Th. Berthold Lustige Gymnasialgeschichten Pipin der Kleine Da wird wohl viel gesagt und gesungen von der schönen Jugendzeit. Wir wollen es gelten lassen, daß sie bald einem Frühling mit Blumen, Schmetterlingen und wolkenlosem Himmel, bald einem Morgen mit Sonnenglanz und Nachtigallensang verglichen wird. Aber ein altes Volkslied sagt auch: »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublümelein.« Diese Worte erinnern mich immer an die mancherlei kleinen Leiden und Schmerzen, denen auch die Jugendzeit ausgesetzt ist – die sich wie ein Reif auf ihre schönsten Blüten legen. Namentlich der Knabe weiß von diesen Leiden und Schmerzen zu erzählen, wenn er das Reifenspiel und den Papierdrachen mit der lateinischen und griechischen Grammatik, den Baukasten mit der Algebra und Geometrie, die Bleisoldaten mit den punischen und persischen Kriegen vertauscht hat, kurz, wenn er auf den Bänken des Gymnasiums sitzt und in die klassische Bildung eingeführt wird. Der Weg zu dieser klassischen Bildung ist für manchen mit Dornen bestreut, mit spitzen, stechenden Dornen. Da sitzt z. B. in der zweiten Bank der Untertertia – es ist eine alte, furchtbar zerschnittene und tintenbekleckste Bank, an der schon Generationen von Schülern »geschwitzt« haben – der kleine dicke Gottfried Hellermann; in Latein und Griechisch ist er ganz fix, auch einen guten deutschen Aufsatz schreibt er; aber Mathematik, Mathematik, die ist seine schwache Seite, seine verwundbare Achillesferse! Weder die Kongruenz der Dreiecke noch die Buchstabenrechnung will ihm ihn den Kopf. Wird er an die Tafel gerufen, um eine mathematische Aufgabe zu lösen, so merkt man ihm die Verlegenheit und innere Verwirrung schon am Gesichte an. Er räuspert sich, er dreht die Kreide zwischen den Fingern, er macht ein paar Striche, schreibt ein paar a und b und c, stottert, kann nicht weiter und »brennt kolossal ab«, wie's in der Schulsprache heißt. Mit flammendrotem Kopfe und gesenkten Augen kehrt er in seine alte Bank zurück – und im Taschenbüchlein des strengen und ernsten Mathematiklehrers steht neben dem Namen Gottfried Hellermann eine schlechte Note. Gottfried ist unglücklich darüber, daß ihm die Mathematik nicht in den Kopf will. Tränen, helle Tränen hat er schon über ein Dreieck oder eine Gleichung vergossen. Die Mathematik oder Mathese, wie er grollend sagt, verdirbt ihm mit ihrem »ungenügend« jedesmal die ganze Zensur. Er sieht's voraus, daß er nie durchs Gymnasium kommen wird, daß nie die bunte Mütze des Abiturienten sein Haupt zieren soll. Wenn seine Eltern es nur erlaubten, er ginge nach Afrika, um Strauße zu jagen, oder nach Amerika, um als Trapper durch die Urwälder zu streifen. »Nach Westen, o, nach Westen hin Beflügle dich, mein Kiel!« so seufzt er in seinen melancholischen Stunden nicht selten mit Luise Brachmanns Kolumbus. Da sitzt ferner in der dritten Bank der noble Hans von Schralenburg. Die Mathematik erklärt er für ein Kinderspiel, und er ist wirklich der beste Mathematiker der Klasse. Im Nu hat er bei Kompositionen oder Klassenarbeiten die schwerste Aufgabe gelöst, und stets ist er der erste, der seinen Bogen an den Herrn Professor abgibt. Manche schöne freie Stunde hat er dadurch schon gewonnen. An der Tafel fährt er mit dem Kreidestückchen nur so spielend hin und her, um die kongruenten Dreiecke auseinanderzuwerfen, »daß es klappert«, und seine Zensur zeigt in der Mathematik immer das Prädikat »vorzüglich«. Aber auch Hans hat seine Dornen auf dem Pfade der klassischen Bildung, seinen Reif auf der Jugendblüte. Er steht mit der Rechtschreibung auf dem gespanntesten Fuße! Jeder seiner deutschen Aufsätze wimmelt von Fehlern, so daß der Herr Ordinarius den Kopf schüttelt und von seinem Katheder herunter seufzt: »Hans, Hans, daß dich färbt die rote Tinte!« Oft sind die Fehler recht komisch und erregen das mitleidlose Gelächter der Klasse. So z. B. bei dem Aufsatze: »Rede Hannibals an seine Soldaten vor dem Uebergange über die Alpen.« Hans von Schralenburg ließ seinen Hannibal fortwährend von dem Ruhme sprechen, den sich die Krieger jenseits der Alpen holen könnten, aber hartnäckig hatte der arme Hans »Rum« statt »Ruhm« geschrieben. Bei unserer heutigen Rechtschreibung wäre das nun freilich nicht so schlimm, aber damals war es ein arger »Bock«, der die drolligsten Sätze ergab. »Soldaten, schaut auf den herrlichen Rum, der euch jenseits dieser eisigen Berge winkt! Erwärmt euch an diesem Rum, begeistert euch an diesem Rum, und ihr werdet siegreich Eis und Schnee, Felsenwände und Abgründe überwinden! In der Geschichte unserer Vater ist auf jeder Seite das Wort Rum geschrieben,« u. s. w. Der Herr Ordinarins las diese Sätze vor, die Schule lachte, und Hans, der stolze Hans von Schralenburg stand da in seiner braunen Sammetjoppe, mit bleichem Gesichte, mit zusammengebissenen Lippen und gesenkten Augen, und ein Büschel seiner langen schwarzen Haare hing ihm über die marmorbleiche Stirn. Was für Gedanken mochten durch den Kopf des armen Jungen ziehen? Hans war zu stolz, um später etwas davon zu sagen, aber ich glaube, er hat in jenen Augenblicken, wo er zum Gelächter der Klasse diente, schwer gelitten und sich einen Krieg und Schlachtentod herbeigewünscht, denn er wollte Offizier werden. Was mich, den Erzähler dieser wahrhaftigen Erinnerungen aus der Gymnasialzeit, betrifft, so hatte auch ich in meines Lebens Lenze ein schweres Leid zu tragen. In den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft freilich »konnte ich wohl was«, wie's in der Schulsprache heißt. Da lag's also nicht. Die Ursache meines Leidens steckte vielmehr in meinem Körper: ich war klein, allzu klein für meine vierzehn Jahre: Ein Männchen, das dem Zwerggeschlechte Kaum um drei Zoll entwachsen war – wie's in einem Gedichte unseres Lesebuches hieß, und wegen dieses kleinen Formats hatte ich manches Ungemach in der Klasse zu erdulden. Manchen Seufzer hab' ich ausgestoßen, manche Träne ist mir ins Auge getreten, und tausendmal hab' ich zum lieben Gott gebetet: »Ach, du guter Gott, laß mich doch wachsen! Setz meinem Körper doch nur einige Spannen zu!« Mein Vater war als preußischer Beamter aus Ostpreußen nach der Hauptstadt Westfalens versetzt worden. Auf dem Gymnasium zu Rastenburg hatte es mehr so kleiner Knirpse gegeben, als ich war, denn der ostpreußische Menschenschlag ist im allgemeinen weniger stattlich. Das Volk der Westfalen aber ist, wie schon der alte Kosmograph Münsterus sagt: »gesund und stark von Leib«. Als ich nun, kraft meines guten Zeugnisses, in die Obertertia des Gymnasiums zu Münster aufgenommen wurde, staunte ich über die großen Burschen, die dort auf den Bänken hockten und kaum ihre langen Beine unter den Bücherkästchen unterbringen konnten. Aber diese langen westfälischen Recken staunten ihrerseits auch, als sie mich in ihrer Obertertia gewahrten. »Zu Straßburg auf der Schanz, da ging mein Trauern an!« singt der Schweizerbube; und: »Zu Münster auf der Schul, da ging mein Jammer an!« darf ich wohl singen. Ich hatte mich mit meinem Bücherpacke bescheiden in die letzte Bank der Obertertia gesetzt. Die eintretenden Mitschüler blickten verwundert zu mir herüber, stießen sich mit den Ellenbogen an, flüsterten und lachten untereinander. Endlich trat ein großer und vierschrötiger Schlacks auf mich zu und sagte mit einer tiefen Baßstimme: »Kleiner, du hast dich verlaufen, du gehörst in die Sexta,« »Ich weiß, daß ich hierher gehöre,« antwortete ich; »glücklicherweise hab' ich ein Paar Augen im Kopf, um auf der Tür des Klassenzimmers die Aufschrift ›Obertertia‹ lesen zu können – und ich gehöre laut Bestimmung des Herrn Direktors in die Obertertia.« »Alle Wetter!« sagte der Große, den seine Mitschüler »Büffel« nannten; »hat der Knirps ein Mundwerk! Er scheint sich die homerischen Helden mit ihren selbstbewußten Reden zum Muster genommen zu haben. Aber, Kleiner, wenn du nun einmal in die Obertertia zu gehören glaubst, so rat ich dir, künftig deine Kinderwärterin und die Milchflasche mitzunehmen, denn die lateinischen und griechischen Stunden könnten dir doch arg lang werden.« Die anderen Mitschüler lachten, und ich fühlte die flammende Röte der Scham auf meinen Wangen brennen. »Es ist nicht recht,« stammelte ich, »daß ihr mich wegen meiner Körperverhältnisse, an denen ich keine Schuld trage, verspottet!« »Spricht die kleine Kröte von Verspotten!« witzelte der Große; »und es ist doch nur herzliches Mitgefühl, das wir normale Menschen mit dem Liliputaner haben. Komm, Männchen, setz dich auf dieses dicke Lexikon von Scheller, damit du dich wenigstens etwas ›gehoben‹ in der Mitte der Obertertianer fühlst!« Ich mochte mich sträuben, wie ich wollte, ein altes, dickes, braunledernes und von Mäusen furchtbar zerfressenes Lexikon wurde mir untergeschoben. »Aber nun baumeln die Beinchen in der Luft,« bemerkte mein Peiniger bedauerlich; »Jungens, ist da nicht noch ein Gegenstand, den wir dem Däumling als Schemel unter die Füßchen stellen könnten?« Ein willfähriger Mitschüler mit häßlichen roten Haaren und verschmitzten grünen Augen schleppte einen leeren Holzkasten herbei, und dieser wurde mir mit lautem Gelächter und Hallo unter die Füße geschoben. Ein dritter Mitschüler mit kurzen, flachsweißen Haaren und einer auffallend langen Nase hatte währenddessen von seinem rotbaumwollenen Taschentuche ein Püppchen gedreht, das er mir in den Arm legte, und ein vierter sang: »Heira poppeira, schlags Küchelchen tot!« Bittere Tränen standen mir in den Augen, und ich wünschte, tief in den Kartoffelkeller des Pedellen zu versinken. Da trat plötzlich der Lehrer ein, und: Wie vom Blitz zerstoben War all der Spötter Schwarm. Sie verfügten sich hurtig auf ihre Plätze, und nachdem der Herr Professor seinen Hut an den Pflock gehängt und den Katheder bestiegen hatte, begann der Unterricht. Es war Geschichtsstunde, ich weiß es noch wie heute. Professor Weber sprach in höchst anziehender Weise über das Zeitalter der Karolinger; er erzählte, wie die austrasischen Herzöge, die immer den Fähigsten und Streitbarsten zum Haupt der Familie erklärten, sich durch ihre Kriegstaten das Vertrauen der Nation, durch ihren Eifer um die Verbreitung des Christentums sich die Gunst der Geistlichkeit erworben hätten; er sprach von Karl Martell und seinen Söhnen, die sich nach des Vaters Tod in die Großhofmeisterwürde geteilt u. s. w., und als der Professor eine halbe Stunde vorgetragen hatte, putzte er seine Brille mit einem gelbseidenen Taschentuche und rief einen der Schüler auf, den Vortrag zu wiederholen. Der Aufgerufene war kein anderer als »Büffel«, jener große vierschrötige Schlacks, der mich vor Beginn der Stunde so bitter verhöhnt hatte. Aber wenn er auch »gesund und stark von Leib« war (wie der alte Münsterus sagt), so bewies doch sein Vortrag schon nach wenigen Minuten, daß sein ingenium keineswegs für die Wissenschaften geeignet war (ganz im Gegensätze zu den Worten Janssons, der das ingenium der Westfalen als tauglich ad literas, disciplinam, virtutem, doctrinam et alias honestas artes rühmt). »Büffel« sprach in abgebrochenen Sätzen, stotterte, räusperte sich, warf Namen und Geschichten durcheinander und gebärdete sich, als er die Söhne Karl Martells aufführen sollte, als ob ihm die Namen auf der Zunge lägen und nur augenblicklich nicht darüber wollten. Der Herr Professor ließ, ohne mit einem Worte nachzuhelfen, den unglücklichen »Büffel« sich einige Minuten fruchtlos abzappeln, dann sagte er kurz und streng: »Setz dich, Anton Haverkamp, du hast mal wieder nicht acht gegeben!« Und er bohrte dem Niedergeschmetterten eine schlechte Note ins Notizbuch. Dann richtete Professor Weber seine bebrillten Augen auf mich und sagte: »Du Neuer da hinten, willst du mal in dem Vortrage fortfahren?« Ich stand auf und sah, wie ein feines Lächeln über die ernsten Züge des Geschichtslehrers glitt: mein kleines Figürchen mochte ihm komisch erscheinen. Doch ließ ich mich nicht stören, und da ich aufmerksam acht gegeben hatte, auch die Geschichte der Karolinger schon kannte, so trug ich in einer Weise vor, die mir wiederholt ein zustimmendes Kopfnicken des Herrn Professors einbrachte. Als ich, durch dieses stumme Lob angespornt, nun klar und fließend erzählte, daß von den beiden Söhnen Karl Martells, die sich nach des Vaters Tod in die Großhofmeisterwürde geteilt, der älteste, Karlmann, sich in das Kloster Monte Casino zurückgezogen habe, der jüngere, Pipin der Kleine , hingegen von einer nach Soissons entbotenen Reichsversammlung weltlicher und geistlicher Großen als König anerkannt worden sei: da ging, bei Nennung des Namens Pipin der Kleine , ein allgemeines Lachen durch die Klasse und aller Gesichter wandten sich nach mir um. Selbst der Herr Professor suchte vergebens ein Schmunzeln hinter seinem gelbseidenen Taschentuche zu verbergen. In diesem Momente wußte ich, daß ich fortan, für immer, auf dem Gymnasium den Spitznamen »Pipin der Kleine« führen würde. Ich hatte vor Beginn der Stunde schon gehört, daß sich unter meinen Mitschülern ein »Hektor«, ein »Plato«, ein »Bruder Tuck«, ein »Schiller«, ein »Schwarzer Kasper«, ein »Puttke«, ein »Hannibal«, ein »Pomadetopf«, eine »Maus«, ja selbst eine »Tante« befand; jetzt war die Zahl der Spitznamen um einen »Pipin der Kleine« vermehrt! Vorläufig hatte ich die Genugtuung, daß der Herr Professor meinen Vortrag, nachdem ich denselben beendigt, als »sehr gut« bezeichnete, daß er mir eine Primanote ins Notizbuch schrieb, und daß er mich endlich dem »abgebrannten« großen Haverkamp als Muster vorstellte. Das war mir eine süße Genugtuung für die vorhin erlittene Pein. Als die Geschichtsstunde beendigt war, und der Herr Professor das Klassenzimmer verlassen hatte, wurde ich in der Zwischenpause von allen Seiten als »Pipin der Kleine« begrüßt. Es hagelte förmlich von Pipins auf mein armes Haupt. Doch konnte ich merken, daß meine Geschichtskenntnisse meinen Mitschülern imponiert hatten. Sie ließen es bei der Anrede mit dem Spitznamen bewenden und boten mir ferner keine Lexica und Holzkasten zum Unterlegen an. Von dem rechten Pipin heißt es in der Geschichte: »Die unfolgsamen Großen bändigte er durch die Ueberlegenheit seines Geistes und durch die Stärke seines Armes. Die Sachsen in Westfalen wurden zur Entrichtung eines Tributs gezwungen . . .« Ach, wie so ganz anders erging es mir, dem kleinen Namensvetter des Karolingerkönigs! Da war von einem Bändigen, von einer Stärke des Armes, von einem Tribut der Westfalen ( scilicet meiner westfälischen Mitschüler) keine Rede. Im Gegenteil mußte ich mich unterwerfen, den Arm anderer fühlen und Tribut zahlen (wenn derselbe auch nur in den Aepfeln und Nüssen bestand, die man mir aus den Taschen stibitzte). Ja, seit jenem denkwürdigen Morgen, wo mir der Name »Pipin der Kleine« zu teil ward, habe ich mehrere Jahre hindurch viel gelitten – und alles infolge meiner kleinen Statur! Sie war der Reif, der sich auf meine Jugendblüte legte. »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, er fiel auf die zarten Blaublümelein!« Teilnehmenden Jünglingsherzen will ich einige meiner Leiden enthüllen. Vielleicht widmen sie Pipin dem Kleinen eine Träne des Mitleids. Seht, wenn ich mit meinen Mitschülern an schulfreien Nachmittagen einen Ausflug ins Freie machte, um Pflanzen zu sammeln oder Schmetterlinge zu fangen, so konnte ich mit den langen Beinen meiner Genossen nicht Schritt halten und trödelte immer allein hinterher. Das war langweilig, aber auch – gefährlich. Denn wenn unsere Schar an einem Bauernhofe lachend und singend vorüberzog, so wurden dort alle Hunde lebendig. Der schwarze Hofhund wütete wie ein Cerberus an seiner Kette, und der weiße Spitzhund fegte ventre a terre durch den Garten und die Weißdornhecke. Und regelmäßig bekam er mich zu packen, weil ich der letzte war. Mit seinen spitzen weißen Zähnen hatte mich der grimme Köter an der Hose. Ich schrie Zeter und Mordio – und meine Kameraden lachten. Ich schlug mit dem Schmetterlingsnetze dem Köter auf die Schnauze; der aber happte zu und hatte – o Jammer und Graus! – den ganzen Gazebeutel im Maule. Meine Kameraden wollten sich totlachen. Während der Hund sich mit dem Gazebeutel herumschlug, nahm ich Reißaus und kam mit einem Biß in der Wade, einem Riß in der Hose und mit einem leeren Drahtreif am Schmetterlingsnetze bei meinen Freunden (schönen Freunden!) an, die sich die Seiten vor Lachen hielten. »Pipin der Kleine,« hieß es dann, »warum trödelst du auch immer hinterher? Ein Karolinger muß eigentlich immer an der Spitze des Zuges sein! Aber so geht's, wenn man zu kurze Beinchen hat. Armer Kleiner, tut dir dein Beinchen weh? Und was wird Mütterchen zu der zerrissenen Hose sagen? Und mit diesem Schmetterlingsnetze kannst du Luft fangen und weiter nichts!« So neckte man mich den ganzen Weg, daß ich am liebsten wieder umgekehrt wäre. Sahen meine Kameraden auf einer von Hecken umhegten Wiese eine schöne Blume, etwa eine seltene Orchidee, so hieß es: »Pipin der Kleine muß durch die Hecke kriechen und uns die Blume holen!« Ich mochte mich sträuben, wie ich wollte, ich mußte durch die Hecke. Der eine hatte gar schnell ein Loch gefunden, der andere duckte mich zur Erde, der dritte faßte meine Beine, als ob es die Handgriffe eines Schiebkarrens wären, und schob mich nolens volens durch die Hecke. Wie ein Dieb mußte ich das fremde Eigentum betreten und die Blume holen. Freilich war es nur eine wilde Blume, die der liebe Gott für alle hat wachsen lassen; aber ich zertrat dabei doch das Gras, das der Eigentümer durch eine Hecke hatte schirmen wollen. Und was war der Dank von Seiten meiner Kameraden? »Pipin der Kleine,« sagten sie, »du eignest dich famos zu einem kleinen Spitzbuben und Einbrecher! Wie ein Mäuschen kannst du durch alle Löcher kriechen!« Hatten uns die schönen, gelb und schwarz gegitterten Segelfalter und Schwalbenschwänze allzuweit auf eine Blumenwiese gelockt, dann erschien plötzlich mitten in unserem Jubelgeschrei ob gefangener Schmetterlinge der einäugige Flurschütz oder Knüppelschütz, wie wir ihn nannten, der einen kolossalen Eichenknüttel in seiner Rechten schwang, von Graszertrampeln und Malefizbuben schrie und uns den Garaus zu machen drohte. Sauve qui peut! lautete dann unsere Parole. Wie ein Schwarm von Kranichen oder langhalsigen Schwänen (diesen Vergleich gebraucht bekanntlich Vater Homeros) stoben wir durch das Wiesengras dem bergenden Walde zu. Allen voran der große »Büffel« mit seinen langen Beinen, dann kam der schnellfüßige »Hektor«, dann »Achill«, weiter »Bruder Tuck« und »Puttke«, und der letzte war natürlich »Pipin der Kleine«. Meine Angst könnt ihr euch denken, als ich den wütenden Wächter der Wiesen und Saaten hinter mir hörte, als der Zwischenraum zwischen dem Verfolgten und dem Verfolger immer kürzer wurde, als die greulichen Schimpf- und Fluchworte des dem Trunke ergebenen Mannes an mein Ohr klangen, als ich schon den Eichenknüttel durch die Luft sausen hörte. Wäre der wütende Mensch nicht im letzten Augenblicke über eine Baumwurzel gestürzt, wodurch ich einen Vorsprung und den bergenden Wald gewann, mehercule , der Knüttel des Flurschützen hatte Pipin den Kleinen ohne Respekt und Gnade niedergeschlagen. Kehrten wir auf unseren Ausflügen in einem Schulzenhofe ein, um für ein paar zusammengelegte Groschen einige Gläser frischer Milch zu trinken, so war Pipin der Kleine, obschon er zwei Groschen beigesteuert, immer der letzte, der zu trinken bekam. »Die Kleinen müssen bitten, warten und danken lernen,« hieß es schnöde, wenn ich mich vordrängte, und erbarmungslos wurde ich von meinen größeren Kameraden mit den Ellenbogen beiseite geschoben. Nicht selten hatte ich auch das leere Nachsehen und mußte mich, statt mit Milch, mit einem Trunke Brunnenwassers begnügen, das nach dem Moosbewuchs der Brunnensteine ganz abscheulich schmeckte. Noch heute fühle ich das Blut in meine Wangen steigen, wenn ich daran denke, wie die dicke Bäuerin sagte, als sie gewahrte, daß meine Kameraden mir die Milch vor der Nase weggetrunken hatten: »Ihr großen Schlingel, laßt doch dem kleinen Kinde auch ein Tröpfchen zukommen!« Ich ein kleines Kind! Ich, der fünfzehnjährige Untersekundaner, der zu Ostern Numero Eins und überhaupt die beste Zensur der Klasse davongetragen hatte! Es war schmachvoll, sich von einer dicken Bäuerin als »kleines Kind« titulieren lassen zu müssen! Ich verbat mir deshalb ganz energisch diesen Titel bei der Bäuerin. Da stemmte sie beide Hände in die Seiten, sah mich mit dicken runden Augen an und lachte, ja lachte, daß sie zitterte wie ein Gallertpudding. »Nun hör doch mal einer die kleine Kröte!« rief sie ihrer fuchsigen Magd zu, die pflichtschuldigst mitlachte! Ich rannte wütend aus dem Hause und verwünschte alle Bäuerinnen der Welt. Doch wozu die Erinnerungen an die Leidensjahre Pipin des Kleinen noch weiter erneuern? Die Jahre sind, Gott sei Dank, vorüber, und es ist für jeden Menschen gut, gelitten zu haben. Wie sagt doch das Sprüchlein? »Es ist einem Manne ein köstlich Ding, daß er sein Joch trage in der Jugend.« Durch Nacht zum Licht, durch Kampf zum Sieg, per aspera ad astra . Diese alte tröstliche Wahrheit erfüllte sich auch an mir. Wohl hatte ich noch einen schweren Weg zu gehen, ehe mir das Licht tagte, ehe ich den Sieg errang, ehe ich mit meinem Scheitel die Gestirne berührte – den Weg der Krankheit! Ich bekam das kalte Fieber. Acht Wochen lang schüttelte und rüttelte dasselbe meinen Körper grausam durcheinander; aber als ich mich endlich genesen von meinem Lager erhob, da staunten alle, die mich sahen: ich war um mindestens einen Fuß gewachsen! Mit innigem Danke gegen Gott betrachtete ich mein verändertes Bild im Spiegel, und triumphierend betrat ich die Obersekunda, in die ich mittlerweile vorgerückt war. Wohl streckten sich meine Hände und Füße allzuweit aus den zu kurz gewordenen Kleidungsstücken, aber das genierte mich nicht. Ich war nicht mehr der Kleinste der Klasse! O Wonne, o Glück! Der Name »Pipin der Kleine« ging laut einstimmigem Beschluß meiner Mitschüler auf den kleinen Felix Pieper über, und ich wurde feierlich als »Karl der Große« proklamiert.   Schlaflos Man hat mich hierher, nach Tippelskirchen, aufs Land geschickt, damit ich in Stille und Einsamkeit den verlorenen Schlaf wiedergewinne. Schlaflos sein bei vierzehn Jahren – der Arzt schüttelte ungläubig den Kopf, als ich ihm mein Leiden klagte; nachdem ich jedoch dem alten, liebenswürdigen Herrn »die Geschichte« meiner Schlaflosigkeit entwickelt hatte, lachte er so kräftig, daß die weiße Locke auf seinem Scheitel wackelte, und mit einer Stentorstimme, die ich seinen alten Sprachorganen nimmermehr zugetraut hätte, rief er aus: »Ja, davon sollte der Kuckuck nicht schlaflos werden!« Die Geschichte aber, welche ich dem guten Doktor erzählte, lautete folgendermaßen: Ich schlafe, Herr Doktor, mit meinem älteren Bruder, dem Primaner, auf einer Stube. Bruder Karl findet ein außerordentliches Vergnügen an der Naturgeschichte und er hat sich umfassende Sammlungen aus allen drei Reichen, dem Tier-, Pflanzen- und Mineralreiche, angelegt. Unsere Studierstube, die zugleich unsere Schlafstube ist, gleicht einem kleinen Museum. Da stehen in den oberen Fächern eines Bücherschrankes Spiritusgläser mit Schlangen, Eidechsen und Kröten, säuberlich mit Papier verschlossen und etikettiert, als wären es der Mutter Einmachegläser mit Essiggürkchen, Perlzwiebeln und roten Rüben; da prangt auf einem Tischlein am Fenster ein mit allerlei scheußlichen Fischen, Käfern, Larven und Salamandern bevölkertes Aquarium, so groß wie eine mäßige Pferdeschwemme; da steht auf einem Stuhle ein mächtiger, mit schwarzer Gaze umkleideter Raupenkasten, in welchem kahle und langhaarige, kleine und große, dicke und dünne Raupen durcheinander wimmeln und sich an Salat und Brennesseln gütlich tun. An einer Wand hängen drei Glaskasten mit Schmetterlingen – aufgespießten und aufgespannten Schmetterlingen, die sich wenigstens ruhig verhalten. In einer Stubenecke steht ein mit feuchtem Moose zugedecktes Kästchen, in welchem einige Schlangen hausen; der Bruder versichert zwar, es seien ganz harmlose, ungefährliche Blindschleichen, ich hege jedoch die Ueberzeugung, daß es junge Klapperschlangen oder Brillenschlangen oder zum wenigsten Kreuzottern sind. Oben auf dem Kleiderschranke paradiert ein Käfig mit weißen Mäusen, und wie niedlich die Tierchen auch sind, so läßt sich doch nicht bestreiten, daß sie einen höchst empfindlichen Geruch ausströmen. Mit diesem Geruch vermischen sich die Ausdünstungen der mächtigen Herbarien, welche vier Fächer in einem zweiten Bücherschranke einnehmen und lange zum Schlupfwinkel verschiedener Mäusefamilien dienten. Diese Mäusefamilien hatte mein Bruder ebenfalls »eingeführt«, damit sie einem Stacheligel, der auf dem Fußboden, namentlich unter dem Bette, sein Wesen trieb, zur Nahrung dienen sollten. Daß die kleinen Nagetierchen es sich in seinen Herbarien bequem machen würden, hatte Karl allerdings nicht vorausgesehen. Doch ich will mit der Schilderung von meines Bruders Menagerie nicht zu weitläufig werden und nur noch erwähnen, daß eine Schildkröte, zwei Kaninchen, zwei Lachtauben, ein Eichhörnchen und vier Kanarienvögel die Mitbewohner unseres Stübchens waren. Auf diesem Stübchen schlief ich, wie gesagt, mit meinem älteren Bruder, dem Primaner, zusammen. Aber was für ein Schlaf war das, Herr Doktor! Das schöne Liedchen: »Komm, süßer Schlaf, erquicke –!« war offenbar für mich nicht gedichtet. Nein, mein Schlaf war nicht süß, nicht erquickend. Und daran waren die Tiere meines Bruders schuld. Wenn ich mich abends ausgekleidet hatte und müde in den Hafen des Bettes fahren wollte, dann geschah es wohl, daß ich mit dem nackten Fuße plötzlich auf den Stacheligel trat, der, auf der Mausejagd begriffen, unter dem Bettgestell hervorschoß. Natürlich schrie ich bei dem Schmerze, den mir die spitzen Stacheln verursachten, laut auf und flog wie eine Bombe kopfüber ins Bett – mit blutendem Fuße. Ich verwünschte den Igel in den bittersten Ausdrücken, um von meinem Bruder zu vernehmen, daß der Igel ein ganz harmloser Geselle sei, der sich durch Vertilgung von Ratten und Mäusen überaus nützlich mache und deshalb alle Schonung verdiene. »Aber die jungen Küchlein frißt er auf!« warf ich ärgerlich ein. »Die haben wir nun nicht, mein Junge, auf unserer Stube,« entgegnete mein Bruder gelassen. »Ja, das fehlte auch noch!« antwortete ich mit gesteigerter Gereiztheit. »Als ob hier nicht schon genug Getier durcheinander krimmelte und wimmelte und einem den Aufenthalt verleidete!« Ich drückte mich in die Kissen und suchte meinen Aerger zu verschlafen. Aber kaum hatte der Schlafgott die ersten Mohnkörner in meine Augen gestreut, als die verschiedenen Mäusefamilien in den Herbarien lebendig wurden. Das war ein Huschen und Rascheln, ein Kribbeln und Krabbeln, ein Wispern und Knuspern, ein Piepen und Zwitschern, daß mein schon halb erloschenes Gehör wieder in einen wachen, gereizten Zustand geriet und meine schon halbgeschlossenen Augen sich wieder öffneten. »Die verwünschten Mäuse!« knurrte ich und klopfte mit dem Stiefelknecht, den ich vom Fußboden aufraffte, an den Pfosten des Bettes. Eine viertel Minute waren die kleinen Nager ruhig, dann aber legten sie von neuem mit ihrem unruhigen Treiben los. »Sie fressen dir deine getrockneten Alpenrosen und deine seltene Orchis fusca auf!« bemerkte ich dem Bruder, um ihm einen Nadelstich zu versetzen. »Hat nichts zu sagen,« erwiderte der Bruder zwischen Schlaf und Wachen, »die Mäuse sitzen gar nicht in den Herbarien.« »Da will ich nun jede Wette mit dir machen, daß dies doch der Fall ist,« gab ich triumphierend zur Antwort; »denn ich habe es noch heute nachmittag mit meinen eigenen Augen gesehen.« »Ich begreife nicht, wie du so gereizt gegen die niedlichen Tierchen sein kannst,« bemerkte der Bruder, meiner Beteuerung ausweichend. »Das Mäuschen, lehrt die Naturgeschichte, ist harmlos, ja gutmütig, und dort, wo es sich ungefährdet weiß, zutraulich, so daß es in der Nähe der Menschen seine Spiele treibt; ja auf den Klang der Musik, für welche es Neigung hat, aus seinem Schlupfwinkel herbeikommt. Mit großer List und Gewandtheit – –« »Macht es sich über deine getrocknete Campanula latifolia , diese seltene Glockenblume, her!« fiel ich dem Bruder ins Wort. »Komm, laß uns schlafen!« schnitt Karl meine Rede ab und legte sich auf die andere Seite. »Schlafen, schlafen!« entgegnete ich höhnisch, »Wenn man unter diesen Amphibien überhaupt schlafen könnte!« »Die Maus ist ein Säugetier, keine Amphibie,« bemerkte mein Bruder noch mit schwerer Zunge, um schon in den nächsten Augenblicken durch Nase und Kehle jene unromantische Musik zu erzeugen, welche man im gewöhnlichen Leben »Schnarchen« nennt. Die Mäuse rumorten weiter, aber schließlich übermannte mich die Müdigkeit und ich schloß die Augen. Noch hatte ich so viel Besinnung, um das wohltuende Versinken in den Schlummer mit stiller Freude begrüßen zu können, als ich plötzlich jäh zusammenfuhr: etwas Rauhes hatte meine Hand gestreift, die oben auf der Bettdecke lag. »Was mag das nun wieder für ein Vieh gewesen sein?« sagte ich ärgerlich zu mir, indem ich mich im Bette aufrecht setzte. Im nächsten Augenblick hörte ich sowohl auf der Bettdecke als auf den Tapeten der Wandflächen ein seltsames Knistern und Wispern. Jetzt war es hier, jetzt war es dort. Ich lauschte fünf Minuten, zehn Minuten – das Knistern und Wispern nahm nicht ab, sondern zu. Ich konnte es mir nicht versagen, meinen schnarchenden Bruder, der im Traume jetzt vielleicht im zoologischen Garten von Köln herumwandelte, etwas unsanft anzustoßen und ihm zuzurufen: »Da höre! Was ist das nun wieder für ein Spektakel?« Bruder Karl brummte etwas von Rücksichtslosigkeit, richtete sich aber im Bette auf und lauschte. »Das ist mir auch ein ungewohntes Geräusch,« bemerkte er nach einigen Augenblicken. »Warte, ich habe die Streichhölzchen hier auf dem Nachttisch liegen; ich will eins anreiben und leuchten,« Im nächsten Augenblick zuckte,die Flamme auf, und indem mein Bruder die kleine Fackel über die Bettdecke und über die Tapetenwand am Kopfende des Bettes führte, rief er plötzlich aus: »O weh, meine Bärenraupen sind mir sämtlich aus dem Kasten gebrochen! Da muß jemand die Klappe losgelassen haben!« »Ich bitte mir aus,« entgegnete ich gereizt, »daß du mich nicht mit dem ›jemand‹ meinst. Ich wäre fähig, deine garstigen Raupen zu vergiften, aber ich würde ihnen niemals den Weg zur Freiheit öffnen.« »Nun, ich kann auch selbst die Klappe losgelassen haben,« lenkte mein Bruder besänftigend ein. Besänftigend – denn was er nun tat, war wohl geeignet, meinen Verdruß zu steigern, sintemal und alldieweil es mir eine weitere halbe Stunde von meiner Nachtruhe raubte, Bruder Karl stand nämlich auf, zündete eine Kerze an, leuchtete damit auf dem Bette und an den Wänden umher und fing seine flüchtigen Bärenraupen wieder ein. Dabei belehrte er mich, daß die Füße der Raupen, indem sie die Tapete oder den Kattun der Bettdecke berührten, unzweifelhaft das knisternde Geräusch von vorhin erzeugt hätten. Alle Raupen besaßen drei Paare horniger Brustfüße; dann folgten, nach einem Zwischenraume von zwei Leibringeln, die fleischigen Bauchfüße, meist vier Paare; das letzte Leibesglied aber ende in kräftigen, fleischigen Füßen, welche Nachschieber hießen. Hiernach hätten die Raupen niemals mehr als sechzehn Füße, in manchen Fällen aber weniger. Ich muß gestehen, daß ich bei diesen Erörterungen meines Bruders allmählich süßsauer lachen mußte. Das Bild, wie er so im Hemde in der Stube herumhantierte, beleuchtet vom Schein der flackernden Kerze, wie er so auf Stühle und Tische stieg, um die dunkel- und langhaarigen Bärenraupen – vierundzwanzig an der Zahl waren ihm ausgebrochen! – von den Wänden herabzuholen, wie er so seine Rede mit nachdrücklichen Bewegungen des Kopfes begleitete, dies Bild war gar zu komisch! Endlich hatte er seine Herde wieder beisammen; sie wurde von neuem eingesperrt und diesmal wurde die Klappe des Raupenkastens durch eine aufgelegte griechische Grammatik beschwert. Das Buch, an welchem wir Studenten uns die Köpfe zerbrachen, sollte – freilich in etwas anderem Sinne – doch wohl auch schwer genug sein für die Köpfe der Bärenraupen. »Nun möchte ich aber wünschen, daß ich endlich Ruhe hätte!« war der Seufzer, mit dem ich mich von neuem in die Kissen drückte. Der gute Morpheus, der ja bei uns lateinischen Schülern noch immer, gleichwie der Jupiter Pluvius, eine Rolle spielt, mußte wohl den Wunsch des gequälten Untertertianers erhört haben, denn ich sank in einen süßen Schlummer, in welchem ich auf rosigen Wolken wandelte – »hoch über der Tiere Geschlechtern«. Ich hatte einen köstlichen Traum. Eine freundliche Fee kam auf einem Purpurwölkchen herangeschwebt und überreichte mir einen mit bunten Mohnblumen umkränzten Zauberstab, mit welchem ich alles Getier, sowohl das wilde als das zahme, sowohl das kriechende als das fliegende, in tiefen Schlummer versenken könnte. Hocherfreut nahm ich den herrlichen Stab aus den Händen der gütigen Fee entgegen und beschloß, sogleich seine Zauberkraft an der Menagerie meines Bruders (den ich aus meinen lichten Höhen tief auf der Erde in seinem Bette liegen sah) zu erproben. Ich streckte den Stab und meine Hand, die denselben hielt, in wagerechter Linie aus und sprach: »Hocus pocus in arabico « – als ich plötzlich an meinem ausgestreckten Arm ein eisiges Gefühl empfand. Ich fuhr zusammen – und erwachte. Der schöne Traum war verflogen; die Rosenwolken waren verduftet und ich lag in einem höchst irdischen Bette. Geblieben war indes das eisige Gefühl an meinem Arm: es saß unter dem Hemdärmel auf der nackten Haut und machte sich gerade in der Armbeuge höchst fühlbar. Im nächsten Augenblicke wußte ich, wodurch diese Empfindung erzeugt wurde. »Eine Schlange! Eine Schlange!« schrie ich voll Entsetzen und schleuderte das Reptil, indem ich mit meinem Arm eine kräftige Bewegung vom Körper ab aus dem Bette hinaus vollführte, auf die Stubendielen. Klatsch! da lag es. Bruder Karl war von meinem Geschrei erwacht. »Eine Schlange hatte sich um meinen Arm geringelt!« schrie ich noch immer voll Schrecken auf. »Du weckst ja die ganze Nachbarschaft mit deinem Geschrei!« entgegnete mein Bruder ärgerlich. »Eine Klapperschlange – sie hat mich gewiß gebissen!« schrie ich ebenso laut wie vorhin. »Unsinn!« erwiderte mein Bruder mit Nachdruck. »Schon hundertmal habe ich dir gesagt, Theodor, daß es ein paar ganz ungefährliche Blindschleichen sind, welche ich in dem Kasten habe. Die Blindschleiche –« »Ach, komm mir nicht wieder mit deinen naturgeschichtlichen Vorträgen!« erwiderte ich im höchsten Grade gereizt. »Es ist nicht zum Aushalten hier auf der Bude! Keine Stunde hat man Ruhe. Ich werde es den Eltern sagen, damit diese Menagerie auf unserer Schlafstube endlich aufgehoben wird.« »Pfui, schäme dich!« entgegnete Karl nun ebenfalls gereizt. »Du willst doch nicht den Angeber und Hetzer spielen? Du willst ein deutscher Jüngling sein und ein deutscher Mann werden, und machst dich vor ein paar harmlosen Tieren bange? Unsere Vorfahren, die alten Germanen, wohnten in den Wäldern, mitten unter Auerochsen –« »Das fehlte auch noch, daß du dir einen Auerochsen hier auf der Stube hieltest! Freilich, wenn du einen bekommen könntest, so würdest du keine Rücksicht auf mich nehmen.« »Da sprichst du wieder einen Unsinn, der deinen Reden so oftmals eigen ist. Du weißt ganz gut, daß ein Auerochs anderer Lebensbedingungen bedarf, als ich ihm hier auf der Stube gewähren kann. Außerdem solltest du als Untertertianer wissen, daß der Auerochs in Deutschland ausgestorben ist; er wird nur noch in dem Urwalde von Bialowicza in Litauen gehegt,« »Meinethalben in Buxtehude!« knurrte ich und kroch wieder unter die Bettdecke. Die Ereignisse der Nacht hatten indes mein Nervensystem so erregt, daß ich mindestens zwei volle Stunden mit offenen Augen da lag. Doch ich will Sie, mein hochverehrter Herr Doktor, nicht mit der ausführlichen Schilderung all meiner nächtlichen Abenteuer langweilen. Ich will mich darauf beschränken, Ihnen mitzuteilen, daß nächst der Schlange mich das Eichhörnchen in dem kaum gewonnenen Schlummer störte, indem das Tierchen mich in die große Zehe biß, die unten aus der Bettdecke hervorguckte. Auf das Eichhörnchen folgte ein Salamander, der, wie es die Gewohnheit dieser Tiere ist, das Aquarium verlassen und einen Spaziergang in der Stube angetreten hatte, bis ich ihn in meiner Herzgrube auf der nackten Haut verspürte. Als ich auch diesen Schrecken überwunden und kaum wieder etwas Schlaf gewonnen hatte, graute schon der Morgen und die Lachtauben ließen ihr verzweifelt langweiliges »Kumm Fru! Kumm Fru!« ertönen. Bald darauf stimmten die vier Kanarienvögel ihr Liedchen an – so ein Lied, das Stein' erweichen, Menschen rasend machen kann. Sehen Sie, Herr Doktor, das war meine Nachtruhe, mein Schlaf in einer Nacht! Die geschilderten Abenteuer wiederholten sich aber viele, viele Nächte, nur in etwas abgeänderter Reihenfolge, indem das eine Mal das Eichhörnchen, das andere Mal der Salamander, das dritte Mal das Karnickel anfing. Zuletzt habe ich infolge der fortgesetzten Aufregungen die Fähigkeit zu schlafen ganz verloren – ich bin schlaflos geworden!« »Ja, davon sollte der Kuckuck nicht schlaflos werden!« lachte der alte gemütliche Herr. »Ich werde mit deinen Eltern sprechen, mein armer junger Freund, daß sie dich irgendwohin aufs Land schicken, wo du in frischer Luft und vor allem in tiefster Ruhe schon deinen Schlaf wiedergewinnen wirst.« Der gute Herr hat Wort gehalten – und so befinde ich mich seit acht Tagen in Tippelskirchen, einem reizenden Oertchen inmitten eines herrlichen Waldgebirges. Der Förster ist mein Hausherr, die kinderlose Frau Försterin meine Pflegerin. Gott Dank, hier herrscht zur Nachtzeit die tiefste Ruhe und ich fühle den verlorenen Schlaf allmählich wiederkehren. Ich hatte in der letzten Nacht gewaltig geschnarcht, sagte mir heute morgen mein Hausherr beim Frühstück. Der Hauptgewinn Es war in der Zehnuhrpause. Der Quartaner Dorus Hanekamp saß bei seinem Imbiß, den ihm seine Kostwirtin, Frau Trampe, auf den Tisch ihrer Wohnstube gestellt hatte. Seine Bücher für die nächste Unterrichtsstunde, welche halb elf Uhr begann, lagen neben ihm, ebenso seine grüne Mütze mit der Silberborte. Mit der rechten Hand führte Dorus das appetitliche Käsebutterbrot zum Munde, mit der linken hielt er das »Birkenroder Volksblatt«, auf welches Frau Trampe abonniert war. Der goldene Sonnenschein eines schönen Junitages verklärte, durch die Oeffnung der Fenstergardinen fallend, das hübsche Stillleben: »Knabe mit Zeitung und Butterbrot.« Dorus Hanekamp trieb zwar keine Politik; es waren die vermischten Nachrichten, welche ihn anzogen, ebenso die Anzeigen, unter denen das Blatt oft ganz köstliche brachte, wie zum Beispiel: »Wer seine Knochen verkaufen will, kann sie in die Messinggasse Nr. 14 tragen,« oder: »Ein braun und weiß gefleckter Jagdhund abhanden gekommen; wer demselben zugelaufen ist, erhält eine Belohnung.« Wenn Dorus solche Blüten fand, dann hatte er für den ganzen Tag was zu lachen, denn er war fröhlichen Gemütes. Plötzlich blickte Dorus von seiner Lektüre auf und richtete seine goldbraunen Augen mit strahlendem Ausdruck auf seinen ihm gegenübersitzenden Bruder, den Oberprimaner Basilius Hanekamp, welcher beim Kauen des Butterbrotes sich aus Welters Weltgeschichte noch einige Jahreszahlen für die bevorstehende Geschichtsstunde einpaukte. »He Basil,« rief Dorus freudig, »du wirst dich wundern, wenn du erfährst, was ich da eben im Birkenroder Volksblatt entdeckt habe!« »Sprich, wir haben nicht lange Zeit!« erwiderte Bruder Basilius. »Schlagen die Griechen wieder gegen die Türken los, oder hat man einen tollen Hund in Birkenrode gesehen?« »Nichts von beiden,« antwortete Dorus; »keine ollen Jriechen und keine tollen Hunde. Nein, es ist etwas, was mich selbst angeht, und was auch dich erfreuen wird.« »Wie? Bekommen wir vorzeitige Ferien wegen der in Birkenrode grassierenden Masern?« »Wär' wahrhaftig nicht übel, aber das ist's nicht. Nun, ich will dich nicht länger zappeln lassen: Nummer 3737 ist mit einem Hauptgewinn herausgekommen!« »Und was geht uns das an?« fragte Basilius, indem er das letzte Stück seines Käsebrötchens in das Gehege seiner Zähne schob. »Du rühmst dich doch sonst eines so guten Gedächtnisses,« meinte Dorus; »du sagtest noch soeben, du hättest alle Zahlen von Welters Weltgeschichte wie am Schnürchen, und nun hast du vergessen, daß ich ein Los der landwirtschaftlichen Ausstellung genommen habe?« »Na ja, jetzt fällt es mir ein.« »Siehst du, wer damals recht hatte?« sagte der Quartaner triumphierend; »du rietest mir ab, ein Los zu nehmen – ich sollte die Mark nützlicher anwenden, sagtest du. Jede Lotterie, war deine Meinung, gliche einem großen Kessel mit Suppe, worauf einzelne Fettaugen schwämmen; der Lotteriespieler gliche aber einem Menschen mit verbundenen Augen, welcher mittels eines Löffels ein Fettauge aus dem Kessel fischen wolle. Ich ließ mich aber durch deinen Vergleich, so homerisch er klingen mag, nicht abschrecken; ich kaufte getrost ein Los, Nummer 3737 – lauter Glückszahlen – und jetzt bin ich mit einem Hauptgewinn heraus.« »Und worin besteht dieser Hauptgewinn?« fragte der Primaner. »Das kann ich noch nicht sagen,« erwiderte der weise Quartaner, der Anlagen zu einem römischen Augur zu haben schien; »Geld ist es nicht, aber irgend ein großer nützlicher Gegenstand, der auf die Landwirtschaft Bezug hat.« »Betrachtest du dich denn als Landwirt, du, mit deinen zwei Kaninchen und drei Blumentöpfen?« »Das ist nun wieder recht sarkastisch. Aber kann ich den Gegenstand nicht zu Geld machen?« »Es wird Zeit zur Schule,« schnitt der Primaner das Gespräch ab und raffte seine Bücher zusammen. »Es trifft sich gut, heute nachmittag haben wir frei, da hole ich meinen Gewinn,« sagte der Quartaner, indem auch er seine Bücher nahm. Dann gingen die Brüder zur Schule. Um zwölf Uhr mittags wußte die ganze Quarta und die halbe Tertia, daß Dorus Hanekamp einen Hauptgewinn in der »Landwirtschaftlichen« gemacht hätte. Alle nahmen sich vor, sich beim Ausstellungsgebäude, wo die Gewinne verteilt wurden, einzufinden. Als Dorus kurz nach zwei Uhr mittags den Ausstellungsplatz betrat, fand er dort die ganze Quarta, die ganze Tertia, die halbe Sekunda und ein Drittel der Prima nebst vielem Volk versammelt, denn in der Zeit von zwölf bis zwei Uhr hatte die Fama seines kolossalen Glückes sich mit wachsenden Riesenschwingen durch die Stadt geschwungen. Es fehlte der versammelten Menge nicht an Spaß, wenn nämlich einer der glücklichen Gewinner mit einem kuriosen Gegenstande die Halle verließ. Allerlei fröhliche Zurufe und Glückwünsche trafen namentlich einen jungen Kaufmann, der in großkariertem englischen Anzuge einen Schafbock mit gewaltigen Hörnern am Stricke führte. Unser guter Dorus Hanekamp brach sich nur mühsam durch die Menge Bahn. Er mußte seine Arme spreizen wie ein Wegweiser, um sich Platz zu schaffen. Sein Herz klopfte wie ein Schmiedehammer, als er die Halle betrat. Einer der Ausstellungsbeamten, kenntlich an der blauen, goldbortierten Mütze, nahm mit ausgesuchter Höflichkeit sein Los entgegen, verglich es mit der offiziellen Gewinnliste und sagte: »Stimmt! Ich gratuliere. Sie sind ein Glückspilz, junger Herr. Nummer 3737 ist aber auch danach – lauter Glückszahlen! Bitte, folgen Sie mir. Ihr Gewinn wird Ihnen Freude machen.« Dorus folgte seinem Führer, wie Dante dem Geiste des Virgilius. Sein Herz drohte durch seine marineblaue Cheviotweste zu springen; seine Augen waren erwartungsvoll in die Ferne gerichtet. Worin mochte sein Hauptgewinn bestehen? Wie würden ihn die Schulkameraden beneiden, und was würde Bruder Basilius sagen, der merkwürdigerweise zu Hause geblieben war, ohne Zweifel in mißgünstiger Stimmung? Wie würde er verwundert aus dem Fenster gucken, wenn er, Dorus, mit dem Hauptgewinn vor dem Hause der Frau Trampe hielte! Unter solchen Gedanken schritt Dorus durch den langen Ausstellungssaal über die dröhnenden Dielen, immer hinter dem Führer drein. Es waren viele Leute im Saale, welche einen letzten Blick auf die Ausstellung werfen wollten, und mancher stieß seinen Nachbar an: »Du, der Kleine hat gewiß was gewonnen!« Jawohl, dachte Dorus, der Kleine hat was Großes gewonnen; ein blindes Huhn findet auch mal eine Perle, – nein, der Vergleich ist meiner unwürdig. Am nördlichen Ende des Ausstellungsraumes machte der artige Beamte Halt. Er schob einen Vorhang von grünem Fries zurück und sagte: »Bitte, blicken Sie in diesen Verschlag! Hier haben Sie den Gewinn der Nummer 3737.« Dorus streckte seinen Kopf vor wie ein gereizter Gänserich und blickte in den halbdunklen Verschlag. O Himmel, da stand ein großes, vierbeiniges, höckeriges Tier und kaute an einem Mundvoll Stroh, den es der Streu entnommen. »Ein – Kamel!« entrang es sich der keuchenden Brust des Quartaners, im Tone der höchsten Bestürzung und Enttäuschung. »Jawohl, ein Kamel,« entgegnete der Beamte mit der ruhigsten Stimme von der Welt. »Die Ausstellungskommission hat das Tier aus dem Grunde unter die Gewinne aufgenommen, weil der Herr Baron von Flixenstern auf Flixenhausen, der lange in Aegypten gelebt, auf seinen märkischen Gütern Versuche mit Kamelen angestellt hat; die Tiere erwiesen sich beim Pflügen zwar langsamer als Ackerpferde, aber ausdauernder; als die tüchtigsten Gäule nicht mehr konnten, spazierten die Kamele noch immer in der größten Gemütsruhe die Furchen auf und ab. Der Versuch war mithin erfolgreich, und um den minder begüterten Landwirten zu ermöglichen, auch ihrerseits Versuche anzustellen, die voraussichtlich eine Umwälzung des ganzen Landbaus hervorrufen werden, reihte die Lotteriekommission dies von Hagenbeck in Hamburg bezogene Kamel den Gewinnen ein. Sie haben also ein kolossales Glück gehabt, junger Herr! Sie schreiten mit Ihrem Kamel an der Spitze der modernen Landwirtschaft.« Dem armen Dorus fielen seine drei Blumentöpfe ein – die konnte er unmöglich mit seinem Kamel bearbeiten. Während Dorus noch mit klaffendem Munde wie ein Nußknacker dastand, legte ihm der höfliche Beamte einen Strick in die Hand. »Hier haben Sie den Halfter, junger Herr,« sagte er; »wenn Sie jetzt Ihren Gewinn gefälligst abführen wollen.« Dorus stellte sich mit Schaudern das Gelächter seiner Kameraden vor, wenn er mit dem Kamel aus der Halle treten würde. »Kann ich . . . kann ich . . .« stotterte er, »das Tier nicht vorläufig hier lassen? Ich möchte es . . . zu einer geeigneteren Zeit abholen.« »Bedaure sehr,« erwiderte der höfliche Beamte, aber diesmal mit unangenehmer Entschiedenheit, »Die Gewinne müssen bis sechs Uhr abends fort sein. Ich darf meine Instruktion nicht übertreten.« Dorus Hanekamp zögerte noch immer. Da schritt ein andrer Beamter der Ausstellung vorüber, ein großer, schnauzbärtiger, streng ausschauender Mann. Mit seinen grauen stechenden Augen sah er, was hier vorging, und unter seinem roten Schnurrbart her kamen wie Pfeile die Worte geflogen: »Nicht lange stehen und gaffen. Flink, flink, flink! Verstanden, du – Junge mit dem Kamel!« Was blieb dem eingeschüchterten Dorus anders übrig, als den Halfter anzuziehen und sein Kamel abzuführen? Er fühlte, wie ihm das Blut siedendheiß zu Kopfe schoß, vor Scham, – wie Schweißperlen auf seine Stirn traten, vor Angst – vor Angst über den Spott seiner Kameraden. Einen Vorgeschmack bekam er schon, als er die Leute in der Ausstellung lächeln und lachen sah, und als ein kleiner, dicker, roter Herr mit einer ungeheuren Brille auf der Stumpfnase durch eben diese Stumpfnafe näselnd deklamierte: »Es ging ein Mann im Syrerland, Führt' ein Kamel am Halfterband, Das Tier, mit grimmigen Gebärden, Urplötzlich anfing, scheu zu werden.« Letzteres war nun zwar nicht bei dem Ausstellungskamele der Fall, desto scheuer aber wurde unser Quartaner. Als Dorus den entsetzlichen Schritt aus dem großen Portale der Halle tat, empfing ihn ein wahrer Sturm von Gelächter und Zurufen. In dem Gebrause desselben gingen die einzelnen Worte verloren, und das war gut – sie hätten den Knaben vielleicht nur noch mehr gekränkt. Seine Kameraden drängten sich an ihn heran und brüllten, ja brüllten ihn mit so furchtbaren Lauten an, daß Dorus das »Nachtkonzert eines Urwaldes« zu hören glaubte, von dem er einmal irgendwo gelesen. Es wurde ihm schwindelig zu Mute. Das Tier, das Unglückstier aber, von dem Lärm erschreckt, spreizte plötzlich alle vier Beine und weigerte sich, weiter zu gehen, Dorus zog und zog an dem Halfter, aber vergebens, »Setz dich doch drauf!« schrie ein Primaner, und: »Setz dich drauf!« echote ein halbes Hundert Knabenstimmen, Der lange Sekundaner Thomas Krulleboll, der wegen seiner Riesenstärke den Spitznamen »Bär« führte, packte mit seinen mächtigen Tatzen den kleinen Quartaner und hob ihn auf das Kamel hinauf, und der Obertertianer Jakob Guler, wegen seiner grünlichen Augen »Isegrim« benannt, gab ihm den entfallenen Halfter wieder in die Hand, Wie es kam, erfuhr Dorus nie: aber plötzlich rannte das Tier in großen Sätzen davon, die Landstraße hinunter, die ins Innere der Stadt führte. Diese Straße war sehr belebt. Frauen kreischten, als sie den seltsamen Reiter erblickten, Kinder schrieen Zeter und Mordio, Männer sprangen bestürzt auf den Bürgersteig; eine Apfelfrau fiel mit ihrem Stuhle um, mitten in eine Mulde Kirschen; eine Horde von Hunden heftete sich mit mörderischem Gebell an die Fersen des nie gesehenen Tieres. »Das soll nun ein Schiff der Wüste sein!« war der einzige klare Gedanke, der dem Quartaner durch den Kopf ging. Aber der Kopf mußte von diesem großartigen Gedanken wohl einen Ruck bekommen haben, denn die grüne, silberbortierte Quartanermütze flog plötzlich fort, mitten in den Karpfenteich hinein, der sich in den städtischen Anlagen befand. Dorus zog und riß an dem Halfter, um den Lauf des Tieres zu hemmen, bewirkte aber dadurch nur, daß das dumme Geschöpf noch rasender ausriß. Dorus fühlte, daß er herunterpurzeln und wie Antäus die mütterliche Erde küssen würde; deshalb schlang er seine beiden Arme schnell um den Hals seines Renners. Nun aber machte er eine noch drolligere Figur, und neben dem Angstgeschrei, das er den Leuten entlockte, hörte er auch schallendes Gelächter. Und dieses Gelächter klang so empfindlich, daß es selbst einem Kamel zu viel wurde: es schwenkte mit einem entsetzlichen Satze plötzlich in eine Seitenstraße ab – und Dorus flog von seinem hohen Sitze herunter, glücklicherweise mitten in einen Kehrichthaufen, Glücklicherweise sagen wir, denn der Kehricht dämpfte die Gewalt des Sturzes; im übrigen war das Lager gerade kein angenehmes und ehrenvolles. Das flüchtige Kamel wurde von einer Meute von Straßenjungen wieder eingefangen. Dorus erhob sich und humpelte hinter seinem Hauptgewinne her. Die Gassenjungen gaben ihm den Halfter wieder in die Hand, und von einem Kometenschweife Neugieriger geleitet, schritt Dorus seiner Behausung zu. Das Stimmengewirr und Gelächter der Neugierigen lockte Frau Trampe vor die Haustür, reizte den Primaner Basilius Hanekamp, seinen Kopf aus dem Fenster des oberen Stockwerks zu strecken. Waren die beiden in staunender Verwunderung, so befand sich Dorus in peinigender Beklemmung. Da stand er nun vor dem Hause – doch wohin mit seinem Kamel? Das Tier ging ja gar nicht durch die Haustür, und auf dem Hofraum befand sich nur ein – Kaninchenstall! Frau Trampe schien diese beiden natürlichen Hindernisse ganz zu übersehen; denn sie schrie in gellenden Tönen: »Das Tier darf mir nicht ins Haus, nun und nimmermehr! Ich habe keine Lust, mich mit meinen Kindern von einem Ungeheuer auffressen zu lassen!« Was half es Dorus, daß er mit kläglicher Stimme beteuerte, das Tier sei ein Kamel und eines der friedfertigsten Geschöpfe von der Welt? Was half es Basilus, daß er diese Worte mit seiner Primanerweisheit aus dem Fenster heraus bestätigte? Frau Trampe schrie und verbat sich alle Löwen, Hyänen, Tiger und Wölfe in ihrem Hause. Dorus wünschte – doch wir wollen seine verzweifelten Wünsche lieber gar nicht aussprechen; nur den einen können wir unmöglich für uns behalten, er ist zu komisch: Dorus wünschte, drei Klafter tief im Kartoffelkeller des Pedellen zu sitzen! Dazwischen aber gingen ihm unbestimmt die Worte einer Ballade durch das fiebernde Gehirn: »Und will kein Retter erscheinen?« Ja, der Retter erschien in Gestalt des Dienstmanns Tübbeke. »Junger Herr,« sagte er, »wenn Sie mit dem Tiere nicht wohin wissen, so will ich es nach dem Zoologischen Garten von Donnershausen bringen. Was soll ich für das Kamel fordern?« »Nichts, nichts,« rief Dorus, gierig diesen letzten Rettungsanker ergreifend, »ich schenke es dem Zoologischen, ich bin froh, wenn ich es los bin! O, Tübbeke, wollen Sie es hinführen?« »Warum nicht, wenn Sie mir den Weg bezahlen,« erwiderte der Dienstmann mit der unbefangensten Miene von der Welt. »Und . . . und . . . was kostet das?« »Na, wollen's billig machen, unter Freunden: für zehn Mark schaffe ich Ihnen das Kamel vom Halse.« Dorus dachte an die siebenundzwanzig Pfennige, die er in der rechten Westentasche hatte, und er wünschte zum zweitenmal, in den Kartoffelkeller des Pedellen zu versinken. In seiner Angst und Not warf er einen flehenden Blick nach seinem Bruder hinauf. Dieser fühlte ein menschliches Erbarmen, wickelte ein Zehnmarkstück in ein weißes Papier und warf es in die dargehaltene Mütze des Dienstmanns. »Kolonne jüh!« sagte Tübbeke mit guter Laune und zog mit dem Kamel ab. Dorus aber schwankte mehr tot als lebendig ins Haus. Frau Trampe hatte sich in Erinnerung ihrer geharnischten Standrede in die Küche zurückgezogen und ließ sich nicht blicken. Dorus stolperte die Treppe hinauf nach seiner Bude. Was würde Basilius sagen? Aber Basilius machte es gnädig. Lachend trat er seinem Bruder entgegen: »Da siehst du, was dir die Nummer 3737 eingebracht hat! Hast du jetzt noch Lust, in einer Lotterie zu spielen?« »Nein, nie wieder!« stöhnte Dorus. »Du wolltest ja auf meinen wohlgemeinten Rat nicht hören,« sprach Basilius, »jetzt hat dich ein Kamel belehrt!« Ein Altertümchen Ferien! holdes Wort für alle Schüler, mögen sie groß oder klein, fleißig oder faul sein, mögen sie die Bänke der Volksschulen oder der höheren Lehranstalten drücken; den Gymnasiasten und Realschülern klingt es ebenso melodisch wie den Elementarschülern und Abc-Schützen, den hoch gelahrten Professoren und Doktoren nicht minder wie den schlichten Lehrern und Dorfmagistern. Jetzt sind die Tage der goldenen Freiheit gekommen, die Gassen bevölkern sich plötzlich mit zahlreicher Jugend; wessen Eltern es gestatten können, der begibt sich zum Bahnhofe, in die Ferienreise, oder zu Fuß mit dem Ränzel in die schöne Umgebung, Die schönsten Ferien, meinen wir, sind doch die in Westfalen und vielleicht auch sonstwo gebräuchlichen Herbstferien! Gaudete juvenes, vacatio imminet, patriam intrare licebit! In der herbstlichen freien Natur reifen die Früchte, und der Schüler trägt die Früchte seines Fleißes – oder auch seines Unfleißes! – auf der Zensur mit heim. Die Kornfelder sind schon gemäht und man gönnt dem Boden einige Zeit, sich auszuruhen; ausruhen darf auch jetzt der Schüler von seinen Lektionen und Pensis, von mündlichen und schriftlichen Aufgaben, Exercitien, Extemporalien etc. Aus des Himmels blauem Spiegel lacht der unbewölkte Zeus, und wenn auch gerade kein Zephyr über die Stoppeln weht, so doch ein erfrischender Luftzug, der die Wangen bald rötet, wenn er nur rechtzeitig und hinreichend genossen wird. Die lähmende Schwüle der Hundstage ist der belebenden Kühle des Herbstes gewichen, die Glieder fühlen sich wieder leicht und elastisch, und die Beine werden zu wahren Fortschrittsbeinen, die im muntersten Tempo die Welt durchmessen möchten. Wir drei Brüder Lammers, Schüler des Gymnasiums zu Hinterwinkel, durften die Herbstferien auf dem Edelhofe unseres Onkels Adrian im Münsterlande zubringen. »Dort auf den weiten Heiden,« hatte unser lieber Vater zu uns beim Abschied gesagt, »könnt ihr Pflanzen für eure Herbarien sammeln, Schmetterlinge und Käfer für eure Insektensammlungen fangen, seltene Versteinerungen für eure geologische Sammlung suchen, denn die münsterländischen Heiden sind alter Meeresboden.« Von kühnen Hoffnungen geschwellt, von den großartigsten Vorsätzen belebt, hatten wir den Edelhof des Onkels und der Tante betreten. Aber es sollte anders kommen: Pflanzen, Schmetterlinge, Käfer, Versteinerungen, alle verloren sie plötzlich in unsern Augen den Sammelwert – die Dinge lagen ja förmlich zu Dutzenden und Hunderten am Wege! –- als uns der liebenswürdige Onkel seine Sammlung von Altertümern zeigte. In sechs mächtigen Glasschränken, die in einem weiten, lichten Saale ihre Aufstellung gefunden hatten, zeigten sich unsern trunkenen Blicken, denen noch niemals etwas derartiges begegnet war: schwarze Aschekrüge, rostige Spangen, Armbänder, Nadeln und Ketten, feuersteinerne Beile, Speerspitzen, Messer, ferner irdene Vasen, Krüglein, Lampen und Götzenbilder, sodann gebräunte Knochen, Zähne und Schädel, weiter Holzschnitzereien und Elfenbeinsachen, hierauf buntbemalte Glasscheiben und Oelbildchen; ferner alte Schlüssel, Schlösser und Thürbeschläge von Schmiedeeisen, noch weiter Dosen, Schachteln und hundert andre Dinge. Das Haupt- und Glanzstück der Sammlung war aber ein kupfernes Reliquienhäuschen mit Emailleverzierungen; Onkels Stimme nahm ordentlich einen feierlichen Klang an und seine Hände bewegten sich in abgemessenem Tempo, als er das Häuschen uns vorzeigte und erklärte. Das Kunstwerk war aber auch wirklich wunderschön, dabei stammte es aus dem Mittelalter, und es hatte – wie uns die gute Tante hinterher heimlich anvertraute – bare dreitausend Mark gekostet! Uns schwindelte bei dieser Summe, und die paar Mark, die wir als Zehr- und Reisegeld in der Tasche trugen, verloren förmlich ihren Wert, so daß wir beschlossen, sie nur möglichst schnell aufzubrauchen. Ein solches Reliquienhäuschen zu erwerben, das schlossen wir von vornherein in unsern Absichten aus, – aber eine Altertümersammlung, die wollten und mußten wir uns partout anlegen, zumal uns Onkel gesagt hatte, daß mehrere der Urnen, Krüge, Knochen und Waffen aus den Hünengräbern der Heide stammten, welche in der Nachbarschaft des Edelhofes lag. Onkel lächelte über unsern heiligen Eifer, der sofort mit Spaten und Hacke losziehen wollte, und mahnte: »Eile mit Weile!« Vorläufig wolle er uns einen Hünenbackenzahn als Grundstein unsrer geplanten Sammlung schenken. Wer war glücklicher, als die Brüder Karl, Theodor und Ludwig! Stante pede wollten wir das Wunderding von Zahn besitzen, das uns jetzt schon weder für Silber noch für Gold feil gewesen wäre, »Eile mit Weile!« sagte wieder der Onkel und schloß seine sechs Schränke mit Altertümern vorsichtig ab, die Schlüssel überall herausziehend und in die Tiefen seiner Tasche versenkend. Ob er Mausegelüste bei uns vermutete? Nein, lieber Onkel, die lagen uns völlig fern, und nimmermehr hätten wir die Lehre unsrer guten Mutter außer acht gelassen: »Ehrlich währt am längsten« – ein Sprichwort, das der derbere Vater gern in die Worte zu kleiden pflegte: »Erst lügen, dann betrügen, dann stehlen, dann morden, dann an den Galgen.« Nachdem Onkel sich vergewissert, daß seine Schätze wohl verwahrt seien, und nachdem er scherzend geäußert: »Ich wollte, ich könnte so einen feurigen Hund mit riesengroßen Augen, wie er in alten Sagen die Schätze bewacht, in meinen Dienst bekommen!« führte er uns treppauf, treppab über hallende Korridore, wo durch hohe Fenster die milde Herbstsonne schien und Millionen farbiger Stäubchen in den schrägen Strahlen tanzten, in seine Schreibstube. Hier also befand sich der Hünenbackenzahn, dieses Wunder, das wir unser eigen nennen sollten! Unsre Herzen klopften wie junge Lämmerschwänzchen, als Onkel nicht ohne eine absichtliche Feierlichkeit und Langsamkeit die Lade seines Schreibtisches loszog. Einem hinteren Fache entnahm er einen in Papier gewickelten Gegenstand, welchen er hierauf unsrem jüngsten Bruder, dem Sextaner Ludwig, überreichte. Ludwig begann die Papierhüllen – es waren deren mehrere – loszuwickeln, aber da er mit seinen vor Aufregung zitternden kleinen Händen allzu langsam verfuhr, so entriß ihm der Tertianer Theodor, der seine Ungeduld nicht länger zügeln konnte, mit einem Ruck das kostbare Paketchen und begann nun in rascherem Tempo die Hüllen loszuschälen; dabei ließ er jedoch den innern, freilich noch verhüllten Kern unversehens fallen, worauf ich, der Sekundaner Karl, wie ein Habicht auf die Beute stieß und mit fiebernden Händen endlich den Zahn ans Tageslicht brachte. Mit weit geöffneten Augen stierten wir auf den »Hünenbackenzahn«; hierauf stierten wir uns gegenseitig an und endlich stierten wir den Onkel an, der mit einem Lächeln zu kämpfen schien. Dieses Lächeln bestärkte uns in unsrem Verdachte, bis endlich der kleine Ludwig, der Naseweis der Familie, in die Worte ausplatzte: »Das ist ja ein ganz gemeiner Pferdezahn vom Anger! O, Onkel, wir haben lange genug auf dem Anger gespielt, um solche Zähne wohl zu kennen!« Nun platzte der Onkel vor Lachen los, während ich ratlos mit meinem gelben Pferdezahn in der flachen Hand dastand. Da erblickten meine wirr im Zimmer umherschweifenden Augen in einer Ecke ein Mauseloch – und im nächsten Augenblick versenkte ich in seine Tiefen das erst so heiß begehrte, jetzt so schnöde verachtete »Altertum«. – »Na, mein Junge, du weißt dich gut aus der Affaire zu ziehen,« lachte der Onkel, indem er sich die Seiten hielt. Aequam memento rebus in arduis und so weiter, impavidum ferient ruinae ; es war ein Spaß, den ich mir mit euch erlaubte, aber da ihr ihn so gleichmütig aufnehmt, so werde ich mit euch heute Nachmittag zur Belohnung einen Spaziergang nach dem nächsten Städtchen machen.« Das Mittagessen däuchte uns trotz der leckeren Speisen, welche die gute Tante aufgetischt hatte, diesmal ein wenig lang; wir verzichteten sogar – man staune! – auf den Nachtisch, welcher in köstlichen Aepfeln und Birnen bestand. »Aber Jungens,« tadelte die Tante, »so steckt euch doch wenigstens die saftigen Früchte in die Taschen, damit ihr einen Imbiß auf eurer Wanderung habt!« Dies ließen wir uns nicht zweimal sagen und wir stopften und pfropften uns alle Taschen so voll, daß es zuletzt aussah, als hielten wir unter unsern Kleidern am Körper allerlei traurige Auswüchse, Verkrümmungen und Mißbildungen verborgen. Namentlich der kleine Ludwig, der, aufrichtig gestanden, ein Nimmersatt war, machte eine so komische Figur, daß der humoristische Onkel sich vor Lachen krümmte und ein über das andre Mal rief: »Das hält ja keine Dreschmaschine aus! Ich kriege den Tod davon!« Indem wir älteren Brüder dem ganz und gar aus seiner Fasson geratenen Ludwig einige der dicksten Aepfel und Birnen mit Gewalt aus den Taschen rissen, wodurch der Junge sich wieder der Gestalt eines normalen Menschen näherte, beruhigte sich der Onkel, und nachdem er Hut und Stock zur Hand genommen, führte er uns, nach herzlichem Abschied von der Tante, mit dem Rufe: »Auf auf, sprach der Fuchs zum Hasen: Hörst du nicht den Jäger blasen?« ins Freie. Unterwegs suchten wir mit allen Kriegslisten aus dem Onkel herauszulocken, wo wir wohl ein richtiges Altertümchen erwischen könnten, aber Onkel orakelte so geheimnisvoll wie eine Pythia, daß wir aus seinen Antworten nicht klug werden konnten. Unsre Phantasie erging sich in den fabelhaftesten Gebilden, und der kleine Ludwig äußerte zuletzt ganz zuversichtlich, er glaube, daß uns der Onkel noch einmal mit einem Mammutgerippe überraschen werde. Da Onkel zu dieser Aeußerung weder lachte noch sprach, aber nicht abließ, uns mit dem Pferdezahn zu necken, wurden auch wir Jungens etwas unwirsch. »Warte nur, Onkel,« sagten wir, »das sollst du büßen, daß du uns so angeführt hast! Wir werden Rache nehmen, wenn auch nicht blutige Rache, so doch kaffeebraune Rache, nämlich in Strömen von Mokka, womit du uns im ›Goldenen Holzschuh‹ traktieren sollst.« »Zugestanden,zugestanden!« lachte der Onkel; »Ströme von Kaffee sollen fließen, um meine Schuld abzuwaschen! Schinkenscheiben sollen als Pflaster auf eure Wunden gelegt werden! Mit Zuckerklumpen, so dick wie meine Faust, will ich euch die Bitterkeit des Kaffees, des Lebens und der Enttäuschung versüßen! Frische Butter will ich euch als Salbe auf eure Herzenswunde streichen! Verzeih du junges, dummes, gutmütiges Volk einem alten Egoisten von Altertumsforscher, der nichts aus seinen sechs Schränken für euch missen kann! Eher trennt sich ein Geizhals von seinem Golde, als ein Altertumsfreund von seinen Urnen, Vasen, Waffen, Knochen u. s. w.« Die Kaffeeladung im »Goldenen Holzschuh« war sehr reichlich und lustig – aber das sahen wir Jungens im Verlauf der Unterhaltung wohl ein, daß vom Onkel nicht das kleinste Altertümchen für unsre beabsichtigte Sammlung zu bekommen war. Wir beschlossen deshalb, als der Onkel, um die Zeche zu zahlen, hinausgegangen war, fortan auf eigene Faust zu handeln.   Schon am folgenden Tage machten wir Ernst mit unsern Vorsätzen. Wir durchstreiften die weite Heide, welche an des Onkels Besitzung grenzte, kreuz und quer und waren so glücklich, inmitten eines Gestrüpps von Wacholder, Stechpalme und Brombeer ein mit rosenrotem Heidekraut überwuchertes Hünengrab zu entdecken: »Es ist so still, die Heide liegt Im warmen Mittagssonnenstrahle! Ein rosenroter Schimmer stiegt Um ihre alten Gräbermale« – deklamierte ich nach Theodor Storm, worauf Bruder Theodor die Sage erzählte, das Heidekraut sei so rot gefärbt von dem Blute der heidnischen Recken, die erschlagen unter den Hünengräbern lägen; der kleine Ludwig aber wußte seiner poetischen Stimmung keinen besseren Ausdruck zu verleihen, als daß er mit seinem dünnen Stimmchen anfing zu singen: »Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heide!