Mathias McDonnell Bodkin Verschwindende Diamanten und andre Detektivgeschichten. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Margarete Jacobi.   Quelle: PDF von www.alte-krimis.de Verschwindende Diamanten. Sie glich einem bunten Schmetterling im Blumengarten, und es kribbelte sie bis in die Fingerspitzen vor Unruhe und Aufregung. In dem großen Zimmer des großen Hauses der obern Belgravestraße, das jetzt wirklich einem Garten voller Blumenbeete ähnelte, war nur ein kleiner freier Raum gelassen, wo sie auf einem zweisitzigen Sofa allein saß und ungeduldig mit den Füßchen auf dem weichen Teppich trappelte. Das ganze übrige Zimmer stand voll langer, runder und ovaler Tische, die mit lauter hübschem Schmuck und Tand, wie ihn junge Mädchen lieben, über und über bedeckt waren. Mindestens ein halbes Dutzend der vornehmsten Juwelier- und Galanterieläden von Regent-Street schienen ihre Schaufenster hier ausgeleert zu haben. Die Tische strahlten von Silber, Gold und Edelsteinen; schwere, bunte Seidenstoffe, gemalte Fächer, zierliche Vasen und kostbare Porzellanservice sah man, wohin das Auge blickte. Lilian Ray und Sydney Harcourt sollten nämlich die nächste Woche Hochzeit halten; in ganz London gab es kein interessanteres Brautpaar. Mit ihrem hübschen Gesicht und ihrem liebenswürdigen Wesen hatte sich Lilian die Herzen im Sturm erobert, und daß der gutherzige, aber heißblütige Harcourt über Hals und Kopf in sein Verderben gerannt wäre, wenn sie ihn nicht noch rechtzeitig festgehalten hätte, wußte alle Welt. So fand denn die Verlobung jedermanns Beifall, und während der drei letzten Wochen waren die Hochzeitsgeschenke von allen Seiten herbeigeströmt und hatten das vordere Wohnzimmer förmlich überflutet. Daß Lilian sich in großer Aufregung befand, war sehr begreiflich, denn sie erwartete ihren Bräutigam, der ihr die berühmten Harcourtschen Diamanten bringen sollte, die seit einem halben Jahrhundert in der vornehmen Welt Londons mit Entzücken und heimlichem Neide betrachtet wurden. Aus ihrem dunkeln, aber sichern Verließ in der Bank waren die funkelnden Edelsteine nach Herrn Ophirs Juwelierladen in Bond-Street geschafft worden; denn ihre Fassung war zu altmodisch, und es sollte zugleich untersucht werden, ob die zierlichen silbernen Klammern, die die kostbaren Steinchen umfaßten, auch noch ihre Pflicht und Schuldigkeit thäten. Um die glänzende Pracht in bestem Lichte zu zeigen, war obendrein ein funkelnagelneues Etui für den Schmuck bestellt worden. An der Straßenthür klingelt es und Lilian fliegt ans Fenster; doch gleich wendet sie wieder ärgerlich den Kopf wie ein verwöhntes Kind. »Noch ein Reisesack – das ist der siebente – bei zweien ist Schloß und Bügel von Gold. Dort stehen sie alle in Reih und Glied und sperren die goldenen und silbernen Zähne auf. Wie können nur die Leute denken – –« Sie vollendete den Satz nicht, denn eben kam eine Droschke rasch um die Ecke gefahren und sie erblickte ein junges strahlendes Gesicht und ein flaches Päckchen; dann sank sie wieder aufs Sofa zurück und holte tief Atem. Es klingelte wieder; jemand stürmte die Treppe herauf, immer vier Stufen auf einmal. Sie kannte den Schritt, saß aber mäuschenstill. Im nächsten Augenblick stand er im Zimmer. Ihre Augen hießen ihn willkommen, aber ihre Lippen schmollten: »Du kommst zehn Minuten zu früh, Sydney, und ich habe so viel zu thun. Was bringst du mir denn da?« »O du kleine Heuchlerin! Und dabei sehnst du mich schon seit einer Stunde mit den Diamanten herbei. Ich habe nicht übel Lust, sie wieder fortzutragen.« Er saß schon neben ihr, hatte den rechten Arm um sie geschlungen und hielt das Juwelenkästchen in seiner Linken weit weg von ihr. Errötend und lachend machte sie sich los, um die Diamanten zu erhaschen. Doch er kam ihr zuvor. Rasch sprang er auf und hielt das Etui acht Fuß hoch in die Luft. Lilian stellte sich auf die Fußspitzen; mit einer Hand konnte sie seinen Ellbogen erreichen, mit der andern griff sie ihm in die braunen Locken und machte sich zum Sprung bereit. Dabei kam sie seinem Gesicht zu nah und konnte sich nicht wehren. Die Folgen waren unvermeidlich. »O, du böser Mensch!« rief sie unwillkürlich in ihrer Ueberraschung. »Vorausbezahlung,« erwiderte er lachend und legte ihr das kostbare Etui in die Hand. »Es stimmt nicht ganz, das gestehe ich ein: doch bin ich bereit, dir herauszugeben, soviel du willst.« Lilian war mit ihrem Schatz nach dem Sofa entflohen. »Nun sei einmal einen Augenblick vernünftig und reiche mir die Schere, die dort in dem Arbeitskörbchen neben der eingerahmten Photographie auf dem Tisch liegt.« Das Etui war in hellbraunes Papier gewickelt, mit Bindfaden verschnürt und fest zugesiegelt. Hastig zerschnitt sie die Schnur, ohne die großen roten Siegel zu verletzen, und ließ die Papierhülle auf den Teppich fallen. Aus dem weichen weißen Seidenpapier kam das neue Etui von hellbraunem Saffian zum Vorschein, auf dem ein verschlungenes L. H. in goldenen Buchstaben prangte. Lilian stieß einen leisen Freudenschrei aus; die Diamanten waren nun wirklich ihr Eigentum. Der glückliche Bräutigam neben ihr sah sie liebevoll an, wie man ein hübsches spielendes Kind betrachtet, und that, als wolle er ihr den Schmuck entreißen. Doch sie hielt ihn fest, zögerte noch einen Augenblick, holte tief Atem, um sich auf den entzückenden Anblick vorzubereiten, und öffnete das Etui. – Es war leer! Das Futter von violettem Samt mit dem erhöhten Mittelpunkt sah nur etwas zerknittert aus, wie ein Bett, in dem jemand gelegen hat. Das war alles. Lilian schaute ihren Bräutigam halb belustigt, halb vorwurfsvoll an; sie dachte, er habe ihr einen Streich gespielt. Doch er machte ein erschrecktes und überraschtes Gesicht. »Was soll das heißen, Sydney? Treibst du Scherz mit mir?« fragte sie. »Ich begreife es nicht, Lily,« versetzte er mit völlig veränderter Stimme. »Es ist mir unfaßlich. Ich bringe dir das Etui, wie Herr Ophir es mir übergeben hat. Er sagte, er habe die Diamanten hineingelegt und das Paket eigenhändig versiegelt. Sieh nur,« sagte er, das Papier vom Boden aufhebend, »die Siegel sind noch unverletzt. Seitdem hat es kein Mensch berührt außer dir und mir, aber die Diamanten sind fort! Dem alten Ophir würde es auch nicht im Traum einfallen, mir solchen Streich zu spielen. Und doch weiß ich keine andre Erklärung, als daß er ... Nein, das wäre zu abgeschmackt. Er ist ein ungeheuer reicher Mann und so zuverlässig wie die Bank von England. Noch als er mir das kostbare Paket einhändigte, hat er mich zur Vorsicht ermahnt: ›Das Etui hat einen Wert von zwanzigtausend Pfund, Herr Harcourt,‹ sagte er, ›geben Sie es nicht aus der Hand, damit es nicht Schaden leidet.‹ Natürlich folgte ich seinem Rat, und trotzdem sind die Diamanten aus dem Etui und dem versiegelten Papier spurlos verschwunden.« Er starrte trübsinnig auf das violette Samtfutter: »Ich muß gleich mit Herrn Ophir sprechen.« »O Sydney, laß mich nicht allein!« »Nun, dann will ich ihm schreiben. Die Sache wird wohl auf einem lächerlichen Mißverständnis beruhen. Vielleicht hat er mir ein falsches Etui gegeben oder jemand hat ein leeres Etui untergeschoben, während Ophir einen Augenblick wegsah. Wir werden uns wohl an einen Geheimpolizisten wenden müssen. Das will ich ihm auf der Stelle vorschlagen. Wo kann ich ein paar Zeilen schreiben?« »Dort auf dem Tisch steht eine ganze Reihe von Tintenfässern.« Lilian schob ihm ein zierliches Schreibzeug aus Perlmutter und Schildkrot hin. Die in Silber gefaßten Behälter waren mit wohlriechender Tinte gefüllt. »Schaff mir doch ordentliche Tinte, Lily«, sagte Harcourt in so gereiztem Ton, wie sie ihn noch nicht an ihm kannte, und mit einer Ungeduld, die zu seinem stets sonnigheiteren Wesen durchaus nicht paßte, »mit diesem Zeug kann ich unmöglich an den alten Ophir schreiben.« Sie glitt geräuschlos zum Zimmer hinaus, und als sie gleich darauf wieder eintrat, saß Harcourt auf dem Sofa und hatte die Papierhülle mit den Siegeln und den Bindfaden in der Hand. »Unbegreiflich!« murmelte er. »Es ist, als wären sie in der Luft verschwunden. Aber wenn uns irgend jemand helfen kann, so ist es der alte Ophir.« Harcourt brummte erst ein wenig darüber, wie unbrauchbar Tinte und Papier der Damen sind, dann schrieb er: »Geehrter Herr Ophir! »Ich habe Ihnen etwas sehr Merkwürdiges mitzuteilen: Nachdem Sie mir das Etui übergeben hatten, bin ich damit geradeswegs nach der Belgravestraße zu Fräulein Ray gefahren, die in meiner Gegenwart die Schnur zerschnitten hat, ohne die Siegel zu erbrechen. Zu unsrer größten Ueberraschung fanden wir indes keine Diamanten darin. Es muß irgend ein Irrtum vorgefallen sein. Vielleicht sind Sie im stande, das Rätsel zu lösen. Falls Sie Unredlichkeit argwöhnen, bitte ich Sie herzlich, einen Geheimpolizisten anzunehmen. Der Kutscher soll auf Antwort warten. In Eile Ihr ergebener Sydney Harcourt.« Er lief selbst die Treppe hinunter und rief eine Droschke an, die langsam die Straße daherfuhr. Wie der Wind kam der Kutscher vorgefahren und warf fast einen Bettler um, der am Hause dicht neben dem Prellstein herumlungerte. »Hier, Kutscher, bringen Sie dies Briefchen zu Herrn Ophir in der Bondstraße. Die Adresse steht auf dem Umschlag. Warten Sie auf Antwort. Ich zahle die doppelte Taxe, wenn Sie rasch wiederkommen.« Der Kutscher nahm den Brief in Empfang, legte die Hand an den Hut und jagte fort wie der Pfeil vom Bogen. Harcourt warf dem scheltenden Bettler einen Schilling hin und schlug die Thür zu. Hätte er noch eine Sekunde verweilt, so würde er gesehen haben, wie der Bettler in größter Schnelligkeit davonlief und um die Ecke verschwand. »O Sydney, mach doch kein so trostloses Gesicht,« flehte Lilian, deren neckische Laune verflogen war. »Es wird sich ja alles aufklären. Geschieht es aber nicht, so macht mir das auch keinen Kummer. Dein Vater liebt uns beide viel zu sehr, um ernstlich böse zu werden. Du kannst ja auch überhaupt nichts dafür.« »Ja, siehst du, Lily, die verteufelten Dinger – verzeih, aber ich bin ganz außer mir – sie sind nun doch einmal aus meinen Händen verschwunden. Wer sie in seinen Besitz bekommen hat, kann hohe Summen daraus lösen. Ich habe früher etwas toll gewirtschaftet, ehe ich dich kennen lernte, liebes Herz, und viele glauben, ich hätte über meine Mittel gelebt. Natürlich werde ich ins Gerede kommen, und mich soll's nicht wundern, wenn böse Zungen sagen – nein, das will ich lieber nicht aussprechen; mich kümmert's auch keinen Pfifferling. Du selbst wirst nur immer Gutes von mir denken und reden, und ich möchte um alle Diamanten von Golkonda keine Wolke auf deiner schönen Stirn und keine Thräne in deinen blauen Augen sehen. Mögen die kostbaren Steine zum Kuckuck fahren – hier ist ein stärkerer Magnet.« Die Liebe ist eine allmächtige Zauberin. In fünf Minuten hatte das Brautpaar die Diamanten so gänzlich aus dem Sinne gelassen, wie sie aus dem Etui verschwunden waren. Erst als eine Droschke angerasselt kam und vor der Thür hielt, wurden sie wieder in die Alltagswelt zurückversetzt. Ein Diener trat ein und brachte auf einem silbernen Teller eine nicht sehr saubere Visitenkarte. Harcourt nahm sie in Empfang und Lilian, die ihm über die Schulter sah, las den Namen Paul Beck Privatdetektiv. »Wie sieht er aus, Tomlinson?« »Ein starker Mann in grauem Anzug. Kommt mir nicht sehr gescheit vor.« »Laß ihn heraufkommen.« »Was soll das heißen? Wer kann es sein?« murmelte Harcourt unruhig, als der Diener fort war. »Der Mann kann unmöglich schon von Ophir zurückkommen, geschweige daß dieser in so kurzer Zeit hätte einen Geheimpolizisten auftreiben können. Daraus werde ein andrer klug.« »Weißt du, er kam angefahren wie der Wind. Und wir wundern uns ja immer, wie schnell die Zeit vergeht, wenn wir von unserer Zukunft reden.« Jetzt machte der Diener die Thüre weit auf, um Herrn Paul Beck anzumelden. Der Detektiv schien alles Aufsehen vermeiden zu wollen. Er kam ganz leise ins Zimmer geschlichen und stellte sich so viel wie möglich mit dem Rücken gegen das Licht, als sei ihm die Heimlichkeit zur Gewohnheit geworden. Der vierschrötige Mann im dunkelgrauen Anzug machte eher den Eindruck eines ehrbaren Milchhändlers, der sich zur Ruhe gesetzt hat, als eines Geheimpolizisten. Ein rötlicher Backenbart umrahmte sein blühendes Gesicht, und das hellbraune Haar kräuselte sich wie die Locken eines Pudels. Seine großen blauen Augen schauten verwundert drein und er lächelte so unschuldig wie ein Kind. Lilian glaubte zu bemerken, daß er beim Eintreten einen raschen scharfen Blick nach dem Tisch hin warf, wo das leere Schmucketui lag, und auf die Papierhülle am Boden. Aber der lebhafte Ausdruck war gleich wieder aus seinem Gesicht verschwunden, wie der Schein eines erlöschenden Lichts. Harcourt kannte den Mann seinem Rufe nach als einen der geschicktesten Geheimpolizisten Londons, von dem man wußte, daß er schon Rätsel gelöst hatte, an denen alle Künste der Polizei gescheitert waren. Nach seinem Aeußern zu urteilen, hätte man das kaum für möglich gehalten. »Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Beck«, sagte er. »Vermutlich kommen Sie wegen – – –« »Wegen der Diamanten,« fiel ihm jener rasch ins Wort. »Ich war glücklicherweise gerade bei Herrn Ophir, als Ihr Zettel eintraf, und er forderte mich auf, den Fall zu übernehmen. Ihr Droschkenkutscher hat sich möglichst beeilt, und hier bin ich.« »Die Thatsachen sind Ihnen bereits mitgeteilt.« »In aller Kürze.« »Und Sie glauben – – –« »Ich glaube nicht, ich weiß, wie und wo ich der Diamanten habhaft werden kann.« Er sprach sehr zuversichtlich, und es kam Lilian vor, als spiele ein Lächeln um seinen unschuldvollen Mund, während er ein Auge halb zukniff. »Das freut mich ja von ganzem Herzen«, sagte Harcourt. »Die Sache macht mir große Sorge. Hat Herr Ophir vielleicht eine Vermutung geäußert – – –« »Nein; daran lag mir auch nichts,« fiel Beck wieder ein. »Zum Reden ist keine Zeit. Es gilt der frischen Spur zu folgen. Ist dies hier das Diamantenetui?« »Ja,« sagte Harcourt, während er es in die Hand nahm und öffnete, »ganz so leer, wie es herkam.« Beck schloß das Etui rasch wieder und steckte es in die Tasche. »Dort liegt wohl das Papier und der Bindfaden der Verpackung?« Harcourt nickte und jener hob beides sorgfältig auf und steckte es in seine andre Tasche. »Wie Sie sehen, sind die Siegel noch unerbrochen,« bemerkte Harcourt. »Den Bindfaden hat Fräulein Ray entzweigeschnitten, aber als sie –« »Ich empfehle mich Ihnen, Herr Harcourt,« unterbrach ihn der Geheimpolizist ohne weitere Förmlichkeit. »Leben Sie wohl, gnädiges Fräulein.« »Haben Sie denn alle nötigen Erkundigungen eingezogen?« fragte Harcourt erstaunt. »Unmöglich können sie doch schon den Schlüssel gefunden haben.« »Ich habe alles gefunden, was ich suchte und wollte. Wie ich den Dieb fangen kann, ist mir ganz klar. Sobald ich Ihnen Neues zu berichten habe, werde ich schreiben. Einstweilen sage ich Ihnen lebewohl.« Er hatte augenscheinlich große Eile, sein Werk in Angriff zu nehmen. Noch bevor Harcourt ein Wort erwidern konnte, war er zum Zimmer hinaus und die Treppe hinunter. Die Hausthür selber öffnend, sprang er in die Droschke, die er hatte warten lassen, und der Kutscher jagte davon, daß die Funken stoben. Noch war er nicht fünf Minuten fort, als von der entgegengesetzten Seite der Straße her abermals eine Droschke angerasselt kam. Lilian und Sydney hatten sich noch kaum von ihrer Verwunderung über den kurzen Abschied des Geheimpolizisten erholt, als Tomlinson wieder mit einer, diesmal makellosen, Visitenkarte erschien, auf der Paul Beck Privatdetektiv stand. Harcourt fuhr erstaunt in die Höhe und Lilian sah halb überrascht halb belustigt aus. »Ist es derselbe Mann, Tomlinson?« »Jawohl. Aber er scheint mir ein sehr zerstreuter Herr zu sein. ›Ist in der letzten Viertelstunde jemand hier gewesen?‹ fragte er wie atemlos, als ich ihm aufmachte. ›Sie selbst waren doch vor kaum fünf Minuten hier,‹ sagte ich. ›Wirklich?‹ rief er und lachte dabei ganz sonderbar. ›Sind Sie Ihrer Sache auch gewiß – und bin ich jetzt hier?‹ Ich sah ihn scharf an, aber er schien ganz nüchtern zu sein. ›Freilich sind Sie hier,‹ sagte ich, ›Sie stehen ja in ganzer Person vor mir.‹ – ›O, ich meine nur, ob ich überhaupt fortgegangen bin?‹ – ›Sie sind in einer Droschke weggefahren, was die Pferde laufen konnten,‹ antwortete ich, um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen, denn er machte ein ganz ernsthaftes Gesicht und sah ordentlich betreten aus, als ich die Droschke erwähnte. ›Schade, schade,‹ murmelte er, ›ich bin zehn Minuten zu spät gekommen. Doch das läßt sich eben nicht ändern. Bringen Sie nur die Karte hinein, mein Lieber.‹ – Wollen Sie ihn empfangen, Herr Harcourt?« »Natürlich.« »Wie merkwürdig!« rief Lilian. »Er kann doch die Diamanten nicht in fünf Minuten gefunden haben.« »Vielleicht hat er doch eine Spur entdeckt. Daß er draußen in der Vorhalle den braven Tomlinson zum besten gehabt, beweist, daß er über irgend etwas sehr guter Laune ist. Ich hätte dem alten Burschen solche Späße wahrhaftig nicht zugetraut.« »Herr Paul Beck,« meldete der Diener. In dem Wesen des Geheimpolizisten war eine gewisse unbeschreibliche Veränderung bemerkbar. Seine Bewegungen waren weniger plötzlich, sein Gang nicht so schleichend; auch stellte er sich nicht immer absichtlich mit dem Rücken gegen das Licht. »Sie kommen rasch zurück, Herr Beck,« sagte Harcourt. »Haben Sie eine Spur gefunden?« »Ich wäre gern fünf Minuten früher gekommen,« versetzte der Geheimpolizist mit völlig veränderter Stimme. »Leider habe ich die Fährte verloren und muß mich erst zurechtfinden. – Wo ist das Diamantenetui?« »Das habe ich Ihnen ja selbst vor fünf Minuten gegeben.« »Mir?« fragte Beck, besann sich aber und verzog das Gesicht zu einem Lächeln, das fast aussah wie eine Grimasse. »Jawohl, Sie haben es mir gegeben. Und was habe ich denn damit gethan?« »Ich verstehe Sie ganz und gar nicht.« »Das ist auch unnötig! Sie brauchen mir nur zu antworten.« »Entschuldigen Sie, Herr Beck, dies ist nicht der Augenblick für schlechte Späße, und ich bin auch durchaus nicht dazu aufgelegt.« »Sie werden später schon noch einsehen, daß ich keinen Spaß mit Ihnen getrieben habe, Herr Harcourt. Dem Spaßmacher aber hoffe ich noch tüchtig heimzuleuchten. Uebrigens komme ich von Herrn Ophir.« »Das haben Sie mir schon einmal gesagt.« »So, dann wiederhole ich es eben. Herr Ophir hat mich beauftragt, die verlorenen Diamanten zu finden, und ich erlaube mir die höfliche Frage, was aus dem Etui geworden ist.« »Genau das, was Sie selbst damit gemacht haben.« Harcourt wurde rot vor Aerger über diese kaltblütige Frechheit; aber Lilian schlug sich ins Mittel. »Sie haben es in die Tasche gesteckt und mit fortgenommen, Herr Beck.« »Hatte ich große Eile?« »Sie nahmen sich keinen Augenblick Zeit.« »War ich genau so gekleidet wie jetzt?« »Auf ein Haar.« »Und auch mein ganzes Aeußeres war ebenso?« »Vollkommen.« »Sowohl die Gestalt wie das Gesicht?« »Mir scheint, Sie haben jetzt weniger Kunst aufgewendet.« »Kunst? Was wollen Sie damit sagen, Fräulein?« »Nun, es kam mir so vor, als hätten Sie sich verschönern wollen. Ihre Wangen sahen aus wie geschminkt.« »Und stellte ich mich immer mit dem Rücken gegen das Licht?« »Wie gut Sie sich daran erinnern!« Beck lachte; Harcourt aber brach zornig los: »Glauben Sie nicht, daß es jetzt genug ist mit der Narretei?« »Mehr als genug,« gab Beck ruhig zur Antwort. »Ich habe die Ehre, Ihnen guten Morgen zu wünschen, Herr Harcourt; auch Ihnen, gnädiges Fräulein!« Und als er sich an Lilian wandte, lag offenbare Bewunderung im Ton seiner Stimme. »O Sydney,« rief sie, sobald die Thüre sich hinter jenem geschlossen hatte, »ich bin noch durch und durch erschüttert. Ein so verworrenes Geheimnis ist noch nie dagewesen. Welcher von ihnen mag nur der richtige Herr Beck sein?« »Welcher? Was in aller Welt meinst du denn? Mir ist schon so wie so ganz schwindelig zu Mute. Beide sind jedenfalls derselbe Herr Beck – der richtige oder falsche, wofür du ihn nun halten magst.« Unterdessen fuhr Beck in schnellstem Trabe nach Herrn Ophirs Wohnung in der Bondstraße zurück. Er fand den angesehenen Juwelier in seinem kleinen Bureau hinter dem von Edelsteinen funkelnden Laden, doch schien ihn seine gewöhnlich so würdevolle Haltung verlassen zu haben. »Nun, was bringen Sie?« fragte er in großer Aufregung, nachdem der Geheimpolizist die Thür sorgfältig hinter sich geschlossen hatte. »Ich glaube, ich bin dem Diebe auf der Spur, wenigstens kann ich mit ziemlicher Gewißheit sagen, in wessen Händen die Diamanten sind.« »Herr Harcourt hat ein etwas ausschweifendes Leben geführt, ehe es zu dieser Verlobung kam,« sagte Ophir in unsicherem Ton und mit verlegenem Lächeln. »Von wem haben Sie das neue Etui machen lassen?« fragte Beck, dem Gespräch ganz unvermittelt eine andre Wendung gebend. »Hm – ja so – von Smithson, einem sehr geschickten und zuverlässigen Meister. Der schon seit zwanzig Jahren für mich arbeitet. Das Etui war ganz vorzüglich angefertigt.« »Wer hat es Ihnen überbracht?« »Einer von Smithsons Leuten.« »Sagten Sie nicht, der Mann habe zugesehen, wie Sie die Diamanten in das Etui legten und das Paket zusiegelten?« »Ja, er stand nur ein paar Schritte entfernt. Auch zwei von meinen eigenen Angestellten waren zugegen. Wenn Sie diese etwa befragen möchten, will ich Carton und Cuison gleich rufen lassen.« »Nein, daran ist mir einstweilen nichts gelegen. Aber um Smithsons Adresse möchte ich Sie bitten, Herr Ophir. Vermutlich würde es uns von Nutzen sein, wenn wir seines Boten habhaft werden könnten.« »Das bezweifle ich sehr, Herr Beck, denn es war ein ganz gewöhnlicher Arbeiter. Meine eigenen Leute wären weit zuverlässigere Zeugen. Vielleicht dürften Sie auch Mühe haben, ihn zu finden. Doch darüber kann ich Ihnen natürlich keine bestimmte Auskunft geben.« Der alte Herr sah ganz erhitzt und aufgeregt aus, was den Detektiv sichtlich wunder nahm. »Besten Dank für Ihren Rat, Herr Ophir,« sagte er. »Ich ziehe es jedoch vor, auf meine Weise ans Werk zu gehen.« Zwanzig Minuten später stand der unermüdliche Paul Beck schon in Smithsons Werkstatt, um den Meister auszufragen; allein es führte zu nichts. Der Mann, der Herrn Ophir das Etui überbracht hatte, war zugleich der Verfertiger. Einen geschickteren Arbeiter hatte Smithson noch nie gehabt: er hieß Mulligan und war erst vor zehn Tagen bei ihm eingetreten. Ob er aus Irland oder Holland stammte, wußte der Meister nicht; jedenfalls verstand er sein Gewerbe. Mulligan mochte sich wohl in bedrängter Lage befinden, denn er verlangte keinen hohen Lohn. Doch war er kaum eine halbe Stunde in der Werkstatt gewesen, da zeigte er schon, was er leisten konnte; deshalb hatte ihn auch Smithson das Etui zu den Harcourt-Diamanten anfertigen lassen, als die Bestellung kam. Den ganzen Tag über war er damit beschäftigt gewesen; abends nahm er dann das Etui mit nach Hause und brachte es am andern Morgen fertig zurück. »So schnell und gut hat mir noch niemand eine Arbeit geliefert,« schloß der Meister seinen Bericht. »Aber wie hat er das angestellt? Sie haben ihn doch die Diamanten nicht nach Hause nehmen lassen?« »Wo denken Sie hin!« rief Smithson eifrig und warf einen verwunderten Blick auf den großen Detektiv, der mit dem unschuldvollsten Ausdruck vor ihm stand, ohne eine Miene zu verziehen. »Die Diamanten hat er nicht zu Gesicht bekommen; davon war keine Rede.« »Wie hat er denn aber ein passendes Etui machen können?« »Nach unserm Modell – dem alten Etui.« »Haben Sie das noch hier?« Bei dieser Frage verriet Herr Beck zum erstenmal ein lebhaftes Interesse. »Ja, ich glaube, es muß noch irgendwo sein. Ich will gleich nachsehen.« Gleich darauf kehrte er mit einem abgescheuerten und verschossenen Schmucketui aus vormals dunkelgrünem Saffianleder zurück, dessen inwendiger weißer Samtbezug vor Alter gelb geworden war. »Hier ist das Modell, Herr Beck. Der erhöhte Mittelpunkt war für den großen Stern bestimmt und ringsum in die Vertiefung kam das Halsband zu liegen.« »Ganz richtig!« versetzte Beck. Er legte für seine gewöhnlich sehr ruhige Art merkwürdig viel Ausdruck in diese Worte. »Nicht wahr, Sie können mir das alte Etui überlassen?« fragte er nach einer Pause. »Gewiß. Herr Ophir wird nichts dagegen haben.« »Sagen Sie einmal, Smithson,« begann Beck wieder, »hat nicht jener Mulligan – so hieß er ja wohl? – sich auf Herrn Ophir berufen?« »Freilich; das fällt mir erst jetzt wieder ein. Als er zu mir kam, erkundigte er sich, ob ich nicht für Herrn Ophir arbeite: es schien ihm sehr daran gelegen zu sein. Er wußte viel Gutes von Ophir zu sagen und meinte, wenn ich wollte, könnte er sich wohl eine Empfehlung von ihm geben lassen. Doch ich verlangte es nicht; Mulligans Arbeit war mir Empfehlung genug. So halte ich es in meinem Geschäft.« Der Geheimpolizist steckte das Etui in die Rocktasche und näherte sich der Thüre. Auf der Schwelle blieb er noch einmal stehen. »Besten Dank für die Auskunft, Smithson. Nicht wahr, am Nachmittag ist Mulligan nicht zur Arbeit gekommen?« »Woher wissen Sie denn das, Herr Beck? Ich habe ihm eine Extravergütung für seinen Fleiß gegeben, und da wird er sich wohl einen vergnügten Nachmittag gemacht haben, fürchte ich. Einem Irländer sieht das ähnlich. Aber wie sind Sie nur darauf gekommen?« »Herr Ophir äußerte etwas derart.« »Morgen ist er aber sicher wieder da, denn ich habe ihm den doppelten Lohn versprochen. Zuerst nahm ich ihn sozusagen nur auf Probe an. Um acht Uhr morgens werden Sie ihn finden, doch kann ich Ihnen auch seine Adresse geben, falls Sie ihn früher zu sprechen wünschen.« »Sie sind sehr freundlich, aber ich fürchte, es würde mir wenig nützen. Wenn ich ihn brauche, werde ich ihn schon zu finden wissen. Vielleicht bekomme ich ihn früher zu sehen als Sie. An Ihrer Stelle würde ich mich nicht zu fest darauf verlassen, daß Mulligan morgen wieder in die Werkstatt kommt.« Beck hatte seine Droschke fortgeschickt, als er bei Smithson eintrat. Jetzt war er nur noch wenige Straßen vom »Strand« entfernt und schlenderte langsam nach dieser Richtung hin. Er war so sehr in seine Gedanken vertieft, daß er an einer belebten Straßenkreuzung fast überfahren worden wäre. »Ja, der ist mein Mann,« murmelte er vor sich hin; »er muß mir helfen, mag er wollen oder nicht. Schon oft hat er mich auf die Sprünge gebracht, der Schlaufuchs; so viel stand freilich noch nie auf dem Spiel. Was könnte der nicht alles leisten, wenn er in unsern Verband träte; Satan selbst ist nur ein Dummkopf gegen ihn. Aber er will seine Freiheit nicht aufgeben, was übrigens nach meinem Dafürhalten ein Fehler von ihm ist. Jedenfalls wäre er der bedeutendste Geheimpolizist seines Jahrhunderts. Eifersucht kann mir wenigstens niemand vorwerfen; und wenn er mir beisteht, dieses Geheimnis zu enträtseln, werde ich schon dafür sorgen, daß seine Verdienste auch anerkannt werden.« Beck schmunzelte wohlgefällig, als hätte er einen guten Witz gemacht; dann blieb er plötzlich stehen und sah auf eine Kirchenuhr. »Wie rasch heute die Zeit vergeht. Schon vier Uhr! Da treffe ich ihn gerade am alten Ort.« Mit doppelter Geschwindigkeit schritt er nun weiter, als hätte er Siebenmeilenstiefel an den Füßen, um Simpsons am »Strande« gelegenes Restaurant so rasch als möglich zu erreichen. Wir müssen dem Mann, den Paul Beck aufsuchen wollte, zuvor noch einige Worte widmen. Monsieur Grabeau war damals eine sehr beliebte Persönlichkeit in London, wo man ihn häufig zu Gesellschaften einlud, um die Gäste zu unterhalten. Etwas schüchtern von Natur, konnte er weder singen noch öffentliche Reden halten; er vereinigte jedoch alle Künste einer Varietätenbühne in seiner Person. Als Mime, Bauchredner, Verkleidungskünstler leistete er Vorzügliches, aber vor allem war er Taschenspieler. Mit Kartenblättern führte er Manöver aus wie ein Hauptmann mit seinen Soldaten; sie gehorchten seinem Kommando gleich denkenden, lebenden Wesen. Eine wahrhaft unglaubliche Geschicklichkeit und Erfindungskraft entfaltete er aber bei der Verfertigung mechanischer Spielzeuge und Attrappen. So hatte er zum Beispiel eine Puppe erdacht und ausgeführt, in deren Innerem sich ein Phonograph befand. Sie sang nicht nur: »O du mein Heimatland!« mit vollkommen natürlicher Betonung, sondern ahmte auch die Mienen und Gebärden einer damals allgemein beliebten Sängerin so täuschend nach, daß böse Zungen – meist Nebenbuhlerinnen – sogar behaupteten, das Original sei viel hölzerner als die Kopie. Beck hatte Monsieur Grabeaus Vorstellungen bei Gelegenheit von Gesellschaften mit angesehen, wo man es für klug hielt, einen Geheimpolizisten entweder als Bedienten oder als Musiker verkleidet zur Stelle zu haben. Die Beiden hatten Bekanntschaft gemacht und waren mit der Zeit gute Kameraden, wenn nicht Freunde geworden. Der Franzose konnte Gaboriaus sämtliche Kriminalromane fast auswendig und empfand das brennendste Interesse für Paul Becks Beruf. »Die Geschichten sind nur zu künstlich,« pflegte er zu sagen. »Die Art, wie der Knoten am Anfang geschürzt wird, ist unübertrefflich; aber die Lösung ist weniger gut. Man sollte sie so entwirren können!« Dabei hielt er einen ganz verknoteten Strick in die Höhe, den er im nächsten Augenblick vollkommen glatt vorzeigte. Das war eins von seinen Kunststücken. »Aber das Leben, das der Detektiv führt, hat großen Reiz. Es ist besser als eine Fuchsjagd – er kann Menschen jagen, schlaue Menschen, die fortlaufen, Kreuz- und Quersprünge machen, sich verstecken oder zur Wehr setzen. Ein herrliches Leben, meiner Treu!« »Der Mann geht zu Grunde, er läßt seine Fähigkeiten brach liegen,« murmelte Beck oft unzufrieden, wenn der Franzose einmal wieder eine fast unsichtbare Fährte für ihn entdeckt hatte. »Eine Sünde und eine Schande ist es – den besten Detektiv im ganzen Stabe könnte er abgeben, statt dessen vertändelt er seine Zeit mit allerlei Possen und Taschenspielerkünsten und läßt sich nicht bekehren.« Natürlich war es Becks erster Gedanke, seinen Freund zu Rate zu ziehen, als er das unerklärliche Rätsel lösen sollte, wie die Diamanten verschwunden waren. »Hoffentlich treffe ich ihn hier,« dachte er und trat in Simpsons Restaurant. Grabeau saß wirklich auf seinem gewohnten Platz an einem Ecktisch vor einer Schüssel mit englischem Roastbeef, das ihm trefflich mundete. Er war ein breitschulteriger, gutmütiger Mann mit scharfen Augen, kurzgeschorenem schwarzem Haar und blassem Gesicht. Als Beck eintrat, legte er das Zeitungsblatt hin, in dem er soeben aufmerksam gelesen hatte. »Oho, Sie sind's! Bon soir , Monsieur Beck. Wohl und munter, wie ich sehe!« Der Detektiv hing seinen Hut auf, nickte Grabeau zu und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. »Kellner, Hammelbraten und ein Glas Porterbier.« Dann fuhr er in gelassenem Tone fort: »Ich bin gekommen, um ein paar Worte mit Ihnen zu reden, Monsieur.« »Aha, ich weiß schon,« rief der Franzose lebhaft, »wegen der Harcourt-Diamanten, nicht wahr? In der letzten Gesellschaft bei Harcourts war ja der wundervolle Schmuck in aller Munde. Er ist verschwunden und der Lord hat den berühmten Detektiv Paul Beck beauftragt, ihn wieder zu finden. Ich dachte mir gleich, daß Sie zu mir kommen würden. Hier steht schon die ganze Geschichte.