Dr. Th[eodor] Zell Leopold Bauke Seelenleben unserer Haustiere, das unsere Jugend kennen sollte 1922 Zum Geleit »So ist Natur ein Buch lebendig, Unverstanden, doch nicht unverständlich.« Goethe. In diesem Buche möchte ich die heranwachsende Jugend mit dem »Seelenleben unserer Haustiere« in großen Zügen vertraut machen. Der Begriff »Seelenleben« in dieser Verbindung soll alles zusammenfassen, was uns Menschen bei liebevoller Betrachtung der selbständigen Lebensäußerungen unserer Haustiere nicht immer gleich verständlich ist und oft genug unrichtig gedeutet wird. Mit meinen Ausführungen, den Ergebnissen langjähriger Forschung, die ich durch zahlreiche Beispiele belebe, will ich vor allem die Jugend, daneben aber auch die Erwachsenen, die mein Buch lesen, dazu gewinnen, die Lebensgewohnheiten der uns umgebenden Haustierwelt nicht einseitig , lediglich vom Standpunkt menschlicher Vernunft und menschlicher Anschauung aus zu betrachten. Wir wollen vielmehr lernen, unser Empfinden auszuschalten, und danach streben, das Tier ganz unbefangen, möglichst vom Standpunkt des Tieres aus zu sehen, seine Triebe dort, wo wir sie einmal richtig erkennen, nicht mehr verzerren und irrig deuten. Da ist uns die Natur selbst die beste Führerin. Wenn wir nur recht die Augen öffnen, zeigt sich uns scheinbar Verwickeltes einfach und im höchsten Sinne zweckmäßig; darin ist die Schöpfung seit Urzeiten unübertroffene Meisterin! Und wenn wir versuchen, sie auf ihren Wegen zu begleiten, schenkt sie uns als Gegengabe die Liebe zu allen ihren Geschöpfen, in erster Linie zu den Tieren, die uns als »Haustiere« am nächsten stehen. Ist diese Liebe aber erst unser Eigentum geworden, so gebiert sie hohe innere Freuden; denn es ist kein Zufall, daß gerade die Gemütstiefe unserer Vorfahren größtenteils wohl darauf beruhte, daß sie in innigem Verkehr mit den Haustieren gelebt haben. Da mit dem vorliegenden Jugendbuch keine systematische Darstellung , sondern vielmehr eine zwanglose, im Plauderton verfaßte Einführung in das bisher sehr stiefmütterlich behandelte Gebiet der Haustierseele beabsichtigt ist, war es unvermeidlich, auf früher Gesagtes zuweilen zurückzugreifen. Ebenso forderte die Beweisführung, früher erwähnte Tiere an verschiedenen Stellen wieder heranzuziehen. Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, daß dies, um der Sache zu dienen, überall absichtlich geschehen ist. Sollten diese Blätter dazu beitragen, in den Herzen der heranwachsenden Jugend die Liebe zur Tierwelt, besonders aber zu den Haustieren, zu erwecken und zu vertiefen, dann ist mein Mühen reich belohnt. Berlin W 57. Dr. Th. Zell . Erster Teil Vom Seelenleben unserer Haustiere Allgemeines Haben die Tiere eine Seele, oder sind sie nur Maschinen? Der Streit der Gelehrten, was die Wissenschaft unter »Seele« versteht, soll uns hier nicht beschäftigen. Wir fassen sie als das auf, was in uns und den Tieren »empfindet« und »will«. Wie kommt es nun, daß berühmte Männer, beispielsweise der große Philosoph des Mittelalters Descartes, den Tieren die Seele absprach und sie lediglich als Maschinen betrachtete, während die Alten in den Tieren ihre Lehrmeister erblickten? So standen die Pferde bei den alten Germanen z. B. in hohem Ansehen; ihnen wurden sogar prophetische Gaben angedichtet. Ähnlich verhält es sich bei uns mit den Hunden. Unsere Jäger erzählen uns stundenlang von der Klugheit ihres Hundes! Diese Tatsache allein schon steht mit der Auffassung Descartes' in Widerspruch. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Wir wissen aus Erfahrung, daß ein kühner Bergsteiger und ein alter Seebär im Salon keine vorteilhafte Rolle spielen. Warum? Weil ihre Vorzüge hier nicht zur Geltung kommen. Genau so geht es den Tieren in der Stadt, namentlich in der Großstadt. Sie können das, was sie zu leisten vermögen, hier nicht zeigen. Der Gelehrte, der in städtischen Verhältnissen lebt und in ihnen aufgewachsen ist, hat häufig die Tiere nur von ihrer unvorteilhaftesten Seite kennengelernt. Daher kommt sein absprechendes Urteil. Die Landbewohner, ganz besonders aber die Jäger, urteilen über die Tiere wesentlich anders, weil ihnen in natürlicher Umgebung die Vorzüge der Tiere täglich vor Augen treten. Vergegenwärtigen wir uns einige Fälle, bei denen Tiere in ungünstigem Lichte erscheinen: Eskimohunde werden zu fortwährenden großen Anstrengungen dadurch gezwungen, daß man an der Deichsel einen Fisch anbringt, und umgekehrt können Hunde dadurch zu Tode gehetzt werden, daß man ihnen eine leere Blechbüchse an den Schwanz bindet. Hunde sind nicht dahinzubringen, daß sie sich ihre schmutzigen Pfoten reinigen. Auch kann man sie nicht belehren, daß sie uns nicht anspringen sollen, wenn wir gute Kleider angezogen haben. Ziehhunde sind nicht zu bewegen, auf Zuruf anzuhalten. Hunde, wie viele andere Tiere, schauen sich nicht an, wenn sie sich treffen, sondern beriechen sich. Das erscheint in unsern Augen höchst unappetitlich und lächerlich. Katzen greifen wie die Affen häufig hinter ihr Spiegelbild. Sie erkennen sich also selbst nicht. Pferde scheuen oft vor den harmlosesten Dingen und rennen wie sinnlos gegen Häuser und Bäume. Pferde und Schafe wollen oft den brennenden Stall nicht verlassen. Sind sie mit großer Mühe gerettet, so laufen sie oft wieder in die Gefahr zurück. Der Esel geht aufs Eis und tanzt, wenn es ihm zu gut geht. Wenigstens wird das allgemein behauptet. Die meisten Esel sind nicht zu bewegen, selbst durch ein flaches Bächlein zu waten. Das Rind sieht schon äußerlich sehr phlegmatisch und dumm aus. Bestärkt wird man in diesem Eindruck dadurch, daß der Stier ohne jeden Anlaß sich auf rot gefärbte Stoffe, beispielsweise rote Fahnen, stürzt. Der wasserscheue Esel: Alles umsonst! Nach einer Originalzeichnung von Franz Heinrich . Schweine wälzen sich in ihrem Unrat. Die Sau frißt häufig ihre eigenen Jungen auf. Die Schafe sehen furchtbar dumm aus. Dazu paßt, daß sie ihrem Leithammel folgen, selbst wenn dieser ins Verderben rennt. Hühnern kann man Porzellaneier und Kanarienvögeln Elfenbeineier unterlegen, ohne daß sie merken, daß es falsche Eier sind. Diese Beispiele ließen sich leicht vervielfachen. Sie dürften aber genügen, um erklärlich zu machen, daß selbst große Geister nur Maschinen in den Tieren gesehen haben. Und doch ist dieses Urteil höchst einseitig und ungerecht. Namentlich zwei wichtige Umstände werden dabei vollkommen übersehen. Einmal wird außer acht gelassen, daß unsere Haustiere nur zu verstehen sind, wenn wir auf die Lebensweise ihrer wilden Verwandten zurückgehen. Sodann wird nicht berücksichtigt, daß die Tiere vielfach ganz andere Sinne haben als der Mensch. Auch der Mensch ist von seinen Sinnen abhängig und kann nicht mehr leisten, als diese ihm sagen. Ein kurzsichtiger Knabe ist doch nicht dumm, weil er die Turmuhr nicht erkennt. Unzählige Menschen haben in der Dunkelheit eine alte Weide für einen Räuber gehalten und sich auf einen Überfall gefaßt gemacht. Sie würden es für sehr ungerecht halten, wenn die Eule sie auslachte und für furchtbar dumm erklärte, weil sie einen Baum mit einem Menschen verwechselten und mit Recht erwidern: Wir haben eben keine »Eulenaugen«. Wir müssen den Tieren aber auch Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das Huhn, das wir verlachen, weil es nicht merkt, daß ihm an Stelle eines wirklichen Eies ein Porzellanei zum Brüten untergelegt worden ist, kann ebenfalls mit vollem Rechte erklären: »Mit welchem Sinne soll ich denn ein echtes Ei von einem Porzellanei unterscheiden? Etwa mit meinem hörnernen Schnabel oder mit meinen beschuppten Füßen?« Bei uns ist es, Gott sei Dank, nicht üblich, Hunde durch Anbinden leerer Blechbüchsen zu Tode zu quälen, aber in Rumänien scheint diese Tierquälerei sehr im Schwange zu sein. Das ergibt sich aus folgender Schilderung aus Bukarest, die vor dem Weltkriege veröffentlicht wurde: Geschichten über kluge Hunde finden heutzutage nur wenig Anklang, dennoch sei hier dem Hunde Azor ein kleiner Nachruf gewidmet. Azor ist nicht mehr, zum aufrichtigen Bedauern aller Kunden der Heilmittelhandlung Zamfiresco. In diesem eleganten Geschäftsladen, dessen Inhaber der Besitzer Azors gewesen, spazierte der große, rotbraune Hund umher und – pumpte die Kunden an. In vollem Sinne des Wortes. Wenn jemand an der Kasse seinen Einkauf bezahlte, stand Azor schweifwedelnd und freundlich grinsend neben ihm, blickte ihn mit all seiner Hunde-Intelligenz an, fuhr auch wohl mit der länglich-schmalen Schnauze nach der Tasche des Betreffenden, der schließlich, wenn er ein Fremder war, den Kaufmannsgehilfen nach dem Grunde des auffälligen Gehabens befragte. Da erhielt er dann die Auskunft, Azor wünsche, ein paar Centimes geborgt zu haben. Gab man dem Tiere des Spaßes halber etwa ein Fünfcentimesstück, und zwar ins Maul, so wedelte er noch freundlicher, gleichsam dankend, und entsprang dann geradeswegs auf die gegenüberliegende Seite der Straße, wo verschiedene fliegende Händler standen, die größtenteils Süßigkeiten feilboten. Sie heißen hier Bragadschins. Bei solch einem Bragadschin suchte sich dann Azor irgendeine Leckerei aus, indem er mit der Schnauze darauf hinwies. Die Händler wußten schon, daß Azor bar zahle, gaben ihm die gewünschte Süßigkeit, und als Entgelt ließ ihnen dann der Hund die Münze in die Hand fallen. Oft hatte Azor zwei, drei, ja vier Stück Nickelmünzen im Maul, die er sich zusammengebettelt hatte; in solchen Fällen wies er nach mehreren Delikatessen. Azor vergaß sich aber auch oft so weit, zum Zechpreller zu werden, nämlich in Fällen, da er kein Geld, aber Lust auf Leckereien hatte. Da wies er dann mit der Schnauze nach dem Teuersten, was der Bragadschin auf seinem Tabulett hatte, und entfloh, sobald man es ihm gegeben hatte. Er mied dann den betrogenen Händler tagelang, bis er plötzlich, zu Geld gelangt, angetrabt kam, seine Münze dem betreffenden Bragadschin hinschnellte und dann stolz abging. Auch in die Wurstgeschäfte und Fleischerläden der Nachbarschaft machte Azor häufig Abstecher, und es ist keine Übertreibung, wenn ich sage: er kannte den Wert des Geldes. Er wußte genau, daß er mit ein bis zwei Fünfcentimesstücken höchstens beim Bragadschin etwas kaufen konnte, hingegen mit den großen Zwanzigcentimesmünzen sich schon in bessere Geschäfte wagen durfte. Azor war auch eines jener seltenen Tiere, die sich an den Alkohol gewöhnt hatten. Sein Herr ging täglich zum Frühschoppen in den »Kapitän«, und stets begleitete ihn Azor, der dort schon aus einem »Stammkrügel«, einem flachrunden, irdenen Teller, sein »Seidel« Bier »schlürfte«. Ein vorzeitiges, trauriges Ende fand der arme Azor leider durch die »Tarbaka«, eine hier gebräuchliche abscheuliche Art, Hunde zu Tode zu quälen. Mit einem Bindfaden befestigt man eine leere Sardinenschachtel oder sonst eine Blechdose an den Schweif des Hundes und läßt das Tier dann laufen. Das rasselnde Geräusch macht es wild, aber es kann der schrecklichen Dose nicht entrinnen, die, so rasch es auch läuft, stets an seinen Fersen rasselt. Der Hund rennt, rennt, bis ihm die Lunge versagt und er zusammenbricht. Besonders in den Vorstädten sieht man häufig verendete Hunde, mit der Sardinenbüchse am Schweif, die der »Tarbaka« zum Opfer gefallen sind. Auch der »Überhund« Azor vermochte, trotz seiner Intelligenz, die Ursache des Geräusches nicht zu begreifen, und er rannte sich angstgequält zu Tode, zur tiefen Betrübnis seines Herrn und aller seiner Bekannten. – Im Stalle: Der Hirtenjunge hat die Zeit verschlafen und wird von den hungrigen Tieren zum Austreiben ermahnt. Nach einem Gemälde von O. Gebler . Es soll hier nicht untersucht werden, ob die selbständigen Einkäufe des Hundes auf Wahrheit beruhen. Wiederholt habe ich von solchen Hunden gehört und gelesen, wie ja auch von Elefanten berichtet wird, daß sie sich für Geld Leckereien kaufen. Dagegen ist ein Rückschluß auf die Intelligenz des Hundes, der die Ursache des Geräusches nicht zu ergründen vermochte, nicht berechtigt. Auch der kluge Mensch benimmt sich in gefahrvoller Lage nicht immer einwandfrei. Ein bedeutender Kriminalist, Professor Groß, gibt aus seiner Praxis sehr lehrreiche Beispiele: Ein Gefangenenaufseher wollte beschwören, daß ihn ein Gefangener mit einem Messer bedroht hätte. In Wirklichkeit war es nur ein – Hering gewesen, den der Gefangene in der Hand gehabt hatte. Und von einem Bierbrauer wird folgendes erzählt: Er war bei einem Eisenbahnunglück aus dem Wagen gesprungen und drei Viertelstunden über die Felder gelaufen, weil er die Lokomotive des entgleisten Zuges deutlich hinter sich hörte. Wir Menschen haben die Schwäche, über das Benehmen anderer bei »eingebildeten« Gefahren sehr streng zu urteilen. Sind wir wirklich dazu berechtigt, wenn wir hören, was zurechnungsfähige Männer über ihre Erlebnisse berichtet haben? Das dürften doch eigentlich nur sehr kaltblütige Menschen tun, die häufig Proben ihrer unerschütterlichen Ruhe abgelegt haben. Als ein orientalischer Fürst der Stadt Berlin einen Besuch abstattete, lehnte er es mit Entschiedenheit ab, in einen Fahrstuhl zu treten. Von unserm Standpunkt aus ist eine solche Furcht ganz unverständlich. Aber ist der asiatische Herrscher deshalb dumm? Hat er von seinem Standpunkte aus nicht ganz recht, wenn er sich innerlich sagt: »Aha, hier ist vielleicht eine Gelegenheit, dich in unauffälliger Form zu beseitigen!« Ein anderer Fall: Ein junger Mann rühmte sich in Gesellschaft seines Mutes und erbot sich, aus dem in einem dunkeln Nebengemach stehenden Sarge, der erst kürzlich zugenagelt war, einen Gegenstand zu holen. Er wurde beim Wort genommen und begab sich in das Gemach, kam aber nicht wieder. Als man ihn aufsuchte, fand man ihn tot neben dem Sarge liegen. Folgender Vorfall hatte sich abgespielt: Der junge Mann hatte den Sarg geöffnet und den Gegenstand an sich genommen. Als er den Sarg wieder zugenagelt und sich entfernen wollte, fühlte er sich festgehalten, – weil er versehentlich einen Zipfel seines Rockes eingeklemmt hatte. Aus Aufregung darüber, daß der Tote ihn wegen des begangenen Frevels gepackt habe, war er augenblicklich leblos niedergesunken. – In seiner Angst, dem polternden Gegenstande zu entfliehen, ist auch der Hund so lange gelaufen, bis er zusammenbrach. Seine Intelligenz konnte ihm hierbei nicht das geringste nützen, denn sie hat den schwerwiegenden Nachteil, daß sie Zeit verlangt, die auch der Mensch bei drohenden Gefahren nicht hat. Wenn der klügste Mensch zur Nachtzeit von einem Brande überrascht wird, so wird er wahrscheinlich bei der Flucht in der Eile nicht alle die Dinge mitnehmen, die er bei ruhiger Überlegung gerettet hätte. Deshalb gelingen wohl auch Scheinüberfälle so leicht. Der durch einen vorgehaltenen Revolver Überraschte hat nicht die Zeit, sich in Ruhe die Sachlage zu überlegen. Man braucht übrigens nur daran zu erinnern, wie sich vernunftbegabte Menschen bei Theaterbränden benehmen. Stolz können wir wirklich nicht darauf sein! Daher rührt auch die baupolizeiliche Verfügung, daß die Türen aller Vergnügungs- und Versammlungslokale nach außen zu öffnen sein müssen. Denn früher verbrannten die Besucher, weil sie in ihrer wahnsinnigen Angst nach den Ausgängen drängten und die nach innen führenden Türen infolge des gewaltigen Ansturms der geängsteten Menschenmassen nicht mehr geöffnet werden konnten. – Das Gegenstück zu dem Hunde mit der angebundenen Blechbüchse bildet der bereits erwähnte Fisch, den die Eskimos an der Deichselspitze des Schlittens befestigen, wodurch die Hunde veranlaßt werden sollen, ihre Kräfte aufs äußerste anzustrengen, um den ihnen vor der Nase schwebenden Leckerbissen zu erhaschen, was natürlich eitel Mühe ist. Soll aus dem Gebaren des Tieres nun etwa eine besonders große Dummheit gefolgert werden? Ich bin nicht damit einverstanden. Sind wir Menschen nicht oft ähnlich töricht? Ist das Lebensglück, dem wir während unseres Erdenwallens nachjagen, nicht auch so eine Art Fisch an der Deichsel, den wir unablässig erhaschen wollen, aber nie erreichen? So überaus töricht ist also das Gebaren der Hunde durchaus nicht. Auf andere Handlungen unserer Haustiere, die den Anschein größter Dummheit erwecken, kommen wir später zurück. Wir werden sie vom Standpunkte des Tieres aus zu erklären suchen. Nur vom tanzenden Esel auf dem Eise sei schon jetzt bemerkt, daß er lediglich in der Phantasie besteht. Bisher habe ich noch keinen Menschen ermitteln können, der einen solchen Tanz mit eigenen Augen gesehen hat. Wenn man ein sachgemäßes Urteil fällen will, so soll man beide Teile hören. Wenden wir uns daher jetzt von dem Philosophen , der den Tieren die Seele abspricht , zu dem Jäger , der von ihrer Klugheit schwärmt . Warum schwärmt der Jäger von der Klugheit seines Hundes? Ist die Schwärmerei des Jägers von der Klugheit seines Hundes wirklich nichts anderes, als Aufschneiderei? Keineswegs, wie wir sehen werden. Sein bestes Können, die Leistungen der feinen Nase, kann der Hund um so weniger zeigen, je belebter eine Stadt ist. Das Gewimmel der zahllosen Menschen in einer Großstadt macht das Halten einer bestimmten Fährte wegen der Masse der durcheinanderwirbelnden Gerüche zur Unmöglichkeit. Ganz anders liegt die Sache auf dem Lande oder in menschenleeren Gegenden. Hier feiert der Geruchssinn des Hundes wahre Triumphe. Während der Großstädter diesen Sinn regelmäßig als »niederen« bezeichnet, ist der Jäger vom Gegenteil überzeugt. Täglich erlebt er, was für unersetzliche Dienste ihm der Hund durch diesen Sinn erweist. Der deutsche Gelehrte Hensel berichtet, daß er auf seinen Reisen in Brasilien stets Hunde um sich gehabt habe; sie waren ihm auf der Jagd und zur Bewachung unentbehrlich. Unter seinen Hunden war einer, der, obwohl entsetzlich feige, durch seine Schlauheit auffiel, weshalb er »der Schlaue« genannt wurde. Von ihm erzählt Hensel folgende Geschichte: Ich hatte längere Zeit in einem Wirtshause des Urwaldes gewohnt. Rings um das Gehöft auf der abgeholzten kleinen Hochebene waren viele Hecken, in denen das zahlreiche Vieh der Ansiedler weidete. Eines Tages saß ich in der Gaststube des Hauses mit meinen Hunden und einer ganzen Anzahl Menschen. Da öffnete sich die Hintertür des Zimmers, und leise schob sich Vagabond, der schlechteste unter meinen Hunden, herein. Mit dem gleichgültigsten und dümmsten Gesicht von der Welt spähte er nach einem guten Platze, aber heimlich fuhr er noch einmal mit der Zungenspitze über die Oberlippe. Dies war nur von zwei Anwesenden bemerkt worden: von mir und dem »Schlauen«. Langsam erhob sich dieser und ging auf den eben hereinkommenden Hund zu, obgleich beide sonst nicht in Freundschaft lebten. Vagabond merkte sogleich die Absicht. Wie ein ertappter Verbrecher setzte er sich und ließ Kopf und Ohren herabhängen. Der Schlaue trat an ihn heran, beroch ihm das Maul von einem Winkel zum anderen, senkte sogleich die Nase zur Erde und verließ vorsichtig, aber eilig das Zimmer durch die Hintertür. Ich ging ihm nach, voll Neugierde, wie sich die Begebenheit weiterentwickeln werde, und sah nur noch, wie der Hund, die Nase auf der Erde, in den Hecken verschwand. Als ich ihm folgte und kaum dreihundert Schritte zurückgelegt hatte, hörte ich schon das Krachen der Knochen in den Hecken: der Schlaue labte sich an dem Fleisch eines eben verendeten Kalbes. Abgelegt. Der Hund ist durch Dressur erzogen, dem Jäger nicht zu folgen, sondern auf seinem Platze zu bleiben. Nach einer Zeichnung von C. Sterry . Hensels Erzählung ist durchaus glaubwürdig, da sie nichts enthält, was dem Jäger nicht längst bekannt wäre. Hiernach hat der schlaue Hund den Ankömmling berochen und durch Beriechen festgestellt, daß er eine vortreffliche Mahlzeit gehalten hatte. Wenn du so gut gespeist hast, hat er sich gesagt, dann ist es sehr wohl möglich, daß an deiner Futterstelle noch sehr schöne Happen für mich übriggeblieben sind. Gesagt, getan – der schlaue Geselle setzt sich in Bewegung und verfolgt die Fährte des Ankömmlings nach rückwärts. Seine Vermutung wird glänzend bestätigt, da der Schwelger beim besten Willen nicht das ganze Kalb verschlingen konnte. Der Mensch kann dem Hunde eine solche Leistung nicht nachmachen, weil unsere Nase im Vergleich zu der des Hundes nur stumpf ist. Es ist eine weitverbreitete, aber durchaus irrige Ansicht, daß der Mensch an Schärfe der Sinne den Tieren überlegen sei. Der Jäger würde ja keines Hundes bedürfen, wenn er ihn an Feinheit des Geruchs überträfe. Richtig ist allerdings, daß alle Tiere mit scharfem Geruch, sog. Nasentiere, am Tage nicht so scharf sehen können wie der Mensch. Der Hund erkennt, wie man täglich beobachten kann, seinen Herrn unter ähnlich gekleideten Menschen nur mit Mühe, weil er die Einzelheiten des Gesichts mit dem Auge nicht unterscheiden kann. Deshalb pfeift auch der Herr seinem Hunde, um ihm das Finden zu erleichtern. Ganz anders liegen die Verhältnisse bei Nacht. Infolge seiner großen Pupillen fängt das Auge des Hundes jeden Lichtstrahl auf, so daß er in größter Finsternis durch den Wald laufen kann, was für einen Durchschnittsmenschen unmöglich ist. Ich entsinne mich eines Vorfalls, wo mir diese Überlegenheit des Hundes so recht zum Bewußtsein kam. Einer meiner Bekannten hatte abends einen Rehbock geschossen. Da er am andern Morgen in der Frühe abreisen mußte, so sollte der Versuch gemacht werden, den Bock, der gut getroffen war, aufzufinden. Der Schütze bat den Förster, ihn zu diesem Zwecke mit seinem Hunde zu unterstützen. Inzwischen war es stockdunkel geworden, so daß wir Laternen anzünden mußten, um den Weg zu finden. Den Hund hinderte die Finsternis in keiner Weise, uns voranzustürmen. Nachdem die Stelle, wo der Bock getroffen wurde, ausfindig gemacht war, setzten wir den Hund auf die Fährte. Es dauerte auch nicht lange, so verkündete sein Bellen, daß er den Bock gefunden hatte. Dort, wo wir nicht die Hand vor den Augen sehen konnten, hatte der Hund den Weg des todkrank geflüchteten Tieres ausfindig gemacht und dem Schützen zu einer prächtigen Beute verholfen. Selbstverständlich erhielt der Hund nach unserer Rückkehr die verdienten Belohnungen. Immer wieder erklang es aus dem Munde seines Herrn: »Du bist ja aber auch ein so kluges Tier!« Alle Jäger schreiben diese staunenswerten Leistungen der Klugheit des Hundes zu. Man mag noch so oft dagegen protestieren, es nützt nichts. Der Hund findet in der Dunkelheit den Weg, weil er sehr große Pupillen hat. Ebenso findet er den Bock, weil seine Nase in der Dunkelheit genau so sicher arbeitet wie am Tage. Mit Klugheit hat doch diese Fähigkeit verhältnismäßig wenig zu tun. Er vollbringt seine Leistung hauptsächlich deswegen, weil seine Sinne zu der Auffindung des getroffenen Rehbocks zweckmäßiger gebaut und entwickelt sind als die unsrigen. Der Gedankengang des Jägers ist sehr einleuchtend. Wenn ein Mensch etwas nicht leisten kann und ein anderer bringt es fertig, so sagen wir mit Recht, daß der zweite klüger ist als der erste. Da der Mensch einen erlegten Bock im finstern Walde nicht finden kann, wohl aber der Hund, so zieht der Jäger den Schluß, daß der Hund infolge seiner Klugheit diese Leistung vollbringt. Die von dem Großstädter so gering geschätzte Nase leistet bei der Jagd, wie wir eben sahen, unersetzliche Dienste. Durch seinen feinen Geruch kann der Hund sofort feststellen, ob Enten im Schilf des Teiches sind, ob ein Fuchsbau bewohnt ist, wo die Rebhühner im Kartoffelkraut stecken, oder wo eine Schnepfe oder ein anderes erdfarbenes Tier sich geduckt hat. Die Schutzfarbe täuscht das menschliche Auge in tausend Fällen, denn über einen Hasen, der mit seinem braunen Fell ganz mit der Umgebung verschwimmt, stolpern die meisten Menschen, ohne ihn zu sehen, aber selbst diese Schutzfarbe gewährt gegen die feine Nase des Hundes keinen Schutz. Nachsuche. Nach einem Gemälde von W. Simmler . Ein schönes Beispiel, was eine Hundenase unter Umständen leisten kann, gibt der bekannte Jagdschriftsteller Oberländer von einem Elchhunde, den er in Norwegen arbeiten sah. Er schreibt: »Ohne etwas Besonderes, außer einigen alten Elchfährten, anzutreffen, pirschten wir an der westlichen Talwand hin, als ›Jagd‹, der Elchhund, sich plötzlich mit hoher Nase mächtig in den Riemen legte. Da talwärts, woher der Wind stand, das blanke Fjeld (Hochebene) vor uns lag, so war ich zunächst überrascht über das Gebaren unseres vierfüßigen Jagdgefährten. Der Führer wies jedoch auf ein ausgedehntes Zwergbirkengehölz in der Talsohle und versicherte, daß dort entweder Elche oder aber warme Fährten sein müßten. Die Entfernung schätzte ich auf reichlich einen Kilometer und erlaubte mir, mit Rücksicht auf diese riesige Entfernung, zu fragen, ob er nicht ganz wohl sei. Er wiederholte aber auf das bestimmteste, daß ein guter, erfahrener Hund die Witterung eines brunftigen Schauflers noch weiter, sogar bis auf 1500 Schritt, markiere. – Um ›Jagd‹ zu kontrollieren, merkte ich mir die betreffende Ziffer auf dem Schrittmesser, den ich stets bei mir führe, und folgte neugierig dem voller Leidenschaft talwärts strebenden Hunde. Er leitete uns wahrhaftig, ganz nach der Art eines anziehenden Hühnerhundes fortarbeitend, zu dem bewußten Birkengehölze. Vorsichtig, Schritt für Schritt schlichen wir in demselben fort ... ›Hier!‹ sagte der Führer, indem er triumphierend auf eine in dem sumpfigen Boden deutlich sichtbare mittelstarke Elchfährte wies. Ich war wirklich von dem Ergebnis ganz verblüfft. Der Schrittzähler meldete eine Entfernung von über 1200 Gängen. Ich hatte deutlich beobachten können, daß der Hund nichts anderes in der Nase hatte als die Witterung dieser Fährte. Diese ganz ungewöhnliche Leistung einer Hundenase erkläre ich mir aus folgenden vier zusammenwirkenden Hauptgründen: 1. die überaus starke Witterung des Elchhirsches kurz vor und während der Brunft; 2. das Fehlen des die Ausbreitung der Witterung hemmenden Pflanzenwuchses in den Fjelden; 3. die Wildarmut der Fjelde, weshalb der Hund die leiseste Witterung aufnimmt; und 4. die zweifellos hervorragende Nase des Elchhundes, von deren Beschaffenheit ich sogleich eine weitere Probe erhalten sollte!« Oberländer hätte ohne den Elchhund niemals von dem Vorhandensein eines Elches die geringste Ahnung gehabt. Kann man sich da wundern, daß der Jäger von seinem Hunde, ohne den er in unzähligen Fällen zu keiner Beute gelangen würde, in schwärmerischen Ausdrücken spricht? Unrichtig ist es nur, daß er die Leistungen auf die Klugheit des Tieres zurückführt, während sie, wie wir sahen, durch die andersgearteten Sinne bedingt sind. Von den natürlichen Fähigkeiten und Gaben der Haustiere. Begriff der Haustiere. Augen- und Nasentiere. Wie wir gesehen haben, irrt der Gelehrte, wenn er die Tiere für Maschinen hält, und auch der Jäger irrt, wenn er von der »Klugheit« seines Hundes schwärmt. Die Wahrheit liegt, wie so häufig, in der Mitte. Wie könnte ein Vereinsamter, etwa eine alte Frau, auf den Gedanken kommen, sich einen Hund oder ein anderes Tier anzuschaffen, um für die Seele etwas zu haben? Die Freude des Hundes bei der Heimkehr seines Herrn oder seiner Herrin zeigt nichts, was einer Maschine eigen ist; möchte sie auch noch so geistreich ersonnen sein. Aber diese Freude des Tieres bereitet dem Einsamen einen seelischen Genuß, auf den es ihm gerade ankommt. Der Jäger verwechselt, wie wir sahen, Klugheit mit der größeren Feinheit der tierischen Sinne. Das soll sogleich näher besprochen werden. Vorher müssen wir uns noch über den Begriff »Haustiere« klarwerden. Man versteht gewöhnlich darunter solche zahme Tiere, die des Nutzens oder Vergnügens wegen in einem Lande gezüchtet werden. Bei uns handelt es sich um Hund, Katze, Pferd, Esel, Rind, Schwein, Ziege, Schaf, Kaninchen, Meerschweinchen, Frettchen, Huhn, Truthuhn, Perlhuhn, Fasan, Pfau, Taube, Ente, Gans, Schwan, Kanarienvogel, Wellensittich, Goldfisch, Seidenspinner und Biene. Da wir uns mit dem Seelenleben der Haustiere beschäftigen wollen, so kommen für uns in erster Linie Hunde, Pferde und Katzen in Betracht. Denn vom Seelenleben der Meerschweinchen, Goldfische und Seidenwürmer ist, wie jeder weiß, nicht viel zu berichten. Dagegen wollen wir außerdem solche Tiere in den Kreis unserer Betrachtung ziehen, die strenggenommen keine Haustiere sind, wie Störche und Schwalben. Für den Landbewohner stehen sie mit den Haustieren auf einer Stufe, obwohl sie nicht zahm sind und nicht von ihm gefüttert werden. Dennoch spricht er von »Hausstörchen« und »Hausschwalben«. – Wie wir sahen, hatte der Hund den erlegten Rehbock mit seiner feinen Nase aufgefunden. Er ist eben ein Nasentier im Gegensatz zu uns Menschen, die wir Augentiere sind. Um ein Tier richtig beurteilen zu können, muß man zunächst die Schärfe der einzelnen Sinne kennenlernen. Was ich unter diesen Bezeichnungen verstehe, will ich nachstehend näher erklären. Es besteht ein Verhältnis zwischen Auge und Nase, das man etwa wie folgt ausdrücken kann: je besser das Auge eines Geschöpfes ist, desto schlechter ist seine Nase. Dieser Satz gilt natürlich auch umgekehrt: je besser die Nase ist, desto schlechter sind die Augen. Genau genommen sollte es heißen: bei allen Geschöpfen ist die Summe der Sinne gleich groß. So wird zum Beispiel bei den Fledermäusen das beinahe fehlende und bei den Blindmäusen das gänzlich fehlende Gesicht nicht allein durch eine ausgezeichnete Nase, sondern obendrein durch ein ungeheuer feines Gefühl ersetzt. Die Tiere, deren Grundsinn das Auge ist, wie Affen, Vögel u. a., nenne ich Augentiere , diejenigen, deren Grundsinn die Nase ist, wie Hunde, Schweine, Elefanten, Nasentiere . Unter Grundsinn verstehe ich den Sinn, mittels dessen sich ein Tier von der Beschaffenheit einer Sache, namentlich einer unbeweglichen, überzeugt. Augentiere lassen die Augen umherschweifen und prüfen mit ihnen, ob es die richtige Sache ist. Der Mensch, der das Auge als Grundsinn hat, sieht deshalb genau hin, ob der Schirm auch der seinige ist. Nasentiere dagegen überzeugen sich durch Beschnüffeln von der Gleichheit gewisser Gegenstände. Deshalb beschnuppert der Hund seinen Herrn, um sich zu vergewissern, daß es auch wirklich sein Herr ist. Wenn ich Auge und Nase als Grundsinne bezeichne, so ist mir niemals eingefallen zu bestreiten, daß auch die anderen Sinne eine hervorragende Rolle spielen. Alle Tiere hören mindestens ebenso fein wie der Mensch, gewöhnlich sogar besser. Fische sind Gefühlstiere, weil den meisten von ihnen wahrscheinlich das Gehör fehlt, das sie jedoch durch ein enorm feines Gefühl ersetzen. Da höre ich den Einwand von der »Klingel am Karpfenteich«. Das Herbeikommen der Karpfen auf das Glockenzeichen ist wohl mehr auf die Erschütterung des Bodens beim Herannahen des Läutenden und der Schwingungen der Luftschichten über dem Wasser, als auf die von den Tieren etwa wahrgenommenen Töne zurückzuführen. Die ungeheure Bedeutung des Gehörs für den Menschen wird kein Vernünftiger bestreiten. Ist das Gehör doch in der Dunkelheit unser Hauptsinn. Wenn der Elefant als Rüsseltier bezeichnet wird, so kommt selbst ein Vorschüler nicht auf den Gedanken, der Elefant habe keine Beine, sondern liefe vielleicht auf dem Bauche. So kann auch die Bezeichnung Augentier kaum zu dem Irrtum Anlaß geben, ein Augentier könne nicht hören . Je nachdem ein Geschöpf sich mit dem Auge oder der Nase zurechtfindet, benimmt es sich ganz verschiedenartig. Für das Auge ist das Gesicht der interessanteste Körperteil, deshalb sagen wir zu einem Fremden, den wir näher kennenlernen wollen: »Lassen Sie sich einmal beschauen!« Für die Nasentiere aber sind gerade das Gegenteil vom Gesicht, nämlich After und Geschlecht, die interessantesten Teile des Körpers, weil sie die eigentümlichste Ausdünstung haben. Zwei Hunde, die sich auf der Straße begegnen, schauen sich daher nicht wie die Menschen ins Auge, sondern beschnüffeln ihr Hinterteil. Der Durchschnittsmensch, der sich diese täglich zu beobachtende Begrüßungsweise zweier Hunde betrachtet, wird, wenn man ihn nach dem Grunde dieses Benehmens fragt, antworten: »Ja, das sind eben unvernünftige Tiere!« In Wirklichkeit handelt der Hund durchaus nicht unvernünftig, sondern von seiner Sinnesbeschaffenheit aus vollkommen zweckmäßig. Wenn wir Menschen die ganze Welt immer durch unser Schiebefenster betrachten, kommen wir freilich zu den allerungerechtesten und unzutreffendsten Urteilen. Ist man im Zweifel, ob man ein Augen- oder Nasentier vor sich hat, so wird regelmäßig die Betrachtung genügen, wie sich ein Geschöpf gegen seinen Gatten oder sein Kind benimmt. Der Hengst beschnüffelt die Stute, die Stute das Fohlen, der Bulle die Kuh, die Kuh das Kalb am Hinterteil. Aber kein Affe, keine Katze, kein Vogel wird den Gatten oder die Jungen an dieser Stelle beschnüffeln. After und Geschlechtsteile – auch wegen ihrer Ausdünstung die Füße – sind also sozusagen das Gesicht für die Nase. Dem Auge bieten diese Teile nur wenig, was zur Unterscheidung dienen könnte, wie umgekehrt unser Gesicht für Nasentiere keine besondere Ausdünstung zu haben scheint. Dieser Unterschied des Grundsinns kommt auch äußerlich unverkennbar zum Ausdruck. Man betrachte zwei einander so ähnliche Baumtiere wie Affe und Faultier. Der Affe hat stechende Augen und eine stumpfe Nase, das Faultier blöde Schweinsaugen und eine schnüffelnde Hundenase. – Sollte das Zufall sein? Wie oft habe ich im Zoologischen Garten dem Faultier zugeschaut und mir gesagt: Wenn ich jetzt einen Gegner meiner Theorie hier hätte, der sich das Faultier ansähe und dann nach dem Affenhause käme, ich glaube, er wäre in fünf Minuten bekehrt. Giraffe und Kamel sind gleichfalls so verschieden wie Affe und Faultier. Das wunderbare Auge der Giraffe zeigt uns schon äußerlich, daß der Grundsinn dieses Tieres das Gesicht ist. Das wird auch durch die stumpfe Nase bestätigt. Die Giraffe will z. B. manchmal den Besucherinnen des Zoologischen Gartens künstliche Blumen vom Hute nehmen; das würde kein Nasentier machen. Das Kamel hat blöde Augen, dafür aber feuchte und große Nüstern. Kann es wohl einen größeren Unterschied geben als das königliche Auge des Adlers und ein Schweinsauge? Umgekehrt hat der Adler wie alle Vögel eine trockene Hornnase, während das Schwein einen beweglichen Rüssel hat. Die Tiere mit beweglichen Nasen haben den schärfsten Geruch, Maulwürfe, Elefanten, Tapire u. a. liefern den Beweis. Vor dem Giraffenhaus im Zoologischen Garten: Die Giraffe als Augentier hält künstliche Blumen auf den Damenhüten für geeignete Nahrung. Nach einer Originalzeichnung von Paul Neumann . Jedenfalls hat ein Nasentier immer eine feuchte Schnüffelnase, da Feuchtigkeit zum Aufsaugen der Gerüche unentbehrlich ist, wie ja auch Hunde mit trockener Nase nichts leisten können. Schon wegen der Trockenheit der Nase muß man es von vornherein für unwahrscheinlich halten, daß Vögel wittern können. Einige Paviansarten haben mit Hunden wegen ihres riesigen Gebisses schon so auffallende Ähnlichkeit, daß sie im Altertum ›Hundsköpfe‹ genannt wurden. Und doch ist bei beiden Tieren der Grundsinn verschieden. Der Affe hat als Augentier ein stechendes Auge, aber eine trockene Nase, obwohl diese auf dem gewaltigen Oberkiefer mehr als genügend Platz hätte, um ebenso ausgebildet zu sein wie die des Hundes. Sollte hier überall nur blinder Zufall walten? Oder habe ich recht, wenn ich behaupte, daß kein Geschöpf mit mehr Gaben ausgestattet ist, als es zu seinem Leben gerade nötig hat. Deshalb hat kein Tier mit scharfem Gebiß obendrein Hörner, kein guter Kletterer ist ein vortrefflicher Läufer, kein hervorragender Flieger ein Dauerläufer usw. Umgekehrt haben Horntiere kein Raubtiergebiß, Dauerrenner können nicht klettern usw. Es ist merkwürdig, daß dieser Unterschied zwischen Augen- und Nasentieren nicht längst erkannt worden ist. Daran tragen eine Reihe von Umständen schuld. Hier ein Beispiel: Der Mensch als Tagseher bedarf des Tageslichts, um scharf sehen zu können. In der Dunkelheit kann er nur mäßig sehen, während, wie bereits erwähnt, Nasentiere, die gewöhnlich große Pupillen haben, jeden Lichtstrahl auffangen und daher mindestens so gut sehen wie der Mensch. Da vielen Hunde- und Pferdebesitzern diese Überlegenheit ihrer Tiere längst aufgefallen ist, so schloß man irrigerweise daraus, Hunde und Pferde könnten auch am Tage besser sehen als der Mensch. Einige Hunde nehmen eine Ausnahmestellung ein, wie z. B. Windhunde und Schäferhunde, deren Sehvermögen im Gegensatz zu anderen Hunderassen recht gut ist. Allerdings ist diese Ausbildung ihres Gesichts auf Kosten ihrer Nase vor sich gegangen. Endlich sind die Augen der Nasentiere so gebaut, daß sie für Bewegungen empfänglicher sind als unsere Augen. Diese Erfahrung hat jeder Jäger seit alter Zeit beim Wilde gemacht. Deshalb ist es ein uralter Grundsatz, sich regungslos zu verhalten. Auch hieraus wurde irrtümlicherweise der Schluß gezogen, daß das Wild vorzüglich sehen könne. In Wirklichkeit können Nasentiere nur grobe Umrisse, nicht die feineren Einzelheiten erkennen. Hunde und Pferde können infolgedessen ihren Herrn nicht am Gesicht erkennen, was Augentiere, wie Affen und Papageien, sehr wohl vermögen. Augen- und Nasentiere unter unsern Haustieren. Die wilden Verwandten unserer Haustiere. Wie alle Vögel, so sind auch unsere Hühner, Tauben, Enten usw. Augentiere. Von der Henne ist allgemein bekannt, daß sie einen Raubvogel bereits wahrnimmt, wenn unsere Augen im günstigsten Falle einen schwarzen Punkt am Himmel erkennen können. Ebenso haben mich Tauben des öfteren auf Raubvögel, die ich sonst übersehen hätte, aufmerksam gemacht. Das andauernde Äugen nach einer bestimmten Richtung fiel mir auf. Als ich diese verfolgte, stieß ich auf den gefiederten Räuber. Ähnliches erzählte mir ein Wärter im Berliner Zoologischen Garten. Er könne an dem Gebaren der Tauben stets erkennen, ob ein auf der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche horstender Wanderfalk – in Berlin Stößer genannt – in bedrohlicher Nähe sei. Hierbei ist noch zu bemerken, daß die Unterscheidung der verschiedenen Raubvogelarten durchaus nicht einfach ist. Ein junges Habichtweibchen, das noch nicht das gesperberte Gefieder angelegt hat, sieht einem Bussard sehr ähnlich. Dabei ist der Habicht einer unserer gefährlichsten Räuber, während der Bussard verhältnismäßig harmlos ist und hauptsächlich von Mäusen lebt, weshalb er auch Mäusebussard heißt. Selbst bei manchen Förstern ist es, wie ich mich oft überzeugt habe, mit der Kenntnis unserer heimischen Raubvögel schwach bestellt. Um so mehr muß man darüber staunen, daß die Tiere sie so gut zu unterscheiden verstehen. Das geht daraus hervor, daß sie den einzelnen Räubern gegenüber ganz verschiedene Rettungsarten anwenden. So kann der pfeilgeschwinde Wanderfalk keine Beute vom Boden aufnehmen, was wiederum der weniger schnelle Habicht vermag. Deshalb flüchten Tauben vor dem Habicht aus Furcht vor seiner Geschwindigkeit in den Schlag, was sie beim Nahen des Wanderfalken nicht tun. Von unsern Haussäugetieren ist nur die Katze ein Augentier. Windhunde und Ziegen nehmen eine Mittelstellung ein, weil ihre Augen auf Kosten der Nase besser entwickelt sind. Die Natur kennt keine starren Unterschiede, sondern bildet überall Übergänge. Es hat mich oft gewundert, daß den Katzen das gute Sehvermögen, besonders bei Tageslicht, abgesprochen wird. Nach meinen Beobachtungen liegt dazu gar keine Ursache vor. Es ist vielmehr erstaunlich, daß die Katzen – im Gegensatz zum Hunde – ausgezeichnet sehen können. Unsere Vorfahren, die sich sehr eingehend mit den Tieren beschäftigten, haben ihre Eigenarten ganz richtig erkannt und eingeschätzt. Bei ihnen galt der Vers: Nimm die Augen in die Hand Und die Katz' aufs Knie, Was du nicht siehst, sieht sie. Gluckhenne mit Kücken, von einem Raubvogel bedroht. Nach einem Gemälde von A. Achleitner . Hier sei übrigens an den Luchs erinnert, der ja nur eine vergrößerte Ausgabe unserer Katze ist. Mit Recht ist bereits im Altertum sein scharfes Sehvermögen bewundert worden, auch heute sprechen wir noch von ›Luchsaugen‹. Es war schon hervorgehoben worden, daß Nasentiere, also Hunde, Pferde usw., Bewegungen besser als der Mensch sehen, daß sie sich selbst im Dunkeln leichter zurechtfinden. Darauf ist es auch zurückzuführen, daß die Zirkusdirektoren die dressierten Pferde mit der Peitsche oder genauer mit ihren Bewegungen lenken. So hebt auch der Jäger den Arm hoch, wenn er andeuten will, daß sich der Hund auf Zuruf hinlegen soll. Abgesehen von diesen Überlegenheiten ist das Auge der Nasentiere bei Tageslicht minderwertig. Es ist erstaunlich, daß das noch so vielfach bestritten wird. Hier mag eine alltägliche Geschichte Platz finden: Ein Hund hat im Gewühl der Großstadt seinen Herrn verloren. Kann es einen kläglicheren Anblick geben? Ein Knabe, der seine Angehörigen sucht, wird sich zu helfen wissen und sich überall umsehen, ob er seinen Begleiter nicht irgendwo entdeckt. Der Hund ist in solcher Lage dagegen ganz hilflos. Hätte er das gute Auge, das ihm angedichtet wird, so wäre sein Benehmen einfach unverständlich. Dagegen wird seine trostlose Lage sofort begreiflich, wenn wir uns seine Sinne vergegenwärtigen. Sein Grundsinn, der Geruch, kann ihm bei den tausend Fährten der Großstadt nichts nützen. Bei seinem minderwertigen Auge ist er gar nicht imstande, seinen Herrn unter zahlreichen fremden Personen aufzufinden. Deshalb bleibt ihm als einzige Rettung sein Gehör. Mit seinen scharfen Ohren lauscht er, ob nicht sein Herr ihm pfeift. Hört er den Pfiff, dann fühlt er sich geborgen, denn sonst hätte er ihn nicht gefunden. Wäre es üblich, sich zahme Affen zu halten und mit ihnen spazierenzugehen, so würde jeder bald wissen, daß man ihnen nicht zu pfeifen braucht. Auch bei Kindern ist das nicht nötig. Kinder und Affen können erkennen, daß ein ihnen nahestehender Mensch aus der Haustür getreten ist und mit ihnen gehen will. Sie werden ihm also freudig entgegenspringen. Der Hund als Nasentier kann das aber nicht erkennen, deshalb muß ihm sein Herr pfeifen. Einige weitere Beispiele: Ein Gutsbesitzer wunderte sich darüber, daß jedesmal, wenn er mit seinem Wagen an den weidenden Kühen vorüberfuhr, die beiden Hirtenhunde mit großem Geblaff die vor den Wagen gespannten Schecken, also weiß und dunkel gefärbte Pferde, verfolgten. Der Hirt gab die folgende Erklärung über dies eigentümliche Gebaren: Die Hunde halten die beiden Schecken wegen ihrer ähnlichen Färbung ebenfalls für Kühe und wollen verhindern, daß sie sich von der Herde entfernen. Deshalb laufen sie mit Gebell hinterdrein. Die Erklärung des Kuhhirten dürfte durchaus richtig sein, wie ja überhaupt unter solchen Leuten ausgezeichnete Tierbeobachter zu finden sind. Wie wenig muß also das Hundeauge fähig sein, Einzelheiten zu unterscheiden, wenn es sogar ein Pferd mit einer Kuh verwechseln kann. Der Schweizer Bildhauer Urs-Eggenschwyler erzählt von einer ähnlichen Verwechslung: Er hatte einen jungen Löwen von etwa sechs Monaten, mit dem er spazierenging. Ein Ziehhund hielt die mächtige Katze für seinesgleichen und wollte mit ihr raufen. Erst als er sie vorher beroch und plötzlich merkte, wen er vor sich hatte, flüchtete er mit allen Zeichen großer Angst. Ein deutscher Forstbeamter in Rußland schilderte vor dem Weltkriege folgendes Erlebnis: Sein Dachshund wurde von einem Wolf gepackt und fortgeschleppt. Schnell schoß er nach dem Räuber, der zwar nicht getroffen wurde, aber die Beute fallen ließ. Als der Hund wiederhergestellt war, flüchtete das sonst so mutige Tier vor jedem grauen Geschöpf von Wolfsgröße, selbst vor Schafen, die diese Färbung zeigten. Von eigenen Erlebnissen will ich hier nur das folgende anführen: Wir hatten einen Hund, der sich sehr zum Raufbold entwickelt hatte, weshalb ich ihn an der Leine führen mußte. Wie alle Hunde, suchte er mit Vorliebe auf der Straße Hundebekanntschaften zu machen. In einer ziemlich leeren Straße eines Vororts zerrte er plötzlich mächtig an der Leine. Ich wunderte mich darüber, weil ich keinen seiner Artgenossen im Umkreise erblicken konnte. Dagegen hatte ein Arbeiter das Pflaster aufgerissen, und aus der Grube, in der er stand, schaute sein Rücken heraus und bewegte sich hin und her. Als ich den Blick des Hundes weiterverfolgte und die Leine nachließ, wollte er wirklich auf diesen Mann zulaufen; er hielt dessen Rücken für einen Hund. Sehr oft habe ich es erlebt, daß Hunde die auf Zäune verkehrt aufgestülpten Geschirre für Katzen hielten und heftig danach bellten. Noch beweiskräftiger dürfte folgender Vorfall sein: Etwa ein halbes Dutzend Herren und ich, wir waren von einem Freunde zu einer Hasenjagd geladen. Jeder führte einen prächtigen Hund bei sich. Es war im Januar bei schönstem Sonnenschein, aber sehr windig. Als wir das Revier betreten hatten, sahen wir mit einem Male, daß uns der Wind von der etwa einige hundert Schritt entfernten Chaussee ein Stück braunes Packpapier zutrieb. Ein menschliches Auge konnte bei dem klaren Sonnenschein mit Leichtigkeit erkennen, was es war. Die Hunde dagegen hielten das heranrollende Papier für einen Hasen, und als wir sie zum Zwecke einer Prüfung losließen, stürzten sie alle darauf zu. Erst als sie kurz vor dem Papiere in die Windrichtung gekommen waren, klärte ihre Nase sie über den Irrtum auf. Das Auge des Hundes kann also bei Tageslicht keine Einzelheiten unterscheiden. Daher stammen die groben Verwechslungen. Alles, was dagegen angeführt wird, ist nicht stichhaltig. Wie oft wird erwidert: Ein Hase, der ein paar hundert Schritt entfernt war, wurde von meinem Hunde gesehen; er muß also gute Augen haben. Der Schluß ist falsch. Der Hund hat nur gesehen, daß sich etwas Braunes bewegte, und vermutet: das kann ein Hase sein. Gewußt hat er es nicht. Ebenso beweist es nichts, wenn er einen im Schaufenster aufgestellten ausgestopften Fuchs wütend anbellt. Denn er würde ebenso wütend bellen, wenn man diesen Fuchs mit einem rothaarigen Dachshunde vertauschte. Wir dürfen also bei der Beurteilung der Handlungen von Tieren niemals vergessen, daß ihre Sinne vielfach ganz anders beschaffen sind als die unsrigen . So ist es bekannt, daß Pferde manchmal vor den harmlosesten Dingen, z. B. einem Blatt Zeitungspapier, scheuen. Vergegenwärtigt man sich, daß Pferde ein schwaches Gesicht haben, so erscheint ihr Verhalten schon in einem ganz anderen Lichte. Sodann müssen wir, wie schon hervorgehoben wurde, immer an die Lebensweise der wilden Vorfahren unserer Haustiere denken; denn diese sind nicht plötzlich als Haustiere auf unserer Erde erschienen, sie haben früher als wilde Tiere gelebt. Erst allmählich sind sie von dem Menschen gezähmt worden. Zwar können wir nicht von allen Haustieren einwandfrei die wilden Vorfahren ermitteln. Doch das tut nichts zur Sache. Wenn auch Streit darüber entbrennt, wer z. B. der Vorfahr unseres Haushundes war, so steht das eine doch unzweifelhaft fest, daß er mit Wildhunden, Wölfen und Schakalen verwandt ist. Aus der Lebensweise dieser frei lebenden Geschöpfe können wir also die wichtigsten Folgerungen für unsern Haushund ziehen. Das werden wir später auch sehen. Sind außer der Katze noch andere Haustiere ursprünglich Nachttiere gewesen? Wir Menschen sind davon durchdrungen, daß es so, wie es bei uns ist, auch bei den Tieren sein muß – gelehrt drückt man das aus: wir nehmen den anthropozentrischen Standpunkt ein. – Deshalb hielt es eine sehr kluge Dame für die selbstverständlichste Sache der Welt, ihren Hund zur Strafe für eine Unart in die dunkle Kammer zu sperren. Damit das Einsperren in einen dunklen Raum als Strafe wirkt, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Einmal muß das eingesperrte Geschöpf ein Herdentier sein, dem also die Vereinsamung unangenehm ist, zweitens aber muß es ein Tagtier und kein Nachttier sein. Denn für ein Geschöpf, das überhaupt in der Dunkelheit durchaus lebendig ist, kann die Finsternis keine Schrecken besitzen. Beide Voraussetzungen treffen beispielsweise bei unserer Katze nicht zu. Und in der Tat hätte sich die erwähnte kluge Dame wohl auch besonnen, eine Katze, die etwa Milch genascht oder in der Speisekammer geräubert hätte, in einen dunkeln Raum einzusperren. Unsere Mieze wäre darüber seelenvergnügt gewesen. Einmal ist sie kein Herdentier wie der Hund, empfindet also das Alleinsein nicht als Strafe. Sodann ist sie, was allgemein bekannt ist, ein Geschöpf, das mit Vorliebe in der Nachtzeit auf den Fang von Mäusen ausgeht. Schon ihre Augen verraten, daß sie ein Nachttier ist. Je dunkler es wird, desto größer werden ihre Pupillen, während sie bei hellem Sonnenschein nur einen feinen Strich bilden. Wie ist es nun mit dem Hunde? Ist er von Hause aus ein Tagtier oder Nachttier? Ganz gewiß schläft der feiste Mops von Fräulein Tuntenhausen in der Nacht fest und ist sogar am Tage oft noch schläfrig. Ebenso schlafen die Löwen im Zoologischen Garten in der Nacht und sind am Tage wach. Das sind aber Ausnahmen, weil ganz unnatürliche Verhältnisse vorliegen. Es gibt ja auch bei uns Lebemänner, liederliches Weibsvolk, Bummler und Verbrecher, ganz abgesehen von jenen Menschen, die durch ihre Berufspflicht an die Nacht gebunden sind, wie Nachtwächter und zahlreiche Nachtarbeiter. Sie machen den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage. Deshalb sind sie aber noch lange keine Nachtgeschöpfe. Unsere Augen sind nicht für die Dunkelheit gebaut. Gewiß tut Anpassung sehr viel, und mancher Großstädter sieht mit Erstaunen, wie sich ein Dorfbewohner in einer finsteren Gegend zurechtfindet. Mit den Nachttieren verglichen, sind wir jedoch reine Stümper. Als Jäger kann man oft beobachten, daß erschrecktes Wild eiligst in den Wald flüchtet. In schnellstem Lauf geht es durch die Bäume, kein Mensch könnte folgen. Wie das Wild, so sind auch Wolf und Fuchs, die Verwandten unseres Haushundes, Nachttiere. Zur Nachtzeit sucht Isegrim auf der Weide ruhende Haustiere zu überfallen, ebenso macht Reineke seine Stallbesuche während der Dunkelheit. Von den verwilderten Hunden im Orient wissen wir, daß sie am Tage ruhen und sich von der Sonne bescheinen lassen, während sie mit Einbruch der Dämmerung lebendig werden. Genau so benimmt sich heute noch unser Hund in naturgemäßen Verhältnissen, z. B. der Dorfhund. Am Tage läßt er sich die Sonne auf den Pelz scheinen, wird aber mit Einbruch der Dunkelheit tatendurstig. Am besten kann man das bei wildernden Hunden beobachten. Wenn es irgend möglich ist, wildern Hunde am liebsten zur Nachtzeit, wie noch heute Wolf und Fuchs in der Dunkelheit auf Raub ausgehen. Der Hund wäre ja zur Nachtzeit kein so vortrefflicher Wächter, wenn er nicht selbst ursprünglich ein Nachttier gewesen wäre. An seinen Augen können wir das unzweifelhaft feststellen. Wie alle Nachttiere, so hat auch der Hund auffallend große Pupillen. Durch ihre Größe fangen sie jeden Lichtstrahl auf. Deshalb sind Nachttiere in der Dunkelheit den Tagtieren im Sehvermögen überlegen. Das Einsperren eines Hundes in eine dunkle Kammer ist also zwecklos, weil der Hund als ursprüngliches Nachttier die Dunkelheit durchaus nicht als etwas Unangenehmes empfindet, sondern sich sehr wohl dabei fühlt. Hingegen werden Hunde das Alleinsein nicht lieben, weil alle Wildhunde in Rudeln jagen. Das Einsperren in eine Kammer kann also an sich als Strafe wirken, nur braucht die Kammer dann nicht dunkel zu sein. Pariahunde (herrenlose Hunde im Orient). Mehr noch empfinden Tagaffen, namentlich junge, genau wie unsere Kinder das Alleinsein und die Dunkelheit als etwas Schreckliches. Bei jungen Schimpansen konnte ich mich überzeugen, daß sie ganz verzweifelt werden, wenn sie in einem dunkeln Raum allein sind. Sie sind eben, wie wir Menschen, Herdentiere und Tagtiere. Wie der Hund, so sind auch Pferd, Rind, Schwein, Ziege und Schaf ursprünglich Nachtgeschöpfe. An ihren großen Pupillen ist das noch deutlich erkennbar. Taggeschöpfe unter unseren Haustieren sind Hühner, Tauben, Fasanen, Puter usw. Die Hühner suchen bekanntlich ihren Stall sehr zeitig auf. So scharf ihr Auge am Tage auch ist, so scheinen sie in der Dämmerung bereits schlecht sehen zu können. Von einem Menschen, der sich in der Dämmerung nicht zurechtfindet, sagt man deshalb scherzweise: Er hat die Hühnerkieke. Wildenten sind sowohl am Tage als in der Nacht tätig. Solche Tiere, die gewissermaßen von der Sonne unabhängig sind, kommen unter den Vögeln nicht selten vor. Am bekanntesten ist die Nachtigall, die bei hellem Sonnenschein und auch in der Dunkelheit ihr Lied erschallen läßt. Während die Augen der Hühner und aller Tagvögel hell sind, haben Enten, Nachtigallen u. dgl. dunkle Augen. Die Frage, ob ein Haustier ein Tag- oder Nachtgeschöpf ist, wird manchem als gelehrte Spielerei erscheinen. Das ist ein Irrtum. Diese Frage ist für die Fütterungszeiten von ausschlaggebender Bedeutung. Für kein Geschöpf wird es von Vorteil sein, kurz vor dem Schlafengehen sich den Leib vollzustopfen. Dagegen wird ein reichliches Frühstück stets ganz am Platze sein. Wildentenzug. Nach einem Gemälde von G. Vastagh . Die abendlichen Fütterungen von Pferden, Rindern usw. wären sehr wenig vorteilhaft, wenn es sich nicht um ursprüngliche Nachttiere handelte. Ebenso ist für den unter natürlichen Verhältnissen, also nicht im Zimmer lebenden Hund abends reichliches Futter am zweckmäßigsten. Dagegen wird man es vermeiden, die ausgesprochenen Tagtiere, wie Hühner und Tauben, abends stark zu füttern, so daß sie mit vollem Magen ihre Ruhestätte aufsuchen. Pferde in der Nacht ziehen zu lassen, ist also durchaus keine Tierquälerei, wie viele glauben. Denn die Wildpferde sind auch in der Nacht ständig auf den Beinen, da ihre Feinde, die Großkatzen und die Wölfe, zu dieser Zeit unter ihnen Beute zu machen suchen. Den Schlaf in unserem Sinne kennen die meisten Tiere, namentlich Pferde, nicht. Es ist daher kein Wunder, daß, wenn man nachts den Pferdestall betritt, so viele Pferde wach sind. Eigentlich schlafen nur diejenigen fest, die am Tage schwer zu ziehen hatten. Warum fürchten wir Menschen die Dunkelheit? Weil in früheren Zeiten zur Nachtzeit unsere Feinde, die großen Raubtiere, darauf ausgingen, uns gleichfalls zu überfallen. Außerdem leisten unsere Augen in der Finsternis nichts, weil wir, wie gesagt, Taggeschöpfe sind. Pferde dagegen als ursprüngliche Nachttiere sehen in der Dunkelheit vortrefflich, wie jeder Reiter weiß. Das gleiche trifft für Hunde zu. Überhaupt sind alle Säugetiere unter unsern Haustieren – nicht nur die Katze – in früheren Zeiten Nachttiere gewesen. Bedürfen Tiere des Unterrichts? Mit dem Lernen der Tiere ist es eine eigene Sache. Zwar heißt es in dem schönen Liede, daß die Enten schnattern »lernen«, und ebenso von anderen Tieren, daß sie fliegen, klettern, schwimmen usw. lernen. Aber da ist doch ein großer Unterschied zwischen Menschen und Tieren. Wir pflegen zu sagen: »Mancher lernt's nie!