« Nur sang der Junge beharrlich »Rößlein« statt »Röslein« – er war nämlich ein gewaltiger Pferdeliebhaber, Wir träumten von fabelhaften Schätzen, die im Schoße des Hünengrabes verborgen lägen, und unser kleiner Sextaner verstieg sich zuletzt zu Särgen und Thronen von purem Gold, wobei er sich auf ein uraltes Volkslied bezog, das von den berühmten »Slopsteinen« (Schlafsteinen) bei der Stadt Osnabrück bemerkt: »Darunder ligg König Ringholt In eenen goldenen Husholt« – das heißt unter diesen Granitblöcken, den Schlafeswächtern für den toten Helden, liegt der Heidenkönig Ringholt in einem goldenen Haushalt, das ist Sarge. Vorderhand mußten wir unsern Gelüsten nach den goldenen Särgen und Thronen noch Zügel anlegen, da wir weder Schaufel noch Hacke zur Hand hatten. Aber gleich nach dem Mittagessen sollte das große Werk der Ausgrabung vor sich gehen. Während dieses Mittagessens, dem wir hungrig, wie junge Habichte zusprachen, merkten wir es nicht oder wollten es nicht merken, daß Onkel ein wenig spöttisch zu unsrer begeisterten Schilderung des entdeckten Hünengrabes, dessen Lage wir ihm genau beschreiben mußten, lächelte. Er ließ uns denn auch mit Hacke und Schaufel in die Heide ziehen, wo wir alsbald im Schweiße unsres Angesichtes gleich Maulwürfen zu wühlen anfingen. Von der ungewohnten Arbeit bildeten sich alsbald schmerzhafte Wasserblasen an unsern Händen, was uns zu wiederholten Pausen zwang. Während einer solchen war es, daß sich das Gestrüpp von Wacholder und Stechpalme plötzlich teilte und – der Onkel vor uns stand. »Na, Jungens,« fragte er lächelnd, »habt ihr den goldenen Haushalt schon gefunden?« – »Noch nicht, Onkel,« knurrte ich, »aber wir werden ihn schon noch finden!« – »Ich glaube, kaum,« erwiderte kühl der Onkel, »denn dieser Hügel, den ihr für ein altes Hünengrab anseht, ist ein höchst moderner Windmühlenhügel. Es stand hier in meiner Jugendzeit die Mühle des Jodocus Leisetritt; die Mühle ist in einer stürmischen Herbstnacht abgebrannt, und Jodocus Leisetritt »ist gesterbt, weil er hat getrinkt zu ville Branntewein« – wie unser Polizeidiener Oschinski, der aus der Polackei hierher verschlagen war, sich auszudrücken beliebte.« »Ein Windmühlenhügel?« wiederholten wir in dreifachem Echo und sperrten den Mund auf wie Nußknacker. »Ja, ein Windmühlenhügel!« versicherte der Onkel noch einmal, kühl und bestimmt. Dann setzte er mit angenommenem komischen Pathos hinzu: » Amicus mihi Carolus, amicus Theodorus, amicus Ludovicus, sed magis amica veritas !« Dieses klassische Citat beantwortete amicus Ludovicus mit den gerade nicht klassischen Versen: »Ach, liebster Onkel Adrian, Du hast uns viel zu Leids getan, Darum will ich mir rächen – Und dir erstechen!« Damit fuhr der Junge mit der Schaufel, natürlich nur zum Scherz, auf Onkel Adrian los. Dieser parierte den Angriff mit seinem Spazierstock und lamentierte unter Lachen: »Nette Geschichten macht ihr da! Da träumt und fabuliert ihr von alten Hünen so lange, bis ihr die Wildheit dieser Heidenkönige in euern eigenen Adern verspürt, bis ihr friedliche Ackergeräte in feindselige Mordinstrumente verwandelt und einen ehrlichen Mann, dem die Wahrheit über alles geht, meuchlings attackiert! Nette Geschichten fürwahr, ihr Jünger der Wissenschaft, die ihr die Milch der frommen Denkart in euern Adern haben müßtet, statt des gärenden Drachengiftes! Und dieses Drachengift gar gegen euern Blutsverwandten, gegen euern leiblichen Onkel, gegen euern guten Hospes auszuspeien! Eheu, eheu me miserum! Ich verhülle nach antikem Muster mein Antlitz!« Damit zog Onkel das bekannte Gelbseidene (oder einen Bruder desselben) aus der Tasche und verhüllte in so komischer Weise sein Antlitz, daß wir uns die Seiten halten mußten vor Lachen. Um eine Enttäuschung reicher, pilgerten wir drei jungen Altertümler mit unsrem Mentor unter dessen gastliches Dach zurück, wo wir am reichbesetzten Tische der horchenden Tante die Verse aus dem »Peter in der Fremde« wahr machten: »Erstickten ihren Gram mit Essen Und tranken tiefbetrübt dazu,« Der gute Moselwein des Onkels wandelte die »tiefe Betrübnis« gar bald in »rosige Hoffnung« um, zumal der Onkel uns gutmütig also belehrte: »Ihr müßt eure Forschungen mal anders anstellen! In einsame, entlegene Häuschen und Hüttchen müßt ihr gehen und eure Blicke in den Räumen umherschweifen lassen: will es das Glück, so begegnet ihr dort hin und wieder einem Altertümchen, das sich durch die Jahrhunderte in der Familie vererbt hat und von dessen wahrem Werte die Besitzer nicht die blasseste Ahnung haben. So hab' ich zum Beispiel beim Heidebauer Haverman eine wundervolle geschnitzte Truhe mit der Jahreszahl 1525 gegen einen nagelneuen ganz gemeinen Koffer eingetauscht, der nur die eine Bedingung erfüllen mußte, daß er doppelt so groß sei als die Truhe. Als Jans Haverman einen solchen Koffer, schön himmelblau und rabenschwarz angepinselt, von mir erhielt und ich die alte verstaubte Truhe auf meinen Wagen laden ließ, machte der Heidebauer ein höchst pfiffiges Gesicht, welches zu sagen schien: »Dich hab' ich aber nett über den Löffel barbiert!« Dieses Geschichtchen des Onkels war ein Feuerfunke, der in den Zunder unsrer Hoffnungen fiel; der Zunder fing Feuer, brannte endlich lichterloh und beleuchtete die weite Heide mit rosigem Glanze, in welchem Häuser mit alten geschnitzten Truhen, kunstreichen Spinnrädern, gravierten Zinnschüsseln u. s. w. vor unserm geistigen Auge auftauchten. Schon am andern Morgen setzten wir unsre jungen Beine in Bewegung und durchquerten die weite münsterländische Heide, wie Major v. Wißmann (damals noch Leutnant) Afrika, bis wir am jenseitigen Ende unsres einsamen Terrains ein windschiefes Hüttchen, ganz unter knorrigen Kiefern versteckt, entdeckten. Sofort brachen wir in dasselbe ein – Fortes fortuna adjuvat – und forderten uns zum Vorwand etwas Trinkwasser. Der alte Philemon, welcher bis dahin aus einem Tonpfeifchen schmauchend am Torffeuer des gemauerten Herdes gesessen hatte, humpelte, gutmütig »ja« nickend, auf seinen klobigen Holzschuhen zum Ziehbrunnen, ließ den Eimer hinab und zog ihn wieder empor, worauf die alte Baucis, welche bis dahin Kartoffeln geschält, einen Tonkrug von der Wand nahm, denselben in das klare Naß tauchte und uns die Labe kredenzte. Ich setzte den Krug an die Lippen, wobei ich mit den Augen nach der Beschaffenheit des Gefäßes schielte. Wie ein Blitz durchzuckte es mein Inneres: »Ein antiker Tonkrug!« Ich hätte aufjauchzen mögen vor Freude, aber ich beherrschte mich, um die Besitzer des Kleinods nicht zu unverschämten Forderungen zu ermutigen. Nachdem ich einen kühlen Schluck getan, reichte ich mit einem vielsagenden Blicke den Krug meinem Bruder Theodor, welcher gleicher Meinung mit mir zu sein schien, denn er sagte auf Latein so etwas von »etruskischen Vasen«. Diese lateinischen Worte machten den kleinen Ludwig aufmerksam, der immer die Ohren wie ein Mäuschen gespitzt hielt; er studierte unsre Blicke, die an dem Kruge hingen, und platzte dann – sehr undiplomatisch! – mit der Frage auf das Bäuerlein los: »Was wollt Ihr für den Krug haben?« »Wollt ihr ihn denn kaufen?« fragte der Bauer, allerdings nicht auf hochdeutsch, sondern in der plattdeutschen Sprache seiner Heide. »O ja!« erwiderten wir dreistimmig. »Warum denn?« fragte der Bauer mißtrauisch. »Weil – weil – wir Heidelbeeren, ich wollte sagen Preißelbeeren darin bergen wollen,« resolvierte ich mich, wobei ich über meine Lüge schamrot wurde, daß mir die Wangen brannten. Ja, so weit, bis zur Lüge, hatte mich meine Leidenschaft für Altertümer schon getrieben! Aber Mephisto flüsterte mir ins Ohr: »Du kannst ja wirklich auf der Heide ein paar Preißelbeeren hinein tun« – worauf ich den prüfenden Blick aushielt, den der Heidebauer, unter seinen buschigen grauen Brauen her, auf mich richtete. »Ah, so!« sagte der Mann; »ja, ihr könnt den Pott (Topf) haben – zwanzig Pfennige wird er schon wert sein.« Doch dem war kaum das Wort entfahren, als ich meinen rechten Arm schon bis an den Ellenbogen in der Tasche hatte, um die zwanzig Pfennige herauszuholen. Lächerlicher Preis das, für solch ein Altertümchen! Der harmlose Alte ahnte es nicht, welch ein Kleinod er verschleuderte! Um die mahnende Stimme in meinem Innern zu beschwichtigen, reichte ich dem Mann ein blankes Fünfzig-Pfennigstück, wobei ich bemerkte, daß ich nichts heraus haben wolle. Der kleine Ludwig bemächtigte sich sofort des Kruges. Der Heidebauer zog mit den kaltblütig gesprochenen Worten: »Danke auch!« ein ledernes Beutelchen mit Riemenverschluß aus der Hosentasche, wickelte den Riemen etwa zwanzigmal von rechts nach links herum, worauf der Beutel sich auftat, um das Fünfzig-Pfennigstück zu verschlucken; alsdann wurde der Beutel etwa zwanzigmal mit dem Riemen von links nach rechts stranguliert und endlich wieder in die Hosentasche versenkt. Das Geschäft war abgeschlossen, der antike Tonkrug gehörte uns, wir konnten gehen, wohin es uns gefiel. Vorderhand begaben wir uns spornstreichs mit unsrem neugewonnenen Schatze nach dem Gute des Onkels. Was für Augen, dachten wir, wird er machen, wenn der unsre Erwerbung erblickt! Um seine Ueberraschung zu steigern, verhüllten wir den Krug mit einem rotbaumwollenen Taschentuche; in dieser Verfassung wollten wir den Gegenstand, ohne ein erläuterndes Wort zu sprechen, vor den Onkel hinstellen; Onkel würde die Hülle lösen und dann – ja dann gedachten wir uns an der Ueberraschung des Altertümlers zu werden. Er würde uns Geld, viel Geld, fabelhafte Summen für unsern antiken Tonkrug bieten, aber wir waren entschlossen, nicht auf den Handel einzugehen. Ich sagte mit Emphase zu meinen Brüdern, der Tonkrug solle gewissermaßen das Piedestal zu unsrer Sammlung bilden, worauf der kleine Ludwig naseweis bemerkte, daß alsdann unsre Sammlung ja auf tönernen Füßen stände; ein Steinchen könne vom Berge rollen und den ganzen Aufbau zerschmettern. »Naseweiser Junge,« tadelte Theodor, »du siehst Gespenster am hellen Tage!« Wir führten unsern Plan mit dem Onkel durch, aber statt der Ueberraschung erblickten wir auf seinem Antlitz – ein breites, seelenvergnügtes Lächeln. »Was soll mir dieser Pott?« fragte er, mit den Augen blinzelnd. »Dieser Pott?« erwiderte ich langsam, wobei ich mich hoheitsvoll emporreckte. »Ich bitte, lieber Onkel, in dem Gefäße eine antike Vase oder Urne zu respektieren,« »Eine antike Vase oder Urne!« äffte der Onkel meine Stimme nach, um sofort in seinen eigenen lustigen Ton zurückzufallen. »Hahaha! Köstlich! Ich bitte, lieber Freund und Neffe, hier unter dem Fuße des Kruges einmal den Fabrikstempel zu lesen. Was steht da?« »Ochtrup 1880«, las ich verwirrt und beschämt. »Ochtrup ist,« fuhr der Onkel unbarmherzig fort, »ein kleiner Ort im Münsterlande, der sich mit Topfbäckerei befaßt; es wird dort auch eine gewisse Art von Kinderflöten gebacken, die mit Wasser gefüllt werden, einen schluchzenden Ton von sich geben und unter dem Namen ›Ochtruper Nachtigallen‹ bekannt sind. Schade, daß wir nicht eine zur Hand haben – ich würde dann die Ouvertüre zu eurer Tragikomödie spielen.« »Onkel, du bist grausam!« rief ich und schleuderte meinen Ochtruper Krug von 1880 an die Wand, daß er in tausend Scherben zersplitterte. »Ein Knalleffekt!« lachte der Onkel. »Aber pfui, mein Junge,« setzte er ernster hinzu, »wer wird so seinen jähzornigen Regungen folgen? Als Mann mußt du die Wahrheit ertragen können, Amicus mihi Carolus, amicus Theodorus amicus Ludovicus, sed magis amica veritas! Ich gebe zu, den Finger etwas grausam in deine Wunde gelegt zu haben, und ich will meine Schuld damit sühnen, daß ich dir, oder vielmehr euch allen dreien zusammen, einen echten Aschenkrug aus meiner Sammlung schenke. Ihr könnt denselben eigenhändig und eigenäugig aus meiner Sammlung auswählen, dann werdet ihr doch überzeugt sein, daß er echt ist. Ich besitze deren zehn, die alle den Hünengräbern unsrer westfälischen Heiden entstammen,« Wir fielen dem Onkel gerührt um den Hals und ließen uns dann mit einer hübschen schwarzen, gerippten Urne feierlich belehnen. Die Urne war wirklich echt – kein Schelmenstreich des Onkels steckte dahinter; und feierlich, als ob wir die Bundeslade trügen, brachten wir »Nummer Eins« unsrer Sammlung auf unsre Stube, welche uns die Tante für die Dauer unsres Besuches angewiesen hatte.   Gut gibt Mut. Mit einer gehörigen Portion des letzteren durchtränkt, zogen wir am folgenden Morgen auf neue Entdeckungen aus. Eine frohe Ahnung sagte uns, wir würden diesmal glücklich sein. Gegen zehn Uhr gerieten wir in ein kleines Wirtshaus, gelegen am Hauptwege, welcher die Heide durchschnitt; wir wollten daselbst ein Glas Milch trinken und zugleich Umschau nach Altertümern halten. Am Wirtstische trafen wir ein bejahrtes Bäuerlein, das sich einen Schnaps in kleinen Zügen leistete und dabei stillzufrieden aus einem hölzernen Pfeifchen schmauchte. Die Wirtin brachte uns drei Gläser Milch und zog sich, nachdem sie uns die Versicherung gegeben, daß »schön Wetter« sei, wieder in ihre Küche zurück. Wir ließen, nachdem wir getrunken, unsre Aeuglein »rund umme gehn«, wie's im Volkslied heißt, entdeckten aber in der kahlen geweißten Stube nichts, als ein paar kolorierte Lithographien höchst modernen Ursprungs, die Geschichte der heiligen Genovefa mit ihrer Hirschkuh und ihrem Schmerzenreich darstellend. Das Bäuerlein folgte mit seinen Blicken unsern Halsverrenkungen, die über die vier Wände hinglitten, und bemerkte dann freundlich: »Schöne Bilder, nicht wahr?« »O ja!« erwiderte ich ebenso freundlich; »allerdings würden sie mir noch viel besser gefallen, wenn sie alt, recht alt wären.« »So lieben Sie das Alte?« fragte der Bauer. »Sehr!« erwiderte ich mit Nachdruck. »Kurios!« bemerkte der Bauer; »ich für meinen Kopf hätte gern noch junge Zähne, damit ich meinen Pfeifenstummel halten könnte.« Der Mann, sagte ich mir, scheint ein Witzbold zu sein; jedenfalls ist er geweckteren Geistes, als viele seiner Kollegen; mit dem läßt sich vielleicht was machen. »Das verdenke ich Ihnen nicht, Väterchen,« erwiderte ich laut, »junge Zähne beißen besser als alte. Ich wollte auch nicht gesagt haben, daß ich alles Alte liebe, aber zum Beispiel in Bildern, Dosen, Schüsseln, Krügen, bunten Fensterscheiben und so weiter ist mir das Alte lieber als das Neue.« »Hm, hm!« machte der Bauer, als sähe er die Sache so recht nicht ein. »Es ist nun mal so eine Liebhaberei von mir,« entschuldigte ich mich vor dem Manne; »jedes Tierchen hat sein Pläsierchen – und jedes Menschenkind reitet sein Steckenpferd; meines find aber alte Sachen aus früheren Jahrhunderten . . . Sollten Sie nicht so etwas in Ihrem Hause haben?« »Nicht, daß ich wüßte.« »Keine alten bunten Fensterscheiben, wie sie hier zu Lande früher dem Landmann bei seiner Hochzeit oder beim Hausbau von den geladenen Nachbarn verehrt wurden?« »Ja, vor zehn Jahren hatte ich noch so etwas in den Fenstern, mit der Jahreszahl 1680 und zwei Windhunden, die ein Schild in den Vorderpfoten hielten; aber das große Hagelwetter von dazumal hat keine Scheibe in meinem Häuschen heil gelassen.« Der Atem drohte mir vor Spannung stillzustehen: das Haus, das der Bauer bewohnte, war also ein recht altes, wenn die gebrannten Fensterscheiben von Anno 1680 stammten. Wie schade, daß das große Hagelwetter diese Scheiben zerschlagen hatte! Wenn das Haus aber so alt war, so mußten, ja es mußten noch andre Altertümer darin stecken! »Ich hätte Ihnen die Scheiben gern für gutes Geld abgekauft,« sagte ich, um das Bäuerlein kirre zu machen, wobei ich besondern Nachdruck auf »gutes Geld« legte und mit meinen Markstücken in der Tasche klimperte. »Aber das große Hagelwetter ist mir leider zuvorgekommen und hat nichts dafür bezahlt. Besinnt Euch, Väterchen, ob Ihr sonst nicht noch ein Altertümchen im Hause habt!« »Nicht, daß ich wüßte.« »Keine Schüssel? Keinen Krug? Keine Dose?« »Eine Dose?« fragte der Bauer, »Ja, da fällt mir ein, daß meine Kinder im vorigen Jahre so ein Ding mit nach Hause brachten – ein kurioses Ding, .das sie beim Spielen in der Sandgrube gefunden hatten.« »War es da vergraben?« fragte ich, wobei ich die Ohren spitzte. »Es muß wohl so gewesen sein,« bestätigte der Bauer, »denn Anton und Trina sagten ausdrücklich, sie hatten die Dose in der Sandkuhle gefunden.« Was man vergräbt, so kalkulierte ich, ist etwas Wertvolles, ein Schatz, den man vor räuberischen Händen bergen will; folglich ist die aufgefundene Dose wertvoll! »Wie sieht sie denn aus, Eure Dose?« fragte ich, indem ich meine Stimme zu möglichster Ruhe und Gleichgültigkeit zwang. »Sie war von gelbangelaufenem Blech –« Von getriebenem Kupfer! jauchzte es in meinem Innern. »Und dann waren allerlei kuriose große Buchstaben darauf –« Gotische Inschrift! jubelte meine innere Stimme. »Und bunte Bilder, die Tiere mir vorzustellen schienen –« Die Symbole der vier Evangelisten! schoß es mir durch den Kopf. Die Dose ist offenbar ein Reliquienkästchen, wie Onkel eines als Hauptstück seiner Sammlung besitzt. »Die Buchstaben waren schwarz, die Tiere rot, und das Eichenlaub – ja, es stand auch ein Eichenkranz darauf – grün.« Die alte deutsche Eiche, sie lebe! dachte ich. Ja, die Künstler der mittelalterlichen Gotik liebten das schönumrissene Eichenblatt sehr und ahmten es nach in Stein und Metall, zur Verzierung von Säulenknäufen, Gittern u. s. w. »Die Krone obenauf mußte aber wohl von Gold sein,« fuhr der Bauer nachdenklich fort. »Was, eine Krone von Gold!« platzte ich sehr undiplomatisch los. Doch kaum war mir das Wort entfahren, mocht' ich's im Busen gern bewahren. Das Ding ist offenbar ein Reliquienkästchen mit Emailleverzierungen auf getriebenem Kupfer, dachte ich; aber der Bauer darf nicht ahnen, welch ein Kleinod er besitzt, er würde im andern Falle unverschämte Forderungen stellen. In erzwungenem, kühlem Tone bemerkte ich dann: »Ja, so eine Krone hat man oft auf Kasten und Dosen, das ist nichts Rares! Aber, Väterchen, weshalb sagten Sie vorhin immer: die Dose war – die Buchstaben und Bilder waren –? Sie konnten doch sagen: die Dose ist – und die Buchstaben sind, denn ohne Zweifel besitzen Sie noch das (ich wollte schon sagen ›Kleinod‹, verschluckte indes noch rechtzeitig das verräterische Wort und sagte kühl) das im Sandloche gefundene Ding.« »Nun, ich habe das im Sandloche gefundene Ding,« erwiderte der Alte, »seit einigen Monaten nicht mehr in meinem Hause gesehen.« Bei dieser Eröffnung fiel mir der Unterkiefer vor Schrecken bis auf die Krawatte. »Es kann aber sein,« lenkte der Unglücksmann ein, »daß meine Frau das Ding fortgelegt hat. Ja, meine Annemarie ist eine sehr akkurate Frau und sie bringt alles an seinen Platz.« Diese Worte klangen mir wie Musik in den Ohren. Ich segnete Annemarie in meinem Innern. »Hört, Papa,« sagte ich jetzt in entschiedenem Tone, »ich möchte das Ding mal sehen. Wenn Ihr erlaubt, so gehen wir drei Brüder mit nach Euerm Hause, Wie weit ist's bis dahin?« »Na, es wird so eine dicke Stunde sein. Von hier bis zum Dorfe Föhrenhausen ist's eine gute halbe Stunde, und von Föhrenhausen nach meinem Häuschen ist's auch eine gute halbe Stunde, zu welcher der Fuchs noch den Schwanz zugegeben hat.« »Dann stärkt euch,« sagte ich, um den Alten mir günstig zu stimmen, »vorher noch durch ein Schnäpschen; ich bezahl' es.« Der schmunzelnde Bauer ließ sich solches nicht zweimal sagen, und nachdem er getrunken und ich bezahlt hatte, machten wir vier uns auf den Weg. Meine beiden Brüder schienen in derselben Spannung und Hoffnung zu sein, wie ich; ihre Mienen und Flüsterworte verrieten mir solches. Während des Gehens überlegte ich, im Bewußtsein meiner beschränkten Barschaft, wie ich es anzufangen hätte, daß ich das »mittelalterliche Reliquienkästchen mit Emailleverzierung« billig in meine Hände bekäme. Ich müsse, sagte ich mir endlich, auf dem mit der Spendung des Schnapses bestrittenen Wege weiterschreiten; ich müsse den Alten mir günstig stimmen. »Väterchen,« fing ich an, »Sie sprachen vorhin von Ihren Kindern Anton und Trina. Das sind gewiß recht artige, liebe Kinderchen? Haben Sie nur die zwei?« »Jawohl, diese zwei, aber artig und lieb sind sie gerade nicht; sie zerreißen alles, was sie am Leibe haben, so daß man die Sachen kaum herbeischaffen kann, Anton hat wieder keine heilen Holzschuhe, und Trina hat am Sonntag wahrhaftig keine Schürze anzutun.« »O bitte, mein Bester, so erlauben Sie mir, daß ich den Kleinen diese Dinge mitbringe; dieselben werden ohne Zweifel in Föhrenhausen zu haben sein.« »Was? Sie wollen Anton ein Paar Holzschuhe und Trina eine neue Schürze kaufen? Acceptiert! wie der Herr Kaplan sagt. Ich sag' auch Dank. Wie werden sich die Kinder freuen! Aber meiner Frau, fürcht' ich, wird das Herz bluten, wenn sie leer ausgeht. Annemarie ist eben ein wenig sehr empfindlich.« »Nun, dann kaufen wir Ihrer Frau ein weißseidenes Band mit roten Blumen und grünen Blättern für ihre Sonntagsmütze.« »Das wird Kirmes im Hause geben, o jeh! Ach, junger Herr, Sie haben ein gutes Gemüt!« Der biedere Landmann, so kalkulierte ich bei mir, weiß seinen Nutzen wahrzunehmen; kaum winkte den Kindern ein Geschenk, so suchte er ein solches auch für seine Ehehälfte herauszuschlagen. Der bekannte Spruch: »Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr,« scheint auf seinem Siegeslaufe um die Welt auch in das einsame Häuschen deines Bäuerleins gedrungen zu sein. Karl, Karl, du tätest gut, den Handel mit dem Reliquienkästchen noch vor dem Eintritt in das unbescheidene Häuschen abzuschließen! Jetzt ist das Altertümchen vielleicht noch um ein Billiges zu haben; später, wenn dich dein entzückter Blick, deine zitternde Hand verraten, fordert der biedere Landmann wohl so viel Taler, wie er jetzt Mark verlangen wird. Mittlerweile hatten wir das Dörfchen Föhrenhausen erreicht. »Dort in der Wirtschaft ›Zum weißen Hahn‹ ist ein guter Kaffee zu haben,« bemerkte das Bäuerlein; »die Zunge klebt mir altem Mann am Gaumen; und dann wollten Sie ja für Anton und Trina, für meine Frau und die Großmutter etwas einkaufen; das können Sie alles im ›Weißen Hahn‹ erhalten, denn die Leute führen auch einen Laden.« »Für die Großmutter?« konnte ich nicht umhin, fragend einzuwenden, »Ach ja, ich vergaß; für die Großmutter hatten Sie nichts in Aussicht genommen, obgleich dieselbe die Respektsperson im Hause ist und alles nach ihrer Pfeife tanzt. Wenn die das bewußte Altertümchen nicht ablassen will, dann kriegt es nicht mal der Kaiser von Marokko.« »Na, was würde,« fragte ich ziemlich kleinlaut, »denn der alten Dame wohl willkommen sein?« »Ach, Herr, wenn Sie denn so gut sein wollen, so versuchen Sie es mit einem halben Pfund Schnupftabak. Und da es sein könnte, daß Großmutter das Altertümchen als Schnupftabaksdose benutzt, so fügen Sie eine billige Dose von Birkenrinde hinzu!« Das Altertümchen als Schnupftabaksdose entweiht! Häßlicher Gedanke! Ich bewilligte für die alte Großmutter sofort Schnupftabak und eine Birkenrindendose. Wir traten in den »Weißen Hahn,« und da meine Brüder Theodor und Ludwig ebenfalls einer Erquickung bedurften, so bestellte ich für uns alle Kaffee, obgleich es eigentlich Mittagessenszeit war. Letzteres fiel uns drei Brüdern plötzlich schwer auf die Seele. »Was wird die gute Tante sagen, wenn wir heute nicht bei Tisch erscheinen?« Doch an ein Umkehren war jetzt nicht mehr zu denken. Und am Abend, bei unsrer Heimkehr, ja dann machte das Reliquienkästchen mit Emailleverzierungen alles wieder gut; über der Bewunderung des Schatzes würden Tadel und Vorwürfe ob unsres Ausbleibens verstummen. Nachdem ich in dem Ladengeschäfte des »Weißen Hahns« meine Einkäufe für die Familie des guten Landmannes gemacht hatte, wollten wir uns in das Gastzimmer begeben, als ich gewahrte, daß der biedere Landmann selbst einen bunten Pfeifenkopf von Porzellan beliebäugelte und mit seinen schwieligen Händen zärtlich betastete. Ich merkte die Absicht, zumal der Bescheidene sich ganz entzückt über die schönen »Vergißmeinnichtblümchen« äußerte, die in Form eines Straußes auf den Kopf gemalt waren, nebst dem Spruche: Weißt du, was dies Blümchen spricht? Lebewohl! Vergißmeinnicht! »Vergißmeinnichtblümchen,« bemerkte der Alte, »die sind fürs Andenken.« »Und Sie möchten gern so ein Andenken von mir haben ?« fragte ich mit dem Humor der Verzweiflung, »Ach, junger Herr, Sie sind schon gar zu gut; Sie drängen mir ja förmlich Geschenke über Geschenke auf!« Für fünfundsiebzig Pfennig wurde der Vergißmeinnichtkopf (er hatte auch einen »echten« Goldrand, was ihn so teuer machte) das Eigentum des harmlosen Landmannes und stiftete mir in seinem Herzen ein Andenken, Fürwahr, er war »nicht ohne«, dieser schlichte Landmann! Es steckte Spekulationsgeist in ihm, und er hätte eigentlich Krämer sein sollen. Mein Respekt vor seinem Geiste sollte übrigens noch gesteigert werden. Als wir in der Wirtsstube um den runden Tisch herum saßen und auf den Kaffee warteten, bemerkte ich, daß unser Bäuerlein angestrengt nach der Küche hin lauschte. Auf einmal ging ein Verklärungsschimmer über sein Gesicht, worauf er sagte: »Wir werden einen guten Kaffee bekommen; ich hab' gezählt, daß die Mühle wohl hundertmal herumgegangen ist.« Nun wird's Zeit, dachte ich, daß du deinen Handel mit dem Manne abschließest; eine solche Schlauheit wie mit dem Lauschen nach den Umdrehungen der Mühle läßt das Schlimmste befürchten!« »Hört mal, Papa,« begann ich, »wollen wir nicht kurze Sache machen? Ich bin von Natur ein wenig ungeduldig und liebe ein glattes, kurzes Geschäft, Ich habe Euer Altertümchen noch nicht gesehen, weiß also nicht, ob es wertvoll oder wertlos ist; gleichwohl kaufe ich es auf mein Risiko. Seid Ihr mit zwei harten, runden Talern zufrieden?« Der Bauer guckte seinen Vergißmeinnichtkopf an, den er gleich in Brand gesetzt hatte, kratzte sich dann mit der rechten Hand seinen eigenen Kopf und sagte: »Na, weil Ihr, junger Herr, so splendid gegen mich und meine Familie gewesen seid, sollt Ihr das Altertümchen für zwei Taler haben, wenn Ihr noch eine Mark darauf legt,« »Also für sieben Mark?« »Und fünfzig Pfennig für Tabak!« »Nun ist's aber gut! Keinen Pfennig mehr! Sieben Mark fünfzig Pfennig, da sind sie! Das Altertümchen gehört mir!« Das Bäuerlein strich die schönen blanken Münzen schmunzelnd ein und machte sich dann über den Kaffee her, der in diesem Augenblicke in einer mächtigen Zinnkanne aufgetragen wurde. Auch Brot und Butter war dabei. Statt des Mittagessens mußten wir Brüder uns mit diesen Dingen begnügen – alles fürs Altertümchen! Ich war doch froh, daß ich das Emaillekleinod für einen so billigen Preis errungen hatte. Man denke nur: das Reliquienkästchen des Onkels hatte bare dreitausend Mark gekostet! Der Preis der Zeche war für ein Dorfwirtshaus durchaus nicht bescheiden, und ich fühlte meine Kasse bis auf wenige Nickelmünzen erleichtert. Wir packten wieder auf – im eigentlichen Sinne des Wortes, indem wir Brüder abwechselnd das Paket mit den Holzschuhen, der Schürze, dem seidenen Bande, dem Schnupftabak und der Birkenrindendose trugen. Wir wollten uns bis zuletzt dem Besitzer des Altertümchens gefällig erweisen. Heiß brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel hernieder, und die von unsern Tritten aufgewühlten Staubwolken drangen uns wie Schnupftabak in die Nasenlöcher, wie Zahnpulver zwischen die Zähne. Dabei umtanzten uns Schwärme von Mücken und Stechfliegen mit ihrem Gesumm und Gebrumm. Wir wünschten sehnlichst das Ende unsrer Fahrt herbei. Endlich, endlich tauchte zwischen einer Baumgruppe ein grauer Brettergiebel und ein schwarzer Schornstein auf; das sei sein Häuschen, bemerkte der Bauer. Neuer Mut belebte unsre Glieder: noch eine kurze Spanne Zeit, und wir Brüder sollten ein Kleinod des Mittelalters in unsern Händen wiegen! Die Kinder kamen uns schon entgegengelaufen, barfüßig und zerlumpt. Anton und Trina mußten auf Geheiß des Vaters den »fremden Onkels« ein Händchen geben; die fremden Onkels waren gar nicht erbaut davon, da die Händchen sehr schmierig waren; wir zogen uns mit der List aus der Affaire, daß wir die Händchen nur am Puls umspannten. Nun wollte der Alte den Kindern sofort die Geschenke einhändigen. Eine neue Probe für unsre Geduld! Das Paket wurde feierlich langsam vom Papa losgeschnürt und Anton mit seinen Holzschuhen, Trina mit ihrer Schürze belehnt. Wer war froher, als das Geschwisterpaar? Die beiden liefen gleich Windhunden nach dem Häuschen unter den Linden, um der Mutter und Großmutter die frohe Mär zu überbringen. Wir schnürten das Paket notdürftig wieder zusammen. Kaum hatten wir die letzte Schlinge gemacht, als, auf einen Stab gelehnt, die achtzigjährige Großmutter herangekrochen kam. Da sie fast taub auf beiden Ohren war, so hatte das Bäuerlein fast eine halbe Stunde nötig, der alten Dame begreiflich zu machen, daß sie Besitzerin eines halben Pfundes Schnupftabak und einer neuen Birkenrindendose geworden sei. Abermals eine Geduldsprobe für uns! Dann mußte das Paket wieder losgeschnürt und das bezeichnete Geschenk herausgeholt werden. »Wie lange noch, Catilina, wirst du unsre Geduld mißbrauchen?« Endlich, endlich schritten wir über die Schwelle des Hauses. Ein versöhnender Zug im Charakter unsres Landmanns war, daß uns sogleich frische Milch zur Labung angeboten wurde. Nein, nein, wir dankten, dankten mit Händen und Füßen; wir wären weder durstig noch hungrig; das Altertümchen möchten wir nur sogleich erhalten, darauf allein stehe all unser Sinnen und Verlangen. Sogleich, sogleich, meinte der Bauer, aber vorher müsse seine Frau doch auch ihr seidenes Band erhalten. Zum letztenmal ward also das Paket geöffnet. Die Augen der Frau erglänzten, als sie das hübsche Muster von blutroten Rosen und grasgrünen Blättern auf weißem Grunde erblickten; aber die Ueberrumpelte konnte durchaus nicht begreifen, was unser Besuch, was die Geschenke bezweckten. Der Bauer mußte also die ganze Geschichte erzählen, was er so weitschweifig vollführte, daß wir Jungens wie auf glühenden Kohlen standen. Endlich fiel von seiten des Erzählers das Stichwort! »Wo ist das Altertümchen?« worauf wir dreistimmig schrieen: »Ja, das Altertümchen, wo ist es? O, holen Sie es doch, liebe Frau!« »Ja, wo steckt das?« meinte die Frau. »Ich hab' es wenigstens seit einem halben Jahre nicht mehr gesehen!« »Ach, es ist doch noch im Hause?« fragten wir mit gepreßtem Herzen. »Ja, wenn die Kinder es nicht wieder verschleppt haben!« Die unglückseligen Kinder! Wir hätten sie durchbläuen mögen, obgleich ihre Schuld noch gar nicht mal erwiesen war. Nachdem die Bäuerin einige Minuten nachgedacht, zog sie aus der Kommode ihrer besten Stube die oberste Lade, stellte dieselbe mitten auf die Dielen und begann den Inhalt auszukramen. Hunderterlei Gegenstände, als: alte Strümpfe, Garnknäuel, Nähnadelbüchsen, Knöpfe, Flicken, Halstücher, Kragen, Schürzen, verschrumpfte Aepfel und leere Pillendöschen lagen in tollem Wirrwarr auf dem Boden und noch immer ließ die Frau nicht nach, neue Gegenstände herauszuwerfen, nachdem sie dieselben flüchtig gemustert hatte. »Das Altertümchen ist nicht darunter!« bemerkte der Bauer kleinlaut, »Dann steckt es in der mittleren Kommodenlade!« sagte die Bäuerin. Sofort zog sie diese Lade heraus, ohne die erste wieder einzuschieben. Nun flogen aus der zweiten Lade frisch gewaschene Hemden, Handtücher, Tischtücher und Betttücher, aber das, worauf es ankam, fand sich nicht. »Sollte ich mich getäuscht haben?« murmelte die Frau etwas kleinlaut vor sich hin. »Ja, du hast dich getäuscht,« sagte der Bauer ärgerlich. »Dann steckt das Ding in der untersten Lade,« erwiderte die Frau. »Ich glaub' es sicher, denn in der untersten Lade pflege ich wichtige Sachen zu verbergen,« Sie zog die unterste Lade heraus und stellte sie oben auf Nummer eins und zwei. Wie eine scharrende Henne die Erde kratzt, so kratzte – man verzeihe mir den Vergleich! – die Bäuerin uralte, längst quittierte Rechnungen, vergilbte Briefe und zerknitterte Tapetenreste aus der Schublade, aber das Altertümchen kam leider nicht zum Vorschein! Das Thermometer unsrer Hoffnungen sank auf den Gefrierpunkt. Der Bauer sagte verdrießlich: »Dann soll ich wohl die sieben Mark fünfzig wieder herausrücken müssen!« »Sieben Mark fünfzig Pfennig hast du für das dumme Ding bekommen?« fragte staunend die Bäuerin. »Ja, dann muß es oben im Kleiderschranke stecken!« Voran schritt sie, trotz ihrer Jahre, wie eine Walküre. Wir hinterdrein, gedrückt, gebückt, mit dem verglimmenden Reste unsrer Hoffnungen. Ein kleines Kämmerchen im Zwischenstock nahm uns auf. Die eine Wand wurde durch einen zweitürigen Kleiderschrank ausgefüllt. Alsbald riß die Frau beide Türen des Kleiderschrankes auf. Röcke, Hosen, Kleider, Mäntel, mit denen die Bäuerin sonst recht vorsichtig verfahren mochte, weil es der Sonntagsstaat der Familie war, wurden so mir nichts dir nichts auf die Dielen geschleudert, als in keiner Tasche und Falte das Altertümchen gefunden ward, »Nun bleibt noch die untere Lade des Kleiderschrankes übrig!« bemerkte die Frau mit dumpfer Ergebung. Kinderstrümpfchen, Schlabberbäffchen, Windeln, Hemdchen flogen durch die Stube. Da – ein Schrei! Und noch ein Freudenschrei! Etwas Blankes, Rundes, Buntes hielt die Frau in ihrer Rechten. Triumphierend schwenkte sie es einen Augenblick in der Luft. »Das ist es! Das ist es!« schrie der Bauer und schleuderte seine Mütze gegen die Stubendecke. Meine Pulse flogen, mein Herz klopfte zum Zerspringen; schnell wie der Blitz streckte sich mein Arm nach dem heiß ersehnten, mühevoll errungenen Kleinod aus. Die Bäuerin drückte mir dasselbe mit leuchtenden Augen in die Hand. Meine Brüder, Ludwig und Theodor, drängten sich an mich heran und streckten die Halse vor wie Schneegänse im Fluge. Was hielt ich denn in meiner Rechten? Eine halbverrostete Blechdose – eine modernste Konservenbüchse – mit buntgedruckter Papieretikette und der Aufschrift: Helgoländer Kronen-Hummer. Nur Scheren und Schwänze . Der Rest sei Schweigen. Unsre Altertümersammlung ist bei der einen echten Urne, die uns der Onkel geschenkt hatte, stehen geblieben. Ich habe vorläufig keine Lust mehr, zu sammeln. Auf Schneeschuhen Von echt nordischer Großartigkeit ist der Winter in dem südlichen Teile Westfalens, dem gebirgigen Sauerlande. Wie von weißem Marmor aufgetürmt, ziehen sich mit wellenförmigen Umrissen die tief verschneiten Waldgebirge unter dem perlgrauen Himmelszelte bis in alle Fernen dahin, und darüber waltet Stille. In den tiefen Schluchten längs der unteren Ränder der Hochwälder verläuft grauer Dämmer und schwarzgrauer Schatten, so daß das ganze Bild die Farblosigkeit einer toten Welt zur Schau trägt: man sieht nur Licht und Dunkel, nur Weiß und Schwarz in ihren Abstufungen. Hie und da greift die Krone einer uralten Eiche wie ein schwarzes Gerippe hervor. Diese ausgedehnten Waldgebirge besitzen noch ihre ungestörte, wir möchten sagen weltferne Einsamkeit. In ihren schmalen Tälern erblickt man auf große Strecken weder Dörfer noch einzelne Gehöfte; in den Hochwaldungen selbst haust nur hie und da ein Köhler in seiner kegelförmigen, aus Klafterholz und Rasen erbauten Hütte, welche durch ihre Form an den Wigwam der Indianer erinnert. Unfern der Hütte verkohlt dann der Meiler, dessen Schwaden weithin durch den Wald dünstet. Aus der Ferne schallt zuweilen der Schlag der Aexte herüber, oder man hört das Kreischen und Knarren eines mit schwer wandelnden rotbraunen Ochsen bespannten Holzwagens, der auf abschüssigem, steinigem Wege hin und her geschleudert wird. Vielleicht treffen wir auch einmal einen Jäger, der einem Rehe nachstellt; doch solche Begegnungen machen durch ihre Seltenheit die ruhevolle und großartige Waldeinsamkeit nur noch fühlbarer. Stundenweit muß oft der Wanderer gehen, wenn er ein Dörfchen, ein Städtchen erreichen will, das, wie Askra am Fuße des Helikon, am Fuße eines verschneiten Waldgebirges liegt. Traumhaft ruhen diese menschlichen Ansiedelungen, selbst dick verschneit, im tiefen Winterschnee. Man sollte meinen, alles Leben sei in den Häusern mit den vereisten Fenstern erstorben und nimmer könnten diese Eiszapfen, diese erstarrten Brunnen, sich wieder in klingenden Tropfenfall verwandeln. Und doch pulsiert das Leben in den schiefergepanzerten Häuschen so lebhaft denn je; es hat sich nur von der Außenwelt zurückgezogen – in die Küche, wo auf dem gemauerten Herde die Buchenscheite ihre gelbroten Flammenwirbel zum rußschwarzen Rauchfang emporsenden, – in die Stube, wo hinter den schwarzen Eisenplatten des Ofens das Feuer bullert und flackernde Reflexe über die Dielen wirft. In den Wirtsstuben sitzen am Abend die Handwerker beisammen, rauchen, plaudern oder spielen Karten; im Kasino klappern die Billardbälle und übertönt ein schallendes Gelächter die neueste Jagdgeschichte des alten Försters; im oberen Saale der Bürgergesellschaft klingen die Walzerweisen und schleifen die Füße; aus dem Gesellenhause erschallt der vierstimmige Gesang des Sängerbundes, und auf seiner stillen Bude sitzt der Gymnasiast, übersetzt Livius und Horaz, Thukydides und Homer oder schreibt den letzten deutschen Aufsatz ins Reine, wenn er nicht mit seinem Pensum schon fertig ist und ein »Erzählungsbuch« liest. Die Bude des Gymnasiasten – sie zieht uns vor allem an. So klein, so traulich, so behaglich durchwärmt, liegt sie in einer verlorenen Ecke des Hauses. Die Farbe der Tapete ist kaum noch zu erkennen, so verräuchert ist sie vom Ofendunst; dazu vom Alter verblichen und, wie ein Kupferstich in Punktiermanier, von den Fliegen punktiert. Ein altes buntgeblümtes Sofa mit leise tönenden Sprungfedern ladet zum Sitzen ein. Aus dem Büchergestelle an der Wand blicken die Geisteswerke der griechischen, lateinischen und deutschen Klassiker hernieder. Hier hängt eine Landkarte, dort ein Bild. Auf dem wärmenden Ofen schmort ein Apfel und durchwürzt die Stube mit süßem Dufte. Eine ganz bestimmte Stube ist's, in die ich den Leser führe. An dem runden Tische, der die brennende Petroleumlampe mit dem weißen Milchglase trägt, sitzt der Primaner Markus Franke, ein strammer blühender Geselle, stützt den blonden Krauskopf in die rechte Hand und hält mit der Linken ein Buch, dessen Zeilen von den leuchtenden Blauaugen gierig verschlungen werden. Seite auf Seite wird knisternd umgeschlagen, bisweilen ruhen die Blicke länger auf einem schwarzen Holzschnitt. So dauert das wohl eine gute Stunde, während nur das Ticken der alten Wanduhr und das Knistern im Ofen die Stille unterbricht. Endlich ist die letzte Seite gelesen. Markus Franke lehnt sich hintenüber, an die Stuhllehne; er ballt die Fäuste und streckt die Arme aus, weit – als wollt' er mit Schiller deklamieren: »Seid umschlungen, Millionen!« – gähnt aber nur und reckt sich. Dann springt er energisch auf die Füße und spaziert, eine große elastische Gestalt, in der kleinen Bude auf und ab, wie ein Menagerielöwe in seinem Käfig. Plötzlich entringen sich seinem Munde die Worte: »Famoser Kerl, dieser Frithjof Nansen! Auf Schneeschuhen das vergletscherte Grönland zu durchqueren! Grandiose Idee und unglaublich kühne Tat, die mit Recht allgemeine Bewunderung erregte. Riesig willensstarker und tatkräftiger Mann, dieser Norweger! So einer von der Nummer, wie Horaz sie zeichnet: Si fractus illabatur orbis, Impavidum ferient ruinae. Selten hat mich ein Buch so gepackt, wie die Schilderung dieser originellen Reise auf Schneeschuhen. Schneeschuhe, famoser Sport. Beim Herkules! ich möchte diesen norwegischen Schneeschuh, den Ski oder Schi, wie man das spricht, auch einmal unter den Füßen haben, um die Kunst des Laufens zu erlernen. Unser Sauerland, wo im Winter längere Zeit hindurch eine feste Schneedecke liegt, ist ein ausgezeichnetes Terrain zum Schneeschuhlaufen, stellenweise ein zweites Grönland. Der Aufstieg auf Höhen ist zwar mit Schneeschuhen, wie ich bei Nansen lese, sehr mühsam, aber das pfeilschnelle Hinabgleiten über schneebedeckte Abhänge um so genußreicher. Auf ebenen Flächen bewegt man sich zwar nicht sehr schnell und auch nicht mühelos dahin, aber immerhin bedeutend rascher und bequemer, als wenn man gezwungen wäre, durch den tiefen Schnee zu waten, wie ein Storch durch den Salat. Ja, ich tu's, ich werde den Sport versuchen! Ein Paar Ski kann ich mir selber nach den bei Nansen gegebenen Andeutungen verfertigen; den dazu gehörigen Stab, der zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts beim Laufe dient, soll mir Drechsler Hornemann in der Kamillengasse machen. Dann stehl' ich mich an freien Nachmittagen hinaus in unsre sauerländische Winterlandschaft, in unser schneevermummtes Gebirge und übe mich, die Hose in die Stiefel gesteckt, den alten roten Shawl um den Hals gedreht und den grauen Filzhut über die Ohren gezogen. Bin ich erst mal Meister in meiner Kunst, dann mögen's meine Mitschüler wissen, speziell meine Freunde: Karl der Dicke, Schnok, Wischnu, Eisern-Heinrich, Plato und Ibis.« Nachdem Markus Franke diesen Monolog gehalten, versinkt er in Schweigen. Aber während er sein Auf- und Niederwandeln auf den Dielen fortsetzt, verrät seine nachdenkliche Miene, daß er seinen Plan in seinem erhabenen Gemüte noch weiter wälzt, wie der gute Homer sagt. Zuweilen nickt das blondhaarige Haupt, als stimme es selbst den Entschlüssen zu, die es hinter der klaren Stirne ausgesponnen. Erst als die Glocke der alten Petrikirche die zehnte Stunde mit einem dumpfen Brummen verkündigt, bläst Markus Franke die Lampe aus und spaziert durch eine Tapetentür in sein Schlafkämmerchen, das er des beschränkten Raumes wegen seine »Koje« zu nennen pflegt. Bald verkündigen die tiefen gleichmäßigen Atemzüge des Primaners, daß er in Morpheus Arme gesunken. Der Traumgott, ein alter freundlicher Mann, beschenkt den Schläfer mit einem Paar Ski, die zwölf Ellen lang sind und mit denen man von einem Berggipfel zum andern durch die Luft sausen kann, während unten tief im Tale die ganze Prima steht und verwundert die Hände zusammenschlägt. – Was Markus Franke an jenem Winterabend ersonnen, das setzt er in den freien Stunden der nächsten Tage unverzüglich ins Werk. Er war von klein auf ein Meister in Handarbeiten, im Sägen, Schneiden und Hämmern, und hat einmal sogar zum Geburtstag seiner Mutter ein dreibeiniges Tischlein fertig gebracht, welches nur den einen Uebelstand aufwies, daß alle drei Beine ungleich waren, was dem Möbel von Markus' älteren Brüdern den Spottnamen »Dreifuß der Pythia« eintrug. Seitdem aber hat Markus entschieden Fortschritte gemacht, und nicht selten pflegt er sich selbst während der Arbeit durch den Wahlspruch zu ermuntern: »Was du treibst, das treibe recht, Was du machst, das mach nicht schlecht!« Nicht schlecht sind denn auch die Ski, die endlich fertig hinter des Primaners Bettstelle versteckt liegen – geschwisterlich angeschmiegt an den langen Stab, den Meister Hornemann in der Kamillengasse fein säuberlich geliefert. Markus wartet nur den ersten schulfreien Nachmittag ab, um als zweiter Frithjof Nansen über Schneeflächen und Schneeberge dahinzusausen. » Quosque tandem? « seufzt Markus nach klassischem Muster diesem Nachmittag entgegen. Endlich kommt er, ist er da, ohne Schneegestöber, still, feierlich und sonnig. Es ist, als ob das Sauerland sich zum Einzug seines großes Sohnes, eines zweiten Nansen, rüste. Wie er sich's gelobt, macht Markus sich allein, von seinen Mitschülern ungesehen, zum Tore hinaus, wobei er eine Hintertür seines Wohnhauses benutzt, durch die sonst gewöhnlich ein bestimmtes Haustier, Capra hircus , zu spazieren pflegt. Aber was ficht das große Geister an? Rüstig ausschreitend, vertieft sich Markus Franke in die tief verschneite Berglandschaft, die wie aus riesigen Blöcken von weißem carrarischem Marmor zusammengefügt erscheint, nur daß dieses Weiß und ewige Weiß, ohne daß man es anzufühlen braucht, etwas Weiches, Sanftes hat, wie das Gefieder auf der Brust des königlichen Schwanes. Bald verläßt Markus die offene Landstraße und schreitet auf einem Nebenwege einer Gegend zu, die ihm für seine Uebungen geeignet scheint: ein weites Schneefeld, das sich allmählich zu einem baumlosen Berge aufrafft. Hier angelangt, legt Markus nicht ohne ein feierliches Gefühl seine Ski an, nimmt seinen Stock in die mit Fausthandschuhen bewehrten Hände und beginnt, an den großen Frithjof denkend, seine Uebungen. Gut, daß der große Frithjof nicht zuguckt, denn Markus liegt nach einer halben Minute im Schnee, so zusammengekugelt, daß man nicht weiß, was Ski, Bein, Arm, Stock oder Kopf ist. »Des Rochens greuliche Ungestalt« (vergleiche den Taucher von Schiller!) ist der reine Waisenknabe gegen dieses Häufchen Unglück. Aber allmählich nimmt das Häufchen Unglück wieder menschliche Gestalt an, und mit dem Rufe: » Per aspera ad astra! « beginnt Markus seine Uebungen von neuem, jetzt mit mehr Vorsicht. Und siehe da! die Sache macht sich. Bald gleitet der Pseudo-Norweger über das Schneefeld dahin, bald vermag er auch, wenngleich unter Mühseligkeiten, eine Anhöhe zu ersteigen, um pfeilschnell auf der andern Seite den Abhang hinabzugleiten, wobei er eine kleine Lawine weckt, die hinter ihm drein rollend, nahe seinen Fersen in Schneewolken zerstiebt. Es ist wundervoll! Da Erfolg Mut erzeugt, so kommt unserm angehenden Schneeläufer in seinem erhabenen Gemüte der kühne Gedanke, wie grandios es sein müsse, von dem nahen Berge, einem wirklichen Berge, hinunterzusausen. »Dem Tapfern hilft das Glück!« ruft Markus entschlossenen Tones in die feierliche Winterstille hinaus, die bis dahin nur vom Räuberschrei eines Sperbers unterbrochen war. Sed frustra , sagt Cornelius Nepos; alle Bemühungen, die Markus macht, auf Schneeschuhen den steilen Berg hinaufzukommen, sind vergeblich. Hat er sich stöhnend wie eine Dampfmaschine ein Stückchen hinaufgearbeitet, so gleitet er plötzlich wieder hinab, wobei er sich seine Nase auf dem kalten Schnee so feurigrot scheuert, daß es aussieht, als trage er eine Pfingstrose im Gesicht. Endlich spricht Markus trotzig: »Kommt der Berg nicht zum Propheten, so kommt der Prophet zum Berge!« Damit entledigt er sich seiner Schneeschuhe, nimmt dieselben in die linke Hand und klettert nun auf Schusters Rappen den Berg hinan. Das gelingt. Oben setzt sich Markus in den Schnee, um ein wenig zu verschnaufen. Wie ein Schneekönig sitzt er da auf seinem Throne, den Stab als Zepter tragend. Der Wind spielt mit den Zipfeln des roten Shawls, als sei das Haupt von einer Aureole umgeben. Großartig ist die Aussicht auf die in Schnee vermummten Gebirge; zu jeder andern Zeit würde Markus einen Dithyrambus gedichtet haben – heute beschäftigen ihn einzig seine Ski, und aus einer grauen Himmelswolke scheint ihm der große Frithjof Nansen mit seinem Pelzbarett zu gucken und zu rufen: »Voran, Markus, en avant! « Markus schnallt deshalb seine Ski wieder an, faßt seinen Stock und mißt mit den Augen den Abhang, den er hinuntersausen will. Ungesehen von ihm gehen in diesem Augenblick einige dunkle Gestalten am Fuße des Berges vorüber. Es sind die Primaner Karl der Dicke, Eisern-Heinrich, Schnok, Wischnu, Plato, und Ibis. Also alle die Freunde unsres Freundes. Sie gehen spazieren und unterhalten sich lebhaft. »Wo mag doch heute unser Markus, genannt Marc Aurel, stecken?« fragt Karl der Dicke. »Ich war auf seiner Bude, aber das Nest war leer.« »Vielleicht verspürte er heute ein dichterisches Bauchgrimmen,« lacht Schnok, »das er einsam in die Berge führen mußte.« »Laß gut sein,« meint Wischnu; »Marc Aurel tummelt den Pegasus nicht übel.« »Nur bisweilen lahmt der Dichtergaul ein wenig,« behauptet Eisern-Heinrich, »und in dem Gedichte über Alexander den Großen bockt er ganz entschieden.« »Egal,« ruft Plato, »Marc Aurel ist ein gemütliches Haus!« »Ja, das ist er entschieden!« rufen mehrere Stimmen mit Nachdruck. »Er fehlt uns heute,« bekräftigt Ibis. »Er ist doch sonst immer bei uns, und ich klebe nun mal an alten Sitten wie ein Heftpflaster. Ich gäbe –« Ibis kann nicht aussprechen, was er eigentlich geben will, denn in diesem Moment fährt er seitwärts – fahren die andern Spaziergänger zu Tode erschrocken auseinander. Ein dunkler Gegenstand, in eine Lawine von Schnee gehüllt, saust wie ein Sturmwind den Berg hinunter, fliegt wie ein Blitz über den Weg, durch die auseinander gestobenen Spaziergänger hin, und macht dann endlich im ebenen Felde Halt. Ibis ist der erste, der, sich von seinem Schrecken erholend, in die Worte ausbricht: »Was kommt da von der Höh'?« Dann ruft Plato: »Potz Blitz, das ist ja die Gustel von Blasewitz!« »'ne nette Gustel von Blasewitz!« ruft Eisern-Heinrich, »Wenn ich nicht schneeblind bin, so ist das ja unser Marc Aurel, lui-même oder Louis selbst!« » Lupus in fabula! « sagt Wischnu. »Gerade sprachen wir von Marc, da kommt er wie eine Bombe in unsern Haufen geflogen.« »Nun sag aber, Marc,« ruft Karl der Dicke, »was für ein Wind pfiff dich in unsre Mitte? Und was sind das für Schlittenkufen, die du an deinem Piedestal trägst? Und was ist das für ein Spazierstock, dessen Längenmaß auf die Körperverhältnisse von Sankt Christoph berechnet zu sein scheint?« Von seinen Mitschülern und Freunden umzingelt, gibt Markus Franke lachend seine Erklärungen ab. Er erzählt von Grönland, von Frithjof Nansen, von dem interessanten Buche, von den Ski oder Schneeschuhen und dem Steuerstabe; er berichtet, wie er sie, seine Freunde, mit seiner Fertigkeit habe überraschen wollen, wie sie ihm aber zuvorgekommen seien. » Me hercule , nein, du bist uns zuvorgekommen, Marc,« ruft Ibis, »indem du wie eine Lawine den Berg hinunter uns vor die Füße geflogen bist!« Selbstverständlich regt sich bei Ibis und den anderen der Wunsch, ihren Freund, den sie unter Preisgabe des Spitznamens Marc Aurel sofort als »Nansen« begrüßen, in Tätigkeit auf den Schneeschuhen zu sehen. »Nansen, allons , gib uns mal zu ebener Erde eine Probe deiner Fertigkeit!« ruft der eine und der andre. Nansen ist gern bereit dazu und macht seine Sache so geschickt und glatt, daß sich sofort in dem ganzen Chorus der Wunsch regt, auch die Kunst des Schneeschuhlaufens zu erlernen. »Wißt ihr was?« ruft Karl der Dicke, »wir gründen einen Schneeschuhverein. Der Name ergibt sich von selbst: Skiklub. Wer nicht weiß, was Ski sind, wird denken, Skiklub sei chinesisch. So 'n bißken Geheimnis macht sich ganz wundervoll. Das imponiert den Sekundanern. Wir lassen uns beim Meister Hornemann auch solche Ski machen. An freien Nachmittagen geht's dann hinaus in unsre Berge. Der Schnee ist hier zu Lande so konservativ, daß er auf die Fertigstellung unsrer Ski warten wird.« Der Vorschlag, den Karl der Dicke macht, zündet. Mit dem Feuer der Begeisterung erfaßt er die jungen Burschen, die jetzt ihren Spaziergang fortsetzen, nachdem Nansen seine Schneeschuhe abgelegt hat. Hin und her wird die Sache erwogen; herrliche Aussichten eröffnet der Plan: man will, wenn man erst auf den Ski zu laufen versteht, eine förmliche Durchquerung Grönlands ins Werk setzen, das heißt im Abbilde – in den sauerländischen Bergen. »Dann trinken wir Nansens Wohl in Seehundstran!« ruft Karl der Dicke zum Schlusse aus. – Was die Freunde an jenem Nachmittag geplant, wird zur Wirklichkeit. Meister Hornemann in der Kamillengasse stellte die Ski zur Zufriedenheit her, und an jedem freien Nachmittag traten die Freunde ins Freie, um sich in der neuen Kunst zu üben. Nicht lange, und sie haben eine solche Fertigkeit darin erlangt, daß sie die Durchquerung Grönlands zur Ausführung bringen können. Sie wählen hierzu ein bestimmtes Terrain, das zwischen den verschneiten Waldgebirgen von Westen nach Osten verläuft, bald in ebener Richtung, bald über Abhänge und Hügel, auch ein etwas größerer Berg ist zu nehmen. Am Ende der Fahrt winkt ein von Holzfällern bewohntes kleines Dorf, wo man in der Schenke »Zum grünen Baum« sich einen heißen Kaffee genehmigen will. Sehr unternehmungslustig ausstaffiert und vom freundlichsten Wintersonnenschein begünstigt, tritt an einem freien Nachmittag der Skiklub seine Grönlandsfahrt an. In Zwischenräumen von zwanzig bis dreißig Schritten folgen sich die Läufer; Nansen vulgo Marc Aurel alias Markus Franke hat die Spitze. Als man erst einmal im Gange ist, hei, wie pfeilschnell sausen da die jungen elastischen Gestalten dahin! Auf den Wangen erblühen unterm Hauch der Kälte rote Rosen, die Augen leuchten im Glanz der Freude. Wildromantisch ist die Natur – echt grönländisch! Zur Linken und Rechten hohe Bergwände, cyklopische Felsenmauern, düster schwarz erscheinend neben dem blendend weißen Schnee; dann Nadelbäume, halb zersplittert, kupferrot berindet, ihre schwarzgrünen Nadelzweige gleich Adlerfittichen auf- und niederschlagend im Winde; nun Geröll, Steinbrocken, als hätten hier Cyklopenkinder Ball gespielt – freilich jetzt von weißer Schneedecke halb verhüllt. »Hurra, Grönland!« jauchzt Nansen. »Hurra Grönland!« jauchzt sein Gefolge. »Grönland – Grönland!« schallt das Echo von den Bergwänden zurück. O, es ist ein herrliches Vergnügen, dieser Schneeschuhlauf! Doch, wie sagt der Dichter? »Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zu teil.« Auch Nansen soll die Wahrheit dieses Wortes erproben – leider! Man ist bei einem isoliert stehenden Bergkegel angelangt. Ein verwegener Gedanke schießt dem Führer durch den Kopf, und mit kräftiger Stimme ruft er: »Halt!« Dieser Ruf, der hell und stark wie das sagenberühmte Horn Olifant des Helden Roland in die Ferne klingt, hemmt den Lauf der Kameraden und bald stehen sie in einer Gruppe beisammen. Man schöpft Atem, man scherzt, man spricht seine Genugtuung über den stählenden Wintersport aus, bis Nansen das Wort ergreift und seinen Freunden die Mitteilung macht, daß er Lust verspüre, den Bergkegel zu nehmen. »Ihr andern, die ihr noch weniger geübt seid als ich,« fügt er hinzu, »könnt währenddessen diesen Zuckerhut von Berg an seinem Fuße umkreisen, bis ich hoch vom Parnaß herniederschwebe und mich wieder in die Mitte der Sterblichen mische,« Den Freunden will das Wagnis ein wenig bedenklich erscheinen. Der Berg sei zu steil, meinen sie, und Nansen traue sich vielleicht etwas zu viel zu; auch hier gelte der Spruch : »Erst wäg's, dann wag's!« Sonst könne es Nansen ergehen wie dem Marmorblocke des Sisyphos: »Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückische Marmor.« – Der Widerspruch, so gut gemeint er ist, reizt Nansen nur noch mehr, und das ist nicht nett von ihm, denn: »Einem guten Rate öffne dein Ohr!« hat ein weiser Mann gesprochen. Nansen beschwichtigt alle Einwendungen durch die kühne Deklamation der Goetheschen Verse: »Feiger Gedanken Bängliches Schwanken Wendet kein Elend, Macht dich nicht frei. Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen Rufet die Arme Der Götter herbei!« Er beginnt den Aufstieg, langsam, mühselig. Als seine Kameraden sehen, daß sie ihn nicht halten können, lassen sie ihn. Sie setzen sich wieder in Bewegung, um den breit und massig dahingelagerten Fuß des Berges zu umkreisen. Auch dieses Unternehmen bietet seine Schwierigkeiten: gigantischen Felsblöcken ist auszuweichen, Anhöhen des Bodens sind zu ersteigen, durch versperrende Kiefernstämme muß man sich durchschlängeln. So kommt's, daß sie längere Zeit zu ihrem Unternehmen gebrauchen, als sie anfangs gedacht. Plötzlich stößt Plato, der die Spitze des Zuges hat, einen Schrei aus und winkt mit der hoch erhobenen Rechten hinter sich. Denn wenige Schritte vor ihm, zwischen Schnee und Felsenbrocken, liegt regungslos und lang dahingestreckt eine menschliche Gestalt, ein Skiläufer, wie die langen Gerätschaften verraten – – Nansen! Kaum hat Plato mit bebenden Lippen den Namen seines Freundes vor sich hingerufen, als er auch schon an der Seite des Regungslosen steht, sich über ihn beugt und sein bleiches Haupt zärtlich mit dem rechten Arme emporhebt, »Er ist's, unser Markus!« stammelt er schreckensbleich den Kameraden zu, die sich um die traurige Gruppe versammeln. »Ein Absturz!« sagt Schnok tief ergriffen, »Ach Gott, ja, ein ernstlicher Absturz!« wiederholt Plato, »O, wenn unser Freund nur nicht zu Schaden gekommen ist!« seufzt Wischnu. »Es sollte mir ewig leid tun,« sagt Karl der Dicke beklommen. »Als wenn wir es geahnt hätten,« spricht Eisern-Heinrich leise. »Wir rieten ihm ab, er wollte sich aber nicht raten lassen. Er muß die Höhe des Berges glücklich erreicht und dann den Abstieg genommen haben; dabei ist er abgestürzt, wie seine Lage hier am Boden verrät, Kopf voran.« »Jetzt keine rückwärts gerichteten Betrachtungen!« antwortet Plato. »Sie sind nicht am Platze. Wenden wir uns vielmehr dem gegenwärtigen Augenblicke zu! Der Zustand unsres lieben Freundes erfordert unsre Hilfe. Was sollen wir tun? Vor allem müssen wir ihn ins Bewußtsein zurückrufen.« »Ich habe eine kleine Feldflasche mit Rotwein bei mir,« sagt Ibis. »Welch ein Glück, daß ich noch nicht daraus getrunken!« »Bravo! Der Rotwein wird seine Kräfte beleben. Gib her!« antwortet Plato eifrig. Ibis reicht die Flasche hin, und Plato flößt einige Tropfen zwischen die Lippen des Bewußtlosen. Dann noch einmal. Nun wäscht er ihm Stirn und Schläfen mit dem edlen, duftenden Naß, Plötzlich hebt sich die Brust des Ruhenden, ein schwerer Atemzug erfolgt und – die Augen öffnen sich, »Gott Dank!« rufen die Umstehenden wie aus einem Munde. »Er lebt!« »Junge, wie geht dir's? Weh getan? Hoffentlich sind Arme und Beine heil geblieben, was?« fragt Plato mit Zärtlichkeit in der Stimme. Nansen versteht die Frage, denn er nickt bejahend. Erst bewegt er den einen Arm, dann den andern, hierauf krümmt und streckt er die Beine. Schon fliegt ein Lächeln über sein Gesicht, wie ein erster matter Sonnenstrahl nach einem schweren Donnerwetter über die Landschaft fliegt. Dann spricht er: »Ich glaube, ich bin mit dem Schreck davongekommen. Wenigstens fühl' ich mich im Besitz meiner Glieder, und auch meine Rippen scheinen mit dreifachem Erz umpanzert gewesen zu sein, wie der gute Horaz sagt.« »Hurra, er macht schon wieder Witze!« ruft Karl der Dicke. »Junge, du hast uns einen heillosen Schrecken eingejagt! Ein Karpfen, der aufs trockene Land gerät, ist gewiß ein kläglicher Anblick; aber noch kläglicher ist ein Skiläufer anzusehen, der mit seinen ellenlangen Gerätschaften platt im Schnee liegt. Man meint überall zerbrochene Rippen, zersplitterte Arm- und Beinknochen hervorgucken zu sehen; man weiß nicht mehr, was oben und unten ist, und leicht kann es geschehen, daß eine hilfreiche Hand den Abgestürzten auf den Kopf, statt auf die Beine stellt. Das ist bei dir, mein lieber Markus, nun gottlob nicht zu befürchten, da du den Kopf wieder hoch trägst.« »Doch bevor ihr mich auf die Beine stellt, schnallt mir gefälligst die Schneeschuhe ab!« sagt lachend – ja, jetzt schon lachend! – Markus Franke. »Mit meinem Skiläufen ist es für heute vorbei, ich fühl's. Wie hattet ihr recht mit eurer Mahnung und eurem Widerspruch! ›Erst wäg's, dann wag's!‹ das soll die Lehre sein, die ich aus diesem Abenteuer ziehen und zur Devise meines ferneren Lebens machen will.« »Erst wäg's, dann wag's!« stimmen die übrigen mit lautem Zuruf bei. »Hoch Grönland!« ruft Schnok, um dem etwas feierlichen Moment die Spitze abzubrechen und den Humor wieder einzuführen. Und: »Hoch Grönland!« antworten ihm die Freunde, ihre Hüte schwingend. Plötzlich blicken alle nach einer bestimmten Richtung hin: »Denn aus einer Felsenspalte Tritt der Geist, der Bergesalte.« Nun, ein Geist scheint dieser ältliche Herr im schmucken Jagdanzuge gerade nicht zu sein, dazu sind seine Wangen viel zu irdisch rot und ist sein Gang viel zu irdisch stramm. Er legt zwei Finger seiner Rechten militärisch grüßend an das grüne Lodenhütchen mit dem kecken Gemsbart und spricht, über das ganze Gesicht hin lachend: »Bedanke mich schönstens, meine jungen Herren, für das Hoch, das Sie mir da soeben ausgebracht. Aber wie kommen Sie dazu? Wie habe ich das verdient?« Die Primaner sind verdutzt, niemand öffnet den Mund. Sie blicken sich verwundert an und bekämpfen ein Lächeln. »Ja, Sie riefen doch: Hoch Grönland!? Ich bin aber der Freiherr Ubaldus Grönland zu Grönlandshausen,« spricht der alte Herr, Da geben die Jünglinge ihrer Heiterkeit freien Lauf, und Plato übernimmt es, das Mißverständnis klar zu stellen. Auch den Unfall berichtet er, von dem ihr Freund vorhin betroffen sei, und der indirekt das Hoch auf Grönland veranlaßt habe, »Ich stehe also als Usurpator da,« antwortet der alte Freiherr, gutmütig lachend. »Indes, sine ira et studio , wie unser alter Tacitus sagt, lege ich die Ehre in Ihre Hände zurück. Aber es soll mir eine Genugtuung sein, daß ich Sie doch noch heute nachmittag zu einem Hoch auf meine Person veranlasse. Wie ich das anfangen will? Dort drüben auf der Landstraße hält mein Jagdschlitten mit dem Kutscher. Für Ihren abgestürzten Freund ist es besser, wenn er fährt, statt mühsam auf Schusters Rappen zu hinken. In seinem Interesse lade ich Sie ein, Sie alle, auf meinem Schlitten Platz zu nehmen und mit mir nach meinem Schlößchen zu fahren. Dort werde ich mir gestatten, Ihnen eine gastliche Bewirtung angedeihen zu lassen. Ihr Freund hat's nötig, und Sie andern können's brauchen. Ich habe gern so junges Volk zu Tische, mit dem ich alte Schulerinnerungen auffrischen und alte Studentenlieder singen kann. Und wunderliche Geschöpfe müßtet ihr sein, wenn ihr nicht beim edlen Saft der Reben endlich rufen wolltet: ›Hoch Grönland!‹ Eure Skigeschichte, so lustig begonnen, so traurig verlaufen, verdient wohl, daß sie einen humoristischen Schluß erhält. Ich kann die traurig auslaufenden Geschichten nun einmal nicht leiden. Also abgeschnallt die Ski und dann allons zum Schlitten!« »Hoch der Freiherr von Grönland!« rufen die Kameraden wie aus einem Munde. »Hahaha, da ruft ihr schon, bevor ihr noch vom Saft der Reben gekostet!« lacht der alte Herr. Und dann schreiten alle, ihren Nansen führend, dem Schlitten zu. Strand und Sand Tagebuchblätter eines ehemaligen Oberprimaners Herkulanum und Pompeji wurden durch einen Aschenregen des Vesuv verschüttet, Vineta sank in die Fluten der Ostsee, Alt-Skagen liegt unter dem Sande der Wanderdünen begraben: sollte Schinkenhausen, wo ich gegenwärtig das Gymnasium besuche, durch eine ähnliche Katastrophe von der Oberfläche der Erde verschwinden (zum Beispiel vom Heidekraut übersponnen werden, denn bemeldete Stadt liegt in der norddeutschen Tiefebene, wo calluna vulgaris das Zepter führt), so sollen diese meine Tagebuchblätter – vorausgesetzt, daß sie dereinst ausgegraben werden – es der fernsten Nachwelt verkünden: mein Onkel Ferdinand ist der liebste, beste, edelste, großmütigste und splendideste aller Onkel, so weit die deutsche Zunge klingt! Beweis: als ich heute mit meiner Zensur, laut welcher ich von der Unterprima in die Oberprima versetzt wurde, zum Onkel Ferdinand ging, und Onkel Ferdinand durch seine große silberne Brille (deren Gestell mich immer an eine kleine Kanonenlafette erinnert) einen langen prüfenden Blick auf die Prädikate geworfen hatte, deren keines es unter »Gut« tat, da räusperte sich der freundliche alte Herr und sagte: »Otto, um dir einen Beweis der Genugtuung zu geben, die mich beim Durchlesen dieser Zensur erfüllt, frage ich dich, ob du mich auf einer Badereise nach Norderney begleiten willst? Norderney ist, wie du wissen wirst, eine Insel in der Nordsee, wo wir wie die wilden Kaninchen im Dünensande und wie die Robben am Meeresstrande leben wollen. Für den schnöden Mammon, den selbst dieses Leben erfordert – o auri sacra fames! – werde selbstverständlich ich, ich allein, Sorge tragen. Du hast nichts mitzubringen als ein Paar Reservestiefel und ein Tagebuch, dessen erste Seite du mit dem Titel ›Strand und Sand‹ verzieren magst; denn ich liebe es, daß junge Leute deines Schlages während der Ferien sich in ihren Mußestunden, deren sie täglich vierundzwanzig haben, auch geistig etwas beschäftigen, damit die Mens sana nicht einrostet. Wir bleiben etwa vier Wochen auf Norderney – willst du mit?« Na, ob ich wollte! Es war gut, daß Onkel seinen grandiosen Vorschlag nicht in drei oder sechs Worte gekleidet, sondern etwas weitläufiger entwickelt hatte, denn so fand ich Zeit, mich in etwas von dem Freudentaumel zu erholen, der mich ganz schwindelig machte. Reisen – das Meer sehen – zu Schiffe fahren – in den Dünen herumklettern – o, es sind ebensoviel Genüsse als Worte! Und alle diese Genüsse zu kosten in der Gesellschaft eines liebenswürdigen, hochgebildeten, alten, doch nicht zu alten Herrn, der, indem er als Junggeselle durchs Leben wandert, sich ein Verständnis für das Sinnen und Trachten der jungen Leute bewahrt hat, – o, es ist der Freude zu viel! »Onkel,« rief ich, »du bist der liebste, beste, edelste, großmütigste und splendideste aller Onkel! Du gibst mir ein Glück, von dem ich nie geahnt hätte, daß es einmal mein sein würde . . .« Wer weiß, zu welchen Ueberschwenglichkeiten ich noch gelangt wäre, wenn der Onkel nicht gleich zu Anfang lächelnd abgewehrt hätte: »Nicht so verschwenderisch sein, mein Junge, bezüglich der Ephitheta ornantia , die du auf meinen kahlen Scheitel häufst! Sie drücken empfindlich; außerdem mußt du ein paar in Reserve halten, wenn du mir nach Ablauf der vier Wochen deinen Dank abstattest. Welcher Jäger verschießt denn sofort all sein Pulver? Ich entdecke da einen bedenklichen Hang zur Verschwendung bei dir und werd' es mir noch sechsmal überlegen, ob ich dir einen Teil der Reisekasse anvertrauen soll.« »O, Onkel, dann soll es stumm in meinem Herzen eingeschrieben sein, was ich –« »Kennen wir!« lachte der Onkel. »Begeisterung ist ein Strohfeuer, das schnell und hoch auflodert, aber ebenso schnell zu einem Häuflein Asche zusammensinkt. Doch, was ich sagen wollte, teile deinen lieben Eltern mit, daß wir morgen mit dem Abendzuge 9 Uhr 50 reisen werden; dein guter Vater und deine gute Mutter, mit denen ich gestern gesprochen, haben gern erlaubt, daß ich dich mitnehme, und du selber schmiere deine Reservestiefel und kaufe dir ein Tagebuch!