würde, das Vermächtnis meiner politischen Überzeugungen niederzulegen und ihn von ihrer Richtigkeit durchdrungen zu wissen. Und dieser Mann, lieber Ratazzi, sind Sie!« »Torheit, Graf – wie kommen Sie zu solchen Gedanken? Sie sind im besten Alter, kaum über fünfzig!« »Politik, lieber Freund, zehrt am Leben! Doch, wie es auch sei, ich möchte Ihnen die Überzeugung beibringen, daß wir nichts überstürzen dürfen! Wir haben Tüchtiges getan, aber es ist noch viel zu tun übrig! Glauben Sie mir, diese nordische Macht hat eine große Zukunft, und in dieser Zukunft wird der Kampf nicht fehlen, den wir zu kämpfen haben: der Kampf mit Rom, das immer zu Österreich und zu Frankreich stehen wird.« »Aber wir müssen Rom haben!« »Und wir werden es haben! Eben deshalb wollte ich mich mit Ihnen verständigen. Auch Louis Napoleon kann auf die Dauer der Wucht der öffentlichen Meinung nicht widerstehen; er ist ohnehin sehr abhängig von ihr. Mit dieser öffentlichen Meinung müssen wir ihn aus Rom treiben. Italien gehört den Italienern, nicht den Franzosen, und Rom ist seine natürliche Hauptstadt. Dieser Satz muß in der Kammer jetzt bei jeder Gelegenheit vertreten werden. Lassen Sie den Antrag stellen, durch eine nationale Forderung an den Kaiser die Zurückziehung der Franzosen aus Rom zu verlangen. – Die Regierung wird sich auf den Standpunkt stellen, daß Italien dem Kaiser die größte Dankbarkeit schuldet und die Sache ganz seiner Entscheidung überläßt. Wenn es dann bei der voraussichtlichen Ablehnung Garibaldi einfallen sollte, etwa von Süden her einen Freischarenzug nach Rom zu unternehmen, dann muß die Regierung immer in der Lage sein, ihm in den Weg treten zu können! Vor allem: schließen Sie niemals mit Frankreich ein Bündnis auf unbestimmte Ziele! Das hab ich auch dem König geraten.« »Noch einmal, Graf«, sagte abwehrend der Kammerpräsident, »Sie machen sich törichte Gedanken. Gott erhalte Sie noch lange Italien und dem König! Es ist nicht die geringste Aussicht noch mein Wunsch, daß ich an Ihre Stelle treten könnte. Ich verzichte sogar auf jeden Ministerposten.« Cavour lächelte. »Als Präsident der Kammer sind Sie nützlicher und mächtiger denn als Minister. Deshalb, lieber Freund, weil die einzige Stelle noch besetzt ist, die Sie einzunehmen den Anspruch haben, fehlt auch Ihr Name auf der neuen Ministerliste. Ich denke, wir sind darin einer Meinung, daß das Königreich Italien ein andres Kabinett haben muß als das Königreich Sardinien. Sagen Sie mir Ihre Meinung über die Liste, ehe ich sie dem König vorlege.« Er nahm ein anderes Papier aus der Mappe und wollte es eben dem Präsidenten übergeben, als die Tür heftig aufgerissen wurde. »Um der Madonna willen, Oheim, kommen Sie, bitte – Wendelino ist plötzlich schwer erkrankt!« »Graf Castelgufo?« »Ja, ja, Herr Ratazzi – kommen Sie! Helfen Sie! Ich weiß nicht, ob der scharfe Ritt ihm geschadet hat – oder was es sonst ist! Er hat furchtbare Krämpfe!« Die beiden Staatsmänner eilten in das Familienzimmer. Der junge Diplomat, der Bräutigam Mariettas, krümmte sich vor Schmerzen. Zwei Diener standen ratlos neben ihm. »Lieber Sohn, was ist dir? Wie kommst du so plötzlich zu dem Anfall?« »Ich weiß es nicht«, stöhnte Graf Castelgufo laut. »Es zerreißt – mir die Eingeweide! – Wasser, Wasser – ich verbrenne!« »Bringen Sie Wasser – oder noch besser – Milch!« befahl der Kammerpräsident; der Hausherr stand ganz bestürzt. »Hat der Graf sich vielleicht erhitzt und kalt getrunken? Oder sonst etwas genossen? Die Jugend ist unvorsichtig. Wir wollen gleich zum Arzt senden – lassen Sie meinen Wagen nehmen, er ist angespannt! Doktor Griffa wohnt nahe an der Brücke – er gilt als tüchtiger Arzt!« Einer der Diener eilte hinaus. Ein anderer kam mit einer Schale Milch, die der Kranke mit Begier an den Mund setzte. Der Präsident wiederholte jetzt seine Frage. »Ich weiß nichts«, jammerte die junge Braut. »Er erzählte zwar, daß er unterwegs von La Venaria her eine Foglietta Asti versucht habe, aber der Wein sei so schlecht gewesen, daß er ihn habe stehen lassen. Sonst hat er nichts genossen, als die Schokolade für den Onkel!« »Meine Schokolade!« stutzte Graf Cavour. »Ja, dein Frühstück! Da du noch beschäftigt warst, als der Jäger Antonio deine Schokolade brachte, reichte ich sie einstweilen Wendelino.« »Wie lang ist das her?« »Eine Stunde höchstens – die preußischen Herren waren noch da.« Die Milch schien die Schmerzen des jungen Grafen etwas gelindert zu haben; er vermochte sich aufzurichten. Doch sah er sehr bleich aus, und seine Lippen hatten eine fast bläuliche Farbe angenommen. »Beunruhigen Sie sich nicht, Signori, es wird vorübergehn – ich fühle mich schon –.« Er zuckte krampfhaft zusammen und preßte die Hand auf den Magen. Seine Augen nahmen eine unnatürliche Starrheit an. Seine Braut unterstützte ihn und trocknete den kalten Schweiß von seiner Stirn. Der Präsident führte Cavour in die Fensternische. »Ich wünschte, Doktor Griffa wäre erst hier! Ich kann Ihnen nicht verhehlen, diese Anzeichen gefallen mir nicht. Verzeihen Sie eine Frage – können Sie sich ganz bestimmt auf Ihre Leute verlassen?« »O gewiß – woran denken Sie! Die meisten sind schon lange Jahre bei mir im Dienst, und die beiden einzigen, die ich erst kürzer beschäftige, sind so gut empfohlen und erprobt, daß ich ihrer Anhänglichkeit sicher sein kann.« »Wer sind diese beiden?« »Der Jäger Antonio – er stand früher bei den Alpenjägern und hat den Krieg von Neunundfünfzig mitgemacht – und die Haushälterin, Signora Martina, eine anständige Frau mit den besten Zeugnissen versehen, eine Ausländerin, die von einer englischen Familie in Florenz zurückgelassen wurde.« »Hm! Wer pflegt Ihnen gewöhnlich Ihre Schokolade zu bringen?« »Der Jäger Antonio, so viel ich weiß; ich finde sie durch die freundliche Vorsorge Mariettas stets zur gewohnten Zeit vor.« »Wer besorgt hier die Küche?« »So viel ich weiß, die Haushälterin Martina – ich habe einen Koch nur in meinem Hotel in Turin. Aber wohinaus wollen Sie mit all diesen Fragen?« »Sie wissen ja, ich war Anwalt! Wollen Sie Befehl geben, daß Ihre Leute sämtlich in der Halle erscheinen?« »Sehr gern!« Cavour gab die nötigen Befehle. Der Kammerpräsident beschäftigte sich unterdes mit dem Kranken, der sich in den Pausen der immer wiederkehrenden Schmerzen über brennenden Durst beklagte und schon eine zweite Schale Milch geleert hatte. Während sich die Hausdienerschaft im Flur versammelte, fuhr ein Wagen vor. »Gottlob! Da ist der Doktor!« Cavour ging ihm entgegen und bat um Entschuldigung wegen der dringenden Botschaft. Doktor Griffa war ein alter Mann mit weißen Haaren und von sehr ruhigem und mildem Gesichtsausdruck; er verlangte, sofort zu dem Kranken geführt zu werden. Unterdes richtete Ratazzi verschiedne Fragen an die Dienerschaft. Es ergab sich bald, daß mit Ausnahme der Leute des preußischen Gesandten, die den Wagen nicht verlassen hatten, kein Fremder auf der Villa bemerkt worden war. Der Jäger hatte wie gewöhnlich zur bestimmten Zeit die Schokolade für den Minister aus der Küche geholt und nach dem Salon getragen, und die Schokolade war, wie alle Tage, von der Köchin selber bereitet worden. Es war auch noch genug Schokolade in der Küche vorhanden, so daß der Minister nicht um sein gewohntes Frühstück zu kommen brauchte. Doktor Griffa hatte dem Kranken sofort ein Brechmittel verordnet, und die Haushälterin Martina unterstützte die junge Contessa in der Pflege ihres erkrankten Bräutigams. Der Arzt beobachtete die Wirkung des Medikaments, schrieb noch einige andere Heilmittel auf und sandte einen Boten zur Stadt. Dann erst trat er wieder zu Cavour, der mit dem Freund in sein Zimmer zurückgekehrt war. »Es sind eigentümliche Anzeichen«, sagte er, »die sich bei dem Kranken vorfinden. Ein großes Glück, daß er sofort Milch getrunken hat. Dennoch müssen wir das beste hoffen. Er besitzt ja anscheinend eine gute und kräftige Natur.« »Wie, Doktor – Gefahr für sein Leben?« Der Arzt zuckte die Achseln. »Ich bin nicht der Arzt des Herrn Grafen und kenne ihn nicht genügend. Ich darf jedoch nicht verschweigen, daß in der Tat Gefahr vorhanden ist. Es ist möglich, daß er sich bei starker Erhitzung durch den Ritt mit einem Trunk geschadet hat – es können auch andere Ursachen dieses plötzlichen Unfalles vorliegen – es können schädliche Stoffe in dem Genossenen gewesen sein–« »Sie meinen Gift?« unterbrach hastig Präsident Ratazzi. »Das wollte ich nicht behaupten, ehe ich nicht die Entleerungen des Magens untersucht habe. Ich habe mir von der Schokolade bringen lassen, die der Graf getrunken hat, und sie gekostet. Sie ist rein und wohlschmeckend; in dem kupfernen Gefäß, in dem sie bereitet wurde, ist keine Spur von Grünspan. So bliebe demnach nur der Wein übrig, den er unterwegs getrunken hat, und wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich, da mir der junge Herr die Trattoria näher bezeichnet hat, sofort hinausfahren und mich überzeugen. Sie wissen, unsre Wirte sind oft sehr leichtsinnig. Im Augenblick ist glücklicherweise jede unmittelbare Gefahr beseitigt – wir müssen das weitere abwarten.« »Wird man den Kranken zur Stadt bringen können?« »Ich hoffe – wenn er erst etwas geruht hat! Haben Euer Exzellenz mir noch weitere Befehle zu erteilen?« »Ich danke Ihnen, lieber Doktor, und bitte Sie nur, mit Doktor Rossi, unserm Hausarzt, möglichst bald zu sprechen und uns Ihren weiteren Besuch zu schenken.