Ludwig Tieck. Kaiser Octavianus. Ein Lustspiel in zwei Theilen.     Berlin, bei G. Reimer, 1828     Prolog Erster Theil Zweiter Theil     Prolog. Der Aufzug der Romanze.   Personen. Der Glaube. Die Liebe. Die Tapferkeit. Der Scherz. Die Romanze. Eine Pilgerin. Ein Liebender. Ein Ritter. Ein Hirtenmädchen. Der Dichter. Zwei Reisende. Ein Küster. Chor von Kriegern. Chor von Schäfern und Schäferinnen.     Trompeten. Eine Schaar von Kriegern zieht durch den Wald. Chor . Auf tapfere Mannen Und folgt dem Getön! Es führen uns schön Trommeten von dannen. Die Fahnen im Winde Rothglühend vorauf, Das Echo im Walde – Der Frühling gelinde – Das Herz geht uns auf                     Im Walde. Ein Ritter . Wie froh der Busen schlägt, Wie frei das Herz sich regt, Wenn es den Panzer spürt. Die goldne Sonne scheint: Wolan, wo bist du Feind? Hörst du die Jubelklänge? Siehst du die frohe Menge Entgegen dir geführt, Die ziehend mit Gepränge Dich Flüchtgen einholt balde                     Im Walde? (ziehn vorüber.) Ein Zug von Schäfern und Schäferinnen , tanzend und singend, mit Flöten und Schalmeien. Schäfer . Die Mailust ist begonnen, Der Baum hat seine Grüne, Die Blätter schon gewonnen. Wie seufzten alle Knaben: O daß der Mai erschiene, Daß wir die goldnen Gaben Bald möchten wieder haben! Komm wieder Sonnenschein, Fließt wieder Bäche munter Den grünen Plan hinunter, Singt wieder Vögelein                     Im Walde. Schäferinnen . Und seht, er ist gekommen, Das goldne Kind, der Mai, Ist alles angeglommen, Das Eis ist weggenommen, Die Fluren sind so neu. Er bringt uns alles wieder, Schon tönen Frühlingslieder, Die kühlen Bächlein rauschen Vom Hügel hergeschwommen, Die Vöglein alle tauschen Die tausend Melodien, Die goldnen Blümlein blühen                     Im Walde. Vereinigtes Chor . Der Winter floh, ein Schatten, Und ließ die Erde los, Nun blüht der grüne Schooß, Nun sieht man auf den Matten, Im kühlen Waldesschatten, Das Wild, die Vögel fliehen, Eins nach dem andern ziehen, Und liebend sich begatten. Gegrüßt sei, holder Mai! Die Lieb' ist dein Gespiele, Wann ich den Frühling fühle Wird auch mein Lieben neu, Der Liebe Tempel sei                     Im Walde. Ziehn vorüber. Der Dichter tritt auf . Wie sehnsuchtsvoll fühlt sich mein Herz gezogen, Dem frischen grünen Walde zugelenket, Von Bächen wird das neue Gras getränket, Die Blumen schauen sich in klaren Wogen. Ein blau Kristall erscheint der Himmelsbogen, Zur blühnden Erde liebend hergesenket, Die Sonne zeigt, daß sie der Welt gedenket, Sie hat die Blumen küssend aufgesogen. Die Pflanzen glänzen, Wasserwogen lachen, Die muntern Thiere regen sich in Sprüngen, Der Vogel singt, wie Laub sich grün entzündet. Wenn Thiere, Wasser, Blumen, Flur' erwachen, Läßt höher noch der Mensch die Stimm' erklingen, Der Dichter Himmelslust der Welt verkündet. Chor , von der einen Seite, mit Trompeten, wie in der Ferne . Das Herz geht uns auf                     Im Walde. Chor , von der andern Seite mit Flöten in der Ferne . Der Liebe Tempel sei                     Im Walde. Der Dichter . Es lebt der Wald von wunderbaren Zungen, Die Flöten tönen, der Trommete Klänge Ermuntern laut der Waldvöglein Gedränge, Dem Frühling wird, dem Muthe Gruß gesungen. Die Fahnen dort sind kühn empor geschwungen, Im blanken Erz regt sich der Krieger Menge, Dort singt ein Schäferchor Liebesgesänge, Und Flöten, Horn und Wald in eins erklungen. Drein gießt sich Duft von Baum und Blumenblüthe, Es brennt der Wald im hellen grünen Feuer, Und Geister spielend im Gezweige springen, Da regt die Poesie sich im Gemüthe, Es greift der Dichter nach der goldnen Leier, Die Wonne, die sein Herz bewegt, zu singen. – Hör' Echo du im Thale drunten – unten – Baumzweige über meinem Haupte droben – oben! Die alte Zeit kömmt mir in meine Sinnen, – innen – Gefühle wundersel'ger Stunden – stunden Im Herzen auf und mich bezwangen – Wangen Und süße Lippen, Busen, Locken – locken Der Sehnsucht reizende Gefühle – fühle! Ein Liebender tritt auf . Hier ist der Bach, das grünende Gebüsche, Wo einst bei eines schönen Morgens Frische, Ach meiner allzuselgen Hand Die Reizendste durch Handdruck sich verband, Mir ihre Gunst die Schäferin gestand.     Alle Wünsche, alle Träume     Waren herrlich nun gestillt,     Das Verlangen war erfüllt,     Fröhlich rauschten grüne Bäume.     Aus geh ich die Spur zu finden,     Alles sagt mir von dem Glücke,     Jene Zeit kömmt mir zurücke;     Mußte sie so schnell verschwinden?     Ach wie war die Stunde süße,     Als sich unsre Blick' erkannten,     Unsre Herzen schnell entbrannten,     Sich begegneten die Küsse.     Jeder Frühling sagt mir wieder,     Wie ich selig einst gewesen,     Darum kann ich nicht genesen,     Und das Auge sinket nieder.     Kommt der Herbst, bin ich vermessen,     Kommt der Winter, seh ich glänzen     Manche Schönheit bei den Tänzen,     Und die Einzge wird vergessen.     Aber wann die Blumen sprießen,     Wann die Nachtigallen singen,     Muß sie wieder mich bezwingen,     Ich den schnöden Frevel büßen.     Fließet, fließet, treue Thränen,     Herz vergeh im tiefen Schmachten,     Mögt ihr Augen euch umnachten,     Leben, löse dich in Sehnen. Eine Pilgerin kommt . Was heute war, ist morgen schon verschwunden, Es wechseln ohne Rast des Lebens Stunden, Fortuna rennt unstätig durch die Welt Und weiß nicht wo, weiß nicht wann einer fällt, Sie spielt mit Zepter, Herrlichkeit und Kronen, Blind geht sie hin, wo irgend Menschen wohnen, Unglück und Leid, wie Thränen oder Lachen, Begleiten sie, den Hofstaat ihr zu machen, Sie kümmert's nicht, wer jammert, wer gewinnt, Sie kömmt und flieht, forteilend wie der Wind.     Ohne Ruhe ewig wandelnd     Geht sie fort, weiß nicht wohin,     Irr und unstät ist ihr Sinn.     Nur nach blinder Laune handelnd.     In das laute Lachen streut sie     Unvermerkt der Thränen Saat,     Und den Jammer, wenn auch spat,     Durch ein holdes Glück erfreut sie.     Dies sah ich auf allen Wegen,     Und die falsche Welt verlassend,     Und das Weib Fortuna hassend     Wall' ich einer Klaus' entgegen. Der Dichter . Durch Himmelsplan die rothen Wolken ziehen, Beglänzet von der Sonne Abendstralen, Jetzt sieht man sie in hellem Feuer glühen, Und wie sie sich in seltsam Bildniß mahlen: So oftmals Helden, große Thaten blühen, Aufsteigend aus der Zeiten goldnen Schaalen, Doch wie sie noch die Welt am schönsten schmücken, Fliehn sie wie Wolken und ein schnell Entzücken. Was dieser fliehnde Schimmer will bedeuten, Die Bildniß, die sich durch einander jagen, Die Glanzgestalten, die so furchtbar schreiten, Kann nur der Dichter offenbarend sagen; Es wechseln die Gestalten wie die Zeiten, Sind sie euch Räthsel, müßt ihr ihn nur fragen, Ewig bleibt stehn in seinem Lied gedichtet, Was die Natur schafft und im Rausch vernichtet. Es wohnt in ihr nur dieser ewge Wille, Zu wechseln mit Gebären und Erzeugen, Vom Chaos zieht sie ab die dunkle Hülle, Die Tön' erweckt sie aus dem todten Schweigen, Ein Lebensquell regt sich die alte Stille, In der Gebilde auf und nieder steigen, Nur Phantasie schaut in das ewge Weben, Wie stets dem Tod erblüht verjüngtes Leben. Der Ritter kommt zurück . Die Feinde sind entflohn, die muthgen Krieger Gehn ohne Blut, mit unzerschlagnem Helm Zurück in's Vaterland. – Schon wird es Abend, Die laue Luft zieht durch die Blätter labend, Auf Harnisch und auf Schild erglänzt der Schein, Der Himmel funkelt wie ein rother Wein, Der lockend im Pokal von Golde schwimmt, Und Glanz von ihm in seine Röthe nimmt. Ein Hirtenmädchen kommt . Das Fest ist vorüber, Schon winken von ferne Die lieblichen Sterne Des Abends herüber. Nun klinget die Flöte Noch zärtlicher drein, Im lieblichen Schein Der sinkenden Röthe. Und alle beginnen Mit schmeichelnden Tönen, Damit sie die Schönen Durch Lieder gewinnen. Mich lassen sie ziehen, Folgt keiner zum Hain, Verlassen, allein Zum Wald muß ich fliehen. Ich bin noch ein Kind, Drum darf ich es wagen Mein Leiden zu klagen Dem nächtlichen Wind. Nach wenigen Lenzen, So nennt man mich schön; Beim Flötengetön Entschweb' ich in Tänzen, Dann werd' ich in Kränzen, Die zärtliche Hand Mir schenkte und band, Hell prangen und glänzen. Ein Reisender tritt auf . So leg' ich hier den schweren Bündel nieder, Der mir die Reise zu beschwerlich macht. Genug der Länder hab' ich nun gesehn Und will mich im Erinnern schön ergötzen. Nichts geht doch der Bequemlichkeit zuvor. Wie freu' ich mich auf meine alten Freunde, Auf die Verwandten und auf Frau und Kinder, Auch Nachbarn, ihnen alles zu erzählen; Die größte Lust kömmt immer hinten nach. Ein zweiter Reisender tritt auf . Weit hinaus treibt mich das Sehnen, Wundervolles Land zu schauen: Keiner darf sich selbst vertrauen, Oder sich als weise wähnen; Das erfodert manche Künste, Mancherlei muß man erfahren, Und oft sieht man erst nach Jahren, Alles waren eitle Dünste. Darum will ich in die Weite, Manches Glück wird mir begegnen, Auch mag's manchmal Schläge regnen. Meist folgt Morgen auf das Heute. Jeder führt etwas im Schilde, Und umsonst ist nichts auf Erden, Darum acht' ich nicht Beschwerden, Wenn ich mich nur etwas bilde. Ritter . Beglückt, wer mit den ausgespannten Flügeln Sein Schiff dahin auf ebnem Meere führt, Er sieht um sich die große Fläche spiegeln Und wird von keiner bleichen Furcht berührt, Er führt den Kiel zu seiner Heimath Hügeln, Den Lauf untrüglich der Magnet regiert, Die Sterne lenken an dem Himmelsbogen, Gehorsam dienen Winde wie die Wogen. 1. Reisende . Was hab' ich doch von meiner ganzen Reise, Als daß ich nunmehr weiß, was ich nicht wußte, Wodurch mir jezt die Zeit noch länger währt? Als ich den Weg vor meinen Füßen hatte, Dacht' ich, es müsse was besondres werden, Nun da ich endlich denn zurückgekehrt, Dünkt mir das Ganze nicht der Rede werth. 2. Reisende . Wundervolle Berge warten Meiner, und die Wasserfälle, Glänzend springt wohl manche Quelle In dem blumgezierten Garten. Bäume rauschen, Gemsen klimmen Oben schwindlicht am Gesteine, Freundlich blinkt im Morgenscheine Stadt und Berg mit Thürm' und Zinnen. Manches wird sich noch begeben, Mancher Rausch und manche Schöne, Mancher Zwist, den ich versöhne, Fügt sich lustig in mein Leben. Ein Küster tritt auf . Da hab' ich nun auf weiten Wegen Hin und zurücke reisen müssen. Das ist mir herzlich ungelegen, Denn meine Beine müssen's büßen. Und alles aus dem dummen Grunde, Weil unsre Uhr nicht richtig geht, So daß sie immer eine Stunde Nach dreien Stunden stille steht. Das Dach ist nicht ganz regendichte, Und immer scheut das Dorf die Kosten, Das macht die Uhr nun ganz zunichte, Denn Werk und alle Räder rosten. Kommt in Tumult drauf die Gemeine Und alle machen groß Geschrei, Es ist zwölf Uhr, so ruft der eine, Der andre schwört, es sei schon drei. Die Einheit fehlt dem ganzen Werke, Es läuft nun gegen alle Regel, Und keiner ist's, der sich nicht merke, Denn jedes Beichtkind wird zum Flegel. Man kann nun nicht zu rechten Zeiten Die liebe Kinderlehre halten, Mit Sicherheit die Glocken läuten Da sich die Dinge so gestalten. Die Ordnung ist nun auch begraben, Und alles schwimmt in Anarchie, Und bis auf die Currende-Knaben, Lebt jeder wie das liebe Vieh. Doch ist die Uhr nur erst im Stande, Und das geschieht in kurzer Frist, So weiß doch jedermann im Lande, Woran er mit sich selber ist. 1. Reisende . Das ist gewiß, nichts in der ganzen Welt Geht über eine recht honette Uhr. Warum? Man weiß dann stets in jeder Stunde, Wie viel die Glocke eigentlich geschlagen. Man ißt dann nicht zu spät und nicht zu früh, Legt sich gesetzt zur rechten Zeit zu Bette, Treibt das Studieren niemals über Macht, Und da das Leben aus der Zeit besteht, So muß man auch beständig darnach sehn, Wie viel es an der Zeit ist in der Welt. 2. Reisende . Ach! und dann das dumpfe Läuten, Das vom Kirchhof schön herüber Einem kann soviel bedeuten, Nichts auf Erden ist mir lieber. Und die ernsten Glockenschläge In der stillen Mitternacht, Machen alles Grausen rege Wenn ich grade noch gewacht. Nie möcht' ich die Uhren missen, Und auf meinen weiten Gängen Will ich allenthalben wissen, Wo doch wohl die Glocken hängen. Der Dichter . Es klingt ein altes Lied mir in mein Ohr, Drum zögert, eilt nicht allzuschnell von hinnen, Ich fühle schon bezaubert meine Sinnen, Im Wunderglanze steigt das Bild empor. Es thun sich Thiere, Länder, Meer' hervor, Da glänzen Burgen, königliche Zinnen, Ein Knab' will mit dem Riesen Schlacht beginnen, Ein Kinderpaar, das sich im Wald verlor. Es toben wild der Heiden rohe Schaaren, Die Christenheit zu stürzen all entbrannt, Doch Liebe hat den Helden angelacht, Ein schönes Frauenbild mit goldnen Haaren, Die Augen wie der reinste Diamant, Das kühne Herz dem Glauben dargebracht. – Doch schaut, welch Bildniß reitet durch den Wald? Ist's eine Jägrin, die dem Wild nachrennet? Die Kriegesgöttin, die in Zorn entbrennet, Den Feind verfolgt mit siegender Gewalt? Ist es die Liebe, die den Aufenthalt Des Himmels läßt, und unsrer Erde gönnet, Daß man sie wiederum als Göttin kennet? Noch nie sah ich so herrliche Gestalt. Mein Herz erbebt in freudigem Entzücken, Ein Zauberreiz umspielt dies Wunder-Wesen, So göttlich groß, so lieblich doch und mild. Uns näher komm, du herrlich Frauenbild, Von jedem Leiden fühl' ich mich genesen, Wenn du mich würdig hältst, mich anzublicken. 1. Reisende . Wir stehn, so glaub' ich immer, in der Schonung, Der Jäger kommt, uns alle abzustrafen. Ich hab' so viel Erfahrung doch gewonnen Auf meinen Reisen, daß ich mich mit Klugheit Vor allem Schaden hüt'. Ich geh nach Hause. geht ab. 2. Reisende . Ich verweile mich zu lange, Wie die Zeit so schnell vergeht, Keine Stunde stille steht, Die Betrachtung macht mir bange. Warum soll ich hier noch harren? Diese Menschen sind fatal mir, Und nun mehrt sich noch die Zahl hier, Endlich wird man gar zum Narren. geht. Der Küster . Ich frage nur: kann dies die Uhr mir bessern? Wenn das nicht ist, so such' ich einen Meister, Der wieder alles in die Richtung bringt, Was uns den Kopf nur gar zu sehr verwirrt. geht ab. Der Dichter . Halt an! du wunderbares Bild! wer bist du, Auf diesem weißen, königlichen Zelter? Mit Federbüschen in dem Winde flatternd, Die weiße Brust mit blauem Schleier schmückend, Im Munde Lächeln, in den Augen Ernst, Auf vollen Wangen Thronen für die Liebe? Mir ist, ich kenne dich, doch bist du fremd, Ich habe nie so Wunderherrliches, So Liebliches gesehn, so fremde Tracht. Die Romanze auf einem Pferde. Romanze . Hältst du mir des Rosses Zügel Auf in meinem schnellen Jagen? Wer ich bin, will ich nach Wahrheit Dir jetzt ohne Säumen sagen. Mit dem Namen nennt man mich nur, Wenn man von mir spricht, Romanze, Ich durchzieh die Welt mit Freuden, Streue Lust aus, wo ich wandle. Meine Eltern will ich nennen, Glaube heißt mein edler Vater, Und die Mutter ist die Liebe, Die den Glauben nahm zum Gatten. Beide haben mich erzeuget, Als sie sehnsuchtsvoll entbrannten, Und an meiner Mutter Brüsten Wuchs ich auf in ihren Armen. Als die neue Lehr' erblühte, Hochroth wehten Christenfahnen, Kreuze drein die Krieger führten, Und die Heidengötter sanken, Flohe Venus, die betrübte, Nach dem einsam dunkeln Walde, Und voll Trug hüllt sie die Glieder In die büßenden Gewande. Wie ein Pilgermädchen heilig War sie gänzlich umgestaltet, So fand sie ein Eremite, Der mit ihr durch Felsen wallte. Venus war erfreut des Truges, Und ihr weltlich Herze lachte, Als der fromme Mann erglühte, Seine Brunst gestand im Wahne. Drauf gebahr sie nach neun Monden Liebe mit dem Heilgenglanze, Aber sie ward eingeschlossen In der Felsenklüfte Spalten, Daß sie keinen Trug ersinne, Und die Liebe nicht verwandle: Selbst erzog, ernährt' sich diese Von der süßen Himmelsmanna. Und sie blühte auf, ein heilger Ueberirdisch schöner Garten; Drauf vermählte sich der Glaube Mit der süßen, die so zarte. Denn er sprach: Wen soll ich freien? Alle Mädchen, die ich sahe, Alle Frauen, die ich kenne, Hält die Eitelkeit gefangen. Von der Welt und von der Sünde Losgerissen, muß mich laben Streit für Gott und Christ im Geist, das Herz erglühn im goldnen Brande; Wenn ich nun die Gattin wähle, Die nach Erdenfreuden trachtet, Wird mein stiller Sinn von jener Wie die Sehnsucht wohl verachtet. Da erschien ihm die Holdselge, Meiner Mutter Schönheit sah' er; Solch ein Himmel wohnt auf Erden? Rief er und fand ihre Gnade. Und sie gingen durch die Welt hin, Liebe wie die Sonnenstrahlen, Wie des Mondes sanfte Lichter Schien der Glaube durch die Thale. Neue Liebe, neues Leben Schuf den Menschen neue Sprache, Liebesglut war stets der Glaube, Glauben nur ein Liebsgedanke. Das bezwang die härtsten Herzen, Alle hin zum Kreuze kamen: Ewig, ewig sei die Liebe! Rief voll Inbrunst nun der Vater; Ewig sei der Glaube blühend! Sprach die Mutter im Gesange, Und die frommen Menschen riefen Zu den beiden Wünschen: Amen! Dichter . Steig von deinem Roß alsbalde! Bist du wohl vom Jagen müde? Ha! daß ich dich endlich schaue, Das giebt meiner Seele Friede. Immer war nach dir mein Sehnen, Schöne Tochter hoher Liebe, Edles Kind des sanften Glaubens, Unvermuthet steigst du nieder. Blieben deine Eltern einsam, Haben sie der Freunde viele? Romanze . Von dem Ross' ab will ich steigen, Hier im zarten Grase spielen: Bald erscheinet mein Gefolge, Tapferkeit, Scherz, Glaub' und Liebe. Die zwei ersten, die ich nannte, Sind uns sehr getreue Diener, Eine werthe Magd dem Vater Ist die Tapferkeit beschieden. Er allein mit tiefer Inbrunst Konnte nicht das Schwerdt regieren, Denn es ziemet seiner Rechte Kreuz und Oehlzweig nur zu führen. Tapferkeit ergab sich ihm Zu den allertreusten Diensten, Hohes Ganges geht das Mägdlein, Streit für ihn ist ihre Zierde. Liebe fühlte wohl, wie Andacht, Beten, ein zu heilig Fühlen, Sie in Sehnsucht, Demuth löste, Weil ihr Herz zu oft gerühret, Sprach: wo find' ich einen treuen Und mir froh ergebnen Diener? Daß ich freies, innres Leben Und verschönt die Erde spüre? Da kam hüpfend Scherz gelaufen, Sprach: ich fühl mein Herz erglühen, Ueberwunden von der Schönheit, Will ich ewig nach dir ziehen. Giebt es Liebe ohne Scherzen, Kann man scherzen ohne Liebe? Reines Wasser fließt erzeugend, Aus dem Wasser Blumen blühen. So steht Scherz im Lohn der Mutter, Bei dem Vater dient die Kühne, Ich das Kind voran, mir folgen Tapferkeit, Glaub', Scherz und Liebe. Glaube und Liebe treten herein. Glaube . Ei, du böses, wildes Kindlein, Sage doch, wo bist du blieben? Romanze . Ritt voran durch grüne Waldung, Durch die sanften Thale hüben. Liebe . Fliehst du uns, geliebte Tochter? Bist du gern von uns geschieden? Romanze . Nie sind wir getrennt, weß Macht Hätte mich von euch getrieben? Ewig ist in euch mein Herz nun: Aber gern schein' ich zu fliehen, Dann vermerk' ich, wie ihr beide Mir nach durch die Thäler ziehet. – Jener dort mit süßem Kreuze, Und dem schönen Christusbilde, Eine Taub' auf seinem Herzen, Ist der Glaube, groß und lieblich. Hat er nicht recht Vateraugen? Muß man nicht Vertrauen fühlen? Sieh, in diesem holden Lächeln Kann man recht die Sehnsucht kühlen. Jene dort, so wie Maria, Die zur Erde steigt hernieder, Alle Herzen an sich lockend, Ist die Mutter mein, die Liebe. In der Hand trägt sie zwei Blumen, Eine Rose, eine Lilge, Die mit innger Liebessehnsucht Immer zu einander blühen. Rose lächelt voll Verlangen, Wird von Freude angetrieben, Lilge hat den heilgen Willen, Reiner Glanz ist ihr beschieden. Beide Blumen schaut die Mutter An mit Sehnsucht in den Blicken. Will die Rothe trunken machen, Schaut sie ihre Schwester drüben: Will die Bleiche Frommes sprechen, Sanft erheitern, sanft betrüben, Schaut sie auf die Rothe sehnlich, Und ihr Auge lachet wieder. Recht ein Herz spricht aus den Augen, Senken sie sich golden nieder, Wer sie anschaut, kann nicht sorgen, Denn ihr Blick ist allzulieblich. Was die Frühlingssonne meinet, Und nicht Worte kann ersinnen, Was die zarten Blumen wollen, Wonach alle Farben zielen, Das verkünden diese Augen, Und die goldnen Augenlieder; Spürst du nicht, sie tragen Worte, Frühling, Blume, Sonn' im Blicke? Und so klingt dieselbe Sprache, In dem Schwung der schönen Glieder, Jede Falte des Gewandes Fließt zu Füßen hold hernieder. Glaube . Ja ich bin, den du beschrieben: Kennt ihr, Menschen, wohl den Glauben? Lange herrscht' ich hier auf Erden; Habt ihr noch die alten Augen? Sehnsucht floh, so wie die Pfeile Fliehn vom Bogen, mich zu schauen, Damals wollte jedes Herze Nur durch meine Hülfe bauen. Nicht auf Erde, nicht auf Zeitlich Ging ihr innigstes Vertrauen, Blumen, Gold und Menschen selber Sind Gewächse nur vom Staube. Jenseit allem, was du denkest, Fühlest, hörest, oder schauest, Liegen, die du erst verließest, Deine vaterländschen Auen. Pilgerin . Ach, wie froh, daß du erschienen, Ist die seligste der Frauen, Ich mit meinem Pilgerstabe Nahe dir mit heilgem Schauer. Willst mich Arme nicht verwerfen? Du bist meine feste Mauer, Lange sucht' ich dich vergebens, Hier nun stirbt die Angst und Trauer. Liebe . Sind noch welche, die mir trauen, Die sich meinem Dienst ergeben, Leben, wie die stillen Priester, Ewig mir geweihtes Leben? Vormals waren alle Thaten, Alles kühne Heldenstreben, Alle Kämpfe, alles Ringen, Aller Lieder Klang und Wehen, Nur von meinem Hauch ermuntert, Nur von meinem Geist erreget; Blühend standen alle Gärten, Liebe schmückte alle Wege. Keiner war, der mich nicht kannte, Still geweiht dem heilgen Sehnen, Glänzt' Inbrunst aus allen Augen, Aus dem Quell des Lichts, den Herzen. Der Liebende . Wenn die holde Stimme rufet, Könnte noch wer widerstehen? Wer tritt feige wohl zurücke, Wenn der Liebe Fahnen wehen? Wenn du willst mein Hauptmann heißen, Will ich gern im Heere stehen. Glaube . Wenn du glaubst und niemals zweifelst, Wirst du jetzt dein Glück ersehen. Liebe . Die du längst gesucht, sie steht dort, Grüße sie mit Freundes Rede. Der Liebende . Himmel! sie, die Theure ist es? Pilgerin, willst du mich kennen? Pilgerin . O wie könnt' ich dich verläugnen? Dich nicht meinen Liebsten nennen? Beide . Also waren wir uns nahe, Und wir glaubten uns so ferne, Und uns trennte keine Weite, Nur die allernächste Nähe. Scheiden kann nicht Raum und Zeit, die Sich in Glaub' und Lieb' erkennen. Glaube . Doch wo bleibt das kühne Mädchen? Tapferkeit, so komm von dorten! Liebe . Scherz, herbei zu mir behende! Warum hältst du dich verborgen? Tapferkeit und Scherz treten herein. Scherz . Sieh, hier ist dein treuster Diener. Tapferkeit . Dir bin ich berufen worden. Scherz . Eilend komm' ich hergelaufen. Tapferkeit . Weilten auf dem Hügel droben. Romanze . Jenes Mädchen in dem Harnisch, Blanken Helm auf dunkler Locke, Löwe ihr zur Seiten gehend, Und die Brüste schön erhoben, Tapferkeit wird sie genennet: Niemals ist genug zu loben Ihre Schönheit, die so furchtbar In den kühnen Augen wohnet. Schild und Panzer, Eichenzweige Führt sie, Wehrgehenke golden, Was der Vater sagt, das thut sie, Angefrischt von seinem Lobe. – Jener, der ein Knabe scheinet, Ist vor langer Zeit geboren, Aber nimmer kann er altern, Jugend bleibt dem Scherz zum Lohne. Um die Liebe hüpft der Junge, Die erfreut sich an dem Holden, Alles jauchzt an ihm, vom Haupte Bis hernieder zu den Sohlen. Wen er anrührt, muß gesunden, Fühlt erfrischt den Todesothem, Keine Macht kann ihn bezwingen, Unglück trotzt er und dem Tode. Wo er weilet, ist der Frühling, Lacht er, Blumen aufgebrochen, Leid und Jammer. Weheklage Stirbt dem weg, den er erkohren, Alte Märchen weiß er, schöne, Er ist selber wie gewoben Aus den reinsten Phantasien, Von dem Lichte ausgeboren. Liebe . Warum bist du mir entwichen, Diener, der du Treu gelobet? Glaube . Dienerin, du bleibst an meiner Seite, geh mir nicht verloren. Liebe . Immer muß sie dich begleiten, Scheint es fast, du könntest ohne Gattin leichter fröhlich leben, Als ohn' sie, die herrlich thronen Muß in deiner Brust, ich neide Ihr die allerschönste Krone, Mehr als mich, hast du sie immer Zur Vertrauten auserkohren. Glaube . Nie kann mich dein Vorwurf treffen, Aber daß du mit dem Sohne, Mit dem Knaben ewig tändelst, Und wenn nicht von ihm betrogen, Doch verwildern kannst am Ende, Hast du Thorheit eingesogen: Möchtest einst vergessen, fürcht' ich, Daß wir nun im Himmel wohnen. Romanze . Wild erschein' ich, gegen Glauben, Gegen Liebe, rasch und rohe, Dennoch bind' ich sie zusammen, Bin die Eintracht dieser Hohen. Zürne keiner ob dem andern, Du nicht ob dem jungen Sohne, Mutter du nicht ob der Jungfrau, Ihr müßt bei einander wohnen. Niemals kann die Liebe zweifeln, Glauben traut nicht dem Argwohne, Ich bin euer Kind, vereine Diener, Vater, Magd, die Hohe. Tapferkeit . Bist du dort ein Kriegsmann worden? Trägst du Panzer, sammt dem Helme? Ritter . Freudvoll war ich immerdar Und von Herzen dir ergeben, Keine höhre Lust mir wissend, Als den Erzruf der Trommete, Schilder, in der Sonne spiegelnd, Feinde auf der grünen Ebne. Tapferkeit . Immer werd' ein Mann erfunden Und es lohnt dir einst die Ehre. Ritter . Alles will ich fahren lassen, Will der Ruhm nur mein gedenken. Scherz . Du im leichten Hirtenkleide, Willst du mir nicht näher treten? Komm' und sag' mir, wer du sein magst, Daß ich deine Augen sehe. Hirtenmädchen . Immer hast du mir gefallen, Und mir dünkt, daß ich dich kenne, Meine aber, daß wir künftig Mehr beisammen spielen gerne. Die Gefährten sind gegangen Nach den grünen Fluren ferne, Nennen mich die kleine Unschuld, Weil ich noch nicht küssen lerne. Scherz . Kleine Unschuld, du gefällst mir, Immer möcht' ich bei dir leben, Wie du Mädchen, so ich Knabe, Beide gleiche Kinder eben. Mädchen . Freundlich wollen wir mitsammen Viele Märchen, Possen reden. Scherz . Lieblich wollen wir zusammen Durch die grünen Felder gehen. Mädchen . Und wer Blumen sieht am Wasser, Soll sie für den andern lesen. Ritter . Süßes Mädchen, zartes Kindchen, Jetzo muß ich zu dir sprechen: Willst du nicht mein Liebchen heißen, Muß mein Herz' mir innen brechen. Mädchen . Du gefällst mir sehr, ja wahrlich! Schild und Harnisch, sammt dem Degen, Und der Helm mit seinem Busche, Nicht ist mir das Gold entgegen: Willst du wohl mein Liebster heißen Da ich nur ein kindisch Mädchen? Ritter . Kann was schöner sich verbinden, Als der Muth mit Unschuld, Scherze? Romanze . Und du siehst so einsam sinnend, Gar nichts sagt zu dir dein Herze? Dichter . Wer empfindet, wer entzückt ist, Kann der glühend Worte reden? Wenn dein Blick mein Herze anlacht, Bin ich nicht mehr auf der Erden. Was ich wollte, was ich suchte, Was mir keiner konnte geben, Alle Fülle, Schönheit, Anmuth, Seh' ich spielend dich umschweben. Wenn du lächelst, will die Seele Fort aus dem Gefängniß streben, Sich in diese Lippen fangen, In die rothen Fesseln legen: Mit dem Lächeln auferblühen, Sich in goldne Freiheit heben, Mit dem leisen Seufzer wieder In dem holden Kerker leben. Kannst du mir gewogen sein? Möchtest du mich nicht verschmähen? O dann würd' ich in der Freude Ueberseelig untergehen. Du bist Liebe, du bist Glauben, Du bist Tapferkeit und Scherzen, Wenn ich deinen Blick empfinde, Kann ich alles leicht verstehen. Jeder hat, was er gewünschet, Nach dem Herzen sich erwählet, Willst du günstig mir erscheinen, Hab' ich nicht des Glücks verfehlet. Romanze . Wenn du dienest, wenn du treu bleibst, Will ich dich mit Muth beseelen, Bleibe stets mein eingedenk, Wenn die andern mich verschmähen. Einmal hab' ich dich durchleuchtet, Nun mußt du mir treu bestehen, Und dein Herz wird dir geläutert, Wie der Blick durch Silber gehet. Folge denen, die mir dienten, Lieb' auch sie mit voller Seele, Wer da will ein Priester heißen, Muß des Tempels nie vergessen. – Mondbeglänzte Zaubernacht, Die den Sinn gefangen hält, Wundervolle Märchenwelt, Steig' auf in der alten Pracht! Musik. Mit Trompeten kommen die Krieger auf der einen, die Schäfer mit Flöten auf der andern Seite zurück. In der Mitte stehen Glauben und Liebe , zur Seite des Glaubens Tapferkeit , zwischen ihnen der Liebende und die Pilgerin , neben der Liebe der Scherz , zwischen diesen der Ritter und das Hirtenmädchen , im Vorgrunde der Dichter und die Romanze . Chor der Krieger . Ueber die Berge, über die Bäume, Schwebt des Mondes goldner Flimmer, Durch den Wald senkt sich der Schimmer, Drin erwachen zarte Träume. Geister schweifen sacht Durch die grüne Nacht                     Im Walde. Chor der Schäfer . Der Tag versteckt sich in den Schatten, Mondenlicht will uns verkünden, Daß sich Traum und Wahrheit gatten, Sich die Geister wiederfinden, Die auf Erden hier geschieden, Die das Irdische getrennt; Wenn Mondschein brennt, Dann wandeln sie in Frieden                     Im Walde. Liebe . Liebe läßt sich suchen, finden, Niemals lernen, oder lehren, Wer da will die Flamm' entzünden Ohne selbst sich zu versehren, Muß sich reinigen der Sünden. Alles schläft, weil er noch wacht, Wann der Stern der Liebe lacht, Goldne Augen auf ihn blicken, Schaut er trunken von Entzücken Mondbeglänzte Zaubernacht. Tapferkeit . Aber nie darf er erschrecken, Wenn sich Wolken dunkel jagen, Finsterniß die Sterne decken, Kaum der Mond es noch will wagen, Einen Schimmer auf zu wecken., Ewig steht der Liebe Zelt, Von dem eignen Licht erhellt; Aber Muth nur kann zerbrechen, Was die Furcht will ewig schwächen, Die den Sinn gefangen hält. Scherz . Keiner Liebe hat gefunden, Dem ein trüber Ernst beschieden, Flüchtig sind die goldnen Stunden, Welche immer den vermieden, Den die bleiche Sorg' umwunden. Wer die Schlange an sich hält, Dem ist Schatten vorgestellt, Alles was die Dichter sangen, Nennt der Arme, eingefangen, Wundervolle Märchenwelt. Glauben . Herz im Glauben auferblühend Fühlt alsbald die goldnen Scheine, Die es lieblich in sich ziehend Macht zu eigen sich und seine, In der schönsten Flamme glühend. Ist das Opfer angefacht, Wird's dem Himmel dargebracht, Hat dich Liebe angenommen, Auf dem Altar hell entglommen Steig' auf in der alten Pracht! Allgemeines Chor . Mondbeglänzte Zaubernacht, Die den Sinn gefangen hält, Wundervolle Märchenwelt, Steig' auf in der alten Pracht!     Kaiser Octavianus. Erster Theil.   Personen.         Die Romanze . Octavianus , Kaiser. Felicitas , seine Gemahlin. Ihre beiden Kinder. Die alte Kaiserin , Mutter des Octavianus. Räthe:     Adrastus ,     Nikanor . Kammerfrauen:     Cloris ,     Diana . Griseldis , eine alte Wärterin. Biren . Ein Caplan . Apollodorus , ein Wahrsager. Pasquin , der Narr. Clemens , ein Pilgrim. Susanna , dessen Frau. Freunde des Clemens:     Ludwig ,     Anton . Claudius , sein Sohn. Gajus , ein Schlächter. Beata , dessen Braut. Joachim , ein Ritter. Euphrasia , dessen Gattin. Hornvilla , ein Bauer. Alivus , seine Frau. Räuber:     Robert ,     Malchus ,     Pantinus ,     Abraham . Albert , ein Ritter. Antonella , eine Bäuerin. Adam . Schiffshauptmann. Der Schlaf , ein Knabe. Räthe, Volk, Schiffer, Pilger, Räuber, Bauern, Priester.     Pallast. Die Romanze tritt ein . In dem Römschen Kaiserthume Herrscht ein Kaiser, mächtig, groß, Octavianus ist sein Name, Glanz und Pracht schmückt seinen Hof. Seht, Trabanten mit den Spießen Gehn daher, es blizt der Thron, Durch die weiten Hallen leuchtet Reichthum, Macht und Königsstolz. Er der Kaiser mit der Gattin, Beide nahen sprechend schon, Sie Felicitas benamet, Die er liebend sich erkohr. Mir vergönnt, daß ich zuweilen Diene als erzählnder Chor, Vieles Wunder trägt sich besser In Gesang und Dichtung vor. Ruhig laßt das Spiel beginnen, Gönnet uns ein stilles Ohr, Phantasieen wandeln zaubernd Durch der Träume buntes Thor, Laßt ihr nicht die Täuschung walten, Fliegen sie, wenn kaum empor Morgensonne leuchtet, zürnend Mit dem ersten Strahl davon. geht ab. Octavianus . Felicitas . Felicitas . O mein Gemahl, wie ich dein Schweigen ehre, So muß es doch die treue Gattin kümmern. Du sagst, kein Unfall, der dein Reich betroffen, Und keine Furcht, die dir von außen droht, Kein innrer Zwist, kein Feind in deiner Nähe, Vor dem dein Rom und du erzittern müssen, Sei, was den süßen Schlaf den Nächten raubt, Den heitern Blick dem Tage, Ruhe beiden! Doch was es sei, verschweigst du: o Geliebter, Du liebtest mich vor Zeiten, schwurest damals, Es solle nie kein Gram die Seele trüben; So wahrlich ich der Unruh, die dich quält, Unschuldig bin, – erhöre meine Bitte, Und sage mir, was kann dich so bekümmern? Octavianus . Du weißt ja, Theuerste, daß wir nicht selber Uns diesen Leib gegeben, die Organe, In denen Geister schneller bald, bald träger Im Blut des Menschen auf und nieder steigen, Und Trübsinn oder Fröhlichkeit im Herzen, Und aus dem Herzen, aus der stillen Tiefe, Im Auge und im Angesicht erzeugen. Nichts, was ich sagen kann, ist, was mich quält, Es ist ein tiefes Trauern im Gemüthe, Geheimnißvolle Ahndung von dem Unheil, Das die zukünftge Zeit im Schooße trägt. Wer weise ist und seine Krankheit kennt, Befragt den Arzt, gebraucht heilsame Kräuter Und wohlgemischte Tränke, die den Feind Aus dieser Burg, die unser Leben hält, Vertreiben mögen, und die vorge Herrschaft, Die Königin Gesundheit neu befestgen Auf ihrem Thron, von dem sie alle Geister Als ihre Unterthanen sanft beherrscht: Doch wenn wir selbst uns nicht erkennen mögen, Um ein Vertraun im Innern uns zu finden, Wie sollen wir von Fremden doch erwarten, Daß sie uns rathen oder Hülfe bringen? Drum laß mich meinem Grame, theures Weib, Er kam, mir unbewußt, so wird er schwinden. Felicitas . Doch sagst du selbst, daß dich ein Gram beschwert, Du fühlst ihn, darum ist es mehr als Traum Und Ahndung, mehr als leere Luftgestalt: Und wenn's ein Wahres ist, ein Ding, das Ursach Und Ursprung hat, so bin ich deinem Herzen Auf dieser Welt der nächste ihn zu theilen. Wie bin ich dir so fremd geworden? – Vormals War keine Bitte nöthig, meine Liebe Bestürmte nicht wie jezt dein hartes Herz, Verbollwerkt und verschlossen gegen mich, Feindlich den Andrang meiner Zärtlichkeit; Da war dein Herz auf deinen holden Lippen, Noch ungefragt war deine Antwort da, Und nun, – o weh! daß ich so fragen muß! – Was hat doch dein Vertrauen wohl gesündigt – Wann habe ich es mißbraucht, daß du tief Es in den Kerker hast verriegelt, ihm Tyrannschen Argwohn ein zum Wächter seztest? Du bist nicht krank, bist nicht besorgt, das Alter Drückt deinen Sinn mit keinen Lasten, ich Muß glauben, daß nur ich dein einzger Feind bin, Wenn andre deinem Herzen näher wohnen. Octavianus . Nicht diese Seite! denn du thust so mir, Wie andern, wie dir selber großes Unrecht; Wozu der ewge Argwohn? Soll kein Friede In meinem Hause herrschen? Felicitas .                                       Zürne nicht, Du bist mein erstes und mein letztes Glück. Ich weiß ja noch die Zeit, jezt sind es eben Erst sieben Jahr, als du mein Bräutgam warst. Gedenkst du jener Tage noch? Es drängte Ein Abenteur das andre, fremder Ritter Kamst du an unsern Hof zu meinem Vater, Dem Fürsten von der Lombardei, du sahst mich, Du liebtest mich, du siegtest im Thurniere, Der Preis ward dir von meiner Hand gereicht, Da kamen unsre Blicke sich entgegen, Und meine zündeten sich an den deinen. Uns heftete ein unsichtbarer Faden Doch unzerreißbar an einander fest, An jedem Ende unser Herz, das schwerer Erseufzte, als wir uns so ferne waren. O weiß ich doch noch, wie mein nächtlich Flehen, Mein Wunsch am Tage mit dem Schicksal rang Und es bewält'gen wollte: Dein zu sein, Dich mein zu nennen, war mein ganzer Himmel: Da würden tausend Thränen viel geweint, Mein Vater durfte unsern Wunsch nicht wissen, Auch deine Eltern waren uns entgegen, Weil ich aus keinem großen Königshause. Du nahmst mich fort, – mein Vater starb aus Gram, Der deine ließ sich endlich schwer versöhnen, – Das Hochzeitsfest ward endlich doch gefeiert, – Nun war es, was wir wollten – Octavianus .                                   Schweig, hör' auf Den Blick in die Vergangenheit zu wenden; O kann man wissen, was das Schicksal will? Wie Kinder greinen wir den Himmel an, Sind ungestüm und bitten, drohen halb, Verwünschen uns, und er kennt unser Bestes, Giebt endlich uns mitleidig nach, und sieh, Es stehen die verzognen Kinder da, Sind immer nicht zufrieden, – werden's nie. Felicitas . Ich denke gerne der vergangnen Zeiten, – Warum sind sie nur gar zu schnell verschwunden? Octavianus . Wie flüchtig ist die Zeit! und wie beharrend, Wenn uns die Gegenwart mit Qual umgiebt, Wie träge dann zu scheiden, Platz zu machen. Felicitas . O du bist gut, du bist mir stets derselbe – Octavianus . So wie du mir, so bin ich dir geblieben. Felicitas . O dann hab' ich gewonnen, o dann trotz' ich Jedwedem, was die Bosheit sagen mag, Dann ist Felicitas so glücklich wie Ihr Name, ja, dann bin ich deine Braut, Dann ist mein Vater nicht gestorben, dann Soll mir kein Vorwurf meine Ruhe trüben. Was bliebe mir auch noch zu wünschen übrig? Seit sieben Jahren flehten wir zum Himmel Um Kinder, aber ungesegnet blieb Mein Leib, wir thaten viel Gelübde, Wir wollten endlich nach Jerusalem, Das heilge Grab des Auferstandnen sehn, Die Stapfen küssen seiner süßen Füße: Da wurde vorher unser Leid erfreuet. Wir waren Pilger nur noch in Gedanken, Und schon war Gottes Segen an mir sichtbar, Ein Zwillingspaar von schönen süßen Knaben Erfreute mich nach meinen heftgen Wehen, Und nun, – seit diesem Tage, hab' ich keinen, Der mit mir meine Freude theilte, einsam Mehr als zuvor bin ich in meinem Glücke. Octavianus . Mein theures Weib, ich weiß – des Himmels Wohlthat – Felicitas . Du weinst? – O Gott! o theurer Mann! o theurer Als Leben mir, als meine beiden Kinder – Octavianus . O laß mich jezt, nur jezt – ich kann nicht mehr. – Felicitas geht ab. Octavianus allein . Mir will das Herz in meinem Busen springen. Wo bin ich denn? Ich weiß mich nicht zu fassen, Ich liebe noch und sollte tödtlich hassen, Die schwache Brust kann sich nicht selbst bezwingen. Gleich Pfeilen ihre Blicke in mich dringen! Ich will, – doch ist kein Wille mir gelassen, Und blick' ich um mich, bin ich ganz verlassen, Der Thron kann niemals keine Freude bringen. Wohin soll ich mich wenden? – Soll ich sterben? Soll ich, was sonst mein Liebstes, grausam tödten? Auch tödtend, todt, entflieh ich nicht dem herben Gefühl, ich kann die Hand mit Blute röthen, Dem eignen, ihrem, – aber keine Flucht, – Auch über's Grab verfolgt uns Eifersucht! Felicitas mit den beiden Kindern, Hofdamen. Felicitas . Sieh hier die Kleinen, sieh die theuren Pfänder, Die zarten Blumen, dieser gleich der Rose, Der Lilie jener, die gar bald verwelken, Und weinend wieder in das Dunkel gehn, Wenn Liebe nicht den reinen Himmel ausspannt, Wenn Mutter-Augen, wenn des Vaters Blicke Nicht auf sie scheinen – o so sieh sie an, So wie du dastehst, sind sie arme Waisen. Octavianus küßt die Kinder . Sie sind die mein'gen, und ich bin ihr Vater! Sie wollen lächeln, – drehn sich nach dem Lichte, Ihr Auge geht in mich, im meine Seele. Felicitas . Ihr Herz empfindet deine Liebe; Vater, So sagt ihr Auge, denn ihr Mund vermag's nicht, Die Gliederlein, die kleinen Formen, dein Gepräge, Abbild, richtet sich zu dir, Und sucht den Willkomms-Gruß in deinem Herzen. Octavianus . Felicitas! – mein süßes Weib! – Von neuem Als Braut mir zugewendet, – küsse mich. Felicitas . Wie herrlich sind die trüben Wochen, wie Die Schmerzen, alle Sorgen mir bezahlt! Es hüpft mein Herz in Lustgefühl und Freude; Wie sollten wir uns jemals mißverstehn? Octavianus . Nein, niemals! Doch die kleinen Kinder, sieh, Des Ortes ungewohnt, des freien Lichtes, Verlangen nach der stillen Wohnung wieder. Felicitas . So lebe wohl, mein süßer Bräutigam, Ich lege sie in ihre Wiegen wieder. ab mit den Hofdamen. Octavianus allein . Es kann nicht sein – Ich weiß ja, daß die Mutter Die arme Frau stets haßt und hassen wird. Wer ist auf ihrer Seite, wenn nicht ich? Wem soll sie trauen dürfen, wenn nicht mir? Wer ist denn wohl mein Himmel, wenn nicht sie? Ich will den Greifen, der sich an mein Herz Mit seinen Klauen hängt, besiegen. Fort Thörichter Wahn! ich bin vom Schlaf erwacht. Adrastus, Nikanor , Biren und Gefolge treten ein. Nikanor . Meinem Kaiser Heil. Das Jagdgefolge ist versammelt, die Jäger sind rüstig und alles ist in Bereitschaft. Biren . Ich habe für Ew. Majestät ein neues Jägerlied verfertigt, das ich singen werde und wozu geblasen werden soll. Adrastus . Ihr seht heiter aus, mein Kaiser, und das wird jeden eurer Unterthanen freuen, so wie sich jeder Diener freut. Octavianus . Ich bin es auch, Adrastus, recht von Herzen, Und darum wollen wir die Jagd und Euch Entlassen, ein Gemüth, das in sich froh ist, Bedarf der Töne nicht, nicht des Tumultes Und keiner frohen Lieder. Laßt mich heut, Ich bin am liebsten in der Einsamkeit. – geht ab. Nikanor . Die Anstalten waren also vergebens. Was hat diese Veränderung so plötzlich hervorgebracht? Biren . Der Kaiser ist seit den sieben Wochen so veränderlich wie Aprilwetter. Man sollte fast denken, er wäre selber schwanger geworden, so mannigfaltig und unbeständig sind seine Gelüste: bald ist er im Garten, bald in seiner Bibliothek, bald im Walde, bald läßt er alles liegen und stehn, und sitzt gedankenvoll und träumend im Winkel. Es muß doch ein seltsames Ding seyn, ein Vater zu werden, daß es die Leute so verwandelt, daß man sie mehrentheils nachher nicht wieder erkennt, so umständlich, schwerfällig, altklug und vernünftig werden die meisten; unser Kaiser aber hat gar alle Arten von Vaterlaunen in sich vereinigt, und wird nun gar, da er schon immer vorher ein Philosoph war, nun zu einer Art von Narren. Adrastus . Mäßige deine Zunge, dir ist die Sanftmuth unsers gnädigen Kaisers zu bekannt, sonst würdest du es nicht wagen, so mit seinem Namen zu freveln. Biren . Holla, Herr Staatsrath! Was fahrt ihr mich so an? Ich glaube, ich kann verantworten, was ich sage, denn ich meine nichts Böses dabei. Es ist jedem erlaubt, zu sprechen, wie er will. Adrastus . Der Hof wird eine Versammlung von Schwätzern werden, wenn deiner Zunge nicht einmal Einhalt geschieht. Geh zum Hofnarren. Biren . Ja, nicht wahr, da sitzen und nichts sagen, das ist die rechte Weisheit? dahin wollen euer Gnaden? Es ist wohlfeil, für weise zu gelten, wenn man es dem Munde unmöglich macht, etwas Einfältiges hervorzubringen. Das ist die Kunst, mit Anstand Hem! zu sagen, und sich zu räuspern, und die Brust aufzuwerfen, als wenn Kinn, Hals und Bauch riefen: Nun gebt Acht! Worauf denn doch nichts erfolgt, sondern das Hem! und »ja ja, so geht es in der Welt,« und diese Stellvertreter der Rede wieder ihren Platz einnehmen, und sich so wenig darnach ergiebt, wie nach einem Tumulte des gemeinen Volks. Adrastus . Wollt ihr mir folgen, Nikanor? Biren . Und ich sage es noch einmal, und werde es unaufhörlich sagen: es ist ein Wunder mit den beiden Zwillingen, das ich nicht begreifen kann. Unser kalter, vernünftiger Kaiser erzeugt auf einmal zwei schöne, starke, gesunde Kinder, da er in der Astronomie und Astrologie sieben Jahre vergebens gearbeitet hat, nur eins hervorzubringen. Und hiermit will ich mich entfernen, denn ich verstehe wohl die Runzeln auf eurer Stirn; wer aber wird sagen wollen, daß ich etwas Ungeziemliches gesprochen, gegen den werde ich mich verantworten können. geht ab. Nikanor . Wie darf dieser Mensch so frech herumlaufen! Adrastus . Ihr kennt ja die Aegide, die ihn beschirmt, die Mutter des Kaisers, bei der dieser fade Bursche mit dem milchigen Angesichte alles gilt. Nikanor . Wir müssen freilich schweigen, denn der Kaiser ist zu gut, um sich gegen das Böse zu waffnen. Adrastus . Der Kaiser ist zu früh das geworden, was er ist, und solche Talente, die wie mit der Hitze eines Treibhauses wachsen, erreichen bald ihre höchste Blüthe, über welche hinaus sie nichts vermögen, er ist, – doch wir mögen lieber denken, was er ist und sein könnte, als es aussprechen, was wir von ihm denken, es giebt der Auslauscher genug, und keiner steht so sicher, daß er dem Ohngefähr Trotz bieten dürfte. Nikanor . Es empört mich oft, daß dieser Bursche uns alle beherrscht. Als ein armer Pfeifer kam er hieher, der sein Brod vor den Thüren suchte; hier ward er von der Kaiserin Mutter aufgenommen, für ein Wunder ausgeschrieen – Adrastus . Wie es immer mit solchen Landläufern geht, die allemal dem redlichen Manne vorgezogen werden. Doch es ist noch nicht aller Tage Abend. Lebt. wohl, mein Freund. Nikanor . Ich wünsche euch wohl zu leben. sie gehen. Zimmer des Kaisers, in welchem Bücher zerstreut und aufgeschlagen umher liegen. Octavianus allein . Die Kunst will nichts von meiner Frage wissen! – Zwar seh ich im Gestirn, im Horoskop, Daß ich kein Mann bin, der geartet ward Bei Weibern Glück zu machen: kalt und ruhig Ist die Constellation, gemäßigt sind Bei mir die Leidenschaften alle, wo Es Dauer gilt, Geduld, mühsame Arbeit, Auch Tapferkeit und Stärke, Weisheit selbst, Da sind mir alle Sterne glücklich; aber Venus War mir entgegen, und der frostige Saturnus streifte mich mit kaltem Strahle, Als ich zuerst die Welt begrüßte. Drum Ist alles mißlich. – Besser wäre mir's, Ich lebte mit der schwachen Thorenmenge, Die nie ein Thun, die kein Gethanes kümmert. In allen Winkeln seh ich sie schon lauern, Die schadenfrohen Geister, die das Leben Den Menschen wild verwirren, die Kobolde, Die ihre Lust boshaft in Kränkung suchen: Vielleicht ist unterwegs die böse Stunde, Die unversehens mich ergreift und fortführt. – Ich will mich waffnen, will mein eigen bleiben. – Es nahet wer. – Wer ist so unverschämt, Den Wohnsitz meiner Ruhe zu verstören? Soll auch bis hieher selbst die lärmende Geschäftigkeit mit Bettlers-Zunge dringen? Die Kaiserin-Mutter tritt herein. Octavianus . Seid ihr es, Mutter? Kaiserin .                                         Wie? Es kam so weit? Mir wagst du es, den Zugang zu verwehren? Ist deine Mutter deine Feindin? Dies Der Lohn für meine Liebe, für die Sorgfalt, Die mich mein Alter stets vergessen macht, Die mich in deiner Jugend jung erhält, Daß du mir wie dem Bettler darfst begegnen? Hab ich's um dich verdient? Noch weil ich lebe, Willst du dich mir entziehn und mich vergessen? Mit schnödem Undank lohnen? Octavianus .                                     Liebe Mutter, Ich dank euch eure Liebe, wenn sie auch Mir Schmerzen giebt, statt Freuden, aber laßt Mir heute diesen guten Tag, an dem Sich mein Gemüth nach langer Zeit ergötzt. Ihr seht, wie ich beschäftigt bin; die Rechnung Will Eil, Aufmerksamkeit, die Kräfte streiten, Gestirne steigen auf und nieder, nirgend Ist träge Ruhe, Stillstand – Kaiserin .                                   Nirgend, Als nur in dir, in deinem eignen Herzen, In dir, der du dich selbst erniedern magst, Den's freut, sich von der Welt verhöhnt zu sehn, Des Weisheit sich in Schande brüsten will, Zu zeigen, wie er tief gesunken. So Muß ich den Sohn erblicken, der mein Stolz war? O wär ich doch gestorben! dies erleben Ist mir zehnfacher Tod. Der ist nicht todt, Der rühmlich schließt; gestorben ist noch lebend, Wes Stirn die Schande brandmahlt, und gestorben Bist du, hast nie gelebt, und nur Gelächter Wird einst von deinem Grabe schallen, Thor. Octavianus . Was wollt ihr, Mutter? ich versteh euch nicht. Ja darum wollt ich eure Nähe lieber Entbehren, weil ich thöricht, schwach genug Vor diesem Gift mich fürchte, doch es nehme, Mein Ohr euch leihe, und mich drum bestrafe, Mein Herz euch öffne, und mich drum verfluche! O Hölle! Hölle! keinen andern Wohnsitz Erwähltest du, als nur mein Herz? – Kaiserin .                                                   Was tobst du? Was schiltst du dich und mich? Bist du ein Mann? Ist dies die Tapferkeit, die sonst dir eigen, Die Weisheit, die man vormals an dir rühmte? Was soll dich quälen, wenn Vernunft dir sagt, Der Gegenstand sei deiner Qual nicht werth? Und hast du dies erfahren, ziemt es dir Mit Stärke dich zu waffnen und zur Strafe Den Arm empor zu heben, und die Weisheit, (Wenn jemals sie dich hat gewürdiget) Muß dich belehren, was Nothwendigkeit, Daß du gelassen siehst den Streich geschehn. Octavianus . Was soll ich thun? In meinem Eingeweide Steht die Megäre auf und hungert grimmig Nach Mord und Flammen; ja, ich hör' das Zischen Der Schlangenhäupter, alles ist geschehn, – Da seh ich auch die Reue hintennach, Das Knirschen mit den Zähnen und das Winseln, Allein ihr wollt, mein Leben ist vernichtet. Kaiserin . Wo ist die Sanftmuth, wo ist die Geduld, Die du an dir so oftmals hast gepriesen? Octavianus . Mit Kälte soll ich morden, wie der Henker, Und dazu lächeln, und sie ist mein Weib? Kaiserin . Nach ihrem Wandel nein, sie war es nie, Sie hat sich selber von dir abgeschieden Durch Schandthat, schlechten Wandel, Unkeuschheit, Die schon gemeine Weiber tief erniedern, Die Kaiserin der Flamme würdig machen. Octavianus . Es kann nicht sein, ich sag', es ist nicht so, Ihr Blick ist Sittsamkeit, Unschuld ihr Ton, Sie liebt mich nur zu sehr, und das ist Sünde, Da ich der Liebe gift'gen Hohn nur biete. Kaiserin . O eitler, blöder Thor! und Weiberkünste Vermögen es, dich also zu erschüttern? Ja, du verdienst, daß ein unmündig Mädchen Aus dir noch ihre Puppe macht, dich höhnt. Unschuldig sie, weil sie es selber sagt? Dir treu, weil sie mit falschen Schwüren schwört? Dich liebend, weil sie lispelnd vor dir steht, Und du ihr selbst nur gar zu gerne glaubst? Dann geht sie hin und lacht im Arm des Buhlen Der Schwachheit, deiner Liebe, deiner Treue. Octavianus . Ja, überzeugt mich, überführt mich, sei's! So will ich auch die letzte, letzte Ahndung Von ehemals, von allem, was ich fühlte, Was sie mir war, aus meinem Herzen reißen. Kaiserin . Dein Auge soll dich selber überführen. – Ja, lieber Sohn, du darfst nicht so erschrecken, Nur Eifer für dein Glück, für deine Ehre, Giebt mir die widerwärt'ge Rolle auf, Die ich zu meinem Leid zu Ende spiele. Octavianus . Was ist die Welt, was sind die Menschen dann, Wenn sie mich hat so arg betrügen können? Kaiserin . Wenn ihr nur Augen hättet! hab' ich nicht Von Anfang dich gewarnt? Ich war dagegen; Ich bat, ich flehte, wurde nicht gehört, Das Abentheuer wurde ausgeführt, So sehr warst du bethört in deinen Sinnen. Sie hielt sich für die schönste, lockte stets Jedweden Mann, der ihr nur nahe kam, Ward selbst zum Mann, ritt mit dir auf die Jagd In wunderlicher bunter Kleidung, tanzte Und hüpfte wild umher, – und alles Unschuld! Der Buhlerin genügte nicht dein Herz, Die keusche Liebe, ihre Lüste riefen Nach Sättigung; schon sieben ganzer Jahr Hast du ein Kind erflehet, doch vergebens, Sieh, unersättlich feilscht Felicitas Nach Sünde, sie zu offenbaren, läßt Des Himmels Zorn sie Zwillinge gebären. Ha, wer nicht blind ist, sich nicht selbst verblendet, Sieht alles, wie es ist, und zweifelt nicht. Octavianus . Ihr sagt, ich sollte selbst, – kommt, laßt uns gehen, Wer straft, muß selbst mit eignen Augen sehen. sie gehen. Der Pallast. Biren . Diana . Cloris . Diana . Ihr werdet nie gescheidt werden. Cloris . Ihr seid der muthwilligste Schwätzer unter der Sonne. Laßt uns, wir müssen zur Kaiserin. Biren . Hört mich nur weiter an, und ich will euch beweisen, daß es eure Pflicht sei, mich zu lieben und in dieser Nacht bei mir zu bleiben. Cloris . Wir halten unsre Ohren zu. Biren . Dann mögt ihr fürs Erste gehn, und der Kaiserin einen schönen Gruß von mir bestellen. Diana . Die gefällt euch wohl auch? Biren . Mir gefallen alle Mädchen und alle Frauen, die Kaiserin aber vor allen, und –ich weiß, was ich weiß. Cloris . Was wißt ihr denn? Biren . Daß ich ihr nicht mißfalle. Je nun, kommen Berg und Thal doch wohl zusammen. Diana . Seht den Unverschämten! Biren . Was das Auge sieht, begehrt das Herz, ein junger Gesell darf mit seiner Hoffnung so hoch steigen, als ihn seine Einbildung nur tragen will. Cloris . Nehmt euch nur vor dem Fallen in Acht. Biren . Die Kaiserin ist schön, jung, ich bin nicht alt und nicht häßlich, ich bin ihr zugethan, sie ist freundlich gegen mich, ich muß oft vor ihr singen, sie nennt meine Stimme süß, sie sagt, daß ich mit Ausdruck singe, – und mehr sollt ihr nicht erfahren, ihr neidischen Plauderinnen. Nun komm, Diana, gieb mir einen Kuß, und du, Cloris. Cloris . Fort! Lästerzunge! Diana . Seit ihr an den Hof gekommen, hat man nichts als Verdruß. Die alte Kaiserin kommt. Kaiserin . Wo ist die Kaiserin, ihr lieben Kinder? Cloris . In ihrem Zimmer, und sie hat die Kleinen Zu Bett gebracht und lieblich eingesungen; Drauf hieß sie uns, wir sollten uns entfernen, Die Kinder schlafen, nur die Wärterin Ist bei ihr, denn sie will allein seyn. Kaiserin . Vielleicht bedarf sie eurer, geht und fragt – Cloris und Diana ab. Biren . O meine Kaiserin, wie habt ihr lange Mir nun schon keinen lieben Blick geschenkt, Mir ist es eine Ewigkeit, seit ich vor euch Kein Lied gesungen, euch mit keinem Ton Ergötzt, – ihr seid mir nicht mehr zugethan. Kaiserin . Mich kränkt und quält um mancherlei die Sorge, Da bin ich nicht zu Liedern aufgelegt. Biren . Wenn ihr mir euren gütgen Schutz entzieht, So sink ich wieder in den Staub, der Neid Der alten Thoren wartet nur den Wink Von euren Augen ab, um mein Talent Zu schmähn, mit Füßen es zu treten. Du, Nur du allein und deine Majestät Bist meine Sicherheit. Was quält dich so? Kaiserin . Du bist noch jung, genieß der frohen Tage, Und gönne Kummer und den bleichen Gram Dem Alter; noch wie immer lieb' ich dich, Drum soll dein heitrer Blick nicht trübe werden Durch das Gewölk der Schwermuth. Höre Sohn – Biren . O Gütigkeit! o himmlische Gestalt! Hier könnt' ich vor dir nieder knien und weinen, So liegen bleiben, deiner Stimme horchen; O könntest du mein Herz im Busen sehn, O könntest du mich manchmal reden hören, Wie ich dein Lob verkünde, wie ich dich Den Freunden preise, dich vergöttre – Kaiserin .                                                       