« Zunächst habe ich den letzteren Rat befolgt: ich habe mir ein Tagebuch zugelegt, »so dick wie ein Schwartenmagen,« scherzte mein Papa, und dann hab' ich sogleich die denkwürdige Unterredung, die ich mit Onkel Ferdinand hatte, hineingeschrieben, »In deiner Aufregung wirst du Kleckse machen, daß man eine Riesenkarte des gestirnten Himmels vor sich zu sehen glaubt,« warnte der Papa. Ich hab' mich aber zusammengenommen und brauch' nun keine Nachschrift zu machen, wie jener Musketier Tübbeke, der unter seinen »gestirnten« Brief nach Hause schrieb: »Diese Kleckse habe nicht ich gemacht, das hat die Post getan.« Onkel Ferdinand will also morgen mit dem Abendzuge, 9 Uhr 50, fahren; dann sind wir am andern Morgen in Emden. Aufrichtig gesagt – aber dies vertraue ich nur den verschwiegenen Blättern dieses Tagebuches an –- möchte ich lieber in der Morgenfrühe fahren, wenn der junge Sonnenschein die Welt vergoldet, die Gräser und Blätter von Tautropfen blinken, eine erfrischende Kühle weht, die Menschen ausgeschlafen haben und freundliche Blicke und Worte machen. So hab' ich mir immer den Anfang einer Reise geträumt. Onkel ist andrer Ansicht; er tritt seine Reisen, deren er schon viele gemacht hat, mit Vorliebe des Abends an. Der Anfang einer Reise, sagt er, führe doch nur durch bekannte Gegenden, und diese zum so und so vielten Male zu sehen, sei wenig anregend, wenn nicht ermüdend; mit dem Nachtzuge werde man schlummernd, schlafend, schnarchend (drei Schlafbetätigungen, die er Positiv, Komparativ, Superlativ nennt) durch das bekannte Land getragen, und wenn man am andern Morgen aufwache, so befinde man sich an einem fremden Orte, der sofort die Lebensgeister wecke und das Interesse errege. In medias res sei überhaupt ein Rezept, das schon der lebensweise Horaz erteile. Onkel hat von seinem Standpunkt aus recht; was mich betrifft, so weiß ich noch nichts von bekannten, wenig anregenden oder gar ermüdenden Gegenden, ich bin noch nicht weiter als drei bis vier Wegesstunden aus Schinkenhausen fort gewesen. Der Weisheit des Horaz stelle ich die Sentenz aus Cornelius Nepos gegenüber, die da lautet: Sed ab initio est ordiendum . Gern fing' ich unsre Reise von vorn an: Schinkenhausen, Station Nabendorf, Station Birkenrode, Station Dinskede u. s. w. Aber Onkel hat in diesem Falle zu bestimmen, und ich füge mich seiner Anordnung gern! – Zwei Tage später. Wir sind in Emden, und »morgen geht's in die wogende See!« Was hab' ich schon alles gesehen, alles erlebt! Der alte liebe Wandsbecker Bote, Ehren-Claudius, hat recht: Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Vorläufig erzähle ich es meinem Tagebuche, bis ich, nach Hause zurückgekehrt, meinen Geschwistern und Kameraden als viel umhergetriebener Odysseus imponieren kann. Heute morgen um Sieben rollte der Zug auf den Bahnhof von Emden ein. Onkel Ferdinand hatte die Nachtfahrt mit großem Phlegma, ich mit hoher Begeisterung angetreten. Es kam mir so romantisch vor, »die bleiche Stirn dem stillen Atemzuge der Nachtluft darzubieten,« meine Haare im Winde wehen zu lassen, einen Blick hinauf zu schicken zum gestirnten Himmel und hinab zur schlummernden Erde, wo die Lichtchen in den zerstreuten Bauernhäusern aufblitzten und verschwanden, wo grüne und rote Laternen auf den Bahnhöfen wie Irrlichter vorüberhuschten, wo auf den Haltestellen geheimnisvolle fremde Menschen zu uns ins Coupé stiegen. Während ich in dieser Romantik schwelgte, zog Onkel Ferdinand eine praktische Schlafmütze über die Ohren, lehnte sich in einen Winkel seines Polstersitzes und schlummerte, schlief, schnarchte, machte also seinen Positiv, Komparativ und Superlativ durch. Mir war diese Prosa völlig unbegreiflich, aber nur zu bald sollte ich sie begreifen lernen. Denn meine romantischen Empfindungen sanken nach und nach von ihrer geschraubten Höhe herab: ich fand der »Nachtluft stillen Atemzug« empfindlich kühl, so kühl, daß ich in meinen alten mausfarbigen Sommerüberzieher schlüpfte, den mir meine sorgliche Mutter beim Abschied über den Arm gehängt hatte; ich wurde es leid, mir die Haare im Winde wehen zu lassen, da sie mir endlich um die Zähne hingen und mich unter der Nase kitzelten wie der Strohhalm, mit dem ein Schelm von Soldat seinen schlafenden Kameraden neckt; ich wurde es müde, meinen Blick zum gestirnten Himmel hinaufzuschicken, da mir die Augäpfel bereits von dem ewigen Stieren weh taten, und was die schlummernde Erde betrifft, so sagte mir meine geographische Erinnerung aus dem großen Daniel, daß wir nur eintönige Marschen, Moore und Heiden durchflogen; die fremden, geheimnisvollen Menschen verloren allen poetischen Reiz für mich, als sie, auf ihren Plätzen gleich Mehlsäcken zusammengesunken, durch die Nase die unromantische Musik des Schnarchens ertönen ließen. Ich ertappte mich auf einem tiefen, anhaltenden Gähnen, und dann noch einmal, und dann ertappte ich mich erst am andern Morgen auf der unumstößlichen Tatsache, daß ich die ganze Nacht durch geschlafen hatte! Ein Mark und Bein durchdringendes Bremsen hatte mich aus meinem Schlaf geweckt, gerade in dem Augenblick, als Onkel Ferdinand seine praktische Reisemütze zusammenlegte und in die Tasche steckte. »Guten Morgen, Otto,« sagte er heiter; »sieh, nun sind wir an fremdem Orte, wohl ausgeruht, und was uns noch an Frische des Körpers und Geistes fehlt, das werden wir dadurch zu gewinnen suchen, daß wir uns im Toilettenzimmer des Bahnhofs waschen und im Restaurationssaal desselben Gebäudes mit einer Tasse Kaffee versorgen. Dann halten wir frisch und munter unsern Einzug in die gute alte Stadt Emden und lassen unsre Aeuglein rund umgehn, wie's im Volksliede heißt, worauf wir das eigentliche Frühstück in unsrem Gasthaus einnehmen. Ich denke, du billigst dieses Programm?« »O, vollkommen, Onkel!« gab ich zur Antwort, Ich kann gar nicht sagen, wie wohl mir die Waschung meines Gesichtes mit dem frischen kalten Wasser nach der durchfahrenen und durchschlafenen Nacht bekam! Ich hatte das nie so empfunden und war in diesem Augenblick vollkommen bereit, den Ausspruch des schwungvollen Griechendichters Pindar zu unterschreiben, der da lautet: »Das Beste ist das Wasser.« Dabei mußte ich herzlich lachen, und das Lachen tat nicht minder gut! Onkel plätscherte, prustete und schnaubte nämlich in seinem großen und tiefen Waschbecken (das er sich extra gefordert hatte) derartig herum, daß ich unwillkürlich an einen harpunierten Walfisch denken mußte. Onkel wollte wissen, warum ich lache, und da bekannte ich ihm meinen geheimen Gedanken; wußte ich doch, daß ich's wagen durfte, denn der gütige, gemütliche Herr nimmt derartige Vergleiche nicht übel auf, »Also wie ein harpunierter Walfisch komme ich dir vor, mein Junge? Man sieht, daß das nahe Meer schon durch deine Seele rauscht, da du ihm deine Vergleiche entlehnst. Uebrigens hatte Emden ehemals Walfischfang, der Anno 1660 schon mit 15 Schiffen ausgeführt wurde, bis die Ems, die Pulsader der Stadt, in eigensinniger Laune einen andern Weg nahm und Walfischfang, Heringsfischerei und Handel für lange Zeit ruinierte. Dein Walfischvergleich, mein Junge, ist wirklich sehr liebevoll! Gestatte, daß ich dir denselben zurückgebe: du, mein Sohn, hast dich gewaschen wie eine Bachstelze, so zierlich und zimperlich. Wenn ich's aber recht bedenke, so trägst du keine Schuld, sondern dein dummes, unpraktisches, kleines Waschbecken, das kaum größer ist als ein Vogelnäpfchen.« Nachdem wir unsre Tasse Kaffee auf dem Bahnhof getrunken, pilgerten wir durch die angenehme Morgenfrische nach der alten Friesenstadt Emden, aus welcher ich in Schinkenhausen schon manchen Hering verzehrt hatte, ohne zu ahnen, daß ich je diese Stätte eines bedeutenden Heringsfanges betreten würde. Es war ein köstlicher Augustmorgen. Goldner Sonnenschein überflutete Land und Stadt, Onkel sagte, daß ihn das Ganze an eines jener im »sonnigen Goldton« gemalten Bilder des alten holländischen Meisters Cuyp erinnere, zumal Emden in seiner Bauart schon ganz den holländischen Charakter zur Schau trage. Es ist wahr, die Bauart und Einrichtung der meisten Häuser ist von der bei uns gebräuchlichen durchaus verschieden. Diese Emdener Häuser kehren nämlich ihre Giebel der Straße zu, sind oben oft gar wunderlich geschweift und haben Fenster, die, wenn man sie öffnen will, von unten emporgeschoben werden müssen. Dieses soll wegen der starken Seewinde sein, die einem offen stehenden Fensterflügel, wie man ihn im Innern Deutschlands findet, recht übel mitspielen würden. Alles Holzwerk ist sehr sauber angestrichen, weiß oder grün, und diese Sauberkeit ist wieder ein holländischer Zug. Was aber am meisten an Holland erinnert, das sind die vielen schiffbaren Kanäle, welche, mehrfach überbrückt, Emden durchschneiden. Der ansehnlichste ist der sogenannte Delft. Er bot uns ein Bild zum Malen, Wie gern hätte ich mein Skizzenbuch hervorgeholt und wenigstens die Umrisse festgehalten, denn ich zeichne nach der Natur – »nicht schlecht,« wie unser Zeichenlehrer in Schinkenhausen sagt. Aber Onkel meinte, das würde uns heute zu lange aufhalten, und Onkels Ansicht ist und soll für mich immer maßgebend sein. Das verlangt schon die Pflicht der Dankbarkeit, So mußte ich denn das malerische Bild allein durch die Camera obscura meiner Augen aufnehmen. Auf dem grünlichen Wasser des breiten Delft lagen schmucke Handelsschiffe vor Anker und streckten das malerische Gewirr ihrer Masten, Taue und braunroten Segel in den goldigen Sonnenschein; auf Deck sah man hier Körbe mit grünen Gemüsen, dort Stapel von schwarzen Torfstücken, anderswo Bütten mit silberfarbigen Seefischen. Am steingesäumten Ufer standen Käufer und Käuferinnen; vom Schiffe trug der Verkäufer über den schwankenden Steg einer Planke den Käufern die Waren zu. Dabei wurde gefeilscht, gestritten, sich wieder vertragen und gelacht. Nur ungern riß ich mich von diesem eigenartigen Marktbilde los; Onkel schien das zu empfinden, denn er packte mich mit sanfter Gewalt bei beiden Schultern, drehte mich um meine Achse und sagte: »Das ist das Rathaus, Anno 1576 erbaut, 62 Schritte lang, reiche Renaissance, nach Art der großen belgischen Rathäuser; der Turm nicht in der Mitte, indem der nördliche Flügel sieben, der südliche zehn Fenster hat. Wir werden übrigens dem Gebäude heute noch einen Besuch abstatten. Warum? davon später. Jetzt laß uns auch noch die ›Grote Kark‹ aufsuchen! Dann Frühstück!« Und Onkel führte mich, als wär' er hier zu Hause, nach der großen Kirche, wobei er die Shakespeareschen Verse citierte: »Laßt unsre Neugier uns befriedigen An den berühmten Stätten und Gebäuden, Die diese Stadt enthält!« Wann die »Grote Kark« erbaut wurde, ist unbekannt. In ihrem Chor bewunderten wir das prachtvolle Grabdenkmal des ehemals in Ostfriesland regierenden Grafen Enno II, Die Witwe, Gräfin Anna, ließ es errichten. Das Abbild des Entschlafenen ruht in voller Rüstung auf dem Sarkophage, alles aus weißem Marmor. Auf einer Säulenreihe davor ist in halberhabener Arbeit der Leichenzug des Grafen dargestellt, Ritterstatuen und allegorische Figuren bewachen dieses schöne Denkmal. Sodann vertauschten wir das Halbdunkel des Gotteshauses mit dem vollen Licht der Sonne, und zwar erstens der wirklichen Sonne, die als Feuerball am Himmel glänzte, zweitens einer aus Messing oder Vergoldung nachgemachten Sonne, die als Wahrzeichen über der Haustür eines von grünen Linden umhegten Gasthauses prangte. Es hat uns im Scheine dieser Messingsonne recht behagt. Der Wirt war sehr aufmerksam. »Tee oder Kaffee?« fragte er, als Onkel das Frühstück bestellte, Onkel sah mich von der Seite an und sagte: »Ich meine, wir nehmen Tee, Otto, das ist holländische Art, und wir sind hier in einer halb holländischen Stadt.« Nun war ich sehr überrascht, als wir den Tee aufgetragen bekamen: jeder Teetopf stand nämlich auf einem Untersatz, in welchem glühende Torfbrocken lagen. Das halte die Füße warm, scherzte Onkel. Der Tee selbst war sehr stark und schmeckte, mit blankem Kandiszucker versüßt (der in dem glühendheißen Getränk knisternd zersprang), mir bedeutend besser als das fade Getränk, das wir in Schinkenhausen an Sonntagabenden bekommen. Ich werde zu Hause als Reformator in Teesachen auftreten – Mama ist freilich sehr sparsam und hängt an ihren ehrwürdig alten Rezepten, ich sehe daher einen schweren Kampf voraus. Zu unserm Tee bekamen wir gekochte Eier, rohen Schinken und marinierten Fisch. Ich habe noch nie in meinem Leben so opulent gefrühstückt wie an diesem Morgen. Der alte Lucullus hatte es doch wohl gut. Ich möchte Lucullus sein, wenn ich nicht der Oberprimaner Otto wäre! Jenen deckt das Dunkel des Orkus, während ich noch atme im rosigen Licht – der Emdener Sonne. »Was habt ihr denn hier in der Stadt für Merkwürdigkeiten?« fragte Onkel den gefälligen Wirt, indem er tat, als sei er noch nie in Emden gewesen. »Erstens das Rathaus, zweitens die Waffensammlung, drittens den Emdener Käse,« antwortete der Wirt verbindlich. »Ein kurioses Trifolium, ein unerhörter Dreiklang!« lachte der Onkel, während ich an den Spruch dachte: Tres faciunt collegium . »Aber sagen Sie, Herr Wirt,« fuhr mein Mentor fort, »Sie können uns vielleicht selbst und sofort in die eine dieser wirklich merkwürdigen Merkwürdigkeiten einführen, ich meine den Käse. Was hat er denn für besondere Kennzeichen?« »Unser Käse,« antwortete der Wirt, »ist mit Kümmel, zerstoßenen Wacholderbeeren und kleingeschnittenen Gewürznelken versetzt, eine Mischung, die ihm einen sehr angenehm pikanten Geschmack verleiht. Die Größe unsrer Erzeugnisse auf diesem Gebiete wechselt vom einfachen Tellerumfang bis zur Wagenradgröße.« »Wagenradgröße! Dann können wir deiner Mama nicht gut einen von diesen Emdener Käsen mitbringen, Otto,« bemerkte Onkel Ferdinand lächelnd, »es wäre denn, daß du in höchsteigener Person einen solchen Käse vor dir her rolltest, wie die Radmacher mit ihren Rädern tun. Aber dazu seid ihr Herren Primaner von heute zu stolz – die Kameraden könnten es sehen und dich auslachen! – während ich in meinen Jugendjahren, als ich in der Prima saß, mit der Oelflasche zum Krämer laufen mußte und wirklich lief, denn sonst hätte mir meine Mutter mit der Elle meine Beine beflügelt, daß selbe mit denen des Götterboten Hermes in Wettstreit hätten treten können. Vorläufig, Herr Wirt, bitte ich um eine Frühstücksprobe von eurer käsigen Berühmtheit; entspricht dieselbe unsern binnenländischen Geschmacksnerven, so werde ich mich für das Tellerformat entscheiden, zum Mitbringen für die Lieben daheim.« Der Käse erschien. Seine grünlichgelbe Masse war mit braunen Fleckchen gesprenkelt, wie eine Wachtel; die Flecken stellten unzweifelhaft Kümmel, Wacholder und Gewürznelken in lieblicher Vereinigung dar, »Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle,« deklamierte Onkel, wohl in Erinnerung an seine Primanerzeit, wo ihn außer der Oelflasche Homer und Hexameter beschäftigten. »Hm, läßt sich essen!« äußerte der Onkel, nach einer Minute des Schmeckens. Dies ist sein Lieblingsausdruck, wenn ihm eine Sache vortrefflich mundet. Was mich betrifft, so mochte ich den Emdener Käse sehr gern, aber mir schmeckt überhaupt alles gut, da wir zu Hause gar nicht verleckert werden. »Ein künftiger Soldat und Vaterlandsverteidiger,« pflegt Papa zu sagen, wenn mein jüngerer Bruder Karl bei Rüben oder weißem Kappus lange Zähne macht, »muß alles essen lernen; wie soll es ihm sonst in den Quartieren ergehen? Ein Leckermaul macht nur den Quartierwirt verlegen oder ärgerlich.« Onkel bestellte sofort einen Emdener Käse von Tellergröße, den wir auf der Rückkehr mitnehmen wollen. Wie wird Mama sich freuen! Ich hoffe, daß die Gute etwas dickere Scheiben schneiden wird, als gewöhnlich. Nachdem wir nun gefrühstückt hatten, nahmen wir Merkwürdigkeit 2 und 3 in Augenschein: das Rathaus und die Waffensammlung. Eigentlich hatten wir das Rathaus schon gesehen, aber da besagte Waffensammlung in seinen oberen Sälen aufgestellt ist, so mußten wir wohl oder übel es noch einmal besichtigen, was übrigens gar kein Opfer für mich war, denn das große Gebäude ist sehr reich und mannigfaltig verziert. Es waren noch mehrere Fremde da, welche die berühmte Waffensammlung, die als eine der bedeutendsten in Deutschland gilt, sehen wollten, und von einem Kastellan geleitet, dem jeder laut Taxe fünfzig Pfennig in die biedere Rechte drücken mußte, betraten wir die oberen Säle. Du lieber Himmel, welch ein Spiel von Schwertern, Hellebarden, Musketen, Radflinten, Donnerbüchsen, Sattelpistolen, Kanonen, Sturmfackeln, Richtschwertern u. s. w., wohl über 1000 Nummern! Ein dicker, gemütlicher Herr staunte, was die Menschen doch alles für Mordinstrumente erfunden hätten, um sich gegenseitig das bißchen Lebenslicht auszublasen! »Merkwürdig!« sagte mein Onkel, »diese Emdener, welche mit ihrem berühmten Käse so emsig an der Erhaltung des menschlichen Körpers arbeiten, eben diese interessieren sich so sehr für Instrumente, welche der Zerstörung des menschlichen Körpers dienen! Les extrêmes se touchent! « – »Aber wie sind diese Emdener denn, die ich immer für Heringsbändiger hielt,« fragte ein Jüngling, in großkarriertem Anzuge, »zu einer so schneidigen Waffensammlung gekommen?« – »Emden,« antwortete der Kastellan, »welches eine alte Chronik das Auge der ganzen friesischen Küste nennt, erbeutete (hier warf der Sprecher einen triumphierenden Blick nach dem großkarrierten Jüngling hinüber, der von Heringsbändigern gesprochen) diese Waffen aus einem Schiffe, auf welchem Graf Ernst von Mansfeld, der bekannte Feldherr im Dreißigjährigen Kriege, seine Trophäen nach England zu bringen gedachte. Jeder Emdener ist stolz auf diese Sammlung,« – »Und mit Recht,« fiel ein alter Herr ein, dem man, wiewohl er einen grauen Reiseanzug trug, den höheren Militär ansah, »denn so reichhaltige Sammlungen möchte es nur wenige in Deutschland geben. Besonders schön ist die Sammlung der Feuergewehre von der Zeit ihrer ersten mangelhaften Einrichtung an bis auf ihre heutige Gestalt.« Nachdem wir die Mordwerkzeuge zur Genüge besichtigt, wurden uns zwei Automaten vorgeführt: ein trommelnder Tambour und zwei Ritter im Zweikampf. Aufrichtig gestanden, diese Figuren machten mir mehr Spaß, als alle die schauerlichen Mordinstrumente zusammen. Letztere waren eine ernste Tragödie, die Automaten eine lustige Komödie. Ich muß wohl über das ganze Gesicht gelacht haben, denn Onkel sagte vernehmlich laut: »Das ist was für dich, Otto!« Ich fühlte, wie ich rot und heiß im Gesichte wurde. Aber ich interessiere mich nun einmal für Mechanik. Die weiteren Erlebnisse des Tages waren ein Spaziergang um die Stadt und dann das Mittagessen, wo ich zum erstenmal im Leben Bekassinen, gebratene Bekassinen, bekam. Dies sind schnepfenartige Vögel, die in Mooren und Sümpfen leben; man nennt sie auch geradezu Sumpfschnepfen. Sümpfe und Moore aber findet man in Friesland recht viel. Als die braunknusperigen Vögel mit ihrem langen Schnabel auf der Tafel erschienen, ereignete sich ein komischer Zwischenfall. Eine ätherische Dame, mit langen goldblonden Schmachtlocken, die auf ein perlgraues Reisekleid und einen breiten, schwarzen Spitzenkragen fielen, lispelte, als sie das genannte Gericht erblickte, recht schmachtend: »Ach, Himmelsziegen!« Alles lachte, obwohl es gewiß nicht passend war. Aber es lautete auch gar zu komisch: Himmelsziegen! Nur der alte militärische Herr, der die Waffensammlung gelobt hatte, blieb ernst und sagte: »Ich erlaube mir, die verehrte Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, daß sich die Dame eines ganz richtigen Namens bedient hat, den Sie zum Beispiel auch in Rebaus Naturgeschichte finden können. Himmelsziege heißt diese Bekassine, weil sie oft, pfeilschnell sich hoch in die Luft schwingend, oben ein weitschallendes Meckern hören läßt. Wer den Namen ›Himmelsziege‹ indes nicht benutzen will, der mag ›Heerschnepfe‹ oder ›Bruchschnepfe‹ sagen, und wer auch dieses zu gewöhnlich findet, der sage Scolopax gallinago! « Darauf führte der alte Herr mit der größten Gemütsruhe von der Welt das braungebratene Brüstchen seiner Bekassine zum Munde. Ob wir nach dieser Zurechtweisung wohl unser Lachen einstellten? Die Dame mit den Locken machte dem alten Herrn eine Verneigung und lispelte: »Es gibt doch noch Ritter!« Uebrigens störte der Zwischenfall die Gemütlichkeit nicht; im Gegenteil, er belebte das Gespräch, indem jetzt allerlei kuriose Namen genannt wurden, die in andern Gegenden für ganz bekannte Dinge gebräuchlich sind. So hab' ich noch behalten, daß ein freundlicher Geistlicher sagte, in Jütland heiße der Teufel ›Fannen‹, was er in folgendes Gedenkverschen kleidete: »Kennst du das Land, wo man aus Holz die Schuhe macht, Wo man aus Morast Töpfe brennt, Wo man den Teufel Fannen nennt?« Ja, auf so einer Reise kann man was lernen! Nach dem Mittagessen machte Onkel Ferdinand ein Schläfchen, während ich an diesem Tagebuch schrieb. Vier Uhr gemeinschaftlich Kaffee getrunken, poetischer ausgedrückt, den braunen Trank Arabiens geschlürft. Dann noch ein Spaziergang auf dem Wall, der von einer dreifachen Baumreihe beschattet ist. Hübsche Anlagen, bequeme Ruhebänke, lohnende Aussichten in die Ferne. Zum Abendessen genossen wir einige Fischspeisen, denn es ist Onkels Grundsatz, auf Reisen das zu essen, was der Gegend, der Stadt, oder dem Dorfe eigentümlich ist. Auf Helgoland, sagte er zum Beispiel, werde ich mir keinen Schweizerkäse fordern, sondern Hummern und Austern. Während Onkel nach der Mahlzeit im Gastzimmer die Zeitungen las, ging ich nach oben auf mein Stübchen und vollendete meine Schreiberei. Darüber ist meine Kerze fast niedergebrannt; es wird Zeit, daß ich ins Bett steige. »Gute Nacht!« flüstere ich nach Hause hinüber, wo meine Lieben schon längst ihre Lagerstätte aufgesucht haben. – Es hing ohne Zweifel mit Ebbe und Flut zusammen, daß wir erst heute mittag nach der Table d'hote (diesmal ohne Himmelsziegen!) zu Schiffe konnten. Ein gelungener Sachse, der sich immer mit einem blau und grün karrierten Plaid herumschleppte, auch beim Essen, meinte zwar, das seien nur Kniffe von den Wirten. Aber der Mann mit dem Plaid war entschieden im Unrecht. Es wird den Wirten von Emden ja unzweifelhaft sehr angenehm gewesen sein, daß ihre Gäste alle zum Mittagessen bleiben mußten, aber sie trugen nicht die geringste Schuld daran. Nämlich der Kanal, welcher Emden mit dem Dollart und also mit der Nordsee verbindet, enthält nur Wasser, wenn die Nordsee Flut hat, also das Wasser steigen macht; die Flut dauert bekanntlich sechs Stunden; zur Zeit der Ebbe, wo das Wasser zurückweicht, ist der betreffende Kanal beinahe trocken, so daß überall graue Schlammbänke ans Tageslicht treten; die Ebbe währt ebenfalls sechs Stunden. Wir konnten also nur zur Zeit der Flut ausfahren, oder wenn die Ebbe erst begann und der Kanal noch voll war. Diese Umstände bedingten den Zeitpunkt unsrer Abfahrt. Quod erat demonstrandum . Ich erörterte dies alles dem Sachsen mit dem Plaid, er aber behauptete in seiner drolligen Sprache, die ganzen Wassergeschichten ( sic! ) ließen sich heutzutage machen, mit Schleusen und Stauwerken, und ich sollte nur überzeugt sein, daß da in Emden Kniffe der Herren Wirte spielten, um nochmals eine volle Table d'hote herauszuschlagen. Während er von mir verlangte, ich solle überzeugt sein, ließ er sich selber nicht überzeugen, nicht durch die schlagendsten Gründe, und als ich ihm erzählte, daß Emden früher direkt an der breiten Emsmündung gelegen habe, wodurch die Emdener direkt in die Nordsee hätten fahren können, daß aber seit dem Jahre 1572 der Fluß sein altes Bett verlassen und sich mehr südlich gewandt habe, was die Emdener gezwungen hätte, einen Kanal von ihrer Stadt nach der Emsmündung beziehungsweise nach dem Dollart zu ziehen, – da sagte mein Sachse ganz großartig: »Schwindel! Nichts als Schwindel der Herren Hoteliers!« Nun gab ich meine Bekehrungsversuche auf. Unser gefälliger Wirt zur »Sonne« ließ seine Gäste im Omnibus zur Abfahrtsstelle des Dampfschiffes befördern. »Wie er sich beeilt, uns loszuwerden, nachdem wir die Speisekarte heruntergegessen!« sagte der Sachse; »wir erfahren an unserm eigenen Fleisch und Bein die Wahrheit des Spruches: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehn!« Ich erwiderte keine Silbe darauf, denn ich ärgerte mich zu sehr über solche Unterstellungen. Vielleicht aber – und bei diesem Gedanken fühlte ich mein Blut siedendheiß in die Wangen steigen – hat der Mann mich nur ein bißchen aufziehen wollen, da er mir unter anderm das Kompliment machte, ich sei jung, sehr jung. Das »sehr« betonte er mehr, als mir gerade nötig schien. Der Omnibus setzte seine Insassen am Kopfe des erwähnten Kanals aus. Hier wartete das Dampfschiff »Prinzeß Marie« auf uns. »Eine jungfräuliche Dame vorgerückten Alters,« scherzte Onkel, »die besser täte, sich der Häuslichkeit zu widmen, als so extravagante Touren, wie eine Seefahrt, zu unternehmen.« – »Wie, hältst du das Schiff nicht mehr für seetüchtig?« fragte ich. – »O, es wird dies eine Mal noch gehen,« antwortete Onkel, »namentlich wenn du, Otto, das Fahrzeug mit den Worten des Kolumbus anspornst: ›Nach Westen, o, nach Westen hin beflügle dich, mein Kiel!‹ Ich weiß ja ohnehin, daß dein Busen angesichts der Seefahrt mit hochromantischen Gefühlen geschwellt ist, und daß du wie eine elektrische Batterie geladen bist mit poetischen Citaten. Hab' ich recht?« – »Vollkommen recht, lieber Onkel, und ich will nur gleich den Anfang machen: ›Mich aber treibt's, ein andres Land zu suchen, Und ein Kolumbus ist mein ahnend Herz!‹« Währenddessen stöhnte die »Prinzeß Marie« ein wenig ärgerlich – sie schien des Wartens müde. Wir machten ihr die schuldige Reverenz, indem wir zwischen Lastträgern, Koffern, Körben, Hutschachteln und Reisetaschen hindurch über das schmale Gangbrett an Bord stolperten. Die Gäste der übrigen Hotels säumten nicht; auch sie beeilten sich, ihren Platz an Bord zu gewinnen. Schneller als ich erwartet, verschwand das Chaos der Reiseutensilien am Quai unter den Händen der Schiffsmannschaft, kräftiger Friesensöhne mit braunroten Gesichtern, schwarzen helmartigen Wachstuchhüten (sogenannten Südwestern) blauwollenen Jacken und der unvermeidlichen Dosis »Schiemannsgarn« oder Kautabak hinter der Backe. Sie trugen auf ihrem breiten Rücken gewaltige Lasten über das schmale, schwankende Laufbrett und versenkten dieselben durch eine Falltür in den Orkus des untern Schiffsraumes. Die Schiffsglocke ertönte. Einige Nachzügler kamen noch in verzweifeltem Galopp angesprengt und retteten sich über das Laufbrett. Dann wurde dieses weggezogen, die Taue wurden von dem dicken Uferpfahle gelöst, der Schlot entsandte Rauchwolken, die Räder begannen zu arbeiten und das Schiff setzte sich in Bewegung, Aber vorerst nur langsam, denn das Fahrwasser war schmal, hoch ragten zu beiden Seiten die grasbewachsenen Deiche, welche den Kanal einfaßten. Währenddessen fanden die Passagiere Zeit, Reisetoilette zu machen. Bei den Damen kamen die buntesten Radmäntel, bei den Herren die unglaublichsten Kopfbedeckungen zum Vorschein. Wenn Onkel Ferdinand seinen hohen, steifen, grauen Filzhut mit der bewußten praktischen Schlaf- und Reisemütze vertauschte, so tat er dies sicher nur der Bequemlichkeit wegen; aber verschiedene andre Herren und Herrchen hatte ich in Verdacht, daß sie sich durch ihre Reisekappen nur ein gewisses »Relief« geben wollten, wie man das nennt. Da war zum Beispiel ein Bergassessor (ich hatte den Titel zufällig gehört), der eine schirmlose Jockeimütze von schwarzem Sammet aufstülpte, welche einen Saum von kanariengelbem Seidenbande hatte und im Nacken eine dito Schleife, an welcher mindestens zwei Meter Band verschwendet waren. Was mich betrifft, so behielt ich einfach mein graues Filzhütchen auf, das mir der gütige Onkel in Emden gekauft hatte; ich konnte mir auch gar nichts Schöneres denken, als dieses Hütchen – dem ach! ein so kurzes Dasein beschieden sein sollte. Doch davon gleich. Unter dem Schutz des ausgespannten Sonnenzeltes gruppierten sich die so merkwürdig herausgeputzten Passagiere auf kleinen Feldsesseln, und sofort war alles in der lebhaftesten Unterhaltung begriffen. Wird das schöne Wetter andauern? Werden wir glatte See haben? Wenn nur nicht die fatale Seekrankheit kommt! Weiß man kein Mittel dagegen? O doch, mindestens fünfzig – aber keines hilft! Wie lange werden wir nach Norderney fahren? Haben Sie schon ein Quartier? Kurzum, die bevorstehende Seefahrt bildete das allgemeine Fahrwasser der Unterhaltung, Wohl den meisten der Passagiere war diese Fahrt, gleich mir, etwas Neues, Großes, Gewagtes. Wir fühlten alle so etwas von einem Kolumbus in uns, der aussegelte, einen unbekannten Erdteil zu entdecken. Endlich hatten wir den Kanal hinter uns. Das Schiff schoß durch die weitgeöffneten Tore der großen Schleuse und durchschnitt die Wogen des Dollart, die uns in krausem Gewimmel, glitzernd im Sonnenglanz, umgaben. Wir fühlten sofort den frischen Hauch des Seewindes, der ungehindert über die weite Fläche strich – und namentlich mein armer schöner Hut fühlte ihn! Ich hatte in unverzeihlicher Nachlässigkeit versäumt, das Gummikördchen an meinem Rockknopf zu befestigen, und hui! flog der Hut durch die Luft und – lag in der See. Onkel Ferdinand sagte, das Gesicht wäre »gut« gewesen, mit dem ich dem Entflohenen nachgeblickt: so müsse Jonas ausgesehen haben, da ihn der Walfisch verschluckte. Leider wurde kein Boot ausgesetzt, den Flüchtling, der wie närrisch auf den Wellen tanzte, einzuholen. Kapitän, Matrosen, Passagiere, sie alle lachten mich unbarmherzig aus, selbst der kleine Küchenjunge grinste. Onkel, der nie seine gute Laune verliert, sagte, dasselbe Malheur sei dem Dichter des »Trompeter von Säckingen«, Viktor von Scheffel, in den italienischen Gewässern passiert; Scheffel habe ein hübsches Gedicht darauf gemacht, das müsse ich mir zum Troste abschreiben. Dann holte Onkel seinen eigenen hohen, steifen, grauen Filzhut wieder aus der Hutschachtel und stülpte ihn mir mit den Worten: »Selbstverständlich darfst du diesem kühlen Seewind dein geschorenes Haupt nicht unbedeckt aussetzen,« auf den Scheitel. Nun mußte meine Erscheinung erst recht komisch sein, wie ich aus der gesteigerten Heiterkeit der Passagiere schloß. Ich tat, was das beste in diesem Falle war: ich lachte mit – und dann kettete ich den Bibi durch die Gummischnur an meine Joppe und wandte meine Blicke auf die See hinaus. Der Dollart! Wo jetzt seine salzigen Wasser wogen, war einst festes Land, das alte Reiderland mit der Stadt Thorum und nahe an vierzig Dörfern. Fruchtfelder und Weidetriften dehnten sich aus und gaben einer kernigen, wackeren Bevölkerung ihr Bestehen. Aber die Nordsee ist eine Mordsee, und in einer dunklen Sturmnacht ward die ganze Herrlichkeit des Reiderlandes von den empörten Wogen verschlungen. Tausende von Menschen ertranken. Nur eine kleine Scholle Landes blieb übrig – wir fuhren an ihr vorbei: die Insel Nessa oder das Nesserland, eine grüne Wiese mit sechs Häusern, die auf künstlichen Erdhügeln stehen, sogenannten Warfen. Die Bewohner sind in ewigem Kampf mit der Salzflut, die mit gierigen Zähnen nach ihrem Grund und Boden schnappt. Helios, der uns am Morgen so freundlich angelächelt, hatte sich, ehe wir uns dessen versahen, griesgrämig hinter graue Wolkengardinen zurückgezogen. Diese Gardinen hatten verdächtig schwarze Ränder, die schwer niederhingen und hier und da bis in die See tauchten. Ein lebhafter Wind pfiff und orgelte über das Wasser und wühlte dasselbe zu höheren Wellen auf, die dunkel, mit weißem Schaum gekrönt, gegen die Planken unsres Schiffes platschten und uns mit salzigen Flocken und Tropfen bespritzten. Das Schiff hob und senkte sich auf den Hügeln und Tälern der Wellen. »Prinzeß Marie will tanzen!« rief ein kleiner Bursche in braunem Sammetkittel. Mit lautem, halb gesungenem »Hohehoi!« zogen die Matrosen ein großes, vielgeflicktes Segel auf. Der Wind warf sich heulend hinein, wodurch es einen rundgeschwellten Bauch gewann; dazu arbeitete die Maschine, so daß die Räder durch kochenden Gischt zu fahren schienen. Ob wir wohl weiter kamen! Es war herrlich! »Vorbei, vorbei an grünen Uferweiden! Es will mich jetzt nach keinem Land gelüsten; Das weite Meer will ich im Flug durchschneiden Und Anker werfen an den fernsten Küsten!« So deklamierte ich, wohlverstanden nur in der Sprache des Gedankens, denn die Passagiere, und wohl auch Onkel Ferdinand, hätten mich ausgelacht, wenn ich die Verse laut gesprochen hatte. Die Welt hat so wenig Sinn für Poesie, es ist ein Jammer. Ich will hier aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, bekennen, daß die Verse nicht von mir sind, sondern von einem Isidor Bürger, der aber ein anderer Bürger ist, als der berühmte Balladendichter; mein Isidor Bürger hat ein dünnes Bändchen »Nordseelieder« herausgegeben. Die Fahrstraße, welche »Prinzeß Marie« (von wegen der Wassertiefe) innehalten mußte, war durch einzelne, an der Oberfläche des Wassers schwimmende Tonnen bezeichnet, welche, wie der Onkel mir erklärte, mittels Ketten an kolossalen, in das Meer versenkten Steinen befestigt sind. »In den schwarzen Tonnen wohnen die Schornsteinfeger, in den weißen die Bäcker.« Das mag Onkel kleineren Kindern aufbinden, als mir. Andre Wegweiser der Fahrstraße waren eingegrabene Birkenbüsche, die mit ihrer Spitze aus dem Wasserspiegel guckten. Jetzt sahen wir auch Möwen, diese charakteristischen Seevögel. »Was dir der Rabe auf dem Land, Mit Waldes Sturm und Graus bekannt, Das ist die Möwe mir zur See, Vertraut mit Sturmes Graus und Weh –« deklamierte der Onkel – und ich sah niemand lächeln. Warum nicht? O, sicherlich, weil Onkel ein älterer, etwas dicker Herr ist. Hätte ich so deklamiert, so hätte man gleich gespöttelt über »jugendliche Begeisterung«, als ob die so etwas Schlimmes wäre! Bei Alexander dem Großen zum Beispiel hat sie doch große Taten ausgerichtet. Als Onkel sein Sprüchlein hergesagt, fielen mir die herrlichen Hexameter aus der Odyssee ein, wo Hermes, der Götterbote, mit dem Vogel Laros, eben der Möwe, verglichen wird – und mit doppeltem Interesse heftete ich jetzt meine Blicke auf die fluggewandten Vögel, die sich mit ihrem schneeweißen Gefieder wie Silberpunkte von dem Hintergrunde des bleifarbigen Himmels abhoben, bald in den Höhen des Aethers schwebend, bald auf die bewegte See hinabtauchend, oder der Küste zusteuernd. Die Küste: im Süden und Westen grüßte die holländische Küste herüber; nördlich von der »Prinzeß Marie« zog sich der »goldene Ring« des Friesenlandes hin. Der goldene Ring: so bezeichnet man die kostspieligen Deiche, welche manchen Sack mit Gold verschlungen haben; aber sie sind notwendig, weil sie das tief gelegene Marschland vor dem Sturmlauf des Ozeans schützen müssen. Doch paßt der Ausdruck auch auf die große Fruchtbarkeit der friesischen Marschen. Ein Vorsprung der Küste schob sich ins Meer hinein; Onkel nannte ihn »die Knocke« und erzählte, daß hier in der Nacht ein Leuchtfeuer dem Schiffer den Weg zeige auf dem pfadlosen Elemente. Wir passierten die Knocke. Der Wind fegte jetzt ungehemmt über die weite Meeresfläche. Unser Schiff tanzte förmlich auf den Wogen. Es drängte mich, die schwungvollen Rhythmen Heines mit der stummen Sprache des Gedankens nachzusprechen: »Thalatta! Thalatta! Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer! Sei mir gegrüßt zehntausendmal Aus jauchzendem Herzen – – Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer! Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser, Wie Träume der Kindheit seh' ich es flimmern Auf deinem wogenden Wellengebiet!« Die Begeisterung, welche ich in diesen Versen – eines andern – austönte, schien durch den Anblick der großartigen Scenerien auch noch in manchem andern Busen geweckt zu werden. Da war zum Beispiel der Bergassessor von vorhin, der mit der Jockeimütze und der flatternden Seidenschleife. Er hüllte sich in einen langen schwarzen Mantel von Guttapercha, zündete sich eine Zigarre an, stellte sich mit gespreizten Beinen am Bugspriet auf und kreuzte die Arme über der Brust. Sein Blick starrte in das aufgeregte Meer hinaus. Wenn ihn Schaum und Tropfen trafen, zuckte er mit keiner Wimper. Er sah überhaupt ganz großartig aus. »Fürchten Sie denn nicht, auf diesem am meisten auf und nieder tanzenden Standpunkte die leidige Seekrankheit zu bekommen?« fragte mein Onkel, der mit mir auf dem Schiffe auf und nieder spazierte. »Die Seekrankheit?« antwortete der Herr verächtlich, indem er uns mit einem kühlen Blicke streifte, »ich kenne sie nicht; ein fester Wille und allenfalls ein Schluck Cognac sind mein Palladium.« – »Großartig!« sagte mein Onkel. (Ich glaube dabei einen etwas spöttischen Zug um seine Augenwinkel gesehen zu haben.) Merkwürdig, der Herr am Bugspriet imponierte mir gar nicht; ich fühlte einen weit größeren Respekt für den Mann am Steuer. Dieser war ein Matrose von fast sechs Fuß Länge und herkulischem Körperbau. Er trug eine weite, geflickte Hose von Segeltuch und ein rauhes, dunkelblaues Wams mit weit zurückgeschlagenem Kragen, welcher den starken Hals bloß ließ; ein Südwester saß schief auf den krausen blonden Friesenhaaren, so daß die klare Stirn und das rotbraune Gesicht unbeschattet blieben. Die Züge waren stark, aber nicht unschön, wenngleich eine hinter der linken Backe verborgene Portion Kautabak die Sympathie ein wenig störte und den Gedanken an ein Zahngeschwür aufkommen ließ. Der stattliche Mann stand, anscheinend unbekümmert um die ganze Schiffsgesellschaft, am Steuer, der Winke des Kapitäns gewärtig und mit nerviger Faust die Drehscheibe regierend, als wäre sie leicht wie eine Flaumfeder. So oft ich meine Blicke von diesem imponierenden Manne der übrigen Schiffsgesellschaft zuwandte, wollte es mir scheinen, als ob eine auffallende Blässe ihre Gesichter entfärbe. Auch war die anfangs so laute Unterhaltung fast gänzlich verstummt. Die Rufe: »Wie großartig! Wie entzückend!« wurden nicht mehr gehört. Der eine nach dem andern schloß die Augen, klammerte sich an die Schiffswand, wischte sich mit dem Taschentuche den Schweiß von der Stirn und suchte mit taumelnden Schritten das Hinterdeck oder sonst einen Platz »im Lee« (wo man vor dem Winde besser geschützt ist) zu gewinnen. Der Matrose Klaus, welchem die Natur ohnehin ein Schelmengesicht gegeben, brachte mit doppeltem Schelmengesicht eine Anzahl grünlackierter Blecheimer herbei, die er an die wunderlichen Landratten verteilte, welche die Augen verdrehten wie Schellfische auf festem Lande. Die Empfänger beugten den Kopf bald über den Behälter, bald über den Schiffsrand, als hätten sie sowohl jenem als auch da unten der Meerflut etwas anzuvertrauen. Und so war es auch – denn die Seekrankheit war an Bord der »Prinzeß Marie« ausgebrochen. Ueberall Scenen des Jammers. Der Sachse, mein bewußter Sachse aus »Connewitz bei Leipzig«, wünschte sich mit einem ersterbenden Seufzer nach »Connewitz« zurück. Ich war gerächt, und die Wirte von Emden waren es ebenfalls! Der großartige Herr mit dem Guttaperchamantel, der Jockeimütze und Schleife, schleuderte seine Zigarre in das Meer und knickte wie ein Taschenmesser auf einer Bank zusammen. Eine junge Dame, der man bis dahin viele Aufmerksamkeiten erzeigt hatte, lag mit schiefgedrücktem Hute in einer Ecke und stöhnte nach einem Glase Wasser – und niemand brachte es ihr. Ein Leutnant in Zivil, der bis dahin durch seine schneidige Haltung imponiert hatte, lag krumm wie ein gerollter Mantel auf einer Bank und nannte das ganze Weltmeer einen »faulen Zauber«. Und ich? Ich hatte die Seekrankheit am dicksten, davon bin ich überzeugt. Keiner konnte mehr leiden als ich. Sie ist wirklich fürchterlich, diese Krankheit! Wir sagten auf der Unterprima oft: »Ist mir alles schnuppe!« Dieses geflügelte Wort paßt vollkommen auf den Zustand, in den uns die Seekrankheit versetzt. Es wär' mir wirklich schnuppe gewesen, wenn der Kapitän seinen Matrosen den Befehl gegeben hätte, mich in den Dollart zu werfen, zur Speise der Schellfische und Makrelen. Ich würde mich mit keinem Finger gewehrt haben. Und dann dieses abscheuliche Würgen im Halse, dieses – – elegante Geister sagen in verblümter Redeweise: »dem Neptun opfern« – aber die Geschichte selbst kommt auf nichts Elegantes hinaus oder heraus. Und Onkel Ferdinand? »Otto,« sagte er, »ich gehe in die Kajüte und esse ein Beefsteak mit gebratenen Zwiebeln.« Als ich nur das Wort »gebratene Zwiebeln« vernahm, verfiel mein Magen in eine neue Konvulsion. »Meine Gegenwart kann dir gar nichts nützen,« fuhr der Onkel fort; »leg dich horizontal auf diese Bank, so spürst du am wenigsten die schaukelnden Bewegungen des Schiffes, denen man das Unheil zuschreiben muß.« Ich befolgte diesen Rat und spürte wirklich einige Erleichterung. Aber Unglück kommt nicht allein, sondern, nach Shakespeare, in Bataillonen. Der Himmel überzog sich mit einer schwarzen Gewitterwolke; dieselbe kam mir vor wie ein Riesenadler, der, seine Fittiche ausbreitend, näher und näher rauscht. Da rollte auch schon ein gewaltiger Donnerschlag über den Horizont. Zugleich fegte der Wind mit gesteigerter Heiterkeit über die mächtig erregte See. Es war ganz, wie Heine sagt: »Der Wind zieht seine Hosen an, Die weißen Wasserhosen.« Ein prasselnder Regen fuhr alsbald hernieder. Und wir armen Seekranken lagen so gleichgültig da, daß wir uns ruhig durchnässen ließen. Blitz zuckte auf Blitz, bald rot, bald gelb und bald blau. Der Donner machte kaum noch eine Pause. Die weißen gespenstigen Möwen waren wie toll, sie flogen wie ein Haufen Papierschnitzel, in den der Wind fährt, durcheinander und kreischten wie ein halbes Hundert Katzen. »Ein Sturm! ein Sturm!« ächzten die Damen. »Ein harmloses Gewitterchen!« beruhigte sie der Kapitän. Die Matrosen riefen sich einige Worte zu, und klatschend fiel das Segel nieder. »Wir scheitern! Wir gehen zu Grunde; Papa, Mama, laßt uns aussteigen!« zeterten ein paar Kinderstimmen. – »O Papa, ich will lieber weiter studieren!« wimmerte ein Quartaner, der sich mit dem Plan getragen hatte, Matrose zu werden. »In die Kajüte, in die Kajüte!« mahnte der Kapitän, da der Regen das Deck zu überschwemmen drohte. Nun drängten alle, die noch Beine unter ihrem Leibe fühlten, die steile Treppe hinunter, die andern, Beinlosen (worunter auch ich mich befand), blieben in völliger Apathie auf ihren Bänken und Feldstühlen liegen und erklärten dem freundlich zuredenden Kapitän, sterben zu wollen. Jene Bänke und Feldstühle, welche von ihren bisherigen »Besitzern« verlassen waren, stürzten und polterten nun auf dem schwankenden Deck umher, bis die Matrosen sie einfingen und in Numero Sicher brachten. Aber da unten mußte es fürchterlich sein, noch fürchterlicher wie in den Abgründen des Schillerschen Tauchers, denn einer der Hinabgetauchten nach dem andern arbeitete sich wieder ans Licht, obwohl dasselbe durchaus nicht rosig war. Auch Onkel Ferdinand fand sich ein. Das Beefsteak mit gebratenen Zwiebeln sei vortrefflich gewesen, sagte er; ob ich auch eins wolle. »O, Onkel!« wehrte ich ab; »ich wollte, der Sturm begrübe mich in die Tiefe des Dollart.« – »Der Sturm?« lachte der Onkel; »nun ja, aber in Miniaturausgabe! Doch ich will das denen in Schinkenhausen nicht verraten, wenn du von haushohen Wogen und klaftertiefen Abgründen zu erzählen anfängst. Mut, mein Junge, das schlichte Gewitterchen verzieht sich so schnell, wie es gekommen. Höre, der Donner grummelt schon in der Ferne, die Wolken fliegen wie zerrissene Taschentücher der Küste zu.« Ich richtete mich von meiner Lagerstätte empor und fühlte mich merklich besser. »Wenn das ein Sturm von Miniaturausgabe war,« sagte ich matt lächelnd, »so war wenigstens die Seekrankheit in Großfolio.« Mit den verglasten Augen die Küste suchend, sah ich einen matten Strahl der wiederkehrenden Sonne über das Wasser gleiten, das als eine Pfauenfeder grün, blau und golden schillerte. Im Lichte des Sonnenstrahls lag blaß und grau eine Kette von Hügeln. »Norderney!« rief der Kapitän und zeigte mit dem Finger darauf, »Norderney!« pflanzte die frohe Kunde über das Deck sich weiter. Es klang wie ein Erlösungswort. Alles drängte nach vorn, denn man konnte wieder stehen und gehen, das Gespenst der Seekrankheit war mit den Gewitterwolken abgezogen. Welch eigenartiges Naturbild bot sich uns dar! Mit spitzen Gipfeln und runden Kuppen, mit sanften Abhängen und schroffen Senkungen lag das berühmte Eiland da, schimmernd in der gelbweißen Farbe des Sandes; eine graugrüne Vegetation schmiegte sich hie und da wie ein zerrissenes Bettlergewand um die höchsten Erhebungen, während ein leuchtend weißer Streif – die Brandung der See – die Basis der Hügelkette und des sanft ansteigenden Strandes bildete. Das Bild gefiel mir über die Maßen. Onkel Ferdinand, welcher meine leuchtenden Augen sehen mochte, fragte: »Na, hast du denn kein poetisches Citat zur Hand?« – »O doch, Onkel,« entgegnete ich, und unbekümmert, ob die Passagiere mich hörten, citierte ich die hübschen Verse von Ernst Hallier, der ein gelehrtes Buch über die Nordsee geschrieben hat: »Still die Düne; schaumumkränzt In der vielbewegten See; Klare, grüne Flut begrenzt Zarten Ring, so weiß wie Schnee, Langer, schmaler Streifen Sand Hebt vom Ring sich sanft hervor; Grünbedeckt, mit falbem Rand, Steigen Hügel draus empor.« – Aber es wird Zeit, daß ich für heute meine Tagebuchaufzeichnungen schließe; Onkel Ferdinand ruft aus seinem Schlafkämmerchen des Norderneyer Fischerhauses, wo wir Quartier genommen, daß ich eine Nachteule sei und die Lampe auslöschen solle; er sieht das Licht nämlich durch die Spalte der offenstehenden Wohnstubentür. Zudem ist es gleich zehn Uhr, und im Seebade soll man zur rechten Zeit das Lager aufsuchen. Also Schluß für heute, Fortsetzung morgen. – Sobald die Dünenkette von Norderney in Sicht der »Prinzeß Marie« war, richteten sich alle unbewaffneten und bewaffneten Augen darauf. Fernrohre kamen zu Tage, die noch den ersten Zeiten dieser Erfindung anzugehören schienen. Ich kann mir denken: wer so ein Ding noch von Urgroßvaters Zeiten her im Hause hatte, der nahm es mit auf die Reise, um der Schiffe fernen Lauf oder der Küste blauduftiges Band damit zu erspähen. Dieser glaubte den Kirchturm des Dorfes, jener ein Haus zu erkennen; dieser sprach von einer Schaluppe, jener von einer Menschengruppe, die am Strande stehe – falls es nicht Seehunde wären. Dieses Wort war die Losung zu allerlei »Ulk«. Hier glaubte jemand einen wahnsinnigen Hering zu entdecken, dort ein andrer einen invaliden Mops, welcher bade; ein dritter sah gar einen Kommabazillus am Strande spazieren gehen. Die Damen wandten sich hoheitsvoll von solchen »Witzen« ab (was ich ihnen durchaus nicht verdenke, zumal Onkel und ich uns nicht an den Possen beteiligten); sie zogen es vor, ihre zerdrückten Hüte und Kleider in Ordnung zu bringen. Schließlich folgten die Herren ihrem Beispiele, indem sie ihre fabelhaften Reisemützen in die Taschen der Sommerüberzieher versenkten, ihre »vernünftigen« Kopfbedeckungen wieder aufsetzten und Plaids und Reisedecken zusammenrollten. Ich mußte Onkel seinen hohen, steifen, grauen Filzhut wieder zurückgeben und erhielt dafür seine englische Schlaf- und Reisemütze, in welcher ich mindestens so lächerlich aussah, wie in dem Bibi. Wo mochte jetzt mein entflogenes Filzhütchen schaukeln? Oder hatte es ein altes Seegespenst bereits auf sein grünhaariges Haupt gestülpt? »Man wird dich für einen jungen englischen Lord halten!« scherzte der Onkel. Glücklicherweise nahmen die Passagiere, vollauf mit ihrem Handgepäck beschäftigt, diesmal keine Notiz von meiner seltsamen Kopfbedeckung, – und ich – ich tröstete mich mit den innerlich gemurmelten klassischen Worten: »Sed levius fit patienta, quidquid corrigere est nefas.« Die Seekrankheit war jetzt völlig verschwunden. Es ist eigentümlich, wie schnell man sich nach derselben »wie neugeboren« fühlt! Die noch vor kurzem zu sterben verlangten, erfreuten sich jetzt an einem Cognac, den sie sich vom Kellner kredenzen ließen. Näher und näher rückte die Insel. Wir erblickten einige stattliche Gebäude. Eine lange Reihe einstöckiger Häuser, die so niedlich und sauber aussahen, als seien sie einer Nürnberger Spielzeugschachtel entnommen, zog sich am Strand entlang, und bunte Flaggen schienen, auf ihren hohen Masten von der Brise bewegt, lustig »Willkommen« zu winken. Ein Kommandowort des Kapitäns erschallte und der Anker rasselte nieder. Wir waren am Ziel! Doch bevor wir den Fuß auf festen Boden setzen konnten, erwarteten uns noch einige sonderbare Beförderungsmittel. Ich hatte mir gedacht, daß wir aus unserm Schiffe direkt ans Land steigen könnten, allenfalls mit Hilfe einer Leiter oder Treppe. Dem war aber nicht so. Wir ankerten in ziemlicher Entfernung von der Insel. Nun nahten der »Prinzeß Marie«, die ganz gegen den guten Ton ihre Erschöpfung durch Keuchen und Stöhnen kundgab, mehrere Schaluppen mit geblähten Segeln. Hei, wie sie auf den kurzen Wellen auf und nieder tanzten! Diejenige, welche zuerst ankam, legte sich Bord an Bord mit unserm Schiffe, nicht ohne Mühe, denn bald war sie hoch oben auf dem Kamm einer Woge, bald tief unten im Tal einer Welle. Der Führer der Schaluppe grinste uns mit einer gutmütigen Seehundsphysiognomie an und lud uns durch eine Handbewegung ein, sein Schifflein zu besteigen. Wie aber sollten wir das machen? That was the question! Wollten wir eben unsre Beine über den Bord unsres Fahrzeuges voltigieren, so war die Schaluppe wieder einige Meter tief unten und bot die schönste Gelegenheit dar, auf ihrem harten hölzernen Deck nicht allein die Beine, sondern auch den Hals zu brechen. »Springen Se man tau!« rief der Mann mit dem Seehundsgesicht. »Wer hätte gedacht, daß ich auf meine alten Tage noch mit Harras dem kühnen Springer in Konkurrenz treten müßte!« rief der Onkel und flog, sein Handgepäck fassend, über Bord, in halber Höhe von den Armen des Seehundsmannes aufgefangen. Als ich solches »Entgegenkommen« sah, faßte ich Mut und sprang gleichfalls über Bord, und auch mich verfehlten die Arme des Mannes à la Seehund nicht. Wie in dem berühmten Erntelied aus des Knaben Wunderhorn, wo die Blümlein alle dem Schnitter verfallen und in den Kranz hinein müssen, so verfielen auf unsrer »Prinzeß Marie« die Blümlein alle, nämlich alle weiblichen und männlichen Passagiere dem Mann mit dem Seehundsgesicht und seinen ausgestreckten Fangwerkzeugen, und keinen einzigen Fall konnte ich beobachten, wo er sich verschnappt hätte. Endlich stießen wir ab, und die frische Brise entfernte uns schnell vom Dampfer, während eine zweite Schaluppe unsre Koffer von der »Prinzeß Marie« in Empfang nahm. Schaluppe Numero eins steuerte auf die ins Wasser hineingebaute Landungsbrücke los, legte vor derselben an, und die Blümlein des Erntekranzes alle mußten nun eine Treppe hinaufklettern, worauf sie endlich mal wieder von ihren Gehwerkzeugen Gebrauch machen konnten. Wir schritten die unter unsern Tritten wiederhallende, von Wogen umtanzte Bohlenbrücke hinauf, um – o schmähliche Enttäuschung! – am Ende derselben kein festes Land, sondern abermals Wasser zu entdecken. Denn das Meer ging diesmal ungewöhnlich hoch, was mir das Citat aus Schiller in den Mund legte: »Es rast der See und will sein Opfer haben!« Gerade wollte ich den Onkel fragen, wie um Himmels willen wir denn eigentlich auf dieses verhexte Inselland gelangen würden, als vom besagten Inselland ein Wagen, der eine verzweifelte Aehnlichkeit mit dem Backtrog eines Riesen hatte und mit zwei kräftigen Rossen bespannt war, ins Wasser ging und auf den Brückenkopf lossteuerte. »Seht ihr zwei Rößlein vor dem Wagen und den muntern Postillon?« trällerte der allzeit muntere Onkel. »Nein, Onkel,« lachte ich, »man sieht die Rößlein eigentlich nicht, denn sie ragen nur mit Kopf und Rücken noch aus der Salzflut hervor. Sollten dies die flattermähnigen Rosse Poseidons sein, von denen der alte Homer so häufig fabelt?« Wir stiegen von der Brücke in den Wagen. Die Rosse Poseidons plätscherten durch die Wellen, dann knirschte der Kies hörbar unter den Hufen und Rädern und zuletzt ging es im Sturmschritt den Strand hinauf und dem Dorfe zu, das uns aus grünem Weiden- und Erlengebüsch freundlich entgegenwinkte. In Norderney stand die Saison in voller Blüte. Das Kurhaus, die Logierhäuser, die Hotels, die Privathäuser, die Schifferhäuschen, alles war mit Gästen besetzt. Da Onkel, seinem Stern vertrauend, versäumt hatte, sich brieflich ein Quartier zu sichern, so blitzten wir mindestens an sechs Stellen mit unsrer Anfrage um Unterkommen ab, was aber unsre gute Laune durchaus nicht beeinträchtigte, vielmehr uns Gelegenheit gab, unsre bescheidene Persönlichkeit mit dem »vielumhergetriebenen« Odysseus zu vergleichen. Schließlich nahmen wir einen Dienstmann an, der auf unsre Frage nach Quartier mit einer unendlich wichtigen Denkermiene seiner Vermutung Ausdruck gab, daß bei Bent Visser oder bei Dirk Raß noch »was los« sein müsse. Aber seine Vermutungen erwiesen sich als eitel. »Alles besetzt!« tönte es uns entgegen. Nun ging Onkel mit mir in einen Restaurationsgarten, um einige Erfrischungen zu genießen, während der Dienstmann, der seine Ehre engagiert fühlte, allein auf Entdeckungen ausging. Erst nach einer ziemlich langen Pause kehrte er zurück und sagte nur das eine Wort »Gefunden«, das ein Größerer als er, nämlich Goethe, über eins seiner reizendsten Gedichte gesetzt hat. (»Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.«) Unser Mentor geleitete uns durch die Dämmerung des Abends dorthin, wo die letzten Häuser stehen, ganz nahe beim Herrenstrand, und hier fanden wir in einem sauberen Schifferhause zwei Stuben zu unsrer Aufnahme bereit: eine Wohnstube und eine Schlafstube mit zwei Betten. »Ganz für uns geschaffen!« sagte der Onkel und belohnte den Dienstmann mit einem Trinkgeld, das sehr reich bemessen sein mußte, denn die Denkermiene verwandelte sich flugs in eine Verklärungsmiene. Die Wohnung war am Morgen noch bewohnt gewesen, aber »der vornehme Herr und sein Sohn« waren durch eine telegraphische Depesche abgerufen worden. Wir segneten diese Depesche, trotzdem sie vielleicht recht traurigen Inhalts gewesen sein mochte, – gleichwie Hölty den guten Mann segnete, »der noch den Nußbaum pflanzen tät«, trotzdem der gute Mann schon längst dem Orkus verfallen. Während Onkel bei den freundlichen Schiffersleuten Tee nebst Zubehör bestellte (unser Wirt hieß Tienen Klein, seine Frau mit Vornamen Tatje), besichtigte ich unsre Wohnung und brachte das Handgepäck unter. Die Wohnstube ist ein quadratischer Raum mit geweißten Wänden und himmelblau gestrichenem Holzwerk; zwei Fenster gehen auf die Straße, d. h. einen ungepflasterten, sandigen Weg. Diese Fenster teilen die unartige Struktur der Emdener Fenster, – eine Struktur, die, wie Onkel versichert, auch in den Niederlanden und bei den Engländern heimisch ist. Ein solches Fenster hat keine Flügel, sondern läuft in den Fugen der Seitenbalken des Fensterrahmens und wird dadurch geöffnet, daß die untere bewegliche Hälfte hinauf über die obere geschoben wird. Will man das Fenster nur zu einem Teil öffnen, um das Zimmer nicht kalt zu machen, so strömt die frische Luft, da der Fensterrahmen sehr tief herabgeht, direkt zu den Füßen des Stubenbewohners, während sein Haupt in der dumpferen und schwüleren Atmosphäre verbleibt. Will man Lungen und Gesicht mit frischer Luft erquicken, so muß man das Fenster bis zur äußersten Grenze seiner Leistungsfähigkeit hinaufschieben, was dann dasselbe ist, als ob man auf offener Straße wohnte. Bringt man, drittens, den Kopf unter ein solches Fallfenster hindurch nach draußen, um Luft zu schnappen oder etwas zu sehen, so läuft man Gefahr, Bekanntschaft mit einer hölzernen Guillotine zu machen: ein einziger unvorsichtiger Stoß gegen das stützende Seitenhölzchen und: ça ira , die schwere Fensterhälfte schnurrt herab . . . und wer noch Zeit dazu hat, mag sagen: »O jeh, mein Kopf!« – Von unserm Tische, unsern Stühlen ist nichts zu sagen, da sie über die allergewöhnlichste Form und Ausstattung nicht hinausgehen; dahingegen ist der Schrank von Nußbaumholz ein Prachtmöbel, d. h. nicht so sehr von außen, als von innen. Er birgt nämlich hinter seinen Glasscheiben die Raritäten des Hauses: Tassen, welche mit Goldbuchstaben zwischen Rosen und Vergißmeinnicht sprechen: Ich gratuliere; ausgeblasene Möweneier, auf denen mit roter Tinte ein Bibelspruch geschrieben steht; ein eigroßes Stück Bernstein, in dessen goldige Klarheit eine Jahrtausende alte Fliege eingeschlossen ist; ein weißes Korallenbäumchen, in dessen Zweigen ein präpariertes Regenbogenfischlein sitzt und gähnt; ein paar getrocknete Seesterne, die über das gewöhnliche Maß hinausgehen, schillernde Muscheln aus dem Indischen Ocean; ein Federkopfputz, der von einer schwarzen Majestät da hinten in Afrika zu stammen scheint; einige japanische Lacksachen, ein scheußliches chinesisches Götzenbildchen u. s. w. Aus unsrer Wohnstube führt eine Verbindungstüre direkt in die Schlafstube. Während die Wohnstube sich den Luxus hölzerner Dielen erlaubt, hat die Schlafstube einen Boden von roten Ziegelsteinen. Die Betten scheinen mir ein wenig schmal, und ihre Matratzen sind mit getrocknetem Seegras gefüllt. Aber während in den Unterbetten die Pflanzen der Tiefe rascheln und dem Schläfer vielleicht gar liebliche Träume von den Hyänen des Meeres, den gierigen Haifischen, einflößen, prangt über dem Oberbett der farbenreichste Blütenteppich der Oberwelt in Gestalt einer Kalikosteppdecke, mit Rosen so groß wie Kohlköpfe, mit Tulpen so umfangreich wie Bauernfüße, und Schmetterlingen so riesig wie Fledermäuse. Alles ist peinlich sauber, und das ist die lobenswerteste Eigenschaft unsres Asyls. Nachdem wir unsre Umgebung also inspiziert, tischte die Schiffersfrau Tee, Butterbrot, Eier und Käse auf. Hei, wie das mundete! Die Seekrankheit hatte nämlich in unserm Innern einen Horror vacui geschaffen, und der wollte wieder ausgefüllt sein. Nach dem Essen kramten wir noch unsern Koffer aus, den uns der Dienstmann von vorhin ins Haus brachte, und dann begaben wir uns, von den Anstrengungen und Eindrücken des Tages ermüdet, zur Ruhe, Indem Onkel sich auf seine raschelnde Seegrasmatratze streckte, deklamierte er mit gutem Humor die Verse Scheffels: »Es rauscht in den Schachtelhalmen, Gespenstig leuchtet das Meer: Da schwimmt mit Tränen im Auge Ein Ichthyosaurus daher.« Ich war gezwungen, einige Tage mein Tagebuch zu unterbrechen. Wir waren gar viel herumgewandert, zu Land und zu Wasser, am Strand und im Sand. Erst am Abend suchten wir unser Quartier wieder auf – wir speisen jetzt nämlich im Kurhaus – und dann war ich so sehr müde, daß ich keine Feder mehr anrühren mochte. Es ist schauderhaft, wie man hier am Meere essen und schlafen kann! Ich suche nach einem diesbezüglichen homerischen Vergleich; da ich keinen finde, so sage ich ganz trivial: ich esse wie ein Wolf und schlafe wie ein Murmeltier. Dahingegen stehen wir mit den Hühnern auf, um am Strand zu baden und zu promenieren, worauf erst das Frühstück folgt, das wir zu Hause, das heißt bei unsern guten Fischersleuten, einnehmen. Ja, sie sind gut! Sie wollten mir heute sogar ein Stück von einem getrockneten Nagelrochen aufkneten; da ich aber den höchst unschön gestalteten Fisch am Strande im Naturzustande gesehen hatte, so empfand ich Abscheu vor dem bei den Fischern so beliebten Gericht. Als wir am ersten Morgen unsres Norderneyer Aufenthaltes uns von der raschelnden Seegrasmatratze erhoben hatten, verlangte Onkel, daß ich mich mit dem Boden, auf dem ich weile, bekannt mache, und da hab' ich, von dem Näheren zum Weiteren fortschreitend, erst das Inseldorf kreuz und quer durchstreift, dann bin ich, gleich dem großen Helden Odysseus »schweigend geschritten am Rande des weithin rauschenden Meeres«, und endlich hab' ich mich in das Labyrinth der sandigen Dünen vertieft und gefunden, daß sich auf Sand sehr leicht reimen läßt, nämlich Wand, Hand, Land, Strand, Band u. s. w. Ich habe deshalb gleich ein Sonett gemacht (mein Mitschüler Rudolf Pieper leitet diese Dichtungsart davon her, daß sie »so nett« klinge, aber das ist ja Unsinn!), verstecke es jedoch vor den Augen des Onkels, der, so gut wie er ist, doch gerne spöttelt. Mit meinem Skizzenbuch ist es etwas ganz andres, das zeige ich Onkel, der meine »Skizzen nach der Natur« um so mehr bewundert, als ihm selber jegliches Talent zum Zeichnen mangelt – wohingegen er sich seinen »Hausbedarf an Liedern« eigenhändig machen könnte, wenn er wollte. Er hat nämlich in jungen Jahren sehr gut gedichtet (was ich mir eigentlich gar nicht von dem korpulenten Herrn vorstellen kann), und vieles in Zeitschriften drucken lassen. Ich habe schon das Dorf Norderney (Gesamtansicht), die Kirche, ein Stück Strand und einige besonders malerische Dünen gezeichnet. Heute spukt der alte Heidengott Jupiter pluvius hinter den grauen Wolkengardinen; wir bleiben zu Hause und während Onkel sein Mittagsschläfchen hält, will ich mein Tagebuch nachtragen. Der Ordnung zuliebe fang' ich mit dem Inseldorf an. Also: Das Dorf – die Insel hat nur dieses eine – liegt im Südwesten des länglich runden, etwas sichelförmigen Eilandes und ist von etwa 1350 heimischen Bewohnern friesischen Stammes bewohnt. Ich habe sie selbstverständlich nicht gezählt, sondern nehme ihre Kopfzahl auf Treu und Glauben aus einem Buche von Doktor Riefkohl an, das Onkel Ferdinand, der allzeit gütige, mir heute in der Buchhandlung gekauft hat. Beim ersten Durchwandern erinnert das Dorf, das man ganz gut auch ein Städtchen nennen könnte, kaum an die Nähe des Meeres; freundliche, meist einstöckige Häuser von holländischer Bauart, zu unregelmäßigen, oft lückenhaften Reihen vereinigt und von kleinen Gärten umhegt, dazwischen Grasanger, Blumenanlagen und Erlengebüsch, verleihen ihm, wie Onkel sagt, mehr den Charakter einer Niederlassung in unsern norddeutschen Heidestrichen. Gegen Westen und Osten wird das Dorf – ich bleibe bei dieser Bezeichnung – durch mehrfache Reihen von Dünen, die mit fahlgrünem Sandhafer bewachsen sind, vom Meere getrennt, dessen man daher erst nach Ersteigung dieses natürlichen Schutzwalles ansichtig wird. Innerhalb des Schutzwalles liegt das Dorf, »recht wie im Nest der Vogel duckt«. (A. v. Droste-Hülshoff.) Das erste größere Gebäude, worauf ich stieß, war die Kirche, ein alter Backsteinbau mit spitzbogigen Fenstern und hohem Dach, welches von einem eckigen, hölzernen Türmchen mit grünen Blenden überragt wird. Ein Schwan auf der Spitze zeigt die Richtung des Windes an; für ein seefahrendes Volk schien mir dieser Vogel ein besseres Symbol zu sein, als ein Gockelhahn. Das Innere des enggebauten Kirchleins zeigt einige Gedächtnistafeln und Modelle von Seeschiffen, die hier zum Andenken aufbewahrt werden. Ein mit vielen Denkmälern geschmückter Kirchhof umgibt das Gotteshaus; derselbe war fast ganz von den goldigen Blütenwedeln des Labkrautes übersponnen, die einen lieblichen Duft aushauchten. »Wie friedlich stille! Nur das leise Gesumm der Bienen füllt die Luft; Wie mag sich's nach der Lebensreise Hier selig ruhn im Blumenduft!« Außer den Insulanern sind hier Fremde und solche, die vom Meere tot an den Strand gespült wurden, beerdigt. Wie mancher Seemann mag hier im Schoße der Erde vom Kampf mit Wind und Wellen ausruhen! »Inveni portum, Spes et Fortuna valete!« Von der Kirche laufen sternförmig verschiedene Straßen aus, in deren eine wir aufs Geratewohl einbiegen. Ist die Bezeichnung »Straße« nicht etwas gewagt? Unsre Schinkenhauser Straßen dürften sich mit demselben Recht »Corso«, oder »Boulevard« nennen. Denn jene Norderneyer Straßen sind nichts weiter als einfache Feldwege mit tiefem sonnenheißem Sand, worin die barfüßigen Kinder des Dorfes wohlfeile Sandbäder nehmen. Unter den Rädern von Fuhrwerk wirbeln diese Straßen im eigentlichen Sinne des Wortes viel Staub auf, dafür hört man aber auch nicht das lästige Rasseln, so daß eine idyllische, wohltuende Ruhe über das Dorf gebreitet ist. Seitlich der Straße laufen Trottoirs von Ziegelsteinen hin; indes hat ein höflicher Mann nicht viel Pläsier davon, da er fortwährend vor den promenierenden Damen abspringen muß. Die Häuser nun treten nicht unmittelbar an die Straße heran, sondern sind von derselben durch kleine Vorgärten getrennt, in denen Stockrosen, Reseda, Astern und Georginen freudig in den Herbst hineinblühen, während die Hecken häufig von afrikanischem Bocksdorn gebildet werden, einer Pflanze, die im schlechtesten Sandboden gedeiht. Jedes Haus hat außerdem an seiner Vorderseite eine Laube, die aber nicht aus poetischen Reben oder duftigen Geißblattranken geflochten, sondern aus steifen, hölzernen Latten und sackgrobem Segeltuch zusammengenagelt ist, »Eine einfache Fernanda!« scherzte Onkel. Trotzdem sind diese Norderneyer Lauben eine große Annehmlichkeit für den Norderneyer Kurgast: hier verbringt er einen großen Teil des Tages im Genusse der reinen, erquickenden Luft; hier trinkt er seinen Tee oder Kaffee; hier schreibt er seine Briefe oder liest die Kurzeitung; hier lauscht er den Klängen der Kurkapelle, welche vor dem Kurhause spielt, oder in einer benachbarten Straße einem neu angekommenen Gaste ein Ständchen bringt – notabene gegen klingende Belohnung; von hier kann er die Dorfstraße mit ihren Spaziergängern überblicken und Gespräche pflegen mit den Bekannten, die er unter den Spaziergängern entdeckt. Außer Laube und Gärtchen paradiert vor jedem Hause ein hoher Mast, an welchem, namentlich Sonntags, ein bunter Wimpel aufgezogen wird. Die Straße, die wir eingeschlagen, führte uns einem langgestreckten Gebäude zu, in welchem wir sofort den Bazar erkannten. Eine Reihe von Schaufenstern mit ebenso schönen wie mannigfaltigen Sachen lockte viele spazierengehende Badegäste an. Hier war ein Laden mit buntwollenen Hemden, Jacken und Sportanzügen, die den schönsten Anklang an Seiltänzerkostüme boten; dort ein andrer mit herrlichen Muscheln, die wohl ein bißchen weiter herkamen als aus der Nordsee, sonst hätte ich den ganzen Tag am Strande gesucht und gesammelt; ein drittes Schaufenster war mit Wachstuchhüten für Herren und Damen ausstaffiert, Kopfbedeckungen zum Trutz und Schutz gegen Regenwetter, und für extravagante Damen waren Hütchen da, auf deren Deckel eine ausgestopfte graublaue Möwe wie in einem Neste lag; dann kam eine Buchhandlung mit der gesamten Literatur über Norderney, die gar nicht so unbedeutend ist, da fast jeder Badearzt ein Büchlein über die Insel geschrieben hat. Ferner diente eine Hofkonditorei mit den süßesten Genüssen – Ambrosia und Nektar. Wegen meines hohlen Backenzahnes wandte ich mich schnöde davon ab und dem Lager echt japanischer Sachen zu, während Onkel in einem Porzellanladen ganz entzückende Vasen und Malereien entdeckte, » Quam multa non desidero! « hat ein alter Philosoph gesagt, »Wie viele Dinge gibt es, die ich nicht begehre.