« Damit reichte er ihm die Westminster Gazette über den Tisch hin und deutete auf einen Artikel, der in großen schwarzen Buchstaben die Ueberschrift: »Verschwindende Diamanten« trug. Beck las wie folgt: »In den vornehmen Kreisen Londons macht das plötzliche Verschwinden der bekannten Harcourt-Diamanten ungewöhnliches Aufsehen. Nächst den Kronjuwelen sind dies vielleicht die kostbarsten Edelsteine Londons. Ob ein Diebstahl vorliegt, läßt sich noch nicht entscheiden. Herr Ophir, der hochangesehene Juwelier, hat unserm Berichterstatter mitgeteilt, daß er heute früh die Diamanten mit eigener Hand in das Etui gelegt und das versiegelte Paket Herrn Sydney Harcourt übergeben habe. Als Herr Harcourt jedoch in Gegenwart seiner Verlobten, Fräulein Ray, die die Diamanten als Hochzeitsgeschenk erhalten sollte, das Etui öffnete, fand er es leer, wie er versichert. Wenn beide Herren die Wahrheit sagen – und wir haben keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln – so müssen die Diamanten während der Droschkenfahrt zwischen der Bondstraße und der oberen Belgravestraße aus dem Etui durch das braune Einwickelpapier hindurch verschwunden sein. Wir brauchen kaum zu erwähnen, daß Herr Ophir wegen seiner Stellung und bekannten Ehrenhaftigkeit die höchste Achtung genießt. Der junge Harcourt hat zwar früher auf dem Rennplatz öfter von sich reden gemacht, doch ist er, soviel man weiß, niemals in ernsterer Geldverlegenheit gewesen. Schon sein Rang und Charakter sollten dafür bürgen, daß auch nicht der Schatten eines Verdachts auf ihn fallen kann. Natürlich machen alle diese Umstände das Geheimnis nur noch rätselhafter. Auf Herrn Ophirs Antrieb begab sich der berühmte Detektiv Paul Beck sofort nach der oberen Belgravestraße und er soll, wie sich das ja bei jedem gut geschulten Geheimpolizisten von selbst versteht, bereits eine Fährte entdeckt haben.« Während Beck den Artikel las, hatte Grabeau seinen Ausdruck gespannt beobachtet. »Nun,« fragte er ungeduldig, »trifft denn alles zu?« »Der Bericht ist ziemlich genau.« »Und Sie, der berühmte Detektiv, haben die Fährte gefunden?« Es klang ein leiser Anflug von Spott aus Grabeaus Ton; aber Beck schien das nicht übel zu nehmen, ja, er beachtete es kaum. »O ja, eine Spur meine ich wohl zu haben, Monsieur. Aber ich möchte gern Ihre Ansicht von der Sache hören. Vielleicht können Sie mir auf die Sprünge helfen – es wäre nicht das erste Mal.« Grabeau fühlte sich sichtlich geschmeichelt. »Dann muß ich aber alles wissen, auch die geringste Kleinigkeit.« Nun erzählte Beck mit großer Offenherzigkeit, was er wußte, und vergaß auch seinen Doppelgänger nicht, der ihm in der Belgravestraße zuvorgekommen war. »Jetzt sagen Sie mir Ihre Meinung, Monsieur,« schloß er den Bericht. »Monsieur Ophir,« sagte Grabeau kurz und schloß dann den Mund, wie wenn eine Mausefalle zuschnappt. »Was!« rief Beck, ihn überrascht und bewundernd betrachtend. »Wahrhaftig? Sie legen also keinen Wert auf die versteckte Andeutung in der Zeitung, daß der junge Harcourt die Diamanten selbst entwendet haben möchte, um seine Spielschulden zu bezahlen?« »Nein, mein Freund, glauben Sie mir, er hat nichts damit zu thun. Es lohnte für ihn nicht der Mühe. Sein Vater ist reich, die Braut ist schön. Der rechtschaffene Herr Ophir übergibt ihm die Juwelen. Da läuft er zu viel Gefahr, selbst wenn er Schulden hat, was nicht erwiesen ist.« »Aber wie hat Ophir sie aus dem Etui genommen?« »Er hat sie gar nicht hineingelegt.« »Ich sagte Ihnen doch, daß drei Personen gesehen haben, wie er es that – zwei von seinen Leuten und ein gewisser Mulligan, der das neue Etui gebracht hatte.« »Haben Sie den Boten gesehen?« »Nein. Er war noch nicht wieder in die Werkstatt gekommen, als ich dort vorsprach.« »Er wird für immer wegbleiben. Er ist verschwunden. Wohin? Das könnte Ophir Ihnen vielleicht sagen, aber er wird es wohl bleiben lassen.« »Aber außer dem Boten waren doch noch zwei andre Leute zugegen, als die Diamanten eingepackt wurden.« » Hélas , mein großer Detektiv, Sie sind heute ein klein wenig einfältig – nichts für ungut. Sie wollen nichts Böses von Monsieur Ophir denken, Très-bien . Aber Ihr Einwand ist nicht besonders geistreich. Leihen Sie mir einmal Ihre Uhr und Kette.« Damit lehnte er sich über den Tisch, und schon im nächsten Moment hielt er, wie durch einen Zauberschlag, Becks schwere goldene Uhr mit der Panzerkette in der Hand, die dieser an einem goldenen Riegel im Knopfloch der Weste befestigt trug. »Nun, sehen Sie, dies stellt unser Etui vor.« Im Nu hatte er mit geschickten Fingern das Zeitungsblatt zu einem Schmuckkästchen mit fest schließendem Deckel umgeformt. Er machte es weit auf, legte Uhr und Kette hinein, so daß Beck sie deutlich darin liegen sah, und schloß den Deckel mit zwei Fingern. Dann schob er das Kästchen über das Tischtuch hinüber zu Beck hin. Als dieser es öffnete, war es leer. Der Detektiv riß seine großen Augen verwundert auf. »Aber wo ist meine Uhr?« »Wo sonst als hier,« sagte Grabeau, auf Becks geräumige Weste klopfend. Und siehe da, die Uhr lag wieder sicher in der ziemlich engen Westentasche, und der goldene Riegel war durch das Knopfloch gezogen. »Ich hätte geschworen, daß ich gesehen habe, wie Sie die Uhr hineinlegten und darin ließen.« » Eh bien , Monsieur Ophirs Leuten wird es gerade so gehen. Ich habe sie in Ihre Tasche gesteckt; er steckt die Diamanten in seine eigene Tasche. Das ist der ganze Unterschied. Und sein Kunststück war noch viel leichter.« »Aber Ophir steht im Ruf eines höchst ehrenwerten, achtbaren Mannes.« Grabeau schnippte verächtlich mit den Fingern. »Der Mensch! Den kenne ich, er ist kalt wie Eis, aber ein Schlaufuchs. Wir sind einmal aneinander geraten und er hat mich, Alphonse Grabeau, einen Betrüger genannt. Jetzt nenne ich, Alphonse Grabeau, Monsieur Ophir einen Dieb. Ich will beweisen, daß er die Diamanten gestohlen hat; ich will Ihnen helfen, Freund, ihn zu entlarven.« »Besten Dank, Monsieur. Ich dachte mir's gleich, daß Sie mir unter die Arme greifen würden. Wo kann ich Sie morgen treffen, falls ich eine Mitteilung für Sie habe?« »Bis zwei Uhr nachmittags bin ich daheim in meinem kleinen Laden; um Vier speise ich hier wie gewöhnlich und abends gebe ich eine Vorstellung im Salon des Herzogs von D. In der Angelegenheit des diebischen Ophir stehe ich Ihnen jederzeit zu Diensten. Aber Sie müssen pünktlich sein, damit wir uns nicht verfehlen.« »Gut, ich komme in Ihre Wohnung oder suche Sie hier auf.« Grabeau trank die letzten Tropfen seines Grogs aus, der inzwischen kalt geworden war, griff nach Hut, Stock und Handschuhen und nahm eine Cigarette aus seinem hübschen silbernen Etui. Beck hatte sich gleichfalls erhoben. »Lassen Sie mich Ihnen noch einmal die Hand schütteln, Monsieur,« sagte er, ihn voll Bewunderung anblickend; »ich habe immer viel von Ihnen gehalten, aber jetzt weiß ich erst, was für ein Ausbund von Klugheit Sie sind. Es ist wirklich jammerschade, daß Sie nicht zu uns gehören. Dann erst würden Sie den richtigen Spielraum finden können, um Ihre Talente zu entfalten.« Die Anerkennung schmeichelte Grabeau offenbar sehr, er strahlte über das ganze Gesicht, als er das Lokal verließ. Beck bestellte noch eine Portion Hammelbraten, und während er sie langsam verzehrte, starrte er häufiger als sonst ins Leere. Der Detektiv mußte wohl eine wichtige Abhaltung gehabt haben, denn es war schon ein Viertel auf drei Uhr, als er am nächsten Tage mit raschen, elastischen Schritten nach Monsieur Grabeaus kleinem Laden in der Wardourstraße eilte. Einen Augenblick blieb er außen vor dem Fenster stehen, wo allerlei mechanisches Spielzeug und kostbare Nippsachen in hübscher Anordnung ausgestellt waren, um Käufer herbeizulocken; dann trat er ein. Hinter dem Ladentisch stand ein etwa neunzehnjähriger junger Mann mit langer gebogener Nase, gesunder Gesichtsfarbe und kleinen, funkelnden schwarzen Augen. »Guten Tag, Jakob,« sagte Beck. »Ist Ihr Herr ausgegangen?« »Erst vor einer Viertelstunde.« »Wann kommt er zurück?« »Heute abend gar nicht mehr.« »Dann muß ich ihn ein andermal sprechen. – Sagen Sie, Jakob, da haben Sie ja etwas Neues im Schaufenster. Das Korallenhalsband mit der Brosche meine ich. Könnte ich das wohl einmal zu sehen bekommen?« Jakob holte das Gewünschte herbei. Es war ein altertümlicher Korallenschmuck mit seiner Goldgliederung in einem abgeschabten, vormals dunkelgrünen Etui von Saffianleder mit schmutzig weißem Futter, das so altertümlich aussah wie der Schmuck selbst. Volle fünf Minuten lang betrachtete Beck das Geschmeide mit sichtlicher Bewunderung. Er wandte das Etui mehrmals hin und her, um es in besserem Lichte zu sehen; dabei fesselte ein Fleck am Rande des Leders, der von feuchtem Gummi herzurühren schien, seine Aufmerksamkeit ganz besonders. »Wie hoch ist der Preis, Jakob?« fragte er endlich. »Es steht nicht zum Verkauf. Der Herr hat mir zu vier verschiedenen Malen verboten, es herzugeben, selbst wenn man mir die größten Summen dafür bieten sollte. Mir scheint, die Gefahr ist nicht groß; das bißchen Gold daran ist keinen halben Sovereign wert.« »So!« sagte Beck nachdenklich. »Die roten Dinger brauch' ich auch nicht gerade; ich möchte nur das Etui haben. Meine Tante hat mich gebeten, ihr eins zu besorgen, um ein Halsband nebst Brosche hineinzuthun, das sie billig in einem Ausverkauf erstanden hat. Dies wäre gerade recht. Mir scheint, die Korallen passen so wie so schlecht hinein, als ob es nicht für diesen Schmuck gemacht wäre.« »Doch, Herr Beck, sie passen ganz wunderschön. Aber warten Sie einen Augenblick. Um einem Freund meines Herrn einen Gefallen zu thun, würde ich es ja wohl für einen annehmbaren Preis verkaufen.« »Was nennen Sie einen annehmbaren Preis?« »Wäre Ihnen ein Sovereign zu viel?« Herr Beck äußerte nichts darüber. Er holte das Goldstück aus seiner Westentasche, legte es auf den Tisch, schüttete die Korallen ohne weiteres auf einen Haufen, steckte das Etui in die Tasche und ging zur Ladenthür hinaus. Der pfiffige Gehilfe sah verwundert, wie rasch der breitschulterige Mann die Straße hinuntereilte. »Heiliger Moses,« rief er mit enttäuschter Miene, »warum habe ich nicht mehr verlangt? Er hätte mir gewiß noch einen oder zwei Schillinge für das alte Etui gegeben. So eines kann der Meister in einer Stunde wieder machen; der Handel wird ihm schon recht sein.« Ob es dem Meister wirklich recht war, lassen wir dahingestellt. Daß aber Paul Beck sich sehr über den Handel freute, ist keine Frage. Er sah so recht innerlich vergnügt aus, während er seines Weges ging und leise vor sich hinpfiff. Man hätte ihn für einen ehrbaren Handwerker halten können, dessen Wochenlohn reichlicher ausgefallen ist als gewöhnlich. Beck öffnete das Haus mit seinem Drücker, stieg geräuschlos die Treppe hinauf und betrat sein hübsches Wohnzimmer im ersten Stock. Auf dem Tisch in der Mitte stellte er das alte Schmuckkästchen neben das andre alte Etui, das er von Smithson erhalten hatte. Es standen Blumen auf dem Tisch, deren Wohlgeruch Beck mit Vergnügen einsog. An jenem Nachmittag schien ihm alles Freude zu machen. Die beiden Etuis sahen einander gleich, nur die Form war etwas abweichend, das heißt äußerlich; im Innern sah man keinen Unterschied. Beck nickte beifällig, als finde er eine gewisse Vermutung bestätigt; dann schritt er nach der Thür und drehte leise den Schlüssel um. Wer ihn heimlich hätte beobachten können, würde gesehen haben, wie er im Lehnstuhl saß und das eine Etui in der Hand langsam hin und her drehte, wobei sein Gesicht den gespannten und doch zuversichtlichen Ausdruck eines Menschen trug, der im Begriff ist, ein schwieriges Rätsel zu lösen. Später hätte jemand, der sein Ohr ans Schlüsselloch legte, hören können, wie Beck erleichtert aufseufzte und dann vergnügt in sich hineinlachte, während er den mit Mahagoniholz verkleideten eisernen Geldschrank, der in der Ecke des Zimmers stand, öffnete und sorgfältig etwas darin verschloß. * »O, wie können die Leute nur so erbärmlich sein!« rief Lilian Ray in hellster Entrüstung. Sie stand mitten in ihrem Wohnzimmer und um sie her flog ein wahres Schneegestöber von Fetzen der zerrissenen »Kleinen Abendzeitung«. Auf die Stücke, die schon am Boden lagen, stampfte sie zornig mit den Füßen. »Nur ruhig, Lily, ruhig!« rief ihr Harcourt vom Sofa aus zu, wo er mit finsterer Miene Platz genommen hatte. »Nimm dir's nicht so zu Herzen, Liebchen. Von dem Gesindel war nichts Besseres zu erwarten. Es ist auch keineswegs alles erlogen. Ein etwas lockerer Zeisig bin ich wirklich gewesen und niemand weiß, wie hoch sich meine Schulden belaufen – weil ich gar keine habe. ›Herr Ophir ist ein Ehrenmann durch und durch.‹ – ›Der rätselhafte Vorgang ist für den ehrenwerten Sydney Harcourt in hohem Grade peinlich.‹ – Dagegen läßt sich doch nichts einwenden.« »Ich begreife nicht, Sydney, daß ein großer, starker Mann, wie du, so ruhig dasitzen und solche Dinge mit anhören kann.« Sie wandte ihm ihre blauen Augen zu, an deren Wimpern Thränen hingen. »Gehört habe ich nichts davon, Lilian.« »Ach, du weißt schon, wie ich's meine. Warum brichst du der Sache nicht die Spitze ab und zeigst den abscheulichen Verleumdern, mit wem sie es zu thun haben? Weshalb gehst du nicht stehenden Fußes in ihre Spelunke, mag sie sein, wo sie will, und – und – o, wenn ich doch ein Mann wäre, ich wollte ihnen schon die Wege weisen.« »Um meinetwillen ist's mir lieb, daß du keiner bist,« sagte er in einem Ton, der ihr alles Blut in die Wangen trieb. »Du würdest nicht so aufbrausen, wärest du nicht das süßeste kleine Weibchen der Welt. Glaube nur ja nicht, daß mir die Zeitung gleichgültig ist, obgleich ich darüber zu lachen versuche. Es gibt Leute genug, die alle die Lügen für lautere Wahrheit halten werden. Ich bin nur froh und dankbar, daß du –« »Was – ich? – So etwas kann dir doch gar nicht einfallen. Der Gedanke, daß ich –« Sie lief ungestüm zu ihm hin, beugte sich zärtlich nieder und streichelte seine Locken. »Mein armer Junge, es thut mir so leid, zu sehen, wie man dich quält. Könnte ich nur irgend etwas für dich thun! – Nein, nein, so war das nicht gemeint. Bitte, mache mir Platz auf dem Sofa.« Ein Klopfen an der Thür unterbrach sie, und als der Diener eintrat, um Herrn Beck zu melden, saß Lilian richtig am äußersten Ende des Sofas und holte tief Atem. »Führen Sie ihn herein!« rief Harcourt. »Was kann der Mensch denn schon wieder wollen!« »Entschuldigen Sie, wenn ich störe,« sagte der Detektiv, der unbemerkt ins Zimmer getreten war, mit unerschütterlicher Ruhe, »ich werde Sie nicht lange aufzuhalten brauchen.« »Haben Sie denn eine Spur gefunden?« stammelte Harcourt verlegen. »O ja, das darf ich wohl behaupten,« erwiderte er und zog das alte Etui aus der Rocktasche, das er für ein Goldstück erstanden hatte. Er schob verschiedene Gegenstände aus dem Wege und legte es gerade unter die elektrische Lampe auf den Tisch. »Bitte, sehen Sie her, gnädiges Fräulein. Gleicht dies dem Etui mit den Diamanten?« »Dem Etui ohne Diamanten, meinen Sie wohl, Herr Beck?« sagte Lilian lächelnd. »Der Form nach, ja; aber das andre war funkelnagelneu.« »Darauf kommt wenig an. Eine geschickte Hand kann in Zeit von einer halben Stunde etwas Neues alt machen. Haben Sie die Güte, es zu öffnen.« Einen Augenblick durchzuckte Lilian die thörichte Hoffnung, daß sie die Diamanten darin finden werde. Aber das Etui war ganz leer und der Samt verschossen. »Bitte, fassen Sie es einmal mit beiden Händen an, aber ohne es zu schließen. Einen Daumen hier und den andern dort.« Beck legte Lilians schlanke Finger selbst an die bezeichnete Stelle, während Harcourt erstaunt zusah. »So, jetzt drücken Sie mit beiden Daumen zugleich darauf.« Wie auf einen Zauberschlag erstrahlte plötzlich auf dem verblichenen Samt eine Halskette von funkelnden Diamanten, in deren Mitte sich der herrlich glänzende Stern erhob. Lilian stieß einen Schrei des Entzückens aus: »O wie wunderschön!« rief sie in atemlosem Erstaunen. »Sydney, hast du je solche Pracht gesehen! Sie blendet und überwältigt mich förmlich. Ich kann den Glanz kaum ertragen.« Sie schloß das Etui; die Feder knipste ein. »Herr Beck, Sie sind ein Tausendkünstler, daß Sie die Diamanten gefunden haben. Nicht wahr, Sydney, das ist eine Ueberraschung! Bitte, sagen Sie uns nur, wie Sie es angefangen haben.« – Lilian war so überglücklich, so voller Dankbarkeit, Entzücken und Bewunderung, daß sie den Detektiv völlig bezauberte. Er strahlte wie der Vollmond und machte eine linkische Verbeugung nach der andern. »Bitte, gnädiges Fräulein, machen Sie das Etui noch einmal auf,« sagte er endlich. Als sie hierauf den Deckel zurückschlug, stand sie starr vor Staunen – das Innere war leer. »Ein Vexierkästchen,« sagte Harcourt nach einer Pause. »Jawohl, gnädiger Herr, damit ist es kurz und bündig erklärt. Das Ding ist so sauber gearbeitet, als nur möglich. Kein Wunder. Der Verfertiger wollte zwanzigtausend Pfund damit verdienen. Beim Schließen des Etuis drückt man zugleich auf die Feder. Das war gar kein so übler Einfall.« »Und die Diamanten sind wirklich darin,« rief Lilian. »Sie haben die ganze Zeit ruhig dagelegen und ich brauche bloß mit den Daumen zu drücken, damit sie wieder zum Vorschein kommen! Das ist ja ganz wunderbar. Ich möchte fast sagen, das Etui gefällt mir so gut, wie die Diamanten. Hoffentlich wird der Mann, der es gemacht hat, auch anständig dafür bezahlt werden, Herr Beck.« »Er wird seinen Lohn erhalten, gnädiges Fräulein, seien Sie ohne Sorge,« versetzte der Detektiv, »wenn auch vielleicht in andrer Münze, als er erwartet hat.« »Aber, wie haben Sie es nur entdeckt, Sie merkwürdiger Mann? Sie verfolgen gewiß ein ganz besonderes System, das außer Ihnen niemand begreift.« Das schmeichelhafte Lob schien Beck ordentlich zu beschämen. »Ich habe gar kein System, gnädiges Fräulein, nur ein wenig gesunden Menschenverstand. Wie der Hund die Fährte des Fuchses findet und sie nicht wieder aufgibt, so treibt auch mich der Instinkt, meine Fälle aufzuspüren und auszuklügeln, so gut ich kann.« »Wann haben Sie erraten, daß die Diamanten in dem Etui waren?« fragte Harcourt. »Als ich Herrn Ophir sah, kam ich auf den Gedanken, und er wurde mir zur Gewißheit, nachdem ich bei Ihnen gewesen war. Sehen Sie, wenn Ophir die Diamanten wirklich hineingelegt hatte und sie von niemand herausgenommen worden waren, so mußten sie noch darin sein, das lag auf der Hand, wenn auch der Schein noch so sehr dagegen sprach.« »Das klingt ganz einfach,« murmelte Lilian, »wenn man den Thatbestand weiß.« »Als ich nun noch überdies hörte, daß mein Doppelgänger hier gewesen sei, war ich meiner Sache vollends sicher.« »Ihr Doppelgänger! Du hattest also doch recht, Lilian, es waren zwei Becks da.« »Natürlich; ich habe ja immer recht.« »Darf ich fragen,« fuhr Harcourt fort, »welcher von beiden Sie sind?« »Versteht sich, der zweite, Sydney; wie einfältig du bist. Aber was ist denn aus dem ersten Herrn Beck geworden, der so schöne Hände hatte?« »Der erste Herr Beck, gnädiges Fräulein, oder vielmehr Mulligan, mit andern Worten Monsieur Grabeau, sitzt jetzt im Gefängnis und erwartet sein Urteil. Er ist heute nachmittag verabredetermaßen durch den zweiten Herrn Beck in Simpsons Restaurant festgenommen worden.« Eine winzige Schlinge »Gut, wirklich sehr gut,« murmelte Paul Beck wohlgefällig, etwa wie ein wackerer Handwerksmeister die Arbeit eines besonders geschickten Gesellen lobt. Mitternacht war schon vorüber und der Geheimpolizist saß in seinem freundlichen Wohnzimmer in Chester – er machte sich's gern immer so behaglich als möglich – und las die Morgenausgabe des Daily Telegraph. Auf der fünften Seite des Blattes, dicht neben den Leitartikeln, stand an hervorragender Stelle, mit fünf Ueberschriften in großen und kleinen Druckbuchstaben, der Bericht, dem Beck seinen Beifall zollte. Was ihm am meisten ins Auge fiel, waren die Worte: » Einbruch bei hellem Tage. Der gestohlene Rubin. Ein Raub ohnegleichen. Wie ist der Dieb entkommen? « »Der Kubla-Khan-Rubin,« so lautete der Artikel, »ist ebenso plötzlich und geheimnisvoll wieder verschwunden, als er zum Vorschein gekommen war. Unsern Lesern ist die Geschichte des wundervollen Edelsteins bereits bekannt. Wir haben zu wiederholtenmalen in unsern Spalten erzählt, daß der junge Graf Mervel nicht nur sein ganzes Vermögen verspielt hat, sondern auch eine unglückliche Liebe im Herzen trug. Aber ein Engländer läßt den Mut nicht sinken. Der Viscount schiffte sich nach Ceylon ein, um sein Glück zu suchen, was ihm auch gelang. Seit vierzehn Tagen ist die Nachricht von seiner Rückkehr in aller Munde, denn er hat den unvergleichlichen indischen Rubin mitgebracht, der seit mehr als tausend Jahren verschwunden war. Auf welche Art die wunderbare Entdeckung bewerkstelligt wurde, bleibt freilich den meisten noch ein Rätsel. Es ist ohne Frage derselbe berühmte Edelstein, den Marco Polo am Ende des dreizehnten Jahrhunderts beschreibt, nachdem er schon längst verschwunden war, und von dem man erzählt, daß Kubla Khan ihn zu besitzen wünschte und eine ganze Stadt als Preis dafür bot. Der König von Ceylon schlug jedoch seinem Gesandten rundweg ab, auf den Handel einzugehen. »Der Rubin hatte die Form eines sechsseitigen Prismas, das auf jeder Seite in einer sechsseitigen Pyramide endigte; sein Rot war von der Farbe des reinsten Taubenbluts, dabei war er vollkommen fleckenlos, in der Länge maß er fast drei Zoll und im Durchmesser über einen Zoll. Also hat die Ueberlieferung, die erzählt, er sei eine Spanne lang gewesen und so dick wie ein Männerarm, doch nicht so ungeheuer übertrieben, als das bei solchen Dingen meist der Fall zu sein pflegt. »Einen Käufer für diesen einzigartigen Edelstein zu finden, hielt fast so schwer, als den Rubin selbst zu entdecken. Doch war bereits ein Konsortium in Bildung begriffen, das ihn für eine halbe Million Pfund erstehen wollte. Dieser Preis – etwa das Vierfache vom Wert des Koh-I-Noor – war von einer Anzahl Sachverständiger für angemessen erklärt worden. »Inzwischen lag das herrliche Kleinod in der Bondstraße auf seinem Etui von weißem Samt, sprühte sein Feuer nach allen Seiten aus und bildete den mächtigsten Anziehungspunkt im Schaufenster des bedeutendsten Juwelierladens von London – und somit der ganzen Welt – dessen Besitzer, ein Herr Bolas, Vorsitzender jenes Konsortiums war. Es verlautete, das Kapital für den Ankauf sei schon fast beisammen. Drei gekrönte Häupter hätten für ihr Leben gern, wenn man so sagen darf, nach dem funkelnden Köder geschnappt, und als das Parlamentsmitglied Thomas Bowler die Frage aufwarf, ob es nicht ratsam sei, das Kleinod für die britische Krone zu erwerben, hatte der Schatzkanzler eine ausweichende Antwort gegeben. »Mit dem Verschwinden des Rubins sind jedoch alle diese schönen Pläne in der Luft zerstoben und Graf Mervel ist wieder so arm, als er war, bevor er auf das kühne Abenteuer auszog. Am hellen, lichten Tage und in einer der belebtesten Straßen Londons ist der Kubla-Khan-Rubin die Beute eines frechen Räubers geworden, obendrein vor den sichtlichen Augen unsrer Polizei, die übrigens, wie man billigerweise anerkennen muß, in diesem Fall keinerlei Tadel trifft. »Der prachtvolle Edelstein hatte natürlich die Neugier und Habsucht in höchstem Grade erregt und vor dem Ladenfenster drängte sich täglich eine schaulustige Menge. Um jede Möglichkeit eines Diebstahls auszuschließen, waren die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. Zwei der tüchtigsten Polizisten hielten Nacht und Tag vor dem Hause Wache; das Fensterglas war von ganz ungewöhnlicher Dicke und hinter diesem war noch ein starkes Stahlnetz zum Schutz des Rubins angebracht. Alle diese Maßnahmen haben sich jedoch als vollkommen nutzlos erwiesen – der Edelstein und seine kecken Räuber sind miteinander verschwunden. »Ueber die näheren Umstände, unter denen der freche Raub ausgeführt wurde, ist die Polizei natürlich sehr zurückhaltend; doch hat unser Berichterstatter aus dem Munde von Augenzeugen folgendes erfahren: Gestern, gegen Mittag, als das Gedränge am Schaufenster gerade am ärgsten war, bahnten sich zwei gutgekleidete Herren, die Cigaretten rauchten, Arm in Arm, ziemlich gewaltsam den Weg durch die, meist aus Frauen und Kindern bestehende Menge. Ehe die Polizei noch einschreiten konnte, erhob sich plötzlich ein Streit, der zu den heftigsten Auftritten führte und in wilder Verwirrung endete. Weiber kreischten, Stöcke wurden geschwungen und Schläge fielen hageldicht. Immer wieder wurde die wogende Menge dabei gegen das große Glasfenster gedrängt. Während die Polizei sich mit Gewalt Bahn zu machen suchte, vernahm man plötzlich das Klirren einer zerbrochenen Scheibe, und im nächsten Augenblick war auch schon der strahlende Rubin verschwunden – wie oder wohin wußte niemand zu sagen. – »Es gelang der Polizei indes, einen der Herren, die den Aufruhr verursacht hatten, auf der Stelle festzunehmen. Zu seinen Füßen fand man einen schweren Totschläger, der äußerlich ganz das Ansehen eines gewöhnlichen Spazierstocks hatte, auch war des Herrn Handgelenk leicht geschunden. Im Fenster sah man gerade da, wo der Rubin gelegen hatte, ein großes Loch und das starke Stahlnetz war gewaltsam weggerissen. Der Gefangene wurde natürlich aufs sorgfältigste durchsucht; doch fand sich keine Spur des gestohlenen Edelsteins. Er hatte von Anfang an seine Unschuld beteuert und keinerlei Widerstand geleistet. »Damit ist jedoch das seltsame Abenteuer noch nicht zu Ende. Als die Schutzleute auf dem Wege nach dem Polizeiamt mit ihrem Gefangenen glücklich der Menge entronnen waren, sahen sie sich plötzlich von einer Anzahl wild aussehender Männer umringt, die sie schrecklich mißhandelten und den Gefangenen befreiten. So lautet wenigstens der Bericht der beiden Polizisten, die man zerschunden und zerschlagen im Graben liegen fand; der eine blutete sogar aus einer Stirnwunde. Begreiflicherweise ist ihre Aussage ziemlich verworren und unklar, da sie sich noch jetzt nicht von dem Schreck und den Schmerzen erholt haben. Sie erklären sich außer stande, einen ihrer Angreifer wiederzuerkennen; auch war der Ueberfall so plötzlich und der Ort dazu so gut gewählt, daß man bis jetzt noch keinen einzigen Augenzeugen der Gewalthat hat auftreiben können. Der ganze Vorgang ist in tiefes Geheimnis gehüllt und hat in allen Kreisen die größte Aufregung hervorgerufen. Die Polizei widmet sich der Angelegenheit aufs eifrigste und hofft bald den Verbrechern auf die Spur zu kommen. Für die Wiedererlangung des Edelsteins ist eine Belohnung von fünftausend Pfund ausgesetzt worden.« »Hm,« sagte Paul Beck, als er den Artikel zu Ende gelesen hatte, und that einen tiefen Zug aus seinem Punschglase, worin eine Zitronenschale schwamm. Er überflog dann die nächste Spalte ohne besonderes Interesse. Sie lautete: »Eine überraschende Verwandlung. »Der Rezitator, Signor Madaveski, hat seine Zuhörer dadurch in Erstaunen gesetzt, daß er bei der heutigen Vorstellung mit kurzgeschnittenem, glattgekämmtem und in der Mitte gescheiteltem Haar erschien. Besonders die Damen fanden seinen Vortrag ebenso unbefriedigend als seine äußere Erscheinung und man hörte mehrfach die Vermutung aussprechen, er habe als zweiter Simson mit den Haaren auch die Kraft verloren.« »Der starke Mann ist bezwungen. »Don Coloso, der moderne Atlas, der ganz London durch die Proben seiner Stärke und Geschicklichkeit in Staunen gesetzt hat, der mit Zentnern spielt, als wären es Gummibälle, und mit den bloßen Händen die härtesten Steine zerbricht, sollte heute abend sein berühmtes Kunststück ausüben und laut der Anzeige mit einer Riesenkugel von poliertem Stahl auf der Schulter über ein hohes Eisengitter springen. Leider war der Liebling des Publikums jedoch am Erscheinen verhindert. Man sagt, er liege an einem Anfall von Influenza darnieder. So ist die Grippe doch noch stärker gewesen als Don Coloso, der in seinem mäßig großen Körper die Stärke des Elefanten mit der Behendigkeit einer Antilope verbindet, wie uns seine Verehrer versichern.« Becks Augen glitten flüchtig über den Zeitungsklatsch; dann kehrte er wieder zu dem Juwelenraub zurück. »Schade, daß ich gerade nicht zu Hause bin,« murmelte er verdrießlich. »Das wäre so recht ein Geschäft nach meinem Sinn gewesen.« Der Geheimpolizist war um einer sehr einfachen, alltäglichen Sache willen, wie er es nannte, nach Chester gekommen. Es handelte sich um eine Banknotenfälschung, über die sich sowohl die Ortspolizei, als auch zwei ungewöhnlich schlaue Londoner Detektivs vergeblich die Köpfe zerbrochen hatten. Beck war noch keine Woche zur Stelle, da hatte er auch schon den Fälscher entdeckt und ihn dem Gericht überliefert. »Mehr Glück als Verstand,« sagten seine Kollegen. »Beck muß mit dem Teufel im Bunde sein,« pflegten sie harmlos zu scherzen, denn er war allgemein beliebt. »Er kehrt sich an kein System, an nichts und wieder nichts, sondern tappt immer geradeaus wie ein Blinder im Nebel, während Leute, die ihre Augen brauchen, unter die Räder kommen. Alle Beweise fliegen ihm von selbst in den Mund; zu diesem Zweck hält er ihn auch meist halb offen.« Zu solchem Geschwätz lachte Beck nur gutmütig. »Ich bin's zufrieden, Jungens,« sagte er, »da mir mein Glück stets treu bleibt.« Beck ließ sich schwer aus seiner Ruhe bringen. An Mut fehlte es ihm nie und er kannte keine Furcht; trotzdem schien er jetzt ziemlich aufgeregt. Er stieß den Dampf aus seiner Holzpfeife kurz und heftig heraus, während er ihn sonst langsam und wohlgefällig einsog; auch den Punsch, den er behaglich zu schlürfen pflegte, goß er heute hastig hinunter. Und dabei las er immer wieder den Zeitungsartikel über den wunderbaren Rubin und den unerklärlichen Diebstahl. Er mochte wohl mit seinen scharfen Augen noch weit mehr zwischen den Zeilen entdecken, als Berichterstatter und Setzer sich hatten träumen lassen. Seine Unruhe nahm zu. »Wäre ich in London, ich wollte die Spur schon finden,« murmelte er vor sich hin, indem er nach dem Eisenbahnkursbuch auf dem Nebentisch langte und mit kundiger Hand darin blätterte. »Der Nachtzug nach London fährt ein Uhr zwanzig ab. Den benütze ich.« Doch diesmal ging es anders, als Beck es sich vorgenommen. Es trat ein Ereignis dazwischen, das spannend und rätselhaft genug war, um seine Gedanken von dem großen Juwelenraub abzulenken oder diesen vielmehr in den Hintergrund zu drängen; denn sein zähes Gedächtnis ließ nie wieder etwas fahren, was es einmal erfaßt hatte. Zufällig fiel sein Blick auf eine andre Seite des Kursbuchs. »Der erste Zug trifft von London zwölf Uhr achtunddreißig ein.« Er zog seine dicke Taschenuhr heraus. »Gerade halb. Da komme ich noch zur Zeit auf den Bahnhof, um mir die Londoner Zeitung zu holen. Vielleicht stehen neuere Nachrichten darin.