« Und das stimmt! Dagegen habe ich bei Tieren niemals beobachten können, daß ein Tierjunges seine Lektion nicht erfaßt hätte. Wir wissen von unsern Luftschiffern, wie schwierig das Fliegen ist. Trotzdem hat man noch keinen Vogel gesehen, der es nicht gelernt hätte. Schwere Arbeit. Nach einem Gemälde von A. Wesemann . Vor einigen Jahren hat ein amerikanischer Professor seine Untersuchungen über das Lernen der Katzen veröffentlicht, die ganz im Widerspruch mit obigen Ausführungen stehen. Über das Ergebnis des Gelehrten wird berichtet: Er wählte eine Katze, die in aller Abgeschiedenheit drei Junge warf, und begann seine Versuche erst, als die drei jungen Katzen fünf Monate alt waren, mithin genug Kraft hatten, auch eine ausgewachsene Maus zu töten. Während dieser fünf Monate wurden die Jungen von der Außenwelt streng abgeschlossen, damit als sicher gelten konnte, daß sie vor den Versuchen keine Maus gesehen und noch weniger gejagt hatten. Der Kürze halber bezeichnen wir in der Folge die alte Katze mit dem Buchstaben A, die drei jungen mit B, C und D. Als D in den Käfig, in dem eine große Maus gefangen war, eingelassen wurde, fing das Tier alsbald zu schnauben an und zeigte eine gewisse Unruhe. Dann, als die Maus eine Bewegung machte, bemerkte sie es, lief darauf zu und gab ihr mit der Pfote einen leichten Schlag. Hierauf begann ein endloses Versteckspiel, bei dem D nicht ein einziges Mal knurrte und niemals seine Krallen brauchte. Nach Ablauf einer Stunde wurde die Maus aus dem Käfig entfernt und untersucht. Sie hatte nicht eine einzige Kratzwunde am Leibe. Sodann wurden B und C der gleichen Prüfung unterzogen und verhielten sich dabei genau wie ihr Bruder; sie spielten mit der Maus, wie es alle jungen Katzen mit den Gegenständen tun, die sich bei der Berührung mit den Pfoten fortbewegen. Sie taten aber der Maus nichts zuleide. Diese Vorversuche stellten fest, daß keine der drei jungen Katzen einen instinktiven Hang zum Jagen, Töten und Fressen der Mäuse zeigte. Sechs Wochen später wurden die Versuche fortgesetzt. Jede Katze blieb zwanzig Minuten lang mit einer Maus im Käfig. Um noch sicherer zu gehen, hatte man diesmal die Katzen unmittelbar vorher 24 Stunden lang fasten lassen. Nun war das Spiel allerdings merklich ungestümer, und die Pfotenhiebe fielen sichtlich kräftiger aus, doch auch diesmal zogen sich die Mäuse ganz heil, ohne die geringste Schramme zurück. Sodann war man begierig zu erfahren, ob die Jungen sich von der mütterlichen Kunst etwas aneignen, ob sie durch Anschauungsunterricht lernen würden, eine Reihe von Handlungen auszuführen, die ihnen ihr Instinkt nicht eingegeben hatte. Nachdem man B zehn Minuten lang mit der Maus hatte spielen lassen, wurde die Mutter A in den Käfig geschoben. Sie stürzte sich sogleich und ohne weitere Umstände auf die Maus, tötete und fraß sie auf. Alle ihre Bewegungen wurden von B aufmerksam verfolgt. Als die Mutter ihr Mahl beendet hatte, wurde sie aus dem Käfig entfernt und eine andere Maus hineingelassen. Ungeachtet des mütterlichen Beispiels fing B mit der Maus wieder das harmlose Spiel an. Einige Minuten später trat D hinzu; nun spielten beide nach Herzenslust mit ihrem lebendigen Spielzeug weiter. Doch wenn eines die Maus zwischen den Pfoten hielt und das andere Miene machte, sie ihm zu entreißen, ließ der Bedrohte ein Murren hören; es war also schon eine kleine Kriegsstimmung entstanden. Man entfernte hierauf D und brachte wieder die Alte in den Käfig. Sie war mit der Maus bald fertig. Doch dieses Mal erlaubte sie dem Sprößling, den Kadaver mit den Zähnen zu ergreifen. Sie hatte ja ihren Heißhunger kurz vorher gestillt. Aber B wartete mit dem Fressen der Maus dennoch, bis die Mutter das Fleisch der Beute bloßgelegt hatte; dann, als er einmal davon gekostet hatte, ließ er sich freilich nicht bitten, das unerwartete Mahl gründlich zu genießen. Mit diesen Versuchen scheint bewiesen, daß die drei jungen Katzen im Alter von sieben Monaten keinen Instinkt mitbrachten, der sie antrieb, Mäuse zu fangen und zu fressen. Und damit wäre eine alte Anschauung widerlegt. Anderseits lehrten die Versuche, daß die Jungen das Mäusefangen rasch lernen, wenn die Mutter es ihnen vormacht. So das Ergebnis des amerikanischen Professors. Für mich ist es ein glücklicher Umstand, daß ich bereits vor vielen Jahren eine ähnliche Ansicht hörte und mich deshalb eingehend mit der Sache befaßt habe. Ich hielt die Meinung für irrig, war aber nicht in der Lage, meine Behauptung zu begründen. Denn unsere jungen Katzen wachsen unter Anleitung der alten auf – wie soll man da beweisen, daß dieser Unterricht nicht unbedingt erforderlich ist? Im Interesse der Wissenschaft habe ich deshalb mehrere junge Katzen aufgezogen, die eben erst von der Mutter entwöhnt waren. Um ganz sicher zu sein, daß sie nicht den geringsten Unterricht genossen hatten, wählte ich Junge von Großstadtkatzen, die aus Wohnungen stammten, wo es gar keine Mäuse gibt. Hierbei konnte ich bei allen Katzen feststellen, daß sie ohne jede Anleitung ihr Räuberhandwerk in größter Vollendung ausüben. Namentlich waren sie sehr erpicht auf die Fliegenjagd. Das lautlose Anschleichen an eine Fliege, das regungslose Sichducken, den plötzlichen Sprung verstanden alle mit vollendeter Meisterschaft. Ebenso wußten sie sofort sehr gewandt mit der Pranke zu schlagen, um die an der Fensterscheibe befindliche Fliege zu haschen. Weiter ein ähnlicher Fall: Einer meiner Bekannten wohnte seit vielen Jahren in Berlin. Als Tierfreund hielt er sich Hunde und Katzen. Eine seiner Katzen war in Berlin geboren und etwa acht Jahre alt, als er wieder aufs Land zurückkehrte und sich ein kleines Gut kaufte. Ich habe ihn dort wiederholt besucht. Hierbei machte er mich darauf aufmerksam, daß seine alte Katze, die in Berlin niemals ein Mauseloch kennengelernt hatte, sich auf dem Lande sofort als geübte Mäusefängerin gezeigt hätte. Wir beobachteten sie, erzählte er, wie sie auf dem Acker sprungbereit vor einem Loche saß. Und zwar saß sie ganz richtig, nämlich so, daß sie von der Maus nicht wahrgenommen werden konnte – genau wie eine alte, geübte Mäusefängerin. Wer noch daran zweifelt, daß bei den Tieren der Unterricht nur ihre Fähigkeiten schneller erwachen läßt, aber sie durchaus nicht hervorruft, den möchte ich auf folgende Punkte aufmerksam machen: Man denke daran, wie unbeholfen ein junges Menschenkind ist, und wie sehr es behütet werden muß, damit ihm kein Übel geschieht. Nun nehme man ein eben erst entwöhntes Kätzchen von sechs Wochen und beobachte, wie sachgemäß es sich bei allen Gefahren zu benehmen weiß. So drohte einmal ein Tisch umzufallen, auf dem ein Kätzchen saß. Mit bewundernswerter Gewandtheit wußte es sofort einen Ausweg aus der Gefahr zu finden, es kletterte nach der obersten Kante und hielt sich mit seinen Krallen fest. Kommt ein fremder Hund, so weiß eine junge Katze sofort, daß sie einen Buckel machen und speien muß. Wie viele andere Raubtiere, so haben auch die Katzen die Gewohnheit, ihre Ausscheidungen zu vergraben. Das wird benutzt, um sie stubenrein zu halten. Man stellt deshalb einen Napf mit trockenem Sand in irgendeine Ecke. Jede junge Katze hat sofort aus eigenem Antriebe diesen stillen Winkel benutzt. Da jede Katze stets allein gehalten wurde, so hatte sie also niemals Gelegenheit, es von einer älteren Kameradin abzusehen. Jede Katze weiß außerdem, daß Pflanzen für ihre Verdauung vorteilhaft sind; denn sie sind ganz erpicht auf Blumen. Obwohl auf dem Gute meines Vaters stets eine Menge Katzen war, so war mir diese Leidenschaft der Katzen für Pflanzen – vom Baldrian abgesehen – noch nicht bekannt. Jede junge Katze weiß auch sofort mit tödlicher Sicherheit, an welcher Stelle sie am weichsten liegt. Müßte das alles erst durch Unterricht erlernt werden, so könnte sich kein Mensch ein junges, eben erst entwöhntes Tierchen anschaffen. Er müßte immer erst warten, bis es bei der Alten »ausgelernt« hätte. Wie erklärt sich der Unterschied der Ergebnisse, zu denen wir im Gegensatz zu dem amerikanischen Gelehrten gelangt sind? Sind etwa die amerikanischen Katzen dümmer? Ich halte das für ausgeschlossen und nehme an, daß der Gelehrte seine Versuche zu früh angestellt hat. Denn ich konnte auch bei meinen Katzen feststellen, daß sie für gewisse Dinge, z. B. Fischefangen, erst später Verständnis hatten. Jedenfalls spielen »Schulfragen und Schulsorgen« in der Tierwelt glücklicherweise nur eine ganz nebensächliche Rolle. Werden Tiere durch Erfahrung klüger? List und Verstellung in der Tierwelt. Die meisten Tierbeobachter bejahen die Frage, ob die Tiere im Laufe der Lebenszeit an ihren geistigen Fähigkeiten zunehmen, also klüger werden, ganz unbedenklich. Namentlich die Jäger schwören darauf, daß ihr Hund, insbesondere der Jagdhund, durch den beständigen Verkehr mit dem Menschen ungeheuer klug geworden sei. Allgemein herrscht daher der Glaube, daß ein Hund, der verwildert ist und sich zu den Wölfen begibt, von ihnen zum Führer gewählt wird. Schon der bekannte Naturforscher Lenz hat diesen Glauben für lächerlich erklärt und behauptet: Die Wölfe werden niemals einen Hund zum Führer wählen; im Gegenteil, sie zerreißen und fressen ihn. Glücklich entwischt! Nach einem Gemälde von H. Sperling . Am meisten ist wohl Thompson von der Überzeugung durchdrungen, daß die Tiere den Grundsätzen der Entwicklung gemäß an Klugheit zunehmen. Er schildert eine Präriewölfin, die als Gefangene die Schliche des Menschen kennenlernt und später als freies Geschöpf sich klug den Verhältnissen anpaßt und ihre Nachkommenschaft in der Vermeidung der Gefahren unterrichtet. Thompson ist also ein Anhänger von Darwin, der die Bedeutung der Erfahrung in der Tierwelt besonders hervorhebt. Und es ist unbestreitbar, daß sich überall die Jungen einer Tierart viel leichter fangen und beschleichen lassen als die Alten. Was die letztgenannten betrifft, meint Darwin, so ist es auch unmöglich, viele an demselben Ort mit derselben Art von Fallen zu fangen oder sie durch dieselbe Art Gift zu vernichten. Sie müssen daher lernen, vorsichtig zu werden, wenn sie ihre Genossen gefangen oder vergiftet sehen. In Nordamerika, wo die Pelztiere schon seit langem verfolgt werden, zeigen sie nach dem einstimmigen Zeugnis aller Beobachter einen fast unglaublichen Grad von Scharfsinn, Vorsicht und List; indes sind dort die Fallen bereits so lange in Gebrauch, daß hier nun vielleicht auch Vererbung mitspielt. Darwin hat mehrere Mitteilungen erhalten, nach denen in Gegenden, die von neuen Telegraphenleitungen berührt wurden, anfangs viele Vögel den Tod fanden, weil sie gegen die Drähte flogen. Aber im Laufe einiger weniger Jahre lernten sie diese Gefahr meiden; sie erkannten, wie viele ihrer Genossen den Tod gefunden hatten. Dieser Ansicht Darwins muß man vollkommen beipflichten. Die Tiere lernen in der Tat durch Erfahrung. Auch hierfür einige Beispiele: Als in Berlin die Stadtbahn eröffnet wurde, kam es anfänglich vor, daß Tauben, die sorglos auf den Schienen saßen, von der Lokomotive erfaßt und getötet oder verstümmelt wurden. Die Tiere hatten die Schnelligkeit des heranbrausenden Zuges unterschätzt. Später habe ich von ähnlichen Fällen nie etwas vernommen. Als in einem westlichen Vororte Berlins, den ich sehr genau kenne, an Stelle der bisherigen langsamen Dampf- bzw. Pferdebahn die schnelle elektrische Straßenbahn eingeführt war, kamen in der ersten Zeit etwa 30 Hunde durch Überfahrenwerden ums Leben. Jetzt, wo die Bahn seit Jahren fährt, habe ich ganz selten etwas davon gehört oder gelesen, daß Hunde überfahren worden seien. Das erste Erlebnis. Nach einem Aquarell von A. Weczerzick . Das Tier lernt also auch die technischen Neuerungen des Menschen verstehen und richtet sein Verhalten danach ein. Der Hund kennt sehr wohl den Zweck des Wagens, denn faule Hunde springen gern in ihn hinein. Doch nichts hat wohl größern Eindruck auf die Tierwelt gemacht als die Erfindung des Schießpulvers. Den Knall des Gewehrs kennt jedes Wild nur zu gut. Der Jagdhund ist überglücklich, wenn sein Herr die Flinte ergreift; er weiß, was sie zu bedeuten hat. Von den Hunden hat besonders der Jagdhund manches hinzugelernt, was an sich seinem innersten Wesen teilweise ganz zuwider ist, z. B., daß er einen Hasen nicht hetzen oder ein erlegtes Wild nicht »anschneiden« darf. Der Hund des Trüffelsuchers lernt das Auffinden von Trüffeln, obgleich er doch als früheres Raubtier für Pilze sicherlich wenig Verständnis mitbringt. Der Käfigvogel hebt sein Futter mit dem Schnabel auf. Der sonst so scheue Sperling nistet unmittelbar unter Eisenbahnbrücken; es stört ihn nicht, daß sich das Donnergetöse der Züge fast in jeder Minute hören läßt. Auch das Pferd, dem häufig ein Geräusch so starke Furcht einjagt, daß es sinnlos davonstürmt, hat sich an das Großstadtgetriebe allmählich gewöhnt. Den erfahrenen Droschkengaul bringt weder das Getöse der Eisenbahnen noch das Geratter und Geknatter der Autos, weder Militärmusik noch das Lärmen der Feuerwehr, weder Straßenbahnen noch riesige Möbelwagen aus seiner Ruhe. Um den Grad dieser Gewöhnung richtig einzuschätzen, muß man bedenken, daß bei dem ersten Auftauchen der Radfahrer Landpferde oft lediglich durch den bloßen Anblick dieser ungewohnten Erscheinung zu sinnlosem Durchgehen veranlaßt wurden. Auf Erziehung bzw. Gewöhnung ist auch der Umstand zurückzuführen, daß es sich beim Anspannen rückwärts an den Wagen schieben läßt und beim Anschirren ganz ruhig verhält. Der Tierpsychologe Perty ist ebenfalls der Überzeugung, daß die Tiere durch Erfahrung klüger werden, und führt dafür einige Beispiele an: Trüffelsuchendes Schwein Phot. Géniaux, Paris. Der Truthahngeier fliegt, wie der amerikanische Forscher Audubon beobachtet hat, gleichgültig über ein ruhendes oder schlafendes gesundes Tier hinweg, weicht aber nicht von einem kranken, verwundeten oder im Sumpfe steckenden, bis es tot ist. Die Kaninchen ziehen aus Erlebtem Erfahrungen und Kenntnisse für die Zukunft. Im Sommer gehen sie gegen 8 bis 9 Uhr morgens und dann einige Stunden vor Sonnenuntergang auf die Atzung. Sieht man sie aber schon um 2 oder 3 Uhr nachmittags draußen gierig fressen, minder vorsichtig als sonst, so regnet es ganz gewiß noch an demselben Abend oder aber in der Nacht. Diese beiden Beispiele sind nicht überzeugend, da es sich hier um Gewohnheiten handelt, die diesen Tieren schon in Urzeiten eigentümlich waren. Lehrreicher sind folgende Fälle: Der Rabe, der an sich oder anderen die Wirkung einer Flinte kennengelernt hat, flieht sogleich, wenn jemand mit einem Schießeisen naht; er bleibt aber ruhig sitzen, wenn Menschen mit Stangen, Reisigbündeln u. dgl. vorübergehen. Er unterscheidet also die Flinte von einem Stocke oder einer Stange, durch Erfahrung weiß er, daß jene ihm Gefahr bringt, und flieht. Manche Tierforscher behaupten, der Rabe könne die Flinte von gefahrlosen Gegenständen nicht unterscheiden, er rieche vielmehr das Pulver der Ladung. Aber das kommt m. E. auf eines heraus; immer muß Urteil und Schluß auf Erfahrung gegründet sein, mag die veranlassende Wahrnehmung durch den Gesichts- oder Geruchssinn erlangt worden sein. Manche Vögel, z. B. Rotkehlchen und Amseln, die man im Winter im Käfig gehalten hat und im Frühling fliegen ließ, fanden sich im Spätherbste wieder ein und verlangten Einlaß. So beobachtete der Tierforscher von Göze ein Rotkehlchen, das zwei Jahre nacheinander freiwillig in die Gefangenschaft zurückkehrte. Auch Budde schließt sich in seinen Berichten über Tierbeobachtungen der herrschenden Ansicht an und begründet sie wie folgt: Im allgemeinen haben die nestbauenden Vögel die Eigenschaft, daß sie den Unrat ihrer Jungen sorgfältig im Schnabel wegtragen und ihn aus der Nähe des Nestes entfernen. Die Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung liegt auf der Hand; täten es die Tiere nicht, so würde jedes Nest sehr bald durch den angesammelten Unrat von weitem kenntlich gemacht, und die Räuber hätten leichtes Spiel gegenüber den jungen Vögeln. Eine Abweichung von der Regel findet sich dementsprechend nur bei solchen, die so stark sind oder an so schwer zugänglichen Stellen wohnen, daß sie keine Räuber zu fürchten haben. Hochnistende Raubvögel, z. B. auch Raben und Kormorane, lassen den Schmutz ihrer Jungen fallen, wohin er will. Die Schwalbe hat nun für gewöhnlich dieselbe unreinliche Eigentümlichkeit wie die Adler und Raben; der Unrat ihrer Jungen wird unmittelbar am Nest fallen gelassen, und dadurch wird das Nest zu einer Schmutzquelle für die Umgebung. Diese Unterlassung hat keine bedenklichen Folgen, weil die Schwalbennester in der Regel unter Balken und Gesimsen hängen. Da ihr Inneres für Katzen und Wiesel unzugänglich ist, wäre es überflüssig, aus Gründen des Schutzes besondere Reinlichkeit zu beobachten. Es wird als sicher anzunehmen sein, daß die einzelne Schwalbe durchaus instinktiv handelt, wenn sie den Schmutz aus ihrem Nest dicht an seinem Rande zu Boden fallen läßt. Um so bemerkenswerter ist es aber, wenn die Tierchen in einzelnen Fällen, wo es sich um ihre gesicherte Existenz handelt, von dem Herkommen abweichen und Reinlichkeitsgewohnheiten annehmen, die ihnen für gewöhnlich fremd sind. In Japan wohnen sie vielfach in den Wohnhäusern der Eingeborenen, deren Türen bei Tage und meist auch bei Nacht offen stehen. Man schützt sie und pflegt unter ihren Nestern kleine Brettchen anzubringen, die den Schmutz vom Boden abhalten sollen. Nach glaubwürdigen Berichten haben viele Tierchen dort schon gelernt, das Schutzbrettchen überflüssig zu machen; sie tragen den Schmutz im Schnabel heraus und werfen ihn erst im Freien ab. Einzelne Tiere lernen bei uns das gleiche. In Néris-les-Bains befindet sich im Hofe des Hotels Raphanel in 2½ Meter Höhe vom Boden ein Schwalbennest. Es hängt dort seit mehreren Jahren, und die Baumeister erhöhen es jährlich um einige Millimeter. Als ich meiner Verwunderung Ausdruck gab, daß das Nest aus dem sehr reinlichen Hof nicht entfernt würde, sagte mir Herr Raphanel, daß die Vogelmutter seit mehreren Jahren allen Schmutz, der aus dem Nest auf den Boden fiele, sorgfältig im Schnabel weit forttrüge. Und er fügte hinzu: sie tue das, weil ihr sonst die Wohnung in dem Nest »gekündigt« würde. So scheint die herrschende Ansicht, nach der die Tiere durch Erfahrung klüger werden, durchaus begründet zu sein. Von den Anhängern dieser Auffassung ist jedoch übersehen worden, daß sie doch mit zwei Tatsachen in unlösbarem Widerspruch steht. Wäre der Hund durch den Verkehr mit den Menschen wirklich so viel klüger geworden, so könnte ihm wohl der Wolf körperlich überlegen sein, geistig aber nimmermehr. In Wirklichkeit liegt die Sache ganz anders. Der Wolf hat nicht nur ein viel stärkeres Gebiß und größere Kraft als der Hund, sondern er ist ihm auch an geistigen Gaben bedeutend überlegen. Nebenbei sei bemerkt, daß nur die Fabel aus diesem klugen Tier einen Dummkopf machen konnte. Die alten Römer, die die Wölfe ziemlich genau kannten, nannten Hannibal, ihren gefährlichsten Gegner, »veterem ac veteratorem lupum«, einen alten, durchtriebenen Wolf . Der Beweis für die größere Klugheit des Wolfes ist leicht zu führen. Bereits im Altertum ist es aufgefallen, daß die Hirtenhunde in der lächerlichsten Weise von den Wölfen übertölpelt werden. Ein Wolf erscheint in der Nähe der Herde mit der Gebärde, als ob er rauben wolle. Die Hunde stürzen sich auf ihn und jagen ihn in die Flucht. Unterdessen brechen andere Wölfe in die unbewachte Herde ein und holen sich in aller Gemütsruhe einige Stücke heraus. In gleicher Weise überlistet der Wolf im Winter den starken Haushund. Einer von Isegrims Scharen nähert sich dem Gebäude und flüchtet, sobald der Hund erscheint. Dieser fühlt sich als Sieger und verfolgt ihn ein gutes Stück und – rennt ins Verderben. Inzwischen hat ihm ein anderer Wolf den Rückweg abgeschnitten. Der Fliehende kehrt um, und beide Wölfe zerreißen den unklugen Wächter und lassen sich ihn gut schmecken. Mit der vielgerühmten Klugheit des Haushundes ist es ganz unvereinbar, daß er immer wieder ein Opfer dieser Überlistung wird. Ferner spricht gegen das »Klügerwerden durch Erfahrung« der Umstand, daß sich Raubtiere durch die Vogeleltern von den Jungen fortlocken lassen. Die alten Vögel stellen sich eine Zeitlang krank und fesseln dadurch den Feind an sich. Inzwischen bringen sich die Jungen in Sicherheit. In meisterhafter Weise hat der bekannte amerikanische Tierkenner Thompson geschildert, wie eine Fasanenhenne einen Fuchs an der Nase herumführt, indem sie sich lahm stellt, so daß sie der Fuchs verfolgt, ohne sie jedoch zu bekommen. Nachdem die Henne den Rotrock gründlich entfernt hat, ist sie plötzlich ganz gesund und fliegt zu ihren Jungen zurück. Diese von Thompson geschilderte Kriegslist kann man bei Vogeleltern sehr häufig beobachten. Ich habe an einem herrlichen Frühlingstage während eines Vormittags diese Verstellungskunst bei einem Rebhuhn, einem Fasan und einem Finkenweibchen selbst feststellen können. Ich begleitete nämlich meinen Freund auf dessen Jagdrevier, und die beiden zuerst genannten Vogelmütter stellten sich krank, um den Hund von den Jungen fortzulocken. Das Finkenweibchen aber flatterte zur Erde, als wir in die Nähe seines Nestes kamen. Nur nebenbei möchte ich bemerken, daß manche Naturforscher der Meinung sind, die Weibchen verstellten sich gar nicht, sondern hätten durch das anhaltende Brüten steife Flügel und könnten tatsächlich nicht fliegen. Dem widerspricht aber der Umstand, daß andere Vogelweibchen trotz anhaltenden Brütens vortrefflich fliegen, z. B. Tauben. Nach Schillings und anderen Afrikareisenden stellt sich auch der Strauß krank, um Löwen und andere Raubtiere von den Jungen fortzulocken. Der Strauß muß sich doch verstellen, denn fliegen kann er überhaupt nicht. Hätte die Mutter bzw. der Vater aber wirklich steife Beine oder lahme Flügel, warum werden sie dann niemals von den Feinden gepackt? Verstellungskunst: Die Rebhuhnmutter stellt sich flügellahm, um den Räuber von ihren Jungen fortzulocken. Nach einem Gemälde von A. Achleitner . Wir können diese Frage hier auf sich beruhen lassen, jedenfalls fallen die Raubtiere, und zwar selbst so kluge wie der Fuchs, seit Urzeiten auf den Schwindel herein, den die Vogeleltern mit ihnen treiben. Hier wäre ein Grund, an der Auffassung irre zu werden, daß die Tiere im Laufe der Zeit etwas hinzulernen. Wenn man die Frage bejaht, so ist die Täuschung durch die Vogeleltern damit zu erklären, daß sie nur alljährlich einmal, zur Zeit der Aufzucht der jungen Brut, beobachtet wird. Die Raubtiere haben inzwischen vergessen, daß es sich nur um eine Komödie handelt. Die geistige Überlegenheit des Wolfes gegenüber dem Hunde hingegen ist damit zu erklären, daß der Wolf ein Raubtier geblieben ist und bis heute noch seinen Raubtier-Instinkten folgt, während der Hund als Haustier die Triebe seiner Vorfahren größtenteils verloren hat. Demnach ist der Wolf nicht eigentlich klüger als der Hund, sondern er hat nur die dem Räuberleben besser angepaßten Naturtriebe. So ließe sich etwa die Behauptung rechtfertigen, daß die Tiere durch Erfahrung klüger werden. Jedenfalls ist unsere Anschauung, daß Hunde wegen ihrer Klugheit von den Wölfen zu ihren Anführern gewählt werden, durchaus unbegründet. Aus dem Vorstehenden ergibt sich, daß den Tieren List und Verstellung etwas ganz Bekanntes sind. Ich habe darüber ein ganzes Buch geschrieben. Die Meinung, daß die Kunst des Tierarztes leichter sei als die des Menschenarztes, da seine Patienten sich nicht verstellten, ist also ganz unbegründet. Einen lehrreichen Fall von der Verstellungskunst der Hunde berichtet Oberstleutnant Berghaus. Er hatte sich einen kleinen, schneidigen Hund von schwarzer Farbe, namens »Marko«, angeschafft. Marko war nicht mehr ganz jung, jagdlich zwar ganz tauglich, aber nur mittelmäßig begabt; dennoch hat er sich folgenden Geniestreich geleistet. Sein Gefährte war ein großer Leonberger, der Frau Berghaus gehörte und ihm an Stärke weit überlegen war. Trotzdem ging er diesem sofort eifersüchtig zu Leibe, wenn man sich mit ihm beschäftigte, weil er sich dadurch zurückgesetzt fühlte; genau so machte er es, wenn ihn der Futterneid plagte. Mit Argusaugen bewachte er den Topf, der die gemeinsame Mahlzeit enthielt und zum Erkalten irgendwohin gesetzt worden war, und falls »Bobby«, der Leonberger, sich ahnungslos dem Futter näherte, fuhr er ihm in die Parade. Natürlich genügte ein Griff, und »Marko« lag auf dem Rücken; aber fast täglich spielte sich dasselbe Manöver ab, da »Bobby« sich damit begnügte, den kleinen Krakeeler umzulegen, statt ihn ordentlich zu züchtigen. Ihre Mittagsmahlzeit erhielten beide gleichzeitig, wenn auch möglichst voneinander getrennt, auf dem Hofe. Aber während »Bobby« mit der Miene eines Feinschmeckers, der etwas Gutes zu würdigen weiß, langsam und mit Verständnis seine Mahlzeit zu sich nahm, schlang »Marko« die seinige in der Hälfte der Zeit hinunter und stand dann gierig neben der Schüssel seines Hausgenossen, was der dann manchmal mit einem warnenden Zähnefletschen beantwortete. Futterneid. Nach einem Gemälde von L. Cheviot . Nachdem Berghaus sich einige Zeit nicht weiter darum bekümmert hatte, erschien eines Tages seine Frau und sagte: »Sieh dir doch einmal die Fütterung mit an, da passiert jetzt tagtäglich eine Art Jagdgeschichte, die ich nicht glauben würde, wenn ich sie nicht sähe, selbst wenn du sie mir erzählt hättest. Jetzt bekommen sie gerade ihr Futter, nun pass' mal auf.« Gespannt beobachtete das Ehepaar hinter den Gardinen die beiden bei der Mahlzeit. Wie gewöhnlich war »Marko« bald fertig, während »Bobby« weiterfraß und den Kleinen deutlich anknurrte, als er sich verlangend dem Futternapfe näherte. Plötzlich stürzte sich »Marko« laut bellend auf die offene Hoftüre, »Bobby« ließ sein Futter im Stich und raste hinterher. Aber während dieser draußen genau untersuchte, was eigentlich vorging, schlich sich »Marko«, schleunigst kehrtmachend, an den verlassenen Futternapf, wo er sich gründlich gütlich tat. Als dann »Bobby« nach längerer Zeit zurückkehrte, waren nur noch einige traurige Knochenreste im Napf. »Marko« aber lag mit treuherziger Miene auf dem Hausflur. »So macht er es alle Tage,« meinte meine Frau; »erst dachte ich, es sei Zufall, und wollte dir nichts sagen, besonders weil du immer denkst, man will dir Jagdgeschichten erzählen; nun siehst du es aber selbst.« – Dem Erzähler war die Sache so interessant, daß er es sich nicht versagen konnte, in den nächsten Tagen um die Mittagszeit seine Beobachtungen fortzusetzen. Und richtig, alles spielte sich genau so ab, wie das erstemal, bis nach drei Tagen »das Unglück nahte«! »Bobby«, der doch wohl mißtrauisch geworden war, lief am vierten Tage, als er wiederum auf den Leim gegangen war, vor die Türe, kehrte aber bald darauf zurück und fand »Marko« gerade bei seinem Futternapf. Jetzt nahm er den Kollegen gründlich vor. Man sah deutlich, wie er dachte: So also liegt die Sache, du verdammter Kerl! Vierzehn Tage hast du mich genasführt, aber jetzt will ich es dir besorgen. – Berghaus hat den sonst so gutmütigen Hund weder vorher noch nachher so wütend gesehen und mußte schließlich eingreifen, weil er fürchtete, »Bobby« werde »Marko« zuschanden beißen. Vom Ortssinn unserer Haustiere. Die erste Bekanntschaft mit dem Ortssinn unserer Haustiere machte ich als Knabe auf dem väterlichen Gute. Eine alte Katze sollte abgeschafft werden. Als einfachstes und harmlosestes Mittel, sie loszuwerden, erschien das Aussetzen. Wir sperrten sie in einen Kasten, der auf einen kleinen Wagen gestellt wurde. Nun zogen wir alle – ich als der Jüngste eifrig dabei – mit ihr weit in den Wald hinein. Selbstverständlich machten wir erst die umständlichsten Zickzackfahrten, obgleich der Kasten ganz undurchsichtig war. Nach meiner Schätzung waren wir mindestens eine Meile gelaufen; man zählte damals noch nach Meilen. Bekanntlich ist eine Meile gleich 7,5 Kilometer. Es wird wohl aber nur die Hälfte oder dreiviertel gewesen sein. Nachdem wir noch, um die ausgesetzte Katze irrezuführen, weitergegangen waren, kehrten wir im Bogen nach dem Elternhause zurück. Hierbei überzeugten wir uns, daß Hinz uns nicht etwa folgte. Triumphierend wollten wir den Erfolg unseres Streiches verkünden. Doch wer beschreibt unser Staunen, als wir zu Hause unsere Katze in aller Seelenruhe auf ihrem alten Platze trafen. Derartige Erlebnisse sind bei Dorfbewohnern so häufig und gelten als so selbstverständlich, daß unter ihnen gar kein Zweifel besteht: Haustiere haben einen ausgeprägten Ortssinn. Ein anderes Mal waren wir erst am Abend aufgebrochen. Bei der Heimfahrt mußten wir eine gute Strecke durch einen dichten Wald fahren. Hierbei verirrte sich der Kutscher und wußte schließlich nicht mehr, wo wir waren. Da schien es am ratsamsten, den Pferden die Führung zu überlassen. Und das war unsere Rettung; denn die Tiere brachten uns glücklich auf dem geradesten Wege nach Hause. Jeder Reiter auf dem Lande weiß das aus Erfahrung. Ich führe das Zeugnis eines gerichtlichen Sachverständigen für Pferde, des Hauptmanns Ahlers, an: »Als junger Artillerie-Offizier stand ich in Jüterbog in Garnison. Im Dorfe Frankenförde, etwa 12–15 Kilometer von Jüterbog entfernt, war einer meiner Mitschüler, der Sohn des Ortspfarrers, in den Ferien bei den Eltern. Ich wollte ihn besuchen und benutzte einen sonnigen Herbsttag zu einem Ritt nach Frankenförde. Ich ritt aber nicht auf der Landstraße, sondern nach der Generalstabskarte quer durch den Wald auf den Gestellen der verschiedenen Jagen. Als ich am Abend zurückreiten wollte, fragte mich der Pfarrer, ob ich denn auch den Weg kenne. Ich hatte keine Ahnung, denn ich war nie vorher in Frankenförde gewesen. Die Nacht war stockdunkel. Am nächsten Morgen sollte ich frühzeitig im Dienst sein, mußte also unbedingt fort. Mein Freund brachte mich auf den Weg, und ich überließ mich mit langen Zügeln meinem Pferde. Ich konnte in dem dunklen Wald nicht die Hand vor Augen sehen. Weil öfters Kiefernzweige meinen Kopf streiften, suchte ich die Mitte des Weges zu halten. Mein braves Pferd verstand mich und erfüllte meinen Wunsch. Nach einigen Stunden hörte ich in der Ferne das Rasseln eines Eisenbahnzuges; kurz darauf tauchten auch Lichter der Eisenbahn auf. Nun war ich geborgen. Plötzlich befand ich mich im Orte Zinna, von dem aus ich am Tage vorher in den Wald abgebogen war. Die brave ›Bellona‹ kannte weder diese Gegend noch den Weg, auf dem sie mich mit unfehlbarer Sicherheit zurückgebracht hatte. Ich selbst hätte mich bei der Finsternis niemals zurechtgefunden.« Ebenso schildert von Unruh, welch ausgeprägten Ortssinn sein Fuchs (fuchsfarbenes Pferd) »Hans« ihm bei den häufigen Ritten durch die damals noch unbebauten Teile des westlichen Berlins bewiesen hat. Das Tier war nie im Zweifel, schreibt unser Gewährsmann, welcher Weg, auch wenn er ihm ganz neu war, der nächste zur Stallheimat sein könne. Ließ ich ihm den freien Willen, so suchte er sich einen Heimweg, der sich nachträglich auf der Karte stets als der allerkürzeste herausstellte. Er wählte dabei Wege, die ich selbst noch nie benutzt hatte, und er konnte sie nicht kennen, denn er war direkt aus seiner mecklenburgischen Heimat in unsern Stall gekommen. Die Sicherheit in der Richtung war bei Hans so auffällig und schien meinem Vater so unfaßlich, daß wir eine Probe machten. Wir ritten beide über Charlottenburg in die uns noch unbekannte Gegend von Saatwinkel, WNW von Berlin, von da nach Tegel im Norden, tauschten nach kurzer Rast die Pferde und ließen Hans die Wegwahl. Es fiel ihm gar nicht ein, etwa den weiten Umweg zurück zu wiederholen, er zauderte auch keinen Augenblick, sondern fand alsbald die große Straße von Tegel nach Berlin und folgte ihr bis zum Heimatsstall in der Nähe des Oranienburger Tores. In Bekanntenkreisen, fährt von Unruh fort, sprach sich das herum. Ungläubige boten eine Wette an, daß Hans quer durch das damals noch mauerumgürtete Berlin den nächsten Weg nicht finde. Der einwandfreie Austrag der Wette wurde dadurch erleichtert, daß einer der Reiter den Osten und Norden Berlins überhaupt noch gar nicht kannte. Eines Sonntags im Oktober 1863 ritten wir, zusammen sechs Herren, ganz früh zum Halleschen Tor nach Süden hinaus, schwenkten um den Südosten der Stadt, so daß wir beim Friedrichshain in die unbebaute Gegend vor dem Landsberger Tor kamen. Hier bestieg der Ortsunkundige den Hans, verpflichtete sich, keinerlei Hilfen zu geben, sondern Hans völlig den Willen und, da er voranritt, die Führung zu lassen. Hans führte ohne Zögern durchs Tor in die Landsberger Straße hinein. Am Alexanderplatz stutzte er ein wenig, wählte dann die Alexander-, Münz-, Weinmeisterstraße und nach kaum merklichem Zögern die Gipsstraße. Wo diese die August- und Große Hamburger Straße erreicht, blieb er einen Augenblick stehen – wir fünf Hinterherreitenden natürlich auch –, dann folgte er der August-, dann der Kleinen Hamburger Straße bis zur Stadtmauer und gewann so das Oranienburger Tor und damit die Stallheimat. Die Wette war glänzend gewonnen, denn der Stadtplan ergab, daß Hans den allerkürzesten Weg genommen hatte. von Unruh meint, daß solche Leistungen nur ausnahmsweise von hervorragenden Pferden vollbracht werden können. Er hat insofern recht, als es einzelne Pferde gibt, die keine Spur von Ortssinn haben. Wir machten einmal eine Probe mit einem Tier, das früher Berliner Omnibuspferd gewesen war und in der sandigen Niederlausitz seine Hufe auf dem weichen Ackerboden wieder gesunden lassen sollte. Wir fuhren also in einem mächtigen Kreise den ganzen Tag über und stellten schließlich fest, daß das Pferd keine Ahnung hatte, in die Nähe seines geliebten Stalles gekommen zu sein. Hat das alles aber mit edler Abstammung etwas zu tun? Ich möchte das bezweifeln. In Berlin hatte das Tier, wo es jahrelang dieselbe Strecke fuhr, gar keine Gelegenheit gehabt, seinen Ortssinn anzuwenden. Ähnliches beobachten wir bei uns Menschen. Es gibt Damen, die, weil sie stets in Begleitung von Männern gehen und von ihnen geleitet werden, nicht mehr imstande sind, allein den Weg nach Hause zu finden, den sie unzählige Male in Gesellschaft gegangen sind. Der Ortssinn eines Pferdes, überhaupt eines Haustieres, wird sich also um so deutlicher zeigen, je natürlicher die Verhältnisse sind, unter denen es lebt, also auf dem Lande und mehr noch unter Natur- als unter Kulturvölkern. Der berühmte Reisende Marco Polo berichtet uns, daß unter den Reitervölkern Innerasiens der Ortssinn ihrer Tiere die Grundlage eines großartigen Raubüberfalls bildet. Es ist selbstverständlich, daß ein überfallenes Volk sich zur Wehr setzt und den Räubern nacheilt, um ihnen die Beute wieder abzunehmen. Selbst ein Überfall in der Nacht gelingt nicht immer. Die Räuber verirren sich leicht in der Dunkelheit, außerdem werden sie am andern Tage von den Bestohlenen verfolgt. Da ist nun folgendes Verfahren ausgeklügelt worden. Die Räuber nehmen die Zeit wahr, wo die Fohlen auch ohne ihre Mütter bereits einige Tage leben können. Dann besteigen sie die Stuten und führen mit ihnen einen großen Überfall aus. Bei der Flucht suchen die Mütter in größter Eile wieder zu ihren Fohlen zu kommen. Alle Räuber werden also auf dem schnellsten Wege in der Dunkelheit nach Hause gebracht, so daß eine Verfolgung durch die Überfallenen aussichtslos ist. Wir sehen also, daß bereits vor mehr als einem halben Jahrtausend die Naturvölker mit dem Ortssinn der Tiere gewissermaßen ein Geschäft machten. Professor Heck, diese anerkannte Autorität, der Leiter des weltberühmten Berliner Zoologischen Gartens, bestätigt bei der Schilderung des Ameisenbären eine Beobachtung, die auch in anderen Zoologischen Gärten gemacht worden ist und den Ortssinn der Tiere in einem noch erstaunlicheren Lichte zeigt. Gefangene Tiere suchen naturgemäß die verlorene Freiheit wiederzugewinnen. Es ist nun mehr als wunderbar, daß manche Tiere stets eine Stelle zum Ausbruch wählen, die in der Richtung ihrer Heimat liegt. So suchen die aus Amerika stammenden Ameisenbären stets nach Westen auszubrechen, während sie es nach einer andern Richtung ebenso bequem hätten. Vor dem Weltkriege brachte das Monatsblatt des verstorbenen Professors Jäger einen interessanten Bericht über den Ortssinn eines Hundes. Dieser Vorfall, für den sich ein Herr Th. Michaelis in München verbürgt, verdient wohl, der Vergessenheit entrissen zu werden: In unserm Hause, schreibt der genannte Gewährsmann, verkehrt ein älterer Herr, Professor St., und sein Hund Lup, ein prachtvoller, zweijähriger Wolfshund von ungewöhnlicher Größe, schönem schlanken Gliederbau und graubraunem, dunkelglänzendem Fell. Der Herr hatte die bei manchem Gelehrten häufig belächelte Schwäche, er war alltäglichen Dingen gegenüber zerstreut und vergeßlich. So vergaß er des öfteren, wenn er in den »Franziskaner«, sein Stammlokal, zum Abendbrot ging und in später Stunde den Rückweg nach der bekannten Vorstadt Schwabing antrat, seinen Hund Lup, den er im Hof des »Franziskaner« an die Kette gelegt hatte, loszubinden und mit heimzunehmen. Der Hund wartete geduldig, bis das Lokal geschlossen und er von einer mitleidigen Kellnerin frei gemacht wurde, um allein nach dem entlegenen Schwabing zu rennen. Eines Tages oder vielmehr Nachts machten sich zwei Personen, die den Aufbruch des Professors beobachtet hatten, den Spaß, das verlassene Tier loszuketten und dem Wirt vorzutäuschen, sie würden dem Professor, der ihnen bekannt sei, den Hund wiederbringen. So wurde der Hund mitgenommen, aber nicht nach Schwabing, sondern weiß Gott wohin! Zu Hause vermißte der Professor seinen Hund, und da dieser nicht, wie sonst sooft, noch in der Nacht vor seinen Fenstern um Einlaß bellte, ging er morgens in den »Franziskaner« und erfuhr dort die Entführung des Hundes. Der Beschreibung nach glaubte er die eine Person zu kennen und ging in ihre Wohnung, um dort zu erfahren, daß sie für einige Tage verreist sei. Der Professor wartete drei Tage und fing dann an, mit Hilfe der Polizei Nachforschungen einzuleiten, um sein wertvolles Tier wiederzuerlangen. Die betreffende, dem Professor bekannte Person wurde auch aufgefunden und gab folgendes an: Sie sei an jenem Abend in Begleitung eines anderen noch mit dem letzten Zug nach Hersching am Ammersee gefahren, wo sie übernachtet hätten, und da sei ihnen der Hund, als sie ihn des Morgens herauslassen wollten, ausgerissen und wie toll davongejagt; sie hätten sich nur einen Scherz machen wollen und hätten ihm den Hund sicher am Abend wiedergebracht. Dem Professor schien die Erzählung nicht sehr glaubhaft, denn von Ammersee nach München hätte Lup sich längst zurückgefunden, wenn er nicht festgehalten wurde. Es wurde nun an alle Bürgermeisterämter am Ammersee und an den »Ammersee-Landboten« geschrieben und inseriert, jedoch ohne Erfolg. Niemand hatte den Hund gesehen. Erst nach nochmaliger Vernehmung der dem Professor bekannten Person räumte sie ein, daß dem auswärtigen Herrn der Hund so gut gefallen habe, daß er ihn am nächsten Tage nach Berlin mitgenommen hätte. Die Polizei stellte weitere Nachforschungen an und fand heraus, daß an jenem Tage ein Herr mit einem ungewöhnlich großen Wolfshund eine Personenkarte und eine Hundekarte nach Berlin gelöst hatte. Weiter ließ sich die Sache aber nicht verfolgen. Unser Professor mußte sich, nachdem weitere vierzehn Tage verflossen waren, mit dem Gedanken vertraut machen, seinen Lup nicht wiederzufinden. Er suchte Trost und Vergessen, indem er sein Stammlokal mied und im Schatten alter Kastanien nachmittags 5 Uhr in einem Brauereigarten seinen Durst stillte. Vor ihm stand ein Maßkrug, ringsum saßen Gartengäste – es war ein heißer Augusttag –, da entstand plötzlich allgemeine Aufregung: ein zum Skelett abgemagerter großer Wolfshund jagte herein, stürzte zum Tisch des Professors und versuchte unter kläglichem Winseln, Heulen und schrillem Schreien an ihm hochzuspringen, fiel aber ermattet zurück, ohne sich wieder erheben zu können. Und das war Lup, der Treue, der seinem Entführer in Berlin durchgebrannt war und in nahezu drei Wochen dauernder Irrfahrt nach München zurückgefunden hatte. Als er dort in der Wohnung seinen Herrn nicht antraf, hatte er die Spur aufgenommen und sich mit letzter Zähigkeit noch in den ihm fast unbekannten Biergarten geschleppt. Sein Herr und die teilnehmenden, sich für das treue Tier interessierenden Gäste bemühten sich, den erschöpften Hund zu beruhigen. Sie gaben ihm vor allem zu trinken; er leckte gierig eine große Schüssel Wasser aus und blieb dann einige Stunden zu Füßen seines Herrn, der ihm seinen Rock als Decke untergeschoben hatte, schlafend liegen. Dann trottete er mühsam mit ihm nach Hause, legte sich sofort wieder auf sein von ihm winselnd und wimmernd begrüßtes altes Lager und schlief ununterbrochen 24 Stunden, 8 Tage lang war er nur mit Schlafen, Saufen und etwas Fressen, an das er sich aber nur langsam wiedergewöhnen konnte, beschäftigt. Seine Pfoten waren ganz wundgelaufen, auch waren alle Rippen und Knochen zu zählen. Wahrscheinlich hat der Hund aus Furcht, wieder festgehalten zu werden, jedes Menschen Nähe gemieden, seinen Durst in Tümpeln und Bächen gelöscht und ist ununterbrochen gejagt, bis er München wieder erreicht hatte. – In dem Buche von Perty finden wir noch andere Fälle angeführt: Ein Bullenbeißer, den d'Obsonville in Pondichery aufgezogen hatte, begleitete ihn und einen Freund nach dem 300 Stunden entfernten Bangalor auf einer Reise durch Flüsse und über Berge, die fast drei Wochen dauerte. Bei Bangalor verlor der Hund sie und lief nun den weiten Weg nach Pondichery zurück, nach dem Hause des Artilleriekommandanten Beylier, eines Freundes von d'Obsonville, mit dem dieser zusammen lebte. Noch erstaunlicher ist die Geschichte einer bei der Insel Ascension im Stillen Ozean gefangenen Schildkröte, der man Buchstaben und Ziffern in den Panzer einbrannte. Im Britischen Kanal wurde sie ins Meer geworfen, weil sie dem Verenden nahe schien, aber zwei Jahre darauf bei Ascension wieder gefangen. Ganz rätselhaft ist auch der Vorgang mit jenem dem Kapitän Dundas gehörigen Esel, von dem Franklin in seinem »Leben der Tiere« berichtet. Auf der Fregatte »Ister« von Gibraltar nach Malta verschifft, wurde das Tier ins Meer geworfen, als das Schiff auf den Sandbänken von Gat, über 200 Seemeilen von Gibraltar entfernt, scheiterte. Es erreichte das Land und fand den kürzesten Rückweg nach Gibraltar durch gebirgige, von Flüssen durchschnittene Gegenden. Solche Leistungen der Tiere werden uns verständlicher, wenn wir berücksichtigen, daß auch bei den Naturvölkern ein ausgeprägter Ortssinn festgestellt worden ist. So erzählt der Reisende Bates, daß ein zehnjähriger Indianerknabe ohne Besinnen die Richtung nach der Heimat angeben konnte, wozu ein Europäer nach der endlosen Wanderung ganz unfähig gewesen wäre. Ebenso ist Oberländer erstaunt über den Ortssinn der Neger in Afrika. Wie die Schwarzen, schreibt er, stets in gerader Linie durch die pfadlose Wildnis den Rückweg zum Lager zu finden wußten, ist mir heute noch ein Rätsel. In Ostafrika, wo die Sonne gegen Mittag beinahe im Zenit steht, ist die Bestimmung der Himmelsgegend nach diesem Merkmal nicht so einfach wie bei uns. Ich glaube auch nicht, daß die Leute sich nach der Sonne richteten; sie wußten einfach – dort ist das Lager, auch wenn wir, meilenweit entfernt, in wildfremden Gebieten uns befanden. Wer will ergründen, wie diese sich stets als zutreffend erweisenden Richtungsangaben zustande kommen? Wer will erklären, wie die verschiedenen Wildarten im Urwalde oder auf der endlosen Grassteppe stets ihre Heimat wiederfinden? Ich glaube gar nicht, daß die den richtigen Weg weisenden Vorstellungen sich im Bewußtsein abspielen, sowenig wir alle Dinge, die unser Auge erfaßt, bewußt sehen, alle Töne, die auf unser Gehör wirken, bewußt hören. Leute, die viel im Freien sind, haben beim Eindringen in das Innere eines Waldes, ohne irgendeine Himmelsrichtung zu kennen oder sich an Merkzeichen halten zu können, das Gefühl – dort ist die Richtung, in der wir gehen müssen! Mitunter wird sich dabei ein Irrtum ergeben; aber trotzdem – wie kommt dieses Gefühl, das den sein ganzes Leben im Freien verbringenden Wilden nie trügt, zustande? Man wäre beinahe versucht, an einen, beim Kulturmenschen verkümmerten sechsten Sinn, den Ortssinn, zu glauben, wenn man dieses ganz ausgezeichnete Orientierungsvermögen der Naturvölker in der Wildnis praktisch kennengelernt hat. Dieser Sinn ersetzt jeden Kompaß. Rückkehr von der Weide. Die Ziegen suchen ihre Stallungen selbständig auf. Professor Groß hat sich eingehend mit unsern Zigeunern beschäftigt und auch bei ihnen das Vorhandensein eines Ortssinns festgestellt. Er schildert folgendes Erlebnis: Als es sich im Okkupationsfeldzuge 1873 kurz vor der Einnahme von Serajewo darum handelte, eine Verbindung zwischen der östlich marschierenden Seitentruppe und der längs der Bosna südwärts kommenden Haupttruppe herzustellen, kamen einmal mitten in der Nacht, etwa um 2 Uhr, 2 Husaren zu unseren Vorposten mit Papieren an den Höchstkommandierenden. Die beiden kannten nur die Richtung, in der sie zu reiten hatten, und den Auftrag, österreichische Vorposten zu finden, die sie zu General v. Philippovich weisen sollten. Die beiden Husaren waren gegen Abend fortgeritten (ein Korporal und ein Gemeiner), ununterbrochen durch schwierigstes Terrain gekommen, das zudem überall von den Türken besetzt war, mußten zweimal Flüsse durchschwimmen und kamen glücklich und in unbegreiflich kurzer Zeit zu uns. Ich fragte den Korporal, wie er denn in dem Lande, in dem er nie zuvor gewesen, sich so zurechtfinden konnte, und erhielt die bezeichnende Antwort: »Ich nix wissen, aber Komerod is Zigeuner .« Nun erst sah ich mir den andern Husaren an und bemerkte beim schwachen Scheine des Lagerfeuers die echte Galgenphysiognomie des unverfälschten Zigeuners, den im Augenblicke meine halbgerauchte Zigarette zehnmal mehr interessierte als der ganze Feldzug! Wie ich später erfuhr, hat der Zigeuner sich und seinen Korporal auch glücklich wieder zurückgebracht. Zur Erklärung führt Professor Groß an, man müsse erwägen, daß die Zigeuner, die jahrhundertelang oft unter den schwierigsten Umständen in ihnen gänzlich unbekannten Gegenden lebten, einen geradezu tierisch hochentwickelten Orientierungssinn erlangt haben. Man muß sich genau vorstellen, was es heißt, einen nur aus der Erzählung bekannten Ort, an dem z. B. von der Bande gestohlen werden soll, aufzusuchen, den kürzesten und sichersten Weg zu wissen, sich zu trennen und zu finden, mit dem Gestohlenen einen anderen, ebenso sicheren Weg zurückzulegen, vielleicht auseinandergesprengt zu werden und doch zusammenzutreffen und endlich wieder an einem bestimmten Orte sich zu vereinen – und das alles ohne Landkarte, ohne Kompaß, ohne lesen und schreiben zu können, ohne die Einwohner fragen zu dürfen oder sich sonst irgendwie zu verraten! Und doch, jede Zigeunerbande leistet das alle Tage! Professor Groß kommt zu dem Ergebnis: Diese für unsere Sinne ganz unfaßbare Fähigkeit, sich überall zurechtzufinden, nie die Richtung zu verlieren, alles zu sehen und zu verwerten, darf man nie aus den Augen lassen, wenn es sich um die Beurteilung der Frage handelt, ob eine bestimmte Tat von Zigeunerin verübt wurde oder nicht. So trifft beinahe die Behauptung zu: »Dem Zigeuner ist alles möglich«, wofern »alles« dahin eingeschränkt werden muß: »was alles mit einer bis zum äußersten gesteigerten List, Gewandtheit, Keckheit, Verschlagenheit und Begehrlichkeit zu erreichen ist.« Das Vorgefühl der Haustiere für Wetterumschlag. – Woran erkennen die Haustiere den Tierfreund? König Ludwig XI. von Frankreich ritt einst auf die Jagd; denn einer seiner geschicktesten Astrologen hatte ihm gut Wetter verkündet. Am Walde bemerkte ihm ein Kohlenbrenner, der seinen Esel vor sich hertrieb, in wenig Stunden werde es ein schweres Gewitter geben. Der König kehrte um; das Gewitter kam wirklich. Tags darauf fragte der König den Kohlenbrenner, den er hatte kommen lassen, wo er die Sterndeuterkunst und Wetterprophezeiung gelernt hätte? Der Kohlenbrenner bekannte sich als einen ganz unwissenden Mann: »Aber, Sire, ich habe einen guten Sterndeuter im Hause, der mich niemals betrügt,« sagte er, »und dies ist mein Esel. Sobald ein Gewitter nahen will, läßt er die Ohren nach vorn hängen und den Kopf sinken, geht träger und reibt sich an den Mauern. So machte er es gestern, und darum konnte ich Eurer Majestät den Platzregen vorhersagen.« Der König spottete über seinen Astrologen, beschenkte den Kohlenbrenner und sagte: »Deinceps alio non utor Astrologo, quam Carbonario« (In Zukunft werde ich mich nur des Köhlers als Astrologen bedienen). Perty, der diesen Fall erzählt, bemerkt hierzu: »Die Meinung ist schon alt, daß der Esel das Wetter vorausfühle.« Wir werden später von den Eskimohunden hören, daß sie durch ihr Benehmen das Herannahen von Stürmen mit Sicherheit anzeigen. Sie graben dann im Schnee und legen sich nieder. Auch von unserer Katze ist bekannt, daß sie sich putzt, wenn das Wetter schön bleibt. Leute, die sich für sehr aufgeklärt halten, nennen das Unsinn. So einfach liegt die Sache nicht. Ich will hier erzählen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe: Auf einem Jagdrevier gab es eine Unmenge wildernder Katzen, die großen Schaden anrichteten. Der Jagdaufseher, ein hervorragender Schütze, gab sich alle Mühe, ihre Zahl zu verringern. Das ist aber nicht leicht auszuführen. Die Katze merkt sehr bald, daß man ihr nachstellt, und als nächtliches Tier geht sie dann nur in der Dunkelheit auf Raub aus. Was nützt dem vortrefflichsten Schützen seine Kunst? Um zu treffen, muß man sehen können, was in der Dunkelheit sehr schwer ist. Diese Verhältnisse waren mir genau bekannt. Ich war daher aufs äußerste erstaunt, als ich am hellen Nachmittag etwa gegen 4 Uhr erst eine und dann später noch zwei andere Katzen aus dem Dorfe wandern sah, um der Jagdlust zu frönen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt, es war mir neu. Mir ging die Sache nicht aus dem Kopfe; ich grübelte darüber nach, was wohl die Katzen veranlaßt haben mochte, sich einer so augenscheinlichen Gefahr auszusetzen. Es war ein wunderschöner Tag; kein Wölkchen am Himmel. Gegen Abend änderte sich plötzlich das Bild. Ein schweres Gewitter zog auf, und in der Nacht regnete es in Strömen. Jetzt wurde mir das Verhalten der Katzen klar. Sie hatten den Wetterumschlag bereits gefühlt und, da sie bei Regen nicht auf die Jagd gehen, setzten sie sich lieber am hellen Tage der Gefahr aus, statt ganz auf die Jagd zu verzichten. Ähnliche Fälle habe ich mehrfach erlebt, so daß für mich kein Zweifel besteht, daß manche Tiere ein Vorgefühl für den Wetterumschlag haben, der dem Durchschnittsmenschen abgeht. Ein solches Vorgefühl treffen wir namentlich bei Tieren an, denen die zeitweilige Änderung des Wetters gesundheitlichen oder sonstigen Schaden bringen kann. So wird auch vermutet, daß bald Regen eintritt, wenn Kaninchen am Tage eifrig auf Nahrungssuche ausgehen. Denn das Kaninchen ist ein Nachttier und wie die Katze gegen Regen empfindlich. Ein besonders feines Vorgefühl finden wir bei den Vögeln, namentlich den Raubvögeln. Für den Raubvogel ist es eine Lebensfrage, rechtzeitig den eintretenden Wetterumschlag zu erkennen, denn mit Flügeln, die mit Wasser beschwert sind, kann er nichts fangen; auch sind dann wenige Friedvögel zu erblicken. Die an sich ganz richtige Beobachtung, daß gewisse Tiere einen Wetterumschlag vorausfühlen, ist den Gebildeten dadurch unglaubwürdig geworden, weil der wahre Kern der Sache durch ganz haltlose Zusätze verdunkelt worden ist. Nebenbei bemerkt, wollen Leute, die an Migräne und ähnlichen Krankheiten leiden, einen solchen Wetterumschlag gleichfalls im voraus empfinden. Dieses Vorgefühl kann sich jedoch nur auf die nächsten vierundzwanzig Stunden erstrecken. Es ist daher beinahe töricht, was alljährlich in vielen Zeitungen zu lesen ist: »Da die Zugvögel uns sehr zeitig verlassen, so steht uns ein strenger Winter bevor.« Oder: »Das Bevorstehen von starkem Frost ist deshalb anzunehmen, weil die Bienen ihre Wohnung besonders stark gegen Kälte abschließen.« Noch größer aber war die Torheit, als viele Völker den Schluß zogen: »Wenn das Tier weiß, wie das zukünftige Wetter wird, so kann es überhaupt in die Zukunft sehen.« Wer etwas Wichtiges vorhatte, schaute auf die Vögel, ob sie sich durch ihr Benehmen dem Vorhaben günstig oder ungünstig erwiesen!! Dieser Schluß ist auch aus dem Benehmen der Katze gezogen worden. Solcher Unfug gehört in das Reich des Aberglaubens. So wird gesagt: »Wenn die Katze sich putzt, dann kommt Besuch.« Richtig ist allerdings, daß bei schönem Wetter leicht Besuch kommt. Ein Körnchen Wahrheit ist also vielleicht in dem Volksglauben enthalten. Der Esel stammt aus heißen Ländern, wo es selten regnet. Das Vorgefühl für das kommende Gewitter ist bei ihm daher leicht erklärlich, weil er sehr empfindlich gegen Nässe ist. Wenn also jemand fragt: »Woher kommt es, daß Esel und Katze, nicht aber Pferd und Hund ein Vorgefühl für das kommende Wetter haben?«, so lautet die Antwort: »Für den Hund und das Steppentier Pferd ist ein Gewitter etwas Gleichgültiges, dagegen für Katze und Esel etwas höchst Wichtiges. Ebenso ist auch für den Polarhund die Kenntnis eines nahenden Eissturmes eine Lebensfrage. Die Natur verleiht Gaben nur dort, wo sie zur Lebenserhaltung erforderlich sind.« Deshalb ist die Annahme nicht unberechtigt, daß schönes Wetter bleibt, wenn Bienen schwärmen oder Spinnen ihre Netze spannen. Denn ein Gewitter könnte den Schwarm vernichten, ebenso auch das Kunstwerk der Spinne. Über das Vorgefühl der Haustiere bei Erdbeben sind besonders in Italien wichtige und aufschlußreiche Beobachtungen gemacht worden. Über das Benehmen der Haustiere vor dem Ausbruch des furchtbaren Erdbebens im Jahre 1783 wird folgendes berichtet: Namentlich Hunde und Esel zeigten sehr frühe Äußerungen der Furcht, liefen mit wilden, starren Blicken heulend und schreiend hin und her. Pferde, Ochsen, Maulesel zitterten starren Blickes, stampften wiehernd, fast brüllend mit den Hufen und spitzten die Ohren. Die Katzen krümmten sich, ihre Haare standen borstenartig hoch, ihre Augen tränten und waren blutig, ihr Jammergeschrei klang gräßlich. Pferderudel bei heraufziehendem Gewitter. Nach einem Gemälde von Johanna von Astudin-Meineke . Die geringsten Vorempfindungen äußerten die Schweine. Es ist nicht zu verwundern, daß Schweine am wenigsten Vorgefühl für das nahende Erdbeben zeigten. Denn Wildschweine leben in morastigen Gegenden, wo solche Naturereignisse kaum vorkommen. Eine andere Gabe, die das Tier vor den Menschen voraushat, ist seine schnelle Erkenntnis darüber, wer es mit ihm gut meint. Hierbei fällt mir folgendes Erlebnis ein: Meine Waschfrau war nach außerhalb verzogen; ich hatte deshalb meine Wäsche einer in der Nähe gelegenen Waschanstalt anvertraut. Die Inhaberinnen des Geschäfts sind große Tierfreunde. Da sich Mäuse gezeigt hatten, so war etwa sechs Wochen vorher eine ganz junge Katze angeschafft worden. Mit dem alten Wolfsspitz Fritz, der bisher in den Räumen als Alleinherrscher waltete, stellte sie sich ganz gut. Ja, Fritz fing auf seine späten Tage noch an, mit dem Kätzlein zu spielen. Den alten Hund kannte ich dem Ansehn nach schon längst. Gelegentlich eines Besuchs hatte ich ihm ein Stück Pelle mit daran haftender Wurst mitgebracht. Bei den teuren Preisen kann man ja nicht so, wie man gern möchte. Das Kätzlein hielt sich immer scheu im Hintergrund, und ich hatte mich noch niemals mit ihm beschäftigt. Kürzlich mußte ich wegen einer Wäscheangelegenheit wieder hin und sah, daß Fritz mich freudig anwedelte. »Na,« sage ich zu der einen im Laden anwesenden Inhaberin, »der Hund hat ein gutes Gedächtnis. Der entsinnt sich noch, daß ich ihm ein Stück Pelle mitgebracht habe.« »Jawohl,« meint sie, »dafür hat er ein sehr gutes Gedächtnis!« Inzwischen ist der Hund näher gekommen und legt sich vor mich hin. Ich sollte ihm also das Fell streicheln. Das hätte ich auch gern getan, wenn mir nicht in demselben Augenblick das junge Kätzchen auf die Brust gesprungen wäre. Ich hatte es bei der ungünstigen Beleuchtung gar nicht gesehen und war über diese Zutraulichkeit des sonst so scheuen Tieres etwas verblüfft. Es kroch auf meine Schulter und blieb dort sitzen. Die Inhaberin hatte noch ein Taschentuch für mich zu plätten; ärgerlich über die Katze, befahl sie ihr, mich in Ruhe zu lassen. Das Tier blieb ruhig und unbeteiligt sitzen. Fritz seinerseits war nun eifersüchtig, daß er durch die Gefährtin in den Hintergrund gedrängt war, und daß ich ihm das Fell nicht zauste. Das konnte ich aber wieder nicht, weil sonst die Katze heruntergefallen wäre. So ergab sich ein nicht gerade alltägliches Bild: Die Inhaberin, die sich beeilte, mit dem Taschentuch fertig zu werden, der Hund, der sich fortwährend drehte, damit ich sein Fell bearbeiten sollte, und die Katze, die seelenruhig auf meiner Schulter thronte und schnurrte. Nur mit Gewalt ließ sich die Katze von ihrer Herrin, als diese mit Plätten fertig war, von meiner Schulter reißen. Bei Hunden kann man sich nun vorstellen, daß sie sich durch den Geruch leiten lassen, wenn sie sich zu einem fremden Menschen hingezogen fühlen. Der Tierfreund riecht ihnen eben angenehm. Umgekehrt ist es sehr wohl denkbar, daß ein Tierfeind, der beim Anblick eines Hundes in eine ärgerliche Stimmung gerät, auch eine für den Hund unangenehme Ausdünstung hat. Die meisten Hunde pflegen auch fremde Personen, z. B. Besucher, ausgiebig zu beriechen, wenn sie dazu Gelegenheit haben. Beim Hunde als Nasentier wäre also die schnelle Feststellung, ob er einen Tierfreund vor sich hat oder nicht, verhältnismäßig leicht zu erklären. Eine Katze aber riecht nicht besser als wir Menschen. Obendrein war die junge Katze, die mir so urplötzlich ihr Zutrauen schenkte, noch niemals in meine Nähe gekommen. Von Beriechen konnte also keine Rede sein. Es bleiben demnach zur Erklärung für das Erkennen des Tierfreundes nur Stimmen und Worte übrig. Ich war zu dem Hunde freundlich, und das war für das Kätzchen schon hinreichend Anlaß, mich für einen Tierfreund zu halten. Dann kommen die Worte hinzu. Jeder Dresseur betont, daß wir Menschen mit unsern Worten Tiere geradezu bezaubern können. Wenn die Tiere auch selbst nicht sprechen können, so hören sie doch aus unserer Sprache unendlich viel heraus. Sie entnehmen dem Worte sofort die Seelenregung, in der sich der Sprechende befindet. Es hat mich in großes Erstaunen versetzt, daß ein junges Tier von drei Monaten schon eine derartige Beobachtungsgabe besitzt. Eine Katze wird wie ein Hund etwa 15 Jahre alt und erreicht wie dieser mit sechs Monaten die volle Größe. Wirklich ausgewachsen sind beide erst mit zwei Jahren. Nehmen wir an, daß ein Mensch mit etwa 18 Jahren seine endgültige Größe erreicht, so entspräche die dreimonatige Katze einem Kinde von 9 Jahren. Obwohl wir Menschen auf unser Gehirn sehr stolz sind, so dürfte es für ein neunjähriges Kind wohl nicht immer leicht sein, die Fremden herauszufinden, die es gut mit ihm meinen. Der Instinkt der Tiere. Eine besorgte Menschenmutter läßt ihre kleinen Kinder meist gar nicht aus den Augen. Sie weiß, daß Unglück wohlfeil ist. Ist z. B. im Ofen Feuer angemacht, da hat sie ständig aufzupassen, daß die Kleinen ihm nicht zu nahe kommen. Zur Sommerszeit besteht zwar diese Feuersgefahr seltener, dann wollen die Kinder aber aus dem Fenster sehen! Bei höher gelegenen Wohnungen würde ein Sturz auf die Straße sicheren Tod bedeuten. Auch die Spielereien der Lieblinge müssen beaufsichtigt werden. Bekommen die Kleinen Essen, so muß die Mutter sorglich aufpassen, daß sie ihren Magen nicht überladen. Geht sie mit ihnen im Walde spazieren, so müssen ihre Lieblinge davor behütet werden, daß sie giftige Beeren essen, etwa Tollkirschen naschen. Die Sorgen der Menschenmutter haben kein Ende. Beständig fließt ihr Mund über von Belehrungen: Seid vorsichtig, tut das nicht, tut jenes nicht usw. usw. Von allen diesen Dingen ist bei einer Tiermutter so gut wie gar nichts zu merken. Bei Friedtieren beobachten wir allerdings, daß sie ihr Kleines vor plötzlichen Überfällen durch Raubtiere zu schützen suchen. Gewöhnlich lassen sie es vorangehen, um ihm jederzeit zu Hilfe kommen zu können. Aber sonst braucht ein junger Hund oder eine junge Katze nicht ermahnt zu werden, daß sie nicht zu dicht ans Feuer gehen sollen. Keiner braucht aufzupassen, daß sie nicht vom Tische oder aus dem Fenster fallen. Ebenso sind meist Belehrungen überflüssig, was und wie viel sie zu fressen haben. Dieser grundlegende Unterschied zwischen Menschenkindern und Tierjungen ist natürlich von jeher aufgefallen. Da der Mensch das größte Gehirn hat, so wäre die Annahme berechtigt, unsere Kinder könnten den Tieren als Muster dienen. In Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt. Um das zweckmäßige Handeln der Tiere zu erklären, wird es auf den »Instinkt« zurückgeführt. Denn es war unmöglich, die Zweckmäßigkeit bei den Handlungen der Tiere als Leistung des Gehirns aufzufassen. Mit dem Worte »Instinkt« ist indessen wenig erklärt. Da wird statt einer Unbekannten eine andere Unbekannte gesetzt. Das kommt ja im Leben öfter vor! Es gibt viele Gegner des Instinktbegriffes, die alles auf Überlegung zurückführen wollen. Davon kann jedoch keine Rede sein. Für mich waren immer gewisse Beobachtungen bei der Aufzucht der Fasanen und Rebhühner sehr überzeugend. In Jagdrevieren fand ich häufig verlassene Nester von Rebhühnern und Fasanen und hatte den Wunsch, die Eier ausbrüten zu lassen. Das ist leichter gesagt als getan. Gewiß, unsere Hennen brüten die Eier treulich aus, aber gewöhnlich wird nicht ein einziges Rebhuhn großgezogen. Unsere Haushenne gilt zwar sonst als Muster einer besorgten Mutter und verdient dieses Lob zu Recht. Ihre eigenen Kücken betreut sie mustergültig. Aber bei den kleinen Rebhühnern nützt ihre ganze Mutterliebe nichts. Denn die Glucke macht zwischen den eigenen und Rebhühner-Kücken, die heftigere Tritte nicht vertragen können, keinen Unterschied. So kommt es vor, daß fast täglich ein Rebhuhnküchlein totgetreten wird, und schließlich folgt auch das letzte seinen Geschwistern in den Tod. Hier sieht man so recht, daß die Instinkte ganz der Natur entsprechen. Sowie aber ungewöhnliche Verhältnisse eintreten, dann versagen sie. Die alte Henne ist sonst rührend in ihrer Mutterliebe zu den Adoptivkindern. Trotzdem fehlt ihr die Einsicht, ihre tolpatschigen Füße etwas vorsichtiger aufzusetzen. Nein, sie tritt Tag für Tag ein Junges tot! Der große Naturforscher Darwin hat den Instinkt wie folgt zu erklären versucht. Er behauptet, daß die zweckmäßige Handlungsweise vor Urzeiten von einem Vorfahren zufälligerweise angewendet wurde. Da die Art des Handelns den Verhältnissen entsprach, so zog das Tier daraus einen Vorteil gegenüber seinen Artgenossen und vererbte die als zweckmäßig erkannte Handlungsweise auf seine Nachkommen. Diese Erklärung klingt zwar sehr gelehrt, ist aber mit den Tatsachen durchaus unvereinbar. Elefantenherden überschreiten die Gebirge an den günstigsten Stellen, so daß sie seit Urzeiten für die Menschen als Lehrmeister im Wegebau dienen. Genau so ist der Eisbär in unwegsamen Polarländern der Wegweiser für Polarreisende. Wir können uns keine Vorstellung davon machen, woran ein Elefant bei einem riesigen Gebirge den zum Überschreiten günstigsten Paß erkennt. Sein Auge ist obendrein auffallend schwach, und sein feiner Geruch kann ihm am Fuße eines Gebirgsstocks ebenfalls nichts nützen. Elefanten bleiben stets in Herden. Es ist also ausgeschlossen, daß ein einzelner Elefant durch Zufall die Übergangsstelle gefunden hat. Wäre der Instinkt eine vererbte Fähigkeit, so müßte er versagen, sobald neue, ungewohnte Verhältnisse vorliegen. Ist das der Fall? Früher gab es kein Sacharin und keine Kunstwaben. Wenn der Instinkt auf Vererbung beruht, so müßten die Bienen dem Sacharin und den Kunstwaben ratlos gegenüberstehen. Das Gegenteil ist eingetreten, wie die Bienenzüchter übereinstimmend bekunden. Alle Bienen haben das Sacharin abgelehnt, und alle haben die Kunstwaben benützt. Die Sache mit dem Sacharin können wir uns zur Not erklären. Der Süßstoff hat den mit feinsten Geruchsnerven ausgestatteten Bienen übel gerochen. Weshalb aber alle Bienen die Kunstwaben angenommen haben, bleibt ein vollkommenes Rätsel. Wir müssen uns also bescheiden und offen zugeben, daß wir vorläufig für den Instinkt keine zufriedenstellende Erklärung finden können. Auch bei uns Menschen spielt der Instinkt eine weit größere Rolle, als gewöhnlich angenommen wird. Insbesondere lassen sich Frauen in vielen Fällen von ihren Instinkten leiten. Es kommt häufig vor, daß eine Frau erklärt, wenn ihr Mann einen Bekannten einführt: »Schaffe mir diesen Menschen aus den Augen – ich mag ihn nicht sehen!« Einen Grund für diese Abneigung kann sie zwar nicht angeben; sie verläßt sich einfach auf ihren Instinkt. Vielleicht ist unser Erstaunen über die durch den Instinkt veranlaßten zweckmäßigen Handlungen ganz unbegründet. Denn das Leben wäre kein Leben, wenn ein frei lebendes Tier nicht seine Feinde und seine Nahrung kennen würde, schwimmen könnte, kurz, alle Fähigkeiten hätte, die zum Begriffe ›Leben‹ gehören. Sie verschwinden da, wo sie zum Leben nicht unbedingt erforderlich sind, beispielsweise bei den Haustieren und Menschen. Der Mensch kann vermöge seines Gehirnes die meisten Instinkte ersetzen. Ungleiche Geschwister. Nach einem Gemälde von A. Weczerzick . Daher sollten wir uns nicht über die Instinkte der Tiere wundern, sondern vielmehr darüber, daß wir Menschen so wenige haben. Jedenfalls scheint das der einzige Weg zu sein, der uns eine Erklärung gibt, weshalb Haustiere so viel weniger Instinkte besitzen als frei lebende Tiere. Kein wildes Tier braucht einen Arzt, dennoch ist es gesund und lebensfroh. Dagegen haben die Tierärzte bei unsern Haustieren sehr viel zu tun. Ein frei lebendes Tier hat sich wohl noch niemals zu Tode gefressen. Kommen aber unsere Pferde an eine wohlgefüllte Haferkiste, dann ist das in der Tat auch schon geschehen. Wir erklären also Instinkt als die Gabe, den drohenden Gefahren des Lebens gegenüber zweckmäßig zu handeln, Nahrung zu finden und Nachkommenschaft großzuziehen. Diese Gaben müssen beim frei lebenden Tiere reichlicher verteilt sein als beim Menschen, der vermöge seines Gehirnes die erforderlichen Mittel beschaffen kann. Auch ist er imstande, die in seinen Diensten stehenden Haustiere vor Gefahren zu behüten. Deshalb brauchen unsere Haustiere weniger Instinkte. Seelische Eigenarten der Haustiere, die an menschliche anklingen Träume, Hypnose und Blödsinn bei den Haustieren. Es wird allgemein angenommen, daß alle Tiere, die Gedächtnis und Einbildungskraft haben, auch träumen können. Am häufigsten werden Träume beim Hunde bemerkt, der durch Töne und Bewegungen sehr deutlich die verschiedenen Traumvorstellungen zu erkennen gibt. Nach Hensel knurrten die Jungen einer in Brasilien geborenen Hühnerhündin von deutscher Abstammung bereits im Alter von drei Tagen, während sie im Wachen nur wie andere Hunde winselten. Auch das Bellen trat bei ihnen im Traume früher auf als während des Wachseins. Hiernach wären die Träume nicht immer, wie wir annehmen, eine Wiederholung erlebter Vorgänge, sondern im Traume zeigen sich auch zuerst vererbte Fähigkeiten. Wie dem auch sei, unbestritten bleibt, daß die Tiere träumen. Die herrschende Ansicht, nach der Tiere sich leicht hypnotisieren lassen, scheint nach den Untersuchungen des Professors Verworn in Bonn auf Irrtum zu beruhen. Neuerdings ist sie von Dr.  Sanders bekämpft worden. »So sind«, schreibt er, »bei den Tieren eine Reihe von Zuständen beobachtet worden, die zunächst als tierische Hypnose aufgefaßt worden sind.« Bekannt ist u. a. die Tatsache, daß viele Tiere sich beim Nahen eines Feindes »totstellen« und eine ganze Weile regungslos verharren. Diese Bewegungslosigkeit läßt sich auch künstlich erzeugen. Hierhin gehört das berühmte »Experimentum mirabile« des P.  