« Was mich betrifft, so stehe ich leider noch nicht auf der Höhe dieses Philosophen: ich begehre recht vieles; namentlich die herrlichen Muscheln der Gebrüder Visser haben mir's angetan. Aber das ist ein Wunsch, den ich in die tiefsten Tiefen meines Herzens zurückweise und wovon der Onkel nicht mal eine blasse Ahnung haben soll. »Man muß bescheiden bleiben,« hat meine gute Mutter mir wohl hundertmal gesagt, und diese Worte will ich nie vergessen. Vor dem Bazar erstreckt sich ein großer viereckiger Rasenplatz mit eingelassenen, roten Geraniumbeeten, was sich recht frisch ausnimmt. Rote Geranien, erzählte Onkel, seien die Lieblingsblume des berühmten englischen Humoristen Dickens gewesen, der den entzückenden David Copperfield und die drolligen Pickwicker geschrieben hat; mit roten Geranien, als Topfblumen, und Spiegeln habe Dickens mit Vorliebe seine Zimmer dekoriert. Der besagte Rasenplatz heißt der Marktplatz, da hier eine alte Aepfelfrau ihren Stand hat; sie bezieht ihre Waren vom Festlande, denn Norderney selbst zeitigt kaum andre Früchte, als die glanzlosen, blaubereiften Beeren des kriechenden Brombeers und die schwarzen Beeren der Morastheidelbeere, und beide sind mit ihrer herben Säure keine Leckereien. Die dem Bazar gegenüberliegende Seite des Marktplatzes wird in ihrer ganzen Breite von einem zwar nicht hohen, aber durch seine Ausdehnung imponierenden Gebäude eingenommen: es ist das Kapitol der Insel, wo freilich die kapitolinischen Gänse nur im gebratenen Zustand anzutreffen sind. Wir haben nämlich das Kurhaus mit seinen eleganten Sälen zum Speisen, Tanzen, Lesen und Billardspiel vor uns. Hier kann sich auch auf offener »Fernanda« (die aber um hundert Prozent die oben erwähnten »Fernandas« an Eleganz und Komfort überbietet) der Kurgast bei Austern und Rheinwein gütlich tun, vorausgesetzt, daß er das Geld dazu hat; hier kann er nach beendigter Mittagstafel im Schatten eines Erlengebüsches seinen Kaffee schlürfen und den Klängen der Kurkapelle lauschen, vorausgesetzt, daß er kein Griesgram ist, der Wagner verachtet und Meyerbeer verwünscht. Die Veranda liegt an der Vorderseite, das Erlengebüsch an der Rückseite des aus Parterre und Dachgeschoß bestehenden, vielfensterigen Gebäudes. Hier, auf der Rückseite, liegen auch verschiedene Bade- und Logierhäuser so vornehmen Ranges, daß das neue Fünfmarkstück in meiner rechten Westentasche mir allen Wert zu verlieren schien und ich es für den Einkauf indischer Muscheln zu verwenden beschloß. Der Morgen auf Norderney gehört dem »Herrenstrand«, wo wir Männer ganz unter uns sind. Wer Lust hat, badet; wer keine Lust hat, guckt zu, wie die andern baden, oder spaziert in östlicher Richtung den Strand hinauf, bis er müde am Abhang einer Düne ausruht. Je weiter man läuft, desto einsamer wird es am Strande: man kann die Gefühle eines verschlagenen Kanarienvogels nachempfinden, oder Reime auf Wasser, Luft und Sand suchen, oder zu ergründen sich bemühen, wer denn immer in dieser Einsamkeit »Tut, tut, tut« ruft, bis man endlich die angenehme Entdeckung macht, daß dies von einem Vogel herkommt, dem Strandregenpfeifer, der häufig am Strande nach Weichtieren und Würmern sucht und bei herannahendem Regenwetter seinen flötenden Ruf erschallen läßt. Onkel und ich, wir baden, und nach dem Bade wandern mir den Strand hinauf, huldigen also zwei Beschäftigungen, bis der Magen sich wie Fausts Pudel durch lautes Knurren zu erkennen gibt und wir zum Frühstück heimkehren, das dann an seinen Bestandteilen erfahren muß, was ein Wolfshunger ist. Schon in früher Stunde erheben wir uns von unserm Seegraspfühle, steigen in einen möglichst bequemen Anzug und stiefeln mit wahren Fortschrittsbeinen unserm Ziele zu. Denn auch das ist eine Wirkung dieser köstlichen Seeluft, daß man sich leicht und elastisch in allen Gebeinen fühlt, als hätte man Springfedern in den Knieen und Flügelansätze an den Schultern. Ein nach holländischer Weise mit roten Ziegelsteinen gepflasterter Pfad führt durch die Dünenhügel, deren wild zerrissene Gipfel mit fahlgrünem Sandhafer bewachsen sind, während in den Niederungen die kriechende Dünenweide silbergraue Gewebe bildet, und etwas höher hinauf die kleine bibernellblätterige Rose ihre roten Dornenseile auswirft. Der unablässig stäubende Dünensand knistert unter unsern Füßen, was aber nicht schlimm ist, und knistert zwischen unsern Zähnen, was sich schon unangenehmer erweist. Man rät, wie er dahin geraten, bis man sich erinnert, daß man unvorsichtigerweise gegähnt hat, wegen der frühen Morgenstunde. Sonst sagt man doch: Morgenstunde hat Gold im Munde; sollte man für Norderney dieses Sprichwort variieren müssen? Aus der Ferne weht ein honigsüßer Duft herüber: ihn spendet das gelbe Labkraut, das die Volkssage »Unsrer lieben Frauen Bettstroh« nennt, weil die Muttergottes es dem Christkindchen in die Krippe zu Bethlehem gelegt habe. Wie eine Riesenkuppel von blauem Kristall steht der Himmel über der Insel. Noch sehen wir nicht das Meer, aber durch die ringsum waltende Stille hören wir sein Branden, diese urgewaltige erhabene Stimme, die von dem Tage an, wo der Geist Gottes über den Gewässern schwebte, unablässig das Lob des Schöpfers verkündigt. Unwillkürlich beschleunigen wir unsern Schritt, was namentlich am ersten Tage unsrer Wanderung nach dem Herrenstrande der Fall war, sich aber doch an jedem Morgen wiederholt, da der Reiz, die Anziehungskraft des Meeres immer neu und unerschöpflich ist. Wir erreichen den höchsten Punkt des Pfades, eine Lücke in den Dünen tut sich auf, und da rollt zu unsern Füßen die majestätische Nordsee, das große, ewige, heilige Meer! Thalatta, Thalatta! Ein Horizont so weit, daß man ihn nicht mit den Blicken umspannen kann! Oben hell der blaue Himmel, unten dunkel die grüne, von violetten Bahnen durchschnittene See. Gleich den flattermähnigen Rossen Poseidons rennen die mit weißem Schaum gekrönten Wogen dem flachabschüssigen Strande zu; wild prallen sie gegen den gelbweißen Sand, um im nächsten Moment laut stöhnend zusammenzubrechen und in das feuchte Element, dem sie entstiegen, zurückzugleiten, aber schon stürmen neue Geschwader heran und verfallen demselben Schicksal. So geht es fort, Tag und Nacht, Monate und Jahre. Ein ewiger Wechsel und doch eine unendliche Gleichförmigkeit, ja Ruhe. Denn was wollen diese Wellenhügel auf der endlosen Fläche sagen? Sie sind nur ein schwaches Gekräusel, bis ein Sturm sie zu wilderen Wogenbergen auftürmt. »Was ist groß?« fragt der Dichter und seine Antwort lautet: »Gott, das Meer und die Sonne!« Die Wahrheit dieser Worte ging mir auf in den Dünen von Norderney. Da lag das Meer in seiner Majestät, der feurige Sonnenball strahlte darüber, und dem betrachtenden Sinne drängte sich mit sanfter Gewalt der Gedanke auf an den, von welchem die Schrift in solchen Ausdrücken redet: »Sein Weg ist im Meere und Sein Schritt durch das große Gewässer; die Stimme des Herrn ist über den Wassern, der Herr ist über den vielen Wassern . . . Ich habe dem Meer als Grenze ein Sandkorn gesetzt. Seine Wogen werden sich erheben und anschwellen, aber sie werden die von Mir gezogene Grenze nicht überschreiten.« Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, steigen wir von unserer Dünenwarte zum Strand hinab. Wie früh wir auch zur Stelle sind, so hat sich doch bereits fast immer schon ein buntbewegtes Treiben entfaltet. Kühne Schwimmer tummeln sich in der Salzflut, erheben von Zeit zu Zeit ihr Haupt über die Fläche und reizen unsre Lachmuskeln durch die nassen Haarsträhne, die ihnen auf Stirn und Augen kleben, wofern nicht ein Scheitel zum Vorschein kommt, der kahl wie eine Kanonenkugel ist; Badende plätschern und laufen näher dem Ufer und sehen etwas weniger malerisch aus, als man sich den Taucher von Schiller vorstellt; auf der Grenze von Wasser und Land steht eine lange Reihe von Badekarren, denen die Badelustigen entsteigen; Badediener in weiten roten Hosen, Karrenschieber in dito blauen sind dazwischen geschäftig; Spaziergänger schlendern plaudernd, lachend, rauchend auf und ab. Fassen wir dies allgemeine Strandbild näher ins Auge! Ein alter Inselfriese, den Kopf mit kleinen weißen Haarringeln gleich Lämmerflöckchen bedeckt, die Ohrläppchen mit kreisrunden, goldenen Ringen behängt, steht in blau und weiß gestreiftem Schifferhemde und bauschiger Hose von Segeltuch an einem rotbraunen Tischlein und ruft mit einer Stimme, welche derjenigen eines heiseren Seeraben Konkurrenz macht, die Nummer eines soeben frei gewordenen Badekarrens aus. Aus dem Knäuel der umstehenden Badegäste antwortet ihm der jeweilige Inhaber der mit der Wagennummer korrespondierenden Badekarte mit einem vernehmlichen: »Hier!« als gelte es einen militärischen Appell, »Immer Ordnung un Ruhe, Kinners!« krächzt der alte Friese, wenn ein Ungeduldiger zur Eile drängt, und es scheint sein erhabenes Gemüt durchaus nicht zu beunruhigen, ob er nicht mit seinem »Kinners« eine Hoheit, Durchlaucht oder Excellenz begrüßt. Aber ich meine herauszufühlen, daß selbst diese hohen Herren der Einfachheit und Natürlichkeit des schlichten Naturmenschen huldigen. Der Besitzer der aufgerufenen Nummer empfängt seine Badewäsche in einer gleichfalls am Strande befindlichen Niederlage, – sie ist, ländlich sittlich, in einem lendenlahmen und deshalb ausrangierten Badekarren eingerichtet, – und sucht nun durch das Ameisengewimmel der Spaziergänger seinen hochräderigen Badekarren zu erreichen, den ihm ein Mitglied der sogenannten »Blauhosen« (Karrenschieber) mit erhobener Hand bemerklich macht. Indem er dieses Merkzeichen unverrückt im Auge hat, patscht er hier und da in einen Wassertümpel, den die ebbende See zurückgelassen hat, und fühlt ein angenehmes Einfließen in seine Schuhe als Vorgeschmack des Bades. Am Ziele angelangt, übergibt er der Blauhose seine Badekarte und hockt, ländlich sittlich, ohne weiteres auf den dargebotenen breiten Rücken des kernfesten Friesen, welcher seinen Reiter alsbald durch den Schwall der Brandungswogen nach dem der See zugekehrten Eingang des Badekarrens befördert. »Ich wette eine Flasche Herkulesblut,« rief Onkel Ferdinand gestern lachend, »daß du auf diese Situation kein poetisches Citat aus deinen Klassikern bereit hast!« »Die Wette hast du verloren, lieber Onkel,« entgegnete ich schnell, »denn gerade kommen mir die Verse aus Arion in den Sinn: ›Eh' Fluten ihn ersticken, Beut einer ihm den Rücken Und trägt ihn sorgsam hin zum Port.‹« »Obgleich dein einer ein Delphin ist und kein Karrenschieber;« erwiderte Onkel, »so will ich doch die Wette verloren haben. Aber ich glaube, daß Arion auf seinem Delphin bei weitem nicht so komisch aussah, wie der bebrillte Berliner Professor dort, der auf seinem Pegasus zu thronen glaubt, oder als jener gichtische General, der auf seiner Rosinante zu paradieren meint.« Der Badekarren hat in seinem Interieur zwei Schiebfensterchen (die mich jedesmal an die Klappen der Menageriewagen erinnern), einen kleinen Ecktisch, eine Bank, einen halb blinden Spiegel und das Fragment eines Fußteppichs. Ist der eingestiegene Badelustige nach Ablegung seiner Kleider bereit, sich der Salzflut, der ewig bewegten, zu vertrauen, so läutet er mit einer an der Rückwand des Wagens befestigten Schelle, worauf zwei rüstige Blauhosen heranpatschen und das Gefährt in die schäumenden Wellen schieben. Mehrere Badediener, kenntlich an ihren roten Hosen, patrouillieren, bis zu den Knieen oder auch Hüften im Wasser stelzend, im Vordergrund der Badekarren auf und ab, um den zaghaft auf die Treppe seines Karrens hinaustretenden Badegast mit hohem Bogenguß aus frisch gefülltem Eimer zu empfangen und ihm den ersten Gruß der Salzflut und zugleich die nötige Abkühlung zu bringen. »Darauf ist nun ein Citat nicht schwer,« meinte der Onkel, worauf er aus der Glocke zu deklamieren anfing: »Durch der Hände lange Kette Um die Wette Fliegt der Eimer; hoch im Bogen Spritzen Quellen, Wasserwogen.« Die Landratte, welche zum erstenmal ihre Glieder der heilkräftigen Salzflut anvertraut, erfährt fast immer ein Malheur, welches das schadenfrohe Gelächter der am Ufer lauernden Zuschauer entfesselt. Auch ich bin diesem Malheur verfallen, da Onkel schelmenhafterweise mich nicht unterrichtet hatte, wie ich mich in der Salzflut zu verhalten habe. Der Schalk befand sich am Ufer und lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen. Nachdem ich nämlich den Bogenguß aus kühngeschwungenem Eimer empfangen, schritt ich, von poetischem Hochgefühle geschwellt, mit starker Heldenbrust der anrollenden Meereswoge entgegen. Aber die Woge – war stärker als meine Heldenbrust: sie schleuderte mich hintenüber, und, hoch mit den Beinen in der Luft, ward ich auf den Strand gespült, wo ich durch das Pfeifen des Windes, das Brausen der Brandung noch die Worte des spottlustigen Onkels vernahm: »Ich lache mich tot! Das hält ja keine Dreschmaschine aus!« Mit zugekniffenen Augen, von wegen des beißenden Seewassers, kroch ich wie ein Seehund ein Stück landeinwärts, richtete mich dann im seichtesten Wasser auf, überlegte, ob ich in den Badekarren flüchten oder ins Meer zurückkehren solle und entschied mich (um vom Onkel nicht als Feigling gebrandmarkt zu werden) für die »blaue Göttin« – die hinterlistige. Unfehlbar hätte ich noch einmal einen Salto mortale nach rückwärts gemacht, wenn sich eine der Rothosen nicht meiner Unerfahrenheit erbarmt hätte: sie wies mich an, daß ich der anwallenden Woge den Rücken darbieten müsse, und um festen Stand zu halten, solle ich die Hände auf die Kniee stützen. Ich tat so und hatte das Vergnügen, den heranbrausenden, sich überstürzenden Wasserschwall mir über Rücken, Schultern und Kopf gehen zu fühlen – ohne daß ich schwankte, wankte. »Bravo!« rief der Onkel vom Ufer her. Hinter den Badekarren steht nämlich eine Reihe von Bänken am Strande. Dieselben sind immer vollauf besetzt. Es ist auch gar zu unterhaltend, auf das Meer hinauszuschauen, über die kleinen Mißgeschicke der Badenden zu lachen, oder den Strom der Spaziergänger zu mustern, der zwischen Bank und Karren vorüberflutet, Gott! man sollte nicht glauben, daß der Homo sapiens , dazu masculini generesis , sich so herausmustern könnte! Was für unglaubliche Kopfbedeckungen, was für brutale, bunte Hemden, was für schreiende Krawatten, was für kuhkettenartige Uhrketten, was für krontalerartige Anhängsel, was für riesig karrierte Anzüge! Vanitas vanitatum! Onkel behauptet, daß er einen Anzug gesehen habe, olivengrün und rosarot, der nur 1½ Carreaus enthalten hätte; nun lasse es ihm alten Mann keine Ruhe und er müsse wandern wie der ewige Jude, bis er das andre halbe Carreau irgendwo in der Welt gefunden habe. »Zu dieser Weltreise,« sagte ich, »kannst du hier am Strande gleich deine Sprachstudien machen!« Denn eben so bunt, wie die Toiletten, ist das Gewirr der Sprachen. »Aus allen Ländern kamen sie.« Deutsch, Französisch, Englisch, Russisch, Polnisch, Italienisch tönen durcheinander; dazu Sprachen, die man gar nicht unterbringen kann und die man geneigt ist, für Hindostanisch, Chinesisch oder Chaldäisch zu halten. Neulich hatten Onkel und ich einen köstlichen Spaß. Wir saßen nämlich auf der Veranda des Kurhauses und aßen ein Gericht kleiner Krebse, sogenannter Granaten (eigentlich Garneelen); dabei unterhielten wir uns in münsterländischem Plattdeutsch, der Volkssprache unsrer engeren Heimat. Ich merkte, daß an einem benachbarten Tische die sehr vornehm ausschauende Gesellschaft, deren Sprache unzweifelhaft auf Berlin deutete, hin und wieder unsrer Unterhaltung lauschte, bis eine bleiche Dame ihrer Nachbarin zulispelte: »Det muß Malaiisch sind!« So wurden wir urgermanischen Münsterländer, wir Abkommen der alten Brukterer, auf Norderney für Malaien gehalten! Braun genug dazu sind wir freilich im Gesichte – so sehr hat uns die Sonne verbrannt. Das Diktum der durchsichtigen Berlinerin amüsierte uns natürlich ganz ungeheuer. Aber um auf die lange Strandbank zurückzukommen: das Ende vom Liede ist gewöhnlich, daß plötzlich eine Woge, höher als alle bisherigen, auf den Strand gestürzt kommt und das trockene Element weithin überschwemmt. Wie auf Kommando ziehen alle Bankbesitzer die Beine hoch, ein oftmals recht komischer Anblick. Im nächsten Moment ebbt freilich der Wasserschwall wieder zurück in den Schoß des Meeres, aber man hat den Trug des trügerischen Elementes erfahren und zieht es vor, eine Strandpromenade zu machen. Wen habe ich hier getroffen? Davit! Das »t« in dem Namen ist kein Schreibfehler: er heißt wirklich »Davit« (nicht David), mit Spitznamen – mein Mitschüler Oswald Kiesewetter. Und das kam so: wir waren noch auf Obertertia und machten ein lateinisches Extemporale; Oswald Kiesewetter sollte das seinige vorlesen; er tat es, und gleich im ersten Satze hatte er davit statt dedit geschrieben. Dieser neue König in Israel, Namensvetter von David, entfesselte eine ungeheure Heiterkeit der Klasse, und Oswald Kiesewetter hatte seinen Spitznamen weg. Onkel Ferdinand, dem ich heute morgen beim Frühstück die Geschichte erzählte, sagte, dasselbe Mißgeschick, davit statt dedit zu sagen, sei schon früher einem Größeren passiert, als Oswald, nämlich Freiligrath, dem berühmten westfälischen Dichter, als er vor seinem »Löwenritt« noch die Bänke des Detmolder Gymnasiums gedrückt habe; ich könne die Geschichte nachlesen in den »Lebenserinnerungen des Levin Schücking«, Band I. Selbstverständlich habe ich dieses sofort meinem Freund und Mitschüler Oswald Kiesewetter erzählt; er sagte, das hätte er früher wissen sollen, dann würde er sich damit in der Klasse verteidigt haben; jetzt, wo er den Spitznamen schon so lange getragen, mache er sich nichts mehr daraus – und wer denn auch raten könne, daß derselbe am Ende mit einem »t« geschrieben würde? Jeder Uneingeweihte denke an den glorreichen König von Israel. Aber auf welche Weise hab' ich meinen Davit hier auf Norderney getroffen? Während Onkel Ferdinand seine Glieder der wohltuenden Salzflut anvertraute, schritt ich einsam und schweigend am Rande des weithin rauschenden Meeres, wie vor mir schon ein Größerer getan, nämlich der vielumhergetriebene Odysseus des Homer. Eine Strandpromenade ist ein köstlicher Genuß! Denn wo wanderte es sich angenehmer als hier, auf dieser unvergleichlichen Wandelbahn, welche das täglich mit der Flut überströmende Seewasser so fest und eben gewalzt hat wie den Parkettboden eines Saales? Der Fuß schreitet darüber hin, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wo wehte die Luft reiner und erfrischender als hier an dem herrlichen Saume der unermeßlichen Salzflut, deren Odem kein Dunst und kein Qualm der Städte beigemischt ist? Wo könnte das Auge ein erhabeneres Bild entdecken, als es die unbegrenzte Fläche des Ozeans mit ihren wechselnden Farben, ihrem Wellenspiel, ihren Seglern und fernen Dampfern darbietet? Hingerissen von diesem Bilde, machte ich Halt und ließ meine Blicke bis zum Horizont schweifen. Ich mochte dastehen wie »ein in Gedanken stehen gebliebener Regenschirm«. Da legten sich mir von hinten plötzlich zwei Hände über die Augen, und eine verstellte Stimme sprach das eine Wort: »Rate!« Ja, du lieber Himmel, auf wen sollte ich an fremder Küste raten? Eigentliche Bekanntschaften hatte ich auf Norderney noch nicht gemacht. Um meinen geheimnisvollen Augenverschließer zufrieden zu stellen, sagte ich: »Herr Müller, Schulze, Krause?« Ich erreichte damit, daß plötzlich die Hände von meinen Sehorganen weggezogen wurden, worauf ich in das lachende Gesicht meines Davit blickte! »O, Davit, Davit, Herzensjunge, bist du's?« rief ich in der Freude meines Herzens, einen lieben Mitschüler in dieser fremden Welt von Sand und Strand gefunden zu haben, »Welcher Wind hat dich hierher gepfiffen?« »Ich bin als Begleiter meiner hochbejahrten Tante hier,« antwortete Davit mit der frischen, munteren Stimme, die eine seiner vielen liebenswerten Eigenschaften ist. »Und seit wann bist du hier, Davit?« fragte ich. »Erst seit gestern abend. Tante pflegt, von der Seefahrt angegriffen, noch des süßen Schlummers. Da hab' ich allein den Strand aufgesucht. Welch ein Glück, dich gleich hier zu treffen! Denn aufrichtig gestanden, ich kam mir in dieser grandiosen Natur bereits etwas einsam und wunderlich vor, so etwa wie ein auf den Schwanz gestellter Hornfisch.« »Und ich habe doppelte Ursache, Davit, dieses Zusammentreffen mit dem aufrechten Hornfisch zu segnen,« erwiderte ich. »Du bist Naturfreund, kennst Pflanzen und Tiere besser als irgend einer aus der Prima. Hei, wie wollen wir auf diesem Strand und Sand beobachten und sammeln!« »Letzteres war auch meine Absicht,« antwortete Davit. »Aber dein Kompliment muß ich zurückweisen; dieser Meeresboden ist mir quasi eine Terra incognita . Ich fühle mich halb am Nordpol, halb in der Wüste. Aber setzen wir unsre Gehwerkzeuge weiter und sehen wir, was die Welle uns vor die Füße wirft!« Indem wir uns hier und dort nach einer besonders grasgrünen oder purpurroten Alge bückten, die wir zwischen Löschpapier zu trocknen und unserm Herbarium einzuverleiben gedachten, sahen wir auf dem feuchten Sande eine Art kleiner Taschenkrebse, auch Krabben genannt, die bei unsrer Annäherung in eiliger Flucht das Weite suchten, und zwar von der Seite laufend, weil sie wahrscheinlich aus Prinzip nicht vorwärts wollen, und sich durch etwaiges Rückwärtsgehen mit den gemeinen Landkrebsen auf eine Stufe zu stellen fürchten. Manche dieser Tiere schleppen eine Art Muscheln mit sich herum, die sich auf ihrem Rücken festgesetzt haben, und auf einigen fanden wir Seepflanzen von zwei Fuß Länge festgewachsen. Hatten die drolligen Flüchtlinge keine Aussicht, zu entrinnen, so vergruben sie sich in den Sand, wobei der eckige Hinterleib wie ein Spaten wirkte und die Scheren als Stütze dienten. Gelang auch dieses nicht, so stellten sie sich zur Wehr und kniffen tapfer die Hand, welche sie ergreifen wollte. Davit konnte mir die deutschen und lateinischen Namen von zwei Arten nennen, wohingegen ich Davit mitzuteilen wußte, daß das Fleisch dieser häßlichen Tiere, besonders das aus den Scheren, sehr wohlschmeckend sei, weshalb die Krabben von den Insulanern viel gekocht würden. Andrerseits dient die Krabbe den Schifferkindern zum Spielen, sie ist gewissermaßen ihr Maikäfer. Ich sah neulich einen kleinen Friesenjungen, der ein Viergespann von Krabben hatte; ein andres Kind hatte einem Krebs einen Faden um das Bein gebunden und schwang ihn durch die Luft, was ich als Tierquälerei aber sofort verhinderte. Eine andre Krebsart, welche dem Strande, mehr aber noch den Watten (das heißt den von der Flut verlassenen Schlickflächen zwischen Insel und Festland) eigentümlich ist, sind die kleinen Garneelen, von den Insulanern Granat genannt. Sie werden einen halben Finger lang, haben keine Scheren, aber einen langen Schnauzbart, und sehen aus wie eine transparente farblose Heuschrecke. Mit Pfeffer und Salz abgekocht, werden sie undurchsichtig (weil dichter) und rötlich; sie schmecken dann sehr gut, wie Onkel und ich uns wiederholt überzeugt haben; ich konnte Davit nur anraten, bei der Rückkehr von unsrer Promenade in der »Giftbude«, dem Strandpavillon der Gebrüder Visser, sich eine Portion davon geben zu lassen. Man fängt die Granaten in Handnetzen millionenweise, und zur Ebbezeit sieht man die Krabbenfischer, mit einem Korbe auf dem Rücken, stundenweit in die Watten hineingehen, wo sie die Tiere aus den Vertiefungen holen, in denen das Seewasser stehen geblieben. Noch ein andres, sehr drolliges Krustentier ist der kleine, ganz wie ein Hummer gestaltete, gelblichrote Bernhardskrebs oder Einsiedler. Unähnlich den andern Krebsen, die sich begnügen, in ihren eigenen soliden Schalen zu leben, wohnt dieser Bernhardskrebs in dem leeren Gehäuse irgend einer Schnecke, zum Beispiel der Krullschnecke. Er blickt grimmig in die Welt hinein aus der offenbar unbehaglichen Tonne, dieser Diogenes der Krustaceen, und hat einen solchen Ausdruck von bewußter, aber trotziger Dieberei, als wisse er, der rechtmäßige Eigentümer des Hauses oder dessen Verwandte könnten jeden Augenblick kommen, um es wieder zu erobern, und er seinerseits dächte sich, sie sollten es nur versuchen. Der ganze Vorderleib dieses Krebses mit Einschluß der Scheren ist durch die übliche feste Krebsrüstung geschützt, aber sein Hinterleib ist weich, nur mit einer zarten Haut bedeckt. Ein so streitsüchtiger Gesell nun würde in dieser Welt des Kampfes mit seinem zarten Rücken schlecht fahren, wenn er nicht ein Mittel hätte, um das Unrecht, das ihm bei seiner Geburt widerfahren, wieder gutzumachen; er wählt sich also eine leere Muschel von entsprechender Größe, steckt seine verwundbare Partie hinein, hält sich mit dem an jeder Seite seines Schwänzchens befindlichen Haken fest, und so im Rücken gedeckt, krabbelt er durch die See, ein grotesker Räuber, aber ein Philosoph. Das Tierchen interessierte Davit in dem Grade, daß er mehrere Exemplare, in nasses Seegras gewickelt, in seine Botanisiertrommel steckte; er wolle damit Studien machen, sagte er. »Bis du ein Resultat dieser Studien erzielt hast,« bemerkte ich, »können wir Steinchen und Strandmuscheln sammeln, wie Caligula seine Soldaten tun ließ, zum Zeichen, daß sie den Ozean gesehen.« »Jawohl, wie hübsch doch diese von der rollenden Meeresflut völlig oval geschliffenen Steinchen sind!« rief Davit. »Ich finde weiße, gelbe, blaßrote, sehen sie nicht aus wie niedliche Vogeleier? Und die Muscheln, welche unser Fuß so gleichgültig im Wandern zertritt, wie mancher Sextaner würde sie mit ungeheurer Freude auflesen! Diese länglichen, fast keilförmigen, dunkelblauen Schalen gehören der eßbaren Mießmuschel an; ihre ungeheuren Massen werden zu Muschelkalk verbrannt, was auch der Fall ist mit diesen gerippten, weißen, mit farbigen Querstreifen gefärbten Schalen der gewöhnlichen Herzmuschel. Ebenso niedlich als zart sind die kleinen Tellmuscheln, auf der inneren Mulde entweder zartrosa wie ein Rosenblättchen oder blaßgelb gefärbt. Ein ansehnliches Gegenstück dazu ist die Trog- oder Strandmuschel, davon dicke, gelblichweiße, mit blauen oder bräunlichen Querbinden gestreifte Schalen in großer Menge den Strand umsäumen.« Daß in der Tierstaffage unsres Strandes die Möwen nicht fehlten, versteht sich von selbst. Mit ausgebreiteten Flügeln schwebten sie über der Flutmarke dahin, bald ihr klägliches Geschrei ausstoßend, bald mit ihrem seltsamen Hohngelächter den Wanderer schreckend. Davit nannte mir die schöne Silbermöve, die Sturmmöwe, die Lachmöwe, die Heringsmöwe, die Mantelmöwe und die Raubmöwe. Dazwischen tummelten sich die kleinen zierlichen Seeschwalben, die eine Art mit roten Beinen und dito Schnabel, die andre mit schwarzen Beinen und dito Schnabel. Obgleich wir beiden Naturforscher gut zu Fuß waren, so ermüdeten wir doch diesmal im steten Kampfe mit dem Winde, der vom Meere mit vollen Backen gegen den Strand blies. Längst hatten wir alle übrigen Spaziergänger hinter uns gelassen. Sie zeichneten sich nur als schwarze Punkte noch von der gelbweißen Fläche des Sandes ab! Wir machten rechtsum und streckten uns wie die Seehunde in den warmen Sand der Dünenkette. Wie behaglich, wie einsam und weltvergessen ruhte es sich hier! Das Windesflüstern in den dürren Halmen des Sandhafers, das Wispern der stäubenden Sandkörner, das einförmige Geräusch der Brandung, dies alles lullte uns in ein träumerisches Sinnen ein. Unsre Lippen verstummten. Mit dem Segel eines fernen Schiffes zog unser Gedanke in die Ferne, die Fremde hinaus, während das kleine Eiland ringsum gleichsam in der Meeresflut versank. Davit und ich, wir hatten uns das große Ziel gesteckt, die Insel Norderney in ihrer ganzen Ausdehnung zu durchwandern und zu durchforschen. Wir fühlten so etwas von jenen kühnen Entdeckern in uns, die auszogen, den dunklen Erdteil zu durchqueren. »Es wächst der Mensch mit seinen Zwecken.« Ein dritter bat, sich uns anschließen zu dürfen, ein Jüngling aus Emden, der hier auf Norderney als Badegast unter demselben Dache mit Davit wohnt und sich selbst mit gutem Humor einen »Ritter von der Elle« nennt (weil er Commis in einem Zeugladen ist), während wir ihn »Barbarossa« tauften. Er hat nämlich auf der Oberlippe einen leichten Flaum, der, wenn die Sonne darauf scheint, rotblond schimmert, weshalb sein Besitzer meint, daß mit der Zeit ein Schnurrbart daraus werden könnte. Darauf tut er sich schon jetzt nicht wenig zu gute. Im übrigen ist er ein ganz angenehmer junger Mann, verträglich, heiter, großer Naturfreund und begeisterter Fußwanderer. Wegen dieser lobenswerten Eigenschaften und in Erwägung des lateinischen Spruches: Tres faciunt collegium , nahmen Davit und ich seine Begleitung gerne an. Onkel Ferdinand lehnte es in Anbetracht seines »wackeligen Piedestals« ab, uns zu Fuß zu begleiten; doch wollte er sich einen Platz auf dem hochräderigen Wagen sichern, der am selben Nachmittag eine kleine Gesellschaft unsrer Mittagstischgenossen den Strand hinauf nach dem östlichen Ende der Insel beförderte. »Ich werde dann mit euch ein Rendezvous auf der weißen Düne haben,« sagte er. Unser Trifolium brach zu dem großen Werke der Erforschungsreise von der »Schanze« auf, einem wohlerhaltenen Andenken an jene Zeit, wo der korsische Eroberer auch unserm Vaterlande seinen Fuß auf den Nacken gesetzt hatte, und wo sogar das weltferne Eiland Norderney den Krieg im Umfang seiner stillen Dünen sah. Die Geschütze der Schanze waren vornehmlich gegen jene Schmuggelschiffe gerichtet worden, die von Helgoland aus die sogenannte Kontinentalsperre zu durchbrechen suchten. Der alte Erdbau, heute ein schattendes Erlengebüsch in seiner Umwallung bergend, ist ein bereits ziemlich weit in die freie Natur vorgeschobener Posten des Inseldorfes; wir brauchten nur seine Wälle zu übersteigen, um uns zwischen Sand, Gras und das Wirrsal der Dünen versetzt zu sehen. »Unsre Wanderung,« sagte Davit, einen Blick auf eine Spezialkarte von Norderney werfend, »muß eine östliche Richtung nehmen, da das Dorf ganz ans Westende der Insel gerückt ist, wo die höheren Dünen allein ihm Schutz gegen den Sturmlauf des Ozeans und die zerstörenden Winde gewähren konnten, wo zugleich im Laufe der Zeit sich etwas fruchtbarer und anbaufähiger Boden, sowie in den tiefsten Dünenkesseln süßes Wasser – wenn auch nur Regenwasser – angesammelt hatte, und wo somit hie Bedingungen der menschlichen Existenz gegeben waren. Denn, ich will euch gleich im Anfange unsrer Reise darauf aufmerksam machen, je weiter wir von diesem bewohnten und bepflanzten Westzipfel ostwärts wandern, desto dürftiger wird die Natur der Insel, desto ärmlicher der Pflanzenwuchs, bis schließlich das Ganze mit den völlig kahlen ›weißen Dünen‹ und einer weit ins Meer verlaufenden Zunge wüsten Sandes ausklingt. In dieser Rücksicht ist die Insel ein melancholisch absteigender Klimax.« »Woher wissen Sie das alles?« fragte Barbarossa und strich sich seinen goldblonden Flaum. »Aus Büchern, Freund, aus Büchern, die ich einsah, bevor ich meinen Fuß auf die Inselscholle setzte. Unter andern enthalten die ›Nordwestdeutschen Skizzen von Kohl‹ einen sehr belehrenden Aufsatz über Norderney.« »Aber woher kommt dann jener melancholisch absteigende Klimax, was verursacht ihn?« fragte ich. »Er ist unter der Einwirkung der auf der Nordsee vorherrschenden West- und Nordwestwinde entstanden,« gab Davit zur Antwort. »Besagte Winde tragen den vom Meere aufgeworfenen Sand sowie den Sand der Dünen beständig nach Osten; der Sand aber erstickt und begräbt alles Pflanzenleben unter sich.« Nachdem Barbarossa durch eine Befragung des kleinen Kompasses, den er an der Uhrkette trug, ganz großartig die östliche Richtung festgestellt hatte, setzten wir die pedes apostolorum in Bewegung. Wir stießen zunächst auf die kleinen Draußengärtchen der Insulaner, die abweichend von den noch kleineren Hausgärtchen dem reinen Nützlichkeitsprinzip dienen: nach einer Blume wird man sich zwischen diesen Kartoffel-, Bohnen- und Kohlpflanzungen vergebens umsehen, es sei denn, daß eine vereinzelte Sonnenblume mit ihrem großen leuchtendgelben Blütenrund sich hierhin verirrte. Sie hat einen weiten Weg gemacht, die Schöne! Von Peru, dem Lande der Inkas, welche das Abbild der Sonne in dieser Blume anbeteten, bis nach Norderney, der Sandscholle im brausenden Nordmeer! Auch kein lebender grüner Zaun, sondern nur ein niedriger Erdwall umgibt jene Gemüsepflanzungen. An sie schließen sich unmittelbar einige beschränkte Flächen mit dürftigem Graswuchs an, welche den Schafen der Insulaner zum Weidegrund dienen. Ein schwarzes turmartiges Gerüst auf hoher Dünenkuppe fesselte schon seit einiger Zeit unsre Aufmerksamkeit. Barbarossa ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, uns zu zeigen, daß auch er die Pfade der klassischen Bildung gewandert sei (er schwenkte von Obertertia ab); er deklamierte nämlich mit Pathos: »Schon winkt auf hohem Bergesrücken Akrokorinth des Wandrers Blicken.« Indes belehrte ihn und uns der Schafhirt, daß wir keineswegs Akrokorinth vor uns hatten; das Ding sei, sagte er, das »Schwarze Kap« und diene dem Schiffer auf dem Meere als Landmarke. Der Dünenhügel, auf welchem dieses Schwarze Kap sich erhebt (derselbe liegt am Nordrande der Insel), bot uns eine treffliche Rundschau. Wir erkannten von hier aus die oval gestreckte Gestalt des Eilandes (ein richtiges »Ei«-Land). Wir sahen im Süden den schmalen Meeresstreifen, welcher die Insel vom Festlande trennt; zur Zeit der Ebbe weicht das Wasser fast gänzlich zurück und ein teils schwammiger, teils sandiger Untergrund wird sichtbar, das »Watt« genannt. Reiter und Wagen, bisweilen sogar Fußgänger pflegen darüber hin vom Festlande aus ihren Weg nach der Insel zu nehmen. Aber wehe dem Unvorsichtigen, den die Flut und ein plötzlich eintretender Seenebel ereilen! Die wachsenden Wogen umplätschern, umspülen ihn, sie steigen höher und höher, entreißen ihm den festen Boden unter den Füßen und lassen den Todesschrei ihres Opfers ungehört in ihrem Brausen verhallen. Zu Füßen der Dünenkette des nördlichen Inselsaumes erblickten wir die Nordsee. Die Ebbe war seit etwa einer Stunde eingetreten und der Vogelwelt war hiermit der Tisch gedeckt. Denn das rückflutende Seewasser läßt allerlei kleines Getier am Strande zurück. Rotbeinige Austernfischer, diese echten Strandvögel, durchsuchten mit ihrem Schnabel die Seegrasknäuel oder kehrten die ausgeworfenen Austernschalen um, das darunter verborgene Gewürm aufzupicken; von dieser Beschäftigung führen sie ihren Namen, nicht von einer etwaigen Vorliebe für Austern, die sie nicht einmal zu öffnen verstehen. Einzelne Rotten von Seeregenpfeifern liefen geschäftig hin und her, der Steinwälzer hob mit Hilfe seines kräftigen Schnabels die Steinchen, Holzstücke und Seepflanzen hinweg, unter welchen er seine Beute an kleinen Krustentieren, Würmern und dergleichen findet. Die räuberischen Möwen fehlten natürlich nicht; blitzschnell fuhren sie aus den Höhen des Aethers auf den Wellensaum herab, um mit einem silbernen Fischlein, einem gelben Seestern im Schnabel kühnen Fluges wieder emporzusteigen und sich gegenseitig den Bissen abzujagen. »Kannst du uns einen Vers darauf machen?« fragte mich Davit. »Nein, nicht ich,« gab ich zur Antwort. »Aber ein Größerer als ich, dem ich die Schuhriemen nicht lösen darf, hat einen Vers darauf gemacht – Freiligrath, dein Kollege in do davi datum dare , hat uns dieses Strandbild mit einigen kräftigen Pinselstrichen, wie sie ihm eigen, gezeichnet: »O, welch ein wunderbarer Grund! Ich kann sein Treiben nicht verstehen: Er lässet Schiffe scheitern, und Er lässet sie vor Anker gehen. Dem Raben ist er ewig frisch. Und dürr des Seegewürmes Zungen; Verschmachten lässet er den Fisch, Und atzt' die Möw' und ihre Jungen. Auch hab' ich einen Mann gesehn. Der wandt' ihm satt und kalt den Rücken; Ich aber blieb im Sande stehn Und baute Schiffe mir und Brücken.« »Bravo!« rief Davit; »diese Düne ist fortan geweiht durch die Recitation eines Freiligrathschen Gedichtes.« »Der Freiligrath muß ein famoser Mann gewesen sein,« meinte Barbarossa; »ist ja wohl auf einem Löwen durch die Wüste geritten? Wenigstens hörte ich in unserm Jünglingsverein zu Emden mal von dem ›Löwenritt von Freiligrath‹ sprechen.« »Nein, die Geschichte ist noch viel großartiger,« schnitt Davit auf; »zu unterst kam eine Giraffe, auf dieser saß der Löwe und auf dem Löwen Freiligrath; so ritten sie durch die Wüste, wobei Freiligrath das Lied sang: Wüstenkönig ist der Löwe!« »Pyramidal!« rief Barbarossa begeistert aus. »Pyramidal ist gut!« lachte Davit. »Giraffe, Löwe und Dichter bildeten wirklich eine Pyramide.« »Schade,« meinte Barbarossa, »daß man so was nicht in Norderney machen kann! Sandwüste ist hier genug vorhanden, aber die wilden Tiere mangeln.« »Sie müßten sich schon mit einem Seehund begnügen,« schlug Davit ganz ernsthaft vor. »Danke. Diese Promenade möchte denn doch zu langsam ausfallen,« meinte Barbarossa, worauf wir den Plan fallen ließen. Vorläufig setzten wir unsern Wüstenritt auf Schusters Rappen fort. Wir verließen unsern Aussichtspunkt, und von der weiten Rundschau auf Insel und Ozean sahen wir uns plötzlich in die Enge eines kleinen Dünentales versetzt. Einsam und still gelegen, aber vor Wind und Wogen behütet, schmückte es seine Abhänge und seinen Grund mit einem dichten Teppich von Blumen, Gräsern und kriechenden Stauden. Freilich fehlte das saftige Grün unsrer Wiesen; die kleinen Gewächse hatten alle ein auffallend mattes, bläuliches Grün. Aber stand dasselbe nicht in Harmonie mit dem bläulichen Meere, wenn es »die Zephyre leise bewegen«? Fast jedes Tälchen überraschte uns beim Weiterwandern durch neue Erscheinungen. Das eine bekleidete sich mit dreifarbigen Stiefmütterchen, das andre mit der edlen Parnassia, deren weiße Blüten so elegant auf schlankem Stengel schweben; hier siedelte sich die blaßrote Pimpinellrose an, dort das rundblättrige Wintergrün mit dem weißen, anmutig nickenden Blütenträublein. Das dichte Gewebe der Zwergweide wechselte mit den vereinzelten blutroten Ranken des Brombeers, dessen herbe Früchte auffallend bläulich bereift waren. Doch hielten sich all diese Kinder Floras ängstlich in ihrem Tälchen, keines versuchte, auf der von Wind und Wogenschwall gepeitschten Außenseite des Dünenwalles Posto zu fassen. Hier hatte nur der rauhe abgehärtete Sandhafer sein Reich; ein binsenähnliches Gras, dessen bleichgrüne runde Halme mit stachliger Spitze versehen sind. Wenn der Seewind darüber weht, bewegen sich die Halme elastisch, so daß Sturm und Wellen ihnen nicht schaden können. Dabei durchzieht der Sandhafer mit seinen weitverzweigten und starken Wurzelausläufen den Dünensand, nach allen Richtungen kreuz und quer, und umklammert, bindet mit zahllosen Wurzelfasern die Millionen Körnchen und hält dieselben in festem Netze gefangen, so daß sie so leicht nicht wieder ein Spiel der Winde und Wogen werden können. Auf diese Weise ist der Sandhafer der Erhalter der Dünen, derselben Dünen, die wiederum einen Schutzwall gegen den Sturmlauf des Ozeans bilden. Hin und wieder rannte ein wildes Kaninchen über unsern Pfad; man sagt, daß diese Tiere, indem sie sich in den Dünen Höhlen graben und die Wurzeln des Sandhafers abnagen, sehr schädlich wirken. Deshalb sind sie für vogelfrei erklärt. Von Insekten fanden wir einige Käfer, ferner an Schmetterlingen den Admiral, den Distelfalter, den kleinen Fuchs, den kleinen Perlmutterfalter, den bräunlichen Kammgrasfalter, den Kohlweißling, sowie etwas seltener den kleinen Argus, endlich die Gammaeule. Sie gaben mir Anlaß, die Verse der Dichterin Droste-Hülshoff zu deklamieren: »Und die kleinen Schmetterlinge, Blau, orange, gelb und weiß, Jagen tummelnd sich im Kreis.« Dies gab wiederum unserm Barbarossa Anlaß, uns das große Geheimnis anzuvertrauen, daß auch er dichte. Wir ersuchten ihn sofort stürmisch um eine Probe, worauf er sein Notizbuch aus der Brusttasche zog und mit Pathos las: »Es macht mir viel Vergnügen, Im Wasser hier zu liegen« – »Halt! nein, das ist nicht so gut; hier hab' ich eins, das stimmungsvoller ist: All mein Sehnen will ich, all mein Kränken In der Nordsee tiefe Flut versenken, Aber meine Hoffnung nicht!« Hier fiel Davit mit der Frage ein: »Kränken? Sollte es nicht heißen: Kränkeln?« »Nein, durchaus nicht!« versicherte der Dichter sehr eifrig; »Kränken!« »Das versteh' ich nun nicht. Herr, dunkel ist der Rede Sinn!« entgegnete Davit. Es entspann sich ein hitziges Wortgefecht zwischen ihm und dem Dichter, weshalb ich unter Verzichtleistung auf weitere poetische Genüsse die Aufmerksamkeit auf etwas andres zu lenken suchte. Ich streckte die Hand aus und rief: »Da werden wir wahrhaftig durch ein kleines Erlengehölz überrascht! Birgt es sich mit seinen sturmzerzausten Wipfeln nicht zwischen den Dünen wie der Vogel im Neste? Es wird der sogenannte Ruppertsberger Kamp sein, das beliebte Wanderziel der Badegäste.« »Für heute,« bemerkte Davit, »wollen wir indes nicht in dem Schatten seiner von den Nordwestwinden niedergehaltenen Bäumchen unsre Dichterstirnen kühlen, denn weiter hinaus liegt unser Ziel, und die Zeit drängt.« Oeder, wilder wurde allmählich das Labyrinth der Dünen. Sand, überall Sand, nur hin und wieder ein struppiges Pflanzenbündel. Aber auch diese wurden immer seltener, bis zuletzt uns gänzlich kahle Sandhügel, die sogenannten weißen Dünen, entgegentraten. Wohl eine Viertelstunde weit erstreckten sich die einzelnen Rücken, in ihrem blendenden Weiß den schönen, reinen Schneefeldern der Alpen gleichend. Ein leiser Luftzug wehte, wiewohl das Wetter heiter war, beständig darüber hin, hob den lockeren Sand der Oberfläche empor und hüllte so die einzelnen Kuppen in einen feinen Staub, der sie wie ein Dunstschleier umschwebte. Die zahllosen wandernden Sandkörner aber klirrten aneinander und bewirkten jenes raschelnde Geräusch, das wie ein ewiges Gezirpe, Gewimmer und Geflüster durch die Dünen streicht, in welchem der abergläubische Insulaner bei einbrechender Nacht die jammernden Stimmen der im Schiffbruch umgekommenen Seeleute zu hören vermeint. Vom Strande aber tönt das Brausen der Meeresbrandung dumpf herüber, und wie ein Wehruf zerreißt der Schrei der »weißen, gespenstigen« Möwe die Luft. Der Hauptgipfel der weißen Dünen, welcher sich in schön geschwungener Linie zu einer Höhe von hundert Fuß erhebt, heißt bei den Insulanern »de Dickwittdüne«, das ist die dicke, weiße Düne, während die Badegäste ihn scherzhaft den Norderneyer Montblanc zu nennen pflegen. Ich verfehlte nicht, diese Sehenswürdigkeit der Insel in mein Skizzenbuch zu zeichnen. Gerade war ich damit fertig, als wir am Strande den mit zwei Rossen bespannten hochräderigen Wagen heranrollen sahen, welcher uns Onkel Ferdinand nebst einigen andern Kurgästen zutrug. Schnell knüpften wir unsre rotbaumwollenen Taschentücher an unsre Spazierstöcke und pflanzten diese improvisierten Fahnen zum Willkomm auf die Kuppe des Montblanc. Der Wagen hielt am Fuße des Berges. Wir schwenkten unsre Strohhüte und riefen Hurra! dann liefen wir den Berg hinunter, um der Gesellschaft beim Aussteigen behilflich zu sein. Zunächst reichte man uns vom Wagen einen Korb herab, aus welchem verschiedene Wurstzipfel und Flaschenhälse vielversprechend herausguckten. Welche Ueberraschung! Auch Davits Tante war unter den Gästen. »Ich kenne den Appetit junger Leute eures Schlages,« sagte sie, als wir sie sanft in unsern Armen auf den festen Boden gestellt hatten, »und da hab' ich die Bestandteile zu einem kleinen Picknick mitgenommen.« »Denkt nur,« fiel der Onkel schmunzelnd ein, »Tantchen wollte euch mit kaltem Tee erquicken, ich habe aber einige Flaschen Rotwein in den Korb geschmuggelt.« Ein dreistimmiges »Bravo!« belohnte diese erfreuliche Mitteilung. Wir lagerten uns am Fuße der Düne. Der Korb entschleierte seine Geheimnisse: Rotwein, Butterbrot, Wurst, gekochte Eier, Käse und Rauchfleisch. Wir hielten ein Göttermahl und brachten der Tante, dem Onkel und schließlich auch den andern Gästen feurige Toaste aus. Die Tante erwies sich als die sanfteste, liebenswürdigste, gutherzigste Seele von der Welt; sie hatte nur die eine Schwäche, allerlei Raritäten oder Dinge, die ihr als solche erschienen, in den großen Strickbeutel zu stecken, der ihr am Arme hing. Da suchten wir denn mit Eifer winzig kleine Seesterne (fünfstrahlig wie der Stern der französischen Ehrenlegion), zierliche Muscheln (zart gefärbt wie Rosenblättchen), eirunde Steinchen, deren milchweißer Grund von rosaroten Aederchen durchzogen war, ferner die unter dem Namen »Seemannstreu« auf Norderney geschätzte Distelpflanze, welche auf Stengeln und Blättern einen amethystblauen Anflug zeigt, und noch ein Dutzend andre Sachen und Sächelchen, die wir in die Tiefen des Strickbeutels versenkten. Die »Seemannstreu« gab Anlaß zu mancherlei Erzählungen, auch aus dem Sagenschatze der Insulaner; wir hörten die Sagen vom »Dünenweibchen«, vom »Klabautermann«, vom »fliegenden Holländer«, bis Onkel Ferdinand uns auf den Sonnenuntergang aufmerksam machte. Da wurde es still, ganz still in unserm Kreise. Das hehre Schauspiel der Natur nahm uns ganz in seinen Zauberbann. Wie ein riesiger Glutball von geschmolzenem Kupfer sank die Sonne in die westlichen Fluten. Eine Schar von violetten, goldgesäumten Wölkchen geleitete das scheidende Tagesgestirn; aber sie blieben zögernd zurück, als dieses das Meer berührte, das sich dunkelviolett, endlos dahinbreitete. Die weißsandigen Dünen in unsrer Nähe waren von einem tiefen Goldton umflossen. Gleich dunklen Phantomen nahten kreuzende Schaluppen sich dem Inselsaum. Die Sonne sank tiefer, es war, als zögen die Wogen sie mit magnetischer Kraft in ihr feuchtes Reich. Noch ein letzter Strahl des Gestirnes zuckte glührot über die Salzflut, dann war die Sonne hinab und Dämmerung breitete sich über die Nordsee. Wir hüllten uns dichter in unsre Plaids und Tücher und bestiegen den hochräderigen Wagen, der uns rasch den einsamen Strand entlang dem Inseldorfe zuführte, welches mit seinen blinkenden Lichtern zwischen Dünen und dunklen Erlenwipfeln den Ausflüglern freundlich entgegenwinkte, eine Illustration zu den Versen von Ernst Hallier: »Abends aus der Mitte blinkt Kleines Licht so traut mich an: Wie ein Bild des Friedens winkt Heimisch es dem fremden Mann.«   »Drei Worte nenn' ich euch inhaltsschwer,« sagt Schiller in einem bekannten Gedicht. Die Worte gelten auch für den Kurgast auf Norderney, doch haben sie einen andern Klang als bei Schiller; sie heißen nämlich: Baden, gute reichliche Nahrung und mäßige Bewegung. Das erste absolviert der Badegast am Morgen, das zweite vorwiegend am Mittag, das dritte in den Abendstunden von fünf bis acht. Um fünf Uhr begibt sich alles, was Odem hat, an den Strand der Insel, um hier auf und ab zu wandeln, sich zu unterhalten und den Klängen der Musik zu lauschen. Norderney hält dann seinen Korso, der freilich aus bekannten Gründen kein Blumenkorso sein kann, denn sich mit Sandhafer oder Dünenweizen oder stachliger Seemannstreu gegenseitig zu bewerfen, dürfte nicht nach jedermanns Geschmack sein. Aber wie, wenn der Wind weht, der Regen geht und die Möwe kräht? Ja, auch dann begibt man sich auf den Strand hinaus, verzichtet aber zumeist auf die Promenade: man setzt sich in einen Badekarren, oft zu zweien, zu dreien, zu vieren, schaut durch die offene Tür auf das wogende Meer hinaus, studiert die Wolken, tauscht seine Gedanken aus, oder liest: prosaische Seelen die Zeitung, poetische die Nordseelieder von Heine. Diesen beschaulichen Stunden verdanken wohl auch die Reime ihre Entstehung, die man an den inneren Holzwänden der Badekarren mit Bleistift angeschrieben findet, zum Beispiel: »Ach, wie schön, am Strand zu träumen, Wenn die grünen Wogen schäumen« – oder ergreifender: »Hier saß ich eine Stunde lang In tiefem, stillem Sinnen, Und ließ ins weite, dunkle Meer Der Sehnsucht Tränen rinnen« – was unzweifelhaft von einem kolossalen Tränenvorrat zeugt. Der Badearzt würde sagen: Anormale Entwickelung der Tränendrüsen. Während ich bei diesen tränenreichen Versen, als ich sie entdeckte, einen starken Verdacht auf unsern Barbarossa als Verfasser warf, stammten folgende Verse gewiß von einem sehr dicken, sehr realistischen Herrn her: »Eine Stunde hier gesessen, Garneelen und Krabben gegessen, Portwein dazu getrunken, Zuletzt in Schlummer gesunken, Dann wieder aufgewacht Und diese Verse gemacht.« Doch genug! Vorwiegend haben wir schönes Wetter gehabt und konnten uns deshalb nach Herzenslust den Strand hinauf und hinab bewegen. Die brennende Glut der Sonne ist in den Abendstunden vorüber; die Strahlen des Tagesgestirnes fallen nur noch schräg auf das Eiland. Der Sand des Strandes und der Dünen schimmert in einem zarten Goldton, mit welchem das Blaugrün des Sandhafers aufs angenehmste harmoniert. Ein Gewimmel kleiner krauser Wellen furcht die weite Meeresfläche, die sich in tiefem Blau dahinbreitet, hier und da von einem weißen Lichtpunkt überzittert; das sind die Segel der Schaluppen, welche zu Vergnügungszwecken einzelne Badegäste in die See hinaustragen. Fern am Horizonte zieht sich ein langgedehnter schwarzer Dampfstreifen hin – die letzte Spur eines enteilenden Dampfers. Wie belebt der Strand ist! Wie scharf sich die dunklen Gestalten von der hellen, fast weißen Fläche des Untergrundes abheben! In und vor der Giftbude hat sich ein europäischer Salon gebildet. Freilich fehlt der gebohnte Parkettboden: der Fuß berührt vielmehr den lockeren Dünensand; es fehlen die roten Plüschsessel: grün angestrichene, hölzerne Gartenstühle und Bänke dienen als Sitz. Aber eine glänzende Gesellschaft aus aller Herren Ländern, große Namen und vollklingende Titel, seidene Schleppkleider und bunte Ordensbändchen, gewählte Begrüßungen und gesuchte Manieren, der Duft von Eau de Cologne und Eßbouquet, das Wein und Tee spendende Buffett, alles erinnert so ganz an den Salon und, sagen wir es offen heraus, es paßte besser dorthin als hier an den Strand des erhabenen Meeres. Nicht, als ob die Badegesellschaft nicht auch ihre einfachen, bescheidenen, anspruchslosen Elemente besäße (z. B. Onkel, Davit, Davits Tante und meine Wenigkeit!); aber Norderney ist nun einmal sehr von der Aristokratie bevorzugt und diese pflegt stets ein sogenanntes Parfum de grand monde zu verbreiten. »Wenn ich erst als Dichter anerkannt bin –« sagte Barbarossa einmal, ohne den Nachsatz hinzuzufügen. Ich glaube, derselbe würde etwa gelautet haben: »Dann werde auch ich zu dieser grand monde zählen, wenigstens wird sie mir huldigen.« Wir verlassen die Giftbude und schreiten weiter den Strand hinauf. Sollen wir Menschenstudien machen? Hier gewahren wir einen einsamen Wanderer, der trüben Blickes und in sich gekehrt den Kranken, Leidenden verrät, der in dem Wellenschlage der Nordsee Heilung zu gewinnen hofft; dort eine Gesellschaft froher, lachender gesunder Menschen, denen der Aufenthalt am Meere nur eine Zerstreuung bringen soll; hier rauscht die bunte Seidenrobe einer großen Dame vorüber, dort verzichtet das unscheinbare, grobe Gewand einer Fischerfrau, die in einem Weidenkorbe die Holzbrocken gescheiterter Schiffe sammelt, auf jegliche Aufmerksamkeit. Hier begegnen uns vornehme, mit Pariser Flittern aufgeputzte Kinder, aber von bleichem, kränklichem Aussehen, dort in rauhes Segeltuch gekleidete Schifferkinder, aber mit Backen so prall und rot wie Borsdorfer Aepfel. Hier schauen wir einer Schar lärmender Knaben zu, die mit hölzernen Schaufeln eine Art Festung aufbauen, welche im nächsten Augenblick die Flut wegspülen wird; ja, wenn man auf Sand gebaut hat! Dort ergötzen wir uns an einem Schwarm kleiner Mädchen, die mit den Wellen »kriegen spielen«, indem sie der zurückebbenden Welle nachgehen und vor der nächsten anflutenden davonlaufen, die sich dann den Spaß erlaubt, ihnen die niedrigen Schuhe vollzugießen. Hier folgt unser Auge einem Reiter, dessen edles Roß wie ein Vogel auf der ebenen Bahn dahinfliegt, dort einem keuchenden Gespann, das nur mühsam den mit Kurgästen überladenen Omnibus zu einer Rundfahrt um die Insel weiter befördert. Die Sandhügel rechts, mit ihren zerzausten Sandhaferbüscheln, sind der Sammelpunkt kleiner Gesellschaften, die entweder von den Gipfeln das Meer betrachten, oder sich mit mutwilligen Spielen die Zeit vertreiben, indem sie sich eingraben, oder die Abhänge hinunterkollern, oder eine kleine Erstürmung der Düppeler Schanzen aufführen. Einmal gruben wir Jungen Onkel Ferdinand, der sich auf einem steilen Sandhügel in seinen »Westfälischen Merkur« vertieft hatte, in der größten Stille meuchlings ab, so daß er plötzlich mit seinem ganzen Sitz abwärts rutschte. Er sagte, er habe gerade gelesen: »Rumänische Eisenbahnaktien haben einen rapiden Sturz erfahren,« als die Rutschpartie erfolgt sei. Sobald in einer bestimmten Richtung am Himmel ein schwarzer Dunststreif auftaucht, ruft man einander zu: »Der Roland kommt!« Es ist das der schlanke, stattliche Dampfer, der zwischen Geestemünde und Norderney fährt und neue Badegäste bringt. Nun strömt ein großer Bruchteil der Badegesellschaft nach der Landungsbrücke, teils um Bekannte zu begrüßen, über deren Eintreffen man brieflich unterrichtet war, teils um die Neuankommenden zu mustern, zu kritisieren und sich (o wie schlecht!) ein wenig schadenfroh zu freuen, wenn hier oder dort eine von der Seekrankheit scharf mitgenommene Persönlichkeit vorüberwankt. Die am Strande zurückgebliebenen Badegäste sehen indes vom Gipfel der Georgs- oder Marienhöhe, zweier besonders hoher Dünen, dem Untergang der Sonne zu. Die einen kritisieren denselben, als sei er ein bezahltes Schauspiel, das die Badedirektion zum Vergnügen der Kurgäste abends aufführen lasse; die andern lassen ihre Augen rollen und bleiben stumm wie der Fisch der Tiefe; die dritten kritzeln etwas in ein Notizbuch, sicherlich Reime wie: Abend – labend, Marienhöh – Untergang der Sonne seh' u. s. w.; die vierten falten die Hände und sprechen ein stummes Gebet, überwältigt von der Ahnung des Unendlichen, Raumlosen, in dem wir Menschen als Atome auf einem Staubkorn leben und doch geleitet sind von der Hand des Ewigen, dessen Rechte uns halten will, wenn wir auch an dem äußeren Ende des Meeres wohnten. Ich schließe mein Tagebuch von Norderney. Onkel hat soeben ein Telegramm bekommen, welches ihn nach Schinkenhausen zurückruft: ein Freund, den er seit dreißig Jahren nicht gesehen, will ihn in der Heimat besuchen. Der Herr ist eigens zu diesem Zwecke von Rio de Janeiro herübergekommen. Onkel stellte mir frei, in Davits Gesellschaft noch acht Tage auf der Insel zu verbleiben. Wiewohl ich dieses Eiland, diese Poesie von Strand, Sand und Meer über alles liebgewonnen habe, so verzichte ich doch auf ein längeres Verbleiben daselbst. Nein, du lieber, guter, großmütiger Onkel Ferdinand, du sollst nicht allein reisen; mit dir bin ich gekommen, mit dir gehe ich. Wenn ich dir auf der Heimreise auch keine großen Dienste leisten kann, dir, dem erfahrenen Weltwanderer, so kann ich dir doch in hundert kleinen Dingen zur Hand sein. Wir waren drei Wochen auf Norderney; diese drei Wochen werden fortan zu den schönsten meines Lebens zählen. Du Strand, du Sand, du Meer von Norderney lebet wohl! Ludwig das Kind Eigentlich hieß er Ludwig Bullermann; seinen Spitznamen »Ludwig das Kind«, mit welchem ihn alle Mitschüler riefen, hatte er sich auf folgende Weise erworben. Der Tertianer Ludwig Bullermann wurde eines Vormittags in der Mathematikstunde vom Professor Krüger an die Tafel gerufen, um den pythagoreischen Lehrsatz zu beweisen. Ludwig schritt mit einer Gebärde, als ob ihm dies das reine Kinderspiel sei, an die große schwarze Tafel, faßte zierlich die Kreide zwischen die Fingerspitzen, zog mit kühnen Strichen seine Figuren und begann mit geläufiger Zunge zu beweisen, während Professor Krüger, das Notizbüchlein in der Hand, seine großen goldgefaßten Brillengläser auf ihn richtete. Plötzlich stockte Ludwig: »Wenn nun – wenn nun« – suchte er sich über seine innere Verlegenheit hinwegzuhelfen, wobei er rot wie ein gekochter Krebs wurde, »wenn nun« – aber vergebens, er konnte den Nachsatz nicht finden. Da griff er, um die Pause der Verlegenheit auszufüllen – diese schreckliche Pause, wo man wünscht, in den Kartoffelkeller des Pedellen zu versinken, zu seinem Taschentuche; mit kühner Handbewegung zog er es aus der Tasche seiner Joppe und schleuderte einen wahren Regen jener kleinen Steinkügelchen, die man hier Märmel, dort Knicker, anderswo Schusser nennt, in die Klasse hinein, seinen Mitschülern auf die Bänke und seinem Professor vor die Füße. Die ganze Klasse brach unwillkürlich in ein schallendes Gelächter aus: es war zu komisch, ein Tertianer und spielt – noch mit Märmeln! Das Geheimnis der Joppentasche war verraten. Professor Krüger blitzte mit seinen goldgefaßten Brillengläsern die Klasse an, streckte gebieterisch die Rechte aus – Und Stille, wie des Todes Schweigen, Liegt überm ganzen Hause schwer. Dann richtete er seine Blicke auf die den Dielen zu teil gewordenen Märmel, die harmlos dem Fußgestell der Tafel zurollten, von diesen auf Ludwig Bullermann, dessen Gesicht zur Röte einer Pfingstrose erblüht war, und sprach mit lauter, langsamer Stimme die Worte: »Ludwig das Kind!« Nichts weiter. Hierauf beorderte er den Abgebrannten durch eine Kopfbewegung, in seine Bank zurückzukehren. Professor Krüger wollte gewiß mit seiner Aeußerung dem Knaben keinen Spitznamen anhängen, aber die Mitschüler taten es. Der Name »Ludwig Bullermann« paradierte fortan nur noch auf den Heften Ludwigs, im Notizbuche der Herren Lehrer und auf den Zeugnissen des Schülers; im übrigen hieß der Junge »Ludwig das Kind«. Und leider müssen wir hinzufügen, trug Ludwig diesen Namen nicht mit Unrecht. Für einen Tertianer und für seine fünfzehn Jahre war er wirklich noch sehr kindisch. Der Fall mit den Märmeln hatte ihn nicht kuriert, seinem Sinne keine ernstere Richtung gegeben; im Gegenteil – – Eines Nachmittags, zehn Minuten vor zwei Uhr, kurz vor der Geschichtsstunde machte Ludwig das Kind in den Zipfel seines rotbaumwollenen Taschentuches einen Knoten; in diesen Knoten schob er seinen Zeigefinger, dann drapierte er das übrige Taschentuch so um den Daumen und Mittelfinger, daß diese beiden zwei Aermchen bildeten. Indem Ludwig das Kind den Zeigefinger bewegte, nickte das Männchen mit dem Kopfe; sobald er Daumen und Mittelfinger rührte, gestikulierte das Figürchen mit den Armen. Die Mitschüler, welche diesem Spiel zusahen, lachten. Dieses Beifallsgelächter schmeichelte Ludwig dem Kind; er sprang aus der Bank und zog sich hinter den großen blechernen Ofenschirm zurück, reckte seinen rechten Arm so hoch, daß das Figürchen über den oberen Rand des Schirmes ragte, und begann nun in aller Form »Kasperletheater« zu spielen. »Ich bin der Tod! Dann brauchst du auch kein Brot u. s. w.« Einer der Zuschauer, die sich schüttelten vor Lachen, steckte dem Kasperle ein Lineal zwischen die Aermchen, worauf Kasperle begann, mit dem Holze auf den blechernen Ofenschirm zu klopfen. Es war eine heillose Musik. Das Lachen der Zuschauer steigerte sich zum Wiehern junger Fohlen. Doch: Zwischen Lipp' und Kelchesrand Webt der finstern Mächte Hand! Die Zuschauer waren so vertieft in den Anblick der lustigen Posse, daß sie nicht merkten, wie der Geschichtsprofessor Helvetius das Klassenzimmer betrat, wie er auf sie zuschritt und plötzlich mitten unter ihnen stand. Der Herr Professor räusperte sich, ganz leise: Und wie vom Sturm zerstoben, Ist all der Hörer Schwarm – das heißt, sie machten Miene, zu zerstieben, als eine gebieterische Handbewegung des Herrn Professors sie an ihre Plätze bannte. Der Professor lächelte, es war also auf einen Scherz abgesehen. Nur Ludwig das Kind, hinter seinem Ofenschirm verborgen, sah nichts, merkte nichts. Völlig von seinem Spiel hingerissen, fuhr er zu deklamieren fort: »Ich habe Schweinebraten heut', Wollt ihr mein Gast nicht sein?« worauf Kasperle mit verstellter Stimme antwortete: »Herrjemine, da stell' ich mich In fünf Minuten ein!« In demselben Moment bog Professor Helvetius seinen Kopf um den Ofenschirm herum. Die Wirkung kann man sich denken. Als hätte er das versteinerte Antlitz der Medusa gesehen, so erstarrte Ludwig das Kind. Vox faucibus haesit. Professor Helvetius schüttelte den Kopf und wiederholte dieselben Worte, die einst der Mathematikprofessor Krüger gesprochen: »Ludwig das Kind,« Dann hieß er die Schüler auf ihre Plätze gehen, und der Unterricht begann. So trug Ludwig durch wiederholtes Kinderspiel dazu bei, daß sein Spitzname von Zeit zu Zeit aufgefrischt und vollends befestigt wurde. Der Name verblieb ihm auf der Untertertia, auf der Obertertia, auf der Untersekunda. Erst auf der Obersekunda machte sich bei Ludwig dem Kinde eine ernstere Richtung geltend. Erfüllte sich an ihm das Sprichwort: Aus Kindern werden Leute? Oder hatte der unter tragischen Umständen erfolgte Tod eines Mitschülers – Felix Förster war beim Schlittschuhlaufen durchs Eis gebrochen und vor den Augen seiner Mitschüler, die ihn nicht retten konnten, ertrunken – Einfluß auf unsern jungen Helden gehabt? Ludwig wollte dies freiwillig nicht bekennen; wenn ihn seine Mitschüler fragten: »Warum ist Ludwig das Kind so ernst geworden?« so pflegte er lächelnd auf den weißen Flaum zu deuten, der auf seiner Oberlippe sproßte, und den man, wenn die Sonne darauf schien, sehen konnte. »Ein Mann, der einen Schnurrbart hat,« sagte er dabei, »ist kein Kind mehr. Hört, Kameraden! mein Spitzname wird mir unbequem, ich fühle, daß ich mich seiner als Obersekundaner schämen muß. Nennt mich doch einfach Ludwig, oder Ludwig Bullermann!« »Na, wenn dein Bart,« erwiderte Anton Oberkamp, »erst so weit ist, daß er nicht nur im Sonnenschein, sondern auch im Schatten sichtbar wird, so sollst du den Namen »Ludwig der Bärtige« erhalten.« »Bis dahin,« lachte Heinrich Humperdink, »ist Ludwig längst vom Gymnasium abgedampft und ein Philister mit Cylinderhut und langem schwarzen Tuchrock!« Der Spitzname »Ludwig das Kind« war unserm Helden in der Tat höchst fatal geworden, da derselbe den reifenden Jüngling an frühere Torheiten erinnerte. Ludwig sann und sann, wie er des unbequemen Namens ledig werden könnte. Aber kein Weg, kein Mittel wollte ihm erscheinen. Das Nachdenken grub sogar eine Stirnrunzel über seine Nasenwurzel – eine Denkerfalte, die nun völlig mit seinem Spitznamen in Mißklang stand. Endlich, bei Gelegenheit eines Klassen-Exitus, machte sich die Sache. Die Obersekunda war mit ihrem Ordinarius, Herrn Professor Schrader, zur Lohmühle gezogen, hatte an endlosen Tischen Kaffee getrunken, neunzöllige Butterbrote gegessen und dann auf der Wiese verschiedene Turnspiele aufgeführt. In einer Pause trat Ludwig das Kind an den Herrn Professor heran und trug ihm mit leiser Stimme eine Angelegenheit vor. Der Professor nickte zustimmend. Da sprang Ludwig das Kind auf einen Heuhaufen und donnerte ein kräftiges »Silentium!« unter die Schar seiner Mitschüler. »Still! Ludwig das Kind will reden!« hieß es. »Nein,« erschallte es von andrer Seite, »Ludwig das Kind will ein Liedchen singen: Weißt du wie viel Sternlein stehen?« »Silentium!« donnerte Ludwig noch einmal von seiner improvisierten Rednerbühne herab. Und es wurde still. »Während wir hier, um unsern hochverehrten Herrn Ordinarius geschart,« hub Ludwig mit weithin vernehmlicher Stimme zu reden an, »so fröhlichem Spiele uns hingeben, während wir dort im Saale gleich den homerischen Helden die Hände erhoben zum lecker bereiteten Mahle, liegt drüben in der dumpfen Stadt, die wir für einige fröhliche Stunden verlassen, unser lieber armer Mitschüler Hubertus Grünewald auf seinem Krankenlager. Ihr wißt, daß er von einem schweren, fast hoffnungslosen Brustleiden befallen ist. Ich besuchte ihn gestern abend und empfing höchst traurige Eindrücke. Hubertus wandte mir ein bleiches, müdes Antlitz zu, und seine Mutter, eine arme Witwe, weinte in ihre Schürze. Aus ihren Worten konnte ich schließen, daß die materielle Not an die Tür des Häuschens gepocht hat. »Ach« seufzte die Mutter unter anderm, »könnt' ich meinem armen Sohne nur etwas Stärkendes bieten!« Mitschüler, Kameraden, Freunde! Wo der Mensch froh ist, soll er auch an diejenigen denken, die traurig sind. Ich schlage vor, daß wir von dem heutigen Exitus unserm armen Kranken jeder etwas Stärkendes mitbringen. Heute abend, nach der Heimkehr, tragen wir es dann im Dunkeln in das Häuschen der Witwe, denn die Nachbarn brauchen es nicht zu wissen. Ich hoffe, ein jeder von uns wird sich heute nachmittag beim Verzehren gern ein kleines Opfer auflegen. Nur im Opfer wohnt die Liebe. Nicht um mich zu rühmen, sage ich es, sondern weil ich als Redner die Verpflichtung fühle, mit gutem Beispiel voranzugehen: ich werde Hubertus Grünewald eine Flasche Wein mitbringen. Vivat sequens! « Damit sprang Ludwig von seinem Heuhaufen herab. Ein allgemeines »Bravo! Bravissimo!« und Händeklatschen begrüßte ihn und bewies ihm das Einverständnis seiner Mitschüler. »Ich kaufe vom Lohmüller eine Cervelatwurst für Hubertus Grünewald!« rief Paul Wiese. »Ich verpflichte mich zu einem Dutzend Eier!« rief Eduard Steiner. »Ein feines Landbrot sei meine Spende!« schrie der dicke Tonius Köster aus voller Lunge. »Ich gebe eine zweite Flasche Wein!« rief Theodor Siewers. »Ich eine dritte!« »Ich eine vierte!« verkündete eine andre Stimme, »Platz da für den großen Büffel!« rief der hünenhafte Karl Lauterbach, »ich spendiere einen ganzen geräucherten Schinken vom weißzahnigen Schweine!