« Er schraubte seine Studierlampe herunter, legte die Pfeife beiseite, steckte sich eine starke Havannacigarre an und schlenderte in die stille, dunkle Sternennacht hinaus. Auf dem Bahnsteig waren nur wenige Leute, aber unter ihnen der junge Nat Perkins, einer der schlauen Londoner Detektivs neuen Stils, der wegen der Banknotenfälschung nach Chester gekommen war und sich offenbar in der schläfrigen Atmosphäre der Provinzialhauptstadt recht unbehaglich fühlte. Er nickte Beck mit Gönnermiene zu, und dieser erwiderte den Gruß mit strahlender Freundlichkeit; dann gingen sie rauchend miteinander auf dem Bahnsteig hin und her. Perkins redete das Blaue vom Himmel herunter und Beck hörte ihm schweigend zu, wie das meist seine Art war. Der junge Detektiv setzte dem Kollegen seine neueste Theorie über den Raub des Rubins auseinander. Der Dieb mußte nach seiner Ansicht ein Angestellter des Geschäfts sein, der den Straßenauflauf zum Deckmantel benutzt oder ihn auch selbst für seine Zwecke veranlaßt hatte. »Es liegt ja auf der Hand,« sagte er in wohlweisem Tone, »daß man an der Innenseite kein Stahlnetz angebracht hatte, weil die Angestellten sämtlich ehrenwerte Leute und Vertrauenspersonen waren. In Fällen dieser Art aber mache ich es mir immer zur Regel, meinen Argwohn zuerst auf Leute zu werfen, die im Ruf der größten Redlichkeit stehen, weil diese natürlich – – –« Das Pfeifen der Lokomotive unterbrach seinen Redefluß; gleich darauf kam der lange Zug mit Geknarr und Gekreisch in den Bahnhof eingefahren, und alles geriet in Bewegung. Die Schaffner liefen an den Wagen entlang und schrieen aus voller Kehle; einer von ihnen, ein erhitzt aussehender junger Mann, blieb vor einem Wagen erster Klasse zunächst der Lokomotive stehen. Erst preßte er das Gesicht gegen die Scheiben, dann drückte er auf die Klinke. Doch die Thür war verschlossen. Er zog seinen Schlüssel heraus, warf die Thür zurück und sprang ins Coupé hinein. Im nächsten Augenblick klang der durchdringende Schrei: »Mord! Mord!« schrill in die Nacht hinaus, allen andern Lärm übertönend. Perkins und Beck rannten den Bahnsteig entlang bis zu der offenen Thüre, vor der sich schon eine Menge zu sammeln begann, die sie kräftig beiseite stießen. Perkins war leicht und behende, aber Beck der größere Schnellläufer. Schon stand er im Wagen neben dem Schaffner, der soeben den leblosen Körper eines Mannes vom Boden aufhob. »Halt!« schrie Beck rasch in scharfem, befehlendem Ton, und der Schaffner gehorchte. »Steigen Sie aus, holen Sie eine Laterne und rufen Sie den Bahninspektor.« Ohne Widerrede that ihm der Mann den Willen. Jetzt hatte Perkins keuchend die Thür erreicht. »Hier ist Licht, Alterchen,« rief er Beck zu. »Ich trage es immer bei mir.« Damit nahm er eine kleine zierliche Nickellampe, die mit einem polierten Reflektor versehen war, aus der Brusttasche und drückte auf den Knopf, worauf das elektrische Licht emporflammte. »Danke, mein Junge,« erwiderte Beck, »die alte Oellampe dort oben brennt zu düster. Bewachen Sie, bitte, die Thüre und halten Sie mir das Volk noch einen Augenblick vom Leibe. Hernach kommt die Reihe an Sie und ich erweise Ihnen den gleichen Dienst.« Die halbgeöffneten stieren Augen des auf dem Rücken am Boden liegenden Leichnams machten beim Schein der flackernden Oellampe einen gespenstischen Eindruck. Rasch kniete Beck neben ihm nieder, und seine wild umherschweifenden Blicke schienen in einer kurzen Minute alle Einzelnheiten zugleich aufzufassen. Er sah einen hübschen, kaum dreißigjährigen jungen Mann von schlanker Gestalt mit einer Schußwunde in der Brust tot daliegen. Geblutet hatte er fast gar nicht. Die großen dunkeln Augen waren aus den Höhlen getreten, zwischen dem schwarzen Schnurrbart kam die rote Zunge zum Vorschein und das Totenantlitz zeigte eine bläulichrote Färbung. Am Halse bemerkte Beck ein schmales Band, das von den Ohren bis zum Kinn tief ins Fleisch eingeschnitten hatte. Ein gebrauchtes Zündhölzchen lag neben einer ausgelöschten Taschenlampe mit zerbrochenem Cylinder. In der Ecke, halb unter den Sitz gerollt, fand Beck einen schußfertigen Revolver, der bei näherer Besichtigung sofort erkennen ließ, daß zwei Läufe erst kürzlich abgefeuert worden waren. Ein rundes Loch in dem der Thür gegenüberliegenden Fenster zeigte an, wo die Kugel hereingedrungen oder hinausgeflogen war. Der Ermordete schien wenigstens eine Zeit lang während der Fahrt geschlafen zu haben, denn dicht neben dem Fenster lag ein aufgeblasenes Luftkissen und auf dem Kopf hatte er eine bequeme Schlafkappe von schwarzem Samt. Auf Raub war es offenbar bei der Ermordung nicht abgesehen gewesen, denn der Mann trug eine wertvolle goldene Uhr in der Tasche, einen Diamantring am kleinen Finger und seine Brieftasche enthielt Banknoten und Goldstücke im Betrag von etwa zwanzig Pfund Sterling. Es roch in dem Coupé stark nach verbrannter Wolle, und von seinem Geruchssinn geleitet, entdeckte Beck mit Verwunderung am rechten Knie der hellen Beinkleider eine Stelle, wo ein Loch in das Zeug gebrannt und die Haut darunter versengt war. »Holla! Wer ist da drinnen?« ließ sich jetzt des Inspektors Stimme von der offenen Thür her vernehmen. Beck war aufgestanden. »Ach, Sie sind's, Herr Penton,« versetzte er in gelassenem Ton. »Herr Beck, wenn ich nicht irre. Ich habe Sie gar nicht gleich erkannt. Da sieht's ja böse aus. Was halten Sie von der Sache?« »Es ist ein Mord begangen worden.« »Was! Gewiß und wahrhaftig? – Platz da!« schrie der Inspektor in die erregte Menge hinein, drängte sich durch und stand im nächsten Augenblick neben Beck, den Toten mit entsetzten Blicken betrachtend. »Darüber kann gar kein Zweifel sein, Herr Penton. Und zwar ist der Mord auf so geschickte Weise ausgeführt worden, wie mir das in meiner langen Praxis noch niemals vorgekommen ist,« versetzte der Geheimpolizist mit einem Anflug von Bewunderung für den Verbrecher, die sich angesichts des Leichnams recht unheimlich ausnahm. »Was soll ich denn thun?« rief der Inspektor in kläglicher Ratlosigkeit. »Auf meiner Strecke ist noch nie etwas dergleichen vorgefallen. Es muß doch wohl eine Totenschau gehalten werden mit allem Drum und Dran. Am besten ist's, ich lasse die Leiche ins Wartezimmer dritter Klasse schaffen.« »Ich würde Ihnen raten, einstweilen noch alles unberührt zu lassen,« sagte Beck ruhig. »Aber was in aller Welt soll ich dann thun?« »Sie könnten den Zug wohl nicht hier behalten?« »Unmöglich. Wenn selbst die Hälfte der Passagiere umgebracht wäre, wir müßten doch das Dampfboot erreichen.« »So lassen Sie wenigstens den Wagen abschieben,« mischte sich jetzt Herr Perkins ins Gespräch. »Das geht auch nicht. Es würde zu lange aufhalten.« »Hätte überdies wenig Nutzen,« fiel Beck ein. »Wir brauchen den Zug, nicht den Wagen. Wie lange können Sie die Abfahrt im äußersten Falle verschieben, Herr Penton?« »Höchstens fünf Minuten über die bestimmte Zeit; eine Viertelstunde im ganzen. Zum Glück haben wir drei Minuten Vorsprung. Auch könnte ich meine Fahrgäste schwerlich noch früher in den Zug bringen. Es ist, als hätten sie alle den Verstand verloren; in jedem Coupé wittern sie einen Mörder.« »Eine Viertelstunde? Das ist wenig, aber es muß genügen. Bitte, leihen Sie mir noch einmal Ihre Laterne, Perkins.« Wer Herrn Beck für einen ruhigen, gleichmütigen Menschen hielt, hätte ihn jetzt nicht wiedererkannt. Mit Blitzesschnelle durchmaß er den langen Zug. Er kletterte wie ein Bär zum Dache hinauf und lief oben über die Wagen hin. Gleich einer Schlange kroch er unter den Rädern durch und im Nu sprang er in sämtliche Wagen hinein und wieder heraus. Die Fahrgäste traten zurück und sahen ihm zu, als wäre es eine Vorstellung im Zirkus. Und die ganze Zeit über puffte die Lokomotive ungeduldig ihre Dampfwolken aus. Als einziges Ergebnis der Untersuchung stellte sich die Thatsache heraus, daß im fünften Coupé von dem gerechnet, in welchem der Tote lag, die Oellampe aus einem Wagen dritter Klasse verschwunden war. In diesem Abteil lagen zwei Männer, ein Soldat und ein Matrose und schliefen den Schlaf der Gerechten, wenn sie nicht etwa gar betrunken waren. Man weckte sie und holte sie heraus. Der Matrose war ein hagerer, sehniger Bursche, klein von Wuchs und mit schmalem Kopf. Der Soldat, der Korporalschnüre an den Aermeln trug, war fast eine Riesengestalt. Ganz verwirrt und erschrocken erklärten die beiden, daß sie einander nie zuvor gesehen hätten. Auf die Lampe hatte keiner von ihnen acht gegeben; sie wußten auch nicht, ob sie gebrannt hatte, als sie auf der Station Euston eingestiegen waren. Einen Rausch hätten sie nicht, behaupteten sie, doch ganz nüchtern wären sie auch nicht. Ihre Fahrkarten hätten sie richtig bezahlt, man solle sie wieder auf ihre Plätze lassen, mit oder ohne Lampe. Was ginge sie denn überhaupt die verfluchte Lampe an, dafür sollte doch die Eisenbahnverwaltung sorgen. Bei dem geschickten Kreuzverhör, das Perkins mit ihnen anstellte, wurden sie unverschämt und gaben die widersprechendsten Antworten. Zuletzt forderte der Matrose ihn zu einem Boxergang auf dem Bahnsteig heraus, worauf Perkins die beiden Leute unter Anklage des Mords festnehmen und ins Ortsgefängnis abführen ließ; doch wurden sie schon am nächsten Tage wegen mangelnder Beweise wieder freigelassen. Unterdessen war Beck am Ende des Zugs beschäftigt, einen starken Strick loszuknüpfen, den er an der eisernen Pufferstange festgeknotet gefunden hatte. Als er auf den Bahnsteig zurückgeeilt kam, war die Viertelstunde um und die Passagiere nahmen eben wieder ihre Plätze ein. Die Lokomotive paffte noch ungeduldiger als zuvor, aber in Becks Wesen war keinerlei Aufregung bemerkbar, als er sich zu Perkins und dem Inspektor gesellte, die vor dem Wagen standen, wo der Tote von dem flackernden Licht gespenstisch beleuchtet, noch immer auf dem Rücken lag. Auf Becks Zeigefinger war ein Flecken noch feuchten Blutes, den er aufmerksam betrachtete. »Wie steht's, Alterchen, haben Sie den Faden gefunden?« fragte Perkins mit gutmütigem Spott. »Jawohl,« versetzte Beck, »einen Wollenfaden.« Und er hielt mit der linken Hand ein Endchen hellgraue Baumwolle in die Höhe, das an einigen Stellen dunkel gefärbt war. Perkins lachte gerade heraus, und selbst der Inspektor mußte lächeln, während er rief: »Steigen Sie ein, meine Herren, bitte, beeilen Sie sich!« »Wozu soll Ihnen denn das dienen?« fragte der junge Detektiv. Beck band den Wollfaden ans Ende des Stricks, den er von dem Puffer losgeknüpft hatte, und machte eine Schlinge daraus, die er vor Perkins' Augen hin und her baumeln ließ. »Diese winzige Schlinge,« flüsterte er, »wird genügen, um den stärksten Mann aufzuknüpfen.« Jetzt wurde der Inspektor ungeduldig. »Gleich, gleich!« rief ihm Perkins beschwichtigend zu. »Kommen Sie mit, Herr Beck?« »Wohin?« »Natürlich nach Holyhead mit dem Leichnam. Ich mache die Reise in seiner Gesellschaft, und ein zweiter Gefährte wäre mir nicht unlieb.« »Nein, mit dem bin ich fertig,« gab Beck kurz zur Antwort, »ich weiß alles, was er mir zu sagen hat. Jetzt will ich mich nach dem andern Burschen umsehen.« »Wie Sie wollen,« rief Perkins und sprang in den Wagen, während sich der Zug langsam in Bewegung setzte. Die Thür wurde hinter ihm zugeschlagen und die lange Wagenreihe war bald in der Dunkelheit verschwunden. Auf dem Bahnsteig blieb Beck allein mit dem Inspektor zurück, der sich in großer Aufregung befand. »Ich würde Ihnen gern behilflich sein,« sagte er, »wüßte ich nur...« »Sie könnten mir einen Dienst erweisen. Es liegt mir daran, die Lampe zu finden, die in dem Wagen dritter Klasse fehlt, entweder ganz oder in Stücken.« »Das wird einige Schwierigkeiten machen, fürchte ich. Wir wissen ja gar nicht, was damit geschehen ist. Höchst wahrscheinlich hat man einfach vergessen, sie in Euston einzuhängen.« »Bewahre. Nach meiner Ansicht liegt sie etwa in der Mitte zwischen zwei Stationen zerbrochen neben den Schienen. Wie weit von hier, kann ich nicht mit Bestimmtheit angeben, vermutlich nur ein paar Stationen. Könnten Sie wohl auf der Bahnlinie zurücktelegraphieren, daß man nach der Lampe suchen soll?« »Gewiß. Es soll geschehen, sobald das Telegraphenbureau geöffnet wird.« »Und wann können wir Antwort haben?« »Nicht vor zwölf Uhr mittags. Es muß doch eine ziemlich lange Strecke abgesucht werden.« »So will ich um Zwölf wieder vorsprechen. Gute Nacht.« »Wollen Sie schon fort?« fragte der Inspektor, der gern noch in Gesellschaft ein wenig geplaudert hätte. »Kommen Sie doch herein und trinken Sie ein Glas zur Erwärmung. Ich lasse mir immer noch einen Trunk bringen, wenn der letzte Zug fort ist, sonst kann ich nicht einschlafen, und heute nacht habe ich das mehr als je nötig.« »Danke, aber ich will lieber nach Hause gehen. Ich habe die Fähigkeit zu schlafen, wie und wo es gerade paßt. Wer weiß, wann ich wieder einmal zu einer ordentlichen Nachtruhe komme.« So kehrte denn Beck mit der größten Gelassenheit in seine Wohnung zurück. Der Daily Telegraph lag noch auf seinem Tisch, aber der rätselhafte Raub war durch den geheimnisvollen Mord bei ihm ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Er zog die kleine Schlinge aus der Tasche und legte sie vor sich auf die Zeitung hin. »Den stärksten Mann in England kann man daran aufknüpfen,« murmelte er gedankenvoll. Dann ging er zu Bett und schlief friedlich wie ein Kind. Erst um halb Elf erwachte er am andern Morgen aus seinem gesunden, traumlosen, erquickenden Schlummer. * »Wie steht's, Herr Penton, haben Sie Nachricht erhalten?« Nach der Art, wie der Inspektor tags darauf Herrn Beck begrüßte, als er um zwölf Uhr zu ihm auf den Bahnsteig trat, mußte der Geheimpolizist bedeutend in seiner Achtung gestiegen sein. »Sie hatten ganz recht, Herr Beck,« sagte er, »die zerbrochene Lampe ist halbwegs zwischen den Stationen Rugby und Crewe gefunden worden. Wie in aller Welt haben Sie das nur gewußt?« Es klang so unverhohlene Bewunderung aus diesen Worten, daß Beck verschämt lachte. »Nur eine Vermutung, Herr Penton. Ich hatte von jeher Talent zum Rätselraten. Wann geht der nächste Zug nach Rugby?« »Um ein Uhr zwanzig.« »Schön, ich brauche ein Coupé erster Klasse für mich allein.« »Glauben Sie den Kerl dort fassen zu können?« »In Rugby? Da suche ich gar nicht nach ihm. Er wird sich schwerlich aufgehalten haben, und daß er jetzt nicht dort ist, steht fest.« »Ja, weshalb fahren Sie dann überhaupt hin, Herr Beck?« Der Inspektor, der, wie er sich ausdrückte, noch nie in einen Mord verwickelt gewesen war, konnte seine Aufregung und Neugier kaum bezähmen. »Ist das nicht Zeitverschwendung?« »Es hat ganz den Anschein, Herr Penton, das gebe ich zu,« versetzte Beck freundlich. »Aber ein altes Sprichwort, das ich sehr hochschätze, sagt: »Eile mit Weile!« Ich wälze eine Sache gern im Kopfe hin und her und suche hier und dort, bis ich die Fährte gefunden habe. Dann lasse ich mich aber auch so leicht nicht wieder davon abbringen. Die Kameraden lachen über mich und nennen mich einen sonderbaren alten Kauz, aber mit etwas Glück und gemeinem Menschenverstand ist mir schon manches gelungen.« In voller Gemütsruhe, wie immer, verließ Beck den Zug in Rugby. In der Hand trug er die sorgfältig zugeschnallte Reisetasche und auf dem Arm eine warme Decke. »Droschke gefällig, Herr?« fragte ein eifriger Dienstmann, indem er sich der Tasche zu bemächtigen trachtete, die Beck unentwegt festhielt. »Nein, danke; ich bleibe hier auf dem Bahnhof.« Der Mann starrte ihn verwundert an und ging seiner Wege, während Beck ruhig auf einer Bank Platz nahm, bis sich der Strom der Reisenden verlaufen hatte. Dann rief er einen Bediensteten herbei. »Legen Sie meine Handtasche und Reisedecke auf den Rücksitz eines Wagens erster Klasse im nächsten Zug, der von London kommt.« Dabei reichte er dem Mann eine halbe Krone. »Zu Befehl, Herr,« erwiderte dieser im Ton tiefster Ehrerbietung. »Halt! Sie müssen das Geld erst verdienen. Haben Sie von dem Mord auf der Eisenbahn gehört, der in Chester entdeckt wurde?« »Na, das will ich meinen. Man spricht ja von nichts anderm mehr. Stundenlang haben die Leute an der Bahn nach einer Lampe gesucht, und um die Londoner Zeitungen, die den Bericht brachten, hat man sich förmlich gerissen.« »Ich bin nämlich Detektiv und möchte Erkundigungen einziehen über alles, was man etwa weiß.« Es war Becks Art, immer so offen als möglich zu Werke zu gehen ohne unnötige Geheimniskrämerei. Der Mann machte aber ein so erstauntes Gesicht, als hätte er sich für den Kaiser von Rußland ausgegeben. Doch jedenfalls hatte er von dem Herrn eine halbe Krone erhalten, mochte er nun ein Detektiv sein oder nicht. »Ich selbst kann Ihnen wenig Auskunft geben, Herr, außer daß ich gesehen habe, wie man die zerbrochene Lampe brachte. Aber Tim Rafferty, der große Schaffner, der dort drüben steht, hat den Ermordeten zuletzt zu Gesicht bekommen. Das heißt, damals war er noch nicht tot, sondern nur eingeschlafen.« »Rufen Sie mir Rafferty her; vielleicht verdient er sich auch eine halbe Krone.« Die Botschaft mußte wohl richtig bestellt worden sein, denn Raffertys blaue Augen funkelten und es lag ein halb verschämtes, halb erwartungsvolles Lächeln in seinen groben, gutmütigen Zügen. »Nun sagen Sie mir einmal genau, was Sie gesehen haben, Rafferty,« sagte Beck, um ihm Mut zu machen. »An und für sich ist es gar nichts, Herr, wenn nachher nichts geschehen wäre. Mich wundert nur, daß er mir überhaupt aufgefallen ist; Reisende die eingeschlafen waren, habe ich schon die schwere Menge gesehen, aber es ist keiner von ihnen ermordet worden, außer diesem.« »Sie haben also gestern im Londoner Nachtzug einen schlanken, hübschen Herrn mit schwarzem Bart gesehen, der in einem Wagen erster Klasse eingeschlafen war?« »Jawohl. Ich hab' die Beschreibung in der Zeitung gelesen. Es war derselbe, der hernach vor Chester erschossen worden ist. Damals sah man ihm noch nichts davon an; er schlief so ruhig wie ein Wickelkind.« »Sind Sie Ihrer Sache gewiß?« »Versteht sich. Die Beschreibung hätte gar nicht besser passen können. Er lag mit dem Kopf auf dem Kissen, das auch in den Zeitungen erwähnt ist, und schlief, als gäbe es gar keine Not auf der Welt. Und doch war das Unglück ihm schon so nahe.« »Haben Sie ihn genau betrachtet?« »Freilich.« »Eine Taschenlampe haben Sie wohl nicht bemerkt?« »Keine Spur von einer, und ich hätt' es gewiß gesehen, wenn eine dagewesen wäre, denn die Lampe an der Decke brannte schön hell.« Beck schien großes Gewicht auf alle diese Kleinigkeiten zu legen, denn er stellte ein förmliches Kreuzverhör an. Aber Rafferty beharrte auf seiner Aussage. Die Lampe im Wagen brannte nicht düster und es war keine Taschenlampe vorhanden. »Besten Dank, guter Freund,« sagte Beck endlich, ohne durch die leiseste Miene zu verraten, ob er erfahren hatte, was er wissen wollte, oder nicht. Doch gab er dem Mann fünf Schilling statt der halben Krone. »Habe ich noch Zeit, eine Tasse Thee zu trinken, ehe der Zug kommt?« »Mehr als genug Herr. Ich danke gehorsamst und wünsche glückliche Reise.« Als Beck in den Londoner Zug einstieg, hatte sich eine ganze Gruppe von Angestellten der Eisenbahn in der Nähe versammelt, die ihn neugierig betrachteten. Die Urteile, die nach seiner Abfahrt über ihn laut wurden, klangen nicht gerade sehr schmeichelhaft für seine Begabung. »Der will ein Detektiv sein,« sagte Rafferty mit mitleidigem Achselzucken. »Ich glaub', er ist nicht schlau genug, um 'ne Fliege zu fangen, und viel zu weichmütig, um ihr ein Leid anzuthun, wenn er sie fängt. Alle Detektivs, die mir bis jetzt vorgekommen sind, hatten so was von 'nem Bluthund oder 'ner Kneipzange – man sah's ihnen schon von wer weiß wie weit an. Ein ganz ordentlicher Mensch mag er sein,« schloß er, in dankbarer Erinnerung an die fünf Schillinge in seiner Westentasche, »aber zum Detektiv ist der nicht geschaffen!« Er wäre wohl in seiner Ansicht noch bestärkt worden, hätte er Beck behaglich in seine Decke gewickelt mit halb geschlossenen Augen auf seinem Platz im Zuge sitzen sehen. Auch der Billeteinnehmer in Crewe machte ein sehr verwundertes Gesicht, als Beck ihm seinen Beruf nannte; doch zeigte er sich trotzdem höflich und mitteilsam. Wer hätte auch gegen Beck zurückhaltend sein sollen, lag doch etwas so Freundliches und Gutmütiges in seinem Wesen! Ja, der Billeteinnehmer erinnerte sich eines Herrn, der gestern mit dem Londoner Nachtzug angekommen und gute fünf Minuten nach allen andern Reisenden die Bahnhofhalle heruntergekommen war. Aber sein Billet war ganz in Ordnung. Er trug eine kleine schwarze Handtasche und hatte sonst kein Gepäck. Ein ansehnlicher, hübscher Mann mit schwarzem Kraushaar und schwarzem Bart – offenbar ein Ausländer. Der Beamte beschrieb ihn genau und der Geheimpolizist hörte aufmerksam zu. »Nicht wahr, er hinkte ein wenig?« fragte Beck endlich in gelassenem Ton. Der Billeteinnehmer machte große Augen. »Also kennen Sie den Herrn?« »Ich bilde mir's wenigstens ein – vielleicht irre ich mich, aber ich glaube zu wissen, wer es ist.« »Er ging etwas lahm und der rechte Fuß schien ihm weh zu thun. ›Sie haben sich doch nicht verletzt?‹ fragte ich; worauf er mich mit seinen großen Augen scharf ansah und antwortete: ›Bewahre, ganz und gar nicht. Die Gicht plagt mich einmal wieder, das ist alles.‹ Aber er sah nicht im geringsten aus, wie jemand, dem die Gicht etwas anhaben kann, und wer an Gicht leidet, trägt auch nicht solch enganliegende Stiefel mit Gummizügen.« »Gummizüge?« murmelte Beck. »Das dacht' ich mir gleich... Würden Sie den Herrn wohl wieder erkennen, wenn Sie ihn sähen?« »Ich habe ihn erkannt, als ich ihn wieder sah. Zum ersten Frühzug erschien er auf dem Bahnsteig. Sobald er mir unter die Augen kam, wußte ich, daß er's war, obgleich es mit seinem Fuß viel besser zu gehen schien. Aus Neugier merkte ich mir, wohin er wollte.« »Wohin denn?« »Er hatte ein Billet erster Klasse nach Liverpool. – Besten Dank, Herr, aber das war durchaus nicht nötig. Ich bin ja froh, wenn ich Ihnen irgendwie habe nützlich sein können.« »Noch ein Wort. Würden Sie wohl seine Photographie erkennen?« »Auf den ersten Blick. Haben Sie eine bei sich?« »Nein, aber ich könnte sie mir mit leichter Mühe verschaffen. Dann will ich sie Ihnen mit der Post schicken, und Sie sind wohl so gut, ›ja‹ oder ›nein‹ auf ein Blatt Papier zu schreiben und es an die Adresse aufzugeben, die ich beifügen werde.« »Gewiß, das soll umgehend geschehen. Sie kommen wohl hier nicht wieder zurück?« »Nein, ich fahre weiter bis an mein Reiseziel und ich glaube, mir ist die ganze Sache schon ziemlich klar.« Der nächste Zug wurde eben erwartet und Beck eilte unverzüglich nach dem Schalter. »Ein Billet erster Klasse nach Liverpool,« sagte er. So verschwanden denn der Verfolgte und sein Jäger einer nach dem andern in dem dichten Gewirr der großen Hafenstadt. * Um dieselbe Zeit trafen noch zwei andre neue Ankömmlinge in Liverpool ein. Doktor Palmer Coleman ließ sich in einer der stillen Straßen nieder, die schon halb zur Vorstadt gehören, und hatte es bald zu einer einträglichen Praxis gebracht. Er selbst nannte sich einen »Homöopathen«, während die Aerzte der Nachbarschaft ihn als Quacksalber bezeichneten. Einer seiner ersten Patienten war ein Kerl mit kräftigen Gliedmaßen, der sich müßig herumtrieb und sein Quartier in einer ziemlich verrufenen Gasse nicht allzuweit von des »Doktors« hochachtbarer Behausung aufgeschlagen hatte. Dem Doktor gelang es – wohl zu seiner eigenen Ueberraschung – den Vagabunden durch ein sehr einfaches Mittel, nämlich eine Schachtel voll winziger Pillen, die zu gleichen Teilen aus Brotkrumen und Seife bestanden, vom Veitstanz zu heilen. Der Mann bezahlte ihm dafür das volle Honorar, eine Guinee, die er nach des Doktors Ansicht höchst wahrscheinlich gestohlen hatte; auch ließ er es nicht an überschwenglichen Beweisen der Dankbarkeit fehlen, wodurch er auf die Dauer etwas unbequem wurde. Zur Feier seiner Genesung holte er sich einen starken Rausch und weckte seinen Wohlthäter gegen ein Uhr nachts, um sich bei ihm zu bedanken. In jeder Schenke des Stadtviertels verkündete er des Doktors Lob mit rauher Kehle. Aber selbst das genügte ihm nicht. Er wurde mit seinen Aufmerksamkeiten so überlästig wie ein täppischer junger Hund; überall kam er zum Vorschein, wenn man ihn am wenigsten brauchen konnte; er belagerte das Haus seines Wohlthäters mit der Zudringlichkeit eines unbezahlten Gläubigers. Wenn man den Vagabunden nach seinem Namen fragte, so nannte er sich William Simons, doch hieß er in dem ganzen Viertel allgemein nur »Bill Pluck«. Selten gab er sich zu irgend einer Arbeit her; aber wenn er es that, so machte er alles vortrefflich: man mußte sich über seine Kraft und Geschicklichkeit ordentlich verwundern. Doktor Coleman hatte sich von ihm sein Sprechzimmer in Ordnung bringen lassen, das im ersten Stock lag. Aber sowohl hierfür als für das Hinauftragen der schweren Möbel, die zur anständigen Ausstattung des Raumes dienen sollten, hatte Bill Pluck jede Bezahlung hartnäckig ausgeschlagen. Nachdem sich so Doktor Coleman und Bill Pluck, jeder auf seine Art, im Bezirk bemerklich gemacht und zu mancherlei Gerede Anlaß gegeben hatten, würde man sie füglich ihren verschiedenen Gesellschaftskreisen überlassen haben, ohne noch weiter auf sie zu achten, wäre nicht etwa drei Wochen nach ihrer Ankunft ein aufsehenerregendes Ereignis eingetreten. In einer besonders dunkeln Nacht nämlich wurde der Schutzmann, den seine Runde an Doktor Colemans Haus vorbeiführte, gegen ein Uhr durch einen lauten Krach erschreckt, auf den hintereinander drei scharfe Revolverschüsse folgten. Während der Mann nach der Stelle hinlief, sah er eine dunkle Gestalt aus einem Fenster des ersten Stockes springen, das wohl achtzehn Fuß über der Straße lag, und mit katzenähnlicher Schnelligkeit um die Ecke verschwinden, wobei der Flüchtling nach dem Sprung allerdings etwas hinkte, wie der Polizist zu bemerken glaubte. Er folgte ihm rasch und wäre dabei fast über das Ende eines Seils gefallen, das von dem offenen Fenster des Wohnzimmers herabhing. Inzwischen hatte er die Gestalt aus dem Gesicht verloren und bei der pechfinstern Nacht war an keine Verfolgung zu denken. Im nächsten Augenblick hörte er des Doktors Stimme durch das Fenster nach ihm rufen. Er klopfte unten an die Thür, worauf das Klirren von Ketten zu hören war, die Riegel zurückgezogen wurden und der Doktor mit dem Licht in der Hand in Beinkleidern und dem Nachthemd erschien; die Haare hingen ihm wirr um das vor Aufregung rote Gesicht; allem Anschein nach war er eilig aus dem Bett gesprungen. Seine herrliche Männergestalt mit den breiten Schultern und den starken Muskeln kam in dem leichten Gewande erst recht zur Geltung. »Ein gefährlicher Kunde, mit dem man nicht anbinden möchte,« dachte der Schutzmann bei sich. »Bei mir ist eingebrochen worden,« sagte der Doktor; »doch habe ich dem Kerl noch rechtzeitig sein Spiel verdorben.« »Darf ich mich drinnen einmal umsehen?« »Jawohl, wenn Sie wollen; aber es lohnt kaum der Mühe. Die Hauptperson hat das Weite gesucht.« Im Studierzimmer des Doktors, wohin er mit dem flackernden Licht voranschritt, herrschte wilde Unordnung; doch konnte man alles erst genau übersehen, nachdem der Polizist die vier Lichter an der Gaskrone angezündet hatte. Die schwere Thür zu des Doktors Schlafzimmer war mit Gewalt aus Schloß und Angel gerissen und nach vorn geschleudert worden, wobei sie im Fallen Tische und Stühle zertrümmert hatte. Zu dem offenen Fenster zog die Nachtluft herein und in einer der oberen Scheiben sah man drei runde Löcher dicht nebeneinander, wo die Revolverkugeln hindurchgegangen waren. Neben einem eisernen Geldschrank, der in der Ecke stand, lag eine ganze Sammlung von Diebswerkzeugen auf dem Boden umhergestreut, mit denen der Einbrecher schon so gründlich gearbeitet hatte, daß über die Absicht seines nächtlichen Besuchs kein Zweifel möglich war. »Vorzügliche Instrumente,« sagte der Polizist, eins nach dem andern aufhebend und betrachtend, »und sehr saubere Arbeit, das muß ich gestehen. Das Loch dort hat eine geübte Hand in den Schrank gebohrt.« Er betrachtete es mit unverhohlener Bewunderung. »Ich hatte ihm ein noch schöneres Loch durch seinen Kopf zugedacht,« sagte Coleman grimmig. »Schade, daß die Schüsse fehl gingen, das kommt bei mir selten vor.« Der Schutzmann zog sein Notizbuch heraus. »Würden Sie mir wohl in aller Kürze angeben, was sich zugetragen hat?« »Gewiß; aber außer dem, was Sie hier sehen, habe ich Ihnen wenig mitzuteilen. Ich hatte den Tag über und tief bis in die Nacht hinein viel zu thun gehabt, so daß ich mich erst um halb zwölf Uhr zu Bette legte und fest einschlief. Ein leises Kratzen, das sich wie das Nagen einer Maus im Nebenzimmer anhörte, weckte mich; ein andrer hätte wohl kaum acht darauf gegeben, aber ich habe großen Widerwillen gegen Mäuse. Es ist eine Schande, aber ich großer, starker Mensch fürchte mich vor ihnen wie ein Schulmädchen. Da ich nicht schlafen kann, wenn ich eine Maus höre, stand ich leise auf, schlüpfte in meine Beinkleider, zündete mein Licht an und schraubte das Gas auf, das ich immer etwas brennen lasse. Nun drückte ich leise auf die Klinke, um das Tier nicht zu verscheuchen. Die Thür war von außen verschlossen. Das erschreckte mich, denn ich schlafe nie bei geschlossenen Thüren. Ich horchte – das Kratzen ging ununterbrochen weiter; mir schien, es klinge zu regelmäßig für eine Maus. Da griff ich nach meinem Revolver – den ich stets zur Hand habe – stemmte die Schulter gegen die Thüre und warf die ganze baufällige Bescherung in das andre Zimmer hinein. Unglücklicherweise blies mir der Luftzug das Licht aus und der Kerl drinnen war schlau genug, seine Laterne zu löschen. Der ganze Raum war stockfinster; ich sah nur, wie mir schien, eine schwarze Masse nach dem Fenster hinstürzen. Die drei Schüsse, die ich abfeuerte, sind offenbar sämtlich fehlgegangen.« »Würden Sie den Mann wieder erkennen?« »Unter keiner Bedingung. Ich sagte Ihnen ja schon, daß es pechschwarze Nacht war. Ich will den Kerl auch weder sehen noch kennen. Hätte ihn mein Schuß zu Boden gestreckt, so wäre es mir recht gewesen, aber nun die Kugel daneben gegangen ist, mag er meinetwegen mit heiler Haut davonkommen.« »Aber um der Gerechtigkeit willen –« »Ach was, Gerechtigkeit! Der arme Teufel hat sein Leben um nichts und wieder nichts aufs Spiel gesetzt. Hätte er den Geldschrank aufgebrochen, so würde er nur ein paar Flaschen mit Gift gefunden haben.« »Entschuldigen Sie, aber das macht keinen Unterschied, was das Verbrechen anbetrifft. Offenbar hat der Dieb dort irgend einen Wertgegenstand vermutet, den er sich aneignen wollte.« »So, meinen Sie? Aber es war keiner da,« erwiderte Coleman kurz. »Nun, gute Nacht, Schutzmann; ich will meinen unterbrochenen Schlaf nachholen.« Der Polizist, ein scharfsinniger und erfahrener Beamter, glaubte jedoch die richtige Fährte gefunden zu haben. Bevor eine Stunde um war, hatte er schon »Bill Pluck« als des Einbruchs verdächtig in seiner ärmlichen Wohnung in der Himmelsgasse festgenommen. Es lagen mancherlei erschwerende Umstände gegen den Gefangenen vor. Er war erst seit einer halben Stunde nach Hause zurückgekehrt: am Halse hatte er einen roten Fleck, der von einem Streifschuß herzurühren schien, und beim Gehen hinkte er bedeutend auf dem rechten Fuß. Doch nahm er die Sache sehr kaltblütig auf. »Ich soll einen Geldschrank aufgebrochen haben? Davon verstehe ich ja gar nichts. Um Doktor Coleman zu berauben, der mich gesund gemacht hat – wie käme ich dazu? Der Doktor und ich, wir sind viel zu gute Freunde. Ihr werdet ja sehen, ob er vor Gericht gegen mich aussagt!