Ludwig Tieck. Prinz Zerbino oder die Reise nach dem guten Geschmack. Gewissermaßen eine Fortsetzung des gestiefelten Katers. Ein deutsches Lustspiel in sechs Aufzügen. 1796. 1797. 1798.     Berlin, bei G. Reimer, 1828.     Meinem Bruder, dem Bildhauer Friedrich Tieck in Berlin.     Dir, meinem geliebtesten Bruder, widme ich dieses jugendliche Werk, das Erzeugniß mancher frohen und begeisterten Stunde, das Resultat und die Wiederholung manches Scherzes, so mancher Ansicht und Meinung, die Dir schon früher bekannt waren, da Dir, als den Gefährten meiner Kindheit und Jugend, meine Seele stets offen da lag. Wir erlebten ja mitsammen die jugendliche Freude an Poesie und Kunst, an Frühling und Natur, und theilten eben so alle Trauer und allen Schmerz. Oft hat uns unsre Lebensbahn getrennt und wieder vereinigt. Für die Liebe, die ich von Dir erfahren habe, größer und reiner als sie unter so vielen Geschwistern sich findet, kann ich Dir nie genug danken. Ungleich der Zeit und jenem allgemeinen Egoismus, der sich oft entschuldigen läßt, und der sich zuweilen selbst den edelsten Eigenschaften beimischt, stehst Du im Gegentheil fast dem Tadel bloß, daß man Deiner aufopfernden Großmuth, die für Freunde, Familie, oder wer sonst Deiner Hülfe bedarf, zu bereitwillig thätig ist, etwas von jenem Eigennutz und jener Selbstliebe wünscht, die Dich gewiß doch niemals beherrschen würde. Auch in der Kunst möchtest Du vielleicht durch etwas mehr Vordringen und Selbstliebe, die bei Großen und Kleinen zuweilen wirken, mehr für Deinen Nutzen gethan haben, wenn dies Deiner bescheidenen Natur nicht zu sehr widerspräche. Ich habe noch niemals die Veranlassung ergriffen, so nahe sie auch liegen mochte, Dein Lob ganz nach meiner Ueberzeugung laut werden zu lassen. Deine Werke verkündigen Dich dem Kenner jetzt, und hoffentlich auch einer kunstliebenden Nachwelt. Wenn ich aber jetzt zum erstenmal einige Worte über Deine Meisterschaft sage, so wird mir derjenige, der Dich nicht kannte, um so lieber glauben, wenn er weiß, daß nicht Partheilichkeit eines Bruders, blinde Vorliebe oder Sucht auch gegen eigne Einsicht den Nahbefreundeten zu loben, aus mir sprechen, denn sonst hätte ich wohl früher die Gelegenheit finden können, und nicht erst das Alter von uns beiden abwarten dürfen. Deine Werke sind in München, Berlin, Weimar und Coppet, einige in Italien. Deine Büsten dürfen sich den besten der neuen und alten Zeit vergleichen, nur stehen viele derselben, meist historische Bildnisse der Vorzeit, schon seit Jahren in München verpackt, und warten noch immer des Gebäudes, das sie an das Licht führen wird. Dies ist für den Künstler ein Unglück, und ein großes. Deine meisterhafte Statue, Dein herrliches Basrelief in Coppet sind auch nie so bemerkt worden, wie beide es verdienten. Deine jugendlichen Arbeiten in Weimar, und die der späteren Zeit in Berlin, Deine Zeichnungen und Entwürfe, dasjenige, was Du noch ausführen kannst, wenn Dir Leben und Gesundheit bleibt, wird ohne Zweifel Deinen Namen, als einen ehrenvollen, der Nachwelt überliefern. Erkennt man dann noch deutlicher Dein großartiges Streben, die Gründlichkeit und Correktheit Deiner Werke, den Geist, den Du zugleich mit dem ansprechenden Leben und der höchsten Wahrheit, die zugleich edel und poetisch ist, Deinen Arbeiten hast einprägen können: so wird diese Nachwelt dann auch vielleicht mit mir bedauern, daß ein solcher ächter deutscher Künstler nicht noch mehr Veranlassung hatte, nicht noch mehr Kunstliebe und Kennerschaft bei seinen Gönnern und der Mitwelt antraf, um in noch größeren Aufgaben die ganze Kraft seines Genius zeigen zu können.     Ein Jäger tritt als Prologus mit einem Waldhorn auf. Scene: Ein dichter Wald. Zuerst zum Gruß ein lustig Jägerstück, Dann sag' ich Euch mein Bitte und Begehren: Er bläst auf dem Horn, eine Stimme singt dazu:             Muntres Herz, frischer Sinn                     Ist Gewinn,             Fröhlich geht's durch Büsche hin.                     Weicht die Nacht,             Auf zur Jagd! auf zur Jagd!             Wann der rothe Morgen lacht.                     Waldgesang,                     Hörnerklang,             Hörnerklang und Waldgesang             Tönt das Jagdrevier entlang.         Meiner Liebsten Stimm' ist schön         Wann ihr lockendes Getön             Durch des Waldes Dämmrung bricht,         Aber höher schwillt die Brust,         Herz klopft dann nach Jägerlust,         Wann des Waldhorns Stimme spricht             Ist dein Herz dir matt und bang,     Schnell erfrischt es Waldgesang,             Waldgesang und Hörnerklang! Vielleicht ist Euch der Busen nun erweitert, Daß Ihr es gerne faßt und liebreich duldet, Wenn Phantasie vor Euch die muntern Flügel In Wolken wiegt, mit Abendröthe Scherz treibt: So hat die himmlische Musik mit Wunder, Geberden, und mit ihrer Stimme, die An's Herz geht, das vermocht, was sonst nicht Rede, Geberde irgend eines Menschen mag. Horcht also nun auf das Geräusch der Eichen, Das Waldgebrause, das wie Geisterspruch Vom fernsten Raum weg über unser Haupt In schauerlicher Ferne sich verliert. So gehn auch Töne hiehin, dorthin, Zweige Sind Zungen, führ'n Gespräch und Waldgeflügel Schwärmt durch die grüne Nacht und ist so ämsig. – Nun ist den Freunden Jagdlust zubereitet, Wer frischen Sinn zur muntern Arbeit bringt. Die Hunde bellen, Jägerschrein erschallt, Das Wild springt durchs Gebüsche, hinten nach Die Jäger, alles tummelt sich und rührt sich. – Seid auch nicht träge, Freunde, schüttelt ab Die zugewohnte Ruh, vergeßt im Schwarm Der alten Sprüchlein, die von Sicherheit Und von Gefahr so überweislich reden. Befürchtet nicht, daß Euch vom Weg entfernt Das muntre Wild, wenn Ihr es rasch verfolgt, Ihr findet rückwärts, wenn Ihr munter bleibt; Denn keinem war es noch gegeben, frei Auf offnem Wege, auf der sichern Straße Ein Jäger zu sein; verliert auch nicht den Muth, Wenn manchmal sich kein Wildpret blicken läßt, Oder wenn durch ferne Büsche etwas schimmert Unkenntlich, ob es Hirsch, obs Haase sei: Verzeiht, wenn's manchmal scheinen sollt', als ob In diesem lustigen, aus Luft gewebten Gedichte der Verstand so gänzlich fehle, Dem man doch sonst gewöhnlich in den Träumen Der nichtgen, müßgen Phantasie begegnet. Ihr müßt auch manchmal auf dem Anstand lauern; Wenn man den fetten Hirsch sogleich erjagte, Wär Jagdlust nüchtern und bequem Vergnügen. Dann wieder geht's durch Dick und Dünn, durch Busch und Dorn, Zu Pferde taumelt's oft dem Reiter, der Den Waldabgrund beherzt hinunter schießt, Die Aeste sausen über ihm, der Athem stockt, Das Herz klopft ungestüm und ängstlich, Freude Erfüllt ihn, wenn er sicher unten steht. So haltet unser Spiel für nichts als Spielwerk. Kein Vogel darf mit schwerer Ladung fliegen, Ein Liebesbriefchen tragen wohl die Tauben, Die Schwalbe Wolle nach dem warmen Nest, Nur jenem großen Vogel Rock ist es Vergönnt, die Luft mit kühnem Flug zu theilen, Den Elephanten in den Klauen haltend. – Zum Schluß ein kleines, unbedeutend Lied:                 Warum Schmachten?                 Warum Sehnen?                 Alle Thränen                 Ach! sie trachten,                 Weit nach Ferne,                 Wo sie wähnen                 Schönre Sterne.                 Leise Lüfte                 Wehen linde,                 Durch die Klüfte                 Blumendüfte                 Gesang im Winde.                 Geisterscherzen,                 Leichte Herzen!     Ach! ach! wie sehnt sich für und für     O fremdes Land mein Herz nach dir!     Werd' ich nie dir näher kommen,         Da mein Sinn so zu dir steht?     Kömmt kein Schifflein angeschwommen,         Das dann unter Segel geht?     Unentdeckte ferne Lande, –     Ach mich halten ernste Bande,     Nur wenn Träume um mich dämmern,     Seh' ich Eure Ufer schimmern,     Seh von dorther mir was winken, –     Ist es Freund, ist's Menschgestalt?     Schnell thut alles untersinken,     Rückwärts hält mich die Gewalt. –                 Warum Schmachten?                 Warum Sehnen?                 Alle Thränen                 Ach! sie trachten                 Nach der Ferne,                 Wo sie wähnen                 Schönre Sterne. – – Vergönnt dem spielenden Geiste die Flur zu eichnen, Die Rennbahn unsrer herzgeliebten Wünsche, Turnierplatz unsrer liebevollen Träume, Da wir als Sterbliche den schönen Ort Nicht selbst besuchen dürfen. –                         Lebet wohl! – Ein Jägermarsch, Prologus geht ab.     Erster Akt. Pallast. Curio , Selinus . Curio . Wie befindet sich der Prinz? Selinus . Immer noch beim Alten. Es wird mit jedem Tage schlimmer. Curio . Aber in aller Welt, was soll daraus werden und giebt es denn gar kein Mittel dagegen? Selinus . Man sagt, es sei alles nur die Anstellung eines bösen Geistes, der diesem Reiche seine Macht und Größe beneidet, er will den Glanz unsers Hofes verdunkeln und auf diese Art das Oberste zu unterst kehren. Sicamber tritt auf. Curio . Nun, Sicamber? Sicamber . Nun, Curio? Curio . Hast Du den Prinzen heute schon gesehn? Sicamber . Ja wohl. Curio . Und er wird mit jedem Tage dummer, wie man sagt? Sicamber . Dummer? – Sie setzen mich in Erstaunen, meine Herrn. Selinus . Nun, oder einfältiger, nennen Sie es wie Sie wollen, genug, die Hauptsache ist doch einmal wahr. Sicamber . Einfältiger? – daß ich nicht wüßte! Curio . Nun, wie willst Du denn seine Krankheit nennen? Sicamber . Ich mag ihr gar keinen Namen geben, denn ich mag nichts zu verantworten haben. Es ist die Krankheit, die der Größe so oft zu folgen pflegt, von der man lieber gar nicht spricht, die sich nicht beschreiben und noch weniger beurtheilen läßt. Der Arzt aus dem Innern des Pallastes. Curio . Nun Herr Doktor? Arzt . Ihro königliche Hoheit sind jetzt damit beschäftiget, ein wenig zu ruhen: es kann wohl bald besser werden. Selinus . Wie mag diese Krankheit entstanden sein, lieber Herr Doktor? Arzt . Zu große Anspannung der Gehirnnerven. Wenn man den menschlichen Geist mit einer Springfeder vergleichen dürfte, so möcht' ich wohl sagen, daß die gute königliche Hoheit seinem Witze zu viel geboten hat, und daß nunmehro die Elasticität darunter gelitten. Curio . Ich prophezeite das gleich, als er sich den Wissenschaften ergab. Arzt . Er hätte es nicht thun sollen; es gereicht ihm zum Ruhm sie zu beschützen, aber gleichsam aus seinem Pallaste in die Philosophie und Litteratur hineinzuziehn, daraus mußte sich nothwendig ein solcher kläglicher Fall ergeben. Curio . Was haben Sie für Hoffnung? Arzt . Die beste Hoffnung von der Welt, ich denke, wir sollen das Trepaniren nicht nöthig haben. Selinus . Das verhüte der Himmel! Arzt . Nein, ich denke, daß wir dem wohl aus dem Wege gehn werden, daß wir umhin können. Die Diät muß das Beste thun. Curio . Er beobachtet sie doch ohne Zweifel? Arzt . Sie thun noch immer zu viel mit Lesen, besonders der angreifenden Sachen. Ich habe Journale verordnet, auch einige Musenkalender, aber sie gehn mir zu sehr auf die schwere Kost, als da giebt es manche Dichter, die die Phantasie beschäftigen, das taugt in den Umständen nun und nimmermehr. Selinus . Jetzt ist gerade der kritische Zeitpunkt. Arzt . Ja, es muß sich nunmehro bald zur Tollheit, oder zur ordinären Vernunft entscheiden, so in der Schwebe hält sichs unmöglich lange mehr. Der hohe Patient fragten mich heute: welches ich für die beste Regierungsform hielte; ich merkte mir das Symptom und verspürte auch augenblicklich am Pulse eine merkliche Veränderung. Wir müssen jetzt nur in Geduld den neunten Tag abwarten. Hanswurst schnell herein. Hanswurst . Herr Doktor! Herr Doktor! Arzt . Was giebts? Hanswurst . Der Prinz schreit nach Ihnen, ich glaube er will sterben. Arzt . Potz tausend! dabei darf ich nicht fehlen. Schnell ab. Curio . Sterben? der Prinz? Hanswurst . Ja meine Herrn, er wird den Augenblick abscheiden und uns und das Reich in trostlose Waisen verwandeln. Wir kriegen so einen hoffnungsvollen Kronprinzen nicht wieder und wenn wir alle mit den Raben in der Wette lebten. Selinus . Wie ist er denn aber so viel schlimmer geworden? Hanswurst . Werther Herr Selinus, er hielt mich für den Herrn Hofgelehrten Leander und das war schon gleich kein gutes Zeichen, darauf hustete er etliche mal und behauptete, die Welt sei ewig, denn die Masse wäre unvergänglich. Ich erschrak und führte ihm zu Gemüth, daß der jüngste Tag die schönste Widerlegung sei, um ihn nur wieder auf den rechten Weg zu lenken, da warf er mir aber ein, daß der Aetna viel leichter den ganzen Philosophen Empedokles habe verdauen können, als dessen Schuhe, und darauf wußt' ich denn freilich nichts zu antworten. Sicamber . So wahr ich ehrlich bin, ich würde auch die Antwort darauf schuldig bleiben. Hanswurst . Wenn Sie sonst nichts schuldig blieben, Herr Kammerherr, so könnten Sie immer noch der angesehenste Mann bei Hofe sein, aber ich sprach letzthin einige Kaufleute, die mir sagten, daß Sie ihnen keine einzige ihrer Fragen gehörig beantwortet hätten, sondern immer im Vordersatze wären stecken geblieben. Sicamber . Herr Hofrath, man siehts Ihnen immer noch an, daß Sie vormals ein Narr gewesen sind. Hanswurst . Wollte Gott! ich könnte dasselbe von Ihnen behaupten. Sicamber . Was wollen Sie behaupten? Hanswurst . Ich behaupte in meinem Leben nicht das mindeste, es müßte denn etwa der Satz sein: daß die Aufklärung der Menschheit ungemein zuträglich sei. Curio . Lieben Sie die Aufklärung? Hanswurst . O mit Passion. Ob ich sie liebe? Wer wär' ich, wenn ich mich nicht für die Aufklärung todtschlagen ließe? Nein, ich habe einen wahren Narren daran gefressen, um mich populär, verständlich und zugleich sprichwörtlich auszudrücken. Curio . Ich hätte nicht gedacht, daß Sie mit dem Zeitalter so fortgeschritten wären. Hanswurst . O mein Herr, man sucht manchmal nicht in den Leuten, was in ihnen steckt, es kömmt auch an unsereins die Reihe, ich bin ja auch ein Mitglied in Ihrem Lesezirkel. Curio . Mögen Sie auch wohl das Glück der Menschheit leiden? Hanswurst . Ach lieber Freund, da fassen Sie mich bei meiner schwachen Seite. Herzlich gern mag ich all das Zeug durcheinander leiden. Der Arzt kömmt zurück. Arzt . Nun ja, da haben wir die Bescherung. Die königliche Hoheit ist mit genauer Noth dem Tode entgangen und daran sind bloß Sie schuld, Herr Hofrath. Hanswurst . Ich? wie so? Arzt . Läßt sich mit dem Patienten in einen tiefsinnigen philosophischen Diskurs ein und macht meine ganze Kur beinahe wieder zunichte. Hanswurst . Soll er denn aber gar nicht vernünftig sprechen dürfen? So wär' es ja fast besser, er würde gar nicht kurirt. Arzt . Vernünftig, aber nicht methaphysisch; es ist ein Unterschied zwischen Vernunft und Vernunft. Hanswurst . Prima sorte ist ihm also nicht zuträglich. Arzt . Durchaus tödtlich, keine andere als praktische Gespräche muß er in seinem jetzigen Zustande führen. Hanswurst . Darf er an Gespenster glauben? Arzt . Durchaus nicht, auch nicht an die Schwärmerei, an nichts von der Art, derowegen les' ich ihm auch oft aus der blauen Monatsschrift vor. Hanswurst . Sie werden ihn noch erst recht konfuse machen. Arzt . Nein, mein Freund, ich gehe auf die Wirklichkeit los und halte mich nicht an leeren Idealen. Hanswurst . Die Wirklichkeit ist leer. Arzt . Nein, mein Freund. Hanswurst . Ja, Herr Doktor! Arzt . Nein, Herr Hofrath! Hanswurst . Es giebt gar keine Wirklichkeit. Arzt . Keine Wirklichkeit? Nun hören Sie einmal, meine Herren! Keine Wirklichkeit? O so müßte ja der Donner drein schlagen, wenn es nicht einmal eine Wirklichkeit geben sollte? Und was wär denn ich, und diese Herren, und der König, und der Hof, und der Hofgelehrte, und unsre königliche Bibliothek und der Teufel und seine Großmutter? Hanswurst . Geburten der Phantasie. Arzt . Sie mögen selbst ein Phantast sein. O mein Herr Hofrath, erlauben Sie mir wohl, daß ich Ihnen meine aufrichtige Meinung als ein Freund, als Ihr Verwandter und Schwager sagen darf? Hanswurst . Reden Sie, Herr Doktor. Arzt . Man sieht es Ihnen, dünkt mich, immer noch an, daß Sie ehemals als ein Narr gedient haben. Der alte Spruch hat wohl recht, der da sagt: und wenn du den Narren in einem Mörser zerstießest, ja wenn du ihn zum Hofrath machtest, so ließe er doch von seiner Narrheit nicht. Hanswurst . Mein Herr Doktor, ich muß die Ehre haben, Ihnen zu sagen, daß ich das äußerst übel nehme. Sonst bin ich nicht empfindlich, aber in dem Punkt kommen Sie mir an die Seele. Ich bin ein Narr gewesen, das ist wahr, aber die Zeiten sind gottlob vorbei. Sehen Sie dieses graue Haupt, sehen Sie dies Kreuz, das mir des Königs Gnade hat zukommen lassen; sehen Sie in mir den ehrwürdigen deutschen Hausvater einer zahlreichen Familie vor sich und dann unterstehn Sie sich noch zu sagen, daß ich ein Narr bin! Mein Herr, ein Mann, der dreimal das hitzige Fieber überstanden hat; mein Herr, ein Mann, der mit dem Könige so vertraut ist, – der ein Narr! Das Wort sollen Sie mir theuer bezahlen. Des Königs Majestät hat mich zum Stande eines Hofraths erhoben und dadurch gleichsam bestimmt ausgedrückt: der Mann hier soll, so weit meine Länder reichen, durchaus für keinen Narren gehalten werden! Auswärts mag man von ihm denken, was man will. – So weit werden sich hoffentlich die Regalien eines Throns noch erstrecken, Narren zu kreiren, Ihnen zum Trotz, und wenn Sie der ausgemachteste Demokrat wären. Arzt . Mir zum Trotz? Nun und nimmermehr, mein Herr! Hanswurst . Meine Herren, Sie hören hier den Landesverräther. Curio . Er führt anstößige Reden, das ist nicht zu läugnen. Hanswurst . Und Injurien gegen mich. – Nun, ich hoffe, die Revolution soll noch zur rechten Zeit entdeckt werden. Arzt . Meine Herren, ich bin unschuldig. Hanswurst . Listig hat es die Parthei bei alle dem ausgedacht, daß sie den Leibarzt in ihr Komplott gezogen hat. Arzt . Meine Herren, ich bin zwar Doktor, aber ich weiß von nichts. Hanswurst . Es ist vielleicht nicht ohne Bedeutung, daß der Prinz seinen Verstand verloren hat. Arzt . Ich protestire – – Hanswurst . Wenn man nur erst den Hauptverräther wüßte! Leander tritt auf. Leander . Ist es erlaubt, den Prinzen Zerbino zu besuchen? Arzt . Nein, mein Herr, er läßt sich jetzt nicht sprechen. Leander . Warum nicht? Arzt . Ich habe ihn mit vieler Mühe zum Schlafen gebracht. Leander . Ich spräche ihn gar zu gern. Sicamber . Was haben Sie an ihn? Leander . Ich habe hier ein Buch geschrieben, das ich ihm dediciren und vorlesen möchte. Es ist ganz eigen für seinen Zustand eingerichtet. Curio . Wie heißt es denn? Leander . Grundsätze der Kritik, und ist in zweien Bänden abgefaßt. Es soll dazu dienen, die gespannte Phantasie wieder etwas herabzustimmen, den Verstand aufzuklären, indem wir das Unförmliche einsehn, und uns so in der Poesie unvermerkt zum Klassischen und Vollendeten zu führen. Curio . Nun, das ist warlich ein christlicher Vorsatz. Hanswurst . Man sollte den Prinzen schnell aufwecken, damit man ihn in den Schlaf lesen könnte, so käm' er doch zur Ruhe. Arzt . Aber in der That, wenn diese Grundsätze officinell abgefaßt sind, so könnten sie vielleicht von einigem Nutzen sein. Leander . Es ist alles sehr schön eingetheilt, und schon das zerstreut nach meiner Meinung das Gemüth außerordentlich. Hanswurst . Wenn Sie mich lieb haben, so lassen Sie mich den Index lesen. Leander . Warum den Index? Hanswurst . Die Vorrede, den Hechtkopf, in dem sich Kreuz und Schwert und Dornenkrone befinden, lese ich von keinem Buche, eben so wenig das Mittelstück, oder das eigentliche Buch, aber eine unbeschreibliche Freude macht es mir, wenn ich das Schwanzstück genieße, und eine so schöne Anzahl von Wörtern alphabetisch rangirt antreffe. Leander . Sie sind ein Humorist. Zerbino , drinnen . Sicamber! Sicamber . Ja, Ihro Hoheit. – Geht schnell ab. Curio . Der Prinz ist aufgewacht, wie es scheint. Selinus . Wie ich glaube, schläft er nicht mehr. Leander . So könnte man ihm ja die Grillen mit Lesen vertreiben. Sicamber zurück. Sicamber . Der Prinz wacht; wenn es Ihnen jetzt gefällig wäre, Herr Leander? Leander . Ich stehe zu Befehl. Schnell ab. Curio . Wir wollen folgen. Sicamber, Selinus und Curio ab. Arzt . Ich muß die Wirkung beobachten. Ab. Hanswurst . Er weiß im Grunde nicht, was Wirkung und beobachten auf sich hat. Wie leichtsinnig die Menschen gemeiniglich mit den schönsten Wörtern umgehn! Es fehlt nicht viel, so gehe ich auch hinein, um einen Zuhörer abzugeben; denn was hab' ich jetzt gerade Besseres zu thun? Man sollte wahrhaftig daran zweifeln lernen, ob die Sprache auch für uns Menschen erfunden sei, denn aus dem schönsten Lomber machen sie ein ungeschicktes Hazardspiel, von den Chikanen wissen die meisten gar nichts, und die Bêtes wachsen unter ihren plumpen Fingern so an, daß sie am Ende Verstand und Scharfsinn unbesehen in den Kauf geben müssen, um nicht völlig insolvent zu sein. Und darum glaub' ich auch, daß das sogenannte Sprechen ein schönes Ding unter vornehmern Wesen war, und daß die Menschen nur einige ihrer Redensarten im Auskehricht gefunden haben. Dieser Hofgelehrte ist eine Art von Gelehrten und er war ein ganz guter Mann, als er noch etwas dummer war, aber der verderbliche Scharfsinn hat ihn nun gänzlich hingeopfert, denn er kann nun nicht drei mal drei zusammenrechnen, ohne an die neun Musen, ein Spiel Kegel und die vollkommenste Zahl des Pythagoras zu denken, und weil ihm alles zugleich einfällt, so ist er des Glaubens, diese Begebenheit müßte auch in sich selbst zusammenhängen. Nestor tritt auf. Nestor . Ist der Herr Leibdoktor nicht hier? Hanswurst . Nein, mein Freund. Nestor . Wenn ich ihn doch irgendwo anzutreffen wüßte. Hanswurst . Er ist beim Prinzen, ich will ihn herausschicken. Nestor . O Sie sind allzugütig. Hanswurst ab. Es muß untersucht werden, ehe es noch ärger wird. Warum sollt' ich mit einem Schaden behaftet sein und nicht lieber in Zeiten dazu thun, als gelassen zusehn, wie das Uebel immer weiter um sich greift? Die Vernunft, sehe ich wohl, räth mir selber zu diesem Schritt, und darum will ich mich auch nicht dagegen sträuben. Der Arzt tritt auf. Arzt . Was will Er, mein Freund? Nestor . Bester Herr Doktor, ich habe mit Ihnen zu sprechen. Arzt . Sprech' Er. Nestor . Sie wissen, daß der Prinz von einer schlimmen Krankheit befallen ist. Arzt . Ja. Nestor . Ich fürchte, es wird eine Epilepsie daraus. Arzt . Wie so? Nestor . Ich wollte eigentlich sagen, Epidemie, und daß am Ende noch der ganze Hof angesteckt wird. Arzt . Das wäre ein großes Unglück, mein Freund. Nestor . Ich bin des Prinzen Bedienter, ich bin viel um ihn und mir ist immer, als wenn ich schon so etwas Aehnliches spüre. Arzt . Woraus kann er das schließen? Nestor . Gestern, Herr Doktor, wollte mir die Zeitung gar nicht gefallen, ich weiß nicht, wie es kam, aus meiner frühen Jugend fielen mir allerhand Sachen ein, und eh' ich mir's versah, hatt' ich wieder den alten Respekt vor dem Epaminondas, ja sogar vor dem römischen Brutus. Arzt . Ei! ei! das sind schlimme Symptomen. Nestor . Noch mehr; ich fing an mit einer gewissen poetischen Ehrfurcht an meine Unsterblichkeit zu denken, und als ich Sie um dieselbe Zeit beweisen hörte, daß alle moralische Gebrechen und große Tugenden nur physische Krankheit und Gesundheit zu nennen wären, so kam mir das dumm und abgeschmackt vor. Arzt . Ei, mein Freund, wo hat Er denn diesen gefährlichen Wahnsinn aufgegriffen? Zeig' Er einmal seinen Puls. Nestor . Hier, Ihnen aufzuwarten. – Nun, sehn Sie, Herr Doktor, fürchte ich immer, könnte es gar so weit mit mir kommen, daß ich die Verachtung gegen Cäsar und Alexander den Großen verlöre, oder ich geriethe vielleicht gar ins Delirium und liebte die Religion – und, Herr Doktor, dann getrauete ich mir doch nicht mehr gegen einen ehrlichen Mann die Augen aufzuschlagen. Arzt . Er hat Recht, mein Freund, dem muß eiligst vorgebaut werden, sonst geht Er drauf. – Wenn es wirklich eine ansteckende Säuche wäre! Ich habe seit einiger Zeit einige Debilitäten an meiner eigenen Vernunft bemerkt, dann der Hofrath, – komm' Er, mein Freund, ich will Ihm eiligst etwas verschreiben. Es wäre doch Schade um diesen angenehmen Hof. Sie gehn.     Marktplatz. Die große Wachtparade. Einige Regimenter marschiren auf; ein feierlicher Zug; Zuschauer. Der General . Halt! Die Regimenter rangiren sich; Trommelschlag. Ein Kapitain . Willst Du denn gern die Schwerenoth kriegen, Kerl, daß Dir der Hut nie ordentlich sitzt? – Er schlägt ihn. Ein Bürger . Der hat nun seinen richtigen Tribut bekommen. Ein Andrer . Tribut? – Ich denke, es war wohl eher eine gezwungene Anleihe. Dritter Bürger . Nein, versteht mich, Gevatter, das Dings da muß sein, wenn die Staaten in ihrer gehörigen Ordnung bestehn bleiben sollen. Vierter Bürger . Das sag' ich auch immer, Ordnung will Zwang haben. Erster Bürger . Ja, wie Ihr's versteht. Wenn Euch der Stock so zwischen den Ribben präludirte, würdet Ihr's schon anders meinen. Dritter Bürger . Aber, Gevatter, so seid doch nur in's Henkers Namen ein Patriot und besinnt Euch, daß es nicht anders sein kann. Vierter Bürger . Es geschieht zur Warnung. Dritter Bürger . Wer ein rechtschaffener Patriot ist, seht Ihr, der muß das zugeben, das hängt alles mit dem großen Gleichgewicht zusammen. Vierter Bürger . Ja wohl, ja wohl. Und ohne dieses große Gleichgewicht verlören wir alle das Gleichgewicht. Erster Bürger . Still, da kommt der König. Zweiter Bürger . Ein angesehener Herr. Erster Bürger . Angesehn? Dritter Bürger . Je nun, ich meine ansehnlich, was man so untersetzt nennt. Vierter Bürger . Untersetzt sind die Unterthanen. Zweiter Bürger . Und dabei ist er so gnädig. Der König Gottlieb mit Gefolge. Gottlieb . Guten Tag. – Alles in Ordnung? General . Zu Ew. Majestät Befehl. Gottlieb . Sind die Patrontaschen neu? General . Wie es befohlen ist. Gottlieb . Ich habe verwichene Nacht daran gedacht, ob man nicht lieber an der Mütze noch einen Püschel befestigte? General verneigt sich . Gottlieb . Somit wäre denn alles komplet. – Fahnenmarsch; die Regimenter marschiren vor dem Könige vorbei. Gottlieb . Es ist all gut so. – Die Garde soll auch andre Stiefeletten kriegen. General . Die Akten darüber sind schon eingeschickt. Gottlieb . Nun das ist mir lieb, ich hab's gern, wenn meine Regierung hübsch in der Ordnung bleibt. – Jetzt die Parole. Die Generale versammeln sich um den König; Wachen werden ausgestellt: eine feierliche Stille. Erster Bürger . Jetzt wird die Parole ausgetheilt. Zweiter Bürger . Ja freilich, freilich. Dritter Bürger . Er giebt sie gewiß tüchtig und gut, die Parole, dafür steh' ich Euch. Ein Bauer kömmt auf einem Wagen gefahren. Soldat . Zurück! Bauer . Warum denn? Soldat . Zurück! – Er winkt. Bauer . Was giebt's denn hier? Erster Bürger . Der König giebt die Parole aus. Bauer . Was ist denn das? Erster Bürger . Wißt Ihr nicht einmal, was die Parole ist? Bauer . Nein, Gott sei Dank! Erster Bürger . Die Parole ist gleichsam, – nun, als wenn Ihr so sagen wolltet, – Ihr müßt mich nur recht verstehn, – wenn ich nun die Parole – – nun, dummer Teufel, stellt Euch nicht so an, Ihr werdet ja wohl wissen, was die Parole ist. Bauer . Bedank mich. – Und ist das Zeug gut? Erster Bürger . Gut und unentbehrlich! – Das ganze Land wird dadurch glücklich, – die Sicherheit, – wenn Ihr wißt, was Ordnung heißt. – Bauer . Nun, und warum soll ich denn da mit meinem Wagen nicht heranfahren? Darf denn der arme Bauerstand nichts davon abkriegen? Erster Bürger . Beileibe nicht, denn das ist ganz allein für die Soldaten. Der Soldatenstand, seht Ihr, lebt davon fast ganz allein. Gottlieb . Zerbino! – verstanden? – Jetzt will ich mich von meinen Geschäften erholen. – Der König geht; die Generale und Soldaten zerstreuen sich. Zweiter Bürger . Was hat Er denn auf dem Wagen, Landsmann? Bauer . Rüben. – Erster Bürger . Sind sie auch gut? Bauer . Delikat; seht Ihr Herren, bei mir werden sie überaus sehr gebaut, da wir nichts von der Parole genießen, müssen wir uns auf die Rüben legen. – Kauft Rüben! Rüben! Dritter Bürger . Ich will doch meine Frau herschicken. Vierter Bürger . Ich auch. – Adies, Gevatter, die Parade war schön. –     Zimmer des Prinzen Zerbino. Zerbino auf einem Ruhebette, Leander neben ihm. Sicamber , Selinus und Curio in einem Winkel eingeschlafen. – Hanswurst . Zerbino . Kein Wort mehr, kein Wort mehr, – das ist ärger als Arsenik. Diese Eintheilungen, die wie mit Schießpulver gesprengt sind, verrücken mir erst ganz den Kopf. Hanswurst . Mein Prinz, es ist nur um die Uebung zu thun, so werden Sie es bald gewohnt. Zerbino . Ich will nichts gewohnt werden; das ist eben das wahre Unglück, daß man sich leicht gewöhnt. Hanswurst . Das ist denn was anders. Freilich ist die Gewohnheit, wie ein überwachter Gelehrter, der bei seiner Oehllampe gar nicht bemerkt, wenn der herrliche Morgen wieder heranbricht. Zerbino . Sehr wahr, wenn ein Bild Wahrheit haben kann. Hanswurst . Warum wollen Sie einer armen Metapher nicht die Wahrheit gönnen? Es ist ja das Wenigste, was sie haben kann. Zerbino . Ich gönne sie ihr. Hanswurst . Das Leben eines solchen poetischen Bildes ist ein armes, sehr kurzes Leben, mit dem man etwas mehr Mitleid haben sollte: es entsteht und vergeht, ohne gewürdigt, ja fast ohne bemerkt zu werden, man rangirt es höchstens, wie die Blumen in Register, wie auch unser Herr Leander hier gethan hat, und doch, mein Prinz, ist eine einzige Blume mehr werth, als zwanzig, ja hundert solcher Register. Zerbino . Du solltest mir so ein Buch von Grundsätzen schreiben, Hofrath. Hanswurst . Das wäre eine Sünde gegen die vernünftigen Grundsätze. Zerbino . Warum? Hanswurst . Weil ich den Grundsätzen und dem Zusammenhange zu Gefallen die Lücken mit Abgeschmacktheiten würde füllen müssen, und da dergleichen gegen meine Grundsätze läuft, so nenne ich es eine Sünde gegen die Grundsätze. Leander . Herr Hofrath, Ihr seid ein Sophist. Hanswurst . Wie man's nimmt, aber es kommt mir auf keinen einzigen Namen an und darum will ich mich auch gegen diesen nicht wehren. Zerbino . Hofrath, ob Du gleich ein geborner Narr bist, so bist Du doch der vernünftigste Mann im ganzen Lande. Hanswurst . So behauptet es ja nicht in Eurem eignen Lande, sonst habt Ihr die Stimmenmehrheit gegen Euch. Zerbino . So sind wir Beide auf die Art die einzigen Klugen; Du, indem Du vernünftig bist, ich, indem ich das Geschick habe, Deine Vernunft zu bemerken. Leander . Das ist gerade Ihre Krankheit, dergleichen irrige Meinungen zu hegen. Zerbino . Beweise, daß sie irrig ist. – Leander . Weil, – indem, – wenn es mir erlaubt wäre, wollte ich mich doch erst auf einige Zeit nach Hause verfügen, um da zu Papier meine wichtigsten Einwürfe zu verfassen und nachher das Concept in's Reine zu schreiben. – Zerbino . In's Reine wirst Du es nimmermehr schreiben, Gelehrter. Hanswurst . Die Natur hat ihn wie seines Gleichen, selbst nur so aufs Concept hingeworfen; er ist eins von den falschen Worten, das sie auszustreichen vergessen hat, und darum zerbrechen wir uns nun über dem Zusammenhang unnützerweise den Kopf. Zerbino . Ha ha ha! – O das könnte einen so gesund wie einen Fisch machen, wenn man immer in dem Humor bleiben könnte. Hanswurst . Wenn man nur immer die Courage behielte, aber so läßt man sich gar zu leicht von der Altklugheit, dieser französischen Mamsell herausweisen, und läuft der Dummheit in die Arme, um bei den Dummen nur für verständig zu gelten. Zerbino . Was ist die Dummheit? Hanswurst . Ein Wesen, das allenthalben und nirgends wohnt, weil, wenn die Nachfrage umgeht, jeder Wirth diesen Miethsmann verläugnet. In der Putzstube wird er gepflegt und gehätschelt, in den Armen des Richters, des Fürsten, des Ministers, des Schulmeisters, des Tabakrauchers liegt er wie Johannes zärtlich am Herzen und keiner ließe ihn sich nehmen, eher das Leben. Mit Bändern wird er ausgeputzt, in Saffian eingebunden und in die Bibliotheken gestellt, für die Geliebte, oft für den Sohn ausgegeben, selten oder nie gegen den Verstand ausgetauscht. Zerbino . Warum verläugnet aber jeder diesen Miethsmann, wie Du ihn nennst? Hanswurst . Die Ursach ist ganz simpel folgende. Als die Erde fertig war, sagten die Engel unter einander: Aber, lieber Himmel, was soll nun das arme Menschengeschlecht anfangen? da es sterben muß, wird es sich ewig vor dem Tode fürchten, da Krankheiten, Plagen und Schmerzen tausend offne Thore am Körper finden, werden sie keine Minute ruhig sein, nun haben sie gar vom Baum des Erkenntnisses genascht, die Augen sind ihnen so sehr aufgegangen, daß sie ihnen übergingen, sie haben die unglückselige Vernunft erwischt, sind aus dem Paradiese gejagt und laufen nun in ihren Pelzen hin und her und wissen nicht, wie sie sich die Zeit vertreiben sollen, dieselbe Zeit, die sie gerne festhalten möchten, um spät und immer später dem unvermeidlichen Grabe überliefert zu werden. – Da die Engel sich so unterredeten und alles überlegten, fingen die meisten vor Mitleid an zu weinen. – Einer unter ihnen, der der weichherzigste war, fiel endlich auf ein Mittel. Zerbino . Ich bin neugierig. Hanswurst . Im Paradiese lag eine Art von Küchengarten hinter dem eigentlichen Park, der bloß für die Thiere angelegt war. Denn hier wuchs unter andern Kräutern auf mancherlei Art die Dummheit, die diese unschuldigen Erdbürger so liebenswürdig macht. Hieher verfügte sich der Engel mit seiner Frau, denn alles stand in der schönsten Blüthe; sie sammelten die Frucht, die wie Baumwolle wuchs, und drehten sie zu einer niedlichen Puppe zusammen. Diese nahm der gutherzige Engel unter seinen Mantel und ging damit zu den Menschen. Sie saßen gerade bei Tische und erzählten sich bei der Suppe ihren kläglichen Fall. Seid ruhig, rief der Engel aus, denn ich bringe hier Euren Trost. Was Ihr gegessen habt, war ein Apfel, der Baumflecke hatte und darum seid ihr dumm geworden und haltet das in der Verblendung für Euren Verstand. Seht, hier bring' ich Euch den wahren Verstand, die tugendreiche Weisheit, indem er den Wulst mit Feierlichkeit hervornahm, hebt den Schatz gut auf, denn nur dadurch seid Ihr die edelste Kreatur auf Erden. Glaubt alles, was dieser Prophet euch sagen wird. – Die Wirkung des Geschenks äußerte sich bald, denn die Menschen glaubten dem Engel. – Hütet Euch, fuhr der himmlische Gesandtschafter fort, daß Ihr Euch diese vortreffliche Baumwolle nicht wieder ablocken laßt, denn unter allerhand Gestalten werden Spione herumgehn, besonders wird man den Kniff gebrauchen und Euch weiß machen wollen, dies Wesen sei die Dummheit; aber glaubt keinem, der umgeht und nach der Dummheit fragt, denn er sucht nur die Weisheit. – Der Engel ging fort. – Und daher kommen die seltsamen Antworten, wenn man in aller Unschuld einen guten Freund fragt: Freund, wohnt hier nicht Dummheit? – Sogleich ertönt es: Herr, für wen seht Ihr mich an? Wollt Ihr einen Esel aus mir machen? – Ihr mögt wohl selbst dumm sein. – Und auf die Art ist die sonst unbegreifliche Verläugnung entstanden. Zerbino . Du solltest eine Geschichte der Menschheit schreiben. Der Arzt kömmt. Arzt . Wie stehts, Ihro Hoheiten? Leander . Herr Doktor, durch den Hofrath wird das Uebel immer ärger; er trägt orientalischen Schwulst vor, und vermehrt dadurch den Krankheitsstoff. Arzt . Mein Herr Hofrath, wenn Sie nicht des Landes Unglück wollen, so entfernen Sie sich. Hanswurst . Mein Herr, es ist nichts weiter, als daß mich der Prinz angesteckt hat und darum habe ich mich zu beklagen. Arzt . Kurz, Sie müssen fort und sollt' ich deshalb beim Könige einen Fußfall thun. Hanswurst . Fallen Sie, denn hier kommt der König. Gottlieb mit einem fremden Doktor . Gottlieb . Nun, mein Sohn. Zerbino . Mein theuerster Herr Vater – – Gottlieb . Du bist noch immer krank? – Es ist hart, wenn man die Regierungssorgen hat und noch obendrein einen kranken Sohn. – Aber seht doch die Schliffel von Hofleuten, die da im Winkel sitzen und schlafen. – Er zieht sie nach der Reihe bei den Ohren. Heißt das Hofdienst haben, Ihr Schlafmützen Ihr? seid Ihr dazu Kammerjunker? Sicamber . Mein gnädigster König, das Lesen hat Schuld, der Herr Leander – Gottlieb . Ei was, wenn er ein Esel ist, müßt Ihr es sein? Aber er wacht ja. Selinus . Er hat auch vorgelesen. Gottlieb . Nun so lies auch vor, das ist der kürzeste Weg. – Hier, mein Sohn, hab' ich einen fremden Doktor mitgebracht; nun, ich denke, es soll denn doch bald besser mit dir werden. Fremder Doktor . Ihren Puls, mein Prinz. – Schlimm, sehr schlimm, – es kann alles noch gut werden, – ei! ei! – so schlimm hätt' ich's mir nicht gedacht. – Nun, es hat bei alledem nicht viel zu bedeuten. Arzt . Der Prinz hält keine Diät. Fremder Doktor . Das hat er auch eben gar nicht nöthig. Sie haben einen ganz falschen Weg in der Kur eingeschlagen. Arzt . Ich habe ihn zur Vernunft zurückbringen wollen, und deshalb, mein König, trage ich darauf an, daß der Hofrath von ihm entfernt werde, denn der erhitzt seine Phantasie immer mehr. Fremder Doktor . Gerade umgekehrt, denn seine Phantasie soll und muß erhitzt werden; man muß der Natur, die sich zur Tollheit neigt, nachhelfen, damit die Materia peccans zum Durchbruche komme. Gesundheit und Verstand sind nichts, als das Gleichgewicht im Körper und in der Seele; man muß das Uebel austoben lassen, so stellt sich das Gleichgewicht von selbst wieder her. Darum sollen der Herr Hofrath Ihre Gesellschaft bleiben, mein Prinz, und die übrigen vernünftigen Leute sich von Ihnen entfernen. Gottlieb . So wollen wir denn also gehn. Fremder Doktor . Und geniren Sie sich nur nicht, mein Prinz, wenn Sie den Anfall kriegen, denn da hilft doch kein Sperren; sein Sie nicht zu sparsam mit Rasen, denn es kann nun doch nicht anders werden, und Sie Herr Hofrath, – nur immer zugeschürt und nachgeschoben – darum bitte ich inständigst. – Gottlieb , Fremder Doktor , Arzt und Leander ab. Zerbino . Aber sind wir denn wirklich toll? Hanswurst . Man sagt es doch allgemein, es muß also wohl etwas dran sein. Zerbino . Ich wünsche mir also keine Vernunft, denn ich befinde mich sehr wohl. Hanswurst . Wer's besser haben will, als gut, dem geht es oft um so schlimmer. Hinze von Hinzenfeld . Hinze . Guten Morgen, mein Prinz, – es thut mir sehr leid, – ach! Herr Hofrath! Zerbino . Ist morgen Ihre gelehrte Gesellschaft versammelt? Hinze . Ja, mein Prinz, es geschieht immer bei Licht. – Sie kommen doch, Hofrath? Hanswurst . Gewiß. Hinze . Adieu mein Prinz, – ich muß zum Könige. – Ab. Hanswurst . Thut der ehemalige Kater nicht recht vornehm? Zerbino . Das lernt sich eben so schnell, als Mäusefangen, es liegt uns in der Natur. Er ist bei alle dem immer ein würdiger alter Mann. – Komm, wir wollen in den Garten spazieren gehn. – Sie gehn ab. Selinus . So ein fremder Doktor ist doch gleich ein ganz andres Wesen. Sicamber . Ja wohl, man weiß nicht recht wo er her ist, – Curio . Man kennt seine Frau und Kinder nicht, man weiß nicht, wie viel Geld er verzehrt, man hat gleich mehr Zutrauen zu ihm. Selinus . Wollen wir nicht dem Prinzen folgen? Sie gehn.     Freie Landschaft, mit einem kleinen Landhause. Dorus allein . So leb' ich hier in ewig gleicher Ruhe Den einen Tag so wie den andern fort. Fern ab vom weltlichen Getümmel schleichen Mir Wochen, Monden, Jahre sanft dahin. Kein Wunsch stört hier mein Leben, alle Sträucher, Die Bäume und die Blumen meines Gartens Sind mir befreundet, alles kenn' ich, alles Ist von mir selbst gepflanzt, mit Vaterhand Gepflegt, und dankt im Herbst mit Früchten. Die Sehnsucht zieht mich nicht nach fremder Gegend, Es wird die Heimath uns im Alter theuer. Mein Weib ist todt, in jeder Woche einmal Bet' ich auf ihrem Grabe, denke zärtlich Der schönen, schnell verschwundnen Zeit. – Die Tochter blieb mir an der Mutter Statt, Und warlich, Gott hat viel für mich gethan. Ihr Wesen ruft mit jedem Tage mehr Der Gattin Bild in meinem Sinn hervor. Wenn sie die Blumen tränkt, den Weinstock schneidet, Das Mahl bereitet, oder sonst geschäftig ist, So möcht' ich manchmal wie vom Schlaf erwachen Und sie Kamilla nennen, das und jenes Sie fragen, was ich mit der Gattin sprach. – Da kömmt sie, schlank und leicht, dem Rehe gleich. Lila kömmt. Lila . Wie gehts Dir, Vater? bist Du wohl? Dorus . O ja, mein Kind; warum? Lila . Mich dünkt, Dein Aug' War traurig, als ich zu Dir trat. Doch nein, Da scheint das liebe Lächeln durch die Mienen, Das Dir so gut, so herzlich liebreich steht. Das Obst wird reif und ein'ge Rosenstöcke Sind noch in voller Blüthe, hohe Malven Stehn prächtig da mit ihrer rothen Gluth. Ach! kömmt der Frühling denn bald wieder, Vater? Dorus . Laß doch das gute Jahr zur Ruhe kommen; Du freust Dich auf den Abend, bist Du müde, Gönn' auch der Zeit den stillen ruh'gen Abend. Wär immer Frühling, könntest Du nicht hoffen, Nicht sehnsuchtheiß das Blumenfeld besuchen Und jeden grünen Schößling fragen: Ob er nicht bald das bunte Kind gebähre? Lila . Wenn's sein muß, will ich gern mich drein ergeben; Wie munter wechselt doch dies schöne Leben! Noch gestern stand ich auf des Frühlings Schwelle, Heut ist der Herbst schon auf derselben Stelle; Seit lange hab' ich Abschied schon genommen, Wird denn mein Freund nicht bald zurückekommen? Dorus . Seit wen'gen Tagen hat er Dir die Hand gegeben, Dir eilt und schleicht zugleich das jugendliche Leben. Vor dreißig Tagen noch stand er auf dieser Schwelle, Bald küßt er liebevoll Dich auf derselben Stelle: Dein halbes Leben hat er mit sich fortgenommen, Damit Du gänzlich lebst, muß er bald wiederkommen. Doch wie ist's möglich, meine liebste Tochter? Von ihm dünkt Dich der Abschied schon so lang, Doch sagtest Du, der Frühling sei so schnell Im Umsehn Dir entflohn, als wie seit gestern, Und doch half er im Frühling alle Blumen So sorglich Dir an ihre Stöcke binden. Lila . Wenn ich's Dir sagen soll, – ich kann es nicht, – Ich weiß genau, da wo er ging und stand, Wo wir und was wir dann zusammen sprachen, Auch seh' ich ihn an jedem Baume ruhn. – Und doch verläßt mich manchmal der Gedanke An ihn so sehr, daß ich im Innern mich Entsetze, Bangigkeit mich hart ergreift, Als liebt' ich ihn aus voller Seele nicht. – Oft treff' ich in dem Buchenhain die Lieder, Die er dort sang, sie hängen in den Blättern Und sumsen Bienen gleich auf mich herab, Dann wein' ich oft und fühle seine Küsse, Doch oft such' ich dem trüben Angedenken Mit aller Eile zu entfliehn, das dann Die Arme greulich hastig nach mir reckt. – O sage mir, wie ist das, lieber Vater? Dorus . Du liebst, mein Kind, und mehr kann ich nicht sagen, Die Liebe hält das Herz in tausend Banden, Auch wenn das Herz sich ganz befreiet wähnt. Die Luft, die Liebe athmet, ist Erinnrung, Was Liebe denkt, ist nur Erinnerung, Auch wenn sie nicht an den Geliebten denkt. Kein Schimmer fließt vom Himmel nieder, spielt In Wolkenbildern, leuchtet durch den Hain, Sie sieht in steter liebevoller Täuschung Das Eine Bild durch Luft und Waldung schweben, Kein Ton berührt so leise das Gehör, So wacht die eingeschlafne Harmonie Im Ohre auf und dehnt die goldnen Flügel, Da klingen Worte des Geliebten wieder, Da irren Klänge wie aus ferner Gegend So müde und so heiter doch herbei. Kein Element gehört sich selber an, Sie sind nur Sklaven des verliebten Sinns, Und spiegeln oder tönen Liebe wieder. Manchmal besinnt sich die Vernunft und fragt: Warum denn alles in dem Einen Bilde, Warum denn nichts in andern Freuden finden? Warum soll ich dem Fremden ganz gehören Und nicht das lieblich reine Dasein sanft Mir selbst genießen? von der schönen Herrschaft Strebt die gebundne Seele sich zu lösen, Sich selbst wünscht man nach langer Zeit zu fühlen, Und fühlt wie Liebe nicht vom Herzen läßt, Wie beide so in eins verwachsen sind, Daß man nicht sagen kann: dies Leben ist Das Deine, hier beginnt das meinige. Lila . O Vater, wer hat Dir denn das gelehrt? Dorus . Ach Kind, Du bist die Tochter Deiner Mutter, Sie liebte mich, wie Du den Kleon liebst, Dies Auge, – diese Stirn, – Du bist ihr Bild. Lila . Und Kleon wird so alt wie Du, mein Vater? Dorus . Ja – Lila . Nein, das soll er nicht; o lieber Himmel, Soll Kleon einst ein graues Haupt bekommen, Sein schönes muntres Auge so erlöschen, O Himmel, nein, ich weinte mich zu Tode. Dorus . Hast Du den jungen Apfelbaum gestützt? Lila . O ja. – Und Kleons Wangen und die Lippen Die schönen Lippen, diese süße Röthe, Sie würde einst so winterlich erblassen? – Nein, lieber will ich vor dem Tage sterben. Dorus . Ich muß die kleine Heerde jetzt besuchen, Bewahr das Haus, ich komme bald zurück. Geht. Lila . Mein Vater spricht zuweilen fabelweise Und meint es nicht so ernst. Er ist schon alt, Er will mir gut, doch weiß er nichts von Liebe. – Ach Kleon! denkst Du jetzt vielleicht an mich? Siebst Du zurück, wie ich nach jenen Bergen Das Auge wende, aus dem blauen Nebel Dich mühsam suche, Deinem Schatten folge. –             Süße Laute! – Kannst Du die Lieder noch, die er Dich lehrte? Sie spielt.     Wandert mein Gedanke aufwärts, abwärts,         Durch den Wald wohl in die weite, weite Fern,     Sieht mein Auge, sieht mein liebend treu Herz         Schönres nichts, als meiner Liebe Stern.     Ueber alle Berge, über Seen,         Flieg' ich herzhaft, wenn ich sonst auch furchtsam bin,     Ach! es haucht mich fort der Liebe Wehen,         Und bezwungen ist mein schwacher Mädchensinn.     Einsam könnt' ich ihn in Wäldern fliehen,         Suchen bis zur tiefsten fernsten Dunkelheit,     Fürchten Tannen nicht, nicht finstre Buchen,         Wenn auch aus dem Holz die dumpfe Eule schreit.             Ach wieder den liebenden Armen             Am Busen froh zu erwarmen,             Kehr frühlingsgleich der Braut zurück!                                       Zurück,             Lock' ich mit liebenden Tönen mein Glück.                               Aber es hört nicht,                               Aber es kehrt nicht.             Denn zwischen uns liegt Berg und Thal,                               Berg und Thal                               Mir zur Quaal,             Sie trennen Herz und Busen zumal. – Die Laute ist verstimmt, der Abend naht, Die Schaafe blöken schon vom nahen Berg, Ich will die Milch bereiten, daß der Vater Schon alles finde, wenn er wieder kömmt. Geht.     Der Jäger als Chorus . Nun wendet Euch vom Liede rasch zurück Und denkt der wichtigen Begebenheiten Am Hofe wieder, wie der ganze Staat Nur auf den unglückselgen Prinzen sieht, Und jeder gerne riethe, gerne hülfe, Wenn Rath und Hülfe nur was helfen wollte. Ich denke, Euer Aug' ist nicht von Lila So sehr bezaubert, daß Ihr ungern jetzt Von süßer Liebe zu erhabnern Bildern Euch wendet, – alles ist vergänglich, Freunde.                     Der Winter naht,                         Der Sommer flieht,                         Die Schwalbe zieht                     Und Eis bedeckt den Blumenpfad.                     So das Gedicht,                         Wenns Kräfte hat,                         Und wird dann matt,                     Verwundert Euch desselben nicht. – Geht ab.     