Sir John Retcliffe Garibaldi Inhalt Zum Geleit Auf dem Silberstrom Ein Handstreich »Herrenrecht!« Aniella Crousa Der Untergang der ›Itaparika‹ Mato Topah Der Verrat Das Geheimnis von San Dolores Arm klein Piccaninny! In Wogen und Wildnis Der Menschenjäger Am Marterpfahl Der Sechzigste Die alte Garde Carmen de Massaignac Wieder vereint Italien ruft! Der schwarze Diamant Zum Geleit Während sich in den ersten Bänden der Freiheitskampf des bedrückten indischen Volkes vor unsren Augen abspielte, sahen wir in den darauf folgenden Werken den kühnen Sohn eines alten französischen Geschlechtes, der unter dem Druck Louis Napoleons seine Heimat aufgab und seinen seltsam phantastischen Zug nach dem Gold der Azteken ausführte. Wir begegnen dort zum erstenmal dem Schatten des Mannes, der, durch den Ruhm seines größeren Onkels zwar stark beeinträchtigt, dennoch eine gebietende Gestalt der neueren Zeit war. Das abenteuerliche Leben Napoleons III., sein Aufstieg, seine Einmischung in die politischen Ränke der europäischen Regierungen machen ihn zu einer der merkwürdigsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. In den historischen Romanen Retcliffes taucht dieser Mann immer wieder auf; sein Schatten schwebt über den Ereignissen und man fühlt seine Hand, wie sie die Fäden zieht, an denen die Marionetten der europäischen Kabinette hängen. Der Krimkrieg, der mit der Erstürmung von Sewastopol endete, war Napoleons Werk. Auch in Italien, dem Land seiner Abstammung, bereitete sich seit Jahrzehnten eine Bewegung vor, die Louis Napoleon die ersehnte Gelegenheit zur Einmischung bot. Lange schon warm dort Kräfte am Werk, um das in viele kleine Staaten gespaltene Italien wieder zu einen. An der Spitze dieser Bewegung standen zwei Männer, deren Wirken und Handeln sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Einigung Italiens ziehen: Garibaldi, der Volksheld, und Mazzini, das Haupt und die Seele unzähliger Verschwörungen und Umwälzungen im Europa des 19. Jahrhunderts. Der Hauptheld des vorliegenden Bandes (aus dem früheren Sammelwerk »Villafranca« herausgeschält und stellenweise ergänzt) und der nächstfolgenden Bände, Giuseppe Garibaldi , war am 4. Juli 1807 in Nizza als Sohn eines Seemanns geboren. In die Verschwörungen Mazzinis verwickelt, wurde er zum Tod verurteilt und entfloh aus seiner Heimat. Nach zahlreichen Abenteuern, die ihn unter andenn auch auf die Seite des Beis von Tunis führten, trat er 1836 in den Dienst der südamerikanischen Republik Rio Grande do Sul. Dort finden wir ihn zu Beginn unsres Buches und verfolgen von da ab sein gefahrenreiches Leben. Auf den Freiheitsruf seiner Landsleute kehrte er in die Heimat zurück, und nun begann erneut seine Tätigkeit, unermüdlich für die Befreiung und Einigung Italiens zu kämpfen und zu leiden. Es entbehrt nicht einer tiefen Tragik, wie dieser Mann bei seinen Zielen sich oft gezwungen sah, gegen Teile seiner Landsleute zu kämpfen, die zwar das gleiche Ziel anstrebten, dieses jedoch auf andern Wegen zu erreichen glaubten, so gegen König Victor Emanuel II., Cavour und andere. Als Garibaldi in Italien erschien, wurde er von König Karl Albert von Piemont zurückgewiesen, da er diesem unbequem war. Garibaldi führte daraufhin mit einem selbstgebildeten Freikorps auf eigene Faust Krieg gegen die Österreicher in der Lombardei; sie drängten ihn mit seinen Leuten aber in die Schweiz ab. Ende 1348 trat er in den Dienst der vorläufigen Regierung Roms und beantragte dort im Februar 1849 die Erklärung zur Republik. Heldenmütig und geschickt verteidigte er die junge Republik gegen die anrückenden Franzosen. Doch nach verschiedenen Mißerfolgen gegen Franzosen und Österreicher abermals zur Auswanderung gezwungen, ließ er sich nach einem zeitweiligen Aufenthalt in New York auf der Insel Caprera 1854 als Landwirt nieder. Die Bestrebungen Cavours gaben dem zähen Freiheitskämpfer jedoch keine Ruhe, und als 1859 der Feldzug wieder begann, schloß er sich mit einem abermals von ihm geworbenen Freikorps Alpenjäger den Truppen Piemonts an. Auch hier blieben dem kühnen Löwen Erbitterungen und Enttäuschungen nicht erspart. Durch Ränke verärgert, zog er sich bald wieder ins Bürgerleben zurück. Als 1860 der Ruf seiner Freunde abennals an ihn erging, loderte der heiße Kämpfergeist wieder auf. An der Spitze des denkwürdigen Zuges der Tausend eroberte er Sizilien und zog in Neapel am 7. September ein. Dieser Einzug an der Seite Victor Emanuels II., des zukünftigen Einigers Italiens, bildete den Höhepunkt in Garibaldis Leben. In seinem nie ruhenden Hirn spukten die alten republikanischen Pläne und ließen ihm nicht Zeit, auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Und da er keine Regierung zur Seite hatte, so handelte er auf eigene Faust. Natürlich brachte ihn das in Widerstreit mit der neuen Regierung des Landes, die sich ihm gegenüber in einer schweren Lage befand. Garibaldi war der Held des Volkes, gleichzeitig aber ein ständiger Übertreter der Staatsgesetze. So kam es, daß Garibaldis Pläne stets durch das Eingreifen der Regierungstruppen scheiterten. Schließlich setzte man ihn gefangen. Nur seinen großen, unleugbaren Verdiensten für das Vaterland gegen die äußeren Feinde verdankte er es, daß er durch Victor Emanuel begnadigt wurde. Nach einer wenig ruhmvollen Teilnahme am deutsch-französischen Krieg 1870 zog sich Garibaldi endgültig nach Caprera zurück. Von dort wurde er von seinen Landsleuten als Mitglied der Kammer nach Rom gesandt, wo er sich noch eifrig betätigte und manches Gute für sein Vaterland wirkte. Garibaldi starb am 2. Juni 1882 in Caprera. Noch heute gilt er in Italien als das Vorbild des selbstlosen und aufopferungsfähigen Freiheitskämpfers, und in fast jeder italienischen Stadt findet man sein Standbild. Otto Gottstein. Auf dem Silberstrom »Möchte doch wirklich wissen, wohin das Boot verschwunden ist! – Dieser verdammte Nebel! – Zwei Stunden ist's schon wie von den Wellen verschluckt!« Der Pardo Pardo nennt man in den La-Plata-Staaten einen Abkömmling von einem Weißen und einer Farbigen. legte die Rechte über die Augen und schaute von der Höhe der Klippe auf den hier acht Meilen breiten Rio de la Plata, den majestätischen Silberstrom hinunter; aber der sich zwischen den Küsten über den Wogen breitende milchige Dunst verbarg alles unter seiner undurchsichtigen Hülle. Gleichmütig blieb der riesige Schwarze neben dem Mischling auf dem Felsboden liegen; er zuckte die Schulter, aber er antwortete nicht. »Santa Virgen!« knurrte der Pardo und ließ nun seinen Blick über das im Sonnenschein liegende Land streifen. »Die Burschen müssen zu den verfluchten Ketzern, den Unidados, gehören. Sonst würden sie ein Zeichen gegeben haben, um die Schiffe zu finden. – Was meinst du denn dazu? Öffne endlich einmal deine Zähne, La-Muerte!« La-Muerte wandte sich gemächlich auf die Seite; er betrachtete gähnend die acht Mastspitzen, die, etwa eine Seemeile entfernt, mit ihren schlaff herabhängenden Rotwimpeln aus dem Nebel hervorstachen. »Lieben Massa Manuels so sehr die Libertados?« entgegnete er nach einer Weile. »Ich nicht wissen, daß sie besser sein, aber viel weniger tapfer.« Manuelo schoß einen bösen Blick aus seinen gelblichen Augen. »Zum Teufel mit ihnen! Ich liebe weder die Föderalisten noch die Unitarier – sie sind einem ehrlichen Mann überall im Weg!« Grinsend fletschte La-Muerte die spitzgefeilten, starken Zähne. Er wies mit dem Daumen über die Schulter zur Ebene hin, auf der sich aus dem Schatten schlanker Bäume an mehreren Stellen Rauchsäulen in die klare Luft kräuselten. Die Luft flimmerte in den glühenden Strahlen der Aprilsonne des Jahres 1842; das bewegliche Dunstmeer, das die glänzende Fläche des Wassers seit zwei Stunden bedeckte, warf sie zitternd zurück. Keine Wolke zog am durchsichtigen Himmel; der alles Leben erschlaffende Feuerball senkte sich blutrot zum Horizont. Die in der Nähe des Wendekreises um das Ende der heißen Jahreszeit häufigem und oft plötzlichem Wechsel unterworfenen, manchmal aber auch tagelang währenden Nebel sind für den Schiffer sehr gefährlich. Er fürchtet sie, denn es ist unmöglich, in ihnen auf Kabellänge in die Runde zu schauen; das an vielen Stellen felsige Ufer und die zahlreichen Untiefen machen jeden Landungsversuch fast unmöglich. Der grollende Ton der Brandung drang aus dem Nebel herauf zur Klippe. Auf der andern Seite, nach Süden, Westen und Osten, dehnte sich das flache Hügelgelände, das gleich hinter dem Dünengürtel der Küste in üppiger Fülle prangte. Dahinter erstreckte sich ein leichter Höhenzug nach Süden zu über den Rio Salada und Rio Flores bis zur Sierra del Volcani, jenseits deren das gefürchtete Pays del Diabo, das Land des Teufels, liegt. Nach West und Südwest schien sich der Horizont gleich dem Meer im Osten zu unendlicher Fläche zu dehnen; keine Höhe, kein Wald, fast kein Baum unterbrach sie. Dort hinaus lagen die Pampas, durch die einsam der Hirt mit seinen wilden Herden zieht, der Jäger den Büffel verfolgt oder der Indianer auf Beute schweift. Vereinzelte Gruppen von Korkeichen und Feigenbäumen zogen sich vom Fuß der mit Fächerkakteen bedeckten Felsen zu den höchstens zwei Leguas entfernten Hügelanfängen; von ihren Höhen leuchteten die weißen Mauern einer Quinta im Strahl der Abendsonne. An den Steinen neben den Männern lehnten Fanggeräte, ein starker Fischspeer, Wurfnetze und Körbe. Der Nebel hatte sie überrascht; nun warteten sie den Eintritt der Nacht ab, mit dem gewöhnlich der Wind vom Land zur See hin wechselt. La-Muerte war herkulisch gebaut und etwa achtunddreißig Jahr alt. Er war ein Sohn jener schwarzen Stämme des innern Afrikas, die hin und wieder als Sklaven nach den Küstenländern geschleppt und dort, trotz aller geschäftsklugen Menschlichkeit der englischen Kreuzerkommandanten, als \>Ebenholz\< nach Amerika verkauft wurden. Eine über vier Meter lange Lanze von im Feuer gehärtetem Holz, mit einer scharfen Stahlspitze und einem Busch bunter Papageifedern versehen, lag dem schwarzen Riesen zur Seite. Manuelo, etwa sechsundzwanzig Jahre alt, war unter Mittelgröße und hager. Das faltenreiche Gesicht ließ ihn älter erscheinen; die aufgeworfenen Lippen deuteten auf Sinnengier und Grausamkeit, um die Nasenflügel und die Augenwinkel lag ein Zug lauernder Schlauheit und Habsucht. In seiner mit Goldtressen und Stickereien überladenen Kleidung sprach sich die ganze Eitelkeit des Mischblutes aus. Eine Jacke von grünem Samt mit zahllosen Knöpfen von Silber hing zusammengeknotet um seinen Hals. Die Calzoneras, die Beinkleider, waren an den Seiten offen und mit farbigen Schleifen gebunden; sie zeigten Unterkleider von hellgelber Seide und reichten nur bis über das Knie. Das Bein war vom Knie ab durch rindslederne Gamaschen geschützt, an die durch Riemen der sandalenartige Schuh befestigt war. Ein langes Messer mit Horngriff stak in den Riemen der Gamaschen; ein ähnliches, mit schwerem Metallgriff, eine gefährliche Wurfwaffe in geübter Hand, hing in dem Schalnetz, das den Gürtel bildete und das weite Hemd zusammenhielt. Eine Kapsel an dicker goldener Halskette umschloß ein Amulett. Die Augen des Pardos folgten dem Wink des Negers. »Was heißt das, Muerte? – Hab' keine Lust, Rätsel zu raten!« Langsam vergrub der Schwarze eine Faust in die Taschen der hellgestreiften, baumwollenen, kurzen Hosen, während die andere Hand mit seiner seltsamen Halsschnur von Tier- und Menschenzähnen, Korallenstücken und Glasperlen spielte. »Nicht sein Rätsel für Massa Manuelo. Da hinten sein Oberst Adeodato. Beu Jesus, ein schöner Mann! Haben Zauber in seinen Augen für die Weiber!« »Den Teufel hat er! Er ist ein Feigling, sonst würde er mit seinen Gauchos nicht müßig hier herumlungern, statt drüben überm Fluß die Apostolikos zu schlagen!« »General Rosas hat ihm die Hand der Senora versprochen.« »Möge ihm das Schicksal Quirogas dafür werden! Aniella In Aniella hat Retcliffe mit dichterischer, oft allzu großer Freiheit die Geschichte Anitas, der Gattin Garibaldis, gezeichnet. ist ein freies Mädchen – – der General hat kein Recht, über sie zu bestimmen! Ihre Besitzungen liegen jenseits des Stromes so gut wie hier. Ich allein bin ihr rechtmäßiger Vormund – sie hat keinen nähern Verwandten!« La-Muerte blies verächtlich über die Handfläche. »Was sein Massa Manuelo Verwandt? Ich nichts wissen davon. La-Muerte müssen dies wissen, weil er zwanzig Jahre in Haus seines Herm, und hab' die Senorita geboren sehn. Hier, La-Muerte selber« – er schlug kräftig auf seine breite Brust – »sein Vormund von Senorita. Alte Vadder haben ihm Senorita übergeben. Beu Jesus!« Manuele rückte näher. »Du vergißt, Freund, ich bin der Pate des alten Herrn, also so gut wie sein Sohn. Überdies ist Senorita Aniella meine Milchschwester.« »Puh! – Es sein ein wenig schwarzes Blut in Milch von diese Kind, aber viel schwarzes Blut in Adern von Massa Manuelo. Warum sein Massa hergekommen über den Strom?« »Hör' mich an, La-Muerte«, sagte der Pardo. »Ich habe dich an diesen Ort begleitet, um offen und unbelauscht mit dir zu reden. Du weißt, daß Senor Crousa mir früher wohlwollte. Er hätte mir sicherlich die Hand Aniellas nicht verweigert, wenn er noch gelebt – denn, par Dios, ich bin auf dem besten Weg, mein Glück zu machen.« »Sein Senor Manuelo ein Haziendero geworden? Haben Massa Manuelo viele Pferde und Rinder wie die Senora, und Diener und Häuser? Massa sein geworden armer Goldsucher und die Senorita sein vornehme Dame.« »Ich habe Besseres als deine Pferde und Rinder, ja selbst als dein Gold. Ich bin kein armer Gambusino mehr. Sieh meine Kleidung an – ich bin reich und werde bald ganz unermeßlich reich sein! Aber ich muß Aniella besitzen.« »Haben Massa Manuelo den Reichtum gestohlen?« Manuelo stieß einen abscheulichen Fluch aus. Seine Hand fuhr ans Messer. »Doch was erzürn' ich mich über deine Worte! Du kannst es nicht wissen. Wenn du mir schwören willst, das Geheimnis zu bewahren, will ich es dir verraten. Ich weiß, man kann dir trauen.« Der Schwarze hatte sich aufgerichtet. »Beum Schäddel meines Vadders im Sand der Wüste – dieser Mund soll niemals davon reden.« »Gut! – Ich war im Diamantenbezirk!« La-Muerte schüttelte ungläubig den Kopf. »La-Muertes Haar werden grau – La-Muerte haben es viele Malen versucht, weil er lieben die glänzenden Stein über sein Leben!« Manuelo sah sich mißtrauisch um. Dann holte er ein Säckchen von Wildleder hervor, das er an einer starken Schnur an der Brust verborgen trug. Er legte es auf den Poncho, öffnete es bedächtig und zeigte dem weit vorgebeugten Schwarzen den Inhalt – etwa zwanzig kleinere und zehn größere Steine, darunter einer von der Größe einer Haselnuß. Das schräg darauffallende Sonnenlicht rief tausend farbige Strahlen wach, die gleich Blitzen aus diesen eckigen, ungeschliffenen, teilweise noch von brauner Quarzhülle bedeckten Kristallen kamen. »Wo, Señor Manuelo, wo finden die Diamanten?« »Mein Geheimnis, Muerte. Die heilige Jungfrau hat es mir gegeben; es hat mich Anstrengung, List und Leiden genug gekostet. Caramba! Du begreifst, wo dies war, ist mehr! Der Gambusino Manuelo ist reich genug für Aniella Crousa, die Haziendera.« »Ihr sein reich, reich, wie der böse Geist – aber Ihr sein kein Cavaliero!« »Wer reich ist, ist alles. Damit kann ich mir drüben in der alten Welt eine Fürstenkrone kaufen. Siehst du diesen Diamanten?« Er hob einen der größten Steine zwischen zwei Fingern in die Höhe und ließ seinen Bruch funkeln. »Ich sehen, Massa!« »Er soll dein sein, wenn du tust, was ich dir sage. Mehr soll dein sein – zehn solche Steine! – wenn Aniella mein Weib wird!« 1 Viereckiges Tuch, das in der Mitte eine Öffnung zum Durchstecken des Kopfes hat; einfachste Art eines Mantels, der über Rücken und Brust herabfällt. Der Neger zitterte. In seinem Innern schien ein gewaltiger Kampf zu toben. Gebannt blickte er gierig auf den unermeßlichen Schatz, der doch im Grunde nicht viel besser für ihn war als bunter Spieltand. Endlich legte er die Hand auf den Arm des Mischlings. »Tun weg die steinernen Sonnen, Señor Manuelo. Teufel kommen in die Seele. Armer La-Muerte sein treuer Hausmeister von Señorita. Haben geschworen, als alter Massa Crousa sterben, zu beschützen sein Kind, wie ein Vadder, und ihr zu gehorchen.« »Du hältst deinen Schwur schlecht, Freund! Dieser Hund von Oribe hat euch ohne viel Federlesens von der schönen Villa de la noches entretenidas hierher über den La Plata gebracht und will deine Aniella mit einem seiner Günstlinge verheiraten. In drei Tagen soll die Hochzeit sein, und du leidest das, ohne deine langen Arme zu rühren!« »Was sollen tun armer schwarzer Mann, wenn Señorita nicht sagen: ›Nein!‹« »Sie liebt ihn?« »Aniella sein ein Kind, schön, wild, jung, wie die Antilope von der Sierra. Ich nicht wissen, was Liebe sein. Oberst Gondra sein ein Cavaliero von gut Blut und ein schöner Mann. Señorita Aniella ihn nehmen wie einen andern. Sehr gleichgültig - pah!« Er blies in die Luft, als sei die Heirat eine Sache, die ihn so wenig wie seine Herrin etwas anginge. »Wenn die Señorita lieben und zu La-Muerte sagen: ›Das sein mein Mann, den heiraten‹ - beu dem Schäddel meines Vadders, das sein ein ander Ding! Wofür haben La-Muerte seinen Arm und seine Lanze? Keun andrer Mann sie heiraten.« »Also gleichgültig ist sie gegen diese Heirat - um so besser! Dann wird sie meine Bewerbung nicht zurückweisen, wenn dieser verfluchte Gaucho aus dem Weg geschafft ist und ich ihr gleichstehe. Dazu, Freund Muerte, mußt du mir helfen. Es handelt sich darum, Aniella von diesem Ufer zu entfernen und nach Montevideo zurückzubringen. Deshalb bin ich ihr hierher gefolgt. Mein Gold wird uns den Schutz des Präsidenten sichern und - dieser Krieg muß ein Ende nehmen - die englischen und französischen Kaufleute in Montevideo sprechen viel davon.« »Wenn Aniella sagen: 'Ja', so sein La-Muerte einverstanden und werden töten mit diese Speer den Espagnol.« »Das würde uns nichts nützen, Freund. Seine Gauchos würden über uns herfallen und uns alle ermorden. Die Küste ist von ihren Schiffen bewacht und eine Flucht unmöglich.« »Was tun? Kopf sein zu schwer!« »Weißt du, wo sich Kommodore José mit seinen Schiffen jetzt aufhält? Du mußt oft Nachrichten von den Offizieren in der Villa hören.« »Dieser Diabo sein bald hier, sein bald da! Ein Teufel. Er verdienen ein Nigger zu sein, so tapfer. Ich hören sagen gestern, diese Schiffe ihn wollen aufsuchen morgen und fangen in einer Bucht am Uruguay.« »Du hast recht - er soll ein Teufel sein! Und diese Männer von drüben brennen auf das Gold. Wenn er uns helfen wollte, sollten mich alle Gauchos der Welt nicht hindern, Aniella zu entführen. Aber wo finden wir ihn? Kennst du ein Mittel, mich nach der Banda Banda Oriental, der alte Name der Provinz Uruguay unter der brasilianischen Herrschaft. zurückzuschaffen?« »Die Churros haben genommen jedes Boot an der Küste! Nicht so viel, auf zehn Leguas zu fangen einen Fisch.« Er wies unwillig auf die nutzlosen Fischgeräte. »Aber das Boot, das wir vorhin sahen?« »Gehören zu diese Schiff' ohn' Zweifel. - Beu Jesus, da können es sehen, das Wasser werden klar! - Aber was sein das?« Der dumpfe Schall eines Kanonenschusses rollte aus den Nebelschichten herauf, die plötzlich, wie von einer Zauberhand gefegt, zurückzurollen begannen. Sie drängten sich teils in die hohen, unzugänglichen Uferschluchten, teils lösten sie sich schnell auf. Die wogenden Massen ballten sich zusammen, während dazwischen in langen breiten Streifen die schiefen Strahlen der Abendsonne die Fläche des Stroms erhellten und weite Fernsichten über den blauen Spiegel eröffneten. In dem offenen Raum zeigten sich vier ankernde Kriegsschiffe des Geschwaders von Buenos Aires: eine Brigg, ein Schoner und eine Goelette; das vierte lag weiter zurück, seine Wimpel waren über der Nebelmasse nicht mehr erkennbar. Zwischen der Goelette, der Brigg und dem Schoner ruderte auf offenem Wasser das Boot, das die beiden von der hohen Klippe aus vor Eintritt des Nebels auf dem Strom beobachtet hatten. Offenbar war auf einem der Kriegsschiffe das Boot gesichtet und durch den Schuß den anderen signalisiert worden. Statt beizulegen, hatte das Boot aber gewendet und suchte wieder die Flußhöhe zu gewinnen. So kühn und geschickt auch das Manöver war – es kam fünf Minuten zu spät. Die Bramsegel des Schoners, der von den dreien am weitesten draußen lag, flatterten schon in die Höhe; sie blähten sich in dem leichten Wind, der die Nebel stromabwärts trieb; zwanzig Hände schütteten die Klüversegel aus, andere kappten das Ankertau und versahen es mit einer Boje. Ehe das Boot noch die Hälfte der nötigen Strecke durchquert hatte, durchschnitt der Schoner die Wellen und versperrte den Rückweg. Auf den drei Kriegsschiffen wechselten die Signale; die Goelette hatte Zeit gewonnen, ihren Anker zu heben. Mit dem ersten Blick auf die Bewegungen der Schiffe hatten Manuelo und La-Muerte als Bewohner der Küste erkannt, daß es sich um eine Verfolgung handelte und daß das Boot nicht zu den ankernden Schiffen gehörte, wie sie geglaubt. » Valga me Dios! « rief der Pardo und raffte eilig seine Diamanten zusammen. »Das ist, was wir brauchen! Wenn diese Hunde von Argentiniern sie nur nicht vorher in den Grund bohren!« In der Tat: mit einer unerhörten Tollkühnheit rollte am Stern des Bootes an der kleinen Stange eine Flagge herausfordernd empor – es waren die grünen und blauen Streifen mit dem Stierkopf von Uruguay. Der Mann am Steuer stand jetzt aufrecht; man sah, daß er auf dem kleinen Fahrzeug den Befehl führte. Die Barke war außer ihm mit zwölf Leuten bemannt; da von einem Verbergen nicht mehr die Rede sein konnte, war die Mannschaft eifrig dabei, einen Mast einzusetzen und ein Segel zu hissen. Die Entfernung des Bootes von den Kriegsschiffen betrug zwei Kanonenschußweiten; trotzdem wurde die Herausforderung der feindlichen Flagge von allen drei Schiffen mit mehreren Kanonenschüssen begrüßt, die freilich nichts waren als Pulververschwendung. Bald nachdem sich die sogenannten La-Plata-Staaten im Jahre 1810 von der spanischen Herrschaft losgerissen und als unabhängige, verbundene Republiken erklärt hatten, deren mächtigste Buenos Aires war, brach in ihrem Innern selber ein langjähriger, mit der größten Grausamkeit geführter Bürgerkrieg los: der Kampf der Föderalisten gegen die Unitarier. Anfangs verstand man unter Unitariern oder Apostolikos die Partei, die verlangte, daß alle Staaten eine gemeinschaftliche Regierung in Buenos Aires besitzen sollten, von der die Statthalter der übrigen Provinzen eingesetzt werden müßten; unter den Föderalisten oder Liberalen die Anhänger einer Republik nach nordamerikanischem Muster, in der jeder Staat seinen eigenen Statthalter wählen und seine inneren Angelegenheiten selber leiten sollte. Bald aber verwischten sich diese Grundsätze, und die beiden Namen bezeichneten nur noch die sich bekämpfenden Parteien des Diktators Rosas und seiner Gegner. Der wildeste Fanatismus, die tollste Blutgier gaben diesen Bürgerkriegen ein schauerliches Gepräge. Erst 1852, mit der Flucht des Diktators Rosas nach London, endeten sie. Namen wie Paez, Artigas, Quiroga, Oribe und Rosas werden in der Geschichte der Menschheit blutige Flecken bleiben. Ein Hauptschauplatz dieser Metzeleien war die 1817 zu Brasilien gekommene Banda Oriental, die sich 1825 als cisplatinischer Volksstaat begründete und jetzt den Namen Uruguay führt. Der wachsende Wohlstand ihrer Hauptstadt Montevideo reizte die Habsucht Rosas, der seit 1831 Diktator von Buenos Aires war. Er versuchte, nachdem 1829 eines seiner Werkzeuge, General Oribe, als Präsident von Uruguay gestürzt worden war, diesen mit Waffengewalt an die Stelle des neuerwählten Präsidenten Fructuosa Ribera wieder einzusetzen. Dieser Kampf wurde mit wechselndem Glück zur See und zu Lande geführt. Zweimal fand er eine Unterbrechung durch die Einmischung und die Blockade der französischen und englischen Flotten und dauerte bis zum Jahre 1851. Gegen Rosas und seine Helfer, Oribe, Aldao, Pacheco und Urquiza, also gegen die sogenannten Föderalisten, kämpften auf der Seite Montevideos und der vereinigten Unitarier außer Lavalle, der auf der Flucht nach der Niederlage bei Monte Grande im September 1841 umgekommen, noch die Generale de la Madrid, Acha, Paz, Lopez, die Obersten Nuñez, Silveira und Battle, die Gebrüder Madariaga und der Kommodore Giuseppe Garibaldi. Im April 1842 stand Rosas auf der Höhe seiner Macht. Das Glück hatte ihn abermals begünstigt, nachdem kurz vorher eine Anstrengung der Unitaristen ihn gefährlich bedrohte. Die Provinz Entre Rios hatte sich gegen die Föderation erhoben, Ribera den Statthalter Echaguë vertrieben; Paz war von Corrientes herbeigeeilt, um sich mit ihm zu vereinigen. Der Statthalter von Santa Fé, Lopez Mascarilla, erklärte sich für die Unitarier und belegte einen großen für Oribe bestimmten Zug Pferde mit Beschlag. Der Schreck war unter den Föderalisten in Buenos Aires allgemein, und die dortigen Unitarier wagten – zu ihrem Unglück – wieder ihr Haupt zu erheben. Eine neue Mannschaft wurde ausgehoben und unter den Befehl des Generals Aldao gestellt, der, ehemals Mönch, ein Freund des ermordeten Quiroga war. Wäre General Lopez als der nächste damals sogleich gegen die Stadt gerückt, so würde sie sicherlich in seine Gewalt gefallen sein. Aber Ribera und Paz gerieten in Zänkereien, und während dieser Zeit kam Oribe von Tucuman dem Diktator zu Hilfe. Lopez flüchtete aus Santa Fé, in dessen Hauptstadt Oribe ein Blutbad anrichtete. Entre Rios erklärte sich wieder für die Föderation, und General Paz mußte sich nach Corrientes zurückziehen. – Die Goelette glitt mit geblähten Segeln nach der Mündung des Stromes, die Brigg lag ruhig vor Anker auf der entgegengesetzten Seite, so nahe dem Land, daß die Verfolgten zwischen ihr und dem Ufer unmöglich entweichen konnten. Die Rückkehr nach dem Ufer von Uruguay hinderte der Schoner, und zwischen diesem und der Brigg lag in der fernen Nebelbank das vierte Schiff des Geschwaders. Wie eine Arena dehnte sich die Wasserfläche auf eine Strecke von vielleicht einer Meile Breite frei innerhalb der Nebelmauern. Unter dem Hauch der auffrischenden Brise kam die Goelette ziemlich rasch heran. Das Boot schoß kühn auf den ihm entgegentreibenden Schoner zu. Ein Blitz erhellte den dunkeln Schiffsrumpf, eine Wolke kräuselte empor – und man sah die Kugel des langen Neunpfünders vom Vorderkastell des Schoners über die Wasserfläche flitzen. Der Bootssteuermann hielt ein kurzes Glas am Auge. Er hatte die Gefahr wohl erkannt und zur rechten Zeit gewendet; die Kugel flog weit backbord ab. Dreimal wiederholte sich dies Spiel; immer näher kam das Boot. Aber durch das wiederholte Wenden war es gezwungen worden, allzusehr steuerbord abzuweichen, und der Führer schien die Unmöglichkeit einzusehen, die Lücke zwischen Schoner und Goelette jetzt noch zu erzwingen. Das kleine Fahrzeug hielt plötzlich an; das Segel wurde umgeschwenkt; das Boot schoß nach der Mitte des sich immer mehr verengenden Raumes zurück. Schuß auf Schuß donnerte aus den langen Vorderdeckgeschützen der drei Schiffe; es gehörte große Geschicklichkeit dazu, durch fortwährendes Abfallen den immer gefährlicher werdenden Geschossen kein sicheres Ziel zu bieten. In diesem Augenblick wurde die Aufmerksamkeit des Pardos und des Schwarzen von dem fesselnden Schauspiel durch ein näher kommendes Schnauben und den Hufschlag eines Pferdes abgelenkt. Manuelo wandte sich um. »Bei Gott!« rief er. »Es ist die Herrin! Gott schütze ihren Hals! – Der wildeste Gaucho würde sein Tier nicht so hetzen!« La-Muerte grinste vor Freude und klatschte auf seine derben Schenkel. » Nossa Señora della Serra! Was sie reiten können – sie sein mutig wie der Cavaliero im Boot! Nehmen dich in acht, filhinha! « Die Warnung verhallte im Getöse der Schüsse und fand wenig Beachtung. Die kecke Reiterin galoppierte auf ihrem kleinen indianischen Pferd den schmalen Felsensteig hinauf und war mit einem Satz auf der Felshöhe. Ein zweiter brachte das Tier bis dicht an den Rand des Abgrundes; aber seine Dressur war so vortrefflich, die Hand der Reiterin so fest und sicher, daß es nur einer leichten Bewegung des dünnen, aus Riemchen zierlich geflochtenen Zügels bedurfte, um das erhitzte Tier sofort zum Stehen zu bringen. » Logo, logo pai negro – was gibt's hier? Was machen die Republikanos für einen Höllenlärm? Ich hoffe, es ist eine neue Höflichkeit der Capitanos mir zu Ehren!« »Blutiger Ernst, Aniella!« antwortete Manuelo. »Sieh selber; ihre Schiffe haben eine armselige Barke unserer Landsleute aufgebracht!« »Ah, du bist da, collaço ! « Sie reichte ihm die Hand. »Es ist nicht hübsch von dir, daß du mich allein läßt unter all den Cavalieros, während mein Verlobter nicht im Hause ist. Ich suchte dich und sattelte mein Pferd, während die Señors beim Spiel sitzen.« Sie lehnte sich weit über den Hals des Pferdes und überflog das Schauspiel zu ihren Füßen mit großen Augen. Aniella Crousa war die einzige Tochter eines vornehmen portugiesischen Offiziers, der 1817 bei der Besitzergreifung Uruguays dorthin gekommen war und bedeutenden Landsitz an beiden Ufern des La Platas erworben hatte. Ihr offenes Gesicht mit der gebräunten, durchsichtig klaren Haut der Kreolin verriet bedeutende Willenskraft; die blauen Augen, eine seltene Schönheit unter diesem Himmelsstrich, strahlten klug und lebendig in die Weite. Mit einem Sprung war sie aus dem Sattel. Der weißseidene, silberbestickte Rock reichte bis zur Hälfte der Waden, über dem in landesüblicher Freiheit weit, fast bis zum Gürtel über der bloßen Brust ausgeschnittenen weißseidenen Leibchen trug das achtzehnjährige Mädchen ein kurzärmeliges offenes Jäckchen von schwarzem Sammet. Eine Schärpe in der roten Farbe der Föderalisten, zu denen ihr Verlobter gehörte, umschloß die schlanken Hüften und ließ die befransten Enden weithin im Luftzug flattern. Über den spanischen Schnürstiefeln umhüllten hoch hinauf rote Gamaschenstrümpfe die Beine. Einen seltsamen Schmuck trug die schöne Kreolin auf der Haarkrone vor dem mit Granaten ausgelegten Schildpattkamm: einen lebenden Kolibri. Das Tierchen, nicht größer als ein Daumenglied, war eines der gezähmten Vögelchen, die von den vornehmen Damen in Montevideo und Buenos Aires selbst in Gesellschaft mit herumgetragen wurden, obgleich es sehr schwer war, die kleinen fliegenden Edelsteine zu gewöhnen. Der Kolibri, mit rotfunkelnder Brust und smaragdnem Gefieder, saß auf dem schwarzen Haar und begleitete flügelschlagend jede Bewegung seiner Herrin. » Santa virgen ! Beschütze die armen Menschen!« flüsterte sie atemlos, als der Pardo ihr mit schnellen Worten die Lage erklärte. »Es sind unsere Landsleute – ich möchte viel darum geben, wenn wir ihnen zu helfen vermöchten!« »Laß das Señor Adeodato nicht hören, mana ,« spöttelte Manuelo. »Er möchte es dir übel gedenken, daß du die Blauen in Schutz nimmst, während die Farbe deiner Charpa rot ist. Aber bei Gott, es sind kühne Gesellen – da versuchen sie aufs neue an der Goelette vorüberzukommen!« »Ihre Kugeln werden sie in den Grund bohren! – Barmherziger Heiland, beschütze sie!« Sie legte die Hand über die Augen und verfolgte die gefährliche Szene. » Poltaros! « fluchte der Neger. »Sie tun fort die Flagge – sie ergeben gefangen!« In der Tat – das Bootssegel sank; die Barke steuerte auf das Bugspriet der Goelette zu, die Flagge von Montevideo flatterte nieder. Ein Triumphgeschrei auf dem Deck und im Takelwerk des Kriegsschiffs antwortete. Die Goelette drehte den Bug gegen die Höhe des Stroms und traf Anstalten, die Prise in Empfang zu nehmen. Langsam trieb das Boot auf sie zu, die Ruder eingezogen; der Mann am Steuer stand aufrecht, die Linke lässig auf der Pinne des Steuerruders. Die Sonne war schon untergegangen; Nebel und Abendschatten erschwerten es den Zuschauern auf dem Felsen, den Vorgängen auf dem Wasser zu folgen. Wie absichtslos war das Boot am Fallreep vorbei nach dem Heck des Kriegsschiffs getrieben und legte an der Schanze an. Die Offiziere und Matrosen lugten über das Bollwerk herunter, riefen ihnen zu, heraufzukommen, und warfen ihnen ein Tau zu. Der Mann am Steuer fing es auf und zog sich dicht an die Schiffswand. Dadurch geriet die Barke vollkommen außer den Bereich der Kanonen. Im nächsten Augenblick hörte man bis auf die Höhe der Klippe den mächtigen Ruf einer klangvollen Stimme. » Fuego! « Eine Salve von dreizehn Pistolenschüssen knallte über die Wasserfläche. Ein kräftiger Fußstoß des Steuernden trieb das Boot vom Schiff ab und bis unter dessen Stern. Gleichmäßig tauchten die zwölf Ruder ein – die Barke schoß dem Ufer zu, ehe die Föderalisten sich von ihrer Überraschung erholen und das Schiff zu einer Breitseite wenden konnten. Kühn stieß sie in die Nebelbank am Zugang der Kluft, auf deren überragender Felsplatte die Señora mit ihren Gefährten stand. »Großer Gott – sie wagen sich wirklich in den Höllenschlund! Sie werden an der Brandung der Barre zerschellen – sie sind verloren!« rief Aniella Crousa. »Kein Ausgang gibt aus dieser Bucht ihnen Aussicht zur Flucht!« »Narren,« grinste La-Muerte, »wenn nicht ersaufen in Brandung, werden umkommen in diese Pamperos Pamperos, ein Gewittersturm mit wolkenbruchartigem Regen, der auf dem La Plata wegen der ungeheuren Schnelligkeit, mit der er auftritt, gefürchtet ist. , was kommen. Filinha müssen kehren eilig nach Hause!« »Nein«, sagte das Mädchen entschlossen. »Was kümmert mich der Pamperos? Ich will das Schicksal der mutigen Männer erfahren!« Indes schienen die untrüglichen Anzeichen des drohenden Unwetters zum Vorteil der Verfolgten zu dienen. Die Segel der Goelette wurden eingezogen, man hörte das Rasseln der Ankerketten, wie sie durch die Klüsen sausten, das Schiff drehte und legte sich in der Entfernung von etwa fünfzehn Knoten vor die Schlucht, in die sich die Barke geflüchtet hatte. Dort war es bei dem morastigen, tonigen Ankergrund sicher vor den Gefahren des herannahenden Sturmes und dem Wüten der Brandung, die an dem Felsen und der die Bucht sperrenden Barre Bezeichnung für Sand- oder Schlammbänke, die den Eingang zu Flußmündungen oder Buchten versperren und der Schiffahrt sehr gefährlich werden können. tobte. Seine Kanonen beherrschten zugleich den einzigen Ausgang und schnitten den Flüchtlingen jeden Ausweg ab. Jetzt wurde ein Boot von der Goelette niedergelassen und bemannt. »Sie wollen ihnen folgen – sie wollen sie angreifen in diesem Höllenschlund«, sagte Aniella und griff nach der Büchse, die sie am Riemen auf dem Rücken trug. »Wir müssen ihnen helfen!« »Was denkst du? Diese Schufte von Liberalos wissen, was ihr Leben wert ist, und werden sich nicht in diese Gefahr begeben! Überdies sind ihrer zu wenig in dem Boot; sie rudern zum Landungsplatz; sie wollen die Gauchos aufbieten, um sie vom Land abzusperren! Ich wundere mich überhaupt, daß ihre Schüsse die villaos noch nicht herbeigeführt haben. Sie könnten sich die Mühe sparen – es führt kein Ausweg aus der Bucht über die platten Felsen, und sie haben ihre Leichen sicher genug!« » Por Deos! Wenn es nur das wäre!« Aniellas Blick suchte die Augen La-Muertes. »Von den Gauchos haben sie wenig zu fürchten; der Oberst ist in Buenos Aires, und die Offiziere sind in der Villa. Sie wissen so gut wie wir, daß der Pamperos nahe ist. – Aber beug' dich über den Felsrand, Muerte, und sieh zu, ob du die Fremden erspähen kannst!« Der Schwarze umschlang mit seiner Rechten einen vorragenden Stein und reckte sich weit über den Felsen hinaus. Die Brise war schärfer und schärfer geworden, hatte die Nebel gehoben und ballte sie zu Wolken, die den Himmel verfinsterten. Der Gipfel der Klippe war jetzt vom Dunst eingehüllt, während die Wasserfläche frei sich ausdehnte. »Was siehst du?« »Beu den Gebeunen meines Vadders, Kind! Ich sehen ein schwarzes Ding da unten im Schlund – es bewegen sich – es sein Männer – sie gerettet aus Teufelswasser!« »Ruf' ihnen zu! Sag' ihnen, daß Freunde hier oben sind!« Der Neger brüllte durch die hohle Linke. »Gente de Paz! – Vivan Apostolicos!« Nichts als das Brausen der Brandung antwortete. Endlich drang aus der Tiefe vernehmlich eine kräftige Stimme. »Wenn ihr wirklich Unidados seid, so sagt uns, wo der Feind steht, und was er beginnt!« La-Muerte erwiderte, daß die Goelette den Ausgang der Bucht sperre und ein Boot abgesandt habe, um die Gauchos auf die Verfolgten zu hetzen. Aniella Crousa beugte sich im Vertrauen auf die riesige Kraft ihres schwarzen Getreuen weit über ihn hinaus und versuchte mit blitzenden Augen das Dunkel in der Schlucht zu durchdringen. Ängstlich barg sich der kleine flatternde Kolibri in ihrem Haar. »Sie dürfen nicht dort unten bleiben, Señor«, rief sie. »Ehe eine halbe Stunde vergeht, wird der Pamperos ausbrechen – Sie würden umkommen in dieser schrecklichen Kluft!« »Wer Sie auch sein mögen,« schallte es herauf, »nehmen Sie unsern Dank für Ihre Teilnahme! Der Rat ist gut, aber – diavolo – er ist schwer genug zu befolgen. Wir stecken in einer verdammten Falle, und die Felswände sind glatt wie Spiegel!« »Rudern Sie an das Ende der Schlucht, Señor, und warten Sie dort«, antwortete Aniella. »Wir sind gleich bei Ihnen!« »Was meinst du damit?« fragte erstaunt Manuelo. »Gibt es einen Weg hinunter in die Schlucht?« »Warum sollte man mich die Rostreadora nennen, wenn ich auf zehn Leguas in der Runde nicht jeden Pfad kennte! Frag' La-Muerte. Wir sind wohl zehnmal zusammen hinuntergestiegen. – Aber nun schnell, jede Minute ist kostbar. Komm, Bibi, in dein sicheres Versteck, damit dir nichts geschieht.« Behutsam löste sie den kleinen Vogel aus der Haarkrone und barg ihn zwischen Jäckchen und Brust. Dann löste sie ihren Lasso vom Sattel und übersprang die Felsplatte, die zwischen der Klippe und dem heraufführenden Fußweg klaffte. Im nächsten Augenblick war sie, unbekümmert um das an Gehorsam gewöhnte Pferd, hinter den Felsvorsprüngen verschwunden. Der Neger folgte ihr, aber die Hand Manuelos hielt ihn zurück. »Beim Himmel, Muerte, das ist ein wunderbares Glück«, raunte er. »Diese Unidados kommen wie gerufen – nimm« – er drückte ihm den Diamanten in die Hand – »und laß uns die Gelegenheit benutzen!« »Muerte sein bereit, aber Massa wissen, daß der Wille dieses Kindes Gesetz sein für Muerte!« Beide eilten hinter dem jungen Mädchen her. An einer Biegung des steilen Pfades schwang sich der Schwarze auf ein vorspringendes Felsstück und half dem Gefährten herauf. In den Fugen des Gesteins wurzelten Schlingpflanzen; Muerte bog sie beiseite, stieg mit sicherm Fuß abwärts ins Innere der kleinen Bucht, von Stein zu Stein; da und dort gewährten ihm die nach der Tiefe zu immer üppiger wuchernden Schlingpflanzen Halt. Vertraut mit gefährlichen Wegen, folgte ihm der Gambusino; so gelangten beide nach einer kurzen, aber gefährlichen Anstrengung auf einen Vorsprung, wo Aniella schon ihrer wartete. Der breite, flache Stein, auf dem sie nun standen, lag etwa sieben Meter über dem Wasserspiegel der Bucht. Die Felswand fiel von dieser Stelle senkrecht ab; ein Erklimmen ohne besondere Hilfsmittel war hier undenkbar. Dicht unter diesem Platz schaukelte die Barke der Unidados; ihre Bemannung, auf die Ruder gestützt, die Hand am Kolben der Pistolen, harrte aufmerksam des weiteren Verlaufs der Ereignisse. Aniella ließ ein Ende des Lassos in die Barke fallen und schlang das andere Ende um einen Felsvorsprung. »Es ist unmöglich, weiter hinunter zu gelangen, Señor«, sagte sie. »Sie müssen jetzt Ihrer eigenen Kraft vertrauen. Eilen Sie – jedes Zögern kann Ihr Verderben sein!« Der Mann im Stern flüsterte seinen Gefährten einige Worte zu, man hörte das Knacken der Pistolenhähne – dann packte er den Riemen, schwang sich mit der Sicherheit des geübten Kletterers empor und stand vor den Helfern. Man vermochte in der Finsternis seine Züge nicht zu erkennen; er war breit, mittelgroß und trug einen Bart. »Señora,« sagte er, »empfangen Sie nochmals meinen Dank für die Hilfe, die Sie Unbekannten leisten. Aber erlauben Sie mir, ehe ich meine Gefährten heraufkommen lasse, Sie um Beantwortung einiger Fragen über unsere Lage zu bitten.« »Fragen Sie, Señor!« »Zuerst – es ist kein Mißtrauen, nur Vorsicht, denn ich bin für das Leben meiner Kameraden verantwortlich – wie kommt es, daß wir so unverhofft an diesem feindlichen Strand Freunden begegnen?« »Mein Name, Señor, ist Aniella Crousa; ich bin die Tochter des verstorbenen Kapitäns Crousa da Pinheira aus Montevideo!« »Wem sollte der Ruf des ehrenwerten Portugiesen und seiner schönen Tochter unbekannt geblieben sein, Señorita!« sagte der Fremde höflich. »Aber ich wundere mich, Sie hier zu sehen.« Die Dunkelheit verbarg das Erröten des schönen Mädchens. »Sie wissen wahrscheinlich nicht, Señor, daß ich Besitzungen auch diesseits vom La Plata habe; die Villa, zwei Leguas von hier, gehört dazu. Ich bin eine Frau und kümmere mich nicht um den politischen Streit. Ich hatte also keinen Grund, mich Don Manuel Rosas zu widersetzen, der mich aus meiner Heimat hierher führte, um mich zu verheiraten. Aber, ob Unidados oder Libertados – ich glaube hochherzig genug zu fühlen, um tapfere Männer nicht in die Hände gemeiner Übermacht fallen zu lassen. Dies sind mein Milchbruder und mein vertrauter Diener!« »Das genügt, Señorita; ich bitte um Entschuldigung und vertraue Ihrem Wort. Was tun die Schiffe des Admirals Brown?« »Der Admiral selber ist mit seinen beiden Fregatten den La Plata hinabgesegelt, um sich nach Buenos Aires zu begeben. Kommodore Pedro Ximeno befehligt den Rest des Geschwaders. Die Goelette, die Sie verfolgte, liegt etwa fünf Minuten entfernt, vor dem Eingang der garganto do diabalo , in die Sie wunderbarerweise den Eingang gefunden haben, ohne an den Klippen zu zerschellen. Die Schiffe haben jetzt Anker geworfen und bereiten sich auf den Pamperos vor. Aber es ist unmöglich, daß Sie die Brandung am Eingang der Schlucht in dieser Finsternis noch einmal bezwingen!« »Ich weiß es, Señorita. Deshalb müssen wir den Landweg wählen. – Ahoi, Leute!« »Si – si!« »Einen Augenblick noch, Señor!« Aniella legte unwillkürlich die Hand auf seinen Arm. »Ich muß Sie von einem Umstand unterrichten, der Ihnen wahrscheinlich unbekannt ist. Eine Abteilung Gauchos lagert in der Nähe der Küste, zwischen hier und der Villa, wo sich die Offiziere aufhalten.« »Das Boot der Goelette muß schon gelandet sein, um die Schufte zu benachrichtigen«, warf Manuelo ein. »Wer befehligt die Gauchos? Wie stark sind sie?« »Oberst Adeodato da Gondra,« entgegnete Aniella zaudernd, »es sind zwei Kompagnien.« »Der Schurke! Ich kenne seine Grausamkeit, aber auch seine Feigheit!« »Er ist abwesend,« setzte das Mädchen hastig hinzu, »er befindet sich in Buenos Aires und kehrt erst in drei Tagen zurück. Die Offiziere seiner Milizen sind jetzt in meinem Hause; ich hoffe, daß das Unwetter sie von Ihrer Verfolgung abhalten wird. Aber ich weiß in der Tat nicht, Señor, was ich weiter zu Ihrer Rettung tun soll.« Die Luft in der Bucht wurde unerträglich schwül; von Zeit zu Zeit fuhr der grelle Schein von Blitzen darüber hin; aus der Ferne drang das dumpfe Rollen des Donners. »Ist ein Boot in der Nähe, dessen wir uns bemächtigen könnten?« »Nur das der Goelette; aber es wird zu gut bewacht sein. Alle anderen Boote sind bei den Schiffen. Ich muß gestehen, Señor, ich scheine selber eine Art Gefangene; wenigstens habe ich nicht Mittel, meine Estanzia an diesem Ufer zu verlassen.« »So bleibt uns nur ein Mittel«, sagte der Fremde nach kurzem Sinnen. »Marochetti, Sacchi und ihr anderen, schneidet die Taue ab und befestigt sie an den Ruderhaken. Antonio und der Deutsche, herauf zu mir! Schnell, denn es gilt Leben und Freiheit. – Wieviel Fuß Wasser unterm Boot?« »Vier Fuß am Felsen!« Antonio und der Deutsche schwangen sich herauf. »Seid ihr fertig da unten?« »Ja!« »Dann herauf bis auf die beiden Stärksten! Wir müssen das Boot aus dem Wasser heben und über die Felsen schaffen. Es ist unsre einzige Rettung. – Wo ist François?« »Hier, Herr!« Der Knabe, ein Bursche von etwa elf Jahren, aber behend wie ein Affe, sprang auf den Stein. »Such' dir den Weg hier hinauf und halte Ausguck! Señorita, darf ich Sie bitten, zurückzutreten? – An die Taue, Männer! Das Boot von unten heben! Eins –« Die Mannschaft der Barke war bis auf zwei Leute an dem Lasso heraufgeklommen und hielt die Stricke. »Zwei – drei! – Zieht, Männer, so lieb euch das Leben ist! Jetzt kommt der höllische Pamperos!« Ein Geheul wie von tausend Dämonen brach vom Meer her in den Felsenkessel. Es wirbelte in der Höhe, es kochte und brauste. Der Himmel stand in zuckenden Flammen; Tageshelle drang bis hinunter in die Tiefe und ließ jeden Gegenstand deutlich erkennen. In dem fahlen Licht erblickte Aniella zum erstenmal das Gesicht des Fremden. Die gewaltige Anstrengung, die jede Muskel seines Körpers spannte, erhöhte noch das Eigentümliche seiner Erscheinung. Er mochte etwa vierunddreißig Jahre zählen; sein ganzes Wesen trug das unverkennbare Gepräge des Gebietenden, des Befehlsgewöhnten. Sein Blick war offen, die Stirn hoch und vorspringend, die Nase schmal und leicht gebogen, der fest geschlossene Mund und das kräftige Kinn wurden von einem starken, rötlichen Bart bedeckt, das gelockte, zurückgestrichene, unbedeckte Haar war braun. In der kochenden Tiefe mühten sich die beiden Männer vergebens, die Barke zu heben. Aniella Crousa wies mit der Hand hinunter. »Hilf ihnen, Muerte!« Man hörte einen plätschernden Fall und der nächste Blitz zeigte den aus den Wellen auftauchenden schwarzen Riesen, wie er sich an den Felsen stemmte und Kopf und Schulter unter den Kiel schob. »Hoi!« Ein Ruck – das Boot hob sich vom Wasser. »Wir zwingen's, Kameraden! – Noch einmal: los! – Brav, Kerls! – Noch einmal! – So!« Das Unmögliche war getan; der Rand der schweren Barke schob sich auf die Felsplatte. Die beiden Matrosen schwangen sich ihm nach; der Schwarze folgte. »Faßt an, Kinder! – Gott und die Heiligen mögen uns beistehen!« Auf die Schultern der Männer gehoben, wurde das Boot Schritt um Schritt den steilen Felspfad hinaufgeschleppt, gestoßen, gezogen – auf einem Weg, den kaum bei Tag der Fuß des Jägers zu betreten gewagt hätte. Nur die Gewohnheit der Seeleute, unbesorgt um den tobenden Sturm, auf schwanken Rahen und Tauen herumzuklettern, ermöglichte ihnen das Vordringen. Das grelle, fast ununterbrochene Leuchten der Blitze erleichterte ihnen das waghalsige Werk. Der Knabe François war gleich einer Katze voran geklettert und hatte schon den gefahrloseren Pfad erreicht. Das Schnauben des Pferdes machte ihn stutzig. Die Hand am Griff seines Messers schob er sich lauschend vor, und erst das Herbeikommen Aniellas endete seine Besorgnis. Mit geringen Schäden wurde die Barke auf den breitern Pfad gehoben. Einige Atemzüge lang ruhten alle von der übermenschlichen Anstrengung aus. Nur der bärtige Fremde, den sie Capitano Jose nannten, schien keiner Erholung zu bedürfen. Mit der vollendeten Höflichkeit des Weltmannes und der biedern Offenherzigkeit des Seefahrers näherte er sich Aniella und führte ihre Hand ehrerbietig an die Lippen. »Senorita, der schwerste Teil unserer Rettung ist getan, und Ihnen verdanken wir sie! Tapfere Männer werden nie vergessen, in ihr Gebet den Namen Aniella Crousas einzuschließen. Aber die Schleusen des Himmels werden sich bald öffnen, und es ist Zeit, nicht mehr an uns, sondern an unsere schöne Retterin zu denken! Sie werden uns verlassen müssen. Wir werden von hier aus leicht eine Stelle des Ufers erreichen, an der wir unser Boot ins Wasser bringen können.« »Ich werde Sie führen, Senor«, sagte Manuelo hastig. »Aber der Pamperos? Die Gefahr ist zu groß!« warnte Aniella. »Wir sind an Sturm und Gefahr gewöhnt, Senorita!« Ein kurzer scharfer Pfiff durchschnitt das Tosen des Sturmes. »Hören Sie das Zeichen meiner kleinen Meerkatze? Der Bursche scheint einen sichern Ort gefunden zu haben. – Es ist Zeit! Auf mit dem Boot, Leute; vorwärts! Senorita, leben Sie wohl!« »Nein, Senor,« widersprach Aniella bestimmt, »ich werde von dieser Stelle nicht weichen, bis ich weiß, daß Ihre Rettung gelungen ist. Dieser Felsenhang schützt mich gegen das Unwetter, und mein Gebet wird Ihre Schritte begleiten.« Die Seeleute waren mit ihrer Last schon voran – einige Sekunden noch zögerte ihr kühner Führer, während schon die ersten schweren Tropfen aus den tief niederhängenden Wolken herabfielen. »Noch eins lassen Sie mich vor dem Abschied wissen, Señorita«, bat der Fremde. »Lassen Sie mich erfahren, unter welchem Namen ich später an Aniella Crousa denken muß, damit, wenn im Kampf mein Säbel auf den Ihres Gatten trifft, der meine sich senke im Gedächtnis an die Retterin unseres Lebens. Den Namen erbitte ich – den Namen Ihres Verlobten!« Wie in tiefer Scham wandte sich Aniella Crousa ab; ihr Mund flüsterte kaum hörbar im Toben des Sturmes den erbetenen Namen. Der Fremde zuckte zusammen. »Oberst da Gondra? – Jener Höllenhund selber, der feige Schlächter eines Rosas und Oribe? O Señorita, ich konnte vielleicht verstehen, daß eine Tochter Montevideos einem Föderalisten, einem Feind ihres Landes Herz und Hand gab; aber einem Scheusal in Menschengestalt, einem Mörder um des Mordens willen – niemals! Ich wollte eher mich in jene Schlucht zurückwünschen, als diesen Namen von Ihren Lippen hören! So will ich denn der Tochter des Landes, für das ich mein Schwert führe, zeigen, was ein Fremder zu tun imstande ist, wenn die eigenen Kinder seinen Henkersknechten sich verbinden!« Ein Schritt in den Schatten des Felsens – er war verschwunden. Ihr Ruf, ihr Wort verhallte in dem Toben der herabstürzenden Wassermassen. La-Muerte umfaßte sie und trug sie fast gegen ihren Willen in den Schutz des überhängenden Felsens. Dort suchte er die geliebte Gebieterin zwischen der rauhen Wand und dem zitternden Pferd vor dem Rasen des Wetters mit dem eigenen Körper zu schützen. Eine Stunde war vergangen; die Regenmengen, an den Felsen zu reißenden Sturzbächen geworden, verrannen. Verrauscht war der grimme Pamperos, den gewaltigen Strom entlang zum Meer – leise nur rieselte es zwischen den Felsen noch hinab zum Grund der Schlucht; hell brach der Mond durchs Gewölk; weit über den Horizont breitete sich klar der sternenfunkelnde Himmel. Starr, an den Sattel ihres Pferdes gelehnt, schaute Aniella Crousa stumm, ohne Antwort für den freundlichen Zuspruch La-Muertes, noch immer hinab auf die Wasserfläche. Erst ein lauter Ausruf des Schwarzen weckte sie aus ihrer Erstarrung. Ihr Blick folgte der Hand Muertes; sie wies nach der Stelle, an der vor dem Sturm die Goelette vor Anker gelegen. Die Stelle war leer. Das Schiff war fort, während die anderen noch sicher und ruhig an ihren Ketten lagen. Von der Höhe des Stromes, dort, wo der Horizont sich mit den Wellen einte, blitzte es auf. Die letzten Luftwellen des verwehenden Orkans trugen auf ihren Schwingen den dumpfen Donner eines schweren Geschützes herüber. Ein Handstreich Der Pamperos tobte in seiner tollsten Wut. Die Luft schien eine feste, greifbare Düsternis, so ungeheure Massen von Staub, aufgewirbelt von den trockenen Ebenen, kamen sausend auf seinen Fittichen dahergefahren und vermischten sich mit den Regenströmen. Oft vermochte sie daher nicht einmal das Licht der zahllosen Blitze zu durchdringen, die in allen Richtungen das Firmament zerschnitten, begleitet von sinnbetäubenden, gewaltigen Donnerschlägen. Durch diesen Aufruhr der Natur, durch diesen Gigantenkrieg von Wasser, Feuer und Luft brach sich die kleine Schar mit ihrem Boot Bahn; von Zeit zu Zeit rastete sie im Schutz eines Felsstücks und war hundertmal in Gefahr, zerschmettert, ersäuft oder zerrissen zu werden. Der kurze Weg zur Küste hinab, der sonst wenige Minuten erforderte, kostete einen Kampf von fast einer halben Stunde. In den Pausen zwischen den Donnerschlägen, während die Männer unter dem umgestülpten Boot am flachen Ufer Schutz und neue Kräfte suchten, machte Capitano José ihnen ruhig und bestimmt einen Vorschlag, vor dem selbst der an Abenteuer gewöhnte Gambusino zurückbebte. Aber diese Männer zauderten nicht einen Augenblick. François, der Knabe, klatschte in die Hände. »Señor,« sagte Manuelo, »gönnen Sie mir nur fünf Minuten. Ich habe einen Vorschlag, der Sie reich machen soll, wenn Sie dieses verrückte Unternehmen aufgeben und in der Flucht Ihr Heil suchen.« Der Kapitän antwortete nur mit einer abweisenden Gebärde. »Das Boot auf den Kiel, Leute! – Dicht heran an die Brandung! – Haltet die Ruder fest – die Waffen zur Hand!« »Bei San Jacob von Compostella – ich beschwöre Sie, Señor, geben Sie mir Gehör; es handelt sich um die Rettung Aniella Crousas!« »Der Señorita? – In das Boot, Leute – sechs an die Ruder! Die anderen bereit am Stem zum Abstoßen! – Reden Sie, Señor, die Augenblicke sind kostbar.« »Die Senorita – es gilt, sie von der Tyrannei der Föderalen zu befreien – ich muß mit Kommodore Garibaldi sprechen oder ihm Botschaft senden.« »So begleiten Sie uns!« Manuelo zögerte. »Bei Gott, dort kommt die Welle – der Augenblick ist da! – Fest, ihr Männer! – Hinein ins Boot, Señor!« Der Gischt der Brandung schäumte hoch auf an dem flachen Ufer. Kapitän José stand bis an die Knie im Wasser, die Augen auf die dunkle, mit weißem Schaum bedeckte Wasserfläche gerichtet. »Aniella...« Der Pardo vollendete die Rede nicht. Wie eine dunkle Wand kam es heran und begrub alles unter der heulenden Flut. Der erschrockene Gambusino fühlte sich von einer mächtigen Faust erfaßt und gleich einem Bündel Ware mitten zwischen die Matrosen in die Barke geschleudert. Im nächsten Augenblick schwamm das Boot, durch einen kräftigen Stoß vom Ufersand gelöst, auf dem Kamm der zurückweichenden Woge; der Kapitän schwang sich über den Bord und packte das Steuer. »Die Hälfte ans Ausschöpfen, Männer«, befahl er; die Stimme klang ruhig. »Fest in die Riemen, Kerls, oder die Flut schmettert uns gegen die Klippen!« Nieder tauchte die Barke in der anstürmenden Welle und hob sich dann hoch auf ihren Kamm – dreimal wurde das kleine Fahrzeug zurückgeschleudert, dreimal trieben es die Ruder wieder vorwärts. Zu den Füßen des Kapitäns, fast bewußtlos vor Todesangst, lag Manuelo im Wasser, das die Leute in rasender Anstrengung auszuschöpfen suchten. »Bravo, Kameraden!« rief der Kapitän. Das Boot hatte das freie Wasser gewonnen, die schlimmste Gefahr war überwunden; das Fahrzeug gehorchte dem Steuer; bald flog es auf den Wogenkämmen dahin, bald tauchte es in tiefe Wassertäler. Gerettet! Doch anstatt den Kurs auf die Höhe des La Platas beizubehalten, warf Kapitän José das Steuer herum. In weitem Bogen kehrte die Barke zurück zum Ufer, zu der Stelle, wo im Blitzesleuchten wieder die mächtigen Schatten der verlassenen Felsen auftauchten. Aber näher noch und gefährlicher als das Ufer tauchte in dem unaufhörlichen Aufflammen des Himmels ein anderer Schatten auf: eine dunkle Masse, schwankend auf dem Kamm der Wellenberge. Mit ihren drohenden Breitseiten hob sich die Goelette, locker von ihren Ankern gehalten, wie ein Riesenuntier der Vorzeit, das auf seine Beute lauert. Und die Beute war ihm sicher, lebend oder tot; jeder Mann an Bord sagte sich, daß, selbst wenn die Verfolgten den Weg in die Schlucht erzwungen hätten, sie zwischen den engen Felswänden der Wut des Pamperos zum Opfer fallen mußten... Kapitän José, die Rechte auf der Steuerpinne, beugte sich nieder zu dem leise wimmernden Pardo. »Wenn Sie ein Mann sind, Señor, so sorgen Sie selber für Ihr Leben! Diese Barke wird gleich an der Wand der Goelette zerschellen. Wenn wir die Herren des Decks sind, sollen Sie zum Kommodore Garibaldi gelangen – bei Gott!« Er richtete sich wieder auf; er schien zu wachsen, wie er, die Hand fest am Steuer, die Augen auf den dunklen Rumpf der Goelette richtete, als wolle er die Wände mit seinem Blick durchbohren. Näher und näher kam das Ungetüm; einmal stand es hoch über ihnen, als wolle es das kleine Boot im nächsten Wellenstoß zermalmen, einmal lag es tief im Wellental und die Dreizehn in der Barke sahen die schlanken Spieren und Masten wie scharfe Linien gegen den blitzerhellten Horizont. »Auf eure Posten, Kameraden! Werft die Riemen ins Wasser – ihr Dienst ist vorbei für diese und jene Welt! – Die Messer zwischen die Zähne! – Gott sei unseren Seelen gnädig!« Rundum zuckten die Blitze, die Donner dröhnten; eine Woge hob auf ihrem Kamm das leichte Fahrzeug mit den dreizehn Menschen gegen das Schiff. Die Hand des Mannes am Steuer aber preßte das Fahrzeug mit Riesenkraft im letzten Augenblick zur Seite – an der scharfen Kantung vorüber, die es wie ein Messer zerschnitten hätte, flog es am Backbord hin und stieß, emporgerissen von dem langgestreckten Wellenhügel, krachend gegen die Schiffswand. Die dünnen Planken zersplitterten; das Wasser brach von allen Seiten ein; die Bretter versanken unter den Füßen der Tapferen. Aber noch während des Anpralls hatten die gewandten, auf die verzweifelte Tat vorbereiteten Männer sich an den Netzen, Wanten und Tauen der Goelette festgeklammert; zerschlagen, zerschunden, zerstoßen, warfen sie sich über das Bollwerk, klommen die Wanten hinauf und sprangen aufs Verdeck. Der einzige, dessen beim Anprall gebrochener Arm nicht mehr vermochte, sich festzuhalten, sank in die Wogen zurück – ohne Laut, ohne verräterischen Todesschrei. Aber ein andrer Todesschrei gellte durch die Höllennacht: der Offizier stieß ihn aus, der auf dem Vorderdeck mit zwei Matrosen die Wache hielt, und, hinter dem Fockmast gekauert, an diesem sich festgebunden hatte. Der Säbel Kapitän Josés spaltete seine Stirn, als er sich beim Anblick der enternden Feinde emporzuraffen versuchte. Ein einziger Blick belehrte Kapitän José, daß der größte Teil seiner Leute schon an Bord war. Er selber hatte sich an den Ketten des Fallreeps hinaufgeschwungen, während seine Linke den zitternden Manuelo nachzog. »Vivan los Unidados! – Nieder mit der Föderation!