Still! Ich glaube dir, du bist nicht undankbar; Doch hab' ich noch nicht Dank von dir verdient, Du mußt nicht überzärtlich im voraus Bezahlen, was den Werken erst gebührt, Das stumpft gar leicht den allerbesten Vorsatz. Du gutes Kind, blüht jezt dein Sinn so reich An Liebe übervoll, da ich noch nichts Für dich gethan, da ich noch mein Versprechen Nicht halten konnte, hier dein Glück zu machen, Was willst du thun, welch Opfer willst du bringen, Wenn meine Worte mehr als Worte sind? Biren . Ihr habt noch nichts gethan? Wie? Leb' ich nicht? Bin ich nicht wie ein frohes Füllen spielend Im Sonnenscheine eurer Gnade? Blickt Nicht Neid und Bosheit auf mich scheel, von Hoch Und Niedrig, soll– ich kann's nicht sprechen, – Fürstin, Schon in der Hoffnung lacht das höchste Glück. Kaiserin . Doch wen Fortuna soll so schön bekränzen, Der muß sich auch der Kränze würdig machen. Biren . Was kann, was soll ich thun? Kaiserin .                                             Nicht zagen, Um diesen Preis ein kühnes Stückchen wagen. Biren . O nennt es nur, und mag alsdann Gefahr Mir dräun mit ihrem wilden Schlangenhaar, Mag mir der Tod sich dort entgegen drängen, Mag sich der wildste Sturm der Kett' entreißen, Der Donner schelten mit den tiefsten Klängen, Und mich den Rückweg drohend suchen heißen, Ja, selbst der Blitz kann zischend niederzücken, Und Eichen über meinem Haupt zersplittern, Soll mir ihr Auge nur entgegen blicken, Will ich vor Donner, Blitz, und Tod nicht zittern. Kaiserin . Das ist ein wackrer Ton, ein edles Wort, So muß ein kühnes Blut die Welt betrachten, Ein solcher findet Ruhm an jedem Ort, Wer so sich acht't, den müssen alle achten, Und Frauenlieb, und alle süße Gunst Bekränzen wohl des Jünglings heitres Leben, In Auge, Blick und Stellung liegt die Kunst, Die unsichtbar ein Gott ihm mitgegeben, Das sind die allerstärksten, härtsten Ketten, Mit denen er sie all' gefangen führt, Wie Blumen weich, ein stilles Angebinde, Ein lächelnd Wort, das tiefste Weisheit spricht, Ein Zauberbann, ein Wesen, das zur Sünde Die Weiber führet und sie wissen's nicht: So seid ihr von dem Schicksal auserlesen, Felicitas kann nur durch euch genesen. Biren . So ist es nun gewiß? Kaiserin .                               Ihr müßt nur selber Euch männlich erst vertraun, denn oftmals will Sich die Gelegenheit nicht selbst erkennen, So zagt sie vor dem leisesten Gedanken: Das Weib will stets, man soll die Gunst errathen, Sie will im Spiel nur durch Verlust gewinnen, Will sich das Recht der Klage vorbehalten, Und arge List, Beredsamkeit, Gewalt, Muß sie, sich unbewußt, zum Ziele führen; So lügt sie vor sich selber, um so sichrer Den zu belügen, dem sie liebend naht. Dann kommt Gewohnheit, und in süßer Täuschung Vergißt sie endlich des Betrugs, von Stunden, Erinnerungen, Sehnsucht, selbst betrogen: Dann folgt erst das Geständniß, und die Lippen, Wenn sie schon längst geküßt, gestehen erst, Daß diese Küsse küßten, diese Worte Dem Liebenden Kleinod' in Gold gefaßt, Noch süßre Küsse dem Gehör gegönnt, Das nicht die durstgen Lippen mehr beneidet. Der holde Trug, die Lüge, Widerstreben, Erlogne Schaam, die mit der wahren kämpft, Sie waren stets und sind der Liebe Kinder. Felicitas ist dazu Kaiserin, Ihr bringt schon der Gedanke mehr Gefahren, Als andern kaum die That, sie wird sich selbst Nicht das gestehn, was sie muß Schwachheit nennen, So wenger andern, denn jedwed' Geständniß Scheint Anklag' ihr und Tod. – Jedoch ich weiß Das was ich weiß – Biren .                           O, laßt mich hören, – sprecht, Aus ihrem Munde selbst? Kaiserin .                                 Euch gilt's gleich viel, Traut meinem Wort, daß sie euch einzig liebt, Und wünscht, euch bald recht vieles vorzuwerfen, Wofür ihr euch nicht zu entschuldgen wißt. Biren . Ich bin wie trunken, wie im Himmel, wie Ein Nachtwandler, der auf des Thurmes Zinne Erwacht und über sich die Sterne sieht: O goldnes Glück, wer hätte dich vermuthet? Wie durft' ich glauben, diesen Schatz zu finden? Kaiserin . Geht auf mein Zimmer, denn wir sprechen dort Von unsern Planen noch ein weiteres. Biren . Ihr seid mein Leitstern, mein Orakel, fodert, Und was geschehen soll, geschieht, mich schreckt Kein Thron, kein Drohwort, alles gilt mir nichts, Wenn ihr auf meiner Seite bleibt und handelt. geht ab. Kaiserin . Wie findet doch die Rache stets Gesellen, Die sich freiwillig ihr zur Seite stellen? Er meint, ich könnte meinen Sohn vernichten, Um ihm ein glänzend Glück nur zu errichten, Getrost geht er den Weg zum Abgrund hin, Es sieht die Schlünde nicht sein blöder Sinn. – Die wilde Liebe, zwischen ihr, der Fremden, Und Octavian, sie soll sich plötzlich wenden, Bald soll ihr Hohn, ihr Spott sie selber treffen, Sie sieht sie nicht, die blutge Geißel, die Geschwungen schon ihr droht.– Dann wird mein Sohn Mir wieder, was er war, er ist geblendet, Sie hat mir Herz und Seele schon entwendet. – geht ab. Schlafzimmer der Kaiserin. Felicitas . Griseldis . Felicitas . Nun geh, meine gute Griseldis, und lege dich auch zur Ruhe. Griseldis . Wollt ihr nicht, daß ich bei euch wache? Felicitas . Geh zu Bett, so wie die andern, deinem Alter ist der Schlaf gut. Die Kinder sind still, ich bin gern des Nachts munter. Laß mich, es ängstet mich nur, wenn ich sehe, wie du dich meinetwegen bemühst. Griseldis . Keine Mühe, gnädigste Frau – Felicitas . Ich befehle dir, geh, morgen sehn wir uns wieder.         Griseldis ab. Wie süß die Kindlein schlafen! – Wie so lieblich Sie in die Brust den Athem ziehn, und sorglos Ganz in sich ruhn, von Träumen zart umfangen, Von Engelfittigen beschirmt. Ihr Knaben, Geliebte Kinder, wißt nichts von der Welt, Kennt nur die Mutter, die euch Nahrung reicht: Das Leben quillt in euch und macht euch größer, Der holde Schlaf giebt liebliches Gedeihn. O Gott! wie bin ich glücklich! – Aber nein, Kein Glück darf ungetrübt dem Menschen werden, Er muß es fühlen, daß er lebt auf Erden, Die harte Erde mischt sich mit der Sonne, Und Trübsal dunkelt uns jedwede Wonne, So wie die Kerze golden angefacht Am Dochte brennet, der sie dunkel macht. – Es macht mich, wenn ich alles denke, müde, O komm auf mich, du stiller heitrer Friede, Der Stern wird auch von meinem Himmel weichen, Dann glänzt mir wiederum ein günstig Zeichen. – Ob wohl die Lampe hell genug, daß bei Dem Schimmer ich das angefangne Mährchen Zu Ende lesen mag? sie nimmt ein Buch. Wie doch die Liebe Der Mittelpunkt von jeglicher Erfindung, Von allem ist, was künstlich wird ersonnen! Das ist es doch, was alle Menschen wollen! – Ja, mir verjüngt sich alles, – wie ich einst Mit ihm mich auf der Jagd verlor vom Haufen, Wir von den Pferden stiegen, in der Mitte Des Waldes, wo die rothen Blumen standen, Ein Bächlein rauschte, sammt den hohen Wipfeln, Wie dort sein erstes Liebeswort erwachte, Wie da sein erster Kuß mich überraschte, Wie da Geständniß sich mit dem Geständniß Vertauschte, jeder lauschte, und es rauschte Der Wald, wir hörten nichts und fuhren auf, Wenn sich die Büsche neigten. Nur zu sehr Hab ich ihn stets geliebt, zu schnell mich ihm, Dem Liebesdrang ergeben; was nicht schwer Der Mann erringt, das hält er auch nicht theuer – Der Lampe Strahl ist ungewiß und dämmernd, Das Buch ermüdet mich, und Schläfrigkeit Ergreift und wiegt die Sinnen ein, ich weiß nicht Ob ich es wagen darf, dem Schlafe mich Ergeben; – doch, ich wache ja, so wie Die Kleinen sich bewegen. – Wunderbar – Wie still die Nacht – sie schläft ein. Die alte Kaiserin öffnet leise die Thür und läßt Biren herein. Kaiserin . Sie schläft auf ihrem Ruhebette dort, Ihr habt Gelegenheit und Nacht und Liebe Auf eurer Seite, nun vertraut euch selbst. sie entfernt sich. Biren . Wo bin ich denn? Wie bin ich hergekommen? Welch Stern regiert anjezt am Himmelsbogen? Ist Venus dorten liebend angeglommen, Entsteigt sie golden wohl den Meereswogen? Sind Liebesgötter mit ihr aufgeschwommen? So hast du mich denn, Göttin, nicht betrogen? Ich schaue mich in diesem, diesem Zimmer Mit ihr allein bei mattem Kerzenschimmer! Darf ich den eignen Sinnen wohl vertrauen? Und ist es nicht ein schmeichelhaftes Wähnen? Ich darf sie so in lieber Nähe schauen, Nach der so lange rang mein heftig Sehnen? O Schönste du, holdseligste der Frauen, Du willst nun endlich meine Wünsche krönen, Du gönnst dem Jüngling deinen süßen Leib, Willst nicht mehr Fürstin sein, nur liebend Weib! Und dennoch wag' ich's nicht, sie anzurühren. Wie reizend, wie sie hingegossen ruht! Dies Bildniß könnte Heilige verführen, Wie mehr ein frisches, jugendliches Blut; Was will ich noch? verschlossen sind die Thüren, Doch sie zu wecken fehlt es mir an Muth, Ich fühle mich im zitternden Verlangen, In Furcht und kühnen Wünschen eingefangen. Der runde Arm erhebt sich ob dem Haupte, Der Athem hebt und senkt die schönen Brüste. O daß kein Schleier mir die Reize raubte, Daß nur mein Aug' um diese Formen wüßte, O daß der frische Mund es mir erlaubte, Daß ich den Schlaf von diesen Lippen küßte, Daß ich das Licht der Augen leuchten sähe, Daß sie erweckt mich zornig nicht verschmähe! Sie schläft wohl nicht, und will, ich soll es wagen, Mein großes Glück, die Wonne zu ergreifen, Ich seh die Brüste mir entgegen schlagen, Die selbst die Hülle kämpfen abzustreifen; Im Schlaf darf sich die Frechheit nicht verklagen, Sie will zur Liebe höchste Güte häufen, Die hellen Augen würden mich beschämen, Und meinem Muthe seine Flügel lähmen. – Wer ist schon jemals so beglückt gewesen! Biren, du darfst die Augen keck erheben, Du bist von vielen Tausenden erlesen, Die allerhöchste Wonne zu erleben. Ich nahe dir, du allerreinstes Wesen, Ich widersteh nicht länger diesem Streben – O weh! Was ist? – Vernehm ich draußen Schritte? Es nahen hieher selbst die frechen Tritte. Die alte Kaiserin und Octavianus treten ein. Kaiserin . Hier siehst du sie und ihn, ermiß nun selber, Ob Lüge, ob ich Wahrheit stets gesprochen. – Wie? Bist du stumm? Felicitas träumend .           O! meine lieben Kinder! O wer beschützt euch vor dem starken Löwen!         sie erwacht. O Gott! o dreimalheilger Gott! Was seh ich? – Ich träume etwa noch. – Ist dieser dort, Die starre Bildung mit dem bloßen Schwerdt, Ist der mein Gatte? Kinder, lebt ihr noch? O mein Gemahl! – Was will hier der Gesell? Die Kaiserin! O weh mir Unglückselgen! Fast muß ich alles nun errathen. Octavianus .                                         Fast? Du Ehebrecherin! Felicitas .                     O hör' mich an. Kaiserin . Willst du sie noch zu Worte kommen lassen? Soll sie dich mit der glatten Zunge täuschen? Octavianus . O schweig! Kein Wort! Kein Athemzug! He Wache draußen! Wache tritt ein. Werft mir diese da, Mit ihrer schnöden Brut, der Bastardbrut, In einen tiefen Kerker! Felicitas . Du hörst mich nicht, ich soll zu dir nicht sprechen? Leb wohl, du wirst mein armes Herze brechen. O meine Kinder, – ach ja, weint nur, weint, Kein Glück für uns auf dieser Erde scheint. mit der Wache ab. Biren niederknieend. O mein Gebieter! Octavianus .               Ist's möglich, Rasender, Du stellst dem Basilisken dich ins Auge? Biren . Ich wollte, o mein theuerster Monarch – Octavianus . Du Schändlicher! Biren .                                         Mein Glück zu machen kam ich – Octavianus . Schweig! Biren .                           Hört mich nur an. Kaiserin .                                                   Du läßt ihn sprechen? Octavianus sticht ihn nieder . So finde deinen Lohn! – O meine Mutter, Taub, fühllos bin ich, blind und ohne Sinnen. Wohin verberg ich mich? – O kommt von hinnen. sie gehn ab. Pallast. Adrastus , Nikanor . Adrastus . Noch bin ich starr vor Schrecken und Erstaunen. So hat die Bosheit endlich doch gesiegt? Nikanor . Ich stehe wie im Traum, wie ein Erwachter, Dem plötzlich Sonne seine Augen blendet; Ich suche mich an etwas festzuhalten, Zu überzeugen mich, es sei kein Traum. Diana kömmt. Diana . O meine Herren, meine werthe Herren, Habt ihr's gehört? – O schafft der edeln Frau, O Hülfe schafft ihr! Rettet sie vor Schmach! Adrastus . Wir stehn noch hier betäubt, als wenn ein Blitz Vor unsern Füßen eingeschlagen wäre. Cloris kömmt. Cloris . O Hülfe! Rettung! O der schlimmen Zeit! Nikanor . Was ist zu thun? des Kaisers Zorn ist mächtig, Die That spricht gegen sie, es ist kein Freund, Der's wagen darf, sich ihrer anzunehmen. Cloris . So bleibt doch euer redliches Gemüth, In euch muß sie die letzte Hülfe suchen. Adrastus . Die Leidenschaft des Fürsten ist zu taub Um Rath zu hören, sich zu mäßigen. Nikanor . Das hat die alte Fürstin längst gesucht, Sie hat gewonnen, jene ist verloren. Pasquin tritt ein. Pasquin . Ei, das sind ja schöne Begebenheiten! Herrliche Neuigkeiten! Unser Sänger, der Herr Biren, hängt draußen hoch am Galgen, so eben hat ihn der Kaiser frisch abgestochen, und nun wird er in die kühle Luft gehenkt. Nikanor . Schweig jezt mit deinen Possen. Pasquin . Keine Possen, mein hochgeehrtester Herr, sondern die reine Wahrheit. Er hängt in der That draußen, wie ein abgewürgtes Huhn, die ganze Stadt kann ihn sehn und sich an ihm spiegeln. Adrastus . Fort, Schalksnarr, es ist jezt nicht Zeit, dergleichen Reden zu führen. Hüte dich vor dem Zorn der kaiserlichen Majestät. Pasquin . Warum? ich thue ja nichts übles. Da ich nun dies Exempel gesehen habe, werde ich mich wohl fein in Acht nehmen, bei der Kaiserin zu schlafen. Dem haben sie das Bad gesegnet, so wie er nun draußen im Winde herum baumelt. Aber wahrlich, es ist auch unerlaubt, gleich zwei Kinder zu zeugen; wenn er sich noch an einem begnügt hätte, so könnte man ihm vielleicht durch die Finger sehn. Es ist löblich, daß solcher Unverschämtheit bei Zeiten gesteuert wird; denn wenn das um sich griffe, wo sollte man sich vor allen Hurkindern retten? Octavianus tritt ein. Octavianus . O Sehn, daß du kein Sehen wärst gewesen! O thörigt Auge, konnt'st du nicht erblinden? Konnt' ich nicht Tod vor diesem Tage finden? Von Todeskrankheit wär' ich dann genesen. So bin ich unter Tausenden erlesen, Dem Freude, Trost und Hoffnung muß verschwinden; Ich klage Luft und Meer, den tauben Winden: Saht ihr schon je ein unglückselgers Wesen? Kein Trost, – kein Rath, – nicht Hülfe, – nur die Rache, Kann noch mein Herz erwecken und erschrecken, Ihr Blut soll diesen Frevel mir versöhnen. So lange tobt in mir der grimme Drache, Ich seh' ihn stets die weißen Zähne blecken, Ich höre seine Stimme mich verhöhnen. Pasquin . Die Liebe nimmt die Röthe von den Wangen, Und Seufzer, Thränen, Weh, sind ihr Geleite, Wer sich der Täuschenden ergiebt als Beute, Der ist im allerschlimmsten Netz gefangen. Ein falsches Langen nennt man recht Verlangen, Verlangt hat sich der Sänger, welchen heute Zu seiner Schande sehen alle Leute Mit Baumeln an dem hohen Galgen hangen. Wenn andre nur des einen Todes sterben, Und daran schon genug zu käuen haben, Ward der (je ärger Stück je besser Glück) Erstochen erst, in Lüften dann erhaben, Er konnt' kein Grab, doch doppeln Tod erwerben, Lebt' durch den Hals, und starb durch das Genick. Octavianus . Seid ihr hier? – Geht, ihr meine theuren Räthe, Ich folge euch sogleich in die Versammlung. O wollte Gott, daß wir um beßrer Ursach Uns hier beisammen fänden! Jetzo geht. – sie gehn alle ab. Pasquin . Ist euch die Ursach noch nicht gut genug? Kann man aus bessern Gründen eine Rathsversammlung halten? Octavianus . O weh mir! daß mein Glück ein eitles Träumen, Ein Schatten war, ein nichtiger Gedanke, Den wir vergessen, wenn wir uns besinnen, Wenn wir ihn fesseln wollen, so enteilend, Daß ich nicht sagen kann: ich war einst glücklich. – Du weinst, mein guter Junge? Freilich wohl Ist hier zu vielen tausend Thränen Ursach. Pasquin . Freilich ist Ursach dazu, und zu tausend noch bessern Thränen, als ich sie jemals kann fließen lassen. Denn erstlich, haben sie für alle seine Mühe den Werkmeister draußen hinaus gehängt, wo er dem Winde und dem Wetter und allen Vögeln des Himmels exponirt ist; dann fürchte ich immer, wird man sein Machwerk auch nicht besser achten, und es für verbotne Waare erklären, so wie man ihn schon zu einem Böhnhasen und Pfuscher gemacht hat; dann habt ihr euren Rath versammelt, um ihnen allen zu erklären, daß ihr ein Hahnrey seid und es selber mit Augen gesehn habt, und doch meint, das wäre noch keine tüchtige Ursache, einen Hochedlen Rath zu versammeln. Seht, darüber könnte ich weinen, so lange ich Augen hätte, Wasser zu gießen, oder ein Herz, um zu ächzen, oder ein Gehirn, um daran zu denken. – Octavianus geht ab. Pasquin . Doch scheint es fast, als wollten die Gehirne jetzt aus der Mode kommen. – Der Kaiser schämt sich in der That, seinen Narren für lose Reden zu strafen, weil er großmüthig sagen kann: laßt ihn gehn, er ist dazu, er ist ein Narr; aber er wird sich keinen Augenblick schämen, selber ein Thor zu sein und mir in mein Amt zu pfuschen. Für jezt nemlich, denn nachher wird ihn Reue und Gewissen und dergleichen genug anfechten, und er wird wieder eine andre Rolle von Narrheit spielen. O glücklich wer seinen Beruf erkennt! Aber er merkt nicht, daß es Ohren sind, die ihm unter der Krone wachsen, sondern er hält sie für Hörner, er geht nun mit gebücktem Kopf, um damit nirgend anzustoßen, er möchte der Luft ausweichen, um sich nicht zu verletzen, ja seinen Gedanken entfliehen, und doch hat er jezt den Staatsrath berufen, um ihm die Sache recht umständlich darzulegen. Ich will doch auch gehn, und sehn, ob sie mich hineinlassen. geht ab. Der versammelte Rath. Octavianus , die alte Kaiserin , Adrastus , Nikanor , andre Räthe. Octavianus . Jezt sprecht nach eurer Einsicht, denn ihr wißt (Und schrecklich war mir, dieses vorzutragen) Was sich begeben hat, ich selbst war Zeuge, Ihr kennet ihr Verbrechen, ihre That, Ermeßt die Strafe jezt, die ihr gebührt. Adrastus . Erhabne Majestät, ich saß schon oft Wie heut, auf diesem Richterstuhl vor dir, Doch nie als heut mit diesem bangen Herzen. Mein Haupt ist weiß, ich habe viel erfahren Und viel gelitten, wie es denn kein Mensch Vermag zu sagen, daß er leben könne Und aus dem Wege allen Leiden gehn; Ich war ein Mann, als du ein Knabe warst, Du hörtest gern auf mich, und meine Freude War, deine Weisheit, deine Tapferkeit, Und deinen Ruhm zu sehn, der sich mit Flügeln Verbreitete durch alle Nationen, Die jezt die Wissenschaft und Sitte kennen, Dein Werth, dein Glanz, dein Ruhm und deine Thaten, Sie wurden meine Kinder, meine Enkel, Und gern vergaß ich mich in diesem Spiegel. So ging ich froh dem Todestag entgegen, Du bliebst zurück, und Kraft und Glanz und Größe, Ein ewger Ruhm, und Glück und Macht des Reiches, Vor allen aber innge, heilge Liebe, Sie blieben hier als deine Hausgenossen. – Doch heut – (o weh mir, daß ich's sagen muß!) Zum erstenmal empfind' ich heut die Schmerzen, Ein Richter sein vor deinem Angesicht: Ich seh dein Licht getrübt, dein Glück entwichen, In einem Irrsaal selber dich befangen, Das tiefer stets und innger dich verstrickt. Wo deine Liebe war, ist nun die Hölle, Wo dir ein schöner Garten üppig blühte, Hat jezt ein Sturm die Blumenflur verwüstet, Dein Herz fühlt sich verarmt, und ich bin trostlos, Mit dir verlor ich alle meine Haabe. Drum Octavianus, galt in deiner Jugend Dir je mein Rath etwas und mein Bedünken, Meinst du, daß Weisheit mit den Jahren wächst, Kannst du, ein Mann, mir um so mehr vertrauen, Wie deine Einsicht größer jezt als Jünglings- Erfahrung ist, bist du der Ueberzeugung, Daß nur die reinste Liebe aus mir spricht, Daß nur Ergebenheit, nur innge Demuth, Nur Sorge für dein Glück die Zunge lenkt, So hör' heut meinen Rath, dann sterb' ich gerne. O mein Monarch, ich darf es dir nicht sagen, Wie nicht jedwedes Ding ist, was es scheint. Das Laster trägt zu oft der Tugend Mantel, Die Dürftigkeit erscheint als Reichthum oft, Und Einfalt brüstet sich als Weisheit häufig, Daß nur der Unerfahrne, Niegetäuschte, In heilger Miene Tugend sieht, und Schätze Beim Bettel-Armen und Vernunft beim Thoren. Dies führt uns auf den sichern Schluß, daß oftmals Was Laster scheint, es nicht im Innren ist, Und zwingt uns, (wollen wir Gerechte heißen, Vor Gott nicht grausam wild erfunden werden, Daß wir die Tugend lästern, ja verfolgen, Indem wir sie recht zu beschützen streben,) Es zwingt uns, sag' ich, jedem äußern Schein In's Innre recht zu schauen, jeden Umstand Zu prüfen, zu erwägen, nachzuforschen, Sonst mag der Unterthan, der vor dir kniet, Gerechtigkeit erheischt vor deinem Stuhle, Dich als Tyrannen klagen an vor Gott: Wie mehr dein Nächstes, die so nah dir war, Daß sie des Herzens Hälfte, ja im Herzen Der innre Geist, der Kern, die Liebe war. Vergönne mir zu sagen, daß zu schnell Und unverhört du den hinweggetilgt, Den du den Mörder deiner Ehre wähnst; So hast du auch die Kaisrin nicht vernommen, Was sie zu ihrem Schutze sagen mag, Du klagst sie an und bist der Richter selbst, Wir heißen Richter, doch wir sollen nur, So heischt dein Wort, ein Todesurtheil sprechen; Auch ist ihr nicht vergönnt, wie sonst gebräuchlich, Die Frist, in der die Anklag publicirt, Daß sich ein Ritter stelle gegen sie, Ein andrer komme ihre Ehr' und Leben Mit starker Hand und Waffen zu beschützen, Daß Gott entscheide, und der Ausgang zeige, Wes Sache gut, und wessen faul gewesen. Octavianus . Ihr wißt ja, (o daß ich es wiederhole) Daß hier kein Zweifel gilt, kein Untersuchen. Ich danke dir die Liebe, die du trägst, Die Schonung, die du räthst, doch zu gewiß Ist ihre Schuld, mein Elend. O wie glücklich, Wär' mir ein Zweifel noch erlaubt, wie gern Wollt' ich den allerkleinsten hegen, pflegen, Und ihre Unschuld und mein vorges Glück Mit Mühe, Sorgfalt, Angst und nächtlich Wachen Aus Wüstenei und Abgrund wieder suchen. Doch, o ich weiß, ich fühl' es, denk' es ewig, Und möchte mir und dem Gedanken fliehen, Und möchte mich vernichten im Gedanken, Und lebe nur in dem Gedanken fort, Der mich ertödtet: daß die Schuld gewiß, Daß sie kein Wort zu sprechen wagte, er, Der Bösewicht verstummte und erstarb Mit dem Bekenntniß seiner Missethat, Denn seine Stummheit, seine Todes-Angst, War sein Geständniß. Nikanor .                           Mein erlauchter Fürst, Ihr fühlt gewiß, wenn wir euch widersprechen, In dieser sehr hochwichtgen Sache, die Nicht weniger als der Gemahlin Leben Betrifft, daß nur die Treu zu euch, mein König, So kühn uns macht, darum erwägt zuvor, Was euch Adrastus eben hat gesagt, Und dann erlaubt, daß ich hinzu dies füge: Wir alle kennen unsre Kaiserin Als tugendhaft, ihr saht sie niemals anders, Als kürzlich erst; Was selbst bisher der allerstrengste Richter, Ja die Verläumdung mit der giftgen Zunge, Hat auszustellen an der Kaisrin Weise Gewagt, sind doch nur leichte kleine Flecken, Die unbefangnen, heitern Sinnen nicht Also erschienen: als, ein froh Gemüth, Die Lust zum Tanzen und zur Fröhlichkeit, Gesang, Musik, ein buntgemengt Gefolge Von Thoren und von Weisen, farbge Trachten, Ein aufgewecktes Herz, das gerne lacht, Daß sie geliebt, zu Pferde sich zu sehn, Euch auf der Jagd in Mannstracht zu begleiten, Und selten oder nie dem Ernst, der Klage, Dem Stirnerunzeln Raum gegeben hat; Wohlwollenheit und Liebe, und ihr selbst Habt dies als Tugend, adliches Gemüth An ihr geschätzt, für hohen Geist gehalten, Der bange Furcht nicht kennt, weil kleine Seelen Den Anschein ängstlich meiden, denn sie fühlen, Wie nahe ihnen stets das Laster geht; In farbgem Schimmer stand sie hoch erhaben, Und schaute Thorheit, Weisheit, weltlich Wesen Als ihr geliebt Gefolge an, das dienstbar Nur ihren Glanz erhöhte. So erschien sie, Und Freude glänzte über ihre Schönheit Aus aller ihrer Unterthanen Augen, Doch euer königliches Auge war Der schönste Spiegel ihres Werths, bis Argwohn Und Lästerung, und böse Geister frei Und unbewacht des Herzens Eingang fanden: Worauf ihr zürntet, und im Zorn gesehn, Was ihr zu sehen meintet, ohne Hören Das Urthel spracht. Gedenkt der vorgen Liebe, Und thut, was sie verlangen darf, gebt frei Die Untersuchung, ihr Verantwortung; Was gilt's, die That ist anders dann beschaffen Als sie erscheint? Freilich kann ich nicht sagen Wie alles sein mag; aber ich vermuthe, Das Ganze ist von Feinden angestiftet, Die wohl Felicitas Verderben wünschen. Kaiserin . Wer wären diese Feinde? – Unverschämt Seid ihr in euren Reden, und vergeßt Die Achtung ganz, die ihr dem Kaiser schuldig. Spracht ihr nicht eben mit beredter Zunge, Wie jedermann von Hoh und Niedrig sie Geliebt, verehrt, ein Götzenbild gemacht Aus ihrer Schönheit? Wie sie zauberisch Die Herzen an sich zieht? Nur unbestochen Blieb ich von ihrer schmeichlerischen Zunge, Ich sah sie, wie sie war, und sagte immer Dem Kaiser, wie er nicht der Schlange trauen, Vor ihrem Biß sich hüten solle, wachsam Verblieb ich stets, und sah geheime Schande Das königliche Bett beflecken, ihn, Das Abbild Gottes, seinen Stellvertreter, Entehren, seine Liebe treten in den Koth. Er ist mein Sohn, ich lieb' ihn und ich ehr' ihn, Drum war ich ihr entgegen, allen Thoren Und ungehirnten Schwätzern, euch zum Trutz. Ich selbst, der Kaiser hier, wir beide zeugen Auf ihre Schande, Untreu, Todverbrechen, Was darf es da des Zögerns, Untersuchens, Geschwätzes für sie? Wahrlich, dieses heißt Das Laster schützen, Majestät entweihen, Ihr steht im Bund mit unsern schlimmsten Feinden. Ist aber einer hier so frech zu sagen, Ich habe sie verläumdet, unwahr sei Mein Reden und mein Zeugniß: nun, er wage Hervorzutreten mit der Anklag, und Wir wollen dann Gericht und Untersuchung Auf sein Haupt oder meins entscheiden lassen. Und du mein Sohn? – Du achtest nichts das Schänden Der Würde deiner Mutter, deiner eignen? Octavianus . Ich fühl' im Busen heiße Schmerzen brennen, Ich kann nur dulden, kann nichts thun, nichts sagen, Muß die Geburt verhüllt im Innern tragen, Bricht sie hervor, werd' ich mein Unglück kennen. Ich sehne mich, und weiß es nicht zu nennen, Mein müdes Herz will nicht mehr blutig schlagen, Ich fühl' es wohl, und weiß nicht was zu klagen, Mir ist, als will sich Leib und Seele trennen. Und ist nicht Liebe nur des Leibes Leben? Sie nimmt den schweren Abschied, und verwaiset Verblutet nun das Herz im ewgen Sehnen. Kein Gott, kein Himmel kann mir Ruhe geben; Von Angst, Quaal, Herbigkeit und Grimm gespeiset, Dürst' ich jezt nach dem Labetrunk der Thränen. geht ab. Kaiserin . Er ist sich selbst und seinem Geist entwendet, So tief muß ihn das Unglück niederbeugen, Der Schmerz hat seine Lebenskraft verschwendet, So geht er fort mit räthselhaftem Schweigen, Drum sei von uns das große Werk vollendet, Und seine Tugend wird sich wieder zeigen. Entfernt euch heut, ich will euch rufen lassen, Wir wollen morgen festes Urthel fassen. gehn ab. Gefängniß. Felicitas . Diana . Cloris . Felicitas . Weint nicht, ihr Mädchen. Warum wollt ihr weinen? Diana . Ach guter Gott im Himmel! Wie so ruhig Die Kinder schlafen, wissen nichts von dem, Was ihnen nun so nahe schon bevorsteht. Felicitas . Sie schrieen kläglich in der ganzen Nacht, Nun sind sie endlich ruhig. Ach die Süßen! Sieh, dieser lächelt, jener streckt das Aermchen, Sie träumen von der Mutter und von Engeln. Cloris . Wie mögt ihr an den lieben Kindern nur So große Freude haben, da ihr wißt – Felicitas . Daß sie heut sterben müssen, meinst du, Cloris? Dann sind sie mit der Mutter bei den Engeln, Dann weinen sie nicht mehr, dann ist kein Schmerz, Kein Leiden, das sie stört in Himmelsfreude. Da giebt es keine Freunde, die im Unglück Den Rücken wenden, wenn sie helfen sollten, Da ist kein Feind, der ihnen Böses will, Die ewge Lieb' bleibt ewig zugewandt, In süßer Gegenlieb' das Herz entbrannt. Diana . Ach Gott! O daß ich diesen Unglückstag Erleben mußte! Hätt' ich das gedacht, Als ihr als Braut zu uns herüberkamt? Felicitas . Laß die Erinnrung fahren, liebes Mädchen. So wie es ist, muß alles sein, nur Schein Ist alles irdsche Glück, und kann nicht anders. Ich hing zu fest an diesen Erdenfreuden, Nun weckt man mich von meinem Schlummer auf; Unfreundlich ist die Hand ein wenig, doch Sie meint es gut, daß ich erwachen soll. Cloris . Ihr seid anjezt in freudenreicher Rührung, Und uns befällt der Schmerz so heftiger, Je mehr wir eure hohe Tugend sehn, Je näher uns des Abschieds Stunde kommt. So jung noch, – sterben, – und so unschuldig! Felicitas . Und möchtest du denn, daß ich schuldig wäre? Und lebt' ich auch noch schuldlos viele Jahre, So wäre doch ein Tod der Schluß des Lebens, Und keine schönre Zeit kann je mir werden, Als jezt zu sterben, so verzeiht mir Gott Um dieses Leiden meine vorgen Sünden. Es könnten auch in Zukunft Leichtsinn, Thorheit, Und weltliche Gedanken unvermerkt Mich hin zum Bösen lenken, drum ist besser, Ich sterbe schuldlos jezt. Was sollen mir Auch Tage, Monden noch des Weh's und Jammers? Mein Leben starb, als ich im Einzigen Ein Ungeheuer sah, als aus der Liebe Ein Basilisken-Auge tödtlich blickte, Ich würde nie den eisern Blick vergessen. Drum kommt, geliebte Kleinen, kaum geboren, Ist euch ein Grab in Mutterarm bereitet, Ich drück euch an die Brust und wir besteigen Den Scheiterhaufen; wenn die Flamme weht, So küß' ich eure Mündchen, eure Augen, Wir weinen nicht, ich trinke eure Thränen, So nimmt die ewige Barmherzigkeit Uns auf in ihre reinen Himmelsfreuden. Ich kann es sagen ohne Heuchelei, Ich freue mich auf meinen Tod, die Schande, Die mich verfolgt, ist nur ein kurzer Irrthum, Die Wahrheit dringt ans Licht; was kümmert mich, Was hier die armen Menschen von mir sprechen, Wenn ich verklärt von dort hernieder schaue? Cloris . Daß doch so böse Menschen stets den guten Entgegen stehn, und daß der Himmel zuläßt Ihr Wüthen, ihr Verfolgen. Felicitas .                                   Gestern kam Die alte Kaiserin in mein Gefängniß, So grimmig, wie ich sie noch nie gesehn, Wie man Gespenster schildert, oder Furien. Ich sah in ihr mein Unglück gegenwärtig, Sichtbar den bösen Geist, der mich verfolgt, So bleich, so abgezehrt, so lang und hager, Die Augen blitzend, und die schmalen Lippen Vor Neid und bösem Willen eingekniffen. In meinen Armen wollte sie die Kindlein Erwürgen, aber Kräfte fühlt' ich in mir Das Ungethüm mir abzuwehren. Sterben Ist wohl ihr Loos, doch nicht von ihren Händen; Und konnt' ich auch nur wenge Stunden fristen Ihr armes Leben, so gewann ich doch Mir wenge Stunden Mutterseligkeit. Ich weiß, woher ihr Grimm, ihr Neid mir kömmt, Sie war mir stets entgegen, immer giftig, Gleich als ich hieher kam mit meinem Gatten. Sie hatte ihm ein Weib gewählt, das sie Beherrschen möchte, meine Unvorsicht Und Jugend, (da ich damals noch nicht wußte, Wie sehr sie Octavian regieren durfte) War Schuld, daß ich ihr heftig widersprach, Gemahlin wollte sein und Kaiserin. – Die alte Wärterin Griseldis, die Noch Octavian gesäuget, sagte mir Viel von der Kaiserin und ihrem Leichtsinn, Dem wüsten Leben ihrer Jugend, wie Man vielerlei Geschichtchen von ihr wüßte, Und ihren mancherlei Geliebten, daß Der alte Kaiser oft in Eifersucht Entbrannt, sie vor des Hofs Versammlung schmälte. Lebhaft so wie ich war, kam einst im Zwist, Was frisch mir im Gedächtniß lebte, vorschnell Auf meine Zung', in Gegenwart des Kaisers. Da sah ich, wie sie mir Verderben schwur, Ich hatte keine Waffen gegen Tücke, So hat sie mich zum Abgrund hingetrieben. Diana . Hier ist ein Mann, der euch zu sehen wünscht. Felicitas . Ich habe aller Hoheit mich entkleidet, Ich darf nicht sagen: Nein; zu meiner Strafe Hat man erlaubt, daß jeder Unterthan, Jedweder Thor und schadenfrohe Knecht Mir nahen darf in meinem trüben Kerker. Apollodorus tritt herein. Apollodorus . Theure Kaiserin – Felicitas . Spotte nicht einer armen unglücklichen Frau, mir gehört dieser Titel nicht. Laß deiner Schadenfreude an meinem Anblicke genug sein. Apollodorus . Ihr irrt euch in mir, edle Frau. Ich bin ein armer Mann, der euch von jeher zugethan war, den eure Barmherzigkeit und hohe Gnade aus der Gefangenschaft der Meerräuber loskaufte. Ich habe Tag und Nacht euer Schicksal beweint, das ich voraus sah, aber nicht wenden konnte. Felicitas . Wer bist du? Apollodorus . Bei meiner Geburt standen glückliche Sterne, so daß es mir vergönnt war, mich der ernsten Wissenschaft zu weihen: mir ist vom Schicksal verliehen, in mannichfaltigen Zeichen der großen Natur die Zukunft zu lesen. Schon lange hab' ich euer Horoskop, die Constellation ist glücklich, das beweisen eure Schönheit, hohe Tugend, fester Sinn und edle Geistesgaben. Auch Glück und langes Leben ist euch zugewandt, nur ein Stern ist mir räthselhaft. Darum versagt mir meine Bitte nicht, und laßt mich in eure Hände schauen, ob ich die Zeichen dann begreife. Felicitas . Könnt ihr in ihnen etwas lesen? Apollodorus . Alles, ich sehe hier euer Glück und Unglück. Ein langes Leben ist euch bestimmt, ein glückliches Alter, Freude an euren Kindern, nur eine schwarze Stunde, gegen die ihr kämpfen müßt; überlebt ihr diese, so habt ihr gesiegt. Felicitas . Nicht rufe mich mit eitler Weissagung, Mit Wähnen deiner Kunst zurück vom Wege, Den ich so muthig ging. Der Caplan tritt ein. Caplan . Des Herren Friede sei mit euch und allen: Verzeiht mir, Fürstin, diesen sauern Gang, Der Seufzer mich und schwere Thränen kostet; Ich komme euch zu rufen. Ist die Seele Gerüstet, Abschied von der Welt zu nehmen? Felicitas . Ja heilger Vater. Caplan . Gelüstet euch zuvor, durch süße Beichte Die letzte Last vom Herzen abzuwälzen, Den zarten Leib des Herren zu genießen, Lossprechung zu empfahn von euren Sünden, So kommt mit mir, euch bleibt nur kurze Frist. sie gehen. Freier Platz vor der Stadt. Eine Menge Volks, Adrastus , Nikanor unter ihnen. Adrastus . Was drängt ihr so? – Zurück da, Leute! Nikanor . Kaum Platz durchzukommen, die ganze Stadt hat sich ausgegossen, um das traurige Schauspiel zu sehn. O Neubegier, wie hast du Alte, Lahme, Kranke und Schwache angetrieben, und ihnen nicht Ruhe gegönnt, bis sie ihre Schwellen verlassen haben, um Zuschauer dieser höchst kläglichen Tragödie zu seyn. – Wollt ihr zurück, ihr unverständigen Menschen! – Du Krüppel, was drängst du dich so unverschämt hervor? Ein Lahmer . Ach, gnädiger Herr, vergönnt mir armen Manne hier zu stehen, die fürstliche Frau war unsere huldreichste Wohlthäterin, das Armuth erbarmte sie, sie hat sich unserer, wie eine Heilige angenommen. Nur noch einmal will ich sie auf ihrem letzten schweren Wege sehn. Sind doch blinde und ohnmächtige Greise herausgegangen, sie noch einmal zu grüßen. Adrastus . Laßt sie hier stehn. Wer könnte sich der Thränen enthalten? Nikanor . Wenn sie hinweg ist, werden wir erst wissen, wie viel wir verloren haben. Adrastus . O Octavianus ist blinder als diese Bettler, die dort stehn und mit leeren Augen die Sonne suchen. Er ist sich selbst entwendet, daß er keine Bitte von uns vernimmt, daß er sie nur hört, seine Furie, die ihn zu mörderischen Thaten hetzt. Nikanor . Ich habe diese Nacht im Gebete gerungen, dem Herren der Herren habe ich es anheimgestellt. Geschrei draußen. Adrastus . Sie kömmt. Sieh, fromm, wie ein unschuldiges Lamm, geht sie einher, auf ihre weinenden Frauen gestützt. Nikanor . Macht Platz, ihr Leute! Alle . Platz da! Platz! Felicitas tritt auf mit den Kindern, gelehnt auf Cloris und Diana , der Caplan begleitet sie. Adrastus . Sieh, wie die Armen sich zu ihr drängen. Nikanor . Wie still es plötzlich geworden ist, Man hört nur Schluchzen und schwere Athemzüge der Trauer. Felicitas zu den Bettlern . Noch einmal habt ihr euch zu mir gefunden, Bisher war streng versagt mir euch zu sehen, Beschlossen sind nun meines Lebens Stunden, Mög es euch künftig hier wohl ergehen, Euch schlug das Glück und Schicksal tiefe Wunden, Mich jammerten die unzählbaren Wehen Der Sterblichkeit: jezt kann ich nichts mehr schenken, Nehmt diesen Schmuck zum letzten Angedenken –         zu den Kammerfrauen. Und weint, nein, weint um mich nicht, ihr Freundinnen, Der Augenblick ist da, wir müssen scheiden, Es sehnt schon lange sich mein Geist von hinnen, Der Leib erfährt nunmehr das letzte Leiden, Dann soll ich ewgen Frieden mir gewinnen. Lebt wohl, gedenkt in Liebe mein, ihr beiden, Ihr bleibt zurück, seid fromm und gut, so schauen Wir uns dort wieder in den schönen Auen. Caplan . Es fällt von eurem Haupt die irdsche Krone, Die nur vergänglich war, und deren Scheine Und heller Schmuck nur waren kalte Steine, Den Himmelskranz empfangt ihr jezt zum Lohne. Der ist erhaben hoch ob allem Hohne, Der Herr nimmt in sein Reich die Magd, die reine, Vor allen Augen wählt er sie als seine, Daß sie in seinen Herrlichkeiten wohne. Zwei Kindlein, die die Welt noch nicht gesehen, Erheben sich mit ihr, verklärt zum Lichte, Sie kamen nur und eilen schon von dannen. Beglückt, wer bald zurücke kehrt, von wannen Wir alle stammen! Leicht ist das Gerichte Alsdann: doch mag des Herren Will' geschehen. Felicitas . O! – sinkt nieder. Cloris . Wie ist euch? Adrastus . Was geschieht? Caplan . Sie stürzte nieder, als sie plötzlich die Augen dorthin wandte, und den großen Scheiterhaufen gewahr wurde, der schon in Flammen steht. Nikanor . Ich bin ein Thor, die Kindlein müssen mit ihr sterben, und doch mußte ich sie vor dem schweren Falle schützen. Diana . Sie erholt sich. Felicitas . Wo bin ich?– Ach was ist aus mir geworden? Wie einsam bin ich, wie verlassen hier Im dichten Menschenhaufen, unter Fremden? Ihn find' ich nicht, den meine Augen suchen, Und dort das furchtbare, das wilde Feuer, Das seine rothe Zunge nach mir streckt! Nur einmal noch will ich ihn sehn, Lebwohl Ihm sagen, sagen, daß ich ihm verzeihe Und allen meinen Feinden. Nein, ich kann, Ich kann nicht sterben, wenn ich ihn nicht sehe. Adrastus . Zurück! zurück ihr da! der Kaiser kommt! Nikanor . Macht Platz ihr Leute! Fort! Octavianus kommt. Octavianus . Wie? Lebst du noch, Felicitas, zum Schmerz uns? Was zögert ihr, das Urtheil zu vollstrecken? Die Schergen stehn entfernt, als wie in Furcht, Das ganze Feld ist nur ein einzig Wehe, Geheul der Weiber, Greise, Kinder, schlägt Des Himmels Wolken, unsre Tyrannei Und Ungerechtigkeit verklagend. Drum Gestehe laut die That und sterbe dann. Felicitas . O mein Gemahl – nein nicht Gemahl; – mein Fürst, – Doch Fürst mir nicht, der würde gnädig sein, Dem dürft' ich flehn, Barmherzigkeit von ihm Vielleicht erlangen, – wie benenn' ich dich O Octavian? du vormals mein Gemahl, Mein Fürst, mein Kaiser, jezo mir ein Feuer, Das zornig mich hinweg tilgt: wie, so sehr Verlangt nach meinem armen Leben dich? Verweilt zu lange dir des Elends Gattin? Dem bin ich jezt vertraut, dem bleichen Freunde, Der hat mir redlich ausgehalten, als Mir alles wich. – O sei mir Gott mein Zeuge, Der Vater sammt dem Sohn, das ewge Licht, Wenn ich mich andrer Sünde schuldig weiß, Als daß ich dich zu brünstiglich geliebt, Daß du mein Alles warst, daß Altar, Kirche, Vergessen wurden über deine Liebe; Die Sünderin vergaß den Leib des Herrn, Wenn sie nur deine Lippen rühren durfte, Selbst in der heilgen Messe sah ich dich, Ja Seligkeit war mir, in deinem Arm Ein neues Liebeleben jenseit leben. Die Sünden hab' ich hier dem Mann gebeichtet, Mit offnem, wundem Herzen, und Vergebung Ist wie ein kühler Balsam eingeträufelt. Doch mehr weiß ich mich schuldig nicht, vergebe Du mir, daß ich zu innig dich geliebt, Zu schnell, zu offen meine Seele zeigte, Dafür will ich dir meinen Tod vergeben.         Octavianus wendet sich weg. Nicht von mir wende doch anjezt dein Antlitz, Nicht jezt in dieser letzten bittern Stunde; Ich werd' es nachher nimmer wieder sehn. Ach Augen, seid ihr jene lichte Bronnen, Die mir vordem geleuchtet? jezt ein Feuer, Das jene rothe Flamme angefacht. O Mund, ihr Lippen, schönes Schwesternpaar, Habt ihr der süßen Küsse all vergessen, Der zarten Worte, die so lieblich leise Erschollen, daß die Luft sie kaum berührte? Sind diese sanften Geister alle todt, Und sitzt nur Mordbefehl auf eurer Röthe?         sie kniet nieder. Mein Octavian! ja auch im Tode mein, Auch sterbend kann ich noch nicht von dir lassen. Mein Herz in meinem Busen will zerspringen; Fühlst du in deiner Brust kein stilles Echo Von meinen Schmerzen? Ja, du neigst dein Haupt, Ach ja, dein Auge will sich sanfter zeigen. O liebste Augen, löscht das Feuer aus, Das mir, den Kindern, Unschuldvollen droht. – Ach, daß du vor mir stehst, war nur mein Wunsch, Nun bin ich nicht mehr einsam; was zu wünschen Wird nun mein kecker Mund versuchen? Reich Die Hand, die theure Hand mir. – Ja, ich fühle Dasselbe Blut, das Leben noch, die Wärme, Die sonst in jedem Pulse Liebe war. Sieh, meine Thräne fällt auf diesen Ring, – Sieht nicht der Demant aus wie eine Thräne? Den steckt ich, mich verlobend, an den Finger, Du gabst mir diesen blutigen Rubin: Damals, – ach, daß wir nicht so großes Glück Ertragen können, – damals, dort im Walde, Vom Jagen heiß, im süßen Baumgeflüster, Wo Wellen sich im Bache küssend jagten, Wo Erd und Himmel und die frische Grüne Wie sich umarmend eingeschlossen hielten, Ach damals, – weißt du noch, wie du mir flehtest, Wie rührend du mich batest, daß ich weinte? Du würdest sterben, schwurst du, wenn ich nicht Dir freundlich würde: – Ich liebte dich, du warest mein, ich dein, Ich kannte keinen Hinterhalt, kein Mißtraun. Wir fürchteten die Eltern, und freiwillig Schwurst du entzückt den heiligsten der Eide, Mein Leib und Leben kühnlich zu beschirmen, Mit Leben, Blut, Leib, Kraft und vollem Muthe. Wo ist dein Schwur geblieben, daß du jezt Mir Leben, Blut, Leib, Seele willst verderben? Ach nein, es ist nicht so, du schliefest nur, Und jezt wirst du erwachen. Einst, als kaum Ich wenig Wochen deine Gattin, wir Nicht längst von unsrer Reise heimgekehrt, Erschreckt' in einer Nacht ein banger Traum mich, Ich sah ein wildes Feuer, Und grausam fremde Männer drohten mir, Ich sollte sterben und den grimmigsten Der Tod' erdulden, ich schrie im Schlafe laut, Du wecktest mich, und wie war ich entzückt, Aus Todesquaal in deinen Armen mich In deiner Liebe wieder mich zu finden. Jezt bin ich anders, furchtbar aufgewacht, Aus deiner Lieb, aus deinen Armen soll Ich in den grimmen Feuertod mich werfen. Ach nein, du kannst es nicht, du willst es nicht, Ein Irrthum hat dich angefaßt, ich bin's, Ich bitte dich, Felicitas, dein Weib, Laß mich noch leben, sei mir noch getreu, Verbanne mich, verstoß' mich in die Wildniß, Nur hier nicht sterben! O mein süßes Leben, Willst du mich tödten, soll ich daran glauben? Octavianus . Laß mich hinweg! Wohin soll ich entfliehen? geht eilig ab. Felicitas . Er sieht mich nicht, er hört nicht, was ich flehe. Adrastus . Was ist mit ihm geworden? geht. Caplan .                                                   Tiefgerührt Schien der Monarch. Cloris .                             O gebe Gott, Daß deine Worte ihm zum Herzen drangen. Diana . Das Feuer ist verlöscht, ein Regen strömt Mild und erquickend durch die heiße Luft. O glücklich ist die Vorbedeutung. Cloris .                                                   Laut Schwärmt alles Volk dort um den Scheiterhaufen, Sie jauchzen, daß der Regen ihn verlöscht. Adrastus kömmt zurück. Nikanor . Wie ist dir, Freund? Adrastus .                                 Noch nie, bis jezt, hab' ich Gesehen, wie Fluthen gleich, die Dämme Und Häuser niederstürzen, Thränenströme Aus vollgepreßtem Busen fließen können. So sitzt der Kaiser dort, und scheint ein Bild Von Stein, aus dessen Augen Quellen rinnen. Er kennt sich nicht, er schlägt auf seine Brust Und schluchzt und will in tiefem Schmerz vergehen. Es scheint, daß alle Leiden, die seit Wochen, Seit Monden sich gesammelt, nun in Thränen Verströmen, und das Leben mit sich führen. Felicitas . So weint er denn um mich? – auch mir will schon Das Herze brechen. Adrastus .                       Unter lautem Schluchzen, Das jedes seiner Worte unterbrach, Befahl er mir, euch, edle Frau, zu sagen, Daß er nun keineswegs begehre Schuld Zu sein an eurem Tod, ihr mögt ein Pferd Euch nehmen, eine Summe Golds, Geleit Zum großen Wald euch wählen, also ziehn. Cloris . Gelobt sei Gott! Diana .                             O Freude! Caplan .                                             Nun sind wir froh. Adrastus . So hab' ich keinen Menschen noch gesehn, Sein Leben scheint zerspalten, und der Kluft Ein ewger Strom in Wellen zu entrinnen. Ich will zurück zu ihm. Er liebt euch noch, Doch mag er euch entfernen, und so ist es Für eurer beider Sicherheit und Ruhe Viel besser, da vielleicht nach wenger Zeit Sein argwöhnisches Herz erwachen dürfte. Lebt wohl, ihr edles Frauenbild, und Heil Und Glück und Gottes Engel sein mit Euch. geht ab. Felicitas . Er ist gerührt, doch will er mich verstoßen. Nikanor . Erlaubt mir theure Frau, daß ich der Mann sei, Der euch bis an die Grenze mag geleiten. Felicitas . Mir ist gar wohl bekannt die edle Treue, Die du im Herzen immer zu mir trugst. Lebt wohl, ihr Mädchen, jezo geh ich ferne, Wohin? das wissen nur des Schicksals Sterne; Theilt unter euch, was ich zurückgelassen, Denkt so von mir, daß ihr nicht braucht zu hassen Die ärmste Frau, die jemals noch geboren, Und gegen die das Schicksal selbst verschworen. Gedenket meiner auch in guten Tagen, Wohl bin ich Sünderin, doch mögt ihr sagen Unschuldig dessen, was sie mich verklagen. geht mit Nikanor. Cloris . O edle Frau! Diana .                       O schönes, großes Herz! Cloris . Wer kann wohl überleben diesen Schmerz? Pasquin kommt. Pasquin . Ich, und wie ich hoffe, wir alle. Die Weinverkäufer haben heute einen guten Tag gehabt, sie sitzen aller Orten herum, und bieten ihre Waaren aus. Erst soff das Volk über die Maaßen, weil sie traurig waren, und sich ein leichtes Herz trinken wollten, nachher aber weit mehr, weil sie lustig wurden und der Kaiserin, des Kaisers und aller Menschen Gesundheit tranken. Diana . Wir wollen nach der Stadt zurück. Pasquin . Der Scheiterhaufen ist vom Regen ausgelöscht, und das Volk ist auch untergekrochen, um die neuen Kleider nicht zu verderben, und mehr als die Wolken hat unser Kaiser Wasser aus den Augen geregnet, das hat seinen Grimm ausgelöscht, und unsre Kaiserin ist pardonirt. – Aber das muß wahr sein, absonderlich geht es in der Welt her. Erst liegt der Kaiser auf den Knieen, fast sieben Jahre hindurch, läßt in allen Kirchen für sich beten, besucht die Wallfahrtsörter, nimmt mit allen Doctoren im Lande Rücksprache, um ein Kind zu erzeugen. Plötzlich bekömmt er zwei; nun sollen sie, zusammt der Mutter, in das Feuer geschmissen werden. Darauf vergiebt er es ihr endlich, daß sie ihm Kinder zur Welt gebracht hat, schickt sie aber alle hinaus in den ungeheuren Wald, der voller Mörder und wilder Thiere steckt, dort mögen sie sehn, wie sie zurecht kommen. – Nun wird überdies das schöne Holz vom Scheiterhaufen so naß, daß es der nächste arme Sünder gar nicht wird zum Verbrennen brauchen können. gehn. Dorf. Bauern und Bäuerinnen , wie zu einer Hochzeit versammelt. Priester . Wo ist der Bräutigam geblieben? Küster . Er ist an jenem Tische drüben, Mit einem Pilgrim im Gespräche. Bauer . Daß jeder doch den Nacken bräche, Der kömmt uns hier im Schmaus zu stören! Priester . Laßt mich dergleichen ja nicht hören, Er kömmt wohl von der heilgen Stadt Jerusalem. Bauer .             Mag sein, was hat Der Kerle hier herum zu spüren Und heilge Reden zu verführen? Die schicken sich zur Hochzeit nicht. Priester . Ihr seid fürwahr ein arger Wicht, Der Wein ist euch zum Haupt gestiegen. Bauer . Herr Priester, das sind arge Lügen, Und wärt ihr nicht ein heilger Mann – Küster . Laßt gut seyn, lieber Bauersmann, Man spricht ein Wörtchen wohl im Scherzen. Wer nimmt dergleichen sich zu Herzen? Priester . Ja wohl, wir sind heut alle munter, Da läuft ein Späßchen auch mit unter. Bauer . So mag's drum sein, doch laßt uns meiden Verschimpfen und ein Ehrabschneiden, Halt jeder seine Zung am Zügel, Sonst setzt es Zank und endlich Prügel. Priester . Das heißt gesprochen wie ein Christ, Der weise, brav und nüchtern ist. Auf euer Wohlsein, guten Wandel. Bauer . Gebt mir daher die größte Kandel, So sperr ich auf den Hals recht weit, Thu der Gesundheit euch Bescheid. Herr Priester, ihr sollt leben, hoch! Priester . Thu mich der Ehr bedanken doch. Hornvilla und der Pilgrim Clemens treten ein. Clemens . Ihr laßt die Braut zu lang allein. Hornvilla . Komm ich in ein Gespräch hinein, So muß ich Trinken, Schlaf und Essen, Ja wohl die Hochzeit noch vergessen. Clemens . Ihr seid ein Kerlein gar kurios. Hornvilla . Mein' größte Freude ist ein Poß, Ein Schwank zu reißen, eine Zoten, Wird mir dergleichen angeboten, So dünkt mir das das allerbest. Clemens . Doch zürnen drob die andern Gäst. Hornvilla . Seht, die sind nur gemeine Leut, Und wissen gar von nichts Bescheid, Der Priester und der Küster dort Sitzen taglang an einem Ort Und saufen dumm in sich hinein Den guten wie den schlechten Wein, Schmeckt ihnen eins wie's andre eben, Können von nichts Rechenschaft geben. Doch ihr seid ein gereister Mann, Das hört man eurem Sprechen an, Dergleichen Leut sind mir willkommen, Drum hab' ich euch gern aufgenommen, Ihr konntet mir die Zeit verkürzen, Mit lieblichen Gesprächen würzen, Habt mir vom heilgen Grab erzählt, Von Wunderbildern auserwählt, Ihr seid dabei auch eingedenk Der lustgen Mähren, guter Schwenk, Ihr seid so ehrnfest ganz und gar Und doch dabei ein halber Narr, Jezt lacht ihr, sehet sauer izt, Der Schelm euch stets im Nacken sitzt, Die liebsten Kumpan seind das mir. Die Braut hab' ich noch für und für, Bei Nachten lang und auch bei Tag, Wo ich viel mit ihr sprechen mag. Clemens . Doch darf ich mich nicht lange letzen, Ich muß mich bald zu Schiffe setzen, Ein Fahrzeug dort im Meere hält, Darauf ist mir ein Platz bestellt, Nebst andern wackern Pilgersleuten, Die sich auch auf die Reis' bereiten, Zurück nach dem Italschen Land, Rom und Toskana wohl bekannt. Dann muß ich noch durch Lombardey, Bis ich nach Paris komme frei, Dort wohn ich denn mit Frau und Kind. Hornvilla . Was seid ihr doch so närrsch gesinnt, Lauft durch die Welt so wie die Affen; Was habt im heilgen Land zu schaffen? Was bleibt nicht sitzen auf dem Hintern, Beschlaft eur Weib, wischt euren Kindern Die Nase, das Gesind regiert, Den Viehstand weislich gubernirt? Schlacht't euch im Winter Schweine ein, Eßt frische Wurst, trinkt kühlen Wein? Was habt ihr denn allhie verloren? Clemens . Ist unser Heiland nicht geboren In Palästinam, sind die Spuren Der Wunder nicht auf diesen Fluren? Ihr wohnt dem Lande näher schon, Auch habt ihr dort den Libanon, Mit seinen Mönchen, Klöstern, leicht Habt ihr den Wallfahrtsort erreicht. Hornvilla . Mein Lebtag thu' ich nicht dergleichen, Das nutzt nur Priestern, faulen Bäuchen, Jezt hab' ich voll'nds ein junges Weib, Da fehlt's mir nicht an Zeitvertreib. Clemens . 