Zweiter Akt. Zimmer im Pallast. Leander und Curio beschäftigt, bleierne Soldaten in Ordnung zu stellen. Curio . Es ist doch Schade um den Mann. Leander . Ja, und noch mehr um seinen schönen Verstand, den er vormals hatte. Curio . Er regierte als ein wahrhaft großer König. Leander . Aber nun ist er ganz kindisch geworden, er ist wieder in die Kindheit zurück verfallen. Curio . Es ist nur gut dabei, daß er's selbst bei Zeiten merkte, und die Regierung seinem großen Sohne, oder Schwiegersohne, unserm allergnädigsten Gottlieb, überließ. Leander . Es war die höchste Zeit, es war schon so weit mit ihm gekommen, daß er alles lesen wollte, was er unterschreiben mußte. Curio . Warum gab man ihm denn keine Bücher, wenn er eine solche Lesewuth hatte? Gottlieb tritt auf. Gottlieb . Wo ist denn mein Herr Vater? Curio . Er wollte nur einmal den Garten auf- und abgehn, er wird gleich wiederkommen. Gottlieb . Was macht Ihr da? Curio . Die alte Beschäftigung: Ihro Majestät geruhen, noch immer auf mancherlei Weise mit diesen bleiernen Soldaten zu spielen. Gottlieb . Aber was soll denn daraus werden? ich kann es doch nicht begreifen, daß er es nicht überdrüßig wird. Curio . Es wird im Gegentheile mit jedem Tage schlimmer; bald zählt er sie ab, bald müssen die Regimenter wechseln, bald wirft er mit kleinen Kugeln darunter und freut sich, wenn diejenigen umfallen, die er nicht leiden kann. So hat er auch wieder einige, die seine Lieblinge sind, diese zieht er bei allen Gelegenheiten vor und setzt sie über die andern; er hat ein ganz besonderes Vertrauen zu ihnen. Gottlieb . Wer sind sie denn? Curio . Dieser Reiter ist der vorzüglichste; wenn er manchmal stürzt, ist er im Stande darüber zu weinen. Gottlieb . Nun der Kerl sieht hübsch genug aus, das ist wohl wahr, aber darum sollte ein alter Mann doch nicht so kindisch sein. Der König tritt herein. König . Sieh da, mein lieber Herr Sohn, nehmen Sie meine Armee auch in Augenschein? – Gottlieb . Ja, sie ist ziemlich hübsch. König . Ansehnliche Leute dienen darunter, lieber Herr Sohn, Leute, vor denen ich eine ordentliche Ehrfurcht habe. Gottlieb . Wie so? König . Ei wie so? Wer kann gleich sagen, warum, aus welcher Ursache man Ehrfurcht vor jemand hat! Man hat gewöhnlich Ehrfurcht ohne alle Gründe, denn verstehn Sie mich, es wär sonst gar nicht die wahre Ehrfurcht mehr. Gottlieb . Aber es ist denn doch eigentlich nur ein Kinderspiel mit dieser Armee da. König . Wie man's nimmt, Herr Sohn. Jedes Spiel ist eigentlich ein Kinderspiel, und was treiben wir denn wohl ernsthaft? Gottlieb , zu Leander . Es ist Schade um den schönen Verstand, den er sonst wohl hatte; jetzt spricht er nichts als wunderliches Zeug. Leander . Der Verstand wird bei dem Menschen mit den Jahren immer dünner, bis er endlich gar abreißt. Gottlieb . Nun bei mir soll er nicht abreißen, dafür steh' ich Ihm. König . Wenn ich für die Armee hier ernsthaft sorge, so ist es kein Spiel mehr, denn so denk' ich mir mehr hinzu, als man bei einem Spiele zu thun pflegt. Gottlieb . Schon gut, schon gut, werthgeschätzter Herr Vater. König . Denn es kömmt alles darauf an, wie ich es nehme. Gottlieb . Ja, ja, Adieu; man kann auch des Guten zu viel thun. – Ab. König . Und jetzt zur Sache. Ist das Avancement so besorgt durch die ganze Armee, wie ich es befohlen hatte? Curio . Ja, gnädiger Herr. König . Ich hoffe, der Reiter ist der Oberste geworden. Curio . Nicht anders, es steht ihm jetzt keiner mehr im Wege. König . Seht Ihr, Leute, so werden doch endlich alle Kabalen zu Schanden gemacht, das Verdienst steigt, wenn auch noch so spät, es muß nur die Geduld nicht verlieren. Leander . Darum bin ich auch so geduldig. König . Schon recht, Herr Hofgelehrter, es ist auch immer das Beste, was Er thun kann, geduldig zu bleiben. Curio . Die Geduld ist freilich eine sehr gute Tugend. König . So hab' ich endlich denn das wahre Glück, Nach dem ich lange suchte, aufgefunden! Vom Staat' entfernt regier' ich diesen Staat, Der etwas doch, wenn gleich nur bleiern, ist, Doch jener wirkliche ist nur ein Unding, Ein Wesen, das sich Fürst und Unterthan Nur denken, jeder sucht, und keiner findet, Ein Spiel wie Blindekuh, wo jeder wirken Und nutzen oder sich bereichern will; Der eine hascht mit zugebundnen Augen Und tappt umher und meint dann, er regiert, Die andern haben zwar die Augen offen, Doch sehn sie nichts, als daß der eine blind sei, Und damit glauben sie, schon viel zu sehn. – Von diesen hier ist keiner undankbar, Wenn ich ihn mehr als alle andern liebe, Von diesen hält sich keiner für verständger Als der, der ihn regieret und belohnt. Verläumdung, Haß, Verfolgungen sind fremd Der bleiernen Natur, der bunten Welt, Die in sich selber abgeschlossen ist, Die stille Einsamkeit so liebt, wie ich. Leander . Mein König! König . Ich vergaß mich selbst. – Ja, es ist wirklich schlimm, daß ich jetzt niemals meine Gedanken bemeistern kann; das Alter hat meinem Geiste übel mitgespielt, alle meine Seelenfähigkeiten sind vom Roste angefressen. Nun, man kann nicht immer jung bleiben. Leander . Nach allen bisherigen Beobachtungen scheint es unmöglich zu sein. König . Was waren das für goldene Tage, Hofgelehrter, als wir uns noch so gelehrt mit einander besprachen? Leander . Ja wohl, Ihre Majestät, es war eine sehr gute Zeit. König . Als Er so mit den Zahlen und Planeten, – ja, jetzt bin ich für solche ernsthafte Kost zu schwach. – Ich habe leider den Wissenschaften ganz entsagen müssen. Curio . Das Vergnügen, mein König, ist auch ein Ding, das man wohl in Betrachtung ziehn darf. König . Worüber ich mich billig wundern muß, Ist, daß mir die Soldaten so gefallen, An Farbe und an Wuchs und Schnitt der Kleider, Gesicht, an allem wüßt' ich nichts zu tadeln; Ja, selbst daß sie aus Blei gegossen sind, Dünkt besser mir als wenn sie wirklich wären. So macht es immer unsre Phantasie, Sind wir zufrieden, scheint uns alles gut, Doch mißvergnügt ist uns das Recht nicht recht; Der Schein ist alles, was wir von den Dingen Begreifen können, darum könnt' ich sagen, Dies Heer besteht aus wirklichen Soldaten, Die wirklichen sind diesen nachgemachte. Da mir nun die Figuren so gefallen, So wie sie sind, und ich nichts anders wünsche, So könnt' es sein, daß ich zufrieden wäre, Wenn sie auch nicht in dieser Schönheit glänzten, Die Phantasie würd' alle Fehler bessern; Nicht wahr, Leander? Leander . Es könnte wohl sein, mein König. König . Warum sind wir doch gegen Menschen anders Gesinnt? betrachten sie nicht als Figuren, Zum Spaß erdacht, zum Scherze aufgestellt, Und sind damit zufrieden, wie sie sind? Doch da macht Neid und Haß uns gern zu Tadlern; Wir selber Menschen, werden Menschenfeinde, Und wissen nicht, was wir geändert wünschen. Leander . Mein König, es greift Euch zu sehr an. König . Ihr müßt Geduld mit mir haben, meine Freunde, denn es läßt sich nun einmal nicht ändern, da es die kindische Schwäche meines Alters ist. – Nun wollen wir also die Generale zusammen stellen und ein Schicksal machen. Curio . Ein Schicksal? König . Ja, ich zähle immer funfzehn ab, und wen die Zahl funfzehn trifft, bei dem bedeutet's, daß er todt ist, und sodann immer weiter. Leander . Warum aber gerade funfzehn, mein König? König . Das könntest Du aber auch bei jeder andern Zahl fragen. – Zählt. Zwölf, dreizehn, vierzehn, funfzehn – hier, dieser Husar ist todt; fahr fort, Leander. Leander . Zwölf, dreizehn, vierzehn, funfzehn – der Reiter – König . O weh! der schönste Mann geht zur Vernichtung! Ach ja! das Schicksal kehrt sich nicht an Kronen, An Schönheit, Reichthum, an Talente nicht! Die unerbittlich blinde Hand, gelenkt Von einem dunkeln räthselhaften Willen, Greift unversehns hinein und führt die Beute Zum Orkus, ohne sie nur zu betrachten. Wenn wir die Funfzehn, die geheime Regel Der Mächte doch erforschen könnten, die Wir nur die himmlischen zu nennen pflegen, Weil himmlisch uns das Unbekannte ausdrückt! Und Regel muß doch sein, sonst wär' es Zufall; Zufall zu glauben ist der höchste Wahnsinn, Und Wahnsinn streitet gegen die Vernunft. Leander . Mein König – – König . Ich weiß nicht, ich habe heut einen sehr schlimmen Tag. – Fahrt fort zu zählen und spielt das Schicksal weiter, wir wollen sehn, wer zuletzt übrig bleibt.     Saal der Akademie. Hanswurst . Hinzenfeld . Hanswurst . Sie sehn für Ihr Alter recht wohl aus. Hinzenfeld . Gottlob, mir fehlt eben nichts. – Die Geschäfte dienen manchmal sehr zur Verbesserung unsers Leibes- und Seelenzustandes. Hanswurst . Nachdem das Temperament ist. Hinzenfeld . Warum das, lieber Hofrath? Ich glaube, ein jeder Mensch müsse seine gehörigen Geschäfte haben, so würden wir alle zufrieden sein. Hanswurst . Wie man den Satz versteht, mein Theuerster. Hinzenfeld . Ja wohl, wie man ihn versteht, denn darauf kömmt freilich alles an. Hanswurst . Zum Exempel, wenn ich Lust hätte, ihn umzukehren. Hinzenfeld . Ja, es kömmt aber doch dabei auf die Art an, wie man ihn umkehrt. Hanswurst . Nun, das ist gerade, was ich meine. Hinzenfeld . Also! – Aber wovon sprachen wir doch? Hanswurst . Von Geschäften. Hinzenfeld . Ganz recht. – Aber a propos was macht denn der Prinz? Hanswurst . Das wahre Unglück ist, daß er ein Prinz ist, denn für einen Unterthan wäre diese Krankheit fast gar nicht schädlich. Hinzenfeld . Wie so? Hanswurst . Als Unterthan würde er irgend eine Beschäftigung suchen, in die er seine Tollheit einwickelte, so daß ihm, auf diese Art emalgamirt oder verquickt, weder Tollheit noch Beschäftigung sonderlichen Schaden brächte. Hinzenfeld . Hm! – Ja – Hanswurst . Er würde vielleicht ein Gelehrter werden und sonderliche Sachen in sich entdecken, von denen er dann eine Landkarte herausgäbe, um auch Andere von diesem Amerika zu überzeugen. . Ganz recht, Sie spielen auf den Columbus an. Hanswurst . Dann wäre ihm Terra incognita eine wahre Terra incognita und er wäre glücklich; denn wenn auch Neu-Holland und der ganze fünfte Welttheil mangelten, so würde er doch darauf schwören, den heiligsten Eid, den man auf der Bibel nur ableisten kann, daß es der Erde nicht möglich sei, mehr Erde zu haben. Hinzenfeld . So fehlt ihm aber zum Unglück einer von den fünf Sinnen. Hanswurst . Eine sehr wahre und eben so feine Bemerkung! – Nun geht er also als Prinz darauf aus, Verstand zu haben, statt daß es ihm wie dem Cyrus oder Kyrus, Cores, in einem ähnlichen Falle genügen sollte, Leute zu beherrschen, die Verstand hätten. Hinzenfeld . Ja wohl. – O ich spreche doch gar zu gerne mit Ihnen. Hanswurst . Ich bitte – Hinzenfeld . Nein, im Ernst, diese Belesenheit, diese, – wie soll ich sagen? – diese Geschicklichkeit, die Gesinnungen des andern zu errathen, – nein, in der That, ich bin jederzeit charmirt davon. Hanswurst . Man verwöhnt sich nur in der Welt, daß man so viel mit sich allein sprechen muß, und darunter habe ich auch gelitten. Hinzenfeld . Ja wohl, ja wohl: es sollten allerdings mehr Ressourcen angelegt werden. Hanswurst . Sie sind auch viel in der Einsamkeit, Herr Minister. Hinzenfeld . Ich muß wohl; wenn man viel in Gesellschaften ist und geht mit Leuten freundschaftlich um, so währt's nicht lange, so wollen alle etwas haben und das ist mir äußerst fatal. Ich habe noch keinen uninteressirten Freund gefunden. Hanswurst . Wirklich? Hinzenfeld . Die Menschen, lieber Hofrath, sind alle Egoisten, glauben Sie mir auf mein Wort. Darum liebe ich die Einsamkeit ungemein. Und dann bin ich in Gesellschaften immer etwas genirt. Hanswurst . Warum das? Sie haben doch mehr Geld, mehr Jahre und mehr Titel, als die meisten? Sie tragen einen Orden, und sind überdies noch ziemlich korpulent. Hinzenfeld . Alle diese meine Gaben und himmlischen Geschenke wollen demohnerachtet nichts verfangen. Sehn Sie, es ist schon eine geraume Zeit her, daß ich meinen ehemaligen niedrigen Stand verlassen habe, – aber doch – Hanswurst . Sie setzen mich in Erstaunen. Hinzenfeld . Doch ergreift mich manchmal eine gewisse Blödigkeit, die ich Ihnen gar nicht beschreiben kann. Es ist wahr, ich bin durch meine Tugenden gestiegen, aber es ist zuweilen ordentlich, als wenn ich mich meines Adels schämte. Und dann die verteufelte naturhistorische Merkwürdigkeit, die ich in mir habe – Hauswurst. Ich verstehe Sie nicht. Hinzenfeld . Ich meine das verzweifelte sogenannte Spinnen, jenes Knurren, welches ich bei manchen Gelegenheiten durchaus nicht unterdrücken kann. Zum Exempel, wenn ein schöner Braten aufgetragen wird, oder wenn mir jemand eine Schmeichelei sagt und so weiter. Sehn Sie, dann schäm' ich mich so sehr und komme so sehr in Verlegenheit – O es ist erstaunlich wahr: Naturam expellas furca, tamen usque recurret. Hanswurst . Da Sie aber einmal so sind, so sollten Sie sich das gar nicht anfechten lassen. Hinzenfeld . Ich habe schon viel Medicin dagegen eingenommen, aber es ist ein alter Schaden, der wohl erst mit meinem Tode aufhören wird. Hanswurst . Greift Sie aber das Spinnen nicht an? Hinzenfeld . Daß ich nicht zu sagen wüßte; es ist mir im Gegentheil dann sehr wohl in meiner Haut, und ich glaube, gerade so wie ich knurren muß, müssen andre Personen in diesem Zustande Verse machen, und so ist diese Krankheit bei mir nichts weiter, als ein Gedicht beim Hasenbraten, das nur aus dem Pelze nicht heraus kann. Hanswurst . Sie sind ungemein witzig, Herr Minister. Hinzenfeld . Man sagt es von mir, ich lasse es gehn wie's kömmt, und thue nichts davon noch dazu. Leander und Curio treten auf. Leander . Ihr unterthänigster, Herr Minister. Hinzenfeld . Ergebner. Hanswurst . Wie geht es, Herr Gelehrter? Leander . O ich bin in Verzweiflung. Hanswurst . Wie so? Leander . O das verfluchte, vermaledeite Schicksal hat mich ganz heruntergebracht! Hinzenfeld . Mäßigen Sie sich, mein Lieber, in Ihrer etwas freien Denkungsart. – Unter uns hat es freilich nichts zu bedeuten, es könnte aber doch, wenn Andre zugegen wären – Curio . O er meint nicht das ordentliche Schicksal, – nicht die vernünftige Vorsehung – Hinzenfeld . Nun, was denn sonst? Curio . Ei, des alten kindischen Königs Schicksal. Mir ist auch der Verstand ganz zusammengeschrumpft. Leander . Mir wird warlich den ganzen Abend nichts anders einfallen, als die Zahl Funfzehn, so erbärmlich ist mir zu Muthe. Curio . Ich kann, glaub' ich, nicht mehr in gehöriger Ordnung bis 15 zählen, so oft hab' ich's thun müssen. Leander . Und dabei die verfluchten Namen, – der eine Kerl heißt Maximilian, der andre Sebastian, – und das alles muß man behalten, wenn man mit ihm spielt. Hanswurst . Warum wollen Sie es aber nicht behalten? Leander . Weil mich die Kerls gar nicht interessiren, weil in dem ganzen Spiel kein Menschenverstand ist. Hanswurst . Ach, Freund, Sie denken gar zu unbillig vom Menschenverstande. Lysippus tritt auf. Hinzenfeld . Wir wollen uns immer setzen, die Gesellschaft wird bald versammelt sein. – Da ist ja auch unser witziger Kopf. Hanswurst . Er hat manchmal so große Lager von Witz in Vorrath liegen, daß ihm die besten Sachen verderben. Lysippus . Nun, meine Herren? – wohl, meine Herren, – ich hoffe, nun ist schon Gelehrsamkeit genug hier, um eine gelehrte Gesellschaft formiren zu dürfen. Hinzenfeld . Excellent! in der That excellent. – Aber wissen Sie wohl, meine Herren, daß heute der Stiftungstag ist? Lysippus . O ja, und darum sollte man auch Gedichte ablesen und dem Herrn Minister zu Ehren Feuerwerke abbrennen, weil er den ersten Grundstein zu dieser Gesellschaft legte, ich meine, die erste Idee dazu hergab. Hinzenfeld . So wären also meine Ideen gleichsam Steine? Lysippus . Und zwar Quadern, gnädiger Herr, und alles, was Sie damit bauen, ist im edlen Style. Hinzenfeld . Sehr gut, ich versichere Sie auf meine Ehre, Herr Hofrath, ungemein gut. – Da kömmt der Philosoph! Sappi tritt herein. Sappi . Guten Abend, allerseits hochzuverehrende Herren; ich verwundre mich darüber, daß die Lichter noch nicht brennen. Hanswurst . Ist es denn schon finster? Sappi . Ach, sieh da, Herr Hofrath, warlich, so finster, daß ich Sie kaum erkennen konnte. Der Arzt , Hofleute und andre Mitglieder der gelehrten Gesellschaft. Arzt . Es ist eine ungesunde, neblichte Luft. Sappi . Und sie fällt vorzüglich auf die Gehirnnerven. Lysippus . Die Geister werden unterdrückt und im Lande des Witzes soll jetzt Mißwachs und theure Zeit sein. Sappi . Witz selbst ist ein Mißwachs, wie kann ein Mißwachs Mißwachs haben? Lysippus . Sie verachten den Witz, Herr Philosoph, und doch war dies selbst überaus witzig. Sappi . Sie möchten gern alles zum Witze rechnen, was Ihnen verständig dünkt. Lysippus . Sie sind scharf, Sie sind bitter. Sappi . Nicht schärfer, als meine Ueberzeugung. Lysippus . So ist Ihre Ueberzeugung ein geschliffenes Schwert, das Sie nicht so oft aus der Scheide ziehen sollten. Sappi . Die Scheide ist die Philosophie. Hanswurst . O welche Erquickung, nach langer Zeit doch wieder einmal ein verständiges Gespräch zu hören! Die Lichter werden von Bedienten angezündet, und es wird nach und nach hell. Lysippus . So wird die Aufklärung befördert. Hanswurst , für sich . O dürften nur gewisse Scherzreden in der gesitteten Welt abgeschafft werden, so wie man beim Niesen nicht mehr: Gott helf! sagt. – Es war eine gute Zeit, als Noah unter seinen Söhnen zuerst diesen Familienspaß beim Lichteranzünden am Sabbathabend erfand, da war es noch wohlfeil neu zu sein, aber nun haben sich von den Zeitaltern die goldnen und silbernen Tressen abgetragen und die Fäden des Tuchs sind gar zu leicht zu sehn. Lysippus . Sie sind so in Gedanken, Herr Hofrath? Warum sind Sie nicht munter? Hanswurst . Warum sind Sie nicht traurig? – Es ist alles freilich nur, daß wir etwas sprechen; indessen befördert das doch immer die gelehrte Gesellschaft, und diese Gesellschaft trägt wieder zur allgemeinen Bildung bei. Hinzenfeld . Aber setzen wir uns doch, meine Herren. Alle setzen sich. – Herr Hofrath, Sie sind ja wohl für diesen Monat unser Präsident, oder Befehlshaber. Hanswurst . Ihnen aufzuwarten. Sappi . Es wurde neulich die Frage aufgeworfen: wodurch der Mensch wohl am gewissesten zum Glücke gelangen könne, und ich antwortete hierauf, ohne mich lange zu besinnen: durch die Tugend. – Denn es scheint mir einleuchtend zu sein, daß die Tugend bloß dazu da sei, den Menschen vollkommen glücklich zu machen, weil wir sonst an einer großen und weisen Vorsehung zu zweifeln Ursach fänden. Es wäre gleichsam ein Widerspruch, wenn wir diesen unwiderstehlichen Trieb zur Tugend in uns spürten und die Tugend uns dem ohngeachtet nicht glücklicher machte. Hinzenfeld . Nun, ich hoffe, das ist hinlänglich gründlich. Lysippus . Fein gedacht und doch zugleich populär. Hinzenfeld . Ganz recht, nicht die ordinäre Schulweisheit, die sich bloß mit Terminologien zu behelfen weiß. Lysippus . Und auch nicht jener wilde Skepticismus, der lahm ist und in der Irre ohne Stecken umher läuft. Hanswurst . Ist es mir erlaubt, irgend etwas zu antworten? Sappi . Alles, was Sie wollen, lieber Hofrath. Hanswurst . Wenn ich nun einwürfe, daß ich diesen Trieb, diesen Stachel zur Tugend, nicht in mir fühlte. Sappi . Ei, mein lieber Hofrath, so wären Sie eine Ausnahme von der ganzen menschlichen Natur, und das will ich doch nicht hoffen. Hanswurst . Warum nicht? Es könnte doch möglich sein. Sappi . Ei, so würde ich ein Entsetzen vor Ihnen bekommen. Hinzenfeld . Nein, Hofrath, ich zweifle gern selber manchmal in müßigen Stunden, aber da geht Ihr denn doch zu weit. Nein, die Tugend müßt Ihr stehn lassen, denn Ihr müßt wissen, die Tugend ist kein leerer Name, ein Satz, den sogar schon die Heiden zugegeben haben. Sappi . Nein, der Adel der Menschheit verträgt auch solchen Glauben nimmermehr. Leander . O der Hofrath geht noch viel weiter; zweifelte er doch gestern sogar an der Wirklichkeit. Hinzenfeld . An der Wirklichkeit? – Laßt mich das Ding mal etwas näher besehn, – an der ordentlichen, – zweckmäßigen, – an der eigentlichen Wirklichkeit? Hanswurst . Woran soll man denn sonst zweifeln, wenn man sich einmal die Mühe giebt? Hinzenfeld . Nein, Freund, ernsthaft gesprochen, das ist excentrisch, das geht zu weit. Es giebt so tausend Dinge, über die man sich wohl einmal einen artigen Zweifel erlauben darf, aber bei dem allerausgemachtesten – Sappi . Und ist denn die Tugend nicht eben so wirklich, als die Wirklichkeit? Lysippus . Es thut mir ordentlich am Herzen weh, wenn man mir das wegläugnen will, was mir das Liebste auf der Welt ist. Sappi . Einen Mann, der die Tugend läugnet, sollte man vermeiden. Leander . Ich möchte ihm nimmermehr trauen. Lysippus . Es ist schlecht von Ihnen, Herr Hofrath. Sappi . Die bürgerliche Gesellschaft – Lysippus . Der allgemeine Glaube – Die ganze Gesellschaft durcheinander . Alles wird zerstört. – Jeder ist in Lebensgefahr. – Die Religion hält dann nicht mehr Stich. – Alles wird Aufruhr, und Staaten und Thronen fallen von selbst um. – Die Ordnung stirbt. Hanswurst , der schnell den Hut aufsetzt . Meine Herren, der Präsident ist bedeckt! Die Ordnung liegt hier ebenfalls in den letzten Zügen. Hinzenfeld . Der Enthusiasmus führt uns zu weit. Leander . Wollen Sie jetzt gütigst erlauben, daß ich Ihnen mein Lehrgedicht zu Ende lese? Hinzenfeld . Es wird uns ein unendliches Vergnügen sein. Leander . Herr Lysippus – Lysippus . O mein Gott, ich brenne darnach. Leander . Herr Sappi – Sappi . Ein Lehrgedicht wird mir immer etwas Erwünschtes sein. Leander . Ich weiß nicht, meine Herren – Alle . O ja, herzlich gern. Leander liest. – Der erste Gesang ist geendigt . Chor . Iah! Iah! – Ein verbißnes Gähnen nämlich. Leander fährt fort zu lesen . Allgemeines Chor . Iah! – Sie halten aber Alle die Hände vor den Mund. Leander fährt fort . Hanswurst , leise zu Lysippus . Wollen wir nicht mit dem Herrn Simonides in das andre Zimmer gehn, und ein kleines Lombre machen? Lysippus . Mit Vergnügen. – Die eben Genannten gehn heimlich fort. Leander fährt fort zu lesen . Das Chor ist stumm, denn sie schlafen. Leander endigt . Alle . Schön! ungemein schön! – Wir sind Ihnen sehr verbunden, Herr Leander. Hanswurst , Simonides und Lysipppus kommen heimlich zurück. Hanswurst . War nicht viel Größe in den Gesinnungen, meine Herren? – Gewiß! – Aber, ich empfehle mich, denn es ist schon spät. – Geht. Leander . Der Hofrath wird in seinem Leben nicht gescheit werden. – Geht. Sappi . Das Gedicht war erbärmlich, denn Gründlichkeit in den Bildern und Allusionen fehlten gänzlich. Die Diktion war nicht korrekt genug und es hatte dem Himmel auch nicht gefallen, daß sich alle Reime mit dem Verstande reimen sollten. Ab. Hinzenfeld . Herr Sappi hält sich auch für gar zu klug. – Adieu, meine Herren, sehr kontentirt gewesen. – Ab. Lysippus . Ennuyant ist der Minister, aber sonst ein guter Herr. Sein Witz spielt etwas in's Erbärmliche, aber seine Art sich auszudrücken hat immer etwas Gutmüthiges. Geht. Arzt . Mir scheint Herr Lysippus jetzt an einem Katarrh zu laboriren, der ihm in die Lebensgeister zurückgetreten ist. Ab. Curio . Erbärmliche Sitten und Lebensarten hat doch so ein Arzt; ich empfehle mich Ihrer Gewogenheit, Herr Simonides. Ab. Simonides , allein . Ueber acht Tage ist wieder die Sitzung, ich bin recht begierig darauf. Wenn sich nur das Hofgeschmeiß nicht unter gebildete Menschen eindrängen wollte. Ab. Ein Leiermann wird von unten gehört :     Freut Euch des Lebens     Weil noch das Lämpchen glüht,     Pflücket die Rose     Eh' sie verblüht. Bediente treten auf. Erster Bediente . Ja, jetzt werden die Lampen hier unmaßgeblich ausgelöscht werden. Zweiter Bediente . Und die Rosen wollen auch nicht viel bedeuten. – Aber, Caspar, warum kriechst Du denn da unter dem Tisch herum? Dritter Bediente . Ich denke, sie haben etwa Geld fallen lassen. Erster Bediente . O Narr, das Kartenspielen kommt nunmehr unter vernünftigen Leuten aus der Mode, jetzt ist man gebildet und vertreibt sich mit Vernunft die Zeit und die Grillen. – Höchstens wirst Du da unten ein paar philosophische Ideen erjagen. Dritter Bediente . Damit wäre mir nun durchaus nicht gedient – Er steht auf. Was kratzt denn da so an der Thür? – Ei, sieh da, Stallmeister! Stallmeister , der Hund , tritt herein. Erster Bediente . Sieh da, wie geht's, guter Freund? – Zweiter Bediente . Wenn einem so ein Hund doch antworten könnte. Dritter Bediente . Schade ist es freilich. – Die Bedienten ab. Stallmeister , allein . Auf dem Stuhl da hat gewiß der Kater gesessen. – Wenn er Minister ist, warum sollt' ich nicht irgend einmal Hofmarschall werden können? – Mein Herr, der Prinz, ist krank und zu klug; das ganze Reich kömmt durch zu vielen Witz in Verwirrung. – Ich will mich hier auf den Sofa niederlegen und recht bequem bis morgen ausschlafen. –     Wald. Ein Waldbruder , Helikanus . Waldbruder . So wollt Ihr Euch durchaus nicht rathen lassen? Helikanus . Was nennt Ihr rathen?– Warlich, lieber Bruder, Hätt' ich auf Rath gehört, auf leere Worte, So lebt' ich noch in der geschwätz'gen Welt Und suchte nicht im wilden Walde Schutz. Waldbruder . Allein, was thaten Euch die Menschen? Helikanus . Was? O keine Zunge, keine Sprache, keine Brust, Kann das so laut, so furchtbar laut verkünd'gen, So mit Trompetenklang durch Wälder rufen, Wie ich von dem Geschlecht verfolgt, mich nieder In tausend schnöde Quaalen tauchen mußte, Wie lang' ich in des Hasses Schule war, Und, Jahrelang gehaßt, ein Hasser ward. – Waldbruder . Gar mancher steht und wartet in der Welt Und weiß nicht recht, worauf er warten soll; Wer zu viel Freundschaft hofft, sieht selbst im Freunde Den kalten Fremden: diese Alltagswelt Ist voll von leeren Busen, leeren Herzen, Daß man die Liebe nicht verschleudern muß, Um nicht in jenen schlimmsten Fall zu kommen, Um Liebe einst zu betteln, und wie Bettler Mit Höhnen von der Thür gewiesen werden. Helikanus . Du sprichst mit diesen Worten ganz mein Schicksal; So ging es mir, so wirds noch öfter sein Und drum will ich die hohle Welt verlassen. Waldbruder . So gehst Du mitten aus dem Schauspiel fort, Und zürnst dem Dichter, der nur in der Mitte Die Tugend zu verkennen scheint; doch harre Des Schlusses, den er Dir noch vorbehält. Helikanus . Ich bin es satt, des ekeln leeren Schauspiels, Wo nichts zusammenhängt und nur Geschwätz Die müß'gen Scenen füllt. Die Eitelkeit, Der nicht'ge Uebermuth, Verstellung, Falschheit, Und Langeweile, die als Narr im Stücke Belust'gen soll, sind alle mir verhaßt. Waldbruder . Nun freilich giebt es Leiden, die den Sinn Selbst der Geduld empören, und Vernunft So leer und nüchtern dastehn lassen, wie Ein schwatzhaft Mädchen, das nur spricht, um schnell Die lange Zeit des Tages hinzubringen. Ich will mein Herz in Deinen Busen legen, Wenn Du mir sagst, was Du gelitten hast. Helikanus . O Vater! – kannst Du denken, kannst Du fühlen, Was Jugend fühlt, was kühnes Blut empört? Kennst Du die Liebe? – – Waldbruder . O fern ab liegt alles Im Nebel, tief im dunkeln Thal versteckt, – O freilich war in meinem Lebenslaufe Auch einmal Morgenröthe, Lerchenklang, Der dunkle Wald empfing die goldnen Strahlen Und glänzende Kronen hingen in den Wipfeln, Mit frohem Muth wollt' ich zu den höchsten klimmen, – Da stieg die Sonne, aller Trug verschwand, Das Tageslicht, mit grausam ernster Klarheit, Verzehrte tückisch meinen Morgenglanz, Ich blieb im Wald der einzig Lebende. – Helikanus . Nun dann – was hättet Vater, Ihr im Rausch Der Phantasie für Euer Glück begonnen? Waldbruder . Ich hätte, – o was nicht? – die starren Felsen Mit eiserner Geduld geebnet, meine Freunde Verlassen und in öder Einsamkeit Nur ihr, nur ihr, der Einzigen, gelebt – Ja, mehr noch – o ich Thor! daß ich als Greis Gleich einem Jüngling vor Euch stehe, der Im Taumel seine Zunge nicht bemeistert. Helikanus . Nun dann, ich hab's gethan: ich sah, ich hörte Nur sie, die Undankbare, alles Leben War aus der ewigen Natur geflohn, Und nur in ihr sah ich mich selbst, und fühlte In ihrer Brust nur was ich wünschte. Stolz Ward meine Liebe weggeworfen, keiner Von meinen Seufzern drang zu ihrem Herzen, Mein Sehnen, meine feurigste Ergebung War nur Tribut, nur Zinsen ihrer Schönheit, Auf die sie, überreich, mit Sicherheit Schon rechnete. Ich sollte Ruhm erwerben, Ich sollte die Gefahr bestehn: ich that's, Ich stürzte mich im Kriege in's Getümmel, Verwundert sah sie mich zurückekehren, Doch keine Freude blickt aus ihrem Auge. – Ich sollte arm sein und ich warf verachtend Die Habe vielen Undankbaren zu, Und kam die Hälfte ärmer ihr zurück: Reich sollt' ich wieder werden und ich strebte Mit allen Sinnen nach des Goldes Glanz, Ich unternahm, was noch kein andrer wagte; Auch in den Nächten ward mir keine Ruh, Ich reiste weit hinein in ferne Lande – Ich kehre wieder, und – verfluchte Stunde – Ich kehre wieder, o ihr könnt's nicht fassen, Für mich ist dieser Wermuth nur so bitter – Ich kehre wieder – und sie ist verlobt. Waldbruder . Ein hart Geschick! doch hört auch die Vernunft – Helikanus . Und nun, in aller weiten weiten Welt Kein Herz, das meines Kummers Hälfte theilte, So wüst, so leer, so ausgehöhlt die Schöpfung, Kein Wiederklang im Unermeßlichen – Nur Hohn, nur bittre Worte, Kälte, höchstens Ein jämmerlicher Trost mit nicht'gen Worten. Waldbruder . Doch laßt nur die Vernunft zur Sprache kommen! Helikanus . Vernunft! und wißt Ihr, was Ihr damit sagt? Vernunft befiehlt, ich soll Vernunft verachten, Vernunft räth mir, den Kopf hier gegen Eichen Zu rennen, daß es nur vorüber sei. – Waldbruder . Dann ist Vernunft die ächte Raserei! Helikanus . Ja, wer nur schwatzen kann, ist sehr vernünftig, Wer gar nicht fühlt, ist überaus vernünftig, Wer alt und kalt und starr ist, ist vernünftig, Vor Ueberklugheit birst, der ist vernünftig! So sind die Menschen alle, Jammerbrut! Waldbruder . Du lästerst, doch mit unbeholfner Zunge, Wie leichtes Spiel, die Wahrheit Dir zu lehren, Wenn Deine Leidenschaft nur hören könnte! Du schiltst die Menschen und bedenkst nicht recht, Ob Du den Menschen denn ein Mensch gewesen. Vielleicht kam mancher Dir mit Schmerz entgegen, Doch konnte nichts Dein eigenlieb'ges Herz Mit Wehmuth rühren, denn da saß das Bild Der Liebsten, wies mit schnödem, kaltem Hohn Hinweg, was nicht zu Deinen Wünschen paßte. Nun kommst Du her und fluchst und willst dem Walde Dich treu verbrüdern, wähnst, die Menschen wären Nicht Deiner werth und dennoch ist es möglich, Daß Du der guten Menschen unwerth bist. Drum geh zurück und nimm die Lehre an – Helikanus . Sehr weislich! – Aber sagt mir, guter Freund, Warum habt Ihr die schöne Welt verlassen? Waldbruder . Weil, – still, die Thränen kommen mir zurück, – Ach, jedermann hat nicht so viel gelitten. Helikanus . So denkt ein jeder, jeder hält den Schmerz, Den Er empfindet, für den gräßlichsten. – O sprecht nicht weiter von der Eigenliebe, Denn Ihr seid selbst auf Euer Unglück stolz. So schwatzt ein jeder und ein jeder schwatzt Nur für sich selber, alle Wörterweisheit Ist für den Leidenden nur Schellenklang: Ein Prunk ist's nur, ein bunter Festtagsputz, In dem die Thoren selber sich gefallen. Und so lebt wohl, Ihr abgelebte Weisheit, Wie thöricht war ich, daß ich bei dem Alter Für meine jungen Schmerzen Lindrung suchte. Waldbruder . Er hat wohl Unrecht, aber nicht so sehr. Ach freilich wird man alt und zu verständig; Vernünftig sein, heißt billig sein, doch da Will jeder den gerechten Richter spielen. Und ach! was ist gerecht? – Ein Wort, nichts weiter. Ein Bauer kömmt. Bauer . Könnt Ihr mir wohl den Weg nach der Residenz weisen? Waldbruder . O ja. Bauer . Ich wollte gern den König Gottlieb sprechen. Waldbruder . Kommt mit mir. – Vielleicht solls mir bei diesem doch gelingen Ihn sicher auf den rechten Weg zu bringen. Beide ab.     Vorsaal der Akademie. Der Thürsteher . Ich weiß nicht, – ob ich mich irre, – aber ich höre schon seit so lange ein Gepolter im Saale, – ob Sie wohl gestern Abend ein gelehrtes Mitglied sollten eingesperrt haben? – Da geht's schon wieder los. – Er sucht den Schlüssel. Gleich, gleich, mein hochgeehrter Herr, – gleich – Er schließt auf, Stallmeister springt heraus. Sieh da, wo kömmst Du denn her? Nestor kömmt. Nestor . Ist der Hund nicht hier? Thürsteher . Da ist er. Nestor . Der Prinz fragt nach ihm. Thürsteher . Gut, da ist er. Nestor . Der Hund muß sogleich nach Hause kommen. Thürsteher . Schon gut. Nestor . Und darum habe ich eigentlich den Hund abholen sollen. Thürsteher . Ja doch; hat's noch kein Ende? Nestor . Darum will ich ihn lieber gleich mitnehmen. – Sie gehn ab.     Dorus Landhaus. Lila .                     Bald hier, bald dort                     Von Ort zu Ort Springt Amor und sieht mich schweigend an.                     Was willst Du, Kind?                     O sage geschwind, Wo weilt der liebe, erwünschte Mann?                     Wie Schattenzüge,                     Wie Wolkenflüge, Ist wandelbar traurig und froh mein Sinn,                     Es tönt herüber,                     O rufst Du, Lieber? – Ich sehne mich fort, weiß nicht wohin. Dorus kömmt. Dorus . Du singst ja recht laut, liebe Tochter. Lila . Was soll man thun als singen? – Immer klagen ist ein ewiges Einerlei. Dorus . Ich will unten in's Dorf hineingehn, der Schmid muß mir mein Ackergeräthe ausbessern. Lila . Kommt Ihr bald wieder? Dorus . Nachdem es fällt, es hält schwer, ihm deutlich zu machen, was man will. Lila . So will ich indessen spinnen. Dorus . Thu das, liebes Kind. Er geht ab. Lila setzt sich in das Haus nieder, spinnt und läßt die Thüre offen . So kann man noch zugleich in die freie Landschaft hineinsehn. – O wie wohl thut einem der ruhige Abend. – Sie singt.         Das Rädchen             Dreht munter         Das Fädchen             Hinunter:         Wo weilst du             O Lieber,         Was eilst du             Fern über?     Und sinn' ich Tagelang     Und spinn' ich Wochenlang,     Bist du mein einzger Gedank. –         Bald seh' ich Seen,         Wenn's Rädchen surrt,         So wie es schnurrt         Erscheinen Feen.         Und Er geleitet             Ist unter ihnen:         Wie stolz er schreitet!             Ihm Geister dienen.         Dann fliegt er fröhlich             Durch Abendröthe,         Es tönt so selig             Die Schäferflöte:         Dann wünsch' ich Schwingen             Zu ihm zu fliegen,         Aufwärts zu springen             In Wolken die Flügel zu wiegen. Ja, wer das könnte! – O Seligkeit der Lerchen, wie oft hab' ich Euch schon Eure Lust beneidet! Wir müssen langsam einen Fuß nach dem andern setzen, so machen wir Schritte und kommen doch nicht weit. – O Kleon! daß ich immer an dich denke. Oft schäm' ich mich, und werde doch böse, wenn ich es einmal lassen will. Helikanus aus dem Walde . Wie lieblich schmiegt sich dort die Abendröthe Auf jenen grünen Hügel, meine Kindheit Entdämmert golden aus dem dichten Schatten Und streckt die lieben rothen Apfelwangen, Das Unschuldsüße, unbefangne Lächeln, So sorgenlos dreist in die Welt hinein. Da will der alte Friede zu mir kommen, Da will, ich fühls, die Sehnsucht mich besuchen, Die himmlische, die sonst den trunknen Blick An den Glanz der Abendwolken fesselte. – Ich hörte fernher friedlichen Gesang, Der wie ein Schwan durch kühle Lüfte strich, Der alles Laub des Walds zum Horchen zwang, Dem jedes muntre Waldgetöse wich: Mein Herz erklang in seinen tiefsten Gründen, Ich sprach zu mir, ich weiß nicht was ich sprach, Ich ging, den Quell der Melodie zu finden, Nicht ging ich, nein, es zog mich himmlisch nach. Wie sich der Himmel rollt in seinen Sphären, Und jedes goldne Kind zur Regel zieht, So kann ich der Gewalt mich nicht erwehren, Wie meine Seele nach den Tönen flieht. Welch Wunder soll in meiner Brust beginnen? Es schwebt vor mir empor die Feenzeit, Ich fühle den Tumult in allen Sinnen, Wie matt das Herz in mir nach Hülfe schreit. Die Liebe steht wie Frühling mir zur Seite, Das trübe Gestern ist jetzt fest verriegelt, Wie stattlich wandelt nun das neue Heute, Und ist mit goldner Herrlichkeit beflügelt. O die Vergangenheit geht in die Ferne, Am Himmel glänzen neue, schönre Sterne. –         Er kömmt näher. Welch Wesen! – Unschuld wohnt auf dieser Wange, – Wie seltsamlich beklemmt mich dieser Anblick, Die kleine Flur des Hauses, diese Treppe, Das fleiß'ge Rad, – die holde Aemsigkeit – Und doch sah ich noch nichts so liebliches. – Hast Du im Abendrothe hier gesungen? Lila . Ich sang, weil ich nichts bessers grade wußte. Helikanus . O nur noch einen Ton, nur Einen Laut, Damit die Zeit noch einmal sich verjünge, Das frische Glück die muntern Glieder rege, Und auf der Flur mit Liebesgöttern tanze. Schon hält der Götterschwarm auf jenem Hügel, Nur Einen Klang, so stürzt die bunte Schaar Hervor und badet sich zu schönrer Jugend In den melodschen Wellen. – Einen Ton! Lila . Wenn Ihr wollt: Singt.     Feldeinwärts flog ein Vögelein,     Und sang im muntern Sonnenschein     Mit süßem wunderbarem Ton:     Ade! ich fliege nun davon,             Weit! weit!         Reis' ich noch heut.     Ich horchte auf den Feldgesang,     Mir ward so wohl und doch so bang;     Mit frohem Schmerz, mit trüber Lust     Stieg wechselnd bald und sank die Brust:             Herz! Herz!         Brichst du vor Wonn' oder Schmerz?     Doch, als ich Blätter fallen sah,     Da sagt ich: Ach! der Herbst ist da,     Der Sommergast, die Schwalbe, zieht,     Vielleicht so Lieb und Sehnsucht flieht,             Weit! weit!         Rasch mit der Zeit.     Doch rückwärts kam der Sonnenschein,     Dicht zu mir drauf das Vögelein,     Es sah mein thränend Angesicht     Und sang: die Liebe wintert nicht,             Nein! nein!         Ist und bleibt Frühlingesschein. Helikanus . Sieh, wie Natur den Athem an sich hält, Wie glorreich dort der Stern des Abends funkelt! Dein süßes Lied beglänzt die arme Welt, Wenn gleich der Abendschatten sie verdunkelt. Wie Mondenstrahlen webt sich's um mich her, Und höher schlägt die Wollustreiche Welle, Mich trägt und wieget das harmonsche Meer Und macht zum Himmel diese kleine Stelle. Lila . Ich weiß nicht, wer Ihr seid, mein Herr. Helikanus . O verzeih, holdes Mädchen. – Ein verirrter Wandrer – Lila . Verirrt? Helikanus . Freilich ist der nicht verirrt, der gar keine Straße hat. Lila . Ihr habt sie also verloren? Helikanus . Ja wohl. Lila . Mein Vater wird gleich nach Hause kommen, der soll Euch den rechten Weg weisen. Helikanus . Ich danke Dir. – Könntest Du mir nicht einen Trunk Wassers reichen? Lila . Ich will Euch einen Becher Wein bringen. Ab. Helikanus . Sie ist es! – Sie? – Und wer denn, Helikanus? – Die alle deine Wünsche suchten, nach Den Polen, unbekannten Landen flogen, Und nun ist sie gefunden. – Niemals kann Der Bergmann so sich freuen, der im tiefsten Bergschacht die große goldne Stufe findet. – Lila zurück. Lila . Hier ist Wein und guter. Trinkt, Ihr werdet auch wohl müde sein. Helikanus . Nein, – ja – Lila . So setzt Euch dort auf die Bank. – Seid Ihr von weit her? Helikanus . O ja. Lila . Die Erde ist groß. Helikanus . Zu groß, – und doch tausenden zu klein und eng. Lila . Wie sollte das möglich sein? Helikanus . Gut für Dich, daß Du es nicht begreifst. Lila . Da kömmt der Vater. Dorus kömmt. Dorus . Guten Abend. – Du hast einen Gast, Lila? Lila . Einen armen verirrten Wandersmann. Dorus . Er ist mir willkommen. Helikanus . Ich danke Euch für Eure Freundschaft. Dorus . Wenn Ihr müde seid, so ruht bis morgen früh in meinem kleinen Hause aus. Helikanus . Bis morgen, bis, – ich habe Euch etwas zu sagen. Dorus . Redet. Helikanus . Ihr seid arm, wie ich vermuthe, wenigstens nicht reich, ich habe mehr als ich brauche, – nehmt und laßt mich in dieser stillen friedlichen Gegend, in Eurer lieben Nähe wohnen. Ich bin ein Mensch, dem alles in der Welt mislungen ist, der keinen Freund gefunden hat: seid Ihr mein Freund. – Was sagt Ihr? Ich will Euch nicht beschwerlich sein, ich will mich in Eure Lebensart einlernen. Dorus . Lila, was meinst Du? Lila . Wie Ihr wollt, mein Vater, – aber – Dorus . Nur bis Kleon zurückkömmt. – Seht, ich will Euch wohl aufnehmen, Herr, aber nur auf kurze Zeit. Ich habe hier noch ein kleines eingerichtetes Haus, das künftig meiner Tochter und ihrem Manne gehören sollte, wenn Euch das recht ist, so mögt Ihr hineinziehn: aber, wie gesagt, auf lange kann ich Euch vielleicht nicht beherbergen. – Wollt Ihr's in Augenschein nehmen? Sie gehn ab.     Königliches Zimmer. Gottlieb , die Königin , seine Gemalin. Gottlieb . Nimmer alterst Du, o Holde, in meinen Gedanken, Stets bist Du mir lieb, immer noch bleib' ich Dir gut. Königin . Ach, mein theurer Gemal, Du kannst Dir die Liebe nicht denken, Die in treuer Brust Dir Deine Königin hegt. Gottlieb . Denken kann ich mir vieles, mein Kind, und so Deine Liebe; Größer als Ocean wird sie denn doch wohl nicht sein. Königin . Kind, ich habe zwar allen Respekt vor Deinen Gedanken, Aber so hochstudirt bist Du denn warlich noch nicht. Gottlieb . Immer halten sich doch die Weiber nur für die Klügsten, Aber Leute giebt's auch, wie man sagt, hinter dem Berg. Königin . Nun der Vers, weiß Gott, war ziemlich lahm auf den Füßen, Stieß er sich etwa am Stein? daß ihm das Schienbein noch schmerzt? Gottlieb . Schienbein! hättest Du doch vor ächten Spondäen nur Achtung: Wenige hat man nur, diese verschleudre man nicht. Königin . Warlich ein schönes Leben! ich soll wohl nicht einmal sprechen Mehr wie mir's gefällt? – Halte der Henker das aus! Gottlieb . Ziemt es der Königin wohl, also plebeje zu denken? Pöbel und Fürsten sind ungleich im Titel dann nur. Königin . Ei wie schön regiert mein Mann das Maul seiner Frauen, Aber der arme Staat, – o dafür hat's keine Noth! Gottlieb . Und was wären denn die Patrontaschen, die neuen Püschel? Kümmre jeder sich nur erst um sein eigen Revier. Königin . Also leben wir nun in zärtlicher Eintracht beisammen, Dein Herz gänzlich mir, Dir ganz das meine geweiht. Es klopft. Gottlieb . Nur herein! Bauer . Wohnt hier der Herr König? Gottlieb . Ja, Freund. – Was will Er? Bauer . Wenn Sie lesen können, so ist hier ein Brief an Sie. Er kömmt durch einen Expressen. Gottlieb . Durch was für einen Expressen? Bauer . Je, nämlich durch mich, ich bin expreß dazu ausgesucht unter vielen andern, die nicht den Verstand hatten, einen Expressen vorzustellen. Da der Vorspann nicht gerade bei mir an der Reihe war, so wurd' ich, die Wahrheit zu reden, expreß dazu gepreßt. Und somit übergeb' ich denn nun den Brief. Gottlieb . Von wem ist er denn? Bauer . Vom benachbarten König, Herr König, eine gute Art von Mensch, wahrhaftig, außer daß er die Bauern etwas schiert. Gottlieb . Von unserm geliebten Bruder? Bauer . Ja, aber das muß ich sagen, werthgeschätzte Frau Königin, so wie man da in Euer Land hineingeräth, werden die Wege verflucht unsicher. Königin . Wie das? Bauer . Ja, das weiß ich selber nicht, und wozu es ist, kann ich auch nicht absehn. – Die Chaussee geht erstens aus und dann sind die Wege oft so unendlich breit, daß man sich, wenn man aus dem Fuhrweg in Gedanken herausfällt, fast eine Meile umgehn kann. So ein alter abgelebter Waldbruder hat mich noch zurecht gewiesen. – Sagt mir einmal, warum wird denn das Land nicht mehr angebaut? Königin . Die Wege fressen so vielen Platz weg. Bauer . O so sollte man zu einem solchen infamen Wege sagen: Weg da! – Denn was kann dabei herauskommen? Gottlieb . Höre nur, geliebte Gemalin, was unser Nachbar schreibt. Er ließt. Zuerst, S. T. – was ich nicht weiß, was es zu bedeuten hat, dann folgt: Wir haben hier in unserm Land vernommen Der Prinz Zerbino sei um seinen Verstand gekommen, Es ist bei meiner Ehre und fürwahr Heuer für den Verstand ein gar zu schlechtes Jahr, Er will an keinem Orte recht gerathen, Und schlimm ist's, 's hilft da weder Hacke noch Spaten. Zum Glück wohnt in dem nordwestlichen Wald, Ein wilder Zauberer, der heilt die Dummen bald, Er macht im Seelenreich vortrefflich: such verloren, Und ist für unsre Kinder recht geboren. – Seine Adresse ist: Herr Polykomikus, Zu erfragen in der abgelegnen Wildnuß, Und ist an großen Eselsohren zu kennen, Die man ihm für seine Mühe wohl kann gönnen. Er wohnt im untersten Stock in einer finstern Höhle Und wahrsagt dort, und kümmert sich um keine Seele. –     Der ich verharre in tiefster Unterthänigkeit                     Euer                                                 gleichfalls ein König.                                                         Pindarus. Was denkst Du dazu, meine Gemalin? Königin . Laßt sogleich den großen Rath zusammenberufen, und schickt an diesen Mann eine Gesandtschaft. Gottlieb . Das wird geschehn. – Bauer, Du sollst Dank haben! Bauer . Soll ich? – Nun, das ist schön. Gottlieb . Ich bedanke mich. Bauer . Und das ist der Dank? Gottlieb . Allerdings. Bauer . Welch ein wetterwendisches Ding doch unsre menschliche Sprache ist! – Bei uns heißt das Ding da gar nicht Dank. Gottlieb . Nicht? Bauer . Bewahre! Wer wird die schönsten Wörter so mißbrauchen. Gottlieb . Hier hast Du Geld. Bauer . Nun seid Ihr auf dem rechten Wege, fahrt so in Euren Bemühungen fort, und es soll Euch bald gelingen, unsre Sprache wie Eure Muttersprache zu reden. – Sie gehn ab.     Saal. Nestor , Leander . Nestor . Nein, Herr Leander, nimmermehr werde ich mich dazu bekehren lassen. Leander . Aber was macht Dich denn so stetig? Nestor . Was? – Wahrhaftig nichts anders, als meine gesunde Vernunft. Das kann ich nimmermehr glauben, daß Ihre Grundsätze der Kritik mehr werth wären, als alle Dichter, die Sie darin loben oder tadeln. Leander . Aber höre mich doch nur an. Nestor . Ich mag gar nichts weiter hören, es klingt mir gar zu unvernünftig. Leander . Durch dergleichen Grundsätze kömmt man ja endlich dahin, vortreffliche Gedichte zu schreiben. Nestor . Und diese dienen doch auch nur wieder dazu, daß man Grundsätze darüber schreiben kann? Leander . Je nun, das ist wohl wahr, aber man kömmt doch so immer weiter. Nestor . Wohin denn endlich? Leander . Dahin, – dahin, – versteh, wenn die Menschheit erst ganz vollkommen ist, – daß man am Ende gar keine Gedichte mehr braucht. Der Arzt kömmt. Arzt . Wie geht's? Leander . O Freund Nestor ist in der allerhöchsten Raserei. Arzt . Wie kömmt das? hat die Medicin nicht gewirkt? Nestor . Sie sind ein Narr, Herr Doktor! Arzt . Wie? – Ganz gewiß bricht die Epidemie nun aus, ich fürchte, der ganze Hof wird angesteckt. Nestor . Wollte Gott, so würde doch diese langweilige Sorte von Verstand aufhören, so gäng und gebe zu sein. Leander . Nun hören Sie nur die Raserei an! Gottlieb kömmt. Gottlieb . Was giebt's hier, Leute? Arzt . Der Bediente des Prinzen ist auch schon übergeschnappt. Gottlieb . Das greift auf die Art um sich. – Nun, habt nur Geduld, Leute, wir wollen uns einen Zauberer, einen Mann mit Eselsohren verschreiben, der soll Euch alle kuriren. – Geht ab. Arzt . Sollte es so weit kommen? – O Himmel! so danke ich dir auf den Knien, daß ich kein großer Hexenmeister bin. Ab. Leander . Nun wird an ihm ein Exempel statuirt werden, mein Freund. Nestor . Wie so? Leander . Er wird nun öffentlich müssen Abbitte thun, daß er dumm gewesen ist. Eine Kirchenbuße, die ihm gar nicht schadet. Geht ab. Nestor . In meinem Kopfe ist mir seit heute früh ganz anders zu Muthe, das ist wahr, aber warum das nicht eben so gut soll Verstand sein können, begreife ich nicht. – Ab.     