Ludwig Tieck. Karl von Berneck. Trauerspiel in fünf Aufzügen. 1795.     Berlin, bei G. Reimer, 1829.     Personen. Walther von Berneck . Mathilde , seine Gemahlin. Seine Söhne:     Reinhard ,     Karl . Der Burgvoigt . Knappen auf Berneck:     Conrad ,     Franz ,     Georg . Leopold von Wildenberg . Heinrich von Orla . Adelheid , seine Schwester. Wilhelm , sein Knappe. Adelheids Hofmeisterin . Rudolph von Ebenburg . Ritter. Damen. Knappen. Knechte. Geister.     Erster Akt. (Seeufer, das Meer ist noch unruhig, ein Gewitter, das fortzieht.) Walther von Berneck . Rudolph von Ebenburg . Heinrich von Orla , der für sich auf und ab geht, Wilhelm und andere Knappen. – Rudolph . Ich eile, um so bald als möglich in Deutschland zu sein. Walther . Alle meine Wünsche gehn mit Dir, guter Rudolph. Verfüge Dich dann sogleich nach meinem Schlosse, und bringe meiner Gattin und meinen Kindern Nachricht von mir; erzähle ihr, wie ich tausendmal unter den Säbeln der Ungläubigen dem Tode ausgesetzt war, wie auf der Hinreise nach dem gelobten Lande mich Beschwer und Gefahr verfolgten, wie wir noch jetzt beim Landen einem Sturme nur so eben entronnen sind, und wie ich, wenige Wochen nach Dir, sie alle auf Berneck zu umarmen gedenke. Rudolph . Und dann besuch' ich Euch auf Eurem Schlosse, und wir feiern dann bei einem fröhlichen Gelage das Andenken der Vergangenheit. Walther . Wenn Gott uns diese Freude vergönnt, ja! denn Rudolph, ich habe gefunden, daß man in dieser Welt auf nichts gewiß hoffen darf, wenn man nicht verzweifeln will; es ist mit dem Leben wie mit der Saat; alle Körner gehn nicht auf, und wenn nur kein Mißwachs daraus entsteht, müssen wir schon die Hände aufheben und Gott danken. Rudolph . Ihr seid alt, Ihr dürft schon so sprechen, aber für mich, den Jüngling, ist der Gedanke niederschlagend! Walther . Auch Du wirst Mann, wirst Greis werden, das heißt, Du wirst von Deinen Erwartungen nach und nach immer mehr abziehn, bis Dir am Ende nichts übrig bleibt, als die Hoffnung auf ein ruhiges und seliges Ende. Rudolph . Warum leben wir dann aber, und mühen uns so ab? Walther . Weil es so sein muß, und weil wir dazu keine Gründe verlangen. – Aber geh, sonst möchte Dir das Geschwätz und die Lehre eines Greises eben so verdrießlich fallen, als jenem Manne dort, der es nicht unterlassen konnte, auf mich zu schmählen, indem der Himmel drohte und die empörte Meeresfluth schalt. – Bei Gott! es sind die Zeiten gekommen, in denen das Alter verachtet wird; jeder Knabe, der einen Bart an seinem Kinne fühlt, darf trotzig die Erfahrungen des Mannes verspotten, weil seine Zunge gewandter und sein Arm vielleicht stärker ist. – Ich habe diesen Heinrich von Orla fast erzogen, er sah an meiner Seite sein erstes Thurnier, und jetzt darf er mir nun so frech widersprechen, mit andern über meine Gebrechen zischeln und lachen. – Heinrich . Ihr verkennt mich! bei Gott! Ihr verkennt mich. Walther . Mag sein, aber Ihr habt mich auch verkannt, Ihr habt Euch selbst verkannt. Heftigkeit ist nicht immer ein Zeichen des Muthes und der Großherzigkeit; wer sich so sehr gegen das Alter vergessen kann, mag bei einer andern Gelegenheit auch seiner anderen Ritterpflichten vergessen. Heinrich . Ritter Walther, keiner, als Ihr, dürfte mir ein solches Wort bieten. Walther . Willst Du etwa, daß wir unsern Zwist mit dem Degen ausmachen? Rudolph . Ich bitt' Euch, laßt mich nicht von Euch scheiden, ehe ich Euch nicht wieder beruhigt, nicht wieder Freunde sehe. Heinrich . Ich gebe Euch mein Wort, ich bin beruhigt. – Meine Ungeduld übereilte mich, als Walther mitten im Sturm, indem wir schon das Land sahen und noch nicht landen konnten, als Wellengeräusch mein Ohr erfüllte und die Winde mich betäubten, als er da von Muth und Gelassenheit sprach, indem noch keiner den Muth verloren hatte, als er sich mit dem Ungewitter verband, meine Ungeduld zu vermehren. – Aber es ist vorüber. – Rudolph . Gewiß? Heinrich . Bei meiner Ritterehre! Rudolph . Nun so lebt wohl, recht wohl: in Deutschland sehn wir uns bald und freudig wieder. Geht ab. Walther . Ungeduld? – Ungeduld! – Als ich ein Jüngling war – Heinrich , der auf ihn zugeht und seine Hand ergreift . Vergebt mir, seht, ich bitte Euch darum, als ein Beschämter, ein Ueberführter, ich gesteh' es, ich war zu rasch! – Seid Ihr nun zufrieden? Walther . O Heinrich! wüßtest Du, was in meiner Seele liegt! – Heinrich . Ihr seid gerührt, alter Mann. – O Ihr habt Recht, ich bin ein unbesonnener Knabe. – Vergebt mir, seht, ich schämte mich nur vorher, gleich meine Reue so baar und offen zu zeigen; o betrachtet mich wieder einmal als Euren Sohn und versöhnt Euch mit mir von Herzen. Walther , der ihn umarmt . O Heinrich, Du weißt nicht, und ich kann es Dir nicht sagen, wie mir war, als ich Europa wieder sah. Wie ein nüchternes Erwachen blies mir der Wind vom Lande her entgegen, alle trübsten Zeiten, die ich je erlebt, und nun schon längst vergessen hatte, kamen in mein Gemüth zurück. – Glaube mir, ich war nie glücklich, und diese Ueberzeugung faßte mich jetzt so schrecklich an. Heinrich . Ihr seid von Euren Wunden noch nicht ganz genesen. Walther . Nein, Heinrich, es ist nicht das. – O wenn ich dazu aufgelegt wäre, könnte ich Dir alte Mährchen erzählen, die ich in manchen Stunden nur zu sehr glauben muß. – Jedem von unserm Stamme ist ein alter unversöhnlicher Fluch mitgegeben, der magnetisch nicht von uns läßt. – Ihn erkenn' ich in jedem Ungewitter, in jeder Krankheit wieder; kömmt mir ein blasses Gesicht entgegen, so zittre ich schon im voraus wegen der entsetzlichen Neuigkeit, die ich vernehmen soll. Die Trübseligkeit geht mir nach wie mein Schatten, und erbt vom Vater auf den Sohn, und keiner wird vielleicht diesen schwarzen Stein aus seinem Wege wälzen. Heinrich . Ihr erhitzt Euch. Walther . Da komm ich nun aus dem gelobten Lande zurück, und alles was ich that und litt, das ganze Gedränge trüber Tage liegt wie ein albernes Mährchen da, wie die Abendlüge eines Minnesängers. Wem hat unser Zug genutzt und wem nicht geschadet? Die Engel haben mit Lächeln auf unsern kindischen Eifer herabgesehn, und uns nicht durch Glück in unsrer Thorheit bestärken wollen. – Und nun kehren wir zurück – Heinrich . Und die Freuden des Vaterlandes warten auf Euch. Walther . Freuden? – Eben das war es, daß mir jeder Baum, jeder Berg und jede ziehende Wolke zu verkündigen scheint, daß ich vergeblich auf so etwas warte. Mir ist wie in einem fest verschlossenen Kerker, in dem ich den Klang der frohen Welt nur aus einer tiefen Ferne höre. Ich kann nicht sagen, daß ich mich drauf freue, mein Weib und meine Kinder wiederzusehn. Heinrich . Die Melankolie trübt Euch selbst die heitersten Aussichten. Walther . Ach! Ihr versteht mich nicht, und ich könnte fast von neuem darüber zornig werden. – Alles dies Gefühl sonderte mich von den übrigen im Schiffe ab, die sich auf Verwandte und Vaterland freueten, daß ich ihre Ungeduld im Sturme durch meine stillern Gedanken zu sänftigen suchte. – Denn was wäre es denn mehr gewesen, wenn uns die Fluth verschlungen hätte? Heinrich . So traurig habe ich Euch noch nie gesehn. Walther . Ihr geht nun zum heiligen Jago von Campostella? Heinrich . Ja, ein unerfülltes Gelübde meines verstorbenen Vaters treibt mich dorthin.. – Aber vergönnt, daß ich Eurer noch pflege. Walther . Nein, mein Sohn, Du mußt fort; Du scheinst den Werth eines Gelübdes nicht zu kennen. Heinrich . Ihr habt gemacht, daß mir jedes Geschäft, das wir uns vorsetzen, unnütz und thöricht erscheint. Walther . Nein, Du mußt fort. Heinrich . Wenn man so über Bestimmung und Thätigkeit denkt, möchte man verzweifeln. Walther . Man soll eben nicht denken, und die Menschen verzweifeln auch daran nicht. Heinrich . Ob wohl meine Schwester noch lebt? – Walther . Nun, Ihr reiset. – Lebt wohl! – Heinrich . Kommt, ich will wenigstens noch ein Stündlein in jener Herberge mich zu Euch setzen, ich will Euch noch einmal recht in's Auge fassen, denn wer weiß, ob wir uns wiedersehn. – (sie gehn Arm in Arm ab.     Saal auf der Burg Berneck.) Conrad . Georg und Franz . Knappen. Franz . Ei, Du bist auch gar zu pünktlich. Georg . Freilich! Conrad . Wenn Ihr Euren Dienst ordentlich und redlich verrichten wollt, so könnt ihr nicht zu pünktlich sein. – Dich, Franz, hab' ich immer ungern hier im Schlosse gesehn, weil Du jeden neuen Knappen, der hier anzieht, verdirbst. Franz . Ich? – Nun da bist Du alter Bär doch der Erste, der mir das sagt. Conrad . Daß Dich das Wort nicht noch einmal gereut! – Ich weiß, daß Du die Gottesfurcht verachtest, und mit beiden Füßen in dem Pfuhl der Sünde stehst; mein weißes Haar darf also wohl nicht ein wenig Respekt von Dir fodern. Nun, Du wirst Deiner Strafe nicht entlaufen. Franz . Indeß Ihr predigt, könntet Ihr auch etwas thun. Conrad . Ich bin Euch zum Aufseher bestellt, nicht Ihr mir: die Wirthschaft hat sich hier gar wunderlich umgedreht. Der Burgvoigt tritt auf. Burgvoigt . Nun, Kinder, Leute, alles in Ordnung? – Heut Abend ist großes Fest, prächtige Versammlung hier. – Setzt die großen Pokale auf, so will es unsre Hausfrau. – Du, Franz, sollst noch nach einigen Gästen reiten, der Leopold von Wildenberg soll noch gebeten werden, er ist gestern erst auf sein Schloß drüben angekommen. Franz ab. Burgvoigt . Tummle Dich, Georg, in den Keller!– Ich habe noch tausend Sachen zu besorgen. – ab mit Georg. Conrad . Ein herrlicher Burgvoigt! Der nur für die Weine sorgt und alles übrige gehn läßt, wie es nur selber Lust hat. – O mein guter alter Herr! mit dem ich so manches Leid, so manche Freud' ertragen! wo bist Du? soll Dich mein Auge nicht noch einmal vor meinem Tode sehn? Und wenn Du nun kömmst und findest alles so verwandelt! – Dein Bild hängt hier über der Tafel und sieht den Unfug mit an! Trauerlieder sollten durch die Hallen summen und Pokale werden klingen. ab. Reinhard und Mathilde . Mathilde . Unserm heutigen Feste hättest Du noch beiwohnen sollen. Reinhard . Ich kann nicht, denn ich fürchte schon jetzt zu spät zum Thurniere zu kommen. Jeder Ton, den ich höre, klingt mir wie ein ferner Trompetenruf, ich habe schon zu lange geweilt. Mathilde . Kömmst Du zurück, wenn das Thurnier geendigt ist? Reinhard . Ich weiß es wahrlich nicht, denn Leopold von Wildenberg hat mich schon seit lange mit zwei andern Gesellen auf sein Schloß beschieden, und ich freue mich ihn kennen zu lernen. Mathilde . Du sahst ihn nie? Reinhard . Nur mal in der Ferne, aber ich habe ihn nie gesprochen; daß er heut zu Eurem Feste gebeten ist, ist die einzige Ursach, daß ich ungern fortreite. Was hört man nicht alles von dem Manne! Mathilde . Tapfer soll er sein. Reinhard . Wie der heilige Georg, alle Frauen mögen ihn auch deswegen gern. Schön ist er nicht, denn Narben in Schlachten und in Zweikämpfen erhalten, entstellen sein Gesicht, aber wenn man ihn sieht, so fühlt man recht in der Brust, was das Wort Mann zu bedeuten hat. Mathilde . Aber er ist doch immer wild und unbändig. Reinhard . Nicht wahr, Mutter, weil er nicht auf den Klang der Minnelieder hört, oder noch kein Weib genommen hat? Darin sind sich die Frauen doch alle gleich, sie trauen keinem recht, der nicht getraut ist, oder wenigstens von einer Braut etwas zu sagen weiß. Mathilde . Du scheinst Dir ihn schon jetzt zum Muster genommen zu haben? Reinhard . Würdet Ihr mich darum schelten? Mathilde . O ja, denn man erzählt auch viel von Jungfrauen, die er verführt, und von manchen andern wilden Thaten, die er verübt hat. Reinhard . Darüber seid unbesorgt, denn bis jetzt ist mir mein Streitroß immer noch schöner vorgekommen, als jedes weibliche Geschöpf, das ich sah. – Aber lebt wohl, wir verderben hier die Zeit mit Schwatzen. Mathilde , umarmt ihn . Viel Glück, theurer Sohn, im Thurnier, bringe mir den Preis zurück; doch ohne ein Fräulein im Herzen wirst Du ihn sicher nicht erringen. Reinhard . Vielleicht doch! ab. Mathilde . Wie schön ihm seine Wildheit steht! – Da sprengt er schon fort! – Er wird mit den Jahren ein Muster der Ritterschaft. – Warum sind ihm viele Männer so ungleich? ab.     (Ein Zimmer in der Burg.) Karl von Berneck und Conrad . Karl sitzt auf einem niedrigen Fußschemmel und hört aufmerksam Conrad zu. Karl . Nun so fahre fort, lieber Conrad. Conrad . Ach! ich kann diese Historie immer nicht ohne Thränen erzählen. Karl . Und ich muß weinen, wenn ich zuhöre. Conrad . Oben auf dem Berge lagen nun die vier Heimonskinder, und waren von einer großen Macht belagert. Ritsart lag schwer verwundet und konnte sich nicht aufrichten, Adelhart und Writsart auf ihren Knieen und flehten zum barmherzigen Gott um Rettung und Hülfe, nur der starke Reinold war noch wacker und munter und hielt den Feind von dem steilen Berge zurück, indem er große Felsensteine hinunter warf. So verging ein Tag und eine lange Nacht und keine Hülfe war sichtbar. Auch der mächtige Reinold war schon ermüdet und alle Brüder waren in ihren Herzen tief betrübt, so daß sie endlich beschlossen, sich zu ergeben und zu sterben. Indem gewahrt Reinold in der Morgensonne einen fernen Reiter und verkündigt's seinen Brüdern; ach! theure Brüder! rief er aus, ich erkenne mein Roß Bayart und meinen Vetter Malegys. – Da erhoben sich Writsart und Adelhart von den Knieen und sahen hin, und erkannten ebenfalls das Roß und seinen Reiter. Da wurden sie voll Muths und jauchzten und dankten Gott dem Herrn. Ritsart der alles gehört hatte, sagte: meine lieben Brüder, ich bin so schwer verwundet, daß ich mich nicht durch eigene Kraft auf meine Beine stellen kann, ich bitte Euch, Ihr wollet mir aufhelfen, damit ich doch auch zu meinem Troste das Roß Bayart gewahr werde. Da hoben sie ihn auf und hielten ihn brüderlich in ihre Arme, und er sah ebenfalls das Roß Bayart; worauf er sagte: Ach! mich dünkt, ich bin nun schon ganz gesund und von allen meinen Wunden genesen, seitdem ich dieses gute Roß gesehn. – Bayart aber machte große Sprünge, um zu seinem Herrn Reinold zu kommen, es warf mit einem gewaltigen Stoß den Malegys ab, senkte dann vor Reinhold seine Kniee und ließ ihn aufsteigen. – Nun wurden sie durch ihre Tapferkeit aus dieser bedrängten Lage gerettet. Karl . Laß es gut sein, lieber Conrad, erzähle auf ein andermal den Erfolg dieser Geschichte, die mir so lieb ist. Ist mein Bruder schon zum Thurnier geritten? Conrad . Ja. Karl . Mich dünkt, die Welt ist, so wie es in ihr zugeht, nicht gut eingerichtet. Conrad . Ihr seid immer so bekümmert, Junker; sagt mir was ist Euch? Wollt Ihr Eure Jugend schon so durch Gram trüben? Karl . Und warum soll ich nicht jetzt eben so gut, wie im Alter ernsthaft seyn? – Es giebt Menschen, die dazu ausgelesen sind, nur die schwarzen Tage, die das Schicksal in die Welt fallen läßt, zu erleben, und ich bin gewiß einer von diesen. Conrad . Ei! warum nicht gar! Karl . Sieh nur die Heldengeschichten durch. Wie viele Menschen sind bloß dazu, den Einen zu verherrlichen, den Einen Hervorragenden groß zu machen; Es muß auch diese untergeordneten Geister geben und ihrer müssen mehr sein, als der andern. Conrad . Das ist wahr; aber es ist mir wahrlich noch niemals bei einer Heldengeschichte eingefallen. Karl . Es ist mein erster Gedanke, wenn ich so höre, wie viele Reinold in dem Gefechte, oder in jenem erschlug, unter denen gewiß viele edle wackre Männer und Jünglinge waren, die vielleicht einst seine vertrautesten Freunde und Genossen hätten werden können. Alle diese sind als eine fast unnütze Zugabe in die Welt geworfen, wie die überflüssigen Früchte fallen sie vom Baume, ehe sie reif sind. Und warum soll ich nicht einer von diesen sein? Conrad . Ach, liebster Junker, betrübt mich nicht durch diese Gedanken. Karl . Ich bin bange, in der Welt weiter zu leben. – Wurde dem guten Rosse Bayart nicht auch mit dem schnödesten Undanke vergolten? Mußte es nicht in den Wellen umkommen, damit sein Herr sich nur mit dem Könige versöhnen konnte? Darum muß ich immer schon in der Mitte dieses Kindermährchens weinen, weil mir der Ausgang schon vor Augen schwebt. Conrad . Ach, ich sehe wohl, Ihr habt ein gar nachdenkliches Gemüth, und das taugt für dieses Leben nicht. Karl . Sage mir, warum bin ich nicht Ritter, wie mein Bruder, da er doch nur Ein Jahr älter ist, als ich? Warum darf ich kein Thurnier besuchen? Warum muß ich unerzogen mich hier im Schlosse auf und abtreiben und darf nichts sagen, nichts reden? Wie ein Kind werd' ich gehalten und muß es hoch erkennen, daß ich zuweilen jagen darf. – O wenn mein Vater hier wär! Conrad . Ja wohl da würde es anders sein. Karl . Wenn ich im Waffensaale auf und abgehe, so ist es, als wenn jedes Schwerdt, und jeder Schild mich verhöhnte. – Wie alt war Reinold, als ihn sein Vater Heimon zum Ritter schlug? Conrad . Funfzehn Jahr. Karl . Und ich bin neunzehn! – Muß ich mir nicht von den Leuten meiner Mutter übel begegnen lassen? Muß ich nicht Trotz und Schimpf erdulden? Indeß mein Bruder schon eine Burg beherrscht und mich, seinen Bruder, seinen Bruder, der ihn liebt, wie einen Knecht behandelt. Conrad . Es ist Unrecht, es ist Sünde. Karl . Darf ich es sagen, wie unschicklich ich es finde, daß meine Mutter in ihrem Wittwenstande Gäste ladet, und Gelag und Schmaus die Hallen mit Getöse füllt? – O ich möchte an der Seite meines Vaters kämpfen! wer weiß, er mag schon todt sein, und keiner kümmert sich um ihn. – Conrad, es ist schändlich! Ich träume oft in der Nacht davon und fahre auf und will nach meinem Schwerdte greifen und zu ihm eilen, als wären es nur wenige Schritte, – und dann sink ich in mich zurück und weine und schluchze laut. Bergab geht jetzt schon mein Leben, die dunkeln Büsche umher umgeben mich immer dichter und dichter, und ich weissage Dir, Conrad, bald, sehr bald bin ich verirrt. Conrad . Denkt daran nicht; mir ist es immer zu Muthe, wenn ich Euch ansehe, als wenn der junge Held Reinold vor mir stünde. Karl , aufspringend . Wenn Gott mir die Gnade verliehe! – Aber nein, mein Gemüth hebt sich nicht froh und leicht, wie mit Blei wird es an den Boden gezogen, mir ist nicht so, wie es einem Helden sein muß: wie ein Wolkenschatten geh ich über die sonnige Ebene hin und jede Aehre und jeder Grashalm richtet sich froher im Scheine auf, wenn ich vorüber bin. – O laß mich! Conrad . Nein, ihr seid stark und kräftig, Ihr werdet hier noch alles wieder gut machen, wenn Euer Vater nicht wiederkehren sollte, und Ihr müßt es. Karl . Ich vergesse ganz, daß ich beim heutigen Feste doch auch zugegen sein muß! – Wenn ich nur in den Waffen geübt wäre! – Conrad, verwichne Nacht schnallt ich mir den größten Harnisch an und er war meinen Schultern nicht zu schwer, die gewaltigsten Schwerdter und Streitäxte sind mir ein Spiel, aber ich weiß kein Pferd im Kampf zu lenken, ich weiß den Speer nicht zu regieren. – Komm in den Saal. beide ab.     (Erleuchteter Saal, große Tafel, die Pokale stehn nur noch auf dem Tisch. Mathilde sitzt an der Seite Leopolds , Adelheid von Orla mit ihrer Hofmeisterin, andre Ritter und Damen , dienende Knappen, ein Minnesänger seitwärts, Karl tritt herein und setzt sich unten an die Tafel.) Minnesänger .         Liebe warb um Gegenliebe,         Bot ihr alle Güter dar,         Bis ihr gar nichts übrig bliebe         Das der Rede würdig war.         Gegenliebe war erst spröde         Und verwarf den schönen Tausch,         Stellte sich so still und blöde,         Wieß den Handel ab so schnöde,         Daß die Liebe fast erschrak.     Aber bald drang stilles Sehnen         Ihr nun durch die junge Brust,     Leise Seufzer, schwere Thränen,         Waren ihre Quaal und Lust:         Ja, rief sie aus, ich bin und bleibe dein,         Und Liebe, du bist ganz im Herzen mein! Leopold . Wer ist jener trübe Jüngling, am Ende der Tafel? Mathilde . Mein jüngster Sohn; er sieht seinem Vater ungemein ähnlich. Leopold . Sein Bruder gleicht Euch dafür um so mehr. Aber wie ist es möglich, daß ihr schon so erwachsene Kinder habt, schöne Frau, man sollte Euch fast nur für ihre Schwester halten. Mathilde . Ihr wollt scherzen: aber ich ward als ein junges Kind mit Walther von Berneck verheirathet. – Ist es Euch jetzt gefällig aufzustehn, damit die Ritter und Damen einen Tanz versuchen können? Leopold . Und Ihr wollt es mir durchaus abschlagen? Mathilde . Wenn Euch so viel daran liegt, nicht. – Ich hatte anfangs noch eine Mummerei bestellt, aber meine Gaukler sind ausgeblieben. Burgvoigt . Nun zum Schluß des Mahls. – hebt den Pokal hoch. Merkt auf, ihr Spielleute, – auf das Wohlsein unsers Herrn Walther von Berneck! Karl . Einen Becher Wein! Die Chöre von Musikanten blasen laut, jeder trinkt, man erhebt sich von der Tafel, gegenseitige Glückwünsche. Hofmeisterin zu Adelheid . Und wenn Ihr nun tanzen müßt, mein Fräulein, so hütet Euch wohl, daß Ihr Euch nicht zu sehr erhitzt, denn das schadet beides der Gesundheit und dem guten Rufe eines Mädchens, und ist sowohl unanständig, als auch gegen die guten Sitten. Adelheid . Ich wünschte lieber dem Tanze zuzusehn. Hofmeisterin . Ihr habt keine Eltern, ich muß daher meine Pflicht um so pünktlicher erfüllen, wie ich es Eurem Bruder versprochen habe. Man ordnet sich zum Tanz, Adelheid bleibt übrig, sie geht beiseite und setzt sich nieder, Musik und Tanz fängt an. Leopold tanzt mit Mathilden.) Minnesänger . Ihr so einsam, schönes Fräulein? Adelheid . Man hat meinen Wunsch erfüllt, und mich nicht aufgefordert. Minnesänger . Ihr liebt, so scheints, die Einsamkeit. Adelheid . Kann man in diesem Geräusche einsam sein? Karl , zu Conrad auf der andern Seite . Wie widerwärtig ist mir dies wilde Getümmel, wie betrübt die Musik mein Ohr! Mich dünkt, die Spielleute und Tänzer sind rasend. Conrad . Das gehört so zum menschlichen Vergnügen. Karl . Sieh, das Fräulein Adelheid ist allein übrig geblieben; ja freilich, sie paßt wenig in diese Raserei. – er nähert sich ihr. Ihr findet auch kein Vergnügen am Tanz, mein Fräulein? Adelheid . Nein. Karl . Wer könnte es auch in diesen betrübten Zeiten? Mein Vater ist auswärts, so wie Euer Bruder, und wir wissen nicht, was aus beiden geworden ist. Adelheid . Ich war noch ein Kind, als Heinrich fortreiste, und doch gräm' ich mich Tag und Nacht um ihn. Karl . Glaubt mir, es ist auch nur kindisch, sich darüber zu grämen, denn mir geht es grade so; mein Vater reiste schon früher als viele Ritter und ich möchte mein Blut hingeben, wenn er nur wiederkehrte. Adelheid . Er wird, Ihr müßt es glauben. – Wer ist der fremde Mann, der mit Eurer Mutter tanzt? Karl . Ich seh ihn heute auch zum erstenmal, er heißt Leopold von Wildenberg, ein wilder Geselle. Adelheid . Ich habe mich vor ihm gefürchtet, als ich ihm an der Tafel gegenüber saß. Karl . Und mir ist er zuwider, recht in der innersten Seele verhaßt. Seht nur die große Schmarre über das ganze Gesicht, wie sie ihn entstellt! Adelheid . Er sieht kriegerisch und kühn aus. Karl . Ja, wie einer von jenen Kriegern, bei denen man es vergißt, daß sie Menschen sind. Ich könnte nicht mit ihm aus einem Becher trinken. Adelheid . Sein Auge glüht heftig und fast auf eine fürchterliche Art. Karl . Er hält sich für einen großen Helden, und zieht darum Gesichter, die es der ganzen Welt ankündigen sollen. Er scheint alle Menschen zu verachten, und eben darum sind die Weiber freundlich gegen ihn: er mag ein guter Ritter seyn, aber ich möchte ihn nicht zum Freunde haben. Der Tanz ist geendigt, Mathilde geht vorüber. Mathilde . Was schwatzest Du hier, unbesonnener Knabe? Karl . Ich sage nur, wie es mir um's Herz ist. Mathilde . Das ziemt nur Männern; geh! – Karl . Es ziemt sich vieles nicht. – er entfernt sich nach dem Hintergrunde, Mathilde und Leopold setzen sich auf die andere Seite des Theaters, die Musik schweigt. Hofmeisterin . Ihr seid zu rasch, mein Fräulein, da habt Ihr unsre Wirthin sehr beleidigt; Ihr wißt noch nicht, wie man sich in dergleichen Gesellschaften zu betragen hat. Adelheid . Ach nein! Hofmeisterin . Darum sag' ich doch: Ihr habt noch manches zu lernen. Leopold . Und wie lange ist Euer Gemal nun schon abwesend? Mathilde . Seit sechszehn Jahren. Leopold . Schon so lange Wittwe? – Mathilde . Und ich glaube, er ist schon seit lange todt, denn vor vier Jahren erhielt ich eine Bothschaft, daß er in Palästina schwer verwundet darnieder liege, und seitdem hab' ich nichts wieder von ihm vernommen. Leopold . Gewiß ist er todt und begraben, und Ihr, schöne Frau, trauert und erwartet ihn vergebens. Mathilde . Mir wird oft die Burg zu enge, dann muß ich Menschen sehn; es ist mir unmöglich, ganz wie eine Nachteule in einer düstern Einsamkeit zu leben. Leopold . Es wäre auch Unrecht, so viel Schönheit den Augen der Welt auf immer zu entziehn. Mathilde . Ihr wollt mich roth machen. Leopold . Solltet Ihr das von mir zum erstenmale hören? Das will ich zur Ehre unsrer Ritter nicht hoffen. Mathilde . Ich habe viel von Eurer Kunst gehört, die Frauen durch Schmeicheleien zu fangen. Leopold . Schmeicheleien sind nur ein nothwendiges Uebel, bei Euch wird jede Schmeichelei zur Wahrheit. Mathilde . Glaubt Ihr, daß ich die Männer so wenig kenne, um Euren Worten zu glauben? Leopold . Ihr mögt vielleicht die Männer im Ganzen kennen, aber wahrlich mich nicht, wenn Ihr mir nicht traut. Mathilde . So sagt ein jeder, und ein jeder lügt. Leopold . Laßt die Lügner gehangen werden! doch ich bleibe lebend. Mathilde . Seid Ihr Eurer Sache so gewiß? Leopold . Ich müßte keine Augen haben, ich müßte Euch nicht gesehn haben. Mathilde . Immer wieder das alte Lied? Leopold . Mißfällt es Euch denn so sehr? Mathilde . Es darf mir nicht gefallen. Leopold . Ihr seid ja Wittwe. Mathilde . O wahrlich, ich dürfte Euch nur zum Beichtvater annehmen, und Ihr riethet mir bald zu einer zweiten Heirath. Leopold . Und ich riethe gut. Mathilde . Bei Gott nein! denn schon in der ersten – doch, begehrt Ihr nicht zu tanzen? seht, ich glaube alle Fräulein warten nur auf Euch. Leopold . Wer ist denn jene dort im weißen Kleide? Mathilde . Adelheid von Orla, meine Nachbarin, ich würde sie sonst nicht geladen haben. Ihr Gesicht, ihre Sprache, ihr Wesen ist mir nicht erfreulich. Leopold . Wir können immer nur lieben, was uns in einiger Rücksicht ähnlich ist. Mathilde . Meint Ihr? Leopold . Ja, und eben darum meine ich auch, daß Ihr – – Mathilde . O tanzt doch, tanzt; Ihr tanzt weit besser als Ihr sprecht. Leopold . So erlaubt mir Eure Hand, – Mathilde . Zum Tanze noch zur Noth, – Leopold . Sonst nicht? Mathilde . O man darf Euch nur die Finger bieten und Ihr nehmt schon den ganzen Arm. Leopold küßt ihre Hand . Mathilde . O pfui doch! Alle Damen werden auf mich eifersüchtig werden. Leopold . Und mit Recht. Mathilde . Ihr seid gefährlich; Eure Zunge ist zu glatt. Leopold . Ich bin nur Ritter, nur Soldat, aber seit heute wünsche ich, ich wäre zugleich ein Redner! Mathilde . Warum seit heute? Leopold . O wie Ihr auch fragt! Mathilde . Ihr seid sonst mit Antworten so leichtfertig. Leopold . Aber Ihr werdet mich schwermüthig machen. Die Musik und der Tanz beginnen, eine Trompete von außen, Musik und der Tanz schweigen. Mathilde . Was ist das? Burgvoigt . Was giebts? – Was stört unsre Freude? – Hohl der Henker das Blasen, sag' ich! – Georg , kömmt herein . Der Thürmer bläst, weil ein fremder Ritter vor dem Thore hält, der Einlaß begehrt. Burgvoigt . Nun, so laßt ihn kommen und stellt nur das Blasen ein. – Klingts doch, als wenn sollte Sturm gelaufen werden. Georg geht ab. Leopold . Seid Ihr nicht wohl, gnädige Frau? Mathilde . Ich weiß nicht, – mein Herz schlägt. – Leopold . Faßt Euch – er nimmt sie in den Arm, Mathilde macht sich verwirrt los. Rudolph von Ebenburg tritt ein. Rudolph . Seid mir alle gegrüßt, und verzeiht, wenn ich Euer Fest störe; ich wünschte unter Euch die edle Hausfrau herauszufinden. Mathilde . Was soll sie, edler Ritter, was habt Ihr ihr zu sagen? Rudolph . Einen Gruß soll ich Euch bringen von Eurem Gemal und Herrn Walther von Berneck, in wenigen Wochen hofft Er Euch hier in seine Arme zu schließen. Mathilde . Walther? Leopold . Er lebt? Karl stürzt aus dem Hintergrunde hervor auf seine Kniee . Mein Vater? – O er kömmt! er kömmt, meine Mutter! – Jetzt ihr Spielleute, jetzt ist es Zeit zu blasen! Nehmt beide Backen voll, und stoßt in die Trompeten; laßt die Pauken laut und lauter donnern! – – Ins Teufels Namen blast! Die Pauken wirbeln, die Trompeten schmettern. Conrad . Soll ich die Freude erleben? – Mathilde steht nachdenklich. Leopold geht auf und ab . Rudolph . Ja freuet Euch, denn er ist tausend Gefahren entronnen, er war verwundet und krank, und noch ist er nicht ganz genesen, aber Eure Liebe wird ihn bald völlig wieder herstellen. Er hat sich gehalten wie ein wackrer Ritter, dafür war er im ganzen christlichen Lager bekannt, er war gewöhnlich im dicksten Gedränge der Speere. Karl . Und nun kehrt er wieder! Komm, Conrad, unter dem weiten gestirnten Himmel muß ich meiner Freude, meinen Thränen Luft machen. beide ab. Mathilde . Ihr habt uns Allen Freude gebracht, Ritter, nehmt nun auch an unserm Feste Theil. Rudolph . Verzeiht mir, edle Frau, ich bin heut weit und schnell geritten, ein Nachtlager und ein Trunk Weines wäre mir erwünschter. Mathilde . Georg, gieb dem Ritter ein Zimmer und ein Nachtessen. Rudolph . Ich danke Euch. ab mit Georg. Hofmeisterin . Lebt wohl, gnädige Frau, wir danken Euch herzlich. Mathilde . Ihr wollt fort? Hofmeisterin . Unsre Sänfte wartet schon seit einer Stunde, es ist nicht weit und der Mond scheint hell. ab mit Adelheid. Burgvoigt . Jetzt werd ich den Rittern ihre Nachtlager anweisen lassen, eben so den Damen, damit alles in guter Ordnung geschehe. Leopold . Ihr seid nachdenkend, gnädige Frau? Mathilde . Ach! Leopold . Was ist Euch? Mathilde . Mir ist wie im Traum, oder als wenn ich jetzt erwachte und hätte diese sechszehn Jahre verträumt. Leopold . Glaubt Ihr, daß Euer Gemal zurückkömmt? Mathilde . Habt Ihr es nicht gehört? Leopold . Er war unpaß, als ihn der Ritter verließ – Mathilde . Er kehrt zurück und ich sollte mich freuen; aber wenn ich – Leopold . Was ist es? Mathilde . Ihr kennt ihn nicht; er ist ein rauher Mann, der stets mit der ganzen Welt verdrüßlich schmollt, ich ward ihm mit Gewalt verheirathet, ich habe keine fröhliche Stunde mit ihm erlebt. Leopold . Ihr rührt mich. Mathilde . Jetzt kömmt er nun zurück, um sechszehn Jahre älter, krank, – damals war ich ein Kind, und fühlte meine unglückliche Lage nicht, wie wird mir nun seyn, da ich zu Verstande gekommen bin? Leopold . Denkt noch jetzt nicht daran. Mathilde . Kann ich anders? – wie soll ich ihn empfangen? – Ach Himmel! vergieb mir die Sünde, aber ich war immer im Stillen überzeugt, daß er gestorben sei, ich hatte mich schon darüber zufrieden gegeben – und nun – Leopold . Könnt' ich Euch trösten! Wolltet Ihr Trost von mir annehmen! Mathilde . Lebt wohl! – sie geht schnell ab. Leopold . Sollte sie, – doch mags, ich will's der Zeit überlassen, die alles in Ordnung bringt. Die Damen sind indessen abgegangen. Burgvoigt . Kommt, Ritter; ich hoffe, daß mancher unter Euch ein wenig taumelt, denn sonst müßte ich von unsern Weinen etwas schlechtes denken. – Kommt zu Bett. – Die Ritter gehen ab. Knappen treten auf, die die Lichter auslöschen. Der Vorhang fällt.     Zweiter Akt. (Auf Wildenbergs Schlosse, ein Zimmer.) Leopold und Reinhard sitzen und trinken. Leopold . Ihr waret also im Thurnier unglücklich. Reinhard . Ich schäme mich, daß ich als ein Ueberwundener vor Euch erscheinen muß. Leopold . Ihr werdet mit der Zeit auch siegen lernen. Glaubt mir, wen das Glück gleich anfangs zu sehr begünstigt, der mißbraucht es bald und verdient es daher nicht. Durch Ungemach muß der Ritter reif werden. So wie Ihr mich hier seht, bin ich siebenmal besiegt worden, ehe ich einen Dank davon trug. Reinhard . Und Ihr zürntet nicht auf Euch selber? Leopold . O ja, ich war thöricht genug; indeß lernte ich durch mein Unglück Vorsicht, und so gewann ich im achten Thurnier einen ansehnlichen Preis. Reinhard . Ich hatte schon zwei Ritter aus dem Sattel gehoben, als mein verwünschtes Roß stolperte, und mich, da ich darauf nicht gefaßt war, in den Sand warf. – Vermaledeiter Zufall! – Leopold . Trinkt, trinkt! – Dem Sieger Reinhard von Berneck im nächsten Kampfspiele! Reinhard . Wohl, es gilt! Ihr macht mir neuen Muth, und Ihr seid der einzige Mann in unsrer Ritterschaft, der mein Gemüth erheben kann. Leopold . Wie das? Reinhard . Schon seit lange habe ich von Euch gehört und schon seit lange wünsche ich Euch nachzueifern; Ihr seid mein Vorbild. Leopold . Erhitzt nicht der Wein Euer Blut? Reinhard . Bei Gott nicht, ich kann die übrigen nicht achten, die ein enges, trübes Leben leben, und ihren Stand als einen Dienst betrachten, die von ihren Pflichten immer grade so viel erfüllen, um in keinen bösen Leumund zu fallen, und ihres Arms nur gebrauchen, wo sie die dringendste Gelegenheit auffordert. – Aber Ihr seid ein freier Mensch, ihr adelt den Stand, Ihr laßt Euch die ganze Welt dienstbar werden, und Eure Gunst erobert so Mann als Weib. Wollt Ihr Euch mein in der Zukunft annehmen? Leopold . Was an mir liegt, soll gern geschehn. – Aber warum hängt Ihr Euch nicht mehr an die Weiber? Ihr seid gut gebaut, habt ein feuriges Auge und es liegt nur an Euch, sie alle zu Euren Sklavinnen zu machen. Reinhard . Die meisten sind mir zuwider und es graut mir vor dem Gedanken, mit ihnen näher bekannt zu sein: ich fürchte, sie möchten mir alle Lust und allen Muth zu männlichen Thaten rauben, mich in eine verächtliche Weichlichkeit einlullen, daß ich so unterginge. Leopold . Wer wird auch das fürchten! – Ihr müßt sie nur für nichts anders nehmen, als sie sich geben, nicht höher schätzen, als sie selber geschätzt sein wollen und vor allen Dingen keine von ihnen heirathen. Reinhard . Kennt Ihr Adelheid von Orla? Leopold . Ein nichtsbedeutendes langweiliges Gesicht, blos zur Ehefrau geschaffen, und doch nur für einen Ehemann, der wenigstens nach jedem Monate sechs Wochen auswärts in Fehden verwickelt ist. Reinhard . Es thut mir leid, daß sie Euch mißfällt, sie wäre fast das einzige Geschöpf – Leopold . O seht Euch nur munterer um, und Ihr werdet gewiß anders sprechen. – Eure Mutter muß einst ein Muster unter den schönen Mädchen gewesen sein. Reinhard . Man sagt's; darum heirathete sie meinen Vater auch als ein armes Fräulein. Leopold . Werdet Ihr auf dem Johannistage auf dem Schlosse Berneck sein? Reinhard . Ich weiß nicht, – wann haben wir Johannis? Leopold . In drei Tagen. Reinhard . Dann ja. Leopold . Warum verlegt aber Eure Mutter ihr Fest grade auf diesen Tag? Reinhard . Ich weiß es selbst nicht; mich dünkt, es ist ein heimlicher Aberglaube, sie hat schon seit lange eine Furcht vor diesem Tage und ist daher ungern um diese Zeit allein. Leopold . Also eine Weiberschwachheit? – Nun sie ist mir dadurch um so lieber, denn wenn die Weiber recht sehr Weiber sind, sind sie am schönsten. Reinhard . Das müßt Ihr verstehn. Leopold . Ich mag es wohl endlich durch lange Erfahrung erlernt haben. – Seid Ihr zum Jagen rüstig? Reinhard . Von Herzen. Leopold . Ich weiß, daß Euch mein Revier freuen wird. – Nun so kommt. ab.     (Auf dem Schlosse Berneck.) Conrad allein . Ein Schmaus jagt den andern, ein Ungethüm das andere. Morgen soll also die Burg von neuem mit Nachtschwärmern angefüllt werden, mit wildem Lärmen und verliebten Gesängen? – O mein Herz trägt es kaum mehr. Daß sich nur die alten Ahnen in ihren finstern Gewölben nicht rühren, wenn sie den Klang der Musik vernehmen, und sie tückisch werden, daß man so diesen wichtigen Tag entweiht. Georg und Franz . Conrad . Franz, Du gehst nach Orla und von da nach Dornbusch, um die Ritter und ihre Damen auf morgen einzuladen. – Du, Georg, hast auch mancherlei zu besorgen, haltet Euch daher nicht mit unnöthigem Schwatzen auf. Thue ein jeder redlich das seinige. ab. Franz . Nach Dornbusch? O weh, da werde ich kaum vor morgen Abend zurückkommen. – Ueber die Einfalt, sich immer noch zu guter letzt auf die besten Gäste zu besinnen, so daß sie kaum Zeit gewinnen, sich zum Schmause umzuziehn. – Und wenn ich nun morgen Abends zurückreite – Hu! mir schaudert die Haut schon jetzt. Georg . Weswegen denn, Franz? Franz . Ach!