'S giebt aber, die da höher denken, Die Sinnen auf zum Himmel lenken, Sie wollen gottgefällig leben Und nach dem ewgen Heile streben, So wie wir hier im Kothe stecken, Muß jeden Sünde wohl beflecken, Dazu dient Stab und Pilgertaschen, Die Flecken von uns abzuwaschen. Hornvilla . O Hochmuth! Geht, ihr wahrlich schaut Nicht so, als stäkt in sündger Haut, Ihr mit dem schmalen Angesicht, Dünnbärtgem Maul? ich glaube nicht, Daß ihr was Rechtes schon gelogen, An Geld was Sonderlichs betrogen, Kein Nothzucht habt ihr nie verübt, Und wie man spricht, kein Wass'r betrübt, Ein magres, stilles Kind vielleicht In Zucht und Ehrbarkeit erzeugt: Da läuft nun rum wie toll und blind Solch arm einfältig Menschenkind. Clemens . O liebes Kerlein, laßt euch sagen, Ich war in meinen jungen Tagen Ein wilder Bursch, hab' viel erlebt, Manch tollen Fastnacht-Streich. Was gebt Ihr mir, sag' ich von Lästern, Fluchen, Hur'n, was ihr nicht in mir sollt suchen? Half drauf in einem wackern Kriege Dem Christenheer zu einem Siege, Und das versteht sich, manche That Verübt im Muthe der Soldat, Daß sich auch selbst die allerbest Vor Gott nicht verantworten läßt. Ihr thut so groß, ihr thut so breit, Doch hinterm Berg sind auch noch Leut. – Laßt uns den Discurs jezt abbrechen Und lieber andre Sachen sprechen, Der fromme Mann muß seine Sünden Mit Lobserhebung nie verkünden. – Ihr habt ein junges Weib genommen, Das ist mir seltsam fürgekommen, Sie ist gerade, munter, schlank, Mir wär in eurer Stelle bang; Ihr seid ein wenig ungestaltet, Die Stirn in Runzeln sehr gefaltet, Gar bucklich seid ihr, dazu schielend, Wenn ihr einmal am Kopfe fühlend Bemerken solltet ein Geweih, So wäre das ganz wunderfrei, Daß sie euch als den Mann wohl herzt, Doch hinterrücks mit andern scherzt. Hornvilla . Für diese Furcht giebt es ein Mittel, Ein harter, schlanker, derber Knittel, So lang im Wald wächst dieses Kraut, So lang vertrau ich meiner Braut. Sollt' ich mich grämen und mich plagen, Wenn ich noch kann mit Fäusten schlagen? Der Stock gehört zum Ehestand, Wie zu dem Tintenfaß Streusand, Wie zu dem Braten backne Pflaumen, Wie zur vollkommnen Hand der Daumen: Ein Instrument das Erste ist Im Ehestande, wie ihr wißt, Doch gleich das zweite drauf im Range Ist mir ein Knittel, oder Stange, Oder daß ich Karbatschen mache, Es thut der Name nichts zur Sache. Clemens . Doch von den Sohlen zu dem Haar Werd' ich an euch kein'n Reiz gewahr. Das Liebesfeuer muß doch brennen, Wie hat sie sich verlieben können? Hornvilla . Ihr seid mir auch der rechte Sprecher Und wohl ein unerfahrner Schächer. Der Wuchs, das Auge, grade Bein, Sind wohl, was Weibern heller Schein Und Liebesreiz und Schönheit dünkt? Wenn auch mein Fuß ein wenig hinkt, Wenn auch mein Auge schielt, und krumm Mein Rücken steht, so sind doch drum Am Mann noch andre Qualitäten, Die ihm mein Seele mehr von nöthen Als grade Beine, grader Rücken, Und Augen lieblich anzublicken, Die wohl die allerhärtsten rühren, Und wissen sie auch auszuspüren, Kein Weib, glaubt mir, tappt blindlings zu, Kein Mann macht ihr ein X für U. Drum seht ihr oft, daß zart Gesicht Von ihnen wird geachtet nicht, Doch wird ein Kerl sehr oft gefallen, Der ausgeschrien von Männern allen Für unausstehlich, häßlich, dumm, Sie mögen ihn so lieber drum. Ein Schiffer kommt . Wollt ihr jezt in das Boot einsteigen? Es will ein günstger Wind sich zeigen. Clemens . Lebt wohl, ich sag' euch nochmals Dank Für Lager, Speis' und edlen Trank, Wünsch' nur, ich könnt's vergelten sehr. Hornvilla . Paris seh ich wohl nimmermehr. Nehmt so vorlieb. Komm, Alivus, Nimm Abschied hier mit einem Kuß. Alivus , die Braut, kommt. Clemens . Lebt glücklich, wünsch' euch Freud und Lust Und bald ein Kind an eurer Brust. Hornvilla . Wir wollen sehen was es giebt. Clemens . Es fehlt nicht leicht, wenn man sich liebt. geht mit dem Schiffer. . Hornvilla . Komm, Alivus, und setz dich hier, Jezt bleib ich, Liebe, nun bei dir. Priester . Wohin will denn der Fromme gehn? Hornvilla . Er denkt jezt nach Italien. Ein braver Mann, verständig, weis', Er macht aus Tugend diese Reis', Hat viel erlebt und viel erfahren. Priester . Er ist auch ziemlich schon bei Jahren. Hornvilla . Laßt die Musik von neuem klingen, Noch eins im Kreis herum uns springen, Macht fort ihr Leut, es wird schon spät, Bis man alsdann zu Bette geht. Musik und Tanz. Der Wald. Malchus . Pontinus . Malchus . Wo bleibt der Robert? Pontinus . Er ist hinüber nach unsern Kameraden gegangen, ob sie was ausgespürt haben.. Malchus . Es wird wieder nichts sein, die Zeiten werden immer schlechter für einen ehrlichen Kerl. Pontinus . Kein Reisender will hier mehr durch den Wald ziehn, seit acht Wochen haben wir keine Arbeit gehabt. Robert kommt. Robert . Was steht ihr, Hallunken, und faullenzt? Auf, mir nach. Abraham will jenseit dem Berge Reisende in der Ferne gesehn haben. Malchus . Endlich einmal! Robert . Ja, es ist hohe Zeit, ich habe keinen Heller mehr im Seckel, das sauerste Leben haben die armen Spitzbuben auf der Welt; wenn es so fort geht, muß man aus Desperation noch ein ehrlicher Mann werden. Pontinus . Das wäre doch arg. Robert . Säumt euch nicht. Ist euer Zeug auch in gutem Zustande? Habt ihr eure Paternoster bei euch, daß ihr beten könnt, wenn einen der Teufel holen soll? Malchus . Wir sind, wie brave Kerle, immer auf alle Fälle gefaßt. gehn. Felicitas . Nikanor . Nikanor . Hier endigt meine Pflicht, hier ist der Wald, Zu dessen Saum ich euch geleiten sollte. Lebt wohl, die ich noch Fürstin nennen muß, Mein Herz weint Blut, da ich hier Abschied nehme, Nun sei der Herr des Himmels euch Geleitsmann. Felicitas . So müßt ihr gehn? Müßt ihr mich hier verlassen Mit meinen armen Kindern? Könnt ihr nicht Zu sichern Leuten mich, zu einer Stadt, Die ferne liegt und unbekannt, mich bringen? Nikanor . Ein theurer Eid hält meinen Willen fest. Bundbrüchig wär ich meinem Kaiser, Gott, Wollt' ich von hier nicht meinen Rückweg nehmen. Felicitas . O ihr seid alt, das Alter macht euch furchtsam, Euch will ich gern vergeben, aber denk' ich Der jungen Ritter, die den Preis gewannen In vielerlei Turnieren, ihn von mir Empfingen, meine Schönheit prießen, laut Verhießen, das Unmögliche zu wagen Für meine Ehre: – keiner hat gewagt, Ein lautes Wort zu sprechen. Nikanor .                                       Sie verstummten Dem Zeugniß alle, das der Kaiser gab. Felicitas . Hilf mir zum Pferd, zu meinen Kindern, lebe Dann wohl; kehr glücklich heim zur Stadt, mit dir Die fünf erwählten Ritter, die mich schützten; Bis jezt ist uns kein Unfall aufgestoßen, Nun geht ihr fort, nun kömmt vielleicht Gefahr. Grüßt meinen Kaiser, sagt, ich sei ihm treu Verblieben, lieb ihn stets bis an den Tod, Einst wird er die Verläumder kennen lernen. ab. Albert , zwei Knechte . 1. Knecht . Die Pferde, Herr Ritter, sind abgefüttert. Wollt ihr aufsitzen? Albert . Schlimm Reisen ohne Wirthshaus, wo man einkehren und rasten mag, Vieh und Menschen kommen leicht zu Schaden. Mir graut recht, hier durch den großen Wald zu reiten. Meine Frau wird daheim auch in Sorge sein. 2. Knecht . Ich wollte Gott danken, wenn wir diese Bäume erst hinter uns hätten. Die Einsamkeit, die Hohlwege, das Brüllen der wilden Thiere drinnen macht mir Grausen und Haarsträuben. Albert . Wir müssen hindurch. Sitzt auf und reitet ihr beiden mir immer eine Strecke voran, so können wir uns besser umschauen. 1. Knecht . Recht so, wenigstens seid ihr etwas sicherer, Herr Ritter. gehn ab. Felicitas mit den Kindern . Mein Pferd laß ich mit freiem Zügel weiden, Hier ist ein Platz mit schönem grünen Klee, Goldgelbe Blümlein drunter, und ein Brünnlein Macht in der Einsamkeit gar lieblich Rauschen. Hier leg' ich euch, ihr Kinder, in die Blumen, Ihr lacht sie an, sie lachen wiederum. Eur rother Mund, der Glanz der lichten Augen Schaut als die schönste Blumenzier im Grase. Noch küß' ich eure Lippen, ihr Holdselgen, Schlaft jezt ein wenig und ich reich euch wieder Die Brust nachher. – Herr Gott, wie schön ist's hier, Mir deucht, ich sah noch nie solch lieblich Thal, Das klare Wasser und der grüne Plan, Die sanften Hügel und der blaue Himmel, Der Bäume Flispern und die Einsamkeit, Sie machen mir mein Herz so froh beklommen. Wie schön ist Gottes Welt! – So hab ich oft Geträumt, mir in der Jugend oft gewünscht, An solchem abgelegnen Platz im Wald Zu sein, recht plötzlich ohne Menschen, Freunde, Zu fühlen recht, was Einsamkeit bedeutet, Die Felsen so zu sehn, wie ich sie schaue. Wie wunderbar, daß mir es jezt so wird! – Wo gehst du hin, du liebes, eilend Wasser? Du thust als hätt'st du Botschaft abzugeben Dem liebetrunknen Ohr, das deiner wartet, So fließen, grüßen deine hellen Kreise In süßer Weise durch die schönen Gleise. Die Kinder dort – ich bin im Unglück glücklich. – Welch schönen Frühlingshauch der Baum, an dem Ich ruhe, von sich giebt aus seinen Blüthen. Die Schmetterlinge spielen in der Sonne, – Es thaut ein milder Geist in diesem Dufte Mit lieber Ruhe auf mich nieder. – sie entschläft. Der Schlaf steigt vom Baume . Wieder steig' ich aus dem Wipfel, Bin ein Knabe, heiße Schlaf, Oben wohn' ich in den Blüthen, Düfte sind mein süßes Grab. Wo die sanften Wellen wandeln, Steht mein Haus auch neben an, Bienen wissen, wo ich athme, Summen leis' im Frühlingsstral. Wenn der Mensch recht Leiden duldet Und er fühlt sich ganz verarmt, Zürnt auf Schicksal, auf sich selber, Weiß auf Erden keinen Rath, Komm ich her auf meinem Schifflein, Mit der stillen, leisen Fahrt, Er sieht meine blonden Locken, Schüttl' ich diese, schläft er sanft. Diese arme, unterdrückte, Mit den Kindlein auf dem Arm, Möcht' ich gar zu gerne schützen, Aber ich bin allzuschwach. Konnt' ihr weiter nichts mehr helfen, Aber regen mußte Blatt Sich mit Welle, mit dem Winde Alles klagen freundlich: Ach! Und sie thaten alle willig Was ich kindlich nur befahl, Bis die süße Dämmerunge Sich in das Gemüthe stahl. Elend ist nunmehr vergessen, Wie der Othem auf und ab Steiget, fließen Melodieen Durch den Sinn mit Zauberklang. Küssen will ich ihre Augen, Träume steigen an den Rand Dieser Quelle, jede Welle Schmeichelt auf 'ne Liebsgestalt. Wie die Mutter, so die Kinder, Beide träumen ebenfalls Dunkel von den Abendwolken, Von dem hellen Wasserfall. Lieben in dem Traum die Mutter, Die sie wachend nie erkannt, Denn zuerst im süßen Schlummer Knüpft sich still das Liebesband. – Doch was drängt mich? Ich entfliehe, Welch ein Unthier mich verjagt! Gutes wollt' ich, es gelingt nicht, O ihr Armen, daß ihr schlaft! schlüpft zum Baum hinauf Die Romanze tritt ein . Als die Mutter schlief im Grase Dorten bei dem Brünnlein kalt, Das ein lieblich Rauschen machte Zwischen Blumen in dem Wald, Kam indem aus dem Gebüsche Hergeflohn ein großer Aff, Der die Mutter an dem Baume, Sammt den Kindlein schnell ersah. Reizt' ihn sehr das eine Kindlein Und ihr lieber süßer Schlaf, Daß er ein Gelüst empfand, Und das eine Kindlein stahl. Er erwischt' es ganz behende, Lief zum Walde mit, so lang, Bis er kam durch das Gesträuche Hin zu einem grünen Platz. Dort setzt' sich der Affe nieder, Wollte sehn das Kindlein nackt, Und entband es von den Tüchern, Legt' es auf die Erde sacht. Wie es ihm denn nun gelungen Und es nackend vor ihm lag, Saß er vor dem Kinde schmollend, Bleckte gegen ihn den Zahn, Wollte wie die Mutter lachen, Meinte, lachen sollt' der Knab', Doch der fing an laut zu schreien, Daß es tönte durch den Wald. Sanft war noch die Frau im Schlummer, Durch den Wald ein Löwe kam, Sah das zweite Kindlein liegen, Es sogleich in Rachen nahm. Doch die Löwin hatt' den Kleinen Eben nur noch angefaßt, Als die Kaiserin ermuntert Von dem tiefen Schlaf erwacht. Und sie sah mit ihren Augen Wie der Leo groß und stark Trug das Kind in seinem Maule Und damit von dannen sprang. Meinte, daß von ihm der Zwilling Schon zuvor zerrissen war, Rief im Jammer: ach, was hast du, Bittres Schicksal, mir gethan? Das war mir noch aufbehalten, Nun beginnt erst meine Quaal! Schwur bei Gott im hohen Muthe An der Löwin mindstens Rach Sich zu nehmen, gab dem Pferde Zaum und Zügel, oben saß Schnell die unglücksel'ge Fürstin, Ritt der Löwin nach, so stark Nur vermocht' das Roß zu laufen, Aber nimmer sie erlangt. Denn im Walde mit der Beute Ihr der Leo bald entschwand, Und sie mußt' in Dorn und Sträuchern Wider Willen machen Halt. Doch der Löwin bald gereute Was ihr Muthwill' erst gethan, Denn aus Lüften fiel ein Greif ihr Auf den Nacken steil herab. Wie ein Blitz schoß er hernieder, Und erhaschte mit Gewalt Kräftig Löwin samt dem Kinde, Führt sie durch die Luft alsbald. Leo konnte sich nicht regen, Herbe Schmerzen der empfand, Immer schwang Greif sein Gefieder, Flog hin über See und Land, Flog mit seinen Riesenschwingen Ueber Berg, Wald, Fels und Thal, Fern hinweg zu einer Insel, Die im großen Meere lag. Einsam war und wild die Insel, Unbewohnt und ohne Gras, Rund umflossen von dem Wasser, Und ein Felsen ganz und gar. Hier ließ sich der Greif nun nieder Als er sich herunter schwang, Denn er hatte hier sein Wohnhaus, Setzte ab die Löwin bang. Diese stieß im grimmen Zorne Auf den Greifen also hart, Daß sie ihm mit ihren Zähnen Gleich entzwei den Schenkel brach. Nieder fiel der Greif zur Erde, Weil der Schmerz ihn überwand, Wehrte sich auf's allerbeste Wohl mit manchem harten Schlag, Mit den Flügeln, mit den Klauen, Mit dem grausam wilden Zahn, Aber nichts vermocht' er, wüthig Machte ihn die Löwin zahm. Nicht mehr regte sich der Greife, Elend ward er umgebracht, Leo nahm ihn drauf zur Speise Und dem Kind geschah kein Harm. Als die Löwin satt gespeiset, Sie zum Kindlein nieder lag, Wie sie wohl daheim zu Hause Mit den jungen Löwen pflag. Und das Kind, die Milch erspürend, Wie der Löwin es so nah, Saugte wie an Mutterbrüsten, Gott erhielt es wunderbar. Als die Löwin ihn genähret, Grub sie in den Boden hart Mit den spitzgen Klauen mächtig Eine Grub' in Steineswand, Legte sich im Schatten nieder Und das Kindlein zu sich nahm. Ließ es saugen, macht' ihm Bette, Von der Mähne wundersam, War sie hungrig, aß sie selber Von dem Greifen, der dort lag. Wie wird nun die Mutter klagen In dem einsam wilden Wald, Daß ihr Schreien durch die Zweige, Durch die Felsen widerschallt? – Jezo geht das Schauspiel weiter, Ich, Romanze, trete ab; Duldet gütig, laßt den Geistern, Wie sie mögen, frei Gewalt. Hin und wieder gehn die Scenen, Dann ergreifet sie die Hand, Und man sieht, was schien zu trennen, Ist es, was es alles band. – ab. Zwei Knechte . 1. Knecht . Wir haben hier schon eine Weil' gehalten, und er kommt immer noch nicht. 2. Knecht . Ich weiß nicht, wo er bleibt. Ich hätte fast Lust, wieder umzukehren. 1. Knecht . Da ist er! 2. Knecht . Was trägt er in seinen Armen? Albert kommt mit dem einen Kinde. 1. Knecht . Wir waren euretwegen in Sorgen, Herr Ritter, und nun kommt ihr mit einem nackten Knäblein zurück. Albert . Schaut einmal, Leute, den schönsten Buben, den ich noch in meinem Leben bin gewahr geworden, wie eine Rose. Den will ich meiner Hausfrauen mitnehmen, damit wir ihn in aller Zucht und Ehrbarkeit als einen Christen auferziehn. 1. Knecht . Wie seid ihr denn in dem wilden Walde an das Kind kommen? Albert . Gar wunderlich. Ich ritt euch hintennach Und ging mein Auge stets nach allen Seiten, Die wilden Thiere oder Räuber fürchtend. So schau' ich was im Grase in Bewegung. Und wie ich näher reit, ist es ein Affe, Der grinzend vor dem nackten Kinde sitzt, Es anbleckt, sann als wenn er lachen thäte, Hub bald ein Tappen auf und bald den andern Und streichelt mit des Kinds Gesicht, das schrie Und weinte laut, wollt' nicht den Affen sehn. Wie ich nun sah, daß mit dem Kindlein so Die Bestie umging, dacht' ich drauf, wie ich Das Kind von ihm erlösen möcht', sprengt' mit Dem Pferde schnell hinzu und schriee laut: He, Meister Aff! das Kind laß liegen, was Hast mit dem Kinde vor? Wie mich der Aff Ersah, ließ er alsbald vom Kind, sprang grausam An mich hinauf und hätt' mich fast herab Vom Pferd gezerrt, riß mir ein großes Stück Aus meinem Rock. Da dacht' ich: soll ein Aff, Wenn noch so groß, dir solchen Possen spielen? Nahm drauf mein Schwerdt, und that so guten Streich, Daß ich ihm hieb den rechten Arm vom Leib. Wie sich mein Aff nun seines Arms beraubt Empfand und schadhaft, sprang er wüthend grimmig Wohl zehen Schuh hoch wie ein tolles Thier, Indem schlug auch mein Pferd von hinten aus So ungestüm, daß mir der Sinn verging, Doch traf's zum Glück den Affen an die Lenden, Daß er gleich niederfiel. Da stieg ich ab, Hieb schnell den Kopf dem Affen ab, und nahm Das Kind und wickelt' es in meinen Mantel, Erfreut ob seiner Schöne, saß zu Pferd Und kam zu euch, und so hat's sich begeben. 1. Knecht . Aeußerst wunderbar. Gut, daß ihr nur mit einem Affen und nicht mit Räubern und Mördern zu thun gehabt. 2. Knecht . Horch! es pfeift im Walde. Albert . Wenn man vom Wolf spricht, pflegt er nicht weit zu sein. Haltet euch gefaßt. Robert , Malchus , Pontinus , Abraham , andre Räuber. Robert . Holla he! ihr da! Wer seid ihr? Albert . Und wer seid ihr, daß ihr uns so fragen und so anfahren dürft? Robert . Das wollen wir dir bald zeigen, alter Gimpel. Gieb her, was du an Geld bei dir hast, oder dein Leben ist verloren. Albert . Ob mein Leben verloren ist, weiß nur Gott. Geld habe ich keins bei mir, am wenigsten aber, um es Spitzbuben zu geben. Malchus . Stopf ihm das Maul, Robert. Robert . Gieb das Kind her, alter Schelm, das schöne Kind, das du gewiß einem Biedermann gestohlen hast. Albert . Nein, ihr Bösewichter, haltet Ruhe, so will ich euch erzählen, wie ich das Kind von einem Affen erbeutet. Malchus . So wollen wir es vom zweiten erbeuten. Albert . Ihr Ehrenschänder, ihr Verräther! Ich setze mich gegen euch alle zur Wehr. Helft, helft ihr meine getreuen Knechte, schlagt in Gottes Namen drunter, daß die Stücken davon fliegen. Gefecht. 1. Knecht . Laßt ab, Herr, sie sind zu gewaltig. Albert . Ei, was wollten Spitzbuben zu gewaltig sein. Schlagt sie bis sie genug haben. Robert . Du Bösewicht! Seht Leute, da hat er unserm Malchus den Kopf herunter gehauen. Nehmt ihm das Kind, solche Kerle stehlen Kinder den Fürsten weg, um sie nachher wieder theuer zu verkaufen; denn wo sollte er sonst das schöne Kind her haben? Albert . Schweigt vom Stehlen, Lümmel! Ich hab' es im ehrlichen Kampf einem Affen abgewonnen. – Ihr Knechte, ihr nützt mir nichts, haltet mir den Rücken frei, schlagt mit beßrer Gewalt. – Nein, die Spitzbuben sind mir zu mächtig. Da, liege, Kind, in Gottes Namen, ich kann dich nicht länger beschützen. ab mit den Knechten. Pontinus . Da steigen sie auf ihre Pferde, die Bestien. Sollen wir ihnen nach? Robert . Laßt sie ins Teufels Namen gehn. Das Kind ist unser. Pontinus . So haben wir den Malchus verloren, einen ganzen Kerl, und ich bin blessirt. Robert . Einmal müssen wir alle dran. Was machen wir mit dem Kinde? Es ist ein gar schöner Bube. Pontinus . Wir müssen würfeln, wer's beste trifft, der hat ihn. – Drei. Ich muß immer von Unglück sagen, und die Wunde oben ein. Abraham . Ich habs nicht. Ein andrer . Zwölfe, weiter. Robert . Alle sechs. Er ist mein. Aber was mach ich mit dem Kinde? Kommt ihrer etliche mit mir an den Strand des Meeres, da findet sich mancher Kaufmann, der nach allerhand Waaren sucht, vielleicht kann ich dort das Kind um einen guten Preis los werden. Ihr übrigen, an eure Plätze. Alle ab. Der Schlaf . Wie so traurig ist die Arme, Die die Kinder hat verloren, Sie durchstreift die ganze Waldung, Wünscht, sie wäre nie geboren. Dachte alles gut zu machen, Habe alles gar verdorben, Könnt' ich doch etwas ersinnen, Ihr zur Hülfe, ihr zum Troste. Muß das Vieh der Wildniß, Affen, Löwen zu den Kindern kommen? Sie wünscht sich anjezt zu sterben Mit dem allerliebsten Sohne. Schon hör' ich den Ton von weitem, Ja, ich halte mich verborgen, Schlaf darf nicht hernieder sinken, Als ein Echo sag' ich Worte. verbirgt sich in den Felsen. Felicitas tritt ein .     Geh mein Roß auf grüner Weide.                                               – Leide.     Ach, was bleibt mir nun noch offen?                                               – Hoffen.     Sagt ihr mir ein Wort, ihr Winde?                                               – Finde!     Ach, wie tönt es so gelinde     Durch die Waldung, durch die Düfte,     Freundlich sagen mir die Lüfte:     Leide, hoffe, endlich finde! –     Immer ist mein Kind entschwunden.                                               – Gefunden.     Löwe hat ihm Tod gegeben.                                               – Leben.     Glaub' ich, daß es wiederkehre?                                               – Im Meere.     Lieblich trösten will der leere     Nachhall: soll ich Hoffnung fassen?     Ist das Leben ihm gelassen?     Finden soll ich es im Meere? –     Nein, beständig ist dies Wehe.                                               – Gehe!     Was, o was beginn' ich, sage!                                               – Wage!     Mich verdarb des Schlafes Tücke.                                               – Geschicke.     Er zerriß mein schönes Glücke,     Gehe! Wage! ruft der Schall,     Ach, du schwacher Widerhall,     Wie bezwing' ich das Geschicke? Ja, des verrätherischen Schlafes Tücke Hat alles, was mein Leben, mir entzogen, Den andern Menschen zeigt er sich gewogen, Mir tödtete der Falsche Lieb' und Glücke. Die Bosheit nutzt des Schlummers Augenblicke, Und hat mit Blendwerk den Gemal betrogen, Mir ward sein Haß: an meinen Brüsten sogen Dem Herzen nah, noch meines Herzens Stücke. Da kam der Schlaf, betäubte meine Sinnen, Ich sah ein Kind, das meinen Kindern lachte, Ein goldnes Haar floß lockigt ihm vom Haupte: Doch als ich auf vom bösen Schlummer wachte, Sah ich das Unthier, das mein Kindlein raubte, Ein Löw, gelbmähnicht, floh damit von hinnen.         Echo . – Sollst wieder es gewinnen. – Nein, mich soll nicht die Zauberstimme binden, Ich gehe, Kinder oder Tod zu finden. geht. Robert mit dem Kinde. Pontinus , Abraham . Abraham . So hatte der alte Ritter doch die Wahrheit gesprochen, denn wir haben den Affen todt im Walde gefunden, von dem er das Kind erlöst hatte. Robert . Seht ihr nichts auf der See? Pontinus . Dort rudert vom Schiff ein Boot mit Leuten heran. Robert . Mir wird auch das Kind zur Last auf die Länge, bin an dergleichen nicht gewöhnt. – Ja, es steigen Leut' an das Land. Vielleicht, daß ich einen guten Handel treffe. Abraham . Mit Kindern ist immer ein mißlicher Verkehr, die Waare hat nie einen bestimmten Preis, dazu ist diese Creatur so klein; ja wär' er erzogen und erwachsen, so wär' er eine gute Beute gewesen. Robert . Du bist immer klug hintennach. Wär' er, ja freilich, wär' er! Halt dein Maul und bekümmre dich um deine Sachen. Kaufleute , Pilger treten auf, unter diesen Clemens . Clemens . Gott Lob, daß ich wieder Land unter mir fühle! Mir ist noch schwindlich zu Sinne, von dem Wiegen und Wogen, und hinauf und hinunter, Tag und Nacht; nein, auf dem Meere zu leben wäre nicht meine Sache. 1. Kaufmann . Wir, Herr Clemens, sind des Dinges mehr gewohnt, das ficht uns nicht an. Clemens . Euer Gewerbe, meine werthen Herrn, bringt dergleichen mit sich, ein Kaufherr muß sich immer zur See und zu Lande umtreiben. Ich denke aber, keine Pilgerfahrt wieder zu unternehmen. 2. Kaufmann . Ihr habt mit einem male eurem Gewissen Genüge gethan. 3. Kaufmann . Heute seh ich niemand an der Küste, der etwas zum Verkauf ausböte. Robert . Edle Kaufherrn, seht das wunderschöne Kind, das ich habe. Ist es euch anständig, es zu kaufen? 1. Kaufmann . Zeigt uns doch her. Wahrlich, ein schöner Knabe, edel gewachsen, der gewiß nach seiner Bildung aus keinem geringen Hause sein muß. Ich fürchte nur, aufrichtig zu sprechen, ihr habt, wie es wohl zu geschehen pflegt, das Kind aus dem Hause eines ehrlichen Mannes entwendet. Robert . Nein, mein werther Herr, wir haben es von einem Ritter bekommen, der es drinn im einsamen Walde einem wilden Affen abgejagt hat. 1. Kaufmann . Das Kind ist schön. Was begehrt ihr denn dafür? Robert . Ihr seht gewiß kein anmuthigers Kind und darum ist vierzig Kronen kein zu hoher Preis dafür. 1. Kaufmann . O geht, ihr seid nicht gescheidt, bedenkt die Mühe und die Kosten der Auferziehung, daß das Kind noch vieler Pflege bedarf. Der erste Kauf ist immer der beste, nehmt zehn Kronen und wir sind eins. Robert . Mein Herr, dafür müßte ich das Kind gestohlen haben, das ist ja gar kein Gebot. Dann sollte mich nur meine Mühe dauern, daß ich es so weit getragen habe. Clemens . Was man auf Reisen erlebt! Schaut doch, ein Kind wie die Sonne, im wilden Walde gefunden! Augen, und ein Angesicht, daß einem das Herz im Leibe lacht! Hab' ich doch mein Lebtstage nicht so schöne Lippen gesehn, und Augen wie die himmlischen Sterne. Ei, du Allerweltsjunge, bist vom Himmel herunter gefallen? Gelt, Schlingel, bist ein klein Englein? Lachst du, Schurk? Ja, lach nur, das steht dir am allerbesten, das weißt du wohl. Hab' auch so ein Kerlein daheim, bei meiner Frauen. Ihr würdet ein paar allerliebste Spielgesellen sein. – Sagt, mein Freund, kurz und gut, das Kind hat mir mein Herz gestohlen, wollt ihr dreißig Kronen? Robert . Topp, da nehmt's hin. Gebt mir das Geld. Clemens zählt . Da habt ihr. Gott befohlen! Robert . Viel Glücks damit. Lebt wohl, kommt gesund nach Hause. geht mit Pontinus und Abraham ab. 1. Kaufmann . Ei, Herr Clemens, wahrlich man sieht es, daß ihr reich und großmüthig seid. Das muß gute Waare sein, die so wenig ist und die man so theuer bezahlt. 2. Kaufmann . Bequemlichkeit, Herr Balthasar, wird niemals zu theuer erkauft. Der Herr Clemens will sich die Mühe sparen, selber noch Kinder zu zeugen, darum kauft er sie unterwegs für sein baares Geld ein und schenkt sie seiner Frau. Clemens . Spottet nur, spottet nur, werthe Herrn. Hab' ich doch so das schönste Knäblein auf Gottes Erdboden aus den Händen wilder Leute erlöst, und ich achte drum, weil es so holdselig ist, die Summe noch für zu geringe. 1. Kaufmann . Es ist die Frage, ob eure Frau auch so denken wird. 2. Kaufmann . Sie muß sich doch trösten, denn was man nicht umsonst haben kann, muß man kaufen. Nun, lebt wohl, wir müssen wieder in unser Schiff. 3. Kaufmann . Viel Glück auf die Reise. die Kaufleute ab. Clemens . Lieber Herr, helft mir doch ein wenig, das Kind in das Tüchlein zu schlagen, denn so nackend mag ich's nicht fortbringen. 1. Pilger . So, Herr Clemens, seht, nun ist es eingebunden, tragt es nun so am Halse, das wird die beste Art sein. Clemens . Schönen Dank. Ihr zieht nicht meine Straßen? 1. Pilger . Nein, ich geh hinab nach Rom. 2. Pilger . Ich noch tiefer, nach Neapel. Lebt wohl. Clemens . Ich dank euch, und wünsch' euch glückliche Heimkunft. die Pilger ab. Clemens allein . Ich bin führwahr ein närrscher alter Mann; Weiß selbst nicht, wie ich bin zum Kind gekommen, Da hab' ich's nun, und muß es mit mir schleppen. Je, schaut es doch so hold, so freundlich drein, Da, laß' dich küssen Bub'! Komm her, ich will Dein Näschen sauber machen. So. Das Köpfchen Kuckt wie ein runder Apfel aus dem Tuch. Wie die Leut' mich werden anschaun. Nun, was schadt's? Was gehn mich denn die Leut' an? Aber sauer Wird mir mein Gang, das Kind ist rund und schwer. Wie nur die Blitzkröt mir mein Herz so stahl, Daß ich nicht lassen konnt' darauf zu bieten! Und was für Augen meine Frau wird machen, Mein kleiner Jung, der Claudius! O, der ist So schön wie dieser. Hui! das wird ein Paar, Wenn die zusammen spielen ist's wie Engel. Zwar solche Augen hat der Claude nicht; Potztausend, wie zwei Sterne gehn sie vor mir. O glücklichs Kind, jedweder muß dich lieben. Ich will dich fromm erziehn zu einem Christen: Hat Gott vielleicht das Claudchen heimgenommen, So sollst du erben Haus und Hof und alles, Denn mehr der Kinder werd' ich wohl nicht kriegen. Ja, kleines Herz, du sollst mein Söhnchen werden, Und ich will dir ein lieber Vater sein. Hast du verloren Vater schon und Mutter? Du bist mein Kind, mein lieber Schatz. – Ich muß Mich auf die Reise machen. – Er ist schwer, Das Gehen wird mir sauer. Nun, man hat Doch ohne Mühe nichts in dieser Welt. geht. Felicitas kommt . Da ist das große Meer. Wie unermeßlich! Wie brennt der Himmel in den Wasserwogen, Wie treiben Wolken durch den weiten Spiegel. Nun fühl' ich erst mein einsam Elend. Kommt Kein Mensch zu helfen mir, zu rathen? – Wie bin ich durch die Wälder hingejagt, Gewandert dann zu Fuß, als müd' das Pferd, Gerufen und geklagt, mein Haar gerauft? Ich konnte nichts als nur mich selber strafen. – Ich höre Stimmen, – Es kommen Leute, dort seh ich ein Schiff; O gütger Himmel, laß es Christen sein! Schiffshauptmann , Adam , Pilger . Schiffshauptmann . Der Wind macht sich auf, er ist uns günstig, wir müssen die Zeit nicht versäumen. Adam . Je früher wir hinüber kommen, je besser. Felicitas . Ich sehe Männer in der Pilgrimstracht, Es müssen Christen sein. – Adam .                                         Welch Frauenbild Kömmt auf uns zu mit schmerzlicher Gebehrde? Felicitas . O lieben Leute, wenn ihr glaubt an Gott, An seinen eingebornen Sohn, die Mutter Maria, o so laßt euch mein erbarmen. Ich unglückselge Frau bin hier verirrt, Von Leiden sehr gebeugt, von jedermann Verlassen, ausgestoßen in die Wildniß, Doch widerfuhr mir das um keines Lasters, So wahr ein Gott im hohen Himmel lebt. O helft mir doch und weist mich nicht zurück, Mir blieb kein ander Glück, kein ander Heil Als nur dies arme Leben, das ich nicht Verzweifelnd in der Einöd' enden möchte, Die Seele mit dem Leib nicht zu verderben. O nehmt mich auf in euer Schiff und führt Mich fern hinweg zu weit entlegnen Küsten, Dort will ich gern in Thränen und in Jammer In heiligen Gebeten still verscheiden. Schiffshauptmann . So kommt mit uns, wir sind nicht wilde Heiden, Drum braucht es der Beschwörung nicht, steigt ein Und gerne soll geschehn, was wir vermögen. Felicitas . Nach welchem Lande geht ihr unter Segel? Adam . Nach Palästina, um das heilge Grab Zu sehn, die theure Stätte zu besuchen. Felicitas . Ich bin in Freuden dieses Wort zu hören, Und nehm' es an für schöne Vorbedeutung. Seit Jahren ging dahin Gelübd' und Wunsch, Und hat der Himmel mich vielleicht gestraft, Weil ich die heilge Pilgerfahrt versäumt. Auch sollst du, Hauptmann, nichts bei mir verlieren, Ich zahle deinen Dienst dir reich mit Gold. Schiffshauptmann . Kommt jezo, gnädge Frau. Felicitas .                                   Doch seid so gut Und schafft mein Pferd, das dort am Baume steht, Mit mir in euer Schiff, es dient nachher Mir auf der Reis'. Schiffshauptmann .   Gleich sollen Knechte helfen. sie gehen. Feld. Antonella . Kann es wohl noch ein schlimmres Leben, Als was ein Mädchen führet, geben? Wie einem erst die Junggesellen Mit allen Künsten Netze stellen; Erlangen sie dann, was sie wollten, Statt daß sie uns recht lieben sollten, So lassen sie uns undankbar, Verachten uns noch ganz und gar. Mein Kind ist todt, und dergestalt Sorgt er für keinen Unterhalt, Es war ihm nur um das Vergnügen, Gar oft und viel bei mir zu liegen, Und leider war ich auch zu schwach, Das hat mich in groß Leid gebracht. Clemens mit dem Kinde. Clemens . Ei, das heißt wohl ein saurer Gang, Wie wird mir Zeit und Weile lang, Und hab' noch weiten Weg, o weh! Eh ich Paris mit Augen seh, Dies heißt hier erst die Lombardey. Ich bin dem Kinde also treu, Weil ich nur bin ein alter Narr, Ich könnt' es lassen ganz und gar Allhier in einem fremden Land Und geben Zehrung auf die Hand, Und oft hab' ich's mir vorgenommen, Doch ist es nie dazu gekommen: Das heißt die Buße vervielfälten. Antonella . Mit wem mag doch der Alte schelten? Er schleppt sich mühsamlich daher Mit einem kleinen Kinde schwer. Clemens . Dann muß ich's putzen, sauber machen, Und das seind gar nicht Mannes-Sachen, Dann schreit es mal, dann will es trinken, So muß ich durch das Land mit hinken. Antonella . Ei, wem gehört der schöne Knab'? Clemens . Ich ihn an mich gekaufet hab Für richtig gutes schweres Geld, Das mir erst jezt am schwersten fällt, Hab noch zu meiner Heimath weit. Wer seid ihr denn, ihr junge Maid? Antonella . Ach Gott, mein lieber Pilger freundlich, Mir ist das Schicksal gar zu feindlich, Die Liebe hat mit ihrer Macht Mich erstlich in groß Leid gebracht, Drauf starb mir ab mein Kindelein. Könnt' ich als Amme bei euch sein, So lebt' ich wohl in guten Tagen. Clemens . Was würde euer Mann zu sagen? Antonella . Ich muß es euch bekennen alle, Ich kam mit einem nur zu Falle, Der läßt mich nun verachtet werden, Dazu macht mir die Milch Beschwerden Und peinigt mich in meiner Brust, Nicht längst starb's Kindlein, meine Lust. Clemens . Hört, Mädel jung, wenn ich nur wüßte, Daß ihr nicht fielet in die Lüste, Und würdet wieder liederlich, (Denn das wär mir sehr widerlich) So nähm' ich euch als Amme gern Das kleine Kind hier zu ernähr'n. Antonella . Mein Lebstag kommt's mir nicht in Sinn, Da ich einmal gewarnet bin, Mein Irrthum kommt mir warlich theuer, Gebrannt Kind fürchtet sich vorm Feuer. Clemens . So soll mich nicht gereun das Geld, Das die für Unterhalt erhält, Auch will für sie 'nen Esel kaufen, So braucht's nicht neben her zu laufen; Kein Kind kauf' ich wohl nimmermehr, Es macht mir Last und viel Beschwer. gehn ab. Romanze tritt ein . Wie beglückt, wer auf den Flügeln Seiner Phantasieen wandelt, Erde, Wasser; Luft und Himmel Sieht er in dem hohen Gange. Aufgeschlossen sind die Reiche, Wo das Gold, die Erze wachsen, Wo Demant, Rubinen keimen, Ruhig sprießen in den Schaalen. Also sieht er auch der Herzen Geister, welche Rathschlag halten, In der Morgen-Abendröthe Lieblich blühende Gestalten. Phantasie im goldnen Meere Wirft, wo sie nur kann, den Anker, Und aus grünen Wogen steigen Blumenvolle Wunder-Lande. Nirgend ruht sie, wer ihr folget An dem schönen Zauberbande, Steigt in's Innre, schaut die Kräfte Der regierenden Gewalten: Wie aus Wasser alle Welten Hat der ewge Trieb erschaffen, Wie das Feuer ihre Wurzel, Die in ihren Kindern pranget; Und das Licht die höchste Blüthe, In dem Menschen Lieb' ihr Name, Wie sich alles dahin stürzet, Eilt im brünstigen Verlangen. Immer will die Erde aufwärts Liebend an der Sonne hangen, Und das Feuer hält sie innen In sich selber eingefangen; So erbiert sie aus dem Sehnen Liebelechzend reine Wasser, Diese sind die Mutter-Thränen, Die ihr fließen von den Wangen: Und sie läßt die Blumen grünen, Keimen läßt sie schöne Pflanzen, Berge, Wälder, Flur sind trunken In der Wonn', im Liebes-Glanze. Dürstend lechzt der Menschenbusen, Seele will hinauf gelangen, Und in tiefster Inbrunst leise Wird des Schaffens Trieb empfangen: Denn das Feuer fängt die Liebe, Und nun kann sie nicht von dannen, Worauf manche tiefe Meister Wissenschaft und Kunst ersannen: Und am herrlichsten, am freisten Die kristallnen Brunnen sprangen, Die in Reimen, die in Tönen, Dichtender Begeistrung klangen. Wieder sind es Mutterthränen, Daß die Kinder ihr entschwanden, Daß der Lieben süßes Leben Um sie in den Steinen starret. Aber drinn sieht man das Herze, Das die ganze Welt erlabet, Und der Liebesgeist die Flügel Lauter schwinget im Gesange. Und der Schäfer hört es rauschen Fern an seinem Blumenhange, Und sein Herz in Freude zitternd Will erwiedern, kann nur stammeln. Also fühl' ich, also sinn' ich, Wer die Worte nicht verstanden, Denk', ich sei nur wildes Mädchen, Mit dem Namen die Romanze. – Auf dem Meere fährt die Kaisrin, Durch die Wogen, und gelanget Drauf das Schiff an jene Insel, Wo ihr Kindlein liegt gefangen, Wo der Leo es gesäuget, Der den Greifen hat erschlagen: – Nun mögt ihr sie selber hören, Denn dort kommt sie schon gegangen. ab. Felicitas , der Schiffshauptmann . Felicitas . Ich dank' euch herzlich, daß ihr nicht begehrt Das Näh're meines Leidens zu erfahren. Schiffshauptmann . Seid ruhig, gnädge Frau, ich weiß, daß immer Von neuem jede Wunde blutet, wenn Die unbescheidne Neugier daran stößt. Felicitas . Wo sind die Pilger, wo ist denn Herr Adam? Schiffshauptmann . Sie sind hinweg und spüren durch die Insel, Denn wißt, Herr Adam ist, was man so nennt, Ein tiefgelehrter Mann, der seine Wallfahrt Zugleich benutzt, was ihm an Steinen, Pflanzen, An Thieren, Menschen, Ländern, Flüssen, Städten, Merkwürdiges und Eignes nur begegnet, Zu sehn und im Gedächtniß zu bewahren. Es heißt, er will es nachher niederschreiben, Zum ewigen Gedenken seiner Reise, So hat er keine Ruhe denn, nicht Rast, Wo nur das Schiff ein Weilchen stille liegt, Da muß er gleich umher, was auszuspüren. Adam , die Pilger , herbeilaufend. Schiffshauptmann . Was ist euch, Leute? – Wie? so blaß, so zitternd? Erholt euch, denn ihr schnauft ja wie die Bären. Was wollt ihr? – Nun schaut um euch und besinnt euch. Adam . Sind wir auch sicher? Warlich sicher? Ganz? Kein Ungeheuer hinter uns? Felicitas .                                       Was hat Euch so aus euren Sinnen aufgeschreckt? Adam . Mein Gott –, nein, – so was, habt ihr nie gehört Und nie gesehn. Pilger .                       Wir gehn hin durch die Insel – Adam . Laß mich erzählen. – Gehn hin durch die Insel, Uns manchen Stein und manch Gewächs betrachtend, Als wir von ferne hören wie ein Lallen. Pilger . Und wie wir näher kommen – Adam .                                                     Näher kommen, Ist's eine Löwin, die in ihrem Neste Da liegt mit blitzenden Karfunkel-Augen, So roth wie Blut, so brennend wie ein Feuer, Und zwischen ihren Klauen liegt ein Kindlein, Das spielt mit ihr, ein Kindlein wie ein Engel, So schön und reizend. Pilger .                               Denkt euch das Erstaunen! Adam . Ja, nicht verwundern gnug des Anblicks konnten Wir uns, vergaßen, wie ein Löwe grimmig, Als plötzlich uns das Thier ersah, vom Kinde Losriß und auf uns sprang. Da mögt ihr glauben, Daß wir gelaufen sind, was wir nur konnten; Doch scheint's, es ist uns nicht gefolgt und drinnen Bei seinem Kinde blieben. Armes Kind! Das muß nun doch, wenn Gott nicht schützt, verderben, Kommt mal der Durst, die Wuth die Löwin an, So frißt sie doch das zarte Lämmchen auf. Felicitas knieend . O Gott! o gütger Gott! ich danke dir! Nun bin ich wieder froh, noch eins der Kinder Hast du mir aufbewahrt. Schiffshauptmann .             Was macht ihr, Frau? Felicitas . So führt mich hin, alsbald, wo ihr es saht, Es ist mein Kind, so wunderbar erhalten, Ich bin die Mutter, wunderbar geführt Zu seiner fernen Wohnung über See, Durch Wald und Fels. O bringt mich alsbald hin. Adam . Von uns geht keiner nach dem Platze wieder. Pilger . Wir danken Gott, daß wir hieher gelangt. Adam . Bedenkt, der Löwe ist ein grimmig Thier, Zerreißend, ohn' Erbarmen. Wollt ihr euch So unbesonnen liefern der Gefahr? Ist es nicht besser, wenn es so muß sein, Es stirbt Ein Mensch, als ihrer zwei verderben? Und sterben werdet ihr, wenn ihr ihm naht, Denkt, will es Gott erhalten, hat er Wege Gar mancherlei, die keiner mag ersinnen. Felicitas . O zeigt mir nur den Ort an, wo es liegt, Welch Mutterherz trüg' ich in meinem Busen, Wenn es nicht jezt erwachte? War's mein Wunsch nicht, Ich möcht' es wiedersehn, das liebe Kind, War's nicht mein Klagen, daß es mir entrückt? Nun kann ich's ab mit diesen Armen reichen, Und wie, ich bliebe hier? Pilger .                                     Glaubt unbeschwert, Ihr wünscht euch wieder her, seid ihr erst dort. Felicitas . Ihr seid aus Stein gemacht, aus hartem Fels, Und nicht aus menschlichem Geblüt, Erbarmen Ist euch entfremdet. Wohl, so geh' ich ohn' euch, Mögt ihr hier meiner warten, oder fort Von diesem Eiland seegeln, wie ihr wollt, Mich kümmert's nicht, ich sterb' mit meinem Kinde. Schiffshauptmann . Vieledle Frau, wir wollen gerne warten, Nur denkt, es ist ein hohes Abentheuer, In dem euch Sterben näher ist als Leben. Sich einer Löwin in die Klauen werfen? So leicht mag man in Meereswogen springen, Wenn Stürme wüthen, Blitze niederzücken, So leicht sich auf den Scheiterhaufen setzen: Drum wollt ihr's wagen, nun Gott sei mit euch, Doch geht vorerst zum Priester, der dort sitzt, Betet, empfangt Absolution und Segen, Und sterbt ihr dann, so seid ihr vorbereitet. Felicitas . Du räthst mir gut, es sei wie du gesagt. Adam . Und wann ihr dann das Abentheuer wagt, So wollen wir euch gern den Ort beschreiben, Doch müssen wir zurück gesichert bleiben. alle ab. Die Romanze tritt ein . Es geht die Frau mit Glauben und Vertrauen, Im Herzen betend, zu dem Priester hin, Ihr ist, sie spüret Segen niederthauen Vom Himmel hoch, erheitert ist ihr Sinn, Sie fühlt sich nicht die Aermste mehr der Frauen, Ihr Leiden selber dünket ihr Gewinn, Der Priester flehet, daß sie Hülfe fände, Sie nimmt ein Crucifix in ihre Hände.     So geht sie einsam; jene sind zurücke Geblieben in der Furcht und stillem Bangen, Es finden leicht und bald die heitern Blicke Die Zeichen auf dem Weg, all ihr Verlangen Steht nach dem Kind, das ihr das schönste Glücke, So muß sie bald zur Höhle hingelangen, Sie tritt hinzu, geführt von ihrem Herzen Und sieht das Kind drinn mit der Löwin scherzen.     Und ob dem Anblick dieses grimmen Leuen Erschrickt sie inniglich, der Löwe schaut Sie blitzend an, sie muß die Augen scheuen; Doch bald ermannt sie sich. »Ich hab vertraut »Auf Christi Bild, und fruchtlos ist dein Dräuen, »Bei ihm beschwör' ich dich, – so spricht sie laut – »Gieb mir mein Kind zurück, denn es ist mein, »Es muß bei mir, und nicht bei Thieren sein.     »Ja ich beschwör' dich bei den süßen Wunden, »Die uns, den Sündern, Heil und Segen brachten, »Die schmerzlich blutend liebreich offen stunden, »Und uns das Himmelreich zu eigen machten, »Durch die das Paradies wir wiederfunden, »Durch die zerbrochen ward der Hölle Trachten, »Bei Vater, Sohn und Geist beschwör' ich, Leu, »Dich kühnlich, gieb mein Kindlein wieder frei.«     Sie spricht mit herzdurchgehndem Ton die Rede, Hält in gefaltner Hand das Christusbild, Da wurd der Leo alsbald zahm und blöde, Und krümmte sich zusammen still und mild, Sie fürchtet nun nicht mehr, daß er sie tödte, Sie steigt hinein von Sehnsucht ganz erfüllt, Erfaßt ihr Kindlein, drückt es an die Brust, Steigt aus der Höhle, kaum sich selbst bewußt.     Den Mund, die Augen küßt sie brünstiglich, Und Thränen fallen drein, sie lächelt innig, Ihr Leben öffnet jezt von neuem sich, Noch mehr als sonst dünkt ihr das Kindlein minnig, Der Löwe nicht von ihrer Seite wich, Ohn' daß sie's merkt, folgt er ihr still und sinnig, Den großen Kopf gerichtet nach dem Kinde, Als wenn zu diesem sein Verlangen stünde.     So kömmt sie hin zu dem verlaßnen Strande, Die Pilger warten ihrer schon im Boot, Sie sehn den Leo, wollen stracks vom Lande, Sie zittern bleich und fürchten Todesnoth. »Nehmt mich, so ruft die Kaisrin, von dem Sande!« – »Nein, rufen sie, von unserm Blute roth »Würd' sich das Schiff und auch das Ufer färben, »Nicht schont der Leo uns, wir müssen sterben.« –     »Ihr kommt gewiß durch mich in keinen Schaden,« Spricht sie, »dafür will ich euch Bürge sein.« – Sie sagen wieder: »nun mit Gottes Gnaden!« Und lassen sie mit ihrem Sohne ein. Das Boot wird dann am Schiffe ausgeladen, Und all beschaun das schöne Kindelein, Doch plötzlich wird ein laut Geräusch vernommen, Die Löwin ist zum Schiffe hingeschwommen.     Sie spannen schnell, entsetzt, die Segel auf, Und suchen wohl der Löwin zu entfliehen, Doch die folgt unermüdet ihrem Lauf, Dem Schiffe und dem Kinde nachzuziehen, Und es gelingt, sie springt zuletzt hinauf, Die Klaue faßt im Bret nach viel Bemühen, Sie hält sich fest, dann steigt sie über Bord, Und alle Schiffer fliehn bestürzet fort.     Es dünkte ihnen schon der Tod gewiß, »Frau, sprachen sie, ihr macht uns das Verderben, »Daß uns der Löwe wüthend hier zerriß, »Drum ist es besser, ihr müßt für uns sterben, »Wir werfen euch ins Meer.« – »Ach, Freunde, dies »Wär grausam, sagt sie; wollt ihr mir den herben »Tod geben nach der vor'gen Freundlichkeit? »Euch widerfährt vom Löwen nie kein Leid.« –     Und Löwin macht, was sie gesprochen, wahr, Die ging hindurch so wie ein zahmer Hund, Berührte keinen von der ganzen Schaar, Und als sie endlich vor der Kais'rin stund, Hob sie den Kopf, sah wo das Kindlein war, Und legte sich dann nieder auf den Grund, Recht zu der Kais'rin Füßen, sanft und stille, Die niemals zu verlassen war ihr Wille.     Die Kais'rin ward von allen sehr geehrt, Und jeder wollte ihr gefällig sein, Bei günstgem Wetter, stillem Wasser fährt Die Edle fort mit ihrem Kindelein; Sie landen drauf in Asiam unbeschwert, Und kehren in dem Dorf zu rasten ein; Die Kais'rin, Kind und Leo ungetrennt. Sie kommen alle her von jenem End. ab. Felicitas mit dem Kinde, Schiffshauptmann , Adam treten ein, Pilger . Felicitas . O gütger Gott, du trugest mit mir armen Leidvollen Frau, so große Milde, Sünden, Die ich beging, vergaß wohl dein Erbarmen, Durch deine Hülf' mußt' ich mein Kindlein finden, Die Lilie blieb, am Busen zu erwarmen: Wer wollte deiner Allmacht sich verblinden? Gerettet hast du mich auf Wunderwegen, Mit stiller Furcht erkenn' ich deinen Segen. Schiffshauptmann . So nehm' ich Abschied von euch, edle Frau, Und wünsch' euch ferner Glück und Heil, daß bald Sich alle Leidenswolken von euch wenden, Und wieder hell die Sonne niederstralt. Ihr habt mir mehr bezahlt, als mir gebührt, Habt alle Schiffsleut reichlich auch beschenkt, Man sieht an eurer Großmuth, eurer Milde, Daß ihr nicht von geringem Stand. Lebt wohl. Felicitas . Du gehst zu deinem Schiff zurück? Schiffshauptmann .                                           Alsbald; Ich liege stille hier, bis wieder Pilger Sich sammeln, die zurücke wollen nach Europa. Nochmals sag' ich vielen Dank, Euch muß es wohl gehn, denn ihr seid so fromm. Felicitas . Ist der Mann bestellt, der uns den Weg weisen sollte? Adam . Ja, man sagte mir, daß er sogleich kommen würde. Felicitas . Nun bin ich hier im Orient, und sehe dort im blauen Dufte vor mir die hohen Gebirge. – Adam . Edle Frau, das da ist der Libanon, der so mächtig schwarz vor uns liegt. Ich freue mich, daß ich in dem Lande bin, das ich mir seit so lange zu sehen wünschte. Aber, gnäd'ge Frau, ich bin überzeugt, daß mir auf meiner ganzen Reise nichts so Merkwürdiges aufstößt, als mir mit euch und eurem Kinde und dem Löwen begegnet ist. Es ist wahr, es liegt etwas Wunderbares in den Thieren, eine gewisse Sympathie zum Menschengeschlecht; denn so erzählt man vom Romulus und Remus, den Stiftern des Römischen Reichs, daß sie von einer Wölfin gesäugt wurden: die wunderbare Geschichte eines Römischen Sklaven, Androklus und seines Löwen ist bekannt; Ursus, der Bruder des Valentin, wurde von einer Bärin groß gemacht, nebst andern seltsamen Geschichten, doch dünkt mich das mit eurem Löwen noch immer das Allerwunderbarste. Und was völlig unbegreiflich bleibt, ist, wie der Löwe mit dem Kinde mag auf die Insel gekommen sein, die doch ganz vom Meere umflossen ist. Felicitas . Ist der Wegweiser noch nicht da? Adam . Holla! Wegweiser! Wegweiser! Hornvilla kommt. Hornvilla . Nun, nun, schreit nur nicht so gewaltig. Alles Ding will seine Zeit haben; ich habe mich doch erst ankleiden müssen. Felicitas . Seid ihr es, der uns führen soll? Hornvilla . Ich weiß nicht anders, indessen kann ich's auch bleiben lassen, wenn es euch nicht ansteht. Felicitas . Nein, guter Mann, wir haben euch gedungen. Adam . Der Gesell hat eine merkwürdige Phisiognomie. Er sieht fast etwas aus, wie ein Rhinoceros. Hornvilla . He! Alivus! Komm heraus! Alivus kommt. Hornvilla . Sieh nach den Gänsen und Schweinen, weil ich nicht da bin. – Hörst? Alivus . Ja. Hornvilla . Nun, warum kannst nicht antworten? Juckt dir der Buckel wieder? – Jezt hinein, bewahr das Haus gut; wenn Gäste kommen, sei reputierlich, bediene sie fein ordentlich, häng's Maul nicht, als wenn sie dir im Wege wären. Ich muß die Leute hier über's Gebirge führen. – Nun her, nimm erst Abschied, einen Kuß vorher, – so, – und daß du nicht muckst – oder – Alivus ab. Adam . Ist das eure Frau? Hornvilla . Ja. – Ihr wollt nach Jerusalem? Adam . Nicht anders. Hornvilla . Es ist jezt ein erstaunliches Laufen von dem Pilgervolke. Die Frau und das Kind ebenfalls? Adam . Ja, sie steigt nachher auf das schöne Pferd, das dort angebunden steht. Hornvilla . Und geht der große Katz hier auch mit nach dem heiligen Grabe? Adam . Es ist keine Katze, mein Freund, sondern gar ein wundervoller Löwe. Hornvilla . Das lauft auf eins hinaus. Närrische Wirthschaft durch einander, das giebt jezt ein Wallfahrten von allen Creaturen, daß es zum Erbarmen ist. Hier haben wir alle Bestien aus dem Paradiese beisammen, nur Adam fehlt noch. Adam . Ich heiße mit Namen Adam. Hornvilla . So? – Kommt nur, sonst wird es Abend. sie gehen ab. Vor Paris. Ludwig , Anton . Ludwig . Habt ihr's gehört, Herr Anton? Anton . Nun, was giebt's gut's Neues? Ludwig . Unser Gevatter, der Clemens, der hier in Saint Germain wohnt, auf der Matte, der reiche Geldwechsler, kommt zurück. Er ist schon über die Brücke, er muß gleich hier sein. Anton . Ei, so muß ich gehn, und seine Frau rufen, die wird eine Freude haben, daß der alte Narr zurück gekommen ist. Ludwig . Und wie ein Zigeuner kommt er an, er schreitet ehrbar mit seinem Pilgerstabe vor, hinter ihm ein Weib auf einem Esel, mit einem dicken fetten Kinde. Wo er das nur muß hergenommen haben. Der Zug sieht aus, wie die Maler oder die Comödianten die Flucht nach Egypten vorstellen, nur ist das Weib nicht sonderlich hübsch. Anton . Ich muß nur laufen. ab. Clemens kommt, Antonella auf dem Esel, mit dem Kinde. Clemens . Gottlob! daß ich die Thürme meiner lieben Vaterstadt wiedersehe! Mein ganzes Innre kehrt sich vor Freuden um. Ich dank' euch, mein lieber Nachbar, daß ihr so gut habt sein wollen, mir so weit entgegen zu gehn, ich will's euch einmal, wenn Gott will, vergelten. – Nun, Esel, bist brav müde? – Hast die letzte Tagereise tüchtig marschiren müssen, nun kannst du ausruhen, Esel. – Ja, schüttle nur die Ohren, der Stall wird dir schon gut dünken. – Steig jezt ab, Antonella, ruhe hier unterm Baum ein wenig aus, das dort ist mein Haus, unansehnlich, aber bequem und geräumig, können wir doch bei Gelegenheit einmal ein neues bauen. Ach, Jesus, da kommen sie ja. Anton , Susanne mit Claudius auf dem Arm. Susanna . Steh hier ein bischen, Claudchen. Fall nicht um. – umarmt Clemens. Ach mein lieber guter Mann! So bist du denn glücklich wieder nach Paris gekommen? Clemens . Ja, liebe Frau, beste Susanna; sieh, da hab' ich noch die alte Schwachheit von ehemals, – die Augen laufen mir über, schluchzend. Bist wohl? – das ka – kleine – Ca – Clau – Claudchen auch? Susanna . Alle, liebster Clemens. – Komm, Claudchen. Sieh, er kann schon ein bisle gehen, wenn er auch noch was dorkelt. Komm Junge, da ist dein Papa, dein lieber Vater, er hat dir auch was mitgebracht. Clemens . Ja, Claudchen, Italienische Rosinen und Feigen mein liebes Kind; gieb mir 'nen Schmatz. Hat er brav Appetit? Schmeckt's ihm? Susanna . O er ist recht wählig manchmal; wenn er lustig ist, will er auch wohl sprechen, aber das wird ihm noch sauer. Clemens . Er ist gewachsen, daß es zum Erstaunen ist. – O nehmt's nicht übel, lieben Freunde, Herr Ludwig und werthgeschätzter Anton, ich scheine euch vielleicht unhöflich, aber ich bin noch so in Freuden – Ludwig . Sprecht euch nur aus, wir andern wollen noch was Rechts mit einander schwatzen, wir haben ja Zeit genug. Clemens . Er sieht mir doch recht ähnlich, der Claudius. Willst auch mal auf die Pilgerschaft gehn? – Seht, die Blitzkröt nickt mit dem Kopf und lacht dazu, ja du wirst mir der rechte Pilger sein, zum Becker wirst du pilgern, nach einer Semmel, nicht wahr? oder nach Aepfeln wallfahrten? – Und du, Susanne, kommst mir ganz verjüngt vor. Ist denn auch die Wirthschaft gut gegangen? Kein Unglück vorgefallen? Susanna . Alles ist noch in dem alten Geleise, so wie du es nur wünschen kannst. Clemens . Nun so dank' ich unserm lieben Gott im Himmel um so mehr. – Es ist dir ein weiter Weg, Susanne, ach ich könnte dir von der See, von Wildnissen, von Gebirgen erzählen! man glaubt's vorher gar nicht, wie wunderlich die Welt beschaffen ist, wenn man es nicht selbst mit Augen gesehn hat. Susanna . Ich glaub's, ich glaub's, liebster Mann. Du siehst ganz ausnehmend munter aus. Die Buße ist dir zugeschlagen, du bist stärker geworden. Clemens . Ach nein, vom Gehn, von der Hitze, laß mich nur ein Paar Tage richtig sitzen, so werden mir die Beine wieder so dünne wie sonst. – Hat denn unser Obst heuer getragen? Susanna . Pflaumen zum Erstaunen, aber der Wein geräth dies Jahr nicht. Clemens . Darüber ist in ganz Italien, Toskana, Romania, die Klage, in Calabria, Sicilia, Cypern soll es gar nicht besser stehn. Frau, ich habe Trauben gegessen, an denen jede Beere so groß wie ein Hühnerei war. Susanna . Ich glaub's dir. Clemens . Aber die Türken trinken gar keinen Wein, die Araber auch nicht, sie haben ein Vorurtheil dagegen und es ist ihnen in ihrem Gesetz verboten. – Claudchen, komm her, ich hab dir auch einen Venetianischen Hans Wurst mitgebracht. Sieh da, mein Kind. Das muß man den Italiänern lassen, solche Kunstwerke verfertigen sie überaus sauber. Es hängt ihm ein kleiner Faden zwischen den Beinen, wenn man daran zieht, so rührt sich der ganze Kerl und schneidet Gesichter. – Sieh, – nein, – wein' nicht, wein' nicht mein Hänschen, er thut dir nichts, er ist nur ein Hans Wurst, der meint's gut mit dir. – Das Kind fühlt recht zart, es heult, wie es den Kerl sieht. – Eins hätt' ich bald ganz vergessen. Claudchen, noch was hab ich dir mitgebracht, das wird dir gewiß Freude machen. Einen Spielkammeraden. Ja, liebe Frau, sieh mal her, so groß du nur die Augen machen kannst. – Schau, Susanne, das heißt ein Kind, – nun, was sagst? – Du bist erstaunt. Susanna . Ja wohl, wie gemalt, so, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, er schaut so vornehm drein. Es ist ein Junge, nicht wahr? Aber wo hast du ihn denn her? Clemens . Nu, rath einmal. Ja, ja, liebe Susanne, ich habe auf deine Güte gerechnet. So ist der Mensch, aus ging ich auf die Wallfahrt, um meine Sünden zu büßen, und, wie man eine Hand umdreht, hatt' ich neue begangen. Ja, ja, lach nur. Den Jungen mußt du nun schon auferziehen; wollte Gott, ich hätte seine Mutter auch mitbringen können, aber leider! die ist fort, die war gar ein schöners Weib, als die dort, seine Amme. Susanna . Lieber Clemens, sei nur still mit solchen Windbeuteleien. Cajus , Beata kommen. Cajus . Die Hand her, eingeschlagen, Gevatter Clemens! Nun einen rechtschaffnen Kuß! Brav, daß ihr wieder da seid. Clemens . Gott grüß' euch. – Behüte, der Mann wird immer dicker. Cajus . Gesundheit, Gevatter, gönnt mir's, das Essen schmeckt und bekommt mir. Was will der Mensch mehr in dieser Welt? Appetit, gute Verdauung, gesunder Schlaf. – Da ist meine Braut, Beata, ihr kennt sie ja wohl. Clemens . Wie sollt' ich nicht? als ein Kind hab' ich sie gekannt. Seid mir vielmals gegrüßt, schmucke Braut. – Aber Gevatter, Gevatter, ihr bald funfzig, und das junge Mädchen, und ihr so stark, so – Cajus . Seid ohne Sorgen. Clemens . Aber die vielen jungen Herren in Paris – Cajus . Mir soll keiner kommen, oder ich schlage ihn ohne Umstände mit der Axt vor den Kopf. Clemens . Und wie geht's euch sonst? Was macht der Handel und Wandel? Cajus . Gott besser's, mit jedem Jahre elender. Wir Fleischer sollen Fleisch schaffen, und es kommt nichts, mit Schweinen so so, aber die Ochsen gehn ganz aus; sie werden so rar wie die Heiligen; ihr werdet von der Rindviehseuche in der Normandie gehört haben, das giebt uns allen den Stoß, wir werden alle ruinirt. Clemens . Im Orient ist auch eine große Pest gewesen, aber freilich nur unter den Türken. Cajus . Der Orient muß ein närrsches Ding sein. Hat man da ordentliche Fleischbänke und eine Metzgergilde? Clemens . O ja, wie bei uns, außer daß sie alle einen Bund auf dem Kopf tragen und wir Hüthe. Cajus . Und die Gesellen und Meister, alle sind ordentliche Türken? Clemens . In den Türkischen Gegenden freilich. Cajus . Ich müßte mich todt lachen, wenn ich dergleichen Kerle einmal sähe. – Aber was bringt ihr denn da mit? – Meiner Seel, ein Junge, wie ein kleines Spanferkelchen. Ei, der Taus! Was stellt das vor, Gevatter Clemens? Clemens . Laßt uns hineingehen, kommt alle hinein, meine Freunde, in mein Haus, auch ihr Ludwig und werther Anton. Meine Frau muß uns heut allen ein Traktament anrichten, und da will ich euch beim süßen Wein tausend Dinge, zehntausend Wunder erzählen. Seid nochmals gebeten, kommt. O Frau, daß ich nun wieder da bin! sie gehn alle ab. Vor Jerusalem. Felicitas . Adam . Felicitas . Und jenes dort ist nun Jerusalem? Adam . Ja, gnädge Frau, jezt sind wir da. Felicitas .                                                   