Großes Gericht. Gottlieb , als Vorsitzer, die Räthe , Hinz , Lysippus , Simonides . Gottlieb . Ich habe Euch nun den Brief meines benachbarten Bruders und Königs vorgelesen. Räthe . Ja, mein König. Gottlieb . Und Ihr habt den Inhalt verstanden und begriffen? Räthe . Ja, Ihro Majestät. Gottlieb . So ist der Mann nach meiner Meinung nicht gänzlich zu verachten, der solche Wunderkuren vorzunehmen im Stande ist. – Räthe . Gewiß nicht. – Gottlieb . Geht also Ihr, unser getreuer Lysippus, mit unumschränkter Vollmacht, und nehmt den Simonides als Euern Legationssekretär mit Euch. – Eure Bemühungen seien gesegnet – Lysippus und Simonides ab. – Und nun ist die Sitzung aufgehoben. – Sie gehn ab.     Dritter Akt. Das Innere der Höhle des Polykomikus. Der Jäger als Chor, der aus einer Art von Kamin herauskriecht . Da sind wir in der Höhle des berühmten Herrn Polykomikus, des Zauberers. Ich komme durch's Kamin und gebe mir Die Mühe, Euch ein Wörtchen noch zu sagen. Doch muß ich kurz sein, denn er kömmt nun bald, Und fänd' er mich, so gält' ich ihm als Dieb, Er könnte meine Tugend sehr bezweifeln. Es diente mir nicht zur Entschuldigung, Daß ich sein Haus nur habe nutzen wollen Mit Euch, Geehrteste, zu konversiren: Er meint, er habe nur allein das Recht, In seinem Zimmer hier zu sprechen. Sagt, Doch ohne Spaß, verstehet Ihr wohl Spaß? Und wenn Ihr ihn von Herzen liebt, so müßt Ihr hierauf doch mit Ernste Antwort geben, Denn sonst ist es mit der Versichrung Spaß. Es ist nicht das, daß Ihr wohl gerne lacht, Und manchmal abgeneigt dem Ernste seid, Daß Ihr das Leben in zwei Hälften theilt Und lacht, damit der Ernst Euch wieder schmeckt: Habt Ihr's schon je versucht, den Scherz als Ernst Zu treiben, Ernst als Spaß nur zu behandeln?         Mit Leiden         Und Freuden     Gleich lieblich zu spielen         Und Schmerzen         Im Scherzen     So leise zu fühlen,     Ist wen'gen beschieden.     Sie wählen zum Frieden     Das eine von beiden,     Sind nicht zu beneiden.     Ach gar zu bescheiden     Sind doch ihre Freuden     Und kaum von Leiden         Zu unterscheiden. – Drum nehmt die Sachen nicht zu ernsthaft, doch Auch wiederum zu spaßhaft nicht, denn jenes Bekannte utile dulci, diesen Syrup, Der von Catarrhen uns erlösen soll, Trefft Ihr bei uns in Vers und Prosa nicht. (Durch uns versteh' ich mich und auch den Dichter) Ihr werdet nebenher wohl merken, daß Zur Handlung dieses Stücks ich nicht gehöre, Denn Handlung wünscht Ihr doch: ich bin im Namen Von Euch Zuschauern da, und wo Ihr seid Da bin auch ich: ach! bessert Euch, ich flehe, Ja bessert Euch, und nehmt an mir Exempel. Ich war, wie Ihr, in meinen bessern Tagen Zuschauer einst, bei einem bessern Stücke, Als dieses ist: ich saß und schüttelte Oft mit dem Kopf und machte weise Mienen, Nichts war mir recht, bald hatt' ich dies bald jenes Zu tadeln, und die ärmlichste Verachtung War zur Verachtung mir nicht tief genung, Um damit jenen Dichter zu bestrafen: Doch kaum war nun das Stück beendigt, siehe, So zeigte sich der Zorn der Götter, (Freunde, Ihr glaubt doch Götter? thut's um Gottes willen!) Sie legten mir zur schweren Strafe auf Als Chorus durch dies lange Stück zu wandeln, Prologus und Epilogus zu werden, Um Euch zum günst'gen Mitleid umzudrehen; Erbarmt Euch, laßt Euch doch das Stück gefallen, Sonst muß ich noch im andern Buße thun. Und trotzet nicht auf Eure Sicherheit, Daß Ihr nicht auch an Euch und Euren Kindern Die Schmach erlebt, daß sie als Chor, daß sie Als Epiloge wandern: seht, ich darf Beileibe nicht in's Stück hinein, und drum Adieu! denn hier kömmt schon der Zauberer. Ab.     Polykomikus tritt mit seinem Stabe ein und spricht: Ein Zaubrer bin ich, Polykomikus genannt, Und weit und breit bei Fürsten wohl bekannt, Ich that nach meiner alten Weise So eben eine weite Reise, Da wär' ich endlich wieder hier zu Haus, Und warlich, ich geh' nun in langer Zeit nicht aus. Beim Kuckuck! ja! (doch still, ich will nicht fluchen) In drei Jahrhunderten will ich Niemand besuchen. Es ist beim Zaubern doch kein ächter Segen, Drum will ich das Gewerb bei Seite legen. Die Einsamkeit soll mir recht schön bekommen, Ich habe lange nicht Arznei genommen, Der neuste Tiefsinn liegt noch ungelesen, Ich lasse von der Dummheit andre genesen, Und bleibe selbst ein Narr, ein dummer Teufel, Die Menschenliebe geht zu weit, das ist kein Zweifel Voll Staub sind meine Bücher und mein Tisch Und nirgends seh' ich einen Flederwisch.         Er wischt mit seinen Ohren den Tisch ab. Nun an's Studiren rasch hinan, So wird aus mir vielleicht ein ganzer Mann; Es ist nur um eine kleine Müh, So ist man baldigst ein Genie, Daß man im Stande ist, Gesetze vorzuschreiben, Und wie man will, sein Wesen dann zu treiben; Ein Zaubrer bin ich nur, weil man muß was erwerben, Denn sonst müßt' ich ja warlich Hungers sterben, Durch dies Gewerbe kann ich unabhängig leben Und unermüdet nach den Wissenschaften streben: So will ich denn nur frisch studiren, Es muß ja doch zu etwas führen. – Er setzt sich nieder und vertieft sich in den Wissenschaften.     Wildverwachsner Wald. Lysippus , Simonides . Lysippus . Da sind wir nun in der Wildniß. – Simonides . Ja, in der wildesten, die ich noch gesehn habe. Lysippus . Muß sich Weisheit denn so abseits thun? Simonides . Die Einsamkeit muß ihr doch gut bekommen. Lysippus . Zum Henker noch einmal, wir werden wie die Narren herumgeschickt und haben nicht einmal freie Post bekommen. Simonides . Ja, keine Station erstreckt sich bis hieher. Lysippus . Und sieh nur, nirgend seh' ich Häuser. Simonides . Oder Menschen. Lysippus . Ja nicht einmal Bauern. Simonides . Was nun ein Gesandter wohl hier machen soll? Lysippus . Hier sollen wir nun unser Geld verzehren. Simonides . Wenn man noch fragen könnte, wo der Weg hinginge! Lysippus . Oder herkäme. Simonides . Hier ist gar kein Weg. Lysippus . Nichts als Bäume, Sträucher, Felsen, verfluchtes Unkraut. Mir fallen lauter Sterbegedanken ein. Simonides . Aber Sie haben ja die Vollmacht bei sich. Lysippus . Was kann die uns hier nutzen? Simonides . Aber das königliche Siegel. Lysippus . Nehmt doch nur Vernunft an, Herr Sekretär, die Bäume können ja nicht lesen. Simonides . Verdient's denn aber der Prinz, daß man sich seinetwegen in diese Todesgefahr begiebt? Lysippus . Ach, was kann er verdienen! Wir sind ausgebildete Menschen und vollendet; es ist aber noch ungewiß, was, trotz aller Zauberei, trotz unsrer Aufopferung aus ihm wird. Simonides . Wenn wir nur einen Compaß mitgenommen hätten, daß wir wüßten, in welcher Weltgegend wir uns befänden. Lysippus . Kann man das an solchem Dinge sehn? Simonides . Ohne Zweifel. Lysippus . Ich dachte, er wäre nur auf der See zu gebrauchen. Simonides . Wenn wir so überzwerch plötzlich in Amerika hineingeriethen, oder in einen andern fremden Welttheil. Lysippus . So könnten wir bei der Gelegenheit eine neue Straße Davis entdecken. Glaubst Du denn auch, daß die Pole eingedrückt sind? Simonides . Man sagt's. Lysippus . Wenn uns unsre Gelehrsamkeit nur aus der Irre helfen wollte. Simonides . Was geht denn da? Lysippus . Gottlob, ein heiliger Einsiedler, der seinen Rosenkranz abbetet. – Waldbruder . Vergieb uns unsre Schuld, wie wir vergeben. – Gewiß, ein schöner Wunsch; o wenn die Seele Nur immer die magnet'sche Kraft empfände, Die sie zum Himmel zieht: doch rückwärts zieht Die Erde und so schweben wir im Zweifel Und wissen nicht, wofür wir uns entscheiden. O laß uns los, du unbarmherz'ge Erde, Damit die Seele ihre Flügel prüfe, Im klaren Element des Lichtes webe, Und sich dem Aether, ihrer Quelle, nahe. Lysippus . Seid uns gegrüßt und erlaubt, daß wir Euch in Eurem Gebete unterbrechen. Waldbruder . Ich nehme Euren Gruß dankbar an. Lysippus . Ich bin ein Gesandter, ein Abgesandter, wenn Ihr die Bedeutung dieses Wortes und meine Würde versteht; – hier, seht Ihr, ist die königliche Vollmacht, – eigenhändig unterschrieben, Gottlieb simpel weg, – hier das Petschaft, – nun seht's nur an, denn so was kömmt Euch selten in die Augen. Waldbruder . Schon gut. Lysippus . Habt Ihr Euch genug verwundert, Ihr guter unschuldiger Waldbruder? – Ja und nicht wahr, Ihr findet doch, daß ich so ziemlich herablassend bin? Waldbruder . O ja. – Lysippus . Die Sitten, seht Ihr, Herr Waldbruder, verfeinern sich in unserer großen Welt von Tage zu Tage, das ist keine Uebertreibung, wir bringen es in der Menschenliebe schon ziemlich weit, und es werden alle Tage neue Sätze selbst von hoher Hand genehmigt, die vor zehn Jahren die ärgste Ketzerei waren, und darum habe ich auch mit Euch und Eurem Stande ein gewisses Mitleid. Aufgeklärt bin ich so ziemlich, um Euren Rosenkranz da gehörig zu verachten, aber Ihr seid ja auch ein Mensch und könnt nicht dafür, daß Ihr nicht mehr erleuchtet seid. Waldbruder . Freilich nicht. – Habt Ihr mir aber außerdem noch etwas zu sagen? Lysippus . Nicht viel. Wißt Ihr vielleicht, wo wohnt denn der Zauberer, – Sekretair, wie ist der verwünschte Name? Simonides , die Schreibtafel nachsehend . Polykomikus. Lysippus . Ganz recht. – Also, wo dieser Mann sich aufhält, oder wohnt. Waldbruder . Bei jener Eiche findet sich ein Fußsteig, Wenn Ihr von dort den dicksten Wald durchschneidet Und immer in gerader Richtung bleibt, So kommt Ihr endlich einem Felsen nah, Der schwarz gebrannt und wüst und traurig steht, Von oben wächst in Büschen Epheu nieder; Dort ist die Wohnung dieses Zauberers. Lysippus . Vielen Dank, mein Freund, was für eine Art von Menschen ist er denn ohngefähr? Waldbruder . Ein Riese, noch einmal so groß als Menschen, Und mürr'schen Tempraments; schon mancher suchte Mit Schaden seine mächtige Bekanntschaft. Wenn Ihr ihn nicht bei guter Laune trefft, So achtet er des Siegels und der Vollmacht So wenig als des Königs Namenszug. Oft hat er keine Lust, mit Zaubereien Sich zu beschäftgen, dann verwandelt er Sich schnell in mancherlei Gestalten: bald Ist er ein Mensch, ein Thier, ein fließend Wasser, Ein lodernd Feuer, aber immer schrecklich. Lebt wohl, ich muß zu meiner stillen Klause. Ab. Lysippus . Lebt wohl. – Das muß ja auf die Art ein rechter verruchter Kerl sein. Simonides . Sie haben den Vortritt bei ihm, ich bleibe in der Antichamber. Lysippus . Nein, Sekretair, Sie überreichen die Vollmacht. Simonides . Nein, daß ich mich dessen nimmermehr erkühnte. Lysippus . Es ist Ihre Schuldigkeit. Simonides . Ich verrichte nur den kleinen Dienst. Lysippus . Was nennen Sie den kleinen Dienst? Simonides . Die wirklichen Geschäfte. – Sie thun den großen Schein ab. Lysippus . Nimmermehr komm' ich ihm nahe. – Muß sich ein Kerl unterstehn, sich zu verwandeln, wenn man ihm des Königs Brief und Siegel zeigt? Simonides . Es ist vielleicht ein Naturfehler an ihm, für den er nicht kann. Lysippus . Ei was! – Ich dächte, wir ließen den Prinzen lieber in seiner Raserei umkommen. Simonides . Das läuft aber gegen unsre Pflicht. Lysippus . Ei was Pflicht? – Wenn mich der Riese auffrißt, so hat mein Leben und meine Pflicht zugleich ein Ende. Simonides . Aber der Patriotismus. Lysippus . Ja, daß ich doch ein Narr wäre! Jeremias tritt auf. Simonides . Was ist das für eine Mißgeburt? Lysippus . Der da? Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner. Simonides . Aber er hat einen Höcker und schielt, dabei trägt er Strümpfe von zweierlei Farbe: ganz gewiß ein Sonderling. Lysippus . Er affektirt im Gange, er will ein leises Hinken ausdrücken und es geräth ihm zu plump. Jeremias geht an ihnen vorbei, er singt :     Den Teufel kennt fast Niemand         Und wär' er noch so dick;     Das Auge sieht nicht die Hand         Und das ist großes Glück.     Sonst lebte sich's so sicher nicht     Am Tageslicht, am Tageslicht.     Die Tugend kennt ein jeder         Und wär' sie unsichtbar;     Es sucht sie keiner, weder         Bei blond' noch greisem Haar.     Drum lebt ein jeder so in Ruh     Frisch immer zu, frisch immer zu. Diese Gesellen dort scheinen mir ein paar Narren zu sein. – Gute Jagd, wenns Glück will. Lysippus . Was hat uns der Himmel an Euch beschert, Kohlenbrenner, einen Freund oder einen Esel? Jeremias . Beides, meine hochgeehrtesten Herren. – Wollt Ihr mich vielleicht sprechen? Lysippus . Das wäre auch der Mühe werth gewesen, so weit darnach zu reisen. Jeremias . Warum nicht? – O Gott, mich besuchen viele Leute, Leute aus allen Ständen; nach meinem Herrn wüßt' ich keinen, der hier in der Wildniß so viel gälte. Lysippus . Wer ist Dein Herr? Jeremias . Ich kennt meinen Herrn nicht? o da seid Ihr übel dran. – Kennt Ihr den großen Mann, den größten Mann, den Polykomikus nicht? Lysippus . O den kennen wir sehr gut, zu ihm wollen wir eben. Jeremias . O welches Glück, daß wir uns also angetroffen haben, denn ich bin sein Thürsteher, sein armer unwürdiger Bedienter, sein Aufwärter, einer, der Schüssel und Teller für ihn abwäscht, der die Stuben ausfegt und seine Schriften abschreibt, sie ihm auch zuweilen erklärt, wenn er sie wieder vergessen hat. Des Sonntags halte ich ihm eine Predigt, damit ich ihm doch auch für seine Seele nützlich bin, ich singe aber den Kanzelvers selber vorher, damit er nicht den Aufwand mit einem Küster zu bestreiten hat, denn Sparsamkeit ist doch die erste Tugend in der Welt. Lysippus . Was haben wir hier in der Wildniß für einen Polyhistor aufgegriffen. Simonides . Ein großer und ein überaus praktischer Mann. Lysippus . Er ist leicht mehr werth, als sein Herr. Jeremias . Außerdem hab' ich auch das Thürstehen aus dem Grunde studirt, und so leicht einem diese Wissenschaft im Anfange vorkömmt, so viele und große Schwierigkeiten zeigen sich doch hernach; man kann nachher kaum an die Bescheidenheit mehr zurückdenken, wenn man es erst weit gebracht hat. Lysippus . Excentrisch scheint Er mir doch. Jeremias . Vielleicht gar verrückt. Lysippus . Verrückt nun wohl eben nicht, denn dazu müßten wir noch mehr psychologische Merkmale sammeln. – Von welcher Art ist denn Dein Herr? Jeremias . O er ist unvergleichlich. So sanft wie ein Kind, so liebreich wie eine Taube. Lysippus . Man beschrieb ihn uns als einen Kannibalen. Jeremias . Nun ja, so wird die Tugend gelästert: glaubt keine Sylbe davon, Ihr meine verehrungswürdigen Herren; selbst der Satan spricht von meinem Herrn Gutes, also laßt Euch dadurch nicht irre machen. Lysippus . Nun, so wollen wir denn gehn. Jeremias . Habt Ihr vielleicht Briefe an ihn? Lysippus . Ja, hier ist eine große königliche Vollmacht. Jeremias . Zeigt doch. – Ei, recht hübsch geschrieben, und schön gesiegelt: Ihr führt einen Affen im Schilde? Lysippus . Ja, allerdings. Jeremias . Nun das ist brav von Euch. – Wollt Ihr hier diesen Fußpfad einschlagen? – Ich will Euch folgen. – Sie gehn, er hinter ihnen und verwandelt sich plötzlich in einen großen Vogel. Lysippus , ohne sich umzusehn . Ist es noch weit? Jeremias , schnarrend . Gar nicht. Lysippus , sich umsehend . Was Teufel haben wir denn hier? Wer seid Ihr? Jeremias . Der Eulenkönig. Lysippus . Wer? Jeremias . Könnt Ihr nicht gut hören? – Eulenkönig! Simonides . Was ist das? Jeremias . Ein Mann, der über die Eulen herrscht. Lysippus . Wo ist der Kohlenbrenner geblieben? Jeremias . Kohlenbrenner? Ihr ras't, ich spreche schon eine halbe Stunde mit Euch und Ihr habt mich ja gebeten, Euch zum Polykomikus zu führen, der Euch fressen will, da Ihr den Weg nicht wüßtet. Lysippus . Simonides! Simonides . Herr Ambassadeur! Lysippus . Wenn ich schlafe, so gebe ich Dir die Erlaubniß, mich aufzuwecken. Simonides . Wen ich nicht träume, so wachen wir. Sie stehn in tiefen Gedanken. Jeremias verwandelt sich in seine erste Gestalt . Nun, wollen wir nicht gehn, meine Herren? Beide . Sieh da! – der Thürsteher! Lysippus . Kohlenbrenner, so eben kam mir's vor, als wenn ein Eulenkönig mit uns ginge. Jeremias . Ei, welche Schwärmereien! Simonides . Nein, gewiß. Jeremias . Ei, schwören Sie doch nicht, es giebt gar keine Eulenkönige. Ich bin Ihnen nicht von der Seite gegangen. Gehn Sie nur zu, es wird spät. Sie gehn, er verwandelt sich in einen großen Affen. Hallu! hallu! Lysippus . Was giebt's, Herr Thürsteher? – O ach! Simonides! Simonides Lysippus! Lysippus . Mir vergehn die Sinne, – aller Verstand. – Hundert gegen eins, ich werde toll. Jeremias , stotternd . Ha – habens ni – nicht den Eu – Eu – Eu – Eulenkönig gespro – sprochen? Lysippus . Eulenkönig? Jeremias . Ich bin sein Haushofmeister, – Aff, Gras – Grasaff, sonst auch genannt Grasemücke, sing' liebliche Lieder; neh – nehm sich vor dem Kohlenbrenner in Acht: er ist ein Verräther!     La – la – la – lacht doch,     Wa – wa – wa – wacht Ihr noch?     Tu – tu – tu – tummle dich,     Verstand, – o – sa – sa – sammle dich. Als Eule. Jup! wohin meine Herren! Als Affe. Wa – wa – warum lacht Ihr nicht? Als Jeremias. Meine Herren, wir kommen zu spät. Lysippus Warum soll ich mich länger geniren? Fängt an zu singen:         Toller und toller!         Voller und voller                 Mein Gehirn;         Dieser Koller         Ach was soll er                 In der Stirn? Simonides .     Auf! auf! zum lustigen Reigen!     Laßt Kuckuck und Gänserich schweigen,     Die Fiedel klinge darein. Beide .     Lustig zum jauchzenden Reihn,     Vernunft soll niemals, niemals unter uns sein. Jeremias , singend .             Wie sie schwärmen!             Wie sie lärmen!             Immer dreister,             Lieben Meister!     Künftig wird's Euch gar nicht fehlen     Am Hofe alle Gunst zu stehlen. Alle drei mit Tanzen .             Juchhei, hopsasa!             Dalderei, hopsasa;             Immer zu             Ohne Ruh,             Hopsasa             Ja, ja,             Nichts als hopsasa! – Sie schwärmen ab.     Höhle des Polykomikus. Polykomikus . Jeremias! – Ich bin so müde, denn – meine Schriften – eine gewisse Langeweile ist doch warlich immer mit geistreicher Gründlichkeit verbunden. – Ich habe heut in meinem besten Buche zu viel und mit zu großer Freude gelesen. – Jeremias! Jeremias tritt auf. Polykomikus . Hast Du das Bett schon gemacht, Bedienter? Jeremias . O ja, gnädiger Herr. Polykomikus . Was ist Dir, Du siehst so schalkhaft aus, Du hast gewiß wieder einen Streich ausgeführt? Jeremias . O mein Herr, alle Ribben thun weh Vom entsetzlichen wilden Gelache: Kommt Euch Volk aus der Stadt Euch zu sehn, Wollen Rath, und nun fragen sie mich Voller Weisheit und sind Psychologen; Bin erst ernst und kirre sie mir, Laß sie treu dann mir alles erzählen: Dann beginnt unvermerkt mein Gespött, Jener alte sehr liebliche Spaß: Bin bald Vogel – bald Aff' und dann Mensch, – Ach sehr bald ward der Rest des Verstands Wie gestoben so weit in die Luft: Und nun tanzen und schwärmen sie rasend Immer wilder und wilder dahin, Alle Bäume stehn da voll Erstaunen, Alle Felsen betrachten verwundernd Dieses Chor, das so toll da herumschwärmt: Und nun lass' ich sie dort in dem Wald Und Ihr eigen Gelächter hält munter Diese Narren, sie taumeln noch immer Von Gesträuch zu Gesträuch und betrachten Bald den Himmel, die Erde, die Luft Und belachen wie toll was sie sehn: Auf ein Jahr ist der Ernst für sie todt. O mein Herr, könnt Ihr Euch denn was Lustigers denken? Polykomikus . Du bleibst doch immer der Alte. – Gute Nacht. Er geht in seine Schlafkammer. Jeremias . Gute Nacht. – Jetzt zum Abendsegen. Er setzt sich zum Lesen nieder.     Dorus Landhaus. Helikanus allein . Ich kann nicht ruhn, die Sorge treibt mich früh, Noch ehe die muntre Sonn' vom Schlaf erwacht, Von meinem Lager. – O wie wechselnd ist Doch mein Gemüth, so wandelbar, veränderlich Ist nichts mehr in der weiten Welt: denn bald Bin ich so glücklich, so von Herzen froh, So in mir selber groß, daß ich mit Frechheit Die Sterne pflücken möchte, und wie Blumen Zum Kranze für mein Haupt zusammen flechten. Ein Augenblick, so wechselt diese Flut, Sie tritt zurück und macht das Ufer nackt, Und ärmlich dünkt mir dann mein ganzes Innre: Dann könnt' ich mit dem Bettler tauschen, sterben, In ferne, niebesuchte Höhlen kriechen, In ewiger Betrachtung meines Jammers Ein langes quaalenvolles Leben schmachten: Dann seh ich ihren Blick, ein Lächeln grüßt Den eingekrümmten Geist und alles ist Vergessen, mir gehört die ganze Welt. – Bald kömmt das Bild der göttlichen Kleora Und geht an mir mit ernstem Schritt vorüber: O dann versink' ich tief, die Erde weicht Vor meinen Füßen und ich taumle trunken; Jetzt denk' ich, wie Kleora lächelte Und Lila's Lächeln ist kein Lächeln mehr, Und sie steht arm und dürftig bei der Pracht, Die Strahlen aller Sonnen gehn mit jener Und Lila bleibt in trüber Dunkelheit. Dann sag' ich wieder: nein, wie Lila war Noch nie ein Mädchen; diese Huld und Milde, Dies Himmlische in ihrem sanften Auge, Der stille Glanz der Lieblichkeit, die sich In keine harten Worten fesseln läßt, – O welche Quaal in dem verwirrten Busen! Lila tritt auf. Lila . Hört Ihr wohl, wie die Lerche singt? Helikanus . O ja, liebe Lila. Lila . Ihr seid immer früh munter, die Leute aus der Stadt schlafen sonst gern länger. Helikanus . O wer kann schlafen, der an Lila denkt? Lila . Ihr fangt schon wieder an. Helikanus . Höre mich. Lila . Ich darf nichts hören. Helikanus . Bist Du so grausam? Kannst Du es mit dieser Bildung sein? Lila . Ihr wißt nicht, was Ihr wollt, und darum muß ich so sein. Helikanus . Du bringst mich zur Verzweiflung. Lila . Dahin bin ich durch Euch schon längst gekommen. Helikanus . Warum bist Du so liebenswürdig. Lila . Warum seid Ihr, – doch, ich will schweigen. Ich mag Euch nichts Hartes sagen. Helikanus . O sag es, was kümmern mich die Worte, wenn Du mein Herz zerreißest. Lila . Ich kann Euch nicht lieben, ich kann nicht; was quält Ihr mich und Euch? – Soll ich von Kleon lassen? Ihr seid rasend, wenn Ihr es fordert; ich bin schlecht, wenn ich ihn vergesse. Soll ich schlecht, wollt Ihr wahnsinnig sein? Helikanus . O Lila! Lila . Lebt wohl. – Sie geht ab. Helikanus . Und was soll ich ihr nun sagen? – Ich kann nicht fort, ich kann nicht bleiben. Mein Herz will im Busen zerspringen und doch hat sie Recht. – O ja, aber es ist Unsinn, Raserei, hier von Recht und Unrecht zu sprechen, nur daran zu denken. – Ich will in den tiefsten Wald gehn und mich vor meinen Gedanken verbergen, oder sie recht liebevoll um mich her versammeln; der Krieg der widerstreitenden Gefühle wird von neuem beginnen. – Ich wollte, ich wäre todt, dann würde Lila meinen Verlust und meine Liebe fühlen. – Geht ab.     Wald. Vor der Höhle des Polykomikus. Jeremias sitzt, an einen Felsen gelehnt, und liest aufmerksam in einem Buche. Jeremias . Die Sonne geht schon auf, da ist es gerade die rechte Zeit, um seinen Geist zu beschäftigen. Satan tritt aus dem Walde heraus. Satan . Nun Jeremias, wie geht es Dir? Jeremias . O unterthänigster Knecht, gut, Ihro Excellenz aufzuwarten. Satan . Was liesest Du denn da mit so vieler Anstrengung. Jeremias . Ein recht gutes Buch, das den Titel führt: religiöse Morgenbetrachtungen. Satan . Du kehrst Dich ganz um, mein lieber Freund, Du wirst mir gar zu fromm, ein wenig kann der Heuchelei wegen nicht schaden, und das thu' ich wohl selber, aber zuviel davon ist ungesund. Jeremias . Wie man es nimmt, hochzuverehrender Herr Satan, nachdem man es genißt. Und warum sollen wir denn immer so ruchlos in den Tag hineinleben? Dabei kömmt doch auch nicht viel heraus. Satan . Freund, Du ärgerst mich, daß Du Dich nach und nach so gänzlich verwandelst. Jeremias . Der Verstand kömmt einem erst mit den Jahren, das ist einmal so im Laufe der Natur und es ist nicht zu ändern. Sehn Sie, unbegreiflich ergötzen mich diese Morgenbetrachtungen, der Aufgang der Sonne und das Entzücken und Erwachen der Natur ist recht poetisch beschrieben, und so sitz' ich nun hier und vergleiche so wie die Sonne höher steigt, Zug für Zug die Copie mit dem Original. Ich lerne daraus ganz klar, auf welche Art man nimmermehr den Morgen beschreiben sollte, und damit ist doch bei alle dem schon vieles gewonnen. Satan . Es ist aber doch immer religiöse, und das Wort ist mir in den Tod verhaßt. Jeremias . Im Grunde besagt es nur der Titel so, denn wenn man es religiöse liest, freilich so ist es, dann sind aber auch alle Bücher religiöse. Satan . Seit wann bist Du denn so spitzfindig geworden? Jeremias . Ach gnädiger Herr Satan, man sucht doch seine Seele auf alle mögliche Art auszubilden. – Wie geht es denn sonst mit Ihren Projekten? Satan . Ich habe sie ganz und gar aufgegeben und lebe nun nur so in den Tag hinein; so lange man noch nicht über die Plane hinaus ist, ist man noch nicht weit gekommen. Jeremias . Das sag' ich auch immer, besonders für einen Dichter, wie Sie sind. Satan . Du nennst mich einen Dichter? Jeremias . Den ersten Tragödiendichter in der Welt, hochzuverehrender Herr. An Dero Planen ist vielleicht nur das auszusetzen, daß sie alle zu sehr aufs Gräßliche hinauslaufen. Es fehlt hin und wieder die schöne Simplicität der griechischen Tragödie. Satan . Wie meinst Du das? Jeremias . Sie fangen es mit einem Worte zu teufelmäßig an, zu satanisch, zu höllenbrändisch: freilich macht es Effekt, aber, bester Herr, Sie gerathen zu oft in's Manierirte. Die reine Schönheit, Herr Satan! die reine Schönheit, das ist's, wonach wir ein Trachten empfinden. Satan . Ich glaube Du bist rasend geworden. Ein Dichter! lieber gar ein Verliebter! – Was macht Dein Herr? Jeremias . Immer noch der Alte, der Wohlthäter des Menschengeschlechts. Satan . Hat er sich das noch nicht abgewöhnt? Jeremias . Ganz versessen ist er darauf, es wird mit jedem Tage ärger. Satan . Er schläft wohl noch? Jeremias . Wenn er nicht studirt, gewiß. Satan . Ruf ihn doch, ich möchte ihn wohl wieder einmal sprechen. Jeremias . Belieben Sie nur zu klingeln, so kömmt er von selbst. Satan . Es wird mir wohl um's Herz thun, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehn. Er klingelt. Polykomikus mit der Nachtmütze aus dem Fenster. Polykomikus . Will mich ein Fremder kennen lernen? Jeremias . Der Herr Satan wollten gern das Vergnügen haben. Satan . Nun wie gehts, Du alter Kalmäuser? Du Stubensitzer? Was für neue Gedanken hast Du mit Deinem Kopfe herausgebracht? Polykomikus . Sehr höflich die Mütze abnehmend. Meinen Sie mich, mein Werthgeschätztester? Satan . Mich? Wen sonst, Du Eselsgesicht? Ich glaube Du spielst den Hofmann auf Deine alten Tage? Polykomikus . Mit wem hab' ich denn die Ehre zu sprechen? Satan . Ei so stell Dich, Hans Hasenfuß! – Die Rolle kleidet Dich sehr schlecht. Polykomikus . Mein Werther, ich hatte erst die Absicht, Sie mit Humanität zu überwältigen; aber ich sehe wohl, daß das die Perl vor die Säue werfen hieße; Sie werden es also nicht ungütig nehmen, wenn ich nunmehr das Rauhe herauskehre. Satan . Mir so zu begegnen. Polykomikus . Ja Niemand anders als Ihnen, gerade Ihnen, weil Sie es sind. Ich wollte unsern ehemaligen Umgang auf eine höfliche Art abbrechen, aber jetzt seh' ich mich genöthigt, Ihnen ohne weitre Umstände mein Haus zu verbieten. Satan . O mein Lieber, wenn Er ohne den Satan leben kann, so ist das gut für ihn, deswegen braucht er noch nicht so den Renommisten zu spielen. Polykomikus . Wenn man sich auf die Moral applizirt, so wie ich gegenwärtig thue, so kann man Sie füglich entbehren. Mein bester Herr Satan, ich muß Ihnen gestehn, daß alle Leute von Ihnen sagen, Sie wären ein unmoralischer Bursche. Was für Teufeleien fangen Sie in unserm Jahrhundert an! Mit einem Wort, ich will nichts mit Ihnen zu schaffen haben. Er wirft das Fenster zu. Satan zornig . Du undankbarer Knauser! Tugendschelm! Vergiltst Du so, was ich für Dich gethan? Wer wars, der Dir zuerst der Menschen Zutraun Und ihre tölpische Verehrung schenkte? Wer, Charlatan, bekenn' es, war der Mann, Der Dich zuerst den Gründlichen genannt? Wer brachte Dich in Ruf des Weitbelesenen? Wer schlug die andern mit ägyptscher Blindheit, So daß sie glaubten, daß Dein bischen, wen'ger Als bischen Gucken wirklich Sehen sei? Kam nicht ein Potentate nach dem andern, Ja Adel, Mittelstand, und Bauernwelt, Bei Dir, Unwissenheit, sich Raths erholen? Um Dich zu stürzen brauch' ich Dich nicht dümmer Zu machen, andre nur ein wenig klüger, Und warlich, dies geschieht heut Nachmittag. Wenn dann die Welt ihr Mittagsschläfchen hält, Soll jeder sich nachher die Augen reiben, Hinweg den Aberglauben treiben. Jeremias . Sie erhitzen sich. Satan . Und Du, Bedientenbrut jener Undankbarkeit! – Was soll ich zu Dir sagen? Jeremias . Alles, was Ihnen gefällig ist. Satan . Aber ich bin ein Thor, daß ich mich so ärgre. Jeremias . Mein Herr hat sich ganz verändert, das ist wahr, aber ich dachte, Sie wüßten das schon. Satan . Ist es nicht wahr, Jeremias, daß er mir alles zu danken hat? Jeremias . Vollkommen alles, ja mehr als alles. Satan . Ich habe ihm Vorschub in allen Wissenschaften gethan, ich habe das Schulgeld für ihn bezahlt, ich habe so viel an ihn gewandt, – und nun begegnet er mir so? Jeremias . Er meint nun, er stehe auf seinen Beinen fest genug. Satan . Schon gut, – Du wirst sehn, wie sich das in Kurzem ändern wird. Geht ab. Jeremias . Wird der alte Kerl nicht ganz kindisch? Wenn der Teufel erst die Sachen so ernsthaft nimmt, so ist wenig Freude mehr in der Welt zu hoffen. – Der Mann ist gar nicht mehr, was er in der Jugend war: so gar verdrießlich habe ich ihn noch nie gesehn. – – Aber da hat er mich nun in den Morgenbetrachtungen unterbrochen. Er fängt wieder an zu lesen. Lysippus und Simonides treten unter lautem Lachen auf. Lysippus . Ha ha ha! – Legationssekretär, ich wollte, daß der Teufel dies verfluchte Lachen holte, ha ha ha! Simonides . Ha ha ha! – Ja, wenn Sie nur wenigstens Ihren Witz unterdrücken wollten. Ha ha ha! ich komme um vor Lachen, ha ha ha! Lysippus . Ein guter Einfall! ha ha ha! Simonides . Ha ha ha! Aber auf Ehre, ha ha ha! Ihre Excellenz, kein Einfall, ha ha ha! Es ist mein Ernst, ha ha ha! Lysippus . Sekretär, – ha ha ha! Laßt das Spaßen, ha ha ha! sonst werde ich böse! ha ha ha! Simonides . Böse? ha ha ha! Lysippus . Ha ha ha! Ihr habt gut Lachen, ha ha ha! – aber ich gebe Euch den Abschied. Simonides . Ha ha ha! Lysippus . Ha ha ha! Sie lachen. Simonides . Sieh, ist das nicht – ha ha ha! Lysippus . Ja, ist das nicht – ha ha ha! Jeremias betrübt . Meine Herren, darf ich die Ursach wissen, warum Sie mich auszulachen belieben? Lysippus . Ha ha ha! Bist Du nicht, Kerl, – Eulenfürst? ha ha ha! Simonides . Und dann wieder, – ha ha, – o es ist zum Todtlachen, ha ha ha! Jeremias weint . O meine Herren, ein tugendsames Gemüth verdient gewiß nicht, daß es den Leuten so zum Spott wird. Lysippus . Ha ha ha. Wer spottet denn? Simonides . Hast Du uns nicht vexirt? ha ha ha! Jeremias . Vexirt? daß ich nicht wüßte. Lysippus . Als Gespenst, – und Vogel, ha ha ha, – und Bedienter und Küster, – ha ha ha! Jeremias . Ach lieber Herr, ich habe hier meine Morgenandacht in aller Seelenruhe gehalten. Lysippus . Der Kerl scheint bei alle dem unschuldig. Ha ha ha! Simonides . Unschuld! eine ungeheuer lächerliche Idee! Lacht überlaut. Jeremias . Meine Herrn, Sie kommen gewiß aus der Stadt? Lysippus . Getroffen! ha ha ha! Jeremias . Sie sind ausnehmend vergnügter Complexion. Simonides . Noth lehrt beten. Ha ha ha! Lysippus . Noth bricht Eisen. Ha ha ha! Polykomikus aus der Höhle. Polykomikus . Was giebts denn hier zu lärmen und zu lachen? Ich kann da drinne keinen Gedanken beisammen behalten! Lysippus . Gedanken! ha ha ha! Polykomikus nachäffend . Ha ha ha! Was ist denn bei einem Gedanken zu lachen! Simonides . Das weiß ich auch nicht, Herr Gesandter, ha ha ha! Polykomikus . Und tadelt ihn und fällt in dasselbe Laster! Simonides . Laster! ha ha ha! Lysippus . Ha ha ha! Wie kann man nur über Laster lachen? Polykomikus . Jeremias! Jeremias . Sie lachen über alles. Lysippus . Sieh, sieh, Sekretair! – die Eselsohren! ha ha ha! Simonides . Wie ehrwürdig! ha ha ha! Polykomikus geht ab. Jeremias . Meine werthesten Freunde, mein Herr ist gewiß böse, daß er so still wieder in's Haus geht. Mäßigen Sie sich ja, sonst könnte Ihnen ein Unglück begegnen. Lysippus . Mach mich nicht mit Unglück zu lachen! ha ha ha! Polykomikus kommt mit einem ungeheuern Besen zurück. Simonides . Was wollt Ihr, Prophet? Polykomikus . Den Unrath hier, als Euch, von meiner Thüre fegen, Der meinem Hause sonst fast zu beschwerlich wird: Jetzt, denk' ich, soll sich wohl das dumme Lachen legen, Auch laßt Ihr's künftig wohl, daß Männer Ihr vexirt, Die, wenn's nach Würde ging, das ganze Reich regierten, Den Scepter durch die Bank von ganz Europa führten. O Freunde, lernt doch erst, was Schmuck der Ohren sei! Dem Kenner warlich nur, steht nur zu spotten frei; Ihr scheint mir Beide nur zwei junge Dilettanten, Die sich bis dato noch den Schnabel nicht verbrannten, Doch seht: Ihr Bübchen kommt bei mir just unrecht an, Euch zu bestrafen bin ich straks der rechte Mann. Er fängt aus Leibeskräften an zu fegen. Lysippus und Simonides fliegen mit Staub und Laub in der Luft umher. Lysippus . Gnade! Gnade! Simonides . Wir fliegen in der Luft. Lysippus . Fegen Sie uns nicht aus der Wüste heraus. Simonides . Das Lachen ist an uns nur eine Naturmerkwürdigkeit. Lysippus . Nicht angeboren. – O ich bin ganz mit Staub bedeckt! Simonides . Dies Lachen entsteht nicht aus vernünftiger Ueberlegung, – stellen Sie das Fegen ein. Lysippus . Es ist nichts weniger als ein Prüfstein der Wahrheit, – drum Barmherzigkeit! Polykomikus . Nun will ich aufhören. Seid Ihr nun bekehrt? Lysippus . Ich habe alle Taschen voll Staub. Polykomikus . Seid Ihr nun vernünftige Leute? Simonides . Aufzuwarten, ich kann nicht aus den Augen sehn. Polykomikus . Nun sprecht. Lysippus . Das Lachen haben wir auf Ehre erst hier in der Wüste bekommen. Polykomikus . Warum lach' ich denn nicht? Simonides . Sie sind die Luft gewohnt. Polykomikus . Redet. Lysippus . Ach, das Fegen hat mich zu sehr mitgenommen. Polykomikus . So ist die Spreu nunmehr vom Waizen gereinigt. Simonides . Ich habe Athem und Stimme verloren. Polykomikus . Ihr werdet künftig wieder zur Unzeit lustig sein. Nun sammelt Euch und redet. Lysippus . Bester Herr Prophet, wir sind Abgesandte des Königs Gottlieb. Polykomikus . Wo ist Eure Vollmacht? Lysippus . Sekretair! Simonides . Hier! Er überreicht ein Blatt. Jeremias . Wie mein Herr die Augen verdreht! das habe ich mir wohl vorgestellt. Polykomikus . Wie, Ihr unverschämten, leichtsinnigen Buben, wollt Ihr Euch unterstehn, mir mein mühseliges Fegen so zu vergelten? Sieh, Jeremias, die Frechheit! Er überreicht mir ein Blatt der Literaturzeitung, worin mein neustes Werk rezensirt ist. – Jeremias, lies; ich bitte Dich um's Himmels Willen, ich hätte keinen Witz! Jeremias schlägt die Hände über den Kopf zusammen . Keinen Witz? O das ist ja fast eben so verrucht, als wenn man sagte, Sie hätten keinen Verstand. Polykomikus . Ich keinen Witz? Und, Ihr Böswichter, das ist Eure Vollmacht? Lysippus . Schütteln Sie Ihre Ohren nicht so schrecklich gegen mich, – der Sekretair hat den Bock geschossen. Simonides . Ohne meinen Willen, fürchterlichster Herr Prophet. Lysippus . Wenn er wieder auf das Fegen verfällt, so sind wir geliefert! Simonides . In alle vier Winde hinein. – Allergnädigster, die Bosheit rührt bei meiner Ehre von dem Eulenkönige her. Der besah unsre Vollmacht und hat uns das schlechte Ding da gewiß untergeschoben. Hier ist aber die ursprüngliche Beglaubigung. Polykomikus liest . Wir von Gottes Gnaden, Gottlieb der Erste, – Ja, das lass' ich gelten. Lysippus . Dem Himmel sei Dank, daß wir der Gefahr entronnen sind. Polykomikus . Ich sehe aus diesem allergnädigsten Handschreiben, daß man meine Hülfe für den jungen Kronprinzen erwartet. Lysippus . Das ganze Land streckt die Hände nach Ihnen aus. Polykomikus . Jeremias, ich muß wieder in die Welt hinein. – Da, bewahre den Besen wohl, gieb Acht auf das Haus, studire indessen in meinem Namen, halte Dich an den Wissenschaften fest und schlafe nicht so viel. Jeremias . Kann ich nicht kleinen Rath ertheilen? Polykomikus . Wenn er dringend ist, sonst nicht. Aber dann nimm auch alle fünf Sinne zusammen. Wenn es ein wichtiger Fall ist, mußt Du meine Rückkehr erwarten. Kommen Sie, meine Herren Abgesandte. Er geht mit den Gesandten ab. Jeremias trägt den Besen ins Haus.     Dorus Garten. Dorus allein . Ich dacht' es wohl, es läßt der böse Schmid Von einem Tage mich zum andern warten, Und niemals braucht' ich noch die Feldgeräthschaft So nöthig, alle Arbeit feiert und Die Knechte werden träge, – doch mich dünkt, Ich höre ihn! Der Schmid kömmt. Schmid . Hier sind die Sachen, und Gewiß viel Arbeit haben sie gekostet. Dorus . Was ist denn das? Schmid . Ich will's erklären mit Verlaub: seht nur, wie künstlich ich die Egge An den Pflug geschmiedet und den Spaten dann Trophäen gleich hier oben festgemacht; So werd't Ihr auch den Karsten nicht vermissen, Er steckt hier hinten, warlich wie ein Kunstwerk Erscheint nunmehr die mannichfaltge Arbeit. Dorus . Fast möcht' ich böse werden, denn was habt Ihr sonst gethan, als alles mir verdorben? Befahl ich nicht, die Eisen nur zu schärfen, Was fehlte zu ersetzen, – daß ich's dann Auf meinen Aeckern muthig brauchen könnte? Schmid . Ihr wollt es brauchen? Dorus . Nun, was sonst? Schmid . Ja dann ist meine Kunst gewiß verschwendet, Die Mühe ganz, durchaus verloren. Seht Ich nahm, was Ihr bei mir bestelltet, dreist Im allegor'schen Sinn. Dorus . So seid Ihr närrisch. Schmid . Nein, Freund, der Thor verräth sich eben dadurch, Wenn er der Menschen Worte wörtlich nimmt. Es ist nur Einfalt, den Sinn zu begreifen, Der offenbar in jeder Rede liegt, Man muß auch wissen auf die Spur zu kommen, Man muß dabei was anders denken können. So denk' ich oft bei Fisch an Vogel, zur Vergeltung fällt bei Vogel mir die Katze In die Gedanken, alles wird verknüpft. Dorus . Ihr hättet weiser wohl als Schmid gehandelt, Wenn Ihr die Sachen unverknüpft gelassen. Schmid . Da ich nun weiß, daß Ihr auf planen Sinn Besteht, soll mir's gewiß nicht mehr begegnen. Dorus . So nehmt sie mit und macht sie ordentlich. Schmid . Da meint Ihr simpel, denn sie sind doch wohl In schönster Ordnung, mißbraucht nicht die Wörter. Dorus . Wann bringt Ihr einzeln sie zurück? Schmid . Es kostet Nun wieder Arbeit, aber künft'ge Woche. Sie gehn ab.     Der Pallast. Leander , Curio , Selinus . Curio . Der neue Doktor macht auch kein Glück beim Prinzen. Leander . Es ist nicht möglich, da der Prinz sich für klüger hält, als seine Aerzte. Selinus . Eine mißliche Krankheit! Leander . Wenn wir nur erst den fremden Zauberer hier hätten, so wäre doch einige Hoffnung. Der Hof versammelt sich; der König Gottlieb , seine Gemalin , der alte König treten herein; nach ihnen Sicamber , Hinz von Hinzenfeld , die Räthe des Reichs , der Arzt und der fremde Doktor , Gefolge. – Der König, so wie die Vornehmesten, setzen sich. Gottlieb . Wir haben leider wahrgenommen, daß keine Medizin bei unserm Sohne etwas anschlagen will, weder die einheimische, noch die fremde Arzneikunst sind im Stande, ihn wieder herzustellen; wir haben uns daher genöthigt gesehn, zu übernatürlichen Mitteln unsre Zuflucht zu nehmen, und erwarten nun mit größter Ungeduld den weltberühmten Zauberer. Euch, Doktores, ist es vergönnt, Euch unterthänigst zu beurlauben, denn wir können Eure hülflose Hülfe nunmehr füglich entbehren. Die Doktores verbeugen sich und gehn ab. König . Ich bin neugierig auf den Zauberer. Gottlieb . Wie so, Herr Vater? König . Nun, ich meine nur, wie er wohl aussehn wird. Gottlieb . Wie wird er aussehn? Wie jeder andre Mensch, wie jeder von uns; das Außerordentliche, mein bester Herr Vater, steckt in ihm, auf das Aeußere muß man nie etwas geben. König . Ich dachte nur von wegen der Eselsohren. Gottlieb . Ja, das ist ein ander Ding, das ist so ein eignes charakteristisches Merkmal, vielleicht ein Muttermal oder sonst dergleichen. – Aber unsre Gesandten bleiben sehr lange. Königin . Wenn sie sich nur in der Wüste nicht verlaufen haben. Lysippus . und Simonides treten lautlachend herein. Gottlieb . Gesandten, ziemt es sich, mit Lachen vor uns zu erscheinen? Lysippus . Mein gnädigster König, ha ha ha! Simonides . Mein Allergnädigster – ha ha ha – Gottlieb . Was giebt's denn? Lysippus . Ha ha ha, der fürchterliche Zauberer ist gegenwärtig. Gottlieb . Kann man denn keinen Hofmann in eine Wüste schicken, ohne daß er gleich Sitten aus fremden Ländern mitbringen muß? Selinus . Aber die Mode ist lieblich, ha ha ha. Curio . Ein ehrwürdiger Gebrauch, ha ha ha. König . Nun wird das fremde Laster bald am ganzen Hofe einreißen. So wetterwendisch ist der Verstand des Menschen. Gottlieb . Wo bleibt denn der Herr Zauberer? Lysippus . Ha ha ha, er ist so groß, daß ihm erst beide Thorflügel müssen aufgemacht werden. Gottlieb . Lacht nicht über alles; wollt Ihr den Mann deswegen verspotten, weil Ihr klein seid? Simonides . Ha ha ha, – Ihro Majestät, wir sind gefegt und alles, aber, ha ha ha, das Lachen ist uns doch nicht vergangen. Polykomikus tritt mit seinem Stabe ein. Polykomikus . Hier bin ich! Gottlieb . Das ist also der Zauberer oder Hexenmeister. Sind Sie's? Polykomikus . Ja. Gottlieb . Er spricht sehr verständig, er hat ein gewisses je ne sçai quoi an sich, das ihn äußerst liebenswürdig macht. – Mein lieber Getreuer, Sie möchten mal zaubern. – Hol' doch einer den Prinzen! Sicamber ab. Polykomikus . Ich will nicht zaubern, ich bin heut nicht dazu aufgelegt. König . Er will sich ganz so wie die Virtuosen bitten lassen. Gottlieb . Sein Sie doch so gütig. Polykomikus . Ich kann nicht zaubern. Gottlieb . Sie werden uns doch das Vergnügen nicht versagen. Polykomikus . Es kann nicht geschehn. Verwandelt sich in einen Baum. Gottlieb . Der Tausend! König . Ein rares Kunststück! Gottlieb . Meiner väterlichen Liebe zu Gefallen – Polykomikus . Nimmermehr. Brennt als Feuer. Gottlieb . Es sollten mich auch diese hundert Goldstücke nicht gereuen. Polykomikus verwandelt sich in seine natürliche Gestalt und nimmt sie . Nun, warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt, so hätt' ich mir nicht so viele unnütze Mühe gegeben. Prinz Zerbino mit Hanswurst , Nestor , Sicamber und Andere. Zerbino . Wo ist der Mann, der seine Kunst an mir versuchen will? Gottlieb . Sprich mit mehrerer Ehrerbietung von diesem Manne, mein unglückseliger Sohn. – Sie nehmen's ihm wohl nicht übel, das sind so seine Abwesenheiten. Polykomikus . Kleinigkeit für mich, der unterdrückten Natur nachzuhelfen! – Kommen Sie näher, mein junger, liebenswürdiger Prinz. Zerbino . Da bin ich, aber es scheint mir, als wäre es mit der sogenannten Cur noch im weiten Felde. Polykomikus . Wie das? Zerbino . Weil Ihr selbst erst von Eurer Unwissenheit müßtet hergestellt werden. Polykomikus . Ungemein naseweise Antworten, wie sie mir schon je zuweilen in dergleichen Fällen vorgekommen sind. Die Krankheit ist noch gar nicht eine der schlimmsten, und ich denke, mit einem bischen Hexerei wollen wir schon den Sieg davon tragen. – Haben Sie guten Appetit? Zerbino . Ihr wollt mir doch wohl nicht von Eurem Heu anbieten? Polykomikus . O junger Mann, kommt nur erst in mein Alter, und lernt die Gaben Gottes gehörig würdigen. – Ich habe nun das Ganze ergründet, seine Krankheit, diese seltsamen Zufälle, alles rührt vom Satan her, das ist so einer von seinen verfluchten Streichen. Gottlieb . Gott behüt' uns! – Vom Satan? – Alle drängen sich neugierig um den Zauberer. Curio . Vom Satan? Selinus . Giebt's denn einen Satan? Polykomikus . Ob's einen giebt? Ich bin mit ihm aufgewachsen; wir waren in der Jugend die besten Freunde. Königin . Wie sieht er denn aus? Wie trägt er sich? Polykomikus . Ich könnte eben nicht sagen, daß sein Geschmack der vorzüglichste wäre. Was nun solch wildes Volk gewöhnlich für einen Geschmack hat: ausschweifend, phantastisch, barock, eigensinnig, kurz äußerst abgeschmackt. Gottlieb . Vor allen Dingen, was hat der Kerl für eine Religion? Polykomikus . Gar keine, das ist es eben, wo ihn der Schuh drückt. Gottlieb . Muß das Ding den Freigeist spielen? Hält er sich also zu gar keiner Gemeine? Polykomikus . Durchaus nicht, das ist ja eben die Ursach, warum ich allen Umgang mit ihm abgebrochen habe; in seiner Gesellschaft geräth man in Gefahr, auch unmoralisch zu werden. Gottlieb . Das glaub' ich, lieber Mann. – Es ist doch bei alledem eine närrische Einrichtung mit der Welt und dem Firmament, und so weiter, daß wir einen Satan haben müssen. Zerbino . Ich möchte den Mann kennen lernen. Gottlieb . Beileibe nicht, mein Sohn, wer Pech angreift, besudelt sich, das ist wohl ein sehr wahrer Ausspruch. Polykomikus . Von diesem Satan, diesem bösen Feinde rührt diese Krankheit her, um mir in der Welt Abbruch zu thun, und darum hat man sich an mich, als an den rechten Mann, gewendet, um das Uebel zu heben. – Aber wir wollen vor allen Dingen den Zaubersegen sprechen. Mit fürchterlichen Geberden.     Laß dich nicht vom bösen Feind bethören,         Klug zu sein auf deine eigne Hand,     Deine Klugheit möchte dich versehren         Wie ein wild erglüh'nder Feuerbrand.     Horche immer auf der Mehrheit Stimme,         Lebst du stets in goldner Sicherheit,     Und entfliehst des Feindes gift'gem Grimme,         Des vielköpf'gen großen Thieres Neid.     Sprich, ist es denn nicht ungleich bequemer,         Das zu glauben, was dein Vater glaubt?     O gewiß, bei weitem angenehmer,         Daß kein Zweifel dir die Ruhe raubt.     