– ich möchte, daß der Alte einem andern Knappen den Auftrag gegeben hätte. Ja wo es nur was gefährliches zu thun giebt, da muß ich gleich derjenige sein, der gemißbraucht wird. Georg . Hiebei aber kann ich die Gefahr weder einsehn noch begreifen. Franz . Weißt Du denn auch alles, Du junges überverständiges Hähnlein? Noch so manches in der Welt ist vor Dir verborgen, und wird es auch wohl bleiben. Es gehört nicht alles für solche Narrenköpfe. Georg . Nun, ereifre Dich nur nicht; wenn es zu begreifen ist, so unternehme ich's so gut als ein andrer, es aus dem Grunde zu verstehn. Franz . Willst Du den Ritt übernehmen, wenn ich es Dir alles und genau erzähle? Georg . Von Herzen gern. Franz . Nun so höre: – Erst vor einem Jahre starb hier im Schlosse eine alte Amme, die die beiden jungen Herren groß gesäugt hat. Ich war lange Zeit ihr Vertrauter und da erzählte sie mir an einem Winterabend – Georg . Nun? Franz . Wie in jeder Johannisnacht ein eisgraues Gespenst durch das ganze Schloß gehe, die Tapeten und Waffenrüstungen aufmerksam betrachte und auch wohl zu Zeiten mit dem Kopfe schüttele. – Das Gespenst trägt einen langen Bart und hält einen großen Stab in der Hand: sie hatte es selbst zu verschiedenen Zeiten wahrgenommen. – Dann stellt es sich vor den Eingang der Burg und streift nächtlicherweise durch alle Gebüsche und winselt und klagt, und ist giftig für jeden der ihm zufällig nahe kommt. Georg . Seltsam! Franz . Manchmal trägt es sich mit den Geräthschaften des Schlosses und schollert mit weiten Schuhen auf den langen Gängen: es sieht aus einem Fenster der Burg und zieht vor jedem, der vorüber geht und es nicht kennt, eine weiße Kappe ehrbar ab; aber jedermann, den es so grüßt, muß noch in demselben Jahr sterben. Georg . O! Franz . So treibt es sein Wesen, bis die Sonne wieder aufgehn will: dann schleicht es winselnd zur Ruhe, man hat es in die Kapelle ganz deutlich gehn sehn, in der die alten Herren liegen. Georg . Mir wird bange. – Ist denn noch nie ein Beschwörer hier gewesen? Franz . Es würde nichts fruchten, und die Hausfrau will auch nicht gern das Gerücht von dem Gespenste auskommen lassen, aber sie fürchtet sich selbst, darum hält sie schon seit mehrern Jahren an diesem Tage bis in die tiefe Nacht Gesellschaft. – Georg, wenn so der graue Mann vor unser Bett träte und uns mit einer eiskalten Hand aufweckte. Georg . Heilige Mutter Gottes! ich wäre des Todes. Franz . Die alte Wärterin vertraute mir auch zugleich, daß das der erste, uralte Ritter sei, der diese Burg Berneck bewohnt habe; er soll seinen Bruder meuchlerisch umgebracht haben, um sein Vermögen zu bekommen, und darum hat er nun keine Ruhe im Grabe und geht nun an dem Tage herum, an dem die Burg eingeweiht wurde. Georg . Wie wunderbar! Franz . Das soll nun währen, hat man mir gesagt, bis zwei Brüder in der Familie aufkommen, von denen der eine den andern ermordet, ohne daß sie doch Feinde sind. – So lautet eine steinalte Prophezeihung und man sagt, daß das Greisgespenst nun sehnlich darauf warte. Georg . O da kann es lange warten. Franz . Aber nun geh' in den Stall und sattle Dein Pferd, sonst kömmst Du zu spät. Georg . Bei Gott, es dämmert schon; die Haut schaudert mir, wenn ich daran denke! Franz . O heute hat's noch keine Noth. – Komm, ich will Dir helfen. Beide ab.     (Mathildens Gemach.) Mathilde . Leopold von Wildenberg . Mathilde . Nein, Ihr müßt fort, noch jetzt, eh' es Abend wird. Leopold . Warum vertreibt Ihr mich so hastig? bin ich Euch zur Last? Mathilde . Das nicht, aber mein Name, mein Ruf. – Was soll die Dienerschaft von mir denken? Leopold . Ihr seid zu ängstlich. Mathilde . Nein, nein, es ist genug, daß ich Euch zu morgen wieder eingeladen habe; – wenn nun Walther zurückkömmt, und irgend eine verläumderische Zunge erzählt ihm von Euch? Leopold . Was kann er wollen? was kann er thun? Mathilde . O er ist heftig und auffahrend, ich würde es entgelten. – O Leopold, wenn Ihr mich liebt, so geht. Leopold . Ich liebe Euch und gehe. – Aber darf ich eine Versicherung von Euren Lippen mit mir nehmen? Mathilde . Was verlangt Ihr? Leopold . Daß auch ich Eurem Gemüthe nicht gleichgültig bin. – Nun, was sagt Ihr? Mathilde . Was kann ich sagen? Leopold . Was Euch Euer Herz eingiebt. Mathilde . Wenn es nun schweigt und stockt. Leopold . So wollt Ihr mich rasend machen? – Mathilde . Wie kommt Ihr darauf? Leopold . Ich kann nicht fort, ohne eine Versicherung von Euch mit mir zu nehmen. – Seht, ich kann nicht sprechen, ich kann Euch meine Liebe nicht aufdringen; ich bin ein Mann, der für seine Liebe sterben kann, aber nichts Schönes sagen, um sie zu gewinnen. Mathilde . Wie seid Ihr ungestüm, und wie wär' es möglich, daß Ihr noch heftiger würdet. Leopold . Aber so tröstet, beruhigt mich. Mathilde . Was soll ich thun? – Beim Himmel! Ihr macht mich noch wahnsinnig, ich vergesse, daß Walther zurückkehrt, ich dulde Euch um mich, Ihr seid allein in meinem Zimmer – und soll ich nun noch selbst der laute Herold meiner Schande sein, Euch meine Liebe zusichern und gegen meinen Gemahl mich des Meineides, der Treulosigkeit schuldig machen? Leopold . Wie schön Ihr zürnt! Wie alle Fehler in Euch nur zu neuen Vollkommenheiten werden! – Gut, so verstoßt denn, wenn Ihr es wagt, das treuste Herz. Mathilde . Ach! Leopold! – Leopold , zu ihren Füßen . Ich bin auf ewig der Eure. – Mathilde . Ich habe nie gewußt, was Liebe war – Leopold . Lernt es in meinen Armen. Mathilde . Darf ich Euch vertrauen? Leopold . So straf ich Euren Zweifel. küßt sie. Mathilde . Ritter! Leopold . Nun, Ungestüme! – Bei Gott! Ihr sollt Euch des Zorns entwöhnen, wenn er Euch auch noch so gut steht. Mathilde . Ihr mißbraucht meine Geduld. Leopold . Und Ihr meine Liebe. – Ich bleibe noch. – Nicht wahr? Soll ich mir selbst die Bestätigung von Euren Lippen holen? – küßt sie von neuem. Mathilde . Nun treibt Ihr's zu arg: lebt wohl, Herr Ritter. eilt in ein ander Gemach. Leopold . Und wenn's der Teufel sagt, so geh' ich doch noch nicht! – ihr nach.     (Unten vor dem Schlosse Berneck.) Man sieht erhöht die Burg, unten steht rechts eine alte Eiche, links ein hohes Crucifix, das mit Blumenkränzen behängt ist. Conrad . Karl . Karl . Ich kann nicht im Schlosse bleiben. Ist mir doch, als wenn die Wände zusammenrücken wollten, um mich zu erdrücken. – Warum willst Du mich zurückhalten? Soll ich von neuem dem Hohn meines Bruders, meiner Mutter und ihrer Gäste ausgesetzt sein? Conrad . Aber es wird schon dunkel. Karl . In meiner Seele ist die finsterste Nacht. – Seht, Fräulein Adelheid kömmt nicht. – Bei Gott, ich frage mich schon tausendmal: Warum will sie nicht kommen? Bleiben die bessern Gäste schon von Berneck weg? Scheuen sie diese unziemlichen Gelage? Und ich, der Sohn, dulde sie? Conrad . Ihr seid erhitzt. Karl . Komm, wir wollen uns bei dem Crucifixe niedersetzen, da wird mir besser werden. – Warum ist es so mit Blumen geschmückt? Conrad . Wißt Ihr es nicht? – Heut ist es Johannis, und die gutmüthigen Bäuerinnen aus der Nachbarschaft haben es so bekränzt. Das ist hier so die Landessitte. Karl . Sage mir, warum mir Blumen so seltsam vorkommen? Conrad . Ich versteh Euch nicht. Karl . Warum mir ist, als hätten sie sich nur in die Schöpfung mit eingeschlichen? Sie sind doch ganz und gar unnütz. Conrad . Sie verherrlichen das Gewand der Erde, sie stehn unter dem grünen Grase und machen uns vergessen, daß die Erde schwarz ist und allenthalben wie ein aufgeregtes Grab aussieht. Karl . Meinst Du, daß es jeder vergißt? Conrad . Gottes Güte will es wenigstens so, daß keiner von den armen Menschen zu oft daran denken soll. Franz schleicht herbei. Karl . Was willst Du? Franz . Dürft ich wohl – ich wollte nur ein Wort mit Conrad – Conrad . Nun so sage. Franz . Komm doch hieher, lieber Conrad. Conrad steht auf . Nun, was giebts? – Franz . Ich wollte Dich nur recht ernsthaft bitten, daß Du mir alles das vergeben wollest, wenn ich mich manchmal gegen Dich vergessen habe. Conrad . Wie kömmst Du so schnell darauf? Franz . Seht, alter Mann, ich bitte Euch inbrünstig, denn ich habe wahrlich keine Ruhe, bis Ihr mir vergeben habt. Conrad . Dich gereuen also Deine losen Worte gegen mich einigermaßen? Franz . Von Herzen. Conrad . Nun so vergebe ich Dir auch von Herzen, aber halte künftig das Alter in Ehren. Franz . Ich danke Euch; nun kann ich doch ruhiger zurückgehn. – ab. Conrad . Kommt hinein, Junker, die Abendluft wird feucht. – Trompeten und Pauken aus der Burg. Karl springt auf . Ja komm, aber nicht in den Saal zurück, sondern in die tiefen, dunkeln Gebüsche hinein; denn diese Töne da klingen mir wie laute Verhöhnung meines Vaters. – ab mit Conrad. Zwei Knechte . 1. Knecht . Wo weilt der Ritter? 2. Knecht . Er hat nur sein Roß im Gebüsche angebunden. 1. Knecht . Dankst Du nicht auch Gott, daß wir endlich zu Hause sind? 2. Knecht . Wer wollte da nicht Gott mit ganzem Herzen danken? Denn sage mir nur, wo ist es wohl besser, als im Vaterlande? singend.                 Im lieben deutschen Vaterland                 Sind Mann und Mann auf Du bekannt;                 Da mundet der Wein, den die Redlichkeit giebt,                 Da mundet die Maid, die mit treuem Sinn liebt. 1. Knecht .                 Aus unserm deutschen Vaterland                 Ist Tück' und Lug' und Trug verbannt.         Ein jeglicher liebt so mit Herz wie mit Mund         Das thu' ich, ein Deutscher, wohl jeglichem kund! 2. Knecht . Heisa! wohl uns, daß wir da sind. 1. Knecht . Das alte Berneck steht doch immer noch wie sonst. 2. Knecht . Und wie sollte es denn anders stehn? 1. Knecht . Nun ich meine nur. 2. Knecht . Deine Meinungen passen sich immer zum Verstande, wie die Faust zum Auge. Walther von Berneck tritt auf. Walther . Nun, habt Ihr nichts zu thun, als zu schwatzen und Eure Narrenlieder zu singen? 1. Knecht . Herr, das Vaterland – Walther . Ach was Vaterland! Versteht Ihr Tröpfe das Wort? – Seht zu meinem Pferde und bleibt zurück, bis ich Euch rufen lasse, ich will unter einem fremden Namen in die Burg gehn. Die Knechte ab. Walther . Bin ich nun endlich da? – Kaum kann ich's selber glauben. – Ist dies Berneck und bin ich Walther, hier geboren, erzogen und zum Ritter geschlagen? – Die Nachtigall singt wunderbar aus dem tiefen Thale herauf, und ich höre den Waldbach durch die Nacht rieseln. – Die Sterne kommen herauf, bald kömmt der Mond. – Wo ist das Bild des Heilandes geblieben, das ich aufrichtete, als ich nach Palästina ging? – Dorthin gerückt? – Warum? – Warum von dem Fußstege ab, der zur Burg führt? – Was sollen diese Neuerungen? Ist euch das Crucifix im Wege, ihr Thoren? eine kleine weiße Gestalt geht vorüber und grüßt demüthig. Wahrlich, diese Versetzung ist mir von schlimmer Vorbedeutung. Die Gestalt , mit einer schnarrenden Stimme . Bin ich keines Dankes werth? Walther . Wer bist Du? – Ich fühle mich wunderbar ergriffen – wer bist Du? Gestalt . Kennst Du mich nicht? Walther . Nein, Nachtgesell, wahrlich nicht. – Aber Deine Geberden – Trompetengetümmel in der Burg. Gestalt seltsam lachend . Dir wäre wohl besser, nicht in dieses Schloß zu gehn. – schleicht vorüber. Walther . Besser? – Bin ich doch wie betäubt! – Kann den Mann so etwas zusammenwerfen? – Ich habe wohl ehedem sagen hören, unser Ahnherr, der graue Ulfo, wandle einmal des Jahrs umher, seine schwere Schuld abzubüßen, aber ich habe nie daran so recht glauben mögen. – War es dieser? – Er war es wohl nicht. – Und wenn er's war? was kümmerts mich weiter? – Dennoch will ich hineingehn, und jetzt gleich. Wer hat hier zu befehlen als ich? – Was nahen sich dort für Schatten? Conrad und Karl kommen. Conrad . Nein, redet es nicht an; Ihr könnt nicht wissen, was es ist. Karl . Träumst Du, Conrad? Walther . Aber jetzt seh' ich erst, daß alle Fenster der Burg erleuchtet sind. – Was hat das zu bedeuten? – Nun, ich muß ja bald alles erfahren. Karl . Grüß Dich Gott, fremder Mann! woher so spät? Walther . Welche Stimme? – Guten Abend, Wandersleute; möchte man doch wahrlich bald an Gespenster glauben, so wunderlich richtet sich hier alles zu. – Wer seid Ihr? Karl . Ich heiße Karl von Berneck. Walther . Karl von Berneck?– Nun willkommen, wenn Du der bist, und her in meine Arme! denn ich bin Dein alter Vater Walther! Karl . Conrad, hörst Du, was er sagt? – Wär' es möglich? Ach so schnell und so unverhofft! zu seinen Füßen. Ach mein Vater! Walther . Nun steh auf, steh auf, ich verließ Dich als einen kleinen Knaben, und jetzt bist Du, so viel ich sehn kann, tüchtig groß geworden – Was macht Dein Bruder, Deine Mutter? Karl . Sie sind wohl; – ach! kann ich mich doch kaum erholen. Conrad . Vergönnt Ihr wohl einem alten Knechte, Eure theure Hand zu küssen? – Ich heiße Conrad. Walther . Guten Abend, Alter! Bist Du auch noch wacker? Nun, das freut mich. Conrad . Ach Gott! daß ich alter Mann noch diese Freudenthränen weinen kann, – wodurch hab' ich das verdient? Walther . Nun, nun, schon gut. – Wie ist's denn sonst im Schlosse gegangen? – Was bedeuten denn die vielen Lichter? Karl . Es ist heut Gesellschaft hier. Walther . Gesellschaft? Fest? Weswegen? – Ehe ich zurückgekommen bin? – Wie ziemt sich das? Wer kommt auf so etwas? – Ich habe Trompetentöne gehört, und während drinne ein Fest gefeiert wird, streifst Du, mein Sohn, hier wie ein vertriebener Knecht in der Finsterniß umher? Was soll das heißen? Gehst mit einem Knappen Hand in Hand, als wenn Du nicht geladen wärst und darüber schmolltest? Karl . Seid Ihr doch wieder da, – wohl mir, daß ich es nun fassen kann, – o nun ist auch alles gut. Walther . Ich sehe das Gute nicht. – Komm mit mir in den Saal, mit mir zugleich, Du mein unwürdiger Sohn, da will ich erfahren, warum Du Dich fortschleichen mußt. – Doch nein, hätte ich doch bald meinen ersten Vorsatz vergessen; unter fremdem Namen will ich hineintreten, während der Herreise habe ich es mir vorgesetzt, und dabei soll es bleiben. – Bleibt zurück, Ihr sollt mir bald nachkommen. geht ab. Karl . Wie ist Dir, Conrad? Conrad . Wunderbar. Karl . Und nun, – worauf ich seit Jahren hoffte, was ich mit Thränen vom Himmel erflehte, der gewünschte Augenblick ist nun da und ich bin so kalt, – im Herzen ist mir so leer – Conrad . So ist dem Menschen bei jeder großen und unerwarteten Freude. – Wir wollen Eurem Vater folgen. Karl . Es ist nicht ganz in mir, wie es sein sollte. – O Gott im Himmel, mache mich besser, wenn ich auf dem Wege sein sollte, schlecht zu werden. sie gehn nach.     (Vorsaal auf der Burg, man hört Musik durch die Wand und Tanzen, es ist dunkel, der Mond scheint durch die Scheiben, und ein einzelnes Licht brennt abseits.) Mathilde . Leopold . Mathilde . Laßt uns zur Gesellschaft zurückkehren, man wird uns vermissen. Leopold . In dem Getümmel? – Bleib, ich halte Dich hier fest, Du sollst mir nicht entrinnen, bis Du mir tausend und tausend Küsse abbezahlt hast. Mathilde . Warum locktet Ihr mich hieher? Was habt Ihr mir zu sagen? Leopold , sie küssend . Daß ich Dich liebe, daß ich Dein bin auf immer. Mathilde . Aber laßt mich. Seht, mir wird hier eiskalt. – Hört Ihr nichts gehn, nichts schleichen? Leopold . Nichts, meine Liebe. Mathilde . Ich sehe Gesichter an den Wänden, die Mondstrahlen flimmern hin und wieder und flechten entsetzliche Gebilde zusammen. Leopold . Mathilde, Du liebst mich nicht, so wie ich Dich liebe. Mathilde . Doch, Lieber, Theurer, aber jetzt, es ist die schwarze Stunde der Mitternacht, Gespenster schleichen durch die Burg und lauren durch alle Zimmer, und wenn mich hier eins träfe – Leopold . Du schwärmst und wie lieb bist Du mir darum. Mathilde noch ängstlicher . Laßt mich; ich fühl es hinter meinem Rücken, es arbeitet hohl in der Mauer und will heraus. – Drei starke Schläge am Burgthor, der Thürmer bläst. Mathilde , laut aufschreiend und entfliehend . Leopold . Was ist denn das? – Wahrlich, sie könnte mich mit ihrer Furcht anstecken. geht ab. Burgvoigt mit einem Knecht , der eine Fackel trägt, er ist halb betrunken. Burgvoigt . Nun, wahrhaftig, wenn sich dabei soll ruhig zechen lassen, so will ich meine beiden Sporen verlieren. – Du, was war denn das draußen? Knecht . Ein fremder Ritter. Burgvoigt . Sage, ein fremder Teufel, ein verhenkerter Unglücksrabe, der uns mitten in die Freude hineinfliegt. Das sind die lästigsten Gesellen, da reiten sie erst am Tage weit und breit herum, verirren sich in der Nacht, um dann mit ihrem Pochen eine lustige Gesellschaft zu stören. Walther von Berneck tritt auf, ein Knecht mit einer Fackel. Walther . Gott grüß Euch, Herr. Burgvoigt . Gott dank' Euch gar freundlich. Was ist Euer Begehr? Walther . Könnte ich die Hausfrau sprechen? Ich bringe Ihr Kunde von ihrem Manne. Burgvoigt . Nun, das ist uns herzlich lieb, daß der Alte doch wieder von Zeit zu Zeit etwas von sich hören läßt. Walther . Ihr scheint lustig zu sein. Burgvoigt . Ein kleines Tänzchen, wenn's Euch so gefällt. Walther . Mir gefällt es aber nicht. Burgvoigt . Nun, so mags Euch denn nicht gefallen. Walther . Ihr seid ein wunderlicher Mann. – Wollt Ihr mir die Hausfrau rufen? Burgvoigt . Tretet Ihr nicht in den Saal? Walther . Ich komme von der Reise, ich würde mich vor so vielen edlen Gästen schämen müssen. Burgvoigt . Nun, so will ich sie rufen. – Wie er selbst ganz recht sagt, er ist ein wunderlicher Mann. ab. Walther . Diese Aufnahme war seltsam genug. – Was wird sie sagen? welche Geberden wird sie machen? Mathilde tritt mit dem Burgvoigt auf; die Thür des Saals bleibt offen, und man sieht drinnen die Tanzenden. Burgvoigt . Hier ist der Ritter. Mathilde . Ich freue mich.