« So tönte es noch eine Weile fort, bis ein halbes Proviantmagazin beisammen sein mochte. In dem beglückenden Gefühl, daß man etwas Gutes vollbringe, erinnerten Ludwigs Mitschüler sich desjenigen, der den Vorschlag zu diesem Werke der Mildherzigkeit gemacht. Es war »Ludwig das Kind!« Das Kind hatte sie alle beschämt. Aber Ludwig wollte gern seines fatalen Spitznamens ledig werden; nun wohlan, er sollte es. Der entscheidende Augenblick war gekommen. Auf den verlassenen Heuhaufen schwang sich Robert Hufeland, der Primus der Obersekunda: »Silentium!« schmetterte er. »Genossen! Freunde! Unser Mitschüler Ludwig Bullermann hat uns soeben den Beweis eines edlen, ernsten, männlichen Herzens gegeben. Mit einem solchen Herzen steht aber im Widerspruch ein Name, welcher unserm Freunde seit der Knabenzeit anhaftet. Ich glaube mich zum Dolmetscher der Gesinnungen aller zu machen, wenn ich vorschlage, daß wir den Namen »Ludwig das Kind« feierlich begraben und einen andern an seine Stelle setzen. Es gibt in der Geschichte viele Ludwigs: Ludwig den Frommen, Ludwig den Springer, Ludwig den Strengen, Ludwig von Tarent, Ludwig den Bärtigen u. s. w.; aber darunter wollen wir nicht wählen, der eine Name paßt nicht, der andre könnte falsch ausgelegt werden. Nun ist noch da »Ludwig der Große«, König von Ungarn. Ich denke, wir ehren die Tat unsres lieben Freundes Ludwig Bullermann am würdigsten, wenn wir ihn fortan »Ludwig den Großen« nennen. Ich bitte, mir durch Akklamation eure Zustimmung zu erteilen!« Na, das Beifallsklatschen hätte man hören sollen! Luft und Erde bebten und die Krähen fielen vor Schrecken von den Bäumen, welche am Saume der Wiesen standen, »Ludwig der Große, hoch!« erschallte es; »Ludwig der Große, hoch! Und zum drittenmal: Ludwig der Große, hoch!« Der Karneval von Dudenrode Die Weihnachtsferien waren vorüber. Natürlich waren sie viel zu schnell den Schülern entschwunden. »Eheu! fugaces labuntur anni!« konnte sich der Primaner Quirinus Hammerschlag nicht enthalten, aus seinem Lieblingsdichter Horaz zu citieren. »Wie Räder am Wagen, Herr Posthalter, entflieht die Zeit!« übersetzte er, als er den Postwagen bestieg, welcher ihn aus seinem Heimatdorfe wieder nach der Provinzial- und Gymnasialstadt Dudenrode bringen sollte. Das Wintersemester nahm seinen Fortgang. »Und ob alles in ewigem Wechsel kreist, es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist – und der Stundenplan von Dudenrode!« deklamierte der Sekundaner Thomas Kietz frei nach Schiller, den er mit Begeisterung den Poeten seiner Seele nannte. Es war an einem Abend in der ersten Hälfte des Januar. In dem Spielsaale des Schülerpensionats, welches der Herr Professor Werner in Dudenrode hielt, saß nach beendigtem Silentium und Abendessen eine Schar von zwanzig Knaben und Jünglingen (»König Arthurs Tafelrunde« nannte sie der Pennälerwitz) um den großen runden Tisch, welcher vom Lichte einer dreiarmigen Hängelampe erleuchtet war. Im Ofen bullerte ein kräftiges Feuer, draußen wisperten gegen die Fensterscheiben die in dichten Geschwadern niederfallenden Schneeflocken, und der Wind heulte stoßweise durch die stillen Straßen; es war urgemütlich in dem Spielsaale. Die Knaben waren mit verschiedenen Handarbeiten beschäftigt, während der Tertianer Simeon Teupel aus einem Buche vorlas. Dieses Buch waren Andersens Märchen, und das Märchen, welches Teupel mit etwas orakelhafter Stimme seinen Kameraden zu Gemüte führte, war das »Zwölf mit der Post« betitelte. Es wird darin erzählt, wie in der Sylvesternacht, punkt zwölf Uhr, die große Postkutsche mit schallendem »Trataratra!« in die Stadt fährt und zwölf Passagiere bringt, nämlich die zwölf Monate, die recht launig vom Dichter charakterisiert werden. Der erste ist selbstverständlich der Januar, ein ganzer Mann, in einen Bärenpelz gehüllt und mit Pelzstiefeln an den Füßen, der Mann, auf welchen gar viele ihre Hoffnungen setzen u. s. w. »Darauf,« las der Tertianer Simeon Teupel, »kam der nächste; er war ein Spaßvogel, war Arrangeur von Komödien, Maskenbällen und allen nur erdenklichen Lustbarkeiten. Sein Gepäck bestand in einer großen Tonne. Die soll uns zu dem Fastelabende viel Stoff zur Heiterkeit hergeben, sagte er. Ich will andre und auch mich belustigen, denn ich habe aus der ganzen Familie die kürzeste Lebenszeit, ich werde nur achtundzwanzig. Vielleicht schaltet man noch einen Tag ein; aber das ist ebensoviel. Hurra!« Der Vorleser rief dieses zum Texte gehörige Wort »Hurra!« so kräftig, daß seine Zuhörer sich flugs veranlaßt fühlten, dasselbe mit einem zweiten schallenden »Hurra!« zu beantworten, was Simeon Teupel einigermaßen unwirsch machte, weil er sich in seinem Vorleseramt gestört fühlte. Darum citierte der Sekundaner Thomas Kietz aus seinem Lieblingsdichter Schiller, mit Hinweis auf Teupel und sein Hurra: »Doch dem war kaum das Wort entfahren, Möcht' er's im Busen gern bewahren.« »Da die Vorlesung nun einmal unterbrochen ist,« bemerkte der Primaner Friedrich Försterling, »so möchte ich en passant erwähnen, daß ich vor kurzem ein andres Sylvestermärchen, von Heinrich Seidel, las, betitelt »Die Monate«; darin wird der Narrenmonat Februar noch hübscher geschildert als bei Andersen. Im Nobiskrug, so erzählt Seidel, beugte sich hinter dem in weißen Pelz gekleideten, rotbäckigen Kraftmenschen Januar ein zweiter der zwölf Gesellen vor; der war nun ziemlich klein und der behendeste von allen. Er war auch weiß gekleidet, aber in die faltigen und bauschigen Gewänder eines Pierrots, und nur die kugelförmigen Knöpfe seines Wamses waren rot und so groß wie Apfelsinen. Sein rabenschwarzes Haar war kurz geschoren, gleich dem Sammet, und trat mit einer kleinen Schneppe in die niedrige Stirn des weißgepuderten Gesichtes. Mit den Fingern trillerte er auf einer Schellentrommel, und aus schwarzen, glänzenden Augen blickte er umher. Ein lustiger Monat ist's. Man hat ihn auch darum zum kürzesten gemacht, weil die Leute sonst so viel Spaßhaftigkeit gar nicht zu ertragen vermöchten. Alle Welt macht er zu Narren, die ehrbarsten Leute verführt er zum Possenreißen und die feierlichsten Esel zum Hintenausschlagen; diesen Monat hat wohl jeder gern, denn ein herzhafter Spaß ist Geldes wert« . . . Da der Primaner Friedrich Försterling eine Pause machte, vielleicht um sich auf das folgende zu besinnen, erhob sich plötzlich der Primaner Quirinus Hammerschlag, der Primus im Wernerschen Pensionate, und rief mit lebhaftem Gestus: »Kameraden! Freunde! Ich hab' euch eine höchst angenehme Mitteilung zu machen. Unser väterlicher Freund, Professor Werner, den ich mit meinem Lieblingsdichter Horaz begrüßen möchte mit den Worten: Maecenas atavis edite regibus, o et praesidium et dulce decus meum – unser guter Herr Professor will uns gestatten, daß wir im Faschingsmonat Februar hier in den Räumen des Spielsaales eine karnevalistische Aufführung vom Stapel lassen. Wir dürfen uns verkleiden. Nur eine Bedingung knüpft der Herr Professor an sein Zugeständnis: wir müssen uns die Kostüme selbst anfertigen; Frau Professor stellt uns die ganze Plunderkammer des Pensionats, oben auf dem Söller, wo es an alten Reisedecken, Bettspreiten, Flaggentuchen und dergleichen nicht mangelt, zur Verfügung. Ein Schneidertisch wird hier im Spielsaale aufgeschlagen, und wir selbst haben Schere und Nadel zu führen . . .« Hier wurde der Redner unterbrochen durch den kleinen, vorlauten Sextaner Krispin Rosenau, der sich bei jeder Gelegenheit als so eine Art Lustigmacher aufzuspielen pflegte und zwar oftmals nicht ganz ohne Erfolg; auch in diesem Augenblicke konnte er sich nicht bezähmen, sich in eine recht verwunderliche Positur zu werfen und mit seinem schräpeligen Stimmchen aus den Heinzelmännchen von Kopisch unter lebhaften Gesten die Verszeilen zu deklamieren: »Da schlüpften sie frisch In den Schneidertisch; Und schnitten und rückten Und nähten und stickten, Und faßten und paßten. Und strichen und guckten Und zupften und ruckten. Und eh' der Fasching noch erwacht: War der Schüler Kostüm bereits gemacht!« Wie gelungen auch der Sextaner die Verse zum Vortrag brachte, so donnerte ihn doch der Primaner Quirinus Hammerschlag mit dem Rufe »Silentium!« an, denn er hatte noch etwas zu sagen. »Die Masken, welche wir als nötige Ergänzung unsrer Faschingskostüme brauchen, kaufen wir uns, alles übrige stellen wir uns ohne Kosten selbst her. Es könne nicht schaden, meint unser väterlicher Freund der Herr Professor, wenn wir uns in Handfertigkeiten üben; später würde es uns von Nutzen sein, z. B. im Militärdienst, wo es gut ist, wenn man selbst einen Knopf anzunähen versteht. Laßt uns also frisch ans Werk gehen,« forderte Primaner Hammerschlag mit erhobener Stimme auf. »Und da Aufschieben eine böse Sitte ist, wie der Aufsatz in unsrer Oberprima augenblicklich lautet, so schlage ich vor, daß wir morgen gleich beginnen. Unser Sekundaner Thomas Kietz – ich lese es aus seinen ernsten Mienen – mag mit seinem Freunde Schiller denken: ›Den lauten Markt mag Momus unterhalten, Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten‹ – ich, der Bannerträger des Horaz, rufe dagegen: Dulce est desipere in loco! Süß ist's, zu gegebener Zeit recht lustig zu sein! Dixi .« »Nein, ich tue entschieden mit,« rief Thomas Kietz; »der Herr Redner deutete meine ernste Miene falsch! Ich überlegte gerade, was wir denn am besten zu Fasching vorstellen sollten.« Ueber dieses Thema entspann sich nun an »König Arthurs Tafelrunde« ein lebhafter Meinungsaustausch, der mit manchen guten, aber auch mit manchen schlechten Witzen gewürzt war. Schließlich einigte man sich aber auf den Vorschlag des Quirinus Hammerschlag dahin, eine Reihe von Tiermasken vorzuführen und diese Vorführung also einzukleiden: ein Afrikareisender kehrt nach Dudenrode zurück, erzählt auf der Bühne in drolliger Weise seine Erlebnisse bei den Hottentotten, Zulukaffern und Niams-Niams und stellt dann eine Reihe von Tieren vor, die er im dunklen Erdteil eingefangen und gezähmt hat. Schadet nichts, wenn auch etliche Tiere dabei sind, die in Asien und Europa hausen. Ist ja Fasching! Die Tiere machen ihre Kapriolen, führen allerlei Kunststücke aus und reden schließlich das Publikum in launiger Weise an. Eine allgemeine Tierquadrille, vom Afrikareisenden in Stallmeisteruniform kommandiert, macht den Schluß der Vorstellung. »Oberländers komische Naturgeschichte wird uns bei diesem Faschingspaß vortreffliche Dienste leisten,« übertönte ein schräpeliges Stimmchen das Beifallsgemurmel der übrigen Knaben. Der Sextaner Krispin Rosenau war's natürlich. – »Hier einige Proben: der Vogel geht flöten; der Fuchs geht auf die Universität; die Katze hat einen Jammer; der Hase liegt im Pfeffer; der Bär wird an- und aufgebunden; der Bock wird geschossen; die Mücke wird zum Elefanten gemacht oder mit Geduld und Spucke gefangen, zuweilen auch geseiht; das Kamel wird verschluckt; die Grillen werden verscheucht; die Ente ist die Schwester der Seeschlange; der Stockfisch ist dumm; Ochs, Rindvieh und Esel sind nicht salonfähig, sondern können sich zum Kuckuck scheren; der Hahn wird aufs Dach gesetzt; der Gimpel geht auf den Leim; eine Schwalbe macht keinen Sommer –« »Jam satis! Es ist genug! rufe ich mit Horaz,« bemerkte Quirinus Hammerschlag, »und nun laßt uns für heute unsre Vorlesung aus Andersen fortsetzen.« So geschah es. Aber schon am folgenden Tage ging man mit Eifer an die Vorbereitungen zum »Karneval von Dudenrode,« wie man das Fest im Anklang an das bekannte Musikstück »Der Karneval von Venedig« getauft hatte. Zunächst begab man sich zum Maskenhändler. Auf einer rot und weiß gedeckten Tafel waren da die mannigfachsten Völker- und Charaktermasken ausgestellt! schlitzäugige Chinesen, breitmäulige Lappländer, kupferrote Indianer, neugierig breite Kindergesichter, biedere Pfahlbürgergesichter mit Stirnlocke und Schläfenbüschelchen u. s. w.; zu Füßen des Tisches lag der Kopf jener Seeschlange, welche die Schwester der Zeitungsente ist, noch ein fabelhafter Kopf, einer Ananas nicht unähnlich, ferner ein langohriger Kannibalenkopf nebst der Maske der Xantippe, des Aesop, des Cicero u. s. w. Nicht jeder sieht so eine Maskenausstellung gern; auf manche wirkt die tote, starre Larve abstoßend, lähmend, nervenerschütternd; aber unsre Dudenroder Gymnasiasten hatten gesunde Nerven; sie besahen sich alles mit einem Heidenspaß und wählten dann aus diesen und andern Vorräten des Maskenverkäufers die verschiedenartigsten Tierköpfe aus, die sie in bester Laune heimtrugen auf ihren Spielsaal. Dieser nahm nun das Aussehen einer großen Schneider- und Kunstwerkstätte an. An jedem Abend, nach beendigtem Silentium und Abendessen, und auch an manchem freien Nachmittag, wo der Schneesturm einen Spaziergang verbot, wurde geschnitten, genäht, gekleistert, gelappt und gepappt, eine Tätigkeit, die Freund Thomas Kietz, der Sekundaner und Schillerschwärmer, mit allerlei Citaten aus seinem Lieblingsdichter würzte, wie zum Beispiel: »Froh, wie hehre Sonnen fliegen Durch des Himmels prächt'gen Plan, Laufet Brüder, eure Bahn, Freudig, wie ein Held zum Siegen!« Da der Primaner Quirinus Hammerschlag die Rolle des Afrikareisenden übernehmen wollte, welche ihn ohnehin zum Lion der Gesellschaft machte, so hatte er die andre Löwenrolle, nämlich die Gestalt des natürlichen Löwen, dem Sekundaner Thomas Kietz überlassen, Kietz citierte sofort aus seinem Schiller »in roter Leinwand und mit'm Goldschnitt«: »Gehorsam ist des Christen Schmuck, Mut zeiget auch der Mameluck« und schneiderte sich aus einer alten Reisedecke von gelbem Plüsch ein famoses Löwenfell zurecht, dessen Tatzen er mit vierzölligen Krallen (aus krummen, weißgeschabten Holzzweiglein geschnitzelt) verzierte; die Mähne richtete er aus krausen Hobelspänen her, wobei ihm die Schilderung vorschwebte, welche der Kölner Junge von einem Löwen des zoologischen Gartens entwarf: »Hu, 'ne große gelbe Katz mit nix als Hobelspän' an 'nem Kopp!« Die Löwenmaske hatte der Maskenhändler geliefert. Wirklich majestätisch sah es aus, wenn Thomas Kietz in Löwenfell und Löwenmaske auf der Chaiselongue ruhte, wobei er getreu nach Schiller verfuhr: Er schüttelt die Mähnen Mit langem Gähnen, Und streckt die Glieder, Drauf legt er sich nieder. Die Majestät des Schreckens aber und die Gewalt, welche den König der Tiere umgibt, entfaltete Kietz, wenn er mit seinem Herrn, dem Afrikareisenden (Quirinus Hammerschlag), im Kampfe rang, wenn er die Pranken um Brust und Rücken des kühnen Tierbändigers schlang, wenn er seinen Unterkiefer auf den Nacken des Mannes legte und sein furchtbares Gebrüll vernehmen ließ. (Tertianer Robert Wiese pflegte diesen Moment mit dem bekannten Klavierstück: » Le réveil du lion « zu begleiten.) Es war in täuschender Nachahmung jenes Gebrüll, »das die Herden heulen macht, und vor dem der Beduine im fernen Zeltdorf erschrocken verstummt«. – »Gut gebrüllt, Löwe!« riefen dann die Sextaner, Quintaner und Quartaner Beifall. Einen Löwen en miniature , nämlich einen Pudelhund, hatte sich der Sextaner Krispin Rosenau zum Vorbild eines Anzuges gewählt, den er aus einer alten, mit vielen Fransen besetzten weißen Bettdecke herstellte und zwar ganz vortrefflich, wie man unisono anerkannte, was Thomas Kietz noch durch das Schillersche Citat verstärkte: »›Im Fleiß kann dich die Biene meistern, In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein‹, aber im Pudelhundkostümanfertigen stehst du unerreicht da, du kleiner Rosenau: ›Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige, Stehst du an des Jahrhunderts Neige, Der reifste Sohn der Zeit!‹« Die andern lachten – und lachten endlich krampfhaft, als nämlich der Sextaner in seinen Anzug schlüpfte und die Stellung eines aufwartenden Pudels annahm. Es war zu komisch! Durch den Beifall, den seine Maske gewann, ermutigt, öffnete der Sextaner den Mund zu folgendem Monolog: »Ein pudelnärrisch Ding, pflegt man zu sagen. Jawohl, ich Pudel bin ein närrisch Ding, so ein rechter Possenreißer. Wer ein unterhaltender Narr sein will, der muß vor allen Dingen gescheit sein, und gescheit bin ich im vollsten Maße. Aus den Mienen meines Herrn lese ich, wie seine Stimmung ist, ob freundlich, ob zornig, ob ich mit ausgehen darf oder zu Hause bleiben muß. Wie fein ist mein Geruch, mein Gehör! Nur etwas kurzsichtig, ja, das bin ich. Dafür kann ich tanzen, besser als ein andrer Hund. Ich stürze mich auf einen Wink meines Herrn ins Wasser, ich schnappe nach Vögeln, ich grabe im Boden, trage den Korb in der Schnauze und verteidige das Eigentum meines Herrn. Sogar – paßt auf – der große Dichter Goethe hat mich besungen: ›Dem Pudel, wenn er gut gezogen, Wird selbst ein weiser Mann gewogen. Und es erzeigt ihm diese Ehre gar Der Herrn Studenten trefflicher Scholar.‹ Und gut gezogen bin ich, uff Ehre: mein Herr befiehlt, und ich tanze.« Damit begann der Pseudopudel einen so drolligen Tanz auszuführen, daß das Gelächter der Zuschauer wirklich lebensgefährlich wurde: Thomas Kietz, Arnold Blase und Philipp Hopfensack keuchten nämlich mit knallroten Gesichtern: »Wir ersticken, wir ersticken!« Da ließ sich der Pseudopudel auf alle vier Pfoten fallen und schmeichelte sich winselnd an die Füße seines Herrn heran. Ein allgemeines Bravo belohnte ihn. »Diese Nummer allein sichert den Erfolg des Karnevals von Dudenrode!« rief der Primaner Quirinus Hammerschlag. Die Lorbeern, welche Krispin Rosenau in der Rolle des Pudels errungen hatte, ließen einen andern Sextaner von »König Arthurs Tafelrunde«, nämlich den kleinen Peter Leisegang, nicht ruhen, sich in der Rolle des Papageien vorzustellen. Den Papageienkopf hatte er beim Maskenhändler für eine bare Mark erstanden; er war so wunderbar grün, dieser Kopf, daß gekochter Spinat oder gehackte Petersilie dagegen erblaßten. Den grünen Leinenkittel nebst dito Höschen und weiten Aermeln, welch letztere die erst schwach entwickelten Flügel darstellten, hatte der junge Künstler mit allerlei Federn benäht: grünen, roten, gelben, blauen, braunen, schwarzen, weißen. Teils hatte der Hühnerhof diese Federn in Naturfarbe geliefert, teils hatte der kleine Peter weiße Hühnerfedern gefärbt. Die krallige Fußbekleidung war aus Segeltuch geschnitten und zehenartig durchsteppt; die Krallen selbst bestanden aus geschnitzelten Hölzchen. Mit komischer Grandezza wandelte der Pseudopapagei über die Bühne, die Flügel über den Rücken gelegt, wie die Hände eines Philosophen. »Wenn du einen Papagei,« sprach er, »in dem Schmucke seiner grünen, roten und gelben Federn betrachtest, kommt dir leicht der Gedanke in den Sinn: das ist ein Bewohner fremder Länder, wo die Sonne heißer scheint und auch schönere Blumen blühen als bei uns.« »Wenn wiederum der Vogel anfängt, zornig die Augen zu rollen,« schwefelte Peter Leisegang weiter, »wenn er dazu voll Leidenschaft tobt und schreit« (der kleine Peter machte dies genau nach), »dann mahnt dich dieses fremdartige Gebaren zur Vorsicht für ein andermal, wenn du mit ihm spielst. Du streichelst ihn, und er läßt sich das gefallen; aber plötzlich überkommt ihn eine schlechte Laune, und er beißt mit seinem starken Hakenschnabel in deinen Finger ebenso heftig wie in die Rinde der Bäume und Früchte.« (Peterchen machte mit seinem Hakenschnabel einige verzweifelte Schnappbewegungen.) »Doch kann man diesen ›Affen der Vogelwelt‹, wie man uns genannt hat, nicht lange gram sein, denn bei aller Tücke sind wir doch auch possierlich und drollig, wie die wirklichen Affen. Was kein andrer Vogel vermag, das können wir Papageien: wir gähnen, wir niesen, wir räuspern uns, wir lachen, wir seufzen wie ein Mensch.« (Alle diese Lautäußerungen führte der Pseudopapagei nacheinander vor und weckte dadurch das Gelächter seiner Pensionskameraden.) »Auch eine gute Nummer!« urteilte der Primaner Quirinus Hammerschlag, worauf »Papchen« mit so feierlich langsamer Grandezza abtrat, daß ihn ein allgemeines Händeklatschen geleitete. Seinen Kopf noch einmal aus der Kulisse steckend, rief er: »Ich weiß nicht, ob ich von Goethe besungen bin, wie der wohlgezogene Pudel, aber das weiß ich, daß ich seit alters zu einem Kinderrätsel diene: Wie heißt das Weibchen vom Papagei?« »Mamagei! Mamagei!« schallte es ihm aus einem Dutzend Kehlen entgegen. – »Was stoppelst du denn da für ein sonderbares Kostüm zusammen, Freund Finke?« fragte Hammerschlag den Sekundaner Jodokus Finke. »Einen Riesenhummer,« antwortete dieser, »Seitdem ich mit meinem Onkel auf Helgoland war, schwärme ich für Hummer« . . . »Du meinst für Hummermayonnaise,« entgegnete schalkhaft Hammerschlag. »Nein, für Hummer in natura , obgleich ich auch den präparierten Hummer nicht verachte,« lautete die Antwort, »Monsieur Hummer führt in dem dunkeln Abgrunde des Meeres sein geheimnisvolles Leben. Da wälzen sich atmende Klumpen, schwellende Blasen und Wurzeln blind und gliederlos dahin; Fangarme greifen umher, Fühlfäden ohne Ende spannen sich aus, Stacheln starren und blitzen; das wirbelt und schießt, tastet und schnappt –« »So daß,« fiel ihm Thomas Kietz, der Schillerfreund, ins Wort, »man wohl mit dem Dichter ausrufen mag: – – – ›Es freue sich, Wer da atmet im rosigten Licht, Da unten aber ist's fürchterlich!‹« »Ganz recht, Freund Kietz,« erwiderte Jodokus Finke. »Und unter jenem Meergesindel ist der Hummer ein großer Herr, obgleich er nicht der Kardinal der Meere ist, wie ein phrasenhafter Franzose ihn einmal genannt hat, welcher nicht wußte, daß der Hummer erst durch Kochen seine schöne rote Farbe erhält. Der Hummer ist ein Krebs im großen Stil, vom Wirbel bis zur Zehe ein Meerespotentat. Wie aus Erz gegossen blinkt seine Rüstung; man denkt an den hörnernen Siegfried, an den Eisenritter des Mittelalters, an die stahlumschienten Kämpfer von Troja, und es dürfte nicht wundernehmen, wenn ihm Vater Homer einen Ajax oder Diomedes verglichen hätte« . . . Hier legte sich von rückwärts eine Hand auf die Schulter des begeisterten Sprechers: Professor Werner war's, der unbemerkt in den Spielsaal des Pensionats getreten war. »Bravo, Finke!« sagte er, »Deine Begeisterung für den majestätischen Kruster des Meeres gefällt mir, da ich daraus auf deine Liebe zur Naturwissenschaft schließe. Komm, ich lege dir selbst den Hummerpanzer an!« Damit nestelte der gute Professor das aus bräunlichgrünem Pappdeckel und dito Segeltuch verfertigte Hummergewand am Halse seines Schülers fest. »Aha,« sagte er dabei, »ich sehe, du hast das Gewand in zwei Teile zerlegt, Vorderteil und Rückenteil – sehr praktisch!« Als der Sekundaner Finke nun auch unter des Professors Beihilfe den Rückenpanzer angelegt hatte, und er seine Arme in die gewaltigen Hummerscheren steckte, dann damit gravitätische Gestus machte und mit seiner Baßstimme deklamierte: »Ich gehöre zu jenen Hummern von Ellengröße, von denen der Naturforscher Masius schreibt; ich gehöre zu jenen wahren Mammuts, die offenbar aus einer lange ausgestorbenen Generation in die Zeit später Nachkommen ragen und deren Haupt ernstes Moos bedeckt; ich bin jener bemooste Bursche, von dem das Studentenlied singt« – als Jodokus Finke so sprach, seine gewaltigen Scheren spielen lassend, und als er dann das Lied: »Bemooster Bursche zieh' ich aus« zu singen anfing und »mit langsam abgemeßnem Schritte« des Theaters Rund umwandelte: da belohnte ihn ein Händeklatschen und Beifallsrufen, so laut und ausgelassen, daß Thomas Kietz mit Rücksicht auf die Anwesenheit des Herrn Professors »Silentium!« kommandierte, worauf sich der Herr Professor alsbald empfahl. Eine gelb und schwarz gestreifte, wegen Mottenfraßes ausrangierte Reisedecke gab dem Tertianer Julius Pinkepank das Material zu einem Tigerkostüm. Um aber nicht in der ganzen Greulichkeit dieses »Menschenfressers«, wie die Engländer in Indien den Tiger nennen, zu erscheinen, wand Freund Julius eine große kornblumenblaue Krawatte um seinen Hals und zog sich schwarze Stulpenstiefel mit hellgelbem Lederumschlag an die Füße – eine Ausstaffierung, welche die greuliche Maske zu einer komischen machte und dem Tiger einen Anklang an den gestiefelten Kater des Märchens gab. Thomas Kietz lobte diese Figur mit den Versen aus Schiller: »Denn wo das Strenge mit dem Zarten, Wo Starkes sich und Mildes paarten, Da gibt es einen guten Klang.« Der Pseudotiger nahm seinen starken, buntgeringelten Schweif elegant unter den Arm und antwortete: »Deinen Schiller hab' ich lieb zum Fressen, und dich dabei, Freund Thomas! Aber, aber: Wohltätig ist des Tigers Macht, wenn ihn der Mensch bezähmt, bewacht. Uebrigens möchte ich mein hochverehrtes Publikum in aller Bescheidenheit darauf aufmerksam machen, daß ich derjenige Tiger bin, lui-même , von welchem Schiller in seiner Glocke singt: ›Verderblich ist des Tigers Zahn‹.« Damit präsentierte der Pseudotiger dem Publikum sein glänzendweißes, scharfes Raubtiergebiß. »Hu, der Anblick dieser Zähne macht mich so schwach,« rief der Tertianer Laurenz Lademann, »daß ich mir ein Glas Wasser zu Gemüte führen muß!« Damit ließ er sich auf einen Stuhl fallen und streckte seine Beine, welche bereits in einem Eselpiedestal (von grauem Biberzeug) steckten, weit von sich. Da Lademann die Laune gehabt hatte, von der Naturgeschichte abzuweichen (welche den Asinus den Einhufern zuweist) und seinem Esel greulich lange Affenfüße zu geben, so machte dieses ausgestreckte Gebein, in Verbindung mit dem armsdicken Schweife (der wegen besagter Dicke und wegen Mangels an Haarquaste ebenfalls stark von der Naturgeschichte abwich), einen Lachen erregenden Eindruck. Dieser Eindruck steigerte sich noch, als Lademann den Eselskopf, der neben seinem Stuhle auf den Dielen lag, sich aufstülpte, als er seine Fechthandschuhe anlegte und, auf den Quartaner Felix Hündchen losschreitend, diesen zum Boxen aufforderte. Schnell seine Fäuste in ein Paar andrer Fechthandschuhe steckend, rief Hündchen: »Was? so ein Esel will sich mit mir messen? Na, warte, ich will aus dir einen zahmgeprügelten Esel machen, wie kein besserer in der Naturgeschichte steht.« Es entspann sich nun ein komischer Faustkampf, der indes nur zum Scheine geführt wurde, da es den Kämpfern mehr darauf ankam, die Lachlust der Zuschauer zu erregen, als sich gegenseitig schmerzhafte Püffe und Knüffe zu erteilen. Ersteres gelang ihnen auch in vollem Maße. Zum Schluß stellte sich der Esel besiegt und deklamierte nun in tragischem Tone »des Esels Trost« von Claudius: »Hab' nichts, mich dran zu freuen, Bin dumm und ungestalt, Muß Stroh und Disteln käuen, Werd' unter Säcken alt. Ach, die Natur schuf mich im Grimme, Sie gab mir nichts – als eine schöne Stimme.« Und damit ließ der falsche Esel so kräftig sein »Y–a« ertönen, daß die Sextaner der Gesellschaft sofort den Spottreim zu singen anfingen: »Y–a, Esel, Willst du mit nach Wesel? Willst du mit nach Rotterdam? Kriegst ein lecker Butteram!« Wohl die wirkungsvollste von allen Masken war die des Elefanten, welche die beiden Primaner Bartels und Försterling herzustellen unternahmen. Sie hatten sich zu diesem Zwecke zunächst graue Flanellhosen, nach unten breit und plump verlaufend und mit fünf hufumhüllten Zehen endigend, angefertigt. Ein zweiter Teil des Kostüms war der ebenfalls aus grauem Flanell genähte, mit zwei weißen Stoßzähnen (aus Holz) versehene Kopf, an den sich eine weite Hülle, Rücken und Bauch darstellend, schloß. Wenn sich Bartels nun hinter Försterling aufstellte, mit zwei Schritten Zwischenraum, wenn die beiden alsdann ferner die Hülle nebst Kopf über ihre eigenen Köpfe warfen, wenn endlich Försterling seinen rechten Arm in den Elefantenrüssel steckte und letzteren durch die Bewegungen des Armes spielen ließ, dann war der Anblick wirklich täuschend: man glaubte einen veritablen Elefanten über die Bühne schreiten zu sehen. Die mannigfachen Künste und Verrichtungen, zu denen der kluge Elephas indicus abgerichtet werden kann, wurden auch von dem Pseudo- Elephas Dudenrodiensis aufs getreueste kopiert: er entstöpselte eine Weinflasche, schellte mit der Klingel, faßte mit allen vier Füßen auf einem kleinen umgestülpten Zuber Posto, schlug mit seinem Rüssel den Takt zu einem Musikstücke und vollführte hundert andre Kapriolen. »Ueber eine Menagerie so gelehrter Tiere verfügend,« rief der Primaner Hammerschlag, der Afrikareisende in spe , begeistert, »bangt mir nicht, daß der Karneval von Dudenrode ein sehr vergnüglicher sein wird!« Und er wurde es in der Tat, wie wir vielleicht ein andermal berichten werden. Denn für heute beabsichtigten wir nur, unsern jungen Lesern eine Anleitung zu geben, »wie's gemacht wird«. Nur so viel wollen wir verraten, daß der Primaner Quirinus Hammerschlag, der Horazschwärmer, nach jenem Karneval von Dudenrode häufig citierte: »O quando faba simulque uncta satis pingui ponentur oluscula lardo?« was er in freier (sehr freier!) Uebersetzung zu verdeutschen beliebte: »O, wann wird uns wieder so ein Abend blühen mit Punsch und Berliner Pfannkuchen?«   Des armen Friedel Nikolaustag In der mit Geld und Gut und vier frischen, rotbäckigen Jungen gesegneten Familie des Arztes Tollenius zu Rheinstadt befand sich ein großes Schaukelpferd, ein kohlpechrabenschwarzer Rappe mit blutroten Nüstern, scharlachroter Satteldecke und kanariengelbem Zaumzeug. Der prächtige Gaul schien noch funkelnagelneu zu sein, – und doch hatte er schon eine lange Geschichte auf dem Buckel. Der Rappe war ursprünglich ein Schimmel gewesen und als solcher hatte er die vier Gebrüder Tollenius, als sie noch ganz klein waren, an einem Weihnachtsfeste beglückt. Es entstand unter dem vierblätterigen Kleeblatte damals sogleich ein Streit, wer zuerst das prachtvoll milchweiße Tier mit roten Nasenlöchern, einem Schweife von echten Pferdehaaren und einem schwarzglanzledernen Zaum (der, eigentlich recht grausam, mit blanken Messingstiften direkt an und in den Kopf genagelt war) besteigen sollte; der Papa entschied sich für den ältesten, Fritz Tollenius, während die Mama jenes Recht dem jüngsten, Rolf, gesichert wissen wollte. Bei dieser Sachlage stimmten Karl und Hans, die beiden mittleren Jungen, ob ihrer Zurücksetzung ein fürchterliches Geheul an, das durchaus nicht zur Weihe des heiligen Abends paßte. Glücklicherweise hatte, wie die alte treue Hausmagd Rosa entdeckte, der Schimmel einen so langen Rücken, daß alle vier Prätendenten zugleich darauf Platz nehmen konnten, was den Vater zu einer heitern Anspielung auf die »vier Haimonskinder« veranlaßte. Hierdurch wurde der Streit geschlichtet, die Feindschaft vermieden, der heilige Abend gerettet. Nachdem also alle vier »zuerst« auf dem Schimmel gesessen, lernten sie in der Folge sich schon besser um das neue Besitztum vertragen. Den ganzen Winter hindurch wurde in der Kinderstube die Reiterei geübt, daß die Fensterscheiben klirrten und der Kalk in der Küche des unteren Stockwerks von der Decke fiel. Zwischendurch fütterte der kleine Rolf den lieben »Himmel« (wie er das Wort »Schimmel« aussprach) mit Kuchen, und Fritz flocht den Schweif des Tieres in schöne Flechten, Karl und Hans aber bildeten aus zusammengerückten Stühlen, deren Lehnen sie mit einem alten Teppich überdeckten, einen Stall, in welchen der Schimmel geschleppt wurde, um ein paar Minuten später wieder herausgezerrt zu werden und einen Ritt über Walnußschalen zu machen, was gar wundervoll krachte und splitterte. Den ganzen Winter hielt, wie gesagt, das Vergnügen vor, auch noch einige Märztage, bis der helle Frühlingssonnenschein die vier Jungen auf die Straße lockte, wo die andern Jungen aus der Nachbarschaft sich bereits mit Kreisel- und Reifenspiel ergötzten. Dies war der Zeitpunkt, wo Frau Tollenius den Gaul, der inzwischen Schweif und Zaumzeug eingebüßt hatte, mit Hilfe der Hausmagd auf den Söller schleppte, woselbst er unter einer alten grauen Reisedecke wie das verschleierte Bild von Sais verborgen stand. Die Brüder Tollenius vermißten über dem Kreisel- und Reifenspiel, in das sie sofort mit ganzer Seele eintraten, und über dem Herumtollieren in den Baumgängen der Stadt den Schimmel nicht und erkundigten sich nicht mal – Undank ist bekanntlich der Welt Lohn – mit einem einzigen Worte nach dem Verbleib ihres hölzernen Spielkameraden. Der Schimmel hatte seine Schuldigkeit getan, der Schimmel konnte gehen. Aber der Frühling verblühte; der Sommer mit seinen Schmetterlingsjagden und Kirsch- und Stachelbeerernten erschien und ging vorüber; der Herbst schüttete seine Pflaumen, Birnen und Aepfel über die Knaben aus und wirbelte ihnen dann, wie zum Hohne, die dürren Blätter um die Nase; der Winter brachte köstliche Schneeballschlachten, Schlittenfahrten und Schlittschuhläufe, gebärdete sich dann aber so grimmig und protzig, daß die Leute, die großen wie die kleinen, es vorzogen, zu Hause zu bleiben und des alten Claudius Winterlied »hinterm Ofen« zu singen. Anders lautete freilich das Lied, das die vier Gebrüder Tollenius in diesen Tagen sangen, »Wir haben nichts zu tun! Wir haben nichts zu spielen! Wir haben Langeweile! Wir wissen nicht, was wir anfangen sollen!« so jammerten und stöhnten sie durcheinander. – »Wartet bis Weihnachten!« tröstete die Mama. – »Bis dahin ist es noch so lange!« zankten die vier. – »Geduld und Schmalzbrot stärkt die Rippen,« lautete der Bescheid der Mutter. – Endlich erschien das schöne, hehre, heißersehnte Weihnachtsfest – und brachte den vier Gebrüdern Tollenius ein Schaukelpferd, diesmal einen prächtigen Goldfuchs mit grasgrüner Schabracke, rotem Zaumzeug und gelbem Schweife, »Ah, der ist noch viel schöner, als der alte Schimmel!« jubelte das vierblätterige Kleeblatt und erneuerte sofort den Zwist, wer zuerst auf dem Gaule sitzen sollte. Der Zwist wurde genau in der Weise, wie im vorigen Jahre geschlichtet – und die alten Spiele der vier mit dem Schaukelpferde begannen aufs neue, hielten viele Wochen an, bis, ja bis der helle Frühlingssonnenschein die Brüder Tollenius auf die Gasse, zu den Nachbarskindern und zu Reif- und Kreiselspielen lockte, denn diese Spiele eröffnen von alters her die »Frühjahrssaison«. Der Goldfuchs, welcher selbstverständlich unter seiner goldenen Haut das weiße Fell des Schimmels barg, – der Anstreicher Jodokus Papendiek hatte seine Sache famos gemacht! – ward schnell den Blicken seiner bisherigen Freunde entzogen und wieder auf den Söller verbannt, wo er mit Ratten und Mäusen Zwiesprach halten konnte über den flatterhaften Sinn der Kinder. Frühling, Sommer, Herbst, sie reihten sich aneinander, wie in jedem Jahre. Es kam der Winter – und wieder strahlte der lichterhelle Weihnachtsbaum durch das abendliche Dunkel. Diesmal fanden die vier Brüder Tollenius unter dem Baume einen herrlichen Braunen mit goldgelber Satteldecke und grünem Lederzeug. Mit einem Ausruf des Entzückens wurde das neue Schaukelpferd begrüßt: »Ah, der Braune ist noch schöner, als der alte Fuchs vom vorigen Jahre!« Diesmal erneuerte der Streit um das Vorrecht, wer den neuen Gaul zuerst besteigen solle, sich nicht, da Fritz und Karl, die beiden ältesten der vier Tollenius, der Sache schon ein wenig kühler gegenüber standen als früher. Doch erneuerten in der Folgezeit auch sie, in Gesellschaft der beiden jüngsten, ihre Reiterkünste und setzten dieselben fort, bis das Schaukelpferd mit Frühlingsanfang wieder auf den Söller wanderte. Dort harrte es den Sommer, den Herbst und Wintersanfang hindurch geduldig des heiligen Abends, Und als derselbe endlich mit Engelschwingen sich auf die Welt – und folglich auch auf Rheinstadt hernieder gesenkt hatte, paradierte der Gaul zum viertenmal unter dem Weihnachtsbaum, diesmal als kohlpechrabenschwarzer Rappe mit blutroten Nüstern, scharlachroter Satteldecke und kanariengelbem Lederzeug. Doktor Tollenius und Frau hatten sich einen ungeheueren Effekt von diesem Prachtpferde versprochen. Aber seltsamerweise verhielten die vier Jungen sich kühl, äußerst kühl, als ihnen der Rappe feierlich vorgestellt und zum Eigentum überwiesen wurde. Sie gingen drei- bis viermal im Kreise um denselben herum, mit prüfenden Blicken, worauf Fritz, der älteste, plötzlich in die Worte losplatzte: »Jungens, das ist der alte Braune vom vorigen Jahre, den Papa und Mama haben anstreichen lassen; und der Braune war der Goldfuchs vom heiligen Abend vor zwei Jahren, und der Goldfuchs war der Schimmel von damals – – immer dasselbe Pferd, das jede Weihnachten nur anders angestrichen wurde!« Mit dieser schnöden Entdeckung und Eröffnung war der Zauber gebrochen, den bis dahin – per tot discrimina rerum! – das Schaukelpferd ausgeübt hatte. Nicht mal der kleine Rolf, der jüngste der vier, wollte sich für den Rappen erwärmen; er wandte sich einem Guckkasten zu, der ebenfalls unter dem Weihnachtsbaum stand und sein Eigentum sein sollte. Da sahen die Eltern ein, daß es mit dem Schaukelpferde für immer vorbei sei, daß kein neuer Anstrich mehr helfen konnte, daß die Jungen vom Baume der Erkenntnis gegessen hatten – und sie verbannten den Rappen, da sich die Jungens gar nicht mehr um ihn kümmerten, schon nach wenig Tagen auf den Söller, wo die Spinnen ihn einspannen und der Staub ihn bepuderte. Wenn man das Spinnengewebe und den Staub entfernte, so konnte das Schaukelpferd für funkelnagelneu gelten – und es hatte doch schon eine so lange Geschichte auf dem Buckel, Neujahr, Frühling, Sommer, Herbst, sie kamen und gingen. Bisweilen verstiegen sich die Brüder Tollenius auf den Söller, um dort neugierig zwischen dem alten, ausgemusterten Hausrat herumzukramen oder irgend einen Gegenstand zu suchen, dessen sie bei ihren Spielen und Beschäftigungen bedurften; dann geschah es wohl, daß sie ihre Aufmerksamkeit für ein Weilchen dem alten, treuen Schaukelpferde zuwandten, das mit seiner vierfachen Haut verlassen in einem Winkel stand und nur die langweilige Gesellschaft eines dreibeinigen, wurmstichigen Stuhles und eines sehr ledernen, wettergebräunten Koffers genoß, abgerechnet den wenig erquicklichen Besuch, den zuweilen ein alter, schwarzer, mürrischer Kater mit unheimlich funkelnden grünen Augen abstattete. Das beste an Unterhaltung war noch der freundliche Sonnenstrahl, der sich ab und zu durch eine Lücke in den Dachpfannen stahl und Millionen farbiger Stäubchen in seinem goldenen Glanze tanzen ließ. Wenn die vier Brüder das alte Spielzeug, das ihnen so manchen Winter verschönt, erblickten, dann sagte wohl der eine oder andre: »Schade, daß das Pferdchen hier so unbenutzt verkommen muß! Schade, daß wir niemand wissen, dem wir den Rappen schenken könnten! Papa und Mama würden wohl schwerlich etwas dagegen haben.« Und nachdem die vier den Söller wieder verlassen hatten, sagten sie wohl am Familientische: »Schade, daß unser altes Schaukelpferd dort oben sein Dasein so einsam vertrauert! Wir schenkten es gerne fort, damit auch ein andrer seine Freude daran hätte, aber wir wissen keinen.« Mama oder Papa Tollenius pflegte dann zu antworten: »Wir haben nichts dagegen, wenn ihr einem andern Jungen eine Freude mit dem Gaule machen wollt; am liebsten wäre es uns freilich, wenn ihr den Rappen einem armen, ganz armen Jungen gäbet, der sonst kein andres Spielzeug besitzt. Hier würde die Freude am größten sein.« – »Aber wo finden wir einen solchen Jungen?« fragten die Brüder. – »Wer sucht, der wird finden!« antwortete der Vater mit Nachdruck.   Nach dem Blätterfall und Regensturm des Spätherbstes war der Winter über die Welt gekommen. Im weißen Kleide standen Feld und Wald. Die Torpfeiler, Erker und Giebel hatten schneeweiße Schlafmützen aufgesetzt, und selbst jeder Zaunpfahl trug sein Käppchen von Schnee. Vom freien Felde her waren Spatzen, Haubenlerchen und Goldammern hungrig in die Straßen der Stadt geflüchtet, um hier ein Bröselein zu ergattern; sie fanden wohl ein solches, – fanden aber auch Verfolgung und Schlingen von seiten der Jungen, die namentlich auf die Goldammern erpicht waren, da sie diese für »deutsche Kanarienvögel« hielten. Am Abend vor St. Nikolaus war es. Schneidend pfiff der Dezemberwind durch die Straßen des Städtchens, und wo sein eisiger Atem ein offenes Wässerchen, z. B. einen Tümpel am Brunnen oder im Rinnstein berührte, da schossen alsbald die Eiskrystalle herüber und hinüber, und eh' man's gedacht, war eine völlige Eiskruste gebildet; wo aber der eisige Atem auf eine menschliche Nase oder ein Paar Ohren stieß, da war der scharfe Zahn des Winterkönigs im Nu hinterdrein, und schnappte zu, und biß hinein, und hatte nicht übel Lust, so Nase als Ohren gänzlich abzuzwicken, weshalb die Besitzer dieser ebenso zweckmäßigen als netten Gliedmaßen sich schleunigst in die Häuser und hinter den warmen Ofen flüchteten, wo bekanntlich der Winterkönig im Handumdrehen schachmatt gesetzt wird. In einem windschiefen, erbärmlichen Häuschen am äußersten Ende der Stadt saßen in einer schlecht geheizten, dürftig erleuchteten Stube, die zugleich als Wohnung und Schlafraum und höchst wahrscheinlich auch als Küche diente, an einem reingescheuerten Tische zwei Taglöhnerleute, Mann und Frau, sich gegenüber. In der Mitte des Tisches stand eine irdene Schüssel mit Pellkartoffeln, daneben ein gläsernes Salzfaß mit Inhalt; je ein Messer und eine Gabel lagen vor dem Manne und der Frau; sonst befand sich nichts auf dem Tische, wie die Flamme der blechernen Oellampe deutlich erkennen ließ, die an einem Mauervorsprung zwischen den beiden Leuten hing. Der Schimmer der Leuchte ließ auch erkennen, daß die Stube zwar äußerst ärmlich eingerichtet, aber höchst sauber gehalten war. Im Hintergrunde schien ein geräumiges Bett zu stehen, aber das Licht der Lampe reichte nicht mehr hin, die Umrisse jenes Möbels deutlich aus dem Halbdunkel hervortreten zu lassen. Der Mann am Tische nahm seine Kappe ab, faltete die Hände, legte dieselben gegen die Stirn, wobei er die Ellbogen leicht auf den Tisch stemmte, und sprach ein leises Gebet; die Frau faltete gleichfalls die Hände, legte dieselben aber in den Schoß, wobei sich der Rücken krümmte, so daß die ganze Gestalt nun etwas Müdes, Abgearbeitetes, Kümmerliches erhielt. Zwischen beiden Betenden stiegen bei tiefster Stille die Dampfwirbel aus der Schüssel auf, wälzten sich gegen die Stubendecke und verschwammen hier in der Dämmerung. Nachdem der Mann sein Gebet geendigt, bedeckte er sein Haupt wieder mit der Kappe, aber erst, nachdem seine Frau die Hände gelöst und sich gerade auf ihrem alten Bretterstuhle aufgerichtet hatte, langte er mit der Linken in die Schüssel, um sofort mit der Rechten, die das halbverschliffene Messer hielt, die Kartoffel abzupellen. »Herrliche Kartoffeln haben wir dieses Jahr, Marie!« sagte der Mann zufrieden. »Ja, der liebe Gott hat uns recht gesegnet,« erwiderte die Frau. »Das mein' ich auch,« sagte der Mann; »aber du hast es auch nicht an Arbeit fehlen lassen, an Schweiß und Mühe auf dem gepachteten Land, während ich als Maurer bei dem Bau der großen Spinnerei tätig war.« »Wobei du dich so sehr geplagt hast, und doch –« »Und doch,« fiel der Arbeiter seiner Frau in die Rede, »und doch für uns nicht so viel herauskam, daß wir uns leidlich durch den Winter schleppen könnten.« »Wir wollen nicht murren,« erwiderte die Frau ergebungsvoll; »Gott wird weiter helfen. Zu essen haben wir noch, wenigstens vorläufig. Sieh nur, wie weiß und mehlig die Kartoffeln sind! Wir haben noch den einen Kasten voll.« »Ich wollte auch nicht murren,« entgegnete der Mann, »wenn wir nur unsrem Jungen, dem kleinen Friedel, zu Nikolaus etwas schenken könnten. Aber so gar nichts haben – das Herz blutet mir bei dem Gedanken.« »Und doch muß der arme Junge diesmal leer ausgehen!« erwiderte trüben Tones die Frau; »wir bedürfen unsrer letzten Groschen für Brot, für Kohlen, für Oel; dazu ist am 1. Januar die Miete fällig –« Ein schwerer Seufzer entfuhr bei diesem Gedanken dem Munde der Armen. Der Mann erhob sich von seinem Stuhle, nahm das Oellicht vom Nagel und schritt behutsam und möglichst leise auf den Fußspitzen zu dem geräumigen Bette, das im Hintergrund der Stube stand, und dessen saubere, wenn auch vielfach geflickten Pfühle jetzt deutlicher aus der Dämmerung hervortraten. Mit der Linken hob der Mann einen kleinen Blechschirm, welcher das Flämmchen der Lampe beschattete, empor, so daß der Lichtstrom jetzt ungehindert und voll auf das blau und weiß karrierte Kopfkissen fiel. Da ruhte nun ein hübscher, runder, rosiger Kinderkopf – ein mit kurzen blonden Haarringeln und rosigen Muschelöhrchen gezierter Knabenkopf – die Wangen rosig, flaumig wie Pfirsiche und beschattet von auffallend langen blonden Wimpern, der Mund voll und rund wie eine reife Knappkirsche. Der Knabe mochte fünf bis sechs Jahre zählen. In ruhigen Atemzügen hob und senkte sich die junge Brust. »Das liebe Schäfchen, der gute Junge, der herzallerliebste Friedel, mein Friedel!« flüsterte der Vater vor sich hin; »da liegt und träumt er vielleicht vom heiligen Nikolaus, der ihm ein paar dicke, rotbackige Aepfel in die Hände steckt – und morgen früh ist's nichts damit – – leere Hände, leerer Tisch, leere Schüsseln! Ach, Friedel, das Herz blutet deinem Vater bei dem Gedanken – aber was ist da zu machen? Wo nichts ist, da hat selbst der Kaiser sein Recht verloren.« Der Mann ließ den Blechschirm wieder über die Lampe fallen und brachte diese an ihren Platz zurück. Dann zog er eine weiße Tonpfeife aus der Tasche, setzte den Rest des Tabaks, der sich noch in derselben befand, in Brand und schritt, leichte Wölkchen vor sich blasend, nachdenklich in der Stube auf und ab, während die Frau den Tisch abräumte und die Schüssel spülte. »Frau,« sagte plötzlich der Mann in ganz verändertem, freudigem Tone, »ich hab's! Ich weiß jetzt, wie ich unsrem kleinen Friedel eine Nikolausfreude mache, ohne einen Pfennig dafür auszulegen,« »Wie wolltest du das anfangen, Heinrich?« fragte die Frau ein wenig ungläubig, ein wenig lächelnd, und doch auch ein wenig kummervoll. »Höre!« erwiderte der Mann in um so zuversichtlicherem Tone; »es friert diese Nacht, daß Stein und Bein zerbricht; als ich dir vorhin einen Eimer Wasser vom Straßenbrunnen holte, platschte mir ein Guß über den Rand des vollen Eimers auf die Straße – ich sah, daß der Guß sofort zu blankem Eis gefror. Nun tut unser Friedel nichts lieber, als auf seinen Holzschuhen über die glatten Schlinderbahnen gleiten, das ist seine Lust, seine Wonne, sein bestes Pläsier, wobei er vor Ausgelassenheit zu krähen pflegt wie 'n junger Hahn. Da hab' ich mir nun gedacht, – und ich führ' es auch aus, sogleich – ich mache unsrem Jungen eine Schlinderbahn hier dicht vorm Hause. Ein paar Eimer Wasser langsam hintereinander durch den Rinnstein gegossen und dabei der köstliche, himmlische Frost – Herrje, das muß eine Schlinderbahn geben, wie sie kein Prinz besser befährt!« Und damit warf der Mann seine Kappe vor Pläsier gegen die Stubendecke und rief so laut »Juchhe!« daß der kleine Friedel, den die ganze Sache anging, sich in seinem Bette rührte. »Still, still!« mahnte die Frau ihren Mann, »daß der Junge nicht aufwacht. Gut geschlafen ist halb gefüttert. Was du doch für Ideen hast, Mann! Aber ich glaube wirklich, der kleine Friedel wird sich über seine Schlinderbahn freuen – namentlich, wenn die andern Kinder hinzukommen und ebenfalls schlindern wollen, denn unser Friedel hat ein gutes Herz.« Als der Vater sich überzeugt hatte, daß sein Söhnchen ruhig weiter schlief, nahm er den Wassereimer von der Bank und trat damit auf die Straße. In dem einen Augenblick, wo die Haustür (die zugleich als Stubentür diente) aufging, fuhr ein eisiger Luftstrom durch die Stube – ja, es war eine Nacht, daß Stein und Bein vor Frost zerbrechen mußten! Der Mann mit dem Eimer führte seine Absicht aus und leitete einige volle Güsse durch den Rinnstein vor der Haustür. Als er sah, daß ein Teil des Wassers schneller als wünschenswert abfloß, machte er etwa zwanzig Schritte den Rinnstein hinunter einen kleinen Querdamm von Schnee; nun staute sich das Wasser und bildete eine breite, glatte, ruhige Fläche. »Ein Viertelstündchen nur dieser messerscharfe Frost darüber,« murmelte der Mann zufrieden vor sich hin, »und eine Schlinderbahn ist fertig, so schön, daß man sie auf die Weltausstellung nach Paris hinschicken könnte!« Der Mann wartete indes das Viertelstündchen nicht ab; er begab sich, weil der Frost doch gar zu grimmig biß, zurück in seine Hütte, wo das Erlöschen des Lämpchens ein paar Augenblicke später andeutete, daß die Eltern des armen Friedel ihr Lager aufgesucht hatten.   Nach einer stillen, starren Frostnacht brach der Nikolausmorgen an – mit rosigem Lichte. Ueberall blinkte Eis und Schnee. Der Rauch der Schornsteine stieg kerzengerade in die ruhige Luft, und mit Entzücken hing das Auge der früh zur Kirche Wandelnden an den ruhig da oben schwebenden Purpurwölkchen des Morgenhimmels. Ein Himmel lebte auch in den Herzen der Kinder, welche jetzt von liebender Elternhand aus ihren Betten gehoben, schnell bekleidet und an den Tisch getragen oder geführt wurden, auf welchen der gute, kinderfreundliche, heilige Nikolaus zur Nachtzeit, als alles im Hause schlief, seine herrlichen Gaben ausgebreitet hatte: Aepfel, Nüsse, Kuchentiere, Kuchenreiter, wärmende Pelzmützen und Wollsachen, Handschuhe, Jäckchen, Höschen, Kleider und Spielsachen, ach, so mannigfaltig, so wunderschön! Gleich mußten die Perlzähne in ein Stück Kuchen geschlagen werden. Ei, wie das schmeckte, so ganz anders wie vom Bäcker. Als der kleine Friedel die langen blonden Wimpern aufschlug, fielen seine blauen Augensterne zwar nicht auf einen Tisch mit Aepfeln, Kuchen, Spielsachen und Kleidungsstücken – aber sie blickten in die freundlichen Augen von Vater und Mutter. »Bist du wach, mein Junge?« sagte der Vater zärtlich und hob den kleinen Hemdenmann aus dem warmen Nest, während die Mutter mit einem zärtlichen: »Guten Morgen, Friedel!« die armseligen Kleidungsstücke vom Stuhle nahm und selbe dem Vater hinreichte. Dieser nahm seinen Herzensjungen auf den Schoß und steckte ihn unter allerlei zärtlichen Plaudereien in die geflickte Hose, in die abgeschabte Jacke, worauf die Mutter mit einer Waschschale und einem nassen Schwamm herbeikam. Friedel weinte nicht mehr beim Waschen mit kaltem Wasser, nein! Dazu war er zu groß, und dann liebte er auch selbst ein blankes Gesicht – und vor allem eine saubere Nase. »Hat denn der Nikolaus mir auch was gebracht?« stammelte Friedel, während der nasse Schwamm ihm die Nase nach Norden und Süden, nach Westen und Osten herumfegte. – »Gewiß, mein Junge!« versicherte der Vater; »aber es ist nicht hier in der Stube, dein Geschenk, sondern draußen vor der Tür!« – »Vor der Türe?« wiederholte Friedel mit großen fragenden Augen und betrachtete die alte, schief in den Angeln hängende Tür so verklärt, als sei sie eine Himmelspforte. Nachdem Friedel angekleidet, gewaschen und gekämmt war, auch seine kleinen Holzschuhe anbekommen hatte, band ihm seine Mutter, weil er nun ungeduldig nach der Türe drängte, in Ermangelung einer Kappe ein rotbaumwollenes Taschentuch um die Ohren. »Halt, auch ein Paar Fausthandschuhe sollst du haben!« rief die Gute und zog ein Paar alter, gestopfter Kinderstrümpfe über die Hände des Kleinen. So ausgerüstet wurde Friedel von der Hand des Vaters vor die Haustür geleitet. »Sieh, mein Junge, das ist deine Schlinderbahn!« sagte der Vater, auf die Eisbahn deutend, die sich schön blank und breit und glatt vor der ganzen Länge des Hauses hinzog; »die hat der heilige Nikolaus extra für dich in der Nacht gemacht! Dir ganz allein gehört sie zu, – du wirst als guter Junge aber auch die andern Kinder darauf schlindern lassen.« Friedel patschte vor Freude die mit den sonderbaren Fausthandschuhen bewehrten Händchen gegeneinander und sagte: »O, o, o!« wobei er sich halbwegs vornüber neigte, und den kleinen leeren Leib, der noch kein Frühstück empfangen, nach innen zog. »So, nun zeig Vater mal, ob du schlindern kannst!« sagte die Mutter, die aus der Türe blickte. Ja, das konnte Friedel – ganz meisterhaft. Am oberen Ende der Eisbahn nahm er einen Anlauf und schoß dann schnell wie ein Pfeil auf der glatten Fläche dahin, den Kopf und Rücken in straffer Haltung, und beide Arme seitwärts ausgestreckt, um mit diesen das Gleichgewicht herzustellen. Huh, wie das ging! Jenseits angelangt, purzelte er bisweilen in den Schnee, aber das tat nicht weh, denn der Schnee war tief und weich wie Lämmerwolle. Nachdem Friedel etwa ein Viertelstündchen seine Lust an dem herrlichen Geschenke des heiligen Nikolaus gehabt hatte, mahnten ihn die Eltern: »So, Friedel, nun komm hübsch ins Haus, ins warme Stübchen, und trink deinen Kaffee; nachher magst du dann wieder nach Herzenslust schlindern.« Willig folgte Friedel dieser Mahnung, und eine Minute später saß die kleine Familie zufrieden um den Kaffeetisch herum, der in diesem Falle eigentlich ein Cichorientisch heißen mußte, denn das ganze Frühstück der armen Leute bestand aus heißem, braunen Cichorienwasser – nebst trockenem Schwarzbrot. Aber sie waren zufrieden mit der kärglichen Labung, zufrieden auch in der Liebe zu einander und in dem gläubigen Vertrauen auf Gott, der schon zur rechten Stunde helfen würde, wie er es so oft getan. Nach dem Frühstück ging der Vater in die Stadt, um Arbeit zu suchen, die Mutter setzte die Kartoffelsuppe aufs Feuer, und Friedel belustigte sich von neuem auf seiner Eisbahn, die ihm der heilige Nikolaus bescherte. Er wurde nicht müde, dieses Wunder seinen kleinen Freunden und Freundinnen von der Gasse zu erzählen, die sich allmählich an der Schlinderbahn sammelten und von Friedel großmütig zur Benutzung derselben zugelassen wurden. Bald hallte diese Gasse wieder von munterem Geschrei und Gelächter. Da kam des Weges ein hübscher Knabe von sechs bis sieben Jahren – feiner Leute Kind, wie sein braunes Sammetröckchen, seine blanken Stulpstiefeln, seine graue Pelzmütze und seine dito Fausthandschuhe verrieten. Lebhaft und freundlich zugleich blickten seine braunen Augen in die Welt, und auf den runden Wangen leuchtete die angenehme Röte, wie sie ein Borsdorfer Apfel zeigt. Kaum hatte der Junge, der frisch und stramm daher stolzierte, die schöne Eisbahn und die gleitenden Kinder erblickt, als er sich in Trab setzte; einige Augenblicke später – und er schoß wie ein Pfeil über die Bahn dahin. »Hui, das geht aber nett!« rief er den andern Kindern zu, die, weil sie in ärmeren Kleidern steckten, den feinen, fremden Jungen frei gewähren ließen und wohl auch scheu zur Seite traten. Nur Friedel, der sich als Besitzer der Schlinderbahn fühlte, rief mit seiner feinen Stimme: »Das ist meine Schlinderbahn, die hat mir der heilige Nikolaus geschenkt!« »Potztausend!« sagte der fremde Junge; »aber du – na, wie heißest du denn?« »Friedel heiße ich.« »Aber du, Friedel, wirst doch nichts dagegen haben, wenn ich mitschlindere? Ich heiße Rolf Tollenius und bin dem Doktor Tollenius sein Jüngster. Sankt Nikolaus hat mir und meinen Brüdern Fritz, Karl und Hans auch gar schöne Sachen gebracht – mir einen Farbenkasten und eine Zauberlaterne – aber eine Schlinderbahn, die hat der heilige Mann bei uns vergessen. Ein paar Walnüsse kann ich dir gleich aus meiner Tasche mitgeben– aber nun laß mich auch mitschlindern!« Friedel griff begierig nach den Nüssen, welche ihm Rolf Tollenius hinhielt; aber erst nachdem er sie in der Tasche seiner geflickten Jacke geborgen hatte, bemerkte er gutmütig: »Rolf, du hättest auch mitschlindern dürfen ohne die Nüsse!« Das Spiel nahm seinen Fortgang, und Rolf Tollenius brachte eine neue Tour hinein, indem er sogar in der Hucke schlindern konnte, d. h. auf die Fersen gehockt. Der feine Knabe, das mußten alle anerkennen, tat gar nicht stolz; er gab auch den andern von seinen Walnüssen, und bald war das dritte Wort, das man auf der Gasse hörte: »Rolf Tollenius!« In den Ruhepausen, die sich die Kinder bei ihrem Schlindern und Tollieren gönnten, erzählte Friedel zum so und so vielten Male, wie ihm der heilige Nikolaus extra diese Schlinderbahn gemacht habe, und wie sie heute morgen so schön blank und glatt dicht vor der Haustüre gelegen habe. »Das ist spaßig!« sagte Rolf, und schlang seinen Arm um den Günstling des heiligen Nikolaus, damit er ihn nach dem Schaufenster des Krämers Wagemann führe, der am unteren Ende der Schlinderbahn sein niedriges Häuschen hatte. Die Ausstellung hinter den kleinen Scheiben des Schaufensters mußte etwas Anziehendes für Rolf Tollenius haben. Es standen daselbst: zu unterst ein blanker zinnerner Siruptopf, ein Gläschen mit buntbemalten Griffeln und ein Gläschen mit zwei Hühnereiern, die von den Sommerfliegen, deren tote Leiber zu Hunderten umherlagen, über und über punktiert waren; hinter der zweiten Fenstersprosse lagen auf einem Brett einige Zwiebeln, aus deren goldbrauner Schale bereits ein spitzer grüner Keim hervorlugte, zwei hellblaue Päckchen mit Cichorien und eine dunkelblaue Tüte mit Tabak; in der dritten Abteilung des Fensters standen ein Haarkamm, ein Glas mit hellem Kandiszucker und ein porzellanener Pfeifenkopf; vor letzterem prangte in bunten Farben eine halbe Kanone, ein ganzer Soldat und viel Pulverdampf – und darunter war zu lesen: »Schlacht von Gravelotte.« »Was würdest du dir von diesen Sachen wünschen?« fragte Rolf Tollenius seinen neuen Freund, »Den Topf mit Sirup,« antwortete Friedel ohne Bedenken, und leckte sich die roten Lippen. »Und du, Rolf?« »Das Gläschen mit den bunten Griffeln,« sagte dieser. Aber der Krämer Wagemann war kein Freund vom Schenken; er gönnte den Kindern nicht einmal das Vergnügen der Eisbahn. Ohne Zweifel lärmten sie ihm zu viel auf der Gasse, denn plötzlich trat der große, hagere Mann mit verdrießlichem Gesichte vor die Haustür, schüttete Kohlenasche auf das untere Ende der Schlinderbahn, soweit es seine Wohnung berührte, und jagte die zwei begehrlichen Freunde mit rauhen Worten von dem Schaufenster weg. »Ist der aber eklig!« meinte Rolf, und lief Hand in Hand mit Friedel zu dem oberen Ende der Eisbahn zurück, um das Spiel von neuem zu beginnen. Dasselbe sollte indes nach kurzer Lust eine jähe Unterbrechung erleiden. Der äußerst lebhafte Rolf nahm einen allzu heftigen Anlauf und – stürzte inmitten der Eisbahn gerade auf die Nase. Die meisten Kinder lachten, wie es Kinderart, über dieses Malheur, Friedel aber eilte, Schrecken in den Mienen, dem verunglückten Freund zu Hilfe. Dieser regte sich nicht, stieß auch keinen Schmerzenslaut aus, was Friedel nur um so ängstlicher machte. »Ach, armer Rolf!« sagte er mitleidig und kniete an der Seite des Freundes nieder. Dieser verharrte noch immer in der Lage, die ihm der unvermutete heftige Fall bereitete. Da faßte Friedel mit seinen kleinen Armen den Kopf des Gefallenen und hob ihn etwas empor; aber im selben Augenblick stieß der Hilfreiche einen lauten Schrei aus, denn er hatte Rolfs Gesicht mit Blut überströmt gesehen. Rolf rührte sich noch immer nicht. Da ließ Friedel in seinem Schrecken das Haupt des Freundes wieder auf die kalte, harte Eisbahn sinken und stürzte mit dem Rufe: »Mutter, Mutter! der arme Rolf ist gefallen und blutet!« ins Haus. Die Mutter eilte sofort vor die Tür und nahm den fremden, vornehmen Knaben mit dem braunen Sammetröckchen in ihre Arme: die Augen des Knaben waren geschlossen, das Gesicht bleich, ein purpurner Blutstrom entquoll der Nase, der Körper war schlaff, wie leblos. Die andern Kinder, mit Ausnahme Friedels, nahmen bei diesem Anblick Reißaus. Friedels Mutter trug den blutenden Knaben in ihre Hütte; der kleine Friedel schlich hinterdrein und weinte bitterlich. Das nächste, was Friedels Mutter tat, war, daß sie den Verunglückten auf das Bett legte; dann holte sie eine Schale frisches Wasser und einen Schwamm herbei und begann das blutende Gesicht behutsam zu waschen. Unter der Berührung des eiskalten Wassers schlug Rolf die Augen auf. »Gott sei Dank, er lebt!« sagte die Frau. Dann hielt sie ein Glas mit frischem Trinkwasser an die Lippen des Knaben, diesen freundlich auffordernd: »Komm, trink, mein Junge, ein ganz kleines Schlückchen nur! So, bitte, nun noch ein Schlückchen!« Nachdem der Knabe getrunken, regten sich auch seine Glieder wieder, doch nur einen Augenblick, dann sank der Körper wieder wie leblos in die Kissen, »Wie heißest du, mein Junge?« fragte die Frau. Der fremde Knabe antwortete nicht; die Lippen bewegten sich zwar, brachten aber keinen Laut hervor; sobald sie sich schlossen, fielen auch die Augen wieder zu. »Das ist der Rolf Tollenius,« antwortete Friedel an Stelle seines Freundes. »Wie, dem Doktor Tollenius sein Sohn?« »Ja, sein Vater ist der Doktor, Rolf hat es mir erzählt; er hat auch gesagt, daß sein Vater dem Krämer Wagemann, wenn dieser krank würde, ganz bittere Arznei geben sollte, weil uns Wagemann vorhin von seinem Schaufenster weggejagt und Asche auf die Schlinderbahn geschüttet hat.« »Weißt du, Friedel, wo der Doktor wohnt? Man müßte den Herrn von dem Zustand seines Sohnes benachrichtigen, wiewohl das Bluten sich jetzt, Gott sei Dank, unter der Wirkung des kalten Wassers einzustellen scheint.« »Nein, Rolf hat mir nicht gesagt, wo sein Vater wohnt,« erwiderte Friedel kleinlaut. »Der Herr Doktor wohnt in der Gartenstraße; ich meinte, ob du das Haus zu finden vermagst?« Friedel sah mit großen, unverständigen Augen ins Leere und schüttelte verneinend den Kopf. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Friedels Vater trat mit dem kummervollen Seufzer: »Keine Arbeit, Marie!« herein. Seine Aufmerksamkeit wurde selbstverständlich durch den kleinen, fremden Patienten sofort gefesselt. Die Frau erklärte den Sachverhalt, worauf der Mann gutmütig erwiderte: »O jeh, da müssen wir den Herrn Doktor sofort holen!« Im nächsten Augenblick schon war er auf der Straße, die er im Eilschritt hinunter ging. Aus dem Revier der armen Leute gelangte er allmählich in vornehmere Straßen, und als er über den Kirchplatz von Sankt Johannes schritt, war ihm der Zufall günstig: Doktor Tollenius kam, in einen Pelzüberrock gehüllt, ihm entgegen. Der Arbeiter zog seine Mütze und sagte: »Entschuldigen Sie, Herr Doktor!« »Ah, Sie sind es, Weller!« grüßte der Arzt. »Ist Ihre Frau oder der Junge krank – nachdem Sie selber im vorigen Winter mit dem Armbruch genug zu zappeln hatten?« »Nein, Herr Doktor,« erwiderte Weller, der jetzt eine nicht geringe Verlegenheit verspürte, wie er dem ahnungslosen Vater das Malheur seines Sohnes beibringen sollte. Aber endlich kriegte er es doch heraus, und treuherzig sagte er am Schluß: »Nehmen Sie es nicht übel, Herr Doktor, wenn ich das alles nicht so fein herausgebracht und wenn ich Ihnen wehe getan habe. Unsre Art Leute –« »Weller, ich weiß, Sie haben ein gutes, mitfühlendes Herz. Sie haben Ihre Sache ganz gut gemacht, und auch Ihre Frau hat laut Ihrem Berichte meinen armen Jungen ganz verständig behandelt. Ich weiß euch besten Dank dafür – und falls Sie diesen Winter keine Arbeit haben sollten, so kommen Sie getrost zu mir, ich hab' auf meinem Landgute vor der Stadt, im Wald und Baumgarten genug für Sie zu tun.« »O, Herr Doktor! O, Herr Doktor!« stammelte Weller vom freudigsten Danke bewegt. »Sie sind mir ein Engel vom Himmel mit der frohen Botschaft da; ich bin heute morgen schon in der halben Stadt herumgelaufen und konnte keine Arbeit finden – und bei mir zu Hause ist der Brotschrank so gut wie leer.« »Na, na, da trifft sich mein Anerbieten ja gut. Der alte Gott lebt noch. Und nun lassen Sie uns zu Ihrer Wohnung gehen.« Nach zehn Minuten waren die beiden Männer an Ort und Stelle. Aber wie war ihnen, als sie Rolf ganz wohl und munter und Arm in Arm mit Friedel in der Stube herumspazieren sahen? Gerührt schloß der Doktor seinen Jungen in die Arme und küßte ihn auf Mund und Wangen. »Gleich nachdem mein Mann weggegangen war, um Sie zu holen, Herr Doktor,« sagte Frau Weller in freudiger Hast, »kam der Knabe wieder zu sich. Ach Gott, Sie glauben nicht, was für eine Angst ich ausgestanden habe! Dieses Blut – und dann lag der Junge wohl eine Viertelstunde wie tot, oder doch wie sterbend. Ich dachte, es wäre alles in seiner kleinen Brust entzwei. Ich hab' ihm ab und zu mit kaltem Wasser das Gesicht gewaschen und die Schläfen, und ab und zu hab' ich ihm auch ein Schlückchen frisches Wasser eingetrichtert. Und dort auf das Bett hab ich ihn getragen, damit die schlaffen Glieder sich ausruhen konnten.« »Sie sind eine verständige Frau,« lobte der Doktor. »Ach Gott, ja,« beteuerte Frau Weller, nun ganz schamrot ob des Lobes, »man tut', was man kann. Aber meine Angst von vorhin kann sich niemand denken! Wenn der Junge nicht wieder zu sich gekommen wäre – und das Unglück war doch vor unsrer Haustür geschehen!« »Auf meiner Schlinderbahn, die mir der heilige Nikolaus gemacht hat!« fiel hier klein Friedel ein. »Hört, hört, der Schelm will auch mitsprechen!« lachte der Doktor. »Also der heilige Nikolaus hat dir die Schlinderbahn gemacht? Na, ich meine, da hat der heilige Mann es nicht bedacht, daß man sich auf so einem Ding die Nase blutig schlagen kann. Ich muß mal mit Sankt Nikolaus sprechen, und zwar noch heute am Tage, ob er nicht etwas Besseres für dich im Sacke hat; he, was meinst du dazu, mein Bursche?« Friedel wurde gar rot und senkte vor Verlegenheit den Kopf; aber ein Strahl von Freude und Hoffnung spielte doch um Stirn und Wangen. Der Doktor legte liebkosend seine Rechte auf den Blondkopf des Knaben; dann sprach er den Eheleuten Weller seinen herzlichsten Dank aus für die Sorge und Mühe, die sie mit dem kleinen Rolf gehabt hatten, und dann nahm er seinen Jungen an der Hand und verabschiedete sich. Von der Straße nickte er noch einmal dem kleinen Friedel zu und versicherte: »Ich werde sogleich mit dem heiligen Nikolaus sprechen, und vielleicht kommt er heute Abend noch zu dir.«   Als Doktor Tollenius mittags mit Frau und Kindern bei Tische saß und das Ereignis des Morgens in seinen Einzelheiten besprach, sagte Fritz, der älteste Bruder Rolfs, mit einemmal: »Jetzt weiß ich, wo wir mit unsrem abgedankten Schaukelpferde bleiben – wir schenken es dem armen kleinen Friedel!« »Ja, ja, wir schenken es dem armen, kleinen Friedel!« fielen Rolf, Karl und Hans mit Eifer ein. »Zugestanden!