« Trotzdem mußte er die Nacht im Polizeigewahrsam zubringen. Er fand sich mit philosophischer Ruhe in sein Schicksal und schlief bald fest wie ein Kind. Tags darauf führte der Schutzmann seinen Gefangenen dem Richter vor. Die Beweisaufnahme war schon halb fertig und schien sehr zu Ungunsten des Beklagten auszufallen, als Doktor Coleman erschien. Er wurde als Zeuge vernommen und wiederholte so ziemlich die Angaben des Polizisten; doch erwies sich sein Zeugnis eher vorteilhaft für den Gefangenen. Er behauptete, daß keiner der drei Schüsse den Einbrecher getroffen oder auch nur gestreift habe. »Sind Sie dessen ganz gewiß?« fragte der Schutzmann. »Jawohl.« »Aber war es nicht dunkel?« warf der Richter ein. »Es war ziemlich dunkel, Euer Gnaden.« »Sie würden wohl diesen Mann nicht als Dieb erkennen?« »Im Gegenteil; ich würde schwören, daß er es nicht ist. Ich konnte die Umrisse der Gestalt unterscheiden; sie sah ganz anders aus.« »Der Mann ist zum Fenster hinausgesprungen, wie ich höre.« »Er hatte keinen andern Ausweg. Ob er gesprungen ist, kann ich nicht sagen. Er kann auch an dem Seil hinuntergeglitten sein, das an einer Eisenspitze des Balkons vor dem Fenster befestigt war und an dem er höchst wahrscheinlich heraufgeklettert ist.« »Aber ich sah ihn herunterspringen,« fiel der Polizist ein. »Er hat sich dabei den Fuß verletzt, und der Mann hier hinkt. Wie läßt sich das erklären, Herr Doktor?« »Ich bin selbst eine Zeit lang infolge eines Unfalls lahm gewesen und bin noch jetzt nicht ganz geheilt,« versetzte Coleman in scharfem Ton. »Aber das beweist doch nicht, daß ich ein Einbrecher bin.« Der Schutzmann machte ein verblüfftes Gesicht und der Gefangene kicherte vor sich hin, als belustigte ihn die Antwort sehr. »Uebrigens glaube ich, daß dieser Mann immer etwas hinkte.« »Wissen Sie, Brunker, ob sich das so verhält?« fragte der Richter. Der Polizist geriet in Verlegenheit. Es kam ihm nun selbst so vor, als habe der Mann den einen Fuß immer ein wenig nachgeschleppt. Aber so gehinkt wie seit gestern hatte er doch nicht. Wie sollte er das dem Richter erklären? »Ja, Euer Gnaden, etwas lahm ist er wohl gegangen, aber doch nicht ...« »Genug, Brunker,« unterbrach ihn der Richter. »Ich glaube, Sie haben sich bei der Sache übereilt. Der Angeklagte ist freizulassen. Besten Dank, Doktor Coleman. Guten Morgen.« Der Angeklagte warf, als er die Anklagebank verließ, Coleman einen sonderbaren Blick zu, aus dem mehr Belustigung als Dankbarkeit sprach. Vor der Thür des Gerichtszimmers trafen die beiden wieder zusammen. »Kommt in einer Stunde zu mir, Simons,« sagte der Doktor gelassen, »Ihr könnt mir einen Dienst leisten, wenn Ihr das Zimmer wieder in Ordnung bringt, wo noch alles zu unterst und oberst liegt, seit der Kerl dort war.« »Ich werde kommen, Herr Doktor,« sagte Bill Pluck mit einem Anflug von Höflichkeit. »Besten Dank.« Der Ruf des Vagabunden hatte durch dies Ereignis bei den Nachbarn nicht gewonnen. Sie teilten meist die Ansicht des Schutzmannes und gingen Bill Pluck aus dem Wege, so weit sie konnten. Nur Doktor Coleman hielt ihn offenbar nicht für schuldig, denn er erwies ihm mehr Güte als zuvor. Immer wieder gab er ihm Arbeit und versah ihn reichlich mit Geld, das Bill Pluck jedesmal ins Wirtshaus trug, so daß er auf gutem Wege schien, sich zu Tode zu trinken. Alles ging schon wieder im gewöhnlichen Geleise, als abermals eine aufregende Begebenheit – die dritte und letzte – eintrat. Signor Montifero besuchte den Stadtteil. Wenn seine Anschlagezettel die Wahrheit sagten, so war sein Name bereits weit und breit bekannt. Da es aber immerhin möglich ist, daß einer der Leser noch nichts von Signor Montifero gehört hat, will ich einen kurzen Auszug des interessanten Schriftstücks hierhersetzen, das in großen Lettern über dessen Verfasser berichtete. Signor Montifero, so hieß es darin, der berühmte Schüler von Mesmer, dem Professor des Hypnotismus, sei bis in die tiefsten Tiefen des Lebens eingedrungen, um ihre Geheimnisse zu ergründen; durch seine vielseitige Gelehrsamkeit und umfassenden Forschungen habe er den Spiritismus des Ostens und die Wissenschaft des Westens in harmonischen Einklang gebracht. An sämtlichen Höfen der regierenden Könige und Fürsten, sowie in den Hörsälen der berühmtesten Universitäten Europas habe man seinen wunderbaren Vorstellungen und Beweisführungen mit Staunen und Entzücken gelauscht. Wenn man die Größe seines Ruhmes und seiner Leistungen bedenkt, so war Signor Montifero wirklich ein bescheidener Mann; weder die Bewunderung der Herrscher, noch der wissenschaftlichen Größen hatten ihn allzu stolz gemacht. Er begnügte sich mit einem Saal mittlerer Größe in dem wenig vornehmen Stadtviertel und ließ sich sogar so weit herab, seine Zettel in eigener Person herumzutragen. Bill Pluck fühlte sich von Anfang an sehr zu Signor Montifero hingezogen, was die Leute besonders deshalb wundernahm, weil der Signor weder mit Geld noch Getränken freigebig war. Aber der Hypnotiseur schien einen merkwürdigen Einfluß auf den Vagabunden zu üben, der sich hinwiederum durch seine Lokalkenntnis sehr nützlich erwies. Bill Pluck klebte für den Signor die Anschlagzettel an und half ihm bei der Einrichtung des Saales. Auch brachte er ihn durch verschiedene Andeutungen auf den Gedanken, daß er nichts Besseres thun könne, als Doktor Coleman zu bitten, den Vorsitz des Aufsichtskomitees bei seinen Darstellungen zu übernehmen. Der Signor, ein schwarzhaariger, stattlicher Herr mit einschmeichelndem Benehmen, hatte große Mühe, Colemans Einwilligung zu erhalten. »Sie sollten es mir wirklich nicht abschlagen, Herr Doktor,« sagte er. »Ihr Name, Ihre Stellung und – wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf – Ihre ganze Erscheinung wären mir von unendlichem Wert. Es sind auch gewisse Anknüpfungspunkte zwischen uns vorhanden; wir haben uns beide ein etwas abgelegenes Feld in den weiten Regionen der Wissenschaft erwählt!« »Aber ich habe eine Abneigung gegen den Hypnotismus und glaube überhaupt nicht daran.« »Abneigung und Unglaube schließen einander aus, mein bester Herr. Ihr Widerwille ist, wenn ich so sagen darf, ein Beweis für Ihren Glauben. Sie würden selbst ein vortreffliches Medium abgeben, wenn Sie mir gestatteten ...« Allein davon wollte Coleman nichts hören. »Unter keiner Bedingung,« rief er ärgerlich, »würde ich mich zu solchem Mummenschanz hergeben.« Es gelang dem Signor jedoch, seinen Zorn geschickt zu besänftigen, und als er Coleman verließ, nahm er sein Versprechen mit, daß er Vorsitzender des Komitees sein wolle, unter der Bedingung, daß der Signor keinerlei hypnotische Experimente mit seiner Person machen werde. Am nämlichen Abend überraschte Bill Pluck den Signor durch einen Vorschlag. »Könnten Sie nicht etwas neues Geistermaterial brauchen, Herr?« »Was soll ich brauchen?« fragte Signor Montifero, der ihn nicht verstand. »Wenn's Ihnen recht wäre, hätte ich nämlich nichts dagegen, daß Sie's mit mir versuchten. Ich kenn' mich schon darin aus und bin wie dazu geschaffen.« »Soll das so viel heißen, daß Sie sich zum Medium hergeben würden?« »Jawohl, und ich will meine Sache gut machen. Die Leute kennen mich auch, das ist um so besser.« Signor Montifero willigte mit Vergnügen ein. In der Regel brachte er seine Medien mit, die so gut geschult und voller Mesmerismus waren, daß er sich auf sie verlassen konnte. Dann und wann glückte es ihm zwar auch, unter der Zuhörerschaft eine besonders empfängliche Persönlichkeit zu entdecken, doch fand er es im allgemeinen zweckmäßig, bezahlte Medien zu seiner Verfügung zu haben. Er mußte aber hohen Lohn zahlen, denn seine Leute ergriffen jede Gelegenheit, um ihm klar zu machen, daß, wenn sie sich mit Nadeln stechen ließen, ohne zu schreien, wenn sie Talglichter äßen, als wären es Zuckerstengel, und sich wie Schafsköpfe im ganzen Saal herumführen ließen, die Bezahlung auch damit im Einklang stehen müsse. Außerdem waren diese angestellten Medien im Bezirk fremd und ihr Auftreten wurde nicht als ein Beweis ihrer uneigennützigen Hingabe für die Wissenschaft angesehen. Bill Pluck nahm freilich auch nicht besonders für sich ein; doch war er wenigstens eine wohlbekannte Persönlichkeit. Deshalb versprach ihm der Signor gern einen Schilling und eine Flasche Bier für jeden Abend, an dem er sich einfinden würde. Seine Mitwirkung beschränkte sich jedoch in der Folge auf ein einmaliges Auftreten. An jenem ersten Abend war der Zuschauerraum reichlich besetzt, sogar die Zwei-Schilling-Plätze mit den feuerroten Polstern waren nicht leer geblieben; auf den Ein-Schilling-Plätzen sah man eine stattliche Versammlung, und wo der Eintritt einen halben Schilling kostete, war es gedrängt voll. Auf der Bühne saß das Aufsichtskomitee um einen runden Tisch, über alle hinausragend Doktor Colemans Gestalt. Dem Tisch gegenüber waren die kläglich dreinschauenden Medien alle in einer Reihe ausgestellt. Bill Pluck, der zuletzt stand, so daß er vom ganzen Saal aus gut gesehen werden konnte, war bald die Zielscheibe für allerlei Späße aus dem Publikum. Der Signor begann die Vorstellung stets mit seinen eigenen Medien. Waren die Zuschauer erst geneigt, an diese zu glauben, so hatte er im übrigen leichtes Spiel; wenn die Menge gleichgültig bleibt, hat der Hypnotiseur kein Glück. Die hergebrachten Kunststücke gingen denn auch an diesem Abend unter allgemeinem Gelächter und Beifallklatschen von statten. Die Medien thaten, was ihnen befohlen wurde, gehorsam auf den ersten Wink: sie keuchten in drückender Hitze, schüttelten sich vor Kälte, suchten nach eingebildeten Goldstücken auf der ganzen Bühne herum, aßen Talglichter mit höchstem Behagen, ließen sich Nadelstiche beibringen, ohne das geringste Gefühl zu zeigen, und verbrannten sich mit großer Naturwahrheit in kaltem Wasser. Wenn sie mitten in solcher lächerlichen Handlung plötzlich aufgeweckt wurden, malte sich auf ihren Gesichtern der ordnungsmäßige Ausdruck von Staunen und Entsetzen, der jedesmal lautes Gelächter hervorrief. Als Bill Pluck zuletzt an die Reihe kam, erhob sich ein wahrer Beifallssturm; mehrere seiner Kumpane im Hintergrund versuchten sogar einen Lobgesang anzustimmen. Er ließ sich willenlos auf die Bühne führen, wo ein Stuhl für ihn bereit stand und das Licht voll auf sein Gesicht fiel, so daß er sowohl vom Komitee, als im ganzen Zuschauerraum deutlich gesehen werden konnte. Doktor Coleman beobachtete ihn mit besonderer Aufmerksamkeit. Auch ein junger Mann, der mit ihm auf der Bühne saß, ohne zum Komitee zu gehören, verriet ein lebhaftes Interesse. Er mochte wohl Berichterstatter sein, denn sobald Bill Pluck aufgerufen wurde, zog er sein Notizbuch heraus und begann gleich darauf eifrig zu stenographieren. – Signor Montifero befahl seinem Medium, den Blick fest auf den Drehspiegel zu heften, wodurch er betäubt und in den magnetischen Schlaf versetzt werden sollte. Einige Minuten lang starrte der Mann mit ausdruckslosem Blick auf einen Punkt hin, wie ihm gesagt worden war. Dann fielen ihm die Augenlider zu und er begann tief und regelmäßig zu atmen. Ein Schauer durchrieselte die Versammlung beim Anblick des Schläfers. Die rohen Züge des Mannes waren plötzlich wie verklärt vor Staunen und Entzücken. Doktor Coleman, der ihn am genauesten kannte und am aufmerksamsten beobachtete, kam er auf einmal wie völlig verwandelt vor. Selbst Signor Montifero schien verwundert über die Wirkung, die er hervorgebracht hatte. »O, o, o!« rief jetzt der Hypnotisierte in förmlicher Verzückung – »wie schön, wie wundervoll!« Seine Stimme hatte einen hohlen Klang, als käme sie aus weiter Ferne; sie glich seiner eigenen nicht im mindesten, war aber selbst in der äußersten Ecke des Saales vernehmbar, in welchem die tiefste Stille herrschte. Der Signor beeilte sich, seinen Vorteil auszunutzen. Endlich hatte er einmal einen Menschen wirklich hypnotisiert. »Was ist wundervoll?« fragte er. »Was siehst du?« »Den Khubla-Khan-Rubin,« lautete die Antwort in demselben hohlen Tonfall. Bei der Erwähnung des kostbaren Edelsteins, dessen geheimnisvolles Verschwinden die Gemüter schon seit sechs Wochen beschäftigte, steigerte sich die allgemeine Aufregung noch. Sämtliche Komiteemitglieder starrten nach dem Sprecher hin, von dem Doktor Coleman kein Auge verwandte. Der junge Berichterstatter schrieb mit Windeseile. »Wo siehst du den Khubla-Rubin?« fragte der Signor, bemüht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. »Im Schaufenster des Juweliers Bolas in der Bondstraße. Seht nur, wie sein rotes Licht sprüht. Viel Volks umsteht das Fenster. Schaut, jetzt drängen sich zwei Männer durch die Menge.« »Kannst du sagen, wer es ist?« »Ja – ja! Einer von ihnen ist Don Coloso, der moderne Atlas – ich erkenne ihn nach den Photographieen. Der andre ist Jules Hernandes, der schmächtige Mann, mit dem er seine Kraftproben zu machen pflegt.« Abermals geht ein Schauer durch den ganzen Saal, denn Don Coloso und sein Gefährte waren seit dem Abend nach dem kecken Raube verschwunden. »Ja, ich erkenne ihn,« fuhr der Schläfer auf dem Stuhle fort, »trotzdem er die krause schwarze Perücke und den Bart abgelegt hat, den er auf der Bühne trägt. Der Mann, der ihm den Arm gibt, hat schwarzes Haar und eine dunkle Hautfarbe. Den kenne ich auch. Seht, wie sie sich mit Gewalt durchdrängen. Kein Wunder, daß die Leute in Zorn geraten. Don Coloso wirft sie nach rechts und links, als wär's ein Kegelspiel. O, o! –« »Was siehst du jetzt?« »Jetzt schlägt er mit seinem Spazierstock um sich. Er hat die dicke Fensterscheibe zertrümmert, als wär's ein Blatt Papier. Das Drahtgitter zerreißt er, wie ein Spinnweb. Seht, der kleine Mann hat sich des Rubins bemächtigt und schlüpft damit wie ein Wiesel durch die Menge. Nun bricht sich die Polizei Bahn. Man hält Don Coloso fest; er wird hierhin und dorthin gestoßen und läßt sich abführen wie ein Lamm.« »Folgst du ihnen?« »Ich folge ihnen. Sie biegen zusammen in eine stille Straße ein. Don Coloso wirft einen Blick über seine Schulter. Die Straße ist menschenleer. Im nächsten Augenblick hat er mit jeder Hand einen Polizisten gepackt; sie leisten ohnmächtigen Widerstand, er schlägt ihre Köpfe aneinander und schleudert sie weit von sich in den Graben. Wie ein Blitz schießt er davon. Jetzt ist er verschwunden.« Die Zuhörer können ihre Aufregung kaum mehr bezähmen. Doch liegt so viel tragische Wirklichkeit in den Offenbarungen des Mediums, daß alle wie von einem Zauberbann gehalten werden. Signor Montifero zeigt sich seiner Aufgabe gewachsen. »Folgst du ihm noch immer?« »Nein, er ist fort; ich kann ihm nicht folgen,« tönt es wie aus der Ferne. »Schau wieder hin. Siehst du ihn jetzt?« »Nur undeutlich. Er scheint im Dunkeln auf jemand zu warten, der nicht kommt. Er ballt die Fäuste und knirscht mit den Zähnen. Er verschwindet. Nun sehe ich ihn wieder, auf dem Bahnhof von Euston. Er hat eine schwarze Reisetasche in der Hand und beobachtet den schmächtigen Mann, der den Rubin gestohlen hat. Don Coloso redet ihn nicht an. Der andre löst eine Fahrkarte. Don Coloso löst auch ein Billet. Der schmächtige Mann steigt in einen Wagen erster Klasse, dicht an der Lokomotive. Don Coloso steigt in den letzten Wagen am Ende des langen Zuges. Die beiden Männer sind sehr weit voneinander entfernt. Der Zug fährt ab.« »Folgst du noch?« »Ich folge. Wir halten in Rugby. Die Station ist mir wohl bekannt. Das Ende des langen Zuges reicht über den Bahnsteig in die dunkle Nacht hinaus. Der schmächtige Mann bleibt auf seinem Platz sitzen, aber aus dem letzten Wagen des Zuges gleitet ein Schatten. Wie geräuschlos er sich fortbewegt. Jetzt ist er hinter dem Zug auf den Schienen. Er bindet seinen Reisesack am Puffer mit einem Strick fest, zieht die Stiefel aus und steckt sie in den Sack. Wie eine Katze klettert er aufs Dach des Wagens und fährt so in die Nacht hinaus.« »Sieh, was er thut.« »Er kriecht oben am Rande des dahinsausenden Zugs weiter und zählt die Lampen in den Wagen. Jetzt ist er dicht an der Lokomotive. Er hebt die Lampe heraus, die an der Decke hängt, und versucht, sie auf das abschüssige Dach zu stellen. Aber sie fällt krachend neben die Schienen hinunter! ich höre ihn einen leisen Fluch ausstoßen. Dann bringt er eine Taschenlampe zum Vorschein, zündet sie mit einem Streichholz an und läßt das Licht durch die Oeffnung in der Decke fallen. Unten im Wagen liegt ein Mann in ruhigem Schlaf. Das elektrische Licht wirft einen grellen Schein auf ihn. Es ist der schmächtige Mann, der den Rubin gestohlen hat. »Die Augen, die auf ihn hinabschauen, funkeln unheimlich, und über die dünnen Lippen stiehlt sich ein gräßlicher Freudenlaut, wie ihn das Raubtier ausstößt, während es seine Beute verzehrt. Abermals streicht der Mann auf dem Dache ein Zündholz an, läßt es hell aufflammen, zielt einen Augenblick genau und wirft es dann hinunter auf den Schläfer. Man hört es zischen; es riecht nach verbrannter Wolle. Mit einem Schmerzensschrei ist der Schläfer emporgesprungen; aber der Laut erstirbt ihm auf den Lippen. Eine würgende Schlinge hat sich ihm um den Hals gelegt; mit Riesenkraft wird er nach oben gezogen, so daß seine Füße den Boden des Wagens nicht mehr berühren. Der Todeskampf dauert nicht lange; dann hängt der Körper leblos in der Schlinge. Ein starker Arm fährt durch die Oeffnung, packt den Leichnam und scheint gierig nach etwas zu suchen. Jetzt läßt sich wieder das leise Freudengeheul hören; die Hand zieht ein kleines Päckchen aus der inneren Brusttasche des Toten und bringt es in Sicherheit. »Nun kommt ein Revolver zum Vorschein. Es blitzt, es kracht! – eine Kugel trifft den Toten, eine zweite Kugel bohrt ein Loch durch die Fensterscheibe. Jetzt wird die Schlinge vom Halse des Opfers gelöst, und die Leiche fällt mit dem Gesichte nach oben auf den Boden des Wagens zurück. Auch die Lampe und der Revolver werden hinuntergeschleudert. Dann kriecht der Mörder auf Händen und Füßen am Rande des schwankenden Zuges zurück. Ein Fluch und ein Schmerzenslaut! – er hat sich einen zerbrochenen Nagel, der im Wagendach steckte, durch den Strumpf in den Fuß getreten. Ein grauer Wollfaden aus dem Strumpfe bleibt an dem Nagel hängen. Der Faden ist mit Blut getränkt. Das kann der Mann in der Dunkelheit nicht sehen. Aber ich sehe es. »Er hinkt weiter und brummt zornig vor sich hin. Im fünften Coupé hebt er die Lampe aus, kriecht zurück und hängt sie in die Oeffnung des Coupés, in dem der Tote liegt. Dann kriecht er wieder bis ans Ende des Zugs und stöhnt dabei noch immer vor Schmerz. Fünf Minuten später fängt der Zug an langsamer zu fahren! ein schriller Pfiff! – er kommt schnaubend in den Bahnhof von Crewe gerasselt. Nun steigt der Mörder auf die Schienen herunter, schneidet den Reisesack vom Puffer ab, zwängt seine Stiefel an ohne Rücksicht auf den schmerzenden, blutüberströmten Fuß. Gleich darauf geht er hinkend an dem Billetabnehmer vorbei.« Das Entsetzen der Zuhörer hat jetzt seinen Höhepunkt erreicht. Es herrscht Totenstille im Saal. Signor Montifero ist bleich bis an die Lippen; seine Stimme zittert. »Siehst du ihn noch?« stammelte er. »Ich sehe ihn auf dem Bahnhof in Crewe. Er löst eine Fahrkarte nach Liverpool. Er ist hier in der Stadt; hier im Saal. Ich sehe, ich sehe ihn!« Es lag Grauen und Entsetzen in den Worten; auch die Zuhörer wurden davon ergriffen. In dem Augenblick erklang ein Schrei, so voller Furcht und Gewissensangst, daß allen der Atem stockte. Doktor Coleman war mit aschfahlem Gesichte auf seinem Stuhle zusammengesunken; seine Lippen zuckten, seine Augen schauten gespenstig ins Leere. »Genug, genug!« schrie er mit aller Kraft seiner Lunge. »Der Teufel ist noch stärker als ich. Er bleibt Sieger. Was glotzt ihr mich so an, ihr verfluchten Narren! Ja, ich bin der Mörder. Jules Hernandes hatte mich betrogen – hört ihr es? Ich habe ihn erwürgt, den Verräter, doch ich bereue die That nicht!« Ehe noch irgend jemand acht auf ihn gab, war der Hypnotisierte vom Stuhl aufgesprungen. Man hörte ein klirrendes Geräusch, ein Schnappen; dann beugte sich ein ernstes, ruhiges Gesicht zu Doktor Coleman nieder und eine Stimme sagte: »Ich verhafte Sie, Don Coloso, alias Doktor Coleman, als schuldig der vorsätzlichen Ermordung des Jules Hernandes. Sie brauchen keinerlei Aussagen zu machen! aber alles, was Sie etwa aussagen, kann als Beweismittel gegen Sie dienen.« Nach dem Gesichte zu urteilen, war es William Simons, der das sprach; aber es klang wie Paul Becks Stimme. Bei den kalten, geschäftsmäßigen Worten verwandelte sich Colemans fieberhafte Angst in rasende Wut. »In die Falle gelockt!« schrie er und machte einen verzweifelten Versuch, die Handschellen zu zerreißen, die ihm Beck so geschickt angelegt hatte. Es war schrecklich, diese übermenschliche Anstrengung seiner Riesenkraft zu sehen. Der Schweiß stand ihm in großen Tropfen im Gesicht, die Adern auf seiner Stirn traten wie Stricke hervor, und die gewaltigen Muskeln der Arme spannten sich und schwollen, als wollten sie zerspringen. »Es ist ganz vergebens,« sagte Beck in besänftigendem Tone, »nur eine ganz unnütze Anstrengung. Sie sind einen halben Zoll dick, durch und durch von Stahl und besonders für Sie angefertigt.« Statt der Antwort schlug der Verhaftete mit voller Kraft nach dem Kopfe des Detektivs. Beck wich dem Schlage geschickt aus, und die gefesselten Hände fielen wie ein Schmiedehammer auf den Tisch nieder, der in Stücke zerbrach, während der Mann hinstürzte und wie ein Holzklotz am Boden lag. Beck beugte sich hinab und löste mit einer Handbewegung einen kleinen stählernen Schlüssel von Colemans Uhrkette. »Ergeben Sie sich darein, Doktor,« sagte er. »Ihr Spiel ist aus!« – Vier Mann von der Ortspolizei standen bereit, um sich des Gefangenen zu bemächtigen, der von nun an keinerlei Widerstand mehr leistete. Die Zuhörer hatten für ihr Geld genug der Aufregung gehabt; lärmend verließen sie den Saal, um sich draußen mit der stets wachsenden Menge zu vereinigen, welche die Polizisten und den Gefangenen nach dem Bahnhof begleitete. Signor Montifero blieb allein zurück. Indessen hatte sich Beck, die Hände in seiner weiten abgetragenen Jacke vergrabend, ruhig nach der entgegengesetzten Richtung entfernt. Der junge Mann mit dem Notizbuch ging neben ihm. Wenn der Detektiv auch seine Verkleidung und Ausstaffierung für die Rolle noch nicht abgelegt hatte, so war doch eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Er war jetzt nicht mehr Bill Pluck oder William Simons, sondern Paul Beck wie früher. »Haben Sie alles schwarz auf weiß, Perkins?« fragte er seinen Gefährten. »Jedes Wort, die Geschichte, das Geständnis und alles Uebrige. Was Sie wieder für Glück gehabt haben, Beck. Wahrhaftig, diesmal ist Ihnen der richtige Mann ins Garn gegangen. Sie haben aber auch alle Minen springen lassen dort im Saal. Wäre ich nicht eingeweiht gewesen, ich hätte Sie nun und nimmer erkannt, so wahr ich lebe.« »Ja, sehen Sie,« sagte Beck, wie entschuldigend, »ich habe immer so etwas vom Schauspieler an mir gehabt. Es ist mir angeboren.« »Die Geschichte mit dem Raub und Mord war wohl ganz aus der Luft gegriffen?« »Ich bitte Sie, Perkins, wie können Sie das nur für möglich halten? Glauben Sie, es hätte ihn so erschüttert, wenn es meine Erfindung wäre? Alles hatte sich so zugetragen.« »Aber woher zum Kuckuck konnten Sie es wissen? Haben Sie es etwa mit angesehen?« »Das nicht gerade,« gestand Beck. »Aber wenn ich eine Fußspur im Schmutz sehe, so nehme ich an, daß jemand vorbeigegangen ist. Ebenso einfach lag diese Sache für mich gleich von Anfang an.« Bei diesen Worten zog er die winzige Schlinge hervor, die er damals aus dem grauen Wollfaden gemacht hatte. »Als ich Ihnen sagte, ich wollte den stärksten Mann in England damit aufknüpfen, lachten Sie mich aus. Und es ist doch wahr geworden.« »Aber der Rubin, alter Junge! Den haben Sie doch noch nicht gefunden. Wenn ich nur wüßte, wo er ist.« »Das werden Sie bald genug erfahren, wenn Sie mit mir nach Doktor Colemans Behausung kommen wollen,« versetzte Beck. »Ich weiß es schon seit einiger Zeit. Mein erster Versuch, seiner habhaft zu werden, wäre fast übel für mich abgelaufen, aber dem Doktor war ebensoviel oder noch mehr daran gelegen wie mir, jedes Aufsehen zu vermeiden. Damals hatte ich den Schlüssel noch nicht. Jetzt habe ich ihn.« »Aber wo ist denn der Rubin jetzt?« »Der Khubla-Khan-Rubin,« sagte Beck feierlich, »dessen Wert eine halbe Million beträgt und für den eine Belohnung von fünftausend Pfund ausgeschrieben ist, liegt in dem eisernen Geldschrank, der in einer Ecke von Doktor Colemans Wohnzimmer steht, wenn ich nicht sehr irre.« Aber Beck irrte sich ganz und gar nicht. Nur ein Haar. Als Beck die breiten Steinstufen zum Haupteingang von Holmhurst, dem stattlichen Landsitz des Herzogs von Southern, hinaufstieg, eilten zwei Männer hastig an ihm vorüber. Der eine war groß und schlank, und sein kluges Gesicht kam Beck bekannt vor; der andre hinkte ein wenig, er war kleiner, von untersetzter Statur und hatte ein unbedeutendes Aeußeres. Im Vorbeigehen hörte Beck noch ein Stück ihrer Unterhaltung. »Die Lösung, zu der ich gekommen bin, ist die einzig mögliche logisch-wissenschaftliche Folgerung; wenn der Herzog nur begreifen wollte ...« Die elektrische Glocke ertönte. Ein betreßter Diener erschien und führte Beck geradeaus, durch die mit Erinnerungszeichen vieler Jahrhunderte geschmückte Halle, nach dem Privatgemach des Herzogs, dem Bibliothekzimmer, wo dieser zu arbeiten pflegte. Der Herzog schritt gleich einem pflichttreuen Wachtposten in dem Raum hin und her, immer auf demselben Streifen des Teppichs. Er war ein hübscher stattlicher Vierziger mit breiten Schultern und einem wohlwollenden Gesicht, das man gerne anschaute. Doch jetzt lag eine Wolke von Unruhe und Verdruß in den freundlichen Zügen. In seiner inneren Aufregung hörte der Herzog weder die Meldung des Dieners, noch bemerkte er, daß Beck leise das Zimmer betrat, sondern setzte seinen ruhelosen Marsch fort, wobei er fortwährend vor sich hinmurmelte. Beck sank geräuschlos in einen großen Ledersessel und wartete. Zugleich beobachtete er aber die Gestalt, die wenige Fuß entfernt, rastlos an ihm vorüberschritt, mit scharfen Blicken. Endlich fielen die Augen des Herzogs aber doch auf den geduldig dasitzenden Geheimpolizisten. Er blieb mitten in seinem Laufe stehen und starrte den fremden Eindringling mit ärgerlichem Erstaunen an. »Verzeihung, mein Herr,« sagte er, »ich habe nicht das Vergnügen – darf ich fragen, – wer –« »O! – Mein Name ist Beck. Sie haben nach mir telegraphiert.« »Herr Beck, der berühmte Detektiv?« fragte der Herzog, indem er höflich bemüht war, seine Verwunderung über die äußere Erscheinung des Mannes zu verbergen. Beck wehrte die schmeichelhafte Anrede mit einer Bewegung seiner großen Hand ab. »Ich werde mein Bestes thun,« sagte er bescheiden, »und die Leute meinen, ich hätte meist Glück. Worin kann ich Ihnen dienen, Herr Herzog?« »Sie können mir aus dem größten Wirrsal meines Lebens helfen. Noch vor einer halben Stunde war mir die ganze Geschichte ziemlich gleichgültig – ausgenommen, natürlich, um ihretwillen . Aber nun – sind Ihnen vor dem Hause nicht zwei Männer begegnet?« »Jawohl, dicht am Eingang.« »Den größeren werden Sie wohl erkannt haben!« »Allerdings kamen mir seine Züge bekannt vor.« »Wie sollten Sie auch das Gesicht des berühmten Detektivs Murdoch Rose nicht kennen. Er hat gegen den Beinamen ›der Berühmte‹ nichts einzuwenden. Ich hatte gehofft, Sie würden diesen Fall mit ihm zusammen behandeln. Aber er ist im Zorn fortgegangen und hat mich in noch viel größerem Aerger zurückgelassen.« »Daraus wäre doch nichts geworden,« warf Beck ruhig ein. »Murdoch Rose kann mich nicht leiden. Er nennt mich eine alte Schlafmütze, wie man mir sagt, und meint, in meinen Dickschädel könnten die Lehren der Wissenschaft nicht eindringen. – Was hat ihn denn aber so über Hals und Kopf von dannen getrieben?« Der Herzog wurde rot und murmelte ein Schimpfwort zwischen den Zähnen, wie der gewöhnlichste Mann aus dem Volke. »Ich möchte es lieber gar nicht sagen, wenn Sie nicht darauf bestehen. – Es empört mich, nur daran zu denken.« Beck fuhr jedoch fort, ihn mit fragendem Blick anzusehen. »Nun gut,« rief der Herzog, »ich füge mich ins Unvermeidliche und will Ihnen alles sagen, als wäre ich Katholik und Sie mein Beichtvater. Aber es ist wirklich abgeschmackt; Sie werden es kaum für möglich halten. Als Herr Rose alle Thatsachen gehört hatte, verlangte er, mich allein zu sprechen, und teilte mir mit, er sei überzeugt, daß meine Frau selbst den Opal gestohlen habe. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, um während der Unterredung ruhig zu bleiben – es gelang mir auch wunderbar, das kann ich Sie versichern. Alles, was ich sagte, war: ›Herr Rose, das ist verrückt; es ist der reinste Unsinn.‹« »›Unsinn‹ – meinte er – ›ist oft nur ein andrer Name für das Ergebnis der strengen Vernunft.‹« »›Aber es liegt ja nicht der Schatten eines Beweggrundes vor.‹« »›Wo wir Thatsachen haben, brauchen wir nicht nach Gründen zu suchen.‹« »›Die Sache ist einfach lächerlich, ein Ding der Unmöglichkeit.‹« »›Der Schein der Unmöglichkeit muß der Wahrheit weichen.‹ – Natürlich waren wir nun geschiedene Leute. Ich benahm mich so höflich, als ich konnte. – Das wird freilich, fürchte ich, nicht weit her gewesen sein – denn er schritt gehobenen Hauptes davon. Wie aber, wenn er seine Ansicht unter die Leute bringt? – Sie können sich denken, daß ich vor Ungeduld brenne, dem Vorfall auf den Grund zu kommen – ehe es –« »Darf ich hineinkommen?« Das sprach eine sehr wohllautende Frauenstimme. Und ohne die Antwort abzuwarten, glitt eine jugendliche Erscheinung ins Zimmer. Die Dame mochte kaum zwanzig Jahre zählen und war leicht und anmutig wie ein junges Reh. Ihr Kleid von dunkelblauer Seide schillerte und leuchtete im wechselnden Licht wie ein klarer See bei Sonnenschein und Wolkenschatten. Diamanten funkelten an ihrem weißen Halse und in ihrem dunkeln Haar. Die Frau Herzogin war eine Amerikanerin. »Kein Wort vor ihr,« flüsterte der Herzog hastig bei ihrem Eintritt; dann sagte er laut: »Herr Beck, dies ist meine Frau!« Freimütig reichte sie dem Geheimpolizisten ihre kleine Hand hin, und die dunkeln Augen hießen ihn lächelnd willkommen. »Wie froh ich bin, daß Sie hier sind! Ich habe durch meine Freundin Lily Harcourt schon von Ihnen gehört – erinnern Sie sich, der Fall mit den Diamanten? – und ich habe den Herzog gebeten, nach Ihnen zu telegraphieren. Ich weiß, Sie werden gleich herausbringen, wer meinen Opal gestohlen hat. O, solch ein Schatz, Herr Beck; Sie können sich nichts Schöneres vorstellen! Groß wie eine Walnuß – ja wirklich, Reginald – wie eine kleine Walnuß. Es gibt auch in der ganzen Welt keinen solchen Opal mehr; selbst die Königin, und wenn sie es noch so sehr wünschte, könnte sich keinen verschaffen. War es nicht eine Lust, ihn nur anzuschauen? Alle Glut und alle Farben des Sonnenuntergangs waren darin verborgen. – Ich bin freilich selbst schuld, daß er verloren ist, das weiß ich nur zu gut; denn ich bestand darauf, ihn hier zu tragen. Aber nicht wahr, Herr Beck, Sie finden ihn mir so bald wie möglich? Haben Sie doch Lilys Diamanten einen Tag, nachdem sie gestohlen waren, wiedergefunden – entsinnen Sie sich noch? Aber warnen muß ich Sie vor allem, daß Sie nicht damit anfangen, Ihren Verdacht auf die falschen Personen zu werfen. Mein Kammermädchen Lucy hat nichts mit dem Diebstahl des Opals zu thun, so wenig als ihr Liebhaber, obgleich man ihn deshalb eingesteckt hat. Wissen Sie, er hätte den Diebstahl gar nicht begehen können, ohne daß sie darum wüßte, und sie ist dessen ganz unfähig, davon bin ich überzeugt. Wir haben als Kinder zusammen gespielt – Lucy und ich – als ich noch zu Hause war, und bei meiner Verheiratung kam sie mit mir hierher – als meine Dienerin – das heißt, ich betrachte sie mehr als meine Gefährtin. Sie ist die letzte Person in der Welt, die auch nur daran denken könnte ... Aber ich vergesse, daß Sie noch gar keine Ahnung haben, wovon ich rede; weiß ich es doch kaum selbst. – Meinst du nicht, ich sollte Herbert holen, lieber Mann?