« Die beiden Freunde waren allein. Cavour ging voller Sorgen auf und ab. »Als ob man noch nicht genug zu denken hätte! Diese falsche doppelzüngige Politik in Paris! Die zeitweilige Schwäche des Königs! Das wahnsinnige Drängen der Kriegspartei – der Streit in Neapel, die verletzte Eitelkeit der Generale, und nun noch diese drohende Sorge, diese in hundert Quellen versteckten römischen Ränke! Wahrlich, Freund, es gehört Mut und Kraft dazu, um nicht zu erlahmen!« »Ihr Wille kann allem die Spitze bieten! – Nur – versprechen Sie mir eins!« »Und das wäre?« »Gewöhnen Sie sich die Schokolade ab!« Mit großem Blick blieb Cavour vor ihm stehen. * Am andern Morgen wurde die Nachricht bekannt, daß der Jäger des Grafen Cavour sich am Abend vorher auf der Villa des Ministers erschossen habe – in einem Anfall von Tiefsinn; denn sonst war kein Grund zu der Tat zu entdecken. Wiederum vierzehn Tage später stand der Lenker der italienischen Politik, der große Erneuerer Italiens, am Sarg des Verlobten Mariettas. Aus den Krämpfen, die den kräftigen jungen Verlobten der Contessa Marietta geschüttelt hatten, entwickelte sich trotz aller ärztlichen Hilfe und der sorgsamsten Pflege ein gefährlicher Typhus, der die Nerventätigkeit lähmte und nach hartem Kampf ganz unerwartet den Tod herbeiführte, nachdem die Ärzte ihn schon bewältigt zu haben glaubten. Von allen Seiten wurden dem trauernden Staatsmann und der tiefgebeugten Braut die aufrichtigen Zeichen der Teilnahme. Der König, sonst wenig empfänglich für Trauer, wohnte der Einsegung des Toten bei. Als an der Spitze einer Abordnung aller Gruppen der Kammerpräsident Ratazzi zu Cavour trat und ihn nach den offiziellen Worten zum Sarg führte, trafen sich die Augen der beiden Männer. Dann wandte sich Cavours Blick auf den Sarg und die neben ihm kniende, in dunkle Schleier gehüllte Braut. »Für mich!« flüsterte er, nur dem Ohr des Politikers verständlich. »Und aus ihrer eignen Hand!« »Besser er – als Sie! – Sie trinken doch keine Schokolade mehr?« * Und wieder waren zwei Monate ins Land gegangen. Die gesegneten Fluren der Lombardei brannten unter der heißen Sonne des Sommers. Die Sorge um den ganz plötzlich schwer erkrankten Oheim hatte in Mariettas Herzen den Schmerz um den verlorenen Bräutigam gedämpft. Einige entschlossene Handlungen des Turiner Kabinetts hatten die Kirche auf weitere Schläge vorbereitet. Ein Teil der europäischen Staaten, England an der Spitze, hatte unterdes die Anerkennung des neuen Königreichs Italien ausgesprochen; mit anderen schwebten die Verhandlungen. Ein Erlaß des Königs Vittorio Emanuele vom 5. Mai erklärte die Ernennung und Enthebung aller Erzbischöfe und Bischöfe in Neapel und Sizilien für ein Recht der italienischen Krone; mit den lombardischen Bischöfen, die sich weigerten, der Einweihung des Denkmals der gefallenen Italiener von 1859 beizuwohnen oder ein Tedeum zu dem für den 2. Juni bestimmten italienischen Nationalfest zu zelebrieren, war von seiten der Regierung oder des Volks kurzer Prozeß gemacht worden. Das Wichtigste war die trotz allen Anstrengungen der römischen Polizei und der französischen Politik erfolgte Unterzeichnung einer Denkschrift vom 21. Mai an Vittorio Emanuele und den Kaiser Napoleon wegen der Einverleibung Roms in das Königreich Italien mit mehr als zehntausend Namen, und einer ähnlichen am 30. Mai an den Papst. Der Heilige Vater wurde gebeten, nicht länger den Wünschen Italiens zu widerstreben. Es hieß darin: »Wenn der Widerstand des römischen Hofes noch länger fortdauert, wird nicht nur der vollkommene Zusammenbruch der sittlichen und wirtschaftlichen Werte Roms herbeigeführt, sondern es wird auch das Bestehen des Katholizismus in Italien gefährdet. Die sich zusehends steigernde Abneigung der Italiener gegen die Handlungsweise des päpstlichen Hofes kann in eine Spaltung ausarten, die gefahrvoll für Europa, für Italien und für die Kirche werden kann, der wir Glauben schenken und deren Überlieferungen wir verehren.« In der Nacht zum 6. Juni, einem Montag, fuhr ein geschlossener Wagen in den dicht mit Stroh belegten hinteren Hof eines großen, palastartigen Hauses an einer Ecke der Via Lagrange, dessen Torflügel weit geöffnet standen. Der Kutscher war der gleiche, der auch in der Villa Varcina zugegen gewesen war; als er vom Bock stieg, half er einem alten Klostergeistlichen mit Ehrerbietung aussteigen. Der Mönch trug einige in ein weißes Tuch gehüllte Gegenstände. »Werden Sie lange Zeit bleiben, hochwürdiger Herr?« fragte der Kutscher – gleichfalls schon ein bejahrter Mann. »Ich glaube nicht; du brauchst wohl kaum auszuspannen, mein Sohn. Wo ist die Dame, deren Brief du mir brachtest, und die für einen Kranken den religiösen Beistand eines so unbedeutenden Dieners Gottes fordert?« »Treten Sie nur dort ein, ehrwürdiger Herr, man erwartet Sie.« Er wies auf einen Seiteneingang des Hauses, dessen Tür geöffnet war, und in der eine Frau erschien. Der alte Geistliche mit dem Ordensgewand der Benediktiner ging langsam auf die Tür zu. Ein Blick auf das große Haus zeigte ihm, daß im ersten Stockwerk drei Fenster matt erleuchtet waren; aber überall herrschte die größte Stille. Auch die Laterne vor dem Stallgebäude war gelöscht. Aus dem Dunkel der Seitentür, zu der ihn der Kutscher gewiesen, streckte sich ihm eine Hand entgegen und faßte den weiten Ärmel seiner Kutte. »Sind Sie der Erwartete?« »Ich bin es!« sagte die milde Stimme des alten Geistlichen. »Bitte, folgen Sie mir; hier ist eine Stufe.« Die Hand, die ihn gefaßt, geleitete den Mönch durch einen kurzen, finstren Gang zu einer Treppe, die in der Höhe matt von einer einzigen Gasflamme erleuchtet war. Auf einem ziemlich geräumigen Flur öffnete seine Führerin eine Tür, ging durch ein dunkles Vorzimmer und ließ ihn in ein größeres, gut erleuchtetes Gemach eintreten. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, so schnell und so spät zu kommen. Ein todkranker Verwandter meiner Gebieterin, den der Ruf Ihrer Frömmigkeit gerade zu dem Verlangen nach Ihrem geistlichen Trost veranlaßt hat, bittet um die letzte Ölung. Wollen Sie sich einen Augenblick hier niederlassen?« Sie wies nach einem Lehnstuhl und entfernte sich durch die Tür, durch die sie eingetreten waren. Der alte Benediktiner legte die heiligen Geräte, die er trug, auf einen Tisch, zog sein Brevier aus der Tasche und begann darin zu lesen. Nach kaum fünf Minuten öffnete sich eine zweite Tür. Ein Mann in dem Kleid der Weltgeistlichen trat ein, schlank und beweglich, mit dunklem Haupthaar und noch jung. Das Gesicht jedoch verschwand unter einer schwarzen Halbmaske. Der Fremde ging sofort auf den alten Mönch zu, der erstaunt zu ihm aufsah. »Sie sind der Pater Giacomo von der Kongregation vom Monte Cassino aus dem Kloster Santa Justina am Berge?« »Man muß wohl meinen Namen kennen, da man gerade mich hierher beschieden hat. Ich bin es. Jawohl!« »Man kennt allerdings Ihren Namen in Rom und weiß auch, wie sehr diese Kongregation sich einer beklagenswerten Richtung zugewendet hat.« »Mein Herr«, sagte der alte würdige Geistliche, »ich weiß nicht, wer Sie sind, und was Sie zur Verdächtigung einer Gemeinschaft veranlassen kann, die sich stets durch die strenge Bewahrung der Satzungen ihres Stifters und treuen Gehorsam gegen den Heiligen Vater ausgezeichnet hat.« »Sie sollen sogleich Gelegenheit haben, diesen Gehorsam zu beweisen. – Sie sind hierher berufen worden, einem Sterbenden Beichte zu hören. Wissen Sie, in welchem Hause Sie sich befinden?« »Nein; es ist auch nicht nötig, daß ich die Person kenne; die heilige Kirche erblickt in ihr nur den Sünder, der bereut und in ihren Gnaden seinen Trost sieht.« »Sie werden diese Beichte nicht abnehmen!« »Aber man hat mich dazu hierher berufen. Es ist meine Pflicht!« »Ein Höherer als Sie und ich absolviert Sie davon; er hat mir das Amt übertragen.« »Das wäre eine Täuschung! Ich werde mich keines solchen Vergehens schuldig machen! Ich weiß nicht einmal, ob Sie ein berechtigter Priester sind, ob Sie nicht ein Sakrilegium begehen wollen.« Der andre beugte seinen Kopf vornüber und wies auf seine Tonsur. »Überzeugen Sie sich! Dem reuigen Sünder sollen die Gnadenspenden der Kirche nicht entzogen werden, nur soll sie ein andrer Priester erteilen als Sie. Wir haben nicht viel Zeit mit unnützem Streit zu verlieren, und Sie können sich wohl denken, daß ich Sie nicht zum Gehorsam nötigen würde, wenn ich nicht Vollmacht dazu hätte. Entledigen Sie sich Ihrer Kutte und begeben Sie sich hier in das Zimmer nebenan. Verweilen Sie dort, ohne sich bemerklich zu machen, bis ich Sie rufen werde. Gehorchen Sie!« »Ich darf nicht – ich kann nicht!