« sagte der Vater. »Aber sollte der arme Friedel nicht warme Kleidungsstücke notwendiger haben, als ein Schaukelpferd? Sein Jäckchen heute morgen war doch gar zu erbärmlich.« »Ach, Mutter,« baten die vier Jungen zugleich, und blickten die Gute flehentlich an, da sie wußten, daß von dieser Seite Hilfe zu erwarten sei. »Ihr hättet gern für euren Schützling ein warmes Jäckchen?« meinte lächelnd die Mutter. »Ja, seht, wenn unser Rolf nicht alle seine Kleider so unbarmherzig ruinierte durch seine Wildheit, durch sein Klettern, Rutschen und – auf Schlinderbahnen-Fallen, seht, dann fänden wir im Schranke noch wohl einen Anzug, der für Friedel taugen möchte.« Rolf blickte halb beschämt und halb ärgerlich ob seiner verhängnisvollen Wildheit auf seinen Teller. »Liebe Frau,« meinte der Doktor, »ich habe schon heute morgen dasselbe gedacht wie du. Und da bin ich, weil Friedels Eltern sich doch gar zu nett mit unsrem wilden Rolf benommen haben, bei Alfred Steiner \& Co. eingetreten – weißt du, das große Herrengarderobegeschäft – und hab' zwei neue warme Anzüge nebst einem Ueberröckchen für Friedel gekauft.« »Hurra!« schrieen da die vier Brüder. »Aber ein Paar heile Stiefel,« bemerkte Rolf ein wenig verschämt, »die hab' ich noch für Friedel.« »Ja, weil sie dir zu eng wurden, konntest du sie nicht aufkriegen,« bemerkte die Mutter, »Darf ich die wohl dem Friedel schenken?« fragte Rolf. »Ja, das darfst du!« erwiderte die Mutter gütig. »Wir hätten also,« sagte der Vater, »ein Schaukelpferd, zwei Anzüge, ein Ueberröckchen und ein Paar Stiefel für unsern Schützling.« »Nun ja, wollene Strümpfe, eine Pelzmütze und Handschuhe werde ich hinzufügen,« meinte die Mutter; »ich darf doch nicht an Mildherzigkeit hinter euch zurückstehen.« »Hurra! Hurra!« schrieen die Jungen und blickten der Mutter lieb in die Augen. »Ich wüßte noch etwas, ihr vier, was ihr geben könntet,« fuhr die Mutter fort. »Nur im Opfer lebt die Liebe; man soll nicht allein vom Entbehrlichen schenken, sondern auch ein Opfer bringen.« Die vier dachten ein wenig nach. Dann rief Fritz der älteste: »Ich hab's! Von unsrem Kuchen, von unsren Nüssen und Aepfeln, die wir heute morgen selber von Sankt Nikolaus empfangen haben, opfern wir jeder einen Teil, legen alle vier Teile zusammen und geben das Ganze dem armen Friedel.« »Ja, das meinte ich eben,« sagte die Mutter und nickte ihren braven Jungen zu. »Na,« bemerkte der Vater mit gutem Humor, »um das Gebäude eurer Mildherzigkeit zu krönen, um den Tüpfel auf das i zu setzen, um endlich unsre Rührseligkeit ganz in Butter zerfließen zu lassen, will ich den Geschenken noch ein hübsches Bilderbuch hinzufügen – und ein Stück Geld für die Eltern, Aber ich erwarte, daß ihr nun auch mir ein Hurra ausbringet.« Ja, das tat das vierblätterige Kleeblatt von Herzen gern. Und wie! Dreimal donnerte der Ruf durch das Zimmer, so gewaltig, daß Karo, der Haushund, den Schwanz zwischen die Beine kniff und unter das Sofa kroch. Als der letzte Ton verklungen war, sagte Fritz mit neuem Eifer: »Ich hab' mir was ausgedacht. Wir bringen dem lieben Friedel heute abend die Geschenke natürlich selbst; dazu verkleide ich mich in den heiligen Bischof Nikolaus und ihr drei seid meine himmlischen Diener. Das wird einen Spaß geben!« »Nun ja, Spaß muß auch dabei sein,« meinten die Eltern und gaben das Zeichen zum Gebete, welches die Mahlzeit beschloß. – An dem kurzen Dezembertage senkte sich früh die Dämmerung auf Land und Stadt, und die Dämmerung ging gar bald in das Dunkel des Abends über. Um die siebente Abendstunde saß Friedel mit Vater und Mutter, vom guten, heiligen Bischof Nikolaus plaudernd, am knisternden Ofen, als sich plötzlich die Stubentür öffnete. Alle standen auf und Friedel rief ängstlich: »Da ist er, da ist er, der heilige Nikolaus!« Eine große Gestalt trat in die Stube, mit einer spitzen Mütze von Goldpapier und einem langen, weißen Talar, der das bischöfliche Gewand vorstellen sollte; in seiner Hand trug er statt des Bischofsstabes eine mächtige Rute, halb so groß wie er selbst. Drei Diener in weißen Gewändern (die, nahebei besehen, große Aehnlichkeit mit ganz gewöhnlichen Hemden hatten), mit goldenen Stirnbändern im Haar und Masken vor dem Gesichte, trugen mancherlei mit Tücher oder Papier verhüllte Gegenstände; den größten der letzteren setzten sie behutsam auf die Stubendielen. Friedel retirierte ängstlich in den Hintergrund der Stube; seine Blicke irrten zwischen dem heiligen Nikolaus und den Eltern hin und her; seltsamerweise schienen die Eltern seine Angst durchaus nicht zu teilen: es schwebte vielmehr ein Schmunzeln und unterdrücktes Lächeln um ihren Mund. »Kannst du auch beten?« erscholl plötzlich eine tiefe Stimme aus dem Munde des heiligen Nikolaus. Friedel bejahte und sagte, anfangs weinerlich und stockend, dann aber mutig und flott, seine schönsten Gebetlein her. Er erntete Lob vom heiligen Manne, der noch hinzufügte: »Fromme Kinder hab' ich lieb und gern, Von ihnen bleibt meine Rute fern. Ich bin gekommen auf meinem Schimmel Und bringe dir schöne Gaben vom Himmel, Brezeln und Zuckerwerk hab' ich für die Guten –« jetzt rollte sein Auge fürchterlich und auch seine Stimme nahm einen schrecklichen Ausdruck an: »Aber für die Bösewichter hab' ich Ruten! Kinder, die sich nichts lassen sagen, Werden von mir mit der Rute geschlagen; Die sich leiten lassen im Guten, Brauchen nicht zu fürchten meine Ruten!« Bei den letzten zwei Zeilen hatte die Stimme schon wieder einen milderen Ton angenommen, und in eben diesem Tone fuhr jetzt der gute Bischof fort: »Du, Friedel, hast dich von Vater und Mutter immer im guten leiten lassen; ich weiß es, ich sah es oben vom Himmel aus. Deshalb hab' ich auch für dich gar schöne Geschenke mitgebracht, welche dir jetzt meine himmlischen Diener, die lieben Engelein, überreichen sollen.« Eines der Engelein – es war das kleinste – zog jetzt das verhüllende Tuch von dem großen Gegenstande, der auf der Erde stand, fort. Dabei rutschte dem sich bückenden Engelein die hübsche Maske ein wenig vom Gesicht, und Friedel wollte schon rufen: »Rolf!« als das sich verratende Engelein ihm flink den Rücken zukehrte. Nun konnte Friedel nichts Besseres tun, als den entschleierten Gegenstand betrachten. O der Wonne und Seligkeit! Es war ein wundervoll herrliches Schaukelpferd, ein kohlpechrabenschwarzer Rappe mit blutroten Nüstern, scharlachroter Satteldecke und kanariengelbem Lederzeug. Und dieses Pferd sollte Friedels Eigentum sein? Das kleine Herz vermochte diese Seligkeit kaum zu fassen. Aber schon stürmten neue Ueberraschungen auf Friedel ein. Aus den andern enthüllten Paketen erschienen zwei neue Anzüge, ein Ueberröckchen, ein Paar blanker Stiefel, wollene Strümpfe, eine Mütze – ach, von grünem Sammet mit grauem Pelzbesatz! – ein paar Fausthandschuhe, ein Bilderbuch und Kuchen und Aepfel die Hülle und Fülle. Friedel wußte nicht, was er zuerst besehen, zuerst bewundern sollte. Jetzt hielt ihm der eine Engel, dann der andre was unter die Augen; jetzt schob ihm der eine Engel ein Kuchentier in den Mund, jetzt drückte ihm der andre einen dicken Apfel in die Hand; und seine Mutter, nein, die wischte sich mit dem Schürzenzipfel die Augen, als ob sie weine – – und sein Vater drehte ein blankes Goldstück in der Hand herum und schüttelte sich, als ob er lache, lache, – nein, die ganze Geschichte war zu kurios, ganz über die Fassungskraft des kleinen Friedel hinaus. »Das alles gehört jetzt dir,« sagte der heilige Nikolaus im freundlichsten Tone von der Welt. »Das ist dafür, lieber Friedel, daß du heute morgen den kleinen Rolf und die andern Kinder hast auf deiner Schlinderbahn schlindern lassen, und weil deine guten Eltern so gut gegen den verunglückten Rolf Tollenius gewesen sind. Sei du niemals wüst, wie Rolf, und bleib deinen Eltern folgsam! Und nun setze dich auf das Schaukelpferd – der heilige Nikolaus befiehlt es dir!« Friedel schwang sich leuchtenden Blickes auf das prächtige Pferd, und dann setzten die Engelein dasselbe in Bewegung, und während es in vollem Schwunge war, verließ der heilige Mann mit seinem himmlischen Gefolge die Stube. Aber es blieb noch lange der Glanz des kinderfreundlichen Heiligen darin zurück. Freude und Gottesfriede waren von neuem in die Herzen der drei armen Leute gekommen. »Diese Bescherung, die wir dem armen Friedel bereitet haben,« sagte Fritz Tollenius zu Hause, indem er sich seines bischöflichen Gewandes entledigte, »hat mir fast mehr Freude bereitet, als diejenige, welche wir selber heute morgen empfangen haben.« »Das ist kein Wunder,« erwiderten die Eltern. »Es ist nur die Erfüllung des Spruches: ›Geben ist seliger als Nehmen!‹«   Meine eigene Stube »In der neuen Wohnung, die wir am 1. Juli beziehen,« sagte meine Mutter während des Mittagessens, »soll unser Theodor auch eine eigene Stube bekommen.« »Das kann mir gefallen,« bemerkte mein Vater; »denn, aufrichtig gestanden, liebe Frau, es ist recht störend für unsern Untersekundaner, wenn er, wie bisher, in Gegenwart von Linchen und Minchen, von Hänschen und Fränzchen, von Rosalie und Amalie studieren muß. Die Anforderungen der Schule werden immer größer, und der Lärm der jüngeren Geschwister wird immer lauter.« »Eine eigene Stube!« jauchzte ich und legte die Gabel mit dem Kartoffelkloß (mein Leibgericht!) wieder auf den Teller; »eine eigene Stube – o, lieber Vater, liebe Mutter, wie freu' ich mich darauf! Eine größere Freude hättet ihr mir wirklich nicht machen können! Von Herzen bin ich euch dankbar, und ihr sollt sehen, wie fleißig ich auf meiner eigenen Bude ochsen – ich wollte sagen, auf meiner eigenen Stube studieren werde! Es geht auch gar nicht mehr in der Wohnstube, bei den kleinen Kindern. Noch gestern hat Hänschen einen Maikäfer ins Tintenfaß gesteckt, ohne daß ich es bemerkte; das arme Tier hat sich dann wieder herausgekrabbelt und ist mit seinem tintennassen spitzen Hinterteil und seinen sechs triefenden Beinen über mein griechisches Pensum gekrochen, das zum Trocknen auf dem Tische lag. Ihr hättet sehen sollen, wie die schöne Reinschrift zugerichtet war! Kreuz und quer zog sich die schwarze Marschroute des unglücklichen Käfers über meine feine Schreiberei. Ich habe natürlich das Blatt herausreißen und alles von neuem machen müssen. Aber während ich damit beschäftigt war, zankten sich Linchen und Minchen um den Besitz eines blanken Messingknopfes; sie griffen sich in die Haare, rissen und bissen sich, schrieen und spieen – es war schier zum Verzweifeln für mich. Ich hab' die Kröten zwar auseinander getrieben, aber da kamen Rosalie und Amalie vom Hofe herein, und Rosalie und Amalie, Linchen und Minchen verbündeten sich und warfen mich fortwährend mit Papierkugeln. Und dabei soll man griechische Arbeiten machen! Ich glaube, kein Untersekundaner auf sämtlichen Gymnasien des Deutschen Reichs hat unter solch ungünstigen Bedingungen zu studieren – –« »Na, na,« beschwichtigte mein guter Vater meinen unwillkürlich zu Tage tretenden Ingrimm; »alle diese Verdrießlichkeiten und Störungen werden ja aufhören, sobald du deine eigene Stube beziehst.« Die Worte »eigene Stube« legten sich sofort wie ein lindernder Balsam auf meine Reizbarkeit; ich nahm sogar die Gabel mit dem aufgespießten Kartoffelkloße wieder in die Hand, um die Mahlzeit fortzusetzen. »Aber stell dir nur nicht zu viel von deiner eigenen Stube vor, Theodor!« bemerkte meine Mutter; »ich kann dir in der neuen Wohnung nichts andres einräumen, als eine Dachstube.« »O, das macht nichts!« erwiderte ich aus aufrichtigem Herzen. »Dachstuben können auch recht gemütlich sein. Da hat z. B. der Bruder Tuck, ich wollte sagen unser Mitschüler Ewald Spitzer, eine Bude unter den Pfannen, die mir immer ganz ausnehmend gefallen hat. O, da oben kann man sich in die unsterblichen Geisteswerke der Hellenen und Römer versenken – da oben, wo man über den Lärm der Straße, über das Platte, Gemeine, Alltägliche des Lebens hoch emporgehoben ist, hinauf in die reineren Lüfte! Weihestunden, sagt Bruder Tuck, hätte er auf seiner Dachstube genossen. Es geht freilich etwas hoch hinauf, aber der fidele Tuck weiß sich darüber mit den Worten des Dichters zu trösten: ›Auf dreimal dreißig Stufen steigt Der Pilgrim zu der steilen Höhe.‹ Und heiß ist es auch da oben unter den Pfannen zur Sommerzeit; aber Tuck sagt, da werde man die tropische Hitze, die afrikanische Kamerun-Temperatur gewohnt, so daß man später eine Stelle in den deutschen Kolonien annehmen könne. Als im Winter die Temperatur auf der Dachstube ins Gegenteil umgeschlagen war, so daß uns die Nase zusammenfror, wenn wir Luft dadurch einzogen, da wußte Tuck sich auch zu trösten: das sei die richtige Temperatur für einen jungen Mann, bemerkte er lachend, der später an einer Nordpolexpedition teilnehmen wolle. Und ob die verschneiten Dächer und Giebel der Nachbarhäuser, die man aus seinem Fenster übersähe, nicht an eine herrliche Nordpollandschaft erinnerten? Am schönsten finden wir's da oben zur Frühlingszeit: dann herrscht auf der Bude eine angenehme Luft; dann hat Bruder Tuck auf der Fensterbank einen Kasten mit buntblühenden Erbsenranken stehen; dann singt er mit jodelnder Stimme: »Unterm Dache, unterm Dache hat der Sperling seine Jungen«; er genießt in den lauen Nächten ein entzückendes Konzert, wenn nämlich »ein Schwarm geschwänzter Gäste von den nächsten Dächern steigt«. Zu allen Jahreszeiten aber wallen ins Dachstübchen hinauf die Fettdämpfe, welche den Oelpfannkuchen und den Kalbsbraten der Frau Bolte, der Hauswirtin Tucks, entströmen; Tuck sagt dann lachend, diese Fettdämpfe erinnerten ihn lebhaft an die Hekatomben der alten Griechen – und seine Dachstube wär' eigentlich ein famoser Platz für den olympischen Zeus gewesen, der ja immer Fettdämpfe als Opfer hätte schnobbern müssen . . . Eins muß ich euch noch erzählen, liebe Eltern; wenn Bruder Tuck ein Krüglein Bier nach oben haben will, dann schlägt er bloß mit einem Holzscheit draußen an das Treppengeländer: ›Bum, bum!‹ worauf die Hauswirtin die dreimal dreißig Stufen hinaufklimmt und das Krüglein auf den Tisch stellt. ›Moses,‹ so pflegt Bruder Tuck zu sagen, ›schlug mit dem Stabe Wasser aus dem Felsen; ich schlage mit einem Holzscheit Bier aus dem Treppengeländer.‹« »Dein Bruder Tuck,« erwiderte mein Vater lachend, »scheint mir ja ein recht fideler Junge zu sein; er versteht es wirklich, seiner Dachstube die heitersten Seiten abzugewinnen. Ich lobe mir eine derartige humoristische Auffassung beschränkter Verhältnisse – eine Auffassung, die von Genügsamkeit und innerer Zufriedenheit zeugt. Dein Bruder Tuck hat das Dichterwort wahr gemacht: ›Allem läßt sich abgewinnen Eine Seite, wo es glänzt; Und was kein Verstand aussinnen Kann, hat Phantasie ergänzt.‹« »Nur das Manöver mit dem Holzscheit,« warf meine Mutter lächelnd ein, »will mir nicht zusagen; wenigstens braucht's unser Theodor nicht nachzumachen. Er würde sich vergebens bemühen, Bier aus dem Treppengeländer zu klopfen – denn ich würde auf das »Bum, bum!« die dreimal dreißig Stufen wahrhaftig nicht hinaufklimmen.« »Ich werde dir das auch nicht zumuten, lieb' Mütterchen,« entgegnete ich; »die Stube, die eigene Stube ist mir die Hauptsache, und die macht mich, ich will's dir sagen, ganz glücklich. Ich sehe mich im Geiste schon dort oben thronen, wie den glücklichen Polykrates: ›Er stand auf seines Daches Zinnen Und schaute mit vergnügten Sinnen Auf das beherrschte Samos hin.‹« Alle lachten über das Pathos, womit ich diese Verse vortrug. Vater bemerkte heiter: »Na, du scheinst deinem Bruder Tuck in der humoristischen Auffassung von Dachstuben Konkurrenz machen zu wollen . . . Aber nun laßt uns das Dankgebet sprechen, denn ich sehe, daß wir alle abgespeist haben.« Fränzchen sprach mit lauter Stimme das Dankgebet – und so endigte diese denkwürdige, mir so erfreuliche Mittagssitzung. – Drei Monate trennten uns noch von dem Umzug in die neue Wohnung – trennten mich noch von dem Besitz einer eigenen Stube. Die Zeit schlich mir, wenn ich an diese Stube dachte, recht langsam dahin. Andrerseits war es mir nicht unangenehm, von dieser Stube zu träumen – wie ich sie einrichten würde, wie ich die Wände mit Bildern schmücken, die Fensterbank mit einem Blumenkasten versehen wollte. Ob ich nicht über der Stubentüre ein Schild anbringen sollte mit dem »Salve« der Römer? Halt! auf die Dielen vor der Türe konnte ich mit Oelfarbe die römische Warnung malen: »Cave canem! Nimm dich in acht vor dem Hunde!« Denn unser Pollo, das stand fest, sollte mir dort oben Gesellschaft leisten. Wie wär's, wenn ich die ganze Bude mit pompejanischem Rot anpinselte? Und auf dem Rot weiße Gipsmedaillons befestigte? Aber Rot ist nicht angenehm für die Augen – nicht so angenehm als Blau, namentlich Ultramarinblau. Mein Mitschüler Anton Laufkötter, zubenannt der »Heuschreck« wegen seiner langen Beine und Arme, hatte eine Bude ganz in Blau – aber da ulkten die Mitschüler immer darüber, indem sie die Bude, »die blaue Grotte von Capri« nannten. Also nicht blau! Am besten war' noch eine graue Tapete, und da drauf die Schmetterlingskasten mit den Glasdeckeln. Die bunten Schmetterlinge mußten sich prächtig von der grauen Tapete abheben. Ach ja! Und auf ein Postamentchen müßte ich einen Blumentopf mit Epheu setzen, und der Epheu müßte sich um die Schmetterlingskasten ranken. Ja, ja! Das würde sich herrlich machen und ein Stückchen Natur ins Zimmer bannen . . . So träumte ich – ohne zu bedenken, daß der Stand meiner Kasse sich nur auf siebzig Pfennige belief! Man sieht, die zukünftige Dachstube hatte in meinem Kopfe bereits eine bedenkliche Ähnlichkeit mit einem Luftschlosse angenommen! Endlich waren die drei Monate um, endlich führte die rosenfingerige Eos den 1. Juli herauf. Schon um sechs Uhr früh begann unser Umzug. Ach, wie gerne hätte ich mitgeholfen! Aber ich mußte zur Schule – und obendrein sollten wir eine Klassenarbeit in Mathematik machen – – in Mathematik, worin ich, offen gestanden, herzlich schwach war. Ich suchte meinen trüben Sinn durch ein klassisches Citat zu stählen, und dieses Citat war das Herdersche: »Was die Schickung schickt, ertrage! Wer ausharret, wird gekrönt.« Und in der Tat wurde ich gekrönt, wie weiland Placitus, ein edler Feldherr – nur etwas anders: die mathematische Aufgabe war diesmal so leicht, daß ich sie lösen konnte; und als ich mittags nach Hause kam, fand ich in der neuen Wohnung, oder vielmehr hoch über derselben, eine wirklich allerliebste Dachstube – meine eigene Stube! Sie war hinreichend geräumig und hell, mit einer hübschen hellgrünen Tapete beklebt – meine Schmetterlingskasten und der Epheu würden sich gut auf dieser Tapete machen, dachte ich sofort; die beiden Seitenwände waren allerdings nach oben etwas abgeschrägt – aber sah das nicht aus wie ein Ansatz zum gotischen Baustil? Das einzige Fenster gewährte die Aussicht auf ein Chaos von Giebeln, Dächern und Schornsteinen – wahrhaftig, wenn das alles erst mit Schnee überzogen war, dann war es die reinste Alpenlandschaft: hier das Dach mußte den Montblanc, dort der Giebel die Jungfrau, weiter der Schornstein das Schreckhorn vorstellen! O, es war eine allerliebste, trauliche, urgemütliche, hochpoetische Bude! Da wir am Nachmittag keine Schule hatten, so begann ich sofort mit der Aufstellung meiner Sachen. Zunächst schleppte ich mit Hilfe eines Schreinerlehrlings den Bücherschrank und die Bücher die Treppe hinauf, welche glücklicherweise etwas weniger als dreimal dreißig Stufen hatte. Dann folgten ein Tisch und vier Stühle; hierauf das Bett, endlich meine Schmetterlingskasten. Der Schreinerlehrling, ein aufgeweckter, fuchsroter Junge mit Stülpnase und zahllosen Sommersprossen, der den ganzen Nachmittag bald sang, bald flötete: »Sonst spielt' ich mit Scepter, mit Kron' und mit Stern« – rückte, klopfte, hämmerte, schob, paßte, stellte alles so nett und einsichtsvoll, daß ich ihm das Kompliment machte, es wäre gut, daß er nicht mehr mit Scepter und Krone zu spielen hätte, daß er vielmehr ein flinker, tüchtiger Schreinerlehrling geworden sei. Und als er nun gar meine Schmetterlingskasten und Bilder recht hübsch an der Wand geordnet hatte, da fühlte ich ein so dankbares Aufwallen in meinem Busen, daß ich dem Burschen mein letztes Fünfzigpfennigstück als Trinkgeld schenkte. Zum Dank dafür schlug der Junge dreimal Rad auf meiner Stube, woraus man ungefähr die Größenverhältnisse der letzteren ermessen kann. Am Abend war die Bude vollständig eingerichtet. Vater und Mutter, Linchen und Minchen, Hänschen und Fränzchen, Rosalie und Amalie, endlich die Magd Lisette, alle kamen nach oben und äußerten ihre Ueberraschung über die nette Stube. Ich hatte also eine eigene Stube, endlich! Wer war froher als ich? Abends lag ich fast bis Mitternacht in dem offenen Fenster, blickte zur Mondsichel auf und ließ mir die kühle Nachtluft um die Stirne streichen; süße Träume erfüllten mein Herz: hier in der traulichen Einsamkeit und Stille wollte ich fleißig, recht fleißig sein, so daß meine Eltern Freude an mir hätten; hier wollte ich mich in Schillers herrliche Dramen, in Stifters hochpoetische »Studien« versenken; hier wollte ich auch selbst den Pegasus besteigen . . . Als die Glocke vom uralten Liebfrauenturme Mitternacht verkündigte, legte ich mich gerade als der hoffnungsseligste Jüngling des Deutschen Reichs zu Bett. Meine eigene Stube blieb acht Tage lang meine Wonne, meine Seligkeit, da bereitete sie mir den ersten Verdruß, die erste Enttäuschung. Als ich nämlich am neunten Tage, mittags, nach Hause kam und singend meine Stube betrat, sah ich den halben Fußboden mit – Zwiebeln bedeckt. »Was bedeutet denn das?« sprach ich unwillig zu mir selbst. Ich stellte meine Bücher ins Büchergestell, schleuderte verdrießlich ein halbes Dutzend Zwiebeln, das mir im Wege lag, mit der Spitze des Stiefels bis hinten unter das Bettgestell und begab mich mit gerunzelter Stirn hinab in die Wohnstube. Hier saß die Familie bereits um den Mittagstisch versammelt. »Mutter, was bedeutet denn das,« platzte ich sofort in gereiztem Tone los, »daß auf meiner eigenen Stube der ganze Fußboden mit Zwiebeln belegt ist?« »Wie du übertreiben kannst, Theodor!« entgegnete meine Mutter äußerst gelassen; »der ganze Fußboden ist es nicht, sondern nur ein bescheidenes Eckchen.« »Ein nettes, bescheidenes Eckchen! Jedenfalls sieht die Stelle aus wie eine richtige Zwiebelrabatte. Wer hat die Dinger auf meine Stube geschleppt – und was sollen sie da?« »Die Zwiebeln hat Lisette dorthin gelegt – und sie sollen da nachtrocknen.« »Lisette?« fragte ich mit gedehnter Stimme, »Jawohl, Lisette – aber auf meinen Befehl,« erwiderte Mutter in strengem Tone. »Ist denn auf dem Söller nicht Platz genug zum Nachtrocknen dieser Knollengewächse?« wendete ich ärgerlich ein. »Platz wohl,« antwortete Mutter, »aber es sind auch Mäuse dort, welche uns die Zwiebeln auffressen. Und da Vater sie nun so gern ißt, z. B. am Hammelbraten –« Damit war mein Vater, die erste Autorität der Familie, in die Debatte gezogen. Mutter hatte sich einer Kriegslist bedient. Vater räusperte sich denn auch alsbald und bemerkte, zu mir gewandt: »Ich begreife nicht, Theodor, wie du dich über die paar Zwiebeln so ereifern kannst! Man muß doch einen Platz zum Trocknen derselben haben! In die beste Stube, auf den Brüsseler Teppich, können wir sie doch nicht legen! Auf dem Söller werden sie, wie du hörst, von Mäusen gefressen; da lag es doch nahe, daß Mutter deine Stube in Anspruch nahm. Uebrigens dauert das Trocknen der Zwiebeln ja auch nur wenige Wochen.« »Und während derselben,« entgegnete ich weinerlich, »kann ich niemand von meinen Freunden auf meine Stube führen. Sie hieß bis jetzt bei meinen Mitschülern das grüne Gewölbe; den Namen ließ ich mir noch gefallen, weil er der berühmten Dresdener Schatzkammer entlehnt ist; aber fortan, das weiß ich schon, würde meine Stube die Zwiebelbude heißen, und das paßte mir wahrhaftig nicht!« »Mein lieber Junge,« bemerkte Vater in neckischem Tone, »wenn deine Freunde deiner Stube wirklich einen derartigen Namen beilegen sollten, so beschäme diese Freunde dadurch, daß du sie belehrst, die Zwiebel sei eine höchst klassische Pflanze. Die alten Griechen, die Perser, die Israeliten hätten die Zwiebel sehr geschätzt; namentlich aber sei sie den Aegyptern eine höchst wichtige Speise gewesen; so wären beim Bau der Cheops-Pyramide allein 1600 Talente, d. i. 720000 Mark, für Zwiebeln, Rettiche und Knoblauch verausgabt worden . . . Wenn deine Freunde das hören, so werden sie staunen –« »Und mir den Spitznamen »Zwiebelfresser« geben,« fiel ich ärgerlich ein. Da Vater merkte, daß ich seine humoristische Auffassung der Zwiebeleinquartierung auf meiner Bude nicht teilte, wurde er wieder ernst und sagte mit Nachdruck: »Basta, die Zwiebeln bleiben auf deiner Stube, bis sie trocken sind!« Nun wußte ich, daß ich kein Wort mehr über die Sache äußern durfte. Schweigend würgte ich mein Essen hinunter. In übelster Laune zog ich mich nach Beendigung der Mahlzeit sofort auf meine Stube zurück, wo meine Stiefelspitzen wiederum ein paar vorwitzige Zwiebeln in die fernste Ecke schleuderten. Man gewöhnt sich an alles, namentlich wenn man muß. So gewöhnte ich mich denn auch an die Gegenwart von Zwiebeln auf meiner eigenen Stube. Nur hütete ich mich, Freunde mit nach Hause zu bringen und diese die Entweihung des grünen Gewölbes sehen zu lassen. Dem Rudolf Brune, der einmal durchaus mit wollte, sagte ich, meine Bude würde geschruppt; dem Anton Schwertfeger, der sich ein Buch von mir leihen wollte, bemerkte ich, meine Bude würde geweißt; dem Gerhard Lehmkuhl, der meine Schmetterlinge sehen wollte, flunkerte ich vor, das halbe Dach sei abgedeckt: so wurde ich gar zum Lügner durch die dummen Zwiebeln. »Ach, wenn sie doch endlich trocken wären!« seufzte ich im quälenden Bewußtsein meiner Erbärmlichkeit. »Lisette, sind die Zwiebeln denn noch nicht trocken?« fragte ich eines Nachmittags, als ich um vier Uhr aus der Schule nach Hause kam und die Magd in der Küche um den Kaffee ersuchte. »Nee,« antwortete Lisette und grinste dazu. »Was haben Sie denn zu lachen, Lisette?« fragte ich unwirsch. »Na, der junge Herr wird's schon erfahren, wenn er nach oben kommt,« antwortete die Magd und grinste noch verletzender. Von banger Ahnung getrieben, eilte ich, ohne den Kaffee abzuwarten, nach oben. Mit raschem Handgriff warf ich die Tür meiner Bude auf – oder wollte sie vielmehr aufwerfen, denn als dieselbe in rechtem Winkel stand, ging sie nicht weiter: ein Hemmnis mußte sich hinter der Tür befinden. Ich guckte um die Tür herum und gewahrte – eine mächtige eisenbeschlagene Kiste hinter der Tür, gerade den Raum zwischen dieser und der einen Längswand ausfüllend. Auf der andern Seite lagen die Zwiebeln, die immer noch nicht trocken waren. Das Blut, ich fühlte es, stieg mir in die Wangen vor Grimm. »Das nennt sich nun meine eigene Stube!« knirschte ich und warf meine Schulbücher auf den Tisch. Dann maß ich die eisenbeschlagene Kiste noch einmal mit wütenden Blicken. Hierauf näherte ich mich derselben, riß mit zitternden Händen den Deckel auf und blickte hinein: Wäsche, schmutzige Wasche war darin? »Hahaha!« lachte ich höhnisch; »eine nette Gesellschaft für Cäsar und Livius, für Ovid und Virgil, für Schiller und Goethe!« Krachend fiel der schwere Deckel zu. »Ein prachtvolles Möbel, diese Kiste,« sprach ich spöttisch, »höchst bequem als Sofa zu benutzen!« Dann verließ ich die Stube und polterte die Treppe hinunter – hinein in die Wohnstube, wo die arme Mutter allein an ihrem Nähtische saß, emsig nähend. »Was ist denn das für eine Wirtschaft,« schimpfte ich, »mir eine Kiste mit schmutziger Wäsche auf die Bude zu stellen? Soll das Ungeheuer da stehen bleiben?« »Theodor,« erwiderte Mutter, von ihrer Näharbeit mit leicht gerunzelter Stirne aufblickend, »ich bitte mir aus, daß du einen etwas ehrerbietigeren Ton mir gegenüber anschlägst. Es geziemt sich nicht für Kinder, so mit ihren Eltern zu sprechen. Um dir eine kurze und bündige Antwort auf deine Frage zu geben, bemerke ich, daß die Kiste jetzt dort stehen bleibt, wo sie steht.« »Und weshalb, Mutter?« fragte ich ein wenig kleinlauter. »Die Kiste,« sagte Mutter, »hat bisher auf dem Söller gestanden; auf dem Söller aber sind Mäuse, wie du wissen wirst. Die Mäuse haben sich nun kürzlich Zugang in die Kiste verschafft und verschiedene Wäschestücke zernagt – unter anderm auch deine neuen Faltenhemden.« Ich hielt dies mit den Faltenhemden für eine weibliche Kriegslist und erwiderte: »Ich will gern auf alle Faltenhemden verzichten – laß die Mäuse sie fressen! – wenn ich nur die Kiste, die fürchterliche Kiste nicht auf der Bude zu haben brauche.« »Theodor,« bemerkte Mutter in höchst verwundertem Tone, »wie kann eine leblose Kiste dir so unangenehm auf deiner Stube sein?« »Ach, Mutter, das verstehst du nicht,« entgegnete ich mit jammernder Stimme; »wenn man dichtet, wenn man ein Trauerspiel in fünf Akten unter der Feder hat – Cato von Utika – – – und wenn man gerade bei dem großen Monologe Catos steht – und dann eine Kiste mit schmutziger Wäsche auf die Bude bekommt – – – dann ist es mit aller Poesie auf einmal aus!« »Aber früher mußtest du doch im Beisein von Linchen und Minchen, von Hänschen und Fränzchen, von Rosalie und Amalie arbeiten,« warf Mutter ein, »und die Kinder machten doch wohl Spektakel; aber eine Kiste mit Wäsche, die sagt doch nichts und tut doch nichts und fängt auch keinen Streit an; ich begreife nicht, Theodor, aufrichtig gestanden, wie du über eine Kiste so erregt sein kannst!« »Aber wenn diese Kiste mir die ganze Stube verdirbt!« »Die ganze Stube! Da übertreibst du nun wieder. Im Uebertreiben bist du überhaupt sehr stark, Theodor! Ein bescheidenes Eckchen nimmt die Kiste weg; und es sind noch dazu deine Faltenhemden, die in der Kiste stecken.« »Meinetwegen mögen die Mäuse –« »Ich weiß schon, was du sagen willst,« erwiderte Mutter; »du hast es schon mal gesagt: die Mäuse möchten sie fressen. Damit bin ich aber nicht einverstanden – Hemden, von denen das Stück sechs Mark kostet! – und da ich keinen andern Platz für die Wäschekiste habe, so muß sie schon auf deiner Stube bleiben.« »Aber mein Cato von Utika!« jammerte ich. »Ich glaube nicht,« entgegnete Mutter herbe, »daß unsre Theaterdirektion darauf wartet.« »O Mutter!« stieß ich vorwurfsvoll hervor. Dann schwieg ich, bis ins innerste Herz getroffen. Die Kiste blieb auf meiner Bude. Auch die Zwiebeln setzten ihren dortigen Aufenthalt fort, Cato von Utika aber fand keine Fortsetzung – sein großer Monolog blieb ungesprochen. Ich barg die Enttäuschung, welche mir meine eigene Stube bereitete, in den tiefsten Tiefen des Herzens. Kein Wort mehr ließ ich fallen über die Zwiebeln, über die Wäschekiste; nur innerlich sprach ich die Worte des Dichters nach: »O, dieser Mund ist viel zu stolz, Er kann nur lachen und scherzen – Er spräche vielleicht ein höhnisches Wort, Während ich stürbe vor Schmerzen.« Mein Schweigen schien die Mutter für Zustimmung zu halten. Mutter wurde kühner – und eines Tages fand ich die ganzen Wände meiner Stube mit grünen Bohnen garniert, welche, auf Fäden gereiht, dort unzweifelhaft trocknen sollten. Ich hatte nur noch ein schmerzliches Lächeln für diesen Anblick. Auf dem Fuße war mir die Mutter gefolgt. »Lieber Theodor,« sagte sie in herzlichem Tone, »sei nicht böse über diesen kleinen Eingriff in deine Stubenrechte. Es sind Salatböhnchen, die der Vater im Winter so gerne ißt. Ich konnte sie nirgendwo im Hause trocken bekommen, da dachte ich an deine luftige Stube. In spätestens vierzehn Tagen werden die Dinger trocken sein, und du machst dich um den guten Papa verdient, wenn du diesen Wandschmuck duldest.« »Gewiß, liebe Mutter, werde ich ihn dulden. Der Wandschmuck paßt ja vortrefflich zu den Zwiebeln – beides erinnert so hübsch an eine landwirtschaftliche Ausstellung. Uebrigens ist die Stube ja auch deine eigene Stube,« »Das sagst du nun wieder so sonderbar,« erwiderte Mutter betrübt, »daß ich an deiner Aufrichtigkeit zweifle. Lieber Sohn, du solltest bedenken, daß, wenn man zur Miete wohnt – und ein beschränktes Einkommen hat – und sieben lebendige Kinder zu ernähren hat . . .« Hier wischte sich die Mutter die Augen mit dem Zipfel ihrer Schürze. »Mutter, liebe Mutter,« bat ich nun aus aufrichtigem Herzen, »weine nicht! Ich will dir ja gern gestatten, hier aufzustellen und aufzuhängen, was dir beliebt.« »Wolltest du das, Theodor?« fragte Mutter, rasch getröstet. »Ja, du bist im Grunde doch ein guter Junge, ich weiß es. Sieh, Theodor, ich habe da noch einige Weißkohlköpfe, die ich gern für den Winter aufbewahren möchte; nun hat mir die Frau Katasterkontrolleur Robowolski gesagt, man müsse dieselben am Stengel frei schwebend aufhängen, dann hielten sie sich bis in den März hinein, ohne ein faules Fleckchen zu zeigen. Wenn du nun nichts dagegen hast, Theodor, dann hänge ich am Plafond deiner Stube die Weißkohlköpfe auf – es sind nur etwa vierundzwanzig Stück.« »Tu es, liebe Mutter,« antwortete ich mit der Ruhe eines Stoikers, denn um alles in der Welt hätte ich meiner Mutter nicht wieder Tränen in die Augen treiben mögen. Als ich am nächsten Mittag aus der Schule nach Hause kam, baumelten vierundzwanzig Weißkohlköpfe vom Plafond meiner Stube herab. »Wenn's noch Citronen wären!« seufzte ich, »dann könnte ich wenigstens mit Goethe deklamieren: ›Kennst du das Land, wo die Citronen blühn?‹ Aber Weißkohlköpfe –!« Um nicht Gefahr zu laufen, einen meiner Mitschüler mit auf meine Bude – eine solche Bude! – bringen zu müssen, zog ich mich von allem Umgang, von aller Kameradschaft zurück. Dafür erntete ich von meinen verletzten Mitschülern den Spitznamen »der Einsiedler auf der Sankt Thomasklippe« – nach dem Titel eines damals landläufigen Romans. Von jetzt an beschleunigte das Verhängnis seine Schritte. Durch die Guirlanden von grünen Bohnen, welche die Wände meiner Stube kränzten, – durch die Weißkohlköpfe, deren jeder mir wie ein Schwert des Damokles über dem Haupte hing, war mir wenigstens kein Raum auf der Stube geraubt worden; anders war es freilich mit den Zwiebeln und der Wäschekiste: diese beanspruchten schon eine nette Bodenfläche für sich; aber es war mir immer noch ein hinreichender Raum zu freier Bewegung auf meiner eigenen Stube geblieben. Auch dieser Raum ward mir genommen, denn eines Mittags fand ich auf meiner Stube eine – Wäschemange! Eine funkelnagelneue Wäschemange von den riesigsten Dimensionen! Trotz meines Stoicismus war ich starr vor Ueberraschung. Mein Bett war, um dem neuen Eindringling, diesem vierschrötigen Ungeheuer, Platz zu machen, höher hinauf gerückt worden, bis hart an die Fensterwand. Dieses Bett und die Mange nahmen die eine Längsseite der Stube ein; die andre Längsseite beanspruchten der Bücherschrank, der Tisch und die Stühle: so blieb mir nur in der Mitte der Stube ein ganz schmaler Gang, der auf das Fenster zu führte. Unter ingrimmigem Lachen deklamierte ich, auf diesem Gange auf und ab schreitend: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen, Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht.« Noch einmal überblickte ich meine eigene Stube – durchforschte mit Argusaugen jeden Winkel. Ein gewisser Humor regte sich in meinem Innern; ja, ich wurde sogar lustig bei dem Gedanken: »So, jetzt ist jeder Raum auf meiner eigenen Stube von andern ausgenutzt; jetzt können sie mit dem besten Willen hier nichts mehr unterbringen; jetzt wird diese Stube endlich meine eigene Stube sein!« Aber wie bitter sollte ich mich getäuscht haben! Drei Tage später waren durch die ganze Stube kreuz und quer Stricke gezogen, und auf diesen Stricken baumelten feuchte Hemden und Unterhosen, Kragen und Manschetten, Taschentücher und Strümpfe – zum Trocknen. Bei diesem Anblick entfloh dem Gehege meiner Zähne, wie Vater Homer sagt, ein fürchterlicher Schrei; ich lachte wie ein Verrückter und deklamierte mit hohler Stimme: »Fahr hin, lammherzige Gelassenheit! Zum Himmel fliehe, leidende Geduld!« Dann packte ich meinen Tisch und einen Stuhl bei den Beinen und schleppte sie aus der Stube hinaus auf den Söller, »Lieber hier zwischen Mäusen sitzen,« schrie ich, »als in so einer Bude, die der reinste Hohn auf eine eigene Stube ist!« Unter mir mußte man mein Toben gehört haben. Die ganze Familie kam nach oben gelaufen. »Was ist? Was gibt's?« fragten Vater und Mutter erschrocken durcheinander. Ich machte eine Handbewegung wie Peter der Große auf dem bekannten Denkmal in Petersburg, das heißt ich streckte den rechten Arm gebieterisch aus; die Richtung meines Armes zeigte nach meiner verlassenen Stube, deren Tür offenstand. Vater blickte hinein, und humoristisch angelegt, wie er war, brach er in ein herzhaftes Gelächter aus, als er die Stricke, die nassen Wäschestücke, die Mange, die Bohnenguirlanden, die schwebenden Weißkohlköpfe, die Wäschekiste und die Zwiebeln in dem kleinen Raum erblickte. »Armer Junge,« sagte er lachend, »was haben sie aus deiner eigenen Stube gemacht! Frauchen, Frauchen, ich war des Glaubens, daß du nur die Zwiebeln hier untergebracht hättest! Von den andern Dingen hast du mir nichts gesagt. Was zu viel ist, ist zu viel. Man muß gerecht sein: in solcher Umgebung kann Theodor nicht studieren – es bleibt ihm ja nicht mal die nötige Lebenslust in diesem Dunst von Zwiebeln, Weißkohlköpfen, Bohnen, nasser und trockener, reiner und schmutziger Wäsche. Das wirst du doch einsehen, Frau?« »Verschwört euch nur gegen mich!« jammerte Mutter. »Ihr Männer haltet ja immer zusammen! Ich bin es gewohnt, daß meine häuslichen Arrangements niemals gebilligt werden . . .« »Nicht so, nicht so, liebe Johanna!« beschwichtigte Vater, »Du hast in allen Dingen recht, immer und jedesmal – nur dieses einzige Mal nicht hinsichtlich der Stube von Theodor. Wir wollen, daß der Junge gute Zeugnisse mit nach Hause bringe – folglich müssen wir ihm auch ein Plätzchen zu ungestörtem Studieren gönnen. Denk an das schöne Osterzeugnis, Mutter!« »Und wo soll ich denn mit meiner Wäsche und meiner Mange und meinem Wäschekasten bleiben?« lenkte Mutter ein. »Sieh, da weiß ich Rat, liebe Frau!« antwortete Vater. »Unser Hausherr hat mir heute morgen – welch wunderbares Zusammentreffen! – im Hinterhause noch zwei geräumige Kammern angeboten; die miete ich dir, Mutter, und die sollst du ganz allein für dich behalten: für deine Zwiebeln und Kohlköpfe, für deine Wäschestücke und Bohnen, für deine Mange und Wäschekiste. Bist du's so zufrieden?« Da lachte Mutter mit dem ganzen Gesichte und sie reichte versöhnt dem Vater die Hand. Um andern Tage war ich wirklich im Besitz einer eigenen Stube – und was die Hauptsache war, ich blieb in diesem Besitz. Schweflers Namenstag Als der Unterprimaner Jodokus Schwefler mit dem Zeugnis Numero I. in die Oberprima aufstieg, erhielt er von seinem Papa die Erlaubnis, rauchen zu dürfen. In dieser Erlaubnis liegt nicht viel Verwunderliches, wenn man weiß, daß der neugeschaffene Oberprimaner bereits dreiundzwanzig Lebensjahre zählte. Jodokus hatte nämlich die Quarta und Untertertia so gründlich durchgemacht, daß er zwei Jahre in jeder Klasse verblieben war – »als ein leuchtendes Vorbild des Fleißes und guten Betragens für die übrigen Schüler,« wie er seinen Vettern vom Lande, den harmlosen Bauernjungen, weisgemacht hatte. In Wahrheit war Jodokus damals sehr schwach im Griechischen und in der Mathematik gewesen; aber plötzlich, als er in die Obertertia aufgestiegen war, hatte entweder sein Fleiß einen solchen Anlauf genommen, oder war sein Kopf mit einemmal so helle geworden, daß er von jetzt an tatsächlich zu den besseren Schülern gehörte und endlich sogar ein Zeugnis mit Numero I. in Erbpacht genommen zu haben schien. Also der dreiundzwanzigjährige Oberprimaner Jodokus Schwefler durfte rauchen, selbstverständlich nur zwischen den vier Pfählen des Hauses. Merkwürdigerweise griff der neue Jünger des Herbae Nicotianae nicht zu einer mit dicken, bunten Quasten verzierten langen Tabakspfeife, wie es eigentlich einem echten Studenten geziemte, sondern zu einer leichten Zigarre, diesem Wahrzeichen der jugendlichen Jünger Merkurs. Weshalb aber wurde Jodokus den Sitten und Bräuchen seiner Vorfahren untreu? Einfach aus dem Grunde, weil er keine Pfeife vertragen konnte! Er hatte sich wiederholt in der Heimlichkeit seines Studierstübchens an diesem Instrument versucht, aber jedesmal ein Gesicht davongetragen, das noch elender und bleicher ausschaute als dasjenige, mit dem er zweimal seinem lieben Papa ein Zeugnis mit Numero IV. und Sitzenbleiben ins Haus getragen hatte. »Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an!« hätte Jodokus Schwefler mit Goethes Faust deklamieren können, als er mit Schweißperlen auf der hohen Denkerstirne und mit grünen Lichtern vor den sinnenden Augen seinen Pfeifenkopf zerschlug und das Rohr in den Winkel warf. Da Schwefler nun aber einmal dem irrigen Gedanken huldigte, daß Rauchen ein Zeichen männlicher Würde sei, so hatte er sich nach Abdikation der Pfeife an Zigarren gewagt, natürlich sehr leichte, und in dieser Form und Gestalt war ihm die Herba Nicotiana besser bekommen. Ja, er glaubte sogar einen Genuß in dem Rauche des aromatischen Krautes zu finden und sprach zu seinen Mitschülern von dem »träumerischen Behagen, das darin liege, wenn man im Sessel zurückgelehnt den blauen Ringeln einer echten Havanna nachblicke«. – »Echte Havanna?« pflegte dann wohl der kleine dicke Peter Lehmkuhl, mit Spitznamen Diogenes, zu spötteln; »sollte es nicht eine von den bekannten Feld-, Wald- und Wiesenzigarren sein, Runkelrübendeckblatt und Kartoffelstroheinlage, denen der Volksmund den Namen Luderos Canalljos gegeben hat?« Worauf hinwieder Jodokus Schwefler nur einen stummen Blick voll Hoheit und Würde hatte. Wenn man mit väterlicher Bewilligung im Hause täglich eine leichte Zigarre rauchen darf, wie Jodokus Schwefler, so stellt sich selbstverständlich auch sofort der Wunsch nach einem Zigarrenetui ein. Du lieber Himmel, man muß doch einen Behälter haben, worin man das tägliche Quantum an Zigarren verwahren kann! Und dann – und dann sieht es »so männlich« aus, wenn man in der Brusttasche – links, oben auf der Joppe – ein Zigarrenetui trägt, das mit seinem blanken Stahl- oder Nickelbügel ein klein wenig herausguckt! Selbstverständlich nur ein klein wenig, denn zwei Finger breit wäre höchst unfein. Und sollte die Brusttasche – links, oben auf der Joppe – so tief sein, daß das ganze Zigarrenetui darin verschluckt wird, wie in eine Scylla und Charybdis, nun, du lieber Himmel, so steckt man zunächst etwas zerknülltes Zeitungspapier in die Tasche und dann das Zigarrenetui obendrauf – jetzt wird es wohl herausgucken. O, es sieht so fein und männlich aus, daß jeder, der den Träger des Etuis nur flüchtig anblickt, bei sich denken muß, ja muß: »Das ist ein echter Kerl!« . . . So oder ähnlich spintisierte unser Jodokus Schwefler: ein Zigarrenetui, das war sein nächster und feurigster Wunsch. Hoc erat in votis! konnte er mit seinem Lieblingsdichter Horatius rufen. Nun hätte sich Schwefler wohl von dem Inhalt seiner Spardose sofort ein Zigarrenetui kaufen können. Aber das wollte er nicht. Denn angenommen, er hätte sich eins gekauft, so hätte er es auch in der oben beschriebenen Weise in seiner äußeren Brusttasche getragen (natürlich nur außerhalb der Schulzeit); dann aber hätten es sofort die Eltern gesehen, und entweder der Papa, oder die Mama, oder alle beide hätten etwas ironisch gelächelt und die Bemerkung fallen lassen: »Du könntest dein Taschengeld auch wohl zu etwas Besserem anwenden, als zu solcher Eitelkeit!« Dadurch wäre aber unserm feinfühligen Schwefler das Etui verleidet gewesen. Nein, kaufen wollte er sich keins – aber sich schenken lassen wollte er eins, dann fiel jedweder Tadel oder Spott seitens der Eltern von selber weg – das war unsres Jodoki großer Gedanke, an dessen Ausführung er sofort herantrat. »Nächsten Montag, liebe Mama,« sagte er zärtlich zu seiner Mutter, »ist mein Namenstag, wie du dich gütig erinnern wirst. Wenn du mir etwas schenken willst, so möchte ich dich um ein Zigarrenetui bitten; ich habe es dringend nötig, denn die Zigarren, die mir der Papa gibt, zerbrechen mir immer in der Tasche; man hat nichts wie Schaden davon, und ein nettes Zigarrenetui wäre wirklich in diesem Falle eine Ersparnis. Also bitte, Mama, denke daran!« »Nun, wir wollen mal sehen,« erwiderte die Mama und ließ die Nähmaschine, an der sie gerade beschäftigt war, weiter schnurren. Jodokus aber ließ es bei diesem ersten Schritte nicht bewenden. Als tiefer Denker sagte er sich: »Die Frauen haben eigentlich kein rechtes Verständnis für Zigarrenetuis; es könnte sein, daß Mama ein unpraktisches Ding kaufte – nicht allein ein unpraktisches, sondern auch ein geschmackloses. Aber praktisch und nobel muß es sein, wenn es mir gefallen soll. Nun sei schlau, Jodokus! Du gehst in den Laden von Otto Rehbein und Compagnie, wo Mama ihre Leder- und Luxuswaren zu kaufen pflegt, wie überhaupt jedermann in der Stadt; du läßt dir die Zigarrenetuis zeigen, suchst dir eins aus, das dir am besten gefällt, und bittest den Ladenjüngling, dasselbe Mama in die Hände zu spielen. Bei einiger Ueberredungsgabe wird der Ladenjüngling Mama schon bewegen, das fragliche Etui zu erstehen. Und dann bist du an dem Namenstag schön heraus, Jodokus! Seid einfältig wie die Schlangen und klug wie die Tauben, nein, ich meine umgekehrt: Klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben. Ha! ha! ha!« Gedacht, getan, Jodokus Schwefler, der tiefe Denker, begab sich in den Laden von Otto Rehbein und Compagnie und ließ sich von dem à la Engländer gekleideten Ladenjüngling die Zigarrenetuis vorlegen. Es waren mehrere recht gefällige darunter, aber eines war durch seine Gediegenheit und noble Einfachheit doch die Krone von allen. Dunkelrotes Juchtenleder, Goldbronzebügel, maigrünes Seidenfutter; der Kugelverschluß vortrefflich. »Was würde dieses Etui kosten?« fragte Jodokus. – »Da haben Sie eine geschmackvolle, aber teure Wahl getroffen,« entgegnete der Diener Merkurs; »der Prinz von Sassenberg-Hohenlaufen hat vor einer Stunde dasselbe Etui gewählt, um es seinem Vetter, dem Fürsten Donner-Doria zu Donnerskeil zu schenken – es kostet zwölf Mark.« – »Zwölf Mark!« wiederholte wie ein Echo Jodokus Schwefler, halb staunend, halb verzagend. – »Sie können auch billigere haben,« fuhr der Diener Merkurs geschäftig fort; »sehen Sie dieses hier, schwarz Schafleder mit Stahlbügel, feuerrotes Nesselfutter – kommt nur auf drei Mark zu stehen, und da es einige Kritzel auf dem Schafleder hat, so kann ich es Ihnen für zwei Mark fünfzig lassen.« – »Ich mag kein Schafleder, am wenigsten schwarzes, es sieht wie ein schlechtgewichster Stiefel aus,« wehrte Jodokus gereizt ab, wobei er fortwährend das rote Juchtenlederetui in der Hand herumdrehte. »Es ist wunderschön,« sagte er zu sich im stillen, »ganz nach meinem Geschmack; aber Mama wird nie und nimmer zwölf Mark für ein Zigarrenetui anlegen.« Er knippte das Etui zu – und o, es knippte so wundernett, so präzis und – fast melodisch! Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke – wofür wär' er sonst auch der tiefe Denker gewesen? »Ich will Ihnen was sagen,« sprach der Held der Wissenschaft zu dem Jünger Merkurs, »heute oder morgen wird eine Dame mit einer violetten Feder auf dem Hut und einer goldenen Lorgnette vor den Augen hierher kommen und sich die Zigarrenetuis vorlegen lassen –« – »Die gnädige Frau Schwefler?« warf der Ladenjüngling ein, »habe die Ehre, dieselbe zu kennen.« – »Jawohl, meine Mutter,« fuhr Jodokus fort. »Suchen Sie dieselbe zu bereden, daß sie dieses Etui von rotem Juchtenleder nimmt; Sie werden die nötigen Worte und Gründe schon zu finden wissen. (Hier lächelte der Ladenjüngling selbstgefällig und verneigte sich.) Da die betreffende Dame jedoch sich voraussichtlich an dem hohen Preis des Etuis stoßen wird, so zahle ich Ihnen hiermit sofort neun Mark in bar – nun nennen Sie der Dame als Preis des Etuis drei Mark; ich bin überzeugt, daß sie um diesen Preis das Etui ersteht.« »Ja, aber,« stammelte der Jünger Merkurs, »wenn die Dame etwas von echtem Juchtenleder versteht und den billigen Preis befremdend findet?« »O, so sagen Sie, das Juchtenleder sei imitiert!« »Und der Goldbronzebügel?« »Nachgemacht, mein Lieber, alles nachgemacht!« »Wie Sie wünschen, mein Herr!« erwiderte dienstwillig der Ladenjüngling und strich mit einem »Merci!« die neun Mark ein, welche der junge Herr Schwefler aus seiner von Silberperlen glitzernden Börse auf die Ladenbank zählte. »Sie können sich darauf verlassen,« versicherte der junge Vertreter von Otto Rehbein und Compagnie, »daß die Dame dieses Etui und kein anderes ersteht; ich werde seine Vorzüge in ein so fulminantes Licht zu setzen wissen, daß – daß –« hier mußte dem angehenden Cicero wohl der Nachsatz ausgehen, denn er hüllte sich in Schweigen und gab nur einige Schmatz- und Gurgellaute zum besten. »Ich verlasse mich auf Sie, das Ganze ist ja nur eine kleine Kriegslist,« bemerkte der Oberprimaner ganz großartig und schritt aus dem Laden, wie ein tragischer Schauspieler von der Bühne. – Viel zu langsam für seine Ungeduld flossen unserm Jodokus die Tage dahin, die ihn noch von der Feier seines Namenstages trennten. In jeder freien Stunde und manchmal auch in einer unfreien (z. B. während der Horazstunde) dachte er an das entzückend schöne Zigarrenetui, rot Juchtenleder u. s. w. Ach, wenn er es doch erst in Händen hielte! Seine linke Brusttasche, äußerlich, war schon zur Aufnahme des noblen Gastes bereit. Da sollte es ruhen, das Prachtetui, in der Nähe seines pochenden Herzens. Ein schöneres Etui hatte niemand in der Stadt – nur der Prinz von Sassenberg-Hohenlaufen hatte ein gleiches, doch halt, nein, nur der Fürst von Donner-Doria zu Donnerskeil, dem der Prinz das Etui geschenkt hatte. Es war doch ein erhebendes Gefühl, ein Etui zu besitzen, wie ein Fürst! Der alte Horaz hat gut sagen: Aequam memento – zuweilen können einen die kleinen Geschichten des Lebens doch aus der Ruhe bringen! So dachte und spintisierte Jodokus Schwefler, bis endlich, endlich die rosenfingerige Eos den Tag des heiligen Jodokus und damit den Namenstag des unheiligen Jodokus Schwefler heraufführte. Morgens beim Kaffee nahm Jodokus die herzlichen Glückwünsche seiner Eltern und Geschwister entgegen. Der Kaffeetisch war mit Mamas bester Damastserviette überbreitet und üppig mit Kaffeekuchen besetzt. Neben Mamas Tasse lag, in weißes Seidenpapier geschlagen, mit einem rosa Bändchen umwunden, ein Paket. Des Festkindes Augen verschlangen dasselbe förmlich, aber Mama Schwefler hütete dasselbe noch, fast hätte ich gesagt: wie Fafnir seinen Schatz. Ein jäher Schrecken durchzuckte plötzlich das pochende Herz unsres Jodokus: war das Paket nicht viel zu groß für ein Zigarrenetui? Doch halt, nein, das Etui konnte ja in einer Kartonschachtel liegen! Aber war diese Schachtel nicht zu hoch? Verwünschte Zweifel und Bedenken! . . . »Komm, mein Junge, daß ich dir erst mal eine Tasse Kaffee einschenke!« Jodokus hielt die Tasse hin – während seine Augen an dem Pakete hafteten. »Und nun nimm dir Kuchen!« fuhr die Mama sorgsam fort. Jodokus erfüllte mechanisch diese Aufforderung. »Hier mein Junge, hast du mein Geschenk, ein Kistchen leichter Zigarren,« rief der Papa, indem er nach dem Buffett griff; »es ist eine gute Sorte, Tubarosa, leicht, sechs Mark vierzig!« – »Ich danke dir von Herzen, lieber Papa!« erwiderte Jodokus, indem er das Kistchen an sich nahm. Bei sich aber dachte er: »Wenn der Papa Zigarren gibt, so wird Mama sicherlich das zugehörige Etui schenken.« Und noch einmal warf er einen prüfenden Blick nach dem geheimnisvollen Paket hinüber. »Ich dachte,« nahm Mama Schwefler das Wort, »du solltest erst trinken und essen, bevor ich dir mein Geschenk überreichte; da nun aber Papa nicht länger hat warten können, so will auch ich mein Geheimnis preisgeben. Hast du nicht bemerkt, Jodokus, daß ich in der letzten Zeit was stickte?« »Was stickte?« wiederholte Jodokus mit starren Augen. »Ja, so ein Läppchen mit Rosen und Vergißmeinnicht.« »Ganz recht, aber du hast gewiß nicht geahnt, daß es für dich bestimmt war?« »Nein!« stieß Jodokus hervor, trotzdem die trockene Zunge nicht gehorchen wollte und ein Schlucken seine Kehle schnürte. »Sieh her,« fuhr die ahnungslose Mama fort, indem sie das rosa Bündchen löste, das Seidenpapier zurückschlug und den Deckel einer weißen Kartonschachtel abhob, »sieh her, mein Junge – eine Kleiderbürste, prima Ware, mit meiner Stickerei auf dem Ebenholzrücken, Rosen und Vergißmeinnicht!« »Kleiderbürste?« gurgelte das Namenstagskind. »Nun ja, ich habe in der letzten Zeit bemerkt, daß du so schlecht gebürstet bist, man sieht auf dem blauen Cheviotanzug jedes Flauschen – und da dachte ich, das käme von deiner abgenutzten alten Bürste, die wirklich nur ein Brett mit Stoppeln ist – und da –« »Aber Mama, das Zigarrenetui?« stöhnte Jodokus. »Hatte ich auch gekauft, mein Junge,« erwiderte eifrig die Mama, »aber der junge Mensch bei Otto Rehbein und Compagnie hatte mir ein ganz simples Ding für drei Mark aufgeschwätzt – er versteht es wirklich, ganz schrecklich zu schwätzen –, diese Bürste mit Stickerei kostet aber sechs Mark fünfzig.« »Hatte das Etui rotes Juchtenleder?« stieß Jodokus hervor. »Jawohl, aber unecht, nachgemacht!« antwortete die Mama triumphierend. »Und einen Goldbronzebügel?« »Auch das, mein Junge, aber gleichfalls imitiert – alles unecht!« »O, Mama! Wo ist es? Wo hast du es, Mama?« fragte Jodokus stürmisch, mit einem letzten Schimmer von Hoffnung. »Mein Gott, wie sonderbar du bist!« erwiderte die Mama, »Ich sagte dir ja, daß der junge Mensch bei Otto Rehbein und Compagnie mir das Ding für drei Mark aufgeschwatzt hatte; da aber alles daran, wie er selbst versicherte, imitiert war, so habe ich es sofort an Onkel Jodokus in Pasewalk geschickt, der, wie du dich gütigst erinnern wirst, dich über die Taufe gehalten hat – nein, dessen kannst du dich nicht erinnern – aber das wirst du wissen, daß Onkel Jodokus in Pasewalk heute auch seinen Namenstag feiert.« »An Onkel Jodokus – in Pasewalk!« wiederholte der Oberprimaner mechanisch und ließ sein Haupt auf die Brust sinken. Frau Schwefler konnte »mit dem besten Willen« nicht begreifen, weshalb sich ihr Jodokus an diesem Tage nicht über die Kleiderbürste freute, und der Köchin Lisette war es ein Rätsel, weshalb der junge Herr, der an ihr im Hausgang vorbeischritt, vor sich hinmurmelte: »Meine schönen neun Mark!« Wir aber, d. h. die Leser dieser Geschichte, wissen es und wollen es für uns behalten. Hochmut kommt vorm Fall In jeder Gymnasialklasse befinden sich leider einige Schüler, welche gegen ihre Mitschüler eine gewisse Ueberhebung zeigen. Unter sich halten sie zusammen, besuchen sich auf ihren »Buden«, machen gemeinschaftliche Ausflüge, von denen sie später in der Klasse allerlei geheimnisvolle Andeutungen fallen lassen; sie bestreben sich, den Noblen zu spielen in Haltung und Kleidung und müssen immer was voraus haben vor ihren Mitschülern, gegen die sie abgeschlossen und hochnäsig sind. Meistens sind diese »Strunzmichel« der Klasse, wie man diese eingebildeten Burschen bei mir zu Hause nennt, oder wenn man will, diese principes scholae , nicht die besten, fleißigsten, talentvollsten Schüler; vielmehr sind sie in der Regel höchst mittelmäßige, ja oft sogar sehr beschränkte Köpfe, welche (der gütige Leser verzeihe mir meine Derbheit!) die Wahrheit des Sprichworts erhärten: Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Der Rang, die gesellschaftliche Stellung oder der Reichtum ihrer Eltern ist nicht selten der Grund, worauf die Strunzmichel ihre Ueberhebung bauen. Tüchtige, hervorragende, fleißige Schüler finden sich aber ebenso oder öfter noch unter den Söhnen unbemittelter Eltern; bei allen Erfolgen, die sie erringen, bleiben solche Schüler bescheiden. Auch auf unsrer Sekunda des Gymnasiums zu Dingsda fehlten die genannten Strunzmichel nicht, ja, wir waren sogar sehr reich damit gesegnet. Ich will ihre Namen nicht nennen, sondern nur ihre Spitznamen anführen: Tarquinius Superbus, Albrecht der Weise, Großmogul, Stolzenfels, Junker Eitel, Lord Schwalbenschwanz, Spiritus asper. Unter diesen Namen sollen sie in meiner Geschichte spielen – einer wahren Geschichte, welche zeigt, wie diejenigen Schüler, welche immer was vorab haben wollen, auch einmal gründlich hereinfallen können. Uebrigens schreibe ich diese Geschichte sine ira et studio , ohne Gereiztheit und Voreingenommenheit, wie Tacitus sagt, denn Jahre sind bereits darüber verflossen und – ich lache so leicht und gern! Unsre Sekunda machte im Sommer einen Klassenausflug. Ziel desselben war »Mußmanns Busch«, ein herrlicher Wald mit uralten Eichen und Buchen, und durchduftet von einer Fülle von Maiglöckchen, Geißblatt und andern Waldblumen. Da der Mensch, am allerwenigsten ein junger, nun aber nicht allein vom Anschauen des Eichengrüns und vom Einatmen des Blumenduftes lebt, so war ein Bauer, dessen Gehöft breit und stattlich am Saum des Waldes lag, so vernünftig gewesen, für diejenigen Sterblichen, die sich nach Speise und Trank sehnten, eine solide Wirtschaft in seinem Hause und Garten zu errichten, und ich muß zum Nachteil der Menschenwürde leider bekennen, daß sich die meisten Exemplare des Homo sapiens lieber und länger hinter den Kaffeekannen und Bierkrügen aufhielten, als beim Baumgrün und Blumenduft des Waldes. Auch unsere Sekunda stürmte, nachdem sie den Wald mit einem kurzen Liede begrüßt und einer tausendjährigen Eiche eine flüchtige Huldigung dargebracht, wie ein Regiment, das zur Attacke geht, das Haus und den Garten des biederen Landmannes, der von seinen Vorfahren den Namen Mußmann ererbt und in der Taufe den Vornamen Christoph empfangen hatte. Christoph Mußmann hatte sich auf diesen Angriff vorbereitet – waren wir doch so vorsichtig gewesen, am Tage vorher ihm einen Eilboten zu senden, welcher unser Erscheinen verkündigt und von großem Mäusefraß und Raupenschaden gewitzelt hatte. So konnte es denn nicht fehlen, daß bald überall auf den Tischen die weißen Kaffeekännchen leuchteten, die dunklen Bierflaschen Schattenstriche dazwischen zogen, die Pfropfen knallten, die Gläser schäumend überliefen, – daß geschäftige Mägde mit riesigen Schüsseln voll Schinkenstullen rannten und die Hennen mit Angstgeschrei herumflatterten, weil sie ihre Nesteier bis auf das letzte hergeben mußten. Man konnte es recht gut beim Bauer Mußmann aushalten, für alle Ansprüche war bestens gesorgt, und hätte Vater Homer zwischen uns gesessen, er hätte ganz gewiß geschmunzelt: »Nun erhebet die Hände zum lecker bereiteten Mahle! Esset vom Marke der Männer, dem kräftigen Brote des Landmanns, Das ihr vorher bestrichen mit nußkernsüßlicher Butter Und mit Schinken belegt vom weißgezähneten Eber!« Aber sieben waren unter unsrer Schar, welche in ihrem erhabenem Gemüte beschlossen hatten, Mußmanns Landbrot, Butter, Schinken, Kaffee und Homer links liegen zu lassen; sie wollten was voraus haben, sich heimlich »drücken«, auf Schleichwegen nach dem Dörfchen Erlenrode marschieren und daselbst im Wirtshaus »Zum goldenen Hecht« einen kleinen Privatkommers feiern. Diese Sieben waren: Tarquinius Superbus, Albrecht der Weise, Großmogul, Stolzenfels, Junker Eitel, Lord Schwalbenschwanz, Spiritus asper. Gedacht, getan. Bald waren die Sieben aus unsrer Mitte verschwunden, ohne daß wir sie sonderlich vermißt hätten. Auch der uns begleitende Professor, ein guter alter Herr, dachte nichts Arges, sintemal Spiritus asper auf des Professors Frage: »Wohin, mein Bursch?« kühn behauptet hatte: »Botanisieren, Herr Professor!« Während wir Dii minorum gentium uns an den Opferaltären Mußmanns vergnügten, stiefelten also die sieben jungen Hauptgötter durch Wald und Busch, über Wiesen und Hecken dem Dörfchen Erlenrode zu, dessen spitzes Schiefertürmchen ihnen als Wegweiser diente. Bald war das Ziel erreicht. In der tiefen Nachmittagsruhe eines sonnenheißen Tages lag das Dörfchen still, wie ausgestorben da. »Bevor wir in der kühlen Stube des ›goldenen Hechtes‹ dem Gambrinus opfern,« sagte Tarquinius Superbus, »laßt uns die Sehenswürdigkeiten von Erlenrode in Augenschein nehmen; ich meine, man muß jede Gelegenheit ergreifen, sein Wissen zu bereichern.« »Außer der Kirche und dem sogenannten Tiergarten,« warf Junker Eitel ein, »wüßte ich nichts, was Erlenrode bieten könnte – ihr müßtet denn die Kohlgärten für botanische Gärten und den Trödelladen von Meister Piepenbrink für ein Museum erklären. Dazu führt der Tiergarten seinen Namen, wie der bekannte Lucus a non lucendo , von dem Umstande, daß er keine Tiere enthält, außer ein paar vagabundierende Katzen und Bauernköter.« »Gleichviel,« entgegnete Tarquinius Superbus mit Entschiedenheit, »wir nehmen die Sehenswürdigkeiten von Erlenrode in Augenschein. Wer mir folgen will, der folge!« Sie folgten ihm alle, denn die Menschen sind nur zu geneigt, sich der Tyrannis zu fügen. Zunächst wurde die kleine Kirche besichtigt, die, wie Albrecht der Weise (der in Berlin Baufach studieren wollte) mit hochwohlweiser Miene versicherte, ein alter romanischer Bau aus dem zwölften Jahrhundert sein sollte. Der Fußboden war mit Leichensteinen gedeckt, auf denen Ritterbilder und Inschriften ausgemeißelt standen. Man suchte einiges zu entziffern, hielt sich ziemlich lange dabei auf und brachte doch nichts heraus. Darauf durchstreifte man den Tiergarten, jagte eine der vagabundierenden Katzen in einen hohen Eichbaum und lieferte ein paar kläffenden Bauernkötern ein kleines Bombardement mit Erdklumpen. »Nun laßt uns endlich den ›goldenen Hecht‹ aufsuchen!« mahnte Stolzenfels gereizt; »die Zunge klebt mir am Gaumen; ich glaube, ich könnte das ganze Atlantische Meer austrinken.« Bald saß man in der kühlen Stube des ländlichen Wirtshauses. Das Bier war vortrefflich. Heute durfte man's schon wagen – die da drüben, bei dem »dummen« Bauern, saßen ja auch beim Bier, sub auspiciis Professorum . Dieses Räuber- und Gendarmspielen, dieses Wannenspringen und andre Lustbarkeiten, welche die da drüben auf der großen Kuhweide anstellten, waren doch eigentlich recht kindisch und albern, ungeziemend für Sekundaner! Da war es entschieden studentischer und männlicher, in der kühlen, stillen Stube des »goldenen Hechtes« zu sitzen und – etwas Kommers zu üben . . . Und doch – und doch sollte unsern Sieben ihre Secessio in montem sacrum (wie Lord Schwalbenschwanz ihre Abzweigung von der ganzen Klasse nannte) recht übel bekommen. Sie sollten wirklich etwas »vorab haben«. Als sie nämlich gegen sechs Uhr nachmittags von Erlenrode aufgebrochen waren, um sich den übrigen Mitschülern bei Mußmanns wieder anzuschließen (es war doch gar zu verlockend, dort ein wenig mit ihrer Secessio zu prahlen), hörten sie unterwegs ein lautes Hallo und Schreien hinter sich. Sie blickten sich um und gewahrten einen Haufen von Bauern, die mit Mistgabeln, Dreschflegeln und andern landwirtschaftlichen Geräten bewaffnet waren. »Das kann doch unmöglich uns gelten!« sagte der Großmogul. »Lächerlich!« behauptete Tarquinius Superbus; »wir haben ja nichts getan, das diesen Bauernaufstand rechtfertigen könnte.« »Sicherer ist sicherer,« meinte der kleine Stolzenfels; »ich glaube, wir täten gut, aus strategischen Rücksichten retrograde Bewegungen zu machen.« »Nein, auf keinen Fall!« herrschte Tarquinius Superbus die Kameraden an; »wir sind es unsrer Ehre schuldig, hier Posto zu fassen, die biederen Landleute zu erwarten und sie zu fragen, was sie wünschen.« Diese Ansicht gab den Ausschlag. Man erwartete festen Fußes den anstürmenden Haufen. »Was wünschen . . .?« weiter kam Tarquinius Superbus nicht, als auch schon die Sieben von den aufgeregten Bauern umringt und angeschrieen waren. »Sie hätten in der Kirche gestohlen,« schrie ein junger Bauer mit fuchsrotem Vollbart. »Ja, vier silberne Leuchter und sonst noch was,« schimpfte ein alter Mann mit schnurrbartdicken weißen Augenbrauen und setzte Albrecht dem Weisen seine Mistgabel auf die Brust. »Die Tür von Sakristei und Kirche hätten sie offen gelassen und sich dadurch verraten,« setzte ein kleiner, schwarzhaariger, quittengelber Mann hämisch hinzu. »Im Tiergarten hätten sie das gestohlene Gut vergraben – man hätte sie wohl durch die Büsche streichen sehen,« donnerte ein baumlanger Bauer sie an und schwang drohend seinen Dreschflegel über den Häuptern der Sieben. Und im »goldenen Hecht« hätten sie ihre Räuberlieder gesungen, versicherte ein Kerlchen mit einem Buckel; ja, auf der Straße hätten die Leute es deutlich gehört, wie sie drinnen in der Stube gesungen: »Ein freies Leben führen wir, Ein Leben voll der Wonne! Der Wald ist unser Nachtquartier –« und was das denn anders sei als ein Räuberlied! »Mit dem freien Leben,« schrie ein blaubekittelter Mann mit semmelblonden Haaren und zahllosen Sommersprossen im bartlosen Gesicht, mit dem freien Leben sei es fürs erste vorbei; arretiert, gefangen seien sie, sie müßten sofort mit nach Erlenrode zurück, vor den Bürgermeister, und von da nach der Amtsstadt, wo ihnen die gebührende Strafe blühen würde. Was half's, daß unsre Sieben protestierten und sich wehrten, daß sie ihre ganze Würde und Hoheit ausspielten? Sie wurden von der rohen Gewalt in die Mitte genommen und zurück nach Erlenrode eskortiert. Das ganze Dorf war auf den Beinen, als die »Kirchenräuber« eintrafen. Mütter hoben ihre Kinder empor, um ihnen die »bösen Menschen« zu zeigen. »Pfui, pfui!« rief ihnen ein altes Frauchen zu und schüttelte über die Verderbtheit der jungen Leute ihr greises Haupt. Hunde hefteten sich an ihre Fersen und verfolgten sie mit wütendem Gekläff. Bursche des Dorfes bedrohten sie mit geballten Fäusten, Mägdlein des Dorfes verhüllten ihr Gesicht – bis an die Augen – scheu mit der Schürze, als diese jungen Kirchenräuber bestaubt, zerzaust vorübergeführt wurden. Der Bürgermeister Hornnickel sei noch nicht da, hieß es; er sei auf dem Felde, doch werde er in einer halben Stunde zurück sein. »Ins Spritzenhaus mit den Verbrechern!