Sieh, es winken dir die Blumenpfade,         Die manch edler Fuß vor dir betrat:     Schenkt der Himmel nunmehr seine Gnade,         Wird zur Besserung wohl baldigst Rath. – – Nun, meine Herren allerseits, Acht gegeben! – Nunmehr wird die merkwürdige Verwandlung des Prinzen vor sich gehn! – Er schwenkt den Stab. Gottlieb . Nun, mein Sohn, wie befindest Du Dich? Zerbino . Ich danke der gütigen Nachfrage, mein gnädigster Vater, vollkommen wohl, Ihnen gehorsamst aufzuwarten. Gottlieb . Worein haben Sie ihn denn eigentlich verwandelt? Polykomikus . Sehn Sie's denn nicht? In einen hoffnungsvollen jungen Menschen. Gottlieb . O dafür bin ich Ihnen unendlich verbunden. Polykomikus . Der Zauber des verruchten Satans ist aber noch nicht vollkommen gelöst; der Prinz muß reisen, so lange, bis er den guten Geschmack antrifft, dann ist er außer aller Gefahr. Gottlieb . Das ist Schade, daß wir ihn nun verlieren sollen. Polykomikus . Es ist nicht anders, das Schicksal hat es einmal so beschlossen. Zerbino . Lassen Sie mich, geliebtester Vater, wenn ich dadurch meinem Mißgeschick aus dem Wege gehe, so will ich mich sehr gerne dieser mühseligen Reise unterziehn. Gottlieb . Willst Du mich verlassen, mein lieber Sohn? Zerbino . Ich komme dann zurück, mit Kenntnissen ausgerüstet, um Ihnen in Ihrem Alter desto mehr Freude zu machen. Gottlieb . Ach Du zärtliches Kind! Zerbino . Glauben Sie mir, daß mein Herz auch bei diesem Abschied von Ihnen leidet; ich habe meinen vormaligen Leichtsinn ganz bei Seite gelegt, und sehe nun alle Dinge aus ihrem wahren Gesichtspunkte an. Wie gereut mich der Kummer, den ich Ihnen bisher verursacht habe, aber ich will gewiß in der Zukunft alles vergüten! Der ganze Hof weint. Selinus . Ist es nicht ein Unglück, daß wir einen so ungemein vortrefflichen Prinzen verlieren sollen? Sicamber . Der die aufrichtigste und ungeheucheltste Anbetung verdient? Zerbino . Ich muß aber vielleicht lange reisen, ehe ich in unserm so verderbten Zeitalter den Geschmack antreffe. O wäre mir ein solches Schicksal doch vor vierzig oder funfzig Jahren beschieden gewesen! Leander . Mein gnädigster Prinz, vielleicht könnten Ihnen meine Grundsätze der Kritik als eine Art von Wegweiser dienen; wenn ich also so frei sein darf, sie Ihnen hiermit anzubieten – Zerbino . Ich nehme sie mit dem allergrößten Danke an und werde mich fleißig bemühen, den tiefen Sinn und Ihre weltbekannte gründliche Gelehrsamkeit darin zu erforschen. Hanswurst . Darf ich Sie auf Ihrer Reise begleiten, mein Prinz? Zerbino . Herr Hofrath, es thut mir sehr leid, daß ich nicht das Vergnügen haben kann, aber ich habe mich entschlossen, meine Riese ohne Gesellschaft anzutreten. Ich dürfte auch vielleicht außerdem nicht der angenehmste Gesellschafter für Sie sein, da ich Ihren ausschweifenden Humor kenne, und Sie gar zu gerne die wahre Gründlichkeit verachten, deren ich mich künftig mehr befleißigen werde. Gottlieb . O mein Sohn, sieh die großen schaarenweisen Freudenthränen, die mir Deiner Vortrefflichkeit halber aus den Augen laufen. Zerbino . Mein Bediente Nestor soll mich auf meiner Pilgerschaft begleiten. Leander . Er wird aber erst die Cur überstehn müssen, denn bis dato ist er noch rasend. Nestor . Ja, Herr Zaubrer, hier bin ich, ich will mich schon dazu bequemen, da es bei meinem gnädigen Herrn so vortrefflich angeschlagen hat. Helfen Sie mir von dem fatalen Rasen ab, Herr Zauberer. Polykomikus . Recht gern. – Er berührt ihn. Nun geh, Du bist gesund. Nestor . O! wie einem doch gleich anders zu Muth ist, wenn man in einer vernünftigen Haut steckt! Ja, das ist freilich ein anders Wesen. O nun geschwind was zu denken, was zu meinen oder zu urtheilen her, damit die Talente nicht ungebraucht in mir verderben! Zerbino . Nur Geduld, mein lieber Nestor, wir werden auf unsrer Reise mannichfaltige Gelegenheit haben, scharfsinnige Beobachtungen anzustellen. Nestor . Und das wollen wir alles nachher in einer Reisebeschreibung drucken lassen. Zerbino . Es kann Rath dazu werden, wenn wir unser Werk recht durchgefeilt haben. Gottlieb . Herr Vater – lieber Herr Vater, – da es so probat ist, wollen Sie nicht auch herantreten? König . Nimmermehr. Polykomikus . Giebt's noch mehr zu kuriren? Nur immer heran, wer sonst noch Lust hat, es ist nun Eine Arbeit. Gottlieb . Mein Herr Schwiegervater, die alte Majestät, ihm wäre es vielleicht nicht undienlich. König . Nimmermehr! Nein, ich werde dem Kerl nimmermehr zu nahe kommen. Polykomikus . Kommen Sie nur, es soll Ihro Hoheit kein Leid widerfahren. Gottlieb . Kommen Sie. – Sie machen mich böse, Herr Vater. König . Nein! eher soll man mir das Leben nehmen! – Ihr werdet doch nicht Gewalt brauchen? – Wenn ich denn durchaus etwas Närrisches thun soll, so komm her, Zerbino, und ich will Dir meinen Segen geben. Zerbino kniet vor ihm nieder. Bleib gut, verständ'ger als Du gehst komm wieder, Was selten jungen Reisenden begegnet, Halt Deine jetz'ge Thorheit nicht für besser, Als die Du abgelegt. Erbarme Dich Des Viehes, überjage nie die Pferde, Sei gegen Wirthe höflich, daß Du wen'ger Bezahlen mögest. Niemals sei zu rasch, Indem Du aus dem Wagen steigst, denn sonst Stößt Unglück leicht dem Eiler zu. Und somit, lieber Enkel, reise glücklich. Gottlieb . Lebe wohl, mein liebster, vollkommenster Sohn, der Himmel sei Dein Schutz.. Königin . Ich kann Dir vor Zärtlichkeit nichts Gutes wünschen. Zerbino . Leben Sie wohl, geliebteste Eltern. Nestor . Unsern Hund wollen wir mitnehmen, mein Prinz. Nestor und Zerbino ab. Polykomikus . Ich muß nur auch wieder nach Hause. Gottlieb . Nehmen Sie doch, großer Mann, mit einem Löffel Suppe bei mir vorlieb. Polykomikus neigt sich. Gottlieb . Ueberhaupt wird künftig immer ein Couvert für Sie an meinem Tische da sein. Sie gehn ab, Hanswurst , der König , Curio und Selinus bleiben. Hanswurst . Ist es nicht ein Jammer, wie geschwinde sich der Prinz verwandelt hat? König . Ja wohl! was kann doch aus dem Menschen werden! Und weh uns, wenn das Sprichwort wahr sein sollte, Das saget: heute mir und morgen dir! Beinahe hätte mich mein Sohn gezwungen, Vom Eselsohr'gen mich bekehren zu lassen. Hanswurst . Es ist Schade um den Prinzen. Ich weiß mich überhaupt in alle die Sachen nicht recht zu finden, die ich seit einiger Zeit erlebt habe. König . Ach! wie gesagt: wer weiß, was uns bevorsteht! Ein unerbittlich Schicksal lenket uns. Hanswurst . Soll ich mal sprechen, wie's um's Herz mir ist? König . Nie anders, wenn die Götter uns beschützen. Hanswurst . So mein' ich denn, es ist sowohl nicht Schicksal, Als Eigensinn des Dichters, wie er sich Benannt, der so sein ganzes Stück verwandelt, Und keinen Menschen bei gesundem Sinn läßt. König . Ach, Freund! was rührst Du da für eine Saite! Wie traurig werd' ich, wenn ich erst bedenke, Daß wir nun vollends gar nicht existiren. Der Idealist ist schon ein elend Wesen, Doch ist er anzunehmen stets genöthigt, Daß sein Dasein doch etwas Wahres sei; Doch wir, wir sind noch weniger als Luft, Geburten einer fremden Phantasie, Die sie nach eigensinn'ger Willkühr lenkt. Und freilich kann dann keiner von uns wissen, Was jener Federkiel uns noch bescheert. O jammervoll Geschick dramat'scher Rollen! Hanswurst . Zieht's Euch, mein König, nicht so zu Gemüthe. König . Nein, leben, sprechen, was ein andrer denkt, Und abgeschmackt sein, nur weil er es will, Mit Blei-Soldaten spielen, nur weil er Es streng befiehlt, – o zeige mir den Sklaven, Der in der Kette nicht noch freier ist. Hanswurst . O laß ihn nur; bei allem unsern Unglück Sind wir noch glücklicher, als jener Dichter. Was meinst Du, wird die Welt zu seinem Stücke, Das nicht ein Stück von einem Stück' ist, sagen? Wie wird von allen Seiten die Kritik Den Aberwitz zu zücht'gen trachten, den Er frech als Unterhaltung vorgesetzt. Schon lange wich er von der Bahn des Rechten, Doch war noch immer ein'ge Hoffnung da; Dann trieb er auch sein Wesen nur im Dunkeln, Bis er, ich weiß nicht wie, so unverschämt Erwachsen, diesem Stück, dem wildesten Von allen, seinen Namen vorzudrucken. König . Schon recht, ich seh' es schon, wie würdige Gelehrte Männer ihre Achseln zucken. Und wenn sie nun an diese Stelle kommen (Und, o der Leser kömmt doch endlich hin Und wenn er noch so lange warten muß,) Was muß er vollends dann zu dieser sagen? Wird er nicht meinen, daß es doch zu toll sei, Wenn man die Tollheit toll zu machen strebe? Indessen ihm geschieht schon recht, er hat's An uns verdient, und es gereut mich nur Und schmerzt mich innig, daß er meine Rolle Benützt, mir dieses in den Mund zu legen. Sie gehn ab. Curio . Der alte Herr wird mit jedem Tage kindischer. Selinus . Ich habe kein Wort davon verstanden, was die närrischen Menschen hier gesprochen haben. Sie gehn ab.     Der Jäger als Chor. Was soll ich für Entschuldigungen sagen? Es hieße nur, die edle Zeit verderben, Und dabei möchte mir es leicht gelingen, Den edlen gut gesinnten Hörern wohl Von neuem einen Anstoß zu erregen: Nein, besser jeder sorgt nur für sich selbst In dieser argen Welt, es hat ein jeder Genug an sich zu hüten: wem es Gott Einmal versagte, bieder und gesetzt Den Kreis der edlen Herzen anzuziehn, Sich nie zu übernehmen, mäßig stets Zu bleiben: der erreicht's durch Arbeit nicht. Ich sehe schon voraus, daß sich dies Stück Wohl schwerlich bessern wird, es ist schon viel Wenn es nur nicht verschlimmert; darum, Theure, Wem es an Muth gebricht hindurch zu schwimmen, Wer all die feindlichen Geschosse fürchtet, Der thut am besten, jetzt sich zu entfernen, Ich liebe wen'ge Leser, aber tapfre, So wie ein Feldherr selbst mit einer großen Armee entmutheter Soldaten nichts beginnt, Und gern den Feigling laufen läßt, damit Er nur die andern nicht mit Furcht verderbe. Drum reicht der Dichter hier durch mich die Hand, Ich soll sie allen Biedermännern drücken, Die sich entfernen wollen, denn er bleibt Von jedermann gut Freund. – Doch von was anderm! Er hat mir außerdem auch aufgetragen, Euch, wie bisher geschehn, mit einem Liede Ein Spiel zu machen, gönnt mir drum Gehör. Singt:         Aus den Wolken kommt Gesang,     Dringt aus tiefem Wald hervor,     Ist der Vögel Wechselchor,     Tönet nach der Bergeshang. –     Jeden Frühling singt es wieder, –     Was verkünden ihre Lieder?         Sagt, was will der Kuckuck sagen,     Daß er durch die Schatten schreit,     Und in schönen Sommertagen     Sein so simples Lied erneut?     Daß er mit Prophetenschnabel     Unsre Jahre zählt, ist Fabel.         Nacht'gall! ringst mit süßen Tönen     An dem Baumbewachsnen Bach,     Seufzend horchen alle Schönen,     Echo spricht dir klagend nach,     Grüner pranget jede Pflanze     Wie umflossen von dem Glanze.         Aber wenn nun einer käme,     Träte höflich vor dich hin,     Daß er dich zwar gern vernähme,     Aber möchtest dich bemühn,     Was du singend wollst beginnen,     Ihm in Prosa zu versinnen.         Wollt' Nachtigall auch höflich sein,     Ihm Antwort antzuworten,     Käm' wieder in den Gesang hinein     In Noten von allen Sorten,     Und blitzerte mit süßer Gewalt     Das Lied durch den dunkelgrünen Wald.         So Erd' und Himmel mit Farbengepräng,     Was wollen sie wohl bedeuten?     Das bunte Gewimmel von Tongemeng,     Was spricht's zu vernünftigen Leuten?     Ist alles nur leider sein selbst willen da,     Kräht nach unserm Sinne weder Hund noch Hahn. Vielleicht habt Ihr bemerkt, daß in dem Stücke Zu Eurer Lust der Satan selbst erscheint: – Er ist Euch zwar nicht neu, so gern der Dichter Und selber Er es möchte, sondern leider Nur Alltagsspeise, denn es giebt fast nirgend Ein'n Helden mehr, der, wenn auch nicht geholt Von diesem Mann, doch wenigstens mit ihm Geschäfte macht. Wie wird man nur allein Mit Teufelei von Petersburg versorgt! Der Mann, der dorten klingt und lärmt und schellt, Tritt ohne ihn in keinem Buche auf, – Doch leider hat er nicht das Monopol, Denn heuer wird kein Satz aus der Moral Mehr ohne Teufel illustrirt, und so Muß dieser böse Schelm selbst Buße pred'gen. Er ist ein dürres, unbrauchbares Feld, Zum Menschheitswohlfahrtsfördrer umg'arbeitet, Was eben ihn am allertiefsten kränkt. Wenn sich ein Faß nicht will zum Ziele legen, So pflegt der Künstler wohl im Zorn zu sagen, Vergebens hämmernd: Ei! da sitzt der Teufel drin! So pflegt man jetzt Poeten zu empfehlen: Wenn dieses Buch nichts taugt, – so ist der Teufel drin!  –  – Drum laßt um Willen Eures alten Freundes Euch auch dies wilde Spiel empfohlen sein! – Geht ab.     Vierter Akt. Allegorische Schmiede. Ein Chor von Gesellen , in voller Arbeit, indem sie singen:         Schlagt nach dem Takt         Daß der Ambos erklingt,         Der Funke zerknackt         Wie der Arm sich schwingt, –         Die Arbeit gelingt.         Wer möchte nicht schlagen         Um nützlich zu sein,         Die Arme dran wagen         In's Feuer hinein, –         Jeder Anfang ist klein.         Auf! Schmiedegesellen,         Seid wacker im Streit!         Denn bald wird erhellen         Die dunkelnde Zeit,         Wie ihr so gescheidt!         Man kann es ja wagen,         Das Eisen verträgt's,         Und wenn wir's auch schlagen,         Doch nimmermehr schlägt's, –         Und Einer verlegt's! Der Meister tritt hinein. Meister . Ihr macht Euch um die Menschheit wohlverdient Und seid in Eurem Eifer unermüdlich, So wie es sich für brave Burschen ziemt. Peter , ein Gesell . Was soll denn aus der Arbeit werden, Meister? Meister . Das weiß der Himmel wohl am allerbesten, Der dies Metall nach seiner Güte schuf, Und uns die Lust in unsre Seelen legte Mit schnellem Arm so auf und ab zu hämmern. Michel , ein andrer . 'S geschicht am End' zu unserm bloßen Spaß? Meister . Mit nichten, Bester! denn 's giebt gar nicht Spaß, Der einz'ge Spaß in der Welt ist der, daß jeder Herkömmlich glaubt, es gebe irgend Spaß. Aus diesem Nichts zieht Witz nun seinen Faden, Beginnt der Scherz ein ungewebt Gewebe: Die Welt ist gar nicht da, um drin zu scherzen, Die Wahrheit auszugraben, leben wir: Sie findet sich, auch ohne daß wir graben: Auch ohne Finden kömmt sie zu uns her, Auch ohne daß sie kömmt, ist sie in uns, Und ohne daß sie ist, sind wir die Wahrheit, Und ohne Wahrheit sind wir selber nicht. Peter . Wo wollt Ihr denn mit alle dem hinaus? Meister . Zu zeigen daß Euch nichts sagt was es sagt, Daß alles sich bestrebt, was auszusprechen, Und weder Zahn noch Gaum, noch Kehle findet, Mithin Dental- und Guttural-Buchstaben Ermangeln und Vokal' an sich nichts taugen. Dorus kömmt. Dorus . Ich wollte nur anfragen, ob meine Geräthschaften nunmehr fertig wären. Schmid . Was kommt dabei heraus, mein Freund, wenn Ihr die Dinge auch so erhaltet, wie Ihr wünscht? Es wäre wohl dienlicher, sie verständiger anzusehn. Dorus . Ich versteh seit einiger Zeit gar nicht mehr, was Ihr haben wollt. Schmid . Ihr kennt die Charis nicht, Euch kennt sie nicht, Euch mangelt, Freund, der Schönheit Zauber-Licht, Ihr lest wohl nie in einem guten Buche Und macht viel wen'ger mit Euch selbst Versuche? Dorus . Ich halte die Versuche für Versuchung. Schmid . Schon recht, Ihr fangt erträglich an zu sprechen, Doch leidet Ihr noch von den alten Schwächen. Dorus . Wie fängt man's also an, um klug zu sein? Schmid . Zuerst, daß man sich selber dafür hält, Dann, daß man keinen andern gelten läßt, Und drittens dann vor allen andern Dingen, Daß man gleich vor die rechte Schmiede geht. Dorus . Und wo trifft man denn diese rechte Schmiede? Schmid . Ihr seht sie gleich hier vor Euch gegenwärtig, Hier tretet stracks mit als Geselle ein, So werdet Ihr im Anfang nur ein kleines Gehänselt, was man leichtlich übersteht, Dann ist es Euch ohn Widerspruch vergönnt Nach Herzenslust das Eisen selbst zu schlagen. Dorus . Und dann? Schmid . Dann seid Ihr auf dem rechten Wege. Dorus . Das steht mir alles gar nicht an, sondern ich wollte nur meinen Pflug zurück haben. Schmid . Glaubt Ihr denn, daß es einen Pflug giebt? Dorus . Wie? Schmid . Einbildung! Man sagt zwar: der und der habe das Feld der Wissenschaften umgepflügt, damit es neue und schönere Früchte getragen; aber mein bester Freund, das ist ja nur allegorisch zu verstehn. Dorus . Ihr seid unsinnig! Schmid . Nun, zum Beispiel, was wollt Ihr mit Eurem Spaten machen? Dorus . Graben. Schmid . Ja, da kommt Ihr gut an; laßt Euch doch ja nicht durch den Ausdruck »nach der Wahrheit graben,« verleiten, das ist ja wieder nur allegorisch. Ihr seid wohl gar im Stande, und glaubt an eine Erndte. Dorus . Was wäre denn dabei für Sünde? Schmid . Also, wenn einer Ruhm, oder Unsterblichkeit, oder dergleichen eingeerndtet hat, so meint Ihr, – o es ist ja albern! Ihr seid aberwitzig. Dorus . Ihr werdet mich verdrüßlich machen. Schmid . Gleichviel; anfangs geht den Menschen die Wahrheit schwer ein, aber man muß sich dadurch nicht abschrecken lassen. – Ich will Euch noch ein Exempel aus der Physik geben. Kennt Ihr den Stein, den man Höllenstein nennt? Dorus . Ja. Schmid . Man hat Euch auch gewiß weiß gemacht, daß er aus Silber verfertigt werde. Dorus . Und daraus wird er auch gewiß gemacht. Schmid . Nun das ist doch erstaunlich, daß Ihr auch hier die Allegorie nicht gewahr werdet! Geht, Ihr seid ein verlorner Mensch; eine Allegorie, die einen so schönen, edlen, moralischen Satz in sich schließt, nicht zu begreifen! Ihr meint auch wohl, wenn von den gediegenen Gedanken in kritischen Blättern die Rede ist, daß die Gedanken alsdann wirklich gediegen sind? – O geht, es ist unter meiner Würde, mich mit Euch abzugeben. Dorus . Aber mein Ackergeräth – Schmid . Eure Dummheit ist Euch Acker und Pflug genug, – was Ihr nun hier einmal buchstäblich nehmen mögt, weil das vielleicht unter Millionen Fällen der einzige ist, wo es paßt. Dorus . Ich muß nur gehn und lieber alles im Stiche lassen, um nur nicht gar närrisch zu werden. Geht ab. Schmid . Hier, Gesellen, habt Ihr so einen schlichten, bäurischen Verstand gesehn, der sich in kein Ding zu finden weiß? – Jetzt wollen wir wieder an die Arbeit gehn und das Eisen schmieden, weil es heiß ist. Der Chor wird repetirt.     Auf einem Berge. Zerbino , Nestor , der den Stallmeister an einem Stricke führt. Zerbino . Wir haben schon mancherlei Gegenden durchreist, mein getreuer Bedienter Nestor, allein wo sollen wir den guten Geschmack antreffen. Nestor . Ich gebe es gänzlich auf, ihn zu finden: immer mehr vortreffliche Leute sterben ab, andre, die am ersten eine Stimme haben könnten, verhalten sich still und ruhig, und überhaupt ist es eine Lage der Dinge jetzt in der Welt, bei der ein gutdenkender Dilettant verzweifeln möchte. Zerbino . Wir wollen aber darum doch nicht verzweifeln, sondern im Gegentheil unsern Muth desto mehr zusammenfassen. Jetzt gereut es mich, daß ich den Herrn Leander nicht mit auf meine Reise genommen habe, er könnte mir von überschwenglichem Nutzen sein. Nestor . Das beste ist nur, daß wir sein Buch bei uns haben. Zerbino . Du giebst doch darauf Acht, daß das Zeichen nicht heraus fällt, wo wir stehn geblieben sind? Nestor . Ei bewahre! da müßten wir ja noch einmal von vorne lesen! – Er setzt sich nieder. Hier ist eine gute Aussicht, wie es mir scheint. Zerbino . Der Schein ist bei einer Aussicht überhaupt das meiste, denn wenn man gründlicher geht, so bleiben oft nur wenige Reize übrig. Nestor . Seltsam ist es doch überhaupt, daß die Ferne die Täuschung in einem so hohen Grade befördert. Zerbino . Es scheint wohl vornehmlich mit daher zu rühren, weil mit der Ferne immer eine gewisse Abwesenheit der Nähe verbunden zu sein pflegt. Nestor . Allerdings läßt sich dieser Grund hören; ich will ihn doch auch sogleich in unser Taschenbuch eintragen. Zieht ein großes Buch hervor. – Jedoch könnte man dabei vielleicht noch einige Einschränkungen machen. Zerbino . Wenn wir uns an die Ausarbeitung begeben, wollen wir schon noch geziemend einschränken; jetzt ist weder Zeit noch Gelegenheit, die Feile gehörig anzuwenden. – Die Mühle da unten liegt sehr malerisch, und abseits am Ende des Dorfes die Schmiede macht einen unvergleichlichen Prospekt! Nestor . Wir müssen uns doch auch ein wenig auf die Kunst begeben. Zerbino . Nicht ein wenig, will ich hoffen! Kaum wird genug und sehr viel genug sein. Nestor . Es will mir doch immer mehr einleuchten, daß wir in der ganzen Welt die klügsten sind. Zerbino . Die wenigen vortrefflichen Männer abgerechnet – Nestor . Die jetzt nicht mehr leben; natürlich! Zerbino . Auch Polykomikus scheint mir ein sehr seltner Geist. Nestor . Allerdings! er hat uns ja auch zuerst diesen Schwung gegeben. Zerbino . Daß wir uns bei völliger Gesundheit befinden, ist sein Werk. Nestor . Wir hatten aber schon vorher unsre Anlagen – Zerbino . O ja, sonst wäre auch nichts aus uns geworden. Nestor . Ich bin nur darauf begierig, wie die Welt gegen uns dankbar sein wird. Zerbino . Man ehrt uns doch schon allenthalben ziemlich, wohin wir nur kommen. Nestor . Das ist aber noch nicht hinlänglich, ich wünschte auch vor einer Monatsschrift in Kupfer gestochen zu werden. Zerbino . Dazu ist ja jetzt neue Hoffnung. Nestor . Der Hund ist ein gemeiner Kerl, er nimmt an nichts Antheil; so wie wir in ein Wirthshaus kommen, schnuppert er so lange herum, bis er die Küche gefunden hat: da ist kein Drang, die interessanten Menschen zu sehn, oder Bemerkungen über die Eigenheiten der Einwohner zu machen. Zerbino . Ich glaube, man müßte ihm mehr Freiheit lassen, damit sein Gemüth sich veredelte. Nestor . O wenn ich ihn nicht noch am Stricke hielte, so liefe er uns gar davon. Cleon tritt auf. Cleon . Könnt Ihr mir den Weg weisen, denn ich bin hier fremde. Zerbino . Es kömmt hiebei, mein guter Mann, vorzüglich darauf an, wohin Ihr wollt. Cleon . Ihr habt Recht, und ich vergesse immer, daß nicht jeder den Wohnort meiner Lila weiß.         Soll mein Blick sie bald begrüßen,         Wie sie in der Hütte steht,         Sinnend auf und niedergeht –         Und erschrickt vor meinen Küssen. Zerbino .         Ach! wann soll ich Weisheit finden,         Nach der ich schon längst geharrt,         Die seit Wochen mich genarrt, –         Dieser Geist soll sie ergründen. Cleon .         Wandr' ich nicht von Ost nach Westen?         Sehnsucht wartet meiner schon,         Liebe horcht auf jeden Ton, –         Sagt, wo ist der Weg am besten? Zerbino .         Freund, wißt Ihr die edle Quelle,         Wo Geschmack im Fels entspringt,         O so fleh' ich, daß zur Stelle         Ihr uns Pilgersleute bringt. Cleon .         Hoffend, fürchtend schau' ich thalwärts, –         Ist ihr Herz noch immer treu,         Ist sie fremder Banden frei?         Lang' trägst du nicht mehr die Quaal, Herz! Zerbino .         Oft such' ich mit herbem Quaalschmerz,         Denke nun bin ich zur Stell,         Hier nur fließt der edle Quell, –         Aber immer warst du schaal, Scherz! Cleon . Ihr könnt mir also keine Antwort geben, und Euer Schmerz scheint größer als der meinige. Zerbino . Ruht hier mit uns aus, unsre Wege sind verschieden, denn wir kommen jenseit dem Wasser herüber, und Ihr kommt dort von dem Thale herauf. Cleon . Ich wollte mich unten schon in jener Schmiede zurecht fragen, aber man gab mir auch Antworten, die ich nicht brauchen konnte. Zerbino . So hättet Ihr nach der Mühle gehn sollen. Cleon . Ich habe mich auch den Gang dorthin nicht verdrießen lassen, aber die Menschen hier herum scheinen meine Sprache gar nicht zu verstehn. – Hier ruht sich's gut, und die Aussicht ist lieblich. Nestor . Passabel: sie drückt gleichsam, wie Ihr auch sehn könnt, eine mannichfaltige Gegend aus, mit Bäumen, Häusern, Dörfern und Mühlen versehn, Wasser, um darauf zu fahren, und mit menschlichen Figuren um Leben hinein zu bringen. Wir viere dienen jetzt ebenfalls dazu. Cleon . Euer Hund würde noch lebendiger und fröhlicher sein, wenn Ihr ihn von seiner Sklaverei befreitet. Zerbino . Das habe ich auch schon gesagt. Ein zartfühlendes Herz wird gewiß nicht seinen Hund und Freund so an einem Stricke mit sich führen; man muß auch für Thiere fein empfinden, wenn man den Vorsatz hat, die Leiter der ächten Humanität hinaufzuklettern. Nestor . Nun so will ich ihm denn in Gottes Namen den Strick abnehmen. – Sieh, Stallmeister, ich behandle dich nunmehr als ein vernünftiges Wesen, aber ich rechne auch darauf, daß du es erkennen wirst. – So wie Stallmeister frei ist, rennt er den Berg hinunter. Nestor . Nun da haben wir die unvernünftige Bestie! Eilt ihm nach. Zerbino . O weh, er macht von seiner Befreiung einen unanständigen Gebrauch! Eilt ebenfalls nach. Cleon . Wie sich nach Norden der Magnet bewegt, So wird mein Herz zu Dir gezogen, Getreu es Dir, nur Dir entgegenschlägt, Wie sich der Pol nicht rückt am Himmelsbogen.. Ihr Lüfte, o ihr bringt mir süße Kunde, Du sanfter Hauch, der meine Wange grüßt, Mir ist, ich fühl' den Athem, der dem Munde Dem süßen Glanz der Lippen sanft entfließt. O könnt Ihr ihre Gegenwart vermeiden Und durch die Blumen, durch Gesträuche ziehn? Bethört mißkennt ihr ach! die höchsten Freuden, An ihren rothen Wangen zu erglühn, Die schöner als das Purpurblut der Rosen, Und holder als der Lilien weiße Pracht; Die Augen, die ihr sonst mit sanftem Kosen Umweht und die Euch dankbar angelacht, – Ihr seid, weil es gebot ihr Silberton, Dem Aufenthalt der Seligkeit entflohn, Ihr habt die weite Reise machen müssen, Um mich Verirrten schön von ihr zu grüßen: Du Abendroth fließ golden zu ihr nieder, Bring ihr den Dank des treusten Herzens wieder. Zerbino und Nestor kommen zurück. Zerbino . Wir können ihn nicht wiederfinden. Nestor . Er ist in den Wald hineingelaufen, da mag ihn der Henker wieder herausholen! Cleon . Er kömmt wohl einmal wieder. Zerbino . Ja, wenn wir nicht den guten Geschmack suchen müßten: aber wie soll er uns denn da nachkommen? Cleon . Wenn ihn der eine nicht trifft, so stößt nun vielleicht der andre darauf. – Lebt wohl, ich muß meine Reise fortsetzen. Geht ab. Nestor . Ich glaube, der Mann war ein Verliebter. Zerbino . Ich habe mich verleiten lassen, ein Duett mit ihm zu singen, was eigentlich sehr unnatürlich ist. Nestor . Ja, ich habe mich sehr darüber verwundert; einem Verliebten ist dergleichen Schwärmerei nicht übel zu nehmen, aber Ihnen, mein Prinz, hätte ich es nimmermehr zugetraut. Zerbino . Es ist aber im Grunde wenig in der Welt natürlich. Nestor . Natürlich! – denn wo sollte die viele Natur herkommen? Zerbino . Ich halte es für das beste, daß wir uns beide trennen, um den Hund desto eher wieder zu finden. Nestor . Ich glaube, wir haben ihn zum letztenmale gesehn. Zerbino . Wir müssen uns wenigstens Mühe geben. – Nimm Du jenen Weg, ich will diesen einschlagen. Nestor . Durch die Zeitungen muß ich aber immer erfahren, wo Sie sich aufhalten. Zerbino . Allerdings. – Es ist schon Abend, und diese Nacht denke ich dort in der Mühle zuzubringen; wenn Du den Hund also heute noch findest, so triffst Du mich dort. – Adieu indessen. – Geht ab. Nestor . So gehn wir nun auf drei verschiedenen Wegen! Geht ab.     Pallast. Curio und Selinus , die in einem Winkel sitzen und herzlich weinen. Curio . Ach! ach! du großes Leiden! Selinus . Unglück! – unaussprechliches Unglück! Curio . Wer wird uns trösten können? Selinus . Niemand auf der Welt! ach! ach! Curio . Schluchzen Sie nicht so sehr, – es greift gewaltig an. Selinus . Man muß sich nicht ansehen, wenn man zum Besten des ganzen Landes arbeitet. Ach! ach! ach! Curio . Ach! ach! ach! – Ich merke, mein Bester, daß Sie gern Kammerherr werden wollen, aber das geschieht jetzt doch nicht. Selinus . Sie werden mir doch nimmermehr im Wege stehn! Curio . Man kann nicht wissen. Ha! ha! ha! Selinus . Sie lachen bei der allgemeinen Landtrauer? – O warten Sie, nun bin ich meiner Sache gewiß. Curio . Ich habe nicht gelacht, es war eine gewisse konvulsivische Erschütterung des Zwerchfells, welche die übermäßigen Schmerzen verursacht haben. Selinus . Das glaubt ein Narr. – Ach! ach! ach! ach! Curio . Was ächzen Sie denn so übermäßig: – Aha! der König kömmt! – Ach! Uhe! Ah! Iha! Uhe! Beide . O! Aha! Uhe! Ach ah! Ach aah! – Ich kann nicht mehr. Gottlieb , die Königin , Gefolge, unter diesem Hanswurst , der alte König , Leander . Gottlieb . Gebt Euch ein wenig zur Ruhe, ihr guten Kinder, ich habe auch meine väterlichen Thränen, das wißt Ihr alle, vergossen, aber man muß in jeglichem Dinge Maaß halten. Hanswurst . Aber auch im Maaß halten, mein gnädigster König; sie und wir alle thun nichts, als was die Pflicht von jedem redlichen Unterthan fordert. Gottlieb . Ja, ich glaube wohl, daß jetzt in meinem Lande was Ansehnliches geweint wird. Hanswurst . Alle Arbeit liegt, die Gewerbe feiern, jedermann denkt nur darauf, wie er am bequemsten seinem Schmerze nachhängen will. Gottlieb . Wir wollen doch so gleichsam eine Denkmünze oder Medaille schlagen lassen, worauf das alles abgebildet ist. Hanswurst . Herr Leander ist auf diesen Fall gewiß von der Güte, ein passende Zeichnung und Inschrift zu erfinden. Leander . Wenn die Schmerzen mein Genie nicht gänzlich unterdrücken. Gottlieb . Es werden doch alle Tage die Glocken richtig geläutet? Hanswurst . O ja, mein König, es geschieht regelmäßig, zur allgemeinen Erbauung. Selinus . Ihro Majestät, es giebt aber dennoch Leute, sogar am Hofe, die sich unterfangen, in ein ausgelassenes Gelächter auszubrechen. Gottlieb . Ei der Teufel! dergleichen ist ja strenge verboten. Curio . Mein gnädigster König, es gefällt dem Herrn Selinus eine Unwahrheit zu sagen, weil er sich auf die Kammerherrnwürde Rechnung machte. Ich bin gewiß, trotz einem, über die Abreise des Prinzen im höchsten Jammer, da saß ich so eben von den tiefsten Schmerzen befangen, und wußte mich nicht mehr zu lassen, und da mochte mein ungemeines Schluchzen leicht einem Manne, der kein ächter Kenner vom Weinen ist, wie ein Lachen vorkommen. Selinus . Ich kein Kenner von Weinen? – Ungemein schluchzend und weinend. Nun überlasse ich es den eigenen hohen Einsichten meiner Majestät, meine Talente gehörig zu würdigen. Gottlieb . Es war gut, Curio, was hast Du gegen sein Weinen? – Er, mein Bester, ist nunmehr Kammerherr. – Curio . Mein König, jetzt eben zieht er mir ein Gesicht. Gottlieb . Schweig, ich will nichts weiter wissen. Curio . Geruhen Dieselben nur gütigst, mich ebenfalls weinen zu hören. Gottlieb . Ich habe jetzt mehr zu thun; ich muß auf die Hoftrauer denken und die Livreen meiner Bedienten arrangiren. Ab mit Gefolge. Curio . Nun Herr Kammerherr, viel Glück zum neuen Amte. Selinus . Mein Allerbester, – Sie verzeihen, daß ich mich nicht gerade auf Ihren werthesten Namen besinnen kann, – ach Gott! man hat so gar viel zu denken! mein Gedächtniß läuft mir oft von den vielen Merkwürdigkeiten über, die ich aufbehalten möchte, und darunter gehört auch diesmal Ihr Name, – aber Sie haben nur über Ihren ergebensten Diener zu gebieten; worin ich Ihnen irgend nützlich sein kann, befehlen Sie dreist, und Sie werden sehn, wie bereitwillig ich bin, alle Ihre Wünsche zu erfüllen. Geht ab. Curio , der alte König und Hanswurst bleiben. Curio . So geht es am Hofe, das ist das Schicksal aller Menschen, die ihr Leben dem Fürsten aufopfern! – O Undankbarkeit! Alter König . Gieb Dich zufrieden, denn wenn Du Dich darüber ärgerst, so hat gerade Dein Kamerad Selinus seinen höchsten Endzweck erreicht. Hanswurst . Tröstet Euch; wer weiß, wo und in welcher Gegend für Euch noch ein schönes Glück verborgen liegt. Curio . Wenn Ihro Majestät, unser gnädigster Gottlieb, zuweilen mit unser einem spricht, so glaubt man oft, das größte Glück könnte einem gar nicht entgehn, – und nachher ist es doch immer nichts. Hanswurst . Das ist ein neuer Styl, der bei Hofe eingeführt ist, worin sich jeder Unterthan billigerweise finden muß. Alter König . Ja, das ist wahr, zu meinen Zeiten war hier eine andre Lebensweise, aber mein Schwiegersohn hat das alles abgeändert. Ich habe allen Einfluß auf meinen Sohn verloren: doch scheint es mir wahr, daß man sich jetzt zu eifrig in der ganzen Welt einer gewissen Humanität beeifert, die am Ende wieder sehr inhuman ist; die Mode beherrscht auch Höfe und Regenten, und darum prophezeie ich, daß diese bei Gelegenheit wieder wechseln wird. Curio . Mag es kommen, wie es will, wenn ich nur auch bald eine gute Versorgung erhalte! Alter König . Tausend andre Dinge gehn mir außerdem noch im Kopfe herum, so daß ich mich oft nicht zu lassen weiß. Hanswurst . Was fehlt Ihnen, beste Majestät? Alter König . Ihr habt doch ohne Zweifel auch von den sogenannten Idealen gehört, von denen in der Welt schon so vielfach die Rede gewesen ist – Hanswurst . Allerdings. Alter König . Ich habe jetzt ein Ideal im Kopfe, das mich weder bei Tage noch in der Nacht ruhig schlafen läßt und das mich vor der Zeit in die Erde bringen wird, wenn nicht baldmöglichst dazu gethan wird. Curio . Ei, um's Himmels Willen! Alter König . Ja ja, so wie jeder Mensch sein Ideal im Kopfe hat, der eine um zu heirathen, der andre um ein Buch zu schreiben, der dritte um ein Gemälde zu machen, so trage ich auch das meinige mit mir herum. Hanswurst . Reden Sie, beschreiben Sie es, mein würdigster König. Alter König . Nun ja, gleich. Du, Curio, kennst die beiden Personen, Maximilian und Sebastian? Curio . O ja, Ihre Majestät, ich habe sie oft genug aufstellen müssen; es sind die beiden würdigen Männer aus Blei. Alter König . Richtig. Seit der Abreise des Prinzen liegt es mir unaufhörlich im Sinne, wie ich so gerne diesen Sebastian irgend einmal lebendig und als einen andern ordentlichen Menschen antreffen möchte. Curio . Das scheint mir ganz unmöglich. Hanswurst . Warum unmöglich? Warum soll ein Künstler nicht aus seiner Imagination ein Bild dieses Herrn Sebastians haben machen können und zugleich ein Mann leben, der diesem Bilde entspricht? Es ist ja nichts weiteres, als eine gewisse Sympathie zwischen der Natur und dem Künstler, der ja auch ein Sohn seiner Mutter Natur ist und auch leicht seinen Bruder in Blei und Farben abkonterfeien kann, ohne ihn jemals gesehn zu haben; nun kommt der dritte Bruder, Ihro königliche Majestät hinzu, und wünscht beide Exemplare mit einander vergleichen zu können, weil er ahndet, daß dieser Mann zugleich lebendig existiren müsse. Das finde ich alles ganz natürlich. Alter König . O Hofrath, Ihr gebt mir Hoffnung und guten Rath und frisches Leben. Hanswurst . Hat es sich nicht oftmals zugetragen, daß ein Dichter aus seiner Imagination eine Schilderung entwarf, die die übrigen Menschen als unpassend und übertrieben nicht wollten gelten lassen, und daß sich zwei, drei hundert Jahre nachher ein Subjekt vorfand, das, ohne von diesem Dichter und seiner Schilderung etwas zu wissen, so genau in dieselbe hineinwuchs, daß sie wie gegossen auf ihn paßte? Das war sonst möglich und geschahe, und darum wollen wir hoffen, daß wir auch jetzt in einem Zeitalter leben, in dem sich dergleichen anscheinende Wunderwerke zutragen können. Alter König . Nun bin ich getröstet und will also die Erfüllung meines Ideals erwarten, ohne über die Verzögerung zu murren. Komm, mein Freund! Sie gehn ab.     In der Mühle, Tagesanbruch. Zerbino tritt auf. Zerbino . Eine Nacht wie diese habe ich bisher noch nicht erlebt. Keine Minute Ruhe, die Mühle hat immerfort geklappert, und wenn sie dann auch einmal einen Augenblick still schwieg, so machte die verfluchte Schmiede neben an gleich desto mehr Lärm. Es war zusammen ein Concert um des Teufels zu werden! Der Müller tritt auf. Müller . Nun, haben's gut geschlafen? Zerbino . Nicht einen Augenblick, die Mühle hat ja die ganze Nacht hindurch gearbeitet. Müller . Das ist nicht anders; wir sind zum Besten und zur Ernährung der Menschheit unaufhörlich beschäftigt. Zerbino . Haben Sie denn aber so viel zu mahlen? Müller . So viel, daß ich sagen möchte, es giebt bei uns gar keine Feiertage. Zerbino . Und wo bleibt denn all' das Mehl? Müller . Wird weit und breit verschickt. Die Mühle mahlt zugleich Graupen, und türkischen Mais und alles mögliche. Zerbino . Da sie so nützlich ist, will ich es ihr vergeben, daß sie mich im Schlafe gestört hat. Müller . Ja, diese Mühle und die Schmiede neben an sind wohl die nützlichsten Institute im ganzen Lande. Zerbino . Ich bin ein großer Freund von Technologie und Nützlichkeit; seid doch von der Güte, mir den Bau und die Einrichtung Eurer Mühle ein wenig zu beschreiben; ich denke überdies meine Reise in den Druck zu geben, und durch dergleichen Merkwürdigkeiten würde sie auf eine sonderbare Weise geziert werden. Müller . Herzlich gern will ich Ihnen darin dienstlich sein, – doch muß ich Ihnen dazu meine Gesellen hereinrufen. – Holla! Bursche! tretet mal einen Augenblick herein. Mehrere Gesellen kommen. Zerbino . Sind sie das? Warlich, das sind tüchtige Kerle. Müller . Beim heiligen Polykomikus! es sind überaus wackre Bursche. Zerbino . Kennt Ihr den Polykomikus? Müller . Er ist ja der Schutzpatron aller Mühlen und Schmieden im ganzen Lande; wir beten alle Morgen zu ihm. Zerbino . Das muß ein höchlich zu verehrender Mann sein; seht, so wie ich hier stehe, habe ich ihm alles zu verdanken, er hat mich von einer Krankheit geheilt, die unheilbar schien. Müller . Wirklich? Was fehlte Ihnen denn? Zerbino . Ich litt an einer großen Verstandesschwäche, die manchmal in ordentliche Raserei ausartete. Müller . Ei! ei! Zerbino . Aber dem großen Manne gelang es, mich völlig zu kuriren; doch ist immer noch ein Rest des Uebels innerlich im Kerne meines Kopfes zurückgeblieben, der sich zwar in meinen Reden und Handlungen, wie Ihr bemerken werdet, nicht äußert, doch aber mit der Zeit wieder sein altes Spiel treiben könnte: und deshalb muß ich jetzt auf Reisen sein und den guten Geschmack aufsuchen, und wenn ich ihn gefunden habe, dann ist kein Rückfall mehr zu befürchten. Müller . Ei das trifft sich ja recht glücklich! denn eben jetzt stehn Sie mit Ihren beiden angenehmen Füßen in der Mitte des guten Geschmacks. Zerbino . Wie das? – Müller . Diese Mühle ist ja eben das, was Sie schon so lange gesucht haben. Zerbino . Wirklich? Müller . Wirklich und in der That! Zerbino . Ein größeres Glück hätte mir gar nicht begegnen können. Müller . Freilich, – und diese Gesellen da sind die verehrungswürdigen Mitarbeiter! Zerbino . Ich schätze mich unendlich glücklich, Sie, meine Herren, so unverhoffter Weise kennen zu lernen, es hätte mir nichts Angenehmers begegnen können, und ich bin um so mehr erfreut, da ich auf diesen unvorhergesehenen Zufall gar nicht gerechnet hatte. Er umarmt einen nach dem andern. Müller . Ach, mein Werthester! Sie sprechen beinah, als wenn Sie zu uns gehörten. Sie sehn auch wahrhaftig schon so aus. Zerbino . Es ist schon eine alte Bemerkung, die ich jetzt wieder erneuere, daß die Müller abfärben. Müller . Ja, wir sind die weiße Brüdergemeinde, aber kein heimlicher Orden, sondern wir treiben unser Handwerk sehr öffentlich. Zerbino . Sie wollten so gut sein, mir etwas von der Construktion Ihrer Mühle zu sagen. Müller . Von Herzen gern. Die Hauptsach, sehn Sie, ist der große Bach, Den andre die Fontäne nennen wollen, – Sehn Sie ihm gütigst mit den Augen nach, – Der thut den ganzen Tag nun nichts als rollen. Er fließt so klar, – nur heran! und flammt, wie Feuer, Ist, seinem Wesen nach, Unschuld und Liebe, Fällt von dem werthen Berg und ist mir theuer, Denn seine Kraft erregt mir das Getriebe. Zerbino . Er ist in der That sehr klar, ich kann auf dem Grunde jeden Kiesel sehn, kein Sandkorn ist mir verborgen und dabei scheint er keinen Mangel an Wasser zu haben. Müller . Und ach! wie heilsam ist der Trank der Quelle, Kein so gesundes Wasser weit und breit, Man schickt es schon als Labung von der Stelle, Ein fremdes Land von uns sein Wasser leiht, In jedem Tropfen wirkt die Süßigkeit. Zerbino . Es ist erstaunlich, so müssen Sie sich nur ja in Acht nehmen, daß Ihnen diese Quelle nicht einmal abgeleitet wird. Müller . Es ist Tag und Nacht meine Sorge; glauben Sie mir, dadurch sind schon manche Kalender entstanden. Zerbino . Ich glaub' es, es ist jetzt leider eine Zeit, wo jedermann seine Kalender machen muß. – Aber Ihre werthen Gesellen? Müller . So nützlich, wie der Quell, ist nicht ein einz'ger, Doch warlich, ist drum keiner zu verachten, Sie nutzen in der Mühle Tag und Nacht, Und wo es Arbeit gilt, sind alle rührig. Doch voran von der Einrichtung der Mühle: Es ist ein schönes, großes Ding um's Mahlen, Denn ohne Mühle wäre niemals Mehl, Und mehllos wären wir auch ohne Nahrung, Was sollten wir mit jenen Cruditäten, Den großen, ungeheuren Stücken machen, Die uns die sogenannten Alten ließen? Zerbino . Das ist sehr wahr, wenn wir uns daran begnügen müßten, so könnte es uns gar begegnen, selber gewissermaßen alt zu werden. Müller . Bemerken Sie, wie all' die groben Dinge, Von Vaterland und Heldenmuth und Tugend Hier oben in den Trog geschüttet werden: Nun fängt das Mahlen an mit allen Steinen, Hier unten sehn Sie nun behende Tugend, Ein niedlich Vaterland und andre Helden, Nebst Liebe, Wehmuth, Großmuth, Aufopfrung, So fein gemahlen, delikat erscheinen! Zerbino . Eine ganz unvergleichliche Einrichtung! O ich bitte, sehn Sie doch die Häuslichkeit, die Bürgertugend, die Menge von so überaus zarten Familienverhältnissen! Müller . Sie glauben gar nicht, welche Kraft die Mühle Selbst an den größten Dingen, an den härtsten Beweist, denn wenn man oben selbst Homer, Ja Sophokles, von dem man meinen sollte, Daß er am wenigsten gesonnen sei Gemahlt zu werden, nur hineinschmeißt, – immer Geräth's, und schmackhaft kömmt er hier heraus. Zerbino . Da sind Sie also Ihrer Sache sehr gewiß? Das, mein Freund, ist die wahre Art, ein Handwerk in eine Kunst zu verwandeln, und es kann kommen, daß Sie selbst mit der Zeit die englischen Fabriken übertreffen. Müller . Ja, aber sollten Sie's, mein Bester, denken, Daß selbst in unsrer Zeit es Leute giebt, Die, wenn man sie genießen soll, mit Eifer Gemahlen werden müssen? Zerbino . Das ist doch bei den Fortschritten unsers Jahrhunderts ganz etwas Entsetzliches! Müller . Sie glauben nicht, wie viele schöne Kleye Ich zum Exempel nur dem Berlichingen Zu danken und dem Werther; damals war Ein Mahlen, daß die ganze Mühle knackte. So giebt's ein Englisch ungeschlachtes Ding, Der mir noch lange vorhält, viele Leute Ernährt und niemals ganz zerrieben wird; Da sehn Sie mir nur die Historien an, Die er Gottlob schon angerichtet hat, Worunter vor dem kleinen Rathenow Der große Churfürst nur die schlechtste ist, Denn alle andern sind noch lustiger: Dies saubre Stück hat nur den einz'gen Fehler, Daß es ein wenig gar zu fein gerieben. Zerbino . Wie ich gehört habe, will man ja ordentlich anfangen, diesen Engländer ungemahlen zu verstehn. Müller . Ja das sind Leute, die mir graues Haar Erregen, sie sind gegen unser Handwerk, Und eigentlich die wahren Antimüller, Doch spür' ich noch bis dato keinen Mangel Im Handel, denn die meisten sind für uns. Zerbino . Es wäre Schade, wenn der Verkauf litte, Ihre Mühlknappen würden auch niemals wieder ein so gutes Unterkommen finden. Müller . Sie sind die treuen Knechte, nicht im Weinberg, In einem Institut von größerm Nutzen: Der Starke da macht sonderlich das schönste Und feinste Mehl, das man jetzt sehr genießt. Der Starke . Ja, ich glaube jetzt der Mühle von eben dem Nutzen zu sein, als die Quelle, das sagen auch alle Leute, ja einige wollen mich noch vorziehn. Ich kann ein Mehl zubereiten, daß einem das Herz im Leibe lacht, und die Milchbrote und Semmelein, die daraus gebacken werden, sind so zart, daß gewiß etliche Dutzend noch dem Magen nicht beschwerlich fallen. Müller . Der Große da ist auch ein guter Bursche, Nur leider lange nicht so schön solide, Das macht, er hat die Welt etwas gesehn, Und darum kömmt's ihm hier, so wie man wohl Zu sagen pflegt, noch immer spanisch vor. Der Große . Ich mache ein tüchtiges, kräftiges Mehl – – Müller . Schon gut, denn wenn er einmal erst von sich Zu reden anfängt, findet er kein Ende. Da ist ein andrer noch, der oft den Bach Verrammt, ein wackrer, sehr geübter Bursche. Du! Hier – o! komm doch her, Familienmehl, Ein niemals noch verstoßnes Essen, (Fürsten Und Bürger laben sich gleich sehr daran) Ist seine Sache; keiner glaubt von ihm, Daß er an dem Geschmack ein Hochverräther, Er ist wohl nur ein schuldloser Verbrecher. Zerbino . Wer ist denn jener mit dem klugen Blick? Müller . Der Mann ist für uns all ein großes Glück, Es giebt der Kerls, unbändig wie die Tollen, Die mit Gewalt nicht in den Mahlsack wollen, So könnt Ihr Alexandern Euch nicht denken, Wir mußten Attila'n den Kopf verrenken, Themistokles kam in den Kasten ein, Am Leib zerschlagen, mit gebrochnem Bein: Wenn derlei Volk sich ungeberdig stellt, Daß alle wir sie nicht bezwingen können, Ist kein Mann so geschickt auf weiter Welt Sie festzubinden und zu fesseln schnell: Weshalb wir ihn auch nur den Feßler nennen. Der Feßler . Ja, ich bezwinge sie so ziemlich; wenn ich einen solchen Welteroberer in etlichen Bänden eingefaßt habe, ist er so matt, daß man gar kein Leben mehr in ihm verspürt. Müller . Nun könnt' ich Euch noch einen andern zeigen, Der nur gewöhnlich Maißner heißt, doch dieser Ist jetzo wenig in der Arbeit mehr, Wie jener dort, der mit dem Kopfe schlenkert; Sie waren ehmals rüstige Gesellen, Der eine, der den Mais gemahlen, dieser, Der Graupen und auch deutsche Grütze machte, Der hat schon lange in Apoll geruht, Und dieser ist in der Geschichte seßhaft. Ich will noch wen'ges von mir selber sprechen, Dann woll'n wir alle an die Arbeit gehn. Mein Mehl bewahr' ich meist in braunem Papier, Worin es sich gut hält, es ist ein plattes Unschädliches und ganz gesundes Essen, Denn mich zu rühmen wäre unbescheiden, Ich setze mich gern unter Englands Sterne. Zerbino . Bescheidenheit ist nicht übel. – Aber was ist denn das da? Müller . Hier sammelt sich die allergröbste Kleye, Die wohl nun schon seit ein'gen Jahren liegt, Doch findet dies auch immer seine Freunde, Ich nenn's Archiv der Zeit und des Geschmacks. Bemerken Sie, wie auch durch diesen Püster So schöne Grütze ausgebeutelt wird, Ein Essen, das uns niemals in den Kopf steigt. Zerbino . Aber, mein Bester, mein innerlicher Zustand wird noch um nichts besser, ich schließe daraus – Müller . Doch wohl nicht, daß Sie sich nicht innerhalb des guten Geschmacks befunden? Zerbino . Ohngefähr dergleichen. Müller . Mein Freund, Sie werden grob. Zerbino . Es thut mir leid, aber ich muß weiter reisen. Müller . Gesellen! An die Arbeit! – Alle gehn wieder an die Arbeit, die Mühle kömmt wieder in den Gang.     Vor einem Wirthshause. Stallmeister tritt auf. Stallmeister . Ich bin lange herumgetrabt und bin nun so müde, daß ich mich genöthigt sehe, einzukehren. Wenn ich es nur dahin bringen könnte, mich als einen ordentlichen Reisenden anzustellen, damit die Leute auf keinen Verdacht verfielen! – Die Knechtschaft, in der ich lebte, ward mir endlich gar zu unerträglich, und darum habe ich ihr auch ein Ende gemacht. Meine beiden Herrn hielten sich für gar zu klug und traktirten mich beinah wie einen Hund; wenn sie durch die reizende Natur gingen, führte mich der Bediente Nestor wie einen Verbrecher am Stricke; auf mich wurde gar nicht geachtet, wenn ich mich noch einmal umsehn, oder im Wirthshause bleiben wollte, – weshalb ich nun auch den Zustand der Freiheit ergriffen habe; und als mein eigner Herr durch die Dörfer wandre. – Ich muß nur anklopfen. Der Gastwirth kömmt. Wirth . Wer klopft noch so spät an? Stallmeister . Ein wandernder Handwerksgeselle, der um ein Nachtquartier bittet. Wirth . Na, so kommt nur herein! – Wo seid Ihr denn her? Stallmeister . Nicht weit von hier, ich bin ein Landeskind. Wirth . Nehmt Euch in Acht, daß Euch die Werber nicht wegnehmen, es wird hier herum ein neues Regiment errichtet. Stallmeister . Drum laßt mich nur geschwinde ein, die Nacht fängt überdies an, kalt zu werden. Geht hinein.     