– Gott im Himmel! sehe ich nicht Walther, meinen Herrn und Gemal vor mir? Walther . Du siehst ihn, Mathilde, und mich wundert fast, daß Du ihn noch wiederkennst. Mathilde . Ihr habt Euch sehr verändert. Walther . Findest Du das? Du aber ebenfalls. Mathilde . Ich bin älter geworden um sechszehn Jahr. Walther . Auch um sechszehn Jahre klüger? – Was macht Reinhard? Mathilde . Erlaubt, daß ich ihn herführe. ab. Burgvoigt . Ihr seid also Herr Walther? Walther . So scheints. Burgvoigt . Und im Ernst und in der Wahrheit? Walther . Wenn Ihr nüchtern seid, dürft Ihr mich nur beschauen. Mathilde und Reinhard , die übrige Gesellschaft bricht mit herein, die Musik schweigt. Leopold geht einsam im Saale auf und ab. Reinhard . Mein Vater! Walther . Du bist mein Sohn. – Wie geht es Dir? Du bist so munter? – Und wo ist Karl? Reinhard . Ich weiß es nicht, er pflegt oft umher zu streifen, ohne sich Tagelang vor seiner Mutter sehn zu lassen. Walther . O lästre ihn nicht, ihn fand ich in Trauer und einsamen Schmerzen, wie es sich für einen guten Sohn ziemt. – Guten Abend all' zusammen, ihr meine Gäste, ob ich Euch schon nicht geladen habe, dennoch müßt Ihr mir willkommen sein, weil es nun nicht mehr zu ändern ist. Mathilde . Mein Gemal – Walther . Du siehst, ich bin bei Laune. Karl und Conrad kommen. Walther , schließt Karl in seine Arme . Dies ist mein wahrer Sohn, hört's! Er ist der, den ich für würdig erkläre. Meinen besten Segen für ihn. Karl zu seinen Füßen . O mein Vater, wenn diese Worte Euer Ernst waren, so schlagt mir meine herzliche, demüthige Bitte nicht ab. Walther . Was willst Du, mein Sohn? Karl . Laßt mich nicht vom Boden aufstehn, ehe ich nicht durch Eure tapfere Hand zum Ritter geschlagen bin. Laßt mich nicht vergebens knieen, mein Vater, o Ihr seht ja meine ungeduldigen Thränen. Walther . Ich wundre mich vielmehr nur, daß Du diese Wohlthat noch von mir erflehn mußt. zieht sein Schwert. Empfange diesen adelnden Streich und stehe als Ritter wieder auf. – Ihr alle seid Zeugen. Karl umarmt ungestüm seinen Vater, dann die Mutter und den Bruder . Nun bin ich frei, nun darf ich die Luft athmen. Nun bin ich Deinesgleichen, Bruder! – Nun mag ich es mit jedem Manne aufnehmen! – Ich will mir ein Schwert holen! aschnell ab. Walther . Welch ein ungestümer Jüngling! – Warum ertheilte man ihm nicht schon längst die Wohlthat? Reinhard . Er schien es selber nicht zu wünschen. Walther . Sohn Reinhard, mir hat noch kein Wort gefallen, das Du bis jetzt gesprochen hast; das müsse besser kommen, sonst sind wir nicht für einander. Reinhard . Ihr seid unwillig, mein Vater. Walther . Und mit Recht. – Wer ist der fremde Mann dort? Reinhard . Ritter Leopold von Wildenberg. Walther . Der Name ist mir bekannt, ich glaube, er ist mein Pathe. Leopold , der sich nähert . Kann wohl sein, Herr Ritter. Walther . Warum seid Ihr so verdrüßlich? Leopold . Ich bin es nicht, das ist mein Wesen so. Walther . Reinhard, suche Deinen Bruder, und bringe ihn zu mir. Reinhard ab. Und Ihr, Mathilde, gebt mir doch meinen alten Pokal mit Wein; ich fühle mich matt. Mathilde ab. Leopold . Wir freuen uns alle, daß Ihr so glücklich zurückgekommen seid. Walther . Ja, ich bin da in Eure Freude hineingefallen, wie ein unvermuthetes Gewitter. Ihr müßt es mir nicht übel deuten, denn ich sehe jetzt erst, daß ich Tanz und Musik gestört habe. Die Gäste zerstreuen sich wieder nach und nach in den Saal, einige bleiben im Vorsaal. Mathilde mit dem Pokal . Walther . Auf Eure Gesundheit! – Der Wein ist gut. – Von Wildenberg heißt Ihr und Leopold? Leopold . Ja. Walther . Ich habe diesen Namen oft unterwegs nennen hören und da hätt' ich nicht gedacht, Euch hier zu treffen. Leopold . Wie meint Ihr das? Walther . Ihr habt einen gar großen Ruhm, daß Ihr ein großer Sieger und Held bei Mädchen und Jungfrauen seid, und da gedachte ich wahrhaftig nicht, Euch hier bei meiner alten Frau zu finden. Leopold . Wunderbar, Herr Ritter – Walther . Tragt Ihr Neuigkeiten zu? Laßt mich doch auch etwas davon hören. Ihr habt auch wohl den Rath gegeben, das Crucifix aus dem Wege rücken zu lassen, das auf meinen Befehl in den Weg gesetzt wurde? Leopold . Ich will mich entfernen, damit ich mäßig bleiben mag. – Lebt wohl. Walther . Und Du, Mathilde, hattest aller Ehren vergessen, taumelnde Gelage und wilde Feste anzustellen, indeß ich fern war, indeß Du mich todt wähntest? Mathilde . Mein Gemal – Walther . Schweig, bringe mich nicht noch mehr auf! – Und Deine Gäste, wahrlich, sie gereichen Dir zur schlechten Ehre – Leopold . Wie meint Ihr das, Herr Ritter? Walther . Wer giebt Euch denn ein Recht zu fragen? Warum seht Ihr mich so an? Was soll Euer Blitzen mit den Augen bedeuten? Leopold . Schonet Eurer Hausfrauen, bei Gott! sie ist ein edles Weib! Walther . Sagt Ihr das? – Nun so werd' ich es schon glauben müssen. Leopold . Wer Ihre Ehre antasten will, sei es auch, wer es sei, – hier liegt mein Handschuh! Walther . Seht doch, wie keck und verwegen! – Wer will ihre Ehre antasten? Wenn Ihr es nicht gewollt, ich wahrlich nicht. Leopold . Herr Ritter, diese Sprache klingt seltsam. Walther . Ist Dir die Wahrheit ein so seltnes Gericht? Leopold . Ihr seid ein alter hitziger Graukopf, ich bin hundert Fehden bestanden, aber aus dieser Zungenfehde mache ich mich davon. Walther . Beim Himmel! Großsprecher, diese Worte sollst Du nicht umsonst gesagt haben. Hab ich nicht die Schwerter der Ungläubigen gesehn und Todesgefahr kennen gelernt, und Du meinst, ich sollte nun einen solchen Weiberknecht fürchten? Leopold . Geht, Ihr sprecht und wißt nicht was. Walther , zieht den Degen . Dies ist die Rittersprache, und wenn Du die verstehst, so zieh, Memme. Leopold . Ich mag in Eurem Schlosse nicht ziehn, und wenn Ihr mich auch noch einmal eine Memme scheltet. Walther . Ungläubiger Hund! zieh den Degen, sag' ich, oder ich halte Dich für einen Nichtswürdigen. Leopold . Nun, wenn es denn sein muß, alter Schwätzer. Gefecht. Mathilde . Um des Himmelswillen haltet! – sie fällt ihrem Gatten in die Arme, Leopolds Stoß trifft ihn. Walther . Daß Du verflucht seist, Du hast mich ermordet, nicht er. – Mathilde . Ermordet? Walther . Bringt mich fort, ich fühle mich schwach. – O Unheil! Schicksal! – er wird abgeführt, Mathilde folgt. Leopold . Ihr seht, Ritter, wie er mich zwang. Reinhard kömmt . Ich kann ihn nicht finden. – Wo ist mein Vater? Leopold . Todt, erschlagen von mir. Reinhard . Von Euch? Leopold . Hier ist noch mein Schwert; wollt Ihr Genugthuung? – Er zwang mich. Reinhard . Mein Vater! ab in das Zimmer. Conrad in das Seitengemach, Karl aus dem Hintergrunde mit einem Schwerte. Conrad . O Karl! Karl . Nun? Conrad . Euer Vater – er stirbt. Karl , wirft das Schwert weg . Sagt ich's nicht, daß alles nur ein froher Traum sei? – ab. Leopold . Ich bin ohne Schuld. ab. Conrad . Ja, wirf Dich nur nieder und wasche seine Wunde mit Deinen Thränen, er wird doch nicht bei Dir bleiben. – Karl stürzt heraus . Er ist todt! – Conrad! er sinkt in seine Arme, der Vorhang fällt.     Dritter Akt. (Auf der Burg Orla.) Reinhard . Hofmeisterin . Reinhard . Ist Euer Fräulein nicht zu sprechen? Hofmeisterin . Sie kleidet sich eben an. – Woher so früh, Herr Ritter? Reinhard . Ich hatte keine Ruhe auf meinem Schlosse, da ritt ich hier vorbei, und stieg ab, um zu sehn, wie Ihr Euch befindet. Hofmeisterin . Viel Ehre für Eure demüthige Dienerin. Reinhard . Sie ist wohl, munter? Hofmeisterin . Leichtherzig und froh, wie ein Vogel in der Luft. – Was weiß die Jugend von Sorgen und Kummer? das lebt von einem Tage zum andern hinüber und wird es nicht überdrüssig, wenn immer dieselben Stunden und dieselben Freuden wiederkehren. Reinhard . Ihr beschreibt da das schönste jugendliche Leben, das ruhigste Glück. Adelheid tritt auf. Adelheid . So wißt Ihr auch, wie ich sehe, unser Schloß zu finden, Herr Ritter? Reinhard . Seltsam, wenn ich in der Gegend hier so wenig bekannt wäre, da Berneck gegenüber liegt. Adelheid . Man vergißt oft das Naheliegende am ersten und am liebsten. Reinhard . Etwas, das Ihr nicht von mir aussagen werdet. Adelheid . Ich kann darüber mit Euch nicht rechten. – Was macht Euer Bruder? Reinhard . Wohl und auch nicht, wie Ihr es nehmt, er hat ein finstres, trübsinniges Gemüth, ganz das Bild meines gestorbenen Vaters; eben so auffahrend und jachzornig. – Daß er so glücklich ist, daß Ihr Euch nach ihm erkundigt, vermuthet er schwerlich. Adelheid . Warum ist er nicht froh und heiter? Reinhard . Es giebt Geister, mein Fräulein, die immer von einem schweren Gewichte zu Boden gezogen werden, das sie selbst nicht kennen: die sich nie mit leichten Schwingen in die Luft erheben, sondern halb aus Eigensinn, halb aus Temperament immer schwer und verdrüßlich sind; und zu diesen gehört mein Bruder. Es ist daher ein unangenehmes Geschäft, mit ihm umzugehn. Hofmeisterin . So ist er melankolisch? Reinhard . Er war es von Jugend auf, und alle, die ihn umgeben, müssen seine Laune entgelten. Adelheid . Ihr liebt ihn nicht? Reinhard . Er vermeidet mich sorgfältig, et traut mir nicht, wie soll ich ihn da lieben können? Adelheid . Ist er doch Euer Bruder. Reinhard . An unsre frühern Kinderjahre denke ich immer mit Rührung zurück, damals waren wir ganz einverstanden, damals war er zärtlich und liebevoll. Aber wie ein böser Genius umhüllt ihn jetzt ein dunkler Schatten, der jeden mit Herzensfrost ergreift, der ihm näher tritt. Hofmeisterin . Er sollte einen Arzt um Rath fragen. Reinhard . Wenn man ihn nur erst dahin bringen könnte, daß er sich für krank hielte; aber so glaubt er sich gesund, und die ganze übrige Welt übel auf. Hofmeisterin . Aber das ist grade das gefährlichste Zeichen seiner Krankheit: ich habe schon mehrere solche Menschen gekannt, die nachher wieder ganz ordentlich zurecht gebracht wurden. Reinhard . Aber warum sprechen wir von ihm so weitläuftig? – Wir werden ihn doch nicht wieder herstellen. – Ihr waret nicht am Johannistage auf Berneck, mein Fräulein. Adelheid . Und wohl mir, daß ich nicht dort war. Reinhard . Ihr habt Recht, es war eine traurige Nacht. – Kaum sah ich meinen Vater und ich mußte ihn wieder verlieren. Adelheid . Ein schreckliches Schicksal! Wie sehr hab' ich weinen müssen, als ich die That vernahm! Reinhard . Ihr habt ein weiches mitleidiges Herz, mein Fräulein. Adelheid . Jetzt hat Euer Bruder doch Recht, mit der Welt unzufrieden zu sein. Reinhard . Wer hätte das nicht? – Ihr weckt selbst in meinem Herzen alle Wehmuth. Hofmeisterin . Kommt in unsern Garten, Herr Ritter, der helle Himmel und die grünen Bäume werden Euch heiter machen. – Reinhard führt Adelheid, sie gehn ab.     (Schloß Berneck, der Vorsaal.) Karl steht allein in einer Ecke, stumm und betrübt, den Blick auf den Boden geheftet . Conrad tritt auf . Seid Ihr hier, Ritter? – Ich suche Euch in der ganzen Burg. – Ritter! – Ritter Karl! Karl auffahrend . Was willst Du? Conrad . Wollt Ihr nicht zur Tafel kommen? Eure Mutter – Karl . Nun, meine Mutter? Conrad . Eure Mutter und Ritter Leopold haben schon oft nach Euch gefragt. Die Tischzeit ist schon vorüber. Karl . Mag sie doch, ich komme nicht. – Sage mir, Conrad, warum soll ich essen, da ich nicht zu leben verdiene? Conrad . Wie Ihr auch wieder sprecht! Karl . Es ist wahr Conrad. – Hat nicht jeder Mensch, jeder Vogel, jedes Gewürm einen Zweck, warum es lebt? Sie erwerben sich ihre Nahrung und schützen sich gegen Feinde oder sterben, – und ich, zu feige mich dem Tode auszusetzen, schleppe ein träges unbefriedigendes Leben hinter mir, indeß die Welt vor mir immer enger und enger zusammenfällt. Conrad . Wenn Ihr ausrittet, Besuche machtet, Euch in der Gegend umschautet – Karl . Was würde es mir helfen? Alles weist nur nach einem Bilde hin, alles nennt mir nur einen und denselben Gedanken. – Ich erinnere mich aller Geschichten, die ich las oder erzählen hörte, und in keiner treffe ich einen so verworfenen, so nichtswürdigen Sohn an, als dieser Karl von Berneck ist. Conrad . Ermuntert Euch, laßt doch Eure frische Jugend Herr über Euch werden. Karl . Verdien' ich wohl den ritterlichen Schlag, den ich vom tapfern Schwert meines Vaters auf dieser Schulter empfing? Schon ist es so lang, – ach Conrad! gieb dieser Faust Thätigkeit, und diesem Herzen das Recht freier und muthiger zu schlagen. – Oft wenn ich auf meinem einsamen Lager liege und mein trübes Auge gedankenschwer den Flug der Wolken beobachtet, dann ball' ich meine Faust mit heißem Ingrimm, dann ist mir, als wenn ich den Geist meines Vaters vorüberschweben sehe, der mir lächelnd winkt, dann nehm ich Dolch und Lanze, dann hör' ich die Streitaxt klirren – und dann wird es Morgen und es geschieht nichts. Conrad . Theurer Ritter, Ihr seid mir jetzt mit Eurer innern versteckten Wuth fürchterlich. Seht freier um Euch, so kann es doch nimmer gut werden. Karl . Das wird es auch nicht; das Schlimme wird nimmer gut. – Sieh, Conrad, bück' Dich hieher auf den Boden, – was wirst Du dort gewahr? Conrad . Ich weiß nicht. Karl . Sieh diese rothen Streifen! Ruft es Dich nicht an? Schreit es nicht tief in Dein Herz hinein? – Es ist das Blut meines Vaters, ich kenne es wohl. – .Hier war der schändliche Kampf, hier erlag der Greis und hier steht sein Sohn – und besinnt sich, was er thun soll. – Sie haben dies fürchterliche Zeugniß nicht wegwaschen können, und unwillkührlich zieht diese blutige Stelle meinen Blick an sich. Conrad . Ach Gott! Karl . Mußte er darum allen Gefahren entronnen sein, um hier so schmählich zu fallen? Darum? – Und von wem? – O ich möchte meinen Kopf gegen diese Mauern stoßen. – Conrad, ist Dir nun noch, als wenn aus mir der junge Held Reinold werden sollte, der Stolz und der Ruhm seines Stammes? – Aber es soll anders werden, bei Gott, ich schwör' es hier dem Geiste meines Vaters, – es soll! Conrad . Laßt nur die Vorsicht Eure Entschlüsse leiten. Karl . Eben diese Vorsicht, diese langweilige und feigherzige Schwätzerin war Schuld, daß ich bisher Sohn zu sein vergaß. Sprich mir nicht davon! Sie ist nur eine Ausrede des Feigherzigen, ein Vorwand, Thaten und Entschlüsse aufzuschieben. Glaube mir, das Leben ist ein großer Baum, mit weit ausgebreiteten Zweigen, Wind und Zufall blasen hinein und die Früchte fallen ab. Wenn Du unten schüttelst, so kannst Du nicht voraussagen, welche That herunter stürzen wird; oft ist etwas Wunderbares im Wipfel versteckt, das sich unversehens mit dem andern losreißt – und darum ohne Besinnen, ohne Vorsicht und Gedanken. Mir ist es ängstlich zu überlegen, wenn ich mir eine That vorsetzen soll. Conrad . Eure Reden erregen mir ein heimliches Grausen. Karl . Nun darum geh nur, sage, daß ich nicht zu Tische kommen wolle, nicht kommen könne. Conrad . Sie werden sich wundern. Karl . Wenn ein Fels zusammenstürzt, wer denkt da an das Nest der Schwalbe, das mit verschüttet wird? Conrad ab. Karl allein . Ja es sei. – er kniet nieder und küßt den Boden. O du theures, theures Blut, das hier so verrätherisch vergossen ward; ja, du bist meine Reliquie, du waffnest meine Hand. – Athm' ich doch freier! Weiß ich doch nun, wer ich bin und was ich will; die That selbst ist nur eine Zugabe zum Entschlusse – Kein Gift ist mir so zuwider, als das Gesicht des unverschämten Verräthers – und mein Bruder kann freundlich und vertraulich mit ihm sprechen; wahrlich, ich habe gesehn, wie er ihm die Hand drückte, dieselbe Hand, die seinen Vater niederschlug. – Nun will ich in die Kapelle gehn, und auf dem Sarge meines Vaters beten. ab. Franz . Georg . Georg . Aber sie werden nach uns rufen. Franz . Je, sie bedürfen ja jetzt keiner Bedienung mehr. Die Tafel ist ja so gut wie aufgehoben. Georg . Du hast immer Deine eigne Art zu erklären. Franz . Ach! was willst Du davon verstehn? – Komm, da hab' ich eine Flasche guten Wein, die wollen wir mit einander ausleeren. Georg . Aber woher? Franz . So halb und halb geschenkt bekommen. – Siehst Du, denen da drinnen ist es ganz wohl, wenn wir sie allein lassen, wir sehn ihnen durch die Finger und dafür wird uns wieder durch die Finger gesehn. Georg . Du bist ein wilder Bursch, ich könnte nicht so sein. Franz . Und Du bist ein frommes, gutherziges Kind, ein wahres Schaaf. Georg . Du hast die Johannisnacht schnell vergessen, wo Du Dir so ernsthaft vornahmst anders zu werden. Franz . Ach! das war damals; – andre Zeiten andre Sitten. Sieh doch nur unsre Ritter an, besonders den wackern Herrn Leopold, das ist ein gescheidter Mann, der muß doch auch wissen was rechts und links ist, und wenn der sich nicht fürchtet, warum soll ich es denn thun? Georg . Ich mag auf keine Autorität zum Satan fahren. Franz . Gleich Satan! das Schlimmste gleich zum Aergsten. Sieh, das ist ein kluger Mann. Als ich letzt durch das Zimmer ging und er mit unsrer Hausfrauen auf einem Ruhebettchen saß, machte ich nur ein pfiffiges Gesicht, und seit der Zeit bin ich sein Vertrauter, ohne daß wir nur ein Wort mit einander gewechselt haben, – und sieh, indem er Geld zählt, das ist mein Einkommen. Georg . Auf so etwas würde ich nimmermehr ausgelernt werden. Franz . Dazu gehören auch natürliche Gaben. – Nun komm, hier ist ein Becher. – Auf des Herrn Leopolds Gesundheit! Georg . Nein, nein, – sieh, hier auf dieser Stelle starb der alte Herr von Berneck, und hier sollt' ich seines Feindes Gesundheit trinken? Nimmermehr! die Dielen würden unter mir zusammen brechen. ab. Franz . Thorheiten! er setzt sich nieder und trinkt.     