Athanasius Kircher, das aber nach neuerer Ansicht schon im Jahre 1636 von dem Nürnberger Schwenter beschrieben wurde. Dieser schrieb die erreichte Lähmung dem Schrecken zu, während Kircher der Ansicht war, daß die Bewegungslosigkeit durch die »Einbildungskraft« des Tieres hervorgerufen werde. Beide führten das Experiment mit einem Huhne in folgender Weise aus. Ein Huhn, dessen Beine mit einer Schnur leicht zusammengebunden waren, wurde mit ruhigem, sicherem Griff auf den Rücken gelegt und in dieser Stellung einige Sekunden gehalten. Kircher zog noch einen Kreidestrich in der Verlängerung des Schnabels und hielt ihn für wesentlich für das Gelingen des Versuches. Ließ man das Tier nun vorsichtig los und entfernte langsam die Fessel von seinen Beinen, so konnte man beobachten, daß das Tier minutenlang völlig regungslos verblieb. Später hat der Physiologe Preyer diese Zustände untersucht und sie als Schreckstarre aufgefaßt. Danilewsky hat in den neunziger Jahren diese Zustände bei einer Reihe von Tieren, wie Meerschweinchen, Fröschen, Kaninchen, Schlangen und Krebsen erzeugen können. Er glaubte, daß sie auf einem vereinfachten automatischen Suggestionsvorgange beruhten. Der bekannte Bonner Physiologe Max Verworn gab 1898 eine sehr einleuchtende Erklärung. Er zeigte zunächst, daß das Großhirn an diesen Vorgängen gar nicht beteiligt ist, denn er konnte die Bewegungslosigkeit auch bei Hühnern erzielen, denen das Großhirn herausgenommen war. Er betonte mit Recht, daß es sich hier um Erregungsvorgänge handeln müsse, weil die Muskeln des Tieres dabei in einem Zustande der Kontraktion (Spannung) bleiben. Bekanntlich sind die Muskeln bei jeder Körperhaltung in bestimmter Weise gespannt, und die betreffende Körperhaltung wirkt ganz von selbst als Reiz auf die nervösen Elemente, welche die betreffenden Muskeln in Spannung erhalten. Bringe ich nun ein Tier in eine ganz unnatürliche Lage, so werden von selbst die Muskeln angespannt, die das Zurückführen in die natürliche Lage besorgen. Ergreife ich ein Huhn und lege es ruhig und sicher auf den Rücken, so fühle ich deutlich einige kurze Abwehrbewegungen. Halte ich es nun ohne starken Druck in dieser Lage fest, so bleibt es ruhig liegen, weil die Muskeln, durch die es sich aufrichten will, jetzt dauernd gereizt werden und dadurch in einen Zustand der Starre geraten. Der Wissenschaftler spricht von einem Tonischwerden des Lage-Reflexes , d. h. Muskelstraffung bei Rückkehr in die ursprüngliche Lage. Bis zu einer Viertelstunde kann dieser Erregungszustand dauern, wenn das Tier nicht durch andere Reize gestört wird. Ist dieser Erregungszustand abgeklungen, so steht das Tier auf, schüttelt sich und zeigt wieder sein natürliches Verhalten. Diese scharfsinnigen Beobachtungen Verworns bekunden mit aller Klarheit, daß der sich hier abspielende Vorgang mit Hypnose nicht das geringste zu tun hat. Die sog. »tierische Hypnose« steht zu der des Menschen in keinerlei Beziehung. Beide sind etwas Grundverschiedenes. Geisteskrankheit ist wiederholt bei Tieren beobachtet worden. Nach Pertys Bericht wurde ein Papagei auf einem Segelschiff infolge eines Seegefechts verrückt. Er war der Liebling der Mannschaft, blickte aber nach diesem Erlebnis dumm vor sich hin und machte auf alle Fragen das Getöse nach, das ihn so sehr erschreckt hatte: bum, bum, bum! Noch zwanzig Jahre später wiederholte der Vogel unter schreckhaftem Zittern des Kopfes und der Flügel das Getöse des von ihm gehörten Kanonendonners. Beistand. Freundschaft, Anhänglichkeit usw. Würde uns ein Hund in Gefahren nicht beistehen, so hätte er nur den halben Wert. Bekannt ist, daß im Gegensatz hierzu Pferde ihrem Reiter fast niemals helfen. So läßt sich auch ein Pferd von einem Diebe mit leichter Mühe stehlen, was beim Hund nicht so einfach ist. Wir wissen, daß wir zur Erklärung solcher Verschiedenheiten auf die frühere Lebensweise unserer Haustiere zurückgehen müssen. Der Hund war früher ein Raubtier. Er mußte seinen Genossen beistehen, um mit ihnen gemeinsam einen Pflanzenfresser zu überwinden. Es lag in der Natur der Dinge, daß sich bei ihm ein gewisser Eigentumsbegriff entwickelte, weil jeder seine Beute gegen andere Kameraden verteidigen mußte. Beim Pferde liegt die Sache ganz anders. Wildpferde flüchten gewöhnlich, nur gegen kleine Raubtiere kämpft der Hengst. Dieser wird also am ehesten bereit sein, seinem Herrn zu helfen. Bei Pflanzenfressern kann sich kaum ein ähnlicher Begriff entwickeln, da es nur selten Futterneid gibt. Einen hübschen Fall von Beistand unter Haustieren erlebte ich vor Jahren bei einem befreundeten Gutsbesitzer. Er hatte zwei Hunde und eine Katze. Die beiden Hunde waren soweit ganz nette Tiere, aber, was mir weniger gefiel, ihr Zeitvertreib bestand darin, die Katze zu bedrängen. Zu einem ernstlichen Kampfe kam es zwar nicht, aber die Katze war auf einer ewigen Flucht. Eines Tages kam ein fremder Hund in das Gehöft und geriet mit dem größeren in Streit. Ehe wir ihm zu Hilfe kommen konnten, war der Hund meines Bekannten unterlegen; es drohte, ihm übel zu ergehen. Da zeigte sich die Katze als edle Seele. Obwohl ihr Hausgenosse ihr Peiniger gewesen war, stürzte sie sich wie eine Furie auf den Eindringling und schlug ihn in die Flucht. Mit der Falschheit der Katzen ist es also nicht so schlimm bestellt, wie allgemein angenommen wird. Ein alter Jäger erzählte mir aus seiner Jugend folgenden lustigen Streich. Als Junge beschäftigte er sich mit einem Hengst, den sein Vater im Stalle hatte. Das Tier war sonst gegen Erwachsene sehr böse, ließ sich aber von dem Knaben alles gefallen. Das benützte er häufig, wenn ihm Schläge zugedacht waren. Hatte er seine Schularbeiten nicht gemacht, was keine Seltenheit war, und sein Vater holte den Rohrstock, so flüchtete er zu dem Hengst. Dieser stand ihm bei und duldete nicht, daß ihm ein Haar gekrümmt wurde. Von einer merkwürdigen Freundschaft zwischen zwei Pferden erzählt von Unruh folgendes Erlebnis aus dem Kriege gegen Dänemark, den er als Offizier mitmachte. Ein mächtiger ostpreußischer Brauner war ihm zugeteilt. »Mein Pferd«, schreibt er, »hatte bald meine ganze Neigung gewonnen. Aber seine Zuneigung mußte ich mit dem Rappen meines Burschen teilen. Im Quartier und Biwak stets dicht nebeneinander, verband die beiden Wallache eine ungewöhnlich zärtliche Freundschaft. Vielleicht waren sie Heimat- und Jugendgefährten. Beim Marsche getrennt, begrüßten sie sich, sobald sie einander ansichtig wurden, mit freudigem Lachwiehern. Gern ließ ich die Freundschaft gewähren und hatte meine Freude daran. Ritt ich auf den Märschen längs der Schwadron, so trafen sich oft die Nasen der beiden sich anlachenden Freunde zu flüchtiger Berührung wie zu einem Kusse. Der Rappe war der Sehnsüchtigere, Zärtlichere, der Braune hatte mehr vornehme Zurückhaltung. Ich habe bald Nutzen davon gehabt. »Anfangs Februar waren wir hinter den Dannevirken auf dem Marsche nach Norden; bei mäßiger Kälte war noch gegen 3 Uhr nachmittags klare Luft. Wir kamen durch ein ärmliches Heidedorf, als der Rittmeister mich nach vorn rufen ließ. Dänische Dragoner sollten uns hier nach Westen in die Heide ausgewichen sein. Er zeigte mir auf der Karte das noch etwa eine halbe Meile weiter nach Norden gelegene Dorf, wo unsere Schwadron die Nacht zubringen sollte, und befahl mir, zur Sicherung das Gelände westlich aufzuklären. ›Nehmen Sie sich zwei Mann von Ihrem Zuge, reiten Sie direkt westlich, etwa eine Meile weit! Finden Sie nichts Feindliches, so wenden Sie dann nördlich eine halbe Meile, dann östlich, bis Sie unser heutiges Quartierdorf erreichen!‹ ›Zu Befehl!‹ Aus der weitermarschierenden Schwadron nahm ich 2 Mann mit guten Pferden, aber nicht den Burschen mit dem Rappen. Im Abreiten sahen wir und unsere Pferde der Schwadron nach, sie kannten also deren Marschrichtung. Wir trabten dann westwärts in die verschneite Heide hinauf. Oben sah ich von Westen eine Wolkenwand heraufsteigen, es wurde dunstig, kein Baum, kein Strauch kennzeichnete den Weg, nur Spuren von alten Wagengleisen im Heidekraut. In der Ferne ragte etwas wie Gebäude auf, aber als wir herankamen, waren es alte Torfschuppen - also frisch weiter westwärts! Die Dunkelheit fiel fast plötzlich ein, und es, ward immer schwieriger, Gleisspuren zu merken. Nördlich wendend, gerieten wir zwischen zahlreiche unregelmäßig angelegte Torflöcher, mußten also vorsichtig und langsam reiten. Zum Überfluß begann bei mäßigem Nordwest ein leichter, aber dichter Schnee herabzurieseln. Vom Feinde keine Spur, aber auch keine von Weg und Richtung. Der Zeit nach mußte der Augenblick gekommen sein, ostwärts zu wenden, aber gerade da wurden die Torflöcher immer dichter. Hin und her mußten wir uns durchwinden, verloren dabei aber jede Richtung. Es war stockfinster geworden; noch immer rieselte der Schnee. Der eine von meinen Leuten meinte, wir müßten mehr links halten, der andere mehr rechts. ›Ich verlasse mich auf meinen Braunen‹, erwiderte ich und ritt mit langen Zügeln sacht weiter, die beiden still hinter mir her. Der Braune ging gerade vor dem Winde. Wenn der sich nicht gedreht hatte, mußte unsere Richtung also Südost sein. Ab und zu nahm der Braune die Nase auf den Boden; an den Unebenheiten des Tretens merkte ich, daß er einer alten Wagenspur folgte. Plötzlich blieb er stehen und hob den Kopf. Die schwach dunklen Umrisse gegen den matt leuchtenden Schnee ließen mich erkennen, daß er gespannt horchte. Dann ging er etwas rechts abbiegend weiter. Einige Minuten später hielt er plötzlich wieder an, reckte sich in die Höhe, den Kopf fast steil in die Luft, und stieß nun einen wiehernden Ruf aus, so laut und seltsam, wie ich noch nie vordem den Ruf eines Pferdes gehört hatte. Dann horchte er gespannt, verriet aber nichts Gehörtes und ging weiter. Wenige Minuten darauf nochmals plötzliches Anhalten und Hochrecken, wieder der fast dämonische Ruf hoch in die Lüfte und das angestrengte Horchen. Plötzlich war er wie elektrisiert, ließ ein weniger lautes, freudig klingendes, kurzes Wiehern hören und schritt, mit scharfer Wendung nach rechts, lebhaft weiter. Die Leute sagten nachher, es hätte sie etwas wie Grausen gepackt, als der Braune so in die Nacht hinausschrie – das hätte so schaurig geklungen, daß ihnen Geistergeschichten aus Kinderjahren eingefallen wären. In sicherer Hut. Nach einem Gemälde von H. Sperling . Copyright 1893 by Photographische Gesellschaft, Berlin. Asiatisches Urwildpferd. »Als nach etlichen Minuten der Braune wieder stehenblieb, wieder laut, aber nicht mehr so schaurig rief, da löste sich uns das Rätsel. Ich hörte zwar nichts, – ich habe nie ein feines Gehör gehabt, nur ungewöhnlich weit und scharf sehende Augen –, aber die Leute riefen beide: ›Der Rappe antwortet ihm!‹ Die ganze Schwadron kannte ja die seltsame Freundschaft der beiden Pferde und freute sich daran. Der Braune quittierte das Antworten des Rappen mit einem langen, vergnügten Lachwiehern. In immer kürzeren Pausen ertönten nun Ruf und Antwort. Dabei waren wir immer noch vielleicht an tausend Schritt weit in der Heide. Der Braune ließ sich nun völlig von der Freundesstimme steuern. Wir kamen auf einen Weg, der von der Heide herab in das an ihrem Rande liegende Quartierdorf führte. Ein paar schwach erleuchtete Fenster war alles, was in der pechfinsteren Nacht zu erkennen war. Doch brauchte ich das Gehöft, wo wir für die Nacht hingehörten, nicht zu suchen. Hinter einem Scheunentor rief der Rappe immer von neuem gleichsam sein: ›Hierher!‹ und schlug ungeduldig mit dem Hufe ans Tor. Als ich mich bei dem Rittmeister meldete, sagte er: ›Gott sei Dank, daß Sie wieder da sind‹, und lobte meine Findigkeit. Ich gab aber das Lob an die beiden treuen Freunde weiter in Gestalt einer Sonderration Hafer, die ich für sie vom Quartiermeister erbettelte.« Viergespann mit Trakehner Hengsten. Arabisch-ungarischer Halbbluthengst. Edelrassige ostpreußische Mutterstute. Solche Anhänglichkeit ist eine bei Haustieren häufig anzutreffende Eigenschaft. Es gibt Hunde, denen selbst das Fressen gleichgültig ist, wenn sie ihren Herrn vermissen. Von dem Schäferhunde, der von Berlin nach München zu seinem Professor lief, ist schon erzählt worden. Man weiß von manchen Hunden, daß sie das Grab ihres Herrn nicht verlassen haben und dort freiwillig gestorben sind. Es kann sehr wohl vorkommen, daß das Anhänglichkeitsgefühl Hunger und Durst überwiegt. Dann ist das Tier so kraftlos, daß es nicht mehr vom Platze kommt und tatsächlich verhungert. Dagegen ist die Erklärung abzulehnen, daß der Hund von vornherein die Absicht hat, aus Gram über den Verlust seines Herrn freiwillig aus dem Leben zu scheiden; denn die Vorstellung vom Sterben dürfte dem Tier fehlen. Jedenfalls hat es aber eine Empfindung, daß es selbst einmal sterben muß und durch Nahrungsverweigerung diesen Zustand herbeiführen kann. Englischer Vollbluthengst. Englische Vollblutstute. Ein gewisses Verständnis für Recht und Unrecht kann man auch den Tieren nicht absprechen. Viele Reiter erklären, daß ein Pferd verdiente Schläge geduldig hinnimmt, über unbegründete Züchtigungen dagegen sehr aufgebracht wird. Selbst bei Ziegen hat Brehm diese Unterscheidungsgabe beobachtet. Er schreibt, daß »ihre geistigen Fähigkeiten auf ziemlich hoher Stufe stehen, und daß sie als kluge, geweckte Tiere bezeichnet werden müssen«. Ungerechte Behandlung vergessen sie nicht leicht. Wenn sie geschlagen wurden, weil sie in den Garten gegangen waren, was ihnen verboten war, dann schwiegen sie. Dagegen schrien sie laut auf, wenn sie von der Magd grundlos, aus übler Laune, gezüchtigt wurden. Gegenseitige Hilfe unter den Tieren. Aus meiner Jugendzeit entsinne ich mich einer Fabel aus Hey-Speckters Fabelbuch. Da bittet der Sperling zur Winterszeit das Pferd, ihm etwas abzugeben: Sperling: »Pferdchen, du hast die Krippe voll; Gibst mir wohl auch einen kleinen Zoll; Ein einziges Körnlein oder zwei; Du wirst noch immer satt dabei!« Pferd: »Nimm, kecker Vogel, nur immerhin, Genug ist für mich und dich darin.« Und sie aßen zusammen, die zwei, Litt keiner Mangel und Not dabei. Und als der Sommer kam so warm, Da kam auch manch böser Fliegenschwarm; Doch der Sperling fing hundert auf einmal; Da hatte das Pferd nicht Not und Qual. Der Tierkenner wird bei dieser Fabel über zweierlei lächeln. Einmal ist der Sperling ein viel zu ungeschickter Flieger, um die Insekten zu fangen, die das Pferd belästigen. Es gelingt ihm wohl, an der Mauer ruhig sitzende Mücken aufzupicken; das kann man oft genug sehen. An Pferde gehen Mücken aber überhaupt kaum; hier ist der Grundfehler der ganzen Fabeldichtung. Die geborenen Fliegenvertilger sind der nach den Insekten haschende Fliegenfänger und unsere Schwalben. Beide leben aber als Insektenfresser im Winter nicht bei uns. Außerdem fressen sie keine Körner, zu deren Enthülsung ihr Schnabel ganz ungeeignet ist. Auch dem toten Herrn getreu! Nach einem Gemälde von J. Schmitzberger . Angenommen aber, der Sperling könnte Fliegen fangen, so müßte noch stark bezweifelt werden, ob das aus Dankbarkeit gegen das Pferd geschehen würde! Kürzlich durchblätterte ich ältere Jahrgänge einer wissenschaftlichen Zeitschrift: »Der Zoologische Garten«. Da fand ich eine Beobachtung verzeichnet, die unserer Fabel ähnlich sieht. Unter der Überschrift: Dankbarkeit der Hühner wird erzählt: Ich habe drei Rehe, darunter einen Bock. Alle sind ungemein zahm und fressen aus der Hand. Da sie in der Hühnerkammer übernachten müssen und auch sonst den Hof gemeinsam mit den Hühnern bewohnen, sind alle gute Freunde geworden, und die Rehe hüten sich auch beim ärgsten Umherspringen, eines der Hühner zu verletzen. Diese Rücksichtnahme lohnen die Hühner auf eigene Weise. Wenn die Rehe an der Futterkrippe während des Fressens oder beim Wiederkäuen im Schatten von den Fliegen gepeinigt werden, nahen sie sich ihnen und haschen nach den ungebetenen Gästen. Liegen die Rehe auf der Wiese, so geschieht es gar nicht selten, daß eins der Hühner ihnen auf den Rücken hüpft, um der Jagd bequemer nachgehen zu können. Die Rehe lassen sich das nicht nur gefallen, sondern fordern gleichsam die Hühner zu ihrem Liebeswerke dadurch auf, daß sie, wenn die Fliegen einmal recht zudringlich sind, sich langsam in die Nähe der Hühner begeben und dort niederlegen. Auch machen sie sich nichts daraus, daß die Hühner, wenn die Rehe stehen, zwischen den Läufen umhertrippeln und nach den Fliegen picken, die sich sehr gern an den Fesseln oder unter den Afterklauen ansetzen, obgleich die Fliegen an diesen Stellen meistens entwischen und der Hieb dann den Lauf trifft. Demnach wäre die allerliebste Fabel vom Sperling und Pferd doch nicht so ganz aus der Luft gegriffen. Der Tierkundige wird diese Möglichkeit ohne weiteres zugeben, aber er wird sich entschieden dagegen sträuben, den angegebenen Liebesdienst als erwiesen anzuerkennen. Bei dem anderen Beispiel kann die Sachlage auch folgende sein: Da sich Rehe und Waldhühner gut vertragen, so haben die zierlichen Huftiere die Haushühner schonend behandelt. Später haben die Hühner die vielen Fliegen bei den Rehen gesehen und aus reiner Freßlust darauf Jagd gemacht. Die Rehe aber haben stillgehalten, weil alle großen Tiere insektensuchende Vögel gewähren lassen. So sitzt der Madenhacker fortwährend auf Büffeln, Elefanten, Flußpferden usw., wie bei uns die Stare auf Schafen zu sehen sind. Jede verdächtige Erscheinung wird von den scharfäugenden Vögeln zuerst wahrgenommen. Sie verraten große Unruhe und fliegen schließlich weg. Dadurch werden die Säugetiere naturgemäß gleichzeitig gewarnt, genau wie das Krokodil durch das Benehmen des »Krokodilwächters«, (in Afrika lebender Vogel aus der Klasse der ägyptischen Wüstenläufer), der als lebendiger Zahnstocher die Zähne des Krokodils auf Fleischreste untersucht. Liegt in diesem Warnen ein Dank für die gewährte Nahrung? Das werden viele bejahen, dabei aber zugeben müssen, daß es auch anders sein kann. Die Vögel können aus reinem Egoismus handeln, weil ihnen ihre Nahrungsquelle genommen ist, wenn das große Tier getötet werden sollte. So ist wahrscheinlich das Tun der Hühner in dem vorher erwähnten Beispiel auch schwerlich auf Dankbarkeit zurückzuführen. Ebensowenig wunderbar ist das Verhalten der Rehe; es entspricht ganz dem Benehmen anderer Tiere, denen von Vögeln Insekten abgesucht werden. Mit dem Fortschreiten der Forschung verliert die liebliche Auffassung der Dichter über das Leben der Tiere mehr und mehr ihre innere Berechtigung. Neid, Rache, Eifersucht, Ehrgefühl. Das Gefühl des Neides ist den Haustieren nicht fremd, wie jeder Hundebesitzer bestätigen wird. Wenn Karo einmal nicht fressen will, weil er ausnahmsweise satt ist oder weil ihm das Futter nicht behagt, so genügt gewöhnlich der Ausruf: »Ich werde es dem Rolf – dem Hunde des Nachbarn – geben!«, um Karo zur äußersten Überwindung zu veranlassen. Man sieht ihm an, daß ihm der Gedanke: »Was! Rolf soll mein Futter erhalten?« keine Ruhe läßt. Das Übermenschliche oder vielmehr Überhündische wird möglich gemacht, und das Futter verschwindet. Über den Neid unter Hunden finden wir bei A. Brehm eine allerliebste Geschichte. »Wie neidisch Dachshunde sein können,« schreibt er, »erfuhr ich an einem, den mein Vater hatte. Der Hund war ein abgesagter Feind aller übrigen Geschöpfe, die sich auf unserem Hofe befanden. Er lebte mit keinem Tiere in Frieden, und am meisten stritt er sich mit einem Pinscher herum, dessen erbärmliche Feigheit ihm freilich regelmäßig den Sieg sicherte. Nur wenn sich beide Hunde ineinander verbissen hatten, hielt auch der Pinscher ihm stand, und dann kam es vor, daß sie, förmlich zu einem Knäuel geballt, nicht bloß über die Treppen, sondern auch von da über eine Mauer hinabrollten, sich über die Gartenbeete fortwälzten und nun in Purzelbäumen den ganzen Berg hinunterkollerten, aber doch ihren Kampf nicht früher einstellten, bis sie, im günstigeren Falle von dem Zaune aufgehalten, im ungünstigeren aber durch das Wasser des Baches, in den sie oft miteinander fielen, abgekühlt wurden. Dieser Todfeind sollte einmal die Arznei für den erkrankten Dachsel werden. Der lag elend da und hatte schon seit Tagen jede Nahrung verschmäht. Vergeblich waren die bisher angewandten Hausmittel geblieben: der Hund näherte sich, so schien es, schnell seinem Ende. Im Hause herrschte, trotz des Gedenkens an seine vielen unliebenswürdigen Eigenschaften, tiefe Betrübnis, und namentlich meine Mutter sah seinem Hinscheiden mit Kummer entgegen. Endlich kam sie auf den Gedanken, noch einen Versuch zu machen. Sie brachte einen Teller voll des leckersten Fressens vor das Lager des Kranken. Er erhob sich, sah mit Wehmut auf die saftigen Hühnerknochen, auf die Fleischstückchen: aber er war zu schwach, zu krank, als daß er sie hätte fressen können. Da brachte meine Mutter den anderen Hund herbei und gebot diesem, den Teller zu leeren. Augenblicklich erhob sich der Kranke, wankte taumelnd hin und her, richtete sich fester und gerader auf, bekam gleichsam neues Leben und – stürzte sich wie unsinnig auf den Pinscher los, knurrte, bellte, schäumte vor Wut, biß sich in seinem Feinde fest, wurde von dem tüchtig abgeschüttelt, blutig gebissen und jedenfalls so erregt, erzürnt und erschüttert, daß er anfangs zwar wie tot zusammenbrach, allein von Stunde an sich besserte und nach kurzer Zeit von seinem Fieber genas.« Auch das Gefühl der Rache ist den Haustieren nicht unbekannt. Ein roher Patron konnte niemals an einem Pferdestall vorübergehen, ohne mit einem spitzen Stock einem dort stehenden Pferde in die Weichen zu stoßen. Eines Tages riß sich das Tier, das durch den Schmerz aufs äußerste erregt war, von seinem Halfter los und bearbeitete seinen Peiniger dermaßen mit den Hufen, daß er den erlittenen Verletzungen erlag. Bei Hunden kommen Handlungen aus Rache häufiger vor. Ja, sie rächen sogar die Unbilden, die ihre Freunde erdulden mußten. Lord Byron hatte auf seinem Schlosse einen sehr großen Hund, Bosman genannt, und einen kleinen, der einmal auf einer benachbarten Meierei von einem Hühnerhunde angegriffen und schlimm zugerichtet wurde. Er lief nach dem Schlosse zurück und teilte, man weiß nicht wie, das Geschehene Bosman mit, der sich sogleich mit ihm nach der Meierei aufmachte und den Hühnerhund arg zerzauste, worauf beide befriedigt nach Hause zurückkehrten. Einen ähnlichen Fall erzählt Oberlehrer Linke: »In den vierziger Jahren hatten wir einen Jagdhund (Feldmann), ein sehr gutmütiges Tier, der nur biß, wenn sich jemand an seinem Herrn vergriff. Außerdem eine Dachshündin (Belline), der bei einer Fuchshetze der Oberkiefer vollständig zerbissen worden war. Infolgedessen war sie andern Hunden gegenüber ziemlich wehrlos und wußte einer Schäferhündin, mit der sie in Feindschaft lebte, nicht anders zu begegnen, als dadurch, daß sie sich auf den Rücken legte und mit den übriggebliebenen zwei Zähnen nach deren Bauche stieß. Eines Tages war das wieder geschehen, während Feldmann nicht weit davon, in einen Zwinger eingesperrt, der Szene zusah, ohne seiner Freundin beistehen zu können. Eine Stunde später wollte ich mit meinem Vater auf den Anstand gehen und ließ Feldmann aus dem Zwinger. In diesem Augenblick ging die Schäferhündin vorüber. Während sonst ein Hund einer Hündin nichts zuleid zu tun pflegt, sprang Feldmann auf sie los, schüttelte sie tüchtig ab und warf sie dann verächtlich auf den Boden. Nach diesem Racheakt aus Freundschaft kam er zu mir, als ob nichts geschehen wäre, und folgte mir ins Haus.« Soziale Unterschiede: Müßiggänger und Schwerarbeiter. Nach einem Gemälde von H. Sperling . Allbekannt ist, daß die meisten Hunde es nicht leiden können, wenn wir einen anderen streicheln oder ihm schöntun. Von den zahlreichen Fällen der Eifersucht seien hier einige angeführt: Ein Fräulein in Westfalen schreibt von ihrem Pudel Puck: »Er ist entsetzlich eifersüchtig. Kleine, junge Hündchen – meine Lieblinge – können ihn in schreckliche Wut versetzen. Er ist nicht zu bewegen, die Tierchen anzusehen, und drehe ich mit Gewalt seinen Kopf nach ihnen, so schließt er, ingrimmig knurrend, die Augen. Merkwürdigerweise zeigt sich diese Eifersucht nur in meiner Gegenwart. Bin ich nicht dabei, so läßt er sich von den kleinen, tappigen Dingern das krause Fell zerzausen.« Professor Knapp erzählt, daß er eine etwa 18 Monate alte Neufundländer Hündin gehabt habe, die das Wohnzimmer mit ihm teilte. Als K. sich dann verheiratete und die Frau das Zimmer bezog, kroch der Hund beleidigt unter ein Möbelstück, und es dauerte Wochen, ehe er sich wieder seiner Gewohnheit gemäß zu den Füßen seines Herrn niederlegte. Erst nach und nach gewöhnte er sich an die Frau und wurde auch ihr zugetan. Als diese eines Tages mit einem Kinde auf dem Arme im Wohnzimmer erschien, fing die Eifersucht von neuem an, bis sie schließlich in Liebe und großer Anhänglichkeit an die Kinder des Professors endete. Der Hund brachte seinem Herrn schon auf dem Hausflur die Pantoffeln entgegen, wenn er ihn vom Fenster aus über die Straße kommen sah, und klingelte auf Geheiß dem Dienstmädchen. Ein anderes Beispiel: Herr K. Schneider in Brensbach im Odenwald verkaufte im Frühjahr einen Hund namens Karlo (halb Pinscher, halb Schnauzer), den er aufgefüttert und an sich gewöhnt hatte, nach dem eine Stunde entfernten Gumpersberg, wo er an die Hundehütte angebunden wurde. Als ihn der Herr verließ, heulte er entsetzlich und wiederholte dies, sooft jener, was alle acht Tage geschah, auf den Hof kam und ihn wieder verließ. Als aber nach einiger Zeit Herr Schneider in Begleitung eines andern Hundes, den er inzwischen gekauft hatte, nach Gumpersberg kam, fing zwar Karlo, als er ihn bemerkt hatte, wie gewöhnlich an zu jammern, ohne auf den kleinen »Bertrix« zu achten, änderte aber sein Betragen vollständig, als er die Wahrnehmung machen mußte, daß sein ehemaliger und von ihm so sehr geliebter Herr seine Neigung einem Nebenbuhler zugewendet hatte. Von dem Augenblicke an bellte er Herrn Schneider an, fletschte die Zähne und würde ihn ohne Zweifel gebissen haben, wenn er ihn hätte erreichen können. »Noch heute«, erklärt Herr Schneider, »muß ich vorsichtig sein, falls Karlo zufällig los sein sollte.« Jesse erzählt die Geschichte eines Neufundländer Hundes. Er war der Liebling der Familie. Mit großem Verdruß bemerkte er aber eines Tages, daß ein Hauslamm, das einem der Kinder geschenkt wurde, einen großen Teil der ihm gebührenden Aufmerksamkeiten für sich in Anspruch nähme. Er verlor den Appetit und wurde traurig und kränklich, weswegen ihm zur Herstellung seiner Gesundheit große Freiheit gelassen werden mußte. Eines Tages benutzte er diese Freiheit dazu, das Lamm zu ergreifen und nach der in der Nähe vorbeifließenden Themse zu tragen, wo er das arme Tier so lange in die Fluten des Stromes untertauchte, bis es ertrunken war. Von eifersüchtigen Pferden werde ich später erzählen. Die Eifersucht hat ihren Ursprung in der Verletzung des Ehrgefühls, das wir bei allen Tieren annehmen müssen, die zur Eifersucht neigen. Merkwürdigerweise ist bei den Rindern ein besonders stark ausgeprägtes Ehrgefühl zu finden. Ebenso ist man in Südamerika davon überzeugt, daß Maultiere ein starkes Ehrgefühl haben. Eine Stelle aus einem Gerstäckerschen Roman legt hiervon Zeugnis ab: »Der Bach, an dessen Ufer wir hinauf mußten (in den Anden, auf dem Wege nach Valparaiso), hatte überall Eis, so daß mein Maultier an mehreren wirklich abschüssigen Stellen verschiedene Male abglitschte und zu stürzen drohte, jedesmal aber nur durch den Zuruf: ›O Mula, o Mula‹ vom Hinstürzen abgehalten und zu neuen Anstrengungen angespornt wurde, und zwar an Stellen, wo ein Pferd Hals und Beine gebrochen hätte. Dem strauchelnden Tiere, das durch Strafmittel nur störrisch gemacht worden wäre, wurde nur zugerufen, daß es ein Maultier sei, und es wurde so gleichsam bei seinem Ehrgefühl in wirksamster Weise gefaßt.« Der Gedankengang ist also folgender: Das Maultier steht in Gefahr zu straucheln. Da erinnert es sein Begleiter noch zur rechten Zeit daran, daß es ein Maultier sei. Diese Ermahnung wirkt Wunder. Das Ehrgefühl des Maultieres gibt nicht zu, daß es ausgleitet, es reißt sich vielmehr zusammen und vermeidet ein Straucheln. Richtig an dieser Auffassung ist wohl nur eins: das Maultier strengt sich auf den Zuruf des Menschen besonders an. Alles andere ist jedenfalls nur Ergebnis der menschlichen Überlegung und gehört in das Reich der Phantasie. Ebenso ist folgende Schilderung des Ehrgefühls der grönländischen Hunde, die wir in Flössels Aufzeichnungen finden, mit einem großen Fragezeichen zu versehen. »In der Regel«, schreibt Flössel, »bilden die Hunde des Grönländers von selbst eine besondere Abteilung, die auf dem Dache der Hütte des Eigentümers lagert. Die einzelnen Abteilungen behaupten auf den Dächern ihren besonderen Platz, und ein Verkehr mit den anderen Koppeln wird stets vermieden. Jede solche Koppel hat ihren sogenannten Baas, d. h. der Stärkste wirft sich zum Herrn der übrigen auf, übt Gerechtigkeit, bestraft die Faulen und macht sich während der Schlittenfahrt sehr nützlich. Entsteht ein Streit zwischen zwei Hunden wegen eines Knochens, so entscheidet der Baas, indem er entweder selbst den Knochen nimmt oder ihn demjenigen der Streitenden überläßt, der seiner Ansicht nach das Recht auf seiner Seite hat. Maultierbespannung afrikanischer Kolonialtruppen. Nach einer Zeichnung von R. Knötel. Geraten zwei Koppeln in Streit, so muß diejenige weichen, deren Baas besiegt wird, selbst wenn sie, was die Zahl der Kämpfenden betrifft, bei weitem die Übermacht haben sollte. Beginnt der Baas zu weichen, so versucht einer der jüngeren Hunde, die Herrschaft an sich zu reißen, und nun entsteht ein Kampf auf Leben und Tod. Unterliegt der jüngere Hund, so wird er ohne Gnade zerrissen. Im entgegengesetzten Falle wirft er sich sogleich zum Herrn auf und empfängt die Huldigungen seiner Untertanen. Alle Hunde der Koppel stellen sich gleichsam zur Parade auf, und keiner von ihnen wagt es, an dem Sieger vorüberzugehen, ohne daß er sich auf den Boden würfe, mit dem Schwanze wedelte und in irgendeiner Weise seine Unterwürfigkeit zu erkennen gäbe. Bleibt der alte Baas nicht tot im Kampfe, so hat doch die erlittene Niederlage einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er von dem Augenblicke seiner verlorenen Herrschaft an als tot zu betrachten ist. Er verkriecht sich in irgendeinen Winkel, wo er in Frieden den Rest seiner Tage verbringen kann, und von nun an ist es unmöglich, ihn dahin zu bringen, daß er auch nur den kleinsten Dienst verrichtet. Doch würdigt ihn keiner seiner ehemaligen Untertanen auch nur der kleinsten Aufmerksamkeit, und schließlich stirbt er aus Gram.« Wie sehr gleicht nach Flössel das Tier hier manchem Menschen, der, zurückgesetzt, verstoßen von aller Welt, in der Einsamkeit seiner Tage verkümmert! Welcher Fürst würde sich wohl dareinfügen, als schlichter Untertan unter der Herrschaft eines seiner vormaligen Untergebenen, der ihn vom Throne gestoßen, zu leben! Was Flössel hier in dem Vergleich mit entthronten Fürsten anführt, scheint mir sehr gewagt. Bei allen in Rudeln lebenden Tieren verliert eines Tages das bisher stärkste Mitglied, das als Herrscher auftrat, seine Stellung. Es wird eben alt und hat nicht mehr die Kräfte, sich wie ehedem durchzusetzen. Und dann führt es ein Sonderleben, weil es sich nicht mehr an Unterordnung gewöhnen kann. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß seine Vereinsamung auf verletztem Ehrgefühl beruht. Wer vermöchte hier Sicheres zu sagen? Aber es kann auch sein, daß es diesen Wechsel als rein natürlich empfindet. Instinktiv fühlt etwa der Baas: Als du jung und kräftig warst, hast du dem bisherigen Herrscher seine Stellung geraubt – und jetzt geschieht dir ein Gleiches. Das Zeitalter des Kindes in der Tierwelt. Bei uns ist häufig mit großem Nachdruck hervorgehoben worden, daß jetzt das Zeitalter des Kindes angebrochen sei. Viele schienen hierbei von dem Gefühl durchdrungen zu sein, daß damit die Menschheit in einen ganz neuen, bisher völlig unbekannten Zustand treten werde, daß also die Menschheit gewissermaßen einen Gipfelpunkt der Entwicklung erreicht habe. Ist diese Vorstellung zutreffend? Der Tierkenner muß darüber lächeln, denn bei der angeblich so rückständigen Tierwelt hat das Zeitalter des Kindes von jeher bestanden und wird in alle Ewigkeit bestehen. Die Mutterliebe in der Tierwelt ist häufig und mit Recht gepriesen worden. Aber der Durchschnittsmensch kann sich deshalb an der Aufzucht der Tierjungen nicht recht freuen, weil er, seinen eigenen Vorstellungen gemäß, die Mitwirkung des Vaters dabei ganz vermißt. Wir Menschen können eben nicht aus unserer Haut heraus. Weil bei uns die Mitwirkung des Mannes in der Pflege der Kinder erforderlich ist, deshalb verlangen wir sie auch bei den Tieren, obgleich hier die Verhältnisse in vielen Fällen ganz anders liegen. Bei unsern Haustieren kümmert sich das Männchen in der Regel um seine Kinder überhaupt nicht. Unter natürlichen Verhältnissen lebt der Hengst, der Stier, der Ziegenbock und der Schafbock mit seiner Herde zusammen. Er sorgt für die Sicherheit des Ganzen, aber für das Wohl des einzelnen Jungen sorgt einzig und allein die Mutter. Wie sollte auch der Vater bei seiner großen Nachkommenschaft sich jedem einzelnen Kinde eingehend widmen? Der Gänserich ist von Hause aus ein sehr guter Vater, der mit seinem Weibchen in treuer Ehe lebt und die Kleinen sorgfältig behütet. Als Haustier hat er diese Eigenschaft verloren, weil es uns zu kostspielig ist, zu jeder Gans einen Gänserich zu halten. Da auf jeden Gänserich mehrere Gänse kommen, so kann er häufig seine Vaterpflichten auch beim besten Willen nicht so zuverlässig erfüllen, wie es bei uns Menschen geschieht. In tausend Ängsten. Nach einem Gemälde von Paul Matzel . Bei Enten und Hühnern liegt die Sache insofern anders, als Hahn und Enterich sich auch im Naturzustande nicht um die Jungen kümmern. Das erscheint auffällig, weil die Weibchen kaum über Waffen verfügen und bei der großen Anzahl ihrer Kleinen einen männlichen Beistand sehr nötig hätten. Aber die Natur geht ihre eigenen Wege. Bei fünfzehn Jungen im Jahre sollen verschiedene Kleine von Raubtieren erbeutet werden. Wovon soll das Raubtier leben? Selbst wenn der Mutter zwei Drittel ihrer Kinder, also zehn Stück, geraubt werden, bleiben zur Erhaltung der Art mehr als genügend übrig. Das ist im allgemeinen die Regel. Es wird sich später ergeben, daß es auch hier Ausnahmen gibt, z. B. beim Rebhuhn und Strauß. Wo in der Vogelwelt nicht ein Überfluß an Nachkommenschaft herrscht, erweist sich das Männchen als prächtiger Vater, wie z. B. der wilde Gänserich. Dagegen ist bei den Säugetieren die Aufzucht der Jungen deshalb leichter, weil ein Aufsuchen der Nahrung in der ersten Zeit fortfällt, da die Mutter die Milchnahrung selbst gewährt. So sind beispielsweise auch unsere weiblichen Hunde und Katzen imstande, ihre Kleinen gegen jeden Feind zu verteidigen. Deshalb kümmern sich Kater und Rüde nicht um die Nachkommenschaft. Beim Fuchs liegt die Sache genau so. Die Füchsin zieht allein die Jungen groß. Wird sie jedoch getötet, zeigt sich der männliche Fuchs plötzlich als guter Vater. Das Bellen der Jungen kündigt ihm an, daß sie Hunger leiden; es geht ihm zu Herzen, und er sorgt für ihren Unterhalt. Wenn also der Mensch, wie es häufig vorkommt, den Kopf schüttelt und ausruft: »Wie ist es möglich, daß ein so gutes und treues Tier wie unser Hektor solch ein Egoist und Rabenvater ist und sich um seine Kinder nicht kümmert!«, so übertragen wir menschliche Verhältnisse auf tierische, wohin sie eben nicht passen. Männliche Hunde haben sich tausendfach für ihre Herren geopfert – und da sollten sie ausgerechnet ihrer Nachkommenschaft gegenüber plötzlich Egoisten geworden sein! Nebenbei bemerkt, ist der Volksmund mit der Redensart »Rabenvater« oder »Rabeneltern« ganz im Irrtum. Raben sind ausgezeichnete Eltern, wie ich in meinen früheren Büchern näher dargetan habe. Eines der ekelhaftesten Geschöpfe ist nach unsern Begriffen der Pavian. Und doch hat Brehm mit dem Mantelpavian ein Erlebnis gehabt, das beweist, daß auch in den häßlichsten Gestalten echte Vaterliebe wohnen kann. Brehm war auf einem Jagdausfluge in Afrika, als er mit einer Herde Mantelpaviane zusammentraf, auf die er seine Hunde hetzte. »Als die Hunde anstürmten,« erzählt er, »befanden sich nur wenige Paviane in der Tiefe des Tales, unter ihnen ein etwa halbjähriges Junges. Es kreischte laut, als es die Hunde erblickte, flüchtete eilends auf einen Felsblock und wurde hier kunstgerecht von unseren vortrefflichen Tieren gestellt. Wir schmeichelten uns schon, diesen Affen erbeuten zu können: allein es kam anders. Stolz und würdevoll, ohne sich im geringsten zu beeilen, und ohne auf uns zu achten, erschien vom andern Ufer herüber eines der stärksten Männchen, ging furchtlos den Hunden entgegen, blitzte sie mit stechenden Augen an, hielt sie vollkommen in Achtung, stieg langsam auf den Felsblock zu dem Jungen, schmeichelte diesem und trat mit ihm den Rückweg an, dicht an den Hunden vorüber, die so verblüfft waren, daß sie den Alten mit seinem Schützlinge ruhig ziehen ließen. Diese mutige Tat des Stammvaters der Herde erfüllte uns ebenfalls mit Ehrfurcht, und keiner von uns dachte daran, ihn in seinem Wege zu stören, obgleich er sich uns nahe genug als Zielscheibe bot.« Diese von Brehm geschilderte aufopfernde Handlung des alten Pavians ist nur zu verstehen, wenn man sich folgendes vergegenwärtigt: 1. Der Pavian muß ein guter Vater sein, obwohl er in Herden lebt. Denn in Afrika ist die Zahl der Feinde außerordentlich groß. Überdies bekommt das Weibchen alljährlich nur ein Junges. 2. Bei den Tieren herrscht das Zeitalter des Kindes. Dem Kinde zuliebe werden große Opfer gebracht. Leider wissen wir von dem Tun und Treiben der Herden wenig. Aber so viel geht doch aus den Schilderungen der Naturforscher hervor, daß die Herden sich nach dem Zustande der Kleinen richten. So brechen die wilden Einhufer erst dann zu längeren Reisen auf, wenn die Fohlen imstande sind, die Anstrengung zu ertragen . Selbst der Jäger, der doch mit Tieren am besten Bescheid weiß, pflegt von der Kinderliebe in der Tierwelt nicht übermäßig hoch zu denken. Der Grund liegt lediglich in den eingewurzelten menschlichen Vorurteilen. Er sieht, daß die männlichen Säugetiere sich nicht um die Jungen kümmern, namentlich Hirsch, Rehbock und Hase nicht. Bei den Vögeln widmen sich Auerhahn, Birkhahn und Wachtel wohl den Freuden des Ehelebens eifrig, aber die Pflichten überlassen sie den Weibchen. So ist das absprechende Urteil rasch fertig. Mutterglück. Nach einem Gemälde von Otto Grelmann . In Wirklichkeit liegt die Sache ganz anders, wie man immer wieder hervorheben muß. Die Natur tut nichts Überflüssiges. Ist das Männchen nicht nötig, dann braucht es sich um die Jungen nicht zu kümmern. So wettert auch der Jäger, daß die Häsin eine schlechte Mutter sei. Man findet nämlich häufig junge Häschen ohne die Mutter. Das ist wahrscheinlich das Klügste, was die Hasenmutter am Tage für die Jungen tun kann. Denn gegen Menschen und Hunde kann sie ihre Kleinen doch nicht verteidigen, außerdem würde ihre Anwesenheit die Jungen nur verraten. Gleichermaßen schilt der Jäger darüber, daß die Rebhühner ein sehr liederliches Nest bauen. Wir betrachten eben alles durch das kleine Schiebefenster menschlicher Verhältnisse. Weil unsere Säuglinge monatelang in der Wiege liegen, muß eine Wiege fest gebaut sein. Aber wie lange sitzen die jungen Rebhühner im Nest? Höchstens ein bis zwei Tage, bis alle Küchlein ausgekrochen sind. Dann wandert die Alte mit den Jungen vom Nest fort, da Rebhühner Nestflüchter sind. Und wegen einer Benutzung von 48 Stunden sollen die Alten ein festes Nest bauen, das obendrein den großen Nachteil hätte, den zahlreichen Feinden die Brutstätte zu verraten?! Gerade das Rebhuhn hat so viele Feinde, daß auch das Männchen bei der Aufzucht helfen muß. Genau so liegt die Sache beim Strauß. Die Jungen sind in der Ebene allen Gefahren preisgegeben und haben nicht den Schutz der Bäume wie die Waldhühner, noch können sie ins Wasser flüchten wie die Enten. Die aufopfernde Tätigkeit des Rebhahns und des Weibchens für die Jungen kann der Jäger oft bewundern. Vortrefflich schildert sie Naumann: »Rührend ist es zu sehen, wie Hahn und Henne Tag und Nacht in der Sorge für die Jungen aufgehen.« Eltern, die sich so aufopfern, werden nicht ohne tieferen Grund ein liederliches Nest bauen. Das hätte sich jeder Jäger schon längst sagen müssen. Gerade umgekehrt liegt die Sache. Die Aufopferung der Tiere für die Kinder ist bewundernswert. Sie ist nur beschränkt durch das Naturgesetz, nichts Überflüssiges zu tun und auch die Raubtiere leben zu lassen. In einer der gelesensten Jägerzeitungen fragte ein alter Weidmann an, warum bei den Hirschen stets eine Hirschkuh mit einem Jungen führe. Niemand hat die Frage beantworten können. Die Antwort kann m. E. nur lauten: weil das Zeitalter des Kindes in der Tierwelt herrscht. Auch bei den Elefanten führt ein Weibchen mit einem Jungen. Nur eine Mutter mit einem Kinde kann beurteilen, wann eine Ruhepause gemacht werden muß, ob Zeit zum Fressen ist, u. dgl. mehr. Die ganze Herde richtet sich also nach dem Kinde. Wie wir bereits eingangs erwähnten, hat das Zeitalter des Kindes von Anfang an bei den Tieren geherrscht. Mutterliebe, Gattenliebe, Einzelehen, Gemeinschaftsehen. Es sei nochmals hervorgehoben, daß wir unsere Anschauungen über die Pflichten der Eltern, namentlich über die des Vaters, nicht ohne weiteres auf die Tierwelt übertragen dürfen. Kann eine Tierart bestehen, ohne daß der Vater sich um seine Nachkommenschaft bekümmert, dann ist er ein sog. schlechter Vater. Deshalb ist der sonst so treue Hund ein schlechter Vater, während die Männchen der Affen ausgezeichnete Väter sind. Der Gorilla wacht jede Nacht am Fuße eines Baumes, auf dem sein Weibchen und seine Jungen sitzen, um sie vor dem Überfall des blutdürstigen Leoparden zu schützen. Nicht jeder Menschenvater würde Nacht für Nacht bereit sein, für Frau und Kind in der Dunkelheit einen Kampf auf Leben und Tod aufzunehmen. Dabei lebt der Gorilla in Vielehe, wenigstens ist das die Regel. Noch auffallender ist es, daß die Hündin in Vielmännerei lebt. Der Mutterliebe kann das keinen Eintrag tun, denn gerade die Hündinnen sind auf diesem Gebiete mustergültig. Einige Beispiele mögen hiervon Zeugnis ablegen: Der Organist C. Sandberg in Perlin bei Wittenburg (Mecklenburg-Schwerin) erbietet sich als Gewährsmann für nachstehenden Vorfall. Im Jahre 1830 ging sein Vater, in Begleitung seiner hochträchtigen Hühnerhündin, nach dem eine halbe Meile entfernten, am andern Ufer der Elbe gelegenen Kaltenhof auf die Entenjagd. Bei Dömitz setzte er über die Elbe. Auf dem Jagdfeld warf die Hühnerhündin sechs Junge und wurde mit ihnen, um sie andern Tages abzuholen, in Kaltenhof zurückgelassen. Aber als man andern Morgens in Heidhof erwachte, lag die Hündin mit ihren sechs Jungen, die sie während der Nacht durch die Elbe und nach Heidhof hatte tragen müssen, in der Hundehütte!! – Noch stärker ist die Leistung einer Jagdhündin, über die der Kreistierarzt Schirlitz in Torgau berichtet hat. Diese war von ihrem Herrn, einem Rittergutsbesitzer an der Saale, in hochträchtigem Zustande mit auf ein zwei Stunden entferntes, am andern Ufer der Saale gelegenes Gut genommen worden und warf hier acht Junge. Der Besitzer, der wußte, daß die Tiere bei seinem Freunde gut aufgehoben seien, fuhr allein nach Hause, war aber aufs höchste erstaunt, als die Hündin bereits am andern Morgen 4 Uhr sich mit ihren acht Jungen bei ihm einstellte. Der Hund mußte nach der Meinung des Erzählers fünfzehnmal die Saale durchschwommen haben, um seine Lieblinge nach Hause zu bringen – abgesehen von dem dabei zurückgelegten Landweg. – Eine einem Fuhrknecht gehörige Hündin kam nach Lehrer Klär in Obersiegersdorf (Schlesien) auf einer Reise nach Sagan mit drei Jungen nieder. Sie wurde in Hertwigswaldau (1¼ Meile von dem Wohnort des Erzählers) eingelegt und sollte auf der Rückreise abends mitgenommen werden. Aber der Knecht sah sich genötigt, auf einem anderen Wege heimzukehren, und wollte am folgenden Tage zurückkommen. Diese Mühe wurde ihm erspart. Am nächsten Morgen fand er die ganze Hundefamilie wohlbehalten im heimischen Stalle. Der Hund mußte also, wenn er jedes Junge einzeln trug, von abends bis morgens früh den Weg von 1¼ Meilen fünfmal zurückgelegt haben!! Ja, da höre ich den Einwand, daß der Hund so moralische Eigenschaften zeigt, kommt daher, weil er seit Urzeiten im innigen Verkehr mit dem Menschen lebt. Da hat er vieles von ihm gelernt. Ist das der wahre Grund? Hören wir, wie sich der Fuchs in ähnlichen Fällen benimmt. Und hier handelt es sich doch um ein Raubtier : Da das Fuchsgraben eine der bekanntesten Jagdarten ist, so wird jeder Jäger bestätigen, daß nachstehende Berichte durchaus den Eindruck der Glaubwürdigkeit machen. Denn, wenn es irgend etwas gibt, das die Füchsin einen Teil ihrer sprichwörtlichen Vorsicht und Schlauheit vergessen läßt, so ist es allein die Liebe zu ihren Kindern. Hat sich ein Mensch ihrem Bau genähert, so werden die Jungen in der kommenden Nacht an einen andern Platz getragen. Bei der großen Verfolgung, der gerade dieses Tier ausgesetzt ist, muß ein solcher Wohnungswechsel sehr oft erfolgen. Bei einem von dem bekannten Naturforscher Lenz geschilderten Fuchsgraben brach eine Füchsin mit ihrem Jungen im Maul aus dem Bau heraus mitten durch die Hunde und die auf sie feuernden Jäger hindurch, ohne das geliebte Kind fallen zu lassen. In einem von Doktor Franklin in der Grafschaft Essex beobachteten Falle lief eine Füchsin, unter ähnlichen Umständen, ihre Jungen im Maul, mehrere englische Meilen weit, bis sie auf einem Pachthof, den sie durchschneiden mußte, aufgehalten wurde. Der schwedische Naturforscher Eckström erzählt, daß eine Füchsin, der man zwei Junge getötet und eines geraubt hatte, in der Nacht bei dem Hofbesitzer einbrach, wo ihr Junges angekettet lag, 14 Truthühner tötete und eines davon ihrem gefesselten Kinde zur Speise brachte. Bei den Säugetieren ist Gattenliebe eine Ausnahme, wie uns beispielsweise von der ausgerotteten Stellerschen Seekuh berichtet wird. Steller entdeckte auf seinen Reisen die schon lange ausgestorbene Seekuh. Bei den Vogelehen ist die Gattenliebe dagegen Regel, was wir namentlich bei Störchen und Schwalben beobachten können. Pfarrer Schmidt teilt folgenden Fall mit: »Dem Pfarrhause gegenüber stand ein Gebäude mit einem Storchnest. Der Storch, der sich unterfing, von dem Strohdach eines benachbarten Bauernhauses Material zur Ausbesserung des Nestes zu holen, wurde von dem Sohn des Hauses bei diesem Geschäft überrascht, durch eine Öffnung des Daches hereingezogen und totgeschlagen. Die betrübte Storchwitwe saß mit gesenktem Haupt mehrere Tage lang auf dem Neste, ohne sich zu regen oder Nahrung zu sich zu nehmen. Da ließ sich ein fremder Storch auf dem andern Ende des Daches nieder und blickte unverwandt nach der Störchin im Neste. Allmählich wagte er sich immer näher, bis er dicht vor dem Neste von der Störchin mit heftigen Schnabelhieben abgewiesen wurde. Er ließ sich aber nicht abschrecken und kam immer wieder, trotz wiederholten üblen Empfangs. Endlich am dritten Tage nahm die Störchin seine treue und beharrliche Werbung an und ihn selbst als Gemahl im Neste auf. Sie nisteten und brüteten in Eintracht, und es dauerte nicht lange, so reckten fünf junge Störche ihre Köpfe zum Neste heraus.« Zwei Mütter. Nach einem Gemälde von A. Holmer . Etwas Ähnliches erzählt Brehm von einem Storchenpaar. »In einem kleinen Teiche Süd-Nubiens, den der Nil während seiner Überschwemmung mit Wasser gefüllt hatte, bemerkte er zu ganz ungewöhnlicher Jahreszeit ein Storchenpaar. Beide Gatten waren auffallend zahm und wurden, da Brehm die Ursache ihrer Anwesenheit erkunden wollte, leicht erlegt. Da zeigte es sich, daß das Männchen kerngesund, das Weibchen aber sehr abgemagert und flügellahm war. Es hatte die Reise mit den übrigen nicht fortsetzen können und zurückbleiben müssen. Da hatte es der treue Gatte nicht verlassen wollen und war bei ihm geblieben.« Aus Stralau bei Berlin berichteten die Zeitungen im April 1883 folgendes: »Große Trauer herrschte am Ende des Monats März in dem Orte Stralau, als der den Bewohnern des freundlichen Dorfes bekannte Storch von seiner Winterreise ohne Weibchen zurückkehrte und nach mehrmaligem heftigem Klappern mit dem Schnabel, mit dem er seine Gefährtin zu rufen schien, still trauernd auf dem Neste blieb und es nur verließ, um in nächster Nähe seinen Hunger zu stillen. Am vorigen Donnerstag mittag zwischen 1 und 2 Uhr wurden die Stralauer Bürger plötzlich durch heftiges Geklapper mehrerer Störche aufmerksam gemacht und bemerkten, daß auf dem Neste zwei Störche standen, die sich äußerst lebhaft begrüßten. Die Störchin, auf der Reise durch irgendeinen Zufall aufgehalten, schien von den anderen Störchen im Triumph ihrem Gefährten zugeführt zu sein und wurde von letzterem mit größtem Jubelgeklapper aufgenommen.« Störche vor der Abreise nach dem Süden: Die schwächlichen Tiere werden von den Führern getötet. Nach einer Zeichnung von Paul Neumann. Im Spätsommer verläßt uns unser trauter Hausgenosse, um nach dem warmen Süden zu wandern. In unserer Heimat würde er im Winter vergeblich nach Fröschen und Schlangen suchen, weil die Gewässer zugefroren sind und die Schlangen sich in ihre Winterquartiere verkrochen haben. Vor der Abreise suchen die Schwärme gewisse Stellen auf, die geradezu als Sammelplätze bezeichnet werden können. Ausschlaggebend für diese Orte ist der Nahrungsreichtum. Hier können sich die Tiere für die beschwerliche Reise nochmals gründlich sättigen. Auf diesen Sammelplätzen spielen sich zuweilen vor dem Abflug Szenen ab, die uns in hohem Grade abstoßend erscheinen. Es macht beinahe den Eindruck, als ob sich die Störche vorher untereinander verständigten; denn plötzlich stürzen sie sich auf einen ihrer Genossen, den sie durch Schnabelhiebe töten. Die Annahme, daß diese Tat gewissermaßen durch Notstand gerechtfertigt wird, scheint zuzutreffen, denn die umgebrachten Störche machen durchweg den Eindruck von Schwächlingen, die durch ihr geringes Flugvermögen den Zug der gesamten Schar schwer gefährden würden. Unsere Hochschätzung vor den, namentlich in der Kinderwelt, so beliebten Hausgenossen kann demnach durch derartige, vom Selbsterhaltungstrieb eingegebene Maßnahmen nicht beeinträchtigt werden. Störche und Schwalben, wie überhaupt die Vögel, stehen unserm Herzen deshalb näher, weil wir unsere eigenen Anschauungen über Einzelehe, Gattenliebe und Vaterpflichten hier wiederfinden, was bei den Säugetieren nicht immer der Fall zu sein pflegt. Wir Menschen sind Herdengeschöpfe, d. h. wir fühlen uns nur wohl, wenn wir gemeinsam leben. Bei den Tieren dagegen gibt es gesellige und ungesellige. Der Hund gehört zu den Herdentieren, die Katze zu den Einzelgängern. Aus der Verschiedenheit der Lebensweise ergeben sich eine Reihe von Eigenarten, die später besprechen werden sollen, wenn wir uns mit Hund und Katze näher beschäftigen. Die sogenannten Unarten der Haustiere. Wie schnell wir mit dem Vorwurf bei der Hand sind, ein Haustier zeige Unarten, ist allgemein bekannt. Wir Menschen können eben nicht aus unserer Haut heraus und übertragen uns geläufige Anschauungen ohne weiteres auf die Tiere und ihre Lebensäußerungen. Ob sie dort aber am Platze sind, kümmert uns wenig. Nach der Meinung sonst ganz verständiger Leute soll sich beispielsweise ihr Hund mäuschenstill auf dem ihm angewiesenen Platze halten, nur, weil sie es wünschen. Wie oft habe ich Hausfrauen mit ihrem Hund zetern hören: »Wohin gehörst du?« Dabei bekundeten Stimmung und Sprache, daß sie ganz entsetzt über die Unverbesserlichkeit des Übeltäters war. Hätten die Hundebesitzer nur ein ganz klein wenig Kenntnis vom Tierleben, so müßten sie sich doch sagen, daß, wer artig stillsitzende oder stilliegende Hausgenossen haben will, sich zum mindesten eine Hunderasse wählen muß, die wenig Auslauf braucht, also z. B. der Dachshund und Boxer. Noch besser passen natürlich die meisten Schoßhunde oder ganz alte Hunde. Von Hause aus ist der Hund ein Geschöpf, das Bewegung liebt und braucht. Wölfe laufen (nach Brehm) nächtlich 10 bis 12 Meilen, und so viel werden auch die Wildhunde gelaufen sein. Beim Jäger liegt der Hund mäuschenstill, nachdem er auf der Jagd, namentlich der Hühnerjagd, stundenlang ununterbrochen auf den Beinen gewesen ist. Ganz besonders braucht der junge Hund Bewegung, um seine Muskeln zu kräftigen. Wer dem Hunde nicht die ihm erforderliche Bewegung verschaffen kann, der soll sich, namentlich in der Großstadt, keinen halten. Aber er soll nicht auf die »Unarten« des Hundes schelten. Das Schwein findet im Misthaufen noch manches, was ihm gut schmeckt. Wie die Wildschweine, so liebt auch das Hausschwein einen warmen Boden. Der wärmehaltige Misthaufen wird deshalb als Lager sehr geschätzt. Bei großer Hitze dagegen suhlt sich das Wildschwein, während sich das Hausschwein in Ermangelung der Suhle in eine Pfütze legt. Die Vorliebe für den Mist und die Pfützen sind also keine Unarten des Hausschweins, besonders kein Beweis der Unsauberkeit, sondern die Folge der Lebensweise der Vorfahren dieser Tiere. Da die Wildschweine halbe Raubtiere sind, so ist es kein Wunder, daß unsere Sauen, die keinen Bissen tierische Nahrung erhalten haben, aus unterdrücktem Fleischhunger ihre eigenen Jungen auffressen. Nach Meinung erfahrener Schweinezüchter sollen sie es nur dann tun, wenn die Jungen krank sind, oder die Mutter nicht genügend Milch hat. Jedenfalls kann man annehmen, daß zahlreiche sogenannte Unarten unserer Haustiere ihren letzten Grund in der falschen oder unzureichenden Ernährung haben. So beruht wahrscheinlich das Eierfressen der Hühner auf Mangel an tierischer Nahrung. Gewiß sind die Hühner Körnerfresser. Aber wenn der Frühling ins Land zieht, dann ist ihnen tierische Nahrung Bedürfnis. Wird sie ihnen vorenthalten, was in Volieren, und wo der Auslauf erschwert ist, oft vorkommt, so fangen die Hühner an, sich die Federn auszuziehen oder die Kämme zu bearbeiten. Genau so werden Kanarienvögel zu Eierfressern, weil ihnen die kleinen Raupen fehlen, die sie in der Freiheit finden. Auch der Stieglitz, der mit einem weiblichen Kanarienvogel gepaart wird, muß von den Eiern getrennt werden, weil er die Unart hat, sie anzupicken. In Wirklichkeit frißt er, wie alle Finken, zur Frühlingszeit allerlei Insekten, und diese fehlen ihm nun. Auch unsere Papageien müssen in der Freiheit zu gewissen Zeiten tierische Nahrung haben. Das vielbeobachtete Federnausreißen beweist dies. Der Katze werfen wir vor, daß sie falsch und naschhaft sei. Ihre Falschheit besteht in der Hauptsache darin, daß sie nicht wie ein gutmütiger Hund alles in Demut hinnimmt. Sie ist, wie wir später sehen werden, eine Herrennatur . Die Wildkatze frißt nur ausnahmsweise Aas, der Hund hingegen regelmäßig. Der Katze schmeckt am besten frisches Fleisch, so Hasenfleisch, Rehleber u. dgl. Aber das wollen wir Menschen allein essen, und wenn uns die Katze solche Leckerbissen aus der Speisekammer stiehlt, nennen wir sie naschhaft. Auch der Ziege machen wir den Vorwurf, daß sie lecker sei, weil sie viel Futter aus der Raufe an die Erde wirft und in ihrer Nahrung sehr wählerisch ist. Hier macht sich ebenfalls die Lebensweise der Vorfahren bemerkbar. Im Gebirge wächst nur wenig. Die Wildziege kennt es nicht anders, als hier und da etwas für sich abzurupfen. Überdies gibt es im Gebirge Blattpflanzen in größerer Menge als Gräser. Auch heute noch zieht unsere Ziege breite Blätter dem Grase vor. Schafe zeigen die Unart des Wollefressens; sie verzehren beharnte Wolle. Augenscheinlich leiden sie an Salzmangel. Das Lausen der Affen soll nach dem neuesten Brehm nichts mit dem Fang von Ungeziefer zu tun haben, sondern die Affen suchen sich die salzhaltigen Schweißkrusten und verzehren sie. Hiernach fehlt den Affen Salz, worauf ich in Zeitschriften schon wiederholt hingewiesen habe. Bei Kühen führt der Salzmangel oder die mangelhafte Beschaffenheit des Heus zur Lecksucht. Pferde, die bisher Gräser gefressen haben und zu Körnerfutter übergehen, fangen an zu koppen (eine sog. Untugend der Pferde, die unter einem eigenartig gurgelnden Geräusch Luft schlucken), weil dem Magen der erforderliche Ballast fehlt. Schon vor dem Weltkriege hieß es in der Instruktion der russischen Kavallerie, daß die Remonten aus der Steppe erst allmählich an Körnerfutter gewöhnt werden sollen, weil sie sonst »Kopper« werden. Das Wildpferd ist ein Gräserfresser, kein Körnerfresser. Höchst unangenehm, ja lebensgefährlich ist das Scheuen und Durchgehen der Pferde, aber eine Unart ist es nicht. Wie wir später hören werden, beruht das Scheuen auf dem schwachen Sehvermögen der Pferde. Da Wildpferde sich durch rasende Flucht zu retten pflegen, weil in der endlosen Steppe ein Rennen gegen Häuser oder Bäume ausgeschlossen ist, so sollten wir in dem sog. Durchgehen nichts anderes als die Anwendung einer seit Urzeiten üblichen Rettungsart erblicken, die allerdings für uns wenig erfreulich ist. Der Esel wird der Faulheit bezichtigt. Aber dieser Vorwurf fällt auf uns zurück. Denn Wildesel laufen, wie schon Xenophon berichtet, schneller als Pferde. Unser Grautier stammt aus warmen Ländern, weshalb es in Deutschland für ihn schon zu kalt ist. In den Mittelmeerländern sind die Esel weit regsamer. Man wird wohl behaupten dürfen, daß die meisten Unarten, die wir unsern Haustieren andichten, in Wirklichkeit nicht die Folgen böser Eigenschaften sind, sondern auf falscher Behandlung durch den Menschen beruhen oder auf frühere Lebensgewohnheiten in der Wildnis zurückgeführt werden müssen. Was läßt sich nun zu dem Kapitel »Stubenreinheit« sagen? Eine Stubengemeinschaft mit Tieren, wenigstens mit größeren Tieren, ist in einem geordneten Haushalt nur möglich, wenn die Tiere ihre Ausscheidungen an eine bestimmte Stelle bringen. So allerliebste Vögel, wie Staare, Rotkehlchen, Grasmücken, Bachstelzen usw., kann man leider nicht dauernd im Zimmer fliegen lassen. Der Lappen ist unausgesetzt in Bewegung; die Schmutzerei ist entsetzlich. Bei Körnerfressern ist es nicht so schlimm wie bei den erwähnten Weichfressern, aber von einer Erziehung zur Stubenreinheit kann selbst bei den klügsten Kanarienvögeln nicht die Rede sein. Ließen sich Hühner und Gänse stubenrein machen, so wäre das von hoher wirtschaftlicher Bedeutung. Denn diese Tiere legen in warmen Zimmern viel früher als in kalten Räumen, auch brauchen sie weniger Futter. In der Großstadt ist das Halten dieser Geflügelarten im Zimmer ausgeschlossen, sondern nur in Bauernstuben möglich, wo der Boden mit Steinen und Sand bedeckt ist. Auch der Papagei ist trotz seiner Klugheit und Gelehrigkeit kaum zur Stubenreinheit zu erziehen. Ich habe zahlreiche, sehr kluge Papageien kennengelernt, aber mit der Stubenreinheit haperte es immer. Das war um so auffallender, als viele eine rührende Anhänglichkeit an ihre Herrin zeigten und, während sie auf der Schulter saßen und allerlei Liebkosungen mit ihr tauschten, eigentlich auch das neue Kleid hätten schonen sollen. Die Stubenreinheit der Papageien bestand höchstens darin, daß sie sich plötzlich schüttelten und mit den Füßen hin und her traten. Dann merkte die Herrin, daß Gefahr im Verzuge war, und brachte ihren Liebling schnell nach einem geeigneteren Platze. Der Vogel wußte also nur aus Erfahrung, daß er Schelte hören würde, wenn er sich entleerte. Irgendein auch nur entferntes Verständnis für den Begriff der Reinlichkeit scheint ihm zu fehlen. Mehr noch wunderte ich mich, daß ich unter einer Unmenge zahmer Affen nicht einen einzigen kennenlernte, der stubenrein war. Dabei waren Tiere darunter, die mich wegen ihrer ungewöhnlichen Intelligenz in Erstaunen setzten. Sie schlossen Türen mit dem richtigen Schlüssel auf, zogen meine Uhr auf usw. Aber für Stubenreinheit hatten sie nicht das geringste Verständnis. Ungeeignetes Spielzeug. Nach einem Gemälde von H. Sperling . Selbst Brehm, der ein begeisterter Verehrer der Affen ist, mußte ihnen nachsagen, daß sie trotz aller Klugheit ausnahmslos sehr unreinlich seien. Wenn Affen gar nicht, Papageien kaum stubenrein zu machen sind, so erscheint die Stubenreinheit des Hundes in einem ganz merkwürdigen Lichte. Während jeder Jäger sie als etwas Selbstverständliches hinnimmt und sich dabei für den größten Hundekenner hält, würde er nicht imstande sein, die Frage zu beantworten, warum denn die viel klügeren Affen und Papageien nicht ebenfalls zur Stubenreinheit zu erziehen sind. Das Mittel beim jungen Hunde ist denkbar einfach und hinlänglich bekannt. Man stößt ihn nachdrücklichst in seinen eigenen Unrat. Das Merkwürdige ist, daß diese Lehre auf äußerst fruchtbaren Boden fällt. Der Mensch nimmt schmunzelnd die Erfolge seiner Erziehungstätigkeit wahr und ist davon überzeugt, daß er den Hund stubenrein gemacht hat. In Wirklichkeit hat die Stubenreinheit gar nichts mit Erziehung zu tun. Es geht das unzweifelhaft daraus hervor, daß eine ganze Menge der geistig ziemlich tief stehenden Nager stubenrein ist. So heißt es vom Siebenschläfer, daß er als arger Fresser geistig nicht sehr befähigt sei, aber den großen Vorzug der Stubenreinheit aufweise. Und zwar, wohlgemerkt, zeigt diese Tugend sich ohne jede menschliche Anleitung. Die Stubenreinheit des Hundes ist also keine Folge der Erziehung. Vielmehr ist der Hund wie alle Kaniden, also Wölfe, Schakale, Füchse usw., von Hause aus ein Höhlenbewohner. Alle Höhlenbewohner wissen aus Instinkt, daß sie ihre Höhle verpesten, wenn sie den Unrat an beliebiger Stelle fallen lassen. Deshalb haben Dachs, Hamster und andere Höhlenbewohner richtige Aborte in ihren Höhlen, obgleich alle diese Tiere an sich geistig sehr beschränkt sind. Affen, Papageien und gewisse Vogelarten erleichtern sich dagegen auf Zweigen. Wo ihr Unrat hinfällt, ist ihnen ganz gleichgültig, da sie von den Nachteilen nicht betroffen werden. Deshalb haben sie nicht das geringste Verständnis für Stubenreinheit. In dem jungen Hunde hingegen wird durch das Hineindrücken der Schnauze der Instinkt des früheren Höhlenbewohners geweckt. Dieser Instinkt, nicht die Erziehung des Menschen, macht ihn stubenrein. Wie benehmen sich unsere Haustiere beim Zusammentreffen mit einem Auto? Wir Menschen sind so daran gewöhnt, alles von unserm Standpunkte aus zu betrachten, daß die meisten jede andere Ansicht ablehnen. Sehen wir also, daß z. B. ein Haustier sich unruhig und ängstlich benimmt, wenn ein Auto naht, so halten wir es für