Ludwig Tieck. Der Abschied. Ein Trauerspiel in zwei Aufzügen. 1792.     Berlin, bei G. Reimer, 1828.     Personen. Karl Waller . Louise , seine Gattin. Ramstein . Ein Aufwärter. Die Scene ist in einer kleinen Landstadt.     Erster Aufzug. Wallers Zimmer, klein und niedlich, mit mehreren Thüren. Auf der linken Seite steht ein Klavier, über welchem das Bildniß eines jungen Mannes hängt. Erster Auftritt. Louise , kömmt durch die Hinterthür herein, geht nach dem Klavier und sucht ihr Strickzeug; sie geht zurück, und bleibt in der Thür wieder stehen . Ist mir doch, als hätt' ich noch etwas vergessen! – Und doch wüßt' ich nicht, was! – Sie kömmt zurück. Den Hut? – Nein, den wollt' ich nicht. – Sie steht vor dem Gemälde still, betrachtet es, und greift auf dem Klavier unwillkührlich einige Töne. Das Klavier ist auch verstimmt; mein Karl wird sich schon die Mühe wieder geben müssen. – – Ich weiß auch gar nicht, warum ich dies Bild hier hängen lasse; es macht mir das ganze Zimmer zu enge. – Ich kann es nicht wegnehmen, es ist das Einzige, was ich von ihm noch habe, – ich seh' es gern – – du lächelst mich an, Ferdinand? Noch ganz so wie damals? – es hat sich viel seitdem geändert! viel! Und doch war eine Zeit, wo ich mir den Gedanken nicht denken konnte, eines andern Gattin zu seyn, – es war damals so manches ander als jezt, – es konnte, es sollte nicht sein. – Bin ich denn nicht glücklich? – Und er hat mich ja vergessen, – ich bleibe ein unkluges Kind, daß mein Herz noch immer so an ihm hängt. Sie hört den eintretenden Waller, läßt rasch den Blick fallen, und fängt ein rauschendes Allegro an. Zweiter Auftritt. Louise . Waller . Waller . Ei, so in Eifer, Louise? Louise , die zu spielen aufhört . Das Klavier ist schon wieder verstimmt, Lieber. Waller . Nichts weiter? Ist keine Saite gesprungen? – Denn du warst wirklich in Begeisterung. Louise . Nicht doch – – Waller . Du hast dich aus dem Garten weggestohlen. Louise . Ich hatte mir nur meine Arbeit geholt, ich wollte eben zurückkommen. Waller . Ich werde leider bald ausgehn müssen. Louise . Ausgehn? Es ist ein so schöner Herbstabend. – Waller . Die Sache ist nicht unwichtig, – der Proceß des armen Lindner, – du weißt es ja, – wegen des Weinbergs, um den ihn der reiche Geizhals dort betrügen will – Louise . Dann will ich dich nicht abhalten, – der arme alte Mann, – versäume ihn ja nicht. Waller , sie küssend . Gewiß nicht. – Liebe, mitleidige Seele; – du hast doch immer einen kleinen Hang zur Schwermuth. Du betrachtetest eben das Bild sehr traurig, als ich hereinkam. Louise . Ich? – Waller . Ich bemerkte es wohl. Dies Gemälde macht dich wirklich melancholisch, – häng' es in das Nebenzimmer. Louise . Laß es, diese Melancholie ist mir sehr angenehm; – es ist eine gewisse Wehmuth, in die mich dies Portrait meines verstorbenen Bruders versetzt, – ich denke dabei an meine Kinderjahre zurück. – Laß es immer, es ist ja das Einzige, was ich von ihm übrig behalten habe. – Du hast mir schon oft gesagt, ich möchte es wegnehmen, – wie kann es dir mißfallen, wenn ich es zuweilen mit einiger Rührung betrachte? Waller . Mißfallen, Louise? Wie könnte mir an dir etwas mißfallen? – Aber ich weiß nicht, – es ist wirklich eine sonderbare Grille, – sieh, ich wollte, dein Bruder hätte sich in einer andern Stunde malen lassen. – Es ist ein schönes, ein ausdrucksvolles Gesicht, sein Auge, seine Stirn kündigt den denkenden Mann an, – aber keiner von den Zügen in dem Bilde, die ich an dir so sehr liebe. – Es giebt viele Gesichter, die mich auf eine seltsame Art von jeder Vertraulichkeit zurückschrecken, die immer noch etwas Fremdes behalten, wenn man sie auch seit Jahren kennt, – dies Bild gehört zu diesen Leuten. – Sieh, diese Falte um den Mund, – sie hat so etwas zurückstoßendes, – nichts boshaftes, – aber eine gewisse so feststehende Kälte, daß es scheint, als könnte sie sich von keiner Rührung, von keinem Lächeln hinwegschmelzen lassen. Louise . Du bist doch auch in allen Sachen Schwärmer, lieber Karl. Waller . Ich gestehe, daß es bloße Grille ist, und darum laß es nur: – sollte ich auch so früh schon mit dir zu streiten anfangen? Die ersten goldnen Tage unsrer Ehe sind ja kaum verflossen, – nicht wahr, Louise, wir müssen kein schlimmes Beispiel geben? Louise . Freilich nicht, Karl. – Sollten wir jemals weniger glücklich sein, als wir es jezt sind? Waller . Gewiß nicht, Louise, – wenn du dich nur nie unglücklich fühlst. Louise . An deiner Brust ewig nicht. Waller . Wirst du in unsrer ländlichen Einsamkeit auch nie die große Welt vermissen, Louise? Louise . Die große Welt? – War es nicht von jeher mein Lieblingswunsch, auf dem Lande, nur der schönen Natur und dir zu leben? – Die kleine große Welt, wo man sich ewig in einem Cirkel von Langeweile, Affektation und schaalen Komplimenten herumdreht, – ach nein, ich fühle, es ist hier besser, mir bleibt nichts zu wünschen übrig. Waller . Auch ich, Louise, auch ich fühle mich ganz glücklich. – Ich habe den ganzen Tag über schon so süß geträumt, ich habe mir unser ganzes Leben so reizend gedacht. – Wir leben hier nun den einen Tag so wie den andern, in einer schönen, ununterbrochenen Einförmigkeit; unser Garten, alle die schönen Gegenden umher, werden uns nach und nach so bekannt, wie wir uns selbst, – Louise, Kinder hüpfen um uns her, eine Quelle der Freude öffnet sich nach der andern, – Enkel; – mit Falten in der Stirne, vor Alter zitternd, gehn wir dann froh, Arm in Arm, dem letzten Tage entgegen; wir erzählen uns die Geschichte unsers Glücks, und durchleben in der Erinnerung noch einmal den freudenreichen Kreis. – Bei der Linde hinter deinem Hause sah ich dich zuerst, – so erzähl' ich dir beim Sonnenuntergang, – ich brach dir eine Hyacinthe, die du mit süßem Lächeln annahmst. – Weißt du noch, wie du mir auf dem Klavier oft noch so spät etwas vorspieltest, wie ich hundertmal Abschied nehmen wollte, und doch immer noch da blieb, – wie ich es endlich einmal in einer dämmernden Laube wagte, dich beim vertraulichen Schein des Abends zu küssen, wie du den ganzen Abend über so still warst, und am Morgen wieder so freundlich wie sonst – Louise, nicht wahr, wir werden glücklich sein? Louise . Gewiß! gewiß! – Ach ja, diese Welt hat viele Freuden, sie wäre ein Paradies, wenn alle Menschen so dächten, so empfänden wie du! Waller . Es wäre nicht gut, du selbst hast ja so oft über meine auffahrende Heftigkeit geklagt. Louise . Und nicht ohne Ursach. Wie oft hast du mir nicht dadurch schon tausend Angst gemacht. – Etwas sanfter, lieber Karl, und du bist der beste aller Menschen, – wenn ich dich auch vielleicht deiner Wildheit wegen zuerst liebte. Bald stürzest