Schloßgarten von Berneck. Leopold allein . O über die unbegreiflichen Wünsche des Menschen! – Was heute mit allem Glanze auf mich wirkt, erscheint mir morgen nüchtern, schaal und ohne Bedeutung. Der Mensch jagt nach Räthseln, und kaum hat er die Auflösung entdeckt, so ärgert er sich über sich selbst. – Kann es denn keine Liebe geben, ohne daß uns der Gegenstand unsrer Zuneigung am Ende widrig und verhaßt wird, wenigstens in manchen einzelnen abgerissenen Stunden? – O es giebt Tage, an denen man sich selber zur Last ist, wo alle Gegenstände umher unsre Seele und unsern Muth zusammen drücken. – Und sie kömmt nicht! – Hab' ich ihr Unrecht gethan? Ach selten wissen es zwei Menschen, wie sie mit einander umgehn sollen. Mathilde . Leopold . Leopold . Nun, Mathilde, ist Euch besser? Mathilde . Ach! Ihr habt mir eine sehr betrübte Stunde gemacht. – Dacht ich's, daß es so weit unter uns kommen sollte? Leopold . Aber Ihr habt Tage, an denen Ihr schmollt, ohne zu wissen worüber. Mathilde . Könnt Ihr es denn begreifen, was manchmal mein Herz zusammen drängt? Ob nicht zuweilen, stille, innere Vorwürfe, schwarze Gedanken – Leopold . Nun gut, gut, müßt Ihr mich auch dadurch noch aufbringen? – Nun werd' ich noch Eure Gewissensbisse, wie Ihr es nennt, hören müssen, und Ihr werdet mir so meine Fröhlichkeit, Laune, mein Leben, alles verderben. Mathilde . Wie dringt Eure Heftigkeit, Eure Wildheit durch mein Herz! Wie viel muß ich nicht jetzt schon von Eurer üblen Laune leiden! Euer ehemaliges leises und Liebevolles Benehmen ist dahin, da waret Ihr nur in der Leidenschaft der Liebe heftig und jetzt, – jeden Unmuth laßt Ihr an mir aus. Leopold . Soll ich nicht? Soll ich nicht rasend werden? – wenn man sich der Liebe eines Weibes so ganz hingiebt, ihr Ruhm, Thaten und Ritterpflicht opfert, wenn man in ihrem Wohlwollen ganz gesunden, oder zu Grunde gehn möchte, – und man findet sie dann kalt und verschlossen, zurückgezogen vor den innigsten Liebkosungen, verzagt, wenn ich sie mit der heißesten Inbrunst in die Arme schließe – Mathilde . Ach, was soll ich thun? Leopold . Könnt Ihr Euch nicht mehr in Eurer Gewalt haben? Muß ich jede Eurer Thränen, jede Eurer trübseligen Stunden bemerken und fühlen? Warum kann ich mich zwingen? Ich lasse es Euch nie empfinden, wenn mir nicht wohl ist, oder ein Unwille mir im Herzen drängt und es zerreißen will. Mathilde . Lieben wir uns denn also nicht? Leopold . O solche Fragen, dergleichen Reden könnten mich verrückt machen. So wollt Ihr denn, daß wir uns trennen, eben so rasch und abgebrochen, als wir uns fanden? – Gut, es sei! Mathilde . Leopold! Leopold . Wollt Ihr etwas anders? – Oder Ihr wißt selbst nicht, was Ihr wollt. Mathilde . Soll denn dies nun mit jedem Tage wiederkehren? Leopold . Eben darum ist es besser, daß wir Abschied von einander nehmen. Mathilde . O die wilden Männer! das rauhe, unbarmherzige Geschlecht! sie weint. Leopold . Scheltet uns nicht, denn ihr erzürnt uns so lange durch diese kleinen Streifereien der weiblichen Kunst, bis wir endlich die Geduld verlieren. Mathilde . Es ist nicht ohne Bedeutung, daß Walther grade in der Johannisnacht starb, in derselben Nacht, da Ulfo seinen Bruder mordete und diese Burg eingeweiht wurde. Leopold . Werft Ihr mir auch das noch vor? – Reinhard tritt auf. Reinhard . Ha! treff' ich Euch doch grade recht, Ritter. – Guten Tag, Mutter, wie gehts Euch? Mathilde . Gut, und Dir, mein Sohn? Reinhard . Wie anders? Mathilde . Man sieht Dich jetzt so selten auf Berneck. Reinhard . Ich streife herum, hier und da, Berneck ist ein finstrer trauriger Aufenthalt, es ist mir hier immer zu einsam. Wirds mir doch auf meinem eigenen Schlosse zu enge, ob es gleich besser und freundlicher liegt. Leopold . Ihr seht wohl aus und leicht.. Reinhard . Und so ist mir auch, die Jugend, dünkt mich, sollte sich nie anders fühlen, denn die Fröhlichkeit ist ihr Element. Was ich ändern kann, wenn es mir im Wege steht, suche ich zu ändern, und wo das unmöglich ist, lasse ich es auf sich selber beruhen. Leopold . Dies ist die wahre Lebensweisheit, – wohl dem, der sie in keinem Augenblicke vergißt! Mathilde entfernt sich. Reinhard . Man muß nicht zu oft, oder ängstlich daran denken, daß man lebt, denn sonst möcht' es sich kaum der Mühe verlohnen; wie die Zeit unmerklich forteilt, so müssen wir, ohne daß wir darüber sinnen, in der Zeit mitgehn; das vor und hinter sich sehn dient nur dazu, uns verwirrt zu machen. Leopold . Ihr habt ganz Recht, das ist auch meine Meinung. Reinhard . Und nun muß ich wieder zu Euch von Adelheid sprechen. Sie verträgt die Behandlung wahrlich nicht, die Ihr mir vorgeschrieben habt. Leopold . Weil Ihr mit meinen Regeln nicht umzugehn wißt; der gute Freund braucht zuweilen einen Rath umgekehrt, den ihm ein anderer giebt; man muß keinen Dolch zum Pfropfenzieher machen wollen. Reinhard . O Ihr kennt das Mädchen nicht, sie ist eine Ausnahme von allen Euren Erfahrungen, sie würde auch Euren Verstand in Verwirrung bringen. Leopold . Glaubt Ihr das? Reinhard . Mir wird blind vor den Augen, wenn ich vor ihr stehe. Leopold . Das kann ich mir denken, Ihr seid auch kaum zwanzig Jahre alt. Reinhard . Was gilt's, ich heirathe sie, wenn sie mich will. Leopold . Da habt Ihr meine Hand, daß sie mit Freuden Ja sagt, wenn Ihr thöricht genug seid; ihr Vermögen ist klein, ihr Bruder kömmt wahrscheinlich zurück, und dann hat sie außer ihrem Schmucke nichts. Reinhard . Daß Ihr auch gleich daran denkt! Leopold . Ich denke für Euch. – Nun Glück auf den Weg, ob es mir gleich weh thut, Euch auf dem Wege zu sehn. Reinhard . Ihr seht die Sache von Eurer, ich von meiner Seite. Leopold . Wir wollen darüber nicht streiten. Mathilde kommt zurück. Reinhard . Lebt wohl, Mutter. Mathilde . Du eilst schon wieder? Reinhard . Ich führe jetzt ein unstätes Leben, vielleicht daß ich bald um so häuslicher werde. geht ab. Leopold und Mathilde gehn schweigend auf und ab. Mathilde . Leopold! – zürnst Du noch? Leopold . Nein, Mathilde, aber mißbrauche künftig meine Geduld nicht. Mathilde . Ach, ich glaube, der Herbst kömmt schon herbei, alle Bäume sehn so dürre und abgestorben aus, große Wolken ziehn dort durch den Wald, jeder Fußtritt klingt so einsam wider – ich habe von Herzen weinen müssen; habt Geduld mit meiner Schwäche. Leopold gerührt . Mathilde! Mathilde . Es wird Winter werden und dann wieder Frühling, aber vielleicht erleb' ich das nicht. Indem wir uns umsehn, ist ein Jahr entflohn; ich hoffte, daß mir an Eurer Seite das Leben mehr Stand halten sollte, und es ist nun eben so. Leopold . Ihr quält Euch mit traurigen Gedanken ab. Mathilde . Ich kann sie nicht von mir zurückhalten. – Meinen Sohn Reinhard seh' ich wenig, und meinen zweiten Sohn möchte ich noch seltner sehn. Leopold . Er hat ein unglückseliges Gesicht. – Mathilde . Mich wirft sein ernster glühender Blick zusammen, ich halte es oft nicht aus, wenn er mir gegenüber sitzt. – Er ist nun bald Besitzer dieses Schlosses. – Ach! wie wird die Zukunft aussehn! Leopold . Man muß in der Gegenwart nie daran denken, – laßt sie werden, wie sie will; indem wir darauf gefaßt sind, besiegen wir das Schicksal. – Kommt, das Wetter ist trüb und regnigt. – Heut Abend seh' ich Euch in Eurem Zimmer, aber Ihr müßt heiter sein. sie gehn ab.     (Rüstkammer.) Karl allein . Nein, kein Meuchelmord, nein, ich will ihm offen entgegen treten und mein Leben gegen das seinige wagen. – Wie schlägt mein Herz, da ich hier die Panzer und die Schwerter aller meiner Ahnherrn vor mir sehe. – Hier sprechen mich Thaten und Geister an; – o ihr edlen Reste aus einer alten Zeit, als man euch noch gebrauchte, und diese Aexte und Schwerter im Getümmel klangen – wer dachte damals beim Feldgeschrei an jenen trüben Nachkommen, der hier unter Euch wandeln würde, um sein Herz zu einer guten That zu erweitern. – Dies ist vom ganzen Geschlechte übrig geblieben, – wie vertraut war die Hand meiner Väter mit diesen Griffen an den Lanzen, – o wie lieb' ich diese stummen, unbeseelten, mir reliquientheuren Waffenbildungen! – Welches dieser Schwerter mag wohl das älteste sein? – Dieses mit der wunderbaren Handhabe, mit der fein getriebenen Goldarbeit? – ja, du sollst von nun an das meinige werden. Conrad tritt herein. Conrad . Seid Ihr hier, Ritter? – Ich habe Euch allenthalben gesucht, es ist nicht recht, wenn Ihr jetzt allein seid. Karl . Warum? – was meinst Du, daß daraus entstehen kann, wenn ich mit mir allein bin? Conrad . Ach Gott! es ist mir selbst ängstlich zu Muthe, ich habe keinen hier im Schlosse, mit dem ich sprechen, mit dem ich umgehn könnte; da bin ich nun so dreist, mich immer noch zu Euch zu halten, weil ich Euch schon als Knabe kannte und liebte, und Ihr mir, wie ich glaube, auch immer etwas gut waret. Alle Gesichter hier in der Burg sind mir fremd und zuwider, den Knechten und Knappen bin ich mit meinem Alter zum Gespötte, – o wenn doch mein Sohn, mein Wilhelm mit seinem Herrn aus dem gelobten Lande zurückkehrte! Karl . Bleib immer bei mir, Conrad. – Horch! donnert es nicht fern ab in den Bergen? Conrad . Ich glaube, ja, die Winde rauschen gewaltig durch die Bäume, ungeheure Wolken arbeiten sich durch den Himmel und schwarze Schatten liegen in den Thälern. Ich glaube, es kömmt ein Gewitter herauf. – Seht, es leuchtet schon heftig aus der Ferne – nun, Gott im Himmel sei uns gnädig. – Karl . Fürchtest Du Dich beim Gewitter, Conrad? Conrad . Ja, Herr. Karl . Ich nicht. Conrad . Und doch solltet Ihr's. Es ist die Stimme des Herrn selbst, die dann über die Wolken hinfährt, und die arme zitternde Welt in banger Erwartung festhält; seht, Bäume, Wälder und Felsen fürchten sich, warum sollte es dem Menschen nicht ziemen? Karl . Wie lange hast Du meinen Vater gekannt? Conrad . Von seiner Jugend auf. Karl . Und Du hast ihn geliebt? Conrad . Daß ich's Euch nicht sagen kann. – Seht, wenn ich ganz zu Euch aufrichtig sein soll, so fährt mir's durch Mark und Gebein, so oft ich nur den Fremden sehe. Gott hatte in der vorigen Woche sein Angesicht so sehr von mir gewendet, daß ich ihm gern Gift in den Becher geschüttet hätte, als ich ihn bei Tische bedienen mußte. Karl . Du bist mein wahrer Freund. – Und sage mir, wie denkst Du von meiner Mutter? Conrad . Es kümmert mich Tag und Nacht, – (aber zürnt über meine Rede nicht) daß sie die Wege des Herrn verlassen hat. – Der Fremde hat sie verführt, – denn ehmals – Karl . Nun, er soll nicht wieder zu ihr gehn. – Da Dein Herz so viel leidet, Conrad, o so kannst Du fühlen wie das meinige zerrissen wird, da ich von diesem ermordeten Vater der Sohn bin, da diese Entehrte meine Mutter ist. Er soll ihr Schlafgemach nicht wieder betreten, ich will es nicht länger dulden. Conrad . Ach, ich zittre für Euch. Er ist ein geübter Ritter. Karl . Mag ich doch sterben, wenn er nur gestraft wird; und zu wessen Freude sollt ich auch weiter leben? Mein Bruder und meine Mutter hassen mich, kein ander Wesen fragt nach mir, – Dich ausgenommen, Conrad, darum weine nicht; Dich ausgenommen. Conrad . Nun da seht Ihr, daß Ihr doch einer Seele lieb und theuer seid, und so werdet Ihr noch mehrere finden, recht wackre brave Menschen. Laßt's nur gut sein, jeder findet doch endlich seinen Bruder aus diesem irdischen Getümmel heraus. Karl . Hast Du ihn herausgefunden? Conrad . Nein. Karl . Nun so schweig davon. Ich fühl's, daß sich alles vor mir zurückneigt; schon als Kind, wenn man meinem Bruder schmeichelte, ließen mich alle einsam stehn und meine Mutter ließ mich aus dem Zimmer führen, wenn ich dann in Unmuth schrie und weinte. Mein Bruder Reinhard schien mich zu lieben, als er ein Knabe war, kaum war er zu Verstande gekommen, als er mich auch haßte. Conrad . Wollt Ihr denn Euer ganzes Leben unter diesen traurigen Phantasieen aufzehren? Karl . Sieh, Conrad, so steh ich in einer schrecklichen Einsamkeit; ich bin nicht leicht, gewandt und schnell, ich habe keinen behenden Verstand, ich habe keinen Ruf, Niemand weiß von mir, Niemand mag von mir wissen. – Conrad . Liebster Karl! Karl . Und so mag denn das Gewitter heraufziehn! Warum sollt' ich mich fürchten? Mich wird es nicht suchen! Conrad küßt ihm die Hand . Hört auf, so zerbrecht Ihr mir doch nur das Herz. Karl , der ihn in die Arme nimmt und herzt . Alter Mann! siehst Du, Du bist der einzige, der mich liebt und Dich lieb' ich auch dafür von ganzer Seele. Du bist meine Welt, mein Nachruhm, meine Geliebte, Du bist mir Mutter und Vater. Glaube ja nicht, daß ich es Dir je vergessen kann, wenn ich auch zuweilen ein verdrüßlich Gesicht machen, und Dich wie die übrigen anfahren sollte; so finster ich auch äußerlich sein mag, so steht mein Herz für Dich doch immer im Sonnenschein der Liebe. Conrad . Wie soll ich mich darüber genug freuen? Karl . Aber dafür laß mich auch die übrige Welt so hassen, wie sie es verdient. – Sieh dies Schwert. Conrad . Ich habe mich schon längst gewundert, wie es in Eure Hände kömmt. Karl . Warum? Conrad . Hängt es wieder dort hin, ich bitte Euch. Karl . Du bist seltsam. Conrad . Laßt es immer seltsam und thöricht klingen, wenn ich Euch sage, mir graut recht innerlich davor, aber es ist so. Karl . Desto besser; – siehst Du, Conrad, das ist das große Rachschwert, wodurch ich den Geist meines Vaters versöhnen will. Conrad . O hängt es, hängt es weg. – Seht, es ist für Euch zu gewichtig. Karl . Hältst Du mich für einen Knaben? Conrad . Es ist ein gefährliches, furchtbares Eisen. Karl . Das soll es sein. Conrad . Es ist, o laßt mich nicht vergeblich bitten, es ist ein Mörderschwert. Karl . Ich will's behalten, Conrad, ich habe es mir zur Rache auserlesen und eingeweiht. Conrad . Komm' ich mir doch selbst als ein Kind vor, daß mir so viel dran liegt. – Aber so muß ich Euch denn sagen, es ist dasselbe Schwert, mit dem Ulfo seinen Bruder erschlug. – Ihr wißt doch die Geschichte? Karl nachdenkend . Ja. Conrad . Und darum ist es ein ruchloser Stahl und zu keinem edlen Werke brauchbar. Karl . Laß ihn, er soll geadelt werden, ich will das Bruderblut mit dem Blut eines Mörders und Ehebrechers abwaschen. – Zu welchen seltsamen und widersprechenden Endzwecken sich ein todtes Werkzeug muß gebrauchen lassen! So ist es auch vielleicht mit dem Menschen. Die dunkle Bestimmung geht hinter uns, und wir nehmen es nicht wahr, wie sie uns vor sich hintreibt; wir wundern uns dann als schwache Menschen, wenn wir in Wüsten stehn, wenn unsre Schritte sich gegen einen Abgrund richten und wagen es nicht, uns umzudrehn. Siehst Du, Conrad, so ist es, und darum will ich dies gute Schwert mit mir nehmen. – Die Nacht kömmt schon herauf, das Gewitter zieht näher. – Horch, wie seltsam diese Panzer und Schilde an einander klirren. – Hörst Du nichts? Conrad . Nein. Karl . Wie der Anfang eines wunderbaren Gesprächs; es sind die Geister meiner Vorfahren, die über uns flattern und mir ihr Wohlgefallen zu erkennen geben. – Komm. – sie gehn ab.     (Ein finstres Gemach, im Hintergrunde eine Thür, zu der einige Stufen führen.) Mathilde mit einer Lampe . Wie gewaltig das Wetter leuchtet! – Ist es die Sünde, das Verbot des Richters, das in meinem Gewissen herbergt, und mein unruhiges Herz von Leopold abwendet? – Ach, was ist dann die Sünde für ein Gewinn, selbst in diesem irdischen Leben! – Oder ist es die Veränderlichkeit des Menschen und seines unbegreiflichen Willens? Was ist dann Liebe und Freundschaft, die wir so gern für das wahre Element unsrer Seele halten möchten? – Alles was ich von Walther fürchtete, quält mich nun beständig in Leopolds Gestalt, in der Gestalt, die mir einst so theuer war. – Er will diese Nacht kommen. – Horch, es donnert! – Ich kenne mich selbst nicht mehr, so sehr bin ich verändert. – Ach Gott! es kann ja vielleicht noch alles gut werden. – Ich fühle mich so einsam, mein Muth, meine frohe Laune ist hin, – wenn er nur bald käme! – Und kann ich denn zurücktreten? – Und was wär' ich, wenn ich es thäte? – Wie unglücklich würd' ich sein, wenn er mich verließe und nun alles, alles nur ein Traum war, und vorüber wäre? Wenn dann die Erinnerungen die Vergangenheit schöner machten als sie war, alle traurigen Stunden mit weißen Schleiern verdeckten – o über die Untreue der Männer! – sie geht ab. Karl tritt auf . Nein, es soll nicht sein. – Dulde es nicht länger, mein Herz, daß mein Vater selbst noch im Grabe entehrt wird. – Das Gewitter zieht nach und nach näher, Donner und Blitz, er geht umher das Schwert unterm Arm und setzt sich auf die Stufen vor dem Schlafgemach nieder. Wie der Sturm heraufbraust, wie das Wetter schwer näher zieht. – Wie ein Gespenst sitz' ich hier in der dunkeln, einsamen Nacht, mein Herz schlägt ungeduldig und die furchtbare Stunde rückt mir meinen Feind immer näher und näher. Leopold tritt auf. Leopold . Alles in der Burg schläft, nur Mathilde wacht. – Ich wundre mich über mich selbst, daß ich immer noch diesen gewohnten Weg gehe und seiner doch noch nicht überdrüßig bin. – Unser Vergnügen liegt nur in der Einbildung. – Doch sie wartet, um eine zärtliche Versöhnung mit mir zu feiern. Er nähert sich dem Schlafgemach. Karl . Zurück! Leopold . Zurück? – Wer ist es, der das ruft? – Karl . Karl von Berneck. Leopold . Wie kommt Ihr, in der einsamen Nacht, hieher, Ritter! Karl . Ueber die seltsame Frage! – Dies ist die Burg meines Vaters, müßt Ihr wissen, ich bin sein Sohn, ich sitze hier vor dem Schlafgemach meiner Mutter und kann nicht begreifen, welcher Weg Euch hieherführt. Leopold . Ihr habt darnach nicht zu fragen. Karl . Gut. Leopold . Und so werd' ich also ungehindert meinen Weg fortsetzen. Karl . Zurück! sag' ich noch einmal. Leopold . Und das so trotzig, junger Mensch? Karl . Warum nicht? – Ich bin hier Herr im Schlosse, und ihr seid ein ungebetener, überlästiger Gast. Leopold . Was muß ich hören? Karl . Was Ihr schon längst hättet hören sollen, wenn ich dem Rufe meines Herzens gefolgt wäre. – Wenn Ihr Muth habt, so trefft Ihr mich morgen auf der Wiese im Walde. Leopold . Gut, aber wenn es denn so steht, wenn Ihr es denn wißt und so mit mir zu sprechen wagt, so will ich auch jetzt zu Eurer Mutter gehn. Karl . Das sollt ihr nicht, bei Gott nicht. Leopold . Wer will es mir wehren? Karl . Fragt nicht so einfältig, eben ich! Leopold . Ich werde diese Drohung nicht achten. er betritt die untere Stufe. Karl . Laßt Euch weisen, ich beschwöre Euch, seht, Ihr sollt nicht in dies Gemach, ohne meinen Leib zur Stufe zu gebrauchen. er wirft sich queer vor die Thür. Leopold . Wie Du willst! Karl , der schnell aufspringt . O mein Vater! hast Du es wohl gesehn, wie ein Verworfner, ein Nichtswürdiger, dein Mörder auf deinen Sohn seinen verrätherischen Fuß setzt! – Was wär' ich, wenn ich das erduldete? – er schleudert Leopold zurück. Hieher, Bösewicht! wagst Du es, mir in die Augen zu sehn? Wagst Du es, Dich Mann, Dich Ritter zu nennen? Leopold . Was muß ich hören? – Wißt Ihr, frecher Jüngling, daß ich Euch dafür züchtigen werde? Karl . Hier ist ein gutes Schwert, zieh das Deine, wenn Du keine Memme bist! Sieh, der Donner spricht mir zu, der Blitz leuchtet herein, – Du bist verloren! Leopold . Geh, junger Mensch, Unbesonnener, verschlaf Deinen Rausch. Karl . Zieh, oder ich haue Dich wehrlos nieder, Schändlicher; Du zu schlecht, um von meiner Hand zu sterben, Du, der dem Henker angehört, den Raben und Geiern des Feldes. Leopold . Knabe! er zieht, Gefecht. Karl . Steh mir bei, Geist meines Vaters! – Rausche Verderben und Verdammniß über mich, wenn ich ihn nicht überwältige. – Er faßt das Schwert mit beiden Händen und haut ihn nieder. Leopold . Hülfe! Die Thür im Hintergrunde öffnet sich, Mathilde tritt mit einer Leuchte hervor. Mathilde . Welch Geräusch? – Karl . Ha, seid Ihr auch da! – Da liegt er! – Mathilde . Er ist wahnwitzig! – Mord! – sie tritt schnell zurück und verschließt die Thür. Karl . Ja, wahnwitzig, toll, unbändig bin ich. – Aufgemacht, Ehebrecherin! Hörst Du mich nicht! – er rennt gegen die Thür, sie fliegt auf. (Hinter der Scene.) Mathilde . – Sohn! Sohn Karl! – eine Pause, Karl kömmt bleich und wahnwitzig zurück. Conrad tritt ihm entgegen. Conrad . Heiliger Gott! was ist hier vorgegangen? Karl stößt das Schwert gegen die Erde, daß es in Stücke springt . Das verdammte Schwert! – O Du hattest wohl Recht, Conrad! – Conrad . Wie ist Euch? Drinne Hülfe! Hülfe! Karl . Hörst Du den Donner? – Gott spricht zu mir, jetzt fürchte ich ihn! – laut schreiend. O rette mich, laß mich entfliehn! er stürzt hinaus, Conrad eilt ihm nach, stillschweigend schleicht das Gespenst des Greises herein, nimmt die Stücke des zerbrochenen Schwertes auf und entfernt sich. Der Vorhang fällt.     