« kommandierte eine brüllende Stimme – man wußte nicht, woher sie kam. Wenige Augenblicke später öffneten sich die Flügeltüren des Spritzenhauses vor den Sieben; sie wurden mit Droh- und Schimpfworten hineingestoßen; dann schlossen sich die Türen wieder, ein Schlüssel knarrte einmal, zweimal im Schlosse – und die Sieben sahen sich zwischen rostigen Brandspritzen allein in dem dämmerigen Raum. Gott sei Dank, allein! Jedwede Großhansigkeit war ihnen bei der Behandlung, die ihnen zu teil geworden, bei dem Verdachte, der auf ihnen lastete, entschwunden. Wie, wenn sie diese Nacht im Spritzenhause bleiben mußten? Wenn sie heute abend nicht nach Hause, morgen früh nicht nach der Schule kamen? Was sollten die Eltern, was die Lehrer denken? Man würde ein Unglück vermuten, Boten würden ausgesandt werden, die Zeitungen würden sich der Sache bemächtigen: Rätselhaftes Verschwinden von sieben jungen Leuten u. s. w. Fatale Geschichten! Diese und andre Gedanken tauschten die Sieben ziemlich kleinlaut untereinander aus. Uebrigens wäre der Aufenthalt im Spritzenhause gar nicht so übel gewesen – besser als der Transport nach Erlenrode und durch das Dorf –, wenn nicht fortwährend die Dorfjungen an den vergitterten Fenstern emporgeklettert wären, um »die Kirchenspitzbuben« anzugaffen. Dieses ging übrigens nicht so einfach, denn die Fenster lagen hoch und jeder der Dorfjungen wollte die Inhaftierten zuerst sehen. Einer stellte sich auf den gekrümmten Rücken des andern, und wenn der eine eben seine schmutzige Stumpfnase an das Gitter gedrückt hatte, dann riß ihn ein dritter herunter, weil er selbst an die Reihe kommen wollte. Zuletzt entwickelte sich unter den Schaulustigen eine regelrechte Keilerei, die ob des damit verbundenen Geheules für die da drinnen widerlich anzuhören war. Endlich knarrte wiederum der Schlüssel im Türschloß: ein Mann mit »schnurrigbärt'ger Miene« und einer Polizeimütze auf dem dicken Haupte erschien und stieß barsch nur die zwei Worte hervor: »Zum Bürgermeister!« Der strenge Herrscher des Dorfes war vom Felde gerufen worden, wo er Kohl gepflanzt hatte. Daher die Verzögerung. Zur Feier des Tages – oder vielmehr des Abends – hatte er sich die erdigen Hände gewaschen und sich in seinen altväterlichen schwarzen Tuchrock geworfen; nun konnte das wichtige Amt des Untersuchungsrichters beginnen. Lange dauerte das Verhör, und obgleich die Sieben wiederholt ihre Unschuld beteuerten, erklärte der Gestrenge mit der erbarmungslosen Miene eines Alba, die Frevler müßten nach dem Amtsgericht in Rumpolzhausen geschafft werden. Die Beweise seien gravierend: »Der Küster Hasenkämper hat Sie von seinem Hause aus beobachtet, wie Sie in die Kirche gingen; Ihr langes Verweilen daselbst ist ihm aufgefallen; er hat endlich gesehen, wie Sie ziemlich eilfertig die Kirche verließen und sich nach dem Tiergarten wandten. Anfangs hat er zwar noch keinen Verdacht gehabt; als er aber nach einer halben Stunde, seiner inneren Unruhe nachgebend, die Kirche betrat, fand er die Sakristeitür offen stehend – fand er einen Schrank in der Sakristei selbst geöffnet; dann gewahrte er zu seinem Entsetzen, daß mehrere kostbare Geräte fehlten. Von der Kirche sind Sie nach dem Tiergarten gegangen, offenbar um dort die Beute zu vergraben. Im Tiergarten haben Sie die Hunde, die auf Ihrer Fährte waren, mit Erdklumpen verscheucht. Wo haben Sie diese Erdklumpen hergenommen, he? Entschieden aus der Grube, die Sie zur Aufnahme der Schätze wählten! Im ›goldenen Hecht‹ haben Sie, froh des gelungenen Raubes, ein Gelage gefeiert. Die Wirtin, eine über allen Zweifel erhabene Person, hat wiederholt gehört, wie Sie sich bei Ihren Gaunernamen angeredet haben: Großmogul, Spiritus, Stolzenfels, Junker Eitel u. s. w. So heißen keine ehrlichen Christenmenschen! Und dann die schändlichen Räuberlieder, die Sie gebrüllt haben – man hat es bis auf die Straße gehört. Schneider Finkenbrink und Schuhmacher Brahmeier sind Zeugen, ›Ein freies Leben führen wir, ein Leben voll der Wonne‹ – ist doch kein Kirchenlied! Und aus einem Liede wie dieses: ›Steh' ich in finstrer Mitternacht so einsam auf der stillen Wacht‹ – kann man mit Händen den Helfershelfer der Spitzbuben greifen, der Schmiere steht, wie man das so nennt, während seine Kollegen den Einbruch verüben. Kurzum, die Beweise sind derart, daß ich es vor meiner hohen Behörde nicht verantworten kann, wenn ich Ihnen das Amtsgericht zu Rumpolzhausen erspare.« Das Schicksal der Sieben war besiegelt. Auf einem rüttelnden, schüttelnden Leiterwagen wurden sie durch sieben handfeste Männer zu dem eine Stunde von Erlenrode gelegenen Sitze des Amtsgerichtes geschafft. Bei dieser Fahrt auf dem Leiterwagen in dämmeriger Abendstunde überkam die Sieben eine gelinde Verzweiflung; aller Humor war ihnen ausgegangen und in dumpfem Hinbrüten saßen sie neben ihren tyrannischen Wächtern, welche ihnen aus kurzen Pfeifen den Dampf eines ganz greulichen Tabaks um die Nase jagten. Endlich langte das Fuhrwerk im Amtsstädtchen an. Das Gerücht von der Einlieferung einer »Bande Kirchenräuber« hatte sich bereits – der Himmel weiß, wie – in Rumpolzhausen verbreitet. Daher war die Menschenmenge auf den Straßen keine geringe, nur daß sie aus Furcht, unter die Räder des Leiterwagens zu geraten, nicht so dicht heran drängte wie in Erlenrode. Aber dafür hagelten desto dichter die Schimpfwörter auf die Häupter der armen Sieben. Alle Fenster waren geöffnet, alle Zimmer dahinter erleuchtet, und in allen Fenstern lagen Leute, welche der Einlieferung der jungen Verbrecher zuschauten. Nachdem der Leiterwagen lange auf dem holperigen Pflaster von Rumpolzhausen hin und her geschwankt war, wie ein lavierendes Schiff inmitten der Wogenberge, hielt er vor dem Gefängnisse, das den klassischen Namen »Zum Pittermann« führte. (Im Pittermann zu sitzen, war den Rumpolzhäusern der Gipfel der Schmach!) In dem düsteren Gebäude war bereits alles zur Aufnahme der Verbrecher bereit. Dieses »alles« war freilich nur ein Strohlager auf den Dielen und ein Krug Wasser. Aber für den Augenblick war es den armen Sieben ein und alles, da sich ihre gerüttelten, geschüttelten Glieder nach Ruhe sehnten, ihre trockene Kehle nach einem frischen Schluck verlangte. Also tranken sie und streckten sich dann schweigend auf das primitive Lager; hier suchten sie bei dem bekannten Tröster aller Unglücklichen, dem Schlafe, Trost. Es mochte gegen die zehnte Abendstunde sein, als plötzlich die Tür des Arrestlokals geöffnet wurde, der Lichtschein einer Laterne hineinfiel und eine Stimme sagte: »Meine jungen Herren, Sie möchten ins Amtsgebäude kommen, der Herr Amtsrichter wünscht Sie heute abend noch zu sprechen, da eine günstige Wendung in Ihrer Angelegenheit eingetreten ist.« Jauchzend sprangen die Sieben von ihrem Strohlager auf, der plötzliche Wechsel vom tiefsten Leid zur höchsten Freude machte sie förmlich wild; sie sanken sich einander in die Arme, weinten und lachten zu gleicher Zeit. Dann folgten sie dem Polizeidiener, der sie in das Bureau des Herrn Amtsrichters führte. Neben dem Amtsrichter, einem würdigen Herrn im mittleren Lebensalter, saß ein alter silberhaariger Pfarrer, dessen Gesicht von Gutmütigkeit und Jovialität glänzte. »Meine jungen Herren,« sagte der Amtsrichter freundlich, »Ihre Angelegenheit hat sich völlig aufgeklärt, jedweder Verdacht ist von Ihnen genommen. Schon Ihre Namen – ich meine Ihre elterlichen Namen, nicht Ihre burschikosen Spitznamen – geben mir Bürgschaft, daß Sie des Verbrechens, dessen man Sie beschuldigt, nicht fähig sind; ich kenne die Eltern von Ihnen allen seit langen Jahren, stehe sogar mit den meisten in freundschaftlichem Verkehr. Dieser Herr hier ist der Pfarrer von Erlenrode. Da derselbe heute nachmittag eine unerwartete Dienstreise antreten mußte, so begab sich Hochwürden vorher noch schnell in die Erlenroder Kirche, beziehungsweise die Sakristei, und brachte einige wertvolle Gegenstände behufs größerer Sicherheit in seine Wohnung. Da es in Eile geschah, so ließ Hochwürden unglücklicherweise sowohl die Tür des Schrankes als die der Sakristei offen stehen. Es muß kurz vor oder nach Ihrem Besuche der Kirche gewesen sein. Der Küster hat von dem Gange seines Vorgesetzten nach der Kirche nichts gewußt. Als er nun später die beiden Türen offen fand und die wertvollen Gegenstände vermißte, machte er im Dorfe Alarm, das heißt zuvor begab er sich auf das Feld hinaus, den Bürgermeister von Erlenrode zu benachrichtigen. Dadurch gewannen Sie Zeit, Ihren Kommers zu feiern, bei dem Sie Ihre vermeintlichen Räuberlieder sangen. Was wissen unsre guten Erlenroder auch von Schiller und Eichendorff? Was folgte, wissen Sie. Ich traf den Herrn Pfarrer von Erlenrode auf einem kleinen Abstecher, den ich heute nach dem Flecken Meisenheim unternahm, und Hochwürden waren so freundlich, meine Einladung nach Rumpolzhausen auf Abendessen und Nachtquartier anzunehmen. Sehen Sie, so hat sich alles aufs beste für Sie gefügt. Als wir vor einer halben Stunde hier eintrafen, wurde uns die Liste der eingelieferten Missetäter vorgelegt. Alles klärte sich auf. Sie sind frei! Ich habe bereits einen Wagen bestellt, der Sie nach Ihrer Stadt zurückfahren soll. Hoffentlich sind Sie noch vor Mitternacht da, was Ihren Eltern und Lehrern große Sorge ersparen würde. Und nun ziehen Sie eine Lehre aus dieser Geschichte, eine Lehre, die ihnen ein älterer, wohlmeinender Freund gibt! Halten Sie nächstens zu Ihrer Klasse, wenn Sie mal wieder einen Ausflug machen; streben Sie nicht, etwas vorab haben zu wollen, es sei denn in litteris ; glauben Sie nicht, daß Sie besser seien als andre; schließen Sie sich der Gemeinschaft, der Allgemeinheit an und seien Sie Ihren Mitschülern gute, aufrichtige, treue Kameraden!« Die Sieben fühlten, daß sie diese Standrede verdient hatten. Ziemlich kleinlaut ließen sie die Köpfe hängen, bis Tarquinius Superbus sich ein Herz faßte und dem Herrn Amtsrichter und Seiner Hochwürden in wohlgesetzten Worten seinen und seiner Kameraden besten Dank für die Befreiung und alles Wohlwollen abstattete. Und dann rasselte draußen ein Wagen vor das Haus. Die Sieben kletterten in das Fuhrwerk (es war nicht der fürchterliche Leiterwagen, sondern ein leichtes Jagdgefährt) und sie fuhren mit erleichtertem Herzen und guten Vorsätzen der Stadt zu, wo sich die Stätte ihrer Bildung befand. Corvus Corax Sämtliche hundertfünfundsiebzig Schüler des Progymnasiums zu Winkelhausen kannten den »Corvus Corax«, das heißt den zahmen Raben des Sekundaners Arnold Hoppensack. Er, der Rabe, empfing Besuche, wie ein großer Herr. Die Sextaner, die Quintaner, die Quartaner, Tertianer und Sekundaner machten ihm der Reihe nach ihre Aufwartung und belegten ihn mit Ehrentiteln wie »kapitaler Kerl«, »famoser Junge«, »gediegener Bursche«, »ein Vogelgenie«, »ein würdiger Nachfolger der Raben Wodans« u. s. w. Besonders gutmütige Seelen brachten ihm auch ein Stückchen Rindfleisch mit, das Corvus Corax mit seinem starken, scharfen Schnabel so durchzubeißen verstand, als sei es mit einer Schere durchschnitten. »Schneidiger Kerl« hieß er dann. Und in der Tat verdiente Corvus Corax all diese Ehrentitel. Er war ein Prachtexemplar seiner Gattung: kohlschwarz das Gefieder, mit stahlblauem, violettem und grünem Schimmer; der Schnabel, glänzend schwarz, stark gewölbt, von oben allmählich heruntergebogen, an der Spitze gezahnt; die Augen schwarzbraun; die stämmigen, grob geschilderten Füße schwarz, die Krallen stark und scharf. Mit dieser Prachtgestalt verband er verschiedene Tugenden: er war sehr zahm, lief auf dem Hoppensackschen Hofe umher, folgte seinem jungen Herrn aufs Feld, wo er auf Mäuse lauerte und sich gegen Hunde und Katzen verteidigte. Die Krone aller Vorzüge aber war: Corvus Corax konnte sprechen! Ja, mit tiefer Baßstimme konnte er sprechen wie ein Mensch: jung aufgezogen, hatte er sich von Arnold Hoppensack dazu abrichten lassen. Sein Lehrmeister hatte ihm in deutlicher Aussprache und täglich vielfacher Wiederholung monatelang einige Wörter vorgesprochen. Welche Wonne für Arnold, als der Rabe sie endlich deutlich nachsprach! Wie lauteten aber die Worte, die der geduldige Lehrmeister gewählt hatte? Ja, er hatte sie gewählt, nach reiflicher Ueberlegung: da Corvus Corax viel von den Angriffen heimtückischer Katzen und täppischer Hunde zu leiden hatte, so wollte Arnold ihm eine Parole in den Mund, das heißt in den Schnabel legen, welche diese vierfüßigen Gegner einschüchtern mußte. »Wart, ich will dich kriegen!« das waren die Worte, die Arnold dem Vogel einpaukte, und welche dieser endlich deutlich nachsprach. War Corvus Corax in der Laune, seinen Besuchern, den Herren Sextanern, Quintanern, Quartanern, Tertianern und Sekundanern, die Worte entgegenzuschmettern: »Wart, ich will dich kriegen!« so durfte er gewiß sein, dafür den lautesten Applaus, die größte Bewunderung zu ernten. Also war der Rabe des Sekundaners Arnold Hoppensack der erklärte Liebling aller Schüler des Progymnasiums zu Winkelhausen, der Stolz seines Besitzers. Es lief sogar unter den Schülern das Gerücht um, daß der Obertertianer Calixtus Täppken, der im geheimen dichtete, den Corvus Corax »ganz famos« besungen habe; das Gedicht begänne mit dem altgermanischen Göttervater Wodan und seinen beiden Raben Hugin und Wunin, die ihm auf den Schultern säßen und ihm alles, was in der Welt geschähe, ins Ohr flüsterten; was im Gedicht dann käme, könne man nicht recht verstehen, aber Calixtus Täppken behauptete, das müsse so sein, da es eine Nebeldämmerung schildern solle; am Schlusse, wo Corvus Corax auftrete, sei es wieder ganz schön. So erzählten sich die Schüler untereinander, und manch einer hatte in seinem Ovid oder Cäsar zwischen den Seiten eine schwarze Feder liegen, die dem Gefieder des bewunderten und geliebten Raben entstammte. Man kann sich daher die allgemeine Bestürzung am Progymnasium zu Winkelhausen denken, als Arnold Hoppensack eines Morgens mit trauriger Miene verkündigte: »Mein Rabe ist mir entflohen!« »Was? entflohen? Corvus Corax? Er war doch so zahm!« klang es sprudelnd von einem Dutzend Lippen. »Ja, er war so zahm,« wiederholte Arnold, Wehmut in der Stimme, »Ich hätte es auch niemals gedacht, daß mir der Vogel entwischen würde. O, diese schnöde Untreue!« »Wie kam denn die Geschichte?« fragten verschiedene Stimmen. »O, er flog auf den dürren Apfelbaum, welcher in unserm Hofe steht. Das hatte er freilich schon öfters getan; aber diesmal war die Scheune des Nachbars abgebrochen und man konnte den Schmalohrwald sehen: Corvus Corax reckte den Hals, ein Gedanke von Freiheit mochte sein Hirn durchzucken, und wutsch! war er weg.« »Tröste dich, Arnold, dann suchen wir ihn alle im Schmalohrwald; vielleicht kriegst du ihn wieder.« Am nächsten freien Nachmittag zog fast das ganze Winkelhausener Progymnasium in den Wald, um den Raben zu suchen, zu locken. Vor dem Lärm stoben die Krähen nach allen Himmelsrichtungen auseinander, aber Corvus Corax war nicht darunter. An einem nächsten freien Nachmittage durchstreifte man einen andern Wald. Vergebens. Der Förster beschwerte sich beim Herrn Gymnasialdirektor über den Spektakel, den die Jungen vollführten; es sei die reine Treibjagd, und sämtliche Hasen seines Herrn Grafen seien ausgerissen auf Nimmerwiedersehen. Da wurden die Waldpartieen vom Herrn Direktor verboten. »Ein zahmer Rabe entflogen! Dem Wiederbringer eine gute Belohnung. Näheres in der Expedition dieses Blattes,« So las man am folgenden Tage in dem dreimal wöchentlich erscheinenden »Winkelhausener Volksblatt«, Organ für Wahrheit, Freiheit und Recht. Aber obgleich die Annonce auf dem Kopf stand, um mehr Aufsehen zu erregen, so war ihr Erfolg gleich Null. Der große Dichter Calixtus Täppken dichtete eine »Elegie auf einen entflohenen Raben«, und Arnold Hoppensack ging in trüber Stimmung einher und sagte mit Salomo, alles in der Welt sei eitel. Wo war der entwischte Vogel geblieben? Corvus Corax hatte, vom Freiheitsdrang ergriffen – warum hatten ihm die Sextaner auch so oft vorgesungen: »Freiheit, die ich meine!« – seine erste Station wirklich im Schmalohrwalde genommen; noch am selben Tage aber hatte er seinen breiten Flügelschlag weiter gerichtet und in einem zwei Stunden entfernten Landhause, das wegen eines Prozesses leer stand, sein Standquartier aufgeschlagen. Sein gewöhnlicher Aufenthalt war ein offener Kamin, in welchem er mit Gemächlichkeit aus und ein flog. Die nahen Wälder, Felder und Wiesen boten Nahrung in Fülle, wie nur der verwöhnteste Rabenschnabel sie verlangen kann: Häschen, Waldhühner, Rebhühner, Mäuse, Maulwürfe, Käfer, Larven, Insekten, Regenwürmer, tote Fische, Frösche, Schnecken, junges Geflügel und als Dessert Vogeleier. Einmal hatte der Flüchtling, in dem Wipfel einer Eiche verborgen, einige Gymnasiasten locken und rufen hören: »Corvus Corax, wo bist du?« Er hatte es aber gemacht wie der Rabe in Webers Dreizehnlinden: »Doch der Rabe schloß die Augen, Wiegte seinen Kopf bedächtlich, Stellte breiter seine Füße, Kröpfte sich – und schwieg verächtlich.« Die Freiheit war doch süßer als die Bewunderung der Herren Sextaner und Quintaner, die vom Pedellen noch was mit der Rute auf die Finger kriegten. Und der Kamin war doch ein komfortableres Quartier als der alte muffige Holzkasten auf dem Hoppensackschen Hofe! Bald darauf wurde der Prozeß über das Eigentumsrecht des Landhauses entschieden, und der neue Besitzer, auf den die Redensart »mehr Glück als Verstand« vollkommen paßte, traf nun Anstalten, die notwendigen Ausbesserungen an der Villa vornehmen zu lassen. Da auch der Kamin, in welchem es unserm Corvus Corax so wohl gefiel, schadhaft war – wie die heruntergefallenen Backsteine bewiesen –, so schickte der neue Villenbesitzer einen Schornsteinfeger hinein, um ihn zu untersuchen. Dieser ließ prüfend seine aus dem schwarzen Ruß des Gesichts weiß hervorleuchtenden Augen hin und her rollen und stieg, ein Liedchen zwischen den Zähnen summend, in den oberirdischen Schacht hinauf; fast aber wäre er vor Schrecken heruntergepurzelt, als ihm plötzlich mit rauher Stimme die Worte ins Ohr gerufen wurden: »Wart, ich will dich kriegen!« Die Handwerksleute, welche die Dielen der Zimmer ausbesserten, hörten von Zeit zu Zeit denselben drohenden Ruf, und da man, allen Spürens ungeachtet, nicht entdecken konnte, woher er rührte, so hieß es bald, daß es in der »Lappenburg« – so wurde das Landhaus nach seinem ersten Besitzer Lappe in der Umgegend genannt – spuke. Selbstverständlich wurden zu der geheimnisvollen Stimme noch glühende Augen, klirrende Eisenketten, unsichtbare eiskalte Hände, jämmerliche Klagelaute, tanzende Lichter und dergleichen Zutaten von Gespenstergeschichten hinzugefabelt – und zuletzt wollte niemand mehr in der »verwunschenen Lappenburg« arbeiten. Dem Besitzer, der sich mächtig auf seine Villa gefreut hatte, war die Geschichte höchst fatal, und kurz darauf stand in dem dreimal wöchentlich erscheinenden »Winkelhausener Volksblatt«, dem »größten Blatte der Umgegend«, genau an derselben Stelle, wo einst die Raben-Annonce geprangt hatte, eine Bekanntmachung, welche demjenigen eine Belohnung von hundert Mark versprach, der den geheimnisvollen Eindringling ausfindig machen und vertreiben würde. Als der Sekundaner Arnold Hoppensack diese Anzeige las, wußte er sogleich, daß sein herumvagabundierender Corvus Corax der Übeltäter sei. Auch einige Mitschüler kamen gelaufen und sagten atemlos: »Das bist du!« – »Nein,« antwortete Arnold mit guter Laune, »ich bin es nicht, wohl aber mein Rabe.« Mit einem starken Sack versehen, um den Possenreißer darin unterzubringen, begab sich Arnold Hoppensack am andern Nachmittag, der glücklicherweise ein schulfreier war, nach dem verwunschenen Landhause. Als er dort mit Hilfe einer Leiter in den Kamin stieg – derselbe war nach Art alter Häuser recht weit –, wurde er mit demselben drohenden Rufe! »Wart ich will dich kriegen!« begrüßt. »Ja, ich glaube,« antwortete kaltblütig unser Freund, »ich werde dich zuerst kriegen, mein Junge!« Sobald der Rabe die Stimme seines jungen Herrn hörte, kam er, von alter Anhänglichkeit ergriffen, heruntergeflattert, einen Regen von Ruß mit sich führend, und es war Arnold ein Leichtes, ihn zu fassen und in den Orkus des Sackes zu versenken. Draußen warteten voll Spannung einige Mitschüler. »Hast du ihn?« schrieen sie ihrem Freund entgegen. – »Hat ihm schon!« erwiderte Arnold fröhlich, den zugedrehten Sack über der Schulter. Nunmehr stiefelte die Gesellschaft mit wahren Fortschrittsbeinen nach dem eine halbe Stunde entfernten Hofe des Landhausbesitzers. Die Mitschüler warteten wieder, treu wie eine Leibgarde, vor der Tür, während Arnold mit selbstbewußten Schritten eintrat. Der Hausherr war, wie oben angedeutet, ein etwas einfältiger Mann; aber er war doch gescheit genug, daß er die Frage stellte: »Ja, wie kann ich aber wissen, daß du die Ursache aller dieser Unruhen wirklich entdeckt und beseitigt hast?« »Bitte, stecken Sie die Hand in diesen Sack, wenn Sie mir nicht glauben,« antwortete der Sekundaner, indem er die Mündung seines leinenen Behälters ein wenig öffnete, ohne jedoch sehen zu lassen, was darin war. Der Hofbesitzer steckte seine Hand hinein, zog sie aber sogleich wieder zurück, als ihm die zornigen Worte: »Wart, ich will dich kriegen!« entgegenschallten. Froh, die Ursache so vieler Unruhen, so fatalen Geschwätzes los zu werden und den guten Ruf der Villa gerettet zu sehen, zahlte er sehr gern die ausgesetzte Belohnung. Arnold Hoppensack aber machte von den hundert Mark einen sehr edlen Gebrauch. Er übergab dieselben dem Herrn Direktor des Progymnasiums, damit dieser sie einem Fonds für arme, aber talentvolle Schüler, der an der Anstalt bestand, hinzufüge. Wenn Arnold auch selbst der Sohn reicher Eltern war, so hatte ihn seine glückliche Lage doch nicht verhärtet gegen das trübe Los ärmerer Mitmenschen. Corvus Corax wurde in Winkelhausen »und Umgegend« noch berühmter, als er schon gewesen. Allerdings wurden ihm die Flügel ein wenig beschnitten, damit er nicht wieder den Ausreißer und den Spukgeist spiele. Calixtus Täppken aber brachte die ganze Geschichte in schöne Verse, die nur hie und da einen Fuß zu viel hatten.   Friedrich der Weise Wohl jeder von uns reitet sein kleines Steckenpferd. Der Quartaner Felix Schröder jagt den bunten Schmetterlingen der Wiesen nach und fühlt seine Wonne darin, die aufgespannten Falter nach Familien und Arten seinem Sammelkasten einzureihen; der Tertianer Georg Bruns ist auf Briefmarken erpicht und erlebt eine glückliche Viertelstunde, wenn er mit irgend einem seltenen Stück endlich die klaffende Lücke seines Albums überkleben kann; der Sekundaner Heinrich Hagedorn würde Uhrmacher geworden sein, wenn er nicht nach seiner Eltern Wunsch studieren sollte: seine freien Stunden verbringt er mit Vorliebe bei einem ihm bekannten Uhrmacher, und seine höchste Freude ist es, wenn ihm dieser eine hundertjährige silberne »Rübe« zum Auseinandernehmen und Ineinandersetzen überläßt. Wir haben einen steinreichen Privatmann gekannt, welcher sein Dasein und seine Geldmittel fast ganz auf das Sammeln von alten Schuhen verwandte, für die er vom »kulturhistorischen Standpunkte« aus schwärmte. Ein andrer sammelte altes Porzellan, ein dritter hatte all sein Sinnen und Trachten schönen Meerschaumköpfen zugewandt, und so weiter in infinitum . Auch der Sekundaner Friedrich Schlüter, bei seinen Mitschülern »Friedrich der Weise« tituliert, hatte sein Steckenpferd und; wie wir anerkennen müssen, ein sehr hübsches: er übte die Blumengärtnerei in dem kleinen Hausgarten, welcher sich hinter der Wohnung seiner Eltern befindet. Friedrichs Mama hatte von diesem Gärtchen nur zwei Rabatten für ihre Küchenkräuter, als Petersilie, Sellerie, Kerbel, Majoran, Bohnenkraut und Thymian, mit Beschlag belegt; den übrigen Raum überließ sie ihrem Sohne Friedrich für seine Schneeglöckchen, Maiglöckchen, Rosen, Nelken, Balsaminen und Astern. Leute, welche Steckenpferde reiten, müssen sich leicht die Neckerei ihrer lieben Mitmenschen gefallen lassen. Also hatte auch Friedrich der Weise den Scherz seines älteren Bruders, des Oberprimaners Engelbert, zu ertragen, und er ertrug ihn als ein Weiser, das heißt mit Gelassenheit. »Friedrichs Garten,« sagte Engelbert z. B., »wird bald mit dem Jardin des Plantes der Pariser wetteifern. Man kann dabei auch an die Elysäischen Gefilde der alten Griechen denken. Wie wunderschön doch diese Beete abgezirkelt sind, gerade so, als wären sie nach einem alten Tonnenreifen abgestochen! Und dieses alte Regenschirmgestell mit den daran rankenden Feuerbohnen ist geradezu eine geniale Idee, auf welche jedes Patentbureau unzweifelhaft gern ein Patent verschaffen würde. Ich erblicke in unserm Friedrich schon den Regenerator der Gärten von Versailles und Kensington –« »Was jedenfalls interessanter wäre,« fiel Friedrich der Weise gelassen ein, »als sich mit deinen widerlichen Skeletten von Fröschen, Mäusen und Ratten zu befassen, die du so großartig deine ›anatomischen Präparate‹ nennst!« »Nur mit dem Unterschiede,« entgegnete Engelbert, »daß meine anatomischen Präparate wohlgelungen sind, während es deine Rosenzucht nur auf eine halb von Würmern zerfressene Rose und eine Knospe gebracht hat, die gar nicht aus der Knospe heraus will.« Friedrich der Weise hielt es für das beste, zu schweigen. – Eines seiner Beete hatte er mit einer Prise Blumensamen besäet, den ihm einst ein Gärtnerbursche als etwas ganz Rares verkaufte. Täglich wartete Friedrich auf das Aufgehen dieses Samens, wobei er gern die freundlichen Verse Goethes vor sich hin deklamierte: »Das Beet, schon lockert Sich's in die Höh', Da wanken Glöckchen So weiß wie Schnee; Safran entfaltet Gewaltige Glut, Smaragden keimt es Und keimt wie Blut.« Ja, endlich keimte es, aber was da keimte, erschien Friedrich so seltsam, daß er betroffen den Kopf schüttelte. Zwei, drei Tage harrte er ungeduldig; als aber die Entwickelung dieser seltsamen Keime gar nicht voranschreiten wollte, da hob er einen Keim vorsichtig aus der Erde und erkannte einen – Heringskopf. »Engelbert,« rief er, »das ist dein Werk!« Trotzdem glückte dem schalkhaften Primaner noch einmal sein Spaß, als er – nunmehr Heringsschwänze hervorkeimen ließ. Diese brüderlichen Neckereien ertrug der große Blumenliebhaber Friedrich mit Geduld und der ihm eigenen Weisheit; viel ärgerlicher war eine andre Geschichte, die ihm von drüben, vom Nachbargarten erblühte. »Friedrich,« rief es eines Tages über den Lattenzaun, »sieh mal, was ich hier habe!« Friedrich erhob sich von dem Nelkenbeete, auf welchem er die köstlich duftenden roten, weißen und fleischfarbigen Blüten an Stöckchen gebunden hatte und schritt nach dem Lattenzaun. »Ich habe mir ein Hühnerställchen angelegt,« sagte sein junger Nachbar und Mitschüler Laurenz Rabeling. »Ein schneeweißer Hahn und sechs weiße Hennen, ist das nicht nett? Und legen tun die Hennen – ich sag' dir, Friedrich, seit gestern hab' ich fünf Eier aus dem Neste geholt. Das bringt was andres ein, als deine Blumenzucht; aber schließlich hält jeder sein Steckenpferd für das beste.« »Das ist alles gut und wohl,« erwiderte Friedrich der Weise; »aber ich möchte dich bitten, deine Hühner für die Sommerzeit nett eingeschlossen zu halten, sonst kriechen sie durch den Zaun und zerkratzen mir meine Beete.« Mit Entsetzen dachte Friedrich daran, daß in dem alten niederdeutschen Tier-Epos von Reineke dem Vos die Henne »Frau Kratzefuß« genannt wird. Schon sah er im Geiste die sechs Weißen seines Nachbars auf seinen Blumenbeeten kratzen, und in der nächsten Nacht erblickte er im Traum die weißen Hennen mit Kratzefüßen bewaffnet, so groß und fürchterlich wie Orang-Utanghände. Höchst verdrießlich wachte er auf und trat ans Fenster, das nach dem Garten schaute. Noch ging alles gut, kein Huhn war zu sehen. Aber an einem der nächsten Morgen sollte er ein Trifolium von weißen Hennen auf seinem Asternbeete erblicken. Wütend rannte er in den Garten und verscheuchte durch ein Bombardement mit Kartoffeln und Rüben, die gerade zur Hand lagen, die frechen Eindringlinge und Kratzefüße. »Laß doch den alten Zaun dicht machen!« schrie er dem jungen Herrn der Hühner gereizt zu. »Es ist euer Zaun, und wenn du deine dummen Tiere frei herumlaufen lassen willst, so hast du auch für eine ordentliche Absperrung zu sorgen, das ist deine Pflicht.« Der Herr der Hühner, Laurenz Rabeling, lachte, ja lachte dem Herrn der Blumen ins Gesicht (was durchaus nicht nett war) und schrie zurück: »Ja, ja!« Aber ein »Nein, nein!« wäre aufrichtiger gewesen; der Zaun wurde nämlich nicht gemacht, und Rabelings Hühner fuhren fort, in Friedrichs Gärtchen wirklich unliebsame Verwüstungen anzurichten. Es war eines Abends, und Friedrich maß mit großen Schritten, aus denen seine Erregung sprach, die Dielen seiner Bude. Er sagte einen Monolog, gleich Schillers Tell, vor sich hin: »Des Zaunes hohle Gasse ist die Pforte, Wodurch Verwüstung schleichet in mein Reich, Mein kleines Reich von Rosen, Lilien, Nelken. Ich lebte still und harmlos mit des Feldes Lilien Und fand mein Glück in ihrem Wachsen, Blühn; Des Taues Tropfen in dem Kelch der Rose, Er schien mir köstlicher als Diamant, Der in der Krone funkelt eines Kaisers. Da hat mir Drachengift ins Herz gegossen Der Nachbar, der die Schar der Hühner Nicht in Gesetzes Schranken weiß zu halten. Wie rett' ich mich vor ihm, wie helf' ich mir?« »He, du sprichst ja in Versen!« rief in diesem Augenblick höchst naseweis Friedrichs jüngster Bruder, der Sextaner Arthur, der die Bude mit ihm teilte. »Ja, Arthur,« antwortete Friedrich mit einer Stimme, aus der die Erregung zitterte, »ich sinne über ein Mittel nach, durch welches ich die bösen Hühner aus meinem Garten vertreiben kann. Wenn mir das tragische Empfinden meiner Seele Verse in den Mund gelegt hat, ich weiß es nicht. Ein Mittel, ein Mittel, ein Königreich für ein Mittel! Laurenz muß den Zaun machen lassen, es ist sein Zaun, und ich bestehe auf meinem Recht. Einen Prozeß darf ich nicht anfangen, dazu bin ich zu jung, und die Eltern würden es nicht leiden. Aber ein andres Mittel, wo find' ich es?« Sinnend durchmaß er die Stube. Plötzlich rief er: »Heureka! Ich hab's gefunden! Arthur, geh mal zum nächsten Krämer und hol ein Dutzend Eier!« Der Sextaner Arthur zog die Stirn über der Nase kraus und plärrte: »Das mag ich nicht tun! Es ist ein Elend, der Jüngste in der Familie zu sein. Mama schickt mich mit der Oelkanne los; ich krieg' die alten Röcke und Hosen, die ihr abgelegt habt; in alle Läden muß ich laufen, oft mit Körben und Strohtaschen, und die Jungens lachen mich aus.« »Komm, Bruderherz,« sagte Friedrich der Weise schmeichelnd, »tu mir den Gefallen. Du kannst ja deine grüne Botanisiertrommel umhängen, dann sieht die Sache ja ganz anständig aus.« Dieser Vorschlag leuchtete dem Sextaner ein und er verstand sich dazu, ein Dutzend Eier von dem nächsten Krämer zu holen. Ein Stück Gerstenzucker, das ihm der gutmütige Verkäufer hatte zugeben wollen, wies Arthur entrüstet zurück. »Sieh, so was muß man sich gefallen lassen!« rief er seinem Bruder entgegen, als er mit den Eiern zurückkehrte. »Ich, ein Sextaner des königlichen Gymnasiums, und Gerstenzucker! Es ist einfach empörend. Wenn das die Sexta erführe!« Friedrich der Weise beruhigte den Kleinen und versprach ihm, auch treu seine lateinischen Exerzitien nachzusehen, wenn er ihm noch einen Gefallen tun wolle. »Trag diese vier Eier zu Laurenz Rabeling hinüber,« sagte er, »und bestell ihm, daß seine Hühner diese Eier in den Buchsbaum meines Gartens verlegt hätten.« Arthur ließ sich willig finden, in Aussicht auf die Hilfe bei den lateinischen Exerzitien. Am zweiten Tage mußte derselbe kleine Bote drei Eier hinübertragen, mit derselben Bestellung; am dritten Tage zwei Eier und am vierten Tag den Rest von drei Eiern. Am fünften Tage hatte Friedrich der Weise nicht nötig, neue Eier zu kaufen und zum Nachbar hinüberzuschicken, denn er sah, wie Laurenz Rabeling durch einen Zimmermann den Zaun so dicht machen ließ, daß keines seiner Hühner mehr ein Ei verlegen könne. Friedrich der Weise rieb sich die Hände und sprach vergnügt zu sich selber: »Nein, kein Huhn wird mehr ein Ei verlegen, keines wird aber auch mehr in meinen Blumengarten schlüpfen und mir die Beete zerkratzen. So ist also der Zaun durch meinen überaus klugen Einfall ohne Klage, ohne Prozeß, ohne Gift und Mord hergestellt und kostet nur ein Dutzend Eier, die der Spaß reichlich wert ist. Aber sonderbar, daß ich diesen Monolog nicht in Versen spreche, wie damals in meinem Ingrimm?« Bevor er sich noch Rechenschaft ablegen konnte, woher das komme, rief die helle Stimme des Sextaners aus dem Fenster: »Friedrich, bitte, sieh mir mein lateinisches Exerzitium nach!« »Ich komme,« rief Friedrich der Weise zurück, entschlossen, seinen Vertrag treu zu halten.   Der Schein trügt Wirklich, eine sehr gemütliche Bude war es, die unser Mitschüler, der Sekundaner Ludolfus Leimers, bewohnte! Wir nannten sie nicht anders als das »Zelt der Samojeden«, da sie, eine Dachstube, an zwei Seiten, oben, abgeschrägt war und dadurch eine zeltartige Decke hatte. Warum aber gerade die Samojeden ihren Namen für dieses Bauwerk hergegeben hatten, das ist für mich mit dem Dunkel des Orkus verhüllt. Niemand von uns konnte sich einer näheren Bekanntschaft mit den Samojeden rühmen, wir wußten höchstens, daß sie »da oben herum« ein Nomadenleben führten; gewiß kannte auch niemand von uns die Bauart ihrer Zelte, ob dieselben rund, viereckig, bienenkorbartig, spitz oder platt seien – und doch war der Name da, so daß ich zu seiner Erklärung nur das Wort des Dichters citieren kann: »Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort!« Des Ludolfi Leimers »Zelt der Samojeden« hatte zwei helle Fenster, die auf Gärten und Hintergebäude hinausgingen – sehr malerisch; es besaß ein dreibeiniges eisernes Oefchen, das in Wintertagen mit seiner Kohlenglut im Leibe schnurrte wie ein fern dahinrollender Eisenbahnzug; es war beklebt mit einer Tapete, welche auf grauem Grunde blaue Rosen so groß wie Kohlköpfe und braune Blätter so groß wie Männerfüße zeigte; es hatte ein altes schwarzes Damastsofa, dessen durcheinander geratene Sprungfedern beim Niedersitzen eine energische Harfenmusik anstimmten; es war geschmückt mit alten schwarzgerahmten Kupferstichen, Scenen aus der französischen Revolution darstellend, bei deren Anblick man sich jedesmal freute, daß man den Kopf noch auf den Schultern hatte; es war – – aber was soll ich seine ferneren Reize und Vorzüge des langen und breiten aufzählen, da in ihnen doch nicht der Begriff der »Gemütlichkeit« steckt? Dieser lag wo anders: wenn an freien Nachmittagen draußen ein Wetter herrschte, daß man keinen Hund vor die Haustür jagen mochte, wenn der Regen in dichten schweren Tropfen gegen die Scheiben klatschte, die Wipfel der Bäume in den Gärten hin und her schwankten und der Wind im Schornstein heulte und unter den Dachziegeln pfiff, wenn wir dann unser sechs oder acht, Mitschüler und Freunde des Ludolfi Leimers, um den großen runden Tisch inmitten des Zeltes der Samojeden saßen und uns was erzählten oder vorlasen, oder ein Bilderwerk besahen, seht! dann war die Bude urgemütlich. Oder wenn an dämmerigen Winterabenden die Erde weit und breit verschneit lag, die Sterne am Himmel glitzerten und flimmerten und eine »hundekalte« Nacht versprachen, wenn im dreibeinigen Oefchen die Kohlen knisterten und pufften und die Flammen, vom Luftzug emporgezogen, im Ofenrohr ihre Musik machten, wenn die Petroleumlampe auf dem runden Tisch ihre »gesellige Flamme« leuchten ließ und von der Ofenplatte her der Duft bratender Aepfel die Bude lieblich durchwürzte, wenn wir dann rund um den Tisch saßen und z. B. die Nordpolfahrt des tapfern, edlen Kane vorlasen, dann, ja dann war die Bude urgemütlich! Ich meine sie noch vor mir zu sehen, die guten Kameraden und Jugendgenossen, wie sie, lauschend den Schrecknissen und Wundern der Polarwelt, entweder träumerisch in die Flamme der Lampe starrten, oder ihre Blicke der roten Glut zuwandten, die aus der unteren Oeffnung des Oefchens leuchtete und ein phantastisches Spiel von roten Lichtern auf die Dielen und Wände der Bude warf. Da ist als Hauptperson unser Ludolfus Leimers, ein hochgeschossener Jüngling mit langem Blondhaar, blauen Augen und frischrosiger Gesichtsfarbe – ein echter Teutone! Er hat etwas Schwärmerisches im Blick – und wirklich, Ludolf schwärmt! Er schwärmt für Entdeckungsreisen, ist fest entschlossen, nach Absolvierung des Gymnasiums ein Entdeckungsreisender zu werden, natürlich ein berühmter, bereitet sich in jeder Weise durch Abhärtung, Fußwanderungen, Studium der Botanik und Zoologie u. s. w. für seinen künftigen Beruf vor und ist nur noch nicht mit sich einig, ob er nach dem Nordpol oder dem Feuerlande, nach dem Innern von Afrika oder nach irgend einer unbewohnten Insel des Ozeans gehen soll. Wenn man davon absieht, daß Ludolfus durch seine Schwärmerei bisweilen etwas »langstielig« werden kann, so ist er ein ganz lieber, guter, netter Kerl. Da ist als zweite Respektsperson »Heraklit der Dunkle« – selbstverständlich ist dies nur ein Spitzname, in Wirklichkeit heißt unser Kamerad Albert Corvey; den Namen des Dunklen führt er aus verschiedenen Gründen: von seinem schwarzen Haupthaar, seinen schwarzen Augen, seiner gebräunten Gesichtsfarbe, und vor allem von seinem ernsten, zurückhaltenden Wesen. Albert Corvey ist kein lustiger Kamerad, aber ein anziehender; man spürt in seiner Gesellschaft stets den Reiz, dieses ernste, zurückhaltende Wesen zu ergründen. Und dann ist Heraklit der Dunkle auch ein tüchtiger Junge: er gehört zu den Besten der Sekunda und wir zahlen ihm deshalb gern den Zoll unsrer Hochachtung. Was ihn aber für uns am interessantesten macht, das ist sein Sammeleifer, ja seine »Wut«, alles zu sammeln, was einem Jüngling erreichbar ist: Schmetterlinge, Käfer, Pflanzen, Steine, Münzen, Briefmarken, Siegel, Autographen, Altertümchen und wer weiß was alles; und von all diesen Dingen hat Heraklit der Dunkle die besten Kenntnisse, und hat man ihn einmal zum Sprechen gebracht, so weiß er so anziehend zu erzählen, so belebt und geistreich seine schwarzen Augen rollen zu lassen, daß man wie unter einem Zauberbanne steht. Er scheut kein Opfer, um seine Sammlungen täglich zu vergrößern; er versagt sich auf einem Ausfluge ein Glas Bier, wenn er für den Groschen einen alten verschimmelten Heller eintauschen kann, den ein Bauer beim Pflügen gefunden hat. Selbstredend huldigen auch wir andern diesem oder jenem Sammelsport, der eine in Schmetterlingen, der andere in Briefmarken, der dritte in Münzen, und da wenden wir uns in zweifelhaften Fällen, wenn wir nicht wissen, »was das ist«, an unsern Heraklit den Dunklen, der dieselbe Weisheit besitzt wie jener griechische Philosoph, der ihm den Spitznamen gegeben. Ich will die andern Genossen unsrer Tafelrunde nicht näher schildern, da sie in meiner Erzählung mehr eine untergeordnete Rolle spielen. An einem Winterabend – draußen schwärmten die weißen Bienen in der Dunkelheit, drinnen im Zelte der Samojeden war es wohlig warm und hell – also an einem Winterabend zeigte uns Ludolfus Leimers, genannt Stanley II., einen zierlichen Kompaß, den er von seiner Uhrkette löste; er hatte ihn von einem Pariser Vetter geschickt bekommen, der den Entdeckungseifer seines Verwandten kannte und mit dem Geschenk eine scherzhafte Anspielung darauf machen wollte. Das Ding sei von echtem Golde und ebenso reizend als genau gearbeitet, bemerkte Stanley II.; so was bekäme man nur in Paris. Der Kompaß funkelte im Lichte der Lampe; kleine Goldkügelchen, so groß wie Hirsekörner, umgaben seinen Rand; auf der glatt polierten Rückseite war ein Schiff graviert, das durch den Ozean steuert; die obere Seite zeigte in schwarzen und roten Linien die Richtungen der Windrose und in Goldbuchstaben die vier Weltgegenden. Unterhalb der Magnetnadel stand eine Inschrift, aber so winzig klein, daß man sie mit bloßen Augen nicht entziffern konnte. Walter Rodewald zog eine Lupe aus der Westentasche und bat sich den Kompaß aus. »Es ist der Name einer französischen Firma, ich meine »Charles Parmentier« zu lesen,« sagte er. Fritze Kuhlmann, der ihm gegenüber saß, bat, den Kompaß besichtigen zu dürfen, und von ihm ging der nette, zierliche Gegenstand weiter, von Hand zu Hand. Seltsamerweise gelangte er nicht zu seinem Eigentümer zurück, er war plötzlich »verduftet«. Jeder versicherte, er habe ihn weiter gegeben. Wo war er denn? Selbstverständlich rief das eine lebhafte Unruhe in unserm Kreise hervor. Alle standen auf und suchten mit Sperberaugen auf und unter dem Tische, von einem Ende des Zeltes der Samojeden bis zum andern. Aber der Kompaß kam nicht zum Vorschein. Sein Eigentümer war inzwischen aufgeregt geworden – sein Gesicht näherte sich bedenklich der Röte eines gesottenen Krebses – und eine unangenehme Scene folgte. Ludolfus Leimers, genannt Stanley II., deutete ziemlich unverblümt an, daß jemand den Kompaß eingesteckt haben müsse, worauf sofort die meisten von uns ebenfalls krebsrote Gesichter kriegten und vorschlugen, wenn Leimers einen solchen Verdacht hege, so sollten alle Anwesenden die Taschen umkehren. Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, allerdings mit dem Vorbehalt, »daß uns so was noch niemals vorgekommen sei«. Wir setzten uns wieder und nahmen ein eiliges Auskramen unsrer Taschen vor. Bei jeder andern Gelegenheit wär' es »ein Ulk« gewesen, diese verschiedenartigen Dinge, die da zum Vorschein kamen, zu beaugenscheinigen (was in aller Welt tat z. B. der kleine Anton Piepers mit einer regelrechten Schnupftabaksdose?), aber unter den gemeldeten Umständen verzog sich keine Miene zum Lachen. Messer, Schlüssel, Streichholzdosen, Luntenfeuerzeuge, Taschentücher, Notizbücher u. s. w, kamen zum Vorschein, aber kein Kompaß. Zum Erstaunen aller weigerte sich Albert Corvey, vulgo Heraklit der Dunkle, ruhig, den Inhalt seiner Taschen auszukramen, »Aber es ist ja nur eine Form,« sagte der kleine Anton Piepers, der als Primus der Sekunda ein großes Ansehen unter uns genoß, »bitte, Heraklit, tue, was wir alle taten!« Heraklit der Dunkle wiederholte seine Weigerung, ruhig, aber noch bestimmter als vorher. Ein peinliches Stillschweigen folgte. Heraklit der Dunkle lehnte sich in seinen Stuhl zurück; er sah, trotz seiner Bronzefarbe, bleich aus, bleich und ärgerlich. Einige von uns lächelten bedeutsam, andre starrten ohne nur eine Miene zu verziehen, vor sich hin. Ludolfus Leimers, vulgo Stanley II., ließ sich von seiner Aufregung hinreißen: »Darf ich fragen, Corvey,« stieß er schroff hervor, »warum du nicht tun willst, was alle andern hier auf meiner Bude getan haben?« »Jawohl, Leimers,« lautete die kurze, nicht minder schroffe Antwort. »Du darfst fragen.« »Nun, warum willst du das Bewußte nicht tun?« »Weil ich einen ganz besonderen Grund dazu habe,« erwiderte Corvey, wobei er sich zwang, seine Stimme ruhig erscheinen zu lassen. »Und welchen Grund?« »Bedaure, ihn nicht nennen zu können,« entgegnete Corvey ruhig, aber mit einem unheimlichen Aufflammen seiner schwarzen Augen. »Weißt du,« sagte Leimers mit auffälliger Langsamkeit und Betonung, »daß deine Weigerung einen großen Flecken –« Wir verstanden alle, was Leimers sagen wollte, was er im Sinn hatte, aber indem wir vor dem Ungeheuerlichen zurückschraken, riefen wir warnend: »Leimers, Leimers, vergiß dich nicht!« Natürlich verstand auch Corvey, was Leimers im Sinne hatte – und auf unsre Warnung nicht völlig aussprach: »Was man von mir denkt, ist mir völlig gleichgültig,« antwortete Corvey kalt wie ein Gletscher, aber die Art und Weise, wie er mit den Fingern seiner Rechten seine Uhrkette zusammendrehte, verriet seine innere Erregung, »Einer muß meinen Kompaß genommen haben!« stieß Leimers hervor. »Ludolfus Leimers, sei ruhig, ich bitte dich, du hast zu solchen Anschuldigungen kein Recht!« mahnte der kleine Anton Piepers. Albert Corvey, welcher fahl wie Konzeptpapier geworden war, erhob sich von seinem Stuhl. »Ich bedaure, daß du eine solche Meinung von mir hegst, Leimers,« sagte er. »Ich nehme an, du hast sie in deiner Aufregung hervorgestoßen; aber wage nicht, sie zu wiederholen! Meine Faust ballt sich unwillkürlich und mein Arm ist stark, wie du vom Turnplatz her wissen wirst . . . Mein Verkehr mit dir ist hiermit abgebrochen.« Dann verließ er, ohne auch uns eines Grußes zu würdigen, das Zelt der Samojeden, ging die Treppe hinunter und machte die Haustür hinter sich zu. Seit diesem Abend erfuhr Heraklit der Dunkle eine deutliche Veränderung im Benehmen seiner Freunde. Wir hatten uns allerdings im Zelte der Samojeden das Wort gegeben, keine Silbe über das fatale Ereignis vor unsern übrigen Mitschülern verlauten zu lassen, und dieses Wort hielten wir unverbrüchlich; aber das hinderte nicht, daß Leimers Heraklit nicht mehr grüßte, sei es in der Klasse, sei es auf dem Nachhausewege; daß Felix Köster sofort an Heraklit einige Bücher zurückschickte, die er von ihm entliehen hatte; daß Walter Rodewald seine Spaziergänge einstellte, die er bisher an jedem freien Nachmittage in Heraklits Gesellschaft gemacht hatte. Gerhard Kronau äußerte zu mir, daß Corvey mit Recht »der Dunkle« heiße, denn sein Verhalten an jenem fatalen Abend sei wirklich ein dunkles, rätselhaftes, geheimnisvolles gewesen. Und ich? Ich schwieg und hing meinen eigenen Gedanken nach. Scheinbar machte sich Heraklit der Dunkle nichts daraus, daß er von seinen früheren Freunden in den Bann getan war; wenn er uns begegnete, legte er sein dunkles Haupt ein wenig in den Nacken und blickte mit seinen schwarzen Augen geradeaus, als ob wir Luft gewesen wären. Aus dem Umstand, daß der kleine Anton Piepers sich an jenem fatalen Abend seiner einigermaßen angenommen hatte, mochte Heraklit der Dunkle ein gewisses Vertrauen zu dem Kleinen schöpfen. Einmal, als sie sich in einer engen Gasse, die den ominösen Namen »Wankelgasse« führte, begegneten, blieb Heraklit stehen und sagte mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick, Kleiner! Ich möchte dich fragen, warum du mich in den letzten Tagen so beharrlich gemieden hast? Du hattest mir z. B. versprochen, meine amerikanischen Schmetterlinge zu besehen, die ich von meinem Onkel, dem Missionar in Brasilien, geschickt bekommen habe.« »Habe ich – dich – gemieden?« stammelte Anton Piepers verlegen. »O – durchaus nicht. Aber – aber –« »Aber, aber?« wiederholte der Dunkle, stieß ein kurzes, bitteres Gelächter aus und setzte seinen Weg fort. Anton Piepers erzählte uns das Begegnis und wie er dabei heiß wie ein Backofen geworden wäre. Leimers, Köster, Rodewald und die andern zuckten die Achseln. »Er soll sich rechtfertigen, wenn er kann,« sagte jemand schroff. Ich glaube, wäre Albert Corvey der Sohn vornehmer und reicher Eltern gewesen, so hätten sich seine früheren Freunde nicht so hart und schroff gegen ihn gezeigt; man hätte dem Verdacht nicht Raum gegeben; so aber war Albert einfach der Sohn eines unbemittelten Schmiedes und hatte nur sein ernstes, zurückhaltendes Wesen, seine schönen Augen, seine Kenntnisse zur Empfehlung; seine Kleidung war etwas fadenscheinig und durchaus nicht nach modernem Schnitt; der Rock glich einer halbverklungenen Sage, und das Beinkleid sah aus, als ob es über ein dickes Ofenrohr gespannt und so zusammengenäht sei – von elegantem Fall keine Spur. Folglich war der Verlust seiner Freundschaft, – wenn man will, seiner Bekanntschaft, nicht zu bedauern. Alle früheren Genossen aus dem Zelte der Samojeden dachten so – mit einer einzigen Ausnahme. Der Winter verfloß, es wurde Frühling, voller Frühling. Als ich an einem freien Nachmittage allein auf einem schmalen Waldweg dahinschlenderte, mit dem Anschauen einer Orchidee beschäftigt, die ich kurz vorher gepflückt hatte, stand ich, aufblickend, plötzlich vor Albert Corvey, »Sieh, guten Tag, Heraklit!« sagte ich. Heraklit, welcher, in die Betrachtung eines Käfers versenkt, mich nicht gesehen zu haben schien, schrak zusammen, blickte auf und fragte: »Ah, Tuck (dies war mein Spitzname), was sagtest du?« »Ich sagte nur guten Tag,« antwortete ich und blickte lachend in seine schwarzen Augen. »Da stiefeln,« fuhr ich fort, »zwei unsrer größten deutschen Naturforscher durch den Wald, der eine in die Betrachtung einer Blume, der andre in das Studium eines Käfers versenkt, bis sie gegeneinander prallen wie zwei Lokomotiven! O diese zerstreuten deutschen Gelehrten! Und dabei ist meine Betrachtung noch nutzlos gewesen: ich kann die Art nicht bestimmen. Sag du mir, Heraklit, dem alle Dinge kund sind, was ich hier für eine Orchis attrappiert habe!« »Das ist die Orchis fusca ,« erwiderte Heraklit der Dunkle. »Ich gratuliere zu diesem Fund, Tuck, denn Orchis fusca gehört zu den seltenen Arten, wenigstens in unsrer Gegend.« Darauf kamen wir in eine angenehme Unterhaltung über die Orchideen, wobei Heraklit der Dunkle so viel Anziehendes bezüglich dieser rätselhaften Blumen vorzubringen wußte, daß ich mit Entzücken lauschte und nur ab und zu ein Wort dazwischen warf, um die Unterhaltung in Fluß zu halten. Wir unterhielten uns den ganzen Rückweg, wir unterhielten uns in den Straßen der Stadt, bis wir vor der bescheidenen Wohnung des Dunklen standen. Heraklit hatte im Laufe des Gesprächs erwähnt, daß er einen Standort von Orchis militaris wisse, und da die Pflanze meinem Herbarium fehlte, so hatte ich ihn gebeten, mich hinzuführen, »Also bis zum nächsten freien Nachmittag,« sagte Heraklit, als wir uns vor seiner Wohnung verabschiedeten, »Ja wohl, bis Donnerstag Nachmittag,« antwortete ich. »Darf ich dich abholen?« »Wenn du willst,« erwiderte Heraklit, und ich glaubte zu bemerken, wie über seine bis dahin freundlichen Mienen ein düsterer Schatten flog. »Ich komme,« sagte ich, und dann schieden wir. Als Heraklit der Dunkle allein war, ärgerte er sich ohne Zweifel über seine Freundlichkeit, sein vieles Sprechen, seinen Spaziergang mit mir und sein Versprechen, diesen Spaziergang zu wiederholen. Ich stellte mir das vor und: »Ach was!« sprach ich zu mir selber, »ich werde doch hingehen!« Und ich ging hin, als der nächste freie Nachmittag gekommen war. Ich ging auf Heraklits Bude und holte den Dunklen ab. Und wir suchten und fanden den Standort von Orchis militaris , fanden auch das köstlich gelbe Narthecium , und unterhielten uns aufs beste. Meine Freunde, d. h. die vom Zelt der Samojeden, schalten mich »charakterlos«, als sie mich mit Heraklit verkehren sahen. Ich zuckte die Achseln und verweigerte jegliche Antwort. Heraklit und ich wiederholten von da ab unsre Ausflüge; wir sammelten Käfer, fingen Schmetterlinge, suchten Blumen, und ich hatte dabei Gelegenheit, das reiche Wissen Heraklits zu bewundern. Einmal saßen wir auf einem mächtigen Findlingsblock, der mitten in der purpurn blühenden Heide lagerte, Heraklit hatte mich auf die Schönheit der kleinen blauen Himmelfalter aufmerksam gemacht, hatte von der Güte und Weisheit des Schöpfers, die sich auch im Kleinsten sichtbar mache, gesprochen – und dann waren wir beide verstummt. Träumerisch starrten wir auf die scheinbar endlose Heide hinaus – wie echte Westfalen es zu tun lieben. »Corvey,« hub ich nach einer Weile an, »wir sind gute Freunde geworden. Dies gibt mir Mut, eine Frage an dich zu richten, die ich sonst nicht wagen würde.« »Und wie lautet diese Frage?« sagte Corvey und blickte zu mir – der ich niedriger saß, herab. »Du wirst es mir nicht übel nehmen?« fragte ich. »Nein, Tuck!« antwortete er. »Du kannst mir sagen, was du willst!« Seine dunklen Augen ruhten mit ungewohnter Freundlichkeit auf mir. »Corvey, ich möchte fragen, warum du unsre Bekannten – ich meine die vom Zelt der Samojeden – glauben läßt, nun, was sie von dir glauben.« »Ich bin,« sagte Corvey hart und bitter, wobei seine Augen wieder düster brannten, »für die Meinung meiner früheren Bekannten nicht verantwortlich. Außerdem mag das, was sie glauben, wahr sein.« »Nein, nie und nimmer!« stieß ich lebhaft hervor. »Wie kannst du das behaupten, Tuck?« fragte Corvey. »Ich bin von deiner Unschuld überzeugt, Heraklit,« antwortete ich; »ich habe keinen Augenblick den Glauben der andern geteilt. Du mußt das auch bemerkt haben: ich habe dich nach wie vor gegrüßt, ich habe mich bemüht, in deine Nähe zu kommen, dich anzusprechen – aber du – du bist mir aus dem Weg gegangen.« »Du kannst von meiner Unschuld keineswegs überzeugt sein,« entgegnete Heraklit, nunmehr ruhig, obgleich das Heidekrautzweiglein, das er zwischen den Fingern hielt, bebte; »alles spricht gegen mich. Warum willst du, du allein, für mich sein?« Dabei starrten seine dunklen Augen das Heidekräutchen an, »Warum?« erwiderte ich; »nun darum, weil ich dich kenne.« Da wandte mir Heraklit seine dunklen Augen wieder zu und sagte mit fast antiker Ruhe: »Dein Vertrauen, Tuck, freut mich; ich werde dir das nie vergessen – nie – – aber lassen wir diese unglückliche Geschichte ruhen. Gib mir dein Wort, daß du niemals wieder daran rühren willst!« Ich gab mein Wort. – – – Spät am Abend dieses Tages saß Albert Corvey auf seinem mit Sammlungen aller Art vollgestopften Dachstübchen und starrte mit seinen schwarzen Augen auf einen blinkenden Gegenstand, den er beim Licht einer kleinen Kuppellampe in der Handfläche hielt. Dieser Gegenstand war ein kleiner goldener Kompaß. – – – Am nächsten Sonntagmorgen war große Sensation unter den Genossen aus dem Zelt der Samojeden. »Weißt du schon, Tuck,« fragte mich stürmisch der kleine Anton Piepers, als wir aus der Kirche kamen, »daß Ludolfus Leimers seinen Kompaß wieder hat?« »Was du sagst!« erwiderte ich, wobei mir fast der Atem stockte, so betroffen war ich von dieser Wendung der Geschichte. »Da kommt Ludolfus Leimers selber,« sagte Piepers, »der kann dir das Nähere erzählen.« »Ludolf, erzähle!« stieß ich hastig hervor. »Ich habe den Kompaß wieder,« sagte Ludolf, »sieh her! er hängt wieder an meiner Uhrkette. Gestern Samstagnachmittag, war großes Reinemachen auf meiner Bude. Als die Magd das Sofa abbürsten will, findet sie den Kompaß, zwischen Sitz und Lehne eingeklemmt. Da sie nicht wußte, was für eine fatale Geschichte sich an das kleine Ding knüpfte, so händigte sie es mir, als ich von meinem Spaziergang zurückkehrte, mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein. Ich war ganz hin – mopperle perdutto , wie der Italiener sagt; ich glaube, ich habe an allen Gliedern gezittert. Der Kompaß muß damals, als wir ihn zur Besichtigung um den Tisch gehen ließen, auf das Sofa gefallen und auf dem glatten Damastbezug in die Falte zwischen Sitz und Lehne geglitscht sein. Wir haben dem armen Heraklit doch bitter unrecht getan. Natürlich fühle ich die tiefste Reue. Wenn ich nur wüßte, wie ich die Sache wieder gut machen soll.« Mittlerweile waren die andern, Rodewald, Kronau, Küster u. s. w. hinzugekommen. Sie zeigten sich sehr kleinlaut, da ihnen ihr Benehmen gegen Heraklit leid tat und sie nicht wußten, wie sie die Sache wieder ins reine bringen sollten. »Er wird uns nie verzeihen,« sagte Kronau. »Tuck muß die Sache arrangieren,« sagte endlich der kleine Piepers mit gewohnter Entschiedenheit. »Tuck ist der einzige, der auch nach dem fatalen Abend mit Heraklit verkehrte – wie ich jetzt wohl einsehe, weil er von seiner Unschuld überzeugt war. Wenn Tuck Heraklit bittet, recht inständig bittet, heute abend im Zelt der Samojeden zu erscheinen, so wird Heraklit es tun. Wir wollen ihm dann feierliche Abbitte leisten.« »Ja, das ist das beste – so geht es!« versicherten die andern. Ich versprach, mir alle Mühe geben zu wollen. Sogleich begab ich mich nach Heraklits Bude, wo ich den armen Verfemten heiter im Anblick seiner Schmetterlingssammlung traf, und richtete meinen Auftrag aus. Heraklit zeigte weder Freude noch irgend eine Erregtheit, daß der Kompaß wiedergefunden sei; er schimpfte auch kein Sterbenswörtlein auf seine früheren Freunde, daß sie ihn mit einem so schmählichen Verdachte belastet hätten, sondern sagte einfach zu, daß er heute abend Punkt acht Uhr im Zelt der Samojeden sein werde. Dann ging er sofort auf einen Apolloschmetterling über, dieses Kleinod der Alpen, dessen herrlichen Farbenschmuck – blutrote Augenflecke und schwarze Zeichnungen auf milchweißem Grunde – er lebhaft bewunderte. Der Tag erschien uns andern viel zu lang, obgleich es ein herrlicher Sonntag war. Schon weit vor acht Uhr abends waren wir im Zelt der Samojeden um den runden Tisch versammelt. Punkt acht Uhr trat Albert Corvey ein. Er grüßte mit einem stummen Kopfnicken, nahm Platz auf dem leeren Stuhle und durchflog mit seinen schwarzen Augen unsern Kreis. Mir allein nickte er freundlich zu: »Guten Abend, Tuck!« »Guten Abend, Heraklit!« antwortete ich, wobei ich mein Herz bis in die Kehle pochen fühlte. Ludolfus Leimers, genannt Stanley II., suchte nach Worten; die Zunge klebte an seinem Gaumen. Heraklit der Dunkle sah es. »Da Ludolfus Leimers,« sagte er mit klarer, lauter Stimme, »jetzt hoffentlich überzeugt ist, daß ich seinen Kompaß nicht gestohlen habe, so will ich erklären, weshalb ich mich damals weigerte, meine Taschen umzukehren. Ich besitze einen Kompaß, welcher dem des Ludolfus Leimers völlig gleich ist. Er muß von derselben Pariser Firma stammen – also Fabrikware –, ist aber in Berlin gekauft, von wo ich ihn von meiner Tante zu Weihnachten bekommen habe. An jenem Abend, der kurz nach Weihnachten fiel, hatte ich meinen Kompaß in der Tasche. Hätte ich die Tasche umgekehrt, so würde jeder von euch überzeugt gewesen sein, daß ich das Eigentum eines andern eingesteckt hätte. Es steht euch allen frei, meinen Kompaß mit demjenigen von Leimers zu vergleichen.« Damit legte er seinen Kompaß mitten auf den Tisch. Jeder zögerte, das Ding in die Hand zunehmen. Ich wußte, daß ich es tun durfte; mit einem unaussprechlichen Gefühl inneren Triumphes, den Freund gerechtfertigt zu sehen, bat ich mir von Leimers seinen Kompaß aus, um beide zu vergleichen. Sie glichen sich völlig – auch kein Pünktchen, worin sie von einander abgewichen wären; nur hatte der Kompaß von Leimers eine kleine Schramme auf dem hintern Deckel, die wohl durch das Tragen an der Uhrkette erzeugt war. Zuerst stummes Erstaunen, dann ein wirres Durcheinander erregter Stimmen, Entschuldigungen, Beteuerungen. Heraklit der Dunkle verhielt sich währenddessen völlig passiv. Als das Durcheinander der Stimmen sich beruhigt hatte, sagte er mit ruhiger, klarer Stimme: »Der Schein trügt!« Dann wandte er sich mir zu und unterhielt sich mit mir in ungezwungener, ja munterer Weise. Ich stand ihm – mit etwas erzwungenem Humor – Rede und Antwort. Allmählich wurde das Gespräch allgemein, und ich atmete innerlich erleichtert auf, als Heraklit der Dunkle auch an Leimers, Piepers, Rodewald, kurz an alle seine Fragen und Antworten richtete – als wäre nichts gewesen, als wäre nichts geschehen. Der Abend verlief ganz heiter, ganz wie in früherer Weise. Im Zelt der Samojeden war es einmal wieder urgemütlich, In der Folge wurde die Geschichte nie wieder berührt, Ludolfus Leimers nahm seinen Kompaß von der Uhrkette und legte ihn in den tiefsten Winkel seiner Kommode. Heraklit der Dunkle blieb uns ein guter Freund – mir der beste, und ich bin überzeugt, daß ich ihn als solchen mein Leben lang behalten werde.   Ein Ferienabenteuer Ferien – schönstes Wort im Sprachschatze der studierenden Jugend! Weihnachtsferien, Osterferien, Pfingstferien, o wonnevolle Zeiten! Die Krone aber tragen die Herbstferien, schon weil sie an vielen Schulen doppelt, dreifach, ja vierfach so lang sind, als die übrigen. Und dann der eigentümliche Zauber dieser Jahreszeit! Wenn die körnerschweren, reifen Garben auf hochbeladenen Erntewagen dem ländlichen Dache zuschwanken, wenn die ersten Wandervögel, von den kühlen Morgennebeln gescheucht, dem Süden zusteuern, wenn die Wanderspinne ihre silbernen Fäden über die Stoppeläcker zieht, wenn Apfel und Birne in den Baumkronen sich mit purpurnen und goldenen Farben schmücken und die Pflaume sich mit blauem Dufte pudert, wenn die Natur sich anschickt, in lange traumhafte Ruhe zu versinken: dann ist es dem studierenden Jüngling vergönnt, Horaz und Homer, Thukydides und Tacitus zuzuklappen, die Logarithmentafeln in die entfernteste Ecke des Bücherbrettes zu verbannen, nach dem Wanderstabe zu greifen und die süße Ruhe und Freiheit der köstlichen Herbstferien zu genießen. Der eine eilt dem fernen heimatlichen Dorfe zu, um in die Arme der Eltern und Geschwister zu sinken, der andre sucht werte Verwandte oder einen teuern Freund auf, der dritte fliegt einem schönen Fleckchen Erde zu, sei es auf hochragendem Berge, sei es am flachen Strande der See. Im Herzen aller aber klingen die Verse des Dichters wieder: »Wonnig ist's, in Herbstestagen Nach dem Wanderstab zu greifen, Und, den Blumenstrauß am Hute, Gottes Garten zu durchstreifen.« Für den Obersekundaner Arnold Bunse war dies Wandern eine doppelte Lust, eine doppelte, weil – nun ja, wir müssen den Grund nennen, der zwar recht absonderlich lautet, aber genau der Wahrheit entspricht – also, weil besagter Arnold Bunse doppelt so lange Beine hatte, als seine sämtlichen Mitschüler, ja, als sämtliche Schüler des Gymnasiums von Dudenrode. Wir erklären uns sogleich noch etwas genauer. Bunse (von seinen Mitschülern »Gigas«, das ist »Riese«, geheißen) war überhaupt ein Jüngling von sechs Fuß Körperlänge, so daß, wenn ein Mitschüler in der Klasse die »Kraniche des Ibykus« deklamierte und an die Stelle kam: »Es steigt das Riesenmaß der Leiber Weit über Menschliches hinaus« – daß dann aller Blicke sich schalkhaft dem langen Arnold Bunse zuwandten. Namentlich aber waren bei Gigas die Gehwerkzeuge entwickelt; wenn es nicht gar zu hippologisch klänge, so möchten wir sagen: er war ein hochbeiniger Renner. Nun war das Gymnasium zu Dudenrode uralt, es hatte bereits sein dreihundertjähriges Stiftungsfest gefeiert, und kaum minder alt waren die Bänke: alt, altertümlich, furchtbar steif und enge. Der arme, langbeinige Gigas konnte in seiner Bank durchaus nicht die Beine ausstrecken, er mußte steif und aufrecht sitzen, wie das Steinbild eines alten ägyptischen Königs. Und dies wochen- und monatelang – es war eine Qual für den armen Gigas! Wenn er nun endlich, endlich – nach Empfang einer guten Zensur, denn fleißig und aufgeweckt war er – mit einem Wanderstabe auf einer guten Landstraße dahinschreiten und die langen Beine so recht nach Herzenslust strecken und recken konnte, dann muß es jedem mitfühlenden Menschen begreiflich erscheinen, daß für Arnold Bunse, genannt Gigas, das Wandern eine doppelte Lust war. Quod erat demonstrandum. Seht, da schreitet er, die schwarze Wachstuchtasche mit grünem Bande an der linken Seite, einen kräftigen Stock (»Deutschlands Eiche«) in der Rechten, den leichten Strohhut mit einem grünen Zweige geschmückt, auf der Landstraße dahin, welche durch die Talsohle eines mitteldeutschen Gebirgslandes führt. Hei, wie er die langen Beine wirft und schlenkert, als wollte er sie aus den Gelenken schleudern! Frohsinn und Behagen leuchten aus seinen braunen Augen; ab und zu trällert er die Strophe eines Wanderliedes vor sich hin, am häufigsten das schöne: »O Wandern, o Wandern, du frohe Burschenlust!« Dieser Sang ist sein Begleiter, sein einziger, denn er wandert allein! Er will nämlich einen ältern Bruder besuchen, der droben in einem freundlichen Gebirgsstädtchen eine Beamtenstelle bekleidet, und zu diesem brüderlichen Zusammentreffen und mehrwöchentlichen Zusammensein konnte er nicht gut einen Freund mitnehmen. Aber heute wird Gigas das freundliche Bergstädtchen nicht mehr erreichen; er muß in einem ihm wohlbekannten Dorfe übernachten. Schon fallen die Schatten des Abends lang und schmal auf den Goldgrund der Wiesen, welche der vertiefte Scheidestrahl der Sonne küßt; schon steuert die Holztaube dem bergenden Dickicht des Waldes zu; schon schließen die roten, weißen und gelben Blumen, welche die Waldwiese schmücken, ihre Kelche. Da leuchtet der goldene Gockelhahn auf, welcher das schieferblaue Kirchtürmchen von Steinhausen schmückt, und Gigas bewillkommnet diesen ersten Gruß seines Ruhequartiers mit freudigem »Ah!« Bald marschiert er durch die holperigen Straßen des Dorfes und schaut links und rechts nach dem Bild des »halben Mondes« aus, welcher das Wirtshaus des Herrn Nepomuk Vogel schmückt. Ach, da winkt der goldene halbe Mond! »Guter Mond, du gehst so stille!« Herr Nepomuk steht vor der Tür und begrüßt seinen Gast mit biederm Händedruck und einer so tiefen Verbeugung, als es seine gewaltige Körperfülle zuläßt. Gigas bestellt sich Eierkuchen, Schinken, Salat und einen Humpen des trefflichen Bieres, das eine Spezialität von Steinhausen ist. Nicht lange, und alles steht auf dem Tische; Gigas tafelt königlich. Dann plaudert er noch ein Stündchen mit dem Wirt und der Wirtin, und endlich spricht er den Wunsch nach seiner Schlafkammer aus. Er wird auf ein sauberes, wenn auch nur geweißtes Stübchen geführt, wo ein eisernes Bettgestell, so eine Art Soldatenbett, mit blitzblanker Wäsche an der Wand steht. »Ah, vortrefflich!« sagt Gigas, bei der Vorstellung, daß er sich in dieser Art Bett zur Genüge recken und strecken könne. Nun ist er allein. Schnell die Kleider ab und dann aufs Lager. »Ah!« Diesem ersten Ausruf des Behagens folgt nur zu bald ein »Oh!« als Ausdruck des Bedauerns. Und dies Bedauern gilt dem Umstand, daß das Fußende des Bettes so dicht an die Mauer – es ist die Vorderwand des Hauses – gerückt ist, daß Arnold Bunse denn doch nicht seine langen Rennbeine nach Herzenslust ausstrecken kann. Aber an solche Zwangslage ist Gigas gewöhnt und ohne sich weiter zu ärgern, schläft er, von den Strapazen des Tages ermüdet, ein. Aber Decke und Matratze sind vortrefflich, ein Geruch von Sauberkeit steigt erfrischend von ihnen auf, und Gigas fühlt dies noch in seinem Traume, und sein Traum ist gar erquicklich, ja köstlich. Er steht auf einer rosigen Abendwolke, die ihn sanft in den Aether trägt, immer höher und immer weiter, über runde Bergkuppen und dunkle Wälder, über blumige Wiesen und silbernblinkende Bächlein, über phantastische Felszacken und sanftgeneigte Matten, auf denen muntere Ziegen mit ihren Halsglöckchen weiden, über – aber da ist ja wieder der kläffende weiße Spitz, der ihn gestern Nachmittag auf der Landstraße zwischen Hollingen und Waltershausen so wütend und beharrlich verfolgte. Wie kommt denn der in diese luftige Region? Jetzt ist der Kläffer ihm ganz nah, und jetzt will er seine spitzen weißen Zähne in Arnolds neue, mausegraue Hose schlagen. Da zieht Arnold sein langes rechtes Bein an, schnellt es dann mit deutscher Burschenkraft vorwärts und versetzt dem zudringlichen Spitz einen so derben Tritt, daß er um und um den Berg hinunterkollert. »Rrrrbumbum!