« Der Fremde zog aus der Tasche seines Rocks einen Umschlag, brach ihn auf und reichte dem Benediktiner das Blatt, das darin eingeschlossen gewesen war. Es enthielt ein einziges lateinisches Wort, ein Monogramm darunter und ein großes Siegel. Lauernd betrachtete der Jüngere den alten Geistlichen. Der alte Mönch bedeckte einen Augenblick seine Augen mit der Hand, als kämpfe er in seinem Innern. Dann küßte er ehrerbietig das Papier, faltete es zusammen und gab es zurück, entledigte sich schweigend seiner schwarzen Kutte und legte sie mit Kappe und Rosenkranz auf einen Sessel. Ein Zug harter Befriedigung glitt über das Gesicht des andern. Er wies ebenso schweigend auf die Tür des Nebenzimmers. Der alte Mönch entfernte sich durch sie. Der Verlarvte verschloß sie und steckte den Schlüssel zu sich. Dann warf er rasch die schwarze Kutte des Benediktiners über sein eigenes Gewand, dem er noch einige Gegenstände entnommen hatte, und trat vor den Spiegel. Er entfernte die Halblarve. Ein noch junges, frisches Gesicht mit klugen Augen kam zum Vorschein. Sein Gesichtsschnitt glich dem der Südfranzosen. Aber nur wenige Augenblicke – und dieses Gesicht, ja der ganze Kopf waren merkwürdig verändert. Schon früher gab es in Italien Künstler – und es gibt noch jetzt eine Familie, auf die diese Kunst überkommen ist – die aus der feinsten Blase Masken zu verfertigen wissen, die über Kopf und Gesicht gezogen werden und deren Stoff so fein ist, daß er sich durch die ihm innewohnende Feuchtigkeit mit der natürlichen Haut förmlich verbindet. Diese seltsamen Masken verleihen andre Farbe, andres Alter und ein andres Gesicht, ohne daß man die Täuschung entdecken kann. Denn diese neue Haut nimmt die Beweglichkeit des wirklichen Gesichts an. Das glatte, volle Gesicht des jungen Mannes war im Spiegel und in der Wirklichkeit verschwunden und durch ein Greisenantlitz mit kurzem, grauem Haupthaar ersetzt, das dem ehrwürdigen Gesicht des alten Benediktiners nicht unähnlich war. Diese Ähnlichkeit wurde noch vermehrt durch einen grauen, dem des Mönchs fast gleichen Bart, den er um sein Kinn schlang und rasch befestigte. Als er die Kapuze der Kutte über seinen Kopf gezogen hatte, würde ein genauer Freund des Benediktiners Giacomo oder ein sehr scharfes und gesundes Auge dazu gehört haben, den Wechsel zu erkennen. Ein leises Klopfen an der äußern Tür wurde hörbar, »Entrate!« Signorina Martina und eine jüngere, in Trauer gekleidete Dame traten ein – die Contessa Marietta. Ein Blick, ein Neigen des Kopfes genügte, Martina zu verständigen. »Hier, Signora«, sagte sie zu ihrer Herrin, »das ist der ehrwürdige Bruder Giacomo, den Sie auf den Wunsch des Herrn hierher beschieden haben. Sie müssen wissen, ehrwürdiger Herr, der Kranke ist zwar kein Ketzer, aber doch leider einer jener Lauen im Glauben, deren es jetzt in dieser traurigen Zeit so viele gibt.« »Signora Martina«, sagte Marietta, »hat mir in dieser schweren Zeit und in der Pflege des Kranken treu zur Seite gestanden. Ihre fromme Zusprache hat mich aufrecht erhalten und mir auch den Mut gegeben, hochwürdiger Herr, Sie hierher zu bitten. Ja, sie hat leider die Wahrheit gesagt. Aber die Gnade Gottes ist so groß und Ihr frommer, milder Sinn so bekannt, daß ich hoffen darf, Sie werden dem Kranken ein milder Richter sein.« »Die heilige Kirche öffnet auch den Sündern und Abtrünnigen ihre Arme, wenn sie bereuen«, sagte der falsche Benediktiner. Er gab dabei seiner Stimme den dumpfen Klang, den er vorhin an dem Mönch Giacomo gehört hatte. »Meinen Segen über dich, meine Tochter, daß du zur Bekehrung eines Irrenden geholfen hast. Führe mich zu ihm.« »Kommen Sie, ehrwürdiger Vater!« Sie öffnete die Tür und ging dem Pater voran. Martina verzog den Mund zu einem scharfen, höhnischen Lächeln; sie folgte ihnen. Marietta führte den Priester durch einen langen Flur, an dessen Ende Martina wieder eine Tür öffnete. In dem geräumigen Zimmer saß an einem Tisch ein Diener und las in einer Zeitung. Ein leises Stöhnen drang aus dem Nebenzimmer. Marietta trat vorsichtig ein. Bald kam sie zurück. »Ich habe ihm noch Medizin gegeben; er fühlt sich in diesem Augenblick kräftig genug, Sie zu empfangen. Eilen Sie, ehe sein edler Geist sich wieder umnachtet – und seien Sie barmherzig mit ihm, wie Gott uns allen barmherzig ist. Wenn Sie uns brauchen, so rufen Sie nur, wir sind hier.« Sie hielt die Vorhänge der Tür, bis der Priester eingetreten war; dann ließ sie sie fallen und winkte dem Diener, sich zu entfernen. Die beiden Frauen knieten nieder, und die jüngere erhob inbrünstig ihr Gebet zu dem, der allein weiß, was recht und wahr, der den sterbenden König richtet wie den sterbenden Bettler nach dem Maß, wie jeder getan mit dem Pfund, das er aus seiner Hand empfangen hat ... * Fast eine Stunde war vergangen. Der Priester klopfte an die Tür. Die Frauen erhoben sich und traten in das Krankenzimmer. Unter den schwerseidnen Vorhängen des Himmelbettes ruhte auf dem breiten Lager ein Mann. Seine scharfen Züge verkündeten die baldige Auflösung des Menschenleibes. Die Augen des Kranken waren geschlossen, aber der Mund öffnete sich zuweilen in leichtem Stöhnen, oder die Lippen flüsterten Sätze ... »Er ist bei voller Besinnung gewesen«, flüsterte der Priester, »während ich ihm die Ölung erteilte; ich kann Ihnen zum Trost sagen, daß Ihr Verwandter als ein gläubiger Christ und als ein reuiger Sohn der heiligen katholischen Kirche stirbt. Erst in den letzten Augenblicken hat sich sein Zustand wieder verschlimmert, und ich glaube, Sie werden wohltun, nach den Ärzten zu schicken, sobald ich mich entfernt habe. »Doktor Rossi schläft in dem Vorderhause! O Martina, gehen Sie, lassen Sie ihn rufen!« »Sogleich! – Ich will den hochwürdigen Herrn zurückgeleiten. Geben Sie ihm die Tropfen einstweilen ein, Contessa; Sie wissen, daß der Doktor befohlen hat, sie ihm zu reichen, wenn die Atembeschwerden kommen!« Sie winkte dem Benediktiner. Der Geistliche machte das Zeichen des Kreuzes über den Kranken und die Stirn Mariettas, die aus einem Fläschchen Tropfen in einen Löffel mit Wasser zählte und ihn an die Lippen des Kranken führte. Er hielt krampfhaft ihre Hand gefaßt. Sein Geist war offenbar wieder verwirrt. »Jagt ihn fort – den Schwarzen! – Was will er von mir? – Ich sage nichts – ich habe nichts zu bereuen! – Die Protestanten – ja die Protestanten – die Preußen! – Wir müssen Rom haben – keine Absolution – fort mit Frankreich! – Der König – Berlin – nichts von Österreich – nichts von Napoleon – Italien bringt mir Schokolade – Luft – Luft! –« Die weiteren Worte verloren sich in unverständlichem Gemurmel. * Als der Benediktiner über die Schwelle des Krankenzimmers trat und Martina folgte, war nichts Greisenhaftes mehr in seiner Haltung. – Sein Kopf war stolz und kühn zurückgeworfen, sein Gang nicht schwankend, sondern fest, seine Augen blitzten. So betrat er das Zimmer, in dem er die Verkleidung vorgenommen hatte. Ein Griff, und Maske und Bart waren abgerissen, die Kutte fiel. Herrisch wandte er sich zu Martina. »Sorgen Sie schnell, daß der Wagen bereit ist, und daß der Kutscher wieder den Umweg durch die Straßen nimmt.« »Sind Sie zufrieden mit mir?« flüsterte sie schmeichelnd. »Ihr Gehorsam wird Ihnen vergütet werden. Holen Sie sich von Monsieur Larrère die fünfhundert Louisdor. – Wenn der Haushalt aufgelöst wird, nehmen Sie ohne Übereilung und vorsichtig Ihren Abschied; der Schauplatz Ihrer weiteren Tätigkeit liegt in einem andern Land! Sorgen Sie dafür, daß ich unbemerkt den Palast verlassen kann, sobald sich dieser alte Schwachkopf entfernt hat!« Sie neigte demütig den Kopf und verbarg damit den giftigen, gehässigen Blick, der aus ihren Augen schnellte. Dann verließ sie das Gemach. Der junge Mann vollendete seine Straßenkleidung und nahm die schwarze Halbmaske wieder vor. Er öffnete die Seitentür. »Pater Giacomo, der Wagen wartet auf Sie! – Hier, Ihr Gewand. Ihr Gehorsam soll gerühmt werden!« Der alte Mann trat ein. »Wenn ich etwas Unrechtes tat, mögen es mir die Heiligen vergeben und mir die Sünde nicht zurechnen!« Er hüllte sich, jeden Beistand mit einer Handbewegung ablehnend, wieder in seine Kutte. »Ist es mir jetzt erlaubt, mich zu entfernen?« »Bitte! – Nur erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß das Gelübde des Gehorsams Ihnen unbedingtes Schweigen auferlegt über das, was hier geschehen; selbst gegen den Prior Ihres Klosters. Gehen Sie, man kommt, Sie zu holen.« Er verschwand in das Seitengemach und dabei legte sich seine Hand unwillkürlich auf das Papier, das den alten Giacomo so zu blindem Gehorsam gezwungen hatte – ein Geheimbefehl des Papstes. Er lächelte – es hatte seinen Dienst getan. – Und es war falsch, wie seine eigne Maske ... Die Economista Martina trat mit unschuldigem Blick ein, als ahne sie nichts von dem Tausch der Beichtväter. »Kommen Sie, ehrwürdiger Herr, und nehmen Sie den Dank dieses Hauses für den traurigen Dienst, den Sie dem armen Kranken leisteten. Meine Gebieterin hat mich beauftragt, Sie zu bitten, diese kleine Gabe in den Almosenkasten Ihres Klosters legen zu wollen.