Vierter Akt. (Saal auf Berneck.) Karl liegt völlig angekleidet auf einem Ruhebette, Conrad tritt herein, er sieht ihn und will wieder fortgehn. Karl . Bleib, Conrad, ich schlafe nicht. Conrad . Ihr solltet schlafen, das Nachtwachen wird noch Euren Verstand völlig zerrütten. Karl . Wo ist meine Mutter, Conrad? Conrad . Lieber Karl, – Karl . Nicht wahr, es ist keine Mutter mehr hier im Schlosse? Die Zeiten sind vorüber. – zusammenfahrend. Horch! mich dünkt, es donnerte. Conrad . Nicht doch. Karl . Das war eine entsetzliche Nacht, als sich mir die Furchtbarkeit des Gewitters zu erkennen gab. Conrad, da war der Himmel ein weites feuriges Meer, da rissen große Donnerschläge Luft und Wolken in Stücke, da sauste es wie Gespenster um die Burg und nahm ganz meinen armen menschlichen Sinn gefangen, da trug ich jenes thörichte Schwert, das wider meinen Willen meine Mutter erschlug. – Ha! wie darf ich es noch wagen, den Namen Mutter auszusprechen? Mich hat keine Mutter gesäugt, ich bin kein Mensch, kein Sohn, der Name Sohn ist seitdem zum Fluch geworden. – er steht auf. Komm, ich will mich ankleiden. Conrad . Ihr seid ja schon angekleidet. Karl . Wirklich. – Hörst Du es auch in der Nacht durch alle Zimmer des Schlosses wandeln und seufzen und meinen Namen sprechen? Conrad . Das ist lauter Phantasei von Euch. Karl . Es rasselt oft wüthend durch den Saal, dann hör' ich Schwerter klirren und wunderliche Stimmen dazwischen, ungeheure Riesengestalten gehn mir vorüber und Gespenster drängen sich zu mir her, – das alles ist nicht Phantasei! Conrad . Ihr seid überwacht, da müssen Euch die müden Sinne täuschen. Karl . Es ist nicht anders, die wilde Geisterwelt hat mich zu ihrer Beute, zu ihrem Spiele ausgelesen. – Weißt Du noch die Zeit, Conrad, als in diesem Saale getanzt ward, als die Pokale um die Tafel gingen, als Adelheid an dieser Stelle saß? – Warum ist jetzt alles so stumm und traurig? Conrad . Die Zeiten wechseln, die Umstände ändern sich. Karl . Ich bin doch wohl ohne Schuld. Sollte es nicht sein können? Der Mensch wird geboren, ohne daß er es weiß, seine innerlichen Gedanken sind Träume, und äußerlich erzeugen sich indeß andere Träume, die wir Thaten nennen, und von denen er nichts weiß. – Wenn nur kein Gewitter heraufzieht! Conrad . Seid unbesorgt. Karl . Es wird so finster, mir ist so bang. Conrad . Es ist Abend geworden. Karl . Laß einige Fackeln anzünden, laß Musik kommen, vielleicht kann ich einschlafen. Conrad geht ab, bringt zwei brennende Fackeln und stellt sie hin, der Minnesänger tritt auf. Karl . Setzt Euch, – dort in der Ferne, und nun eine recht schwermüthige Melodie, von der Art, die unsre Seele wie aus einem trüben Flusse in ferne unterirdische Gegenden führt, daß wir der Oberwelt und unserer irdischen Leiden vergessen. Sucht auf Eurem Instrumente die wunderbarsten Töne aus, jene betäubenden, einschläfernden, die um unsre Sinne gaukeln und sie mit süßer Schläfrigkeit berauschen. – Uebertönt mir jene Eule, die vom verdorrten Baum herunter winselt. Minnesänger . Ich will Euch die Klage und den Trost des Unglücklichen singen, es ist ein neues Lied und eine neuerfundene Weise. Ich dichtete es jüngst, als mir das Elend der Menschen recht sichtbar vor die Augen trat.       Im Windsgeräusch, in stiller Nacht,             Geht dort ein Wandersmann,       Er seufzt und weint, und schleicht so sacht             Und ruft die Sterne an:       Mein Busen pocht, mein Herz ist schwer,             In stiller Einsamkeit,       Mir unbekannt, wohin, woher             Durchwandr' ich Freud und Leid;       Ihr kleinen goldnen Sterne,       Ihr bleibt mir ewig ferne,                             ferne, ferne,       Und ach! ich vertraut' euch so gerne.       Da klingt es plötzlich um ihn her,             Und heller wird die Nacht,       Schon fühlt er nicht sein Herz so schwer,             Er dünkt sich neu erwacht:       O Mensch du bist uns fern und nah,             Doch einsam bist du nicht,       Vertrau' uns nur, dein Auge sah             Oft unser stilles Licht.       Wir kleinen goldnen Sterne       Sind dir nicht ewig ferne,                             gerne, gerne,       Gedenken ja deiner die Sterne. – Ein heller Blitz und heftiger Donnerschlag.) Karl fährt auf . Genug! – Alles ist doch nur erlogen, Dichtererfindung, indeß sein eigener Busen nichts fühlt! Fort! Minnesänger ab. – Ich will nichts mehr hören, alle Menschen sind falsch und ohne Empfindung. – Himmel! glühende Ketten ziehn sich um mich her, wilde Phantome durchkreuzen die Luft und stürzen auf mich ein, Gespenster klettern die Fenster hinan und klirren an den Scheiben – Conrad! – Conrad . Was ist Euch? Karl . Sieh die schrecklichen Gestalten, dort mit den flammenden Haaren, die in der Luft fliegen und sich zu mir her bewegen. Conrad . Es sind ja die Fackeln, ich will sie forttragen, wenn sie Euch erschrecken. ab mit den Lichtern. Karl . Das Bildniß meiner Mutter rührt sich. – O weh mir! weh mir, daß ich geboren ward! Die gräßlichen Flüche der Sterbenden ergreifen mich nun, die alte Sünde unsers Hauses hat mich mit gefaßt und schleppt mich zur Verdammniß. – Ich kann nicht mehr. – er kniet nieder. O errette mich, Gott im Himmel! – Der Blitz springt nach mir, der Donner schilt mich, das ganze Heer des Entsetzens jagt hinter mir her. – Wo ist Rettung? – O es treibt mich fort, durch die Wildniß, durch Wälder, ich kann mich nicht zurückhalten. er springt auf und eilt hinaus. Conrad kömmt zurück . Ritter! – Ritter Karl! – Er ist fort! – O Gott im Himmel, was soll noch daraus werden? – Franz! Georg! Franz . Georg . Conrad . Folgt mir, der Ritter ist in den Wald hinaus, in's Freie geeilt, wir müssen ihn suchen. – ab. Franz . Daß ich ein Narr wäre! Georg . Gehst Du nicht mit? Franz . Bewahre! ich habe meinen Abschied genommen, eben so gut, wie schon mancher Diener hier gethan hat. Das halte der Henker aus. – Sage mir, Georg, hast Du nicht bemerkt, daß es in der Burg umgeht? Georg . Es ist mir manchmal so schaurig. Franz . Die alten Tapeten klatschen als wenn es mit Flügeln dagegen rasselte. Unsre Hausfrau soll oft durch die Säle schleichen; man erzählt sich gar wunderliche Geschichten von ihrem Tode, man darf es nur nicht öffentlich sagen. Hast davon noch nichts gehört? Georg . O ja, aber ich kann es immer nicht glauben. Franz . Ich gehe wieder nach dem lustigen Bamberg zu meinem vorigen Herrn, da kann man doch froh sein, da schmeckt einem ein Trunk, da scheint die Sonne heiter und warm, – aber hier in dieser Wildniß – Georg . Du hast Recht. Das sind hier wilde Felsen, schwarz und widrig strecken sie sich in den Himmel hinein, und kein fremder Ritter, kein Reisender besucht mehr unser Schloß; man hört gar nichts neues mehr, man erfährt gar nicht, wie es draußen in der Welt zugeht, es ist hier ein betrübtes Leben. Franz . So zieh mit mir. Georg . Meine Zeit ist noch nicht um. – Aber meiner Jugend kann ich mich hier nicht freuen, das weiß ich wohl; oft wenn ich so aus den wilden Thälern ein verlornes Jagdhorn herauftönen höre, weiß ich nicht, wie mir wird, aber ich muß dann weinen. Durch Gebete halte ich mich denn noch aufrecht. Hu! – welch ein Wetter! – Warum unser Ritter sich wohl vor dem Gewitter immer so ängstigt? Franz . Wunderbar ist es. Georg . Und hast Du ihn dann wohl schon beten sehn? Franz . Nein. Georg . Die Haut schaudert mir jedesmal, wie sich ihm dann die Haare aufrichten, wie sein Auge nach dem Himmel starrt, als wenn er Trost herab zwingen wollte, und wie dann alles vergebens ist und er wild und geängstigt nach dem Walde rennt. – Ach, dem armen Herrn wäre besser, er wäre schon todt. – Nun ich muß nur fort, es ist Nacht und ich kann nicht einsehn, wie wir ihn wiederfinden wollen; aber der Alte wird gleich sehr böse, wenn man nicht seinen Willen thut. Franz . Ich habe mich nie sehr daran gekehrt, und jetzt geh' ich zu Bette. ab von verschiedenen Seiten.     (Vor der Burg Berneck, links das Crucifix, rechts die Eiche – Dunkle Nacht, Donner und Blitz.) Heinrich von Orla. Heinrich . Das ist ein Hexenwetter! – Ich bin ganz durchnäßt. Wilhelm . Wo wir nur sein mögen, man sieht keinen Schritt weit. – Ob wir noch weit nach Orla haben? Heinrich . Wenn wir nicht irre geritten sind, gewiß nicht. Wilhelm . Wie mein Herz den ganzen Tag über schlug! Hinter jedem Hügel glaubte ich nun endlich den spitzen Thurm von Berneck zu sehn, und immer war er's nicht. Heinrich . Du freust Dich, daß Du wieder in der Heimath bist. Wilhelm . Wer sollte das nicht? – Wenn nur mein alter Vater auf Berneck noch lebt! Heinrich . Und meine Schwester Adelheid! – Doch Gott wird mir diese Freude gewähren, und dann, Wilhelm, will ich mein Schwert und dies unruhige Leben niederlegen, und als ein stiller frommer Rittersmann leben und sterben. War ich nicht ein Thor, nach Glück und Ruhm in einem fernen Lande zu jagen? Mußt' ich die goldne Erfahrung so weit herholen, daß nur in uns selber, in einem stillen, häuslichen Leben das wahre Glück liege? Ich suche mir nun eine Gattin, Wilhelm, Du bleibst bei mir, nicht als mein Diener, sondern als mein Freund, ich will es Dir nicht vergessen, daß Du mir dreimal das Leben rettetest. Wilhelm . O Herr – Heinrich . Du bist mein wackrer Geselle, nicht mein Knappe. So wollen wir dann alt und grau werden, wenn es uns das Schicksal vergönnt, ohne uns wieder nach Getümmel und nach Schlachten zu sehnen. – Wilhelm . Das Gewitter zieht fort, es hellt sich auf. Heinrich . Ich glaube der Morgen dämmert schon. – Sieh, Wilhelm, sieh Dich genau um, stehn wir nicht vor Berneck? Wilhelm . Ja, wahrlich. – Heinrich . Es hört auf zu regnen. Nun, Wilhelm, suche Dein Pferd wieder, reite voran und melde meiner Schwester, daß ich sogleich komme. Wilhelm ab. Heinrich . Wie wohl mir ist, da ich nun wieder hier bin! Du liebes deutsches Vaterland! wie theuer bist du mir jetzt durch deine Biederkeit und Treue geworden! Karl v. Berneck stürzt aus dem Walde . Rettet! rettet mich! – Es jagt mir durch den wilden Wald nach, alle Wölfe heulen, alle Eichen rauschen Scheltworte hinter mir her. – er stürzt auf Heinrich zu und umfaßt ihn. O um Gottes Barmherzigkeit willen, rette mich! – Heinrich macht sich los . Wer bist Du? – Wahrlich, es graust mir bis in's Herz hinein, – ich kenne Dich nicht. – Karl . Ich glaub' es wohl, denn Du bist ein Mensch. Wer kennt auch mich armen Verlaßnen? – Aber sage mir, sind mir die ungeheuren Gespenster nachgefolgt, oder bin ich jetzt frei von ihnen? Heinrich . Unglücklicher! Karl . Dann ist mir wieder besser. – Wird es Tag? – Nun wohl, so darf ich wieder um mich blicken, denn ihre Zeit ist vorüber. Heinrich . Wer bist Du? Karl . Ich hieß sonst Karl von Berneck, als ich noch den Menschen angehörte, seitdem ist manches anders geworden, und ich weiß nicht, wie mich die Leute jetzt nennen. Heinrich . Karl von Berneck? – In dieser Gestalt muß ich Dich wiederfinden? Karl . Nun, und warum nicht so? Heinrich . Karl, kennst Du mich nicht mehr? Karl . Nein. Heinrich . Ich heiße Heinrich von Orla. Karl . Wirklich? – Ich erinnere mich dunkel Deines Namens. Heinrich . Ich war täglich auf Berneck, als Du noch ein Knabe warst, Du machtest mich immer zu Deinem Spielgenossen, ob ich Dir gleich mehrere Jahre voraus war. – Kennst Du mich noch nicht? Karl . Ach es muß schon lange her sein, seit ich Dich nicht mehr sah. Heinrich . Eine geraume Zeit – was macht Dein Vater? Karl . Todt. Heinrich . Und Deine Mutter? Karl heftig . Todt, alles todt! – Was hatten sie auch in dieser Welt zu thun? – O wohl mir, wenn ich ihnen folgen könnte! Heinrich . Todt? – ahndete mir es doch, als ich Abschied von ihm nahm, daß ich ihn nicht wiedersehn würde. Karl . Heinrich von Orla? – O jetzt erinnere ich mich Deiner recht gut, mir ist, als wenn ich erwache. – Heißt Deine Schwester nicht Adelheid? Heinrich . Ja. Karl . Nun so sei mir willkommen, mich freut es, daß ich Dich wiedersehe. – Sage mir, wo ist unser Spielzeug hingekommen? Warum können wir nicht wie Kinder spielen, bis man uns sagt, unser Bart sei grau, und es sei endlich Zeit zu sterben? Daß man uns dann so schuldlos wie Kinder begrübe und wir ruhig in der Erde lägen, bis uns die letzte Trompete zu einem andern Leben riefe. Heinrich . Der Mann spielt nur mit andern Dingen als das Kind, sonst läuft es ja auch auf eins hinaus. Karl . Und mit uns spielt das Schicksal wieder auf seine Weise. Nicht wahr? Alles ein großes Spiel, eine Posse, in der fürchterliche und lächerliche Gestalten seltsam durcheinander gemischt sind, die sich gegenseitig nicht kennen und doch durchkreuzen. So entsteht, so vergeht das Leben des Menschen, man kann es nicht wunderbar nennen und doch ist es seltsam räthselhaft. – O Heinrich! wir sollten immer mit verbundenen Augen weiter gehn, so wie wir uns umsehn, sind wir verloren. Heinrich . Ich verstehe Dich nicht. Karl . Wär' ich wie Du! Könnt' ich zu jener heitern Schuldlosigkeit zurückkehren! – Aber mein eigenes Herz haßt mich und arbeitet unwillig in diesem verruchten Körper. Heinrich . Du scheinst trübselig und krank. Karl . Ja wohl. – er knieet vor dem Crucifix nieder und betet. O vergieb mir meine Schuld! Laß mich sterben oder durch deine große Gnade mich und alles vergessen. Tauche mich in einem See von Wahnsinn unter, damit ich nie wieder die Oberwelt und alle wirklichen Gegenstände in die Augen fasse. – Heinrich . Das ist nicht gut gebetet. Karl . Für mich gut; jedermann hat darin seine eigene Weise. Conrad kömmt . Nun da seid Ihr ja, mein lieber gnädiger Herr. Gott sei Dank! daß ich Euch wiedergefunden habe. Heinrich . Wenn ich mich nicht sehr irre, der wackre alte Conrad. Conrad . So heiß ich, Herr Ritter. – Aber woher kennt Ihr mich? – Beim Himmel, Ihr seid Heinrich von Orla oder mein Gedächtniß verläßt mich ganz. Heinrich . Ja, der bin ich. Conrad . Ihr seid zurückgekommen? – O und mein Sohn – Gott! ich habe nicht das Herz nach ihm zu fragen und möchte doch so gerne wissen, – ach! theurer Ritter – Heinrich . Aengstige Dich nicht, alter Mann, Dein Sohn lebt, er ist wohlbehalten mit mir zurückgekehrt. Conrad fällt nieder . Nun so dank ich dir denn doch aus vollem Herzen, du lieber Gott im Himmel da oben; daß du mich noch diese Freude erleben lässest, will ich dir gewiß nie vergessen. – Ach! und wo ist er? wo kann ich ihn finden? – Heinrich . Er ist vorangeritten zu meiner Schwester; lebt sie noch, ist sie gesund? – Conrad . Sie ist wohl, sie ist gesund, – und hat er sich immer brav gehalten? Heinrich . Er ist ein wackrer Reiter, er hat mir dreimal das Leben gerettet. Conrad . Nun, seht Ihr, seht Ihr, ich sagt' es Euch wohl. – So ist er denn doch seinem Vater nachgeartet? – O ich weiß mich vor Freuden gar nicht zu lassen! – Ich will heut jedem Armen, den ich sehe, von meiner Armuth geben. – er sieht auf Karl, der indeß immer in tiefen Gedanken gestanden hat. Ach Gott! – lieber Ritter, seht doch nur ein wenig heiter aus, damit ich mich doch nicht meiner übergroßen Freude zu schämen brauche. Karl auffahrend . Was ist? Wovon war denn die Rede? Conrad . So habt Ihr gar nicht einmal gehört – mein Sohn, mein Wilhelm ist zurückgekommen. Karl . reicht ihm schweigend die Hand . Ich versteh Euch. Ihr seid gut. – Heinrich . Mit Verwundern hab' ich Euch betrachtet, Ritter; kommt, begleitet mich auf mein Schloß, die helle Gegend, der Garten, meine Schwester, sie werden Euch vielleicht heiterer machen. Conrad . Thut das, lieber Ritter. – O Ihr werdet gewiß unter Menschen genesen, die es gut mit Euch meinen. Karl . Führt mich wohin Ihr wollt, ich bin wie im Traume. Conrad . Erlaubt Ihr dann wohl, daß ich meinen Sohn auf Eurer Burg besuche? Heinrich . Gern, aber sei so gut und führe mein Pferd nach, ich gehe dann mit dem Ritter diesen Fußsteig. Conrad . Ich setze mich auf und besorge nur einige Geschäfte auf Berneck, dann seht Ihr mich sogleich auf Orla. ab. Heinrich . Nun so kommt, Ritter, und weg mit diesen düstern Falten. er nimmt ihn unterm Arm und geht mit ihm ab.     (Garten der Burg Orla.) Reinhard . Adelheid . Adelheid . O daß er nun endlich zurückkömmt! – Wie mir dieser schöne Morgen dadurch noch schöner wird! Ein ganz neues Leben wird nun in mir seinen Anfang nehmen. – O Reinhard, Ihr glaubt es nicht, wie sehr ich mich freue. Reinhard . Wie muß ich Euch dieses schwesterlichen Herzens wegen schätzen. – Ihr seid so hold, Ihr seid so gut – Adelheid . Könntet Ihr nun Euren Bruder nicht eben so lieben? Wir haben schon so oft darüber gesprochen und gestritten. Reinhard . Und eben darum bitt' ich Euch, dieses Thema nicht zu wiederholen. – Sagt mir, wer kann seinem Herzen gebieten? Und wenn Ihr alles wißt, verdient er wohl noch die Liebe seines Bruders? Adelheid . Er ist mehr unglücklich, als strafbar. Ihr seid ein harter Mann, je unglücklicher er ist, je mehr bedarf er Eurer Liebe. Reinhard . Darf ich denn an dem heutigen schönen Tage, – darf auch ich glücklich sein? – Wollt Ihr mir denn keine bestimmtere Antwort geben. Adelheid . Ich kann nicht. Soll ich Euch hintergehn? Wir würden uns dann nur beide täuschen. Ihr müßt eine längere Probezeit aushalten, denn Ihr seid ein unstäter, flatterhafter Mensch; zwölfmal seid Ihr mir untreu geworden, und eben so oft seid Ihr zu mir zurückgekehrt. Man darf Euch nicht so blindlings vertrauen! Reinhard . Ihr selber waret Schuld an der Ungeduld meiner Liebe, daß Ihr mir kein bestimmtes Wort sagtet, daß ich nicht wußte, woran ich war. Aber gebt mir nur eine Versicherung, laßt mich nur eine feste Hoffnung fassen – o mein Fräulein, Ihr geht grausam mit mir um. Adelheid . Ihr nennt uns gleich grausam, wenn wir Euch nicht die Herrschaft über unser Herz übertragen wollen. Heinrich mit Karl . Wilhelm folgt. Heinrich . eilt seiner Schwester in die Arme . Du lebst, bist wohl! – Pause, so wie Reinhard seinen Bruder bemerkt, entfernt er sich. Karl seitwärts . Wie diese Umarmung meinem Herzen wehe thut! – Ich habe auch einen Bruder und er geht fort; er hat mich seit vielen Wochen nicht gesehn, aber sein Herz verlangt auch nicht darnach. – Gut; ich sollte doch schon daran gewöhnt sein. Heinrich . Du glaubst nicht, wie ich mich freue, Dich wiederzusehn. – Aber ich hätte fast unsern Gast darüber vergessen; Karl von Berneck, Du kennst ihn vielleicht. Adelheid . O ja. Karl . Wenn Ihr Euch meiner noch erinnert – Heinrich . Wer war der fremde Ritter, der uns verließ, als wir hereintraten? Karl . Mein Bruder. Heinrich . Dein Bruder, Reinhard? – Warum geht er fort? – Ich muß ihn doch begrüßen, er ist mir ein lieber Gast. geht ab. Adelheid . Ihr seid krank, Herr Ritter? Karl . Schon seit lange, ich wünsche, krank zum Grabe. Adelheid . Warum wünscht Ihr das? Karl . Ach! – Adelheid . Kann Euch nichts in dieser Welt mehr trösten? Karl . Daß ich nicht wüßte. Adelheid . Ihr müßt hoffen. Karl . An den Hoffnungen erkennt man die Thoren, denn sie erfüllen sich nie. Sie hüpfen wie Irrlichter vor uns her und ziehn uns in das Elend hinab. – Und welch ein Leben ist dies, in dem wir die Hoffnung wie eine betäubende Arznei gebrauchen müssen, damit wir nur von unserm eigentlichen Selbst und von unserm wahren Leben nichts gewahr werden. Conrad kömmt . Ist er hier? – Verzeiht, mein Fräulein, meiner Unhöflichkeit, – aber man sagte mir, mein Sohn – Adelheid . So eben hab' ich ihn noch gesehn – Wilhelm , der herbeieilt . Mein Vater! – mein theurer Vater! Conrad . O mein einziger Sohn! Mein Wilhelm! Sehn Dich noch diese alten Augen! – Wie männlich bist Du geworden! – Bei meiner armen Seele, Du siehst wie ein Ritter aus. – Ach! wie ruhig werd' ich nun dies alte Leben beschließen, da ich Dich noch wiedergesehn habe. Karl . Auch Er fragt nun nichts mehr nach mir; auch Er hat sich mit seiner Freude zusammengefunden und ich stehe nun ganz einsam, ohne Freund und Bruder, ohne Vater und Mutter. – O wahrlich, er geht mit seinem Sohne fort, ohne sich nur nach mir umzusehn, ohne nur an mich zu denken; – o ich könnte wüthend werden, zornig neidisch, daß es so ist und daß ich, ein gänzlich Verworfener, einsam bleiben muß. – Conrad ist mit Wilhelm abgegangen. – Pause. Karl ist in sich verloren und wacht dann auf, betrachtet Adelheid aufmerksam und geht zu ihr. Karl . Ihr weint, mein Fräulein? Adelheid . Mein Herz ist wunderbar bewegt, – ich hörte, was Ihr da sagtet, – und die Freude über die Ankunft meines Bruders, – jetzt alle Erinnerungen, Eure trübe Gestalt – Karl . Ihr scheint erschüttert. Adelheid . Ja, Ritter, die wunderbarsten Empfindungen haben mein Herz getroffen. Ich habe mich nicht in meiner Gewalt, – ich weiß nicht – Karl . Faßt Euch, mein Fräulein. Adelheid . Soll ich nicht laut schluchzen und jammern, wenn ich einen Freund vor mir sehe, der sich freiwillig dem Unglück weiht, indeß ich mich gern so glücklich fühlen möchte? Karl . Nimmt denn noch eine Seele Theil an meinem Schicksale? – Ist es kein Traum? Kann es diese Wahrheit geben in dieser irdischen Welt? Adelheid . Seid Ihr an allen Menschen verzweifelt? Karl . Ach, wehe dem, der ihnen traut, es sind harte Geschöpfe – Und Ihr, mein Fräulein, – Gott, was ich oft nur in einsamen Nächten mit einer erhitzten Phantasie dachte, was ich für eine Unmöglichkeit hielt, – sollte jenes glänzende Bild wohl näher rücken können? Adelheid . Ich sah es wohl, wie Euer Bruder fortging, als er Euch gewahr ward, und Ihr Thränen aus den Augen wischtet. Ich sah es in der Freude, in den Armen meines Heinrichs. Karl . Verdien' ich diese Güte, diese himmlische Milde? Adelheid . Ich habe Euch so lange nicht gesehn, ich habe immer viel nach Euch gefragt, – und nun tretet Ihr so vor mich, mit diesem Blick, – ach! das Herz wollte mir springen. Karl . Himmel! welche unsichtbare Musik jauchzt um mich her? – Alle Stauden, alle Bäume grüßen mich mit fröhlichem Geräusch. Das ist die Welt nicht mehr, ich bin nicht mehr Karl von Berneck! Adelheid . Wie ist Euch? Faßt Euch. – Karl . Wahnsinnig könnt ich werden und ich bin es vielleicht schon, weil ich den Himmel so oft darum bat, und darum träumt mir auch jetzt, ich sei glücklich. Adelheid . Karl! Karl . sinkt zu ihren Füßen nieder . Bist Du Adelheid? O gieb mir ein Unterpfand, daß Du es wirklich bist! Adelheid neigt sich wehmüthig über ihn . Ich bin es, und sei Du auch wieder der Karl, der Du warest. – O wie viel hab' ich um Dich gelitten! Hast Du meiner wohl zuweilen gedacht? Karl . Dein Bild wandelte immer wie ein ferner Schimmer vor mir auf der öden Haide, der bald verlosch und bald freundlich wiederkam. – O gütiger Gott! kann es noch so weit mit mir kommen? – Manchmal wenn ich nicht schlafen konnte, dacht' ich an Dich, und wie ich Dich gesehn und dann sagte eine Stimme aus dem innersten Herzen heraus: O wenn sie dich lieben könnte! – Und dann war es wieder todt um mich und in mir, weil ich glaubte, Du haßtest mich, so wie die übrige Welt. Adelheid . Ich liebe Dich, ich habe Dich immer geliebt. – O verachte mich darum nicht, wenn ich nicht spreche so wie es sich ziemt; ich weiß nicht, wo ich bin, ich weiß nicht, was ich sage: die gewöhnlichsten Dinge erscheinen mir heute anders. Ich kann mich nicht regieren. Karl . Nun, dann wäre ja der schwere Traum vorüber, dann könnt ich ja dreist nach dem Erbtheil des Lebens fassen, das mir gehört, – dann – o Adelheid! küsse mich, damit ich vor übergroßem Entzücken aufwachen muß, wenn ich ja nur träumen sollte. Adelheid küßt ihn . Vergiß mich nicht, – liebe mich – Karl . Ich höre den Chorgesang der beflügelten himmlischen Bewohner, sie haben einen Sünder wieder angenommen. Adelheid . Willst Du nun heiter sein? Karl . Jeder trübe Blick ist jetzt ein Verbrechen. Heinrich kömmt mit Reinhard zurück. Heinrich . Nun, Schwester? – Ich habe es nicht unterlassen können, gleich den Garten zu durchwandern, jede Anhöhe zu ersteigen. – Es ist schön, daß Du alles gelassen hast, so wie es war. Hofmeisterin kömmt . Seid mir tausendmal willkommen, werthgeschätzter Herr Ritter. Verzeiht, daß ich Euch nicht sogleich meinen demüthigen Gruß entgegengebracht habe, aber ich hörte von Eurer glücklichen Zurückkunft, und da eilte ich, ein wohlschmeckendes Mahl zu bereiten, um Euch zu erquicken und so genug zu thun. – Ist es Euch nun gefällig in die Burg zu treten? – Es ist alles fertig. Heinrich . Komm, Adelheid, Karl, Reinhard – wie leicht ist meinem Herzen, da ich wieder unter Landsleuten, unter Freunden bin! Karl . Ich folge Euch sogleich. – Die übrigen ab, Adelheid sieht nochmals nach ihm zurück. Kann es eine solche Veränderung geben? Und warum war ich dazu so unvorbereitet? – Selbst diese Menschen, die dazwischen traten, haben den holden Klang in meinem Herzen nicht unterdrückt, der frühste Frühling aus den fernsten Kinderjahren ist zurückgekommen, und hat seine glänzendsten wunderbarsten Geschenke mitgebracht. – Ich wage kaum die Augen aufzuschlagen. – Mein Herz ist rein und geläutert, alle Feindseligkeiten halten sich ruhig, – mein Geist schlägt heute zum erstenmal seine Schwingen auseinander, und ein frohes Erstaunen ergreift ihn über den Glanz der Fittige, über den hellen Aether, dem er sich entgegenträgt. – Wie werd' ich unter ihnen sein? Wie sprechen können? Nur weinen, auf dem Boden möcht' ich knieen, trunken in ihre Augen blicken und so in himmlischer Wonne vergehn. Conrad kömmt. Karl . Bist Du froh, Conrad? Conrad . Ja, Herr, von Herzen. – Und Ihr seht auch so munter aus. Karl . Ich bin glücklich, selig, das Himmelreich hat sich heute meiner angenommen, die Liebe ist in mein Herz eingekehrt und hat alle ehemaligen schwarzen Bewohner vertrieben. – Sei recht glücklich, Conrad, wir wollen jauchzen, wir wollen trinken – und liebe Du mich auch noch wie sonst. Conrad . Ich kenne Euch nicht wieder; Ihr seid Euch selbst unähnlich. Karl . Nun dann bin ich gewiß glücklich. – Komm, lieber Conrad – aber vergieb meiner jugendlichen Freude, die Deinem Alter vielleicht Thorheit scheint, – Adelheid liebt mich. Conrad . Wie sollt' ich das für Thorheit halten? – War es doch immer mein hauptsächlichstes Gebet, daß Ihr möchtet froh werden! Seht, Gott hat mich nun erhört, und ich bin selbst wieder frisch und jung; welch ein glücklicher Tag! Karl . Lieber Conrad! – sieh, wie hell die Sonne scheint, wie das Grün der Bäume funkelt, – O, Gott im Himmel meint es doch gut mit seinen Menschen. – er faßt Conrad in den Arm, beide gehn ab.     Fünfter Akt. (Garten von Orla. Nacht, Mondschein.) Conrad . Wilhelm . Conrad . Ich kann nicht müde werden, Dir zuzuhören. Alle diese abentheuerlichen Erzählungen von Kämpfen und Gefahren machen, daß ich mir wieder jung vorkomme, daß ich wünsche, ich möchte da und dorten mit dabei gewesen sein. Wilhelm . Und Ihr seid indeß immer froh und gesund gewesen? Conrad . So ziemlich, bald mehr, bald weniger, wie es in diesem Leben geht. Bleibe nur immer so brav und gut, so wird es Gott auch immer gegen Dich sein. Du hast meinem Alter Freude gebracht und dafür wird der Segen des Himmels nicht ausbleiben. Wilhelm . Ich werde Eure Lehren nie vergessen, so wie ich sie auch bis jetzt nicht vergessen habe. Conrad . Recht so, mein Sohn, Du sprichst wie ein wackrer Mann. – Nun, gute Nacht, ich will sehn, wie sich mein Ritter befindet. Wilhelm . Gute Nacht, Vater. – Es ist mir hier alles noch so neu, daß ich nicht müde werden kann herumzulaufen. Conrad und Wilhelm von verschiedenen Seiten ab. Reinhard tritt auf. Reinhard . Ich fühle mich wunderbar beunruhigt. So hab' ich noch nie empfunden. – Was ist es denn, das mir das Herz so zusammenschnürt? – Mußt' ich es aushalten, daß er mir gegenüber saß, mußt' ich die Schmach erleben, daß alle ihre Blicke nur ihn, den Verworfenen trafen; muß ich mich so gedemüthigt sehn?– Wer kann die Weiber begreifen und verstehn! Sie kennen sich selber nicht, das Widersprechendste zu vereinigen wird ihnen leicht, was jedem Manne vielen Kampf kosten würde, ist ihnen ein Spiel. Was ich in so langer Zeit zu gewinnen trachtete, ist mir nun in einem Augenblicke verloren. – Sie glaubten, ich bemerkt' es nicht, sie hielten mich für blind, – und seine triumphirende Miene – nein, ich bin ein Elender, wenn ich es erdulde. Reinhard . Wilhelm . Reinhard . Wer geht dort? Wilhelm . Wilhelm, Euer Diener. Ich besuche noch alle die Plätze, mit denen ich so bekannt war; daß ich wieder hier bin, in der mir so vertrauten Heimath, hat mich so weich gemacht, daß ich ganz wie ein Kind mich fühle. Reinhard . Es ist eine schöne Nacht. Wilhelm . Alles so ruhig, kein Blatt rührt sich, keine Wolke am ganzen Himmel. Reinhard . Hast Du meinen Bruder nicht gesehn? Wilhelm . Mich dünkt, er wandelte tiefsinnig in jenem dunkeln Gange, am Ende des Gartens. Reinhard . Wilhelm, ich halte Dich für einen wackern Mann. Wilhelm . So möcht' ich mich gern immer beweisen. Reinhard . Du hast Dich im Auslande brav gehalten. Wilhelm . Ich that, so viel es mir möglich war, meine Pflicht. Reinhard . Einen solchen Mann unter seinen Dienern zu haben, würd' ich für ein großes Glück schätzen, ich würde ihn ganz wie meinen Freund halten. Wilhelm . Es kann Euch nicht an bessern Dienern und an edlern Freunden fehlen. Reinhard . Und doch, Wilhelm, fehlen sie mir. O Du weißt nicht, wie ich einen Dienst belohne, und doch ist Niemand da, der mir dienen will. – Würdest Du wohl – – Wilhelm . Sobald es in meinem Vermögen stände, – gewiß! Reinhard . Ich komme fast in die Versuchung, Dich auf die Probe zu stellen. Wilhelm . Ihr dürft nur befehlen. Reinhard . Ich wünschte, Du unterließest diese gewöhnliche Höflichkeit, die man selbst unter den fremdesten Menschen antrifft, – ich wünschte, Du wärest zutraulicher. – Laß uns ernsthaft mit einander reden – Wilhelm, mein Herz ist voller Unruhe, – höre, – o ich wünschte, Du wüßtest es schon, was ich Dir sagen will, anstatt daß ich jetzt einen so weiten Umweg nehmen muß. Wilhelm . Ich errathe Euch nicht. Reinhard . Und doch ist es nichts, das sich zu verbergen brauchte; es ist tausend und aber tausendmal gedacht und geschehn. – Wilhelm, ich wollte, wir wären uns nicht so fremd, sondern schon lange mit einander umgegangen. – Ich weiß es, daß uns das aus einem fremden Munde oft auffällt, was uns aus dem bekannten ganz natürlich dünkt. – Doch, ich vertraue Dir, und der Freund sollte nicht um den Freund mit Worten so herumgehn, – ich will Dir ganz deutlich meine Meinung sagen. – Sieh, Wilhelm, meinen Bruder, – ist er nicht unglücklich, – unglücklich, weil er ein Bösewicht ist, – o daß ich selber so von ihm sprechen muß! – Du hast vielleicht das Gericht schon vernommen, daß er im tückischen Muthe seine Mutter erschlagen hat? Wilhelm . Ich hab' es nicht glauben wollen. Reinhard . Es ist wahr, und das Bewußtsein seines Verbrechens peinigt ihn und jagt ihn umher, darum ist sein Auge irre, darum seine Rede unverständlich und verwickelt. – Soll ein solcher seiner Strafe entgehn? – Und doch ist er ungestraft, weil seine Schuld nicht ganz deutlich und offenbar ist. – Aber welche Aufforderung zur Sünde, wenn ihm die schwärzeste aller Thaten so hingeht! – Ich darf ihn nicht zur Rechenschaft ziehn, ich bin sein Bruder, das brüderliche Blut würde sich in mir empören, so sehr ich ihn auch hasse, und ein Verbrechen kann auch nie das andere wieder gut machen. – Sieh, ich habe Dir nun so viel gesagt, daß ich dreister fortfahren muß. – Willst Du es über Dich nehmen? Willst Du mich und die Welt von ihm erlösen? Wilhelm . Wie meint Ihr das? Reinhard . Glaube nicht, daß ich es nur so sage, um Dich anzufrischen, sondern es ist mein völliger Ernst; ich würde es thun, wenn ich nicht sein Bruder wäre. – Soll er leben? Sich und andern zur Last? Sollen neue Bubenstücke aus seiner Bosheit hervor wachsen? – Es ist eine gute, eine edle That, die den Dank der Welt verdient, ihn hinwegzuräumen. Wilhelm . Wollt Ihr Euch so eigenmächtig zum Richter der Welt aufwerfen? Reinhard . Jetzt sucht er obenein das Fräulein Adelheid zu verführen, und bei Gott, was unbegreiflich scheint, es wird ihm gelingen, sie, die ich mir zu meiner Braut auserlesen hatte. – Kannst Du's glauben? Wilhelm . Und wenn ich es glaube? Reinhard . Sollen wir's dulden? – Fordre, Wilhelm, so viel Du willst, und sag' mir nur, es ist vorüber, ich habe keine Sorge mehr. – Glaube mir, Du kannst nicht zu viel begehren, traue mir. – Nun, Du antwortest nicht? Wilhelm . Es ist am besten, daß ich Euch nicht antworte. Reinhard . Sei nicht so verschlossen. Die That ist gut, jedes Herz flucht ihm, und jeder Mund wird Dir danken, – Sag' schnell, Du willst es thun. Nicht wahr? Ich kann mich auf Dich verlassen? – Wilhelm . Ihr irrt Euch in mir, Herr Ritter. Reinhard . Ich will alles für Dich thun, wünsche nur, und Dein Wunsch ist erfüllt. – Du bist stumm, bist einsilbig; erwiederst Du so mein Vertrauen? Wilhelm . Es ist Nacht, ich will schlafen gehn, und morgen hab' ich unser jetziges Gespräch vergessen, oder ich halte es nur noch für einen Traum. Reinhard . Nein, nein, höre, gehe so nicht fort, ich habe Dir noch vieles zu sagen. – Ueberlege nur, daß Du ihm selbst eine Wohlthat damit thust; Du kannst es Dir nicht denken, Du kannst es nicht fassen, wie elend er ist: ich könnte Dir, wenn es die Zeit erlaubte, schreckliche Beschreibungen machen, wie ihn sein Wahnsinn ängstigt; bald glaubt er den Geist seiner Mutter zu sehn, bald umringen ihn Gespenster und Ungeheuer; er schläft in keiner Nacht, eine fürchterliche Munterkeit peinigt ihn durch alle Adern; wie ein gebannter Dieb wandelt er umher und kann doch nicht von der Stelle; dann flucht er sich selbst; dann verwünscht er mit entsetzlichen Flüchen die Stunde seiner Geburt, – er hat schon oft Hand an sich selber legen wollen, wenn man ihn nicht mit Gewalt zurückgehalten hätte. – Er haßt sein Leben selbst, Du raubst ihm also nichts, sondern der Tod ist für ihn ein Geschenk. – Was kannst Du dagegen sagen? Wilhelm . Der Himmel hat die Strafe sich vorbehalten. Reinhard . Aber die Menschen gebraucht er oft zum Werkzeuge; sein rächender Donner stürzt nicht immer herab, er sendet oft die Zwietracht unter uns, und drum fiel durch Menschenhand schon mancher Bösewicht. – Finden wir nicht selbst in der heiligen Schrift Beispiele, wie er die Rache dem Arm der Menschen oft vertraute? Wilhelm . Laßt mich, Herr Ritter, setzt mir nicht weiter zu – Ihr werdet mich nie überreden. Reinhard . Wilhelm, ich hasse Dich auf den Tod, Du bist nicht ehrlich gegen mich. – Du hast mich ausreden lassen ohne mich zu unterbrechen, und nun glaubst Du mich in Deiner Gewalt zu haben. Wilhelm . Ich denke daran nicht. Reinhard . Du bist ein lauernder ausgelernter Schurke, einer von denen, die sich einfältig stellen, um desto besser zu betrügen. – Geh nur, geh! Ich habe mich geirrt, und ich bereue jetzt alles, was ich gesagt habe; meine Worte waren an ein unedles Gemüth verschwendet. Wilhelm . Gute Nacht, Ritter. Reinhard . Geh, Schelm! ich verabscheue solche Heuchler, – der Nichtswürdige! – Wahrlich, der Trotzkopf geht. – Höre, Wilhelm, guter Wilhelm, bleibe noch; es ist nicht mein Ernst. Besinne Dich und sei mein Freund. Ueberlege alles reiflich. – Er ist wahrlich wie sein Vater! Wilhelm . Gut, daß Ihr mich daran erinnert, Herr Ritter. – Ich muß fort; die Hitze Eurer Leidenschaft verleitet Euch zu unrechten Gedanken: verzeiht mir, daß ich Euch das sage. – geht ab. Reinhard . Ein Sklave, der sich vorgenommen hat, rechtschaffen zu sein, und nun ohne Ueberlegung mit dem Kopfe durch die Welt brechen will. – Ich dachte, weil er Blut gesehn, und sich im Getümmel herumgetrieben hat, – der Krieg härtet sonst die Seele und verwandelt