Stube in der Schenke. Wirth , Stallmeister . Wirth . Nu, setzt Euch, Landsmann, Ihr müßt wohl müde sein? Stallmeister . Gar sehr; ich bin den ganzen Tag gewandert. Wirth . Nu, ruht aus. – Was giebt's denn gut's Neues in der Welt? Stallmeister . Das wißt Ihr wohl, daß es der guten Neuigkeiten immer nicht viele giebt. Wirth . Das ist sehr wahr, erstaunlich wahr, Ihr habt Verstand, Landsmann. Stallmeister . Den muß man wohl kriegen, wenn man schon so früh in der Welt herumgestoßen ist, wie's mir ging. Wirth . Raucht Ihr Taback? Stallmeister . Nein. Wirth . Schade! Ich habe sonst gute Conterbande im Hause, die ich Euch um ein Billiges ablassen wollte. Ich treibe nebenher einen kleinen Handel. Ihr glaubt nicht, wie schwer es dem Menschen gemacht wird, sich redlich durch die Welt zu bringen. Stallmeister . Ja wohl, ja wohl; so wie Ihr mich hier seht, habe ich etliche Jahr, weil ich nicht anders ankommen konnte, als Hund dienen müssen. Wirth . Ei das ist doch erstaunlich! Stallmeister . Ja, was hilft's? Bauer wollte ich nicht werden, die Tabacksfermen waren aufgehoben, da, ohne Connexionen, wie ich war, mußte ich mich schon darein finden, Hund zu werden. Wirth . Wär' ich doch darauf verfallen, als ich vor acht Jahren aus Desperation unter die Soldaten ging! Der gemeine Mann ist in unsern Zeiten übel dran. Stallmeister . Sagt mal, wißt Ihr hier herum was vom guten Geschmack? Wirth . Nein, wir sind froh, wenn wir nur überhaupt was zu essen haben, da bekümmern wir uns um den Geschmack nicht sonderlich. Stallmeister . Ich meine, mein Bester, den geistigen, moralischen. Wirth . Vielleicht das Noth- und Hülfsbüchlein? da habe ich aber keinen Geschmack an finden können. Es ist nicht zur Hülfe, ja kaum zur Noth zu gebrauchen. Mir scheint der Eulenspiegel, den ich da hinten liegen habe, ein ganz andres Werk. Stallmeister . Ihr seid in der Aufklärung zurück, wie es mir scheint. Ihr müßt wissen, daß die Menschheit bisher noch solche Bücher gar nicht besessen hat, weil sie dazu noch nicht reif gewesen. Wirth . Ja? Stallmeister . Allerdings: für den Landmann, für den Bürgerstand fangen sich nun erst an, die Federn in Bewegung zu setzen. Wirth . Ihr arbeitet wohl selbst dergleichen Sachen? Stallmeister . Bis dato noch nicht, weil ich dazu noch nicht würdig gewesen bin, aber ich will mich nächstens in die Lehre begeben, weil ich überdies jetzt außer Dienst bin. Wirth . Aber glaubt Ihr denn, daß das was nützt? Stallmeister . Es muß nutzen, da wird nicht lange gefragt: der Nutzen und alles muß sich nach den Leuten bequemen, die in dem Fache arbeiten. Wirth . Da sind auch die Zeitungen, wenn Ihr sie lest. Stallmeister . O ja, nur her damit, jetzt ist eine interessante Epoche. – Hier ist ja eine kuriose Nachricht: Ein Spitzhund, mit gelben Ohren und Füßen, Namens Stallmeister, hat sich verlaufen, wer von diesem Vagabunden im Zeitungskomptoire Nachricht geben kann, erhält fünf Thaler zur Belohnung. Ihm selbst aber, wenn ihm dies Blatt zu Gesichte kommen sollte, wird gemeldet, daß er sich, ohne irgend eine Strafe zu fürchten, zu seinen Angehörigen zurückbegeben könne. – Ja, es ist erstaunlich, es laufen jetzt viele Hunde weg. – Für sich. Daß ich doch ein Narr wäre! Ich bin froh, daß ich so von ihnen gekommen bin und wenn Sie mich wieder haben wollen, so können sie mich eben so gut aufsuchen. – Herr Wirth, Ihr seid ja eingeschlafen. – Wirth . Ja. – Stallmeister . Wollt Ihr mir eine Schlafstelle anweisen? Wirth . Ich weiß für Euch keine andre, als die Ofenbank dort. Stallmeister . Nun, die ist mir gerade recht erwünscht. – Gute Nacht also! – Beide gehn zu Bette.     Wald. Der Waldbruder , Helikanus . Der Waldbruder . Wie treff' ich Euch an dieser Stelle wieder? Helikanus . Es treibt mich mein Gemüth durch diese Wälder Im Irren auf und ab, bald bin ich hier, Bald wandl' ich meinen Weg zurück, und immer Verwirr' ich mich nur tiefer in den Zweifeln. Waldbruder . So geht es uns, wenn wir auf Rath nicht achten, Des Freundes Stimme nicht vernehmen wollen. Dein irrer Sinn, er würde schnell geheilt, Wenn Du Dich der Natur und der Betrachtung Der Wunderwerke Gottes widmen wolltest. Helikanus . Es ist nicht mehr in mir der alte Schmerz, Der mich zuerst in diesen Wald geführt, Ein neues Feuer brennt in meinem Herzen. Waldbruder . So hat die eine Thorheit wohl bei Dir Die andere geheilt: so geht's dem Menschen! Er glaubt sich oft von jeder Macht verlassen, Daß Erd' und Himmel auf ihn zürnen und Die Thorheit nimmt ihn in den Mutterarm, Bereitet ihm den liebevollsten Trost. Helikanus . Du kennst die Menschheit weder, weder mich, Zu eilig bist Du immer, Rath zu geben, Urtheil zu fällen. Waldbruder . Nun, so rede endlich. Helikanus . Als ich Dich hier an dieser Stelle ließ, Da eilt' ich fort und kam in eine Gegend, Auf die des Himmels Wonne sich gesenkt, Die süßesten Gesänge wohnten dort, Ich fand die Heimath meines Herzens endlich. Waldbruder . Was war es denn, das Dich so hoch entzückte? Helikanus . Du lächelst wohl, wenn ich ein Mädchen sage? Waldbruder . Ich hatte diese Antwort schon vermuthet. Helikanus . Ihr faßt es nicht, wenn ich sie Euch beschreibe. Waldbruder . Erspare Dir, ich bitte Dich, das Schildern! Helikanus . Und daß sie mich nicht liebt! ach! daß sie kaum, Wie ich sie liebe, zu bemerken scheint! Waldbruder . Und wo, mein Sohn, ist Deine erste Liebe? Ja, so ist stets der Jugend Unbestand! Helikanus . Sprich nicht, mein Freund, wann Du nicht fühlen kannst, Was helfen Deine Worte? Glaubst Du mich mit diesen, Mit luftgewebten Banden, von der Schönheit, Die mich magnetisch kräftig an sich zieht, An die das Schicksal mich geschmiedet hat, Und die mich ewig festhält, – los zu reißen? Waldbruder . Die Worte sind als Worte ohne Kraft, Und dennoch können sie den Sinn beherrschen, Die Leidenschaft empören und besänftgen, Wann sie der Mund mit jener Kraft gebraucht, Die, wie die Zeichen eines Zaubermeisters, Urkräftig stets auf Herz und Seele wirken. Helikanus . Unmöglich kann ihr Bild dem treuen Herzen, Noch Menschenkraft, noch Zauberspruch entreißen. Waldbruder . Und warum wüthete so heftig jüngst In Deiner Brust die wilde Leidenschaft? Helikanus . Das ist es eben, daß ich mich nicht fasse, – Bald zittert sie hinweg vor jenem Bilde, Das ehmals wie mein Schicksal mich beherrschte. Ich frage oft der Felsen taube Steine, Die klaren, rieselnden Gewässer, was Ich soll beginnen, Echo spricht in Sylben, Die unvernehmlich sind, die Quelle murmelt Ihr altes Lied nur unverdrossen fort, Und keines giebt Erleicht'rung meinen Schmerzen!         O alte Heimath süß!         Wo find' ich wieder dich?         Welch ein Quaal ist dies?         Warum verfolgst du mich?         Warum ertödtest mich?         O ferner Liebesschein,         Glimmst wieder nach mir her?         Soll dies mein Glücke sein?         Mir fällt das Leid zu schwer, –         Wer denkt wohl meiner, wer?         Bald such' ich Linderung         Bei dir, o Thränenguß;         Denk' dann, es ist genung,         Dann denk' ich ihren Kuß         Und daß ich wandern muß, –         Und neuer Schmerz befällt,         Die arme treue Brust,         Die Lieb' gefangen hält         Und nicht mehr kennt die Lust –         Mir alles ist vergällt. Waldbruder . Ihr sangt das Lied mit rührend schöner Stimme, Doch, wenn ich rathen soll, folgt meinem Beispiel: Als mich die Welt und jedes Glück verstieß, Als Hoffnung hinter Bergen mir verschwand, Ergab ich mich der Einsamkeit und mir. Hier leb' ich froh die alten Tage ab, Wann das Gewebe reißt, ganz unbekümmert. Ich lebe innerlich, da um mich starb Was äußerlich mein Leben war, die Gattin, Der Sohn, der mir noch unvergeßlich ist; Beschaue jetzt des Himmels große Wunder, Und ranke mich, ohnmächtig wie ich bin, Wie eine zarte Pflanze, durch den Trieb Im Innern nach den hohen Lüften auf.         Wann das Abendroth die Haine         Mit den Abschiedsflammen küßt, –         Wann im prächtgen Morgenscheine         Lerchenklang die Sonne grüßt, –         O dann werf ich Jubellieder         In's Lobpreisen der Natur,         Echo spricht die Töne wieder,         Alles preißt den Ewgen nur.         Mit den Quellen geht mein Grüßen,         Und das taube Herz in mir         Hat dem Gott erwachen müssen,         Der uns schirmet für und für.         Meereswogen laut erklingen,         In den Wäldern wohnt manch Schall;         Und wir sollten nicht besingen         Da die Freude überall? Helikanus . Lebt wohl, denn Ihr begreift mein Leiden nicht! Waldbruder . Lebt wohl, Euch mangelt noch des Geistes Licht! Beide von verschiedenen Seiten ab.     Die Wüste. Jeremias , der aus dem Fenster des Felsen sieht. Jeremias . Mein Herr Polykomikus führt ein sehr beschwerliches und langweiliges Amt, das kann ich nun wohl aus Erfahrung sagen; da kömmt Volk von allen Altern und Ständen, um sich bei mir über tausend Nichtswürdigkeiten Raths zu erholen, und da muß man ihnen moralische Antworten geben und vernünftig sprechen, und dabei so unaussprechlich dumm sein, daß ein ehrlicher Mensch darüber in Verzweiflung fallen möchte. Es versammeln sich nach und nach mehrere Leute. Jeremias . Wollt Ihr schon wieder Rath haben. Die Leute . Ja, denn dessen kann man niemals genug bekommen. Jeremias . Ihr seid aber ennuyant. Die Leute . Dazu sind wir geschaffen. Jeremias . Aber warum könnt Ihr Euch nicht selber rathen? Die Leute . Das wäre ganz was Neues! Jeremias . Die Nützlichkeit, zu der ich jetzt genutzt werde, geht mir etwas zu weit. – Mein Herr ist nicht zu Hause, der ist noch vom Hofe nicht zurückgekommen, wohin man ihn verschrieben hatte. Die Leute . Das ist einerlei, wir müssen unsern gehörigen Rath haben. Jeremias . Wißt Ihr was, meine Freunde? Damit sich keiner von uns zu beschweren habe, wollen wir das Nützliche ein wenig mit dem Angenehmen verbinden. Die Leute . Das kann uns gleich sein. Jeremias . Nun, da werden wir bald gute Freunde werden. Hört, meine Besten, ich denke wir errichten hier in dem Felsen so ganz für uns ein kleines moralisches und menschheitsschwächenverbesserndes Theater! Die Leute . In Gottes Namen, macht's aber lieber gleich zum Nationaltheater. Jeremias . Warum? Die Leute . Warum? das wissen wir auch nicht, aber es scheint besser zu sein. Jeremias . Nun, wie Ihr es wollt. Also, damit wir unser Nationaltheater einrichten, werd' ich hier den großen Besen nehmen, die Bühne sauber abfegen und dabei will ich bei dieser feierlichen Gelegenheit einen rührenden Prologus halten, der Euch gewiß allen gefallen soll. Peter . Fangt nur an, und macht dann, daß ich durch Euer und der Kunst Hülfe ein bischen besser werde, denn ich muß Euch sagen, ich bin ein ganz verruchter Kerl! Jeremias . Sogleich werd' ich die Ehre haben, meine gehorsamste Aufwartung mit allen Sorten von Moralien zu machen. Er nimmt den Besen und fegt das Fenster im Felsen ganz rein. Nun, meine werthesten Herrn, wohl aufgeschaut, Damit Ihr Euch alle gut erbaut, Und Euren ganzen Lebenswandel bessert, Wonach Euch allen der Mund doch wässert. Hier kommt es nicht, Euch zu belust'gen, an, Weil das jedweder Arlequin kann, Aber mit Vernunft und wehmüth'ger Rührung erlustiren, Das ist's was den edlen Poeten muß zieren, Und darnach wollen wir Sinnen, Trachten und Dichten, Mit allen Leibeskräften richten – Geht ab. Peter . Nun wird's kommen, Freund Caspar, daß wir Beide ganz andre Menschen werden. Caspar . Es thut noth. Einige Andre . Schweigt still! stört uns nicht, daß wir Acht geben können. Zwei Marionetten treten auf, ein König und eine Königin . Königin . So steht es mit dem Reich so elend wie man sagt? König . Ach! theuerstes Gemal, Du glaubst nicht, was man wagt, Wenn man den Bürger zwingt, dem Feind zu widerstehn, Den sie mit dräu'nder Fahn' vor ihren Mauern sehn. Sie sind jetzt gar nicht mehr zum Kriege zu gebrauchen, Sie trinken ewig Bier und wollen Tobak rauchen, Und heißt es denn einmal: Ihr Patrioten, 'raus! Beschützt das Vaterland! ist keiner je zu Haus. Königin . So sind wir ja wohl schon auf diese Art verloren? König . Zum mind'sten, wenn nicht todt, doch immer sehr geschoren; Wie mancher König wird in unsrer Zeit entsetzt, Woran der Pöbel oft sich überdies ergötzt, Vom Thron zu steigen ist mir aber nicht gegeben, Eh' opfr' ich, Vaterland, dir gerne Blut und Leben! Ein Bote . Bote . Mein König, immer mehr kömmt uns der Feind auf'n Leib, Es flüchtet jedermann mit Geld und Kind und Weib, Und kellerwärts verkriecht sich mannhaft der Soldat, In Summa, Feindesfurcht erreicht 'nen hohen Grad. Was sollen wir bei so bewandten Sachen thun? König . So lang ich König bin, könnt Ihr noch sicher ruhn. Bote . Allein das hat ja wohl zum längsten nun gewährt? König . Schau zu, mein Sohn, so zieh' ich hier mein gutes Schwert, Damit will ich mich schnell, wo die Feind' am dicksten stehn, Hinstürzen und besieg'n, oder sterbend untergehn! Ab. Königin . Welch edler Königsmuth in dieser hohen Brust! Ihn anzusehen nur ist warlich Götterlust. Ich muß doch auch hinaus und sehen wie es fällt, Und wie im Kriege sich mein edler Gatte hält, Und stürzt er nieder, ach! Adieu so Thron als Reich! Dann sind wir alle wohl hier diesem Schlingel gleich. Geht ab. Bote . Ja schimpft nur, weil Ihr schon in letzten Zügen liegt, Es ist kein Zweifel mehr, daß uns der Feind besiegt, Ich kenn' des Königs Muth, der ist nicht sehr weit her, Auch trägt er wohl an ihm nicht sonderlichen schwer. – Da hör' ich schon des Feind's Gejauchz' und Jubelschrein, Sie werden von der Stadt schon richtig Meister sein, Nun die erst hier sind, seh' ich's schon mit halbem Blick, Wie man die Hand umkehrt, sind wir 'ne Republik. Geht ab. Caspar . Herr Jeremias! Jeremias , mit dem Kopfe durchsehend . Rufen Sie, meine Herren? Caspar . O ja, das Ding da gefällt uns gar nicht. Jeremias . Das thut mir unmäßig leid, – liegt's etwa an den Marionetten? Caspar . Nein, die meinen's ganz gut und greifen sich auch an, – aber das Ding selbst ist nicht den Teufel werth. Jeremias . Ei, wie so? Caspar . Das ist uns allen zu unnatürlich, daß sich die Worte immer reimen und zusammenpassen, wenn einer seine Gesinnungen von sich giebt. Jeremias . Sie sind also für die Natürlichkeit portirt? Caspar . Natürlich! Jeremias . Ja, wenn das ist, so müssen wir schon eine ganz andre Seite heraus kehren. Caspar . Gerade darum wollten wir bitten. Jeremias . Gleich, meine Herren; wir wollen uns also für's Erste in die bürgerliche Tragödie begeben, aber ich fürchte, daß es Ihnen darin auch nicht sonderlich gefallen wird. Zwei andre Marionetten, Mann und Frau , treten auf. Mann . In welchem Elende befindet sich nun unsre arme, unglückliche Vaterstadt! Und in welchem Jammer wir vor allen andern Menschen! Frau . War es nicht Deine Schuld, Dein Verbrechen, das uns in diesen Jammer gestürzt hat? Mann . O schweig! Frau . Nein, denn ich will reden, weil ich muß. – Du wagst es noch zu klagen? Du, der sich zuerst mit dem Feinde einließ, der zuerst den Vorschlag that, ihm die Thore zu eröffnen? Sieh nun hier auf dem Markte die Leichen Deiner Brüder, sieh diese rauchenden Häuser, die zerstörten Tempel, und dann sage Dir: alles dies ist mein Werk! Mann . Weib! Du machst mich rasend! Frau . Nein, Du erwachst jetzt von Deiner Raserei, Du erschrickst jetzt vor dem Elende, das Du erregt hast, es fällt Dich wie ein Sturmwind an, und Verzweiflung, Selbstmord wird alles endigen. Mann . Voran sollst Du sterben, dann ich, Dir will ich heulend in die Unterwelt hinab folgen, zu der Du mir den Weg zeigen sollst. – Er schwingt seinen Dolch, die Frau entflieht, er verfolgt sie. Mehrere Zuschauer drängen sich in der Wüste hinzu, unter diesen auch Satan . Jeremias , hervorgukend . Nicht wahr? das ist auch nichts Rechts? Michel . Nicht sonderlich. Satan . Lieben Leute, es ist nicht rührend genug, Ihr versteht den Henker von dramatischer Kunst, und darum wißt Ihr auch nicht, wo dieser Darstellung der Schuh drückt. Die Leute . Das ist auch wahr. Ihr seid gewiß ein Kenner. – Wir wollen's rührender haben! Jeremias . Gut, ich hab's gleich gedacht, darum wollen wir noch eine Note niedriger angeben. Satan . Die Sache, Herr Schauspieldirektor, ist, daß Sie ein bischen mehr ins Natürliche verfallen müssen. Jeremias . Sogleich! Zwei andre Marionetten treten auf, ein Vater mit seinem Sohne . Vater . Und Er ist wieder erst gegen Morgen zu Hause gekommen? Sohn geht schweigend auf und ab. Vater . Antwort will ich haben. – Nun? ob Er bald reden will? Sohn . Herr Vater – Vater . Ich bin sein Vater nicht, am wenigsten sein Herr Vater! Er untersteht sich, Bösewicht, ein fühlendes väterliches Herz, das Sorgen und Gram die ganze Nacht hindurch zernagt haben, mit: Herr Vater , anzureden? Sohn . Es war ja so böse nicht gemeint. Vater . O wenn ich auch davon überzeugt sein müßte, so hätten sich jetzt unsre vier Augen zum letztenmale gesehn! Ich würde Ihn kalten, herzlosen, nichtswürdigen, undeutschen Schuft zum Hause hinauswerfen! Sohn . Ereifern Sie sich doch nicht so. Vater . Ich will mich ereifern! sieht Er, ich will mich durchaus ereifern! Ich bin voller Eifer! Feuer und Flamme. Sohn . Aber schonen Sie doch, mir zu Liebe, Ihrer Gesundheit, Ihrer theuren Gesundheit. Ist es nicht genug, daß ich so früh schon meine Mutter habe verlieren müssen, wollen Sie mir auch noch den Vater rauben? Vater umarmt ihn gerührt . Nein, mein lieber Sohn, er soll Dir nicht geraubt werden. – Ach! du traute, verewigte Catharine! – O, mein Sohn, bei ihrem Andenken beschwöre ich Dich, gieb Deine thörichte Liebe, Deine unnützen vornehmen Freundschaften auf, und mache Deinem Vater in seinem Alter freudige Stunden. Wenn Du mich gerne hier bei Dir siehst, so beweise es mir durch Deine Veränderung. Sieh, die jetzige Noth Deines Vaterlandes, die Feinde, die in die Stadt eingedrungen sind, schreiben so starke Contributionen aus, achten göttliche und menschliche Rechte so wenig, daß wir bald durchaus verarmt sein werden. – O bedenke Deine eigne Wohlfahrt, mein Sohn, denn von der meinigen kann bei diesen grauen Haaren nicht mehr die Rede sein. Geht weinend ab. Sohn . Mein Vater ist ein edler Mann, ganz nach der alten biedern deutschen Sitte, rauh und auffahrend, aber innerlich im Kerne ganz vortrefflich. – Ach! und dennoch kann ich seinem guten Rathe keine Folge leisten! – Liebe! du allmächtige Liebe bist es, die die festesten Bande der Natur zertrennt. Viele Zuschauer weinen, der Sohn will abgehen, Jeremias fängt ihn mit den Händen auf, indem er wieder hervorguckt. Jeremias . Meine Herren, Sie sind ebenfalls gerührt, und dieser harte hölzerne Bösewicht will doch nicht in sich gehn, sollen wir das erdulden? Sohn . Das Schicksal, das unerbittliche Schicksal hat mich gewaltig ergriffen. – O gütiges Geschick, laß mich doch wenigstens meine Rolle zu Ende spielen, so wirst du sehn, wie ich im fünften Akte noch ein ganz andrer Mensch werde. Jeremias . So? im fünften Akt? Ei scharmant! Das gäbe für alle armen Sünder ein treffliches Beispiel! Alle verlassen sich auf den fünften Akt, und nichts in der Welt verdirbt deshalb die Menschen so sehr, als eben dieser fünfte Akt, weswegen man ihn lieber gar, als einen Sittenstörer, gänzlich abschaffen sollte. Sohn . Aber wie niedlich ich nachher werde, soll dir, o erhabnes Schicksal, selber Freude machen. Jeremias . Nein, gleich hier auf der Stelle ändre Dich um, oder Du bist augenblicklich des Todes. Sohn . Wie soll ich mich denn so schnell ändern? Habt Ihr, Schicksal, denn gar keine Kritik studirt? Das wäre ja anstößig, unnatürlich, und wenn ich also in der Moral was gut machte, so schösse ich dafür in der sogenannten Aesthetik einen desto ärgern Bock. Jeremias . Der Kerl hat List und Ueberredungsgabe, aber wir wollen uns dadurch nicht hintergehn lassen. – Hinunter mit Dir, vom Theater! Du unmoralischer Flegel! Er schmeißt ihn vom Felsen in die Wüste hinunter, die Zuschauer lachen. Sohn . O Menschheit! lachst du, wenn du siehst, wie ein grausam unerbittliches Schicksal mit einem Mitbruder spielt? Caspar . Ja, wir müssen über den Purzelbaum lachen, den Sie da von oben gemacht haben. Sohn . Lachen? Es ist fürchterlich, dies Geständniß hören zu müssen! O Menschheit, so will ich dich denn also verlassen, wenn du keine Thränen mehr für einen Unglücklichen hast, in eine Wüste will ich ziehn – Peter und Alle lachen . Sie stehn ja schon mitten in einer Wüste. Sohn . Nun so will ich aus Verzweiflung nach der Stadt gehn, auf den ersten Feuerheerd springen, den ich antreffe, mich selbst in das Feuer setzen und zu Asche verbrennen! Geht wüthend ab. Jeremias . Im Grunde ist es doch gut, daß wir ihn los sind, denn er kam mir ebenfalls langweilig vor. Caspar . Es ging noch so mit. Satan . Wobei er alle Schuld auf den fünften Akt schob. Jeremias . Er war doch immer ein undankbarer Sohn, wenn wir ihn beim Lichte besehn, und darum ist es gut, daß wir ihn fortgeschafft haben. – Aber was fangen wir nun an? Er ist in der Desperation in die weite Welt hineingegangen, und wir müssen auf einen neuen Zeitvertreib denken. – Nunmehr soll etwas recht Wunderbares kommen, aber damit es mir nicht so sauer wird mit den Fäden, nehmt Ihr's wohl nicht übel, wenn Ihr manchmal meine Fäuste ein bischen gewahr werdet? Die Leute . Nein, gar nicht. Jeremias . Es läuft ja überdies ganz auf eins hinaus. Musik, es zeigt sich eine brennende Stadt, König und Königin als Gefangene im Triumph aufgeführt, Bramarbas als Sieger voran auf einem schwarzen Pferde. Chor .         Es ist uns gelungen         Mit Schicksals Geschick:         Der Mächt'ge liegt bezwungen,         Drum wird besungen         Des Feldherrn Glück. Bramarbas . Bringt die Gefangenen in die Gefängnisse, dann wollen wir sehn, was mit ihnen anzufangen ist. – Aber wo ist Artemisius, der uns diese Stadt zuerst verrieth? Ein Soldat . Man sagt, daß er in voller Verzweiflung durch die Gassen rennt. Bramarbas . So scheint ihn also seine That zu reuen? Wenn man ihn antrifft, schleppe man ihn ebenfalls in's Gefängniß. Soldat . Ganz wohl, Ihro Majestät. Geht ab. Theon tritt auf. Theon . O wo finde ich meinen Sohn? Meinen Sohn, dem ich noch heute so gute Lehren gab? Er ist auf und davon! Bramarbas . Tröstet Euch, unglückseliger Vater. Theon . Ich will nichts von Trost hören. Drei Genien erscheinen. Die Genien .         Jetzt zittre, Bösewicht,         Es naht der große Mann,         Der alles kann,         Du kennst ihn nicht:         Bei diesem Licht!         Fängt er zu zaubern an,         So ist's um dich gethan! Bramarbas . Nun, Kinder, was meint Ihr denn? Polykomikus tritt auf mit einem großen Gefolge von Marionetten, die ihm die Schleppe tragen; indem erscheinen in der Wüste Polykomikus , Lysippus und Simonides . Polykomikus . Nein, in der That, meine werthgeschätzte Herren, nun keinen Schritt weiter – Lysippus . Wir bitten unterthänigst – Polykomikus . Ganz gehorsamster! Allein ich kann meine geringe Wohnung allbereits mit den Augen erreichen, inkommodiren Sie sich also nicht mehr. – Aber was werde ich denn da gewahr? Polykomikus . Marionette. Ich bin der große Zauberer, genannt Herr Polykomikus im ganzen Land, Ich kann, wenn's mir gefällt, den Teufel selbst zitiren, Die schwarze Kunst an der Sonnenscheibe probiren, Weshalb auch mancher vor mir zittert, Weil ich gar manchem das Leben schon verbittert. Lysippus . Herr Prophet, was soll diese Vorstellung bedeuten? Polykomikus . Hochverrath, sonder Zweifel. Caspar . Das gefällt uns, die Art von Schauspielen gefällt uns. Polykomikus . Gefällt Euch, Ihr unkritischen Esel? Eine persönliche Satyre auf angesehene Leute, von meinen undankbaren Bedienten Euch vor die Augen geführt? O du höchst verblendeter Pöbel! Polykomikus . Marionette. An wem saht Ihr so schöne lange Ohren? Es scheint, das Schicksal hat mich auserkohren, In großen Thaten die Welt in Erstaunen zu setzen, Oder mind'stens sie durch Lachen zu ergötzen. Alle Leute in der Wüste lachen, Polykomikus tritt entrüstet hervor. Polykomikus . Jeremias! Jeremias , den Kopf vorstoßend . Herr Prophet? Polykomikus . Was treibst Du für unverschämte Gaukelpossen? Jeremias . Ich bilde die Menschheit nach allen meinen Kräften. Polykomikus . Du die Menschheit bilden? O Du Blindschleiche! da gehören mehr Künste zu. Die Leute . Er bildet uns aber in der That; wir müssen doch wohl fühlen, da es über unsre eigne Haut hergeht. Polykomikus . Ich sage Euch, er kann Euch nicht bilden, denn er ist selber ungebildet. Jeremias wirft ihm Marionetten und Musik an den Kopf und erscheint mit einem Besen. Polykomikus . Wie? Du wagst es, mir so unter die Augen zu treten? Satan . Und was hat er daran zu wagen? Polykomikus . Und Du, unsauberer Geselle, unterstehst Dich noch, mit einem einzigen Fuße diese Wüste zu betreten? Die Leute . Er ist der wahre Kenner, und jener ist der Dichter. Polykomikus . Ihr irrt! ich bin der Kenner! Satan . Ich bin es! Jeremias . Er ist es, und ich bin der Dichter! und außerdem verstehe ich auch das Rathgeben am besten! Polykomikus . Himmel und Erde! Schlägt nach ihm mit seinem Stabe. Satan . Ei Du verstockter Bösewicht! mußt Du Dich dergleichen unterstehn? Jeremias . Laßt nur, Gevatter, hab' ich doch hier Gottlob den Besen! – Er fegt ihn mit aller Gewalt. Polykomikus . Ach! unaussprechlich schweres, schweres Leiden, Daß ich nach allen meinen schönen Freuden Das grausame Fegen selber muß erleiden! Alle Zuschauer , auch Lysippus und Simonides lachen. Chor .         Ihm geschieht schon Recht. Polykomikus . Halt endlich doch mit Deinem Fegen inne, Der Besen geht mir ja durch alle Sinne! Jeremias . Nun ist es genug. – Da habt Ihr Euren Besen, und zugleich kündige ich Euch meine Dienste auf. – Kommt, Herr Satan! Geht mit Satan ab. Chor .         Ihm ist Recht geschehn. – Auch die Zuschauer zerstreuen sich. Polykomikus . So etwas ist mir bis dahin noch niemalen begegnet. Nimmt den Besen und geht gedankenvoll in die Höhle. Der Vorhand fällt.     Der Jäger als Chor. Bis hieher hat der Dichter sein Stück geführt, Doch bleibt ihm noch das Größeste zurück. Ertragt die Laune gütig, die ihn trägt, Und tragt nicht Bitterkeit hinein, die schwerlich Dies Stück vertragen dürfte. – Nun erscheinen Die Schatten mächtiger Heroen bald, Die wohl dem Dichter zürnen mögen, daß Er sie in diesem wilden Spiele aufführt, Es wagt mit schwacher Zunge ihnen nachzusprechen. Vielleicht begünstiget den Dichter mehr Die lust'ge Thorheit, als die Poesie. Darum, daß Sie nicht zürnen, wollen wir Sie bitten im andächtigen Gebet:           Du in deinen Heiligthumen,         Hohe Göttin, Poesie,         Wann Du unter großen Blumen         Wandelst in des Morgens Früh,           Wann du aller Lieder denkest,         Die dein erster Liebling sang,         Ihn zu sehn die Schritte lenkest         Nach dem dunkeln Buchengang, –           Ach, verzeihst du wohl dem Kühnen,         Der sich deiner Gottheit naht,         Bis zum Tode dir zu dienen         Sich als ein Geschenk erbat;           Willst du ihm die Blicke schenken,         Die du deinen Priestern gabst?         Ihn mit deinem Lächeln tränken,         Daß du seinen Geist erlabst?           O wie würd' er in dem Meere         Deiner Liebe neu erbor'n!         Aus dem zahlenlosen Heere         Zu der Wonne auserkohr'n!           Willt den Menschen du bewehren,         Flüchtet jedes Leid zurück,         Muß in Freude sich verkehren,         Du nur bist der Erden Glück! Geht ab.     Fünfter Akt. Stallmeister mit einem Bündel auf dem Rücken. Stallmeister . Das muß wahr sein, daß man auf Reisen seinen Verstand ganz ungeheuer erweitert; nur finde ich es schlimm, daß man an seinen Bemerkungen nachher so schwer zu tragen hat, denn die Manuskripte, die ich mit mir führe, kosten mich manchen Schweißtropfen. Er setzt sich nieder. Es ist eine sehr unartige Gewohnheit, daß ich die Zunge so herausstrecke, wenn ich echauffirt bin, aber alle meine Bildung und Bemühung hilft nichts dagegen. Jeremias tritt auf. Jeremias . Wo find' ich nun gleich einen Herrn wieder, der mir mit seiner Dummheit so vielen Spaß macht? Stallmeister . Was ist das für ein Kerl? Jeremias . Wer sitzt denn da und schöpft mit so großer Anstrengung frische Luft? Stallmeister . Er sieht fast aus, wie ein Landstreicher. Jeremias . Guten Tag, Freund; wo soll denn die Reise hingehn? Stallmeister . Ich betrachte mir die Welt und reise zu meinem eignen Vergnügen im Lande umher. Jeremias . Und was hat Er denn davon für Vergnügen? Stallmeister . Mannichfaltig, denn bald werden meine Kenntnisse erweitert, bald wird mein Herz durch die Pracht der Natur auf eine gelinde Art erwärmt, dann beobachte ich wie der die Menschen und ihre Gesinnungen, dann kehre ich mal in den Wirthshäusern ein, in Summa, das Reisen macht mir tausendfältigen Spaß. Jeremias für sich . Ich glaube gar, der Kerl ist ein Hund. – Richtig! das ist ja eine interessante Bekanntschaft. – Braucht Ihr vielleicht einen Bedienten? Stallmeister . Ich könnte ihn gut genug brauchen, aber ob er mich brauchen könnte, das ist eine andre Frage. Jeremias . Da Ihr solche Gesinnungen führt, will ich Euch ganz ohne Lohn dienen, denn mir ist es nur um einen Herrn zu thun. Stallmeister . Auf die Art bin ich zufrieden. – Könnt Ihr schreiben? Jeremias . Ich bin selbst ein Schriftsteller. Stallmeister . Das trifft sich gut, so könnt Ihr mir immer die Unterabtheilungen in meinen Werken ausarbeiten. Jeremias . Mit Freuden. Sie umarmen sich. Was schreibt Ihr denn? Stallmeister . So ein bischen für die Menschheit; es geht alles so ein klein wenig in's Große, jetzt sorge ich für das Gesinde. Jeremias . Das thut Noth. Stallmeister . Auch diese Menschenklasse muß gebildet werden. Die Kindererziehung ist eigentlich meine Hauptstärke, und über den Unterricht der Jugend habe ich am allermeisten nachgedacht. Jeremias . Wir beiden großen Männer müssen noch in der Welt unser Glück machen. Stallmeister . Das wäre recht meine Sache, denn ich bin nur aus einem niedrigen Stande. Jeremias . Wie heißen Sie denn? Stallmeister . Stallmeister. Jeremias . Ein schöner und gleichsam allegorischer Name, wenn Sie die Menschheit noch zureiten wollen. Stallmeister . Wie heißt Er denn? Jeremias . Jeremias, und bin von meiner Geburt an Bedienter gewesen. Stallmeister . Also Er hat nicht studirt? Jeremias . Niemals, außer unter der Anleitung des Polykomikus. Ich kann mich aber in alle erdenklichen Thiere verwandeln. Stallmeister . O das ist schön, damit soll er mir die Herzen gewinnen helfen. Jeremias . Und durch die Herzen das Geld. Stallmeister . Natürlich, denn in unserm Zeitalter ist Coeur Trumpf. – Sie gehn Arm in Arm ab.     Polykomikus in seiner Höhle. Polykomikus . Ich weiß nicht, was ich nun beginnen soll, Ich werde noch vor langer Weile toll, Es muß ein böses Schicksal mit mir walten, Mir will jetzt keine Freude Stand mehr halten: Wenn ich nun auch nach alter Laune handle Und mich zum Spaß in Feuer und Rauch verwandle, So friert mich mitten im Feuer, im Wasser ist mir heiß, Als Baum ich mich vor den Sperlingen nicht zu lassen weiß, Als harter Fels, wenn der Nordwind über mich weht, Verlier' ich vollends meine Humanität: Keine Bücher, meine eigne, wollen mich nicht erbauen Und kein Hund läßt sich in dieser Wüste schauen, Da forscht nun keiner weder früh noch spat Nach meinem sonst geschätzten guten Rath. O warlich, wär' ich nicht geschmückt mit so vielen Jahren, Ich ging noch heute unter die Husaren. O Menschheit! undankbare Race! wer, sprich frei, Trug doch zuerst zu Deinem Glücke bei? Ich will mich an den Hof begeben, Vielleicht erneuert sich dort mein Leben. Stallmeister tritt auf. Stallmeister . Hab' ich das unaussprechliche Glück, den weltberühmten Herrn Polykomikus vor mir zu sehn? Polykomikus . Allerdings! Es steht ja auch draußen an meiner Klingel angeschrieben, damit die Leute mich gleich finden können, wenn sie des Nachts zu mir kommen. Stallmeister . O so bin ich ja beglückt, und dreifach beglückt, und ich möchte mich vor Freuden kreuzigen und segnen, wie man zu sagen pflegt. Polykomikus . Sagt es lieber nicht, denn das ist eine Redensart, wodurch Ihr mir sonst verdächtig würdet, und Ihr scheint übrigens ein sehr verständiger und interessanter Mann zu sein. Stallmeister . Ich thue wenigstens mein Möglichstes, und wenn es nachher doch nicht geräth, so liegt die Schuld am Schicksal und nicht an mir. Polykomikus . Braucht Ihr guten Rath? Stallmeister . Unendlich vielen, denn ich bin ein junger Mann, der nunmehr in die Welt einzutreten gedenkt, um zu wirken und auf sich wirken zu lassen. Polykomikus . Ihr seht schon ziemlich alt und überaus gesetzt aus. Stallmeister . Das liegt in unserer Familie. Polykomikus . Ihr wollt doch ordentlich nützlich sein? Stallmeister . Ueber die Maaßen, und eben deswegen komme ich zu Ihnen. Polykomikus . Nun, so kommt in meine Studierstube, da können wir besser mit einander sprechen. Stallmeister . Mit Freuden und Entzücken wird mein zitternder Fuß und klopfendes Herz dies Heiligthum betreten. Polykomikus . Kommt, denn Ihr fangt an, mir sehr lieb zu werden. Beide gehn ab.     Wald. Dorus , Lila . Dorus . Wir stehn hier wieder an der alten Eiche, Du schaust nun wieder durch den grünen Wald Und immer noch kehrt Cleon nicht zurück. Lila .         Vom Berge schau' ich nur nach ihm,         Es fließt und klagt der klare Bach,         Ich sehe seinen Wellen nach,         Ich weine, wenn die Vögel ziehn.         Die Bäume blühn,         Die Rosen glühn         Und winterlicher nur mein Herz,         Vom Verlangen,         Befangen,         Zerrissen von der Trennung Schmerz. Dorus .         Er kehrt bald aus den Bergen wieder,         Von ihm erzählen des Baches Wogen,         Er kommt von Wellen heimgezogen,         Der Frühling hat Dich nicht betrogen,         Er streut dann seine Blüthen nieder         Und balde         Im Walde,         Begegnet dein Fuß         Dem treuen Geliebten,         Dann eint die Betrübten         Ein himmlisch belohnend-entzückender Kuß. Lila .         Und immer vergebens         Die Sehnsucht ihn ruft:         Ihr fernen Gestade,         O dunkele Kluft,         Ihr fesselt des Lebens         Alleinige Freud',         O bringet geschwinde         Ihr gütigen Winde         Den Liebsten den sehnenden Armen noch heut! Dorus .         Vertraue der Zeit,         Sie bringet die Blüthen,         Sie reifet die Trauben,         Drum fasse den Glauben,         Es wandeln die Stunden         Hinauf und hinunter.         Er kehret zurück,         Bald seid Ihr verbunden,         O herrliches Glück! Lila .         O Sonne mit deiner Morgenröthe,         Mit deinem lieblichen Abendglanze,         Du Mond mit dem freundlichen Schimmer,         Ihr Sterne mit lieblichem Funkeln,         Gesellig entzündet         Euch alle zumal,         Ihr Wolken verschwindet,         Damit er ihn findet,         Den Weg durch das Thal.         O Nacht mit deinen düstern Schatten,         Du im Hohlweg lauernde Finsterniß,         Irrlichterschein, verführend Feuer,         Regenschauer, durch den Himmel flatternd,         Entflieht!         Gestirnt und hell         Sei der Weg, den er zieht,         Mit Lichtern erblüht         Die Nacht um ihn schnell.         O ungetreuer Weg, der seinen Schritt         Nur stets nach ferner fremder Gegend lenkt,         Du nimmst mein Herz nach andern Fluren mit,         Wie sich sein Fuß in ferne Thale senkt:         Ihr Blumen, die ihr freundlich nach ihm blicket,         Entgegen ihm mit bunten Sternen nicket,         Und den Geliebten fern von mir entzücket:         O wie ich Euch beneide,         Wie ich eifersüchtig bin,         Es wünscht mein tiefgestörter Sinn         Sich zur Freude         Daß Euch ein zürnender Sturm zerknicket. Dorus .         Mag wohl, daß Er die schönsten pflücket,         Die blausten von dem Stengel bricht,         Gedenkend deiner Augen Licht,         Sich sinnend nach der Rose bücket         Weil sie von Deinen Lippen spricht,         Und alle Dir zum Strauße flicht. Lila .         Blumen, freundliche Kinder, vergebt mir,         Ihr zarten, flüchtigen Bilder der Liebe,         Die des Frühlings Finger         Zum Trost der Liebenden aus kalter Erde steckt         Und fein und lieblich mit bedeutungsvollem Schmuck bemalt:         O vergebt! und treibt ihn fort,         Richtet alle Eure Fäden,         Alle rothen, blauen Sterne,         Wie die Zeiger auf der Uhr,         Wie die Nadel auf dem Compaß         Sich nur nach dem Pole neigt,         Nur nach dieser Gegend her. Dorus .         Nun kehre wieder mit mir nach der Hütte,         Die kurze Zeit wird auch vorübergehn,         Dann ist er ja auf immer, ewig Dein. Sie gehn. Helikanus tritt auf. Helikanus . Woher? – Wohin? Zerstückter Sinn, Was beginnst du? Worauf sinnst du? Wird das Glück sich niemals wenden? Soll niemals dieses Leiden enden? Wann ich zum Himmel aufwärts schaue Und mir begegnet der Sonnenschein, Und ich mir selbst vertraue Und hoffe glücklich zu sein:         So streck' ich die Hände         Dem fernen, ewig fernen Glück entgegen,         Ich flehe, daß ein Gott es sende,         Ihn sende niederthauend den Segen:         Ich hoffe ihn auf wundervollen Wegen, – Und immer wieder Fliehen zum Boden die Augen nieder! Mein Herz innerlich drängt, Die Brust sich sehnsuchtsvoll verengt,         Es treibt mich weiter, weiter,         Ich sehe um mich,         Ich zittre, ich wanke,         Wohin setz' ich den Schritt?         Ach! nirgends heiter! – O Cleora, steige aus der Nacht, Die sich stürmend um mein Herz herzieht, Daß mit Zittern jeder Schein entflieht; Kommt ihr ersten Liebesgefühle in flammender Pracht, Erinnerung alter Zeit, du voriger Stolz, erwacht! Bringt mit Euch all das Sehnen, Die schweren, brennenden Thränen, Die Verschmähung, das kalte Verhöhnen, Du Leidenschaft, du Liebe, kommt und facht Das vorge Feuer, daß es glüht, Und immer rascher, immer wilder Sich drängen Bilder auf Bilder, Die Verzweiflung mich endlich erfasse Und dies mühselige Leben endigen lasse!         Wie rauscht durch den Wald         Der Herbstwind so kalt?         Von den rauschenden Blättern         Zur Erde zittern         Gedanken des Unglücks         Und Bilder von Leiden. – Wie mich die Sehnsucht oft ergreift Und mit mir durch das Land der dunkelsten Träume streift, Wie ich mir wünsche fern von den Leiden Und Lebensfreuden, Zu schlafen, vom grünenden Hügel befangen, Unbesucht von Wunsch und Verlangen, Ueber mir wechselnd Gestirne und Mond, Die Sonne aufsteigend und nieder, Ich von ihren Strahlen verschont, Taub für alle Frühlingslieder. Wunderbar im Wechseln der Gestalten Wirkte dann geschäftig die Natur, Sich freuend neu zu verwandeln die alten, Mit ihrem Eigenthume geizig hauszuhalten Schmückte sie mit mir die grünende Flur. Mein liebendes Herz erwüchse in Rosen, Und triebe und ängstete sich nach dem Lichte. Es spielten um ihn Sommerlüfte mit Kosen, Es stünde ein neues Zeichen der Liebe, Ein redendes Denkmal dem Gefallenen, Ein lieblich Grabmal neuer Liebe, Bei dem sie Eide schwüren und brächen. Mein Blut ergösse sich in dunkelrothen Blumen, Alles Regen Und treibende Bewegen Drängte sich mit Ungestüm zur freien Luft hinaus, In Pflanzen umgewandelt: Nur sie, nur sie zu sehn, zu fühlen, zu vernehmen. Sie ginge auch vielleicht vorüber Und rührte mich mit zarter leiser Hand, Verwundert über die schnelle Beweglichkeit der Blätter, Die, ohne daß sie es wüßte, Vor Freude erbebten und erstarrten. – Und ich sollte dann von neuem Die Verschmähung und den Hohn erdulden? Wieder nur mein Unglück sehn Und in Neid und Schmerzen vergehn? Meine Blätter welkend um mich streuen Und im Leben mein Leben nur bereuen?         Nein! ich entfliehe,         Entziehe         Mich nimmermehr Dir!         Von Zaubergewalten         Allkräftig gehalten,         Gehör' ich im Leben, im Tode nur Dir! Wie soll ich mich retten         Und flüchten von hier?         Es reißen mich Ketten         Zu Dir! zu Dir! – Geht ab. Cleon tritt auf. Cleon . Auf und nieder steigen in mir die Gedanken, Weiß mich nicht zu fassen, Ich fühle mich zittern, die Schritte schwanken, Von aller Kraft verlassen. Ist es ein böser Geist, der mich durch die Irre treibt? Immer noch bin ich auf der Reise, Mein Ziel mir immer noch ferner gerückt. Oft glaubt ich denselben Boden zu betreten, Die Sträuche und Gebüsche all zu kennen, Und dann fühl' ich mich wieder so fremd So einsam. –         Oftmals durch den grünen Wald         Eine liebe Stimme schallt,         Meinen Namen ruft es,         Ach! mich fällt so plötzlich dann         Uebergroße Freude an;         Ist es die Geliebte?         Wieder glaub' ich sie zu sehn         Vor mir durch die Büsche gehn.         O mein Herz, wie treibt es!         Aber dann verrauscht im Wind         Das Gebilde so geschwind;         Müde steh ich sinnend.         Wenn der Bach vom Felsen springt,         Mein' ich daß es mir gelingt,         Und ich bin nicht säumig:         Stolz sieht mich der Felsen an,         Und ich schau ihn wieder an         Eben auch nicht freundlich.         Blumen, die am Wege blühn,         Seh' ich Ihren Namen ziehn, Jeder Baum rauscht Lila; Was habt ihr damit gethan? Bringt mich auf die rechte Bahn! Keine Kunst ist Necken.         Aber alles macht mich irr',         Immer dummer vom Gewirr         Seh' ich kaum den Weg mehr:         Werd' ich aber vor Ihr stehn,         Will ich um so klarer sehn,         Oder gar erblinden. Geht ab. Der Waldbruder tritt auf. Waldbruder . Du eitles Streben menschlicher Gedanken, Das sonst so gern den irren Busen füllte, Wie bist Du mir auf immer nun entflohn?         O holde Einsamkeit,         O süßer Waldschatten,         Ihr grüne Wiesen, stille Matten,         Bei euch nur wohnt die Herzensfreudigkeit.         Ihr kleinen Vögelein         Sollt immer meine Gespielen sein,         Ziehende Schmetterlinge,         Sind meiner Freundschaft nicht zu geringe.         Unbefangen         Zieht ihr des Himmels blaue Luft,         Der Blumen Duft         In euch mit sehnendem Verlangen.         Ihr baut euch euer kleines Haus,         Haucht in den Zweigen Gesänge aus         Von Himmels-Ruhe rings umfangen.         Weit! weit!         Liegst du Welt hinab,         Ein fernes Grab         O holde Einsamkeit!         O süße Herzensfreudigkeit.         Kommt ihr Beengten,         Herzbedrängten,         Entfliehet, entreißt euch der Quaal,         Es beut die gute Natur         Der freundliche Himmel,         Den hohen gewölbten Saal,         Mit Wolken gedeckt, die grüne Flur.         Entflieht dem Getümmel!         O holde Einsamkeit!         O süße Freudigkeit! Geht ab. Cleon kömmt zurück. Cleon .                 Sind denn die Haine,                 Alle die Eichen,                 Mit den Gesträuchen,                 Nur mich zu irren,                 Mehr zu verwirren                 Geboren allhie?                 Müdere Beine                 Gab es noch nie.                 Nirgend noch Spuren                 Von einem Wege,                 Nirgend von Fluren,                 Nur dichter Gehege                 Von Bäumen und Sträuchen                 Und dunkelen Eichen.                 Wo find' ich nur heute,                 Vernünftige Leute?                 Der Tag wird verschwinden                 Und keiner mich finden! Der Waldbruder kömmt. Waldbruder . O süße Einsamkeit! Cleon . Ist das nächste Dorf noch weit? Waldbruder . Du holde Freudigkeit! Cleon .         Wo find' ich nur heut         Vernünftige Leut? Waldbruder . Was sucht Ihr doch mit wildem Treiben, Niemals erhascht Ihr so das Glück: Es liebt den stillen heitern Blick. Cleon . Weist mir den Weg aus dem Walde zurück. Waldbruder . Drum müßt Ihr in dem Walde bleiben. Cleon .         Mir schwanken die Sinnen, –         Ich muß von hinnen,         Es warten ja mein         Die Freunde daheim. Waldbruder .         Die kleinen Vögelein         Sie sollen Deine Freunde sein. Helikanus tritt auf. Helikanus . O schwere sorgenvolle Brust, Hegst du noch stets die eitle Lust Die leeren Tage fortzuspinnen, Stets zu verlieren, nie zu gewinnen? Cleon . Könnt Ihr mich aus dem Walde bringen? Waldbruder . Die bunten Gesellen singen In den Zweigen so Tag wie Nacht. Helikanus . Was hat Euch denn hieher gebracht? Cleon . Ein schlimmer Stern schien über die Hügel Und lockte von friedlicher Heimath mich fort, Mich lenkte das Unglück mit ehernem Zügel, Ich eilte vergebens von Ort zu Ort, Von Hügel zu Hügel. Derweilen sehnt sich die Liebste daheim, Zurück zieht zur Liebsten mich Sehnen; Ich finde keinen Weg weder groß noch klein, Das Schicksal achtet nicht Bitten, nicht Thränen, Nicht die Liebste daheim. Helikanus . O eitle Liebeslust! O wahnerfüllte Brust! Cleon . Könnt Ihr mich ohne Singen Aus diesem Walde bringen? Helikanus . Wer das Leben höher achtet, Als ein ruhmbekränztes Grab, Ist im Tode schon verschmachtet, Er ist selbst sein eignes Grab. Waldbruder . O süße Einsamkeit! O edle Waldherrlichkeit! Cleon .                 Mich gereut                 Nur die Zeit,                 Die ich verschwende,                 Ohne Ende                 Ihr Gesang;                 Mir wird bang.                 