« tönte eine gellende Knabenstimme vom Hinterdeck her durch Sturm und Donner. »Por amor de Dios! Der junge Schelm ist schon am Steuer und hetzt uns zu früh die Schurken auf den Hals! – Zu Hilfe, Leute – sperrt die Luken!« Ein einziger schwacher Pistolenschuß knallte – der Wachtmann am Steuer hatte ihn auf den Knaben abgegeben, der wie eine Katze die Treppe des Hinterdecks hinaufgehuscht war und sich mühte, die Tür der Kajüte mit seinem Dolch zu sperren. Kapitän José war trotz dem furchtbaren Rollen des Schiffes in der nächsten Sekunde an seiner Seite; ein Schlag mit dem schweren Metallgriff seines Schiffsäbels streckte den Steuermann zu Boden. Unterdes waren vier andere über die Wachtmannschaft hergefallen, die sich vor der Wut des Sturmes und des Wassers unter dem Bollwerk und den Segeln geborgen hatte. Jeder Stoß der breiten Matrosenmesser, jeder Hieb mit dem Kolben der langen Schiffspistolen – bei den meisten war das Pulver naß geworden – machte einen Feind kampfunfähig. »Zu den Luken! Zu den Luken!« Die Stimme des Führers klang scharf durch Sturm und Geschrei. Die Goelette war mit sechsundvierzig Mann bemannt; zwei der Offiziere und die Bootsmannschaft der Barkasse befanden sich an Land, die Offiziere auf der Quinta Aniellas, die Leute mit der Meldung an den kommandierenden Offizier bei den Gauchos; das überraschend ausgebrochene Unwetter hatte ihre Rückkehr verzögert. Dennoch überstieg die Zahl der Föderalistenmannschaft auf dem genommenen Schiff noch um mehr als das Doppelte die ihrer Gegner. Zum Glück für die tollkühnen Angreifer hatte die Mannschaft selber die Lukenklappen geschlossen, um das Innere vor den über das Deck strömenden Sturzwellen zu schützen; und Sturm und Donner tobten so arg, daß von dem Kampf auf Deck kaum ein Ton hinunterdrang in die geschlossenen Räume. Mit Tauen und was bei dem entsetzlichen Schlingern des Schiffes nur erreichbar war, verrammelten die Unitarier die Luken, obgleich der schwere Seegang sie bei dieser Arbeit immer wieder von einem Bollwerk zum andern schleuderte. Den linken Arm um den Hauptmast, stand Kapitän José; er leitete mit kurzem Wort und Rat die Handgriffe der Gefährten. Jetzt aber – sei es, daß ein Zufall die eingeschlossene Mannschaft aufmerksam gemacht, sei es, daß man die Wache auf Deck ablösen wollte und die Ausgänge verschlossen fand – hörte man deutlich zwischen dem Rollen des Donners wütende Schläge von innen gegen die Lukenklappen und die Flüche der Eingesperrten. »Hinauf, Marochetti, mit den fünf Besten! – Versucht Vormars- und Stagsegel zu setzen! – Die Anker gekappt! Wir werden uns der Gnade der Wellen überlassen!« »Das ist sicheres Verderben, Giuseppe! – In diesem Sturm vermag kein Mensch sich auf den Rahen zu halten!« »Es muß! Oder wir sind in ihren Händen!« Er hatte das Sprachrohr am Kompaßhaus gefunden und setzte es an den Mund. »Zwei Mann an die Ankerketten! Hinauf auf die Vor-Bramstänge und das Segel bereit! – Löst die Schlingen des Stags!« Er sprang ans Steuer und warf die Taue an den Spieren los. Das Enterbeil, mit dem er sich aus dem Waffenkranz am großen Mast bewaffnet, hing am Riemen vom rechten Gelenk. »Aufgepaßt, Männer! – Wahre die Kajüte, Sacchi, und halte die große Luke im Auge! – Jetzt – auf mit dem Stagsegel! – Kappt –« Eine Kugel pfiff an seinem Ohr vorbei – nicht den Knall hörte er im neuen Donner, nur das Zischen des Bleis. Schnell wie der Blitz, der am Himmel zuckte, wandte er sich um und blickte in das wilde Gesicht eines Feindes, der sich eben über die Galerie des Hinterdecks schwang – drei, vier Gestalten kletterten ihm nach; Kurzdegen, die glänzenden Klingen der Büchsen, die Läufe der Pistolen funkelten im Feuerwerk des Himmels. Kapitän José schleuderte dem nächsten Gegner das Sprachrohr ins Gesicht. »Kappt das Ankertau! Kappt! Kappt!« brüllte er. Mit der Linken klammerte er sich am Steuer fest, die Rechte schwang drohend das Enterbeil. »Viva el Union!« An dem stahlbeschlagenen Stiel des Beils zersprang der Kurzdegen des Spaniers; von der Schneide des Beils getroffen, stürzte er kopfüber zurück in die schäumende Flut. Ein gewaltiger Ruck erschütterte das Schiff. Gefaßt von der heranstürmenden Welle, hob sich das befreite Bugspriet hoch in die Luft, so daß der Stern bis über die Galerie in die Flut versank. Zwei der Bedränger wurden von den rasenden Wellen hinweggespült. Mit Getöse fing sich der Sturm im gelösten Stagsegel und drohte die Taue aus ihren Schoten zu reißen. Das Schiff trieb zunächst über Stern und drehte sich dann um sich selber. Es war der gefährliche Augenblick, in dem das Steuer seine Kraft üben mußte, wenn die Goelette nicht rettungslos in die tosende Brandung treiben sollte. Kapitän José warf sich, achtlos gegen alles andere um ihn her, mit seiner ganzen Kraft in die Speichen. »Los mit dem Vormarssegel! Alle Hände an die Taue!« Über seinem Kopf schwebte der Kolben einer Büchse – einem der neuen Angreifer war es gelungen, die Galerie des Decks zu überschreiten und sich mit der geschwungenen Waffe auf den Führer zu stürzen. Über den auf die Speichen des Rades gebeugten Körper blitzte es hinweg; eine Enterpike zischte durch die Luft, und die lange Spitze bohrte sich in die Brust des Spaniers. Der kleine François hatte den rettenden Wurf getan. »Maldito demonio!« Das Schiff richtete sich auf – es begann dem Steuer zu gehorchen. Jetzt flog es vor dem Sturmwind dahin, ab von der verderbenbringenden Küste. Ein Blick auf den im Todeskampf sich bäumenden Feind zeigte dem Kapitän, in welcher Gefahr er geschwebt hatte. »Dank, François! – Beim Himmel, ich vergelt's dir, Bursche!« Der Knabe hielt sich keuchend an der Wantung fest, von der herab er den Wurf getan. Mehrere Kameraden eilten herbei; sie griffen ins Steuer, sie bewachten die Brüstungen, um jeden der Feinde, der noch einmal den verzweifelten Versuch des Emporklimmens machen sollte, hinunterzustoßen in die Flut. Die Goelette flog unterdes im Sturm dahin, der Höhe des Stromes zu; die Donner verhallten in schwächeren Schlägen; der Pamperos eilte dem Schiff weit voraus dem Meere zu. Kaum eine halbe Stunde später und durch die zerzausten Wolken blitzten einzelne Sterne; der Mond begann seine Silberstrahlen auf die erregten Wasser zu streuen, als wolle er sie besänftigen. Aufs äußerste angestrengt, hatten bis dahin alle Hände mit der Rettung und Leitung des Schiffes zu tun gehabt. Der Kapitän musterte seine wackere Mannschaft. Zwei fehlten von den Zwölfen; den einen hatte die zerschellende Barke mit hinabgezogen in den Todesschlund, den andern der Sturm beim Lösen des Vormarssegels über Bord gerissen – keiner war unverletzt; das tollkühne Ersteigen des Schiffs, die Arbeit auf Deck und der Kampf mit den Wachen hatten jedem ein Andenken hinterlassen. Aber in aller Augen strahlte Triumph, funkelte die stolze Freude über die gelungene Tat. »Es ist Zeit, Kameraden,« rief Kapitän José, »daß wir vollends Herren des Schiffs werden! Untersucht die beiden Karonaden dort, erneuert die Ladungen aus dem Pulverkasten, wenn es nötig ist, und richtet sie gegen das Vorderkastell! – Sacchi, nimm das Steuer! – Ihr anderen mit den Waffen an die große Luke!« In wenigen Augenblicken war alles bereit. Man hatte dabei den Pardo Manuel, der blutig zerschlagen sich zwischen den Geschützen festgeklammert hatte, aufgehoben und auf eine Bank gesetzt. Kapitän José stand mit dem Enterbeil in der Hand an der Seite der Luke. Auf seinen Befehl wurden die Decken, Taue und Ketten, die man darüber geworfen, fortgeräumt und ein Loch in die Ecke der Klappe geschlagen. Sofort streckten sich zwei, drei Flintenläufe und Säbel hervor. »Keine Torheit, Männer!« rief der Kapitän. »Das Schiff ist in unsrer Gewalt – ich müßte euch alle töten, wenn ihr nicht Vernunft annehmt! Ist ein Offizier unter euch, mit dem ich verhandeln kann?« Ein junger Anwärter meldete sich; es war der letzte Offizier auf dem Schiff; der Kapitän der Goelette hatte den Tod gefunden – es war der Kreole, den der Schlag des Enterbeils über die Galerie des Sterns in die See geschleudert. »Señor,« sagte Kapitän José, »das Kriegsglück wechselt, und es gereicht keinem Tapfern zur Schande, einmal überwunden zu werden. Das Deck ist in unsrer Gewalt, das Schiff segelt schon auf der Höhe des Stroms, außerhalb jeder Möglichkeit der Hilfe für Sie. Ich gebe Ihnen fünf Minuten Bedenkzeit, ob Sie meine Bedingungen annehmen.« Man hörte eine kurze stürmische Beratung zwischen der unter der Luke versammelten Schiffsmannschaft; dann fragte der junge Offizier nach den Bedingungen, die man stelle. In diesem zur Metzelei ausgearteten Bürgerkrieg war Gefangenschaft mit grausamem Tod ziemlich gleichbedeutend. »Ihr Ehrenwort, keinen Widerstand weiter zu versuchen«, antwortete Kapitän José. »Die Mannschaft muß einzeln auf Deck steigen und ihre Waffen niederlegen. Jeder geht dann zum Vorderdeck und setzt sich dort unter dem Bollwerk nieder, bis das Schiff die Flottille des Kommodore von Montevideo erreicht. Dafür verspreche ich, daß jedem sein Leben und seine persönliche Habe gesichert bleibt, daß jeder am Ufer von Uruguay frei ans Land gesetzt wird, von wo er sich zu den Truppen Oribes schlagen darf.« Diese Bedingungen waren für die Eingesperrten so überraschend günstig, daß sie bald angenommen wurden. Die Entwaffnung ging unter den drohenden Mündungen der Karonaden rasch vonstatten. Die besiegten Föderalisten nahmen die ihnen angewiesene Stelle ein, mit Groll im Herzen und einem Fluch auf den Lippen, als sie – noch immer einunddreißig Mann – erkannten, von welch geringer Zahl sie überwunden worden waren. Aber es war zu spät, den Kampf nochmals aufzunehmen; die Macht lag fest in den Händen ihrer Gegner, und die Haltung des Führers zeigte ihnen, daß jeder Versuch einer Auflehnung unfehlbar mit ihrem Verderben enden werde. »Jetzt, Kameraden,« sagte heiter Kapitän José, »sind wir die Herren des Schiffs und verdienen, daß die Farben Montevideos die besiegte Flagge von Buenos Aires ersetzen! Aber die unsere liegt auf dem Grund der Teufelsbucht, und wir müssen uns die Freude versagen, den Augen unserer schönen Retterin zu zeigen, was entschlossene Kämpfer der Freiheit zu tun vermögen!« »Vive l'Union! – Vivan los Unidados!« klang eine helle Stimme oben von den Rahen; die blauweißen Streifen mit der goldenen Sonne flatterten nieder aufs Deck und hoch an der Zugleine der obersten Gaffel wehte die blaugrüne Flagge von Montevideo, von einem jubelnden Viva der Tapferen begrüßt. François hatte sie um den Leib geborgen, ehe er die Felsenwand der Teufelsschlucht an dem Lasso Aniellas erstieg. Der tolle Bursche jubelte im Tauwerk des Mastes und winkte mit dem freien Arm zurück, dorthin, wo die feindlichen Kriegsschiffe lagen. Mit der Lösung der großen Kanone auf dem Vorderdeck wurde die Flagge begrüßt. Das Echo des Schusses war es, das der letzte Hauch des Orkans hinübertrug zu dem Ohr Aniella Crousas. So kam es, daß ihr Auge die Goelette nicht mehr auf dem Ankerplatz fand. »Herrenrecht!« Es war drei Tage später. Die zur Vermählung der schönen Herrin der Quinta de la noches entretenidas , der Villa der angenehmen Nächte, bestimmte neunte Abendstunde nahte. Vor der Veranda des weitläufigen Hauses waren von den Soldaten, von den Vaqueros, Peons und schwarzen Sklaven der großen Estanzia Ehrenpforten errichtet worden, geschmückt mit den köstlichsten Blumen dieser Zone. An hohen Fahnenstangen wehten die blauweiße Flagge von Buenos Aires und die roten Bänder der Liberalos. Zwischen diesen Stangen und Bogen und den Säulen der offenen Veranda warteten Girlanden bunter Papierlaternen auf den Beginn der festlichen Stunde; große Holzstöße lagen aufgeschichtet, um mit ihren Flammen zur Erleuchtung zu dienen und die Stechfliegen abzuhalten. Eines dieser Feuer brannte schon in der Mitte der weiten, von hohen Kastanienbäumen umgebenen Piazza vor dem Hauptgebäude; hinter dem Hause, durch Kaktushecken verbunden und eingezäunt, zogen sich die Wirtschaftsgebäude, die Ställe und die Hütten der Diener und Sklaven hin. An seiner Flamme wurde an einem Pfahl von Eisenholz ein ganzer Ochse zum lauten Vergnügen der umhertanzenden und das Feuer schürenden Neger gebraten. Die Frauen, ihre kleinen Kinder rittlings auf der Hüfte, kochten und buken den Reis und die mit Öl und Hammelfett gesättigten Maiskuchen. Im Kreis lagerten die Vaqueros und Peons, die Hirten und Diener des Guts, die Saltadores und Matadores, die Arbeiter der großen Schlächtereien; zahlreiche Gauchos und Milizsoldaten sangen, tranken und spielten. Der Mate, das berauschende teeartige Getränk, aus Kürbisschalen massenweise genossen, Cana, Rum, Arrak und Mescal , die in großen Kalebassen für den allgemeinen Gebrauch umherstanden, hatten schon ihre Wirkung getan; außerdem herrschte seit dem Pamperos noch immer jene ihm vorangehende oder nachfolgende eigentümliche Schwüle, die auf die Nerven der Eingeborenen einen merkwürdigen Einfluß übt: sie steigert ihre Leidenschaftlichkeit bis zum höchsten Grade, so daß unter ihrer Herrschaft Bluttaten und wilde Ausbrüche häufig sind. Das Bild, das die Piazza unter diesen Umständen bot, war äußerst bunt und bewegt. Angebunden an gefällte Bäume, standen etwa hundert Gauchopferde auf dem weiten Platz umher; die meisten waren im Korral, dem umzäunten Platz hinter der Villa, untergebracht. Die Mehrzahl der wilden Reiter war eifrig beim Glücksspiel; von Zeit zu Zeit unterbrach ein Fluch oder ein kurzer Streit die espàda, malilla oder das basto und monte Beliebte Kartenspiele ; Augen glühten, Messer blinkten, bis sich andere dazwischen warfen, oder ein Kabo die Kampfhähne mit schweren Strafen bedrohte. Andere tanzten nach dem Klang einer Mandoline mit den ländlichen Schönen, die so verführerisch den seidenen Rebozo um Kopf und Schultern zu schlingen wissen. La-Muerte, trotz seiner schwarzen Farbe ein angesehener Mann als Hausmeister und Liebling der Haziendera, ging überall umher und sah nach dem Rechten. Das Fest schien ihm nicht wenig Sorge zu verursachen; denn bei seinem Bemühen, freundlich und fröhlich zu erscheinen, vermochte er eine gewisse Unruhe nicht zu verbergen. Seit dem Abend am La Plata hatte sich Aniella Crousa zurückgezogen in ihren Gemächern gehalten. Statt wie sonst mit der Ungebundenheit und Freiheit eines jungen Füllens über Hügel und Ebene zu schweifen, hatte sie die Quinta nicht verlassen; wenn er ihr in seinem Hausdienst begegnete, erschien sie ihm zerstreut und nachdenklich; seine Fragen über das Hochzeitsfest schien sie fast widerwillig zu beantworten, während sie bisher die Verheiratung als eine gleichgültige, fest bestimmte Sache behandelt hatte. Nur als ihr alter Vertrauter ihr mitteilte, daß ihr Gast und Milchbruder Manuelo mit den Unidados verschwunden sei, leuchteten ihre Augen auf, und sie wandte sich ohne Antwort ab. Am Morgen war der Oberst da Gondra von Buenos Aires zurückgekehrt. Mit der selbstverständlichen Sicherheit des künftigen Besitzers hatte er in der Hazienda Befehl erteilt, sofort die Vorbereitungen zu vollenden, damit die Hochzeitsfeier noch am gleichen Abend erfolgen könne. Seitdem hatte La-Muerte die Señorita nicht wieder gesehen. Während er durch die Gruppe der Spielenden, Tanzenden und Trinkenden schritt, prüfte sein Blick öfter den im Abendnebel versinkenden Horizont, als erwarte er irgendein Ereignis. Seine lange Lanze lehnte am Eingang des Korrals, in dem sich die Pferde der Gauchos tummelten; er hatte eine Gruppe der ältesten Vaqueros der Estanzia dort lagern lassen und unterhielt sich manchmal angelegentlich mit ihr. Aus den Gemächern der Quinta strahlten durch die geöffneten Rolläden Hunderte von Kerzen. »Gott segne dein schwarzes Gesicht, Tio Muerte«, sagte einer der Gauchos, als der Neger an der Spielergruppe vorüberging, » Caramba , ich meine, es wäre Zeit, daß wir die Feuer ansteckten und uns bereit hielten, beim Glockenläuten uns in der Kapelle einzustellen! Ich hoffe, du hast mir einen guten Platz bestimmt, von dem aus ich alles sehen kann.« »Der Padre sein seit einer Stunde dort, Massa Ruperto«, brummte der Schwarze; »aber diese Koronel und seine Alferez sein so vertieft im Spiel, daß sie die Hochzeit ganz vergessen.« »Quien sabe? Unser Koronel ist ein Teufelskerl!« lachte der Gaucho. »Ich glaube, daß dein Täubchen die Zeit nicht erwarten kann! Ja, ja, Camisas de Britaña, y maridos de España! Das reinste Blut ist in seinen Adern; er könnte ein Conde im alten Land sein, wenn er nicht vorzöge, ein freier Porteños zu bleiben. Aber tausend Teufel bringen ihn nicht fort, wenn er beim Monte sitzt! – Nun, füllen wir einstweilen die Kalebasse noch einmal mit Mescal – wir wollen auf die Gesundheit der Braut trinken, solang sie noch Jungfer ist!« Johlend taten die Gauchos dem rohen Spötter Bescheid. Der Neger schaute sie unwillig von der Seite an und setzte seinen Weg fort. In der Tat, die Stunde war schon verstrichen, die zur Einsegnung des Paares angesetzt war; der Priester harrte schon längst mit den beiden schwarzen Knaben, die er zum Meßdienst in die Chorröcke gesteckt hatte, in der Hauskapelle. Während er in dunklen Gedanken an einer Gruppe von Indiosmanos Indianer, die unter den Weißen als Arbeiter leben, im Gegensatz zu den Indios bravos, den freien wilden Indianerstämmen. vorüberging, berührte eine Hand die seine; als er ausschaute, erblickte er einen Jungen in der zerlumpten Tracht der Peons, der ihn unter seinem zerrissenen Strohhut hervor mit schlauem Blinzeln ansah und zur Seite winkte. War das nicht der französische Knabe von der Bemannung der Barke in der Schlucht? Schnell gefaßt, ohne ein Zeichen des Erkennens, schritt er vor ihm her außerhalb des Lichtkreises der Flammen in den Schatten eines riesigen Kastanienbaums.   Der Bräutigam saß derweil mit seiner Gesellschaft in der Halle beim Hazard. Die Fenster des Saals reichten bis zum Boden der Veranda, die an der ganzen Vorderseite des Hauses entlang lief. Eine reichbesetzte Tafel prangte in der Mitte. Von silbernen Schüsseln lockten die Genüsse des Meeres und des Landes. In mächtigen Eiskübeln harrten die langhalsigen und gewundenen Flaschen mit den köstlichsten Weinen Europas. Unter ihnen lagen und standen, zum Teil schon geleert, ganze Batterien Champagner, dazwischen der feurige Refino, der seine einheimische Branntwein und eine große Terrine mit Sangaripunsch, dem feurigen Lieblingsgetränk Westindiens. Die zerbrochenen Flaschen und Gläser, die umherstehenden Kelche und altertümlichen Gold- und Silberbecher, die Unordnung im Raum bewiesen, daß die bunte Spielergesellschaft sich schon seit Stunden einer wilden Schwelgerei überlassen hatte. Ein Teil der langen Tafel war abgeräumt; man hatte Schüsseln, Teller und Flaschen auf Nebentische gestellt, die geblümte Damastdecke sorglos zurückgeschlagen. Um diese Stelle drängten sich nun stehend und sitzend die Anwesenden, leidenschaftlich gespannt, beim Montespiel. Am Ende der Tafel saß in seinem breiten Vutacas, dem üblichen großen Lehnsessel der spanisch-kreolischen Einrichtung, der künftige Hausherr, eine große hagere Gestalt, mit kräftiger Adlernase und funkelnden Augen. Oberst oder Koronel Adeodato da Gondra war ein Mann von einigen dreißig Jahren und nicht unschönem Äußern,; seine stechenden grauen Augen aber wirkten abstoßend. Die Schläfen waren schmal, die Stirn von dicken Adern durchzogen, und das halb unter einem spanischen Spitzbart versteckte Kinn und der 51 gekniffene Mund verrieten mehr harte Grausamkeit als die männliche Tugend des Mutes. Der Oberst trug den Anzug der Caraccas, dem er etwas Uniformartiges zu geben versucht hatte; statt der bunten Schärpe lag eine mit Perlen und Edelsteinen gestickte Koppel über der Schulter, an der ein langer, spanischer Stoßdegen mit Korbgriff hing; den Federhut und den Arm zierte das rote Band der Föderalen mit Rosas Bild und der Aufschrift »Föderation oder Tod!« und »Tod den wilden Unitariern!« Den gleichen Parteischmuck trugen sämtliche Anwesende auffallend an ihrer mannigfaltigen Kleidung. Die meisten zeigten überdies auf dem Ärmel gestickt das Bild der mazorca oder Maiskolbe, oder gar eine solche in Natur am kostbaren Strohhut. Das war das Abzeichen des furchtbaren Klub der Mazorcas, der Henkersknechte des Diktators, den dieser zur Ausführung seiner Verfolgungen gegründet hatte. Ahnliche Bänder, Schärpen und Fahnen mit dem Bildnis des Gewalthabers und blutdürstigen Inschriften hingen überall an Wänden und Fenstern. Vor Adeodato da Gondra lag ein Haufen Gold- und Silbermünzen, Dublonen, amerikanische Dollars, spanische Piaster und englische Sovereigns, dazwischen jene Bankzettel, von denen der Diktator neue Massen nach Gutdünken ausgab, ohne je über ihren wahren Wert Rechnung zu legen. Aber sichtlich verminderte sich der Gold- und Silberhaufen und floß der Kasse des Bankhalters zu, der in dauerndem Glück schon riesige Summen um sich her aufgestapelt hatte. Der Bankier war ein Offizier der Miliz, ein Mann von vierzig Jahren, ein Kreole von kräftigem, gedrungenem Wuchs, die Augen klein und scharf, der Mund üppig und sinnlich. Die Gewandtheit, mit der er Karten austeilte, Gewinne auszahlte und Verluste einstrich, zeigte den Gewohnheitsspieler. Etwa zwanzig Offiziere, Rancheros und Abenteurer, drängten um den Spieltisch, machten mit wüstem Lärmen ihre Spieleinsätze oder beschäftigten sich mit zwei zweifelhaften Senoras, die die Freunde des Bräutigams von Buenos Aires mitgebracht hatten. Schwarze Diener füllten die Gläser der Senores stets aufs neue und achteten auf jeden ihrer Winke. » Por el amor de Dios! « rief ein junger Stutzer in zierlichen Stiefeln von gepreßtem Leder und mit großem Federhut, während er die Frazada, das Mäntelchen, ergeben um seinen Arm schlang. »Dieser Satan von Kapitän gewinnt all unser Gold! – Nehmt diese letzten zehn Dublonen, Senor Estevan, und fahrt zur Hölle!« »Was beliebt, Senor Don Tragaduros?« fragte der Kapitän scharf. »O, nichts weiter, alma mia! Ich kenne eure Kunst im Schießen und im Gebrauch des Messers, Senor! Ich gönnte euch mein letztes Geld von Herzen!« »Zum Teufel mit deinen lumpigen zehn Dublonen!« schrie ein backenbärtiger Gesell in langer Manga und der roten Mütze der Federados. »Sieh den Koronel, amigo mio – bei der heiligen Jungfrau, er setzt eine talega Ein Beutel mit tausend Piastern; die Silberladungen der Maultiere wurden gewöhnlich danach berechnet. auf den Buben!« Alle Augen wandten sich auf die bedeutende Summe. Gondra blickte sich tückisch im Kreise um. »Glück in der Liebe, Unglück im Spiel«, sagte der Bankhalter mit schlauem Lächeln, indem er die Karten mischte. »Es ist nicht mehr als billig, Seiler Koronel, daß Sie heute Unglück im Spiel haben, und wir sollten aufhören. Ich glaube, der Sakristan ist schon zweimal an der Tür erschienen und hat einen Wink gegeben, daß der Padre uns erwartet.« »Nichts da! – Nicht von der Stelle, Kapitän!« schrie Gondra erregt. »Wir haben Zeit genug zur Hochzeit – erst müssen Sie mir Revanche geben!« »Ich küsse Ihnen die Hand, Señor, und bin zu Ihren Diensten. – As und Dame, Zehn und Bube – Sie haben verloren, Oberst; ich sagte es Ihnen im voraus!« Mit einem Fluch schob der Gauchoführer den Goldhaufen vor sich dem Gewinner zu. Señor Estevan zählte die Goldstücke und schob die Bankzettel dem Gegner zurück. »Sie schulden mir danach noch dreihundertundfünfundvierzig Piaster, Señor Koronel«, sagte er höflich. »Sie haben vergessen, daß wir bei Beginn des Spiels ausmachten, die Papiere Seiner Exzellenz dürften des allzu schlechten Kurses wegen ebensowenig benutzt werden wie der Kredit.« » Mil diablos ! Wollen Sie den Kredit der Bank von Buenos Aires anfechten und den Diktator schmähen?« »Was denken Sie, Señor? Ich bin Ihr Diener und Seiner Exzellenza Knecht. Aber ich wende mich an diese Herren!« »Señor Estevan ist in seinem Recht!« erklärte ein Estanziero; die Offiziere pflichteten bei. » Caramba – es lohnt nicht der Mühe zu streiten! Was schätzen Sie diese Diamanten, Señor? Ich weiß, Sie verstehen sich darauf!« Er nestelte aus der Brusttasche seiner Jacke einen Behälter und öffnete ihn. Ein Schmuck von Smaragden und Diamanten, Ohrgehänge, Brosche und Armband, blitzte den Anwesenden entgegen. Ein Ruf der Bewunderung erklang; auch die beiden Schönen eilten mit ihren Verehrern herbei, das kostbare Hochzeitsgeschenk zu bewundern. La-Muerte trat in den Saal und näherte sich der Tafel. Auch seine Augen hafteten auf den Steinen und verfolgten sie, wie sie von Hand zu Hand gingen. Der Kapitän ließ sie im Glanz der Kerzen spielen und prüfte sie mit Kennermiene. »Ich gebe fünfhundert Dublonen für den Schmuck!« »Teufel – ich stehe dafür mit tausend in den Büchern Aarons an der Plaza de la Constitution! Aber es mag drum sein – Senora Aniella wird sich einstweilen mit einem Schmuck von Suchilblumen begnügen müssen. Zählen Sie das Geld auf, und Champagner her, ihr Schurken! Reichen Sie mir die Flasche Aguardiente de arrez , Senor Assistente !« Er stürzte ein Wasserglas voll des flüssigen Feuers hinunter. Der Kapitän begann unterdes die Dublonen aufzuzählen. Der Blick des Koronels traf auf La-Muerte, der schweigend dem Vorgang gefolgt war. »Sieh da, das Faktotum, der Haushofmeister und Oberzeremonienmeister meiner süßen Braut! – Was stehst du hier, Schwarzfell, und schneidest Gesichter? Fort, laß die Feuer und die Lampen flammen – es geht zur Hochzeit! Die paar Karten, bis ich meine Genugtuung habe, wird das holde Täubchen seine Sehnsucht wohl noch zügeln können. – Hinaus mit dir, Picaro , und laß es an nichts fehlen! Ich schwöre dir, es dürfte sonst das letztemal sein, daß du in diesem Haus den Herrn spielst!« Der Mohr verschwand. »Du bist uns noch die Erzählung vom Ausgang der Meuterei schuldig, amigo mio !« schrie ein dicker, kleiner Mensch von der Sangaribowle her; er war ein großer Campasino und Besitzer bedeutender Querenzias Pferdezüchter auf dem Lande; Querenzias heißen die Bezirke, in denen die halbwilden Pferde gehalten werden. , dessen in diesem Lande ungewöhnliche Beleibtheit durch eine kostbare Zarape von Saltillo bedeckt wurde. » Cáscaras! Du sollst ein Dutzend junge Tiere haben für deine Kompagnie! Aber ausführlich muß ich hören, wie der würdige Diktator – die heilige Jungfrau segne ihn! – den ekelhaften Hunden von Unitariern den Hals abschnitt!« »Sie haben Zeit, Señor Koronel! – Unterdes zählt Don Estevan die Dublonen!« »Der Almirante hat keinem einzigen erlaubt, an Land zu gehen – so haben wir kein Sterbenswörtchen erfahren!« »Der alte Seebär ist wütend über die Schweinerei mit der Goelette. Der Teufel hole diese Hunde von Unitaristen! Sie müssen mit der Hölle im Bunde sein!« Da und dort fuhr eine Hand an Stirn und Brust und machte das Zeichen des Kreuzes. Manche blickten in die Runde – aber kein Mann des Geschwaders, obgleich es so nahe der Quinta vor Anker lag, war unter den Gästen zu sehen. Lauter Jubel drang jetzt vom Hof her; durch die Rolläden loderte der helle Schein der Feuer und der zahllosen bunten Laternen der langen Girlanden. Feuerräder und Schwärmer glühten an verschiedenen Stellen auf; Raketen stiegen zischend in den dunklen Abendhimmel. Schellentrommeln und Rohrpfeifen riefen zum Tanz. »Die Geschichte! Die Geschichte!« schrie der angeheiterte Campasino. »Zweihundertzwanzig«, zählte eintönig der Kapitän. Der Oberst lehnte, auf den Ellenbogen gestützt, über den Tisch; seine Augen verfolgten die Goldstücke, wie sie sich in kleinen Säulen vor ihm häuften. »Nun, zum Teufel denn,« sagte er endlich und goß abermals einen Becher Aguardiente durch die Kehle, »so hört zu! Bei der heiligen Jungfrau – seit dem Rosas-Monat Der Oktober 1840, so genannt wegen der blutigen Metzeleien, die Rosas damals durch die Mazorceros unter seinen politischen Gegnern anrichten ließ. hatten wir nicht ein solches Fest. Ihr wißt, daß diese verfluchten Unidados auf die Nachricht vom Aufstand in Santa Fé wieder dreist wurden –« »Mögen sie dafür in der Hölle braten!« »Na, die Generale Oribe und Adoa haben sie mit unserer Hilfe hübsch zu Paaren getrieben! Aber Seine Exzellenza hat ein treffliches Gedächtnis. Er hat meine Hilfe im gesegneten Monat nicht vergessen, und auf einen Wink eilte ich zu meinen Brüdern von der Mazorca, um mit ihnen noch mehr Galgen aufzurichten.« Ein wieherndes Gelächter belohnte das Wortspiel Mas heißt »mehr«, horca »der Galgen«. . »Vorgestern abend«, fuhr der Gauchoführer selbstgefällig fort, »begann der Tanz. Seine Exzellenza hatte uns in seiner Villa Palerma ein Fest gegeben. Die Colorados waren in den Kasernen versammelt, des ersten Rufes gewärtig; die Kanonen des Kastells Juan de Garays auf die Stadt gerichtet. Um neun Uhr brachen wir von Palermo auf und wurden auf der Plaza de la Victoria von unseren Leuten empfangen. Sie hielten schon das Polizeihaus umzingelt, in dem sich diese Unidados aus Montevideo befanden. Hei, wie die Hatz losging! Das Tor auf – wir hinein! – Vivan los Federados! Abajo los Unidados! – Die Türen gesprengt, die Schurken herausgeholt und die Klinge in ihre Kehlen!« » El cuchillo ni suena ni truena! « lachte ein bärtiger Alferez, küßte die Haarkokarde und dann den Mund der Donzella an seiner Seite. »Achtundsiebenzig von ihnen wurden auf diese Weise im Gefängnis und vor seiner Tür abgetan«, fuhr der Koronel fort. »Dann ging's an die Jagd auf die Alameda! – Glauben Sie, daß wir Porteñas dort fanden, die so keck waren und die verfluchten Farben trugen?« »Abajo! – Und was tat man mit ihnen?« »Fragen Sie hier Juanita und Elvira! Sie haben brav geholfen! Pech in die Haare, die roten Bänder drin festgeklebt und herunter mit den Kleidern bis zur Haut – hahaha! – Wir haben redlich den Schimpf abgewaschen!« »Und was taten die Männer?« »Pah, Feiglinge, die sich versteckten! Aber wir wußten sie schon zu finden. Hussa, die Türen der Häuser eingetreten und die Winkel durchsucht. Als der Tag graute, hingen zweihundert von ihnen an den eigenen Haustüren – auf dem Fleischmarkt steckte an jedem Haken, auf jeder Spitze der Kopf eines Unidados! Den ganzen Morgen mußten Karren umherfahren, um das Aas von den Straßen aufzulesen Gegen diese geschichtlich beglaubigte Wiederholung der Metzelei vom Oktober 1840, bei der über siebenhundert Menschen ermordet wurden, wagten nur der französische, der brasilianische und der nordamerikanische Konsul Vorstellungen; der englische Minister Manderille kümmerte sich nicht darum. !« Die Gesellschaft klatschte brüllend in die Hände. Erst ein Ruf des Obersten unterbrach den Lärm der Schmähungen und Prahlereien. »Ans Spiel! Ans Spiel!« schrie Gondra. »Wir haben viel zu viel Zeit verloren! Hundert Dublonen auf das Daus!« Alles drängte sich wieder um den Tisch – die Braut, die Hochzeit, das Feuerwerk waren vergessen. Der Kapitän zog langsam die Karte ab – das Daus hatte gewonnen. »Viktoria!« Übermütig strich der Oberst den Satz ein. »Dreihundert Dublonen auf die Neun!« »Terriblemente!« Schon die dritte Karte hatte gegen ihn geschlagen. »Zweihundert auf das As!« Die Reihe war zu Ende, eine neue begann. Ein pfeifender Atemzug, ein erregter Zuruf aus dem Kreis – das As hatte verloren. Der Koronel schob den Haufen Goldstücke seinem Gegner zu. »Wein her!« Er schlug dem Diener das Glas wütend aus der Hand, entriß ihm die entkorkte Champagnerflasche und setzte sie an den Mund. Als er sie sinken ließ, war sein Gesicht fahl; die Augen stierten Kapitän Estevan blutunterlaufen an. Die Hand, mit der er sich auf den Tisch stützte, zitterte. »Va banque!« »Señor Koronel, die drei Reihen sind zu Ende – ich spiele nicht weiter.« Die Augen Gondras funkelten, seine Lippen feuchteten sich. Er riß den Dolch aus der Schärpe und stieß ihn mitten zwischen den Goldhaufen in den Tisch. »Bei dem lebendigen Satan, Señor! Sie werden nicht aufhören, solange ich spielen kann! Bin ich ein unitarischer Lump oder ein Cavaliero? – Ich setze diese Quinta, in der wir sind, gegen zehntausend Dublonen!« »Señor,« sagte Don Estevan kalt, in seinen Augen blitzte es spöttisch, »die Quinta de la noches entretenidas ist das Eigentum Ihrer Braut – Sie haben noch kein Recht, über sie zu verfügen!« Adeodato da Gondra schob in rasendem Zorn den Unterkiefer wild vor und grub die Zähne in die Oberlippe. »So verfüge ich über die Braut selber!« zischte er. »Ich weiß, Kapitän, daß Sie längst um Aniellas Röcke streichen!« »Señor!« »Wär' auch sonderbar, wenn's anders wäre! Keine Schönere gibt's am ganzen La Plata!« Oberst Gondra erhob sich und beugte sich drohend vor. »Don Estevan, ich setze die Braut gegen fünfhundert Dublonen!« Todesschweigen folgte der frechen Herausforderung. Selbst der Rausch schien für einen Augenblick verflogen. Die Stirn des Milizkapitäns überzog sich mit leichtem Rot. »Señor Koronel,« sagte er endlich mit tiefer Stimme, »die anwesenden Cavalieros mögen unsere Worte beachten! Das Anerbieten ist verführerisch; aber Sie begreifen, daß ich es nicht annehmen kann. Seine Exzellenza, der Ihnen auf den Wunsch General Oribes die Señorita Crousa zur Gattin bestimmt, würde jede Änderung unausbleiblich mit seinem Zorn bestrafen, und ich habe keine Lust, auf der Esplanada der Zitadelle erschossen zu werden! – Sie haben also keine Macht über die Dame, ehe sie nicht Ihr – Eigentum ist!« »Tausend Teufel! – Das Recht, daß ich jetzt setzen will, werden Sie hoffentlich nicht bezweifeln: Es gilt nochmals fünfhundert Dublonen gegen die Hochzeitsnacht!« Die Donzellas kreischten in frechem Gelächter auf. Die Männer, trunken von den schweren Getränken und den aufs höchste gesteigerten Leidenschaften, klatschten wütend Beifall; die wenigen, die den niedrigen Handel um die Herrin des Hauses, dessen Gäste sie doch waren, verurteilten, senkten die Augen unter den Blicken, die der Oberst über die Gesellschaft laufen ließ. Don Estevan verlor seine Ruhe; wie vordem die Röte, so überflog jetzt eine tiefe Blässe die scharfen Züge seines Gesichts. »Nun, Señor, wollen Sie oder wollen Sie nicht?« »Nein!« »Verdammt! – Gut, so leihen Sie mir Geld! Ich lasse Sie nicht von der Stelle, und sollte ich Sie die ganze Nacht festhalten! – Zum Henker, erst laufen Sie wie ein verliebter Pfau hinter ihr her, und dann ist sie Ihnen nicht einmal mehr lumpige fünfhundert Dublonen wert, seit Sie ihre Estanzias nicht mit in Kauf bekommen!« »Señor da Gondra!« brauste Estevan auf und legte die Linke an den Dolchgriff. Aber er bezwang sich. »Ich kaufe Señorita Aniella nicht«, sagte er ruhiger. »Das wäre eines Cavalieros unwürdig. Aber wir können um sie spielen. Bei meiner Ehre schwöre ich, daß ich in dieser Nacht nur noch eine einzige Runde mit Ihnen spiele!« »Reden Sie – reden Sie!« »Gut. Da Sie es also wollen: Ihr jus primae noctis »Recht der ersten Nacht«, auch »Herrenrecht« genannt; das barbarische »Recht« des Grundherrn oder des Vornehmsten und Mächtigsten, bei Verheiratung der weiblichen Hörigen oder Stammesgenossen nach der Trauung noch vor dem Bräutigam beizuwohnen. Der sogenannte »Jungfernzins«, eine Abgabe des Ehemannes an den Grundherrn als eine Art Ablösung für dessen »Recht«, ist noch in sittlich höherer Zeit ein Überbleibsel dieser das ganze Frauengeschlecht tief entwürdigenden Einrichtung gewesen. – Man findet das jus primae noctis noch in neuerer Zeit bei südamerikanischen Stämmen, daher mag der hier von Sir John Retcliffe geschilderte Vorgang um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts nicht gar so außergewöhnlich erscheinen. – gegen die Bank!« Don Estevan schob die ganze vor ihm liegende bedeutende Summe mit dem Schmuck auf die Mitte der Tafel. »Wenn Sie die Hochzeitsnacht meinen,« brüllte der Oberst wie ein Besessener, »so habe ich mein Recht darauf Ihnen schon angeboten! – Zum Teufel mit allen Jungfern und Betschwestern! – Aniella darf sich nicht wenig schmeicheln, so hoch bei Ihnen im Preise zu stehen!« »Dann ist bei Ihnen das Gegenteil der Fall, Señor Koronel!« Die Hand des Obersten zuckte nach dem Dolch, der noch in der Tischplatte steckte, aber die Leidenschaft des Spiels war größer als sein Ehrgefühl. »Cáscaras! Was ist's auch weiter? Weib ist Weib! – Ich heirate ihre Güter, sonst nichts! – Juanita wird mich schon entschädigen!« Er ließ sich mit rohem Lachen auf den Stuhl fallen und zog das Mädel auf seinen Schoß. »Sie kennen die Bedingung, Señor! Das letzte Spiel!« sagte der Kapitän und mischte. »In Dreiteufels Namen vorwärts! – Die Dame auf die Dame!« Gondra hatte das Mädchen zur Seite geschoben; seine Augäpfel quollen vor und stierten auf den Goldhaufen. Auf der Stirn perlte kalter Schweiß. »Die Dame! Die Dame!« Don Estevan zog langsam die Karten ab, zehn, zwanzig – die zweiundzwanzigste, die fiel, war Herz-Dame. »Sie haben verloren, Señor Koronel!« Der Oberst sank zurück. Der Verlust oder auch das Gefühl der Schande zusammen mit der plötzlichen Wirkung des Alkohols betäubten ihn; stumpfsinnig starrte er vor sich hin. Niemand wagte ihn anzureden; nur ein Geflüster lief um den Spieltisch. Kapitän Estevan strich unterdes ruhig die Beute ein; Gold und Silber steckte er sorgfältig in einen Costal oder Sack von Aloefasern, den Schmuck aber schob er in seine Brusttasche. Juanita unterbrach das drückende Schweigen zuerst; sie setzte sich wieder frech auf den Schoß Gondras und schlang die Arme um seinen Hals. »Laß ihm schon die junge Katze! Er ist ja verrückt – so viel Geld für sie zu wagen! – Viva el amor! Morgen gewinnst du wieder, amigo mio. Komm, sei lustig!« Gondra raffte sich auf. »Hast recht, cara mia! Wollen uns entschädigen für seinen Partido ! – Zur Señorita, picaro! Hole sie zur Kapelle!« herrschte er Muerte an, der wieder am Eingang stand. »Verkünde den Leuten, daß die Trauung beginnt!« Kurz darauf meldete der Klang der kleinen Glocke, die frei in dem Säulentürmchen über der Mitte des Hauptgebäudes hing, den Anfang der Feierlichkeit. – Die Gauchos, die Diener und Arbeiter strömten herbei, um einen Platz in der Kapelle zu gewinnen; sie war nichts anderes als ein großes Zimmer auf der Rückseite der Villa. La-Muerte kam und meldete, daß die Braut am Altar warte. Aniella Crousa Adeodato da Gondra schritt am Arm seines Adjutanten, während die Gesellschaft in buntem Gemisch folgte, schwankend durch die Veranda nach der Kapelle. Sie war schon von Zuschauern überfüllt; außen an den wie alle Türen geöffneten, bis zum Boden reichenden Fenstern drängte sich Kopf an Kopf. An der Wand zwischen zwei Fenstern befand sich der Altar; auf seiner Stufe harrte der Kaplan mit den dienenden Chorknaben. Aniella Crousa stand in einem weiten weißseidenen Umhang, dessen Kapuze ihren Kopf verhüllte, vor ihren Dienerinnen zur Seite des mit Blumen und Kränzen geschmückten Altars. Auch der Kaplan und die Knaben trugen, wie alle andern Anwesenden, die roten Bänder der Föderalisten. »Señorita,« sagte der Oberst hochmütig mit etwas lallender Zunge, »ich bitte zu verzeihen, daß ich Sie so lange habe warten lassen auf die Ehre, den Namen da Gondra zu führen! Aber Sie sollen nichts dabei verloren haben, denn statt des einen Mannes empfangen Sie deren zwei.« »Wie meinen Sie das, Señor Koronel?« fragte Aniella scharf und wandte, angeekelt, ihr bleiches Gesicht von Gondra ab. »Sie werden's schon früh genug erfahren«, höhnte Gondra. Er streckte ungeschickt die Hand aus. »Herunter mit dieser neidischen Hülle, die uns Ihre Schönheit verbirgt. Leider hat der Himmel mir versagt, Ihre Reize durch Steine und Perlen noch zu heben.« »Dann, Señora,« sagte vortretend Kapitän Estevan, »erlauben Sie mir, die Stelle Don Adeodatos mit seiner Bewilligung zu vertreten und Ihnen diesen Schmuck anzubieten.« Er zog den Smaragdschmuck hervor und bot ihn kniend der Braut. »Señores,« entgegnete stolz das Mädchen, ohne die Hand nach dem Geschmeide zu heben, »Aniella Crousa trägt schon den einzigen Schmuck, der ihr als einer Tochter der freien Republik von Uruguay ziemt!« Mit einer raschen Bewegung schlug sie die Kapuze zurück und ließ den Mantel fallen. Sie trug ein blauseidenes Kleid mit meergrüner Schärpe. Kokarden und Schleifen von Blau und Grün waren überall in ihren Haaren, an ihren Schultern und ihren Armen angebracht. Ein allgemeiner Aufschrei der Überraschung, der Wut, der Erbitterung folgte dieser offenkundigen Beleidigung. »Freche Dirne! – Was soll das heißen?« »Das soll heißen, Señor,« sagte Aniella kühl, »daß diese Quinta mein Eigentum ist, und daß ihre Herrin nie die Fahne ihrer Landsleute verleugnen wird. Wenn Sie und General Oribe auf der Hochzeit mit einer Unitaristin bestehen, so schleppen Sie mich zum Altar – aber ich schwöre Ihnen, ich werde die Tochter Montevideos zu bleiben wissen!« »Du wagst, deinem Herrn zu trotzen?« schäumte der Oberst. Er sprang, die Hand zum Schlag erhoben, auf sie zu. Doch einer der jungen Gauchos, der Wachtmeister Cuchillo, warf sich zwischen ihn und die Señorita. »Bei der heiligen Jungfrau, Señor! Bedenken Sie, es ist ein Weib!« rief Cuchillo, der mit der den wilden Kindern der Pampas häufig eigenen Ritterlichkeit sich der Señorita annahm, obschon sie sich offen für den Bund der politischen Gegner bekannte. »Es wäre unwürdig, eine Frau zu mißhandeln – sie kann den Schlag nicht erwidern!« Ein strahlender Blick aus den Augen der jungen Leibdienerin der Estanziera, der Cuchillo sein Herz geschenkt, belohnte ihn. Aber das Schreien und Toben der erregten Menge zeigten, daß die wenigen Stimmen, die sich der Señorita annahmen, das Ungewitter nicht würden beschwören können. Der trunkene Koronel hob die Faust gegen den Verteidiger. Ein Blick in das entschlossene Gesicht lehrte ihn jedoch, wie gefährlich es sein dürfte, sich hier seiner Wut zu überlassen. »Der Teufel auf dich, Cuchillo, daß du die unitarische Metze zu beschützen wagst! Herab mit den verfluchten Farben!« Ein roher Griff in die Haare Aniellas riß unter Beifallsklatschen der Gesellschaft Schleifen und Kokarden aus ihrem Kopfputz. Aniella trat totenbleich zurück, ihre Augen glühten, die Rechte zuckte nach dem zierlichen Dolch im Gürtel. Aber die Faust des Gauchoführers faßte die ihre, riß ihr das Heft aus den Fingern und schleuderte den Dolch auf die Erde. »Willst du beißen, Schlange? Ich werde dir die Zähne ausbrechen! Auf die Knie, ramera ! Herunter mit dem Bettel!« Mit frecher Hand riß er ihre Bluse und Schärpe in Fetzen. Als fände sie in der Nähe des Himmels Schutz, trat sie dicht an den Altar und suchte mit gespreizten Händen ihre Brust zu verhüllen. Keiner der Liberalisten wagte dem gefürchteten Bandenführer entgegenzutreten. Selbst Cuchillo ließ seine erhobenen Hände sinken. Nur die Dienerinnen und die schwarzen Sklaven erhoben ein Zetergeschrei. Die Señorita stieß einen gellenden Ruf aus. »Zu Hilfe, La-Muerte! – Zu Hilfe!« »Muerte kommen! Muerte hier!« brüllte es aus dem Nebenraum. Wie der Stier der Pampas bei dem Ruf der geliebten Gebieterin, den Kopf gleich einem Mauerbrecher gesenkt, stürzte sich der treue Neger in die schreiende, tobende und drängende Menge. Doch schneller als er war schon ein anderer Rächer erschienen. Der Koronel warf die Arme in die Höhe: ein Blitz, ein Knall, Pulverdampf – Adeodato da Gondra drehte sich rundum – sein Blut bespritzte die Señorita, er stürzte wie ein gefälltes Tier zu ihren Füßen. Im gleichen Augenblick wurde mit Riesenkraft die Gruppe auseinandergeschleudert, die vor den Fenstern der Veranda sich drängte; ein Mann, gefolgt von einem zweiten, das noch rauchende Pistol in der Hand, sprang in die Kapelle und stand im Nu vor dem in die Knie gesunkenen Mädchen. » Llegad, traidores! – Hunde, die ein Weib zu mißhandeln wagen!« donnerte die Stimme des Fremden. »Hände hoch! – Der Rächer ist über euch!« »Viva Garibaldi! – Viva la Unidád!« Fünfzig Kehlen schrien es, Schüsse knallten, Säbel klirrten; Geschrei, Lärm, Verwirrung. Rasender Galopp einer Reiterschar – Kommandorufe, Gebrüll: »Verrat! Verrat!« Und: »Verrat! Verrat!« scholl es auch in der Kapelle. Kapitän Estevan stürzte mit den Offizieren gegen den kühnen Eindringling; die Gauchos eilten nach der Piazza; die Diener und Arbeiter rannten schreiend durch Zimmer und Gänge. Aber schon war La-Muerte an der Seite Aniellas und Garibaldis; seine Eisenfaust schwang eine der schweren Gauchobüchsen und zerschmetterte mit dem Kolben den Schädel Don Estevans. Eine zweite Kugel Garibaldis durchbohrte den Kopf des Adjutanten. Der Überfall traf die Föderalisten ganz unvorbereitet und ungenügend bewaffnet – der Name Garibaldi lähmte den Widerstand der ihres Führers Beraubten – kopflos flüchteten die Halbtrunkenen nach allen Seiten aus Türen und Fenstern. Auf der Piazza wogte noch wilder Kampf; von dort her und von der Veranda heulte fort und fort der jubelnde Ruf: »Viva, Garibaldi! – Viva los Unidados!« Aniella schaute, halb an den Altar gelehnt, stumm auf den unerwarteten Retter. Er war kein Unbekannter mehr – sie kannte dieses kühne, von Kampfesglut und Anstrengung gerötete Antlitz, diesen stolzen Blick: seit drei Nächten hatte sie von ihm geträumt, von dem Helden, den sie aus der Teufelsschlucht gerettet, von dem Helden, der im wildesten Toben des Orkans mit einer Handvoll Leute die wohlbemannte Goelette erobert hatte – von Garibaldi, dem Freiheitshelden Montevideos. Die Hände über dem entblößten Busen gekreuzt, starrte sie ihn an. Wie ein Donnerwort war sein Vorwurf in ihre Seele geschlagen und hatte ihre Scham geweckt, daß sie gleichgültig gewesen sei gegen das eigene Vaterland und die Sache, für die ihre Brüder ihr Blut vergossen. Und dieser Vorwurf, diese Scham waren es gewesen, die sie zu der tollen Tat am Traualtar getrieben hatten. Und die Erinnerung an den mutigen Mann hatte ihr weibliches Selbstbewußtsein geweckt; hatte den Mädchenstolz aufgestachelt gegen eine unwürdige Verbindung, der sie nach der trägen Sitte der Kreolinnen bisher nicht einmal widersprochen hatte. Der Wille der Eltern, der Vormünder bestimmt gewöhnlich in jenen sonst die Leidenschaften des Herzens achtenden Ländern über die Hand des Mädchens. Und die Töchter fügen sich meist; denn von dem Augenblick an, da sie sich Frau nennen, erlangen sie volle Freiheit, ihren Wünschen und Neigungen zu folgen. So ist die Hochzeit, auch mit einem ungeliebten Mann, nur ein Weg zur Selbständigkeit. Anders freilich war es bei Aniella gewesen. Von Jugend auf hatten die Liebe des Vaters für das einzige Kind und später, nach dessen frühzeitigem Tod, die Ergebenheit der Diener und die Nachsicht einer alten Gesellschafterin dem Mädchen jeden Willen gelassen. Ihr Herz war noch nicht von der Liebe getroffen, und so fügte sie sich gleichgültig dem Gebot der Machthaber, die sie nach ihren Besitzungen auf dem andern Ufer des La Plata verwiesen und ihr einen ihrer Anhänger zum Gatten bestimmt hatten; denn ihre persönliche Freiheit, ihr abenteuerlicher, selbständiger Sinn wurden durch das Gebot nicht beschränkt. Das Abenteuer am Ufer des Stroms aber hatte tiefen Eindruck auf sie gemacht und jede Stunde der einsamm Erinnerung ihn noch verstärkt. Nur gewöhnt an die hohlen Prahlereien der Föderalisten, war sie dort zum erstenmal dem unerschütterlichen Mut, der ruhigen Verachtung der Gefahr, der kühnen Entschlossenheit eines echten Mannes begegnet. Was Wunder, daß ihrer jungen, leicht erregten Phantasie sein Bild gleich dem eines Heros oder eines Ritters der stolzen Vorzeit erschien? Ein Held, der zugleich ein fühlendes, teilnehmendes, für die Sache der Unabhängigkeit begeistertes Herz zeigte. Diese große Stunde ihrer ersten und einzigen Liebe war es, die Aniella Crousa zur heldischen Frau umschuf; diese eine Stunde sollte für sie der Wendepunkt ihres Lebens werden. Aufopferung und immer lodernde Begeisterung für die Freiheit wuchsen aus dieser Stunde; durch tausend Gefahren über ferne Meere und Länder führte sie das Geschick und legte ihr die Bewunderung der Welt zu Füßen, bis mit der letzten Kraft auch ihr Leben gebrochen war ... Mit glühenden Augen trank Aniella das Bild Garibaldis ein. Ein spitzer, spanischer Hut mit schmaler Krempe und schwarzen vollen Straußfedern deckte das tiefbraune Haar. Der Hals war bloß, halb verdeckt von dem rötlichen Bart. Über einer roten Bluse, die von der grün-blauen Schärpe gekreuzt wurde, wehte der kurze, weiße, amerikanische Mantel; hohe Stiefel von braunem Leder reichten bis zur Hälfte der Schenkel; die langen blutigen Sporen zeigten, daß er einen tollen Ritt getan. An der Hüfte hing ein fast gerader, zu Hieb und Stoß geeigneter Kavalleriesäbel, am Gürtel neben den Pistolen ein kurzes Sprachrohr. »Gott sei Dank!« rief eine ihr bekannte Stimme. »Du hier, Manuelo?« sagte tief aufatmend Aniella und wandte sich zu ihrem Milchbruder um. Es war ihr, als erwache sie aus einem tiefen Traum. »Es war höchste Zeit, daß wir kamen! – Da liegt ja der Hund, der Gondra! – Nun bist du frei!« »Du führtest die Rettung hierher? Ewig will ich dir dankbar sein dafür! – Aber dieser Mann war noch nicht mein Gatte, und niemals wäre er es geworden!« »Desto besser, daß du zur Erkenntnis gekommen bist, cara mana! Ich habe manches um dich gelitten und hoffe auf deine Dankbarkeit.« Er griff nach ihren Händen. »Komm, du stehst von diesem Augenblick an unter meinem Schutz!« »Unter dem deinen? – Ich denke, wir haben beide den eines Mächtigeren, und es ist Zeit, daß ich ihm danke!« Ihre Augen suchten den Helden ihres Herzens; er war längst fort; draußen hörte sie ihn Befehle durch das Getümmel donnern. Eilig stürzte sie hinaus, von dem Pardo gefolgt. Ein Bild wildester Verwirrung bot sich den Augen Aniellas auf der Veranda dar. Die Unitaristen, an sechzig Mann, waren etwa fünf Meilen oberhalb der Quinta am südlichen Ufer des Flusses gelandet, wo der Pardo eine bedeutende Cavallada der Besitzungen seiner Milchschwester wußte. Dort hatte man sich beritten gemacht und war dem als Späher vorausgesandten Knaben François im Galopp gefolgt. Alle Mitglieder der kleinen Schar waren in den Pampaskriegen geübte Reiter ebenso wie Seeleute; so hatte es keiner weiteren Vorbereitungen bedurft, und der einfache Riemen um das Gebiß der Gäule genügte ihnen als Zügel. La-Muerte, durch den Knaben vom Nahen der Reiterschar unterrichtet, hatte danach seine Maßregeln getroffen. Er war in den Korral geschlichen, in dem die Tiere der Gäste und der zur Quinta gekommenen Gauchos weideten, löste ihnen die Reata oder Halsleinen, und beseitigte an verschiedenen Stellen die Stangen, aus denen die Umzäunung des Korrals bestand. François wartete, während sich alles neugierig zur Trauung drängte, mit einem Bündel Feuerwerksschwärmer am Eingang des Korrals, und Muerte klomm zum Glockentürmchen hinauf, von wo er nach den Befreiern, ausspähte. So kam es, daß er nicht schon bei Beginn des Auftritts in der Kapelle zugegen war. Der weithin hallende Ton der Glocke hatte die nahende Schar zu höchster Eile angetrieben; ihr voran jagte Giuseppe Garibaldi mit dem Pardo. Fast zur selben Zeit, da Manuelo den Retter an die Fenster der Kapelle geführt hatte, brach der Reitertrupp über die Piazza herein und schlug zu Boden, was sich zu widersetzen wagte. Vergeblich stürzten die Gauchos nach ihren Pferden – die Hand des Knaben hatte rechtzeitig die Schwärmer unter die Rosse geschleudert; geängstigt durchbrachen sie die Umzäunung und verloren sich in der hereingebrochenen Dunkelheit. Ihrer Pferde beraubt, von dem Gelage des Abends noch geschwächt, war der Widerstand der Gauchos trotz ihrer Übermacht nur gering. Die Befehle ihrer Offiziere verhallten fast ungehört im wilden Getümmel; die Vaqueros, Arbeiter und Diener der Quinta waren Zeugen der Beschimpfung gewesen, die man ihrer Gebieterin angetan, und wußten kaum, auf welche Seite sie sich schlagen sollten. Die einzelnen Haufen der sich sammelnden Gauchos wurden auseinandergesprengt; das weithindröhnende ruhige Kommando Garibaldis, die Beweglichkeit und der Gehorsam seiner Truppe, dazu der gefürchtete Name, den die Unidados als Schlachtruf ertönen ließen, entschieden bald den Sieg – nach wenigen Minuten des Kampfs waren die Föderalisten geschlagen und flohen in alle Richtungen. Garibaldi sicherte diesen Sieg, indem er Wachen ausstellte und nicht eher den Platz verließ, als bis er wußte, daß alle Feinde vertrieben und seine Befehle befolgt worden waren. Dann sammelte er rasch die Mannschaft, gönnte den Gäulen eine kurze Erholung von der gewaltigen Anstrengung und machte sich zu neuem Kampf bereit. Erst dann suchte er Aniella Crousa auf. »Señorita,« sagte er, »ich kam auf die Versicherung des Pardos Manuele, daß Sie aus den Fesseln des Diktators von Buenos Aires und seiner Generale befreit zu sein wünschten. Ich glaubte der Tochter Montevideos, der Tochter eines ehrenwerten Mannes beistehen zu müssen.« Er warf einen prüfenden Blick über das bleiche Antlitz Aniellas. »Verzeihen Sie, wenn ich in der Not der Stunde vielleicht zu weit gegangen bin. Ich bitte aber zu bedenken, daß ich die Retterin unsres Lebens und unsrer Freiheit nicht vor meinen Augen beschimpfen lassen durfte.« Sie preßte seine Hände zwischen den ihren. »Ich schwöre Ihnen, die Freiheit hat an mir eine Jüngerin gewonnen! Alles, mein Leben und Sein will ich im Kampf gegen die Unterdrückung opfern! Ihre Worte haben die heilige Begeisterung in mir wachgerufen – Ihnen danke ich meine Befreiung – Ihnen sollen meine Gebete gehören!« Garibaldi senkte die Lider vor ihrer verführerischen Schönheit. »Señorita, Sie gehen zu weit! Ich tat nur meine Pflicht. Wünschen Sie diese Küste zu verlassen, so werde ich Sie und den Glücklichen, dem Sie Ihren Schutz künftig vertrauen, sicher an das Ufer von Montevideo geleiten.« »Meinen Schutz? – Señor, ich wüßte nicht, wem ich ihn besser anvertrauen sollte als Ihnen.« Verwirrt sah Garibaldi sie an. »Ich meine, Señorita, der Mann Ihres Herzens, auch wenn seine Farbe einige Schatten tiefer ist als die unsre, hat das erste Recht, Ihr Beschützer zu sein.« »Ich verstehe Sie nicht, Señor!« Giuseppe Garibaldi wandte sich zur Seite und deutete auf den Pardo Manuelo, der von Dienerinnen und Sklaven Lebensmittel und Wertgegenstände zusammenpacken ließ. Das Mädchen schaute erstaunt in seine Augen. »Wie, Señor, Sie meinen Manuelo? War er toll genug, Ihnen von seinen ... Wünschen zu sprechen?« Garibaldi nickte ernst. »Dann hat er sich seinen Dank schon genommen. Nie, Señor, habe ich an eine solche ... Verbindung gedacht!« Ein tiefer Atemzug hob die Brust des Kapitäns; stumm standen beide einander gegenüber. Im flackernden Schein der Feuer, der halb zerstörten bunten Hochzeitslaternen leuchteten ihre Augen sekundenlang leidenschaftlich auf. »Ich bin eine schutzlose Waise«, sagte sie endlich mit fast erstickter Stimme. »Erst an diesem Abend habe ich erfahren, in welch schmachvoller Art man mich verhandelte. – Dort drüben würde ich ebenso schutzlos sein wie hier – nein, eilen Sie zu den Ihren zurück, Señor, ehe die Gauchos mit Verstärkung zurückkehren! Ich habe nicht das Recht, noch einmal das Leben eines edlen Mannes für mich aufs Spiel zu setzen!« Garibaldi ergriff ihre Hand. »Wollen Sie mir nicht das Recht geben, für Sie zu kämpfen?« Aniella Crousa zitterte. »Dieses Recht – gehört allein dem – Gatten!« sagte sie leise mit abgewandtem Gesicht. »Dem Gatten – Señorita, ich bin ein Mann von wenig Worten – will Aniella Crousa das Weib Giuseppe Garibaldis sein?« Schlaff sanken die Arme des Mädchens herunter; eine Blutwelle schoß in die freie Stirn; der Kopf neigte sich vornüber. »Giuseppe Garibaldi,« flüsterten die Lippen; es drang wie ein zärtlicher Hauch an das scharfe Ohr des Mannes. »Aniella,« sagte er heiß und drängend, »wollen Sie mir nicht vertrauen, wie mir Ihr Vaterland vertraut hat?« Er blickte auf seine Uhr. »In zehn Minuten, Señorita, muß ich diesen Ort verlassen. – Sie schulden mir die Antwort!« Ohne aber diese Antwort zu geben, stürzte sie nach der Stelle, wo das Seil der Quintaglocke in der Veranda herabhing und begann es mit aller Kraft zu ziehen. Laut schallte der Ton der Glocke hinaus in die Nacht; von allen Seiten eilten die Diener und die Tapferen des Kommodore herbei, die Waffen in der Hand, um nach der Bedeutung des Läutens zu fragen. Der Pardo Manuelo sprang in die Veranda. »Was ist geschehen? Was soll die Glocke?« »Wo ist der Padre?« rief Aniella. »Padre Aloysio betet am Altar, Señorita, daß die heilige Jungfrau seine Befleckung mit Blut vergeben möge!« »Zündet die heiligen Kerzen an!« befahl das Mädchen den Dienern. »Eine Hochzeit war euch versprochen – ihr sollt sie haben!« Manuelo haschte entzückt nach Aniellas Hand. »Der Kommodore hat mit dir gesprochen? – Du willst endlich die Meine werden?« Aniella stieß ihn erstaunt zurück. »Bist du unsinnig, Manuelo? Sei vernünftig, Collaço« – meine Hand gehört Giuseppe Garibaldi!« »Mil demonios! Was soll das heißen? – Du wagst es, den Fremden zu wählen?« Seine Hand fuhr nach dem Messer. »Bin ich eine freie Frau oder nicht? Bin ich nicht meine eigene Herrin? Hab' ich dir nicht oft genug gesagt, daß ich nie die Deine werden mag?« Sie trat einen Schritt zurück und faßte die Hand Garibaldis. »Das ist der Mann, den ich liebe, seit ich ihn zum ersten Male gesehen – ihm gehöre ich bis zum Tode!« Sie zog ihn fort, aber der Pardo warf sich dem Paar entgegen und sperrte den Eingang. Seine Augen glühten wie Kohlen, auf seinen Lippen stand flockenartiger Schaum, die Adern quollen auf seiner Stirn. »Fluch dir, wenn du mich verschmähst!« zischte er. »Nicht dem fremden Abenteurer gehörst du, sondern mir, mir allein! Ich, ich habe dich befreit, ich liebe dich, ich bete zu dir wie zur heiligen Jungfrau selber! – Hör' mich noch einmal an! Ich bin nicht mehr der arme Gambusino – ich bin reich, reicher als deine tollsten Träume dich machen können! Diese meine Hand kann dir die Schatzkammern von Kaisern und Königen öffnen!« »Und wenn du auf dem stolzesten Thron säßest,« rief Aniella und warf sich an die Brust Garibaldis. »Hier ist der, dem mein Herz gehört!« »So mög' er zur Hölle fahren!