du mit unbändigen Pferden, bald entzweist du dich mit einem Fremden, der dich zu erschießen droht, – wirst du mir noch öfter solchen Kummer machen? Waller . Nicht doch, sei ohne alle Sorgen. – Auch dieses Grams um mich wirst du dich einst mit Vergnügen erinnern. Welche Erinnerung kann die Liebe nicht versüßen? – Indem er Louisen in die Arme faßt. Ach Gott! wenn ich der Zeit noch gedenke, wie du mir fremd warst, – oft kann ich es gar nicht fassen, daß du nun mein bist! – Louise, jeder Augenblick meines Lebens ist mir izt kostbarer, als sonst eine Woche, da ich dich noch nicht kannte. Louise . Und du kannst noch fragen, ob ich die Freuden der großen Stadt vermissen werde? Waller . Wir wollen sie gern vermissen; hier in einer einsamen Häuslichkeit, leben wir mit unserm kleinen Vermögen froh und glücklich, pflanzen unsern kleinen Garten, und genießen jede Stunde; in deinen Armen erhole ich mich von meinen mühevollern Arbeiten, – so schwimmen wir den schönen, hellen Strom des Lebens hinab, bis unser Kahn nach und nach auseinanderzufallen droht, und dann Louise, das hoff' ich zu Gott, landen wir an einer schönen Insel. Louise . Scheitern an keiner Klippe. Waller . Und leben in unsern Nachkommen weiter. Louise . Wir gehn sanft unter, wie ein schöner Sommertag, und sehn dann noch einmal heiter auf unsre Bahn zurück, – ohne Reue, ohne Thränen. Waller . Auch ohne Seufzer! Louise seufzend . Ohne Seufzer! – Waller . Und doch seufztest du eben. Aber auch die Freude kann den Busen schwellen, und das Herz schwer machen. – Louise . Ja wohl, Karl. Waller , sich nach dem Bilde wendend . Dein Bruder war nicht so glücklich. – Nicht wahr, Louise, so hat er nie gelächelt, wie du izt lächelst? – Es war ein kalter Mann? Louise . Nein, gewiß nicht, – ach er war oft nur zu warm, zu gefühlvoll. – Waller . So hatte der Maler desto weniger Gefühl. Louise , ihn anlächelnd . Mußt du denn immer wieder auf dies Bild zurückkommen? Waller . Verzeih. – Hast du kein Messer? Louise , scherzhaft . Du willst mich doch nicht gar des Bildes wegen erstechen? – Hier. Waller . Bewahre! ich wollte dir nur ein Geschenk machen. Louise . Ein Geschenk? Waller . Sieh Louise, diesen Apfel! Es ist der erste reife im ganzen Garten. Louise . Wirklich? Waller . Sieh das schöne Roth, – wie vom Abendschein überflogen, oder wie deine Wangen. Indem er ihn theilt. Da hast du die rothe Hälfte. Louise , indem sie sie auf das Klavier legt . Ich will sie mir zum Abend aufheben. Waller . Vergiß sie auch nicht. Louise . Gewiß nicht. Waller . Ei du böses Kind, du erinnerst mich auch an nichts, ich wollte ja fortgehn. Adieu Louise! Louise . Kömmst du bald wieder? Waller . In einer halben Stunde. Louise Gewiß? Waller . Ich will durch den Garten gehn, der Weg ist dort etwas näher. – Er geht. Louise . Karl! Waller bleibt stehn . Was willst du? Louise . Warte nur noch einen Augenblick, ich will dich wenigstens bis zur Gartenthür des Nachbars begleiten, – sieh, wie schön die Sonne untergeht.– Komm! Sie faßt ihn unter den Arm, beide gehn ab. Dritter Auftritt. Ramstein in Reisekleidern. Ein Aufwärter . Beide treten nach einer Pause herein. Aufwärter . Spazieren Sie indeß nur hier herein. – Ramstein . Also nicht zu Hause? – Auch nicht Madam Waller. Aufwärter . Ich glaube wohl. Sie wird wahrscheinlich in dem Garten sein, ich will sie sogleich rufen. Er geht ab. Vierter Auftritt. Ramstein ! Nun bist du da! – Er betrachtet das ganze Zimmer. Dies ist also ihre Wohnung? – Wenn sie nun kömmt, was soll ich ihr sagen? Was wird sie mir sagen? – Gott! hier, hier lebt sie also, – hier in seinen Armen! Mir ist wunderbar zu Muthe. – Alles ist hier in den Straßen so häuslich, so ländlich, – wie ich von dem Berg herabfuhr, und mir die Glocken des kleinen Kirchthurms entgegentönten, – wie ich über die Brücke rollte, – und der Strom ganz im Roth des Abends schwamm, – wie ich von der Anhöhe in die kleinen Straßen hineinsah, – der Rauch aus den Dächern stieg, – Gott! mein Herz klopfte so ungestüm, und steht noch nicht still. – Alles hier so patriarchalisch, alles in einer glücklichen Eingeschränktheit, – so nachbarlich und zutraulich, – und ich komme hieher, dieses Glück zu stören? – Nein! nur noch einmal sehn will ich sie, ewig von ihr Abschied nehmen, – das kann sie mir nicht verargen. Ich hätte keine Ruhe gehabt, wenn ich sie nicht noch einmal gesehn hätte! – – Er erblickt das Bildniß. – sie hat noch mein Gemälde! – Ach! wie es gewaltsam in meinen Busen zurückströmt! Wie alle Erinnerungen so schneidend wiederkommen! – Louise! – Ach, in jenen holdseligen Tagen, als ich ihr gegenüber saß, und sie die Langsamkeit des Malers schalt, – wie sie immer noch etwas an dem Gemälde zu tadeln hatte, wie es ihr immer noch nicht schön und vollkommen genug war, – wie mein Blick sich in ihr Lächeln verwickelte, – ach es zerdrückt mir das Herz! – Warum kann ich es nicht vergessen? – Es war eine schöne Zeit, – die Welt war mir damals doch ganz anders, – es war eine schöne Zeit. – Was konnt' ich nicht bei jeder Blume, bei jedem grünen Blatt empfinden! Welcher Sinn der Schönheit lag in jedem rauschenden Baum, – alles ist jezt so ausgestorben. – Er schlägt schwermüthig einen Ton des Klaviers an. Es ist noch dasselbe Klavier, auf dem sie mir so oft etwas vorgespielt hat. – Wie sie mir so oft Lieder sang, und ich ihr so sorgfältig die Blätter umschlug, – wie sie mich dann beim Schluß anlächelte, und mir boshaft alles, Ruhe, Freude, Leben stahl, – um es mir nie zurückzugeben! – Bitter lächelnd. Madam Waller ! – Verdammt sei dieser fremde, verhaßte Name! – Ich höre jemand kommen. – Mein Herz klopft hörbar. – Ob sie es ist? – Himmel, wo werd' ich die Fassung hernehmen, nur ein Wort zu sprechen? Fünfter Auftritt. Ramstein . Louise . Louise hereintretend . Verzeihen Sie, daß ich Sie habe warten lassen. Ramstein will auf sie zueilen, er fühlt sich zu schwach, und bleibt stehn; seine Empfindung löst sich in den Ausruf auf . Louise! Louise , die ihn erkennt, erschreckend . Ferdinand! Ramstein . Ach ja, ja! sie ist es noch! es ist noch der Ton der Stimme, der sonst diesen Namen sprach – ach Louise! Louise! Louise . Gott! – Ferdinand! – Mir – Ramstein . O Himmel, nun hab' ich ja den Augenblick gelebt, den ich zu leben wünschte, ich habe sie ja gesehn, sie hat mich angeblickt, – nun habe ich diese Freude überstanden, nun mag kommen was da will. – Pause. Du sprichst nicht? – Du schlägst die Augen nieder? – Verdien' ich denn kein Wort? – Gott im Himmel, Louise, nur einen Blick, nur einen Laut aus jener Zeit, oder du machst mich rasend! Louise . Seltsam! – Wie? – Sie kommen zu mir? Ramstein . Du wunderst dich darüber? – Stand es in meiner Macht, nicht zu kommen? – O Louise, sehn mußt' ich dich noch einmal, ich konnte nicht so sterben, und hätt' ich mich dadurch von der Verdammniß loskaufen können! Louise . Und warum, – warum kommen Sie? Ramstein . O frage mich das nicht. – Ach Louise, alles, alles ist in dir ausgestorben. – Sie , – so begrüßest du deinen Geliebten, der vom Grabe herkömmt, um das letzte Lebewohl von deinen Lippen zu holen, und dann ins Grab zurückzugehn?