Gegrüßt Sei mir, du theure Stadt, du Wunderwelt, Mit welcher Andacht werd' ich deine Straßen Betreten! jeder Stein ist Heiligthum, Ein Zeuge der Mirakel und des Wandels Des Sohnes Gottes, ja ich werde scheuen Den Fuß hart aufzusetzen. Jezo muß ich Schon weinen, wenn ich mir die Stätte denke, Wo er auf Golgatha gelitten hat, Wo Nicodemus seinen süßen Leichnam Hat hingelegt; Ihr wunderbaren Stapfen, Die noch dem Felsen von den hohen Füßen Sind eingedrückt, der Nachwelt zu verkünden, Wo er zuletzt gewandelt: wie gerührt, Werd' ich euch Heiligthümer all besuchen! Dahin wollt' ich schon längst, nun bin ich da. Kommt laßt uns eilen, denn nur wenge Stunden Entfernen uns von der geweihten Stadt. sie gehn. Pallast. Octavianus , Adrastus , Nikanor , Pasquin . Adrastus . Es zehrt der Gram an eurem theuren Leben, Mein Kaiser, gebt nicht diesem Gifte Raum. Nikanor . Ihr wagt ein zweites Gut, so theuer als Das erste, wenn ihr um das erste trauert So ungemäßigt, also Tag und Nacht. Octavianus . O laßt mich, sprecht nicht, dieser Gram geziemt mir, Der hat gut sprechen, welcher nichts verlor: Wie geht es meiner Mutter? Adrastus .                                     Großer Fürst, Ihr wißt, daß sie seit dreien Monden stumm ist, So muß man glauben, weil sie gar nicht spricht, Sie sitzt, ein bleiches Bild, in ihrem Zimmer, Die Fenster zugehängt, dort wandelt sie Mit aufgelöstem greisem Haare, das Ihr auf dem Rücken hängt, sie hört uns nicht, Wenn wir sie rufen, euren Namen nennen, Sie starrt hinaus nur in die leere Luft, Als wenn sie dort Geist und Erscheinung sähe; Einmal, als sie Musik hört', weinte sie. Octavianus . Wer naht sich uns? – Sie ist es selber, seht! Die alte Kaiserin tritt herein. Adrastus . Mich schaudert's vor dem glühnden Augenpaar. Nikanor . Wie schleicht sie durch den Saal, sie legt den Finger Bedeutsam an den Mund, als wenn sie lachte, Sie beugt sich nieder, scheint etwas zu sinnen. Octavianus . Wie geht's euch, Mutter? – Adrastus .                                                   Keine Antwort, nicht Scheint sie gehört zu haben, was er fragt. Nikanor . Nun sieht sie auf, sie kämmt mit ihren Fingern Die langen greisen Haar' und lächelt seltsam. Octavianus . Sie wird nie wieder zu sich selber kommen. Kaiserin . Ihr schaut mich an mit prüfend scharfem Blicke. Octavianus Sie spricht! Adrastus .                       O Wunder!! Nikanor .                                             Kann sie also reden? Kaiserin . Und jetzt kommt meine Sprache mir zurücke. Vielleicht zum letzten mal, ich bin jedweden Ein Scheusal hier, und ungehirnten Thoren, Die von mir, als von einer Tollen reden, Zum Wunder und zum Räthsel auserkohren; Mein eigner Sohn hat sich mir abgewendet, Trägt meine Schmach, – o wär' ich nie geboren! Ihr habt die Kaiserin hinweg gesendet Mit ihren beiden Kindern, wilden Thieren Zur Speise ausgesetzt, so tief verblendet Konnt' euer Sinn euch in die Irre führen, Und keiner wagte, Wahrheit auszusprechen, Du konntest, Sohn, sie ohne Reu' verlieren. Der Himmel muß die Frevelthaten rächen, Die du an ihr so ohne Scheu verübt, Ein ewger Wurm wird das Gewissen stechen. Und dennoch meinst du wohl, du hast geliebt Das arme unglückselge Weib, das trunken Von Zorn und Thorheit ihr in's Elend triebt? Jezt ist ihr Lebenslicht wohl schon versunken, Sie klagt uns alle an vor jenem Rächer, Dem unsre That nicht wird so leicht bedunken. Sie hat die Kindlein dort als ihre Sprecher, Im Himmel leuchtet klar ihr Angesicht, Ihr Lächeln schüttet aus den Todesköcher. Doch was sprech' ich von dir? War ich es nicht, Die dieses wilde Feuer hat entzündet, Erwecket des Allmächtigen Gericht? So sei dir also, Octavian, verkündet, Daß sie unschuldig, die du hast gerichtet, Daß kein Gedanke gegen dich gesündet, Von mir war alles nur aus Haß erdichtet, Aus giftigem und bitterbösem Neid, Ich hatte den Gesellen mir verpflichtet, Versprechungen und Aussicht goldner Zeit, Die Liebe, die er zu der Frau getragen, Mein Leumund brachten endlich ihn so weit, Daß er beschloß, das Bubenstück zu wagen; Ich ließ ihn heimlich in das Schlafgemach, Dann ging ich hin, um dir es anzusagen; Wie ich gehofft, erwachte deine Rach, Du schlugst ihn, ohn' ein Wort von ihm zu hören, So war im Zorn dein Geist und Herz dir schwach. Du ließest dich von mir so weit bethören, Zum Scheiterhaufen sie schnell zu verdammen, Ohn' Zeugen für und gegen abzuhören. In meiner Brust sind nun die grimmen Flammen, Mein Herz liegt auf dem Holzstoß ängstend nieder, Das Feuer schlägt in meiner Brust zusammen. Ein Phönix, schwing ich mächtig mein Gefieder, Ein Greif, will ich in blaue Höhe steigen, Ich fliege fort und komme niemals wieder; Dort in dem Plan, wo sich die Sterne zeigen, Hoch oben in der Sonne Luftrevier Steig ich hinauf, die Lästerung wird schweigen Vor meinem Glanz; lebt wohl dann für und für. ab. Adrastus . Ihr sprecht nichts, theure Majestät – Nikanor . Wir sind noch selbst erstaunt – Octavianus .                                                 Felicitas! Mein theures Weib! Felicitas! Mein Weib! Sie hört mich nicht. Die Löwen hört sie brüllen, Das Wild schreit laut, sie fürchtet seinen Grimm, Sie sucht in Höhlen Schutz; mich hört sie nicht! Cloris tritt ein. Cloris . Glorwürdger Kaiser, ich soll etwas melden, Und zweifle noch, zu sagen dir – Octavianus .                                       Was kann Noch kommen? Sprich, kein Unglück giebt es mehr. Cloris . Die Kaiserin ist auf das Dach gestiegen, Wie sie wohl öfter pflegte, dort die Sonne Anschauend unverwandt, schritt sie weit vorwärts Und stürzte so die steile Höh' herab. Sie ist schon todt. Octavianus .               Ihr Herz hat sie gerichtet. Nikanor . Wir sagten immer von der Kaisrin Unschuld Und wurden nicht gehört. Octavianus .                             Das fehlte noch! Dies Wort, – bei Gott, noch einen Laut der Art, So stoß' ich euch das Schwert in eure Brust! geht. Adrastus . Kommt nur, denn er weiß von sich selber nicht. Nikanor . Den Ausgang nimmt die Uebereilung immer. gehn. Pasquin . Unsre alte Kaiserin hat eine neue und compendiöse Art zu fliegen erfunden; ein schöner Greif! das kann man mit Recht ein Vergreifen nennen; handgreiflich einfältig! Man wird sie nun selbst ergreifen müssen, um sie in das Erbbegräbniß zu thun. Und Felicitas und die Erbprinzen sind von den wilden Thieren aufgefressen, und unser Kaiser ist so gut wie übergeschnappt. – Es steht erbärmlich um unsern Hof. geht. Tempel. Zwei Priester . 1. Priester . Wie so ruhig, wie so stille Heute die gewölbten Hallen, In der dämmerlichen Hülle, Nur verlorne Worte schallen Durch die süße Einsamkeit. 2. Priester . Morgen wird ein hohes Fest, Der Frohn-Leichnam schön gefeiert, Christlich Bündniß Gott erneuert, Altar schmücken laßt uns heut', Daß am Morgen alle Gäst' Lieb' und holde Freude finden, Sich entladen ihrer Sünden, Finden alles zubereit. Joachim und Euphrasia treten ein. 1. Priester . Dort naht der alte Ritter mit der Gattin, Die keinen Tag das heil'ge Grab versäumen. 2. Priester . Und keine Vesper, keine Messe, still Und andachtsvoll sind diese beiden Frommen Stets gegenwärtig. Joachim .                       Sehr ehrwürd'ge Herrn, So eben haben wir auf offner Gasse Etwas gesehn, was uns höchst seltsam dünkt. Ein Frauenbild auf einem großen Rosse, In ihrem Arm ein schönes Kindelein, Beide geschmückt, die Frau mit edlem Anstand, Und hintennach ein mächtig großer Löwe, Der wie ein zahmes Hündlein schmeichelnd folgte, Es staunte alles Volk, ging aus dem Wege, Und sie zog wie ein Wunder durch sie hin, Ich weiß nicht, soll ich sagen, wie der Glaube, Wie Aufruf an das Volk zum heil'gen Kriege, Das Kind im Arm, der Leo hinterdrein, Wie Liebe, oder Tapferkeit erscheinen. Euphrasia . Und ihre freundlich edle Miene, leidend, In Ernst gekleidet, aber doch so mild, Es rührte wunderbar mein Herz der Anblick. Da kommt sie mit dem Kind und mit dem Löwen. Felicitas mit dem Kinde und mit dem Löwen. Felicitas kniet vor dem Altar, legt ihr Kind darauf . Endlich ist nun mein heißer Wunsch gestillet, Ich kniee vor dem heiligsten Altar. Von Gottes Nähe bin ich ganz erfüllet, Ich fühl' um meinen Geist der Engel Schaar. O Gottes Sohn! sei gnädiglich gewillet Zu nehmen, was ich dir heut' bringe dar, Ein armes Waisenkind, es trägt Verlangen, Das Sacrament der Taufe zu empfangen.         sie steht auf. Ehrwürd'ge Herrn, ich komm' aus fernen Landen, Es lechzt mein Herz, des Kindes stiller Geist, Daß es ein Christ und einverleibet werde Der Kirche Gottes. Ich bin fremd allhier, Wollt ihr so gut sein, wen von euren Freunden Zu bitten, daß er sei ein frommer Zeuge? Joachim . Vergönnt mir, edle Frau, ein Wort zu sprechen: Eu'r Wesen, eure Frömmigkeit hat mich Gerührt, nehmt liebreich mich zum Pathen an, Wie meine Gattin, ein'ge gute Freunde Bring' ich noch mit, die sich erfreuen werden, Den heil'gen Dienst dem Kind und euch zu thun. Felicitas . Wie freut der Unglücksel'ge sich, wenn in Der Fremde edle Herzen sich erbarmen, Die er nicht in der Heimath fand. Viel Dank Mein werther Herr. Könnt ihr mir wohl (Da ihr so gütig einmal seid) auch sagen, Wo ich in dieser Gottesstadt mag wohnen? Joachim . Würdigt mein Haus, euch darin aufzuhalten. Euphrasia . Wir werden's uns für einen Segen achten, Wir sind nur stille Leute, aber nicht Soll's euch an Ehr' und Dienst und Liebe fehlen. Felicitas . Beschämt bin ich von eurem Anerbieten. Doch soll die Freundlichkeit, die ihr mir zeigt, Euch nicht zum Schaden sein, ich will euch gern Vergüten Kost und Wohnung. – Edle Herrn, So wollen wir zum hohen Werke bald. Ein Löw' erhielt dem Kindelein sein Leben, Drum sei der Name Leo ihm gegeben. Priester . Versammelt nur die Zeugen, eh die Nacht Hernieder kömmt, sei dieses Werk vollbracht. alle gehen ab. Die Romanze tritt ein und beschließt .     Also hat es sich begeben, Alle Leiden sind gelindert, Bald wird nun ein neues Leben Aus dem vorigen beginnen.     Ruhig bleibt die Zeit nicht stehen, Jahre kommen, Jahre schwinden: Habt Geduld und hört nun weiter Von Florens und Marcebillen.     Kaiser Octavianus. Zweiter Theil.   Personen.         Dagobert , König von Frankreich. Pepin , Majordomus. Arnulphus , Bischof. Eduard , König von England. Rodrigo , König von Spanien. Graf Armand von Provence. Octavianus , römischer Kaiser. Felicitas , seine Gemahlin. Leo , ihr Sohn. Balduin , König von Jerusalem. Euphrasia , Wittwe. Eligius . Bertrand , Ritter. Richard , Emmrich , Rudolf , Edelleute. Walther , Richards Knecht. Wolfhart . Clemens , Bürger. Susanne , dessen Frau. Ihre Söhne: Claudius , Florens . Anton . Ludwig . Beate , Wittwe. Gumprecht . Christoph . Peter . Volk. Ritter. Soldaten.   Der Sultan von Babylon. Seine Brüder: Alamphatim , Der Admiral . Marcebille , seine Tochter. Roxane , Lealia , ihre Jungfrauen. Arlanges , König von Persien, Vater der Roxane. Lidamas , König von Arabien, Vater der Lealia. Golimbra , Riesenkönig. Hornvilla . Alivus , dessen Frau. Gefolge, Ritter, Soldaten.     Erster Akt. Stube. Clemens , Susanne . Susanne . Was ist dir nur in diesen Tagen, mein lieber Clemens? Ich kann nicht klug aus dir werden und erkenne dich gar nicht wieder. Du bist nicht munter, nicht gesprächig, wie sonst, du hängst den Kopf, des Nachts bist du unruhig, kein Essen will dir recht schmecken, ich mag auch kochen, was ich will. Man sollte fast auf die Gedanken kommen, du seist im Begriff Bankrutt zu machen, wenn ich es sonst nicht besser wüßte; auch hast du kein Capital verloren, denn du hast so ziemlich alle Gelder eingezogen. Krank bist du auch nicht, denn für dein Alter siehst du recht wohl aus; aber innerlich in deinem Herzen muß doch etwas sein, was dich quält und nagt, und das mußt du mir sagen, mein lieber Mann, ich lasse dir nicht eher Ruhe, bis ich es weiß. – Warum bist du doch auch so verschwiegen und hältst damit hinter dem Berge? Es kann doch eben nicht so was Besonders sein! Clemens . Meinst du? Ja wie ihr Weibsleute das versteht! Susanne . Laß mich mit dir überlegen, lieber Mann! Vier Augen sehn immer weiter als zwei, vielleicht kann ich dir auch einen guten Rath geben! Clemens . Nun so nimm nur deinen Kopf zusammen und du wirst recht gut wissen, worüber ich nachdenke, warum ich mich abarbeite, was mir am Tage das Essen vergällt und des Nachts den Schlaf vertreibt. Besinne dich! Susanne . Hm, – vielleicht, – aber das kann's nicht sein, denn darüber hast du nur gelacht, – daß sie dich neulich mit dem Florens so zum Besten hatten und meinten, das verdiene kein Lob, daß du dich im gelobten Lande damit abgegeben, Bastarde zur Welt zu befördern. Clemens . Dummes Zeug! Susanne . Oder, daß die Abergläubischen meinen, du hättest einen Kobold, der dir dein Geld und Gut geschafft hat. Clemens . Ich denke zu vernünftig und bin zu weit gereist, zu ausgebildet, um auf dergleichen Possen zu achten. Susanne . Hat dir vielleicht einer in den Kopf gesetzt, daß unser neues Haus nicht gut und schön wäre? Clemens . Das kann man mir auch wohl so in den Kopf setzen? Nicht wahr? Als wenn ich nicht selber den Plan und Riß gemacht, zwei Jahre darüber gedacht, mit dem geschicktesten Baumeister mich besprochen hätte, so daß fremde und weitgereiste Leute kommen und mein Haus in Augenschein nehmen. – Ja, was hast du nun mit allem deinen Nachdenken heraus gebracht? Nichts als lauter ungewaschnes Zeug von geschmacklosem Hause, Kobolden und Bastarden. Susanne . Nun so laß doch deinen Tiefsinn auch an's Tageslicht kommen. Clemens . Nun sperre die Augen auf! – Was siehst du in unserm Hause? Was geht täglich ein und aus? Was sitzt mit uns zu Tische? Was spricht mit uns? Susanne . Unsre Kinder. Clemens . Also, unsre Kinder. Nun waren wir endlich auf den Punkt gekommen. Du siehst, sie essen, schlafen, wachsen und gedeihn, und fällt dir denn niemals dabei ein, was doch wohl in dieser Welt aus den Bengeln werden soll? Susanna . Ich habe immer gedacht, Gott würde sie schon versorgen. Clemens . Siehe, dies ist mein Nachdenken bei Tag und Nacht, was aus den Kindern werden soll. Es ist nicht genug, daß wir ihren Leib groß machen, wir müssen auch ihre Seele stärker machen, wir müssen ihnen auch ein sicheres Brod schaffen. Ich kann gestehn, daß ich an meinem Claudius so viele Freude erlebe, als ein Vater auf dieser Erde nur wünschen kann. Er kann lesen, schreiben und rechnen, wie der beste Schulmeister im ganzen Lande. Das scheint so recht sein eigentliches Talent zu sein, darin hat er immer in der Schule oben an gesessen, und, unter uns, er kann mir darin aufzurathen geben. Diesen hab' ich in Gedanken zum Wechsler bestimmt, so erfüllt er seinen Beruf. Susanne . Der Junge wird eine rechte Freude haben, wenn er es hört. Und Florens? Clemens . Ja, sein Schicksal ist auch schon gemacht. Mit dem Jungen ist es etwas Wunderliches. Was Großes wird Zeitlebens nicht aus ihm; das Feine, das Gründliche, das tiefe Denken ist nicht seine Sache, er kann sich in nichts finden, wozu kaum ein mittelmäßiger Verstand gehört, und will er sich bei Gelegenheit mal zeigen, so verdirbt er nur alles. Ehrgeiz hat er gar nicht, wodurch man ihn anspornen könnte, mit einem Wort, zum Kaufmann ist er verdorben. Aber sieh nur an, wie er gewachsen ist, er ist ein Jahr und mehr jünger als der Claudius, und er ist an zwei Köpfe höher, so daß der Claude nur schwach und dünnbeinig neben ihm aussieht; der Florens hat einen Rücken und Schenkel und Waden, wie sie nur sein müssen. Oft am Morgen, wenn ich ihn wiedersehe, muß ich mich über ihn verwundern, denn mir däucht fast, daß er zusehends wächst, so daß ich oft nicht begreifen kann, wo das hinaus will, ob er sich etwa gar in den Kopf gesetzt hat, ein Riese zu werden. Er hat keine Kinderkrankheiten gehabt, mit Denken strengt er sich auch nicht an, kurz, er ist so recht dazu gemacht, schwere Arbeiten zu thun und in den Tag hinein zu leben. Den will ich also bei der Gevatterin, bei der Wittwe Beate in die Lehre thun, da soll er ein Schlächter werden, so kann er wohl mit der Zeit sein Glück machen. Ich habe deswegen auch schon mit dem Gumprecht gesprochen, der jezt die Wirthschaft für ihren Mann, für den Cajus, führt. Susanne . Ich denke nur, Clemens – Clemens . Laß mich ausreden, hernach sage, was du denkst. Sieh, es ist nicht mehr als billig und nicht mehr als väterlich gehandelt, daß ich sorge, daß mein ächter Sohn Claudius höher in der Welt hinauf kommt, daß ich ihm auch mehr an Vermögen hinterlasse, als einem gefundenen Kinde, das ich aus Barmherzigkeit zu mir genommen, das keinen Vater hat, wie der Florens, und darum habe ich diese Anordnung getroffen und ich denke, es wird so recht vernünftig sein. Nun weißt du alles; sage nun, was du denkst, oder gedacht hast. Susanne . Ich denke nur, ob sich nicht noch einmal die Eltern des Florens anfinden sollten. Clemens . Wer weiß, wo die sind! Junge Leute, man kennt ja die Welt, die kein Nachdenken hatten, die sich in der Sinnlichkeit vergaßen – die an kein Kind dachten und die nun in der Angst nirgend damit hin wußten. – Ruf sie mal herein! Susanne ab. Clemens allein . Ja man hat Noth! und doch sind Kinder Segen, Daß man nichts Liebers mag auf Erden hegen. Susanne kommt mit Claudius und Florens . Clemens . Da seid ihr. Hört mal, meine lieben Kinder – Steh grade, Claudius, nicht wie 'n kleines Kind, – Sieh so – die Beine etwas auswärts. – Recht so!– Hört meine lieben Kinder! wie ein Vater Hab' ich für euch bis diesen Tag gesorgt Und will es thun bis an mein selig Ende. – – Florens, den Hut kannst du wohl immer abziehn, Wenn mit dir spricht dein alter Vater. Ja Ihr seid nunmehr in jenes Alter kommen, In dem der Mensch sich die Bestimmung wählt: Es giebt 'ne Zeit im Leben, wo jedweder Bei sich fühlt, daß er zu Verstande kömmt; Verstand ist seinen Stand sich wählen, wer Dazu nicht den Verstand gebraucht, der kann Wohl sagen, er sei unverständig, denn Verstand ist mit dem Stand ein einzig Ding, Im Stand sein Stand zu wählen, ist Verstand. Claudius . Mein theurer Vater, ich bin zwanzig Jahr, Ihr habt an mich gar viel gewandt und Lehrer Und Geld, Ermahnung, Liebe nie gespart, Schon lang' wollt' ich euch bitten, aus dem Hause Wo in die Lehre mich zu thun, die Mutter Fing immer an zu weinen: aber jezt Bin ich erfreut, die Rede anzuhören, Denn längst hab' ich die Kinderschuh vertreten. Clemens . Schau, Sohn, das waren rechte güldne Worte. Ich hab's bedacht und dein Talent erwogen, Mit alten Freunden hin und her gesprochen, Du bist durchaus zum Geldwechsler geboren. Hört, lieben Kinder, ihr seid glücklich dran, Daß ihr noch einen Vater habt; so gut Wurd' mir es nicht, ich war ein junger Bursch Und hatte meine Eltern schon verloren, Ein ziemlich Erbtheil war mir zugefallen, Das halfen schlechte Menschen mir verzehren, Ich hatte keine Kenntniß von der Welt, Man lieh mir ab und gab mir niemals wieder, Der läugnete, der bat um längre Frist, Den mahnt' ich und eh ich es denken konnte, Hatt' er, statt mir zu zahlen, mehr geborgt. Ein Krieg entstand, ich wurde frisch Soldat, Versuchte mir mein Heil, kam gut davon, Und dachte drauf, ansässig wo zu werden. Paris gefiel mir wohl, ich hatte noch Ein Theil der Erbschaft gut verwahrt und kaufte Mir Aecker, einen Weinberg, handelte, Im Kleinen erst und nach und nach im Großen. Ich spürte Segen, doch gefiel mir nicht Einsam zu sein, ich sah hier eure Mutter, Ein hübsches Mädchen, auch vermögentlich, Kurzum, gefiel drauf eins dem andern und Wir wurden Mann und Frau. Wir kriegten Kinder, Drauf ging ich auf die heil'ge Pilgerfahrt, Jerusalem zu sehn und viele Länder, Wovon ich euch schon oft erzählt des Abends. Nun baut' ich drauf das schöne große Haus, In dem wir jetzund wohnen. Seht, ihr Jungens, Ich will euch das als Beispiel nur erzählen, Wie man sich in die Welt muß schicken lernen, Wie man muß suchen, vor sich was zu bringen, Ihr sollt euch daran ein Exempel nehmen. – Nun, Florens, auch mit dir ein kluges Wort! Nicht wahr, mein Sohn, Rechnen ist nicht dein Fach? 'S ist schwer, die vielen Sorten Geld, das Agio, Wie viel's in Münze macht, wie viel in Gold, Wie hoch der Cours steht, das verwirrte Zeug all Im Kopf beisammen stets zu haben? Nicht? Florens . Zeitlebens wüßt' ich das nicht klein zu kriegen. Clemens . Hast Recht, es ist ein knifflich, feines Ding, Das nicht in alle Köpfe will. Hör' zu! Was sagst dazu, wenn du ein Schlächter würdest? Lach nicht, mein Sohn, das ist ein gutes Ding, Und wenn ich dein' Statur und Wuchs und Bildung Betrachte, scheint's, dahin will dein Genie. Dein Buckel ist so recht, die Kälber, Schweine, Mir nichts dir nichts zu tragen, aufzuhängen: Ich seh dich mit dem Beil hörst nicht und siehst nicht Die stärksten Ochsenknochen haun, daß's kracht. Und dann wird Wurst gemacht, da fällt was ab, Die besten Bissen hebst du auf, trinkst Wein zu, Was übrig in der Metzig bleibt, das brätst du, Gelt, da wird noch ein rechter Kerl aus dir? Sieh nur die Mezger an, die Knechte, Mägde, Die Fraun und Herrn, wie roth, wie Milch und Blut, Wie dick und fett, wie festes Fleisch an allen. Weißt noch, wie dick Gevatter Cajus war? Und seine Wittib ist ein rundes Weib, Da kömmst du hin, mein Söhnchen, in die Lehre, Lach nicht, nicht bei der Frau, bei der zu lernen, Gumprecht soll dich abrichten. Aber still! Wer weiß noch, was es giebt, du bist recht hübsch, Die Frau ist noch nicht alt, manch Junggesell Macht sein Glück bei den Wittwen und sie sind Erfahren in der Ehe, – doch zur Sache, – Ja, was ich sagen wollte, mein Sohn Florens, Draus hab' ich ein Paar Ochsen angebunden, Recht feist und dick, die wiegen ihren Mann, Die sind für dich, damit geh in den Scharren, Sag, daß du lernen willst, hau sie zu Stücken, Fang zu verkaufen an und sei recht flink. Florens . Mir ist's schon recht, ich nehme meine Ochsen. Mutter, Ade! Er, Vater, leb Er wohl! Ist's Feier-Abend, komm ich wieder her. ab. Claudius . Ich will auch meine Rechnung fertig machen, Nochmals bedank' ich mich der Sorgfalt, Vater. ab. Clemens . Nun ist mein Herz ganz frisch und leicht. 'Ne gute Ehrliche Haut, der Florens, keinen Stolz Und keine Kniffe. Komm, wir wollen gehn Und unsern Nachbar Ludwig jezt besuchen. sie gehn. Beate . Gumprecht . Gumprecht . Wollt ihr nur gar nicht hören, was ich sage? Beate . Das, was du meinst, liegt deutlich ja am Tage, Du willst gern Meister werden, in ein Brod Dich setzen, drum – Gumprecht .                   Doch hört nur meine Noth, Wie ich euch liebe, wie ich euch gewogen. Beate . Schon manche Wittwe wurde so betrogen. Gumprecht . Ich bin euch gut, bei Sankt Denis, ich schwöre, Daß ich euch einzig und allein verehre, Daß nur die Liebe mich allmächtig treibt, Was ihr auf Rechnung meines Geizes schreibt; Ich führe eure Wirthschaft ehrlich, treu, Ich sehe nach, daß nirgend Mangel sei, Ich bin nicht alt, dazu seid ihr noch jung. Beate . Nun hört nur auf, ich habe schon genung. Ist es nicht arg, daß alsbald die Gesellen Bei einer Wittwe sich als Liebsten stellen? Mir dünkt es besser, ledig so zu leben, Als mich von neuem in das Joch begeben, Und wenn du meinst, ohn' dich könnt' ich nicht bleiben; So will ich die Handthierung selber treiben. ab. Gumprecht allein . Ich weiß es wohl, warum so barsch und toll Die Dicke thut, der Meister Clemens soll Ihr Schwäher werden, dessen großer Bengel Dünkt ihren Augen nur ein schöner Engel. Der Jung' ist aufgeschossen wie ein Pilz; Verkuppeln will ihn nun der alte Filz Mit Frau Beaten, weil er Geld hier weiß, Doch führ' ich ihn gewiß noch auf das Eis. Christoph , Peter kommen. Gumprecht . Was wollt ihr denn? Habt ihr den Kauf gethan? Christoph . Seht nur im Hof die Hämmel selber an, So dick, so feist, das Herz lacht ein'm im Leibe. Gumprecht . Was soll denn mit den Ochsen das Getreibe? Peter . Ein junger Bursch hat sie da angebunden, Er sah uns zu, als wir im Hofe stunden. Gumprecht . Habt ihr das Geld denn auch bereits bezahlt? Christoph . Der Handel ist gemacht, doch sagt der Alt', Er müß' noch vor mit euch, mein Gumpert, sprechen, Dann auf den Handel nochmals mit euch zechen. Gumprecht . Geht nur hinaus und treibt sie in den Stall, Nehmt Rothstein, zeichnets auf den Buckel all. Die Knechte ab. Florens kommt. Florens . Seid ihr der Gumpert? Sagt! Gumprecht .                                           Was soll denn der? Florens . Mein Vater schickt mich mit den Ochsen her, Die soll'n wir schlachten. Gumprecht .                           Ihr wollt, wie es scheint, Ein Mezger werden. Florens .                         Wohl, der Vater meint, Es giebt hier in der Metzig gut zu essen, Auch alten Wein, den wird man nicht vergessen Dazu zu trinken, dann wird's mir bekommen. Gumprecht . Ich meine, großer Talp, du bist gekommen, Des Handwerks nur zu spotten, deiner Wege Geh alsbald mit den Ochsen, willst nicht Schläge. Florens . Ich kann wohl gehn, doch sind die Ochsen gut, Bedenkt auch recht, mein Gumpert, was ihr thut, Ich fürcht' mich nicht, und käm's zum Handgemenge, Wär't ihr gewiß am schlimmsten im Gedränge. geht. Gumprecht . Der kommt nicht wieder, nun er einmal fort. Nochmal anbringen will ich nun mein Wort. ab. Straße. Richard mit einem Falken, Anton . Richard . Ich komme von der Jagd und bin jezt müde, Ein andermal fragt wieder bei mir vor. Anton . Doch, gnäd'ger Herr, ich brauch' das Meinige, Ich muß selbst Schulden zahlen, diese Summe Reicht eben hin, ich habe drauf vertröstet. Richard . So klagt ihr reichen Bürger, habt stets Geld, Und oft noch Noth, es an den Mann zu bringen. Walther kommt. Richard . Wo bleibst du, Walther? Walther .                                         Euer Pferd war heiß, Ich hab's im Schatten etwas gehen lassen, Daß nur das arme Thier nicht gar verschlägt. Anton . Versprecht mir's doch zum nächsten Pferdemarkt; Denn da brauch' ich die Summe gar zu nöthig. Richard . Nun gut, es sei, mahnt mich nicht auf der Gassen, Die Leute möchten wohl Kurioses denken. Anton ab. Walther . Als ich das Pferd im Schatten feste band, Kam um die Eck ein junger Bursche her Und zog sich mit zwei starken feisten Ochsen; Die wurden vor dem Pferde scheu und sprangen Beiseit, handthierten mit den Hörnern, stießen Und trieben Unfug, mir ward beinah bange, Mein Junge aber nahm sie bei den Köpfen Und schmiß den einen häßlich auf den Rücken, Den andern schlug er so mit seinem Stricke, Daß beide stille wurden wie die Lämmer. Florens kommt. Walther . Das ist der Bub, man sieht es ihm nicht an. Florens . Nein, Vieh zu schlachten ist nicht mein Handthieren, Die Ochsen sind ein unverständig Volk. – Schau doch, was hat der Herr da auf der Hand? Mein Lebtag sah ich noch nicht solchen Vogel. – Verzeiht, mein edler Herr, wenn ich zu dreist bin, Wollt ihr mir dienen, wie nennt sich der Vogel? Richard . Das heißt man einen Falk, mein guter Junge, Ein Sperber. Florens .             Ei! sieh da! hab mir schon längst Gewünscht, ein solches Federspiel zu sehn. Wie sieht er doch so schön und adlich aus! Da hat er auch die Schellen an den Beinen, Die klingen wohl gar lieblich in der Luft? Richard . So hört man ihn, wenn er hoch oben fliegt. Florens . Da sitzt er auch in seiner Haube, ganz so Wie man es mir beschrieben hat. Verkauft Ihr nicht den Vogel? Richard .                         Wenn sich's einmal trifft. Florens . Laßt mir ihn ab. Richard .                             O, geh nach Haus, mein Bursche, Nimm deine Ochsen, das ist dein Gewerb. Florens . Nein, edler Herr, laßt mir den schönen Sperber, Sagt nur, was ihr begehrt. Richard .                                   Die beiden Rinder. Florens . Gern, nehmt sie, aber laßt sie baldigst schlachten, Dem einen hab' ich eins versetzt, mir däucht, Er dürft es spüren, denn er ist so still. Richard . Da nimm den Handschuh und den Sperber auch. Bin ich ein Ochsentreiber worden? Komm, Mein Walther, führe sie mir stracks nach Hause. ab mit Walther. Florens . Das war ein Handel! Ei, das ist ein Vogel! Wie wird sich über den mein Vater freuen! Ich hab' 'nen Falken! – Nimm die Mütz mal ab, Du Klausner, – daß dich! wie so klug er schaut! Juchhe! ich bin doch ein glückselger Mensch, Der allerbeste Kauf ist mir gerathen! geht ab. Haus. Clemens , Susanne . Clemens . Der Herr Ludwig ist ein guter Mann, ich komme immer mit recht vergnügtem Herzen von ihm. Susanne . Er weiß so viele Neuigkeiten zu erzählen. Florens kommt mit dem Sperber. Florens . Vater! seh Er da! Clemens . Wo kommst du her, Blitzjung! Hast die Rinder schon geschlachtet? Florens . Ei nein! das ist meines Thuns nicht. Ich kam in die Metzig, da fuhren sie mich mit losen Worten an und drohten mir gar mit Schlägen, da ging ich wieder fort. Clemens . Und wo hast du denn meine Rinder gelassen? Florens . Aber seh der Vater doch nur den Vogel an! ein gar schöner vornehmer Sperber, der kann in die Luft steigen und den Reiger herunter holen, von wo ihn kein Auge mehr sieht, dazu hat er Schellen an den Beinen, die klingen, so wie er sich im Fluge bewegt. Clemens . Und die Ochsen? Florens . Nun die hab' ich dem Herrn gegeben dafür. Schaut nur! wenn ich ihn so auf der Hand trage, dürfte man mich wohl für einen Edelmann halten. Clemens . Jung, bist unsinnig? bist toll? O meine schönen Ochsen! dummer Jung! Gelbschnabel! Das hat man davon, wenn man Schafköpfen was anvertraut. In ganz Paris find' ich so schöne feiste Ochsen nicht wieder, so großköpfig, so krummhornicht, so vollwampig. Ei, daß dich! du Blitzkröt! schaff' mir die Ochsen wieder. Florens . Haben wir doch den Vogel dafür. Clemens . Was Vogel, du Lausjung! ich bin kein Jäger, es ist nicht meines Amtes zu beizen und zu jagen. Mir vergehn die Sinne noch. Florens . Nicht wahr, weil er so schön ist? Aber wo laß ich nur den herrlichen Vogel? Ich denke, auf meiner Kammer wird er am besten sein, da widerfährt ihm gewiß kein Leid. Hat er dem Vater nicht auch schon das Herz gestohlen? Seht, Mutter! ein Falke, man heißt ihn auch einen Sperber. Clemens . Du thörichter Knabe, ich muß fast über dich lachen. – Was hilft's, daß ich eifre und schelte, er hört gar nicht einmal darauf. Nun versorg nur deinen Vogel und iß nichts, als was er dir einbringt, so wirst du schon gewahr werden, welchen herrlichen Kauf du gethan hast. Florens ab. Susanne . Hast du dich geärgert, lieber Mann? Clemens . Wenn ich den Schaden verschmerzt habe, ist es mehr zum Lachen. Sag' ich's, es wird aus dem Kinde nichts, der Kopf sitzt ihm nicht auf dem rechten Fleck. Ich denk, ich laß ihm eine Weile die Geldsäcke dem Claudius nachtragen, unterdeß findet sich für ihn wohl eine andre Bestimmung. Susanne . Das ist das beste, sonst könnte sich der Claudius mal erhitzen von dem Gewicht, darauf erkälten und krank werden. Aber dem Florens thut gar nichts Schaden. beide ab. Dorf. Hornvilla , Alivus Alivus . Und immer brummen, immer schelten, Ich halt's nicht länger aus, potz Velten! Ich laufe in die Wüst' hinein, Dann bleib' für dich, du volles Schwein! Besoffen kömmt er stets nach Hause, Dann macht er Lärmen und Gebrause, Bei Tag, bei Nacht, niemals nicht Ruh, Verdruß und Schläge noch dazu. Hornvilla . So ist es recht, das heißt ja eben Im Wehestand, im Ehstand leben, Jezt bin ich voll und ziemlich froh Drum geht dein Schimpfen dir noch so Im Stillen hin, besinn' ich mich, So schlag ich dafür morgen dich. Alivus . Nie bist du still, ein ewig Zanken, An Einigkeit, Ruh, kein'n Gedanken, Was willst du denn? Was hast du vor? Besinne dich, du bist ein Thor! Was soll das Toben, Fluchen, Rasen? Hornvilla . Mir drehst du warlich keine Nasen, Ich sehe alles wie es ist, Mein' Ehre, die liegt auf dem Mist, Du hast mich doch, trotz allen Schlägen, Daß du dich oft nicht konntest regen, Trotz aller Vorsicht, aller Wacht, Zu einem Hahnrei doch gemacht. Alivus . Das ist nicht wahr, ich liebe dich Zu meinem Leid zu inniglich. Hornvilla . Wie kommt's denn also wohl, du Narr, Daß wir noch immer ganz und gar So ohne Kinder, ohne Erben? Mit mir wird wohl mein Stamm aussterben. Alivus . Es wär' ja Schade um die Art. Hornvilla . Nach mir bleibt nicht mal ein Bastard; Sonst hätt' ich doch noch Vaterfreuden, So plagen mich nun alle Leiden, Liegt's denn an mir? Sprich Wahrheit raus! Alivus . Ich hab's genug und geh in's Haus. ab. Ein Soldat kömmt. Soldat . Seid ihr der Herr von dieser Schenke? Hornvilla . Nun ja, mein Freund, so wie ich denke. Soldat . Es werden Truppen ausgehoben, Die Türken fangen an zu toben, Ich geh umher und suche Leut', Die tüchtig sind in Kriegeszeit. Hornvilla . Soll ich denn etwa mit euch gehn? Soldat , Da müßtet ihr anders aussehn, Ihr wäret der Miliz ein Schänder, Ihr taugt nicht mal zum Marketender. Hornvilla . Nu, nu, ich tracht' nicht nach der Ehren. Soldat . Ich will hier was bei euch verzehren, Ist eure Frau denn ausgegangen? Hornvilla . Die werdet ihr doch nicht verlangen, Um unter euch Dienste zu thun? Soldat . Ich will bei euch die Nacht ausruhn, Die Frau ist mir seit längst bekannt; Ihr seid nur dumm, sie hat Verstand, Und seht, es ist euch zugeschworen, Macht ihr viel Lärmen und Rumoren, Ich greif euch alsbald bei dem Kragen, Stoß euch die Hellpart in den Magen. ab. Hornvilla . Ich fürcht' zwar sonst den Teufel nicht, Jedoch mir hier mein Muth gebricht, Soldaten niemals Spaß verstehn, Da muß man durch die Finger sehn, Von je hab' ich mit Wehr und Waffen Nicht gern gehabt etwas zu schaffen; Solch Ding geht auch gar plötzlich los Und giebt euch einen Stich und Stoß, Im Bauch hat man so mancherlei, Lung, Leber, Herz und Magen frei, Das treibt mitsammen sein Handthieren, Da kann man's Leben leicht verlieren; Das Schwert mag gehn grad oder krumm, Irgend etwas trifft's immer drum. – Was kommt denn da so klägelichen Mit Beten, Weinen angeschlichen? Ein Mönch kommt. Mönch . O schützt, um Gott's Barmherzigkeit! Mich Armen in der Einsamkeit, Wenn ihr zu Christum euch bekennt Und seinen Unterthan euch nennt. Hornvilla . Wer seid ihr denn mit eurem Greinen? Mönch . Wer sollte doch anjezt nicht weinen? Es streifen durchs Gebirg die Heiden Und thun den Mönchen tausend Leiden, Die Einsiedler entfliehen all, Der Libanon ertönt vom Schall Des Kriegs, er ist von Waffen voll, Kein Frommer weiß, wohin er soll, Die Klöster stehn in Angst und Pein. O Lieber, nehmt die Nacht mich ein, Laßt mich in euer Haus eintreten Und vor dem Sturm und Frost mich betten. Hornvilla . So kommt nur 'rein, ein Christenmann Ist drin, der all uns schützen kann, Ein Krieger, tapfer, ohne Graun, Er sizt daheim bei meiner Fraun. beide ab. Paris. König Dagobert , Bischof Arnulphus , Pepin . Kg. Dagobert . Mein, edler Majordomus, tadelt mich Nicht drum, daß nur mein einziger Gedanke, Mein Sehnen in der Nacht, mein Wunsch am Tage Mich dahin ruft, mir dies Gebäu, den Münster Des heil'gen Dionysius auszuschmücken. Die Mauern sind schon aufgerichtet, nur An Bildern fehlt es noch, an heil'gem Schmuck, Dann wollen wir die Weihe schön begehn. Pepin . Wie dürft' ich tadeln euern frommen Sinn, Den edlen Willen, den ihr Gotte widmet? Allein erwägt, wie ihr so viele Güter Der Kirche schon geschenkt, den Schatz erschöpft, Wenn Feinde einst die Länder überziehn, Welch Wehr wollt ihr entgegen ihnen setzen? Arnulphus . Des Herren Macht, der stets die Seinen schützt. Wer möchte doch kleingläubig wohl verzweifeln? Ein segensreicher Friede schirmt das Land, Und kommen Feinde, nicht mit Gold und Silber, Mit Muth und Eisen muß man sie bekämpfen. Pepin . Ihr seid ein Mann der Kirche, heil'ger Bischof, Da dünkt euch Krieg so leicht wie Messe lesen. Arnulphus . Ihr laßt da Politik und Klugheit walten, Wo es derselben, Gottlob, nicht bedarf; Vorüber sind die wild bedrängten Zeiten, Wo Morden galt, ein Krieg den andern trieb, Ein Volk sich rasend auf das andre stürzte. Mit Clotar ging der Hader in die Grube, In Dagobert seh ich den Frieden blühen, Als Jüngling schon empfand er diesen Trieb, Die Religion zu schützen und zu pflegen, In ihm besitzt das Land den schönsten Segen. Kg. Dagobert .     Nicht also hadert, treffliche Genossen, Kein Zwiespalt muß die Freunde mir entzwein, Des Blutes wurde wohl genug vergossen, Jezt giebt die Eintracht ihren milden Schein, Drum sei der Friede friedlich auch genossen, Der Krieg soll nicht in unsern Häusern sein, Der Himmel nimmt zurück die edlen Güter, Stärkt Eintracht nicht die dankbaren Gemüther.     Ich habe selbst in meinen jungen Jahren Schon Zwiespalt, Haß wie Angst und manches Leid, Mißtraun, Verfolgung, bittern Krieg erfahren, Damals, in jener trüben Unglückszeit, Als mich verfolgte mit den Feindesschaaren Mein eigner Vater, o wie mich tief reut, Daß Leichtsinn und der Jugend wilde Tage Mir brachten, so wie ihm die schwere Plage.     Du weißt, Pepin, wie ich entflohen war, Zu Dionysius heiliger Capelle, Du kamst vom König mit gerüst'ter Schaar, Ich kniete nieder auf geweihter Stelle, Sie schützte mich vor jeglicher Gefahr, Da wurden mir die blöden Augen helle, Die Krieger wichen, ich blieb ohne Sorgen Und weilte in der Kirche bis zum Morgen.     Da dacht' ich aller Worte, aller Lehren, Die mir Arnulphus freundlich stets gegeben; Mir war's, ich konnt' ihn selber sprechen hören, Wie er erzählte von der Heil'gen Leben; Ich ward gerührt, mir selber mußt' ich schwören, Fortan nach höherm Gut und Glück zu streben: Mein Herz und mein Gemüth ward auferwecket, Das bis dahin die Lust der Welt verdecket.     Es war um mich die allerstillste Nacht, Am Himmel funkelten die ew'gen Sterne, Da ward mein innres Herzlicht angefacht Vom unbekannten Trieb nach jener Ferne, So ward die Zeit mit Beten hingebracht, In meinem Geiste glänzten neue Sterne, Dann ward mein Aug' vom süßen Schlaf umhüllet, Mein wacher Geist mit lautrem Glanz erfüllet.     Drei Männer sah ich herrlich mir erscheinen, Sie trugen hohe Göttlichkeit im Blicke, Dem Anblick mußt' ich fromme Thränen weinen, Weil ich so innig mich im Schaun entzücke, Ein langer Bart schmückte ganz weiß den einen, Die andern traten seinem Glanz zurücke, Er sagte: Ich bin Dionysius, Der Eleutherus, jener Rusticus.     Als ich Sanct Pauli Predigten vernommen, Fühlt' ich mich auch vom heil'gen Geist getrieben, Auch diesen ward die Decke weggenommen; Sie mußten wohl die Worte Gottes lieben, Zur Frömmigkeit war unser Herz entglommen, Darinne war das Kreuz uns eingeschrieben, Begeistert drauf mit den Martyr-Gesellen Vertraut' ich mich den abendländschen Wellen.     Wir wollten Gallia mit dem Wort erfreuen, Paris vernahm das Evangelium, Es wollte Christus uns die Kraft verleihen Und viele kehrten sich zum Glauben um; Wie mochten wir die Macht der Heiden scheuen? Sie griffen uns, wir alle kamen um, Beglückt, mit unserm Blute zu bezeugen Die Wahrheit, die kein Gläub'ger darf verschweigen.     Ein frommes Weib gab uns ein stilles Grab, Der Ruheplatz war neben ihrer Hütte, Von ihr floß manche Thräne drauf hinab, Sie betete für uns nach Christensitte, Bis man uns drauf diese Capelle gab. Doch wenn du glücklich bist, hör meine Bitte, Laß nicht, die Lehrer, uns vergessen werden, Ein schön Gebäu erheb' sich von der Erden. –     Nein, sprach ich, frommer, gottgesandter Mann, So möge mir mein schönster Wunsch nie glücken, Wenn nicht geschieht, was ich vollführen kann! Wie mußtet ihr, verfolgt, der Macht euch bücken, Doch nunmehr fängt ein neuer Glauben an, Nun soll man euch verehrt herrlich erblicken, Was Reichthum, Pracht, Gold, Demant in sich führen, Soll glänzen, leuchten, euch glorificiren.     Ein hoher Dom soll mächtig sich erheben, Drein sollen Bilder, Crucifixe prangen, Hindeutend auf des Christ's, der Heil'gen Leben, Viel Ampeln sollen von der Wölbung hangen, Musik soll Herzen zu erwecken streben, Damit, wann Cymbeln und Posaunen klangen, Mit Andachtsgluth die Seelen sich bedecken Und ihre Herzen auf den Altar strecken. –     Dies Wort hatt' ich den Heiligen verpfändet, Am Morgen war ich mit Clotar versöhnet, Der Vater hatte nach dem Sohn gesendet, Mir ward mein Leben unverhofft verschönet, Bald hatte er die Pilgerfahrt vollendet, Worauf man mich auf seinem Stuhl gekrönet, Nun mögen andre Reich' und Ruhm vermehren, Doch mir genügt, die Heiligen verehren.     Das sei mein Ruhm, mein Reichthum, meine Macht, Die Liebe, die ich Gott im Herzen trage, Das Schönste, Köstlichste sei dargebracht, Damit es ihm von unsrer Liebe sage, Verschwunden ist die alte Heiden-Nacht, Wer Christ ist, freue sich am heitern Tage, Was nur in starrer Erde blüht an Schätzen, Soll man der Andacht zum Gedenken setzen. Eligius tritt ein. Eligius . Mein königlicher Mann, es ist im Tempel Das Crucifix so eben aufgestellt, Es dient dem gläubgen Volke zum Exempel, Der hohen Pracht erstaunt die ganze Welt, Es ist, wie du die Kirche liebst, ein Stempel, Wie's Perl, Smaragd und Rubin in sich hält, Was vom Gestein, Gold übrig blieb, Demant, Hab' ich in deinen Schatz zurückgesandt. Kg. Dagobert . Ich sorge stets, daß dir nicht eingebracht Die Mühe wird, die du darauf gewendet. Eligius . Mir gnügt, daß ich das heil'ge Werk gemacht, Ich bin zufrieden, daß ich es vollendet. Arnulphus . Ihr habt so fromm und geistlich stets gedacht, Dafür wird euch der schönste Lohn gespendet. Kg. Dagobert . So eilen wir zum Tempel, uns des neuen Gelungnen Werkes insgesammt zu freuen. sie gehen. Spaziergang mit Bäumen. Richard allein . Welch wild Gedräng' ist dorten auf dem Markt Von Rossen und von Menschen! schöne Hengste! Claudius und Gumprecht kommen. Claudius . Nun, Gott bewahre! könnt ihr denn nicht sehn, Daß ihr die Leute müßt so schrecklich stoßen? Gumprecht . Ich hab' nicht Zeit, vor jedem Narren Umweg Zu suchen, seht euch selbst ein bischen vor. ab. Claudius . Solch Schlächtervolk ist grobe Nation, Und ist nun Viehmarkt vollends, meinen sie, Die ganze Welt ist nur für Ochsen da. Richard . Da seid ihr ja, ich wollte bei euch wechseln, Ich hab' heut eine Summe zu bezahlen. Claudius . Ich kriege gleich das Geld, kommt nur nachher, Mein edler Herr, jetzt richt' ich meinen Tisch. ab. Richard . Doch lang' zu warten hab' ich keine Zeit. geht. Rudolf , Emmerich kommen. Rudolf . Glaubt mir, das ist der böseste Hallunke Von allen, die mit Pferden zu uns kommen. Emmerich . Er weiß sie anzubringen, auszustreichen, Die Augen ordentlich kann er bezaubern, Die Preise macht er übermäßig hoch, Man thu' auch, was man will, man wird betrogen, Erfährt er's dann, so lacht er sich halb todt. Wolfhart kommt. Wolfhart . Nun, meine gnäd'gen Herrn, ist euch der Hengst Denn nicht anständig? Seht, bei meiner Seele, Das ist ein Pferd für einen König, stark, Gewandt in Schenkeln, kleinen Kopf, die Mähne So rein, gedrungner Hals und breite Brust; Dabei zum Springen, Laufen abgerichtet, Voll Kraft und Muth, das wäre zum Turnier, Zur Pracht, Wettrennen wohl für euch ein Pferd. Rudolf . Doch deine Preise sind ja immer jüdisch. Wolfhart . Es kostet mich fast selbst, was ich gefodert. Rudolf . Laßt's uns noch mal vorführen. Wolfhart .                                                   Ja, sehr gerne Und kommt dahin, genau es zu betrachten. sie gehn. Bertrand tritt auf. Bertrand . Tausend! da wird ein schönes Pferd geritten.. So eins war auf dem ganzen Markte nicht! Wie viel der Kaufmann dafür fodern mag. Wolfhart kommt zurück. Wolfhart . Ja, tanz nur, tanz nur, Schwarzer; wie er schnaubt, Wie er die Füße setzt, was das gebaut ist! Bertrand . Was fordert ihr denn für den Rappen da? Wolfhart . Ihr Gnaden, straf mich Gott, unter vierhundert Kann ich ihn meinem Bruder selbst nicht lassen. Bertrand . Ihr seid nicht klug. Was gilt es, um dreihundert Ist er euch feil und das ist noch zu viel. Wolfhart . 'S geht nicht, mein Herr, das Futter ist zu theuer. Florens kommt mit dem Geldsacke. Florens . Es wird heut heiß und das Gedräng' ist groß, Der Jahrmarkt macht die Menschen alle wild. – Welch schönes Roß! das trabt und springt so muthig, Daß mir das Herz mitspringt in meiner Brust. Glückselge Creatur, die auf dem Pferde Ausreiten dürfte, über Gräben springen, Hoch von der Erde unter sich zu fühlen Den stolzen Gang, das Schnauben und das Prusten Zu hören! Wie es halb sich wehrt, halb spielt Gegen den blanken Zügel! Wär's doch mein! Ach, das muß große, große Summen kosten, Die kann ein Ritter nur, ein Graf erschwingen. Sieh, wie er bäumt! Mir däucht, ich sollte besser Ihn reiten, daß es adeliger stünde. Was hilft's doch nur, die Gelder immer zählen, Umwechseln und von neuem wieder wechseln, Könnt' ich mir jemals solch ein Roß nur kaufen! Bertrand . Dreihundert funfzig, seht, das ist das Letzte – Wolfhart . Ich kann nicht, edler Herr, ich setzte zu. Bertrand . Ihr werdet euch besinnen, wenn ich weg bin. geht. Wolfhart . Käufer genug, nur fehlt es stets am Besten, Die jungen Leute sind nicht recht bei Gelde. Florens . Das ist das schönste Pferd, das ich im Leben Gesehn, mich wundert sehr, daß es die Herrn Nicht besser schätzen. Wolfhart .                           Das hat seinen Haken. Florens . Wie theuer ist denn wohl das schöne Thier? Wolfhart . Er gilt mir ziemlich viel, vierhundert Pfund. Florens . Vier hundert? Wolfhart .                       Ja, keinen Dukaten wen'ger. Florens . Nicht mehr? Was sind doch nur vierhundert Pfund? Mein Herr, ich muß euch sagen, mich verwundert, Wie ihr solch herrlich Pferd so wohlfeil laßt, Denn das ist Unrecht, seht, in diesem Beutel Sind richtig eingezählt fünf hundert Pfund, Wollt ihr's nicht übel nehmen, wenn ich euch So schlechtes Geld anbiete und euch bitte, Ihr mögt das edle Roß mir dafür lassen? Wolfhart . Ja, junger Herr, der Handel wär' mir recht! Florens . Kommt, tretet unter's Kirchendach mit mir, Da ist es ruhig, da will ich aufzählen. sie gehn. Rudolf , Emmrich . Rudolf . Das Pferd kauf' ich in meinem Leben nicht. Emmrich . Es ist schon fort. – So viel Geld ist's nicht werth. Rudolf . So rar ist auch die ganze Bestie nicht, 'S ist nur, daß man solch Pferd gar gerne hätte. Emmrich . Je nun, ein andermal, 's ist öfter Markt. sie gehn. Wolfhart kömmt zurück mit dem Geldbeutel . Das muß ich sagen! Was man nicht erlebt! Konnt' ich mich doch des Lachens kaum enthalten. Er giebt mir hundert mehr, als ich gefodert Und bittet noch, ich soll nicht böse werden. Der junge Mensch ist wohl im Kopf nicht richtig, Besoffen, oder hat das Geld gestohlen. Mir eins, ich geh' davon, es könnt' ihn reuen, Er kommen und den Beutel wieder fodern. ab. Stube. Clemens , Ludwig . Clemens . Trinkt noch, Gevatter, trinkt das eine Glas noch! Ludwig . Ich nehm' es für genossen, warlich, bin nicht Im Stande, außerdem verderb' ich mir Das Mittagbrod durch allzustarkes Frühstück. Clemens . Wir werden alt, wir werden ziemlich alt, Es ist nicht mehr die Munterkeit, wie ehmals, Ich muß mich auch vor Wein ein bischen hüten. Ja, was wir lustig waren! ehmals! Wißt ihr? Ludwig . Wie sollt' ich nicht? Mein Lebtag nicht vergess' ich's. Clemens . Manch Lied haben wir in der Nacht gesungen, Manch Mädel, wenn sie hübsch war, ausgespürt, Und mancher Groschen wurde zugesetzt. Ludwig . Gevatter, ach! die Jugend ist vergänglich. Clemens . Ja, das ist wahr; doch freut uns die Erinnrung. Wärt ihr mit auf die Wallfahrt doch gegangen! Ludwig . Habt ihr das Buch von Palästina noch Und Morgenland, auf Pergament geschrieben, Was ein gewisser Adam aufgezeichnet? Clemens . Wenn Winter ist, wollen wir's wieder lesen. Es liest sich gut, doch mag nicht alles wahr seyn; Allein die schnurrige Manier, Geschichten, Die er erzählt, Lebensphilosophie, Von wilden Thieren, Quellen und was sonst Zum Christenthum gehört, das ganze Wesen, Man hat es gern, wenn man's auch nicht so glaubt. Ludwig . Wer hätte das gedacht, daß ihr mir damals Solltet aus Welschland eine Frau mitbringen, Die euren Kleinen unterweges stillte; Die gute Antonell', Gott hab sie selig. Wir lebten recht zufrieden mit einander, Ein gut Gemüth, besonders als sie erst Die Landessprache hier recht inne hatte. Anton kommt. Anton . Gevatter, guten Morgen. Hier ist's kühl. Clemens . Es ist mein Sommerstübchen. Anton .                                                         Das ist wahr, Das neue Haus ist hübsch und sehr bequem, Die Lage schön da vorne nach der Wiese. Clemens . Es ist auch alles mit Bedacht gemacht. Anton . Als ich jezt eben zu euch gehen wollte, Begegnet mir da in der Stadt ein Hengst In vollen Sprüngen, mächtig, wie ein Berg, Schwarz wie die Nacht, und hat sich, dreht sich, schnaubt, – Und rathet mal, wer oben auf ihm saß. Clemens . Ich weiß nicht. Anton .                               Florens, euer jüngster Sohn. Clemens . Florens? Wie Teufel, – ist der Junge toll? Anton . Ich wollt' auch erst nicht meinen Augen traun; Ich sag' euch doch, ein Pferd wie 'n wilder Mohr; Ich sprang zurück, die Leute waren bange, Da ließ er's traben, rennen, galoppiren Und Sätze machen, aber er saß fest. Ein Kind lief queer die Straße ihm vorbei, Da dachte man, das Kind würd' umgerannt, Er hielt's 's Pferd, daß es stund wie eine Mauer. Clemens . Blitzjung! wie kömmt der Bengel auf das Pferd? Anton . Nun ging's zur Wiese, was es mocht' und konnte, Ich hab' solch Reiten nimmermehr gesehn, Verständ'gen Leuten wird vom Anschaun schwindlicht. Horcht! was da klappert! Er ist's ganz gewiß. Clemens . Bewahre Gott, was ist das für ein Thier, Das nimmt mir ja den ganzen Hof fast ein. Wie ist der Junge an das Roß gekommen? Ludwig . Er streichelt's, wischt den Schweiß ihm von dem Leibe, Da bindt' er's an, als müßt' es nur so seyn. Florens kommt. Florens . Vater, nun können wir den Stall gebrauchen. Clemens . Jung', sag, was machst du mir für dumme Streiche? Florens . Das ist ein Pferd, mein Vater! das heißt reiten! Das ist ein andres Leben, als mit Zahlpfenn'gen Und Scheidemünz die Hände schmutzig machen, Die Säcke schleppen und an Nummern denken. Ich bin recht heiß. Was wird die Mutter sagen! Clemens . Der Esel hört nicht! Wie kommst du zum Roß? Florens . Gar wunderbar, ihr glaubt's kaum, wenn ich's sage. Ah, guten Tag, Herr Anton. Gelt, es lief? Sein Diener, mein Herr Ludwig. Rappe heißt's, Weil's so ganz schwarz ist. Auf der Wiese hier Kann ich's recht reiten. Clemens .                             Und wo kommt es her? Verlier ich die Geduld, geht's dir nicht gut. Florens . Er wird sich freuen, Vater! Ich war bange, Der Kaufmann möchte immer wieder kommen, Sein Roß zurücke fodern, solchen guten Handel hab' ich gemacht. Ich kam zum Markt, Da ward's geritten und so frag' ich auch: Was kost't das Pferd? Man sagt, vierhundert Pfund. Clemens . Verflucht! Florens .                     Freilich, denn das ist gar zu wenig. Wollt ihr hier die armseligen fünfhundert Für's Roß, fragt' ich den Kaufmann – Clemens .                                                   Und – Florens .                                                                 Ja, sagt' er! Der Handel war gemacht; wer froh, wie ich? Aufsteigen, reiten, springen, das war eins, Und der muß nun den schweren Sack fortschleppen! Clemens . Mich rührt der Schlag – Ludwig .                                             Gevatter ihr schwimmt weg. Anton . Da trinkt ein Glas, das wird euch gut bekommen. Florens . Nicht, Vater, das hat Er wohl nicht gedacht, Daß ich so klug im Handel wär'? Was soll Der Mann mit den schimmligen Groschen machen? So dacht' ich, daran ist nicht Lust nicht Freude, Die taugen nichts, das Roß hat Leben, Kräfte, So kluge, schöne, groß' und wilde Augen, So scheu und muthig. O, wenn man's recht anschaut, Meint man, man müßt' gleich in den Krieg hinein. Clemens . O Schlingel! Bärenhäuter! Kann das seyn, Kanns in der Welt noch solchen Tölpel geben? Ich halt's nicht aus! der Streich nimmt mir das Leben!         Er springt auf und fällt dem Florens in die Haare. Ja zausen will ich dich, du Taugenicht, Maulschellen dieses alberne Gesicht – Florens . Was macht Er, Vater, was ist denn geschehn? Clemens . Frag' noch, wenn mir die Augen übergehn Vor Leid, vor Gram, vor Wuth! Das schöne Geld! O einen Prügel her um alle Welt! Florens . Ist denn das Roß nicht gut? Clemens .                                             Willst räsonniren, Du Bastard, Spitzbub, Satan? Du sollst spüren, Daß ich noch Kräfte habe, großer Lümmel! O weh! ich halt's nicht aus! hilf mir, o Himmel! Wirft ihn nieder und schlägt ihn, Susanne kommt. Susanne . Was giebt's denn hier? Ludwig .                                           