« Das spanische Messer funkelte durch die Luft; in tückischem Sprung warf er sich auf Garibaldi. Doch ein blitzschneller Griff, eine Wendung des Armes – unter einem Wehlaut öffnete der Pardo die Faust; der Stahl klirrte zu Boden. Garibaldi schleuderte ihn wie einen Ball den Gefährten zu. »Fort mit der Memme! – Schnürt ihn an die Säule der Veranda – ich mag sein Blut nicht!« Er setzte das Sprachrohr an den Mund. »Die Pferde herbei! – Fertig zum Aufbruch, Kameraden!« donnerte seine Stimme über den Platz. »Wer dem Kommodore und seinem Weib folgen will, halte sich bereit!« Er trug Aniella mehr, als daß er sie führte. In der Kapelle kniete der Priester noch immer vor dem entweihten Altar. Man hatte die Toten weggeschafft, ebenso den schwer verletzten Kapitän Don Estevan. Blut färbte die Matten und Fliesen des Bodens. Die heilige Handlung begann. Während das so seltsam zusammengeführte Paar auf den Stufen des Altars kniete, erscholl draußen der Lärm der aufsitzenden Reiter, tönten die Flüche des gefesselten Gambusinos Manuelo. Die Hände des jungen Paares hielten sich. Das letzte Wort des Segens erklang – François stürzte durch die kniende Menge. »Zu den Waffen! – Die Gauchos kehren zurück! – Sie schwärmen zwischen der Quinta und dem Ufer!« Schüsse knallten in der Ferne – die ausgesandten Kundschafter waren an den Feind geraten und zogen sich vor seiner Übermacht unter Kugelwechsel auf die Quinta zurück. Garibaldi hob Aniella auf den linken Arm und trug sie behutsam hinaus, die Pistole in der Rechten, an deren Gelenk der Säbel hing. Von der Veranda aus sah man in der mondklaren Nacht dunkle Reitergruppen über die Ebene herangaloppieren; hin und wieder blitzten Schüsse auf. Plötzlich rollte ferner Donner durch die Luft; der Wind, der das Geschrei der herbeieilenden Gauchos aus weiter Entfernung herüber trug, brachte auf seinen Schwingen zugleich den rollenden Widerhall dumpfer Kanonenschläge. Die Augen Garibaldis leuchteten. »Beim Himmel, Sacchi ist ein prompter Gesell! Nicht fünf Minuten lassen seine Breitseiten warten über die besprochene Zeit! – Aufgesessen!« Seine Muskeln schienen sich zu spannen; er beugte sich vornüber, die Hand am Ohr, um besser auf den Geschützdonner zu lauschen – Schuß auf Schuß grollte vom La Plata her. »Demonio – was ist das? – Das ist schweres Geschütz, wie keines auf dem Schoner und den Briggs ist!« Aniella glitt leicht auf ihre Fußspitzen und schmiegte sich an seinen Arm. »Was ist dir? – Was bedeutet der Kanonendonner?« »Meine Flottille greift die drei Schiffe der Föderalisten an«, sagte er hastig. »Die Boote meiner Korvette warten, um uns an Bord zu führen. Du mußt deine Brautnacht unter Kanonendonner feiern, Geliebte. – Aber dafür will ich dir als Morgengabe jene Wimpel zu Füßen legen, die vor drei Tagen mich jagten. – Wo ist das Pferd der Señora, Schwarzer?« Aniella hielt ihn einen Augenblick zurück. »Heißt das nicht, allzusehr auf dein Glück bauen? Soviel ich weiß, besitzt die Republik nur kleinere Schiffe, die sich mit den Fregatten des Admirals Brown nicht messen können!« »Mit den Fregatten?« »Ja!« Er blickte sie überrascht an. »Brown ankert vor Buenos Aires; wir haben es nur mit den Schonern und der Brigg zu tun!« Beschwörend hob Aniella die Hände. »Heilige Jungfrau – so weißt du nicht – ?« »Was? – Sprich!« »Der Admiral ist in dieser Nacht zurückgekehrt – beide Fregatten liegen klar zum Gefecht, um dich beim Morgengrauen anzugreifen!« »Die Fregatten? – Höll' und Verdammnis, und ich bin hier!« Er riß das Sprachrohr zum Munde. »Kameraden, es gilt, unsere Schiffe zu retten! In zwanzig Minuten müssen wir am Ufer sein! Alferez Vincentio nimmt die Vorhut mit fünfzehn Mann! Keine Gnade den Schurken, die uns in den Weg treten! – Wo ist Cabo Montecchi?« »Hier, Señor!« »Zwanzig, um uns den Rücken zu decken! – Halt' dich brav, mein Freund! – In den Sattel, Aniella! Jeder Augenblick kann meine Ehre kosten.« Aniella schwang sich auf ihren Gaul. Der Kommodore sprang auf das nächste Tier. Der Leutnant und die Seinen waren schon mit dem ersten Haufen der Gauchos am Eingang der Piazza handgemein. François reichte Garibaldi die Pistolen. »En avant!« rief der Knabe keck. »Wir fegen die Schufte, wie der Pamperos den Sand!« Er kletterte auf das Pferd, das Muerte an den Nüstern hielt, und klammerte sich hinter dem Sattel an. Der Kommodore packte mit der Linken den Zügel, die Rechte spannte das Pistol; nur mit dem Druck der Schenkel leitete er das feurige Roß. » Adelante, niños – Vivan los Unidados! Viva Montevideo!« Wie eine Sturmwolke brauste unter dem Klagegeschrei der zurückbleibenden Diener und Frauen die Reiterschar hinaus. Der Schwarze sprang nach dem Pfeiler, an dem seine lange Lanze lehnte. »Willst auch du mich verlassen, La-Muerte? – Mögen die Teufel deine Seele verbrennen!« Der Neger trat mitleidig an Manuelo heran. »Beu der Seele meines Vadders, Massa Manuelo haben recht! Señora Aniello brauchen La-Muerte, aber der Nigger sein nicht so schwarz, daß er einen Freund vergessen, auch wenn er ein Feind geworden!« Ein rascher Messerschnttt trennte die Fesseln. »Kommen mit uns, Manuelo, dieses Kind haben warmes Herz und werden gut machen mit dir!« Er schwang sich auf den Rücken seines Pferdes. »Vorwärts!« schrie François. In mächtigen Sätzen jagte das Roß mit seiner Doppellast davon. Der Haufe Gauchos, der sich zuerst den Unidados entgegenstellte, wurde von der Gewalt des Anpralls gesprengt. Die Dunkelheit und das Handgemenge gestatteten den Gegnern nicht, von allen ihren Fertigkeiten und dem Lasso Gebrauch zu machen; so beschränkte sich der Kampf auf den Gebrauch der Pistolen und der Säbel. Giuseppe Garibaldi ritt zur Rechten seiner jungen Frau; ein anderer Reiter galoppierte an ihrer Linken; La-Muerte folgte dicht hinter der Gruppe. Vom Strom her donnerte Schuß auf Schuß, bald das Rollen einer ganzen Breitseite, bald der scharfe Knall der langen Zweiunddreißigpfünder der kleineren Schiffe. Bei jedem Schuß drückte Garibaldi seinem Tier die Sporen in die Weichen und suchte die wahnwitzige Eile des Rittes noch zu steigern. Doch Schar auf Schar der Gauchos stürmte heran. Die Nachricht vom Fall ihres Führers hatte sich schnell unter den Reitern verbreitet, und weniger die Liebe für den Erschossenen als der verletzte Stolz ihrer Partei trieb sie, die Scharte wieder auszuwetzen. Jeder Schritt der rasenden Flucht kostete Blut. Im Jagen Knie an Knie, Sattel an Sattel, schlug man sich mit Erbitterung. Schüsse knatterten hinüber und herüber, die breiten Säbelklingen funkelten im Mondlicht. »Durch, Kameraden! – Zeigt ihnen, was die Kämpfer der wahren Freiheit zu leisten vermögen!« Sein Säbel sauste im dichten Gedräng in den Schädel eines Gauchos; Aniella bog sich nieder auf die Kruppe, über ihr wirbelte die Lanze des Negers; jeder Stoß war tödlich, jeder Schlag warf einen Feind aus dem Sattel. »Heilige Jungfrau, gib, daß ich noch zur rechten Zeit komme!« Mehr als ein Drittel der Mannschaft Garibaldis war schon gefallen, herabgerissen im rasenden Galopp, erschossen, erschlagen, verwundet. Die Unidados ließen den immer heftiger tobenden Flottenkampf zur Linken und jagten am Ufer stromaufwärts. Man hörte jetzt deutlich die Schüsse der einzelnen Geschütze. Die Reiter trieben die erschöpften Tiere zu letzter Anstrengung; es galt, die Bucht zu erreichen, wo die Boote harrten, ehe die Gauchos die kleine Schar abzuschneiden vermochten. Vergeblich. Die Feinde erkannten die Absicht. Mit den letzten Vorgängen in der Quinta nicht vertraut, glaubten sie beim Anblick der Estanziera, daß die Unidados sie gewaltsam entführt hätten. Ihre weniger abgehetzten Rosse gewannen mit jedem Augenblick mehr Vorsprung und drängten die Schar vom Ufer ab. Garibaldi sah die Gefahr; sein Entschluß war gefaßt. »La-Muerte, bei deinem Leben, schütze die Señora! – Hierher, Alferez Vincentio!« Kopf an Kopf mit ihm dahinsprengend, erteilte er seine Befehle. Dann preßte er dem Roß die Sporen tief in die Flanken und sprengte zur Vorhut. »Hierher, Männer! – Zurück nach der Quinta!« Die kleine Schar warf sich nach rechts. Die Gauchos stutzten; eine große Zahl wandte sich, sie zu verfolgen; in die entstandene Lücke brach gleich einem Keil Alferez Vincentio mit dem Haupttrupp. Der lange Speer La-Muertes warf einen Gauchoführer aus dem Sattel, die übrigen stutzten, sekundenlang – Viktoria! Die Bucht lag vor den schon Verlorenen. Durch eine breite Buschlücke sah man das Aufblitzen der Geschütze. Ein Pfiff gellte über die Ebene – es war das Zeichen, daß die Hauptschar die Bucht erreicht hatte. Gleich darauf verkündete auch das Musketenfeuer der mit drei Booten harrenden Matrosen, daß sie den Bedrängten zu Hilfe gekommen waren. Beim ersten Schrillen der Pfeife riß Garibaldi sein Pferd herum; der kleine Haufe seiner Begleiter – noch acht Mann, die besten der Schar – kehrte sich überraschend gegen die Verfolger. Auf dem wütenden Ritt hatte keiner Zeit zum Laden gefunden; Freund und Feind waren auf die blanken Waffen angewiesen. Während nun die Gauchos in ihrer gewohnten Weise ungeordnet dahersprengten, bildeten die wenigen, aber gedrillten und entschlossenen Krieger des Kommodore, sämtlich italienische Abenteurer und Flüchtlinge, die sein Ruf aus ganz Amerika um ihn versammelt hatte, eine feste Gruppe. Mit flinken, gewichtigen Säbelhieben brachen sich die Unidados Bahn; ehe die Schar der Gauchos das schnell durchgeführte Manöver begriff, waren die erschöpften Pferde in letzter Anstrengung weit voran und jagten zum Ufer zurück. Die Überlisteten folgten mit wilden Flüchen ihrer nochmals entgangenen Beute. Zwei der Reiter Garibaldis stürzten; sie wurden von den erbitterten Gauchos sofort niedergemetzelt; ein anderer war schon bei der plötzlichen Schwenkung vom Pferde gehauen worden; mit den fünf Geretteten schoß der Kommodore unaufhaltsam dem Ufer zu. »›Itaparika‹ – ahoi!« heulte das Sprachrohr. » Vivan los Unidados ! Zu Hilfe dem Kommodore!« jubelte von vorn, kaum noch hundert Schritt entfernt, die Antwort. Die Bootsmannschaft und die schon gesicherten Flüchtlinge sprangen aufs neue ans Ufer; eine Salve empfing die anstürmenden Gauchos; aus den Leibern der Pferde machten die Reiter einen lebendigen Wall. Der übereilte und regellose Angriff der Föderalisten brach zusammen – in jähem Übergang von Raserei zur gänzlichen Mutlosigkeit stoben die Gauchos zurück. »In die Boote!« donnerte der Befehl Garibaldis. »An die Riemen, ehe die Schurken zurückkehren! – Auseinander, damit die Kanonade uns keinen Schaden tut! – Gebt das Letzte her, Kerls – wir müssen die ›Itaparika‹ retten!« Der Untergang der ›Itaparika‹ Die Boote stoben auseinander und durchschnitten das Wasser. Die Riemen bogen sich unter den muskulösen Armen der Ruderer. Aufrecht im Stern seines großen Kutters stand Giuseppe Garibaldi und führte das Steuer wie in jener Nacht, als er die verwegene Flucht leitete. Er musterte mit scharfem Blick die Stellung der Schiffe und entwarf den durch die Ereignisse veränderten Schlachtplan. Ihm zu Füßen lehnte auf der Spiegelbank Aniella Crousa, die jetzt seinen Namen trug; ein Bootsmantel hüllte sie ein. Das Aufblitzen der Schüsse erleichterte die Berechnungen des Kommodore über die Lage der kämpfenden Schiffe. Auf die Nachrichten Manuelos hin, gedrängt von der eigenen rasch entflammten Teilnahme für die junge Herrin der Quinta, hatte er beschlossen, mit der anscheinend günstigen Gelegenheit zu einem Angriff auf das föderalistische Geschwader den Überfall auf die Quinta und die Entführung Aniellas nach Montevideo zu verbinden. Nach der tollkühnen Wegnahme der Goelette wußte er, daß das bei der Hazienda ankernde Geschwader nur noch aus einer Brigg von achtzehn Kanonen, einem Schoner und einer Brigantine mit zwölf Geschützen bestand. Dieser Macht war die seine überlegen; er zählte außer der eroberten Goelette sein eigenes Schiff, die ›Itaparika‹, eine Korvette von vierundzwanzig Kanonen, zwei Briggs, jede mit zwölf Kanonen und einem langen Zweiunddreißigpfünder am Bug. So hatte sich das kleine Geschwader, das während des Tags mit gerefften Segeln in einem Uferversteck gelegen, dann unterm Schutz der Nacht bis auf etwa zehn Seemeilen herangemacht mit dem Befehl, bei Sonnenuntergang stromab zu fahren und die Flottille um zehn Uhr anzugreifen. Zugleich sollten die Boote der Korvette am Ufer den Kommodore und die für den Handstreich auf die Quinta ausgewählte Schar erwarten. Die Rückkehr der beiden feindlichen Fregatten von achtundzwanzig und sechsunddreißig Kanonen änderte dagegen das Verhältnis sehr zum Nachteil: jetzt standen fünf Schiffe mit etwa hundert Geschützen ihren vier Fahrzeugen mit nicht viel mehr als fünfzig Kanonen gegenüber. Das Gefecht war seit etwa einer halben Stunde in vollem Gang, eine Entscheidung aber noch nicht gefallen, da die Schiffe des Kommodore den Vorteil, sich vor dem Winde zu befinden, geschickt ausgenutzt hatten; außerdem hatte Sacchi, der Erste Leutnant der ›Itaparika‹, zeitig genug die zahlenmäßige Überlegenheit der Gegner bemerkt. Dennoch hatte er gemäß dem Befehl des Kommodore, den Kampf zur bestimmten Stunde eröffnet; seine langen Zweiunddreißigpfünder schossen auf eine Entfernung, in der die Breitseiten der beiden Fregatten ihm nur wenig Schaden zufügen konnten. Auf diese Weise beschäftigte er die Feinde und hinderte sie, sich mit den im Schatten des Ufers zur Bucht rudernden Booten zu befassen, während der ihm günstige Wind den Gegnern nicht gestattete, näher heranzukommen. Dennoch mußte die Strömung und die Richtung der Brise die Schiffe der Montevideer allmählich in den Bereich der stärkeren Breitseiten bringen, und das war es, was der seemännische Blick des Kommodore sogleich begriff. Deshalb galt es, dem Gefecht eine neue Wendung zu geben. Das Geschwader Garibaldis trieb mit der Strömung zugleich der Höhe zu; so dauerte es fast eine weitere halbe Stunde, ehe die Boote die dem Ufer zunächst liegende Korvette erreichten. Die Gefahr war für sie in dieser Zeit nur gering gewesen, da die Richtung des feindlichen Feuers seewärts ging. Jetzt aber furchten einige Kugeln das Wasser um sie her. »Fest in die Riemen!« rief Garibaldi und schützte dabei mit seinem Leib Aniella. »Durchhalten! – Gleich sind wir im Schutz der ›Itaparika‹!« Nach wenigen Ruderschlägen lagen sie längsseit des Schiffes. Ein Viva , begrüßte den Kommodore. Er schwang sich an dem Tau empor und empfing Aniella aus den Armen des Negers. »Willkommen im Haus deines Gatten«, sagte er mit einem zärtlichen Kuß auf ihre Stirn. »Vielleicht gewährt es dir nicht bessern Schutz als das Dach, das du verlassen hast. Aber nie im Leben soll dir der Schutz meiner Liebe und meines Armes fehlen, solange ein Herz in mir schlägt! – Freund Sacchi,« fuhr er fort und legte die Rechte um ihre Schulter, »nicht bloß eine Tochter Montevideos bringe ich zurück – sie ist mein Weib! Ich bitte dich, für diesen Schatz im sichersten Raum des Schiffes zu sorgen. – Geh mit ihm, Aniella!« Nach einer leidenschaftlichen Umarmung folgte Aniella dem vorangehenden Sacchi ohne Widerspruch. »Und nun, Burschen, die Rahen herum! – Die Topgallantsegel setzen! – Wir müssen auf ihrer Leeseite vorüber und im Treiben mit ihnen die Breitseiten tauschen!« Während die Manöver ausgeführt wurden, ließ der Kommodore durch das Boot weitere Befehle den drei anderen Schiffen übermitteln. Er hielt sich an einem Tau fest und beobachtete durch das Fernrohr die Bewegungen der Gegner; François löste unterdes die Sporen von seinen Stiefeln. Sacchi kehrte jetzt zu ihm zurück. »Es bleibt uns nichts übrig,« sagte Garibaldi, »als während des Gefechts die Höhe zu gewinnen und hinüber zu legen nach dem Ufer von Uruguay. Die Fregatten sind uns zu stark, und der Übermacht zu weichen, ist ein Gebot der Klugheit und keine Schande. Wir sind bessere Segler als sie, und in zwei Stunden geht der Mond unter. Dann vermögen wir ihnen zu entkommen!« »Brown ist ein alter Seehund und wird sich nicht so leicht täuschen lassen; er wird uns den Weg verlegen.« »Wir müssen es darauf ankommen lassen. – Laß allein die Bedienung der Steuerbordgeschütze auf ihrem Posten bleiben; die anderen sollen sich zu Boden legen, wenn wir im Bereich ihres Feuers sind. – Hochbootsmann, haltet alles bereit zum Ausbessern der Segel und des Takelwerks! – Zwei Strich mehr Backbord, Mann! – Die Goelette ist jetzt über den Segelbaum ihres letzten Schiffes hinaus; auch die ›Amaryllis‹ gewinnt die Höhe. – Jetzt, Sacchi, die Topsegel hinauf in den Klüver; wir müssen der ›Santa Trinidad‹ zu Hilfe!« Die Brigg ›Santa Trinidad‹ trieb eben unterm Lee der Fregatten vorüber, zwar in genügender Entfernung, aber doch nicht so weit, daß das feindliche Feuer ihr nicht hätte Schaden tun können. Die Korvette kam jetzt rasch voran und steuerte zwischen die Fregatten und die Brigg. Aber Brown hatte die Absicht erkannt; ein Berg von Segeln stieg auf seinen fünf Schiffen hoch, und diese trieben jetzt gleichfalls vor der Landbrise vom Ufer ab. Nach einer Viertelstunde befand sich die ›Itaparika‹ auf gleicher Höhe mit der größern der beiden Fregatten; die kleinere überschüttete mit ihrer Breitseite die ›Santa Trinidad‹ und richtete argen Schaden an deren Segel- und Stengenwerk an. »Jetzt ist's Zeit! – Laßt uns selber den Tanz eröffnen. – Feuer!« Die zehn Kanonen der Steuerbordseite brüllten auf; aber gleich darauf prasselte die eiserne Antwort der Gegner durch das Takelwerk und riß Splitter aus dem Bollwerk. Ein Matrose im Vorderkastell stürzte. Der Vorteil, daß die ›Itaparika‹ nur mit den obersten Segeln trieb, zeigte sich in der geringen Beschädigung. »Sie schießen zu hoch, Sacchi!« lachte Garibaldi. »Aber veramente , der Brown versteht sein Handwerk. Er kehrt den Schnabel gegen uns, um uns seine beiden Lagen geben zu können. – Ha, da kommt seine Brettseite!« Wiederum sausten die Geschosse über die Korvette hin; nur drei saßen im Holz. »Nun, Kinder, gebt's ihnen! – Zielt auf die Segel – es ist unsere einzige Hoffnung!« Der Rückstoß der vollen Breitseite machte den schlanken Bau der ›Itaparika‹ bis in den Kiel erbeben. Ein Schrei aus Frauenmund riß Garibaldi herum. Mit einem Sprung war er von seiner erhöhten Stellung auf Deck. »Um der Heiligen willen, Senorita – Aniella, was willst du auf diesem gefährlichen Platz?« »Es ist der meine! – Glaubst du, daß ich mein Recht aufgeben will, in meiner Hochzeitsnacht an deiner Seite zu sein?« Sie zitterte sichtlich; aber auf dem totenbleichen Gesicht lag eine solche Entschlossenheit, daß Garibaldi nicht zu widerstehen vermochte. »Arme Aniella, dein Brautgemach ist Blut und Pulverdampf!« Sie sah zärtlich zu ihm auf. »Zu deinen Füßen will ich sitzen und allen Schrecken trotzen – aber nur nicht fern von dir!« Garibaldi drückte sie an sich und führte sie in den Schutz des Bollwerks. »Du hast recht, Aniella, du gehörst an meine Seite, wenn die Kugeln sausen!« Er sprang zurück. »Alle Hände zum Segel setzen! – Luv ab, Mann! – Gebt's ihnen mit den Sterngeschützen, Señor!« Die Pfeife des Hochbootsmanns rief zum Segelansetzen; aus den Luken herauf, unter den Bollwerken hervor schwärmte die tapfere Mannschaft; sie warf sich in die Wanten; die beiden langen Vierundzwanzigpfünder aus den Luken der Kapitänskajüte begannen unter Sacchi und dem Feuerwerker das sich zur Verfolgung anschickende Admiralsschiff zu beschießen. Das Segelzeug flatterte hoch; die Brise füllte knatternd die Leinwand; die ›Itaparika‹ schoß vorwärts zum Schutz der Brigg, die noch immer unterm Feuer der zweiten Fregatte lag. » Diavolo ! – Warum setzt Salvadore nicht Segel und macht sich aus dem Staub? – Hinauf, Señor, in den Vormars! Sehen Sie, was mit der ›Santa Trinidad‹ ist.« Der Aspirant flog hinauf; der Mondschein war noch so hell, daß er mit dem Glas leicht den Zustand der Brigg erkennen konnte. – Die Meldung lautete kläglich genug: ihr Stengenwerk war entsetzlich mitgenommen; soeben kam das große Giek herunter – das Schiff war ein hilfloses Wrack. Vivageschrei von der Kajütenbatterie herauf milderte die schlimme Nachricht; ein glücklicher Schuß des Feuerwerkers hatte die Topmasthauptstenge des jagenden Admiralsschiffs getroffen und mit dem ganzen Linnen- und Tauwerk herabgebracht. Die Fregatte, ihrer Klüver beraubt, fiel sogleich ab; andere Schüsse mußten gleich schlimme Wirkung gehabt haben, denn man sah das obere Segelwerk des Besan- und des großen Mastes einziehen. »Jetzt gilt's, ihnen die Zähne zu zeigen, ehe sie den Schaden ausgebessert haben und wieder heraufkommen! – Zwei Striche Steuerbord, Mann! Drei Kabellängen an ihr vorüber! Sacchi soll das Feuer aus den Hinterdeckgeschützen so lang wie möglich fortsetzen!« »Die ›Santa Trinidad‹ setzt ein Boot aus, Señor«, meldete der Aspirant vom Mastkorb. »Sie zeigt das Notsignal.« »Höll' und Teufel! – Salvadore wird sie doch nicht im Stich lassen, solang noch eine Planke hält!« »Das Signal wird wiederholt! – Drei blaue Lichter unterm Stern.« »Das Zeichen der höchsten Not! – Sie müssen Kugeln zwischen Wind und Wasser haben! – Den großen Kutter nieder und die Pinasse! Wir müssen unsere Brüder retten! – An die Geschütze! Kartätschen auf die Kugeln, und nicht eher feuern, als bis ich's befehle!« Die Boote gingen zu Wasser und ruderten zur sinkenden Brigg. Unterdes kam der Segelbaum der ›Itaparika‹ schon in gleiche Höhe mit der zweiten Fregatte. »Nieder auf den Boden, Aniella! – Soll ich eine Tote ins Brautbett tragen?« Die Breitseite der Fregatte blitzte auf, klatschte in den Rumpf, heulte durch die Luft, zerriß die Taue, zersplitterte die Bollwerke. Garibaldi stand selber am Steuer. »Braßt das Besansegel voll! – Jetzt, aufgepaßt: Feuer!« Die Breitseite der ›Itaparika‹ krachte und spie ihren tödlichen Hagel durch das Manöver des kühnen Führers auf etwa zwei Kabellängen gegen die zweite Fregatte. Der Befehl, Kartätschensäcke auf die Kugeln zu setzen, zeigte seine Folgen: ein wildes Geheul schallte von Bord des feindlichen Schiffs herüber. Dadurch gewann die ›Itaparika‹ Zeit, eine zweite volle Lage zu geben; als die Feinde endlich erwiderten, war sie schon über mehr als die Hälfte der Schußlinie hinaus. »Wie ist's mit dem Stengenwerk und den Masten? – Wieviel Verwundete?« Die ›Itaparika‹, nur um ein Geringes kleiner als die zweite Fregatte der Gegner, hatte vier Tote und fünf Verwundete: die Kreuzbramstenge war durchschossen, der große Mast von einer Vollkugel gewoffen, der andere Schaden weniger bedeutend. »Den großen Mast mit Stützen sichern! – Der Fockmast alle Segel und Beisatzsegel, die er tragen kann!« Die ›Itaparika‹ war jetzt auch der zweiten Fregatte voraus und unterhielt das Feuer gegen die beiden furchtbaren Gegner nur noch mit ihren Heckgeschützen. Die Boote hatten die Brigg erreicht und kehrten schon mit Mannschaft gefüllt zurück, indem sie den Segelstrich der ›Itaparika‹ zu kreuzen sich beeilten. Die andre Brigg und die Goelette hatten das Gefecht aufgegeben und standen unter vollem Segeldruck hinaus auf die Höhe, verfolgt von ihren Gegnern, die jedoch von der Korvette in genügender Entfernung gehalten wurden. Dagegen begann die zweite Fregatte jetzt unterm Vorteil des Windes die Jagd; das Admiralsschiff schien ziemlich seinen Schaden ausgebessert zu haben und kam gleichfalls auf. Garibaldi wußte recht gut, daß gegen diese Übermacht nur schleunige Fahrt retten konnte, und daß auch da noch die Aussichten zweifelhaft waren, wenn nicht ein glücklicher Zufall zu Hilfe kam. Dennoch widerstrebte es seinem Geist, zu fliehen und dem Feind den Sieg zu lassen. Er schritt unruhig auf dem Hinterdeck umher, während die Mannschaft eifrig an der Ausbesserung oder den Geschützen beschäftigt war. Von Zeit zu Zeit wandte sich sein Blick von den Segeln der Verfolger und dem eigenen Mastwerk nach der Stelle, wo Aniella in der Nähe des Steuers saß, unbekümmert um Gefahr, einzig die Augen auf ihn gewand, während der treue La-Muerte unfern von ihr auf dem Deck kauerte. Die Boote der Korvette und der Brigg waren jetzt heran; ein Jubelschrei der Mannschaft begrüßte die Geretteten, als sie sich an den Tauen emporschwangen. Der Erste Leutnant der Brigg, ein junger Mann aus einer der reichsten Familien Montevideos, sprang die Stufen zum Hinterdeck empor und salutierte vor Garibaldi. Sein rechter Arm hing in einem blutigen Tuch. »An Bord gekommen, Señor! Zwei Offiziere, fünfunddreißig Mann in den Booten. Sie danken Eurer Exzellenza für ihre Rettung.« »Aber Don Salvadore – wo ist der Kapitän? Wie steht es um die Brigg?« »Don Salvadore wurde das Knie von der fallenden Bramstenge zerschmettert; er weigerte sich, uns zu begleiten; zwei Kugeln trafen die Brigg unter der Wasserlinie, sie ist rettungslos verloren.« »Wie, Señor, Sie konnten Ihren Kommandeur verlassen?« »Señor Kommodore,« sagte der junge Offizier gekränkt, »Sie selber haben uns gelehrt, was unbedingter Gehorsam ist. – Wollen Sie Ihr Glas nach der Brigg richten?« »Ich sehe einen Mann in den Wanten des Vordermastes! Er schwingt die Flagge! Señor, Sie –« »Jener Mann ist Kapitän Salvadore«, unterbrach ihn der Leutnant. »Sein letzter Befehl war, ihn dort festzubinden, damit er bis zum letzten Augenblick die glorreichen Wimpel seines Vaterlands vor Augen habe.« »Um der Heiligen willen – die Brigg legt sich steuerbord – sie sinkt!« »Señor Kommodore,« sagte der Verwundete, »auf Befehl des Kapitäns sind wir hier, weil er glaubte, daß wir der Sache der Freiheit mehr nützen könnten. – Sonst würde kein Mann von ihm gewichen sein. – Erlauben Sie, daß wir einem Tapfern den letzten Gruß bringen!« Ohne die Einwilligung des Kommodore abzuwarten, schwang er sich mit dem unverletzten Arm in das Takelwerk, nahm seine Kappe und schwang sie durch die Luft. Im Augenblick war die an Bord der ›Itaparika‹ gerettete Mannschaft der Brigg seinem Beispiel gefolgt und stand in den Wantungen, auf den Bollwerken und in den Booten. Die Brigg schwankte, deutlich sichtbar im Mondenschein: man sah die dunkle Gestalt im Takelwerk die Flagge schwingen. »An die Geschütze am Backbord! – Fertig zum Feuern!« Aniella kniete betend neben Garibaldi. Das Sprachrohr in der Hand, hielt er den Blick auf die Brigg gerichtet. »Sie sinkt – sie sinkt!« »Fahr' wohl, Kamerad! – Du stirbst für die Freiheit! Ein Viva, Kameraden, und eine Salve über sein Grab!« » Viva la libertad! Viva Montevideo !« klang es aus zweihundert Kehlen und mischte sich in den Donner der Breitseite. Als der Pulverdampf von der frischen Brise vorübergetrieben wurde, war die ›Santa Trinidad‹ verschwunden. Von den feindlichen Schiffen her klang wie höhnendes Echo fernes Triumphgeschrei. »An die Taue! Hißt die Kreuzbramsegel! Hinauf mit jedem Lappen, den die Spieren tragen mögen!« Die notdürftige Ausbesserung des Schadens war bald besorgt, Notsegel waren gesetzt – die ›Itaparika‹ segelte mit aller Leinwand, im Vertrauen auf die bald eintretende Dunkelheit, weiter, um zu entkommen. Aber Admiral Brown war ein gefährlicher Gegner; nur ein so außergewöhnliches Genie, wie das des italienischen Kondottiere, hatte ihm so lange den Sieg streitig machen können. Brown, ein Engländer von Geburt, war zähe und aufs tiefste in seiner Ehre gekränkt, daß es seinem kühnen Gegner aufs neue gelungen war, ihn zu täuschen. Er bot alles auf, die Scharte auszuwetzen. Befehle flogen an den Signalleinen hinauf; die Schiffe des Geschwaders von Buenos Aires begannen sich zu verteilen und einen weiten Halbkreis zu bilden, in den sie die Verfolgten einschlossen. In der Mitte dieses Halbkreises segelten die beiden Fregatten; das Admiralschiff mit aufgesetzten Notstengen, aber wieder vollkommen seetüchtig, und fast ein so guter Segler wie die ›Itaparika‹. Der Mond war inzwischen untergegangen; doch bei dem klaren durchsichtigen Dunkel der Aprilnacht und bei der Nähe der Gegner war es nicht schwierig, die Fliehenden im Auge zu behalten. Nach einer Stunde des Manövrierens erkannte Garibaldi die Aussichtslosigkeit, den Gegner zu täuschen. Finster schritt er auf dem Hinterdeck hin und her; von Zeit zu Zeit stieg er auf das Hängemattengitter und prüfte mit dem Fernrohr den Horizont. Die Brise war stetig und frisch; aber da die Schiffe der Montevideer jetzt unterm Winde fuhren, war sie den Jagenden günstiger als den Gejagten. Plötzlich blieb Garibaldi stehen. »Der Hochbootsmann Benito!« Der Ruf ging bis zum Vorderdeck. Gleich darauf erschien ein alter, wettergebräunter Matrose, lang und mager. »Du hast am längsten von uns allen den La Plata befahren, Benito?« »Seit fünfunddreißig Jahren, Señor Kommodore, aber valga me Dios , nie unter einem bessern Kapitän!« »Ich weiß, daß du Vertrauen zu mir hast, Alter; deswegen wend' ich mich an deine Erfahrung. Wann erreichen wir die Küste von Uruguay?« »Eine Stunde vor Tagesanbruch, Señor.« »Kennst du an diesem Teile des Ufers eine Zufluchtsstätte, an der wir uns gegen jene dort wehren können?« Der Alte schüttelte den Kopf. »Sie wissen so gut wie ich, Señor Kommodore, daß die Föderalos uns den Rückweg nach Siriano verlegt haben. – Die Küste bei Rosario ist flach; man bekommt sie nicht zu Gesicht, bis der Kiel auf den Grund stößt.« »So ist deine Meinung, daß wir ihnen nicht mehr entrinnen?« »So ist es, Señor Kommodore!« »Aber es ist unmöglich, mit unseren drei Schiffen den Kampf gegen die Übermacht zu bestehen.« »Ich weiß es!« »Und was rätst du?« »Wenn wir nicht mehr kämpfen können, Señor Kommodore, gibt es noch die Pulverkammern.« Garibaldi schwieg eine Weile. »Du hast recht«, sagte er dann ruhig. »Laß die Leute um den großen Mast zusammentreten – ich habe ihnen einige Worte zu sagen!« » Si, Si !« Der Alte schwenkte sich auf dem Absatz herum, setzte die Pfeife an die Lippen und gab das Zeichen: »Alle Mann herauf!« Alsbald verstummte das bisher in Zwischenräumen unterhaltene Feuer der Sterngeschütze; die Mannschaft quoll aus den Luken herauf, kam aus dem Takelwerk nieder und sammelte sich um den Mast. Nur die Steuerleute und die nötigen Wachen blieben auf ihren Posten. Sacchi, der Erste Leutnant, hatte die Batterie verlassen; die Offiziere sammelten sich um ihren Befehlshaber auf dem Hinterdeck. »Gib der ›Concepcion‹ und der ›Amaryllis‹ das Zeichen, dicht heranzulegen, Senor Teniente!« Sacchi gab den Befehl weiter; zwei blaue Lichter stiegen in den Nachthimmel auf, denen sofort das Laternenzeichen »Verstanden!« folgte. Das Gemurmel der Mannschaft schwieg, als der Kommodore auf die Stufen vom Mittelschiff zum Hinterdeck trat. Dicht hinter ihm stand Aniella im Kreis der Offiziere. »Wer zu weit entfernt ist,« rief Garibaldi, »um meine Worte genau zu hören, möge in das Takelwerk steigen; denn es ist nötig, daß jeder Mann an Bord mich versteht!« Einen Augenblick dauerte das Geräusch des Kletterns, dann folgte wieder eine allgemeine Stille. Nur das eintönige Knarren der Stengen und Spieren und das Anschlagen der Taue unterbrach sie. »Männer der ›Itaparika‹ und der ›Santa Trinidad‹,« klang die ruhige Stimme des Führers, »es sind nun drei Jahre, daß ich dies Deck als euer Führer beschreite und die Schiffe der Republik gegen den überlegenen Feind geführt habe. Ihr selber mögt mir das Zeugnis geben, ob ich je vor einer Gefahr zurückgewichen bin, wenn es galt, die grün-* blaue Flagge zu Ehren zu bringen und ihr Achtung zu verschaffen bei Freund und Feind!« Ein beifälliges Gemurmel hob an und endete mit dem Ruf: » Viva Garibaldi! Viva la libertad !« Kameraden,« fuhr der Kondottiere fort, »ich danke euch! – Was ein Führer mit solchen Tapferen, wie ihr, zu tun vermag, haben wir der Welt bewiesen. Eins aber bleibt uns noch übrig, das ist: für die Sache, der wir uns geweiht, mutig zu sterben, wie wir für sie mutig gelebt haben! Flucht ist unmöglich. Ich bin entschlossen, den Kampf mit jenen vier Schiffen in unserem Kielwasser aufzunehmen; aber selbst den Heroen haben die Götter ihre Grenzen gesteckt. Auf Sieg zu hoffen, wäre Wahnsinn; doch weder unsere Leiber noch eine Planke dieser Schiffe dürfen in die Hände des Mörders Rosas und seiner Schergen fallen! – Frei wollen wir sterben, wie wir lebten! – Laßt uns kämpfen bis zum letzten Mann! Und der letzte von uns soll die Lunte in die Pulverkammer werfen, damit kein Föderalo sagen kann, er habe Männer wie uns besiegt! – Das, Kameraden, war's, was ich euch sagen, wozu ich eure Einwilligung wollte!« »Zum Tode! Zum Tode! Viva el Commodore! Viva la libertad ! – Zum Kampf! Zum Kampf!« Ein einziger Schrei schien aus dieser todgeweihten Schar hinaufzudonnern zum Nachthimmel. Die Beile, die Säbel, die Enterpiken wurden in wilder Erregung durch die Luft geschwungen; viele umarmten sich und schworen, bis zum letzten Atemzug mit ihrem tapferen Führer zu kämpfen. Giuseppe Garibaldi hob die Hand. Wie auf einen Zauberschlag legte sich der Sturm. »Señor Teniente,« rief der Kommodore, »laß zwei Boote aussetzen! – Unsere Kameraden auf der ›Concepcion‹ und der ›Amaryllis‹ müssen von unserem Beschluß in Kenntnis gesetzt werden!« Sacchi wandte sich zum Hochbootsmann, um den Befehl zu wiederholen. Aber als er die Lippen öffnete, wurde er durch einen hellen Ruf unterbrochen. »Haltet ein!« Auf der Treppe des Hinterdecks, an der Seite des Kommodore stand Aniella Garibaldi. »Montevideer, Söhne und Freunde meines Landes! Auch ich, das Weib eures Führers, habe etwas zu sagen!« Die verwegenen Gesellen lauschten erstaunt dieser Frauenstimme. Garibaldi neigte den Kopf zum Zeichen seiner Einwilligung und kreuzte die Arme über der Brust, den Blick mit einem Ausdruck von Trauer und Zärtlichkeit auf sein Weib gerichtet. »Freunde und Brüder,« fuhr die junge Frau fort, »ihr habt euch mit diesem Mann in die Gefahr gestürzt, um mich zu retten vor einem Bunde, der das Zeichen der Schmach auf die Stirn der Tochter Montevideos gedrückt hätte. Darum: wie mein Leben euch gehört, gehört das eure mir! Ich, die Tochter des Landes, für das ihr kämpft, ich sage euch: ein tapfrer Tod ist erhaben, aber euer Leben ist kostbarer für die Sache der Freiheit als euer Tod! Darum dürfen die Kämpfer Montevideos nicht verzweifeln – sie müssen leben und weiter kämpfen!« Ein tiefes Schweigen folgte diesen Worten; die meisten fühlten darin nicht nur die Begeisterung für die Sache, sondern auch den Wunsch der Frau, das Leben des geliebten Mannes zu retten. »Ich habe von dir gehört, als ich kaum dem Kindesalter entwuchs«, fuhr Aniella fort, indem sie sich an ihren Gatten wandte. »Du bist kein Sohn dieses Landes, sondern hierher gekommen weit über das Meer, um Freiheit zu suchen, aus einem Lande, auf dem noch schwerer als auf uns die Hand der Tyrannei lastet. Diese Männer hier sind zum Teil deine Landsleute, vertrieben wie du, hoffend wie du. – Habt ihr vergessen, daß das eigene Vaterland einst die Söhne wieder rufen kann, wenn die Stunde seiner Freiheit geschlagen, die Söhne, die gestählt sind im Kampf für die Freiheit eines fernen Landes? Noch kenne ich die innersten Gedanken deines Herzens nicht, José Garibaldi; aber ich schließe von dem meinen auf das deine, und ich weiß, daß die Freiheit deines Vaterlandes dir der höchste Wunsch sein muß!« Sacchi schwang den Hut. »Bei der versunkenen Herrlichkeit Roms, die Señora hat recht! – Viva Italia !« » Viva Italia !« jubelte es. Der Kommodore reichte ihr bewegt die Hand. »Du hast eine tönende Saite in meinem Herzen berührt, Aniella«, sagte er. »Aber die Ehre Giuseppe Garibaldis ist der Republik Uruguay verpfändet; und da er den Schild, den sie ihm anvertraut, nicht zurückbringen kann, darf er selber nur auf dem Schilde zurückkehren.« »Die Republik von Uruguay«, rief Aniella, »kann ein neues Geschwader bauen. Meine ganze Habe gehört ihr, wenn sie ihrer bedarf! – Aber das Leben der Helden, die für sie kämpfen, vermöchte sie mit all ihrem Golde nicht zurückzukaufen!« »Und was meinst du, daß wir tun sollen?« »Euer Leben zum ferneren Kampf Montevideo und deinem eigenen Vaterland bewahren! – Nicht in der Kraft zum Sterben zeigt sich der wahre Mut, sondern in der Kraft zum Kämpfen.« »Diese Planken, unser Kampfplatz, werden in einer Stunde zersplittert sein!« »So suche dir einen anderen!« »Mein Handwerk ist das des Seemanns. Das Meer war die freie Heimat des Knaben!« »Wenn das Meer undankbar ist gegen seinen Sohn, so lerne auf dem Lande fechten! Du wirst es mir vielleicht einst danken.« »Was sollen wir tun?« »Kämpft! – Und wenn der Augenblick gekommen ist und ihr jenen so viel Schaden wie möglich getan habt, so verbrennt diese Schiffe und werft euch ans Land! Wirf dich mit diesen Tapferen in die Pampas – ich werde dich den Kampf der Pampas lehren!« » Viva la libertad ! – In die Pampas! In die Pampas!« jubelten die Eingeborenen der Mannschaft. »Bei der heiligen Jungfrau! Der Rat dieser Frau ist gut. – Was meinst du, Sacchi?« »Ich meine, Kommodore, die Worte dieser Frau machen Männer wie uns erröten über den Entschluß, zu sterben. Unser Leben gehört Italien; es ist gleich, ob wir bis dahin auf den Planken eines Schiffes oder in den Savannen kämpfen, wenn es für die Freiheit geschieht!« »So sei es! – Wohlan denn, Kameraden, der Morgen finde uns auf dem Wege in die Pampas! Diese Nacht aber gehört unseren Feinden auf dem Wasser, und, beim Andenken meiner Mutter, ich will mir eine Hochzeitsfackel anzünden, daß sie den Schurken bis aufs Mark ihrer Knochen brennen soll!« Ein neuer Kraftstrom schien durch die Adern Garibaldis zu fluten. Befehl folgte auf Befehl, kurz und ohne Zögern. Zwei Offiziere flogen in den leichten Booten zu den sich nähernden beiden Schiffen, unterdes alle drei ihren Kurs nach der Küste nahmen. Die Mannschaft mußte die wertvollsten Sachen in die Boote bringen, doch so, daß die freie Bewegung darin nicht gehindert ward. Jeder wurde mit Pistolen, Beil oder Säbel, Gewehr oder Pike bewaffnet, die Munition verteilt und ein großer Vorrat in die Boote geschafft. Die Kanonen des Backbords wurden entladen, die Karonaden des Verdecks bis an die Mündung mit Kartätschen und Flintenkugeln gefüllt und aus den Steuerbordluken gerichtet. Dann häufte man auf dem obern und untern Deck um die Masten feuerfangende Stoffe in großen Mengen und legte Zündlinien nach allen Teilen des Schiffs. Die Brigg und die Goelette hatten inzwischen so nahe herangelegt, daß sich Garibaldi mit dem Sprachrohr verständigen konnte. Er befahl, aus den langen Sterngeschützen das Feuer wieder aufzunehmen. Er selber hatte in der Kajüte Gold und Papiere zu sich gesteckt und trug im Gürtel die mit Silber ausgelegten Pistolen, ein Geschenk des Dei von Tunis, an der Seite einen kostbaren maurischen Säbel mit echter Damaszenerklinge, den er mit eigener Hand im Gefecht einem Häuptling von Ziban abgenommen, als er in tunesischen Diensten stand. Leichtere Waffen trug Aniella. Zwei Mann hingen in den Ketten des Vorderschiffs und warfen fortwährend das Lot in die sich rasch verflachenden Wasser. Die Schnelligkeit der Schiffe wurde durch das Einziehen mehrerer Segel gemäßigt; nach einer halben Stunde waren die Feinde so weit heran, daß ihre Breitseiten das Feuer beginnen konnten. Die Boote an Backbord wurden nun mit aller Mannschaft besetzt, die nicht zur Geschützbedienung nötig war. Aniella weigerte sich jedoch standhaft, ihren Platz an Garibaldis Seite zu verlassen und sich in die vor den Geschossen der Fregatten gesicherten Boote zu flüchten. Morgennebel bedeckten jetzt das Wasser und hüllten die Schiffe langsam bis zu den Mastspitzen ein. Wie zum Hohn der Feinde befahl Garibaldi, am Bugspriet und am Hintermast Laternen auszuhängen, deren Licht wie rote Sterne durch die Nebel glühte und dem Feind das Ziel angab. Die drei Schiffe der Montevideer trieben so dicht aneinander geschlossen, daß der Klüverbaum des einen fast in die Sternfenster des andern stieß. Da unter solchen Umständen auch der Feind nur aus seinen Backbordgeschützen feuern konnte, erfolgten die Breitseiten in regelmäßigen Pausen; die sprühenden Blitze durchbrachen gleich breiten Feuerströmen die Nebelwand. Die Verwüstung am Bord der Schiffe war furchtbar und stieg, je näher die Fregatten herankamen. Doch fuhren die Lagen meist durch das Mast- und Takelwerk, während die Geschosse der ›Itaparika‹ in den Rumpf schlugen. »Acht Fuß!« meldete ein Mann in den Ketten. »In etwa fünf Minuten werden wir aufstoßen«, sagte Garibaldi. »Der große Mast kann sich nicht mehr halten. – Gib Befehl, Sacchi, daß die Boote zurücklegen, bis er gefallen ist, und laß die Schiffe von Schnabel zu Stern durch Ketten verbinden!« Matrosen schwangen sich von den Klüverbäumen nach dem Stern der Vorderschiffe und schlugen ihre Enterhaken ein, so daß bald die ›Amaryllis‹ und die ›Concepcion‹ zu einer festen Linie mit der ›Itaparika‹ verbunden waren und nicht weiter abtreiben konnten. Ein leises Aufscharren, ein stärkerer Stoß – die Korvette saß fest. Ein Geschoß, das in diesem Augenblick den schwankenden Mast traf, brachte ihn zu Fall; er brach mit seinem ganzen Segelwerk über Backbord. »Kappt die Taue! – Klar das Wrack!« donnerte die Stimme Garibaldis durch das Sprachrohr. Ein Triumphgeschrei der Gegner antwortete dem Befehl, so nahe war das Admiralschiff schon. Der Kommodore ließ das Sprachrohr sinken. »Sie gehen in die Falle«, sagte er mit heiterm Lachen. »Brown merkt den Streich nicht, den wir ihm spielen; seine Fregatte liegt um mindestens zwei Fuß tiefer im Wasser als die ›Itaparika‹. Wenn er die Spitzen unserer Spieren berührt, wird er festsitzen, ohne unsern Bord erreichen zu können. – Aufgepaßt, ihr Männer! – Die Enterer hinauf mit den Haken auf die Rahen – ein jeder an seinen Posten!« Eine gewaltige Lage des Gegners rasselte in der mörderischen Entfernung von kaum fünf Faden durch das Takelwerk und ins Holz. Dann, da keine Breitseite der ›Itaparika‹ mehr das Feuer erwiderte, sah man durch den Nebel einen Berg von Segeln und Masten sich heranwälzen und näher und näher kommen. Garibaldi warf einen Blick um sich – alles war auf dem angewiesenen Posten. Er winkte dem Neger. La-Muerte stürzte sich auf die Gebieterin, hob sie trotz ihrem Sträuben auf und trug sie über das Fallreep des Backbords in den Kutter. In diesem Augenblick berührten sich die äußersten Spitzen der Spieren beider Schiffe. Das Takelwerk der Fregatte, ihre Bollwerke und ihr Hinterdeck waren dicht gedrängt mit Enterern gefüllt. Ein Pfiff gellte. Wie durch einen Zauber erhoben sich Männer auf den Rahen, wo sie bisher der Länge nach ausgestreckt gelegen, huschten, sich an den Tauen haltend, bis an die äußersten Enden und schleuderten mit der Geschicklichkeit der Pampasbewohner ihre Enterhaken und Falleinen in das Takelwerk des Feindes. Zugleich sah man die Fregatte, deren Bord sich noch etwa fünf Ellen von dem der ›Itaparika‹ befand, bis in die Spitze seiner Masten erbeben – sie war auf Grund geraten. Garibaldi schwang sich wieder auf die Hängemattengitter. » Hasta la vista, Señor Almirante! Viva la Unidad !« Seine Pistolen knallten gegen die dicht gescharte Menge; eine der Kugeln streifte des Admirals rechte Wange. Auf dieses Zeichen antwortete eine entsetzliche Breitseite der hochgerichteten und bis an die Mündung mit Kartätschen gespickten Karonaden der ›Itaparika‹. Eine Salve der Flinten und Pistolen der Mannschaft krachte darein. Das höhnende Vivageschrei auf der Fregatte erstickte in dem vernichtenden Donner. Als sich die Föderalisten von der Verwirrung, von dem gräßlichen Blutbad erholt hatten und mit Wutgeschrei ins Takelwerk kletterten, um von dort sich auf die Korvette zu stürzen, war die ›Itaparika‹ leer – weder im Takelwerk noch auf dem blutigen Deck war ein Mann zu sehen. Die Enterer stürzten zum Backbord; durch den Nebelschleier sahen sie dunkle Punkte auf dem Strom sich dem Ufer zu bewegen, die Boote Garibaldis. Gelächter drang höhnend herüber und mischte sich mit den Verwünschungen und den unnützen Pistolenschüssen der Überlisteten. Aus den offenen Luken des Schiffs, aus den Stückpforten und Kajütenfenstern stieg dichter Qualm; dunkler als der wallende Morgennebel. Vom Stumpf des großen Mastes her wirbelte es auf, erst schwarz und schwer, dann in züngelnden hellen Flammen; sie liefen am Holz und den teergetränkten Tauen hinauf und züngelten über die Wantungen und die Segel. »Feuer! – Feuer!« Befehle und Gegenbefehle, tobende Mannschaften, Verwirrung. Boote wurden ausgesetzt, um die Fregatte zurückzuschleppen. In rasender Anstrengung arbeiteten im Tauwerk die Matrosen; sie versuchten vergeblich, das Schiff freizumachen von den verderblichen Verstrickungen. In ohnmächtiger Wut erkannte Admiral Brown die Gefahr. Er hörte knirschend die Meldungen der Offiziere. Jetzt stiegen drei mächtige Rauchsäulen aus dem Nebelmeer empor in den Morgenhimmel, durchzuckt von Flammen, die gleich glühenden Schlangen an den Masten in die Höhe züngelten – die zweite Fregatte und die Brigantine befanden sich in der gleichen Lage wie sein eigenes Schiff. Ein gewaltiges Krachen, ein Strom von Feuer, schwarzem Rauch und Trümmern breit hinauf ... »Los, Leute, los! – Es gilt euer Leben!« Die wenigen noch unverwundeten Offiziere sprangen selber mit den Beilen zum Kappen in die Wantungen – ein Ruck, die Fregatte löste sich aus der verhängnisvollen Umschlingung und gehorchte wieder dem Steuer. – – – Der Morgenschimmer hob sich über den Wellen. An der sandigen, flachen Küste des La Plata stand in losen Gruppen die Mannschaft Garibaldis. Man mühte sich um die Verwundeten und beendete das Ausladen der Boote. Der Morgenwind zerstreute die Nebel. Die Wracks der ›Itaparika‹ und der ›Amaryllis‹ waren bis zum Wasserspiegel niedergebrannt; schwarzer Rauch wälzte sich von ihnen hoch. Die Trümmer der ›Concepcion‹, deren Pulverkammer das Feuer zeitig genug erreicht, trieben auf den Wellen. Die Flammen der Sprengung waren auf die Brigantine der Föderalisten übergesprungen; hochauf wirbelte die Feuersäule an Tauwerk und Masten; die Mannschaft flüchtete in die Boote. Das Admiralsschiff hatte weit zurückgelegt und war außer der dringendsten Gefahr. Aber die Verwüstung an seinem Stengen- und Takelwerk schien furchtbar; das Schiff war nicht viel besser als ein Wrack. Nur die zweite Fregatte hatte sich mit verhältnismäßig geringer Beschädigung retten können und besserte eifrig Havarie. Im Kreis der von Pulverdampf und Blut bedeckten Männer kniete die junge Frau in heißem Dankgebet für die Rettung Garibaldis. Er stand in tiefe Gedanken verloren neben ihr, die Arme verschränkt, und schaute hinaus auf die rauchenden Trümmer, die versinkenden Zeugen seines Ruhmes und seiner Taten. Ein Kapitän ohne Schiff, ein Führer ohne Heer – nur die wenigen Getreuen um ihn und die ewige Flamme in der eigenen Brust waren ihm geblieben. Er fuhr auf; sein Auge suchte im Kreis; er winkte François. »Señor Kommodore!« Fragend stand der Knabe vor ihm; über seine Stirn lief eine breite Wunde. Giuseppe Garibaldi deutete stumm auf die leichte Brandung – ein Etwas trieb mit den Wellen auf und nieder. Mit drei Sprüngen war der junge Bursche im Wasser und tauchte in die Flut. Bald hatte er den treibenden Gegenstand erreicht, seine Hand erfaßte ihn und schwang ihn hoch über dem Kopf. Ein Jubelruf der Männer antwortete ihm: es war der Flaggenstock der ›Itaparika‹ mit dem grün-blauen Wimpel von Montevideo. Die ersten Strahlen der Sonne fielen auf die Besiegten, aber sie fielen auf freie Männer. Giuseppe Garibaldi warf den Kopf in den Nacken und hob die Hand. »In die Pampas! – Viva la libertad !« Mato Topah Sechs Jahre fast waren verflossen, seit der Kommodore Garibaldi mit der Vernichtung seiner eigenen Schiffe dem Kampf auf dem ihm von Jugend an vertrauten Element Lebewohl gesagt und sich mit seinen Getreuen in die Pampas und die Einöden von Paraguay und Uruguay geworfen hatte. Mit wechselndem Glück war seither von den Föderalisten und Unitariern fortgekämpft worden. Oribe hatte Nuñez geschlagen und war bei Villaguay am 22. November 1842 unterlegen, machte die Niederlage aber durch den Sieg bei Arroyo grande vergessen, nach dem er an sechshundert Gefangene auf das Grausamste hinschlachten ließ. Montevideo rüstete sich zu verzweifelter Verteidigung; sogar viele Ausländer griffen zu den Waffen; alle Sklaven wurden freigegeben, um im Heer zu dienen. Jetzt mischten sich England und Frankreich wegen ihrer Handelsbeziehungen am La Plata aufs neue in den Streit. Im Februar 1843 hatte Oribe Montevideo von der Landseite eingeschlossen; durch das ganze Gebiet wütete der Guerillakrieg; Garibaldi tat sich oft mit seiner italienischen Legion hervor. Tapfer focht er bei dem mißglückten Sturm auf das Dorf Cerro Largo und in der Niederlage von India Muerta, wo Urquiza das Heer Riberas zerstreute. Mit Silveira warf er sich in die Gebirge von Maldonado, nachdem der Sieger die empörende Menschenschlächterei an neunhundert wehrlosen Gefangenen wiederholt hatte, kämpfte mit den Madariagas am 4. Februar 1846 bei Laguna Limpia, und machte seinen Namen durch die heldenmütige Verteidigung Saltos nicht nur in ganz Südamerika, sondern selbst in Europa berühmt. Nach dem Sieg von San Antonio ließ die vorläufige Regierung von Montevideo seinen Namen und den Jahrestag der Schlacht mit goldenen Lettern auf die Fahne der italienischen Legion sticken. Aber Aprilwetter, Spiel und Kriegsglück sind veränderlich. Frankreich und England hatten zwar Buenos Aires den Krieg erklärt, die kleine Flotte des Diktators Rosas, der einst Garibaldi so heldenmütig widerstanden, bei Punta Obligado vernichtet, und hielten den La Plata geschlossen; allein infolge eines Streits mit dem Präsidenten von Montevideo, Dom Joaquin Suarez, hob Lord Howden die englische Blockade auf. Graf Walewski, der französische Gesandte und tätige Freund Garibaldis, verließ im Juni 1847 Montevideo; die französische Unterstützung wurde täglich geringer. Ribera hatte sich über die brasilianische Grenze flüchten müssen; nur wenige Scharen unter entschlossenen Führern unterhielten noch den Guerillakrieg im Binnenland gegen Oribe und Urquiza. So war der Stand der Dinge, als an einem schönen Morgen Ende März des Jahres 1848 eine an tausend Mann starke Schar von Reitern und Fußvolk jenseits des Rio Negro durch die auslaufenden Täler des San-Gabriel-Gebirges in der Richtung zur brasilianischen Grenze dahinzog. Die Schar schien mehr der Kenntnis ihrer Führer als den kaum sichtbaren Spuren eines gebahnten Pfades zu vertrauen. Das Tal, durch das sie zog, war ziemlich breit; nur hin und wieder wurde der von einem Bach durchflossene Grund von Palmengruppen unterbrochen. Die Algarova breitete ihre weitschattende Krone, und wie ein leichter Federstrauß wogte der luftige Gipfel der Jaguapalme im Windhauch. Wo der kleine Bach sich schlammige Buchten im fetten Urboden wühlte, dehnten sich riesige Affenbrotbäume, und der gewaltige Händebaum streckte die knorrigen Äste mit dem zartwolligen Laub und den duftenden Purpurblumen aus, um die Kolibris wie lebende Edelsteine schwirrten. Von Strecke zu Strecke trat an den Abhängen von Norden her der Urwald mit seinen Ausläufern ins Tal, üppig grüne Quebradas[R1 Waldschluchten] mit ungeheuren Baumriesen. Das geheimnisvoll bunte Leben des unberührten Urwaldes umwob die Schar. Der Ara schwang sich mit Kreischen in den Kronen der Buritipalmen, und hackte mit seinem krummen Schnabel in die gelbroten Äpfel ihrer reichen Fruchttraube. Ein alter bärtiger Brüllaffe saß mürrisch im Kreis seines Geschlechts; zärtliche Mütter trugen ihre haarigen Säuglinge auf dem Rücken. Der Patriarch erhob drohend seine Stimme und alle fielen ein, daß stundenweit der Wald ertönte. Fünfhundert Schritt vor dem Zug trabten etwa zehn Reiter mit breiten Sombreros, die Flinte über der Schulter, die Beine in dicke Ledergamaschen gegen die langen Stacheln des Feigenkaktus geschützt, das Messer in den Riemen der Gamasche und den Poncho auf dem Sattel. Nur zwei machten eine Ausnahme: François Laforgne, jetzt ein Jüngling von etwa achtzehn Jahren mit Samtwams und bis an die Knie reichenden geschlitzten Beinkleidern, unter denen Ledergamaschen bis in den kurzen Stiefel reichten. Ein grauer Filzhut mit roten Flamingofedern bedeckte das schwarze Lockenhaar; kecke Augen saßen in dem braunen, kühnen Gesicht. Der zweite war La-Muerte, der Neger, nur mit seiner langen Lanze bewaffnet. »Beu den Gebeunen meines Vadders,« sagte La-Muerte, »wir sind nun drei Tage durch Berg und Tal gezogen – wo bleiben der versprochene Fluß? Was denken Massa Franzisco dazu?« »Was ich denke? Ich hoffe nur, daß wir die föderalistischen Schurken bald vor dem Lauf unserer Büchsen haben werden! Wind und Wetter, es war kurzweiliger auf dem Top der alten ›Itaparika‹, als ewig hier durch das Gesträuch nach einem Feind auszuspähen, der sich auf die Schnelligkeit seines Pferdes verläßt.« Der Mohr grinste vor sich hin. »Massa Kommodore sagten neulich zur Señora, Massa Franzisco säßen jetzt auf dem Recado so fest, wie sonst auf den Rahen, und wären grad' so gut wie geborner Gaucho!« »Der Recado ist noch lange kein Sturmsegel«, lachte François. »Doch das Leben gefällt mir sonst ganz gut! Für Abwechslung sorgen der Bluthund Urquiza und der Kommodore. Aber was ich eigentlich sagen wollte – du mußt das verwetterte Mestizengesicht besser kennen – was hältst du von seiner Nachricht?« La-Muerte warf einen flüchtigen Blick zurück auf die Spitze der folgenden Kolonne, dann schüttelte er besorgt den Kopf. »La-Muerte waren viele Jahre gut Freund mit Manuelo; aber ein Pardo haben kein weißes und kein schwarzes Herz; viel Haß wohnen in dem seinen.« »Aber er ist ein Freund oder Verwandter der Señora! Der Zank in der Quinta damals mag Ursache genug sein, daß er so lange fern blieb.« »Massa Franzisco kennen Seele von Pardo nicht«, meinte der Neger, »Manuelo niemals vergessen schöne Señora Aniella. La-Muerte ein scharfes Auge auf ihn.« »Der Brief, den er dem Kommodore vom Obersten Silveira brachte, war unzweifelhaft echt; er selber erbot sich, die Schar dem Feind in den Rücken zu führen. Ich hörte seine Versicherung, daß er die Gegend genau kenne, und die Señora verbürgt sich für seine Treue.« »Massa Manuelo sein ein Gambusino. Wenn er uns führen will recht, kennt er mit verbundenen Augen jeden Schritt. Die Lanze La-Muertes ist so lang wie die Tücke des Pardo – Was da sehen Massa Franzisco?« François hatte sein Pferd angehalten und spähte nach einem Felsstück weiter hinauf in dem sich jetzt mehr und mehr verengernden Tal. Am Fuß einer mächtigen Zeder, auf einem Felsgrat, sah man einen Mann gleich einer Bildsäule am lichten Horizont sich abzeichnen. Selbst der Zug schien weder seine Neugier noch seine Furcht zu erregen, so unbeweglich stand er auf einen Bogen gestützt. Sein glattgeschorener Kopf war nur mit drei aufrecht stehenden Geierfedern geschmückt; er trug ein indianisches Jagdhemd und mit Perlen und Federn verzierte Mokassins. Es war ein indianischer Jüngling, kaum älter als François. Ein Hirsch, von seinem Pfeil durchbohrt, lag zu seinen Füßen. Der kleine Reitertrupp hielt am Fuß des Felsblocks an; einer der eingeborenen Soldaten rief ihm in der Sprache der Puelchen zu, herunterzukommen. Während der Indianer schweigend gehorchte, kam der Hauptzug herbei. An seiner Spitze ritt Giuseppe Garibaldi mit seiner Gattin, Señora Aniella, die ihn seit jener schrecklichen Nacht auf dem La Plata keinen Augenblick verlassen und alle Gefahren und Entbehrungen mutig geteilt hatte. An ihrer Seite ritt der Pardo Manuelo. Die Züge seines grauen Gesichts waren noch schärfer und härter, die Augen noch unsteter geworden. Seine Kleidung zeigte nichts mehr von dem frühern Glanz und der Eitelkeit; sie war unscheinbar, fast dürftig. Nur das Pferd, das er ritt, war von auffallender Schönheit. Der Kommodore trug einen weißen Mantel über roter Bluse, und einen grauen Hut mit Straußfedern. Man sah ihm an, daß Befehl seine Gewohnheit, unwiderruflicher, rascher Entschluß seine innerste Natur geworden waren. Diesen Ernst, diese Strenge milderte allein der freundliche Ausdruck seiner großen Augen, wenn sie sich zärtlich und stolz auf die junge Frau wandten. Aniella ritt in kurzem Reitrock, einen leichten Kavalleriesäbel an der Seite, Pistolen in der roten Seidenschärpe um die Hüfte, auf einem lebhaften grauen Pferd. Auf dem Knopf ihres Sattels schaukelte ein Bastkorb, der zwischen einer Wiege und einer Hängematte die Mitte hielt. Ein Kind von etwa einem Jahr lag darin. Eine Schar von zweihundert Reitern, willkürlich gekleidet und bewaffnet, Abenteurer aus jedem Lande Europas und Amerikas, kühne, trotzige Männer, schloß sich an den Führer. Ein Haufen Fußsoldaten, von Sacchi befehligt, folgte; eine zweite Reiterschar bildete die Nachhut. Die Krieger der Pampas und der Savannen beschweren sich nicht mit vielem Gepäck; der Poncho dient ihnen zur Decke und zum Lager, ein Säckchen mit Pemmican und ihre Flinten sichern ihnen den Unterhalt. Garibaldis Falkenauge hatte schon von fern den Indianer bemerkt; er winkte, ihn herbeizuführen. Der ganze Zug hielt; viele der Fußsoldaten benutzten die Gelegenheit, sich auf den Boden zu werfen; man war schon seit vier Stunden marschiert. Der Indianer stand vor dem Anführer. Er war hoch und schlank, sein Gesicht von heller Kupferfarbe und nicht entstellt durch Malereien. Er zog die wollene Decke um Schulter und Brust zusammen; seine Augen streiften ruhig über den Halbkreis der Männer und blieben dann mit Bewunderung auf dem lieblichen Antlitz der jungen Mutter hängen. Garibaldi übernahm selber das Verhör. »Verstehst du Spanisch oder Portugiesisch?« »Der rote Mann hat gelernt, mehr als eine Zunge im Mund zu haben, seit sein weißer Bruder über das Weltmeer kam,« sagte der Indianer im besten Spanisch. »Frage! Mato Topah wird dir antworten.« »Von welchem Stamm bist du? Wohnst du in dieser Gegend?« »Der Adler der Weißen fragt viel auf einmal. Mato Topah ist der letzte vom Blut der Arogen, die einst die Gebieter waren von den Quellen des Parana bis zum großen Fluß. Wenn der Junge Kondor zum Land seiner Väter gegangen ist, wird keine Brust mehr das Zeichen seines Stammes tragen.« Er schlug mit einer leichten Bewegung die Decke zurück; den Augen der Krieger zeigte sich auf der Brust des Jünglings das in hellblauer Farbe tätowierte Bild eines Geierkopfes. »Mein junger Bruder hat meine zweite Frage noch nicht beantwortet«, sagte Garibaldi. »Ist er ein Bewohner dieser Gegend? Kennt er sie genau?