– Auch die letzte, fernste Ahndung meiner verschwundenen Seligkeit willst du mir rauben? – Du bist zu grausam, Louise. Louise verlegen . Ramstein, – was wollen Sie, – wo kömmst du her? Ramstein , sie mit festem Auge anblickend . Louise! Louise sucht ihre Augen vor seinem Blick zu verbergen . Ramstein . Louise! – Als wir schieden, dacht' ich nicht, daß wir uns so wiedersehen würden. Louise schmerzlich . Ferdinand! Ramstein . Nein, das glaubt' ich nicht. Ach Louise, warum hast du mir das gethan? – Alles konntest du vergessen, alles?– Auch der letzte Funke der Flamme erstarb in dir, die einst so hell für mich brannte? – Alles, alles? – O des wahnsinnigen Thoren, der seine Seligkeit auf Weibertreue setzte! ich mußte verlieren, die Würfel fielen ja aus der Hand eines falschen Spielers! – Ach, Louise! Louise . O sprich nicht mehr davon, Ferdinand, – es ist geschehn, – wir können es nicht ändern, – und wollen es auch nicht ändern. Ramstein . Nein, nein, wir wollen es nicht ändern. – O wie fremd bist du meiner Seele geworden, – das ist nicht Louise, die mich einst ihren Ferdinand nannte. – Louise . Du bist mir fremd – Ramstein . Ja, denn ich gleiche dem Bilde dort nicht mehr, dies ist nicht mehr der Mann, der einst Louisens Blicke auf sich zog, – o was soll mir noch Gesundheit und Leben, da sie mich nicht mehr liebt. Louise . Ferdinand, es ist genug. Ramstein . O ja, ja; – o ich danke dir, Louise. Gottlob! ich fühle den Tod in meinem Innern, lange werd' ich's nicht mehr machen, dafür hast du schon gesorgt! Louise . Ich? – ich? – Ferdinand, du thust mir sehr unrecht. – Ach Gott, ich habe viel um dich gelitten. – Grausamer, schon war ich auf dem Wege dich vergessen zu können, und nun kömmst du zurück, schadenfroh, wie ein boshafter Geist, mich an alles zu erinnern, was einst war, und nicht mehr ist. – Ramstein . O, daß es nicht mehr ist, Louise! Louise . Und du sagst das? – O Ferdinand, du solltest mir doch die Vorwürfe erlassen, dir ich dir dann machen muß. – Ramstein . Vorwürfe? Louise, mir Vorwürfe? Louise . Wenn ich an deinen zärtlichen Abschied denke, wenn ich daran denke, wie schmerzhaft unsre Seelen zuckten, als sie von einander gerissen wurden, – deine ersten Briefe, alles so voll von der Sprache des Herzens, – so ganz die hingeströmte Empfindung, – und kurz nachher – Ramstein . Nun, Louise, und nachher?– O sprich, sprich weiter! Louise . Mich so bald zu vergessen! – Gar keine Briefe von dir, – bis ich nach einem halben Jahre durch das Gerücht erfuhr, du seist in der Schweiz verheirathet, – o Ferdinand, mein Herz war schwer verwundet, nur langsam fing es an zu genesen, – ich lernte meinen Karl kennen, – und – Eine Pause. warum antwortest du nicht? Ramstein mit starrem Blick, kalt . O sprich nur weiter. Louise . Ich fand dich so sehr in ihm wieder, nur er noch etwas stürmischer, – meine Aeltern waren indeß gestorben, – sein Bitten, sein Flehn, – er liebte mich mit einer so heissen, so inbrünstigen Liebe, ach, ich war für diesen Kampf zu schwach, – ich gab ihm meine Liebe mit meiner Hand, – wir verließen meinen Geburtsort, ohne daß man wußte, wohin wir gingen, – wir zogen hieher, – und du weißt das übrige. Ramstein . Ach ich weiß von mir selbst nichts. – Louise . Meinen Brief, den ich dir schrieb, vergieb mir, er war kalt, – vielleicht noch etwas mehr, – ich wollte dir jede Kränkung ersparen, – darum meldete ich dir nur mit wenigen Worten meine Heirath, – ich hatte von einem Fremden deinen Aufenthalt erfahren, – ich hätte dir nicht schreiben sollen, – wenigstens nicht so, – dir nicht den Ort meines Aufenthalts nennen, – o wie gereute mich dieser Brief, als ich ihn abgeschickt hatte, – konnt' ich aber deinen seltsamen Entschluß auch nur ahnden? – Du kömmst zurück, mir Vorwürfe zu machen, mich zu kränken, da du selbst meine Liebe so grausam verschmäht hast; – o Ferdinand, so viel hatt' ich doch wohl um dich verdient, daß du dies nicht thatest? – Ramstein . O meine Ahndungen! – Wehmüthig lächelnd. Louise, – ich war ja nicht verheirathet, – ach, als ich dir nicht schrieb – Mit einer Thräne im Auge. da lag ich auf dem Sterbebette . Louise zusammenfahrend . Sterbebette? – Krank? – krank, Ferdinand? Ramstein . O wär' ich doch gestorben, so hätt' ich deine Liebe mit ins Grab genommen. – Louise! – es sollte nicht sein. – Louise . Krank war mein Ferdinand, nicht treulos? – O Gott, Gott! – er war krank? – O vergieb, vergieb mir. Ramstein . Was hab' ich dir izt zu vergeben, Louise? – Das Schicksal ist sehr grausam, – ich war so schwach, daß ich dir nicht einmal schreiben konnte, ein Brief von einer fremden Hand sollte dich nicht erschrecken, – meine überkluge Zärtlichkeit war es, die mich betrog. Louise . Ach Ferdinand, warum hast du mir das gesagt? O hättest du doch geschwiegen. – Ach alles kömmt zurück, alles, was ich einst empfand, ach! mit boshafter Freude tritt die schöne Vergangenheit auf mich zu, Ferdinand! lieber Ferdinand, an diesem Irrthum hing mein Glück! Ramstein . Lieber Ferdinand, – o das kömmt nicht aus deinem Herzen, es darf nicht aus deinem Herzen kommen, – kein Wunsch, kein Seufzer darf zu mir zurück über diesen furchtbaren Fels, den die Tugend zwischen uns wirft. – Du bist für mich verloren! Louise . Verloren bin ich, Ferdinand! – Auf dem Sterbebette war mein Ferdinand! als ich ihn verwünschte, als ich seufzte: warum hab' ich ihn je gesehn? Ramstein . Das Verhängniß spielt fürchterlich mit dem Glück der Menschen, Louise, – laß es, es ist nicht anders. Mit Bitterkeit. Und warum wollen wir denn auch glücklich sein, dazu wurden wir ja nicht geboren. Louise . O Ferdinand, hör' auf, du spaltest mein Herz – Ramstein . Von einer Woche hofft' ich zur andern, – endlich ward ich gesund, – ich schrieb, – du hattest damals deinen Geburtsort schon verlassen, – mein Brief kam unerbrochen zurück. Louise . Gott! Ramstein . Ich stand da, wie betäubt, – ich wollt' es lange nicht glauben; du hattest mich verwöhnt, Louise, ich glaubte noch an Glück in dieser Sterblichkeit, das hättest du nicht thun sollen, ich fuhr um so schrecklicher aus meinem Wahne auf. Louise . O Ferdinand, schone meiner! – Ramstein . Nur ein fürchterlicher Trost blieb mir noch übrig, – denn daß du mich vergessen habest, daran