Nun gebt euch nur zur Ruh. Florens . Nein, Vater, schlag er mich nur immer zu, Ich bin sein Kind, laß er mir nur das Pferd, Das ist viel Schläg' und tausend Pfunde werth. Clemens . Ich kann nicht mehr, in's Grab bringt mich der Hund, Vater und Mutter macht er ungesund, So jagt er täglich Bosheit mir in'n Leib: Hätt' ich ihn doch ersäuft! ja, liebes Weib, Den Bösewicht, den mir mein Unglück gab, Er bringt uns beide an den Bettelstab. Susanne . Du bist ganz außer dir. Was hat's gegeben? Clemens . Was muß ich an dem Esel doch erleben! Vernunft und Sitten und Menschenverstand Bleibt lebenslang dem Bären unbekannt. Er hört nach nichts, er sieht nach nichts, Schelmstücke, Narrntheiding, Affenstreiche sind sein Glücke, Wo er von Blinden singen hört Romanz Von Helden, ja da ist der dumme Hans Ganz wie verzückt und gar nicht bei sich selber, Da macht er Augen wie gestochne Kälber, Wenn er von Drachen hört, von Riesen, Schlachten, Wie Ritter sich um Ehr' und Leben brachten: – Wirst du davon dein Brod einst können fressen? Da werden dir die Bissen schmal gemessen. – Geh, du Hans-Wurst, da steht noch etwas Schinken, Iß den, du kannst doch nichts als essen, trinken: –         Florens setzt sich hinter den Tisch und ißt. Doch wo's zu thun giebt, wo's heißt: Witz heraus! Da ist mein irr'nder Ritter nicht zu Haus, Kein' gute Lehre, kein' Vermahnung nicht, Kein Bitten, keine Müh, kein Unterricht, Was ich mich quäle, ihm nur beizubringen, Rechnen und Schreiben, Lesen, nie gelingen Kann es, was man auch mit ihm lies't und schreibt, Daß man die Poss'n ihm aus dem Kopfe treibt. So bettle denn auch künftig dir dein Brod! – Da sitzt er, frißt und hat gar keine Noth, Grämt sich nicht mal. Jezt such' ich einen Stock Und klopfe wieder diesen dummen Block! Susanne . Nein, lieber Mann, sei ruhig. Liebe Zeit! Was ist das für ein zänkisch Leben heut'. Clemens . Ja hat sich was zu leben und zu zanken, Ich soll mich bei dem Schlingel wohl bedanken, Daß er fünfhundert Pfund mir weggeschmissen? Die kann ich wohl so mir nichts dir nichts missen? Susanne . Wie bist du, Florens, denn so gar verkehrt? Clemens . Kauft mir in's Haus den Ochsen da von Pferd! Claudius kommt. Claudius . Ich wundre mich, daß mir der Vater nicht Den Bruder nach der Wechselbanke schickt – Da sitzt der Große ja und frühstückt ruhig – Nun, das muß ich gestehn!– Es kommt da einer So nach dem andern zu mir, fodert Geld, Ich sitze in der Sonne, wart' und warte, Die Leute gehn zu andern Wechseltischen Und mein Herr Florens sitzt hier bei dem Schinken. Clemens . Ach, lieber Sohn, ich werde fast verrückt Im Kopf, so hat der Schlingel mich geärgert. Claudius . Herr Jesus! Was steht da in unserm Hof? Ein Pferd, so groß wie ein Rhinozeros! Clemens . Das hat er für das Geld uns eingekauft, So groß und dick, wie er da vor uns sitzt, Das werden wir noch füttern müssen, wenn's Nach ihm geht, daß der Herr nur reiten kann. Claudius . In Gottes Namen kann's für mich verhungern, Ich rühr's nicht an, ich dächt', es würd' mich fressen, Wenn es den Hals so aufreißt. 'S ist gleich Mittag, Ich geh' hinein, mich hungert auch nach Essen. geht. Florens . Ich will schon für das Pferd alleine sorgen, Es kennt mich schon und ich versteh's am besten, Ich kann's auch satteln, zäumen, striegeln, alles, Ich will ihm gerne Heu und Hafer geben. ab. Clemens . Begreift ihr was, Gevatter, von dem Jungen? Susanne . Mein lieber Mann, du hast ihn schlimm geschlagen Und dir nur weh mehr fast als ihm gethan, Wir können doch nicht wissen, was es ist, Vergieb es ihm und sei zufrieden, denn wer weiß, Ob er nicht ist vornehmer Leute Kind, Denn all sein Thun hat doch so was Apartes, An Reiten, Krieg und Fechten denkt er immer, Laß ihn gewähren, Gott kann's also fügen, Daß er noch unser aller Glück mal macht. Anton . Ich sag' euch, Mann, er saß zu Pferde, so Wie man vom besten Ritter wünschen kann. Ludwig . Es ist mit ihm ein recht bedenklich Ding. Clemens . Ach, ich bin ganz zerschlagen und ermattet. Wollt ihr, Gevattern, nicht zu Tische bleiben? Susanne . Nehmt so vorlieb, das Essen ist bereit. Ludwig und Anton . Danken recht sehr. Gesegnete Mahlzeit. Alle gehn ab. Florens allein .     So schlimm schlug er mich nicht in allen Jahren, Um's Roß will ich es aber gern erdulden. Er riß mich warlich derbe in den Haaren; Ich weiß gar nicht: was war denn mein Verschulden? Das schönste Pferd von allen, die da waren, Ich gäbe wohl dafür zwei tausend Gulden, Der Vater aber ist kein großer Reiter, Drum nennt er mich nur einen Bärenhäuter.     Dich aber, gutes Roß, will ich nun pflegen, Wir beiden sind nun gute Kameraden, Das beste Futter will ich dir vorlegen, Zum Flusse reit' ich dich, im Strom zu baden, Du siehst mich an mit deinem Aug' verwegen Und ich verschmerze gerne jeden Schaden. O wär' doch Krieg, die Fahnen hochgeschwungen, Wir wollten sein tief in den Feind gedrungen! ab. Pallast. Der Sultan von Babylon auf dem Throne, der Admiral , Alamphatim , andre Könige, Krieger, Sklaven. Der Sultan .     Nebel und Nacht soll jezt vom Erdkreis weichen, Der finstre Dienst vom schnöden Christenthume, Der rothe Morgen wird in Pracht aufsteigen, Aufbricht des wahren Glaubens heitre Blume, Ein Feuer soll am Horizont sich zeigen, Machmud und Asia und uns selbst zum Ruhme, Europa soll mit seinen Völkern brechen, In's Herz recht seiner Kräfte will ich stechen.     Frankreich, der Mittelpunkt der schlimmsten Lehre, Soll nun ein Ziel für meinen Bogen werden, Und wenn ich dieses Land zum Tod versehre, Stürzen die Völker mitternächt'ger Erden. Dem Feu'r, der Wuth, in der ich mich verzehre, Gebt Raum, brecht auf, verachtet die Beschwerden, Mein alter Grimm, mein Hunger ruft nach Speise, Vasallen, auf! nach Frankreich steht die Reise!     Ja, Dagobert muß sein Verderben schauen, Auf seinen Nacken tritt mein Fuß ihm muthig, So wie der Löwe in den Raub die Klauen Einschlägt, daß ihm die Mähn' und Lippen blutig, So will ich Machmud, meinem Gott, vertrauen, Nie wird mein Herz in seinem Dienst unmuthig, Nie lischt dies Feu'r, das sich in mir entzündet, Bis es in Strömen Bluts die Kühlung findet.     Ihr Völker Asia's, Fürsten im Orient, Dienende Freund', befreundte Unterthanen, Vom Ganges habt zum Nil ihr anerkennt Mein streng Gebot und unser ernstes Mahnen, Chaldäa, Persia und Arabien gönnt Mir seine Dienste unter meinen Fahnen, Georgien und Cirkassien und ihr Mohren, Ihr alle habt zu meinem Dienst geschworen. Alamphatim . Mein großer Bruder, Sultan Babylons! Panzer, Schild, Bogen, Rosse sind gerüstet, Räche den Schimpf deines glorreichen Throns, Wenn dich das Blut der Christenschaar gelüstet, Zertritt mit Schaaren, zahllos, deines Hohns Ursacher, stürz, die sich so frech gebrüstet: Ihr Gott sei, der die andern niederwerfe, Bestrafe sie mit unsers Schwertes Schärfe! Der Admiral .     Mein großer Bruder, Babylons Sultan! Die Flotte liegt in unserm Hafen stille, Die Fluth gehorcht, der Wind hält zitternd an Den Athem, harrend, wann dein höchster Wille Gebietet, daß er günstig wehen kann, Damit sich in der Fahrt dein Wunsch erfülle, Wimpel und Flaggen streben von dem Lande, Ungern wurzelt der Anker noch im Sande. Lidamas tritt ein. Der Sultan .     Was hat Arabiens König zu verkünden? Mein Lidamas, gieb Antwort meiner Frage! Lidamas . Mög' alles Glück des Himmels sie entzünden, Mit neuem Schein beglänzen deine Tage! Kaum weiß ich, wie ich soll die Worte finden, Damit ich dir, so wie ich soll, ansage Das Glück, das Wunder, deinen Ruhm, den weiten, Für den auch fernentlegne Völker streiten.     Ja, Machmud ebnet selbst dir deine Bahnen, Was du nur Großes wünschest, muß geschehen; Laß fliegen nur die siegesrothen Fahnen! Ruhm küsset sie und Tod im Windeswehen, Was wünschend hofften deine großen Ahnen, Gelungen wird's vor deinem Throne stehen, Die unglücksel'gen kann kein Heil mehr fristen, Denn du gebotst Vertilgung aller Christen.     Staunend vernahmen wir ein Wunder nennen, Es herrsche die Caucasischen Gefilde Ein Riesenkönig, den bestehn nie können Die stärksten Helden unter Helm und Schilde. Will er zürnend in seiner Wuth entbrennen, Vernichtet hundert Tapfere der Wilde; Sie fallen ihm, wie Saat den Ungewittern, Golimbra heißt, vor dem die Völker zittern.     Der beugt in Demuth dir sein stolzes Knie, Sein Stolz ist nun, du möchtest nicht verschmähen, Daß er dein Knecht in deinem Heere zieh', Daß er dein Freund dir mag zu Seite stehen; Auch wenn du ihn verwirfst, er läßt dich nie, Will Hand in Hand mit seinem Schwure gehen, Mit eigner Hand Dagobert abzuschlagen Sein freches Haupt, es auf dem Schwert zu tragen..     Mächtig, erhaben, groß ist dieser Kühne, Wie niemals einen meine Augen sahen, Feindlich darf keiner dieser furchtbar'n Mine, Und wär' er auch in Erz ermauert, nahen. Willst du, daß dir der Sohn des Berges diene? So magst du, Sultan, freundlich ihn empfahen. Der Sultan . Er trete ein, er sei mir hoch willkommen, Der Sitz bei mir sei von ihm eingenommen. Golimbra , ein Riese, tritt ein. Der Sultan .     Nie sah ich noch so schreckliche Gestalt! – Sei mir gegrüßt, du Sohn von großen Thaten! Alamphatim . Welch Haupt und welcher Arm! Ha, der Gewalt Sind wohl die Christen allzumal verrathen. Der Admiral . Wenn er die Faust in seinem Grimme ballt, Tausend erblassen, wie sie wüthend nahten. Der Sultan . Willkommen mir und diesen Sitz nimm ein. Golimbra . Vergönn', daß ich mag stehend vor dir sein.     Wie Meer und Erde, Fels und tiefe Schlünde, Brausende Ströme, wilde Feuerflammen, Auch rauschen, brennen, in einander schwammen, Daß Berge tönen, widerhalln Abgründe,     Wie auch des rothen Feuers Kraft entzünde, Und Städte flicht im glühnden Kuß zusammen, Daß Pallast, Tempel in den Wollustflammen Zu Asche sinken in dem rothen Winde:     Kann ich doch Eins, ein schreckensvollers nennen Was tobt vor den Erdbeben und Orkanen, Mehr reißt als Fluth, mehr glüht als Flammen brennen:     Ein Heldenzorn, bricht der sich seine Bahnen, Dann muß zitternd die Welt den Herrn erkennen, Furchtsam neigt Land und Meer den blut'gen Fahnen. Arlanges tritt ein. Der Sultan . Was, Arlanges, Persiens König, Willst du melden mir als Bothe? Arlanges . Edler Herr, dem Alla schütze Und Machmud die Herrscherkrone, Ich erscheine bittend, flehend, Daß du abwehrst deinem Zorne, Feinde müssen vor dir zittern, Die du liebst wirst du verschonen. Liebend kommt mit ihren Jungfrau'n Marcebille, deine Tochter, Bittend zu dem Vaterherzen, Niederfallend vor dem Throne, Sie erfuhr von deinem Zuge Und ihr edler Muth, der hohe, Ist heut' glänzend, denn ein Festtag Ist ihr dieser Kriegszug, ohne Dich will sie nicht einsam bleiben, Nein, sie folgt dem Lärm der Trommeln, Die Trompete, Krieg verkündend, Ist ein Liebeslied dem Ohre. Von Ruh', Müssiggang, von Blumen, Von dem Gartenduft, dem Chore Süßer Nachtigallen, klaren Quellen, aufsteigenden Bronnen, Will sie gerne Abschied nehmen, Bis du siegend wieder kommest. Bittend naht sie, schön geschmücket, Prachtvoll, wie der rothe Morgen, Wann er purpurn durch die Himmel Bringt den Tag zu uns von oben, Alle Wälder, alle Wiesen Jauchzen, Vögel singen frohe, Und es brennt die Luft und Erde Safrangelb in goldner Lohe, Und den Saum der Morgenröthe Tragen die entzückten Wolken: Also nahet Marcebille, Deine vielgeliebte Tochter, Und Roxane, Lealia Sind ihr liebliches Gefolge. Welche Zunge mag verkünden, Wie genügt mein schwacher Othem Ihre Schönheit auszusprechen, Wie sie naht, stralend erhoben. Ihre lichten Haare schweben Aufgebunden, scherzend lose, Halb in Lüften, halb auf Schultern, Wiegend spielen sie und wogen, Und das Auge ist gefangen Wie in Netzen, in den Locken, Nicht mehr Locken, nicht mehr Haare, Nein, ein zart Gespinnst von Golde, Das ein Gott, entbrannt in Liebe Um den Glanz des Haupt's geschmolzen. In dem Schatten, nein, im Glanze Dieser Gold-Laube verborgen, Stehn die Lichter ihrer Augen Wie zwei wonnevolle Sonnen, Unter schmalen Augenbraunen, Leicht getrennt und fein gezogen, Wohl nennt man die Blicke Pfeile Und die Augenbraunen Bogen, Denn nie hat so süße Blitze Noch ein Auge abgeschossen, Niemals sind aus solchem Köcher Solche Blicke fortgeflogen. Wie ein Herrscher sind die Augen, Welcher giebt seine Gebote Seinen Unterthanen, schöne Glieder dem Befehl gehorchen, Alle sind wie süße Musik, Welche klingt in vollen Wogen, Also tönen die Gebehrden Als ein Echo von den Worten Ihrer Augen, ihrer Blicke, Also nahet dir die Holde. In der Hand trägt sie den Jagdspieß, Wie sie dir zum Walde ofte, Auf dem muth'gen Zelter prangend, Zu der Jagd hin ist gefolget, Wo sie manchen wilden Tiger, Manchen Löwen hart getroffen; Um die Brust den goldnen Panzer Mit Gestein geschmückt, mit rothem Rubin, mit Smaragden, Demant. Auch trägt sie den Schild, den großen, Der im Kampfe sie beschützte, Als der stärkste Löwe drohte, Den die Wildniß und die heiße Wüste jemals nur geboren. Also kommt sie, wer vermöchte Ihr zu widerstehn mit Trotze! Wie ihr Haupt sich hebt und senket Und ein Lächeln von den vollen Rothen Lippen fließet, schimmern Alle Hallen, Säulen, Pfosten, Und wen ihre Augen treffen, Ist in Furcht und Lust verloren. Marcebille tritt ein mit Roxane , Lealia und andern Jungfrauen. Marcebille .     Mein Vater, nicht in Gärten laß mich sitzen, Von Rosen nur und Lilien umschienen, Wo Vögel girren aus den sanften grünen Lauben, nein da, wo Spieße, Schwerter blitzen,     Wo unter Schilden Helden sich erhitzen, In Strömen Bluts dein Lächeln sich verdienen, Dahin begleit' ich dich und deine Kühnen, Machmud und deine Macht wird mich beschützen.     Du willst, ich soll auf die Vermählung denken, Brautgarten sei da, wo sie Häupter pflücken, Die Klagen Sterbender sein mir Gesänge:     Fort, Rosen, Blumen, festliches Gepränge! Fort, Lieder! den nur will ich hold anblicken, Der Dagoberts Haupt blutig mir wird schenken. Golimbra . Auf meinem Schwert will ich es dampfend reichen, So knieend, wie ich jezo vor dir liege, Entstellt, blutlos sei es mein Siegeszeichen, Von meinem glänzendsten, herrlichsten Siege: Nur dir, o Göttin, keinem will ich weichen, Du nur bist das Gestirn von diesem Kriege, Muth stralt aus deinen Augen, alle Herzen Entzündest du, mit der Gefahr zu scherzen. Marcebille . Ich nehme dich zum Diener meiner Liebe, Und zum Gemal, wenn du, was du versprochen, Erfüllt; an diesem Christenhunde übe Den tapfern Arm, so sei Machmud gerochen. Golimbra . Wie sollt' ich dir nicht halten, die ich liebe, Mein Wort, das ich selbst nie dem Feind gebrochen? Ich schüttle ihre Häupter und sie fallen In deinen Schooß, doch Dagoberts vor allen. Der Sultan .     So folg uns, liebste Tochter Marcebille, Entzündest hast du diesen Held zum Grimme. So brecht nun auf, denn also ist mein Wille, Die Flotte gleich hin gen Italia schwimme, Daß jeder König, Diener, Sklav, erfülle Vasallen-Pflicht und wer am höchsten klimme, Dem sei die höchste Ehr' und größter Lohn, Der sei der nächste meinem großen Thron.     Versäumt auch nicht, ihr Diener, mitzuführen Mein keckes Roß, den tapfern Pontifer, Die Fahrt muß unser Machmud ganz regieren, Denn er ist unser Gott und unser Herr, Sein güldnes Bildniß muß das beste zieren Der Schiffe, denn ihm dienet Land und Meer: In seinem Namen, auf, all auf zum Kriege! Alle . Wir folgen dir zum Tod, zur Schlacht, zum Siege!     Zweiter Akt. Pallast. König Dagobert , Pepin , Arnulphus . Pepin .     Was ihr nicht glauben mochtet, seht geschehen, Der große Sultan Babylons, verbunden Mit dreißig König'n, will nach Frankreich gehen, Und ihr könnt wohl nach nicht gar vielen Stunden Vor eurer Stadt das Heer der Heiden sehen, Und noch ist keine Hülfe uns gefunden, Wir sind zu schwach die Mauern zu beschirmen. Wo Rath, wo Trost, wenn so sich Wetter thürmen? Kg. Dagobert .     Nicht können der bedrängten Christenheit Starkmüth'ge Fürsten sich der Noth entziehen. Wenn unser Frankreich laut nach Hülfe schreit, Kann England feige nicht, nicht Spanien fliehen, Nicht Rom, das gern uns seine Krieger beut, Und wenn wir selbst im Kriegesmuth erglühen, Wird auch Sanct Dionysius uns beschützen, Tod auf die Feinde seines Münsters blitzen. Arnulphus .     Kein Christ, kein frommer König soll verzagen, Den Sieg erringt nicht immer nur die Menge, Unsichtbar kann die Hand des Herren schlagen, Wie Spreu verweht er oft Kriegesgedränge, Was sind ihm Harnisch, Schild, Roß, Schwerdter, Wagen? Laßt Hymnen tönen, Psalmen, Betgesänge, Und seine Mutter schaut mit Liebesblicken Herab, uns Sieg, den Feinden Tod zu schicken. Ein Bothe tritt ein. Bothe . Der Graf Armand trifft ein in wen'gen Tagen Und mit ihm eine Schaar von wackern Kriegern, Die muth'gen kühnen Herzen aus Provence, Die keine Furcht, die keinen Zweifel kennen, Ihr größtes Herz, Graf Armand, an der Spitze. Kg. Dagobert . Ein edler Schutz dem königlichen Sitze. Ein zweiter Bothe kommt. 2. Bothe . Die stolzen Spanier sind schon auf dem Zuge, Sie treten schon den Schnee der Pyrenäen, Ihr König führt sie an, der mächt'ge Rodrich, Er zürnt dem Einbruch dieser Räuberhorden. Kg. Dagobert . Ein mächt'ger Stab ist mir an ihm geworden. Ein dritter Bothe tritt ein. 2. Bothe . Widrige Winde hielten mich zurück, Sonst hätt' ich, mächt'ger König, früher schon Die Bothschaft dir aus England angesagt. Mein Wort tritt nun fast mit dem Heere ein, Das Edward führt, der allerkühnste Streiter. Kg. Dagobert . Der Himmel wird nach Ungewitter heiter. Ein vierter Bothe kommt. 4. Bothe . Mein großer Fürst und christlicher Monarch, So sehr ich eilte, mußt' ich dennoch zögern, Weil ich von Rom mir andre Wege suchte; Denn schon sind alle Heiden auf dem Zuge, Des Sultans mächt'ge Flotte ist gelandet, Anstürmend zu Venedig, hat verheeret Die Stadt und rings das Land, ich mußte fliehen; Doch läßt der Kaiser Octavian verkünden, Er folge schnell mit einem mächt'gen Heere. Kg. Dagobert . Gerüstet sind wir nun zur Gegenwehre. 4. Bothe . Doch ist es nöthig, Muth und Kraft zu sammeln, Denn nie noch ward ein so grimmiger Drache, Der lang' hungrig an festen Ketten lag, So giftig hergehetzt und losgelassen Auf unsre arme Christenheit, denn Raub Und Brand, und Mord an Männern, Weibern, Kindern, Bezeichnet ihren Pfad: so wie der Jäger Der blut'gen Spur des Wolfes folgt, so findet Wer Klaggeschrei, Blut, Seufzern folgt, dies wilde Furchtbare Ungeheuer, dreißig Kön'ge Sind ihm, dem Sultan Babylons verbunden, Blutgierig all, der Religion erboßt; Doch ihnen folgt ein Riesenkönig dienstbar, Der wildeste von allen, wie er allen An Größe vorragt und an Gliederstärke; Er hat geschworen seiner schlimmen Braut, Der Wuth im Blicke glänzt, dein Königshaupt Auf seinem Schwerdt zu bringen, deinen Münster Dem Götzendienste Machmuds einzuweihen, Wenn er zuvor dein ganz Paris verbrannt. Kg. Dagobert . Wir alle stehen in des Herren Hand. Pepin . Versammeln will ich Führer und Soldaten Und selber nach den Vestungswerken schauen; Jedweder sei der Sohn der eignen Thaten. geht ab. Arnulphus . Nicht faß dein Herz, König, ohnmächtig Grauen, Es kann dich deinen Feinden nicht verrathen, Der du vertraust die göttlichste der Frauen. geht ab. Kg. Dagobert . Alle Bedrängten diesem Hort zulaufen. – Geht und versammelt alle eure Haufen. – alle ab.     Sanct Dionysius, lieber, heil'ger Mann, Ich nahm mir vor dein Münster auszubauen, Mit allem Reichthum es zu schmücken dann, Geliebter, du kannst meine Thränen schauen, Weil ich nicht mein Gelübde lösen kann; Du zürnst nicht drum, ich will dir doch vertrauen, Du stärkst mein Schwerdt mit heiligen Gebeten, Daß Heiden nicht zu deinem Leichnam treten.     Soll's sein, so nimm mein Blut und auch mein Leben, Laß nur dies Liebs-Andenken nicht verstören, Reich, Kron' und Herz will ich als Opfer geben, Nur, liebster Heiliger, magst du erhören Dies innigste Gebet: dir aufzuheben, Damit es wilde Heiden nicht versehren, Großer Patron, geb' ich gern dies Gebäude, Andenken meiner Liebe, Lebensfreude. geht ab. Jerusalem. Felicitas , Euphrasia . Euphrasia .     Nieder senkt sich schon mein Leben, Mein Gefährte, den ich hatte, Joachim, mein edler Gatte, Ist dem Herren übergeben, Und er wandelte voran.     Alles Sinnen, alles Trachten Wendet sich nach jenem Lande, Und ich fühl' im sanften Brande Ganz mein sehnend Herz verschmachten, Immer sucht es jene Bahn.     Jenen Frühling, jene Blüthen Und der ew'gen Lilien Duft In der warmen Lebensluft, Die uns Engelshände bieten Und mit Lächeln reichen dar.     Horch! die heil'gen Glocken läuten Und sie rufen zur Capelle, Wo von der geweihten Stelle Psalmgesang von Himmelsbräuten, Heil'gen Nonnen, tönt herab.     Da der Herr noch Kraft verleihet, Will ich alle seine Spuren Einmal noch in Fels und Fluren Fromm besuchen, und erfreuet Geh' ich in mein stilles Grab. geht ab. Felicitas .     O der stillen Liebestreue! Die nie zweifelt am Geliebten, Die da weiß, daß die Betrübten Er mit Gegenlieb' erfreue, Wenn ihr Herz ihm nicht verzagt. Freudengeschrei, Musik von außen. Welch laut Getümmel, welche wilde Freude Schlägt heut so ungestüm empor zum Himmel? Ich sehe meinen Sohn: Trost, Augenweide, Ja ihm, ihm gilt dies frohe Kriegsgetümmel, Er kehrt zurück, geschmückt im Siegerkleide, Umgeben von unzähl'gem Volksgewimmel. Mein Sohn, mein kühner Leo! alle Schmerzen Nimmst du mit edlem Thun aus meinem Herzen. Leo tritt ein, die Löwin folgt ihm. Leo . Geliebte Mutter, seid mir hoch willkommen. Felicitas . Willkommen mir, daß du mir wohl behalten Zurück kehrst. Hat der Streit ein End' genommen? Leo . Ich ließ den Himmel und die Vorsicht walten. Felicitas . Und ohne Wunden bist du mir gekommen? Leo . Siegend, gesund; den Heiden wir vergalten Die Tücke, die sie an den Pilgern übten, Daß sie so manchen heil'gen Mann betrübten.     Der kleine Haufe, den ich mit mir führte, Hat muthig stark für Kirch' und Gott gestritten, Auf Fliehen dachte keiner, jeder spürte Im Herzen, was für uns der Christ gelitten, Daß Blut aus Wunden manche Brust roth zierte, Mancher kehrt nicht, der mit uns ausgeritten, Doch sind wir froh, daß wir den Sieg errangen, Der König von den Heiden ist gefangen.     Und dieses Thier ohne Vernunft, der Leu, Er zeigte auch zum Streite seine Lust, Und wie er mir getreu gewogen sei, Der mich gesäugt als Kind an seiner Brust, Er stürzte auf sie ein mit wildem Schrei, Daß viele sterben unter ihm gemußt; Dann kam er wieder, sah in meinen Blicken, Zu wem ich ihn im Kampfe wollte schicken. Felicitas .     Geliebtes Kind, wie deine Reden tönen, Erregen sie mir Schmerz in heitrer Freude; Wie deine Jahre sich in Ruhm verschönen, Seh' ich doch ungern, wie die Jugend scheide, Die dich mit aller Anmuth sollte krönen, Schwermuth nährt sich in dir vom stillen Leide, So ruhmvoll bist du mir zurückgekehrt, Doch immer vom verborgnen Leid verzehrt. Leo .     Mutter, was andre Ritter Jugend nennen, Was Kindheit war, blieb mir stets unbekannt, Ich wollte keine Spiele, Scherze kennen, Muthwill' und Lachen blieb ich abgewandt: Auch jetzt will ich gern andern dieses gönnen, In meinem Herzen spielt ein süßer Brand, Von Andacht, Liebe, der taucht sich in Demuth Und leuchtet in dem Thränenstrom der Wehmuth.     Drum wurde schon als Kind mein Herz erhoben, Wenn ich an Kirche, Messe, Priester dachte, Ich wünschte so wie du den Herrn zu loben, Und wie die Sehnsucht inn'ger sich anfachte, Stieg auch mein Sinn und Herz und Geist nach oben, Bis es mich plötzlich liebevoll anlachte, Dies Lächeln drang bis in mein tiefstes Leben, Ich war nun ganz der höchsten Lieb' ergeben.     Mit tausend Seufzern, ach! mit süßen Klagen Besucht' ich nun als Pilgrim alle Spuren, Die uns im heil'gen Lande von ihm sagen, Der schmerzlich litt für seine Creaturen; Da konnt' ich weinend Fels und Steine fragen, Ich küßt' entzückt die hochbeglückten Fluren, Wo er gewandelt mit der gläub'gen Schaar, Wo er Kind unter seinen Kindern war.     Dacht' ich nun, wie die Ungläub'gen ihn kränken, Wie sie die heil'ge Jungfrau nicht verehren, Die fromme Magd, die ihn uns wollte schenken, Konnt' ich mich heißen Zürnens nicht erwehren; Da mußt' ich wohl an Schwerdt und Lanze denken, Ich wünschte mich vor tapfern Christenheeren, In Blut zu rächen, was sie Gott verspotten Und streng die Schaar der Heiden auszurotten.     So nahm ich Waffen, ließ mich Ritter weihen, Nur ihm und seiner Kirche wollt' ich dienen, Mich sollte Liebe nicht und Lust erfreuen, Ein unvergänglich Licht war mir erschienen, Ich mied sie nicht und durfte sie nicht scheuen Die hellen Blicke, Lächeln, holde Mienen, Was konnten sie dem Herzen wohl verkünden? – Ach, dies verschwand, ich kann's nicht wieder finden!     Als ich den vor'gen Feldzug übernahm, Gerieth ich in ein einsam Waldgehege, Ein Brunnen durch die grüne Wildniß kam, Ich ging ihm nach und suchte nach dem Wege, Als ich plötzlich süßen Gesang vernahm, Ich folgte still dem schmalen kleinen Stege Und sieh, ich stand auf einer grünen Stelle, Wo unter Blumen floß die blaue Welle.     Sinnend stand eine weibliche Gestalt, Sah auf das Grün, sah in die Wellen nieder; Nun fühlt' ich, wie die Schönheit übt Gewalt, Als ich empfand den Wuchs, die schlanken Glieder, Es war, als leuchtete um sie der Wald, Als hallten Himmel, Erde, sie nur wider, Als hätten Träume aus verfloßner Zeit Von ihr nur, dieser Stunde prophezeit.     Die weiße Stirn von blondem Haar umflossen, Ein blaues Auge ernst und lieblich milde, Wangen und Mund von Wehmuth zart umgossen, So rührend, daß gebeugt sich ihr der wilde Panther und Leu, ich wäre unverdrossen Jahrlang zu stehn vor diesem süßen Bilde, In dem sich alle meine Wünsche spiegelten, Vor dem sich die Gedanken all beflügelten.     Die Lilienblume hielt sie still betrachtend In weißer Hand, das schöne Haupt geneiget, Die Blume dünkte mich am Blick verschmachtend, Sie lächelte, wie wenn man denkt und schweiget Und den Gedanken schilt, so sanft verachtend, Nein, nicht verachtend, wie sich oftmals zeiget, In heil'gen Mienen Lächeln schnell enteilend, Was Lächeln würde, blieb' es noch verweilend.     Mir stand im Herzen Mai und Frühling blühend, Ein süß Ermatten hemmte all mein Leben, Thränen und Töne, Träume kamen fliehend Und wollten sich mit diesem Bild verweben, Der Bach rief mir, die Blumen, Wolken ziehend, Mir fern war ihrer Näh' ich hingegeben, – Ach, wie erwacht' ich aus dem Traum geschwind, – Die Einzige, – sie ist ein Heidenkind.     Wo Lilgen blühen kommt sie mir entgegen, Aus Wald und Grün steigt mir ihr schönes Bildniß, Die Welle singt von ihr, auf allen Wegen Erscheint mir sie, tritt aus einsamer Wildniß, In allem Denken will nur sie sich regen, So jagt mich vor sich her dies helle Bildniß, – Ja, diese Schmerzen, die aus Blumen drangen, Die Noth aus ihrem Blick hält mich gefangen. Ein Ritter tritt ein. Ritter .     Der große Balduin, vom heil'gen Land Der König, und Jerusalem, läßt sagen, Es sei unwürdig eines Königs Hand Nicht seine Schulden einmal abzutragen, Er hat schon lange euren Werth erkannt, Nie zögert ihr, das Blut für ihn zu wagen, Nicht länger zögert er mit eurem Lohne, Drum ruft er beide euch zu seinem Throne. Felicitas .     Wir wissen, daß er edel ist, wir fühlen, Wie gütig er der Seinigen gedenkt. Leo . Das was wir thun, ist ungefähres Zielen, Des Höchsten Hand dem Pfeil die Richtung lenkt, Es schirmte unser Leid sich in dem kühlen Schatten, den seine Macht uns hat geschenkt, Doch folgen wir des Fürsten ernstem Rufen Und nähern uns des goldnen Thrones Stufen. sie gehen. Pallast. Balduin , Ritter . Balduin . Er hat uns Reich und Gränzen stark beschirmet, Die Pilger wandeln nun in Sicherheit, Die heil'gen Orte bleiben unentweiht, Und alles dank' ich diesem Jüngling nur, Der fast ein Knabe Wunder thut im Kriege, Von dessen Herkunft keiner weiß, der fremde Mit seiner Mutter in dies Land hier kam. Leo , Felicitas treten ein, der Löwe folgt. Leo . Du hast uns her beschieden, edler Fürst! Balduin . Wer bist du doch, o wunderwürd'ger Jüngling! Aus welchem Hause stammst du, welch Geschick Trieb deine Mutter her zur heil'gen Stadt? Verschweig' es nicht, wenn du mich liebst, gewähre Die Wollust mir, deinen Werth ganz zu kennen Und dir zu lohnen, nicht wie du verdienst, Noch ich es wünsche, doch wie ich es kann. Was hat es zu bedeuten, daß dies Thier Dir wie ein zahmes Hündlein folgt, und Wuth Aus deinen Blicken gegen Feinde trinkt? Sprecht, edle Frau, wenn ihr mir so vertraut. Felicitas . Vor deinem Throne knie ich und erkenne Die Gnade, die mich zu dir reden heißt. Ach, die Verlassene, Verbannte spricht Zu dir, die ohne Gatten, Vaterland, Mit diesem Sohne, der von allem Glücke, Von allen Hoffnungen ihr übrig blieb, Vor Jahren her in dieses Land geflüchtet Und Obdach fand bei frommen alten Leuten. So wisse denn ich bin Felicitas, Die unglücksel'ge Gattin Octavianus, Des römschen Kaisers, welcher sie verstieß, Entbrannt in Eifersucht und falschem Argwohn, Von giftiger Verläumdung rasch bethört. Ein Löwe raubte mir im dunkeln Wald Den Sohn, als ich entschlief; nach ein'gen Tagen Fand ich ihn unvermuthet wundervoll In einer Höhle wieder und die Löwin Hatt' ihn gesäugt, ich nahm das liebe Kind, Und seitdem ist sie immer uns gefolgt, Hat mich und ihn beschützt und ist sein Diener, Der die Gefahr in Schlachten von ihm hält: Drum ward er nach dem Thier Leo genannt, Das ihn erhielt als ich ihn gab verloren, Das ihn ernährt, geschützt, ihm treu geholfen. Durch deine Milde ist mein Sohn ein Ritter Und Führer deiner Schaar, doch hat mein Elend Dein Herz gerührt, vergönne, daß wir würdig Begleitet und von dir geschützt zurück nach Europa kehren mögen, viele Jahre Sind schon verflossen, des Gemales Zorn Ist wohl entwichen, er hat wohl erfahren, Wie Lüge nur nach meinem Leben stand. Balduin . Steht auf, berühmte Fürstin, neben mir Ist euer Sitz, und euer edler Sohn Vergönne mir, daß ich ihn Herzog nenne: Es mögen euch die besten meiner Ritter Begleiten und zehntausend meiner Krieger, Und meine Wünsche mit euch. Wollt ihr wieder Zurückekehren hier in diese Stadt, So sei euch, Herzog, nach mir dieser Thron, Es erb' auf euch der Schutz und Schirm der Stadt, Des heil'gen Grabes und gelobten Landes. Leo . Wie sollen wir so großer Milde danken? Felicitas . Beglückt vor allen sind die Könige, Wenn ihr Gemüth mit ihrem Stande eins ist, Im Augenblick können sie das gewähren, Was viele glückliche Geschlechter lange Zeitalter dankbar und gerührt genießen. Leo . Wenn ihr uns gütige Erlaubniß schenkt, So schiffen wir uns ein, doch nicht nach Rom, Zum frommen König Dagobert in Frankreich, Von dort mag dann mein kaiserlicher Vater Von uns erfahren: glücklich oder nicht Kehr' ich ein treuer Knecht in eure Dienste. Balduin . Des Himmels Segen möge euch geleiten. alle ab. Saint Germain, die Matte, Lager, Zelte, Trommeln und Kriegsmusik. Clemens , Florens , Claudius . Clemens . Das ist ein Lärm mit Pauken und Trompeten, Spektakel da mit Hörnern und mit Trommeln, Man kann sein eigen Wort davor nicht hören. Wie hat sich unsre Ruhe, Haus und Wiese Auf einmal so verwandelt? Lager, Zelte, Pferd' und Soldaten laufen hier herum, Man kann nicht aus dem Hofe gehn, so kömmt Solch bärt'ger Kerl einem sogleich entgegen, Die Mutter kann kaum aus der Thür mehr kucken, So fürchtet sie das Zeterwesen. Florens .                                             Vater, Jetzt könnt' das Roß sein Geld wieder verdienen, Wenn ich so in die Türken ritte! Claudius .                                           Daß Sie dich zusammt dem Rosse auch todt schlügen! Clemens . Ja wohl, ja wohl! wie haben sie gehaust Im ganzen Lande, alles umgebracht, Das, dummer Junge, ist kein Spaß, ein Krieg Hat mehr wohl zu bedeuten. – Kinder, seht, Was sind denn das für Leute, die da aufziehn, So roth und schön mit fliegenden Panieren? Florens . Engländer sind's, die über's Meer herkommen, Ihr König Edward führt sie an. – Der Sultan Steht sieben Meilen nur noch von Paris, Ein ander Lager steht der Stadt ganz nahe. Den Sultan möcht' ich sehn! Clemens .                                     Ei, Gott bewahre! Das ist ein grimmer Mann, in lauter Gold Gewappnet und Demanten einher ziehend, Auf seinem Rosse sitzend, das so weiß Wie Schnee ist und vor allen Pferden vorragt; Das Roß hat auf der Stirn ein scharfes Horn, Scharf, wie geschliffner Stahl, womit es manchen Todt nieder rennt, unten in Gold gefaßt: Der Türke sitzt mit mächtig dickem Kopf Und großen wilden Augen oben drauf, Sein weißer Bart reicht bis zum Sattelknopf Und wen er ansieht, muß des Todes sterben. – Was ist das für kuriose Feldmusik? Ganz hübsch. Was sind denn das für grüne Leute Mit Federbüschen, blitz'nden Hellebarden? Florens . Das sind die tapfern Männer aus Provence, Berühmte Ritter und Soldaten, Armand, Der kühne junge Graf ist ihr Anführer. Clemens . Wenn so die Heiden das Gewirr hier sehen, Das mancherlei Getöse durch einander, Fußvolk und Reiter, grimm'ge Marketender, So liefen sie im Augenblick davon. Florens . Der große Riesenkönig wird nicht laufen, Der ist noch größer als der Sultan, allen Ragt er hervor, so wie der Schäfer thut, Wenn er vor seiner Heerde Schaafe steht. Der will des Königs Haupt, es seiner Braut Statt Morgengabe heimzubringen: wer So glücklich wäre, dem eins zu versetzen! Claudius . Da ziehn die span'schen blauen Truppen aus, So stolz im Gang, so prächtig in der Rüstung. Clemens . Ja, ja! die sind noch von den alten Gothen. Claudius . Ach, was sie von der Marcebill erzählen! Die, Vater, soll das schönste Mädchen sein, Die je auf Erden ging, und grimmig, wild, Ein Haar, wie vom feinsten Dukatengold, Fließt ihr in vielen Ringeln um die Schultern, Die Backen roth, der Mund wie eine Kirsche, Dabei in lauter Gold und Schmuck gekleidet, Ihr Anzug ist ein Königreich wohl werth! Vater, wenn die mal so hier bei uns säße In unsrer Putzstub' auf dem Ruhebette. Florens . Ja, hundert Meilen sollt' ein junger Bursch Laufen, die Marcebille anzusehn. Ich krieg's nicht aus dem Kopf, dreihundert Jungfraun, Alle so schön, so reich geschmückt, herrlich zu Pferde Begleiten sie; ei ja, die Türken sind nicht schlimm, Sie haben auf der Welt die schönsten Weiber. – Vater! nun, Vater, seht! in feuerfarb Prächtig und strahlend kommen da die Römer, Das edelste Geschlecht, die Tapfersten, Der weltberühmte Kaiser Octavianus Führt sie aus Welschland her, ein schöner Mann, Ach, welche Truppen! Welche edle Ritter! O dürft' ich mich doch unter sie gleich stellen. Clemens . Nun, nun, sei nur nicht wild, laß dir nur rathen, Tretet schnell ein, es nahn die Potentaten, Und du wärst dumm genug und gar nicht blöde, Du mischtest dich wohl gar in ihre Rede. sie gehn in das Haus. König Dagobert führt den Kaiser Octavianus an der Hand. Kg. Dagobert . Wie dank' ich euch für eure schnelle Hülfe, Ihr führt den größten Zug zur Stadt heran. Octavianus . Doch kam ich fast zu spät, rings eingeschlossen Ist von der Heidenschaar die ganze Gegend. Kg. Dagobert . Das größte Heer steht schon zu Dammartin, Ein andres hat sein Lager aufgeschlagen Ganz nahe zu Montmartre, auf dem Berge, Auf dem der heil'ge Dionysius litt: Unwill' und Schmerz ringt mir in trüber Seele, Daß diese Stätte Heiden frech entweihen. Doch kommt hieher, mein edler Fürst, hier steht Das Zelt für euch, wenn ihr nicht mit mir wollt Und eure Ruhe nehmen in der Stadt. Octavianus . Vergönnt mir heut, daß ich bei meinen Truppen Den ersten Tag und auch die Nacht verbleibe. Kg. Dagobert . Wie freut es mich, das kaiserliche Antlitz, Das theure, vielerwünschte, nah zu sehn, Doch theilt ihr meine Freude nicht, in Trauer Und stille Schwermuth senkt sich euer Auge, Auf euch vertrau' ich und die Christenheit, Wir werden siegen, dies weiß ich gewiß, Euch werd ich's danken, darum seid getrost. Octavianus . Wie gern seh' ich in euch verschönert wieder, In eurer frischen Jugend, was auch Jugend In mir einst war: doch nicht das gegenwärt'ge, Nicht dieses Unglück, diese Noth allein Ist das, was mich bedrängt; mein ganzes Leben, Ja aller Menschen Leben scheint mir nur Ein schwerer Traum, seit ich das Herz des Lebens, Die Liebe, die der Inhalt alles Seins ist Und mit ihr meine Tugend auch verlor. Mein edler König, ihr habt ja vielleicht Von meinem Schicksal mancherlei vernommen, Des Glückes Liebling war ich und verzogen Ward ich von ihm, wie Kindern es geschieht; Alles gelang mir, was ich wünschte, dachte, Erfüllung kam mir glänzend reich entgegen, Wenn ich noch oft kaum meine Hoffnung kannte. So ward ich übersättigt, eitel, launisch, In mir erwachten tausend Leidenschaften, Auch kein Gelingen wollte mehr genügen Und die Erfüllung meiner Wünsche war Mir nichts, denn ohne Inhalt war mein Wunsch; Ich warf hinweg, verdarb, was meinem Herzen Das nächste war, freute mich auf Verlust, Auf das Gefühl, daß ich etwas verloren: Und so wie Eltern, wenn sie Kinder lang Verzogen, sie durch übertriebne Strenge, Ja Grausamkeit endlich zu bessern suchen, Wie sie zuerst mit Mühe sie verdarben, So macht' es auch das Glück mit mir, ich bin Erblos und ohne Kinder, die mich liebten. Doch warum klag' ich nicht mich selber an? Ich selber war Urheber meines Schicksals. – Bertrand kommt. Bertrand . Mein König, eben nahen euch die Fürsten, Die mit den Völkern euch zu Hülfe zogen, Doch durch das Lager kommt vom Feld geritten Ein türkisch Scheusal als ein Ausfodrer, Auf einem magern schlechten Klepper sitzend, Den er mit Geißelhieben statt mit Sporen Antreibt, er selber bucklicht, ungestalt, Auf beiden Augen schielend, grob und bäurisch, Fragt er nach unserm König Dagobert. Kg. Dagobert . So laßt ihn vor. – Bertrand ab. Zu ihnen tritt Edward , König von England, Rodrich , König von Spanien, Armand , Graf von Provence. Kg. Dagobert . Seid mir, ihr edlen Fürsten, hochbegrüßt, Edward von England, Rodrich Spaniens Herr, Graf Armand von Provence, für den Christ Seit ihr geschmückt glänzend in eurer Wehr. Bringt den Pokal nun, der der schönste ist, Ihr Schenken, voller Wein zum Zelte her: Die Botschaft, die vom Türken angekommen, Sei hier indeß in unserm Zelt vernommen. Hornvilla . tritt ein. Hornvilla . Man sieht, hört, spürt keinen einz'gen Maulaffen, Der mir sagt, wo steckt König Dagobert. Kg. Dagobert . Sei ruhig nur, du Bote mißgeschaffen, Er ist es, der sein Antlitz zu dir kehrt. Hornvilla . Eure Armee steht wohl nur da zu gaffen, Als wär' ich ein ausländisch wildes Pferd; Doch weil ich nunmehr steh' vor Frankreichs Könige, So höre denn von mir nur Worte wenige.     Mein frommer König, vor dir knie ich nieder, Weil das einmal gebräuchlich ist und Mode, Doch sind die Türken alle dir zuwider Und lechzen schon nach deinem bald'gen Tode, Nicht lange mehr, so liegen deine Glieder Zerstückt, verhaun, wir helfen dir vom Brode, Drum denke nur auf Zeugen deines Testaments. Dich frißt Mord, Hunger, Raben, Geier, Pestilenz.     Denn draußen stehn, wie Meereswogen brausend, Die wilden Schaaren, ohne Maaß und Zahlen, Die hundert tausend und noch hundert tausend, Die heller als die Sonn' in Waffen strahlen, Entbrannt, begeistert, eure Köpfe lausend, Euch Hirn und Mark so wie Mehl zu zermahlen, Darum ergieb dem Sultan dich von Babylon, Sonst, warlich, haben dich die Geier im Schnabel schon.     Dies, glaube mir, mein Bester, kann nicht fehlen, Geschworen haben's draußen die Schwadronen, Drum solltest du dein armes Volk nicht quälen, Die Bauern und den Adelstand verschonen; Denn aller deiner Unterthanen Seelen In ihren Leibern nur zur Miethe wohnen, Laß rüsten sich zur Ewigkeit das Hackemack, Sie müssen räumen das Quartier mit Sack und Pack.     Hauptsächlich aber schickt mich Marcebille, Des Sultans Tochter, welche drauf geschworen, Es ruhe nicht ihr Herz und nicht ihr Wille, Sie fasse denn dein Haupt bei seinen Ohren, Und daß sich dies Gelüst ihr bald erfülle, Hat einen Riesen man apart geboren, Groß, wie ein Haus, stark, wild, wie ein Rhinozeros, Grimmig und unbesiegbar für Stich oder Stoß.     Draußen steht der, erwartend deiner Ritter, Wer es wohl wagt, daß er sich im Duelle Mit Lanze, Schwerdt dem Kampfes-Ungewitter Mit unverzagtem Sinn entgegen stelle; Doch fodert er, verlanget, wünschet, bitt't er Um Sicherheit für seines Kampfes Stelle, Daß einer nur, nicht mehr, zugleich, mag rächerisch Ansprengen ihn von Helden hier großsprecherisch.     Auf denn, ihr Edle, Fürsten, unverzagend, Draus steht ein Feld voll Ehre dick aufblühend; Frisch, muntre Jugend! die du gerne schlagend Mit Herzenslust bist zu Gefahren ziehend; Doch kenn' ich schon die feige Brut, nur klagend, Für Wein und Huren nur lustvoll entglühend, Denn wer es wagt, ausgeht und frisch zum Streite kam, Nicht frisch zurück der kehrt vom Riesen-Bräutigam. Kg. Dagobert .     Genung der tollen übermüth'gen Worte, Ich gebe dir Verheißung, daß der Wilde Mag sicher sein, daß dem bestimmten Orte Nur einer nahen mag in Helm und Schilde. Alsbald geh wieder aus der Vestung Pforte, Verkünde dies dem ungeheuern Bilde, Doch wird der Himmel Sieg und Glück uns schenken, Laß ich für deinen Uebermuth dich henken.         Hornvilla ab.     Bei Gott, es ist ein schnöder, frecher Hohn,     Ich kann ihn nimmer, nimmer tragen,     Kampf anzusagen     Dem Frechen treibt mich an das heiße Blut,     Mich trägt und hebt mein Muth,     Ich will ihn schlagen Oder nicht sitzen auf dem väterlichen Thron. Kg. Edward . Das soll man nie von Männern aus Englands Lande sagen, Daß sie gefürchtet hätten, mit Riesen sich zu schlagen, Ich will mich fort begeben, und sehn wie er gestaltet, Es kostet ihn sein Leben, wenn Tapferkeit noch waltet. Kg. Rodrich . Wie der Falke sein Gefieder Schüttelt und die Schellen klingen, Er mit seinen kühnen Schwingen Aufsteigt, auf die Beute nieder Stürzet aus der Höhe, wieder Sich emporreißt ungeblendet Und dem Tag den Blick zuwendet, Also will ich zu ihm fliegen Und den Grimmigen besiegen, Alle Furcht ist dann geendet. Graf Armand . Wer Muth und Andacht kennet, Im innern Herzen fühlend, Der ist zürnend entbrennet: Und mit Gefahr und Blut und Tod nur spielend, Kann ihm kein Feind die süße Freude rauben, Und wenn auch tausend drohen, er gehet kühn hinaus und siegt im Glauben. Octavianus . Wer nicht mehr lebt, wem alles will entweichen, Was uns verknüpft in Glauben, Liebe, Hoffen, Der wird auch nie von Furcht und Angst getroffen, Nie kann ein Zittern seine Wangen bleichen: Wie kein Verlust ihn nie mehr mag erreichen, So steht dem Unglücksel'gen auf dem schroffen Gebirge doch die ganze Welt nun offen Und er bleibt unverletzt von allen Streichen, Die ihm ein Schicksal könnte vorbehalten; Wenn Muth'ge zittern dürfen, die im Leben Noch Leben, Liebe, Hoffnung, Glauben finden, Ist dem Verarmten dieses doch gegeben, Daß ihn umsonst die wildesten Gestalten Andräun, nein, ihm muß jede Furcht verschwinden. Kg. Dagobert . Doch laßt uns, Fürsten, weisern Rath ersinnen, Nicht stürzen wir so unbedacht von hinnen, Denn unserm Wohl ist Wohlfahrt und das Leben Der Völker und des Reiches übergeben. Bertrand und Richard kommen. Richard . Besinnt euch nur, denn das ist nicht gering. Bertrand . Gefährlich, Freund, ist wohl ein jedes Ding; Nein, wir Franzosen sind nur feige Dirnen Und nicht von höherm Werth als faule Birnen, Wenn wir den Trotz des Uebermüth'gen tragen Und nicht mit Hand und Faust und Schwerdt drein schlagen. Mein mächt'ger König, Fürst von großen Ehren, Willst du mir meine Bitte wohl gewähren? Vergönne, daß ich alsobald von hinnen Mag reiten, mit dem Riesen Kampf beginnen. Kg. Dagobert . Mein junger Freund, habt ihr euch auch besonnen? Das ist kein Ding plötzlich zum Scherz begonnen, Der Riese ist der stärkst' im ganzen Heere, Seid ihr besiegt, kränkt ihr auch unsre Ehre. Bertrand . Mein König, gebt nur meiner Bitte Raum, Dies ist mein Wunsch am Tag, bei Nacht mein Traum. Kg. Dagobert . So geht, und wandle mit euch alles Glücke, Bringt uns des Ungeheuers Haupt zurücke.         Bertrand ab. Jezt, edle Freunde, mag ein jeder gehn, Den Posten, den er übernahm, versehn. König Edward , König Rodrich und Graf Armand gehn ab. Kg. Dagobert . Ihr bleibt und habt euch diesen Ort beschieden, Die feindumgebne Stadt allhier zu schützen. Octavianus . Sagt mir, mein König, wessen ist dies Haus, Das wir dort vor uns sehn? Es ist nicht groß Genug für einen Ritter, zu geräumig Für ein gewöhnlich Bürgerhaus, die Lage Ist angenehm. Kg. Dagobert .       Es baute sich's ein Bürger Vor ein'gen Jahren. Octavianus .                 Wie beglückt ist diese Beschränkung, dieser wiederkehr'nde Wechsel Des Lebens, fern von großen Unglücksfällen Und großem Glück, im Kreise seiner Kinder Mit dem erworbnen Gut mit heiterm Sinn Sicher dem Tode so entgegen gehn. – Mein König, wollen wir das Lager mustern? Kg. Dagobert . Ich fürchte sehr für unsern jungen Ritter. sie gehn. Clemens , Hornvilla . Hornvilla . Mir ist wohl gar, ich soll euch kennen? Mögt ihr euch nicht den Clemens nennen? Clemens . Herr Clemens, sagen art'ge Leut'. Doch seid ihr nicht – du liebe Zeit! Mit diesem Turban auf den Ohren Hätt' ich wohl stets für euch geschworen, Ihr seid der Mann, der Bräutigam, Als ich her von Jerus'lem kam. Hornvilla . Gar recht, wir waren damals froh. Clemens . Wie seh' ich euch denn jezt also? Ihr seid ein Türke, kommt mit Heiden? Hornvilla . Ja, Freund, ich ließ mich gern beschneiden, Die Ceremonie ward gelitten, Daß sie mir nicht den Kopf abschnitten. Clemens . Ihr seid, wie man's nennt, Renegat. Hornvilla . Was sollt' ich thun? Ein jeder hat Im Herzen seinen eignen Sinn, Der eine läuft zum Grabe hin Und läßt für Christum sich todtschlagen, Der wagt für Machmud Hals und Kragen, Doch was sie beide je gelehrt, Hat mir noch nie den Kopf beschwert, Ich halte alles nur für Fratzen. Clemens . Ihr werd't euch hinter's Ohr mal kratzen, Wenn so der jüngste Tag reinbricht Und ihr wißt keine Antwort nicht. Seid wohl nie in der Schul' gewesen Und könnt nicht beten und nicht lesen. Hornvilla . Ich sag' euch, lesen, singen, beten Und alle die Curiositäten, Das sind mir alles Narrenpossen. Clemens . Ihr paßt zum Heiden wie gegossen, Es weist eure Constellation, Für euch ist nicht die Religion. Doch tretet was bei mir herein Und trinkt 'ne Kanne kühlen Wein. – So geht's in dieser Welt, im Traum Wäre mir eingefallen kaum, Daß ich bewirthen als Bekannten Sollt' einen türkischen Gesandten. sie gehn in das Haus. Lager der Marcebille. Marcebille , Roxane , Lealia , Jungfrauen. Gesang, 1. Stimme . Liebe, was willst du, was kannst du doch sagen? – 2. Stimme . Ach, warum mußt du doch also mich fragen? Roxane .     Wenn das Auge sich entzündet,     Wenn das Herz will ahndend schlagen     Und der Mund nicht Worte findet     Und das Schweigen doch verkündet,     Was man gerne möchte fragen,     Ach, in diesen schönen Tagen,     Wann sich Schaam und Muth verbindet, Liebe, was willst du, was kannst du doch sagen? Lealia .     Es erwachen süße Thränen,     Die sich aus den Augen wagen     An die Luft sich zu gewöhnen     Und das Auge zu verschönen,     Liebe, was ist dieses Zagen,     Kannst du mir nicht Antwort sagen,     Wohin eilet dieses Sehnen? – Ach warum mußt du doch also mich fragen? – Hornvilla tritt ein. Hornvilla . Was ihr mir, Prinzeß, aufgetragen, Ich war nicht faul, es anzusagen, Bös ist der König Dagobert, Sie griffen alle nach dem Schwerdt, Ein junger Läppisch, ganz milchbärtig, Sehr aufgeblasen und hoffärtig, Ließ alsbald sich sein Pferd vorführen, Es mit dem Riesen zu probiren. Der Handel dauerte nicht lang, Der Riesenkönig macht' ihm bang, Er wußte einen guten Pfiff, That nach dem Burschen einen Griff Und langt' ihn sich vom Pferd herunter, Schwang auf den Rücken ihn und unter Die Achseln, drückte ihm den Kopf, Es lamentirt der arme Tropf, Die Glieder und der Harnisch knarren, Man hört das Schreien von dem Narren Weit über Feld; die auf den Mauern, Die schon auf ihren Sieger lauern, Haben das Ding mit angeschaut, Da bringt er ihn schon, edle Braut, Auf seinem Rücken Huckepack, So wie der Müller einen Sack. Golimbra tritt ein, hat den Bertrand auf dem Rücken und wirft ihn in einen Winkel. Golimbra . Liege da und ruh ein wenig, Deines gleichen wird mir keine Große Mühe eben machen. Künftig, Kleiner, sei gescheidter. Bertrand . Heil'ge Mutter! welche Schmerzen! Was sind Riesen doch für Leute! Golimbra . Dies, Braut, war das erste Wildpret, Bald bring' ich dir beßre Beute. Bertrand . Frommer König Dagobert, Wär' ich dir gefolget heute, Stille in Paris geblieben, Ach, wie wohl wär' mir daheime! Golimbra . Winsle nur, du armer Hase, Schwache Creatur, du kleine! Das ist für euch ein Geschenk; Ganz, Prinzessin, ist er euer, Thut mit ihm was euch gelüstet, Hängt ihn, werft ihn in das Feuer. Aber, meine Braut, du schönste, Willst du mir dafür verleihen, Wonach ich so lange schmachte, Dem du immer noch ausweichest, Einen Kuß von diesen Lippen, Eh' ich in das Feld hinscheide? Marcebille . Wenn du Dagobert so herbringst, Soll ein Kuß dich gleich erfreuen. Golimbra . Wenn er wagt, heraus zu treten, Ist er auch, wie der, dein eigen. Lebe wohl, ich gehe wieder, Vor den Thoren mich zu zeigen. geht ab. Marcebille . Unglückselger, und du wagtest, Mit dem Könige zu streiten, Der im Scherze deines gleichen Zehne mit der Hand zerreißet? Bertrand . Allerschönste, bist du Göttin, Bist du menschlich, so verzeihe, Deine Schönheit macht mich zittern, Daß ich mich zu reden scheue. Hätt' ich mich gekannt wie jezo, So erspart' ich mir die Reue, Mich erbarmte unser König, Mich erzürnt' das stolze Dräuen Deines mächtigen Geliebten, Und ich meinte mit der Schneide Meines Schwerdtes gut zu machen, Was er uns gethan zu Leide. Anders war, als ich gedachte, Wohl der Ausgang unsers Streites. – Wie? du lächelst? so holdselig Als wenn erst die Sonne scheinet In dem frühen März nach Winter, Wenn das Feld mit Gras sich kleidet, Nein, so bist du nicht unmenschlich Und dein Sinn nicht ungeheuer, Du erbarmst dich meiner Jugend Wenn du mich auch nicht befreiest. Marcebille . Geh hinein zu meinen Frauen, Labe dich mit etwas Weine, Ruhe aus von deinem Schrecke Und wir sprechen nachher weiter. 1. Stimme . Liebe, was willst du, was kannst du doch sagen? 2. Stimme . Ach, warum mußt du doch also mich fragen? Stube. Susanne , Claudius . Claudius . Der Handel liegt in dieser Zeit nun völlig. Susanne . Und auch das Münster wird nicht ausgebaut, Der König, sagt man, ist drum recht betrübt. Clemens und Florens treten ein. Clemens . Da sind wir in der Stadt etwas gewesen, Wohin man sieht und hört, nur lauter Noth. Florens . Recht traurig war der König, auch der Kaiser, Es ging mir durch das Herz. Was haben sie? Clemens . Soll man nicht traurig sein, wenn uns die Hunde, Die wilden Türken also nahe liegen Und rings Paris stets anzuzünden drohen, Das Haupt dem guten König abzureißen? Nun haben sie den allerkühnsten Ritter, Den großen ungeschlachten wüth'gen Kerl, Den Riesenkönig, diesen Abschaum, bei sich, Der hat sie alle, Kön'ge, Grafen, Fürsten, Baronen, Ritter, Edle, ausgefodert Zum einzeln Zweikampf draußen vor dem Thor, Doch keiner ist ein Narr, daß er ihm käme. Nun wollte unser König mit ihm schlagen: Nein, rief der Röm'sche Kaiser Octavianus, An eurem Wohl liegt auch das Wohl des Landes, Laßt mich hinaus, ich fürcht' mich nicht vor ihm! Nein, sagt' der König wieder, Eu'r Maj'stät Ist wohl zu gut für solchen Heidenschuft. So streiten sie und denken, Graf und Ritter, So mancher, der ein großes Maul sonst hat, Soll raus sich scheeren, Ehre einzulegen. Doch keiner rührt sich, keiner muckst und ihnen Ist's auch nicht zu verdenken, daß sie bleiben; Doch sind sie traurig, sprechen melankolisch, Daß's einen recht erbarmt, so große Herren Zu sehn in solchem miserabeln Zustand. Ein junger Ritter war doch so verwegen, Und das hat sie erst alle abgeschreckt, Der rief: he, Stiefeln, Sporen, Harnisch her! Der ritt hinaus, allein es ging ihm übel, Der Riese packt ihn bei der Gurgel, siehst du, Hat über Hals und Kopf ihn 'rein gefressen. Florens . Glaubt das nicht, Vater, zu der schönen Braut Hat er ihn heimgetragen als Präsent, Mir wär' das recht, wo Jungfraun sind, ist nichts Zu fürchten; der sieht sie recht in der Nähe Clemens . Willst du doch Alles immer besser wissen! Die Riesen sind fast immer Menschenfresser, Denn das gehört einmal zu ihrem Stand, Es muß sich einer wohl bedenken, wer Das unternimmt, und dieser Bluthund gar, Der beißt durch Küras wie durch taube Nüsse. Susanne . Das ist ein übles, gotterbärmlichs Leben. Florens . Mein Vater, laßt uns mal vernünftig sprechen: Thut's euch nicht weh, den edlen König leiden Zu sehn? Regt sich in euerem Herzen nicht Unwill' und Zorn und Haß gegen die Feinde? Clemens . Ja, guter Jung, das thut's, mir ist ganz flau Um Lung' und Leber, und die Gall' läuft über, Wenn ich solch wildes Volk so prahlen höre. Florens . Nun denn, so laßt mich stracks zum Thor hinaus, Gebt mir die alte Rüstung, die ihr habt, Das Pferd ist da, das ich so theuer kaufte, Das soll sein Geld am Riesen abverdienen, Und Ehre will ich mir an ihm erwerben, Den König von dem schweren Gram befrein, Und die Beschimpfung der Franzosen rächen. Clemens . Darauf will dein verständig Wort hinaus? Geh, Gelbschnabel, laß dir die Nase putzen, Du bist und bleibst ein ausgemachter Dummkopf. Hör nur ein Mensch! Du dich an Riesen machen? Das sind nicht Puterbraten, Pfefferkuchen, Mein guter Lümmel! Ach, wie hat doch Gott Die arme Creatur so ganz verwahrlost! Und lachen möcht' man, stünd' es nicht so schlimm Um uns; da ist so mancher tapfrer Ritter, Dem Spieß und Schwerdt in vielerlei Gefechten Um seine Nase blinkten, der die Heiden Auch mehr als nur vom Hörensagen kennt, Und keiner ist so kühn, so unvernünftig, Den Riesen anzugreifen. Immer schon Warst du ein Dummkopf, bald wirst du verrückt. Florens . Zürnt nicht, es ist kein Einfall von jezt eben, Es läßt mir keine Ruh, ich kann nicht schlafen Vor dem Gedanken, immer treibt's mein Blut, Ich denk' nur Kampf, ich führe Streich auf Streich, Die Einbildung führt mir gar mannigfaltig Gefechte vor, nur dieses ist mein Wunsch. Ich weiß nicht, wie ihr andern leben könnt, Ich kann's nicht, möchte nicht, wenn ich es könnte, In diesem Spiel will ich mein Glück versuchen, Hier will ich siegen oder untergehn, Ich kann nicht ohne Harnisch, Schwerdt, Helm sein, Das ist mein Trieb, es pocht mein volles Herz, Es drängt mich hin, Soldat nur will ich werden, Und so den Lauf beginnen. Lebt denn wohl, Vater, Mutter und Bruder fahret wohl. Ihr wollt mir nicht behülflich sein, So wie ich bin, tret' ich mit einem Stecken Zum Riesen hin, ich unterlaß es nicht, Das schwör' ich bei Sanct Dionys und Gott! Und sterb' ich nun, so ohne Wehr und Waffen, Dann seid ihr selbst an meinem Tode Schuld! Clemens . Wohin, du Großer? Bleib! Sei nur nicht grob, Das will ich mir verbitten, gegen mich! Unkluger! komm! So magst du's dir denn haben. – Muß ich nicht gar ihm seinen Willen thun? So sind die Kinder jezt! Zieh's an; das alte Verrostete Gewehr und Harnisch! Bring's Herein, Susanne, all das Eisenzeug, Was gilt's, es wird ihm leid, er wird vernünftig. Susanne . Ach, lieber Florens, laß dir doch ja rathen! geht. Florens . Ich weiß, mein lieber Vater, daß der Riese Von meinen Händen fällt, seid unbesorgt, Denkt nur die Ehre, die ihr selber habt, Wie Könige und Fürsten von euch sprechen, Wie sie euch danken, daß ihr mich erzogt, Und wenn ich Ritter bin und bin bekannt, So wird auch jeder euren Namen nennen; Der alte Clemens, sagen sie alsdann, Das ist ein braver Mann! Den möcht' ich kennen! Sagt dann der Kaiser: und man läßt euch rufen Und alle danken euch dann noch dafür. Clemens . Nun, närrscher Junge, so versuch' dein Heil! Denkwürdig wär's für alle künft'gen Zeiten. Susanne bringt die Rüstung. Clemens . Da kommt das alte Eisenzeug, verschimmelt, Verdorben ganz, und Krebs und Beinharnisch Ist nicht im Stande, denn seit dreißig Jahren, Mein lieber Florens, steht es in dem Winkel, Da setzt' ich's hin, als ich damals quittirte Den Krieg, und da hat es nun auch gestanden Hinten in unsrer alten Polterkammer. – Da ist der Helm, – Susanne, gieb ein Tuch! Der ist voll Spinneweben, Mäuse sind Drinn ein und ausgegangen und an Glanz Ist nicht zu denken, – recht ein Bild des Friedens Sind Mäus' im Helm, – nun setz' ihn auf, – er paßt. Recht stattlich siehst du aus im rost'gen Helme. Susanne . Ist es denn Ernst? Willst du's ihm nicht verleiden? Clemens . Er schwatzt so lange, bis man's selber glaubt. Da ist der Harn'sch. Mich wundert, daß die Riemen So gut noch sind, solch Lederzeug hält lange. Da ist das Schwerdt, – ei, tausend! nein, ich kann's Nicht ausziehn, – da, halt du die Scheide, Claudius! Ich will am Griffe zerren. – Das sitzt fest, Wie eingeschmiedet, will's denn gar nicht rücken? Hätt' nicht gedacht, daß Rost so kräftig wäre, – Zieh besser, Claude, eins, zwei, drei, nun geht's – Sie ziehn, das Schwerdt geht aus der Scheide, beide fallen rücklings hin. Claudius . Herr Jesus! Clemens .                     