« Der Indianer wies nach dem Hirsch. »Mato Topah ist auf der Jagd«, antwortete er ausweichend. »Der Jäger kennt die Fährten des Wildes.« »Kannst du uns sagen, wie weit wir noch vom Uruguay entfernt sind?« »Ehe die Sonne den Mittag erreicht, kann dein Pferd aus seinen gelben Wellen trinken. Aber es wird ihn niemals sehen. Die weißen Männer sind Toren, ihre Weiber dorthin zu führen, wo der Tod ihrer harrt.« »Was willst du damit sagen? Befinden sich Feinde zwischen hier und dem Fluß?« »Wenn der Adler der Weißen so weise wäre, wie er tapfer ist, würde er wissen, daß die Blutige Hand ihn erwartet, wo sein Pfad schmal wird.« Die Warnung wirkte überraschend. Man hatte geglaubt, nach den Nachrichten, die der Pardo als Bote des Obersten Silveira gebracht, daß der General der Föderalisten sich im Gebiet von Entre Rios jenseits des Flusses befände und mit der Bedrohung der Stadt Concordia beschäftigt sei; denn Concordia, der jetzt Garibaldi zu Hilfe eilen wollte, hatte sich unter dem Obersten Silveira für die Sache der Banda Oriental erklärt. Garibaldi warf einen schnellen Blick auf den Pardo Manuelo. Aber er unterdrückte jeden leisen Verdacht gegen den Mann, der nach so langen Jahren zum ersten Male wieder bei seiner Milchschwester und ihrem Gatten erschienen war; außerdem war der Brief, den er überbrachte, unzweifelhaft echt. Concordia mußte daher gefallen oder Urquiza aus irgendeinem Grund über den Uruguay zurückgegangen sein. »Bist du dessen gewiß, was du sagst?« »Das Auge Mato Topahs ist scharf. Es hat die Weißen gezählt, als die Sonne aufging.« »Wie kommt es, daß du die Sprache der Spanier so geläufig sprichst?« Mato Topah lächelte. »Wenn der Weiße Adler es vorzieht, mit dem Kind der Berge in der Sprache der Franken zu reden,« sagte er in gleich geläufigem Französisch, »wird der Junge Kondor ihm in dieser antworten.« Das Erstaunen Garibaldis über diese Fertigkeit hier im Urwald wuchs. »Wie kommst du zu solcher Kenntnis? Hast du in Montevideo gelebt?« »Mato Topah hat niemals die Städte der Weißen besucht. Er liebt den Wald und ist sein Kind. Was er weiß, hat sein weißer Vater ihn gelehrt, in dessen Toldo seine Schwester wohnt.« Garibaldi hätte gern weiter geforscht, aber er fühlte, daß jetzt Wichtigeres zu erfahren oblag. »Wie groß ist die Stärke unserer Feinde?« »Sie sind zahlreich, wie die Zedern des Urwalds. Die roten Kinder der Pampas sind bei der Blutigen Hand. Wenn der Weiße Adler auf jenen Felsen steigt, kann er sie sehen vor und hinter sich.« Was keiner der Krieger bisher gewußt: daß sie von den verschlagenen Feinden schon längst verfolgt worden und jetzt umzingelt waren, hatte der junge Sohn der Wildnis ohne Mühe erspäht. Garibaldi wandte abermals seinen Blick auf den Pardo; aber dessen ruhige, unbesorgte Haltung erstickte seinen Verdacht. Er sprang aus dem Sattel und erklomm den Felsen. Ein Blick von oben überzeugte ihn, daß Mato Topah die Wahrheit gesprochen. Am Ende des Tals zeigten sich dunkle Haufen von Reitern; über die Höhen, die sie vor einer Stunde überquert, galoppierten dichte Scharen heran; durch das Glas erkannte er deutlich Massen der Puelchen, untermischt mit den Scharen der Gauchos und Soldaten. Der Feind mußte ihm mindestens um das Vierfache überlegen sein. Noch bevor er den Felsen verließ, wimmelten alle Höhen von Reitern, und ihr Geschrei drang durch die klare Luft bis an sein Ohr. Mit einem Satz war er wieder im Sattel. Die Trompete und das Schützenhorn bliesen zum Sammeln; die einzelnen Reiter und Soldaten, die sich vom Hauptzug entfernt, stürzten herbei und reihten sich ein. Garibaldi hatte blitzschnell erkannt, daß man um jeden Preis vordringen und den Uruguay oder wenigstens eine bessere Stellung erreichen müsse, um sich mit Erfolg gegen die Übermacht des Feindes zu verteidigen. Seine Geradheit wies auch jetzt noch jeden Gedanken an einen Verrat, und daß der Pardo von den Bewegungen des Feindes Kenntnis gehabt, von sich. Während die Unterführer seine raschen Befehle ausführten, wandte er sich noch einmal zu Mato Topah. Der Indianer hing mit seinen Blicken wie gebannt an den weichen und doch sicheren Bewegungen Aniellas; er bewunderte ihre ruhige Haltung, die keine Spur von Furcht oder Sorge verriet. »Mato Topah scheint noch zu jung, um auf dem Kriegspfad gewandelt zu sein,« sagte Garibaldi. »Aber wenn er diese Gegend kennt, kann er uns dennoch vielleicht einen Rat erteilen.« Mato Topah löste den Blick von Aniella und wandte den Kopf. »Die Große Medizin wollte aus Mato Topah eine Taube machen; aber der Junge Kondor vergißt nicht, daß er Schwingen zum Fliegen und Fänge für seine Feinde hat. Der Vater des Jungen Kondors hat den Schnee der Anden und das Herzblut der feigen Ariponen gesehen – er war ein großer Krieger! – Mato Topah wird das Haus des weißen Mannes verlassen und ein Krieger werden wie sein Vater.« »Ich hoffe es. Jetzt hör' mich an. Glaubst du, daß wir das Ufer des Uruguay erreichen können, oder weißt du einen Ort in der Nähe, wo wir uns gegen die Übermacht halten können?« Eine rasche Antwort schwebte Mato Topah auf der Zunge, aber er unterdrückte sie. In seinem Innern schien sich ein Kampf abzuspielen zwischen dem Wunsch, den Kriegern gegen die Bundesgenossen der ihm verhaßten Puelchen und Ariponen zu helfen, und einer Rücksicht, die ihm Schweigen gebot. »Die Große Medizin«, sagte er endlich, »ist ein Freund des Friedens. Alle, die in seiner Nähe wohnen, haben die Streitaxt begraben. Sechzehn Jahre war er der Vater des Jungen Kondors und der Schlanken Palme – ich möchte nicht Kummer und Blut bringen auf sein weißes Haupt, noch die Flamme in seine friedliche Hütte.« »Wenn es ein weißer Mann ist, von dem du sprichst,« meinte unmutig Garibaldi, »so wird er es dir Dank wissen, daß du brave Krieger seiner Farbe nicht in die Hände ihrer Feinde fallen läßt! – Maladetto, ich hab' schon zu viel Zeit mit dir verloren! – Zwei Züge deiner Reiter vor, Sacchi! Wirf die Schurken zurück, die uns zu nahe kommen! In den Schutz der Infanteristen, Aniella! François, hierher!« Der junge Franzose war rasch an seiner Seite; aber statt Garibaldi zu folgen, wandte sich Aniella zu Mato Topah. »Wenn mein roter Bruder ein Krieger werden will,« sagte sie mit sanfter Stimme, »so hat er die Pflicht, den Schwächeren und Bedrängten zu helfen. Will der Junge Kondor, daß eine Frau und ihr Kind in die Hände der Mörder fallen, wenn ein Wort von ihm sie retten kann?« Mato Topahs Augen leuchteten bei den Worten Aniellas auf; ohne Zögern streckte er den Arm nach einer Hügelreihe in nordwestlicher Richtung aus. »Wenn der Singende Vogel mit seinen Männern sich nach jener Seite wendet, wird er in das Tal des Friedens kommen und die Mission von San Dolores finden. Die Mauern sind stark und mögen ihn schützen gegen alle Feinde!« Ein Laut wie eine unterdrückte Verwünschung folgte den Worten. Als Aniella sich umschaute, hatte der Pardo Manuelo sich auf den Hals des Pferdes gebeugt und machte sich mit dem Sattelzeug zu schaffen. In Südamerika finden sich alte Missionen bis tief in die Urwälder hinein. Die Entdeckung, daß eine dieser Missionen sich in der Nähe befand, war überraschend und wichtig. Diese oft weitläufigen Steingebäude sind größtenteils noch ein Werk des frommen christlichen Eifers vergangener Jahrhunderte und gleichsam die ersten Festen, mit denen die Patres der Gesellschaft Jesu in die Einöden vordrangen, um den Indianern das Christentum zu bringen und zugleich Handelsstätten unter ihnen zu gründen. »Was ist's damit?« fuhr Garibaldi rauh Mato Topah an. »Der Weiße Adler höre!« Nun erfuhr Garibaldi, daß die Mission in einem Seitental kaum eine Legua entfernt lag und aus einem großen festen Gebäude bestand, mit halb verfallenen Mauern umgeben. Die Missionare hatten das ›Tal des Friedens‹ schon zur Zeit der ersten Unabhängigkeitskriege verlassen, und die Gebäude waren seit etwa fünfzehn Jahren nur von einem alten, weißen Mann bewohnt, den Mato Topah die Große Medizin nannte, und dem kleinen Rest eines untergegangenen, friedlichen Indianerstammes, den der Greis in Ackerbau und Gartenzucht unterrichtet hatte. Der weiße Vater dieser Gemeinde stand durch sein Wissen, durch seine medizinischen Kenntnisse und seine Güte und Milde ringsumher in einem Ruf, der Weiße und Rote abhielt, den Frieden seines Hauses durch Kampflärm zu entweihen. Der Verrat Die Gefahr stieg jedoch mit jeder Minute. »Reiterpiketts an die Flanken, Sacchi! – Werden uns das Geschmeiß so lange noch vom Leibe halten! – Vorwärts!« Schon erfüllte der Lärm der einzelnen Reiterscharmützel die Talebene. Mit geschickter Benutzung von Baumgruppen und allen Vorteilen fochten die vorstoßenden Fähnlein beider Parteien; die Flinten knallten auf allen Seiten; Pulverdampf wirbelte auf; das gellende Kriegsgeschrei der bald vordringenden, bald fliehenden Roten brach sich an den breiten Talwänden. Noch waren die Hauptscharen nicht ins Gefecht geraten, aber die feindlichen Massen kamen näher und näher, die Menge der Verfolger wuchs mit jedem Augenblick. Marochetti, der Führer der Fußsoldaten, war schon zweimal genötigt gewesen, Halt zu befehlen und den Anprall einer indianischen Reiterschar mit einer Salve zurückzuweisen. Jetzt näherte man sich der als Taleingang bezeichneten Stelle. Garibaldi hob sich in den Bügeln und schaute sich um. »Wir müssen einen entscheidenden Schlag tun! Sonst gelingt uns der Rückzug nicht mehr!« Eine vorspringende Steilhöhe teilte den Eingang in Hufeisenform. Dahinter erhob sich das Gelände als langgestreckte Hügelwand, in deren Rücken sich das Tal des Friedens mit den Ruinen der Mission San Dolores befand. Die Hauptmacht des Feindes langte im gleichen Augenblick am westlichen Eingang des Tales an, da die Reiter Sacchis mit Garibaldi die östliche Öffnung erreichten. »Reite zu Marochetti zurück, François«, befahl Garibaldi seinem jungen Adjutanten. »Er soll sofort zur Mission vordringen und die Zugänge besetzen! Wir halten indes die Schurken ab. – Nimm diesen Roten mit dir, daß er den Weg zeige.« François wandte sein Pferd. Seit er erfahren, daß Mato Topah seine Muttersprache redete, hatte er eine große Vorliebe für ihn gefaßt. »Dort läuft ein lediges Pferd, Kondor,« sagte er, »fang' es und folge mir.« »Mato Topahs Fuß ist so schnell wie die weiße Stute der Pampas. Er wird dem Springenden Damhirsch zur Seite bleiben.« Ohne sichtliche Anstrengung lief Mato Topah in großen federnden Sätzen neben dem galoppierenden Pferd François' her, der seinen Auftrag ausführte und dann zur Vorhut zurückkehrte. Sie war schon im Kampf mit den Gauchos und Indianern. Da jedes Einzelgefecht bei der Übermacht der Gegner ihnen Verderben bringen mußte, hatte Garibaldi zum Sammeln blasen lassen; er führte seine Reiter in langer Front im Galopp gegen den Feind. Die bessere Bewaffnung der italienischen Legion und ihre bessere Taktik und Ordnung waren allerdings gefährlich, aber die Reitergewandtheit der Gegner glich den Unterschied wieder aus. Die Italiener und Franzosen sind nie vollendete Reiter gewesen, während die Kinder der Pampas mit ihren Pferden ein Leib und eine Seele werden. »Drauf, Sacchi!« Eine Strecke weit durch den Anprall zurückgeworfen, öffneten sich die feindlichen Haufen zu beiden Seiten und kehrten auf den Flanken schnell zum Angriff zurück. Der Lasso wirbelte durch die Luft, die lange Indianerlanze traf im Flug ihr Opfer, während der Reiter, zur Seite des Pferdes hängend, dem Gegner fast unsichtbar blieb. »Zurück!« Die kleine Schar Garibaldis wurde abgedrängt. Nur mit Mühe gelang es dem Führer, den westlichen Talzugang zu gewinnen und auf dem Gelände seine Leute in festem Verband zu sammeln. Marochetti, unterstützt von den Reitern des Nachtrabs, hatte unterdes, trotz den wütenden Angriffen auf seine Schar, den Befehl ausgeführt und von der anderen Seite das Hochland erreicht. Hinter seinem Abhang breitete sich, noch etwa zweitausend Schritt entfernt, das Tal des Friedens. Urquiza, der blutdürstige General der Liberalsten, war selber zur Vernichtung seines gefürchtetsten Feindes ausgezogen. Mit Wut im Herzen bemerkte er jetzt, daß Garibaldi im Begriff stand, der ihm gelegten Schlinge zu entgehen und einen Vorteil zu gewinnen, der seine kleine Streitmacht noch vor der Vernichtung retten konnte. Er sandte dem Kaziken der Puelchen, dem Schwarzen Raben, den Befehl, mit seinen Leuten den Weg über den Hügelrücken abzuschneiden, und warf sich mit den Gauchos auf den Kommodore, während die dichten Scharen der Ariponen sich gegen die Phalanx stürzten. Der aufsteigende Hügelrücken bildete jetzt ein einziges Schlachtfeld. Die Fußtruppe, unter den sichern Kugeln der Feinde verblutend, hatte ein Karree gebildet und rückte langsam vorwärts. Die wilden Reiter umschwärmten sie; an die Seiten ihrer Pferde gepreßt, jagten sie fast bis an die Spitzen der Bajonette heran, schossen ihre Pfeile und Karabiner ab und stoben dann ebenso unsichtbar davon. Das Feld war mit Leichen bedeckt; die Luft schien von dem Kriegsgeheul der roten Krieger zu erbeben; der Pulverdampf legte sich wie ein Nebel über den Boden, auf den die Sonne glühende Strahlen herabsandte. Unter den Indianern befand sich auch ein Trupp der wilden Milizen von Buenos Aires. Ihr Führer war ein Kreole, ein Mann von sechsundvierzig Jahren und gedrungenem, kräftigem Wuchs. Zweimal, als er mit seinen Reitern nahe heran kam, begegneten die Augen des Pardos den seinen; er deutete auf die Gattin Garibaldis, die er in der Mitte des Karrees an seiner Seite hielt – in dem einen Arm das Kind, das sie vor den Kugeln und Pfeilen hinter dem Kopf des Pferdes schützte, an der anderen Hand den leichten Säbel. Ihre Augen schweiften über das Schlachtfeld nach der Seite, wo Garibaldi für den Rückzug kämpfte, indem er sich mit dem Rest seiner Leute langsam auf seine Infanterie zurückzog. La-Muerte und Mato Topah hielten an Aniellas anderer Seite. Die Lage des Kommodore wurde mit jedem Augenblick mißlicher; er selber focht wie der geringste seiner Reiter, deren kaum noch fünfzig um ihn waren; die anderen waren gefallen oder kämpften in einzelnen Trupps über den Hügelabhang zerstreut. »Zu Hilfe, Marochetti! Zu Hilfe dem General!« rief plötzlich Aniella. »Lassen Sie die Reihe öffnen, daß wir ihn befreien!« Sie reichte das Kind in wilder Hast dem Pardo. »Nimm, Manuelo! Schütz' es mit deinem Leben! – Zu Hilfe dem Kommodore!« Ihr Ruf galt dem stürzenden Gatten. Sein Federbusch war in dem wogenden Getümmel verschwunden; sein weißer Mantel flatterte zu Boden – über ihn hinweg Pferde und Menschen, blitzende Säbel, geschwungene Büchsen. Marochetti packte den Zügel ihres Pferdes. »Keine Unbesonnenheit, Señora! Ihre Sicherheit ist mir anvertraut!« Aber er hatte keine Zeit, sich weiter um sie zu kümmern; im gleichen Augenblick stürmten dichtgeschlossen wohl fünfhundert indianische Reiter von zwei Seiten gegen das Karree, vom Schwarzen Raben und dem Milizmajor geführt. Diesmal verschmähten sie alle gewöhnlichen Listen des Schutzes, offenbar entschlossen, das Karree um jeden Preis zu sprengen. Der Pardo stieß seinem Pferd die Sporen tief in die Flanken; ein rotes Tuch, die Farbe der Liberalisten, riß er aus seiner Jacke und schwenkte es durch die Luft. Mit gewaltigem Sprung seines Gaules warf er die vor ihm Stehenden zu Boden und durchbrach die Seite des Karrees. »Viva el federación!« Mit diesem lauten Schrei sprengte er in die Reihe der Anstürmenden, die den Verräter mit Jubelgeschrei begrüßten und sich wie ein überflutender Gebirgsstrom in die von ihm gerissene Lücke ergossen. Die Verwirrung war furchtbar. Wie erstarrt hatte Aniella den Verrat ihres Milchbruders gesehen. Wie hatte sie sich über dessen Rückkehr nach sechs Jahren gefreut! Ach, es war ihr immer noch wie ein Schatten über der sonnigen Erinnerung an ihre ersten Liebesstunden gewesen, daß sie ihm ihre Hand hatte verweigern müssen, daß er in bitterster Feindschaft von ihr und Giuseppe geschieden war! Und nun war er zurückgekehrt; er hatte seine Leidenschaft zu ihr überwunden; er bot ihrem Mann zur Versöhnung die Hand. »Ich wußte ja, Manuelo, daß du im Innersten deines Herzens ein guter Mensch bist!« »Sieh her, Aniella – das ist unschätzbar wertvoll für deinen Gatten! Dieser Brief ist der Beweis meiner Ehrlichkeit!« Auch Garibaldi hatte nicht an der Echtheit des Briefes von Silveira zweifeln können. Er stammte in der Tat von der Hand des Obersten – aber: der wahre Bote war in die Hände Urquizas gefallen, der sofort den Plan entworfen hatte, seinen tapfern Gegner damit in eine Falle zu locken. Manuelo, der sich im Lager Urquizas befand, hatte lange nach einer günstigen Gelegenheit der Rache gespäht. Mit dem raschen Übergang der heißblütigen, südlichen Charaktere haßte er jetzt Aniella so tief, wie er sie sonst geliebt; selbst das Bewußtsein seiner fabelhaften Reichtümer, mit dem er am Ufer des La Plata vor Muerte geprahlt, und nach denen er nur die Hand auszustrecken brauchte, war nichts für ihn, ehe er nicht seine Rache gekühlt. Nach jener Nacht, in der ihn die Hand La-Muertes von seinen Banden befreit, war er in die Hände der Gauchos gefallen und nur mit Mühe dem Tod entgangen. Seine Diamanten retteten ihm zwar das Leben, aber er wurde nach Buenos Aires geschleppt und dort in einem Kerker lange gefangen gehalten. Er kam nur frei gegen das Versprechen, unter den Milizen Dienste zu tun. In dem Führer der Milizen fand der Pardo einen Mann, den er auf der Quinta Aniella Crousas gekannt hatte und dem er gefällig gewesen war. So machte ihn dieser bald zu seinem Alferez und verbürgte sich für ihn, als er sich erbot, den Brief an den Kommodore zu überbringen und ihn in die Falle zu locken ... Aniella Garibaldi, halb betäubt noch von der grausamen Erkenntnis, daß ihr eigener Milchbruder ihren Gatten in das Verhängnis gelockt hatte, riß sich aus ihrer Starre gewaltsam hoch. Die Welt versank – dort ging Giuseppe unter und da jagte der Verräter mit ihrem Kind in die Reihen der Feinde. Entschlossen wandte sie sich zu dem Neger. »Hinter ihm drein, Muerte! – Bring' mir mein Kind oder sein Herz, wenn du je Aniella geliebt!« Dann spornte sie ihr Pferd nach der Seite, wo sie ihren Gatten hatte fallen sehen und schwang ihren Säbel. »Für Garibaldi und Uruguay!« Aber ihr Heldenmut sollte sie selber ins Verderben stürzen. Der Sprung ihres Pferdes hatte sie von den Ihren getrennt, die einen Kampf der Verzweiflung Mann gegen Mann fochten oder in der Richtung der Mission flohen. Ein scheußlich bemaltes Gesicht erschien vor ihren Augen, die Keule des Schwarzen Raben schwebte zum tödlichen Schlag über ihrem Kopf. »Singender Vogel!« Sie hörte die Stimme Mato Topahs hinter sich – ein flirrendes Etwas sauste an ihrem Ohr vorüber – tief im linken Auge des Schwarzen Raben zitterte der lange Pfeil des jungen roten Freundes. Dann sank der Schwarze Rabe mit ersterbendem Wutgeheul aus dem Sattel auf die Erde. Der Tod ihres Führers unterbrach einige Augenblicke den wütenden Angriff der Puelchen. Marochetti benutzte die Pause, um mit einem Teil der Seinen den Hügelrücken zu gewinnen. Ehe Aniella folgen konnte oder sich zu den Reitern ihres Gatten durchzuschlagen vermochte, fühlte sie sich von starken Armen umschlungen und den Säbel ihrer Hand entwunden. »Schöne Doña,« rief eine Stimme, »ich habe ein altes Recht an Sie! Sträuben Sie sich nicht, Sie sind meine Gefangene!« »Señor Don Estevan!« rief Aniella. »Beim Himmel, lassen Sie mich los!« Doch der Genosse Adeodatos da Gondra spottete ihrer Anstrengung. »Das Kriegsglück soll Sie mir diesmal fester halten als das Glück der Karten!« lachte er. »Sie sollen mir den Kolbenschlag versüßen, den mir Ihr schwarzer Halunke damals auf den Schädel gab! – Ha, da galoppiert er hinter meinem Leutnant her! – Hierher, Cavalieros – nehmt die Dame in eure Hut – zarter, Burschen, zarter! Frauenarme sind keine Pferdebeine! – Ihr haftet mit eurem Kopf für den guten Fang!« Aniella wurden von den Reitern des Majors die Arme mit ihrer eigenen Schärpe gebunden; zwei Mann führten sie aus dem Getümmel. Aber die Gefangene hob dankend die Augen zum Himmel empor – ein letzter Blick auf das Gewirr des Kampfes hatte ihr wieder den flatternden weißen Mantel und den Federbusch Garibaldis auf dem Hügel gezeigt; mit dem Rest seiner Leute schlug er sich durch und verschwand hinter der Höhe. Aus verzweifelter Lage hatte François und ein verwegener Angriff Sacchis mit einer schnell zusammengerafften Schar den Kommodore befreit. Von einem Bolo aus dem Sattel gerissen, focht Garibaldi noch unter den Füßen der Feinde. »Ergeben Sie ...!« Ein Säbelstoß zerschnitt dem Feind das Wort in der Kehle. » Viva la libertad !« Klingen kreuzten sich über seinem zurücksinkenden Körper. Mit einem wilden Sprung stand ein Tollkühner zwischen den Säbeln, Lanzen und Messern und hieb einen Kreis um sich. » Viva Garibaldi !« François war's. Mit gespreizten Beinen bildete er ein schützendes Dach aus seinem eigenen Körper über dem geliebten Führer. »Zurück, ihr Schurken!« Garibaldi schnellte sich auf. Kraftlos hing der Schwertarm herab. So warf er sich, nur die Linke in der Mähne, wieder in den Sattel. Die Gefahr des Kommodore peitschte die Freischaren zu letzter Anstrengung. Über die stürzenden Gauchos hinweg hieben sie sich Bahn zur Höhe des Hügels; eine Salve der Schützen, mit denen sie sich dort vereinten, trieb die Feinde ein wenig zurück. Ehe Urquiza oder Don Estevan aufs neue vorstoßen konnten, hatten sie die Mission erreicht. Etwa vierhundert Mann vermochten sich in den Schutz der Gebäude zu schlagen – ihre Zahl und die knappen und klugen Anordnungen Garibaldis machten es möglich, fürs erste diese Stellung zu halten. Die Mission, ein den viereckigen Hof umschließendes, klosterartiges Gebäude, um das sich eine halb verfallene Ringmauer zog, besaß außer dem Erdgeschoß nur ein Stockwerk und nach spanischer Weise ein flaches Dach. An jeder der vier Ecken erhob sich ein Türmchen, von der Macht der Jahrhunderte gebrochen und zerbröckelnd. Auch die Hausmauern waren an vielen Stellen verfallen; im obern Stock gähnten die engen Fenster in breiten Spalten; aber die kleine Kirche, die die eine Seite des Vierecks nach den Hügeln zu einnahm, und der breite Turm, der den Haupteingang bildete, waren in ihrem schweren Mauerwerk noch ziemlich gut erhalten. Man sah, die Mission war schon bei ihrer ersten Anlage zu einer Feste und zur Verteidigung der Bewohner gegen die wilden Stämme bestimmt gewesen, die damals noch die Savannen und Wälder diesseits des Uruguay bewohnten. Ein Bach mit hohem Ufer entsprang im nahen Urwald und durchfloß in geringer Entfernung von der Mission das Tal; er wandte seinen Lauf dem Fluß zu, der nach seiner Vereinigung mit dem Paraguay den La Plata bildet. Am Bachufer und am Waldsaume erhoben sich vielleicht fünfzehn einfache Hütten, zierlicher und fester gebaut, als die gewöhnlichen Wigwams der Indianer, von Brotbäumen und Palmen beschattet. Gärtchen, Mais- und Weizenfelder bezeugten die Friedlichkeit der Bewohner; das liebliche Tal trug mit Recht den Namen › válle de páz ‹. Bei dem Schlachtlärm flohen die Bewohner der Hütten in den Schutz der Mauern; von allen Seiten stürzten aber die flüchtenden Montevideer herbei und drangen mit den geängstigten Indianern zugleich durch das Tor. Garibaldi sprengte herbei und hielt, von seinen Reitern umgeben, vor der Pforte; Marochetti eröffnete mit seinen Schützen im Schutz der verfallenen Umfassungsmauer ein wohlgezieltes Heckenfeuer gegen den nachsetzenden Feind. Noch immer eilten Krieger herbei und sammelten sich um den Führer. Einer der letzten war Mato Topah; mit stolzer Nichtachtung gegen die Kugeln und Pfeile der Puelchen ging er auf das Tor zu und blieb neben Garibaldi stehen. Das Geheimnis von San Dolores Unter dem Torbogen der Mission stand ein ehrwürdiger Mann, ein Greis, nach der Ehrerbietung, die ihm seine Umgebung erwies, offenbar der Herr oder Besitzer des Ortes. Er mußte weit über siebzig Jahre alt sein; sein spärliches Haar fiel in langen, weißen Locken um die breite Stirn und das frische Gesicht. In seinen dunklen Augen lagen Kummer und Sorge. Nach der Sitte der Eingeborenen trug er einen Poncho von weißer Lamawolle über den Schultern, und einen Sombrero. An seiner Schulter lehnte eine junge Indianerin. Der Alte hob die Augen zu Garibaldi. »Warum dringen Sie mit Waffengewalt in dieses Friedenshaus?« »Señor,« entgegnete der Kommodore, »es ist jetzt keine Zeit zu Erklärungen und Entschuldigungen. Die Not, die große Gebieterin, drängt uns – von diesem Jüngling erfuhr ich die Nähe der Mission. Man hat uns verräterisch überfallen. Sie werden bedrängten Landsleuten Ihre Hilfe nicht versagen!« »Dieser Knabe hat töricht gehandelt! Möge er es nicht schwer zu bereuen haben!« Mato Topah hatte den Kopf gesenkt; jetzt erhob er ihn stolz. »Der Junge Kondor,« sagte er, »ist kein Knabe mehr! Er ist ein Mann geworden und ein Bruder tapferer Krieger. Die heilige Mariam verbietet ihm, den Skalp eines Feindes zu nehmen, aber die großen Krieger der Arogen, die im Himmel sind, werden sich freuen, wenn sie in seinem Haar die Feder des Schwarzen Raben sehen.« »Unglücklicher! Was hast du getan?« »Mato Topah hat den Mörder seines Vaters erschlagen! Ich habe im Buch der Bücher gelesen: Aug' um Auge und Zahn um Zahn! Der Junge Kondor ist ein Krieger geworden und wird seine Schwester und die Große Medizin beschützen.« Garibaldi hob sich im Sattel. »Wir haben keine Zeit zu Erörterungen! Krieg kennt keine Rücksicht. Raum für meine Leute! Wo ist meine Frau?« »Ihre Gattin?« »Mein Weib, ja. – Wo ist Aniella Garibaldi mit unserem Kind?« »Sie irren! – In diesen Mauern weilt keine Frau und kein Kind.« Garibaldi war trotz seiner Wunde mit einem Satz vom Pferd; sein Antlitz wurde fahl bei dem Gedanken, daß dem Weib seines Herzens ein Unglück begegnet sein könne. Seit sechs Jahren hatte sie mit ihm jede Gefahr geteilt, manchen Kampf, manches kühne Abenteuer bestanden; er hatte sich an den Gedanken gewöhnt, daß das Unheil über diese Frau keine Macht habe. Desto entsetzlicher überfiel ihn jetzt die Furcht des Verlustes – er hatte mit Sicherheit darauf gerechnet, sie im Schutz Marochettis schon in der Mission zu finden. Sein Blick hastete über die Gesichter der Männer hin; seine Getreuen senkten vor den forschenden Augen die Lider ... sein Weib befand sich nicht unter denen, die den Schutz der Mission erreicht hatten. Keiner, selbst Marochetti nicht, wußte Genaues über das Schicksal Aniellas. Nur über den Verrat des Pardo, über seine Flucht und die Verfolgung durch den Schwarzen erhielt der Kommodore Gewißheit. Alles hatte sich in so wilder Eile abgespielt, daß Marochetti gar nicht die Übergabe des Kindes an den Pardo bemerkt hatte, und nur wußte, wie Aniella im Augenblick der höchsten Gefahr ihrem Gatten zu Hilfe geeilt war. »Fluch über meine Torheit, daß ich ihr Leben fremdem Schutz anvertraute!« Er, der in keiner Gefahr verzweifelt war, hier, im Augenblick, da man ihm das Liebste von der Seite gerissen, brach er zusammen. Die Männer standen stumm, trotzig fast und traurig um ihren Führer; sogar die Bewohner der Mission waren erschüttert von der wilden Verzweiflung und vergaßen einen Gedanken lang das Schicksal, das ihrer selber harrte. Mato Topah berührte leicht den Arm des Kommodore. »Der Schmerz macht meinen tapfern Bruder ungerecht«, sagte er ruhig. »Der Junge Kondor war an der Seite des Singenden Vogels.« »Wie? Und du standest ihr nicht bei?« »Ein Krieger spricht nicht zweimal. Mato Topah hat gesagt, daß er den Schwarzen Raben der Puelchen erschlug, als dessen Hand über dem Singenden Vogel schwebte.« »Segen über dich! – Wo ist sie?« »Die weißen Männer sperren die gefiederten Sänger des Waldes in ihre Gitter von Eisen. Der Mann mit dem bösen Blick hat den Nestling entführt, denn er ist ein Verräter; aber der böse Geist ist auf seinen Fersen. Mato Topah ist ein Mann geworden, und er wird den Singenden Vogel zurückführen zu dem großen Kaziken der weißen Krieger.«   Das Geplänkel vor den Mauern der Mission hatte während dieses kurzen Zwischenfalls seinen Fortgang genommen; die Truppen Urquizas sowohl als ihre Verbündeten hatten sich nicht weiter gegen den Gegner im Schutz seiner guten Stellung vorgewagt. Sie begnügten sich, die versprengten Flüchtlinge zu verfolgen und sich zu sammeln, um über einen erfolgreichen Angriff gegen die Mission zu beraten. Nachdem Garibaldi die Gewißheit erlangt hatte, daß Aniella nicht getötet worden, sondern lebend in die Hände der Feinde gefallen war, erinnerte er sich an die Pflicht des Führers. Durch ihn waren letzten Endes seine Leute in diese Not geraten, weil er zu großes Vertrauen auf die Botschaft Silveiras gesetzt hatte. Scham und Verantwortungsgefühl trieben ihm das Blut zum Herzen. Sofort kehrte seine volle Tatkraft zurück. Ein leichter Verband genügte für seine Verletzungen; den Arm in der Binde, leitete er die Verteidigung, besetzte die weitläufigen Mauern und ließ die Zugänge verrammeln. Eine rasche Zählung ergab, daß sich an vierhundert Mann glücklich in die Mauern gerettet hatten; der Rest war erschlagen, gefangen genommen oder zerstreut. Überall war Mato Topah an seiner Seite. Der Indianer zeigte ihm die innere Einrichtung des Gebäudes und bekundete besonderen Scharfblick für die schwachen Punkte der Verteidigung. Der Greis hatte sich in einen der unteren Räume zurückgezogen. Alle warteten dort in gedrücktem Schweigen auf die nächsten Ereignisse. Der Sturm ließ nicht lange auf sich warten. Unter Urquizas eigener Leitung jagten die Gauchos mit ihren roten Verbündeten heran; die Büchsen und Bogen übersäten jede Öffnung des Gebäudes, jede Lücke der verfallenen Mauer mit Geschossen. Der General der Föderation achtete seinen Sieg und seinen Triumph nicht für vollständig, solange sein großer Gegner Garibaldi noch am Leben war und an der Spitze einer Handvoll kühner Abenteurer stand. Aber wie bei dem furchtbaren Sturm auf Salto stand ihm die feste Ruhe und Entschlossenheit des erfahrenen Kriegers entgegen; nach einem mörderischen Kampf von fast einer halben Stunde, bei dem das Messer und die Büchse wüteten, wurden die Gauchos zurückgetrieben, ohne mehr als den Besitz der äußeren Mauer erreicht zu haben, jeder Kugel ihrer Gegner ausgesetzt. Das Mauerwerk der Mission war so fest, jede der schmalen Fensteröffnungen des unteren Geschosses so wohl vergittert, das Tor von schwerem, selbst dem Feuer unzugänglichen Eisenholz so kräftig verteidigt, daß Urquiza einsah, nur Hunger oder Artillerie könnten ihm die Vernichtung seiner Gegner bringen. Auf flüchtigen Pferden eilten die Überbringer seiner Befehle davon. Unterdes besetzten seine Truppen das ganze Tal und umgaben die Mission mit einem lebendigen Wall. Selbst der Weg zum Bach war den Belagerten versperrt; ein empfindlicher Schlag für sie, da bei der Nähe dieses Wassers die Mission selber keinen Brunnen enthielt, und der brennende Durst der großen Menschenzahl bald den kleinen Wasservorrat im Gebäude aufgezehrt hatte. Unter Tränen und Wehklagen sahen die Bewohner des Tales vom Dach der Mission aus ihre Felder und Gärten verwüstet, ihre Hütten in Flammen. Die Erschöpfung beider Parteien und die Sonnenglut des Mittags erzwangen eine Art von Waffenstillstand. Garibaldi überprüfte noch einmal alle Aussichten für den Widerstand oder das Entkommen; wohin er auch seinen Blick wendete, welchen Plan er auch fassen mochte, nirgends bot sich ihm die Aussicht des Gelingens. Sich mit seinen vierhundert Mann durch die vierfache Übermacht des fast ganz aus Reiterei bestehenden Feindes durchzuschlagen, war ein Plan offenbarer Verzweiflung; dennoch blieb kein anderer Ausweg, da jeder Vorrat und selbst genügende Munition zu längerem Widerstand in der Mission fehlten. Als sich die glühende Mittagshitze milderte, und die Sonne sich im Westen über die majestätischen Gipfel der Urwaldriesen niedersenkte, lebten die Feindseligkeiten wieder auf. Doch beschränkten sich die Belagerer darauf, durch ihre Schützen die Gegner zu beschäftigen. Garibaldi erkannte, daß diese Haltung Böses verriet; mit finsterer Ahnung beobachtete er die Posten, die der Feind den Bach abwärts, soweit das Auge seinem Lauf folgen konnte, aufgestellt hatte. Bald sollte sich die Berechtigung seiner Befürchung kund tun. Die Sonne war hinter dem Uruguay gesunken; die kurze Dämmerung trat ein. Ein Kreis von hundert Feuern rings um die belagerte Mission erhellte das Dunkel. Vom Ufer gellte Triumphgeschrei herüber. Man sah Reiter mit brennenden Holzfackeln herauf galoppieren; ihnen folgten zwei schwer beladene Boote. Das Rätsel dieser Fracht löste sich bald; es waren zwei leichte Feldgeschütze, die auf den Befehl Urquizas auseinandergenommen und vom Uruguay zum Lagerplatz der Gauchos gebracht worden waren. Unter Aufsicht der Offiziere lud die Mannschaft sie aus und setzte sie wieder zusammen. Dann stellte man sie dem verbarrikadierten und allen bisherigen Angriffen trotzenden Tor der Mission gegenüber auf. Da die Artillerie in den Reiter- und Schützenkriegen der Pampas und der Gebirge nur selten Verwendung findet, ist ihre moralische Wirkung sehr groß. Wenn auch die Schar Garibaldis größtenteils aus europäischen Abenteurern bestand, so befanden sich doch viele Eingeborene der Banda Oriental darunter, und selbst auf die Kühnsten der Europäer machte in ihrer verzweifelten Lage die Ankunft der Geschütze einen entmutigenden Eindruck. Garibaldi stand auf dem flachen Dach und beobachtete die Anstalten des Feindes. Eine Hand legte sich auf seinen Arm. »Mato Topah möchte dem Weißen Adler etwas sagen!« Aufschreckend aus dunklen Gedanken, wandte sich Garibaldi um. »Mein roter Bruder mag sprechen!« »Der große Kazike der weißen Krieger zählt seine Feinde,« sagte Mato Topah. »Er findet, daß ihrer zu viele sind für seine Tapferen. Wenn die Hunde den Bären überfallen, ist es keine Schande für ihn, zu fliehen, denn ihre Zahl ist wie die der Bäume in den Wäldern.« Garibaldi schüttelte trübe den Kopf. »Das ist kein weiser Rat! – Bleiben ist ein ebenso gewisser Untergang wie der Versuch der Flucht. Nein, wir können der Übermacht nicht entrinnen – uns bleibt nur übrig, als Männer zu sterben.« »Warum redet der Weiße Adler nicht mit der Großen Medizin? Das Haar meines Vaters ist hell wie der Schnee der Anden und sein Rat weise.« »Das mag sein, aber er ist kein Krieger! – Was sollte ein friedlicher Greis uns helfen, wo kampfgewohnte Männer ratlos sind!« Mato Topah senkte die Stirn. »Ein Vogel hat Mato Topah ins Ohr gesungen, daß die Große Medizin alle deine Tapferen in die Wälder führen könne, wenn sie wollte. Die Blutige Hand und die Hunde der Puelchen würden vergeblich ihre Spur suchen.« Garibaldi griff mit der gesunden Linken nach der Schulter Mato Topahs. »Wenn das der Alte vermöchte, so wäre es eine Schmach, ein Verbrechen, seine Landsleute diesen Schurken preiszugeben! Außerdem würden sie schwerlich ihn und die Seinen schonen.« »Die Große Medizin liebt den Frieden, aber sie hat ein Herz für die Freunde. Der Weiße Adler möge seine Rettung von meinem alten Vater fordern im Namen seines großen Freundes, der in deinem Lande wohnt weit über dem Wasser.« »Im Namen seines großen Freundes? – Wer ist das?« Mato Topah zog ein Buch hervor und reichte es Garibaldi. »Die Zunge des Jungen Kondors vermag den Namen nicht zu sprechen. – Hier steht er geschrieben.« Garibaldi nahm das Buch und trat zu dem nächsten Posten. Im Schutz der Mauer zündete er aus seinem Taschenfeuerzeug ein Wachslicht an und betrachtete das Buch. Es war der »Essai politique sur l'isle de Cuba.« Auf dem Titelblatt stand eine Widmung in enger, kaum leserlicher Handschrift und französischer Sprache. Aber der Name war deutlich: Alexander von Humboldt. Das Buch und den Namen des großen Gelehrten hier in der Wildnis des Uruguay zu finden, überraschte Garibaldi. Waren doch mehr als vierzig Jahre verstrichen, seit der Forscher Südamerika durchwandert hatte, während das Buch erst im Jahre 1826 in Paris erschienen war. Der Eigentümer war also vermutlich ein Europäer und seine Bekanntschaft mit dem berühmten Deutschen stammte aus Europa. Die seltsamen Umstände bewogen ihn, den Rat Mato Topahs nicht unbeachtet zu lassen und wenigstens einen Versuch zu machen, sei es auch nur, um Näheres über den Herrn dieses Hauses zu erfahren. »Führe mich zu deiner Großen Medizin!« sagte er zu Mato Topah. Dann ließ er Sacchi den Befehl überbringen, das Tor mit allen Mitteln zu stärken und zu halten. Eilig schritt er hinter dem jungen Indianer her. Das Gemach, das er im Erdgeschoß der Mission betrat, zeigte auf den ersten Blick, daß hier ein in dieser Wildnis seltener Geist hause. An den Wänden entlang liefen Gestelle von Mahagoni- oder Zedernholz, roh gezimmert und gefüllt mit den Mappen einer reichen Kräuter- und Steinsammlung. Schätze der wissenschaftlichen Forschung vieler Jahre waren überall aufgehäuft, hingen von der Decke, lagen auf dem Boden oder auf langen rohen Tischen zwischen Büchern, physikalischem Gerät und Papieren. Indianische Waffen, Jagd- und Ackergeräte standen in den Ecken. Unter all diesen Gegenständen saß der greise Sammler mit der jungen Indianerin, die er wie eine Tochter zu lieben und zu behandeln schien, in finsterem Schweigen. Die Leute der Mission gingen ab und zu und brachten Botschaften vom Stand des Kampfes. »Señor,« sagte Giuseppe Garibaldi bei seinem Eintritt, »nur mit Bedauern störe ich Sie auch hier in Ihrer Einsamkeit, nachdem die Not uns gezwungen hat, die Stille Ihres Tales mit Schlachtlärm zu erfüllen. Aber die Verantwortung für das Leben mehrerer hundert treuer Männer, das einem nichtswürdigen Verrat zum Opfer fallen soll, zwingt mich, jede Rücksicht zu opfern. General Urquiza hat Kanonen aus seinem Lager erhalten; vielleicht schon diese Nacht, jedenfalls mit Tagesanbruch wird er die Mission beschießen. Es ist nicht möglich, auch wenn es der Mangel an Wasser und Vorräten gestattete, den Kugeln seiner Geschütze und der Übermacht zu widerstehen. Ein Ergeben dagegen hieße, sich einem Menschenschlächter ausliefern. So bleibt uns nichts als ein ehrlicher Soldatentod. Ich komme. Sie von dem Schicksal in Kenntnis zu setzen, das uns allen droht; denn ich fürchte, General Urquiza und seine Horden werden auch die Unbeteiligten nicht schonen.« »An meinem Leben ist wenig gelegen, Herr,« entgegnete der Alte nicht ohne Vorwurf. »Ich vergebe Ihnen als Christ, was mir auch geschehen möge. Schwerer aber wird die Schuld auf Ihnen lasten, das Leben dieser schuldlosen Geschöpfe solcher Gefahr ausgesetzt und die Wissenschaft um die Erfahrungen vieler Mühen und Jahre gebracht zu haben.« »Ich bin ein Mann des Kampfes. So lange es auf der Welt Unterdrückte und Bedrücker gibt, so lange wird es auch noch Männer geben, die für die geknechtete Freiheit das Schwert führen. Wissenschaft und Kunst – steht die Freiheit nicht höher?« »Was ist Freiheit?« fragte der Alte langsam und sah Garibaldi offen in die Augen. »Herren und Knechte werden immer sein auf der Erde, Herr, so lange wir hier unten weise und unweise sind. – Freiheit? – Nie werden Sie die Freiheit mit dem Schwert erringen.« Der Alte schlug auf seine Brust. »Hier innen, Herr, wohnt die Freiheit von allen Tyrannen. Hier innen –« »Verzeihung,« unterbrach Garibaldi fast schroff. »Vierhundert Leben hängen an unserm Worten. Ich kenne Ihren Namen nicht, aber mancherlei Umstände lassen mich schließen, daß Sie nicht ein geborener Südamerikaner, daß Sie ein Europäer sind, wie die Mehrzahl von uns. Bei dem Andenken an die Alte Welt, bei den Erinnerungen alter Liebe und Freundschaft, die Sie vielleicht noch an drüben knüpfen, bei Ihrer Freundschaft zu Alexander von Humboldt frage ich Sie: Wissen Sie einen Ausweg, vierhundert Ihrer Landsleute das Leben zu retten?« Der Alte war bei dem Namen Alexanders von Humboldt mit sichtlicher Erregung auf ihn zugetreten. »Kennen Sie ihn? Was wissen Sie von Humboldt? – Lebt er noch?« »Ich könnte Sie täuschen,« sagte Garibaldi, »aber ich mag es nicht. Ihren Freund kenne ich nur, wie jeder gebildete Mann Europas ihn kennt und verehrt. Aber ich habe gehört, daß er mit ungeschwächtem Geist lebt, ausgezeichnet und geschätzt, und daß er selbst vor dem Königsthron stets die Sache der Freiheit vertreten hat. Für die Freiheit haben wir hier gekämpft, und wenn Sie uns helfen können und es verweigern, weil es Sie das Opfer Ihrer Ruhe kostet, so können Sie nie der Freund eines großen Menschen gewesen sein!« Mit einem leichten, fast mitleidigen Lächeln schaute der Alte ihn an. »Ich werde versuchen, Sie zu retten,« sagte er, »da Gott das Mittel in meine Hand gelegt hat. Aber Sie müssen mir ein Gelöbnis tun.« »Jedes, Señor, das sich mit meiner Ehre verträgt.« »Ich gehe seit einiger Zeit mit dem Wunsch und Gedanken um, dies Land zu verlassen. Sechzehn Jahre hat es mir Schutz und Frieden gegeben, aber jetzt ist es der Schauplatz von Mord und Raub, auch dies Asyl meiner letzten Tage war schon wiederholt bedroht. Ich will in die Stille der Urwälder zurückkehren, in denen ich einen Teil meiner jüngeren Jahre verlebte, und dort mein Grab suchen. Aber ich hoffte, alle diese Schätze hier, der Wissenschaft zu erhalten. Diese Hoffnung muß ich aufgeben; es ist unmöglich, sie mit uns fortzuschaffen; und wenn Urquiza Sie nicht mehr findet, wird er selbst die toten Mauern seiner Rache opfern. Deshalb, Señor, werden ich und die Meinen Sie auf der Flucht begleiten und mit Ihnen ziehen, bis unsere Wege sich, hoffentlich für immer, scheiden. Was ich von Ihnen fordere, ist das: Ihr Ehrenwort, daß Sie diese Handschrift an Humboldt befördern, sei es von Montevideo, sei es, wenn Sie einst nach Europa zurückkehren.« »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.« Der Alte nahm aus einem Kästchen ein eng beschriebenes Heft und reichte es Garibaldi. »Nehmen Sie; es ist die Frucht vieler einsamer Jahre und angestrengter Forschungen. Möge es in seinen Werken der Welt einst zugute kommen oder ihn wenigstens an den Mann erinnern, der in der schönen Jugend seine Gefahren und seine Mühen teilen durfte.« »Aber Ihren Namen, Herr? – Ihren eigenen Namen?« »Ich heiße Aimé Bonpland.« »Wie? – Der berühmte Reisegefährte Humboldts? Der große Gelehrte, den der Tyrann Francia so lange in Paraguay der Welt entzog, die ihn wie seinen großen Freund bewunderte?« Der Alte lächelte. »Doktor Francia, lieber Herr, hatte von seinem Standpunkt nicht so ganz unrecht; und jedenfalls war er ein großer Mann, wenn er auch ein Tyrann war. – Doch gehen wir zu Wichtigerem. Verstehen Sie Italienisch?« Garibaldi lachte. »Ich sollte es meinen, Señor, da es meine Muttersprache ist! Aber soll sie uns vielleicht helfen, die Soldaten Urquizas blind zu machen, damit sie unsere Flucht nicht bemerken?« Aimé Bonpland hatte aus seinem Kästchen eine zweite Rolle genommen und entfaltete sie. Es war ein über hundertjähriges Pergament und von eckiger Mönchshand in italienischer Sprache beschrieben. »Ich verstehe zu wenig die angenehmen Klänge Ihrer Heimat,« sagte er, »und konnte daher nur oberflächlich, soweit mir mein Latein und Französisch zu Hilfe kamen, den Inhalt dieser Schrift entziffern, die ich mit anderen alten Büchern in einem verborgenen Mauerschrank der ehemaligen Bibliothek gefunden habe. So viel ich ersehe, schreibt der alte Jesuit, ihr Verfasser, Pater Xaverio aus Bologna, von einem geheimen Gang, den die Brüder Missionare aus diesem Hause anlegten, um im Fall der Überwältigung durch Indianerstämme entfliehen zu können. Aber das nähere, wie gesagt, war mir nicht genau verständlich.« Mit kaum beherrschter Erregung beugte sich Garibaldi über das Pergament. Je weiter er las, desto mehr wich der tiefe Ernst von seiner Stim. »Das ist ein glücklicher Fund! Ich wollte nur, Aniella könnte an unserer Rettung teilnehmen! – Es ist, wie Sie annahmen, ein breiter, gewölbter und daher hoffentlich noch wohl erhaltener Gang vorhanden, der von der Kapelle aus an der Stelle in das Bett des Baches führt, wo dieser aus der Quebrada ins Tal tritt.« »Und wo ist der Eingang?« »Unter dem Hochaltar. – Drei eingehauene Kreuze bezeichnen die Steintafel, die sich entfernen läßt.« »Ich dachte mir's fast. Nun, Senor, dann mögen Sie sich, wenn die Feinde nicht so weit hinauf lagern, für gerettet ansehen. Ich will jetzt den Weg so gut finden, als hätte ich ihn hundertmal gemacht. Treffen Sie Ihre Anstalten, ich will die meinen vorbereiten. In einer Stunde können wir im Schutz des Waldes sein!« Garibaldi legte die Hand über die Augen. »Mein Weib! Meine Aniella! Wenn ich von hier entfliehe, bleibt sie schutzlos in den Händen dieser Schurken, ohne zu erfahren, wohin wir uns gewendet haben!« Mato Topah, der bisher ruhig am Eingang gelehnt hatte, trat näher. »Der Weiße Adler möge unbesorgt sein, Mato Topah hat versprochen, über dem Singenden Vogel zu wachen. Er wird ihm die Worte seines Gatten ins Ohr flüstern und ihn zurückbringen. Wenn der große Krieger in die Wälder geht, wird Mato Topah den Pfad des Spähers betreten und die Spur der Gefangenen verfolgen.« Der Kommodore reichte ihm die Hand. »Wenn du das tust, möge der Himmel dich dafür lohnen! Ich werde dir einige Zeilen an Aniella geben; bald hoffe ich, gegen ihren Entführer einen Schlag zu tun und ihr die Freiheit wiederzugewinnen. Bis dahin soll sie standhaft sein! – Jetzt, meine Freunde, laßt uns untersuchen, ob dieser gute Mönch die Wahrheit schreibt, und ob der geheime Gang noch nicht zerfallen ist.« Garibaldi, Bonpland, Mato Topah und drei der Offiziere machten sich auf den Weg nach der Kapelle, in der eine Anzahl Soldaten lagerte. Der Gelehrte schritt zum Altar, ging um ihn herum und hieß Mato Topah mit einer Holzfackel leuchten. »Wenn es seine Richtigkeit hat mit dem, was Sie gelesen haben, Senor,« sagte er, »so muß es dieser Stein sein; hier finden sich noch die Spuren der Kreuzzeichen.« Alle blickten gebannt beim Fackellicht auf die große aufrecht stehende Granitplatte mit den halbverwischten drei Kreuzen. »Das Zeichen ist da, aber wie sollten wir den Stein fortschaffen? – He! Leute herbei! Äxte und Hacken hierher!« »Nicht doch! Wenn dieser Stein den Gang verdeckt, so muß es ein Mittel geben, ihn fortzuheben oder in seinen Angeln zu bewegen.« »Sie haben recht!« Garibaldi rüttelte an dem Stein und versuchte, ihn zur Seite zu schieben oder hineinzudrücken – ohne Erfolg. Sein von der Hoffnung gerötetes Antlitz entfärbte sich; große Schweißtropfen traten auf seine Stirn. Vergebens vereinten die Offiziere ihre Anstrengungen mit den seinen. »Wir müssen ihn mit Gewalt herausbrechen und uns Gewißheit verschaffen! Aber ich fürchte, es wird alles zwecklos und der Weg längst verschüttet sein.« Mato Topah, der bisher die Fackel gehalten hatte, trat ruhig zu dem Stein. »Der Weiße Adler möge mir erlauben, den Versuch zu machen und seine Augen öffnen.« Er hielt die Fackel an die Fugen des Steins und fuhr langsam an diesen entlang. Alle folgten dem Versuch mit gespannter Erwartung. Da – die Flamme wurde wie von einem starken Luftzug nach außen gedrückt. »Der Gang ist da und nicht verschüttet«, sagte Mato Topah. »Hier ist der Weg, ihn zu öffnen.« Er ergriff eines der herbeigebrachten Beile, steckte die Klinge an einer etwas breitem Stelle in die untere Fuge, nachdem er sie vom Staub und Schmutz gereinigt hatte, und drückte mit aller Kraft dagegen. Ein Freudenruf – der Stein gab nach. Man hörte ein schweres Knarren, die mächtige Platte bewegte sich gleich einer Falltür in einer Angel, öffnete sich nach innen und gab einen dunklen Schlund frei, aus dem ein kalter, ziemlich frischer Luftstrom hervorbrach. Stufen führten in die Tiefe. Das Auge Garibaldis leuchtete auf. »Mein roter Bruder, wir alle danken dir das Leben und jetzt auch den Weg zur Freiheit! – Sacchi, geschwind die besten Schützen! Laß aus den Fenstern und vom Dach verstärktes Feuer auf die Bedienung der Geschütze geben. Wir müssen sie so lange wie möglich aufhalten. – Francis, sammle die Leute und führe sie, mit Ausnahme der Posten, hierher. Die Pferde müssen zurückbleiben; nur Waffen und Munition dürfen mitgenommen werden! – Treffen Sie Ihre Maßnahmen, Señor Bonpland; in einer halben Stunde muß alles zum Aufbruch bereit sein. Wer will mit mir den Weg untersuchen?« Zehn, zwanzig boten sich an; Garibaldi wählte Mato Topah und einen Italiener. Während seine Befehle zur Verteidigung des Gebäudes ausgeführt wurden, machten sie sich bereit, den gefährlichen Gang zu wagen. Eine kleine Lampe wurde herbeigebracht und so sorgfältig geschirmt, daß ihr Schein nicht von unberufenen Augen entdeckt werden konnte; dann, die Pistole in der Hand, den Säbel unterm Arm, folgte Garibaldi dem Indianer, der mit der Lampe den Führer machte. Etwa fünfundzwanzig Stufen stiegen sie hinab; ein gewölbter Gang, etwas über Manneshöhe und zwei Meter breit, schloß sich auf ebenem Boden an. Die Luft darin war, wenn auch schwül, so doch ziemlich rein und wurde von Strecke zu Strecke durch einen frischen Strom unterbrochen. Nach fünf Minuten hörten sie über sich deutlich Schritte von Menschen, Galoppieren und Lärmen. Immer weiter drangen sie vor; der Gang schien allmählich in die Höhe zu steigen. Das Geräusch des feindlichen Lagers war zwar verstummt, aber ein anderes vor ihnen ließ sich mit jedem Schritt näher und näher hören. Die Männer hielten eine kurze Beratung; Garibaldi blieb mit dem Soldaten zurück; Mato Topah ging allein im Dunkel vorwärts. Nach wenigen Minuten kam er zurück und winkte Garibaldi. Schweigend führte er ihn dem Geräusch zu; nun wuchs es zu einem Rauschen und Brausen. Ein frischer, kühler Luftstrom kam ihnen entgegen; ein feuchter Dunst wehte sie an; und als der Gang einen Winkel machte, sah Garibaldi vor sich eine eigentümliche Dämmerung, einen beweglichen Schleier, durch den in der Ferne feurige Lichter zu flimmern schienen. »Der tapfere Kazike der weißen Männer befindet sich außer dem Bereich seiner Feinde,« sagte Mato Topah. »Wir sind in der Quebrada. Diese Hülle, die der Große Geist der weißen und roten Männer vor das Werk der frommen Brüder gebreitet hat, ist der Iguassy, der aus dem Urwald kommt und über die Felsen in das Tal strömt. Der Weiße Adler sieht durch den Schleier des Wassers die Feuer der Blutigen Hand vor der Mission.« »Aber wie sollen wir aus dieser Höhle kommen?« »Lianen ranken von den Ufern ihr dichtes Netz, bis sie die Wellen des Baches küssen. Es muß ein Ausweg sein durch die Gebüsche.« Eine kurze Untersuchung genügte, ihn zu finden. »Mato Topah war tausendmal in der Nähe des Wasserfalls und hat doch diesen Ausweg nicht entdeckt!« Die tropische Üppigkeit des Pflanzenwuchses hatte die Lianen- und Kaktuswand, die ihn bedeckte und bildete, zu einer fast undurchdringlichen Mauer geschaffen. Der Scharfsinn des Indianers und seine Kenntnis der äußern Umgebung ließen ihn jedoch bald erraten, wo der frühere Ausgang gewesen war. In diesem Augenblick rollte der Donner eines schweren Schusses zwischen dem Knattern des Flintenfeuers aus dem Tal herauf – die Feinde begannm die Beschießung. Wildes Geschrei folgte. »Der Weiße Adler möge eilen und die Seinen hierher führen, ehe die große Büchse den Zugang des Hauses öffnet,« sagte Mato Topah. »Es sind rote Männer genug in der Mission, um die Spur der Tapferen für diese Nacht zu verbergen. Mato Topahs Beil wird unterdes den Pfad für ihren Fuß öffnen.« Garibaldi ging mit dem Italiener zurück. Der Indianer schlug indessm von der Felsenplatte unter dem Wasserstrom hinweg einen Ausweg durch die Heckenmauer. Der größte Teil der Legionäre, die Familie Bonplands mit dem wertvollsten ihrer Habe und die Indianer waren schon in der Kapelle versammelt; sie empfingen Garibaldi mit Jubel. Die übrigen Männer unterhielten aus den Fenstern der Mission ein wohlgezieltes Feuer gegen die Gauchos und Puelchen. Unter Marochettis Leitung drangen die Versammelten truppweise in den Gang ein. Garibaldi eilte selber zum Tor, gegen das das Feuer der Kanonen gerichtet war. Da die Büchsen der Belagerten die Bedienungsmannschaft gezwungen hatten, sich außerhalb ihrer Tragweite zu halten, war das Schießen unsicher, und die ersten Schüsse hatten nur die Mauern der Mission getroffen. Als der Kommodore bei den Verteidigern ankam, traf das erste Geschoß den Torweg und sprengte ihn auf. Unter Triumphgeschrei jagten die Gauchos heran; sie wurden aber von der Barrikade aus, die Sacchi unter dem Tor errichtet, mit einer wirksamen Büchsensalve empfangen und zogen sich schleunigst zurück. Der Kommodore wußte, daß, nachdem die Artilleristen sich jetzt eingeschossen hatten, nur wenige Schüsse genügten, den Zugang der Mission freizulegen; er sah General Urquiza seine Leute zum Sturm anfeuern. Kein Augenblick war zu verlieren – er gab das Zeichen zum Rückzug. Unbemerkt von ihren Gegnern verschwanden die Verteidiger der Mauern von ihren Posten und eilten zur Kapelle. Kurz darauf hatten sie sich in den Gang zurückgezogen, die Granittafel hinter sich geschlossen und mit mehreren Steinblöcken von innen versperrt. Beim Hinabsteigen in die Erde hörten sie das Krachen der einschlagenden Vollkugeln und das Geheul der Gauchos und Puelchen, die von allen Seiten gegen die Mission zum Angriff heranstürmten. Eine Stunde später standen auf der Höhe der Quebrada am Rand des Urwalds drei Männer, der greise Bonpland, Giuseppe Garibaldi und Mato Topah, und schauten zurück auf das Tal. Die Nachhut wand sich wie ein dunkles Band die Schlucht entlang immer tiefer in den Wald hinein; ein anderer kleinerer Trupp von Männern, Frauen und Kindern harrte unter den hohen Bäumen. Aus der Mitte des Tales, von der Stelle her, wo die Mission lag, wälzte sich eine glühende Feuerwolke hinauf in den Nachthimmel und sandte ihren fahlen Schein bis zur Höhe der drei Flüchtlinge. Sie durften sich dort sicher glauben; die Gauchos konnten unmöglich vor dem Morgen die Spuren ihres Abzugs im Walde finden, wenn sie überhaupt auf den Gedanken kamen, daß ihnen die Rettung gelungen sei. Wahrscheinlicher war, daß die Feinde annahmen, die Menschen hätten sich in irgendein geheimes Versteck des weitläufigen Gebäudes geflüchtet; und da sie dies nicht finden konnten, übergaben sie die Mission den Flammen, um so Garibaldi und den Seinen den sichern Untergang zu bereiten. Erschüttert sah der Greis auf seine brennende Heimat, die alle Schätze seines Sammelns und Forschens barg, und in deren Nähe er sein Grab zu finden gehofft hatte. Es war im Jahr 1822 gewesen, als Aimé Bonpland auf dem Weg von Buenos Aires in die Wildnisse Paraguays in der Nähe des Zusammenflusses der beiden Ströme die Tupah eines Indianerhäuptlings – der ihn und Humboldt einst nach den Anden geleitet – zerstört, ihn selber und die Seinen erschlagen fand. Nichts war von der Familie übrig, als die beiden Enkel des alten Häuptlings, ein Mädchen von zehn und ein Knabe von zwei Jahren, die sich bei der Vernichtung ihres Stammes in die Wälder geflüchtet hatten. Bonpland nahm sie mit sich. In der verfallenen, herrenlosen Mission San Dolores schlug er seinen Wohnsitz auf, wo er, einsam und von der Welt geschieden, seinen Forschungen und der Erziehung der Kinder lebte. Später machte er das Mädchen zu seiner Frau, um ihr den Schutz seines Namens und sich die Pflege eines dankbaren Herzens zu sichern. Im Jahr 1840 hatte Bonpland zum letztenmal durch Reisende, die in seine Abgeschiedenheit gerieten, von seinem großen deutschen Freunde gehört und ihm Nachricht von seinem Leben gegeben. »Es ist Zeit, daß wir scheiden, Senor,« sagte der Alte. »Sie müssen diesem Ort fern sein, wenn die Sonne sich erhebt. Unser Weg führt nach Norden, der Ihre nach Westen. Gott sei mit Ihnen und den Ihren! Wenn Sie auch schweres Leid über mich gebracht, Sie haben an schöne Erinnerungen in meiner alten Brust gerührt – und unser beider Heimat ist jenseits des Weltmeeres! Ich vergebe Ihnen von Herzen allen Schmerz und beschwöre Sie: Erfüllen Sie Ihr Versprechen, wenn Sie Europa wiedersehen.« »Sie haben mein Wort, Senor. Aber warum wollen Sie in unserm Schutz nicht noch eine Strecke bleiben, bis Sie vor jeder Gefahr sicher sind?« Bonpland schüttelte den Kopf. »Ich bin schon zu lange in Ihrer Nähe gewesen. Es ist nicht zu besorgen, daß die Gauchos uns in den Urwald verfolgen, und in zwei Tagen erreichen wir die brasilianische Grenze und San Gabriel. – Leben Sie wohl! Gott geleite Sie und gebe Ihnen bald Ihr Weib zurück. – Laß uns aufbrechen, mein Sohn, die Stunde ist da.« Mato Topah beugte sich vor dem alten Mann mit der Ehrerbietung, die die indianische Jugend stets dem Alter zollt. »Die Große Medizin scheint die Stimme des Jungen Kondors nicht vernommen zu haben«, sagte er achtungsvoll. »Die Federn des Schwarzen Raben zieren sein Haupt.« »Was soll das? – Es ist schlimm genug, daß du Menschenblut vergießen mußtest.« »Wen die Schwingen des Kondors gewachsen sind, verläßt er das Nest«, erwiderte Mato Topah. »Mato Topah fühlt, daß er ein Mann geworden ist; und er hat dem Weißen Adler sein Wort verpfändet, den Singenden Vogel zu suchen.« »Um des Himmels willen! Es kann nicht dein Ernst sein, dich in diese neue Gefahr zu stürzen! Du kannst uns nicht verlassen! – Bedenke, du bist der Letzte deines Namens!« »Der Aroge ist ein Krieger; das weiße Haar meines Vaters hat den Kondor zu lange vom Flug abgehalten. Mato Topah wird zum Wigwam der Großen Medizin zurückkehren, wenn sein Name der Schrecken der Feinde geworden ist!« Bonpland fühlte, daß die stolze Natur des Indianers in seinem Pflegesohn erwacht war, daß jedes Widerstreben nutzlos sein würde. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Lassen Sie den jungen Adler seine Schwingen prüfen, Señor«, sagte Garibaldi bewegt und legte besänftigend die Linke auf die Schulter des Alten. »Wen die Natur zum Krieger bestimmt hat, der findet nicht Raum am friedlichen Herd. Jedem Menschen ist sein Los zugeteilt, dem Weißen wie dem Roten.