« Sie führte den alten Mönch die Treppe hinab zum Wagen. Ebenso geräuschlos, wie er vorhin gekommen, verließ er den Hof. Fünf Minuten später entfernte sich auch der falsche Geistliche – in der Richtung des französischen Konsulats. * Schwere Trauer lag auf der Hauptstadt, bald auf dem ganzen Lande. Graf Camillo Cavour, der Schöpfer des neuen Italiens, war am 6. Juni nach plötzlichem, kurzem Krankenlager im besten Mannesalter verschieden. Man hat die Leiche, die schnell in Verwesung überging, nicht geöffnet. Seine Verwandten selber wünschten es nicht. Es hieß, er sei an zu starken Aderlässen gestorben. Der König, die Kammern, das ganze Land veranstalteten ihm ein großartiges Leichenbegängnis. An seine Stelle berief der König den Baron Ricasoli, der eben aus Toskana zurückgekommen war. Er hatte dort wenig Dank und Ruhm geerntet. Genua und Mailand setzten dem Einiger Italiens, der gleich Moses an der Schwelle des gelobten Landes, zu dem er die Seinen geführt hatte, sterben sollte, bald Standbilder; durch ganz Italien wird gleich dem des alten Löwen Garibaldi der Name des Staatsmannes gefeiert, der den großen Kampf mit dem alten System gewagt hat für den Sieg des neuen Staates; aber das Volk erzählt noch heute: der starke Geist, der Vorkämpfer für die Freiheit seines Landes habe in der Nacht vor seinem Tod einem Mönch gläubig gebeichtet und sei bekehrt gestorben. Freilich spricht man auch von gewissen Ursachen seines plötzlichen Todes – das Volk liebt es, dergleichen Gerüchte an große Namen zu hängen. Kurze Zeit nach seinem Tod trat in das Arbeitszimmer Napoleons der Mann, der die Maske des alten Giacomo getragen hatte. Ob er dem Herrscher des französischen Kaiserreichs neue italienische Geheimnisse brachte, oder ob die letzten Worte eines Sterbenden nur den Schlußpunkt vieler Berichte darstellten, die durch die Hände der Spionin Martina gegangen waren, wußte nur er allein. Die Schlangenbucht Die Nacht senkte sich über das schroffe Felstal der Pyrenäen. Von aufregender Bärenjagd kehrten die Jäger heim in die gemütliche Blockhütte, die hoch über dem Talgrund unter vorspringendem Gestein am Abhang klebte. Die Sterne flammten auf, und bei feurigem Trunk entspannen sich die bunten Bilder aus bewegtem Leben, die Abenteuer und die Kämpfe in fremden Ländern. In der Runde von Mann zu Mann ging das Wort, und keiner war, der nicht zu berichten wußte von seltsamen Abenteuern und geheimnisvollem Geschehen; und längst Vergangenes erwachte zu neuem Sein. Der spanische Oberst Abzuño strich sich den Bart. »Ich stand damals als Kapitän der Lanzenreiter in der Havanna«, sagte er und nahm noch einen kräftigen Schluck von dem roten Rebensaft. »Von dem damaligen Statthalter erhielt ich den Auftrag, wegen der politischen Verhandlungen nach Trinidad zu gehen. Die Engländer hatten eines unserer Schiffe unter dem Verdacht, Sklaven mit sich geführt zu haben, mit Beschlag belegt und weigerten sich, es herauszugeben. Das war wenigstens der Vorwand; die Hauptsache aber waren einige geheime Verhandlungen zum Schutz gegen die amerikanischen Freibeuter, die unter dem stillen Schutz des Präsidenten die Revolution nach der Insel trugen. Sie werden sich der Zeit erinnern, Señores. Ein paar Monate vorher hatte die Erhebung O'Donnells und Serranos stattgefunden, und Marie Christine war von dem Ministerium Espartero gefangengesetzt oder wenigstens unter Aufsicht genommen worden. Die Verhandlungen waren bald günstig beendet; schon damals begann man in England mit mißtrauischen Blicken auf die amerikanischen Ränke in Mexiko und in den Antillen zu sehen. Ich hatte daher Zeit genug, mich vor meiner Rückkehr meiner Leidenschaft für die Jagd hinzugeben. * Ich hatte so viel von der Üppigkeit der Pflanzen und dem Tierleben an den Ufern des gewaltigen Orinokostroms gehört, daß ich beschloß, einen oder zwei Monate in den Tiefen seiner Wälder zuzubringen. Allen Jagdbedarf hatte ich bei mir. Eines Morgens schiffte ich mich in Port of Spain ein und war am vierten Tag in der Boca di Navios, der Hauptmündung des Riesenstroms. Bis zur Insel Tortola und Guiana ging damals allmonatlich ein Dampfer. In Guiana hielt ich mich im Haus des Kaufherrn Salvedra zwei Tage auf und versah mich mit den nötigen Vorräten. Dann mietete ich ein Boot mit sechs indianischen Ruderern und begann in Begleitung meines Burschen und eines Schwarzen die Reise in den Urwald. Der Führer der Barke gehörte einem den Europäern befreundeten Stamm der Tupi an. Er war nach der Versicherung meines Gastfreundes ein zuverlässiger Mann, der schon mehrfach Unternehmen von Jägern, Naturforschern und Abenteurern in das Innere des Landes und selbst über die großen Stromschnellen des Orinoko hinaus geführt hatte. Aber während die Reisenden der Wissenschaft und der Jagd meist glücklich von ihm zurückgebracht wurden, war noch niemals einer der Abenteurer zurückgekehrt. Das verderbliche Goldfieber, das sie trieb, das nach der Sage jenseits der großen Bergketten an dem See Parime liegende Dorado aufzusuchen und sich unter die wilden Stämme der Ureinwohner zu wagen, hatte ihnen allen den Tod gebracht. Wenn ich auch vielleicht Abenteuerlust genug besaß – ich hatte jedoch keineswegs Zeit, mich auf eine so gewagte und hoffnungslose Sache einzulassen. Ich dang Tura-put, den Indianer, nur, mich bis jenseits Bolivar und der Mündung eines Seitenflusses zu bringen, und konnte also seiner Aufmerksamkeit und Treue sicher sein; denn ich muß sagen, die Sage von jenem Gold- und Diamantenland hat sich nicht nur unter den golddürstigen Weißen erhalten; sie lebt auch unter den Stämmen der Eingeborenen. Die Indianer sehen es höchst ungern und widerwillig, wenn ein Versuch zur Auffindung des Fabellandes gemacht wird. Mein Bursche Miguel war ein tüchtiger, wachsamer und zäher Soldat, ein Katalonier von erprobtem Mut, der Neger Pompejo ein kräftiger, gewandter, nur etwas furchtsamer Mensch. So ausgerüstet, verließen wir in der Mitte des April Guiana und waren binnen vierundzwanzig Stunden in die Tiefen des Urwaldes eingedrungen. Soviel ich weiß, kennt niemand von Ihnen – mit Ausnahme des Kapitäns Wellington – die Tropen. – Denken Sie sich alles, was man von der Üppigkeit ihres Pflanzenwuchses und dem Reichtum ihres Tierlebens erzählt, an den Ufern des Orinoko vereinigt! Dichte Wände von Baum und Strauch, von den Netzen der Lianen selbst dem Beil und dem Jagdmesser undurchdringlich gemacht, schlossen oft stundenlang die Ufer des Flusses ein, wechselten mit offenen Sümpfen, in denen der Alligator und der Tapir haust, mit Savannen, in deren smaragdgrünem, bis zu sechs Fuß hohem Gras sich Hirsch und Reh tummeln, bis sie das Schnauben des Kuguars oder des gefleckten Panthers erschreckt. Hallenartige Gänge stießen vor in den offenen, königlichen Urwald; in den Ästen der Zamangbäume schnatterten und übersprangen sich Herden von Affen. Scharen bunter Papageien wiegten sich in den Wipfeln der Bäume; Kakadus und Araras ließen ihr Kreischen in der Wildnis erschallen, Kolibris gaukelten wie funkelnde Diamanten an den bunten Kelchen der Lianen und den wunderbar leuchtenden Blüten der Orchideen. Ein wunderbarer Anblick für den träumenden Reisenden – ein köstlicher, verlockender für den Jäger. Aber trotz der paradiesischen Umgebung vergaß ich den Zweck meiner Fahrt nicht. Oft wurde die Einsamkeit der Ufer durch den Knall meiner Flinte unterbrochen; selbst in der Nacht, in der unser Boot fünfzehn bis zwanzig Schritt vom Ufer lag, um vor der Annäherung der Raubtiere gesichert zu sein, fuhr oft der tötende Blitz aus meinem Rohr nach der Stelle hin, wo zwei grüne Feuerkugeln im Dunkel der Gebüsche aufgeleuchtet waren – der Todesschrei eines Pumas verkündete, daß die Kugel ihr Ziel getroffen hatte. Freilich, wenn wir dann am Morgen landeten, um unsere Beute zu suchen, fanden wir sie meist schon bis auf die Knochen verzehrt. Dennoch hatte ich schon in meinem Boot eine hübsche Sammlung von Jagdzeichen aller Art. Wiederholt waren wir die Mündungen kleinerer, sich in den Riesenstrom ergießender Flüsse hinaufgefahren; ich hatte gefunden, daß sich hier, in der Tiefe des Urwalds, die beste Jagdbeute holen ließ. Da begegnete mir am Tag vor der schon beschlossenen Rückfahrt ein Abenteuer, das mich leicht der Mühe der Heimkehr hätte überheben können. * Wir waren in die Mündung des Caronis, eines großen Seitenstroms des Orinokos, der aus dem Pacaraimagebirge kommt, hineingesteuert. Schon lange hatte mich die Lust angewandelt, eine Nacht auf dem Land, mitten im Urwald, zu verbringen, um allen jenen seltsamen und wunderbaren Stimmen der Dunkelheit in unmittelbarer Nähe zu lauschen. Vergeblich warnte mich der alte Führer des Bootes. Ich bestand auf meinem Sinn. Als wir am Nachmittag des zehnten Tages unserer Fahrt am Eingang eines jener sumpfigen Abflüsse hielten, die sich von den Ufern der Flüsse eine Strecke weit in das Land hinein zu ziehen pflegen, beschloß ich, meinen Willen durchzusetzen. Pompejo, der Neger, und einer der indianischen Ruderer sollten mich begleiten, um meine Gewehre, meine Hängematte, den Poncho Decke. und einigen Mundvorrat zu tragen. Miguel sollte im Boot zurückbleiben und mich an der andern Seite des Geländes erwarten. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß solche Strecken gewöhnlich durch einen Marsch von vier bis fünf Stunden zu umgehen waren. So machte ich mich denn – es mochte ungefähr Nachmittag gegen vier Uhr sein, also nachdem die größte Hitze vorüber war – trotz allen Warnungen des alten Tura-put und der Bitten Miguels, ihn mitzunehmen, auf den Weg. Ich zog es vor, einen sicheren Mann bei dem Boot zu lassen, um der Vollziehung meiner Befehle gewiß zu sein. Über die Schulter hing meine Flinte; im Gürtel meines ledernen Jagdhemdes steckte ein sechsläufiger, kurzer Revolver. Pompejos führte außer der Tasche mit Schießbedarf und einem Korb mit den Mundvorräten eine leichte Jagdflinte; der Indianer trug die von Aloefasern geflochtene Hängematte und die wollenen Decken. Wir waren so mehr als drei Stunden marschiert, immer tiefer hinein in den dort leichter zu durchwandernden Urwald; ich hatte schon einige gute Schüsse getan, als der sinkende Abend uns erinnerte, bald ein Nachtlager aufzusuchen. Ich näherte mich wieder dem sumpfigen Bach, fand aber, daß dieser sich tiefer ins Land erstreckte, als ich vermutet hatte. Wahrscheinlich teilte er sich in mehrere Arme. Als wir endlich ein Ende umgangen hatten, befanden wir uns auf einer Landzunge, deren fester Boden hineinlief in den Sumpf und auf zwei Seiten von ihm umgeben war. Der Ort gefiel mir wenig. Er hatte ein unheimliches Aussehen. Auch die Nähe des Sumpfes mit seinen Stechmücken und andern Insekten war keine angenehme Nachbarschaft. Dennoch mußte ich mich entschließen, dort haltzumachen; denn wir waren schon seit einer Stunde unter dem Schatten des Waldes im Halbdunkel marschiert. Die Sonne