Lieber gehn                 Tagelang,                 Nächtelang,                 Als hier stehn                 Im Gesang. Alle gehn ab. Ein Chor von wandernden Handwerksgesellen tritt auf. Chor . Die Welt ist groß und breit, Und doch lebt sich's so enge darinne, Doch trifft es fast keiner nach seinem Sinne, Denn allewege wohnt Haß und Neid: Doch bleibt mir mein Schätzlein getreu, So fühl' ich mich frank und frei. Ach! wie wird man geplagt und geschoren, Heute so und morgen wieder so, Man wird seines Lebens nicht froh Und ist nur zur Plage geboren: Doch bleibt mir mein Schätzlein getreu, So fühl' ich mich frank und frei. Doch weiß es nie recht wohinaus, Heut ist es so und morgen wieder so, Bald will es weinen und bald ist es froh, Einmal geht's aus, dann bleibt es zu Haus, Bald ist's gebildet und bald ist es roh: – Doch bleibt mir mein Schätzlein getreu, So fühl' ich mich frank und frei. Jeremias tritt auf. Jeremias . Hier sind' ich ja unverhofft recht lustige Gesellschaft. Gesellen . Was soll man in der Noth anders thun, als lustig sein? Jeremias . So seid Ihr also in Noth, meine werthen Herren? Gesellen . Was sonst? der Himmel weiß, wie es mit uns noch werden soll. Jeremias . Wenn ich fragen darf, wer oder was ist denn Euer Schätzlein, dessen Lob Ihr so laut heraussingt? Erster Gesell . Ach das ist ein wetterwendisches Ding, ein launenhaftiges Wesen, das nimmermehr weiß, was es will, und zum Ueberfluß ziemlich publique ist. Jeremias . Ei, wie das? Erster Gesell . Es ist keinem recht getreu, bald liebt es diesen, bald zieht es jenen vor, bald verlangt es wieder nach einem andern. Jeremias . Und Ihr alle seid in eine und dieselbige Creatur verliebt? Erster Gesell . Natürlich, denn mit einem Wort, unser Schatz ist das sogenannte Publikum. Jeremias . Ei, der Tausend! Doch, mit Erlaubniß, daß ich weiter frage, mit wem hab' ich eigentlich die Ehre, mich gegenwärtig zu unterhalten? Erster Gesell . Wir sind dermalen auf der Wanderschaft, sonst aber unserm eigentlichen Charakter nach große Männer; was man so ordinäre große Männer nennt. Jeremias . Ich verstehe vollkommen, was Sie meinen; die Zeit, die Mode bringt es einmal so mit sich, daß man auch diese Schwachheit mit macht. Indessen wird doch auch zuweilen aus großen Männern noch was Rechtliches, wenn sie sich nur erst die wilden Hörner des Genie's abgestoßen haben, wie man im Sprichwort zu sagen pflegt. – Darf ich mir nicht die Namen von den Werthgeschätzten allerseits ausbitten? ich pflege mir gerne alles Merkwürdige, das mir aufstößt, zu notiren, und habe das schon von meinem dritten Jahre an so gehalten. Erster Gesell . Sind Sie auch vielleicht von der Bande? Jeremias . Habe nicht die Ehre, aber ein überschwenglicher Dilettant von allem Großen und Schönen; wenn ich so gleichsam einen neuen Fortschritt der Menschheit gewahr werde, so läuft mir vor Freude das Wasser im Munde zusammen, und nicht selten überfällt mich's so, daß ich mich genöthigt sehe, einen Strom von Freudenthränen zu vergießen. Erster Gesell . Und auch mich drängt's, Dich, biedere Seele, an mein deutsches Herz zu schließen. O du guter deutscher Boden, welche Thatkraft, welche edle Mannichfaltigkeit bringst du doch immer noch hervor! Jeremias . O mein Bester, die Güte Gottes läßt sich durchaus keine Gränzen vorschreiben. Aber Ihr Name? Erster Gesell . Ihnen zu dienen mit dem edlen altdeutschen Namen Veit, meinem Gewerbe nach ein Weber. Aber ach! mein neustes Schicksal ist – Nackt und bloß! Jeremias . Ach wie Sie mich dauern! Aber ich habe geglaubt, daß Sie sich sehr gut ständen, ich meinte immer, es könne Ihnen nicht fehlen, einen Humpen nach dem andern auszuleeren. Erster Gesell . Das sind, mein Bester, Sagen der Vorzeit. Alles ist vergänglich, jener dort hat mir den meisten Schaden gethan. Zweiter Gesell . Ja, er soll warlich an den Spieß sein Lebelang denken. Ich komme in aller Unschuld daher und treffe mein allerliebstes Publikum in seine Narrheiten vernarrt; mein Ehrenwerther, wenn ich den guten Geschmack retten wollte, mußte ich mich keine Unkosten und keine Mühe verdrießen lassen; Millionen Gespenster und Hexen, Luft- und Wassergeister habe ich dahinter her schicken müssen, um nur seine Humpen und Turniere und altdeutsche Blitz-Wurzel-Wörter nebst ihren etymologischen Erklärungen zu verdrängen. Jeremias . Ich glaube Ihnen, denn auf einen groben Klotz gehört in der That ein grober Keil. Zweiter Gesell . Nicht wahr? Es ist mir denn auch, mit Gottes Hülfe, so ziemlich gelungen. Ja, wo nichts helfen will, da muß der Spieß drein schlagen. Aber, à propos, wollen Sie sich vielleicht bei mir vermiethen? Ich brauche jetzt gerade einen Kettenträger. Jeremias . Ich bedaure, daß ich nicht so glücklich sein kann, denn ich bin schon in Diensten bei einem andern würdigen Herrn. Zweiter Gesell . Könnten sonst auch ein Elements-Regent werden, ich brauche auch dazu ein Modell. Wenn ich mich recht besinne, so gemahnen Sie mich fast wie das Petermännchen, dazu müßten Sie sich unvergleichlich schicken. Dritter Gesell . Kommen Sie zu mir, Bester, bin ein brav Kerl, werden bei mir in einem Kraut-kräftigen Dialog geschrieben, sollen wohl gar der kluge Alte werden, wenn's Glück will, oder können mir auch als Jägermädchen, oder Harfnermädchen dienen, müssen aber dazu eine extra edle Seele im Leibe spüren. Jeremias . Wie gesagt, ich bin schon anderweitig versorgt. Sonst, wer ist der Herr eigentlich? Dritter Gesell . Ein Hauptdeutscher, ein Originalschriftsteller, ein Teufelskerl, bin ungemein im Gemeinen, so kräftiglich im Darstellen, daß nur die Stücke so davon fliegen, daß die Nerven krachen – Erster Gesell . Nun sehn Sie, Herr unbekannter Dilettant, dergleichen Leute haben mir beim deutschen Publikum im Lichte gestanden. Jeremias . Mit wem hab' ich denn hier die Ehre zu sprechen? Vierter Gesell . Mit einem Schalke. Jeremias . Der Profession nach ein Schalk? Vierter Gesell . Allerdings. Jeremias . Ei, da muß man sich ja wohl vor Ihnen in Acht nehmen? Vierter Gesell . Es kann nicht schaden, denn ich habe mich sehr auf die Satire gelegt. Jeremias . Aus was für Gründen? Vierter Gesell . Aus zwei hauptsächlichen: erstens, weil in allen Lehrbüchern und auch anderswo die Klage geführt wird, daß die Deutschen die Satire noch am wenigsten angebaut hätten. Jeremias . Die Satire wächst vielleicht am liebsten wild, und hat sich unvermerkt die Deutschen angebaut. Vierter Gesell . Lassen Sie mich weiter reden, und zweitens reimt sich mein Name gar herrlich auf Schalk; und wer wollte nicht gern schalkhaft sein! Jeremias . Ei so seh' ich ja also körperlich den Mann vor mir, in dem sich nach einer Weiland-Tradition acht oder neun feine und erhabene Geister verkörpert haben sollen. Vierter Gesell . Aufzuwarten. Jeremias . Welche lateinische, griechische und englische Autoren waren es doch gleich, die sich sammt und sonders in Ihnen verkörpert haben? Vierter Gesell . Ich weiß es so eigentlich selbst nicht, denn da ich sie innerlich besitze, kümmern sie mich äußerlich nicht sonderlich. Jeremias . Sie wurden ein wenig eilig so durch die Bank aufgehascht, daß Sie sich gewiß selber verwundert haben. Spüren Sie aber von diesen heterogenen Geistern nicht einige Beklemmungen? Vierter Gesell . So wenig, als ob ich keinen einzigen in mir hätte. Seit ich mein Privilegium habe, treibe ich mit der größten Gelassenheit meinen Witz vor mir her. Jeremias . Und Sie werden nie von ihm getrieben? Vierter Gesell . O nein, ich besitze mich. Jeremias . Wie reich! Wie edle Gesinnung! Vierter Gesell . Haben Sie nicht vielleicht etwas geschrieben, das ich nachahmen könnte? Es fehlt mir an Stoff zu meinem künftigen Taschenbuche. Jeremias . Ach nein, ich schreibe gar nichts, außer die Rechnungen für meinen Herrn. Vierter Gesell . Theilen Sie mir diese immer gefälligst mit, vielleicht daß ich doch auch meine Rechnung dabei finde; Sie glauben gar nicht, wie herrlichen Stoff ich oft in Büchern erfinde, auf die kein andrer kommen würde. Vielleicht schildre ich, wenn Sie ein paar Wochen mit mir umgehn wollten, das Leben eines Bedienten recht nach der Natur. Jeremias . Ein andermal. – Sie arbeiten jetzt den Swift um? Vierter Gesell . Ja, er ist schon angekündigt und also im Netz. Jeremias . Sein Sie nur dabei nicht zu sehr swift. Vierter Gesell . Sorgen Sie nicht, man soll ihn vielleicht kaum wieder kennen. Unter uns, er wehrt sich manchmal mit allen Vieren und handthiert, daß es zum Erbarmen ist; aber ich denke, wir wollen ihn schon mit einem guten Lexikon zwingen. Jeremias . Lesen Sie den Shakspeare? Vierter Gesell . Zuweilen. Jeremias . Im Antonius steht eine schöne Stelle: Sometime, we see a cloud that's dragonish; a vapour, sometime, like a bear, or lion, A tower's citadel, a pendant rock, A forked mountain, or blue promontory With trees upon't, that nod unto the world, And mock our eyes with air. - - - - That, which is now a horse, even with a thought, The rack dislimns; and makes it indistinct, As water is in water. Vierter Gesell . Eine schöne Stelle. Jeremias . Ich will sie Ihnen jetzt etwas frei übersetzen, denn ich weiß, daß Sie die freien Uebersetzungen lieben. Oft sehn wir weiß Papier, nennt sich satirisch, Ist Luftgestalt, doch thut's wie Löw' und Bär, Heißt Helden, Menschen, heilge Gräber, und Die leere Luftgestalt erscheint der Welt Und giebt vor Lesern sich ein Air. – Die Taschenbücher mit den Pferden vorn Bald werden sie ohn' Spur auf immer schwinden: Sei auf Autorität nicht gar zu keck ein Prasser, Wie Land scheint manches dir, und ist nur Wasser in Wasser. Vierter Gesell . Sehr unfreundschaftlich gedacht und überaus verwegen. Jeremias . Meine Herren, ich rathe Ihnen allerseits, sich nach der Mühle dorthin zu verfügen; ich zweifle gar nicht, daß Sie dort ein gutes Unterkommen finden werden. Alle . Wir müssen's versuchen.         Bleibt mir mein Schätzlein getreu,         So fühl' ich mich frank und frei. Sie wandern weiter.     Feld und Hain. Ein Schäfer tritt auf.         Frühling wandelt durch die Matten,         Blumen unter seinem Fuß,         Dämmernd grün des Waldes Schatten,         Nachtigall giebt ihren Gruß.         Rückgezogen alle Gäste,         Lerchen in dem Himmelblau,         Wald begeht die frohen Feste,         Vöglein singen, rauschen Weste,         Duften Blumen auf der Au.         Ach wie süß und holdes Sehnen,         Nimmst gefangen meine Brust,         Leiden sind ihr unbewußt,         Wohlbewußt die Freudenthränen.         Aus der Ferne kommt ein Grüßen,         Gastlich kehrt es bei mir ein,         Wohlbekannt mir ist der Schein,         Liebe läßt ihn niederfließen:         Rothe Lippen, euer Küssen         Soll nun meine Andacht sein. Nestor kömmt. Nestor . Nirgend weder Prinz, noch Hund, noch Geschmack. O du verderbtes Zeitalter! Wie kann die Welt nur so fertig werden! Nur an Schuh und Stiefeln, die ich der Menschheit zu gefallen mir ablaufe, ist jetzt schon eine ansehnliche Rechnung zusammen gekommen. Ich habe es auf alle Arten versucht, aber es will in keiner einzigen gelingen; die Menschheit ist zu unverschämt zurück gegangen. Der Prinz wird in seiner Krankheit sterben, und wir werden zehn Jahr unnütz herumirren, – ich bin der Possen satt und müde. Da ist an keine schöne Ruhe, an kein häusliches Glück, an keine ausgewählte Lektür zu denken, wenn man als Treibjäger für den guten Geschmack angestellt ist. – O du angenehmes Landleben, wie gelüstet mich nach dir, im Schooß einer wohlerzogenen Familie, am Busen der Freundschaft und Liebe, an der Seite des Hamburger Correspondenten mit seinen Beilagen, wie würde ich da meine mir zukommende Wonne und Seligkeit genießen! Aber das sind, ich merke es schon, Träume einer überspannten idealisirenden Phantasie, die sich niemals realisiren werden! – Warlich, da geht ein Schäfer, oder was es sonst für eine Creatur sein mag. – Ich bin nicht für die Schäfer, sie haben das mit der Revolution gemein, daß sie gar zu schlimme Folgen veranlaßt haben, denn alle die übertriebenen Idyllen und ländlichen Gemälde und Unwahrscheinlichkeiten sind durch die Schäfer entstanden, und haben immer eine Art von Entschuldigung für sich, daß es denn doch am Ende wirklich in der Welt einige Schäfer giebt. Schäfer . Wer ist wohl jener Unzufriedne dort? Er schaut nach allen Seiten um, vielleicht Verlor er seinen Weg und wünscht zu fragen, Um aus der Irre sich zurecht zu finden. Nestor . Ich weiß nicht, – es wird mir hier so sonderbar zu Muthe, – mir ist es, als hinge ein neuer Himmel über mir, als wehten hier andre Lüfte, – kaum, daß ich mich enthalten kann, ein Lied zu singen. Schäfer . Er ist nicht aus der hies'gen Gegend, wohl Ist das aus seinem Gang, aus seinen wilden Geberden zu vermerken. Nördlich scheint er Und ungestalt und roh, auf allen Fall Kein Schäfer, denn der Umgang mit den Heerden, Die fromm und zahm, macht auch den Hirten sänftlich. Nestor . Ich fürchte, mein Seel, meinen Verstand von neuem zu verlieren. Aber was in aller Welt ficht mich denn hier an? Schäfer . Vergönnt die Frage, seid Ihr wohl ein Schäfer? Nestor . Ah! Sieh da! – Ein Schäfer? Nun ja, das fehlte mir noch. Wie könnt Ihr Euch so was unterstehn! – Nein, mein Freund, ich bin, Gott sei Dank, ein Reisender, der sich, wenn er erst wieder zu Hause sitzt, zum Range eines Reisebeschreibers empor schwingen wird. Schäfer . So seid Ihr glücklich, daß Ihr Erd' und Menschen In mancherlei Gestalt betrachten mögt. Nestor . Sie sind auch glücklich, daß Sie mich betrachten können. Schäfer . Wollt Ihr den seltnen Garten wohl besuchen? Nestor . Wie ist mir denn? – Schon vorher merkt' ich so was: –     Wollt Ihr den sel tnen Gar ten wohl be su chen? Ihr sprecht ja wohl gar in sogenannten Jamben? Schäfer . Nicht anders. Nestor . So müßt Ihr toll, so müßt Ihr närrisch sein, Denn das ist gänzlich gegen die Natur! Wo bin ich denn, ich Armer, hingerathen? Es fehlt nur noch, daß ich auf andre treffe, Die im Gesang die Leidenschaft ausdrücken, So hätten wir die Oper gar entschuldigt. Schäfer . Beliebt zu merken, daß Ihr selbst nicht anders Als nur im Vers gesonnen seid zu sprechen. Nestor . Ich weiß recht gut, ich bin schon halb besessen, Ich fühlt' es wohl, die Luft ist ungesund Und voll Schimären, Narrenpoesie. Schäfer . Wie könnt Ihr Euch darüber doch verwundern, Da hier ganz nahe der allerholdseligste Garten Mit tausend Blumen, duftenden Bäumen liegt, Den Poesie mit ihren Getreuen bewohnt. Nestor . Ei, was Ihr sagt! Ich glaub' es nimmermehr: Ein Bedlam mags wohl sein, ein Narrenhaus, Ein Invalidenstift, Phantastenkram, Neumodsche Dichterei und Atheismus, Was mir allhier in meine Nase beißt. Schäfer . Nein, bei der Heiligkeit des Firmaments – Nestor . Ein schöner Schwur! der Raserei ganz würdig! Schäfer . In diesem Paradiese wohnt die Göttin Und hält in Blumen und Farben ihre Haushaltung, Von einem Himmel des klingenden Wohllauts bedeckt. Nestor . Schon gut! und da das Aergste es nun erheischt, So will ich bei Gott, die ärgsten Mittel brauchen!         Er zieht ein Buch heraus. Der Verfasser dieses Werks, mein edler Freund, Gab mir dies Büchlein mit, im Fall der Noth, Wenn mich Phantasterei, wenn mich Witz ergriffe, Wenn ich nicht bei mir selber, dies zu lesen. Mir sind so Tau' wie Segel schon zerrissen, Ich stütze mich auf meinen Nothanker jetzt! Er riecht an dem Buche, und liest nachher drinnen, aber nur ein wenig. Ha ha! Nun brauch' ich nur über Euch und alle Eure Poesie zu lachen. Das nenn' ich mir eine herzstärkende Prose! Ich habe fast nur ein wenig daran gerochen, und schon ist der ganze Schwindel weg, gerade wie man auch am trocknen Brode riechen muß, wenn einem der Senf die Nase zu sehr begeistert. Seht Ihr wohl, die Verse sind wie weggeblasen. Schäfer . Es scheint gewiß ein kräft'ger Talismann. Nestor . Nun erzählt, was Ihr Lust habt, und es soll mich nicht sonderlich rühren. Schäfer . Dieser Hain verdeckt den lieblichen Eingang, In dem der Vöglein süße Stimmen Das sehnende Herz gewaltig locken, Den Weg nach dem Garten mit Gesängen zeigen. Wundervoll, wundervoll, Tönt's und rauscht es von dort herüber, Der taumelnde Sinn wird staunend Und wie mit glänzenden Ketten umwunden Hin, hin zur glanzreichsten Welt gezogen. Am Eingang dort sind wunderbare Zeichen, Die keiner gleich beim ersten Blick verstand, Bald scheinen sie den Dingen wohl zu gleichen, Die wir in früher Kindheit schon gekannt, Dann ist's, als ob Erinnrung will erbleichen Und das Verständniß ist uns abgewandt: So kämpfend jede Ahndung festzuhalten Beschaut man still die magischen Gestalten. Nicht lange, sieh, so klingt von selbst das Thor, Vernehmlich wandelt her ein Geisterwehen, Allseitig drängen Blumen sich hervor, Im grünen Glanz sieht man die Bäume stehen, Ehrfurcht gebeut dem Blick ein edles Chor, Die Dichter sind's, die durch den Garten gehen, Man sieht sie still in holder Eintracht ziehen, Du fürchtest sie, doch magst du nicht entfliehen. Betritt den Garten, größre Wunder schauen Holdselig ernst, auf dich, o Wandrer, hin, Gewalt'ge Lilien in der Luft, der lauen, Und Töne wohnen in dem Kelche drin', Es singt, kaum wirst du selber dir vertrauen, So Baum wie Blume fesselt deinen Sinn, Die Farbe klingt, die Form ertönt, jedwede Hat nach der Form und Farbe, Zung' und Rede. Was neidisch sonst der Götter Schluß getrennet, Hat Göttin Phantasie allhier vereint, So daß der Klang hier seine Farbe kennet, Durch jedes Blatt die süße Stimme scheint, Sich Farbe, Duft, Gesang, Geschwister nennet. Umschlungen all sind alle nur Ein Freund, In sel'ger Poesie so fest verbündet, Daß jeder in dem Freund sich selber findet. Und so wie Farb' und Blume andres klingen Nach seiner Art in eignen Melodien, Daß Glanz und Glanz und Ton zusammen dringen Und brüderlich in einem Wohllaut blühn, So sieht man auch, wenn die Poeten singen, Gar manches Lied im Schimmer fröhlich ziehn: Jedwedes fliegt in Farben seiner Weise Ein Luftbild in dem goldenen Geleise. Kein Sterblicher kann all die Freuden sagen, Die Wohnung in dem sel'gen Zirk genommen, Kein Sterblicher vermöchte sie zu tragen; Beglückt, wer in der Nähe nur gekommen! Ach jeder möchte gern die Reise wagen, Doch wen'ge nur sind durch den Strom geschwommen, Der ohrbetäubend durch die Welt hin tobet Und nur die Welt mit jeder Welle lobet. Drum halten sie, in Weltgeschäft versunken, Für Fabel nur des Gartens schöne Kunde, Sie lassen glücklich sich zu sein bedunken, Erhaschen sie die gegenwärt'ge Stunde; Nur wen'ge haben von der Lust getrunken, Nur wen'ge flehten drum mit reinem Munde: Sie stiegen göttlich zu den Göttlichkeiten, Selbst Welt erkennt die Hochgebenedeiten. Denn Ströme fließen von den Seligkeiten Hinab in alle weite weite Welt, Jedwedes Herz kann sie in's Innre leiten, Daß es in sich die Lust gefangen hält. Nur wenigen gelingt's in seltnen Zeiten, In denen sich die Gottheit selbst gefällt, Die Welt erstaunt wenn sie die Sprache führen, Und Herz und Sinn mit hoher Kraft regieren. Nestor . So? Schäfer . Wann die Nacht herabsinkt Und Mondschein sich ausstreckt, Ist im Garten oft ein seltsamlich Geflimmer Von tausend und tausend wechselnden Farben; Durchsichtig sind die Blumen Und ihre Geister steigen heraus, Und wiegen sich und hüpfen sichtbarlich in den Kelchen, Schmucke Geisterchen hängen in den Bäumen Und necken die antwortende Nachtigall, Um alle Blätter brennen Lichter, Durch das wankende Gras schweifen Sterne, Die Töne entzünden sich inniglicher, herzlicher, Die Musik umarmt brünstiger Die mit Träumen gaukelnde Natur. Dann schwebt aus goldnen Himmelswolken             Wallend, bebend,             Schimmer strahlend,             Segen thauend,             Wonne singend, Die Liebe, die Liebe zu den entzückten Blumen herab. Wenn ich dann manchmal vorüber Dem Garten gehe, Die hohen Sänger schaue, Die in des Mondes Kühle wandeln, Und blicke mit irrendem Auge In das blendende Farben- und Glanzgetümmel, Das sich mir entgegen schüttet: Klingen im Ohr die vollen wechselnden Töne, Kann ich mich selbst nicht begreifen, Halte nur alles für Traum, Wünsche ein Dichter zu sein. Nestor . Gar recht, vollends wenn Ihr noch hinzusetzt, ein schlechter. – Gehabt Euch wohl, Herr Rasender. Geht ab. Schäfer . Sehr mannichfaltig ist des Menschen Sinn, Und viel sehr unterschiedene Gemüther Sind auf dem weiten Erdenrund verbreitet. Ihm fehlt die innere Musik des Herzens, Der Wohllaut geht vorüber seinem Ohr, Es steht vielleicht die Frage selbst noch frei, Ob er den Takt zu schlagen wohl versteht. Geht ab. Cleora tritt auf. Cleora . Ich suche dich und zittre dich zu finden: Wohin, zu welcher Kluft bist du entflohn? So manche Tage, Nächte such' ich schon, Ich nenne deinen Namen Luft und Winden. Bald soll mein Tod dir meine Treu verkünden, Denn Wind und Quell und Baum spricht mir nur Hohn, Sie rauschen, wo ich bin, mit finsterm Ton Und schelten alle zürnend meine Sünden. Ach Treuster, Liebster, mußt' ich dich verlassen? Du meintest wohl das Härteste zu dulden Als dir erlosch der Gegenliebe Schein; Du starbst, mich weiht zum ärmeren Genossen Das Unglück, denn für mein so schwer Verschulden Ist mir versagt, von Dir verstoßen sein. Sie setzt sich auf den Boden nieder. Ach! wie fühl' ich mich verloren! Warum schweif' ich noch durch diese Welt? Was soll mir dies verhaßte Tageslicht, Was gehn mich die Blicke dieser Blumen an? Ich Schuldvolle Darf nicht wagen zum Licht, Zur Kinderunschuld dieser bunten Pflanzen Das Auge aufzuheben. Das flatternde Haar rauscht losgebunden Vom Winde getrieben durch das Gras, Meine Thränen netzen den Boden, Meine aufgehobnen Hände flehen Mein voriges Glück vom Himmel herab.         Könnten Thränen dich versöhnen,         Möchte Reue dich vermögen:         Daß sie zu mir nieder zögen         Alles Glück, die vor'gen Gaben,         Nimmer wollt' ich sie verhöhnen.         Aber nie wird Kühlung laben         Den, der seine Bäume fällt;         Ihm erstirbt das grüne Zelt;         Wer sein Haus sich selbst verwüstet,         Nie kann der sich wohl gehaben. Ach! wie umfängt Mich Seligkeit linde! Was mich bedrängt, Das Herz mir verengt Entführten geschwinde Mitleidige Winde. Es heben sich heiter Die Augen empor, Die Fluren sind weiter, Es kommen wie Blumen die Freuden hervor. Wie bin ich in der Götter Schutz gekommen, Daß sie auf mich die Ruhe freundlich gießen? Die Last ist mir vom Busen weggenommen; Wie Quellen, die von Bergen niederfließen, Versiegend sterben, sind sie weggeschwommen Die Sorgen, die mein armes Herz zerrissen. Vom schönsten Troste fühl' ich mich umgeben, Ich bin versöhnt mit Tod und auch mit Leben. Wie Sturm und Regen oft die Felder schlägt, Daß alle Pflanzen sich zur Erde beugen, Das Laub am Baum erzitternd sich bewegt Und Thränen sich an Gras und Blumen zeigen, Doch alles sich mit neuem Leben regt, Wenn endlich nun des Himmels Stürme schweigen, So geht ein Tagesglanz durch meinen Kummer, Mein Leiden floh, ein leichter Morgenschlummer. Nur Traumgestalt hielt meinen Sinn gefangen, Ich bin den schwarzen Schatten nun entronnen, Zum neuen Leben fühl' ich neu Verlangen, Zum neuen Spiel, von Träumen nur begonnen, Die Parzen seh' ich in den Wolken hangen, Die Zukunft wird von ihnen ernst gesponnen; Ihr Götter, seid für das Geschenk gepriesen! Ihr schenktet Ruh, habt gastlich euch bewiesen. Geht ab.     Der Garten. Nestor tritt auf. Nestor . Hab' ich in meinem Leben so was gesehn! Was das hier für eine Einrichtung ist! Kein Garten, sondern eine Wildniß. Ich glaube, wenn ich mich lange hier aufhielte, könnte ich in der That unsinnig werden. Und warum nicht? Ist es wohl andern ehrbaren Leuten aus wohlfeilern Ursachen begegnet. – Blumen, so hoch, wie kleine Bäume, Lilien, die höher sind als ich, mit einem Blumenstern, den man nicht umspannen kann, große Rosen an Rosen, zwischen himmelhohen Eichen, Baumgängen, die so hoch sind, daß der Blick sie kaum erreichen kann, – und alles in solchem Ueberfluß, alles so gedrängt an einander, daß der ganze Garten wie ein einziger dicht geflochtner Blumenkranz aussieht. Und alles brummt und singt, und hat ordentlich Einfälle! Ich möchte manchmal lachen, wenn ich nicht um meinen Verstand so sehr besorgt sein müßte. Der Wald .         Der frische Morgenwind         Durch unsre Zweige geht,         Rührt jedes Blatt geschwind,         Wenn er so wohlgemuth durch alle Aeste weht.         Rühr dich, o Menschenkind,         Was soll die Bangigkeit?         Wirf ab dein kleines Leid,         Komm, komm in unsern Schatten grün,         Wirf alle Sorgen hin,         Erschließ dein Herz der Freudigkeit. Nestor . Ist das nun nicht eine ganz verfluchte Art zu rauschen? Ich habe doch nun, so lange ich denken kann, schon manchen Wald gesehn, aber dergleichen ist mir noch nicht arrivirt. Der Wald . Wir rühren mit Zweigen In den Himmel hinein, Und spüren so eigen Den glänzenden Schein: Mit Fingern, mit Zweigen, mit Aesten, Durchrauscht von spielenden Westen, Durchsungen von Vögelein, Freun wir uns frisch bis in die Wurzeln hinein. Wir rauschen, wir flüstern, wir wogen, Geschirmt vom blauen Himmelsbogen, Von freundlichen Lüften durchzogen. Frühlingsglanz! Frühlingsglanz! Sei gegrüßt, sei gegrüßt von Abend zu Morgen, Von Morgen zu Abend: Komm, Mensch, sei frei von Sorgen In unserm Schatten, der brüderlich labend. – Nestor . Sei frei von Sorgen! Eben Euer verdammtes Geschwätz, das beinahe an das Vernünftige gränzt, macht mir die meisten Sorgen. – Das Tollste ist, wenn sie nun alle zusammen musiciren und zwitschern; wenn es nicht um die Merkwürdigkeit wäre, so wär' ich schon längst wieder weggelaufen. Der Wald . Jeder sein eigen, Birken, Tannen, Eichen, Stehn wir durchsammen verwirrt, Doch keiner den andern irrt, Der streckt die Zweig' in die Weite, Rührt schirmend das Gras mit der Hand, Der steht zum Himmel gewandt, Führt jeder ein Rauschen, sein eigen, Und schüttelt sich frisch in den Zweigen; Doch fließt der mannichfalt'ge Klang, In Einen brüderlichen Chorgesang. So auch die Menschen mitsammen Die verschieden von Einem nur stammen, Jeder rührt sich in seinen Zweigen, Doch alle streben zum Licht zu steigen, Wenn sich auch viele gegen die Erde neigen, Sie alle Brüder sein, Verschiedenheit ist nur Schein, Sie rauschen verworren durch einander hinein, Wird dem Klugen ein einziger Chorgesang sein. Nestor . Sieh da, sieh da, predigt meiner Seel die Toleranz trotz dem Besten unter uns. Nur ein bischen konfuse, Ideen und Sprache etwas verworren; übrigens aber möchte man doch des Teufels darüber werden. Rosen .         Bist Du kommen, um zu lieben,         So nimm unsre Blüthe wahr,         Wir sind röthend stehn geblieben,         Prangen in dem Frühlingsjahr.         Als ein Zeichen sind die Büsche         Mit den Rosen überstreut,         Daß die Liebe sich erfrische,         Ewig jung sich stets erneut.         Wir sind Lippen, rothe Küsse,         Rother Wangen sanfte Gluth,         Wir bedeuten Liebesmuth,         Wir bezeichnen, wie so süße         Herz und Herz zusammenneigt,         Liebesgunst aus Lippen steigt. Nestor . Ich wette, daß in dieser Rose keine Spur von ächter Moralität zu finden ist. Rosen .         Küsse sind verschönte Rosen,         Der Geliebten Blüthezeit,         Und ihr süßes, süßes Kosen         Ist der Wünsche schön Geleit,         Wie die Rose Kuß bedeut't,         So bedeut't der edle Kuß         Selbst der Liebe herrlichsten Genuß. Nestor . Ich hab's gleich gedacht, daß so etwas herauskommen würde. Rosen .         Liebe ist es, die die Röthe         Allerwege angefacht,         Liebend kommt die Morgenröthe,         Roth steigt nieder jede Nacht;         Rosen sind verschämte Röthe,         Sind die Ahndung, sind der Kuß;         In Granaten flammt die Röthe,         Brennt in Purpurs voller Pracht,         Deuten uns den innigsten Genuß. Nestor . Immer dasselbe! Immer dasselbe! Lilien .     Wende Dich zu unsern weißen Sternen,     Mondschein sind sie in der Sonne,     Ahndung unbekannter Wonne,     Freud' und Leid, doch in der Ferne,     Nur Erinnrung, man hegt sie gerne. Nestor . Das ist sehr unverständlich. Lilien .     Unser Lieben, unser Dichten,     Liebe, dichte Dämmrung nur,     Ernst und freundlich zeigen wir die Spur,     Blumenandacht,     Stille Nacht,     Wen'ge Herzen, die sich zu uns richten. Nestor . Das glaub' ich ungeschworen. Welche seltsame Reden! Drum hab' ich auch immer nicht gewußt, warum mir die Lilien so absonderlich vorgekommen sind. Lilien .     Blumenandacht,     Heitre Nacht,     Unschuld und Pracht:     Wir stehn so hoch als stille Warten,     Auf denen Sinn und Geist wohl ruht:     Geht er vorüber Rosengluth,     Ist ohne Wunsch und Glanz der fromme Muth,     Dann mag die stille Sehnsucht seiner warten. Nestor . Ich bin wohl ein rechter Narr, daß ich mich mit diesen Creaturen unterhalte. Die Gebüsche .         Komm! komm!         Das Blättergeräusch,         Es lockt Dich,         Unser Glanz,         Unser frisches Grün;         Wir lieben Dich,         Trag' uns Dein Herz entgegen,         Was verschmähst Du uns?         Alles kann nicht Wald sein,         Alles kann nicht Blume sein,         Muß auch Kinder geben. Nestor . So? Eine schöne Entschuldigung. Und als Wald und Blum' wärt Ihr auch was Rechts! Der Wald .     Wandl' im Grünen,     Willst Du die Blumen verstehn,     Mußt Du erst den Wald durchgehn.     Ist Dir erschienen     Der Sinn des Grünen,     Dann magst Du die Blumen verstehn. Nestor . Nun seht nur die Unverschämtheit! Der Wald .     Grün ist das erste Geheimniß,     In das die Natur Dich weiht,     Grün schmückt rings die Welt,     Ein lebendiger Odem,     Ein lieblich Element,     Das alles froh umgießt.     Grüne bedeutet Lebensmuth,     Den Muth der frohen Unschuld,     Den Muth zur Poesie.     Grün sind alle Blumenknospen     Und die Blätter um die Blumen,     Dann entspringt der Farbenglanz     Aus dem mütterlichen Grün. Die Tulipanen .     Wer mag von Farben sprechen,     Wenn wir zugegen sind?     Keine andre Blum' gewinnt,     Beginnen wir zu sprechen.     Was soll Blumenandacht,     Was der Kuß bedeuten?     Wir prangen in der kühnsten Pracht,     Kein andrer wag's mit uns zu streiten,     Wir glänzen daher in vollster Macht,     Brauchen nichts anders zu bedeuten     Als daß in uns der Schein von tausend brennenden Farben lacht.     Stehn wir in Beeten zusammen,     Und geht der Wind durch uns Blumen hin,     So wanken und zucken unzählige Flammen     Und blenden, verwirren den fröhlichen Sinn.     Kühn die Blätter sich formiren,     Gold und Roth und Blau sie zieren,     Glanz-Pokal, aus dessen Blinken,     Sonne, Licht und Bienen trinken.     Noch im Verblühen mit Farben wir prangen,     Daß in voller Majestät     Die Tulpe mit ausgespreiteten Flügeln steht:     Wozu die Sehnsucht, wozu Verlangen? Nestor . Ich merke, die Tulpe spielt den Freigeist unter den Blumen, und macht gewissermaßen Satiren auf die Lilien. Veilchen .     In der Stille     Von Blättern, den grünen,     In ferner Hülle     Wir Blumen dienen.     Wagen's nicht, uns aufrecht zu stellen,     Fürchten die Sonnenblicke, die hellen.     Gras unsre Geschwister,     Ueber uns Buschgeflüster:     Im einsamen Thal     Gedeihn wir zumal. Vergißmeinnicht .     Wir Blümlein     Am Bach,     Mit blauem Schein     Müssen gar kleine sein,     Locken die Augen doch nach.     Wir sehen     Uns helle     In der Welle     An Seen.     Unschuldige Kindlein     Mit süßem blauen Schein;     Möchten wir größer sein! Feldblumen .     Du gehst vorüber,     O Lieber!     Und siehst nicht,     Fühlst nicht,     Wie schön das grüne Gras,     Wie erfrischend und kühl und naß,     Und dazwischen die goldenen Sterne;     Mußt Du denn stets nach der Ferne? Vogelgesang .     Wir lustigen Bürger in grüner Stadt     Rauschen und schwärmen,     Singen und lärmen     Vom Morgen zum Abend, und stets sind wir satt.     Die Bäume mit Schatten,     Zur Wohnung bestellt,     Zur Nahrung die Matten,     Die freie, weite Welt, –     Wie uns das gefällt!             Gefällt!     O herrliche Welt! Das Himmelblau .     Sie alle umschließ' ich mit Armen linde,     Sie alle tränk' ich an meinen Brüsten     Mit Lüsten,     Ich sende die kühlenden Winde,     Ich schaue tief auf sie hinunter,     Sie alle schauen hoch zu mir daher,     Alle macht mein klarer Anblick munter,     Die herrliche Bläue im unergründlichen Meer.     Wolken kommen, Wolken ziehn,     Wolken fliehn,     Treiben in meinem Gebiete hin und her;     Sind dem größeren Blick des Waldes Blätter,     Der Blumen Putz überfliegt der Glanz     Des Abend- und des Morgenroth's heraufgezogen,     Der kühn gespannte Regenbogen,     Im goldnen Abendmeer die tausend Flammenwogen,     Im furchtbaren Wetter,     Der Wolken Tanz,     Der Blitze zückender Glanz. – Nestor . Es geht zu weit, – ich vergesse mich selbst; – immer und ewig allein zu stehn, und doch ein unaufhörliches Geschwätz anhören zu müssen, das ist zu toll. – Wer kömmt denn da? Ein Weib, dem Anscheine nach. Sie ist schön gewachsen, aber doch zu groß, gar zu groß. Das scheint hier der allgemeine Fehler. Die Göttin tritt herein. Göttin . Wer bist Du? Nestor . Ich? Aufzuwarten, ein Reisender, im gegenwärtigen Augenblicke halb unsinnig, weil ich nicht weiß, ob ich verrathen oder verkauft bin. Göttin . Gefällt es Dir so wenig im Garten der Poesie? Nestor . Mit Eurer Erlaubniß, daß ich ein wenig zweifeln darf. Poesie? Der Garten der Poesie? Hm! Ihr wollt meinen Geschmack und gesunden Menschenverstand wohl nur ein wenig auf die Probe stellen. Göttin . Wie das? Nestor . Die Poesie müßte nach meinem Bedünken, nach meinen schwachen Einsichten wohl eine etwas andere Gestalt haben. Das ist ja gleichsam hier wie in einem Narrenhause. Göttin . Ergötzen Euch denn diese Blumen nicht? Nestor . Nein wahrhaftig nicht, denn ich sehe zu gut ein, daß es gar keine Blumen sind. Göttin . Wie könnt Ihr diesen irr'gen Glauben hegen? Nestor . Weil ich in meinem Leben schon gar zu viele Blumen gesehn habe. Ja wenn ich nicht die erstaunliche Erfahrung hätte, so könnte ich mir vielleicht eher eine Nase drehen lassen. Meine Eltern haben ja selbst einen Garten hinter dem Hause gehabt, und da hab' ich die Blumen selber oft gepflanzt und an die Stöcke gebunden. Göttin . Wofür erkennt Ihr aber diese Pflanzen? Nestor . Ich erkenne sie für Narren, denn etwas anders können sie auch wohl schwerlich sein, ehrliche Blumen sind sie wenigstens nicht. Seht sie doch nur an, sie scheinen ja wahre Ungeheuer. Nein, ich muß die Ehre haben Euch zu sagen, das Wesentliche an einer Blume ist eine gewisse Kleinheit und Niedlichkeit. Und dann nicht solche übertriebene Menge; ich mag sonst wohl Blumen, und sie geben uns eine gewisse Erquickung und Ergötzlichkeit, aber das muß sich mit diesen Dingen in Schranken halten, und bei Leibe nicht so in's Excentrische gehn. Göttin . Ihr vergeßt, daß dies die wahren Blumen sind, Die Blüth', die in Blüthe steht; die Erde Kennt nur den schwachen Schatten dieser Herrlichkeit. Nestor . Nun ja, das ist die rechte Höhe, so machen es diese Idealisten immer; wenn man an ihre Hirngespinnste nicht glauben will, so wollen sie einem gar weiß machen, daß dies die rechte und wahre Art sei, wie eigentlich alles übrige in der Welt sein müsse. Und wenn ich auch alles andre vertragen könnte, so ist mir das ewige Singen und Sprechen dieser Dinge äußerst fatal. Göttin . Haben Euch die Blumen sonst nie angesungen? Nestor . Ha! ha! für wen seht Ihr mich denn an? Die Blumen sollten gut angekommen sein, die sich dergleichen Ungezogenheiten unterfangen hätten. Göttin . Was macht Ihr aber eigentlich in der Welt? Nestor . Ich stelle einen Märtirer vor, ich gehe für die allgemeine Wohlfahrt zu Grunde. Ich bin auf der Reise, und mein Prinz kann nicht eher seine vollständige Gesundheit erhalten, bis wir den guten Geschmack angetroffen haben. Göttin . Was nennt Ihr den guten Geschmack? Nestor . Ich will es Euch schon anvertrauen, weil Ihr mir ziemlich lehrbegierig scheint. Seht, der Geschmack, – als wenn ich sagen wollte, ein Gedicht, – nun müßt Ihr aber recht begreifen, denn ich strenge mich pur so an, um Euch die Sache recht klar und deutlich zu machen, – also, wenn Ihr Euch ein klassisches vollendetes Gedicht denkt, – klassisch nämlich, was, – nun, das ergiebt sich von selbst, – oder so ein Epigramm, ein Heldengedicht, eine Tragödie, worin alle Regeln observirt, niemals verwandelt – Göttin . Ich verstehe Euch nicht; meint Ihr vielleicht überhaupt die Kunst? Nestor . Nun ja, es wird ohngefähr so zutreffen. Wenn Ihr die Klassiker gelesen hättet, da würdet Ihr mich schon eher verstehn. Hätt' ich doch nur meine Grundsätze der Kritik bei mir! Göttin . Laßt sich den Kranken gleich hieher verfügen, In diesem sel'gen Aufenthalte wird Er gleich von allen Uebeln sich erlöst Befinden, denn hier wohnt die Poesie. Nestor . Hieher? Wahrhaftig, das fehlte ihm noch, um in die alte Raserei zurück zu verfallen. Ihr habt große Vorstellungen von Euch und Eurem Garten, ich sehe ja auch nicht einmal einen einzigen Dichter. Göttin . Dort wandeln sie im dunkeln Gange, jetzt Seh ich, wie sie die Schritte zu uns lenken. Die Dichter treten herin. Nestor . Sind das nun wirklich und in der That Dichter? Göttin . Unnöthig scheinst Du zweifelhaft zu sein. Nestor . Man muß sich ein bischen mit dergleichen Behauptungen in Acht nehmen. Seht nur, wie sie unhöflich sind, sie kümmern sich gar nicht um mich, und doch bin ich hier fremde. Göttin . Sie haben Dich noch nicht bemerkt. Nestor . Noch eins, ich werde ja in Eurem Garten gar keine Raupen gewahr, und doch ist jetzt die Zeit. Göttin . Kein Ungeziefer naht dem heil'gen Wohnsitz. Nestor . Nun das ist noch von allen Dingen das unnatürlichste und unwahrscheinlichste. Nein, das wird Euch nimmermehr ein einziger Mensch glauben; seht, meine liebe Frau, ein solcher Garten ist bisher noch gar nicht erhört gewesen. Da kommen die Dichter auf uns zu, nun will ich Ihnen doch, mit Eurer Erlaubniß, ein wenig auf den Zahn fühlen. Göttin . Ihr seid von seltner Munterkeit des Geistes. Nestor . Wie heißt denn der finstre alte Murrkopf hier? Göttin . Bescheidner sprich, es ist der große Dante. Nestor . Dante? Dante? Ach jetzt besinn' ich mich, er hat so eine Comödie, gleichsam ein Gedicht über die Hölle geschrieben. Dante . Gleichsam ein Gedicht? Wer bist Du, daß Du also sprichst? Nestor . Nu, nur nicht so böse, ich bin ein Freund von Dir und von Euch allen, denn ich liebe die Dichtkunst und bringe oft meine müßigen Stunden mit Euren Schnurrpfeifereien hin. Dante . Schnurpfei – wie war das Werk, das Du so eben nanntest? Nestor . Ha ha ha! Er kennt die Schnurrpfeifereien nicht und hat selbst welche gemacht. Das bedeutet so Euer dummes Zeug, Eure lustigen Lappalien, was Ihr gemacht habt, und womit man die Zeit ganz artig vertrödeln kann. Dante . Wer bist Du, flache Unbedeutenheit, Daß Du Dich dieser frechen Sprach' erkühnst? Hat Dich kein Laut aus meinem Werk getroffen? Bist Du in alter Blindheit ein Bewohner Von Religion und Poesie verstoßen? Nestor . Ereifert Euch nicht so, alter Mann, denn die Wahrheit zu sagen, so habe ich Euch niemals gelesen. Dante . Und kommt da her und spricht von meinem Werk: Die göttliche Komödie Schnurrpfeifrei! Ein schändliches, barbarisch Wort, und kaum Der frommen Zunge abzulocken! Nestor . Seid stille, sag' ich Euch, und laßt uns einmal ernsthaft sprechen. Seid Ihr denn in der That jemals ein Dichter gewesen? Dante . Ariost! Petrarca! Nestor . Nun, nun, die Zeiten haben sich seitdem gewaltig geändert, damals, ja damals, – aber jetzt seid Ihr zu schwer zu lesen, und auch außerdem noch ennüyant. Dante . Damals! was meinst Du damit, Wurm? Nestor . Ein hitziger Kopf! – Nun damals will ich nur sagen, war es erstaunlich leicht ein Dichter zu sein, weil, wie ich gelesen habe, vor Euch in neuerer Zeit eben keine Poeten existirt hatten; darum müßt Ihr nur Euer Glück anerkennen, denn im Grunde wäre doch jeder andre damals eben so wie Ihr berühmt und bewundert worden. Dante . Es hätte also nur an Dir gelegen, Nur an der Zeit, die Dich an's Licht geworfen In jenem früheren Jahrhundert, und Du hättest auch wie ich die Welt erstaunt? Nestor . Natürlich, ja was noch mehr ist, ich denke es sogar in unserm Zeitalter, wo es doch tausendmal schwerer ist, dahin zu bringen. Erst fang' ich so sachte, sachte mit Abhandlungen für Monatsschriften an, in denen ich meinen aufgeklärten Kopf entdecke und irgend einen Schwärmer oder Pietisten ganz artig und sauber in seiner Blöße darstelle, dann schreib' ich gegen Gespenster, dann einen Roman gegen Euch und alles was mir nicht in den Kopf will, dann lass' ich mir merken, daß mir im Grunde gar nichts in der Welt recht ist, bis ich am Ende immer höher, immer höher komme, anfange zu rumoriren und zu ennuyiren was man nur leisten kann, bis mich die Leute endlich aus Langerweile für den ersten Menschen in der Welt halten. – Aber dergleichen Zeug, wie Eure sogenannte Komödie, hätte ich doch auch meiner Seele nicht in jenem unaufgeklärten Zeitalter geschrieben. Hölle und Paradies! Und alles so umständlich, wie ich mir habe sagen lassen. Fi! schämt Euch, ein alter erwachsener Mann, und solche Kinderpossen in den Tag hinein zu dichten. Dante . Die Gottheit hat es mir also verliehn, Vom milden Himmel wurde mir vergönnt, Ein kühner Sänger mein prophetisch Lied Zur Glorie der katholischen Religion In reinester Begeisterung zu sprechen. Nestor . Nu, das ist es ja eben, wovon wir reden. Die katholische Religion, das ist mir, und uns übrigen vernünftigen Leuten gerade der Stein des Anstoßes. Dante . Was denkt's Gewürm bei diesem Ausdruck denn? Nestor . Verflucht hitzig vor der Stirn! – Was man sich dabei denken soll, weiß bei uns jedes Kind, daher es auch ein Sprichwort, sogar bei den gemeinen Leuten, geworden ist, daß wenn man etwas recht Tolles, Unvernünftiges, oder auch Langweiliges hört, man zu sagen pflegt: Ei, darüber könnte man katholisch werden. Dante wendet sich unwillig von ihm, und geht in den Hain zurück. Nestor . Die Dichter sind ein verfluchtes Volk. Nichts als Undank, wenn man sich für ihre Werke interessirt! Ariost . Der Protestant protestirt ja gegen alles Gute, und besonders gegen die Poesie. Nestor . Alle durch die Bank grob! Wer seid Ihr denn? Ariost . Ich nenne mich Ludwig Ariost. Nestor . Aha! Mit Euch bin ich schon ein wenig mehr bekannt, seid auch amüsanter wie jener Brummbär, aber verteufelt unmoralisch. Mensch, Mensch, wie habt Ihr so manches beim Durchfeilen können stehn lassen? Ariost . Ha ha ha! Nestor . Lacht nicht, lacht nicht, um Gotteswillen, wenn ich nicht gänzlich an Eurem Herzen verzweifeln soll. Aus Liebe zur Menschheit, aus Liebe zur Tugend, hättet Ihr manche von den argen Possen durchaus nicht niederschreiben sollen. Ariost . Aus Liebe zu den Menschen habe ich es gethan, aber was ist die Menschheit? Nestor . Die Menschheit, – mich wunderts, daß Ihr davon nichts wißt, – seht, das ist so die Welt en gros . Jetzt steigt übrigens die Menschheit erstaunlich, man hat sogar Erwerbschulen angelegt, man prügelt die Soldaten ein bischen weniger, man – nu, seht Ihr, das nennen wir so Menschheit. Ariost . Darüber ließe sich vielleicht ein Lustspiel schreiben. Nestor . Es geschieht ohne Euch genug, dazu kommt Ihr zu spät, alles für die Menschheit. Ariost . Und sind sie sehr lustig, diese Lustspiele? Nestor . Wo denkt Ihr denn hin? Nun ja, da sieht man Euch das rohe Zeitalter recht an, rührend ist's, zum Weinen, alles voller Prediger und Prinzen, und Bösewichter, und hoher edler Menschen. Gozzi . Dieser wäre eine ziemlich gute Maske. Ariost . Liest man denn meine bunten Lieder noch? Nestor . So wie's kömmt, manche halten gar viel von Euch, im Grunde aber hat man jetzt mit seiner Veredlung so viel zu thun, daß einem zum Spaß nicht viele Zeit übrig bleibt, mich etwa und andre dergleichen Dichterfreunde abgerechnet. Wir haben nun einmal die Schwachheit. Ariost . Närrischer, es muß jetzt eine erbärmliche Zeit auf Erden sein. Nestor . Wie Ihr's versteht! Nein, mein Bester, das zu beurtheilen ist für Euch wohl zu hoch. Dergleichen Noth- und Hülfsbücher, dergleichen zarte vortreffliche Regenten, Taubstummen-Institute, Kabinetsordern, Lesebibliotheken, wohlthätige Journale, Pockennoth und Akazienbäume habt Ihr in Eurem Leben gewiß nicht vernommen. Ariost . Du rasest. Nestor . Und schöne Weiblichkeit und zuckersüße Häuslichkeit, und wahre Menschenempfindung, und Wohlwollen und Mitleiden einer mit dem andern – Ariost . Das scheint mir in der That nöthig. Nestor . Unentbehrlich. Ja, Ihr solltet nur jetzt leben. Man wäre im Stande, und verböte Euch zu existiren, wo Ihr Euch nur blicken ließet. Ariost . O Schade, daß ich nicht zur Erde zurückkehren kann. Nestor . Uebrigens kann man jetzt Euer Gedicht noch aus andern Rücksichten entbehren, denn der größte deutsche Poet hat so ohngefähr das Beste aus Eurer Manier genommen, und in seinem herrlichen Oberon trefflich verschönert; dabei hat er auch den sogenannten Stanzen eine schöne Originalität beigebracht, indem er sie freier, unkünstlicher, liebenswürdiger entstanzt und umgestanzt hat. Ariost . So? Nestor . Fleißig hat man Euch nachgeahmt und verbessert. – Wie ist denn Euer Name? Petrarca . Ich heiße Petrarca. Nestor . Ich habe also die Ehre ein sehr verliebtes Gemüth kennen zu lernen. Ihr werdet auch zu Zeiten übersetzt, das heißt, ein oder zwei von Euren Sonetten, denn viel von dem Zeuge ist über die Gebühr langweilig. Sagt mir nur, wie Ihr der Dinge nicht überdrüßig geworden seid? Petrarca . Du bist ein wunderlicher Kauz. Hast Du denn meine Sonette verstanden? Nestor . Ach, lieber Gott, was ist da sonderlich zu verstehn, immer Liebe und immer wieder Liebe, dergleichen ist für mich nicht. – Ich möchte fast darauf wetten, daß Ihr der bekannte Tasso seid. Tasso . Nicht anders. Nestor . Ja, Ihr habt's auch gut gemeint, das kann man gar nicht läugnen. – Wer ist der freundliche Mann dort? Tasso . Er ist der Castilianische Poet Cervantes. Nestor . Je Possenreisser, Possenreisser, komm doch vor und sei nicht so blöde, Dich mag ich erstaunlich gern leiden, denn Du bist ein lustiger Geselle. Cervantes . Was willst Du von mir? Nestor . Dein Ding, Dein Don Quixote ist zum Todtlachen, aber was sollen die Novellen drin? Cervantes . Auch Don Quixote hat das gefragt. Nestor . Nu, antworte darauf. Cervantes . Was soll das ganze Buch? Nestor . Das sag' Er nicht, mein Bester, denn erstens hat das Buch andre viel bessere veranlaßt, zum Beispiel den Don Silvio von Rosalvo, also ist das schon ein gewisser beträchtlicher Nutzen, und dann ist es ja zum Todtlachen, es ist keiner unter uns, der das dumme Zeug nicht gelesen hätte, nein, sei Er nur ruhig. Schade, daß Er nicht jetzt lebt, aus Ihm hätte was werden können. Cervantes . Bin ich, der ich in meinem Leben schon so viel Schlimmes erfuhr, nach meinem Tode so tief heruntergesunken, daß der Pöbel mich für seinen Gesellen und Bruder erkennt? Nestor . Sei Er nicht betrübt, von ganz reputirlichen Leuten wird er gelesen, und in den Uebersetzungen läßt man seine Gedichte und dergleichen, was nicht zur Sache gehört, aus, da hat das Ding denn ein recht feines Ansehn. Cervantes . Und die zarte Galatea kümmert keinen? Nestor . Je das sind ja Jugendschwächen, die vergiebt man ihm, lieber Freund. Cervantes . Das muß ich doch meinem Freunde Shakspeare erzählen, wenn er wieder kömmt. Nestor . Also der Teufelskerl ist auch hier? Eine kuriose Gesellschaft! Es giebt doch auch nicht einen einzigen klassischen und korrekten Menschen hier, an dem man sein Gemüth auf eine verständige Weise erquicken könnte. Und das soll der Garten der Poesie sein? Der Schwärmerei, der Phantasterei, das will ich eher zugeben. Göttin . Wen vermissest Du? Nestor . Da hat doch nun, nur ein schlechtes Beispiel zu geben, die deutsche Nation schon längst ihr goldnes Zeitalter der Poesie gehabt, und ich suche unter diesen Blumen und altfränkischen Dichtern vergebens einen Hagedorn, Gellert, Gesner, Kleist, Bodmer, – ich sehe keinen einzigen Deutschen. Göttin . Die Du nennst, kennen wir nicht, aber dort steht der wackre Hans Sachs. Hans Sachs . Kennst Du mein Fastnachtsspiel vom Doktor mit dem Narrenschneiden? Göttin . Ein blumenvoller Hain ist zubereitet Für jenen Künstler, den die Nachwelt ehrt, Mit dessen Namen Deutschlands Kunst erwacht, Der Euch noch viele edle Lieder singt, Um Euch in's Herz den Glanz der Poesie Zu strahlen, daß Ihr künftig sie versteht; Der große Britte hofft ihn zu umarmen, Cervantes sehnt nach ihm sich Tag und Nacht Und Dante dichtet einen kühnen Gruß, Dann wandeln diese heil'gen vier, die Meister Der neuen Kunst, vereint durch dies Gefilde. Nestor . Wer in aller Welt könnte denn das sein? Bürger ihm leise in's Ohr . Goethe. Nestor . O geht mir doch mit dergleichen, ich selbst habe erst neulich Herrmann und Dorothea, der Genius der Zeit foderte das, so rezensirt, daß man ja blind sein müßte, wenn man den Verfasser noch länger für einen Dichter halten wollte. Sophokles tritt herin. Sophokles . Was muß ich vom Dante hören? Ihr verschmäht es nicht, diesen Lästerer hier in diesem reinen Aufenthalte zu dulden? Nestor . Wer ist der gewaltige Herr? Cervantes . Es ist lustig, Sophokles, ihn sprechen zu hören. Nestor . Ach, ist das der Grieche Sophokles? – Einen schönen guten Morgen, Ihr Gnaden. Sophokles . Ich mag nichts mit ihm zu thun haben. Laßt einige Genien kommen, ihn fort führen, und ihm dann etwas Speise reichen. Nestor , indem er fortgeführt wird . Ihro Gnaden sind ja ein Grieche, ich habe ja einen großen Respekt vor Ihnen, – nur sind, wie man sagt, Ihre Chöre etwas schwer, – so übel wird einem Freunde der Dichtkunst mitgespielt! – Sophokles . Wie hatte sich dieser Barbar hier eingefangen? Göttin . Er kam von selbst herein, war im höchsten Grade modern und ungläubig. Sophokles . Unrecht thatet Ihr, o weise Dichter, auf seine Reden Acht zu geben, soll ich anders meine Meinung sagen. Cervantes . Die Irdischen haben uns niemals begriffen, weshalb verwunderst Du Dich also? Sie gehn ab. Die Blumen .         Der Abend sinkt hernieder,         Die Nachtviolen wachen auf,         Und gießen in die Lüfte         Die süßen Düfte.         Wir singen leise Lieder,         Die Nachtviolen wachen auf,         Und strömen süße Düfte         Durch die Lüfte.     