dumm. Die Schlußfolgerung, die wir ziehen, lautet etwa: Das Auto will doch das Tier nicht fressen, sondern nur schnell seines Weges dahinfahren. Folglich hat das Tier nicht den geringsten Grund zur Furcht. Es muß daher sehr töricht sein. Ohne Bedenken halten wir uns zu einem solchen abfälligen Urteil über das Tier für berechtigt. Aus solcher Erwägung hat auch ein Führer eines Kraftwagens gehandelt, der seine langjährigen Beobachtungen auf diesem Gebiete veröffentlicht hat. Wie es scheint, hat er allseitige Zustimmung gefunden. Von den Haustieren sind demnach Hühner besonders dumm, klug dagegen Gänse, Ziegen, Schafe. Ist dieses Urteil begründet? Wir wissen, daß man Haustiere nicht versteht, wenn man nicht ihre vielfach anders gearteten Sinne und die Lebensweise ihrer wilden Vorfahren berücksichtigt. Ein Pferd, das noch kein Auto kennengelernt hat, wird naturgemäß beim ersten Zusammentreffen zum Durchgehen neigen. Warum soll es sich bei seiner Schnellfüßigkeit auf einen Kampf mit einem größeren Feind einlassen? Hat es sich allmählich von der Grundlosigkeit seiner Furcht überzeugt, dann bringt ein ratterndes Auto es nicht mehr aus der Ruhe. Dieses Gewöhnen an Dinge, die ihm ursprünglich gar nicht geheuer erschienen, zeigt immerhin einen erheblichen Grad von Intelligenz. Genau genommen, müssen wir also sagen: diese oder jene Tiere sind uns angenehm, wenn wir in einem Auto sitzen. Denn die Gefahr eines Zusammenstoßes mit ihnen oder die Aussicht, sie zu überfahren, ist gering. Die anderen Tiere sind uns unangenehm, weil bei ihnen die Gefahr größer ist. Das wäre ein begründetes Urteil. Daran denken wir indessen nicht. Die Tiere, die uns angenehm sind, nennen wir klug, die anderen kurzweg dumm. Das ist auch viel einfacher. Dabei müßte uns doch stutzig machen, daß wir die Schafe den angenehmen Tieren zurechnen. Sie für klug, ja für klüger als Pferde, Rinder und Schweine zu halten, ist nicht recht einleuchtend. Die Erklärung des verschiedenen Verhaltens liegt gar nicht auf geistigem Gebiete, oder wenigstens nicht auf ihm allein; nein, bei den Haustieren machen sich die alten eingewurzelten Triebe geltend, die sie von ihren wilden Vorfahren geerbt haben. Schafe flüchten gewöhnlich beim Herannahen eines Autos von der Landstraße. Ein Gleiches tun Ziegen. Ebenso handeln auch Gänse. Warum aber tun sie das? Schafe und Ziegen sind Tiere der Höhen, wobei besonders Schafe dichte Bestände lieben. Bringt ihnen die Landstraße, also die Ebene, Gefahr, so haben sie das uralte Bestreben: fort aus der Ebene. Schafe handeln dabei sehr verständig, wenn sie einem Leithammel folgen, denn bei schneller Flucht im Gebirge ist es das vernünftigste, in die Fährten seines Vormannes zu treten. Ein Abstürzen ist dann fast ausgeschlossen. Die Gans ist unzweifelhaft nicht so dumm, wie der Volksmund meint; die Wildgans ist sogar eines der klügsten Geschöpfe. Weil sie sich in Brüchen, also in Niederungen, am sichersten fühlt, so wird die Hausgans auch heute noch gern von der ebenen Straße flüchten. Daß sie nicht gleich fortfliegt, kommt daher, weil sie es teilweise verlernt hat und, seit sie schwerer geworden ist, auch nicht mehr so mühelos kann. Eigenartig ist das Benehmen der Schweine. Wir sehen, daß sie in schnurgerader Linie laufen, sobald sie Aussicht haben, auf ein Feld zu gelangen. Für den Autofahrer ist dies sehr angenehm. Ist kein Feld in der Nähe, so ändern die Tiere ihre Richtung oft, prallen dabei zusammen und bringen den Autolenker in Gefahr, sie zu überfahren. Um das Benehmen der Schweine richtig zu verstehen, müssen wir uns folgendes vergegenwärtigen: Das ausgewachsene Wildschwein, der Keiler, ist ein wehrhaftes Tier, das sein Leben teuer verkauft. Junge Wildschweine flüchten dagegen und zwar wie Kaninchen und Bekassinen häufig in Zickzackrichtung, weil sich diese Fluchtart praktisch bewährt hat. Denn jede das Rudel überfallende Katzenart wird durch das Zickzacklaufen viel leichter einen Fehlsprung tun. Wildschweine laufen nicht in so großen Herden, daß eines das andere anstoßen und zu Fall bringen kann. In der Gefahr suchen sie am liebsten dichtes Gebüsch auf. Finden sie das zur Seite einer Landstraße, so würden unsere Hausschweine es wohl heute noch als Rettungsmittel benützen. So fliehen sie aus Mangel an Deckung auf das Feld. Kühe benehmen sich ganz verschieden, je nachdem ein Auto ihnen entgegenkommt oder in ihrem Rücken fährt. In ersterem Falle weichen sie im letzten Augenblicke aus. Fährt dagegen ein Auto im Rücken einer Herde, so schauen die Kühe nach dem Auto und laufen infolgedessen quer über die Straße. Für den Fahrer, der große Eile hat, ist das gewiß nicht sehr angenehm. An eine Böswilligkeit der Tiere ist dabei keineswegs zu denken. Für ein Tier, das hinten wehrlos ist und nicht fliehen kann, ist dieses Benehmen doch ganz einleuchtend. Es will von der wehrlosen Seite aus nicht überfallen werden, deshalb schaut es nach hinten. Das Schräggehen ist damit von selbst erklärt. In der Freiheit drehten sich die Rinder einfach um. Das kann aber eine wandernde Herde nicht machen. Denn das Rind ist im Vergleich zum Pferde ein kämpfender Pflanzenfresser. Und zwar hat es seine Waffen, die Hörner, vorn, im Gegensatz zum Pferde, das seine Waffen in den Hinterfüßen hat. Am meisten muß sich der Autoführer bei den Hühnern in acht nehmen, um zu verhüten, sie zu überfahren, weil sie im letzten Augenblick über den Damm zurücklaufen. Eine Ausnahme macht nur der Hahn. Wie ist das zu erklären? Der Hahn flüchtet deshalb nicht wie die Hennen kopflos über den Damm, weil er sich als Schützer seiner Damen fühlt. Er weiß aus Erfahrung, daß ihm in unserm Vaterlande außer bissigen Hunden so leicht niemand etwas tut. Und in dieser Erkenntnis ist er sogar bis zu einem gewissen Grade sehr dreist geworden. Entenpolonäse auf einer belebten Berliner Strasse: Eine Entenmutter bringt ihre Jungen nach einem anderen Gewässer und wird bei der gefährlichen Wanderung von einem tierfreundlichen Schutzmann unterstützt. Wildhühner fliegen bei Gefahr in den Schutz hoher Bäume. Aber das haben unsere Hühner verlernt; deshalb bleibt ihnen nur die schleunige Flucht nach ihrem Hof. Sind sie über den Damm gelaufen, so müssen sie doch wieder zurück. Die geängstigten Tiere vermögen doch nicht die rasende Schnelligkeit eines Automobils in ihre begrenzte Vorstellung einzubeziehen. Sie sehen nichts als die Gefahr, der sie entrinnen wollen. Zutreffend sind also die Urteile der Autofahrer über die geistigen Fähigkeiten unserer Haustiere durchaus nicht. Aber für sie ist es sehr nützlich zu wissen, wie sich die einzelnen Haustiere dem Automobil gegenüber zu verhalten pflegen. Können Tiere lachen und weinen? In den Witzblättern spielen von jeher lachende Tiere eine große Rolle. Hunde, namentlich Dackel, lächeln über gelungene Streiche, ja selbst der ehrwürdige Elefant schüttelt sich da oft vor Lachen! Und gar erst die Affen, die geborenen Komiker! Wie die Kinder, haben sie Lachen und Weinen in einem Sack, besonders das höhnische Lachen ist ihnen ganz eigentümlich, wenn sie jemand mit Erfolg gefoppt haben. Was ist nun an diesen hübschen Bildern, die unserem Gemüt so wohl tun, eigentlich wahr? Da muß ich leider die betrübende Antwort geben: herzlich wenig. Es ist merkwürdig, daß der Kulturmensch niemals zwischen Handlungen unterscheidet, die allen Geschöpfen gemeinsam sind, und solchen, die erst durch eine gewisse Kultur hervorgerufen wurden. Außerdem vergißt er, daß sich die meisten Tiere nach der Nase, nicht nach den Augen richten. Lachen und Weinen wenden sich allerdings in erster Linie an das Gehör, aber das äußere Aussehen, d. h. die Veränderung des Gesichts, gibt hier doch fast lediglich den Ausschlag. Bei lautlosem, d. h. unterdrücktem, verschmitztem Lachen oder Weinen eines Menschen ist es mir im höchsten Grade zweifelhaft, ob beispielsweise ein Hund mit seinem schlechten Gesicht diesen Gemütszustand überhaupt zu erkennen vermag. Lachen können nur solche Geschöpfe, die sich höchster Behaglichkeit erfreuen. Dabei leuchtet ohne weiteres ein, daß diese Empfindung in der rauhen Wirklichkeit verhältnismäßig selten vorkommt. Ich bin sogar fest überzeugt, daß der Urmensch überhaupt nicht gelacht hat. Solange er mit den übermächtigen Bestien zu kämpfen hatte, lag ihm sicher das Lachen ganz fern. Stellen wir uns einmal vor, was es heißt, mühsam als Jäger täglich so viel Beute zu erlangen, um den nagenden Hunger zu stillen. Und wenn die Nacht herabsank, legte sich der Urmensch nicht etwa behaglich ins warme Nest, sondern dann ging der tolle Tanz erst recht los. Die großen und gefährlichen Raubtiere: Löwen, Tiger, Panther, Bären, Wölfe, sind sämtlich Nachttiere, nicht Tagtiere, wie irrtümlicherweise immer angenommen wird. Wir brauchen nur die ergreifenden Schilderungen bei Brehm nachzulesen, um zu erfahren, wie der Löwe zur Nachtzeit das Lager des Nomaden überfällt und sich ein Rind raubt, ohne daß ihm jemand entgegenzutreten wagt. Und seit Brehm sind noch keine hundert Jahre verflossen. Homer schildert die Lage vor dreitausend Jahren fast ebenso: So wie die Hund' unruhig die Schaf' im Gehege bewachen, Hörend das Wutgebrüll des Untiers, das aus der Waldung Herkommt durch das Gebirg', umtönt vom lauten Getümmel Treibender Männer und Hund', entflohn ist ihnen der Schlummer. Damals hatten die Menschen noch keine Schußwaffen, waren aber den Bestien bereits derartig überlegen, daß eine Existenzgefährdung durch sie nicht mehr in Frage kam. Ich halte es nicht für Zufall, daß Homer das herzhafte Lachen – das sogenannte homerische Gelächter – ausgerechnet bei den Göttern ausbrechen läßt. Warum gerade bei ihnen? Sie durften sagen: »Uns kann keiner!« Auch über den kommenden Tag brauchten sie sich keine Gedanken zu machen. Lachen setzt also eine gewisse Sorglosigkeit voraus, und die ist in der freien Tierwelt kaum anzutreffen. Wir können sie überhaupt nur bei Tieren vermuten, die zu Spiel und Neckerei neigen. Die Spiellust ist zwar bei vielen Tieren anzutreffen, so bei Hunden, Pferden, Kühen, Gemsen, und namentlich bei Vögeln. Aber zur Necklust neigen nur wenige, eigentlich nur die Affen, Katzen, Papageien und die Rabenvögel, also weitaus die klügsten Tiere. Da sie obendrein scharfe Augen haben, so wäre das Lachen bei ihnen an sich denkbar. Dem steht aber wieder entgegen, daß bei den Vögeln der kleine Kopf und die Befiederung die Veränderungen des Gesichts beim Lachen gar nicht zulassen. Am ehesten sind für ein Lachen die Affen gebaut, zumal solche, deren Gesicht wenig behaart ist. Ich habe mir viel Mühe gegeben, bei Schimpansen, Orang-Utans und anderen Affenarten ein Lachen hervorzurufen. Wenn sie vom Wärter gekitzelt werden – sie sind unter der Achsel ebenso empfindlich wie wir Menschen –, so verziehen sie das Gesicht zu einem Grinsen – aber sie lachen nicht. Vielfach haben die Affen eine ganz eigentümliche Art, ihrer Zufriedenheit Ausdruck zu geben, nämlich durch schnelle Bewegung der unteren Kinnladen und Lippen. So Berber-Affe und Pavian. Mit dem Pavian machte Darwin folgenden Versuch. Der Wärter mußte ihn reizen – bei Affen eine Kleinigkeit – und sich dann mit ihm versöhnen, indem er ihm die Hand schüttelte. Als die Aussöhnung zustande gekommen war, bewegte der Pavian seine Kinnladen und Lippen rasend schnell auf und nieder und sah sehr vergnügt aus. Darwin sagt mit Recht, daß bei unserm Lachen mehr die Brustmuskeln in Bewegung gesetzt werden, während sich bei vielen Affen allein die Muskeln der Kinnladen und Lippen lebhaft bewegen. Unser herzhaftes Lachen ist den Tieren unbekannt. Etwas ganz anderes ist es, daß Tiere Töne ausstoßen, die unserm Lachen ähneln, so die Lachtaube und der weibliche Kuckuck, an den der Dichter gedacht hat, wenn er singt: Gehst du nicht bald nach Haus, Lacht dich der Kuckuck aus. Auch unser Grünspecht hat eine Stimme, die dem menschlichen Gelächter sehr ähnlich ist, weshalb man ihn auch »Wieherspecht« nennt. Am meisten leistet auf diesem Gebiete der sogenannte lachende Hans, eine Art Eisvogel, der in Australien lebt. Mit dem Weinen der Tiere ist es gleichfalls eine zweifelhafte Sache. Zwar versichert Plinius schon, daß der Löwe im Sterben weine, aber Plinius behauptet manches, was nach ihm nicht beobachtet worden ist. Fast übereinstimmend wird von zuverlässigen Naturforschern berichtet, daß einige Seesäuger, der Elefant und einzelne Affenarten weinen. Die im Volksmunde viel gehörte Redensart »Krokodilstränen« hängt vielleicht damit zusammen, daß dem dem Wasser entsteigenden Untier noch einige Tropfen über die Backen rinnen. Da Tennent, ein vortrefflicher Kenner, ebenfalls behauptet, daß gefangene indische Elefanten Tränen vergießen, so hat Darwin bei Elefanten in Zoologischen Gärten zahlreiche Versuche angestellt, um der Sache auf den Grund zu kommen. Ein Wärter versicherte ihm, er habe verschiedene Male Tränen über das Gesicht eines alten Elefantenweibchens laufen sehen, wenn es über die Entfernung eines Jungen betrübt war. Die Versuche, die Darwin machte, ergaben zwar, daß wenigstens der indische Elefant wie der Mensch in der Erregung die Ringmuskeln des Auges zusammenzieht jedoch von Tränenergüssen konnte er nichts bemerken. Die Angaben, daß ausgerechnet die Seesäuger im Sterben Tränen vergießen, müssen wir sehr vorsichtig aufnehmen. Das sollen besonders Seehunde, See-Elefanten, namentlich aber gestrandete Delphine tun. Auch von den Seeottern erzählt der bekannte Naturforscher Steller, daß sie, wenn man ihnen die Jungen raubt, wie kleine Kinder laut zu weinen anfangen. Ganz bestimmt glaube ich, daß die Seesäuger beim Sterben Wassertropfen unter den Augen haben. Es will mir aber nicht einleuchten, daß diese Tropfen Tränen sind. Bei einem Wassertier ist doch zunächst ein Tröpfeln aus dem Pelz oder von der Haut zu vermuten. Genau so dürfte es sich mit den Pferden verhalten, von denen behauptet wird, daß sie weinen sollen. Die Augen werden getränt haben, weil Staub oder sonstige Fremdkörper hineingeflogen waren. Ebenso haben die Angaben von Rengger und Humboldt, daß gewisse südamerikanische Affen sehr leicht weinen, einer genauen Nachprüfung durch Darwin nicht standgehalten. Affen kreischen unendlich häufig, aber sie schluchzen und weinen nicht. Mir ist es ganz klar, daß ein Tier nicht weint. Ein im Kampfe stehendes Geschöpf darf nicht weinen, weil die Tränen das Sehvermögen beeinträchtigen. Die homerischen Helden weinten viel, aber während des Kampfes weinte nicht ein einziger. Wie sollte er auch mit Tränen in den Augen im Zweikampfe den Gegner haben treffen können? Lachen und Weinen sind Eigentümlichkeiten des Menschen, die bei Tieren nicht vorkommen. Das frei lebende Tier kann nicht lachen, weil ihm die Sorglosigkeit fehlt, und es darf nicht weinen, weil ihm dadurch der Kampf ums Dasein erschwert würde. Auch ist ihm Vergangenes gleichgültig. Die Naturvölker lachen und weinen zwar, der Urmensch aber hat schwerlich gelacht. Deshalb tut es wohl auch kein Tier. Mitteilungen ohne Sprache in der Tierwelt. Wir Menschen sind so daran gewöhnt, uns der Sprache zu bedienen, wenn wir etwas mitzuteilen haben, daß uns der Mangel der Sprache als entsetzliches Unglück erscheint. So bedauern besonders einfache Leute sehr häufig, daß die Tiere nicht sprechen können. »Mein Hund versteht alles, – schade, daß er nicht sprechen kann«, ist eine oft gehörte Redensart. Genau das gleiche sagt der Araber in seinen Lobeshymnen auf sein Pferd – nur die Sprache fehle ihm. Dabei zeigt uns schon ein Zusammentreffen zweier Hunde, daß man sich auch ohne Sprache sehr viel sagen kann. Wenn des Schlächtermeisters Boxer Treff sich mit Ingrimm auf seinen Nebenbuhler und Feind Karo stürzen will, so weiß jeder Zuschauer – und Karo selbst weiß es am besten –, daß Treff ihm keine Liebeserklärung machen will. Schon sein Geknurr sagt außer dem mißmutigen Äußern genug. Überhaupt ist das Benehmen zweier Hunde, die sich packen wollen, so auffallend, daß es selbst dem tierfremdesten Großstädter sofort klar werden muß, was hier im Werke ist. Außer dem Geknurr werden gewöhnlich noch die mächtigen Fangzähne gezeigt, die dem Gegner nichts Gutes verheißen. Ganz eigenartig ist der Stelzgang, ferner die Stellung der Rute. Manchmal sträuben sich sogar die Rückenhaare. Solche Mitteilungen durch das äußere Benehmen lassen sich in der ganzen Tierwelt beobachten. Sie haben den großen Vorzug, nicht nur sofort verstanden zu werden, sondern auch jedes Mißverständnis auszuschließen, das sich bei unserer Sprache so häufig einschleicht. Einen sehr schönen Fall von Mitteilungen durch Gebärden erzählt der Naturforscher Girtanner. Er hielt sich einen zahmen Adler. Eines Tages bewegte dieser seine Flügel, als ob er ein Bad nähme. Girtanner wußte sofort, was der Vogel wünschte, und brachte ihm eine Schüssel mit Badewasser. Die unartikulierten Laute, die den Tieren zur Verfügung stehen, sind für ihre Lebensbedürfnisse im allgemeinen ausreichend. Der Hund heult, wenn er geprügelt wird, weil er, der früher im Rudel lebte, seine Artgenossen zur Unterstützung herbeirufen will. In kleinen Ortschaften kann man es erleben, daß andere Hunde der Nachbarschaft ordentlich rebellisch werden, wenn einer der ihren von seinem Herrn andauernd gezüchtigt wird. Das nicht endende Geheul ihres Genossen sagt ihnen, daß hier eine Mißhandlung vorliegt; sie stimmen in sein Klagegeheul mit ein, um ihm gewissermaßen das Rückgrat zu stärken. Die feinen Ohren der Tiere unterscheiden dabei Abstufungen, die uns Menschen oft entgehen. Das Freudengeheul ist etwas ganz anderes wie das Wutgeheul. Ebenso ist das Bellen grundverschieden, je nachdem der Hund seiner Freude Ausdruck geben oder einen Fremden anfallen will. Die Lautsprache der Tiere hat nun, verglichen mit der menschlichen Sprache, den Nachteil, daß ihr abstrakte Begriffe, die feinsten Erzeugnisse menschlicher Vernunft, fehlen. Dafür hat sie aber wieder den großen Vorzug, daß sie eine Universalsprache ist. Was wir Menschen seit Urzeiten – nach der Bibel seit dem Turmbau zu Babel – vermissen, eine allgemein anerkannte Weltsprache, haben die Tiere also längst. Jedem Jäger ist aus der Praxis bekannt, daß sich die Tiere lediglich nach den Lauten, nicht etwa nach den Gebärden, wie viele annehmen, richten. Sodann weiß er, daß die Laute nicht etwa von der Gattung allein, der das Tier angehört, sondern ganz allgemein verstanden werden. Es ist ein alter Brauch, durch Benutzung der Hasenquäke, d. h. des Nachahmens des Klagens eines in Not befindlichen Hasen, allerlei Raubzeug, z. B. Füchse, Krähen, Elstern usw., heranzulocken. Diese Strauchdiebe kommen herbeigeeilt, weil sie glauben, der arme Lampe läge in den letzten Zügen und gäbe ein leckeres Mahl für sie ab. Selbstverständlich muß der Jäger beim Nachahmen dieser Laute sich nach Möglichkeit verstecken, sonst würden so scharfäugige Räuber wie Raubvögel und Krähenarten blitzschnell verschwinden. Auch der liebestolle Rehbock wird durch das Nachahmen der Fieplaute der Ricke herangelockt. Diese Tierstimmennachahmung wird »Blatten« genannt, weil sie ursprünglich mit einem Buchenblatt hervorgebracht wurde. Ich habe Förster gekannt, die alle diese Laute in naturgetreuer Weise nachahmten, und habe die Wirkung auf andere Tiere oft bewundern können. Für den Jäger war es also von jeher selbstverständlich, daß das Tier sich lediglich nach Lauten, nicht nach Gebärden richtet. So kommen bei der Hasenquäke beispielsweise häufig wildernde Hunde angestürmt, die vor dem Jäger größte Angst bekunden, weil sie wohl wissen, was ihnen bevorsteht. Umgekehrt kann ein Stümper gewöhnlich noch soviel »blatten« oder »mäuseln« oder die »Hasenquäke« benützen, es wird sich in der Regel kein Tier daraufhin zeigen, weil sein feines Gehör die Täuschung sofort erkennt. Wenn die einzelnen Tierarten nur untereinander ihre Laute verständen, dann wäre es schon wunderbar genug, da sich die Menschen ja bekanntlich nur verständigen können, wenn sie derselben Nation angehören. Der Deutsche versteht den Polen nicht, trotzdem er ihm seit Jahrhunderten benachbart ist. Das ist eben das Erstaunliche, daß die Tiere schon seit Urzeiten eine Universalsprache haben. Die Warnrufe der einzelnen Tiere, z. B. der Vögel, sind allgemein bekannt und werden von allen Tieren beachtet. In Jägerkreisen herrscht darüber schon lange kein Zweifel mehr. Besonders verhaßt sind dem Jäger deshalb auch der Häher und der Kiebitz. Kommt der Weidmann mit einem Gewehr in den Wald, so hat ihn der Eichelhäher sofort eräugt und vollführt einen Heidenlärm. Augenblicklich wird alles Wild verscheucht. Auch andere Vögel warnen regelmäßig. In der neuesten Auflage von Brehms Tierleben wird die Auffassung vertreten, daß die Tiere deshalb nicht sprechen, weil sie sich nichts zu sagen haben. Diese Ansicht befriedigt nicht. Die Tiere haben sich eine ganze Menge zu sagen. Für alle friedlichen Pflanzenfresser, die in Scharen leben, ist die Mitteilung, daß Gefahr droht, von größter Wichtigkeit. Zu dieser Mitteilung ist aber eine artikulierte Sprache nicht erforderlich. Ein Schrei oder ein bestimmter Ausruf genügt, schon das veränderte Benehmen der Tiere deutet auf einen allseitig verstandenen Stimmungswechsel hin. Ergreift das Leittier dann plötzlich die Flucht, so wissen die andern Genossen genau, was das zu bedeuten hat. Das Tier hat also keine Sprache, weil es, wie sicherlich feststeht, auch ohne eine solche bestehen kann. Für das frei lebende Tier, das im Kampfe ums Dasein steht, wäre aber die Verleihung der Sprache wahrscheinlich viel mehr ein Nachteil als ein Vorteil. Alle Menschen, die gefahrvolle Berufe ausüben, also Seeleute, Luftschiffer, Soldaten, Fischer, Jäger, pflegen einsilbig zu sein. Sie wissen alle, daß vieles Reden nicht nur ganz zwecklos und überflüssig ist, sondern in vielen Fällen sogar sehr schädlich werden kann. Hätten die Tiere eine Sprache, so kämen sie wie viele Menschen oft ins Plaudern; ein plötzlicher Überfall durch einen Feind würde das Plauderstündchen unsanft beenden. Übrigens habe ich niemals recht begreifen können, weshalb es z. B. viele Hundefreunde bedauern, daß der Hund nicht sprechen kann. Würden sich denn die Menschen noch einen Hund halten, wenn er als Plappermaul alles, was er bei seinem Herrn und dessen Familie gesehen, erlebt und gehört hat, geschäftig in der Nachbarschaft herumtrüge? Woran erkennen wir kranke Tiere? Ein Besuch in der Poliklinik. Wer den Berliner als Tierfreund kennenlernen will, dem rate ich, einmal die Poliklinik für kleine Haustiere in der Tierarznei-Hochschule zu besuchen. Zu seinem Erstaunen wird er wahrnehmen – wenigstens war es vor dem Weltkriege so –, daß die Zuneigung zur Tierwelt beim Publikum manchmal Formen annimmt, die hart an der Grenze der Tiernarretei und des Tiergötzentums stehen. Namentlich die edle Weiblichkeit ist zu solchem Gefühlsüberschwang vielfach geneigt. Immerhin steht eine so überströmende Liebe unendlich höher, als die bei der Durchschnittsbevölkerung häufig anzutreffende Sucht, im Ersinnen von Tierquälereien Großes zu leisten. Was die Tierkenner bei einem Besuche in Erstaunen setzt, ist die außerordentliche Wirkung der Krankheit auf Gemüt und Benehmen der Tiere. Alle Patienten scheinen durch ihr Verhalten andeuten zu wollen, daß sie krank sind. Einmal waren beispielsweise außer Katzen und zahlreichen kleineren Hunden drei mächtige Doggen, zwei große Ziehhunde und vier Bullenbeißer im Wartezimmer. Wären diese Tiere gesund, so müßte jedes von einem Herkules geführt werden, um eine wüste Beißerei zu verhüten. In einem so engen Raum ließe sich ein blutiger Kampf überhaupt nicht vermeiden. Und welches Gebläff würde von gesunden Hunden vollführt! Wer kennt nicht die unaufhörliche, ohrenbetäubende Musik, die uns bei allen Hundeausstellungen entgegenschallt! Hier aber ist alles ruhig und friedlich – bei einer Hundeversammlung gewiß etwas ganz Ungewöhnliches. Nur wenn ein Neuling kommt und seinen Nachbar beriecht, dann läßt dieser manchmal ein Knurren hören. Aus diesem Knurren klingt deutlich heraus: »Kümmere dich um andre Dinge, laß mich in Frieden!« Im Wartezimmer der Tierklinik. Selbst von der Todfeindschaft der Hunde gegen die Katzen ist hier so gut wie nichts zu merken. Das Kriegsbeil ist begraben. Diese höchst auffallende Erscheinung ist nicht allein mit der Krankheit der Tiere zu erklären; das Alter und andere Ursachen treten hinzu. Der Hund gehört zu den Nasentieren, also zu denjenigen, die sich in erster Linie mit der Nase, nicht mit den Augen zurechtfinden. So vorzüglich seine Nase ist, so schlecht ist sein Gesicht. Eine Ausnahme machen nur Windhunde, bei denen, wie auch bei Schäferhunden, sich im Laufe der Zeit die Augen auf Kosten der Nase verbessert haben. Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde ein Hund eine im Zimmer befindliche Katze, die er wegen der Entfernung oder ihrer Unbeweglichkeit nicht erkennt, sofort wittern. Eine Klinik jedoch ist von so vielen Gerüchen erfüllt, daß auch die beste Hundenase unsicher wird; sie merkt kaum etwas von der Anwesenheit der alten Feindin. In einer Klinik begegnen wir verhältnismäßig sehr vielen alten Tieren. Es macht dem guten Herzen ihrer Herrinnen – es handelt sich fast immer um Damen – alle Ehre, daß sie sich von ihren alten Hausgenossen nicht trennen wollen. Aber ist das Tier nicht eigentlich glücklich daran, daß es, wenn es von Krankheit und Gebrechlichkeit befallen ist, in ein paar Augenblicken von diesem irdischen Dasein befreit werden kann? Auf dem Lande ist das viel schwieriger. Da ist keine Gelegenheit zum schnellen Vergiften oder Ersticken durch giftige Gase vorhanden, wie in der Großstadt. Für den Landmann oder Jäger ist es gewöhnlich ein schrecklicher Augenblick, wenn er seinen treuen Gehilfen mit einem Schrotschuß ins Jenseits befördern muß. Die brechenden Augen scheinen zu fragen: »Wie kannst du mir für alle meine Treue so danken?« In der Tierklinik: Narkose vor der Operation. Aber viele Frauen wollen vom Vergiften ihrer Tiere nichts hören. Lieber mag sich ihr Flock blind und taub als alte Ruine weiterquälen. Wir Menschen könnten die Tiere wegen ihrer Heilhaut beneiden. Wie oft habe ich bei unseren Hunden darüber staunen müssen, daß ihre Wunden so schnell heilen. Was nützen dem Menschenarzte die besten Kenntnisse, wenn bei seinem Patienten aus allen möglichen Gründen die Wunden nicht verheilen wollen! Bei Tieren ist höchstens der Umstand unangenehm, daß sie ihren Verband abreißen wollen. Aber auch das tun sie vielleicht aus Instinkt; sie kennen nämlich die Heilkraft des Beleckens. Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß ihr Speichel aseptische Stoffe enthält. Der alte Volksglaube, wonach nur die Wunden schwer heilen, die ein Hund nicht belecken kann, hat also seinen berechtigten Kern. Läßt sich ein Hund nicht vom Abreißen des Verbandes abhalten, so soll er während der Krankheit einen Maulkorb tragen. Noch richtiger ist es vielleicht, bei den Tieren auf den Verband ganz zu verzichten. Die Besitzerinnen von Luxushündchen haben sich in der Tierklinik natürlich eine besondere Stelle ausgesucht; sie wollen möglichst weit entfernt von den großen Kötern sitzen. Und was für Krankheitsgeschichten von Fifi und den andern Pusseln werden da nicht erzählt! Hat die ärztliche Kunst schnell und zweckmäßig gewirkt, ist Pussel bandagiert worden, ist an Miez nichts Bedenkliches festzustellen gewesen, dann eilen die Besitzerinnen freudestrahlend heim. Gern haben sie für ihren Liebling die Mark geopfert, die vor dem Weltkriege an den beiden teuren Tagen für die »ärztliche Hilfe« zu zahlen war. Seitdem ist natürlich die Behandlung viel kostspieliger geworden. Es wäre ja auch wunderbar, wenn die allgemeine unaufhaltsame Steigerung der Preise sich nicht auch hier bemerkbar machte. Dressierte und kämpfende Tiere. Die Dressur der Tiere. – Die Dressur auf den Mann. Schon das Altertum hat es mit der Dressur der Tiere sehr weit gebracht. So berichtet Älian von Affen, die auf der Bühne tanzen und Flöte spielen. Ja, an einer Stelle erzählt er, er habe einen Affen gesehen, der die Zügel hielt, die Peitsche schwang und richtig kutschierte. Die Ägypter hätten dem Pavian das Buchstabieren und das Musizieren beigebracht. Ein solcher Pavian ließ sich von den Zuschauern für seine Mühe bezahlen und steckte, wie ein geübter Bettler, seinen Lohn in ein angehängtes Ränzchen. Die Glanzleistungen unserer Bändiger finden wir bereits bei Seneka erwähnt. Es gibt Leute, heißt es dort, welche die grimmigsten und gefürchtetsten Tiere so zahm machen, daß sie mit ihnen wie mit Freunden umgehen. Dem Löwen steckt der Wärter seine Hand in den Rachen, dem Tiger gibt er Küsse, und der kleine Negerjunge befiehlt dem Elefanten, sich aufs Knie niederzulassen oder auf dem Seile zu laufen. Vierbeinige Zirkuskünstler. Auch schreibende Elefanten traten damals schon auf. Der römische Konsul Mutianus berichtet uns von einem Elefanten, der nachstehendes auf griechisch schrieb: »Ich selbst habe das geschrieben und erbeutete keltische Waffen geweiht.« Ebenso wußten schon die Alten, daß sich der Seehund sehr gut abrichten läßt. »Wenn er auf der Bühne mit Namen gerufen wird,« schreiben sie, »antwortet er durch Brummen.« Gezähmte Krokodile waren bereits im alten Rom zu bewundern, wie uns der altgriechische Geograph Strabo mitteilt. Besonders hervorragend auf diesem Gebiete waren die Tentyriten (die Bewohner des Dorfes Tentyris, unweit Thebens, wo der Tempel der Göttin Hathor-Aphrodite stand). Sie brachten die Riesenechsen aus Ägypten mit, für die in der Hauptstadt ein Teich gegraben war; auch ein Gerüst wurde aufgestellt, damit sie sich sonnen könnten. Inmitten der Krokodile bewegten sich die Tentyriten, ohne daß ihnen ein Leid geschah. Es ist also nicht leicht, die Alten auf dem Gebiete der Dressur zu übertrumpfen. Dennoch war es erst der Neuzeit vorbehalten, Wesen und Zweck der Dressur klarer zu erkennen. Dabei ist der Unterschied zwischen höher- und tieferstehenden Tieren ausschlaggebend. Bei letztgenannten, wie Tauben, Gänsen, Kaninchen, werden nach Hachet-Souplet, der zu den besten Kennern der Tierdressur gehört, nur die natürlichen Instinkte ausgenützt. Die niederen Tiere werden teils durch Hunger, wie die Tauben, von denen man nur verlangt, daß sie sich an einer bestimmten Stelle einfinden, teils durch Furcht gedrillt, wie z. B. die Kaninchen, deren Dressur fast nur in der erschwerten Verfolgung besteht. Durch die Spannkraft des Instinktes werden sie gezwungen, Gewohnheiten anzunehmen, die ihnen zur zweiten Natur werden. Bei einer solchen Zwangsmethode kann von einem Unterjochen des Willens bei dem Tier keine Rede sein. Ein talentvoller Klavierspieler. Bei allen höheren Tieren wendet sich der Dresseur an die Vernunft, an die ursprünglichen Instinkte und wirkt durch Überredung, wo es sich um Bewegungen handelt, die für ein intelligentes Tier unfaßlich erscheinen. Die Dresseure richten z. B. einen Hund durch bloße Überredung ab, sich auf einer Kugel im Gleichgewicht zu erhalten. Um ihm den Salto mortale beizubringen, sind sie genötigt, Gewalt zu gebrauchen und ihn in Stellungen zu zwingen, die ihm der Erhaltungsinstinkt bei den jeweilig gewünschten Bewegungen vorschreiben würde. Bei höheren Tieren gibt es je nach Umständen zwei Wege, Überredung oder Zwang , die den Dresseur zum Ziele führen. Es ist also unrichtig, wenn behauptet wird, daß das Tier auf der Bühne nur Bewegungen mache, die ihm in der Freiheit eigentümlich seien. Das trifft nur für die Dressur niederer Tiere zu. Viele stellen sich das Abrichten der Tiere sehr leicht vor und behaupten gewöhnlich, daß ihr eigener Hund die gleichen Kunststücke nachmachen würde, die er im Zirkus gesehen hätte. Wird wirklich einmal eine Probe mit dem Tier angestellt, dann versagt es regelmäßig. Wieder andere schreiben einem Stück Zucker oder dem Hunger magische Kräfte zu und lassen den Dresseur mit solcher Hilfe schnell zum Ziele gelangen. Noch andere erklären sich die Glanzleistungen dressierter Hunde damit, daß sie »Vernunft« hätten. Nach Hachet-Souplet liegen hier durchweg Irrtümer vor: Weder mit Zucker noch durch Hunger ist allein etwas zu erreichen, überhaupt spielt die Vernunft bei der Dressur so gut wie keine Rolle. Das hört sich im ersten Augenblick sehr merkwürdig an. Aber Hachet-Souplet ist ein erfahrener Praktiker. »Besonders anfänglich«, schreibt er, »ist die Dressur des Hundes das undankbarste Geschäft, das man sich denken kann. Es scheint beinahe, als verwende der Hund seine Intelligenz, alles abzulehnen; erst nach längerer Zeit, nachdem er mehrfach durch kleine Strafen (man soll diese soviel wie möglich mit geeigneten Ermunterungen verbinden) erzogen ist, seine Schuldigkeit zu tun, begreift er die Zwangslage, in der er sich befindet, lernt gehorchen und die Bewegungen ausführen, für die er zwar ein vollkommenes Verständnis, aber zu deren Ausführung er nicht die geringste Lust mitbringt, weil sie gewöhnlich seinen Instinkten widerspricht. Das Schwein beim Kartenspiel. »Man glaube ja nicht, daß wir die Intelligenz des ›besten Freundes, den der Mensch hat‹, verleugnen: er hat unzweifelhaft ein ausgezeichnetes Gedächtnis, er hat Anschauungen von den Dingen um ihn her, er hat Gedanken, ja wir begegnen bei ihm einer Art von Gedankenverbindung, die der Überlegung nahekommt, allein es sind doch nur blitzartig sich einstellende Erleuchtungen. Mit solchen kann man bei einer Theatervorstellung nicht rechnen. Auf der Bühne können nur solche Schaustücke gezeigt werden, die durch unzählige Wiederholungen zu automatischen Verrichtungen geworden sind. »Ich möchte sagen: die Hunde haben mehr Geist als Verstand; ihre Intelligenz zeigt sich vor allem in spontanen Einfällen – eines längeren, einigermaßen tieferen Nachdenkens aber sind sie unfähig.« Diesen Worten Hachet-Souplets muß zugefügt werden: »wenn man nämlich mit dressierten Hunden Geld verdienen will.« Das liebevolle Miteinanderleben, das man so häufig bei einfachen Völkern und ihren Tieren trifft, wobei ganz unbeabsichtigt die wunderbarsten Dressur-Ergebnisse erzielt werden, kennt der Dresseur nicht; sein oberster Grundsatz lautet: »Zeit ist Geld.« Man denke an die Kosaken, die ihren Pferden die großartigsten Kunststücke beibringen. Aber selbst manche Bauernsöhne in Deutschland können mit ihren Pferden eine richtige Theatervorstellung geben. Dagegen kann der Dresseur im Sinne von Hachet-Souplet nur gedrillte Tiere gebrauchen. – »Sind nun die ›gelehrten‹ Hunde, die wir im Zirkus, in den Variétés und auf Jahrmärkten sehen, Märtyrer?« Diese vielen Tierfreunden auf der Seele brennende Frage müssen wir leider mit einem »Fast immer« beantworten. Ein guter Dresseur sollte sich auf einige, anfangs zur Sicherung seiner Autorität nötige Züchtigungen beschränken, im weiteren Verlauf der Dressur nur dann darauf zurückgreifen, wenn er sich gar nicht anders helfen kann: und wenn er züchtigt, soll er es nie im Zorn tun! Es gab für mich eine Zeit, da ich diese Regel für die allgemein beobachtete hielt, aber – ich muß sagen, unter den Berufsdresseuren finden sich doch nur wenige, die danach handeln. Der Polizeihund stellt einen Verbrecher. »Auch dafür möchte ich ein paar Beispiele geben: ›Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein widerspenstiger Lehrling auf der Stelle erwürgt und der Kadaver in eine Ecke des Pferdestalls geworfen wurde. Im ›Nouveau Cirque‹ ist vor einigen Jahren ein früherer Sänger viel applaudiert worden, der auf der Hand balancierend einen allerliebsten kleinen Blenheim – kaum länger als ein Tischmesser – hielt. Wissen Sie, wie dieser Mann Nachlässigkeiten seines Zöglings abhalf? Er hatte ihm unterhalb eines Schenkels eine Wunde beigebracht, die er offen hielt, indem er sie mit dem Fingernagel kratzte; wenn er glaubte, bei einer Probe Veranlassung zur Unzufriedenheit zu haben, goß er sogar Essig in die Wunde ...« Diese Bekenntnisse von Hachet-Souplet, wie die Dresseure in Wirklichkeit arbeiten, wirken auf jeden Tierfreund niederschmetternd. Im Anschluß daran wollen wir die Dressur der Hunde auf den Mann besprechen. Bei einem bekannten Naturforscher finden wir folgende Angaben zu diesem Thema: »Die Kunst, große Hunde auf den Mann zu dressieren, wird jetzt in Ländern, wo man sich vor Raub und Mord sicher glaubt, wenig betrieben. Jedoch habe ich noch hie und da, wie z. B. in München im Jahre 1837, Leute gefunden, die ausschließlich davon lebten. Man kann auf zweierlei Weise verfahren, die erste aber ist die beste. 1. Der Mann, der abrichtet, läßt sich Hosen und Jacke doppelt von Sacktuch machen und zwischen das doppelte Tuch daumendick Werg stopfen. Die Ärmel der Jacke gehen 11 cm weit über die Fingerspitzen, und hinten an der Jacke ist eine ebensolche Kapuze festgenäht, die er über den Kopf schlagen kann, wo sie noch zu jeder Seite des Gesichts 16 cm weit hervorragt. Ein gleiches Hatzgewand trägt sein Gehilfe. Der Hetzende hat seine Alltagskleidung an und führt den Hund an der Leine, der andere steht im Hatzgewand mit einer Peitsche neben einem Pfahle. Mit der Peitsche knallt, mit dem Munde schreit er und sucht auf alle Weise den Hund zu necken. Dieser wird wütend; sein Herr läßt ihn schließlich, wenn er recht feurig ist, mit dem Worte ›faß!‹ los. Der im Hatzgewande klammert sich, um nicht niedergeworfen zu werden, an den Pfahl, der Hund zaust, jedoch ohne ihn eigentlich bedrängen zu können, an ihm herum, und sein Herr zeigt ihm die rechte Stelle, wo er packen soll. Von Zeit zu Zeit wird der Hund abgerufen, dann wieder gehetzt usw. Eigentlich muß der Hund den Gepackten niederwerfen und, ohne ihn zu zerfetzen, festhalten, bis sein Herr ihn abruft. Wird dies verlangt, so wird das Honorar höher, weil diese Art der Dressur auf den Mann für die Leute gefährlicher ist. Der im Hatzgewande steht dann frei, läßt sich niederwerfen und festhalten und bedeckt dabei das Gesicht mit den Armen, wobei er ziemlich sicher ist. Ich ging einmal in München zu einem solchen Manne, der gerade einen Hund hatte, der besonders scharf und durch Hetzen auf seinen Gehilfen sehr gut dressiert war. Ich beredete den Mann, insgeheim das Hatzgewand seines Gehilfen anzuziehen, sich an dessen Platz zu stellen, und seine Frau mußte den Hund an die Leine nehmen. Sobald er am Platze stand und, natürlich ohne zu schreien, mit der Peitsche um sich hieb, während die Frau hetzte, wurde der Hund wütend; auf den Zuruf ›faß!‹ flog er zum Ziele, packte seinen Herrn, den er in diesem Hatzgewande nicht vermuten konnte, tat einen furchtbaren Ruck, sprang aber plötzlich zurück und blieb wie verblüfft stehen. ›Sultan, kennst du mich?‹ rief jetzt der Herr. Sultan wußte nicht, wie ihm zumute war. Nach vielem Schnuppern überzeugte er sich endlich, daß der im Gewande versteckte Mensch sein Herr war, und überhäufte ihn mit Liebkosungen. – 2. Man macht aus Holz und Stroh eine Figur, die einem Menschen ganz ähnlich ist, und hüllt sie in Kleider fremder Leute; von den Kleidern des Herrn darf auch nicht das geringste dabei sein, weil ihm dies gelegentlich doch übel bekommen könnte. Der Strohmann wird an eine Bretterwand gestellt; am Halse hat er einen Strick und hinter der Wand steht ein Mann, der ihn, wenn er niedergeworfen ist, vermittels des Strickes wieder in die Höhe zieht. Geht's zur Hetze, so macht der hinter dem Strohmann Stehende einen Höllenlärm und wackelt mit dem Strohmann, als ob dieser der Poltergeist wäre. Der Hund wird gehetzt, belehrt, wie er den Strohmann am Halse fassen, niederwerfen und festhalten soll. Von Zeit zu Zeit wird er abgerufen, der Strohmann richtet sich schnell empor und wird wieder niedergeworfen. In dieser Weise setzt sich der Unterricht fort bis zur vollständigen Ausbildung des Zöglings.« Bei der Ausbildung des Polizeihundes: Angriff auf die Puppe. Das boxende Pferd. – Der Esel auf dem Tanzrade. Vor dem Weltkriege trat häufig ein boxendes Känguruh auf, ein für den Tierkenner sehr interessantes Schauspiel. Die Vorderbeine waren nach Boxerart umwickelt; es schien seinem menschlichen Gegner dennoch manchmal recht derbe Schläge zu erteilen. Bisher wußte man nicht, daß die Känguruhs in ihren Vorderbeinen eine besondere Stärke besitzen. Man konnte sich daher des Eindrucks nicht erwehren, daß es sich mehr um einen Scheinkampf handle. In Wirklichkeit hat das Känguruh seine Hauptwaffe mehr noch als das Pferd in den ganz ungewöhnlich kraftvollen Hinterbeinen. Vor Schlägen mit den Hinterbeinen mußte sich der Gegner wirklich in acht nehmen, weil sie in der Tat sehr gefährlich sind. Dagegen ist ein boxendes Pferd, das nach Zeitungsberichten im Kristallpalast zu London auftrat, etwas Natürliches, sofern es sich um einen Hengst handelt. Denn der Hengst als Schützer der Herde greift kleine Raubtiere, also etwa Wölfe, mit den Vorderhufen an. Man braucht ihm also nur die Vorderhufe zu bandagieren, um ihn zum Boxen zu veranlassen. Schon ein altes Sprichwort der Pferdekenner sagt: »Hüte dich vor den Vorderhufen des Hengstes und den Hinterhufen der Stute.« Das Weibchen ist nämlich weniger angriffslustig, verteidigt aber sein Junges mutvoll durch Auskeilen mit den Hinterhufen. Der Esel als Ringkämpfer. Auf die Besucher des Zirkus macht es gewöhnlich großen Eindruck, daß auf einem sich drehenden Tanzrad die Menschen nicht stehenbleiben können, wohl aber der Esel. Und doch ist diese Überlegenheit des Tieres nicht schwer zu erklären. Der Esel ist ein Geschöpf der Berge und hat seine Heimat in Ost-Afrika und West-Asien. Ein Tier, das fortwährend im Gebirge haust, muß viel sicherer auf den Beinen stehen als ein Geschöpf der Ebene. Auf dem flachen Boden ist ein sorgfältiges Aufsetzen der Füße nicht erforderlich. Dagegen müssen bei engen Gebirgspfaden und bei bröckelndem Gestein, die überall von Abgründen umgeben sind, die Beine mit der größten Genauigkeit und Festigkeit gebraucht werden, besonders wenn das Tier flüchtet und vielleicht sehr eilig flüchten muß, um sein Leben zu retten. Der »kluge Hans«. Es war im Frühjahr 1904, als Berlin durch die Mitteilung überrascht wurde, daß es nicht nur eine große Anzahl gelehrter Männer, sondern auch ein gelehrtes Pferd sein eigen nennen könne. Das Sprachrohr für diese Neuigkeit war eine durchaus ernst zu nehmende Persönlichkeit. Es war der bekannte Afrikareisende Schillings, der sich durch sein Buch: »Mit Blitzlicht und Büchse« sowie durch viele Vorträge über seine Erlebnisse in Afrika rasch einen Namen gemacht hatte. Ich hatte damals kurz vorher nach Überwindung zahlloser Schwierigkeiten in dem neu gegründeten Kosmos-Verlag mein Buch: »Ist das Tier unvernünftig?« veröffentlicht. Nochmals hatte ich darin ausdrücklich den von mir stets verfochtenen Unterschied zwischen Augen- und Nasentieren näher begründet. Ich hatte den sehnlichsten Wunsch, mich von den übermäßigen Anstrengungen etwas zu erholen. Aber das war nach der Ankündigung von Schillings vollkommen ausgeschlossen. In hellen Scharen strömten die Berliner nach dem Norden, um die Leistungen des Wundertieres mit eigenen Augen anzustaunen. Auch ich wurde von Schillings eingeladen, der sehr wenig davon erbaut war, daß ich mich durchaus zurückhaltend benahm. Er hielt mir vor, daß mein Ruf auf dem Spiele stände, da alle Autoritäten sich zugunsten des Pferdes, des sog. »klugen Hans« ausgesprochen hätten. Das Pferd sollte sich durch langjährigen Unterricht seines Besitzers, eines Herrn von Osten, die Kenntnisse eines Volksschülers erworben haben, indem es nicht nur das Alphabet, sondern auch die vier Rechenarten beherrschte. Seine Antworten gab es, da es nicht sprechen konnte, durch Klopfen mit den Hufen. In einer der gelesensten Zeitungen hatte Schillings den Aufruf mit der Überschrift: »Ein Wunder der Natur« veröffentlicht. Es heißt dort: »Ich will hier nur erwähnen, daß der Hengst die deutsche Sprache versteht, rechnet, wie es etwa den Kenntnissen eines 13jährigen Kindes entspricht, eine große Anzahl von Farben unterscheidet, geometrische Figuren richtig bezeichnet, Töne richtig angibt, Melodien kennt und bezeichnet und auf Fragen in unbeschränkter Weise vollkommen wie ein Mensch antwortet.« Weiter sagt er: »Wie ich schon an anderer Stelle ausführte, würde man diesen Leistungen bei einem menschenähnlichen Affen weniger skeptisch gegenüberstehen. Aber mit Unrecht. Denn der Hengst beweist uns deutlich, welch große Summe, ich möchte sagen, ›latenten Verstandes‹ in einem Pferd verborgen liegt, um unter der formenden Hand eines künstlerischen und genialen Pädagogen – denn ein künstlerischer und genialer Mann ist der ehrwürdige Herr v. O. – zu einer Höhe der Ausbildung und Leistung gelangen zu können, die eben scheinbar keine Grenzen kennt.« »Denn wer wollte sich unterfangen, solche zu ziehen, wenn man den Fall setzt, daß Herr v. O. lange Jahre erzieherisch auf Pferde einwirken könnte?« »An anderer Stelle«, sagt Schillings, »habe ich ausgeführt, daß ich lieber vier neue Afrikareisen machen würde, als den Mut zu haben, mit einer so allen Tatsachen ins Gesicht schlagenden, neuen und gewaltigen Entdeckung vor die breite Öffentlichkeit zu treten und alles hier Gesagte und noch weit mehr mit meinem Namen zu verbürgen.« Von diesem »klugen Hans« hatte ich schon früher in Bekanntenkreisen gehört. Wiederholt war mir geraten worden, das Wunderpferd anzusehen. Wer meine Bücher kennt, weiß, wie warm ich stets hervorhebe, daß die Tiere eine Menge Gaben besitzen, die uns Menschen fehlen. Sie haben teilweise viel schärfere Sinne als wir, sie haben Ortssinn und vieles andere, was bei uns nicht vorhanden ist. Aber alle diese Gaben hängen mit ihrer Lebensweise zusammen. Ohne diese Gaben können sie einfach nicht leben. Was soll aber einem Wildpferd die Kenntnis des deutschen Alphabets nützen, und was erst unsere Rechenarten, beispielsweise das Dividieren? Soll es etwa die Beine seiner Kameraden zählen und mit vier dividieren, um zu wissen, wieviel Pferde zu dem Rudel gehören? Ich kenne keine Gabe eines Tieres, die dem Menschen fehlt, die nicht im Zusammenhang mit seiner Lebensweise steht. Erst muß mir jemand das Vorhandensein anderer Fähigkeiten überzeugend nachweisen, ehe ich daran glaube. Demnach mußte ich die Berichte vom klugen Hans für Selbsttäuschung halten. Denn an einen absichtlichen Betrug habe ich niemals gedacht, nachdem ich den alten Herrn von Osten persönlich kennengelernt hatte. Dieser war ohne Frage ein Fanatiker, der sich als früherer Lehrer in den Grundgedanken eingesponnen hatte: Wenn Menschen so viel mehr leisten können, nachdem sie guten Unterricht genossen haben – warum soll ein Gleiches nicht auch bei den Tieren der Fall sein? Ein wirklicher Tierkenner wäre niemals auf diesen Gedanken verfallen. Wie schon früher auseinandergesetzt wurde, besteht keine Schulfrage in der Tierwelt. Es gibt kein Tier, das ohne Unterricht nicht das lernte, was es zum Leben braucht. Bei meinen Besuchen beim klugen Hans konnte ich mich so recht von der Kritiklosigkeit der großen Menge überzeugen, selbst wenn sie in der Mehrzahl aus Gebildeten besteht. Die Vorstellungen begannen regelmäßig um ½11 Uhr. Die erste Frage war die nach der Zeit, welche die Uhr zeigt. Es sollte angegeben werden, wo der kleine Zeiger steht. Hans klopfte richtig zehnmal mit dem Hufe auf. Da es mir im höchsten Grade unwahrscheinlich vorkam, daß ein Pferd mit seinem schwachen Gesicht die Stellung des kleinen Zeigers einer Taschenuhr wahrnehmen könnte, so richtete ich die ganz selbstverständliche Bitte an Herrn Schillings, die Uhr zu stellen und dann den klugen Hans nochmals zu fragen. Diese Bitte wurde sehr ungnädig aufgenommen und abgelehnt, da der Hengst an diesem Tage zu nervös sei. Nebenbei bemerkt, war der Vorwand stets derselbe, wenn es galt, unbequemen Dingen aus dem Wege zu gehen. In Wirklichkeit war das Tier, wie eine spätere fachärztliche Untersuchung ergeben hat, durchaus nicht nervös. Mir genügte diese Ablehnung, nachdem ich mich davon überzeugt hatte, daß das Pferd gar nicht die Uhr ansah, wenn es die Antwort klopfte. Da ich mich nirgendwo sehen lassen konnte, ohne stets dieselbe Frage zu hören: »Was halten Sie von dem klugen Hans?«, so habe ich noch im Herbst 1904 ein Buch verfaßt: »Das rechnende Pferd«. Auf Grund meiner Beobachtungen komme ich zu dem Ergebnis, daß von einem Betrüge des Herrn von Osten keine Rede sein kann. Die richtigen Antworten des Tieres seien aber nicht Ergebnis geistiger Tätigkeit, sondern sie seien ganz einfach durch das riesige Gedächtnis der Pferde zu erklären. »Zarif«, das denkende Pferd von Elberfeld, beim Zahlenlesen. Neuerdings hat denn auch ein hervorragender Naturforscher die Leistungen des klugen Hans und der Elberfelder Pferde auf das erstaunliche Gedächtnis der Pferde zurückgeführt. Wie man sieht, habe ich das damals gleich beim Auftreten des Wundertieres getan zu einer Zeit, da es noch lebensgefährlich war, an den geistigen Gaben des »klugen Hans« zu zweifeln. Eine wissenschaftliche Kommission, die das Pferd geprüft hatte, kam zu dem Ergebnis, daß die Fragesteller unwillkürlich durch Bewegungen ihres Kopfes dem Pferde die richtige Antwort nahegelegt hätten. Diese Erklärung ist mit gewissen Tatsachen unvereinbar. Einmal wackelte der alte Herr von Osten so häufig mit dem Kopfe, daß das Pferd daran gar keinen Anhalt haben konnte. Sodann habe ich mit eigenen Augen folgendes gesehen. Bei einem Offizier sollten die Farben der Uniform angegeben werden. Es hingen an einer Schnur eine Anzahl Lappen mit den entsprechenden Farben. Der Hengst antwortete, wie schon geschildert wurde, in der Weise, daß er – von links an zählend – die Stelle durch entsprechendes Aufklopfen mit dem Hufe angab. Das Blau war richtig bezeichnet, nun sollte der rote Kragen an die Reihe kommen. Ein roter Lappen hing an der zweiten Stelle. Schillings stellte also die Frage: »Hans, sieh dir den Kragen an, welche Farbe hat er?« Hans klopfte nun nicht zweimal, sondern achtmal. Etwas ärgerlich sagte Schillings: »Hans, nimm dich zusammen, welche Farbe hat der Kragen des Offiziers?« Wiederum klopfte Hans achtmal. Schillings läßt den Mut nicht sinken, er fragt zum drittenmal: »Hans, nimm dich zusammen, sieh dir den Kragen genau an: welche Farbe hat er?« Unerschütterlich klopft der Hengst wiederum achtmal. Jetzt wurden die Zuschauer durch diese Beharrlichkeit des Pferdes aufmerksam und – allgemeines Erstaunen! – an achter Stelle hing ein karmesinrotes Tuch. Wenn der Kragen auch nicht karmesinrot war, so ist doch die Farbendifferenz gewiß sehr gering. Jedenfalls konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier unmöglich ein Zeichen gegeben sein konnte, denn das Pferd hatte ja beharrlich eine Antwort gegeben, die ganz gegen den Willen des Fragenden ausgefallen war. »Zarif« lernt buchstabieren. Für richtige Antworten wurde der kluge Hans mit Rüben belohnt. Denn ohne solche Leckerbissen hätte er die täglichen Prüfungen gewiß nicht über sich ergehen lassen. In meinem Buche komme ich zu folgendem Ergebnis: Entwickeln die Pferde unzweifelhaft – namentlich bei geeigneter Behandlung – mehr Verstand, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist, so ist es doch ausgeschlossen, daß sie ein Zahlenverständnis haben. Viel leichter glaube ich, daß ein Kind in der Wiege Verse in einer fremden Sprache macht, als daß ein Pferd rechnet und etwa mit Verständnis multipliziert und dividiert. Am stichhaltigsten erscheint mir der Einwand: Hätte der Hengst das geringste Verständnis für Zahlen, so würde er, wenn er als Belohnung für die richtige Antwort die ersehnte Rübe bekommt, mehrfach mit dem Hufe scharren, um anzudeuten, daß er mehr als eine Rübe haben möchte. Denn selbst die dümmsten Tiere sind, wie man von manchen Menschen sagt, Narren in ihrem Sack, d. h. sobald ihr Vorteil, namentlich Fressen, in Betracht kommt, entwickeln sie ein Verständnis, das man ihnen sonst gar nicht zugetraut hätte. Einer meiner Bekannten hatte einen sehr stupiden Hund. Eines Morgens ging er mit ihm zum Bäcker und kaufte Brötchen. Nachmittags kam er wiederum am Bäckerladen vorbei, und sofort lief der Hund die Treppe zum Laden hinauf und sah sich vor der Tür fragend um. Demnach hat Professor Möbius ganz recht, wenn er sagt, daß der Hengst nicht die Aufgaben löst, weil es ihm Vergnügen macht. Im Gegenteil! Nur weil er weiß, er erhält sonst seine Rübe nicht, bequemt er sich dazu. Hätte er die behauptete Intelligenz, so würde er sie sicherlich anwenden, um mehr von den gewünschten Leckerbissen zu erhalten. Da also einerseits ein wirkliches Rechnen ausgeschlossen, andrerseits aber aus dargelegten Gründen eine Täuschung unwahrscheinlich ist, so bleibt m. E. die einzige Möglichkeit, das Rechnen mit dem fabelhaften Gedächtnis der Pferde zu erklären. Schillings, der zunächst mit größter Wärme für den klugen Hans eingetreten war, hat ihn später fallenlassen. Dagegen ist der Juwelier Krall in Elberfeld als Nachfolger des Herrn von Osten aufgetreten. Seine Pferde haben es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Besonders zeichneten sie sich dadurch aus, daß sie Quadrat- und Kubikwurzeln aus großen Zahlen zogen. Da ein Durchschnittsmensch immerhin einige Zeit braucht, ehe er es versteht, auch nur die zweite Wurzel aus einer Zahl zu ziehen, so liegt hier jedenfalls reine Gedächtnisarbeit vor. Dafür spricht auch, daß sowohl der kluge Hans wie die berühmten Elberfelder Pferde später sang- und klanglos verschollen sind. Sie sind in andere Hände übergegangen, und niemals hat man etwas davon gehört, daß die späteren Besitzer bei ihnen besonders große geistige Gaben bemerkt hätten. Aber das wäre eigentlich nach ihren wunderbaren Leistungen selbstverständlich gewesen. Allerlei Fälle von rechnenden Pferden und Hunden. Schon in früheren Zeiten hat man in öffentlichen Vorstellungen rechnende Pferde und Hunde auftreten lassen. Federmann wußte, daß dabei Kunstgriffe zur Anwendung gelangten. Perty stellt zahlreiche Fälle zusammen, von denen hier nur folgende Erwähnung finden mögen: In Danzig zeigte man 1754 einen kleinen Hund, der, nachdem er die betreffenden Buchstaben zusammengesucht hatte, in einem oder zwei Worten gewisse Fragen beantwortete, auf die er eingeübt war; auf die Frage, wieviel Uhr es sei, holte er die betreffende Zahl, die auf ein Kartenblatt geschrieben war, nachdem ihm der Herr mit dem Finger die Stunde auf der Pendeluhr gezeigt hatte; er suchte aus farbigen Karten diejenigen heraus, die der Kleidung einer bestimmten Person entsprachen, nach deren Farbe gefragt worden war usw. Es ist leicht einzusehen, sagt Perty, daß bei all diesen Leistungen die Mitwirkung des Herrn nötig war; aber schon das genaue Verstehen der Andeutungen und Winke desselben setzt mehr als einseitige Gedächtnisarbeit voraus. Und in der Tat genügt hier dem Hunde die leiseste Bewegung, ja schon die Richtung des Blickes des Herrn, um z. B. beim Dominospiel zu wissen, was für ein Stein gespielt werden soll; unter allen Tieren versteht der Hund die Zeichen- und Mienensprache am besten. So schreibt der Tierbeobachter Fée: »Der berühmte Hund Munito verrichtete Dinge, die menschlichen Verstand zu erfordern scheinen. Er zählte, stellte Buchstaben zusammen, spielte Domino, Karte, löste wahrhaft schwierige Fragen.« Ein Zollbeamter, der viel Muße hatte, dressierte mehrere Hunde, die mit Munito wetteifern konnten. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, daß ein junger Hund, von einer Frau gesäugt, menschlichen Verstand erlangen würde. Der Versuch blieb, wie sich leicht erklären läßt, ganz ohne Erfolg. Pferde, so behauptet der Pferdekünstler Loiset, könnten vor dem siebenten Jahre nicht zu ausgezeichneten Kunststücken abgerichtet werden. Dagegen gelinge es oft bei ganz alten und schwachen Pferden. Der Tierkundige Le Gendre gedenkt eines Pferdes, das 1732 in St. Germain gezeigt wurde, und das außer anderen Kunststücken durch Aufschlagen mit dem Fuße auf die Erde die Anzahl der Augen auf einem Kartenblatte, auch die Stunde anzeigte, und das, nachdem sein Herr von der Gesellschaft Geldstücke gesammelt und diese in einem Taschentuche dem Pferde hingeworfen, die einzelnen Geldstücke ihren bestimmten Eigentümern zurückbrachte. All dieses – sagt Perty – erklärt sich aus Andeutungen, Zeichen und Winken, die das Pferd von seinem Herrn erhalten hatte. Zu welchen kunstvollen, bewunderungswürdigen Leistungen Pferde dressiert werden können, weiß – wie Perty hervorhebt – jedermann, der nur einmal den Zirkus von Franconi oder Renz besucht hat. Der Kunstreiter, der ein Pferd dressieren will, ruft es freundlich an und lockt es mit Zucker und Brot an sich, zugleich mit hochgehaltener Peitsche klatschend; später kommt es schon auf einfachen Zuruf durch Händeklatschen zu ihm. Jede Lektion wird mit einem Pistolenschuß geendigt, um dem Pferde die Scheu davor abzugewöhnen. Um es zu veranlassen, den Meister zu küssen, gibt ihm dieser unter einem bestimmten Zuruf Zucker aus seinem Munde; später reicht auch hier der Zuruf allein aus. Um das Pferd niesen zu machen, wirft er ihm mit einer bestimmten Bewegung Schnupftabak in die Nase; später bedarf es nur der Wurfbewegung, um zum Ziele zu gelangen. Schlägt man ein Pferd auf die Krone eines Vorderschenkels, so scharrt es mit dem Fuße; der Dresseur tritt vor das Pferd, spricht in fragendem Tone zu ihm und gibt ihm solche Schläge; soll es nicht mehr scharren, so tritt er zurück. Ist diese Übung öfter wiederholt worden, so genügt künftig nur die gleiche Stellung und der fragende Ton, um das Pferd so lange scharren zu lassen, bis der Dresseur zurücktritt, so daß also das Pferd die Frage nach bestimmten Zahlen scheinbar richtig durch Scharren mit dem Fuße beantwortet. Das Gedächtnis der Pferde und Hunde. In meinem Buche habe ich die wunderbaren Leistungen des »klugen Hans« mit dem fabelhaften Gedächtnis der Pferde erklärt. Hierfür will ich einige weitere Beispiele erbringen: Oberst Spohr schreibt: »Ich hatte einst ein von einem Händler gekauftes Pferd für einen befreundeten Gutsbesitzer zugeritten und auch später noch oft benutzt. In eine neue Garnison versetzt; besuchte ich nach zwei Jahren die alte Garnison und meinen Freund. Er teilte mir mit, daß das Tier zwar noch ganz gut gehe, aber weder ihn noch seinen Kutscher aufsitzen lassen wolle, sondern nach ihnen beiße, und beim Aufsteigen stets von zwei Knechten am Kopfe gehalten werden müsse. Der Grund war mir sofort klar. Mein Freund, ein sehr starker Herr, pflegte die Pferde beim Aufsitzen mit der Spitze seines linken Fußes in den Rippen sehr zu belästigen. Daher das Abbeißen, was sich dann auf den Kutscher übertrug. Darauf bauend, daß das Tier mich noch kenne, wettete ich, es zu besteigen, ohne daß es auch nur Miene mache, mein Aufsitzen zu hindern. Ich überzeugte mich im Stalle bald, daß das Tier mich noch kenne, ließ es satteln, vorführen, sprach ihm eine kleine Weile zu und saß dann auf, ohne daß das Tier auch nur den Kopf wandte. Es kannte eben seinen alten Reiter.« An anderer Stelle erzählt derselbe Gewährsmann: »Die Sennerstute ›Ulrike‹, die ich im Winter 1850–1851 fast vier Monate geritten, sah ich erst 1861, also nach zehn Jahren , wieder, nachdem sie 1859 als 24jähriges Tier ausrangiert und von Major G. gekauft worden war. Sie erkannte mich sofort wieder, wieherte und mauste in der ihr früher als brotführend bekannten Paletottasche, legte mir den Kopf auf Befehl über die Schulter und gab mir die Füße, obgleich Major G. das niemals mit ihr versucht hatte.« Ein uralter Spruch sagt, das Pferd sei ein dummes Vieh, aber es habe ein vorzügliches Gedächtnis. Auch der bekannte Herrenreiter James Fillis urteilt ähnlich. Er spricht dem Pferd Scharfsinn ab und läßt ihm als einzige bewundernswerte Fähigkeit sein Gedächtnis. Wie das Pferd, so hat auch der Hund ein vortreffliches Gedächtnis. Auch hierfür seien einige Beispiele angeführt: Darwin erzählt von seinem Hunde: »Als ich von meiner Weltreise zurückkehrte, die fünf Jahre gedauert hatte, benahm sich das Tier, das gegen Fremde wild und durchaus abweisend war, genau so, als wenn ich vor einer halben Stunde von ihm geschieden wäre.