Gott behüte! Muß ich fallen? Florens lachend . Man sieht, das Schwerdt ist nicht in der Gewohnheit, Ihr habt nicht Kampf, nicht Zwiespalt viel gehabt. Claudius . Ja lach' nur! alle Rippen thun mir weh. Clemens . Ach nein, ich bin ein friedliebender Mann. Da ist das Schwerdt! doch könnt' es schärfer sein. Laß nur die Scheide hier, du bringst's nicht rein, Häng' es so simpel nur an deine Seite, Es ist so schwarz, man denkt, es ist die Scheide. Florens . Die Lanze her, dann bin ich ganz gewappnet. Clemens . Ja zum Erbarmen. Laß den Spieß mich etwas Noch säubern, denn die Hühner haben lange Darauf gesessen, solch Gesindel achtet Nicht sehr, ob's eine Lanze ist, ob Stock, Das denkt nur drauf, die Sachen zu beschmeißen. O Sohn! mein Sohn! – Was wird die Welt doch sagen, Wenn sie dich sieht? du siehst aus wie der Satan! Florens . Mutter, lebt wohl! als Sieger komm' ich wieder. Susanne weinend . Ach, lieber Sohn, an deinen Hirngespinnsten Kommst du nun um, das ist die Frucht vom Lesen, Von all den Ritterbüchern und Gedichten, Ach, lieber Sohn, ich weine mich zu Tode! Florens . Vater, lebt wohl! Clemens .                           Nein, ich begleite dich Bis an das Thor, komm mein Sohn Claudius mit. sie gehn. Oben auf den Wällen der Stadt. Viele Menschen, darunter Graf Armand , Richard , Ludwig , Anton , ein Mönch , Gumprecht , Soldaten von verschiedenen Nationen. 1. Soldat . Von hier sieht man weit in das Feld hinein. 2. Soldat . Da unten steht der Riese, pocht an's Thor. Gumprecht . Habt ihr den edlen Ritter wohl gesehn, Der unserm Feind nun wird den Garaus machen? Richard . Er zieht da unten durch die Straßen eben, Er glänzt daher in seinem blanken Harnisch, So wie der Ries' ihn sieht, wird er erschrecken, Der Anblick schon wird in die Flucht ihn jagen. Mönch . Bei außerordentlich'n Begebenheiten Geräth der Mensch in eine Art Verrücktheit! So will die Kreatur hinaus nun ziehn, Die mit der Rüstung an der Mauer klebt. Anton . Gevatter, ist der unten da nicht Clemens? Ludwig . Freilich, da geht er mit dem Claudius. Anton . Wer muß der sein, der auf dem Pferde sitzt? Ludwig . Weiß Gott, wo sie das Scheusal aufgefangen. 1. Soldat . In Liebe ist gewißlich das Gespenst, Er will des Sultans Tochter sich erobern. Richard . Wer weiß, ist er nicht von der Tafelrunde Aus vor'ger Zeit, einer von Artus Leuten, Vielleicht der tapfre Tristan, oder gar Herr Parzifal, dann wirft er alles nieder. Gumprecht . Ich schwöre drauf, 's ist der gehörnte Siegfried, Oder vielleicht Herr Dieterich von Bern, Klar ist, er wird ein Bärenhäuter sein. Soldaten lachen . Ja wohl! Hätt' er sich doch nur scheuern lassen. 2. Soldat . Der Riese wird ihn wohl im Sande scheuern Und seinen Helm mehr putzen als ihm lieb ist. Clemens und Claudius kommen herauf. Anton . Das Thor geht auf. Ludwig .                               Gevatter Clemens, sagt, Wer ist der Ritter von dem dreck'gen Harnisch? Clemens . Mein Sohn Florens, mein Sohn, er wird ihn schlagen, Der Riese soll von meinem Sohn erzählen. Ludwig . Gevatter, der ist auch übergeschnappt. Anton . Verständ'ge Leute werden immer rarer, Der Mann hat sich fast sechzig Jahr gehalten, Und nun so plötzlich! – ja, was ist zu machen? Gumprecht . Was sie dem Bengel alles in den Kopf Doch setzen! Muß nun gar zu Riesen reiten! Doch das wird dir gewiß versalzen werden! Clemens . Sie kommen an einander! seht! der Riese Thut wie verachtend, lenkt das Pferd herum, Schüttelt mit seinem großen Ochsenkopf Und will nicht streiten. – Florens rennt ihn an – Bei Gott; das war ein Stoß! – ha, du besinnst dich Mein Riesechen, verwunderst dich ein bischen – Ich muß mich auf die Brustwehr schrittlings setzen, Sonst kann ich nicht gut sehn. setzt sich auf den Wall hinaus. Gr. Armand .                         Warlich, der Stoß War wie ihn nur ein Ritter führen konnte. Das Roß des Riesen strauchelte, er selbst Verliert die Bügel. Wundersam, wie trefflich Lenkt nun der Junge um, ich habe nie Ein schöner Reiten im Turnier gesehn. Clemens . Seht! seht! wie da das Heidenblut schon fließt! O segne Gott dich, allerliebster Florens, Daß du uns allen und der Christenheit Willst so gefällig sein ihn umzubringen. Gumprecht . Holla! Da wird der Ries' ihm eins versetzen! Er greift nach ihm, er will ihn fangen! ha! Clemens . Zurück! Florens! Da springt er schon zurück! Du grober Tölpel, streckst die Klauen aus? So recht! so recht! ihm eins auf seinen Arm! Gieb's ihm, daß er es fühlt! – Da liegt der Arm! Da läuft das Blut! – Ja, den Sohn hab' ich selbst – Herr Jesus! helft! helft, Leute! in der Freude Rutsch' ich zu weit und purzle jezt, zum Heiden Hinunter! Hülfe! Gumprecht .             Alter Hampelmann, Im Schreien wird er noch den Hals abstürzen. hilft ihm wieder herauf. Clemens . Viel Dank, mein Freund! Ach, seid ihr's denn mein Gumprecht? Ich geb' euch nachher was zum Trinkgeld. – Freunde, Ja, das wollt' ich euch sagen, diesen Sohn, Den hab' ich selbst gebracht vom Meer hieher. O sei mir diese Stunde doch gesegnet Und alle Mühe damals! – Doch, wie geht's? Was macht der Streit? Ei, ich war recht erschrocken, Ich zappelte, es hing nur noch an wenig, Bauz! lag ich unten. – Halt dich brav, mein Sohn! Claudius . Ihr seid ganz blaß geworden, lieber Vater! Clemens . Thut nichts, ich will mich jezt wohl besser hüten. – Hau ihm den andern Arm nun auch vom Leib, Das wird ihm gut thun, er mißbraucht die Klauen, Den König zu beschimpfen und die Kirche! So recht! Er hat den Helm ihm abgeschlagen. Das klang recht wie der allerstärkste Schmid. Mir grauset's, wenn ich so hinunterschaue. Richard . Jezt faßt der Ries' den Schild – Clemens .                                                   Er hat ihn schon, Er schmeißt ihn in die Höhe, – bückt euch, Leute! – Dacht' ich nicht gar, er würd' uns alle treffen – Gr. Armand . Ich staune, wie gewandt der junge Ritter, Der Riese wirft ihn auf die Seite nieder, Er läßt die Stegereifen fallen, wieder Sitzt er im Sattel sicher und gerade. Clemens . Du schläfst, Florens! du schläfst! Wirst du besiegt – Da haut der Jung' ihm mit dem Schwerdt die Schulter – Das Blut spritzt wie aus Röhren: ist es nicht Als schlacht man einen Ochsen. – Spring zurück! O weh! o weh! da liegt das Pferd und Reuter. Steh auf den Beinen, steh um Gotteswillen! Gr. Armand . O Gott, beschütze diesen jungen Helden! Daß er der Christenheit ein Schützer werde. Mönch . Hab', Herr, Erbarmen mit der tapfern Jugend, Erhalte uns den Muth, die edle Tugend. Gr. Armand . Der Riese wagt den fürchterlichsten Streich, – Der Ritter fällt, – nein, er springt aus dem Streiche– Clemens . Seht, wie der Riese zappelt in der Wuth! Er springt ja ellenhoch im eignen Blut, – Er will zum Florens hin, allmächt'ger Himmel! Da stürzt und fällt das große Ungeheuer, – Ei Gott bewahr, das gab ein grausam Schüttern, Daß ich es hier bis unterm Hintern spürte, Wie ein partiell Erdbeben, – ha, nur zu! Hol recht aus, hau, das ist ja gute Arbeit – Er will den Kopf nicht geben, – hau nur zu! – Das war geschehn! – Welch großes Vieh von Kopf! Da steigt er auf. Ja, Leut', das ist mein Sohn! Seht, wie der große Kopf vom Sattel hängt So wie ein jähr'ger Hammel. Das sind Riesen! Gr. Armand . Den jungen Helden will ich gleich empfangen. ab. Soldaten . Hinunter! schnell hinunter! braver Kerl! ab. Gumprecht . Er giebt den Riesenkopf da unten ab Und reitet aus dem Thore weiter – Clemens .                                                 Weiter? Reit't weiter? und ich hab' ihn nicht gehalst, Gedrückt, geküßt, vor Liebe aufgefressen? Und muß nun trocknen Mauls nach Hause gehn? Alle . Triumf! Triumf! laßt uns mit lautem Singen Durch alle Straßen laufen, tanzen, springen! alle ab.     Dritte Akt. Lager der Marcebille. Marcebille , Roxane , Lealia . Marcebille . Wie die Schatten gehn und kommen Und die Sonne wechselnd blicket, Ist die trunkne Flur entzücket, Doch von Schatten überschwommen Ist der Glanz hinweggenommen Und es bleibt ein ernstes Grün: Also auch mein Herz und Sinn, Freude bald und stille Schmerzen Wechseln im verborgnen Herzen, Wandeln her und wandeln hin. Ist es Trauer? Ist es Freude? Nein, es ist ein süß Ermatten, Wie das Kühl im Waldesschatten, Wie die Blumen auf der Heide, Wenn sie mit beglänztem Kleide Ungewiß im Strome spiegeln: Wie von waldumwachsnen Hügeln Heimlich eine Quelle springt, Ungesehn durch Büsche dringt Mit kristallnen weichen Flügeln. Seht! wie süß der Frühling pranget, Wie die lauen Lüfte spielen In bewegten Blumen wühlen, Wie der Baum voll Blüthen hanget, Und den Schmetterling verlanget Und die Biene nach dem Glanze, Und die Wiese wächst zum Kranze, Und die kleinen blauen Quellen Rennen mit den lust'gen Wellen Eilig, eilig, wie zum Tanze. Und die Waldung rauschet süße, Alle grünen Blätter regen Zur Umarmung sich entgegen, Tönen nur und flüstern Küsse, Laut verkünden die Genüsse Alle Vögel aus dem Wald, Und das grüne Dickicht schallt Von den Nachtigallgesängen Daß den wollustvollen Klängen Rings das Echo widerhallt. Sind die Blumen nicht wie Sterne In das grüne Gras gesunken? Locken sie den Blick nicht trunken Nach dem lichten Brande gerne? Alles ist so nah und ferne; Möcht' ich nicht, mich zu beglücken, An die Brust den Frühling drücken? Und ihm sagen, wie ich fühle, Daß er diese Sehnsucht kühle, Oder ende dies Entzücken. – O ihr Liebsten mir, Freundinnen, Ach der blaue Himmelsbogen Hat mein Herz an sich gesogen! Welchen Trost soll ich ersinnen? Nie kann ich das Herz gewinnen, Das mir fern ist, ich nicht kenne Und in Liebe ihm entbrenne. Singt mir Lieder und vertreibet Diesen Wahn, der mich betäubet Und mich von mir selbst will trennen. Roxane singt . O beglückt, beglückt, du Persien! Persien, Wunderland des Morgens! Süße Fluren, heil'ge Wälder, O du Glanz des vollen Stromes, Meer mit deinem weiten Spiegel, Luft mit deinem lieben Othem, Quellen, mächtige Gebirge, Heimath, wo die Lieder wohnen! Aber ihr vor allen, Gärten! Seid gegrüßt mir, Lauben, dorten Möcht' ich auf den Fluren wandeln, Wann sie blühen roth von Rosen. Rose, liebste Mädchenblume! Rose, die du dort geboren! Ach, wie ist ein Liebesblut Das Gefilde, wann du oben An Gesträuchen blühend dichte Wankst und zitterst mit den Knospen, Und die heißen Sommerwinde In der Farbengluth verloren Kühlend baden, sich berauschen: Nein, so schön ist nichts geworden Was die Erde liebend treibet, Was vom Himmel schaut die Sonne, Als flatternd auf grünem Stengel Meine liebste rothe Rose; Rose, liebste Mädchenblume, Liebesblume, süße Rose!     Wie ich dich in Händen halte, Die zur Lieb' ich mir erkoren, Und ich schau in deine Blätter, In das Labyrinth, das rothe, Und ich frage die Bedeutung Und wie du zur Welt geboren, Bin ich trunken und weissagend Süßen Rausches aufgehoben; Liebesblume, Mädchenblume, Rosenblume, süße Rose.     Nicht umsonst bist du erst quillend Eingehüllt in deiner Knospe; Also schläft des Mädchens Busen, Eh die Liebe ihn erhoben: Und das Roth, ein heimlich Feuer, Bricht hervor süß angeschwollen, Und wie ein verstohlen Küßchen Hängst du an dem Zweig gebogen: Aber inniger entbrennen Lüfte, die dich aufgesogen, Immer süßer träumst du Liebe, Hast die Luft in dich gezogen, Immer buhlerischer küsset Dich das Licht, das dir gewogen, Und du lässest nun die Schaam, Und es dringt zu deinem Schooße Alle Kraft des heil'gen Aethers, Seine Pfeile, glänzend golden. – – Mußt du welken in der Liebe Mädchenblume, süße Rose?     Als die Göttin sonst der Liebe Venus auf der Erden wohnte, Und zum erstenmal sie wandelnd Trat der grünen Wiese Boden, Jungfrau noch und unvermählet Aus dem Meere jüngst entsprossen, – Aus der Zeugungskraft des Wassers War das Licht empor geflogen, – Und sie stand, sich selbst besinnend, Selber über sich betroffen, Ihre Schönheit, ihre Anmuth Mußte Venus selber loben, Und der Himmel glänzte heller, Wie den Blick sie aufgehoben, Und die Erde grünte grüner Von dem Fuß getreten, stolzer Sangen murmelnd blaue Bäche Von dem Widerschein vergoldet, Und die Tauben girrten inn'ger, Und die Nachtigall schlug voller, Hub und breitete ihr Lied aus Wie ein Kleid von süßem Wohllaut, Deckte Wald mit und Gefilde, Daß die Bäume treibend quollen. Noch nicht war die Liebesblume Lebend, meine süße Rose.     Aus dem Walde tritt ein Jüngling, Und wie Flammen angezogen Fliegen zündend ihre Blicke Brennen nicht mehr hier und dorten, Beider Blick ist jezt nur einer, Liebe, einsam noch und ohne Liebe, wird nun bang und freudig, Fühlt sich zweifelnd neu geboren. Doch der Jüngling tritt zur Jungfrau; Und sie halten sich umschlossen, Und die Unschuld lehrt sie küssen, Und es treibt zum süßen Zorne Wie sie sehnen und ermatten Kaum erkannt ein Liebeswollen: Und im Sträuben und Ergeben Löset sich der wunderholde Zauber, Liebe wird zur Liebe, Und der Flur wird von dem Zorne, Von den Küssen, von der Milde Ein Andenken wie zum Zolle Dargebracht; dem heil'gen Blut Zittert gleich das Feld voll Wollust, Und es rauschen und es treiben Quillend ungestüm die rothen Blumen her, bedecken blutig, Lächelnd, küssend, voll und voller, Knospend, blumend, ganz den Anger, Und die Göttin weiht die Rose Zu dem Eigenthum der Liebe: Also wurdest du geboren Mädchenblume, Liebesblume, Rosenblume, süße Rose. Marcebille . Wundervoll hast du, o Lose, Uns gesungen von der Blume, Ja, es dient dem Liebesruhme Sie, mit der ich gerne kose, Diese liebe süße Rose, Und es mischt sich in dem Blute, Wie sie folgt dem Liebesmuthe, Wundervoll so Lieb' und Zorn, Ein Geheimniß ist der Dorn, Mit dem sich beschützt die Gute. Lealia singt . Sei du mein Gesang, o weiße, Heil'ge, sanfte Liebeslilge, Wenn ich dich mit Lippen küsse Weißt du, wie ich innig liebe. Keiner soll die Rose schelten, Deren süßes Blut durchdringet Unser Blut mit froher Sehnsucht, Zündet in dem Herzen Schimmer: Aber wer den blauen Aether Kannte und das Licht des Himmels, Und die stille Kraft der Wellen, Liebt auch dich, holdsel'ge Lilge.     Unter Felsen, unter Wäldern, In dem einsamsten Gefilde, Wo nur heilig Rauschen wohnte, Geister in den Quellen rieselnd Mit den Bäumen sich besprachen Und sich in dem Echo riefen, Lebten zwei Geliebten glücklich, Selig ganz in ihrer Liebe, Aus der wüsten Welt geflohen Fanden sie die Ruhe wieder Und ihr Herz in Blumen, Bäumen, Bergen und der heil'gen Stille. Einst, als sie nach langen Küssen Sich beglückt in Armen hielten, Und die Blicke zu einander Sehnsüchtig, befriedigt spielten, Blickte er in ihre Augen, Sie in seines Herzens Tiefe, Und wie aus dem Geisterbrunnen Stiegen beiden in die lichten Augen auf zwei große Thränen, Die sie fest im Zittern hielten. Was bedeuten, sprach er seufzend, Die Gefühle, Liebe, diese Wehmuthsvollen süßen Thränen, Die in Andacht du erwiederst? Nein, ich mag sie nicht verbergen, Gern hab' ich sie dir gewiesen, Und die Thräne soll nicht rinnend Aus dem Blicke niederfließen. – Ein Geheimniß ist es, sprach sie, Wonach diese Wasser zielen, Das sie gerne mit der Andacht Wollen aus dem Herzen ziehen, Aber schwach sind ihre Arme, Und es fällt in's dunkle wieder, Und ermüdet sinkt die Thräne Ueber unsre Wange nieder. – Also nur ist Erd' und Wasser, Sang er, Luft, Licht und Gestirne Aus der Sehnsucht hergequollen, Ein Geheimniß aufzufinden: Wie im Golde funkelt Sehnsucht, Süß Ermatten glänzt im Silber; Wollte sich doch deine Thräne Auch gestalten als Erinn'rung! Ward ja aus der Fluth Geheimniß Doch der Bau der Welt gebildet. Süße Geister, regt euch alle, Daß ein Sein der Thrän' entquille, Und ein neues Gold wird leuchten Süßer, sanfter, glänzen milder. – Und es waren Geister nahe, Die im Quell mit Blumen spielten, Sie erhörten das Gebet, die Thränen sanken, Blumen fielen, Griffen, hielten fest die Erde, Und geheimnißvoll zwei Lilgen Sahen hin auf die Entzückten, Inn'ger fühlten sie die Liebe. Sanfte, goldne, silberweiße, Also wardst du, Liebeslilge. Marcebille . Ja, es giebt ein schönes Sehnen, Das wie aus der tiefsten Nacht In dem Herzen aufgewacht Greift nach Waffen, findet Thränen; Viele lieben, viele wähnen, Daß Liebe nur Lust dem Herzen Schenken soll und keine Schmerzen: Alle Farben müssen fließen, Wenn ein Licht sich soll ergießen Aus dem goldnen Brand der Kerzen. – Darum weiß ich, wie du gerne Immer mit der Blume spielest, Und dein Auge wie begeistert Durst am weißen Glanze stillet. Lealia . Ja ein süßlebend'ger Brunnen War mir diese Blume immer, Und ich trinke manche Welle Von dem labend kühlen Schimmer, Auch ist sie mir wie ein Zauber, Wenn ich tief verloren sinne, Denn ich meine, so im Anschaun Soll sie den Tag wieder bringen Und die Augen und die Worte, Ach, die süßberedten Blicke! Als ich einsam einst im Walde Sie in Händen auch so hielte; Als bei ihm ein Löwe stand, Sanft gekrümmt und ohne Grimme, Und er bald darauf verschwunden, Daß ich ihn nie wieder finde. geht ab. Marcebille . Liebste, laß uns Blumen suchen, Daraus flechten eine Krone, Blau und rothe Wiesenblümchen, Andere darunter golden, Wenn der König wiederkehret, Daß ich ihn so mag belohnen, Denn ich zittre vor dem Kusse, Wäre dessen gern enthoben. Nimm der Blumen nicht zu wenig, Flicht den Kranz nicht, meine Rose, Allzueng, er paßt sonst nimmer Zu des Königs mächt'gem Kopfe. Roxane . Kleine Blümchen, kleine Kinder, Werdet ihr dem Grund entnommen, Eurer Mutter so entrissen, Um so schneller zu verdorren Auf dem Haupte, das doch nie weiß Diese schöne Gunst zu loben. – Meine Königin, was nahet Dorten auf dem schwarzen Rosse? Marcebille . Es ist einer von den Feinden, Wie es scheinet, ein Franzose, Aber widerwärtig, schwarz Und am ganzen Harnisch rostig. Roxane . Sage nicht so, nur ein wenig Hat der Rauch ihn überzogen, Da er also eilen mußte Deine Schönheit zu erobern, Darum fand er keine Stunde, Helm und Harnisch aus dem groben Sich zu säubern und zu schmücken. Welche Milch hat er gesogen? Vielleicht kommt er aus der Hölle Und wir sind mit ihm betrogen. Marcebille . Scherze nicht so wild, mein Mädchen, Wäre ich ihm nun gewogen? – Er steigt ab, macht fest sein Pferd, Kommt, so scheint's, zu diesem Orte. Roxane . Königin, er ist mein Liebchen Und er kommt mich abzuholen, O er ist gar liebenswürdig Von dem Haupte zu den Sohlen. Küßt er mich, so fürcht' ich das nur, Er färbt ab wie alle Kohlen. Florens tritt auf. Florens für sich . Ja, dies ist sie, und ich kehre Nicht zurück in jene Thore, Bis sie mich geküßt, weiß, daß ich Ihr zum Liebsten mich gelobet. Marcebille . Wer seid ihr, der so verwegen Euch so weit her habt verloren? Florens . Euch ein heimlich Wort zu sagen, Hab' ich diesen Weg erkoren. Marcebille . Sagt es schnell und kehrt geschwinde, Sonst seid ihr gewiß ein Todter. sie gehn. Roxane . Ha! was seh ich? Himmel! was? Aufgestiegen er, gehoben Zu sich plötzlich die Prinzessin Und im Lauf davon geflogen! Wie sie weint, die Arme breitet – Hülfe! Hülfe! – Ha! des Thoren! Des verwegnen Mädchenräubers! Ist Machmud uns denn verschworen? Hülfe! Hülfe! Habt ihr alle Mich zu hören keine Ohren? Arlanges kommt eilig. Arlanges . Warum rufst du, meine Liebe, Was begehrst du, theure Tochter? Roxane . Vater, auf, nehmt Ritter, Knechte, Den Ungläub'gen zu verfolgen, Ein Scheusal kam hergeritten, Hat die Fürstin aufgehoben Zu dem Rosse, reitet eilend Fort so wie ein schneller Vogel. Arlanges . Auf ihr Leute! Auf ihr Ritter! Unsre Fürstin ist gestohlen! ab. Roxane . Wer sah je solch kühnes Wagstück? Der Admiral kommt. Admiral . Ist es wahr? Ist es gelogen? Roxane . Dorthin eilet ihr Entführer. Admiral . Machmud! Wie muß ich erboßen! Schild, Helm, Harnisch, Pferd und Waffen! Ich, ich will sie wieder holen, Und den niederträcht'gen Räuber Stoß ich in den Schlund des Todes. ab. Bertrand aus dem Zelte. Bertrand . Die Verwirrung macht mich sicher. Lebe wohl, du Mädchenkrone Und gedenke manchmal freundlich Des in deiner Liebe Todten. ab. Roxane . Welch Getümmel! Der Gefangne Hat ein Roß sich schnell genommen, Unsre Kämpfer stürzen alle Vor dem Teufel, der so drohet. Marcebille kommt zurücke. Ha, nicht zögert, nicht verschont ihn! Marcebille kommt. Roxane . Ist er todt? Ist er verwundet? Marcebille . Fort du! – Rox. ab. Weh! daß ich geboren! Was beginne, denke, sag' ich? Was ist denn aus mir geworden? Und der Riese, wie er sagte, Liegt getödtet auf dem Boden. – Arlanges kommt zurück. Arlanges . O Prinzeß, geschwind zu Pferde. Wie der Teufel hat gefochten! Denn der Admiral, des Sultans Bruder, liegt unter den Todten. Gut, daß er euch fahren ließ, Er allein ist fort geflohen, Denn zu viele drängten kämpfend, Drum entfloh er, sonsten Nahm er euch zur Stadt, so stritt' er. – Reiter sprengen aus den Thoren. – Laßt uns zu dem großen Lager Eilig hin auf unsern Rossen. gehn ab. Saint Germain, die Matte. Lager, Zelte, Getümmel von Soldaten und Volk. König Dagobert , Kg. Edward , Kais. Octavianus , Kg. Rodrich , Gr. Armand . Kg. Dagobert . In Freuden schwärmen Ritter und das Volk. Wir athmen freier, unsre Angst ist todt, Und tiefbeschämt in ihrer vollen Freude Sind viele alte Krieger, daß ein Jüngling Den Ungeheuern schlug, der uns bedrohte. Welch edler Geist, welch ungestümer Muth Und welche Ruhe, Heldenheiterkeit In diesem unbekannten Jüngling wohnt! Wie er uns die Gefahr vom Haupte nahm, So laßt uns Lohn auf seine Schultern legen, Ein König dankt nicht wie der Unterthan, Aus jedem seiner Worte blüht ein Glück, In dessen Schatten noch die Enkel ruhn. Gr. Armand . Seitdem ist er mit einer kleinen Schaar Hinaus geritten, hat das nahe Lager Geschlagen und erobert und geplündert, Die Heiden sind dem Sultan zugeflohn, Und einige Gefangne sind gekommen, Der ungestalte Both', der euch obsagte, Ist unter diesen. Kg. Dagobert .         Führt ihn vor mein Antlitz. Gr. Armand . Der mißgeschaffne Türke trete vor. Hornvilla kommt. Hornvilla . Da bin ich schon, meine gestrenge Herrn! Kg. Dagobert . Du siehst, es ist gekommen, wie ich sagte, Du bist in meine Hand nunmehr gerathen. Hornvilla . Doch glaub' ich nicht durch Schuld Eu'r Majestät. Kg. Dagobert . Nun, welchen Lohn darfst du dir wohl versprechen Nach deinen frechen ungezognen Reden? Kann ich für diese dich nicht hängen lassen? Hornvilla . Gleich hängen! Meiner Seel, das geht hoch her Mit Drohen; aber zwischen Thun und Sagen Ist immer etwas Zeit, und man verändert Im Augenblick oft, was man lang beschloß: So wird es auch mit euch, mein König, sein, Der christliche Monarch denkt nicht so türkisch Für ein Paar Worte mich gleich stumm zu machen. Kg. Dagobert . Wie kannst du Türk vom Christenthume reden? Hornvilla . Ach schaut, ihr denkt von mir noch viel zu gut, Daß ihr mich Türke nennt, ich bin ein simpler Freigeist und Atheist, der sich bis Dato Mit keinem Glauben noch inkommodirt. Stirb! sagten zu mir erst die Türk'schen Hunde, Oder bekenne Machmud! – Ich bekenne. – Denn ich bin ein ganz nagelneuer Türke. So thaten sie mich denn in den Habit Und schickten mich hieher mit losen Reden. Drum, Majestät, bin ich noch zu bekehren, Mein Geist ist rein und unbeschrieben noch, Nimmt Lehre an in seinem leeren Raum, An mir fruchtet Ermahnen, Bußepred'gen, Schickt mir nur einen Mönch her auf den Hals. Aus solchen Dingern, wie ich bin, macht man Wohl oft die allerbesten frommsten Christen, Wer weiß, wie manch Heil'ger die Kunst begann. Kg. Dagobert . Verwahrt ihn sicher, führt ihn ins Gefängniß. Hornvilla ab. Clemens und Florens treten ein. Clemens . Da bring' ich ihn, da bring' ich meinen Sohn – Knie nieder, Florens, sauber knie da nieder, – Seht, Majestät, das ist mein eigner Sohn, Schmierig, unsauber, voller Blut und Staub, Hat eben einen Riesen eingeschlachtet, Der Kopf von dem steht auf dem großen Markt Hoch aufgesteckt, scheint wie ein voller Mond. – G'horsamer Diener, Fürsten ihr und Herrn, Bitt' unterthänig allerseits Verzeihung, Wenn ich die Etikett und Redensarten, Titulaturen und dergleichen Sachen, Nicht in der Form so ganz beobachte, Meine Handthierung bracht' mich nie mit Prinzen In Confussion, wollt' sagen Collision, – Susanne! ach! Susanne! Lebst du noch Nach dieser Freude? Mit Erlaubniß, Fürsten! geht in sein Haus. Kg. Dagobert . Florens, du hast heut' unserm Königreiche Und mir den allergrößten Dienst geleistet, Wir danken dir, sei ferner tapfer, glücklich, Und bleib' in unsrer Näh' und Gegenwart. Clemens aus dem Hause zurück . Alles steht gut, da sitzt die alte Frau, Die Mutter drinn und weint Ihr Majestät – Gr. Armand . Vor Freude kommt der alte Mann von Sinnen. Seid stille jezt ein wenig, guter Mann! Clemens . Wer wollte hier auch wohl zur Unzeit sprechen. Kg. Dagobert . Sei künftig einer meiner nächsten Diener; Und daß wir uns nicht vorzuwerfen haben, Wir schicken dich in die Gefahr nackt, wehrlos, Mit unbrauchbaren Waffen, so ernennen Wir dich zum Ritter. Geh in deine Wohnung, Du findest eine Kleidung deinem Stande Gemäß und kehre wieder dann zurück. Florens . Wie soll ich meinem gnäd'gen König danken? Haltet mein Stammeln, mein Verstummen nicht Für bäurisch blöden Sinn, der nicht empfindet, Wie gütig ihr in euren Worten, Blicken, Mit einer Welt von Glück mich überschüttet. Octavianus . Mein edler Jüngling, könnt' ich sagen Sohn, Umarme mich. So theuer bist du mir, Daß nur der Druck am Herzen, die Berührung Der Lippen, mir ein Zeichen können sein Zu sagen dir, wie sehr ich dich verehre. Florens . Mein kaiserlicher Herr, o diese Freude, Dieser Tag, die Gegenwart der Fürsten, Die Liebe, die ihr, hoher Herr, mir zeigt, Das alles schlägt so hohe Freudenwellen In meinem Herzen, daß das Wasser wohl Muß aus den Augen springen: – o mein Kaiser, Wie bin ich nichts, bis ihr mich so gewürdigt, – Mein König, welche That kann euch wohl danken? – Ihr edlen Fürsten, Zeugen seid des Glücks, Nicht der Beschämung, denn ich würd' euch dünken Unmündig, kindisch, drum verberg' ich mich. geht in das Haus. Octavianus . Mich rührt so wundersam die Gegenwart Des holden Jünglings, daß so alle Lust Wie alle Trauer meines ganzen Lebens Mit neugeschärften Pfeilen auf mich dringt. Kg. Dagobert . Der edle Sinn wirkt so geheimnißvoll Wie nur die Schönheit immer wirken kann, Was Helden thun und denken ist im Weibe Gegliedert und als Körper ausgebildet, Drum locken die anmuthigen Geberden Magnetisch unsre Augen ewig nach, Sie gehen gern in allen Linien mit Und suchen nichts als nur die schöne Reise: So ist es, wenn ein zart Gemüth uns nah tritt, Wir fühlen wohl den Zauber, der uns fesselt, Wir wissen nicht zu sagen, was es ist, Wie in Verliebtheit ist der Sinn verstrickt. – Stolz, Clemens, sei auf diesen theuern Sohn. Clemens . Ja, Ihr Maj'stät sagt recht, ein theurer Sohn, Er kostet mich sehr viel, erst schweres Geld, Und Wartung, Amme, Esel, mancherlei, Dann ein paar tücht'ge Ochsen, wieder Geld, Verdruß: je nun, mag's sein. Ich denke mir Daß Euer Maj'stät ihn will zum Ritter schlagen. Ach, das wird wieder Kosten, Kosten machen! Dabei die schlechte theure Kriegeszeit! Du lieber Gott! Ich dachte, Wechsler könnt' er Wohl mit der Zeit noch werden, doch das ist nichts: Nun, wie Eu'r Majestät und Gott es haben wollen. Denn all' die Herren lachen über mich, Ich mein' es gut und rede gern vernünftig, Doch wird das Wort oft anders als man's denkt, Und wenn sich Vorsatz, Nachsatz nur ein bischen Verschiebt, man in die Parenthesen fällt, Bauz! liegt die ganze Redekunst im Dreck. Kg. Edward . Und dies war so vortrefflich, alter Mann, Als hättet ihr drinn Unterricht gegeben. Clemens . Mit großen Herrn ist nicht gut Kirschen essen, So sagt man, sprechen ist mit ihnen schwerer, Ich äße lieber mit euch alle Sorten Von Obst, der Bürger spricht nur schlecht und recht.         Florens kommt in adelicher Kleidung aus dem Hause. Wer kommt denn da? – ha! bist du's? bist du's nicht? Ei, wird mir doch ganz bang dabei zu Muthe, So schön, so vornehm, so ganz anders schaust du, Es wird mir sauer dich nun Du zu nennen. Florens . Ich knie wieder hier vor meinem König. Kg. Dagobert . Setze dich neben mir auf diesen Sessel. Florens . Vergönnt mir diesen Platz, denn er gebührt mir, So kann ich mein beschämt Antlitz verbergen, Das niedre Gras zu euren Füßen anschaun Und meiner Niedrigkeit mich still erinnern. Kg. Dagobert . Man bringe mir des Ritterthumes Zeichen! Herolde treten herzu, die auf Küssen Helm, Schilde, Harnisch, Schwerdt, Kette, Sporen bringen. Empfange dieses Schwerdtes sanften Schlag Und stehe dann als Ritter wieder auf In Gottes Namen, als ein Feind der Bösen, Schützer Bedrängter, Kämpfer für die Unschuld. –         Trompeten. Und so setz' ich den Helm dir auf dein Haupt, Und freue mich, daß ich so edlem Jüngling Das Schwerdt und meine Freundschaft schenken darf. Gr. Armand . Ich leg' um deine Brust den edlen Harnisch, Stählern, so sei die Treue für den König, So wie das Gold auf ihm, so sei dein Sinn. Zum Guten schnell und allem Laster abhold, Wie dieses reine Gold nie rosten kann. Kg. Edward . Nimm diesen guten Schild, so stehe immer Hinter gerechter Sache in dem Schutz, So schwing' ihn nur für die gerechte Sache Und er wird undurchdringlich, felsenfest sein. Kg. Rodrich . Dies gute Schwerdt werf' ich um deine Schulter, Zieh es für Gott und die geweihte Kirche, Für deinen König, für bedrängte Unschuld, Und denke, wer es dir in Liebe gab. Octavianus . Zuletzt, doch nicht in Liebe dir der Letzte, Häng' ich den ritterlichen Schmuck dir um. Sieh, der Sanct Michael schwebt auf dem Harnisch Und schlägt, so wie du gehst und athmest, mahnend Dir an dein edles Herz: erwäge immer Im muth'gen Sinn, wie er für Gott gestritten, So zitt're, wenn du denkst, zu thun begehrst, Was edel nicht, was falsch und gottlos ist, Sonst ist dein Herz der abgefallne Engel, In den Sanct Michael die Lanze bohrt. – für sich. Welch Wort ist meinen Lippen doch entflohn, Gegen mich selber hab' ich jezt gesprochen. Florens . Beglückter Tag, der endlich mir erschienen! Oft dacht' ich's, wünscht' ich's, träumte wohl davon; Doch hat ihn mir kein Traum so schön gewiesen. Mir ist vergönnt, die Augen aufzuheben, Den vor'gen engen Stand darf ich jezt von mir Legen so wie ein Kleid, es ist mir Pflicht Auf Ritterthat zu denken, sie zu üben, Beruf wird mir, was wie ein Spiel des Wahnsinns Mich lockte und mein wildes Herz erregte. Sanct Michael, Sanct Dionys sein Zeugen, Und auf das Kreuz dieses geweihten Schwerdts Leg' ich zum Schwur die Finger, für den Heiland, Für meinen König, für Gerechtigkeit, Bedrängte Unschuld und verfolgte Waisen, Für meine Liebe und für alle Damen Will ich dies Schwerdt in Gottes Namen ziehn. Clemens . Doch, meine Herrn, noch eins ist ja vergessen! Die Sporen, – ach, erlaubt mir gütigst, daß ich Doch meinem Sohn auch eine Ehre anthu'. – Herr Herold, mit Erlaubniß: – ja, nun ja, Nun hast du, Florens, was du immer wünschtest, Das wird dir früh genug den Nacken brechen. – Wie ist denn das? Welcher ist rechts und links? In dreißig Jahren hab' ich keine Sporen Getragen, da kann man es wohl vergessen – Nun ja, so geht's! – o hol das Ding der Teufel! Ich hab' es unbedachtsam übernommen, Blamiren wird's mich vor den Potentaten – Ja, dich gereut's noch mal, gieb Acht, mein Sohn! Wenn Claudius hinter'm Wechseltische sitzt, Sein ruh'ges, sichres Brod hat, du im Felde Mit funfzig schweren Wunden liegst und hungerst, Gefangen wirst, in Stricken, Ketten, Eisen Hinweggeführt, – nun geht es schon, Herr Herold, Dank für den Rath, – nun bist du fix und fertig! Florens . Ich dank' euch, Vater, möge Gott euch segnen. Kg. Dagobert . Ihr Kön'ge, Fürsten, meine Brüder, gehn wir Nach unserm Heer zu sehn ein jeglicher! Florens, morgen bist du an meiner Tafel, Dann meldest du dich bei dem Schatzmeister, Dein Titel, dein Einkommen wird dir sicher. geht ab mit den Fürsten. Florens . Ich danke unterthänigst meinem Herrn. – Mein Bertrand! – Bertrand kommt. Dank bin ich dir schuldig, Liebe, Als ich die Fürstin rasch entführen wollte Und Säbel mir und Pfeile, Spieße drohten, Warst du mein Schutz und rettetest mein Leben, Du flohest nicht, wie du gekonnt; als Freund, Als Bruder hast du dich erwiesen, laß Uns so vereint Gefahr und Kampf bestehn. Bertrand . In Glück bin ich und Unglück dir verbunden, So lebe wohl, der Stern begleite dich, Der deine Jugend also schön erleuchtet. geht ab. Octavianus . Laßt uns allein, mein guter, lieber Alter! Clemens ab. Weißt du gewiß, mein Sohn, daß dieser Mann Dein Vater ist, der eben von uns ging? Florens . Mein edler Kaiser, wie ich glaube, nein! Ich hörte wohl von ihm und auch von andern In abgebrochnen Reden mancher Stunde, Daß er aus fremden Land, vom Meergestade Mich hat hiehergeführt, und ist dem so, Wie ich es glauben muß, so hab' ich wissend Nie Vater und die Mutter nie gesehn: Doch weiter kann ich euch davon nichts melden. Octavianus . So lebe wohl, gebenedeiter Jüngling, Auf den in Liebe alle Sterne lächeln. geht ab. Florens allein .     O welch süßes Entzücken, Zu euch, ihr Abendsterne, aufzublicken, Wie eure Lichter spielen Und nach mir her mit allen Stralen winken, Wie tiefer nun des Abends Schatten sinken, So muß ich einsam fühlen Mein Glück, mein Leben und mich lockt die Weite, Daß ich mir jenes liebste Gut erbeute. Nun hab' ich dich, Schwerdt, Harnisch, Helm, errungen, Umsonst nicht ist mein schönster Traum gelungen, Nun darf ich kühnlich wagen Dein Bild, Geliebte, in dem Blut zu tragen, Nun soll kein feiger Zweifel mehr mich binden, Du bist wahrlich die meine, Beim frühsten Morgenscheine Zieh' ich hinaus, dich wieder aufzufinden.     Noch fühl' ich von den Küssen Feuer und Muth durch alle Adern fließen, Des Mundes frische Röthe, Der Augen glänzend, lieblich, lockend Spielen, Des Busens Lilienweiß. und muß ich fühlen Dies alles wieder? Tödte Mich, Glück, Erinn'rung, wenn es ist verschwunden! O Morgen! zieh herauf des Tages Stunden! Sie war vor mir frei auf dem Rosse schwebend Und halb in Freuden, halb in Zweifeln bebend, Und das Gewand gehoben, Vom zarten Fuß und Bein hinweggeschoben, Mund, Wangen, Augen, blendend in der Nähe, Erst vor den Küssen zagend, Die Arme um mich schlagend, Erwiedernd dann gab sie mir Lust und Wehe.     Ha, diese Hand beglücket Hat ihre Brust gefühlet und gedrücket, Seitdem zittert ein Beben In diesen Fingern und in meinem Blute, Ja, mich verlangt, im sel'gen Liebesmuthe Mein Leben hinzugeben, Nur einmal noch ihr Herz so fühlen schlagen, Mit Küssen, wie ich liebe, ihr zu sagen. Die Lippen sind entzückt noch und berauschet, Von Flüstern ist das Ohr noch stets umrauschet, Ich höre nur die Töne, Ich sehe nur der Locken reiche Schöne, Die wie ein Netz um meine Arme gestricket, Wie Bande von vergold'ten Wellen sie spielend rollten Mir um mein Herz, das himmlisch ward beglücket.     O bringe, liebe Sonne, Mir wieder Lippen, und der Augen Wonne! Hinaus denn will ich eilen Und jezo noch die dunkeln Schatten theilen. geht ab. Des Sultans Lager, Nacht. Der Sultan , Alamphatim , Gefolge. Der Sultan . Setzt mir meinen güldnen Gott, Meinen vielgeliebten Machmud, Hier im Zelte nahe zu mir, Daß er sei meine Betrachtung; Er regiert ja unsre Kriege, Er ist dieses Zugs Verwaltung, Er sei Zeuge jedes Wortes, Höre jegliche Verhandlung. Daß er seh', wie ich ihn ehre. Alamphatim . Edler Bruder, die Vermahnung Giebt uns allen neuen Eifer. Das Gebirge wie die Waldung, Das Gefilde sammt den Wassern Und der Frücht' und Thier' Begattung, Alle Fruchtbarkeit der Reben, Jegliche Naturgestaltung Kommt von ihm, von seinen Kräften, Sie sind aller Welt Erhaltung. Der Sultan . Wahrhaft sprichst Alamphatim du Und so lieb' ich diesen Machmud, Nächst ihm lieb' ich meine Tochter Marcebille: nicht Verachtung, Wahre Liebe auch gebühret Meinem Rosse, das den Abgrund Salz'ger Meere kühn durchschwimmet, Fisch im Wasser, nach der Landung Vogel auf dem festen Boden. Höret wohl von mir die Warnung, Daß das Roß nicht Schaden nehme, Dies das einz'ge seiner Gattung, Wie der Phönix in Arabien Lebt freiwillig in Verbannung, So ist auch Roß Pontifer Nur der einz'ge; seine Abkunft Ist vom mächt'gen Einhorn, sagt man, Daher seine Stärk' und Anmuth. Lidamas tritt ein. Lidamas . Mein Herr, fliehend sind eben angekommen Zu deinem Lager viele Männer, Weiber. Der Sultan . Sie werden sich so nah der Feindesstadt Nicht sicher dünken, auch vielleicht daß jene Einen Ausfall versuchten. Arlanges tritt ein. Arlanges .                                 Großer Herr – Der Sultan . Laßt gut sein, Leute, denn ich schwör' zu Machmud, Der gülden hier in meinem Zelte steht, Ich will es rächen, Dagobert soll sterben Und alle Franken mit ihm, seid nur ruhig. Arlanges . Gebieter, dir scheint noch nicht wissend, welches Unglück und welcher Frevel, welche Bosheit Dich hat und alle uns zugleich betroffen. Dein Riesenkönig, dein geliebter Sohn, Dein Freund und unsrer Hoffnung bester Stab Liegt todt da vor den Thoren von Paris, Sein Haupt zum Hohne drinnen aufgesteckt, Deine geliebte Tochter Marcebille, Da alle Wachen auf dem Posten ruhig, In Meinung, daß der Riese sie beschützte, Ward uns entführt, wir eilten sie zu retten, Wir brachten sie zurück, doch viele Freunde, Dein Bruder, unser großer Admiral Liegen erschlagen, unser Lager ward Geplündert, viele fortgeführt gefangen, So daß wir zitternd fast befürchten müssen, Der Christen Gott sei mächtiger als Machmud. Der Sultan sinkt nieder, sie heben ihn auf . Hast du's gehört? Machmud! Bist du entschlafen? Ha! ich vergeh' im Zorn! mich reißt die Wuth Und bändigt alle meine innern Kräfte! Ich kann nicht mehr! ha! warte Dagobert! Den Uebermuth sollst du mir theuer büßen! Doch welche Bande, welch verruchte Rotte Hat die Verheißung denn gebrochen, die Der König gab, daß nur im Kampf Golimbra Bestehen sollt' ein einz'ger Mann? Zu tausend Sind sie herausgebrochen ihm, die Feigen! Arlanges . O nein! vernimm ein seltsam Wunder, Herr! Ein einz'ger hat's gethan, ein böser Geist, So wie wir alle meinen, denn so rostig, So scheußlich, in so mißgeschaffnen Waffen, So stark und so gewaltig ist kein Mensch. Dies Scheusal hat im Zweikampf unsern Riesen Erschlagen und er ganz allein gewagt Die Kön'gin auf dem Rosse zu entführen; Er hat dreißig mit eigner Hand getödtet, Nebst deinem tapfern Bruder, Asiens Ruhm, Nun war er hier, nun dort und allenthalben, Und alles schlug und traf, verwundete Der Ritter mit der schwarzen, rost'gen Rüstung. Der Sultan . Der Bösewicht! Die Zunge lähmt mir Staunen. Nun hätte nichts gefehlt, als daß er noch Den Pontifer mir mit Gewalt geraubt, Mir meinen Machmud hätte gar entrissen. Ich schwör's, zu Pulver lass' ich ihn verbrennen Und seine Asche in das Meer zerstreuen, So wie ich ihn in meinen Händen habe! Alamphatim . Kommt, Bruder, ihr unüberwindlichster! Schon ist es tiefe Nacht, ruht aus bis morgen, Wir alle theilen die gerechten Sorgen, Ich schwör's zu Gott, ich will den Frevel rächen, Sei er noch mächt'ger, ihn vom Pferde stechen! – gehn. Zelt der Marcebille. Marcebille auf Polstern, Roxane , Lealia . Lealia . Meine Fürstin, diese Nacht Wird nun bald vorüber gehen, Du wirst froh den Morgen sehen. Bang' hast du bis jezt gewacht, Doch den Gott des Schlafes bitte, Daß er lindre deine Sorgen, Daß du heiter magst am Morgen Nahn mit starkem muth'gen Schritte Deinem Vater, wie sonst immer. Laß die Angst nunmehr entweichen, Denn von diesem Kummer bleichen Muß der zarten Schönheit Schimmer. Marcebille . Ach, Freundinnen, ach, Geliebten! Nein, ihr kennt nicht meinen Kummer, Tückisch fliehet wohl der Schlummer Augen einer Tiefbetrübten. Immer noch muß ich erschrecken, Wie er nahte, schlau besonnen, Er mich auf sein Roß gewonnen, Meiner Arme hülflos Strecken, Meine Thränen, meine Worte Konnten nicht den wilden Sinn Beugen und er nahm mich hin, Nahte schon dem Feindesorte. Doch nun ist es ja vorüber. Seht wie goldne Sterne funkeln: Diese Nacht mit ihren dunkeln Tiefen Schatten ist mir lieber Als die goldne Morgensonne, Denn ich kann nun ruhig denken, Still mich in Betrachten senken Meines Elends, meiner Wonne, Meiner Schmach, die mir so bitter, Meiner Wonne, daß ich schon Sicher bin mit euch entflohn Vor dem schwarzen, rost'gen Ritter. Seht, wie ruhig ist die Nacht, Süße Nachtigallentöne Klingen her, so voll, so schöne, Wolken schwimmen oben sacht', Unten blitzt ein fern Gewitter Und es kommt in unsre Nähe, Ob ich ihn wohl wieder sehe Jenen schwarzen, rost'gen Ritter? – Wie so milde Lüfte wehen, Und die rothen Blitze springend Sich zum Wald hernieder schwingend Scheinen auf der Flur zu gehen, Und durch finstrer Wolken Gitter Flimmern wechselnd kleine Sterne, Und mir ist, ich seh' von ferne Wieder jenen rost'gen Ritter. Könnte nur mein Wunsch geschehen, Müßte er mir alle Qualen Tausendfältig wohl bezahlen, Denn ich fühle schlimm die Wehen, Von der Lanze traf ein Splitter An mein Herz, als ich von Weiten Sah mit meinem Oheim streiten Jenen rost'gen, schwarzen Ritter – Aber laßt mich nun allein, Ich will schlafen und so eben Süßem Schlummer mich ergeben, Bald wird mir dann besser sein. die Jungfrauen gehen ab.     O Schlaf! der du auf lichten Wolken fliegest Und von den kleinen Sternen und vom Mond Den Schlummer und die Träume nieder biegest, Den Rausch, der auf den lichten Scheiben wohnt, O Schlaf, der du im Baumgeräusch dich wiegest, Von dir wird manche Schäferin belohnt, O laß auch meine Augen sich jetzt schließen, Des Süßen Bild mir aus dem Herzen sprießen.     Schlaf! liebes Kind, du streichst mit linden Händen Die Furchen sonst von Stirn und Angesicht, An Quellen, unter lichten Rosenwänden, Im Waldesgrün, durch das gespalten bricht Der Glanz der Sonne, wo die Blumen senden Betäubend ihren Duft, da wohnst du, nicht Hier unter diesem Zelte; diese Kerzen, Dem Herzen wecken sie nur neue Schmerzen.     Schlaf! Liebes-Engel! Manchen tief gekränket In Sorgen, Noth, Verbannung, Einsamkeiten, Hast du mit deinem Lebenssaft getränket, Ihm vorgespielt auf deinen Harfensaiten, Worauf Herz, Sinn in still Beschaun sich senket Und denket, was dies Denken zu bedeuten: Ja, allen deine Himmels-Augen lachten, Nur Schmachten dieser Lieb' willst du verachten.     Doch warum will ich mich dem Schlummer geben? Vielfarb'ge Träume könnten mit Gesängen Ihn, der der Inhalt ist von meinem Leben, Auf Stunden doch aus meiner Seele drängen. Allein was könnten alle Träume weben, In die sich nicht die Feuerküsse schlängen? Ich will die Freundin rufen und es wagen Zu sagen, was mir Muth giebt und Verzagen.     Geliebte Lealia, komm herein! Lealia kommt. Lealia . Ich dachte dich in Ruhe nun zu finden. Marcebille . In Ruhe? meine süße Freundin! Nein, Sie soll mir gern mit dir sprechend verschwinden. Lealia . Wie deine Augen schöner sich entzünden, Du wirst nicht krank von diesem Schrecken sein? Marcebille . Geliebte, ja, zum Tode krank, und Leben Ist mir zuerst in diesem Schreck gegeben.     Vernimm mich ganz, höre die Freundin sprechen: Du weißt, nur Jagd, Fels, Wald war meine Lust, Durch wilden Forst mit meinem Roß zu brechen, Beschirmt vom güldnen Harnisch meine Brust, Den Spieß von Stahl in einen Löwen stechen, Im Widerhall der Berge, nicht gewußt Ward von mir Aermsten, was sei Liebe, Sehnen, Und frech verlacht' ich Seufzer, Liebesthränen.     Doch ach! wie hab' ich büßen nun gemußt So herbe, bitter, süß für diesen frechen Hohn und Verachtung, ja, an dieser Brust Will sich die Liebe zu gewaltig rächen, Ich sterbe, wenn nicht mein wird der Verlust. Du lächelst, süße Freundin, meiner Schwächen? Blauäugig Mädchen mit den blonden Locken: Das Herz will reden, und die Zunge stocken.     Doch ja, du liebst, du wirst mich wohl verstehen, Mich trösten, mich beruhigen und lindern Den Schmerz, die Angst, ich will es dir gestehen, Nichts soll die Worte meiner Zunge hindern. O Freundin, welche wundersüße Wehen, – Kein Trost soll diese Schmerzen jemals mindern. – Der rost'ge Ritter, er hat mich gefangen, Zu ihm, zu ihm nur eilet mein Verlangen.     Wie ich erschrak, ihn nahe an mir sehend, Wie er so fest an seine Brust mich drückte, Ich rief und weinte, fern nach Hülfe spähend, Und wie ich in sein braunes Auge blickte, Wie sein süß Wort, sein Auge in mich gehend Nicht mehr erschreckte, tröstete, entzückte, Wie ich ihn zärtlich, ohne Angst und Grauen Zärtlich umfing, versenkt, ihn anzuschauen.     Der erste Kuß, den je mein Mund empfangen, Von Lippen, wie die brennenden Rubinen, Berührte mich und eine Welt voll Bangen, Verlangen, Wünschen war in ihm erschienen, Noch höher Roth glänzte auf seinen Wangen, Welch freundlich Blicken, welche holde Mienen, Wie Rosen aufgehn von der Sonne Gruße, Aufblühte so mein Herz vom ersten Kusse.     Nun weiß ich, warum purpurroth entzündet Der Morgen kommt, der Abend nieder ziehet, Was uns die Rosenblume süß verkündet, Welch Feuer in Rubinensteinen glühet, Warum die Lippe schwellend sich geründet, Warum ein Blitz spielend im Auge blühet, Warum Gestirne unsre Welt betrachten, Wie aller Frühling ist ein Liebes-Schmachten.     In diesen Küssen kamen Sterne, Welten, Und machten mir mein Herz zum Paradiese, Drum muß ich diese Liebe ihm vergelten, Für mich fiel ja durch ihn der starke Riese: Ach, Freundin, nein, du kannst, du wirst nicht schelten, Ich fühle ja so hell, es ist nicht diese Liebe, so neu sie scheint, plötzlich zu nennen, Sie ward nicht, ist des tiefsten Seins Erkennen. Lealia .     Die Liebe, die nicht Wunder ist, ist keine, Wie aus der heitern Luft ein Blitz herflieget, Wie in der Nacht plötzlich mit klarem Scheine Ein Glanz sich um die Bäum' und Berge schmieget, Wie heut' der Frühling, wenn er kommt, so kleine, Morgen schon Wald sich grün zusammen füget, So plötzlich, süß erschreckend, wonnetrunken, Ist auch das Herz im Liebesmeer versunken.     Darum, Geliebte, schweige jeder Tadel; Doch wenn ein frecher Räuber dieser Mann Und ohne Rang, Herkommen, ohne Adel, Der diese Herrschaft über dich gewann? Dann, Liebste, wär' Ermahnung doch nicht Tadel; Wie, wenn ein Zauberer dir dies gethan? Wenn du das Edelste von Lust und Schmerzen, Verlörst am niedrigen, verlornen Herzen? Marcebille . Schweige endlich, Schwätzerin! Geh' und laß mich meinen Unstern Einsam klagen, einsam seufzen. – Lealia ab. Nein, mein Ohr sei nicht versuchet Von der Schmähung des Geliebten, Jeder Ton ja sei verfluchet, Der nicht Preis von dir will sprechen, Darum sei ihr Mund verstummet. – Ha, ich trage nicht die Plagen, Dieser Schmerz ist nicht zu dulden, O Geliebter, komm zu mir, Sei der Meine, allhier ruhe In den Armen, in den weißen, An dem jugendlichen Busen, Dir nur bin ich schön und reizend, Dir nur blüht die frische Jugend. Ja, du wirst noch mein Gemal, Sprachest du nicht so im Kusse, Sagten das nicht deine Augen, Deine süßen Blicke dunkel, Deine frischen Lippen stammelnd Von Sehnsucht und Freude trunken, Als die Hand im Liebesfeuer Meine Brust, die zarte, drückte, Als ich nicht zu schelten wagte, Nur in deinem Blick versunken? Wenn ich küssend bitte: laß den Glauben fahren, Liebster, thu' es! O so wirst du dich bekehren, Und wir finden Wonn' und Ruhe. Liebe nur sei unser Glaube, Und die liebenden Naturen Unsre Götter, wir in Liebe Ganz vereiniget und unser: Darf es dann der andern Götzen? Nein, mein Machmud gehe unter, Und du wirst auch bald vergessen Alle Dionysiusse! Erde, Himmel, Wälder, Quellen, Und einsame Felsenkluften, D'rein ein Lager uns gebettet, Und in Armen wir verschlungen, Kinder, schöne, um uns spielend, Wir von Vogelsang umsungen – O was willst du noch, mein Liebster? Ja, du bist wie ich bezwungen. – Komm, Roxane, meine Freundin; Bist du wohl im süßen Schlummer? Roxane kommt. Roxane . Nein, Gebieterin, ich wache, Nahe eilend deinem Rufe. Marcebille . Kindchen, hör' und mögst nicht schelten: Dieser Ritter, der mich suchte, Ist der Herr meiner Gedanken, Wie er häßlich schien und dunkel: Kann ich's sagen, kann ich's nennen, Soll ich staunen, mich verwundern? Ach, mein Herz, du wirst es fassen, Denn vielleicht ist auch bezwungen Dein Gemüth, du wärst sonst nimmer Diese Schöne, Reizend-Kluge. Dacht' ich sonst an Mann und Liebe, An Vermählung, hatt' ich Furcht nur, Wild erschienen mir die Männer Und das Hochzeitbett zum Wunsche Nicht für junge zarte Mädchen, Nur ein Schrecken jeder Jungfrau; Wie vor gift'gem schlimmen Pfeile Floh ich weg vor jedem Kusse, Jede Liebkosung von ihnen Schien mir Schönheit zu verwunden: Ach, es war so! denn für ihn nur Schützt' ich meiner Schönheit Blume, Meine Lippen, meine Augen Ihm nur aufbehalten wurden; Und mein Herz und die Gedanken Harrten in Andacht der Stunde, Als Gedanken, Herz und Sinne Wurden Eine Liebeswunde, Darein sein geflügelt Bildniß, Seine Worte, süß erklungen, Seiner Blicke lichte Sprache Sich im liebetrunknen Blute Tauchen und im Glanz erheben Und in Liebe sinken unter: Fühlt' ich des Geliebten Hand doch, Seinen Liebes-Druck, den stummen Kuß, mit Hingebung an meinem Jungfräulichen Leib, und Kuß und Druck und Blicke, süße Rede, Alles, alles war mir Unschuld. Roxane . Wer ganz und vertrauend liebet, Tief versenkt im Liebesmuthe, Darf nicht zittern, darf nicht zagen, Will er, ist ihm Sieg gelungen, Was unmöglich scheint, gelinget, Darum folg' dem Herzens-Zuge. – Sieh, Geliebte, wie der Morgen Sich empor schon hebt so blutig, Wie die Sonne sich verkündigt In den schimmervollen Fluren. Marcebille . Käme er so mit der Sonne, Wie die Sonne golden, purpurn, Tauchte er vom nahen Hügel, Träte aus des Waldes Dunkel! Roxane . Wenn er liebt mit treuem Sinne, Wecken ihn des Morgens Gluthen Und ein Sehnen treibt ihn mächtig Auf den Flügeln seines Wunsches, Denn kein angezündet Herz Widersteht dem Liebessturme. Marcebille . Reiche mir mein allerschönstes Kleid von tiefem dunkeln Purpur, Darauf glänzend reich von Golde Eingewirkt die hellen Blumen, Gieb auch mir das Diadem Von Rubinensteinen funkelnd, Und die Ohrgehänge, glänzend Freudenthränen gleich, den Schmuck dann Reich' um Hals und weiße Brust, Der sich ringelt um die Schultern: So will ich zu meinem Vater, Wie die Kriegesgöttin blutig, Die nach Raub und Tod hineilet, Wie der rothe Morgen purpurn, Der den schönsten Tag verkündet, Wie die Rose auf den Fluren Wenn sie sich im Thaue badet Und auf Blättern Perlen funkeln, Und das Ohrgeschmeide schüttelnd Sie benetzt die kleinen Blumen: Wie die Liebe will ich wandeln, Brennend, so wie der Karfunkel, Ach, sie sagen, daß er schmilzt Wird er mit Lorbeern umwunden, So zerschmilzt mein Herz dem Helden. – Liebste, folge meinem Zuge. sie gehn ab. Zelt des Sultans. Der Sultan , Alamphatim , Lidamas , Arlanges , Gefolge. Kriegsmusik. Alamphatim . Wie der rothe Morgen glühet, Und die purpurrothen Fahnen Schwingt in seinen goldnen Bahnen, Goldne Funken nieder sprühet, Daß die Wälder Röthe trinken Und die Blumen auf der Au Frisch gebadet in dem Thau Ihre Wangen lieblich schminken, So erhebt sich ein Getöne, Und begrüßt die neue Sonne, Daß sie dich mit Lust und Wonne, Ruhm und Glorie bekröne. Horch, wie fröhlich die Trompeten Rufen, und der Zymbeln Klang Sich vermischt zu dem Gesang, Und die liebevollen Flöten Ihren Ton drein klingen lassen: Doch noch finster ist dein Blick Und du willst im Mißgeschick Noch dein stolzes Herz nicht fassen. Der Sultan . Ja, es sind mir diese Stunden Ohne Schlaf und ohne Schlummer Nur im regen wachen Kummer Und in Zorn und Gram verschwunden. Arlanges . Seht, wie aus dem rothen Feuer Sich ein blanker Reuter hebt, Sein schwarz Roß aufbäumend strebt Wie ein wildes Ungeheuer, Und halb zürnend und halb schmeichelnd Sänftigt er das stolze Thier, Aus dem Sattel steigt er hier Seines Rosses Nacken streichelnd. Einen Oelzweig trägt er grün, Seine Rüstung glänzet reich Und ein Wappenrock zugleich Roth darüber, er blickt kühn, Nahet, weil er schon erkannte Auf dem weiten großen Feld An der hellen Pracht dein Zelt Und er scheint ein Abgesandte. Florens tritt ein mit einen Oelzweige. Der Sultan . Was ist, Gesandter, von mir dein Begehren? Florens . Willst du, o Sultan, alles was ich sage, Auch ohne Zorn, im linden Muthe hören? Der Sultan . Ich will, darum zu reden kühnlich wage, Dich soll kein Held im Lager hier versehren. Florens . Vernimm dann den Befehl und die Anklage, Sei gütig, zornig, wie es dir mag dünken, Auch fürcht' ich nichts, wenn Schwerdter um mich blinken.     