Ludwig Tieck. Die Wundersüchtigen. 1831.   Berlin, Druck und Verlag von Georg Reimer. 1853.   Der Geheimerath von Seebach lebte in seinem großen, wohleingerichteten Hause glücklich in der Residenz. Da er reich war und eine angesehene Stelle bekleidete, viele Verbindungen hatte, und eine große Correspondenz führte, so war bei ihm oft der Sammelplatz angesehener und merkwürdiger Fremden und Reisenden. Häufig aber waren unter diesen Besuchenden auch solche Gestalten, die von seiner Familie weniger gern, oder nur mit Mißtrauen gesehen wurden, weil der Rath früher ein Mitglied mancher Gesellschaften gewesen war, die sich höherer Kenntnisse oder wunderbarer Geheimnisse rühmten, und obgleich der thätige Geschäftsmann schon seit Jahren alle diese Verhältnisse aufgelöset, und sich von diesen Verbindungen zurückgezogen hatte, so sorgte die Tochter, die den Vater genau kannte, doch immer, daß irgendwo ein Faden wieder aufgenommen werden möchte, der nicht zerrissen war, um Verwicklung, Zeitverlust, oder auch wohl Kummer zu veranlassen. Der lebhafte, heitre Sohn war gegen viele Wanderer mehr deswegen eingenommen, weil ihr Einsprechen dem Rathe manches Geldstück kostete, denn so wie er die Geheimnisse und Wunder verlachte, war er doch neugierig genug, immer wieder auf die Erzählung von seltsamen Entdeckungen oder unbegreiflichen Begebenheiten mit Eifer hinzuhören. 160 In alten Papieren kramend, saß der Rath an seinem Schreibepulte, und neben ihm Anton, sein Sohn, ihm gegenüber sein Schwiegervater, der Obrist von Dorneck, der schon seit lange seinen Abschied genommen hatte. Ich kann das Dokument nicht finden, sagte der Rath endlich unwillig, und begreife nicht, wie, oder wohin es kann verloren seyn. In diesem fatalen Prozeß, der mich nun schon seit zwei Jahren beunruhigt, gilt es mir die volle Summe von zwanzigtausend Thalern, wenn ich diesen wichtigsten Beweis nicht herbei schaffen kann. Der Obrist erwiederte: Lieber Sohn, ich bin überzeugt, daß Sie es irgendwo recht sorgsam hingelegt haben, weil es Ihnen eben so wichtig war, und daß Ihre Geschäfte Sie nur den Ort haben vergessen machen. Geben Sie sich Ruhe, und es fällt Ihnen wohl am ersten bei, indem Sie gar nicht darüber denken, wie es mit Namen von Menschen so oft geht, die wir durchaus nicht wieder finden, indem wir es von uns erzwingen wollen, und die uns dann plötzlich, ungesucht, indem wir zerstreut, oder unterhalten sind, wieder beifallen. Sie mögen Recht haben, antwortete der Rath; soll sich aber ein Geschäftsmann solcher Vergeßlichkeit nicht schämen? Ich habe niemals die zerstreuten Menschen leiden mögen, und nun muß mir selbst dergleichen begegnen. Anton warf ein: wenn wir jetzt nur den berühmten Grafen Feliciano hier hätten, von dem so viele Wunderdinge erzählt werden, so könnte er mit einer einzigen Geisterbeschwörung die Sache aufhellen und in Ordnung bringen. Gewiß, sagte der Obrist, wenn er sich zu uns herablassen wollte, denn Bücher, Zeitungen und Briefe seiner Freunde erzählen ja Dinge von ihm, die noch viel 161 wundervoller sind, als dies kleine Mirakel, das er auf unser inständiges Bitten vielleicht verrichten möchte. Der Rath schwieg, indem er wieder eifrig suchte. Was sind das für Figuren da? fragte der Sohn, indem er nach einem Blatte langte. Du bist zwar kein Eingeweihter, erwiederte der Vater, indessen ist das Papier auch nicht von denen, durch welche ich eine Indiscretion begehe, wenn Du es betrachtest. Vor vielen Jahren hat ein Freund, ich weiß nicht aus welchem astrologisch-magischen Zauber-Manuscript, mir diesen Unsinn als denkwürdig abgeschrieben. Bin ich auch kein Geweihter, erwiederte der Sohn, so habe ich doch, wie Sie wissen, so Manches über diese Verbrüderung gelesen, so manche kabbalistischen Manuscripte durchblättert, daß mir gerade der Unsinn mancher Leute nicht ganz fremd ist, wenn er mir auch immer unverständlich bleibt. Die Figur war eigentlich eine vieleckige, in Gestalt eines Sternes. Die meisten Linien waren Zeilen, theils Sprüche der Bibel, theils Gebete, manche auch wundersame Namen, die, wie man sah, Geister bezeichnen sollten, nach allen Richtungen begegnete sich das Wort Abracadabra, bald in einzelnen Sylben und Buchstaben, bald vor, bald rückwärts geschrieben, bald von Sternzeichen, Hieroglyphen und andern seltsamen Figuren unterbrochen. In der Mitte las man Adonai, gegenüber Jehovah, mit lateinischen und auch mit hebräischen Lettern geschrieben. Auf der Rückseite war bemerkt, daß dieses heilige Amulet von vielfältigem Gebrauche sei, im Kriege wie gegen Krankheit, vor Einwirkung der bösen Geister schütze, und Demjenigen, der die Kunst inne habe, Geister herbeizurufen, unentbehrlich sei. Der Rath und der Obrist lachten, als der junge, stets 162 heitre Anton das aberwitzige Blatt mit so ernsthafter, tiefsinniger Miene betrachtete. Ich will ein andermal auch über diesen Unsinn spotten, unterbrach sie Anton, aber gestehen Sie mir nur ein, daß das Ding auch eine ernsthafte Seite habe, die man wohl in Betrachtung ziehen dürfe. Nicht wahr, derselbe Menschengeist, der fähig ist, Philosophie und Kunst zu umfassen, der die Bahn der Sterne berechnet und die Unermeßlichkeit des Himmels mißt, der in Liebe und Andacht sich dem Ewigen nähert, – derselbe hat auch dieses Blatt so umrissen, bekritzelt und durchfurcht mit einer thörichten Luge, die doch irgendwo im Anfang mit der Wahrheit zusammen hängt, in dieser nur wurzelt, und aus dem Guten als stachlichtes Unkraut empor gewachsen ist. Das mag seyn, nahm der Obrist das Wort, denn alles Schlechte und Nichtige keimt wohl aus dem Guten; nur möchte es schwer zu entdecken seyn, wo und wie es Lüge und Thorheit wird. Der Rath war ebenfalls plötzlich ernsthaft geworden, und fügte hinzu: das ist eben die große Frage, ob das Böse ein zeitliches, oder ewig sei. Ein Nichts ist es, und wird, vom Menschengeist erweckt, ein Ungeheures, nimmt von diesem Kraft und Thätigkeit, und wandelt als Schicksal und Unglück umher, das Länder verwüstet und Tausende opfert. Wahrlich, hier möchte das Auge das Herbeirufen von Geistern aus dem Abgrunde, das Beleben eines Todtenreiches wahrnehmen können, viel größer und wundersamer als Alles, was man von alten oder neuen Thaumaturgen erzählt. Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, antwortete Anton, daß durch die Leidenschaften der Menschen, die sich in das Unwahre oder dem Nichts ergeben, die Weltgeschichte großentheils durch Gespenster regiert und fortgetrieben wird, die, wenn sie nicht im wilden Kampf der Verwirrung 163 aufgeweckt werden, unsichtbar bleiben, oder höchstens nur Erscheinungen sind, über welche der Spekulant oder Witzige gutmüthig lächeln möchte. Wenn mir dies auch wahr scheint, so ist es mit diesem Blatte hier denn doch etwas anders. Eigentlich nicht, sagte der Vater: denn dasselbe, was hier nur Spiel ist, hat auch schon zum Feldgeschrei und Panier der Schlachten gedient. Es wäre zu wünschen, daß der böse Geist mit allen seinen Wirkungen sich immerdar in solchen Galimathias hinein zaubern ließe. Aber er wird auch von dergleichen Kinderei irgend einmal wieder erweckt, und so fluthet und ebbet die Masse der Erscheinungen hin und her, und das eigentliche Fortschreiten, das wahre Besserwerden der Welt ist nur aus einer weiten Ferne wahrzunehmen. Ich werde mir dieses künstlich verzauberte Blatt in geweihter Stunde an meinen Hals hängen, sagte Anton, so durch alle Gemächer des Hauses um Mitternacht schreiten, und so hoffe ich jenes Dokument zu entdecken, das uns Allen so wichtig seyn muß. Nein, sagte der Obrist, gieb es mir, lieber Enkel: von alten Zeiten bin ich noch mit den Leuten in Verbindung, die jetzt in der Residenz des Nachbar-Landes wieder anfangen, sich auszubreiten. Ich meine jene, die sich für die rechtgläubigen Brüder halten, und die vernünftigen verlästern und verfolgen. Immer erhalte ich noch Briefe und Anmahnungen, mich ihnen wieder anzuschließen. Diesen kann ich vielleicht mit dieser sinnverwirrten Schrift ein angenehmes Geschenk machen. Nehmen Sie es, sagte der Rath, so ist in meinem Hause eine Thorheit weniger. Man erzählt, daß sich diese abergläubischen Menschen aus leicht zu errathenden Absichten an den Erbprinzen dort drängen, um sich ihm angenehm 164 und unentbehrlich zu machen. Wer weiß, was uns die Zukunft noch für Erscheinungen zeigt, welcher Aberglaube sich von Neuem entwickelt, so sicher wir jetzt zu seyn glauben, und, wenn ich meiner Aengstlichkeit folgte, so möchte ich darum das Papier nicht aus meiner Hand geben. Es kann auch Schaden stiften, so kindisch es ist. Lassen Sie, lieber Sohn, sagte der Alte, beunruhigen Sie Ihren Geist nicht, wenn dergleichen auch geschehn könnte, so ist es doch nur wie ein Steinwurf ins Wasser. Der Kreis wird immer größer, aber verliert sich, wenn er sich am weitesten ausgebreitet hat. So lange noch solche Geister in Deutschland regieren, wie hier uns nahe Friedrich der Zweite, und dort Joseph der Zweite, so lange noch ein Mann wie Lessing schreibt und wirkt, haben wir Nichts zu fürchten. Und warum sollen denn unsre Nachkommen eben wieder ausarten? Er schlug lächelnd das Papier zusammen, und freute sich schon im Voraus, welche Erquickung Viele in jener Brüderschaft aus ihm ziehen würden, die sich für Rosenkreuzer und Adepten hielten, und so ernsthaft nach dem Stein der Weisen forschten, wenn, wie der Obrist zu verstehen gab, auch wohl Einige unter ihnen seyn mochten, die das Spiel nur mitmachten, um andere, irdischere Zwecke durchzusetzen. Friedrich der Zweite, fing der Rath wieder an, ist alt, vielleicht auf der Neige, und es ist möglich, daß er bald abgerufen wird. Wissen wir denn auch, wie jene Gesellschaften, über die wir jetzt nur lächeln, verbreitet sind, wie sie in Zukunft ihre Netze weit hinausspinnen mögen? Daß andre Brüderschaften gegen sie kämpfen, mag an der Zeit und nothwendig seyn. Wie glücklich, daß ich alle diese Dinge, die mich früherhin interessirten, und mein Leben in 165 Bewegung setzten, hinter mir habe, und auf alle diese Strömungen mit klarem gleichgültigen Auge hinab sehn kann. Der Bediente gab einen Brief ab, der eben von der Post gekommen war. Das Siegel war wunderlich, und als der Geheimerath den Brief durchgesehn hatte, sagte er: nun wahrlich, sonderbar genug! Nicht gerade der berühmte Wunderthäter Graf Feliciano wird zu uns kommen, aber doch ein andrer seltsamer Mann, von dem auch schon oft die Rede gewesen ist. Jener Sangerheim, der sich ebenfalls berühmt, große Geheimnisse zu besitzen, der auch Geister erscheinen läßt, Todte und Abwesende befragt, und einen neuen Orden gründet. Anton freute sich, da er vernahm, daß dieser Wundermann ihr Haus zuerst besuchen würde, aber der alte Obrist Dorneck wünschte, daß man sich mit dem Abentheurer nicht einlassen möge. Sie wissen, lieber Sohn, beschloß er, wie ängstlich Ihre Frau und Ihre Tochter bei solchen Gelegenheiten sind, und es ist wahr, man kann niemals wissen, welches Unheil uns mit solchen wirren Geistern über die Schwelle schreitet. Sie haben ihre Bestimmung darin gesetzt, die Menschen zu täuschen, und es ist nicht zu berechnen, auf welche Art sie hintergehn, welche Schwächen, die wir selbst nicht kennen, sie benutzen und erwecken, und wie weit wir in ihren Wandel verflochten werden. Seien Sie ganz ruhig, lieber Vater, sagte der Rath heiter; dieser Brief macht es mir unmöglich, den wunderlichen Mann ganz abzuweisen, um so weniger, da ich so vielen Andern mein Haus schon eröffnet habe; diese Bekannten, die ich achten und schonen muß, und die mir diesen Mann so dringend empfehlen, würden mein Betragen unbegreiflich und sich beleidigt finden. Und, gestehn Sie nur, lieber Vater, rief Anton im 166 frohen Muthe aus, daß Sie eben so neugierig sind, wie ich. Nein, er komme nur, der große Wundermann, er prophezeie uns, er zeige uns Geister, er grabe Schätze, was und so viel er will, wir wollen Alles dankbar von ihm annehmen. Ist doch außerdem schon lange nichts Neues vorgefallen, ist doch im ganzen Europa Friede. Wollen sich die Lebendigen nicht rühren, so müssen die Todten in Bewegung gesetzt werden. Als die Mutter und Tochter bei Tische diese Neuigkeit erfuhren, nahmen diese die Sache weniger heiter und leicht auf, als die Männer. In ihrem stillen Rath war vorzüglich Clara verdrüßlich und verstimmt. Wohin, sagte sie fast weinend zur Mutter, soll es nur führen, daß wir unser Leben so gar nicht für uns selbst einrichten und ableben sollen? Der Vater hat nun, wie er sagt, alle diese Verbindungen aufgegeben, und ist doch seitdem neugieriger und gespannter auf Alles, was in dieser Art vorgeht, als ehemals, – und mein Verlobter, dieser gute Schmaling, die Leichtgläubigkeit selbst. Ist es wohl recht, den Wunderglauben dieses Jünglings immer von Neuem aufzuregen? Wissen wir denn, wie weit diese Sucht gehn kann, oder vermögen wir es, ihr Schranken zu setzen? Wenn ich nachher unglücklich bin, Schmaling verwirrt, und leidenschaftlich aufgeregt, mit den geheimnißvollen Menschen verflochten: wird mir denn ein Trost meines Vaters, oder ein Spaß meines leichtsinnigen Bruders ersetzen können, was ich verloren habe? Der Obrist trat zu ihrer kummervollen Berathung und sagte, nachdem er die Klagen gehört hatte: Uebertreibt nicht die Sache, Kinder, hier meine verständige Tochter, Deine Mutter, kennt ja Deinen Vater, liebe Clara. Und Schmaling wird Vernunft und guten Rath annehmen, er ist kein 167 Kind. Glaube mir, meine liebe Tochter, es ist nicht gut, wenn man immerdar dem Menschen alle Steine, an die er sich stoßen könnte, aus dem Wege zu räumen sucht. Jede Leidenschaft in uns, die es wirklich ist, muß wachsen, reifen, und sich selber erkennen lernen. Der Mensch muß sie dann aus eigner Kraft, nicht bloß durch fremde Hülfe zu überwinden vermögen. Dann wird das, was wohl als Thorheit erscheinen mochte, oft Kraft und Charakter, und der Mann gewinnt in dieser Schule gerade seinen edelsten Besitz. Wird er aber in der Jugend gehindert, ganz sich in seinen Gelüsten kennen zu lernen, erfährt er gar nicht, wohin sie ihn führen können, so bleibt er Zeitlebens ein Näscher, der immer wieder von Neuem der Verführung ausgesetzt ist. So muß, sagte die Mutter, dies die Geschichte meines Mannes seyn. Denn glauben Sie mir nur, Vater, stelle er sich, wie er will, hätte er nicht die vielen Geschäfte, die ihm sein Amt auferlegt, und die ihm oft die Nächte rauben, so würde er mit Heftigkeit Alles, was sich ihm aus dieser sonderbaren Gegend des Geheimnisses anbietet, ergreifen. Er meint, diesen Wunderglauben, die Geheimnißkrämerei, ganz überwunden zu haben, aber ich habe ihn seit so vielen Jahren beobachtet, und kenne ihn besser, als er sich selbst. Alles reizt, Alles beschäftigt ihn. Er spräche vielleicht nicht so oft, und mit solcher Bestimmtheit über diese Gegenstände, wenn er seiner selbst ganz sicher wäre. Sie haben sich oft verwundert, warum ich mit Ihnen und andern Freunden nicht in den Wunsch einstimme, daß er seine Stelle niederlegen und auf dem Gute leben möchte: ich kann es nicht, aus Furcht, er könne sich in andre Geschäfte und Arbeiten dann leidenschaftlich verwickeln, die weder so nützlich seyn dürften, noch seinem Geist die Kraft und den Adel zuführen 168 würden, mit denen wir ihn jetzt so freudig seinen Beruf erfüllen sehn. Am folgenden Tage schon erschien Sangerheim, der sonderbare Freund, als Gast im Hause des Geheimenrathes. Er war ein schöner, großer und schlanker Mann, der eben nicht viel älter als dreißig Jahr seyn konnte: sein Auge war feurig, der Ton seiner Stimme wohllautend, und der Accent des Ausländers, eine Fremdheit in seinen Manieren stand ihm gut. Sein Wesen und seine heitre Gesprächigkeit gewannen ihm auch bald das Wohlwollen, selbst das Vertrauen des Rathes, indessen ihn der alte Obrist schärfer und mißtrauisch beobachtete. Am meisten aber war ihm Clara aufsässig, denn der junge Rath Schmaling war völlig in Rede und Gespräch des merkwürdigen Fremden verloren. Ein Gelehrter, Ferner, nahm Antheil an der Gesellschaft, so wie der Arzt des Hauses, Huber, und Jeder beobachtete von seinem Standpunkt aus den Reisenden, der sich Jedem mit ungezwungener Offenheit mittheilte. Darum war auch Anton heiter und gesprächig und die Mutter ließ bald ihren Widerwillen fahren, mit dem sie zuerst sich am Tische an der Seite des verdächtigen Mannes niedergelassen hatte. Als die Mahlzeit geendigt war, begaben sich die Männer in ein andres Zimmer, und die Frauen verließen die Gesellschaft. Nach einigen unbedeutenden Reden kam man auf den Gegenstand, der Alle interessirte, da Jeder wünschte, daß der Fremde von sich und seinem Treiben etwas Bestimmteres aussagen möge. Schmaling machte sich vorzüglich an den vorgeblichen Wunderthäter und nahm jedes Wort, was dieser sprach, begierig auf; doch der Obrist, der mit Clara Mitleid hatte, und ihre Aengstlichkeit gewissermaßen theilte, suchte diese Gespräche zu stören. Ob es denn niemals, fing er an, um die Unterredung zu lenken, irgend 169 mit Sicherheit wird ausgemacht werden, wie alt diese weltbekannte Gesellschaft der Freimaurer eigentlich sei. Vielleicht, antwortete der Rath, ist der ganze Streit mehr um Worte und Buchstaben, als um die Sache geführt worden. Mögen wir annehmen, daß dieses geheim öffentliche Institut, wie es in unsern Tagen besteht, schon uralt sei, daß es in frühern Jahrhunderten, unter ganz andern Bedingungen, als andre Bedürfnisse waren und man die jetzigen nicht kannte, habe daseyn können: behaupten wir dies alles, und geben nur zu, wie wir es müssen, daß diese Vereinigung, im Fall sie alt ist, sich völlig verwandelt und nach den verschiedenen Zeiten auch verschiedene Zwecke beabsichtigt habe, so ist mit dieser Einräumung auch der Streit, wenn nicht völlig geschlichtet, doch beseitigt. Um so mehr, sagte Ferner, der Gelehrte, da wir es selbst erlebt haben, wie in kurzen Zeiträumen sich viele Zwecke der Brüder verändern, sie mit einander streiten, jede Sekte die richtige und älteste Constitution zu haben vorgiebt, eine Verfassung die andre verdammt, und immerdar neue Einrichtungen die vorigen ablösen. Freilich, sagte der Rath, und so ist es nur Geheimnißkrämerei und Sucht zum Wunderbaren, die Entstehung der Gesellschaft hoch hinauf zu setzen, sie in andern Verbindungen wieder erkennen zu wollen, und anzunehmen, daß Tradition aus den ältesten Zeiten uns in dieser Einrichtung, die oft sich so geheimnißvoll stellt, mit dunkeln Geschichten und Sagen in unmittelbare Verknüpfung setzen könne. Und doch, sagte Schmaling, handelt es sich hierum einzig und allein, oder die ganze Sache verliert ihr Interesse. Das Wunderbare, fuhr der Geheimerath fort, aber das Interesse wohl nicht. Oder wir können es auch so 170 ausdrücken. daß unsre Bildung eben dahin sich ausarbeiten soll um zu erfahren, was wir mit Recht wunderbar nennen. Es fragt sich, ob dann nicht ein ganz umgekehrtes Verhältniß erscheinen wird, daß alles jenes Wunder, welches unsre unerfahrne Jugend reizte, uns gleichgültig oder lächerlich wird, und wir das ächte Wunder da wahrnehmen, wo das blöde Auge gar Nichts, oder das Gleichgültige erschaut. Sehr wahr, fuhr der Gelehrte fort, die Natur, das Erkennen derselben, Kunst und Wissenschaft, das einfache, edle Leben unschuldiger Menschen, die Gegenwart unverdorbner Kinder, der Liebreiz des Frühlings, das Verständniß der Poesie und die Fähigkeit, ihn, den Ewigen allenthalben wahrzunehmen, hier findet der ächte Schüler das Wunder und dessen Verständniß. Verwandelt der Schwärmer dagegen Wissenschaft, Natur, ja seinen Glauben an den Höchsten in ein Gespenst, sieht er mit seltsamen Grauen in die Natur und den Geist des Menschen hinein, kitzelt er sich mit dem Gefühl, durch Zahlen, Zeichen, willkührliche Worte und Geberden Annäherung zu fremdartigen Geistern, ja Herrschaft über sie zu erlangen, so ist er schon für das Verständniß der Dinge und jene Freiheit des Geistes verloren, die den gesunden klaren Menschen so liebenswerth und so ehrwürdig macht. Gut gesagt, erwiederte Schmaling; aber er wird auch hier an Worten und Zeichen sich zerstoßen, sein Geist wird dürsten und verschmachten, und wenn er recht in das Innre dieser scheinbaren Erkenntnisse eindringen will, so wird er sich verirren, und wenn er erwacht, sich in einer tauben, leeren Wüste wieder finden. Ist denn nicht eben jene Glaubensfähigkeit, die sie Wunderglauben oder Wundersucht taufen und schelten, die innerste Federkraft unsrer Seele? In 171 ihr schlummert der Funke, der zu Licht und Flamme sich ausbreitet und erhellt. – Mag es seyn, erwiederte der Rath, daß wir ohne diese Fähigkeit des Glaubens, ohne dies Gefühl der Liebe und eines unbedingten Vertrauens weder glücklich seyn könnten, noch die Stufe der Menschheit erreichen, zu der wir bestimmt sind. Diese einfache Liebe und Hingebung aber, die zur Glaubenskraft erstarken soll, ist völlig von jenem Vorwitz unterschieden, der ergründen, fassen und beherrschen will, was dem Menschen versagt ist, und der sich, weil er Nichts erobern kann, nun in das Gebiet der Nichtigkeit stürzt, sich mit dem Schein und der Lüge verbindet, und so den Geist des Menschen, seine Seele bis an die Selbstvernichtung führt. Denn so kann man doch wohl das nennen, wenn der Mensch für die nächste und unentbehrlichste Wahrheit Träume und Hirngespinnste eintauscht. Jetzt nahm Sangerheim das Wort und sagte: Hier aber ist es, wo der Streit ein wirklicher wird, denn es läßt sich doch auch fragen: wer denn die Wahrheit zu solcher stempeln soll? Demjenigen, der nüchtern und einfach fort lebt. der sich niemals erhebt, dem dürfen die Wahrheiten der Religion, wie die Ahndungen der Geisterwelt als leere Träume erscheinen. Wer es aber erlebt und erfahren hat, wie jedes Wort und jede Gestalt nur dadurch wahres Sein erhält, daß sie vieldeutig sind, daß das Alltägliche und Aeußere auf ein Inneres und Geheimnißvolles deutet, der kann unmöglich alle höhere Forschung und Erkenntniß als unzulässig abweisen, weil sich ihm das, was in früherer Entfernung Traum und Aberwitz schien, nun näher gerückt, deutlich in nahe Wahrheit, in die unerläßliche Bedingung aller ächten Erkenntniß verwandelt. Schmaling gab dem Fremden die Hand, von diesem 172 Worte hoch erfreut. Der Fremde fuhr fort: Ist es wahr, daß diese ächten Geheimnisse, wie alles Große und Geistige, schlecht bewahrt und mit falschem Sinne erkannt, verwahrloset und durch Mißbrauch bis zur Sünde herabgewürdigt werden können, so ist es gut und nothwendig, wenn sie sich in dunkeln, tiefsinnigen Schriften dem Verständniß der blöden Menge entziehn, wenn eine beschlossene Gesellschaft edler Menschen sie als etwas Frommes und Heiliges bewahrt. Es ist löblich und nothwendig, daß, da der Zutritt nicht eigensinnig versagt werden kann, Prüfung und Läuterung voran geht, und nur Auserwählte, die in verschiedenen untern Graden bewiesen haben, daß sie der Erleuchtung fähig und würdig sind, zum Lichte vordringen dürfen. So war es seit uralten Zeiten, und diese Ueberlieferung bewahrt unser Bund, und dies ist es, was wir versprechen können. Darum werden jene andern nüchternen Sekten der Brüderschaft, die alle nicht wissen, was sie wollen, von selbst verschwinden und sich vernichten. Dieser Gesang, antwortete der geheime Rath, ist nicht neu, er läßt sich von Zeit zu Zeit immer wieder vernehmen. Die wahre ächte Maurerei, die ich für solche erkenne, ist aber diesem Glauben und dieser Absicht völlig entgegengesetzt. Und diese ächte Maurerei? fragte der Fremde. Anton trat hinzu und sagte: Darf ich, als der einzige Ungeweihte hier, auch zugegen bleiben? – Der Vater erwiederte lächelnd: Ich werde nichts verrathen, was nicht Jeder hören dürfte. – Wie sich die Menschheit in Gesellschaft und Staat gebildet hat, und diese nicht entbehren kann, so fühlte der Einsichtsvollere doch auch zu allen Zeiten, daß mit diesem unendlichen Gewinnst gegenüber ein Verlust verbunden sei, und seyn müsse, der wohl eben so schmerzlich falle, als der Gewinn 173 gegenüber erfreuen dürfe. Die Gesetze ordnen und zerstören, die Religion erhebt und verfolgt, die Moral veredelt und verdammt, und Alles in so großen Verhältnissen, so durchgreifend und nach allen Seiten, daß es unmöglich scheint, die Ausgleichung und Versöhnung dieser Wohlthaten und Uebel zu finden. Religiöse, wie dichterische Sagen setzen diesen unerläßlichen Zwiespalt schon vor alle Schöpfung hinaus; Mystiker suchen aus ihm die Entstehung der Welt zu erklären. Der Inhalt unsrer Religion ist die Lehre der Versöhnung, um durch ein neues Räthsel das ältere zu lösen. Schon die alte Mythologie und Dichtung der Griechen wollte ebenfalls manche Schuld, grause Verbrechen, die jedes Gesetz verdammt, zur Tugend, zur Aufgabe eines Gottes machen, und Orest ist eine wundersame Frage an den innern Geist, wie Timoleon in spätern Zeiten. Durch alle Adern des Daseins dringt der Tod des nothwendigen Buchstaben, und jeder Edle, sei er Fürst, Staatsmann, Krieger oder Handwerker und Bauer, findet in seinem Leben tausendfältige Gelegenheit, hülfreich zu seyn, wo Staat, Religion, Gesetz und Lehre nicht ausreichen, um zu vermitteln, wenn er seinen Sinn frei genug erhalten hat, und so das Geistigste, das, was unantastbar seyn sollte, und was doch immerdar verletzt werden muß, still und behutsam zu schützen. Nur in den allerneuesten Zeiten war es möglich, daß verschiedene Freigesinnte, edle Menschen darauf fielen, in einen geheim öffentlichen Bund zusammenzutreten, um dieses Unsichtbare, Unaussprechliche zu wirken, dieses ächte, große Geheimniß zu bewahren, welches sich freilich niemals verrathen läßt, weil es ganz geistiger Natur ist, das schon verschwindet, indem man es nur in bestimmte Worte fassen will. Anton sagte lebhaft: Ja freilich, so angesehn, ist eine 174 solche Vereinigung verständiger Männer das Edelste, was man sich denken kann: die ächte Aufklärung, um ein so oft gemißbrauchtes Wort einmal in seinem wahren Sinne zu brauchen. Der Vater winkte ihm freundlich, und fuhr fort: Wenn Menschen, so gestimmt, sich zusammenfanden, so durften sie hoffen, daß die Vereinigung ihre Gesinnungen stärken, ihnen das Gute, was sie ausrichten wollten, erleichtern würde. Der Unterschied der Sekten, der Glaubensmeinungen und Stände hörte in dieser geistigen Gemeinschaft auf. Sie konnten nicht darauf fallen, Etwas gegen den Staat zu unternehmen, so sehr sie dessen Gebrechen fühlten. denn sie hätten sich ja dadurch dem todten Buchstaben wieder hingegeben, dem sie entfliehen wollten. Es genügte, klar zu sehn, fein zu fühlen, den Leidenschaften und Vorurtheilen nicht zu huldigen. Um so mehr Patrioten, um so weniger legten sie Hand an, Räder auszuheben, oder die Maschine anders einzurichten. Es genügte, daß sie ohne That und Kampf das Gute wieder vorbereiteten; der Fromme mußte frei genug seyn, um in und durch die Gesellschaft seine Sekte nicht verbreiten zu wollen; noch weniger aber konnte es dem Aufgeklärten beikommen, die Religion des Landes untergraben zu wollen, nüchterne Freigeisterei zu befördern, oder feindselige Gesinnungen zu verbreiten, er fühlte, daß Liebe, Milde, Sanftmuth und Duldung genügten. Je frommer der Fromme war, so weniger konnte er aber auch, als Mitglied solcher Gesellschaft, den Satzungen eigensinniger Priester huldigen, oder eine geschichtliche Form der Religion für etwas Anders als Form und Buchstaben halten. In dieser ächten Loge meines Sinnes, wie konnte es in ihr mehr als einen Grad geben? Was hätten die Eingeweihten denn noch finden und entdecken sollen? Genügte irgend einem dieses hohe, 175 unsichtbare und unaussprechliche Geheimniß nicht, so stand er ja in dieser Ungenügsamkeit wieder außen, und hatte Weihe und Erkenntniß verloren. Und wo, wo, rief Anton lebhaft aus, wo sind diese ächten, wahren Maurer zu finden, daß auch ich mich ihnen mit allen meinen Kräften anschließe? Wo? antwortete der Vater; nirgend in aller weiten Welt sind sie zu finden, nirgend und allenthalben; denn jeder wahre Mensch ist dieses Salz der Erde, und ist ohne Gesellschaft, Eid und Verbindniß dieser ächte Freimaurer. – Als nun Christoph Wren in London die neue Loge stiftete, oder nur neu belebte, ging von hier aus wohl eine Gesinnung, oder eine ihr ähnliche aus, wie ich eben geschildert habe. Unter jenen Freimaurern ist Ashmole der erste, der davon spricht, und wenn er die Gesellschaft und Verbrüderung eine sehr alte nennt, so mögen meinethalben die Baukorporationen schon längst ihre Constitutionen und Symbole gehabt haben, doch war dieser erlaubte und edle Kosmopolitismus in dieser Gestaltung den früheren Jahrhunderten unbekannt und unmöglich. Und wie selten, wie wenig mag er auch in England, wie in Deutschland, zum Bewußtsein gekommen seyn, fiel der Obrist Dorneck ein. In meiner Jugend schloß ich mich, aus einem unbestimmten Wissenstriebe, Menschen an, die sich für erleuchtet ausgaben. Die Gesellschaft war aber damals nicht so ausgebreitet, wie jetzt, noch war sie in so viele Sekten und Constitutionen getheilt. Schon die Menge der Lehrlinge, die Kassen, die der Aufzunehmenden bedürfen, die weltlichen Absichten, die sich mehr oder minder eingeschlichen haben, machen jene Vereinigung, von der Sie, theurer Sohn, sprechen, völlig unmöglich. Und es ist zu fürchten, wie es denn auch schon begonnen hat, daß sich kluge Köpfe dieser 176 Verbindungen bemeistern werden, um völlig das Gegentheil aus ihnen zu machen, wozu sie bestimmt waren. Bemächtigt sich erst ein solcher Schwindel der Zeit, so steht wohl zu besorgen, daß ein