Ein Zimmer. Genien führen den Nestor herein. Nestor . Das geht über alle Beschreibung, über allen Glauben hinaus. Wird ein reisender Mensch, ein gebildeter Kenner so in der Fremde behandelt? Der ganze Garten ist voller Menschen, und alle sehn mich als ein lächerliches Wunderthier an; der Grieche, der doch in der That mehr Manieren haben sollte, läßt mich endlich gar fortbringen, um mir Essen reichen zu lassen, – und doch seh' ich hier nichts. Erster Genius . Sogleich wirst Du gespeist werden. Zweiter Genius . Und getränkt. Nestor . Schönen Dank! – Daß es aber nur gute und ordentliche Eßwaaren sind, und nicht so phantastischer Narrenkram, wie die Reden draußen in der freien Luft vorfielen. Erster Genius . Der Irdische soll Irdisches genießen. Nestor . Das ist es, was ich sagen wollte, Herr Genie. – Der Boccaz lief mir noch nach, um über mich zu lachen, und ein gewisser Benjamin Jonson schrie mir unaufhörlich lateinische Satiren nach. – Ist denn das wahr, daß der eine Träumer in dem dunkeln Gange der berüchtigte Jakob Böhm war? Erster Genius . Du sagst es. Nestor . Ja ich sage aber auch, daß Euer Garten der Poesie dann ein Garten für Schlingel und Bärenhäuter ist. Erster Genius . Erzürn Dich nicht, Du magst ihn bald verlassen. Nestor . Ja, ich will gewiß nach dem Essen nicht viele Zeit mehr hier verschwenden. Der Tisch . O wie glücklich ist die Kreatur zu preisen, die endlich zu Erkenntniß kommt, und statt müßig zu sein, nützlich ist. Nestor . Wer spricht denn hier so vernünftig? – Seid Ihr es etwa? Die Genien . Wir nicht. Der Tisch . Ich bin es, der hier vor Dir steht, mit meinem Namen Tisch genannt. Nestor . Aber mir schwindelt, mir vergehn die Sinne; ich habe so etwas noch niemals gehört. Der Tisch . Ich freue mich, daß nun das Essen bald auf meine Oberfläche wird gesetzt werden, dann nimmst Du meinen Bruder, den Stuhl, setzest Dich vertraulich und lächelnd zu mir heran, und ich bin Dir eine nützliche Bequemlichkeit. Der Stuhl . Es wird Dir wohl thun, Dich auf mich zu setzen, denn ich bin dazu vortrefflich ausgearbeitet. Der Tisch . Wie freuen wir uns, daß wir nicht mehr draußen als elende grüne Bäume im Freien stehn, und rauschen und uns schütteln, was keinem frommt. Hier sind wir zu einem nützlichen Zwecke umgearbeitet und erzogen. Der Stuhl . Wir Möbeln können uns nur noch dunkel unsers rohen, grünen, unkultivirten Zustandes erinnern, aber die wilden Tage unsrer unnützen Jugend sind dahin, wir wuchsen und gediehen und wurden hernach ein trefflich dürres Holz, so daß wir uns auch gar nicht einmal geworfen haben; wer es nicht wüßte, würde es uns gar nicht ansehn, daß wir sonst einmal Bäume waren. Der Tisch . Drum schämen wir uns auch nicht, sondern genießen in unserem Beruf einer beneidenswerthen Gemüthsruhe. Nestor . Ei der Tausend! Ei der Tausend! Wo soll ich verwundernswürdige Verwunderung genug hernehmen, um mich auf die gehörige Art zu verwundern? – Ja, ich bin bei mir selber, ja ich bekenne es mir dreist, daß dieser Tisch und dieser Stuhl die edelsten, die vernunftreichsten Kreaturen sind, die ich noch, mich selber ausgenommen, bisher auf Erden angetroffen habe. Daß nicht, wie es doch sogar bei den meisten Menschen der Fall ist, Hände aus diesen verehrungswürdigen Personen heraus hängen, damit man sie ihnen mit Achtung und Biederherzigkeit drücken könnte! Ja, was soll ich thun, was, um meine Erkenntlichkeit zu bezeugen? Es bleibt mir nichts übrig, als mich in Dich, o allerliebenswürdigster Stuhl, hineinzusetzen. Der Stuhl . Nicht wahr, es sitzt sich gut? Nestor . Herrlich, herrlich, Du Edler. Nun rücken wir zum Tisch und machen die angenehmste Gesellschaft, – und nun fehlt zu meinem häuslichen Glücke nichts weiter, als daß man rasch das Essen hereinbringe. Speisen werden aufgetragen. Ein Schrank . Auch ich bin ein brauchbares Mitglied, in mir werden die Servietten und Tischtücher aufbewahrt, auch ich bin, ein ehemaliger Baum, zur Vernunft gekommen. Nestor . Ihre Gesundheit, Herr Schrank, daß noch lange die verfluchten Holzwürmer Ihrer nützlichen Existenz kein Ende machen mögen! Ein Schrank . Auch dann bin ich noch nützlich, man kann ja bei meinen Gebeinen immer noch eine Suppe kochen. Nestor . Es ist wahr. – O Menschen, Menschen! wenn ich Euch doch nur einmal vor diesen beschämenden Spiegel führen könnte. Wie wenige Vortreffliche unter Euch können sich doch mit diesen messen! Der Spiegel . Ich bin selbst ein Spiegel, belieben Sie in mich hineinzuschauen. Nestor . Gleich. – Ach! wie schön bin ich! wie geistreich seh' ich aus! Kann man mehr Feuer im Auge besitzen? – Schönen Dank, liebwerthester Spiegel, daß Sie mir diesen köstlichen Genuß haben gönnen wollen. Der Braten . Sie vergessen mich, Herr Nestor, Ihren Freund, ich glühe Ihnen zu schmecken und Vergnügen zu machen. Andre Schüsseln . Nehmen Sie doch auch von uns eingemachten Früchten. Der Wein . Und trinken Sie eins dazu. Nestor . Wie soll ich so vielen Edelmuth vergelten? Ich erliege der Last der Dankbarkeit. – Aufopfrung, nichts als Aufopfrung! O ihr hohen Geister! – Mein Herz, meine Kinnbacken, mein Magen, – alles, alles ist Euch auf ewig zugethan. – Wie zweckmäßig ist doch die Einrichtung der schönen Welt! – O du, mein wackrer Freund, der mir dies Büchlein mitgab, hier würdest auch du Anker werfen, und nicht mehr über Idealismus winseln: hier würdest du deine goldenen Träume in Erfüllung sehn. Der Tisch . Nicht wahr, ich halte die Schüsseln recht fest, eine brave starke Person, steh' ich auf kräftig tüchtigen Füßen. Nestor . Unvergleichlich, Biedrer, Starker, ich rutsche vor Entzücken hin und her, mehr kann ich nicht thun. – Nun, Genien, sprecht doch nur dergleichen, – die Lumpenkerls haben sich sachte fortgeschlichen; nun, ich brauche Euch auch nicht, denn ich bin in guter Gesellschaft. Der Stuhl . Ach großmüthiges Herz, Sie rutschen allzulebhaft, meine Konstitution ist etwas zarter, als die des Bruders Tisch, das können meine eleganten Beine nicht aushalten. Nestor . Um Vergebung, bitte tausendmal um Vergebung, wenn das Herz recht voll ist, so regiert man sich oft nicht mäßig genug. Der Tisch . Als ich noch im grünen Holze steckte, hatt' ich wie ein ächter Vagabunde meine Freude an Luft und Sonne, seit ich meine Bestimmung erfüllt habe, sind mir beide verhaßt. Nestor . Und mit Recht, mein Freund, sie sind den Möbeln schädlich. – Jetzt bin ich gesättigt, jetzt werde ich mich wieder fortbewegen. Die Flaschen . Je so trinken Sie doch noch. Schüsseln . Essen Sie doch noch – Nestor . Bin wahrhaftig nicht im Stande. – Ei, da hängen ja eine ganze Menge musikalischer Instrumente an der Wand. – Eine Geige! Ich bin ein ganz artiger Violinspieler; ich will doch einmal versuchen die Sonate zu spielen, die ein guter Freund ganz besonders für mich componirt hat. Er spielt. Die Geige . O weh! o weh! Wie mir das durch die ganze Seele reißt! In's Henkers Namen, ich bin keine Flöte! Wie kann man mich so quälen, Alle meine Töne unterdrücken, Und kneifen und schaben und kratzen, Bis ein fremdes quinkelirendes Geschrei herausschnarrt! Ich kenne meine eigene Stimme nicht wieder, Ich erschrecke vor mir selber In diesen unwohlthätigen Passagen. Ei! ei! daß ein andrer Geist Doch auch einmal so mit dir umspringen möchte, Damit du alle Menschlichkeit verläugnen müßtest Und dich dem Thiere gleich geberden. Innerlich schmerzt mich die Musik, Die da unten wohnt und von wilden Klängen vernichtet wird, Eine Kolik ängstigt mich durch und durch, Der Resonanzboden wird von Gicht befallen, Der Steg winselt und wimmert. Wie ein Clarinett soll ich mich geberden, Jetzt dem Basson verglichen werden, Er reißt mir noch die melodische Zunge aus, Lange werd' ich liegen müssen und mich besinnen, Eh' ich diesen Schrecken verwinden kann. Ei so kneif du kneifender Satan! Es wird ihm selber sauer, Es neigt zu Ende mit der verfluchten Sonate, Ach weh! o weh! o welche Gefühle! Die Ribben, die Seiten der Rücken, Alles wie zerschlagen! – – Nestor . Erstaunlicher Ausdruck in dem Stücke! Je öfter man's hört, je mehr es gefällt. Die Harfe . Wir sind, was des Menschen Hand Aus dem trägen Holze nützlich bildet, Die kindischen Dichter. Nestor . Ihr seid Instrumente, und keine Dichter. Harfe . Innewohnend in zarten Saiten Sind die eignen Geistertöne; Wer bannte sie hinein? Rühr uns mit verwandtem Geiste Körperlich uns Körper an, So heben sich die bunten Schwingen, So steigt der freundliche Geist heraus Und schaut Dich mit den klaren Augen an, Grüßt mit lieblicher Geberde, Giebt sich Dir zu eigen, Spielt heilig vor Dir hin, Und sinkt Dein Freund in den Abgrund des Wohllauts zurück. Magst Du ihn wieder rufen, Er kommt dem bekannten Rufe wieder, Klag' ihm was Dich bangt, Sag' ihm wonach Dich verlangt, Er faßt, er kennt Dein Herz, dein Sehnen, Er schwingt mit Flügeln sich auf Zu Landen, die Du nicht siehst, Und bringt mit kindlicher Freude Die glänzenden Gaben, Die niegesehenen Wunder Dem Freunde heimisch in's Herz. Nestor . Wenn ich nur die Harfe spielen könnte, so sollte sie bald andre Reden führen. Flöte . Unser Geist ist himmelblau, Führt Dich in die blaue Ferne, Zarte Klänge locken Dich Im Gemisch von andern Tönen. Lieblich sprechen wir hinein, Wenn die andern munter singen, Deuten blaue Berge, Wolken, Lieben Himmel sänftlich an, Wie der letzte leise Grund Hinter grünen frischen Bäumen. Hoboe . Ungewiß schreit' ich voran, Seele willst du mit mir gehn, Auf, betritt die dunkle Bahn, Wundervolles Land zu sehn; Licht zieht freundlich uns voran Und es folgt auf grünen Matten Hinter uns der braune Schatten. Trompete . Die Erde wird freier, der Himmel wird höher, Laßt muthig den Blick sich erheben! Wie liegt die Noth, die Sorge, Weit hinter den flammenden Tönen! Geige . Funkelnde Lichte, Durchschimmernde Farben, Ziehn in Regenbogen, Wie wiederglänzende springende Brunnen, Empor in die scherzenden Wellen der Luft. Es zucken die rothen Scheine, Und spielen hinauf und sinken hinab: Was willst du vom lieblichen Scherz? Waldhorn . Hörst, wie spricht der Wald Dir zu, Baumgesang – Nestor hält ihm den Mund zu . Um Gotteswillen, schweige doch nur, denn Du bist mir das fatalste von allen diesen Instrumenten. Da ist ein Buch kürzlich herausgekommen, mich dünkt, Sternbalds Wanderungen, da ist um's dritte Wort vom Waldhorn die Rede, und immer wieder Waldhorn. Seitdem bin ich Deiner gänzlich satt. – Ich muß jetzt gehn. – Noch ein Glas Wein! Adieu Herr Tisch und Stuhl und Ihr alle meine Freunde, mein Herz wird Euch niemals vergessen. Die Möbeln . Leben Sie wohl, sympathetisch-gesinnter Freund! Nestor geht ab.     Gebirge. Zerbino tritt auf. Zerbino . Verirrt wandr' ich umher und kann aus diesen Felsen, aus diesen Labyrinthen den Rückweg nicht finden. – Wunderbare Gedanken kommen in meine Seele, Gefühle, die ich noch nie empfand. – Die Natur liegt groß und unermeßlich vor mir, Stürme brausen durch den nahen Wald, die Quellen rauschen. Wie nichtig und klein erscheint mir hier meine Existenz, die mir immer so groß dünkte, wie lächerlich der Zweck, um dessentwillen ich mich hier befinde. Warum ängstigen wir uns fast alle ohne Noth so ab, und genießen nicht lieber die gegenwärtig schönen Stunden in Ruhe und Zufriedenheit? Alles um mich her erhält bedeutende Gestalt und Umriß; wenn ich hier länger weile, so bilde ich mir bald halbtrunken ein, die Bäche hier, die Bäume führen in sich Zung' und Sprache, wie mit Geistesgestalt schaut es mich aus diesen hohen Bergen an. Die Quellen . Wandle, wandle frohen Muthes, Zu dem Gipfel steigt die Quelle, Sinkt hinab und bleibet helle, Tränkt mit jeder kleinen Welle Wies' und Thal, die froh des Gutes. Geister aus dem innern Kerne Tiefer Erdenschlüfte, heben Wir uns kräftiglich und weben Irdisch in dem klaren Leben, Ziehn uns an die goldnen Sterne. Alles, alles ist verbunden, Ein Herz nur das alles reget In den fernsten Pulsen schläget, Jede Kreatur beweget, Kühn beherrschend alle Stunden. Zerbino . Was vernehm ich? Ist es nicht, als wollte sich das unverständliche Rieseln freiwillig in Worte auflösen; in dunkeln Gedanken ordnet sich die räthselhafte Sprache, mein Blut erstarrt, meine Sinne schwindeln vor Schrecken und Erstaunen. Bergstrom . Stürz, stürz hinab, Woge hinab mit Eile zum Thal; Findest die ruhigen Quellen zumal Und nimmst sie reißend mit in das Grab. Keine Ruh, keine Ruh nicht einen Augenblick, Unaufhaltsam reissen die Wogen, Reissen die Zeiten Unglück und Glück, Werden große Thaten fortgezogen, Sieht Vergangenheit nie zurück. Nirgend Stillestand, nirgend Stillestand, Alles durch einander sich schwingt, Die Kraft mit fremden Kräften ringt, Eins in das andre feindlich dringt, Strebt zu durchbrechen das fesselnde Band! Zerbino . Ist es ein Traum? Bin ich wahnsinnig? – Wie bin ich heute würdig, daß mir der Schleier vom Antlitz hinwegfällt, und die Natur sich mir offenbart? Der Sturm . Ein belebender Othem geht durch die Natur, Besuche die grünen Wälder, die Gebüsche, Die hohen Berge, die niedre Flur, Mit mir geht Kraft und Lebensfrische. Mit Wolken ist in Lüften mein Spielen, Auf Erden find' ich Gras und Laub, Doch oft, wenn mir die Blüthen gefielen, Sind sie auch meines Zornes Raub. Doch bring' ich den Regen zur Nahrung der Wiesen, Ich jage die Nebel in's Saatfeld hinein, Ich lasse die Ströme durch Walddunkel fließen, Muß Wechsel und Kampf allgegenwärtig sein. Zerbino . Wohin soll ich mich retten? Ich trage es nicht länger, ich vermag mich selber nicht mehr zu fassen, es überwältigt mich von allen Seiten, sie steigen heraus die Riesengeister aus der Unsichtbarkeit, die sie bis jetzt noch gefangen hält. Die Berggeister . Wir sind Dir, Sterblicher, verwandt, Und innerlich von Dir gekannt, Von Deinem Geiste dir genannt. Dein Herz dich hoch entgegen treibt, Zurück mit ird'scher Kraft dich hält Dein todter Sinn, die Lust zur Welt, Und in der Furcht die Seele bleibt. Wirf kühn Dich in den Strom der Lust, Laß Raum der überird'schen Brust, Du findest Freuden, die Du nie gewußt. Natur giebt sich mit Geistern Dir zu eigen, Wird dienen Deinem Menschensinn, Ziehst Du sie mächtig zu Dir hin Und willst die Kraft von Deinem Geiste zeigen. Zerbino . Ich versinke, unerträglich ist mir die Last dieser Gedanken, mir ist's, die Berge liegen schon auf mir, und über mir wandelt dahin die wildbelebte Schaar der Wälder und Ströme und Gebirge. So trennt sich einst gewaltsam am letzten Tage die Natur aus allen festverbundnen Fugen. – Aber welche göttliche Gestalt bewegt sich dort vom Gipfel herunter? Wie ruhig ist sein Gang, wie göttlich und wie menschlich sein Ansehn! Mit ruhiger Unbefangenheit wirft er einen sinnenden Blick in die große Natur: er kann keiner von den Sterblichen sein. Die Gestalt steigt herunter. Zerbino . Wenn ich fragen darf, wer bist Du? Shakspear . Im Leben hieß ich Shakspear. Zerbino . Shakspear? – Ei, wie sehr freu' ich mich, Dich zu sehen, auf Erden ist unter uns die Rede oft von Dir. – Mich verwundert, wie Du bei diesen Stimmen und Geistergesängen so ruhig und unbefangen bleibst. Shakspear . Es ist mein Vergnügen, der Sprache der Natur zuzuhören. Zerbino . Mich hat dies so erschüttert, daß ich kaum noch weiß, wo ich bin, der Schrecken hat mich fast wahnsinnig gemacht. Shakspear . Du mußt es wie ein schönes Spiel genießen, denn als ich auch noch lebte, hat mich dergleichen nie erschreckt. Zerbino . Du warst auch dafür schon damals ein großer Mann. Shakspear . Was Ihr gewöhnlich so nennt, bin ich nie gewesen. – Wie denkt Ihr denn von mir? Zerbino . Du meinst doch im allgemeinen? Shakspear . Daß Einzelne den Freund in mir sehn und fühlen, weiß ich. Zerbino . Nun, man hält Dich also für einen wilden, erhabenen Geist, der bloß die Natur studirt hat, sich ganz seiner Furie und Begeisterung überläßt und nun darauf los dichtet, was es giebt, gut und schlecht, erhaben und gemein durcheinander. Shakspear . Und Du meinst es eben so? Zerbino . Das ich nicht anders sagen könnte. Shakspear . Grüß deine Bekannten von mir und sag' ihnen, daß sie sich irren. Zerbino . Es sind aber treffliche Köpfe darunter, unter andern unser Hofgelehrter Leander. Shakspear . Dennoch irren sie, aber es thut nichts. Verkündige ihnen, daß die Kunst immer meine Göttin war, die ich anbete. Zerbino . Man wird mir nicht glauben. Shakspear . Weil Du es selbst nicht glaubst. – Komm mit mir, Du hast Dich hier in der wilden erhabnen und großen Natur verirrt, ich will dich wieder herausführen und auf Deinen geraden Weg bringen. Zerbino . Wie gütig Du bist! Shakspear . Ich gehe doch den Weg nach Hause. Vor dem Garten der Poesie nehmen wir dann Abschied, denn Du wirst weiter wollen. Zerbino . Allerdings, ich habe noch ein entferntes Ziel vor mir. Sie gehen ab.     Gottlieb , Hinz von Hinzenfeld , Leander , Räthe . Gottlieb . Das muß ein erstaunlicher Mann sein, in dessen Lobeserhebungen sich der verehrungswürdige Polykomikus so umständlich ergießt. Hinz . Das Volk, die Menschheit wird allerdings viel gewinnen, wenn wir ihn hier auf eine vortheilhafte Art anzustellen suchen. Leander . Vielleicht daß sich alsdann von hier die allgemeine Bildung durch die ganze Welt verbreitet. Gottlieb . Man lasse ihn also denn hereintreten. Stallmeister tritt mit Verbeugungen herein. Gottlieb . Er ist also der Mann? – Wahrhaftig ein angenehmer Mann. Stallmeister . Ich würde mich unendlich glücklich schätzen, wenn ich meine wenigen Talente in den Diensten von Ihrer huldreichsten Majestät aufbrauchen könnte. Gottlieb . Es kann geschehn, es kann in der That geschehn. – Er ist aufgeklärt? Stallmeister . Aufzuwarten. Gottlieb . Richtig. Nun sieht Er, getreuer Aufgeklärter, das soll auch am Ende unter den Unterthanen hübsch um sich greifen, daß sie nicht mehr stockdumm, wie die Ochsen, oder ungebildet sein möchten, denn dann ist das Regieren wahrhaftig keine Freude. Stallmeister . Man muß also für's Erste alle Vorurtheile von ihnen abwaschen, damit sie nachher der neuen Vernunft fähig werden; in dieser Rücksicht wäre es dienlich, gleichsam ein Journal für Aufklärung herauszugeben. Gottlieb . Er müßte aber diese Wäsche besorgen. Stallmeister . Mit freudenvollster Bereitwilligkeit. Gottlieb . Nun Er hat ein gutes, ehrliches Gesicht, ich will mich auf Ihn verlassen. Wenn Er nur nicht selbst eine Art von Schwärmer ist; mich dünkt, Er hat so einen melankolischen Zug um's Auge. Stallmeister . Das rührt vielleicht, mit Ihrer Majestät Erlaubniß, daher, daß ich zuweilen einige wenige Verse mache. Gottlieb . So laß Er's künftig lieber, damit Er nicht auch umsetzt. Stallmeister . In diesem Journale oder Wochenblatt würd' ich immer bestmöglichst für die Bedürfnisse der Menschheit sorgen, und ein Licht anzünden, das weit leuchten soll: anfangs wollen wir's nur aus Stroh machen, vielleicht daß sich nachher bessere Materialien finden. Alsdann muß ich mir die Gnade ausbitten, im Lande herumzureisen, um nachzusuchen, wo irgend Schwärmer stecken, damit ich diese aufstellen, beschreiben, und weitläuftig in allen ihren Blößen darstellen kann. Gottlieb . Sie sollen ihm geliefert werden, mein Land hat von diesem Unkraute einen großen Ueberfluß. Leander . Mir ist zum Beispiel für den ersten Anfang ein Mann bekannt, ein Korbmacher, der durchaus ein Prophet werden will. Stallmeister . O dies Exemplar werde ich mir sogleich ausbitten. Leander . Ein andrer hält, ein Schuhmacher, den Sonnabend für heiliger, als den Sonntag. Stallmeister . Auch schön. Gottlieb . Je da ist ja unter andern die alte Majestät, mein Schwiegervater, der besitzt einen zinnernen Mann aus Blei, mit Namen Sebastian, und glaubt dabei, daß er diesen Sebastian ganz wie er in Blei leibt und lebt, nächstens einmal lebendiger menschlicher Weise antreffen wird. Wenn es mit der gehörigen Mäßigung, Schonung und Namensverschweigung abgehandelt würde, so könnte Er ihn auch als einen Beitrag für Sein Buch nehmen. Stallmeister , fällt ihm zu Füßen . Ich kann keine Worte finden, um für diese unbedingte Huld hinreichend zu danken, oder diese unbeschränkte Liebe zur wohlthätigen, Menschheit beglückenden Aufklärung auf die genügende Art zu erheben. Gottlieb . Spar Er sich, es geschieht gar gerne. Stallmeister . Wir wollen aber dabei Ihre schwiegerväterliche Majestät in Kupfer stechen lassen, in punktirter Manier. Gottlieb . In Gottes Namen. Stallmeister . Das wäre Ein Punkt. Das meiste aber könnte vielleicht dadurch bewirkt werden, wenn man die ganze bisherige Erziehung durchaus umarbeitet. Gottlieb . Er meint, daß wir uns alle nochmal von vorne sollten erziehen lassen? Stallmeister . Fern sei von Ihrem unterthänigsten Knecht dergleichen frevelhafter Gedanke. Ich wollte mich unterstehen, eine Schule anzulegen, in der die jetzige gegenwärtige Jugend zu ganz unbegreiflich großen Menschen sich ausbilden und heranwachsen sollte. Gottlieb . Ei! ei! wie wollte Er das in's Werk richten? Stallmeister . Auf einem neuen Wege. Gottlieb . Es sei ihm zugestanden, ja Er soll mir alle Schulen im ganzen Lande reformiren und alleroberster privilegirter Schulmeister sein. Hinzenfeld . Geht auch die königliche Güte nicht vielleicht zu weit? – Dieser Mann hat etwas in seiner Physiognomie – Gottlieb . Ich verstehe Euch, Minister, Ihr habt Euch bisher so ein bischen mit der Aufklärung in meinem Lande abgegeben, nu, es soll Euer Schade nicht sein, nur laßt den Handwerksneid, laßt doch den Mann in Ruhe klären und schulmeistern, es ist Euch erlaubt, sein Patron zu sein. Hinzenfeld . Ganz gut, wenn Sie mich auch in Kupfer stechen wollen. Stallmeister . Punktirt? Hinzenfeld . So wie ich bin, nach der Natur. Stallmeister . Ihre Excellenz soll in aller Ihrer Würde repräsentirt werden. Gottlieb . Nun ist es gut, Er soll seine Bestallung haben; jetzt bin ich müde, mehr zu reden. Geht mit Gefolge ab. Jeremias tritt ein. Stallmeister . O wie vielen, wie vielen Dank bin ich Dir schuldig! Alles ist so gekommen, wie Du es vorher gesehn hast. Jeremias . Also sind alle Deine Wünsche in Erfüllung gegangen? Stallmeister . Vollkommen, ich werde die Schulen durchaus reformiren, ich werde eine Wochenschrift herausgeben, alles, alles; der Kater ist mein Patron. Jeremias . Gut, jetzt mußt Du vor allen Dingen die Kunst lernen, Programme zu schreiben. Stallmeister . Ist das schwer? Jeremias . Ich will Dir die ersten machen, damit Du es einsehn lernst. Zweitens, mußt Du Dich in Acht nehmen, daß Du nicht in die Thorheit fällst und selbst an die Narrheiten glaubst, die wir mit einander abgeredet haben. Stallmeister . Müßt' ich nicht ein Block sein? Jeremias . Dann mußt Du durchaus in Deiner Schrift die Veranlassungen suchen, Dir Feinde zu machen. Stallmeister . Das würde mir aber schaden. Jeremias . Gar nicht, wenn Du das Ding nur recht angreifst. Am besten, wir erfinden eine ganze Sekte, eine große Gesellschaft von Verfinstrern und Missethätern, die dem Lichte der Aufklärung im Wege stehn, diese suchen wir allenthalben zu entlarven, zu stürzen, finden tausend Spuren und sind grob. Das zieht sich der eine und andre zu Gemüthe, sogleich wird er für einen solchen Bösewicht ausgegeben, man schreibt und schreibt, und die Leute lesen und lesen, so vergeht die Zeit, das Geld kömmt ein, und Du bist auf dem lieblichsten und anmuthigsten Wege berühmt geworden. Stallmeister . Wie komm' ich mir, gegen Dich gerechnet, nur wie ein Hund vor. Jeremias . Davon laß Dir nur nichts merken, denn die Zeiten sind jetzt vorüber. Giebt es einen oder den andern Klugen, der es Dir anmerken möchte, so geh ihm aus dem Wege. Stallmeister . Der verwünschte Kater war mir fast auf der Spur. Jeremias . Bei ihm war es nur Instinkt, aber nicht Verstand. – Wieder auf unser voriges Gespräch zu kommen, so wird es sich gewiß fügen, daß der und jener auch einmal, nachdem Du es lange verdient hast, recht grob gegen Dich ist, und dann mußt Du Dich freuen. Stallmeister . Ei warum nicht gar! Jeremias . Nicht anders, denn dann giltst Du bei den Dummköpfen gar für einen Märtirer der Wahrheit, für einen Mann, der sich den Fortschritten des Jahrhunderts aufopfert, und da alle wirklich großen Männer immer Feinde gehabt haben, so mußt Du das benutzen und Dich sachte mit zu ihnen stellen, dabei immer zu zeigen suchen, wie schlecht das Herz Deiner Gegner sei, von ihrem Verstande und von Dir weislich schweigen, und sie immer nur für Feinde Deiner ausgemacht guten Sache ausgeben. Stallmeister . Es ist aber ein erbärmlich lumpiges Ding um diese Aufklärung. Jeremias . Natürlich, aber bist Du gestellt, die Vernunft zu predigen? Und würde Dich das zum Landoberschulmeister machen? Stallmeister . Du hast Recht, wir wollen frisch an's Werk gehn. Sie gehn ab.     Theegesellschaft. Damen und Herren im Gespräch und Theetrinken. Wirthin . Befehlen Sie nicht noch? Erster Herr . Danke ganz gehorsamst. Ein Bedienter . Bedienter . Der Herr von Zerbino. Wirthin . Sehr erwünscht..– Bedienter ab. Das ist der vornehme Reisende, den sie alle gern wollten kennen lernen. Zerbino tritt herein. Complimente. Erste Dame . Er scheint ein Engländer. Zweite Dame . Und reich. Dritte Dame . Er hat ein sehr interessantes Wesen. Erste Dame . So überaus schmachtend, zart fühlend und ein wenig melankolisch. Wirthin . Ich danke Ihnen gehorsamst für das Buch, das Sie mir überschickt haben. Zerbino . Wie sind sie damit zufrieden? Wirthin . Ich finde es sehr schön. Zerbino . Im Ganzen gewiß, nur ist immer noch die Frage, ob man den Shakspeare auf's neue und so gar getreu hätte übersetzen sollen. Erster Herr . Ja wohl. Zerbino . Ich schmeichle mir, diesen Dichter ein wenig genauer zu kennen, aber er ist wirklich nicht für uns gebaut, er führt uns nur in die Irre. Erster Herr . So viel Schönes er enthält, so muß man doch gestehn, daß er überaus absurd ist. Zerbino . Und zu sehr ohne Kunst, unbekannt mit den Regeln, immer nur seinem Eigensinne folgend. Wirthin . Sollte er nicht hie und da ein wenig Bildung verrathen? Zerbino . Was will das Wenige sagen, gegen die große Masse von Rohheit? Wirthin . Von je her ist doch über diesen Mann Klage geführt. Bedienter kömmt. Bedienter . Der Herr Gelehrte Nestor. Wirthin . Sehr angenehm. Bedienter ab, Nestor herein. Nestor . Ich freue mich, die Ehre zu haben, Sie allerseits kennen zu lernen; ich werde dieses Glück in meiner Reisebeschreibung nicht vergessen. Zerbino . Nestor. Nestor . Mein Prinz! Sie umarmen sich. Alle . Prinz! das ist erstaunlich. Zerbino . Hast Du den Geschmack gefunden? Nestor . Ach nein. – Sie? Zerbino . Ach nein. – Nestor . Haben Sie den Hund gefunden? Zerbino . Ach nein. – Du? Nestor . Ach nein! Beide . O wir Armen! Wirthin . Nehmen Sie doch gefälligst Platz, meine Herren. Zerbino . Ach wir müssen fort, wir sind unglückliche Menschen. Wirthin . Was fehlt Ihnen? Zerbino . Der Geschmack. Wirthin . So bleiben Sie bei uns, hier kann Ihnen vielleicht abgeholfen werden; wir haben in dieser Stadt so viele wackre Männer, die sich insgesammt beeifern und sich eine Ehre daraus machen werden, Ihnen ein Weniges vom Geschmack beizubringen. Ich selbst kann vielleicht aushelfen, ich bin in Italien gewesen, ich habe alle schönen Denkmäler der Kunst besucht, Sie sollen mein Tagebuch lesen. Zerbino . Wollen wir's versuchen? Wirthin . Als Probe, ich habe im Apollo nicht den zürnenden Gott gefunden. Nestor . Sie haben es vielleicht nur nicht gemerkt, daß er böse war, denn die Dichter – Wirthin , erröthend . Ach, Sie meinen es so und ziehn es auf meine Verse, ich sprach aber von der bekannten Statüe. Nestor . So wollen wir denn mit Ihrer Erlaubniß noch ein wenig hier bleiben, und unser Glück versuchen. Der Vorhang fällt.     Der Jäger tritt als Chor auf. Schon sinkt der Abend in dem Schauspiel nieder, Und bald wird es die Endschaft nun erreichen, Dann gehn die Hörer fort, der Dichter schweigt, Und keiner weiß so recht, woran er ist. Wie sich in Sommernächten oft Gewitter thürmen, Man schon die Blitze sieht, den fernen Donner Zu hören glaubt, doch alle schwarzen Wolken Sich unvermerkt verlieren, warme Nacht Schlafthauend auf der ganzen Schöpfung liegt Und mit getäuschter Furcht und Freude sanft Die Sterblichen den süßen Schlummer schlafen; So wird sich auch dies bunte Spiel vollenden, Der Vorhang sinkt zuletzt und jeder meint, Wie er sechsmal sich aufgerollt, so könnt' er Mit gleichem Grund es siebentens versuchen, Und eben so zum achten, neunten mal, Und dennoch wird er endlich ruhen bleiben Und wie ich wette, ohne alle Ursach, Wenn Willkühr nicht hinreichend Ursach ist.     Der wilde Jäger bei dunkeler Nacht     Im wildesten Dickicht des Forstes erwacht,     Er höret den Sturm, und erhebt sich im Zorn,     Er nimmt seine Hunde, das tönende Horn.     Besteigt seinen Rappen, mit Blitzesgewalt     Durchfährt er lautschnaubend den zitternden Wald,     Es wiehert sein Roß, tönt das Horn in die Runde,     Er hetzt die Gefährten, es bellen die Hunde.     Wohlauf meine Jagd! wohlauf meine Jagd!     Das Revier ist unser, denn jetzt ist es Nacht,     Von flüchtigen Geistern wird gerne gehetzt,     Wer sich vor Geheul und Gebell entsetzt.     So fahren sie polternd durch Lüfte dahin,     Ein Grauen dem frommen und furchtsamen Sinn,     Doch wer sich vor Wald und vor Nacht nicht entsetzt,     Der wird vom Getümmel der Geister ergötzt. Dies zur Entschuldigung der vielen Frevel; Hat jeder doch um sich Verwandten, Freunde, Und Bruder, Schwester, oder zarte Gattin, Auch Schüler, die ihn alle gerne loben. Ist er verdrüßlich, täglich sein Verehren Geduld'gen Muthes gnädig anzuhören, So mag er sich Abwechslung freuen lassen Mit dieser Jagd ein Stündchen zu verspaßen. Wer christlich denkt, gewiß die Wahrheit kennt, Daß Tod und jüngster Tag macht jedem Ding ein End! – Geht ab.     Sechster Akt Pallast. Jeremias , Stallmeister . Jeremias . Nun steht ja die Aufklärung schon in schönster Blüthe, man kann warlich von den guten Menschen nicht mehr verlangen, sie saugen Vernunft und Veredlung in sich wie die Bienen. Stallmeister . Es will mir doch manchmal der Stoff beinah ausgehn. Jeremias . Das macht, es fehlt Dir an Erfindung, Du bist zu einseitig auf das Gute und Verehrungswürdige erpicht, und ich fürchte, es währt nicht lange, so glaubst Du selbst daran. Stallmeister . Und mit Recht. Ich glaube daran; für wen hältst Du mich? Jeremias . Wie? Stallmeister . Meinst Du denn, daß ich mit allen diesen Dingen nur eine unedle Heuchelei treibe? Jeremias . Ei, ich falle aus den Wolken. Stallmeister . Ja, Du, der Du kein Herz in Dir fühlst, der Du die himmlische Wahrheit nur als ein Mittel betrachtest, um Dir Lebensmittel zu erwerben, ja Du darfst in Gottes Namen aus den Wolken fallen. Jeremias . Was hör' ich? Stallmeister . Die Stimme der ächten Begeisterung hörst Du, und sie soll sich warlich für die Menschheit nicht unterdrücken lassen. Und wenn es mir manchmal an Stoff gebricht, so geschieht es nur darum, weil mein Enthusiasmus zu wahr und zu aufrichtig ist. Jeremias . O Stallmeister! Stallmeister! wie tief bist Du gesunken! Stallmeister . Ich steige, immer steig' ich, ich habe nun die erhabenen Sprossen der Menschheit erreicht, und kein Bösewicht soll mich meiner Tugend wieder abwendig machen. Jeremias . Ich schweige, ich bin stumm, Du siehst so einfältig dabei aus, daß ich Dir wohl glauben muß, es sei Dein Ernst. Aber ich will gehn und Dir einen Menschen vorstellen, der Dir für Deine Schriften ganz unentbehrlich ist. – Geht ab. Stallmeister . Der Kerl ist doch nicht so klug, wie ich anfangs glaubte; es gelingt mir wirklich, ihn zu übertölpeln, er darf, nun er sieht daß es mir Ernst wird, nicht mehr so den Herrn und Gebieter über mich spielen. Man kann doch alle betrügen, wenn man ihnen nur Dummheit genug zutraut. Jeremias kommt mit Hanswurst zurück. Stallmeister . Ei, ist das nicht der Herr Hofrath? Jeremias . Allerdings. Hanswurst . Ja, mein Herr Schulmeister, mir wird die Zeit oft sehr lang, und da habe ich mich zum Spaß auf eine neue Art von Amusement applizirt. Stallmeister . Herr Jeremias sagte mir, daß ich mit Ihnen in Verbindung treten möchte. Jeremias . Ja, es ist sehr nöthig, denn ich bin des Wesens überdrüßig; ich will zur Abwechslung einmal zum Satan gehn. Hanswurst . Sind Sie desperat? Jeremias . Nein, ich kenne ihn persönlich und will in seine Dienste treten. Stallmeister . Aber, mein Herr Hofrath, was soll ich mit Ihnen anfangen? Hanswurst . Was Sie wollen, denn ich bin zu allen Dingen nütze; ich theile dann meine Zeit angenehm zwischen Ihnen und der alten kindischen Majestät. Stallmeister . Sind Sie denn in meinem Fache bewandert, daß Sie ein Mitarbeiter werden wollen? Hanswurst . Eigentlich ist es so nicht gemeint, sondern ich will Ihnen mittelbar nützlich sein. – Sehn Sie, um mich kurz zu fassen, ich war vormals ein Narr. Stallmeister . Ja. Hanswurst . Und ich muß Ihnen gestehn, daß mir diese Beschäftigung so ungemein wohlgefallen hat, daß es mir nachher Leid that, das Werk aufgeben zu müssen. Seitdem ist nun Tag und Nacht mein Sinnen und Trachten gewesen, wieder in meinen alten Beruf hinein zu kommen, und so weiß ich nun kein besser Mittel, als Ihnen, mein Bester, meine Dienste anzubieten, damit doch auch die Welt und Menschheit noch etwas davon genießt, und ich nachher mit dem Troste sterben kann, nicht umsonst gelebt zu haben. Stallmeister . Sie rühren mich, aber ich begreife Ihren sonst löblichen Vorsatz immer noch nicht. Hanswurst . Sogleich werd' ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen die Sache in die Augen springen zu lassen. – Sie sind nämlich gesonnen, alle Vorurtheile auszurotten, und sich nebenher einen unsterblichen Namen zu machen, da ist mir eingefallen, daß Ihnen der Stoff gar bald ausgehn müßte, oder daß Sie endlich gar in die üble Lage kämen, immer dasselbe zu wiederholen, was Ihnen zwar nicht unangenehm sein, den Lesern aber doch auf die Dauer lästig fallen möchte. Stallmeister . Eine feine Bemerkung. Hanswurst . Nun geruhen Sie meine Großmuth anzuerkennen. Ich habe nämlich nach einigem Besinnen den großen Entschluß gefaßt, Ihnen bei Ihrer Menschenveredlung als ewiges Modell zu sitzen. Stallmeister . Sind sie so edel? Hanswurst . Ei behüte! wie könnte meine Bescheidenheit zugeben, Ihnen das so gerade in's Gesicht zu sagen? – Ich komme nunmehr meiner Absicht noch näher. Ich will nämlich umgekehrt immer Albernheiten, Abgeschmacktheiten und schwärmerische Possen erfinden, die Sie nachher widerlegen können. Stallmeister . Große Seele! erhabener Hofrath! Hanswurst . Sie mögen dann erst den Aberglauben, oder Paroxysmus, oder die Schwärmerei, die ich erfinde, anführen, dann alle vernünftigen Beweise dagegen loslassen und die Narrheit so derb züchtigen, daß die Menschen sogar fast so klug werden, wie Sie selber, und meine irrige Meinung keine Anhänger findet. Ich erlaube Ihnen dabei noch, mich, so oft Sie wollen, namentlich aufzuführen. Stallmeister . Diese Seelengröße spielt in's Ungeheure! – Und wie oft engagiren Sie sich, eine Narrheit fertig zu haben? Hanswurst . Täglich eine oder zwei. Stallmeister . Zu viel, Sie sind allzugütig; wenn Sie mir nur wöchentlich eine liefern wollen, so bin ich im höchsten Grade zufrieden gestellt. Hanswurst . Topp, der Handel ist also richtig? Stallmeister . Hier ist meine Hand dazu. Jeremias . Der Himmel segne Euer edles Bündniß, die Nachwelt nenne Eure Namen mit Ehrerbietung; ich beurlaube mich, Ihr großherzigen Freunde, um den alten Satan aufzusuchen. Sie gehen ab.     Freie Sandfläche; in der Ferne Aussicht auf Haidekraut. Nestor und Zerbino treten auf. Zerbino . Hier sind wir ja in eine schreckliche Wüste hineingerathen. Nestor . Das ich nicht sagen könnte; meinen Augen dünkt die Aussicht ganz angenehm, man weiß hier so bestimmt, woran man ist. Zerbino . O ja, das ist nicht zu läugnen. Nestor . Ich war auf meiner Reise in einem Dinge, das man für den Garten der Poesie ausgeben wollte, da sah es nicht den zehnten Theil so korrekt aus, wie hier. Ein Poet tritt auf. Zerbino . Wer ist der Mann dort, der so aufmerksam alles beschaut? Nestor . Er mustert den Sand recht gewissenhaft. Zerbino . Vielleicht, daß er etwas Verlornes wieder sucht. – Mein Herr, fehlt Ihnen etwas? Poet . Ah, guten Tag, werthgeschätzte Freunde, Sie kommen recht erwünscht; ich arbeite eben an einem Gedicht, und da ist es recht gut, wenn man ein bischen gestört wird. Zerbino . Wie das? Poet . Ei, weil man sonst wider Wissen und Gewissen, trotz der besten Vorsätze, gar zu leicht in's Unnatürliche verfallen kann. Sehn Sie, ich nehme mich gewaltig in Acht, und kenne gewiß meine Natur, aber doch ist es mir sonst wohl begegnet, ehe ich mich versehe, bauz! ein Ausdruck, der, möchte man sagen, beinahe an's Poetische gränzt. Nestor . Das ist ein Mann! das ist ein Mann! Bester, Theuerster, lassen Sie sich umarmen, Sie verdienen mein ganzes Herz. Poet . Das wollte ich meinen. Sehn Sie, darum betrachte ich den Sand hier, die Kiesel, von denen ich überhaupt einige mitnehmen will, diese Dornensträuche so gar genau, damit ich es auch ordentlich der Natur gemäß beschreiben kann; denn was hat sonst der Leser nachher davon, wenn er mit meinem Gedichte hinausgeht unter Gottes freien Himmel, und will die Sache mit der Nachahmung selber vergleichen. Nestor . Es ist wahr. Wie wird man oft vexirt, wenn man darauf kömmt, die prächtigen Dinge aufzusuchen, die man in so manchen schwülstigen Gedichten beschrieben findet. Poet . Dann denk' ich auch immer, daß für unsre menschliche Seele eigentlich solche Gegend, wie die hiesige, die angenehmste ist; man sieht nicht viel, aber die paar kleinen wilden Blumen, die hier so kümmerlich wachsen, bemerkt und schätzt man um so aufrichtiger, und das ist gerade die Weise, wie ich die Blumen mag. Nestor . O Du Priester der Grazien und Musen! wie sprichst Du aus meiner Seele! – Ja, herzerquickend fühl' ich es, wie weit dieses Land, das holdselige, vom Garten der Poesie entfernt liegt. Poet . Es ist auch dafür mein theures Vaterland. Nestor . O, warum bin ich nicht hier geboren? Poet . Lassen Sie sich noch gegenwärtig hier nieder. Nestor . Meinen Sie wohl, daß ich mein Fortkommen hier fände? Poet . Ohne allen Zweifel, o man schätzt hier solche Gemüther. Hier ist alles so weise, so liebreizend eingerichtet und angestellt, so jeder in seinem Wirkungskreise thätig und beglückt, – ach! mein Theuerster! Sie sollten nur lesen, wie viel darüber geschrieben wird. Man belohnt die Talente, man beschützt die ächte Kunst, weit und breit finden Sie dergleichen von geschmackvollen Rüben nicht, als in diesen Gegenden wachsen. Nestor . In der That? Poet . Man steigt dabei auch alle Tage höher, und man erwirbt und spart, – und dichtet und trachtet, – bemerken Sie das Sprichwort, – unsre Dichter nämlich dichten niemals, ohne zugleich nach irgend was zu trachten – und das unterscheidet sie hauptsächlich von den alten Poeten. – Ach, sehn Sie diesen schönen Sandhügel, worauf die beiden Grashalme so liebreich stehn, o wie wohl wird einem dabei! Das ist hier kein Opernhaus, das ist kein erleuchteter Ballsaal, sehn Sie, dort geht ein Bauer im Dreck, aber Gottlob, er hat keine Tressen auf dem Kleide. Zerbino . Nein. Poet . Das heißt Natur, worin wir uns gegenwärtig befinden. Nun muß ich mir noch die Taschen voll Kiesel stecken, meine Kinder spielen damit so gerne. Zerbino . Das wird aber schwer zu tragen geben. Poet . Ich weiß wohl, geschieht aber alles der Poesie zu gefallen. – Wo reisen Sie denn eigentlich hin? Zerbino . Wir suchen den guten Geschmack. Poet . Damit könnt' ich Ihnen bald helfen; denn wenn Sie nicht, wie ich nicht hoffe, das Gezwungene und Unnatürliche lieben, so erhalten Sie ihn von mir aus der ersten Hand. Der Mannichfaltigkeit wegen aber können Sie sich nach unsrer Residenz begeben, wo es Ihnen an dem, was Sie begehren, gewiß nicht gebrechen wird. Nestor . Ist der Ort weit von hier? Poet . So gar weit eben nicht, nur sind die Wege tief, wenn sie auch nicht lang sind. Nestor . Wie so? Poet . Sehn Sie, des liebreichen, nachgiebigen Sandbodens wegen; die Wege hier herum begnügen sich nicht damit, sich auf ihrer Oberfläche betreten zu lassen, man wird gleichsam mit Gewalt tief mit den Beinen hinabgezogen, das zeigt vom Erdboden eine gewisse Gastfreundlichkeit an, beweist die vis centripeta , und hindert außerdem, daß man nicht gar zu flüchtig den reizenden Landschaften vorübergeht. Zerbino . Sind die Gegenden hier herum schön? Poet . Zum Erstaunen. Wenn Sie eine Viertelmeile weiter hinunter kommen, so finden Sie besonders einen Strauch, der so romantisch und merkwürdig ist, daß ich nicht genug davon zu sagen weiß. Was wollen Sie? Wenn der Staub nicht zu unmäßig ist, bleibt er fast den ganzen Sommer hindurch grün. O wenn Sie dort vorbei kommen, Sie werden die herrliche Aussicht nicht genug genießen können. Zerbino . Was sieht man denn außer diesem halbgrünen Strauche mehr? Poet . Himmel! ist Ihnen das noch nicht genug? – O dann sind Sie unersättlich, und taugen für die hiesige Poesie und Lebensweise nicht. Nestor . Reden Sie mit mir, Hochgeschätzter, ich bin eine Creatur, die Gottes milde Gaben besser würdigt. Poet . So begeben Sie sich also nach der Residenz. Allenthalben, (doch, daß ich im Patriotismus nicht zu weit gehe) fast allenthalben werden Sie bei den Poeten, Philosophen, Gelehrten, Geschäftsmännern, im guten Ton, in der Geselligkeit, in Summa hoch von oben herab, bis unten zum gemeinen Mann hinunter, ein Bild von meiner huldreichen Poesie antreffen. Philosophen für die Welt, Aufklärung, Gesangbücher, Predigten, Romane, alles, alles athmet den schönen Sinn der Humanität und Toleranz; alles wird mit Maaß getrieben, keiner übernimmt sich, das Herz wird Ihnen lachen, wenn Sie die Vollendung dieser Menschheit gewahr werden. Nestor . Einen ganz gehorsamsten Dank, allerholdseligster Dichter. – Nun lassen Sie uns eilen, mein Prinz. – Sie gehn ab.     Feld. Helikanus . So sag' ich Dir, o Welt, das Lebewohl, Im dicksten Walde will ich mich verbergen, Wo keiner je von meinen Leiden hört. Kein Wunsch, kein Sehnen zieht mich mehr zurück, In meiner Brust ist alles längst begraben, Was ich im Wahn für meine Zukunft hielt. Geht scheu aus meinem Wege, bunte Blumen, Lenkt nicht die Blicke nach mir Armen hin, Die Einsamkeit, die dunklen grünen Schatten, Die Oede unter Felsenwänden soll In Zukunft meine Heimath sein. Nicht Frühling, Nicht Herbst besucht den Abgeschiednen dort. Der Waldbruder aus dem Walde. Waldbruder . Es funkelt wieder in den Wald hinein Der liebe frühe Morgenschein, Die Sonne aus dem rothen Thor Lockt mich aus meiner Einsamkeit hervor. Ich sehe Heerden in der Ferne wallen, Den fleiß'gen Bauer, der den Acker pflügt, Mir will fortan nicht Einsamkeit gefallen, Weil Baum und Fels dem Herzen nicht genügt. Zu Menschen zieht der sehnsuchtsvolle Sinn Mich wider meinen Willen mächtig hin. Helikanus . Ich komme wieder zu Dir, heil'ger Vater, Doch besser, frommer als das erstemal; Mein Busen ist gesättigt, ruhig klopft Das matte Herz, die einz'ge Sehnsucht, die Von allen Wünschen blieb, ist nur das Grab. Drum will ich mich zu Waldesschatten flüchten, Den Felsenquell mit meinen Thränen mehren, Erinnrung soll mir alle Schmerzen nähren, Bis mich das güt'ge Schicksal will vernichten. Waldbruder . Ich war, seit ich Dich sahe, Dir gewogen, Von unsichtbarer Macht zu Dir gezogen Begreif ich nicht, was so mich zu Dir zwingt, Dein Bild mir stündlich vor die Sinne bringt: Drum nimm den Rath von meinem Alter an, Der Einsamkeit entflieh und sei ein Mann. Wie schön, sich thätig andern gleich zu stellen, Den Strom zu sehn, mit seinen tausend Wellen, Die Mühe, wie den Lohn zu theilen, Und lebenssatt dem Tod entgegen eilen. Doch hier verfließt die Zeit im Einerlei, Dir sagt kein Werk, daß nun ein Tag geendigt sei, In träger Selbstbeschauung gehn die Stunden, Und dennoch heilen keine Herzenswunden, Du meinst wohl oft Du seist geheilt, Und lächelst der vergeßnen Schmerzen, Ein Wort, und ach! Du fühlst den Geist getheilt, Die tiefe Lücke noch im alten Herzen, Drum bleibe stark, geh kühn zur Welt zurück, Der Jugend blüht an allen Orten Glück. Helikanus . Kannst Du mich, würd'ger Greis, so kalt verstoßen? Nein, nimm mich auf zu Deinem Leidgenossen. Waldbruder . So alt ich bin, wollt' ich zu Menschen eilen, Bei ihnen wollt' ich meine Schmerzen heilen; Drum willst Du mir und meiner Liebe trauen, So komm mit mir nach jenen stillen Auen, Wir wollen dort das Land und unsre Freundschaft bauen. Helikanus . Ich folge Dir, o Vater, gern, mit Freuden, Mir wurzeln, wo ich wandle, neue Leiden. Sie gehn ab.     