mußte in wenigen Minuten untergehen, und dann folgte sofort die Dunkelheit. Es galt also, in wenigen Minuten einen möglichst günstigen Ort für unser Nachtlager zu wählen. Der hohe Urwald trat auf beiden Seiten bis dicht an die mit dichtem Schilf und Rohr bedeckten Ufer des Sumpfes heran. In der Mitte jedoch war der feste und leicht ansteigende Boden nur von wenigen abgestorbenen oder absterbenden Bäumen besetzt. Verfaulende Stämme lagen auf dem Boden herum, dicht von Lianen umwuchert. Obwohl ihr Moder reichen Nachwuchs erzeugt hatte, war doch das üppige Gesträuch an vielen Stellen zertreten und niedergedrückt. Das ließ mich schließen, hier eine Tränke für viele wilde Tiere des Waldes gefunden zu haben. Dahin deutete auch der Umstand, daß Schilf und Geröhr an mehreren Stellen wie die Büsche niedergedrückt waren, so daß sich richtige Wege gebildet hatten, in denen ein Kahn leicht hätte zum Ufer gelangen können. Mir fiel auch auf, daß ein Teil der in der Nähe des Ufers stehenden Bäume bis zu einer gewissen Höhe ihrer Rinde und der unteren Zweige beraubt war; auch das ließ sich leicht wieder dem Wechsel der wilden Tiere zuschreiben und mochte zugleich die Ursache sein, daß so viele von ihnen abgestorben waren. Nur die dem Mimosengeschlecht, namentlich den wilden Akazienarten angehörenden, dornentragenden Bäume und Kaktussträucher waren verschont und prangten im üppigsten Grün. Sie werden wissen, daß einzelne dieser Gewächse mehr als fußlange, sehr scharfe und starke Stacheln tragen. Zwei dieser Bäume standen etwas höher hinauf in mäßiger Entfernung voneinander. Ihre Äste reichten so dicht zusammen, daß sich bequem zwischen ihnen eine Hängematte aufschlagen ließ. Alle diese Eigentümlichkeiten des Platzes bewogen mich noch mehr, dort mein Lager aufzuschlagen. Ich rechnete darauf, daß mir beim Anbruch des Tages, wo gewöhnlich die Raubtiere der sonst unzugänglichen Wildnis zur Tränke gehen, einige Bestien zum Schuß kommen würden. Deshalb beabsichtigte ich, am frühen Morgen – noch vor Anbruch der Tagesdämmerung – einen der Bäume zu ersteigen oder mich im Gebüsch zu verbergen, um bequemen und sicheren Stand zum Schuß zu haben. Bis dahin aber, da ich in der Tat sehr ermüdet war, wollte ich einige Stunden ruhen. Ich ließ meine Hängematte sehr sorgfältig befestigen. Weil ich nicht etwa ein in der Nacht herumschleichendes Tier verscheuchen wollte, und auch, weil die Äste dort bequemer waren, mußte Hura-nee, der Indianer, auf die Schultern des Negers steigen und die Matte so hoch aufhängen, daß sie über Manneshöhe vom Boden hing. Ich konnte also auch nur über die Schultern von Pompejo hineingelangen. Mehrere Schritte entfernt, dem Zugang des Sumpfbaches entgegen, sollte ein Feuer von meinen beiden Begleitern wenigstens während der ersten Hälfte der Nacht abwechselnd unterhalten werden, um vorerst die wilden Tiere vom Platz abzuhalten und um durch seinen Rauch, der gerade auf meine Lagerstätte zukam, die lästigen Stechfliegen zu verscheuchen. Wir hängten unsere Gewehre und Taschen an den nächsten Bäumen auf, um sie vor dem Tau der Nacht zu schützen, und machten uns daran, unser Abendbrot am Feuer zu bereiten. Wir brieten die Stücke eines von mir geschossenen Hirsches und tranken dazu einen Becher Paraguaytee. Dann empfahl ich meinen Begleitern gute Wache und bestimmte, daß sie mich eine Stunde vor Tagesanbruch wecken sollten. Ich wollte um diese Zeit die Wache übernehmen und meine Vorbereitungen treffen. Als alles verabredet war, stieg ich auf die breiten Schultern Pompejos und kroch in meine Hängematte. Von tiefer Müdigkeit befallen, die selbst die kaum halbgerauchte Zigarette meinen Lippen entgleiten ließ, sah ich noch undeutlich den Rauch des Feuers, sah, daß Pompejo und Hura-nee trockenes Holz zusammensuchten und sich dann niederkauerten. Nach einer Weile erhob sich Hura-nee aber wieder und ging nach einem der rindenlosen Bäume. Pompejo senkte behaglich den Wollkopf auf die Knie und blieb neben den glühenden Bränden hocken. Darüber sanken mir die Augenlider zu. Ich fiel in tiefen Schlaf. Er konnte indes noch nicht allzu lange gewährt haben, als mich ein gellender, entsetzlicher Schrei aufschreckte; fast hätte ich in meiner Hängematte das Gleichgewicht verloren und wäre herausgestürzt. Ich drehte mich mühsam nach dem Feuer um, dem ich des Rauches wegen den Rücken gekehrt hatte, und blickte nach der Stelle, von der unzweifelhaft jener Schrei gekommen war. Ein seltsamer und furchtbarer Anblick bot sich mir dar. Das Feuer war erloschen; nur glühende Holzstücke leuchteten noch und verbreiteten einiges Licht in ihrer nächsten Umgebung. Wahrscheinlich war Pompejo auf seinem Posten eingeschlafen und hatte versäumt, die Flammen mit neuen Reisern zu nähren. Ich sah deutlich seine dunkle Gestalt; sie kniete neben dem glimmenden Feuer – etwas zurückgebeugt – die Hände abwehrend vorgestreckt. Ja, ich konnte selbst sein Gesicht genau erkennen. Seine Farbe war von der Schwärze des Ebenholzes fast zum Aschgrau übergegangen. Es zeigte den Ausdruck höchsten Entsetzens. Die weißen Augäpfel quollen weit hervor. Der Mund war geöffnet. Das Wollhaar auf seinem Schädel schien sich zu sträuben. Ich kannte die Furchtsamkeit Pompejos und vermutete im ersten Augenblick keine sonderliche Gefahr. Dennoch richtete ich mich in meiner Hängematte auf, um nötigenfalls hinunterzuspringen und ihm Hilfe zu bringen. ›Was ist's, was gibt's, Pompejo? Warum schreist du?‹ rief ich. › Padre de Dios! Zu Hilfe, Señor! Pompejo stirbt!‹ Er schien die Antwort kaum aus der Kehle würgen zu können. Ich blickte noch einmal genauer hin – aber ich sah noch nichts als einige dunkle, bewegliche, im Schein des glimmenden Lagerfeuers metallisch funkelnde Linien. Ich war im Begriff hinunterzuspringen, als ein Ruf aus der Luft mich zurückhielt. › Alto, Señor! , – Bleiben Sie zurück, Señor, wenn Ihnen das Leben lieb ist! – Serpientes‹ Schlangen. Es war die Stimme Hura-nees, des Indianers. Sie kam aus den Ästen eines Baumes. Er hatte ihn erstiegen, um vorsichtig dort die Stunden zu verschlafen, bis die Reihe der Wache an ihn kam. Ich erschauderte bei seinen letzten Worten; ich hatte von jeher einen großen Abscheu vor allen Schlangen. Dennoch wäre ich dem armen Pompejo zu Hilfe geeilt, wenn nicht in der gleichen Sekunde sein furchtbares Schicksal schon entschieden gewesen wäre. Menschliche Hilfe vermochte ihn nicht mehr zu retten. Die Bewegung, die er bei dem Ruf gemacht – vielleicht der Ton unserer Stimmen – hatte den Schlangen das Zeichen gegeben. Das halblaute Rasseln ihrer Klappern – das Warnungszeichen, das die Hand Gottes ihnen angeheftet – verdoppelte sich. Ich sah die dunklen Windungen der Bestien auf ihn losschießen. Schlangen ... Ja, Caballeros! Erst jetzt bemerkte ich, daß der Unglückliche nicht von einer oder zweien der entsetzlichen Untiere bedroht war. Überall ... rings im Kreise ... zischte und wand es sich. Wohin mein Auge, das sich an die Dunkelheit nun gewöhnte, auch sah ... überall kroch und ringelte es sich am Boden, hob sich und züngelte giftig nach Pompejo. Der Unglückliche war beim ersten Biß aufgesprungen. Er hatte versucht, seinen Feind von sich abzuschütteln, sich des Gewürms zu erwehren. Er kämpfte mit Händen und Füßen – er versuchte zu fliehen. Aber wohin er schlug, wohin er trat, wimmelte es am Boden von glatten, feuchten Körpern. Sie krümmten und wanden sich um seine Glieder. Sie schlugen ihre spitzen Zähne in seine Adern, glitten an seinen Kleidern, an seinem Leib hinauf. Gräßlich ... Noch höre ich sein Brüllen, seine Schmerzensschreie, sein Angstgeheul, noch sehe ich sein Winden und Ringen ... bis zu meiner eigenen Todesstunde wird es vor meiner Seele stehen! Drei oder vier Schritte drehte er sich im Kreis; dann glitt sein Fuß auf den glatten Körpern, die fast den ganzen Boden bedeckten, aus; er stürzte nieder und wälzte sich auf seinen Feinden bis in die noch glühenden, umherstiebenden Kohlen. Ich war so entsetzt, daß ich kein Glied rühren, nicht einmal die Augen von dem grauenhaften Anblick abwenden konnte. Selbst der Laut blieb in der Kehle stecken – gelähmt, stumm sah ich dem Kampf zu; ich wußte, jeder Hilfeversuch war vergebens, jeder Angriff hieß, sich nutzlos in einen elenden Tod stürzen. Der Kampf dauerte an zehn Minuten. Mit jedem Augenblick wurde die Kraft des armen Opfers schwächer – sei es, daß die Wirkung des furchtbaren Giftes durch seine Adern rann, sei es der Schmerz, der Blutverlust, der sich hundertfach um seine Glieder windende Gegner, der die Stärke des kräftigen Schwarzen bald erlahmen ließ. Der Körper lag jetzt quer über der Feuerstätte. Nur einzelne Zuckungen noch bewegten ihn. Endlich hörten sie auf – er lag still. Aber um ihn und über ihm kroch und ringelte und zischte und klapperte unheimliches Leben. Der ganze Körper des Toten war bedeckt von den Schlangen; sie schienen jetzt untereinander in Hader und Streit zu geraten. Der Boden unter mir bis zum Sumpf hin schien ein wimmelndes Nest, bedeckt von den eklen zischenden Tieren. Ich saß noch immer lautlos, ohne Bewegung in meiner Hängematte. Bisher hatte die Dunkelheit mich nur einen Teil des Geschehens, nur unbestimmte Formen und Windungen erblicken lassen; aber das Grauenhafte sollte sich noch steigern. Der Mond ging auf und trat bald über die Lichtung. Das Mondlicht unter den Tropen ist so hell und klar, daß es fast einem trüben Tag gleicht. Es läßt jeden Gegenstand deutlich erkennen. In diesem Schein lag nun die Lichtung vor meinen Blicken. Er