viel schlimmerer Buchstabe mit tödtender Kraft herrschen wird, als vormals in der äußern Welt, und ihren Gesetzen, Gewöhnungen und Rechten. Wie gesagt, erwiederte der Rath, die Zeit erklärt und erzeugt Alles. Manche Völker, vorzüglich Deutschland, waren nach dem Frieden von 1648 in sich selbst matt zurück gesunken, bei uns war alles öffentliche Leben dahin, das Interesse für den Staat völlig abgeschwächt. Hier in Deutschland konnte sich allgemach der Gedanke erzeugen, statt des öffentlichen Geistes einen unsichtbaren still wohlthätig walten zu lassen. Vielleicht, daß hie und da, auf kurze Zeit, die ächte Maurerei, nach meinem Sinne, ausgeübt wurde. Entstellungen zeigten sich früh, Mißbräuche schlichen ein, und Alle ängstigten sich, geheim oder eingestehend, daß sie kein sprechendes, faßliches Mysterium den wißbegierigen Lehrlingen zu verrathen hatten, worin doch eben, daß sie dessen ermangelten, ihr Wesen und ihr Stolz hätte bestehen müssen. Dieses Geheimniß, fiel der Obrist ein, hat mich schon in meiner Jugend herumgejagt. Ich ließ mich früh aufnehmen, und unser Meister vom Stuhl war denn auch ein Wunderthäter. Bald war die Stadt, es war im Anfange des Krieges, nicht sicher genug. Ein Schloß im Gebirge, das einsam lag, ward zu den Versammlungen der Geweihten auserlesen. Der geheimnißvolle Meister setzte uns junge Leute immerdar in ängstliche Thätigkeit. Jetzt kam diese geheime Botschaft, und nun jene, dieser große Monarch, dann jener benachbarte Fürst waren dem Magus auf die Spur. Nachtwachen, gerüstete Freunde, Waffen und Schwur sollten den seiner Weisheit wegen Verfolgten beschützen. Eine 177 berittene Garde umgab bei Tag und Nacht das Castell, und streifte in der Gegend umher, um Kundschaft einzusammeln. Je mehr wir uns ängstigten, je größer und erhabener erschien uns unser Meister. Freilich waren auch einige prosaische Zweifler unter uns, und diese folgten eben so unermüdet der Spur des Betruges, wie wir der der Verfolgung, und ermittelten endlich mehr als wir. Unser hohe Magus war am Ende nichts, als der gemeinste Betrüger, vom niedrigsten Stande, der sich schon früh vieler verächtlichen Schelmereien schuldig gemacht hatte, und nicht einmal Maurer war. Ein strenger, rechtlicher Mann nahm sich nun unsrer an, und eine Zeitlang wollten und fühlten wir Alle etwas Aehnliches, als Sie, Herr Sohn, uns vorher geschildert haben. Die Sage, fing der Rath wieder an, ward nun beliebt, daß die Freimaurerei eine Fortsetzung und neue Belebung des alten Ordens der Tempelherren sei, der so willkührlich und mit so vieler Grausamkeit aufgehoben wurde. Wie ich schon aussprach, ich will über Dergleichen nicht streiten. Mögen die Einsichtigen des Templerordens die Freimaurer ihrer Zeit gewesen seyn, möglich, daß ihr Bund sich der fast allmächtigen Hierarchie und dem weltlichen Despotismus widersetzte; daß aber die neue Brüderschaft eine Fortsetzung des vertilgten Ordens, unmittelbar von entflohenen Brüdern gestiftet, sei, wird man niemals befriedigend nachweisen können. Andre können mit demselben Recht die Wiklefiten zu Maurern machen. Wohin wir sehen, giebt es Verbindungen in der Geschichte, die sich der herrschenden Kraft mit Glück oder Unglück, mit Gewalt oder heimlich widersetzen. Oft ist die Weisheit und das Bessere beim Widerspruch; oft aber wird dies auch früh vom Schlechten, Frevelhaften vertilgt. Warum sollen, so verstanden, die ersten Albigenser nicht ebenfalls 178 Freimaurer gewesen seyn? Daß sie Rebellen wurden, dazu zwang sie vielleicht die zu rasche Maßregel der Kirche und die Grausamkeit der Priester. Ich kann Nichts dagegen haben, will man den Orden in den uralten Culdeern auf den schottischen Inseln wiedererkennen, die sich schon in den frühesten Jahrhunderten dem anwachsenden Papstthum widersetzten, und eine reinere Lehre, ein ursprünglich ächtes Christenthum zu besitzen glaubten. Warum will man die Gnostiker ausschließen? Ja die jüdische Sekte der Essäer? Auch hindert uns Nichts, die Pythagoräer dafür zu nehmen. Oder die besseren der ägyptischen Priester: eben so Diejenigen, die die ächte Lehre der Perser bewahrten. Man kann sich das früheste Judenthum, oder selbst das religiöse Geheimniß der Patriarchen so denken. Wie aber Abrahams Judenthum (wenn man es so nennen will) ein ganz andres war, als das der Pharisäer zu Josephus Zeiten, oder als jene jüdischen Sekten, die die Kabbala und alle wunderlichen sinnreichen Träume der Rabbinen annehmen und aus diesen erst rückwärts die Propheten und Moses verstehn, so ist auch jene willkührlich so genannte Freimaurerei von der neuesten noch weit mehr unterschieden, und ihr völlig unähnlich. Denn so können wir die Bundeslade, das verlorne Feuer, die wiedergefundenen Bücher, und was wir nur wollen, willkührlich deuten, und es geschieht der Sache nicht zu viel, wenn wir Noahs Arche zu einer Loge machen, und den Gründer der Brüderschaft in Seth, oder selbst Abel suchen. Ist man mit Typen und Vorbildern zufrieden, so ist es keine so gar schwere Kunst, aus Allem Alles zu machen, und es sollte mich nicht großes Studium kosten, die Brüderschaft, ihre Geschichte und Symbole aus der Comödie des Dante, oder aus der wilden Prosa des Rabelais heraus zu deuten. Scherzen Sie nicht, sagte der Gelehrte, es ist noch nicht 179 aller Tage Abend, und wir können nicht wissen, welche Aufgaben sich der Scharfsinn und die Combinations-Gabe unserer Tage noch setzen werden. Es ist sonderbar genug, daß die Säule Boaz noch niemals auf den vielbesprochenen Baffomet ist gedeutet worden. Oder beide Säulen J und B, Jachin und Boaz, auf Jacob Böhme, der doch gewiß bei den Parazelsisten und Adepten der Brüderschaft eine große Rolle gespielt hat. Vielleicht, sagte Schmaling, da ich noch nicht durch viele Grade gedrungen bin, erfahre ich künftig dies und noch mehr. Könnte aber ein wissender Meister nicht neue Deutungen in die Symbole legen? Dergleichen, erwiederte der Rath, ist vielfach geschehen; und so sind durch Erklärungen Geheimnisse, und aus diesen wieder neue Erklärungen entstanden, um eine Sache zu verwirren, die nur in schlichter Einfalt wohlthätig und segensreich seyn konnte. Wie kommt es nur, sagte Ferner, der Gelehrte, daß man noch niemals die Schulen der Magie und Zauberei, oder Nekromantik, Nekromancie, wie die Dichter des Mittelalters sie nennen, für Logen gehalten hat? Nach Toledo in Spanien, als dem Centrum und der wahren Universität oder großen Mutterloge, weisen alte Gedichte hin. Kunststücke, Zauberei, Verwandlung, Beherrschung der bösen und guten Geister wurde dort gelehrt. Auf dem Vatikan liegt ein Gedicht von den Heymonskindern und dem Zauberer Malegys. Dieser lernt aus den Büchern eines andern Magus, Balderus, die hohe Kunst, er besiegt nachher diesen und einen andern berühmten Künstler Iwert; und so hätten wir denn vielleicht hier wieder das J und B, was in der Maurerei eine so bedeutende Rolle spielt. Halten Sie ein, Professor! rief Anton aus, sonst machen 180 Sie noch alle unsre reisenden Taschenspieler zu Meistern vom Stuhl, oder unbekannten Obern. Doch ohne allen Scherz gesprochen, erwiederte Ferner, ich wundre mich, daß unter den vielen Maurern und Freunden der Maurerei, von denen doch so viele Bücher gelesen und für die Sache geschrieben sind, noch keiner sich die Mühe gegeben hat, ein höchst merkwürdiges Gedicht aus dem Mittel-Alter zu studiren, das, wenn irgend eins, eine Geheimlehre enthält, ein Christenthum, Mythe und Symbolik, die gewiß nicht mit den herkömmlichen und angenommenen der katholischen Kirche übereinstimmen. Dieses Gedicht heißt »die Pfleger des Graal,« und besteht aus zwei Theilen, wovon der erste Parzifal, und der zweite Titurell genannt wird. Dieser heilige Graal ist ein Geheimniß, das nur Eingeweihten zugänglich und verständlich ist, eine Erfüllung aller Wünsche, eine Heiligung alles Menschlichen und Irdischen, er giebt Gesundheit, Leben, Freude und Glück. Durch Forschen, Fragen, wenn der Ritter zufällig in den Saal tritt und aufgenommen wird, macht er sich des Mysteriums würdig, und der junge Parzifal, weil er zu bescheiden ist, verscherzt in früher Jugend auf lange durch sein Stillschweigen diesen Besitz. Die Heidenschaft und der Calif der Muselmänner erscheinen nicht so feindlich und gehässig, wie in den übrigen Gedichten des Zeitalters. Eine kirchliche christliche Gemeinschaft der Frommen und Edlen, eine mystische Lehre wird vorgetragen, die selten mit dem allgemein Gültigen jener herrschenden Kirche überein zu stimmen scheint. Auch der Tempel und die Baukunst sind mystisch behandelt und sind dem Werke höchst wichtig, wenn gleich die heilige Masseney, die Tempelherren oder Tempeleise ganz in Art und Weise der Ritterwelt dargestellt sind. Auch der Priester Johannes spielt eine große Rolle, und Alles bezieht sich in 181 verschiedenen Richtungen auf Johannes den Evangelisten. Wie sehr der Täufer bei den Maurern gilt und geehrt wird, ist bekannt, und, wenn sie wirklich älteren Ursprunges seyn sollten, so ist wohl noch zu untersuchen, ob nicht ursprünglich der Evangelist gemeint sei. Die Forschungen über dieses tiefsinnige Gedicht des Mittelalters sind auch in anderer Hinsicht noch lange nicht abgeschlossen, und der Maurer, der die Geschichte der Poesie kennt, dürfte hier auf manche Entdeckung gerathen, die seinem gläubigen Vorurtheil mehr und stärkere Waffen gäbe, als jener Sanct Albanus, der die Bauleute in England zuerst beschützte, oder der Prinz Edwin, oder die Culdeer, Wiklefiten, oder was man nur sonst in die Untersuchung gezogen hat. Mir fällt eine Frage ein, sagte Anton: hat man noch nie den sinnigen Shakspeare zum Maurer gemacht? Viele seiner Sprüche, z. B. »es giebt viele Dinge im Himmel und auf Erden, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen läßt« hat man oft genug gebraucht und gemißbraucht. Es ist aber bekannt, daß der edle Philipp Sidney ein Freund und Beschützer des berühmten und berüchtigten Jordanus Bruno war, den man nachher als Ketzer in Italien verbrannte. Wie, wenn diese beiden Männer ächte Maurer gewesen wären, und in jener merkwürdigen Zeit eine Loge gestiftet hätten, in welcher unser Shakspeare später wäre aufgenommen worden? In dem kleinen London und in einem kurzen Zeitraum von dreißig Jahren waren so viele große und herrliche Männer, wie sich nur selten auf Erden so enge zusammen drängen. Jetzt stand Huber, der Arzt, auf und sagte: ich habe bis jetzt geschwiegen, weil ich nicht andern Meinungen voreilen wollte. Dieses Geheimniß eines Nicht-Geheimnisses, wie es unser Freund Seebach ausgeführt hat, will mir 182 keinesweges gefallen. Es sei, daß die Maurerei Nichts gegen Staat und Religion unternehmen soll, und daß wir deshalb jene frühen englischen Logen tadeln mögen, von denen die Sage berichtet, daß sie unter Cromwell bedeutend zur Wiedereinsetzung der Stuarts mitgewirkt haben. Aber eben dadurch, daß der Maçon von Politik und Kirche sich zurückhält, um nicht zu stören, ist ihm ein so größerer und schönerer Wirkungskreis in der Natur eröffnet. Weisen wir die früheren Sagen von Adepten ab, so ist eben jener Elias Ashmole, der einer der frühesten authentischen Maurer der neuen Zeit ist, zugleich als ein Freund der Astrologie und der Verwandlungskunst bekannt genug. Beschäftigen sich also die Universitäten, um die Jugend nicht irre zu führen, mit der Naturwissenschaft in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, so ist es um so erfreulicher, wenn ein Kreis erfahrner Männer, zum Geheimniß durch Wort und That verbunden, jenen Geist aufsucht und herbeiziehn will, jene Kraft, Wunder zu wirken, die wohl schon sonst auserwählten Sterblichen beigewohnt hat, kurz, sich in dem zu üben und zu vervollkommnen, was gemeinhin Magie genannt wird. Diese Wissenschaft, die Natur aufzuschließen und sie zu verwandeln, ist des Strebens der Edelsten nicht unwürdig. Es ist leichter, sie zu verlachen, als die Meister dieser Kunst und die Anschauungen, die uns entgegen kommen, abzuweisen und zu widerlegen; und namentlich die Kunst des Adepten, Gold zu machen, den Stein der Weisen hervor zu bringen. Die nüchterne Welt kennt nur einen Weg, indem sie die Erzählung von Flamel als Lüge verschreit, was Paracelsus erzählt und ein Mann wie Helmont betheuert, Mährchen nennt, den tiefsinnigsten der Philosophen, Jacob Böhme, nicht anhört und versteht, und Alles, was in unsern Tagen ein erleuchteter Saint Martin begeistert predigt, nur mit mitleidigem 183 Achselzucken beantwortet. Aber ist es denn nun schon unwidersprechlich dargethan, daß uns Saint Germain belog und betrog? Die Kunst, Gold aus andern Metallen zu machen, scheint so nahe zu liegen, da wir so viele Verwandlungen hervor bringen können. Sie soll ja nur den Meister beurkunden, ihm seinen Meisterbrief schreiben, als einen Beweis, daß er die Natur bezwungen hat, und sie beherrscht. Die moralische Besserung und Vergeistigung des Menschen ist die höhere Kunst des Adepten. Aber Wunder zu glauben, in der Vorzeit, um Religionen und Heilige zu bekräftigen und ihrem Wirken Glauben zu verschaffen, und anzunehmen, daß diese Kraft erloschen müsse, und in unsern Tagen und niemals wieder erweckt werden könne und dürfe, heißt, um mich gelinde auszudrücken, auf das Mindeste sehr inkonsequent glauben und lehren. Mein Freund Seebach kennt meine Ueberzeugung, die ich hiemit wiederhole. – Jetzt nahm Sangerheim, der Reisende, wieder das Wort: Wie die Kunst der Verwandlung das eine Unterpfand des Maurers und Meisters ist, so ist die Macht über die Geister die zweite Beglaubigung, daß er Bahn gewonnen, und den Sieg im Laufe errungen hat. Diese Hoheit ist dem ächten Schüler der Weisheit seit uralten Zeiten überkommen, von alten Meistern und Obern, und jeder Lehrling, der sich in der Prüfung würdig erweiset, kann dies Siegel der Vollendung erringen. Wenn die Rosenkreuzer diesem hohen Berufe nachstreben, so ist es löblich, erringen sie ihn, dann ist ihre Kunst und ihr Weg der wahre. Er ist aber nicht der meinige. Doch werde ich den würdigsten Brüdern, die schon erfahren sind, gern, wenn sie Glauben und Vertrauen haben, die Weihe nach Graden der Prüfung zukommen lassen. Doch bin ich hierin ganz der entgegengesetzten Ueberzeugung des Herrn von Seebach. Ein einziger Grad 184 ist keiner; was diese Freimaurerei will und soll, kann Jeder am besten isolirt und ohne alle Verbindung erlangen. Schmaling sah begeistert aus und drängte sich an den Fremden, auch der Arzt Huber gab ihm die Hand. Auf der Seite des Rathes blieben der Obrist, der Gelehrte und Anton. So war in dieser kleinen Gesellschaft ein Gegensatz von Meinungen, die sich auf keine Weise vermitteln ließen. Man trennte sich, und beim Abschiednehmen bat der geheime Rath den Fremden, der so große Dinge ankündigte, noch etwas zu verweilen. Er trug ihm seine Verlegenheit vor in Ansehung des verlornen Dokumentes und schloß dann: Getrauen Sie sich wohl, durch Ihre übernatürliche Wissenschaft, deren Sie sich rühmen, mir diesen Bogen, an dem mir so viel gelegen ist, wieder zu verschaffen? Sangerheim, der bisher in der Gesellschaft bescheiden in Wort und Haltung gewesen war, richtete sich jetzt stolz auf und sah den Rath mit einem kühnen Blick von oben herab mit seinen feurigen Augen an und sagte: Ist dies nur eine leere Erfindung, um mich zu prüfen, so dürfte es schlimm für Sie ausgehn, wenn ich jene Kräfte für diese Unwahrheit in Thätigkeit setzte; ist es Wahrheit, was Sie mir sagten, so verspreche ich Ihnen meine Hülfe. Seebach erzählte ihm umständlicher die Sache, den Inhalt des Dokumentes, wie lange er es besessen, und daß es jetzt zur günstigen Entscheidung des Prozesses unentbehrlich sei. Ich glaube Ihnen, sagte Sangerheim, und spreche Sie morgen Nachmittag in der vierten Stunde. Am folgenden Abend war der Rath im Kreise seiner Familie, kein Fremder war zugegen, auch Schmaling fehlte. Es war sichtbar, daß er nachdenkend war und an den 185 Gesprächen der Uebrigen nur wenigen Antheil nahm. Der Obrist sagte endlich, als er in die Fröhlichkeit der Uebrigen nicht einstimmte: Was ist Ihnen, Lieber? Wir fangen uns an zu ängstigen; theilen Sie uns Ihren Kummer oder Ihre Leiden mit. Es ist nichts dergleichen, erwiederte der Vater, ich sinne nur darüber nach, wie man so nach und nach alt wird, und doch niemals ausgelernt hat. Ich glaubte über Alles, was man Wunderglauben nennt, hinaus zu seyn, und war selbst in meiner Jugend dieser Schwachheit nicht ausgesetzt. und nun berührt mich Etwas so stark, daß ich mich vor mir selber fürchte, wenn der Ausgang sich so ergeben sollte, wie er mir ist versprochen worden. Die Mutter und Tochter sahen sich mit bedeutenden Blicken an, Anton war gespannt und der Obrist sagte: Nun, Werthester, was ist Ihnen versprochen? Dürfen Sie es uns mittheilen? Es ist mir nicht verboten worden, erwiederte der Vater. Gestern, als wir uns trennten, erzählte ich dem Fremden von dem verlornen Dokument. Er schien erst unwillig, weil er die Sache für Erfindung hielt, ihn auf die Probe zu stellen. Wie er meinen Ernst sah, versprach er mir heut Nachmittag Antwort zu geben. Er erschien, und seine erste Frage war, ob ich nicht in der Stadt noch ein andres Haus besäße. Ich bejahte, wir gingen hin und er betrachtete die Zimmer und den Saal, welche leer stehen, da ich immer noch unentschlossen bin, ob wir hinüber ziehn. Er ließ sich ein drittes Zimmer aufschließen, eilte hinein, und indessen ich noch draußen verweilte, und die Gemälde betrachtete, hörte ich drinnen Geräusch, wie von verschiedenen Menschen, auch Stimmen durch einander. Ich eilte durch die offenstehende Thüre, und fand meinen Fremden allein in der 186 Mitte des Zimmers, tief sinnend. Er bemerkte mich erst nicht, dann sagte er: Gehn wir morgen in der Mittagsstunde, zwischen Zwölf und Eins, wieder hieher, und ich hoffe Ihnen etwas Bestimmteres sagen zu können. Wir verließen das Haus, und ich fragte ihn, ob er es erlaube, daß uns noch Jemand begleite. Sehr gern, erwiederte er, nur bitte ich, dem jungen Herrn Schmaling vorerst nicht die Sache mitzutheilen, oder ihn zum Begleiter zu wählen, er ist zu heftig, er schwärmt und würde mich stören; vielleicht geht Ihr zweifelnder Sohn mit uns. – Seht, Freunde, das ist mir heut begegnet, und Ihr müßt gestehn, daß, wenn dieser Mensch ein Betrüger ist, er einen neuen und originellen Weg erwählt. Aber wie ein Betrüger? sagte der Obrist: wenn er Ihnen wohl morgen schon das Dokument schafft, oder Ihnen eine bestimmte Antwort giebt. Das wird er eben nicht thun, antwortete der Rath, er wird morgen mit einer neuen Zweideutigkeit mich abfertigen, mich wieder auf einen andern Tag vertrösten, und, wenn er meine Leichtgläubigkeit, oder meinen Charakter bei dieser Spannung beobachtet und kennen gelernt hat, mich mit diesen oder jenen Mährchen abspeisen, von denen er glaubt, daß sie mir zusagen. Alles das sage ich mir und wiederhole es mir, und doch kann ich es mir nicht leugnen, daß ich ungeduldig die Stunde des Wiedersehens erwarte, daß ich mir jenes seltsame, unbegreifliche Geräusch in der Erinnerung wiederhole, und darüber sinne. Es war, wie von vielen Menschen, wie Zank und Streit, ja Thätlichkeit, verschiedene Stimmen antworteten sich heftig, so daß ich erstaunt die halb angelehnte Thür öffne, in der sonderbaren Erwartung, viele fremde, heftige Menschen in Gezänk in meinem verschlossenen Zimmer zu finden, und ihn doch nur allein still in der 187 Mitte des Raumes stehen fand. Es war Tag, nicht Mitternacht, keine Vorbereitung war vorangegangen, ich kenne das Haus und er nicht, – wie soll man darüber denken? Lassen wir es, sagte Anton, bis morgen; die Stunde ist nicht so gar entfernt, und erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. Keine Kreise gezogen? fiel der Obrist ein: kein Zauber-Apparat? keine Citation? Sonderbar genug. Jenes habe ich auch einmal in meinem Leben gesehn und mitgemacht, und es wies sich nachher als Betrügerei aus, aber man hatte uns, die wir zugelassen wurden, durch Geheimniß, Rauchwerk, Gebet, Fasten und Kasteiung so exaltirt und betäubt, daß unsere Imagination dem Magus schon auf drei Viertheil seines Weges entgegen ging. Als die Mutter in der Nacht mit der Tochter bei einer häuslichen Arbeit verweilte, sagte sie: Ich kann Dir nicht beschreiben, wie widerwärtig mir diese Geschichte ist, die sich da anspinnt. Wir waren einige Jahre so ruhig, und nun wird Dein Vater wieder in solche Verwicklungen und Gedanken hinein gezogen, die ich auf immer für abgethan hielt. Er meint, er hat Alles überwunden, und läßt sich immer wieder von Neuem anlocken. Was ist es nur im Menschen, das der Vernunft zum Trotz, auf die sich die Meisten doch so viel einbilden, immer Herz und Phantasie in das Seltsame und Unbegreifliche hinüberzieht. Ich habe noch keinen Menschen gekannt, der nicht abergläubig gewesen wäre. Möchten sie es doch, antwortete Clara, denn ich bin es auch; und wie kann man sich gewissen Wahrnehmungen oder Eindrücken mancher Träume, den Vorahndungen und dergleichen entziehn; wenn sie nur nicht mit ihrer scheinbaren Philosophie so bedeutende Schlüsse aus Kindereien zogen, und so schwerfällige Systeme darauf erbauten. So Vieles 188 im Leben hat nur dadurch einen Sinn, daß es eben mit nichts Anderm zusammenhängt, daß es Nichts bedeutet. Sie wären aber im Stande, in einem Seufzer oder Kuß das ganze Universum zu lesen, und die Ewigkeit der Höllenstrafen daraus zu beweisen. Nun, meinen Schmaling werden mir die Geisterseher schön zurichten. Wären die Menschen doch nur damit zufrieden, ihren eignen Geist kennen zu lernen. Weil es aber da eben hapert, so sind sie freilich gezwungen, so viele fremde herbei zu zitiren, um den eignen zu verstärken. Am Morgen waren Alle beim Frühstück sehr einsilbig. Selbst Anton konnte sich nicht verbergen, daß er in einer Spannung sei, die seinem Wesen sonst ganz fremd war. Gegen zwölf Uhr erschien Sangerheim. Unterwegs sagte er: Ich bitte Sie, von dem, was Sie vielleicht sehn werden, nicht zu laut und gegen Jedermann zu sprechen. Was geht die Menge und das unwissende Volk unser Wesen an? Das große Haus des Rathes lag in der Vorstadt. Es stand leer, weil die Familie Willens war, hieher zu ziehn. Dies hatte freilich sein Beschwerliches, wenn Seebach sein Amt nicht aufgab. So war es geschehn, daß man es in dieser schwankenden Unentschlossenheit seit Jahren nur selten besucht hatte. Der Rath öffnete und verschloß hinter sich die Thüren wieder. Im Saale angelangt, ging Sangerheim wieder in jenes Zimmer, in welchem er gestern schon gewesen war. Er ließ die Thüre hinter sich halb offen, Anton und der Vater blieben im Saal. Plötzlich hörten beide ein verwirrtes Getöse, wie Schlagen an den Tapeten und Degenklirren, dann Gespräch, Gezänk, Hin- und Widerreden verschiedener Stimmen; auf verschiedene Fragen, die der Magus that, hörte man ein bestimmtes. Nein! nein! Es geschieht nicht! näher und ferner ertönen. Endlich erfolgte 189 ein Knall, wie von einer Pistole; Beide stürzten in das Zimmer und der Magus stand in der Mitte, in heftiger Bewegung und erhitzt. Er faßte die Hand der Eintretenden und sagte: Nur bis heut Abend lassen Sie mir Zeit und ich sage Ihnen Gewißheit. Noch widerspricht man mir, man will nicht nachgeben, aber es wird sich ändern, wenn ich in meiner Wohnung noch eine Operation vorgenommen habe. Sie trennten sich und Anton wie der Rath kamen nachdenklich zu ihrer Familie zurück. die sie mit Aengstlichkeit erwartete. Anton sagte: Der Mann ist ein recht künstlicher Taschenspieler, der einige neue Stücke gelernt hat, die die Uebrigen noch nicht wissen. Man schwört darauf, daß man verschiedene Menschen oder Geister vernimmt, man hört ein Rauschen und Schwirren, Rasseln und Prasseln, wie ein Handgemenge, endlich sogar einen bestimmten Pistolenschuß, aber es ist kein Dampf oder Geruch vom Pulver zu spüren. Das Unkluge bei dieser Geschicklichkeit scheint mir nur darin zu bestehn, daß er sich immer so kurze Termine setzt, so daß sich seine Vertröstungen schnell wiederholen und bald ermüden müssen. Mit den beiden Kunststücken von heut und gestern hätte er uns wenigstens einige Wochen hinhalten können. Es kann nicht so seyn, wie Du es Dir denkst, sagte der Vater. Er muß auf Etwas fußen, das ihn so sicher macht. Wäre die Sache, wie Du sie schilderst, so müßte er übermorgen oder in einigen Tagen beschämt abziehn, denn ich habe mich wohl gehütet, irgend großes Erstaunen oder entgegenkommende Leichtgläubigkeit merken zu lassen. Gab er sich doch auch nicht einmal die Mühe, uns auszufragen, so beschäftigt war er mit sich selber. Ihm selbst ist es Ernst, und seine Aufmerksamkeit ist ganz auf die Sache, nicht auf uns hingerichtet. 190 Du bist schon bekehrt und gläubig, sagte die Mutter. Unmöglich, Liebe, antwortete der Rath, denn ich glaube noch gar Nichts, auch giebt es noch Nichts zu glauben, sondern ich bin nur erstaunt, und kann in dieser verwirrenden Verwunderung meine Seelenkräfte noch gar nicht wiederfinden. Das ist vielleicht, bemerkte Clara, die beste Stimmung, um Wunder zu glauben. Kinder, sagte der Vater mit einiger Empfindlichkeit, tragt ihr nicht auch dazu bei, meine Unruhe zu vermehren. Mein ganzes Leben hindurch habe ich gegen den Aberglauben gekämpft, und es soll der Thorheit wenigstens mich zu besiegen nicht so leicht werden, als ihr es für möglich zu halten scheint. Gelingt es dem vorgeblichen Magus, uns diese große Summe zu retten, so sind wir ihm ohne Zweifel Dank schuldig: kann er es nicht möglich machen, was er, fast mit sicherm Versprechen, unternahm, so will ich denn auch nicht weiter grübeln, wie er die sonderbaren Stimmen und das seltsame Geräusch hervorbrachte. Alle waren scheinbar beruhigt, als der Rath, indem sich eben jeder in sein Schlafzimmer begeben wollte, folgenden Brief noch in dieser nächtlichen Stunde erhielt, der der ganzen Familie Ermüdung und Ruhe nahm: Da es nicht bloß eine Aufgabe fürwitziger Neugier war, was meine Kräfte und Kenntnisse in Anspruch genommen hat, da die Wohlfahrt einer hochachtungswürdigen Familie gewissermaßen an die Erfüllung meines etwas voreiligen Versprechens geknüpft ist, so hat der Widerspruch und Starrsinn Derer nachgelassen, von denen Sie heut, wenn Jene auch nicht sichtbar wurden, einige Kunde empfingen. Nicht unmittelbar, aber nach einigen kleineren Zimmern, die verschlossen blieben, muß sich in jenem Hause, zu dem Sie mich 191 heut führten, noch ein Kabinet befinden, dessen Fenster auf den Garten gehn. In diesem Kabinete ist ein Wandschrank, dem Auge nicht sichtbar, der sich durch den Druck einer Feder öffnet. Nimmt man hier einen gewöhnlichen Kasten heraus, so zeigt sich unten ein Schieber, unter welchem sich dieses Papier, nebst einigen andern Schriften, wohl finden wird. Bei den letzten Worten, indem der Rath den Brief laut vorlas, schlug er sich mit der flachen Hand heftig vor den Kopf, ward glühend roth und plötzlich wieder todtenbleich, und rief mit lauter Stimme. O ich Dummkopf! Und daß ich es vergessen konnte! Und daß mir ein ganz fremder Mensch, von dem ich niemals in meinem Leben Etwas gehört habe, mir so auf meine Erinnerungen helfen muß. Die Frauen, so wie Anton und der Obrist, waren um so mehr erstaunt und erschrocken, da sie niemals, obgleich sie das Kabinet kannten, von diesem heimlichen Wandschrank Etwas erfahren hatten. Vergebt mir dies Verschweigen, sagte der Vater, es ist mir eigen und eine Gewohnheit, die ich von Jugend auf hatte, auch vor meinen Nächsten und Vertrautesten noch Etwas geheim zu halten. So habe ich mir in jenem Hause diesen Versteck, um den kein Mensch wußte, angelegt. Er ist so künstlich gemacht, daß, wenn man die Sache nicht weiß, ich auch das schärfste Auge auffordern will, die Feder nur zu entdecken, die die Wand eröffnet und verschließt. Vor vier Jahren, wißt ihr, wohnten wir Alle drüben, weil dies Haus hier ausgebaut und anders eingerichtet wurde. Indem wir wieder herüber zogen, fiel jene Reise vor, die ich eiligst in Angelegenheit meines Fürsten machen mußte. Ich arbeitete die ganze Nacht, ohne fast Nahrung zu mir zu nehmen. Auch meine eigenen Sachen ordnete ich, und jenes Dokument war mir wichtig genug. Ich nahm es, so war ich fest überzeugt, mit mir hier 192 herüber, verschloß es in das geheime Schubfach meines Schreibepultes, reisete ab, und kam erst nach drei verdrüßlichen, arbeitsreichen Monaten zurück. Ich fand, so glaubte ich, alle meine wichtigen Papiere in Ordnung, und, sei es die Reise, mag es von den Kränkungen herrühren, die ich erlitten hatte, ihr wißt, daß ich in ein tödtliches Nervenfieber verfiel, von dem ich nur schwer und langsam wieder genas. In dieser schlimmen Zeit hatte ich mein Gedächtniß ganz verloren. Als ich wieder zum Leben erwachte, war es mir die bestimmteste Ueberzeugung, daß ich das Dokument hier aufgehoben, und seit meiner Rückkehr schon mehr wie einmal gesehn hatte. Darum wurde ich eben ganz verwirrt, als es nun, nach Jahren, die wichtige Sache entscheiden sollte, und sich nirgend antreffen ließ. – Doch laßt schnell anspannen, so spät es ist, ich will noch in der Nacht jenen Wandschrank untersuchen. Es wurde dem Kutscher eiligst der Befehl gegeben. – Wie kam es nur, fragte der Obrist, daß Sie, auch nur aus müßiger Neugier, jene Stelle drüben im Hause nicht untersuchten, und so zufällig das Papier fanden? Sie wissen ja, antwortete der Rath, wie der Mensch ist. Hier diesen Schrank, die Zimmer des Hauses hier kehrte ich mehr als einmal um, ich suchte mit Heftigkeit an allen unmöglichen Orten, war aber so