dacht' ich nicht, – ich glaubte dich todt , – ich wollte zurückreisen, es erforschen, – dich finden, oder auf deinem Grabe sterben, – aber die Ungewißheit, – die Furcht, – eine neue Krankheit warf mich aufs Lager hin. Louise . Ferdinand, ich war es nicht werth, ich Elende, – o Gott! du hast viel um mich gelitten. – Ramstein . Viel? – O das war noch wenig. – Als ich wieder die erste Lebenskraft in meinem Körper fühlte, da erhielt ich deinen letzten Brief. Louise . O Himmel! Ramstein . Deinen letzten Brief. – Es waren meine letzten frohen Augenblicke, meine letzten Augenblicke der Hoffnung, – du unterschriebst dich Louise Waller . – O Louise, ich fluchte dir in den ersten Augenblicken. – Doch, wem hätt' ich damals nicht geflucht! Ich verwünschte mich, die Welt, das Schicksal, deinen Brief zerriß ich mit den Zähnen. – Beschreiben kann ich dir meine Gefühle nicht, es waren die gräßlichsten Stunden meines Lebens. – Seitdem hab' ich viel geduldet, tausendfache Höllenquaalen, – aber ich kann mich kaum dieses Zustandes noch erinnern, – es ist vorüber. – Ich reiste hieher, von dir Abschied zu nehmen, dich noch einmal zu sehn, dies sollte meine letzte Seligkeit sein. Louise . Ach Gott! du hättest nicht kommen sollen. Ramstein . Nicht? O du hast Recht, Louise, ich hätte ja auch sterben können, ohne dich noch einmal zu sehn, – wozu geschah es auch, – ich konnte ja leicht einige Tage später sterben, und dir ein paar mißvergnügte Stunden ersparen. Louise . Ach Ferdinand, glaubst du das wirklich von mir? – daß du mich so bitter in meinem Unglück kränkst, das wird dich warlich einst gereuen. Ramstein . Du weinst, Louise, du weinst? O Himmel! vergieb, vergieb dem Elenden, der zu dir aus dem Staube hinauflästert! – Ich kränke dich? – Ferdinand Louisen? von deren Blicken er einst lebte, – o vergieb, vergieb mir! Louise . Dein Tod liegt schwer auf meiner Seele, – Ferdinand, vergieb du mir!  – Ramstein . Louise, ich gehe freudig aus dieser Welt, ich habe dich noch einmal gesehn, – du hast mich noch nicht vergessen, das ist mehr als ich erwartete: – ja, wir waren für einander geschaffen, – ein Ohngefähr, ein unglücklicher Mißverstand, – aber dort  – Louise . Dort! Ja da ist alles anders als hier, Ferdinand. – Dort wollen wir uns freudiger wiedersehn. – Pause. Aber jezt, – o verzeih mir, Lieber, verzeih dem ängstlichen Weibe, wenn ich dich jezt bitte, – fortzugehn. – Ach Gott, da siehst du mich nun wieder mit dem wehmüthigen Blick an, den ich so fürchtete, – ach nicht diesen Blick, Ferdinand, nicht so, – ich bitte dich, – ich kann ihn nicht aushalten. – Ach ich fürchte in jedem Augenblick Karls Ankunft, er muß sogleich kommen, – Aengstlich seine Hand ergreifend, dringend. Lebe, lebe wohl, Ferdinand, – ach, ich liebe dich noch wie ehemals, – aber, – es ist, – ach, es war – geh! geh! – sieh, ich weine, und kannst du mehr als Thränen von mir verlangen? Ramstein mit erzwungener Kälte . Freilich nicht, – ich habe nun mein letztes Glück genossen,– lebe wohl, – meine letzte Bitte ist: vergiß mich! – Lebe wohl, wir wollen scheiden. – Er reicht ihr abgewandt die Hand. Lebe wohl! Louise mit weinerlicher, gepreßter Stimme . Lebe wohl! Ramstein . Wir sehn uns nicht wieder. – Ihre Hand drückend. Lebe wohl, Louise: – ein schwarzer Vorhang fällt zwischen uns, – mit diesem Händedruck gebe ich dir deine Eide zurück, – wir haben uns nicht gekannt. – Lebe ewig wohl! Louise schluchzend . Lebe – wohl – – Ramstein , geht an die Thür, bleibt stehn; Pause; er blickt rückwärts, und sieht Louisen mit einem langen, wehmüthigen Blick an; Louise steht nachdenkend und wagt es nicht sich umzudrehen . Nein ich kann nicht, Louise; du siehst mich gern gehen, ich weiß es, aber ich kann jezt warlich noch nicht. Louise . O mein Herz! mein Herz! – es blutet, Ferdinand! – Ach, ich möchte dich so gern bitten, noch hier zu bleiben, aber ich wage es nicht, mir ahndet – Ramstein . Ich hatte überdies noch etwas vergessen. – Ach Louise! mit welchem schmerzlichen Vergnügen ich unsern Abschied verlängere, der Giftbecher ist so süß! Er zieht seine Brieftasche hervor. Sieh, es ist noch dieselbe, die du mir schenktest, – du sagtest, ich sollte deine Briefe drin bewahren, ich hab' es gethan; – hast du die meinigen noch? Louise . Deine Briefe? Ramstein . Ja, Louise. Louise . Mein Karl hätte sie finden können, ich habe sie – Furchtsam. – verbrannt. – Ramstein . Verbrannt? – Mit verhaltnen Thränen. das hättest du nicht thun sollen, Louise. – Verbrannt!– Gott! und ich bewahrte die deinigen wie ein Heiligthum! – nimm sie hier zurück; – es fehlt keiner, – nimm sie, – ich wollte einst, sie sollten mit mir begraben werden, aber Louise hat die meinigen verbrannt, – auch der letzte Faden unsers Bundes ist zerrissen. Louise empfängt sie mit zitternden Händen . Ramstein . Du erinnerst dich wohl nicht mehr, was du mir damals schriebst? – Ach Louise! kennst du noch diese Rose? – Du schenktest sie mir auf einem Spaziergang, es war ein schöner Abend,– sieh! ich habe sie viele Jahre aufbewahrt, – noch diesen Kuß, – noch diese Thränen darauf, – und hier hast du sie zurück! Louise . Ferdinand! Ramstein . Hier ist noch dein Schatten! – Nimm ihn hin, du gabst ihn mir in einer schönen Stunde, – nimm ihn, – ein Schatten kann mir nicht genügen, – nimm, denn alles dies war nie mein. – Er zeigt ihr die Brieftasche. Sieh, – sie ist leer, – nun hab' ich nichts mehr in dieser Welt von dir, als meinen Schmerz. – Und nun lebe wohl. – Louise . Du willst gehn? – so von mir gehn? – O bleibe noch, nur noch eine Minute, sammle dich etwas. Ramstein . Wozu? Er sinkt ermattet aufs Sopha. Louise . Ferdinand! du hast mich zeitlebens unglücklich gemacht. Ramstein . Louise! sieh um dich! – kömmt es dir auch so finster vor, oder schwebt der Tod schon vor meinen Augen? Louise . Es ist Abend geworden. – Es kömmt jemand. – Gott, er ist es, ich kenne seinen Gang. – Ramstein steht vom Sopha auf. – Was wird er sagen. Ramstein . Laß ihn, – ich will ihm alles, doch nein, – sage, ich sei einer deiner Anverwandten. – Ich will dann sogleich gehn. Waller tritt herein. Sechster Auftritt. Vorige . Waller . Waller , ohne Ramstein zu sehn . Nun, da bin ich wieder, Louise. – Nicht wahr? ich bin etwas lange geblieben? Louise , die sich indeß zu sammeln gesucht hat . Daß ich nicht wüßte, denn ich habe unterdessen einen angenehmen Besuch gehabt. – Herr Ramstein, einer meiner Verwandten, der von seinen Reisen zurückkommt. Waller , der ihn umarmt . Sein Sie uns tausendmal willkommen! – Sie bleiben doch diesen Abend bei uns? Ramstein . Ich – Waller . Ohne alle Umstände. Sie sind ein Verwandter meiner lieben Louise, und wir wollen also als