« Absichtlich prüfte der große Forscher das Gedächtnis des Tieres. Er begab sich in die Nähe der Hütte, wo es sich aufhielt, und rief es in der alten Weise an. Es äußerte zwar keine besondere Freude, folgte jedoch sofort dem Rufe und gehorchte. Bedenkt man, daß das Lebensalter eines Hundes etwa 15 Jahre währt, während wir das unsrige auf 70 annehmen, so erhellt daraus, daß 5 Jahre im Leben eines Hundes etwas ganz anderes bedeuten wie bei uns. Wir erleben 6 Jahre etwa 14 mal, der Hund nur 3 mal. Demnach besteht ein Verhältnis von 14 : 3. Man kann also behaupten, daß 5 Jahre im Leben eines Hundes so viel bedeuten wie bei uns 23 Jahre. Aber hiervon ganz abgesehen, so ist auch für uns ein Zeitraum von 6 Jahren sehr lang, und die Leistung des tierischen Gedächtnisses daher als außerordentlich groß anzusehen. Was Darwin erzählt, wird übrigens kein Tierkenner bezweifeln, besonders kein Jäger. Einer meiner guten Bekannten hatte vor dem Weltkriege ein Jagdrevier, das nur schmal war, aber sich sehr lang hinzog. Um sich nun nicht mit den geschossenen Hasen zu schleppen, versteckte er sie beim Hinwege in einem Gebüsch. Auf dem Rückwege wurden sie dann gewöhnlich mitgenommen. Da das Revier sehr wildreich war, so schoß er regelmäßig etwa 20 Hasen. Er hat mir oft versichert, daß er trotz seines vorzüglichen Ortsgedächtnisses manchen am Tage geschossenen Hasen abends in der Dämmerung ohne seinen Hund nicht gefunden hätte. Dieser fand mit unfehlbarer Sicherheit jedesmal das Gebüsch, in dem ein Hase versteckt war, wieder und irrte sich niemals. Der Hund nimmt mit seinem erstaunlichen Gedächtnis keine Ausnahmestellung in der Tierwelt ein. Vielmehr gilt von allen seinen Verwandten, so vom Wolfe, Fuchse usw., das gleiche. Ein alter Förster, den ich seit 20 Jahren kenne und dessen Glaubwürdigkeit ich verbürge, erzählte mir bei meinem letzten Besuche folgendes Erlebnis: Die Füchse hätten sich seit dem Kriege sehr vermehrt und brächten der Jagd großen Schaden. So fand er einen von einem Fuchs angeschnittenen, d. h. angefressenen Junghasen. Wahrscheinlich war Reineke von einem zufällig vorüberkommenden Passanten gestört worden und hatte seine Beute im Stich lassen müssen. Der Förster führte mich zu der Stelle, wo er den armen Lampe gefunden hatte. Es war am Rande einer Straße, die an einer unabsehbaren Roggensaat vorbeiführte. Da die Gegend ganz abseits liegt, so ist in der Nähe ein Hochsitz errichtet, den der Förster in der späten Nachmittagsstunde bestieg. Er nahm mit Recht an, daß der Fuchs zu dem Hasen zurückkehren würde, um ihn, falls ihm nicht anderes Raubzeug zuvorgekommen wäre, zu verzehren. Vom Hochsitz aus zeigte mir der Grünrock, wie nun der Fuchs gekommen war. Er selbst als alter Jäger schwört natürlich darauf, daß das Gedächtnis der Tiere ganz hervorragend ist. Und das mit Recht! Beruht doch die ganze Fallenstellerei in der Hauptsache darauf, daß das Tier mit Sicherheit die Stelle, wo es einen guten Happen angetroffen hat, auch wiederfindet. Was nützte das Anködern, wenn das Tier die Stelle vergäße oder nicht wiederfände! Daß der Fuchs genau den Platz wiederfand, wo der angeschnittene Hase gelegen hatte, ist also für den Jäger ganz klar. Das Neue aber – und gerade das wollte er mir zeigen, weil er weiß, wie sehr ich mich für solche Dinge interessiere – war folgendes: Vor Einbruch der Dämmerung sah er vom Hochsitz aus den Fuchs kommen, und zwar kam er schnurgerade durch die etwa ein Kilometer lange und wohl ebenso breite Roggensaat auf die Stelle zugelaufen. Im letzten Augenblick wurde der Fuchs durch einen plötzlich vorbeisausenden Radler verscheucht und nur dadurch gerettet. Von Wittern der Stelle war nach der Fortnahme des Hasen und bei der riesigen Entfernung keine Rede. Auch wehte der Wind an dem Fuchse vorbei. Wer selbst Eisen, die er in freier Flur aufstellte, nachgesehen hat, weiß, wie oft sich der Mensch irrt. Und ein Tier läuft mit unfehlbarer Sicherheit der gesuchten Stelle zu, als ob dort ein Plakat winke. Wir stehen hier vor einem der zahlreichen Wunder im Tierleben. Wie ich schon oft hervorgehoben habe, muß das Tier zu der Örtlichkeit in einem ganz anderen Verhältnis stehen, als der Mensch. Wir hatten zwei Jahre lang einen blinden Hund, was kein Besucher gemerkt hatte. Einmal war es äußerlich kaum wahrzunehmen; sodann lief der Hund mit größter Sicherheit in den verschiedenen Zimmern der Wohnung umher, ohne je anzustoßen. Welcher Mensch wäre in der Lage, sich die Stellung der Möbel in einer großen Wohnung so genau zu merken, daß er bei schnellen Bewegungen nirgends anstieße! Was der alte Homer von dem treuen Hund Argos erzählt, daß er allein von allen Seelen auf Ithaka den heimkehrenden Odysseus erkannte, ist also durchaus nicht etwa dichterische Phantasie, sondern bestätigt nur, was ich seit Jahrzehnten behaupte, daß der berühmte Sänger ein Tierkenner ersten Ranges gewesen ist. Zwar sind 20 Jahre ein bißchen lang für ein Hundeleben, aber da nach der Meinung mancher Gelehrten früher nach Mondjahren gerechnet wurde, so kämen nur etwa 18 Jahre nach unserer Rechnung heraus. Schon bei uns werden manche Hunde 18 Jahre alt, sie wurden in dem gleichmäßigen Klima der Ionischen Inseln wahrscheinlich aber noch viel älter. Überdies ist anzunehmen, daß 20 Jahre rund gesagt und nach oben abgerundet sind. Da man einen Hund schon mit 6 Monaten zur Jagd mitnehmen kann, so ist es tatsächlich möglich, daß ein von dem Helden zur Jagd benutzter Hund noch nach seiner Rückkehr gelebt hat. Ganz überzeugend sind die Nebenumstände geschildert. Gerade alte Hunde liegen mit Vorliebe auf dem Miste, weil sie frieren und es dort warm ist. Dem Dichter ist also bereits vor fast dreitausend Jahren aufgefallen, daß das Gedächtnis der Hunde für manche Dinge besser ist als das des Menschen. Hieraus geht hervor, daß das Gedächtnis keine rein geistige Fähigkeit ist, wie allgemein angenommen wird, sondern mehr eine Art Instinkt. Auch darauf habe ich schon vor mehr als zehn Jahren hingewiesen. Wäre das Gedächtnis eine geistige Gabe, so wäre es unerklärlich, daß Kinder ein besseres Gedächtnis haben als Erwachsene. Faßt man es dagegen als Instinkt auf, so erklärt sich alles. Dann versteht man auch, weshalb das Gedächtnis nachläßt, sobald man älter wird. Denn mit dem Eintritt der geistigen Reife pflegen die Instinkte zu verblassen. Tierkämpfe. Von jeher haben die Menschen ein besonderes Vergnügen daran gehabt, Tiere miteinander kämpfen zu lassen. Es ist bekannt, daß es die alten Römer auf diesem Gebiete zu einer besonderen Kunstfertigkeit gebracht haben und dabei ein höchst dankbares Publikum fanden. Daher der Ausspruch: »Panem et circenses!« »Brot und Zirkusspiele«. Diese Sucht muß tief in der menschlichen Natur begründet sein; denn selbst ein so tierfreundlicher Mann wie Alfred Brehm gesteht, daß er mit großer Wonne solchen Schauspielen beigewohnt habe. Die Sache einfach mit dem Ausdrucke »schreckliche Roheit« abzutun, ist in der Praxis unmöglich. Nehmen wir einmal einen Fall an, wie er sich auf einem Gutshof leider nur zu häufig ereignet. Die Ratten haben wieder einmal so überhandgenommen, daß es nicht mehr auszuhalten ist. Um ihnen gründlich beizukommen, werden ihre Schlupfwinkel zerstört, der Fußboden in den Schweineställen wird aufgehoben. Die aufgestöberten Ratten flüchten und können natürlich bei der Menge Menschen, die bei dem Vernichtungskrieg tätig sind, nicht geschossen werden. Ohne Hunde, die schnell und gern zufassen, ist man da ganz machtlos. Mit einem »humanen« Hunde, der keinem Geschöpfe etwas zuleide tut, ist hier nichts anzufangen. Man braucht vielmehr bissige, kleine Teufel, wie Pinscher, Terrier u. dgl. Dachshunde sind nicht schnell genug, sind aber als Nebengehilfen vorteilhaft verwendbar. Selbst der friedfertigste Mensch kämpft gegen die Schädiger seines Heims, die, wie Flöhe, Mücken, Läuse und Wanzen, nach seinem Blute trachten oder als Motten, Fliegen, Speckkäfer und anderes Ungeziefer sein Eigentum bedrohen. Ohne Bedenken tötet er sie und ihre Brut und wendet hierbei alle zulässigen Mittel an. Wenigstens habe ich noch keinen Menschen bei uns kennengelernt, der etwa wie manche Orientalen das Ungeziefer schont und sich damit begnügt, es an einen anderen Ort zu bringen. Berücksichtigt man außerdem, daß nach neueren Forschungen Ratten, Mücken und Fliegen zur Verbreitung gefährlicher Seuchen beitragen, so liegt ein besonderer Grund vor, schonungslos gegen solches Ungeziefer vorzugehen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn ich mich gegen Tiere wende und sie gewissermaßen in der Notwehr töte, und wieder etwas anderes, wenn ich künstlich Kämpfe zwischen ihnen herbeiführe, um mich daran zu erfreuen. Als Freunde von Tierkämpfen sind in unserer Zeit neben den Spaniern namentlich die Engländer bekannt. Wenden wir uns zunächst ihren Rattenkämpfen zu, worüber wir bei Brehm und Flössel folgende Angaben finden: Zur Rattenhetze richten die Engländer geeignete Hunde ab; für solche Vorstellungen gibt es besonders hergerichtete Bühnen, »pits« genannt. Es sind dies kleine, kreisrunde Arenen, mit Galerien umgeben, auf denen die Zuschauer Platz nehmen. Eine Anzahl Ratten werden zu einem oder mehreren Hunden in die Arena gelassen. Man unterscheidet zwei Arten von Rattenbeißereien, derart, daß entweder die Hunde um die Wette beißen, wobei derjenige, welcher von 20 oder 30 Ratten die meisten tötet, als Sieger hervorgeht, oder man veranstaltet Hetzen gegen Zeit (»against time«) , d. h. es wird darauf gewettet, daß ein Hund in einer bestimmten Zahl von Minuten oder Sekunden eine gleichfalls bestimmte Anzahl von Ratten fangen und beißen werde. Die Schnelligkeit, mit welcher der Hund die Ratten fängt, die Sicherheit, mit der er sie packt, die Kraft seines Bisses, mittels dessen er die Ratte augenblicklich tötet, alles dies bildet den Gegenstand der Bewunderung und der Erörterung seitens der Liebhaber solcher Kämpfe. In der Regel verwendet man hierzu nur kleine Hunde, und je kleiner der Hund ist, desto größer ist die Bewunderung, die ihm während des Kampfes mit den bissigen Tieren gezollt wird. Nach Fähigkeit und Jagdbegierde ist der Pinscher besonders zum Rattenfang geeignet, und so kamen die Engländer auf den Gedanken, mit ihren Hunden große Rattenjagden zu veranstalten. Dabei werden Wetten von Summen in außerordentlicher Höhe veranstaltet, wodurch das ganze Vergnügen das Gepräge eines Glücksspiels erhält. Durch Kreuzung des Pinschers mit der Bulldogge erhält man einen wahren »Rattenpinscher«, den englischen »Bullterrier«, der im Fangen und Totbeißen von Ratten Unglaubliches leistet. In einigen verrufenen Stadtvierteln Londons gibt es sogar richtige Kampfplätze für derartige Rattenjagden. Sandplätze, ringsum mit Planken umzäunt, hinter denen die Zuschauer Platz nehmen. Der Besitzer des Platzes empfängt von jedem Zuschauer außer einem bestimmten Eintrittsgeld noch eine gewisse Summe für jeden Rattenkopf. Sobald die Ratten aus ihrem Käfig losgelassen sind, beginnt ein unerhörtes Durcheinander; die Ratten gebärden sich, als hätten sie eine Vorahnung ihres gräßlichen Endes. Dann bringt der Vorsteher die Pinscher herbei und läßt sie laufen. Nun beginnt ein Schlachten und Morden ohnegleichen. Word berichtet, er habe einen Bulldoggenpinscher gekannt, der unter dem Namen »Tiny« wahrhaft berühmt gewesen sei. Er wog bloß 5½ Pfund und war gleichwohl der allerärgste Feind aller Ratten. In einem Zeitraume von 28 Minuten und 5 Sekunden – man möge die Gewissenhaftigkeit der Zählung beachten! – hatte er 50 Ratten erbissen. Man hat berechnet, daß dieses Tier während seines Lebens mehr als 6000 Ratten erlegte, also etwa 1½ Tonnen an Gewicht. Dieser kühne Rattenfänger schaffte erst die starken Tiere weg. Wenn er schon etwas angegriffen war, kamen die anderen an die Reihe. In seiner Jugend rannte er mit solch außerordentlicher Behendigkeit auf dem Sandplatze herum, daß man den Schwanz kaum von seinem Kopf unterscheiden konnte. Es lag also eine sichere Berechnung in seiner Kampfmethode mit den Ratten. Seine Jagdbegierde auf das von ihm bevorzugte Wild wurde die Ursache seines Todes. Er war einst in einem Zimmer eingesperrt und hörte in einem anstoßenden Raume eine Ratte nagen, die er nicht bekommen konnte. Dieser Umstand versetzte ihn in so gewaltige Aufregung, daß er ein hitziges Fieber bekam, dem er erlag. In Frankreich ist die Stadt Roubaix wegen der dort veranstalteten Rattenkämpfe bekannt. Zu solchen »Rattenjagden« sei noch folgendes bemerkt: Der Städter will Eier und Fleisch, namentlich Schweinefleisch, möglichst billig vom Landwirt haben. Bei einer Rattenplage, wie sie häufig vorkommt, schleppen die langgeschwänzten Nager Eier und Küchlein fort, verunreinigen die Ställe, fressen den Haustieren das Futter auf, ja den Schweinen manchmal sogar Löcher in den Leib. Der Gutsbesitzer, wie überhaupt jeder Landwirt, hat also ein Recht, sich über scharfe Hunde, die jede Ratte schnell abwürgen, zu freuen. Das darf der tierunkundige Großstädter niemals vergessen. – Stierkämpfe waren früher in England sehr beliebt. Der Reisende Langerhanns konnte als Gast auf einem Landsitze in der Nähe Londons einem Kampf zwischen Hunden und einem Stier als Zuschauer beiwohnen. Ein dicker Pfahl wurde in den Boden gerammt, an den der Stier an einem ungefähr 1½ Zoll dicken und 30 Ellen langen Seile gebunden war. Dies Tier erriet mit wahrhaft bewundernswerter Feinfühligkeit, auf welche Stellen seine Gegner es abgesehen hatten, und verteidigte die bedrohten Körperteile mit so systematischer Regelmäßigkeit, daß man sich versucht sah, überlegende Berechnung bei ihm vorauszusetzen. Die meisten Hunde waren darauf abgerichtet, ihm nach der Nase zu fahren. Um diese in Sicherheit zu bringen, senkte er den Kopf einwärts gebogen, tief zu Boden herab und bot so den auf ihn einstürmenden Gegnern nichts als die buschige Stirn, mit den Hörnern, mit denen er, ohne sichtbare Anstrengung, die stärksten Hunde entweder hoch in die Luft oder weit von sich weg auf den Boden schleuderte. Wären die Spitzen seiner Hörner nicht mit grobem Band oder dergleichen umwickelt gewesen, so würden die Hunde mit unfehlbarer Sicherheit verstümmelt oder zerrissen worden sein. Der Stier trat, als man ihn losgebunden hatte, um ihn wegzuführen, den Weg nach dem heimatlichen Stalle so munter an, als wäre nichts vorgefallen, und auch die Hunde, obgleich der anfängliche kriegerische Mut etwas gedämpft zu sein schien, waren alle imstande, den Kampfplatz auf eigenen Beinen zu verlassen. Nicht immer und überall gehen die Hunde aus Stierkämpfen wie dem hier geschilderten ohne körperliche Nachteile hervor. Am wenigsten werden wir uns an den Hundebeißereien erfreuen können, die bei den Engländern so sehr beliebt sind. Nach Flössel, einem zuverlässigen Hundekenner, brachte eine einzige Nummer eines vor 60 Jahren sehr bekannten Journals die Ankündigung von nicht weniger als elf Darbietungen von Hundebeißereien, die sämtlich mit Kennersprache verfaßt waren. Wie die Jagdhunde zur Jagd, die Windspiele zum Coursing, so werden verschiedene Arten von Hunden, Bulldoggen, Terrier und andere Rassen zu den blutigen Beiß- Matches aufgezogen. Goldhalsiger englischer Kampfhahn mit Zwergkampfhahn. Nach den in der genannten Zeitung enthaltenen Mitteilungen ist der Verlauf dieser leider sehr volkstümlichen Veranstaltungen folgender: Zu den Beißereien werden in der Regel nur Hunde von gleichem Gewicht gegeneinander losgelassen, weil es dabei vornehmlich auf die Größe und Schwere der Tiere ankommt. »Peter Kerr«, lautet ein solcher Bericht, »hat einen Hund, Jenny, von 30½ Pfund Gewicht und will ihn gegen jeden Hund von gleichem Gewicht für 50 Pfund Sterling beißen lassen.« Mit diesen Worten kündigt der Hundezüchter seine Bereitwilligkeit an, einen seiner Hunde in die Schranken treten zu lassen, und fordert gleichzeitig die geeignete Gegnerschaft heraus. Übrigens scheint es, daß das ungefähre Gewicht von 30 Pfund den Durchschnittssatz bildet. Indessen sind auch Fälle vorgekommen, wo man Hündchen von nur 8 Pfund Gewicht gegeneinander kämpfen ließ. Ja, es charakterisiert die dem Engländer eigene Liebhaberei, daß man gar nicht so selten bestrebt ist, ganz kleinen, eben erst geborenen Hündchen Kampflust einzuflößen. Dafür zeugen Ankündigungen, die man bisweilen findet, denen zufolge Matches zwischen »terriers pups« , also jungen Dachshunden, und zwar im Alter von nur einem Monat abgehalten werden. »Es fehlt nur noch,« heißt es in den Berichten des Forschungsreisenden Kohl, »daß die Engländer die Tiere sich schon im Mutterleibe beißen lassen.« Einige Worte wären nun noch über die Hahnenkämpfe zu sagen: Die außerordentliche Eifersucht der Männchen bei den Hühnerarten hat man seit alten Zeiten benutzt, sich an ihren Kämpfen zu ergötzen. Bei den alten Griechen waren außer den Hahnenkämpfen besonders Wachtelkämpfe beliebt. Durch Absperrung von den Weibchen und durch geeignete Fütterung sucht man die angeborene Rauflust noch zu erhöhen, ja man hat bei unsern Hühnern eine ganz besondere Rasse, den Kampfhahn , gezüchtet, der auch sofort durch seine entwickelte Muskulatur und das Fehlen überflüssigen Fleisches auffällt. Hahnenkampf bei den Malaien. Der englische Kampfhahn oder Kämpfer erinnert durch seinen aufrechten Gang an seine malaiische Abstammung. Denn bei den Malaien gehörten die Hahnenkämpfe von jeher zu den Volksbelustigungen. In England fand dieses Vergnügen den günstigsten Boden, wenngleich Hahnenkämpfe bis in die neueste Zeit auch in Italien, den Niederlanden, Zentralamerika, Ostindien und China beliebt waren. Ja, selbst in Deutschland haben sie in früheren Zeiten stattgefunden, obwohl die christliche Kirche heftig dagegen arbeitete. Wie die englischen Herrscher den Pferdesport und die Pferdezucht sehr gehoben haben, so veranstaltete auch Heinrich VIII. das erste große »nationale Hahnengefecht« in Westminster. Neuerdings wurden die Hahnenkämpfe in England gesetzlich verboten, doch finden sie im geheimen noch immer statt. Um die Wirkungen ihrer natürlichen Waffen, also Schnabel und Sporen, zu erhöhen, versieht man die Hähne vielfach mit eisernen Sporen. Auffallend ist es, daß der Hahn, der sich unterlegen fühlt, während des Kampfes wie eine Henne zu glucksen anfängt. Die Stiergefechte in Spanien und Portugal. Bei der Schilderung der spanischen und portugiesischen Stiergefechte soll ein deutscher Gelehrter unser Gewährsmann sein. Ein grausames Spiel, schreibt er, sind die spanischen Stiergefechte. Am den Stier, der dem Tode geweiht ist, zu ermüden, anderenteils auch, um seine Kraft und Gefährlichkeit dem Zuschauer recht klarzumachen und die Überlegenheit des Verstandes und der körperlichen Gewandtheit des Menschen über die rohe tierische Kraft in um so glänzenderem Lichte erscheinen zu lassen, führt man ihm zuerst mehrere Pferde vor, in deren Eingeweide sein spitzes Horn sich einbohrt, so daß das getroffene Tier sterbend niederstürzt, während der durch Polster geschützte Reiter in der Regel ohne erheblichen Schaden davonkommt. Dann wird der mit der Manta (roter Kampfmantel) unablässig geneckte Stier durch Piken mit und ohne Feuerwerk zu neuen Angriffen gespornt und schließlich durch kunstgerechten Stich mit dem Schwerte getötet. Die Roheit, die in dieser Art von Vergnügen liegt, und die jetzt endlich in Spanien selbst vielfach verurteilt wird – ein Gesetz verbietet die Errichtung neuer Plazas de Toros –, ist nicht ohne Rückwirkung auf das Publikum, das in den Kampftheatern selber sich aufs äußerste erregt, soviel wie möglich selbst in die Darstellung einzugreifen versucht und seinen Beifall oder sein Mißfallen auf die lärmendste Weise kundgibt. Kam es bei einem Stiergefechte zu Madrid doch vor, daß die Sitze für die Zuschauer buchstäblich abgebrochen und auf die Arena geschleudert wurden, weil man mit der Aufführung der Kämpfer nicht zufrieden war. Die Stiergefechte in Portugal haben einen von den der spanischen etwas verschiedenen Charakter. Es handelt sich bei den weniger erregbaren Portugiesen eben nur darum, die Herrschaft des Menschen über das Tier zu zeigen; es genügt, nachgewiesen zu haben, wie ohnmächtig die blinde Wut des zwar kräftigeren Tieres der kalten Überlegung und Gewandtheit, ja selbst der Körperkraft des Menschen gegenüber ist. Man tötet weder den Stier im Kampfe, noch führt man ihm arme Pferde zur Vernichtung vor. Es ist das eine dem ganzen Charakter des Portugiesen entsprechende Auffassung, und nicht mit Unrecht tut er sich etwas auf die Art seiner Stiergefechte zugut, auf die der Spanier verächtlich herabsieht. Allerdings aber verlieren diese an sich immerhin unwürdigen Spiele dadurch von ihrer Mannigfaltigkeit und von der wilden Aufregung, die die spanischen Tierkämpfe hervorrufen. Es verläuft hier so ziemlich ein Gang, ein Kampf wie der andere, und während wir bei dem Hereinstürzen des ersten Stiers und dem Verlaufe des ersten Kampfes in eine gewisse Erregung gerieten, stellte sich bei dem gleichmäßigen Verlaufe der folgenden Spiele, die aller geistigen Anregung entbehren, eine Ermüdung ein, die den Schluß des Spieles herbeiwünschen ließ. In Lissabon wie in Spanien werden die Stiergefechte Sonntags abgehalten. Auch an einem Augusttage sollte wiederum ein solch aufregendes Kampfspiel in der Arena auf der Praca do Campo de Sta Anna stattfinden. Um 5 Uhr sollte der Anfang sein; da wir aber das Programm nicht kannten, kamen wir kurz nach 4 Uhr auf den Platz und hatten nun hinlänglich Muße, uns die Arena mit ihrer Umgebung, die Vorbereitungen zum Kampfe und die allmählich sich unter dem blauen Himmel sammelnde Menschenmenge mit Muße anzusehen. Der Kampfplatz nahm die Mitte des Theaters ein und hatte einen weit beträchtlicheren Umfang als ein ähnlicher Platz in unseren Kunstreiterbuden. Eine Bretterwand von 4 Fuß Höhe umgab den mit Sand bestreuten Raum; sie war mit Fenstern bemalt und sollte etwa eine Gartenmauer vorstellen; an ihrer Innenseite, 1 Fuß über dem Boden, lief ein Trittbrett hin, das den sich vor dem Stiere flüchtenden Kämpfern zum Aufschwunge dient. An der Stelle, wo eine Musikbande sich in der Höhe des Theaters befand, war ein breites Tor in der Holzwand, auf dem gemalte Pferdeköpfe andeuteten, daß die Pferde durch dieses Tor zum Kampfe gebracht würden. Ein zweites Tor, im Viertelkreis von jenem entfernt, war mit Stierköpfen bemalt; aber schon die an und auf dem Tor sitzenden Knechte, mit roter Leibbinde und blauer Zipfelmütze, lange Stachelstäbe in den Händen, verrieten, daß hier der Weg zu den Ställen sei. Hinter der Bretterwand, die ein Zehneck bildete, lief ringsum ein 4 Fuß breiter Gang, in den sich die vom Stiere verfolgten Kämpfer mit leichtem Schwunge retten können. Außen wurde dieser Ringgang von einer höheren Steinmauer abgeschlossen, über der sich die amphitheatralisch geordneten Sitze der Zuschauer befanden. Diese Hälfte hatte den Vorteil der Beschattung durch die Außenwand des Gebäudes, während ein anderer Teil der prallen Sonne ausgesetzt war, da solche Theater bekanntlich kein Dach haben. Da erscheint in der großen Loge, dem Tore mit den Pferdeköpfen gerade gegenüber, ein Herr; grüßend neigt er sich gegen das ihm Beifall spendende Publikum; es ist der Inspektor des Platzes, der das ganze Kampfspiel leitet. Die Trompete gibt das Zeichen zum Anfang, und aus dem gegenüberliegenden Tore kommt die Fechterschar zur Begrüßung des Publikums. Voran, hoch zu Roß, in schwarzer Kleidung mit zweispitzigem Hütchen Don Man. Maurisca. Sechs Kämpfer zu Fuß, die Banderilleros, die eigentlichen Stierkämpfer, in bloßem Kopf, mit reich verbrämter, eng anliegender Kleidung unter zierlichem roten Mantel, folgen und stellen sich in der Mitte der Arena, wenige Schritte hinter dem Reiter auf. Acht andere Männer, wie die übrigen in weißen Kniestrümpfen, aber mit gelber Hose aus grobem Wollstoff, mit roter Jacke und grüner Zipfelmütze, stellen sich, ebenfalls eine Gasse bildend, hinter den Banderilleros auf; sie stützen die rechte Hand auf einen starken Stab, der oben eine kleine eiserne, zweizinkige Gabel trägt. Sie wird später beiseite gelegt und nicht benutzt. In jeder Ecke dieser bunten Reihe steht ein kleiner, blau und weiß gekleideter Lakai ohne Kopfbedeckung, und am Schluß findet das komische Element seine Vertretung; der Hanswurst in männlicher Kleidung auf der einen Seite, ein weiblicher auf der anderen, sie dürfen auch hier nicht fehlen. Unter dem Schalle der Musik tritt graziös der weiße Andalusier, auf dem Kopfe einen rotweißen Schmuck, die Mähne in zwei blauweiße Zöpfe verflochten, die Schwanzwurzel mit blauweißer Decke und ebensolchen Bändern behangen, in die Längsgasse, die von den in zwei Gruppen auseinander rückenden Kämpfern gebildet ist. Die Begrüßungsfeierlichkeit beginnt. Nach wenigen Schritten vorwärts lenkt der Reiter das vollmarkige Tier im Rückschritte bis hinter die Hanswürste, reitet vor zur Mitte der Arena, wieder zurück und wieder vor bis dicht vor den Inspektor, vor dem er grüßend den Hut abnimmt. Wieder geht das Pferd zurück, und von neuem vorreitend grüßt der Held nun das im Viertelkreis ihm gegenüber sitzende Publikum zur Linken des Inspektors, dann reitet er in die Gasse zwischen die Banderilleros und rotgelben Hirten, grüßt den anderen Teil der Zuschauer, im Viertelkreise rechts von dem Inspektor und dann mit noch zweimaligem Ritte die übrige versammelte Menge drüben auf der Sonnenseite. Rückwärts reitend, verläßt er die Arena, die Banderilleros geben die Mäntel nach außen ab und versehen sich teils mit der Manta, oder mit kurzen Piken, während die Rotgelben in dem Rundgange hinter der Bretterwand ihre Aufstellung nehmen. Stiergefecht. Nach einem Gemälde von Edouard Manet . Auf ein Zeichen mit der Trompete öffnet sich das Tor mit den Stierköpfen. Ein schwarzer Stier, mit langem Lederfutteral über den Hörnern, das noch weitere Schutzmittel zu bergen scheint, fährt schnaubend heraus und stürzt mit gesenktem Horn auf einen der goldbetreßten Kämpfer, der kaltblütig die rote Manta vorhält und dem darauf anspringenden Stiere mit leichtem Schwunge an die Seite kommt. Ein anderer Kämpe, der von dem getäuschten Tiere zur Zielscheibe erkoren wird, wirft seine Stäbe zu Boden und ist mit einem Sprunge über die Bretterwand, während der Stier polternd mit dem Kopfe dagegen rennt. So geht das Spiel eine Zeitlang weiter. Der Reiter von vorhin erscheint jetzt auf schwarzem Pferde, in der Hand eine lange hölzerne Pike mit Eisenspitze zur Abwehr des Stieres. Er stellt sich mit seinem Pferde dem wutbrüllenden Ochsen entgegen, und einmal geht dieser zum Angriffe vor. Das Pferd weicht aus, und der Stier will nicht wieder den Kampf mit dem Reiter aufnehmen, sooft dieser ihm auch in den Weg zu kommen sucht. Endlich verläßt der Reiter die Arena, den weiteren Kampf den Banderilleros überlassend. Nachdem der Stier noch mehrfach mit den roten oder rot und blau gestreiften Mänteln irregeleitet ist, stellt sich ihm einer mit zwei Piken in der Hand entgegen, dünnen Stäben aus schwachem Holze, etwa 2½ Fuß lang, mit buntem Papier umwunden und mit einem Widerhaken an der eisernen Spitze. Sowie der Stier anläuft, stößt ihm der Kämpfer die Haken in den Nacken, während er mit geschickter Wendung das Tier unter den gehobenen Armen durchlaufen läßt. Vor Schmerz brüllend tobt der Stier, dem die langen Stäbe um den Nacken hängen. Er macht verzweifelte Sprünge in die Luft, so daß er mitunter niederstürzt, schüttelt sich und sucht mit den Hörnern die schmerzende Bürde abzustreifen. Und wieder naht neckend einer der Kämpfenden dem Tiere, das schrecklich schnaubend auf ihn losstürzt, um von neuem mit Piken bespickt zu werden. So toll rennt jetzt der Stier dem Flüchtigen nach, daß beide nacheinander über die Bretterwand setzen. Wer in dem Gange hinter ihr ist, springt in die Arena; der Stier läuft eine Strecke weit in dem Gange und gelangt durch ein ihm geöffnetes Tor wieder auf den Platz, nicht ohne daß er auf seinem Wege von dem erregten Publikum geplagt worden wäre, das ihm Hüte und Stöcke entgegenhält, ihm die Piken auszuziehen sucht und durch Schreien und Pfeifen ihn vollständig außer Fassung bringt. Von neuem wird er mit dem vorgehaltenen Mantel gefoppt, mit Piken behängt, bis sich auf ein gegebenes Zeichen die Stalltür öffnet. Sieben Ochsen, wie sie zur Feldarbeit gebraucht werden, kommen herein. Sie sind, wie die spanische Rinderrasse überhaupt, langhörnig, nicht gerade sehr groß und von brauner Farbe. An dem Halse eines jeden hängt eine fußlange eiserne Kuhschelle, womit sie im Zusammenklang ein dumpfes, nicht unharmonisches Geläute hervorbringen. Die Knechte mit langen Stachelstäben treiben die Ochsen dem erregten Stiere zu, der sich ihnen willig zugesellt und dann in ihrer Mitte zum Stalle zurückkehrt. Zweiter Teil Die einzelnen Haustiere Der Hund Unser Jagdhund. Das Lob des deutschen Jagdhundes erschallt in zahllosen Büchern. Noch heute kann man in Jägerkreisen das gleiche erleben, was Brehm von den Arabern und ihren Pferden berichtet: Der treue Genosse bildet den hauptsächlichsten Stoff ihrer Gespräche. In einer mir bekannten Jägerfamilie spielt der Hund eine so große Rolle, daß ich ihn jedesmal grüßen lasse, wenn ich den Freunden schreibe. Der Herr sagt nicht ganz mit Unrecht: »Mein Hund hat mir, als ich mich in größter Gefahr befand, das Leben gerettet. Ich weiß nicht, ob sich ein zweibeiniger Freund in gleicher Lage für mich geopfert hätte.« Die Brüder Adolf und Karl Müller, die sich durch besondere Kenntnis der Jagd und des deutschen Jagdhundes auszeichnen, sollen auf diesem Gebiete unsere Führer sein: Der Schweißhund (Schweiß = Blut), schreiben sie, dient als feinsinniges Tier nur dazu, die »Fährte« (Spur) des angeschossenen oder »angeschweißten« Hochwildes, wie des Edel-, Dam-, Elch- und Schwarzwildes, weniger schon des Rehwildes, von dem Jäger an der Leine oder dem »Hetzriemen« oder »Fangstrick« geführt, zu verfolgen und das »verendete« (tote) aufzusuchen oder »auszumachen«, oder das sehr kranke zu hetzen, einzuholen und zu »verbellen«, damit es der nachkommende Jäger erlege oder ihm den »Fangschuß« gebe. Für die Dienste auf der Jagd ist eine Vorbildung, eine sorgfältige Schulung des Hundes unbedingt notwendig. Stichelhaariger deutscher Vorstehhund. Da jede Belehrung am besten durch ein praktisches Beispiel erfolgt, so sei ein Fall aus der Waldjagd geschildert: Die Sonne ist hinter dem Bergwalde verschwunden. In dem Dämmer des Holzes schleicht der Weidmann, seinen Hund am Fangstrick. Er ist in der »Pirsche« oder dem »Weidwerken« begriffen, jenem erwartungsreichen Schleichgange abends oder morgens durch die Waldeinsamkeit, in der eigentlichsten Jagd des deutschen »weidgerechten« Jägers. Es ist dies die Jagdausübung, die den erfahrenen Mann des Waldes verlangt, es ist das Jagdvergnügen, das die größte Aufmerksamkeit der Sinne und höchste Umsicht erheischt und an Ausdauer, Geduld, Gewandtheit des Körpers und sichere Handhabung der Hauptwaffe des deutschen Weidmannes, der Büchse, gleich hohe Anforderungen stellt. Bei dieser Jagd erweist sich aber auch der feinsinnige Schweißhund, der mit Recht so genannte Pirschhund, als unentbehrlich, er ist der fördernde Genosse des Jägers, der den Sieg seines Herrn zum guten Teile miterringt. Haltung und Wesen des Pirschenden zeigt uns den erfahrenen Jäger. Fest mit der ganzen Sohle des Fußes und doch leise und elastisch schreitet er Schritt für Schritt bedächtig dahin, Auge und Ohr stets offen und wach und jedes Glied des Körpers bereit zu raschem Entschluß und Dienst. Es ist, als ob sich der ganze Ernst und die gespannte Aufmerksamkeit des Pirschenden auf den vierfüßigen Begleiter hinter ihm verpflanzt hätte. Das fuchsrote, mittelhohe Tier – es ist der wohlgeführte, »vollkommene« Schweißhund bester Rasse. Das kündet die Runenschrift seines ausdrucksvollen Gesichts, das um die großen, sprechenden Augen sich in Falten des Ernstes der Erfahrung, aber auch in einem charakteristischen Zuge der Schwermut und Gutmütigkeit legt. Die schöne, lange und breite Dekoration des »Behanges« (der hängenden Ohren) beschattet sich mit einer Färbung von Rußschwarz, die den Ernst des breit- und hochstirnigen, länglichen Gesichts und Kopfes vermehrt und sich am dunkelsten um die starke, breite Hängeschnauze lagert, sowie matt meliert über den Rücken und die hoch angesetzte lange und gerade Rute zieht. Mittelhohe, starke und sehnige Läufe tragen den muskelkräftigen, in den Weichen etwas eingezogenen Leib, den ein voller, faltiger Hals und eine breite, beiderseits tief eingeschnittene Brust mit gut gewölbten Rippen und breite Lenden mit hervortretender Muskulatur auszeichnen. »Sellmann« ist von der hannoverschen Rasse. Er hat brave Verwandte im Harz und in Schlesien in brauner und sogar schwarzer Farbe, die über den Augen, an der Schnauze und an den Läufen fuchsfarben »gezeichnet« oder »gebrannt«, das heißt: mit Flecken und Feldern an den gedachten Stellen also gefärbt sind; oder er hat Vettern von entschieden gelber Grundfarbe mit schwärzlichen Abzeichen, sogar wolfstreifige, geflammte oder »wolkige«, auch seltenere, langhaarige Stiefbrüder von ähnlicher Färbung. Mit seinem ernsten, gemessenen Wesen verbindet Sellmann eine derbe, starkmütige Natur, kraft deren er in der Bewachung von Haus und Hof besonders gegen verdächtige Fremde strenge und mürrisch verfährt, auf deren solider Grundlage er aber auch die schwierigsten Proben der Jagd bestanden hat. Sein Herr vertraut seiner sicheren »Nachsuche« auf der »Schweißfährte« verwundeten Wildes, wobei der Hund vermöge seiner vortrefflichen Nase schon so manches Meisterstück ausgeführt hat. Aber nicht allein an dem Hetzriemen »arbeitet« Sellmann vorzüglich; er vertritt auch vollkommen die Stelle eines Leithundes der alten Jagdschule. Wie sein Ahn dient er zum »Bestätigen«, d. h., er markiert oder »zeichnet« mit der Nase die Stellen, über die Wild frisch »gewechselt« oder gegangen ist, also daß er durch Umsuchen der Waldorte den Aufenthalt des Wildes dem Führer andeutet. Seine höchste Bravour bewährt er aber beim »Totverbellen«, das ist die Eigenschaft, an selbständig aufgefundenem verendeten Wilde »auszugeben« oder »laut zu sein«, wodurch er dem harrenden Herrn den Ort bezeichnet, an dem das gefundene Stück tot zusammengebrochen ist. Dieses seltene, kostbare Naturgeschenk hat Sellmann als ein Begabter »von seiner Mutter geerbt« und ist hierdurch in weiteren weidmännischen Kreisen ein gerühmter Schweißhund, der seinem Herrn schon zu manchem schönen Erfolge verhelfen hat. Tigerteckel. Schweißhund auf der Fährte. Nach einer Zeichnung von C. Sterry . Eben ist urplötzlich der pirschende Weidmann an der Wand einer Dickung stehengeblieben, in demselben Augenblick stutzt auch Sellmann. Die beiden Jagdgenossen stehen am Ende eines berasten Pfades, dort wo er in einen mächtigen Buchenschlag ausmündet. Vor dem Hinaustreten aus dem jungen Gehölz in das Lichte hat der Pirschende die Vorsicht gebraucht, behutsam den Kopf vorzustrecken, um den freien Waldort ihm zur Seite besser auskundschaften zu können. Sein durch das Stutzen und Sellmanns Ruck an dem Stricke nur noch verschärfter Blick hat sofort ein Stück Rotwild bemerkt, das eben aus dem Dickicht in den Lichtschlag getreten ist. Vom Schatten des nächsten Gezweiges gedeckt, verharrt der Jäger wie eine Bildsäule, und sein zweites Ich, Sellmann, liegt unbeweglich hinter seinem Herrn. Vorher schon hatte seine scharfe Nase und sein feines Gehör das aus der Schonung ziehende Wild »vermerkt«, und ein abermaliger Ruck an dem Strick, den das aufmerksame Tier durch Emporheben und Rückwärtswenden seines Kopfes mittels »Windens« (Riechens) und Aufhorchens verursachte, gab seinem Führer einen erneuten Wink zum verschärften Aufmerken. Das Alttier ist indessen nach einem kurzen »Sichern«, womit es die Umgebung prüfte, in den freien Buchenschlag weitergezogen. Die Erfahrung sagt dem Pirschjäger, daß diesem »Kopftiere« (Anführerin) alsbald anderes Wild nachfolgen werde; und in der Tat treten jetzt noch mehrere weibliche Stücke in das Lichte, dem vorangegangenen Alttiere »äsend« (weidend) nach. Schon ist das »Rudel« (Trupp) »Kahlwild« (weibliches Wild) allmählich in die Ferne gezogen, und noch immer verharren Jäger und Hund unbeweglich an ihrer Stelle am Saume der jungen Hege. Und aus gutem Grunde! Der untrügliche Sinn Sellmanns hat seinem Herrn eine weitere Kunde gegeben. Er hält den Kopf hoch zur Seite, halb rückwärts mit der Nase sichtlich arbeitend. Wiederholt wendet sich sein Kopf dem Herrn langsam zu. Jetzt gewahrt der wache Blick des Jägers das sichere Meldezeichen des Hundes, der das tiefernste, sprechende Gesicht abermals dem Weidmanne zukehrt. Wohl versteht er die geheime Sprache seines Begleiters; sie heißt: Gib acht, da drinnen in der Dickung steht er, nach dem du verlangend pirschest! Unwillkürlich hat der Jäger die Zeichensprache in diese Worte gekleidet, und weiter reiht sich im stillen die Vermutung daran, daß es der gesuchte Hirsch sein könne, den die Vorsicht noch in dem Dickicht zurückhalte, der längst schon »bestätigte« (ausgekundschaftete) »Zwölfender«, auf den wiederholte Pirsche und mancher Ansitz mißlungen. Diese Ahnung wird jetzt lebhafter, wo ein leises Klappen im Gehölz sich vernehmen läßt, das die weidmännische Erfahrung sogleich als das Anschlagen des Geweihes von einem Hirsche erkennt. Nun folgt ein neues Geräusch: es ist der gewichtige Tritt eines »starken« Stückes Wild, den ein Rauschen und Rascheln begleitet, Kurzhaariger deutscher Vorstehhund. das wohlbekannte Geräusch, welches das Anstreifen ziehenden Wildes an die Gebüsche verursacht. Schon ist die Büchse gehoben zum Anschlage nach der Stelle hin, wo das Kahlwild herausgetreten war. Jäger und Hund blicken gespannt nach der Richtung, woher nochmals ein leises Ziehen durchs Gebüsch sich verrät. Aber plötzlich ist's stille und nichts regt sich mehr. Eine lange Pause entsteht, in der kein Windhauch ein Blatt bewegt. Schon prüft des Jägers Blick seinen allwissenden Begleiter hinter sich: Sellmann hält hoch und stetig die Nase nach einer Richtung, nach dem Rande der Dickung – dem Einsichtsvollen das untrügliche Merkmal, daß der Unsichtbare mißtrauisch noch zaudert, ins Freie zu treten. Es ist unstreitig ein »Einsiedler«, wie der Jäger drastisch den vorsichtigen und klugen starken »Feisthirsch« des Sommers benennt. Da plötzlich teilen sich gemach die Zweige eines Buchenbusches am Saume des Geheges, und schattenhaft schiebt sich der bedeutsame Kopf mit dem mächtigen Geweih eines Hirsches vor uns ins Lichte. Es ist ein Zwölfer, der ein »ausgelegtes« (auseinander stehendes) Geweih zeigt. Wohl klopft dem Weidmanne das Herz stärker bei diesem überraschenden Anblicke, den das ungewöhnliche stolze Waldtier auch dem Ruhigsten und Erfahrensten bereitet. Aber der nächste Augenblick, in dem jetzt der Hirsch mit hoher Aktion und wachen »Lichtern« (Augen) langsam aus dem Gehege tritt, findet den Jäger gefaßt. Noch eine kurze Augenweide läßt den Anstehenden harren, bis der Hirsch den Kopf senkt, um »sich zu äsen«. Diesen Moment benutzt gewandt der Weidmann zum Anschlagen der Büchse, und rasch entsendet diese den Feuerstrahl mit der echoweckenden Sprache in des Waldes Hallen. – Der Hirsch »hat« auf den Schutz »ein gutes Zeichen gemacht« durch einen hohen Satz (»Flucht«) in die Luft, dem ein ungestümes Rennen zurück in die Dickung folgt. Vernehmlich kündet ein Rauschen den Weg des flüchtigen Hirsches, dessen tödliche Verwundung weiter noch ein wiederholtes abgesetzt wuchtiges Getöse verrät, das der taumelnde Leib des Angeschweißten durch Anrennen an die Gebüsche verursacht. Spannend verfolgt das Ohr des Schützen das Abrennen des Hirsches; aber das feinere Gehör Sellmanns nur hat das endliche Zusammenbrechen des Flüchtigen in der Ferne vernommen, und das beredte Glied seines Leibes, die Rute, verkündet diese wichtige Wahrnehmung durch ein lebhaftes Wedeln. Schwarzbrauner schottischer Setter und schwarzweißer, langhaariger deutscher Vorstehhund auf der Entenjagd. Nach einer Zeichnung von J. Scheuerer . Tot verbellt. Der Hund meldet seinem Herrn durch anhaltendes Gebell, daß er das angeschossene Wild verendet aufgefunden hat. Nach einem Originalgemälde von C. Sterry. Aber schon weicht die letzte Dämmerung dem Dunkel der Nacht, und die »Nachsuche« oder das Nachhängen mit dem Hunde ist nicht angängig. Die wohlweisliche Weidmannsregel verschiebt die Nachsuche auf die Frühe des folgenden Tages. Das aufgehende Tagesgestirn beleuchtet diese interessante Jagdprozedur, in der die Begabung und Geschicklichkeit des Hundes allein walten und den Sieg der Meisterschaft der Sinne bewähren, vor denen die stumpfen des Menschen verblassen. Auf den »Anschuß« gebracht, fällt Sellmann sofort am Fangstrick den Schweiß an, den der angeschossene Hirsch am Laube der Gebüsche und am Boden zurückgelassen, sicher »fortbringend«. In einem stetigen Nachhängen führt der brave Hund mühe- und zweifellos den nachfolgenden Jäger durch das Dickicht einige hundert Schritte zur Stelle, wo der Hirsch verendet liegt. Ein überraschender, malerischer Anblick! Der Zwölfer liegt fast wie lebend, an einen Felsblock gelehnt, mit etwas erhobenem Kopfe und Geweih, dessen »Stangen« beim Zusammenbrechen des Verendenden sich im Geäste verfingen, wodurch der Hals mit dem majestätischen Haupt noch nach dem Tode des Tieres über dem Boden blieben. Der Steppenwindhund. Die Jagd ist auch heute noch bei uns von einiger Bedeutung, wenngleich die Hirschjagd nach menschlicher Berechnung im Aussterben begriffen ist. Ganz anders liegt die Sache bei reinen oder halben Naturvölkern, bei denen die Ernährung beinahe nur von der Jagd abhängig ist. Einer dieser Fleischversorger ist der Steppenwindhund. Die Bedeutung dieses Tieres für die Völker, welche die Wüstensteppen am Rande der Sahara bewohnen, geht am besten aus ihrem Sprichwort hervor: Ein guter Falk, ein schneller Hund, ein edles Pferd Sind mehr als zwanzig Weiber wert. General Daumas schildert uns diese Hunderasse wie folgt: »In der Sahara wie in allen übrigen Ländern der Araber ist der Hund nicht mehr als ein vernachlässigter, beschwerlicher Diener, den man von sich stößt, wie groß auch die Nützlichkeit seines Amtes sei, gleichviel, ob er die Wohnung bewachen oder das Vieh hüten muß; nur der Windhund allein genießt die Zuneigung, die Achtung, die Zärtlichkeit seines Herrn. Der Reiche sowohl wie der Arme betrachten ihn als den unzertrennlichen Genossen aller ritterlichen Vergnügungen, welche die Beduinen mit so großer Freude üben. Man hütet diesen Hund wie seinen eigenen Augapfel, gibt ihm sein besonderes Futter, läßt ihn, sozusagen, mit sich aus einer Schüssel essen und sieht mit großer Sorgfalt auf die Reinhaltung der Rassen. Ein Mann der Sahara durchreist gern seine zwanzig, dreißig Meilen, um für eine edle Hündin einen passenden edlen Hund zu finden! »Der Windhund der besten Art muß die flüchtige Gazelle in kurzer Zeit erreichen. ›Wenn der Slugui eine Gazelle sieht, die weidet, fängt er sie, ehe sie Zeit hat, den Bissen im Munde hinabzuschlingen‹, sagen die Araber, um die Schnelligkeit und Güte ihrer Hunde zu versinnbildlichen. »Wenn eine Windhündin Junge geworfen hat, geben die Araber ihre ganze Muße daran, diese Jungen zu beobachten und zu liebkosen. Nicht selten kommen die Frauen herbei und lassen sie sogar an ihren eigenen Brüsten trinken. Je größeren Ruf die Hündin hat, um so mehr Besuche empfängt sie während ihres Wochenbettes, und alle bringen ihr Geschenke, die einen Milch, die anderen Kuskussu (Lieblingsgericht der Nordafrikaner, ein mit Hammelfett angemachter Brei von Weizen- oder Maisgrütze). Kein Versprechen, keine Schmeichelei gibt es, die nicht angewandt würde, um ein junges, edles Hündchen zu erlangen. ›Ich bin dein Freund, mein Bruder, tue mir den Gefallen und gib mir das, worum ich dich bitte; ich will dich gern begleiten, wenn du zur Jagd hinausgehst; ich will dir dienen und dir alle Freundlichkeiten erzeigen.‹ Auf alle diese Bitten antwortet der Herr der Hündin, dem solche Bitten vorgetragen werden, gewöhnlich, daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, für sich selbst den ihm anstehenden Hund des Gewölfes (junger Nachwuchs) auszusuchen, und nichts versprechen könne. Solche Zurückhaltung hat ihren Grund in einer Beobachtung, die die Araber gemacht haben wollen. In dem Gewölfe der Windhündin gibt es immer ein Hündchen, das auf allen übrigen liegt, sei es zufällig oder infolge seiner eigenen Anstrengungen. Um sich nun vollends von der Güte dieses Tierchens zu versichern, nimmt man es von seinem Platze fort und beobachtet, ob es sich diesen in den ersten sieben Tagen wiederholt erobert. Geschieht dies, so hat der Besitzer die größten Hoffnungen, einen vorzüglichen Hund in ihm zu bekommen, und es wäre vergeblich, ihm zum Tausch den besten Negersklaven zu bieten: er verkauft den Hund ganz sicher nicht. Eine andre Ansicht läßt diejenigen Hunde als die besten erscheinen, die zuerst, zu dritt und zu fünft geboren werden. Windhund. »Mit dem vierzigsten Tage werden die jungen Windhunde entwöhnt; trotzdem erhalten sie aber noch Ziegen- oder Kamelmilch, soviel sie mögen, und dazu Datteln und Kuskussu. Oft sieht man Araber, die für die jungen, der Mutter entwöhnten Hunde milchreiche Ziegen festhalten, damit die hochgeachteten Tiere saugen können. »Ist der Windhund drei oder vier Monate alt geworden, so beginnt seine Erziehung. Die Knaben lassen Spring- und Rennmäuse vor ihm laufen und hetzen den jungen Fänger auf dieses Wild. Es dauert nicht lange, so zeigt das edle Tier rege Lust an solcher Jagd, und nach wenigen Wochen ist es schon so weit, daß es auch auf andere, größere Nager Jagd machen kann. Im Alter von fünf und sechs Monaten nimmt das Tier bereits an der Hasenjagd teil, die mit ungleich größeren Schwierigkeiten verbunden ist. Die Diener gehen zu Fuß, den jungen Windhund an der Hand führend, nach einem vorher ausgekundschafteten Hasenlager. Sie stoßen den Schläfer auf, feuern den Hund durch leisen Zuruf zur Verfolgung an und fahren damit fort, bis der Windhund gelernt hat, Hasen zu fangen. Die nun folgende Jagd auf Gazellen ist noch schwieriger. Der Jäger nähert sich ihnen mit aller Vorsicht, wenn sie zur Seite ihrer Mütter ruhen, ruft die Aufmerksamkeit der Hunde wach, begeistert sie bis zur Ungeduld und läßt sie dann los. Nach einigen Übungen zeigt sich der Windhund auch ohne besondere Aufmunterung als leidenschaftlicher Jagdgenosse. »Bei solchen Übungen ist das edle Tier ein Jahr alt geworden und hat beinahe seine ganze Stärke erreicht. Die Ausbildung ist zwar beendet, aber doch wird der Slugui noch nicht auf Jagd verwendet. Erst wenn er fünfzehn oder sechzehn Monate alt geworden ist, gebraucht man ihn wie die übrigen Hunde. Aber von diesem Augenblick an wird ihm auch fast Unmögliches zugemutet, und – er führt das Unmögliche aus. »Wenn dieser Hund jetzt ein Rudel von dreißig oder vierzig Antilopen erblickt, zittert er vor Aufregung und Vergnügen und schaut seinen Herrn bittend an, der ihm erfreut zu sagen pflegt: ›Sage mir nicht mehr, daß du sie nicht gesehen hast. Ich kenne dich, Freund; aber ich will dir gern zu Willen sein.‹ Jetzt nimmt er seinen Schlauch herab und befeuchtet dem Freunde Rücken, Bauch und Geschlechtsteile, in der Überzeugung, daß der Hund dadurch besser gestärkt werde als durch alles übrige. Der Windhund seinerseits ist voll Ungeduld und wendet die Augen bittend nach seinem Herrn. Endlich sieht er sich frei, jauchzt vor Vergnügen und wirft sich wie ein Pfeil auf seine Beute; dabei wählt er sich immer das schönste und stattlichste Stück des Rudels aus. Sobald er dann eine Gazelle oder andere Antilope erjagt hat, erhält er augenblicklich sein Weidrecht, nämlich das Fleisch an den Rippen; die Eingeweide würde er verächtlich liegen lassen. »Der Windhund ist klug und überaus eitel. Wenn man ihm vor der Jagd eine schöne Antilope zeigt, er aber nicht imstande ist, sie zu bekommen, sondern eine andere niederreißt und deshalb gescholten wird, zieht er sich schamvoll zurück und verzichtet auf sein Wildrecht. Die Erziehung, die er genießt, macht ihn unglaublich eitel. Ein edler Windhund frißt niemals von einem schmutzigen Teller und trinkt nie Milch, in die jemand seine Hand getaucht hat. Seine Erzieher haben ihn so verwöhnt, daß er die beste Abwartung verlangt. Während man anderen Hunden kaum Nahrung reicht, sondern sie zwingt, mit dem Aase und mit Knochen fürliebzunehmen, die von dem Windhunde verschmäht wurden, während man sie wütend aus den Zelten stößt und vom Tisch jagt, schläft der Windhund zur Seite seines Herrn auf Teppichen und nicht selten mit seinem Besitzer in einem Bette. Man kleidet ihn an, damit er nicht unter der Kälte leide, man belegt ihn mit Decken wie ein edles Pferd; man gibt sich Mühe, ihn zu erheitern, wenn er mürrisch ist, und tut dies alles, weil seine Unarten, wie sein Herr sagt, ein Zeichen seines Adels sind. Man findet Vergnügen daran, ihn mit allerlei Schmuck zu behängen, legt ihm Halsbänder und Muscheln um und behängt ihn, um ihn vor dem ›bösen Blick‹ zu schützen, mit Talismanen; seine Nahrung wird mit größter Sorgfalt bereitet; er erhält fast nur ausgesuchte Leckerbissen. Und nicht genug damit; der Windhund begleitet seinen Herrn auf seinen Besuchen, genießt dann wie dieser die Gastfreundschaft und erhält sogar von jedem Gerichte sein Teil. »Der edle Windhund jagt nur mit seinem Herrn. Solche Anhänglichkeit und die Reinlichkeit des Tieres vergelten die Mühe, die ihm gewidmet wird. Wenn der Herr nach einer Abwesenheit von einigen Tagen zurückkommt, stürzt der Windhund jauchzend aus dem Zelte hervor und springt mit einem Satze in den Sattel, um den von ihm schmerzlich Vermißten zu liebkosen. Dann sagt der Araber zu ihm: ›Mein lieber Freund, entschuldige mich, es war notwendig, dich zu verlassen; aber ich gehe nun mit dir: denn ich brauche Fleisch, ich bin des Dattelnessens müde, und du wirst wohl so gut sein, mir Fleisch zu verschaffen.‹ Der Hund benimmt sich bei diesen Zwiegesprächen, als wisse er alles Wort für Wort nach vollem Werte zu würdigen. »Wenn ein Windhund stirbt, geht ein großer Schmerz durch das ganze Zelt. Die Frauen und Kinder weinen, als hätten sie ein teures Familienglied verloren. Und oft genug haben sie auch viel verloren: denn der Hund war es, der die ganze Familie erhielt. Ein Slugui, der für den armen Beduinen jagt, wird niemals verkauft, nur in ganz seltenen Fällen läßt man sich herbei, ihn einem der Verwandten oder einem Marabut, vor dem man große Ehrfurcht hat, zu schenken. Der Preis eines Slugui, der größere Gazellen fängt, ist dem eines Kamels gleich; für einen Windhund, der größere Antilopen niederreißt, bezahlt man gern so viel wie für ein edles Pferd.« Zu dieser Schilderung möchte ich bemerken, daß auch bei uns viele Züchter überzeugt sind, daß derjenige Welpe (junger Hund) der beste wird, der sich den obersten Platz erobert und von der Mutter bei einem Zurückbringen zuerst gepackt wird. Andere sehr erfahrene Züchter erklären dagegen diese Behauptung für ganz unbegründet, so z. B. der als Autorität anerkannte Schäferhundzüchter von Stephanitz in Oberbayern. Hirtenhunde. Schafherden ohne Hunde zu hüten, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Das erkennen wir sofort, wenn wir einem Schäfer, der eine große Herde weidet, eine Zeitlang zuschauen. Häufig kommt es vor, daß sich einzelne Schafe beim Weiden zu weit von der Herde entfernen. Auf einen Wink des Schäfers saust der Hund dorthin und bringt die Außenseiter schnell und sicher zur Herde zurück. Selbst einem schnellfüßigen Knaben würde es unmöglich sein, während eines langen Tages die Strecken zurückzulegen, die der Hund spielend bewältigt. Auch kann der Hirt stets nur an einer Stelle sein. Entfernt er sich, um ausgebrochene Tiere zurückzuführen, so lockert sich der Verband der Herde an irgendeiner anderen Stelle, die gerade unbewacht ist. Der schnellfüßige Hund ist hier unentbehrlich. Der Schäfer muß die Kunst des Hütens, die nicht so einfach ist, wie sie erscheint, gut verstehen und seine Hunde für den Dienst bei der Herde vorzüglich abrichten und erziehen. Bissige, schlecht dressierte Hunde richten unter den Herden nur Schaden an. Besonders auf kleineren Feldstücken ist der Hund sehr nötig, damit die rechts und links neben dem Triftstücke stehenden Früchte geschont werden. Ein erfahrener Hirt wird seinen Hund aus der Rasse der Schäferhunde wählen, weil diese am leichtesten für solchen Dienst abzurichten sind; denn auch bei Hunden pflanzen sich die von ihren Erzeugern erworbenen Eigenschaften fort. Gute Schäferhunde kosteten schon früher zuweilen 10 bis 12 Friedrichsdor (preuß. Goldmünze aus dem 18. Jahrhundert; 1 Friedrichsdor etwa 5 Taler). Diese Hunde bewachen die Herden, patrouillieren bei angebauten Feldern hin und her, daß kein Schaf seinen Fuß auf jene setze, sie gehen beim Austreiben sowie auf den Weideplätzen und beim Eintreiben der Herde voraus, nötigen die Schafe, langsam zu weiden, halten die Herde zusammen, treiben sie aber auch an und fassen Schafe auf Geheiß ihres Herrn am Ohr oder Fuß, ohne sie zu verwunden. Der Schäferhund gilt als gut abgerichtet, wenn er sich auf das Wort des Schäfers niederlegt, nicht stehenbleibt, nicht unnötig bellt, immer der Herde voran, hinterher oder zur Seite geht, sie umläuft, wenn es ihm befohlen wird, und das Schaf an keiner anderen Stelle als am Ohr oder am Fuße faßt, wenn er gerufen wird. In einem solchen Hund erkennen die Schafe ihren Wächter und Führer und gewöhnen sich an die Ordnung, die er fordert. Sie weichen zurück, sobald er herankommt, und streben nicht nach verbotenen Stellen, wo sie den Hund Wache halten sehen. Der Schäferhund bringt ausbrechende Schafe zur Herde zurück. Nach einer Originalzeichnung von Paul Neumann . Besonders wichtig ist der Hund beim Aus- und Eintreiben. Der seiner Herde folgende Schäfer kann wohl den Gang einigermaßen bestimmen, aber er kann nicht verhindern, daß einzelne Tiere vorauseilen und von der Herde abkommen, andere wieder zur Rechten oder zur Linken ausbrechen. Hier ist der Hund sein unentbehrlicher Gehilfe. Der Hirt kann sich auf ihn verlassen; er ist ihm ein treuer Gehilfe, wenn er frühzeitig und sorgfältig für den Dienst bei der Herde erzogen wird. Gut abgerichtete Hündinnen pflegt man Hunden vorzuziehen, weil sie wachsamer sind. Das Bellen des Hundes z. B. muß den vordersten Schafen als Zeichen dienen, daß sie ihren Gang beschleunigen, Richtung halten und nicht willkürlich zurückbleiben. Die Tiere verstehen bald die Sprache, der sich ein gut abgerichteter Hund bedient, um sie zum Gehorsam zu veranlassen. Die Zahl der Hunde, die bei einer Herde zu halten sind, richtet sich teils nach ihrer Stärke, teils nach der Umgebung der Weideplätze. Da, wo die Triften nicht von Saatfeldern oder Schonungen umgeben sind, wird nur ein Hund gebraucht. Bei größeren Herden in saatfelderreichen Gegenden sind mehrere Hunde nötig. Alle diese Forderungen erfüllt kein anderer Hund besser als der alte deutsche Schäferhund . Bei Rinderherden muß der Hund schon schärfer anfassen. Eine Herde von 50 bis 100 Stück Rindvieh ist nicht so leicht zu regieren. Faßt der Hund das Rind im Stehen an, so packt er zuerst in das am weitesten zurückstehende Bein und springt nach dem ersten Biß zurück, um nicht geschlagen zu werden, faßt aber dann auf der Flucht tempomäßig weiter. Beim Hüten der Schweine sollen die Hunde meistenteils nur in die Ohren fassen, nicht in die Schinken der Tiere, damit diese nicht verletzt werden. Ihrem Charakter nach zerfallen die Hirtenhunde in zwei Arten: die Furchenläufer und die Fluchthetzer . Der Furchenläufer sorgt durch fortwährendes Flankieren, indem er ohne Befehl die Tempi macht, d. h. die Seiten und die Front der Herde umkreist, für das Zusammenbleiben der Tiere und den Schutz des Nachbargeländes. Er findet seine Hauptverwendung bei Schafherden und auf schmalen Weidestreifen. Die Fluchthetzer, die vornehmlich bei den Rinderherden gebraucht werden, liegen oder stehen in voller Ruhe, bis der Ruf oder Wink des Hirten sie veranlaßt, ein Tier zu hetzen, um nach getaner Arbeit wieder auf ihren Posten zurückzukehren. Der Fleischerhund. Auch der Fleischerhund sei noch erwähnt. Denn der Nutzen, den er durch seine Dienste gewährt, ist nicht zu unterschätzen. Wie Flössel richtig bemerkt, ist oft das Treiben auch nur eines Stückes widerwilligen Schlachtviehes ohne Hilfe des Hundes kaum durchführbar. Vielfach bediente man sich zu diesem Geschäft des deutschen Bullenbeißers, auch deutscher Mastiff genannt. Er ist ein sehr zuverlässiger und sicherer Beschützer des Wagens. Heutzutage mit Unrecht sehr zurückgedrängt, war der deutsche Bullenbeißer in früherer Zeit, als die Viehhändler ihre Tiere noch nach den Marktorten trieben, fast unentbehrlich. Er war das einzige Tier, das es bei großer Behendigkeit verstand, den wütenden Bullen zu bewältigen, indem er ihn an der Nase packte. Gute Tiere dieser Art wurden nicht selten teuer bezahlt. Mein Gewährsmann O. Friedrich erzählt, ein Hofschlächtermeister habe ihm auf seine Frage, ob er seinen Hund nicht veräußern wolle, geantwortet: »Und wenn Sie mir den Hund mit Dukaten aufwiegen wollten, ich kann ihn nicht abgeben, denn er ist mir für mein Geschäft durchaus unentbehrlich.« Englische Bulldogge. Auch die englische Bulldogge wurde vielfach zum Viehtreiben und als Fleischerhund benutzt. Es war indes nicht zu verkennen, daß die Verwendung zu diesen Diensten auf beide der genannten Hundearten einen verrohenden Einfluß ausübte. Allerdings eignet sich die Dogge in trefflicher Weise zur Begleitung von Rinderherden. Sie versteht es, auch den wildesten Stier zu bändigen, paßt den rechten Augenblick ab, sich in sein Maul einzubeißen und ihn so lange festzuhalten, bis sich der Stier der Übermacht fügt. Wohl in allen Ländern Europas bedient man sich noch des Fleischerhundes, wenn auch infolge der verbesserten Verkehrs-und Transportverhältnisse nicht mehr in so ausgedehntem Maße wie früher. Der Hund in den Polarländern. Der Araber müßte ohne seinen Steppenwindhund auf den Fleischgenuß verzichten. Aber er brauchte noch nicht zu verhungern, da ihm Pflanzennahrung in hinreichender Menge zur Verfügung steht. Dagegen ist das Leben vieler Menschen in den Polarländern von ihren Hunden geradezu abhängig. Der berühmte Weltreisende Steller hat schon vor fast 200 Jahren ihr Loblied gesungen. Aufgeschirrter Eskimo-Schlittenhund. U. a. hebt auch Admiral Wrangel die Unentbehrlichkeit des Eskimohundes in Sibirien hervor. »Der sibirische Hund«, sagt er, »hat auffallende Ähnlichkeit mit einem Wolfe, sein Geheul ist dem Wolfsgeheul täuschend ähnlich. Im Sommer bringt er, um gegen die ihn plagenden Stechfliegen sicher zu sein, die größte Zeit im Wasser zu, im Winter hat er sein Lager tief im Schnee. Das vollständige Gespann eines Schlittens besteht aus zwölf Köpfen. Ein besonders gut abgerichteter Hund bildet die Spitze und leitet die übrigen. Hat dieses Tier nur ein einziges Mal einen Weg zurückgelegt, so erkennt es nicht nur aufs genaueste die Richtung, sondern auch die Orte, an denen gewöhnlich verweilt wird, selbst wenn die Hütten tief unter Schnee verborgen liegen. Er hält plötzlich auf der gleichförmigen Oberfläche an, wedelt mit dem Schwanze und scheint dadurch seinen Herrn einzuladen, die Schaufel zu ergreifen, um den engen Gang zur Hütte zu finden. Im Sommer muß derselbe Hund Boote stromaufwärts ziehen; hindert ihn ein Felsen, vorwärts zu gehen, so stürzt er sich ins Wasser und setzt seinen Weg am andern Ufer fort. Dafür werden ihm täglich zehn halbverfaulte Heringe als Futter gereicht! »Der Hund ist den Bewohnern von Sibirien unentbehrlich. Als im Jahre 1821 eine Seuche unter den Tieren wütete, bei der eine jukagirische Familie alles mit Ausnahme von zwei ganz kleinen, noch blinden Hunden verlor, da teilte die Hausfrau ihre eigne Milch zwischen diesen beiden Hündchen und ihrem neugeborenen Kinde. Sie hatte dann die Freude, daß die beiden Hunde die Stammeltern einer sehr starken Rasse wurden. Im Jahre 1822 waren die Einwohner am Kolymaflusse, als sie die meisten Hunde infolge der Seuche eingebüßt hatten, in die traurigste Lage versetzt. Sie mußten ihr Brennholz selbst herbeischleppen. Es fehlte ihnen sowohl an Zeit als an Kräften, die an verschiedenen, weit entfernten Orten gefangenen Fische einzubringen. Schließlich waren sie sogar gezwungen, die Jagd auf Vögel und Pelztiere fast ganz einzustellen. Eine furchtbare Hungersnot, die viele Menschen dahinraffte, war die Folge des Hundemangels. Hunde können in diesen Gegenden nie durch andere Tiere ersetzt werden, weil es bei dem rauhen Klima und kurzen Sommer ganz unmöglich ist, das nötige Futter für Pferde oder ähnliche Arbeitstiere zu schaffen. Aber andere Tiere wären schon deshalb in diesen Gebieten ganz nutzlos, weil sie ihrer Körperschwere wegen im Schnee versänken, während der Hund leicht und flüchtig durch die weißen Schneewüsten sich seinen Weg zu bahnen versteht. Schlittenhunde im Polargebiet. Die Leistungen des Polizeihundes. Seit Urzeiten ist, wie wir wissen, der Hund zur Jagd benützt worden, weil dem Naturmenschen nicht verborgen bleiben konnte, daß der Hund mit seiner Nase Leistungen vollbringt, die ihm kein Mensch nachmachen kann. So ist es bis auf den heutigen Tag! Ein Jagdhund findet in stockdunkler Nacht einen erlegten Rehbock ohne menschliche Hilfe. Es war ein naheliegender Gedanke, die feine Hundenase auch bei Ermittelung von Verbrechern zu verwenden. Dabei ist zu bedenken, daß auch das Riechvermögen eines Hundes seine Grenzen hat. Wie soll er oft unter den Tausenden von Gerüchen in einer Großstadt die richtige Spur noch festhalten? Wie wir Menschen trotz den besten Augen einen Bekannten in einem von Tausenden besuchten Zirkus nicht finden, so versagt auch die Hundenase, wenn zu viele Gerüche auf sie einstürmen. Daraus erhellt, daß die Verwendung eines Polizeihundes in der Großstadt nur unter besonders günstigen Umständen von Erfolg sein wird, z. B. in wenig betretenen Gebäuden oder Parks, in denen die Tat geschah. Auch besteht Aussicht auf Erfolg, wenn der Hund möglichst bald nach Verübung des Verbrechens in Tätigkeit gesetzt wird. Die aus natürlichen Verhältnissen sich ergebenden Mißerfolge der Polizeihunde haben oft zu der Überzeugung verleitet, daß der Hund mit seiner Nase überhaupt nicht viel mehr als der Mensch zu leisten vermöge. Diese Annahme hat durch eine von Behörden veranstaltete Prüfung scheinbare Bestätigung gefunden. Hierbei stellte sich heraus, daß die Prüflinge wenig oder gar nichts leisteten. Ich habe an anderer Stelle ausführlich nachgewiesen, daß solche Prüfungen nicht maßgebend sind. Einmal waren die als Versuchsobjekte dienenden Polizeibeamten fast alle in gleichem Alter und von gleicher Körperbeschaffenheit, und als Witterung diente eine Wäscheklammer, ein Holzstück, also ein für ein früheres Raubtier wenig geeigneter Gegenstand. Ein solcher Umstand genügt allein, das ganze Prüfungsergebnis in Frage zu stellen. Bei Prüfungen der Jagdhunde ist es eine alltägliche Erscheinung, daß ein Hund an einem zu suchenden Wild in nächster Nähe vorbeiläuft, also anscheinend keine Nase hat. Diesen Schluß der Unfähigkeit zieht aber kein Jäger, weil er aus Erfahrung weiß, welche Leistungen sein Hektor bereits vollbracht hat. Er ist vielmehr davon durchdrungen, daß es für den Menschen fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, sich ein richtiges Bild von der Nasentätigkeit des Hundes zu machen. Um sich jedoch ein ungefähres Urteil bilden zu können, läßt man stets zwei Hunde gemeinsam suchen. Häufig genug sind im großen Publikum Stimmen gegen die Verwendung der Polizeihunde laut geworden. Solche Widersacher erklären die Leistungen dieser Tiere als Ausfluß menschlicher Tätigkeit. Sie behaupten, daß die Führer von vornherein einen bestimmten Täter im Verdacht hatten und diesen vom Hunde verbellen ließen. Da Hunderte von Fällen durch Polizeihunde aufgedeckt sind, so ist es ausgeschlossen, daß der Hund gewissermaßen nur als Deckmantel für den Kriminalbeamten gedient hat. Es seien hier aus der von Schmidt verfaßten Sammlung von Erfolgen der Polizeihunde einige Fälle angeführt: Stadtgendarm Gottschalk (Dresden) hörte während seines Dienstganges Schießen. Er ging dem Schusse nach, fand in einem Kartoffelacker auch einen Mann, der aber von nichts wissen wollte. Inzwischen war der von dem Beamten geführte Diensthund »Prinz«, ein deutscher Schäferhund, der Spur des Mannes nachgegangen und hatte einen Tesching aus der Erde gescharrt. Der Mann gestand nunmehr, damit nach Tauben geschossen zu haben (1909). In der Nacht zum 7. November 1909 wurde einem Schlossermeister in Werder a. d. H. eine Schaufensterscheibe zum 5. Male eingeworfen. Nach etwa 12 Stunden traf ein Schutzmann aus Berlin mit seiner deutschen Schäferhündin »Lilly« am Tatort ein; sie erhielt an dem Ziegelstein, der zum Einwerfen gedient hatte, Witterung und führte auf ein Gehöft, dann in ein Wohnhaus, wo sie das Bett eines Arbeiters verbellte. Inzwischen machte der Nachtwächter des Ortes die Anzeige, daß er den betreffenden Arbeiter beim Einwerfen der Fensterscheibe beobachtet habe. Am wichtigsten ist naturgemäß die Tätigkeit des Polizeihundes bei der Ermittlung von Mördern: Polizeihund stellt einen Verbrecher. Phot. Hoffmann \& Vieland, Berlin. »Am 17. April 1910 wurde der Weber Patzelt im Kirchbusch, einem Gehölz bei Rudolfswalden in der Nähe von Wüstegiersdorf in Schlesien, ermordet aufgefunden. Zu dem Ermittlungsverfahren wurde Kriminal-Sergeant Schmidt (Schweidnitz) mit seinem Diensthunde ›Lord‹ herangezogen. Die Suche begann 18 Stunden nach erfolgter Tat. ›Lord‹ erhielt Witterung an einem am Tatorte aufgefundenen Hute, der, wie sich später herausstellte, dem Mörder gehörte; ferner an den am Tatort aufgefundenen Fußspuren. ›Lord‹, der am Riemen arbeitete, führte durch den Tannenwald, dann auf einem Feldwege nach dem Dorfe Rudolfswalden, dort über die belebte Dorfstraße zu einer größern Besitzung, in deren Stall später das Beil, mit dem die Tat begangen worden war, aufgefunden wurde. Vom Stall führte der Hund über den Hofraum von hinten in das Wohngebäude und dort in eine Giebelstube des ersten Stockwerks, wo er den Täter, den im Bett schlafend vorgefundenen Sohn des Erschlagenen, stellte. Die Tat ist am 16. April gegen 8 Uhr abends begangen worden. ›Lord‹ wurde am 17. April gegen 3 Uhr nachmittags auf die Spur gesetzt; das Wetter war in der Zwischenzeit trübe, aber günstig. Da der 17. April ein Sonntag war, hatten sich am Tatort sehr viele Neugierige eingefunden; auf der Dorfstraße mußte sich der Hund durch die sehr störenden, überall herumstehenden Menschen hindurchwinden. Der geständige Täter ist vom Schwurgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden.« »In der Nacht vom 19. zum 20. April 1910 war ein Bergmann aus Eiweiler in der Nähe einer Zementbude am Bahnbau erschlagen worden. Der mit seiner Diensthündin ›Alma‹ zur Ermittlung abgesandte Schutzmann Schütz (Saarbrücken) traf am 20. April mittags, rund 12 Stunden nach der Tat, in Eiweiler ein. Gegenstände zum Witterunggeben waren am Tatort nicht gefunden worden, doch war der Platz, auf dem der Erschlagene gefunden, und dessen nähere Umgebung gut abgesperrt worden. Ein Fußabdruck fand sich vor, der schärfer ausgeprägt war als die anderen, so daß die Annahme zulässig, der Täter habe beim Ausholen zum tödlichen Schlage hier den Fuß unwillkürlich fester aufgesetzt. Dort wurde dem Hunde Witterung gegeben. ›Alma‹ nahm sofort eine Spur auf, die längs des Bahndamms über etwa 500  m zum Dorf Eiweiler führte. Im Dorf verlor sie die Spur an der Bahnunterführung, bei der 200 bis 260 Arbeiter beschäftigt waren. ›Alma‹ nahm jedoch jenseits der Unterführung die Spur durch Stöbern wieder auf und führte in das Haus, in dem der Erschlagene bei seiner Mutter gewohnt hatte. Zum zweiten Male angesetzt, arbeitete Alma die gleiche Spur aus. Im Hause war nur die alte Mutter anwesend; auf ›Such' verloren‹ führte ›Alma‹ die Treppe hinauf und brachte einen gewaschenen genagelten Schuh, der, wie sich herausstellte, einem Kostgänger der Frau, namens Buchner, gehörte. Auf Veranlassung des mittlerweile eingetroffenen Staatsanwalts wurde Buchner am Abend bei seiner Heimkehr verhaftet und gestand am andern Tage die Tat ein. Er wurde darauf vom Schwurgericht zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Alter der Spur: 13 Stunden; Wetter trocken.« Polizeihund verteidigt einen angegriffenen Kriminalbeamten. Phot. Hoffmann \& Vieland, Berlin. »In einer Strohdieme in der Nähe von Alexanderruh bei Neustadt a. d. W. war Anfang August 1910 ein Händler erschossen aufgefunden worden; es war deutlich zu sehen, daß die Tat an anderer Stelle geschehen, und daß der Ermordete dann zu der Dieme geschleppt worden; anscheinend hatten die Täter die Dieme auch anstecken wollen, um die Spuren ihrer Tat zu verwischen. Zur Aufklärung wurde Polizeikommissar Macpolowski (Gnesen) mit seinem Diensthunde ›Wolf‹ herbeigerufen. Bei der durch die umliegenden Wälder vorgenommenen Streife nach dem Tatort verwies ›Wolf‹ verschiedene Fetzen vom Hemd des Erschossenen und schließlich zum Tatort, der in einem Kartoffelacker lag. Der Tat schienen zwei Leute verdächtig; bei der in den Wohnungen beider sofort vorgenommenen Durchsuchung brachte der Hund bei dem einen ein blutbeflecktes Vorhemd, beim andern einen ganz blutigen Sack, in dem wohl der Ermordete vom Tatort zur Strohdieme geschafft worden war. Beide Verdächtige wurden daraufhin sofort verhaftet und haben dann ein weitgehendes Geständnis abgelegt. Bemerkenswert ist, daß die Leiche des Ermordeten zunächst von einem Manne gefunden worden war, der nachts in der Strohdieme nächtigen wollte. Da er den ins Auge gefaßten Schlafplatz schon besetzt fand, ging der Mann wieder fort, um ein anderes Quartier bei Mutter Grün aufzusuchen. Am andern Morgen sah er nochmals in der Dieme nach und fand, daß der vermeintliche Schläfer ein Toter sei. Die Spurarbeit des Hundes hätte somit leicht auf falsche Fährte gelenkt werden können.« Es soll nicht bestritten werden, daß von manchen Kreisen die Leistungen der Polizeihunde erheblich überschätzt werden. Auch darf niemals vergessen werden, daß der Hund immer nur den Träger der Stiefel ermitteln kann. Wie ich bereits in meinem Buche über den Polizeihund hervorgehoben habe, kann leicht ein Unschuldiger in Verdacht geraten, wenn sich der Täter bei der Ausführung seines Verbrechens fremde Stiefel angezogen hat. Wir machen aber überall im Leben die Beobachtung, daß, wo viel Licht, auch starker Schatten ist. Wir werden deshalb auf die Mitwirkung des Polizeihundes nicht verzichten; denn auch bei den übrigen Überführungsmitteln sind Täuschungen niemals ausgeschlossen. Wie viele Menschen sind schon auf Grund falscher Anschuldigungen in Haft genommen worden! Trotzdem ist es noch niemand eingefallen zu predigen, daß man auf Anzeigen nun überhaupt »nichts« geben soll. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Meineide. Die Zahl der Meineide ist unendlich groß. Dennoch, kein Richter wird deshalb in Zivil- und Strafprozessen auf die Vereidigung der Zeugen verzichten können! Die Leistungen des amerikanischen Bluthundes. Von welchem Einfluß ein Name ist, läßt sich so recht beim Bluthunde erkennen. Der Durchschnittsleser stellt sich unter »Bluthund« eine wütende Bestie vor, die zum Frühstück mindestens zwei Kinder frißt. Dagegen scheint ihm ein Schweißhund ein ganz harmloses, umgängliches Geschöpf zu sein. In Wirklichkeit ist Bluthund und Schweißhund dasselbe Tier; ihre Verschiedenheit besteht nur im Namen . Der deutsche Jäger nennt das Blut Schweiß. Ein getroffenes Tier blutet nicht , sondern schweißt nach seinem Sprachgebrauch. Die Angst vor dem Bluthund ist also vollkommen unbegründet. Der bekannte Jagdschriftsteller Dr.  von Kadich hat über den amerikanischen Bluthund berichtet. Seine Ausführungen sind häufig in Zweifel gezogen worden, niemals aber von Sachkennern. Ich unterschreibe nicht alles, was er erzählt, habe mich aber aus zahlreichen seiner Arbeiten überzeugt, daß er ein vortrefflicher Beobachter ist. Ich lasse daher einen Teil seiner Schilderung folgen: »Die eigentliche Arbeit des Bluthundes begann und beginnt heute noch mit dem Aufnehmen der Witterung, dem Aufsaugen des Geruches der Spur oder Fährte. Wir nehmen an, eine Person ist in der Nacht aus einem Gefängnis ausgebrochen und wird bei der Revision am Morgen vermißt. In der leeren Zelle findet sich für menschliche Sinnesorgane gar kein Anhaltspunkt, und doch haftet überall jene besondere Atmosphäre, die jeder Mensch ausströmt, jenes unbeschreibliche Fluidum, das vom Individuum ausgegangen ist, sich den Wänden, dem Bettzeug, den wenigen Gegenständen, mit denen der Gefangene in Berührung kam, mitgeteilt hat. Der Bluthund wird nun – ›genossen gemacht‹, d. h. er wird in die Zelle geführt, um hier die Witterung dieses einen Individuums aufzunehmen, die er kennen, in den nächsten Stunden behalten und von den anderen unterscheiden soll. Der Polizeihund »Harras« beim Verfolgen einer Blutspur. Dem Hunde wird alles, was in den letzten Stunden von dem Entflohenen getragen, berührt und benützt worden sein könnte, ausdrücklich vorgehalten, er bekommt es zu riechen und nimmt nicht nur den spezifisch eigentümlichen Geruch derartiger Gegenstände, wie eines Schuhes, Hosenträgers, Strumpfes oder Fußlappens, in sich auf, sondern er wird – auf die Probe gestellt – auch imstande sein, sich unter den gleichgekleideten und infolge der gleichen Nahrung, der gleichen Lebensweise scheinbar gleichduftenden Sträflingen umherzubewegen, ohne sich mehr um sie zu bekümmern, als von einem zum andern zu laufen, die Nase hochzunehmen und sehr gleichgültig abzuwarten, bis ihn der kleinste Hauch jener Witterung trifft, die er kennt, weil er darauf hingewiesen, darauf angelegt wurde. Gewöhnlich wird dann das Gefängnisgebäude mit diesem einen Hunde, dem ›Finder‹ – meistens einem alten Praktikus – umschlagen, d. h. der Hund wird in weitem Umkreise – ›im Zirkel‹ wie man sagt – am Riemen oder an einer langen Leine um die Mauern geführt und hat nun zu finden. Er hat den Platz, auf dem ein Ziegelstein gelockert ist, die Stelle, an der losgebröckelte Kalkklümpchen liegen oder gelegen haben, weil sie vom Morgenwinde verweht wurden, den schmalen Raum zwischen zwei eisernen Gitterstäben, über die der Mann geklettert ist und das Freie, die Straße erreicht hat, zu entdecken und zu zeigen und tut dies auch, indem er einfach – seiner Nase nachgeht. Auf vielbegangenen, staubigen Straßen oder sandigen Wegen führen zahllose menschliche Tritte und Spuren kreuz und quer, bunt durch- und übereinander; aber der erfahrene Bluthund beachtet keine einzige, bis er auf die seine kommt, bis ihm ein günstiger Lufthauch in die weitaufgeblähten Nüstern jene Witterung trägt, die er kennt. Und dieser einzigen Spur, die er deutlich markiert – ein Hund tut dies durch kurzes Aufheulen, der andere legt sich nieder und fängt mit den Vorderpfoten zu scharren an, der dritte winselt ganz leise –, folgt er nun, am Riemen oder gelöst, gewöhnlich mit lautem Hals bis zum Ende. Der Mensch vermag in den seltensten Fällen einen Unterschied zwischen den einzelnen Tritten zu erkennen, aber der Bluthund unterscheidet genau und findet seine Spur noch, zwar nicht mit den Augen, aber mit der Nase, selbst nach 12 Stunden. Wohl hat der Neger eine spezifisch andere Ausdünstung als die Rothaut, der Weiße eine andere als der Chinese – doch das sind schließlich Unterschiede, die jeder Mensch mit halbwegs feinen Geruchsnerven namentlich im Sommer deutlich zu erkennen vermag; der verläßliche Bluthund unterscheidet aber auch die Spuren von zwei weißen Sträflingen, die nebeneinander liegende Zellen bewohnt haben, wobei der Hund merkwürdigerweise die Fährte eines Menschen, der auf seiner Flucht Schuhe oder Stiefel anbehielt, viel müheloser verfolgt als die eines barfüßigen. An dieser einen Spur, auf die er von allem Anfang an hingelenkt wurde, oder deren Richtigkeit er durch den Geruch selbst festgestellt hat, hängt und klebt er vom Start an, wie dies eben nur der Bluthund zu tun vermag; er findet sie unter Hunderten heraus, verfolgt sie durch dick und dünn stunden- und selbst tagelang durch Wald und Gebirg, über Wege und Straßen, auf denen die ursprüngliche Fährte von anderen, frischen, schärfer riechenden gekreuzt und vertreten ist, er hängt ihr nach über Sandboden oder Moorgrund, durch den Swamp (Sumpf) und über Felsgestein, überschwimmt Flüsse und Seen von einem Ufer zum anderen und arbeitet diese für ihn einzig vorhandene Spur bis zuletzt aus. Gerade dies gestaltet sich in den allermeisten Fällen ganz anders, als Menschen, die Bluthunde niemals wirklich arbeiten sahen, sich denken oder vorstellen können: gar nicht blutig und – abgesehen von der Hetze, deren Dauer ja vom Flüchtling abhängt – auch nicht besonders grausam. Der gute Hund folgt der einmal aufgenommenen Spur mit der Nase auf dem Boden, gebraucht während dieser Folge niemals seine Augen und hebt sie erst, wenn die Bodenfährte nach längerer Hetzjagd plötzlich aufhört. Dann hat er gewöhnlich nicht weit in der Höhe, auf Bäumen, Felsklippen oder anderen hochragenden Punkten Umschau zu halten, um jenen zu entdecken, den er so genau kannte, ohne ihn bisher gesehen zu haben – und nun verheult er sowohl den Ort wie den gefundenen Täter. Der Bluthund schlägt tief und dumpf an, er heult langgezogen und unheimlich wie der Grauwolf des nordwestlichen Urwaldes – er bellt nicht. Die hier von Anfang bis zum Ende kurz skizzierte Arbeit des Hundes, die bei sehr lange andauerndem Hetzen – namentlich in wasserlosen Gebieten oder bei heißem Wetter und in kupiertem Gelände – die härtesten Proben zu bestehen hat, setzt sich zwar aus sehr vielen, keineswegs aber aus unbegreiflichen psychologischen Anlässen zusammen, wie wir vielleicht annehmen könnten. Zunächst ist der Bluthund Spezialist in seinem Fach; er kennt keine Jagdpassion, ihn verlockt keine Wildspur, er ist keiner Ablenkung ausgesetzt wie andere Hunde, er hat nur ein einziges Orientierungsvermögen, nur ein Sinnesorgan, das ihn leitet und lenkt – das ist seine Nase , sein hochentwickelter, durch viele Generationen angezüchteter und fortvererbter Geruchssinn. Es ist interessant, daß der Bluthund die Fährte von Farbigen – Negern, Indianern und Chinesen – viel lieber aufnimmt und leichter hält als die Spur von Weißen; jene vermag er – vorausgesetzt, daß die Luft nicht zu trocken und die zurückgebliebene Witterung nicht gar zu alt ist – selbst dann zu verfolgen, wenn die Flüchtlinge beritten waren oder im Wagen fuhren, während er in solchen Fällen bei Weißen gewöhnlich versagt.« Ich stimme, wie ich schon erwähnte, nicht in allen Punkten mit von Kadich überein, aber in der Hauptsache ist seine Schilderung jedenfalls zutreffend. Der Sanitätshund als Führer von erblindeten Feldgrauen. Für unsere tapferen Feldgrauen, die im Kampfe gegen die feindliche Übermacht den Gebrauch ihrer Glieder oder Sinne eingebüßt haben, kann nicht genug geschehen. Ganz besonders gilt das für jene Kriegsbeschädigten, die »das Licht des Auges, die edle Himmelsgabe«, verloren haben. Bei dem Nachgrübeln, gerade diesen Schwerbetroffenen zu helfen, ist man auf die Abrichtung der Sanitätshunde zu ihren Führern verfallen. Es ist mir u. a. der Brief eines erblindeten Hauptmanns zur Verfügung gestellt worden, der sich, wie zahlreiche Erblindete, mit den Leistungen seines Hundes zufrieden erklärt. Da die Erfahrung der allein maßgebende Gradmesser ist, hat sich der neue Grundgedanke bewährt. Durchaus verkehrt wäre es jedoch, in dressierten Sanitätshunden ein Universalhilfsmittel für erblindete Feldgraue zu erblicken. Solch überschwengliche Vorstellungen können nicht nachdrücklich genug bekämpft werden. Nur ein Hundefreund oder wenigstens ein Tierfreund wird sich mit Nutzen eines vierbeinigen Führers bedienen. Als Tierfreund oder Tierfeind wird man meist geboren, da es schließlich auf gewisse Grundanschauungen ankommt. Belehrung kann hier wohl etwas, aber nicht alles ersetzen. Nur ein wahrer Tierfreund kann sich in die Gefühle eines Tieres hineindenken und versteht, daß es ein Geschöpf mit allerlei Wünschen ist, auf die er Rücksicht nehmen muß. In Übereinstimmung mit diesem Ergebnis steht die Auskunft, welche mir die zuständige Stelle in freundlicher Weise auf meine Anfrage zuteil werden ließ. Es heißt darin: »Eine Reihe von Kriegsblinden haben wir hier bereits mit Hunden, die diesen als Führer dienen, ausgebildet. Zunächst wird der Hund von einem sehenden Abrichter angelernt und ausgebildet, und wenn die Abrichtung beendet ist, wird dem Blinden unter Leitung des Dressurmeisters der Hund übergeben. Die Blinden, denen wir bisher Hunde übergeben haben, sind sehr glücklich darüber, bis auf zwei Erblindete, die aus Berlin kamen und nach Berlin zurückkehrten; sie hatten wohl beide keine richtige Liebe und kein richtiges Verständnis für Hunde. Ein solches Verständnis scheint unbedingt erforderlich zu sein. Zwei andere Kriegsblinde, ein ehemaliger Förster und der Vorsteher eines Rechtsanwaltsbureaus, schreiben hingegen außerordentlich entzückt aus der Heimat. Wir haben sie hier mit Hunden ausgebildet und nach etwa achtwöchiger Ausbildungszeit mit ihren Hunden in die Heimat entlassen. Den Hauptwert legt unser Verein bei den Kriegsblindenhunden auf die Tatsache, daß der Hund den Blinden ein Freund und Beschützer ist und ihnen in kleinen Handreichungen doch sehr viel nützen kann.« Zunächst erhebt sich die Frage, welche Rasse sich am besten zur Ausbildung als Blindenhund eignet. Aus seiner Praxis erzählt der erwähnte Fachmann folgendes: »Als Rasse halte ich den deutschen Schäferhund bei weitem am geeignetsten. Er ist ruhig, scharf, hat Nase und ist kein Stromer oder Hundebeißer. Im Volke als Polizei- oder Wolfshund bekannt, wirkt seine Gegenwart allein schon schützend. Das letztere fällt beim Pudel fort, der doch mehr als gelehriger Spielhund bekannt ist. Ich habe auch zu der Nase des Pudels kein rechtes Zutrauen, und seltsamerweise wird er meist von allen anderen Hunderassen gebissen. Unter seinen vierfüßigen Genossen ist er wenig beliebt.« Sanitätshund führt zu einem Verwundeten. Hierzu möchte ich bemerken: Die Nase des Pudels wird ohne Grund angezweifelt. Geheimrat Ströse, ein anerkannter Fachmann, hat sich über den Pudel als Jagdhund sehr günstig geäußert. Die Züchtung von Pudelpointern wäre sonst ganz unverständlich. Den Haß der anderen Hunde gegen den Pudel hat der bekannte Schweizer Naturforscher Scheitlin bereits vor 70 Jahren hervorgehoben: »Andere Hunde scheint der Pudel zu hassen oder sie ihn, wahrscheinlich weil sie ihn als besonderen Menschenfreund und vom Menschen Bevorzugten nicht leiden mögen.« Die Begründung des Hasses der andern Hunde gegen den Pudel, wie sie Scheitlin gibt, halte ich nicht ganz für zutreffend; doch würde eine Erörterung darüber hier zu weit führen. Sodann käme die Berücksichtigung des Geschlechts in Frage: Soll man einen Rüden oder eine Hündin wählen? Unser Gewährsmann schreibt: »Im Geschlecht würde ich der Hündin den Vorzug geben. Sie ist anhänglicher, besonders im Freien, und kümmert sich nicht um andere Hunde ...« Abgesehen davon, ist die Hündin als Blindenführerin deshalb geeigneter, weil der Rüde zu den sogenannten schlechten Vätern in der Tierwelt gehört. Unter regelmäßigen Verhältnissen kümmert er sich nicht um seine Jungen. Das Betreuen hilfloser Geschöpfe liegt also nicht in seiner Natur, was in diesem Falle sehr wesentlich ist. Bei der Hündin liegt die Sache umgekehrt. Wenn der Sanitätshund als Blindenführer die gewünschten Leistungen vollbringen soll, muß er dressiert sein. Über die Einzelheiten der Dressur herrschen verschiedene Ansichten. Um den Blinden auf Hindernisse aufmerksam zu machen, dressiert man den Hund, sich hinzusetzen, wenn solche auftauchen. Unser Gewährsmann hält das für überflüssig; er ist der Meinung, daß schon das Stehenbleiben des Hundes genüge, den Blinden zum Abtasten zu Veranlassen. Ebenso kann er sich für die besondere Dressur, einen bestimmten Ort auf Kennwort zu erreichen, nicht erwärmen. Unser Gewährsmann macht dagegen geltend, daß der Blinde doch wisse, wo er gehe. Er braucht also erst kurz vor dem Hause, das er erreichen will, den Hund mit langer Leine voranlaufen zu lassen. Höchst wichtig erscheint mir die Frage, ob der Hund den Blinden über den Fahrdamm führen kann. Der Verein glaubt, dieses Ziel durch Dressur erreichen zu können. Tatsächlich haben auch bei Proben in Oldenburg, die während des Krieges stattfanden, einzelne Hunde diese Leistung vollbracht. Bei der Wichtigkeit der Streitfrage ist die Ansicht unseres Praktikers von ganz besonderer Bedeutung. Er sagt: »Mit der Absicht, den Hund für ein gefahrloses Überschreiten von Straßen zu dressieren, kann ich mich nicht befreunden. Auch die angeführten Beispiele für ein in dieser Beziehung kluges Benehmen unsrer vierbeinigen Freunde können mich nicht umstimmen. Jeder Kläffer, der einmal Bekanntschaft mit der Peitsche eines Kutschers gemacht hat, sieht sich beim Überschreiten des Dammes nach allen Wagen um. Hier muß der Blinde sich auf sein Gehör und auf seine Mitmenschen verlassen. Überschreitet der Blinde die Straße und kommt in Gefahr, überfahren zu werden, so wird der Hund dahin springen, wo er in Sicherheit kommt. Die Überlegung, dorthin zu streben, wo auch sein Herr in Sicherheit ist, kann einem Hunde wohl kaum anerzogen werden. Wenn der Hund besonders als Blindenhund auffällt, werden sich immer hilfsbereite Mitmenschen finden, die dem wartenden Blinden zurufen, daß die Straße frei ist. Für alle derartigen Hilfeleistungen ist die Erlernbarkeit des Blindenhundes außerordentlich wichtig und erwünscht. Wenn der Blinde auch im Fragen nicht schüchtern sein darf, so ist es ihm doch oft lieber, wenn ihm die Hilfe in unauffälliger Weise von selbst zuteil wird.« Auf Grund der von mir angestellten Versuche muß ich dieser Ansicht zustimmen. Die Tatsache, daß in einer ruhigen Stadt zu Kriegszeiten, wo Autos kaum mehr fuhren, Blinde durch Hunde über die Straße geführt wurden, ist hocherfreulich, kann aber für Friedenszeiten, wo wieder Automobile auf der einsamsten Landstraße dahinrasen, nicht maßgebend sein. Ich habe mich davon überzeugt, daß beim langsamen Überschreiten einer Straße ein Auto sich inzwischen aus einer Entfernung nähern kann, in der es selbst bei freiem Ausblick vom Hunde vorher nicht immer wahrgenommen werden kann. An Stellen, wo die Straße Biegungen macht, muß selbst ein Sehender sehr vorsichtig sein. Solche Fragen, die ganz verschieden beurteilt werden, gibt es aber eine ganze Menge. Die Erfahrung wird im Laufe der Zeit einen gewissen Ausgleich herbeiführen. Kein Streit jedoch kann darüber herrschen, daß Leinenführigkeit verlangt werden muß. »In der Leinenführigkeit«, heißt es, »muß der Hund erzogen sein, neben dem Herrn, Kopf am Fuß, vor allem aber auch dazu erzogen sein, vor dem Herrn herzugehen. Da der Blinde in der rechten Hand den Stock zum Tasten hat, so geht der Hund an der linken Seite. Geht der Hund bei Fuß, so muß er auf Kommando: ›Vor!‹ so weit vorgehen, daß sein Hinterteil in Höhe des Fußes ist. Jetzt muß der Hund auch daran gewöhnt werden, daß der Blinde unmittelbar hinter ihm hergeht. Für den Blinden ist es angenehm, wenn der Hund scharf vorwärts geht und nicht bei dem kleinsten Anziehen der Leine nach hinten stehenbleibt. Er muß also an Zug gewöhnt sein. Es ist daher wohl praktischer, die Führleine am Brustgeschirr zu befestigen und nicht am Hals, wo die Dressurkorallen sitzen.« Der Hund als Blindenführer: Beim Überschreiten des Fahrdamms; Niedersetzen bei drohender Gefahr. Nach einer Photographie des »Deutschen Vereins für Sanitätshunde«, Oldenburg i. O. Als besondere Wünsche äußert der blinde Offizier noch: »Apportieren«, »Ablegenlassen« und »Lautwerden« auf Kommando. »Mit dem Hunde kann nicht fleißig genug das Apportieren geübt werden. Er muß Postkarten, Geldstücke, Kragenknöpfe, besonders aber auch Schlüssel anbringen. Letzteres wollen die Hunde bekanntlich sehr ungern. Papier darf er nicht knautschen. Gelingt es ihm nicht, z. B. Geldstücke aufzunehmen, so merkt der Blinde doch wenigstens, wo das Geldstück liegt.« Es ist einleuchtend, daß der Hund gerade durch Apportieren dem Blinden unersetzliche Dienste leisten kann. Nicht nur im Zimmer, auch auf der Straße kann ihm etwas Wertvolles entfallen und davonrollen. Daß Hunde Schlüssel nicht gern apportieren, liegt daran, weil sie instinktiv eiserne Gegenstände ihrer Zähne wegen nicht gern berühren. Das Ablegenlassen ist überall da von Wert, wo Hunde nicht mitgenommen werden dürfen, z. B. in öffentliche Dienstgebäude, Badeanstalten u. dgl. Hat ein Hund etwas apportieren sollen und kommt leer zurück, so sehen wir die Ergebnislosigkeit des Suchens sofort. Dem Blinden muß sie durch Lautgeben auf Kommando gemeldet werden, was sich überhaupt in vielen anderen Fällen als wertvoll erweist. Wie man sieht, wird vom Sanitätshunde als Blindenführer eine ganze Menge verlangt. Doch sind solche Forderungen unbedenklich, solange sie mit der Natur des Tieres im Einklang stehen. Im übrigen muß die Grundregel gelten: Man soll vom Hunde nicht zuviel und vom Blinden nicht zuwenig verlangen! Gerade diese Regel wird von unserm Gewährsmann mit Recht immer wieder betont. Trotzdem würde der bestdressierte Hund in der Hand eines erblindeten Tierfreundes und Tierkenners in seinen Leistungen erheblich beeinträchtigt werden, falls das Publikum nicht hilfreich die Blindenhunde unterstützt. Zur Belehrung auf diesem Gebiete sind in erster Linie die Zeitungen berufen, die ein gutes Werk vollbringen, wenn sie dafür wirken. Dem Publikum muß immer wieder klargemacht werden, daß es nur eine ganz selbstverständliche Dankesschuld erfüllt, wenn es dem erblindeten Krieger auch auf offener Straße hilft. Zu den Grundregeln , die dem Publikum immer wieder gepredigt werden müssen, gehören außerdem folgende: 1. Füttere den Blindenhund niemals! Es macht dem menschlichen Mitgefühl alle Ehre, wenn es die Unglücklichen durch Fütterung ihres Hundes erfreuen will. Aber das ist grundfalsch. Der Hund wird dadurch von seinen Pflichten abgelenkt. Kein Hundebesitzer sieht es überdies gern, wenn sein Hund von Fremden gefüttert wird. 2. Hilf dem Blinden, wo du kannst, über den Straßendamm! Selbst mit Hilfe des Blindenhundes ist es, wie wir bereits auseinandersetzten, dem Erblindeten nicht möglich, ohne Gefahr einen Damm zu überschreiten. Für Hundebesitzer gilt insbesondere die Regel : 3. Halte deinen Hund fest, sobald du merkst, daß ein Blindenhund kommt! Jeder Hund wird durch einen andern abgelenkt. Der sehende Hundebesitzer kann fremde Hunde abwehren. Der Erblindete ist dazu nicht imstande. Da Blindenhunde meistens Hündinnen sein werden, so können ärgerliche Auftritte entstehen. Die Behörden sollten gegen Blindenhunde möglichst viel Nachsicht walten lassen; so bei Beförderung in Eisenbahnen, in Versammlungsstätten und anderen ähnlichen Fällen. Damit der Blindenhund möglichst schnell dem Publikum erkennbar sei, wäre es vielleicht angebracht, ihm ein amtliches Abzeichen und eine Glocke zu geben. Dann würden sofort alle Menschen wissen, daß ein Blindenführer naht. Namentlich könnten alle Hundebesitzer ihre Hunde beizeiten festhalten. Für den Blinden selbst hätte die Glocke ebenfalls manchen Vorteil. Vorhin bezweifelte ich, daß ein Hund die Überlegung aufbringt, bei Gefahr mit seinem Herrn dahin zu eilen, wo auch sein Herr in Sicherheit ist. Wie berechtigt mein Zweifel ist, dürfte aus folgendem hervorgehen: Bei Hunden, deren Herren taub waren, habe ich gesehen, daß sie auf das Bellen fast gänzlich verzichteten und ihren Gebieter durch Anstoßen mit der Nase, Zupfen an der Kleidung u. dgl. auf irgend etwas aufmerksam machten. Ob daraus der Schluß gezogen werden darf, der Hund verzichte aus Überlegung auf das Bellen, scheint mir fraglich. Der Hund weiß eben aus Erfahrung, daß er mit dem Bellen nichts erreicht, und deshalb unterläßt er es. Der Blindenhund weiß wohl, daß sein Herr der Hilfe bedarf. Zwar behaupten viele als etwas Selbstverständliches, daß der Hund auch wisse, daß sein Herr blind sei. Ist das wirklich so selbstverständlich? Ein untrüglicher Beweis dafür wäre entschieden erbracht, wenn festgestellt würde, daß ein Blindenhund, wenn er mit seinem Herrn allein ist, niemals mit dem Schwanze wedelt. Darüber habe ich trotz aller Bemühungen bisher keine Klarheit erreichen können. Daß Hunde von Tauben und Blinden ein richtiges Verständnis für das Wesen des Gebrechens ihrer Herren hätten, scheint also nicht einwandfrei festzustehen. Ein solches Verständnis wäre jedoch unerläßliche Voraussetzung, wenn der Hund seinen Herrn in gefährlichen Lagen retten soll. Von Affen hat mir ein alter Bekannter, der ein ausgezeichneter Tierbeobachter ist, erzählt, daß sie für das Gebrechen der Blinden Verständnis hätten. Mein Gewährsmann war viele Jahre in Südwestafrika und hielt auf seiner Farm häufig Affen. Ein blinder Neger, der sich mit seinem Stock zurechtzufinden suchte, wurde z. B. von einem zahmen Pavian am Arm gefaßt und nach der Tür des Landhauses geführt. Kennzeichnend für den Charakter des Affen ist folgender Vorfall. Der Pavian hatte dumme Streiche verübt und war an die Kette gelegt worden. Zufälligerweise kam der blinde Neger wieder zur Farm. Der Affe geleitete den Mann, der bei ihm vorbei mußte, ein Stück. Als ihn jedoch die Kette plötzlich festhielt, wurde er wütend und biß in seinem Zorn nach dem Blinden. Der Affe hat für die Blindheit des Menschen größeres Verständnis als der Hund, nicht nur, weil er klüger ist, sondern auch deshalb, weil er, wie der Mensch selbst, ein Augentier ist. In erster Linie richtet er sich nach den Augen, nicht wie der Hund nach der Nase. Zwar ist beim Schäferhund das Auge besser als bei andern Rassen, trotzdem ist sein Grundsinn der Geruch. Während manche Blindenlehrer die Einführung der Blindenhunde freudig begrüßen, haben andere das Bedenken, daß der Blinde durch den Hund um seine Selbständigkeit gebracht wird. Dieses Bedenken kann ich in keiner Weise teilen. Gewiß, der Hund erleichtert dem Blinden das Dasein und soll es auch. Jedes Hilfsmittel hat den Nachteil, daß es den Besitzer verwöhnt. Trotzdem denkt kein Mensch daran, aus diesem Grunde auf Hilfsmittel zu verzichten. Davon abgesehen, wird die Anzahl der Blinden, die sich tierischer Hilfe bedienen, immer ziemlich beschränkt bleiben. Es scheiden zunächst alle aus, die für Hunde kein Verständnis oder keine Neigung haben. Sodann hat das Halten von Hunden in Großstädten so viel Nachteile, daß selbst fanatische Hundefreunde gezwungen sind, ihren Hausgenossen abzuschaffen. Der Hund fühlt sich gesundheitlich auf dem Stadtpflaster nicht wohl. Auf dem Lande merkt man z. B. vom Haaren der Hunde wenig. In der Großstadt dauert das wochenlang und zwingt den Besitzer oder seine Bedienung, sich stundenlang mit dem Entfernen der Haare aus der Kleidung zu beschäftigen. Ich habe verschiedene Blindenhunde kennengelernt, die selbst in der Großstadt Berlin Ausgezeichnetes leisteten. Merkwürdigerweise scheint jedoch die Anzahl der Blindenhunde mehr ab- als zuzunehmen. Vielleicht ändert sich das, wenn erst das Publikum über die Hilfe, die es den Blinden schuldet, genügend aufgeklärt ist. Um dieser Aufklärung die Wege zu bereiten, sind auch die vorstehenden Zeilen geschrieben. Die Bernhardinerhunde. Schließlich seien noch die Bernhardinerhunde erwähnt. Hier soll uns der erfahrene Kenner von Tschudi Führer sein: Bernhardinerhund. Nach einer Originalzeichnung von Paul Neumann . »Die Bernhardinerhunde sind nach Ansicht der einen eine Mittelrasse von der englischen Dogge und dem spanischen Wachtelhunde; nach anderen Berichten aber sollen sie von einer dänischen Dogge abstammen, die ein neapolitanischer Graf Mazzini von einer nordischen Reise mitgebracht, und die sich mit den wallisischen Schäferhunden paarte. Die Bernhardinerdoggen sind große, langhaarige, äußerst starke Tiere mit kurzer, breiter Schnauze und langem Behang, von vorzüglichem Scharfsinn und außerordentlicher Treue. Sie haben sich durch viele Generationen rasserein fortgepflanzt; heute sind sie, nachdem mehrere bei ihren treuen Leitdiensten durch Lawinen umgekommen sind, dem Aussterben nahe. Die Heimat dieser edlen Tiere ist das Hospiz des St. Bernhard, 2472  m  ü. M., jener traurige Gebirgssattel, wo in nächster Nähe ewigen Schnees ein acht- bis neunmonatiger Winter herrscht, in dem das Thermometer sogar 27 Grad Réaumur unter dem Gefrierpunkt zeigt, wo in den heißesten Sommermonaten jeden Morgen und Abend das Wasser zu Eis erstarrt und im Laufe des Jahres kaum zehn ganz helle Tage ohne Sturm, Schneegestöber oder Nebel kommen, wo, um es kurz zu sagen, die jährliche Mittelwärme niedriger steht als am europäischen Nordkap. Dort fallen im Sommer große Schneeflocken, im Winter hingegen gewöhnlich trockene, kleine, zerreibliche Eiskristalle, die so fein sind, daß der Wind sie durch jede Tür- oder Fensterfuge zu treiben vermag. Der Sturm häuft oft, besonders in der Nähe des Hospizes, 20–30 Fuß hohe Eis- und Schneewände an, die alle Pfade und Schlünde bedecken und beim geringsten Anstoß als Lawinen in die Tiefen hinabstürzen. »Die Reise über diesen alten Bergpaß, über den nach übereinstimmenden Nachrichten, wenn auch nicht Hannibal mit seinen Puniern, doch schon verschiedene alte Kriegsvölker zogen, den Augustus zu einer Heerstraße machte und Kaiser Konstantin mit Meilensteinen besetzte, den die Römer unter Cäcinna, die Langobarden, Franken und Deutschen so oft überstiegen, und wo noch die Spuren eines dem penninischen Jupiter geweihten Tempels sich finden (weswegen die Römer den Berg Mons Jovis nannten), ist nur im Sommer bei klarem Wetter ganz gefahrlos, bei stürmischem Wetter dagegen und im Winter, wo viele Spalten und Klüfte von Schnee verhüllt sind, dem fremden Wanderer ebenso mühselig als gefahrdrohend. Alljährlich fordert der Berg eine Anzahl von Opfern, die in einer besonderen Morgue aufbewahrt und ausgestellt werden. Bald fällt der Pilger in eine Spalte, bald begräbt ihn ein Lawinenbruch, bald hüllt ihn der Nebel so ein, daß er den Pfad verliert und in der Wildnis vor Ermüdung und Hunger umkommt, bald überrascht ihn der Schlaf, aus dem er nicht mehr erwacht. Wer bei großer Kälte in jenen Höhen reist, fühlt in der Regel eine fast unwiderstehliche Anwandlung von Schlafsucht, Kälte und Ermüdung; die Einförmigkeit der Gegend läßt die Tätigkeit des Gehirns erschlaffen. Zuerst stockt das Blut in den äußersten kleinen Gefäßen, dann fängt es im ganzen Körper an, langsamer zu zirkulieren, bis der Kreislauf allmählich in den Gliedern und zuletzt im Gehirn ganz aufhört. Von süßem, ruhigem Schlummer umhüllt, stirbt der Unglückliche. Die Gewalt dieser Schlafsucht, der nur ein sehr energischer Wille zu widerstehen vermag, ist so übermächtig, daß sie den Wanderer in jeder Stellung bewältigt. So fanden die Mönche des Hospizes im Jahre 1829 mitten auf dem Wege einen Menschen in aufrechter Stellung, den Stock in der Hand und ein Bein emporgehoben. Er war starr und tot. Etwas weiter oben am Wege war der Oheim des Verunglückten dieser eigenartigen Krankheit zum Opfer gefallen. Der Wanderer starrt von Eise, Sein Odem friert zu Schnee; Ein Glöckchen dumpf und leise Tönt fern vom Alpensee. Der Hohlweg senkt sich tiefer, Durch Felsenzacken blickt Des Klosters dunkler Schiefer, Mit einem Kreuz geschmückt. »Ohne die echt christliche und aufopferungsvolle Tätigkeit der edlen Mönche wäre der Bernhardspaß nur wenige Wochen oder Monate des Jahres gangbar. Seit dem achten Jahrhundert widmen sie sich der frommen Pflege und Rettung der Reisenden, deren Bewirtung jährlich 60 000 Franken kostet und unentgeltlich erfolgt. Die festen, steinernen Gebäude, in denen das Feuer des Herdes nie erlischt, können im Notfalle ein paar hundert Menschen beherbergen; ebenso ansehnlich sind die Speisevorräte des Klosters. Das eigentümlichste aber ist der stets gehandhabte Sicherheitdienst, den die weltberühmten Hunde wesentlich unterstützen. Jeden Tag gehen zwei Knechte des Klosters über die gefährlichsten Stellen des Passes, einer von der tiefsten Sennerei des Klosters hinauf ins Hospiz, ein andrer hinunter. Bei Unwetter oder Lawinenbrüchen wird die Zahl verdreifacht, und eine Anzahl von Geistlichen schließen sich den ›Suchern‹ an, die von den Hunden begleitet werden und mit Schaufeln, Stangen, Bahren, Sonden und Erfrischungen versehen sind. Jede verdächtige Spur wird unaufhörlich verfolgt, stets ertönen die Signale, die Hunde werden genau beobachtet. Diese sind sehr fein auf die menschliche Fährte dressiert und durchstreifen freiwillig oft tagelang alle Wege und Schluchten des Gebirges. Finden sie einen Erstarrten, so laufen sie auf dem kürzesten Wege pfeilschnell ins Kloster, bellen heftig und führen die stets bereiten Mönche dem Unglücklichen sicher zu. Treffen sie auf eine Lawine, so untersuchen sie mit der feinsten Witterung, ob sie nicht die Spur eines Menschen entdecken, und ist dies der Fall, machen sie sich sofort daran, den Verschütteten freizuscharren, wobei ihnen die starten Klauen und die große Körperkraft wohl zustatten kommen. Gelingt ihnen die Befreiung nicht, so holen sie im Hospiz Hilfe. Gewöhnlich führen sie am Hals ein Körbchen mit Stärkungsmitteln oder ein Fläschchen mit Wein, oft auf dem Rücken auch wollene Decken. Die Zahl der durch diese intelligenten Hunde Geretteten ist sehr groß und in den Annalen des Hospitiums gewissenhaft verzeichnet. Der berühmteste Hund der Rasse war ›Barry‹ , das unermüdlich tätige und treue Tier, das in seinem Leben mehr als vierzig Menschen das Leben rettete. Sein Eifer war außerordentlich. Kündete sich auch nur von ferne Schneegestöber oder Nebel an, so hielt ihn nichts mehr im Kloster zurück. Rastlos suchend und bellend durchforschte er immer von neuem die gefahrvollsten Gegenden. Seine liebenswürdigste Tat während des zwölfjährigen Dienstes auf dem Hospiz wird wie folgt erzählt: Er fand einst in einer eisigen Grotte ein halb erstarrtes, verirrtes Kind, das schon dem zum Tode führenden Schlafe anheimgefallen war. Sogleich leckte und wärmte er es mit der Zunge, bis es aufwachte; dann wußte er es durch Liebkosung zu bewegen, daß es sich auf seinen Rücken setzte und an seinem Halse sich festhielt. So kam er mit seiner Bürde triumphierend ins Kloster. Er ist im Museum von Bern aufgestellt.« Scheitlin widmet diesem edlen Tiere folgende Zeilen: »Der allervortrefflichste Hund, den wir kennen, war nicht derjenige, der die Wachmannschaft der Akropolis in Korinth aufgeweckt; nicht derjenige, der als Bezerillo Hunderte der nackten Amerikaner zerrissen; nicht der Hund des Henkers, der auf Befehl seines Herrn einen ängstlichen Reisenden zum Schutze durch den langen, finstern Wald begleitete; nicht Drydens ›Drache‹, der, sobald sein Herr ihm winkte, auf vier Banditen stürzte, etliche erwürgte und seinem Herrn das Leben rettete; nicht derjenige, der zu Hause anzeigte, des Müllers Kind sei in den Bach gefallen, noch der Hund in Warschau, der von der Brücke in den Strom hinabsprang und ein kleines Mädchen dem Tode in den Wellen entriß; nicht Aubrys, der wütend den Mörder seines Herrn packte und im Kampfe vor dem König zerrissen hätte; nicht Benvenuto Cellinis, der die Goldschmiede, als man Juwelen stehlen wollte, sogleich aufweckte: sondern Barry, der Heilige auf dem St. Bernhard ! Ja, Barry, du höchster der Hunde, du höchstes der Tiere! Du warst ein großer, sinnvoller Menschenhund mit einer warmen Seele für Unglückliche. Du hast mehr als vierzig Menschen das Leben gerettet. Du zogst mit deinem Körbchen und Brot und einem Fläschlein süßer, stärkender Erquickung am Halse aus dem Kloster, in Schneegestöber und Tauwetter, Tag für Tag, zu suchen Verschneite, Lawinenbedeckte, sie hervorzuscharren oder im Falle der Unmöglichkeit schnell nach Hause zu rennen, damit die Klosterbrüder mit dir kommen mit Schaufeln und dir graben helfen. Du warst das Gegenteil von einem Totengräber, du machtest auferstehen. Du mußtest, wie ein feinfühlender Mensch, durch Mitgefühl belehren können; denn sonst hätte jenes hervorgegrabene Knäblein gewiß nicht gewagt, sich auf deinen Rücken zu setzen, damit du es in das freundliche Kloster trügest. Angelangt, zogst du an der Klingel der heiligen Pforte, auf daß du den barmherzigen Brüdern den köstlichen Findling übergeben könntest. Und als die süße Last dir abgenommen war, eiltest du sogleich aufs neue zum Suchen aus, auf und davon. Jedes Gelingen belehrte dich und machte dich froher und teilnehmender. Das ist der Segen der guten Tat, daß sie fortzeugend Gutes muß gebären. Aber wie sprachst du mit den Gefundenen? Wie flößtest du ihnen Mut und Trost ein? Ich würde dir die Sprache verliehen haben, damit mancher Mensch von dir hätte lernen können. Ja, du wartetest nicht, bis man dich suchen hieß, du erinnertest dich selbst an deine heilige Pflicht, wie ein frommer, Gott wohlgefälliger Mensch. Sowie du nur von fern die Ankunft von Nebel und Schneewetter sahst, eiltest du fort. »So tatest du unermüdlich, ohne Dank zu wollen, 12 Jahre. Ich hatte die Ehre, auf dem Bernhard dich kennenzulernen. Ich zog den Hut, wie sich's gebührte, ehrerbietig vor dir ab. Du spieltest soeben mit deinen Kameraden, wie Tiger miteinander spielen. Ich wollte mich mit dir befreunden; aber du murrtest, denn du kanntest mich nicht. Ich aber kannte schon deinen Ruhm und deines Namens guten Klang. Wäre ich unglücklich gewesen, du würdest mich nicht angemurrt haben. Nun ist dein Körper ausgestopft im Museum zu Bern. Die Stadt tat wohl daran, daß sie dich, da du alt und schwach geworden und der Welt nicht mehr dienen konntest, ernährte, bis du starbst. Wer deinen Körper wohlausgestopft nun in Bern sieht, ziehe den Hut ab und kaufe dein Bild daselbst und hänge es in Rahmen und Glas an die Wände seines Zimmers, und kaufe dazu auch das Bild des zarten Knaben auf deinem Rücken, wie du mit ihm vor der Klosterpforte stehst und klingelst, und zeige es den Kindern und Schülern und sage: gehe hin und tue desgleichen, wie dieser barmherzige Samariter tat.« Vorstehende Schilderung wird, wie ich aus Gründen der Sachlichkeit nicht verschweigen will, von manchen mit Eifer bekämpft, weil sie eine gewaltige Überschätzung der Leistungen der Bernhardinerhunde enthalten soll. Ein Bruder vom Großen St. Bernhard verfolgt mit dem Hunde die Spur eines Verunglückten. In der letzten Auflage von Brehms Tierleben wird dagegen ein Brief des Priors des Hospizes veröffentlicht, der die Angaben Tschudis bestätigt. Jetzt ist in dem Hospiz auf dem Großen St. Bernhard ein anderer Hund, der auf den Namen ›Türk‹ hört und beinahe die Großtaten Barrys, der mehr als 40 Menschen das Leben gerettet hat, erreicht. Auch sein Name hat guten Klang. Allein schon bis 1913 hat er 36 Menschen in schwerer Not Hilfe gebracht. Die übrigen Haussäugetiere: Katze, Pferd, Esel, Rind, Schwein, Schaf, Ziege, Kaninchen, Meerschweinchen, Frettchen Warum sind dem Menschen nicht alle Haustiere über den ganzen Erdball gefolgt wie der Hund? Bei der Aufzählung der Vorzüge des Haushundes wird gewöhnlich betont, daß er – im Gegensatz zu andern Haustieren – dem Menschen über den ganzen Erdball gefolgt sei. Nach der Tonart der Darstellung muß man daraus den Schluß ziehen, daß dieses unentwegte Nachfolgen auf die Treue des Tieres zurückzuführen ist. Die andern Haustiere haben diesem Beispiele nicht nachgeeifert, weil, um in dem Gedankengang der Schilderer zu bleiben, sie weniger treu sind. Diese Auffassung ist echt menschlich, aber sie ist trotzdem irrig. Wie ein treuer Diener seinem Herrn in die Einöde folgt, obwohl ihm die neue Gegend ein Greuel ist, so soll hiernach der Hund sein inneres Widerstreben überwunden haben. Der Mensch kann allerdings in allen Zonen leben. Dem Tiere sind jedoch durch seinen Körperbau gewisse Schranken gezogen. Esel und Kamele verlangen eine gewisse Wärme. In kalten Ländern gedeihen sie nicht. Schafe und Ziegen können viel Kälte vertragen, da sie Gebirgskinder und an das rauhe Klima der Berge gewöhnt sind. Deshalb sind sie im Winter auch sehr bescheiden, müssen dafür aber im Sommer umso reichlichere Nahrung haben. Das gilt auch für Pferde und Rinder. Kälte ficht sie nicht übermäßig an, aber sie könnten trotzdem in Polarländern nicht ohne den Schutz des Menschen leben. Wir sehen, daß es dort nur zwei große Pflanzenfresser gibt: das Moschusschaf oder auch Moschusochse genannt und das wilde Renntier . Beide sind für diese unwirtliche Gegend geschaffen. Ein dichter Pelz hält die Kälte ab. Ihre Genügsamkeit läßt sie mit spärlichstem Futter auskommen. Ihre Füße sind so gebaut, daß sie trotz dem Schnee leicht vorwärts kommen. Auch können sie ihn mit ihren Hufen wegschlagen, um zu verschneiten Pflanzen zu gelangen. Das Pferd konnte dagegen kein Zugtier der Eskimos werden, weil es wegen des tiefen Schnees nicht dorthin paßt. Es versinkt und kommt nicht recht vorwärts. Auch die Katze kann kein Haustier der Eskimos werden. Ihre natürliche Nahrung ist das Fleisch von Nagern und Vögeln. Diese kommen im hohen Norden zu spärlich vor. Ganz anders liegt die Sache mit dem Hunde. Wo es Pflanzenfresser gibt, da gibt es auch Raubtiere. Die großen Pflanzenfresser haben stets Wölfe oder wolfsartige Tiere zu Feinden. So bedrängen auch Wölfe die Moschusochsen und Renntiere. Weil Wölfe in allen Zonen notwendig sind, um die Pflanzenfresser in Schranken zu halten, deshalb paßt der Wolf für alle Gegenden – seien sie hoch oder niedrig, warm oder kalt. Und bei dem Hund, seinem Verwandten, ist die Sache ebenso. Auch er findet überall natürliche Nahrung. Der Hund ist also dem Menschen nicht deshalb über den ganzen Erdball gefolgt, als ein besonders treues Tier, sondern weil er wie sein Vetter Wolf für alle von Menschen bewohnten Zonen der Erde passend gebaut ist, was bei den andern Haustieren nicht zutrifft. Sei nicht so naseweis! Mach' dich nicht mausig! Die Redensart: »Sei nicht so naseweis!« ist sowohl in der Schule als auch im Elternhause ganz gebräuchlich. Merkwürdigerweise kann kaum ein Gebildeter über die Entstehung eine einleuchtende Erklärung geben. Selbst unsere sonst vortrefflichen Wörterbücher helfen uns hier nicht viel. Dort finden wir angegeben, daß naseweis einen Hund mit guter Nase bedeutet. Gewöhnlich nennt man auch vorlaute Menschen so. Die Frage: Worin gleicht ein vorlauter Mensch einem feinnasigen Hunde? liegt sehr nahe. Das deutsche Volk ist von Hause aus ein ackerbau- und jagdtreibendes Volk gewesen. Ohne genauere Kenntnis der Landwirtschaft und Jagd sind eine Menge Ausdrücke im Volksmunde gar nicht zu verstehen. Das gilt auch in diesem Falle. Für den Landwirt ist es die selbstverständlichste Sache von der Welt, seine Vergleiche aus der ihn umgebenden Tierwelt zu nehmen. Als ich nach Beendigung des Weltkrieges in der Neumark war, fragte mich eines Tages unsere Nachbarin, eine Bauerngutsbesitzersfrau: »Haben Sie meine Pölkes (junge Schweine) nicht gesehen?« Da ich vom Lande stamme und überdies für die Schweinezüchter eine Abhandlung über Wildschwein und Hausschwein verfaßt habe, so war mir der Sinn ihrer Worte sofort klar. Sie meinte ihre beiden im Alter von etwa 13 und 14 Jahren stehenden Töchter. Von Kriegsnot war beiden nichts anzumerken, vielmehr hatten sie eine Körperfülle, um die sie in jener Zeit von jedermann beneidet worden waren. Junge Tiere gleichen darin den Menschenkindern, daß sie häufig etwas unternehmen, wozu sie noch zu jung sind. So versuchen junge Hähne schon zu krähen und andere Kunststücke zu machen. Einem vorlauten Kinde ruft man deshalb zu, daß es noch nicht krähen solle. Oder man sagt: »Krähe nur nicht so laut!« Der junge Hund, der eine Hasenspur findet, benimmt sich häufig, als ob er den Nager todsicher fangen würde. Er stellt sich so, als ob er eine sehr kundige Nase hätte, als ob er »naseweis« sei. Für den Jäger ist eine solche Beobachtung etwas ganz Bekanntes; für ihn ist daher der Zuruf naheliegend: »Stell' dich nicht so naseweis!« oder »Sei nicht so naseweis!« Ist es also nicht ganz naheliegend, diese Redensart »Seid nicht so naseweis!« vorlauten Kindern gegenüber anzuwenden? Warum ist aber ein junger Hund noch nicht naseweis, warum kann er nicht das gleiche wie ein älterer leisten? – Diese Frage werden die meisten Leser naturgemäß stellen. Die Antwort hat zu lauten: Die Schärfe des Geruchs ist unzweifelhaft bei dem jungen Hunde ebenso groß wie bei dem alten. Das Handwerkszeug ist bei beiden gleich. Aber die Anwendung muß erlernt werden. Ein Raubtier, das auf die Windrichtung nicht achtet, wird kaum etwas fangen. Denn seine Anwesenheit wird vorzeitig gewittert und hat zur Folge, daß alle Pflanzenfresser rechtzeitig flüchten. Ein erfahrener Jagdhund achtet aber nicht nur auf die Windrichtung, sondern er nützt sie auch ganz anders aus wie ein Neuling. Das sieht man z. B. wenn man Rebhühner, die im Kartoffelkraut stecken, schießen will. Das Wild ist den Raubtieren gegenüber sehr vorsichtig; es begeht keine Handlung, die den Feinden die Arbeit erleichtert. Im Gegenteil, es wendet Kniffe an, die uns in Erstaunen setzen. Ein Künstler auf diesem Gebiete ist der Hase. Er läuft auf seiner Spur zurück und macht sodann einen Absprung. Das wiederholt er mehrere Male. Was soll nun ein junger, unerfahrener Hund tun, der einen solchen Hasen verfolgt? Seine feine Nase hat ihn bis ans Ende der Spur geführt, aber jetzt steht er ratlos da. Denn die Spur hört plötzlich auf, als ob Lampe vom Erdboden verschwunden wäre. Ein »naseweiser« Hund benimmt sich ganz anders. Er kennt die Schliche Lampes genau und sagt sich: Aha, da wollen wir einmal die Spur zurücklaufen und nach beiden Seiten hin wittern, wo der Absprung ist. Es ist also unrichtig, wenn naseweis in Wörterbüchern erklärt wird: mit feinem Geruch begabt. Den hat auch der junge Hund. Was dem jungen Tiere aber fehlt, ist die geschulte Nase. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Gesicht. Der scharfsichtigste Anfänger findet keine Kiebitzeier, die der erfahrene Sammler sofort erblickt. Ebenso kann er keine Wildfährten entdecken, während der alte Grünrock überall etwas sieht. Die Redensart zu den Kindern: »Seid nicht so naseweis!« ist also ganz einleuchtend und verständlich. Sie bedeutet, daß Kinder nicht über Dinge reden oder sich in Dinge mischen sollen, die ein gewisses Alter und einige Erfahrung voraussetzen. Auch die junge Katze bietet hier einen passenden Vergleich. Wenn ein Knäuel auf der Erde rollt oder sich sonst etwas bewegt, so springt das Kätzlein mit der gewichtigsten Miene auf den Gegenstand und tut so, als ob es eine Maus gefangen hätte. Die Hausfrau sagt dann lächelnd: »Mach' dich nicht mausig!«, d. h., tu nicht so, als ob du schon Mäuse fangen könntest. Das gleiche sagte sie wohl auch zu ihrem altklugen Kinde. In Wörterbüchern wird diese Redensart manchmal mit der Vogelmauser in Verbindung gebracht, mit der sie gar nichts zu tun hat. Hat sich die Hausfrau über das Benehmen der »Rangen«, d. h. der brünstigen Schweine, geärgert, so schilt sie ihre unartigen Kinder »Rangen«. Für alle Völker, die Landwirtschaft treiben, sind solche Vergleiche naturgemäß. Als Odysseus von der Circe zurückkehrt, da wird der Totgeglaubte von seinen Gefährten umringt, wie Kühe, die von der Weide zurückkehren, von ihren Kälbern umsprungen werden. Wenn wir Knaben wieder einmal eine Dummheit gemacht hatten, so pflegte sich mein Vater mit den Worten zu trösten: »Die rauhsten Füllen werden die glattesten Pferde.« Es ist also ganz zweckmäßig, Menschenkinder mit jungen Tieren zu vergleichen, wie wir es hier beim jungen Hahn, Hund, Schwein, bei der jungen Katze, dem Kalbe und dem Fohlen gesehen haben. Bei der Redensart »Mach' dich nicht mausig« oder der Bezeichnung »Mausigmacher« können Mißverständnisse kaum aufkommen. Dagegen sind sie aufgetaucht, weil man naseweis im Sinne von »Mach' dich nicht naseweis« gebrauchte. Jungfer Naseweis heißt ein junges Mädchen, das sich stellt, als wäre sie eine erfahrene Frau, während sie doch noch recht wenig Lebenserfahrung hat. Der Entstehung nach kann naseweis nur auf Jugendliche angewendet werden. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß es wie etwa von »seine Nase in alles stecken« gebraucht wird, wie manche Wörterbücher behaupten. Ein junger Hund, der vom Hasen zur Spur, die plötzlich aufhört, geführt wird, ist, nebenbei bemerkt, im reinsten Sinne des Wortes »genasführt«, d. h. durch die Nase an eine Stelle geführt worden, wo nichts ist. Ich bin überzeugt, daß hier der Ursprung des Ausdrucks, der vorwiegend auf halberwachsene Menschen angewendet wird, zu suchen ist. Eigentümlichkeiten von Hund und Katze. Großen Ärger verursachen viele Hunde durch ihre unausrottbare Vorliebe für allerlei Unrat, den sie auf der Straße finden. Manche sielen sich sogar darin, weshalb sie »Parfümeure« genannt werden. Namentlich reichen Leuten ist es peinlich, daß ihr Hund, den sie sehr verwöhnen, sich vor den Augen aller Leute auf verwestes Fleisch stürzt, als ob er zu Hause hungern müßte. In Wirklichkeit erhält er bessere Nahrung als manches arme Kind. Vergegenwärtigen wir uns, daß Wildhunde, wie Wölfe, Schakale und Füchse, von Natur Aasfresser sind, so erscheint die Handlungsweise unserer Haushunde in einem ganz andern Lichte. Irgendwie müssen doch Leichen beseitigt werden, und zu ihrer Beseitigung gehören eben hundeartige Säugetiere. Deshalb haben sie sämtlich eine feine Nase, und deshalb haben sie Grabpfoten, um die verscharrten Leichenteile auszugraben. Da Unrat eine natürliche Nahrung unseres Hundes ist, so riecht er ihn auch gut. Allerdings kann ein Parfümeur unsere Wohnung verpesten. Da Strafen ganz zwecklos sind, tut man gut, ihn nach dem Sielen etwas aus dem Wasser apportieren zu lassen. Die Katzen haben keine feine Nase und keine Grabpfoten. Sie gehen nur bei äußerstem Hunger an verweste Dinge. Von Natur sind sie nicht, wie die Hundearten, zur Beseitigung von Leichen bestimmt. Aus dem Leben seiner früheren Artgenossen ist auch zu erklären, daß der Hund schlingt, während die Katze gesittet frißt. Der Wildhund wie der Wolf, der in Rudeln lebt, muß sich wie der Geier beim Fressen beeilen. Sonst wird sein Anteil von den Genossen verzehrt. Die Wildkatze, die allein jagt, kann ihre Beute in Ruhe fressen und tut es auch. Da Wildhunde, auch wenn sie noch so schmutzig gewesen sind, durch Sielen und Baden wieder ganz sauber werden, so haben auch heute noch unsere Haushunde keinen Trieb für das Reinigen der Pfoten und beschmutzen die Kleider ihres Herrn. Das ist für den Kulturmenschen sehr ärgerlich, aber der Hund wird nie zu erziehen sein, diese rein menschliche Überlegung zu verstehen; denn sein Haarkleid wird durch Wälzen und Laufen im Dorngestrüpp gestrählt und sauber. Das schon erwähnte Apportieren bringt nicht der Mensch dem Hunde bei, wie man allgemein annimmt. Wildhundarten haben von jeher gern leblose Gegenstände im Maul getragen. Das ist auch sicherlich einer der Gründe, weshalb Hunde überhaupt viel leichter zum Apportieren zu erziehen sind. Wildkatzen tun das nicht; deshalb lernt auch eine Katze das Apportieren viel schwerer. Aber sie bringt gern gefangene Mäuse, wenn man sie sehr lobt. Denn alle Tiere, die ihren Jungen Futter zuschleppen, lernen das Apportieren. Die Katze, die an sich außerordentlich gewandt ist, wird im Apportieren niemals Besonderes leisten, weil ihr Rachen zu klein ist. Selbst Pferde lernen das Apportieren. Die Wildpferde packen den Wolf mit den Zähnen und tragen ihn den Genossen zu, damit sie ihn totschlagen. Da Vögel ihren Jungen unermüdlich Futter zutragen, so lernen sie auch das Apportieren sehr leicht. Im Zirkus oder bei Wahrsagerinnen sieht man oft zahme Papageien oder andere Vögel, die auf Befehl für eine bestimmte Person die Schicksalskarte aus einem Berge von Spielkarten herausholen. Wildhunde, Wölfe und Schakale bellen nicht, sondern heulen sich zusammen. Würden sie so anhaltend bellen wie unsere Haushunde, so flüchtete alles Wild beizeiten. Als Kolumbus nach der Entdeckung Amerikas in die Heimat zurückkehrte, hatten seine Hunde das Bellen »verlernt«. Die Tiere wären draußen verhungert, wenn sie das Bellen nicht aufgegeben hätten. Uns Menschen ist das Bellen der Hunde sehr angenehm, da sie uns dadurch den Besuch oder die Ankunft eines Fremden melden. Ebenso zeigen sie dem Jäger an, daß das erlegte Wild gefunden ist. Wir haben also bei den Hunden das Bellen gewissermaßen gezüchtet. Weil wir die Hunde füttern, schadet ihnen das Bellen in der Gefangenschaft nichts. Aber ursprünglich hat der Hund nicht gebellt, sondern nur die Anlage dazu von der Natur mitbekommen. Die Katze hingegen, die ihre Beute überfallen will, muß ganz lautlos bleiben und darf deshalb nicht bellen. Das Anbellen des Mondes, das man beim Hunde häufig beobachten kann, wollen manche darauf zurückführen, daß Wölfe und Wildhunde bei Vollmond am eifrigsten auf Jagd gehen. Nach dieser Ansicht würde also der Hund von der Jagdlust seiner Vorfahren, die der Vollmond in ihm weckt, gepackt werden. Es wurde schon erwähnt, daß alle Haussäugetiere ursprünglich Nachttiere waren. Als solche lieben sie also sehr das Sichsonnen, weil beim nächtlichen Leben ihnen viel weniger Wärme zuteil wird als den Tagetieren. Der Hund, der sich auf der Straße sonnt, ist ein bekanntes Bild. Die Katze sieht man seltener, da sie sich gern auf Dächern sonnt. Wölfe, Wildhunde und andere Hundearten leben in der Freiheit, ohne bei Unwohlsein einen Arzt um Rat fragen zu können. In der Fabel zieht der Kranich einem Wolf, der zu gierig gefressen hat, einen Knochen aus dem Rachen. Wir Menschen haben ja erst von den Tieren die Wirksamkeit der Heilpflanzen kennengelernt. Sie selbst haben sie durch ihren Instinkt gefunden. So ist auch das Grasfressen der Hunde zu verstehen; sie bedienen sich des Grases als Brechmittel. Es handelt sich auch hier nicht etwa um eine sinnlose Spielerei; denn ich habe mich oft genug davon überzeugt, wie wirksam das Graskauen beim Hunde ist. Die Katze fällt immer auf die Füße, der Hund nicht. Das kommt daher, weil die Katze als Klettertier gern auf Bäumen sitzt, während der Hund gar nicht klettern kann. Alle Baumtiere, so Affen, Marder, Eichhörnchen usw., fallen stets auf die Füße. Beim Hunde leuchten die Augen wie die der Katze, wenn sie von einem Lichtstrahl getroffen werden. Das beruht auf dem feineren Bau des Auges, ferner auf dem im Hintergründe des Auges befindlichen tapetum lucidum : Das sind Stellen, welche die Fähigkeit haben, das Licht stark zurückzuwerfen. Bei den Katzen fällt uns das Augenleuchten mehr auf, weil sie gewöhnlich in der Dunkelheit auf den Mäusefang gehen. Zwei Feinde. Da die Katzen gern durch enge Spalten klettern, so haben sie Schnurrhaare, die ihnen anzeigen, ob sie durch den Spalt noch hindurchkönnen. Bei dem Hunde sind Schnurrhaare nicht so wichtig; die Erdlöcher, durch die er kriecht, kann er meist durch Graben erweitern. Deshalb sind seine Schnurrhaare nur dürftig. Der Haß des Hundes gegen die Katze ist vielleicht darauf zurückzuführen, daß die großen Katzenarten, namentlich Leopard und Jaguar, mit Vorliebe Hunde fressen. Auch die Krähen hassen kleine Eulen, obwohl ihnen diese nichts zuleide getan haben, vermutlich aus dem Grunde, weil die größte Eule, unser Uhu, Krähen mit Vorliebe frißt. Treffen Hund und Katze zusammen, so sehen wir, daß Hinz einen Buckel macht. Manche Naturforscher wollen das dadurch erklären, daß sich die Katze größer machen will. Da aber Wildhunde die größten Pflanzenfresser, wie Hirsche und dgl., angreifen, so kann diese Erklärung nicht zutreffen. Vielmehr sucht die Katze ihre schwächste Stelle, das Genick, zu schützen. Ein erfahrener Hund packt die Katze stets am Genick und schüttelt sie tot. Das sucht Hinz durch den Buckel zu vereiteln. Ist der Hund klüger als die Katze? Der richtige Durchschnittsjäger sieht im Hunde, insbesondere dem Jagdhunde, ein ideales Geschöpf, während er sämtliche Katzen zum Teufel wünscht. Er hält seinen Hektor aber nicht nur für unendlich nützlicher als Hinz, sondern – wenngleich er der Katze eine gewisse Begabung keineswegs abspricht – auch für durchaus klüger. Sooft ich Gelegenheit hatte, darüber Ansichten zu hören, erfuhr ich: Würde wohl jemand die klügste Katze zum Jagdgehilfen des Menschen abrichten können, was doch bei dem dümmsten Köter mit Leichtigkeit gelingt? Hieraus gehe doch mit Deutlichkeit hervor, daß der Hund klüger als die Katze ist. Umgekehrt sind es nicht etwa nur alte Damen, sondern auch Männer, die im Hinblick auf die Intelligenz Hinz höher stellen als seinen Todfeind. Erst kürzlich fand ich in einem sehr gelesenen Blatt wiederum diese Ansicht vertreten. Dieser Katzenfreund berief sich insbesondere darauf, daß Hinz in seinem Benehmen viel menschenähnlicher sei als der Hund. Während die Katze die Reinlichkeit liebe, auch sich nach Menschenart mit Artgenossen begrüße, sei der Hund ein Freund von Unrat, und seine Begrüßungsart sei zum mindesten sehr sonderbar. Ich halte weder die erste noch die zweite Ansicht für richtig. In nachstehendem will ich die Gründe anführen, die mich verhindern, den Gegnern oder den Freunden recht zu geben. Um Hund und Katze richtig zu verstehen, müssen wir uns zunächst daran erinnern, daß sie beide ehedem Raubtiere gewesen sind. Das ist allgemein bekannt. Dagegen wird fast niemals daran gedacht, daß sie, was ihre Lebensweise betrifft, zwei grundverschiedenen Klassen von Raubtieren angehören. Dieser ausgeprägte Unterschied ist einleuchtend. Damit das Raubtier leben kann, muß es andre Tiere erbeuten und fressen. Die Erbeutung kann nun in mannigfacher Art vor sich gehen. Entweder wird mit offenem Visier gekämpft oder mit Heimtücke. Wilde Hunde, Hyänenhunde, Wölfe usw. versuchen es regelmäßig auf dem erstgenannten Wege; sie verfolgen ein Tier so lange, bis es ermattet ist und überwältigt werden kann. Hierbei ist die Anwendung mancher List durchaus nicht ausgeschlossen. Das anhaltende Laufen ist eine langweilige Sache, daher entschließt sich z. B. der Wolf gewöhnlich nur dann dazu, wenn ihn der Hunger plagt. An sich ist ihm das Beschleichen eines Tieres viel lieber. Auch bei der Verfolgung werden allerlei Kunstgriffe angewendet. Von denjenigen Pflanzenfressern, die in Herden leben, z. B. Renntieren, sucht er einzelne abzusprengen, weil sie dann leichter zu überwältigen sind. Ebenso verteilen sich die Wölfe bei der Verfolgung – wenigstens wird das von wilden Hunden übereinstimmend berichtet –; während ein Teil dem Opfer auf den Fersen bleibt, trachtet ein andrer, ihnen den Weg abzuschneiden. Den Gegensatz hierzu bilden diejenigen Raubtiere, die fast nur durch Beschleichen ihr Opfer zu erhaschen suchen. Sie sind fast ausnahmslos Klettertiere, wie Leopard, Luchs, Katze usw. Der Hund gehört nun zur ersten, die Katze zur zweiten Klasse; jener ist ein Lauf raubtier, diese ein Schleich raubtier. Daraus ergeben sich naturgemäß eine Reihe von Verschiedenheiten. Auf den Hund machen bewegliche Gegenstände den größten Eindruck. Warum? Weil er sich seiner Schnelligkeit bewußt ist, und weil ihm nur ein Gegenstand entkommen kann, wenn er sich schnell entfernt. Überdies nimmt ein Nasentier, wie wir wissen, Bewegungen besonders scharf wahr. Die Katze dagegen weiß, daß sie etwas Fliehendes nicht einholen kann. Wilde Hunde jagen fast ausnahmslos gemeinschaftlich; sie feuern sich durch ihr Bellen gegenseitig an und können bei der wilden Jagd keinen Genossen verlieren, wenn sie fortwährend ihre rauhen Signale geben. Ein zurückgebliebener findet dadurch sein Rudel schnell und leicht wieder. Die Katzenarten jagen einzeln, weshalb bei ihnen das Bellen gar keinen Zweck hätte. Nur die großen Arten brüllen, weil sie dadurch ihr Opfer erschrecken und eingepferchte Viehherden häufig zum Ausbrechen veranlassen. Der Dauerläufer kann wie ein Kürassier auftreten, das schadet ihm bei seiner Verfolgung nicht; ein Schleichraubtier muß sich jedoch unhörbar bewegen können, was Hinz mit vollendeter Meisterschaft versteht. Das Laufraubtier ist in fortwährender Bewegung, weil es nach einem Opfer forscht. Hat das Beutetier seinen Feind vorzeitig entdeckt, so schadet das nicht viel, dann gibt es eine lustige Jagd. Die Katze dagegen weiß, daß für sie entscheidend ist, das Opfer zu sehen, ehe sie selbst wahrgenommen ist. Deshalb ist Ruhe für sie die erste Pflicht. Unter den Jägervölkern können wir übrigens genau dieselben Verschiedenheiten beobachten. Die Buschmänner z. B. besitzen eine fabelhafte Ausdauer, langsam trabend die flüchtige Antilope zu ermüden. Mag diese ihnen auch noch so weit entflohen sein, immer wieder holen sie das Wild ein und ermüden es schließlich derart, daß sie es mit ihren Spießen erlegen können. Sie wählen also die Methode der Laufraubtiere. Umgekehrt sind z. B. die Ndorobbos am Kilimandscharo Freunde der bequemeren Art der Schleichraubtiere. Bronsart von Schellendorff schildert ihr Verfahren wie folgt: »Mitten in der ganz offenen Steppe graben sie kreisrunde Löcher, die zwei bis drei Menschen aufnehmen, stecken rundherum in den niedrigen Wall trockene Büsche und liegen hier auf der Lauer. Selbst bei seinen Wanderungen in der offenen Steppe hält das Großwild zu gewissen Zeiten bestimmte Richtungen ein, ja es tritt häufig regelrechte Pfade aus. Unmittelbar neben, oft sogar mitten auf solch einem Pfade werden diese Verstecke angelegt.