fest und unwidersprechlich überzeugt, daß ich das Heft von dort nach der Stadt genommen hatte, daß ich mich selbst über die Frage als wahnsinnig verlacht haben würde, ob der Schrank es noch bewahren könne. Und außerdem – – der Rath zögerte, und als der Obrist in ihn drang, fuhr er fort: Lieber Vater, jene Wand enthält außerdem alle Beweise und Erinnerungen meiner jugendlichen Schwärmereien und Thorheiten, viele Arbeiten, die ich als Schüler dieses und jenes geheimen Ordens 193 entwarf, Abschriften aus seltenen Büchern, kabbalistische Rechnungen, Recepte zur Tinktur, und was weiß ich Alles. Eins jener tollen Blätter hatte sich zufällig hieher verirrt, das ich jetzt an eine andre Behörde geschickt habe, wo man es vielleicht mehr achten wird, als hier geschah. Diesen Wust habe ich seit Jahren nicht angesehn, weil mir davor graut. Denn, gestehe ich's doch, ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, daß ich nicht hie und da lesen und wieder lesen sollte, wenn ich mich einmal der Truhe nähere. Und bezwingt mich auch das Material des verwirrenden Inhalts nicht, so ängstige ich mich doch mit Recht, mich wieder in alle jene Stimmungen und Zustände zu versetzen, in welchen ich jenes Zeug zusammengeschrieben habe. Der Wagen fuhr vor, und der Rath, Anton und der Obrist stiegen ein. Als sie allein waren, warf sich Clara der Mutter, heftig weinend, an die Brust. Wie ist Dir, mein Kind? fragte die Mutter. Ach, Liebste! erwiederte Clara, Sie werden mich vielleicht schelten, daß ich bei diesen Sonderbarkeiten, bei diesen Dingen, die uns Alle so gewaltsam aufregen, etwas recht Albernes sage. Ich kann Alles das nicht leiden. Sie sehn, wie gemein es klingt, aber ich kann keinen andern Ausdruck finden, mag ich auch suchen, wie ich will. Wenn das Alles ist (und es ist ja vor unsern Augen da, wir können es nicht mehr ableugnen), so ist mir das Leben selbst widerwärtig. Mir entgeht alle Sicherheit, alle Lust zu denken und zu handeln, denn meine Freude war es eben, daß Alles so unbewußt sich bewegt und genießt, daß jedes Gefühl, jeder Gedanke um sein selbst willen da ist. Nun soll Alles Zusammenhang haben, sich geistig auf einander beziehn. Es ist mir unerträglich, so mit Gespenstern in innige Verbindung zu treten. Gespenst! Ist denn so was nicht der ächte Gegensatz, der völligste Widerspruch 194 mit Geist? Sehn Sie, Liebste, das Alles handthiert nun so gewaltsam in meinem Innern, daß ich lieber gleich im Fieber selbst phantasiren möchte, als von diesen Sachen hören: und nun gar sie erleben müssen! Tröste Dich, beruhige Dich, mein Kind, sagte die sorgende Mutter, Du sprichst schon, wie im Fieber. Ich glaube Dich zu verstehn, und doch scheinen mir Deine Ausdrücke zu herbe. Alles, was Du so schmähst, macht ja für viele verständige Männer den Reiz des Lebens aus. Wie Vieles würde mancher der Besten darum geben, wenn er sich durch dergleichen Wunder überzeugen könnte, die uns geboten worden, und die wir so wenig suchten, daß man sie uns aufdrängen muß. Das ist es eben, sagte Clara: ich kann mir keine Vorstellung davon machen, wie steppendürre, wie öde es im Geist und Herzen solcher Menschen aussehen muß, die sich dergleichen wünschen, die ihm nachjagen können. Ein heitrer Blick aus dem lieben, unschuldigen Auge des Kindes, seine Kartenhäuserchen, die es mühsam erbaut und lachend wieder umwirft, jedes Geschäft des Hauses, Backen und Nähen und Stricken, der Handlanger, der mit dem Schweiß seiner Arbeit seine Familie ernährt, o nennen Sie, was Sie wollen, auch das Allergeringste, es ist ja ehrwürdiger und edler, als es diese Raritäten sind, die sich so vornehm anstellen. Möchten doch lieber diese zwanzigtausend Thaler verloren gegangen seyn, als daß sie wiederkommen, und uns dieses Irrsal mit in das Haus schleppen. Ich kann Dir nicht ganz Recht geben, Tochter, sagte die Mutter: mir graut auch vor der Sache, aber dankbar müssen wir dem Manne doch seyn, wenn wir durch ihn um so viel reicher werden. Nein! rief Clara, wenn ich es nur hindern könnte. Ich 195 habe immer über unsern Consistorialrath gelacht, zu dessen Christenthum der Teufel eigentlich die nothwendigste und unentbehrlichste Person ist. aber jetzt bin ich der Meinung des heftigen frommen Priesters. Nur der Satan bringt diese Künste hervor, und Jeder, der sich damit einläßt, ergiebt sich ihm. Die Langeweile plagt natürlich den alten verdammten bösen Geist, und da weiß er sich nun keinen bessern Zeitvertreib, als die Menschen durch allerhand Blendwerk dumm und konfus zu machen. Es wird schon so seyn. Diese fatalen Beschwörer glauben ihn zu beherrschen, er spielt mit ihnen, wie die Katze mit der Maus, und nachher sehen sie denn mit Entsetzen, daß sie immerdar in seinen Stricken und seine leibeignen Knechte waren. – Ach! und mein Schmaling! der ist nun auch so ein kleiner goldner Fisch, den sich die Unbarmherzigen mit ihren eisernen Haken herauf angeln und über sein Bluten nur lachen. Welch hartes, sonderbares Schicksal, daß mich eine Leidenschaft zu einem Manne ergriffen hat, den ich eigentlich nicht ganz achten kann. Ich liebe ihn und gebe ihm mein ganzes Herz, ich fühle es, ich kann ohne ihn nicht seyn und leben, – und doch widerstrebt mir so Vieles in seinem Wesen: Sie werden sehn, dieser Blutsauger, der Sangerheim, macht mir mein Liebchen, meinen Auserwählten noch ganz verrückt. – Ich muß wider Willen lachen. Vergeben Sie mir, Mutter. Sie lachte laut, um nachher um so heftiger zu weinen. Die Mutter, die zwar die sonderbare Gemüthsart ihrer Tochter kannte, wurde doch besorgt, daß sie krank werden möchte, und wollte sie bereden, sich nieder zu legen: Clara wollte aber durchaus die Rückkunft des Vaters erwarten, und erfahren, wie das seltsame Abentheuer geendigt habe. Man war in der Vorstadt abgestiegen, um mit einer Laterne in das finstre Haus zu gehn. Die Stimmung der 196 drei Männer war feierlich und der Geheimerath Seebach zitterte, indem er die breiten und widerhallenden Stufen hinauf stieg. Im Saale standen sie still, ruhten und zündeten einige Kerzen an. Sie eröffneten die übrigen Zimmer, gingen hindurch und gelangten endlich vor jenes Kabinet. Ehe der Rath aufschloß, sagte er zu seinen Begleitern: Ich muß Euch bitten, Theure, wenn ich den Wandschrank eröffnet habe, und nach jenen Blättern suche, daß Ihr mich ganz allein gewähren lasset, weil ich nicht wünsche, daß Sie, lieber Vater, und noch weniger mein Sohn, Etwas in jenen Skripturen lesen mögen, die so Vieles enthalten, das ich jetzt selbst ganz vergessen habe. Der Rath schloß auf. In dem kleinen Zimmer, das, wie alle übrigen, lange nicht geöffnet war, war ein seltsamer Dunst. Der beklemmte Rath öffnete das Fenster, ein frischer Luftstrom zog herein, und man vernahm das Flüstern der Linde und das Rauschen des Holunderbaumes, die dicht vor dem Fenster standen. Ist es Euch so seltsam, wie mir, zu Muthe? fing der Rath wieder an. Mir dünkt, es kommt mir jetzt schon viel weniger darauf an, diesen bedeutenden Theil meines Vermögens zu retten, als nur die Wahrhaftigkeit jenes wunderbaren Mannes bestätigt zu finden: ob ich gleich von ihr schon überzeugt bin. Er drückte an die ganz glatte Wand und sie eröffnete sich. Oben in der Mauer standen einige Geräthe und Gefäße, die auch eine magische Bedeutung haben mochten. Seebach bückte sich und holte einen schweren Kasten aus dem Behältniß, der Briefe, Bücher, Maurer-Symbole und dergleichen enthielt. Er ließ, indem er in den Verschlag trat, den Sohn hinein leuchten. Man sah Nichts, und nur der Vater konnte den künstlichen Schieber finden, der zurückgedrängt wieder eine andere geräumige Oeffnung entdeckte. 197 Gleich oben lag das vermißte Dokument und ein großer Zettel daneben, auf welchem mit großen Buchstaben stand: Das Dokument über die zwanzigtausend Thaler findet sich in meinem geheimen Wandschrank, unten, im Hause der Vorstadt. – Es war auch hinzugefügt: Sollte ich auf der Reise sterben, so suche man – und hier war genau für den Fremden beschrieben, wo man die Feder und den Schieber entdecken könne. Seht, Freunde, rief der Rath, dieses Blatt wollte ich aus Vorsorge in mein Schreibpult legen, um das Dokument ja nicht zu vergessen. Aber die eilige Arbeit, die Wichtigkeit der Geschäfte, die nahe Abreise machten, daß das Vergessen den Sieg, wie es so oft geschieht, über die Vorsicht davon trug. Für meine Familie, im Fall ich von der Reise nicht zurückkommen sollte, war noch diese genaue Bezeichnung hinzugefügt. Er übergab das Dokument seinem Sohne, der es sorgfältig in die Brieftasche legte. Hierauf bückte sich der Vater wieder und nahm alle übrigen Papiere aus jenem tiefen Raume, die in mehreren verschlossenen Mappen und sorgfältig zugeschnürten großen Heften enthalten waren. – Was machen Sie da? fragte der Obrist. – Da das Geheimniß des Schrankes, sagte der Rath, jetzt ein öffentliches ist, so will ich alle diese Papiere mit mir nehmen, um sie in meinem Stadthause sicher zu verwahren. – Er trug sie selbst mit Anstrengung die Treppen hinunter und in den Wagen, und wollte sich weder vom Obristen, noch seinem Sohne helfen lassen. Als sie wieder im Wagen saßen, fing der Rath an: Was soll man nun, meine Lieben, von dieser ganzen Sache denken? – Denken? erwiederte der Sohn, fürs Erste wohl gar Nichts, denn wir haben noch lange an unserm Erstaunen 198 zu genießen. Dann wollen wir uns des Geldes und des gewonnenen Prozesses freuen, und Clara vorzüglich mag dem Magus danken, weil ohne ihn ihre Aussteuer wäre verkürzt worden. Mit dem Zauberer müssen wir auch Freundschaft halten, der unserm Hause geholfen hat. Mit allen diesen Dingen können wir uns eine Weile die Zeit so leidlich vertreiben, denn es scheint mir gefährlich und bedenklich, zu früh über diese Sache denken zu wollen. Haben wir doch genug daran zu thun, sie zu glauben. Und ableugnen läßt sie sich nun einmal nicht. Ich begreife Deinen Leichtsinn nicht, erwiederte der Vater. Kannte dieser Sangerheim mich und meine Familie? und wenn dies war, konnte er von diesem Papiere wissen? und wenn er davon erfahren hätte, konnte er diesen geheimen Schrank entdecken? Setzen wir auch den noch wunderbarsten und seltensten Zufall, er habe nach mehr als zwanzig Jahren den Tischler gefunden, der ihm diesen Schlupfwinkel verrathen hätte: wie viel Unerklärliches bleibt noch zu erklären? Und wie viel Unnatürliches, Unmögliches muß man schon gewaltthätig zusammen raffen, um nur das Leugnen des Wunderbaren und Unbegreiflichen bis zu dieser Spitze zu treiben? Darum eben, mein lieber Vater, antwortete Anton, ist diese Entfernung von allem Grübeln, sich aller Gedanken zu entschlagen, was Sie, um mir einen Vorwurf zu machen, Leichtsinn nennen, hier recht an der Stelle. Helfen wir uns doch mit nichts Besserm, als diesem Leichtsinn, der aber auch edler Natur seyn kann, bei den allerwichtigsten, heiligsten und höchsten Dingen, wenn wir uns nicht geradehin der Verzweiflung oder dem Wahnsinn ergeben wollen. Wenn unsre Gedanken vor dem Bilde der Ewigkeit scheu umkehren, oder an der Gottheit und Allmacht des Schöpfers ermatten 199 müssen: – was können wir anders thun, als uns in diesen Leichtsinn retten, der uns so kindlich, so tröstend entgegen kommt? Mag es nicht eben so Pflicht und Weisheit seyn, zu Zeiten gewissen Gedanken auszuweichen, wie es ein andermal unerläßlich ist, sie aufzusuchen, und bis in das Innerste hinein zu ergründen? Nicht jeder Stunde geziemt Alles. Weisheit! sagte der Alte unwillig; wenn die Unerfahrenheit sie lehren will! – Sie waren angelangt und stiegen zum Wohnzimmer hinauf, in welchem Clara und die Mutter sie erwarteten. Man sprach, erzählte noch, und der Vater sorgte vorzüglich, seine Skripturen in Sicherheit zu bringen. – Der frühe Morgen überraschte sie noch im Gespräch, sie legten sich nieder, um noch einige Stunden zu schlafen, aber Keinem von Allen ward mehr als ein unruhiger Schlummer zu Theil, der sie nicht erquickte. Diese Begebenheit, obgleich sich Alle vorgenommen hatten, nur zu den Vertrautesten von ihr zu sprechen, war bald in der Stadt bekannt, und machte großes Aufsehn. Und, wie es zu geschehen pflegt, erzählte man sich den seltsamen Vorfall bald mit den wunderlichsten Zusätzen, indem Jeder glaubte, am Besten von dem Wunder unterrichtet zu seyn. Sangerheim, der dieses gerade hatte vermeiden wollen, war hiedurch sehr verstimmt, und wurde es noch mehr, als er erfuhr, daß der regierende Fürst selbst sich von seinem Rathe Seebach die denkwürdige Sache hatte vortragen lassen. So kam es denn, daß Sangerheim nicht nur zu allen Versammlungen und Gesellschaften sehr gesucht wurde, sondern daß auch am Hofe Nachfrage nach ihm geschah. Alles dies schien ihm sehr gleichgültig, denn er bekannte selbst, nur einen Zweck 200 im Auge zu haben, nehmlich die gewöhnliche Freimaurerei verächtlich zu machen und zu stürzen, zu welcher sich in dieser Provinz die angesehensten Männer bekannten, und die zugleich die größte Achtung genossen. Es gelang ihm auch, die Logen zu stören und verdächtig zu machen, und viele der eifrigsten Brüder zu sich hinüber zu ziehn. Indem er mit diesen arbeitete, ihnen den Irrthum deutlich machte, in welchem sie bisher gewandelt waren, verschiedene Grade einrichtete und geheimnißvolle Weihungen vornahm, mysteriöse Zeichen, Amulete und Gehänge austheilte, deren Deutung er sich vorbehielt, saß der geheime Rath Seebach in seinem Zimmer und vertiefte sich in jenen Schriften, die ihm seine leidenschaftliche, sonderbare Jugend wieder vergegenwärtigten. Er hatte mit Recht die zauberhafte Wirkung dieser Papiere gefürchtet, denn er verlor sich so in Erinnerungen, daß die Gegenwart fast gar keine Gewalt über ihn ausübte. Vieles hatte er ganz vergessen, über Manches dachte er jetzt anders, aber doch erschien ihm Alles in einem andern Lichte, als er erwartet hatte, denn er fand zu seinem Leidwesen, daß die großen Fragen keinesweges so abgeschlossen waren, als er es neuerdings, ohne wiederholte Untersuchung, zu seiner Beruhigung angenommen hatte. Diejenigen, die den alten Logen treu geblieben waren, sprachen über Sangerheim sehr erbittert, und behandelten ihn, ohne daß sie es beweisen konnten, wie einen Betrüger. Schmaling, so wie der Arzt Huber, die gleich seine eifrigsten Anhänger geworden waren, kämpften mit aufgeregter Leidenschaft diesen Verleumdern entgegen, und die ganze Stadt, die viele Jahre hindurch ruhig gewesen war, nahm heftig Parthei für und gegen den Fremden. Dieser und seine Freunde bemühten sich, den elenden Zustand der neueren Maurerei und das Unwesen der Logen in das grellste 201 Licht zu stellen. Man berechnete, wie viel die Lehrlinge, deren keiner abgewiesen wurde, jährlich einbrächten, wie die älteren Brüder nur dahin strebten, Vorsteher, Redner und Meister vom Stuhl zu werden, um durch diese und andre Würden freien Theil am Schmause zu erhalten. Man zeigte, wie verdächtig die Wohlthätigkeit dieser Maurer sei, und erzählte und wiederholte ärgerliche Geschichten, die allgemeinen Anstoß gaben. Man machte sich lustig darüber, wie sehnsüchtig sie irgend einem Geheimniß entgegen sähen, wenn sich nur irgendwo eins wolle auftreiben lassen, wie gern man es sich, behutsam verpackt, aus England oder Schottland verschreiben möchte, und keine Kosten spare, damit man den sehnsüchtigen Forschern doch nur irgend Etwas zu verheißen hätte. Jene Logen der strikten Observanz hatten aber auch Manches mitzutheilen, was der Wißbegierige und Schadenfrohe gerne anhörte. Man erzählte: dieser Sangerheim sei nichts anders als ein Spion, von einer großen Macht des südlichen Deutschlands ausgesendet, um in den nördlichen Provinzen Zwiespalt auszusäen, und Mißtrauen zwischen Volk und Regierung zu erregen. Der verhaßte Name der Jesuiten wurde nicht geschont, um ihn und seine Freunde zu bezeichnen und verdächtig zu machen. Man wollte in seiner Wohnung eine weiße Frau, oder vielmehr ein entsetzliches Gespenst gesehn haben, und der neuerungssüchtige Pöbel fügte hinzu, daß Kobolde und Teufel in seiner Wohnung freien Aus- und Eingang hätten. Man scheute sich nicht, zu behaupten, er stelle dem Leben des regierenden Herrn und seiner Familie nach, und es gab keine so abgeschmackte Lüge, die nicht in irgend einem Kreise einen Schwachkopf fand, der sie geglaubt hätte. So sehr diese ältern, aufgeklärten Logen den eindringenden Neuling aber auch haßten, so sehr beneideten sie seine Kenntnisse und Geheimnisse, 202 und wären ihm gern freundlich entgegen gekommen, wenn er ihnen nicht so unverhohlen den Krieg angekündigt hätte. So war die freundliche Stadt, die sich bis dahin einer schönen Geselligkeit erfreut hatte, von Zwiespalt zerrissen, der sogar viele Familien ergriffen, und die nächsten Freunde und Verwandte einander entfremdet hatte. Wie man stritt und verleumdete, bewies und zankte, die Meinungen hin und her schob, so merkte von Allem Derjenige, der eigentlich die Veranlassung dazu gegeben hatte, der geheime Rath Seebach, am wenigsten von dieser Verwirrung, weil er bei Tage wie in der Nacht fast immer über jenen Papieren sann und brütete, die er aus seinem Schranke gleichsam von Neuem erbeutet hatte. Alle Träume und Wünsche seiner Jugend wurden nun lebendig in ihm, er konnte nicht begreifen, wie er bis dahin alle diese Gedanken und Erfahrungen als Kindereien so unbedingt hatte abweisen können. Er war seitdem gegen seine Familie weit zurückhaltender, und ihn gereute selbst das Wenige, was er seinem Sohne vertraut hatte. Die Mutter klagte, die Tochter trauerte, und der Obrist war verdrüßlich, aber ohne Erfolg. Nur Anton blieb in seiner heitern Laune und sagte: Was wollt Ihr? Mein Vater verjüngt sich wieder; ist denn das nicht ein Glück, welches wir gern unsern Geliebten gönnen, und es ihnen immerdar wünschen? Warum sollen wir denn unsre Erfahrungen auch nicht einmal von rückwärts erneuern? Zum Kindischwerden hat es mit meinem lieben Alten noch Zeit, aber die Kindlichkeit ist ja fromme Tugend und ein Glück der Erde. Er ging dem verdächtigen Sangerheim aus dem Wege, so oft er diesem begegnete. Und dazu fand er oft Gelegenheit, denn so wenig der Magier auch zur Familie gehörte, so besuchte er sie doch täglich, und oft kam er zweimal am 203 Tage, um den Herrn des Hauses zu sehn, und sich mit diesem einzuschließen. Sie arbeiteten dann, lasen, schrieben, und man wollte in der Familie sagen, daß sie gemeinschaftlich magische Operationen vorgenommen hätten. Als unmittelbar nach jener Nacht der geheime Rath sich dem Unbekannten hatte dankbar erzeigen wollen, sagte dieser: Demüthigen Sie mich nicht, verehrter Bruder, durch ein solches Anerbieten. Ich habe, was ich brauche, und es wird mir nicht leicht fehlen. Sollten sich irgend einmal die Verhältnisse anders gestalten, so werde ich mich mit Vertrauen zuerst an Sie wenden, und Sie werden mir dann meine Bitte nicht abschlagen. Als der Rath ihm von Neuem seine Dankbarkeit ausdrückte und zugleich den Wunsch aussprach, ihn näher kennen zu lernen, erwiederte der Fremde: Was ich von mir weiß, oder Ihnen sagen darf, will ich Ihnen, geliebter Bruder, gern mittheilen, denn wir verstehn den Freund um so besser, wenn wir seine äußere Geschichte, die Umrisse seines Lebens ebenfalls vor uns sehn. So wissen Sie also, daß ich im Jahr 1745 geboren bin, und zwar in Paris. Mein Vater war nichts Geringeres, als ein Prinz von königlichem Geblüt, aber meine Mutter war eine Bürgerliche, die sich durch schöne Worte, Versprechungen, vorzüglich aber durch die einnehmende Gestalt meines Vaters hatte täuschen lassen. Ich wurde gut erzogen, und der theuerste Lehrmeister für jede Kunst und Wissenschaft mir gehalten. Mein Vater hatte große Freude an mir, und verzog und verzärtelte mich. Das ist das größte Unglück, das einem Kinde meiner Art widerfahren kann, denn in spätern Jahren wird es doch wieder in die Bahn zurückgewiesen, in die es nach den Einrichtungen der Welt gehört. An einem sittenlosen Hofe war meine Abstammung eines jener öffentlichen Geheimnisse, das 204 alle Welt kennt und belacht, und eben so Jeder, wenn es ein ernstes Wort gilt, verleugnet. Ich hatte oft das Glück, den König zu sehn, der zuweilen so mit mir spielte, als wenn er selbst ein Kind gewesen wäre. So lange man als Kind hübsch und artig ist, wird man über die Gebühr von Weibern und Mädchen bewundert; treten die Jahre ein, in denen sich der Knabe streckt und auswächst, so wird er von verwöhnten Menschen um so mehr übersehn, wohl gar verfolgt, und das Beste im Kinde wird verhöhnt, wie früherhin das Gleichgültigste vergöttert ward. Auch diese Erfahrung mußte ich machen, so wie späterhin die noch schlimmere, daß mein Vater, der sich mit einer jungen tugendhaften Dame vermählte, nachdem er einige Jahre als Wittwer gelebt hatte, mich aus Engherzigkeit und mißverstandener Moral verleugnete. Damals bemächtigte sich eine tödtende Bitterkeit meines jungen Herzens. Nachher ging mein Haß in Verachtung über, und ich vermied, wie ich nur irgend konnte, den Anblick des Prinzen. Ich erhielt eine Stelle beim Regiment, ward Lieutenant, Hauptmann, Obrist, und man ersparte mir sogar den Dank für diese Wohlthaten und Auszeichnungen. Die Maurerei war in Frankreich etwas so Gewöhnliches, daß jeder junge Mann von Welt und Erziehung zur Brüderschaft gehören mußte. Es war fast nicht mehr, als wie man eine Loge im Theater nimmt. Der Krieg brachte mich nach Deutschland und ich lernte hier einige ernstere Brüder und ein tieferes Forschen kennen. Als aber mein Wissenstrieb erwachte, konnte mir Keiner eigentlichen Bescheid geben. Jeder hoffte vom Andern das zu erfahren, was er so schmerzlich entbehrte, und was Jeder nur ungern, und endlich mit Scham gestand, nicht zu besitzen. Ich ging durch alle Grade, durch alle Sekten, hatte viele hochklingende 205 Namen, vielerlei Kreuze und Kleidungen erworben und als aufmunternde Amulete erhalten, aber eigentlich Nichts erfahren. Das Sonderbarste war, wenn ich mich erforschte, daß ich eigentlich selbst nicht wußte, was ich denn nun wissen wollte. Jenes leere Ideal, jener nüchterne Cosmopolitismus, den Sie uns neulich schilderten, war mir freilich auch von Einigen gepredigt worden, aber er konnte meiner brennenden Wißbegier am wenigsten genügen. Wenn wir sehn, wie uns durch mechanische Kunst die Thiere gehorchen, wie der Wind das Segel schwellt und dem Schiffer dient, wie das Feuer uns die Berge und ihre Metalle zu leibeignen Vasallen macht, und eine arme Mischung von Kohlenstaub, Salpeter und Schwefel uns Mauern und Thürme niederwirft, so meinte ich, der so vorgeschrittne Mensch dürfe auch in das Geisterreich seine gebietende Hand hineinstrecken, und auch die Kräfte müßten ihm gehorchen, die man nur gemeinhin die unsichtbaren und unbekannten nennt, weil Keiner das Auge dreist erhebt. Aber nirgend fand ich Rath und Hülfe. Auch in England nicht; gewissermaßen hier am wenigsten. Ich kam auf die Vermuthung, die sich mir späterhin als Wahrheit bestätigt hat, daß alle diese Menschen von Klügeren mit Spielwerk und nüchternen Reflexionen, oder Symbolen der ehemaligen Tempelherrn nur hingehalten werden, damit sie ja nicht erwachen und das wahre Licht erkennen. Nach dem Frieden verließ ich den Dienst und Soldatenstand, und nur meine Sehnsucht, so wie die Verehrung der Kunst trieb mich nach Italien. Hier nun war es, vorzüglich in Florenz und Rom, wo mein Leben in eine so andre, bis dahin nie geahndete Bahn gerieth, daß ich Ihnen, geliebter Bruder, wenigstens für jetzt, von den Erfahrungen, die ich machte, von den 206 Erkenntnissen, die mir mitgetheilt wurden, Nichts offenbaren darf. Aber die Zeit wird kommen, ich sehe sie schon vor mir dämmern, wo ich Ihnen Nichts mehr zu verschweigen brauche. Als ich nach Frankreich zurück kam, bemerkte ich, wie Saint Martin und seine Schüler Manches in der Ferne gesehn haben, wie Fludd und die deutschen Rosenkreuzer nicht zu verwerfen sind, und wie vorzüglich ihr großer Jacob Böhme oft fast unmittelbar an das Centrum des heiligen Geheimnisses geräth, von dem auch Paracelsus und der tiefsinnige van Helmont schon einen Anblick, wie durch einen fliehenden Nebel hatten. Diesen großen Männern fehlte Nichts, als Bekanntschaften in Italien, wie sie mir ein günstiger Zufall verschaffte, um schon in der Kunst die höchste Stufe zu ersteigen. Ich bin auch überzeugt, daß hie und da ein Deutscher, weil diese Nation vielleicht das größte Talent zum Tiefsinn besitzt, wohl das Mysterium gefunden hat. Es Unwürdigen mittheilen, ist die größte Sünde, und deshalb sind Prüfungen verschiedener Art und mancherlei Grade nothwendig. Der Rath Seebach schien im Wesentlichen mit diesen Ansichten übereinzustimmen. Er theilte dem neugewonnenen Freunde viele jener jugendlichen Schriften, Auszüge und Bemerkungen mit, und Sangerheim sagte nach einigen Tagen: es ist, verehrter Bruder, wie ein Wunder, daß Sie in Ihrer Jugend schon so sicher auf dem richtigen Wege gingen, sich aber doch zu bald durch Schwierigkeiten und einige Blendwerke, die ihnen die Meister wohl absichtlich entgegen schickten, zurück schrecken ließen. Wer so früh so vorgearbeitet hat, dem muß es im reifen Alter ein Leichtes seyn, auch das Allerhöchste zu erringen. Der Obrist, der sich zurückgesetzt fand, war mürrisch und verdrüßlich, und es gelang dem wunderbaren Gaste nur 207 schwer, ihn wieder zu gewinnen. Als dies geschehn war, arbeitete der Greis, um auch Vorschritte zu machen, um so eifriger. Schmaling, der dem Magier ganz ergeben war, fühlte sich in Gegenwart seiner Geliebten nicht mehr so heiter und froh, aal ehemals, und der Arzt Huber war glücklich, daß er endlich einen Bruder gefunden hatte, der Talent und Einsicht genug besaß, sein System, dessen Anhänger er schon lange war, dem Geheimenrathe gegenüber so geltend zu machen, daß dieser selbst sich dazu schon halb bekannte. Der weibliche Theil der Familie war in tiefer Trauer, denn Clara's scharfes Auge bemerkte sehr gut die Veränderung, die mit ihrem Geliebten vorgegangen war. Er sah sie selten, und wenn er in ihre Nähe kam, war er tiefsinnig oder zerstreut. Ihn ergötzte kein Spaziergang mehr, kein Gespräch konnte ihn aufheitern, so sehr war er seinen seltsamen Forschungen hingegeben. Die Gesellschaft Antons vermied er mit auffallender Aengstlichkeit, weil dessen Scherz ihn einigemal verwundet hatte. Welche reizbaren Geister, sagte dieser zur Schwester, müssen es seyn, die durchaus gar keinen Spaß verstehn? Konnte man sich dergleichen Unsterbliche wohl zu seinem Umgange wünschen? Ich wenigstens gewiß nicht. Aber unser Schmaling muß, ich weiß nicht welchem trübsinnigen Elfenkönig, den feierlichen Eid abgelegt haben, niemals wieder zu lachen. Und wenn der junge Mann doch nur einsehn wollte, wie schlecht ihm diese Feierlichkeit zu Gesichte steht. Er ist, wenn er lacht und heiter blickt, zehnmal so liebenswürdig. Fährt er aber so fort, so bekommt er Runzeln und Falten, wie ein Rhinozeros. Solche Stirnrunzel sieht aus, als wenn ein ganzer Acker fruchtbarer Erde aus dem Kopfe genommen wäre. Es sind die wahren Lückenbüßer, die andeuten, wie alle Gedanken entflogen sind. Die Stirn hat immer, so wie sie es 208 merkte, nachgeschnappt, um festzuhalten; so sind diese Gruben geworden. Mir ist Dein Scherz zuwider, sagte Clara, denn ich sehe das Glück meines Lebens gestört. Dieser unglückliche Besuch hat Alles geändert und der aufgereizte Schmaling bedurfte nur einer solchen Veranlassung, um sein ganzes Wesen umzuwandeln. Sei über ihn beruhigt, antwortete der Bruder, ich habe schon dafür gesorgt, daß er wieder curirt werden soll. Mir ist ein Mittel beigefallen, das ich für untrüglich halte. Wenn es nur, erwiederte die Schwester, durch diese Cur nicht noch schlimmer wird, wie es wohl zuweilen der Fall ist. Wer kann überhaupt wissen, was noch aus Arzt und Kranken wird. Um mich darfst Du unbesorgt seyn, sagte Anton, laut lachend, denn mein Wesen ist zu prosaisch, um sich umstimmen zu lassen. Wir erleben, antwortete die Schwester, so Manches, was wir nicht erwarteten. Bist Du Deiner so gewiß? Die Gegenwart Sangerheims hatte in allen Gemüthern Empfindungen, Ansichten und Neugier aufgeweckt, alte Erzählungen wieder neu in Umlauf gebracht, die man schon vergessen hatte, und es war kein Haus, in welchem nicht Meinungen behauptet und bestritten wurden. Die Maurer der vorigen Tage waren in das größte Gedränge gekommen und viele, und zum Theil die angesehensten, hatten den Fremden für ihren Meister anerkannt. Als der Gelehrte sah, mit welchem Eifer man für und wider kämpfte, vorzüglich aber als er bemerkte, wie die Familie seines alten Freundes in Verwirrung gerathe, nahm er sich vor, Etwas 209 zu thun, um die vorige Ruhe und Behaglichkeit wieder her zu stellen. Man hatte ihm erzählt, wie sehr der Rath sich an den verdächtigen Fremden schließe, und wie dies nicht allein Frau und Tochter betrübe, sondern ihm vom Minister und dem Fürsten selber nicht gut ausgelegt werde. Ferner sagte eines Tages zu Anton: dieser Trieb in uns, ohne welchen wir kein Interesse an Wissenschaft und Geschichte nehmen könnten, muß sorgsam bewacht und gehütet werden, wenn er den Geist nicht in Gegenden verlocken soll, in denen aller ächte Trieb zum Wissen erlischt. Alle Kräfte in uns sollen im Gleichgewichte stehn und nur dann ist der Mensch gebildet und verständig; darum kann ihn, wie es so oft geschieht, ein überwiegendes Talent unglücklich machen. Die Lust am Geheimniß und Wunder darf auch nur verstärkt werden, wenn Witz und Scharfsinn, Vernunft und Verstand ebenfalls sich beleben. Diese