Freunde mit einander umgehn. – Aber Louise, du hast indeß etwas wichtiges vergessen, es ist hier finster. Louise . Ich will gleich Licht besorgen. Sie geht ab. Siebenter Auftritt. Waller . Ramstein . Ramstein . Verzeihen Sie, ich wollte eigentlich schon wieder fort – Waller . Fort? Wohin? – Sie wollen uns nicht das Vergnügen ihrer Gesellschaft schenken? – Ramstein . Ich reise morgen früh schon weiter – Waller . Um so eher müssen Sie heut Abend bei uns bleiben. Ramstein . Ich muß noch einen Gasthof suchen – Waller . Sie werden keinen finden, der nur mittelmäßig wäre; die Gasthöfe sind in dieser kleinen Stadt äußerst schlecht. – Sie schlafen hier in meinem Hause, es ist wenigstens bequemer und angenehmer als der Gasthof: Sie haben eine hübsche Aussicht in einen kleinen Garten. Ramstein . Sie sind zu gütig – Waller . Sie müssen mir das nicht abschlagen. – Haben Sie Sachen bei sich? Ramstein . Nein, – sie stehn im nächsten Städtchen, ich war mit einem Wagen hiehergefahren, – auch um Sie zu sehn. Waller . Und wollten uns doch schon wieder verlassen? – Nun, – Sie bleiben; ich höre nicht eher auf, Sie zu quälen, bis Sie Ja gesagt haben. Ramstein . Ich nehme Ihre Freundschaft an, – nun, – ja also. Waller . Das ist schön! Achter Auftritt. Vorige . Louise mit Lichtern. Waller . Du siehst krank aus. – Louise . Nicht doch, – der Schein von den Lichtern. Waller . Wirklich. – Louise setzt das eine Licht auf das Klavier, das andere auf einen Tisch; Waller fixirt Ramstein mit einem Blick. Louise . Verzeihen Sie, daß Sie auf das Abendessen etwas warten müssen, – Ihr angenehmer Besuch war uns so unvermuthet. Ramstein verwirrt . Sie – Waller . Ihr Gesicht kömmt mir so äußerst bekannt vor – Louise mit einem Seitenblick nach dem Gemälde, leise . Himmel! – Sie nimmt schnell das Licht vom Klavier, und stellt es auf den Tisch. Ramstein . Ihnen? Waller . Waren Sie nie in Hamburg? Ramstein . Nein. Waller . Sonderbar, mir ist, als hätt' ich Sie schon oft gesehn, – aber ich kann mich gerade nicht erinnern – Louise hat sich im Dunkeln ans Klavier gestellt und klimpert . Ramstein . Spielen Sie nicht? Louise . Nur sehr wenig. Ramstein . Wenn ich bitten dürfte – Louise . Sehr gern, wenn es Ihnen nicht Langeweile macht.– Sie schlägt ein Buch auf, Ramstein bringt ihr das Licht hin, und schlägt ein andres Blatt auf. Ramstein leise . Dies, – o Himmel, – diese Noten sind mir so bekannt, – dies Lied, das ich dir einst selbst komponirte. – Louise singt und spielt .     Wie war ich doch so wonnereich,     Dem Kaiser und dem König gleich,     In meinen Jünglingsjahren,     Als Julia, das schönste Kind,     Schön, wie die lieben Engel sind,     Und ich, beisammen waren. – Waller , steht hinter ihnen, in einiger Entfernung; er schlägt den Blick auf, und trifft das Gemälde. Er fährt zurück und wird blaß; mit forschenden Augen während des Gesanges leise . Wie? – Ja, warlich, – er ist es! – Nein! – Es kann, – es ist nicht! – Und doch ist er's! – Das wär' es also? – Gott! Wie mir ein kalter Schauder durch alle Nerven zittert! – Ein bleicher Nebel bebt um die Lichter, – sie verlöschen. – Ich träume! – Ist das Louise dort? – Ja wahrhaftig! ich träume nicht. Louise hat geendigt. Eine Pause. Ramstein . Sie spielten schön, – aber die Musik finde ich jezt nicht ausdrucksvoll genug, – zu matt – Waller tritt näher . Louise! Auf ein Wort – Er führt sie beiseit, lachend. Louise! – Nicht wahr? – Das ist das Portrait deines verstorbenen Bruders? – Louise steht wie versteinert. Ramstein . Wollen Sie nicht fortfahren? – Pause. Waller , Wie aus einem Traum erwachend . Fortfahren? – Sie versprachen mir ja eben erst hier zu bleiben. Ramstein . Ich meinte, – mich dünkt, Sie sehen sehr blaß aus – Waller . Ich? Ramstein . Ja, wirklich. Waller . Mir ist nicht recht wohl, – es ist im Zimmer hier so schwül, – ich habe heut viel gesessen – Ramstein . Es ist Mondschein – Waller . Ja, – wollen Sie mich begleiten? so wollen wir ein wenig in den Garten spazieren gehn. – Ramstein . Mit vielem Vergnügen. – Zu Louisen. Wollen Sie uns nicht Ihre Gesellschaft gönnen? Louise auffahrend . Nein, – ich, – verzeihen Sie, ich muß die Küche besorgen. Waller . Kommen Sie! – Geht mit Ramstein ab. Neunter Auftritt. Louise . Das ist das Portrait deines verstorbenen Bruders? – Gewiß, ich weiß jezt nicht, ob Karl das wirklich gesagt hat, – es kann nicht sein. – Aber wovor wär' ich denn so erschrocken? – Ich kann keinen andern Gedanken fassen, als mir diese Worte unaufhörlich wiederholen, und mit eben dem Ton. – Was soll ich anfangen? – Soll ich ihm nach, ihm alles entdecken, – das würde mir das Leben kosten. – Gott! wie kann Eine Stunde alles verändern! – Karl! Ferdinand! – O Himmel, warum giebt es diese beiden Namen in der Welt? – Warum lieb' ich Karln? oder warum liebt' ich Ferdinand einst? – Das ist die Strafe der gebrochenen Treue, – ich werde nicht wieder glücklich sein. – Gott, das wird ein schrecklicher Abend sein, – er wird mir gegenüber sitzen, – stumm und todt, – Karl neben mir, stumm und todt; und dann, – wenn er nun fort ist, wenn ich mit Karl allein bin, – es werden fürchterliche Stunden sein! – Wenn ich doch diese Zeit verschlafen könnte, – oder indeß todt sein, – wie froh würd' ich erwachen. – Oder auch nicht wieder erwachen, – denn was für Freuden hab' ich izt noch vom Leben zu hoffen? – Sie geht ab.     Zweiter Aufzug. Dasselbe Zimmer. – Die Vorhänge sind heruntergelassen; es ist Nacht. Eine Nachtlampe brennt auf dem Tisch. Erster Auftritt. Louise steht gebückt vor einem Schrank, in welchen sie Wäsche einpackt . Es ist schon Mitternacht vorbei. – Mit einem tiefen Seufzer. Ach Gott! – Wie still alles umher ist, – so still wie ein Todtengewölbe; – mir bangt allein zu sein, und doch mag ich nicht zu Karln gehn. Ob ich jezt gehe?