« »Mein Gott!« stöhnte der Alte und wandte sich ab. Garibaldi drückte Mato Topah die Hand. »Nimm meinen heißen Dank, Freund! – Ich werde dir nie vergessen, daß du mir mein Teuerstes beschützt hast und retten willst! – Ich gelobe dir, einen Krieger aus dir zu machen, dessen Name mit Ehren genannt wird! – Nimm dies Blatt für mein Weib! – Wohin wir uns durchschlagen, weißt du, und nun: Gott helfe dir!« Er reichte ihm die Zeilen aus seiner Brieftasche und drückte ihm die Hand. Als er sie Aimé Bonpland zum Abschied bot, wandte dieser sich ab. »Gehen Sie, Herr«, sagte er finster. »Dort brennt mein Haus, hier geht der Sohn meiner Sorge für Sie in den Tod – es ist genug! Wohin Ihr Fuß tritt, wird er Blut und Elend säen! – Du aber, junger Tor, geh' in dein Verderben; mein weißes Haar hätte mich größere Weisheit lehren sollen, als aus dem jungen Kuguar ein Lamm machen zu wollen.« Er schritt festen Tritts zu der Gruppe der harrenden Indianer; einige Worte zu seinem Weib, und mit dem blinden Gehorsam der indianischen Frau, die nur das Gebot des Gatten kennt, hob die Schlanke Palme das Paket, das den Rest ihrer Habe barg, auf den Kopf. Langsam verlor sich die kleine Schar in der Finsternis des Urwaldes. Wenige Augenblicke darauf trennte sich auch der Kommodore von seinem roten Freund. Garibaldi eilte seiner Schar am Rand der Quebrada nach. Mato Topah warf die Flinte über die Schulter, die er so sicher zu führen verstand wie den Bogen, fühlte nach dem Beil in seinem Gürtel und verschwand in der Richtung des Ortes, wo am Mittag die Schlacht getobt. Arm klein Piccaninny! Der Pardo Manuelo war mit dem geraubten Kind im Vertrauen auf die Schnelligkeit seines Pferdes dem Urwald zu geflohen. Hinter ihm folgte erbittert der riesige Schwarze. La- Muerte war nur mit Lanze und Messer bewaffnet, aber der Grimm über den Verrat an seiner geliebten Herrin machte ihn zu einem gefährlichen und zähen Feind. Doch noch ehe er den Saum des Waldes erreichte, wußte er, daß er den Mestizen nicht einzuholen vermochte, weil dessen Pferd weit kräftiger und schneller war als das seine. Dennoch setzte er seine Verfolgung fort; fest entschlossen, nicht von des Gambusinos Spur zu weichen und in der triebhaften Hoffnung, daß die große Gerechtigkeit ihm den Verräter doch eines Tages in die Hand geben würde. Auch der Pardo kannte die Fähigkeit Muertes, seine Spur durch ganz Südamerika zu verfolgen. Zuerst kam ihm daher der Gedanke, in der Einsamkeit den Schwarzen durch die verlockendsten Versprechungen für sich zu gewinnen; aber er verwarf ihn bald – die Treue Muertes für Aniella war unbestechlich und durch keine Schätze der Welt zu beirren. Auch der Geiz hielt ihn ab; wamm sollte er sein kostbares Geheimnis mit einem andern teilen? Er beschloß daher, sich auf seine Schlauheit und die Beine seines Pferdes zu verlassen. Verschlagen, wie er war, ritt er in einer von seinem eigentlichen Ziele abweichenden Richtung fort. Längst hatte er den Verfolger so weit hinter sich gelassen, daß La-Muerte nur noch auf die Spuren angewiesen war. Gegen Abend hielt Manuelo am Rande eines Waldbaches, schnallte den Poncho und den Beutel mit getrocknetem Fleisch vom Sattel und suchte in den nahen Büschen ein Bündel von Dornenzweigen. In teuflischer Niedertracht band er die Dornen an die Steigbügel des Pferdes und nahm ihm den Zügel. Ein Schlag auf die Kruppe setzte das erschöpfte Tier aufs neue in Bewegung; gepeinigt von den in seine Flanken schlagenden Dornen rannte es wie toll davon. Das Kind, das anfangs viel geschrien, später aber trotz dem rasenden Ritt wieder eingeschlafen war, schlug seine klaren, hübschen Augen auf und begann vor Hunger und Durst zu wimmern. Elf Monate war das kleine Mädchen alt und begann die ersten Laute zu stammeln. Der Pardo hatte zugleich mit den Dornen einige Hände voll Beeren gesammelt, weichte ein wenig Pemmican in Wasser ein und stillte damit seinen und der Kleinen Hunger. Nach dieser Pause befestigte er den Kinderkorb mit dem Zaumriemen des Pferdes auf seinem Rücken, zog die Stiefel aus und trat in das Wasser. Wohl eine halbe Stunde weit marschierte er so bachaufwärts, überzeugt, daß er so jede Spur verwischt habe. Erst als die Dunkelheit eingetreten war und er steinigen Boden in der Nähe der Quelle erreicht hatte, verließ er das Wasser und erklomm den Felsen, der über der Quelle hing und von Bäumen und Buschwerk frei war. Oben bereitete er sein Nachtlager, hüllte sich und das Kind in den Poncho und legte die gespannte Büchse neben sich auf den Boden. Am nächsten Morgen setzte Manuelo seine mühselige Wanderung fort, getrieben nur von dem unstillbaren Haß gegen die Frau, deren Kind er in die Wildnis schleppte, und von der Gier nach seinen verborgenen Schätzen. Sieben Tage nach der Zerstörung der Mission befand sich der Pardo etwa dreißig Leguas nordöstlich von seinem ersten Nachtlager, auf dem Gebiet der brasilianischen Provinz Rio Grande do Sul zwischen dem Rio Bacacahy und einem Nebenfluß des Uruguay, in einer wilden Gebirgsgegend, in der zerklüftete Felsen und tiefe, wie von Erdbeben in die Oberfläche der Erde gerissene Schluchten abwechselten. In dieser Verlassenheit öffnete sich ein Tal, das schroff zu einer weiten Felsplatte aufstieg und dessen Grund das Bett eines mächtigen, vielleicht seit Jahrtausenden versiegten Bergstroms gebildet hatte. Von beiden Seiten fielen von der Höhe der Felsen tiefe und schroffe Schluchten herab. Der spärliche Pflanzenwuchs dieser schauerlichen Gegend stach hart gegen die fast tropische Üppigkeit der tiefern Waldgelände ab. Nur die Fichte streckte ihre Zweige zum Himmel und drängte ihre Wurzeln mächtig zwischen das Gestein, Flechten wucherten und Moose bedeckten mit fußhohem Grün den Fels. Der Talgrund mußte vor vielen Jahren zu einer Gold- oder Diamantenwäsche gedient haben; an den Seiten des ausgetrockneten Waldbachs sah man die bemoosten und verwitterten Trümmer einzelner Hütten und Umzäunungen. Jetzt aber zeigte sich keine Spur von Leben mehr. Nur der Gaviao do Sartone, der nackthalsige Falke schwebte mit schwarzem, stahlglänzendem Gefieder hoch über den Felsen, und eine Herde Miripi-Affen kam aus den Wäldern und kletterte über die Steinbrocken. Etwa acht Uhr morgens hob sich über den Rand einer steilen, versteckten Felsplatte spähend das braune Gesicht Manuelos. Dann schob sich die ganze Gestalt aus der engen Felswandung nach. Der Gambusino lenkte die Schritte zum Urwald am Fuß dieses Felsenmeers. Auf der kurzen Wanderung sammelte er eßbare Wurzeln, Moose und Beeren. Sein Gesicht war hager und eingefallen; Hunger und Entbehrungen hatten ihre Zeichen darin eingegraben. Ein wochenlang ungepflegter Bart verunstaltete sein Gesicht, die Kleidung war zerrissen. Während er im dichten Unterholz, das den hochstämmigen Urwald begrenzte, nach Beeren und Früchten suchte, seiner und des Kindes einzige Nahrung, schreckte ihn ein Geräusch. Er griff nach seinem Gewehr und machte sich schußbereit – ah, es war nur eine Jacutinga mit ihren Jungen, die durch das Lianengebüsch rauschte. Seine Augen funkelten vor Gier nach dem Fleisch; zweimal hob er die Flinte, aber jedesmal ließ er sie wieder sinken. Die Vernunft überwog den Hunger – wenn der Zufall irgendeinen Menschen in die Nähe geführt hätte, so konnte der Knall ihn verraten. Mit seinem Vorrat an Eßbarem lenkte er seine Schritte zu einer Stelle des Waldes, wo eine kleine Quelle entsprang. Er löschte zuerst seinen Durst und füllte dann seine Flasche. »Nur noch vier – oder drei – oder auch nur zwei Tage«, tröstete er sich in halblautem Selbstgespräch. »Dann werde ich reich genug sein! So lange wird das Kind schon noch aushalten!« Seine Augen glühten wie im Fieber. Er betrog sich selber mit der Zeit; denn im Grunde seines Herzens fühlte er, daß er nach der riesigen Ausbeute der letzten Tage es nicht vermögen würde sich loszureißen, ehe er alles erschöpft. Dieser Mann, der mit einer Handvoll Beeren oder einer zähen Wurzel kümmerlich sein Leben fristete, war längst Herr unermeßlicher Reichtümer. Nun machte er sich auf den Rückweg. Unter unendlicher Vorsicht, heimlich, wie ein gehetztes Wild, betrat er sein Felsenlabyrinth und verschwand in der Spalte, aus der er heraufgestiegen war. Der Gambusino war kaum verschwunden, als sich an einer Stelle des dichten Unterholzes, die den Blick den Talgrund hinauf gestattete, ein Gebüsch zerteilte und einem schwarzen Gesicht Raum gab. Der breite, dicklippige Mund öffnete sich zu einem bösen Grinsen und zeigte die weißen, scharf gefeilten Zahnreihen La-Muertes. Unhörbar kroch er aus dem Gebüsch hervor. »La-Muerte haben ihn!« flüsterte er. – »Viel Mühe! Viel Mühe! – Werden arm klein Piccaninny befreien und Massa Manuelo auf Schädel klopfen.« Vorsichtig blieb der Schwarze hinter dem nächsten Felsstück liegen, um abzuwarten, ob der Pardo nicht noch einmal zurückkehrte, ehe er ihm zu seinem Schlupfwinkel folgte. Der Kunstkniff des Pardo am Bach hatte allerdings den Schwarzen getäuscht; La-Muerte verlor zwei Tage mit dem Suchen des Pferdes, bis er es von den Raubtieren des Waldes zerrissen fand und die List Manuelos erriet. Er kehrte zum Bach zurück, der die Spur des Räubers verbergen mußte, und setzte an seinem Ufer die Nachforschungen fort. Der Neger war ein zu erfahrener Rostreador, um sie dann, trotz allen späteren Listen des Gambusinos, wieder zu verlieren; er folgte ihm, freilich mit großem Zeitverlust, bis zum Felsental. Die Kluft des Gambusinos war eine der schaurigsten des ganzen Tales. Man wand sich durch einen langen Felsspalt, der Jahrtausende lang schon zur Flutrinne in der Regenzeit gedient haben mochte. Unter locker überhängenden Felsstücken ging der Weg empor, bis zu einer natürlichen Felsenpforte, einem Loch von etwa anderthalb Ellen Höhe, die das Wasser sich ausgehöhlt. Jenseits dieser Öffnung dehnte sich die Schlucht zu einer Rundung aus, rings umgeben von glatten, hohen Felswänden. Dies war der Ort, wo der Pardo sein Lager aufgeschlagen hatte, seine Schatzkammer, reicher als die glühendste Phantasie sie ihm je vorgemalt. Ein halbes Jahr etwa vor der überraschenden Hochzeit Aniellas hatte er bei einer Streife dieses Tal entdeckt. Auf einer seiner Erkundungsfahrten, die die Gambusinos des Südens häufig nach den verlassenen Minen und Wäschen der Regierung richten, war er in jene Gegend gekommen. Da lag er eines Morgens unter dem Schutz eines Felsens und sah einen Affen mit einem in der Sonne wunderbar glänzenden Stein spielen. Er scheuchte das Tier, verfolgte es und entdeckte so den Eingang der Schlucht. Eine Kugel streckte es nieder, und in seinen Backentaschen fand der Pardo den glänzenden Stein wieder. Er schien ihm anfangs ein diamantenähnlicher Topas von nicht unbedeutendem Wert. In dem Erdreich, das die Rinnen und Löcher der Felsen füllte, fand er noch mehrere ähnliche Steine; diese waren es, die er bei Eintritt der Regenzeit mit nach Montevideo genommen hatte, um sie schätzen zu lassen. Seine kühnsten Erwartungen wurden durch die Schätzung übertroffen. Leichtsinn und Eitelkeit trieben ihn, von dem schon erworbenen Reichtum Gebrauch zu machen; der Hochmut raunte ihm zu, seiner langverhehlten Leidenschaft nachzugeben und als Bewerber um die Hand seiner Milchschwester aufzutreten. So geriet er in die politischen Kämpfe, die ihn in Gefangenschaft und schließlich unter die Truppen Urquizas brachten. Sechs Jahre lang war er verhindert, die Diamantenschlucht aufs neue zu besuchen und sich der Schätze zu bemächtigen. Die Gier danach stand nur seinem Verlangen nach, sich an Aniella und Garibaldi zu rächen. Da gab ihm das Schicksal das Kind in die Hand, und sofort schnellte sein nächster Gedanke zum Diamantental. Er glaubte Garibaldi erschlagen und die Mutter tot oder doch gefangen. Welchen Schmerz mußte ihr der Raub des Kindes bereitet haben! Er schwelgte im Gedanken an die Qual Aniellas. Der stete Anblick der Kleinen war ihm ein solcher Triumph, daß er den ursprünglichen Plan, sie zu töten, aufgab. Nein, er wollte seine Rache auskosten - und sollte Aniella noch leben: welch eine höllische Marter konnte er ihr dann bereiten mit dem verborgenen Kind! So stand es denn bei ihm fest, er würde es mit sich nehmen in die fernen Länder, wohin er nach der Ausbeutung der Diamantenschlucht reisen wollte. Aber mit jedem neuen Fund wuchs die habsüchtige Gier; ein Rausch, ein Fieber packte ihn – er blieb. Seine Habsucht wurde sein Verhängnis. Die niedrigen Stimmen in seiner Brust lockten ihn selber in die Arme der ewigen Gerechtigkeit. In der eigenen Seele war ihm schon das Urteil gesprochen... Der Pardo hatte sich durch die enge Öffnung gezwängt und befand sich jetzt in der Diamantenschlucht. Der Felskessel hatte die Ausdehnung eines kleinen Saales; die Wände stiegen schroff etwa vierzig Fuß in die Höhe, nur unterbrochen durch einzelne Risse, Löcher und Regenrinnen. Von innen waren sie kaum zu ersteigen; den einzigen Ausgang bildete die enge Pforte. Moos wucherte aus den Spalten; der Boden bestand aus einer dicken, von der Hitze fast zu Staub verbrannten Schicht Lehm. In einem Winkel lag das Kind Aniellas auf einem Lager von Moos und Kräutern. Der Pardo hatte ihm einen Teil der gesammelten Früchte gegeben; nun kroch es auf dem Boden umher und suchte, abgemagert wie der Gambusino, gierig nach weiterer Nahrung. Manuelo hockte neben einem tafelförmigen Stein; ein Messer, ein kleiner, schwerer Hammer und zwei feine englische Feilen lagen auf der Platte vor ihm. Der Boden war mit einer Handschaufel in regelmäßige Vierecke abgestochen und erst zu einem kleinen Teil durchgraben. Auf der einen Seite lag zerriebener, sorgfältig gesichteter Ton, auf der andern ein Häufchen größerer und kleinerer harter Tonstückchen. Manuelo prüfte sie sorgfältig, indem er mit dem Hammer die feste Hülle zerschlug und mit dem Messer und der Feile das tote Gestein abbröckelte. Leidenschaft zitterte bei jedem neuen Versuch durch seinen ganzen Körper; er mußte die knöchernen Hände auf die Platte stützen, um in den bebenden Fingern die Tonbrocken zu halten. Seine Aufregung war die eines Spielers, der am grünen Tisch seine Habe auf eine Karte setzt, von deren Umschlag er Gewinn oder Verlust, Leben oder Tod erwartet. Die Flinte lehnte neben ihm an der Felswand. Von Zeit zu Zeit wanderten jedoch die Blicke Manuelos über seine Arbeit hinweg nach einer Stelle der Steinplatte; seine ganze teuflische Seele schien dann aus seinen Augen zu flammen. Minutenlang war alles andere vergessen. Ein stolzes Lächeln verzerrte sein hageres Gesicht – seine Phantasie malte ihm Bilder aller Lust und allen Genusses, die jene kleine Stelle ihm schenken würde: Ansehen, schöne Frauen, Macht, Neid, Bewunderung – und selbst Aniella würde er zwingen mit der doppelten Waffe: Reichtum und Kind! Dort auf jener Stelle lag der Beutel, der den Vorrat von Pemmican enthalten hatte; die Schnur war gelöst, der Beutel geöffnet; statt des rohen Fleischpulvers quollen kostbarste Edelsteine aus dem verschabten Leder. Die Sonnenstrahlen brachen sich in ihnen mit tausend glänzenden Lichtern und märchenhaften Farben. Zwar fehlte den Steinen noch der Schliff, aber die sorgfältige Reinigung, die der Pardo jedem einzelnen hatte zuteil werden lassen, zeigte doch ihr herrliches Feuer und ließ die Stelle in wundersamem und zauberischem Glanz aufstrahlen. Vielleicht hundert Steine lagen da zusammen in dem unscheinbaren Beutel. Ihr Wert wurde dadurch noch gehoben, daß die meisten von ihnen zu den gesuchten farbigen Diamanten gehörten und in Grau, Gelb, Grün und Braun spielten; einige zeigten sogar seltene orange, rote und blaue Farbe. Ein Lichttraum schien von diesen Steinen auszugehen – die dicke Luft über ihnen zitterte unter der Strahlenbrechung dieser fast unwirklichen Farben. Das Kind war bis zu dem Steinblock gekrochen, hatte sich an ihm aufgerichtet und streckte die Händchen nach dem flimmernden Spielwerk aus. Der Pardo riß den Beutel weg und zog die Schnur zu. »Putao!« murmelte er. »Willst du mir meinen Reichtum nehmen, wie deine Mutter mir das Herz aus der Brust gestohlen hat?« Er legte den Beutel zur Seite und versenkte sich wieder in seine Arbeit. Er jauchzte laut auf. »Caramba! Wieder ein Stein! Die Heiligen sind mir gnädig! Ich will ihnen eine Kerze weihen, so dick wie mein Arm, wenn ich erst dies Tal ausgebeutet habe!« Er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und lachte roh. »Du Törin du! Mich, mich um den bettelhaften Piraten zu verlassen! In jedem Blick auf dein Fleisch und Blut will ich meine Rache kühlen! Meine Sklavin soll dein Kind sein, wenn alle Frauen der Welt zu meinen Füßen liegen! Du selber sollst noch um meine Gnade betteln – meine Dienerin sollst du werden in den Herrlichkeiten in London und Paris! Ich will sie genießen, alle, alle!« Er öffnete die geballte Linke. »Heilige Jungfrau!« schrie er auf. »Das kostbarste von allen – ein schwarzer Diamant!« Die zerbröckelnde Hülle hatte einen Stein von wunderbarem Farbenglanz in seinen Fingern gelassen. Er war länglichrund, etwa von der Größe einer Haselnuß, ohne scharfe Kanten und Ecken und von fast schwarzer Farbe. Purpurne und violette Blitze schienen aus ihm hervorzusprühen, als der Pardo ihn jetzt im Sonnenschein drehte. Das Geheimnisvolle des Diamanten: mit seinem Eigenlicht, das in den von Jahrtausenden versteinten Gasen wohnt, dem Strahl der Sonne zu antworten, ihn nicht nur willenlos widerzuspiegeln – das noch unerforschte Leben des Edelsteins – das wirkte bei der ungemein seltenen schwarzen Farbe fast dämonisch. Und diese Dämonie schien das Teuflische in der Seele Manuelos zur Raserei zu entflammen. Seine Züge verzerrten sich; sie zuckten, wie die Hände, die den schwarzen Diamanten hielten. Sein Unterkiefer klappte herunter, Speichel floß aus den Mundwinkeln, wie ein verendender Hund jappte er nach Atem. Endlich faßte er sich. Er schob den Stein hastig beiseite und griff wild in den Haufen von Tonstücken. »Mehr! Mehr!« murmelte er. »Wo dieser war, müssen sich mehrere finden! Jeder Juwelier in Rio de Janeiro würde mit Freuden ein Vermögen dafür geben! – Ich muß sie alle haben, alle!« Er hämmerte wie ein Irrer darauf los – Stück auf Stück fiel zerbröckelt aus seiner Hand; aber nichts zeigte sich mehr als taubes, wertloses Gestein. Seme Stirnadern schwollen an; seine Augäpfel entsandten einen giftigen Strahl. Immer hastiger arbeiteten seine zitternden Hände. Vergeblich – keine Spur eines Diamanten zeigten die aufgehäuften Tonstücke. »Cáramba! Maldito! – Sollte er der einzige sein? – Bei allen Teufeln – wo ist der Stein?« Seine Augen starrten auf das Kind. Es war wieder am Block emporgekrochen, hatte den lockenden Glanz erfaßt und ihn spielend in den Mund gesteckt. »Hölle! – Heraus mit dem Stein!« Wild sprang er auf das Kind zu, daß es zurückschrak und zu Boden fiel. Es schluchzte und würgte, das Gesichtchen wurde blaurot, die Augen traten aus den Höhlen – dann, nach einer krampfhaften Anstrengung, begann es zu weinen. In wahnwitziger Wut packte Manuelo das Kind an die Kehle und schwang es durch die Luft. »Verfluchte Bestie! Du Scheusal einer verfluchten Mutter! – Heraus mit dem Stein! – Und sollte ich dir die Eingeweide herausreißen!« Wie einen fühllosen Felsblock schmetterte er das Mädchen auf die Steinplatte; Blut überströmte die zarten Glieder; mit roher Faust versuchte er in den kleinen Mund zu greifen. Das Wimmern des Kindes erstarb; aber jeder Ton, der Anblick des Blutes schien nur die tierische Wut des Besessenen zu mehren. Dunkle Röte färbte das hagere Gesicht, als wolle das Blut aus allen Poren drängen. »Den Diamanten!« keuchte er. »Gib den Diamanten! Du Brut der Verfluchten!« Das Ächzen des armen Opfers verstummte vollends. In sinnlosem Taumel umkrallte Manuelos Rechte das Messer – ein Stoß – ein schwacher Schrei – mit einem Schnitt spaltete er den Körper des unglücklichen Geschöpfes. »Den Stein! Den Stein! – Bei der ewigen Verdammnis – da ist er!« Er hielt ihn mit keuchendem Atem zwischen den blutigen Fingern. Langsam ebbte die Erregung in ihm ab. Sein Blick ging über den schwarzen Diamanten hinaus und fiel auf die kleine Leiche, die regungslos zwischen dem aufgerissenen Beutel und den zerstreuten Diamanten lag. »Heilige Jungfrau! – Was hab' ich getan!« Der Rückschlag nach der Raserei schüttelte ihn mit kaltem Fieber. »Mörder! – Arm klein Picaninny!« Wie von einem Giftpfeil getroffen, fuhr Manuelo zusammen. Er starrte in die Höhe. Dort oben, auf der Höhe der Felsenwand, fletschte das wilde Gesicht La-Muertes. Im Entsetzen hatten die dicken Lippen die spitzgefeilten Zähne freigegeben; die Augäpfel zeigten nur das Weiße. »O du arm' Piccaninny! – O du Teufel!« schrie La- Muerte mit heiserer Stimme. »Sterben sollst du, wie du Kind von Señora gemordet!« Seine Hand schwang drohend die Lanze. Die Todesgefahr brachte Manuelo wieder zu sich. Er riß das Gewehr an die Wange. »Verfluchter! Du – du! Nicht ich!« Aber der Speer zischte schon durch die Luft und prellte Manuelo die sich entladende Flinte aus den Händen. Ein donnerndes Prasseln antwortete dem Knall des Schusses – nicht der Arm des Mohren, die Hand des allmächtigen Gottes selber hielt Gericht über den Verräter, den Räuber, den Mörder. In der Felsenschlucht rollte der Schuß wie zehnfacher Donner – die morschen Wände erbebten unter dem Luftdruck – eine gewaltige Masse überhängenden Gesteins löste sich aus seinen lockeren Fugen und stürzte mahlend, brechend, krachend nieder. Die niedrige Felsenpforte, der einzige Ausgang aus der Diamantenschlucht, war verschwunden. Vom Schlag der Lanze und von der seelischen Erschütterung war Manuelo niedergeworfen worden. Im nächsten Augenblick erkannte er das Hoffnungslose seiner Lage und fiel ohnmächtig nieder auf das Gesicht.   Eine kühle milde Hand strich Manuelo über die fiebrige Stirn. Wie aus tiefem Abgrund herauf hob sich sein Körper, von Erdenschwere befreit. »Aniella Crousa,« murmelte er und schlug die Augen auf. Ein Spuk. Mit einem Ruck saß er auf. Er rieb die Stirn. Ein wüster Traum hatte ihn genarrt. Frischer Tau perlte in seinen Haaren. Es war Nacht. Der Mond stand hoch am Himmel. Auf bleichem Dunst glitten seine Strahlen hernieder, tiefer und tiefer, vorbei an nackten Wänden, auf brüchigen Fels. Ein Schauer schüttelte ihn im Fieberfrost – ein Grauen spreizte seine Hände – dort, dort – in der Mitte auf der Steinplatte lag mitten im gespenstigen Strahl der schwarze Diamant neben der verstümmelten Leiche des Kindes. Erinnerungen schlichen sich heran wie Feinde. Dort steckte noch tief im Boden der lange Speer des Mohren; der Arm schmerzte von der Streifwunde; die Hände klebten von Blut, drüben blitzte der unheimliche schwarzrote Strahl; daneben der Sack mit den Diamanten... Die entsetzliche Wirklichkeit war wieder grausam wach. Er kroch zu der Stelle hin, wo der Ausgang sich zur Felsenspalte öffnete: eine dichte Mauer versperrte ihn. Er riß sich hoch. Die Kraft der Verzweiflung wütete gegen die Felsbrocken – er drängte, er stieß; er rüttelte, er grub. Seine Hände bluteten von den scharfen Kanten, und nicht eine Linie breit wich die ungeheure Steinlast. Sein Haar klebte an der Stirn – wieder versuchte er seine Kraft – Gott im Himmel! War er denn lebendig begraben? – Begraben mit dem Leichnam des Kindes und den Millionen? Ein heiseres, höhnisches Lachen von der Höhe des Felsens packte ihn wie eine kalte Faust im Nacken. »Piccaninny-Mörder müssen sterben! – Massa Manuelo haben klein Aniella ermordet – oh, oh!« »La-Muerte! Höre mich an!« »Müssen sterben! Müssen sterben! Nicht reden mit Muerte – Wehe! Wehe!« Der Pardo warf sich in finsterer Verzweiflung auf den Poncho an der Felswand. Er schloß die Lider – aber der blutige Leichnam des Kindes und die dämonischen Blitze des schwarzen Diamanten standen ihm immer vor Augen. Er wandte das Gesicht gegen den Fels, um nicht hinüber zu sehen – aber mit magischer Gewalt zogen die bleichen Mondstrahlen seinen Kopf herum. Es war eine schreckliche Nacht. Im Urwald drüben heulte der Jaguar; sausend bogen sich die langen düsteren Zweige der Fichte im Wind – und im Ohr klang wimmernd der letzte Seufzer des kleinen Opfers. Die Stunden wurden zu Jahren. Die Diamanten wuchsen zu Felswänden und erdrückten ihn in höllischem Feuer. Endlich röteten sich die Ränder des Felskessels – der Tag stieg herauf. Das Heulen des Jaguars verstummte; er zog sich zurück in die Tiefen des Waldes; er floh vor dem blutdürstigsten Raubtier der Erde: vor dem Menschen... Die Sonne stand schon hoch über den Felsen, als der Pardo die Decke von seinem Gesicht zu nehmen und umherzuschauen wagte. Brennender Durst trieb ihn auf; seit dem vorigen Morgen hatte kein Tropfen Wasser seine heiße Kehle genetzt. Die Augen verbissen zu Boden gerichtet, schlich er in den Winkel, wo die Kalebasse mit dem Wasser stand. Ein Fluch entfuhr ihm – die Flasche war von der Erschütterung heruntergestoßen – die wenigen Tropfen, die in ihrem Bauch geblieben, waren längst verdunstet. Vergeblich setzte er sie an die gesprungenen Lippen; grimmig schleuderte er sie zu Boden. Wieder ein heiseres, höhnisches Lachen von der Höhe der Felswand. Ein kurzer, scheuer Blick nach oben zeigte ihm das schwarze Gesicht. Mit zusammengepreßten Zähnen rannte er aufs neue zum verschütteten Eingang. Er stemmte den Flintenlauf zwischen die Fugen und bediente sich seiner als Hebel – der Schaft brach und blieb in seinen Händen. Er raffte das blutige Messer vom Boden und stieß es in die Spalten der Steine – die Klinge zersplitterte. Er holte den Hammer und führte unter heulenden Verwünschungen, Flüchen und Lästerungen wütende Schläge gegen den Fels – der Stiel löste sich, das Tor blieb verschlossen. Wie ein Vieh warf er sich auf den Poncho und rollte sich zusammen. Seine körperliche Kraft war zu Ende. Jetzt begann er zu überlegen. Nach stundenlangem Brüten erhob er sich. Ein neuer Plan schien in ihm festzustehen. Die Sonne sandte glühende Strahlen hinunter in den Felskessel. Manuelo spähte nach dem Rand der Felsen – der Neger war nicht mehr zu sehen; die Sonnenhitze schien ihn von seinem Posten in den Schatten eines anderen Felshanges oder Baumes getrieben zu haben. Vielleicht hatte er ihn seinem Schicksal überlassen, da doch jeder Ausgang der Schlucht versperrt war. Lebendig begraben... Schon begann in der brütenden Hitze und in der schwülen Luft die Auflösung der kleinen Leiche. Hoch oben am glänzenden Himmel schwebte ein dunkler Punkt: ein Geier, der die Beute witterte. Es war das einzige lebendige Wesen außer ihm. Manuelo zwang sich zur Ruhe. Er verbarg den Beutel mit den Diamanten auf seiner Brust; die wieder erwachende Gier drängte ihn hin zu dem schwarzen Diamanten – er streckte die Hand aus, aber er gewann es nicht über sich, den Stein zu greifen. Es graute ihm; er ließ ihn dort, wo er lag: neben dem verwesenden Leichnam. Dann schob er das Messer in den Gürtel und prüfte mit dem Blick die Felsenwände Fuß um Fuß. Nun schien er gefunden zu haben, was er suchte; ein hämisches Lächeln zuckte um seinen Mund. Er zog die Lanze aus dem Boden und steckte die Stücke der zerbrochenen Flinte und die beiden Feilen zu sich. »La-Muerte – höre mich!« Keine Antwort. Zweimal, dreimal, immer lauter und dringender wiederholte der Pardo den Ruf. Alles blieb still. »Er ist fort! Die Heiligen seien gepriesen!« Er stürzte zur Felswand, zu einer Stelle, die er vorhin für die allein bezwingbare erkannt hatte. Dort stemmte er den langen Speer des Mohren in den Boden und lehnte ihn in einer Felsenritze der Wand fest. Nochmals überzeugte er sich, daß er die Diamanten auf der Brust und alles Nötige im Gürtel hatte; dann begann er den tollen Versuch der Ersteigung. Jede Spalte, jede Ritze der Felswand und der sich kreuzenden Regenrinnen benutzte er; er klemmte den Fuß zu neuem Halt, wo kaum die Zehe Platz zu haben schien; so stieg er weiter und weiter. Fast am Ende der Lanze bohrte er die zerbrochenen Stücke der Flinte in die Felsfugen; wieder fand er Halt für Hände und Füße. Dann stemmte er die beiden Feilen, mit denen er die Diamanten gereinigt hatte, in einen schmalen Spalt. Triumph leuchtete aus seinen Augen. Höher und höher kam er. Kaum noch sechs Fuß fehlten zum Rand des Felsens. Nun griff er zur letzten Waffe, die er hatte, zum zerbrochenen Messer, und zwängte es in eine Fuge. Lieber wollte er mit seinen leeren Händen, mit einem Stein oder armseligen Ast die Raubtiere des Waldes bekämpfen, als in diesem Felsensarg elend verschmachten. Es glückte – das Messer stak bis zur Hälfte fest im Gestein – er zog sich hoch – seine Rechte faßte den Felsenrand – heilige Jungfrau! – die Linke umklammerte einen vorspringenden Stein – Gerettet – Mit der letzten Kraft seiner Armmuskeln hob er sich hoch – sein Kopf stieg über den Felsrand – Freiheit – Leben – Reichtum – sein Blick schweifte trunken hinüber in das dunkle Grün des Urwaldes. »Caramba!« Dicht vor ihm, hinter dem Stein, an den sich seine Linke klammerte, erschien das schwarze Gesicht La-Muertes. »Müssen sterben, wo arm klein Piccaninny gestorben sein!« Manuelo versuchte sich mit beiden Händen festzukrallen und auf die Höhe zu schwingen. Schaum trat auf seine Lippen, seine Augen drangen blutunterlaufen aus den Höhlen. »Laß mich hinauf, La-Muerte! Laß mich hinauf! Ich will dich reich machen, so wahr die Heiligen mir gnädig sein mögen!« Der breite Mund des Negers zog sich fast von einem Ohr zum andern. »Massa Manuelo sein ein halber weißer Mann, ein Cavaliero! Dürfen nicht fürchten den Tod. Möchten klein Engel morden, dieser Cavaliero, und dann nicht sterben? – Ho, ho!« Sein Gelächter dröhnte grausam, als er die Finger des Pardo mit unwiderstehlicher Gewalt, einen nach dem andern, langsam von der Felsenkante losbrach. »La-Muerte – mein Freund – hab' Erbarmen – ich will dir alle Schätze geben – laß mich – hinauf...« Sein Geschrei erstickte in Röcheln. Der riesige Neger legte die Linke wie eine Klammer um die Kehle. Das lallende Betteln verstummte. Die Rechte löste spielend leicht die letzten, erstarrenden Finger vom Felsrand. Einen Augenblick schlugen die Arme des Verbrechers verzweifelt durch die Luft, als suchten sie dort einen neuen Halt. Dann stürzte er mit einem schrillen Schrei hintenüber und schlug schwer auf den Boden der Schlucht. Oben grollte gräßlich das Gelächter des Schwarzen. Wieder waren ein Tag und eine Nacht vergangen, wieder drang der unbarmherzige Strahl der Sonne in das glühende Felsengrab. Ein gurgelnder Laut quoll herauf, kaum noch einer menschlichen Stimme ähnlich. »La-Muerte – wo bist du?« »Hier, Senor Don Manuelo. Armer Nigger flechten von Lianen schönen festen Strick!« »Du willst mich holen – nimm alle meine Diamanten!« »Müssen sterben, Senor Don Manuelo. Muerte flechten Strick und steigen in die Schlucht, wenn Massa tot sein!« »La-Muerte – bei deiner Mutter, hab' Erbarmen! Mein Schenkel ist gebrochen – mein Bein geschwollen – es zerreißt meine Eingeweide – es brennt wie höllisches Feuer 161 in meiner Kehle! Wasser, nur einen Tropfen Wasser, so wahr du ein Christ bist...« Der Neger lachte ohne Erbarmen. »La-Muerte sollen glauben an Christus, wo Manuelo glauben an Christ und morden arm klein Piccaninny von schön gut Senora?« »Ich will dir Millionen geben! Sieh diese Diamanten! Sie sind ein Königreich wert. Ich will dir ein Dritteil geben, die Hälfte – du sollst alles haben, alles!« Der Neger saß mit herabbaumelnden Beinen auf dem Felsrand. »Massa Manuelo machen armen schwarzen Mann lachen! La-Muerte wird finden all die schönen blanken Steine, wenn Massa tot sein.« »Hund! – Mögst du...« Der Fluch verwandelte sich in wildes Stöhnen und verging in heiseres Gurgeln »Hilfe! Hilfe! – Mutter Gottes, ich sterbe! – Nein, ich will nicht – ich will leben – und müßt' ich das Fleisch von meinen Beinen nagen! – Dort – dort– – –« Die Worte verloren sich in Fieberphantasien, nur ab und zu von schrillen Schreien, Flüchen und Stoßgebeten unterbrochen. Noch zwei Tage waren vergangen. Wenn der Ruf des Campanero den Morgen verkündete, bis zum murrenden, unheimlich seufzenden Ächzen des Nachtaffen in der düsteren Krone der Riesenfichte – beim heißen Mittag, wenn der Gecko durch die Blätter raschelte, um Mitternacht, wenn der leuchtende Feuerfliegenschwarm um die Büsche schwirrte und der hungernde Jaguar im fernen Wald seine heulende Stimme erhob – immer stiegen die gräßlichen Töne des Sterbenden aus der Diamantenschlucht empor; verzweifelnde Bitten, heisere Drohungen, wilde Flüche, gellende Schmerzensschreie, langgezogenes Stöhnen, bellendes Ächzen. Um ihn her gleißten die Schätze, um eine Welt zu kaufen – und sie gewannen ihm noch nicht einmal einen einzigen kühlenden Wassertropfen für die verschmachtende Kehle. Der leuchtende schwarze Diamant dort unten, den der Sterbende mit der letzten Kraft seiner Hand an die röchelnde Brust drückte, konnte nicht härter sein als das Herz, nicht tauber als das Ohr des schwarzen Rächers oben am Rand des Felsens. Unempfindlich für Fluch und Bitte, für Jammer und Todesgestöhn, saß er und flocht sein Seil. Noch eine Nacht und noch ein Morgen. Alles war still dort unten auf dem Grund der Diamantenschlucht. Auf der Steinplatte bleichten die abgenagten Knochen des Kindes; neben dem der gierigen Hand entglittenen schwarzen Diamanten lag eine gekrümmte, regungslose Masse. Hoch oben am Himmel zog der Geier lüstern seine Kreise. Die Strickleiter La-Muertes war längst fertig. Ihr Ende schlang sich um den Stein, den die Hand des ringenden Gambusino umklammert hatte. Jetzt warf der Schwarze finster das andere Ende in die Schlucht. »Senor Don Manuelo, du sein jetzt ein stiller Mann! Klein Piccaninny von schön gut Senora sein Engel im Himmel. Massa Manuelo verfluchter Teufel in Hölle! – Werden viel weinen, arme Senora!« Damit stieg er in die Schlucht. In Wogen und Wildnis Jenseits des Uruguay, der dort die Breite der Donau bei Sistowo oder Rustschuk hat, befand sich das Lager der föderalistischen Truppen unter Urquiza, der blutigen Hand, gegen Concordia, wo Oberst Silveira aufs neue die Fahne für die Union und den Präsidenten Joaquin Suarez erhoben hatte. Der Kampf war schon seit länger als zwei Monaten lau und mit häufigen Unterbrechungen von beiden Seiten geführt worden; beide Anführer hatten währenddessen häufige Streifzüge nach dem Innern des Landes unternommen. Einige kleinere Fahrzeuge, der Rest der Flotte von Buenos Aires, behaupteten den Uruguay. Das Lager der Föderalisten war etwa eine Legua südlich von Concordia am Ufer aufgeschlagen. Es bestand aus einer Reihe von Zelten und fliegenden Hütten, wie sie die Gauchos und die Indianer in den Pampas zu errichten pflegen. Eine Batterie von vier Geschützen, von denen auf den Befehl des Generals Urquiza jetzt zwei nach der Mission gebracht worden waren, diente mehr dazu, die Bewohner von Concordia zu beunruhigen, als ihnen zu schaden. Die Truppe bestand außer den indianischen Verbündeten aus etwa dreitausend Mann, von denen die Hälfte vor der Stadt zurückgelassen worden war, als die Späher Urquizas die Nachricht von der Annäherung Garibaldis brachten. Urquiza fürchtete einen Ausfall des kühnen Silveira. Deshalb gab er, nachdem Garibaldi geschlagen worden war, dem Führer der Milizen den Befehl, über den Uruguay zurückzukehren. Er fühlte sich stark genug, mit den Gauchos und den Indianern den Rest seiner Feinde zu vernichten, der sich in die Mission geflüchtet hatte. Aniella Garibaldi befand sich bei den Milizen, die zum Uruguay zurückgingen. Gegen Mittag erreichte sie mit ihrer Begleitung den Fluß; man setzte auf flachen Booten über. Auf Befehl Don Estevans wurde sie in sein Zelt gebracht und ein Posten vor den Eingang gestellt. Da sich das Zelt mitten im Lager befand, schien eine Flucht unmöglich; dennoch dachte Aniella dauernd daran; sie sah sich kaum allein, nachdem man ihr die Fesseln abgenommen hatte, als sie sorgfältig die Umgebung prüfte und jeden Gegenstand im Zelt betrachtete. Schußwaffen entdeckte sie nicht; dagegen war ein starkes spanisches Messer anscheinend vergessen worden. Aniella verbarg es unter ihren Kleidern, während die Wache vor der Öffnung des Zeltes sich einmal abwandte. Ihre Blicke wanderten sehnsüchtig über die breite gelbe Fläche des Stromes. Hinter jenem entfernten waldigen Ufer kämpfte vielleicht in diesem Augenblick Giuseppe seinen letzten Kampf gegen die Übermacht... Scham und Schmerz überwältigten sie, wenn sie bedachte, daß sie selber durch ihr Vertrauen auf Manuelo geholfen, ihn und viele Männer ins Verderben zu stürzen. Bei der steigenden Tageshitze überließ man sie ungestört der Siesta. Aber sie fand keine Ruhe. Nach einigen Stunden bemerkte sie die Ankunft Don Estevans, der sich mit seinem Trupp am jenseitigen Ufer zum Übersetzen anschickte. Das Herz quoll ihr in die Kehle. Alles mußte vorüber sein, ehe dieser Mann zurückkehrte. Das wilde Triumphgeschrei, mit dem der Major am Ufer von den Seinen begrüßt wurde, schnitt ihr in die Seele. Sie begrub das Gesicht in die Hände und weinte bitterlich. Ein Wort schlug an ihr Ohr, das ihre Aufmerksamkeit erregte. Es war ein Soldat des gelandeten Trupps, der sich mit der Wache vor dem Zelt unterhielt. »Caramba!« prahlte der Mann. »Ich schwöre dir, Remigio, wir haben die Hunde zusammengehauen, daß kein einziger seine Zunge heimbringen wird, um von unserem Sieg zu erzählen!« »Und warum, amigo mio , holt man denn jetzt noch die Kanonen?« »Pah!« meinte der andere wegwerfend, rollte eine neue Zigarette und entzündete sie an der seines Kameraden. »Es ist nur eine Laune Seiner Exzellenza. Der Bote holte uns ein, als wir das Ufer erreichten. Der General will sich das Vergnügen machen, die alte Ruine zusammenzuschießen, wohin sich einige dieser Schurken zurückgezogen haben. Ich wette mit dir fünfzig Realen, daß sie um Gnade bitten, wenn sie unsere Artillerie sehen.« »Mag sein. – 's wird ihnen wenig helfen auf dem Weg zur Hölle. Es sollen verteufelt viele Ketzer unter ihnen sein, die nicht einmal die Gnade des Fegefeuers verdienen. Kugel oder Messer sind viel zu gut für sie! Einen starken Ast und einen guten Strick!« Remigio schlug einen Kreis um seinen Hals und zeigte nach oben. »Hast du keine Beute gemacht, Señor Don Truxillos?« »Nicht viel. Diese Schurken berauben uns um unser rechtmäßiges Eigentum, indem sie nichts in ihren Taschen führen, wenn man ihnen die Ehre antut, ihnen den Kopf abzuschneiden! – Zwei Ringe und zwanzig Pesaros sind alles, was mir die Feiglinge in der Eile vererbten!« »Ist es Ihnen gefällig, Señor Don Alvaro Truxillos de Esta La Mancia,« fragte die Wache in der Grandezza altspanischer Höflichkeit, »mit mir um die Ringe und das Geld gegen diese goldene Toquilla zu spielen?« »Mit Vergnügen, Señor Don Remigio Vasquez. Sie wissen, daß ich einem Freund nie eine solche Gefälligkeit abschlage!« Der Posten lehnte unbekümmert sein Gewehr an das Zelt und zog ein schmutziges Spiel Karten aus der Tasche. Darauf setzten sich die hochedlen und stark zerlumpten Cavalieros auf ihre Ponchos und begannen sofort ihr Spiel; alles andere um sie her war für sie jetzt nicht mehr vorhanden. Das Herz schlug Aniella. Jetzt wußte sie, warum der Major noch nicht bei ihr erschienen war: Giuseppe hatte sich bis zur Mission durchgeschlagen und leistete dort dem Feind erfolgreichen Widerstand. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß es seinem hohen Geist auch ferner gelingen werde, sich und die Seinen zu retten. Sie drückte im Übermaß des Dankes gegen die Hilfe von oben beide Hände auf die Brust. Am Ufer oberhalb des Lagers wurde es lebendig; man traf Anstalten, die verlangten Geschütze einzuschiffen. Die vier kleinen Kriegsfahrzeuge steuerten herbei; Aniellas heiße Gebete um irgendeinen Unfall oder eine Verzögerung begleiteten die Boote, die die Kanonen trugen. Die verschiedensten Pläne hatte sie schon für einen Fluchtversuch entworfen; alle erwiesen sich bei näherer Prüfung als unausführbar; für alle Fälle erschien ihr aber als das Notwendigste und Nächste, ihre Wächter und vor allem Don Estevan über ihre wahren Gesinnungen zu täuschen. Das weitere mußte dann dem Himmel überlassen bleiben. Endlich erschien der Major im Zelt. Zu seiner Verwunderung empfing ihn seine widerspenstige Gefangene mit ruhiger, fast heiterer Miene. »Wie geht es Ihnen, schöne Doña?« fragte er spöttisch. »Danke«, erwiderte sie und wich seinen Armen aus. »Haben meine Leute alles getan, um mir den süßen Dank für meine Mühen zu erwerben?« Er war dicht an sie herangetreten und erhaschte ihren Arm. Sie sträubte sich nicht mehr. »Señor,« sagte sie, »das Kriegsgeschick hat mich in Ihre Hände gegeben. Wenn Sie mich anfangs auch nicht gerade als Cavaliero behandelt haben, so beginne ich doch einzusehen, daß ich vielleicht den Heiligen Dank sagen kann für die Wendung meines Geschicks. Wüßte ich, was aus meinem armen Kind geworden ist, das Manuelo mir entrissen hat, so würde ich jetzt ganz ruhig sein.« »Dann beruhigen Sie sich, Señora. Der Pardo ist mein Alferez und wird bald zurückkehren, wenn er nicht schon zu Don Urquizas Schar gestoßen ist. Por el amor de Dios ! Sie sehen mich verwundert, Doña! Sie freuen sich über die Wendung Ihres Geschicks? Wie soll ich das verstehen? Man sagte mir, daß Sie diesen schurkischen Fremdling aus Liebe geheiratet hätten?« »Liebe? – Oh, es war bitterer Zwang! Ich war nicht viel besser als eine Gefangene. Tausendmal habe ich den törichten Schritt bereut, der mich dem Schutz Seiner Exzellenz des Diktators entfliehen ließ und mich fast all meines Vermögens diesseits und jenseits des La Plata beraubt hat!« Don Estevan ergriff ihre Hand und küßte die Fingerspitzen. Bei aller männchenhaften Vernarrtheit in die Schönheit Aniellas war er doch ein Mann von Berechnung; schon früher hatte er seine Wünsche auf die reiche Erbin gerichtet und war nur dem Einfluß des Obersten Adeodato da Gondra und seiner gewalttätigen Rotte gewichen. »Ich küsse Ihnen tausendmal die Hände für diese Nachricht! Ich glaubte eine ablehnende Spröde zu finden und sehe meine verwegensten Hoffnungen erfüllt. Ich habe ein Anrecht auf Sie, reizende Doña, denn ich gewann Sie Adeodato im ehrlichen Monte ab. Er war kein Cavaliero – nie hätte ich das hohe Glück Ihres Besitzes auf die Unzuverlässigkeit der Karten gesetzt!« »Aber Sie selber taten es!« sagte Aniella mit gut gespieltem Verletztsein. Don Estevan hob die Hand wie zum Schwur. » Por el amor de Dios , schönste aller Frauen! – Ich konnte Sie im Monte doch nicht verlieren, sondern nur gewinnen!« Aniella entzog ihm ihre Hand. »Ach, Sie sagen mir nicht die Wahrheit! – Gewinnen? – Ich weiß wohl den Einsatz bei Ihrem frevelhaften Spiel!« »Glauben Sie meinem Schwur, schönste Doña! Beim Himmel und bei der Hölle: Ich hätte Sie in der Nacht entführt und den Elenden beseitigt, der das Glück Ihrer Liebe nicht zu schätzen wußte!« »Aber – ich bin arm! Nichts nenne ich mehr mein eigen, als die Kleidung, die ich hier trage!« »Ich verlange nichts als den Reichtum Ihrer Schönheit und Zärtlichkeit! – Aber Seine Exzellenz der Diktator wird sich ein Vergnügen daraus machen, wenn die rechtmäßige Erbin zu ihrer Pflicht zurückkehrt und ihren gehorsamsten Diener zum Glücklichsten der Sterblichen macht, meine Verdienste mit Ihren Gütern zu belohnen!« »Bedenken Sie, ich bin verheiratet!« » Caramba! Sie werden es in einigen Stunden nicht mehr sein! General Urquiza hat geschworen, diese italienischen Landstreicher zu vernichten. Es ist so gut wie geschehen – ich beglückwünsche Sie zu der ersehnten Witwenschaft!« Die Hand Aniellas zuckte nach dem Dolch, aber sie bezwang sich. »Selbst wenn ich so glücklich wäre, Witwe zu werden, Señor Don Estevan, dürfte ich nicht daran denken, Sie zu erhören.« »Warum nicht?« »Ihr Alferez Manuelo erhebt ältere Ansprüche an mich.« »Der Bursche mit dem unreinen Blut? Ich will ihn in den Uruguay werfen, wenn er sich wieder blicken läßt!« Don Estevan befahl, Erfrischungen vor das Zelt zu bringen, und setzte seine Huldigung mit dem Übermut und der Sicherheit eines Siegers fort, der wußte, daß ihm nichts verweigert werden dürfe. Aniella führte einen schweren Kampf mit ihrem Zorn und ihrem Schmerz. Ihre Angst wuchs mit jeder Minute; die Hoffnung auf eine Gelegenheit zur Flucht schwand immer mehr. Die Milizen und die zurückgebliebenen Gauchos hatten sich gelagert und ließen sich von ihren zurückgekehrten Gefährten über den Kampf im Tal von San Dolores berichten. Auch die Offiziere waren zu gleichem Zweck herbeigekommen: überdies waren sie gewohnt, daß der Major alle Abend Bank hielt. Man hatte große Feuer angezündet, um die Stechfliegen abzuhalten. In zahlreichen Gruppen lagen, saßen und standen Offiziere und Mannschaften umher. Alles rauchte, plauderte und spielte und trank dazu den scharfen Mescal oder den duftigen Paraguaytee. In einiger Entfernung sah man die dunklen Gestalten der Wachen, in ihre Ponchos gehüllt, mit den glühenden Zigarren, die wie Leuchtkäfer aufschimmerten. Vergebens aber hatte Aniella gehofft, der Sieg der Föderalisten werde ihnen zu einem ausgelassenen Gelage Veranlassung geben, das ihre Wachsamkeit einschläferte. Don Estevan war kein Freund berauschender Getränke wie Adeodato da Gondra; in diesem Punkt hielt er auch bei seinen Leuten auf Strenge. Er selbst begnügte sich mit dem starken Tee; die einzige Leidenschaft, die er zu haben schien, war das Spiel; seine Augen folgten lebhaft dem Monte, das beim Schein eines Feuers in seiner Nähe von zwei jüngeren Offizieren um bedeutende Summen gespielt wurde. »Caramba!« sagte der eine und warf die Karten erbost auf den Boden. »Sie haben zu viel Glück heut', Señor Don Baraja! Was meinen Sie wohl, Major, was ich in fünf Abzügen verspielt habe? Hundert bare Dublonen und mein Pferd El Noro.« »El Noro? – Teufel! – Es ist unter Brüdern die gleiche Summe wert. Ich hätte sie Ihnen längst dafür geboten, Don Alava, wenn ich nicht den Sausenden Wind besäße!« »Sie wollen doch nicht sagen, Major, daß Ihr Pferd besser ist als El Noro?« »Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, Señor Capitano, gewiß will ich das!« »Den Teufel auch!« Er sprang wütend auf. »Ruhe, amigo !« lachte Don Baraja. »Wenn auch El Noro ein Prachtgaul ist, so wäre ich doch im Zweifel ...« »Was, auch Sie, Don Baraja? – Major, Sie sehen, meine Ehre ist berührt. Wollen Sie mit mir wetten, daß ich jene Palmen an dem Hügel dort auf dem äußersten Vorposten mit El Noro eher erreiche als Sie?« »Mit Vergnügen, Señor Capitano – vorausgesetzt, daß Ihnen Don Baraja das Pferd leiht! Denn es ist nicht mehr das Ihre!« »Selbstverständlich!« rief Don Baraja. »Was gilt die Wette, Señor Don Estevan? Sie haben eine prächtige Anguera . Wollen Sie sie gegen meine Pistolen mit dem Silberbeschlag setzen?« »Gut! – Lassen Sie die Pferde bringen.« Es waren schöne Tiere, das eine von andalusischer Zucht, das andere von der wilden indianischen Rasse. Man bedarf in den Pampas nicht vieler Vorbereitungen zu einem Wettrennen wie in Europa. Die Sättel wurden aufgelegt; die Reiter standen in den Bügeln. Die bunte Mannschaft bildete eine lange Gasse. Ein Offizier gab das Zeichen. Dahin flogen die beiden Renner unter dem lauten Zuruf der Menge. Der Sausende Wind, das Pferd der Pampas, gewann einen kleinen Vorteil. »Er gewinnt!« schrie Don Alvaro Truxillos Esta La Mancia. Wetten wurden auf ihn abgeschlossen. »Fünf Dublonen für den Sausenden Wind!« »Acht!« »Zehn!« Don Baraja stieß einen langen Fluch aus. »Ich brenn' ihm die Augen aus, wenn er verliert! – Zwanzig für El Noro!« Alles lachte. » Caramba ! – Er fällt ab!« »El Noro! El Noro!« Die ganze Glut der schnell aufspringenden südländischen Begeisterung hatte die zusammengewürfelten Abenteurer und Landsknechte erfaßt. Gestachelt von seinem Reiter, griff der edle spanische Hengst in weiten Sprüngen aus. Ehe sie sich noch dem Hügel mit den drei Palmen genähert, war Don Estevan zurückgefallen. Unter dem Jubelgeschrei der Menge jagte Don Alava als erster durch das Ziel. Im Galopp kamen sie zurück. Der Major verärgert, weniger über den Verlust der Anguera, als über die Niederlage seines bisher für unbesiegbar gehaltenen Pferdes. Aniella war vor das Zelt getreten. Ihre Blicke fielen auf ihr eigenes, silbergraues Pferd, das unfern des Zeltes in den Reihen der Tiere der Gauchos graste. »Der Teufel hat sein Spiel getrieben, schöne Señora«, sagte der Major. »Ich glaubte heute den Sausenden Wind Ihren Augen in seinem Triumph über alle anderen Pferde zeigen zu können, und da läßt mich das tückische Vieh zum erstenmal im Stich! Ich will ihn in seine Querenzia zurückschicken, sobald wir wieder in den Grenzen von Buenos Aires sind! – Bring' die Anguera, Jaime – sie ist Eigentum des Señors Don Ruperto Alava.« Aniella trat an das Pferd heran und streichelte es. »Ein wackeres Tier, Señor«, sagte sie. »Es hat geleistet, was ihm möglich war. – Aber El Noro ist ein unübertrefflicher Renner! Ich kenne nur ein Roß, das dem Andalusier die Spitze bieten könnte!« Don Estevan fuhr hoch. » Caramba ! Und das wäre?« »Es ist in Ihrem Besitz, Señor Don Estevan!« »In meinem Besitz? – Was meinen Sie, schöne Señora?« »Jenen Grauschimmel dort!« »Hölle! – Das wäre! Er sieht aus, als könne er höchstens mit einem Mulo um die Wette rennen.« »Und doch, Señor, versichere ich Sie, daß meine Mola Ihre Niederlage in einen Sieg verwandeln würde!« »Kennen Sie denn das Pferd?« »Es war das meine und gehört jetzt Ihnen.« »Oh,« lachte der Major erfreut, »ich küsse Ihre Hände! Mögen Sie tausend Jahre leben, Señora! – Sie wissen sehr wohl, daß ich Ihr Sklave bin, und alles, was ich besitze. Ihr Eigentum ist! – Führt das Pferd herbei! Wir wollen einen Versuch machen! – Wer wettet dagegen, Cavalieros?« Zehn, zwölf Stimmen erboten sich, dagegen zu halten. Die silbergraue Stute, wenn sie auch stark war, versprach doch kein besonderes Rennen. Don Estevan schwang sich in die Bügel. »Für Sie, schönste Doña!« Aber trotz den Sporen rührte sich das Roß nicht von der Stelle. Aniella lachte heiter. Sie wußte, daß jede Miene, jedes Wort zuviel oder zuwenig noch im letzten Augenblick ihr keckes Spiel verderben konnte und bot alle Kaltblütigkeit auf. »Sie machen sich vergebliche Mühe, Señor«, sagte sie. »Der Graue wird nicht von der Stelle gehen. Er ist nichts als ein gewöhnliches Tier, wenn er nicht seine Herrin auf dem Rücken fühlt. Wollen Sie Don Alava den Ruhm entreißen, Sie geschlagen zu haben?« »Sprechen Sie! Was muß ich tun?« »Dann lassen Sie mich ihn einen Augenblick besteigen. Ich will Ihnen zeigen, daß er El Noro weit hinter sich läßt!« Don Estevan schaute sie mißtrauisch an. »Das wäre eine treffliche Gelegenheit zur Flucht, Señora mia!« Aniella lachte laut auf. »Wohin denn, Señor? Ihre Posten stehen überall. Fürchten diese Cavalieros eine unbewaffnete Frau? Indes, wie Sie wollen, ich mochte nur dem Señor dort nicht die Ehre des Abends lassen und hoffte, ein Cavaliero, der Aniella Crousa zu gewinnen wünscht, würde einige Dublonen auf ihr Wort verwetten!« Sie drehte ihm den Rücken und wandte sich zum Zelt zurück. Don Estevan sprang schnell aus dem Sattel. »Bei San Antonio, Señora, Sie mißverstehen mich! Meine Einwendungen galten nur der Bewahrung meines Glücks! – Heda! Zehn Mann in den Sattel! – So. Galoppiert zu jener Gruppe von Biberbäumen dort, wo der Posten nach Süden steht. Das Gelände am Fluß entlang wird sich besser zum Ritt eignen, als nach der anderen Seite. Fünfzig Golddublonen auf unsere schöne Gefangene, Cavalieros!« Aniella war als Gefährtin Giuseppe Garibaldis im Heer ihrer bisherigen Gegner als kühne und gewandte Reiterin bekannt; das Vertrauen, das sie auf ihr Pferd setzte, erwarb diesem daher mehr Aufmerksamkeit als früher. Ihre Sieger waren erregt. Jeder hatte ein Wort für die beiden Pferde; hundert verschiedene Geschichten und Bemerkungen über die wilden Ritte und Renner der Pampas kreuzten sich während der Vorbereitungen zu dem Wettlauf. Vor den Augen Aniellas wurden diese Vorbereitungen durch Don Estevan mit größerer Sorgfalt als vorher getroffen. Sie tat jedoch, als achte sie nicht darauf, daß man das etwa zweitausend Schritt entfernte Ziel, das in der sternenklaren Nacht deutlich zu sehen war, stromabwärts bestimmt hatte, damit sie nicht etwa über die Posten hinaus nach Concordia zu entfliehen versuche. Auf einen Wink des Majors stellten sich mehrere Berittene auf der Landseite der Bahn auf; an der anderen Seite wurde sie von dem steilen Hochufer des Flusses begrenzt, der nur am Lagerplatz eine bequeme Landungsstelle bot. Ihr Herz klopfte, als wollte es die Brust zersprengen; aber sie zwang sich, ruhig und kalt zu scheinen. Um die fieberhafte Röte ihrer Wangen zu verbergen, beschäftigte sie sich eifrig mit Mola. »Nun denn, Señora«, sagte endlich Don Estevan. »Geben Sie uns eine Probe Ihrer Geschicklichkeit als Reiterin. – Lassen Sie mich die fünfzig Dublonen gewinnen; ich verliere dafür mein Herz und meine Freiheit!« »Die Dublonen sind Ihnen sicher. Ihr Herz und Ihre Freiheit gehören mir längst, edler Don!« lächelte sie. Er bot ihr höflich das Knie zum Aufsteigen; sie setzte den Fuß darauf und schwang sich nach der Art der spanischen und südamerikanischen Frauen, die wie die Männer reiten, leicht wie ein Vogel in den Sattel. »Sind Sie bereit, angebetete Doña?« »Ich warte, Señor Don Estevan!« Ein heißer Blick, den Don Estevan in seiner Eitelkeit als ein Zeichen ihrer Leidenschaft deutete – er hob die Hand, und dahin stürmten die beiden Gäule. Das Geschrei der Menge feuerte sie an – aus dem Galopp wurde bald eine rasende Jagd. Der Silbergraue hielt sich wacker, doch schon nach den ersten zweihundert Schritt hatte der spanische Renner einen Vorsprung, der sich mit jedem Augenblick vergrößerte. »El Noro! El Noro!« »Zehn Dublonen auf El Noro!« »Zwölf!« »Fünfzehn!« »Noch zwanzig auf die Doña!« schrie Don Estevan wütend. Ein Schrei ging durch die Menge – das Pferd Aniellas brach von der geraden Richtung aus und jagte dem kaum fünfzig Schritt entfernten Ufer des Flusses zu. Die kühne Reiterin hatte die Herrschaft über das Roß eingebüßt. Schrecken lag auf allen Gesichtern. Sie schien verloren. Da – am Rand des Ufers nahm sie ihr Pferd vorn hoch und mit Sporen und Zuruf stachelte sie es zu dem gewaltigen Sprung hinunter in die Tiefe. Das Wasser spritzte auf – ein Schrei schallte aus der Flut. »Viva la unidad!« Einen Atemzug lang stand die Menge erstarrt. Dann ein Aufkochen der Wut. »Mordito! – Die Hexe hat uns betrogen! – Sie flieht! – Ihr nach, Kameraden! Fangt sie! Fangt sie!« Don Estevan stürzte ans Ufer; von allen Seiten eilten die Zuschauer des seltsamen Wettrennens, die Soldaten, die Gauchos, die Offiziere in leidenschaftlichem Durcheinander herbei. »Ruft die Schiffe! – Treibt die Gäule ins Wasser! – Verfolgt sie! Verfolgt sie!« Aber die Boote und Fahrzeuge waren weit oberhalb, zumeist am jenseitigen Ufer, wohin sie die Kanonen geschafft hatten. Und selbst die kühnen Gauchos und Vaqueros wagten sich nur vorsichtig mit ihren Tieren das steile Ufer hinab und kaum zehn, zwanzig Schritt weit in den Fluß – Tiefe und Strömung waren ihnen zu bedenklich. »Bei San Jago! Die Teufelin wird entkommen! – Schießt! – Möge ihr Blut den Uruguay färben!« Viele Musketen knallten in den dunklen Fluß hinunter. Aber keiner traf die tollkühne Frau. Aniella hatte sich, kaum daß sie sich im Wasser fühlte, mit jener Kaltblütigkeit des wahren Mutes, die selbst in der größten Gefahr jeden Vorteil, jeden Umstand berechnet, sogleich von ihrem Gaul geworfen. Hinter ihm drein schwimmend ließ sie sich von ihm mit fortziehen, indem sie sich an seinem Schweif festhielt. Mola, von der Last der Reiterin befreit, arbeitete tapfer weiter, quer über den Strom. Sie hielt die Nüstern der Strömung entgegen und kämpfte sich hinüber. Aber die ungeheure Breite war dennoch zu viel für die Kraft des treuen Tieres, und auch zu viel für die Kräfte Aniellas. Häufig fluteten die Wellen über ihren Kopf und drohten sie zu ersticken, denn nur mit einem Arm vermochte sie sich oben zu halten. Die Muskeln des linken Armes, mit dem sie sich am Schweif anklammerte, erschlafften und begannen nachzulassen. Das gurgelnde Schnauben der Stute zeigte, daß auch deren Kräfte zu Ende gingen. Mit letzter Anstrengung erhob Aniella sich in verzweifeltem Schwimmstoß noch einmal aus dem Wasser und richtete ihre Blicke nach dem Ufer – ach, dessen dunkle Schatten waren noch weit – sie fühlte, daß es unerreichbar war. Aniella Garibaldi rechnete mit ihrem Leben ab. » Ave Maria purissima! Sin pecade concebida –« Zweimal schon hatte die erstarrende Hand den Schweif Molas verloren, die mit versagenden Muskeln krampfhaft weiter schwamm. Sie hielt sich jetzt in die lange Mähne des Tieres eingekrallt und zog im Todeskampf damit seinen Kopf unter das Wasser. Der Graue schüttelte sich in heftiger Gegenwehr – Aniella fühlte die nassen Haare aus ihrer Hand gleiten – »José! – Mein Kind! – –« Sie öffnete den Mund zum letzten Stoßgebet – Wasser drang in Mund und Kehle – erstickend bäumte sich ihr Körper auf und versank. Das Sterben war schön. Bunt und sonnig zogen ihre hellen Stunden grüßend an ihr vorüber. Leicht wurde es in ihr. Sie fühlte sich gehoben, höher und immer höher. Licht und lichter wurde es um sie her. Ihre Sinne schwanden. Als Aniella wieder zu sich kam, fand sie sich auf einer flachen sandigen Stelle. Wasser rauschte irgendwo. Etwas Feuchtes, Warmes strich über ihr Gesicht hin. Sie öffnete die Augen. Mola stand neben ihr und leckte sie. Nach einigen Augenblicken gewann sie Besinnung genug, sich an das Vergangene zu erinnem. Spuren des breiten Gebisses an ihren Kleidern zeigten ihr, daß das Tier allein ihr Retter gewesen war. Im Augenblick seiner vollen Erschöpfung hatte es Grund auf einer Sandbank gefunden, die vom Ufer weit hinein reichte in den Fluß; gerade als die Wellen den Körper seiner Herrin an ihm vorbei rissen, hatte es ihn in dunklem Drang erfaßt und bis zum Ufer mit den Zähnen über Wasser gehalten. Im Nu kehrte ihre altgewohnte Tatkraft zurück. Sie schüttelte das Wasser aus den Haaren und warf einen Blick zurück auf das nasse Grab, dem sie entronnen war. Drüben am jenseitigen Ufer brannten die Wachtfeuer der Föderalisten; über den Strom kam mit schwellendem Segel ein großes Boot. »Noch einmal, Mola, meine treue Mola!