Harmonie des Menschen fällt aber nicht ins Auge, und darum dünkt sie auch oft den Aufgeregten etwas Geringes und selbst Verächtliches. Anton hatte dem Professor einen Plan mitgetheilt, um Schmaling, der sich am unbedingtesten der Schwärmerei ergab, auf gelinde Weise durch Beschämung wieder zur Vernunft zurück zu führen. Er hatte die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, und ihn auch in das Haus seines Freundes, des Professors, geführt, der sich in kurzer Zeit das ganze Vertrauen des Jünglings erworben hatte. Es schien in der That, als wenn dieser Freund, der sich Anderson nannte, Jeden gewinnen müsse, dem er sich nähere; so konnte er durch Scherz und Ernst, Witz und Tiefsinn, Laune und Munterkeit in das Wesen der verschiedensten Charaktere eingehn, indem er bald in jedem Menschen eine Seite auffand, für die er sich interessirte, und so im geistreichen Gespräch den Mitsprechenden klüger und einsichtsvoller machte, als 210 dieser sich sonst erschienen war. Wer dieses Talent besitzt, gewinnt die Menschen am sichersten. In den meisten ist irgend eine Gegend des Geistes fruchtbar, und bringt eigenthümliche Gewächse hervor. Die Natur hatte wohl die Absicht, daß von hieraus die Originalität des Wesens hervorgehn, und das Individuelle desselben sich geistreich ausbilden sollte. Aber unsre Erziehung, einförmige und conventionelle Cultur, Geschäfte und Vielwisserei ersticken bei den Meisten schon früh diesen Keim. Die meisten Gespräche werden nur geführt, damit Jeder sich selbst hört, und den Andern so wenig äußerlich wie innerlich zu Worte kommen läßt. Geräth aber ein Menschenkünstler, ein ächter Virtuos, über diese verwahrlosten Instrumente, so weiß er auch den baufälligsten wundersame Töne zu entlocken. So war Jedermann in der Gesellschaft dieses Anderson klüger und witziger, als für sich selbst, oder im Umgang mit Andern. Er war daher in allen Gesellschaften gern gesehn, die er auch nicht vermied und allenthalben Unterhaltung fand. Sein Aeußeres war eben nicht sehr empfehlend, er war klein und stark, von breiten Schultern, und sein Kopf stand zwischen diesen etwas eingepreßt auf einem dicken Halse. Durch Sangerheim waren alle früheren Nachrichten von dem großen Wunderthäter, dem Grafen Feliciano, neu belebt worden. Briefe bestätigten von Neuem seine unbegreiflichen und schnellen Heilungen der schwierigsten und tödtlichsten Krankheiten, die die größten Aerzte schon verzweifelnd aufgegeben hatten. Man erzählte sich, wie er in einer großen Stadt des Auslandes in einem Palaste ganz wie ein Fürst lebe, von glänzender Dienerschaft umringt. Kein Armer verlasse seine Schwelle, der nicht reichlich beschenkt würde. Geld achte er wie Spreu, er bedürfe der Gnade keines Königs, denn er habe jüngst einem Staate eine ungeheure 211 Summe geschenkt, um den Fürsten aus einer Verlegenheit zu ziehn. Daß das Auflegen seiner Hand tödtliche Wunden schließe und die hartnäckigsten Krämpfe löse, war nur etwas Unbedeutendes: denn Todte sollte er schon geweckt haben, Abwesende aus fernen Ländern zitiren können, so daß sie den Freunden oder der Familie in sichtbarer Bildung erschienen, so wie er seinem eignen Geiste zuweilen gestatte, aus dem Körper zu wandern, um plötzlich in Asien oder Amerika einem Freunde, der ihn magisch gerufen habe, beizustehn. Daß alle Geister ihm zu Gebote ständen, die guten wie die bösen, bezweifelte Keiner, der mit Vertrauen und Glauben von ihm sprach. – Schmaling, der wenig in Gesellschaft kam, sondern ganz seinen sonderbaren Studien und seinem Meister lebte, war dem merkwürdigen Anderson niemals begegnet, und darum hatte diesem heitern und gefälligen Manne der übermüthige Anton den sonderbaren Vorschlag gemacht, daß er die Rolle des berühmten Feliciano spielen solle, um so Schmaling zu täuschen, und ihn so, indem er einsähe, wie leicht er hintergangen werden könne, in seiner Verehrung Sangerheims irre zu machen. Der muntre Anderson war auf diesen Plan eingegangen, und um so lieber, weil er oft tadelnd von diesem Sangerheim und dessen Arbeiten sprach. Im Hause des Professor Ferner wollte man eine geheimnißvolle Zusammenkunft veranstalten, von der aber der Magus Sangerheim nichts erfahren dürfe. Ferner war lange diesem Projekt entgegen gewesen. Er sagte auch jetzt: ich bin kein Freund von dergleichen Mystificationen. Sie sind nach meinem Gefühl ganz und gar dem Wesen und dem Anstand einer gebildeten Gesellschaft entgegen. Der Hintergangene hat Ursach, es nachzutragen, und es ist ihm nicht zu verargen, wenn er niemals wieder 212 Vertrauen faßt. Indessen mag eine gute Absicht diesmal die Sache entschuldigen; nur fürchte ich, daß Sie sich mit unserm Schmaling völlig verrechnet haben. Der Versuch wird immer das Uebel nicht ärger machen, antwortete Anton: auch ist es gerade in der Hinsicht ein glücklicher Zeitpunkt, weil die Freunde Feliciano's melden, er habe jene Stadt wieder verlassen. um von Neuem eine Reise nach Aegypten zu machen, und aus den Pyramiden viele Mysterien hervor zu suchen. Man traf noch eine nähere Abrede, und Anton ging, um jenen Anderson, zu welchem er eine große Zärtlichkeit gefaßt hatte, wieder aufzusuchen. Der Rath Seebach stand oft in seinem Zimmer, vor seinen Papieren, die vor ihm ausgebreitet lagen, und dachte seinem Leben und den wechselnden Empfindungen nach, die ihn in den verschiedenen Perioden seiner Bildung bestürmt hatten. Wohin geht dieser Lauf? sagte er eines Morgens zu sich selbst; dasjenige, was ich als einen festen Besitz errungen zu haben glaubte, droht mir wieder wie Wasser zwischen den Fingern zu entrinnen. Bleibt es doch wahr, daß in jener Nüchternheit, die ich vormals rühmte, die sichre Grundlage des Lebens ruht. Meine Jugend, und alle jene wilden, ungezügelten Bestrebungen überströmen wieder alle Dämme und Ufer, schon beginnt mir der Anblick dessen, was ich so lange als das Schöne und Edle erkannte, Langeweile, Widerwillen und Ekel zu erregen, denn zu unbedeutend, unbestimmt und mittelmäßig dehnt es sich vor mir aus. Hingehalten durch Hoffnungen, eingewiegt mit Versprechungen, aufgeregt durch Winke, und betäubt durch Erscheinungen, die ich sehe, aber nicht begreife, die mich erschrecken, und an die ich doch nicht glauben kann, wird mein Dasein zum Traum. Welch sonderbares Band zieht mich zu diesem fremden 213 Mann, und verknüpft mich ihm: ihm, dem ich mein ganzes Vertrauen schenken möchte, und der in diesen Momenten der Hingebung mich am meisten zurück stößt? Ich sehe, daß er geheime Kenntnisse besitzt, die er mir mitzutheilen verspricht, und mir dennoch vorenthält. Heut ist er ganz Offenheit, morgen lauter zurück haltende Förmlichkeit. In seiner Gegenwart fühle ich das Gelüste, gerade das zu glauben, was meinem Verstande am widersinnigsten erscheint, und wieder überschleicht mich eine Empfindung, daß ich im selben Augenblick ihn und mich verlachen möchte. Sangerheim traf und störte ihn in diesen Betrachtungen. Sie übersehn, Theurer, sagte er beim Eintreten, indem er die Thür verschloß, wieder Ihre Studien und Erfahrungen. Es ist sonderbar, wie wir Menschen schon so oft in der Jugend das höhere Wort vernehmen, den Ton desselben fassen, und uns späterhin Aussprache und Bedeutung wieder entfliehen können. Doch kehren wir in reifen Jahren mit tieferem Sinn, mit stärkerer Innigkeit zu denselben Wahrheiten zurück, wie es Ihnen geschieht; unbewußt hat die Seele die Geheimnisse ausgearbeitet, und die Glaubensfähigkeit steht gewappnet an derselben Stelle, wo noch gestern Zweifel und Unglaube nackt und wehrlos zitterten. Gestern, sagte der Rath, haben wir gerechnet und Figuren gezeichnet, die sonderbare Erscheinung, die Sie mir vorführten, überraschte mich; nachdem vernahm ich, indem Sie neben mir saßen, jene Stimme aus dem Zimmer dort, die mir die geheimnißvollen Worte zurief – Alles dieses, Lieber, sehe und erlebe ich; aber ich kann es mir nicht aneignen, es hat keine Bedeutung für mich, es fährt Alles wie leere Phantome, nur erschreckend, mir vorüber. Ich habe genug erfahren, um irre zu werden, aber dieses Räthsel meines Innern, welches sich immer mehr verschlingt, ringt 214 mit allen Kräften meines Herzens zur Lösung hin. Weder in diesen wechselnden Schauern von Licht und Schatten, noch in stiller Resignation kann ich meine Befriedigung finden, und ich fange an, meine Zweifel wieder als die bessere Weisheit aufzusuchen. Und doch waren wir übereingekommen, sagte Sangerheim mit feierlichem Ton, Sie hatten mit mir die Nothwendigkeit eingesehn, daß es Prüfungen, Grade geben müsse, daß die Geduld die unerläßlichste Tugend sei, um dem Geheimniß näher zu kommen. Nur eine einzige Frage, und die beantworten Sie mir auf Ihr Gewissen, sagte der geheime Rath eben so feierlich. Können Sie mir bei Gott und allem Heiligen, das Sie glauben, schwören, daß Sie mir irgend einmal, wenn auch später, die Lösung mittheilen wollen, und daß Sie selbst von Ihrem Beruf überzeugt sind? Ja! rief der Fremde, und erhob die Hand. – Gut denn, sagte der Rath, empfangen Sie dann diese Brieftasche, und in ihr, was Sie wünschten, ich will, ich muß Ihnen vertrauen. Auch ich, sagte Sangerheim, will mich Ihnen verpfänden, mit dem Theuersten, was ich besitze, mit Allem, was ich Ihnen nur geben kann. Er zog ein Paket hervor, mit seltsamen Zeichen versiegelt und fest in einander geschnürt. Legen Sie, sagte er, hier auch Ihr Siegel an. In diesem kleinen Raum ist Alles, was ich weiß, enthalten; mein ganzes Dasein, Alles, was Sie erfahren wollen, umschließt diese Sammlung. Löse ich sie zu der festgesetzten Zeit nicht aus, sterbe ich vor diesem Zeitpunkt, so fällt Ihnen diese Erbschaft zu und Sie mögen damit schalten nach Ihrer Willkühr. Der Rath nahm das Paket in die Hand, schlug es ein, 215 überschrieb es mit einer Nachricht, daß dies das Eigenthum Sangerheims sei, versiegelte es und legte es in seinen Schrank. Sich besinnend nahm er es wieder und sagte: doch kommen meine Kinder zuweilen hieher, in jenem Pult ist eine geheime Schieblade. Er trug es hin und indem er es einzwängte, geschah ein Knall, und die Masse selbst erzitterte. Sehn Sie, sagte Sangerheim, Sie sind ohne Noth besorgt, es bewacht sich selbst. Der Rath hatte sich entfärbt. Sangerheim sah ihn fest an und schien sich an der Verlegenheit des alten Mannes zu weiden, die dieser nicht verbergen konnte, so sehr er sich auch bemühte. Er sammelte seine zerstreuten Skripturen wieder, warf sie in den Schrank und sagte dann: also, Geduld, und bis dahin habe ich mich Ihnen unbedingt ergeben. Es ist wunderbar genug, wir entziehn uns gewissermaßen der Kirche und der Religion des Staates, wir nennen es unsre Weisheit, anders und weniger zu glauben, als der gemeine Mann, – und geben uns im Entfernen vom Hergebrachten und Autorisirten andern viel unglaublichern Dingen hin, und sind zufrieden, nur zu sehn und zu ahnden, ohne daß uns die Lösung gegeben wird, die wir doch in der Religion suchten und forderten. Richtig bemerkt, erwiederte Sangerheim; ist denn aber dieser Widerspruch nicht vielleicht eine Vorbereitung zu einer ächtern Religiosität, zu einem wahren Glauben? Immerdar, wenn wir uns widersprechen, ist es nur Schein, wir suchen die Bindung, den unsichtbaren Mittelpunkt, der den Widerstreit aufhebt. Das ist aber gegen die Abrede, erwiederte der Rath, daß ich wieder durch Gedanken und ihren wechselnden Kampf das Nichtige und Wahre finden sollte, ich sollte es ja 216 unmittelbar schauen, und es als einen wahren Besitz von dannen tragen. Wenn Sie denn, fing Sangerheim zögernd an, sich nicht fügen können und wollen, so gäbe es in Ihrem frommen und erweckten Sinn allerdings ein Mittel, das rasch die Hemmung wegnehmen, und Sie ohne Umwege zum Ziele führen könnte. Und dieses Mittel? fragte der Rath eifrig. Auch ohne dieses können Sie zu einem glänzenden Ziele gelangen, antwortete Jener, aber langsamer, und niemals erreichten Sie die Würde, so viel Sie auch schauen werden, eines höchsten Obern. Und dieses Mittel, fragte der Rath wieder, könnte mir diese Würde und die schnellere Einsicht in alle Geheimnisse verschaffen? Ohne Zweifel. – Sehnen Sie sich heftig? Unbeschreiblich! fing der Rath wieder an, und, da Sie so weit gegangen sind, so nennen Sie es auch, sonst sind Sie nicht mein Freund. Was Sie immerdar hemmen wird, antwortete Sangerheim mit einer Thräne im Auge, ist, daß Sie nicht ein Mitglied meiner Kirche sind. – Der Rath trat einen Schritt zurück und suchte noch mehr wie vorher die Bewegung seines Innern zu verbergen. Sangerheim sah ihn mit einem festen prüfenden Blicke an, als wenn er seine Augen durchbohren wollte, aber der Rath erwiederte diesen festen Blick, und nach einigen Augenblicken entfernte sich der Fremde. Tief erschüttert ging der Alte im Saale auf und ab. – Das ist es also? sagte er endlich zu sich selber; also dorthin liegt das eigentliche und wahre Geheimniß? – Habe ich doch den Einreden so mancher vernünftigen und 217 kaltblütigen Freunde nicht glauben wollen. Ich hielt es nur für Fabel, weil es einem Mährchen so ähnlich sieht; und ist also nun doch Wahrheit. – Sie bemächtigen sich einer Einrichtung, die im Beginn gut und edel war, die sich dann selbst vergaß, und in deren unbedeutenden Nüchternheit nun leicht die Sehnsucht zu Wundern und Seltsamkeiten Raum finden kann. – Wie verbreitet die Logen sind, so mögen sich diese, oder ähnliche Schwindler leicht jetzt oder in Zukunft der Menge bemeistern, um ihre Pläne, die sich noch nicht an das Licht wagen, durchzusetzen. – Diese Emissäre gehören also einer Propaganda an, und es läßt sich nun wohl begreifen, wer und was diese geheimen Obern sind, – Alles, was man von diesem Nachbarstaate erzählt, wo man auf verschiedene Art den Erbprinzen bearbeitet, hier und anderswo die Störung der Logen, das Eindringen und Vorschieben alter Meinungen. – Die Herren haben also doch ihre Herrschsucht und die alten Plane noch nicht aufgegeben! – Ja, ich bin durch dieses einzige Wort zum Licht hindurch gedrungen, aber sehr gegen deinen Willen, mein guter Magus. – Seine Kunststücke begreife ich freilich nicht; aber was gehen sie mich denn eigentlich an? Vor meinem guten verständigen Sohne muß ich mich jetzt schämen, der doch in seiner Art, wie er jenes Wunder betrachtete, sehr Recht hatte. – Zu schnell, zu plötzlich mag ich aber freilich auch nicht zurücktreten; ich will ihn noch beobachten: ich kann es jetzt wie ein Spiel treiben und genießen. – Mit Beschämung dachte er nun der Summen, die er dem Magier ausgeliefert, noch der letzten großen, die er ihm heut gegeben hatte. Sangerheim hatte zwar Anfangs jeden Dank und Lohn ausgeschlagen, aber bald hatte er bei dem großmüthigen Freunde Hülfe gesucht, der nun um so lieber und reichlicher mittheilte, da der Wunderthäter sich erst 218 uneigennützig gezeigt hatte. Zu den Beschwörungen und zum Geister-Apparat, so wie zu Einrichtung der Oefen und Herbeischaffung alles Geräthes, um den Stein der Weisen hervorzubringen, war wieder ein Kapital nöthig gewesen. Nachher zu geheimen Planen, die Sangerheim noch nicht nennen durfte, auf Geheiß jener unbekannten Obern, war wieder eine bedeutende Summe in Anspruch genommen worden. Für die letzteren großen Auslagen hatte der Magier seinem gläubigen Schüler eben jene versiegelten und zauberhaft verschlossenen Schriften verpfändet, die er bald wieder, durch Erstattung jener Summe, auszulösen versprach. Sangerheim machte einen großen Aufwand und lebte in der Stadt ganz als ein vornehmer Mann. Der feinen und neugierigen Welt war es ein Geheimniß, das sie nicht ergründen konnte, wovon er seine Ausgaben bestritt. Der geheime Rath Seebach hätte darüber Bescheid ertheilen können, denn beschämt gestand er es sich nicht gern, daß ein großer Theil jener so wunderbar geretteten Summe schon wieder geschwunden sei, wenn der Zauberer nicht seine Schuld bezahle, woran der Gläubiger zu zweifeln anfing. – Mit Schmerz dachte er an den jungen Schmaling, seinen künftigen Schwiegersohn, so wie an seinen Hausfreund, den Arzt, denn er wußte, daß Beide eifrig mit Sangerheim laborirten. Die Familie war erfreut, als der Vater nach langer Zeit wieder bei Tische heiter war. Clara besonders wollte daraus für ihr Schicksal etwas Glückliches lesen. Als sie mit dem Bruder über die Veränderung des Vaters sprach, sagte Anton: Dergleichen Verblendung, liebes Kind, kann niemals lange dauern. Hätte ich nicht andre Sorgen, so wollte ich mich anheischig machen, diesen Kummer mit etwas Geduld zu überwinden, oder mit Verstand und Zeit die Getäuschten zu heilen. Heut Abend wird nun unser 219 Schmaling gründlich in die Lehre genommen werden, und ich möchte Vieles verwetten, daß ich ihn Dir schon morgen als einen andern Menschen vorführen kann. – Sangerheim war, jenes Wortes wegen, das er hatte fallen lassen, mit sich selber sehr unzufrieden. Er hatte bemerkt, wie der Rath dadurch war überrascht worden. – Mag seyn, sprach er zu sich, daß es unbesonnen und zu früh ausgesprochen wurde, ich kann mit mir und dem Erfolg zufrieden seyn. Sie müssen meine Bemühungen erkennen, jene großen, jene mächtigen Männer. Und welches Glück, ihnen beigezählt zu werden! Welche Aussicht. daß Natur, Geisterreich und Welt mir dient, daß vor mir jedes Geheimniß die entstellende Hülle abwirft. – Und bin ich denn noch so weit von diesem glänzenden Ziele entfernt? Habe ich denn nicht die Zusage der Edelsten, daß mir bald, in weniger Frist Alles soll gewährt seyn? Wie sie mich durch Wissen, Kunst und Gold unterstützen, so werden sie mir auch die herrlichsten Güter nicht lange mehr verweigern. So träumte Sangerheim, und verlor sich in sonderbare und weitaussehende Plane. Der Professor Ferner hatte dem jungen Schmaling unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraut, daß, wenn er es wünsche, er am Abend den weltberühmten Grafen Feliciano in seinem Hause sehn könne, welcher incognito angekommen sei, um schnell weiter zu reisen. Er machte es ihm aber zur Pflicht, seiner Schwester, wie seinen Eltern Nichts davon zu sagen, weil sie Beide sonst sich den Zorn des Grafen zuziehen würden. Schmaling war über diese Nachricht entzückt, und versprach, nicht auszubleiben, indem er zugleich 220 versichern mußte, daß sein Herr und Meister, Sangerheim, auch Nichts davon erfahren solle. Anton stellte sich früher bei Ferner ein, um mit Anderson einige Vorkehrungen zu treffen. Wenn es Effekt machen soll, sagte der heitre Anderson, so muß ich Euer Haus und die Einrichtung desselben etwas genauer kennen lernen. Aber sagt mir doch, von welcher Art ist denn jener Kunstjünger selbst, den wir heut unserm Genius und dessen Launen aufopfern wollen? Anton nahm das Wort und sagte: Der junge Mann wird jetzt acht und zwanzig Jahre alt seyn und kann im Bau des Körpers, im Angesicht, Blick und Wesen fast für einen vollkommen schönen Jüngling gelten. Sein Wesen ist sanft und einschmeichelnd, sein Charakter ist weich und nachgiebig, und so fügte es sich, daß er meiner Schwester, die er schon seit lange verehrt hatte, gefiel. Er hat außerdem Viel gelernt, ist ein tüchtiger Geschäftsmann, und von seinen Vorgesetzten so geachtet, daß sie ihn, so jung er auch ist, schon zum Rath ernannt haben. Meine Schwester würde einer glücklichen Ehe entgegen sehn, wenn diese Geheimnißkrämerei, diese Sucht, sich die Weisheit der Rosenkreuzer und andrer Schwärmer anzueignen, nicht das schöne Verhältniß jetzt für eine Zeitlang völlig zerstört hätte. Ihr kennt ja, theurer Mann, die Begebenheit, die sich in unserm Hause zugetragen hat. Seitdem ist er diesem Sangerheim, aus dem wir Alle nicht klug werden können, wie mit Leib und Seele verschrieben. Könnt Ihr nun, indem Ihr den Leichtgläubigen in einer Maske täuscht, ihn dahin bringen, daß er von seiner Wundersucht nachläßt, so sind wir Euch den größten Dank schuldig. Wir werden ja sehn, was wir ausrichten können, erwiederte Anderson. Er ging, um sich die Zimmer zu 221 betrachten, indessen Ferner bemerkte: Wie seltsam ist es doch, daß wir uns zu einer solchen Maskerade vorsätzlich einrichten, indessen jener Sangerheim, der so Viele täuscht, doch auch kein wirklicher Charakter, sondern nur ein angenommener seyn kann. Man kann aber die Bemerkung machen, daß man auf jeder Redoute, sobald man die erste Betäubung überstanden hat, an alle die seltsamen Masken, die man sieht, glaubt, sich diese Wesen in ihren seltsamen Bedeutungen vergegenwärtigt, und selbst den vertrautesten Freund, wenn er sich nicht ganz hölzern beträgt, sich nicht in seinem wahren Charakter deutlich vorstellen kann. Diese sonderbare Eigenschaft unsrer Seele, die so gern freiwillig der Täuschung entgegen geht, erklärt es einigermaßen, warum die Betrüger in der wirklichen Welt in der Regel so leichtes Spiel haben. Anderson trat wieder zu ihnen und sagte: Um meiner Sache gewisser zu werden, fange ich nun schon an, den Feliciano zu spielen, den Grafen, den Menschenfreund, den Heilkünstler und Geisterseher. Mein Bedienter ist auch draußen, und wird mit bei Tische aufwarten, um der Gesellschaft mehr Ansehn zu geben. Schmaling trat schon, früher als man vermuthet hatte, vor Freude zitternd herein. Man begrüßte sich und der nachgeahmte Feliciano behandelte ihn, so wie der Professor und Anton kalt, und mit ruhigem, herablassendem Stolz. Man sprach nur wenig und setzte sich bald an den Tisch zu einem leckern Abendessen nieder. Die feinen Weine waren nicht gespart. Es wollte lange kein lebhaftes Gespräch in den Gang kommen, denn Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht durchdrungen, und der Professor so wie Anton wußten nicht recht, wie sie sich nehmen sollten, um nicht zu viel zu thun, und 222 Anderson selbst schien es darauf angelegt zu haben, diese beiden Freunde etwas zu quälen, denn es war nicht zu verkennen, daß ihre Verlegenheit ihn unterhielt. Endlich, um diese drückende Schwüle aufzulösen, fing er an, von seinen Reisen zu erzählen, und der Professor erstaunte, mit welcher Sicherheit er alle Gegenden bezeichnete, wie richtig er über Werke der Malerei und Baukunst urtheilte. Als Feliciano nun von Aegypten sprach, von den Wüsten Arabiens, von Palästina, Syrien und Persien, und alle Gegenstände mit der ruhigen Kunde eines Augenzeugen beschrieb, dachte Ferner leise erröthend an seine vorige Bemerkung, denn er hatte wirklich während der Rede vergessen, daß dieser Feliciano eigentlich Anderson sei. Jetzt war auch der glückliche Schmaling dreister geworden, und er wagte es, auf den Gegenstand seiner Forschungen und Wißbegier einzulenken. Er war sehr freudig überrascht, daß der Wunderthäter auch hierüber frei und offen sprach, daß er jene seltsamen Kuren nicht leugnete, und selbst andeutete, wie der Stein der Weisen kein Mährchen sei, wie ihn Viele schon besessen hätten, und Mancher lebe, der Kenntniß von ihm habe. So halten Sie, fragte Schmaling wieder schüchtern, die wunderbare Erzählung vom Flamel für keine Fabel? Wie sollte ich es, antwortete Feliciano, da ich den guten Mann selbst noch hundert Jahre früher, als Paul Lucas Kunde von ihm bekam, in Indien gesprochen habe? Anton fuhr zurück, denn diese Aeußerung schien ihm zu stark und den Fremden bloß zu geben, doch Schmaling war von seinem Glück schon so berauscht, daß dieser gewagte Ausspruch seinen Taumel nur vermehrte. Es ist sonderbar, fuhr Feliciano fort, wenigstens erscheint es uns Kundigen so, deren Leben nicht wie Spreu 223 verweht, wenn die Menschen Dinge wunderbar, seltsam und unbegreiflich nennen, die eigentlich die einfachsten und natürlichsten sind. Ist denn der Mensch ursprünglich dazu geschaffen, um den Thau aus der Blume, wie der Schmetterling, zu saugen, und wie dieser Augenblicks wieder zu vergehn? Sagt nicht die Schrift das Gegentheil? Wenn nun Weisheit und Kenntniß der Patriarchen und andrer Heiligen, sorgsam aufbewahrt von Geschlecht zu Geschlecht, dem Auserwählten, der sich dessen würdig macht, mitgetheilt wird, – wo ist das Unbegreifliche, oder nur Seltsame? Die Erzväter lebten Jahrhunderte, und wer ihrer nicht unwürdig ist, mag auch noch jetzt ihnen darin ähnlich werden. Wir haben vielleicht noch den Vorzug vor ihnen, daß wir Wissenschaft und Kunst späterer Zeit mit jenen uralten der früheren Tage, die für die meisten Menschen schon längst verloren gegangen sind, vereinigen können. Anton winkte dem Gelehrten, als freue er sich, daß Anderson so geschickt seine vorige Uebertreibung verbessert habe. Feliciano fuhr fort: Und so mag ich Ihnen sagen, und Sie werden sich hoffentlich nicht mehr darüber verwundern, daß ich noch frühere Personen gesehn und gekannt habe. Es war mir vergönnt, ein Freund des großen und heiligen Dante zu seyn. Viele Verwirrungen der Welt, viele große Entwicklungen der Geschichte habe ich gesehn, und immer wieder, wenn mein Gemüth durch dieses weltliche Treiben zu sehr gestört wurde, zog ich mich in die Wüsten Aegyptens oder Arabiens zurück, oder begab mich in meine Lieblingslandschaften an dem Ganges, wo ich denn wieder mit Flamel und manchem andern Adepten lebte. Ich habe bemerkt, daß seit drei Jahrhunderten die Kunst sehr gesunken ist, denn so lange wird es jetzt seyn, daß ich keinen neuen Ankömmling in unserm Kreise gesehn habe. 224 Schmaling sagte verlegen: und möglich wäre es, sich diesen hohen Sterblichen, die man fast Unsterbliche nennen möchte, anzuschließen? Ist es zu hoffen, daß diese großen Geister den Schüler, der ihnen gegenüber immerdar unwürdig erscheinen muß, nicht zurückweisen werden? Alles hängt davon ab, antwortete Feliciano, welche Bahn dieser Lehrling wandelt, ob er sich zu der rechten gesellt, und ob seine Lehrer ihn nicht vielleicht der Weihe unfähig machen. Und woran soll man das Wahre oder Falsche erkennen? fragte Schmaling. Auf vielfache Weise, erwiederte der Magus: ich dürfte nur geradezu sagen, ich selbst kann Euch aus meinem Munde den besten und sichersten Bescheid ertheilen. Indessen – ist ein Kind hier im Hause? fragte er, gegen den Professor gewendet. Ich habe zwei Knaben, antwortete dieser in der höchsten Verlegenheit, denn dies war gegen die Abrede, und Ferner begriff nicht, wohin dies führen sollte. Wie alt? fragte Feliciano. Der Eine zwölf, der Jüngere neun Jahr. So laßt mir den Jüngeren kommen, Freund, war die Antwort, und daß uns dann die Dienerschaft nicht störe. Ferner ging, verwirrt und in sich selber ungewiß. Er kam mit dem heitern, blondlockigen Knaben zurück, der hell und klar aus seinen großen freundlichen Augen schaute. Der Zauberer ließ das Kind zu sich kommen, beschaute es ernst, hieß die Hände zeigen, betastete den Kopf des Kindes, und indem er mit feierlichem Anstande die rechte Hand auf dem Haupte des Knaben ruhen ließ, fragte er ihn: Wie ist Dir jetzt? Empfindest Du Etwas? Ach! rief das Kind: mir wird so wohl, so hell, mir ist, 225 als könnt' ich singen, so leicht als möcht' ich fliegen, das Auge so licht, als könnt' ich durch die Wände sehn. Bleibe so stehn, mein Sohn, sagte Feliciano sehr ernst, und, da nichts Anders zugegen ist, das uns dienen könnte, so hefte Deine Augen auf den klaren Kristall dieser Wasserflasche, und sage mir, was Du siehst. Anton wie Ferner waren im höchsten Erstaunen, was sich aus dieser Anstalt, von der sie nicht die kleinste Ahndung gehabt hatten, ergeben solle. Schmaling war in Bewunderung aufgelöst. Die größte Stille herrschte. Ich sehe, fing das Kind an, einen jungen Herrn, einen schönen jungen Herrn, hübsch in Kleidern, schlank gewachsen: mir ist, ich kenne den Herrn. Ich glaube, es ist der Mann hier in der Stube. Er steht aber in einem fremden Zimmer: ganz fremd. Da kommt ein andrer Herr. auch der ist noch nicht alt; etwas größer. Sie sprechen. Dreiecke, Vierecke sind aufgestellt: Sonnen, Monde. Sie sprechen. Ach! – mit lautem Ruf sagte der Kleine – da schwebt so klar, ganz hell, glänzend, ein schönes Frauenbild zwischen ihnen herab. Es küßt den hübschen Herrn auf die Stirn. Genug, sagte der Magus, und zog die Hand zurück. – Siehst Du noch Etwas? Unsre Wasserflasche, sagte der Kleine, und ich bin ganz müde. Jüngling, sagte der Magus hierauf zu Schmaling, Du bist dermalen auf dem richtigen Wege, verfolge ihn mit Muth und Standhaftigkeit, und das Ziel wird Dir nicht entgehn. Dein Führer, dem Du Dich anvertraut hast, ist der wahre, sonst wäre die göttliche Sophia nicht niedergeschwebt, und hätte, dem Kinde sichtbar, Deine Stirn mit einem Himmelskusse berührt. – Er reichte dem Jüngling die Hand, und dieser küßte sie mit inbrünstiger Ehrfurcht. 