selbst die weichsten Gemüther in grausame. – Wie unbesonnen ich war! – Wenn uns die Leidenschaft ergreift, so hören wir immer nur uns selber sprechen und vernehmen kein Wort vom andern. – Warum gelingt es denn andern Menschen, Vertraute ihrer Gedanken zu finden? er geht ab. Karl tritt auf . Das Wunderbarste gesellt sich zum Wunderbarsten; – sie hat versprochen mich hier zu besuchen, eine Viertelstunde mit mir zu sprechen, weil uns die Gesellschaft der übrigen Menschen band. – Wie hätt' ich so etwas hoffen können? – Es ist Nacht geworden und alles in mir ist ruhig. – Der Schimmer des Mondes funkelt seltsam durch die Zweige herab, alle grünen Gebüsche glänzen, alles ist mit Freude übergossen und wunderbare schöne Ahndungen zittern durch meine Seele. – Wird es immer so sein? – Es ist als wenn der Mond mit den Sternen zusammenklingt, als wenn Melodieen durch den Flimmerschein wehen. – Es schwärmt jauchzend durch die Wipfel hin, das schönste Leben sinkt golden aus dem offnen Himmel nieder, – dies ist kein irdisch Leben mehr, Vergangenheit und Zukunft sind versunken, und eine selige, überirdische Gegenwart macht mein menschliches Herz erzittern. – er setzt sich auf die Rasenbank. Da zieht eine dunkle Wolke vor den Mond und jagt einen schwarzen Schatten über die Gegend; der goldne Schein erlischt, – ich vergesse in der Trunkenheit, daß sie kommen wollte, – Gott, wie werd' ich die Freuden meines Lebens aushalten können! – Mir ist, als ob ich alles vergessen hätte, als ob ich nicht der Karl wäre, von dem mir bisher immer geträumt hatte. – ein weißer Schimmer durch die Gebüsche, er fährt auf. Sie kömmt, wie ängstlich mein Herz bebt, – sie kömmt. – die weiße Gestalt nähert sich, er streckt die Arme aus und eilt ihr entgegen, sie bleibt vor ihm stehn; es ist der Geist seiner Mutter, er erstarrt eine Weile, dann stürzt er zurück, die Gestalt geht vorüber. – O Mutter, Mutter! laß mir Ruhe; – Ha! ich hatte vergessen, daß es Nacht geworden sei, daß ihre Zeit gekommen war. – So schneidet es durch meine Freude, durch mein Glück, – alle Gräßlichkeiten arbeiten sich wieder durch den Schimmer, der sie abwärts hielt. – Nein, es giebt keine Vergebung, es giebt keine Seligkeit, – wie ich mich zerschmettert fühle, durch alle Gebeine vernichtet. – Sie triumphiren, die Feindseligen, – keine Versöhnung – die Gegend sinkt unter – betäubende Luft, ich danke dir, daß ich wenigstens schlafen kann – Reinold und Ritsart treten auf mich zu, welche wunderbare Versammlung. – er ist eingeschlafen. Reinhard kömmt zurück . Ich habe alles überlegt; – und warum könnt' ich es nicht selber thun? – Er gewinnt im Tode und die Welt gewinnt mit ihm. – Die sorgfältige Feigherzigkeit hält uns immer von Thaten zurück, deren wir uns freuen würden, wenn nur der Augenblick der Ausübung erst vorüber wäre. – Hier liegt er, ich finde keine günstigere Gelegenheit, – dieser Dolch soll mir Luft machen. Karl träumend . Bruder! Reinhard . Er nennt mich im Schlafe? er denkt an mich? – Es war ein seltsamer Ton, mit dem er dies Wort aussprach, – diesen Ton hab' ich noch nie von ihm gehört. – Bin ich denn ein Kind geworden? – Wie sanft er schläft. – Man sagte mir, er schliefe keine Nacht, – dies ist vielleicht nach langer Zeit seine erste Erquickung. – So traf ich ihn einst schlafend im tiefen Walde an, als er noch ein Knabe war, und er lag so holdselig und unschuldig da, daß ich es nicht lassen konnte, ihn in meine Arme zu schließen, und ihn mit Thränen und Küssen zu bedecken; er erwachte damals und wir gingen nach Hause und schwuren uns ewige brüderliche Liebe. – Ach Gott! er hat viel zu leiden, wie bekümmert sein Gesicht aussieht, er hat nichts auf dieser Welt. – Wie kommt der Dolch in meine Hand? – Ach! er ist ja derselbe Karl, der er damals war, sein Vater ist todt, seinen Bruder hatte er schon früher verloren – ich muß ihn wecken – so schlug mein Herz noch nie, – Bruder, Bruder Karl, wache auf! Karl . Was ist? – Was willst Du? – Ach Gott, Reinhard!– Laß mich, ich habe Dir nichts gethan. Reinhard . Ermuntre Dich um's Himmelswillen, damit ich Dir nicht unversehens den Dolch in die Brust stoße, – es ist Nacht, die Gedanken der Menschen wechseln wunderlich. – er schließt ihn in seine Arme. O mein Bruder! kannst Du mich noch lieben? Karl . Wie ist Dir, Reinhard; kennst Du mich? – Mir träumte eben, ich schlief' so sanft, ich versöhnte mich mit Dir, und darf ich's glauben? – Du stehst vor mir, – oder ist es nur ein neuer Traum? Reinhard . Nein, nein, es ist, – o vergieb mir, Karl, es war fürchterlich, – so eben haßt' ich Dich noch von Herzen, – so eben wollt' ich Dich ermorden. – Horch! wie fürchterlich die Bäume noch deswegen um mich rauschen, der Mond entfloh, so wie ich die Hand erhob, – o mein Bruder, jetzt ist mein brüderliches Gefühl zurückgekommen, – Du bist wohl sehr unglücklich, – ich habe Dich schon seit lange verlassen. Karl . Wie wunderlich seltsam wird mit mir gespielt! – weinend. Wozu all' diese Liebe? Sie nützt mir nun nicht mehr. – Es kann nichts mehr gut werden. Reinhard . Es kann, es soll. – Liebst Du Adelheid? Karl . Von meiner frühsten Jugend, – ach ja! und sie erklärte mir heut, daß sie mich liebe. Reinhard . Nimm sie, sie sei Dein, ich trete freiwillig zurück, – aber söhne Dich mit dem Leben wieder aus, an Eurer Freude will ich meine Schmerzen vergessen. Karl . Warum muß mir alles Wunderbare begegnen? Reinhard . Ich kann auf mancherlei Art noch glücklich sein – ich bin über mich selbst belehrt, aber Du bist verloren, darum nimm sie, liebe sie, liebe mich, – laß die Brüdereintracht wieder hergestellt sein. Karl . Ihr wollt mich alle wahnsinnig machen. Ich werde mich nicht retten können – so viel Liebe, – o mein Herz möchte brechen – ich ging im Elend zu Grunde und mir war besser, – jetzt zerreißt mich die Freude. – Ach, Bruder! ist es Dein Ernst? Kannst Du mich vor Augen sehn? kannst Du meine Hand mit Herzlichkeit fassen? – Bist Du mir gut? Reinhard . Sieh diese Thränen. Kannst Du noch zweifeln? – Ja, ich war schlecht, aber nun bin ich besser. Ja, nimm mich wieder an, ach! ich habe ja nur den einen Bruder; als Kind träumte mir oft, ich sähe Dich im Wasser untersinken, und ich mußte dann die ganze lange Nacht hindurch weinen, am Morgen sucht' ich Dich dann desto schneller auf und umarmte Dich um so inbrünstiger, – und jetzt ließ ich Dich der Verzweiflung ohne Rührung, meines Vaters Tod bewegte mich nicht, – alles kömmt nun in einem Augenblicke zurück! – Karl fällt in seine Arme . Nun, so habe Dank, sei mein, – ich bin Dein bis zum Tode! – Reinhard . Der Morgen bricht hervor. – Komm hinein, ich will selbst für Dich zu Heinrich sprechen. – Mir ist, als wärest Du von einer langen Reise zurückgekehrt. O daß sich Menschen so verkennen mögen! Karl . Ich taumle noch; leite meine Schritte, unterstütze mich. Reinhard . Ich möchte Dich auf meinen Armen hineintragen. – O lieber Bruder! Wir weinen beide: so wollen wir vor Adelheid treten. – sie gehen ab.     (Saal in der Burg Orla.) Heinrich . Adelheid , die von verschiedenen Seiten auftreten. Heinrich . Guten Morgen, Schwester, – bist Du auch schon wach? Adelheid . Ich habe fast die ganze Nacht nicht schlafen können. Immer, wenn mir etwas Neues und Fröhliches begegnet, kann ich nicht müde werden. – Von hier sieht man die Sonne gar herrlich aufgehn. Heinrich . Ich erinnere mich noch wohl dieses Fensters und eben darum kam ich herein. Adelheid . Wie viel hat man sich zu sagen, wenn man sich in so langer Zeit nicht gesehn hat; mir ist in der Nacht noch manches eingefallen, was ich vergessen hatte. Heinrich . Wir können uns ja nun aussprechen. – Bald, hoff' ich, sollst Du mich als verheiratheten Mann sehn, wenn mich die hiesigen Fräulein nicht ausschlagen wollen. Adelheid . Wie denkst Du von Karl von Berneck? Heinrich . Ich habe ein inniges Mitleid mit ihm, er ist gut und achtet sich unter den Menschen selbst für verloren. Adelheid . Sein Bruder Reinhard liebt ihn nicht. Heinrich . Die Jugend braust noch zu sehr in ihm, er wird vielleicht ein liebenswürdiger Mann werden. Adelheid . Ach, lieber Bruder, es ist Unrecht, wenn ich vor Dir Geheimnisse haben sollte: – Karl von Berneck hat mir gesagt, er liebe mich, was sagst Du dazu? Heinrich . Wichtiger ist, was Du dazu sagst. Adelheid . Ich weiß nicht mehr, was ich ihm geantwortet habe, aber ich glaube, es war fast das nämliche, was er mir sagte. Heinrich . Glück zu! er genest dann vielleicht von seiner Melankolie, die das Unglück seines Hauses in ihm erzeugt hat. Reinhard kömmt . Gott grüß Euch, ich dachte nicht, Euch beide schon munter zu finden. Heinrich . Der schöne Morgen hat uns geweckt. Reinhard . Mein Fräulein, ich komme mit einer eigenen Botschaft. Ich habe meine Bewerbung um Euch geendigt, ich bin mit meinem Bruder versöhnt, und ich bitte für ihn um Eure Hand. Adelheid . Gott! wie viele Freude auf einmal! – O verzeiht mir, Ritter, ich weiß nicht, was ich spreche. – Ihr seid mit ihm versöhnt? Reinhard . Wie schwer und schmerzlich zu hassen, und wie leicht ist dagegen die Liebe! Welch ein Leben führen wir im Haß? Wir haben keine Sonne, die uns leuchtet, kein Feuer, das uns erwärmt; wir verlieren in einer todten Einsamkeit unsern eigenen Werth. Adelheid . So hör' ich Euch gern. Reinhard . In dieser Nacht ist eine wunderbare Veränderung mit mir vorgegangen. Mir fiel es zum erstenmale auf's Herz, wie elend mein Bruder sei, wie von aller Welt losgetrennt, fern von jedem Schimmer des Glücks, wie er nicht einmal sagen könne, daß er einen Bruder habe, – o wir werden innerlich oft anders, ohne daß wir sagen können, wie es geschieht; und so ist es mir ergangen. – O lieber Ritter, widersetzt Euch meiner Bitte, der Bitte meines Bruders nicht: vergeßt seine Fehler, er wird anders werden, er ist gut. Heinrich . Ich habe nur so lange geschwiegen, weil ich Euch bewundert habe. Ihr seid ein edler Mann, ein zärtlicher Bruder; mich freut es, daß Ihr wieder einverständigt seid und ich kann gegen diese Verbindung nichts einwenden. Möge sie glücklich sein auf immer! – Aber wo ist Euer Bruder? Reinhard . Ich mußte vorangehn, um mit Euch zu sprechen, weil er es nicht wagte, Euch den Antrag zu thun. Ich will ihn jetzt hereinführen. geht ab. Heinrich . So sind wir ja alle zufrieden und glücklich. Reinhard . Karl . Karl . Und es ist Euer Wille? – Ihr verstoßt mich nicht? Heinrich . Ich begrüße Dich als meinen Schwager; ich freue mich, daß ich Dich so nennen darf. Karl . O so sind die Menschen doch besser, als ich glaubte! – Aber noch kann ich mich in meinem jetzigen Himmel nicht zurechtfinden, meine Augen sind wie geblendet; vergebt diesem schwachen Herzen, das an Glück noch nicht gewöhnt ist. – O Adelheid! er sinkt vor ihr nieder. Du bist ein Engel vom Himmel, der mir die Versöhnung Gottes ankündigt; – auch meinen lieben Bruder hab' ich wieder gewonnen, alles endigt besser als ich dachte. Adelheid . Steht auf, steht auf. – leise. Ich konnte nicht in den Garten kommen, ein langes Gespräch mit dem Bruder hielt mich zurück. Reinhard . Bist Du nun ganz glücklich, Karl? Karl . Ich hoffe, die Schuld ist nun von mir hinweggenommen, mein Bruder hat es ja auch gesagt; was wollen sie mehr? – er sieht sich furchtsam um. Rührt sich nichts? Hört Ihr nichts die Wände herabschleichen? Reinhard . Fasse Dich, lieber Karl, falle nicht wieder in Deine alten Phantaseien. Karl . O Bruder, ich bewache mich sehr. Aber soll der arme Mensch denn nicht wahnsinnig werden, wenn ihn das Wundervollste wie das Gewöhnlichste umgiebt? Ihr alle würdet eben so sein, wie ich, wenn Euch alles eben so begegnet wäre. Heinrich . Ich glaube Dir, sieh, Du taumelst. Adelheid . Karl, kennst Du mich? bist Du froh? Karl . O, ich bin vom Glanz geblendet, Adelheid, – theures Mädchen, für die ich glücklich sein möchte, – o wenn es nur jetzt ruhig bleiben wollte, – mein Herz klopft so ängstlich – mein Kopf schwärmt. – er kniet nieder. Ich beschwöre Dich, ich flehe es von Dir, laß es mir jetzt verziehen sein; sieh, das schönste Glück der Erde wird mir angeboten, so halte Dich nun auch still und abwärts, verzeih endlich Deinem unglücklichen Sohne: sieh diese Thränen und laß es nun genug sein. – er steht auf. Ich hoffe, es ist nun alles vorüber und ich fasse frischen Muth. Jede Strafe ermüdet endlich; warum sollte diese Rache nicht langsamer werden, und immer um mehrere Schritte hinter mir zurückbleiben, und immer mehr, bis ich sie ganz aus dem Augen verloren habe und ich davon wie von einem fernen Traume sprechen kann? Heinrich . Gieb mir Deine Hand, Adelheid. – er legt die Hände in einander. Der Himmel segne Euch. Reinhard weinend . Seid immer glücklich! Der Geist Mathildens steht zwischen ihnen. Adelheid . Welcher Schauder geht durch mein Gebein! – Der Geist geht ab. Karl schleudert Adelheid weit von sich, die übrigen entsetzen sich . Ha! es ist vorüber – es soll nicht sein! Und immer ungeheurer wird die Gegenwart und Mord und Tod kömmt aus der aufgeregten Erde wieder. – Und auch ich will nicht mehr leben. – Kommt heran, Ihr Mörder, hier ist mein Herz! – Sei verflucht, Mutter, dreimal verflucht, verflucht sei dieser Sohn, den du geboren hast, hundert, tausendmal verflucht! – Du hast kein Mutterherz, die Verdammniß hat dich zu einem Geiste der Quaal umgeschaffen. – er steht knirschend da, Adelheid und Heinrich entfliehn. Lauter und lauter donnerts! Herauf Verdammniß aus dem tiefsten Abgrund! – Wie Wolken steigen die Flüche empor. Reinhard . Fasse Dich, Bruder, Karl . Wer bist Du? Ich kenne Dich nicht! Eine wilde ungeheure Gestalt. – O hört, wie sie heulen im Abgrunde der Finsterniß, im tiefsten, letzten, vor dem jeder Lichtstrahl scheu zurückbebt, dort liegen sie an ew'gen Ketten, die Vatermörder, die Muttermörder; ein hohles Echo wirft aus den tiefen feuchten Schlünden ihre Schuld zurück, sie wünschen sich in das Getöse, in die Feuerfluthen der Verdammniß, um ihren Gedanken zu entkommen. Reinhard heftig . Bruder! komm zurück, ich beschwöre Dich! – Karl . Und diese erwarten mich! – Ich will zu Euch, ich will nicht lange zögern, die Stunde ist gekommen. Reinhard . Bruder, ich bin allein mit Dir und ich fühle, wie mich Dein Wahnsinn mit ergreifen könnte. – Um Gottes Barmherzigkeit! halt ein! oder ich fange mit an zu toben, bis wir uns das Gehirn an einander ausgerennt haben. Karl fällt weinend in seine Arme . Ach! Bruder! – Du siehst, wie elend ich bin. Reinhard . Karl. Karl . Wie soll es werden? Reinhard . Welche plötzliche Wuth hat Dich ergriffen? Karl . Die Mutter stand zwischen uns, als ich kaum Adelheids Hand in der meinigen fühlte. Reinhard . Du hast sie hinweggejagt, das Entsetzen ergriff alle gewaltig. Karl . Ach! Ihr seid das nicht gewohnt, – ich dachte wohl, daß es so kommen würde. Es giebt kein Glück, das nicht abblühte und verwelkte, so wie ich es berühre. Reinhard . Adelheid ward blaß wie eine Leiche, – o lieber Bruder, mein Herz ist zerrissen, alle meine Hoffnung ist dahin. Karl . Die meinige auch. Reinhard . Warum hab' ich Dich nicht immer geliebt? Karl . Liebst Du mich jetzt? Reinhard . O zweifle nicht länger. Karl . Recht mit dem Herzen? Mit einer wahren brüderlichen Seele? Reinhard . O wohl, alle Liebe, die mich Jahre hindurch hätte begleiten sollen, ist auf diesen Augenblick zusammengedrängt. Karl . So tödte mich. – Warum fährst Du zurück? Reinhard . Du erinnerst mich bitter an diese Nacht. Karl . Das will ich nicht. – Bruder! wenn ich Dich so nennen darf, so zieh den Dolch, – Du hast ihn doch bei Dir? – Hier ist er. – Reinhard . Unmöglich! – Dich ergreift ein neuer Wahnsinn. Karl . Nein, ich bin jetzt kalt. – Aber was soll ich noch im Leben? Was erwartet mich noch, daß es der Mühe werth wäre, daß diese Tropfen mit Pein durch diese Adern rinnen? Auch die Liebe ist für mich todt, ich soll nicht daran glauben. Reinhard . Höre auf. Karl . Meine Verbrechen mag ich nicht dadurch häufen, daß ich mir selbst den Dolch in die Brust stoße; das wirst Du nicht von mir hoffen und wünschen. Reinhard . Ach nein, Karl! – Aber es kann ja noch alles anders werden. Karl . O ja, und das wird es auch, unfehlbar wird es das. Mein Wahnsinn wird nun immer älter, er schießt immer giftiger empor. Ich bin dann von jedermann verlassen, ich weiß dann von mir selber nichts und zerstoße mir an der Mauer den Kopf unter Gotteslästerungen. – Dann ist alle Hoffnung der Vergebung entflohn. – Oder Du siehst mich vielleicht auf offnem Markte vor den Augen des Volks langsam auf einem Scheiterhaufen sterben, denn ich habe meine Zunge nicht in meiner Gewalt, ich weiß nicht, was ich thun kann, was ich gewiß thun werde. Reinhard laut schluchzend . Hör' auf, Du zerreißest mein ganzes Herz. Karl . Oder Du siehst es, wie ich mich wahnwitzig in schweren Ketten schleudre und mich und den Himmel verfluche. – Willst Du darauf warten? so wird es sich ändern. Reinhard . Laß mich sterben, Bruder. Karl . Geh, Du bist ein Nichtswürdiger; so lange hast Du mich meiner Quaal überlassen, und nun kömmst Du, um mich mit Deiner Liebe erst ganz elend zu machen. Als Du mich haßtest und den Dolch gegen meine Brust erhobst, da warst Du mir theurer, da warst Du mein Bruder, jetzt kenn' ich Dich nicht mehr, – ich fluche Dir, so wie mir! Reinhard kniet vor ihm nieder . Bruder! – Ach! wie jedes Wort mein armes Herz zerspaltet. Karl , der auch niederkniet und ihn so umfaßt . O lieber Reinhard, so erhöre mich. Bei unsern Kinderjahren, bei allen Erinnerungen beschwör' ich Dich. – O wie sanft würde mir von Deiner Hand der Tod sein! – Nur ein Druck dieses Dolches, – und meine Seele ist frei. Reinhard . Umfasse mich recht innig, – küsse mich. – Fühlst Du jetzt meine Liebe? mein schlagendes Herz? Karl . Theurer! Reinhard . Nun so stirb. – er drückt ihm den Dolch in die Brust. Heinrich . Adelheid . Conrad . Adelheid . Wo ist er? Reinhard . Seht, er blutet. – Adelheid . O Gott! Karl . Lebe wohl, Conrad, – Adelheid, lebe wohl! – Conrad . Himmel! wird nun endlich dies Haus beruhigt sein? Reinhard . Lebe wohl, Bruder, – ich gehe in ein Kloster, das Leben hat nun keinen Reiz für mich. – er hält Karl fest in seinen Armen, die übrigen bilden eine trauernde Gruppe über ihnen. – Der Vorhang fällt.