« sagte sie und legte schmeichelnd ihre Wange an den Hals des Pferdes. »Die Verfolger kommen! Sie dürfen uns hier nicht mehr finden!« Mola wieherte ihr zu, als verstände sie die Worte der Gebieterin. »Los!« Aniella saß im Sattel und galoppierte im Schutz der Bäume und Büsche davon. Der Morgen dämmerte über die Wipfel des Urwalds. Aniella Garibaldi, den Zügel ihres Pferdes um den Arm geschlungen, trat vorsichtig auf der Nordseite des válle de páz auf dem Gipfel einer der umliegenden Höhen aus dem Hochwald heraus. Durch die Büsche machte sie sich mühsam Bahn bis zu einer freien Stelle, von der aus sie eine volle Aussicht auf das einst so stille, liebliche Tal gewann. Während des nächtlichen Rittes hatte ein mächtiger Feuerschein ihr den Weg gewiesen und ihr Herz mit banger Ahnung erfüllt. An der Stelle der Indianerhütten lagen an den Hügeln und Berghängen nur noch einzelne verkohlte Trümmermassen. Aus dem geborstenen Gemäuer der Mission, dessen Festigkeit selbst den Flammen widerstanden, wälzten sich noch dunkle Rauchwolken hinauf in den Morgenhimmel. Alles war Tod und Vernichtung. Um die Ruinen lagerten die Föderalisten: Gauchos und Indianer. Einzelne durchforschten die Trümmer, andere machten sich bereit, die Gegend zu durchstreifen. Die Mehrzahl lag, eingehüllt in ihre Ponchos und von der Anstrengung des vergangenen Tages erschöpft, noch tief im Schlaf, teils im freien Feld oder unter dem Schutz der Bäume, teils um niedergebrannte Feuer. Es gab keinen Zweifel mehr: Garibaldi, der Tapfere, Kühne; Hochherzige, der Vater ihres verlorenen Kindes, er lag tot und starr mit seinen Kriegern unter jenen Ruinen. Aniella sank in die Knie; Tränen rannten über ihr Gesicht und erleichterten ihr Herz. Sie betete für den Toten, den sie nie wiedersehen, dessen Leiche sie nicht einmal suchen und begraben durfte. Und sie haderte mit dem unerforschlichen Ratschluß dessen, der über allem Geschaffenen wacht und der es nicht zugelassen hatte, daß auch sie jetzt friedlich auf dem Grund des Uruguay schlummerte. Die Sonne stieg über die grüne Mauer des Urwaldes. Im Tal erwachte das Leben. Aber nicht die Glocke der Mission rief wie einst die friedlichen Bewohner zur gemeinsamen Andacht – die Trompete schmetterte, und der gellende Ruf der Puelchen weckte den Widerhall der Höhen. Wie zum Hohn wurden die beiden Kanonen gelöst, die am Abend vorher allein den tapfern Widerstand der italienischen Legion zu brechen vermocht. Aniella begriff, jeder Augenblick längern Verweilens hieß, sich einer nutzlosen Gefahr preisgeben. Die Pflicht der Gattin endete an dem steinernen Sarg, den Ruinen von San Dolores; die Erbschaft der Mutter begann. Noch einen Blick warf sie auf das blutgetränkte Tal des Friedens, auf das Grab Garibaldis – dann faßte sie den Zügel ihres Pferdes fester und führte es zurück in den Urwald. Sie umging das Tal in weitem Bogen und setzte dann ihren Weg in der Richtung fort, in der sie den Pardo und La-Muerte hatte sich entfernen sehen. Kaum fünfhundert Schritt weiter rechts hätte sie die breite Fährte gefunden, die der Rest der italienischen Legion auf der Flucht zurückgelassen hatte – eine deutliche Sprache der Wildnis für das scharfe Auge der Rostreadora. Erschöpft von den Aufregungen im Lager der Föderalisten und den Strapazen des Nachtrittes, kam Aniella mit ihrer Stute Mola nur langsam voran. Je weiter die kühne Frau kam, desto stiller und großartiger entfaltete sich der Urwald; schauerlich wilde Täler in kühler, ewig grüner Dämmerung wechselten mit schwarzen Schluchten und steilen Höhen. An den jetzt meist eingetrockneten Waldcorregos verblühten unbekannte Prachtblumen, fern und unbewundert vom menschlichen Auge. Nach kurzer Rast für sich und das Pferd, während der sie Hunger und Durst mit Früchten, Wurzeln und einem Trunk aus klarer Quelle stillte, setzte Aniella unerschrocken ihren Weg fort. Sie hoffte, am andern Tag die Spur Manuelos und seines Verfolgers wieder zu kreuzen. Sie hatte deren Richtung verlassen müssen, da sie gegen Mittag auf ihr die frischen Zeichen zweier Jaguare gefunden hatte. So drang sie immer tiefer in die dämmernde Einsamkeit des Urwalds. So geschickt und kundig sie auch in den Pampas und den niederen Gebieten an der Küste des Meeres und des Silberstroms gewesen war, in diesen schweigenden Tiefen hörte ihre Erfahrung auf. Das dichte Blätterdach ließ weder Mond noch Sterne in die vollkommene Finsternis der Nacht dringen. Aniella hatte jede Richtung verloren. Doch sie verzweifelte nicht. Sie beschloß, an der Stelle, wo die Nacht sie überrascht hatte, bis zum Morgengrauen zu ruhen. Sie bereitete sich ein Lager von Farnkraut und Moos zwischen den Wurzeln eines seltsamen Baumes. Sechs Fuß hoch von der Erde entsprangen aus seinem unten dünnen Stamm Ausläufer, die sich, platt zusammengedrückt, schräg in die Erde hinabsenkten, wo sie kräftige Wurzeln bildeten, während über ihnen der Stamm in riesiger Dicke und Höhe sich erhob. Eben noch war des Glockenvogels Ruf verhallt und eines Papageien kreischendes Geschrei – und jetzt war alles totenstill. Das schnurrende Murren des Nachtaffen, das Winseln und Pfeifen des Sagaju begann; dazwischen gröhlte der Ruf des Brüllaffen, der, mit seiner Sippschaft auf dem weiten Geäst eines Mahagonibaumes verteilt, in Pausen die grause Stimme erhob. Aus einem fernen Sumpf mischte sich der dumpfe Schrei der Riesenkröte mit dem gedehnten Geheul der gefleckten Wildkatze, und darein scholl das grollende Gebrüll der Jaguarette. Aber selbst dies höllische Konzert und der Gedanke an alle Gefahren der Wildnis vermochten nicht, die Lider Aniellas auch nur Minuten länger offen zu halten. Indem sie ihre Seele und ihren Leib der Obhut dessen empfahl, der auch in den Schauern einer Urwaldnacht herrscht, schlief sie ein, dicht an den Leib ihrer treuen Mola gepreßt, allein von einer alten Decke geschützt, die sie am Tal des Friedens unter einem Strauch gefunden hatte. Die Sonne stand schon hoch, ihre Strahlen färbten das gewaltige Blätterdach in traumhaftes Grün, als Aniella durch eine Berührung ihrer aus der Decke hervorragenden Hand und einen quiekenden Ton geweckt wurde. Ein junges Pecari war ahnungslos in ihre Nähe getrollt. Aniella beobachtete das Tier durch die Falten der Decke; sie erkannte den Nutzen dieser Beute und stieß ihr das Messer, das sie auch im Schlaf nicht aus der Hand gelassen, in den Hals. Dann sprang sie auf. Der kleine Zwischenfall mahnte sie, sich eine bessere Waffe gegen die Tiere der Wildnis herzustellen. Sie schnitt einm jungen Stamm von zähem Holz und etwa sieben Fuß Länge ab. An seiner Spitze befestigte sie das spanische Messer aus dem Zelt Don Estevans mit Riemen, die sie aus dem überflüssigen Lederzeug des Zaumes schnitt; so besaß sie einen starken Speer. Dann suchte sie einige Waldfrüchte, weidete das junge Pecari aus, um es mitzunehmen, und sattelte Mola, die sich inzwischen an dem saftigen Gras der Umgebung gesättigt hatte. Wieder ging es hinein in das Unbekannte. Aber erfolglos war ihr Suchen nach der Spur des Pardos und des Negers; der Tag verging in vergeblichen Mühen; immer tiefer nur geriet sie in die Wildnis. Am Abend entfachte sie an einer geschützten Stelle ein Feuer und briet das Pecari. Im Schutz des Feuers brachte sie die Nacht halb schlafend, halb wachend zu; der dritte und vierte Tag vergingen wie der zweite. Sie wähnte sich weit von allen menschlichen Niederlassungen; aber ihre Irrwege hatten sie wieder in die Nähe von San Dolores geführt. Dies war eine neue Gefahr. Die Witterung der zahlreichen unbegrabenen Leichen hatte viele Raubtiere in die Nähe des Schlachtfeldes gelockt. Im Lauf des Tages war sie schon zweimal auf ihre Spuren gestoßen. Der Abend sank, als sie sich unfern der Quelle des Corrego fand, an der der Pardo mit ihrem Kind die erste Nacht zugebracht hatte. Aniella sammelte trockenes Holz, zündete ein Feuer am Abhang eines Hügels an und verzehrte den Rest des Fleisches. Die Stirn in die Hand gestützt, hockte sie neben den schwelenden Ästen und dachte des geliebten Toten und des verlorenen Kindes... Sie fuhr hoch. Ihre Hand packte den Speer. Mola stand mit weit geöffneten Nüstern zitternd neben ihr und witterte ins Gebüsch. Ein leises, klagendes Miauen ließ sich hören; heiseres Gebrüll antwortete von der anderen Seite. Aniella spürte ihren Herzschlag bis in den Hals hinauf. Oft schon hatte sie diese Stimme des Waldes in den letzten Tagen gehört... Es war der amerikanische Tiger, der Jaguar. Sie warf einen Arm voll trockenes Holz auf das Feuer, so daß die auflodernden Flammen weithin leuchteten. Die züngelnde Glut schien jedoch diesmal nicht ihre einschüchternde Wirkung auf die Bestien auszuüben. Das Miauen und Brüllen der beiden Katzen scholl lauter und näher; Mola schlug aus und gebärdete sich wie rasend. Vergeblich versuchte Aniella, sie durch Schmeicheln und Zureden zu beruhigen. Aniella wußte, daß der Verlust ihres Pferdes sie selber verderben mußte. Sie band es daher an einen Baum und machte sich bereit, mit ihrem eigenen Leben das des Tieres zu verteidigen. Sie legte einen Brand zurecht für den Augenblick der Gefahr und packte ihren Speer fester. Ihre Knie zitterten. Aus dem Gebrüll glaubte sie zu erkennen, daß es sich um ein Männchen und ein Weibchen handelte, die gemeinsam auf Beute auszogen. Nur der Gedanke an ihr Kind gab ihr Kraft, auszuharren und dem Kampf entgegenzusehen. Mehrere Male hatten die Bestien den Platz umkreist, ohne sich in den Bereich des Feuers zu wagen; aber mit jedem Augenblick wurde ihr Geheul grimmiger, ihre Wut größer. Hunger schien sie zu treiben, sich so kühn in die Nähe des Menschen und der Flamme zu begeben. Wieder ein wütendes Gebrüll – das Männchen sprang mit weitem Satz in den Lichtkreis. Aniella warf sich vor dem Pferd auf ein Knie und streckte ihren Speer vor. In diesem Augenblick flog die Bestie in weitem Sprung durch die Luft. Das Messer an der Spitze ihrer Lanze stieß mitten in die weißgelbe Brust des Jaguars und durchbohrte sie. Bis ans Holz drang die Klinge ein; aber die Kraft des Sprunges war so groß, daß der Schaft ihr aus der Hand geprellt und sie zu Boden gerissen wurde. Mit einem gewaltigen Ruck der Todesangst befreite sich das Pferd von seinen Banden und jagte den Hügel hinab in den dunklen Wald. Der schwer verwundete Jaguar krallte fauchend die Fänge in den weichen Boden. Als Antwort erscholl, jetzt ganz nahe, das Brüllen des erbitterten Weibchens. Aniella hob sich wieder auf die Knie – kaum zwanzig Fuß von ihr kauerte die andere Bestie, sprungbereit zurückgelehnt auf die Hintertatzen. Und sie war ohne jede Waffe; sie wußte, es wäre vergeblich gewesen, die Hand nach dem Feuerbrand auszustrekken, selbst wenn sie dazu noch die Zeit gefunden hätte. In diesem Stadium der Wut vermochte selbst die Flamme die Bestie nicht mehr abzuhalten. Der Jaguar stieß einen kurzen Schrei aus; seine Muskeln spannten sich zum Sprung – – Ein Schwirren dicht an ihrem Ohr, ein zischendes Sausen. Der Ton war ihr bekannt aus vielen Gefechten: eine Kugel, die die Luft zerriß. Und fast im gleichen Augenblick der Knall einer Büchse und das Geheul des zurückfallenden Jaguars. Bevor sie selber noch den Gedanken einer unverhofften Rettung zu fassen vermochte, schrillte ein Geheul, zehnfach wilder als das der erschossenen Bestie; dunkle Gestalten sprangen durch die Flammen – sie fühlte ihre Arme gepackt und zusammengeschnürt – und ehe sie einen Laut von sich geben konnte, wurde sie unter gellendem Triumphgeschrei aufgerissen und davongetragen. Entsetzt öffnete sie die im Übermaß der Erregung geschlossenen Lider – sie blickte in die grimmigen, bemalten Gesichter indianischer Krieger. Sie befand sich in den Händen der Puelchen. Der Menschenjäger Nur etwa eine halbe Legua von dem Hügel entfernt, auf dem Aniella ihr Lager aufgeschlagen hatte, flammte ein von trockenem Holz reichlich genährtes Feuer. Zwei gabelförmige Äste staken zu beiden Seiten. Auf ihnen drehte sich statt des Bratspießes ein eiserner Ladestock mit zwei fetten Hockohühnern und der Keule eines Pecari; dicht daneben brodelte in eisernem Topf das Wasser zum Paraguaytee. Ein zierliches Eßgeschirr von gediegenem Silber, sorgfältig für Reisezwecke gearbeitet, stand ausgebreitet auf dem weichen Moos, ein sonderbarer Anblick inmitten der wilden Umgebung. Weiterhin lagen vier leichte Zeltstangen mit Decken aus gummigetränktem Zeug, eine Büchse, eine Doppelflinte mit geschnitztem Kolben und damaszierten Läufen und ein paar trefflich gearbeiteter Revolver; ferner ein Packsattel mit einer Menge von Taschen und Behältern, wie sie die Verwöhnung eines reichen und anspruchsvollen Reisenden verlangt. Drei starke Pferde werdeten unfern des Lagers angehobbelt im Bereich des Feuerscheins, so daß sie nicht zu entweichen vermochten. Am Feuer saß ein Mann von mindestens sechs Fuß sechs Zoll, breitschultrig und von riesigen Gliedern, der gemächlich eine indianische Tonpfeife schmauchte und dabei den Bratspieß drehte. Er mochte etwa fünfundvierzig Jahre zählen; schlichtes Blondhaar bedeckte den Schädel, die großen grauen Augen waren ruhig und gleichgültig in die Ferne gerichtet. Der Mann trug ein schmutziggrünes Jagdhemd, hirschlederne Hosen und Gamaschen, plumpe, nägelbeschlagene Schuhe und an einem einen langen mexikanischen Sporn. In der linken Gamasche steckte ein großes Bowiemesser mit Holzgriff. Jagdtasche, Pulverhorn und Kugelbeutel lagen neben ihm, und eine schwere kanadische Büchse von kleinem Kaliber lehnte im Bereich seiner Hand. Er war ein Kanadier und einer der unerschrockenen Rangers of the woods, der Waldgänger, die im Felsgebirg, in Texas und in der Sonora die Verbindung zwischen europäischem Leben und der Freiheit des Wilden Westens bilden. Zwei Schritt von ihm lag in einer Hängematte ein etwa dreißigjähriger Mann von schlanker, sehniger Gestalt, höchstens von Mittelgröße. Trotz seiner Jugend war sein rötlichblondes Haar, jetzt von einer goldgestickten griechischen Mütze bedeckt, nur spärlich; er trug einen starken Backenbart, der das Kinn frei ließ. Das Gesicht, krankhaft bleich und schlaff, wurde durch ständiges Blinzeln der matten, hellblauen Augen noch mehr entstellt. Er trug einen kurzen gesteppten Schlafrock von chinesischer Seide, durch eine Goldschnur zusammengehalten. Beinkleider und Weste entsprachen der neuesten Mode; der von einer Rubinnadel zusammengehaltene Knoten des Halstuchs war so sorgfältig geschlungen, daß sich selbst Lord Palmerston für keine Gesellschaft dessen geschämt haben würde. Der seltsame Stutzer nahm mit der behandschuhten Rechten die Havanna aus dem Mund und gähnte laut und lange. Dann kniff er das Einglas in die linke Augenhöhle, wandte den Kopf dem Kanadier zu und betrachtete ihn. »Felsenherz«, sagte er schnarrend mit lispelnder Stimme. »Mister Peard?« »Sind Sie bald fertig? Fleurette hat Hunger. Das arme Tierchen ist so erschreckt worden!« Felsenherz murmelte etwas, was sich nicht wie eine Schmeichelei für Fleurette anhörte. Peard liebkoste ein Bologneserhündchen, das er an der Brust unter dem Schlafrock wärmte. »Denken Sie nur, Felsenherz, wenn es bei seinem Umherspringen von diesen Jaguaren gefressen worden wäre, die so wenig gentlemanlike vorhin an uns vorüberrannten.« »Wie mögen Sie sich nur um den Hund ängstigen, wo Sie selber so nahe daran waren, gefressen zu werden.« »Pah! Das ging Sie an, nicht mich! – Sie vergessen unseren Vertrag!« »Ich vergesse nichts, Sir, wofür ich mein Wort verpfändet habe«, erwiderte der Waldgänger. Er hob den Bratspieß von den Gabelästen und legte ziemlich ungeschickt Fleischstücke auf die silberne Schüssel. »Wissen möcht' ich doch, warum Sie für das nutzlose Vieh solche Sorgfalt hegen!« Peard küßte den Hund, setzte sich stöhnend in der Hängematte auf und ließ die Beine herabhängen. » By Jove , Felsenherz, ich begreife Sie nicht! Sie tragen Ihren Namen wirklich mit Recht. Denken Sie doch: das arme liebe Tierchen zwischen den Zähnen dieser Bestien! – Der Gedanke daran macht mich schon krank!« »Dann begreife ich nicht, Sir, wie es Ihnen Vergnügen machen kann, Menschen zu erschießen und sterben zu sehen!« »Die Aufregung, Felsenherz, die Aufregung! – Überdies sind es nur Wilde. Sie wollen mir ja leider nicht gestatten, einen weißen Mann zu schießen, obgleich das ganz gewiß weit fesselnder wäre.« »Ich glaube, daß dem roten Mann die Kugel und der Tod so weh tut wie einem weißen.« »Oh, sagen Sie das nicht, Felsenherz«, lispelte der Brite und streichelte zärtlich das Hündchen. »Es muß sogar ein großer Unterschied sein. Denken Sie sich, wenn ein Mann wie ich – nein, ich kann den Gedanken gar nicht ausdenken! – wissen Sie, ein Mann wie Sie, obgleich Sie von den kostbaren Genüssen des Lebens wenig genug wissen und nie bei Béfour gespeist haben oder die Taglioni und die Cerito tanzen sahen – also wenn Sie sterben müßten, so in voller Kraft und Gesundheit – denken Sie, Sie würden sich doch ganz anders sträuben als so ein Wilder, der nichts hat als seinen – fi donc! – räucherigen, unangenehm riechenden Wigwam!« »Ich denke, ich bin ein Christ, Herr! Wenigstens hat mich's meine Mutter gelehrt, und ich hoffe, ich werde ihr keine Schande machen, weder wenn mich Kugel oder Tomahawk im Gefecht treffen sollten, noch, wenn die Redmen mich an ihrem verdammten Marterpfahl braten!« »Marterpfahl!« sagte Peard fast jauchzend. »Das wäre so etwas für meine Augen, Felsenherz!« »Ich schieße die Roten nieder, wo sie mir über den Weg laufen. Aber ich tu's doch nur, um sie zu vernichten und um meine arme Mutter und die kleinen Mädchen zu rächen, die sie skalpierten, als ich noch ein Knabe war.« »Damned! – Ich möchte gern einmal das Sterben eines Skalpierten sehen; aber Sie wollten immer Ihr Messer nicht brauchen, als wir damals mit den Komantschen oft genug Gelegenheit gehabt hätten. – Schade! – So ein Kerl muß merkwürdige Zuckungen machen, wenn ihm die Kopfhaut fehlt und der abscheuliche Tod kommt.« Felsenherz antwortete nicht; er reinigte seinen Ladestock von den daran hängengebliebenen Fleischresten mit den Fingern. »O Felsenherz! Die Gabel, die Gabel!« rief Peard und setzte einen Fuß langsam und vorsichtig auf den Boden. »Sie haben noch viel zu sehr die schlechten Sitten der Wildnis! – Sagen Sie, wieviel Hirsche oder Büffel haben Sie wohl schon mit Ihrer schweren Büchse dort erlegt?« »Wie soll ich das wissen? Es mag eine hübsche Anzahl sein!« »Und empfinden Sie besonderes Vergnügen, wenn Sie einen guten Schuß anbringen?« »Gewiß! Ich müßte kein echter Jäger sein, wenn das nicht der Fall wäre!« »Nun, lieber Freund – wie Sie Vergnügen dabei empfinden, wenn ein Hirsch, von Ihrer Kugel getroffen, in die Höhe springt und fällt, so empfinde ich den gleichen Genuß, wenn ein Mensch die Arme in die Luft wirft und allerlei Grimassen schneidet, die ein unvernünftiges Tier gar nicht zu machen versteht!« »Abscheulich!« »Darüber, mein Bester, sind wir verschiedener Ansicht«, meinte Peard, setzte gleichmütig seinen zweiten Fuß auf die Erde und machte Anstalt, die Hängematte zu verlassen. »Ein Hirsch ist so gut ein Geschöpf wie ein Mensch. Überdies ist der Tod ein wissenschaftliches Studium. Jeder Arzt in Europa bringt in seiner Unwissenheit zehnmal mehr Menschen ums Leben als ich für mein Vergnügen und zur Bereicherung meiner Betrachtungen über das abscheuliche Sterben! Ich gestehe, ich fürchte mich selber ganz außerordentlich vor dem Sterben und studiere es daher um so eifriger. Sagen Sie, Felsenherz: hat irgendein anderer Mann, vom Großmogul oder Zaren herab bis zum Häuptling einer Bande Sioux herunter, mehr Recht als ich, Menschen für Zänkereien oder aus Habsucht totschießen zu lassen? – Doch Ihr Braten duftet ganz vortrefflich, obgleich ihm die Trüffelfüllung fehlt. – Sie wissen, Sie sind nach unserem Vertrag verpflichtet, täglich für drei gute Mahlzeiten für mich, Fleurette und die drei Pferde zu sorgen.« Er näherte sich dem Feuer und betrachtete durch sein Einglas die Vorbereitungen zum Abendbrot. »Hier ist das Essen, Sir«, sagte kurz Felsenherz. »Wenn Sie Hunger haben, langen Sie zu.« Er nahm eines der Hühner, zerriß es mit den Fingern, ohne das Messer zu benutzen, und begann zu essen. Peard sah ihm mißbilligend zu. Endlich, da sich der andere durchaus nicht weiter um ihn bekümmerte, bequemte er sich, sich auf eine der Decken niederzulassen, schnitt geziert einen Flügel des zweiten Huhns ab, schälte das Fleisch von den Knochen und fütterte damit das Hündchen. Darauf begann er selber den zweiten Flügel zu verspeisen. »Es ist erstaunlich, Felsenherz,« sagte er, »was Sie zu verzehren vermögen! Aber ich wiederhole Ihnen, Sie braten das Fleisch etwas zu viel. Fleurette liebt den Saft so sehr; das arme Tier hat ja nicht einmal Milch in dieser schändlichen Barbarei. Bitte, holen Sie mir den Senf und bringen Sie meinen Becher mit.« Felsenherz stand gehorsam auf und holte aus einer Tasche die Senfbüchse und den Behälter mit dem Becher. Er war von Gold und trug eines der ältesten und berühmtesten Wappen Englands. »Dies Indianerbrot ist wahrhaft abscheulich,« fuhr Peard fort, »man zerbricht sich die Zähne daran. Aufregung, Ärger, Anstrengung – nichts als Anstrengung in diesem verwünschten Land!« »Warum, zum Teufel, sind Sie dann hierher gekommen, Sir?« »Oh, ich hörte so viel von der Standhaftigkeit Ihrer Roten beim Sterben. Haben Sie Cooper gelesen und seinen letzten Mohikaner?« »Gott sei Dank, ich kenne Ihre verdammten Buchstaben nicht und weiß nicht, was Sie mit dem letzten Mohikaner meinen. Den Stamm gab's unter den Delawaren, wie ich gehört; aber er ist schon lange verschwunden.« »Mit Unkas und Chingachgook, mein Lieber. Bitte, gießen Sie mir etwas von Ihrem Paraguaytee ein. Also Cooper schildert so schön den Tod Ihrer Wilden; aber ich finde, er hat sehr übertrieben. Wissen Sie, Felsenherz, wie viele Löwen ich am Kap geschossen habe?« »Nein, Sir!« »Zehn, mein Lieber, und ich kann Sie versichern, es sind ganz andere Burschen als Ihre Pumas. Es liegt etwas im Auge des Löwen, wenn man so mit der rauchenden Büchse dabei steht und der stolze Bursche richtet unter der Mähne hervor den königlichen Blick im letzten Zucken auf den Jäger! – Sagte ich Ihnen, wieviel Tiger ich in Singapore schoß?« »Jaguare, Sir!« »Nein! Wirkliche Tiger, nicht ihre kleinen Katzen. Fünfzehn Stück, mein Guter. Ich kann Sie versichern, es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn der gestreifte Leib sich streckt, und die blutigen Augen zum letztenmal auf den Feind rollen. Selbst der sanfte, traurige Blick der wilden Elefanten erregt kein so angenehmes Prickeln, und ich erlegte ihrer doch über dreißig. Und dennoch, ich sage Ihnen, es ist alles nichts gegen einen geschossenen Menschen, wenn der Bursche halbwegs ein wenig Gefühl hat.« Der Kanadier sah ihn mit finsterm Blick von der Seite an. Er kaute eifrig an dem Pecaribraten, während der Engländer sorgsam ein Stück Hühnerbrust zerlegte. »Man wird der Löwen und Tiger und der Elefanten müd', es ist immer dasselbe. – Nichts Aufregendes! Das einzige wahre Vergnügen, das ich hatte, war, als ich einmal auf Borneo einen echten Orang tötete; seine Grimassen brachten mich zuerst auf den guten Gedanken, Menschen zu schießen, obgleich ich ihrer genug schon vorher hatte sterben sehen, und zwar auf die verschiedenste Weise. – Bitte, langen Sie mir den Jamaika herüber. – Danke. – Still, Fleurette, still, mein Hündchen – da, dieser beste Bissen ist für dich!« Er goß sorgfältig einen Teelöffel voll Rum, keinen Tropfen mehr, keinen weniger, und schüttete ihn in den Becher. »Wissen Sie, Felsenherz, es ist aber alles nichts gegen einen selbstgetanen Schuß. Ich sah einem Kerl in China den Leib aufschneiden und die Eingeweide herausnehmen, während er noch lebte. Es war ganz hübsch, aber wenig aufregend. Die Wilden auf Neuseeland zerschmettern mit einem einzigen Schlag ihrer Nephritkeulen einen Kopf wie eine Nuß. – Was haben sie davon? Nichts! – In Konstantinopel sah ich drei Arnauten, die einen Griechen ermordet, den Kopf abschneiden. Ich hatte dem Bimbaschi fünfhundert Piaster gegeben, daß er mich neben sich stehen ließ – aber das Geld war fortgeworfen! Die Köpfe wurden so ruhig heruntergeschnitten, wie sich ein Kohlkopf abschneiden läßt!« Felsenherz griff bei der abscheulichen Beschreibung hastig nach der Rumflasche und trank mit gewaltigen Zügen. »Selbst diese vielgerühmten Thugs in Bengalen und dem Karnatik, so geübt sie sind, haben nur wenig Genuß von ihrem Handwerk. Sie töten nur, um zu vernichten, nicht um zu beobachten, ja, sie verhüllen sogar gewöhnlich das Gesicht ihres Opfers mit einem Tuch. – Dummköpfe!« Die Art der Erzählung und die lispelnde, ein wenig schnarrende Stimme dazu wirkte abstoßend. Selbst der an Kampf und Blutvergießen gewöhnte Waldgänger hörte mit Schaudern zu und rückte ein wenig von dem Erzähler ab. »Diese Witwenverbrennungen in Indien entziehen der Beobachtung gleichfalls gerade den besten Augenblick. Ich sah ein junges Weib von siebzehn Jahren sich so gleichgültig auf den Holzstoß setzen, wie es keiner Ihrer gerühmtesten Krieger am Marterpfahl tun würde.« »Wie, Kapitän,« rief Felsenherz entrüstet, »und Sie konnten es mit ansehen, daß ein schwaches Weib wirklich verbrannt wurde? Das ist eine Teufelei, die selbst bei den Sioux nicht vorkommen würde!« »O – ich mußte mich im Palankin fünfhundert englische Meilen weit tragen lassen, um einem solchen Fest beizuwohnen!« »Unerhört!« stieß Felsenherz hervor. »Ich wiederhole Ihnen,« fuhr Peard fort, »alle diese Todesarten kommen der Aufregung, die man bei einem guten Schuß empfindet, während man sich sicher weiß, nicht im entferntesten gleich. Ich machte den ersten Versuch in Australien bei einer Buschfahrt. Obgleich es nur ein Schwarzer war, mehr Vieh als Mensch, empfand ich doch so viel Aufregung, einen so angenehmen neuen Reiz dabei, daß es seitdem mir zur wahren Notwendigkeit geworden ist, meine Nerven von Zeit zu Zeit damit wieder anzuregen. Schon dieses Zielen auf ein mit Seele begabtes Geschöpf, dieses Aufwerfen der Arme, wenn es die Kugel empfängt, dann dieses Drehen um sich selber und Zusammenstürzen, und vor allem aber nachher die Beobachtung der Zuckungen und des Arbeitens der Gesichtsmuskeln, während das Auge immer starrer und starrer wird – es ist das Höchste, was man in dieser langweiligen Welt noch finden kann! Nur traurig, daß Sie mir Versuche mit Weißen nicht erlauben wollen.« » Goddam ! Sie mögen es auf Ihre Gefahr hin wagen«, sagte Felsenherz mit einem grimmigen Seitenblick und griff bedeutsam nach der Büchse. »Dieser verfluchte Vertrag spricht nur von Farbigen!« »Unsern Vertrag, Felsenherz,« sagte, gleichgültig gegen die Drohung, Kapitän Peard – »Sie erinnern sich doch der Bedingungen?« »Zum Teufel, ja! Der Satan hat mich dazu verleitet! Es war demütigend genug, daß ich sie erfüllen mußte!« »Erfüllen mußte? – Oh, mein Bester, Sie haben sie noch nicht erfüllt!« »Wie, Sir?« begehrte Felsenherz auf. »Wollen Sie behaupten, daß ich mein Wort gebrochen habe?« »Nicht doch, mein Lieber! Ich möchte nur eine kleine Vergeßlichkeit andeuten.« Felsenherz stocherte verlegen im Feuer. »Hab' ich Sie nicht trotz allen Gefahren sicher durch ganz Amerika von den Felsgebirgen bis hierher begleitet? Ist Ihnen ein Finger geritzt oder ein Haar gekrümmt worden?« »Nein, Felsenherz, das sage ich nicht. Sie haben im Gegenteil Ihr wertes Leben häufig allzusehr eingesetzt für meine Sicherheit. Sie haben den Punkt Zwei des Vertrages ganz vortrefflich erfüllt.« »Nun, was wollen Sie noch? Hab' ich nicht für das, was Sie Ihre Bequemlichkeit nennen, gesorgt, als wäre ich eine indianische Squaw? Damned your eyes! Ich begreife in der Tat nicht, wie ein Mann, den ich in der Stunde der Not wie eine Eiche stehen und Strapazen und Hunger mit Gleichgültigkeit habe ertragen sehen, sich wie ein Affe an hundert weibische Dinge hängen kann!« Peard lachte herzlich; er nahm einen mit Gold und Perlmutter ausgelegten Taschenspiegel heraus, betrachtete sich darin und kämmte seinen Backenbart. » By Jove , das verstehen Sie nicht, Felsenherz, das verstehen Sie nicht! Sie sind ein ganz vortrefflicher Kerl in Ihrer Art, aber Sie haben keinen Begriff von Wohlerzogenheit!« »Ich versteh' nicht, wie ein Mann, der sich so verweichlicht, zu anderen Zeiten Entbehrungen und Anstrengungen erträgt, die ich kaum zu besiegen vermochte!« Peard lachte. »Das macht das Blut! – Haben Sie nie gehört, daß ein Pferd von echter Rasse, wenn es gilt, härtere Anstrengungen erträgt als jedes Roß aus den Querenzias? Ich bin durch die indische Thar gewandert, zehn Tage ohne mehr als eine bittere Wurzel zur Nahrung und den Tau des Himmels zum Getränk, während selbst die eingeborenen Beludschen um mich her wie die Fliegen verschmachteten. Ich war an Bord eines Schiffs, das auf der Fahrt ums Kap die Nordwestwinde bis zur arktischen Region verschlagen hatten; die Pumpen arbeiteten drei Tage und drei Nächte. Und als wir das Seewasser bewältigt hatten, fehlte es uns am Trinkwasser. Hundertundzwanzig Mann, Weiber und Kinder, mußten vierzehn Tage lang ausharren, unter der brennenden Hitze des Tages und der Kälte der Nacht, jeder kaum täglich ein Weinglas voll der eklen schlammigen Flüssigkeit. – Pah! Das ist es alles nicht, was ich jetzt meine, Mann. – Sie wissen recht gut, worauf ich ziele.« Felsenherz murmelte einige unverständliche Worte. »Erinnern Sie sich des Datums unsers Vertrags?« »Der Teufel hole ihn! – Es war der dreißigste März!« »Und heute haben wir den neunundzwanzigsten.« »Gott sei Dank! Ich will dem Teufel lieber dienen oder einer alten Siouxhexe als Ihnen, Sir! – Ich werde die Stunde segnen, die mich wieder zum anständigen Kerl macht!« Kapitän Peard schien diese Artigkeit höchst gleichgültig. Er zog sein Taschenbuch heraus und blätterte darin. »Richtig! Wir schlossen den Vertrag am dreißigsten März in Saint Louis – in vierundzwanzig Stunden ist Ihr Jahr um, und ich schulde Ihnen hundert Pfund Sterling, zwei Fäßchen Pulver, Blei und jene Doppelflinte dort, außerdem die Rückfahrt nach New Orleans. – Aber sollten Sie selber mir nicht noch einiges schulden?« Das Gesicht des Kanadiers verzog sich in böse Falten. Der Kapitän blätterte weiter in dem Buch. »Am zehnten Mai beim Überfall in den Felsgebirgen drei Arapagos erschossen. – Ist es nicht so?« Felsenherz nickte. »Drei Tage darauf jagte ich dem Cherokesen, der mir den Rasierbehälter stahl und den Sie mir gebunden zurückbrachten, die Kugel durch den Kopf.« Der Waldgänger warf ihm einen Blick zu, der seine Verachtung für die Tat zeigte. »Macht vier. – Nun kommt ein stattlicher Posten, als wir in Gesellschaft der Osagen, der schmutzigen Hunde, gegen die Creeks zogen. Ich erlegte fünfzehn aus dem Hinterhalt der Insel, eigentlich sechzehn, aber der Kerl, den ich mit dem Tomahawk niederschlug, zählt nicht, da unser Vertrag dahin lautet, daß Sie sie mir vor die Büchse bringen.« Felsenherz starrte finster ins Feuer. Peard blätterte weiter. »Am zehnten Juli zwei Mimbreños; die Burschen sträubten sich anständig gegen den Tod, ich muß es gestehen – ich traf den einen unter der rechten Schulter, und es dauerte lange, ehe er starb. Am Fünfzehnten auf der Flucht vor den Tejuas und den Apatschen – fünf davon, während Sie mir den Rücken deckten. Es ist wahr, ich hatte verteufelt wenig davon, da ich im Galoppieren schoß und jedes Verweilen mir den Skalp hätte kosten können. – Aber Sie sind in Ihrem Recht und können sie zählen, denn ich habe leider vergessen, im Punkt fünf hinzuzufügen, daß es mir vor allem darauf ankam, die Halunken sterben zu sehen. – Also sechsundzwanzig!« Die Stirn des Waldgängers zog sich immer drohender zusammen. »Nun kommt eine lange Pause«, fuhr Peard fort. »Es war, als ich in der Sierra Verde krank lag, in dem Wigwam der Yumas. Der alte Häuptling war ein merkwürdiger Bursche und oft auf dem Kriegspfad gewesen. Ich hätte ihn gern geschossen, aber es ging doch anständigerweise nicht an. Sein Sohn, der Schnelle Pfeil, fiel in unserer Verteidigung gegen die Komantschen. – Erinnern Sie sich dessen, Felsenherz?« Felsenherz bedeckte das Gesicht mit den Händen; aus seiner breiten Brust drang es wie Stöhnen. Es war eine der schmerzlichsten Erinnerungen dieses empörenden Vertrages, trotz seinem allgemeinen Haß gegen das rote Geschlecht, daß er einen jungen und tapfern Krieger hatte opfern müssen, um diesen kaltherzigen Briten zu retten. »Wir machten damals gute Geschäfte, Felsenherz. Sie töteten zwölf von diesen Komantschen, ich in drei Monaten einundzwanzig, ehe wir den Rio Grande hinunterfuhren und uns in Brownsville einschifften nach Venezuela. Seitdem ist es spärlich genug gegangen – nur drei von den häßlichen, lehmfressenden Amorias. Wir durchzogen ganz Bolivia und Paraguay, und diese sogenannten Llanos de Manso, die zahmen Indianer, hielten nicht ein einziges Mal Stich. – Zwei Cayapos in den brasilianischen Gebirgen – das war alles in vollen drei Monaten.« »Die Rothäute des Südens«, grollte der Waldläufer finster, »sind feig oder friedlich; sie haben uns nichts zuleid getan.« »Richtig, Felsenherz. Und deshalb kamen wir den Uruguay herab, weil wir hörten, daß die Pampasindianer an den Kriegen dieser spanischen Narren und Meuchelmörder teilnehmen. Nun, da sind wir; aber nach unsrer Rechnung, Felsenherz, fehlen mir noch acht Schüsse zu den sechzig, die ich innerhalb eines Jahres von Ihnen zu fordern hatte, und – morgen um Mittag läuft das Jahr ab!« Felsenherz hatte die breite Stirn in die Hand gestützt und starrte vor sich hin. Mit Gewalt riß er sich jetzt auf. »Sir,« sagte er, »kein Mann wird's leugnen: Sie sind in Ihrem Recht! – Aber das ewige Wesen dort oben, das wir Gott und das die Rothäute den Großen Geist nennen, möge mir vergeben, daß ich jenen höllischen Vertrag mit Ihnen geschlossen habe! – Als Sie mir den Vorschlag machten, glaubte ich, auch Sie hätten, wie ich, schweres Unrecht an den roten Männern zu rächen. Ich schlug in die Hand eines Kameraden, nicht in die eines, eines... Mörders! – Ja, eines Mörders! Mir drückt's schon lange das Herz ab, daß ich's Ihnen sagen muß, daß ich's Ihnen ins Gesicht schreie: Sie sind eine Bestie in Menschengestalt.« Er packte seine Büchse mit beiden Händen. »Lachen Sie nicht, oder – bei Gott – es geschieht ein Unglück!« Wie in tiefer Verzweiflung warf er heftig die Büchse beiseite und streckte dem Briten die gefalteten Hände entgegen. »Ich beschwöre Sie, Sir! Wenn noch ein Fünkchm Gefühl in Ihrer Brust wohnt, geben Sie mir mein Wort zurück! – Gott oben hört uns beide: Begnügen Sie sich mit dem, was wir schon getan haben! Ich will nichts, nichts, nichts von Ihrem Gold und Ihrem Reichtum!« »By Jove, Felsenherz, Sie sind ein Narr!« sagte Kapitän Peard kopfschüttelnd. »Seien Sie nicht albern mit Ihrem Gewissen! Was ist denn ein Mensch? Glauben Sie mir, Felsenherz: ein unvernünftiges Tier stelle ich höher als das ganze Menschengesindel auf der Erde! Mein kleiner Köter hier ist mit seiner einfachen Treue mehr wert als wir ungebildeten Ebenbilder Gottes. Das Tier will fressen, saufen, schlafen – dann ist's zufrieden. Und der Mensch? Gerade wenn er satt ist, fängt seine Gier erst an, seine Gemeinheit. Immer mehr will er haben, immer mehr! – Ach, gehen Sie, lieber Felsenherz! – Und haben Sie nicht selber schon hundert rote Männer zu Boden gestreckt? – Der Vertrag ist morgen zu Ende, aber ich werde kein Tor sein und Ihren kindlichen Bedenken nachgeben!« Felsenherz richtete sich stramm auf und griff wieder nach seiner Büchse. »Wenn Sie mich denn durchaus in die Hölle bringen wollen, nun, so kommen Sie! – Es ist wahr, ich hätte ein leichteres Gewissen gehabt für die kommenden Jahre, aber – mein Wort muß gehalten werden.« Peard sah ihn erstaunt an. »Wie? – Jetzt? – In der Nacht? Es ist doch hier keine Gelegenheit!« Der Waldgänger zuckte verächtlich die Schultern. »Seit vierundzwanzig Stunden sind wir auf der Fährte eines Trupps von Puelchen.« Peard sprang auf, wie von einer Stahlfeder geschnellt. »Wie? Und Sie sagen mir nichts davon? – Wie viele sind's?« »Genug, Sir, um meine Schuld an Sie abzutragen – zu wenig, um Ihr kostbares Leben zu gefährden. – Teufel! – Was ist das?« Der Widerhall eines Schusses scholl durch die Nacht. Zugleich hörte man in den Gebüschen ein Geräusch, wie das Durchbrechen eines großen Tieres; dann ein Wiehern, dem die Pferde antworteten. Felsenherz hatte seine große Büchse schußbereit in der Hand; auch Peard packte seine Doppelflinte und riß sie an die Wange. »Lassen Sie Ihr Schießeisen in Ruh«, sagte der Waldläufer rauh. »Was da kommt, ist weder ein Mensch noch eine Bestie!« Am Marterpfahl Ein silbergraues Pferd erschien zwischen den hohen Stämmen und raste, als wolle es Schutz suchen, auf das Feuer zu. Felsenherz hatte seine Büchse fallen lassen. Mit einer Schnelligkeit, die bei seinem massigen Gliederbau überraschte, sprang er dem fremden Gaul in den Weg und faßte ihn bei dem schleifenden, zerrissenen Zügel. Er beruhigte ihn und führte ihn zu den anderen Pferden, untersuchte seine Zäumung und den lose vom Rücken hängenden Sattel sorgfältig. Dann hobbelte er ihn an, gleich den anderen Pferden, und wandte sich zu Peard. »Machen Sie sich fertig, Kapitän! – Wir werden eine ehrliche Verfolgung und einen gerechten Kampf haben, keinen Mord! – Dieses Tier gehört einem Weißen; es müssen weiße Männer in der Nähe sein – von welcher Partei, ist einem ehrlichen Waldläufer gleichgültig. Wahrscheinlich haben Rothäute sie überfallen! – Lassen Sie uns aufbrechen, Sir! – Sofort!« Die kühle Überlegenheit schien wie mit einem Schlag verschwunden; Peards Bewegungen waren zaudernd, unschlüssig. »Aber die Gefahr?« sagte er endlich. »Wir könnten in einen Hinterhalt fallen! Ich habe noch keine Lust, meinen Skalp zu verlieren!« Felsenherz sah ihn geringschätzig an. »Pah! Es sind ihrer nur zwölf!« »Zwölf?« Unwillkürlich trat Peard einen halben Schritt zurück. »Ein Dutzend, Sir. – Aber wenn Sie Furcht haben, so bleiben Sie hier. – Ich werde auch allein gehen. Vielleicht können wir noch einem Christenmenschen helfen gegen diese roten Teufel!« »Furcht?« Peard riß sich zusammen. Mißtrauisch blinzelte er in die Büsche. »Furcht? – O nein. Ich war nur ein wenig besorgt. – Außerdem sind Sie mir noch acht Schüsse schuldig. – Nehmen wir die Pferde?« »Es ist unnötig und gefährlich in der Nacht – wir müssen sie zunächst zurücklassen. Sie sind sicher hier; es sind ihrer vier, und kein Raubtier wird sich an sie wagen. Sehen Sie, sie stecken schon die Köpfe zusammen und halten die Hinterhufe nach außen!« Er hatte unterdes das Geschirr zusammengerafft und eine Decke darübergeworfen. »Wer was tu' ich mit Fleurette?« »Zum Teufel mit dem Vieh! – Stecken Sie's in eine Schachtel – ich habe kein Verlangen, mir noch einmal durch sein Gekläff eine Büchsenkugel durch die Mütze zuzuziehen, wie am Rio Grande.« »Oh, Felsenherz! Was sind Sie grausam und unbillig gegen das liebe Tier! – Doch Ihr Rat ist gut; ich werde Fleurette in den Küchenbehälter stecken. Aber warten Sie! Lassen Sie mich nicht allein nachlaufen! Um alles in der Welt möchte ich keine hundert Schritte allein in dieser Wildnis tun!« Doch Felsenherz kümmerte sich nicht mehr um ihn; mit großen Schritten eilte er in der Richtung, aus der der Gaul gekommen war, davon. Mit Mühe hielt sich Peard an seinen Fersen. Nach kaum zehn Minuten erblickten sie über dem hügeligen, häufig mit Unterholz bedeckten Boden den Schein eines Feuers. Die Büchse schußfertig im Arm, schlich der Waldläufer näher, dicht hinter ihm drein der Kapitän. Vorsichtig kroch Felsenherz von Busch zu Busch; das Feuer glomm noch immer, kein menschliches Wesen war in der Nähe. Mit einem Sprung war der Kanadier auf dem freien Platz. Felsenherz ließ seinen Begleiter am Hügel zurück und prüfte die Spuren. Das Feuer war auseinander geworfen; die Abdrücke mehrerer Füße verrieten, daß ein Kampf stattgefunden hatte. An einem dünnen Stamm hing der abgerissene Zügel des Pferdes, auf der einen Seite des Feuers lag ein toter Jaguar, eine Lanze in der Brust; auf der andern das Weibchen, durch den Kopf geschossen. Spuren von Tritten, dicht zusammengedrängt, führten zur entgegengesetzten Seite in den Wald. Felsenherz betrachtete lange alle diese Zeichen, zog dann den Speer aus der Brust des Jaguars und kehrte zu dem Engländer zurück. »Ein seltsamer Umstand ist dabei,« sagte er, »der jeden sichern Schluß erschwert. Ein Weißer hat hier gelagert; er ist zu Pferd gekommen – der Graue, den wir eingefangen haben. Aber seine Fußspuren sind so klein, daß sie eher einem Kind als einem Manne anzugehören scheinen. Dann hat ein Kampf stattgefunden mit zwei Jaguaren und fünf Indianern. Einen der Jaguare hat der Weiße getötet; das Messer in seiner Brust gehört offenbar einem Weißen. Der Stoß ist mit großer Kraft und sicherer Hand geführt worden, also kann er kein Kind sein. Aber ich finde nirgends eine Spur von der Leiche des Weißen. Die Roten müssen ihn mitgeschleppt haben. Wir können ihn vielleicht befreien oder rächen.« Sein Gesicht hatte einen drohenden Ausdruck angenommen; er schwang die schwere Büchse wie eine leichte Weidenrute durch die Luft. »So ist's recht, Felsenherz«, sagte Peard. »Ich hoffe, Sie werden aber dabei meine Acht nicht vergessen!« »Seien Sie unbesorgt, Sir! Es werden immer noch einige für mich übrigbleiben! – Vorwärts, Sir, ehe die Schurken noch mehr Unheil anrichten!« Wieder schritt er voran; der Brite folgte ihm auf dem Fuß. Die Nacht erschwerte das Lesen der Spuren. Doch der Mond leuchtete jetzt hell von Lichtung zu Lichtung, über die ihr Weg führte. So ging es etwa eine Viertelstunde lang weiter. Kein Wort wurde gewechselt. Stumm und ohne Widerspruch folgte Peard dem schweigsamen Riesen. Felsenherz blieb stehen. »Sehen Sie den Schein? – Wir sind am Ziel!« Durch die Stämme schimmerte mattes Rot. »Ich sehe es«, flüsterte Peard. »Aber ich begreife nicht, wo die Indianer sein können!« Der Waldläufer lachte vor sich hin. »Die Sache ist klar: die Schurken lagern in einer der Quebradas. – Vorsicht! Vielleicht haben sie Wachen ausgestellt.« Behutsam schlichen beide voran, Schritt vor Schritt. Aber nirgends zeigte sich die Spur einer Wache; die Rothäute glaubten sich vollkommen sicher. So gelangten sie bis an den steil abfallenden Rand der Waldschlucht. Langsam schoben Felsenherz und Peard die Köpfe durch das dichte Gebüsch und schauten hinunter. Die Quebrada zog sich tief hinab und mündete weiterhin in ein Tal, durch das ein Waldbach plätscherte. Die Schlucht war etwa fünfzig Schritt breit und der Rand von Wald umsäumt, der Ort für das Nachtlager mit großem Geschick gewählt. Am Ausgang der Quebrada lagen die Gäule der Indianer, nachlässig angepflockt und anscheinend ohne Aufsicht. Am entgegengesetzten Ende lagerten zwölf Indianer in weißroter Kriegsmalerei um ein Feuer und beschäftigten sich mit ihren Waffen. »Wer sind sie?« fragte Peard. »Puelchen von den Scharen Urquizas.« »Woran sehen Sie das, Felsenherz?« »Talogah Teh, die Lauernde Schlange, führt sie an.« »Der junge Bursche?« »Er ist ein Sohn des Schwarzen Raben – vielleicht hat der Alte inzwischen seinen Skalp verloren.« »Wieso?« »Die Lauernde Schlange trägt den Häuptlingsschmuck.« »Sieht verdammt boshaft aus, diese Lauernde Schlange.« »Taloga Teh ist trotz seiner Jugend ein gefährlicher Feind. Selbst bei den Puelchen fürchtet man ihn, soviel ich gehört habe, wegen seiner Grausamkeit und List.« Erst nach langen Nachforschungen hatten die umherstreifenden Puelchen den Ausgang des unterirdischen Ganges unter dem Wasserfall durch die von Mato Topah niedergeschnittene Buschwand gefunden. Die Wut Urquizas war unbeschreiblich; er sandte sofort Späher aus, die Entkommenen zu verfolgen. Da die Entdeckung jedoch erst am Nachmittag geschah, war der Vorsprung Garibaldis bedeutend; die ausgesandten Truppen kehrten schon am zweiten Tag erfolglos heim. Urquiza ging zähneknirschend über den Uruguay zur Belagerung Concordias zurück. Die Indianer schwärmten aber noch diesseits und jenseits des Flusses, und eine Abteilung entdeckte schließlich in der Nähe des válle de páz die Spuren Mato Topahs. Er hatte sich mit großer List in das Lager der Föderalisten geschlichen und dort die Flucht und den wahrscheinlichen Tod Aniellas im Strom erfahren. Tiefbedrückt über das Ende des Singenden Vogels, dem er sein junges Herz geschenkt, kehrte er zum anderen Ufer zurück und suchte nach den Leichen der schönen Weißen und ihres Pferdes. Zweifel stiegen ihm auf. Sollte Aniella, deren kühnen Sinn und deren Geschicklichkeit er erfahren hatte, nicht doch den Wellen entgangen sein? Sein Herz sagte ihm, daß er den Singenden Vogel wiedersehen würde. Lebte sie aber wirklich noch, so mußte er sie in der Nähe des Missionstales am ehesten finden, wo sie sich gewiß versteckt hielt, um über das Schicksal ihres Gatten und der Seinen Gewißheit zu erlangen. So wagte sich Mato Topah, Gesicht und Brust mit den Kriegsfarben der Puelchen bemalt, in ihr Lager, um zu kundschaften, ob man ihre Spuren und die des Weißen Adlers entdeckt habe. Über ein Unglück verriet ihn. Die Puelchen wußten, daß ihr Kazike durch ein weißes Weib und einen jungen fremden Indianer getötet worden war – und nur durch seine Ortskenntnis und unter Zurücklassung aller Waffen bis auf sein Beil gelang es ihm, der Wut und der Rache der Feinde zu entkommen und sich in den Urwald zu flüchten. Späher der grausamsten Abteilung, der unter der Lauernden Schlange, hatten das Feuer Aniellas etwa vier Leguas von der Mission entdeckt und durch einen Schuß ihr Leben vor den Zähnen des Jaguars gerettet, um es einem noch schrecklicheren Schicksal aufzubewahren. Taloga Teh zählte fünf Jahre mehr als Mato Topah. Er war von gedrungenem Bau, unter Mittelgröße, trug auf seinem nackten Oberkörper die blaue, mit goldenen Tressen geschmückte Uniformjacke eines gefallenen Unitarieroffiziers und feine mit Federn und Haaren benähten Beinkleider von Wildleder. In ähnlich bunter Kleidung steckten auch seine Leute. Vor der Lauernden Schlange stand Aniella Garibaldi, ihre spanische Jacke und das Hemd bis über die Hüften heruntergerissen, die nackten Arme rückwärts um einen Baumstamm gefesselt, den Kopf stolz erhoben. Das dunkle Haar hing wirr und fessellos um das bleiche Gesicht. Sie wußte, jede Bitte bei den grausamen, an Blut und Marter gewöhnten Puelchen war verlorener Hauch. So suchte sie alle ihre Kräfte zu sammeln, um dem Tod und den Schmerzen mit jenem Mut zu begegnen, der allein auf die Indianer Eindruck machte. Taloga Teh hatte mit seinen Kriegern beschlossen, diese seltene Beute mit auserlesenen Qualen zu töten. Man hatte Aniella als diejenige wiedererkannt, bei deren Bedrohung der Schwarze Rabe gefallen war. Sie wußten: brachten sie Aniella ins Lager, so wurde sie ihnen, ein schönes Weib, von Urquiza oder Estevan abgenommen. Daher wollten sie sofort, noch in der gleichen Nacht, ihre Rache an der weißen Frau kühlen. Außerdem vermuteten sie, daß sie um das Versteck Mato Topahs wüßte, und wollten ihr durch besondere Qualen die Zunge lösen. Aniella verstand nur einzelne Worte und Ausrufe. Sie ersah aber aus den Vorbereitungen, welches Ende ihr bevorstand. Nun erhob sich Taloga Teh und stellte sich, den Tomahawk in der Rechten, die Flinte Mato Topahs in der Linken, vor sich hin. »Die weiße Squaw«, sagte er in schlechtem Spanisch, »wird am Marterpfahl sterben. Ihr Skalp wird den Gürtel der Lauernden Schlange schmücken. Der Schwarze Rabe ist eingegangen in die Ewigen Jagdgründe von der Hand eines roten Kriegers ohne Namen. Das Bleichgesicht möge uns auf die Spur dieses verächtlichen Coyoten setzen!« Aniella hielt den Blick Taloga Tehs tapfer aus; aber sie schwieg. Sie wußte, jede Beteuerung ihrer Unkenntnis wäre nutzlos gewesen. Die Lauernde Schlange malte ihr nun in gräßlichen Bildern ihre Martern aus und schwang den Tomahawk so dicht vor Gesicht und Brust, daß die scharfe Schneide sie zu verletzen drohte. In diesem Augenblick schoben oben am Schluchtrand Felsenherz und Peard die Köpfe durch das Gebüsch und erblickten die wilde Szene. »By Jove!« flüsterte Peard. »Da haben Sie die Erklärung für die kleinen Füße, Felsenherz. – Es ist ein Weib, und ein weißes dazu – und wenn mich meine Augen nicht trügen, sogar ziemlich jung und verteufelt hübsch! – Lassen Sie mich sehen!« Er zog ein Fernglas aus der Tasche und richtete es auf Aniella. »Das Mädel ist eine Schönheit, Felsenherz, die in der Alten Welt...« »Gott verdamm' Ihre Augen, Sir«, murmelte der Waldläufer und spannte seine schwere Büchse. »Sehen Sie denn nicht, daß die roten Schurken die Unglückliche martern wollen? Wir haben keine Zeit zu verlieren, um ihr zu Hilfe zu kommen!« »Aber, mein Bester,« sagte Peard gleichmütig und drückte die Waffe des andern nieder, »das ist eben eine Sache, die ich noch keineswegs beabsichtige! Ich sah noch nie in meinem Leben ein Weib zu Tode martern! – Die Anwendung des Kittie und des Zimmermannskäfers bei den indischen Weibern ist wohl schmerzlich, aber doch nicht tödlich. Vergleiche den Band »Volk in Folter«. Eine so treffliche Gelegenheit dürfte sich nie wieder bieten! Dieses ausgezeichnete Glas wird mir beim Licht des Feuers jede Miene des armen Geschöpfes zeigen. Mit den roten Schurken können wir nachher fertig werden. Wissen Sie, Felsenherz, ich erlasse Ihnen zwei Schüsse, wenn Sie das Schauspiel dort unten nicht voreilig stören!« »Bestie!« murmelte Felsenherz. »Gut – vier Schüsse – sechs!« Felsenherz packte die Hand Peards, die das Glas hielt, und drückte sie zusammen, daß der Brite es mit einem Ächzen sinken ließ. »Nun, wenn Sie denn durchaus nicht wollen,« sagte er ärgerlich, »so lassen Sie mich wenigstens den ersten Schuß auf das Mädel tun, damit der Kerl sie da mit seiner Axt nicht länger ängstigt! Ich werde sie, Ihnen zuliebe, unter der linken Brust nehmen; dann hat sie nicht lange zu leiden!« »Ich schlag' Ihnen den Schädel ein, wenn Sie dem Weib ein Haar krümmen!« Drohend hob der Jäger den schweren Kolben seiner Büchse. »Damned! – Felsenherz, Sie bevormunden mich wirklich in einer unerhörten Art! Aber wenn Sie in der Tat so läppisch eigensinnig sind, lassen Sie uns beginnen. Der Bursche dort unten in dem Hanswurstaufzug gebärdet sich immer toller – ich gebe keinen Sixpence mehr für das Leben des niedlichen Mädels!« Felsenherz ließ kein Auge von dem Vorgang unten. »Fürchten Sie nichts, Sir!« sagte er mit bitterem Beigeschmack. »Ich kenne das. Noch ist's nicht so weit, und ich werde zur rechten Zeit unten sein! Ein Indianer – ob in den Pampas oder an den Rocky Mountains, ihre Natur bleibt sich gleich – wird sich nicht leicht um den Genuß des langsamen Quälens seines Feindes bringen, wenn er Zeit dazu hat.« »Vernünftige Ansicht von diesen roten Gentlemen! – Schonung bei Menschen ist überflüssige Gefühlsschwäche. – Das zweibeinige Tier Homo Sapiens würde sich bedeutend bessern, wenn es wüßte, daß es am Ende seiner Laufbahn einmal am Marterpfahl so liebenswürdiger brauner Gesellen zappeln muß!« »Mögen recht haben, Sir. – Kenne manchen von den weißhäutigen Halunken, denen ich so ein bißchen Marterpfahl gönnte.« »Ah, Felsenherz, Sie werden mich noch verstehen lernen! – Ich wiederhole Ihnen mein Angebot von vorhin –« Der Jäger blitzte ihn an, daß der Brite stockte. »Haben Sie den Mut,« sagte Felsenherz, »hier allein zu bleiben?« »Pah – was den Mut betrifft! Aber es ist langweilig, allein zu sein, und das Laden der Gewehre ist so mühsam! Überdies verpflichtet Sie der Vertrag, für meine Sicherheit zu sorgen!« »Es soll Ihnen kein Haar gekrümmt werden, Sir, soweit ein Mensch das verhindern kann. Sie haben die Büchse und die Doppelflinte, also drei Schüsse, überdies die Puffer da mit zehn Kugeln in ihren Läufen, die freilich nicht viel taugen; aber ich sah Sie doch zwei Osagen damit erschießen, die Ihnen zu nahe kamen. Sie sollen die acht Schuß haben, die ich Ihnen schuldig bin.« »Bravo!« »Überdies sind Sie hier auf der steilen Seite der Schlucht und können mit Bequemlichkeit jeden niederschießen, der es wagt, heraufzukommen. Doch entschließen Sie sich – die Bestien machen wahrhaftig Anstalt, mit der Feuermarter zu beginnen! Geben Sie mir zwei Stück von dem Schwamm, mit dem Sie Ihre Zigarren gewöhnlich anzünden!« »Nun, wenn Sie meinen, Felsenherz«, sagte Peard gähnend und reichte ihm die Schwämmchen aus seiner Zigarrentasche. »Ich will Sie an Ihrem Plan nicht hindern. Aber die Feuermarter, wie Sie die Sache nennen, könnten Sie mich doch ein wenig sehen lassen!« Der Waldläufer hielt es nicht der Mühe wert, ihm auf diesen Vorschlag zu antworten. »Nicht eher schießen, Sir, als bis Sie den Knall meiner eigenen Büchse hören.« »Well!« »Und dann begnügen Sie sich, den Ausgang der Schlucht zu bestreichen und die Flucht dorthin mit Ihren Kugeln zu verhindern!« Geräuschlos zog Felsenherz sich aus dem Gebüsch zurück. Trotz seinem riesigen Körper und seiner Schwere glitt der Jäger in gebückter Haltung und leicht wie eine Schlange durch das Buschwerk und Unterholz am Rand der Schlucht entlang. Er machte nicht mehr Geräusch als ein Eichhörnchen, das sich durch die Zweige schwingt, und erreichte in der Zeit von etwa fünf Minuten die Stelle, wo die Pferde der Puelchen von ihren Herren im Gefühl völliger Sicherheit leicht angepflockt waren. Der Lasso war um ihren Hals geworfen und das Ende der Riemen um einen dünnen Baumstumpf geschlungen. Felsenherz warf sich flach auf den Boden und umkroch die Gäule. Nirgends war eine Wache zu entdecken. Die Männer hatten in ihrer Gier, eine weiße Frau martern zu sehen, auch die allergewöhnlichste Vorsicht außer acht gelassen. Selbst der wilde Sohn der Pampas verliert den kühl überlegenden Verstand, wenn es sich um ein schönes Weib handelt. So kroch denn Felsenherz bis zu der Stelle, wo die Enden der langen Lassos sich um den Baumstumpf schlangen. Die Pferde hatten einen langen Tagesmarsch hinter sich und eine reichliche Weide; müde lagen sie auf dem Gras, und der Waldläufer war zu sehr mit der Natur der Tiere vertraut, um sie durch allzu rasche Annäherung scheu zu machen. Ein Gaul schnaubte auf, ein anderer antwortete. Sie hatten Felsenherz gewittert und warnten ihre Reiter. Aber die Sinne der Roten waren vollkommen von den Vorbereitungen zur Marter gefangengenommen. Der Jäger erhob sich halb und spähte hinüber. »Zurück!« hörte er Taloga Teh rufen. Der Häuptling wehrte seinen Kriegern, die in toller Raserei sich mit den Messern auf Aniella stürzten und ihr die letzten Kleiderfetzen vom Leib herunterschnitten. Felsenherz sah ein, daß den Puelchen gegenüber nicht die große Vorsicht notwendig war, die er in den Jagdgründen der Apatschen und Komantschen im Wilden Westen erlernt hatte. Er löste die Lassoschlingen am Baumstumpf und zog sich zurück. Nun ließ er die beiden Feuerschwämmchen, die er sich von Peard hatte geben lassen, Funken sprühen, hüllte jedes in frische Blätter und steckte das eine in die Nüstern, das andere unter den Schweif der beiden nächsten Pferde. Wieder duckte er sich und gelangte unentdeckt an die andere Seite der Schlucht. Dort, ungefähr Peard gegenüber, suchte er im Rücken Aniellas sich ein für sein Vorhaben geeignetes Versteck. Unterdes hatten die Indianer ihre Vorbereitungen zur Marter beendet. Auf einen Befehl Talogas stellten sie sich in einem Halbkreis um die Gefangene. Sie schwangen ihre Messer, Tomahawks und Speere und erhoben ein wildes Geschrei. Aniella Garibaldi schloß die Augen. Sie begrüßte im tiefsten Herzen den Tod, der sie mit ihrem Gatten wieder vereinigte in einem besseren Jenseits. Und wenn auch ihr Leib schauderte vor den Qualen, den er auf dem Weg in die ewige Seligkeit noch erdulden sollte, so stärkte sie sich in dem Gedanken, daß diese Qualen nicht allzu lange währen würden. Sie wandte ihre Seele zu Gott und flehte um Kraft und Ergebung. Die Lauernde Schlange hob die Hand. Augenblicklich verstummte das gellende Geheul. »Die Krieger der Puelchen«, sagte er giftig, »haben hundert Mittel, die Zunge ihrer Feinde zu lösen. Meine Krieger verlangen zu wissen, wo dieser Feigling von Aroge geblieben ist? – Will die weiße Frau ihren Mund öffnen und es freiwillig sagen?« Aniella hob die Lider auf diese Frage. Taloga Teh stand dicht vor ihr; seine Augen funkelten in die ihren; sein Atem wehte ihr ins Gesicht. Wieder schloß sie die Lider. »Du bist voll der Gnaden – der Herr ist mit dir!« betete sie laut. »Ich will dir die Zunge ausreißen und sie den Hunden vorwerfen!« tobte Taloga. »Die roten Männer werden der Mutter der weißen Hunde das Fleisch von den Gliedern brennen!« Aniella antwortete nicht. Ihre Gedanken weilten nicht in diesem Tal des Grauens; sie irrten zurück in die glückliche Vergangenheit und in die Zukunft über den Sternen. »Heilige Mutter Gottes, bitte für uns Sünder in der Stunde des Todes! – Amen.« Taloga stieß einen Wutschrei aus. Er packte sie bei den unbeschützten Schultern und krallte seine Finger in das Fleisch. »Weib – Antworte!« Schweigen. Taloga Teh spie sie an. »Das Geschrei der weißen Hündin soll Wollust sein für die Ohren der roten Krieger!« Er trat zurück. Die Jüngsten der Horde hielten Feuerbrände in den Händen, bereit, sie an den Holzstoß unter den bloßen Füßen der Gefangenen zu halten. Taloga Teh entriß einem von ihnen den Brand und wandte sich mit wildem Grinsen zu Aniella um. »Deine Zunge wird uns das Versteck des räudigen Arogen verraten! – Sieh diese Flammen! – Sie werden deine weiße Brust rösten, bis du die Zähne öffnest!