« wandte sie sich an den Herzog. »Er ist im Billardzimmer. Gewiß kann er in seiner klaren, klugen Art Herrn Beck die ganze Geschichte am besten von Anfang an erzählen.« Ihr Seidengewand rauschte, ihre Juwelen blitzten und die lebhafte Dame war verschwunden. Herr Beck und der Herzog standen mehrere Minuten lang zusammen im großen Erkerfenster und blickten schweigend auf den schönen Park hinaus. Der frischgrüne Rasenteppich senkte sich zum Rande eines klaren Teichs nieder, auf dem Schwäne hin und her glitten, und jenseits des Teichs erstreckte sich der Grundbesitz noch so weit das Auge reichte. Schöne Durchblicke mit wechselnder Beleuchtung fesselten den Beschauer, und in der Ferne sah man unter den Bogenhallen der dichtbelaubten Waldbäume das Wild flüchtigen Fußes und schattengleich vorbeischlüpfen. Der Besitzer dieser ganzen herrlichen Waldgegend warf jetzt einen Blick voll schmerzlicher Unruhe auf den Geheimpolizisten. »Nein,« erwiderte Paul Beck auf diesen stummen Hilferuf, »Sie haben vollkommen recht, Herr Herzog, der Verdacht ist lächerlich.« »Herr Rose behauptet, mein Wildhüter habe es nicht gethan,« sagte der Herzog, »weil die Lösung sonst gar zu einfach wäre, und darauf sei kein Verlaß. Auch meine Frau besteht darauf, daß der Mensch unschuldig ist, weil er der Liebhaber ihrer Zofe Lucy sei, die ihr sehr am Herzen liegt. Trotz alledem steckt Markham aber unter der Beschuldigung des Diebstahls im Gefängnis; noch dazu mit einem Schuß im Bein aus Herberts Revolver. Herbert ist nämlich mein Bruder. – Aber da sind sie – Herbert wird Ihnen die Thatsachen aus erster Hand berichten, soweit wir diese selber kennen.« Die Herzogin brachte einen Herrn von einnehmendem Aeußeren mit. Dem Herzog ähnlich, aber größer und hübscher als sein Bruder, trug er sich mit militärischem Anstand, denn er hatte zur Leibgarde gehört. Aus seinem Gesicht sprachen Freimut und Entschlossenheit; die breite Stirn war von dichten krausen Locken, in der Farbe alten Goldes mit einzelnen verstreuten Silberfäden umrahmt. Er schien wie geschaffen, die Liebe der Frauen zu gewinnen oder der Feindschaft der Männer zu trotzen – ein Mensch, dem weder Gewalt noch List etwas anhaben konnte. Beck verstand die Kunst, den Charakter des Menschen aus seinen Gesichtszügen zu lesen. Er schien vom ersten Augenblick an sehr für Herbert Selwyn eingenommen zu sein. Ein verhaltenes Lächeln zuckte um Herberts hübschen Mund, als die Herzogin ihn dem gleichmütigen Herrn Beck vorstellte – doch ließ seine Höflichkeit dem Geheimpolizisten gegenüber durchaus nichts zu wünschen übrig. »Nun erzähle ihm die ganze Begebenheit,« drängte die Herzogin ungeduldig. »Sie haben ohne Zweifel von dem großen indischen Opal gehört, Herr Beck,« begann Herbert Selwyn mit militärischer Genauigkeit. »Er war ein Erbstück in unsrer Familie seit den Tagen der Königin Elisabeth und soll seinesgleichen nicht in der Welt haben. Bei dem Jubiläum der Königin bot der Rajah von Mangapore meinem Bruder eine Viertelmillion Pfund dafür. Diese schwarzen Kerle verstehen solche Dinge nicht, sie denken, mit Geld könne man alles kaufen. Ihnen gibt das aber kaum einen annähernden Begriff vom Wert des Edelsteins. Bis zur Vermählung meines Bruders wurde der Opal im feuerfesten Gewölbe der Bank verwahrt: aber Ethel – ich meine die Frau Herzogin – hatte natürlicherweise den Wunsch, ihn zu tragen. Sie ließ daher einen eisernen Schrank in die Wand ihres Toilettenzimmers hinter der Tapete einfügen, dessen Schlüssel sie Tag und Nacht bei sich trug. »Dies ist der Schlüssel,« unterbrach die junge Frau den Bericht, indem sie Herrn Beck einen kleinen, glatten Stahlschlüssel mit sehr künstlichem Bart übergab, den er genau untersuchte. »Zufällig liegt mein Ankleidezimmer neben demjenigen meiner Schwägerin,« fuhr Herbert fort. »Während ich mich gestern abend zur Tafel ankleidete, glaubte ich – ich habe nämlich ein sehr scharfes Gehör – flüsternde Stimmen im Zimmer der Herzogin zu hören, die ich soeben erst im Salon verlassen hatte. Natürlich wurde ich mißtrauisch. Ich nahm einen Revolver vom Tisch, zog meine Stiefel aus und schlich sachte an die Thür des Nebenzimmers. Drinnen sprach richtig eine Männerstimme. Nun öffnete ich die Thür so leise ich konnte und sah, daß die Kerzen brannten. Der Mann stand, mir den Rücken kehrend, dicht bei der Ecke, wo sich, wie man mir gesagt hatte, der eiserne Schrank befindet. Das Mädchen stand der Thür gegenüber und kreischte auf, als sie mich sah, worauf der Mann zum offenen Fenster stürzte, das wenigstens zwanzig Fuß hoch über dem Boden ist, und hinabsprang. Als er um einen Rhododendronbusch bog, schickte ich ihm eine Kugel nach, die ihm durch die Wade ging. Unterdessen war das Frauenzimmer schon durch die Thür entflohen. Natürlich folgte ich ihr, um das Haus zu alarmieren; da traf ich auf der Treppe mit meiner Schwägerin zusammen, die, durch den Schuß erschreckt, herbeieilte. »›Bist du verletzt?‹ rief sie. »›Ich fürchte, es ist niemand verletzt,‹ antwortete ich, ›der Kerl ist entwischt.‹ Ich wußte damals noch nicht, daß ich ihn getroffen hatte. »›Ein Einbrecher!‹ rief sie. ›O, mein Opal!‹ Wahrhaftig! Bis zu dem Augenblick war mir der Opal gar nicht einmal eingefallen. »Wir gingen sogleich zusammen in ihr Zimmer zurück. Der Schrank war offen und der Schlüssel im Schloß. Alle andern Juwelen – einige von großem Wert – waren unberührt, aber der Opal war fort.« »Und der Mann?« »Es stellte sich heraus, daß es des Herzogs erster Wildhüter, Namens William Markham, war. Er meldete sich selbst, dabei blutete er wie ein gestochenes Schwein; aber er beteuerte seine Unschuld. Natürlich hatte er den Opal nicht. Man verband seine Wunde und dann wurde er ins Gefängnis gebracht.« »Und das Mädchen?« »War Lucy, mein Kammermädchen,« fiel die Herzogin ein; »sie kam weinend zu mir und erzählte mir alles. Sie ist das beste Geschöpf von der Welt. Du entsinnst dich doch, Reginald, wie sie voriges Jahr unsern kleinen Archie gepflegt hat, als man meinte, er habe Diphtheritis, so daß alle sich vor Ansteckung fürchteten und ich nicht zu ihm durfte. Er liebt die gute Lucy – nach mir – glaub' ich mehr als sonst jemand in der Welt. Sie war in meinem Zimmer, Herr Beck, als ich es gestern verließ, nachdem sie mich angekleidet hatte, und die Lichter brannten noch. Es scheint, daß Markham, der ihr Liebster ist, sie am Fenster gesehen hat und hinaufgestiegen ist. Aber sie schwört, daß keins von ihnen an den Opal auch nur gedacht habe, und ich glaube wirklich –« »Herr Beck braucht nur Thatsachen, Ethel,« unterbrach sie ihr Eheherr lächelnd; »die Schlußfolgerung kann er selber ziehen.« »Darf ich das Toilettenzimmer einmal sehen?« fragte Beck. »Gewiß.« »Und auch das Kammermädchen?« »Ich werde sie Ihnen sogleich schicken.« Beck hatte kaum Zeit, einen prüfenden Blick in dem Zimmer umherzuwerfen, dessen Wände mit hellblauer Seide bedeckt waren, als er ein schüchternes Klopfen an der Thür vernahm. »Herein!« rief er, worauf ein hübsches junges Mädchen eintrat. Ihre Augen waren rotgeweint und sie zitterte an allen Gliedern, so daß sie sich kaum aufrecht halten konnte: doch sah sie unschuldig und ehrlich aus. »Setze dich, mein Kind,« sagte Beck wohlwollend, »und erzähle, wie sich alles zugetragen hat.« »Es ist allein meine Schuld,« stieß sie schluchzend hervor. »Nun ist der Willy verwundet und man wird ihn vor Gericht bringen, am Ende vielleicht gar hängen, und er ist doch so unschuldig, wie ein neugeborenes Kind!« »Es war alles deine Schuld? Was war denn deine Schuld, liebes Kind?« fragte Beck beschwichtigend. Aus den braunen Augen, die in Thränen schwammen, traf ihn ein empörter Blick. »Der Opal war's nicht!« rief sie. »Wir haben ihn nicht angerührt, wenn Sie das etwa meinen. Der Willy kam wahrhaftig nicht wegen des Opals – er kam – ich sagte ihm ja gleich, er müsse wieder gehen, aber er wollte durchaus nicht, bis ich ihm – nicht eine halbe Minute ist er überhaupt dagewesen, und keines von uns hat an den Opal gedacht, bis Herr Herbert plötzlich mit seiner Pistole hereinstürzte und ihn geschossen hat. Sie sind von der Polizei, wie ich höre,« schloß sie ganz demütig: »Sie werden gewiß alles aufbieten, um Willy zu retten, nicht wahr?« »Ihn zu retten, liebes Kind, wenn er unschuldig ist, und ihn einzusperren, wenn er's nicht ist.« »O, mehr will ich gar nicht!« antwortete das Mädchen voll Dankbarkeit; »ich weiß, daß er an der schlechten Geschichte weder in Gedanken, noch mit der That irgendwie beteiligt ist.« »Jetzt möchte ich nur ein paar Fragen ganz ehrlich und der Wahrheit gemäß von dir beantwortet haben. – Weißt du, wo deine Gebieterin den Schlüssel zum Juwelenschrank zu tragen pflegt?« »Sie trägt ihn gewöhnlich an einer kleinen goldenen Kette um den Hals und verbirgt ihn im Kleide.« »Kannst du dich entsinnen, ob sie ihn gestern abend trug?« »Jawohl. Sie kleidete sich zeitig zu Tische an und ich sah die Kette an ihrem Halse und den Schlüssel an der Kette, ehe sie in den Salon hinunterging.« »Nicht wahr, du kanntest die ganze Einrichtung des Schrankes?« »Versteht sich.« »Und du wußtest, daß der Opal darin war?« Sie hielt einen Augenblick inne und sah ihm mit ihren ehrlichen braunen Augen gerade ins Gesicht. »Wenn Sie meinen, daß ich den Schlüssel an mich gebracht und den Opal gestohlen haben könnte – das wäre für mich zu jeder Stunde des Tags oder der Nacht ein Leichtes gewesen – dazu brauchte ich den Willy nicht. Aber ich hab's nicht gethan, und der Willy hat's auch nicht gethan, wenn er auch deshalb eingesperrt ist. Wir wünschen nichts sehnlicher, als daß Sie die Wahrheit herausbringen; dann wollen wir beide für Sie beten, bis an unser Lebensende.« »Ich werde mir alle Mühe geben, mein Kind,« sagte Beck, sehr wohlwollend. »Die Wahrheit ist auf des Brunnens Grund – sagen die Leute – und das Wasser ist öfters etwas trübe; aber ich werde sie herausfischen. Willst du nun der Frau Herzogin sagen, daß ich sie gerne ein paar Minuten sprechen möchte, wenn sie die Güte haben wollte.« »Ich werde jemand zu ihr schicken. Solange diese Schande auf mir lastet, kann ich ihr nicht unter die Augen treten.« – »Nun, Herr Beck, was sagen Sie jetzt?« rief die junge Frau in lebhafter Erregung, als handelte es sich um ein Rätsel, dessen Lösung man auf der Stelle finden oder von vornherein aufgeben müsse. »O, ich sage gar nichts,« erwiderte Beck gleichgültig. »Aber Sie haben mich doch rufen lassen; Sie wollten mir doch etwas sagen?« »Nein – etwas fragen möchte ich Sie, Frau Herzogin. Haben Sie den Schlüssel vom Juwelenschrank, den Sie mir vorhin zeigten?« »Hier ist er.« Beck untersuchte die Kette genau. Sie war an einer Stelle mit einem scharfen Instrument durchschnitten. »Sie wissen nicht, wann dies geschehen ist?« »Das kann ich nicht sagen. Ich vermißte den Schlüssel nicht, bis ich ihn im Schloß des offenen Schrankes fand.« »Haben Sie ihn gestern abend mit hinunter genommen, als Sie in den Salon gingen?« »Ja, soviel ich weiß; aber ganz sicher bin ich nicht, ich kann mich nicht genau daran erinnern.« Beck ging nun mit dem Schlüssel in der Hand gerade auf die Ecke des Zimmers zu, wo sich der Schrank befand. »Woher wissen Sie denn, daß der Schrank dort ist, Herr Beck?« »Ich habe es Ihrem Kammermädchen an den Augen abgesehen, während sie von dem Juwelenschrank sprach.« Als sich der feine Schlüssel im Schloß drehte, wichen die eisernen Riegel zurück und die schwere Thür öffnete sich auf glatten Angeln. Der Schrank, ein Meisterstück der Konstruktion, ging ins Dunkel der Wand hinein. Beck konnte sehen, daß er aus zwei Abteilungen übereinander bestand, die durch einen Boden aus feinem, dichtgeflochtenem Stahldraht getrennt waren. Beide Abteilungen waren mit Schmucketuis angefüllt. »Es fehlt hier nichts außer dem Opal?« fragte Beck. »Nein, sonst nichts.« »Wo war er? – in der unteren Abteilung?« Die Herzogin nickte, verwundert darüber, wie er das hatte erraten können. Beck nahm nun eine kleine elektrische Lampe aus der Tasche, öffnete den Schieber und berührte die Feder, die sie entzündete. Dann untersuchte er Boden und Seitenwände des Schrankes aufs genaueste mit einem Vergrößerungsglas, wobei er den Kopf tief in das unterste Fach steckte. Als er ihn wieder zurückzog, fühlte er, daß ihn etwas am Hinterkopf kitzelte. Er wandte das Licht nach oben und entdeckte eine Anzahl feiner Stahlspitzen, die aus dem Stahlboden hervorstanden. Diese fesselten seine Aufmerksamkeit derart, daß es der Herzogin auffallen mußte. »O,« rief sie, »das hat nichts zu bedeuten. Den kleinen Fehler im Drahtboden habe ich schon von Anfang an bemerkt; das Gewebe muß an der Stelle ein wenig schadhaft sein. Die Spitzen haben mich auch schon am Kopf gestreift. Anfangs wollte ich es ausbessern lassen, ich vergaß es aber, und später merkte ich es gar nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich mich gewöhnt, den Kopf zur Seite zu halten.« Beck erwiderte kein Wort. Er steckte den Kopf noch einmal in das Fach und erneuerte seine Untersuchung der Seiten und des Bodens mit noch größerer Sorgfalt als vorher. »Hat außer Ihnen niemand etwas mit dem Schrank zu thun, Frau Herzogin?« fragte er nach einer längeren Pause. »Nein, Herr Beck,« sagte die kleine Dame, die ungeduldig wartete, bis er endlich den Kopf zum letztenmal zurückzog, und die Lampe zuschnappen ließ. »Ich weiß nun alles, was mir der Schrank zu sagen hat,« meinte Beck. »Seine Geschichte ist sehr interessant; doch muß ich sie einstweilen für mich behalten.« »Wenn dem so ist und der Schrank Ihnen weiter nichts zu sagen hat,« versetzte die Herzogin in etwas mißmutigem Ton, »so wird mein Gemahl sich freuen, wenn Sie in der Bibliothek das Frühstück mit ihm einnehmen wollen. Mich entschuldigen Sie wohl. Mein Schwager geht mit dem Nachtzug nach London zurück, und ich habe Vorbereitungen für seine Abreise zu treffen.« Während Beck sich das Frühstück trefflich schmecken ließ, zeigte der Herzog nur wenig Appetit. »Wie steht es, Herr Beck, haben Sie eine Fährte gefunden?« fragte er endlich nicht ohne Erregung. Beck schlürfte sein Glas starken Madeiras mit großem Behagen, dann sagte er: »Man findet nur immer zu viele Fährten, Herr Herzog; die Schwierigkeit ist, sie auseinanderzuwirren.« »Könnten Sie mir nicht vom augenblicklichen Standpunkt der Angelegenheit aus erklären, was Ihre Theorie über das Verbrechen ist?« »In meinem Leben habe ich noch keine Theorie gehabt; ich halte es mit Thatsachen. Wenn man mit einer Theorie anfängt, so kommt man leicht dahin, ihr die Thatsachen anzupassen, und den Thatsachen darf man nicht Gewalt anthun. Die Arbeit des Detektivs hat keine wissenschaftliche Grundlage; sie gleicht weit eher einem Blindekuhspiel. Man tappt hierhin und dorthin. Wenn man mit dem Kopf gegen die Mauer rennt, kehrt man um und versucht es anderswo, bis man den Mann mit Händen greift, auf den's gemünzt ist.« »Was würde wohl Ihr Freund Rose zu dieser Ansicht sagen? Er betreibt die Sache rein wissenschaftlich.« »Ich erinnere mich, Herr Herzog, daß ich einmal als Knabe eine Art Märchen von einem Land gelesen habe, wo man den Menschen wissenschaftlich auszumessen pflegt; man maß mit einem Quadranten und berechnete dann Länge, Breite und Dicke trigonometrisch. Je nun, nach Belieben! Mir ist das gewöhnliche Centimetermaß gut genug.« »Für einen so geschickten Polizisten haben Sie doch eine etwas geringe Meinung von Ihrem Beruf.« »Ich bin weder klug noch geschickt, Herr Herzog; aber vielleicht fahre ich eben deshalb nicht schlechter. Ein Geheimpolizist kann leicht zu klug sein. Der dressierte Hund in der Ausstellung ist sehr geschickt und seine Kunststücke sind ganz nett anzusehen, aber er taugt nicht dazu, einen Fuchs zu fangen.« »Können Sie den Fuchs fangen, um den es sich hier handelt, Herr Beck?« »Ich hoffe, daß ich seine Spur gefunden habe, mehr kann ich jetzt nicht sagen.« »Wie lange können Sie noch hier bleiben?« »Ich muß mit dem Nachtzuge nach London. Es ist überhaupt zweckmäßig, wenn sich der Dieb in Sicherheit wiegt, damit er – oder sie – die Vorsicht vergißt. Ich habe ein Geschäft in London, das sich nicht aufschieben läßt.« »Mit dem Nachtzuge? Dann reisen Sie mit meinem Bruder zusammen.« »Das weiß ich. Die Frau Herzogin hat es mir gesagt. Ich hoffe, es wird mir gestattet sein, in demselben Coupé zu fahren. Nehmen Sie es nicht für ungut, aber ich finde großes Wohlgefallen an Ihrem Herrn Bruder. Er ist klug, besonnen und gewandt; kurz, ganz der Mann, mir bei diesem Stückchen Arbeit behülflich zu sein.« »Er wird gewiß froh sein, Ihnen zu helfen, wenn er kann, denn diese elende Geschichte ist ja ebenso quälend für ihn, wie für uns. Er wohnt in London nahe beim St. James Park und kann frei über seine Zeit verfügen, seit er den Militärdienst aufgegeben hat.« »Ich werde ihn nicht unnötig bemühen; aber es ist mir schon recht, zu wissen, daß ich im Notfall auf ihn rechnen kann.« Herbert Selwyn erneuerte in eigener Person das Versprechen der bereitwilligen Beihilfe, das sein Bruder für ihn gegeben hatte. »Behandeln Sie mich als Lehrling in Ihrem Fach, Herr Beck,« sagte er scherzhaft; »ich bin bereit, überall hinzugehen und alles zu thun, wodurch ich Ihnen helfen kann, den Opal oder den Dieb in die Hände zu bekommen. Was den Dieb betrifft, so meine ich freilich, Sie brauchten nicht weiter zu suchen als im Kreisgefängnis, wo Markham steckt.« Es war Herrn Herbert höchst angenehm, die Fahrt in der Gesellschaft Becks zu machen, und so vertauschte er seinen Schlafwagen gegen ein Rauchcoupé erster Klasse. Der Schaffner erhielt ein gutes Trinkgeld, um Eindringlinge abzuweisen, und die beiden Herren rauchten und plauderten gemütlich während der ganzen Fahrt. Beck hatte natürlich manche Geschichte zu erzählen, die seinem Gefährten interessant war, aber der hauptsächliche Gegenstand ihres Gespräches war doch der gestohlene Opal. Sie verhandelten des längeren und breiteren darüber, und der Geheimpolizist bekannte offen, daß er seinem Reisegefährten mehrere nützliche Winke verdanke. Dagegen wurde Herberts Ueberzeugung, daß Markham der Dieb sei, durch Becks Zweifel über diesen Punkt einigermaßen erschüttert. Als sie sich auf dem Bahnhof trennten, schüttelte des Herzogs Bruder dem Polizisten treuherzig die Hand. »Hier ist meine Karte,« sagte er. »Vergessen Sie nicht, ich stehe Ihnen jederzeit zu Diensten, wenn Sie meine Hilfe brauchen können.« »Ich werde es nicht vergessen,« sagte Beck. Es trug sich aber zu, daß Beck zuerst Gelegenheit hatte, ihm behilflich zu sein. Am zweiten Abend nach seiner Rückkehr trat Herr Herbert in das Empire-Theater, um dem letzten Teil der Aufführung beizuwohnen. Als er dann im Gedränge die Halle verließ, fühlte er sich plötzlich an der rechten Hand festgehalten. Er sah sich um und erblickte eine untersetzte Person, mittleren Alters, die ein Kleid von schwarzer Halbseide trug und einen großen, mit Blumen besteckten Hut dazu auf ihrem dicken Kopfe. Die Frau fing sofort an aus allen Kräften um Hilfe zu schreien: »Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!« wobei sie wie verzweifelt mit ihrem Regenschirm in der Luft herumfuchtelte. Der Angegriffene riß sich zwar augenblicklich los, wurde aber sogleich von der Menge umringt. »Was ist Ihnen denn passiert, Madam?« fragte ein großer Mann, der wie ein biederer Handwerker aussah. »Der Spitzbube hat meinen Geldbeutel stibitzt,« schrie sie in größter Aufregung, »mit zehn Schillingen und kleiner Münze drin. Ich hab' gleich den Ruck in meiner Tasche bemerkt: da habe ich augenblicklich seine Hand gepackt. Zu Hilfe! Zu Hilfe!« Zwei Polizisten, vom Gaslicht beleuchtet, alles Volk überragend, schritten mit der nur ihnen eigenen Würde über die Straße. Die Menge machte ihnen Platz, wie sich die Wellen vor dem Bug eines Schiffes teilen. »Was gibt's hier für einen Lärm?« fragte einer der Vertreter des Gesetzes mit strengem Ton. »Ich verklag' ihn, Sergeant! Ich verklag' ihn! Hab' ihn ertappt mit der Hand in meiner Tasche! Ein brauner Lederbeutel ist's mit einem Messingschloß: ich kann ihn überall erkennen!« »Was haben Sie dagegen vorzubringen?« fragte der Sergeant den Angeklagten. »O, seien Sie doch kein Narr!« rief der edle Herbert Selwyn in seiner Erregung etwas unvorsichtig. Jetzt aber geriet der Vertreter der Obrigkeit in Feuer. »Sie – Sie werden auf dem Polizeiamt sehen, wer der Narr ist, mein feiner Herr! Ich weiß, wie ich mit Ihrer Sorte umzugehen habe. Sie thäten besser, sich einer höflichen Sprache zu bedienen – zu Ihrem eigenen Besten. – Sie klagen diesen Herrn an, Madam?« »Freilich klage ich ihn an. Versteht sich! Halten Sie ihn fest, Sergeant, den aufgeputzten Schurken! Wenn's mein letzter Atemzug wär', würd' ich ihn damit verklagen.« Da legte sich die schwere Hand des Gesetzes auf Herbert Selwyns Schulter, der unwillkürlich beide Fäuste ballte. »Nur ruhig, kommen Sie nur,« sagte der Sergeant, indem er seinen Amtsstab bedeutsam in der Hand drehte. »Kommen Sie willig – oder kommen Sie mit Gewalt! – wie's beliebt – kommen müssen Sie.« »Wissen Sie denn, wer ich bin?« »Brauche ich gar nicht zu wissen.« »Mein Name ist Herbert Selwyn; ich bin der Bruder des Herzogs von Southern.« Der Haufe brach in ein höhnisches Gelächter aus. »Warum nicht gleich der Prinz von Wales, das kommt schon auf eins raus!« schrie eine Stimme. »Hier ist meine Karte!« Der Sergeant streckte seine Hand ungläubig aus; doch der edle Herbert suchte vergebens. Seine Tasche war jedenfalls ausgeraubt worden. Die Börse war zwar da, aber sein Kartenetui war fort. »Jetzt haben wir wohl genug von dem Spaß,« fuhr ihn der Sergeant an. »Sie können's auf dem Polizeiamt fertig machen; vorwärts!« Herbert hatte sich gefaßt. »Ich sehe, diese Eselskomödie muß ihren Verlauf nehmen; je früher sie anfängt, um so eher ist sie vorüber – ich bin bereit.« * Die Menge bezeigte nicht üble Lust, sich der Prozession nach dem Polizeiamt anzuschließen; aber der Sergeant winkte eine Droschke herbei. Auf der Polizei sprach die ältliche Dame sehr beredt und hastig, während Herbert die ganze Verhandlung nur gleichgültiger Verachtung würdigte. Die Anklage wurde zu Papier gebracht und der Angeklagte mit größter Sorgfalt untersucht. Ein halber Sovereign, der unter das Futter seiner Westentasche geglitten war, kam zum Vorschein. Sonst wurde nichts von verdächtiger Natur entdeckt. Aber kein Polizist gibt zu, im Unrecht zu sein, wenn er es vermeiden kann. Eine Nacht in Untersuchungshaft schien für den aristokratischen Herbert unvermeidlich zu sein. Da, gerade als die Untersuchung fertig war und alle seine Habseligkeiten auf dem tannenen Tisch im Polizeibureau ausgebreitet lagen, hörte er eine bekannte Stimme im Vorzimmer mit dem Inspektor sprechen. »Was vorgekommen heute abend?« »Nichts von Belang, Herr Beck,« lautete die Erwiderung. »Nur ein geschniegelter Gauner wurde vor dem Empire-Theater mit seiner Hand in der Tasche einer alten Frauensperson betroffen. Resolute Dame das! Sie packte ihn auf der Stelle und ließ nicht locker. Er ist aber auch nicht aus den Kopf gefallen, das muß man sagen; schwört sein Name sei« – er warf einen Blick auf seine Notizen – »Herbert Ulrick Selwyn, Bruder des Herzogs von Southern. Kennen Sie etwa einen Edelmann des Namens, Herr Beck?« »Ei, Inspektor, ich fürchte, da haben Sie etwas Schönes angerichtet,« bemerkte Beck trocken, und ohne ein weiteres Wort betrat er den inneren Raum. »Willkommen, Herr Beck!« rief der Angeklagte. »Ich bin wahrhaftig froh, Sie zu sehen!« »Was fällt Ihnen ein,« sagte Beck zu dem Sergeanten. »Wissen Sie auch, daß dies wirklich der Bruder des Herzogs von Southern ist?« »Meinetwegen könnte es der Herzog selber sein,« meinte der Sergeant, halb ängstlich, halb mürrisch – »als die alte Dame ihn anklagte, war's meine Pflicht, ihn festzunehmen.« »Sie sind ein Schafskopf, Sergeant,« erwiderte Beck lachend. »Was in aller Welt sollte den Herrn bewegen, eines alten Weibes Pfennige zu stehlen? Wo ist denn übrigens Ihre alte Dame?« Diese war unterdessen, wie sich herausstellte, unbemerkt verschwunden. »Da haben Sie sich einen netten Salat angerührt, Sergeant,« sagte Beck. »Lassen Sie doch den armen Teufel,« trat Herbert gutmütig für ihn ein, »er hat gedacht seine Pflicht zu thun. Hier ist der halbe Sovereign für Ihre Mühe, Sergeant. Nehmen Sie ihn nur, guter Freund. Sie haben das beste Recht darauf, denn ohne Sie wäre er niemals gefunden worden.« Als Herbert Selwyn in Becks Begleitung das Polizeiamt verließ, kündigten die Glocken Londons mit weit schallendem Geläute die Mitternachtsstunde an. »Wie dankbar bin ich Ihnen!« rief Herbert. »Ohne Sie hätte ich die ganze Nacht in dem Loch bleiben müssen.« »Sie haben mir ganz und gar nicht zu danken,« sagte Beck. »Das weiß ich besser. – Sind Sie heute abend noch einem Wild auf der Spur? Jagen Sie hinter irgend einem frechen Uebelthäter her? Nicht? Nun, dann kommen Sie mit in meine Wohnung. Wir trinken noch einen Schluck und rauchen eine Cigarre zusammen. Wenn es Ihnen recht ist, so gehen wir lieber zu Fuß: ich möchte ein wenig frische Luft schnappen, nachdem Sie mich aus dem heißen Loch erlöst haben. Vom Opal gibt's wohl heut nichts Neues – wie?« »Ich glaube doch, heute einen Schritt weiter damit gekommen zu sein.« »Alle Wetter, das freut mich! Etwas Näheres darf ich wohl nicht wissen? Um der Herzogin willen bin ich nämlich verteufelt gespannt.« »Ich verspreche Ihnen, Sie sollen zu den ersten gehören, die es erfahren, wenn ich den Dieb gefangen habe.« »Besten Dank. Da sind wir ja; geben Sie acht – es sind vier Stufen.« Er steckte den Drücker ins Schloß und die beiden traten in die Halle. »Mit dem Aufzug ist's heute nacht nichts mehr. Aber es ist nur der zweite Stock. Die Treppe wird Ihnen wohl nichts ausmachen.« Herbert ging seinem Gefährten voraus, eine breite, flache, mit Teppichen belegte Treppe hinauf. Als er seine Zimmerthür aufklinkte und den Raum in vollständiger Dunkelheit fand, stieß er einen ungeduldigen, aber nicht böse gemeinten leisen Fluch aus. »Ich hab's meinem Burschen doch gesagt, er solle das Gas nicht ganz abdrehen. Ich kann niemals den Zünder oder die Streichhölzer finden.« Beck zog ruhig eine Schwefelholzbüchse aus einer und eine kleine elektrische Lampe aus der andern Tasche. »Sie sind ja ein Hexenmeister, Herr Beck,« sagte Herbert lachend, während er ein halbes Dutzend Flammen entzündete. Das Zimmer war groß und mit feinem Geschmack ausgestattet; alte Kupferstiche und Oelgemälde an den Wänden, alte, solide Mahagonimöbel mit geblümten Damastbezügen und ein dicker, weicher Teppich auf dem Boden, bildeten die Einrichtung. »Es geht doch nichts über Elektricität,« sagte Herbert, als Beck sein Lämpchen löschte und wieder in die Tasche gleiten ließ. »Es ist schon ein Arbeiter bestellt worden, der morgen in meinen Zimmern elektrisches Licht einrichten soll.« »Von Voltage \& Bright?« fragte Beck. »Jawohl, kennen Sie die Firma?« »Man sagt, es sei die erste Firma in London und stehe ganz auf der Höhe. In meinem Geschäft muß man nämlich ein wenig mit allem vertraut sein. Die Mörder und Einbrecher – wenigstens solche erster Klasse – haben angefangen die Elektricität zu studieren, und da können wir nicht zurückbleiben.« »Darf ich Ihnen ein Glas von meinem Whisky anbieten? Ich lasse ihn mir direkt aus Irland kommen.« Beck ließ sich den alten irischen Whisky nebst einer erlesenen Havanacigarre schmecken und saß in einem bequemen Sorgenstuhl zurückgelehnt – ein Bild völligen Behagens. »In den nächsten Tagen will der Herzog zur Stadt kommen,« sagte Herbert, nachdem er sich selbst versorgt hatte. »Uebermorgen gedenkt er hier zu sein; er bringt die Herzogin mit. Sie wird sich freuen, zu hören, daß Sie dem Opal auf der Spur sind.« »Bleiben die Herrschaften längere Zeit in London?« »Nur einen Tag – in Geschäften. Sie steigen im Viktoriahotel ab, aber sie haben versprochen, bei mir zu frühstücken. Ich hoffe, bis dahin die elektrische Beleuchtung hier fertig zu haben: meine Schwägerin ist ganz versessen darauf. Sie will den Herzog bewegen, auch in Holmhurst Elektricität einzuführen. Voltage \& Bright haben versprochen, einen Beamten herüberzuschicken, der ihnen alles zeigt. Das wäre ein bedeutender Auftrag für das Geschäft. Wollen Sie nicht vorsprechen, während die Herrschaften hier sind? Beide würden gewiß froh sein, Ihren Bericht zu hören.« »Wenn ich's möglich machen kann, gern; aber voraussichtlich werde ich sehr viel zu thun haben; also erwarten Sie mich lieber nicht bestimmt.« »Wenn Sie kommen, werden wir uns jedenfalls freuen. Nehmen Sie noch eine Cigarre für den Heimweg. Werden Sie den Weg hinaus finden können? – Gute Nacht und vielen Dank – ich hätte eigentlich guten Morgen sagen sollen.« Den ganzen nächsten Tag über war ein Mann mit Einrichten der elektrischen Beleuchtung in Herbert Selwyns Zimmern beschäftigt. Als dieser um sieben Uhr nach Hause kam, sich zu Tische umzukleiden, fand er den Arbeiter noch da. Es war ein zuverlässig aussehender Mann mittleren Alters, dessen ziemlich geistloses, gewöhnliches Gesicht von einem dunklen Lockenbart umrahmt wurde. »Wann werden Sie hier fertig?« fragte Herbert. »Morgen früh, denke ich.« »So bald schon? Ich möchte morgen nachmittag um halb Fünf einen Elektriker hier haben.« »Sehr wohl, mein Herr; es ist mir schon gesagt worden. Ich soll selbst wieder kommen.« »Ich verlasse mich darauf, daß Sie Ihr Geschäft verstehen!« »Das können Sie, mein Herr.« »Bringen Sie alle neuesten Einrichtungen an. Ich erwarte eine Dame hier – die Herzogin von Southern – die gerne das Neueste sehen möchte, was die Elektricität leisten kann.« »Ich hoffe, im stande zu sein, den Erwartungen der Frau Herzogin zu entsprechen.« »Halb fünf Uhr – vergessen Sie's nicht.« »Ich werde mich pünktlich einstellen; es soll an mir nicht fehlen.« * Das Frühstück verlief sehr gemütlich, und die Herzogin war überglücklich. Man hatte die Läden geschlossen und ihr zu Ehren das Zimmer mit elektrischem Licht erleuchtet, was ihre höchste Bewunderung erregte. Der Herzog vertraute seinem Bruder an, es sei das erste Mal seit dem Verschwinden des verdammten Opals, daß er sie habe lachen sehen. »Ueber dem Kummer ihrer Lucy ist ihr fast das Herz gebrochen.« Als der Angestellte von Voltage \& Bright eintraf, hielt die Herzogin keinen Augenblick mehr Ruhe am Frühstückstisch, wo die beiden Herren gerade in eifrigem Gespräch über die Aussichten eines Favoriten aus des Herzogs Stall beim Derbyrennen verhandelten. Während sie leicht und lebhaft durch die Zimmer eilte, folgte ihr der Angestellte von Voltage Bright in seiner langsamen, schwerfälligen Art. »O, Herbert,« rief die junge Frau voll Entzücken, »was für einen reizenden Schreibtisch hast du da! Er sieht so altertümlich und wunderbar aus, gewiß hat er eine Menge geheimer Fächer.« »Sei doch kein Kind, Ethel,« sagte ihr Gatte. »Laß Herbert jetzt in Ruhe; wir haben allerlei Geschäftliches zu besprechen.