« Dieses Jägervolk sucht also das Wild nicht auf, sondern läßt es kommen. Mit Recht können wir von den Ndorobbos sagen, daß sie sich aus Bequemlichkeit nicht mit der Methode der Buschmänner befreunden wollen. Könnten wir das gleiche von den Schleichraubtieren behaupten? Zwar ist selbst bei Brehm zu lesen, daß die Katzen gute Läufer sind; aber das ist ein gewaltiger Irrtum. Alle Kletterer sind schlechte Läufer, ebenso wie die besten Flieger, z. B. Adler, Wanderfalke, Mauersegler usw., auf der Erde am unbeholfensten sind. Wenn man diese Schwäche der Katzen, nämlich ihr schlechtes Laufen, nicht kennt, versteht man manches in ihrem Gebaren absolut nicht. Ich habe oft stundenlang einem alten Kater zugeschaut, der gar zu gern vom Dorfe nach dem Meeresstrande wollte, weil dort zahlreiche Kaninchen hausten. Das freie Feld dazwischen war ihm nicht geheuer, weil Menschen und namentlich Hunde nicht selten hier vorbeikamen. Die Vorsicht, mit der er Umschau hielt, damit er nicht seine Jagdlust mit dem Tode büße, war im höchsten Grade lehrreich. Wie genau jedes Tier weiß, wieviel es leisten kann, dafür sei als Beweis noch das Verhalten eines zahmen Luchses angeführt, von dem sein Besitzer Löwis folgendes erzählt: »Bei der hitzigsten Jagd auf Hasen behielt er stets so viel Überlegung, um das Verhältnis seiner Geschwindigkeit und Ausdauer zu der des Hasen, scheinbar wenigstens, abzuschätzen. Nur wenn ihm der Hase überlegen war, verfolgte er ihn wie eine Katze, in wenigen, aber gewaltigen Sprüngen. Waren die Kräfte gleichartig, dann jagte er durch dick und dünn, über Zäune und Hecken, wie ein Windhund dem Wilde folgend; das Ergebnis war oftmals ein günstiges.« Also selbst der hochläufige Luchs vermag nicht immer, einen ermüdeten Hasen zu fangen. Wenn man sich daher vergegenwärtigt, daß die Katzenarten gesundes Wild nicht einholen können, so wird man endlich mit dem Irrtum aufräumen, daß zum Beispiel der Löwe zu ritterlich sei, nach einem Fehlsprunge einen Pflanzenfresser weiterzuverfolgen. Das hungrige Raubtier verhungert also angeblich lieber, als daß es seine Beine in Bewegung setzt? Die Unrichtigkeit dieser Meinung geht schon daraus hervor, daß, wenn nach einem Fehlsprunge das flüchtige Wild einen Bogen machen muß – beispielsweise weil die Schlucht sich krümmt –, das Raubtier den Weg abschneidet und dann nochmals springt. Wo bleibt da die Ritterlichkeit? Der Gepard, ein Mittelding zwischen Hund und Katze, ist auf kurze Entfernungen das schnellste Geschöpf. Hat er also nicht bei den ersten paar hundert Metern ein Wild eingeholt, so macht er kehrt. Das tut er ebenfalls nicht aus Ritterlichkeit, sondern aus sehr natürlichen Gründen, einfach, weil er nicht kann. Haben wir uns die grundverschiedenen Jagdarten der Raubtiere klargemacht, so ist es einleuchtend, daß für alle Jäger, die das Wild aufsuchen, die Katzen unverwendbar sind. Da auch der deutsche Jäger hierzu gehört, so kann er beim Pirschen die Katze nicht als Jagdgenossen gebrauchen. Würden wir dagegen wie die Ndorobbos, die keine Schutzwaffen haben, das Wild zu uns kommen lassen, so wäre der Hund dabei ganz unbrauchbar, dagegen große Katzenarten, wie zum Beispiel ein gezähmter Luchs, von allergrößtem Wert. Alle Katzen sind Terrainkünstler, das heißt, sie verstehen, sich in geradezu wunderbarer Weise zu verstecken. Ein Mensch kann das niemals. Wie sollte also Hinz mit uns zusammen auf die Hasenjagd gehen? Die Katze verbirgt sich hinter einem kleinen Erdhaufen, sie ist völlig unsichtbar. Der Mensch dagegen ist auf tausend Schritt zu sehen. Das wäre ja genau so, wie wenn wir uns mit einem Elefanten zusammen an ein feindliches Lager heranschleichen wollten! Nun kommt noch etwas sehr Wichtiges. Die Katze hat wie der Mensch ihren Grundsinn in den Augen, kann aber wie dieser nicht wittern. Eine zwischen zwei Tellern gehaltene Maus kann sie z. B. mit der Nase nicht finden. Der Hund dagegen hat, wie schon öfter gesagt wurde, seinen Grundsinn in der Nase, während seine Augen nicht sehr viel taugen. Jagt der Mensch gemeinsam mit dem Hunde, so ergänzen sich beide wie der Blinde und der Lahme. Das Sehen besorgt der Mensch; das Aufspüren der Fährten, wozu wir unfähig sind, ist Sache des Hundes. Gerade diesen allerwichtigsten Dienst, das Spüren des Wildes, vermag uns die Katze nicht zu leisten. Deshalb ist sie für unsre Jagd ganz unbrauchbar. Haben wir so die Verschiedenheiten der Jagdmethoden erkannt, so verstehen wir auch die eingangs erwähnten Verschiedenheiten im Benehmen dieser Tiere. Anschleichende Katze. Nach einem Gemälde von J. Gimenez y Fernandez . Phot. N. Schlesinger, Kunstverlag, Stuttgart. Ein Laufraubtier darf bei der Verfolgung vor keinem Hindernisse scheuen und muß selbst durch den tiefsten Schmutz; ein Schleichraubtier, das sich seinen Platz aussucht, kann dagegen immer sauber bleiben. Diese (scheinbare) Unsauberkeit des Hundes verdient also keinen Vorwurf. Ein Mensch, der am Schreibtisch sitzt, kann stets reine Nägel haben; ein anderer, der Kartoffeln schält, kann das nicht. Weil die Katzen wie der Mensch Augentiere sind, so erklärt sich auch, daß sie sich in ähnlicher Weise begrüßen. Denn für die Augen ist der Kopf der interessanteste Teil des Körpers. Für die Nasentiere wie den Hund ist jedoch, wie früher schon hervorgehoben wurde, der entgegengesetzte Teil des Körpers am bedeutsamsten. Das kommt uns komisch vor, vom Standpunkt des Tieres aus gesehen, ist das aber durchaus verständig. Die eigenartige, uns unsympathische Begrüßung des Hundes hat also ihre vollgültige Berechtigung. Gezähmte Luchse sind, wie wir gesehen haben, zur Jagd durchaus brauchbar; der Gepard sogar, der nach seiner Sinnesentwicklung zu den Katzen gehört, ist ein vorzüglicher Jagdgehilfe. So kann man von den Katzen nur sagen, daß sie für unsere Jagdmethode unbrauchbar sind. Zu der aufgeworfenen Frage, ob Hunde oder Katzen klüger sind, kann sich der Tierkenner also verständigerweise nur so stellen, wie zu manchen andern Fragen, wo Grundverschiedenes miteinander verglichen wird. Wer will zum Beispiel beantworten, wer am klügsten ist: ein berühmter Professor, ein erfolgreicher Kriminalkommissar oder ein Börsenspekulant, der Millionär geworden ist? Wie Hund und Katze ist ein jeder in seiner Art klug, und doch kann der eine nicht das erreichen, was dem andern mit Leichtigkeit gelingt. Die Behandlung der Katze in Deutschland und in Italien. Ein bekannter norddeutscher Tierkenner schreibt über die verschiedene Behandlung der Katze in Deutschland und in Italien wie folgt: »Unter den Haustieren ist in Italien die Katze der Liebling des Publikums. Wenn Georg von Martens in seinem vortrefflichen Buche über Italien sagt: ›Sie ist in Italien häufiger als in Deutschland, weil ihre anständigeren, feineren Sitten, ihre Mäßigkeit, selbst ihre Liebe zur Unabhängigkeit hier mehr Anerkennung finden, als die derbe Ehrlichkeit und Treue des Hundes‹, so unterschreibe ich diese seine Bemerkung als vollständig richtig vom völkerpsychologischen Standpunkte! Sie ist so gewiß, wie der ähnlich zu erklärende Unterschied, daß dem Germanen mehr die ehrliche, plumpe Hiebwaffe und der Schlag, dem Romanen mehr die geschmeidige und heimliche Stoßwaffe und der Stich zusagen. Petrarka ist ohne seine Katze nicht denkbar; Kätzchen sind es, die Pius IX. bei dem Verlust der irdischen Herrschaft trösten helfen. Unsere deutschen Helden werden in Sagen und Dichtung nur mit Hunden in Verbindung gebracht; die Katzen stellt der germanische Volksglaube geradezu mit Hexen auf eine Stufe. Ich entsinne mich noch aus meiner Soldatenzeit sehr wohl, daß, wenn man in Berlin spät nachts etwas angeheitert von der Wachtstube nach Hause ging, die Herren Kameraden mit den Seitengewehren die Katzen angriffen oder Hunde darauf hetzten, durchaus guten Glaubens, denn nach der öffentlichen Meinung gilt in Berlin und vielen anderen norddeutschen Städten die Katze als niederträchtiges, boshaftes Geschöpf, das jeder ehrliche Mann vertilgen müsse, wo es ihm in den Wurf kommt, ähnlich wie eine Ratte oder einen Marder. Diese Behandlung hat nun bei uns begreiflicherweise den Charakter und die Moralität von Hinz und Murr nicht gerade verbessert, dagegen ist in Italien, Frankreich, England, teilweise auch in Süddeutschland die Katze in der Tat ein liebenswürdiges Tier. Nicht im mindesten scheu, liegt es auf dem Ladentisch oder auf der Erde in der Sonne, läßt sich sogar, ohne unangenehm zu werden, gegen den Strich streicheln, gehorcht aufs Wort und beträgt sich würdevoll und anständig. Erheiternd ist es, das Verhältnis von Hund und Katze untereinander zu betrachten; in den bezeichneten niedersächsischen Landstrichen, und namentlich in Berlin, ist eigentlich jede Katze auf der Straße vogelfrei. Ängstlich paßt sie den Augenblick ab, wo sie über die Straße spazieren kann, und mit Vorliebe benutzt sie dabei Rinnsteinbrücken und andere versteckte Passagen, denn wehe ihr sonst! Jeder richtige Berliner Hund wird sie sofort mit der größten Wut angreifen. Ich habe kurze, stämmige Bulldoggen gesehen, die den stärksten Kater mit einem Ruck abtun konnten, und derartige Hunde werden sehr teuer bezahlt. In den Ländern des Südens hat kein Hund die Absicht, einer Katze etwas zu tun. Die Katze herrscht vielmehr, und das Publikum würde bei einem Kampf zwischen Hund und Katze sich bestimmt auf die Seite von Hinz schlagen; das weiß der Hund von Jugend auf und lebt mit der Katze im Frieden.« Ein eifersüchtiges Pferd. – Ein Pferd als Kinderfreund. Schon früher wurde darauf hingewiesen, daß Eifersucht bei den Haustieren eine ziemlich häufige Eigentümlichkeit ist. Von der Eifersucht eines Pferdes wurde aus Mährisch-Weißkirchen folgende Geschichte erzählt: In der nahen Gemeinde Kunzendorf ging der dortige Erbgutsbesitzer, ein großer Pferdefreund und Pferdezüchter, wie gewöhnlich in seinen wohlbesetzten Pferdestall, um da nachzusehen; hierbei trat er vorerst zu einer stets bevorzugten Mutterstute, tat ihr schön, streichelte sie und gab ihr zu trinken, was sie alles mit Wohlgefallen annahm. Alsdann ging er zu einem andern Pferde und wiederholte auch bei diesem seine Liebkosungen, als plötzlich die bereits geliebkoste Stute in voller Eifersucht ihren Stand verließ, auf den Hausherrn zustürzte und ihn in äußerster Entrüstung mit ihrem Gebisse derartig packte, daß er in der Bestürzung über den unvermuteten Überfall jedenfalls Verletzungen und Wunden davongetragen hätte, wäre er nicht durch schwere Winterkleider geschützt gewesen. Von einem kinderfreundlichen Pferde gibt die Zeitschrift »Der Zoologische Garten« folgende Schilderung: Ich kann es mir nicht versagen, Ihnen einen Beweisfall von der Intelligenz und zugleich dem – ich weiß mich nicht anders auszudrücken – sittlichen Gefühl eines Pferdes mitzuteilen, der sich hier ereignet hat und gewiß verdient, zur weiteren Kenntnis gebracht zu werden. – In der Nähe unsrer Stadt kam eine einspännige Fuhre einen ziemlich steilen, sandigen Feldweg herunter, in dem an einer Stelle mehrere kleine Kinder sich mit Spielen, im Sande vergnügten. Bei Annäherung des Wagens, dessen Führer aus irgendeinem Grunde zurückgeblieben war, wichen die Kinder aus, bis auf ein zweijähriges, das die ihm drohende Gefahr nicht erkannte und ruhig weiterspielte. Was geschah? Das Pferd, unmittelbar vor dem bedrohten Kinde angelangt, hielt stille, wartete einige Augenblicke ab, – es setzte offenbar voraus, daß das Kind sich von selbst entfernen würde –, griff endlich, als dies nicht geschah, das bedrohte Geschöpfchen vorsichtig mit den Zähnen an seinem Kleidchen und legte es zur Seite in eine den Weg begrenzende Hecke, etwas unsanft nach Pferdeart, so daß das Kind von den Ästen der Hecke einige leichte Schürfungen davontrug, sonst aber ganz unverletzt blieb, als das kluge Tier seines Weges weiterging. – Die Tatsache ist verbürgt; die Mutter des Kindes sah von dem Fenster des am Wege liegenden Hauses aus selbst zu. Durch das Geschrei der Kinder erschreckt, wollte sie selbst zu Hilfe eilen, kam aber zu spät, da das Pferd das Kind bereits in Sicherheit gebracht hatte. Warum scheuen die Pferde und gehen durch? Eine Hauptschwäche des edlen Pferdes ist das Scheuen vor den harmlosesten Dingen und das damit häufig verbundene sinnlose Durchgehen. Man kann wohl ohne Übertreibung behaupten, daß in Deutschland alljährlich eine ganze Anzahl von Menschen dadurch ums Leben kommen oder zu dauerndem Siechtum verurteilt sind. Schon früher bei der Aufzählung der sogenannten Unarten der Haustiere haben wir erwähnt, daß das Scheuen der Pferde mit ihrem schwachen Sehvermögen zusammenhängt. Wie beim Hunde, so ist auch beim Pferde die Nase vorzüglich, das Gesicht dagegen bei Tageslicht minderwertig. Woher kommt es nun, daß ein eingespannter Hund nicht vor einem weißen Blatt Papier scheut, während es Pferde häufig tun? Pferderudel von Wölfen beunruhigt. Nach einem Gemälde von J. v. Berres . Die richtige Antwort muß natürlich lauten, daß der Hund als Raubtier überhaupt nicht scheut. Das Pferd dagegen ist ein Pflanzenfresser, und zwar, genauer ausgedrückt, ein fliehender Pflanzenfresser, der in der Regel seine Rettung in der Flucht sucht. Je wehrhafter und mutiger ein Pflanzenfresser ist, desto seltener wird er scheuen, wenn er eingespannt geht. Hierher gehören halbwilde Hengste, die den Kampf mit Wölfen aufnehmen, Stiere, Elche und Büffel. Umgekehrt wird ein Pflanzenfresser um so mehr zum Scheuen und Durchgehen neigen, je schwächer und feiger er ist, weshalb furchtsame Pferde am leichtesten durchgehen. Man sollte also annehmen, daß Esel und Ziegen vor dem Wagen besonders gefährlich seien, was nach meinen Beobachtungen aber nicht den Tatsachen entspricht. Esel und Ziege sind ursprünglich Kinder des Gebirges. In gebirgigen Gegenden wäre es jedoch höchst töricht, sinnlos davonzustürmen. Überdies bleibt die Ziege durch ihren Mut und ihr besseres Sehvermögen vor dem Scheuen vor harmlosen Gegenständen gewöhnlich bewahrt. Aus diesen Gründen ist es einleuchtend, daß sich verwilderte Pferde in gebirgigen Gegenden beim Durchgehen selbst den größten Schaden zufügen. Das bestätigt auch der Reisende Murray. »Einen ungleich gefährlicheren Feind«, schreibt er, »tragen die Herden in sich selbst. Zuweilen ergreift sie ein ungeheurer Schrecken. Hunderte und Tausende stürzen wie rasend dahin, lassen sich durch kein Hindernis aufhalten, rennen gegen Felsen oder zerschellen in Abgründen. Den Menschen, der zufällig Zeuge von solch entsetzlichem Ereignis wird, erfaßt ein Grausen; selbst der kalte Indianer fühlt sein sonst mutiges Herz erzittern. Ein Dröhnen, das immer stärker wird und schließlich den Donner, das Brausen des Sturmes oder das Toben der Brandung übertönt, verkündet und begleitet den Vorbeizug der auf Sturmesfittichen dahinjagenden, angsterfüllten Pferde. Sie erscheinen plötzlich im Lager, stürzen zwischen die Feuer hindurch, über die Zelte und Wagen weg, erfüllen die Lasttiere mit tödlichem Schrecken, reißen sie los und nehmen sie mit auf in ihren lebendigen Strom, der ins Verderben führt.« Etwas Ähnliches ereignete sich in verkleinertem Maßstabe während des englischen Manövers bei Southampton im Jahre 1904. »Nach Mitternacht wurde ein Chargenpferd, das ein Bein gebrochen hatte, auf Anordnung eines Tierarztes erschossen. Dadurch wurden verschiedene der in der Nähe angekoppelten Pferde scheu und rissen sich los. Als sie durch die Linien der Kavalleriepferde galoppierten, machten sie Hunderte von anderen Pferden scheu, die ebenfalls in wilder Flucht durch das Lager rasten und selbst über Zelte hinwegstürmten, die mit schlafenden Leuten gefüllt waren. Das Lager war zwar sofort alarmiert; aber es war vollständig unmöglich, dem wahnsinnigen Lauf von mehr als 700 Pferden Einhalt zu tun. Viele der Leute wurden bei diesem Versuche, meist allerdings nur leicht, verletzt. Ein Teil des Sammelplatzes war mit Stacheldraht umzäunt. An diesem rissen sich die Tiere in ihrer wahnsinnigen Flucht und verletzten sich zum Teil ganz erheblich. Die größte Zahl der wildgewordenen Pferde raste in die Stadt Southampton und versetzte die ganze Bevölkerung in Furcht. Unglücklicherweise war ein Teil der Straßenbahn von Southampton in Umbau begriffen, und in diese Bauarbeiten stürmten die Pferde hinein. Die Flucht der Tiere war so wild, daß sie sich zum Teil durch Anlaufen gegen die Häuser schwer verletzten, zum Teil aber auch in die See fielen. Verschiedene Pferde ertranken, trotzdem sofort Rettungsversuche gemacht wurden. Mehrere andere mußten wegen der erlittenen Verletzungen getötet werden. Eine andere Abteilung galoppierte durch Winchester in der Richtung nach Aldershot. Ausgeschickte Streifen fanden viele Tiere schwerverletzt am Wege liegend." Im allgemeinen wird das Pferd, als Tier der endlosen Ebenen, bei seinem sinnlosen Durchgehen keinen Schaden nehmen. Das Rettungsmittel ist also an sich vorzüglich, weil seine Hauptfeinde, die großen Katzenarten, ihm nicht zu folgen vermögen. Vor dem unberechtigten Scheuen ist der wilde Einhufer dadurch bewahrt, daß er in der Freiheit stets gegen den Wind läuft. So ist es ausgeschlossen, daß er vor einem Blatt oder einem Stein scheut, weil ihm seine treue Nase sagt, daß keine Gefahr droht. Das Rennen gegen den Wind ist schon den alten Griechen und Arabern aufgefallen, denn sie fabelten, daß der Vater schneller Rosse der Windgott (Zephyros) sei. Woher stammt das Wort Eselsbrücke? Ertappt der gestrenge Lateinlehrer einen seiner Schüler dabei, daß er eine Übersetzung, eine sog. Klatsche, benutzt, so hält er dem Übeltäter eine Strafrede. Dabei kann er seiner Verachtung gar nicht genug Ausdruck geben, wie unwürdig es eines Schülers ist, eine »Eselsbrücke« zu benützen. Ich habe mir, wenn ich ehrlich sein soll, als Junge bei diesem Ausdruck nicht viel gedacht. Auf ein Schülerhirn stürmen ja so viele neue Eindrücke ein, daß es wichtigere Dinge zu verarbeiten hat. Der Sinn des Ausdrucks liegt klar zutage und ist dahin zu fassen, daß die Klatsche eine unzulässige und überflüssige Erleichterung ist. In dem Sinne von überflüssiger Unterstützung bei einem Vorhaben hört man die Bezeichnung »Eselsbrücke« im Volksmunde ganz allgemein. Später suchte ich nach einer Erklärung dieser Bezeichnung, muß aber gestehen, daß mich die Angaben der Wörterbücher nicht befriedigen. Es heißt dort: inertiae adjumentum (Unterstützungsmittel für Unkundige) französisch: le pont aux ânes . Der Ausdruck soll durch Johann Buridan im 14. Jahrhundert aufgekommen sein, der spöttisch asinus Buridanus und dessen Schrift »super summales asini pons« (»Eselsbrücke«) genannt wurde. Wir müssen uns zunächst eine andere Frage vorlegen: »Ist der Esel wasserscheu und warum? Jeder Müller weiß, daß sein Grautier gegen das Wasser große Abneigung hat. Schon vor zweitausend Jahren schreibt der alte Römer Plinius vom Esel: Groß ist die Liebe der Eselin zu ihren Jungen, aber größer noch ihr Abscheu vor dem Wasser . Mitten durchs Feuer geht sie, um zu ihren Jungen zu gelangen, aber auch vom kleinsten Bächlein läßt sie sich die Füße nicht benetzen. Also die Abneigung des Esels gegen das Wasser ist den Menschen schon vor zweitausend Jahren etwas ganz Bekanntes gewesen. Es ist ihnen schon damals aufgefallen, daß selbst die Furcht vor dem Feuer nicht so groß ist, wie die Abneigung gegen das Wasser. Es gibt noch ein anderes wasserscheues Haustier, das Kamel. Brehm schildert uns in anschaulicher Weise, wie die Araber das unbeholfene Geschöpf über den breiten Nil bringen. »Die Nilanwohner«, schreibt er, »sind oft genötigt, ihre Kamele von einem Ufer an das andere zu schaffen, und tun dies in einer nach unseren Begriffen wirklich empörenden Weise. Das Kamel kann nicht schwimmen, muß aber gleichwohl schwimmend über den Strom setzen, weil die Überfahrtsbarken nicht nach Art unserer Fähren eingerichtet, sondern ganz gewöhnliche Boote sind, in die das ungeschickte Geschöpf nicht gebracht werden kann. Die Einheimischen haben folgendes Verfahren ersonnen: »Ein Araber bindet eine Schlinge um Kopf und Hals, so, daß sie nicht würgt. An dieser zieht er das Tier in den Strom hinab; zwei oder drei andere helfen mit der Peitsche nach. Das Tier möchte brüllen nach Herzenslust, aber das läßt die Schlinge nicht zu; es möchte entfliehen, allein der Strick hält es, und wenn es nicht gutwillig folgt, schnürt der Halfter die Schnauze noch recht fest zusammen; es muß also wohl oder übel ins Wasser. Sobald es den Grund verliert, öffnen sich die häßlichen Nüstern, die Augen treten aus den Höhlen hervor, die Ohren werden krampfhaft auf und nieder bewegt. Einer, der weiter hinten im Boote sitzt, packt es am Schwanze, ein anderer hebt mit der Schlinge den Kopf über das Wasser, so daß es kaum Atem schöpfen kann; und dahin geht die Fahrt unter Strampeln und Stampfen des geängstigten Tieres. Wenn es am andern Ufer ankommt, rennt es gewöhnlich davon, und erst, nachdem es sich vollständig überzeugt hat, daß es wieder festen Grund unter den Beinen hat, findet es nach und nach seine Ruhe wieder.« So hat es Brehm um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erlebt. Damals war von Kultur bei den Arabern in Ägypten keine Rede. Trotzdem bestand schon die Abneigung des Kamels gegen das Wasser. Die Abneigung von Esel und Kamel gegen das Wasser kann also nicht, wie vielfach von manchen Gelehrten angenommen wird, auf kulturelle Einflüsse zurückzuführen sein. Für den Tierkenner ist die Sache ganz einfach. Immer wieder muß ich betonen, daß wir ein Haustier niemals verstehen werden, wenn wir nicht auf die Lebensweise seiner wilden Verwandten zurückgehen. Zwar kennen wir die Stammeseltern des Hauskamels noch nicht, aber sie waren ohne Zweifel ausgesprochene Wüstentiere. Auch die Wildesel, die Vorfahren unseres Hausesels, leben in den dürrsten und unfruchtbarsten Gegenden Ostafrikas und Westasiens. Maultier (Schwerer Schlag). Ist es nun ein Wunder, daß ein Tier, das seit Jahrtausenden – es ist wahrscheinlich viel länger her – nie ein Wasser gesehen hat, sich dagegen sträubt? Wildesel und Wildkamele eilen wohl zu den spärlichen Quellen, um zu trinken, an den Leib aber kommt ihnen niemals Wasser. Denn selbst Regen kennt ihre Heimat nur höchst selten. Der Esel geht also nicht aus Dummheit oder Störrigkeit ungern durch einen Bach, sondern weil er das Wasser aus oben dargelegten Gründen scheut. Bei einigen Eseln ist bei guter Behandlung zu erreichen, daß sie das Wasser nicht scheuen. So muß also für den Esel selbst über seichte Bäche eine Brücke gebaut werden. Nach der Ansicht des Menschen ist diese Eselsbrücke vollkommen entbehrlich; und daher nennt man eine »überflüssige Erleichterung« eine »Eselsbrücke«. Unser Lehrer hatte also ganz recht, wenn er die Klatsche eine Eselsbrücke nannte. Sie war nach seiner Ansicht eine überflüssige Erleichterung. Endlich spotten wir über den I-ah-Ruf des Esels und bedenken nicht, daß in der Heimat des Tieres, im Gebirge, hochgezogene Töne am weitesten hörbar sind. Auch seine Vorliebe für Disteln und Dornen gereicht ihm zum Spotte. In Wirklichkeit frißt der Esel Hafer noch lieber. Nur hat er sich in seiner öden Heimat von jeher mit stachligen Gewächsen begnügen müssen. Übrigens hat der Esel im Gegensatz zum Pferde einen selten gewürdigten Vorzug: er wird fast niemals krank. Mit dem Pferde kann man ihn nur künstlich paaren, da beide Einhuferarten eine entschiedene Abneigung gegeneinander haben. Ist die Mutter eine Pferdestute, so nennen wir das Junge Maultier, ist sie eine Eselstute, Maulesel. Maultiere sieht man bei uns jetzt ziemlich häufig, da sie, wie der Esel, sehr genügsam sind und selten krank werden. Auch haben sie, wie die Esel, sehr feste Hufe, damit sie sich in unwegsamem, bergigem Gelände nicht verletzen. Warum haßt der Stier die rote Farbe? Die Gefährlichkeit des Rindviehs und Ebers. Vor dem Weltkriege büßte ein Zieten-Husar, der auf Urlaub in sein Heimatdorf gekommen war, durch einen Stier sein Leben ein. Die rote Uniform brachte den Bullen derartig in Wut, daß er den Soldaten angriff. Als gewandter Reiter schwang sich dieser auf den Rücken des Untiers, wurde aber später von ihm abgeschüttelt und zertrampelt. Jener Stier zeigte sich wie ein ungezähmtes, wildes Tier. Allgemein wird angenommen, daß sich nur Herdentiere wirklich zähmen lassen. In meinen Büchern habe ich eine Reihe von Tatsachen angeführt, die mit dieser Lehre schlecht vereinbar sind. So ist von einzeln lebenden Tieren beispielsweise der Gepard oder Jagdleopard leicht zu zähmen, ferner der Tapir u. a. Auch von dem neu entdeckten Zwergflußpferd, das einzeln lebt, wird hervorgehoben, daß es auffallend leicht zahm wird. Umgekehrt sind Rinder ebenso wie Schweine ausgesprochene Herdentiere. Trotzdem möchte ich manchmal bezweifeln, ob von einer wirklichen »Zähmung« dieser Tiere geredet werden darf. Wie mir ein alter Landwirt vor Jahren schrieb, sind im Sommer 1913 allein in dem kleinen Mecklenburg acht Personen von wütenden Bullen getötet oder zu Krüppeln gemacht worden. In zwei Fällen waren es sogenannte zahme junge Bullen, die für durchaus fromm gehalten wurden und doch eine leichte Berührung mit der Rute so übelnahmen, daß sie wütend auf den vermeintlichen Peiniger losgingen. Während sich in dem einen Falle der Onkel meines Gewährsmannes durch herkulische Kräfte und große Gewandtheit retten konnte, tötete der andere Bulle seinen Gegner. Schon der Blutgeruch genügt, um Rinder wild zu machen. Auch das Angstgebrüll einer Herdengenossin übt dieselbe Wirkung aus; ja manchmal genügt der Angstschrei eines anderen Tieres. So wurde aus Malchow in Mecklenburg im November 1903 gemeldet: »Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich in der Nossentiner Hütte. Die Arbeiterfrau Möller war im Stall bei der Kuh beschäftigt, als diese durch das Geschrei eines Schweines, das geschlachtet werden sollte, plötzlich wild wurde und die Frau mit den Hörnern bearbeitete, so daß sie schwere Verletzungen am Unterleib erlitt.« Ein weiterer Grund für ein Wildwerden ist z. B. das Kalben im Freien, weil die Kuh in jedem Menschen einen Feind ihrer Nachkommenschaft sieht. Wie mit Bullen, so ist auch mit Ebern nicht zu spaßen. Ebenfalls in Mecklenburg, nämlich in Gadebusch, wurde der vierjährige Sohn eines Arbeiters schwer verletzt. Er war mit einem Spielgefährten zu seinem größeren Bruder, der Schweine hütete, gelaufen. Hier vergnügten sich die Jungen damit, daß sie hinter einer Sau herliefen, um sie zu jagen. Der Eber geriet darüber in Wut und brachte dem kleinen Kerl mit den Hauern eine Wunde bei, welche die Lunge freilegte. Von den Schweineherden Ungarns berichtet der Naturforscher Lenz, daß sie jeden Hund zu zerfleischen suchen. Man bindet deshalb einen zu alt gewordenen Hund auf dem Wege an, den eine Schweineherde nimmt. Stierkampf in Spanien: Toreros mit roten Mänteln reizen den Stier. Nach einem Gemälde von Ewald Thiel . Woraus erklärt sich der Haß des Stiers gegen die rote Farbe? Merkwürdigerweise ist diese Eigentümlichkeit neuerdings entschieden bestritten worden. Es genügt wohl der Hinweis, daß bei den spanischen Stiergefechten der Espada (der mit Degen oder Schwert bewaffnete Stierkämpfer) den Stier mit einem roten Tuche zum Angriff reizt. Die spanischen Stierkämpfer haben doch wohl die »Stierseele« aufs gründlichste studiert. Selbst der Hausbüffel wird durch die rote Farbe gereizt. Dem frommen Mohammedaner gereicht es zum größten Ärgernis, daß die dem Propheten heilige rote Farbe seinen sonst so geschätzten Hausgenossen in Wut bringt. Büffel und Rinder haben ihren Hauptfeind im rötlichen Tiger. Uns Menschen als Augentieren scheinen die Farben zwar nicht genau übereinzustimmen. Aber beim Anblick eines gehaßten Feindes kommt es auf Kleinigkeiten nicht an, namentlich nicht bei Nasentieren. Auch der Truthahn haßt die rote Farbe; denn sein Hauptfeind ist der rötliche Luchs . Von zahmen Kranichen wird ähnliches berichtet. Das ist auch ganz einleuchtend; denn der Rotfuchs raubt ihre Jungen. Die Eltern stürzen sich dann haßerfüllt auf den Räuber und verjagen ihn gewöhnlich. Ganz überzeugend ist das, was Frau Dr.  Heinroth, die Gattin des Direktors des Berliner Aquariums, berichtet. Sie ist eine ausgezeichnete Tierbeobachterin, wie ihre vortrefflichen Arbeiten auf diesem Gebiete beweisen. Von ihrem zahmen Wiesenschmätzer erzählt sie, daß er aufs äußerste erregt war, wenn sie rote Pantoffeln trug. Überhaupt haßte er die rote Farbe ganz auffällig. Wer gefährdet Brut und Leben des im Sumpfgelände heimischen Wiesenschmätzers? Nach meinen Beobachtungen ist das Wiesel sein Hauptfeind. Sieht der Vogel irgendwo die rote Farbe, erinnert ihn diese offenbar an das rötliche Fell seines Hauptfeindes, und er gerät in äußerste Wut. Ähnliche Beobachtungen sind bei anderen Tieren gemacht worden: Die Elefanten im Zoologischen Garten trompeten laut, sobald sie einen Schimmel sehen. Wir schließen mit Recht daraus, daß in früheren Zeiten ein hellfarbiges Geschöpf lebte, mit dem die Elefanten in schwerem Kampfe lagen, weshalb sie es heute noch hassen. Rettung eines jungen Bullen aus einem Sumpf. Vor vielen Jahren war ich von einem lieben Freunde nach seinem Jagdrevier geladen, das sich in einem entlegenen Winkel der Mark Brandenburg befand. Hier hatten wir Gelegenheit, uns an der Rettung eines jungen Rindes zu beteiligen. Der Vorfall bietet manches Interessante; deshalb will ich ihn erzählen: Eines Vormittags hatte uns der benachbarte Förster besucht und die Vorzüge seines teckelähnlichen Hundes in den lebhaftesten Farben geschildert. Hervorragendes sollte er namentlich als Kaninchenstöberer leisten. So wurde der Plan gefaßt, diesen Wunderhund am Nachmittag bei einer Kaninchenjagd auf die Probe zu stellen. In früheren Jahren waren diese Waldnager unendlich zahlreich gewesen. In der Morgen- oder Abenddämmerung, also zu Zeiten, wo sie den Bau gewöhnlich verlassen, überfluteten sie förmlich die Umgebung des Reviers. Der vorangegangene schneereiche Winter hatte aber gewaltig unter den Vettern unseres Lampe aufgeräumt. Die meisten Kaninchen sollten in dem Teile des Reviers stecken, der am weitesten von dem Jagdhaus entfernt lag. Wir setzten uns frühzeitig in Marsch. Pünktlich fanden wir uns an der verabredeten Stelle ein, die wohl eine Stunde von dem nächsten Dorfe entfernt lag. Der Förster wollte mit seinem Hunde eine Schonung durchtreiben, während wir beide als Schützen an einer Schneise, einem schmalen Wege, warteten, der durch den Wald führt, um die blitzschnell vorüberflitzenden Kaninchen mit unserer Ladung zu begrüßen. Das Treiben hatte soeben begonnen; wir beide standen erwartungsvoll mit gespannten Flinten auf unseren Plätzen, als plötzlich der markerschütternde Schrei eines Knaben ertönte. Wir hatten in der ganzen Gegend außer einem Hütejungen, der etwa ein Dutzend Kühe trieb, keinen Menschen gesehen. »Der Junge wird wohl nach Knabenart irgend etwas begangen haben,« dachte ich bei mir, »und nun bekommt er von seinem Vater oder dem Rindviehbesitzer eine gehörige Tracht Prügel.« Aus diesem Grunde ließen wir uns alle zunächst in unserm Vorhaben nicht stören. Wir waren, um ein paar elende Kaninchen zu schießen, anderthalb Stunden in der größten Hitze gelaufen, und so kam gerade in dem Augenblick, wo für den Küchentopf das nötige Fleisch geschossen werden sollte, die Störung höchst unerwünscht. Kehrten wir mit leeren Händen heim, so mußten wir uns Fleisch zu verschaffen suchen, was in der dortigen Gegend höchst umständlich und für einen Jäger auch nicht sehr angenehm ist. Menschlich war es also sehr erklärlich, daß wir uns um das Gebrüll des Knaben zunächst nicht weiter kümmerten. Aber das markerschütternde Geschrei des Jungen hörte nicht auf. Das konnten wir nicht länger untätig anhören. Ich pfiff meinen Begleitern, da ich während des Treibens wegen der damit verbundenen Lebensgefahr den Stand nicht verlassen durfte, und erklärte ihnen, daß wir dem Knaben zu Hilfe kommen müßten. Das Gebrüll kam aus der Richtung, in der ein großer See lag. Der Bursche konnte ja dort in irgendeine lebensgefährliche Lage geraten sein. Es wurde zu dieser Zeit auch viel von wandernden Zigeunern gemunkelt. Sollten diese etwa die Einsamkeit der Gegend benützt haben, um dem Knaben ein fettes Kalb zu stehlen? Nun, wir waren drei bewaffnete Männer; einen besseren Beistand konnte sich der Junge gar nicht wünschen! Rinderherde bei der Tränke. Phot. Warnke, Neukölln. Schnellfüßig eilten wir dem See zu, und als wir durch den Wald an den Rand des Gewässers gelangt waren, erblickten wir ein merkwürdiges Bild. Vornan stand der brüllende Knabe, der sich schon heiser geschrien hatte, und im Morast stak ein junges Rind, das nur noch mit dem Kopf und einem Teile des Rückens herausragte. Da wir alle die ländlichen Verhältnisse kannten, so war uns die Seelenangst des Hütejungen ganz erklärlich. Er wußte genau, was ihm bevorstand, wenn er ohne das Tier, einen jungen Bullen, nach Hause gekommen wäre. Und was sollte er in dieser menschenleeren Gegend machen? Er konnte das Tier nicht verlassen, das inzwischen vielleicht versank, er konnte ihm aber auch mit seinen schwachen Kräften nicht helfen, deshalb brüllte er aus Leibeskräften. Und daß dieses entsetzliche Brüllen nicht zwecklos war, bewies unser Kommen. Der herkulisch gebaute Förster entledigte sich seiner Kleider, um an das Rind heranzukommen, während ich von meinen langen Jagdstiefeln genügenden Schutz gegen das Wasser erhoffte. In dieser Annahme sollte ich mich allerdings gründlich täuschen. Das hat aber beim Jagdanzug wenig zu sagen. Jedenfalls glückte es uns beiden, an den Kopf des Tieres heranzukommen. Wir hoben es mit Aufwendung aller Kräfte mehrmals, aber ohne jeden Erfolg. Im Gegenteil, wir sanken immer tiefer ein, und der Bulle kam nicht höher. Wie sollten auch zwei Männer, die keinen rechten Stützpunkt hatten, aus dem zähen Morast ein fast ausgewachsenes Rind herausziehen? Wir mußten also noch irgendeine Hilfe haben, zumal das Tier schon die Annäherung und gar erst Berührung durch uns höchst unangenehm empfand. Es machte verzweifelte Anstrengungen hochzukommen, sobald wir uns näherten, verschlimmerte aber dadurch nur seine Lage. Wir entschlossen uns, den schnellfüßigen Jungen nach dem eine Stunde entfernten Dorfe zu schicken, und wollten inzwischen bei der Herde bleiben. Konnten wir auch den Bullen nicht herausziehen, so konnten wir jedenfalls verhindern, daß der Kopf des Tieres tiefer im Morast versank. Der Junge wollte erst um keinen Preis seine Herde verlassen, was wir ihm nachfühlen konnten. Umgekehrt war es aber eine starke Zumutung, daß einer von uns, die wir schon im Interesse des Knaben die geplante Jagd aufgegeben und uns im Morast vollständig eingeschmutzt hatten, den Weg nach dem Dorfe laufen sollte. Wer weiß, was schließlich noch geschehen wäre, wenn der Förster dem Jungen nicht gut zugeredet hätte. Zu ihm hatte der Knabe Zutrauen, weil er ihn kannte. So lief er denn mit Tränen in den Augen, so schnell er konnte, nach dem Dorfe. Der Hund, dem die Fremdlinge unheimlich vorkamen, folgte ihm, obwohl er besser zur Bewachung der Herde zurückgeblieben wäre. Warten ist an sich schon eine langweilige Sache, aber in unserer höchst unerquicklichen Lage wurde es zur Qual. Endlich kam die ersehnte Hilfe, allerdings nur eine Person, dafür aber ein auffallend kräftiger Bauerssohn, der ein Brett mitbrachte. Der Großstädter macht sich gern über den dummen Bauern lustig, der seine Vorzüge auf dem städtischen Pflaster nicht zur Geltung bringen kann. Ist er dagegen in seinem eigentlichen Elemente, wie unser Bauernjüngling hier in ländlichen Verhältnissen bei der Behandlung des Viehs, so muß sein Scharfsinn und die Zweckmäßigkeit seiner Handlungsweise aufs höchste anerkannt werden. Es war rührend zu sehen, wie er zunächst das verängstigte Tier streichelte und ihm gut zuredete. Bewundernswert war auch die Sicherheit, mit der er im tiefen Morast watete. Das Rind lag nämlich mit dem Kopfe dem Seerande zu, und es schien fraglich, ob ein Mensch, ohne selbst zu versinken, den Schwanz des Tieres packen könnte. Das gelang aber wider Erwarten viel besser, als wir angenommen hatten. Nun galt es, den Bullen in die richtige Lage zu bringen. Ohne Unterstützung des Tieres selbst war an ein Herausbringen gar nicht zu denken, auch wenn drei Männer geholfen hätten. Da das Rind wie das Pferd seine Hauptkraft in den Hinterbeinen hat, so mußten zunächst die Hufe unter den Leib gebracht werden. Beim Hineinsinken waren nämlich die Hufe nach hinten gerutscht, und daraus erklärte es sich, daß unsere früheren Versuche ergebnislos geblieben waren. Nachdem mit unendlicher Mühe die Hufe in die richtige Lage gebracht waren, gingen wir gemeinsam an die Arbeit. Der Bauer zog am Schwanze, der Förster und ich an den Hörnern, und der Junge peitschte unausgesetzt. Nach wiederholten Versuchen kam das Tier so hoch, daß ihm das Brett unter den Leib geschoben werden konnte. Nun war die schlimmste Gefahr beseitigt, denn das Brett verhinderte ein Zurücksinken in den Morast, was stets eingetreten war, wenn wir uns von unserer Arbeit ein wenig verschnauften. So gelang es mit vereinten Kräften, den Bullen immer höher zu bekommen, und schließlich war er gerettet. Von der ausgestandenen Angst war er allerdings zunächst noch so schwach, daß er kaum auf den Beinen stehen konnte. Aber dieser Schwächezustand dauerte nur kurze Zeit; bald war er wieder der alte und suchte sich unbekümmert Nahrung auf dem Weideplatze. Auf dem Lande gibt es keine großen Formalitäten. Der Junge lachte über das ganze Gesicht und zog zum Danke seine Mütze, der Bauer bedankte sich kurz, und die Sache war erledigt. Wir Jäger waren erfreut über den glücklichen Ausgang der Rettungsarbeiten, und beschenkten den jungen Mann mit Zigarren, die er sehr gern annahm. Ich glaubte erst, daß die Rinder seinem Vater gehörten, und daß er sich aus diesem Grunde so eifrig an der Rettung beteiligt hatte. Später erfuhr ich, daß er gar nichts von den Tieren zu eigen hatte. Auf dem Lande ist ja das Gefühl der Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit ganz anders ausgeprägt, als in der Großstadt. Der junge Mann war sofort bereit, für das fremde Vieh sich der mühevollen und durchaus nicht ungefährlichen Arbeit zu unterziehen in vollem Bewußtsein, daß die anderen Dorfbewohner genau das gleiche tun würden, wenn sein Eigentum in Gefahr geriete. An eine Fortsetzung der Jagd war an diesem Tage nicht mehr zu denken, da die gestrenge Frau Försterin ihrem Manne nur beschränkten Urlaub gegeben hatte; der war inzwischen abgelaufen. So hatten wir uns von den gepriesenen Leistungen unseres Stöberhundes durch Augenschein nicht überzeugen können. Auch kamen wir mit leeren Taschen heim, aber das schadete nichts, denn das Bewußtsein einer guten Tat tröstete uns über den Mißerfolg. Befinden sich doch gerade unter den Jägern die größten Tierfreunde, so widerspruchsvoll diese Behauptung auch oft erscheinen mag. Als Tierpsychologen interessierte mich an dem ganzen Vorfall besonders das Verhalten der übrigen Rinder. Ein Naturforscher erhebt bei einem ähnlichen Erlebnis die schwersten Vorwürfe gegen die Herde, weil sie einen Kameraden teilnahmlos untergehen lasse. Auch in unserm Falle bekümmerten sich die andern Rinder nicht einen Augenblick um den versinkenden Genossen, sondern grasten in Seelenruhe, als ob sie die ganze Sache nichts anginge. Aber ist den Rindern denn daraus ein Vorwurf zu machen? Womit sollen sie den Artgenossen helfen? Mit den Hörnern etwa? Wenn Kühe sich beistehen können, dann tun sie es gewiß. Um das zu erproben, braucht man nur seinen Hund zu veranlassen, eine Kuh aus einer Herde anzubellen. Man kann sich dann stets auf einen Massenangriff gefaßt machen. Dieses kleine Erlebnis wäre wohl kaum erwähnenswert, wenn es nicht eine Lehre enthielte, die vor allem von Autobesitzern nicht übersehen werden sollte. Bei Kassel hatte ein Automobil ein abseits von der Herde laufendes Schaf überfahren und getötet. Hätten die Insassen gewußt, daß sich der Hütejunge wegen dieses Vorfalls das Leben nehmen würde, so hätten sie sicherlich die paar Mark gern an den Vater gezahlt. Ich halte es wenigstens für ausgeschlossen, daß die Herzlosigkeit wohlhabender Leute so weit gehen kann, daß sie bei vollem Bewußtsein etwaiger Folgen ruhig weitersausen. Den wenigsten Städtern ist es bekannt, daß dem Hütejungen als Schreckgespenst die Drohung vorschwebt: »Daß du mir nicht nach Hause kommst, wenn ein Stück fehlt!« Während unsere moderne Strafrechtspflege bei jedem Verbrechen sorgfältig untersucht, ob den Angeklagten ein Verschulden trifft, wird bei dem Hütejungen nur auf den Erfolg gesehen. Wenn er auch vollkommen unschuldig an dem Verlust ist, das gilt ganz gleich. Die Strafe bleibt ihm nicht erspart. Der Selbstmord des bedauernswerten Knaben mag bei dem Großstädter ein Kopfschütteln hervorrufen; für den Kenner ländlicher Verhältnisse ist er nicht unverständlich. Wer gegen die Eltern wegen eines solchen Falles den Vorwurf unmenschlicher Härte erheben würde, versteht die Dinge einfach nicht. Nehmen wir an, daß sich ein Verlust ereignet, an dem der Hüteknabe ganz unschuldig ist, so fehlt dem Vater regelmäßig die Zeit und oft auch die Überlegung, die Angaben seines Sohnes auf ihre Richtigkeit nachzuprüfen. Deshalb entscheidet er sich für rücksichtslose Bestrafung. Nur die gewaltige Furcht vor der Strafe veranlaßte den Jungen in dem zuerst geschilderten Falle so anhaltend zu brüllen, daß wir unsere Jagd aufgaben. Daß Schreien hilft, hatte sich der Junge gesagt; und wie glänzend hatte sich diese Annahme bewährt! Bei dieser Gelegenheit seien alle Automobilfahrer erneut darauf hingewiesen, daß sie fahrlässig eine schwere Schuld auf ihr Haupt laden, wenn sie sich durch leichtfertiges Dahinrasen nach Verletzung oder Tötung eines Schafes oder sonstigen Herdentieres einfach mit dem Gedanken abfinden: »Der dumme Junge hat schuld daran, er konnte ja besser aufpassen!« Die Kuh vorm neuen Tor. Sehen wir einen Menschen, der irgendeine Sache verblüfft anstarrt, so pflegen wir zu sagen: Er steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor. Woher kommt es, daß die Kuh ein neuerrichtetes oder frisch gestrichenes Tor in einer uns unverständlichen Weise anglotzt? Nach allgemeiner Auffassung gelten Ochse und Kuh, Esel und Schaf unter unseren Haussäugetieren als die dümmsten. Allerdings sind die Raubtiere klüger als unsere heimischen Pflanzenfresser. Die Raubtiere müssen ihre Opfer überlisten, was nicht immer leicht ist. Dagegen haben es die meisten Pflanzenfresser bequemer, sie brauchen manchmal nur das Maul aufzumachen. Immerhin sind die Gründe, die man für die Dummheit der genannten Tiere anführt, in den meisten Fällen nicht stichhaltig. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß freilebende Tiere, die sich allein, ohne Belehrung und Schutz durch die Welt schlugen, erst durch die falsche Behandlung der Menschen oftmals zu den Jammergestalten herabsanken, die wir so häufig antreffen. Das Wildschaf ist nach der Ansicht erfahrener Jäger ein sehr schwer zu erlegendes Tier, während unser Schaf in ähnlicher Lage vollkommen hilflos wäre. Mit Dummheit der Kuh hat das Anstarren des neuen Tores nichts zu tun, sondern es hat einzig und allein seinen Grund in der Verschiedenheit der menschlichen und tierischen Auffassung. Für den Menschen ist der Gegenstand maßgebend, der ihm die Stelle bezeichnet, wo er hin will, während das Tier sich nach diesem Gegenstand gar nicht zu richten vermag. An einem naheliegenden Beispiel können wir uns das am besten klarmachen. Angenommen, der Besitzer der weidenden Kuhherde ließe sein Tor neu anstreichen, so würde sich der Hütejunge um den neuen Anstrich kaum kümmern. Auch wird es dem Jungen ganz gleichgültig sein, ob das Schild des Gasthofes neu angestrichen ist. Wir wollen nun annehmen, daß die Kühe einem Gastwirt im Dorf gehören. Daran wäre nichts geändert, wenn der Hütejunge eben aus der Fremde gekommen wäre und seinen Dienst zum ersten Male verrichtete. Die Kühe dagegen stutzen am Tor wegen des ihnen fremden Farbgeruchs, vielleicht auch deshalb, weil die früheren dunklen Farben durch helle ersetzt worden sind. Der im Orte ganz fremde Hütejunge sagt sich: Dort ist das Schild meines neuen Herrn: »Gastwirtschaft Friedrich Schultze«. Also bin ich an der richtigen Stelle. So handeln wir alle und denken, die Tiere machen es ebenso. Das Tier richtet sich aber nur, wenn es vorzügliche Augen hat, also ein Augentier ist, nach seinen Augen und auch selbst danach nicht immer. Die Nasentiere richten sich aber nur selten nach dem, was ihnen das Auge zeigt. Die mit schwachen Augen, aber einer feinen Nase ausgerüsteten Rinder haben wie alle Säugetiere einen vorzüglichen Ortssinn. Dieser Ortssinn ist für sie entscheidend. Kehrt eine Kuh zurück, so läßt ihr sicherer Schritt erkennen, daß sie ihrer Meinung nach auf dem richtigen Wege ist; denn ihr Ortssinn läßt sie nicht irren. Aber sie stutzt vor dem neuen Tor ; ihr Verhalten ließe sich in menschlicher Sprache etwa so ausdrücken: »Als ich früher hier entlang ging, gab es so etwas von heller Farbe und scharfem Geruch nicht. Das setzt mich in Erstaunen.« Wiederholt habe ich erzählt, daß wir früher einen völlig erblindeten Hund hatten, der zwei Jahre lang die Stellung der einzelnen Möbel in unserer Wohnung so genau kannte, daß er sich niemals daran stieß, wenn er sie in der alten Lage fand. Er wußte auch auf der Treppe Bescheid, in unserm Garten und auf der Straße. Welche Riesenleistung ist das für ein blindes Tier! Welcher Mensch könnte die Stellung der Möbel auch nur einer einzigen Stube so sicher im Kopfe haben, daß er sich im Dunkeln niemals daran stieße! Als wir später die Wohnung wechselten und in den ersten Stock zogen, mußte sich der Hund die neue Stellung der Möbel erst wieder allmählich einprägen. Aber das gelang ihm vermöge seines Ortssinnes in überraschend kurzer Zeit. Dieser Ortssinn besteht nicht nur darin, daß sich das Tier ohne Kompaß und Licht mit Leichtigkeit zurechtfindet, sondern er macht sich auch dadurch bemerkbar, daß die Örtlichkeit für ein Tier eine ganz andere Bedeutung hat als für den Menschen. Als gutes Beispiel hierfür kann das bei Taubenbesitzern übliche Mittel gegen Katzen gelten: Als früheres Raubtier möchte die Miez gern einmal Taubenbraten fressen. Der Besitzer des Taubenschlages zieht aber seine Tauben nicht groß, um den Katzen besonders schmackhafte Beute zu liefern. Schießt er eine Katze tot, so gibt es große Unannehmlichkeiten mit dem Eigentümer von Hinz oder Mieze, der natürlich darauf schwört, daß sein Tier unschuldig wie ein Lämmchen sei. Um nun die Katze zu verjagen, ohne sie zu töten, brennt man ihr mit einer Armbrust einen Bolzen aufs Fell. Die Erfahrung lehrt, daß alle Tiere die Stellen, an denen es ihnen einmal schlecht ergangen ist, nach Möglichkeit meiden. Umgekehrt suchen sie mit Vorliebe Stellen auf, wo sie etwas Gutes gefunden haben. Das ist bei Hunden ganz besonders auffällig. Unser Begriff von »guten oder schlechten Erlebnissen« weicht also von dem des Tieres durchaus ab. Erhalten wir eins aufgebrannt, so sind wir wütend auf den Schützen, nicht aber auf den Ort . Auf dieser Verschiedenheit beruht es, daß bei der Dressur stets mit einer Peitsche oder Gerte, niemals mit der Hand gezüchtigt wird. Der Hund z. B. wird meist handscheu, d. h. er flieht seinen Herrn, während er ihm die Züchtigung mit einem Gegenstande niemals nachträgt. Die Örtlichkeit hat demnach für die Tiere eine viel größere Bedeutung als für uns. Die Kuh läßt sich von ihrer Ansicht nicht abbringen, daß sie den richtigen Weg eingeschlagen hat. Aber die auffallende Veränderung der Örtlichkeit will ihr, wie wir gesehen haben, zunächst nicht in den Sinn. Das Schwein. – Die »geistigen Fähigkeiten« des Schweins. – Das Schwein in Irland. Bei uns in Deutschland hört man im allgemeinen recht absprechende Urteile über das Schwein. Selbst Alfred Brehm nennt es gefräßig, widerspenstig, ungeschickt und ohne wirkliche Anhänglichkeit an den Menschen. Doch gibt er zu, daß er Ausnahmen beobachten konnte. »Hausschweine,« schreibt er, »die von Jugend auf mehr in der Gemeinschaft des Menschen als für sich allein gelebt haben, wie dies auf dem Lande vorkommt, üben ihre geistigen Kräfte und sind dann weit verständiger als andere Artgenossen!« Ein Förster erzählte mir, daß er eine Zeitlang ein kleines, sogenanntes chinesisches Schweinchen besessen habe, das ihm wie ein Hündchen nachlief, sich im Zimmer ganz gut benahm, gewissen Befehlen gehorchte und sogar mancherlei Kunststücke ausführte. Es war erzogen worden, im Walde Morcheln zu suchen, und stand diesem Geschäfte mit großem Eifer vor. Von Schweinen, die sich als ungewöhnlich klug gezeigt haben, seien hier einige Beispiele angeführt: »Als der französische König Ludwig XI. krank war, wurden von seinen Hofleuten alle nur erdenklichen Mittel ersonnen, die trüben Gedanken, die den König beherrschten, zu zerstreuen. Die meisten Versuche blieben fruchtlos, einer aber brachte den trübsinnigen König doch zum Lachen. Ein erfindungsreicher Kopf verfiel darauf, Ferkel nach den Tönen eines Dudelsackes zum Tanzen und Springen abzurichten. Er kleidete die Tiere ein und ließ sie herumstolzieren in schön geputzten Leibrocken, Beinkleidern mit Hut, Schärpe und Degen, kurz mit allem Drum und Dran, das die Stellung eines vornehmen Mannes erfordert. Sie waren sehr gut abgerichtet, sprangen und tanzten auf Befehl, verbeugten sich artig und betrugen sich musterhaft. Nur eins war ihnen unmöglich; der aufrechte Gang. Sowie sie sich auf zwei Pfoten aufgerichtet hatten, fielen sie sofort unter Grunzen wieder nieder, und die ganze Gesellschaft schrie dann ihr »Honn, honn, honn« auf eine so närrische Weise, daß der König des Lachens nicht müde wurde.« Andere abgerichtete Schweine waren auf der Messe von St. Germain und auf dem Theater Astley zu Paris zu sehen. In London wurde sogar ein gelehrtes Schwein ausgestellt. Man zeigte es in einem Saale, in dem sich viele Menschen versammelten. Zwei Alphabete großer Buchstaben auf Karten lagen am Boden. Ein Teilnehmer der Gesellschaft wurde gebeten, ein Wort zu sagen. Der Besitzer des Schweines wiederholte es seinem Zögling, und dieser hob sofort die zu dem Worte nötigen Buchstaben mit den Zähnen auf und legte sie in die richtige Ordnung. So vermochte das gelehrige Tier auch die Zeit anzugeben, wenn ihn, von seinem Herrn eine Uhr vorgehalten wurde. Ausgewachsenes weibliches Schwein (Sau). Von einem Schwein, das ein Engländer zur Jagd abgerichtet hatte, wird berichtet: Slud, so hieß das Tier, war ein warmer Freund der Jagd und gesellte sich augenblicklich zu jedem Jäger. Es eignete sich für alle Arten der Jagd, mit Ausnahme der Hasenjagd, für die es nicht zu gewinnen war. Obgleich es sich mit den Hunden gut vertrug, waren diese doch so ärgerlich über den seltsamen Jagdgenossen, daß sie ihre Dienste verweigerten, wenn das Schwein irgendein Wild vor ihnen aufgespürt hatte. Schließlich konnte man die Rüden nicht mehr mitnehmen und mußte Slud allein gebrauchen. Seine Nase war so fein, daß er einen Vogel schon in einer Entfernung von 40 Schritt aufspürte. Wenn dieser sich erhob und wegflog, ging Slud gewöhnlich zu dem Platze, auf dem der Vogel gesessen hatte, und wühlte dort die Erde auf, um den Jägern diesen Ort gehörig anzuzeigen. Lief aber der Vogel weg, ohne sich zu erheben, so folgte ihm Slud langsam nach und stellte ihn, ganz nach Art eines guten Vorstehhundes. Slud leistete mehrere Jahre Dienste, mußte aber zuletzt getötet werden, weil er den Schafherden stets Schrecken einjagte, sobald er sich zeigte. Übrigens wurde mir im Jagdverein mitgeteilt, daß Baron von Langen auf Rügen einen zahmen Frischling zur Jagd mitnahm und die Beobachtung machte, daß die Nase des Schweines viel besser als die seiner Hunde war. Obwohl er über hervorragendes Hundematerial verfügte, soll er oft geäußert haben: »Ach wenn doch meine Hunde Schweinenasen hätten!« Andere Schweine konnten einen Wagen ziehen. Ein Bauer in der Nähe der Marktstadt St. Alban kam oft mit seinen vier Schweinen gefahren, jagte in einem sonderbaren Galopp ein- oder zweimal um den Marktplatz herum, fütterte sein Gespann und kehrte einige Stunden später wieder nach Hause zurück. Ein anderer Bauer wettete, daß er auf seinem Schweine in einer Stunde von seinem Hause vier Meilen weit nach Norfolk reiten wollte, und – er gewann die Wette! Nirgendwo ist das Schwein so beliebt, wie in Irland. Dort verblödet es nicht im Koben, wie bei uns, sondern läuft frei umher. Auch der vor einigen Jahren verstorbene Gründer des Märkischen Museums Ernst Friedel hat in einer prächtigen Schilderung über seine Erlebnisse auf Irland die Berichte der früheren Reisenden bestätigt. »Wer könnte«, schreibt er, »über Irland berichten, ohne des Nationaltiers der Iren, des Schweins, zu gedenken? Es geht eine Sage bei den Irländern, daß, als sich die ersten fremden Eroberer der Insel näherten, die Zauberer der Iren das ganze Land in ein großes Schwein verwandelt hätten, um dadurch die Fremdlinge abzuschrecken.« Der Schutzheilige von Irland, St. Patrick, selbst war 7 Jahre Sauhirt. »Wie der Araber sein Pferd, der Grönländer seinen Hund hat, so hat der Irländer sein Schwein«, bemerkt derselbe Gewährsmann. Das Schwein ist das Tier des armen Mannes, es ist bei den Iren, Polen, Walachen, Chinesen das auserkorene Haustier. Dem armen Paddy bezahlt es die Rente, schützt ihn vor der Austreibung von Haus und Hof und vor dem Hungertode. Es wird deshalb wie das eigene Kind gehalten und gilt recht eigentlich als Familiengenosse. Allen Reisenden, auch denen, die für Tierleben und Tierpflege nicht das geringste Interesse haben, ist die merkwürdige »gesellschaftliche Stellung« des Schweines in Erin aufgefallen. Zahllos sind die Beobachtungen und Anekdoten, die dies bestätigen. Schon zur Zeit der Kleinkönige wurde ein Hauptteil des Tributes in »hogs« , also »in Schweinen«, bezahlt. Weiter heißt es: »Kinder auf Schweinen reiten, oder sie gar küssen zu sehen, wie sie es bei uns mit Hunden tun, ist auf der Smaragdinsel ein so alltägliches Schauspiel, daß man sich bald daran gewöhnt.« Kein Wunder, daß die Schweine sehr zutraulich werden; ich fand sie sogar so unverschämt, daß ich sie mit meinen: Stock abwehren mußte. Das nahmen sie wieder übel, grunzten zornig und schnappten nach dem Stock. Der Irländer würde also unser absprechendes Urteil über die Schweine gar nicht verstehen können. Er würde mit Recht einwenden, das Hausschwein sei bei uns durch die unzweckmäßige Behandlung seitens der Menschen erst das geworden, was es ist. Schafe und Ziegen. – Die Ziege als anerkannte Führerin der Schafe. Für unser Hausschaf kann sich selbst der begeistertste Tierfreund schwer erwärmen. Trotzdem fordert es die Gerechtigkeit, daß man es gegen unbegründete Anklagen verteidigt. Das Wildschaf lebt im Gebirge, und dort bewohnt es den bewaldeten Teil, im Gegensatz zur Wildziege, die in den waldleeren Gebirgshöhen haust. Bei Gefahr flüchten die Wildschafe zu den Höhen, wo sie sich im Walde verbergen. Unseren Hausschafen fehlt also in der eintönigen freien Ebene die Flucht ins Gebirge und der Schutz des Waldes. Deshalb sehen die Tiere auch meist so jämmerlich einfältig und ängstlich drein. Als Beweis ihrer Dummheit ist es stets angesehen worden, daß die Schafe ihrem Leithammel blindlings folgen. Stürzt er vor Schrecken aus dem Schiff, in dem er sich mit der Herde befindet, über Bord, so finden gleich ihm alle übrigen den Tod in den Wellen. Ostfriesische Milchschafe im Kreise ihrer Pfleger. In Wirklichkeit beweist diese Eigentümlichkeit sehr wenig, worauf bereits früher hingewiesen wurde. Das Schaf tut nur das, was seine Vorfahren seit Urzeiten getan haben. Wildschafe folgen dem leitenden Widder. Er hat die freieste Aussicht, und die Stellen, die ihn tragen, halten sicherlich auch das Gewicht der andern Mitglieder des Rudels aus. Aus diesen Gründen richtet sich das Wildschaf nach seinem Vordermann. Genau so handeln Affen- und Elefantenherden. Der Affe weiß, daß der Ast, der den Leitaffen getragen hat, nicht brechen wird, wenn er darauf springt. Wollten Wildschafe, Affen und Elefanten anders handeln, beispielsweise bei einer rasenden Flucht eigene Wege gehen, so würden sie bald verunglücken oder Opfer der Verfolger werden. Deshalb auch tritt der kluge Mensch in schwierigem Gebirgsgelände in die Fußstapfen seines Führers. Wie wir gesehen haben, besteht die Dummheit des Schafes lediglich darin, daß es seine Anpassung, die im Gebirge sehr zweckmäßig ist, auch auf die flache Landschaft überträgt, wo sie ganz unangebracht erscheint. Weiter wird als Beweis der Dummheit dieser Tiere angeführt, daß mit großer Mühe aus einem brennenden Stall gerettete Schafe sinnlos wieder in die Gefahr hineinlaufen. Die Pferde, die von vielen Menschen für sehr klug gehalten werden, zeigen bei Feuersgefahr dasselbe Benehmen, das wir, weil es uns unverständlich ist, als Dummheit bezeichnen. In der Tat rotten sich Wildschafe und Wildpferde bei drohenden Gefahren zusammen, und so mag es sich erklären, daß auch die Hausschafe und Hauspferde bei Feuersbrünsten beieinander bleiben wollen. Die Ziege ist viel selbständiger als das Schaf, weil die Wildziegen in den öden Gebirgsgegenden von Jugend auf an Gefahren aller Art gewöhnt sind. Vielfach herrscht die Ansicht, daß die Ziege nach unsern Begriffen überaus lecker ist, weil sie bald dieses, bald jenes sich aus dem Futter heraussucht und eine Menge guten Futters zur Erde wirft, wo es dann zertreten wird. Diese Art des Fressens ist durchaus verständlich, weil sie der Lebensweise der Wildziegen entspricht. Auf ödem Gestein gibt es nur wenig Pflanzenwuchs. Zum Sattwerden an einer einzigen Pflanzenart reicht es nicht. Deshalb muß die Ziege von dem wenigen, was das Gebirge hervorbringt, fressen, ganz gleich, wo und was es ist. Damit erklärt sich auch die merkwürdige Erscheinung, daß die Ziege gewissermaßen giftfest ist. Sie frißt beispielsweise den giftigen Schierling körbeweise ohne den geringsten Schaden. Daneben frißt sie viele Dinge, die jedes andere Tier verschmäht, so den scharfen Mauerpfeffer, ja sogar Tabakblätter, Zigarren und Schnupftabak und altes Papier. Rostfarbige Harzer Ziege. Wenn eine Ziege also den Pfahl beknabbert, an dem sie angebunden ist, und das Gras links liegenläßt, so ist das keine Niederträchtigkeit, sondern das bestätigt nur die ihr eigentümliche naturgemäße Art des Fressens. Üppige Weiden behagen ihr nicht, wohl aber Sträucher und Baumzweige. Deshalb wird sie zum Fluch der Mittelmeerländer, weil sie infolge des Beknabberns die jungen Pflanzungen in diesen Gegenden nicht aufkommen läßt. Wer einer frei weidenden Ziege zusieht, wird sich davon überzeugen können, daß sie die Blätter der Pflanzen ausnahmslos den Gräsern vorzieht. Das ist nach ihrer Herkunft auch nicht verwunderlich. Hausziegen können bequem von den Erzeugnissen eines Gartens und von allerlei Abfällen ernährt werden. Sie brauchen keine Wiesen wie Kühe. Da der arme Mann auf dem Lande neben seinem Häuschen einen Garten hat, so kann er sich seine Ziege halten. Dadurch ist es ihm möglich, sich an frischer Milch zu laben. So erklärt sich die sprichwörtliche Redensart: »Die Ziege ist die Kuh des armen Mannes«. Recht deutlich tritt die Führerschaft der Ziegen in einem Erlebnis zutage, das Brehm in Spanien begegnet ist. »Die edleren Schafrassen«, schreibt er, werden dort während des ganzen Sommers auf den Hochgebirgen, im Süden oft in Höhen zwischen 2000 und 3000 Meter über dem Meere geweidet. Hier können die Hirten ohne Ziegen gar nicht bestehen; allein sie betrachten die ihnen so nützlichen Tiere doch nur als notwendiges Übel. »Glauben Sie mir, Sennor,« sagte mir ein gesprächiger Andalusier auf der Sierra Nevada, »über meine beiden Leitziegen könnte ich mich tot ärgern! Sie tun sicherlich niemals das, was ich will, sondern regelmäßig gerade das Gegenteil, und ich muß sie gewähren lassen! Sie dürfen überzeugt sein, daß ich heute nicht hier weiden wollte, wo Sie mich gefunden haben; aber meine Ziegen wollten hier weiden, und ich mußte folgen. Nicht einmal mein Hund kann mit ihnen fertig werden. Würde ich sie hetzen, führten sie die ganze Herde ins Verderben. Da, sehen Sie selbst!