« Auf ein Zeichen der Lauernden Schlange sprangen die Puelchen mit den andern Feuerbränden vor Aniella hin. Grelles[* Setzfehler korrigiert] Freudengeschrei erhob sich. Die Teufel schwangen die Brände vor den weit aufgerissenen Augen Aniellas. Die Funken stoben umher und fingen sich in ihrem Haar – entsetzt schloß sie die Augen – Ein toller Schmerz packte ihre Brust. Ein Schrei schrillte über ihre Lippen und brach sich in grausamem Echo an den Talwänden... In diesm langgezogenen Schrei mischte sich der Knall einer Büchse. Der Puelche, der die Marter begonnen hatte, warf den Brand in die Luft, drehte sich um sich selber und stürzte zu Boden. Ein Schuß von der anderen Seite antwortete. Der zweite der roten Henkersknechte hatte nicht Zeit, die mit dem brennenden Span ausgestreckte Hand zurückzuziehen – die Kugel fuhr ihm durch den Rücken ins Herz. Wie ein gefällter Stamm fiel er vornüber; im Todeszucken griffen seine Hände umher; sein Körper glitt an Aniella nieder und bespritzte sie im Fallen mit seinem Blut. »Verrat! Verrat! – Zu den Pferden! Zu den Pferden!« Der erschrockene Taloga wandte sich zur Flucht, zum Lagerplatz der Gäule. Aber Schnauben und Wiehern schlug im gleichen Augenblick an sein Ohr. Die beiden Tiere, von den brennenden Feuerschwämmchen toll gemacht, rasten davon und rissen die anderen mit sich. Die Puelchen stürzten nach dem Ausgang der Schlucht; aber der Schnellfüßigste hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als eine Kugel ihm durch den Leib fuhr. Gleich darauf stürzte der nächste. Unter heulendem Kriegsgeschrei flüchteten die Indianer unter den hohen Uferrand, von dessen Höhe die letzten drei Schüsse gefallen waren. Dort mußte nach ihrer Meinung die größere Zahl ihrer Feinde verborgen sein, und sie hofften, die etwas überhängende Wand der Schlucht werde ihnen Schutz gewähren, den der Boden der Quebrada, nur mit einigen Bäumen bestanden, nicht bot. Felsenherz wußte jedoch sehr wohl, daß es gefährlich war, sich auf ein längeres Gefecht einzulassen oder eine List der Wilden abzuwarten. Ohne sich die Zeit zu nehmen, seine Büchse wieder zu laden, steckte er seine Bibermütze auf den Lauf und hob sie vorsichtig seitwärts auf einen Zweig des Gebüsches. Sogleich feuerten die drei mit Karabinern bewaffneten Indianer auf die Mütze, die anderen schossen ihre Pfeile dahin ab. Unversehrt lag der alte Waldläufer in sicherem Schutz seitab. Die Kugeln pfiffen durch die Zweige und Blätter, nur ein verirrter Pfeil streifte kraftlos seinen Arm. »Die räudigen Hunde der Puelchen verstehen nicht zu schießen!« Felsenherz ließ ein höhnendes Lachen erschallen. Die Puelchen, sonst vorsichtig und feig, wurden von diesem Hohn zu toller Wut entflammt; sie stürzten zusammen aus dem Versteck nach der gegenüberliegenden Wand der Quebrada. Das alles war so rasch vor sich gegangen, daß auch Peard keine Zeit gefunden hatte, seine Gewehre wieder zu laden. Auf die geringe Entfernung vertrauend, bediente er sich daher der Revolver und feuerte rasch hintereinander fünf Schüsse ab, die zwei der Puelchen verwundeten. Erschrocken prallten die andern zurück. Diese neue Niederlage erhöhte die Wut der Roten noch mehr; Taloga ergriff einen Speer und schleuderte ihn nach dem Marterpfahl. War ihm der Tod bestimmt, so sollte das weiße Weib, in dem er die Ursache des Überfalles vermutete, mit den roten Kriegern untergehen. Aniella war der Überfall wie ein Wunder erschienen. Mit gespannten Sinnen folgten ihre Augen den Vorgängen. Vor allen Dingen haftete ihr Blick an dem Häuptling, dem Führer ihrer gnadenlosen Feinde. So sah sie auch den Speer auf sich zuschwirren, den Taloga Teh mit einer gemeinen Beschimpfung geschleudert. Eine rasche Bewegung des Kopfes rettete sie. Die Lanze fuhr dicht an ihren Schläfen vorüber; die scharfe Eisenspitze zerschnitt eine Haarsträhne und nagelte die Flechte am Stamm fest. Ein wildes Wutgebrüll folgte dem verfehlten Wurf. »Erstecht die weiße Hündin!« Von seinen Kriegern gefolgt, sprang Taloga Teh mit erhobenem Messer auf Aniella zu. So nah der Rettung, schien sie zum zweitenmal verloren. Kapitän Peard lud ruhig seine Flinte, ohne sich um ihre Gefahr zu kümmern. Ihm galt der aufregende Vorgang nicht mehr als eine spannende Unterhaltung, und er vergaß über sie ihr Ziel: die Rettung der weißen Frau. Mit der Schnelle des Blitzes war aber der riesige Waldläufer am Abhang heruntergeglitten. Im Augenblick des Sturzes noch raffte er sich auf und warf sich zwischen Aniella und die rasenden Puelchen. Ein Schlag seiner schweren Büchse zerschmetterte dem nächsten den Kopf. Die Lauernde Schlange entging nur dadurch einem gleichen Schicksal, daß er sich zu Boden warf. Aber gleich stand Taloga Teh wieder auf den Füßen. Selbst in diesem Augenblick der höchsten Aufregung war er kaltblütig genug, zu erkennen, daß der Feind über keine Kugel gebot und nur durch seine Körperkraft gefährlich war. Er schleuderte seinen Tomahawk auf Felsenherz und verletzte ihn leicht an der linken Schulter. Während das Beil noch durch die Luft sauste, versammelte er durch Zuruf seine Gefährten um sich und eilte mit ihnen der Erdwand zu, auf deren Höhe Kapitän Peard bisher aus dem sichern Hinterhalt geschossen hatte. Dies war das Werk eines Augenblicks. Zwei Schüsse knallten ihnen entgegen; zwei Puelchen stürzten. Aber noch immer blieben fünf, und diese erklommen jetzt an verschiedenen Stellen die Wand. Felsenherz achtete der Schramme an seiner Schulter nicht. Er hob die Büchse, um mit dem schweren Kolben der Schlange zu Leibe zu gehen. Da der Häuptling aber mit den andern davoneilte, wandte er sich der Gefangenen zu. Zorn mischte sich mit Bewunderung und Wohlgefallen in dem rauhen Waldläufer, als er jetzt dicht an Aniella herantrat, das Messer in der Hand. Noch niemals in seinem entbehrungsreichen und freudenarmen Leben war er einer schönen Frau so nahe gewesen, wie jetzt. Ein nie empfundenes Gefühl warmer Zärtlichkeit stieg in ihm hoch. »Der Teufel soll mich braten, schöne Miß,« knurrte er, indes seine Schnitte die Fesseln um Beine und Arme zertrennten, »wenn ich diese roten Halunken nicht zwischen meine Fäuste nehme und pfeifen lasse! – Armes Kind!« Aniella sah ihn mit voll aufgeschlagenen Augen dankbar an. Die Erregung drängte Tränen an die langen Wimpern und ließ sie wie von edlen Steinen besetzt aufblitzen. Aber zu sprechen vermochte sie nicht. »Señora«, stotterte Felsenherz und sah verlegen von ihrer Blöße zur Seite. Er war in allen kriegerischen Übungen des Wilden Westens erfahren; was er aber in diesem Augenblick einer Frau gegenüber zu tun hatte, das war ihm fremd. Wie ein rettender Engel kam ihm die Erinnerung an seinen Vertrag mit dem verrückten Briten. Ohne ein passendes Wort vor diesen fragenden feuchten Frauenaugen zu finden, wandte er sich um, und stürzte, wie von tausend Feinden verfolgt, hinter den Puelchen her. Aniella Garibaldi öffnete die Lippen. Die befreiten Hände fuhren nach dem Herzen. Ohnmächtig sank sie zu Boden, neben die Leichen der beiden erschossenen Puelchen. Mit der Behendigkeit eines Hirsches sprang Felsenherz nach der entgegengesetzten Seite der Schlucht, nur mit dem Messer bewaffnet, da er die schwere Büchse bei der Befreiung Aniellas hatte fallen lassen. Die beiden letzten Indianer warfen sich auf ihn, nachdem sie vergeblich die Erdwand zu erklimmen versucht hatten. Es waren die beiden ältesten und stärksten Männer, Krieger von Mut und Erfahrung. In der verzweifelten Aufopferung roter Kämpfer für ihren Führer beschlossen sie, mit ihren Leibern die Flucht oder den letzten Kampf des Sohnes ihres berühmtesten Kaziken zu decken. Felsenherz war dicht hinter ihnen. Von ihren Bogen hätten sie keinen Gebrauch mehr machen können; so stürzten sie mit Messer und Tomahawk unter gellendem Kriegsgeschrei auf den Jäger los. Felsenherz ließ sein Messer fallen. Mit einem großen Satz stand er dicht bei seinen Gegnern und packte zu gleicher Zeit mit beiden Händen die erhobenen Arme der Roten bei den Handgelenken. Ein gewaltiger Ruck, eine drehende Bewegung – er hatte ihnen die Arme aus den Gelenken gedreht. Mit einem Schmerzensruf ließen die beiden Verletzten die Waffen fallen. Schon hatte Felsenherz den nächsten bei Schulter und Hüfte gefaßt, schwang ihn wie ein Kind durch die Luft und schleuderte ihn gegen einen Felsenbrocken. Ächzend brach der Puelche bewußtlos an ihm zusammen. Büffelauge, der zweite Indianer, sank bei diesem Beweis der Körperkraft des Weißen in die Knie. Ohne den verletzten Arm auch nur zur Verteidigung zu erheben, empfing er den Fausthieb des Jägers zwischen die Augen und fiel ohne Laut auf das Gesicht. Nun sah sich Felsenherz nach Peard um, um ihm Beistand zu leisten. Aber auch dort war der Kampf schon entschieden. Kaltblütig hatte der Kapitän die drei Indianer die Erdwand der Quebrada heraufklimmen lassen; erst, als sie nahe genug waren, schoß er mit dem ihm gebliebenen Revolver die beiden vordersten ruhig durch den Leib. Sie öffneten die Arme, stießen einen Schrei aus und stürzten rückwärts in den Grund. Peard verfolgte sie, neugierig und befriedigt zugleich, mit den Augen. Von Wurzel zu Wurzel suchten sie vergeblich sich festzuhalten. Noch nie hatte er die erste Wirkung eines Schusses aus solcher Nähe beobachten können. Er hätte über dem krankhaften Behagen, das ihn erfüllte, fast das eigene Leben eingebüßt; Taloga Teh schob sich währenddes über den Rand der Schlucht und schwang den Karabiner zum vernichtenden Schlag. Der Brite sah den Kolben über seinem Kopf schweben; kaum hatte er Zeit, sich zur Seite zu werfen, um dem herabsausenden Schlag zu entgehen. Der Revolver wurde ihm aus der Hand geschleudert; waffenlos sah er sich dem Feind preisgegeben, der abermals zum Todeshieb ausholte. Peard, der einen Hautriß scheute, der um die Kräuselung jedes Barthaars besorgt war und Nervenzuckungen beim Stich einer Fliege bekam, stürzte jetzt ohne Zögern auf den Indianer los, unterlief ihn und packte ihn. Beide stürzten, eng umschlungen, zu Boden, die Gesichter dicht aufeinandergepreßt, Aug' in Auge. Taloga rang mit der Wut und dem Haß der Verzweiflung unter krampfhafter Anspannung aller Muskeln; sein Gegner behielt volle Ruhe und Kaltblütigkeit. Die Faust Talogas lag an semer Gurgel; aber auch seine Rechte hielt den Hals des Feindes umspannt. Die Kraft des Indianers erlahmte; seine Augen quollen aus den Höhlen. Taloga öffnete seine Hand und suchte das Messer im Gürtel zu erfassen. Diesen Vorteil benutzte Peard; er warf Taloga auf den Rücken und setzte ihm das Knie auf die Brust. Die Lauernde Schlange machte einen Versuch zum Stoß, aber Peard fing seine Hand dicht unterm Gelenk ab. Er drückte sie mit unwiderstehlicher Kraft nieder und zwang Taloga, sich selber die scharfe Klinge über die Kehle zu ziehen. »Schade!« murrte Peard dabei. »Felsenherz nötigt mich wahrhaftig, mein bestes Vergnügen zu opfern und diesem Kerl die Gurgel abzuschneiden! – Ich bin neugierig, wo er bis morgen einen andem hernehmen wird!« Ein Strom von dunklem Blut sprang aus den durchschnittenen Adern und bespritzte den Briten. »Es ist abscheulich!« jammerte er. »Ein anständiges Hemd ist in dieser Wildnis gar nicht zu haben, und dieser Schurke von Indianer tut's mir zum Possen!« Er führte noch einmal die zusammengepreßte Hand Talogas durch die klaffende Halswunde, daß die Klinge bis auf den Nackenwirbel schnitt. Die Augen des Puelchen verdrehten sich, sein Mund öffnete sich schnappend und ergoß Blut, der Körper bebte in den letzten Zuckungen. »Verdammt widerwärtig«, sagte Peard, erhob sich und wischte sich mit dem Taschentuch das Blut von den Händen. Dann warf er es auf die Leiche. In diesem Augenblick stieg Felsenherz über die Höhe. »Wo zum Teufel bekomm' ich hier Wasser her, um mich zu säubern? Es wird mich meinen ganzen Rest von Kölnischem Wasser kosten, um mich von der Umarmung dieses schmutzigen Burschen zu reinigen! Und das, Master Felsenherz, ist allein Ihre Schuld. Sie versprachen mir acht bequeme Schüsse, und nun habe ich nur sieben und dazu schmutzige Wäsche, daß mir der Geruch allein schon Migräne machen wird, und – wirklich, da sehen Sie's – meine Hemdstulpen sind zerrissen!« »Sparen Sie Ihre Torheiten, Sir! Folgen Sie mir lieber und lassen Sie uns die Frau fortschaffen. Der Knall der Flinten könnte uns leicht Gefährten dieser roten Teufel auf den Hals ziehen. Ich habe diesen Mittag die Spuren von mehr als einer Bande bemerkt. – Eilen Sie!« »Ei bewahre, Felsenherz, was denken Sie? – Drei der Männer müssen noch Atem haben. Ich zielte mit Absicht unter die Brusthöhle und auf die Lungen, und Sie wissen, meine Hand ist sicher. Ich kann wenigstens bei diesen dreien noch meine Beobachtungen machen.« Der Kanadier warf ihm einen bösen Blick zu und stieg ohne Erwiderung in die Schlucht hinunter; Peard folgte ihm mit äußerster Behutsamkeit; seinen Revolver hatte er wieder zu sich gesteckt. Es war, wie er gesagt. Einer der beiden Indianer, die er getroffen, saß mit dem Rücken an die Schluchtwand gelehnt und preßte die Hand auf seine Wunde. Die Kugel war durch die Lungen gegangen; jeder Atemzug ließ das Blut aus seinem Mund strömen. Er erwartete mit finsterm Blick die Nahenden. Der zweite Indianer war schon tot. Aber ein anderer doppelt Angeschossener, der mit der Lauernden Schlange die Wand der Quebrada zu ersteigen versucht, hatte bei dem Sturz den Fuß gebrochen und wälzte sich hilflos und stöhnend in seinem Blut. Er war noch sehr jung und zum erstenmal auf dem Kriegspfad. »By Jove!« lispelte Peard, als er zu dem älteren Indianer trat. »Dieser Spitzbube da oben hat mir das Glas zerbrochen, und in dieser Wildnis ist kein anderes zu bekommen. Fatal, äußerst fatal, sich auf seine eigenen Augen verlassen zu sollen! Nichts als Unannehmlichkeiten! – Sie müssen sterben, mein Bester«, wandte er sich zu dem Indianer und zog die Uhr. »Ich sehe aus dem hellen Blut, das aus Ihrem Mund kommt, daß ich richtig gezielt habe; der linke Lungenflügel – in fünf Minuten werden Sie bei Ihrem Großen Geist sein und mit den berühmten Kriegern Ihres Stammes auf der Prärie des Paradieses die unermeßlichen Herden von Büffeln und Hirschen jagen.« Der sterbende Krieger, der die rohe Rede seines Feindes nicht verstand, rollte die Augen; bei jedem Atemzug quoll zwischen seinen Fingern und seinen Zähnen das Blut hervor. »Assauna Lungh«, murmelte er, »ist ein tapferer Krieger. Er wird eingehen zu seinen Vätern ohne Klage, mit einem Fluch gegen die Bleichgesichter!« »Sie regen sich unnötig auf, mein Lieber«, sagte Peard und beugte sich über ihn. »Jedes Wort in Ihrer Lage ist halber Mord an sich selber – sehen Sie, da kommt der Tod – dies Starren der Augen und der Schauder der Glieder – die Kinnlade fällt herunter – schade, daß ich mein Glas nicht habe – jetzt – jetzt sind Sie tot, mein Bester, und ich kann nun zu Ihrem Kameraden gehen.« Er wandte sich händereibend zu dem jüngern Verwundeten. »Die Reihe kommt nun an Sie – aber ich glaube wahrhaftig, ich habe wie ein Stümper geschossen – die Sache wird zu lange dauern!« Er prüfte überlegend seinen Revolver und richtete das zwinkernde, wässerige Auge bald auf die Waffe, bald auf den im Schmerz der dreifachen Wunden sich krümmenden Jüngling. »Ich habe noch nie in solcher Nähe einen Schuß durch das Rückgrat versuchen können«, meinte er. »Die Gelegenheit wäre vortrefflich!« Der Revolver wurde ihm aus der Hand geschlagen. Felsenherz stand wieder bei ihm, auf dem Arm die bewußtlose Aniella. »Lassen Sie die Rothaut sterben, wie Gott es will!« sagte er. »Folgen Sie mir – oder bei der Seele meiner armen Mutter, Sie sollen allein hier zurückbleiben!« Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er mit seiner Last dem Ausgang der Schlucht zu und wandte sich dann in den Wald nach der Richtung, aus der sie gekommen waren. Peard zauderte. Er überlegte, ob er folgen oder den Tod seines Opfers abwarten und nötigenfalls beschleunigen sollte; aber die Besorgnis, allein in der Wildnis zu sein, überwog; er suchte seinen Revolver vom Boden auf und ging mürrisch hinter dem Jäger her. Die Bürde schien Felsenherz nur wenig zu hindern; ohne sich irgendwie über den Weg zu bedenken, schritt er rüstig vorwärts. »Seien Sie nicht so rücksichtslos, lieber Felsenherz!« keuchte der Brite hinter ihm drein. »Sie kommen noch frühzeitig genug mit Ihrer Sabinerin an unserem alten Palast an.« Felsenherz antwortete nicht. Schnell und gleichmäßig schritt er aus; er trug Aniella wie ein Kind auf seinen starken Armen. Peard hielt sich dicht hinter ihm. »Bin neugierig, was meine arme Fleurette sagen wird, wenn wir ihr diese Miß mitbringen. Und eine so schöne dazu – ihr weißes Fleisch leuchtet bei dieser verdammten Dunkelheit wie ein Stückchen Mondlicht. – Ich bin doch sehr ärgerlich über Sie, Felsenherz. – Noch nie hatte ich Gelegenheit, eine junge Weiße sterben –« Er sprach nicht aus; er stolperte über eine Wurzel und fiel auf die Nase. Endlich fanden sie die Stelle wieder, wo noch das Lagerfeuer Aniellas glimmte. Sie machten kurzen Halt. Die junge Frau hatte sich in den Armen des Jägers bewegt. Deshalb wollte er ihr hier Zeit gönnen, sich zu erholen. Verwundert schlug Aniella die Augen auf. »Wo bin ich?« fragte sie. Ihr Blick glitt an ihrem Körper herunter, und beschämt senkte sie die Lider. Felsenherz fand ein wenig abseits den Poncho, auf dem Aniella vor dem Jaguarkampf am Feuer gesessen, und hüllte die Gerettete damit ein. »Sie sind Weiße! – O Gott, war das gräßlich!« Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Aber bald beruhigte sie sich. Sie erkannte, daß ihre Retter nicht zu ihren weißen Gegnern gehörten und erzählte ihnen kurz die Geschichte ihrer Gefangennahme, die Niederlage und Vernichtung der Ihren und ihrer Flucht, und wie sie aufs neue in die Hände noch grausamerer Feinde gefallen war. Den Namm Garibaldis erwähnte sie nicht. Während dieser Erzählung hatte Felsenherz mit geübter Hand das Fell des Jaguars abgestreift. Er warf es über die Schulter und fragte Aniella, ob sie sich zur Fortsetzung des Weges stark genug fühle. »Ihre Erzählung warnt mich. Wir sind hier in der Nähe der Mission, und es können noch zahlreiche Feinde in ihrer Umgebung umherstreifen, wie die Horde, die wir vorhin vernichtet haben!« In dieser Annahme ging er allerdings zu weit; die Bande Talogas war die letzte gewesen, die von der Verfolgung der italienischen Legion und Mato Topahs zurückkehrte. Aber es befanden sich an dem diesseitigen Ufer des Uruguay immer noch genug feindliche Indianer. Aniella hatte sich derweil in den Poncho Öffnungen für die Arme geschnitten und mit einem Riemen einen Gürtel gefertigt. »Ich bin bereit!« sagte sie. Der Waldläufer schlug sofort die Richtung nach dem Lagerplatz ein, wo die beiden Männer ihr Eigentum und die Pferde zurückgelassen hatten. Der Sechzigste Kapitän Peard war jetzt wieder der verwöhnte, weichliche Stutzer der Londoner Gesellschaft. »Wollen Sie nicht bitte meinen Arm nehmen?« sagte er in seiner lispelnden Weise. »Ich danke«, erwiderte Aniella mit einem leichten Schauder vor dem Wesen des sonderbaren Briten. Peard wandte alle Künste der Londoner Salons auf, um sich Aniella angenehm zu machen und sie zum Reden zu bewegen. Er sprach von den neuesten Pariser Moden und den vornehmsten Bällen der englischen Gesellschaft, Dinge, von denen Aniella keine Silbe verstand. Dann erzählte er von dem Todeskampf erschossener Indianer und stieß ihr Herz noch mehr ab. So blieb sie stumm; ihre Gedanken weilten bei dem verlorenen Gatten und dem geraubten Kind. Endlich gelangten sie an das Lager. Felsenherz schlug vor, sofort aufzubrechen und bis zum Anbruch des Tages in der Richtung nach Südosten zu ziehen, wo, wie er von Aniella hörte, die Niederungen und Ansiedlungen beginnen mußten. »Wir müssen«, sagte er, »sobald wie möglich eine größere Entfernung zwischen uns und den Ort des letzten Kampfes bringen, damit, wenn die Schüsse andere Indianer oder Gauchos herbeigelockt haben sollten, wir nicht überfallen werden können. Außerdem ist eine Verfolgung unserer Spur bei Nacht bedeutend schwieriger.« Peard machte erst große Einwendungen; er erklärte es für unmöglich, seine Bequemlichkeit zu opfern und seine Gesundheit einer nächtlichen Wanderung auszusetzen. »Gut, so bleiben Sie allein hier!« antwortete Felsenherz rauh. »Es wäre zu schade um den schönen Skalp der Senora hier!« Da gab der Brite seinen Widerstand auf. Der zerrissene Zügel von Aniellas Pferd war bald wieder geflickt; nachdem Felsenherz sich mit einer Anzahl Späne von harzigem Holz versehen, löschte er das Feuer, und die Gesellschaft machte sich auf den Weg. Felsenherz ritt oder ging voran, je nach der Beschaffenheit des Bodens, und führte das Packpferd. Aniella folgte, und hinter ihr murrte und stöhnte der Brite. Wo der Mondschein durch die hohen Wipfel der Bäume in die Säulenhalle des Urwaldes niederdrang oder freiere Flächen beschien, eilten sie schneller vorwärts; im Dickicht des Waldes aber konnte man sich nur mit Hilfe der angezündeten Holzspäne weiterbewegen. Bis eine Stunde nach Sonnenaufgang setzten sie den mühseligen Marsch fort. Dann erst hielt Felsenherz an und suchte einen Lagerplatz; die Kräfte seiner Begleiter und der Tiere waren erschöpft, während seine Muskeln von Eisen und Stahl schienen. Aniella hatte sich in den letzten Stunden nur mit seiner Unterstützung auf ihrer Silberstute Mola zu halten vermocht; als man jetzt anhielt, sank sie halb bewußtlos auf den Boden und fiel in tiefen Schlaf. Felsenherz schlug das kleine Reisezelt des Kapitäns neben einem Hügel auf, der eine freie Aussicht über die sich lichtende Waldlandschaft gestattete, unter dem Schatten mehrerer hoher Bäume mit schirmförmigen Kronen und prächtiger großblätteriger Bananen. Peard hockte derweil neben der schlafenden Aniella und ließ kein Auge von ihr; es schien, als habe ihre reizvolle südländische Schönheit doch Eindruck auf das menschenverachtende Herz des grausamen Sonderlings gemacht. »Ihr Zelt ist bereit, Sir«, sagte Felsenherz. »Kommen Sie her, Felsenherz«, erwiderte Peard und ließ dabei kein Auge von der Schlafenden. »Der Schlaf ist der Bruder des Todes. Wie harmlos kindlich dies Gesichtchen ausschaut! Und dabei können diese Augen so katzenartig böse dreinschauen, daß man sich fürchten möchte. – Waren Sie schon einmal verheiratet, Felsenherz? – Muß ganz schön sein, so in den guten Sonnentagen, nicht wahr?« »Weiß nicht, Sir. – Aber wir können die Frau doch nicht auf dem Boden liegen lassen. Ich werde ihr meine –« »Nichts werden Sie! – Ich weiß, was sich einer hübschen Frau gegenüber ziemt. – Hinein in mein Zelt, aber vorsichtig – sie schläft so schön!« »Und Sie, Sir?« »Oh, ich werde mit einer Hängematte oder einer Decke auf dem Rasen zufrieden sein. – Sehen Sie mich nicht so verwundert an; ich kann auch einmal ein Opfer bringen; ich habe auch manchmal meine guten Seiten – besonders einer solchen Urwald-Lady gegenüber!« Der Kanadier hob die junge Frau auf und bettete sie im Zelt. Der Brite schlief mehrere Stunden im Schatten und erwachte erst gegen Mittag unter der steigenden Hitze. Er dehnte und reckte sich und begann seine Morgensäuberung mit gewohnter Sorgfältigkeit. »Wenn Sie hier ein paar Stunden Siesta halten wollen, Felsenherz,« sagte er, »so will ich gern die Wache für Sie übernehmen. By Jove, ich bewundere Ihre Ausdauer; aber Sie sind immerhin nur ein Mensch. Es ist eine verteufelte Hitze hier. Sie werden schuld sein, daß ich mir vollends meine Gesichtshaut verderbe. Bitte, langen Sie mir doch aus dem Gepäck meinen Sonnenschirm her; diese Chinesen und Hindus verstehen in der Tat, was zur Bequemlichkeit gehört. Ich wünschte nur, ich hätte so eine gazellenäugige Bajadere hier, um mir etwas Luft zuzufächeln. Aber vielleicht tut die Kleine da im Zelt mir den Gefallen; es wäre nicht mehr 227 als billig dafür, daß ich sie in meinem Zelt habe schlafen lassen.« Der Waldläufer, der unterdes Paraguaytee kochte, warf ihm einen finster« Blick zu. »Lassen Sie die Miß schlafen, Sir, und stören Sie die Arme nicht mit Ihren Torheiten«, sagte er. »Wenn Sie nach der Sonne sehen und sich erinnern, daß heute der dreißigste März ist, werden Sie wissen, daß in einer Stunde unser Vertrag gelöst ist! Ich werde niemals zugeben, daß das junge Wesen von Ihnen beleidigt wird!« Peard lachte laut auf. »Ich glaube gar, Felsenherz, Sie sind verliebt in die Spanierin! – Damned! Es fällt mir nicht im Traum ein, die hübsche Witwe beleidigen zu wollen! Aber, mein Lieber, zu was anderem wären denn die Frauenzimmer auf der Welt als zu unserer Bequemlichkeit?« »Frauen sind schwache Geschöpfe, Sir! Und nur solche verdammten Rothäute wie die Puelchen können es über ihr Gewissen bringen, sie zu quälen.« »Pah! – Die Schöne da drinnen scheint mir nach ihrer Erzählung ziemlich imstande, sich selber zu helfen. Sie schwärmen, alter Freund! Schlafen Sie sich ordentlich aus wie ich, und Sie werden wieder vernünftig! Aber was die Indianer betrifft – was sagten Sie soeben von unserm Vertrag?« »Daß in einer Stunde die Sonne im Mittag steht, und er dann zu Ende ist.« »Nichts da, nichts da, mein Alter! – Sie sollen pünktlich Ihre Bezahlung haben, aber Sie bleiben mir noch für eine Rothaut verpflichtet.« »Was?« »Nun, zum Henker – Sie könnm den Burschen doch nicht rechnen, dem ich gestern die Kehle abschneiden mußte? Sechzig Schuß – so lautet unser Abkommen, und ich habe erst, ganz genau gerechnet, wie Sie gestern selber zugeben mußten, neunundfünfzig gehabt. Demnach fehlt mir noch einer, und eher lasse ich Sie nicht los!« »Sir, ich bin es satt, Ihr Mordgehilfe zu sein!« »Pfui, Felsenherz, was sind das für gewöhnliche Ausdrücke!« Peard steckte sich mit freundlichem Lächeln eine Zigarre an. »Wirklich, Freundchen, ich bin durch Ihre Eile ohnehin um das Sterben der beiden Kerle gekommen; und Sie werden Ihr Manneswort nicht brechen wollen. Nein, noch einen der roten Burschen! Felsenherz, ruhen Sie ein wenig; Sie werden sich dann besinnen!« »Sie wollen Wache halten, Sir? Und wenn Sie einschlafen?« »Zum Henker, Mann, ich denke, Sie kennen mich! Überdies habe ich wichtige Dinge zu tun. Seit zwei Tagen bin ich nicht rasiert! Ich muß aussehen wie ein Barbar. Bitte, reichen Sie mir das Rasierzeug aus dem Gepäck und meine Büchse.« Er war zu bequem, um aufzustehen und die Hand auszustrecken; dennoch wußte Felsenherz aus Erfahrung, wenn Peard einmal die Wache übernommen hatte, konnte er sich fest auf seine Aufmerksamkeit verlassen. »Gut, Sir«, sagte er. »Wecken Sie mich nach zwei Stunden, bis die Hitze schwächer wird. Ich habe dann genug geschlafen und wir können aufbrechen.« »All right!« Der Kapitän blies den Rauch seiner Zigarre in die Luft und betrachtete sein Gesicht in einem Handspiegel. Der Jäger warf sich auf der Schattenseite des Zeltes auf den Boden, die Jagdtasche unter seinem Kopf, die Büchse in der Hand, und war nach wenigen Atemzügen fest eingeschlafen. So mochte er etwa eine Stunde ungestört geschlafen haben, als das leise Knacken eines Flintenhahns sein Ohr traf und ihn sofort weckte. Er erhob vorsichtig den Kopf, schob, ohne sich aufzurichten, seinen Körper bis über den Rand des Zeltes hinaus und schaute sich nach Peard um. Der Kapitän bot einen halb komischen, halb drohenden Anblick. Kämme, Bürsten, Pomadenbüchschen und sein Rasierzeug lagen ausgebreitet neben ihm auf dem Rasen; er selber hockte, den Kopf mit einem Taschentuch verbunden, das Gesicht eingeseift und erst zur Hälfte rasiert, hinter dem Sattel seines Pferdes, die Büchse im Anschlag. Das Auge des Waldläufers folgte der Richtung des Laufs. Aus einem etwa dreihundert Schritt entfernten Oleandergebüsch kam langsam und vorsichtig die Gestalt eines Indianers hervor, die Augen scharf auf den Lagerplatz der Weißen gerichtet. Er trug eine Flinte in der Hand, Messer und Tomahawk im Gürtel; seine Scheitellocke war mit drei Adlerfedern geschmückt. Sein Gesicht zeigte die bunte Malerei, die die roten Männer anlegen, wenn sie sich auf dem Kriegspfad befinden. Nun schien der Indianer den Feind auf dem Hügel zu erspähen; er trat rasch einen Schritt vor und streckte zum Zeichen seiner friedlichen Absichten die Hand in die Höhe, mit der Fläche nach außen gekehrt. »Vorsicht, Sir, schießen Sie nicht!« rief Felsenherz und sprang auf. »Es kann ein Freund sein!« Die Warnung kam zu spät – die Büchse des Kapitäns krachte, der Indianer tat einen Sprung, drehte sich um sich selber und stürzte zu Boden. »Diesmal,« sagte Peard mit zufriedenem Lachen, »diesmal, Felsenherz, hab' ich den Burschen so recht con amore aufs Korn nehmen können. Es ist der beste Schuß, den ich seit einem Jahr getan. Eigentlich gilt er für meine eigene Rechnung; aber er soll Ihnen doch zugute kommen. Der Bursche muß die Kugel zwei Zoll unter der Herzgrube haben und lebt sicherlich noch eine Viertelstunde, so daß wir Zeit haben, ihn zu beobachten!« Der Trapper drückte ihn nieder. »Vorsicht, Sir! – Jede Unvorsichtigkeit kann Ihnen das Leben kosten, wenn noch mehr Indianer in der Nähe sind!« »Pah, Felsenherz!« lachte unbekümmert der Kapitän und erhob sich. »Ich beobachte den Burschen seit fünfzehn Minuten und sah, wie er sich allein heranschlich. – Was hat der Kerl? – Er macht es uns wahrhaftig bequem und kommt uns den halben Weg entgegengekrochen!« Felsenherz sprang auf. »Schnell! – Ich sah, wie er das Friedenszeichen machte – ich fürchte, der Schuß war übereilt!« Sie liefen auf den Indianer zu. Als der Rote sie herankommen sah, blieb er am Fuß einer Fächerpalme erschöpft liegen. »Das ist nicht die Malerei der Schurken von Puelchen«, sagte der Waldläufer. »Diese Farben sind mir unbekannt. Der Indianer ist fast noch ein Knabe, und dennoch trägt er schon die Adlerfedern!« Beide Männer blieben vor dem Verwundeten stehen. Er hatte den Rücken an den Stamm der Palme gelehnt und hielt eine Hand auf die Wunde gepreßt, die dicht unter dem Herzen saß. Ein Strom von Blut drang bei jedem Atemzug zwischen den Fingern hindurch. Sein Gesicht zeigte trotz der Malerei, die es entstellte, einen edlen, offenen Ausdruck; männlich unterdrückte er die Zuckungen des Schmerzes; seine Augen hafteten groß, mit ruhigem Vorwurf, auf seinem Mörder. »Rothaut,« sagte Felsenherz in spanischer Sprache, »ich fürchte, wir haben da eine Dummheit begangen. Nach den Farben deiner Malerei gehörst du nicht zu den Spitzbuben von Puelchen!« Ein bitterer Zug grub sich um die zuckenden Lippen des Verwundeten ein. »Sind die Augen der weißen Krieger so schwach, daß sie den Kondor der Anden nicht von den Krähen der Pampas zu unterscheiden vermögen? Seit wann ist die Kraft ohne Weisheit? Die Väter Mato Topahs haben ihm bei seiner Geburt dies Zeichen gegeben!« Er schlug die blutige Decke von seiner Brust und zeigte die Tätowierung eines blauen Geierkopfes. Der letzte Zweig des edlen und tapfern Stammes der Arogen lag vor Felsenherz und Peard. »Ich wollte ein Horn besten Pulvers darum geben, wenn ich eine Minute früher erwacht wäre!« sagte der Trapper bedrückt. Er kniete neben dem Indianer nieder, um die Wunde zu untersuchen. »Aber vielleicht läßt sich noch etwas tun; du bist jung und stark und kannst die Wunde überdauern.« Der Indianer hob drei Finger in die Höhe. »Mato Topah zählte elf tote Feinde in der Quebrada, und drei von ihnen haben die gleiche Wunde. – Der letzte Aroge geht zu dem Großen Geist, der über die Jagdgründe seiner Väter wie über den Himmel der Christen herrscht!« Felsenherz brachte den Sterbenden in eine bequemere Lage. »Ich liebe zwar die Rothäute nicht,« sagte er, »und ich habe wahrhaftig keine Ursache dazu. Aber es freut mich doch, daß ich es nicht bin, der dir die Kugel geschickt hat.« »Mato Topah weiß es! – Der Mann mit den kalten Augen ist ein guter Schütze; aber er hätte nicht in dieses Land kommen sollen, wenn er die Zeichen des Friedens nicht versteht!« Peard hatte den Sinn der Worte begriffen, obgleich er nur wenig Spanisch verstand. »Zum Henker auch – was braucht der rote Vagabund hier umherzustreifen!« brummte er. »Ich muß meinen sechzigsten Schuß haben, und ein Indianer ist so gut wie der andere – Futter fürs Pulver! Futter fürs Pulver! sagte der lustige John!« »Wie kamst du zu den Puelchen? Warum verfolgtest du uns?« fragte Felsenherz, ohne auf die gefühllosen Worte des Briten zu hören. »Der Junge Kondor sucht den Singenden Vogel. Er gab dem verwundeten Krieger, der um Wasser flehte, sein Cacho mit Wasser, und der sterbende Feind vertraute ihm, daß zwei große Krieger der weißen Männer den Singenden Vogel vom Marterpfahl gerettet und ihn davongeführt hätten. Mato Topah folgte ihrer Spur. Er schwor einen Eid dem Weißen Adler, sein Weib zu suchen und ihr eine Botschaft zu bringen – aber nirgends kann er sie sehen – und die Schatten kommen über seine Augen!« »Wenn ich dich recht verstehe, so meinst du die weiße Frau, die wir den Puelchen entrissen. – Was ist mit ihr? – Sie ist hier!« »Wo? Wo? – Tragt mich hin zu ihr, wenn ihr Christen seid! – Heilige Jungfrau, sei gebenedeit – ich sehe sie wieder – –« Er breitete die Arme aus und versuchte sich aufzurichten – die Schatten des Todes schienen von seinem Antlitz zu weichen, seine Augen strahlten neues Feuer. Ein Schrei der Angst und des freudigen Wiedererkennens ließ die Männer umschauen. Aniella war durch den Schuß aus tiefem Schlaf geweckt worden. Besorgt hatte sie das Zelt verlassen, fand ihre Retter am Fuß der Palme um einen Fremden beschäftigt, und erkannte mit ihren scharfen Augen trotz seinem wilden Kriegsschmuck Mato Topah. Sie stürzte auf ihn zu. »Mutter Gottes! Was ist geschehen? – Wie kommst du hierher? – Santa Aloysia! Wer hat dir das getan? – Laßt ihn nicht sterben – er bringt mir Nachricht vom Tod meiner Geliebten!« Mato Topah zog ein gefaltetes blutbefeuchtetes Blatt hervor und streckte es der knienden Aniella entgegen. »Möge der Singende Vogel mit seiner süßen Stimme wieder den Wald und die Ebene erfreuen und seine Tränen trocknen,« flüsterte er, »der Weiße Adler ist gerettet! – Mato Topah kann heimgehen zu seinen Vätern – er hat sein Wort gehalten!« »Um der Heiligen willen – stirb nicht – rede – sprich! José ist gerettet! – Wo? Wo ist er?« Sie hatte seinen Arm umkrampft und beugte sich mit flammenden Augen über den Sterbenden, der in die Arme des Trappers zurückgesunken war. »Jetzt kommt der Tod, passen Sie auf, Felsenherz!« lispelte Peard, die Uhr in der Hand. »Ganz das hippokratische Gesicht; ich wünschte nur, er hätte vorher die blöde Malerei abgewaschen – very well – genau fünfzehn Minuten nach dem Schuß!« Felsenherz warf ihm einen so grimmigen Blick zu, daß Peard verstummte und einen Schritt beiseite trat. »Mato Topah ist ein Krieger – die Tapferen seines Volkes werden ihn willkommen heißen im Paradiese und in den ewigen Jagdgründen – die Mutter der Gnade wird für ihn bitten«, murmelte der Sterbende. Er vermischte in der letzten Stunde den Glauben seiner Väter und die Lehren seiner Erziehung. »Lieber Gott, laß ihn leben!« bettelte Aniella mit gefalteten Händen. »Wo ist der Weiße Adler, daß er der Großen Medizin sagt, wie ein Aroge sein Wort hält? – Ich sehe die Engel am himmlischen Thron – der Singende Vogel ist unter ihnen – Mato Topah ist ein Knabe, aber er erschlug den großen Kaziken der Puelchen – er ist – er ist –« Blut gurgelte aus der Kehle – ein Schauder ging durch die jugendlich kräftigen Glieder – der Kopf sank zur Seite. Der Stamm der Arogen war erloschen. Aniella Garibaldi kniete, aufgelöst, in tiefster Erschütterung, an der Seite des Toten; ihre Lippen sprachen leise Gebete. Der Kapitän bückte sich; er hob das blutige Blatt, das unbeachtet ihrer Hand entfallen war, auf und überreichte es ihr. »By Jove, Mistreß,« sagte er, »hätte ich gewußt, daß Sie weinen würden um diesen indianischen Menschen – ich hätte ihn sehr gern leben lassen. – Goddam! – Dieser Brief ist an Sen~ora Garibaldi gerichtet? – Teufel! – Sie sind doch nicht die Gattin des berühmten Kommodore? – No – no!« Mit zitternden Händen griff Aniella nach dem Blatt. »Ich bin Aniella Garibaldi, Señor«, sagte sie. Sie überflog das Blatt und drückte es mit einem dankenden Blick nach oben an die Brust. »Gott und die heilige Jungfrau haben mein Gebet erhört und mir den Gatten erhalten! –, Sie haben mein Leben gerettet, Señor. Ich habe kein Recht, Ihnen einen Vorwurf zu machen. Aber alles, was ich noch mein nenne auf der Welt, möchte ich darum geben, wenn ich dieses Leben damit zurückkaufen könnte! Diese verachtete Rothaut hat nicht nur mich bewahrt, sondern mir auch meinen Gatten gerettet!« »Mylady, es tut mir selber leid – aber es ist einmal geschehen. – Was läßt sich da tun?« »Ich werde für Sie bitten, Sir, daß Gott Ihnen diesen – Tod nicht anrechnen möge. Ich glaube Sie der Sorge für mich überheben zu können. Ich werde ohne Gefahr die Estanzia del Carmen erreichen können; dorthin hat sich Garibaldi nach diesen Zeilen gewendet.« Der Waldläufer begann mit seinem breiten Bowiemesser und seinen Händen ein flaches Grab aufzuwerfen. Peard versuchte vergebens ein Gespräch mit Aniella anzuknüpfen. Mürrisch ging er, französische Opernmelodien pfeifend oder seine Nägel feilend, auf und nieder. Dann fuhr er jäh zusammen. Er eilte erschrocken zum Zelt zuzurück, um das wichtige Rasieren fortzusetzen. Nach zweistündiger Arbeit war die Grube lang und tief genug; der Trapper legte unter den Tränen Aniellas den Toten ins Grab und bedeckte ihn mit Erde, Zweigen und Steinen. Er erinnerte sich einer Gewohnheit der Kindheit – ungeschickt kniete der rauhe Jäger an dem Hügel nieder und betete stumm für die Seele des Gemordeten. Es war das erste Gebet des Trappers, das er für eine Rothaut zum großen Vater schickte, der doch alle seine Kinder in seiner gütigen Hand hält, seien sie rot, gelb, schwarz oder weiß. Dann kehrte er nach dem Lagerplatz zurück. Er sattelte die silbergraue Stute und hängte Büchse und Jagdtasche um. Den Grauen am Zügel, trat er zu Peard, der eben sein Gesicht mit Kölnischem Wasser abrieb. »Kapitän Peard,« sagte er, »ich bitte Sie, mir den Vertrag zu zeigen, den ich heut' vor einem Jahre mit Ihnen eingegangen bin!« »O – Sie haben ihn erfüllt, mein Alter, ich weiß es!« rief Peard und klopfte ihm freundlich auf die Schulter. »Ich bin ganz zufrieden mit Ihnen, und by Jove«, Sie sollen es auch mit mir sein, sobald wir nach Montevideo, Buenos Aires oder sonst einem vernünftigen Ort kommen, wo man einen Wechsel auf London vorzeigen kann!« »Das Papier, Sir, das Papier!« Der riesige Jäger stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Nun, wenn Sie darauf bestehen, Felsenherz – hier ist es.« Er nahm es aus seiner Brieftasche. »Hier sind Ihre drei Kreuze. – Aber ich sage Ihnen, es ist so gut bei mir aufgehoben wie bei Ihnen selber!« Felsenherz nahm es ihm aus der Hand, riß es in hundert kleine Fetzen und streute sie in die Luft. »Zum Henker! Was machen Sie denn da, Felsenherz?« rief Peard erstaunt. »Doch Sie sollen nichts verlieren, wenn auch meine Unterschrift zerrissen ist! – Wort ist Wort! – Nun aber, dächte ich, träfen wir Anstalten zum Aufbruch, damit wir vor Nacht noch einige Stunden weiter kommen. – Packen Sie das Zelt ein, mein Lieber, ich ...« Der Waldgänger zeigte zur sinkenden Sonne. »Seit vier Stunden, Sir,« sagte er mit finsterm Ernst, »habe ich aufgehört, Ihr Diener zu sein. Gott möge mir vergeben, daß ich mich vom Teufel blenden ließ, es je zu werden! – Unser Vertrag ist gelöst, Sir. Unsere Wege trennen sich hier!« »Aber Felsenherz! – Sind Sie toll? – Ihr Lohn – Ihr Geld –« »Toll? – Nein. Aber ich war es, Sir, als die Teufel der Habsucht und der Rache gegen die Roten mich verführten, den schändlichen, blutigen Handel mit Ihnen einzugehen. – Behalten Sie Ihr Gold – ich mag es nicht. Es klebt Blut daran, das schwer auf meiner Seele brennen wird, bis meine Stunde kommt! – Gehen Sie Ihrer Wege, Sir! – Beim Andenken meiner Mutter und dem Eid eines ehrlichen Mannes: ich schieße Sie nieder wie einen tollen Hund, wenn Sie je wieder wagen, mir auf die Weite einer Büchsenkugel zu nahe zu kommen!« Er wandte ihm den Rücken und schritt, den Grauen am Zügel, dem Grab Mato Topahs zu, an dem Aniella noch immer kniete. Peard eilte ihm nach. »Aber, Felsenherz, Sie werden mich doch hier nicht allein in der Wildnis lassen! Ich muß für Ihre Rückfahrt nach New Orleans und Saint Louis sorgen!« Der Trapper sah ihn stumm an – der Blick, mit dem er nach seiner Büchse faßte und an das Schloß griff, war so drohend, daß der Brite zurückwich. Felsenherz hob Aniella in den Sattel Molas, ergriff den Zügel und schritt schweigend, ohne einen Blick zurück, und in der Richtung nach Osten welter. Der Kapitän war ihm vorsichtig noch einige Schritte von fern gefolgt. Dann blieb er stehen und sah dem Paar nach, bis es zwischen den Stämmen der Waldriesen verschwunden war. » Goddam! « murmelte er. »Eine fatale Geschichte! Felsenherz ist ein Narr oder hat den Spleen. Wahrhaftig, ich werde gezwungen sein, mich selber zu bedienen! – Und Fleurette und die Gäule dazu. – Shocking! « Er blickte sich um. Sein Fuß stieß an das Grab des armen indianischen Knaben, der letzten Beute seiner Indianerjagd. Über ihm rauschten die langen Fächerblätter der Palme wie Geisterstimmen. Nervös wandte er sich. Hatte da nicht eine Stimme gerufen? War es der verdrehte Felsenherz, der seinen wohlerworbenen Lohn im Stich ließ und mit der reizenden Frau davonzog? »Mörder...« Er zuckte zusammen. Aber es war doch wohl nur das Rauschen der Palmenkronen. »Verrücktes Land!« lispelte er vor sich hin. Langsam schritt er zurück, packte sein Rasierzeug sorgfältig zusammen, hockte nieder und nahm die winselnde Fleurette auf den Schoß. Dann zog er sein Taschenbuch und trug mit ruhiger Hand den Sechzigsten ein; Ort, Datum und Stunde setzte er dahinter. Die alte Garde Zwischen dem Rio Yi und den Zuflüssen des Lago Mirim, im Norden begrenzt von den Bergketten und Urwäldern, die von der Südgrenze Brasiliens herüberstreifen, liegt eine weite Ebene, auf der die reichsten Estanzieros und Saladeros Saladeros, auch Mataderos genannt, sind die großen Schlächtereien, in denen das Vieh der Pampas zu Tausenden zur Gewinnung des Fleisches, der Häute und Hörner, des Talgs usw. geschlachtet wird. Estanzia heißen die Landgüter der Viehzüchter im Innern. Montevideos ihre Besitzungen haben. Eine der größten und reichsten war die Estanzia del Carmen des Marquis Fourichon de Massaignac, eines Offiziers der alten Kaisergarde aus einem der edelsten Geschlechter Frankreichs. Der Marquis, 1788 geboren, war als Knabe, nachdem seine Familie ausgewandert oder unter dem Beil der Guillotine gefallen war, in den Händen eines alten Soldaten zurückgeblieben. Der Alte, von seinen ersten Lebenstagen an auf den Besitzungen der Massaignacs, vergalt jetzt deren Wohltaten an dem Kinde; er gab ihm die nach seinen Begriffen beste Erziehung, wie sie zu einem Soldaten und einem begeisterten Anhänger des aufgehenden Sternes des ersten Konsuls erforderlich war. Zehnjährig machte der Knabe schon als Tambour den Feldzug Napoleon Bonapartes nach Ägypten mit, wurde im achtzehnten nach der Schlacht von Austerlitz zum Leutnant in einem Husarenregiment befördert und von der Hand des Kaisers selber bei Eßlingen mit dem Kreuz der Ehrenlegion bedacht. Sein Pflegevater war bei Austerlitz gefallen. Seitdem hatte der junge Offizier den in der Revolutionszeit abgelegten Namen seiner Familie wieder angenommen. Napoleon suchte die Mitglieder das alten Adels auf alle Weise an sich zu fesseln und zu unterstützen. Dies war auch mit Fourichon de Massaignac der Fall, der fortan sein Schicksal unlöslich mit dem Stern des Kaisers verbunden sah. Ein unglücklicher Zweikampf hinderte ihn, den Feldzug nach Rußland mitzumachen; er suchte in den Bädern Bagne`res Heilung und machte dort die Bekanntschaft eines reichen Estanzieros von Montevideo und seiner schönenTochter Carmen, die Frankreich bereisten. Die Feldzüge von 1813 und 1814 unterbrachen diese Beziehungen; sie führten Fourichon als Kapitän wieder auf die Schlachtfelder des blutigen Korsen. Die neue Regierung nach dem Untergang Napoleons fand ihn als Reitermajor. Man hätte seinem alten Adel gern nach dem Rausch der Revolution und der napoleonischen Zeit Rechnung getragen, wenn er sich nicht bei jeder Gelegenheit als wütender Bonapartist gezeigt hätte. So war denn auch kaum die Nachricht von der Landung des Kaisers erschollen, als er mit Ney und Labedoye`re zu den Fahnen und Adlern Napoleons eilte. Als Oberst des zweiten Regiments der Gardehusaren unterstützte er bei Belle-Alliance den Angriff Lobaus gegen die von Ligny anrückenden Preußen und sank mit zerschmettertem Arm auf die Leichenhaufen der Seinen. Die Menschenfreundlichkeit eines preußischen Offiziers rettete sein Leben, ermöglichte seine Heilung und schützte ihn später vorder Rache der Bourbonen, die alle diejenigen suchte, die zu Napoleon übergegangen waren. Oberst Massaignac entkam nach England und schiffte sich von dort nach Südamerika ein. Schon damals bot der Kampf der Föderalisten und Unitarier den Abenteurern und Flüchtlingen aller Länder ein reiches Feld der Betätigung. In Montevideo fand der siebenundzwanzigjährige Oberst seine Freunde aus den Bädern von Bagnères wieder; ehe zwei Jahre vergingen, war er der glückliche Gatte der schönen Carmen; und einer der reichsten Herdenbesitzer der Banda Oriental. Zehn Jahre vor dem Flottenkampf des Kommodore Garibaldi auf dem Silberstrom, dem Rio de la Plata, war Carmen gestorben und hatte den Obersten mit den beiden jüngsten ihrer Kinder, einem Knaben und einem Mädchen, zurückgelassen, die damals zehn und acht Jahre zählten. Der Marquis de Massaignac hatte sich längst an das freie Leben der Pampas gewöhnt. Sein Reichtum und die veränderte Zeit hätten ihm die Rückkehr nach Frankreich erlaubt; dennoch zog er es vor, auf der Estanzia zu bleiben. Aber die Liebe für sein Vaterland, die Erinnerungen seines stolzen Namens und seiner eigenen Jugend verließen ihn nicht und bewegen ihn, seinen Kindern eine französische Erziehung zu geben. Seinen Sohn Amadé ließ er in die Armee von Algier eintreten; seine Tochter, die den Namen und die Schönheit ihrer Mutter geerbt hatte, schickte er in eine Pariser Erziehungsanstalt, wo sie fünf Jahre blieb. Der Takt des Marquis ermöglichte einen höflichen Verkehr mit beiden kämpfenden Parteien. Nie mischte er sich in den Streit; und die willigen Opfer, die er häufig Rosas und seinen Generalen gebracht, hatten ihm von diesem einen Schutzbrief verschafft. Auf der andern Seite schützte ihn der europäische Einfluß, namentlich zur Zeit, als Graf Walewski französischer Geschäftsträger in Montevideo war, vor den Belästigungen, denen gewöhnlich die am La Plata selber oder unmittelbar an der Küste wohnenden Landbesitzer ausgesetzt waren. Er war bekannt mit allen hervorragenden Führern beider Parteien, und alle hatten zu Zeiten Schutz oder freundliche Aufnahme in seiner Estanzia gefunden. Man betrachtete ihn noch immer mehr als Ausländer denn als Montevideer, und so erregte sein politisches Verhalten nicht jenen leidenschaftlichen Haß, mit dem sich die Eingeborenen der La-Plata-Staaten in diesem Bürgerkriege verfolgten. Drei Tage, nachdem sich der Wildwestjäger Felsenherz am Grab von Mato Topah von dem britischen Sonderling Kapitän Peard trennte und ihn seinem Schicksal überließ, waren die weiten Flächen um die Estanzia del Carmen der Schauplatz eines bunten Lebens und Treibens. Das Jahr neigte sich; es war Spätherbst. Der Boden zeigte ein dunkles Braun; Distelgebüsche und das starre Gras bedeckten in üppiger Fülle auf große Strecken hin den sanft gewellten Boden. Während des Frühjahrs und des Sommers bilden sie die Hauptnahrung für die im halbwilden Zustand umherstreifenden Vieh- und Pferdeherden. Einzelne schwere Regengüsse und die Kälte der Nächte verkündeten den nahen Winter. Die kalte Jahreszeit erfordert auch in diesen Breiten gewisse Vorbereitungen, wenn sie sich dort auch anders als in Europa zeigt. Dazu gehörte vor allem das Abbrennen der Ebenen, um den frischen Trieben des Frühjahrs neuen Platz zu schaffen und den Boden mit der Asche zu düngen. Zu diesem eigentümlichen und nicht immer gefahrlosen Schauspiel war der gegenwärtige Tag von den Estanzieros der ganzen Fläche östlich des Yi gewählt. Die Estanzia des Marquis von Massaignac lag auf einem Hügel, unfern des Ufers eines kleinen Baches, der seine Richtung nach Süden nahm und sich in einen Nebenfluß des Rio Yi ergoß. Sie bestand noch, wie zu Zeiten seines Vorgängers, aus einem langen, niedern Gebäude von Adobes oder ungebrannten Lehmziegeln und Fachwerk, mit starkem Schilfrohr bedeckt. Der Oberst war ein von Jugend auf an die Strapazen und Gefahren des Kriegerlebens gewöhnter Mann – er hatte es anfangs aus Gleichgültigkeit, später aus Politik verschmäht, das rauhe und einfache Äußere seiner Behausung zu ändern, obwohl er sich – Besitzer von Millionen – selbst in dieser Einöde jeden Glanz und jede Eleganz hätte schaffen können. Das Haus war daher nur größer und ausgedehnter als gewöhnlich, und sein Inneres allein unterschied es hauptsächlich von ähnlichen Gebäuden. Wie überall, fand sich in der Mitte die geräumige Küche, wo die Peons und die Vaqueros der Estanzia aßen und schliefen. Zur Rechten war die große Stube für den Capataz oder Aufseher; daneben lagen zwei kleinere Gemächer, für den Marquis selber bestimmt und soldatisch eingerichtet. Den einen Flügel nahmen vier Frauengemächer ein, in deren Ausstattung sich der reichste Luxus der Pariser und Londoner Warenhäuser mit den einfachen Geräten der Pampas in seltsamer Weise mischte. Ein prächtiger Flügel stand an der getünchten Lehmwand, Brüsseler Teppiche bedeckten den gestampften Boden. Von den Balken der Decke hingen kostbare Kristallkronen, Sessel mit schwellenden Polstern wechselten mit plumpen Rohrstühlen, Pferdesätteln und chinesischen Koffern. Um das Gebäude zog sich ein tiefer Graben, über den bewegliche Bretterbrücken zu einer Reihe von Hütten führten; sie dienten den verheirateten Peons oder den fremden Gauchos zum Aufenthalt, die zu gewissen Zeiten des Jahres in den Dienst des Estanzieros traten. Dort befand sich auch der Corral, ein von rohen Pallisaden umgebenes Gehege mit einem Ziehbrunnen, langen hölzernen Trögen und einem Dutzend starker Pfähle zum Anbinden der Pferde. Drei ähnliche, nur größere, runde Umzäunungen von tausend bis fünfzehnhundert Schritt im Durchmesser, gleichfalls mit einem Graben und starken Pallisaden umgeben und mit einem breiten Tor, befanden sich in einer angemessenen Entfernung zur Aufnahme der Herden bei Gelegenheiten, wie die heutige, bestimmt. In der weiten Ebene sah man auf verschiedenen höheren Punkten in meilenweiten Zwischenräumen die Rodios, die Sammelstangen, aufgerichtet, bei denen sich die Abteilungen der Herden inmitten ihrer Apostaderos, ihrer Weideplätze, sammelten. Der Kommodore Giuseppe Garibaldi war nach einem angestrengten Marsch vor zwei Tagen mit dem Rest der italienischen Legion auf der Villa del Carmen eingetroffen. Die erste freudige Kunde, die ihm dort wurde, war die Nachricht von einem glücklichen Gefecht, das die Truppen des Präsidenten gegen Oribe in der Nähe von Montevideo bestanden hatten. Durch diesen Erfolg war die Wage der Unitarier wieder höher gestiegen; doch hatte er auf den Wunsch des ihm wohlbekannten Obersten seine kleine Schar unter Marochettis Befehl nach kurzer Rast weiter nach Süden marschieren lassen, und war mit Francois Laforgne und etwa zwanzig Männern zurückgeblieben, um mit dem Estanziero über den nötigen Bedarf an Pferden für seine Leute zu unterhandeln und diese dann nachzuführen. Dies fiel günstigerweise mit der Zeit zusammen, in der alljährlich die ungeheuren Herden der Estanzia kurz vor Anbruch des Winters zusammengebracht zu werden pflegen; das Hornvieh, um es vor dem Brand der Ebenen zu schützen und die Auswahl zum Verkauf an die Saladeros zu treffen; die Pferde, um die jungen Fohlen des Jahres zu zeichnen und die alljährliche Schur der Mähnen und Schweife vorzunehmen; in Stränge geflochten, werden sie nach Montevideo und von dort nach Europa geschickt. Wenige, die in der alten Welt auf Polstern und Matratzen ihre Glieder dehnen, ahnen wohl, daß die Füllung aus den unabsehbaren Ebenen des Parana, des Rio Negro oder La Plata stammt. Schon am Tag vorher waren die Rinderherden, an die vierzigtausend Stück, durch ihre Peons, Paisanos und gemieteten Gauchos aus ihren verschiedenen Puestos zusammengetrieben und, nachdem mit Hilfe der Señelos Die gezähmten Tiere, die zur Gewöhnung und zum Einsangen der wilden gebraucht werden. die zum Verkauf bestimmten Stiere, diesmal zweitausend an der Zahl, abgesondert worden, in eine große, dazu bestimmte Umzäunung getrieben. Das ausgesuchte Schlachtvieh war den Reseros oder Viehtreibern übergeben worden; sie hatten mit ihren Knechten und gemieteten Indios manos die Herden jenseits der Wasserscheide auf den Weg zur Küste getrieben, wo das Abbrennen der Ebene ihnen nicht mehr gefährlich werden konnte. Am gleichen Tag noch hatte man das Brennen und Auszeichnen des jungen Viehs vorgenommen; da die Herden der Estanzieros frei über das oft dreißig bis vierzig Geviertmeilen große Gebiet der Estanzia schweifen, muß jedes Tier mit dem Stempel seines Herrn gebrannt werden, damit es von den Herden der Nachbarn zu unterscheiden ist. Mit Sonnenaufgang hatte das Eintreiben der Pferde, das mehr einer Jagd gleicht, begonnen. Von ihren Sammelplätzen an den Rodios aus wurden die einzelnen Manadas, die wilden unter einem Leithengst stehenden Herden, und die Tropillas, die kleineren Haufen junger Hengste mit ihrer Madrina, der glockengeschmückten Leitstute, nach den großen Corrals getrieben. Dabei ist es die gefährliche Hauptaufgabe der Peons, die einzelnen Herden auseinander zu halten, da sonst leicht ein erbitterter Kampf der Leithengste entsteht. Aus diesem Grund auch wurden die Tropillas in einen besonderen Corral, abgesondert von den Manadas, gebracht, während zwischen den letztern wohl fünfzig kühne Reiter umherjagten, um mit Lasso und Bola die widerspenstigen Tiere zu bändigen. Sie galoppierten auf den Hengsten umher, die Ringe des Lassos um den Arm, oder die Bola, die lederumnähten, durch geflochtene Riemen verbundenen drei Steinkugeln, in der selten fehlenden Hand. Die Kugel oder Schlinge flog nach dem gewählten Opfer, die Linke des Reiters riß zugleich den schweren Zaum zurück, so daß das Pferd im schärfsten Rennen, wie vom Blitz getroffen, sich auf die Hinterschenkel warf. Die Paisanos sprangen zu dem zu Boden gerissenen Tier; im Nu waren die Kamm- und Schwanzhaare abgeschnitten oder das glühende Eisen auf das zischende Fleisch des Schenkels gesetzt; das Tier wurde von der Schlinge befreit und flüchtete schnaubend vor Schmerz und Wut unter die Herde seiner Gefährten. Mit einer außerordentlichen Gewandtheit entgingen die Reiter dabei meist dem Schlagen und Beißen der wütenden Leithengste. Bald völlig auf die Kruppe zurückgebogen, bald auf die Seite geworfen, mit den Händen an Mähne und Bügel, jagten sie dahin, um nach überstandener Gefahr sich aufs neue in den Sattel zu schwingen und den günstigen Augenblick zum Unschädlichmachen des Verfolgers zu benutzen. Auf einer hölzernen Plattform zwischen den beiden großen Corrals der Pferde und des Rindviehs, von der aus man das bunte Schauspiel übersehen konnte, stand der Haziendero. Von Zeit zu Zeit bezeichnete er seinem Capataz eines oder das andere der Rosse, das ihm zum Hausdienst der Hazienda behagte oder das er zum Verkauf an seinen Gastfreund Giuseppe Garibaldi bestimmte. Mit scharfem Blick verfolgten die Vaqueros und Peons das Tier durch die wirbelnde Menge – die Schlinge schwirrte durch die Luft, der Gefangene wurde durch das Tor der Umzäunung nach dem kleinen Corral in der Nähe des Hauses gebracht und dort festgebunden. Der Marquis war ein stattlicher Sechziger, in jedem Zoll der alte Soldat. Ein buschiger grauer Schnurrbart umschattete den Mund; aus dem von den Strapazen der Jugend und dem spätem halbwilden Leben im Freien mit der Farbe unverwüstlicher Gesundheit gebräunten Gesicht blitzten unter dem grauen Haar ein Paar dunkle Augen. Bei aller Kraft und Derbheit aber prägte sich in der Gestalt wie in dem Gesicht doch unverkennbar ein gewisser Adel des Herzens aus; seine französische Beweglichkeit und Lebendigkeit hatten außerdem etwas von der spanischen Grandezza und der weitschweifigen Höflichkeit seiner neuen Landsleute angenommm. Massaignac trug eine halb militärische, halb gauchoartige Tracht: einen polnischen, uniformmäßig zugeknöpften, kurzen Rock, auf dessen Brust das Kreuz der Ehrenlegion glänzte, kurze spanische Samtbeinkleider und hohe Stiefel mit schweren Reitersporen. Der linke Ärmel seines Rockes war leer an der Brust befestigt; an dem rechten Handgelenk hing eine Lederpeitsche. Der Oberst stand in eifrigem Gespräch mit Garibaldi und einigen seiner Begleiter. Auf den Zügen des berühmten Führers lagerte düstere Trauer um die Verlorenen – Weib und Kind. Am Tag vorher hatte Marquis Massaignac zwei seiner gewandtesten Leute an die Ufer des Uruguay gesandt, um das Schicksal der Verlorenen zu erkunden. Der Kommodore hatte längst jede Hoffnung auf das Versprechen und die ungeübten Kräfte Mato Topahs, des Jungen Kondors, aufgegeben. Deshalb hatte er einen der Männer einen Brief an Urquiza mitgegeben, in dem er seinem grausamen Feind die Auswechselung zweier gefangener Milizoffiziere gegen die Freiheit seiner Gattin bot oder ihn zum Zweikampf forderte, wenn er ihr schon ein Leid angetan habe. Unfern der Gruppe des Wirtes hatte sich Jugend und Schönheit zusammengefunden. Die junge Marquise Carmen ließ sich von fünf Cavalieros den Hof machen und scherzte dazwischen mit ihrer französischen Kammerfrau und einigen kreolischen Dienerinnen. »Oh, Monsieur Francis, sprechen wir ein wenig von Ihrem schönen Vaterland!