– Nein, nur noch ein paar Minuten. – Es schlug so dumpf zwölf Uhr. – Nun wär' ich ja ganz mit Einpacken fertig, – und nun will ich auch gehn. Ach! ich möchte so gern, daß ich hier noch etwas zu thun hätte, – aber es ist leider nicht wahr. – Ich bin so allein, – und Ferdinands Bildniß sieht mich so wehmüthig an, – nein, ich kann es nicht länger hier aushalten, – ich will gehn. Sie ist im Begriff abzugehn, die Thür öffnet sich, und Ramstein tritt herein. Zweiter Auftritt. Louise . Ramstein . Ramstein . Louise ! – Louise . Gott! du schläfst noch nicht? Ramstein . Ich kann nicht schlafen, – mir ist so sonderbar. Louise . Was fehlt dir? – dein Auge sieht so starr – Ramstein . Ich weiß nicht, – es ist eine Kinderei, – hast du es wohl hören zwölfe schlagen, Louise? Louise seufzend . Ach ja! Ramstein . War es nicht schrecklich? Louise . Es klang so hohl, so dumpf – Ramstein . Mir klang es wie meine Sterbeglocke. Louise . Deine Sterbeglocke? Ramstein . Der letzte Schlag, – so hart, – so fürchterlich schließend, – und hernach alles so still, kein Laut in der ganzen Natur, – alles todt! todt , Louise, – mir war, als würd' ich es nicht hören Eins schlagen. Louise . Wie kömmst du darauf? Ramstein . Der Wind zittert so in den Fenstern, es ist für mich eine schreckliche Nacht, – als ich mich so allein im Zimmer sah, überfiel mich plötzlich ein sonderbares Entsetzen, – es war, als ständen fremde Männer um mein Bett, die mir mit fürchterlichen Gesichtern den Zugang versperrten. – Louise . Du bist sehr krank, – lieber Ferdinand, – und doch steckst du mich mit deiner Furcht an, – seh' ich eben so blaß aus, wie du? Ramstein . Du bist sehr matt. Louise . Horch! wie der Wind um die Ecke der Straße winselt, – es ist wirklich schauerlich. – Das Licht brennt so bleich und matt, – es macht durch die Dämmerung das kleine Zimmer wie einen großen, weiten Saal. – Sie schließt sich näher an Ramstein . – Waller tritt leise herein, und bleibt im Hintergrund, in der Dunkelheit stehen. Ramstein . Wir sind krank, Louise, und in der Krankheit wird der Geist wieder zum Kinde. Louise . Du hast recht. – Ach, Ferdinand! Ramstein . Warum seufzest du so tief? Louise . Wir sehn uns nicht wieder. Ramstein . Diesseits nicht. Louise . Diesseits nicht. Ramstein . Vielleicht auch nicht jenseits, – ich fange an, an allem zu zweifeln. Louise . Ich habe es nie so gefühlt, als grade jezt, was es heißt: dich nicht wieder zu sehn! – Ach Ferdinand, ich liebe dich noch, ich kann's mir nicht verhehlen, du hast mich unglücklich gemacht. – Dich nicht wiedersehn, und unglücklich sein! Ramstein . Unglücklich? Louise . Ich werde nie dein bleiches Gesicht vergessen, nie diesen trüben Blick, der sich so langsam aufhebt; – und auch Karl ist mir fremd geworden. Ramstein . Wie das? Louise . Du hast es nicht bemerkt? O gewiß, du hast es; so wie heut, war er noch nie, so ernst, so in sich brütend, ohne ein Wort zu sprechen. Nur zuweilen sah er mich seitwärts mit einem festen, prüfenden Blick an, – ich konnte nicht sprechen, – ich suchte die ängstliche Stille einmal durch ein Husten zu unterbrechen, und mein Gesicht glühte eine halbe Stunde, daß ich sie unterbrochen hatte, – er konnte es für Furcht, böses Gewissen, wer weiß wofür, erklären. – Er hatte dein Bild erkannt. Ramstein . Daher rührt seine Laune? – Das Bild hatt' ich ganz vergessen. – O Louise, wir sind sehr unbesonnen gewesen, ich hätte durchaus noch fortgehen sollen, ehe er mich erkannte, – ich dachte gar nicht an dieses verwünschte Bild! – Louise . O schilt es nicht, – ich hatte es auch vergessen, bis ich mit den Lichtern zurückkam. – Du glaubst nicht, mit welchem Herzen ich spielte, du mußt es gesehn haben, wie meine Finger zitterten, und kaum den Ton anzuschlagen wagten, und wie ich endlich in der quälendsten Angst fast die Saiten zersprengte. – Was sprach er denn mit dir im Garten? Ramstein . Nichts, – er ging stumm neben mir, ich hatte sonderbare Empfindungen, – der Mond glänzte wunderbar durch das verschlungene Weinlaub, die Bäume standen so ernst da, und rauschten so wehmüthig, ich war die ganze Zeit über wie bezaubert, ich hatte alles vergessen, ich verlor mich in Phantasien meiner Kindheit, – aber als wir zurückkamen, – da sah er mich an, mit einem Blick, – o ich werde diesen fürchterlichen Blick nie vergessen, – es lag viel in diesem starren, bedeutungslosen Drehen des Auges, – so kalt, so durchbohrend, so wild, als wollt' er durch mein Auge hindurch auf den Grund meiner Seele schauen. – Louise . Er ist fürchterlich, wenn er zürnt. – Er wird sich vielleicht nie mit mir aussöhnen, – Ferdinand, ich habe deiner Liebe ein großes Opfer gebracht. Ramstein . Nein, das nicht. – Ich sterbe – Louise . O sprich nicht so, lieber Ferdinand – Ramstein . Ich sterbe, – und werde nicht mehr genannt. Mit dem todten Feinde versöhnt man sich so leicht, – du erzählst ihm unsre ganze Geschichte, – er müßte ein Unmensch sein, wenn er dich nicht eben so wie vorher lieben sollte. – Louise . Aber ich kann dich nicht wieder vergessen. Ramstein . Ach, Louise, – ich will dich nicht noch einmal daran erinnern. – Ich sterbe, – und Louise vergißt mich, – sie weint, – trauert, – und lächelt endlich wieder. – Ferdinand ist dann todt, und kömmt nicht wieder zurück, sie in ihren Umarmungen zu stören. Louise . Ach Ferdinand, du lässest mich viel dulden. Ramstein . Laß doch morgen das Haus sehr früh öffnen, ich muß noch vor Sonnenaufgang fort, – ich kann deinen Mann nicht wiedersehn! – Louise, nun laß uns Abschied nehmen. – Es ist eine feierliche Stunde. – Louise . Du scheidest von mir. – Ramstein . Ich scheide. – Liegt izt nicht alles, was ich je litt, worüber ich mich je freute, wie ein Traum vor mir? Mir ist, als wäre so etwas nie wirklich gewesen. – Daß ich dich liebte , daß ich dich verlor , diese beiden Empfindungen sind die einzigen, die ich aus dem Ruin gerettet habe; alles übrige liegt in wilden Trümmern. Louise . Nun, dann ist auch aller Zorn in dir untergegangen? Ramstein . Louise, ich liebe nicht mehr, aber ich kann auch nicht mehr hassen , – ich nehme als Geist von dir Abschied. – Warum fährst du vor diesem Gedanken zurück? – Und nun, Louise, wirst du mir nun meine letzte Bitte abschlagen? Louise . Was verlangst du? Ramstein . Umarme mich zum letztenmal, deinen Kuß will ich dann mit ins ruhige Grab nehmen. – Thu' es, Louise, ich werde dann freudiger sterben. Louise umschlingt ihn mit ihren Armen, er küßt sie . Ramstein . Dieser Kuß ist das letzte Andenken, das ich dir gebe. Hörst du, Louise? zuweilen denk' noch an mich. Louise weint, und kann nicht sprechen . Ramstein . Wenn's auch nur so kalt und vorübergehend ist, wie man an einen gleichgültigen Bekannten denkt, nur denk' zuweilen noch an mich, daß ich mit dem Troste sterben kann, ich sei in deinem Gedächtniß nicht ganz gestorben. – Versprichst du mir das, Louise? – Louise leise . Ja. – Sie fährt erschrocken aus seinen Armen, lautschreiend. Es steht jemand hinter uns! – Ramstein . Wo? – wo? Louise , ohne sich umzudrehen, hinter sich nach der Wand zeigend . Dort! – Ramstein . Es sind unsere Schatten, Louise, – sieh, wie gräßlich verzerrt sie sich hin und her bewegen. Louise . Ich mag nicht hinsehn. – Lebe wohl. Ramstein . Lebe wohl, – wenn ich fortdaure, soll mein Geist dich stets umschweben. – Louise . Nein, Ferdinand, nein, – das nicht, o ich bin zu schwach, – ich fühl's, ich könnte wahnsinnig werden. – Höre, wie der Wind die Wetterhähne wirft! Es ist eine fürchterliche Nacht. – Ramstein . Nun so lebe dann wohl. Louise . Lebe wohl. – Sie