226 Anton war höchst betreten, überrascht, und konnte in leidenschaftlicher Verwirrung nicht seine Begriffe ordnen und sammeln. Dies Alles war so sehr gegen die Abrede, Anderson erschien ihm so fremd, in einer so neuen Gestalt, daß ihm das Wort auf der Zunge versagte, als er ihn anreden wollte, denn der Magus sah ihn mit einem so feurigen, durchdringenden Blicke an, daß er verlegen die Augen niederschlug. Der Gelehrte war eben so verwirrt, denn die Scene hatte sich so völlig umgestaltet, daß er sich im eignen Wohnzimmer als ein Fremder fühlte. Du glaubtest, mein Anton, fing der Zauberer an, durch einen fremden Mann diesem Jüngling einen Scherz und Trug zu bereiten, und Du, Kurzsichtiger, bist der Getäuschte. Ja, wisse denn, ich bin wirklich und in der That jener weit bekannte Feliciano, den die Welt früher schon mit andern Namen nannte. Du staunst? Du zweifelst noch? Er faßte das Kind, stellte es wieder vor den Tisch, murmelte einige Worte, blickte starr eine geraume Zeit empor, indem er die Lippen bewegte, und legte dann seine rechte Hand wieder auf den Kopf des Kindes. Was siehst Du für ein Schicksal? fragte er dann mit schneidendem Ton. Ei! ei! rief der Kleine; ach! grüne Bäume, ein Dorf: ein kleines, liebes Haus da, auch eine Wiese, ein klares Wässerchen, und eine Mühle nicht weit davon. Ein junger Herr spaziert da, ich kenne ihn auch, er kommt oft zu uns, ja er ist jetzt bei uns. Schau, da tritt ein hübsches Bauernmädchen zu ihm, und sie gehn in das kleine Haus. Anton war blaß. Er hatte sich erhoben, konnte sich aber zitternd nicht mehr aufrechthalten und setzte sich nieder. Der Knabe fuhr fort, in das Glas schauend: sie streiten heftig im Zimmer, sie nimmt ein Bild aus ihrem Busen und tritt es mit Füßen. Er geht und droht. Sie reißt ihre 227 Mütze vom Kopf, die Haare fliegen. Sie rennt nach dem Tische und zieht ein großes Messer hervor. Dann sieht sie nach dem Bach und dem Wasser. Sie schwört, sie macht schreckliche Geberden. Der Magus ließ die Hand vom Kopf des Kleinen und ein gelber Blitz zuckte blendend durch das Zimmer, ein lauter Donnerschlag erschütterte das Haus. Wie ein Rauch stand plötzlich ein blasses Frauenbild da, drohend die Hand gegen Anton erhoben. Dieser stürzte entsetzt vom Sessel auf den Boden. Alles verschwand und die Lichter brannten wieder hell. Nun, wendete sich der Zauberer zum Gelehrten, soll ich Dir auch noch beweisen, daß ich der wahre Feliciano und kein Trugbild sei? Soll ich Dir Deine geheimsten Gedanken und Absichten oder Deine Zukunft sagen? Ferner erwiederte bleich und geängstigt nur Weniges. Du glaubtest, fuhr Feliciano fort, indem er den zerstörten Anton vom Boden erhob, kein Mensch in der Stadt kenne Dein Verhältniß zu jenem unglücklichen Mädchen, die Du Deinem Ehrgeiz aufopferst. Noch ist die letzte Zeit, noch kannst Du sie retten. Es war schon spät, aber Anton stürzte fort und eilte zu Pferde noch in der Nacht zu seiner Geliebten hinaus. Der Magus hatte sich entfernt, aber Niemand hatte ihn zur Thür hinaus gehn sehn. So hatte diese Zusammenkunft ganz anders geendet, als es die Freunde und Clara erwartet hatten. Diese sah ihren Bruder am Abend nicht und auch nicht am folgenden Morgen. Man war im Hause um ihn besorgt. Der Vater, 228 der einen kurzen, leidenschaftlichen Brief von Anton erhalten hatte, lösete mit kummervollem Antlitz das Räthsel. Der Sohn war in der Nacht angekommen. Er vernahm, daß um die Zeit. als das unglückliche verführte Mädchen ihm im Zimmer seines Freundes erschienen war, sie in einem Todtenschlafe, so daß sie nicht zu erwecken war, gelegen hatte. Als sie sich wieder besonnen und mit den tief bekümmerten Eltern gesprochen hatte, legten sich diese, nach einem kurzen Abendessen, zur Ruhe. Als im Hause Alles still war, hatte sie noch einen Brief an ihren Ungetreuen geschrieben, der sich ihrer schämte, und ihre Dürftigkeit und ihren Stand verachtete. Als sie mühsam und unter vielen Thränen den Brief geendigt hatte, ging sie noch lange auf und ab, um ihr Elend ganz zu fühlen und ihren schrecklichen Entschluß in sich reif werden zu lassen. Sie hatte nicht den Muth, sich ihren Eltern zu vertrauen, weil sie den Zorn des heftigen Vaters fürchtete. Sie fühlte, wie nahe sie ihrer Niederkunft sei, und hatte keinen Vertrauten, wußte keine Hülfe zu ersinnen. Anton hatte sie in der Stadt als eine Unbekannte unterbringen, und für sie sorgen wollen, sie aber hatte mit Abscheu alle seine Vorschläge abgewiesen, da er nicht mehr für sie zu thun gesonnen war, so dringend sie ihn auch an seine früheren Versprechungen und Eide erinnerte. Er wollte aufschieben und Zeit gewinnen: er fürchtete ebenfalls seinen Vater, seine Vorgesetzten, auch war die frühere Liebe wohl erkaltet. Sie sah keinen Ausweg und ging jetzt in der finstern Nacht den Bach entlang, um in den brausenden Mühlsturz sich und ihr ungebornes Kind und alle ihre Sorgen zu begraben. Indem sie nach der Mühle zulenkte, hörte sie auf der Landstraße ein brausendes, jagendes Pferd. Es war Anton. Seine Todesangst erkannte schon aus der Ferne ihren Schatten. 229 Der geheime Rath Seebach meldete seiner Familie, daß sich sein Sohn am frühen Morgen mit einem Bauermädchen verheirathet habe. Was der kurze, heftige Brief nicht sagte, ergänzte seine Ahndung. Die Mutter, aus einer alten adeligen Familie, einem angesehenen Edelmanne vermählt, war außer sich, weil dieser Sohn ihr Stolz und ihre größte Hoffnung gewesen war. Clara war mehr verwundert als betrübt, und zürnte dem Bruder, daß er ihr und den Eltern aus diesem Verhältniß ein Geheimniß gemacht hatte. Traurig ist es, sagte der Vater, denn er hat sich durch den raschen Schritt, durch diese Unbesonnenheit die Thüre zu allen höheren Stellen verschlossen. Es ist aber so, mag es auch kommen, wie es will, besser, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Wir werden uns an die Tochter gewöhnen, und wenn mein Sohn Ehrenstellen einbüßt, so hält er doch sein Wort und bleibt ein Mann von Ehre. Wo das Schicksal so ernst in die Verhältnisse des Lebens tritt, da soll man nicht mehr klügeln, sondern in Demuth den hohen Willen anerkennen. Ich weiß, daß die Liebe seiner Eltern nicht dadurch wird vermindert werden. Die Mutter weinte heftig, so sehr sie auch der Vater und Clara zu beruhigen suchten. Der Vater schrieb dem Sohne mit dem rückgehenden Boten einen herzlichen Brief, in welchem er ihm Alles vergab und ihn ermunterte, sein Leben nun tüchtig und stark anzufassen. Die Stadt war bald von dieser sonderbaren Begebenheit angefüllt, über welche Jeder nach seinem Standpunkt und seinen Vorurtheilen sprach. So war nun in allen Verhältnissen der Familie eine große Veränderung eingetreten. Der Sohn kam vor der 230 Niederkunft seiner Frau nicht zur Stadt. Nachher zeigte er sich den Eltern, getröstet, aber nicht froh, und späterhin führte er Agnes, die Bäuerin, bei ihnen ein, mit der er ein eignes kleines Haus in der Vorstadt bezog. Nichts wollte sich fügen und in einander schicken, und Jeder gestand sich, daß, wenn die Sache unabänderlich war, diese Frau, durch welche die Laufbahn des Sohnes gehemmt war, in den Kreis der Familie doch nicht passe. Es war schon die Rede davon, daß er das Gut des Vaters bewirthschaften solle; indessen schien auch dieses bedenklich, da Anton sich niemals um die Landwirthschaft gekümmert hatte. Was den Vater aber mehr, als diese Stellung seines Sohnes kümmerte, war, daß er ein schwärmerischer Anhänger dieses Feliciano geworden, von dessen Seite er kaum mehr wich, und so erlebte er nun, daß Sohn und Schwiegersohn sich diesem Schwindel ergaben, von dem er selbst wieder geheilt schien. Er erstaunte, daß auch sein ruhiger Freund, der Gelehrte, der ihm immer ein Muster in der ruhigen Haltung erschienen war, ebenfalls nach jener Begebenheit sich als einen fanatischen Anhänger des Feliciano erklärte. Auch der alte Obrist neigte zu dieser Schwärmerei hinüber, und nicht bloß im Hause des geheimen Rathes, sondern in den meisten Häusern der Stadt, wurde Feliciano der erste und wunderbarste aller Menschen genannt. Ein Taumel bemächtigte sich, als es erst bekannt worden war, daß der berühmte Feliciano zugegen sei, der ganzen Stadt. Jedermann wollte ihn kennen lernen, jede Gesellschaft wollte ihn in ihrer Mitte sehn. Er gewann in kurzer Zeit viele Anhänger und Freunde, und die angesehensten Männer, die höchsten vom Adel bewarben sich um seine Gunst. Er erklärte, daß er nur kurze Zeit verweilen könne, weil er in großen und wichtigen Geschäften nach dem 231 Norden gehn müsse, auch erlaubten ihm seine geheimnißvollen Arbeiten nicht, sich zu sehr in der Welt zu verbreiten. Die wichtigsten Männer versammelte er um sich in seiner Loge. Man sprach von den seltsamsten Wundern, die hier in geheimen Zusammenkünften vorgefallen waren. Der Professor, so schien es, hatte seinen jüngsten Knaben ganz dem Wunderthäter überlassen, denn das Kind weissagte oft aus dem Kristall, den Feliciano künstlicher, als es an jenem Abend geschehen war, in seinen Gesellschaften aufstellte. Der Arzt Huber arbeitete indessen mit Sangerheim und Schmaling, Jeder bestrebte sich, von allen diesen geheimen Künsten Zeuge zu seyn, oder durch Freunde wenigstens Etwas von ihnen zu vernehmen, und selbst die Frauen und Mädchen wünschten an diesen Wunderwerken Theil zu nehmen, oder auch in irgend eine mysteriöse Verbindung zu treten. Feliciano hatte sie eigentlich selbst zuerst auf diesen Wunsch geführt, und er stiftete auch bald darauf eine Loge für Damen, die nun auch mit mystischen Abzeichen prangten, sich gegenseitig an Gruß und Handdruck erkannten, und von Fortschritten in Weisheit und Wissenschaft träumten. Auch die Mutter Clara's hatte sich in diesen Orden aufnehmen lassen. So war die arme Clara von Jedermann verlassen, denn beim Vater, der über alle diese Sachen verstimmt war, konnte sie nur wenig Trost finden. Der Graf Feliciano hatte alle Künste der Ueberredung angewendet, das schöne Mädchen auch zu dem Uebertritt in seinen neugestifteten Orden zu überreden, in welchem seine Gemahlin, die seitdem auch aus dem Inkognito hervor getreten war, den Vorsitz führte. Es gelang ihm aber so wenig, daß im Gegentheil der Widerwille Clara's gegen alle diese Dinge immer mehr gesteigert wurde. Wie kann der Mensch, sagte sie einmal in einer aufgeregten Stimmung zu ihrem Vater, nur so verkehrt seyn, 232 in der Umkehrung des Natürlichen sein Heil zu suchen? Man fühlt sich ja als Mensch nur wohl, wenn Alles in der gewöhnlichen Bahn fortschreitet, wenn das, was sich als nothwendig ankündigt, ganz einfach und schlicht geschieht. Entwickelt sich in diesem Lebensgange eine große That, eine schöne Aufopferung, so freut es uns um so mehr, daß uns das Göttliche aus den Elementen gewebt ist, die uns zunächst umgeben, daß wir fühlen, auch uns könnte in einer geweihten Stunde dasselbe begegnen, oder unsre Seele könnte auch dieselbe Höhe erstreben. Ziehn wir uns doch mit Widerwillen von der Nahrung zurück, die uns zu fremdartig dünkt, deren Zurichtung unserm Gaumen widersteht: aber schlimmer als überreifes Wild, oder der verpestete haut goût der Assa fötida, und der Vogelnester und ähnlicher abscheulicher Dinge ist es, diese Knoblauch-Tinktur von Wunderglauben, tollen Fabeln und aberwitzigen Bestrebungen in seine Seele aufzunehmen. Der Vater erwiederte. Du bist zu zornig, liebes Kind. Laß die Menschen gewähren, der Krankheitsstoff muß austoben. Alles Sprechen dagegen nutzt nicht, unfruchtbar ist das Moralisiren; der Dämon, der die Menschen besitzt und treibt, wird endlich seines Spieles selbst müde. Deine kühne Vergleichung paßt auch nicht ganz; man könnte eben so gut die entgegengesetzten Bilder brauchen. Wen versucht nicht der reife, köstliche Pfirsich? die duftende Ananas? die lockende, rothe Kirsche, vorzüglich in der Jugend? Und was wäre unser Leben, wenn Alles so plan verständlich wäre? Alle Tage unausgesetzt die nahrhafte Hausmannskost des redlichen Treibens, der guten Gedanken? Aus Natur und Kunst, aus Liebe und Scherz, aus Religion und Gemüth winkt uns ein Geheimniß an, dem wir näher kommen möchten: es zieht uns nach durch Gefild und Wald. Jetzt glauben wir es zu 233 erblicken, dann ist es wieder entschwunden. Von dieser Sehnsucht, die ohne Gegenstand scheint, werden die besten Kräfte unsrer Seele getränkt, und wenn sie erlöschen könnte, würden wir in uns selbst verschmachten. Alle schönen Triebe der Freundschaft, des Wohlwollens, der Menschenliebe, aller Enthusiasmus für das Gute und Schöne quillt ebenfalls aus dieser geheimnißvollen Gegend unsrer Seele. Mag es seyn, antwortete die Tochter, aber ich sehe und erlebe es doch, daß, wenn diese Sucht, oder der Trieb auch innigst mit dem Schönen eins ist, sie doch auf ihrem fortgesetzten Wege sich in das gespenstig Aberwitzige verwandeln können. Der Mensch muß ja doch mit festem Charakter und unbezwinglichem Willen in der Mitte stehen bleiben, daß Glauben sich nicht in Aberglauben, Sinn in Thorheit, Tugend nicht in Laster verwandle. Ist jene Sehnsucht überirdischer Natur, so ist dieser einfache starke Wille wohl auch göttlicher Abkunft, der wie ein unüberwindlicher Riese den Schatz der Vernunft und des Guten bewachen soll, welcher dem Menschen von Gott ist anvertraut worden. Mir dünkt, gegen tausend wunderliche Dinge, die auf uns eindringen, gegen unzählige Gelüste, die uns überreden möchten, giebt es keine andre Waffe, als daß ich sage und immer wieder sage: es soll nicht seyn! Lasse ich dieses Schwert im Schlummer einmal fallen, so kann ich gar nicht mehr wissen, wohin mich alle jene Sophistereien führen könnten. Diese starre Vernunft, sagte der Vater, reicht aber auch nicht aus: sie kann Tugend seyn, widersteht aber eben so oft der Liebe als dem Unrecht, läßt auch die Wahrheit, indem sich die Liebe abkämpft, nicht auf sich eindringen. Wahrheit! das große Wort! rief sie aus, das eben so wohl Alles wie Nichts bedeutet. Wer hat es nicht schon gemißbraucht? Je demüthiger wir uns dem unterwerfen, 234 was das Leben von uns verlangt, je sanfter und stiller wir dem folgen, was uns zu unserm Heil offenbart ist, je weniger wir grübeln und klügeln, und die Anmaßung von uns fern halten, über dem Begreifen zu stehen, es zu meistern und nach Gutdünken zu handhaben, um so mehr wir dem Vorwitz Einhalt thun, da nicht hinschauen zu wollen, wo sich in der Leere unserm irdischen Blick nur Gespenster erschaffen, um so mehr, glaube ich, bleiben wir der Wahrheit getreu. Wohl mein Kind, sagte der Rath: denn wie ich schon sonst behauptete, wenn das Böse auch ein Nichts ist, so erwecken wir es doch wohl und theilen ihm unsre Kräfte mit, indem wir es glauben und uns dem Nichtigen ergeben. Hat es erst von uns diese Stärke empfangen, so wird es wohl oft so gewaltig, daß es uns und jeden Widerstand besiegt, der nicht die göttliche Wahrheit selbst zu Hülfe ruft. In diesem Bilde kann man sich die Erscheinung der bösen Geister denken, die der Magier aufruft. – Und so möchte man freilich glauben, Wahrheit sei in allen Dingen zu finden, sie liege auch dem Irrthum zum Grunde, nur hüte sich der Mensch, einer Regung, einer Aufwallung, oder einem Gedanken unbedingt und zu dreist zu folgen, denn rechts und links liegt die Unwahrheit und Täuschung, und er wandelt nur recht auf einer schmalen Linie. Wenn es so ist, erwiederte Clara, so ist es eben das Sicherste, dem Alltäglichen getreu zu bleiben, was vielen beflügelten Geistern als das Gemeine erscheint. Will sich der Mensch erheben, wird er, wie der fliegende Schmetterling, von Schwalben und Sperlingen weggehascht, und bleibt er unten am Boden, so wohnt er beim Gewürm, aber nährt sich auch vom Thau, der in den Rosen und Lilien glänzt. – Nicht nur die Familie des Rathes war in Verwirrung 235 gerathen, sondern man konnte dies von der ganzen Stadt behaupten. Dem alten Seebach war es aber verdrüßlich, daß von den Vernünftigen, die sich nicht hinreißen ließen, Alles was geschah, mit ihm und seinem Sohn, so wie mit jener Entdeckung Sangerheims in Verbindung gebracht wurde. Es ließ sich nicht leugnen, daß jener Vorfall, der viel Aufsehn erregt hatte, zu allen spätern Wunderlichkeiten gleichsam das Signal gegeben hatte. Die sonderbare Verheirathung des Sohnes, die Schwärmerei Schmalings, die Operationen des Grafen so wie Sangerheims, die weibliche Loge, in die sich seine Gattin sehr gegen seinen Willen hatte aufnehmen lassen, die Seltsamkeiten, die sowohl der Arzt Huber, wie der Professor Ferner, vernehmen ließen, die Ausschweifungen mancher Reichen, die sich ganz der Hoffnung ergaben, die Kunst des Goldmachens zu entdecken, und in dieser Aussicht ihr Vermögen verschwendeten, Geister-Erscheinungen, durch welche man in mächtigen Familien dieses und jenes hatte durchsetzen wollen, alles Dies, vergrößert, mit Erfindungen ausgeschmückt, Alles wurde hauptsächlich auf Rechnung des alten erfahrnen Seebach geschrieben, um so mehr, weil man wußte, daß er auf eine Zeitlang sich diesen seltsamen Künsten ergeben hatte. Es half ihm Nichts, daß er sich wieder zurückgezogen hatte, daß er den Umgang Sangerheims und noch mehr des Grafen vermied, die meisten Menschen, auch seine Collegen und selbst seine Freunde hielten ihn für den Stifter aller dieser Irrungen. So bedrängte ihn, außer den häuslichen Kränkungen, noch das Gefühl, daß er so vielen wackern und einflußreichen Leuten für einen zweideutigen und gefährlichen Mann galt. Vieles von diesem geheimnißvollen Umtreiben kam auch vor das Ohr des Fürsten, der, da die Sache laut und weltkundig wurde, ein großes Mißfallen bezeigte, und dem Rathe, der sich gar nicht mehr mit 236 diesen Dingen befassen mochte, andeuten ließ, sich zu mäßigen. Am schlimmsten aber waren dem gekränkten Seebach die Maurer von der alten Ordnung aufsässig, die in Allem nur die Absicht sahen, daß sie gestürzt werden sollten, – welches die mystischen Logen auch laut genug aussprachen, – und nun empört den Rath als einen abtrünnigen Bruder behandelten, der aus weit ausgreifenden Absichten sich diesen Rebellen verbunden habe, um als das Haupt dieser geheimnißvollen Gesellschaft Verderbliches zu wirken. Meine Tochter hat Recht, sagte der Rath zu sich selber, wie hart werde ich für meine Neugier oder Wißbegier gestraft, die Anfangs so löblich oder unschuldig aussah. Hielt ich mich doch für so kühl und weise, um allen Versuchungen Widerstand leisten zu können. Aber ein Glied reiht sich an das andre, und unvermerkt ist die Kette fertig. Es schien aber, als wenn zwei Wunderthäter für Eine Stadt, wenn sie auch groß war, zu viel seien. Der Graf hatte sogleich abreisen wollen, verlängerte aber seinen Aufenthalt von einem Tag zum andern. Sein Wirkungskreis schien sich auszubreiten, so wie der Sangerheims abnahm, da viele von dessen Jüngern zum größern Meister abfielen. Darum führte Sangerheim den Vorsatz aus, zu welchem er schon seit einiger Zeit Alles vorbereitet hatte, sich nach einer andern reichen und angesehenen Stadt zu begeben, wo er, da sein Ruf ihm schon vorangegangen war, gleich mit dem größten Glanze auftrat, die ältern Maurer beschimpfte, ihnen ihre Lehrlinge entzog, und Zeichen und Wunder aller Art verrichtete. Der Geheimrath erlebte die neue Kränkung, daß Schmaling, unter dem Vorwande einer Krankheit, von seinem Minister einen unbestimmten Urlaub nahm, und dem Abentheurer nach jener Stadt hin folgte, um in seiner Nähe und nach seiner Anweisung seine geheimnißvollen Arbeiten 237 fortzusetzen. Schmalings Abschied von Clara war kalt, und sie war so erzürnt, daß nur Wenig fehlte, so hätten Beide ihre Trennung für immer ausgesprochen. Aber da Beide sich noch mäßigten, so blieb es bei unbestimmten Ausdrücken, die Jeder nach Gefallen deuten konnte. Seinen Sohn sah der Rath nur selten, weil er ganz dem Grafen und dessen Befehlen und Operationen lebte. Die Gattin war in der weiblichen Loge sehr thätig, und jetzt mit der niedrig gebornen Frau ihres Sohnes ganz ausgesöhnt, weil auch diese, die allen Glanz ihrer Jugend wieder erhalten hatte, vom Grafen zur Bundesschwester war geweiht worden. Huber war ebenfalls dem Adepten Sangerheim nachgereiset, um in seiner Kunst vollkommener zu werden. Clara war im Schmerz außer sich, als der Vater nach einiger Zeit von Schmaling einen sonderbaren Brief erhielt, den er der Tochter mittheilen mußte. Der künftige Schwiegersohn schrieb nehmlich Folgendes: Im Begriff, einen sehr wichtigen und entscheidenden Schritt in meinem Leben zu thun, halte ich es für meine Pflicht, Sie, Verehrter, und meine geliebte Clara in Kenntniß zu setzen, was ich zu thun gesonnen bin, was ich nicht unterlassen kann und darf. Daß mein Gemüth sich seit lange dem Reiche der Geheimnisse zugewendet hat, wissen Sie schon, daß mein Herz nur Ruhe finden kann, wenn diese Sehnsucht gestillt wird, werden Sie begreifen. Aber wie kann, wie soll es geschehn? Ich habe manche Grade erhalten, ich bin Zeuge von vielen Wundern gewesen, seltne Kenntnisse sind mir geworden, große, heilige Schauungen haben meine Seele erst erschüttert, und sind mir dann einheimisch geblieben. Daß ich niemals zu jenen Verächtern unserer Religion gehört habe, die in unsern Tagen den Ton angeben, wissen Sie ebenfalls. Ich habe geforscht, die 238 heiligen Schriften sind mir vertraut und ehrwürdig, aber was die Kirche und ihre Priester mir gaben, konnte meinem brünstigen Geiste nicht genügen. Auch hier hat mir der begeisterte Sangerheim neue Wege gewiesen. Die Tradition, die Wunder der ältern katholischen Kirche, ihre heilige Messe, die himmlischen Legenden, die Gegenwart, die unmittelbare, Christi in der Hostie, die Liebe der Mutter Gottes, die Bilder und die Musik, – warum sollen wir unser reiches Herz allen diesen Gaben verschließen? Warum nicht nehmen, was uns so liebreich geboten wird? Um ganz der Einweihung in die Mysterien würdig zu werden, um die Grade empfangen zu können, und die Strahlen des Lichtes, nach denen ich mich sehne, ist es nothwendig, wie mir mein Lehrer sagt, daß ich meinen jetzigen Standpunkt in der Kirche aufgebe, die Ueberzeugung, die mir ja niemals eine war, weil sie mein brennendes Herz so leer ließ, daß ich zur ältern, eigentlichen christlichen Kirche zurückkehre, die mütterlich jedem Verirrten die Arme entgegenbreitet. Ist dieser nothwendige Schritt geschehn, so sind mir alle Geheimnisse des Ordens zugänglich und offen, die Vereinigung mit jenen ehrwürdigen Männern, den unbekannten Obern, ist mir dann möglich, mit jenen erhabnen Geistern, denen die Verwahrung aller Geheimnisse anvertraut ist. Diese nahe Weihe, diese Nothwendigkeit der Veränderung hat der Meister mir nur allein, als seinem Lieblinge, entdeckt, die andern Schüler sind dieser Erklärung noch nicht fähig und würdig. – Von Ihnen, verehrter Mann, bin ich nun keiner Einreden und keiner Mißbilligung gewärtig, da ich weiß, wie billig Sie sind, wie aufgeklärt Sie denken. Es kann bei Ihnen unmöglich in Anschlag kommen, daß ich meine jetzige Stelle und jeden künftigen Staatsdienst aufgeben muß, denn den höheren Pflichten müssen die niedrigern weichen. Es ist ja 239 nichts Weltliches, Ehre oder Reichthum, was ich durch diese Rückkehr in die Mutterkirche erstrebe: sondern das Unsterbliche, die Erleuchtung, das Verständniß selbst. Wie aber wird Clara es aufnehmen, wenn sie meinen Entschluß erfährt? Sie klebt, fürchte ich, allzusehr am Irdischen, um sich in die freiere Region des Geistes erheben zu können. Ich hatte immer gehofft, ihr Sinn würde sich in der Liebe poetischer bilden, daß sie es wenigstens fühlte, wenn auch nicht einsähe, wie arm jenes Leben ist, dem sie sich ergeben hat. Suchen Sie sie zu stimmen, verehrter Vater, daß sie mich nicht mißversteht, Sie, der Sie ja auch der Wissenschaft manches Opfer brachten. Und was ist es denn auch mit dem Weltlichen und Irdischen? Besitze ich nicht eignes Vermögen? Auch Clara ist nicht arm, und braucht sich also niemals von mir ganz abhängig zu empfinden. Und soll einmal dergleichen in Anspruch kommen, so darf ich wohl die Aussicht, daß mir in Zukunft, vielleicht bald, Alles zu Gebote steht, was ich nur wünsche, keine Fata Morgana nennen. Welche Kraft und Gewalt mir anvertraut mag werden, um da zu herrschen, wo unsere Ahndung sonst nur hinstrebt, mag ich nicht weiter andeuten und aussprechen. Ist sie aber mit mir einverstanden, so bin ich der Glücklichste der Menschen. – Nein, wahrlich nicht! rief Clara im höchsten Unwillen aus, nun und nimmermehr! Welchen Gimpel haben sie schon jetzt aus dem allerliebsten Menschen gemacht, und was muß nicht erst aus ihm werden, wenn sie ihm noch mehr Grade und Geheimnisse aufhalsen! O wahrlich, er wird ihnen in den Strängen geduldiger als ein Maulthier ziehn, und allen frommen Gläubigen zum Exempel und Vorbild dienen. Mich mit ihm verbinden? Vielleicht haben sie noch einen andern geheimen Grad irgendwo im Winkel liegen, und um den zu 240 ergattern, muß er wohl auch noch sein Vermögen dran geben, und dann, um die letzte und beste Niete zu ziehn, Capuziner werden. Nein, ehe er seinen Verstand nicht aus dem Monde wieder herunter geholt hat, mag ich Nichts von ihm wissen. Wie er der jüngern Kirche entsagt hat, um die ältere lieben zu können, so giebt es auch vielleicht hinter dem Vorhang eine ältere mütterliche Braut, die zu ehlichen seine unsterbliche Pflicht ist, denn ich merke, diese Wunderthäter können Alles möglich machen. Ich hörte sonst wohl, die katholische Kirche habe die Freimaurerei in schweren Bann gethan, ich sehe aber wohl, es gibt Ausnahmen für Alles. Sonst wurden viele junge Menschen Maurer, um auf Reisen eine gute Aufnahme und gastfreie Brüder zu finden, eine unschuldige Ursache, sich einweihen zu lassen. Jetzt aber, – wie Kunstreiter auf ihre Geschicklichkeit, Taschenspieler auf ihre schnellen Hände, so reiset dieser Sangerheim auf die Kunst herum, allenthalben die bestehenden Logen zu stürzen. Wenn er denn Geister zitiren kann, so mag er dem armen Schmaling den seinigen wiederschaffen. Vielleicht ist der aber schon in der Loge verbaut, oder als Winkelmaß eingerichtet. Also nach Rom hin sieht denn dieser Orient? Schmaling wird gewiß einmal diese Herren segnen, die ihn jetzt so reich und groß machen, wenn er erst sein ganzes Elend kennt, und ihm sein verarmtes Herz zerbricht. Sie überließ sich der Trostlosigkeit und weinte heftig. Der Vater wußte ihr Nichts zu sagen, er beschwor sie, nur nicht in der ersten Entrüstung den Brief zu beantworten. Er selbst schrieb an Schmaling, um ihn mit allen Gründen, die er aufführen konnte, von dem Schritte abzuhalten, den er zu thun im Begriff war. 241 Endlich bestimmte sich auch der Graf Feliciano, seine große Reise fortzusetzen. So sehr der Rath seinem Sohn Anton Alles vorhielt, was Vernunft und Gefühl ihm nur eingeben konnte, so ließ sich Anton dennoch durch Nichts abhalten, mit seiner jungen Frau, deren Kind bald nach der Geburt gestorben war, dem Grafen zu folgen. Auch der Professor gab seinen Knaben, wenigstens für einige Zeit, dem berühmten Feliciano mit auf die Reise, weil der Magier gefunden hatte, daß dieses Kind vorzüglich begabt sei, die Visionen zu sehn. Die Mutter hatte sich indessen von der Loge wieder zurückgezogen, denn es war ihr zu empfindlich gewesen, daß das Bauermädchen eines größeren Ansehns, als sie selber, genoß; man hatte sogar in Vorschlag gebracht, daß die Unerzogene nach der Abreise des Grafen und seiner Gemahlin Vorsteherin derselben werden sollte; da sie aber die Wunderthäter begleitete, um noch höhere Grade zu empfangen, und der höchsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, so war der Räthin die Würde angetragen worden, die sie nach diesen Vorfällen mit Verachtung ausgeschlagen hatte. Wenn also der Rath um seinen Sohn und dessen Schicksal bekümmert seyn mußte, so hatte er wenigstens die Beruhigung, daß seine Gattin mit ihm und der Tochter wieder einverstanden war. Die Frau, die nicht ohne Charakter und Verstand war, bereute jetzt ihre kurze Verblendung um so mehr, als sie jetzt, kühler geworden, einzusehn glaubte, wohin das Gaukelspiel ziele. Durch die Loge hatten sich mehrere Liebschaften und Verbindungen, und zwar nicht von den anständigsten, angeknüpft; auch Scheidungen fielen vor, und man hielt es bald für verdächtig, dieser Gesellschaft anzugehören, so daß die Frauen selbst nach kurzer Zeit dieses Logenspiel wieder aufgaben, und um so leichter, da man nur Wenigen Geheimnisse mitgetheilt hatte. Diese Wenigen waren 242 nachher von Allen vermieden, die ein strengeres Leben führen wollten. In jener großen Stadt hatte sich Sangerheim indessen eingerichtet und einen viel größern Anhang, als in der Residenz gefunden. Die dortigen Freimaurer waren durch ihn gewissermaßen aufgelöst worden, viele derselben in seine Loge getreten, und man sprach fast nur von dieser neugebildeten Brüderschaft, die sich großer Geheimnisse rühme. Es fehlte nicht an seltsamen Berichten. Man wollte Geister gesehn, die größten Dinge prophezeit haben, man war auf dem Wege, den Stein der Weisen zu entdecken, oder der Meister war vielmehr im Besitz desselben, und die liebsten Jünger durften hoffen, desselben bald auch theilhaftig zu werden. Auf seinem Zuge berührte der Graf Feliciano auch diese Stadt, und beschloß, mindestens einige Tage hier zu verweilen. In dieser Zeit gewann er den enthusiastischen Schmaling sehr lieb, und hatte ihn fast immer um sich, mit ihm über seine Bestimmung, das Geheimniß und das Licht zu sprechen. Dieser junge Mann und Anton, die sich früher in allen Dingen widersprochen hatten, waren jetzt in allen Ueberzeugungen miteinander einverstanden. Der Arzt Huber, welcher auch schon, um Sangerheims Umgang zu genießen, nach dieser Stadt gekommen war, vereinte sich mit ihnen. Sie erfreuten sich jetzt an Antons Weisheit, der fast der Heftigste von ihnen war, und lernten dankbar und demüthig von dem, der ihnen vor weniger Zeit noch als ein unbedeutender Freigeist erschienen war. Eine Versammlung der vertrautesten Brüder war zu einer Abendmahlzeit bei Sangerheim vereinigt. Huber und Schmaling fanden sich ein, und der Graf beehrte mit Anton durch seine Gegenwart die Gesellschaft, die zahlreich war, weil noch Manche in der Stadt, die Sangerheims Vertrauen 243 genossen und die begierig waren, den fremden Wunderthäter kennen zu lernen, sich mit Bitten hinzugedrängt hatten. Der Graf wußte seine Person geltend zu machen und wurde von allen Anwesenden wie ein überirdisches Wesen verehrt. Er war im Anfange zurückhaltend und karg mit seinen Worten, nach und nach aber ward er gesprächig, heiter und mittheilend. Er suchte, so schien es, die