Eine andre Gegend. Zerbino rasend. Nestor . Zerbino . Alles vergebens! alles vergebens! Nestor . Um des Himmelswillen, geben Sie sich zur Ruhe, lassen Sie es gut sein, auch dieser Zustand wird vorübergehn. Zerbino . Niemals, niemals; ich bin verloren, ich finde keinen Geschmack, ich finde keinen, und mein zeitliches Wohl ist auf ewig dahin. Nestor . Warum aber werden Sie desperat? Geben Sie sich nur dies eine mal noch zufrieden. Zerbino . Ich kann es nicht, es ist gegen meine Gemüthsverfassung, der Verderbtheit des Zeitalters so gelassen zuzusehn. Nestor . Wir haben den Geschmack vielleicht längst gefunden, und wissen es nur nicht. Zerbino . Thorentrost! Wahnsinnshoffnung! – Würde sich dann die Raserei meiner so bemeistern, wie sie doch gegenwärtig thut? Nestor . Aber es ist doch nicht zu ändern. Zerbino . O ja, es ist zu ändern, und mein Entschluß ist auch schon gefaßt. – Ich weiß zu sterben. – Nestor . Das ist viel gesagt, denn die Kunst ist nicht so leicht. Zerbino . Ja, ich will sterben, denn wenn ich Dir aufrichtig meine Meinung gestehn soll, so bin ich meiner Existenz schon lange überdrüßig. Nestor . Nehmen Sie ein Beispiel an meiner großen Seele, wie ich mich in alle Widerwärtigkeiten zu finden weiß. Zerbino . O weh mir! weh mir Unglückseligen, daß ich geboren ward! O warum ließ ich mich jemals gelüsten, das Licht dieses Tages anzuschauen! – Geschmack! Geschmack! Wohin hast du dich verborgen, daß du mir auf allen Wegen entfliehst? Wo ich dich immer suchen mag, nirgend bist du; denk ich manchmal, hier werd' ich Dich erhaschen, so ist es immer wieder eine trügerische Gestalt. – Nun will ich mir auch plötzlich ebene Bahn machen, daß die Welt sich verwundern soll. Durchdringen will ich durch alle Scenen dieses Stücks, sie sollen brechen und zerreißen, so daß ich entweder in diesem gegenwärtigen Schauspiele den guten Geschmack antreffe, oder wenigstens mich und das ganze Schauspiel so vernichte, daß auch nicht eine Scene übrig bleibt. – Darum, mein getreuer Nestor, hilf mit Hand anlegen, wir wollen uns beide durch alle Wörter und Redensarten bis zum ersten Chor oder Prolog durchdrängen, damit so unsre mühselige Existenz aufhöre, und das Gedicht, das uns elend macht, wie Spreu in die Lüfte verfliege. Nestor . Was wollen Sie beginnen? Zerbino . Ein unerhörtes Werk. Nestor . Und was soll daraus werden? Zerbino . Ein Ding ohne Namen. Nestor . Nun denn, die Hände, die Arme frisch dran, drängen Sie die Maschine mit aller Gewalt zurück, und immer zurück, so erreichen wir vielleicht unsern Endzweck. – Sie drängen mit aller Anstrengung. Drinnen . Was ist denn das? – das Stück geht ja wieder zurück. – Verwandelt sich in das vorige Feld , Helikanus und der Waldbruder treten verwundert herein. Zerbino . Muthig! muthig! sieh, eine Scene sind wir schon weiter zurück. Nestor . Ich merke, dieses Stück läßt sich ohne sonderlichen Nachtheil, wie eine gute Uhr, vor und rückwärts stellen. Waldbruder . Kerls, was macht Ihr denn? Nestor . Bagatell, wir bringen uns und Euch alle um. Helikanus . Wir wollen aber noch leben bleiben. Nestor . Darnach wird wenig gefragt, wenn die Hauptperson sich den Tod wünscht. Waldbruder . Mir reißt es in den Gliedern, ich muß in Gedanken alle meine vorigen Reden rückwärts sprechen. Helikanus . Mir geht es nicht anders, ich bin schon längst wieder hinter dem Gedanken, mir das Grab zu wünschen, zurück. – Die Kerls drängen immer gewaltsamer, Lila kömmt schon mit frischer Kraft in meine Phantasie zurück. Zerbino . Spannt Euch mit vor, lieben Freunde, damit wir dieses tolle Gedicht endlich überwinden. Waldbruder . Gehorsamer Diener. – Helikanus, wollen wir von der andern Seite drehen, damit es ihnen doch nicht gelingt? Helikanus . Ganz gut, aber so bleiben wir stehn und kommen nicht vor-, nicht rückwärts. Waldbruder . Das wäre so viel als die Zeit festhalten, was sich die Menschenkinder so oft gewünscht haben. Zerbino . Ruck! Ruck! sieh, da habe ich wieder eine gute Ecke gewonnen. Verwandelt sich wieder in die freie Sandfläche, in der Ferne Aussicht auf Haidekraut, der Poet geht wieder sinnend umher. Helikanus . Es ist eine Schande, statt daß das Stück nun sänftlich zu Ende gehn sollte, müssen die Zuschauer das sogar noch zum zweitenmale hören und sehn, was ihnen schon beim erstenmale zuwider war. Waldbruder . Ruf nach Hülfe! – Hülfe! Hülfe! Helikanus . Hülfe! Hülfe! Hülfe! Beide , aus vollem Halse . Hülfe! Hülfe! – Der Verfasser tritt herein. Verfasser . Welche von meinen Personen ist meiner Hülfe bedürftig? Helikanus . Wir unglückseligen Poetischen; die beiden prosaischen Hauptpersonen sind toll im Kopfe geworden, und schrauben nun mit aller Macht das Stück wieder zurück. Verfasser . Mein lieber Zerbino, – wie kommen Sie darauf? das hätt' ich in Ihnen nimmermehr gesucht, dazu wurden Sie gar nicht angelegt. Zerbino . Ich kann mir nicht anders helfen, denn ich bin meines Lebens überdrüßig. – Schraub, getreuer Nestor, schraub mit Eifer alles los. Verfasser . So was ist mir noch nicht begegnet. Muß mir ein solches Spektakel mit meinem Helden arriviren! Helikanus . Er ist toll geworden. Verfasser . Hülfe! Hülfe! alles herbei. Leser , Setzer , Kritiker treten mit Lanzen bewaffnet herein. Verfasser . Hier, meine Freunde, seht ein ganz neues Schauspiel; der Held meiner Tragödie ist unbändig geworden; er meint, das ganze Stück soll wieder in sein Nichts zurückkehren. Alle . Das geht nicht, das darf nicht sein. Setzer . Ist pur unmöglich, denn die ersten Bogen sind schon abgedruckt. Kritiker . Greifen Sie den Unsinnigen nur dreist an, Herr Verfasser, daß er wieder zu seiner alten Schuldigkeit zurückkommt. Verfasser . Ach lieber Gott, ich fürchte mich gar zu sehr vor tollen Leuten. Kritiker . Dann hätten Sie Ihr Schauspiel gar nicht anfangen müssen. Verfasser . Ich glaubte selbst nicht, daß es so kommen würde, nunmehr ist er mir gar zu unbändig geworden. Kritiker . So geht's, wenn man nicht das Sprichwort im Sinne hat: besser vorbedacht als nachbeklagt. Verfasser . Helfen Sie mir doch, lieben Freunde, so will ich es wagen und auf ihn zugehn. Zerbino . Zurück da! wer mir zu nahe kommt, dem kostet es sein Leben. Verfasser . Nun hören Sie selbst – Leser . Sie sind zu zaghaft, Herr Verfasser, ich bin das Gräßliche gewohnt, ich will auf ihn zugehn. – Er soll sich geben, damit man nachher weiß, wie es geworden ist; da wäre es ja schlimmer, wie ein abgebrochener erster Theil. Zerbino . Hast Du denn das Vorige verstanden? Leser . Wenn auch nicht, das geht Ihn nichts an, Er muß sich doch so was nicht unterstehn. Bedenk' Er nur, wenn das alle so anfingen! Kritiker . Gieb Dich, gieb Dich in Dein Schicksal! Verfasser . Schließt ihn von allen Seiten ein, – Herr Setzer, Herr Helikanus, andächtiger Waldbruder, treten Sie alle heran. – O Unglück! wenn der Held dem Verfasser über den Kopf wächst! Zerbino . Zurück da! Nestor mach Platz! Leser . Herr Nestor, Herr Nestor, ich bin bisher immer so sehr Eurer Meinung gewesen, warum thut Ihr mir nunmehr den Schabernack? Zerbino . Was wollt Ihr, Kritiker? Hat Euch denn das Schauspiel bisher so sehr gefallen, daß Ihr mich wider meinen Willen drin behalten wollt? Kritiker . Mit nichten, ich denke den Aberwitz gehörig zu züchtigen, aber darum dürft Ihr doch nicht ein so ärgerliches Beispiel geben. Zerbino . Es ist ja das erstemal nicht, daß sich ein Held gegen den Verfasser empört hat. Kritiker . Es ist aber doch niemals so sehr zur Sprache gekommen, dieser Anstoß wäre gar zu himmelschreiend. Zerbino . Ich will aber nicht, ich will nicht. – Weg da! – Er springt hervor, ergreift den Verfasser , und wirft ihn zu Boden, worauf er entläuft. Verfasser . Ach ich armer Verfasser! Lieber Herr Setzer, setzen Sie ihm doch eilig nach. Setzer ab. Verfasser . Herr Kritiker, lassen Sie ihn nicht entrinnen, und wenn wir ihn erst wieder haben, so gedenken Sie ihm doch in Ihrem Blatte diesen Streich. Kritiker . Sein Sie ohne Sorgen, er soll es gewiß empfinden. Ab. Verfasser , auf der Erde . Herr Leser, haben Sie nicht Mitleiden mit mir? Leser . Ich muß doch sehn, wo der Held bleibt. Verfasser . Helfen Sie mir doch und hören Sie nur eine kleine Anmerkung, die ich bei dieser Gelegenheit machen will. Leser . Ich habe keine Zeit, ich muß dem Helden nach; die Rasenden pflegen gar interessant zu sein. Schnell ab. Verfasser steht auf . Ach mein liebster Waldbruder, könnt Ihr mir nicht einige Verse des Trostes sagen? Waldbruder . Sie wissen ja am besten, woher meine Verse kommen, und wenn Sie selber lahm sind, getraue ich mir keine Sylbe auszusprechen. Verfasser . All das Unglück macht uns der einzige Kerl. Drinnen . – Hier ist er! – hier! – gieb dich gefangen! Verfasser . O wenn ihn doch die braven Leute überwältigten! Zerbino und Nestor kommen zurück. Zerbino . Wollen Sie mich nicht aus dem Stücke heraus lassen, so will ich wenigstens dem Verfasser eine solche Ohrfeige reichen, daß er Zeit seines Lebens an mich denken soll. Verfasser . Ich werde genug an Dich denken, aber darum mußt Du doch nicht glauben, daß ich mich vor Dir fürchten sollte. – Heran! heran! ich erkenne Dich für einen Lumpenhund! Zerbino . Komm! wenn Du Herz hast? – Sie ringen, Zerbino fällt endlich zu Boden. Verfasser . Victoria! Victoria! – Herr Leser, Herr Setzer, hier haben wir den unnatürlichen Bösewicht, der sich gegen mein Schauspiel verschworen hatte. Bringt Stricke her! – So! – Willst Du nun artig sein? Zerbino . Ich sehe, daß es mein Schicksal durchaus so will. Er wird fortgeführt. Verfasser . Adieu meine Herren! – dem Himmel sei Dank, daß es noch so abgelaufen ist. – Jetzt soll auch sogleich das Ganze seine baldige Endschaft erreichen, eh' er zum zweitenmal auf solche Streiche fällt, denn die Verzweiflung wirkt oft wunderbar. Geht ab. Kritiker . Wenn ich bei dieser Scene nicht geholfen hätte, wäre sie nie zu Stande gekommen. Ab. Leser . So müssen wir dem Verfasser in jedem seiner Werke helfen. Ab. Waldbruder . Komm, Helikanus, wir wollen uns nun in Muße noch einmal unsern Entschluß überlegen. Sie gehen.     Die Wüste. Polykomikus , vor seiner Höhle auf- und abgehend . Es ist zu spät, wieder umzukehren. – All mein voriger Glanz, meine Talente, mein Ansehn unter den achtungswürdigen Bürgern, alles ist dahin, als wär' es nie gewesen. – So eben war mir, als wollte meine alte Herrlichkeit zu mir zurückkommen, ein neues Licht ging in meiner Seele auf, – aber alles verflog wieder, wie ein Traum. – Ich komme fast auf den Gedanken, daß ich zu meinem Heil die alte Freundschaft wieder aufrichten, und eine Aussöhnung mit dem Satan suchen möchte. Jeremias tritt auf. Jeremias . Gehorsamster Diener! Polykomikus . Lebst Du, Schelmstück, auch noch in der Welt? Jeremias . Ich fange jetzt erst an zu leben, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, und denke es noch weit zu bringen. Polykomikus . So? – Du wirst mir am Ende auch noch im Lichte stehn. Helikanus . Das könnte leicht kommen, denn meine Talente sind im vollen Wachsen, die Ihrigen im Abnehmen; die Welt denkt besser, und was das vorzüglichste ist, ich bin jetzt in Satans Diensten. Polykomikus . Ei! ei! Es war doch mein Tage kein gut Haar an Dir. Jeremias . Mein neuer Dienst gefällt mir über die Maaßen, ob ich gleich sehr viele Geschäfte habe. Polykomikus . Was hast Du denn zu thun? Jeremias . Mancherlei; rezensiren, aufklären, Rath ertheilen, verläumden, Sachen verdrehen und in ein schiefes Licht stellen – Polykomikus . Er hat mir warlich meine besten Beschäftigungen vor dem Munde weggenommen. Jeremias . Nur daß es bei Ihnen Ernst halb, und Dummheit ganz war, was Sie dazu antrieb. Polykomikus . Unerhörte Frechheit! Jeremias . Ich thu dergleichen aber nur aus Verstellung und Zeitvertreib. – Jetzt machen mir besonders Journale mit Kupfern viel zu thun, so daß ich mich kaum ein halbes Stündchen abmüßigen kann, meine ehemalige Wüste wieder zu besuchen und mit Ihnen gegenwärtigen Diskurs zu führen. Polykomikus . Gehorsamer Diener. – Ich will Dir etwas aus ehemaliger Freundschaft vertrauen: es geht mir jetzt miserabel. Jeremias . Wär' es möglich? Polykomikus . Ganz gewiß, ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf; Ansehn, Kenntnisse, Vorurtheile für mich, alles hat im buchstäblichsten Sinne der Teufel geholt. Ich sehe nunmehr ein, ich kann ohne seine Hülfe und seinen Schutz nicht fertig werden. Jeremias . Er spricht noch immer von Ihnen, und stets mit einer gewissen Achtung. Polykomikus . Jeremias, ich will Dir etwas sagen. – Sieh hier mein neustes Werk, das will ich Dir dediciren, wenn Du die alte Eintracht unter uns wieder herstellen kannst. Jeremias . Ich will mir alle Mühe geben; ich habe immer geglaubt, daß Sie beide eigentlich für einander geschaffen wären. Polykomikus . So umarme mich denn. – Sie umarmen sich. Aller Groll unter uns sei vergessen. Jeremias . Alles Vergangene vergessen und vergeben. Polykomikus . Und so, mein Herr Jeremias, rekommandir' ich mich Ihnen ferner zu Dero huldreichen Gewogenheit. Jeremias . Adieu, mein Guter. Verlaß Er sich auf mich, daß ich alles thun werde, was nur in meinen Kräften steht. Sie gehn ab.     Der Hof. Gottlieb , die Königin . Gottlieb . Tröste dich, geliebte Gattin, ich weiß aus meinen bisherigen Beobachtungen, daß es die Zeit in der Art hat, daß sie vergeht. Königin . Wir werden unsern Sohn nicht wiedersehn. Gottlieb . Das müssen wir erst abwarten, eh wir das sagen können. Königin . Nachher ist es zu spät. Gottlieb . Dazu bleibt es noch immer früh genug. Aber eine frohe Ahndung sagt mir im Gegentheil, daß wir ihn bald mit unsern Augen wieder erblicken werden. Königin . Ach, würde mir ein solches Glück zu Theil! Gottlieb . Freu Dich doch lieber, statt so zu klagen, des herrlichen Wohlstandes in unserm Lande; sieh umher, wie die Wissenschaften blühen, der Handel florirt, wie die Jugend erzogen wird. Der neuangekommene Gelehrte hat ungeheure Verdienste um den Staat. Königin . Ach mein Sohn! mein Sohn! Gottlieb . Stille, sag' ich; was nicht zu ändern steht, dabei muß man sich den Bart wischen, und seine Seele in Ergebenheit fassen. Königin . Daß wir unser einziges Kind den Wissenschaften und Künsten haben aufopfern müssen. Gottlieb . Sei ruhig, denn das kömmt uns alles nachher zu Hause. Königin . Alles wird zu Hause kommen, außer mein Sohn. Gottlieb . O ich bin der Klagen überdrüßig. Der alte König und Hanswurst treten ein. Gottlieb . Sieh, da kommen die Kindischen, mach Dir an ihrem Unverstande eine kleine Zerstreuung. Ich bewundre darin die Weisheit der Vorsehung, daß sie solche Geschöpfe in der Welt geschaffen, damit wir andern uns beständig unsrer höhern Gaben erinnern und freuen mögen. – Wie geht's, Ihro Majestät? Alter König . Meine Sehnsucht nach dem Sebastian steigt immer höher. Gottlieb . Sieh, mein Kind, das ist so ein gewisser merkwürdiger Grad von Seelenverstimmung; der Oberschulmeister hat darüber auch einen äußerst lesenswürdigen Aufsatz geschrieben, worin diese Erscheinung zur allgemeinen Zufriedenheit erklärt wird. Hanswurst . Ganz richtig, Ihro Majestät, es ist nämlich nichts als eine psychologische Verkettung, ein Wiederklang in der Seele, eine Verwechslung von Begriffen nebst einer heimlichen Taschenspielerei der Imagination und dergleichen mehr. Gottlieb . Ja ja, meine allerliebste Gemalin, es ist auf Ehre ein ganz verteufelter Zustand; man glaubt manchmal, man hat eine ganz simple Narrheit am Leibe, aber da gehört in unsern Zeiten mehr zu, da hängt alles so kunterbunt zusammen, das dient alles, eine Wissenschaft, die Psychologie (ich möchte fast den Hut abnehmen, wenn ich das Wort nur nenne) zu befördern, daß man sich doch um Gotteswillen in Acht nehmen soll, irgend einen Menschen so schlechtweg einen Narren zu nennen. Königin . So befördert es also die Toleranz? Gottlieb . Nicht anders, mein Täubchen. Königin . Nun, das ist mir lieb, denn alles in der Welt kann ich ausstehen, außer die Intoleranz. Gottlieb . Recht so, ich möchte auch immer mit Feuer und Schwerdt drein schlagen, wenn ich einen solchen Intoleranten gleichsam nur gewahr werde. O, keine größere Freude für mich, als wenn mir so recht viel und recht was tüchtiges zu toleriren vor die Hände kommt, alle Arten Glaubensgenossen, Schwärmer, Heiden und Türken, Taschenspieler, Leute, die mit Kunstpferden herumziehn, Teufelsbanner, andre, die an die Religion oder Kunst glauben, Poeten: alles in der Welt, nur um Gottes Willen nicht das Reelle angetastet, denn da hat meine Geduld ein Ende. So weißt Du, wie letzt der Fremde sogleich auf ewig aus dem Lande verbannt wurde, der sich über meine Wachtparade lustig gemacht halte, ja der Schelm hätte wohl noch was Schlimmeres verdient. Hanswurst . Er konnte von Gnade sagen, denn man müßte für dergleichen Attentate weit in die Augen fallendere Beispiele aufstellen. Gottlieb . Es hat mich auch nachher genug gereut, daß ich es nicht gethan habe. Nun, vielleicht kommt er bei Gelegenheit mal in's Land zurück. Hanswurst . Dann wäre noch nichts verloren. Gottlieb . Aber Hofrath, Ihr seid ja jetzt selbst ein entsetzlicher Schwärmer, wie seid Ihr denn dazu gekommen? Hanswurst . Weiß der liebe Gott, mein König, es hat mich wie ein Schnupfen befallen. Gottlieb . Aber Ihr werdet garstig widerlegt, die Haare stehn einem zu Berge, wenn man's liest. Hanswurst . Das muß man gestehn, gründlich und ausführlich ist es immer abgefaßt. Gottlieb . Aber Ihr seid doch bis dahin erträglich verständig gewesen, wovon seid Ihr denn nun plötzlich übergeschnappt? Hanswurst . Es muß vielleicht das Alter so mit sich bringen. Gottlieb . O, setzt Euch nichts in den Kopf, und entschuldigt nicht damit Eure Narrheiten an Euch selber; Ihr seid ein Phantast, bessert Euch. Hanswurst . Mein König, ich lese alles, was gegen mich geschrieben wird, mehr kann ich nicht thun. Gottlieb . Nun, das ist wahr, dann seid Ihr schon auf dem Wege der Besserung. Königin . Vielleicht wird Euch die Langeweile kuriren. Stallmeister , Leander , Curio treten ein. Stallmeister . Hofrath, wo bleibt Ihr? Mir fehlt's gewaltig an Narrheit. Hanswurst . Mein Bester, Sie konsumiren sie etwas zu schnell, ich hatte gemeint, die letzte derbe würde noch auf lange vorhalten.. Stallmeister . Man glaubt nicht, wie sich das verzehrt, und die Leser behalten immer neuen Appetit. Hanswurst . Zum Glück hab' ich wieder etwas Neues ausgearbeitet. Alter König . Hofrath, Ihr laßt mich jetzt immer ganz im Stich. Hanswurst . Jedermann, mein König, hat ein Gelüsten nach mir, ich bin gar zu beliebt. Alter König . O wie erneuert sich die Sehnsucht mir, Mit jedem Tage steigt die Woge höher, Ich sinne, denke, träume nichts als ihn, Die Langeweile hält mich eingeschlossen, Und unentrinnbar bin ich stets der ihre, Wenn du nicht bald, Sebastian, erscheinst, Und Freudenthränen mir am Halse weinst. Stallmeister . Ihro Majestät, es ist unmöglich, ich habe schon ein paarmal dagegen geeifert. Leander . Es sind vergebliche Wünsche. Alter König . Doch soll es möglich sein! Was hilft Dein Eifern; Ich werde mich bald über Dich ereifern, Dann hast Du Ursach über mich zu eifern, Wenn Du von meiner Hand erst Schläge fühlst. Gottlieb . Halt! Halt! Herr Vater! Er steht unter meinem unmittelbaren Schutze. Dafür ist die Denkfreiheit in meinem Lande. Alter König . Daß dieser Wurm uns Langeweile macht? Weil also frei zu denken ist erlaubt, So denk' ich auch von ihm, er sei ein Hund. Gottlieb . Nein so weit darf die Denkfreiheit nicht gehn. – Er ist kindisch, Herr Schulmeister, Ihr müßt ihm dergleichen schon vergeben. Hanswurst . Mein König fahrt in Eurem Hoffen fort, Sebastian wird zur rechten Zeit erscheinen, An Eurem Hals die Freudenthränen weinen. Stallmeister . Leander . Es ist unmöglich! Alter König . Hanswurst . Es ist möglich! Stallmeister . Ihr seid in der Irre! Alter König . Ihr seid ein Schlingel! Gottlieb . Keine Duelle, keinen Zweikampf, wenn ich bitten darf, das läuft der Sittlichkeit und der Aufklärung geradezu entgegen. von Hinzenfeld kömmt. von Hinzenfeld . Mein König, ich muß mich sehr beklagen. Gottlieb . Klage. von Hinzenfeld . In den neuern Aufklärungsschriften wird ein wenig zu sehr über die Schnur gehauen; man versäumt fast keine Gelegenheit, wo sich nur irgend eine Stichelei auf mich anbringen ließe. Gottlieb . Wie so? Stallmeister . Mein gnädiger König, ich kann das Gegentheil beschwören. von Hinzenfeld . Noch in dem letzten Stücke ist eine große Abhandlung über die Elektricität der Katzen, ja der Hofrath hat sich neulich so gar unterstehn wollen, eine Flasche an mir zu füllen. Stallmeister . Das wegen der Katzen ist nur ein naturhistorischer Aufsatz. Gottlieb . Es soll aber doch nicht sein, alles soll mit Maaß getrieben werden, und die Personalsatire duld' ich nun einmal nicht. Seht, alle Poesie, alle Wissenschaft soll uns weich, soll uns menschlich machen, – aber der Teufel soll das schlechte Herz holen, das zur persönlichen Satire, und vollends gegen angesehene Männer überneigt. Stallmeister . Es soll künftig gewiß unterbleiben. Gottlieb . Eben als wenn man mich vexiren wollte! – Kein Mensch ist am Ende mehr sicher. Selinus tritt mit Sprüngen herein. Selinus . O Freude! Freude! Springt. Gottlieb . Was giebt's? Selinus . Unaussprechliches Glück! Springt. Gottlieb . Weshalb springst Du so? Selinus . Meine Pflicht! meine Vaterlandsliebe! Springt noch heftiger. Gottlieb . Bist Du toll? Selinus , über die Maaßen springend . Der Sonnenschein des Glücks ist zurückgekommen, – aus dem Fenster hab' ich eben gesehn, – und da sah ich unsern allergnädigsten Kronprinzen ankommen! Gottlieb . Ist es wahr? Königin . Ist es möglich? von Hinzenfeld . Ei der tausend! Königin Wir wollen ihm entgegen. Gottlieb . Er wird schon kommen. von Hinzenfeld . Ich höre ihn allbereits. Selinus . Mein König, zur Vergütigung der neuen Schuh, die ich mir aufopfernd zersprungen habe. Gottlieb . Da ist meine Börse. Zerbino und Nestor treten ein. Königin Ach! da sind sie ja! Gottlieb . Umarme mich, mein Sohn. Zerbino . O mein Vater, – meine zärtliche Mutter! – Umarmungen. von Hinzenfeld . O Freude! Meine Augen voll Wasser, – ich habe mein Schnupftuch vergessen. Geht ab. Leander . O Glück! o Wonne! – Wie muß ich mich hüten, nicht vor Rührung in schwülstigen Hyperbeln auszubrechen. von Hinzenfeld kömmt zurück. von Hinzenfeld . Jetzt kann ich mich gehörig freuen. – Lauft, lauft, meine Freudenthränen. Gottlieb . Bist Du gesund? Hast Du den Geschmack gefunden? Zerbino . Ach nein! Gottlieb . Wie? Und Du kommst mit der alten Raserei vor mein Antlitz zurück? Nestor . Mit Eurer Erlaubniß, gnädiger Herr, wir sind im Ganzen so ziemlich kurirt, es fehlt gleichsam nur die letzte Appretur, die wir vielleicht hier auch ohne Geschmack erlangen. Gottlieb . Ja? Zerbino . Wir kommen um vieles klüger zurück, wir haben unterwegs wohl tausend Vorurtheile abgelegt, neue Ideen angenommen, uns selbst und die Menschheit kennen gelernt, in Summa, wir sind gar vortrefflich. Gottlieb . Wenn sie nur nicht Ketzer oder Schwärmer geworden sind. Stallmeister . Ich werde sie nachher, mit Eurer Erlaubniß, examiniren. Zerbino . Wer ist der? Gottlieb . Der oberste Schulmeister, ein überaus zarter und trefflicher Mann. Nestor . Das ist ja unser Hund! Zerbino . Bestie! warum bist Du uns denn fortgelaufen? Gottlieb . Was? Stallmeister . Ich erstaune! Gottlieb . Sie kommen toller wieder, als sie weggegangen sind, das ist die Frucht vom Reisen! von Hinzenfeld . Aber sollten Sie in der That ein Hund sein? Alter König . Ich hab's ja immer gesagt. Gottlieb . Meine Freude verwandelt sich auf die Art in Jammer und Herzeleid. Leander . Ist es mir erlaubt, einen Vorschlag zu thun? Gottlieb . Schlage in Gottes Namen vor, was Du willst, denn meine Vater-Schmerzen lassen keine vernünftige Ueberlegung zu. Leander . Mich dünkt, man sieht es ihnen beiden hinlänglich an, daß sie überflüssig gebildet sind, und das Reich darf sich in Zukunft noch mannichfaltigen Nutzen von ihnen versprechen; nur sind sie dem Anscheine nach von der Reise und ihrer Vortrefflichkeit noch so voll, daß sie alles Einheimische verachten; dieses ist in ihnen zu viel Selbstgefühl, wie gleichsam sans comparaison bei den jungen Studenten; dieser überflüssige Geist des Uebermuths muß bei Ihnen verdunsten, und sie werden nachher die köstlichsten Staatsbürger: mein unmaßgeblicher Rath wäre also, man führte sie beide in ein tiefes Gefängniß, und ließe sie bei der gehörigen Langeweile und Wasser und Brod so lange fasten, bis sie sich bekehrt haben; auch könnte man dem Nestor, doch ohne seiner Ehre dadurch zu nahe zu treten, täglich einige Schläge zuzählen. Gottlieb . Der Vorschlag ist herrlich, man kann es nicht besser aussinnen. – Sie wollen, die Verbrecher, sich ohne Geschmack behelfen, und geben die nützlichsten, anmuthigsten Leute für Hunde aus. – Zerbino und Nestor werden von der Wache abgeführt. Leander . Man könnte ohngefähr nach einem Monate eine Kommission ernennen, um die armen Sünder zu examiniren, ob sie in sich gegangen sind, und nach deren Befinden möchten sie dann vielleicht wieder auf freien Fuß gestellt werden. Gottlieb . So soll's sein, und nun nicht mehr viel darüber gesprochen. – Komm, meine Gemalin, unsre Freude ist uns garstig versalzen. – Geht mit Gefolge ab. Alter König . Stallmeister, Dir ist es recht geglückt, daß Deine Person nun am Hofe sogar unverletzlich ist. Stallmeister . Wie? Alter König . O, ich kenne Dich recht gut, so sehr Du Dich auch verstellen magst. Hanswurst . Laß es gut sein, mein König, Ihr habt eben ein Beispiel gesehn, wie man dergleichen anstößige Denkungsart zu bestrafen sucht. Stallmeister . Ich entferne mich, meine Pflicht läßt mir nicht viele Zeit zum müßigen Geschwätz übrig. Ab. Alter König . Er scheint doch wenigstens thätig. Hanswurst . Ueber die Gebühr. Alter König . Ob ich ihm nicht am Ende Unrecht damit thue, daß ich gar keinen Respekt vor ihm habe? Hanswurst . Ehe Ihr Euch Gewissensbisse macht, mein König, so respektirt ihn lieber. Alter König . Kommoder hat man's damit. – Nur, daß man wieder andern damit Unrecht thut, die wir im Herzen hochachten, wenn wir solche nicht verachten. – Es ist eine konfuse Wirthschaft mit der Humanität. Hanswurst . Ist er Euch zuwider, so macht nicht so viele Umstände. Alter König . Er ist mir warlich ekelhaft. Hanswurst . Nun so verabscheut ihn, und damit Punktum. Alter König . Ich will es auch, denn betrachte nur bei seinem sonstigen Uebermuth sein knechtisches Wesen, das ihm noch vom Hunde her anhängt. Und welche erbärmliche Sorte von Vernunft er verbreiten will! – Man hört Trompeten. Hanswurst . Was ist das? Alter König . Irgend ein vornehmer Fremder muß angekommen sein. Nathanael von Malsinki tritt mit Gefolge ein. Nathanael . Guten Tag, mein Freund, mein König. Alter König . Wen sehen meine alten Augen? Nathanael . Erinnern Sie sich nicht Ihres alten Freundes, der einst Ihr Schwiegersohn werden wollte, des Prinzen Nathanael von Malsinki? Der große Gottlieb hat nachher das Kleinod davon getragen, nach welchem ich trachtete. Alter König . Ist es möglich?– Hofrath, sieh ihn genau an. – Hanswurst . Ich thu's. Alter König . Findest Du nichts besonders an ihm? Hanswurst . Nichts, als daß er einen etwas fremden Anstrich hat. Alter König . Sieh ihn an, es ist ja der vielgeliebte Sebastian. Hanswurst . Er hat wirklich Aehnlichkeit mit ihm. Alter König . Ganz derselbe. Nathanael . In der That, ich heiße mit einem andern Namen Sebastian. Alter König . O welche Freude! laß Dich an mein Herz drücken, o Du mein vielgeliebter, so lang ersehnter, so herzlich erwünschter, so wunderbar überraschender Sebastian. – Aber nun darfst Du mich auch nicht wieder verlassen. Nathanael . Nimmermehr, denn ich habe alle meine Länder verkauft, um künftig in Ruhe und ohne Sorgen zu leben, und um dieses gehörig auszurichten, hab' ich mir Deine Gesellschaft erwählt. Alter König . So wollen wir also recht vergnügt sein; aber um gänzlich zu harmoniren, mußt Du mir vor allen Dingen den Gefallen thun, und kindisch werden. Nathanael . Wie das? Alter König . Ich meine den Verstand verlieren. So lange ich diese Gabe an mir hatte, war ich eine höchst unglückselige Kreatur, aber seitdem ich kindisch bin, befinde ich mich erstaunlich wohl. Nathanael . Den Gefallen will ich Dir gerne thun. Alter König . Dann sind wir beide und auch der Hofrath da, ein Leib und eine Seele. Er hat von je an darauf resignirt, verständig zu sein. Nathanael . Topp! ich thu mich alles Verstandes ab, und lebe glücklich an Eurer Seite. Hanswurst . Mein König, nun können wir recht genau diesen Herrn Sebastian mit jenem andern vergleichen, den wir aus Blei besitzen. Alter König . Nein, mein Freund, bei Leibe nicht, das könnte mir eine unerwartete Störung machen, nun ich diesen hier besitze, will ich jenen mit keinem Auge wieder ansehn; im Gegentheile, theuerster Hofrath, nimm ihn sogleich und wirf ihn in's Feuer, damit er schmelze und kein Gebein von ihm übrig bleibe, so ist nachher gar keine Vergleichung möglich. – Hanswurst ab. Nathanael . Was soll das vorstellen? Alter König . Wenn Du kindisch sein willst, mußt Du Dich über dergleichen niemals verwundern. – Sie gehn Arm in Arm ab.     Feld. Dorus . Lila . Lila . Und darf ich's glauben? und es ist kein Trug? Ihr irrtet nicht? Ihr saht ihn? sprachet ihn? Nach langer, langer Trennung kehrt er wieder? Dorus . Sei ruhig, Tochter. Ja er kehrt zurück. Lila . Und immer noch das holde Angesicht, Den hellen Blick im Auge, dieses Lächeln, Das auch im Winter Frühlingssonne ist? O warum ist er nicht in meinen Armen? Wo weilt er? ach! er sehnt sich nicht, wie ich. Dorus . Nur wenig hemme Deine Ungeduld. Cleon tritt auf mit Helikanus . Lila . Er ist's! o güt'ge Götter! Cleon . Lila! Lila! – Sie umarmen sich. Helikanus . Abseits muß ich bei diesem Schauspiel stehn, Jedwede Freude ward mir ungetreu. Dorus . So steigt der Himmel auf die Erde nieder, So fahren Blitze aus der Seligkeit Herab in ird'sche Menschenherzen, wenn Getrennte Liebende sich wieder sehn. Cleon . An dieser Stelle will ich Rosenbüsche O Rose, Lila, meine Lilie pflanzen; Hier wollen jährlich wir das Fest begehn Der süßesten Erinnrung, schöner Hoffnung. Lila . Hier soll jedwede Pflanze zu uns sprechen, Die Rosen diesen Frühlingskuß erinnern: Wenn Du je zürnst, so führ' ich Dich hieher, Liebst Du mich nicht, so führ' ich Dich hieher, Holdselig winken uns die Rosen, flüstern Die Büsche, wir versöhnen uns in Küssen. Cleon . Nie müsse dieser Tag, die Stunde kommen, Daß Du die Blumen Dir zum Zeugen rufst, Wie Dich Dein Cleon ehemals geliebt! Nein, diese Gegenwart soll um uns bleiben, In dieser Sehnsucht wollen wir sie pflanzen, Mit frischer Liebe stündlich sie bethauen, Daß sie ein Immergrün sich um uns schließe, Und wir wie Blumen unverwelklich, duftend, In ewig gleichem Glanz der Farben brennen, Und keine Zukunft aus geweihtem Boden Die fest verwachsnen Wurzeln reissen könne. Die Zeit, wenn sie an uns vorübergeht, Soll uns nicht kennen, so in Lieb verschlossen, Daß sie uns von einander nie entfremdet. Lila .         Doch rückwärts kam der Sonnenschein     Dicht zu mir drauf das Vögelein,     Es sah mein thränend Angesicht     Und sang: die Liebe wintert nicht,             Nein! nein!     Ist und bleibt Frühlingesschein! Dorus . Mir kommt ein altes Lied in die Gedanken, Das ich in meiner Jugend oftmals hörte, Stets rührt' es mich, jetzt hab' ich es seit lange Nicht im Gemüth bedacht, nun sing' ich's wieder.         Ich Jüngling will mich machen auf     Und gehn durch die bunte Welt dahin,     Es bringt der mannichfalt'ge Lauf     Mir wundersame Bilder in'n Sinn,             Wohin? Wohin?     Die Freiheit ist mein erster Gewinn.         Wohlauf! die Stadt liegt hinter mir,     Vor mir liegt Wald und Bach,     Ich wandle fort in dem Lust-Revier,     Kein' Sorge wandelt mir nach; –             Doch ach! doch ach!     Was wird im innersten Busen mir wach?         Was willst du Wald? du Blume von mir?     Bin ich dir schon bekannt?     Vertraulich thut ihr und freundlich hier,     Ihr seid mir fremdes Land,             So abgewandt,     Ihr seid mir nie als Freunde genannt.         Und doch sind wir Freunde, und doch Deine Freund',     Erinnre dich nur recht tief in der Brust,     Wie wir uralte Bekannte seind,     Der Namen unser dir wohl bewußt,             Süß-Lust, Süß-Lust,     Du hast uns endlich folgen gemußt.         Heraus dein Sehnen dich trieb an's Frei,     Sonst saßest verschlossen in dir,     Du dachtest wohl nicht, wie herrlich der Mai,     Wir lockten, du wandelst nun hier,             Und für und für     Sind Brüder und Freunde so du wie wir.         So hab' ich die Freiheit nur darum gesucht,     Um euer armer Knecht zu sein,     Viel lieber begeb' ich mich gleich auf die Flucht     Und kehr' in das alte Hausdunkel hinein,             So Blum wie Hain,     Sie herrschen schon mächtig die Seele mein.         Was wollt ihr gaukelnde Farben süß,     Was sprichst du lockender Vogelgesang?     Die Farben und Lieder sie zaubern gewiß,     Schon fühl' ich das Herz im Busen so bang,             Wie lang, wie lang,     Ertrag' ich in mir den entzückenden Klang.         Kommt Geister aus eurem Hinterhalt     Und zeigt mir ein redlich Gesicht,     Entsteiget den Bergen, verlasset den Wald,     Und wagt euch hervor an Tageslicht!             Wo nicht, wo nicht,     Ich wieder zurück in das Hausdunkel flücht!         Nicht kannst du wollen den Freunden entfliehn,     Wie magst du in's Dunkel zurück?     Wir können uns nicht aus den Blumen ziehn,     Und zeigen dem irdischen Blick,             Dein Glück, dein Glück     Enthüllet dir bald ein frohes Geschick.         Wir alle, wir alle ein einziger Geist,     Keine Macht uns trennen und sondern kann,     Unser mannichfach Bild nach einem nur weist,     Du findest es wohl und kennst mich alsdann,             Hinan, hinan,     Es wandle ein jeder die eigene Bahn.         Was sieht das Auge dort für Schein,     Der Blumen schönste du gewiß,     Sollt'st du der Geist der Blumen sein,     Und zeigst dich mir so süß?             So süß! lieb-süß?     Ich dir gern meine Freiheit ließ.         Ein Mägdlein bin ich dir und treu,     Die Liebe lockte dich unbekannt,     Daß wissest, der Liebe schönste Blum' ich sei,     Drum habe meinen Namen genannt,             Ich bin gesandt,     Daß aller Schönheit werdest verwandt. Helikanus . O Lüge, wie sie keiner noch erfand, Die Liebe lockt uns anfangs täuschend nach, Wie Schimmer, der in Dunkelheit verlischt; Der Bettler, der von Schätzen träumt und arm Auf seiner dürft'gen Lagerstatt erwacht, Vergleicht sich dem nicht, der an Liebe glaubt. Cleon . O Lila, daß ich mich nur fasse, nicht Im Taumel dieser Seligkeit vergeh; Ich kann mich noch nicht finden, immer noch Entdrängen Bilder aus den vor'gen Tagen, Die Freude, die aus Deinen Augen strahlt. Lila . So lange konntest Du mich einsam lassen? Cleon . Doch ist dafür die Erbschaft gänzlich unser, Die mich zuerst auf meine Reise trieb, So schafft uns doch mein sorgendes Bemühn In diesen wen'gen Wochen ruh'ge Tage, Ein ganzes langes Leben ohne Sorge. – Wie ich mich auf dem Rückweg dann verirrt, Stets wieder in dieselbe Gegend kam, Und keinen Mann gefunden, der mir rechtlich Den Weg gewiesen, kann ich Dir nicht sagen. Lila . Doch nun darfst Du mich nimmermehr verlassen. Helikanus . Ich bin dafür auf ewiglich verlassen. Dorus . Kein Mensch, der lebt, ist gänzlich wohl verlassen. Cleon . Ich muß Dir auch ein Abentheur berichten, Das letzte aller, die mich noch betroffen, Das einzge schöne, das mich noch betroffen. Wie ich verirrt den Weg im Walde suche, Führt mich der Zufall, führt mich wohl das Glück, Zur Seite eines klaren Bächleins hin. Ich steh und schaue noch die alten Buchen, Die sich in heller Fläche widerspiegeln, Der Fels, der sich zum Dach hinüberneigt Und oben Tannen trägt, und manch Gebüsch, Das sich seit Jahren in einander schlang. Da däucht mir hör ich einsamen Gesang Von einer holden zarten Weiberstimme, Ich eile näher, glaube Dich zu hören, Weil noch kein andrer Ton jemals so sanft Mich rührte; jetzt bin ich zum Bach gekommen, Doch fand den Sänger noch mein Forschen nicht. Wie sollte wohl der Nymphen eine singen? So dacht' ich still bei mir und scheute mich Hörbar den Fuß zu setzen, im Gebüsch Zu rauschen; doch geziemt's nicht Himmlischen So klagend Töne aus der Brust zu heben. Begeistrung flog durch alle meine Sinne Höchst wundersam, denn ich vergaß mich selbst, Ich fürchtete, Dianen möcht' ich finden, Die noch im Lied Endymions Schöne singt, Vielleicht gar Aphrodite, die noch nicht Adonis Jugendglanz vergessen kann, So innigst hatte mich der Ton gerührt. – Indem bemerkt' ich in der Ferne, erst In Wasserfluth das Bildniß abgespiegelt, Dann die Gestalt, die klagend saß und weinte, Und schöner schien die Woge zu erglänzen, Und freudiger von ihr getroffen zu tanzen, Die Bäume grünender, der Himmel blauer, Und Blumen, die vom Ufer nickten, wollten Sich niedertauchen in des Bildes Schein. Ein Mädchen war's mit aufgelöstem Haar, Nur halbbekleidet, erst dem Bad entstiegen, In lieblicher Verwirrung das Gewand, Wie vor sich selbst beschämt, den Blick in sich Gewendet, alle Formen schön vollendet Der edelsten Gestalt, sie sah mich nicht Und ich stand so entzückt in dem Beschauen, Daß ich vergaß zu athmen und zu denken. Die Füße waren in der Welle noch Und sprudelnd fröhlich sprang die Fluth hinüber, Und wiederscheinend glänzte Fuß und Schenkel So zart und weiß, daß grünender das Ufer, Kristallener der Strom und heller schien. – – Doch warum weinst Du, Lila, meine Gute? Lila . Wie ich an Schönheit Mangel leiden muß, Wie Du mich nicht, Unwürdge, lieben kannst, Dies zwingt die Thränen mir aus schwachen Augen. Cleon . Laß, süße Liebe, alle Eifersucht, Vergieb, daß ich den Traum Dir wiederholte. Ich tröstete die schöne Trauernde, Sie war beschämt mich plötzlich dort zu finden, Sie zog mit mir, und suchte so wie ich, Ein liebend Herz, von dem sie lang getrennt, Und das in bessern Zeiten sie gekränkt. Helikanus . So leiden doch noch andre außer mir? Doch kleiner Trost für den, der elend ist. Cleon . Sie ist bis hieher mir gefolgt, und harrt, Ob sie vielleicht darf ihren Namen nennen. Dorus . Was hält sie ab, um sich sogleich zu zeigen? Cleon . Vielleicht daß sie ein hartes Herz hier findet, Das ihren Leiden nicht verzeihen will. Helikanus . Wie nannte sich die schöne Pilgerin? Cleon . Wenn ich nicht irre, war ihr Nam Cleora. Cleora tritt auf. Helikanus . O Himmel! Götter! ist das Wunder möglich? Cleora . Ich suche Dich, willst Du mich jetzt verstoßen? Helikanus . Du suchst mich? Gütge! – Hast Du mir verziehn? Ich Dich verstoßen? – Du erbarmst Dich meiner? Ich weiß nicht, was ich spreche, welche Thränen, Ob Schmerz, ob Freude, sich aus meinen Augen Heiß brennend stürzen, – kennst Du mich, Cleora? Cleora . O kannst Du mir die schwere Schuld verzeihn? Ich habe Dich in weiter Welt gesucht, Abwesend schon fleht' ich Dich um Vergebung, O laß anwesend mir vergeben sein. Helikanus . So ist's kein Traum? so bleibt die Täuschung treu? Die Felsen, diese Bäume halten Stand? Wenn ich nun mein Bewußtsein wieder finde, Bin ich der Seligste auf ganzer Erde. Cleora . So sind wir nun von Herzen ausgesöhnt? Helikanus . Das schönste haben Götter uns gegönnt. Cleora . Als Du mich damals wild verzweiflend ließest, Mich fandest als verlobte Braut, – mit Thränen Hab' ich Dich rückgewünscht, denn meine Thorheit Bestimmte dies zu Deiner letzten Probe. Helikanus . Und wo mein Glück mir dort am nächsten war, Sah ich nur schwarzes Elend vor mir dräun! Cleora . Jetzt wünsch' ich nicht, Du hättest nicht geirrt, Denn lieb ist mir, was ich im Dich erduldet. Dorus . Betretet alle meine kleine Hütte Und laßt uns da noch traulich weiter schwatzen, Wie alles dies sich wunderbar begeben, Die Götter schützen der Verliebten Leben. Gehn ab.     Gefängniß. Zerbino , Nestor . Beide in tiefen Gedanken. Nestor , nach einer langen Pause . Das Zeitalter ist der Satire nicht recht günstig. Zerbino . Wie so? Nestor . Es ist gar zu vernünftig, es hat keine frappanten Narrheiten. Zerbino . Wir sitzen nun hier schon seit vier Wochen, bloß weil die Leute gar zu trefflich und verständig sind. Nestor . Sie bessern uns recht auf die Dauer, daß sie uns hier so lange sitzen lassen. Zerbino . Ich habe meinen vorigen Muth verloren, sonst würd' ich wieder aus Verzweiflung auf den Gedanken kommen, das Stück rückwärts zu drehen – aber dazu sind wir auch hier zu enge eingeschlossen. Nestor . Und die Prügel, die mir zugetheilt werden, – das erstickt allen Freiheitssinn. Zerbino . Die Zeit ist mir indessen so lang geworden; daß ich mir um zehn Jahre älter vorkomme. Nestor . Es macht auch, weil sich nun unsre Erfahrung und Klugheit mehr setzt und innerlich zu Boden fällt. Zerbino . Uebermüthig waren wir, das ist nicht zu läugnen. Stallmeister , Leander , Hinz von Hinzenfeld , treten ein. Nestor . Gottlob, daß wir wieder Menschen sehn. Zerbino . Es ist hohe Zeit. von Hinzenfeld . Mein Prinz, wir sind als Commission niedergesetzt, ihre Verstandeskräfte zu untersuchen, ob Sie nunmehr beiderseits zu Staatsbürgern tauglich, oder nicht. Zerbino . Examiniren sie uns. Stallmeister . Vor allen Dingen, wer bin ich? Zerbino . Ein verehrungswürdiger Mann. Nestor . Ein Wohlthäter der Menschheit. Stallmeister . Nu, die ersten Antworten sind ganz gut ausgefallen. von Hinzenfeld . Es freut mich, daß Sie zur Mäßigkeit zurückgekehrt sind. Zerbino . Wir sehn unsre ehemaligen Irrthümer ein. Stallmeister . Fühlen Sie Trieb in sich, das Glück der Menschheit zu befördern? Zerbino . Mein erstes Geschäft soll sein, meine an mir selbst gemachten Erfahrungen getreulichst niederzuschreiben. Nestor . Und ich bin gesonnen, eine Reisebeschreibung drucken zu lassen, und zwar ohne allen Witz. Stallmeister , klatscht in die Hände . Bravo! Leander . Die Schläge haben eine gute Wirkung gethan. Zerbino . Ich will meinen Herrn Vater um irgend eine Stelle ersuchen, damit ich meinen Trieb zur Thätigkeit in Ausübung bringen könne. von Hinzenfeld . Recht so, ich bin alt, nehmen Sie meine Stelle an. Zerbino . Wenn mir nur in einem so erhabenen Posten die nöthigen Kenntnisse nicht gebrechen werden. von Hinzenfeld . So will ich Ihnen getreulich zu Handen gehn. Nestor . Wenn ich, Herr Oberschulmeister, würdig gefunden würde, unter Ihrer Leitung und Aufsicht eine Schul- und Erziehungswürde zu bekleiden, so würde ich mich überaus glücklich schätzen. Stallmeister . Es soll Ihnen nicht ermangeln, Sie scheinen mir zu einem Erzieher herrlich konstituirt. Leander . Was halten Sie von der Poesie? Zerbino . Daß sie eine Narrheit ist. Nestor . Daß ich künftig immer dagegen schreiben werde. Leander . Meine Herren von der Commission, ich dächte, wir ließen Sie wieder an die freie Luft. von Hinzenfeld . Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Stallmeister . Ich finde sie auch bei vollem Verstande. von Hinzenfeld . So kommen Sie also, meine theuren Freunde; nun werden Ihre Einsichten dem Staate nicht mehr gefährlich sein. – Sie gehn ab.     Platz vor Dorus Hause. Cleon , Lila , Helikanus , Cleora , der Waldbruder . Waldbruder . Ihr braucht zu Eurem Glücke keinen Glückwunsch, Euch ist verliehn, was sonst das kühnste Hoffen Vom Himmel nur begehren kann: ich bin Nun völlig ganz verlassen, keine Seele, Die um den alten Mann sich kümmerte, Auch Ihr seid tief in Freude nun versunken Und denkt an Trauernde nicht mehr zurück. Helikanus . Nein, theurer Greis, laß den Gedanken fahren, Durch Glück ist unser Herz dem Mitleid erst, Dem himmlischen, eröffnet, wer von Leiden Umschlossen wie von bangen Kerkern ist, Dem bleibt kein freier Blick in andrer Herzen, Er zehrt nur an sich selbst sich selber fehlend, Und doch sich selber g'nug in herber Kargheit; Du sollst mir jetzt ein theurer Vater sein, Cleora auch verlor das Glück der Eltern, Drum bleib zu unsrer Freude gegenwärtig, Und theile mit uns, was wir nur besitzen. Waldbruder . Ich nehme Deinen schönen Antrag an: Ich hatt' einst einen Sohn – er müßte jetzt Von Deinem Alter sein; vielleicht daß er An Bildung Dir, an Tugenden Dir gliche: Der Krieg, der keinem Menschen freundlich ist, Hat ihn und Gattin mir zugleich geraubt. Helikanus . Und keine Nachricht kam seitdem Dir wieder? Waldbruder . Ich habe unermüdet nachgeforscht, Doch trotz dem Forschen mocht' ich nichts entdecken, Wen kümmert doch im schrecklichen Gedräng' Ein hülflos Weib, ein neugeborner Knabe? Ich war im Feld ein angeseh'ner Mann, Aus unserm Wohnsitz, der belagert ward, Nahm ich mein Weib hinweg, in Sicherheit Nach einer andern Stadt sie zu begleiten. Mich fingen Feindes Reiter unterwegs, Doch sie entkam mit dem geliebten Knaben, Um bald darauf, getrennt von mir, zu sterben, Man löste mich nach zweien Jahren aus, Ich ward nur frei, um lebenslang zu weinen. Helikanus . Kennt Ihr dieß Bildniß wohl, geliebter Vater? Waldbruder . Mein eignes. Helikanus . O dann bin ich Euer Sohn, Der lang' verloren, doch gefunden ward, Das sagte mir von je der Zug des Herzens, Das Unbekannte, das mich zu Euch führte. Waldbruder . Es kann, es kann nicht sein, die Freude wäre Zu groß für mich am Ende meines Lebens. Helikanus . Ihr sollt nicht sterben, Eurer Kinder Pflege Wird Euer Alter wieder neu verjüngen. Waldbruder . Doch rede nur, ich glaube Dir so gerne, Wie sollt es möglich sein? Helikanus . Dies edle Bild Gab mir die Mutter auf dem Sterbebette, Ich hatte kaum mein viertes Jahr erreicht, Und wußte weder, daß sie starb, noch was Das Bild mir sollte. – Lange hat sie Euch Gesucht in fremder Gegend, – doch umsonst, Sie starb und hatte nichts von Euch vernommen. Ein guter Mann nahm mich zu seinen Kindern, Erzog mich, liebte mich, belehrte mich, Von ihm erfuhr ich, was ich wissen sollte, Er reichte mir das Bild, als ich erwachsen. Seitdem durchstreif' ich weit und breit die Welt, Doch keiner wußte mir vom edlen Morgan Zu sagen, daß ich ihn gestorben glaubte. Waldbruder . Ich hielt in fremden Wäldern mich verborgen, Den Leib mit Wurzeln, meinen Gram mit Thränen Ernährend, ganz der Andacht hingegeben. Doch jetzt lass' ich der Freude wieder Raum, Ich halte Dich umarmt, es flieht mein Traum, Der meinen Geist so lang in Angst gekettet, Dich hab' ich wieder und ich bin gerettet. Dorus kömmt. Helikanus . Ich habe, Freund, den Vater aufgefunden. Waldbruder . Mir ist ein lieber Sohn zurückgegeben. Dorus . Nur Freud' und Wunder kömmt in diesen Tagen: Doch hat sich auch noch manches zugetragen, Wovon Ihr hier gewißlich nichts vernommen, Doch ich bin eben aus der Stadt gekommen, Da ist es arg, ein jeder lärmt und schreit Und spricht nur von der neusten Neuigkeit; Man hat ein groß Gerüste aufgebaut, Damit jedweder dort den andern schaut, Mit Satan will sich Polykom versöhnen, Und Gottlieb will den Sohn als Prinzen krönen, Er selbst sitzt da auf einem prächt'gen Thron, Tribünen sind umher für die Nation, Freimaurer auch, die Kindischen genannt, 'Ne neue Loge, andrer Nebenbuhle, Sind dort, Hanswurst ist Meister von dem Stuhle, Wir müssen hin und zwar sogleich, geschwinde, Daß jeder noch für sich ein Plätzchen finde. – Sie gehn schnell ab.     Großer Cirkus; Gottlieb auf dem Thron, sein ganzer Hof versammelt, die ganze Nation als Zuschauer umher auf Gerüsten, auch die Poetischen treten ein. Unter Pauken und Trompeten tritt Polykomikus ein, gegen über Satan mit Jeremias als seinem Schildknappen. – Lange Pause, – Satan und Polykomikus umarmen sich, – lautes Klatschen auf den Tribünen. Satan . Ich vergebe Dir. Polykomikus . Und ich bin wieder der Alte. Satan . So sollst Du auch wieder Deinen alten Einfluß haben. Polykomikus . Stallmeister, Leander, Hinz, alle Redlichen werden mir wieder nacheifern. Einige in der Nation . O große Menschheit in Polykomikus! Sich sogar mit dem Satan zu versöhnen! Die Nation . Bravo! bravo! so wird die Ausbildung nun ihren ruhigen Gang fortgehn können. – Sie klatscht. Die Poetischen . Und auch wir wollen künftig dem allgemeinen Besten nützlich sein. Alle , mit Enthusiasmus . Bravo! bravo! Der Vorhang fällt.     Der Jäger tritt als Epilog unter Verbeugungen auf. Wer erst Prolog gewesen, wird Epilogus. So wunderbar verkehrt sich's in der Welt: Wärt Ihr der Lieder nicht ganz überdrüßig, So möcht' ich wohl zum Schlusse eins versuchen, Denn welcher Schluß ist doch wohl ganz geschlossen?         Trüb und heiter         Fliegt die Welt vor uns vorbei,         Wir wandeln weiter         Bald trüb' und heiter         Und wissen nicht, wie es uns sei:         Himmlische Poesie,         Lehrst uns, wie.         Aber sie vernehmen dich nicht,         Sie wenden sich hinweg vom Licht,         Sie leben weiter         Immer trüber, wen'ger heiter.         Merken nicht daß alles Trübe         Durch der Künste Göttermacht         In der heitern Milde lacht,         Selbst der Haß wird lichte Liebe. –                 Warum Schmachten?                 Warum Sehnen?                 Alle Thränen                 Ach! sie trachten                 Weit nach Ferne,                 Wo sie wähnen                 Schönre Sterne. Doch ewig, ewig unverstanden bleibt So Stern, wie Blume, wie die hohe Liebe, Dem dürftigen gemeinen Sinn. Die Jagd Ist, Freunde, nun vollendet, alles ist Vorüber, was noch eben um Euch scherzte.         Wir kehren zurück von der Jagd!         Es wird Nacht! es wird dunkle Nacht! –         Habt Ihr denn Beute mit Euch gebracht?         Wohlauf, besucht das grünende Land,         Den Wald mit den Hörnern durchklungen,         Von bunten Vöglein durchsungen,         Besucht ihn öfter, er ist Euch bekannt.         Doch komme keiner, der Jägerei         Durchaus ein völliger Fremdling sei,         Er rennt in den Schuß,         Hat dessen durchaus keinen schönen Genuß,         Weil ein solcher im Zimmer nur jagen muß.                 Muntres Herz, frischer Sinn                     Ist Gewinn,                 Fröhlich geht's durch Büsche hin.                 Ist dein Herz dir matt und bang,                 Schnell erfrischt es Waldgesang,                 Waldgesang und Hörnerklang. Geht ab.