« Bei diesen Worten zeigte der gute Mann auf die beiden bösen Lockbuben der frommen, dummen Schafe, die soeben eine der gefährlichsten Felsenklippen erstiegen hatten und der Herde freundlich zumeckerten, zu diesem Punkte, der sicherlich eine schöne Aussicht versprach, emporzusteigen. Der Hund wurde abgesandt, um die störrischen Tiere herabzuholen, doch das war keine leichte Aufgabe. Zuerst zogen sich die beiden Böcke auf die höchste Spitze des Grates zurück, und der Hund, der ihnen folgen sollte, bemühte sich vergeblich, ihnen nachzuklettern. Der treue Diener des entrüsteten Hirten rutschte beständig von den glatten Felsen herab; sein Eifer wurde dadurch aber nur angespornt, unermüdlich kletterte er weiter empor. Niesend begrüßten ihn die Ziegen, bellend antwortete der Hund, dessen Zorn sich mehr und mehr steigerte. Endlich glaubte er die Frevler erreicht zu haben; aber nein – sie setzten mit einem ebenso zierlichen wie geschickten Sprunge über ihn weg und standen zwei Minuten später auf einem anderen Felszacken; das alte Spiel begann von neuem. Die Schafherde hatte sich mittlerweile so vollständig in den Felsen verwirrt und lief mit solcher Todesverachtung auf schmalen Stegen dahin, daß dem Hirten und mir schon vom Zusehen bange wurde. Ängstlich rief jener den Hund zurück; befriedigt nahmen die Ziegen dies wahr. Augenblicklich stellten sie sich wieder als Leiter der Herde auf und führten sie nach Verlauf einer reichlichen halben Stunde, ohne eins der teuren Häupter zu gefährden, aus dem Felsenwirrsal glücklich heraus.« Hausziege. Schafschur. Kaninchen und Meerschweinchen. – Warum halten wir Frettchen? Wie Wildschaf und Hausschaf sich ganz verschieden benehmen, so auch das Wildkaninchen und das zahme Kaninchen. Wie jeder Jäger bestätigen wird, ist es durchaus nicht einfach, ein Wildkaninchen zu erlegen. Und wenn es wirklich getroffen ist, so strebt es doch in vielen Fällen, den Bau zu erreichen, und ist für den Schützen verloren. Unser zahmes Kaninchen ist dagegen wie das Meerschweinchen ein harmloses Geschöpf; beide machen von ihren Zähnen fast niemals Gebrauch. Deshalb sind sie auch als »Kinderspielzeug« vorzüglich geeignet. Sie lassen sich alles wie die Lämmchen gefallen! Holländisches Kaninchen. Wie das Wildkaninchen, so vergräbt auch häufig das zahme Kaninchen seine Jungen. Ordentlich komisch sieht es dann aus, wie es mit der gleichgültigsten Miene von der Welt allein in der Nähe umherrennt, als ob es von gar nichts wüßte. So ganz fern von einer bestimmten Verstellung ist also selbst ein Kaninchen nicht. Übrigens muß das Männchen, der Rammler, von den Jungen ferngehalten werden, da er wie der Kater seine eigene Nachkommenschaft häufig auffrißt. In der Freiheit tut er das jedoch anscheinend niemals. Manche Rammler werden auch gegen andere Tiere hin und wieder geradezu angriffslustig. Ein Naturforscher führt dafür folgende Beispiele an: Deutsche Riesenschecken. Einer seiner Verwandten hielt einen alten Kaninchenrammler bei seinen Lämmern. Als die Fütterung mit Esparsetteheu begann, behagte das dem alten Herrn so gut, daß er alles für sich allein mit Beschlag belegen wollte. Er setzte sich also neben das Heu, grunzte und biß nach den Lämmern, um diese zu verscheuchen. Als das nicht gelang, sprang er einem Lamm auf den Hals und biß es gehörig. Nun wurde er beim Wickel gepackt und fortgebracht. Ein anderer Rammler führte einen ähnlichen Kampf mit Ziegen. War das Futter nach seinem Geschmack, so suchte er die jungen Ziegen dadurch zu vertreiben, daß er ihnen die Beine blutig biß. Alten Ziegen sprang er in das Genick und biß sie in die Ohren. Auch dieser Bösewicht mußte sofort abgeschafft werden. Diese Erzählungen sind durchaus glaubhaft. Ich habe selbst ähnliche Fälle beobachtet. So kratzte ein Rammler, der schlecht gelaunt war, trotz liebevoller Behandlung seinen Besitzer, als er ihm Futter vorsetzte. Belgische Häsin mit Jungen. Sieht man von solchen Ausnahmen ab, die immer Ausnahmen bleiben, so scheint es lächerlich, bei einem Streite zwischen Kaninchen und Bulldogge zur Rechtfertigung des Hundes anzuführen, daß das Kaninchen den Zank angefangen und der Hund das Kaninchen im Verlaufe des Kampfes totgebissen habe. Ein Kaninchen wird sich hüten, mit einer Bulldogge anzubinden. Ohne Zweifel steht das zahme Kaninchen geistig höher als das Meerschweinchen . Beide Nager vertragen sich gut; trotzdem kommt es zuweilen vor, daß die Kaninchen die jungen Meerschweinchen totbeißen. In der Vermehrung besteht ein auffallender Unterschied. Der Nachwuchs des Kaninchens ist sprichwörtlich groß; während das Meerschweinchen nach 63 Tagen nur 2 Junge wirft. Früher dichtete man ihm eine sehr große Nachkommenschaft an. Die neueste Ausgabe von »Brehms Tierleben« vertritt den Standpunkt, daß manche Meerschweinchen ihren Herrn erkennen, also nicht so stumpfsinnig sind, wie allgemein angenommen wird. Englische Schecken. Zu den Haustieren gehört auch das Frettchen , das ein Albino vom Iltis ist. Albinos sind, wie schon der Name sagt, Tiere mit weißem Fell, die meist schwächlich sind und rötliche Augen haben. Die weiße Färbung ist auf Farbstoffmangel – Pigmentmangel – zurückzuführen. Auch unter den Menschen werden Albinos angetroffen. Schon im Altertum wurde das Frettchen benutzt, um der Vermehrung der Kaninchen Einhalt zu tun. Die Jagd auf das Kaninchen ist nicht leicht. Seine natürlichen Feinde – Adler, Uhu, Luchs und Wolf – sind zum größten Teil ausgerottet. So bleiben nur noch Habicht, Bussard, Fuchs, Marder und Iltis, die heute viel seltener als früher sind. Deshalb muß der Mensch die Stelle der Raubtiere einnehmen und unter den Kaninchen aufräumen. Vor dem Weltkriege habe ich in Jagdrevieren gewohnt, wo ich abends wahre Kaninchenschwärme sah. Man würde ja den niedlichen Tieren nicht nachstellen; aber sie lassen keine Baumsaat aufkommen, und die Landwirte klagen mit Recht über die Verwüstungen ihrer Äcker und verlangen vom Jäger ausdrücklich, daß er ihnen nachstellt, wo er sie findet. Meerschweinchen. Um dem Wildkaninchen beizukommen, das in seinen Bau geflüchtet ist, schickt man das Frettchen hinein. Aus Angst vor dem Raubtier schießt das Kaninchen aus einer Röhre heraus und kann hier in aufgestellten Netzen gefangen oder vom Jäger erlegt werden. Man muß sich aber die Sache nicht so einfach vorstellen. Sind Junge im Bau, so frißt das Frettchen sie auf und legt sich zum Schlafen nieder. Der Besitzer muß draußen unter Umständen sehr, sehr lange warten. Deshalb eignen sich nur die Wintermonate zum Frettieren. Aber auch dann ist oft mit langer Wartezeit zu rechnen. Das Frettchen, ein Verwandter des Iltis. Nach einer Originalzeichnung von Paul Neumann . Da wir Menschen verlangen, daß die Haustiere sich nach unsern Wünschen richten, so erregt das Frettchen schlechterdings nicht große Begeisterung. Diese Ansicht ist wohl herrschend. Eine ganz andere Frage aber ist, ob sie berechtigt ist. Nutzgeflügel. Kanarienvogel. Papagei. Von Hühnern, Truthühnern und Pfauen. Der stolze Hahn, der auf dem Misthaufen kräht, und die Glucke, die ihre Küchlein unter den Flügeln hält, – das sind Bilder, die uns in jedem landwirtschaftlichen Hofe vor Augen treten. Die Angriffslust mancher Hähne ist so groß, daß sie Kindern gefährlich wird, und wenn die Henne Küchlein hat, ist selbst dieses sonst so friedfertige Tier wie umgewandelt. Ein Hund, auch ein Knabe wird ohne weiteres angegriffen, wenn er ihren Kleinen zu nahe kommt. Schwarze Minorka-Hühner. Nach dem Leben gezeichnet von W. Schröder . Diese Angriffslust der Glucke gegen Raubtiere und Menschen ist im höchsten Grade merkwürdig, weil hier keine Spur von Vererbung vorliegt. Man sollte meinen, daß es sich um ein von den Stammeltern erprobtes Verfahren handle, wie ja auch das weibliche Reh sein Junges gegen den Fuchs verteidigt. Aber die Mütter der Wildhühner, Wildenten und anderer Friedvögel haben sonst ganz andere Rettungsarten, und das Bankivahuhn macht davon keine Ausnahme. Bei Annäherung eines überlegenen Feindes stoßen die besorgten Mütter einen Warnruf aus, worauf die Jungen verschwinden und regungslos auf dem Erdboden liegenbleiben. Sodann geht sie dem Feinde entgegen und stellt sich lahm. Der Gegner will sich den guten Braten nicht entgehen lassen und verfolgt die anscheinend Gelähmte. Diese führt ihn weit fort und ist plötzlich wieder völlig gesund; eilig fliegt sie nun zu ihren Kleinen zurück. Langschan- und Orpington-Hühner. Aus England eingeführte, auch bei uns beliebte Nutzrassen. Nach dem Leben gezeichnet von W. Schröder . Geflügelhof. Nach einem Gemälde von R. Weihe . Jetzt wird uns klar, daß die Hühner, wie alle friedlichen Geschöpfe, ihre Augen zu beiden Seiten haben müssen, um vor der Schnauze eines Raubtieres rennen zu können, ohne gehascht zu werden. Bei der Stellung unserer Augen ist uns diese Fähigkeit versagt; wir können nicht nach hinten sehen. Weiße Brahma-Hühner. Diese ursprüngliche Rettungsart ist für das Haushuhn zwecklos. Die Jungen können sich auf der platten Erde nicht verstecken, sie haben auch nicht die Schutzfärbung der wilden Küchlein. Die Henne selbst kann aber den Feind nicht in weite Ferne weglocken, da sie nicht zurückfliegen kann. Auch kann sie ihre Kleinen nicht längere Zeit den mannigfachen Gefahren aussetzen, die ihnen bei ihrem Alleinsein drohen. Mechelner Kuckuckssperberhuhn. Nach dem Leben gezeichnet von W. Schröder . Das als dumm verschriene Haushuhn benimmt sich bei der Rettung seiner Kleinen doch äußerst geschickt. Die Küchlein würden ohne die Wärme der Mutter bald zugrunde gehen. Die Mutter muß sie also, um sie großzuziehen, in der Nacht und an kalten Tagen unter ihre Flügel nehmen. In Fachblättern wurde wiederholt erzählt, daß erstarrte Küchlein als wertlos fortgeworfen werden sollten. Wurden sie aber einige Minuten in die Nähe des warmen Herdes gebracht, so waren sie alsobald wieder lebendig. Ohne Wärme können sie nicht gedeihen. Der Hahn lebt wie ein Pascha in Vielehe. Das will uns Christenmenschen nicht gefallen. Dagegen finden wir es sehr nett, daß er, wenn er einen guten Bissen findet, nicht dem Grundsatz der meisten Menschen huldigt: »Selber essen macht fett!« Er stößt vielmehr einen Lockruf aus, worauf die Hennen herbeigestürzt kommen. Wer zuerst kommt, mahlt, d. h. frißt zuerst, das gilt auch hier. Die Hühner fallen uns außerdem dadurch auf, daß sie so zeitig ihren Stall aufsuchen. Von einem sehr soliden Menschen sagt man daher, daß er »mit den Hühnern schlafen gehe«. Über das Seelenleben der Truthühner, Fasanen und Pfauen läßt sich wenig sagen. Erwähnt wurde bereits die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe. Die Truthenne ist eine rührend aufopfernde Mutter; ja sie brütet sogar fremde, ihr untergelegte Eier anderer Hühnerarten aus und nimmt sich der Küchlein liebevoll an. Die Eitelkeit und Aufgeblasenheit des Pfauen ist sprichwörtlich. So ganz aus der Luft gegriffen ist diese Anschauung nicht. Beweiskräftig ist ein Zusammentreffen zwischen einem Pfau und Präriehunden im Zoologischen Garten zu Cincinnati. Die Präriehunde sind Nager und haben als Nasentiere keinen Sinn für die Schönheiten des Pfauenrades. Nun war nach dem Tierbeobachter A. Zipperlen einer der prächtigen, frei im Garten herumstolzierenden Pfauen in das Geheg der Präriehunde gekommen, um dort seinen Besuch abzustatten oder gar eine Besichtigung vorzunehmen. Da aber die kleine Gesellschaft sein Erscheinen kaum würdigte, so glaubte der Pfau, er müsse den unscheinbaren Gesellen Achtung und Ehrfurcht einflößen. Er schlug sein wunderbares Rad. In diesem Augenblick war wie durch Zauber die ganze Gesellschaft verschwunden. Die langen Schwanzfedern falteten sich langsam zur prächtigen Schleppe, sobald der Pfau bemerkte, daß keiner der Plebejer mehr sichtbar war. Die nächste Minute brachte sämtliche Präriehunde wieder zur Stelle. Wieder erhob sich das Rad, und wieder verschwanden die Gesellen. Aber sie hatten die Ungefährlichkeit des Radschlagens erkannt und begnügten sich dann damit, sich im Gange umzudrehen, auf die Hinterbeine zu setzen und dem so angenehmen Geschäft des Fressens obzuliegen. Jetzt aber glaubte der Pfau, daß es die höchste Zeit sei, sich die schuldige Hochachtung zu verschaffen. Er schritt mit kurzen, standesgemäßen Schritten und graziös gekrümmtem Hals, den mit der Federkrone geschmückten Kopf hochmütig gereckt gegen die Gesellen vorwärts, wobei er rechts und links kokettierte und mit den Unterschwanzfedern einen eigentümlichen rasselnden Ton hervorbrachte. Aber kein Präriehund rührte sich von der Stelle, höchstens, daß einer oder der andere plötzlich auf den Hinterpfoten emporschnellte und seinen Huhschrei ertönen ließ, sich aber sogleich wieder hinsetzte und weiterfraß. Als verschiedene ähnliche Versuche fehlgeschlagen waren, seiner würdelosen Umgebung Ehrfurcht einzuflößen, wandte sich die chinesische Vogelmajestät mit all ihrer Farbenpracht gegen einen einzelnen des »gemeinen Volks«. Dieser war im östlichen Teile des Tierparks untergebracht. Wenigstens vor ihm wollte sich der Pfau Anerkennung verschaffen. Langsam, mit abgemessenem Schritt näherte sich der Beherrscher des Reiches der Mitte und schlug rechts und links sein prächtiges Rad. Als aber auch jetzt die entfaltete Pracht keine Wirkung hatte, versuchte der Pfau, den frechen Vierfüßler mit seinem ausgebreiteten Schweif hinwegzufegen. Aber mit unerschütterlicher Dickköpfigkeit saß der Plebejer fest und nagte an seiner Rübe, während die herrlichen Federn über und um ihn herumfuhren. Das war dem Pfau denn doch zu viel. Er legte seinen farbenprächtigen Schweif langsam zusammen und hüpfte auf die Umzäunung. Dort warf er einen fragenden Blick rückwärts, ob denn wohl keiner seine Schleppe bewundern wollte. Als auch das nicht geschah, entfernte er sich von dem Schauplatze des Mißerfolges. Sein Abschied wurde begleitet von dem Emporschnellen der Tiere und dem bekannten Aufschrei, der einem Hohnruf täuschend ähnlich klang. Radschlagende Puterhähne. Pfau im Schmucke seines Rades. Die Gänse als Retter Roms. Uns allen ist es aus der Geschichtsstunde bekannt, daß die Gänse die Stadt Rom vor der Einnahme durch die Gallier gerettet haben. Die Feinde hatten schon die eigentliche Stadt eingenommen, nur die Besatzung auf dem Kapitol widerstand ihnen noch. Ein heimlicher Überfall zur Nachtzeit wäre den Galliern unzweifelhaft gelungen; denn die Schildwachen hatten sich im Vertrauen auf die Festigkeit des Platzes zur Ruhe begeben. Die Legende erzählt uns, daß die der Juno geweihten Gänse durch ihr Geschrei die Feinde verrieten, während die Hunde schwiegen. Die Wachen stürzten herbei und warfen die Gallier, die eben die Höhe erklommen hatten, vom Felsen hinab. Aus Dankbarkeit wurden seitdem jährlich an demselben Tage mit Gold und Purpur geschmückte Gänse auf Sänften in Rom zur Schau getragen, während die Hunde, die den Feind nicht gemeldet hatten, ans Kreuz geschlagen wurden. Der Großstädter, der die Gans »dumm« nennt, wird diesen Bericht als »Jägerlatein« auffassen. Das wäre durchaus unrichtig. In früheren Jahrtausenden lebten die Haustiere viel naturgemäßer als heute und waren noch nicht so verdummt. Die Stammeltern unserer Hausgänse, die Wildgänse, sind äußerst kluge und wachsame Tiere. Darüber herrscht in Jägerkreisen nur eine Stimme. Ganz derselben Ansicht ist ein erfahrener Jäger, der uns in einer Jägerzeitung von der Gefangenschaft der Wildgänse erzählt: Die Gänse als Retter des römischen Kapitols. Nach einem Gemälde von H. Motte . »Vor Jahren wurde auf einem Revier der Neumark einer Wildgans (Graugans) das Gelege fortgenommen und durch Glucken erbrütet. Von den ausgefallenen Kücken sind heute noch zwei auf dem Gutshof des tier- und wildfreundlichen Besitzers, und zwar ein Pärchen, ein Ganter und eine Gans. Beide flogen, als sie erwachsen waren, oft weg, kehrten aber stets wieder heim.« Von diesem Ganter weiß unser Gewährsmann weiter zu berichten: »Die Hunde haben es schon längst gelernt, ebenso schnell wie unauffällig aus seinem Bereich zu verschwinden, und auch die Katzen sind, falls er schlechter Laune ist, vor seinen Angriffen nicht sicher. So stand der Ganter einst neben mir im Garten, offenbar ungehalten darüber, daß ich als Fremdling es wagte, mich in der Nähe seiner Lieblingsgans zu bewegen, die unmittelbar daneben auf dem Hofe im Pferdestall brütete. Da erstand mir ein Blitzableiter in Gestalt einer Katze. Mieze lag auf dem Rande des niedrigen Daches der Veranda, der Ganter entdeckte sie, und schon im nächsten Augenblick schwang er sich in die Höhe, um mit dem mißliebigen Eindringling abzurechnen. Im Nu hatte er die tödlich erschrockene Katze am Balge gefaßt; kläglich schreiend wehrte sie sich, aber es half ihr nichts. Mit ihrem Feind zusammen, der nicht losließ, mußte Mieze hinab in die Tiefe, und fest verfangen kamen die beiden Kämpfer durch das dichte Weinrankengewirr der Gartenlaubenwand zur Erde herabgepoltert. Hier erst ließ der Ganter die Katze los, die sich eilig aus dem Staube machte. »Diese Angriffslust legt der Ganter jedem lebenden Wesen gegenüber an den Tag, wenn er schlecht gelaunt ist und sich dem Gegner einigermaßen gewachsen fühlt. Vor Männern hat er einigen Respekt, aber er kann es doch nicht unterlassen, auch sie empfindlich in die Wade zu zwicken, wenn sie seinen Gänsen oder deren Gelegen zu nahe kommen. Aus diesen Gründen ersetzt der Ganter auch den vorzüglichsten Hofhund, denn seinen Nachtdienst tritt er schon an, sobald die ersten Schatten der Dämmerung sich zur Erde senken. Was ihm an Eindringlingen nicht stark überlegen ist, wird im wahren Sinne des Wortes überfallen; denn der Ganter naht im Schutze der Dunkelheit vollkommen lautlos und verbeißt sich ganz fest in Kleidern, Haaren oder Gliedmaßen.« Wie ist diese Wachsamkeit nun zu erklären? Emdener Gänse Unsere Wildgans ist im Gegensatz zu manchen ausländischen Gänsen infolge ihrer Schwimmfüße außerstande, auf Bäumen zu schlafen, wie es andere Vögel tun. Sie lebt deshalb in unwegsamen Brüchen und schwer zugänglichen bewachsenen Inseln. Es ist für den Menschen recht schwer, sich zur Nachtzeit solchen Schlafstätten zu nähern. Aber Wildkatzen, Füchse und Wölfe, namentlich aber Hermeline, Iltisse und Fischottern, die sämtlich nächtliche Räuber sind, können den schlafenden Gänsen sehr gefährlich werden. Deshalb scheint immer eine von den Wildgänsen Wache zu halten. Auch deutet ihre Vorliebe für Schlafplätze im Schilf darauf hin, daß sich die Annäherung des Räubers durch Betreten der überall umherliegenden trockenen Rohrstücke verraten soll. Diese Benutzung natürlicher Alarmapparate finden wir bei Pflanzenfressern nicht selten, so bei Hirschen, Rehen usw. Sie haben ihr Lager am liebsten an Örtlichkeiten, wo sich der Jäger nicht nähern kann, ohne durch das Betreten des Laubes und der überall vorhandenen Zweigstücke Geräusche hervorzurufen. Die Hausgans ist also durchaus für die Wachsamkeit zur Nachtzeit geschaffen, deshalb ist auch die von ihr erzählte Geschichte vollkommen glaubhaft. Aus dem Leben in Röhricht und Binsen dürfte sich auch der Gänsemarsch erklären lassen. Er ist unter solchen Verhältnissen sehr zweckmäßig: »Wo mein Vordermann durchgekommen ist, habe ich auch Platz zum Vorwärtsgehen. Deshalb folge ich ihm, anstatt mir einen neuen Weg zu suchen.« Zum Schluß sei noch der Anhänglichkeit einer Gans gedacht. Eine belgische Zeitung verbürgt sich für die Wahrheit der nachstehenden kleinen Geschichte: »Ein Pächter in der Nähe von Lüttich widmete einer auf seinem Hühnerhofe lebenden großen Gans besondere Aufmerksamkeit und brachte ihr täglich selbst das für sie bestimmte Futter, ein Akt, der von dem Tiere regelmäßig mit Flügelschlagen und Freudengeschnatter begrüßt wurde. Plötzlich erkrankte der Pächter und starb. Die arme Gans, die den Herrn, der sie immer gefüttert und gestreichelt hatte, schmerzlich vermißte, verschanzte sich auf einem Düngerhaufen, verschmähte jede Nahrung, und nach zwei Tagen folgte sie ihrem Herrn in den Tod.« Da auch in alten Berichten viel von der Anhänglichkeit der Gänse erzählt wird, so erscheint mir diese kleine Geschichte durchaus glaubwürdig. Zahlreiche Tierfreunde bestätigen durch ihre oft rührenden Erzählungen, daß die Anhänglichkeit und Treue ihrer Hausgenossen aus der Tierwelt die kühnsten Erwartungen übertroffen hat. Deutsche Graugans. Brieftauben im Kriege. – Wie finden die Brieftauben im Luftmeer den Weg? Am Anfang des Weltkrieges erzählten viele Offiziere, daß ihnen bei der Aufspürung der Freischärler in den Dörfern um Lüttich der lebhafte Taubenverkehr verdächtig vorgekommen sei. Und diese Vermutung bestätigte sich. Einer der Offiziere, der selbst Brieftaubenzüchter war, stellte fest, daß die erste, rasch aus dem nächsten Schlag geholte Taube auf dem linken Flügel einen Stempel trug. Diese Brieftauben waren dazu bestimmt, den in und um Lüttich sich bildenden feindlichen Banden Nachrichten über die Entwicklung der Kriegslage zu geben. Die Verständigung durch Brieftauben an den genannten Orten ist nicht auffällig, wenn wir bedenken, daß Belgien die Heimat dieser Tiere ist. Gerade die Antwerpener, Brüsseler und Lütticher Tauben gehören zu den Stammrassen. Die Geschwindigkeit der Brieftauben beträgt bei größeren Entfernungen 66–69  km in der Stunde, im Durchschnitt aber nur 50–56  km . Bei 100–150  km Entfernung kommen sie bei günstigem Wetter fast alle wieder heim. Je größer aber die Entfernung wird, desto unsicherer wird ihre Rückkehr. Hunger und Liebe regieren die ganze Welt , auch Menschen und Tiere. An einer Stelle erhalten die Tauben wohl Futter, finden aber keinen Genossen, an der andern einen Genossen, aber kein Futter. Deshalb suchen sie, sobald sie freigelassen sind, aus Sehnsucht nach dem Vorenthaltenen einen andern Schlag auf. Im Kriege werden Depeschen zu ihrer Beförderung mikro-photographiert und auf ein feines Kollodiumhäutchen übertragen, von denen mehrere in einem Federkiel Platz haben. Übrigens ist die Benutzung von Brieftauben uralt. Sie findet sich schon bei den Chinesen und Ägyptern. Auch Griechen und Römer kannten sie. Der griechische Kriegstaktiker Älian erzählt uns: Als Taurosthenes von Ägina den Sieg zu Olympia errang, gelangte die Nachricht seines Erfolges noch an demselben Tage an seinen Vater nach Ägina. Er hatte nämlich eine Taube, deren Junge noch im Neste saßen, mitgenommen und ließ sie, sowie er gesiegt hatte, mit einem angehängten Purpurläppchen fliegen. Aber die Frage, wie sich die Brieftauben nun eigentlich zurechtfinden, herrscht noch immer Unklarheit. Ich bin schon seit mehr als einem Jahrzehnt dafür eingetreten, daß diese Leistungen nur dem wunderbaren Auge des Vogels zu verdanken sind. Naheliegend wäre die Ansicht, daß sich die Brieftauben wie Pferde, Hunde und andere Säugetiere durch den Ortssinn leiten ließen. Tiere mit Ortssinn finden aber ihren Weg trotz Dunkelheit, Nebel und Unkenntnis der Gegend. Bei den Tauben liegt die Sache anders. Sie schwanken bei Nebel und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Sie haben also keinen Ortssinn ; deshalb ist es angezeigt, sie zunächst kleine und dann allmählich größere Reisen machen zu lassen. Eine solche Maßregel wäre bei Tieren mit Ortssinn völlig überflüssig. Vögel können nicht wittern, was schon daraus erkennbar ist, daß sie mit Vorliebe kreisen, also einen Überblick suchen. Ein witterndes Geschöpf hingegen würde direkt auf den wahrgenommenen Gegenstand zufliegen. Das überaus scharfe Sehvermögen der Vögel erklärt ihren Orientierungssinn restlos. Ein Zweifel darüber konnte nur aus dem Grunde entstehen, weil wir Menschen immer von uns und unserem Begriffsvermögen auf die Tiere schließen. So wissen wir, daß z. B. für Ameisen und Schlangen ein scharfes Auge sehr wenig Wert hat, weil diese zwischen Gräsern und Gebüschen sich bewegenden Geschöpfe ebensowenig Nutzen von der Sehkraft haben würden, wie wir, wenn wir in einem riesigen, dichten Urwald wanderten, der nirgends einen Ausblick gestattet. Hier ist das Riechvermögen viel wichtiger als die Sehkraft, genau wie in der Dunkelheit das Hören wertvoller ist als das Sehen. Umgekehrt spielen die Augen überall da die größte Rolle, wo Tiere einen hohen Punkt einnehmen können, also z. B. bei Affen, Luchsen, Giraffen usw., die alle ausgezeichnete Augen haben. Ganz besonders wertvoll aber ist das Sehvermögen für die Vögel. Jeder von euch ist doch schon auf einem hohen Turm gewesen und weiß, wie weit von dort Umschau zu halten ist. Da nun Vögel ausgezeichnet sehen können, so dürfen wir als ziemlich sicher annehmen, daß eine in Berlin bei klarem Wetter aufsteigende Taube nicht nur Spree und Havel, sondern auch Elbe und Oder, wahrscheinlich sogar Ost- und Nordsee überblicken kann. Große Seen, Flüsse, Gebirge, Wälder u. dgl. müssen also den Tauben in meilenweitem Umkreise ganz bekannte Dinge sein, weil sie täglich von ihnen gesehen werden. Daraus ergibt sich, daß Dunkelheit, Regen, Nebel nicht nur das Sehvermögen, sondern auch den Orientierungssinn beeinträchtigen müssen. Mit der hier aufgestellten Auffassung stimmen die Ansichten der Gelehrten und Praktiker überein. Der Vogelkenner Ruh schreibt: »Wenn das Wetter ungünstig, also Nebel, dichter Regen oder gar Schnee zu erwarten ist, zeigen die Tauben ähnliche Unsicherheit wie bei einem Fluge in ganz unbekannten Gegenden. Sie kreisen dann auch und schlagen erst nach geraumer Zeit eine bestimmte Richtung ein. Auch wird die Rückkehr so gefährdet, daß nicht selten die tüchtigsten Flieger ausbleiben.« Brieftauben. Felix Rodenbach, einer der berühmtesten belgischen Brieftaubenzüchter, hat eigene Beobachtungen hinsichtlich der Fähigkeiten der Tauben gemacht: Eine blinde, d. h. absichtlich für diesen Zweck geblendete Taube, in einer Entfernung von 12 Minuten von ihrem Schlage losgelassen, konnte den Heimweg nicht finden. Versuche bei Schnee oder dichtem Nebel zeigten ein ähnliches Ergebnis, denn die besten Tauben kamen nur langsam, zuweilen gar nicht mehr zurück. Von fünf alten, geübten Tauben, die in dunkler Nacht bei Nordwind nur einen Kilometer von ihrem Schlage entfernt losgelassen wurden, kehrte keine in derselben Nacht zurück, vier am folgenden Morgen, die fünfte überhaupt nicht mehr. Eine glänzende Bestätigung findet die hier vertretene Ansicht durch die Erfahrungen, die von Luftballons aus mit Brieftauben gemacht worden sind. So heißt es in einem darüber veröffentlichten Bericht: »Die Deutsche Ornithologische Gesellschaft hat Versuche angestellt, um die Flugart der Vögel in den oberen Luftschichten zu studieren, zu welchem Zweck im Ballon mitgenommene Vögel, vornehmlich Tauben, in Höhe zwischen 900 und 3000  m freigelassen wurden. War die Atmosphäre klar, so schossen die Vögel senkrecht in die unteren Regionen hinab, wenn aber Wolken den unteren Teil der Atmosphäre verhüllten, so flatterten die Vögel mehr oder minder lange Zeit um den Ballon und wendeten sich wie ein Pfeil nach den unteren Schichten, sobald sich eine Lichtung zeigte. Der Einfluß von Wolken auf das Orientierungsvermögen der Tauben ist übrigens durch folgenden Versuch erwiesen: Brieftauben wurden auf 50  km von ihrem Wohnort bei bewölktem Wetter aufgelassen; die erste kam nach drei Stunden zurück, die zweite eine Stunde später und die übrigen erst am Abend, obgleich sie in den ersten Tagesstunden aufgelassen worden waren. Als der Versuch bei klarem Wetter wiederholt wurde, vollführten die Tauben die Reise in durchschnittlich nur 45 Minuten." Es ist mir nicht ganz verständlich, daß selbst einige Schriftsteller in Jägerzeitungen für einen Orientierungssinn der Brieftauben eintreten. Dabei sollte gerade dem Jäger auffallen, daß Nebel für die Vögel von größtem Nachteil sind. Kraniche, Trappen und Wildgänse sind besonders scheue Vogelarten. Es ist nicht leicht, einen dieser Vögel zu erbeuten. Dagegen wird ihnen der Nebel häufig verderblich. Sie lassen sich dann zur Erde nieder, wenngleich die Gegend sehr gefahrvoll Erkennungsstempel der Brieftaube. für sie ist. Es liegt daher auf der Hand, daß dieses Außerachtlassen jeder Vorsicht nur auf die Unsicherheit zurückzuführen ist, die der Nebel den Vögeln schafft. Wir müssen uns vorstellen, daß das Tier aus allerlei äußeren Anzeichen schließt: Es tritt Nebel ein, bei dem auch die vorzüglichsten Augen nichts nützen – wir müssen deshalb auf die Erde hinab. – Wie ganz anders benehmen sich Tiere mit wirklichem Ortssinn, z. B. Bären und Wölfe. Von den Wölfen wußte schon der griechische Dichter Homer, daß sie bei Nebel mit Vorliebe auf Raub ausgehen. Auch das mit Ortssinn begabte Maultier sucht im Nebel seinen Weg, d. h. es sucht ihn nicht nur, sondern findet ihn auch. Die Brieftaube erhält die zu befördernde Nachricht. Es ist u. a. nicht unbekannt, daß Zugvögel an Leuchttürmen zu Tausenden verunglücken, da sie dem Lichte zudrängen und so lange gegen den Turm fliegen, bis sie tödlich ermattet sind. Für ein Tier mit Ortssinn wäre das ein unfaßbares Verhalten. Bei einem Vogel, der sich nach seinen Augen richtet, ist es hingegen sehr erklärlich. Der Tagvogel, der zur Nachtzeit zieht, richtet sich nach dem Lichte – d. h. er fliegt dorthin, wo es hell wird. Das war für den Zugvogel durchaus richtig, solange es keine Leuchttürme gab. Erst die von Menschen erbauten Lichtspender mußten sich als die größten Feinde der Zugvögel erweisen. Schon eine Feuersbrunst kann die Zugvögel ablenken, wie Brehms Vater aus seiner Heimat berichtet. Das Dorf Ernstroda in Thüringen brannte und lockte einen Zug Kraniche herbei. Deren Geschrei übertönte sogar das Rufen der Arbeiter, die Klagen der Abgebrannten, das Brüllen des Viehs, das Prasseln des Feuers und das Krachen der Gebäude. Dieses Ereignis ließ damals in der Seele des Knaben einen unauslöschlichen Eindruck zurück. Warum flogen nun die Kraniche nach dem brennenden Ernstroda und kreisten dort lange Zeit? Weil das Licht sie anlockte, und weil sie keinen Orientierungssinn haben. Die Anhänger des Orientierungssinns müssen zunächst den damit unvereinbaren Einfluß von Nebel und nächtlichem Licht zu erklären suchen, der bei Tieren, die wirklichen Ortssinn haben, nicht anzutreffen ist. In Frankreich hat man auch Versuche mit Briefschwalben angestellt. Sie fliegen viel schneller als Tauben, in der Minute legen sie 2  km zurück. Übrigens sind nach den Überlieferungen die Schwalben auch bereits im Altertum als Postboten benutzt worden. Brieftaube mit photographischem Apparat. Endlich wollen wir die für Kriegszeiten nicht gleichgültige Frage stellen: Gibt es gegen die Verwendung von Brieftauben ein Schutzmittel, das Aussicht auf Erfolg verspricht? Das Abschießen der Brieftauben ist bei der Höhe, in der sie fliegen, nicht so einfach. Auch das Abfangen durch abgerichtete Falken, das im Weltkriege versucht wurde, ist so gut wie ergebnislos, da ein hungriger Raubvogel das erste beste Geschöpf erbeutet, aber nicht daran denkt, dem Menschen zuliebe ausgerechnet auf Brieftauben Jagd zu machen. Eigentümlichkeiten von Tauben, Hühnern, Enten, Kanarienvögeln usw. Unsere Wildtauben, die Ringeltauben, Hohltauben und Lachtauben sitzen und brüten auf Bäumen. Da unsere Haustauben regelmäßig auf Dächern sitzen und Baumäste nur dann benützen, wenn diese sehr dick sind, so geht daraus hervor, daß sie nicht von unsern Wildtauben abstammen können. Und das ist auch der Fall. Die Stammeltern unserer Haustaube sind vielmehr die am Mittelländischen Meere lebenden Felsentauben. Der Taubenschlag mit seinen dunkeln Brutplätzen ist nur eine Nachahmung der dunkeln Felsenlöcher im Geklüft der Gebirge. Für das Gestein des Gebirges, nicht für Baumzweige sind daher die Füße unserer Haustauben geeignet. Dagegen sitzt das Wildhuhn in der Nacht auf Bäumen. Die Hühnerleiter ist nur eine Nachahmung der Baumzweige, auf denen die Wildhühner schlafen. Wildenten nisten im Röhricht oder Binsengewirr an entlegenen Stellen der Seeufer. Sie ruhen daher nicht in einem Taubenschlag oder auf einer Leiter, sondern am Boden eines Stalles. Große Vögel singen nicht, vom Schwan abgesehen, der unter gewissen Umständen klangreiche Laute ausstößt. Dagegen singen die Männchen der kleinen Kanarienvögel sehr schön, weshalb wir sie gern als Käfigvögel halten. Man darf wohl annehmen, daß die Männchen unserer Singvögel den Weibchen ihre Anwesenheit ankündigen wollen, da sie sonst ihrer kleinen Gestalt wegen leicht übersehen werden könnten. Stellt man einen Spiegel vor ein Männchen, so gerät es in Wut und will mit seinem Spiegelbild kämpfen. Daraus geht hervor, daß es sich selbst nicht kennt. Woher soll es auch wissen, wie es aussieht? Es nimmt nur ein anderes Männchen wahr, und da packt es die bei den Vögeln so verbreitete Eifersucht. Übrigens können wir bei Affen und bei manchen Katzen genau das gleiche beobachten, denn sie fassen mit der Hand oder Pranke nach der Hinterseite des Spiegels. Auch Affen und Katzen erkennen sich also nicht, sondern glauben, einen Kameraden vor sich zu sehen. Da Naturvölker, die keine Spiegel kennen, sich ganz in derselben Weise gebärden, so ist dieses Benehmen der Tiere durchaus nicht überraschend und unverständlich. Rouen-Erpel (Enterich). Von den Papageien sind nur die Wellensittiche wirkliche Haustiere. Nur sie vermehren sich regelmäßig. In ihrer Heimat Australien leben sie von Grassamen und verstecken sich gern im Grase. Selbst bei uns flüchten sie meist auf den Boden, sobald ein Fremder kommt. Dabei sind sie mit ihrem grünen Gefieder auf dem gelben Sande erst recht deutlich zu sehen. Es ist in den weitesten Volkskreisen bekannt, daß Kanarienvögel und Papageien sehr kluge Tiere sind, die sich leicht zähmen lassen. Eine Zeitlang war es üblich, daß Damen ihren gelben Liebling auf dem Finger trugen und sich auch mit ihm abbilden ließen. Kanarienvögel sind mit Erfolg abgerichtet worden, sie ziehen kleine Kanonen und feuern sie sogar ab. Auf den Wink ihres Herrn setzen sie aus den vor ihnen liegenden Buchstaben und Zahlzeichen Wörter und Zahlen zusammen. Auch können sie aus einem Kartenspiele die Könige oder Damen heraussuchen. Hin und wieder gab es wohl auch Kanarienvögel, die einzelne Wörter sprechen konnten. Doch kommen solche besonders gelehrige, für die Dressur begabte Kanarienvögel verhältnismäßig selten vor. Viel häufiger sind sprechende Papageien. Wenn auch der Vogel nicht versteht, was z. B. »Guten Morgen« bedeutet, so wird er diesen Gruß am Abend nicht gebrauchen; er hat also durch Gewöhnung und Gedächtnis so viel behalten, daß er diesen Gruß, den er zwar der Bedeutung nach nicht kennt, der richtigen Tageszeit anpaßt. Wie belustigend gut dressierte Papageien wirken, die ganze Sätze zusammenhängend nachsprechen lernen, ist ja allgemein bekannt. Papageien als Entdecker feindlicher Flieger. Das außerordentliche Sehvermögen der Vögel ist, wie wir wissen, dem Menschen schon in frühen Zeiten aufgefallen. Noch heute sind es besonders zwei Vögel, die dem Jäger durch ihre scharfen Augen so manchen Streich spielen: der Eichelhäher und der Kiebitz. Hat man sich endlich mit List und Mühe an ein Stück Wild herangeschlichen, so erhebt plötzlich Freund Margolf, wie der Eichelhäher genannt wird, einen wahren Höllenlärm, durch den das Wild unruhig wird und davoneilt. Ähnliche Streiche spielt der Kiebitz dem Grünrock, weshalb er Zuschauer beim Kartenspiel, die ihm durch ihre Bemerkungen das schönste Spiel verderben, als »Kiebitze« zu bezeichnen pflegt. Wellensittich. Es ist naheliegend, daß der Mensch, der sich stets bemühte, die Fähigkeiten der Tiere in seinen Dienst zu stellen, darüber nachsann, welche Vorteile er aus dem hervorragend ausgebildeten Sehvermögen der Vögel für sich ziehen könnte. Zwei Fälle, die das beweisen, scheinen hier besonders erwähnenswert: Bereits von Noah lesen wir in der Bibel, daß er Raben und Tauben aufließ, um festzustellen, ob sich irgendwo Land zeige. So haben auch die Wikinger auf ihren Entdeckungsfahrten Raben bei sich geführt, um sie von Zeit zu Zeit fliegen zu lassen. Sah der Rabe Land, so flog er dorthin, und die kühnen Seefahrer brauchten ihm nur zu folgen. Sodann benützten die Falkenfänger im Mittelalter, wo die Falken zur Beizjagd gebraucht wurden, einen andern Vogel, den Würger, um rechtzeitig zu erfahren, ob sich irgendwo ein Falke zeige. Der Würger war in einen Käfig gesperrt, der an einer Seite einen geschützten Zufluchtsort enthielt. Erblickte er mit seinen scharfen Augen von ferne einen Falken, so flüchtete er in seine Burg. Der Falkenjäger brauchte sich also nicht die Augen aus dem Kopfe zu schauen, um einen Falken zu entdecken. Er konnte sich ganz unbesorgt auf seinen Würger verlassen, der deshalb auch den Namen »Wächter« hat. Sobald der Wächter seinen Käfig verließ, wußte der Falkenjäger, was die Glocke geschlagen hatte. Der Gedanke lag sehr nahe, eine ähnliche Methode zur Entdeckung feindlicher Flieger zu verwenden. In der Tat entpuppten sich gleich bei Beginn des Weltkrieges verschiedene Papageien als vortreffliche Fliegermelder. So teilte ein naturwissenschaftlicher Fachmann während des Krieges folgende Beobachtung mit, die er in den letzten Monaten an seinem Papagei gemacht hat: »Wir wohnen«, schreibt er, »in Freiburg i. B. auf der Westseite des Loretoberges mit freiem Blick über die Ebene und auf die Vogesen. ›Lora‹ hatte während der Sommermonate ihren Stand auf einer westlichen Terrasse und meldete jeden Flieger mit einem besonderen, krächzenden Laut, lange ehe das menschliche Auge auch nur einen Punkt wahrnahm. Sie bewegte sich unruhig hin und her, spreizte die Flügel, blickte starr nach oben und stieß diesen Laut aus, den wir sonst nie von ihr hörten. Die Kinder kamen dann aufgeregt zu uns: ›Die Lora sieht einen Flieger!‹ Schnell wurde das Fernglas geholt, und wenn wir der Richtung von Loras angstvollen Augen folgten, hatten wir das Flugzeug sofort im Sehfeld. Auch jetzt, wo Lora im Zimmer steht, beobachtet sie durch das Fenster den Himmel und hat uns die Fliegerbesuche im Dezember gemeldet, lange ehe die Abwehrkanonen von Neubreisach der Stadt ihr Kommen verkündeten." Was hier von Lora erzählt wird, haben andere Papageienhalter bestätigt. Auch ihre Papageien meldeten jeden Flieger, noch ehe das menschliche Auge das geringste wahrnehmen konnte. Woher nun kommt es, daß diese Papageien sich ohne jede Ausbildung als Fliegermelder entpuppten? Selbstverständlich liegt dem Tiere jeder Gedanke fern, uns damit einen Dienst zu erweisen. Vielmehr fühlt es sein eigenes Leben bedroht, und zwar aus folgendem Grunde: Es hat stets mein Erstaunen erregt, wenn ich die Behauptung hörte, kein Tier schaue den Himmel an. Bei den Vögeln trifft eher das Gegenteil zu. Bei der Jagd auf Rebhühner benützt der Weidmann seit langer Zeit den sogenannten Hühnerdrachen. Dieser sieht einem Raubvogel ähnlich und hat den Zweck, die Hühner zum Bleiben zu veranlassen. Weil diese in ihrer Angst ständig den Himmel nach Raubvögeln absuchen, so fällt ihnen auch der Hühnerdrachen sofort auf. Und weil sie wissen, daß der Raubvogel schneller fliegt als sie selbst, bleiben sie sitzen und lassen den Jäger näher kommen, wodurch ihm das Schießen ermöglicht wird. Der Papagei hat natürlich in der Heimat auch Feinde, namentlich die großen Raubvögel. Wie die Hühner sich zu schützen suchen und im dichten Kartoffelkraut sitzen bleiben, so wird sich der Papagei im dichtesten Laub der Bäume verstecken. Und immer, wenn er sich im Freien nicht ganz sicher fühlt, äugt er den Himmel ab. Große Raubvögel, die ihm bei uns gefährlich werden könnten, sind ziemlich ausgerottet. Das ihm fremde Flugzeug schien ihm jedenfalls nicht geheuer, deshalb stieß er die krächzenden Laute aus. Wegen ihrer großen Klugheit wären die Papageien als Fliegermelder wie geschaffen. Sie haben jedoch den großen Nachteil, daß sie nicht wetterfest sind. Auch ist ihre Ernährung nicht einfach, dabei sind sie nur zu sehr hohen Preisen zu beschaffen. Aus diesen Gründen kann man die Papageien in der Praxis als Fliegermelder nicht immer verwenden. Die Wanderungen der Land- und Seesäuger. Das Geheimnis des Vogelzugs. Wer sich auch sonst wenig mit Tieren beschäftigt – ein Ereignis pflegt auf ihn den größten Eindruck zu machen, nämlich das geheimnisvolle Kommen und Verschwinden der Zugvögel im Frühling und Herbst. Andere Wunder der Tierwelt kann der Zweifler bestreiten, so den Ortssinn mancher Tiere, ihre schärferen Sinne u. dgl. Die Tatsache jedoch, daß z. B. in Berlin am 30. April oder 1. Mai die Mauersegler oder Turmschwalben pünktlich eintreffen und bis zum 1. August lärmend die Straßen durchschwimmen, kann er nicht aus der Welt schaffen; sie liegt eben vor aller Augen. Ebenso gibt es im Winter keine Störche, Kuckucke und Nachtigallen. Wenn sich dann der Kulturmensch überlegt, wie lange eine Reise nach Afrika selbst heute bei den riesigen Errungenschaften der Technik dauert, so scheint ihm eine solche Leistung ans Wunderbare zu grenzen bei Vögeln, die ohne Kompaß unermüdlich Gegenden zueilen, die den Jungen überhaupt ganz unbekannt sind. Mauersegler an der Niststätte. Die Tageszeitungen behandeln das Problem des Vogelzuges häufig und mit großer Vorliebe. Von den Theorien, mit denen es ergründet werden soll, seien hier folgende angeführt: Die Vögel werden meist für ausgezeichnete Flieger gehalten, die auf weiten Wanderungen ihre Nahrung suchen. Im Gegensatz zu dieser Annahme steht die Erfahrung, daß es gerade unter den Zugvögeln viele sehr schlechte Flieger gibt. Schon in der Bibel lesen wir, daß Wachteln nach dem Fluge übers Meer leicht gefangen werden können. Ebenso ungewandte Flieger sind z. B. Haubensteißfuß, Lietze oder Wasserhuhn und der sog. Wachtelkönig. Wenn sie im Sommer bei uns sind, sehen wir sie fast niemals fliegen. Größeren Beifall hat die neuerdings aufgestellte Pendulationstheorie gefunden. Hiernach wandern die Pole, so daß Gegenden, die früher sehr warm waren, kalt werden, und umgekehrt. Die Vögel sind durch das Kälterwerden aus ihrer Heimat verdrängt, suchen sie aber alljährlich auf, wenn die Jahreszeit es gestattet. Wir wollen einmal annehmen, daß diese Theorie begründet ist. Dann müssen wir aber, wenn wir uns weiter in der Tierwelt umsehen, notgedrungen einräumen, daß wir nun vor neuen, viel größeren Wundern stehen. Der wirkliche Tierkenner wird erklären: Wie soll man sich über die Wanderungen der Vögel wundern, die von ihrer hohen Warte doch ein ungeheures Feld überblicken, wenn selbst Säugetiere, z. B. Paviane, Springböcke, Einhufer, Elefanten, Renntiere usw., alljährlich regelmäßige Wanderungen unternehmen? Ihnen fehlt gänzlich der Überblick, außerdem entbehren fast alle des scharfen Vogelauges. Elefanten haben beispielsweise ein sehr schwaches Auge. Warum schreibt man nicht über die Wanderungen der Säugetiere statt über die der Vögel? Ferner unternehmen sie nicht bloß regelmäßige Wanderungen, wobei ja möglicherweise die Alten die Führung übernehmen könnten, sondern sie finden sich nicht selten ganz unerwartet dort ein, wo sie reichlich Nahrung antreffen. Als Beispiel will ich das Eichhörnchen anführen. Unser Eichhörnchen wandert nur ausnahmsweise. Im Norden dagegen, insbesondere in Sibirien, treten die Eichhörnchen alljährlich mehr oder weniger regelmäßige Wanderungen an, durchziehen dabei auch baumlose Strecken, durchschwimmen reißende Flüsse und Ströme oder steigen über Gebirge hinweg, deren Höhen sie sonst meiden. Der berühmte Forschungsreisende Radde hat nach eigenen Beobachtungen ausführlich über diese Wanderungen berichtet und damit die Lebenskunde der Tiere wesentlich vervollständigt. Viele Tiere wandern auch dorthin, wo künstlich Nahrung für sie beschafft wurde. Derartige Fälle sind häufig beobachtet worden. Ich möchte darauf hinweisen, daß jetzt von vielen Gutsbesitzern künstliche Fischteiche angelegt werden und, wie jene zu ihrem Erstaunen wahrnehmen, sich in kurzer Zeit an diesen Plätzen Fischottern einstellen, die sonst niemals beobachtet worden sind. Solche Fälle werden in Jagdzeitungen wiederholt berichtet. Dabei ist der Fischotter als Wassertier zum Wandern gar nicht besonders geeignet. Richtiger sollte dieser gefährliche Feind der Fische seiner Bauart und Mordlust halber Wassermarder heißen. Auch der Wolf findet sich dort plötzlich ein, wo es für ihn etwas Gutes zu schmausen gibt. In Norwegen mußten nach Brehm die Renntierzuchten, die auf den südlichen Gebirgen angelegt werden sollten, der Wölfe wegen aufgegeben werden. Man hatte sich aus Finnmarken oder dem norwegischen Lappland nebst lappländischen Hirten 30 Renntiere kommen lassen, deren Zucht auf den Hochgebirgen des Bergener Stifts vortrefflich gedieh. Schon nach 5 Jahren hatten die 30 Renntiere Hunderte von Nachkommen erzeugt, und die Besitzer der Herden begannen, sich Reichtum zu erträumen. Da brachen die Wölfe, die sich von Anfang an als die schlimmsten Feinde der neuen Herden gezeigt hatten, mit Macht herein. Es schien, als ob sich die Wölfe ganz Norwegens auf einem Punkte zusammengezogen hätten; so häufig waren sie geworden. Nun wurde die Wachsamkeit verdoppelt; die Wölfe beschränkten sich nicht auf die Renntierjagd, sondern sie kamen jetzt auch in Unmassen in das Tal herab, raubten in der Nähe der Gehöfte Rinder und Schafe, bedrohten die Menschen und wurden schließlich so lästig, daß man jene Herden teils abschlachten, teils niederschießen, teils verwildern lassen, mit einem Worte, die Zucht aufgeben mußte. Am merkwürdigsten sind aber die Wanderungen der Wasserbewohner. Denn diese haben doch eigentlich gar kein Orientierungsmittel. Ich will dabei von den Zügen der Fische absehen, weil die Meinung begründet zu sein scheint, Heringe, Sprotten, Thunfische usw. kämen nicht von weit her, sondern aus den Tiefen des Meeres, ferner blieben Lachse und andere die Flüsse hinaufsteigenden Fische im Meere stets in der Nähe der Flußmündung, so daß uns also ihr Wiederaufsteigen in den alten Fluß nicht erstaunlich sein könnte. Aber von den Meeressäugern wissen wir genau, daß sie weite Wanderungen unternehmen, z. B. von einzelnen Robben. Diese kommen allerdings zeitweise ans feste Land und können sich orientieren, was bei den stets im Wasser lebenden Walen ganz ausgeschlossen ist. Und gerade die riesigen Wale unternehmen alljährlich weite, sehr weite Reisen. Hierüber hat namentlich Eschricht eingehende Untersuchungen veröffentlicht. Die Übereinstimmung der Wanderungen der Wale mit denen der Zugtiere – schreibt dieser dänische Naturforscher – zeigt sich am deutlichsten in der Regelmäßigkeit ihrer jährlichen Wiederholung , und zwar ebensowohl hinsichtlich der Zeit wie der Straßen und Ruheplätze. Im Herbst, besonders gegen Michaeli zum Beispiel, kommen an der südlichen Küste der Färöerinseln, und an ihnen wieder vorzugsweise im Qualbon-Fjord, drei, vier bis sechs Entenwale vor. So war es bereits vor fast zweihundert Jahren, und damals schon erzählt die Sage, daß es auch in den heidnischen Zeiten so gewesen sein soll. Die Anhänglichkeit der Waltiere an gewisse Aufenthaltsorte ist um so merkwürdiger, als sie selbst an Orte in Scharen zurückkehren, wo sie bitterster Verfolgung ausgesetzt waren. Ja, was hier am entscheidendsten ist, wenn die Jagd nur auf ein einziges Stück ausging und dieses mit genauer Not und nicht ohne Verwundungen davonkam, so hat es in manchen Fällen während der folgenden Jahre immer wieder dort sich blicken lassen, bis es endlich erlag. So war es mit dem an einem Loche in der Rückenflosse kenntlichen Finnwale, welchen die Fischer einer Bucht Schottlands 20 Jahre lang beobachteten und unter dem Namen »Hollie Pyke« kannten, bis es ihnen endlich gelang, den Wal zu erbeuten. Vielleicht gehört hierher auch der von dem Tierkundigen Bennet erwähnte Fall von einem Pottwale, der auf den Spermwalgründen bei Neuseeland den Walfischfängern als »New Zealand Tom« lange Zeit bekannt gewesen war, nicht nur seiner Größe und Wildheit, sondern auch der weißen Färbung seines Rückens wegen. Auch Brehm teilt die Ansicht von den regelmäßigen Wanderungen der Wale und schreibt hierüber u. a.: »Am auffallendsten ist die Angabe Steenstrups, die ich hier wörtlich wiedergeben will: Die Küstenbewohner Islands geben ihren Walfischen Namen, und die einzelnen Stücke sind ihnen überhaupt als Persönlichkeiten bekannt. Die Walfische wählen immer dieselbe Bucht, um ihre Kälber abzulegen; die Mutter kommt regelmäßig jedes zweite Jahr. Man nimmt die Jungen, verschont aber die Alte, deren Leben nur dann bedroht ist, wenn sie sich in eine fremde Bucht verirrt.« Diese Angaben vortrefflicher Tierkenner dürften wohl hinreichend überzeugen, daß auch die Wale regelmäßig wandern. – Wenn also die Landsäugetiere trotz ihrem schlechten Gesicht regelmäßig wandern, ohne das Ziel zu verlieren, wenn sie sich plötzlich dort einfinden, wo die Menschen für ihre Nahrung sorgen, wenn schließlich selbst die Seesäuger im unendlichen Meere ihre Bahn finden, so läßt sich auch der Vogelzug ohne Zuflucht zum »Wunder« erklären. Sind doch durch die Erforschung der Fortpflanzung des Aales diese höchst erstaunlichen Rätsel der Tierwanderungen noch vermehrt worden. Die Alten laichen im Atlantischen Ozean, unweit Amerikas, und von hier aus wandern die Jungen nach den Flußmündungen und steigen in ihnen empor. Kann diese Pendulationstheorie uns für die Wanderungen der Seesäuger oder der Aale die nötige Aufklärung geben? Ich glaube nicht recht daran. Nach Eschricht gelangen einzelne Walarten bis über die Wendekreise. Hierhin kann sie doch unmöglich die Kälte treiben. Schwalbenzug auf der Reise nach dem Süden Nach einer Originalzeichnung von Paul Neumann . Ich möchte diese Auffassung aber nicht nur bekritteln, sondern darstellen, wie ich mir den Vogelzug erkläre: Wir wollen von einer jedem Jäger bekannten Erscheinung ausgehen. Jemand hat ein Jagdrevier von etwa 5000 Morgen, das eine gewisse Zahl von Hirschen, Rehen usw. enthält. Wir wollen annehmen, der Revierinhaber sei ein Schütze schlimmster Art, der im Verein mit gleichgesinnten Bekannten alles abschießt und ausrottet. Ist dann das Revier nach getaner Arbeit tierleer? Jeder Tierkenner weiß, daß das nicht der Fall ist. Man kann Raubtieren mit dem größten Eifer nachstellen und unzählige fangen. Trotzdem wird sich kaum eine Abnahme feststellen lassen. Umgekehrt stellen sich bei einer Mäuseplage zahlreiche Bussarde ein. Bei der Raupenplage zeigt sich sofort eine Menge Kuckucke, obwohl sonst erfahrungsgemäß ein Kuckuck den andern vertreibt. Als das Erdbeben in Messina zahllose Menschen getötet hatte, fanden sich hier die Haifische des ganzen Mittelmeeres ein. Wo Nahrungsquellen sind, stellen sich also auch sofort Verzehrer ein. Das können wir immer und überall beobachten. Bei Säugetieren ist der Nachrichtendienst untereinander nicht so einfach. Er erfolgt vielleicht in der Art, daß z. B. ein Raubtier eines Tages merkt, daß sein Nachbar verschwunden ist. Es vermutet sofort, daß er an irgendeiner andern Stelle einen guten Happen gefunden hat, und eilt ihm nach. Sein eigenes Verschwinden wird nun ebenfalls von seinen Nachbarn bemerkt und veranlaßt auch diese zur Nachfolge. Bei Vögeln, besonders bei Krähen, ist das gegenseitige Beobachten eine uralte Gewohnheit. Im Sommer herrscht bei uns ein Überfluß an Insekten. Wir dürfen uns nicht darüber wundern, daß er die Insektenfresser anlockt; nach allgemeinen Grundgesetzen, die in der Natur herrschen, ganz gewiß nicht. Zuerst haben jedenfalls die schnellsten Flieger unsere Zonen aufgesucht, wie die Schwalben, denen eine solche Reise eine Kleinigkeit war. Ihren Zügen haben sich dann andere, weniger gute Flieger angeschlossen, bis sich schließlich der heutige Vogelzug herausgebildet hat. Ich folgere das daraus, weil ich von Vogelfängern wiederholt darauf aufmerksam gemacht wurde, daß, wenn die Kraniche ziehen, sie auch die Lerchen mitnehmen. Für jeden Vogelfänger ist es ja von großer Bedeutung zu wissen, wann z. B. die Lerchen ankommen, und zu welcher Zeit sie fortziehen. So weiß er bestimmt, daß es mit dem Lerchenfang vorbei ist, wenn er die Kraniche in der Luft hört. Die Lerchen schließen sich also den Kranichen an. Das wird doch nur verständlich, wenn man annimmt, daß die Kraniche für die Lerchen Führer waren. Überhaupt bekommt die vielbestaunte Schwierigkeit der Reise ein ganz anderes Gesicht, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß in den Zugnächten ein ständiges Rufen der reisenden Vögel ertönt. Für die Vögel, die auch im Dunkeln sehen können, wie Brachvögel, Rotkehlchen, Nachtigallen usw., ist das Ziehen zur Nachtzeit gar nicht schwierig. Die ausgesprochenen Tagvögel haben nur nötig, sich ihnen anzuschließen. Gewiß bleibt trotz alledem der Vogelzug eines der vielen Naturwunder. Aber verglichen mit den Wanderungen der Säugetiere, Seesäuger und Aale erscheint der Vogelzug nicht mehr sonderlich wunderbar. Goldfische. Seidenwürmer und Bienen. Viele, viele Jahre habe ich Goldfische gehalten, aber ich konnte von ihrem »Seelenleben« beim besten Willen kaum etwas ermitteln. Sie erfreuen unser Auge und sind sehr ausdauernd. Vergeblich suchte ich festzustellen, wann die Fische eigentlich schlafen. Alle meine Beobachtungen zur Nachtzeit blieben ohne Ergebnis. Auch fällt es auf, daß Fische keine Augenwimpern haben. Das ist wohl ganz natürlich. Denn im Wasser kann ihnen kein Staub in die Augen fliegen. Ähnlich verhält es sich mit den Vögeln, im Gegensatz zu den Säugetieren, die auf den Erdboden angewiesen sind und durch ihre Bewegungen Staub aufwirbeln. Die Vögel dagegen leben fast ausnahmslos in staubfreier Luft. Deshalb also haben Vögel und Fische keine Augenwimpern. Unter den Vögeln kommt nur der Strauß als Ausnahme in Betracht; denn er fliegt nicht, sondern läuft in der staubreichen Wüste. Bei den Seidenraupen ist ebenfalls wenig von einem »Seelenleben« zu merken. Sie fressen eigentlich ununterbrochen. Den Wahlspruch: ›Edo, ut vivam‹ – ich esse, um zu leben, haben sie umgekehrt in: ›Vivo, ut edam‹ – ich lebe, um zu essen. Die Seidenraupen sind sehr nützliche Insekten. Es wäre zu wünschen, daß sich die Seidenraupenzucht und damit die Anpflanzung von Maulbeerbäumen, die ihr Lieblingsfutter liefern, bei uns immer mehr ausbreitete. Bei den Bienen habe ich mich überzeugt, daß sie zur Nachtzeit ständig wach sind, also einen Schlaf in unserm Sinne nicht kennen. Naturgemäß muß das die herrschende Ansicht unterstützen, daß sie wie die Ameisen den Menschen ein »Vorbild des Fleißes« sind. Das ist auch bereits im Altertum erkannt und hervorgehoben worden. Maulbeerspinner. So hat also die Redensart vom »Bienenfleiß« ganz sicher ihre innere Berechtigung. Die Bienen sind ununterbrochen regsam und im Interesse ihres Stockes tätig. Etwas anders sieht die Sache aber aus, wenn die Auffassung zutrifft, daß der ganze Bienenstock nur ein einziges Geschöpf ist. Sonst pflanzt sich jedes Tier selbständig fort. Bei den Bienen aber geschieht es nur durch die Königin. Sie paart sich bei ihrem Hochzeitsfluge mit den Männchen, die Drohnen genannt werden. Die eigentliche Arbeit besorgen die verkümmerten Weibchen. Man ersieht daraus, daß bei einem Bienenvolk die Sache wesentlich anders liegt als bei Säugetieren, die in Rudeln zu leben pflegen. Der Bienenvater oder Imker nennt häufig den ganzen Stock »der Bien« . Auch er hat also die erwähnte Auffassung von der Einheit des Bienenstockes. Kokons der Seidenraupe. Wenn nun die einzelne Biene kein selbständiges Wesen ist; sondern nur eine Zelle eines großen Körpers, so steht sie auf der gleichen Stufe, wie Zellen oder Organe unseres Leibes. Wir sagen nun nicht, daß unser Herz sehr fleißig ist, weil es Tag und Nacht schlägt. Es könnte also immerhin zweifelhaft sein, ob der Fleiß der Biene, von diesem Standpunkte aus betrachtet, gepriesen zu werden verdient. Umgekehrt darf man die Bienen nicht grausam schelten, weil sie im August die Drohnen töten. Denn der Gesamtkörper scheidet dann ja nur überflüssig gewordene Zellen aus, d. h. die überflüssigen Männchen. Das Schwärmen, wobei der ganze Stock in Aufruhr gerät, erfolgt bei einer gewissen Stärke des Stockes. Ein Teil der Bienen zieht mit einer neuen Königin fort, und das ist wohl nichts anderes als die Geburt eines neuen »Biens«. Die Bienen kennen ihren Imker, was sie dadurch bekunden, daß sie ihn im Gegensatz zu fremden Personen gewöhnlich nicht stechen. Tun sie es wirklich, so ist das weiter kein Unglück, da der Bienenvater im Laufe der Zeit gegen Stiche unempfindlich (immun) wird, weil sein Körper an das Gift gewöhnt ist. Drohne. Königin. Arbeiterin. Geschlechter der Hausbiene. Ein befreundeter Bienenvater erzählte mir von seinen Bienen folgendes: Bei Ausflügen setzten sich Bienen seiner Stöcke oft auf seine Kleider und ließen sich von ihm nach Hause tragen. Demnach erkennen die Bienen ihren Meister – wie alle Insekten – wahrscheinlich durch ihren hervorragenden Geruchsinn. Die Bienen liefern nicht nur den herrlich schmeckenden Honig, sondern sind auch für die Landwirtschaft unentbehrlich. Raps, Rübsen, Klee und andere Nutzpflanzen bedürfen zur Befruchtung der Bienen; sie vermitteln die Übertragung, indem sie von Blüte zu Blüte fliegen. Auch die Obsternte hängt von den Bienen ab. Ohne Bienen gibt es kein Obst. Wir werden deshalb milder über das Stechen der Bienen denken müssen. Obendrein will die Biene ja nur ihren Stock verteidigen. Ausgewanderter Bienenschwarm, an einem Baume hängend. Sie muß diese Abwehr mit dem Leben bezahlen; denn der Stachel bleibt mit dem Hinterleib im Körper des Feindes stecken. Schlußbetrachtung Nach allem, was wir aus den Seiten dieses Buches erfahren haben, dürfen wir also mit Recht von einem »Seelenleben der Haustiere« sprechen. Es tut dem Hunde wohl, wenn er gestreichelt wird, und es bleibt ein großes Unrecht, wenn z. B. gewissenlose Kutscher ihren Ärger an den armen Pferden auslassen. Selbstverständlich sollen wir uns trotz dieser Einsicht von jedem Tiergötzendienst fernhalten und unsere Haustiere nicht etwa besser pflegen als die Mitmenschen. Wir wissen, daß der Hund früher Aasfresser war; er ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Es ist daher Kindern streng zu verbieten, Hunde zu küssen, das bleibt immer etwas Ekelhaftes. Obendrein ist es auch gesundheitsgefährlich, weil Hunde Bandwürmer beherbergen, von denen der Hülsenbandwurm (Taenia echinococcus) für den Menschen der gefährlichste ist. Da der Hund Kot beschnüffelt, so kann er die Eier dieses Bandwurms an die Schnauze bekommen. Man soll daher nicht nur das Küssen unterlassen, sondern den Tieren auch schon das Belecken nach Möglichkeit abgewöhnen. Denn die damit verbundene Gefahr kann sehr groß werden; die Eier des Bandwurms können sich in sehr wichtigen Organen festsetzen und sogar den Tod herbeiführen. Es wäre falsch, aus solchen Gründen für die Abschaffung der Hunde einzutreten, wie es manche Tierfeinde tun. Alljährlich fordert das Schwimmen, Schlittschuhlaufen und Bergsteigen Opfer, aber trotzdem werden die Menschen nicht auf diese Vergnügungen in der schönen Natur verzichten wollen. Es gibt eben keine Rosen ohne Dornen in dieser Welt. Bei unseren Betrachtungen über die verschiedenen Haustiere ist uns klar geworden, daß ein Vergleich unserer Haustiere mit ihren wildlebenden Verwandten nicht immer zu ihren Gunsten ausfällt. Die Haustiermachung, d. h. die Fütterung und Behütung der Tiere vor Gefahren durch den Menschen und seine Fürsorge hat ihnen manche Gaben und Fähigkeiten geraubt, die ihnen in früheren Zeiten, als sie noch wild lebten, eigentümlich waren. Wir haben gesehen, daß wir beispielsweise erst durch die Haustierschaft das Schaf zum Schaf und die Gans zur Gans gemacht haben, während Wildschafe und Wildgänse in der freien Natur äußerst gewandte und lebhafte Geschöpfe sind. So sind wir zu dem Ergebnis gelangt, daß wir Menschen durch unser Gehirn und die geistigen Fähigkeiten den Tieren zwar unendlich überlegen sind, daß aber umgekehrt das Tier zum Teil schärfere Sinne und Instinkte hat, die uns im Laufe der Jahrhunderte verlorengegangen sind. Diese Erkenntnis sollte uns vor unberechtigter Überhebung bewahren und uns stets an unsere Pflichten gegen die Haustiere erinnern.