spiegelte sich in dem trüben Wasser des Sumpfes, er blitzte und zitterte auf den sich windenden Leibern der Schlangen. Hunderte der Bestien wälzten und wanden sich auf dem Boden der Lichtung, von der dunklen Wasserschlange, der südamerikanischen Korallenschlange bis zur giftigsten Viper, der Hornschlange und der graubraunen Klapperschlange mit ihren Ringeln und Häuten. Alles, was ich bisher gelesen und gehört über das einsame Leben der Schlangen, war hier in das Gegenteil verkehrt. Ich konnte mir damals – und auch später bei ruhigerem Nachdenken – diesen Widerspruch und das abscheuliche Schauspiel nur dadurch erklären, daß die Begattungszeit der widrigen Wesen ihr Erscheinen in solcher Menge und gerade an dieser Stelle veranlaßte. Später hörte ich von den Indianern, daß die Schlangen wegen der fehlenden Augenlider das helle Sonnenlicht scheuten und es liebten, im Mondschein auf dem Boden zu spielen. Der Ort, an dem wir unser Nachtlager aufgeschlagen hatten, war überdies durch das Geröhr, das dichte Buschwerk und die verfaulenden Holzstämme sehr günstig für den Aufenthalt ihrer Brut. Bisher hatten Hura-nee, der Indianer, und ich nach seinem ersten Anruf, der mir das Leben gerettet hatte, kein Wort mehr gewechselt; der arme Kerl mochte in ebenso jämmerlichem Zustand wie ich sein; und ich hatte wahrhaftig keine Neigung zu einer Unterhaltung, obgleich mir das Bewußtsein der Nähe eines andern menschlichen Wesens einige Beruhigung gewährte. Ich begann nun über unsere Lage nachzudenken. Die Schlangen hatten den toten Körper verlassen. Ich wußte, daß sie niemals tote Körper zu verzehren suchen; die Bildung ihrer Kiefer und ihrer Zähne erlaubte ihnen nicht, einzelne Stücke Fleisch abzureißen und zu verzehren, sondern nur einen ganzen Körper hinunterzuwürgen. Der Körper Pompejos lag also, bis auf die zahlreichen Bisse, die ihn getötet hatten, unverletzt da. Seine Augen starrten glasig gen Himmel. Die Leiche schwoll allmählich von dem Gift auf und nahm eine fast bläuliche Färbung im Mondlicht an. Plötzlich schnellte ein Gedanke in mir auf. Konnte mich das Gewürm erreichen? Mehrere Schlangenarten, so wußte ich, können auf die Bäume kriechen. Nach einiger Überlegung hielt ich mich aber vor dieser Gefahr sicher. Keine der Schlangen, die auf dem Boden unter mir spielten und sich ringelten, war über vier bis fünf Fuß lang. Sie konnten also wohl nicht die an vier Fuß dicken Bäume, zwischen denen meine Matte hing, umschlingen, um sich hinaufzuwinden. Ich befand mich mehr als sechs Fuß über dem Boden, war also wohl außer ihrem Bereich. Es war auch zweifelhaft, ob sie mich bemerkt hatten; denn das Gehör der Schlangen ist sehr mangelhaft. Jedenfalls schienen sie mich nicht zu beachten. Sie setzten ihre Spiele ungestört fort und drängten sich um den Feuerplatz. Sie lieben die Wärme; die noch heiße Asche schien ihnen wohlzutun. Wahrscheinlich war die vom Feuer ausgegangene Wärme auch der Grund, daß sie so zeitig ihre Schlupfwinkel verlassen und den schlafenden Pompejo umgeben hatten. Hätte er sich nicht gerührt, wäre er nicht erwacht und hätte durch seine Bewegungen die Schlangen gereizt, so wäre er vielleicht gar nicht von ihnen angefallen worden; denn für gewöhnlich fliehen die Schlangen die Nähe des Menschen und greifen ihn nicht an. All diese Betrachtungen gaben mir die Überzeugung, daß es am besten sein würde, mich ganz ruhig zu verhalten. Ich fühlte nach meinem Jagdmesser. Im Begriff, mich wieder in der Hängematte auszustrecken, fühlte ich etwas Hartes unter mir. Ich tastete danach – Freude durchzuckte mich. Es war mein sechsläufiger Revolver. Sie werden alle schon das Gefühl der Sicherheit, des wiederbelebten Mutes empfunden haben, das jedem Mann der Besitz einer vertrauten Waffe gibt. So ging es auch mir. Der Revolver, ja selbst meine gute Büchse, die da drüben am Baum hing, wären gegen die Menge der Schlangen durchaus unzureichend gewesen. Dennoch fühlte ich mich ruhiger und sah, wenn auch mit Ekel, so doch gefesselt wieder hinab auf Spiel und Treiben der Schlangen am Boden. Nur auf den toten Körper durften meine Augen nicht fallen; jedesmal durchschauerte es mich dann bis auf die Knochen. Es mochten schon mehr als zwei Stunden vergangen sein. Der Tagesanbruch war wohl nicht mehr fern. Schon hörte ich das Klappen des Picos, des grünen Spechts der tropischen Urwälder, und das Pfeifen der blaugefiederten Amsel zwischen dem Laut der Ochsenfrösche. In der Ferne heulte ein Jaguar – drüben über dem Sumpf antwortete ihm ein andrer. Das Leben des Urwaldes begann zu erwachen. Das war die Zeit, die ich meinen Leuten bestimmt hatte, mich zu wecken. Herrgott, wie war alles ganz anders gekommen! Ich kam mir vor, als sei ich selber jetzt das gefährdete Wild ... Ich blickte wieder hinab auf den Boden; die Schlangen waren fast alle verschwunden; die letzten schlüpften eben eilig über den Boden hinweg in ihre Schlupfwinkel. In dem dichten Gebüsch des Ufers ließ sich ein Rauschen und Brechen hören, als drängten sich mächtige Körper hindurch. Die schlankeren Bäume, die dort standen, gerieten in Wellenbewegung und schwankten hin und her. Der Mond war auf der andern Seite der Lichtung hinter die mächtige Waldwand getreten, und die Morgendämmerung war noch schwach; der Urwald warf düstere Schatten. So konnte ich nichts deutlich erkennen. Wiederholt hörte ich nur das Rauschen und Brechen. Von Minute zu Minute wurde es heller. Ich setzte mich aufrecht in die Hängematte, um meinem Gefährten, dem Indianer Hura-nee, auf dem Baum zuzurufen. Ich erkannte deutlich seine Gestalt zwischen den Gabeln der Äste eines abgestorbenen Zamangbaumes, in denen er die schreckliche Nacht zugebracht hatte. Er mußte meine Bewegung bemerkt haben; denn zu meinem Erstaunen machte er allerlei Zeichen und Grimassen, aus denen ich nur entnehmen konnte, daß ich mich ruhig verhalten und mich wieder niederlegen sollte. Was bedeutete das? War eine neue Gefahr vorhanden? Jetzt, bei beginnendem Tageslicht, fühlte ich mich kräftiger, mutiger. Ich konnte der Gefahr ins Auge schauen, welcher Art sie auch war. Nur auf den geschwollenen Körper des Negers, der wenige Schritte von mir lag, konnte ich nicht ohne Aufregung sehen. Ich vermied es, meine Blicke dorthin zu richten. Das Rauschen in den Büschen hatte aufgehört. Aber das tausendstimmige Lied der Vögel begann im Walde und begrüßte das Emporsteigen der Sonne. Ich erinnerte mich des Grundes, weshalb wir dieses Nachtlager gewählt hatten. Hätte ich mein Gewehr zur Hand gehabt, ich wäre jetzt wieder ganz beruhigt und nur der beobachtende, besonnene Jäger auf dem Anstand gewesen. Fast war ich entschlossen, trotz der Warnung Hura-nees meinen Platz zu verlassen, um mir meine Büchse zu holen. Nach einiger Überlegung beschloß ich jedoch, noch eine halbe Stunde zu warten. Ich legte mich, den erhobenen Kopf in die Hand gestützt, wieder in die Matte zurück. Die Sonne mußte sich über den Horizont erhoben haben – es wurde mit einem Schlag hell. Drüben im Urwald erhob sich ein Geräusch, das meinem Jägerohr wohlvertraut war. Ein Rudel Wild rannte über den Boden. Also trotz seinen nächtlichen Bewohnern diente der Ort unsres Nachtlagers zur Tränke. Ich bedauerte jetzt um so mehr, mein Gewehr nicht zur Hand zu haben. Jedoch ein neuer Ton störte meine Erwartung. Es war das heisere Brüllen eines Pumas. In einiger Entfernung flüchtete ein Rudel kleiner Tropenhirsche durch den Wald, verfolgt von zwei Raubtieren. Die Erfahrung der bisherigen Jagdtage lehrte mich, daß es Pumas sein mußten, die dem Rudel Wild auf dem Weg zur Tränke aufgelauert hatten und Jagd nach ihrem Morgenfraß hielten. Die Ruhe war in wenigen Minuten wieder hergestellt. Der Feind mußte sich weit entfernt haben; bald darauf hörte ich aufs neue das Geräusch sich nähernder Tiere. Obgleich der Wind vom Bach her in den Wald stand, mußten die Ausdünstungen des Sumpfes noch unsre Witterung überwiegen; die sonst so vorsichtige Gesellschaft – ein Tapir mit seinem Weibchen und zwei Jungen – trottete unbesorgt aus der Tiefe des Urwalds heran, um den Tag in ihrem Lieblingselement, Wasser und Schlamm, zuzubringen. Ich war ganz unglücklich darüber, die schöne Gelegenheit versäumen zu müssen; denn trotz allen Bemühungen war ich auf meiner Fahrt bisher nie zu einem glücklichen Schuß auf dies überaus scheue Wild gekommen. Die Dickhäuter schnaubten und grunzten heran; einen Augenblick blieben sie bei dem Leichnam des Negers stehen und berochen ihn; da sie aber Pflanzenfresser sind und ihnen der Geruch wahrscheinlich zuwider war, eilten sie nach dem Wasser. Doch – noch ehe der vorderste Tapir, das Männchen, das Ufer erreicht hatte, schoß aus dem Dickicht gleich einem bunten Strahl ein langer, dicker Streif und umwand das ahnungslose Tier. Ich hörte jämmerliches Aufschreien; ich sah gelbbraune, dicke Ringe sich hoch über den Tapir bäumen und eng zusammenziehen; ich sah einen eiförmigen, platten Kopf, eine lange, gespaltene Zunge. Madre de Dios! Das Gewühl der Nattern und Vipern war ich los – um es mit der Nähe der furchtbaren Anakonda zu vertauschen. Und nicht genug an dem einen Feind – Am Boden hin schoß und huschte eine zweite, gelbbraune Schlange nach der Beute; dem Männchen folgte das Weibchen; zwei der gefürchteten Riesenschlangen, von denen ich nur verkümmerte Arten in Schaustellungen gesehen hatte, wanden sich unter mir am Boden. Für gewöhnlich lebt die Anakonda gleich den meisten Schlangenarten einsam in den Tiefen des Urwalds; ihr Charakter ist träg und gleichgültig. Nur