« »Nur noch ein Wort! Weißt du, Herbert, an deiner Stelle würde ich an jeder Seite des Tisches einen Armleuchter mit Muschellichtern anbringen lassen; dann würde das schöne glänzende Holz herrlich zur Geltung kommen.« »Das überlasse ich ganz deinem Geschmack, Ethel,« antwortete er leichthin und wandte sich dann wieder dem Herzog zu. »Du meinst also, die Aussichten wären zehn zu eins?« »Ich möchte hier an beiden Seiten zwei Lichter haben: recht hübsch und das Allermodernste,« sagte sie zu dem Elektrotechniker. »Ich kann Ihnen gleich das Allerneueste zeigen,« antwortete dieser gleichmütig. Er nahm eine Glasbirne zur Hand, die er am Griff gefaßt hielt. Von jeder Seite der Birne lief ein Draht bis zu einem großen Knäuel elektrischen Drahts unter dem Tisch. Als der Mann die Verbindung herstellte, hörte man ein leises Knistern und ein kaum merklicher Schimmer von grünlich-gelbem Licht zeigte sich in der Glasbirne. »O, das ist ganz und gar nicht, was ich will, ich kann ja das Licht kaum sehen!« Der Mann reichte ihr nun eine Art Cylinder von Pappe, der wie eine Notenrolle aussah, jedoch an einem Ende geschlossen war. Die Herzogin hielt das geschlossene Ende an ihre Augen und sah – nichts. »O, das ist ja abscheulich: es ist ganz finster!« rief sie. »Einen Augenblick Geduld, gnädige Frau. Entschuldigen Sie, meine Herren!« – Nun drehte er die Schaltung der elektrischen Lampen, und augenblicklich war das Zimmer stockfinster. Der knisternde Ton in der Birne dauerte an und ihr mattes Flimmern war der einzig leuchtende Punkt in der Dunkelheit. Der Mann brachte jetzt die Glasbirne hinter eine geschnitzte Säule des alten Schreibtisches. Zugleich richtete er das Ende der Notenrolle, durch welche die Herzogin noch schaute, so, daß es genau auf das verborgene Licht traf. Während sie gespannt hineinsah, wurde das geschlossene Ende wunderbar durchsichtig und auf der leuchtenden Scheibe sah sie einen dunklen Schatten. »Ah, ah!« rief sie, »das ist ja wunderbar! Ich sehe die Goldfassung meines Opals. Schnell, Reginald, komm her!« Das Knistern hörte plötzlich auf und die Erscheinung verschwand. Gleichzeitig vernahm man einen unterdrückten Fluch, dem ein kurzes Handgemenge folgte, das mit einem scharfen metallischen Klang endigte. Im nächsten Augenblick flammten die elektrischen Lampen wieder auf und die Finsternis verwandelte sich in strahlendes Licht. Herbert Selwyn lag in seinem Stuhl zurückgesunken, mit Handschellen gefesselt da und der Arbeiter von Voltage \& Bright neigte sich über ihn. Der Herzog fuhr wütend von seinem Sitze empor. »Was bedeuten diese frechen Narrenpossen?« schrie er. »Alles in Ordnung, Herr Herzog,« antwortete eine bekannte Stimme in vergnügtem Ton. » Hier ist der Dieb – und dort ist der Opal .« Der Herzog starrte den Mann in maßloser Bestürzung an. Der dunkle Backenbart war verschwunden, sämtliche Gesichtszüge schienen plötzlich wie umgewandelt. Es war das gleichmütige, lächelnde Antlitz des Herrn Beck. Der Detektiv drückte nun mit der Fingerspitze auf eine Ecke des Schnitzwerks an dem Mahagonitisch, worauf eine lange Stahlnadel hervorsprang, an ihrer Spitze das Schnitzwerk herausstoßend. Es zeigte sich eine Höhlung mitten im Holze, die ganz voll Watte gestopft war. Diese nahm Beck heraus und gab sie der Herzogin in die Hand. Die junge Frau griff nach dem Päckchen und öffnete es mit einem Schrei des Entzückens, denn in ihrer schlanken, weißen Hand blitzte und flammte ihr geliebter, unvergleichlicher Opal mit wechselndem inneren Feuer, bald rötlich, bald veilchenblau. Der Herzog aber wandte sich zu seinem Bruder, der stumm und mürrisch dasaß, nachdem Beck ihm mit geschicktem Griff im Dunkeln die Handschellen angelegt hatte. »Nun, Herbert,« sagte er mit gerunzelter Stirn und in so strengem Ton, wie man ihn noch nicht an ihm gewöhnt war, »was hast du dazu zu sagen?« »Nichts! Was nützt es, viel zu reden? Ich kam hierher, bis zum Hals in Schulden, jeden Augenblick bedroht, festgesetzt zu werden, und die Viertelmillion, die in dem Opal steckt, verlockte mich. Es war ein Glücksfall, daß die beiden Narren gerade zur Zeit da waren – ich dachte es wenigstens – und machte mir's zu nutze. Wenn nicht der – aber was hilft alles Winseln? Das Spiel ist verloren. – Es fragt sich jetzt nur, was du zu thun gedenkst.« Der Herzog warf Beck einen flehenden Blick zu. »Ganz wie Sie wünschen,« sagte dieser vergnügt. »Ich dachte mir gleich, Sie würden die Sache geheim halten wollen. Bis jetzt weiß niemand davon als ich.« »Du wirst England auf der Stelle verlassen, Herbert.« »Ich wäre so wie so gegangen. Ohne Geld dürfte es hier für mich zu gefährlich sein.« »Deine Schulden werde ich bezahlen.« »Das kannst du halten, wie du willst, wenn der Atlantische Ocean zwischen mir und meinen Gläubigern liegt, mich geht es nichts an.« »Fünftausend Pfund sollst du haben, um drüben ein neues Leben anzufangen.« »Schönsten Dank.« »Wenn du dich je wieder in England blicken läßt« – des Herzogs Stimme wurde wieder hart – »so wahr mir Gott helfe! so sollst du es mit dem Gesetz zu thun bekommen.« Ohne Wort und Gruß wandte er sich von dem Bruder ab, der ihr Blut entehrt hatte. Seine Gattin war blaß und verwirrt; in ihren weitgeöffneten Augen schimmerten Thränen. Reginald zog ihren Arm durch den seinigen, streichelte beruhigend die kleine Hand und verließ mit Ethel das Zimmer. Nachdem Beck Herrn Herbert Selwyn von den Handschellen befreit hatte, folgte er dem Ehepaar die Treppe hinunter. An der Thüre wartete eine geschlossene Kutsche. »Steigen Sie ein,« sagte die Herzogin in großer Erregung zu dem Geheimpolizisten. »Ich muß alles von Anfang an hören.« Im Hotel angekommen, winkte sie Beck, auf einem der bequemen Stühle ihres Empfangszimmers Platz zu nehmen. »Wir haben noch gar keine Zeit gehabt, Ihnen genügend zu danken,« rief sie lebhaft. »Wie grausam, wie abscheulich, so etwas zu thun! Ich würde alles verzeihen können: aber der schändliche Versuch, die Schuld meiner armen Lucy und ihrem Liebsten aufzuladen und auch noch auf den jungen unschuldigen Menschen zu schießen – es ist zu abscheulich! Ich habe gleich an Lucy telegraphiert, sobald ich den Opal hatte. Ohne Sie, Herr Beck, würde ich dem heillosen Menschen mein Leben lang getraut und ihn gern gehabt haben! Wie sind Sie nur der Wahrheit auf die Spur gekommen? Niemals hätte ich das glauben können.« »Was man sieht, das glaubt man, Frau Herzogin; darum ließ ich Sie sehen.« »Aber ich muß die ganze Geschichte hören. Sie haben es wunderbar klug angefangen, das ist gewiß.« »Ich weiß von keiner Geschichte. Nur ein wenig Glück habe ich gehabt, wie gewöhnlich, das ist alles.« »Aber wie konnten Sie ahnen, daß der Opal in dem Schreibtisch in Herberts Zimmer sei?« »Zuerst wußte ich das auch gar nicht. Ich meinte, er trage ihn an seinem Körper verborgen; darum dachte ich mir eine kleine Komödie aus, die dazu führte, ihn durchsuchen zu lassen. Ich verstehe mich ziemlich gut darauf, ein altes Weib vorzustellen, und – aber das können wir auf sich beruhen lassen. Als ich überzeugt war, daß er den Opal nicht bei sich hatte, war es natürlich das Nächste, sein Zimmer zu untersuchen. Aber da würde er mich beinahe wieder aus dem Felde geschlagen haben, wenn ich nicht Professor Röntgen mit seinen X-Strahlen zu Hilfe genommen hätte. Ich habe schon manches geheime Fach in meinem Leben gesehen, aber so verborgen war noch keins. Alles schien fest zusammengefügt; ich mochte messen und klopfen, soviel ich wollte, es fand sich nichts, selbst nicht unter dem Vergrößerungsglas. Sämtliche Beine der Tische und Stühle hatte ich schon untersucht, ehe ich an den Schreibtisch kam. Natürlich durfte ich nicht ablassen, bis ich durch jeden Quadratzoll Holz im Zimmer gesehen hatte, so –« »Aber wie kamen Sie überhaupt darauf, Ihren Verdacht auf Herbert zu richten?« unterbrach ihn die Herzogin. Beck zog sein Taschenbuch hervor, steckte Daumen und Zeigefinger in eine der Abteilungen und hielt ein helles, schimmerndes Etwas gegen das Licht. Es war ein einziges krauses Haar von kastanienbrauner Farbe mit silberweißer Spitze. »Es traf sich glücklich, Frau Herzogin, daß Sie den Drahtboden im Juwelenschrank nicht ausbessern ließen. Wissen Sie, was das ist?« »Ein Haar von Herbert? – Wo haben Sie es gefunden?« »Wo es durchaus nichts zu thun hatte – an dem Drahtboden Ihres Juwelenschrankes.« »Und dann kamen Sie darauf?« »Dann wußte ich es.« Nicht mit eigener Hand. Es war nachmittags zwei Uhr am 12. August und drückend heiß, als der junge hübsche Erich Neville heiter lächelnd durch die Glasthür und die eiserne Treppe hinunter in den schöngepflegten altmodischen Garten des Herrenhauses von Berkly gegangen kam. Er trug einen blütenweißen Flanellanzug, und der breiträndrige Strohhut saß ihm keck auf den glänzend-schwarzen Locken, denn er war noch nicht lange von seiner Kahnfahrt auf der schattigsten Strecke des Flusses zurückgekehrt, wo er sich träge hatte von den Wellen schaukeln lassen, während er in seinem Buche las. Der Blumen- und Obstgarten lag hinter dem Herrenhaus auf der Südseite und erstreckte sich wohl eine Meile weit. Es war, als ob das große Haus nach Atem ringe; denn alle Fenster standen weit offen, um den Sonnenschein und die von Wohlgerüchen geschwängerte Luft hereinzulassen. Jetzt hatte Erich die letzte Treppenstufe erreicht und betrat mit dem zierlichen braunen Lederstiefel den breiten Kiesweg. Etwa fünfzig Schritte von ihm sah er den Obergärtner bei den Pfirsichspalieren beschäftigt, während der Rauch seiner Pfeife als bläuliches Dunstwölkchen in der zitternden glühendheißen Luft hing. Als Erich zu ihm trat, streckte er nur verlangend die Hand aus, zu träge, um ein Wort zu sagen. Der Gärtner pflückte schweigend einen großen Pfirsich vom Spalier, dessen rote Backen er in dem dunkeln Laub erspähte, und legte ihn mit liebevoller Sorgfalt dem jungen Mann in die Hand. Erich löste die samtweiche, rosig, braun und grün gefärbte Haut ab, daß sie in Fetzen um die saftige Frucht hing, und biß mit seinen scharfen weißen Zähnen in den reifen Pfirsich. Bumm – ein Knall! Bei dem plötzlich vor ihren Ohren erdröhnenden Schuß ließ vor Schrecken der eine seine Pfeife, der andre den Pfirsich fallen und beide Männer starrten einander mit Entsetzen an. »Sehen Sie dort,« flüsterte der Gärtner, nach einer kleinen Rauchwolke deutend, die langsam durch ein Fenster fast dicht über ihren Häuptern gezogen kam, während sich ein starker Pulvergeruch in der Luft bemerkbar machte. »Onkels Zimmer!« stieß Erich angstvoll heraus. »Er war fest auf dem Sofa eingeschlafen, als ich ihn vor einer Minute verließ.« Rasch wandte er sich und lief spornstreichs auf dem Kiesweg nach der eisernen Treppe und durch die Glasthür ins Haus zurück, während ihm der alte Gärtner so schnell folgte, als seine Gicht dies zuließ. Quer durchs Wohnzimmer, zu dem die Glasthür führte, die teppichbelegte Treppe hinauf, vier Stufen auf einmal nehmend, dann rechts um die Ecke eines breiten Korridors, lief Erich mit stürmischer Hast und trat dann durch die offenstehende Thür in seines Onkels Studierzimmer. Wie sehr er sich aber auch beeilt hatte, ein andrer war ihm doch zuvorgekommen. Eine hohe, kräftige Gestalt in hellem Sommeranzug stand über das Sofa gebeugt, wo Erich erst wenige Minuten zuvor den Onkel schlafend verlassen hatte. Der breite Rücken und das braune Haar des Mannes waren nicht zu verkennen. »John,« rief Erich, »was ist geschehen?« Der Vetter wandte ihm sein schönes, männliches Gesicht zu, aus dem alle Farbe gewichen war. »Es ist zu entsetzlich, Erich,« stammelte er. »Onkel ist ermordet worden – durch einen Schuß getötet.« »Nein, nein, das ist ganz unmöglich. Vor fünf Minuten lag er ja noch ruhig da und schlief,« begann Erich; doch stockte er plötzlich, als sein Blick auf die regungslose Gestalt fiel. Baron Neville hatte das Gesicht nach der Wand gekehrt, so daß man nur sein scharfes, strenges Profil sah. Die Kugel war unterhalb des Schädels eingedrungen, das graue Haar hatte sich blutig gefärbt, und schwere Tropfen fielen noch langsam auf den Teppich. »Aber, wer kann denn –« stieß Erich keuchend heraus: er war beinahe sprachlos vor Entsetzen. »Es muß seine eigene Flinte gewesen sein,« erwiderte der Vetter. »Sie liegt dort rechts auf dem Tisch; der Lauf rauchte noch, als ich hereinkam.« »Er kann doch nicht selbst Hand an sich gelegt haben,« flüsterte Erich schreckensbleich. »Unmöglich! Sieh doch nur, die Wunde ist im Hinterkopf.« »Aber es kam so furchtbar plötzlich. Ich lief hierher, sobald ich den Schuß hörte, doch du warst noch vor mir da. Hast du irgend jemand gesehen?« »Keine Seele. Das Zimmer war leer.« »Wie hat der Mörder nur entkommen können?« »Vielleicht ist er durchs offene Fenster gesprungen.« »Das hat er nicht gethan, gnädiger Herr,« ließ sich des alten Gärtners Stimme jetzt an der Thüre vernehmen. »Ich stand mit Herrn Erich dicht unter dem Fenster, als der Schuß fiel.« »Aber wie in des Henkers Namen ist er dann verschwunden, Simpson?« »Ja, das kann ich nicht sagen.« John Neville ließ seine Blicke im ganzen Zimmer umherschweifen. Keine Katze hätte sich darin verbergen können. An den mit braunem Eichenholz getäfelten Wänden hingen mehrere Gewehre und Angelruten, kunstvoll gearbeitet und aus dem feinsten Material, aber meist altmodischer Konstruktion. Ein kleiner Bücherschrank in der Ecke, das große Ledersofa, auf dem die Leiche lag, ein schwerer runder Tisch in der Mitte und einige hochlehnige Stühle bildeten die ganze Einrichtung. Auf allen Möbeln lag dicker Staub und quer durchs Zimmer fiel ein breiter Streifen des glühenden Sonnenlichts. Bei der Hitze und dem scharfen Pulverdampf herrschte eine wahre Stickluft. Als John Neville bemerkte, wie bleich sein junger Vetter aussah, legte er ihm fürsorglich, wie ein älterer Bruder, die Hand aus die Schulter. »Komm, Erich, unsre Gegenwart kann hier nicht mehr nützen.« »Wäre es nicht besser, wenn wir uns erst umsähen, ob sich kein Aufschluß finden läßt,« erwiderte Erich, die Hand nach der Flinte ausstreckend. Aber John hielt ihn zurück. »Nein, nein,« rief er hastig, »es muß alles so bleiben, wie wir es gefunden haben. Ich will ins Dorf schicken, um Wardle holen zu lassen, und zugleich nach London telegraphieren, daß wir einen Detektiv brauchen.« Dann zog er seinen Vetter mit sanfter Gewalt aus dem Zimmer, schloß die Thüre von außen ab und steckte den Schlüssel in seine Tasche. »Wen soll ich kommen lassen?« rief John Neville vom Schreibpult aus mit dem Bleistift in der Hand seinem Vetter zu, der am Bibliothektische saß, den Kopf in den Händen vergrabend. »Wir müssen einen gewiegten Mann haben, der sich der Sache ganz widmen kann.« »Ich weiß von keinem, und doch – wie hieß nur der Mensch, der den Opal des Herzogs von Southern gefunden hat? Beck, wenn ich nicht irre. Ja, so war's, Thornton Crescent W. C. ist seine Adresse.« John Neville fügte noch Namen und Wohnung des Detektivs dem Telegramm bei, das er bereits geschrieben hatte. Es lautete: »Kommen Sie unverzüglich. Ein Mord geschehen. Kostenpunkt belanglos. John Neville, Schloß Berkly Dorset.« »Wenn er sich auch noch so sehr beeilt, kann er kaum vor Mitternacht hier sein,« sagte John Neville, im Kursbuche blätternd. »Aber da kommt Wardle schon, der ist wenigstens rasch zur Stelle.« Der Ortspolizist Wardle, der hastig die Allee heraufgegangen kam, war ein kluger und schweigsamer Mann, ein angehender Fünfziger, aber noch recht stark und rüstig. John Neville empfing ihn an der Thüre mit der Schreckensnachricht, die ihm der Reitknecht indes schon vorher verkündigt hatte. »Sie haben ganz recht gethan, das Zimmer abzuschließen,« sagte Wardle, als sie in das Bibliothekzimmer traten, wo Erich immer noch ganz versunken dasaß und ihre Gegenwart nicht zu bemerken schien. »Und der Detektiv, nach dem Sie telegraphiert haben, ist auch der richtige Mann. Ich habe schon früher einmal mit Herrn Beck zusammen gearbeitet. Er ist angenehm im Verkehr und hat ein seltenes Glück. – ›Nur ruhig, Wardle,‹ sagte er immer, ›Eile mit Weile, und nichts anrühren! Alles, was in der Nähe der Leiche steht oder liegt, hat meist seine eigene Geschichte zu erzählen, wenn man sich auf das Zuhören versteht. Deshalb plaudere ich immer erst am liebsten mit den Dingen ein wenig für mich allein.‹« So schwieg denn der Konstabler Wardle und ließ alles ruhig liegen, doch hielt er Augen und Ohren offen, denn in dem großen Hause flogen allerlei Gerüchte umher. Man flüsterte hier, man flüsterte dort, und aus allem, was man sich leise zuraunte, setzte sich allmählich eine Geschichte zusammen. Nicht lange, so hatte die Wolke des Argwohns eine bestimmte Form angenommen; sie umgab John Neville von allen Seiten und schien ihren Einfluß auf unerklärliche Weise selbst durch die geschlossenen Thüren der Bibliothek fühlbar zu machen. John begann ruhelos im Zimmer auf und ab zugehen. Nach einer Weile wurde ihm die Luft dort zu enge und er wanderte ungeduldig von einem Raume zum andern, bald ging er die eiserne Treppe hinunter, um nach seines Onkels Fenster hinauf zu starren, bald durch den breiten Korridor an der verschlossenen Thüre vorbei. Bei allen seinen Wanderungen wußte ihn Wardle unter dem Schein völliger Gelassenheit immer im Auge zu behalten; aber John war viel zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um darauf zu achten. Jetzt trat er wieder in die Bibliothek, wo Erich noch immer mit dem Rücken nach der Thür saß, so daß nur sein Kopf über die hohe Stuhllehne hinausragte. Als John ihm die Hand leise auf die Schulter legte, fuhr er plötzlich mit einem Schrei in die Höhe und starrte ihn mit kreideweißem Gesichte an. »Komm, Erich, wir wollen zusammen einen Gang durch den Park machen,« sagte John. »Dies müßige Warten geht über meine Kräfte; es spannt einen förmlich auf die Folter.« »Wenn dir's nichts ausmacht, bleibe ich lieber hier,« erwiderte Erich in mattem Ton. »Mir ist, als könnte ich kein Glied rühren.« »Etwas frische Luft würde dir gut thun, armer Junge. Man sieht dir's an, wie elend dir zu Mute ist.« Erich schüttelte den Kopf. »Nun, dann gehe ich allein,« sagte John. »Laß mir den Schlüssel hier, damit ich ihn dem Detektiv geben kann, wenn er kommt.« »Vor Mitternacht kann er ja nicht hier sein, und ich bin in einer Stunde wieder da.« Als John Neville rasch und ohne sich umzusehen die Allee hinunterschritt, folgte ihm Wardle von ferne, so daß er ihn immer im Auge behielt. Jetzt bog der junge Mann in das Wäldchen ein, dessen hohe Bäume nicht dicht genug standen, um der Sonne den Eintritt zu wehren; sie lag in breiten Streifen auf den Wegen, die unter dem grünen Laubdach hinführten. Als Wardle zwischen der Sonne und Neville quer über den Rasen ging, fiel sein langer, schwarzer Schatten auf das helle Gras. John sah den Schatten, der sich auf seinem Pfad vor ihm herbewegte; er wandte sich plötzlich um und trat seinem Verfolger gegenüber. Der Konstabler stand stockstill und starrte ihn an. »Nun, Wardle, was gibt's? Stehen Sie doch nicht da, wie ein Narr. Heraus mit der Sprache, was wollen Sie von mir?« »Ja, sehen Sie, gnädiger Herr,« stammelte der Konstabler, »ich glaub's ja selber nicht. Kenne ich Sie doch schon seit einundzwanzig Jahren – seit Ihrer Geburt – könnt' ich sagen, und ich glaub' kein Sterbenswort davon. Aber Pflicht ist Pflicht; und ich muß ihr gehorchen. Es ist ja Thatsache, daß Sie gestern abend mit dem Verstorbenen einen Wortwechsel hatten, und Herr Erich hat Sie im Zimmer gefunden, als –« John Neville hörte ihm zuerst wie verwirrt zu. Als ihm dann plötzlich zum erstenmal die Möglichkeit aufdämmerte, daß man ihn dieses Mordes verdächtigen könne, geriet er in heftigen Zorn und grimmig trat er auf den Konstabler zu, den er um Kopfeslänge überragte. Er war schrecklich anzusehen in seiner rasenden Wut, der breitschulterige junge Riese: seine Fäuste ballten sich, seine Schläfen pochten, er biß die Zähne fest aufeinander, und die braunen Augen funkelten wie Feuerflammen. »Was unterstehen Sie sich? Wie dürfen Sie wagen –« kam es mit erstickter Leidenschaft zischend aus seinem Munde. Doch Wardle hielt seinen Zornesblick ruhig aus. »Das kann ja gar nichts nützen, gnädiger Herr,« sagte er in sanftem Ton. »Ich weiß, für Sie ist's schwer zu ertragen. Aber ich bin nicht schuld daran, und es wird auch nicht besser dadurch, wenn Sie's so auffassen.« Nevilles leidenschaftliche Wut legte sich ebenso rasch wieder, als sie aufgelodert war. Seine schöne Stirn glättete sich, und es lag keine Spur von zorniger Erregung mehr in seiner Stimme, als er erwiderte: »Sie haben vollkommen recht, Wardle. Was soll denn nun zunächst geschehen? Muß ich mich als Ihren Gefangenen betrachten?« »Lieber nicht. Sie haben noch manches zu thun, wozu Sie der Freiheit bedürfen. Geben Sie mir Ihr Wort, mehr verlange ich nicht.« »Mein Wort – worauf?« »Daß Sie zur Stelle sein werden, wenn man Sie braucht.« »Aber Mensch, Sie können mich doch nicht für so wahnsinnig halten – mag ich nun schuldig sein oder nicht – daß ich die Flucht ergreifen werde, wenn eine Anklage auf Mord gegen mich vorliegt.« »Nehmen Sie sich's nicht so zu Herzen, gnädiger Herr. Der Londoner Detektiv wird schon alles ins reine bringen, verlassen Sie sich darauf. – Habe ich Ihr Versprechen?« »Ja, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.« »Vielleicht thäten Sie besser daran, ins Haus zurückzukehren. Die Dienstboten munkeln allerlei untereinander. Ich werde mich so wenig als möglich sehen lassen, und von dem, was zwischen uns vorgegangen ist, braucht niemand etwas zu erfahren.« Auf seinem Rückweg durch die Allee wurde John Neville von einem Jagdwagen eingeholt, der so plötzlich anhielt, daß der Kies unter den Pferdehufen nach allen Seiten stob. Ein starker vierschrötiger Mann, der bisher in eifrigem Gespräch mit dem Kutscher gewesen war, sprang so leichtfüßig aus dem Wagen, wie man es bei seiner Körperfülle kaum für möglich gehalten hätte. »Herr John Neville, wenn ich nicht irre? Mein Name ist Beck – Paul Beck, Geheimpolizist.« »Wie ist das möglich, Herr Beck? Ich glaubte, Sie könnten vor Mitternacht nicht hier sein.« »Extrazug,« sagte Beck mit verbindlichem Lächeln. »In Ihrer Depesche hieß es: ›Kostenpunkt belanglos‹. Die Zeit ist oft sehr kostbar, auch sind Ruhe und Behaglichkeit in solchen Fällen nicht gering anzuschlagen; deshalb bestellte ich mir einen Extrazug und nun bin ich hier. Wenn Sie erlauben, schicke ich den Wagen voraus und wir gehen zusammen zu Fuß weiter. Das ist ja eine schlimme Geschichte, Herr Neville. Durch einen Schuß getötet, sagt mir der Kutscher. Liegt denn gegen irgend jemand Verdacht vor?« »Ich bin der That verdächtig,« stieß John Neville laut und heftig heraus. Beck sah ihn einen Moment mit fragenden Blicken an, ohne indes die geringste Ueberraschung zu verraten. »Woher wissen Sie das?« »Der Ortskonstabler Wardle hat es mir ins Gesicht gesagt. Ich muß es als eine besondere Vergünstigung betrachten, daß er mich nicht auf der Stelle festnahm.« Beck ging wohl ein Dutzend Schritte schweigend neben John Neville her. »Sie hätten wohl nichts dagegen, mir genau zu sagen, weshalb man Sie verdächtigt?« fragte er in vertraulichem Ton. »Nicht das Geringste.« »Ich ermahne Sie nicht zur Vorsicht, kann Ihnen aber auch nichts versprechen,« fuhr der Detektiv rasch fort. »Mir liegt es ob, die Wahrheit zu entdecken. Wenn Sie glauben, daß Ihnen die Wahrheit nützlich sein wird, thun Sie am besten, mir dabei zu helfen. Ich weiß, dies Verfahren ist durchaus nicht regelrecht, aber daran ist mir nichts gelegen. Sehen Sie, Herr Neville, wenn jemand eines Verbrechens angeklagt wird, so ist immer ein Zeuge vorhanden, welcher weiß, ob der Mann schuldig ist oder nicht. Ein andrer Zeuge ist oft gar nicht aufzutreiben. Das Erste aber, was nach dem britischen Gesetz zur Ermittelung der Wahrheit geschieht, ist, daß dem einzigen Zeugen, der wirklich darum weiß, der Mund verschlossen wird. Doch so fange ich die Sache nicht an. Ich lasse einen Unschuldigen gern die Geschichte auf seine Weise erzählen, und ich mache mir kein Gewissen daraus, den Schuldigen in die Falle zu locken, wenn es mir gelingt.« Er sah John Neville bei diesen Worten offen in die Augen, und der junge Mann wich seinem Blick nicht aus. »Ich glaube Sie zu verstehen. Was wünschen Sie zu wissen? Womit soll ich beginnen?« »Erzählen Sie von Anfang an. Was war die Ursache des Streits, den Sie gestern mit Ihrem Onkel hatten?« Neville zögerte einen Augenblick, was dem Geheimpolizisten nicht entging. »Ich habe den Streit nicht veranlaßt, vielmehr hat er ihn vom Zaun gebrochen. Die Sache verhält sich nämlich so: Zwischen meinem Onkel und dem Oberst Peyton, seinem Nachbar, herrscht bittere Feindschaft. Ihre Güter grenzen aneinander und sie haben sich über das Jagdrecht entzweit. Mein Onkel wurde oft heftig und nannte den Oberst ›einen gemeinen Wilddieb‹. Ich hatte mich an dem Zank in keiner Weise beteiligt, aber als ich den Oberst hernach zum erstenmal wieder traf, war mir unbehaglich zu Mute, denn ich wußte, daß Onkel unrecht hatte. Der Oberst kam mir aber aufs liebenswürdigste entgegen. ›Das braucht unsrer Freundschaft keinen Abbruch zu thun, John,‹ sagte er. ›Der ganze Streit ist thöricht, und ich gäbe gern mein bestes Jagdgehege hin, um ihn ungeschehen zu machen. Heutzutage gereicht es niemand zur Ehre, wenn es zum Zweikampf kommt, und Edelleute können nicht wie Fischweiber aufeinander schimpfen. Doch glaube ich, man wird mich nicht für einen Feigling halten, weil mir jeder Skandal zuwider ist.‹ »›Schwerlich,‹ versetzte ich. Der Oberst hat sich nämlich in verschiedenen Schlachten ausgezeichnet. Lucy hat mir einmal sein Viktoriakreuz gezeigt, das er in einer verschlossenen Schublade aufbewahrt. Lucy ist seine einzige Tochter, die er über alles liebt. Natürlich brach ich nun den Verkehr mit dem Oberst nicht ab, denn ich hatte ihn gern und sein Haus stand mir stets offen. Aber für meinen Onkel war unsre Freundschaft ein Aergernis. Ich ging in letzter Zeit sehr oft nach Lindenhof, und das war ihm hinterbracht worden. Gestern bei Tische führte er so grobe Reden gegen den Oberst und seine Tochter, daß ich für sie eintreten mußte. ›Du unverschämter Junge,‹ schrie er mich an: ›was fällt dir ein, den elenden Emporkömmling mir gegenüber in Schutz zu nehmen?‹ »›Die Peytons sind von ebenso guter Familie als wir, Onkel,‹ sagte ich. ›Uebrigens habe ich um Fräulein Lucys Hand angehalten, und sie hat mir die Ehre erwiesen, mir zu versprechen, daß sie meine Frau werden will.‹ »Darauf geriet der Onkel in die rasendste Wut. In welchen Ausdrücken er von dem Oberst und seiner Tochter sprach, kann ich nicht wiederholen. Selbst dem Toten diese Worte zu verzeihen, fällt mir schwer. Er schwor, er würde mich nie wieder eines Blickes würdigen, wenn ich mich so weit erniedrigte, diese Heirat einzugehen. »›Leider ist das Gut Majorat und ich kann dich nicht enterben‹, rief er; ›aber dich bettelarm machen, solange ich lebe, das kann ich. Und dir zum Trotz will ich noch vierzig Jahre leben. Der Wilddieb kann dich zum Schwiegersohn haben, sobald er will. Geh und verkaufe dich ihm für den höchsten Preis und lebe von dem Vermögen deiner Frau, wenn dich's gelüstet.‹ »Da lief mir denn endlich die Galle über, und ich sagte ihm auch meine Meinung.« »Können Sie sich Ihrer Worte noch genau erinnern? – Das wäre von Wichtigkeit.« »Ich sagte ihm, er solle seine Geringschätzung für sich behalten. Ich würde Lucy Peyton mein Leben widmen und für sie selbst in den Tod gehen, wenn es sein müßte, denn ihr gehöre mein Herz.« »Haben Sie auch gesagt: ›Es ist wenigstens ein Trost, daß du nicht ewig leben kannst‹? Der Kutscher hat mir davon erzählt. Sie sehen, der Streit ist schon in aller Munde. Denken Sie einmal nach – haben Sie das gesagt?« »Ich glaube wohl. Ja, jetzt weiß ich es gewiß; aber ich war so wütend, daß ich meine Worte nicht wägen konnte. Jedenfalls habe ich nicht von fern daran gedacht ...« »Wer war noch im Zimmer während des Streites?« »Nur mein Vetter Erich und der Kammerdiener.« »Der Diener hat vermutlich die Geschichte weiter verbreitet.« »Ohne Zweifel. Erich hat es gewiß nicht gethan, denn der Auftritt war ihm ebenso peinlich als mir. Er versuchte sogar, sich ins Mittel zu legen, aber das reizte den Onkel nur noch mehr.« »Wie hoch belief sich die Summe, die er Ihnen ausgesetzt hatte?« »Tausend Pfund jährlich.« »Vermutlich war er berechtigt, Ihnen das Geld vorzuenthalten?« »Versteht sich.« »Aber über den Grundbesitz durfte er nicht verfügen. Sie waren sein rechtmäßiger Erbe, und Sie sind augenblicklich der Besitzer von Schloß Berkly.« »Jawohl; aber bis zu diesem Augenblick habe ich noch mit keinem Gedanken daran gedacht, das können Sie mir glauben.« »Wer folgt Ihnen in der Erbschaft?« »Mein Vetter Erich, der vier Jahre jünger ist als ich.« »Und nach diesem?« »Ein entfernter Verwandter, den ich kaum kenne. Er steht in keinem guten Ruf, und ich weiß, daß mein Onkel und er einander nicht ausstehen konnten.« »Wie war das Verhältnis zwischen Ihrem Onkel und Ihrem Vetter Erich?« »Es ließ viel zu wünschen übrig. Onkel hat Erichs Vater – seinen eigenen jüngsten Bruder – nie leiden können, und auch gegen Erich war er oft unfreundlich. Er schalt auf seinen toten Vater in Gegenwart des Sohnes, nannte ihn grausam, hinterlistig und dergleichen. Der arme Erich litt oft schwer darunter. In Geldsachen behandelte ihn der Onkel großmütig; er gab ihm ebensoviel wie mir, ließ ihn im Schloß wohnen und versagte ihm nichts. Doch dann und wann kränkte er den armen Jungen tief mit zornigen oder höhnischen Reden: denn Erich schien ihn trotz allem doch lieb zu haben.« »Was nun den Mord betrifft – an dem Abend haben Sie wohl Ihren Onkel nicht wieder gesehen?« »Ich habe ihn überhaupt lebend nicht mehr gesehen.« »Wissen Sie, was er am nächsten Tage that?« »Nur vom Hörensagen.« »Solches Zeugnis ist oft sehr wertvoll, wenn auch das Gericht andrer Meinung ist. Was hat man Ihnen gesagt?« »Mein Onkel war ein leidenschaftlicher Jäger; sonst hätte er auch schwerlich mit dem Oberst Streit angefangen. Er hatte ein Birkhuhnmoor zwölf Meilen von hier gepachtet und den Anfang der Jagd versäumte er nie. Beim ersten Hahnenschrei machte er sich mit seinem Oberförster Lennox auf den Weg. Ich hatte auch mitkommen sollen, aber nun begleitete ich die beiden natürlich nicht. Ganz gegen seine Gewohnheit kam der Onkel schon um zwölf Uhr zurück und ging gleich in sein Studierzimmer. Ich saß gerade am Schreibtisch und hörte ihn mit schweren Schritten an meiner Thür vorbeigehen. Später fand ihn Erich auf dem Sofa fest eingeschlafen. Kaum fünf Minuten, nachdem er ihn verlassen hatte, hörte ich den Schuß und stürzte in Onkels Zimmer.« »Haben Sie alles genau untersucht, nachdem Sie gesehen hatten, daß Ihr Onkel tot war?« »Nein, Erich schlug es vor, aber ich war dagegen. Ich habe die Thür gleich verschlossen und den Schlüssel abgezogen, bis Sie kämen.« »Selbstmord ist wohl ausgeschlossen?« »Nach meiner Ansicht ja. Die Wunde ist im Hinterkopf.« »Wissen Sie, ob Ihr Onkel Feinde hatte?« »Die Wilddiebe haßten ihn alle, denn er verfolgte sie unbarmherzig. Einmal schoß ein Kerl nach ihm, worauf mein Onkel den Schuß erwiderte und dem Menschen das Bein zerschmetterte. Erst ließ er ihn ins Spital schaffen, bis er geheilt war, und dann verklagte er ihn und brachte ihn auf zwei Jahre ins Gefängnis.