sieht ihn lange und bedeutend an. Ach Gott, – Ferdinand! Ramstein . Warum starrst du mich so an? Louise langsam . Du siehst fürchterlich aus, – ganz wie eine Leiche! – Erschrocken zurückfahrend. Hinweg! – Ich glaube, du bist todt! – Ramstein . Louise! Er will auf sie zueilen. Louise . Weg von mir! – Sie geht schnell ab. Ramstein sieht ihr lange nach; eine Pause; – mit schwerer Stimme . Es war vorbei! – Er öffnet die Thür, und geht schweigend in sein Zimmer. Dritter Auftritt. Waller steht wie betäubt, und tritt hervor. Er geht auf und ab, seine Brust keucht, sein Gesicht glüht, er will sprechen, er kann nicht. Eine Pause . Verrath! – Verrath! – Himmel und Erde! – So stehn wir miteinander! Louise? – Betrogen! – Ha, wie es siedend zu meinem Herzen strömt! – Luft, – Luft! – Er geht umher, und steht wieder still. Wie kalt bin ich auf einmal, – wie wüst ist mein Kopf, – mir schwindelt, – – Louise! – Ein elendes, gemeines Weib! – Ich liebe sie nicht, – ich habe sie nie geliebt, – ich verachte, – ich hasse sie! – – Verflucht sei ihr Name! – – Was sie mögen gesprochen haben, – alle meine Sinne waren betäubt, – ich hörte nur einzelne Worte, – aber seine Umarmung, – sein Kuß – O! – Was hielt mich zurück, daß ich nicht hervorsprang, und sie mit diesen Händen erwürgte? – Er geht umher, steht still, er tritt ans Klavier, und findet die Hälfte des Apfels, die er Louisen gegeben hatte. Er schlägt den Blick empor, steht nachdenkend, und scheint seine Begriffe zu ordnen. War es nicht heute, als ich ihr diesen Apfel gab? – heute? – Es ist nicht möglich, – bis zur Unkenntlichkeit fern liegt die Zeit, in der ich sie liebte, – und doch war es heut! – Was hat sich alles geändert! – Dies war ein Geschenk von mir, – dem meine Liebe einen so hohen Werth beilegte, – und sie warf es verächtlich hieher! – O hätte sie es nur aus seiner Hand, aus seiner Hand gehabt! – Ha! ihre Eide gehn in Erfüllung! – ich erndte den Lohn meiner Liebe ein! – Liebe! des Klangs ohne Sinn. – Noch Niemand hat geliebt, – mir , mir Unglückseligen ward diese Empfindung aufbehalten, um aus ihr eine Hölle zu saugen. – Ha! die schöne Zukunft nimmt ihren Anfang, – meine goldenen Träume werden wirklich! – Das Messer, mit dem ich diesen Apfel spaltete? – Ist mir doch, als sollt' ich mir diesen Stahl ins Herz stoßen! – Es braust und donnert um mich her, eine unbekannte Gottheit drängt diese Spitze gegen meine Brust, – wenn, – o dann wäre ja alles vorüber. – Und ich sollte ihr diesen Triumph gönnen? – Ha! wie würde sie den voreiligen Thoren belachen! – sie liebt ihn, – mein Leichnam wäre der Grund, auf dem sie ihr Glück bauten, – nein, diesen Reiz hat das Leben noch für mich, daß mein Dasein sie quälen wird. – Oder kehre diese Schneide gegen diese Schlange selbst! O Rache, Rache muß so süß sein! – So gelassen sollt' ich es hinnehmen? – Himmel! izt erst fühl' ich das ganze Gewicht ihres Verbrechens, – mein Blut war in Eis erstarrt, – ich war fühllos wie ein Stein!– so schändlich ward noch kein Mann betrogen. – Gegen das Bild gekehrt. Ha! verdammtes Gesicht! hatte nun meine mißtrauische Ahndung nicht Recht, Betrüger? – Du lächelst? – so kalt, so verächtlich lächelst du auf mich herab? – Er durchsticht es mit dem Messer. sieh! dies ist meine Rache! – Noch Lächeln? – Er zerfetzt das Gesicht. Sieh! Schändlicher! das ist deine Strafe! – Er hält ein, lachend. Wahnsinniger! Es ist ja nur sein Bild! – Er ruht in stolzer Sicherheit, und verlacht deine Ohnmacht! – In Sicherheit? – Und wer macht ihn sicher? Wer? – Hier schallte sein Kuß, – hier drückte er sie an sein Herz, – o diesen Druck muß ich wieder von seinem Herzen holen! – Er schläft , indeß tausend Quaalen meine Seele nagen! – Er schläft , der Bösewicht! indeß mich die Verzweiflung peitscht, – o  schlafen soll er nicht, ich will ihn wecken! – Er geht rasch in das Nebenzimmer. Vierter Auftritt. Louise , die leise und furchtsam zurückömmt . Hier ist er auch nicht, ich kann ihn nirgends finden, – und doch muß ich ihn finden, – ich muß ihm alles sagen, – es zerdrückt mir's Herz: – mag er mich nicht mehr lieben, – mag er mich hassen, – mich verabscheun, – ich muß es ihm sagen. – Hier ist er nicht, im Garten auch nicht, – ich wag' es nicht, noch einmal in den Garten zu gehn, – er muß dort sein: – die Einsamkeit steht dort so stumm, die stille Nacht wandelt mit leisen Schritten übers Feld. – Karl! – Karl! – Ein banges Aechzen von der Wand her antwortet mir. – Ich kann nicht noch einmal rufen. – Mich schaudert! – Sie erblickt das Gemälde. Ha! es ist aus! – Wahrhaftig, das hat Karl gethan! – Still! – War's doch, als ob mir jemand antwortete. – Ach Ferdinand! du siehst entsetzlich aus! – Was ist das? – Das Bild, – das Bild bewegte sich, – seh' ich nicht sein Blut herabfließen? – Mich dünkt, es seufzt, jezt stirbt er! – Er ist todt! – Sein Geist schaut wild aus den zerschnittenen Zügen hervor; – ich kann nicht mehr. – Welch Geräusch im Zimmer dort? – Es ist sein Geist! – Sie sinkt betäubt aufs Sopha, halb ohnmächtig. Komme was da will, ich kann nicht mehr als sterben! Fünfter Auftritt. Louise . Waller . Waller , der zurückkömmt, leise für sich, mehr murmelnd als sprechend . Er schlief, – in seinen Kleidern, – er schlief, hartherziger Mörder!– Nun, und was ist es denn mehr? Er schläft ja noch! – es wird ihn Niemand stören, – er entschlief sanft. – Wunderbar! Warum läuft mein Blut nicht mehr so schnell, wenn ich an ihn denke? – Er hatte mich tödtlich beleidigt, – warum zittr' ich so? ich habe ihn ja nur gestraft . – Und was hat er an dieser Welt verloren? Nichts! – Quaalen, – folternde Schmerzen, – er hat gewonnen! – – ich bin sein Wohlthäter, – er hätte ja doch einmal sterben müssen. – Der Mond schien ihm grade aufs Gesicht, sein Gesicht war mir seltsam fremd; – er starb, ohne zu zucken, – ohne eine Bewegung. – Ein Menschenleben ist doch sehr zerbrechlich! – fort! Louise sich erhebend . Ferdinand! Waller laut . Wer ist da? Louise . Ich – – ich – Waller . Was willst du? Louise . Ach! Waller . Warum siehst du mich so starr an? Louise . Bist du Karl? Waller . Denkst du, ich habe etwas Böses gethan, daß du mich so anstarrst? Louise . Ach nein! nein! – Nicht wahr? Du bist mein lieber Karl? Waller . Fort! komm! Louise . Wohin? Waller . Wohin? – Was weiß ich's? Louise . Karl, – ich merk' es recht gut, – wir sprechen beide ohne Bewußtsein, – aber ich kann nicht dafür, – ich bin sehr krank! Waller . Krank? Louise . Ja, Karl, und du bist es auch. Waller . Nein, nein, ich bin gesund! – Was sollte mir fehlen? Louise . Ich werde bald sterben, ich fühl' es – Waller . Sterben?