« sagte Carmen zu dem jungen Adjutanten des Kommodore, der unter den Verehrern der Begünstigste zu sein schien. Das Leben im Felde und die steten Anstrengungen des Steppenkampfes hatten ihm ein männliches Aussehen über seine Jahre hinaus gegeben; das offene, kühne und leichte Wesen des Seemanns und Pampaskriegers berechtigte ihn trotz seiner mangelhaften gesellschaftlichen Bildung, mit den gewandteren Nebenbuhlern in die Schranken zu treten. Aber auf sein Wissen und seine Umgangsformen hatte die Nähe und der tägliche Umgang mit Garibaldi und seiner liebenswürdigen und warmherzigen Gattin veredelnd gewirkt. Gewiß war dem jungen Franzosen bei seinem unsteten kriegerischen Leben die Gelegenheit verschlossen geblieben, sich viel Büchergelehrsamkeit zu erwerben; doch die Gespräche und das Beispiel des Führers, der eine besondere Vorliebe für ihn hegte, hatten manchen guten Samen in sein Hirn gelegt. Es war daher nicht zu verwundern, daß die Augen Carmens ihn immer wieder suchten; und sie verstand meisterhaft das anmutige Spiel, in dem die Frauen spanischen Stammes fast unübertrefflich sind, den Bevorzugten in seinen Huldigungen zu ermuntern. Der Nebenbuhler, mit dem er bei diesem neckischen Spiel in die Schranken trat, war nicht zu verachten, um so mehr, als er auf ein altes Recht pochen durfte, da er schon seit ihrer Kindheit der Verlobte der schönen Haziendera war. Don Alvaro Guzman de Montijo war der Sprößling des alten spanischen Grafengeschlechts der Guzman, das bei den bürgerlichen Kriegen der Karlisten und Christinos auf Seite der Christinos gestanden, und dessen Mitglieder beim Sieg der Partei zum Teil hohe Würden erlangten. Don Alvaro hatte als Page im Dienst der Königin Christine gestanden, und war bei ihrer Vertreibung mit einigen seiner Verwandten nach Frankreich gegangen. Später trennte er sich von ihnen und schiffte sich nach der neuen Welt ein. Er hatte sein Vermögen verloren und war jetzt nichts als ein Abenteurer; deshalb gedachte er einer Verlobung, die seine verstorbene Mutter für ihn geschlossen hatte. Seine Mutter war eine Verwandte und Freundin der Señora Carmen, der älteren, und die beiden Freundinnen hatten, nach der Sitte der spanischen vornehmen Familien, ihre beiden Kinder schon in der Jugend miteinander verlobt. Der Oberst liebte seine Frau viel zu sehr, um ihrem noch auf dem Totenbett wiederholten Wunsch zu widersprechen und ihr Gelöbnis zu brechen. Don Alvaro war jetzt achtundzwanzig Jahre alt und besaß manche bestechende Eigenschaft. Seine Braut brauchte also mit ihrem Schicksal nicht unzufrieden zu sein, wenn er ihr sonst auch ziemlich gleichgültig war. In manchen Beziehungen aber ähnelten sich ihre Charaktere auffallend. Der hagere Spanier war mittelgroß; die dunklen Augen hatten etwas Unheimliches, das jedoch von einem gleichmäßig höfischen Lächeln gemildert wurde. Die schmalen Lippen des kleinen Mundes und der spöttisch-überlegene Zug um die Nasenwinkel, den der Schnurrbart zum Teil verdeckte, verrieten die Neigung zu Ränken und verstecktem Ehrgeiz. Sein Wesen war das des vollendeten Höflings, seine Bildung die oberflächlich-vielseitige des Weltmannes, seine Unterhaltung mitreißend. Diesen beiden Verehrern gegenüber, denen sich noch drei junge Leute aus Montevideo oder Söhne benachbarter Hazienderos anschlossen, benahm sich die schöne Tochter des Obersten bald wie eine Königin, bald wie die Manola, deren Augenspiel auf der Alameda die Herzen der Msnner fesseln will. Das kreolische und französische Blut mischte sich in ihrem Äußern und ihren Eigenschaften auf eigentümliche Weise. Das dunkle Rot der vollen, üppigen Lippen und das glänzende Schwarz der Brauen und der Wimpern, unter denen tiefblaue Augen mit einem verführerisch schmachtenden Ausdruck leuchteten, stachen seltsam anziehend von der zarten Hautfarbe ab. Die Stirn war frei, die Nase leicht gebogen. Zuckte die volle, von leichtem Flaum hauchartig beschattete Oberlippe beim Lächeln in die Höhe, so wurde eine glänzende Reihe kleiner Zähne sichtbar. Das Gesicht war von schwarzem Haar umgeben, auf dem der Sonnenschein rötliche Lichter schimmern ließ. Das zurückgeschlagene Kopftuch von rosafarbenem Atlas, mit Valenciennespitzen besetzt, ließ Hals und Schultern frei für die Bewunderung der jungen Leute. Die achtzehnjährige Carmen war sich der Reize ihres Gesichts und ihres Wuchses wohl bewußt; das fühlte man bei jeder ihrer scheinbar unabsichtlichen und fast lockenden Bewegungen. »Es ist wahrscheinlich, Herr Kommodore,« sagte Marquis Massaignac, »daß ich Sie binnen kurzem in Montevideo oder doch an den Ufern des La Plata wiedersehen werde. Es sei denn, daß Sie mir das Vergnügen machten, Ihren Aufenthalt auf acht Tage auszudehnen, damit ich Sie begleiten kann. Eine eigentümliche Angelegenheit fordert meine Anwesenheit in Montevideo oder Buenos Aires; ich habe schon an General Oribe geschrieben, um mir die nötigen Geleitspapiere zu verschaffen,« »Ist es erlaubt, nach der Ursache dieser Reise zu fragen? Vielleicht kann ich so glücklich sein, Ihnen dabei zu dienen?« »Es handelt sich um eine Testamentsklausel meines verstorbenen Schwiegervaters und um die Geschichte meiner eigenen Jugend. – Sehen Sie jene Tropilla dort von schwarzen Hengsten mit der prächtigen isabellfarbenen Madrina an ihrer Spitze?« »Ich bewundere sie schon längst und wünschte, sie gehörte zu der Zahl der Pferde, die Sie mir überlassen wollen.« »Sie gehört dazu. Der Capataz gibt eben das Zeichen, sie einzufangen. Aber Sie werden dafür nicht mein Schuldner sein, Monsieur, sondern der eines Fremden.« Garibaldi sah ihn fragend an. »Es ist der letzte Rest der Cavallada des Puestos,« fuhr der Oberst fort, »der meinen Arm oder vielmehr mein Leben bezahlen soll.« »Ich verstehe nicht.« Massaignac wandte den Blick von der Ebene und blickte Garibaldi in die Augen. »Hören Sie den Zusammenhang. Sie wissen, daß ich den Arm bei Belle-Alliance verlor. Mein Regiment gehörte zum Ersatz, als Grouchy uns verrätenscherweise die Preußen von St. Lambert her in die Flanke kommen ließ, während Soults Kolonnen auf dem Punkt waren, die britischen Eisenfronten zu werfen. Die Gardehusaren waren unter den Truppen, die der Kaiser auf seinen letzten Wurf setzte. Ich seh' ihn noch vor mir mit dem kalten grauen Gesicht, wie er auf seinem Schimmel heransprengte und stumm nach den dunklen Linien des Feindes wies, der aus dem Wald herausquoll. »Halten Sie ihn auf, Oberst,« sagte er, »nur eine Stunde! Ihre Generalsachselstücke sind dort!« Fort ging's im donnernden Lauf – Blüchers Husaren schwärmten schon über die Ebene, und seine leichte Artillerie brüllte todsprühend von den Höhen. Dreimal, kam ich mit dem Regiment heran, die Batterie zu nehmen, dreimal mußten wir zurück – die Kartätschen und das Feuer der Jäger, die zur Unterstützung der Batterie herangekommen waren, räumten die Sättel. Dann jagten die brandenburgischen Kürassiere heran wie eine weiße Wolke und warfen uns über den Haufen. In dem Augenblick, da mein linker Arm von einer Büchsenkugel zerschmettert wurde, spaltete der Pallaschhieb des Offiziers, mit dem ich focht, meine Bärenmütze; nur die dünne Metallplatte darin schützte meinen Schädel – aber der Hieb warf mich bewußtlos vom Pferde.« »So gerieten Sie in die Gefangenschaft der Preußen?« »Nicht so ganz! – Als ich wieder zu mir kam, lag ich an einem Biwakfeuer. Meine Wunden waren, so gut es ging, verbunden. Der preußische Offizier saß neben mir. Mein Säbel war ihm arg über die Stirn gefahren, trotzdem hatte er für mich gesorgt, als wäre ich sein Waffenkamerad. Durch seine Verwendung kam ich ins preußische Lazarett nach Valenciennes, wo die Ärzte mir den Arm abnehmen mußten. Es war das Geringste, was der gutherzige Feind für mich tat. Die Spione Ludwigs waren wie die Harpyen hinter denen her, die bei der Rückkehr Napoleons von Elba die weiße Fahne verlassen hatten und zu seinen Adlern geeilt waren. Und zu diesen, Kommodore, gehörte auch ich.« »Ich begreife. Wer einmal unter dem Einfluß des großen Korsen gestanden hat, wird ihn nie vergessen.« »Nie! – Bis zum Tode nicht! – Also, nach meiner Genesung wurde ich nach Paris gebracht, um die Untersuchung gegen Ney und Labedoyère zu teilen. Eine Schickung führte mich bei der Ankunft in Paris mit dem preußischen Offizier zusammen, dem ich meine Rettung auf dem Schlachtfeld von Belle-Alliance verdankte. Er nahm sich meiner an, bereitete meine Flucht vor und schaffte mich, da er als Kurier nach Berlin ging, in der Kleidung seines Burschen über die belgische Grenze. Dort gab er mir die Mittel, nach England zu entkommen!« »Bravo! – Ein guter Soldat, ein wackerer Mann! – Hörten Sie wieder von ihm?« »Er wies die Freundschaft des Bonapartisten zurück und wollte nur als Soldat gegen den Soldatm gehandelt haben«, fuhr der Oberst fort. »Sie wissen, daß ich von England alsbald nach den La-Plata-Staaten ging, hier alte Freunde aus der Zeit meines Glückes und Glanzes und Ruhe und ein friedliches Leben an der Hand meiner geliebten Frau fand. Ich weiß nicht, ob mein Feind und Retter von damals noch lebt; aber ich hoffe, daß er ebenso glücklich geworden ist wie ich.« »Wußten Sie etwas von seinen Verhältnissen in Preußen?« »Wenig. – Wie ich mich erinnere, vertraute er mir damals, daß ihn in der Heimat ein Mädchen erwarte, um seine Frau zu werden.« »Doch ich sehe noch immer nicht, Herr Marquis, wie Ihre damalige Rettung mit der Tropilla jener prächtigen Rappen dort zusammenhängen sollte.« »Mein Schwiegervater kannte meine Geschichte. Ohne mein Wissen bestimmte er am Tag meiner Hochzeit ein neu von der Regierung an der Grenze seiner Estanzia erkauftes Gelände zum Eigentum meines Retters im fernen Europa.« »Die Herden des Hornviehes und die Manadas, die auf diesem Puesto gezüchtet wurden, waren also der wachsende Reichtum eines Preußen, der keine Ahnung von diesem Besitz in den Steppen Amerikas hatte?« »So ist es. Ich selber erhielt erst Kunde davon beim Tod meines Schwiegervaters. Eine besondere Klausel seines Testaments setzte fest, daß die Herden des Puestos dreißig Jahre lang vom Tag unserer Trauung an zum Besten meines Retters verwaltet, und nach dieser Zeit der Ertrag der Familie oder seinem ältesten Sohn überliefert werden sollte als ein Zeichen dankbarer Erinnerung.« »Ausgezeichnet!« »Gestern war der Tag meiner Hochzeit; die Stiere des Puestos sind verkauft und die Reseros schon mit ihnen auf dem Weg; die Manadas find für Sie ausgewählt, und mein Rechnungsführer hat die Rechnung geschlossen.« » Cospetto , Herr Marquis! – Da mag sich ein nettes Sümmchen angesammelt haben!« »Es ist ein Vermögen! – Bei meinem Bankier in Montevideo liegen hunderttausend Pistolen in Wechseln auf Lafitte in Paris bereit; es handelt sich nur darum, sie dem rechten Eigentümer zu überliefern!« »Mein Gott, das sind mehr als eine und eine halbe Million Lires!« »Wundert Sie das? – Das Vermögen Carmens wird davon nicht berührt, und die Erbschaft wird beweisen, daß die Soldaten der alten Garde Napoleons weder Freund noch Feind vergessen!« »Wer jener preußische Offizier kann längst gestorben sein. – Wie wollen Sie ihn auffinden, wenn Sie seit dreißig Jahren nie wieder von ihm gehört haben?« »Darum brauch' ich einen sichern Mann, den richtigen Erben zu suchen, und darum war die Erbschaft nicht für ihn selber, sondern für sein ältestes Kind bestimmt.« »Wie hieß der Preuße?« »Pardi! – Diese deutschen Namen sind so verteufelt schwer auszusprechen! Ich bewahre das Blatt, auf das er ihn selber geschrieben hat, in meiner Brieftasche.« Er öffnete sie und zog ein kleines, vergilbtes Papier hervor. »Lesen Sie!« Garibaldi las. »Frédéric de Reubel, lieutenant au service de Sa Majesté le roi de Prusse. Cuirassiers de Brandenbourg«, wiederholte er laut. »Ja ja, ein brandenburgischer Kürassier.« Es war, als sähe der alte Marquis zurück in die verblaßte Vergangenheit, als stiegen vor ihm noch einmal die blutigen Bilder von Belle-Alliance auf und als ritte er noch einmal unter den Trompeten der Gardehusaren gegen den Feind seines geliebten Kaisers... Carmen de Massaignac Giuseppe Garibaldi hielt den vergilbten Zettel mit dem Namen des brandenburgischen Kürassiers in der Hand. Ein verständnisvolles leises Lächeln huschte über sein ernstes Gesicht. Auch dieser Mann vor ihm hing an einem Traum für sein Vaterland; auch dieser Mann weilte in der Fremde, weil die Heimat keinen Raum für ihn bot. Ein schwerer Atemzug hob die Brust des Kommodore. Wann würde Italien ihn rufen? »Ein Wechsel, der mit Zinsen bezahlt wird«, sagte er endlich und reichte das Papier zurück. »Ich wünsche, daß Sie etnen zuverlässigen Mann finden mögen, dem Sie den Auftrag anvertrauen können. – Aber was geht dort vor?« »Mon Dieu! – Der tolle Bursche ist mitten im Corral und handhabt den Lasso, als wäre er in den Pampas geboren! – Das Pferd soll das seine sein, wenn er es zu Boden bringt! – Was wollen Sie, Señor Capataz?« »Wir sehen im Westen den Rauch steigen, Exzellenza, und die Zeichen an den Rodios. Es ist Zeit, daß wir das Zeichen zum Anzünden der Fläche geben!« »Einen Augenblick noch, Señor Capataz. – Lassen Sie uns sehen, was der junge Franzose dort beginnt! – Pardieu! – Was fällt dem Grafen ein? – Sind die beiden Narren toll geworden?« Die Aufmerksamkeit aller wandte sich der zweiten Gruppe zu, wo das Spiel der jungen Marquise einen gefährlichen Wettstreit hervorgerufen hatte. »Sie dürfen nicht glauben, mein Herr, daß ich in Paris ganz meine alten Geschicklichkeiten vergessen habe«, scherzte Carmen. »Mein Vater erzog mich zu einer Reiterin; man hat mich in Chantilly mehr als einmal bewundert. Mein Bruder war vor zwei Jahren in Paris und führte mich zu den Rennen. Sie sind Kinderspiel gegen unsere Ritte in den Pampas! Auch verstehe ich die Bolas und den Lasso zu werfen!« »Ich will mich an die Fockraa schnüren lassen, schöne Señora,« rief François Laforgne entflammt, »wenn ich nicht überzeugt bin, daß die wildeste Manada vor Ihren Augen so fromm wird wie ein Lamm. Ich möchte Sie wohl auf einem Ritt durch die Ebene begleiten!« »Das Glück können Sie haben, wenn Sie sich bis morgen gedulden«, lachte Carmen mit verführerischem Augenaufschlag. »Annitta, mein Kind, beginnt morgen nicht meine spanische Woche?« »Die Señora wissen es«, erwiderte die Dienerin. »Der Rebozo liegt bereit.« »Es ist schade – es hätte einen Tag früher sein müssen; aber ich muß Ordnung halten, meine Herren! Sie müssen wissen, Señor Assistente, daß ich meine Wochen einteile. In der einen bin ich Pariserin, in der andern gehöre ich Spanien. Alle meine Liebhabereien sind danach geregelt. Pa' hält selber streng darauf, und ich weiß wirklich nicht, wie er mich lieber sieht! – Fragen Sie den Grafen Montijo, ob ich nicht mit jedem Peon um die Wette reite.« »Der Señor wird es morgen auf seine Kosten kennen lernen! – So viel ich gehört, ritt er noch vor einigen Jahren Segelstangen statt der wilden Pferde der Pampas.« François Laforgne kehrte sich rasch zu dem Spötter. »Mein Dienst auf der ›Itaparika‹, Señor Conde, hat mich nicht gehindert, ein Soldat und Reiter der Pampas zu werden. Ich glaube, daß der Dienst in der italienischen Legion eine bessere Schule für körperliche Übungen und Gefahren ist als der Tanzboden der Salons von Paris und Madrid!« »Ich muß Ihnen bemerken, Señor Assistente, daß der Name Alvaro Guzman de Montijo mehr als einmal unter den Toreadors der Arena von Madrid genannt wurde!« »Keine Prahlereien, meine Herren«, lachte Carmen und ließ ihre blendendweißen Zähne sehen. »Für zwei Kavaliere wie Sie wird es an Gelegenheit nicht fehlen, hier Ihr Können zu zeigen! – Wer den Sieg davonträgt, soll die Ehre haben, heute eine Quadrille oder einen Fandango mit mir zu tanzen bei dem Fest, das der Oberst den Dienern der Hazienda am Abmd gibt!« »Stellen Sie uns eine Aufgabe!« » Mon Dieu ! Wählen Sie selber! Sie müssen wissen, was Sie im Sattel leisten können! – Den Señores hier steht es natürlich frei, an der Bewerbung teilzunehmen!« Offenbar wollte sie ihrem Verlobten einen Streich spielen. Sie wußte sehr wohl, daß er es mit den tollen Reiterkünsten der Eingeborenen nicht aufnehmen konnte und mit der Handhabung des Lassos gar nicht vertraut war. Die Aufforderung Carmens weckte ein Jubelgeschrei unter den jungen Kreolen; ihnen war die Rolle, die sie den Nebenbuhlern gegenüber bisher gespielt, schon längst ärgerlich, und sie hätten sich gern an der wilden, ihrer Erziehung mehr zusagenden Arbeit der Reiter beteiligt. Der Ruf nach Pferden erscholl, und ehe fünf Minuten vergingen, waren die Männer im Sattel und ordneten die Lassos, die ihnen von den Vaqueros gereicht wurden, um den Arm. Carmen de Massaignac, die über der Teilnahme an dem aufregenden Schauspiel ganz vergessen zu haben schien, daß ihre Pariser Woche noch nicht zu Ende war, wandte sich mit erkünsteltem Erstaunen zu ihrem Verlobten. Alvaro Guzman de Montijo war ruhig am Rand der Brüstung stehengeblieben, nachdem er einem Diener einige Worte gesagt hatte. Leichte Röte färbte seine Stirn, als seine Blicke den gewandteren Nebenbuhlern folgten; seine schmalen Lippen waren zusammengepreßt, sonst aber zeigte er keine Spur seines Ärgers. »Wie, Señor Conde? Sie schließen sich aus von der Bewerbung um meine Hand zum Fandango?« sagte Carmen mit spöttischem Ton. »Das ist wenig nett von Ihnen, Don Alvaro, und verspricht nicht viel für Ihre Aufmerksamkeit als Gemahl!« »Adelante! Adelante!« Die jungen Hazienderos sprengten durch die geöffnete Pforte des Corrals. »Cáscaras!« rief das wilde Mädchen. »Ich glaube, ich schicke die Pariserin zum Henker vor der Zeit! – Sehen Sie, Don Alvaro – wie unser kleiner Assistente in den Corral setzt! Dieu! Was für ein Mann! – Er reitet, als wäre er ein geborner Gaucho!« Sie klatschte in die Hände und schwenkte ihren Sonnenschirm. »In den Sattel! In den Sattel, amigo mio! Wie können Sie einen Augenblick zaudern? – Arellanos hält schon Ihr Pferd!« Die jungen Leute waren in den Corral gesprengt und hatten die Rolle der Peons übernommen, die sich vor den Herren bescheiden in die Einfriedigung zurückzogen. Die Pferde rannten noch immer durcheinander, die Tropillas hielt sich dicht zusammen und war daher dem Wurf des Lassos schwer zugänglich. François Laforgne hatte sich den kräftigsten der schwarzen Hengste ausersehen, die der isabellfarbenen Madrina folgten, und versuchte durch alle möglichen Reiterkünste, ihn von der Herde zu sondern. Don Guzman warf einen eisigkalten Blick auf das aufregende Schauspiel; er machte keine Anstalt, das vorgeführte Pferd zu besteigen. »Der Senor Assistente braucht ein Pferd, um General Urquiza und seinen Gauchos zu entgehen«, sagte er höhnisch. »Es liegt in seinem Besten, das schnellste zu wählen!« »Pfui, Don Alvaro! – Der Tapferste kann Unglück haben, und Pa' hegt große Achtung vor dem Señor Kommodore und seinen Kriegern.« Der Graf zuckte die Achseln. »Wer mir gefallen will, Señor Conde,« fuhr Carmen gereizt fort, »muß ein Mann von Mut und Kraft sein – kein Mann der Handschuhe und der Zimperlichkeit! Bravo! Bravo, Señor Assistente! – Die Schlinge war trefflich geworfen!« Die durchbohrenden und kalten Augen des Spaniers ruhten fest und hochmütig auf seiner Verlobten. »Sie scheinen der Ansicht, Niña ,« sagte er kühl, »daß ein Mann, der Handschuhe trägt und nicht gerade den Stallknecht zu spielen versteht, deshalb keinen Mut haben soll?« »Sie sprechen ganz meine Meinung aus, Señor«, erwiderte sie hochmütig und wegwerfend. Mit ihrem Augenglas verfolgte sie die Bewegung der Reiter. »Sehen Sie den jungen Franzosen – er hat wirklich den Hengst gebändigt! – Die Paisanos springen hinzu – er hat den Sieg über Sie davongetragen, Don Alvaro, und mich gewonnen!« »Noch nicht, Señora! – Und er möge sich hüten, es zu versuchen!« sagte der Spanier. »Gib!« Der Diener, den der Graf abgeschickt, kam auf schäumendem Pferd von der Hazienda dahergejagt und warf sein Roß dicht vor der Brüstung auf die Hinterfesseln, daß seine kräftigen Glieder bebten. In seiner Hand trug er einen kurzen, starken Degen; der blaugraue, matte Stahl zeigte die Echtheit der Toledoklinge. Ein Jubelruf vom Corral der Pferde her verkündete den Sieg François' über den ungebärdigsten der Hengste. Die Paisanos warfen sich auf die gebändigten Tiere, bliesen in ihre Nüstern und führten sie aus dem großen Corral. Alvaro Guzman de Montijo nahm von den Schultern einer der eingeborenen Dienerinnen die flatternde Schärpe von roter Seide und breitete sie über seine Reitgerte. »Mit Erlaubnis, Kind, hier diese Dublone dafür!« Dann nahm er den Degen aus der Hand des Reiters und stieg die Stufen hinab. »Was soll das bedeuten? – Wohin, Señor Conde, wenn ich fragen darf?« »Señora, Sie erlaubten jedem von uns, seine Aufgabe nach eigenen Fähigkeiten zu wählen. Ich ziehe vor, Ihnen auf andere Weise, nicht als Jockey, zu beweisen, daß es Ihrem künftigen Gemahl nicht an Mut oder Kraft gebricht.« Er schritt ohne Eile weiter über den Raum, der die beiden Corrals trennte, und näherte sich dem Zugang der für die wilden Rinderherden bestimmten Hürde. Dies war der Augenblick, in dem der Ruf des Estanziero die allgemeine Aufmerksamkeit auf seinen künftigen Schwiegersohn lenkte. Die junge Marquise zog ihren Schal fester um sich und verfolgte jede Bewegung ihres Verlobten. Don Alvaro hatte jetzt die kleinere, etwa fünfzig Schritt im Durchmesser haltende Umpfählung betreten, die sich vor dem Eingang des großen Corrals befand und zur Absonderung der zum Verkauf oder zum Zeichnen ausgewählten Tiere von der Masse der Herde diente. Der Schlagbaum des Eingangs war eben von den Wächtern gehoben. Zwei Vaqueros trieben mit ihren Stachelstöcken einen zweijährigen Stier in den Raum. Der Lasso flog um die Hörner des Tieres, ein zweiter um seine Hinterfüße – mit zornigem Gebrüll stürzte der Bulle zu Boden. Sofort sprangen die Paisanos hinzu und setzten das zischende Eisen auf seine Schenkel. Mit plötzlichem Ruck riß sich das wütende Tier los, schleuderte zwei der Knechte zur Seite und raste schnaubend durch den Raum. »Zurück ihr alle!« rief die scharfe Stimme des Grafen. »Daß niemand wage, sich dem Tier zu nahen!« Die Paisanos sprangen über die Schranken; die Vaqueros flüchteten nach dem großen Corral. Don Alvaro Guzman de Montijo stand allein in der Mitte des Platzes und schwang die Reitgerte mit dem roten Schal dem Bullen entgegen. »Ein Stiergefecht, so wahr ich lebe! – Das tolle Mädel hat sicherlich die Sache wieder angestiftet! – Kommen Sie heraus, Graf! – Setzen Sie nicht unnütz Ihr Leben aufs Spiel!« Marquis Massaignac winkte herunter. Der Spanier achtete nicht auf die Worte des Marquis. Das wütende Tier hatte bis dahin nichts von der kühnen Herausforderung gesehen; jetzt aber, einen Augenblick in seinem Rundlauf stillstehend, um zu verschnaufen, erblickte es die verhaßte Farbe. Es smkte den Kopf, daß die dampfenden Nüstern fast den Boden berührten, und stürzte in wilden Sprüngen gerade auf den Grafen zu. Ein Angstschrei erscholl. Aber der Spanier kannte zu wohl die Stimme seiner Verlobten, um sich über das Zeichen der Teilnahme an seiner Gefahr zu täuschen. Nun war der Stier dicht vor ihm. Seine Hörner berührten ihn fast. Gewandt sprang er zur Seite. Das Tier schoß unter dem roten Tuch durch und rannte mit dem Kopf gegen die starke Verpfählung. Als es sich umkehrte, schienen seine schwarzen Augen Feuer zu sprühen; dicker Schaum stand vor seinem Maul. Zweimal noch stürzte der Bulle gegen die seine Wut immer mehr reizenden Farben; bei beiden Malen gelang es dem Grafen Montijo, sich glücklich zur Seite zu werfen. Zum viertenmal kam der Bulle heran. Aus der festen Stellung, die der Graf annahm, durfte man schließen, daß er es jetzt zur Entscheidung kommen lassen wollte. Die Vaqueros und Paisanos hatten ihre Arbeit eingestellt; mit der Teilnahme, die jedes kühne Tun bei den wilden und halbwilden, mehr auf die Ausübung der körperlichen Kräfte als der geistigen angewiesenen Völkern erregt, hing jedes Auge an dem spannenden Schauspiel. Auch François Laforgue und die jungen Kreolen hielten unbeweglich an der Umzäunung, bereit, ihrem Rivalen im Fall der Not mit dem Lasso zu Hilfe zu kommen. Der Stier schien zu wissen, daß die bisherige Art des Angriffs seinem Gegner den Vorteil über ihn gab. Er kam jetzt herangerast, den Schweif hoch in der Luft, die Nüstern erhoben. Als er kaum noch drei Schritte von seinem Feind entfernt war, hielt er an, stemmte die Vorderbeine fest und senkte den Kopf zwischen sie. Seine Sehnen und Muskeln strafften sich, um den Gegner anzuspringen und ihn auf die Hörner zu spießen. Aber diese kurze Pause wurde ihm verderblich. Alvaro Guzman de Montijo sprang vor – der rote Schal flog über den Kopf des Tieres – ehe es sich von den Falten zu befreien vermochte, senkte sich der Degen fast bis zur Hälfte der Klinge in den wulstigen Nacken. Der Stoß war sicher und stark. Gerade in dem Gelenk zwischen dem kurzen Hals und den breiten Schulterblättern saß das mörderische Eisen. Wie vom Blitz getroffen, sank der Bulle in die Knie und stürzte schwerfällig zu Boden. Noch einige krampfhafte Zuckungen der Beine – dann war es aus. Ein donnerndes Bravo und Vivat folgte dieser Tat der Kühnheit und Gewandtheit. Selbst Carmen konnte sich nicht enthalten, lebhaft in die Hände zu klatschen. Auch François Laforgne rief laut Beifall. »Bravo! Bravo! – Der Graf hat es vortrefflich gemacht! Ich hätte ihm solche Kraft und Sicherheit nicht zugetraut, diesem Damenritter!« lachte der Oberst. »Ich sah es nicht besser im Zirkus von Madrid, als König Joseph das große Stiergefecht gab und die besten Matadore von Andalusien und Estremadura versammelt waren! – Doch jetzt, Señor Capataz, wenn es Ihnen gefällig ist, auf mit den Zeichen! Es ist hohe Zeit, daß wir unser Morgenwerk beenden!« Der Oberst und der Kommodore gingen dem von den jungen Männern zurückgeführten Grafen entgegen. An der hohen Stange des nächsten Rodio flog indessen ein Bündel angezündeter Pfirsichäste in die Höhe, und im Augenblick flammten an zehn Stellen den Fluß entlang die zerstreuten Rohr- und Disteldickichte im Feuer auf. Die Paisanos, die sie angezündet, jagten im rasenden Galopp zu der durch den umgebenden Graben gesicherten Hazienda zurück oder zu dem Platz, auf dem sich die Gesellschaft befand. Don Alvaro Guzman de Montijo, begleitet von seinen Nebenbuhlern, dem Obersten, dessen Gästen und dem Haufen der Peons und Diener des Hazienderos, nahte sich der Brüstung, auf der noch immer Carmen stand, und schritt mit ruhiger Grandezza die wenigen Stufen hinauf. Oben legte er den Degen und die von den Hörnern des Bullen genommene, mit dem Blut des Tieres bespritzte Schärpe zu den Füßen des Mädchens nieder. »Señora«, sagte er stolz, »Ihr unwürdiger und gehorsamer Verlobter erlaubt sich, die Beweise zu Ihren Füßen niederzulegen, daß auch die Erziehung der Salons von Madrid nicht ganz alle körperlichen Übungen auszuschließen pflegt, die Sie so sehr an den edlen Cavalieros dieses Landes bewundern. Da ich mich auf den Wurf des Lasso nicht verstehe, habe ich versucht, auf andre Weise mein Anrecht auf Ihre Hand für das Fest dieses Abends aufrecht zu erhalten« »Und Sie haben sie verdient, Señor Conde«, erwiderte Carmen ohne Zögern. »Recht bleibt Recht! – Ich muß Sie, ohne diesen Cavalieros zu nahe zu treten, in dem Wettkampf der Gewandtheit und Geschicklichkeit als Sieger erkennen.« »Ich hoffe, Señora, es immer zu bleiben!« Der Blick, der dem ihrigen begegnete, war demütig, ehrerbietig; aber dennoch fühlte Carmen, daß ein versteckter Triumph, eine heimliche Drohung darin lag, und ihr Gesicht überflog eine rasche, dunkle Röte. »Wir wollen sehen, Señor Don Alvaro!« Sie beugte sich nieder, nahm die blutbespritzte Schärpe und schlang sie um ihre Hüfte. »Was machst du, Kind? – Du befleckst ja dein Kleid!« »Was tut es? – Senor Don Alvaro hat mir einen so blutigen Beweis seiner Zuneigung gegeben, daß ich ihm beweisen muß, ich fürchte seine Art nicht! – Aber sehen Sie, Señor Assistente, das prächtige Schauspiel! – Ich habe es lange nicht gesehen, und es erweckt in mir alle Erinnerungen der Kindheit!« Wieder vereint Der Anblick, der sich entfaltete, überraschte in seiner Großartigkeit. Die Ebene, auf weite Strecken mit den jetzt vertrockneten mannshohen Distelbüschen bedeckt, die üppig auf den Pampas und den Weiden Südamerikas wuchern, bot dem Feuer eine reiche Nahrung. Die Flammen verbreiteten sich mit rasender Schnelligkeit über das dürre hohe Riedgras, das die Zwischenräume ausfüllte, kletterte an den Büschen hinauf und türmte gleichsam feurige Berge aus diesem knisternden und knatternden Glutmeer, das sich wie ein ungeheurer Dämon über das ganze Land hinfraß. Die Umgebung der großen Corrals, die durch die um die Verzäunungen laufenden Gräben geschützt waren, konnte von den fliegenden Flammen nicht berührt werden; teils durch die Arbeit der Paisanos, teils durch die Hufe der Tausende von Tieren war dort jede Spur von Pflanzenwuchs vertilgt, der dem Feuer hätte Nahrung geben können, so daß die Gesellschaft sich eben so sicher auf der Brüstung befand, wie die Tiere in den Corrals. Aber der Anblick und der Geruch des Feuers reizte und ängstigte sie. Sie erhoben ein Brüllen und Wiehern, das weit über die Ebene scholl, und rannten wie blind und toll durcheinander. »Was ist das?« Kommodore Garibaldi packte den Arm des Hazienderos und deutete nach Osten. Der Wind kam vom Süden her, der Rauch war an den meisten Stellen noch niedrig und in breiten Lücken über den Boden geballt, so daß man von dem höhern Standpunkt aus darüber hinwegblicken und die noch freie Ebene weit übersehen konnte. »Ich bitte, Herr Kommodore?« »Dort scheint sich einer Ihrer Reiter verspätet zu haben! – Der Mann wird in Gefahr geraten!« » Caramba ! – Der Bursche verdiente zu verbrennen, wenn er so fahrlässig gewesen ist! – Wer fehlt von den Rodiomännern, Señor Capataz?« »Niemand, Exzellenz«, so viel ich weiß! – Heda, Burschen! Sind die vier Feuerwächter von den Rodios zurück?« »Hier, Señor Capataz!« »Dann, Exzellenza, ist der Mann ein Fremder. –- Und wenn er nicht die Gebräuche und Hilfsmittel der Pampas kennt, wird er in der Gefahr umkommen.« »Mir scheint, es ist ein Reisender – er kommt auf dem Weg von Corraloa daher!« Alle Augen waren auf den Reiter gerichtet. Er mochte noch mehr als eine halbe Legua entfernt sein. Doch war er deutlich erkennbar, wenn nicht der jetzt immer höher wirbelnde Rauch ihn von Zeit zu Zeit einhüllte. »Zu seiner Linken liegt der Fluß! – Wenn er eine Ahnung hat, und sich in dieser Richtung hält, wird er sich mit leichter Mühe schützen!« rief der Capataz. » Santa Virgen ! – Blicken Sie dorthin, Cavalieros! Dort ist die Gefahr weit schrecklicher! – Himmel! – Die Leute sind verloren!« Carmen stand hochaufgerichtet und wies hinaus in das brennende Land. Alle wandten sich von dem Reiter ab und sahen in die gewiesene Richtung. »Um Gottes willen! – Ist denn heute der Teufel los mit den unsinnigen Narren? – Woher kommen diese Toren, um sich selber den Tod im Steppenfeuer zu geben?« Der Marquis schüttelte in ohnmächtigem Bedauern die Faust. Zwei Gestalten sah man in der Richtung des fernen Waldsaumes nach Norden zu auf der Spitze einer leichten Erhöhung erscheinen, die bisher ihre Annäherung verborgen hatte. Sie waren etwa ebenso weit wie der Reiter im Osten entfernt, aber offenbar in größerer Gefahr, da dort die Dickichte der Disteln und Rohrniederungen sich häuften und der Wind die wandernde Feuersbrunst gerade auf sie zutrieb. Durch die weite Öffnung, die der Luftstrom in die ballenden Rauchwirbel riß, konnte man die Gefährdeten einige Minuten lang deutlich sehen. Es waren zwei Menschen, der eine zu Pferd, der andere zu Fuß; beide hielten sich dicht zusammen auf der Spitze des Hügels und schienen zu beraten, wie sie der drohenden Gefahr entrinnen könnten. Im nächsten Augenblick wallten die Rauchwolken wieder vor ihnen zusammen. »Mein Gott, Herr Marquis! – Läßt sich denn gar nichts für die Unvorsichtigen tun?« »Ich fürchte, es ist alles vergeblich, Kommodore! – Señor Capataz, wissen Sie ein Mittel?« »Hört! – Ein Schuß!« »Sie geben ein Zeichen!« »Sie rufen um Hilfe!« »Heilige Margaritta! – Stehen Sie ihnen bei, Senores!« »Helfen Sie! Retten Sie!« »Señora, es ist vergeblich! – Der Boden, über den die Flamme lief, ist für eine halbe Stunde ein glühender Rost! Kein Fuß kann ihn betreten!« Carmen war in die Knie gesunken und barg schaudernd das Gesicht in die Hände. Wieder öffnete ein Windstoß den Rauch – wieder sah man die Gruppe. Der Reiter hielt noch unverändert auf der gleichen Stelle und schien mit einem Tuch zu winken; der Fußgänger war gebückt am Boden beschäftigt. » Caramba ! – Sie müssen mit den Sitten der Pampas vertraut sein!« »Nein – es wird ihm nicht gelingen, Boden genug frei zu machen, ehe die Flamme sie erreicht!« »In dem Rauch müssen sie ersticken, wenn sie dort bleiben!« »Warum gibt der Tor seinem Pferd nicht die Sporen und versucht wenigstens allein den Wald zu erreichen und sein Leben zu retten?« »Ich glaube wahrhaftig, es ist ein Weib!« »Ein Weib?« Die Worte des erfahrenen Capataz riefen neuen Schrecken hervor bei den Umstehenden. »Ein Weib? – Barmherziger Gott! – Wir müssen sie retten!« »Hundert Piaster, Leute, dem, der den Ritt wagt!« Aber das Gebot des Haziendero fand keine Antwort. Selbst die kühnsten Vaqueros wußten, es war unmöglich, in dem Rauch, der jetzt dichter und dichter alles umhüllte, den Weg zu finden. Der Fuß eines Pferdes konnte ebensowenig wie der eines Menschen den brennenden und glühenden Boden betreten. Jeder Versuch war der sichere Tod... »Halten Sie die Richtung fest, Señor Kommodore, in der sie die Leute gesehen!« Man wandte sich zu der frischen, kräftigen Stimme um. »François?« »Heran, Männer! – Haltet ein Pferd bereit – das stärkste und schnellste, das gesattelt ist!« Carmen sah auf. Garibaldi trat auf ihn zu. »Was willst du tun, mein Sohn? – Was hast du vor?« François keuchte daher. Er kam von dem Corral der Rinder und schleppte die Stierhaut hinter sich, die die Paisanos dem durch die Hand Montijos erlegten Bullen abgezogen hatten. »Ein Pferd! – Ein Pferd! – Taucht einen Poncho in Wasser! – Schnell einen Lasso in Riemen geschnitten!« Einige der Peons eilten mit dem kräftigen Hengst herbei, den François vorhin geritten; andere weichten ihre Ponchos in den Rinnen von Rohr, die vom Brunnen der Hazienda nach den langen Holztrögen der Corrals führten. François hatte sich auf den Boden geworfen; sein scharfes Messer schnitt die frische, feuchte, von Fett und Blut noch triefende Haut in große, viereckige Stücke. »Haltet das Pferd fest – hinten und vorn! – Hebt ihm den Huf auf!« »Bei den heiligen Märtyrern! – Der Senor hat das einzige Mittel gefunden, durch die Flammen zu kommen!« Der Capataz hatte als erster die Absicht des Jünglings begriffen und half ihm mit begeisterter Bewunderung. In zwei Minuten waren die Hufe und unteren Beine des Pferdes bis zum Knie mit den Stücken der Stierhaut, die feuchte, frische Seite nach außen, umwunden und festgeschnürt. »Oh, Vater, er wird sie retten! – Ich wußte es wohl!« Carmen streckte die Hände freudig gegen den entschlossenen jungen Mann. François Laforgne hatte eine Kapsel hervorgezogen und geöffnet, die an einer Schnur um seinen Hals hing. Es war ein kleiner Kompaß, wie ihn Seeleute häufig tragen. »Wo sind sie, Kommodore?« »Dort!« Er verglich den Kompaß hastig mit der Richtung, die ihm der Kommodore in der jetzt jedem Auge undurchdringlichen Rauchwand bezeichnete. »Nord-Nord-Ost, zwei Striche zu Ost! – Jetzt, Señor Conde, hoffe ich Ihnen zu beweisen, daß man auch bei einem Ritt auf den Rahen manches lernen kann! Ich lasse Ihnen die leichtere Aufgabe – helfen Sie dem Fremden auf der Straße von Corralva – ich versuche mein Heil dort! – Lassen Sie die Glocke der Hazienda läuten, Herr Marquis, damit wir einen Halt für den Rückzug haben! – Die Ponchos her! – Gott befohlen!« Er sprang in den Sattel; der Kommodore selbst hüllte ihn in den triefenden Poncho; ein zweiter wurde über das Pferd geworfen. »Die heilige Jungfrau sei mit Ihnen, tapferer Cavaliero!« Ein tiefer Spornstich in die Flanken des bäumenden Rosses – wie ein Pfeil schoß es in die wirbelnde Rauchwand – im Nu war jede Spur von ihm verloren ... Aufgeregtes Leben herrschte jetzt auf dem Platz. Die kühne aufopfernde Tat von Laforgne hatte alles zur Tätigkeit angespannt. Die Glocke der Hazienda erklang. Die Peons nahmen den Madrinas ihre Leitglocken ab und setzten sie um die Corrals her in Bewegung. Reiter, den Capataz an der Spitze, versuchten, am Ufer des Baches entlang, wo das Feuer schon erloschen war und nur noch dichter Rauch sich über den Boden ballte, in der Richtung des Weges vorzudringen, auf dem man den Fremden hatte herankommen sehen. Diesen Reitern schloß sich auch Don Alvaro Guzman de Montijo an. Garibaldi zeigte eine große unerklärliche Unruhe, die seine tiefe Schwermut ablöste. So lange er ein Ziel hatte, und in Tätigkeit war, schwiegen die Stimmen der Erinnerung. In der Sorge um das Wohl und Wehe seiner letzten Getreuen hatte er Betäubung gesucht vor dem Schmerz um Aniella – jetzt aber, in diesen ersten Minuten des untätigen Wartens brachen alle Seelenwunden wieder auf. Wiederholt verließ er die Aussicht und versuchte über den Umkreis der Corrals in das Meer von knisternden Flammen und Rauch vorzudringen. Aber die Glut war zu groß. – Das Feuer, wenn es auch nicht mehr hoch aufloderte, knisterte noch an den Resten der Gräser und Disteln. In den Pausen, da man die Glocke schweigen ließ, lauschten alle gespannt hinaus in die Glut und die Rauchwolken. Carmen eilte auf den Marquis Massaignac zu und hängte sich an seinen Arm. »Pa',« drängte sie in ihn. »Glaubst du, daß er wiederkommt?« »Warum sollte er nicht, Mädel? – Und die Seite nach dem Fluß hin ist ja weniger gefährdet.« Carmen hob verächtlich die Schultern. »Du meinst Alvaro?« »Gewiß, Kind! – Deinen Verlobten.« »Pah – der geht nicht unter!« Prüfend sah der Alte in das glühende Mädchengesicht. »So – du scheinst wenig Sorge um ihn zu haben!« »Soll ich lügen, Pa'? – Nein. – Er wird schon wiederkommen. – Außerdem hat er die leichtere Aufgabe.« »Er ist dein zukünftiger Mann!« »Sei unbesorgt, Pa'. – Mamas Wunsch wird erfüllt werden – wenn er es mir nicht unmöglich macht.« »Befürchtest du das, Liebling?« »N–nein. Aber –« »Was – aber?« »Aber ich begreife Mama nicht!« »Warum?« »Wie kann man ein Mädchenherz an einen Mann binden wollen!« – Sie schmeichelte ihre Wange an seinen Arm. »Sieh mal, Pa' – du bist doch mein großer und einziger Freund; dir kann ich doch alles sagen, was ich denke!« »Das mußt du auch, Herz!« »Also – wenn nun einmal wirklich die Liebe in mein Herz kommt –« »Zu Alvaro?« »Ach, du willst mich nicht verstehen, Pa'! – Ich meine, zu einem andern!« »Du, du? – Das klingt verdächtig, Carmen! – Ist das etwa schon der Fall?« In einer Mischung von Vorwurf und Verwirrung sah sie zu dem Marquis auf. »N–nein – noch nicht!« Sie sprang davon und ließ den Alten mit seinen Gedanken allein. Minute auf Minute verstrich. Eine Viertelstunde verging. Das Feuer in der Umgebung erlosch; der Luftzug vom fernen Fluß her trieb die dünner werdenden Rauchwolken vor sich her. »Itaparika! – Hoi – Ho!« Ein dunkler Körper teilte die Wolken. Auf schnaubendem Pferd, geschwärzt von Rauch, die Haare verbrannt, die Kleider versengt, eine verhüllte Gestalt an die Brust gedrückt, kam François Laforgne dahergesprengt. Das Roß stieß ein pfeifendes Schnauben aus, dicht vor der Brüstung brach es in die Knie. Männer sprangen herbei, Hände streckten sich zur Hilfe aus. Der junge Offizier hob die verhüllte Gestalt auf; vergeblich versuchte sein keuchender Mund zu sprechen. Seine zitternden Hände rissen den Poncho auseinander. Eine ohnmächtige Frau, jung und schön und doppelt anziehend in ihrer Hilflosigkeit, lag vor den überraschten Blicken. Garibaldi griff taumelnd nach seinem Herzen. »Barmherziger Himmel! – Aniella! – Mein Weib!« Bewußtlos sank der Retter neben dem Glücklichen zu Boden. Der Rauch des Steppenbrandes floh vor dem auffrischenden Wind. Nur an der Grenze des Gesichtskreises wälzten sich seine Säulen noch gen Himmel. Über die da und dort noch glimmende Fläche schritt vorsichtig ein Mann den Corrals zu, Zaum und Sattel auf den Schultern: Felsenherz, der Trapper aus dem Wilden Westen. Seine lederne Kleidung war von Blut und Rauch geschwärzt; vom Blut des armen Pferdes, mit dessen Tod er das eigene Leben erkaufte; vom Rauch des Feuers, das ihm, im geöffneten Leib des Silbergrauen kauernd, nichts anzuhaben vermochte. Mola, die Stute Aniellas, hatte das Letzte für den Freund seiner Herrin geopfert. Er folgte den Spuren in der Asche. Wie ein rettender Engel war der junge Franzose im Augenblick der höchsten Gefahr herangeprescht aus Rauch und Flammen. Hatte er die junge Frau glücklich in Sicherheit zu bringen vermocht? Schritt für Schritt auf dem glühenden Boden tastend, erreichte er die Umzäunung, überquerte die Wassergräben um die Estanzia. Ein Peon nahm ihm Zaum und Sattel ab und führte ihn in einen Raum. Noch ehe François Laforgne sich von seiner tiefen Ohnmacht erholt hatte, war Aniella in den Armen Garibaldis erwacht. »José!« Tränen erstickten die Worte in der Kehle. Stumm hielten sich die Wiedervereinten umschlungen. Leise wollte Felsenherz die Tür hinter sich wieder öffnen, um zu gehen. Linkisch und verlegen tappte er sich rückwärts. Aber die müden Füße scharrten mit den schweren Stiefeln über den Boden. Garibaldi fuhr auf. »Was wollen Sie hier?« Mit einem Schrei sprang Aniella auf die Füße. »Felsenherz! – Oh, José, er hat mich aus den Händen der Indianer gerettet!« Mit beiden Händen packte Garibaldi die Faust des Trappers und drückte sie; zu sprechen vermochte er nicht. Die tiefste Erschütterung, die höchste Freude, die heißeste Liebe – sie haben keine Worte. Italien ruft! Carmen jagte ihre Dienerinnen in die Estanzia und zum Brunnen. »Lauft! – Feuchte Tücher! – Meine Riechwasser!« Sie kniete neben dem bewußtlosen François Laforgne nieder, kühlte ihm die Stirn und rieb seine Schläfen, Endlich streckte er sich. »Itapa –« Mitten im Wort stockte er und sah sich verwirrt um. Über seinem Gesicht lächelten die dunklen Augen Carmens. »Gott sei Dank!« Mit einem Satz war François auf den Beinen. »Wo ist die –« Lachend nahm das Mädchen ihn bei der Hand. »Kommen Sie, mein Held! – Die Gerettete scheint mich mit ihren Reizen bei Ihnen ausgestochen zu haben!« Garibaldi trat mit Aniella am Arm ins Freie. Zu gleicher Zeit sprengten Alvaro Guzman de Montijo mit den jungen Kreolen, den fremden Reiter in der Mitte, heran. Man hatte ihn in der Nähe des Wassers getroffen, wohin ihn der Urtrieb des Pferdes glücklich geführt hatte. Jetzt warf er sich von dem erschöpften Tier. »Briefe aus Europa, Signore Kommodore! Gott und diesen Männern sei Dank, daß ich sie dir noch zu überbringen vermag!« »Wie, Sacchi? – Du hier? – Woher kommst denn du?« »Aus dem Lager der Unseren! Mit Sehnsucht erwarten sie deine Ankunft mit den Pferden! – Aber ich sehe, dein Zurückbleiben hat Glück gebracht! Ich grüße Sie, Signora, im Namen aller, die aus San Dolores entkommen sind! – Eine Last fällt von meiner Brust!« »Die Botschaft, Sacchi, die Botschaft!« Der Kommodore hielt Aniella mit der Linken umschlungen, während er dem Freund und Waffengefährten die Hand entgegenstreckte. Der Capitano nestelte die Ledertasche aus seinem Brustlatz. »Der französische Konsul sandte sie durch einen Eilboten von Montevideo mit dem Auftrag, sie nur in deine Hände zu geben.« »Und?« drängte Garibaldi ungeduldig. »Marochetti wollte sie keinem andern anvertrauen; und ich übernahm es, sie dir zu überbringen. – Wär' mir beinahe schlecht genug bekommen!« Er reichte ihm das sorgfältig in Leder eingeschlagene Schreiben. »Sonst noch etwas?« »Nein – doch, für den Signor Marchese habe ich noch Zeitungen und Briefe!« Garibaldi riß hastig den Umschlag auf. Neben dem Schreiben des Konsuls, das die Mitteilung enthielt, daß am fünften der Dampfer nach Lissabon und Southampton abgehe, fiel ein versiegelter Brief heraus. Garibaldis Augen weiteten sich. »Santa Virgen!« stieß er hervor. Die Siegel zeigten eine Sphinx, darüber zwei gekreuzte Dolche. Vor Erregung zitternd, brach er die Siegel. Ein einfaches Blatt kam zum Vorschein. Es enthielt nur zwei Zeilen, die er abgewandt von den anderen las. »Komm! – Es ist Zeit! – Italien und ich erwarten Dich in Mailand! Giuseppe Mazzini.« »Was zum Teufel geht denn vor in der alten Welt, Kommodore?« rief der Oberst. »Haben Sie gleiche Nachrichten aus Europa? – Die Orleans sind verjagt – Frankreich hat die Republik erklärt – in Deutschland und Italien sind Revolutionen ausgebrochen – die alten Throne stürzen! Gott im Himmel! – Es wird wieder Raum für einen alten Soldaten! Geschwind lassen Sie uns hineingehen – aus den Zeitungen werden wir alles Nähere erfahren!« Marquis de Massaignac wandte sich in jugendlichem Feuer zur Hazienda. Garibaldi legte ihm die Rechte auf den Arm. »Ich muß Ihrem gastlichen Hause schleunigst Lebewohl sagen, Herr Oberst! In sechs Tagen werde ich in Montevideo sein! – Meine Losung lautet: Auf nach Europa!« »Bravo, Kommodore! Und vielleicht sehen wir uns dort bald wieder! – Aber ich begleite Sie nach Montevideo«, fuhr er leiser fort und zog ihn beiseite. »Hier ist ein Brief aus London – vom Prinzen selber!« »Welcher Prinz?« »Nun, wer sollte es anders sein als Louis Napoleon, der Erbe des großen Kaisers!« »Fürwahr, große Dinge bereiten sich drüben vor, Oberst! – Die alte Welt geht aus den Fugen; eine neue will aus den Trümmern erstehen!« »Und hier schreibt Walewski, der französische Gesandte. – Man braucht mein Geld und – Gott gebe es! – vielleicht später noch meinen gesunden Arm! – Napoleon soll es haben, beides – denn er ist von seinem Blut! Die alte Garde ist bereit und hat ihn nie vergessen. Vive l'Empereur!« Garibald, Aniella am Arm, zog den alten Bonapartisten mit sich fort. Die andern folgten. »Um aller Narrheit und aller Tollheit willen, was hat das zu bedeutm? Sind denn alle verrückt geworden?« »Das bedeutet, schöne Carmen«, sagte Graf Montijo in lauernder Höflichkeit, »daß ich Aussicht habe, diese reizende Hand baldigst nicht bloß zum Fandango zu halten! – Erst die Hochzeit und dann –- auf nach Europa!« Der schwarze Diamant Am Strand von Montevideo herrschte buntes Leben. Der Hafen war gefüllt mit kleineren Handelsseglern und Frachtdampfern. Draußen weit auf der Reede lagen die »Andromède« mit der Flagge des Konteradmirals Lepésdour, eine zweite französische Fregatte mit dem Rest des Geschwaders und der englische Dampfer »Centaur« mit der Flagge des Konteradmirals Henderson. Der flache Strand erlaubte ihnen nicht, im Hafen selber zu ankern. Abseits sah man die Rauchsäule der »Wellington« aufsteigen; der große Dampfer war am Tag vorher von Buenos Aires gekommen und sollte binnen wenigen Stunden seinen Rückweg über Rio de Janeiro, Bahia, Pernambuco und Lissabon antreten. In fünfunddreißig Tagen erwartete man ihn wieder im Heimatshafen. Die Landschaft Montevideos bietet von der Reede aus keine besonderen Schönheiten. Außer dem fünfhundert Fuß hohen Berg, der der Stadt den Namen gegeben, ist das Ufer flach; infolge des Mangels an Bäumen hat die Küste etwas Ödes und Düsteres. Die Stadt selber war wenig anziehend und zeigte die Spuren der langen Belagerung. Am Hafen merkte man nur wenig von der Nähe des Feindes; dort war Leben, Handel und Gedränge. Der Strand bot ein buntes, abwechslungsreiches Bild. In dem flachen Wasser am Ufer plätscherten unbekümmert viele Badende. Man sah zahllose Frauen darunter aus allen Gesellschaftsschichten, Weiber aus den niederen Klassen und Señoras. Die meisten badeten in aller Unschuld völlig nackt; man zog sich ohne die falsche Scham der sogenannten Zivilisation und Kultur an und aus. Magere Hunde streiften umher und suchten sich den Abfall von Speisen; Damen lustwandelten auf den Bürgersteigen, die allein es ermöglichten, bei Regenwetter die jämmerlich gepflasterten Straßen zu begehen. Zwischen Negerweibern mit Kleiderbündeln auf dem Kopf, der kurzen Pfeife oder dem Zigarrenstummel im Munde, schritt keck und herausfordernd die leichtherzige Manola, die Grisette. Pferde standen lose, aber unbeweglich wie Bildsäulen, hier und dort vor den Häusern und Läden und warteten auf ihre Reiter; andere eilten in kurzem Galopp über den Platz. Alles mischte sich hier in Montevideo: Kreolen, Savoyarden, Brasilianer, Franzosen, englische Kaufleute, Yankee- Matrosen, Neger und die vielen, zwischen Schwarz, Weiß und Rot vorkommenden Farben. An den beiden Landungsbrücken war das Gedränge besonders stark. Große Lastkarren mit riesigen Rädern von zwei Metern Durchmesser wurden von ihren Pferden und Maultieren zwischen den Booten ins Meer bis zu den Löschprahmen gefahren. Zehn Sprachen schwirrten ohrenbetäubend durcheinander. An der eisernen Landungsbrücke lag das große Boot der Wellingtons um die letzten Reisenden für den Dampfer nach Europa aufzunehmen. Unfern der Brücke auf dem Platz standen in der Mitte ihrer Freunde Giuseppe Garibaldi, an seinem Arm Aniella, Francis, Sacchi, Marochetti und noch zwei andere Offiziere der italienischen Legion. Die wenigen, die dem Gemetzel in der Mission San Dolores entgingen, waren um sie her versammelt; die nächsten Kauffahrtei- und Auswandererschiffe sollten die meisten von ihnen dem verehrten Führer nachbringen an die Gestade der Heimat. Am Tag vorher waren sie von dem Küstenstädtchen Maldonado, das sich in den Händen der Unitarier befand, in Montevideo eingetroffen. Kommodore Garibaldi hatte seinen Befehl in die Hände des Präsidenten Ribera zurückgegeben: er war ein freier Mann – jetzt gehörte er wieder seinem Vaterlande. In Montevideo hatte sich Garibaldi mit seinem Gastfreund, dem Marquis Massaignac, mit Carmen und ihrem künftigen Gatten wiedergetroffen. Alle Freunde waren gekommen, um die Scheidenden zum Boot zu begleiten. Auch Felsenherz, der Waldläufer, war zur Stelle; das nächste Schiff von Rio de Janeiro oder Pernambuco nach New Orleans sollte ihn in die Prärien und Savannen des Wilden Westens, in die Schluchten des Felsgebirges, zurücktragen. Der Oberst nahm den Arm Garibaldis. »Sie haben alle Papiere, Kommodore«, sagte der Oberst. »Die Wechsel für Carlton Terrace im Betrag von einer Million auf Fould und Oppenheim in Paris, den vom Notario publico bescheinigten Auszug aus dem Testament meines Schwiegervaters und die Notizen über die Person des Erben. Die Familie muß in der Nähe der preußischen Hauptstadt, in Berlin, ihren Wohnsitz haben. Sie versprechen mir, selbst oder durch einen treuen und zuverlässigen Mann den Erben aufzusuchen und ihm das Geld einzuhändigen, das Sie in englische Bankschecks umsetzen werden?« »Ja, Herr Oberst, – Ich schulde Ihnen viel, Marquis – Ihre Gastfreundschaft ließ mich meine Aniella wiederfinden!« »Aufrichtige Herzen verstehen sich, Kommodore, unter welchem Himmel und unter welchem Kleid sie sich auch finden mögen! Für Sie werde ich keine Mühe scheuen. Ich denke, in Jahresfrist, wenn alles dort drüben so geht, wie ich hoffe, sehen wir uns in Frankreich oder in Italien wieder! – Gott sei mit Ihnen und mit Ihrem Schwert!« Er schüttelte ihm die Hand. An der Seite Carmens stand François Laforgne. Er fühlte sich überflüssig und unglücklich bei diesem Abschied; alle Bemühungen, ein Wort des Scheidens von ihren Lippen, einen Blick ihrer Augen zu erhaschen, waren vergebens. Der eifersüchtige Alvaro Guzman de Montijo bewachte jede ihrer Bewegungen, jeden Laut ihres Mundes. Über die Reede her donnerte ein Schuß – die »Wellington« mahnte zum Aufbruch. Der Midshipman, der die Bootsmannschaft befehligte, nahte sich höflich. »Das Boot wartet! – Wir müssen an Bord.« Garibaldi drückte die weinende Aniella an sich. »Der Augenblick ist gekommen – du mußt scheiden von deiner Heimat. – Italien soll dir eine neue sein!« »O Iosé – unser Kind – dürfen wir es verlassen?« schluchzte sie auf. »Gott allein weiß, ob es noch unter den Lebenden weilt. Nach menschlichem Ermessen ist es oben schon in einem schöneren Leben. – Fasse dich, Aniella! – Unsere Freunde haben versprochen, jede noch mögliche Nachforschung nach ihm und La-Muerte anzustellen – das ist alles, was wir tun können. – Komm, Geliebte; andere heilige Pflichten rufen uns! – Lebt wohl, Ihr Freunde! – Lebt glücklich auf der Erde Amerikas!« Er stützte die halb Ohnmächtige und führte sie nach der Landungsbrücke, umdrängt von den Freunden und Gefährten. Mit geschlossenen Augen wankte Aniella vorwärts. Doch plötzlich krampften sich ihre Finger in den Arm Garibaldis, und ihre Lider öffneten sich wie unter einem elektrischen Schlag. »Haltet ein!« schrie sie auf. »Laßt mich! – Er kommt – er kommt – er bringt mein Kind!« Sie riß sich los, sie breitete die Arme aus nach dem Platz. Auf abgetriebenem Gaul jagte ein Neger daher; seine Hand schwang eine lange Lanze, von Stirn und Schenkel rann Blut, vor sich auf dem Sattel trug er ein in den Poncho gehülltes Päckchen. »La-Muerte!« Aniella Garibaldi brach in die Knie; ein Stöhnen rang sich aus ihrer Kehle. »Sei gesegnet! – Ich weiß es, du kommst nicht ohne mein Kind!« Der Schwarze zügelte, von seinen alten Gefährten umringt, das Steppenpferd; es knickte unter seinem riesigen Reiter zusammen. Im Ritt auf Tod und Leben hatte es ihn durch die Postenkette der Gauchos Oribes um die abgesperrte Stadt getragen, mit einer tödlichen Kugel im Hals. La- Muerte trug eine Kugel im Schenkel und einen Streifschuß am harten Negerschädel. Garibaldis Hand legte sich schwer auf seine Schulter. »Mann! – Freund! – Rede, wo ist unser Kind? – Siehst du nicht, daß die Mutter vergeht vor Sehnsucht?« Mitleidig sah der Neger auf die kniende Aniella herunter. Sie hatte im Übermaß der Seelenerschütterung das Gesicht in die Hände gelegt und schluchzte. Der Schwarze beugte sein Knie und schlug den Poncho auseinander. » Filhinha haben La-Muerte geheißen, Mutter zu bringen ihr arm klein Piccaninny – hier alles, was von ihm geblieben sein auf der Welt! Weißer Geist von weißen Engel sein dort oben beim großen Himmel.« – Er breitete sorgsam das seidene Tuch vor der unglücklichen Mutter aus, das die Gebeine ihres Lieblings barg. – »Und hier sein das Herz des Verräters, wie La-Muerte geschworen!« Sein blutiges Antlitz grinste in Schmerz und Genugtuung Er holte ein zusammengetrocknetes Fleischstück aus einer Blätterhülle und schleuderte es auf den Boden. Alle wichen scheu und entsetzt zurück. Aniella wandte sich ab und schrie laut auf. Kein Auge blieb tränenleer. »Unglücksbote! – Wie ist das geschehen? – Rede!« befahl heiser der Kommodore. Der Schwarze schüttelte seinen grauen Wollkopf. »Kommen nie über diese Lippen! – Piccaninny tot! Böser Pardo auch gestorben – mehr nimmer nicht sagen können. – Nehmen dies, arme Mutter, wahren es wohl – kommen von klein Kind, klein Engel. – Dürfen nimmer wieder deine Brust verlassen!« Zwischen seinen Fingern funkelte es wie dunkles Feuer – der schwarze Diamant. Angezogen und abgestoßen zugleich griff Aniella wie unter einem Zwang nach dem seltsamen Edelstein – ein unverstandenes Grauen durchbebte sie, als sie ihre Hand um ihn schloß. Alle, selbst Graf de Montijo, waren von Mitleid erfaßt und umstanden die erschütternde Szene. Diese Minute benutzte Carmen. Sie zupfte François Laforgne am Ärmel. »Werden Sie Ihre Freundin jenseits des Weltmeers auch nicht vergessen, wenn Sie dort drüben in neuen Gefahren Lorbeer um die Stirn schlingen?« fragte sie und sah ihn heiß an. Ein süßer Schreck durchzitterte François. »Señorita, ich war ein Knabe, als ich die Hazienda betrat; mit dem Herzen eines Mannes, der einen andern um sein Glück beneidet, hab' ich sie verlassen. – Ich bin arm, ich trage keinen klingenden Namen, aber der Stern Carmen wird mir voranleuchten in jeder Gefahr, wenn ich auch nicht nach ihm greifen darf!« »Und der Stern Carmen«, flüsterte sie, »soll von keiner neidischen Wolke verdeckt sein, wenn wir uns wiedersehen! – Ich bin Ihnen noch den Preis schuldig, Señor Francisco, für den Ritt durchs Feuer: die Hand dem Gemahl, den Handschuh dem Cavaliero! – Auf Wiedersehen in Frankreich!« Sie entzog ihm die Hand; der seidene Handschuh, das Zeichen ihrer Gunst, blieb in seiner Rechten. Zwei Schüsse donnerten rasch hintereinander über den glänzenden Meeresspiegel, an der Signalleine der ›Wellington‹ stiegen Flaggen hoch. Der Midshipman trat wieder heran. »Sir, ich muß das Boot abstoßen lassen ohne Sie, wenn Sie noch länger zögern.« Garibaldi hob Aniella auf und trug sie zur Brücke. »Lebt wohl, Freunde! – Gott mit euch!« Der Trapper Felsenherz empfing sie am Steg. Seine Augen weideten sich wohlgefällig an den muskelstarken Gliedern des Negers, der mit dem wieder zusammengeknoteten Seidentuch herbeihinkte. Sacchi und Marochetti sprangen ins Boot. Die Krieger der italienischen Legion drängten sich am Ufer; die halbe Bevölkerung von Montevideo bedeckte den Platz, um dem scheidenden Helden den Abschiedsgruß zu bringen. Auf der Brücke stand Präsident Ribera mit seinen Adjutanten und begrüßte Giuseppe Garibaldi, den großen Kommodoren, den Sieger in unzähligen Kämpfen. Die Frauen winkten mit ihren Tüchern, die Männer schwenkten Hüte und Mützen. » A dios! A dios! « Tausend Stimmen riefen es. Der Midshipman ergriff das Steuer. »Eingesetzt, Männer! Eins, zwei – stoßt ab!« Das Boot löste sich von der Brücke; sechs Ruder tauchten ins Meer. In Reih und Glied standen die Krieger der Legion; die Fahne mit den Namen der Stätten ihrer Siege senkte sich grüßend bis zum Boden. »Evviva Garibaldi!« Garibaldi stieg auf die Bank des Bootes – seine Linke umfaßte Aniella, die Rechte schwang den Hut. »Lebt wohl, Brüder! A rivederci in Italia liberata!« Als das Boot an der zweiten Brücke vorüberschoß, schauderte Aniella zusammen. Ihre Hand wies zitternd nach der drängenden Menge. »Dort! – Dort!« Die Faust des Waldläufers ballte sich um den Lauf seiner Büchse; seine sonst so ruhigen Augen sprühten Feuer. Dort unter der Menge, das Glas im Auge, freundlich nickend und winkend, stand wohlbehalten Kapitän Peard, der Menschenjäger. Das war der letzte Gruß vom blutgedüngten Boden der Republik am Silberstrom, am Rio de la Plata.