So wisse denn, der Gott, der für die Sünder Den schnöden Tod am bittern Holz gelitten, Der Christus, der für die geliebten Kinder Mit Schmerz und Tod und Hölle selbst gestritten, Er und mit ihm Maria auch nicht minder, Die heil'ge, ew'ge Jungfrau, deren Bitten Des Kindes Zorn in süße Sanftmuth lenken, Werden uns Christen Heil und Stärke schenken.     In dem Vertraun, und in dem sichern Schirme Des heil'gen Dionysius, läßt der König, Mein Dagobert, dich fragen, was sich thürme Dies Heer um seine Mauern, das ihm wenig Nur dünke und verächtliches Gewürme, Denn schlagen wird durch uns dich dieser König Und alle Zelte, die hochmüthig schimmern, In Staub hinwerfen und in Asche trümmern.     Drum wirst du alsbald dich zu ihm verfügen, Um Rechenschaft von deinem Thun zu geben, So mag er wohl den strengen Zorn besiegen, Großmüthig schenkt er dein verwirktes Leben; Doch wirst du dich nicht bittend vor ihm schmiegen, Magst du nachher vor seinem Zorn' erbeben, Nichts fruchtet mehr ein allzuspät Erkennen, Ein Beil wird dann dein Haupt vom Rumpfe trennen. Der Sultan . Ruchloser! Ehrvergeßner! diese Hand, Dies Messer soll die freche Zunge lähmen! wirft einen Dolch nach ihm. Florens . Dein spitzer Dolch fuhr hierher in die Wand. Du solltest dich dieses Beginnens schämen. Hast du nicht meine Bothschaft anerkannt? Der Sultan . Recht hast du, Christ, ich will den Zorn bezähmen, Gesandten soll man frei Gehör verleihen, Auch wenn sie schmähend unser Ohr entweihen.     Das Glück hat meinen Wurf noch abgelenket, Er soll dir auch zum Schaden nicht gereichen, Der edle Dolch sei dir von mir geschenket Als meines Unrechts, meines Fehlers Zeichen, Und wenn dein Herz, wie ich, Versöhnung denket, So freust du dich des schönen Griffs, des reichen, Den theure, köstliche Gesteine zieren, Du wirst ihn gern in deinem Gürtel führen.     Doch deinem König sage: nimmer stillen Könnt' ich mein Herz, bis ich den frechen Hohn An ihm gebüßet ganz nach meinem Willen, Denn er verliert den angemaaßten Thron, Sein Blut muß weit das flache Feld erfüllen, So wird ihm der verdiente schnöde Lohn, Wenn er nicht will zu meinem Glauben treten Und Machmud, unsern edlen Gott, anbeten. Marcebille tritt ein mit ihren Jungfrauen. Der Sultan . Doch hier kommt meine Tochter, keiner zürne, Ich freue mich, wenn sie mein Auge sieht. Florens für sich . O Himmel! wie beim Schein von dem Gestirne Mir alles Blut von meinem Herzen flieht, Wie dieser Mund, die Augen, diese Stirne Magnetisch meine Blicke nach sich zieht, Und heißes Blut in meine Wangen treibt Und alle Lebensregung stehen bleibt. Marcebille . Wie konnt' ich wohl, um dich zu sehen, säumen? Der Sultan . Ja, ich erkenne deines Herzens Sehnen. Marcebille für sich . O Lust und Freude wird nun überschäumen, Ausbrechen in den Strom der heißen Thränen! Wie? Ist es Liebe? Ist es nur ein Träumen? Seh' ich ihn selbst? Ist es ein eitles Wähnen? Vielleicht hält nur mein zitterndes Verlangen Ein täuschendes Phantom vor mir gefangen. –     Du weißt, mein Vater, schon, was ich gelitten, Wie ich entflohen kaum noch einem Frechen, Ja, du erhörst gewiß mein innig Bitten, An diesem wilden Räuber mich zu rächen. Der Sultan . Für dich und Machmud wird der Kampf gestritten, Ihr Uebermuth soll bald in Stücke brechen, Kein Heil soll dieser Brut, der schnöden, tagen, Denn Hunger, Schwerdt, Krieg wird um sie geschlagen. Marcebille für sich . Ich muß nun sprechen, Schweigen ist zu bitter. Florens für sich . O wie die Blicke mir am Herzen saugen, Ich sinke um in diesem Angstgezitter, Ich trage nicht das Lächeln dieser Augen. Marcebille . Sage mir, Christ! kennst du nicht einen Ritter, (Doch mag er wohl zu keinem Ritter taugen) Der gestern unsern Tapfersten erschlagen? Von diesem magst du mir wohl Nachricht sagen.     Denn nie stand je zum Manne mein Begehren Als nur zu diesem, um ihn zu bestrafen, Wird mir mein Wunsch nicht, muß ich mich verzehren In Sorge, denn die Noth läßt mich nicht schlafen, All' meine Freuden mußten sich verkehren Seit seine Blicke meine Augen trafen, Nicht ist es nur der Mord, daß ich so klage, Ein andres Leid ist's, das ich in mir trage.     Er wagte alles, und ein schlimmer Kuß, Der meine jungfräulichen Lippen rührte, Macht nun, daß ich so nach ihm schmachten muß, Weil er mir Ruhe, Schlaf und Lust entführte; O würde mir durch Machmud der Genuß, Daß ihn das Glück in meine Arme führte! Für den erschlagnen König, dies Erfrechen, Für meine Angst wollt' ich mich an ihm rächen. Florens .     Ich kenne diesen Ritter und mir gleichen Soll er in Gang und Stellung und Geberde, Er muß um dich von mancher Noth erbleichen, Er sucht nur dich auf aller weiten Erde, Er zagt nicht vor Gefahren, vor den Streichen Des Glücks, daß ihm dein klarer Anblick werde, Und kaum beglänzt das Morgenroth die Auen, So zieht er aus, dein Angesicht zu schauen.     Seit ihm der Himmelsglanz in diesen Mienen Aufging so wie ein neues Morgenroth, Ist seinem Leben auch ein Stern erschienen: Doch leidet er darum am meisten Noth, Daß du nicht so wie er dem Gott willst dienen, Der liebevoll um uns erlitt den Tod, Er hofft, du wirst den Götzendienst verlassen, Dann erst wird dich die höchste Lieb' erfassen. –     Dir, Sultan, hab' ich nichts zu sagen mehr, Ich scheide und im Feld sehn wir uns wieder; Dein Hohn der Christenheit verdrießt mich sehr Und ich vergelte dir ihn warlich wieder, Dein Leben liegt in meinem kühnen Speer, Die Spitze bohrt dich in den Sand darnieder, Wenn du nicht deine Götzen lässest, ehren Den Christ willst, der dich gnädig mag bekehren. geht ab. Der Sultan . Wie? Das ist ein böser Bube, Kein Gesandter, wie ich glaube! Eilt ihm nach, ihm nach geschwinde, Bringt mit abgeschlagnem Haupte Trost und Hülfe meinem Herzen, Die der Bösewicht mir raubte! Arlanges . Ihm nach eil' ich, wie vom Bogen Stürzt der schnelle Pfeil und schauen Soll er sein Verderben plötzlich Und bereuen, was er dräute. ab. Alamphatim . Hundert Bogenschützen, Krieger Sollen folgen, und zum Raube Sei er ihrem Grimm gegeben, Zittern soll er, bitten, schaudern, Aber keine Hülfe komme Seiner Todesangst, dem Grauen. Lebe wohl, geliebter Bruder, Lebe wohl, schönste der Frauen, Alsbald steig' ich auf mein Roß, Das in keinem Laufe strauchelt, Das das schönste nach dem deinen, Das zu keinem Kampfe zaudert, Meine Lanze führ' ich mit mir Und ich kehr' mit seinem Haupte. ab. Der Sultan . Bleibe, Lidamas, im Zelte, Jene sind genug dem Dienste. Schon seh' ich im fernen Streit sie Und im hitzigen Getümmel: O, verleihe ihnen Kräfte, Theurer Machmud, güt'ger Himmel! Doch sie haben Kraft genug, Ihrer hundert zu zertrümmern. Lidamas . Unkenntlich, in Wolken Staubes, Seh' ich nur die Waffen schimmern, Hier ein Drängen, dort ein Rennen, Welche von den Unsern fliehen, Und die Sonne blendet, daß wir Merken keine Unterschiede; Aber schon trennt sich der Haufen, Ein'ge dorthin, andre hiehin Weichen und es blitzt die Rüstung In der Morgensonne Glühen. Da reißt sich ein Reiter vor, Andre folgen ihm, es sprühet Hinter ihrem Hufschlag Feuer, Also scheint der Staub hochfliegend, Und sie nahen unserm Lager, Ja, sie sind es, deine Diener, Und Arlanges schnell vor allen Tritt herzu, dir anzukünden. – Arlanges herein. Arlanges . Herr, wie soll ich reden, sprechen? O wie find' ich nur das Wort? Und ich fürchte, schweig' ich, red' ich, Deinen wildentflammten Zorn. Ihm nach eilten wir im Fluge, Spornte jedermann sein Roß Und einholten wir geschwinde Ihn an jenem wald'gen Ort. Unerschrocken stand der Ritter, Und so mancher Bogen schoß Und so mancher Spieß gezückt ward, Schien es alles nur ein Spott, Denn sie trafen seinen Panzer, Flogen ab vom blanken Gold Und es schienen alle Götter Nur dem Bösewichte hold: Unsre stärksten Krieger stach er Von den Pferden, wie er spornt In's Getümmel, wüthig drängend, Schlug er hier und schlug er dort; Um ihn lag das Feld bestreuet, Hier ein Arm und dort ein Kopf, Der Verwundeten Geächze Schlug graunvoll an unser Ohr. Mich stach er im Fluge nieder Und ich stürzt' zusammt dem Roß; Und doch, weißt du, bin ich immer Sonst des Sieges nur gewohnt: Nun heran gesprengt dein Bruder Auf dem Pferde, das hervor Sich mit Muth und Kühnheit dränget, Wie es immer trotzt dem Tod, Denn es ist dies Roß das theurste, Stärkste, muthigste, geht vor Allen andern, außer deinem: Und Alamphatim, der hoch Seinen Speer trug, senkt' ihn nieder, Rennt und hat den Schild durchbohrt Seinem Feinde, der den seinen, Jedes Pferd sprang wild empor, In dem Sattel blieb ein jeder, Ihre Stärke war erprobt, Und sie griffen zu den Schwerdtern, Und es hallte laut der Ton Von den Klingen, von der Rüstung, Keiner da des andern schont, Aber plötzlich stürzt dein Bruder, Alle stürzten mit ihm wohl, Denn das Haupt war ihm zerschmettert Und der Christ nun zu sich zog Jenes gute, theure, muth'ge, Schöne, weltberühmte Roß, Auf dem er so wie ein Adler Ueber Feld, durch Waldung flog, Und wie sehr wir alle eilten, Ward er doch nicht eingeholt. Der Sultan . Nun genug, genug der Rede! O heillose, bittre Ankunft Jenes schändlichen Verräthers! Läg' er doch im tiefsten Abgrund! Meine Streitaxt her den Händen! – Sieh, du böser, schlimmer Machmud, Damit schlag' ich dir dein Haupt: Beßre dich nach der Entartung! Mußt du jenem Hülfe leisten Und dem Bruder folgt Ermattung? O, ich möchte dich zerspalten, Denn du handelst wie ein Schandbub, Lügst und trügst und hintergehst uns! Was hilft nun das Gold, die Anmuth, Alles, was ich an dich wandte, Und der kostbar reiche Anzug? Willst du nicht im Guten helfen, Sieh, bekömmst du solche Nahrung! – Nun, ihr Krieger, nicht gesäumet, Alle, alle zur Versammlung! Daß wir uns berathen endlich Zur Vertilgung dieser Schandbrut! – sie gehn ab. Marcebille . Glücklich ist er doch gerettet, Ja, er ist zum Glück erlesen, Wäre er nicht mehr gewesen, Wär' auch mir mein Grab gebettet, Denn es ist mein Herz gekettet Nur an seinen Worten, Blicken, Diese müssen mich beglücken, Oder es ist auch mein Leben Mit dem seinen hingegeben, Tod für ihn ist auch Entzücken. Der Sultan kommt zurück. Der Sultan . Nein, ich kann nicht Ruhe finden! Ha! was kann ich noch gewinnen? Hoffnung, Trost und alle Sinnen Wollen jezo mir verschwinden. Marcebille . O mein Vater, zu verkünden, Darf ich es, dir anzusagen, Wie uns Hülfe würde, wagen? Um an jenem wilden, frechen Räuber uns sogleich zu rächen, Der den König uns erschlagen? Der Sultan . Sprich, mein Kind! was kannst du meinen? Marcebille . Laß mit allen meinen Frauen Uns ein Lager auf den Auen Ferne von dir setzen, deinen Rittern gieb Befehl, erscheinen Wird sodann, der mich geraubt, Weil er mich verlassen glaubt; Alsbald ruf' ich deine Krieger Und sie bringen von dem Sieger Dir das unverschämte Haupt. So ist er nur zu erwerben, Denn gewiß nur durch Magie Konnt' er jenen schlagen, nie Mocht' er sonst den Sieg erwerben: Dieser Riese sollte sterben, Sich mit seiner Macht nicht fristen Vor dem einzeln schwachen Christen? Dann kommt er im Uebermuth Und es kostet ihm sein Blut, Er erlieget meinen Listen. Der Sultan . Liebste Tochter Marcebille, Könntest du durch solche Thaten Deinen Vater wohl verrathen, Daß sich alles Leid erfülle? Nein, es werde dir dein Wille, Ich will deinen Worten glauben, Keine Zweifel sollen rauben Diese Lieb', die mir verwandter, Denn es wohnt kein Herz vom Panther In der Sanftmuth frommer Tauben. Was auch könnt' ich noch verlieren, Wenn die List und niedrer Trug Dieses Herz, das mir sonst schlug, Also schnell könnten entführen? Finden wir doch bei den Thieren, Die in Mord den Blutdurst kühlen, Treue Liebe, edel Fühlen In der tauben öden Wildniß; Und es sollte dieses Bildniß So nach meinem Leben zielen? geht ab. Marcebille . Wie bekümmert, wie bedränget, Sind nun alle meine Geister. – Ich bin meiner selbst nicht Meister, Folge dem, wie es verhänget. – Ach, wenn ihr uns nie bezwänget Holde Wünsche, höchste Liebe, Wären nie uns keine Triebe Nicht zum Bösen, nicht zur Tugend, Einsam, ohne Licht die Jugend, Ohne Muth und Leben bliebe. –     Vierter Akt. Lager der Marcebille an der Seine. Marcebille , Roxane , Lealia . Marcebille . Seht die Wasser, wie sie gleiten, Und sich in der Fluth die Bäume Still beschauen, gold'ne Träume Seh' ich durch die Wolken schreiten. Wie die Wogen ringend streiten, Sich entfliehen und vereinen, Spielen mit den Widerscheinen, Und die Blumen roth und gold Sich bespiegeln, und so hold Thau in diese Wellen weinen! Roxane . Ist es nicht ein Liebesringen? Welle hascht die flücht'ge Welle Und sie lacht so fröhlich; helle, Glänzend sie sich all verschlingen, Alle liebend sich durchdringen, Im Ergötzen lieblich spielen; Wie sie durch einander wühlen Scheint der reine blaue Himmel In das hüpfende Getümmel, Seine Wange abzukühlen. Lealia . Also spiegelt Liebestreue Sich im wechselnden Empfinden; Die Gefühle kommen, schwinden, Manche fliehen, so wie scheue Reh' im Walde, kindlich neue Schauen ferne bang zurück: Doch des Herzens Liebesblick, Sieht, wie auch die Bilder fliegen, Siegen diese, die erliegen, In dem Wechsel nur Ein Glück. Marcebille . Darum wechselt nur Gedanken, Wie ihr wandelt in Gestalten, Weiß ich eins doch fest zu halten Ohne Wandel, ohne Wanken. Roxane . Denn nie darf der Glaub' erkranken, Glaube ist das Element, In dem siegreich Liebe brennt. Lealia . Und des Herzens reinste Bläue Klärt sich hell und heller, Treue Sich in Liebe nur erkennt. Roxane . Einst, es war ein schöner Abend, Sah ein Mädchen aus der Weite Ueber dunkel grüne Wiese Einen edlen Ritter reiten: Ist er's wohl, den ich erwarte, Ist es meine Herzensfreude? Marcebille . Was beginnst du und was singst du? Dieses Lied ist mir noch neue. Roxane . Eben jezt hab' ich's ersonnen. – Ja, er kommt zum milden Streite; Seht die schöne goldne Rüstung, Daß ihm Liebe Sieg verleihe! Ja, du bist es, ich erkenne Die Gestalt nun ohne Zweifel. Marcebille . Drüben an dem Wasser halten, Schau nur hin, zwei edle Reiter. – Geh alsbald, flieg' hin zum Ufer, Winke mit der Schärpe eilig, Denn er ist es in der Rüstung, Die wir sehn herüber leuchten. Roxane ab. Lealia . Soll er in der Fluth versinken, Vor den Augen dir erbleichen? Marcebille . Wenn er liebt, trägt ihn die Woge Wie auch tausend Fluthen reißen. – Sieh, schon stürzt er sich hinunter Und der Fluß erschrocken schäumet, Und sie schwimmen dreist herüber, Und es kommt der kühne Streiter, Ach er weiß, er findet sichre Und ihm hoch erwünschte Beute, Dieses Herz klopft ängstlich schon, Ein gefangnes Wild, vor Freude. Roxane zurück kommend . Schnell durchschwimmen sie die Wogen, Diese kühnen Fremden beide, Und sie nahn dem grünen Ufer Und das Roß find't Blumenweide, Zu den Zelten treten sie Froh gemuthet, lieblich heiter. Florens und Bertrand kommen. Florens . Endlich seh' ich diese Augen, Endlich wieder nach dem Scheiden Und das liebste Glück weht spielend Wonne mir nach Angst und Leiden: Ach, Geliebte, kannst du fühlen, Welcher Schmerzen Tod im Meiden, In der Trennung mich durchbohren? Welche bittergift'gen Pfeile? Lippen, seid ihr noch geröthet? Blühen noch die süßen heil'gen Küss' und all' die Liebesworte Auf den Knospen, die getheilet Himmelswonne roth ausathmen, Lachend dann zusammen eilen Und im Lächeln selbst sich küssend So holdselig still verweilen? Marcebille . Mein Geliebter, leg' den Helm ab, Daß du magst dein Antlitz zeigen, Lege von dir diesen Harnisch, Denn du darfst nur etwas weilen. O so seh' ich dein Haupt wieder, Und die braunen Locken seiden, Wie sie meiner Hand sich krümmen, Und die Finger liebend streicheln, Ach, ich möchte deinen Wangen, Deinen Augen ewig schmeicheln. – Florens . Und die Lippen sollen schmachten, Nicht zum rothen Brunnen steigen, Wo die Küsse Nachtigallen Sich in dem Gesang vergleichen? Roxane . Geht hinein zum innern Zelte, Da wohnt Ruhe, stilles Schweigen, Da mögt ihr die Worte finden Ungestört und ohne Zeugen, Dort mag wie vom Baum die Blüthe Kuß auf Kuß von süßen Zweigen Fallen und die Einsamkeit Furcht und Zögerung verscheuchen. Marcebille und Florens ab. Lealia .     Von dem Abendhimmel Schweigen     Sinkt herab, nur furchtsam rauschen     Blätter, wie sie Küsse tauschen,     Aus den rothen Wolken steigen     Liebend Entzücken,     Rother Lippen Wangen helle Gluth,     Und es regnet nieder von dem Aether goldnes Blut, Alle Wesen, alle Herzen, alle Sinnen zu beglücken. –     Und die Erde süß umfangen     Glänzt und giebt die Küsse trunken     Wieder, die auf sie gesunken,     Und entbrannt ganz in Verlangen     Beben die Hügel,     Holde Sehnsucht, süß Erfüllen zwingt     Alle ihre Lebensadern, und die Liebe dringt Durch die ganze Seele, Aether breitet um sie blaue Flügel. Roxane . Nein, wir müssen Wache halten Gegen Fremde, gegen Feinde. Bertrand . Wie ich deiner immer dachte Und mein Auge um dich weinte. Roxane . Riesen tödten wäre besser, Freilich ist das Weinen leichter. Bertrand . Spotte nicht, du liebe Rose, Meines Herzens, meiner Leiden. Lealia .     Wohin rennt ihr, liebe Wogen, Uebereilt euch im Gedränge, Wohin wird die volle Menge Dieser Wellen denn gezogen? – »Quellen haben uns erzogen Und der Strom hat uns genommen, Etwas haben wir vernommen, Von den heil'gen Meerestiefen, Wo uralte Wunder schliefen, Wären wir dort angekommen!«     Wohin Seufzer, Liebesblicke? Wohin aus der rothen Pforte Zartgeflügelt Liebesworte? – »Keiner halte uns zurücke, Ach, es giebt ein ewig Glücke Unergründlich, aus dem Bronnen Sprangen Sterne, Mond und Sonnen, Dieses sehnende Verlangen Hat vom Liebesgeist empfangen Und die Welt als Kind gewonnen.« Roxane . Mein Geliebter, ich erkannte Dich alsbald mit aller Freude. Bertrand . So laß diesen milden Kuß Allen Zwist bei uns vergleichen. Roxane . Die getheilten Lippen können Nie was sich getheilt vereinen. Bertrand . Du sprichst wahr, denn nach dem Kusse Will das Sehnen heller scheinen. Lealia . Heilig, reine, milde Fluth, Kind der Liebe, klares Wasser!     Als die neue Welt dem Zorne War im ersten Sein erstarret, Alle Kräfte ihr entflohen Und ihr innres Herz erkaltet, Schwebte sie ein harter Leichnam Durch die leeren Himmelsbahnen, In sich keine Lebensgeister, Ueber sich nicht Sternverwandten. Und es regte sich ein Schmerz, Liebe ganz und ganz Erbarmen, In den allerreinsten Himmeln, Legte sich wie weiche Arme Um den stumm gewordnen Busen Und das Herz drinnen erwarmte: Und es fühlte erst ein Zittern, Dann ein tief erbebend Bangen, Und es riß sich von der Furcht Und dem ungewissen Zagen, Gab sich ganz und voll dem Schmerz hin, Daß umher nur Todten-Halle, Alle Jugend ihm entschwunden Und die Lust hinweg, die alte. Wie die Welt in Schmerz und Wehen, Und Erinnerungen kamen, Und die Himmelsliebe außen Sie noch sanfter, weicher faßte, Wollt' sie sterbend ganz vergehen; Und die starren Riegel sprangen, Und den harten Tod zerriß Nach dem Tode das Verlangen, Heil'ge Liebesthränen, süße, Aus der innern Tiefe rannen Ueber das erblaßte Antlitz, Ueber die entstellten Wangen; Und im Schmerz entzündete Sich die Freude plötzlich, brannte, Und das Licht flog schnell empor, Kehrte wieder und umarmte Sie, die liebe arme Mutter Und das Kind, das heil'ge Wasser: Blumen, grüne Kräuter sproßten, Ströme flutheten und brachen In das Meer, das neu geboren, Und Gestirn' in goldnem Glanze Sahen liebend hoch hernieder, Sonne mit dem klaren Antlitz, Mond mit seinem stillen Troste, Kleine Lichter magisch wandelnd, Blumen in der blauen Tiefe; Und die Thiere waren alle Schon in Lebensregung, endlich Kam der fromme Mensch gegangen, Und die Thiere und die Steine, Und die Fische und die Pflanzen, Und die Sterne und die Lichter, Und die Menschen betend dankten Dem Erzeuger, heil'ges, reines, Frucht erregend klares Wasser. Roxane . Sieh, wie schon die goldnen Sterne Aus dem dunklen Himmel keimen. Bertrand . Möchten sie im blauen Strome, Tief in seinem Bette weilen. Roxane . Wie die Schatten aus dem Himmel Ueber Berg und Waldung schreiten! Bertrand . Ach, du könntest meine Wunde, Wolltest du, auf immer heilen. Florens und Marcebille kommen. Florens . Ja, du bist nun mein und ewig Bin ich dir getreu, dein Gatte, Scheiden muß ich, aber bald auch Wiederkehren und so wandelt Schmerz in Lust sich, Lust in Leid; Keimt doch alle Lieb' aus Jammer, Nimmt aus ihr die ersten Thränen, Und von ihren süßen Quaalen Ihre ersten Freuden: denke Meiner, wenn du einsam harrest. Marcebille . Und du gehst? du mußt zurück? Laß mich bald von dir erfahren. Florens . Ja, Geliebte, wie ich erst Es schon im Gespräch bedachte, Deinen Vater muß im Kriege Ich erwerben zum Gefangnen, Dann kann er es nimmer hindern, Dann kann er es nicht mehr tadeln, Daß du Christin bist und mein. Marcebille . Leicht ist dieses nicht zu wagen. Ja, wenn man ihm erst entwenden Pontifer, sein Roß, vor allen Könnte! Denn vernimm das Wunder, Wie es um dies Roß beschaffen: Schwimmen kann es wie ein Fisch Auf der Tiefe, in dem Wasser, Ueber Meere kann es fließen Und ihm fehlt nicht Kraft und Athem, Rennen kann es wie der Wind, Keiner kann es rückwärts halten, Kein Roß war, das schnellste selber, Einzuholen dies im Stande. In der Schlacht, die bald wird sein, Komm' mit einem Schiff und lande Heimlich hier, führ mich hinweg, Daß ich leb' in deinen Armen. Denn ich muß es fast befürchten, Daß mein Vater Argwohn fasset; Wenn er unsre Liebe merket, Dann sind wir dem Tod verrathen. Florens . Siehe, wie die Sterne spiegeln Und der Mond, der lichte, klare, In dem Strome, Ufer, Bäume, Wolken buntgefärbt im Glanze, Alles wogt im Widerscheine Wunderlich mit den Gestalten: Dies ist Bildniß meines Herzens, Voll von Lichtern, Ton und Farben, Lieblichen Gesängen, Wünschen Und von Liebe Widerhallen, Die Erinn'rung, und vom Abschied Still dazwischen große Schatten. Marcebille . Lebe wohl, du nimmst mein Herz mit, Denke drauf, wie du's willst halten; Ach, es folgen dir die Sinne, Alle Wünsche und Gedanken, Mir bleibt nur zurück die Sehnsucht Und das zitternde Verlangen: In den Strom hin wein' ich Thränen, Die aus meinen Schmerzen sprangen, Und das Wasser führt sie weiter, Wird ganz kleine Blumen machen, Die mit ihrem blauen Kelche Ach so rührend zu dir sagen: Du, vergiß mein nicht! vergiß nicht! Denke dran, wenn du sie sammelst. Florens . Und die Rosen werden mich Stets nach deinen Lippen fragen. Lebe wohl! schon tiefe Nacht Hält die Welt ringsher umarmet. ab mit Bertrand. Marcebille . Wie die Wogen kommen, gehen, So wird Schmerz und Leid verrinnen, Wieder soll ich ihn gewinnen, Meine Blicke werden sehen Ihn, den Ursprung meiner Wehen, Der jezt so von mir muß scheiden. Geht und wechselt, meine Leiden, Nach dem Dunkel kommt die Helle, Murmelnd sagt mir jede Welle: Nach den Leiden folgen Freuden. Saint Germain, die Matte. Clemens , Anton , die vor dem Hause sitzen. Clemens . Mein liebster, theuerster Gevatter, Glaubt nur, das ist ein dumm Geschnatter, Was ihr da in der Stadt vernommen; Ein sicheres Brod zu bekommen, Das ist die höchste Weisheit, Freund, Mir alles andre Thorheit scheint: Drum wünsch' ich noch so, wie zuvor, Der Claudius fänd' bei ihr ein Ohr, Die Frau Beata ist noch jung, Vermögen hat sie auch genung, Es käm' 'ne hübsche Summ' in's Haus. Nein, Claudius will nicht hoch hinaus, Er paßt nicht für den Ritterorden, Der Stand ist für ihn nicht geworden: Mit Florens, – je nun ja, da galt's, Doch bricht's dem Herrn noch mal den Hals. Anton . Ein jeder hat so sein Genie, Der junge Herr Claudius wird nie In Helm und Harnisch sich ausnehmen. Clemens . Glaubt mir, mein Freund, ich würd' mich schämen, Wenn ich den Sohn dazu gezeugt, Drum seid so gütig nur und schweigt. Als Bürgersmann leb' und erwerb' ich, Ein Bürgersmann auch bleib' und sterb' ich, Genung, daß mich mein König schätzt, Damit bin ich zufrieden jezt, Sorg' nicht um ungelegte Eier, Nachruhm und Ruhm gilt nicht 'nen Dreier. Anton . Seht nur, was geht denn da so närrisch, So launisch, ungehobelt, herrisch, So bucklicht, krumm und ausgespreißt? Clemens . Solch Thier man einen Narren heißt, Gevatter, wer dazu geboren, Trägt an der Mütze Eselsohren Und auch ein langes Kleid mit Schellen. Gar oft sich solche Männer stellen Als einfältige Schöps' und Rinder, Steckt aber dann ein Pfiff dahinter, Verborgne Weisheit, die den Fürsten, Die eben nicht nach Wahrheit dürsten, In goldnen Pill'n wird beigebracht, Mancher besinnt sich, wenn er lacht. Potz Wetter! ja, ich irr' mich nicht, Das ist dasselb' schnurr'ge Gesicht, Der Orientale, mein Bekannte, Der türkische Extra-Gesandte: Was macht der für eine Carriere! Ich dachte nicht, daß der hier wär Ein Hofnarr! Hornvilla kommt. Hornvilla .           Nun, mein lieber Clemens, Ich bin jezt ex professo demens Und werde dafür salarirt, Daß ich meinen Verstand quittirt, Und doch war das das klügste eben Was ich gethan in meinem Leben. Clemens . Curios ist euer Lebenswandel Und seltsamlich der ganze Handel, Den ihr im Lebens-Schauspiel treibt, Nie lang auf einem Punkt ihr bleibt. Setzt euch, nun setzt euch zu uns her. – Macht euch der Stand nicht viel Beschwer? (Trinkt doch ein Gläschen Wein mit mir) Denn ich gesteh', ich verginge schier Wenn alle über mich so lachten Und närrische Gesichter machten, Wenn ich so Ohren sollte tragen, Das paßte nicht für meinen Magen. Nein, Ehr' und Reputation Ist doch des Lebens höchste Kron. Hornvilla . Doch wenn auf'm letzten Loch ihr pfifft, Man setzt' euch vor Strang, Schwerdt und Gift, Ihr würdet euch von den Gerichten Gar gern zu diesem Stande flüchten: Denn keinen Ruhm und Ehre theil' ich Mit all dem Heldenvolk großmäulig, Und fräßen sie auch ganze Länder; Nein, glücksel'ger du Marketender, Der du bei einem vollen Glase Dir trinkst allmählig roth die Nase Und ferne von dem Schlachtgewühle Sitzest in deines Zeltes Kühle. Clemens . So mein' ich auch, denn das ist praktisch, Es gilt mir mehr ein einz'ger Backfisch, Den ich gebraten vor mir seh, Als alle Fische in der See. Hornvilla . Das ist es eben, was ich sage, Das Leben ist von Tag zu Tage Nur als 'ne Beute zu betrachten, Drum läßt sich keiner gerne schlachten. So hatten sie mich nun gefangen Und meinten gar, ich sollte hangen; Ich wehrte mich, schrie Weh und Zeter! Da sagt' ein Bischoff denn: Freund, geht Er Ab von den falschen Heidenlehren, Will sich zu Christ lassen bekehren, So wird man ihm noch gnädig sein. Topp! sagt' ich gleich, ich schlage ein, Ich war schon ehmals auf dem Wege, Ihr werdet noch die alten Stege Das G'leise finden im Gemüthe. Gleich lehrten sie mit Ernst und Güte, Von altvergessenen Geschichten, Wie man's Herz fleißig soll abrichten, Daß es wie'n Jagdhund schnüffelnd spürt, Unsichtbar Gut uns apportirt, Umschleicht und nach dem Himmel gafft, Wenn's Cherub, Engel merkt, aufblafft, So fallen auf die Nas' ihm Kronen: Und derlei alte Traditionen. Ich that, als wenn ich alles merkte Und mich im Glauben recht bestärkte, Ward drauf die christliche Gemeinde Vermehrt mit einem neuen Freunde. Es kam bald drauf Herr Dagobert, Er sprach: nun bist du doch was werth, Das wird dir deine Seele letzen, Mehr als das Dienen nicht'ger Götzen. Ja, sagt' ich, das ist nun mein Ruhm, Fatal ist mir das Heidenthum. Du wirst, sprach er, christlich beharren Und taugst nun schön zu meinem Narren So wie zum Feur der Salamander, Dann bleiben wir stets bei einander. Stand ist mir Stand und einerlei, Ich bin von Vorurtheilen frei; So wurde ich denn ordinirt, Vom Marschall als Narr eingeführt. Als er mich am Hof präsentirte Und eine Rede rezitirte, Hielt ich denn auch dabei die meinige, Gerührte Damen weinten einige; Ich sprach von Duldung und Aufklärung Und von der endlichen Gewährung Uralter Wünsche, wie die Stände Sich bieten sollten mehr die Hände, König, Narr, Staatsrath die Cultur Verbessern menschlicher Natur, Drum wollt' ich mein gering Vermögen So wie die arme Wittw' einlegen; Es muß doch jeder was Verstand Aufopfernd thun zur linken Hand, Will er dem Staate sein was nütze, Doch ich sei so in Wohlthuns-Hitze, Daß ich mein ganzes Capital Mit Zinsen eingelegt zumal. Da nannten sie mich Patriot, Ich wurde recht bescheiden roth. Clemens . Ihr habt ganz recht; doch wir hier sitzen So öffentlich, ich sah schon spitzen Die Mäuler manchen Rittersknecht, Der Diskurs ist mir nicht ganz recht. Ich weiß zwar wohl, Humanität, Duldung und andre Rarität Will, daß ich sehe auf das Herz, Allein das sitzt gar sehr inwärts Und auswärts hängen all die Schellen – Hornvilla . Adieu, ihr Spießbürgergesellen. O wartet nur, wenn Friede ist, Der Abend lang, zum heil'gen Christ, Werd't ihr euch nach der Decke strecken, Nach einem Narrn die Finger lecken, Ihn lock'n mit Wein, doch sicherlich Wer dann nicht kommt, glaubt, das bin ich. Clemens geht in das Haus, Anton ab, Kg. Dagobert tritt auf mit Gefolge. Kg. Dagobert . Wo bist du, Narr? Man sieht dich nimmermehr. Hornvilla . Ich hänge mich hier an den Bürgerstand, Denn der macht doch den Kern des Landes aus. O Bürgerglück! mein lieber, theurer Prinz, Das ist das höchste Loos, versuch's, gewinn's, Hier findet man Gefühl und Herzlichkeit, Treu, Biedersinn, Großmuth nach Fleischergewicht. Kg. Dagobert . Geh, Narr, ich habe dir verziehen alles Und hoffe, meine Gnade wird nicht mißbraucht. Hornvilla . Wenn ihr euch nicht gewöhnen könnt, daß Gnade Gemißbraucht wird, so steckt sie in die Tasche, Denn nur für Mißbrauch ist die Gnade da. Mißbrauch! ist auch ein Wort, das man oft mißbraucht. geht ab. Florens tritt aus dem Hause. Kg. Dagobert . Wie geht es euch, mein junger kühner Ritter? Florens . In eurer Gnade muß ich wohl gedeihn. Kg. Dagobert . Gehört hab' ich von euren kühnen Thaten, Von eurer Liebe, eurem Unternehmen, Und warlich, ohne Liebe, ohne Andacht Fehlt auch das Herz dem wahren Ritterthume. Fahr wohl, mein wackrer Jüngling, Frankreichs Hoffnung. Geht in das Lager, Susanne kommt aus dem Hause. Florens . Was ist euch, Mutter? warum weint ihr so? Susanne . Ach, liebster Sohn, du machst uns alle elend! Das ist ein Kreuz! das ist ein Jammer! Ach! Auf meinen alten Tagen das erleben! Du bist nun Ritter, thust so wackre Thaten, Hast Riesen umgebracht, hast Prinzessinnen Zu Damen, gehst zum Sultan, sprichst mit Kön'gen, Das ist für dich wohl gut und nicht zu tadeln, Allein für schwache, alte, närr'sche Männer, Wenn die den Raps in ihre Köpfe kriegen, So wird der ganze Krieg, die Zurüstung, Das Wunder all blamirt und Narrensposse. Florens . Was meint ihr, Mutter? Ich versteh' euch nicht. Susanne . Wie einen Kranken, der die Pest hat, sollte Man dich aus unserm Hause thun, du steckst Sie alle mit der Raserei noch an. Für mich zwar bin ich sicher, das weiß Gott, Und auch für unsern Claudius wollt' ich stehn, Wir werden niemals schwärmen, wenn uns Gott Die Gnade nicht entzieht: allein der Alte, Der Clemens, – wie ein junger Haselant, So wie ein Kohlenbrenner, wie der Teufel, (Gott steh uns bei) steht er drinn in der Stube, Gesicht und Hände ganz mit Ruß gefärbt, Gekleidet in dem Pilgeranzug, wie er Vor zwanzig Jahren nach Jerus'lem ging Und dich, du Unglückskind, nach Frankreich brachte, So will er fort, will zu den Heiden hin. Florens . Allein weshalb? Susanne .                           Weshalb? Du kannst noch fragen? Hast du ihm nicht von einem Bestienpferd, Der Mißgeburt, dem Pontifer, erzählt? Zu Kopf ist's ihm gestiegen, er will fort, Hin will er, um für dich das Pferd zu stehlen. Clemens kommt aus dem Hause in Pilgerkleidung, Gesicht und Hände geschwärzt. Clemens . Seh' ich recht heidnisch, mohrisch, grimmig aus? Gewiß, Herr Ludwig würd' sich vor mir fürchten. Florens . Doch, lieber Vater, wißt ihr, was ihr wagt? Clemens . Seid alle still und redet mir nichts ein, Mir ist der Kopf ganz warm von dem Projekt Und wenn mir einer lange bange macht, So geht's nur schief. Ja, Augen sollt ihr machen, Das Maul aufreißen, wenns gelungen ist! Ha ha! da will ich manchem Junggesellen Den besten Ruhm so vor dem Maul wegfangen. – Noch etwas hinken muß ich. – Geht's so gut? Nein, halt! nicht so, als wär ich lahm von Gicht, Nicht, wie besoffne Leute etwa wackeln, So recht wie angeboren, – ist's so recht? Florens . Ihr hinkt recht angenehm und recht natürlich; Doch wozu soll das? Es ist überflüssig. Clemens . 'Ne kleine Zugab nur beim Wagestück, Ein angenehmer Schnörkel, der nicht schadet Und mir doch nutzt, denn wenn ich also lahm thu' Und keinen Augenblick das Hinken lasse, So thu' ich mir auch überhaupt Gewalt, Daß ich nicht aus der Rolle falle, solch Aeußres, zufäll'ges Ding bringt auf Gedanken, Aufmerksamkeit, und es hängt mehr von ab, Als man im Anfang denkt. Adieu denn beide! Florens . Wenn es gelingt, ist es ein großes Werk, Wenn nicht, so lös' ich euch vom Sultan aus. Clemens . Nichts! nichts! Doch paßt hübsch oben auf, Daß ich das Thor der Stadt auch offen finde, Wenn ich so angeras't im Laufen komme. ab. Susanne . Ach, wenn ich meinen Mann nicht wiedersehe, So leg' ich mich heut Abend in mein Grab. geht ab. Florens .     Gedanken, Bilder, süß Erinnern, Lüfte, Ihr Wolken ziehend, Vögelein im Singen, Wollt ihr mir jene Abendstunde bringen Zurück in meinen Sinn, die Blumendüfte?     Nun trennen mich nicht Felsen mehr und Klüfte, Die Liebe lieh mir ihre goldnen Schwingen Zu diesem liebsten einz'gen Gut zu dringen, Sie hob mich über Meere, Ströme, Schlüfte.     So schlage denn, mein Herz, nur frei und muthig, Dein Ahnden, deine Wünsche sind erfüllet, Die Sehnsucht deines Lebens ist gestillet.     Komm denn, o Schlacht! es brülle mir dein Rachen, Wie sehr du zürnest, will ich deiner lachen, Du trägst mein Glück in deinen Zähnen blutig. ab. Lager des Sultans. Der Sultan , Lidamas , Arlanges , Gefolge. Der Sultan .     Sieh, theurer Machmud, wie dein Haupt, das werthe, Vom goldnen Diadem und Steinen blitzt, Was erst mein Zorn in Liebe dir versehrte, Doch hast du mir verziehn die Bosheit izt, Wer hat wohl meinem Arm und meinem Schwerdte Von allen Göttern bis anher genützt, Wenn du's nicht warst, mein lieber, vielgetreuer? Drum sei für deinen Schmuck auch nichts zu theuer.     Gewiß wirst du mir meine Brüder rächen, Die jezt bei dir in deinen Reichen wohnen, Wir müssen nun die Macht Frankreichs zerbrechen, Mit unserm Fuße treten diese Kronen, Man soll nicht mehr vom Dionysius sprechen, Der Arm soll seinen Münster ohne Schonen In Staub hinstürzen, und von allen Zungen Sei, liebster Machmud, dir nur Preis gesungen. Arlanges .     Welch Pilgrim naht im weißlichen Gewande? Er grüßt hieher nach deinem reichen Zelt. Lidamas . Er scheint aus einem weitentlegnen Lande Und nach der Schwärze aus der heißen Welt. Arlanges . Er scheint kein Mann von Ansehn oder Stande, So wie er hinkt und Stab und Mantel hält. Der Sultan . Ruft ihn hieher, er scheint von vielen Jahren, Vielleicht mag ich von ihm etwas erfahren. Clemens wird herbei geführt. Clemens .     Ich muß, Großmächtigster, knieend anbeten Die große Größe – für sich. (Ach, was soll ich sagen? Dem fürchterlichen Kerle nah zu treten Mit diesen grimm'gen Augen! zu viel wagen Hieß doch mein Unternehmen; von gesäten Juwelen, womit dieses Zelt beschlagen, Bin ich geblendet, furchtbar ist der Schein, Vor all den Edelstein'n wird man selbst Stein.)     Großmächtigster, erhabenste Durchlaucht, Wenn man nur Glanz und Pracht und Würde sucht, Mein Seel! beim Machmud mein' ich, man nur braucht Zu gehn her in dein blankes Zelt, – – (verflucht! Ich weiß doch nichts, was recht zur Sache taugt, Das macht, des Mann's Gesicht ist zu verrucht.) Hier findet man den Glanz von viel Rubinen, Am furchtbar glänzendsten doch deine Mienen.     Ich habe manches Land auf meinen Reisen Gesehn, und manchen großen Potentaten, Doch keinen, den man also durfte preisen, Denn wie auch in der ganzen Welt die Staaten Regieret sind von Helden oder Weisen, Möcht' ich doch keinem je, dein Feind sein, rathen, Denn bist du doch die auserwählte Blume In Asia, Afrika, im Heidenthume.     Dein Werth ist auch von der Menschheit erkannt, Sie zittern all, willst du dein Haupt bewegen, – (Nur zu, nur zu, es geht ja ganz charmant, Ich werde, meine Seele, Ehr' einlegen –) Darum gehorchet dir so Meer wie Land Und keine Macht steht deiner Macht entgegen, Als nur Europa, das bezwingst du schon, Zuerst Frankreichs windbeutlige Nation.     Drum bist du auf des Meeres grauen Wogen Mit deiner reisigen und tapfern Schaar Zum Sturz des Christenthumes hergezogen, Dein Heer, so wie Meeres-Sand unzählbar, Hat Unbesiegbarkeit schon eingesogen Mit seiner Milch, drum siegst du, das ist klar. – (Gottlob! es geht ganz gut. Es ist doch viel, Daß mir so zu Gebot der schwülst'ge Stil.) Der Sultan .     So warlich uns die Sonne giebt ihr Licht Und so gewiß das Meer voll Wasserwellen, Bei meiner Macht! ich ruhe eher nicht, Bis ich verstummt der Christen hündisch Bellen, Durch meinen Mund der Geist der Welten spricht, Und so wie Pflanzen, Berge, Sterne, Quellen, Waldung und Meer und Sand und heiße Fluren Zu Machmud flehn, so solln's die Creaturen. Clemens .     (Der ist doch darin schon ein größrer Meister, Das macht die Uebung, die stärkt das Talent, Doch werd' ich auch mit jedem Worte dreister –) Mein Herr, wer einmal unsern Machmud kennt, Der achtet nichts die andern mächt'gen Geister, In ihm die rechte Quintessenz entbrennt, Wodurch die Geister ächte Geister werden, Was Sterne, Sonnen treibt und Meere, Erden. Der Sultan .     Du scheinst ein weiser Mann; wo bist du her? Clemens . Glorreichster, wenn es dir nicht unbekannt, Wie bei Aegypten fließt das rothe Meer, Dahinter liegt das Aethiopsche Land, Aus diesem reist' ich und sogleich die Queer Durchstreifte ich der Wüsten heißen Sand, Ganz Afrika, Nubien und Abyssinia, Chaldäa, Persien, Indien, kurz, ganz Asia. Der Sultan .     Warlich, du bist recht weit herum gekommen! Doch sprich, hast du von diesem meinem Zuge In meinen weiten Reichen nichts vernommen? Clemens . Gar viel, und es behauptet jeder Kluge, Europa sei so gut schon wie verglommen, Es liege ächzend schon im letzten Zuge, Sie alle schwörn auf deines Zwecks Erreichung, In edler tausendfältiger Vergleichung.     Du seist die Sphinx, mit einem solchen Räthsel, Kein Oedipus sei's zu errathen wacker, Du habst gebacken eine solche Prezel, Die keiner eß', zerr' er sich auch und plack' er; (Glaub nicht, daß ich dich also nur verhätschel,) In ganz Europa sei nicht der Nußknacker, Der die Nuß, die du bringst, biss' von einander Und wär er selbst der große Alexander. Der Sultan .     Wer bist du eigentlich nach deinem Stande Und welch Geschäft führt dich denn durch die Welt? Clemens . Ich habe Studien gar mancherhande, Auf die der Reiche und der Fürst was hält Und Kenntnisse, so ernste wie galante, Die bringen manchen schönen Thaler Geld, Und da ich weiß mich weislich einzuschränken, Kann ich noch Kunstverwandten manches schenken.     Ich bin Seiltänzer und Equilibrist, Ich wahrsage aus Tass' und auch aus Becher, Englischer Reiter, etwas Alchymist, Ein Improvisador und Riemchenstecher, Ein taschenspiel'nder Physikus, mir ist Es leicht, in Kleidern auszustopfen Löcher, Fettfleck' zu tilgen und in Luftballonen Zu fliegen zum Erstaun' der Nationen.     Vor allen doch ist meine Wissenschaft, Die edeln Steine nach dem Werth zu schätzen, Zu kennen eines jeden eigne Kraft, Und seinen Preis und Würde ihm zu setzen; Doch was am meisten mir den Vortheil schafft Und reichen Leuten, Fürsten, groß Ergetzen, Ist meine Wissenschaft von allen Pferden, Denn darin gleicht mir keiner auf der Erden.     Wie alt sie sind, weiß ich genau zu sagen, Die Fehler all' und ihre Tugend, Güte, Auch will ich wohl die größte Wette wagen, Genau ganz anzuzeigen Kraft, Gemüthe, Die Eigenschaften all, nach wie viel Tagen Vergeht des edlen Rosses schönste Blüthe, Und wann es endlich muß den Tod erleiden, Das weiß ich auf ein Haar zu unterscheiden.     Es wäre denn die eine einz'ge Sache, Das Pferd sei wild, daß es mich nicht ertrüge, Doch wenn ich darauf sitzen kann, so mache Ich alles, was ich sagte, wahr, und lüge Ich, biete ich mich gerne deiner Rache, Und wenn man mich mit Aexten dann erschlüge, Und würfe man mich auch in Pech und Schwefel, So wär das nicht zu viel für meinen Frevel. Der Sultan .     Es sei erprobt, denn ich hab' solch ein Roß, Dem alle andern Rosse müssen weichen, Es ist so schnell, daß es kein Pfeilgeschoß Vom stärksten Bogen kann im Flug erreichen, Mächtig, gewaltsam, majestätisch, groß, Ein scharf Horn auf der Stirne, dessen Streichen Schon mancher ist im Harnisch todt gelegen. – Führt Pontifer herbei, das Roß verwegen! –     Schaut hin, es wird gebracht! An güldnen Seilen Und silbern Ketten wird es festgehalten, Schaut hin und prüfet es, sagt ohne Weilen, Wann stirbt dies Roß, wann wird es wohl veralten, Sein Tod wär' eine Wunde mir, die heilen Nie könnte, was mir zwanzig Reiche galten, Das gilt mir dieses einz'ge edle Pferd, O nein, es ist mir über allen Werth. Clemens .     Das ist das schönste Thier, das ich je sahe, So glänzend hell und blendend weiß, wie Schwäne, – (Ich fürchte mich, der Bestie zu nahe Zu kommen, denn sie hat so weiße Zähne, Dabei das Horn! doch wenn ich es nun fahe, Ist die Ehr' um so größer – –), schön die Mähne, Und alles wunderseltsam an dem Thiere, Die Beine ohn' Tadel, alle viere. –     Dabei glänzt es von tausend Steinen blank, An seinen Ketten springt und tanzt es leicht, Es ist gebogen trefflich, voll und schlank – (Wem es mit diesem Horne eins verreicht Der wird in Lebenszeit nicht wieder krank –) Wie edel es die Mücken von sich scheucht, Wie es mit seinem hellen Zügel spielet Und unter sich kaum mehr die Erde fühlet! Der Sultan .     Nicht wahr? das ist ein Pferd? Es giebt so keines Als diesen Pontifer! O herrlich Thier! Clemens . Zeitlebens sah ich weit und breit nicht eines Von dieser Seltsamkeit und Größ' und Zier. Der Sultan . Nun, alter Vater, setz dich auf ein kleines. Ihr da, thut ihm die Sporen an allhier! Damit er sitzend Nachricht möge geben, Wie lange bleibt das edle Roß am Leben. Clemens für sich .     Nun kommt die Blume von dem Unternehmen. Könnt' ich fortfliegen doch mit Adlersschwingen! – O pfui, ich muß mich dieser Feigheit schämen. Courage, Clemens, denn es muß gelingen. O, Sanct Georg, Martin, wollet mich nehmen In euern Schutz, ihr wart in diesen Dingen Besser bewandert als ich armer Bürger, Auch fürcht' ich mich vor diesem Christenwürger. Der Sultan .     O Roß! du hast mein ganzes Herz gefangen! Wie tanzest du, wie ist dein Blick so klug! Je mehr man dich anschaut, so mehr Verlangen Hat man dich anzusehn! – Nun, Vater, ist's genug? Wollt ihr nicht jezt das Reiten bald anfangen? Clemens . Ob wohl das Roß noch nie von hinten schlug? Der Sultan . Es hat's nicht in der Art; nun macht geschwinde! Daß ich die Nachricht bald von euch erfinde. Clemens .     Sogleich will ich zu euren Diensten sein. ab. Der Sultan . Wie blitzt es um sich mit den Augen wild! – Der Alte scheint ein kluger Kopf und fein: – Es bäumt empor, – und wieder wird's gestillt – Ha ha! was fällt dir, Pontifer, denn ein? – Da schlägt er aus, da liegt das schwarze Bild, Der Pilgersmann – ha, ha! – im grünen Grase, Und ziemlich unsanft fiel er auf die Nase. Clemens kommt zurück .     Ihr lacht, durchlaucht'ger Herr! das war ein Schlag Ich dachte gar, der Himmel fiel herunter – Doch geh' ich jezt, ob ich euch sagen mag, Was ihr verlangt. ab. Der Sultan .               Wie hüpft er doch so munter! Ganz Auge bin ich und den ganzen Tag Könnt' ich die Kreatur ansehn. – Welch Wunder Sieht er, daß er's so aufmerksam beschauet? – Nun steigt er auf, er hat ihm schon vertrauet. – Clemens draußen .     Leb wohl, Sultan! ich danke für dein Pferd, Mein Stab und Pilgertasche bleibe dir – Der Sultan . Wie? Was? O gebt mir Bogen her und Schwerdt! Ist denn kein Gift in diesen Blicken hier? Mein Roß! Mein Roß! so kostbar und so werth! – Da fliegt es hin, – die Sinne schwinden mir – Mein Pferd! Mein Pontifer! Kleinod! Mein Schimmel! Der schwarze Dieb! – ha! stehst du noch, du Himmel? er stürzt nieder. Arlanges . Ihm nach und sucht ihn wieder zu gewinnen. Lidamas . Vergeblich, selbst der Wind holt ihn nicht ein. – Mein edler Herr! – Ich fürcht', es ist von hinnen Sein großer Geist! – Er ist so starr wie Stein. Arlanges . Er sieht um sich sein ganzes Glück zerrinnen, Wenn er's nicht fühlte, müßt' er ehern sein. Lidamas . Zurück schon kommen sie in Eil geflogen. Arlanges . Schnöd sind wir um den Pontifer betrogen. Reiter kommen zurück, der Sultan erhebt sich. Ein Reiter . Der Dieb ist mit der Beute in den Thoren Schon von Paris. Der Sultan .             Du wärst nicht schnell wie Feuer, Wenn andre dich einholten! O verloren Bist du mir nun, so wie mein Reich mir theuer! Doch recht geschieht mir alten blöden Thoren! – O Machmud, stummes, dummes Ungeheuer! – Nehmt ihm das Diadem von seinem Kopfe, – Was hält mich, daß ich ihn nicht ganz zerklopfe?     Doch nein, er ist nicht werth, daß ich die Hände Noch an ihn lege, die ihn oft gekos't, Nicht werth ist er, daß ich noch zu ihm wende Das Auge, wild entzündet und erboßt; Nein, Boshafter, versuch's, wenn ich verblende Den Sinn so sehr, daß du noch bist mein Trost, So mache man mich selbst zu solchem Götzen, Zum wilden Thier, das eigne Hunde hetzen.     Nun sollst, Paris, du meinen Grimm erfahren, Nicht länger soll nun meine Rache warten. Versammelt euch, ihr Fürsten, zu den Schaaren, Fügt, Völker, allzumal euch den Standarten! Wer will noch länger Grimm, Wuth, Zorn, Blut sparen? Trommeten, Zinken, laut brüllt zu der harten Entscheidung! Wappnet eure Brust und Herzen, In Erz vermauert euch, ihr selber erzen!     Chaldäa, du Arabia, ihr Nationen, Die ihr den Euphrat trinkt, Mesopotamen, Perser, Parther, und die am Ganges wohnen, Ihr Mohren all mit mannichfalt'gen Namen, Brecht auf! Blut trinkt! ha, reißt euch ohne Schonen Heraus wie Gift, Pest, Tod! Streut Todessaamen Umher durch das Gefilde! Ras't, die Horden Der Frevler schnell mit Tigerwuth zu morden! alle ab. Saint Germain, die Matte. König Dagobert , Octavianus , Florens , Gefolge. Kg. Dagobert . Es ist ein wundervolles Ding, daß selbst Der alte Mann so kühn geworden, hin Zum Lager sich zu wagen. Florens .                                     Seht, mein König, Das seltsamliche Roß, das stärkst' und wildste, Unwiderstehlich soll es sein im Ansprung Und unbesiegbar, im Entfliehn so rasch, Daß Pfeil und Wind es nicht einholen können. Kg. Dagobert . Wie bist du glücklich doch in allen Thaten, So hast du nun das wundervollste Roß. Florens . Wenn's euch gefällt, mein König, nehmt dies Pferd, Nur Könige ist es gewohnt zu tragen. Kg. Dagobert . Ich danke dir der Gabe, will sogleich Versuchen, ob ich es vermag zu reiten. geht. Octavianus . Ihr seid der würdigste von allen Rittern, In euch blüht auf die Ehr' und zarte Liebe, Die man in alten edlen Liedern preist. Florens . Mein Kaiser, Gott ist unser aller Schützer, In seinem Namen will ich dieses Schwerdt Ziehn in der Schlacht: doch wenn ich ihren Namen Mir heimlich nenne und ihr schönes Bildniß In meinem Herzen aufwächst, ihre Gunst, Ihr Blick, ihr Kuß wie Athem Licht und Luft Mich süß umhaucht, so schwillt der kühne Muth, Von selbst zittert die streitbegier'ge Lanze Durstend nach Blut, es kämpft nicht mehr mein Arm, Sie rennt freiwillig ungestüm hindringend Zum Herzen meiner Feinde, wie vom Himmel Fällt dann der Sieg zu meinen Füßen nieder Und sein Verdienst ist es und ihre Gunst. König Dagobert und Clemens kommen. Clemens . Ja, Ihro Majestät, das ist ein Pferd! Ich hab's erbeutet! Wie der wilde Jäger Bin ich zurück gekommen, wie der Sturmwind, Noch saust der Kopf mir von dem tollen Rennen, Und hinter mir die Heiden mit Halloh! Kg. Dagobert . Ihr seid in alten Tagen noch ein Held Geworden und die That zeugt von der Kühnheit Des Herzens. Clemens .             Ja, ich war in meiner Jugend Soldat, die Katze läßt das Mausen nicht. Susanne kommt aus dem Hause. Susanne . Mein Mann! Mein Clemens! Und es hat die Bestie Dich unterwegs nicht aufgefressen? Clemens .                                                   Nein, Conträr, gefangen hab' ich's hergebracht zur Stadt, Zum Andenken dem König überliefert. Kg. Dagobert . Ich danke euch für dieses edle Roß, Daneben sollt ihr eines Lohns gewarten, Wie er sich ziemt, daß ihn ein König giebt, Und daß ein Unterthan, der so geliebt ist, Um seinen edlen Sinn, um seinen Sohn, Mit Dank aus eines Königs Hand empfängt. Clemens . Ich möchte danken, möchte weinen, heulen, Und wenn ich stottre, wenn ich lamentire, Ist's alles meinem Könige zu Ehren. Arnulphus kommt. Kg. Dagobert . Was, heil'ger Bischof, ist euer Begehren? Arnulphus . Noch einmal will ich Abschied von euch nehmen, Mein königlicher Herr, und euch dem Höchsten Befehlen; lebt denn wohl, mein theurer Fürst! Unwiderstehlich lockt die Einsamkeit Mich wieder, die auf euer hoch Geheiß Ich ließ, die Lust strenger Beschaulichkeit, Als Eremit zu leben. Kämpft mit Gott! Kg. Dagobert . So fahret wohl, ihr edler heil'ger Mann! Arnulphus geht ab. Pepin kommt. Pepin . Nun gilt's, mein König, heute ist der Tag, An welchem Frankreich siegen muß und glänzen, An welchem Frankreich stürzt und mit ihm auch Die Fürsten unsers Glaubens. Zu den Waffen! Der Feind in Wuth versammelt seine Schaaren, Rings um die Stadt ist glänzend das Gefilde Mit Schwerdt und Spieß, Bogen und Roß bedeckt, Unübersehlich und unzählbar nahn sie, Es dröhnt die Erde ihrem Gang und dumpf- Verworren hört man ihren Schlachtgesang. Schon blasen unsre Wächter auf den Zinnen Und mahnen uns zum Krieg, die Glocken läuten, Die frommen Mönche liegen auf den Knieen Und wollen flehend Sieg vom Himmel ziehen. Kg. Dagobert . Wir alle sind in Harnisch und in Waffen. Dies ist der Tag, an dem die Christenschaaren Durch Tod und Blut bekräft'gen ihren Heiland. Florens . Dies ist der Tag, den ich mir längst gewünscht, Nun gilt's, den Muth des Herzens zu erproben, Was uns Trompeten oft mit ihren Klängen Gewahrsagt, wenn die ganze Seele jauchzte, Entbrannt nach Schwerdtgetös und Kriegsgefahr, Der Wunsch, die Sehnsucht werden heut gestillt. Octavianus . Dies ist der Tag, an dem die Unschuld siegt Und Tapferkeit ihr kühnstes Herz erkennt, Die Schuld wird heut' auch noch die Strafe finden Und manch verwirktes Leben von den Säbeln Der wilden Heiden mit dem Blut entströmen. Kg. Edward kommt. Kg. Edward . Wo sind die wilden Heiden, die immer Frevel liebten Und Drangsal, Mord und Leiden an Christi Freunden übten? Schon zürnet diese Lanze und meine kühne Schaar Drängt sich zum Waffentanze, voran so wie der Aar Flieg' ich mit dreisten Schwingen, sie stürzen in den Staub, Dem Tode laßt uns bringen schnell den erwünschten Raub. Kg. Rodrich kommt. Kg. Rodrich . Blutig Kreuz in den Panieren, Angedenken der Passion, Du, Maria, auf dem Thron, Unter dem mit Jubiliren Sterne ihren Reigen führen, Ihr sollt unsre Waffen lenken! Wer mag zweifeln, wer mag denken, Kämpfen wir in diesem Bilde, Daß die ew'ge Mutter milde Sammt dem Sohn nicht Sieg wird schenken? Gr. Armand kommt. Gr. Armand .     Wer nur die Liebe kennet,     Wem schöne Augen blickten,     Wen, rosenroth entbrennet,     Von Rubinlippen Küsse je entzückten,     Wem Liebesstrahlen aus dem hellen Himmel Das wunde Herz getränket, der denk' heut beides in dem Schlachtgetümmel. Kg. Dagobert .     Freunde, Genossen, Brüder, edle Streiter, Die Fahnen wehn voran im Sommerwinde, Der blaue Himmel scheint so klar und heiter, Als wenn der schönste Tag sich uns verkünde. Wohlan, brecht auf, in Gottes Namen! Weiter Soll uns kein Schutz, die Magd nur mit dem Kinde, Das Herz jauchzt muthig, alle Wünsche brennen, Uns ihre Streiter und Vertheid'ger nennen.     