– Sterben? – – Louise . Zürne nur nach meinem Tode nicht weiter auf mich – – Waller . Louise! – Louise . Wir wollten glücklich sein, aber das grausame Schicksal rief: Nein! Waller . Fürchterlich rief es: Nein! Louise . Ich liebte dich – – Waller . Wirklich? Louise . Wie meine Seele – Waller . Du lügst! – Louise . Ich konnte nicht dafür, daß ich früher als dich, Ferdinand liebte. Waller , wie aus einem tiefen Schlaf erwachend . Ha! das war es! – dieser Name ruft alles in mir zurück! – steh' ich doch schon so lange, und sinne, was mein Schmerz sei, – du triffst die brennende Wunde. – Dieser Name hat mich wahnsinnig gemacht. Louise . Ja, Karl, ich will es dir gestehen, ich liebte ihn einst. – Waller . O gesteh es nur, du liebtest ihn? – nicht wahr? – O ich bin ja dein Freund, mir darfst du es schon vertrauen, – nicht wahr, du zärtliche Gattin? Louise . Ich will es, – hasse mich, – fluche, oder verzeihe mir dann, – wie du willst! Waller . O Louise! Louise! – Geh! geh! fort von mir, Schändliche! du bereust nicht einmal dein Verbrechen? – O hinweg! Louise . Karl, ich liebte ihn, eh' ich dich sah. Waller . Nein! Nein! es ist falsch! – Ich sah ja, wie du ihn umarmtest, – izt eben, – hier,– sieh, so umschlang er dich, – der Schall eures Kusses flog glühend in mein Ohr, – dieser Ton zerriß meinen Verstand, – dieser Augenblick löschte alles in mir aus, dunkle Nacht wohnt seitdem in mir, dunkel wie der Tod. – Du liebst ihn noch! – Louise . Nein! bei Gott! – Waller . Du liebst ihn noch! – Louise . Als Freund, – so wie das Andenken eines entfernten Freundes – Waller . Du liebtest ihn nicht noch? Louise . Bei allem – Waller mit schrecklicher Kälte . Warum zweifle ich denn noch länger? – Jezt wirst du ihn freilich nicht mehr lieben. Louise . Nein, Karl – Waller . Betheur' es nicht, ich glaube dir; denn sieh – Er zieht das Messer unter seinem Rocke hervor. Louise . Karl! Waller . Nun, – was ist dir – Louise . Er ist todt! Waller . Ja, – dies ist sein Blut. Louise sinkt nieder . Waller . O Künstlerin! – nur ruhig! – Eine Ohnmacht? – Bei Gott! so natürlich, als ich je eine sah, man möchte sie fast für ächt halten. – Steh' auf! – Er reicht ihr die Hand. Louise richtet sich matt auf . Sein Blut? Waller . Das in seinem Herzen noch eben so warm für dich schlug. – O Louise! dein Werk ist sein Tod, dein Werk, daß ich in Verzweiflung umherirre; über dich komme sein Blut! Louise . Ueber mich? – Er ist nicht mehr? O hinweg von mir, Mörder! hinweg! – Er ist also todt? – Berühr' mich nicht mit deinen blutigen Händen! – hinweg! Waller . Louise, – sieh, ich bin nun wieder kalt, – mache mich nicht von neuem wüthend. Louise . O sein Blut komme zehnfach über dich! – O ich hasse, ich verabscheue dich, – hassen? Nein, Verachtung, – mitleidige Verachtung gebührt dem gemeinen Mörder. Waller , mit den Zähnen knirschend . Louise! Louise . O geh, geh, Gebrandtmarkter, – siehst du die Henker nicht, die dich fortschleppen wollen? – Dich nannt' ich mein? meinen Karl? – O du gehörst dem Hochgericht. Waller . Weib! Louise . Ich will nicht mit dir sprechen, – selbst dein Blick entehrt mich, – o wie tief war ich herabgesunken, von seiner Liebe zu dir! – O Himmel! von ihm so tief herab bis zu dir? – So niedrig ward noch keine Liebe verschleudert, so entehrt ward sie noch nie, als daß ein Mädchen dich liebte. Waller , mit unterbrochener Stimme . Sieh, – sieh – ich bin in Verzweiflung, – meine Hand zittert, – ich bin verrückt , – fürchte mich – Louise . Dich fürchten? – den ich verachte? – O meine letzte Kraft will ich aufbieten, dir meinen Haß entgegenzurufen. – Ich war schwach, aber gegen dich – Waller . Fürchte den Verzweifelten, – sieh – ich – ich – o ich kann nicht sagen, was ich thun könnte – aber es ist schrecklich! – Ich bitte dich Louise, liebste Louise, schweig! – Louise . O nenne mich nicht. – Flieh! flieh, ehe der Tag dämmert, flieh' unter dem Schutz der Nacht, so wie es Mördern geziemt. – Dich wollt' ich um Verzeihung bitten? – Dich? – o schändlicher Gedanke! – Gegen deine That ist meine Schwachheit Tugend! – O Scheusal! Waller stürzt rasch auf sie zu, und stößt das Messer in ihre Brust; eine Pause; sie sinkt nieder, er betrachtet sie stumm und kalt . Du hast es gewollt! – Pause. Louise! Louise . Karl?– Was willst du? Waller . Louise, um Gotteswillen, wecke mich auf, – ich träume fürchterlich! – schreiend. Weck mich auf! Louise . Ich kann nicht, Karl, – wollte Gott, du träumtest! Waller bitter . O das dacht' ich wohl, daß es wahr sein würde! das dachte ich wohl! – Wenn wäre Unglück ein Traum? – O alle meine Freuden sind nur ein Traum gewesen, erst seit heute bin ich erwacht! Louise . Karl! – lebe wohl, ich sterbe – Waller . Du stirbst? – Louise . Ich fühle meine Kräfte schwinden, verzeih' mir, ich habe dich wohl sehr gescholten? Waller . Nein! ach nein! – du willst sterben? – O warum willst du das? – Glaubst du nicht, daß ich schon elend genug bin? – Stirb nicht!– Ich leide genug. Louise . Gieb mir deine Hand, – ich werde fortgerissen – Waller stürzt neben ihr nieder . Du sollst, du darfst nicht sterben! – Nein! nein! – O es kann, es wird noch alles wieder gut werden, – nur nicht sterben, o das wäre zu viel. – Ha! mir zum Trotz, mich zu zermalmen, wollte das Schicksal vielleicht alle Quaalen auf einmal auf mich herabgießen? – das soll es nicht können, – halt dich an mein Leben fest, Louise, halt dich fest, – ich will dich umschlungen halten – Er nimmt sie in seine Arme. Wir beide werden doch wohl den Tod abkämpfen können! Louise . Unmöglich! Waller küßt sie wüthend . Hier bin ich, furchtbares Verhängniß! – Ich wage es, mit dir zu kämpfen, – mag der Himmel und die Erde Nein drein donnern, – ich sage: sie soll leben! Louise . Du rasest, – Karl, – lebe wohl – – denk auf deine Sicherheit – – ich kann nicht weiter – Waller . Ha! wie die bösen Geister meiner Ohnmacht lachen! Wie der hinterlistige Tod grinst und spottet. – Es schleicht so eiskalt ihre Wangen hinab – ihr Auge bricht – es schleicht die Brust hinab – Sie erschrocken hinwerfend. Jezt brach ihr Herz entzwei. Er steht auf. Sie ist todt! – Er betrachtet sie lange stumm. Ja warlich, sie ist todt! – Er wirft das Messer auf den Leichnam. sie wird nie zurückkommen! – Ha! wie kalt, wie leer ist alles in mir, ich könnte lachen, – aber nein! nein! – Die Haare würden sich mir aufrichten! – Auf- und abgehend, nach einer Pause. Mörder! – das Wort hat doch warlich wenig Bedeutung – Er setzt sich neben dem Leichnam auf die Erde. Ich wohne unter Leichen, – ich bin hier der einzige Lebende . – Deine Hand ist so kalt, Louise! – – Hier will ich sitzen bleiben! – hier will ich thronen, wie der Sieger auf dem Schlachtfelde – Tod! Tod! – Er sieht stumm auf die Leiche.   Der Vorhang fällt.