« »Sie glauben also, daß ein Wilddieb ihn ermordet hat?« fragte Beck gelassen. »Ich weiß nicht, wie er das bewerkstelligt haben sollte. Mein Zimmer liegt auf demselben Gang, folglich hätte er an meiner Thür vorbeikommen müssen. Sobald ich den Schuß hörte, stürzte ich hinaus, doch sah ich niemand.« »Vielleicht ist der Mörder durchs Fenster entkommen?« »Erich sagt mir, daß er mit dem Gärtner dicht unter dem Fenster stand.« »Wie erklären Sie sich die Sache dann, Herr Neville?« »Sie ist mir ganz unerklärlich.« »Am letzten Abend haben Sie sich im Zorn von Ihrem Onkel getrennt?« »Das ist richtig.« »Am nächsten Tage wird Ihr Onkel erschossen, und man findet Sie unmittelbar darauf in seinem Zimmer ...« John Neville wurde dunkelrot, doch bezwang er sich und nickte nur stumm mit dem Kopf. Eine Weile gingen sie beide schweigend nebeneinander her. Sie waren kaum noch hundert Schritt von dem stattlichen Herrenhause entfernt, jetzt John Nevilles Eigentum, und sahen es hoch über die Bäume emporragen, die es rings umstanden, als der Detektiv wieder das Wort ergriff. »Ich kann nicht umhin, zu bemerken, daß die Sache recht schlimm für Sie steht, Herr Neville, soweit es sich bis jetzt beurteilen läßt. Nach meinem Dafürhalten wäre es Wardles Pflicht gewesen, Sie festzunehmen.« »Dazu ist es noch nicht zu spät,« war Johns kurze Antwort. »Ich sehe ihn dort an der Hausecke und will ihm sagen, daß Sie es für richtig halten.« Schon wandte er sich, um zu gehen, als Beck ihm hastig nachrief: »Aber wie steht's mit dem Schlüssel?« John zog ihn aus der Tasche, ohne ein Wort zu sagen; der Detektiv nahm ihn ebenso stumm in Empfang und stieg dann allein die große steinerne Treppe zum Haupteingang hinauf, wobei er leise vor sich hinpfiff. An der Thür kam ihm Erich entgegen, dem der Kutscher seine Ankunft gemeldet hatte. »Sie haben wohl noch nicht zu Mittag gegessen, Herr Beck?« fragte er höflich. »Erst das Geschäft, dann das Vergnügen. Im Zug habe ich ein paar Bissen zu mir genommen. Kann ich vielleicht den Förster Lennox auf fünf Minuten allein sprechen?« »Gewiß. Ich werde ihn gleich hierher ins Bibliothekzimmer schicken.« Lennox, ein hochschultriger, langbeiniger älterer Mann trat mit befangener Miene ein. Offenbar fühlte er sich sehr unbehaglich in Gegenwart des Londoner Detektivs. »Setzen Sie sich, Lennox, setzen Sie sich,« sagte Beck mit so freundlicher Stimme, daß schon der natürliche, gutmütige Ausdruck dem Mann Vertrauen einflößte. »Nun sagen Sie mir, warum Sie heute morgen so früh von der Jagd nach Hause gekommen sind.« »Ja, das kam daher, weil der gnädige Herr mir sagte: ›Lennox, ich hab' die Narretei satt – ich geh' heim.‹ Und wir waren doch kaum zwei Stunden draußen.« »Gab's denn kein Wild?« »Birkhühner die schwere Menge, es war alles schwarz davon.« »Also lag's am Jäger?« »Was, am gnädigen Herrn?« rief Lennox, der vor Erregung alle Befangenheit vergaß. »Einen besseren Schützen hat es weit und breit nicht gegeben. Noch aus der guten alten Schule, wissen Sie. Zahme Fasanen zu schießen, war nicht nach seinem Geschmack. Er nahm auch die Hunde mit, um das Wild aufzuspüren. Und seinem alten Vorderlader blieb er bis ans Ende treu. ›Halt das Gewehr fest, und ziele gut, Lennox,‹ pflegte er zu sagen, ›dann trifft es sicherer und weiter als alle die neumodischen Dinger, auch setzt sich der Rost nicht an, so daß man's nicht alle Augenblicke zu putzen braucht.‹ »›So geht's schneller, Onkel,‹ sagten die jungen Herren, wenn sie ihre elenden Hinterlader abknallten. »›Dann schafft nur gleich die Hunde ab,‹ gab er zur Antwort. ›Was braucht ein Hund zu lernen auf den Schuß zu passen, wenn ihr die Patronen so rasch verschießt, wie ein Hahn die Körner auspickt.‹ Einen so sicheren Schützen wie den gnädigen Herrn gab's nicht zum zweitenmal, wenn er bei kaltem Blut war. Leute, die sich wer weiß was auf ihre Kunst zu gute thaten, konnten's nicht mit ihm aufnehmen.« »Weshalb hat er denn da die schöne Jagdbeute im Stich gelassen?« »Erstens war es siedeheiß; aber das that eigentlich nichts zur Sache. Wenn der gnädige Herr aufgelegt war, ging er durch Feuer und Wasser. Den ganzen Morgen über war er aber furchtbar hitzig und in der niederträchtigsten Laune da kann kein Mensch gut schießen. Als Flora einen Flug Vögel aufjagte – sie ist noch jung und es war nicht ihre Schuld, denn sie lief gerade mit dem Wind – riß der Herr gleich das Gewehr von der Schulter, um sie totzuschießen. Fünf Minuten später fand sie ein Volk Rebhühner, saß aber stockstill und rührte sich nicht. Rechts und links flogen sie vor dem Herrn auf, doch er schoß immer vorbei; ich hatte so etwas bei ihm noch gar nicht erlebt. ›Mich selbst sollte ich totschießen und nicht den Hund,‹ brummte er, während er mich das Gewehr wieder laden ließ. Als ich die Zündhütchen aufgesetzt und das Pulver eingeschüttet hatte, stieß er einen Fluch aus, sagte, er habe die Geschichte satt, und stampfte querfeldein nach der Stelle, wo der Jagdwagen wartete. Die Hühner flogen vor seinen Füßen auf, aber er that keinen Schuß mehr und fuhr geradeswegs nach Hause. Als wir ankamen, wollte ich zuerst das Gewehr abfeuern oder die Ladung herausziehen. Aber er sagte, ich sollte mich zum Henker scheren, und nahm die Flinte geladen, wie sie war, mit hinauf in sein Studierzimmer, das niemand betreten durfte, den er nicht besonders rufen ließ. Als ich 'ne Stunde drauf den Schuß hörte, wußte ich gleich, daß es der alte Vorderlader war; unter Tausenden würde ich ihn heraushören! Natürlich lief ich so rasch ich konnte ...« Hier wurden sie von Erich Neville unterbrochen, der erhitzt und aufgeregt ins Zimmer stürzte. »Herr Beck,« rief er, »das ist ja schauderhaft! Der Konstabler Wardle hat meinen Vetter John soeben verhaftet, da er verdächtig sei, den Onkel vorsätzlich ermordet zu haben.« Beck schaute aufmerksam in das gerötete Gesicht des jungen Mannes und winkte beruhigend mit der Hand. »Sie müssen das nicht so schwer nehmen, Herr Neville. Wenn sich auch Ihr Gefühl dagegen empört, so läßt es sich doch nicht ändern. Wardle hat nur seine Pflicht gethan. Sie wissen ja selbst, daß starke Verdachtsgründe vorliegen, und in solchen Füllen ist es für alle Teile am besten, regelrecht zu verfahren.« Beck schickte nun Lennox fort, der bei der Nachricht von John Nevilles Verhaftung die Augen weit aufriß und wie versteinert dagestanden hatte. Dann wandte er sich wieder an Erich: »Ich möchte jetzt gern das Zimmer sehen, wo die Leiche liegt,« sagte er mit so vollkommener Ruhe, daß seine Gelassenheit ihre Wirkung auf den jungen Mann, der kaum dem Knabenalter entwachsen war, nicht verfehlte. Seine Aufregung nahm sichtlich ab. »Mein Vetter hat den Schlüssel,« sagte er; »ich will ihn holen.« »Das ist nicht nötig,« rief ihm Beck nach, denn er war schon halbwegs zur Thür hinaus. »Seien Sie nur so gut, mir das Zimmer zu zeigen, den Schlüssel habe ich schon.« Erich unterdrückte seine Verwunderung und führte den Detektiv die Treppe hinauf bis zu der verschlossenen Thür. Als er jedoch im Begriff stand, ihm halb unbewußt, wie es schien, ins Zimmer zu folgen, hielt ihn Beck zurück. »Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Neville, so möchte ich lieber allein bleiben. Ich habe gefunden, daß ich dann genauer zusehen und klarer denken kann. Schüchtern bin ich nicht gerade, aber das ist so meine Gewohnheit.« Während er so sprach, schloß er die Thür leise, drehte innen den Schlüssel um und ließ ihn im Schloß stecken. Sobald er sich allein sah, warf er sein gleichmütiges Wesen ab, wie eine unbequeme Maske. Er preßte die Lippen zusammen, seine Augen funkelten, seine Muskeln und Sehnen spannten sich vor Erregung; er glich einem Jagdhund, der sich auf seine Beute stürzen will. Daß kein Selbstmord vorliege, erkannte er beim ersten Blick auf die Leiche. So weit wenigstens hatte John Neville die Wahrheit gesprochen. Der Hinterkopf war durch den scharfen Schuß aus unmittelbarer Nähe förmlich zerschmettert; zwischen dem grauen, von Blut durchtränkten Haar kamen kleine, weiße Knochensplitter zum Vorschein. Auf dem Teppich hatte sich eine dunkle Blutlache gebildet, und in der dumpfen Zimmerluft spürte man den Blutgeruch. Der Detektiv schritt auf den Tisch zu, wo das Gewehr lag, ein schöner altmodischer Vorderlader, dessen Lauf noch auf den Toten gerichtet war. Doch seine Aufmerksamkeit wurde durch eine bis an den Rand gefüllte Wasserkaraffe aus klarem Glas abgelenkt, die auf einem Buch in einiger Entfernung von dem Gewehr zwischen diesem und dem Fenster stand. Beck nahm die Flasche vom Tisch und kostete das Wasser mit der Zungenspitze. Es schmeckte seltsam abgestanden und wie gekocht, doch konnte er keine fremden Bestandteile darin entdecken. Im ganzen Zimmer lag dicker Staub, nur der Deckel des Buches, auf dem die Flasche gestanden hatte, war fast staubfrei. Offenbar gehörte das Buch in die dritte Reihe des Bücherschranks, wo Beck eine Lücke bemerkte. Nachdem er sich noch rasch im Zimmer umgesehen hatte, trat er ans Fenster. Hier zeichnete sich auf dem Tischchen ein deutlicher, runder Kreis in der Staubschicht ab. Als Beck die Karaffe dorthin stellte, paßte ihr runder Boden genau in den Kreis. Während er noch am Fenster stand, fielen ihm mehrere Papierstückchen ins Auge, die zusammengeknüllt in der Ecke lagen. Er hob sie auf, strich sie glatt und sah, daß lauter kleine runde Löcher hineingebrannt waren. Nachdem er die verbrannten Stellen mit dem Vergrößerungsglas betrachtet hatte, legte er die Papierstückchen sorgfältig aufeinander und schob sie dann ebenso sorgfältig in seine Westentasche. Nun kehrte er wieder zu dem Gewehr zurück und betrachtete es mit großer Gründlichkeit. Der rechte Lauf war kürzlich abgefeuert worden; der linke war noch geladen. Dabei machte er eine seltsame Entdeckung. Bei beiden Läufen war der Hahn nur halb aufgezogen . Auf dem Piston des linken Laufs glänzte das kupferne Zündhütchen, auf dem rechten dagegen fehlte die kleine Kapsel. Wie hatte der Mörder das Gewehr ohne Zündhütchen abfeuern können? Und wozu hatte er sich nach verübter Missethat noch die Zeit genommen, den Hahn in Ruhe zu setzen? – War es Beck gelungen, dies Rätsel zu lösen? – Ein grimmiges Lächeln spielte um seine Lippen, und seine Augen nahmen einen unheimlichen Ausdruck an, der dem unbekannten Mordgesellen wenig Gutes weissagte. Er trug das Gewehr nun ans Fenster und untersuchte es sorgfältig mit dem Vergrößerungsglas. In dem Kolben bemerkte er eine feine dunkle Linie, die am Piston des rechten Laufs endigte und aussah, als wäre sie mit der Spitze einer glühenden Nadel gezeichnet. Ruhig legte Beck das Gewehr wieder auf den Tisch. Die ganze Untersuchung hatte kaum zehn Minuten gedauert. Er warf noch einen Blick nach der regungslosen Gestalt auf dem Sofa, dann öffnete er die Thür, verschloß sie wieder hinter sich und ging mit derselben unergründlichen Miene den Korridor wieder hinunter, den er vor zehn Minuten in heiterer Ruhe heraufgekommen war. Oben an der Treppe wartete Erich auf ihn. »Nun?« fragte er, sobald er des Detektivs ansichtig wurde. Beck überhörte die Frage geflissentlich. »Zunächst muß die Totenschau gehalten werden,« sagte er. »Je früher das geschieht, um so besser wird es sein.« »Sie kann gleich morgen früh stattfinden, wenn Sie es wünschen. Mein Vetter John hat bereits einen Boten an Herrn Morgan, den Kronrichter und Leichenbeschauer, geschickt, der nur fünf Meilen von hier wohnt. Er wird sich um zwölf Uhr einfinden. Die Totenschaukommission können wir ohne Schwierigkeit im Dorfe selbst wählen.« »Schön, schön,« sagte Beck, sich die Hände reibend, »wir thun am besten, die Vorbereitungen recht rasch und in aller Stille zu treffen.« »Ich habe soeben zu dem hiesigen Anwalt geschickt, um uns seinen Rechtsbeistand für meinen Vetter zu sichern. Er ist zwar kein großes Licht, fürchte ich, aber der beste, den man in kurzer Frist bekommen kann.« »Das war von Ihrer Seite sehr richtig und vorsorglich gehandelt. Aber der Anwalt kann in einem Fall, wie dieser, nicht viel thun. Wir müssen uns an die Beweise halten, die hier leider nur allzudeutlich sprechen. – Wenn es Ihnen recht ist,« fuhr Beck lebhaft fort, indem er eine Gebärde machte, als wolle er das unangenehme Gesprächsthema beiseite schieben, »so würde ich jetzt gern die kleine Mahlzeit einnehmen, von der Sie vorhin sprachen.« Der Geheimpolizist ließ sich die beiden Birkhühner – die der Tote auf seiner letzten Jagd geschossen hatte – nebst einer Flasche alten Burgunders trefflich schmecken. Er war in der besten Laune und erzählte Erich beim Nachtisch einige seiner wunderbaren Erlebnisse, was den jungen Mann etwas von seinem sichtlichen Kummer um den Onkel und seiner Besorgnis für den Vetter zu erleichtern schien. John Neville blieb indessen die ganze Zeit über in seinem Zimmer eingeschlossen, während vor der Thür der Konstabler Wache hielt. Am nächsten Tage fand die Gerichtsverhandlung um halb ein Uhr in der Bibliothek statt. Der Kronrichter, ein breitschulteriger Mann mit rotem Gesicht und sehr leutseligem Wesen, war pünktlich eingetroffen. Die Kommission hatte die Leiche gründlich in Augenschein genommen, nicht ohne ein gewisses mit Grauen gemischtes Ergötzen an dem schrecklichen Anblick. Beck versah dabei, als verstände sich das von selbst, das Amt eines Ceremonienmeisters und Beisitzers des Gerichts. »Nehmen Sie das Gewehr lieber mit hinunter,« sagte er, als sich die Kommission anschickte, das Totenzimmer zu verlassen. »Jawohl, jawohl,« erwiderte der Kronrichter. »Auch die Wasserflasche.« »Es liegt doch nicht etwa ein Verdacht wegen Vergiftung vor?« »Man thut immer gut daran, nichts als feststehend anzunehmen,« sagte Beck mit Entschiedenheit. »O gewiß, ganz wie Sie wünschen,« entgegnete der Kronrichter verbindlich. »Bringen Sie auch die Wasserflasche hinunter, Konstabler!« Das große Zimmer war gedrängt voll; viele Leute aus der Nachbarschaft, besonders die Pächter der zu Berkly gehörigen Güter und die kleinen Ladenbesitzer des Ortes hatten sich eingefunden. – An einem Ende des Zimmers stand der Tisch, an welchem der Kronrichter den Vorsitz führte; auch der unvermeidliche Berichterstatter des Lokalblattes hatte dort Platz genommen. Rechts davon war eine doppelte Reihe Stühle für die Geschworenen aufgestellt. Diese kamen eben von der Leichenschau zurück, als man draußen auf dem Kieswege Rädergerassel hörte und ein leichter Zweispänner am Haupteingang vorfuhr. Gleich darauf trat ein stattlicher Herr mit militärischem Anstand ein, am Arm ein junges Mädchen führend, das er mit rührender Zärtlichkeit zu stützen bemüht war. Des Mädchens Gesicht war bleich, aber wunderlieblich anzuschauen; sie glich einem wilden Röschen und hatte die schönsten Rehaugen. Daß dies Oberst Peyton und seine Tochter waren, wußte Beck, ohne daß er danach zu fragen brauchte. Er hatte den schüchternen Blick voll Liebe und Mitleid gesehen, mit dem die junge Dame John Neville streifte, als sie an dem Tische vorbeikam, wo er, den Kopf in die Hände vergrabend, saß. Des Detektivs Miene verfinsterte sich einen Augenblick, als habe er einen unbeugsamen Entschluß gefaßt; aber gleich darauf nahm er wieder seinen gewöhnlichen heiteren und gutmütigen Ausdruck an. Mit dem Gärtner, dem Förster und dem Kammerdiener stellte der Kronrichter ein kurzes Verhör an, worauf der Anwalt Waggles, den Erich vorsorglich gebeten hatte, seinem Vetter als Verteidiger zu dienen, noch ein ziemlich ungeschicktes Kreuzverhör mit ihnen vornahm. Während der Verdacht gegen John Neville allmählich zur entsetzlichen Gewißheit wurde, erbleichte das junge Mädchen, das in der fernsten Ecke des Zimmers saß, mehr und mehr. Hätte ihr Vater sie nicht gestützt, sie wäre umgesunken. »Wünscht John Neville persönlich zum Verhör zugelassen zu werden?« fragte der Kronrichter, nachdem er des Dieners Aussage über den Streit des vergangenen Abends zu Papier gebracht hatte. »Nein,« sagte der Anwalt; »ich erscheine für Herrn John Neville, den Angeklagten. Wir behalten uns die Verteidigung vor.« »Ich weiß wirklich nichts weiter zu sagen, als was schon gesagt worden ist,« fügte John Neville ruhig hinzu. Waggles warf sich in die Brust. »Herr Neville, ich muß Sie sehr bitten, sich mir ganz anzuvertrauen.« »Erich Neville!« rief jetzt der Kronrichter. »Ich glaube, dies ist der letzte Zeuge.« Erich trat vor und legte die Hand auf die Bibel. Er war bleich, aber ruhig und gefaßt. Der aufrichtige Kummer, der aus seinen dunklen Augen und dem leisen Ton seiner Stimme sprach, rührte jedes Herz – nur eines nicht. Seine Aussage war kurz und klar. Daß er sich aufs äußerste bemühte, den Vetter in Schutz zu nehmen, ließ sich nicht verkennen. Aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, war sein Zeugnis furchtbar belastend für John Neville. Die Antworten auf alle Fragen, welche die Schuld seines Vetters bestätigten, mußten Erich von dem Kronrichter förmlich mit Gewalt entrissen werden. Höchst widerstrebend berichtete er von dem Streit, der am Abend zuvor bei Tische stattgefunden hatte. »War Ihr Vetter sehr aufgebracht?« fragte der Richter. »Er hätte kein Mensch sein müssen, wenn ihn solche Ausdrücke nicht gereizt hätten.« »Was hat er gesagt?« »Auf alles, was er gesagt hat, kann ich mich nicht besinnen.« »Hat er zu Ihrem Onkel gesagt: ›Nun, du kannst auch nicht ewig leben‹?« Keine Antwort. »Reden Sie, Herr Neville! Sie haben geschworen, die Wahrheit zu sagen.« In kaum hörbarem Flüsterton erfolgte ein: »Ja!« »Ich bedaure, wenn es Ihnen Schmerz bereitet; aber ich muß meine Pflicht thun. Nicht wahr, als Sie den Schuß hörten, sind Sie gleich nach dem Zimmer Ihres Onkels gestürzt – etwa fünfzig Schritte weit?« »Ja, ungefähr.« »Wen fanden Sie dort über den Toten gebeugt?« »Meinen Vetter mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes, wie mir schien.« »Sonst sahen Sie niemand?« »Nein!« »Ihr Vetter ist, soviel ich weiß, der Erbe der Nevilleschen Güter; das heißt, sie gehören ihm jetzt.« »Ja, ich glaube.« »Das genügt. Sie können abtreten.« Während dieser Fragen und Antworten, die John Neville Schritt für Schritt dem Galgen näher brachten, herrschte eine erwartungsvolle Stille unter der dicht gedrängten Menge. Als das Verhör zu Ende war, schienen alle tief Atem zu holen. Die Spannung war vorüber, allein die Aufregung dauerte fort. Als Erich von dem Kronrichter entlassen wurde, begann Beck ein Kreuzverhör mit ihm anzustellen, als verstünde sich das ganz von selbst. »Weshalb sagen Sie, daß Sie glauben , Ihr Vetter sei der Erbe Ihres Onkels. Wissen Sie es denn nicht?« Aber jetzt that Waggles Einspruch. »Das kann wirklich nicht gestattet werden,« wandte er sich an den Kronrichter. »Es ist gegen alle Ordnung. Dieser Herr ist weder eine Gerichtsperson, noch vertritt er die Parteien; er hat also kein Recht, gehört zu werden.« Beck wußte selber nur zu gut, daß er vom gesetzlichen Standpunkte aus hätte schweigen müssen. Aber seine ruhige Zuversicht und die Kaltblütigkeit, mit der er das Recht für sich in Anspruch nahm, machten, daß der Kronrichter für ihn eintrat. »Soviel ich weiß,« sagte er, »ist Herr Beck direkt von London hierher berufen worden, um den Fall zu untersuchen. Wenn er noch irgend welche Fragen zu stellen wünscht, werde ich ihn gewiß nicht daran hindern.« »Danke verbindlichst,« sagte Beck in trockenem Geschäftston. Dann wandte er sich an den Zeugen: »Wußten Sie nicht, daß John Neville der nächste Erbe von Schloß Berkly ist?« »Natürlich weiß ich es.« »Und wenn John Neville an den Galgen kommt, so gehört das Besitztum Ihnen?« Die rohe Deutlichkeit dieser Frage kam allen verletzend vor. Waggles fuhr erregt von seinem Stuhle auf, aber Erich antwortete so ruhig wie bisher: »Das klingt sehr hart und grausam.« »Aber es ist wahr?« »Das läßt sich nicht leugnen.« »Gehen wir zu etwas anderm über. Haben Sie das Gewehr untersucht, als Sie in das Zimmer kamen, nachdem der Mord begangen war?« »Ich streckte die Hand danach aus, allein mein Vetter hielt mich zurück. Er wünschte, daß alles in dem Zimmer unberührt bleiben sollte; deshalb verschloß er die Thür und nahm den Schlüssel mit fort. Später habe ich das Zimmer nicht wieder betreten.« »Haben Sie das Gewehr genau angesehen?« »Nicht besonders.« »Ist Ihnen aufgefallen, daß der Hahn bei beiden Läufen nur halb gespannt war?« »Nein!« »Haben Sie bemerkt, daß an dem Piston des rechten Laufs, der eben abgefeuert worden war, das Zündhütchen fehlte?« »Nein!« »Sahen Sie auch die feine eingebrannte Linie nicht, die im Holz des Gewehrkolbens bis zu dem rechten Piston hinläuft?« »Nein!« »Sehen Sie einmal genau hin. Bemerken Sie die Linie jetzt?« »Ja, zum erstenmal.« »Sie können sich wohl nicht erklären, wie sie entstanden ist?« »Nein!« »Gewiß nicht?« »Ganz gewiß nicht.« Die Zuhörer folgten dem sonderbaren, scheinbar ganz nutzlosen Kreuzverhör mit atemloser Spannung, doch ohne das geringste Verständnis. Erichs Antworten klangen fest und klar; aber wer ihn näher ansah, bemerkte, daß ihm die Lippen bebten und er sich aufs äußerste anstrengen mußte, um seine Ruhe zu bewahren. Es lag auch in Becks Ton und Wesen bei aller äußeren Gelassenheit ein leiser Anflug von feindseliger Gesinnung, der für den Zeugen höchst peinlich war. »Gehen wir zu etwas anderm über,« sagte Beck. »Als Sie in Ihres Onkels Zimmer waren, ehe der Schuß erfolgte, haben Sie da ein Buch aus dem Schranke genommen und es auf den Tisch gelegt?« »Daran erinnere ich mich wirklich nicht mehr.« »Weshalb nahmen Sie die Wasserflasche vom Fenster und stellten sie auf das Buch?« »Ich hatte Durst und wollte trinken.« »Aber die Flasche war noch voll bis zum Rand.« »Vielleicht wollte ich sie aus der heißen Sonne nehmen.« »Sie setzten sie doch auf den Tisch, wo die Sonne ebenso heiß schien.« »Ich kann mich auf alle diese Kleinigkeiten wirklich nicht mehr besinnen.« Seine Selbstbeherrschung fing jetzt an, ihn zu verlassen. »Gehen wir dann zu etwas anderm über,« sagte Beck zum drittenmal. – Er zog die kleinen Papierstückchen mit den eingebrannten Löchern aus der Westentasche und reichte sie dem Zeugen hin. »Wissen Sie vielleicht etwas hiervon? « Eine Sekunde lang schwieg Erich; seine Lippen zogen sich krampfhaft zusammen. Dann erfolgte seine Antwort kurz und klar: »Ganz und gar nichts!« »Haben Sie jemals zu Ihrer Unterhaltung Versuche mit dem Brennglas gemacht?« Beck stieß diese anscheinend so einfache Frage plötzlich heraus wie einen Pistolenschuß. »Nein, das geht zu weit!« fiel hier Waggles ein; »für solche Possen ist der Gerichtshof nicht da.« »Mir scheint, die Frage gehört nicht zur Sache, Herr Beck,« bemerkte der Richter mit leisem Tadel. »Bitte, sehen Sie den Zeugen an,« gab Beck finster zur Antwort; »er hält die Frage offenbar nicht für überflüssig.« Aller Augen wandten sich nach Erich hin. Sein Gesicht war aschfahl; sein Mund stand offen; Furcht und Grauen sprach aus seinen Blicken. »Haben Sie je zu Ihrer Unterhaltung Versuche mit dem Brennglas gemacht?« wiederholte Beck erbarmungslos. Keine Antwort. »Wissen Sie, daß man solche Wasserflaschen als vorzügliches Brennglas benützen kann?« Noch immer keine Antwort. »Ist Ihnen bekannt, daß man sich schon öfter eines Brennglases bedient hat, um eine Kanone oder ein Gewehr abzufeuern?« Da endlich brach Erich das Schweigen; anscheinend wider Willen kamen ihm die Worte über die Lippen. Seine Stimme hatte einen rauhen, harten, kaum noch menschlichen Klang. Solche Tone hat man wohl in alten Zeiten in der Folterkammer gehört, wenn die Qualen dem Gemarterten unerträglich wurden. »Sie höllischer Bluthund!« schrie er. »Verflucht – Sie haben alles entdeckt. Ja, ich gestehe es – ich bin der Mörder!« Er stürzte ohnmächtig zu Boden. »Und die Sonne haben Sie zu Ihrer Mitschuldigen gemacht!« sagte Beck mit unerschütterlicher Ruhe. Der Hund und der Doktor Beck kam aus dem beliebten Badeort Mount Eagle, wo er die letzten vierzehn Tage höchst nützlich und angenehm verbracht hatte. Er fuhr auf seinem Zweirad den steilen Berg hinunter, an dem das hübsche Dörfchen Ballyduff liegt; da sah er einen Leichenzug, der sich durch die Straßen bewegte, und sein Interesse war sofort rege. Es war nämlich ein sehr sonderbares Begräbnis, denn nur drei Personen beteiligten sich daran, was in Irland selten ist. Auf einem Außenplatz des Leichenwagens saß ein rotwangiger, gutmütiger Herr in mittleren Jahren, angethan mit strahlend weißer Schärpe und einem weißleinenen Band um den Hut. Beck vermutete in ihm sofort den Ortsmedikus, und darin hatte er recht. Ein gewisses Behagen ließ sich ganz deutlich in den Zügen des Mannes erkennen, die scheinbar eine kummervolle Miene zur Schau trugen, wie es die Gelegenheit verlangte. Ein paar Schritt hinter dem Doktor kam der hübscheste junge Mann, den Beck je gesehen hatte, und Beck verstand sich sowohl auf männliche als auf weibliche Schönheit. Er war gut gewachsen, sah gesund und kräftig aus und hatte kraus gelocktes dunkles Haar, dazu blauschwarze irische Augen. Zwar trug er nicht wie der Doktor alle äußeren Zeichen der Trauer an seinem Anzug, aber über seinem schönen Gesicht lag eine Wolke des Kummers und der Unzufriedenheit, die, obwohl sie zu einem Begräbnis gut paßten, dem Jüngling sonst fremd zu sein schienen. Den Schluß des Zuges bildete eine dicke, ältliche Frau die einen schweren blauen Tuchmantel trug und ein wollenes Tuch um den Kopf hatte, trotzdem die Strahlen der Herbstsonne heiß in der Luft zitterten und auf dem trockenen weißen Weg brannten. Während des Gehens ließ sie den Rosenkranz durch die Finger gleiten, aber ihre Augen hingen unverwandt voll Mitgefühl an dem schönen Kopf und den breiten Schultern des jungen Mannes, der vor ihr herging. Beck fuhr vollends den Berg hinunter und langte am Kirchhof an, als der Leichenwagen durchs Thor fuhr. Er lehnte sein Rad an einen Pfosten und blieb geduldig daneben stehen, bis die kurzen Ceremonien, mit denen der Mensch der Erde zurückgegeben wird, vorüber waren. Als die männlichen Leidtragenden wieder herauskamen und sich, ohne ein Wort zu wechseln, nach verschiedenen Richtungen entfernten, sah sich Beck beide ganz genau an. Die Frau sprach noch ein halbes Dutzend Gebete an dem neuen Grabe, dann ging auch sie vorüber an ihm und Beck redete sie an: »Entschuldigen Sie, Madame,« sagte er in seiner offenen, herzlichen Weise, die allen Leuten einen so guten Eindruck machte. »Ich bin fremd in der Stadt. Wären Sie wohl so gut, mir zu sagen, welches hier das beste Gasthaus ist?« »Recht gern; aber das beste ist noch immer schlecht genug,« war ihre höfliche Antwort. »Sehen Sie, da haben wir Boylans Gasthof – das heißt vor drei Wochen hieß es so! jetzt muß man ›Hotel erster Klasse‹ sagen. Jawohl – erster Klasse! Ich möchte wissen, was daran erster Klasse ist außer den Rechnungen! Und dann gibt's noch –« »Ich möchte nur ein recht stilles Haus wissen.« »Bleiben Sie denn eine Weile?« »Vielleicht vierzehn Tage.« »Na, wenn das so ist, da könnte ich Sie am Ende selbst unterbringen. Ich hab' ja noch die zwei Zimmer frei, in denen der dort« – sie zeigte mit dem Daumen nach dem Kirchhof – »an die dreißig Jahre gewohnt hat. Sie sind ganz anständig und sauber, wenn ich's auch selbst sagen muß, und gar nicht sehr teuer.« »Könnte ich sie wohl sehen?« »Freilich; ich geh' jetzt gleich nach Hause.« Beck führte sein Rad, an dessen Lenkstange der Reisesack hing, während eine Angelrute hinter der Lampe festgeklemmt war, langsam die stille Straße hinunter, neben der Frau her, die schneller schwatzen als laufen konnte. »Es sieht jetzt ein bissel unordentlich aus,« fuhr sie fort, »denn der Alte hatte eine so sonderbare Krankheit, nichts Ansteckendes – ne, da dürfen Sie sicher sein – nur wenn der Anfall kam, so ein bissel wild. Aber in einer Stunde soll alles in Ordnung und blitzblank sein. – Das war einmal ein komisches Begräbnis, nicht?« war ihre nächste Bemerkung. Beck nickte. »Ja, ja, und der Mann, der gestorben ist, war auch sonderbar und sein Tod auch. Sie haben wohl in der Fremde nichts von dem alten Michael Feely gehört? So hat er geheißen, und ich kann Sie versichern, ein ganz gemeiner alter Geizhals ist er gewesen. Gott verzeih' mir die Sünde! Von den Toten soll man nichts Böses sagen. Friede seiner Asche!« »Er ist reich gewesen?« »Haben Sie reich gesagt? Na, reich ist da nicht genug. Er hat sich im Geld gewälzt, sag' ich Ihnen. Zuerst war er ein Wucherer und Geldverleiher, dann hat er das ›Gütergrapsen‹ angefangen, wie wir's hierzulande nennen. Er hat die ganze Gegend hier herum aufgekauft, immer ein Gut nach dem andern, wenn einer von den Vornehmen zu Grunde ging. Dann mußten die Pächter, die armen Kerle, immer die doppelte Pacht bezahlen. Zuletzt hat er vier große Häuser gehabt und die Domänen dazu, aber er ist immer bei mir wohnen geblieben, wo's so billig war. Und über einen Heller hat er mehr hin und her geredet, als unsereins um einen Thaler. Wie oft hat er zu mir gesagt: ›Frau Muldoon, heut früh haben die Fischer einen guten Makrelenfang gethan‹ – das beobachtete er immer von seinem Fenster aus. ›Wenn so viele da sind, sollten sie billig sein. Ich möchte wohl eine zum Frühstück haben. Aber geben Sie nicht mehr als fünf Pfennig dafür und suchen Sie die schönste aus. Das letzte Mal haben Sie fünfzehn bezahlt; das war eine rechte Verschwendung, Frau Muldoon.‹ Verschwendung, Verschwendung, Verschwendung, das war immer sein Lieblingswort. Was hilft ihm nun all sein Geld? – Jetzt ist er tot.« Mittlerweile waren sie an Frau Muldoons wohlgepflegtem Häuschen angelangt, das vom Uferrand etwas entfernt stand, die Rückseite der Stadt und die Front dem Meere zugewendet. Es hatte vorn einen kleinen, hinten einen großen Garten; in beiden blühte eine Fülle altmodischer leuchtender und duftender Blumen. Die Möbel in dem hübschen kleinen Wohnzimmer standen allerdings alle kreuz und quer. Ein Stuhl und eine Porzellanvase lagen zerbrochen am Boden. »Nur ein Augenblickchen, dann ist alles wieder hergerichtet,« sagte Frau Muldoon. »Ich habe keine Minute Zeit gehabt die ganze letzte Woche. Das da hat er erst bei seinem letzten Anfall zerbrochen,« sagte sie entschuldigend. »Aber getrunken hat er nicht etwa, nein, das muß ich sagen, er war immer ein nüchterner Mann. Er hätt's auch gar nicht übers Herz gebracht. Bei ihm war's zuletzt das konträre Gegenteil, wenn er irgend etwas zu trinken sah, und wenn's nur unschuldiges kaltes Wasser war, geriet er ganz außer sich. Er hat selbst den kalten Wind, der übers Meer blies, nicht vertragen können; er hatte so 'ne Hundekrankheit – wie sagt man denn?« »Wasserscheu?« »Ja, ja. Sein eigenes kleines Hündchen, Jack, hat ihn vor ungefähr sechs Wochen gebissen. Aber ich bin recht langweilig mit meinem Geschwätz! Sie hätten gewiß lieber ein bissel was zu essen und zu trinken nach Ihrer Fahrt auf dem sonderbaren Schubkarren da.« »Setzen Sie sich doch, Frau Muldoon,« sagte Beck sehr freundlich. »Sie haben mehr Grund, müde zu sein als ich. Ich versichere Sie, Ihre Geschichte interessiert mich sehr.« Und das war die reine Wahrheit; Beck interessierte sich für Klatschgeschichten, als wenn er eine alte Jungfer wäre. Das erwärmte Frau Muldoons Herz sogleich für den fremden gutmütigen Herrn. »Bitte, nur noch ein Augenblickchen,« sagte sie und ging nach der Thür. »Marie!« rief sie in die Küche hinunter. »Mach doch gleich ein Kotelett zurecht und koche eine Tasse Thee.