Auf denn, Franzosen! zeigt die kühnen Herzen, Die mit Gefahr und Blut und Tod nur spielen, Der Römergeist kennt keine andre Schmerzen, Als überwunden Wunden nicht zu fühlen; Der Spanier großer Sinn wird lächelnd scherzen Mit jenem Ungeheu'r der Schlacht, und kühlen Die Sehnsucht in dem Meer der Waffenstrahlen Wird England sammt den muth'gen Provenzalen. alle im Marsche ab. Arnulphus tritt auf. Arnulphus . Um die Paniere fliegen Mit süßem Streit Engel mit goldnen Schwingen, Wie muthig laut erklingen Trompeten, Zinken und die Kraft des Horns, Seh' ich die Christen siegen, Ermuthigt im Gefühl des reinsten Zorns Mit Satan selbst und seiner Schaar zu ringen. Bald ist die Schlacht gewonnen, Und überall ertönen Hymnen, Psalmen, Die Zweige heil'ger Palmen Rauschen, Sanct Dionysius blickt hernieder Und freuet sich der Wonnen, Er sieht die Heiden neue Christenbrüder, Es freut der Schnitter sich der schönen Halmen. – Und ich geh' in die Wildniß Der süßen Einsamkeit und ihrer Stille, Daß alles Himmels Fülle Aus Baumgeräusch, aus Sprudeln sanfter Quellen, Und des Allmächt'gen Bildniß Aus Stein und Fels und aus des Baches Wellen Entgegen mir mit Liebesathem quille. Da kenn' ich euch dann wieder Ihr Waldesbäume, die mir Trost gegeben, Als ich schon sonst mein Leben In Andacht und Betrachtung bei euch führte, Dort klingen noch die Lieder Die ich gesungen, daß erquickt ich spürte Im Widerhall die Geister mich nmschweben. ab. Clemens , Susanne , Claudius , Beata , aus dem Hause. Claudius . Lebt wohl denn, Vater, Mutter, Freude Und Wohlsein bleibe für euch beide. Susanne . Sei glücklich in der neuen Ehe Und daß ich Enkel auch bald sehe. Clemens . Das wird nicht fehlen, seid nur froh, Erfüllt sind eure Wünsche so. Verzeiht mir nur, daß nicht mehr Saus Und Braus gewesen hier im Haus, Die Kriegszeit paßt zur Hochzeit nicht. Beata . Alles ist gut so eingericht, Wir wohnen nun gleich in der Stadt, Wo man doch auch mehr Ruhe hat, Ihr seid hier draußen halb im Feld, Des Lagers Lärm mir nicht gefällt. Clemens . Ich muß nun alle guten Zimmer Einrichten jenem Frauenzimmer, Der schönen wilden Türkenbraut, Bald kommt sie selber an, denn schaut Zwölf Pagen sind schon angekommen, Die er in seinen Dienst genommen, Die sollen ihren Aufzug zieren. Er will sie aus der Schlacht entführen. Beata . Wenn es ihm nämlich ist gelungen, Denn keinem ist es ja gesungen An seiner Wiege, wie man spricht, Was ihm dereinst den Nacken bricht. Doch lebt nun wohl, mein Schwiegervater! Clemens . Was er gekonnt, vermocht, das that er, Doch statt der That nehmet den Willen, Mein Sohn wird alles das erfüllen Was nicht steht in meinem Vermögen. Geb' euch der Himmel seinen Segen. alle ab. Gumprecht kommt. Gumprecht . Paris, leb wohl! Du hast in deiner Mitten Den Mann, der etwas werth ist, nicht gelitten, Dich und auch Frau Beaten wird's gereun, Wenn ich erst werde in der Fremde sein, Wenn Pfuscher ohne Kraft und Wissen schalten: Propheten nie im Vaterlande galten.. Adieu, Paris! Ich will die Welt nun schauen, Es giebt auch andrer Orten hübsche Frauen. geht ab. Florens , Marcebille , Roxane , Lealia . Florens . Glücklich sind wir angekommen Und uns trugen güt'ge Wogen, Alle waren uns gewogen, Als wir her auf ihnen schwommen. Ist die Furcht dir nun entnommen, Ist verschwunden jedes Zagen? Marcebille . Ach, Geliebter, deinen Fragen, Diesen Lippen, diesen Blicken, Diesem Schmerz, diesem Entzücken, Kann ich keine Antwort sagen. Nur mein Sehnen, nur mein Lieben, Daß ich ganz nun bin die deine, Daß dein Leben jezt ganz das meine, Dieses ein' ist nur geblieben. Du wirst nun von mir getrieben, Aus der Ferne hör' ich brüllen Das Getöse, und zu stillen Der Trompeten wildes Rufen, Die nach deiner Hülfe rufen, Achtest du nicht meinen Willen, Achtest nicht die Seufzer, Thränen, Die mir von den Wangen fließen, Wie dir Blick und Kuß auch sprießen, Willst du dich nach Mord hinsehnen. Ach, ich muß in Aengsten wähnen, Daß ein scharfgespitzter Pfeil Von tatarscher Hand in Eil Sich in deine Brust einreißt: Träfe meinen bangen Geist Früher doch ein Donnerkeil. Florens . Nicht Verzweiflung, nicht dies Zagen, Deine Liebe wird mich schirmen, Wie Gefahren sich auch thürmen, Laß die Thränen, laß die Klagen. In's Getümmel mich zu wagen, Rufen mich die Engelschaaren, Heil'ge werden mich bewahren, Und die den Erlöser trug, Der für uns die Hölle schlug, Sie beschützt mich vor Gefahren. Marcebille . Ha, mit ungewohnter Stimme Will ich zu dem Kindlein flehen, Daß sein Schein mag mit dir gehen, Daß er um dein Haupt dir glimme, Dich beschütze vor dem Grimme, Daß es sei dein liebend Schild. Seit der Glaube mich erfüllt, Den ich liebend mußte fühlen, Ist der Kinder Lächeln, Spielen, Mir der Gottheit süßes Bild. Florens . Mit der Liebe, dem Vertrauen Sei dein Herz ihm stets ein Thron, Bete zum geliebten Sohn Und zur göttlichsten der Frauen. Marcebille . Werden deine Augen schauen Mich mit dieser Lieb' auch immer, Da ich in dem Dämmerschimmer Gestern Herz und Seele, Leib Gerne gab als Braut und Weib, Und verachtest du mich nimmer? Florens . Holde, süße, einzig Eine, Sieh, von diesem Wort getroffen, Steht mein Herz in Schmerzen offen, Sieh, wie ich der Rede weine. Nein, bei diesem Sonnenscheine, Bei dem Himmelslicht, dem klaren, Bei den heil'gen Engelschaaren, Bei der Lieb', die in dir brennt, Nur der Tod ist, was uns trennt: Leb' wohl, Gott mag dich bewahren. geht ab. Marcebille . Auf dem Felde wogt der Krieg Seine Ankunft schon erwartend, Wo die Christen siegend streiten Rothe Kreuze in den Fahnen: Wie das Blut nun ungestüm In die Schlacht zu fließen wallet, Zorn begegnet heißem Zorne Im Triumf die Waffen schalten, Und das Eisen zeigt die gier'ge Kraft, so wie es lechzend starret Nach dem Fleische, nach dem Blute, Zornig lüstern nach dem Mahle. – Ach du rother Sonnenschimmer, Ach wann kommst du kühler Abend? Wehen deine milden Lüfte So wie gestern auf mich labend? Als ein süßes Baumgeflüster Und ein Duft von Blumen wallte, Und der ferne Strom wie Musik, Und die Wogen wie die Harfen, Und dazwischen seine Worte Paradiesisch hold erklangen; Und ein Streben und Beleben Und Verlangen und Ermatten, In dem schönsten Freudentaumel Hinzugeben sich, entbrannte, Daß er nur die volle Liebe, Die ihm lebt' und starb, erkannte. Aus der lieben dunkeln Ferne Klagten laut die Nachtigallen, Die die labend kühlen Töne In den Abendschimmer sandten, Wie die Töne kamen, zogen, Und in ihnen Sehnsucht hallte, Waren sie wie dunkle Grotten, Mit den Schatten, mit den kalten, Und die Seele, die so brünstig, Die so liebend, die so bange, Wohnte wie in sichrer Kühle, Ruhte wie in mildem Schatten: Wie ein Zelt von Lebensbalsam War es um uns her geschlagen, Und wir hielten inn'ger, lieber, Schmachtender uns noch umfangen. – Ach, und wie entfremdet ist mir Alles, da entfernt mein Gatte, Ungetreu ist Wasser, Blume, Vögel, die noch gestern sangen, Und im innern Herzen Geister, Die so muthig Flügel schwangen. – Wirst du mir nicht wiederkehren? Wozu dieses Zittern, Bangen? Ja, dann sterb' ich freudig gerne, Denn das Höchste, Einz'ge, Alles, Was das Leben, was die Erde, Was der Gottheit volle Gaben Je gewähren, seine Liebe Ward mir und ich konnte sagen, Wie ich ihn geliebt: Erwünscht, Tod, Wenn wir beide also starben. geht in das Haus. Lealia . Selig Leben, selig Sterben, Wann zuletzt Athem, Gedanke, Wunsch und Wort zerschmilzt wie Gold In dem einzigen Verlangen. geht ab. Roxane . Wie die Rosen wiederkehren Und in jedem Sommer prangen, Wie die Bienen in den Blumen Immer wieder finden Nahrung, Wie die Morgenröthe nimmer Säumt, den Himmel auszumahlen, Also wird erfreut der Liebste Zu der Liebsten wieder wandeln. geht ab.     Fünfter Akt. Feld, Lager, Schlachtgetümmel. Florens , Bertrand . Bertrand . Zeit ist es, daß du endlich wiederkehrst, Die Schlacht wogt auf und nieder, bald die Christen Als Sieger froh, bald ist der Sieg, Der wankelmüth'ge, auf der Heiden Seite. Florens . Hoch schlägt mein Herz, der Panzer ist zu eng, So stürzen wir uns denn in das Getümmel. Kg. Dagobert kommt. Kg. Dagobert . Führt jezt den Pontifer etwas beiseit. – Mein Florens, mein Geliebter, eben rannte Der wilde ungeheure Sultan auf Mich ein, als er mich auf dem Rosse sah, Laut kracht' die Lanz' und brach mir meinen Schild, Kaum konnt' ich mich der Riesenkraft erhalten, Doch sprangen so die Rosse aneinander, Daß jenes Pferd mächtig zu Boden stürzte, Und Pontifer nahm seinen vor'gen Herrn Und warf ihn zürnend weit in's Feld hinein. Florens . So muß feindlich den Heiden alles werden, Was ihre Hoffnung erst und Pracht und Hülfe. – Fahrt wohl, mein König, und erholt euch hier. ab mit Bertrand. Kg. Dagobert . Wie tapfer er sich in die Haufen stürzt, Er trennt die Schaaren, und die Fahnen zittern, Die heidnischen, und weichen, und sie fliehn. – Von dort braust uns ein neuer Sturm hervor, Es reißt ein Strom sich durch die Englischen, Das Kriegsgeschrei tönt näher schon und wilder, Die römischen Paniere stürmen gegen. Arlanges kommt. Arlanges . Reißt die Fahnen und die Kreuze Nieder! Tretet sie zum Spott In den Boden! Machmud einzig Sei der größte, stärkste Gott! Ha, du König! du sollst fallen, Meine Beute sei dein Kopf! Unser Sultan stürzte nieder Und du sprachst ihm lachend Hohn, Deine Krone, deine Herrschaft Sei nun meines Sieges Lohn. Kg. Dagobert . Schweig, Verräther, deine Drohung Wecket meinen Muth und Zorn. – Gefecht. Arlanges . Wo ist nun, was dich beschützte, Dein geraubtes tapfres Roß? Nun herbei, ihr mein Gefolge, Stürzt herbei, denn er ist schon Ohne Schild und ohne Helm, Und ein großer Blutesstrom Fließt aus seinem Panzer nieder. Heiden kommen. Kg. Dagobert . Dionysius, von dem Thron Eile mir zu Hülfe, höre Meiner Bitte flehend Wort! Wer wird deinen Tempel schmücken, Wer ziert aus den hohen Dom, Wer wird Priester, Mönche stiften, Wer läßt dann den süßen Ton Vom Gewölbe klingen, Vesper, Hora von dem hohen Chor, Wann die Heiden mich bezwingen Und ich lieg' im Felde todt? Florens kommt. Florens . Zurück, ihr Hunde! Gott, beschütz den König! Ihr Heil'gen all, rettet die Krone Frankreichs! Durch meine Brust nur geht zu seinem Leben Der Weg! Arlanges .     Hinweg! hinweg vor diesem Teufel! alle entfliehen. Florens . Ist eure Majestät verletzt? Kg. Dagobert .                                   Dir dank' ich Mein Leben und mein Reich: ich geh' zurück Und kehre wieder, wenn das Blut gestillt. ab. Florens . O Marcebille, vor mir schwebt dein Bild. ab. König Edward kommt. Kg. Edward . Die feige Schaar entflohe, es wich unser Panier, Doch zitternd meinem Zorne riß sich die Schaar herfür, Die rothe Rüstung wurde vom Blute doppelt roth. Wer mag vom Kampfe trunken fürchten Gefahr und Tod? Der höchste Wein des Lebens fließt in dem Schlachtgefild, Man schöpft die goldne Welle in Helm und blanken Schild, Und wie wir zechen fröhlich Trompetenton erklingt, So daß die Labung selig zum vollen Herzen dringt. ab. Octavianus kommt. Octavianus .     Des Kampfes Wolke woget auf und nieder, Wie in den Sommerlüften Wetter wehen, Bald still am rothen Himmel furchtbar stehen Und bald erhebt sie schnell ein Windstoß wieder,     Der reißt und wirft die Schlacht, wer tapfer, bieder, Darf der Gefahr ins glühnde Auge sehen, Doch mich bedrängen ängstender die Wehen Und in mir wird das matte Leben müder.     Oft dacht' ich: dieser Pfeil, geschnellt vom Bogen, Muß meine Brust, mein wundes Herz wol finden, Er wird Leben und Reu' und Schmerzen brechen!     Doch mir vorüber gehn die Todeswogen, Und Reue nur, Wehmuth um meine Sünden Können dies lebensmüde Herz zerstechen. Der Sultan kommt. Der Sultan . Treff' ich dich, verwegnen Christen, Der, ein Rasender, so toll Meine Freunde, meine Nächsten Heimsucht mit dem blut'gen Mord? Du und jener wilde Teufel Säen das Gefilde voll Edler Leichen, drum sei du Hier von meinem Spieß durchbohrt! Octavianus . Deinem Toben, deiner Bosheit, Wird Verachtung nur und Trotz, Wer besiegt vom Gegner fällt, Sei alsbald von uns erprobt. Der Sultan . Diesmal sollst du nicht entrinnen, Denn Gefängniß oder Tod Ist gewiß dir. Octavianus .       Wie der Himmel Will, der immer sei gelobt. Der Sultan . Sieh, wie meinem grimmen Schwerdte Von dem Haupte dein Helm flog, Nun bist du in meinen Händen. Stirb Verruchter! Octavianus .               Fahre wohl Leben, fahrt wohl, meine Freunde, Florens, der mir lieb wie Sohn. Florens kommt. Florens . Ich hörte von dir meinen Namen rufen. – In welcher Noth find' ich dich hier bedrängt? Auf mich nun wende dich, gewalt'ger Krieger, Du Sultan Babylons, sei mein Gefangner! Der Sultan . Verwegner Bösewicht, dein Uebermuth Wird warlich dir bezahlt, doch weich' ich jezo Den Streichen, denn es kämpft kein Mensch aus dir, Du stehst im Bündniß mit den höll'schen Geistern. er entflieht. Octavianus . Mein edler Jüngling, nun hast du mir zweimal Das Leben schon gerettet, doch du wagst Zu viel, ein Gut zu sichern, das der Eigner Nicht hoch hält, dennoch muß ich dafür danken, Laß dich umarmen: theuer, wie ein Sohn, Bist du dem Herzen. Florens .                           Dürft' ich sagen: Vater! Zu dieser edeln Bildung. Octavianus .                           Mein Geliebter! Laß Weisheit auch in deinem Muthe sein; Ich sah' noch nie so ungestümes Kämpfen, Du thust, als sei kein Leben zu verlieren, Als seist du froh zu sterben im Getümmel, Noch hat der Himmel dich geschützt, verwundet Bist du noch nicht, ruh jezt ein wenig aus. Florens . Mein edler Herr, wie könnt' ich träge ruhen? Dies ist der Tag, an dem es mir vergönnt ist Zu zeigen, daß ich nicht unwerth des Ordens, Den meines Königs Milde mir verlieh; Dies ist der heiße Tag, der vielerwünschte, Der nur zu schnell vorüber eilen wird, An dem ich zeigen kann, daß ich ein Christ bin. Der Tag ist da, an dem mir ward verliehen, Daß ich von diesem Ungeheur der Schlacht Mein Glück erbeuten kann, mein höchstes Gut, Das sie, dem Löwen gleich, mit blut'gem Rachen Mir zu entziehn sucht: dieses wilde Thier, Bezähmen müssen wir's, daß es gehorsam Zu unsers Königs Füßen liegt und schmeichelt, Und sichrer Friede wird aus diesem Scheusal, Wenn wir den Zügel in's Gebiß ihm legen. Drum kommt zurück. Saht ihr die tapfern Thaten, Die Englands König schlug und sein Gefolge? Wie kühn der großgesinnten Spaniolen Paniere in den Feind eindrangen? Welch Gemüth zum Krieg Graf Armand mitgebracht? Wie in dem wilden Meer Franzosen scherzen, Delfinen gleich, im Blut? drum laßt uns eilen, Und nun geh' ich von eurer Seite nicht, Kenn' ich gleich das Gefühl nicht, das mich bindet An diesen Blick, an diese hohe Bildung, So sei's doch mein Gelübd' euch treu zu sein Wie meiner Liebe, und kein Heidensäbel Soll euch verwunden, eh' er mich nicht trifft, Gemein sei uns Gefangenschaft und Tod. sie gehn ab. Kg. Rodrich tritt auf. Kg. Rodrich . Wie ein Falke kühn und muthig Durch die Luft sich Bahnen sucht, Und der Reiher auf der Flucht Wird von seinem Bisse blutig, Also auch der Feind unmuthig Möchte schon zur Flucht sich wenden, Wenn ihn nicht die Schaaren bänden, Die mit neuem Muthe kämpfen, Selbst der Himmel hilft sie dämpfen Und den schönsten Sieg vollenden. Lidamas tritt ein. Lidamas . Die Geschwader brechen, reißen, Und das Unglück macht ein Thor In der Schlachtordnung der Heiden, Durch das Glück und Sieg entfloh. Auf, Bekenner Machmuds, zeiget, Daß ihr geht den Christen vor, Oder fallt von eurer Lehre Und bekennt den fremden Gott! Kg. Rodrich . Dieses thu, du schnöder Heide, So wird deiner noch geschont. Lidamas . Dich hab' ich vorlängst gesuchet, Weil dein Schwerdt viel Blut vergoß Von den Edelsten der Helden Und dein Uebermuth so groß. Kg. Rodrich . Du sollst auch den Boden küssen. Lidamas . Nicht mehr sprich ein solches Wort! gehn fechtend ab. Graf Armand kommt. Gr. Armand .     Uns ist der Sieg gelungen.     Schon ist der Tag absteigend     Und kühle Dämmerungen     Wehn auf der Flur, so wie die Sonne neigend     Mit rothem Glanz das grüne Gras will färben: So ging der Feind nun unter, die Flur färbt Blut von Heiden, welche sterben.     Wie sich die Schaaren drangen,     Ward Octavian im Streite,     Florens mit ihm gefangen,     Die Heiden führen sie hinweg als Beute;     Sie müssen sterben, kann's mir nicht gelingen, Sie alsbald zu ereilen und beide Helden mit zurück zu bringen. ab. Der Sultan kommt mit Gefolge. Der Sultan . Mögen doch die Wunden alles Blut des Lebens mir verbluten, Eilet nur zurück zum Kampfe, Laßt mich hier im Zelte ruhen, Alsbald komm' ich euch zu Hülfe Neu erzürnet, neu ermuntert. Kehret um und stürzet nieder, Oder glänzt, wie ich, von Wunden! Ein Ritter kommt. Ritter . Herr, deine geliebte Tochter Marcebille ist verschwunden, Und man sagt, daß sie von jenem Helden kühn entführet wurde, Sie ist innerhalb der Thore, Wie willst du sie wieder suchen? Arlanges tritt schnell herein. Arlanges . Herr, es fliehen alle Haufen, Machmud's Macht ist umgesunken, Und ein bleiches Schrecken bindet Die noch in dem Streite stunden: Mit des Abends Feuerglanz Fließt ein Bach roth ganz und blutig, Eine Wolkenschaar hellblendend Und ein tiefes Meer von Purpur Von dem Himmel zu der Ebne, Legt sich wie ein Mantel unten, Und es haben wahrgenommen Wohl die Tapfersten der Unsern, Daß ein Frauenbildniß mächtig In dem Glanz der Röthe ruhte, Auf dem Arm ein Kindlein tragend, Alle Krieger, die's erfunden, Wurden fliehend, wie die Wolken Hinter ihnen Wellen schlugen. Lidamas tritt ein. Lidamas . Nun ist alles, Herr, verloren, Diese unglücksel'ge Stunde Hat dein großes Heer zerstöret, Und erschüttert in dem Grunde Deinen Thron und unsern Glauben. O vernimm das große Wunder: Als wir stritten, eng geschlossen, Uns ermunternd in dem Bunde, Sah man auf dem rechten Flügel Plötzlich eine Schaar verwundernd, Die vom Hügel zu Montmartre Schritten ernst und still herunter, Glänzend weiß alle Gewande, Keiner hatte ihrer Kunde, Und wie fremde, überirdsche Geister, klang von ihrem Munde Ein Gesang, dem alle bebten, Und das Heer war eine Furcht nur. Sie erhoben Schilde glänzend, Wie von Blitzen waren Wunden Uns geschlagen, viele todt, Doch von allen keiner wußte, Wer sie waren, bleich Entsetzen Jagte alle, und nun unter Flücht'ge schlugen Würge-Engel, Jene weißen Ritter, rundher Klang Geheul wie Jagd und seltsam Ward dazwischen dann gesungen. Fliehe mit uns, Herr, sie nahen, Fliehe schnell dem Todesschlunde. Der Sultan . Ja, ich fliehe, die Gefangnen Seien meiner Rache Buße, Schnürt sie fester noch und enger, Nehmt sie mit auf unserm Zuge, Sind wir übers Meer gekommen Seien Martern viel erfunden Und der schlimmste Tod, der langsam Ihren Geist in Quaal entbunden. Mit der scharfen Axt, o Machmud, Der du mich verrieth'st den Hunden, Hau' ich dir dein kostbar Haupt ab, Nehm' es mit sammt deinem Rumpfe, Nicht dich zu verehren künftig, Nein, ich will mir andre suchen Bess're Götter, die mit Stärke Sind gerüstet und auch guten Willen zu mir tragen, aber Dich will ich zum Hohn in Lumpen Kleiden und so auf dem Markte Allem Volk dich zeigen, Schurke! alle fliehend ab. Kg. Dagobert , Kg. Edward , Kg. Rodrich , Gefolge. Kg. Dagobert .     Lasset die Feinde nach der Heimath fliehen, Wir wollen uns zum Kreuz und Altar wenden, Allda in frommer Andacht nieder knieen, Gebete demüthig zum Himmel senden, Trost, Labsal, Freud' und Wonne wird uns blühen Wie Blumen aus den todten stummen Wänden, Mit süßer Wonne wird es uns durchblitzen, Die wir Altar und heil'ge Kirche schützen. alle ab. Saint Germain, die Matte. Hornvilla allein . Das ist ein Zeter und ein Lärmen in der Stadt. Jezt kommt einer und sagt: so steht es mit der Schlacht. Nein! schreit ein andrer, der durch die Thore sprengt, ihr Befinden ist ganz anders, sie ist wohl aus und in bester Gesundheit, sie trinkt das Blut tonnenweise und taumelt betrunken hiehin und dorthin, und wird immer gefräßiger, immer erpichter auf den rothen Wein. Dann kommt wieder ein andrer Bote und ruft: eben noch habe ich ihr an den Puls gefühlt, sie liegt in den letzten Zügen, sie hat sich übergessen, sie hat zu viel getrunken, sie kann auf keinem Beine mehr stehen, unser gnädigster Dagobert wird ihr eben den letzten Tritt appliciren und nach einem geringen Zappeln wird es dann wohl aus mit ihr sein. Nun kommen die Patrioten und jubiliren darüber. Clemens aus dem Hause. Clemens . Habt ihr nichts Neues vernommen? die Schlacht soll ja schon gewonnen und alles vorüber sein. Hornvilla . Grasköpfiger, was habt ihr denn für ein Interesse daran? Clemens . Ich werd' es schon ohne euch erfahren, Hans-Narr. Hornvilla . Ihr verschimmelte, verrostete, von Mäusen angefressene Vernünftigkeit, durchlöcherte, abgeschmackte Leutseligkeit, kummervolle und engbrüstige Fröhlichkeit, ihr spießbürgerliche geschmackvolle Freidenkerei. Clemens . Schimpft nur, schimpft nur, ihr seid dazu privilegirt, euch darf man nichts übel nehmen. Hornvilla . Spricht von Krieg und Kriegsgeschrei und Staatssachen und Lebensgefahren, seit er das ruppige Nashorn von Pferd gestohlen hat. Clemens . Wie euch die Eselsmütze zu den Redensarten gut steht. Marcebille , Lealia , Roxane , aus dem Hause. Marcebille . Mein Kummer, meine Thränen und mein Beben Will mich nicht mehr im Hause drinnen leiden. Lealia . Du bist gefahrenvoll dem eignen Leben, Ergiebst du dich so ganz dem Sturm der Leiden. Roxane . Kann dir der Himmel Trost und Ruhe geben? Die Bäume, die in Abendroth sich kleiden? Marcebille . Kein Baum, kein Land, nicht Himmel, Abendröthen. Horch! tröstend klingen dort die Siegs-Trompeten! Kg. Dagobert , Kg. Edward , Kg. Rodrich , Soldaten. Marcebille . Gegrüßt seist du als Sieger in den Thoren! Wo Florens ist, sollst du mir schnell verkünden. Kg. Dagobert . Er hatte sich von unserm Heer verloren, Ich glaubt' ihn wieder hier bei dir zu finden. Marcebille . O weh mir Aermsten! Wär' ich nie geboren! Dahin mein Leben in den stürm'gen Winden! Kg. Dagobert . Wie kam er von uns? Wo ist er geblieben? Weiß keiner denn von ihm, ihr meine Lieben? Graf Armand kommt. Gr. Armand . Der Kaiser Octavianus ist gefangen Und auch Florens, der kühne junge Degen, Sie beide zu befrein war mein Verlangen, Den Heiden eilt' ich nach auf ihren Wegen, Doch sie jagt Todesfurcht und Graun und Bangen, Die Angst peitscht sie dahin mit Feuerschlägen, Voraus sind sie mit der kostbaren Beute, Es sichert sie die Ferne und die Weite. Marcebille . Dulden könnt ihr, daß der junge Held, der eure Angst geschlagen, Der die Sorge, die euch quälte, Von euch nahm und alles Bangen, Der sein Blut nicht schonen wollte, Dem die Schlacht ein Blumen-Anger, Wo er Häupter brach wie Rosen, In das Blut stieg wie zum Bade, Der mit heil'ger Demuth, Liebe, Dich, o König, nur bewachte Und in deinem Leben Leben, Glück nur fand in deinem Danke, Der den Ritterorden zieret Und den Helm und Harnisch adelt, – Den könnt ihr, da er den Sieg Euch erfocht, also verlassen? – Läg er doch unter den Todten! Weinen könntet ihr den Tapfern Und rühmlich wär' er gestorben; Aber nein, er ist gefangen! Wenn ihr Liebe könnt vergelten, Für empfangne Gabe danken, Wenn ihr königlich gemuthet Und im Christensinn bestanden, O so wendet schnell die Rosse, Mit verhängtem Zügel stampfet Ueber Schlachtfeld, über Berge, Ueber Fels, durch Ströme Wassers, Kehrt nicht nach Paris zurücke, Bis ihr Freiheit ihm erlanget. Kg. Dagobert . Ja, bei Gott, du edle Fürstin, Du hast Recht und sprichst die Wahrheit. Wendet noch einmal die Rosse, Rollt noch einmal auf die Fahnen, Wir erlösen sie von jenen, Oder mehren, die da starben! Auch der Kaiser ist mir theuer, Und wenn sie also verderben, Wär' die Schlacht für uns kein Ruhm, Sondern eine ew'ge Schande. Marcebille . Ich begleit' euch. Reicht den Helm mir Und den Schild und Spieß und Harnisch. Lealia . Sieh den Helm, den güldnen, schönen, Der hell in der Sonne strahlet, Den drück' ich auf deine Locken, Gold wird nun auf Gold gemahlet Und dein Auge blitzet kühner, In dem Zorn und Muth nun waltet.^ Roxane . Und ich lege um die Brüste, Um die schönen, dir den Harnisch, Goldgetrieben, wundervoll, Blitzend von Rubin, Demanten, Reitzend bist du und auch schrecklich, Wonnevoll, furchtbar gestaltet. Lealia . Nimm an seinen güldnen Riemen Nun den Schild am weißen Arme, Wie du ihn schon sonst geführet, Wie du ihn schon ehmals schwangest, Daß geschreckt der Berge Klüfte Von dem Kriegeston erklangen. Roxane . In die Rechte nimm den Spieß, Gülden unten, erzbeschlagen Oben, diese todesvolle Kriegerische starke Lanze, Nun trägst du des Himmels Blitze Wild verderblich in der Hand dir. Marcebille . Also war ich oft geschmücket, Rief das Hüfthorn mich zum Jagen, Wo in Waldesgrün und Schluften Löwen sich und Tiger bargen. Auf denn, meine kühnen Jäger! Folget meinem Rosse alle, Laßt Zorn, Wuth, die Kriegeshunde, Los vom Seile, wohl aufjagen Sollen sie das Ungeheuer, Das mein Herz, mein Leben, Alles, Mir im Raube hat entführet, All mein Wünschen, mein Verlangen. – Hindre, frommer Gott der Christen, Daß mir nicht zuerst mein Vater Mag begegnen, denn ich stürze Ihm, oder er mir im Kampfe, Dieses fleh mit Demuth ich in Deines lieben Kindes Namen. Kg. Dagobert . Führ' uns an, du Heldenmädchen, Denn aus Federbusch, aus Spangen, Ja aus jedem Edelsteine Blitzt Kühnheit und Glück, die Wangen Sind geröthet dir wie Rosen, Wie die Kriegsgöttin gestaltet Weiß man nimmer, ob Bellona Oder Venus vor uns wandelt. gehn ab. Hornvilla . Folgen wir dem Zuge gleichfalls, Seht, ich nehm' euch unterm Arme. Clemens . Wenig ziemt's dem alten Bürger, So zu gehn mit einem Narren. Hornvilla . Macht euch frei von diesen Grillen, Nicht nach Vorurtheilen handeln Muß der Edle, dem ein Herz An dem rechten Flecke zappelt. gehn ab. Feld und Lager. Felicitas , Leo . Leo .     Schon finden wir uns in den blühnden Auen Der Lombardei, und Gras, Wald und Gefilde Scheinst du mit tiefer Sehnsucht anzuschauen, Es ist, als ob ein leis Erinnern milde Aus diesen Lüften will hernieder thauen: Auch mir erwecken diese Berggebilde, Die Wasser rauschend, diese Wälder kühl, Sehnsüchtig stilles Weh, Andachtsgefühl. Felicitas .     O lieber Sohn, dies sind die schönen Bühnen Von meinen Kinderjahren, wo nur Lust Von Bergen quoll und keimte aus dem Grünen Des neuen Frühlings, und sich an die Brust So schmeichelnd kosend drückte, als erschienen Aus Sternen Liebesblicke nur, Verlust War mir noch unbekannt, dies bange Trachten; An dem das arme Herz muß einsam schmachten.     Mein Vater war so gütig schwach, daß, wehten Die Winde rauh, er sie wohl schelten konnte, Hart sollte nicht der zarte Fuß auftreten, Wie er erquickt in meinem Blick sich sonnte, Versäumt' ich rückzukehren, wann die späten Gestirne keimten aus dem Horizonte, So quält' er schwach sein Herz mit manchem Grame, Und von den Lippen scholl seufzend mein Name.     Die Kinderjahre und die goldnen Stunden, In denen Gegenwart scherzend umspielt Die heitern Tage, waren mir verschwunden, In denen ich in Liebesarmen hielt Den Garten und die Blumen, als verbunden Ich mich mit Waldung und mit Luft gefühlt, Als ich nur immer dachte ohne Sorgen: O wäre, wie es heute war, auch morgen.     Da war ein Schmerz mir in mein Herz geschlichen, Ein Sehnen, eine Freude, unbekanntes Vorahnden, und der Frühling war erblichen, Entfremdet war Bekanntes und Verwandtes, Flatternd die Scherze all von mir gewichen, Ich suchte jenes Bild und ach! ich fand es Nun nirgend, das mir sonst so heiter klar, Und nun verschwunden mir so gänzlich war.     Da kam dein Vater, und ein helles Blicken Fiel wundersam in meines Lebens Tiefen, Da wachte Wehmuth auf, Freud' und Entzücken, Die Liebesgeister, die in Ruhe schliefen, Sie eilten über unsichtbare Brücken Und standen weinend, wie sie Hülfe riefen, Da kamen süße Worte angeflogen Und sänftigten die ungestümen Wogen.     Auch wir sind wieder, so wie sonst, die deinen! Rief Wald und Quell und eilte mir entgegen, Der Frühling wollte glänzend wieder scheinen, Die Blumenfinger an mein Herz mir legen, Ich grüßte Feld und Garten wieder, weinen Mußt' ich ob dieser Fülle und dem Segen, Und alle Brunnen rauschten Liebestöne, Was schön gewesen blüht' in hellrer Schöne.     Nun folgt' er hin zur Jagd, zum kühlen Wald, Er saß zu mir an Silberquellen nieder, Und wie der Waldgesang durch Schatten schallt, Horchten wir sinnend auf die Liebeslieder, Ermüdet tranken wir die Brunnen kalt, Das weiche Gras empfing die matten Glieder, Wo Einsamkeit und Stille, Sonnenschein Dämmernd herblinkte, wuchs ein Liebeshain.     Bald war die Furcht unsrer Liebe genommen, Wir durften nicht mehr flüchten zu den Schatten, Der langgehoffte Tag war nun gekommen, In Rom nannt' ich den Liebsten meinen Gatten. – Ach, Wellen Glücks, wohin wart ihr geschwommen, Wo wart ihr denn, ihr still friedsel'gen Matten? Verschwunden war und plötzlich abgebrochen Der Rosenwald, und mir mein Herz zerstochen. –     Dort ist der Hain, wo ich so oft gegangen, Dort steht der Berg, von dem ich um mich blickte, Hier ist das Feld, wo oft an meinen Wangen Der Wind den Seufzer trug, der mich entzückte, Dort war es, wo wir uns zuerst umschlangen, Wo mich sein Kuß wie aus mir selbst entrückte, So viele Thränen ich jezt weine, schon Seit meiner Jugend so viel Jahre flohn. Leo .     So schwinden Tage, Monden, Jahre schnell. Vergänglichkeit, du plünderst unser Leben! Noch leuchtet um uns Sonnenschimmer hell, Plötzlich sind wir der finstern Nacht gegeben: Wie kinderfreundlich, blumgeschmückt der Quell Aus seinem Berg springt mit dem Jünglingsstreben, In öde Sümpfe tritt er und muß schreiten Langsam, vergessen in die Einsamkeiten. Richard kommt. Richard . Welch edles Lager, welche Krieger find' ich So unerwartet auf der schönen Flur? Wer bist du, Mann? Richard .               Ich komme von Paris, Dort ward in einer schlimmen blut'gen Schlacht Der edle König Dagobert gedrängt Von unzählbaren Heiden, und gewiß Ist er verloren schon, denn im Getümmel Ließ ich und viele Freund' mit mir das Feld, Weil unbezwinglich war die Feindesmacht, Und selbst die Tapfern gerne rückwärts gingen. Leo . Mehr ziemt es dir im Feld mit ihm zu sterben; Doch kömmst du auch als Bote mir erwünscht. Auf denn und nach Paris, dem edlen König Zur Hülfe! und die auserles'ne Schaar, Die ich mit mir von Balduin gebracht, Wird seinen Thron erretten oder fallen. sie gehen. Wald, Zelte. Der Sultan , Gefolge. Der Sultan . Ja, hier mögen wir verweilen In dem kühlen Waldesgrün, Sind auch unsre Feinde kühn, Werden sie so fern nicht eilen: Hier kann meine Wunde heilen, Auch die Rache will ich stillen, Meine Drohung hier erfüllen, Daß ich selbst noch heut' am Tage Die zwei Bösewicht erschlage Und befried'ge meinen Willen. – Aber wie heißt dieses Land? Ein Ritter . Fruchtbar, anmuthsvoll und blühend, Wein und edle Lieder ziehend, Wird es die Provence genannt: Weit ist dieses Thal bekannt Und dies schöne Waldrevier, In dem Bäche für und für Ab von steilen Bergen rauschen Und die Nachtigallen tauschen Ihre schönsten Lieder hier. Der Sultan . Wundervoll sind diese Bäume, In der Grüne seh' ich Leben Spielend auf den Aesten schweben Und es steigen sanfte Träume Nieder in die kühlen Räume Durch die diese Quelle irret. Wie die Turteltaube girret Und manch' wilder Vogelsang Mit Echo am Felsenhang Zärtlich und verliebt sich wirret. – Doch ich will nur Rache denken. Fort, ihr buhlerischen Träume! Was soll mir das Grün der Bäume? Alle Freude muß mich kränken, Tiefer in mein Leid versenken, Schmerzenvoller wird mein Wehe; Alle Schönheit die ich sehe, Spricht Verlust. Jezt bin ich Richter. Führt hieher die Bösewichter, Weil ich zu den Zelten gehe. sie gehn ab. Florens wird gebunden herein geführt. Florens .     Mein Tod ist nah und doch kann ich nicht beben, Ich denke ewig nur das einzig eine, Wie in dem süßen kühlen Dämmerscheine Sie sich so ganz zu eigen mir gegeben.     Da fand ich erst mein eignes volles Leben, Im lieblichsten, im innigsten Vereine, Die Lippen wollten »ich bin dein, du meine« Gern stammeln, dies auch mußt' im Kuß verschweben.     Rosen und Lilgen, manche schöne Blume Gab Duft, die Nachtigall zerfloß in Klängen, Das Wasser alte Melodien spielte:     Drum bleibt mir diese Stunde doch zum Ruhme, Wie Tod und Grab mich nahe auch bedrängen, Daß ich des Lebens höchste Wollust fühlte. Octavianus wird gebunden herein geführt. Octavianus . Nun bin ich an die Schwelle meines Lebens Geführt, heut' büß' ich nur ein alt Verschulden, Ich stürbe froh, wenn nicht mein Unglück dich Ergriffen hätte, den ich zärtlichst liebe. Der Sultan kommt mit einer Streit-Axt. Der Sultan . Nun sollt ihr mir alles büßen, Alle Rache, allen Frevel, Alles Unglück, das mich traf, Sollt ihr beide mir entgelten. Du vor allen, junger Teufel, Denn ich muß dich also nennen, Weil kein Mensch so viel verübet, Weil die Kräfte ihm entgehen: Erst hast du mir meinen Bruder, Meinen Admiral, getödtet, Auch Alamphatim, den starken, Selbst den großen Riesenkönig, Hast mein Roß mir stehlen lassen, Pontifer, den theuern, edlen, Meine Tochter mir entführet Und mein liebstes Kind entehret, Drauf mir dann mit diesem Alten In der Schlacht gethan viel Elend, Darum will ich mit der Streit-Axt Beiden euch das Haupt zerschellen, Wie ich's meinem Machmud mußte, Den ich ehmals hoch geehret; Darum seid des Streichs gewärtig, Macht euch jezt zum Sterben fertig.. Arlanges tritt schnell ein. Arlanges . Herr, in dem gerechten Zorn Zögre und verzieh ein wenig, Denn es fliegen Wolken Staubes Zu dem Walde von der Ebne. Sind es Krieger, sind es Feinde, Davon kann ich dir nicht geben Nachricht, doch ein weiblich Bildniß Sieht man reiten aus der Ferne Und es schimmern helle Waffen, Doch die Schaar ist noch unkenntlich. Der Sultan . Mögen Feinde kommen, Mörder, Diesen kann ich erst abtrennen Ihr verruchtes Haupt, dann will ich Selbst hinaus und sehn die Fremden. Lidamas tritt herein. Lidamas . Großer Sultan, hör' ein Wunder, Hör' ein Grauen, hör' Entsetzen, Von dem Felde sahn die Ritter Plötzlich nahn, es sahn die Knechte Einen Zug im blanken Zeuge Und es blitzten hell die Wehren, Plötzlich sind sie in dem Walde, Ueberfallen unsre Zelte, Einer unter ihnen wüthend, Dem kein Mensch kann widerstehen Und schon sind die deinen alle In der Flucht, wohin sich wenden Weiß nicht einer und der Wilde Tobt hier, dort, an allen Enden, Und ein grausam wilder Löwe Geht zum Dienst an seinen Händen, Der zerreißt und bricht die Schaaren Die entgegen ihnen stehen, Blut'ge Bäche schwimmen dunkel Durch den Wald und rothe Seen. Was zu thun? Es zürnt der Himmel, Sendet allenthalb Verderben. Der Sultan . Mir nur nach! mit diesem Beile Will ich ab dies Unheil wenden, Will mich rächen und sie alle, Oder im Gefechte sterben. alle ab. Octavianus und Florens bleiben zurück. Florens . Ein wild Getümmel hör' ich in der Ferne Und Kriegsgeschrei, sie sind wohl überfallen: Der Wald, die Berge hallen furchtbar wider Vom Klang der Waffen, von dem Schlachtgetümmel. Octavianus . Mir kehrt ein alter Traum anjezt zurück. So war ich oft im dunkelgrünen Wald Im unbekannten Unglück, ferne Bäche Und Stimmen wirrten sich und fremde Vögel, Und aus den Bergen kam ein Echo rufend, Ich war bedrängt und konnte mir nicht helfen, Dann trat plötzlich, wie in den Regen Sonne, Felicitas herein im Weinen lächelnd Und führte mich in altes Glück zurück.         Felicitas tritt herein. O Traum, wie dämmerst du nun süßer weiter, So kommt sie hergegangen treu und lieblich, Sie wird die Bande lösen, die mich fesseln, Sie wird mit Küssen, Thränen, Seufzern, Lachen, Dem holden Traum nun bald ein Ende machen. Felicitas . Wir sind die Christen hier, einsam in Banden? – Ach, Gott im Himmel! täuschen mich die Träume, Die mir zu fernen Meeren sonst gefolgt?         sie kniet nieder. Mein Octavian! Mein Kaiser! Mein Gemal! O diese theuren Hände, – darf ich küssen Sie brünstig und im Kuß die Bande lösen? sie löst die Bande auf. Octavianus . Felicitas, das ist ein lieblich Wähnen, So spielen wohl um unschuldvolle Kindheit Die Sommerlüfte mit den Blumenschwingen Und heben unser Herz auf zu den Wolken, Daß es sich wiegt im klaren Himmelblau. O wie mir wohl ist! Wie mein Leben leicht Sich in mir regt, kühl wie im Teich ein Fischlein, Das golden in dem Elemente spielt Und Tropfen Glanz gegen die Sonne spritzt. Felicitas . Mein Gatte! finden wir uns endlich wieder? Warum sind deine Arme noch so müde? Welch Band hält sie anjezt? Verschmähst du mich? Octavianus . Nein, weck' mich nicht, mein Wachen ist zu bitter. Felicitas . Du willst mich nicht erkennen? Noch so abhold Nach manchem Jahr, so freundlich doch dein Auge? Octavianus . Wenn es kein Traum ist, küsse mich, mein Weib. – Du bist es selbst, bist mir zurück gegeben! O Arme, windet euch wie sonst herum Um diese theure Brust, fühlt dieses Herz Und alle Jugend, Liebe, Glück und Hoffnung, Was sonst aus diesen Augen wie aus Brunnen Sprang, wenn die Lippen süße Worte von Sich schüttelten wie goldne Früchte. Baden Will sich in Thränen mein Erschrecken und Gestärkt mein Leben aus dem Bade treten. Du bist es selbst? Kann ich die Wonne fassen? Felicitas . Du liebst mich wieder und wir sind von neuem Vereinigt. Octavianus .   Hast du mir die Schuld verziehn? Felicitas . Was Liebe thut, das thut das Herz des Menschen, Ein böser Geist regierte meine Sterne Als du mir zürntest, alles war ein Traum, Nur wenn wir lieben, sind wir beide wachend. Octavianus . O edles Herz, ja daran kenn' ich dich, So warst du stets, dies ist dein hoher Sinn. – So lös' ich dir denn, Jüngling, auch die Bande. Florens . Ich dank' euch, edler Herr, Glück, Freud' und Wonne Blickt aus dem Grün und singt in allen Tönen. Felicitas . Wer ist der edle Jüngling? Diese Augen, Sie ziehn mich an so wunderbar, die Sprache Dringt in mein tiefstes Herz. Sei mir gegrüßt, Wer du auch bist, Freund meines edlen Gatten, Gefährte seines Unglücks, seiner Leiden. Florens . Ich küsse diese güt'ge, schöne Hand Und bin bewegt von eurer holden Rede. Octavianus . Und meine Kinder? Ach, ich darf nicht sagen Meine: ich war nicht werth, Vater zu sein. Felicitas . Der eine ging auf immer mir verloren, Der andre ist es, welcher dich gerettet. Da kömmt mein Sohn, mein Held, mein theurer Leo. Leo kommt. Leo . Mutter, wir haben schönen Sieg erfochten, Sie sind erschlagen und ihr Herr gefangen. Felicitas . Und alle Himmelskräfte sind uns günstig, Hier steht versöhnt, gefunden und beglückt Der Röm'sche Kaiser, mein Gemal, dein Vater. Leo kniet nieder . Mein Vater, mein Gebieter! Octavianus .                               An dies Herz, Das dir so ungestüm entgegen schlägt, Erhebe dich, mein Sohn, mein Blut, mein Glück! – Umarmt von dir und deiner Mutter so, Welch Glück und Freude könnte noch mir fehlen? Florens . Was willst du denn noch, ungestümes Herz? Ist deine Liebe, deine schöne Braut Dir nicht genug und alle künft'ge Wonne? Welch eitles Wünschen will dich noch bedrängen? Der Sultan , Lidamas und Arlanges als Gefangene herein geführt. Der Sultan . Was hast du denn mit uns beschlossen, Ritter? Daß dich das Unglück träf' mit deinem Löwen! Zerrissen, aufgefressen halb mein Heer Und ich gefangen! O verdammtes Schicksal! Verflucht die Stund', als ich nach Frankreich kam! Leo . Alsbald sollst meinem Schwerdt den Nacken beugen, Sogleich, in diesem Augenblick, zur Strafe Für allen Frevel, den du gegen Gott Und gegen Christum und die heil'ge Kirche Verübtest, wenn du nicht dich selbst zum Christen Bekennst, Machmud verschmähst: dann sei mein Freund Und frei und Fürst, ich selbst führ' dich zurück. Florens . Ein edler Sinn spricht aus dem schönen Jüngling. – So laß ihn leben und er wird ein Christ, Wenn er es auch in dieser Stunde weigert, Da noch der Zorn in seinem Blute ras't. Leo . Aus Liebe gegen dich thu' ich es gerne, Wenn du mir deine Freundschaft willst gewähren. Arlanges . Lassen wir, Herr, den alten Glauben fahren, Machmud hat sich zu treulos uns bewiesen. Lidamas . Schon lange hab' ich innerlich erwogen, Wie alles Heil den Christen nur geworden, Wie uns das Unglück schlug mit tausend Fäusten. Der Sultan . Schon recht! allein plötzlich, im Augenblick Sich zu bekehren, ist nicht meine Sache. Daß Machmud gar nichts taugt, liegt wohl am Tage; Doch muß ich erst erfahren, was ein Christ Bedeutet, was er meint und was er glaubt, Worauf sein Absehn und sein Thun gerichtet, Eh ich mich mit dem ganzen Ding einlasse. Leo . Ihr sollet Unterricht vom Priester haben, Denn keiner wird den heiligen Mysterien Hinzugelassen unsrer Religion, Wer ihre Deutung, den geistlichen Sinn Nicht faßt, und nur mit irdischem Verständniß Entweiht geheimnißvollste Heiligkeit. Der Sultan . So laß ich mir's gefall'n in Gottes Namen. Ihr, meine Freunde, edlen Könige, Die übrig mir geblieben, sollt mit mir Auch Christen werden, daß ich nicht so einsam In meinem neuen Glauben stehen mag. Arlanges . Wir folgen gern, wenn du uns führen willst. Lidamas . Wir wollen gern das Licht der Wahrheit suchen. Der Sultan . Dann darf ich dich, du junger Wagehals, Auch wohl als meinen lieben Sohn begrüßen! Nimm Marcebille hin mit meinem Segen Und lebe lang beglückte Zeit mit ihr. Florens . Ich danke dir. So hab' ich denn gewonnen Ein edles Vaterherz. Laß diesen Druck Am Herzen sagen, wie ich liebend danke. Der Sultan . Nun, nun, gemach, gemach, mein junger Sohn! Du drückst mir meine Wunde zum Erbarmen, Geheilt muß ich erst sein, eh ich dergleichen Begeist'rung an dem Leibe kann vertragen. Arlanges . Welch Lärmen hör' ich schallen durch den Wald? Es klingen Hörner- und Trommeten-Töne, Die kriegerische Trommel rasselt laut. Lidamas . Und Reiter streifen glänzend durch's Gebüsch, Und bunte Fahnen fliegen durch das Grün, Und Federbüsche wanken, goldne Rüstung. Florens . Voran stürzt auf dem weißen Zelter flüchtig Ein strahlend Frauenbild so wunderbar Mit Spieß und Helm und Harnisch golden glänzend, – Sie ist es selbst! Geliebte Marcebille! eilt ihr entgegen. Marcebille zu Pferde. Marcebille . Bist du es, Florens? Lebend, wohlbehalten? Florens . Der deine und mit uns versöhnt dein Vater. Steige vom Roß in meine Arme nieder. Der Sultan . Geliebte Tochter, sei mir hoch willkommen! Marcebille . So steig' ich nieder, werfe Schwerdt und Schild Und blanken Helm hin in das grüne Gras; Was soll mir nun der Harnisch, der beschützt Die Brust? dir sei das Herz gern unvertheidigt. So bin ich dein: dein Arm nur sei mir Schutzwehr. Der Sultan . Wer folgt dir denn noch mehr, geliebte Tochter? Marcebille . Die Fürsten all und König Dagobert. Octavianus . Laß uns entgegen, Liebste, ihnen gehn, Sie werden meine Freude mit mir theilen. Marcebille . Folge mir, Florens. Der Sultan .                                 Ich will euch begleiten. alle gehn ab. Leo bleibt allein zurück, Lealia tritt ein. Leo .     Ich folge nicht, denn süße Harmonie Bewegt sich her und klingt in diesen Gliedern, Und wie sie geht und wandelt, ist es wie Ein Wollustathmen und ringsher erwiedern Die Blumen lächelnd diese Melodie; Es scheint, als wollten Himmel sich erniedern Und ganz in diese liebste Bildung steigen. Nur schaun kann ich und muß geblendet schweigen. Lealia .     Bist du es, Waldplatz, wieder mit den Bäumen, Der mir wie zauberisch dies Bild erweckt, Das mir gefolgt zu allen meinen Träumen? Die Ahndung, die mich stets wie Luft gedeckt? Wieder steht er in einsam grünen Räumen, Der Löwe hinter ihm im Busch versteckt, Und dieser fromme Ernst, die sanften Mienen, Des Auges Blick, sind wieder mir erschienen. Leo .     Geliebteste, denn so muß ich dich nennen, Gedenkst du jener Zeit im Morgenland? Magst du mich wohl als deinen Freund erkennen, Der dich einsam im schönen Walde fand? Lealia .     Wie mußten wir damals so schnell uns trennen? Verstellung sei von diesem Mund verbannt, Mir war ewig dein holdes Bild geblieben, Ich dachte dich nur, mußte stets dich lieben. Leo .     O süß Geständniß, holde, schöne Rede, Die jeden Trug aus deinem Herzen nimmt! So sag' auch ich, daß dich nur eine jede Anmuth mir wies, und wie der Bach hinschwimmt Und seinen Strom nur sucht, wie durch das öde Dunkel das Morgenroth mit seinen Strahlen glimmt, So suchten dich nur die Erinnerungen, So ward von dir mein finstres Herz durchdrungen. Lealia .     Dich einzig nur dachten alle Gedanken, Du warst mein eigenstes, mein einzig Sein, So war ich immer treu und ohne Wanken Mir selbst entfremdet ganz und völlig dein. Leo .     Wie soll ich dir für diese Liebe danken? Wie glänzt die Lilienblume doch so rein! O könnte dich dein Herz so weit belehren, O möchtest du der Liebe Gott verehren! Lealia .     Seit lange war mir schon der Irrthum fern, Ein neues Sehnen war in mir erwacht, Und endlich ging der süße Morgenstern Auf in dem Herzen und vertrieb die Nacht; Was Christus lehrte, hört' ich still und gern, Es ward mein flammend Herz ihm dargebracht, Schon Christin bin ich, wird mir nur vergönnt Bald auch der Taufe heil'ges Sakrament. Leo .     So sind wir auch im Glauben eng verbunden. Was könnte unsre Seelen ferner trennen? Beglückt, daß ich die Einz'ge aufgefunden, Die mir das Licht des Lebens will vergönnen; O sel'ge, schmerzenvolle, heil'ge Stunden, Als ich entfernt in Quaal und Lust entbrennen Dir mußte und nur dich im Herzen fühlte Und hin zu dir mit aller Sehnsucht zielte. Octavianus , Felicitas , Florens , Marcebille , Clemens und Hornvilla treten ein. Octavianus . O welches Wunder! Welche neue Zeit Beginnt in uns! Welch seltsam Schicksal fügt Uns alle, lang getrennt, wieder zusammen! Mein Florens! Darum schlug mein Herz so oft Bei deinem Anblick. Florens .                         O beglückter Tag, An dem ich meine beiden Eltern finde, Die edelsten, die mir die Welt zu geben Vermag; der Vater reich an That und Ruhm, Die Mutter weitgepriesen hohen Sinns. Marcebille . Und wie der Krieg, der euch zerstören wollte, Nun all verbindet, und wie ich, die Feindin, Das Mittel bin zum innigsten Vereine! Felicitas . Wie sind mir alle Schmerzen reich bezahlt! Wer möchte nicht sein Herz auf Zinsen leihn Und sich dem Leid verpfänden, wenn die Jahre So reichlichen Ertrag dem Eigner brächten? Octavianus . Das seltsamste, das eigenste Verhängniß. Ein Löw' entriß das eine Kind, du fandst es, Das andre ging im wilden Wald verloren, Du fandest es nach manchem Jahre wieder. Ja, auch kein Stäubchen trübt der Wahrheit Licht, Der alte Clemens ist der beste Zeuge. Clemens . Ja, gnäd'ger Kaiser, schwer hab' ich an ihm, Recht schwer getragen und für Geld gekauft In meiner Narrheit, die nun Gott so schön Hat end'gen lassen, allen uns zum Heil. Die wunderbare Sache mit dem Löwen Und eurem andern Sohn steht aufgeschrieben (Was ich nur für ein Mährchen immer hielt) In einem Buch von einem Meister Adam, Der damals mit euch nach Jerus'lem ging. Hornvilla . Gar recht, ein Redner und langweil'ger Kerl; Ich führt' euch dazumal über's Gebirg. Clemens . Und was den Florens angeht, meinen Herrn, Den gnäd'gen, der mir lang' als Sohn gedient, So lebt im Italiän'schen Heer ein Mann, Der als Soldat mit kam, von dem ich damals Die kleine allerliebste Krabbe kaufte. Tritt vor, mein Freund, ehrlicher Robert, komm! Robert kommt. Robert . Ja, mein huldreichster Kaiser, ich beschwöre, Daß ich das Kind dem Manne hier verkauft, Ich nahm es einem Ritter, der im Walde Von einem Affen es erbeutete, Er schlug den Affen und wir fanden den In seinem Blute; dieser hat gewiß Das Kind der gnäd'gen Kaiserin entwandt, Als sie beim Brunnen schlief. Ich mag gestehn, Daß ich damals kein sonderlich Gewerbe Trieb, denn ich raubt' auf freier Straße frech; Verzeiht mir dies, ich hab' im Kriegesdienst Gut machen wollen toller Jugend Fehler. Octavianus . Ihr alle sollt nicht ohne reichen Lohn Euch von mir trennen. – Gattin, liebsten Söhne, Umarmt euch beide, meine trauten Kinder, Die schon so jung sich mit dem Ruhm vermählt. Florens . Weiß ich doch nicht, ob Wald und Berge taumeln, Ob trunken ist mein Herz, ob ich noch lebe, In Freudenthränen möcht' ich mich verströmen, Mich unterstürzen in dem Bad der Lust, In dem die ew'ge Jugend unten wohnt. Octavianus . Nur unbegreiflich seltsam bleibt das eine: Wie kam der Löw' mit unsrem Kinde denn Auf jene Insel, wo du ihn gefunden? Florens . Sieh, Marcebille, wie der wilde Leu Zu deinen Füßen wie ein Hündchen liegt Und in dein Auge voller Sanftmuth schaut. Hornvilla . O Ihre Majestät sind zu sehr Grübler. Wer möchte doch die Sache so genau Wohl nehmen, wenn von Kindern eines Vaters Die Red' ist? Nur im Glauben habt ihr sie, Der bleibt zuerst euch und zuletzt Gewährsmann. Ihr könnt doch ihnen nicht den Leib aufschneiden, Wie in einer Devis' 'nen Zettel suchen, Der da besagt, daß ihr der Vater seid? Wenn euch nicht Glaube, Liebe, Sympathie, Die Aehnlichkeit mit euch, und ihre Liebe Zu euch das Ding bestät'gen, so verschenkt sie, Laßt laufen, was euch doch nicht so gehört. Octavianus . Der Narr hat Recht, der Freude gebet Raum: Ist nicht Natur und Kunst und Poesie Nur unser in dem schönen Sinn des Glaubens? Hornvilla . Und was den Löwen angeht, da giebt's Mittel; Wir lesen ja von einem großen Vogel, Der Kriegesschiffe mit zweitausend Mann Kann durch die Lüfte führen, wie der Geier Die Taube; seht, für den ist solch ein Löwe Ein Mückchen kaum. Auch ist es äußerst möglich, Daß nur ein simpler Greif, ein Löw mit Flügeln, Den viergebeinten faßte, was doch oft Geschieht, und ihn so auf die Insel trug, Wenn manche Denker freilich unsern Greifen Auch für ein Mährchen nur erkennen wollen. Der Sultan , Arlanges , Lidamas , Kg. Dagobert , Kg. Edward , Kg. Rodrich , Gr. Armand , Bertrand , Roxane . Kg. Dagobert . Wir hörten alle schon von eurem Glück, So reiche Ströme sind herabgeregnet, Daß sich der Himmel selbst zur Erde nieder Gebeugt und rings ein Paradies entsprossen. Hier ist ein jedes Wort zu viel, lebt weiter, Und Enkel und der Enkel Kinder mögen Die wunderbare Sage sich erzählen Und jeden Hörer mit Erstaunen, Wunder Und Lust und Freude wechselnd ganz erfüllen. Der Sultan . Doch da ich nun ein Christ geworden bin Und euren Dionysius lieb' und schätze, So gebt mir auch den Pontifer zurück. Kg. Dagobert . Er sei der eure so wie meine Liebe. Gr. Armand . Und mir vergönnt, daß ich euch hier bewirthe, Da sich die wundervollste Auflösung In diesem Wald begab, in dem Gebiete, Das mich als seinen Herren anerkennt. Wir wollen diese Zelte reich ausschmücken Und neue zwischen diese Bäume spannen, Farbigt und hell, zum Zeichen unsrer Freude, Musik soll süß durch diese Thale klingen, Hier laßt ein frohes Hochzeitmahl uns feiern Und liebevoll und trunken Sommerlust Begehn, wie in den guten alten Tagen Der Vorzeit, wovon uns die Dichter singen, Daß wir das Glück des Friedens all empfinden. Trompeten, blast in euern kühnsten Tönen, Verkündigt meine Freude, daß es mir Vergönnt, so edle Gäste zu bewirthen. Trompeten, Musik. Hornvilla . Wenn es so hoch hergeht, find't unser einer Wohl einen Menschenfreund von Marketender. Da seh' ich eine Frau! Mein liebstes Kind, Ein Gläschen Wein für Geld und gute Worte. Alivus . Herr Jes! der in der bunten Eselsmütze Mit all den Schellen ist mein Ehemann! Hornvilla . Bist du's? – O wunderseltsam Ding von einem Verhängniß, nicht als Türke, nicht als Christ, Und nicht als Narr kann ich dir je entlaufen! Alivus . Mit Herzog Leo kam ich hier herüber. Hornvilla . Ich drück' ein Auge zu, laß fünfe grad sein. Leo . Mein Vater, meine liebste Mutter, diese Jungfrau ist die, von der ich euch erzählt, Sie liebt mich wie ich sie, gebt euren Segen, Ich kehre mit ihr nach Jerusalem, Durch Balduins Tod ist mir sein Thron geworden. Lidamas . Auch dir, mein Kind, geliebte Lealia, Folgen mein Segen, meine besten Wünsche. Arlanges . Und meine Tochter dort, Roxane, hat Den jungen Ritter Bertrand ausgewählt. Hornvilla . Wie Fliegen zu dem Honig, rennen alle Hier zu dem Ehestand gar lustig hin. Octavianus . Und du, mein Florens, ziehst mit uns nach Rom, Mein Sohn und edler Erbe meiner Krone. Arnulphus tritt ein. Arnulphus . Es tönt der Ruf der Freude durch den Wald Und stört die Einsamkeit der stillen Zelle; Schon hört' ich euer wundervolles Schicksal, Kehrt nach Paris, dort sei das heil'ge Fest Der Taufe würdiglich und schön gefeiert, Dem ganzen Volke ein erbaulich Schauspiel, Dann gebt euch zur Vermählung eure Hände. Kg. Dagobert . Nein, heil'ger Mann, im Walde hier sei alles Vollendet, wie es in dem Wald begann. Gesang aus der Ferne, mit Flöten und Schallmeyen .                   Der Liebe Tempel sei                           Im Walde! Ein Zug von Schäfern und Schäferinnen . Ein Schäfer . Wir haben, edler Graf, freudig vernommen, Daß ihr zu uns zurückgekehrt, wir grüßen Den theuern Herrn mit Musik und Gesängen. Chor .     Hinter den Bergesgipfeln Steigt auf der Mond mit seinem goldnen Glanze, Er schwebet in den Wipfeln Der Bäume, rauschend stehn sie in dem Kranze Der goldnen Sterne, balde Deckt sich die Flur mit Wellen Von Schimmern und der Himmel lacht so frei, Die Sterne in dem hellen Und tiefen blauen Kreise Beginnen froh die liebevolle Reise, Es tönt der Nachtigallen und aller Waldvöglein Geschrei, Der Liebe Tempel sei         Im Walde. Eine Stimme .     Mondbeglänzte Zaubernacht,     Die den Sinn gefangen hält,     Wundervolle Mährchenwelt,     Steig' auf in der alten Pracht! Florens .         Wenn die Blumen sich erschließen     Und die Frühlingslüfte ziehen,     Will die Welt sich selbst entfliehen     Und sich hin in Liebe gießen. Marcebille .     Darum muß im Herzen fließen     Kühler Labung Strom, und sacht     Bringt ihn die Erfüllung: lacht     Uns die Holde freundlich milde,     Sehen wir in ihrem Bilde     Mondbeglänzte Zaubernacht. Leo .         Eine Andacht, Eine Liebe     Ist dem Herzen und dem Leben     In der Demuth nur gegeben,     Weichend keinem andern Triebe. Lealia .     Und daß diese in uns bliebe,     Ist die Treue hingestellt,     Sie bewacht die rege Welt     Aller wechselnden Gedanken,     Treue nur läßt uns nicht wanken,     Die den Sinn gefangen hält. Octavianus .         Wer in Liebe sich berauschet,     Und sich selber will entfliehen,     Daß er Kälte mit dem Glühen,     Haß mit seiner Liebe tauschet,     Den ein böser Stern belauschet,     Bis er in die Sünde fällt. Felicitas .     Wenn er liebend treu aushält,     Muß sich alles fügen, schicken,     Daß ihm dünkt Glück und Entzücken     Wundervolle Mährchenwelt. Roxane .         Was die Geister denken, sinnen,     Wonach Wünsche und Verlangen     Jemals nur die Flügel schwangen,     Können Schöners nichts gewinnen     Sie als Liebe, denn darinnen     Uns das Herz der Welten lacht. Hornvilla .     Wenn zur Flamm' den Funken facht,     Güt'ge Nachsicht, dann Gedicht,     Was auch deiner Kraft gebricht,     Steig' auf in der alten Pracht! – Musik; Tanz.   Ende .