der Hunger treibt sie aus diesem Zustand – und die Zeit der Paarung. Beide, Männchen und Weibchen, sind dann sehr reizbar und gefährlich. Das Schnellen der Schlangen nach ihrer Beute war erfolglos gewesen. Das Tapirmännchen, von dem Anprall und der ersten Umschlingung zu Boden geworfen, stand bald wieder auf seinen plumpen Füßen und stürzte sich mit dem sichernden Urtrieb nach dem Wasser. Vergeblich versuchte die Anakonda es daran zu hindern. Bei der ersten Berührung mit dem Wasser löste die Schlange ihre Ringe und schnellte sich zurück nach dem Land, um dem zweiten Tapir den Weg zu verlegen. Aber das trotz seinem äußeren Ungeschick bewegliche und rasche Tier hatte sich schon umgewandt und raste zurück in den Urwald – an der zweiten Schlange vorbei, die sich auf eines der Jungen geworfen und das quiekende Ferkel schon ganz mit ihren Ringen umwunden hatte. Das zweite Junge entkam. Der aufregende Zwischenfall ging rascher vorbei, als ich ihn zu erzählen vermochte. Er hatte so etwas Erschütterndes für mich, daß ich mich weit aus der Hängematte legte; dadurch kam sie ins Schwanken. Diese Bewegung schien die erste Schlange aufmerksam zu machen. Sie erblickte mich. Niemals werde ich den grünen Strahl der Augen vergessen. Sie hob ihren Kopf. Mit einem wellenförmigen Aufsprung schnellte sie bis dicht vor mein schwankendes Lager hin und versuchte ihren Oberleib in die Höhe zu richten. Aber obgleich sie sich nahe heranhob und ihr weiter Rachen mich drohend angähnte, vermochte sie mich nicht zu erreichen. Nur die ägyptische Brillenschlange kann sich in ihrer ganzen Länge erheben und aufrecht halten. Ich hielt den Revolver umkrampft. Sobald mir der Kopf nahe kam, wollte ich ihr die Kugel in den Rachen schießen; aber ich sparte den Schuß, als ich mich überzeugte, daß sie nicht weiter heraufkam. Es war eine der größten ihrer Art, ein Weibchen, die bei den Schlangen größer und stärker sind als die Männchen. Sie mochte nach meiner Schätzung zwanzig bis zweiundzwanzig Fuß messen und hatte die Dicke eines Mannsschenkels. Die männliche Boa verschlang, unbekümmert um meine Anwesenheit und um die Wut ihrer Gefährtin, den jungen Tapir. Sie war wohl fünf Fuß kürzer. Ein ekler, widerwärtiger Anblick! Der erweiterte Rachen der Schlange begann das kleine, trotz dem Zerbrechen aller Knochen noch lebende und sich sträubende Tier von hinten her in sich aufzunehmen und zu verschlingen. Ich hatte bei meinem Widerwillen gegen alle Schlangen stets vermieden, einer solchen Vorführung bei Schaustellungen mit Kaninchen, Hühnern und andern kleinen Tieren beizuwohnen. Jetzt mußte ich in der Wildnis, selbst gefährdet, Zeuge sein. Das Weibchen fuhr indessen fort, sich auf und nieder zu wälzen. Oft fuhr es wie ein Blitzstrahl in Sätzen über den ganzen Platz; dann ringelte es sich in einen Kreis und schnellte mit Gewalt empor; aber die Beute – das war ich selber –, war und blieb aus seinem Bereich. Das Mißlingen des Versuchs auf den Tapir, dem ihre Umschlingung wahrscheinlich mehrere Rippen gebrochen hatte und dessen klägliches Stöhnen ich aus dem Sumpf hörte, und mein Anblick schien ihre Wut bis zum Äußersten zu steigern. Nach allerlei vergeblichen Versuchen schoß sie auf den nächsten der absterbenden Bäume los, wickelte sich um seinen Stamm bis zur Höhe meines Lagers und versuchte dann, sich dagegen hinzuschnellen. Aber die Entfernung war zu weit; die Schlange fiel jedesmal auf der Hälfte des Raumes zur Erde. Anfangs befürchtete ich, daß sie einen der beiden Bäume wählen würde, deren Äste meine Hängematte trugen. Von dort aus hätte sie leicht mein gefährliches Lager erreichen können. In der Tat machte sie auch zweimal den Versuch. Aber ihre Witterung sagte ihr, daß es ihr Verderben sein würde; denn die starken Stacheln des Holzes mußten sich in ihren Leib bohren. Das erklärte mir nun auch, weshalb die beiden Dornbäume frisch und grün blieben, während die meisten andern ringsum ihrer Rinde beraubt waren. Die Riesenschlangen – oder eine von ihnen – hatten offenbar seit langer Zeit ihr Lager an dieser Stelle und gingen auch von hier aus auf Jagd. Bisher hatte ich vermieden, Hura-nee auf seinem Baum anzurufen. Die Schlangen schienen ihn noch nicht wahrgenommen zu haben; ich fürchtete, durch einen Anruf oder durch Zeichen ihre Aufmerksamkeit dorthin zu richten. Jetzt aber schoß die Schlange gerade auf seinen Baum los und begann sich an seinem Stamm hinaufzuwinden. Der Baum befand sich etwa fünfzehn Schritt von mir entfernt. Der arme Kerl hatte kaum den Besuch bemerkt, der ihm drohte, als er alle Fassung verlor und ein klägliches Hilfegeschrei erhob. Die Anakonda schien aber erst jetzt seiner ansichtig zu werden; sie löste den Kopf von dem Stamm, legte ihn weit zurück und züngelte hinauf nach ihrer Beute. Das war mehr, als ich ertragen konnte. Ich hob den Revolver und feuerte rasch hintereinander zwei Kugeln gegen das Ungeheuer. Sei es, daß die eine trotz der ziemlich großen Entfernung sie verletzt hatte, sei es, daß der Knall ihrer Wut eine andre Richtung gab – kurz, die Schlange löste ihre Ringe, schnellte von dem Stamm fort und sauste wieder auf mich los. »Rette dich!« schrie ich Hura-nee zu. Hura-nee benutzte auch den Augenblick. Er fuhr an dem Stamm herunter, plumpste in den Moder und rannte mit aller Kraft seiner Beine hinein in den Wald. Vergeblich schoß die Schlange ihm nach; er war schon außer ihrem Bereich. Ich war jetzt allein ... Die Sonne war höher und höher gestiegen. Zu meiner ohnehin schrecklichen Lage gesellten sich noch andre, fast ebenso schlimme Plagen. Mein Hut war bei meinen letzten Bewegungen hinuntergefallen. Die Schlange schoß auf ihn zu; bald war er eine formlose Masse. Ich hatte jetzt nichts zum Schutz meines Kopfes gegen die immer brennenderen Sonnenstrahlen als den leichten Schleier, mit dem ich mich am Abend gegen die Stechmücken geschützt hatte, und meinen Poncho. Ich versuchte, mir daraus eine Art Turban zu binden. Durch die Sonnenglut begann die Verwesung des Negers schnell fortzuschreiten. Ein entsetzlicher Geruch erhob sich von dem Leichnam. Er war so unerträglich, daß er mich am Atmen hinderte. Alle meine Sinne waren gespannt. Meine Nerven begannen, krankhaft zu zittern. Mit eiserner Willenskraft mußte ich mich zur Ruhe zwingen. Noch einmal schoß ich auf die Schlange, als sie mir zu nahe kam. Aber, selbst wenn ich bei dem schwankenden Standpunkt getroffen haben mochte: welche Wirkung konnte die unbedeutende Revolverkugel auf den gewaltigen Leib hervorbringen? In all dieser Zeit lag die männliche Anakonda fast unbeweglich auf dem Platz. Sie hatte das ganze Tapir-Ferkel hinuntergewürgt und sonnte ihren aufgeschwellten Leib behaglich zur Verdauung, zu der sie Tage, vielleicht Wochen nötig hatte. Sie würde also an diesem Ort bleiben ... Doch wußte ich, daß von dieser Bestie mir nach dem Fraß wenig Gefahr drohte. Sie war unbehilflich geworden und konnte mich schwerlich verfolgen. Mein Feind war das Weibchen. Der Hunger, die verfehlten Angriffe, die Verwundungen schienen sie nur unermüdlicher, nur noch wilder gemacht zu haben. Sie fuhr mit einer Schnellkraft über den Boden und von Baum zu Baum, die wahrhaft schaudererregend war. Die Stämme, um die sie sich ringelte, schwankten hin und her und bogen ihre Wipfel. Es hatte etwas Teuflisches ... Wenn die beiden Schlangen still lagen, so starrten sie mich beide mit ihren erweiterten, grünen Augen an. Mir schien es, als läge darin der Ausdruck boshafter Gewißheit, daß ich zuletzt doch ihre Beute werden müsse. Mit aller Gewalt hielt ich meinen sinkenden Mut aufrecht. Vielleicht war es Hura-nee gelungen, sich auch ohne Waffen durch den Urwald zurück zu der Stelle durchzuschlagen, von der wir am Nachmittag vorher ausgegangen waren, oder nach der andern Seite des Sumpfes vorzudringen, wo das Boot mich erwarten sollte. Ich wußte, daß der Soldat Miguel sicherlich seinen Herrn nicht im Stich lassen werde; und da er wenigstens noch mit einem Gewehr versehen war, machte er dann ohne Frage mit Hilfe der Indianer einen Versuch zu meiner Befreiung. Es galt also nur, mich in Geduld zu fassen und zu warten. Zu warten – ein fürchterliches Wort in meiner Lage ... Die Sonne brannte so heftig auf mich nieder, daß sie mir das Gehirn zu versengen drohte. Dazu die schauderhaften Dünste, der Durst, der mir die Zunge am Gaumen kleben ließ. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren; die rastlosen Sprünge und Bewegungen der Anakonda schienen sie mir zu hundert ähnlichen Geschöpfen zu vermehren. Ich glaubte mich in die überstandene Nacht zurückversetzt, und statt der Vipern die ganze Lichtung mit Riesenschlangen erfüllt zu sehen. In lichteren Augenblicken betete ich zu Gott und den Heiligen, mir wenigstens meine Besinnung zu erhalten. Ich berechnete die Aussichten auf Rettung, die mir etwa noch blieben ... Doch Stunde auf Stunde verrann ... Seit der Flucht Hura-nees schienen mir Ewigkeiten verflossen. Kein Laut von der Annäherung meiner Befreier ließ sich hören. Wie leicht konnte Hura-nee auf seinem Weg das Opfer eines der Urwaldraubtiere geworden sein – konnte sich verirrt und das Boot nicht gefunden haben. Und selbst, wenn er es traf, würden die nur mangelhaft bewaffneten Bootsleute es wagen, meinem Diener zur Rettung seines Herrn zu folgen, den Kampf mit den gefürchteten Anakondas aufzunehmen? – Und allein konnte Miguel nichts tun; er war hilflos ohne Führer in den Wirrnissen des Urwalds. All dieses blitzte mir durch das erhitzte Gehirn. Die Stunden flohen. Die Sonne sank schon gen Westen ... Barmherziger Gott! Sollte ich etwa noch eine solche Nacht zubringen wie die vorige? In dieser verpesteten Luft, umgeben von dem Hexentanz der Vipern und den Züngeln der Riesenschlangen ... Lieber den Tod ... Ich faßte den Entschluß, auszuharren, bis die Baumschatten im Westen die Lichtung deckten. Dann wollte ich auf alle Gefahr hin den Versuch machen, zu entfliehen. Noch zwei Kugeln hatte ich in meinem Revolver – eine sollte der Schlange gehören – die andre mir selber, ehe sie mich erreichte. Aussicht, daß die Anakondas die Lichtung bei einbrechender Nacht verlassen würden, war nicht vorhanden. Die männliche Schlange lag träg und unbehilflich; das Weibchen würde sie sicherlich nicht verlassen, selbst wenn ihre Wut sich legte. Die Schatten wuchsen ... Ich überlegte nochmals alle Möglichkeiten, die mir blieben. Würde es mir gelingen, nach dem Baum zu eilen, an dem unsre Waffen hingen? Oder sollte ich meine Flucht in das Dickicht oder das Wasser nehmen? Eins war so schlimm und gefährlich wie das andre. Im Schlamm des Sumpfes versinken war ein gleich schrecklicher Tod wie die Umarmung der Anakonda. Die Schatten wuchsen ... Mir war wie einem zum Tod Verurteilten. Wäre ich in einer Kirche gewesen – ich hätte gebeichtet und mich zum Tod vorbereitet; so vermochte ich nur mit mir selber über das vergangene Leben zu rechten. Und immer noch keine Spur von Hilfe. – Kein Laut ... Auf alle Gefahr hin wollte ich doch den Versuch machen, den Baumstamm zu erreichen, an dem die Gewehre hingen. Meine Büchse war auf beiden Läufen geladen. Es war wenigstens die Aussicht einer Verteidigung. Ohne Waffen und Schießzeug mußte ich in der Wildnis untergehen, sobald ich mich in ihr verirrte, selbst wenn meine Flucht vor der Anakonda gelang. Noch waren etwa zwei Ellen Raum zwischen den Spitzen der Schatten und der Stelle, die ich mir als Startpunkt für meine Flucht bestimmt hatte. Ich begann, meine Vorbereitungen zu treffen, vorsichtig, um die Aufmerksamkeit und den Zorn der Anakonda nicht zu reizen. Sie hatte sich jetzt um den Stamm geringelt, der während der Nacht dem Indianer Hura-nee zur Ruhe gedient hatte. Verschiedene Versuche während des Tages hatten mich belehrt, daß die Schlange, deren Augen mich kaum einen Augenblick verließen, sobald ich eine Bewegung nach einer Seite hin machte, auch nach dieser Richtung hin schoß. Dort wand sie sich um den nächsten Baum, um von dieser Stütze aus einen Sprung nach mir zu tun. Wenn ich sie also nach der entgegengesetzten Seite lockte, konnte es mir vielleicht gelingen, meine Waffen zu erreichen und mich zur Wehr zu setzen, ehe sie, die den verwesenden Körper Pompejos vermied und immer einen Umweg nahm, nach dieser Seite zurückkehrte. Einen Augenblick noch – und der höchste Schatten der Bäume erreichte gleich die Stelle, die ich mir als Zeichen bestimmt hatte. Ein kurzes Gebet an die Heilige Jungfrau ... Ich ließ meine Füße aus der Hängematte gleiten, stützte mich mit der Rechten auf den Strick, der sie am Ast hielt, und machte mich bereit, mich hinabzuschwingen. Der Schatten hatte den Punkt erreicht ... Eine rasche Bewegung nach der entgegengesetzten Seite ... Die Schlange schoß wie ein Blitz dorthin und wickelte ihr Schwanzende zwei-, dreimal um den Stamm. Ich warf mich nach der andern Seite und dann – Cielo! Waren das Menschenstimmen? Ich warf mich zurück. Ich klammerte mich an die Hängematte fest, die ich schon halb verlassen hatte. Nur mit Mühe konnte ich wieder Halt gewinnen. ›Hoiho!‹ ›Hallo, Capitano!‹ Oh, ihr Heiligen! Die Stimmen kamen vom Sumpfbach her. Ich schoß den Revolver in die Luft. Ich schrie, so laut ich konnte. Die Schlange unter mir schien Gefahr zu wittern. Das Männchen rollte sich zur Seite – der geöffnete Rachen fletschte... ›Hier! Hier!‹ In das Röhricht, in die offene Gasse des Baches, die von den wilden Tieren gebildet worden war, schoß mit kräftigen Ruderschlägen ein Kahn. Zwei Indianer lenkten ihn; einer davon der alte Tura-put. Drei Europäer, die Flinten in der Hand, standen darin; Miguel, mein treuer Diener, war unter ihnen. Der Nachen hielt einige Schritt vom Ufer. Ein Mann im Lederhemd – offenbar ein Jäger wie ich – übersah mit einem Blick meine Lage. ›Halten Sie sich ruhig, Sir!‹ rief er in englischer Sprache. ›Das ist unsre Sache! – Feuer! – Auf die Bestie dort!‹ Drei Flinten knallten fast zu gleicher Zeit ... Die Kugeln mußten getroffen haben. Die Schlange bäumte sich in die Höhe. Ihr Kopf züngelte hin und her. Ihr Schweif peitschte den Boden. Dann ließ sie ihren Gefährten im Stich; sie schoß in das Gestrüpp, das sich noch weithin unter ihrer wilden Flucht bog. Die andre Schlange krümmte sich unbehilflich zur Seite. Ohne sie zu fürchten, sprang der Fremde im Jagdhemd ans Land, gefolgt von seinen Gefährten. Er näherte sich sofort der Anakonda von hinten, setzte ihr den zweiten Lauf seiner Doppelflinte fast auf den Kopf und zerschmetterte ihn mit einem Schuß. Dann sprang er zur Seite, um von den Zuckungen und Schlägen des Riesenleibes nicht getroffen zu werden. Miguel, mein Bursche, eilte zu mir. Mit seiner Hilfe verließ ich die Hängematte. Aber ich fühlte mich so krank und schwach, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Der Fremde reichte mir die Hand. ›Gott sei Dank, Sir, daß wir noch zur rechten Zeit gekommen sind. Aber wir wollen eilen! – Der Nachen kann uns an einer andern Stelle landen, wo Sie sich in reiner Luft und fern von dieser schrecklichen Umgebung erholen können.‹ Ich war außerstande, ein Wort hervorzubringen. Ich konnte ihm nur die Hand drücken – wie ich es jetzt tue!« * Der Oberst hatte schon längst während der Erzählung seine Zigarre ausgehen lassen. Er warf sie jetzt fort und reichte Kapitän Wellington die Hand. »Dies ist der Mann«, fuhr Oberst Alzuño fort, »dem ich mein Leben danke; ich werde lebenslang sein Schuldner bleiben.« »Sie hätten das gleiche für mich getan«, sagte der Engländer einfach. »Ich wollte, ich könnte Ihnen meine Dankbarkeit einmal beweisen! – Doch – unsre Freunde hier möchten sicherlich wissen, wie es kam, daß mir diese Hilfe wurde. Erlauben Sie mir, lieber Kamerad, noch einige Worte hinzuzufügen. Hura-nee war seine Flucht geglückt. Er hatte sich bald mit dem gewöhnlichen Scharfsinn des Indianers im Urwald zurechtgefunden und erreichte nach angestrengtem Lauf die Stelle, von der wir am Nachmittag vorher ausgegangen waren. Unser Boot fand er noch am Platz. Der alte Bootsführer hatte uns nicht so zeitig zurückerwartet. Natürlich berichtete Hura-nee, was geschehen war, mit allen Übertreibungen, die ihm die Furcht eingab. Danach mußte ich schon zehnmal von den Anakondas mit Haut und Haar verspeist sein. Vergeblich verlangte Miguel, daß man sich aufmache, wenigstens meine Überreste zu suchen. Der alte Tura-put verweigerte jeden Schritt, nachdem er hörte, daß der Platz des Ereignisses die berüchtigte Schlangenbucht sei, von der die Einbildung der Eingeborenen die fabelhaftesten Dinge erzählte, und der sie um keinen Preis sich näherten. Bei seiner Unkenntnis der Eigentümlichkeiten des Urwalds vermochte Miguel mir nicht allein zu Hilfe zu kommen. So mußte er sich denn in den Beschluß des alten Bootsmanns fügen, nach der letzten Niederlassung zurückzukehren, um von dort vielleicht Beistand zu holen. Aber das Boot hatte noch keine halbe Stunde zurückgelegt, als ihnen ein andres Boot begegnete, das Europäer trug. Es war Kapitän Wellington, der damals im britischen Guayana diente, und gleich mir in Begleitung eines Dieners auf einem Jagdausflug am Orinoko begriffen war. Er wollte dabei bis Bolivar hinaufgehen und traf so zufällig mit meinen Leuten zusammen. Als Miguel Europäer vor sich sah, rief er sie an und teilte ihnen seine und meine Not mit. Sofort beschloß Kapitän Wellington, meine Spur aufzusuchen, und durch Drohungen nötigte er meine Bootsleute, wieder mit ihm umzukehren. Zum Glück hatte das große Boot des Kapitäns ein leichteres Kanu bei sich, dessen man sich bedienen konnte, um in den Sumpfbach einzufahren, statt den weiten Weg durch den Urwald zurückzulegen. Man war erst in einen falschen Arm des Baches geraten; dann aber gelang es ihnen, noch im letzten Augenblick zu meiner Rettung herbeizukommen. Dies alles erfuhr ich, während wir auf der andern Seite des Sumpfes an einer Quelle im Urwald lagerten. An einem behaglichen Feuer briet das Wild, das der Begleiter des Kapitäns erlegt hatte. Nichts erinnerte mich mehr an die so furchtbar verlebten Stunden als die tote Riesenschlange, die unsre Indianer nicht versäumt hatten, hinter dem Boot herzuschleifen. Sie hatten sie jetzt an dem hohen Ast eines Baumes aufgehängt, um die feinschuppige Haut abzustreifen. Damals schlossen wir – der Brite und der Spanier – Freundschaft; eine Freundschaft, die hoffentlich für das Leben dauern wird ... Am andern Morgen erwachte ich neugestärkt und frisch. Wir kehrten nach der Mündung des Sumpfbachs zu unserm Boot zurück. Kapitän Wellington fuhr nach Westen gegen Bolivar; ich kehrte heim nach Tortola und gleich darauf nach Havanna. Ich hatte genug von den Tropen ... Ein Jahr darauf ging mein Regiment nach Spanien zurück.« »Erlauben Sie mir, noch hinzuzufügen«, sagte Wellington, »daß ich bei meiner Rückkehr nach Georgetown in meiner Wohnung die Haut der Riesenschlange mit einem silbernen Kopf, statt der Augen und Zähne mit Edelsteinen besetzt, vor meinem Lager fand. Sie hat noch in meiner Wohnung zu Malta den Ehrenplatz unter manchen andern alten und lieben Erinnerungen.«