« Dann wandte sie sich fragend zu Beck: »Vielleicht hätten Sie lieber eine Flasche Bier oder einen Schluck Whisky? Ich habe einen ganz guten Tropfen im Haus.« »Nein, ich möchte um Thee bitten, wenn Sie mir Gesellschaft leisten wollen. – Der alte Mann ist also an der Wasserscheu gestorben. Sagten Sie nicht so?« Frau Muldoon knüpfte ihren Mantel los und nahm das Tuch vom Kopf, strich sich mit beiden Händen das Haar glatt und setzte sich im Lehnstuhl zurecht, zu einem guten, langen Schwatz. »Sie können mir glauben, so war's; und der greuliche Köter war noch dazu das einzige Geschöpf, dem der alte Mann was zu liebe that. Er hat ihn eigenhändig gefüttert und Tag und Nacht nicht aus den Augen gelassen. Aber so geht's immer in der Welt, das hab' ich schon zu Frau Mullarkey gesagt. Ich erinnere mich noch gut, wie die ganze Geschichte vor über drei Monaten angefangen hat. Es war Mai, als Doktor Kilkaddy seinen Besuch machte. Er ist nämlich ein naher Verwandter von dem alten Mann, hat aber ein ganz andres Wesen als dieser. Man kann lange suchen, bis man wieder einen so netten, vergnügten Mann findet wie den Doktor, der für arm und reich immer ein gutes Wort hat. Als er sah, daß der Alte das Hündchen auf den Knieen hielt, das nicht einmal einen Maulkorb um hatte, wie's vorgeschrieben ist, da war der Doktor ganz außer sich. Denn er ist ganz besonders geschickt in der Hundekrankheit, der –« »Wasserscheu.« »Danke bestens. Er hat einen jungen Mann, der sie beinahe bekommen hätte, dadurch kuriert, daß er ihn zu Pasteur nach Paris gebracht hat, und nachher soll er noch einen andern kuriert haben, der sich immer Stecknadeln und Nähnadeln in den Leib stechen wollte – die Geschichte weiß ich nicht so genau. Aber das weiß ich, wie der Doktor sah, daß der Alte das Hündchen so streichelte, da hat er beide Hände in die Höhe gehoben, wie der Pfarrer beim Segen, und hat gesagt: ›Aber, mein lieber Vetter, wie können Sie denn so unvorsichtig sein! Der Hund hat ja keinen Maulkorb und Sie bringen Ihr kostbares Leben in Gefahr!‹ »›Aergern Sie mich nicht, Doktor,‹ sagte der Alte so recht bissig. ›Ich möchte es Ihnen heute nicht raten. Jack und ich sind die besten Freunde, und ich leid's nicht, daß jemand etwas gegen ihn hat. Ich glaube, weiß Gott, das Hündchen ist der einzige Freund, den ich habe.‹ »›Aber, lieber Vetter,‹ fing der Doktor ganz entsetzt an, ›Sie wissen doch –‹ »›Aber‹, fiel ihm der Alte ins Wort, ›machen Sie keine Redensarten, Herr Doktor, die sind an mir verschwendet; zum Teufel mit der Verschwendung! Irgend jemand muß ich einmal mein Geld hinterlassen; schlimm genug. Und da ich keinen andern weiß, kriegen Sie's. Zu bedanken brauchen Sie sich nicht dafür – wenigstens bei mir nicht – bedanken Sie sich bei dem Thunichtgut Malachy Kirwan.‹ – Entschuldigen Sie, das hat er gesagt. – ›Der Narr hat nicht geruht, bis er bei der Liga war, und der Teufel soll mich holen, wenn ich auch nur einen Pfennig von meinem ehrlichen, sauer erworbenen Geld einem von den Kerlen hinterlasse, die das Volk aufhetzen und dazu anstiften, ihre Schulden nicht zu bezahlen.‹ »Nun fing der Doktor an, den Malachy zu verteidigen; aber das war ganz so, wie wenn man einer Katze das Fell gegen den Strich streicht. Je mehr er schwatzte, desto wütender wurde der Alte, und die Flüche sprudelten nur so 'raus.« »Dieser Malachy ist –« »Ach, hab' ich das nicht gesagt? Ich bin doch zu dumm. Malachy ist dem Alten sein richtiger Neffe, sein Schwestersohn, Sie können's mir glauben. Und so ein braver Junge war der Malachy und dazu auch noch ein so hübscher Mensch. Er hat jahrelang dem alten Onkel alle seine Geschäfte besorgt, und es war eine ausgemachte Sache, daß er 'mal alles bekommen würde, wenn der Alte mit Tod abging. Die Leute hatten ihn alle gern; er hat ihnen immer das Wort geredet, denn der alte Herr – Gott hab' ihn selig – ging hart mit seinen Mietern um. Wenn der Malachy einen Aufschub oder so was für die armen Leute haben wollte, sagte der Onkel immer, er habe einen Sparren zuviel im Kopf. Aber ganz verbittert und grimmig gegen ihn ist der Alte erst geworden, als er der Liga beitrat.« »Dieser Malachy ist ein junger Mann?« »Ja gewiß, jung und hübsch dazu. Aber Sie brauchen's mir ja nicht aufs Wort zu glauben; Sie haben ihn ja selbst gesehen beim Begräbnis. Er ging zwischen mir und dem Doktor. Ich hab' gehört, daß er sich mit dem Doktor ein bissel gezankt hat, und der war doch so höflich gegen ihn. Aber wir haben ja alle 'mal einen Zorn, und man kann's ihm nicht übel nehmen, daß er ganz aus dem Häuschen geraten ist – so auf einmal keinen Heller zu bekommen; noch dazu wenn er heiraten will. Man kennt ihn kaum wieder. Der Malachy hat ja sonst keinem Menschen begegnen können, ohne ihn anzulachen und ihm ein freundliches Wort zu sagen.« »Sie wollten mir vorhin sagen, wie es zuging, daß der alte Herr die Hundswut bekam.« »Da haben Sie recht; aber ich bin ganz 'raus gekommen; wenn ich von dem Malachy Kirwan red', wird mir's immer warm ums Herz. Hab' ich denn noch nicht gesagt, daß sein eigenes Hündchen Jack ihn gebissen hat? Ich weiß noch genau, wie's war: Als der Doktor am übernächsten Tag wieder kam, spielte der Alte auch mit dem Hund. Diesmal hat der Doktor nichts dagegen gesagt; aber eh' er fortging, rief er den Hund zu sich, und als Jack mit dem Schwanz wedelte und gelaufen kam, hat er ihn gestreichelt. Aber ganz plötzlich kam so ein tolles Gebell aus dem Tier, und es schnappte dem Doktor nach der Hand, dann lief es davon in die äußerste Ecke und heulte immer vor sich hin. »Einstweilen hat das nichts auf sich gehabt, aber einen Monat darauf merkte ich, daß der Hund immer rappeliger im Kopf wurde. An einem sehr heißen Tag war ich gerade im Garten und pflückte junge Erbsen, da hör' ich ein fürchterliches Schreien und Heulen in dem alten Michael seinem Zimmer. Ich renn' hin, so schnell mich die Füße tragen, und wie ich die Thür aufmach', da hab' ich einen schönen Anblick: In einer Ecke seh' ich Jack, das kleine Hündchen, dem der Schaum von der Schnauze tropft, und der alte Mann hat ihn am Kragen gepackt und haut mit einem Pantoffel auf ihn los. Auf den ersten Blick wußt' ich, was passiert war. Der Hund hatte den Alten in die Hand und in die Lippe gebissen; das Blut regnete nur so auf den Bösewicht herunter. »Als ich das sah, lieber Herr, da lief ich gleich in den Vorsaal, steckte den Kopf zum Fenster 'raus und schrie ›Diebe! Mörder!‹ daß man's die ganze Straße 'nunter hörte. »Der erste, der kam, war der Doktor, der ganz in der Nähe wohnt. Er rannte die Straße herunter, so schnell er nur konnte; ich öffnete ihm gleich die Thür, und er stieg zum alten Herrn hinauf, so rasch wie ein Laternenanzünder. »Im nächsten Augenblick war ich ganz starr vor Schrecken: ich hörte nämlich drin im Zimmer einen Schuß. Und was ist's gewesen? Der Doktor hat den Hund mausetot geschossen. Zum Glück hat er gerade einen Revolver in der Tasche gehabt – ich wußte gar nicht, daß er so etwas mit sich 'rumträgt. »Als ich sah, daß der Hund ganz tot war, nahm ich ihn auf die Schaufel und begrub ihn in einer Ecke vom Garten, neben dem großen Stachelbeerstrauch. Aus dem Hinterfenster können Sie ihn sehen. »Doktor Kilkaddy war so betrübt, wie ich noch nie jemand gesehen habe. Der alte Herr wollte nichts draus machen, aber er hat nicht geruht, bis eilends und jagends nach Doktor Molly geschickt wurde, der in der ganzen Gegend für den besten Arzt gilt. ›Ich komme für das Honorar auf, lieber Kollege,‹ hat unser Doktor gesagt, um den alten Geizhals zu beruhigen. »Na, die Doktors werden wohl ihr Bestes gethan haben, aber was helfen alle Doktors der Welt, wenn einer nun 'mal sterben soll?« »Haben sie ihn nach Paris zu Pasteur geschickt?« »Doktor Molly war erst sehr dafür, aber der Alte sagte, er dächte gar nicht dran, sein Geld so zum Fenster 'raus zu werfen. Doktor Kilkaddy hat nichts dafür und nichts dagegen gesagt.« »Und dann?« »Dann ging's ihm eine Weile ganz gut und die Bißwunden heilten ganz schön. Nach längerer Zeit aber fingen die roten Narben an zu jucken und wurden wund. Und dann auf einmal überfiel ihn die Tollwut ganz schrecklich. Es hätt' einen Stein erweichen können, zu sehen, in was für einem Zustand der Mann war. Für gewöhnlich lag er auf seinem Bett und ächzte und stöhnte wie ein krankes Tier, dann stand er manchmal auf und schleppte sich nach dem Fenster; aber wenn er dann das Meer sah und den kühlen Seewind spürte, da war's noch zehnmal ärger. Wie eine Seel' im Fegfeuer hat er geheult und gewütet, daß Gott erbarm'. Doktor Kilkaddy ist doch gewiß ein starker Mann – was mag der schon für schreckliche Sachen erlebt haben! – aber er hat oft dagestanden so kreideweiß wie die Wand da, und die Thränen sind ihm die Backen heruntergelaufen, wenn er gesehen hat, was der alte Mann ausstehen mußte. »Um die Sache kurz zu machen, lieber Herr; vor drei Tagen ist der Alte gestorben und hat sein ganzes Hab' und Gut dem Doktor hinterlassen. Im Testament hat er noch verordnet, daß das Begräbnis still und einfach sein sollte –, na, darin haben ihm die Nachbarn gern den Willen gethan. »Jetzt hör' ich aber die Marie die Treppe heraufkommen, und ich will nur hoffen, daß Ihnen alles schmeckt.« Die freundliche Wirtin lief nun noch geschäftig hin und her und ermahnte Herrn Beck, das Essen nicht kalt werden zu lassen, worauf dieser bereitwillig einging. Das Kotelett war sehr gut gebraten, der Thee stark und heiß, kurz, Beck aß und trank mit großem Vergnügen; er hatte unter allen Umständen einen gesunden Appetit. Frau Muldoon ließ sich nicht lange bitten, ein Täßchen Thee mit ihm zu trinken, und wurde dabei immer mitteilsamer. Sie nahm den größten Anteil an der bitteren Enttäuschung, die Malachy Kirwan und sein Bräutchen Mary Cassidy erfahren hatten. »Sie ist das niedlichste kleine Ding in der ganzen Umgegend,« sagte sie, »und ebenso brav als hübsch; Gottes Segen über sie! – Man weiß gar nicht, was man zu der Geschichte sagen soll!« schloß sie endlich, nachdem sie ohne Unterbrechung eine gute Stunde lang weiter geschwätzt hatte. »Der Doktor ist gewiß ein sehr stattlicher und angenehmer Mann; aber für die jungen Leute ist es doch hart, das muß jeder sagen.« In seinem Zimmer, das aufs offene Meer hinausging, schlief Beck vortrefflich. Als er morgens erwachte, spürte er einen gesunden Salzgeschmack auf der Zunge und atmete mit Vergnügen die frische Seeluft ein. Vor dem Frühstück nahm er ein Schwimmbad und nach dem Frühstück fuhr er auf dem Fahrrad spazieren, während ihm die sonderbare Geschichte vom vergangenen Abend noch im Kopfe herumging. Eine köstliche Frische lag über der Landschaft, und strahlender Sonnenschein erfüllte die klare Herbstluft. Den ganzen Tag fuhr er bergauf, bergab, auf glatten Wegen, wie sie die Radfahrer lieben. Als er abends gemächlich den langen steilen Abhang heruntergesegelt kam, an dem die Stadt liegt, hatte er die Sonne im Rücken, und auf dem weißen Wege lief sein langer Schatten vor ihm her. Als er so ein Stück gefahren war, rannte ihm plötzlich ein Hund über den Weg. Beck drehte die Lenkstange so scharf, daß sie ihm in der Hand blieb. Das Rad flog nun in Zickzacklinien die abschüssige Straße hinunter, so daß Herr Beck beinahe vom Sattel geschleudert worden wäre; aber er setzte sich fest und hemmte das Rad durch Gegentreten, indem er sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Pedale stemmte. Solange es immer geradeaus ging, war er sicher; aber auf halber Höhe machte der Weg eine scharfe Kurve ins Land hinein, während die Felsen auf der andern Seite wohl hundert Fuß tief zum brandenden Meere abfielen. In rasender Schnelligkeit fuhr das Velo geradeaus; die Räder hüpften und sprangen vom Boden, und Beck konnte zwischen den Klippen hindurch schon das Wasser leuchten sehen. Es war ihm ganz klar, daß er nicht im stande sein würde, seinem Rad eine so scharfe Wendung zu geben, da er kein andres Steuer besaß als sein eigenes Gewicht; aber der Versuch mußte gemacht werden, es handelte sich um Leben oder Tod. Jetzt gab er aber auch die letzte Hoffnung auf; denn mitten in die Bahn des heruntersausenden Fahrrads sprang ein Mann, den die Felsen verdeckt hatten. Der Radfahrer schrie ihm zu, aber der Mann blieb stockstill stehen, wo er war, und versperrte ihm den einzigen Rettungsweg. Beck wollte sich aus dem Sattel werfen, wenn sie aneinanderprallten; aber der Mann sprang plötzlich zur Seite, und als das Rad an ihm vorbeiflog, ergriff er das Gestell mit der einen Hand, während die andre Hand den Sattel festhielt; dabei beugte er sich vornüber, um dem Stoß zu begegnen. Mit Anspannung aller Muskeln seiner jugendlich kräftigen Gestalt brachte er dicht am Felsenabhang das Rad zum Stehen. – In einer Sekunde war Beck abgesprungen und wendete sich dankend an seinen Retter. Die Erscheinung des Mannes, der wie ein griechischer Athlet, mit gesenktem Haupt und vorgebeugtem Oberkörper dem Anprall widerstanden hatte, war ihm bekannt vorgekommen. Jetzt erhob dieser seine leuchtenden dunkelblauen Augen, sah ihm offen ins Gesicht und lächelte freundlich, wobei seine weißen Zähne zum Vorschein kamen. Da wußte Beck gleich, daß es Malachy Kirwan war. »Ohne Ihre Hilfe wäre ich hinübergesaust,« das war alles, was Beck sagte; aber er hatte sehr viel Wärme in den kurzen Satz gelegt. »Ja, es fehlte nicht viel,« erwiderte der junge Mann, mit sehr angenehmer Stimme und dem weichen irischen Accent. »Erlauben Sie, ich bin selbst Radfahrer;« dabei paßte er die Lenkstange, welche neben der Bremse hing, in die senkrechte Röhre und hatte in einer Sekunde die verräterische Schraubenmutter mit dem Schlüssel festgezogen. »Besten Dank!« sagte Beck; »aber ich habe keine Lust, gleich wieder aufzusteigen.« So gingen sie denn zusammen den Hügel hinunter, und es dauerte nicht fünf Minuten, da erzählte Malachy Kirwan von seinen Privatangelegenheiten, als wenn der zufällige Begleiter sein Busenfreund wäre. Wenn er wollte, konnte Paul Beck so vertrauenerweckend und teilnehmend sein, daß man ihm die tiefsten Geheimnisse anvertraute. Natürlicherweise hatte Malachy Kirwan keine so hohe Meinung von Doktor Kilkaddy wie die Witwe Muldoon. Seiner Meinung nach hatte Doktor Kilkaddy ihm zuerst zugeredet, der Landliga beizutreten, und dann heimlich seinen Onkel davon benachrichtigt, daß der Neffe sich den Feniern angeschlossen hatte. »Aber, was hilft alles Weinen, wenn die Milch verschüttet ist, oder darüber zu streiten, wer sie vergossen hat! – In acht Tagen gehe ich nach Amerika. Zur Ueberfahrt und zu einem bescheidenen Anfang in der neuen Welt reicht's noch, und mein Schatz will warten.« Nun erging sich der offenherzige junge Mensch in Lobeserhebungen über seine Braut, und Beck hörte ihm mit der schmeichelhaftesten Aufmerksamkeit zu. An Frau Muldoons Hausthüre trennten sie sich wie alte Freunde. Malachy mußte Herrn Beck versprechen, übermorgen mit ihm zu speisen. »Ich bin auch in Amerika gewesen,« sagte er, »und könnte Ihnen ein paar Empfehlungsbriefe mitgeben – wenn Sie wirklich hingehen.« » Wenn ich gehe!« sagte der andre mit trübem Lächeln. »Sie meinen wohl, wann ich gehe?« »Nun, meinetwegen wann; aber mir paßt wenn viel besser. Also um fünf Uhr – nicht wahr?« Beck ging an dem Abend nicht mehr aus. Nach Tisch blieb er am offenen Fenster sitzen, rauchte und starrte aufs weite Meer hinaus bis zum Zubettgehen. Als er am nächsten Morgen zum Frühstück kam, hinkte er ein wenig, was Frau Muldoon sofort bemerkte. »Ich fürchte, ich habe mir den Fuß verrenkt,« sagte Herr Beck, und dann erzählte er ihr von seinem Abenteuer mit dem Fahrrad, was sie mit manchem: Herrje! und Gott sei Dank! anhörte, bis sie am Schlusse ausrief: »Gott segne meinen braven Jungen, daß er das Unding festgehalten hat, ehe es in die See gesprungen ist!« Und Beck sprach in seinem Herzen »Amen!« dazu. »Sie werden doch aber nicht wieder auf der alten Drehspinne ausfahren!« »Nein, liebe Frau, dazu habe ich keine Lust. Ich möchte heute lieber einmal fischen. Herr Kirwan hat mir gesagt, daß es ganz in der Nähe einen netten Forellenbach gibt. Wenn Sie mir einen Spaten leihen wollen, möchte ich sehen, ob im Garten nicht ein paar Regenwürmer als Köder zu finden sind.« »Da will ich doch gleich selbst danach graben; Sie dürfen so etwas nicht thun mit Ihrem bösen Fuß.« Aber Beck bestand darauf, die Würmer selbst zu suchen, und zwar wählte er dazu die stille Gartenecke neben dem großen Stachelbeerbusch, die ihm Frau Muldoon als das Grab des Hundes Jack bezeichnet hatte. Nach ein paar Spatenstichen stieß er auf die Ueberreste des Hundes. Er zog den widerwärtigen, übelriechenden Kadaver aus der Grube und untersuchte ihn höchst eingehend und sorgfältig: ja er benutzte sogar ein starkes Vergrößerungsglas, das er aus der Westentasche zog. Dann warf er den Hundekadaver in das Loch zurück, bedeckte ihn mit Erde und ging ins Haus, wobei er recht bedeutend hinken mußte. »Ich hab's doch gleich gewußt, daß das Graben schlecht für Ihren Fuß wäre,« sagte Frau Muldoon teilnehmend, als er hereinkam. »Ich fürchte, Sie haben recht. Die Verrenkung ist schlimmer als ich dachte.« »An Ihrer Stelle würde ich gleich zum Doktor gehen,« sagte Frau Muldoon; »es könnte doch schlimm werden. Der Mann von meiner Tante hat einen Vetter gehabt, der bloß wegen Vernachlässigung von so was ein steifes Fußgelenk behalten hat. Gehen Sie doch ja zu Doktor Kilkaddy – der versteht's.« »Wohnt er weit von hier?« »Nur ein paar Schritte. Sie können seine Wohnung vom Fenster aus sehen; die grüne Thür mit dem Messingklopfer, neben dem Postgebäude. Sie finden's im Dunkeln.« – »Jawohl, der Herr Doktor ist zu Haus,« sagte man Beck, als er anklopfte und die Thür geöffnet wurde. »Bitte, treten Sie gefälligst ein; der Herr Doktor kommt gleich.« Beck trat ein. Das Zimmer, in dem er sich befand, war halb Laboratorium, halb Sprechzimmer. Ueberall standen Glaskolben und Probiergläschen herum; in einer Ecke befand sich ein Gasofen, und auf dem Tische war das große Mikroskop recht sichtbar ausgestellt. Auf einer Ecke desselben Tisches lag das silberne Lanzettenetui des Arztes. Beck nahm es in die Hand, öffnete es und fing an, mit den Lanzetten zu spielen; er nahm sie aus der Scheide von Schildpatt; in der sie steckten, und untersuchte die Spitzen mit großer Genauigkeit. Dann steckte er die Lanzetten wieder in das Etui zurück, das er in die Westentasche gleiten ließ. Beck mußte wohl sehr zerstreut sein. Gleich darauf trat Doktor Kilkaddy ins Zimmer: eine hohe, stattliche Erscheinung mit blaßblauen Augen und etwas aufgedunsenem Gesicht; trotzdem machte er gewissermaßen den Eindruck eines gutmütigen und freundlichen Menschen. »Was wünschen Sie von mir?« wendete er sich ziemlich steif an Beck. Das Publikum hatte schon bemerkt, daß die Liebenswürdigkeit des Doktors wenigstens um fünfzig Prozent heruntergegangen war, seit man den alten Herrn Feely begraben hatte. Aber gegen Beck konnte niemand unhöflich sein. »Ich möchte Sie um einen ärztlichen Rat bitten, Herr Doktor,« sagte er bescheiden. »Das thut mir leid, Verehrtester, ich habe eigentlich die Praxis ganz aufgegeben, seit –« »Aber meine Krankheit ist eine Spezialität von Ihnen, Herr Doktor. Ich fürchte, daß ich in Gefahr bin, die Wasserscheu zu bekommen, und ich höre, daß Sie besondere Studien auf diesem Gebiete gemacht haben.« Beck hatte den richtigen Ton getroffen; der Doktor zeigte gleich mehr Interesse. Die Vorliebe des Spezialisten für seine Lieblingskrankheit ließ sich nicht unterdrücken. »Setzen Sie sich, mein Herr,« sagte er. »Sie haben recht, dabei ist keine Zeit zu verlieren; aber wir wollen hoffen, daß Sie sich irren.« Trotzdem lag in seiner Stimme mehr Befriedigung als Teilnahme. »Wann sind Sie gebissen worden?« fuhr er fort. »Vor zwei Monaten ungefähr.« »Was haben Sie damals gethan? Ist die Wunde ausgebrannt worden?« »Nein.« »Mit Höllenstein geätzt?« »Nein; ich habe sie nur mit dem Taschentuch verbunden, und in kürzester Zeit war sie geheilt.« »Das ist schlimm,« sagte der Doktor. »Zeigen Sie mir die Narbe.« Beck streifte den Aermel zurück und enthüllte einen sehr muskulösen Arm. An der fleischigen Stelle zwischen Handgelenk und Ellenbogen sah man die weiße Narbe von zwei Reihen starker Zähne. Diese Zähne hatten dem berüchtigten Einbrecher Bulstrode gehört, den Beck allein und eigenhändig gefangen genommen und gefesselt hatte. Aber diese Thatsache behielt er für sich – wahrscheinlich aus Bescheidenheit. Der Doktor untersuchte die Narbe mit einem starken Vergrößerungsglas, aber sie ließ sich ihr Geheimnis nicht entreißen. »War er toll?« fragte der Doktor. »Ja, im höchsten Grad.« Tiefes Stillschweigen. Der Doktor machte ein ernstes Gesicht und Beck wurde unruhig. »Wann haben Sie die Wunde wieder gespürt?« kam die plötzliche Frage. »Vor ein paar Tagen. Bis dahin hatte ich sie ganz vergessen. Es ist doch nicht gefährlich, Herr Doktor?« »Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Die Krankheit entwickelt sich allmählich. Die Stelle hat geschmerzt und gejuckt?« »Jawohl,« erwiderte Beck und warf einen Blick voll naiver Bewunderung auf den Doktor, der das so genau wußte. »Dann ist eine gewisse Empfindungslosigkeit eingetreten, die sich immer mehr verbreitet?« »Jawohl,« kam wieder die zustimmende Antwort. »Können Sie verhindern, daß der ganze Arm steif wird?« »Jedenfalls kann ich es versuchen, obgleich Sie sehr spät zu mir gekommen sind – fast zu spät. Wenn das Unglück geschehen ist, müssen wir ihm entgegenwirken. Sie haben gewiß von Pasteurs Behandlung dieser Fälle gehört – es ist das Einzige, was Erfolg verspricht.« »Dann muß ich also nach Paris reisen?« »Nein, nein, jeder Tag ist kostbar, ein Aufschub könnte verhängnisvoll werden. Ich habe in Paris die Behandlung selbst in Pasteurs Anstalt sorgfältig studiert und bin auch im Besitz der Lymphe. Sie haben in meiner Pflege ebensoviel Aussicht auf Genesung, als wenn Pasteur selbst Sie behandelte – sogar noch mehr, wenn man den Zeitverlust in Betracht zieht.« »Ist keine Gefahr, daß ich zu viel von dem Zeug nehmen könnte?« »Das könnten Sie bei jedem der Gifte fragen, die wir täglich in der Medizin anwenden. Eine zu starke Einspritzung der Lymphe würde selbst bei einem gesunden Organismus unfehlbar die Wasserscheu und einen sicheren Tod herbeiführen. Aber die Größe der Gefahr bürgt gerade am besten für die Vorsicht des Arztes. Ich versichere Sie, in dieser Beziehung können Sie ganz unbesorgt sein.« »Muß ich das Zeug trinken?« Der Doktor lachte gerade heraus – er freute sich über seine höhere Weisheit. »Nein, mein lieber Herr, durchaus nicht; ich mache die Injektion mit einer Pravazschen Spritze.« »Oder mit einer Lanzette?« »Auch mit einer Lanzette, wenn Sie wollen; aber die Methode ist weniger zu empfehlen.« Der Doktor war etwas erstaunt. »Aber manchmal ist sie doch sehr wirksam?« Der Doktor sah Beck mit wachsender Verwunderung an; sein Gesicht war aber völlig ausdruckslos. »Hören Sie, mein Lieber,« sagte der Doktor etwas ärgerlich, »die Art der Behandlung müssen Sie mir überlassen; von Ihnen will ich nur die Symptome wissen. An welchem Tag hat die Narbe zuerst angefangen zu schmerzen?« »Vorgestern, als mir die Witwe Muldoon von dem schrecklichen Tod des alten Herrn Feely erzählte, der vor mir ihre Zimmer bewohnt hat. Er ist ja wohl an Wasserscheu gestorben, nicht wahr?« Eine gewisse Betonung der Worte veranlaßte den Doktor, Beck noch einmal aufmerksam anzusehen. Seine etwas hängende Unterlippe war jetzt fest heraufgezogen und die blaugrauen Augen hatten einen harten Glanz. »Ganz recht, er ist an Wasserscheu gestorben,« sagte der Doktor langsam. »Die Pasteursche Behandlung ist bei ihm nicht versucht worden?« »Mein Kollege, Doktor Molly, wollte es nicht haben. Aber ich verstehe nicht, was das mit Ihrem Fall zu thun hat.« »Warten Sie einen Augenblick, Herr Doktor; dann werden Sie's schon sehen. Gerade deswegen bin ich zu Ihnen gekommen. Wie gesagt, Frau Muldoon hat mir alle Einzelheiten der Krankheitsgeschichte erzählt. Mir sind die Haare dabei zu Berge gestiegen – und ich habe doch gewiß keine schwachen Nerven. Sie wissen wohl, Herr Doktor, wie gesprächig die Frau ist, und was sie für ein gutes Gedächtnis hat. Besonders merkwürdig war, was sie von dem kleinen Hund Jack erzählte. Sie erinnern sich doch an den kleinen Hund?« Der Doktor warf einen scharfen Blick auf Beck, in der Hoffnung, dessen eigentliche Absichten zu ergründen. Sein eigenes Gesicht war ganz gelb geworden; er sah zornig und furchtsam zugleich aus. »Was wollen Sie, mein Herr? Sie halten mich hier zum Narren,« rief er ungeduldig. »Meine Zeit ist kostbar, und ich muß Sie bitten –« »Nur noch ein paar Augenblicke, Herr Doktor.« Kilkaddy sah ihn wieder an und zögerte einen Moment, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte den Arm darauf. »Natürlich erinnern Sie sich des kleinen Hundes Jack,« fuhr Beck in sanftem Ton fort. »Der hat ja die Schuld an dem ganzen Unglück gehabt. Nicht wahr, Herr Doktor, der ist schuld gewesen?« Der Doktor gab keine Antwort, und Beck fuhr fort: »Sie erinnern sich gewiß, wie der Hund eines Tages auf Sie zugelaufen kam, um sich streicheln zu lassen und wie er dann – scheinbar ohne Grund – heulend weglief. Scheinbar ohne Grund – ist das nicht merkwürdig? Frau Muldoon hat sich noch ganz gut daran erinnert.« »Ich muß Sie wirklich bitten –« »Nur Geduld, ich komme jetzt zur Sache, zu der Sache, die mich hergeführt hat, und Sie werden gut daran thun, mich ausreden zu lassen – Sie können mir's glauben. Ich habe mich selbst sehr für den kleinen Hund Jack interessiert. Heute morgen habe ich sogar seinen Leichnam ausgegraben, um ihn zu untersuchen.« Der Doktor hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu; der Mund stand ihm halb offen; er sah aus wie ein gehetztes Wild. »Ich habe ihn sehr sorgfältig untersucht,« fuhr Beck unbeirrt fort, »und dabei fand ich an seinem Fell in der Halsgegend drei kleine Narben, dicht nebeneinander. Ist das ein häufiges Symptom bei der Wasserscheu, Herr Doktor?« Jetzt brach die Wut des Doktors plötzlich los: »Sind Sie betrunken? Oder sind Sie toll?« »Keins von beiden,« erwiderte Beck mit der größten Sanftmut. »Es thut mir leid, wenn ich Sie gelangweilt habe; aber eine Kleinigkeit möchte ich Ihnen doch noch zeigen, ehe ich mich empfehle.« Bei diesen Worten nahm er ein kleines Stück Seidenpapier aus der Westentasche und wickelte es langsam auseinander, während ihm der Doktor gespannt auf die Finger sah. Dann hielt ihm Beck das Papier hin – es lag ein kleiner, scharfer Stahlsplitter darin, der glitzerte wie eine Glasscherbe. »In einem der kleinen Schnitte habe ich dies Splitterchen gefunden, das ich dann wieder blank gemacht habe. Was doch die Wasserscheu für sonderbare Symptome hat! Aber das sonderbarste werde ich Ihnen jetzt noch zeigen.« – Beck sprach langsam und seine Stimme klang drohend. – »Der kleine Stahlsplitter paßt genau an die abgebrochene Spitze von einer Ihrer Lanzetten.« Der Doktor blickte scheu nach der Stelle, wo sein Lanzettenetui gelegen hatte. Beck fing den Blick auf und zeigte auf seine Westentasche. Da glitt des Doktors Hand verstohlen in die halboffene Schublade seines Schreibtischs. »Halt!« rief Beck im selben Augenblick. »Es hilft Ihnen nichts. Ich habe meinen Revolver geladen in der Rocktasche und mein Finger ist am Hahn.« Der Doktor zog seine Hand leer aus der Schublade heraus. »Schließen Sie!« befahl Herr Beck. Es geschah. »Geben Sie mir den Schlüssel!« Er gab ihn. »Mit demselben Revolver haben Sie wohl den kleinen Jack erschossen,« sagte Beck ganz ruhig, während er den Schlüssel in die Tasche steckte. »Es war doch sehr merkwürdig, wie genau Sie vorher wußten, daß Jack erschossen werden mußte. Aber, sehen Sie, ich bin nicht Jack.« »Zum Teufel, wer sind Sie und was wollen Sie? Natürlich Geld; warum frage ich denn erst. Wieviel?« »Mein Name ist Beck – aber Sie haben wohl noch nie von einem gewissen Beck gehört? Von Beruf bin ich Detektiv und ich habe seinerzeit ein paar recht verwickelte Geschichten auseinandergewirrt, aber noch nie etwas so Sonderbares wie in Ihrem Fall. Geld brauche ich nicht – das heißt nicht für mich.« Der Doktor atmete erleichtert auf – der Mann ließ sich bestechen. »Natürlich nicht für Sie selbst,« antwortete er höhnisch, »nur für trauernde Witwen und verlassene Waisen. – Nun wollen wir aber den Unsinn beiseite lassen und zur Sache kommen: Werden Sie schweigen, wenn Sie die Hälfte von dem Vermögen des alten Mannes bekommen?« »Nein, ich brauche sein ganzes Vermögen – jeden roten Heller – und zwar für den rechtmäßigen Eigentümer, Malachy Kirwan. Bleiben Sie sitzen,« sagte er hart, als der Doktor vom Stuhl in die Höhe fuhr; »Sie müssen mir ruhig zuhören, wenn Sie nicht an den Galgen kommen wollen. Ich lasse nicht mit mir spaßen und weiß genau, daß Sie den alten Feely ermordet haben, noch dazu auf viel grausamere Weise, als wenn Sie ihm ein Messer in die Brust gestoßen hätten. Mit wahrhaft teuflischer Erfindungsgabe haben Sie den Plan ausgeheckt« – Beck konnte eine gewisse Anerkennung nicht unterdrücken – »und doch ist die Unthat ganz von selbst ans Tageslicht gekommen. Ich glaube, ich habe genügende Indizienbeweise, um Ihnen den Prozeß zu machen. Sie würden höchst wahrscheinlich genügen, aber gewiß weiß ich es nicht, sonst sollten Sie dem Strick nicht entgehen. Die Geschworenen sind manchmal schwer von Begriff, und der Fall ist verwickelt. Wenn es Ihnen gelänge, durchzuschlüpfen, würden Sie das Geld und die Liegenschaften des alten Mannes behalten. Ich interessiere mich – nicht ohne Grund – für das Wohlergehen des jungen Kirwan. Unterzeichnen Sie eine Schenkungsurkunde, und ich halte reinen Mund.« »Eine Verschenkung des ganzen Vermögens?« »Des ganzen.« »Wenn ich mich nun weigere?« »Dann ruhe ich nicht, bis Sie an den Galgen kommen. Sie können ja selbst beurteilen, ob es mir gelingen wird. So wie so kommen Sie nur mit knapper Not davon, denn es widerstrebt mir sehr, Sie loszulassen. Sie sind eigentlich viel zu gefährlich, um frei herumzulaufen; aber ich denke, die Lust wird Ihnen vergangen sein, das Spiel noch weiter zu treiben – ich werde Sie im Auge behalten.« »Lassen Sie mir bis morgen Zeit zur Ueberlegung.« »Recht gern. Ich weiß schon, wie die Antwort ausfallen wird.« Aber Beck hatte sich geirrt. Am nächsten Morgen wurde ganz Ballyduff in Schrecken versetzt durch die Nachricht, daß Doktor Kilkaddy ganz plötzlich gestorben sei. Die gerichtliche Untersuchung war sofort im Gang. Auf dem Tisch neben seinem Bett fand man eine Pillenschachtel mit der Aufschrift: »Chinin«; es waren noch einige Pillen darin, und man wußte, daß der Doktor öfters Chinin einnahm. Die Analyse bewies aber, daß jede der Pillen eine tödliche Dosis Morphium enthielt. Wie das Morphium in die Chininpulver gekommen war, konnte niemand erraten außer Beck. »Er hat auf die kürzeste Art den Kopf aus der Schlinge gezogen,« murmelte der Geheimpolizist vor sich hin, als die Nachricht zu ihm gelangte. »Und ich bin froh darüber.« – Malachy Kirwan ging doch nicht nach Amerika. Der Doktor hatte kein Testament hinterlassen und das ganze Vermögen fiel dem jungen Manne zu, als dem rechtmäßigen Erben und nächsten Verwandten. Herr Beck verlebte ein paar sehr angenehme Wochen in Ballyduff und ist für nächsten Sommer zu einer Hochzeit eingeladen, die dort stattfinden wird. * Ende.