Gesinnung und das Wesen Sangerheims ausforschen zu wollen, ohne ihm selbst näher zu treten. Sangerheim, der sich vor seinen Schülern und Anhängern keine Verlegenheit wollte zu Schulden kommen lassen, erörterte viele Punkte, die er sonst lieber vermieden hätte, zu denen ihn aber der forschende Graf in künstlichen Wendungen hindrängte. Dadurch gewann der Klügere so sehr die Oberhand, daß Sangerheim dem Grafen gegenüber selbst als Schüler und Lehrling erschien. Am meisten fiel dies dem wißbegierigen Schmaling auf, der bis dahin seinen Meister für den ersten Menschen der Welt gehalten hatte. Wie sonderbar, sagte er zu sich selbst, daß mein Meister, die große, edle Gestalt mit dem Feuerauge und der hohen Stirn, mit diesem kräftigen und vollen Ton, diesem untersetzten Manne, mit den hohen Schultern, dem matten Auge und der schwachen krähenden Stimme gegenüber klein erscheinen kann. Erkennt er denn vielleicht in ihm ein höheres Wesen? Ist dieser Fremde wohl einer der unbekannten Obern, von denen ich immer so viel sprechen höre? Auch Huber und manche der Gegenwärtigen mochten etwas Aehnliches denken. Da bei dem leckern Mahle die feinen Weine nicht gespart waren, so belebte sich das Gespräch immer mehr. Jeder der Anwesenden wollte sich vor dem großen Fremden mit seinen Gedanken und Kenntnissen zeigen, oder Etwas von ihm lernen, und wenn auf viele 244 Fragen die Antworten des Grafen auch nicht klar und glänzend ausfielen, so gab die Dunkelheit oder das Zweideutige derselben doch immer Vieles zu denken. Schmaling lenkte endlich das Gespräch auf die Religion, und Sangerheim sah sich genöthigt, den Wink, den er Manchen im Geheim gegeben hatte, jetzt als eine Lehre laut auszusprechen, daß nur Derjenige, der zur katholischen Kirche gehöre oder überträte, der höchsten Grade und der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig werden könne. Feliciano sah ihn lange mit einem großen fragenden Blicke an und sagte nach einer Pause, die alle Anwesenden in der größten Spannung erhielt: Ist das Euer Ernst, großer Meister? Wie anders? fuhr Sangerheim fort, da die übrigen Partheien, die sich ebenfalls Christen nennen, immerdar ein geistiges Geheimniß verletzen und sich der Wundergabe, der Inspiration, der Anschauung der Mysterien entziehn? Sie können Vieles sehn und erforschen, aber der Anblick des Allerheiligsten ist ihnen nicht vergönnt; sie können nur von den sieben höheren Graden fünfe erringen. Ihre Sekte an sich selbst schließt sie nicht aus, wohl aber ihre Glaubensunfähigkeit: überwinden sie aber diese in der Rührung ihres Herzens, so treibt sie der eigne Geist von selbst, sich der älteren Kirche wieder anzuschließen. Der älteren? nahm Feliciano mit großem Ernste das Wort aus; welche ist diese? Kennt Ihr sie? War vor dieser ältern nicht wohl eine noch ältere und ächtere? Wozu Eure vielen Grade, wenn Euch dieses wichtigste Mysterium mangelt? Hindert Euch Nichts, großer Mann, fiel Schmaling ein, dieses etwas deutlicher auszusagen? Wir sind nur von Brüdern umringt, antwortete der 245 Graf, die früher oder später von selbst das finden werden, was ich ihnen andeuten kann, und darum brauche ich in dieser edlen Gesellschaft, die keine weltliche ist, meine Worte nicht ängstlich abzumessen. – Was die Christenheit spaltet, ist neu und zeitlich, Priesterwort und willkührliche Satzung ist schwer vom ächten Fundament desselben zu unterscheiden, und so kommt es, daß in den protestantischen Kirchen vieles ächter und wahrer ist, als was die Katholiken in ihrer Lehre vortragen, die Alles, was Luther predigte, nur Neuerung nennen. Aus beiden Kirchen ist zu lernen, aber nur dem ist es möglich, dem der Sinn frei geblieben ist. Gab es denn nicht, längst vor Entstehung des Christenthums, die ächte, völlig ausgebildete Maurerei? Diese war denn doch wohl noch älter, als die alte Kirche. Und was bedarf sie denn also dieser, um der Wunder, des Wissens, der Geheimnisse theilhaftig zu werden? Sie genügt sich selbst, und sie wäre nicht das Höchste und Beste, was der Mensch erringen kann, wenn sie in irgend einer Religion eine Stütze oder Bestätigung finden könnte. Sangerheim schien erstaunt, aber Feliciano fuhr fort: gedenkt nur an den großen, weisen Salomo und seinen Tempelbau, an Hiram, und an alle Legenden und Symbole, die auf unsern großen und alten Meister, den weisesten des Orientes, hindeuten. Ihr wißt es Alle, wie den Lehrlingen mit diesen Symbolen und ihren Deutungen der Kopf verwirrt, wie sie zerstreut werden, damit sie nur die Wahrheit nicht finden sollen, die ein Eigenthum der höhern Geister bleibt. Salomo empfing, als ein Würdiger, das Geheimniß der Maurer von großen unsterblichen Obern, er baute den Tempel und stiftete die Loge des Geheimnisses, indessen der gemeine Mann im Prachtgebäude auf herkömmliche Weise den Gott anbetete, den er nur für einen Gott seiner Nation 246 ansehn konnte, der mächtiger sei, als die Götter der andern Völker. Wo steht in unsern Büchern und Sagen, in Allem, was uns von Salomo überliefert ist, daß er von Gott abfiel, daß er ein Götzendiener wurde? Er hätte, wenn dies gegründet war, nicht mehr Meister des heiligsten Stuhles, nicht mehr Oberer und Bewahrer des Geheimnisses bleiben können. Diese falsche Legende ließen die Priester nur in die Schrift hinein schreiben, weil er sich ihnen entzog, und ihrer Zunft nicht die Gabe zu weissagen, Wunder zu thun, Todte zu erwecken, Geister zu rufen und zu bannen, Gold zu machen, mittheilen wollte. Diese Kräfte, diese Herrschaft über die Geister, diese Geheimnisse der Loge, die nur Wenigen mitgetheilt wurden, welche die höchsten Weihen schon empfangen hatten, diese sind die hohen Gewalten, die von der Unwissenheit der Priester Götzen genannt wurden. Freilich waren es ihnen ausländische, fremde Götter, weil ihnen die Kenntniß derselben entzogen wurde. Diese herrliche, glänzende Zeit der Maurerei verfiel nach dem Abscheiden des großen Königs und Meisters. Die Obern zogen sich zurück, die meisten nach Indien. Späterhin finden wir Elias und Elisa als Eingeweihte wieder, die von der tauben Menge und von den verstockten Königen nicht verstanden wurden. Ganz verbarg sich nachher die hehre Kunst, und wandelte aus dem Tempel und Jerusalem in die Wüste. Da treffen wir sie unter den Essäern oder Essenern wieder an. Das heißt, die Gelehrten, die Geschichtforscher der Welt wissen nun wieder Etwas von ihr, denn für den wahren Maurer giebt es in der Geschichte seiner Kunst keine Lücke. Ich führe nun auf das, was Allen bekannter ist. Diese Männer hatten schon seit lange im Stillen gearbeitet: seit vielen Jahrhunderten war es ein Grundgesetz der Maurerei, welches Salomo und Andre beobachtet oder noch fester 247 gegründet hatten, daß die ächte Erkenntniß ein Geheimniß seyn und bleiben müsse, da die blöde, rohe Welt, die unwissende Menge das Heilige, wenn es sich ihr mittheilen wolle, nur mißverstehn und entweihen könne. Hier stehn wir nun an der großen und merkwürdigen Geschichts-Epoche. Die heilige Gesellschaft der Essäer zertrennte sich um jene Zeit in zwei sich widersprechende Gesellschaften. Ein Theil beharrte auf dem Grundsatz, Alles müsse geheim bleiben, weil nur so die Verbindung aus der Ferne wohlthätig auf die Menschen und ihr vielfaches Unglück wirken könne. Aber viele erleuchtete Männer waren vom Gegentheil überzeugt. Zwei große Geweihte wurden ausgesendet, der zweite noch mächtiger und größer, als der erste, Johannes der Täufer, und der göttliche Stifter der christlichen Religion, der erhabene Menschenfreund, der aus Erbarmen gegen seine unglücklichen, im Elend schmachtenden Brüder ihnen das Wort des Lebens mittheilen wollte. Lange kämpften die beiden Partheien der Erleuchteten gegen einander. Das Mysterium war auf eine Zeit lang offenbar worden, aber, neben der Wohlthat brachte es im Mißverständniß unermeßliches Elend über die Länder und Völker. Der große Eingeweihte selbst und seine Freunde sahen es ein, und er starb den Versöhnungstod. Nach und nach ward das Mysterium dem Volke wieder entzogen, das spätere Christenthum und die Hierarchie bildeten sich aus, und verdeckten mit Satzungen, Gebräuchen, Ceremonien, Putz und Kunst das geistige Geheimniß, das wir nur hie und da im Lauf der Zeiten aufleuchten, und wie einen Blitz vorüber fahren sehn. Dem Kundigen genug, um das Licht zu erkennen; dem Unwissenden nur eine Blendung oder Veranlassung, sich wieder einer leidenschaftlichen Sektirerei zu ergeben. – Wozu also, großer Meister Sangerheim, wenn Ihr diese Wahrheiten erkennt, ist Euch zur 248 Weihe die katholische Kirche noch nöthig, da diese selbst nur eine abgeleitete aus unserm ältern, ächten Orden ist? da sie Nichts darstellt, als das Mißverständniß eines Geheimnisses, das ihr freilich Anfangs lauter übergeben ward? Und darum sagte ich, daß in gewissen Punkten der Protestant eine ältere Kirche besitze, und Ihr werdet nun, mein Freund; wahrscheinlich verstehn, wie dieser kurze Ausspruch gemeint war. Der Graf mußte es bemerken, welchen sonderbaren Eindruck dieser Vortrag auf die meisten seiner Zuhörer machte. Bei Einigen war das Erstaunen mit Unwillen gemischt, Einige gaben Beifall, den man einen schadenfrohen hätte nennen mögen, denn sie sahen mit bedeutsamem Lächeln nach Sangerheim hinüber, der, so sehr er sich zwang, seine Verlegenheit jetzt nicht mehr verbergen konnte, und sich, Hülfe suchend, an Diejenigen wendete, die mit der Rede des Grafen unzufrieden schienen. Er sagte endlich, nach einigen Erörterungen: So sehr wir verbunden seyn mögen, so sind wir also doch wieder getrennt; es mag seyn, daß sich die Wahrheit unterschiedliche Bahnen sucht. Nach Ihrer Ueberzeugung ist die Maurerei das Einzige und Höchste; ich stütze mich noch auf die Heiligkeit der Kirche und offenbarten Religion. So gebt die Maurerei auf, rief der Graf, der erhitzt schien: wozu soll sie Euch helfen, wenn Euer Herz und Glaube sich in der Religion befriedigt und sättigt? Und woher kommt denn diese Religion? Ist sie denn nicht, wie ich schon sagte, ein ungeschickter Versuch, einige der verschwiegenen Mysterien zu offenkundigen Wahrheiten zu machen? Und damit diese wenigen Wahrheiten sich erhalten können, meistentheils nur scheinbar, weil sie doch unverstanden sind, muß das Gerüst des Kirchendienstes dazu erbaut, muß der große Teppich gewirkt werden, der bedeckend herumgehangen wird, 249 und diese wenigen Wahrheiten wieder in Geheimnisse verwandelt, die keiner sieht und findet, indessen sich das Volk an den bunten Bildwerken ergötzt, und die Priester sich zanken, und die Verständigsten unter den Layen von der ganzen Sache eigentlich gar keine Notiz nehmen. Seht, Meister, so steht es wahrhaft, wenn ich denn doch einmal reden soll, ohne, wie man sprichwörtlich sagt, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Großer Meister, erwiederte Sangerheim, Euer Geist ist gewaltig und groß, Ihr fahrt wie ein Sturmwind daher, und predigt wie die Begeisterung. Was Ihr weissagt, habe ich wohl verstanden, aber die Obern, die ich verehren muß, würden auch Euch, so stark Ihr seid, so viele Zeitalter Ihr gesehn haben mögt, Hochachtung abzwingen, und wohl eine andre Ueberzeugung Euch geben. Mir? sagte der fremde Meister: wißt Ihr denn, ob ich sie nicht längst kenne? Es ist aber noch die Frage, ob sie mich auch kennen, auch wenn ich vor ihnen stände. Wie meint Ihr das, Großmeister? fragte Sangerheim. Ihr fragt, und fragt immer wieder, antwortete der Magus erhitzt und mit funkelnden Augen, und wollt doch auch Großmeister seyn. Obere nennt Ihr sie? Gut. Aber es kann doch auch wohl einen Obersten dieser Obern geben, die diesem dienen und gehorchen müssen, denen er nur so viel Weisheit zukommen läßt, als ihm dienlich scheint, die deshalb verschiedene Systeme ausbreiten, die er alle von seiner Höhe lenkt. So sind diese katholisch, jene protestantisch; einige nennen sich Rosenkreuzer, andre Tempelritter; der will Vernunft und Freiheit des Volks, jener Mystik und die Würde des Königs begründen und verbreiten; diese Ritter des Grabes, des Todes und Lebens, Illuminaten, und wie sie vielfältig sich betiteln, – können sie nicht vielleicht alle 250 von einem unbekannten obersten Obern abhängen? Und ist Euch diese alte Sage, da Ihr doch so Vieles wißt und erfahren, in Euerm Orden noch nicht vorgekommen? Wer seid Ihr? rief Sangerheim wie entsetzt aus. Ich bin, der ich bin! antwortete der Fremde. Erkennt Ihr mich daran noch nicht? – Ob ich auch Feliciano, oder einen ältern Namen nenne, gilt dem Nichtwissenden gleichviel. Seid Ihr aber ein Wissender, so will ich in einer Chiffer, einem kleinen Symbol aussprechen, wer ich bin. Reicht mir das Blatt und den Stift. Er zeichnete und gab dann mit Lächeln das Papier dem Meister hinüber, indem er scharf sagte: Wenn Ihr der seid, für den Ihr Euch ausgebt, so müßt Ihr mich nun erkennen. Doch zeigt es Niemand. Sangerheim nahm das Blatt, sah und erblaßte. Er wickelte die Zeichnung zusammen und ließ sie schnell am Licht verbrennen. Ich sehe nun, daß Ihr jener wahre Oberste seid, dessen Zeichenschrift man nur denen der höchsten Weihe vorzeigt. Ich beuge meine Knie und meinen Geist vor Euch. Die letzte, entscheidende Erklärung hatte alle Gegenwärtigen in Verehrung und Demuth zum Grafen hinüber gezogen. Feliciano stand auf, machte ein Zeichen, das alle verstanden, und sagte: Kraft meines Amtes schließe ich hiemit diese Loge. Alle erhoben sich. Der Graf faßte hierauf die Hand Sangerheims und sagte: Junger Mann, Du wandelst einen gefahrvollen Weg, aber Du bist so weit vorgeschritten, daß ich nur warnen, Dich nicht mehr lenken kann und darf. Du kennst die Geister, Du bezwingst sie und sie gehorchen Dir, – aber, sie kennen Dich besser, als Du sie kennst. Dir sind sie geheimnißvolle, wunderbare, unbegreifliche Wesen, und Du bist ihnen so verständlich und klar, daß sie Alles wissen, was in Deinem Gemüthe ist. Das Verhältniß 251 des ächten Magiers muß aber das ganz umgekehrte seyn, Du mußt Deinen Geistern ein ganz wundervoll, geheimnißreiches Wesen bleiben, mit Furcht und Schaudern müssen sie Dir dienen. Kannst Du sie nicht noch zu Sklaven machen, daß sie vor Dir erbeben, wird ihnen Deine Natur immer klarer näher gebracht, wähnst Du gar, Freundschaft mit ihnen stiften zu können, dann – wehe Dir! Furchtbar werden sie Dich einst, vielleicht bald, wegen ihrer aufgezwungenen Dienste zur Rechenschaft ziehn. – Er ging mit feierlichem Schritte fort, und Schmaling folgte ihm zitternd. Die Zurückgebliebenen sahen sich forschend an, und wußten nicht, was sie aus diesen letzten Worten machen sollten. Nur Sangerheim schien sie zu verstehn und sank bleich und von Anstrengung erschöpft, in einen Sessel zurück. Meine Freunde, sagte er nach einiger Zeit, ihr seid Alle Zeugen der wunderbaren Begebenheit, die sich zugetragen hat. Ihr wißt nun Alle, welche Kämpfe, welche Gefahren ich noch zu bestehn haben werde: welche Angriffe mir aus dem Geisterreiche her drohen. Erliege ich in meinen großen Bemühungen, so war es doch nicht Unkunde, die mich auf diesen gefahrvollen Weg trieb, sondern die Liebe zum Heiligsten der Wissenschaft. Alle verließen den Meister, dankend, hoffend, ihn ermunternd, und Jeder ging tiefdenkend nach seinem Hause. Schmaling trat mit dem Großmeister, dem unbekannten Obersten, zu welchem ihn eine ungemessene Ehrfurcht, eine Art von Anbetung hinzog, zugleich in sein elegantes Schlafgemach, indem er an allen Gliedern zitterte. Ich wage es, Ihnen zu folgen, Größter aller Sterblichen, – doch, was sage ich? vielleicht einem Unsterblichen. 252 Feliciano sah ihn mit einem hochrothen Gesicht und glänzenden Augen an. Dem Jüngling erschien der Meister in einem wunderbaren Lichte, denn er sah, daß Dieser wankte, und sich lachend niedersetzte. Ei! mein Kind, fing er darauf an, da bist Du ja auch! Das ist schön, daß Du kommst, so können wir noch in stiller Nacht ein wenig mit einander schwatzen. Er stand wieder auf, und wankte nach einem Schranke hin. Ich habe mich verleiten lassen, fing er wieder an, heute, meiner Gewohnheit entgegen, viel zu sprechen, und noch mehr von den starken Weinen zu trinken. Unpolitisch. Ich will mich nun an diesem Trank, den ich nur meinen ägyptischen Wein zu nennen pflege, wieder nüchtern zechen, weil dieser noch viel stärker ist, als dort das beste Getränk. – Er leerte einen großen Becher, den er aus einer sonderbaren Flasche gefüllt hatte, die in allen Farben glänzte und mit vielfachen Hieroglyphen bemalt war. – Trink, mein Söhnchen, sagte er dann, und reichte dem jungen Manne den Becher, koste wenigstens diesen Wundertrank. Schmaling setzte bald ab, denn diese Essenz, aus Gewürzen abgezogen, war ihm zu stark. Feliciano sah ihn freundlich lächelnd an und sagte: Liebes Bürschchen, kein Mensch in der Welt hat mir noch so sehr als Du gefallen, begleite mich, sei mein Freund und wahrer Schüler, und ich will Dir alle meine Weisheit mittheilen. Das andre Menschenvolk ist so plump und unliebenswürdig, Keiner ist mir noch aufgestoßen, dem ich mich ganz ergeben möchte. Du allein hast mein Herz gewonnen, und zu Dir möchte ich wahr und offen seyn können, weil mich das Zusammenschnüren, wie ich es der Uebrigen wegen mit mir treiben muß, genirt und langweilt. – Aber was wolltest Du noch von mir erfahren oder erfragen? 253 Die Stimme des Mannes lallte, und es schien, als wenn dieser ägyptische Wein eher das Gegentheil, als die beabsichtigte Wirkung hervor gebracht hätte. Schmaling war verlegen und mochte sich selber nicht gestehn, was er zu bemerken glaubte; er sagte: Großer Meister, wenn es mir erlaubt ist, zu fragen, und noch einen Augenblick bei Ihnen zu verweilen, so möchte ich wohl erfahren, wie Sie es gemeint haben, was meinem Freunde die Geister, und auf welche Art sie ihm schaden könnten: was Sie sagten, schien zwar ein gewisses Licht zu geben, war mir aber doch noch unverständlich. Feliciano schlug in seinem Sessel ein lautes Gelächter auf, an dem er sich nur nach geraumer Zeit ersättigte, dann sagte er. Je, Kind, liebstes Kind, nimm doch Vernunft an. Was ich dort gesagt haben mag, weiß ich nicht mehr, aber ich meine, es wird mit seinen Geistern und allen den Geschichten ein klägliches Ende nehmen, weil der Gimpel selbst an seine Geister glaubt. Weil er an sie glaubt? fragte Schmaling im höchsten Erstaunen. Ja, liebes Närrchen, fuhr der Magus fort, sieh, deswegen muß es ja nothwendig und natürlich ein ganz miserables Ende mit ihm nehmen. Er betrügt die Welt und seine Schüler, und das ist recht und billig; mit den unter uns bekannten Kunststücken läßt er Geister und Gespenster erscheinen, aber der erste Dummkopf in der Welt ist, der selbst durch sich selbst getäuscht wird. Ich kam ihm in allen Richtungen entgegen und erwartete sein Bekenntniß, das mir allein am Tisch verständlich gewesen wäre. Aber seine Obern haben den Menschen auf eine mir unbegreifliche Art so dumm gemacht, daß, wie er auch betrügt und Andre täuscht, 254 er doch glaubt, es werde sich ihm mit der Zeit das ächte wahre Wunder mittheilen. Schmaling wußte nicht, wie ihm geschah. Er betrachtete die Decke und wieder den verehrten Meister, sich selbst, den Fußboden und wieder den trunknen Wahrsager, der jetzt von Wein geschwächt und von seinem Uebermuth begeistert so Vieles aussagte und verrieth, was er nüchtern geworden am Morgen wahrscheinlich bereute. Laß die Narrenpossen, sagte der Graf, und mache es möglich, daß wir uns Beide verständigen. Du bist zu gut, um unter dem aberwitzigen Jan Hagel so mitzulaufen, Du verdienst es, die höchsten Grade und alle mit einander in einem Augenblicke zu erhalten. Ich höre, Du willst da in Deiner Stadt heirathen. Zieh mit mir, die ganze Welt steht einem so schönen, so feinen und schmiegsamen Mann, wie Du es bist, offen; alle Weiber, die schönsten und vornehmsten, werden Dir entgegen laufen. Du wärst mir dazu ganz anders brauchbar, als der tölpische Anton, Dein Jugendfreund, der aus einem Freigeist und Uebervernünftigen so mit beiden Beinen in die Dummheit hinein gesprungen ist. Er lachte wieder, daß er vor Schmerzen inne halten mußte. Du weißt vielleicht, fing er wieder an, wie ich schon ein Weilchen in Eurer komischen Stadt als ein Herr Anderson lebte. Ich hatte so die beste Gelegenheit, Alles auszuspioniren, und mein pfiffiger Bedienter noch mehr. Ich kannte schon alle Verhältnisse, auch die Mesalliance des Herrn Anton mit einem hübschen Bauernmädchen, die er nun in seiner kühlen Verständigkeit so schlechthin aufzuopfern dachte. Dieser tugendhafte Anton wollte nun Dich, mein liebes Kind, bessern und korrigiren, daß Du den Aberglauben ließest. Das kam mir ganz erwünscht in den Weg gelaufen, daß ich mich für den großen, berühmten Feliciano 255 ausgeben sollte, der ich zufällig selber war. Die Bäuerin hatte ich kennen lernen und ihre Verzweiflung gesehn; ich hatte von ihr ein Bildchen machen lassen, das ziemlich ähnlich war. Sollte es doch auch nur für einen Augenblick dienen. Der Professor Ferner hat ein allerliebstes Kind, einen überaus klugen Jungen. Man glaubt nicht, wenn man es nicht so oft, wie ich, erfahren hat, wie schon der ganze Spitzbube in den Kindern steckt. Das Lügen, das den meisten angeboren ist, darf nur ein wenig erfrischt und aufgemuntert werden, so geräth es fast besser, als bei den Erwachsenen, die immer darin fehlen, daß sie es zu klug, zu verwickelt machen wollen. So ein Kind wird wahrhaft begeistert, wenn es gebraucht werden soll, die Großen und Vorgesetzten zu betrügen, und es lernt eine solche Lection besser, als jede in der Schule. Mit diesem Jungen, der noch bei mir ist, hatte ich schon unvermerkt mein Spiel verabredet. Mein Diener hatte die Blendlaterne und das Bild bei der Hand, sammt dem nöthigen Rauch, die Domestiken des Hauses waren entfernt worden, und um die Sache noch schauerlicher zu machen, hatte die gute Bauernnymphe unterdessen, daß sie im Zimmer leiblich erscheinen sollte, einen Schlaftrunk erhalten. So wurde denn der Spuk und die Comödie glücklich so gespielt, wie Du sie selber mit angesehn hast. Immer noch war es dem glaubensfähigen Schmaling, als wenn er in einem ängstlichen Traume läge. Und heute nun, fing er wieder an, als mein Lehrer und Meister sich Eurer höheren Wissenschaft so unbedingt beugen mußte? Kluges Kind, antwortete Jener, siehst Du denn nicht ein, daß wer die Menschen betrügen will, es ja nicht zu fein anfangen muß? So wie es fein ist, wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam, denken, passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob, 256 plump muß der Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit einlassen wollen, wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die Andern denken: Nein, so einfältig ist doch Keiner, die Sache zu erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran wäre. Sagst Du ihnen, Du hast Carl den Zwölften gekannt, so lachen sie Dir ins Gesicht, behauptest Du aber dreist, Du habest mit Johann Huß Brüderschaft getrunken, so glauben sie Dir. – Also mein Herz, laß Dich überreden, mit mir, als Deinem bekannten Obersten, durch die Welt zu ziehn, und ihre Schätze und Gunst mit mir zu theilen. – Oberster! Ha ha! Weil ich so viele Logen aller Art durchkrochen bin, so wurde mir denn auch von einigen Rosenkreuzern eine Signatur gezeigt, die den Messias bezeichnen sollte, der einmal erscheinen würde, um ein himmlisches Reich auf Erden zu stiften. – Du siehst, mit welcher angenehmen Dreistigkeit ich Deinen großen Meister mit dem Bagatell verblüfft habe. – Nein, als ein ehrlicher, schlichter Mann könnte ich verhungern, als ein berühmter Charlatan bin ich reich und beherrsche Männer und Weiber und kann wie ein Sultan gebieten und walten. Lockt Dich denn diese Aussicht nicht, liebstes Kind? Du bist so viel schöner, als ich, Du kannst ja Deine Jugend nicht besser genießen. Mir hat so ein Wesen noch immer zu meinen Erscheinungen gefehlt, wer weiß, welchen Engel wir droben im Norden aus Dir machen. Wer weiß, welche Monarchin Dir ins Netz läuft, – wer weiß – kurz, komm mit! Der ägyptische Wein hatte so stark gewirkt, daß der Großmeister jetzt einschlief. Am Morgen, als er erwachte und sich besann, konnte er sich nur dunkel erinnern, was er gethan und gesprochen hatte. Aber das drückte ihn schwer, daß er sich gegen Schmaling auf irgend eine Weise zu sehr herausgelassen habe. Er sendete sogleich nach diesem, um 257 entweder mit Klugheit ihm Alles wieder auszureden, oder, wenn dies unmöglich sei, ihn im halben Vertrauen stehen zu lassen und durch Drohungen zum Schweigen zu zwingen. – Aber Schmaling war verschwunden und nirgends zu finden, auch Sangerheim konnte keine Nachricht von ihm geben, der mit Schmerz und Aengstlichkeit die unbegreifliche Entfernung des Jünglings beklagte. Als nicht zu helfen war, schickte Feliciano einen drohenden Befehl an Sangerheim, den jungen Schmaling niemals wieder als Bruder in seine Loge zuzulassen, dieses Verbot auch andern Logen mitzutheilen, die mit ihm in Verbindung ständen, das Gleiche würde er allen Brüdergemeinden zusenden, die von ihm abhängig wären, weil er entdeckt habe, daß dieser Schmaling ein Bösewicht, Verleumder und ganz unwürdiger Bruder sei, der nur damit umgehe, alle Geheimnisse des Ordens auf eine schändliche Weise zu verrathen, und die Meister selbst durch die abscheulichsten Lügen öffentlich zu beschimpfen. Sangerheim zitterte, und Feliciano eilte, mit seinem Zuge seine Reise nach dem fernen Norden fortzusetzen. – Schmaling war mit den schnellsten Postpferden zur Residenz zurückgekehrt. Er wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, er hatte nicht den Muth, in das Haus seines Schwiegervaters zu gehen, er konnte es sich nicht als möglich denken, nur den Bedienten gegenüber zu treten, um sich melden zu lassen. In dieser unbehaglichen Lage sagte er zu sich selber: Ist es denn etwas Anderes, wenn ein Freund, der im hitzigen, oder Faulfieber liegt, von allen Aerzten schon aufgegeben, von allen Freunden schon als todt beklagt, wieder geneset? Sonderbar, daß wir immer so großen Unterschied zwischen den Krankheiten unsrer Seele und unsers Körpers 258 machen wollen. Eins ist selten ohne das andre. Dem Elenden, der im Fieber phantasirt, vergiebt man es gern, man tröstet ihn sogar freundlich, wenn er Gott und Menschen, seine Liebsten und Nächsten gelästert hat, man nennt es nur Abwesenheit, Vergessen seiner selbst: und der Arme, dessen Seele zerrissen wurde, der, peinlich hinauf getrieben, zwischen den Extremen schwankte, der sich selbst verlor: ihm vergiebt man nicht, ihm rechnet man die Aeußerungen seiner Krankheit als Verbrechen an, und er muß es mit Dankbarkeit erkennen, wenn man es ihm nur nach Jahren vergißt, daß er diese und jene auffallende Meinung äußerte. Und so bin ich genesen, ich kehre von einer Brunnenkur zurück, da alle meine Freunde mich schon aufgegeben hatten. Wollen sie mich nicht, die mir die Liebsten und Nächsten sind, als einen Wiederhergestellten anerkennen, nun so ist es an ihnen, krank zu seyn, sie mögen dann irgend ein Bad besuchen, und es kömmt nachher auf mich an, ob ich sie als Gesunde begrüßen oder als Unheilbare von mir weisen will. Mit diesen Gesinnungen und Entschlüssen ging er nach dem Hause des Geheimenrathes Seebach. Die Bedienten, die ihn schon von ehemals kannten, ließen ihn ungehindert eintreten. Er fragte nach Fräulein Clara; man sagte ihm, daß sie ungestört seyn wolle, weil sie sich unwohl fühle, sie habe daher erklärt, keine Besuche annehmen zu wollen. Er sagte dem Kammerdiener, daß er der Familie kein Fremder sei, und daß er alle Verantwortung auf sich nehmen wolle. Er ging über den wohlbekannten Gang nach dem Gemache seiner Jugendfreundin. Lange stand er vor der Thür. Er lauschte mit hochklopfendem Herzen. Ihm war, als wenn er drinnen Gesang und die Töne einer Laute vernähme. Und so war es auch. Clara, um ihren Gram einigermaßen zu beschwichtigen, hatte alle ihre alten Musikstücke hervor 259 gesucht, um sich an diesen zu trösten. Sie spielte und sang, und wiegte so, als sei er ein ungezogenes, schreiendes Kind, ihren immer wachen Kummer ein. Einige Blätter hatte sie bis jetzt überschlagen. Sie faßte den Muth, sie vor sich hinzulegen, um sie zu singen. Es waren einige Compositionen, die in bessern Zeiten Schmaling selbst zu ihren Lieblingsliedern gesetzt hatte, es waren sogar einige Lieder darunter, die von ihm gedichtet waren, und zu denen er ebenfalls die Melodie gesungen. Lange hatte sie den Trost der Musik entbehrt und darum ergab sie sich heute diesem Genusse wie eine Berauschte. Schmaling horchte entzückt an der Thür; alle Jugenderinnerungen, alle jene süßen Stunden der Unschuld kehrten in sein bewegtes Gemüth zurück. Ihm war, als hätte er den ganzen Zwischenraum, zwischen jenen Tagen und dem heutigen, nur in einem schweren Traum gelegen. Clara hörte in ihrem lauten Gesange nicht, wie er klopfte. Als er das Zeichen wiederholt gegeben hatte, öffnete er die Thür und trat in das Zimmer. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte seinen Eintritt nicht vernommen. Sie sang so laut und heftig, als wenn sie an dem Liede sterben wolle. Er hatte es ihr vor drei Jahren zu ihrem Geburtstage komponirt, nicht lange nachher, als sie mit einander bekannt geworden. Er konnte sich nicht zurückhalten, er weinte laut und stürzte zu ihren Füßen nieder. – Die Laute entfiel ihrer Hand. – Wie? rief sie aus; was sehen meine Augen? Täuscht mich kein Blendwerk? Die alte Zeit kommt wieder, der Calender lügt und mein Ferdinand ist wieder da. Ja! rief der tiefbewegte Jüngling: da, um nie wieder von Dir zu scheiden. Zurückgekehrt, wie der verlorne Sohn, 260 von den Trebern des Aberwitzes und der Lüge, um bei seinem Vater Schutz und Nahrung zu suchen. So? sagte Clara, indem sie ihn aufhob; stehe auf, lieber Freund, wenn ich Dich noch so nennen darf. Also, meinst Du, soll ich nun wie das Kalb geschlachtet und verspeiset werden? Ich bin leider das Kalb gewesen, antwortete der Beschämte, aber nun, meine süße Geliebte, nachdem ich genesen, nachdem ich die Dummheit meiner erhabenen Meister eingesehn habe, werde ich mich niemals wieder verführen lassen. Nein, auf immer bin ich zu Dir, zu jenem schlichten, einfachen Leben zurückgekehrt, das ich vor Kurzem noch mit Verachtung ansah. Fühle ich doch in allen Fasern meines Herzens und in jedem Tropfen meines Blutes, daß das Einfache, scheinbar Arme, das Nächstliegende eben das Reiche, Wohlthätige, Himmlische ist! Vergiebst Du mir meinen Wahnsinn, so bin ich der Glückseligste aller Menschen, und ich erwarte, daß Fürsten von mir Almosen begehren sollen. Nun, nun, sagte Clara, nicht eben so eifrig, mein Freund, in der Bekehrung und Reue wie erst in der Sünde. Also jetzt willst Du kein Kapuziner, nicht katholisch werden? Sie lachte so anmuthig, daß Schmaling den Muth faßte, sie in die Arme zu nehmen und herzlich zu küssen. Noch niemals hatte sie ihm den Kuß mit diesem Feuer erwiedert. Hierauf zog sie beide Glocken in ihrem Zimmer mit der größten Heftigkeit, tanzte im Gemach auf und ab, und als mehrere Diener ängstlich erschienen, rief sie diesen mit lauter Stimme zu: meine Eltern sollen kommen! Aber gleich! Mit der größten Schnelligkeit! Es verlohnt sich schon der Mühe, zu eilen. Man verwunderte sich im ganzen Hause über das ungewöhnliche Geräusch. Der alte Kammerdiener lief in Angst 261 hin und her, weil er meinte, daß irgendwo Feuer ausgebrochen sei. Endlich traten Mutter und Vater zu Clara in das Zimmer. Was giebt es denn? fragten Beide; warum lässest Du uns so gewaltsam rufen? Sie sagte: wenn es nicht unbillig ist, daß bei der Geburt eines Prinzen alle Glocken geläutet und Kanonen abgeschossen werden, so darf man schon einigen Spektakel in einer honetten Familie machen, wenn ein junger Mann seinen gesunden Menschenverstand wieder gefunden hat. Ja, liebste Eltern, hier steht der bescheidene Jüngling, dessen Edelmuth es nicht wagt, dergleichen Ungeheures von sich auszusagen, weil er seit so vielen Wochen auf den entgegengesetzten Bahnen irrte. Der Vater schloß entzückt den jungen Mann in seine Arme, die Mutter war verlegen und gerührt. Und Sie entsagen, fragte der Rath, Ihrem Meister Sangerheim? Mit vollem Ja, kann ich antworten, rief Schmaling, und eben so dem Großmeister Feliciano, der vielleicht Judas Maccabäus seyn mag, oder Ischariot, und dem Teufel und seiner Großmutter, und allen ihren Spuk- und Zauberwerken, die keine Stecknadel werth sind, und für die wir ihnen unsre Seele verkaufen müssen. Ja wohl, sagte der Vater, müssen wir ihnen, den Unterirdischen, den Reichen des Wahnwitzes, das Theuerste verschreiben, um das Verächtliche dafür zurück zu erhalten. Ich bin genesen, rief Schmaling aus, und begreife jetzt nicht, wie ich den Himmelsblick meiner Geliebten, ihr Herz, alles Glück einer entzückenden Häuslichkeit und des nächsten Besitzes, gegen jene Kartenkünste aufopfern konnte. Als man sich mehr beruhigt hatte, erzählte er dem Vater auf dessen stillem Zimmer Alles, was ihm begegnet war. Man erfuhr auch bald, daß der junge Schmaling, wegen 262 schwerer Vergehungen, von vielen Logen ausgeschlossen sei. Dies störte nicht das Glück des Hauses, denn seine Verlobung mit Clara wurde bekannt gemacht, und bald darauf die Hochzeit gefeiert. Könnte ich doch, klagte der Vater an diesem fröhlichen Abend, meinen Sohn Anton eben so in meine Arme schließen, und mich überzeugen, daß er mir zurückgegeben sei. Die Scene, die sich mit dem größeren Magus ereignet hatte, war für Sangerheim von Folgen gewesen. Seine Schüler hatten es gesehn, daß er verlegen und irre an sich selber wurde; sie hatten Andern diese Bemerkung mitgetheilt, und Viele wendeten sich von ihm ab. Die ältere Loge beobachtete ihn genauer, und faßte mehr Muth, sich ihm öffentlich zu widersetzen. Unter Denen aber, die ihm unwandelbar treu blieben, und auf seine Worte schwuren, stand der Arzt Huber oben an; diese Anhänger beredeten sich, daß die Wirkungen, welche Feliciano hervorbrachte, durch die Hülfe böser Geister geschähen, und er selbst durchaus verwerflich und gottlos, seine Lehre verdammlich zu nennen sei. Jetzt ward es den Vertrauteren, und späterhin den Uebrigen bekannt, daß Sangerheim verheirathet sei, und seine Frau bei ihm wohne. Da sie krank und leidend war, hatte er ihr Dasein Allen verschwiegen. Die Wenigen, die sie zuweilen auf einen Augenblick sahen, bemitleideten sie, oder entsetzten sich vor ihr, wie vor einer Geistererscheinung. Sie war noch jung, aber todtenbleich, schwach und matt. In dem weißen und abgemagerten Gesicht glänzten die Augen mit einem sonderbaren Feuer. Sie hatte kaum Stärke genug, aus einem Zimmer in das andre zu gehn, und es geschah wohl, daß sie mitten in ihrer Rede abbrach und 263 einschlief. Dann sprach sie sonderbar, oft unzusammenhängend, oft, als wenn sie Erscheinungen sähe. Sie hatte keinen Arzt, sondern der Mann, der sich die größten Kenntnisse zutraute, behandelte sie selbst auf eine geheimnißvolle Weise: er suchte sie durch Gebet, Händeauflegen und Beschwören zu stärken. Wegen dieses sonderbaren Zustandes der Leidenden war es selbst den Vertrautesten nur durch Zufall möglich gewesen, sie auf Augenblicke zu sehn und zu beobachten. Nach einer schlimmen Nacht, in welcher sie von Schmerzen sehr gequält war, sagte sie am Morgen zu ihrem Gatten: Ach, Alexander! das war nicht die Aussicht, die wir hatten, als Du mich heimlich, fast mit Gewalt aus dem Hause meiner guten Eltern nahmst. Welche Pläne machten wir damals, was hofften wir Alles von unsrer Liebe. Nun ist Alles dem Tode verfallen! Ach! und welch gespenstisch Leben, welch sterbendes Dasein ward mir in Deiner Nähe. Nun, ich fühl' es, es ist zu Ende. Nein, geliebte Theodora, tröstete sie der Mann: nein, meine Geliebteste, ohne die das Leben mir selbst nur eine Last seyn würde. Glaube mir, Alles nähert sich einer glücklichen Entwicklung. Ich sehe, Du wirst mit jedem Tage besser, in wenigen Monaten ist Deine Gesundheit und die Blüthe Deines Leibes wiedergekehrt. Du bist wieder heiter und froh, Du hast wieder Muth und Kraft, wie in den ersten Tagen unsrer Liebe. Liebst Du mich denn noch? fragte die Kranke, mit einem sterbenden Blick. Theodora, rief Sangerheim, außer sich vor Schmerz; diese Frage und dieser Blick könnten mich tödten. Es wühlt mein Herz um, und zernichtet meine Kräfte, daß diese Zweifel Dir immer wiederkehren. Ich darf nicht sprechen, antwortete sie matt, denn Deine 264 Heftigkeit geht dann wie ein schneidend Messer durch meinen Leib und meine Seele. Ich will sanft seyn, milde, Geliebte, antwortete er demüthig, sprich Deinen Kummer aus, nur zweifle an meiner Liebe nicht. Was nennst Du so? fuhr sie fort; Deine Liebe ist Dir doch nicht heilig, Du opferst sie auf, sie ist Dir nur Mittel zu andern Zwecken. O, mein Engel, wenn Du Dich von jener Verbindung losmachen könntest, o zerbrich sie, mein süßes Herz, entzieh Dich jener Gesellschaft, die mir immer schrecklicher erscheint, die Dich verderben wird. Nein, meine Liebste, antwortete Sangerheim gerührt, ich erkenne Deine Liebe in jedem Deiner Worte, aber diese Männer, von denen ich Dir einmal in einer schwachen Stunde erzählt habe, kennst und würdigst Du nicht. Denke nur zurück, wie arm, wie dürftig unser Leben war. Als österreichischer Offizier, in einer kleinen Garnison, von rohen, unwissenden Menschen umgeben, mit schmalem, unbedeutendem Gehalt, ohne Hoffnung, es weiter zu bringen, – was war da unser Loos? Wie armselig, dürftig und verächtlich war diese Existenz! Und betrachte jetzt den Ueberfluß, die Ehre, den Schwarm der Freunde und Bewunderer. O Alexander, seufzte sie, führe mich in jene enge Dürftigkeit zurück, gieb mir unser damaliges Leben wieder, und ich will Dir auf den Knieen danken. Wir waren gesund, wir hatten uns keine Vorwürfe zu machen, denn die Eltern waren mir wieder ausgesöhnt. War unser Einkommen klein, unsre Habe unbedeutend, so genossen wir Alles mit kindlichem dankbaren Sinn und mit einem reinen Gewissen. Als Du in jene Verbindung getreten warst, nahmst Du Deinen Abschied, mußtest ihn nehmen. Seitdem ist Alles so unklar und unheimlich. Und unser Wohlstand: mir ist, Du stehst 265 auf einer dünnen, dünnen Eisrinde, und unter Dir liegt der tiefe Abgrund. Geliebteste, Freundin, Gattin, erwiederte er liebkosend, beruhige doch endlich Deine Seele über diesen Punkt. Wie wird sich Alles anders, und zu Deiner schönsten Zufriedenheit entwickeln. Jenen edlen Männern darf ich vertrauen, denn ich war ja Zeuge, daß sie Uebermenschliches vermögen und wissen. Wie viel haben sie mir schon anvertraut, wie Vieles vermag ich durch sie. Mit jeder Post kann es ankommen, das Größte, das Beste, was noch zurück ist, in jedem Reisenden kann der Ersehnte vom Wagen steigen, der mir Alles enthüllt, so daß keine Frage und kein Wunsch mehr übrig bleibt. Alle ihre Briefe deuten auch dahin. Brauche ich Dir zu sagen, antwortete die Kranke, daß Alles, was Du bis jetzt errungen hast, Kunststücke sind, die nur darum den Menschen unbegreiflich und wundervoll erscheinen, weil die Wissenschaft sie noch nicht gefunden hat? Jeder Gelehrte kann sie zufällig entdecken, und diese donnernden Explosionen, die sich durch einen Wurf, ohne Spur entladen, werden dann vielleicht ein Spielwerk, mit dem sich die Kinder erschrecken. Und Deine Operationen, diese Blendwerke der Erscheinungen, diese Bilder, die Du zeigst, Deine künstliche, innerliche Sprache, die, wie aus der Ferne, wie die eines Fremden klingt, und womit Du so Viele entsetzest, und sie zu Deinen Zwecken führst; daß ich selbst auch als Geist auftreten muß, – o Alexander, wohin sind wir gekommen? Wie muß die Welt uns ansehn, wenn Alles einmal bekannt wird. Liebste Frau, sagte Sangerheim beängstigt, Du hättest Recht, wenn wir nicht mit den Edelsten aller Menschen, mit den Uneigennützigsten, mit den Weisesten in Verbindung ständen. Daß sie das Beste wollen, daß ihre Pläne gut sind 266 und zum Heil aller Menschen hinstreben, davon dürfen wir uns überzeugt halten, so seltsam auch ihre Wege, so krumm sie auch laufen mögen. Ihnen liegt es ob, dies zu verantworten, wenn sie im Unrecht seyn sollten. Ich muß erfüllen, was ich ihnen gelobt habe. Ich kenne die Täuschung, die ich mir erlaube, aber ich bin vom guten Zweck überzeugt. Und jenseit aller Täuschung sind wir ja im Besitz so manches wahren Wunders. Dein Gebet wirkt kräftig, das meinige stimmt Deinen Geist. Du siehst, Du sprichst mit abgeschiedenen Freunden, sie entdecken Dir Geheimnisse; Du siehst in weite Ferne und durch verschlossene Thüren. Dir ist, wenn Du fest willst, Nichts verborgen. Die blasse, leidende Gestalt seufzte schwer. Ach, Liebster! klagte sie dann mit erlöschenden Tönen, daß ich auf diese Weise in Deinen weltlichen Absichten Dir habe helfen müssen, ist vielleicht die größte Sünde, die Dir der Himmel nicht anrechnen, und mir meine Schwäche und Nachgiebigkeit verzeihen möge. Die Liebe zu Dir hat mich weit geführt. Dieser künstliche Schlaf, dieser unnatürliche, den Du mir Anfangs erregtest, und der sich jetzt immer mehr von selbst einstellt, hat mir Gesundheit und alle Kräfte aufgezehrt. Oft weiß ich nicht mehr, ob ich noch bin, und kann mich auf meinen eignen Namen, oder auf Deine Gestalt nicht besinnen. Ja wohl ist dies eine Zauberei zu nennen, die den Menschen aus seinem eignen Innersten entrückt; aber eine verderbliche. So Vieles habe ich Dir entdecken müssen, hier und in jener Stadt. Mir ist, ich habe nicht allein die Kräfte meines Körpers, sondern auch Theile meiner Seele dabei zugesetzt. Wenn Du mich so auf eine Frage gewaltsam hinheftest, wenn ich im Schlafe sehen und finden muß, was Du verlangst, so dehnt es sich in meiner Brust, in meinem Kopf. Diese fließenden leichten Gewölke werden 267 immer dünner und feiner, und mein Selbst, mein Sein weicht wie in eine schwindelnde Ferne hinweg, daß ich in einer entsetzlichen Angst nach ihm zurückblicke. Jenes fließende, fliehende Wesen, das ich selbst nicht mehr bin, faßt und sieht dann in meinen Körper, in Dich, in alle Wesen mit einem kalten Schauder hinein. Ich frage, ohne den Sinn zu wissen, und höre von Geistern die Antwort, und sage sie Dir im Schlaf, und Alles ist nur ein Echo. Oft, wenn ich dann wieder erwachen soll, greift das blasse, fließende und entflohene Wesen nach dem eigentlichen Ich mit Entsetzen zurück, und kann es nicht wieder finden. Nein, mein Ich ist manchmal fort; ich kann mich auf mich selbst nicht besinnen. Der Geist fürchtet, er könne vergehn, sich selbst vernichten. Nein, Liebster, wenn Du noch einiges Erbarmen mit mir hast, nicht mehr diese Experimente, versprich es mir. Sangerheim gab ihr geängstigt stumm die Hand. Er wußte wohl, wie viel er ihren künstlich erregten Visionen zu danken hatte. Durch dieses Mittel hatte er damals für den Rath Seebach jenes Dokument gefunden. Er stand jetzt an einem furchtbaren Scheidewege seines Lebens. Denn ohne daß seine Gattin ihn so schmerzlich zu erinnern brauchte, war er selbst schon mehr wie einmal an sich und seinem Beginnen irre geworden. Er fing in manchen Stunden an zu zweifeln, ob denn der Zweck die Mittel heiligen könne. Eine Lehre, die ihm bis dahin als unerschütterlich erschienen war. Mit Angst wartete er auf Briefe und Aufschlüsse, die man ihm verheißen hatte, damit er den Trug könne fallen lassen, seinen Eingeweihten ein eigentliches Geheimniß sagen und erklären, und im Besitz wirklicher Wunderkraft, des Steines der Weisen und der Tinktur glücklich seyn. Er hatte nach seiner Ueberzeugung erfüllt, was er versprochen hatte, ja mehr ausgerichtet, als man erwarten konnte, aber die letzten 268 Briefe, die er erhalten und die er sehnend erwartet, sprachen so zweideutig, erfüllten so wenig, was er forderte, und umgingen die Frage so behutsam, daß er sich mit allen Kräften der Hoffnung und des Vertrauens nur einigermaßen beruhigen und auf die nächsten Nachrichten vertrösten konnte. In dieser Verstimmung seines Gemüthes faßte er die Hand der Kranken, und machte, ohne daß sie es bemerkte, die Striche, die den Schlaf herbei riefen. Sie entschlummerte mit einer Zuckung Augenblicks, indem sie nur noch wimmernd: nicht Wort gehalten! im halben Wachen ausstieß. – Er fragte sie jetzt um die Zukunft. Der Busen der Kranken arbeitete schwer. Ach! Nichts! Nichts sehe ich, sagte sie, wie schluchzend in sonderbaren Tönen: da liege ich, weit, weit weg; nicht ich, – die Hülle. – Glanz, Licht, – aber ohne Schein. Es saugt mich hinaus. Meine Mutter nimmt mich, nicht meine Mutter, ihre Liebe, das ist mehr als sie. Wie rein ist ihr Herz. Das reinigt auch meinen Geist, mich. Mir wird so leicht, so wohl. Das, was ist, ist nicht eigentlich. Wir verstehn es unten nicht. Alles nur Schein, Hülse, der Tod. Das Sein ist anders: kann unten nicht gefaßt werden. Sangerheim richtete durch Fragen ihre Gedanken anders. O weh! rief sie in einem scharfen Ton: – da ist Dunkel, Verwirrung, das Elend. O du Lügner, warum verkehrst du mit der Lüge so holdselig? Dein Herz bricht, dein Kopf zerspringt. – Nach jenem Dunkeln soll ich forschen, sehn? Mein Auge reicht nicht hin, mein Zittern verdämmert mir den Blick. Alles schwarz. Aber näher kommt's. Grauen, Angst, kein Licht. Sie brüten selbst, sie suchen. 269 Keine Liebe in ihnen. – Ja wohl ist es aus, aus für dieses Leben. Brief geschrieben, gesiegelt. Kann nicht – kann nicht lesen. Wär' es gut, könnt' ich's; die Liebe könnte lesen, so bleibt's finster. – Ach! – du, – du – auch fort, weggetragen, – willst mich nicht kennen, nicht hier kennen, wo Friede ist? Sehe dich gehen, höre deine Stimme, kann dein Gesicht nicht finden; wo die lieben Augen? – Alles weg! Ach! so, so ist es gemeint? fing sie nach einer Pause wieder an; ja, ja, es wird ihm schwer gemacht. Er hieß Alexander. Gut war ich ihm, er war so lieb. Wird wieder, aber spät, spät, – ach! kann er glauben? Gott, du bist gnädig. – Laß ihn nicht zu sehr verfinstern. Jesus, vergieb ihm. – Nun ist es weg. Nun ist mir wohl. Nie werde ich mehr in die Tiefe des Irdischen schauen. Alle Tiefe vergeht; es wird Alles Ein Augenblick, Eine Gegenwart, Ein Lichtpunkt, und ich unsichtbar, mir selbst unfühlbar, in der Mitte des himmlischen Punktes. Nichts war, Alles ist und bleibt. Es zieht, es flieht nicht mehr, festes Bild wird es. – Nun reicht der Strahl aus mir nicht mehr zurück, er ist zu kurz, das Leben ist fern, weit und fern: besser so, – denn – nein – besser so – ach! kein Sehnen mehr, kein Schmerz mehr, – die Freude war schon lange todt. Sie verstummte: er horchte, er wiederholte die Striche und verstärkte seine innere Aufmerksamkeit, aber die Entschlafene sprach nicht. Da sein Bemühen heut, was noch nie gewesen, vergeblich war, so strich er mit den Händen in entgegengesetzter Richtung, um sie wieder zu erwecken, aber eben so fruchtlos, sie erwachte nicht wieder, denn sie war gestorben. Als er sich nach manchen vergeblichen Bemühungen, sie wieder ins Leben zu rufen, von der Wirklichkeit ihres Todes 270 überzeugen mußte, warf er sich verzweifelnd zu ihren Füßen nieder, und wüthete gegen sich selber. Wie er etwas mehr zur Besinnung gekommen war, rief er aus: Ja, du, du Unglückseligster, hast die Aermste ermordet! Was ist mir alles Leben nun ohne sie? Ohne sie, für die ich mir Glanz und Wohlstand wünschte? Wie schaal und abgenutzt liegt jetzt mein ganzes Dasein vor mir, wie arm, was ich etwa noch erstreben kann. Und wie liebte sie, die Aermste, mich Unwürdigen! Als sie damals, wie ihre Krankheit zuerst sich verkündigte, von der langen Ohnmacht erwachte, war ihr erstes Lebenszeichen, daß ihr redlicher Blick mich gleich suchte. Sie hatte alles Andre vergessen, aber nicht, daß ich um sie bekümmert war. Sie hätte mir ja auf unsern Spaziergängen gern jeden rauhen Stein aus dem Wege geräumt. Und mein Dank für alle diese Hingebung? – Daß ich ihre Gesundheit durch diese magnetischen Künste vernichtete, daß ich ihren Geist verwirrte, daß ich muthwillig ihr liebendes Herz zerbrach. Nein es giebt keine größere Sünde, es giebt gar keine andre, als die der Mensch gegen die Liebe begeht. – Ach! Du Süßeste! wo ist jetzt Deine blühende Jugend? Wo sind die Rosenwangen, und das Grübchen des freundlichen Lächelns, mit dem ich Dich neckte, wenn wir im kleinen Garten Deiner Eltern zwischen den Rosenbüschen saßen? Wo sind nun alle die Träume der Liebe? Wo die Pläne, die wir für das Leben entwarfen? Diese blasse Hülle, die hagre Gestalt ist von all der Lust und Freude übrig geblieben, um mir zu sagen, wie armselig und kläglich das menschliche Leben sei, um mir zuzurufen, daß ich ein Bösewicht, ein Verworfner bin, der trotzig durch das Leben geht, und Dich, süße Blume, roh zertreten hat. Er setzte sich wieder zum Leichnam nieder, faßte die dürre Hand, bedeckte sie mit Küssen, und weinte bitterlich. 271 Wort müssen, Wort werden sie mir halten, sagte er nach einer Weile zu sich selber; mein Elend wäre zu unermeßlich, wenn sich auch diese Hoffnung in Tod und Leiche verwandelte. Was bliebe mir? Die nackte, kahle Lüge, der verächtliche Betrug. Dem könnte, dem möchte ich nicht ferner leben. Ist denn sterben so schwer? Sie ist erloschen, wie die Kerze, wie der letzte still verborgne Funke in der Asche. Wenn ich verloren bin, so will ich kein Dasein erbetteln, und in Lumpen und dem Auskehricht des Lebens Kleinodien suchen, die ich wirklich besaß und wegschleuderte, als ich noch wie ein König glücklich war. Jenseit will ich sie dann wieder aufsuchen und das keck verachten, was Verachtung verdient. – – Bei ihrem Begräbniß folgten die vertrautesten der Brüder. Er schien seine Fassung wieder errungen zu haben. In fester Stellung, mit edlem Schmerz stand er am Grabe der Geliebten und sah die theuern Ueberreste versenken. Freilich war es ihm oft, als wenn alles Leben nur ein Traum sei, oder ein Schauspiel, in welchem er mit Anstand seine Rolle zu Ende führen müsse. Als er nach Hause kam, fand er folgenden Brief, den er hastig erbrach. Die – – sind mit Euch, mein Freund, nichts weniger, als zufrieden, denn Ihr setzt ihr Geheimniß, ihren Ruf und ihre Ehre auf ein zu leichtsinniges Spiel. Das ist es nicht, was Ihr verheißen habt, und was man von Euch erwartete. Es hat sich erwiesen, daß der Rath – –, dessen Ihr so sicher zu seyn glaubtet, sich kalt zurückgezogen hat, daß Ihr jene Stadt meiden mußtet. Und wie lange werdet Ihr in der jetzigen Euer Spiel noch forttreiben können? Man verwundert sich, man forscht nach, und, was das schlimmste ist, man lacht. Wie schlecht seid Ihr dem 272 Charlatan, dem Feliciano, gegenüber bestanden! Wer solche plumpe Angriffe nicht einmal zurück zu schlagen versteht, der ist zum Missionar verdorben. Auf die Anfragen, auf Eure Forderungen, kann ich nichts Bestimmtes erwiedern. Es heißt, die Loge wird verlegt werden: wenn es geschieht, so ist noch nicht entschieden, wohin. – – Sangerheim knirschte. Mit Todesschweiß schrieb er schnell einige drängende, fordernde, beschwörende und beredte Briefe, um das Aeußerste und Letzte zu versuchen, denn seine Hoffnung, ein wahrer Magier zu werden, war nun fast schon verschwunden. Wenn sie mich so um mein Leben betrogen hätten! rief er aus, büßen sollten sie es! – Doch nein, ich zittre vor mir selber: weiß ich ja doch, daß sie jeden Laut in der Ferne vernehmen, und daß sie jeden meiner Gedanken kennen. Drum muß ich, will ich alle meine Gefühle unterdrücken, und nur das Beste, Edelste von ihnen erwarten. Im Hause des Geheimenrathes war Alles so ziemlich wieder zur Ordnung zurückgekehrt. Die Hochzeit der Tochter näherte sich, und Schmaling war im Bewußtsein seines Glückes in solcher Stimmung, daß er selbst die Namen Feliciano oder Sangerheim nur ungern nennen hörte. Er verdammte den Trieb, sich vom Wunderbaren und Geheimnißvollen anlocken zu lassen, so unbedingt, daß selbst Clara ihn tadelte, wenn er auf Geistergeschichten oder Erzählungen schalt, die durch ein gewisses Grauen die Aufmerksamkeit spannen, und die Phantasie in Thätigkeit setzen. Er wollte kein unschuldiges Spiel hierin mehr erkennen, sondern meinte, diese Anlage und Stimmung unseres Geistes sei durchaus verderblicher Natur, und könne nur zum Unheil führen, es sei daher die Pflicht 273 eines jeden Verständigen, diesen Trieb in sich völlig auszurotten. Der Vater hatte unterdessen an seinen Sohn Anton geschrieben, um ihn zu bewegen, zu seiner Familie zurückzukehren. Nur Einiges hatte er ihm von jenen Geständnissen gemeldet, die der trunkene Magier gegen Schmaling halb unbewußt gethan hatte; er hatte ihn auf die Gefährlichkeit dieser Verbindung, auf seine bedenkliche Stellung zur Welt aufmerksam gemacht, er hatte ganz den Vater und die väterliche Autorität, so milde der Brief war, sprechen lassen, aber vergeblich. Der Sohn antwortete in einem scharfen, höhnenden Tone: wie sonderbar es sei, daß der Vater jetzt gegen Geheimnisse spreche und große Charaktere verfolge, da doch er, der Sohn, von Jugend auf so viel von diesen Geschichten in seiner Familie habe vernehmen müssen. Es sei ja bekannt genug, wie er selbst früher gegen alle leere Schwärmerei, Geistersucht und dergleichen gesprochen habe, er habe sich nie blenden lassen, und wenn er jetzt einer andern Ueberzeugung folge, so könne man ihm wohl zutrauen, daß er geprüft und untersucht habe, und nicht leichtsinnig einem unreifen Gelüste folge. Wenn Verleumder seinen großen Meister lästerten, so geschehe nur, was sich seit den ältesten Zeiten ereignet habe, daß der Pöbel die Wohlthäter der Menschen und die leuchtenden Genien verfolge. Was seinen Schwager Schmaling betreffe, so verachte er einen solchen Elenden zu tief, um irgend noch Worte über ihn zu verlieren. Sein Meister habe ihm diesen Lügner und dessen Verächtlichkeit hinlänglich geschildert. Er hoffe übrigens, in der Lage zu seyn und zu bleiben, daß er weder auf einen Theil des väterlichen Vermögens, noch auf irgend eine Unterstützung Ansprüche zu machen brauche, wünsche aber dagegen, daß 274 man ihn nicht hofmeistere, als ein Kind behandle, das der Zurechtweisung noch bedürfe. Er werde in Zukunft, wenn er der Familie selbst zu Glanz und Ehre verhelfe, übrigens gern vergessen, daß er früher einmal von seinen allernächsten Verwandten so sei verkannt worden. Der Vater, der Obrist und Alle erstaunten über die ungeheure Verblendung des Sohnes, vorzüglich, wenn sie seiner früheren Art gedachten. Die Zeit war indessen herangekommen, in welcher Sangerheim versprochen hatte, durch Rückzahlung des letzten Capitals seine geheimnißvollen Papiere auszulösen. Geschah es nicht, so gehörten dem Rathe diese Mysterien, die von der höchsten Wichtigkeit seyn sollten, und von denen selbst das Leben Sangerheims, wie er geäußert hatte, abhinge. Der geheime Rath machte sich also mit jenen wichtigen, fest verschlossenen und vielfach seltsam versiegelten Dokumenten auf den Weg nach jener Stadt, in welcher der Magier seitdem seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Der Professor Ferner begleitete ihn. Sie reiseten in der Nacht, und wechselten vielfältige Gespräche, indem sie sich alter Zeiten und vieler Erfahrungen erinnerten. Der Professor sagte endlich: Sei der Mensch auch so ruhig und fest, wie er immer wolle, er hat eine Stimmung, einen Moment der Schwäche, wo ihn doch Dasjenige wiederum ergreifen und beherrschen kann, was er längst abgeschüttelt zu haben glaubt. Und so ist es mit Zeiten und Völkern auch. Wer kann unterscheiden oder bestimmt verneinen, ob es nicht physische Krankheit sey? Ob es oft nicht in der Luft liege, und wie jede Seuche anstecke? Es scheint zu Zeiten unmöglich, sich gegen den Einfluß der Thorheit zu schützen, so wie wenn der Körper erst durch Mangel an Diät oder Zufälligkeiten so gestimmt ist, man der 275 Erkältung durchaus nicht ausweichen kann, verwahre man sich auch, wie man will. Jetzt ist es mir völlig unbegreiflich, wie ich mein geliebtes Kind jenem Wunderthäter hingeben konnte, es erscheint mir jetzt als ein völliger Wahnsinn, als gottlose Sünde; und doch pries ich mein Geschick (und seitdem sind nicht viele Monde verflossen), daß jener große Mann den Knaben würdigen wollte, ihn in die Schule und sich seiner anzunehmen. Ist aber unsre Schwäche so groß, oder ist es zuweilen ein Fatum, das uns ergreift, eine unausweichliche Nothwendigkeit, so sollten wir wohl im Leben gegen unsre Nächsten, oder in der Geschichte gegen merkwürdige Verirrungen billiger und nachsichtiger seyn, als wir uns bewußt sind, diese Nachsicht auszuüben. Es muß sich austoben, erwiederte der Rath; das ist ein Ausdruck, den ich mir seit einiger Zeit angewöhnt habe. Das ist der einzige trostlose Trost, den ich mir in Ansehung meines Sohnes geben kann, den ich für verloren achten muß. – – Sangerheim war indessen in einer Stimmung und Gemüthsverfassung, die sich schwerlich darstellen läßt. Auf seine vielen und dringenden Schreiben hatte er noch einmal eine kurze Antwort von einem Manne erhalten, der sich früher seinen Freund nannte, und der ihm jetzt meldete, dies sei der letzte Brief, den er ihm senden könne, indem er eben in den Wagen steige, um nach Italien, und von dort nach Griechenland und Constantinopel zu reisen. Von Geldsendungen war keine Rede, und doch hatte Sangerheim auf diese, und zwar auf sehr bedeutende, gerechnet. Er meinte, er dürfe es, nach allen früheren Betheuerungen und Versprechungen. Er war von Schulden bedrängt; um glänzend aufzutreten, hatte er Alles wieder ausgegeben, was ihm von 276 Freunden und Schülern zugeflossen war. Um sein Ansehn zu vergrößern, und sich mehr Zutrauen zu erwerben, war er in der Wohlthätigkeit ein Verschwender gewesen. Er schrieb noch einmal, und zwar unmittelbar an einen Mann, den er für einen jener Obern halten mußte, aber indem er in Angst die Sekunden auf seiner Uhr zählte, und der Antwort Flügel wünschte, kam sein eigner Brief ihm zurück, mit der Anweisung vom Postamt, kein Mann von dem Namen sei in der Stadt zu finden. Nun sah er, daß man ihn völlig verlassen, daß man ihn ausgestoßen hatte. Es wurde ihm hell in allen Sinnen, daß er gebraucht sei, eine Büberei auszuführen, und daß man jetzt diese nothgedrungen aufgegeben habe, oder ihn wenigstens für unpassend halte, sie zu vollbringen. Er war bis dahin überzeugt gewesen, wenn er auch die Pläne seiner Obern nicht ganz durchschaute, daß er etwas Gutes und Edles wirke, wenn auch durch Mittel, die sich nicht vor der strengen Moral rechtfertigen ließen. Ihm war ein brennender Haß gegen die sogenannte Aufklärung, gegen jenen Indifferentismus, der seine Zeit charakterisirte, beigebracht worden. Er hielt es für nothwendig, daß jene Freimaurer, die sich der Rosenkreuzerei, dem Goldmachen und Geisterrufen widersetzten, als Schädliche und Verderbliche ausgerottet werden müßten, weil sie hauptsächlich durch ihren Einfluß und ihre Logen jene lebentödtende Aufklärung verbreiteten. Er glaubte wohl, daß ein Werben für die katholische Kirche auch eine Aufgabe seiner Sendung sei, unterzog sich aber auch diesem gern, weil er in dieser Lehre auferzogen war, und sie, ohne sie zu prüfen, oder die protestantische zu kennen, für die bessere hielt. Mit seinem Wunderglauben und seiner Schwärmerei hatte er sich eine eigne 277 Lehre ausgebildet, die der orthodoxe Katholik gewiß nicht gebilligt hätte. So hin und her geworfen von Leidenschaften und chimärischen Hoffnungen, wähnend, ganz nahe an die Erfüllungen seiner höchsten Wünsche zu reichen, durch sophistische Ausreden über sein trügendes Thun beruhigt, sich als Lügner kennend, und sich dennoch für einen wahren Wunderthäter haltend, seine Gattin liebend, und sie doch seinen verdächtigen Zwecken aufopfernd, war er in allen diesen tollen Widersprüchen fast in ein gespenstisches Wesen verwandelt worden, das ohne innern Halt jeden Tag nur so hingaukelte, von Neuem täuschte und getäuscht wurde, und nie zur Besinnung kam. Jetzt fielen alle diese Larven von ihm ab, er lernte sich selbst erst kennen, und entsetzte sich vor dem Auge der Wahrheit und seiner eignen Nacktheit. So bin ich denn, sagte er zu sich selbst, zugleich der Unglückseligste und Verworfenste aller Menschen. Der Inhalt meines Lebens ist ein Possenspiel, über das man lachen möchte, und zugleich so tragisch und entsetzlich, daß sich mir die Haare aufrichten. Wie können jene Menschen, die sich gut und weise nennen, es irgend mit ihrem Herzen ausgleichen, daß sie mich geschlachtet, und mir Geist und Leib zu Grunde gerichtet haben. So einsam, so ganz zernichtet war noch nie ein Mensch. Die Freunde, Beschützer, Mächtigen, auf die ich mich so sicher mit meinem ganzen Glücke lehnte, sind gar nicht da in aller weiten Welt, nirgend zu erfragen, wie Traumgestalten, wie Wolken verschwunden. Jeder Mensch, dem ich meine Noth klagen wollte, müßte es für wahnwitzige Lüge halten. – Ach Theodora! wie Recht hattest du. Warum vernahm ich denn deine Bitten und Warnungen nicht? Auch sie ist zertreten worden, so wie ich. O wenn sie noch da wäre, wie gern würde ich mit ihr als Tagelöhner, als 278 Bettler leben. Und Nichts bleibt mir; nicht die elendeste Hülse, nicht der kümmerlichste Trost. Er sann hin und her, was er beginnen könne, aber jede Aussicht war verschlossen. Sein Trug mußte entdeckt werden, dem Manche schon auf die Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglücklichen Gattin konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine künstlichen Lügen mit halber Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu unterstützen. Er dachte wohl daran, ob er nicht einige von Denen um Hülfe ansprechen sollte, denen er, als ihm große Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen hatte, aber er verwarf diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er einsah, daß Dieselben, die ihn in der Noth als ein göttliches Wesen behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rücken kehren würden. Und so, dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht einmal den Nutzen, den jeder Dieb genießt, bevor er zum Galgen geführt wird, daß er Geld und Gut besitzt, oder mit seinen Spießgesellen schwelgt, und Wein und Wollust ihn übersättigen. Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber an das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte, so verwarf er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet mir diese schmähliche Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen würde. Sonderbar, daß in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die Menschen noch von diesem Phantom regiert werden können, das nur Wesenheit erhält, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rücksichten lenken läßt, um die gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im Vorurtheil, zu erhalten. Der Lügner will aber oft mit den abscheulichsten 279 Lügen die Erde lieber verlassen, als durch eine Handlung der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit bekennt, vor der Menge beschämt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen, mitleidigen Manne zurück, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie eine Mauer. Denn mit den besten Gesinnungen für den Unglücklichen langte der alte Seebach an. Er kannte zwar Sangerheims Verbindungen nicht, und wußte eben so wenig, wie diese jetzt so ganz von ihm abgefallen waren, aber er war der Ueberzeugung, daß Sangerheim sein Versprechen nicht halten könne, und er war darauf gefaßt, die große Summe schwinden zu lassen, ohne ihm seine Schriften zurückzuhalten, oder ihn öffentlich zu beschimpfen, wozu der Magier ihm ein Recht gegeben hatte, wenn er seinem Worte untreu würde. Wie erstaunte daher der Rath, als ihm Sangerheim mit großem Vertrauen und fester Sicherheit entgegentrat, und auf übermorgen mit leichtem Sinn die Auslösung der Schriften verhieß. Er war selbst heiter, obgleich er mit Schmerz von dem Tode seiner geliebten Gattin sprach. Dies Betragen war so, daß der Rath selbst wieder unsicher wurde, und dem schönen großen Manne gegenüber sich im Stillen Vorwürfe machte, daß er ihm so sehr Unrecht gethan habe. Der Tag ging hin unter Besuchen und Zerstreuungen. Der Arzt Huber, dieser fanatische Anhänger Sangerheims, erzählte viel von seinen Hoffnungen, deren Erfüllung er in kurzer Zeit zu erleben gedachte. Am andern Morgen machte der Rath mit dem Arzte, Sangerheim, Ferner und noch einigen Vertrauten einen Spaziergang. Als sie die Stadt im Rücken hatten, entspann sich in der Kühlung des schönen Morgens ein sonderbares Gespräch. Sangerheim sprach von der Flüchtigkeit des 280 Lebens, das, gegen die unerschöpflichen Tiefen der Kunst und Wissenschaft gehalten, viel zu kurz sei. Sie gingen einem Bach vorüber. Alle diese Wellen, sagte Sangerheim, gelangen in den Ocean, der dadurch nicht voller wird. Ist es nicht eben so mit unsern Seelen? Der Tod entführt sie – wohin? Zu Gott, der keinen Mangel kennt, und durch sie nicht größer wird. In der Einsamkeit sagte er endlich. Nur zu sehr hatte jener Feliciano Recht, daß ich schwere Kämpfe mit den Geistern, die nur ungern gehorchen, würde zu bestehn haben. Sie wollen es nicht dulden, daß ein Sterblicher so große Gewalt über sie erringe. In jeder Minute muß ich wachsam seyn. Verabsäume ich gewisse Gebete, könnte ich diese oder jene unerläßlichen Vorkehrungen vergessen, so wäre mein Leben Augenblicks in Gefahr. Von wie vielen ausgezeichneten Männern, die das Reich der Geister sich unterwürfig gemacht, wissen wir es nicht, daß sie eines unnatürlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind. Oft war es auch die Veranstaltung dieser rebellischen Geister, daß die weltliche Macht sich eines dieser Männer als eines solchen bemächtigte, der mit der Hölle im Bunde stehe, und ihn nach dieser falschen Beschuldigung auf den Scheiterhaufen setzte. Hin und her wurde über diese Behauptung gestritten. Plötzlich rief Sangerheim: Still! meine Freunde. – Er blieb stehn, als wenn er auf Etwas horchte, dann nickte er, schüttelte mit dem Kopfe, murmelte einige Worte, und machte wieder die Geberde, als wenn er gespannt einer Rede zuhöre. Nach einer Weile sagte er: Warten Sie hier einen Augenblick. Wovon ich eben sprach, hat leider stattgefunden. Eine Kleinigkeit habe ich heute beim Aufstehn unterlassen, das Zeichen vor meinem Bette und an der Thür meines 281 Schlafzimmers ist nicht in rechter Weise aufgelöset worden, nun jagen mir die Ungestümen nach und wagen es, zu drohen. Warten Sie hier einen Augenblick, dort in der Einsamkeit werde ich sie schon zu zwingen wissen, sie sollen zitternd ihren Meister erkennen, und mir nicht zum zweiten Male drohen. Er entfernte sich mit triumphirender Miene und in stolzer Zuversicht. Als er hinter den Gebüschen verschwunden war, hörte man Zank und Streit von vielen verschiedenen Stimmen, und Sangerheims donnernden Ton abwechselnd dazwischen, dann einen Knall, wie einen Schuß. Hierauf Stille. Alle sahen sich erwartend an. Der Rath ging ahndungsvoll zuerst nach dem Platz. Der Unglückliche lag todt am Boden, das Pistol neben ihm. Die Geister haben ihn ermordet! schrie der Arzt heftig: o die Elenden, Schändlichen! O Liebster, so bist Du denn doch das Opfer Deines Enthusiasmus, Deines brennenden Eifers für die Wissenschaft geworden! Der Rath sagte kein Wort; jedes schien ihm überflüssig. – Man machte in der Stadt eine Anzeige von diesem Vorfall, und am folgenden Tage ward der Leichnam beerdigt. Seltsam genug, daß manche der aufgeklärten Freimaurer, die von diesem Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bösartige wären, zur Strafe aller seiner Frevel vernichtet worden. – Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde des Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lösete langsam und bedächtig die Siegel des geheimnißreichen Paketes, eine Scheide nach der andern, und wickelte 282 einen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon einmal den Rath erschreckt hatte, ließ sich wieder hören. Keiner von Allen war in solcher Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts mehr aufzuknüpfen und kein Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag vor Aller Augen der Inhalt. – Eine alte französische Grammatik, drei alte Kalender, viel Makulatur. Die Erbschaft eines Wunderthäters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt verachtete er den Magier völlig. Nein! rief Huber in großem Eifer; die boshaften Geister haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar verwandelt, um unser Aller Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir uns nicht thören lassen, so müssen bald die ächten Skripturen an die Stelle dieser Makulatur zurückkehren. Und so bemächtige ich mich, im Namen der Kunst, dieser unscheinbaren Papiere, um sie vom Untergange zu retten. Kann auch seyn, daß im Bande, zwischen den Blättern, oder in Punkten und unterstrichenen Buchstaben das Mysterium niedergelegt ist. Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren. Man ließ ihn gewähren und würdigte ihn keiner Antwort. – Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner ehemaligen Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und Zeit und kehrten zu besseren Beschäftigungen zurück. Nur Huber saß unermüdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner französischen Grammatik, suchte und rechnete, und glaubte, nachdem er lange studirt hatte, auch viel Wichtiges gefunden zu haben. Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glück 283 ward durch gute und gesunde Kinder erhöht und man konnte die Familie des Rathes eine glückliche nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt hätte, von dem man seit Jahren gar keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange an verschiedenen Orten in Europa mit mehr oder minder Glück seine Rolle gespielt hatte, war endlich, da Keiner mehr, auch der erst Verblendete nicht, an seinem Betruge zweifelte, nach manchen Abentheuern untergegangen. Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts mehr zu bekämpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie die Anlagen ihres Geistes ausbilden. Sie fürchtete nun nicht mehr die Bilder der Phantasie, die poetischen Mährchen, oder das Geheimnißvolle in dieser oder jener Dichtung, weil es ihr nicht mehr feindlich gegenüber stand, und sie über den Charakter ihres liebenswürdigen Gatten beruhigt war. Dieser, einmal enttäuscht, fühlte niemals die Versuchung wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen Irrgänge er hatte kennen lernen, und denen er so glücklich entflohen war. So waren im ruhigen Glücke mehr als zwölf Jahre verflossen, als sich an einem Morgen früh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden ließ, der darauf bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht wollte abweisen lassen. Die Thüre des Arbeitszimmers ward ihm endlich geöffnet, und es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert, ohne Haltung und Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre, nur kurz antwortete: Und Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine Ahndung ergriff den Vater. Sie sind doch nicht – Du bist doch nicht Anton? – Er schwankte und der unkenntlich gewordene Sohn fing ihn in seinen Armen auf. Sie umfingen sich zärtlich 284 und gerührt, dann setzten sich Beide, um sich von ihrer Erschütterung zu erholen. Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir, wie es scheint, nicht gut ergangen. Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafür erkennen wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein väterliches Haus wieder ein. Mein Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie mich verstoßen, so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem kläglichsten Jammer, dem ich freilich gern entfliehn möchte. Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heißt das, daß Du mir eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich verblenden lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter seyn. Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, daß ich noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurück schaudre. Das gemeinste Kunststück, die elendeste Kundschafterei hatte damals den Charlatan in den Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen und vor allen meinen Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir meine eigne Schlechtigkeit nicht, und hoffte, thöricht genug, Alles solle sich wieder zurecht finden und ohne Spur vorüber gehn. Denn der Gedanke war mir fürchterlich, Ihnen oder gar meiner Mutter eine solche Schwiegertochter vorzuführen, in der Stadt alle meine Verbindungen zu zerstören, und durch diese auffallende That mir selbst jeden Vorschritt im bürgerlichen Leben unmöglich zu machen. Wie jener Feliciano nun mein Gemüth so durch eine plötzliche Erschütterung, durch ein scheinbares Wunder 285 in seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und leibeigen angehörig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben Künste und Studien, die ich noch kürzlich verlacht hatte, schienen mir jetzt die einzigen würdigen. Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung setzen. Auch bildete ich mir ein, der Lieblingsschüler meines großen Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil mein hartes einfaches Wesen für seine Absichten unbrauchbar erschien. – Welche Gaukeleien er hier trieb, wie sich selbst meine verständige Mutter eine Zeitlang von ihm bethören ließ, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge gewesen. Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So unbegreiflich, und doch wieder so verständlich. Meine Gattin, dieses schlichte Bauernmädchen, dieses ehrliche Wesen, dem früher meine Liebe das Höchste, ja das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein Liebling meines großen Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur ganz eigen begabt, um der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, sie würde in den weiblichen Logen bald die höchsten Grade ersteigen, und dann ebenso wie seine eigne Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte zu überleben, und mit Geistern und Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben. Ich glaubte Alles und erwartete von jeder Woche, dann von jedem Monat, ebenfalls ein Eingeweihter zu werden. Mein Lehrer spielte indessen dort im Norden eine wichtige Rolle und ein großes Spiel. Gold und Juwelen, die größten Summen, schienen ihm, wie er damit umging, nur Tand. Was verhieß er mir, welche Aussichten eröffnete er meinen trunkenen Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur Weihe vorzubereiten, mußte ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden, fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mir 286 schon im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein Hinderniß mehr fände, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und selbst eine Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, daß wir durch die Gerichte förmlich wieder getrennt und geschieden würden. Man hatte meine Phantasie so erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem höchsten Grade, daß ich mich endlich überreden ließ, ja daß ich endlich die Nothwendigkeit dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie verschwunden. Der Meister erklärte sich nicht, sondern sprach nur in geheimnißvollen Winken, und gab zu verstehen, daß sie in diesen Augenblicken eines großen Glückes genösse. Meine Einweihung zu den höheren Graden lehrte mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und meines Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man beschwichtigte mich wieder. Eine Thorheit löste die andere ab und so verging die Zeit. Wir mußten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast einer Flucht. Der Magier sagte mir zwar, daß große Begebenheiten und Operationen, die sich nicht länger aufschieben ließen, ihn nach einem fernen Lande riefen, indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich bemerkte, wie seine wichtigsten Anhänger sich von ihm entfernten, und die Binde fiel allgemach von meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam geworden war und ihn nicht mehr so, wie bisher fürchtete, konnte ich ihn auch beobachten. Auf unsrer übereilten Reise gab er mir Bücher und Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir sagte, keinen Werth hätten, und die ich gelegentlich verbrennen könne. Für mich waren diese aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ich 287 vorangeschickt wurde, um sein Quartier zu machen, nur einen flüchtigen Blick in einige Blätter gethan, sah ich wohl, daß der Weiseste der Menschen in Angst und Uebereilung einen dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran, die Sachen zu vernichten, und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele Briefe enthielten die Geschichte meiner Frau. Sie war einem reichen Fürsten geradezu verkauft worden. Sie hatte um die ganze Verhandlung gewußt und sich mit der größten Feinheit und List betragen, und zwar so sehr, daß sie den bethörten Fürsten vermocht hatte, sie zu seiner Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafür, daß er mich zur Scheidung bewogen und daß er den Fürsten ebenfalls verblendet hatte, große Summen zahlen müssen. So war sie denn, was die Welt so nennt, glücklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht betragen, indessen verzieh ich ihr, da ich früher gegen sie nicht besser gewesen war, und ich empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich die Veranlassung gewesen, daß ein schlichtes einfaches Wesen so die Talente zu List und Betrug zur Verderbniß ihrer Seele entwickelt hatte. Denn aus den Briefen ging hervor, daß sie und der Graf sich völlig verstanden, daß sie mit ihm über die Einfalt der Menschen, vorzüglich über die meinige, lachte. Als ich mit meinem großen Beschützer an Ort und Stelle gelangt war, blieb ich noch eine Zeitlang in seiner Nähe, um seine Künste zu beobachten, zu denen er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberfluß, aber ich kam mir vor, als sei ich der Croupier eines falschen Spielers. Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von ihm wußte und dachte, und verließ ihn. 288 Und gut, daß ich es gethan, denn sonst wäre ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald gegen ihn erhoben. Ich war nun frei, aber auch Nichts als frei, das heißt, der armseligste Sclave, der Tyrannei eines jeden Augenblicks Preis gegeben, vom Mangel und den Bedürfnissen der Natur gemißhandelt. Mich Ihnen zu nähern, zurückzukehren, verbot mir eine mächtige Scham, wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr mißverstanden, als das Wort und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald Aufseher in einem Hause, einigemal Comödiant, auch versuchte ich mich als Schriftsteller. Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven Niederträchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu' ich den Schritt, den ich vor manchem Jahre hätte wagen sollen. Der Vater tröstete, beruhigte den Sohn. Er ließ ihm Kleider und Wäsche holen, damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt würde, wenn sie ihn in dieser Gestalt wieder sehn sollte. Freude und Trauer war über seine Rückkehr zugleich in der Familie, indessen fand man sich nach und nach wieder zurecht und in einander und Anton zog auf das väterliche Gut hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem Verwalter, lernte die Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren selber die Bewirthschaftung desselben übernehmen. Er gewann die Liebe eines reichen Fräuleins, mit der er als nützlicher Landmann glücklich lebte. Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas erfahren, so sehr er sich auch bemüht und nach allen Gegenden geschrieben hatte. Er war verschollen 289 und der Vater glaubte, er sei gestorben. Der Gelehrte mußte in Familienangelegenheiten eine Reise nach dem südlichen Deutschland unternehmen. In einer mäßigen Stadt zeigte ein Italiener, ein Taschenspieler, seine Künste. Der Professor war sonst kein Freund dieser Gaukeleien, indessen ist auch der strenge Mann in der Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da man von dem jungen Mann als einem wahren Wunderthäter sprach, der Dinge zeige, die selbst andre Spieler nicht begreifen konnten, so ging Ferner mit einer Gesellschaft, neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Künstler ausführte, war in der That bewunderungswürdig, besonders durch die leichte Sicherheit, mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der Professor die schönen leichtfertigen Hände des Spielers betrachtete, fiel ihm ein kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward aufmerksamer, betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und glaubte endlich überzeugt seyn zu können, dieser Taschenspieler sei sein verlorener Sohn. Sein Herz war bewegt, und er konnte an den vielen wunderbaren Erscheinungen keinen Antheil mehr nehmen. Als das Schauspiel vorüber war, und sich die Zuschauer vergnügt und befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurück. Als dieser ganz leer war, redete er den fremden Künstler italienisch an, um seine Frage vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und warf sich dem Vater in die Arme. Nach einigen Reden, in welchen der Vater die verlornen Jahre des Sohnes beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als Sie in den Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu 290 erkennen zu geben, ob ich gleich bis jetzt gezögert habe, an Sie zu schreiben, und mich Ihnen wieder zu nähern. Schelten Sie mein Handwerk nicht, denn es nährt seinen Mann. Sie sehn auch, daß ich mich Professor schreibe. Zwar habe ich Ihren geehrten Namen nicht beibehalten wollen, sondern spiegle dem Volke vor, ich sei ein Italiener. Glauben Sie nur, was ich jetzt treibe, ist ehrsam und achtenswürdig gegen das, was ich bei jenem berühmten Grafen spielen mußte. Es ist Gnade des Himmels, daß ich kein Bösewicht geworden, und noch so mit einem blauen Auge davon gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem Wunderthäter meine Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die Hände gesehn habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich unschuldig für Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug gebrauchte. Ich unterhalte die Menschen, er plünderte sie, indem er sie zugleich wahnsinnig machte. – Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu kommen, aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nähe bin. Schreiben wir uns, Liebster, damit wir in Verbindung bleiben. Diese Abrede wurde genommen und man führte sie aus. Der Vater war über seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner Hand ein ziemliches Vermögen. – In Seebachs Hause wäre Alles glücklich und heiter gewesen, wenn der neunzigjährige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings geängstigt hätte. Gegen ihn, der schwach wurde, ließ sich der Rath am meisten gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen Geheimniß, das den Uebrigen verschwiegen wurde. 291 Diesen erzählte der Obrist in vertrauten Stunden, daß sein Schwiegersohn sich wiederum in eine Correspondenz eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle. Der Ton dieser Briefe sei sehr fromm und mysteriös. Anfangs habe der Rath Alles von sich gewiesen, dann habe er nach und nach Interesse gefaßt, sei gläubiger geworden, und hoffe nun doch noch von ehrbaren Männern, die sich ihm in jedem Briefe näherten und bestimmter bezeichneten, etwas Großes zu erfahren. Und so ist es merkwürdig, schloß der Alte seinen Bericht, daß eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen, aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann. Diese Briefe kamen aus dem südlichen Deutschland und sprachen von Geheimnissen, die nicht entweiht werden dürften, die sich aber doch wohl allgemach geprüften Männern mittheilen ließen. Der Rath war unvermerkt in eine gläubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf Manches näher eingegangen, was jene Unbekannten erwähnten. So hatte er sein Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen über ihn mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel geblieben. Auf diese Punkte antwortete der neueste Brief. Geliebter Bruder in dem Herrn! Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht neu. Allerdings stand der Unglückliche mit uns in Verbindung, ihm wurde, als einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns schied, bemächtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen Planen handthieren und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns diesen, so viel er es vermochte, 292 und hat sich so selbst sein tragisches Schicksal bereitet, da er der Lüge und dem Betruge anheim gefallen war. Auch jene Weltlichen sahen seinen Sturz gern und entzogen sich ihm, weil sie fürchten mußten, daß er sie ebenfalls verrathen könne. Kommen wir uns näher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel bleiben und größere Dinge werden sich Ihnen erschließen. Zwar sind Sie nicht für unsre Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit dem größten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste Kleinod Ihren treuen Händen übergeben. – Der Rath war in großer Spannung. Nach zehn Tagen etwa trat der Diener ein und meldete, ein sonderbarer Fremder stehe draußen und sage, er möge nur Emanuel sprechen. Der Rath ließ den alten Mann ein, der feierlich die Thür verschloß und dann ein seltsames Gespräch begann. Der Rath fühlte sich erbaut und gestärkt, in diesen Gesichtspunkt waren ihm manche Gedanken von Wunderfähigkeit, Glauben und einer einzigen herrschenden Kirche noch niemals gerückt worden. Beim Abschied nahm der Fremde ein Paket aus dem Busen, küßte es mit Salbung und überreichte es demüthig und feierlich dem Rathe, indem er sagte: Geliebter Bruder, dieses ist das erste Pfand der hohen, den gewöhnlichen Menschen unsichtbaren Gesellschaft. Achten Sie noch die Siegel und erbrechen Sie sie nur in geweihter Stunde nach Mitternacht. Doch thun Sie gut, sich durch Gebet vorzubereiten. Zwar wird Ihnen das Geheimniß des Kleinodes noch unverständlich seyn, aber schon die bloße Gegenwart desselben schützt Sie. Die Erklärung selbst wird in vier Wochen folgen. Aber: Finger auf den Mund. Wir zeigen 293 mindestens, wie wir Sie ehren, wie groß wir von Ihnen denken. Eine feierliche Umarmung beschloß das seltsame Gespräch. Geheimnißvoll entfernte sich der Unbekannte, und der Rath mußte sich gestehn, daß noch niemals ein Mensch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht habe. Seine Umgebung bemerkte seine wunderbare Stimmung, aber er schwieg gegen Alle, auch gegen den Obristen. Clara fürchtete eine Krankheit, aber der rauhere Soldat, der seither so Manches mit dem Schwiegersohn durchgesprochen hatte, sagte: Dieser Mann ist einer der verständigsten, und Ihr werdet sehn, sie übertölpeln ihn doch, den Einen fangen sie auf die, den Zweiten auf eine andre Weise. Am Abend schloß sich der Rath ein und entfernte alle Diener. Seine Stimmung war erhoben. Er betete und las in Andachtsbüchern. Er nahm das Evangelium und erschien sich so verjüngt, so jugendlich glaubend, so fromm und lauter, daß er die Thränen der Rührung nicht unterdrücken konnte und wollte. Endlich schlug es Mitternacht, und er eröffnete behutsam und zitternd die Siegel, ohne die geheimnißvollen Zeichen zu zerbrechen. Als er den innern Umschlag geöffnet hatte, fiel ihm in die Augen – – jene abgeschmackte Figur mit dem vielfältigen Abracadabra , die er damals an abergläubische Brüder nach der nahen Residenz gesendet hatte. Er lachte laut auf, und wurde plötzlich ernst, denn er bedachte, wie in jenem Lande dort der als Monarch herrsche, der damals nur nächster Erbe gewesen war, und welche Thorheiten dort in der Nähe des Thrones getrieben wurden. Er rief seine Familie zusammen, die noch, um ihn besorgt, wachte. Er erzählte Alles, las einige Briefe, auch 294 den letzten, und zeigte dann das magische, von damals dem Schwiegervater noch wohlbekannte Blatt. Nun endlich, schloß er, habe ich Alles, was mich immer stört, von mir abgeschüttelt. O wie leicht ist mir, ihr Geliebten, daß ich nun noch einmal mit euch den fröhlichen Entschluß fassen, das vielsinnige Wort mit euch ausrufen kann: laßt uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig seyn! – Auf Emanuel durften nun die Bedienten nicht wieder achten, und jetzt erst hatten alle Mitglieder der Familie diese Krankheit der Wundersucht überwunden.