« Gigas hört halb im Traum und halb im Wachen ein lautes Gepolter. Was ist? Aber bevor er noch die Ursache erforscht hat, ist er schon wieder vom Schlafgott Morpheus bezwungen. Der schöne Traum indes, der Traum mit der rosenroten Wolke und dem seligen Fluge durch die Luft, ist zerstoben, und Gigas schläft – nun traumlos und tief – bis, ja bis ihn ein lautes Getöse weckt. Es kommt von der Straße. Lachen und Sprechen, dann ein vielstimmiges »Hurra!« Und nun wieder ein schallendes Gelächter, untermischt mit dem Rufe: »Famos! Nee, so was hat man noch nicht in Steinhausen erlebt!« Was mag sich da unten zutragen? Aber noch ist Gigas zu träge, um aufzustehen und aus dem Fenster nachzuforschen. Da poltert es die Treppe herauf, die zu seiner Schlafkammer führt; die Tür dieser Kammer, die er nicht abgeschlossen hat – denn in Steinhausen gibt's nur ehrliche und friedliche Leute – tut sich auf und in der Oeffnung, dieselbe ganz ausfüllend, erscheint der ungeheuer dicke Wirt vom »halben Mond« und ruft: »Ziehen Sie um Gottes willen die Füße an sich, Herr Student, es gibt 'nen Volksauflauf, 'ne Revolution in Steinhausen!« Mechanisch zieht Gigas die Füße an sich und starrt mit blöden, weil noch schlaftrunkenen Augen nach der Stelle hin, wo sein Piedestal geruht hat. Was muß er sehen! Er hat mit seinem rechtsseitigen Riesenbein, als dies dem kläffenden Spitz eins versetzen wollte, ein Loch in die alte, zweihundertjährige, dünne Fachwerkmauer des Hauses getreten. Daher das Gepolter in der Nacht: es waren die auf die Straße fallenden Lehmziegel, Dann hat sich Gigas im Schlafe behaglich ausgestreckt, und da seinen langen Beinen nun kein Hindernis mehr entgegenstand, so hat er die Füße, ohne es zu wissen, durch das Loch gesteckt. Da ragten sie nun in beschaulicher Ruhe auf die Straße hinaus. In der Morgenstunde sind Leute vorübergegangen und haben zunächst das Häuflein Ziegel auf der Straße liegen sehen; das Häuflein hat ihre Blicke hinaufgelenkt, und da ist ihnen ein lächerlicher, nie gesehener Anblick zu teil geworden. Der eine hat den andern herbeigerufen zum Genuß dieses Schauspiels. Zuletzt war die vielköpfige, aufgeregte Menge da, die ihrem Staunen und ihrer Lust in dem Rufe »Hurra!« Luft machte. Dies war's, was sich Arnold Bunse, vulgo Gigas, mit Blitzesschnelle in seinem Kopfe zurechtlegte, und was der dicke Wirt Nepomuk Vogel in keuchenden Worten bestätigend verlauten ließ. Als Gigas alles wußte, mußte er laut und herzlich lachen: »Jetzt kann ich es mir auch erklären,« rief er, »weshalb ich in der letzten Stunde von den Eisfeldern des Nordpols zu träumen anfing – meine Füße waren einfach in der Nachtluft kalt geworden!« Den dicken Wirt zum »halben Mond« beschäftigte aber ein ganz andrer Gedanke: »Das Loch, das Loch,« stotterte er, »wer wird mir das wieder zumachen? Es sitzt gerade über meinem schön gemalten Schild zum ›halben Mond‹, und es war ein meschanter Anblick, Herr Student, als Ihre beiden Füße da herausguckten!« »Das Loch,« erwidert Arnold Bunse, noch immer lachend, »wird natürlich auf meine Kosten wieder zugemacht, und der Mann, der dies besorgt, ist von Profession ein Maurer. Nun wissen Sie's, mein lieber Herr Wirt, und werden sich hoffentlich beruhigen. Wenn Sie aber hinfüro mal einen Gast unterhalten müssen beim abendlichen Schoppen, dann erzählen Sie ihm das Ferienabenteuer des Obersekundaners! Ich überlasse es Ihnen gratis – und wette, ihr Gast wird lachen!« Albrecht der Bär Das Glöckchen des Pedells hatte schon geläutet. Der Nachmittagsunterricht auf dem Gymnasium Robertinum zu Tatenhausen sollte beginnen. Im Vestibül, wo die Herren Professoren zu wandeln pflegten, präsentierte der Herr Direktor aus silberner Dose die letzte Prise. Gleichwohl war in der Obersekunda noch keine Ruhe eingetreten; die meisten Schüler befanden sich nicht einmal auf ihren Plätzen, sie füllten den breiten Raum, der sich wie die Straße von Gibraltar zwischen der vordersten Bankreihe und dem Katheder hinzog. In einem Kreise mit holperiger Peripherie umstanden sie lachend und jauchzend ihren Mitschüler Gausepohl, der allerdings ein ganz unerhörtes Kunststück zum besten gab. Gausepohl, eine Hüne von Gestalt und Kräften, der Riese unter sämtlichen Schülern des Gymnasiums, hatte den kleinen, zarten Elias Veilchenfeld gepackt, auf den Arm genommen wie ein Kindlein, und drehte sich nun mit seiner Bürde auf dem linken Stiefelabsatze wie ein Wirbelwind herum. Der Kleine schrie und zappelte, da ihm schwindlig wurde, der Große lächelte mit Backen so dick und rot wie Pfingstrosen, und mit Augen so schwarz und blitzend wie Steinkohlen, und die Mitschüler lachten und jauchzten wie wiehernde Füllen auf der Weide. »Einen solchen Brummkreisel kann man sich schon gefallen lassen!« rief Arnold Krusemeier und klatschte vor Pläsier in die Hände. »Elias Veilchenfeld überschaut die Sekunda aus der Vogelperspektive,« rief Heinrich Rauhpeter und streckte beide Arme wie Flügel gen Himmel. »Wenn das so fortgeht,« jauchzte Cyrillus Hühnchen, »dann weiß Elias in einer Minute nicht mehr, ob er einen Kopf oder eine Windmühle auf dem Rumpfe sitzen hat.« »Die Umdrehung des Jupiter um das Sonnensystem!« schrie Robert Hengefeld, der auch gern einen Witz machen wollte. Aber plötzlich fuhr ein Schreck unter die lustige Gesellschaft. Die Tür des Klassenzimmers hatte sich geöffnet, und Professor Röder, der hochverehrte Lehrer der Weltgeschichte, richtete seine großen, von schweren Goldreifen umrahmten Brillengläser auf die ungeordnete, ausgelassene Schar seiner Zöglinge. Sofort erfüllte sich das Dichterwort: »Und wie vom Sturm zerstoben, Ist all der Hörer Schwarm.« Wunderbar war's, mit welcher Geschwindigkeit die Schüler auf ihren Plätzen saßen! Nur der Hüne Gausepohl mit seinem kleinen Elias – Riese und Zwerg! – konnte den wirbelnden Umschwung seines mächtigen Körpers auf der Kante seines linken Stiefelabsatzes nicht sofort zum Stillstand bringen – der Jupiter war eben im Zug! – und die Klasse erlebte das unerhörte Schauspiel, daß auf der leeren Bühne, zwischen der vordersten Bankreihe und dem Katheder, drüben ein Herr Professor stand, welcher halb entsetzt, halb zornig zurückprallte, hüben ein Mitschülerpaar wie ein Kreisel sich drehte! Endlich gelang es unserm Gausepohl, den Umschwung seines Körpers zu hemmen, worauf er sofort den kleinen Elias aus seinen Armen auf die Erde gleiten ließ. Elias torkelte ganz betäubt nach seinem Platze, Gausepohl blieb stehen und senkte beschämt das gerötete Antlitz, durch diese Haltung andeutend, daß er gewillt sei, eine Strafrede des Herrn Professors über sein schuldiges Haupt ergehen zu lassen. Aber Professor Röder, ein milder, nachsichtiger Herr, begnügte sich damit, sarkastisch zu äußern: »Das sind mir rechte Bärenkünste!« Dann bestieg er kopfschüttelnd den Katheder. Das Wort »Bärenkünste« war wie ein geheimer elektrischer Schlag durch die Klasse gegangen: der Spitzname für Gausepohl war gefunden! Als die Geschichtsstunde zu Ende war, hieß Gausepohl »der Bär«. Und als auch die darauffolgende französische Stunde in das Meer aller französischen Stunden versunken war, hatte Elias Veilchenfeld sich ausgedacht, daß man Gausepohls Studierstube oder Bude den »Bärenzwinger« taufen wolle, was mit allgemeiner Acclamation angenommen wurde (obgleich besagte Bude drei Treppen hoch im Giebel thronte!). Und als die Nacht mit ihrem sternbesäten Schleier über die Erde gegangen war, und die rosenfingrige Eos eines neuen Tages heraufstieg und unsre Sekundaner wieder in dem Tempel der Weisheit vereinigte, da verkündigte Martin Blumenkemper, daß Gausepohl mit Vornamen Albrecht hieße und daß also der Spitzname »Albrecht der Bär« für ihn passe, als sei er ihm auf den Leib geschneidert. Allgemeiner Beifall und gutmütiges Lachen des Hünen. Albrecht Gausepohl, genannt Albrecht der Bär, war kein Schüler, der allein in wüsten Körperkunststücken seine Force suchte, nein, er lernte auch fleißig, war begabt und gehörte zu den besseren Schülern der Obersekunda; aber hin und wieder packte ihn doch eine unwiderstehliche Lust, die »Kraft der Fäuste« zu prüfen. Dann war's, als ob ein Strom seines gesunden Blutes ihm in den Kopf schösse und sein vernünftiges Denken verwirrte. Eine Woche war's nach dem oben erzählten Ereignis, und wieder war Geschichtsstunde. Da gewahrte Herr Professor Röder von seinem ragenden Kathedersitze aus, daß der Sekundaner Wilhelm Hofen sein weißes Taschentuch gegen das Gesicht preßte, um ein plötzliches Nasenbluten zu stillen; dabei erblaßte das Gesicht des Schülers und eine Ohnmacht schien im Anzuge zu sein. Der besorgte Herr Professor sagte deshalb zu Gausepohl, als dem Stärksten der Klasse: »Gausepohl, trag den Hofen hinaus!« Gausepohl sprang mit der Schnelligkeit einer Springfeder auf, stürzte nach dem Ofen (einem schlanken Säulenofen), packte ihn um die Taille (er war nicht geheizt, man stand mitten im Sommer), nahm ihn unter den Arm und schritt mit Grenadierschritten durch die Klasse. Die Mitschüler brachen in ein homerisches Gelächter aus, der Professor streckte beschwörend beide Arme vor. »Den Hofen, den Wilhelm Hofen meine ich!« erscholl es vom Katheder. Albert der Bär sah sich so naiv verwundert nach seinem Mitschüler Hofen um, daß man wirklich an ein Mißverständnis seinerseits glauben mußte. (Er beteuerte dieses später auch ausdrücklich.) Den Ofen auf seinen Platz zurückbringen, den wirklich ohnmächtig gewordenen Hofen auf beiden Armen wie ein Kindlein heraustragen, war für Albrecht den Bären das Werk weniger Sekunden. Als die Geschichtsstunde zu Ende war, sagte der Herr Professor ernst: »Albrecht Gausepohl, als denkender Mensch mußtest du wissen, daß ich einen so törichten Auftrag, wie den Ofen herauszutragen, nicht geben kann. Zur Strafe kommst du am heutigen freien Nachmittag punkt zwei Uhr in die Klasse, und auch deine Mitschüler haben sich einzustellen zur Strafe für ihr ungebührliches Betragen. Dixi. « Es wagte keiner zu fehlen, punkt zwei Uhr waren die Obersekundaner im Klassenzimmer versammelt. Professor Röder erschien und legte ihnen eine schriftliche Strafarbeit auf; man sollte sofort beginnen, er selbst habe noch einen nötigen Besuch in der Stadt zu machen. Kaum hatte der Herr Professor die Straße betreten, als die meisten Schüler (so sind die jungen Herren ja leider!) ans Fenster stürzten, um ihm nachzublicken. Ja, da sah man die friedliche Rückseite des blauen Ueberziehers – und jetzt lavierte dieselbe in die Kreuzgasse ein. Albrecht der Bär warf, um dieses herrlichen Anblickes nicht verlustig zu gehen, seinen mächtigen Körper über den Rücken des vor ihm im Fenster lagernden kleinen Elias Veilchenfeld. Dem schwachen Elias wurde die Last auf die Dauer unerträglich, er suchte dieselbe durch krampfhafte Schulterbewegungen abzuschütteln. Gutmütig, wie Albrecht der Bär war, richtete er sich auf und – hob mit seinem breiten Rücken die mittlere Partie des dreiteiligen Fensterflügels aus, worauf diese Partie auf die Dielen stürzte und sämtliche Scheiben mit greulichem Klirren einbüßte. Entsetzen lähmte einen Augenblick die Glieder des Riesen und seiner Genossen; es schlotterten ihnen, um mit Homer zu reden, die Kniee. Dann fuhren (sehr unhomerisch!) verschiedene Hände in die braunen oder blonden Haare und kratzten verzweifelt die Schädelhaut. Was beginnen? Man richtete vorläufig den Fensterflügel von den Dielen auf, zerschnitt sich aber jämmerlich in den Scherben die Finger. Es floß das rote Blut der Nibelungenhelden, wovon man jüngst in der deutschen Stunde vorgelesen. Die hellen Sommerjoppen, die weißen Taschentücher, die eleganten Manschetten und Stehkragen, alles trug bald, bei dem Bemühen, das Blut zu stillen, rosenrote Spuren. Endlich fand Elias Veilchenfeld das lösende Wort: »Schnell zum Glaser, eh' der Herr Professor zurückkehrt!« Albrecht der Bär und drei wackere Gehilfen faßten den Fensterflügel an und trugen ihn zum Klassenzimmer hinaus. Doch mit des Geschickes Mächten u. s. w. Mitten auf der Treppe stieß die heilige Schar von Leuktra auf den Herrn Professor Röder. Der Fensterflügel und seine Träger mußten in das Klassenzimmer zurückkehren. Die Schüler saßen in den Bänken, der Herr Professor bestieg mit gerunzelter Stirn den Katheder. »Gausepohl, vortreten!« rief er, denn ein Vorgefühl sagte ihm, daß hier wieder der Hüne seine Hand im Spiele gehabt habe. Gausepohl trat vor und – senkte das Haupt. In diesem Moment – hatte sich denn heute alles verschworen? – rasselte, von selbst, das große Fensterrouleau herunter; es war von schwarzem, kohlpechrabenschwarzem Stoffe, und eine unheimliche Dämmerung verbreitete sich sofort durch die Klasse. In diesem Halbdunkel schimmelten die Gesichter der angstvoll gespannten Schüler geisterhaft bleich. Es war ein grausiger Moment. Aber Professor Röder ließ sich nicht stören: in die Unterweltsbeleuchtung hinein erdröhnte sein Strafgericht. Ein Wort vor allen hatte den zerknirschten Gausepohl getroffen. »Ich weiß,« hatte der Professor gesagt, »daß dich deine Mitschüler ›Albrecht den Bären‹ nennen; der aber war ein gar wackerer Herr, der seine Kraft auf richtigem Gebiete verwertete. Großes tat er und Gutes und Segensreiches – aber du . . .« Dieses »aber du« hatte unserm Albrecht den Stachel ins Herz gedrückt. Er sagte sich, daß bei ihm »rohe Kräfte sinnlos walteten«, und daß »sich kein Gebild gestalten« könne, welches ihm zur Ehre gereiche. Er nahm sich fortan zusammen, dabei im geheimen hungernd und durstend nach einer großen, guten Tat. Drei Wochen später. Albrecht der Bär streifte an einem freien Nachmittag botanisierend mit einigen Kameraden durch die umhegten Weidekämpe von Tatenhausen, Da tönt ein furchtbarer Schrei an sein Ohr. Albrecht hebt, zusammenzuckend, das Haupt. Dort kommt er herangestürmt, den Kopf hoch, schnaubend, stampfend. »Der Stier!« tönt ein neuer Schrei, »Hilfe, Hilfe!« Und ein schwacher Knabe sucht laufend dem furchtbaren Feinde zu entrinnen. Schon ist Albrecht nicht mehr an der Seite seiner Kameraden, die sich über Hecken und Zäune retten. Er zieht seinen Rock aus, im Laufschritt eilt er dem wildgewordenen Stier und seinem Opfer entgegen. Da hat er die beiden erreicht. Mit starkem Arm schleudert er den bleichen, zitternden Knaben seitwärts und stürzt, den Rock vor sich haltend, dem Stier entgegen. Blindlings wühlt das Tier den gesenkten Kopf in das dunkle Getuch; geblendet sucht es sich umsonst zu befreien. Aber nur mit großer Kraftanstrengung gelingt es Albrecht, das wütende Tier zu bändigen. Seine Hände erlahmen, es flimmert ihm vor den Augen, der Schweiß rinnt in hellen Tropfen von der Stirn; nicht lange mehr, und seine Kraft ist dahin. Aber jetzt nahen Männerschritte. Die Knechte stiegen vom Acker auf den Notschrei nach dem Kamp; sie kennen den Unhold von Stier. Sie kommen gerade zur rechten Zeit. Todesmatt hat Albrecht sich gerungen. Da lösen andre Hände ihn ab. Die Knechte geleiten die schnaubende Bestie in den Stall. Tief aufatmend lehnt sich Albrecht an den Stamm einer Eiche. Sein Rock ist zerrissen, aber er schlüpft mechanisch hinein. Dann begibt er sich keuchend nach dem Knaben, der in den Ranken und Zweigen der Hecke liegt. Der Junge lacht schon wieder und streckt seinem Retter beide Arme entgegen. »Wer bist du?« fragt Albrecht; »ich meine, ich sollte dich kennen; Gymnasiast?« »Jawohl, ich bin auf der Quinta,« lautet die Antwort; »ich heiße Rudolf und bin der Sohn des Professors Röder.« Ein Jubellaut entsteigt der Brust seines Retters. »Röder!« jauchzt er, »o, nun ist Albrecht der Bär wiederhergestellt in der Achtung des guten, verehrten Herrn Professors!« Ja, er ist wiederhergestellt. »Albrecht,« sagte ihm am Abend desselben Tages der Herr Professor, der es sich nicht hat nehmen lassen, selbst in den »Bärenzwinger« zu steigen, »du hast meinem Kinde das Leben gerettet. Der heiße Dank der Eltern . . .« Aber hier versagt dem guten Herrn die Stimme; helle Tränen stehen in seinen Augen. Dann, sich gewaltsam zur Heiterkeit zwingend, fährt er fort: »Sieh, jetzt trägst du deinen Beinamen mit Ehren, du bist auch ein gar braver, wackerer Mensch. Jener Fürst war ein großer Slavenbändiger, und du . . .« Hier erstickte wieder das Augenwasser die Worte des glücklichen Vaters.   Harald der Lange Wer vor zwanzig Jahren das Gymnasium zu Dingsda besuchte, kannte unbedingt jenen baumlangen Primaner, welcher den der nordischen Geschichte entlehnten Spitznamen »Harald der Lange« führte. Ueber sechs Fuß lang, überragte unser Harald nicht allein seine sämtlichen Lehrer, sondern auch alle Bewohner von Dingsda: es war »der größte Mann« der Stadt – freilich nur an Körpermaß, nicht an Kenntnissen und geistiger Bedeutung. Im Gegenteil, da haperte es etwas im Griechischen, in der Mathematik und im deutschen Aufsatz, aber Harald kam doch mit und hatte bei seinem Fleiße auch Aussicht, durchs Abitur zu gelangen. Selbstverständlich liefen auf Kosten des langen Primaners allerlei Witze und Spötteleien unter seinen Mitschülern um: man erzählte sich, wenn Harald der Lange nasse Füße bekomme, so kriege er erst nach acht Tagen den Schnupfen – so lange Zeit brauche die Erkältung, um von dem Piedestal bis in die Nase zu steigen; man raunte sich zu, daß Harald der Lange sich ein Gittergeländer unter den Armen her rund um den Oberkörper machen lassen wolle, weil er entdeckt habe, daß er jedesmal einen Schwindel in seinem erhabenen Haupte verspüre, sobald er sich auf die Stiefelspitzen sehe; man teilte sich mit, daß Harald der Lange, als er neulich bei Regenwetter durch die Petersiliengasse gegangen sei, oben aus der Dachrinne eines einstöckigen Hauses getrunken habe; man wollte wissen, daß der Fürst von Springbock-Hohenlaufen, welcher in der Nähe von Dingsda ein herrliches Schloß bewohnte, Harald dem Langen eine Bibliothekarstelle angeboten habe, weil der Lange bequem bis in die höchsten Bücherbretter langen könne, alle Leitern überflüssig mache und dadurch dem Haushalt des Fürsten jährlich eine nicht unbedeutende Summe erspare. Selbstverständlich kamen diese und andre Witzchen dem langen Primaner zu Ohren, er war indes so gescheit, sich nicht darüber zu grämen, vielmehr darob zu lächeln oder zu lachen, je nachdem die Geschichte mehr oder minder gut erfunden war. Denn »erfunden« waren diese Geschichten – bis endlich Harald der Lange wirklich eine erleben sollte, eine, die an komischer Kraft und Wirkung alle noch so gut erfundenen übertraf. Ich will sie im folgenden erzählen. Durch den Tod seiner bisherigen Kostwirtin war Harald der Lange gezwungen, sich in Dingsda eine neue Bude zu suchen. An einem schulfreien Nachmittag ging er mit einem Freunde »auf den Ritt«, wie er das nannte – »auf den Löwenritt von Freiligrath«, wie einer seiner Freunde verbesserte, weil in dem Gedichte »was von einer Giraffe vorkäme« (Anspielung auf die Körperlänge Haralds). Die zu vermietenden Zimmer waren in Dingsda ebensogut wie in der deutschen Reichshauptstadt durch an die Fenster gestellte Täfelchen mit der Aufschrift: »Zimmer zu vermieten« kenntlich gemacht; Harald brauchte also nicht lange seine Aeuglein »rund um gehn« zu lassen, wie's in dem Volksliede heißt. Aber die erste Bude, welche man besichtigte, war so niedrig, daß Harald der Lange sein erhabenes Haupt an die Decke stieß, zumal diese noch den antiken Stil vorstehender Trägerbalken zeigte; in einer andern Bude, welche man in einem andern Hause in Augenschein nahm, sah man zufällig auf dem Tische Tassen so klein wie Vogelnäpfchen stehen, was dem langleibigen Primaner nicht unbegründete Besorgnisse bezüglich der zukünftigen Verpflegung einflößte; in einer dritten Bude war das Bett so schmal und kurz, daß es für Harald den Langen unbedingt ein Prokrustesbett geworden wäre, falls er sich hineingezwängt hätte. Die vierte Bude endlich war überraschend hoch und geräumig, dazu aufs gefälligste ausgestattet – aber sie zeigte kein Bett, wo doch Harald der Lange, sich seinen Finanzen anpassend, nur eine einzige Bude mit Bett haben wollte. Deshalb sagte er zu seiner Führerin, der dicken, freundlichen Witwe Potthof: »Das Zimmer, Frau Potthof, könnte mir schon gefallen – man hat auch eine ganz famose Aussicht hier aus dem zweiten Stock über den Hausgarten hin – aber ich sehe kein Bett.« Ueberlegen lächelnd trippelte die korpulente Witwe Potthof nach einem langen, schmalen Schranke hin, welcher an einer der Wände stand. Harald der Lange hatte diesen Schrank – seiner eleganten Erscheinung wegen – für einen Schreibsekretär angesehen, oder mindestens für einen Kleiderschrank neuester Mode. Um so größer war daher sein Erstaunen, als die Witwe, auf einen Messingknopf des vermeintlichen Schrankes drückend, in weniger als drei Sekunden ein ganzes Bett aus dem Möbel hervorzauberte. Dies vollzog sich folgendermaßen: Auf den Druck des Knopfes senkte sich die vermeintliche Türfüllung in der Weise einer Zugbrücke, das Viertel eines Kreises beschreibend, aus dem umhüllenden Kasten auf die Erde hinab; während dieser Bewegung wurden am oberen Ende der vermeintlichen Türfüllung von selbst zwei bewegliche Beinchen sichtbar, die, sobald sie den Viertelkreis durch die Luft beschrieben und den Fußboden des Zimmers erreicht hatten, sofort festen Fuß faßten und sich als zwei Beine des Bettgestelles präsentierten; weiterer Beine bedurfte das Bettgestell nicht, denn das Kopfende ruhte, anderthalb Fuß vom Boden entfernt, in dem unteren Teile des »Schrankes« selbst. Die vermeintliche Türfüllung entpuppte sich als ein Bett, dessen Matratze und Kopfkissen mit kleinen blanken Messingnägeln auf ihrer bretternen Unterlage befestigt waren; Bettuch und Steppdecke (eine schöne grünseidene!) lagen lose obenauf und konnten schnell zurechtgerückt werden. Nachdem sich Frau Potthof einen Augenblick an der Ueberraschung der beiden Herren Primaner geweidet hatte, drückte sie auf einen zweiten Knopf, worauf im Hui das ganze Bett, am Fußende sich aufrichtend, am Kopfende in starken Scharnieren fest bleibend, einen Viertelkreis rückwärts beschrieb und in dem »Schrank« verschwand. Der ganze Apparat läßt sich überhaupt nicht besser – so erklärte Harald der Lange seinen Mitschülern später – als unter dem Bilde einer Zugbrücke begreifen: aus einer torähnlichen Einfassung senkt sich das Brückenbrett nieder – und hebt sich wieder, während dort, wo die Scharniere oder Angeln sind, alles in scheinbarer Ruhe bleibt. »Das ist ja ein ganz famoses Möbel!« rief Harald der Lange begeistert aus. »Patentbett!« sagte die Wirtin mit ungeheuer überlegener Miene. »Ich habe den kostspieligen Einkauf nicht gescheut,« fügte sie nach einer Pause hinzu, »um meinem Mieter mehr Raum auf diesem Zimmer zu schaffen und dem Zimmer selbst ein eleganteres Aussehen zu geben. Jedermann wird das Patentbett für einen Schreibsekretär im Reineclaudenstil, ach! ich meine im Reglementsstil, nein, im Renaissancestil ansehen. – Sie müssen entschuldigen, mir fehlen einige Zähne und da kann ich die fremden Wörter nicht immer so glatt aussprechen!« »Ja, der Schrank sieht ganz wie ein Sekretär im Rokokostil aus,« erwiderte Harald der Lange gutmütig, ohne zu bedenken, daß er Frau Potthof jetzt erst recht bezüglich des Fremdwortes in Verwirrung brachte. Die Sache hatte allerdings für Harald den Langen das Gute, daß ihm Frau Potthof, für den Augenblick alles Selbstvertrauens beraubt, auf seine Frage nach dem monatlichen Miets- beziehungsweise Pensionspreis eine etwas geringere Summe nannte, als sie unter andern Bedingungen getan haben würde. Harald der Lange schlug zu – und die Sache war abgemacht. Gleich am Abend zog der neue Mieter ein. Selbstverständlich benutzten Haralds Freunde die Gelegenheit, aus dem Umzug einen kleinen Ulk zu machen: Pipin der Kleine trug feierlich die Lampe die Straße hinauf; der fromme Aeneas ( Pius Aeneas ) nahm die dicksten Lexika unter beide Arme, so daß letztere die Form von Topfhenkeln erhielten; Naso hing über jeden seiner Arme ein paar langschlotternde Kleidungsstücke und stülpte über sein eigenes Filzhütchen zwei Strohhüte und einen Filzhut des Freundes, so daß sein Haupt nunmehr vier Etagen zeigte; Ajax hing an seinen Arm einen großen braunen Marktkorb mit Schulbüchern, den er häufig von rechts nach links, von links nach rechts wechselte, »weil nämlich die Weisheit des Griechischen so schwer sei«; Walter von der Vogelweide drapierte seine Kehrseite mit zwei Ueberziehern, die er malerisch wie einen spanischen Mantel zu tragen sich bestrebte, und Harald der Lange selber trug mit beiden Händen einen Kasten mit Schmetterlingen so würdevoll und feierlich, als wäre ihm die Bundeslade anvertraut. So setzte sich der Zug, zum Gänsemarsch geordnet, in Bewegung. In der Kleinstadt Dingsda durfte man schon so etwas wagen, zumal da die Mitglieder des Zuges sich höchst ernst, gelassen und schweigend verhielten. Um so mehr aber kicherten und lachten die ehrsamen Bürger und Bürgerinnen, denen man begegnete. Witwe Potthof hatte die innere, etwas düstere Treppe des Hauses mit drei Talgkerzen, welche sie in den Hals von drei leeren Bierflaschen gesteckt hatte, illuminiert, eine grüne Kuppellampe brannte in dem oberen Zimmer selbst. So ging der Umzug und Einzug ohne Unfall von statten. Bald war alles aufs beste auf der neuen Bude geordnet. Die Bude selbst fand man famos, kolossal gemütlich u. s. w., und als nun gar Harald der Lange den Mechanismus des Patentbettes spielen ließ, da erklärte man den Freund für den Glücklichsten aller »brotessenden Menschen« (wie Vater Homeros sagt). Harald der Lange gewöhnte sich schnell an seine Bude, sie gefiel ihm kolossal, zumal der Tisch sich um zwölf Uhr mittags in ein vorzügliches »Tischleindeckdich!« verwandelte – mit andern Worten: Frau Potthofs Kochkunst ließ nichts zu wünschen übrig, alles gut und – reichlich, wie's ein so langleibiger Harald haben mußte. Aber unter Rosen lauerte der Dorn, unter Blumen lag versteckt die Natter, am heitern Himmel dräute eine Gewitterwolke – und Dorn, Natter, Gewitterwolke, alles in einem, war das unglückselige Patentbett. Ja, das unglückselige! In einer schwülen Julinacht, als Harald der Lange das Fenster seiner Bude ein wenig offen gelassen hatte, um der frischen Luft Einlaß zu gewähren – lag doch die Bude im zweiten Stock und nach dem Garten hinaus, was Sicherheit vor Spitzbuben zu bieten schien, fuhr der Schläfer plötzlich aus süßem Traume (er hatte in demselben glücklich das Abiturientenexamen bestanden) empor: er meinte ein Geräusch gehört zu haben, wie wenn eine Leiter von draußen an die Fensterbank gelehnt würde. Indem seine Augen das Fenster suchten, sah er im Dämmerlicht der Mondsichel zu seinem Schrecken, daß wirklich die beiden oberen Pfosten einer Leiter zu den unteren Scheiben hereinguckten. Harald der Lange hatte kürzlich eine Geschichte gelesen, worin ein im Waldmoose ruhender Wanderer sich dadurch vor dem Angriff eines brummigen Bären rettete, daß er sich ganz still verhielt – daß er sich tot stellte; diese Geschichte schoß unserm Langen in diesem kritischen Augenblick durch den Kopf – sehr zur Unzeit, meinen wir, denn ein Spitzbube und Einbrecher ist kein Bär; ein Stillesein und Sichtotstellen kann dem Spitzbuben und Einbrecher nur höchst willkommen und förderlich für seine schwarzen Pläne sein. Herausspringen aus dem Bett hätte Harald der Lange müssen, ans Fenster stürzen hätte der Träger eines nordischen Heldennamens müssen, umstürzen hätte der lange Primaner die Leiter mitsamt dem Spitzbuben sollen! Aber – er verhielt sich regungslos und starrte unter lebhaften Schlägen seines Herzens nach dem Fenster. Wer beschreibt sein Entsetzen, als plötzlich hinter den Scheiben ein menschlicher Kopf, gekrönt von einer hohen Ballonmütze, auftauchte! Ballonmützen sind die Tracht höchst zweifelhafter Subjekte – auch dieser Gedanke schoß unserm Primaner durch den Kopf, und seltsam! Harald erinnerte sich in diesem Augenblick zugleich, daß jener Gedanke in der vorletzten Nummer des Dingsdaer Wochenblattes in einer Berliner Korrespondenz geäußert worden sei – die letzte Zeile, unten, in der dritten Spalte, rechts. Die Ballonmütze auf der Leiter spähte einige Augenblicke in das Zimmer hinein – Harald glaubte zwei schrecklich abstehende Ohren unterhalb der Ballonmütze zu sehen. Als besagte Ohren nicht das geringste Geräusch in dem Zimmer vernahmen, schwang sich plötzlich der ganze Kerl, einen fürchterlichen Knüttel in der Rechten hochhaltend, in die Stube. Bei diesem Anblick flog Harald, nunmehr wie elektrisiert, in die Höhe, beugte sich mit dem Oberkörper weit vor, nach dem Fußende des Bettes hin, und schrie mit aller Kraft seiner Lungen: »Wer da?« (Als ob er nicht gewußt hätte, daß ein Spitzbube und Einbrecher da im Zimmer stehe!) Indem nun Harald der Lange bei seinem Werdarufe mit beiden Händen die Seitenwände des Bettgestelles gepackt hatte, drückte er unbewußt auf den verhängnisvollen Knopf: das Bett richtete sich, seiner alten Gewohnheit treu, am Fußende in die Höhe, die Beinchen knickten ein und das ganze Bettzeug mitsamt unserm Harald war, einen Viertelkreis beschreibend, im Begriff, in dem Schranke zu verschwinden, als Harald, verwirrt, erschrocken, seiner Sinne nicht mächtig, sich noch weiter mit dem Kopfe nach dem Fußende des Bettes hin arbeitete. Aber da war auch schon das Bett eingeschnappt – und der unglückselige Primaner fühlte, nicht ohne einen jähen körperlichen Schmerz, daß sein Haupt draußen geblieben war, das heißt, es war zwischen der oberen »Türkante« und der oberen »Schrankpartie« eingeklemmt! Wie seine Beine zurechtkamen, darauf hat sich Harald der Lange nie besinnen können; genug, sie hingen mitsamt dem Unterkörper und Oberkörper in schönster Ordnung im Innern des Schrankes. Der Mechanismus packte fest, unerschütterlich fest – wofür wäre sonst auch das Bett ein Patentbett gewesen? Kein Stemmen und Sträuben, kein Drücken und Rücken des Gefangenen wollte helfen – er blieb ein Gefangener, ein dem hochnotpeinlichen Halsgericht Verfallener. Als der Einbrecher sein Opfer in solch wehrloser Lage sah, stieß er ein kurzes höhnisches Gelächter aus und hielt dem Gefangenen seinen armsdicken Knüttel unter die Nase – eine Zeichensprache, welche unstreitig sagen wollte: »Mensch, rühr dich, und ich zerschmettere dir den Schädel!« Dann brachte er – woher? das war ein Rätsel – plötzlich einen Sack zum Vorschein und steckte mit der größten Gemütsruhe von der Welt die auf einem Stuhle ausgebreiteten Kleidungsstücke Haralds hinein, dito die Stiefel, dito die silberne Taschenuhr, welche an der Wand tickte, dito die an derselben befestigte Nickelkette, dito verschiedene Bücher (die ein Recht hatten, auf dem Tisch zu liegen), dito diverse kleinere Gegenstände. Als sich der Einbrecher durch eine Okularinspektion überzeugt hatte, daß nichts mehr zu stehlen war, drehte er mit kühner Handbewegung den Sack zu (wobei der unglückliche Zuschauer in dem Patentbett unwillkürlich an das Manöver des Halsumdrehens denken mußte), lüftete höhnisch seine Ballonmütze zum Gruße, verbeugte sich und nahm auf demselben Wege, den er gekommen, seinen Rückzug. Die Leiter blieb am Fenster stehen, wobei sich Harald der Lange plötzlich erinnerte, daß sie der Witwe Potthof gehöre und unvorsichtigerweise längs der Hinterwand des Gartenhauses ihren Platz gehabt hatte. Als Harald seine Bude leer sah – wir meinen leer von der Person des Einbrechers –, atmete er leichter auf, das heißt er versuchte leichter aufzuatmen, konnte es aber kaum, da sein armer Hals ganz fatal in der Klemme steckte. Dann wandte Harald noch einmal all seine Körper- und Geisteskräfte an, um Befreiung zu finden aus seiner unerhörten Lage. Aber vergebens. So mußte der Gefangene denn die ganze Nacht ausharren und seine Hoffnung auf den nächsten Morgen verschieben. Wie lang die Nacht dem Armen wurde, kann man sich denken. Endlich gegen sieben Uhr morgens kam der kleine Hausknecht der Frau Potthof die Treppe hinauf und in die Stube hineingestampft. Ihm lag die Pflicht ob, dem Herrn Primaner den Kaffee zu bringen. Als er den Herrn Primaner nicht auf seiner Bude fand, blickte er höchst verwundert um sich, bis ein Gurgeln und Röcheln aus der Höhe seine kleinen grünen Aeuglein nach aufwärts lenkte. Als er hier, zwischen Schrank und Tür, das gerötete, verzerrte Antlitz Haralds sah, glaubte er, daß es sich um einen famosen Spaß handle, und da derselbe seinen Beifall fand, so stemmte er seine beiden Fäuste auf seine Kniee und lachte in Lauten, die an das Wiehern eines jungen Pferdes erinnerten. Harald der Lange, der sich verständlich machen wollte, aber nicht konnte, schnitt ganz verzweifelte Gesichter, was der kleine Hausknecht für einen neuen Spaß hielt. Daher verdoppeltes Wiehern. Harald der Lange, innerlich wütend, trommelte mit beiden Fäusten an die Seitenwände des Schrankes. »Sind Sie aber heute morgen komisch!« wieherte der Hausknecht und – rannte die Treppe hinunter. »O, Madam,« rief er in der Küche der Frau Potthof zu, »man muß sich da oben krank lachen, unser Herr Primaner spielt Kasperletheater in seinem zugeklappten Bette!« Frau Potthof fragte: »Wieso?« und ließ sich die näheren Umstände erklären. »Um des Himmels willen,« rief sie darauf, »was du für Spaß ansiehst, Johann, scheint mir bitterer Ernst zu sein. Der junge Herr ist in seinem Patentbett eingesperrt – gehe nur sofort wieder hinauf und drücke auf den Knopf.« Der kleine dumme Johann stürzte also wieder hinauf und drückte auf den Knopf. Das Patentbett senkte sich gehorsam – der Gefangene war befreit. Aber es bedurfte einiger Zeit, bevor er zu Atem gelangen konnte. Auf dem Bette liegend, winkte Harald der Lange nach dem Kaffee. Johann, nunmehr zitternd an allen Gliedern vor Bestürzung, schenkte eine Tasse ein und kredenzte sie seinem Herrn Primaner. Nachdem dieser getrunken, in kleinen, langsamen Zügen, konnte er endlich die Abenteuer der Nacht erzählen. Nun faltete der kleine Johann seine dicken, roten Hände, wie er in Augenblicken der höchsten Erregung zu tun pflegte. Er mußte dem seiner Habe Beraubten die Sonntagskleider aus dem Kleiderschranke holen, der glücklicherweise in einem Winkel der Vorflur stand, er mußte dem von den Aufregungen und Leiden der Nacht fast völlig Erschöpften bei der Toilette behilflich sein. Dann gingen sie hinunter, um Frau Potthof und dem ganzen Hausgesinde die grause Geschichte zu erzählen. Frau Potthof schlug die weißen Hände, wie sie in den Momenten der höchsten Erregung zu tun pflegte, über ihrer gelbbebänderten Haube zusammen und versicherte sehr energisch, sie würde den Frevel sofort der Polizei melden; der freche, abscheuliche, ruchlose Einbrecher müsse gepackt und zu Rad und Galgen verurteilt werden. Dann hefteten sich ihre Gedanken an die Leiter, die unglückselige Leiter, die an allem schuld wäre – und gern hätte Frau Potthof den kleinen Johann in den Grund geschmettert, wenn dieser nur im geringsten an der Wahl des Aufbewahrungsplatzes hinter dem Gartenhause schuld gewesen wäre; aber in tiefster Zerknirschung mußte sie bekennen, daß sie selbst und kein andrer den Platz bestimmt habe; sie sei nun einmal ein unglückliches Wesen, das trotz seiner besten Absichten überall Unheil stifte und so weiter. Harald der Lange wankte in seinen Sonntagskleidern zur Schule und gab hier selbstverständlich seinen Mitschülern sofort sein nächtliches Abenteuer zum besten. Er wurde der Held des Tages – der Held der Woche, nachdem das übrige Dingsda den »frechen Einbruch, die unerhörte Dreistigkeit eines höchst gefährlichen Subjektes« durch das Dingsdaer Wochenblatt erfahren hatte. Wir wollen hier gleich bemerken, daß das Vertrauen, welches das Dingsdaer Wochenblatt in »unsre rührige Polizei« setzte, »die unzweifelhaft den Verbrecher der rächenden Hand der Nemesis überliefern werde,« nicht gerechtfertigt wurde, denn Roß und Reiter sah man niemals wieder; mit andern Worten: keine Spur des Verbrechers und des gestohlenen Gutes wurde entdeckt. Als das erste Mitleid, welches der arme Harald bei seinen Mitschülern fand, verraucht war, wurde der Lange die Zielscheibe vieler neuen Witze und Spötteleien, gemäß dem Sprichwort: »Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.« Harald der Lange und sein Patentbett gaben auch den Stoff zu zahreichen Karikaturen, die von der Hand begabter Zeichner in Umlauf gesetzt wurden. Aber Harald, früher so lachlustig, wollte nie recht darüber lachen, er gefiel sich vielmehr darin, mit ernstem Pathos aus Shakespeares Richard III. zu deklamieren: »Ich brächte nicht noch eine Nacht so zu, Gält' es auch eine Welt beglückter Tage! So voll grauser Schrecken war die Zeit.« Junge Düppelstürmer Das war eine Geschichtsstunde gewesen! Professor Weber hatte seinen Quartanern die Eroberung der Düppeler Schanzen erzählt, so anschaulich, so lebhaft, so begeistert, wie er noch nie gesprochen, und das kam daher, weil er am 18. April 1864 in eigener Person »mit dabei gewesen war«, als Reserveleutnant im westfälischen Infanterieregiment Nr. 53. Er hatte zur Sturmkolonne gehört, welcher speziell die Schanze Nr. 4, der Schlüssel der aus zehn furchtbaren Schanzen bestehenden dänischen Düppelstellung, zugewiesen war. Unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches brachen die gesamten Sturmkolonnen punkt zehn Uhr morgens aus den Parallelen hervor und stürmten das Hügelgelände – die Sundewitter Höhen – hinauf, das von den Düppeler Schanzen gekrönt wurde. Mit einem mörderischen Feuer empfingen die Dänen die Sturmkolonnen. Diese aber ließen sich nicht aufhalten; jeder wollte der erste, keiner der letzte sein, und im Nu waren die Schanzen erreicht. Die Sandsäcke, welche als Schild und Schirm dienen sollten, wurden von den waghalsigen Stürmern fortgeschleudert; keiner dachte daran, sich zu schützen, jeder wollte sich im Kampfe hervortun, jede Kolonne zuerst die Fahne auf die eroberte Schanze pflanzen. Aber wie groß auch das Ungestüm war, mit welchem die Truppen vorwärtsstürmten, wie edel der Wetteifer auch gewesen, der sie beseelte, starre Palissadenwände, Wolfsgruben, spanische Reiter, Sensen und Eggen versperrten ihnen den Weg und zwangen sie, mitten im Siegeslaufe inne zu halten. Die Dänen hatten die augenblickliche Pause meisterhaft benutzt; ihre Bataillone rückten im Laufschritt in ihre gefährdeten Schanzen und gaben ihr verheerendes Feuer auf die dichtgeschlossenen Massen der Preußen ab. Schnell sprangen die Pioniere vor und hieben mit gewaltigen Streichen eine Lücke in die Palissadenwand; durch diese drängten die Preußen, den Graben hinunter, die Böschung hinauf, empfangen von den Kugeln der Dänen. Die Leichen lagen auf dem schmalen Pfade, den die Nachstürmenden betreten mußten, aufeinander getürmt; die Dänen feuerten mit rasender Schnelligkeit Salve auf Salve; aber wie groß auch der Verlust der Stürmer war, wie tapfer die Dänen sich auch schlugen, die Preußen drangen unaufhaltsam vor und stießen alles nieder, was sich nicht durch eilige Flucht zu retten wußte. Leutnant Löbbecke pflanzte die erste preußische Fahne auf Schanze Nr. 4. Die Nacht, welche dem Düppeler Schanzensturm folgte, verbrachten die Preußen auf dem Schlachtfelde, unter Blut und Leichen, unter demolierten Geschützen und zersplitterten Balken, gefüllten Sprenggeschossen und fortgeworfenen dänischen Waffen, während die blutrote Scheibe des Mondes das Leichenfeld beleuchtete. »O, diese Nacht des Kriegs vergeß ich nie!« citierte Professor Weber, und mit stockendem Atem, mit großen, leuchtenden Augen, lauschten die vierzig Quartaner. Diesmal erklang ihnen viel zu früh das Glöckchen des Pedellen, welches den Schluß der Geschichtsstunde wie überhaupt des vormittägigen Unterrichts verkündete. Professor Weber nahm Hut und Mantel und verließ, wie es seiner Würde zukam, als der erste das Klassenzimmer. Die Schüler, noch unter dem Eindruck des soeben Gehörten stehend, traten diesmal viel ruhiger als sonst aus ihren Bänken und gingen in Gruppen den Korridor und die Treppen hinab, in Gruppen, welche ihrer Empfindung Luft machten in Worten, wie: »Das war famos!« – »Wenn so alle Geschichtsstunden waren, dann könnte man es noch aushalten!« – »Aber der unglückliche Lykurg mit seiner Verfassung«, – »na, der ist der reine Waisenknabe gegen diesen Leutnant Löbbecke!« – »Professor Weber hat sich heute selbst übertroffen!« – »O, diesen Tag vergeß ich nie!« Eine dieser Gruppen, die jetzt aus dem Portal des Gymnasialgebäudes auf die Straße hinaustraten, hatte sich um einen kleinen, aber äußerst lebhaft dareinschauenden Knaben gesammelt, der in seinem flatternden Kaisermantel, seinem Käppi und seinem strammen Schritt etwas Militärisches an sich hatte. In der Tat war Viktor von Hartmann der Sohn eines höheren Offiziers, wollte selbst Soldat werden, spielte mittlerweile gern Soldaten und führte den Spitznamen »Lützow«, weil er sich aus seinen Mitschülern eine »verwegene Schar« gebildet hatte, die seinem Spiele dienen mußte. »Wißt ihr was?« fragte Lützow die ihn begleitenden Mitschüler. »Die Geschichte mit den Düppeler Schanzen müssen wir nachmachen, Exempla trahunt , und zwar noch heute, da ja freier Nachmittag ist. Ihr kennt unsre Hohenhorster Berge, eine halbe Stunde draußen vor der Stadt. Freilich, Hügel sind sie nur, aber sie können famos die Sundewitter Höhen vorstellen. Oben darauf bauen wir die Düppeler Schanzen, von diesem reinen, weißen Schnee, der heute fuderweise die Erde bedeckt. Dann teilen wir uns in zwei Armeen, Preußen und Dänen: Die Dänen setzen sich in den Schanzen fest, die Preußen stürmen, ganz so, wie's Professor Weber erzählt hat. Ich nehme von Hause meine Fahne, meine Trommel, meinen Säbel mit, und wenn ihr wollt, bin ich Prinz Friedrich Karl, der Feldherr der Preußen,« »Aber Prinz Friedrich Karl trug doch keine Trommel?« warf der schalkhafte Georg Prümer ein. Lützow warf Prümer einen vernichtenden Blick zu und sagte: »Die Trommel sollst du tragen, Prümer, ich ernenne dich hiermit zum Regimentstambour!« »Zu Befehl!« antwortete Prümer nun soldatisch und gutgelaunt. »Ich bin also Prinz Friedrich Karl,« fuhr Lützow fort, »und unser Arnold Wischebrink soll der dänische Kapitän Lundbye sein, der in der Schanze Nr. 4 kommandierte. Arnold sieht mit seinen wasserblauen Augen und seinen strohgelben Haaren auch so recht dänisch aus.« Arnold Wischebrink, alias Lundbye, wendete bescheiden ein, daß er gar kein militärisches Genie besitze. »Stimmt! stimmt!« rief ein halbes Dutzend Stimmen, worauf die eine Stimme des Rudolf Fischer lachend erzählte, daß Wischebrink in allem Ernste neulich gefragt habe, ob der große Dichter Friedrich von Schiller die Schillerhäuser – die Schilderhäuser meinte Wischebrink – erfunden habe. »Na, das weitere wird sich finden,« erwiderte Lützow kurz; »sorgt nur, daß ihr zwei Uhr am Ostertore seid, zum Abmarsch nach den Hohenhorster Bergen, punkt zwei Uhr, ich bitte mir militärische Pünktlichkeit aus. Der Säumige bekommt drei Tage Mittelarrest,« Die Knaben trennten sich, je nach den verschiedenen Wegen, die sie einzuschlagen hatten. Zu Hause wollten ihre Eltern bemerken, daß sie mit aufgeregten Fieberwangen und seltsam funkelnden Augen ihre Suppe, ihr Gemüse und Fleisch verzehrten, und auf die Frage dieses oder jenes besorgten Vaters antwortete Viktor oder Fritz oder Jodokus: »O, wir stürmen heute nachmittag die Düppeler Schanzen mit Schneebällen.« – »Na, dann dreht die Bälle nur nicht zu fest und zielt nicht auf das Gesicht eurer Kameraden, damit ihr kein Unheil anrichtet!« lautete die väterliche Antwort. Der kleine Lützow hatte keine Unpünktlichkeit seiner Truppen zu bestrafen; schon zehn Minuten vor zwei stand die Armee am Ostertore versammelt, und nachdem dieselbe rangiert war, konnte der Abmarsch angetreten werden. Georg Prümer marschierte mit der dicken Trommel voraus, Kaspar Pfannenschmied trug die Fahne, und Lützow – nein, Prinz Friedrich Karl hieß er heute – kommandierte: »In Reihen gesetzt, rechtsum! Ohne Tritt, marsch!« Hell und scharf schallte das Kommando durch die klare Winterluft, und die Truppen setzten sich in Bewegung. Allerlei lustige Scherze gingen nach echter Soldatenart durch die Reihen. »Wenn wir nur in keinen Gorillakrieg verwickelt werden,« sagte Heinrich Usedom, absichtlich das Wort Guerillakrieg korrumpierend. »Wie? ein Gorillakrieg?« nahm Arthur Lehmann den Witz auf; »man möchte sich gleich die Nase abbeißen und uf'n Helm stecken; da sollte man ja mit der Erdkugel Kegel schieben.« – »Der Emil Puffke marschiert wie 'n kranker Gänserich!« rief Jodokus Bäumer, worauf Peter Krummholz das Lied anstimmte: »Das Marschieren das nimmt heute gar kein End: Das macht, weil der Hauptmann die Landkart' nicht kennt.« Aber Georg Prümer übertönte die einzelnen Stimmen, die einfallen wollten, durch rasenden Trommelwirbel, worauf sich alle Stimmen des marschierenden Corps zu dem Liede zusammenrafften: »Kleener Tambour, strapezier' doch die Trommel nicht zu sehr, Alleweil sind die Kalbfell' so wohlfeil nicht mehr! Immer langsam voran, immer langsam voran, Daß die müde Kompanie nur mitkommen kann!« Unter diesen und ähnlichen Scherzen langte die Armee vor den Hohenhorster Bergen, alias den Sundewitter Höhen, an, wo der Feldherr »Halt!« kommandierte. Ganz nach großem Muster hielt er eine Ansprache an seine Truppen, worin er seiner Erwartung Ausdruck verlieh, daß die Soldaten unter allen Umständen ihre Schuldigkeit tun würden; dann befahl er seinen Pionieren, Musketieren und Füselieren, am Fuße der Sundewitter Höhen dicke Schneekugeln zu formen, dieselben einen bestimmten Hügelhang hinaufzuwälzen und oben, auf der Krone des Hügels, das also gewonnene Baumaterial zu einer Schanze zu ordnen. »Abtreten, an die Arbeit!« Mit militärischem Gehorsam und freudigem Mute machten sich die Soldaten an das bezeichnete Werk. Unter den mit Fausthandschuhen bewehrten Händen entstanden bald gewaltige Schneekugeln, welche eine nach der andern ihren Aufstieg auf die Höhe begannen. In die erste, welche den Gipfel erreichte, wurde die Fahne gepflanzt; mit ihren bunten Farben hob sie sich frisch und lebhaft vom weißen Schnee ab. Neben derselben faßte der kleine Feldherr Posto, in flatterndem Mantel, mit einer Trompete – in Ermangelung eines Feldmarschallstabes – die Bewegungen seiner Pioniere dirigierend. Wohl geschah es, daß zuweilen eine der dicken Schneekugeln, wenn man glaubte, sie glücklich oben zu haben, in tückischer Laune den Händen entwischte und den Berg wieder hinabpolterte, aber das störte die gute Stimmung nicht, sondern gab zu dem klassischen Citate Anlaß: »Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückische Marmor,« Nach einer Stunde emsigen Schaffens hatte die Armee und ihr Feldherr die freudige Genugtuung, die furchtbare Schanze Nr. 4 auf der Krone des Hügels fertiggestellt zu sehen. »Nun kommen wir zum zweiten Teil unsrer Aufgabe,« redete der Feldherr seine Truppen an. »Der Schleswigholsteinsche Krieg beginnt. Die ersten Kanonenschüsse sind bei Missunde gefallen, ›donnernd gen Missunde fiel der erste Schlag‹, wie's im Liede heißt. Die Schlei ist von den Preußen überschritten. Die Dänen räumen das Danewerk vor den Oesterreichern und den Preußen, indem die letzteren ihnen in den Rücken zu fallen drohen. Die dänische Armee flieht durch Flensburg und wirft sich in die Düppeler Schanzen; ihr Nachtrab kämpft bei Oeversee mit den Oesterreichern. Die Preußen eilen den Dänen nach, gegen die Schanzen hin, während die Oesterreicher gegen Jütland steuern. Vom 9. Februar bis zum 18. April wird Düppel belagert; Laufgräben und drei Parallelen werden ausgehoben, Batterien werden errichtet. Furchtbar schlagen die preußischen Geschosse in die Schanzen ein, endlich kommt die Stunde des Sturmes. Soldaten, ihr werdet auf verschanzte Stellungen, auf breite Eisflächen stoßen. Aber um so herrlicher wird sich eure Unerschrockenheit und euer Eifer zeigen. Wir werden jedes Hindernis zu überwinden wissen, und keines wird uns länger aufhalten, als sich gebührt.« Hierauf sonderte der kleine Lützow die Preußen von den Dänen. Letztere hatten die Schanze zu besetzen; Arnold Wischebrink wurde richtig zum Kapitän Lundbye ernannt. Die Preußen blieben am Fuße der Sundewitter Höhen. Beide Parteien versorgten sich nun zunächst mit Wurfgeschossen, nämlich mit Schneebällen. »Nicht zu feste drehen!« befahl der Feldherr, eingedenk der väterlichen Mahnung. »Und nicht auf die Gesichter zielen!« Als man auf beiden Seiten genug der Granaten, Haubitzen und Schrapnells u. s. w. zu haben glaubte, sah der Feldherr nach seiner Uhr. »Der Moment ist da!« rief er. Dann zog er seinen Degen, setzte sich an die Spitze seiner Preußen und führte sie mit dem Rufe: »Vorwärts, für König und Vaterland!« die Sundewitter Höhen hinan. Tambour Prümer schlug den Sturmmarsch. Hornist Strohmenger entlockte der Trompete eine Reihe schauerlicher Töne, welche die Melodie »Ich bin ein Preuße« vorstellen sollten. Mit einem Hurra, daß die Krähen erschreckt aus den alten Föhrenbäumen stoben, ging es auf die Schanze los. Von dort begrüßte ein furchtbares »Feuer« die Stürmer. Die Granaten und Haubitzen, die Schrapnells und Flintenkugeln sausten ihnen um die Köpfe, rissen dem dicken Melchior Bumsidel die Mütze vom Kopfe, streiften die Rippen des Roderich Rodewald und pfiffen über das Haupt des Feldherrn. Dieser nahm sein Käppi vom Kopfe, zeigte mit der einen Hand, welche das Käppi hielt, und mit der andern, welche den gezückten Degen führte, nach der Schanze und rief: »Vorwärts, Jungens!« Seine Haltung in diesem Moment war bewunderungswert, einfach großartig, ein Feldherr von der Stirnlocke bis zur großen Zehe! Im selben Augenblick flatterte schon die preußische Fahne auf der Schanze: ein Teil der Preußen war nach links vorgestoßen und hatte die Schanze erklettert. Aber noch ergaben die Dänen sich nicht. Kapitän Lundbye riß seine wasserblauen Augen auf, sträubte mit beiden Händen seine strohgelben Haare und schrie: »Jungens, wehrt euch!« Ein Handgemenge entspann sich, und mancher Preuße purzelte »hurtig mit Donnergepolter« von der Höhe der Schanze in den Schnee. Aber die andern Preußen rückten nach, und endlich war die Schanze in ihren Händen. Auf ein Zeichen des Feldherrn blies Hornist Strohmenger »Hahn in Ruh'!« Nach den aufregenden Momenten des Düppelsturmes war den erschöpften Soldaten dieses Signal ein sehr willkommener Befehl. Sofort erstarb der Kampf; nach Atem ringend, setzten sich die Kämpfer auf die Trümmer der Schanze, Preußen und Dänen, Freunde und Feinde durcheinander. Der Feldherr schlug vor, man wolle für eine Viertelstunde Waffenstillstand halten. Nun ließ die jugendliche Phantasie, welche in dem Schneehaufen eine wirkliche Düppelschanze, und in den Schneebällen Haubitzen und Granaten gesehen hatte, ihre Fittiche sinken, und man ergötzte sich eine Zeitlang an einem ganz realen Geplauder. »Wo blieben denn die Wolfsgruben, von denen Professor Weber gesprochen hat?« fragte Crispinus Reuter. »Ich habe keine vor unserer Schanze gesehen.« »Was sind überhaupt Wolfsgruben?« fragte der kleine Paul Hülsmeier. »Das will ich dir sagen,« antwortete der schalkhafte Georg Prümer, auf seiner Trommel sitzend; »vor den Schanzen waren Löcher gegraben, spitz wie'n Trichter, eines neben dem andern, und in jedem Loche saßen drei dicke Wölfe mit grimmigen Zähnen und stützten die Vorderpfoten auf den Rand des Loches und sahen mit feurigen Augen nach allen drei Himmelsgegenden. Eigentlich sollten es vier Wölfe sein, weil es vier Himmelsgegenden gibt; aber die Dänen konnten nicht mehr anlegen, weißt du, weil sie'n Kleinstaat sind.« Der kleine Paul Hülsmeier machte große Augen, aber Lützow rief: »Prümer, setz dem Kleinen keinen Unsinn in den Kopf! Wolfsgruben, mein unschuldiger Paul, sind einfache Erdgruben, welche die Sturmkolonnen aufhalten, oder worein sie bei einem nächtlichen Angriff fallen sollen.« »Was sind denn spanische Reiter, die Professor Weber ebenfalls erwähnt hat?« fragte Anton Avenarius. »Spanische Reiter,« antwortete der unverwüstliche Georg Prümer, »sind gleichfalls Erdlöcher, aber größer und tiefer als eine Wolfsgrube, dabei viereckig wie 'ne Pfefferkuchenkiste, und in jedem Loche hält ein Reiter zu Pferde. Man nennt die Reiter spanische, weil sie mit ihren Schwertern den Soldaten, welche die Schanzen stürmen möchten, einen spanischen Schrecken einjagen.« »Unsinn über Unsinn!« rief Lützow. »Laß dir nichts aufbinden, Anton! Spanische Reiter, so hat mir mein Vater die Sache erklärt, sind kurze Schwertklingen, welche in Form eines Andreaskreuzes (x) in einem liegenden Wellbaum befestigt sind. So waren sie wenigstens bei den Düppeler Schanzen. Wer sich bei dunkler Nacht daran aufspießt, hat freilich genug.« »Allerdings,« meinte nun Georg Prümer trocken, »so ein Aufgespießter mag nur denken, daß er reif für eine Käfersammlung ist.« »Jungens!« rief Johann Wilms und hauchte sich in die roten Hände, »wie findet ihr die Temperatur? Da lernt man in der Schule, daß wir in der gemäßigten Zone wohnten, ne nette gemäßigte Zone, wenn einem die Nase aus'm Gesicht friert! Ne gemäßigte Zone bei zehn Grad Kälte! Danke für die gemäßigte Zone! Es soll mich nicht wundern, wenn gleich die Eisbären gelaufen kommen und uns nach Losung und Feldgeschrei fragen.« »Da mir die Gesundheit meiner Truppen anvertraut ist,« erwiderte der kleine Feldherr, »so schlage ich vor, daß wir diesen trägen Waffenstillstand brechen und wieder zur Aktion übergehen.« Ein allgemeines »Hurra« war die Antwort. »Meine Disposition,« fuhr Lützow, leicht salutierend, fort, »ist folgende: die geschlagenen Dänen ziehen sich aus ihrer Schanze über das Eis des Alsensundes zurück. Es widerspricht dies zwar der geschichtlichen Tatsache, denn der Alsensund war am 18. April 1864 nicht gefroren; er flutete vielmehr in lieblicher Bläue. Aber wir, Nachahmer tapferer Truppen, müssen der heutigen Tatsache Rechnung tragen: hinter unsrer Schanze vier, wie überhaupt hinter unsern Hohenhorster Bergen, breiten die überschwemmten und gefrorenen Wiesen der Aa sich aus. Also, über diese Eisfläche zieht der geschlagene Feind sich zurück. Wir hinterdrein. Meinethalben könnt ihr dabei an die Beresina denken, über welche Anno 1812 die Franzosen retirierten, verfolgt von den Russen.« Ein abermaliges vielstimmiges »Hurra!« begrüßte diese Proposition. Lützow formierte nun sofort die Dänen und die Preußen, stellte sich dann an die Spitze seiner Truppen, zog seinen Degen und gab das Zeichen zum Angriff mit dem alten Blücherrufe: »Vorwärts!« Die Preußen griffen in den Schnee, drehten Bälle und schleuderten diese auf die Dänen, die sich langsam zurückzogen, nicht ohne bisweilen Halt zu machen und, angefeuert von ihrem Kapitän Lundbye, ihre Bälle unter die Preußen zu schmettern. Einmal gingen sie sogar wieder zur Offensive über. Die preußischen Reihen schwankten. Da zückte Lützow seinen Degen hoch in die Luft, und mit dem Rufe: »Mir nach, Kameraden!« stürzte er sich auf die Feinde. Erbitterter wurde der Kampf, man geriet in ein förmliches Handgemenge, die Preußen stießen und drängten die Dänen auf das Eis. Als nun eine preußische Abteilung dem Feinde in die Flanke zu fallen drohte, wendete sich dieser zur Flucht. Allen voran Magnus Klaverkamp, die feige Seele. Aber wie's bei Busch, dem famosen Bilderbogenzeichner, heißt: »Ganz schwindlig wird der Brave, Paßt auf! jetzt kommt die Strave –« so geschah's auch hier: ein furchtbarer Krach, und Magnus Klaverkamp saß bis unter die Arme im eiskalten Wasser! Furchtbar vernichtend wirkte dieser Zwischenfall auf die lärmende Knabenschar. Sofort verstummte das Schlachtgeschrei, und mit schreckensbleichen Gesichtern standen die Jungen, angewurzelt, wie gelähmt. In diesem kritischen Augenblick bewies der kleine Lützow, daß wirklich etwas von einer großen, kühnen Seele in ihm wohnte. Er war der erste, der dem Verunglückten zu Hilfe kam. Das Käppi von sich werfend, lief er auf die Eisfläche hinaus, und zwar im Bogen um die Unglücksstelle herum, damit das Eis nicht weiter bräche. Dann warf er sich in die Front des armen, im eiskalten Wasser zappelnden und jämmerlich schreienden Magnus Klaverkamp nieder, platt auf das Eis, und hielt jenem die Scheide seines Degens entgegen. Mit begierigen Händen griff Magnus danach, konnte sie aber nicht erreichen; sofort rutschte Lützow näher heran, und nun packte Magnus den rettenden Anker. »Halt fest!« kommandierte Lützow, so hell und scharf, als wäre er auf dem Exerzierplatze. Magnus machte seine Hände zu Schraubstöcken, sie packten fest. Nun zog der tapfere, kleine Lützow, langsam rückwärts rutschend, den Kameraden aus dem Loche, richtete den triefenden, pudelnassen, zähneklappernden Eingebrochenen auf und führte ihn, unter den jauchzenden Bravorufen der am Ufer versammelten Kameraden aufs feste Land. Aber damit waren die Umsicht und die Energie des wackern kleinen Feldherrn noch nicht erschöpft. »Jungens,« sagte er, »das Spiel ist aus; jetzt heißt es, mit der Wirklichkeit zu rechnen. Magnus Klaverkamp darf in diesen triefenden Kleidern nicht dem Froste ausgesetzt bleiben, es könnte seiner Gesundheit arg schaden. Ich führe ihn in das nächste Bauernhaus, dessen Giebel ich dort zwischen den dunkelgrünen Föhrenbäumen aufragen sehe. Zu meiner Unterstützung gehen zwei Mann mit: du, Prümer, und du, Wischebrink. Ihr übrigen marschiert nach Hause und haltet reinen Mund. Wenn Magnus seine nassen Kleider am flammenden Herdfeuer der ländlichen Behausung getrocknet hat, marschieren wir nach.« Und so geschah es. Lützow, Prümer und Wischebrink führten ihren Schutzbefohlenen nach dem Bauernhause, die andern zogen ab. Sie hatten nun schon insoweit ihren Mut wiedergefunden, daß sie ein erheiterndes Marschlied anstimmten. Wie Lützow vorausgesehen, flammte bei dieser scharfen Winterkälte auf dem gemauerten Herde der ländlichen Küche ein mächtiges Holzfeuer, »groß wie ein altgermanischer Opferbrand«, wagte Prümer wieder zu scherzen. Die Bauernfrau, ein getreues Abbild der Ovidschen Baucis, war ganz Sorge und Teilnahme, als Lützow ihr den Unglücksfall geschildert hatte. Sie rückte Stühle (freilich so steiflehnig, daß man wie eine ägyptische Memnonsfigur darauf sitzen mußte!) an das Feuer, führte diesem noch einen Holzbrocken, groß wie ein Fleischerklotz, zu, und drehte dann die Kaffeemühle zu einem Getränke, das »auch von innen einheizen soll«, wie sie sich lächelnd ausdrückte. Des Herdes traute Flamme verbreitete eine fühlbare Glut, in welcher Magnus Klaverkamp zu dampfen anfing wie eine Lokomotive. Mit Wohlgefallen sahen's die drei andern Knaben, und Lützow konnte seinen Feldherrncharakter so wenig verleugnen, daß er, als der Kaffee fertig und in die Tassen geschenkt war, schneidig kommandierte: »Trink, Magnus!« Dabei hielt er diesem die Tasse an die Lippen, Magnus spitzte dieselben wie eine Spitzmaus, zog sie aber schnell zurück, in die Worte ausbrechend: »Da hätt' ich mir bald die Zunge verbrannt! Es geht mir wie dem armen Störchlein in Andersens Märchen: Erst gehängt, dann gesengt!« »Hurra, er macht schon wieder Witze!« rief Prümer. »Das ist ein gutes Zeichen, daß die Gefahr vorüber ist.« Und so war es wirklich. Der Unfall hatte so wenig ernste Folgen, daß Magnus Klaverkamp am andern Tage, wie gewohnt, in der Quarta erscheinen konnte. Des kleinen Lützow Ansehen aber stand seit jenem Abenteuer unter den Eingeweihten höher denn je, »Ein Knabe – ein Mann,« sagte Prümer, der diesmal ernst sprach.   Erinnerungen eines Tierfreundes Meine ersten Erinnerungen knüpfen sich an einen Sperling. Ich kniee als kleiner Bube in unsrer ebenerdigen Wohnstube auf einem Stuhl, dessen Lehne der Fensterbank zugekehrt ist, und blicke, den blonden Krauskopf in die Linke gestützt, gelangweilt auf die Straße hinaus. Hier plätschert der Regen auf die blanken Pflastersteine hernieder und heult der Wind in bald schwellenden, bald abnehmenden Accorden an den Häusern entlang. Die lärmenden Spiele froher Kinder sind draußen verstummt; die Straße liegt leer und einsam, nur hin und wieder arbeitet sich ein tief herabgezogener, gegen den Wind gestemmter Regenschirm vorüber, unter dem entweder zwei Stiefel mit einem Stückchen Hose oder der Saum eines Frauenkleides sichtbar werden. Ich starre und starre wie in eine fürchterliche Oede. Da wird plötzlich von einer Dachrinne oder sonst woher ein Spatz durch die Gewalt des Windes auf das Pflaster verschlagen. Wie betäubt bleibt er einige Sekunden regungslos auf den roten Granitsteinen hocken. Meine Augen – ich fühle es – treten dick aus dem Kopfe hervor, sie verschlingen den Sperling. Wie? wenn er nicht fliegen könnte? Hatte ich damals schon meinen Schiller gekannt, ich würde mit Begeisterung deklamiert haben: Aus den Wolken muß es fallen, Aus der Götter Schoß – das Glück! Der Gegenstand meiner Begeisterung – mir klopfte währenddessen das Herz wie ein Lämmerschwänzchen – sperrte den Schnabel auf, bewegte die regennassen Schwingen, fuchtelte damit ein wenig umher, blieb aber – o Wonne! das heißt: o Wonne für mich! – am Pflaster kleben. Wirklich, er konnte nicht fliegen! Wie ein Blitz war ich vom Stuhle hinunter, zur Stuben- und zur Haustüre hinaus. Bei dem Geräusch meiner Tritte hopste der Sperling eine kleine Strecke weiter, aber schnell wie der Wind war ich hinterdrein, und dann warf ich mich mit dem Oberkörper über das regennasse ermattete Tier und – im nächsten Augenblicke hatte ich es in der Hand! Welch ein seliges Gefühl! Weich schmiegte sich das braune Gefieder an meine Finger; das kleine Vogelherz fühlte ich heftig schlagen, und ein Schnabelhieb, den mir der Gefangene versetzte, machte mich lachen. Nun aber drängte es mich, mein Glück den Meinigen zu verkünden. Verschwiegenes Glück ist nur halbes Glück. Flink wie ein Wiesel schoß ich ins Haus, schon in dem Flur aus vollem Halse schreiend: »Ein Vogel! Ein Vogel! Ich hab' einen lebendigen Vogel gefangen!« Meine älteren Geschwister, welche nach der Stärke meines Geschreies urteilen mochten, daß ich einen Papagei, einen roten Kardinal oder mindestens einen Kanarienvogel erwischt hätte, kamen aus allen Stuben, Winkeln und Ecken, in Stiefeln, Pantoffeln und Holzschuhen herbeigerannt, reckten die Halse wie schreiende Gänse und fragten: »Wie? Wo? Was? Laß sehen!« Als sie das braune Köpfchen meines Gefangenen erblickten, sprachen sie in langgedehntem Tone, dem man die Enttäuschung nur zu deutlich anmerkte: »Bah, nur ein Spatz?« und lachten mich ob meiner hellen Freude weidlich aus. Aber das stimmte meine Freude keineswegs herab, zumal meine gute Mutter teilnehmend bemerkte: »Ein Spatz ist doch auch ein Vogel und ein Geschöpf Gottes. Wird er nicht in der Bibel ausdrücklich erwähnt? Wir wollen das arme Tierchen trocknen, füttern und ihm dann die Freiheit geben.« »O, Mama!« warf ich stehend ein, »ich behielte den Vogel so gerne! Weißt du, wir haben auf dem Söller den alten Drahtkäfig stehen, da hinein täte ich meinen ›Hans‹ so gerne und fütterte ihn!« »Nun, so magst du das tun, mein Junge!« gewährte Mama; »ich setze voraus, daß du den armen Schelm nicht quälst; auch nehme ich an, daß du der Pflege deines ›Singvogels‹ bald überdrüssig wirst und dem Tierchen die Freiheit gibst.« Wer war glücklicher als ich? In tiefster Seele barg ich zwar den Gedanken, den reizenden Vogel, den Mama so spöttisch einen Singvogel hieß – bah! was lag mir daran, ob er singen konnte oder nicht? Sein »Schilp, Schilp, Schilp« war Musik genug für meine Ohren! – also, ich barg in tiefster Seele den Gedanken, den reizenden Vogel für immer zu behalten, bis ans Ende meiner oder seiner Tage, und ihm die Gefangenschaft durch die köstlichsten Leckerbissen zu versüßen. In der einen Hand mein Kleinod haltend, kletterte ich auf den Söller: Auf dreimal dreißig Stufen stieg Der Pilgrim zu der steilen Höhe – holte hier den alten, verstaubten, krumm und schief gebogenen Drahtkäfig von einer ditto verstaubten Kiste herunter, brachte nicht ohne Mühe das verrostete Türchen des Käfigs auf und ließ meinen »Hans« hineinspazieren. Mit der dem Geschlechte der Spatzen eigenen Dreistigkeit nahm Hans Besitz von seiner luftigen Wohnung, doch zog er das untere Stockwerk dem durch Sitzstäbchen angedeuteten oberen vor. Hinter ihm schloß sich das rostige Türchen, und im Triumph trug ich mein Besitztum nach unten in die Küche, denn es galt, sogleich eine Hauptfütterung vorzunehmen. Mich nach Nahrung umsehend, hatte ich die Wahl zwischen saurem Schwarzbrot und süßem Korinthenbrot. »Am besten,« dachte ich, »vereinigst du beides,« Zufällig war niemand in der Küche anwesend, der mich auf das Unzweckmäßige dieser Nahrung aufmerksam gemacht hätte. Ich warf also Brocken jedweden Brotes in den Käfig, Hans schielte zwar mit seinen dicken Augen nach dem Bissen hin, sperrte aber nicht den Schnabel danach auf. Fünf Minuten wartete ich geduldig, ob der Vogel fressen würde. »Komm, Hans, sei artig und friß! Sieh nur, kräftiges Schwarzbrot und leckeres Korinthenbrot!« Aber prosit, Hans fraß nicht. Da wurde ich ungeduldig. Das rostige Türchen schob ich auf, und hinein in den Käfig glitt meine kleine Kinderhand, den Vogel von neuem ergreifend und ihn ans Licht zerrend. Nun pfropfte ich dem armen Geschöpf in der besten Absicht von der Welt dicke Krumen des sauren Schwarzbrotes – da ich solches für kräftiger hielt – in den Schnabel. Hans schluckte und für seine Willfährigkeit belohnte ich ihn mit einer dicken Rosine, die ich aus dem süßen Korinthenbrote herausknibbelte. Nun noch ein Schlückchen Wasser hinterdrein – das spült hinunter! – und Hans konnte es »aushalten«. Ja, er hielt es aus – bis zum folgenden Morgen, wo er verendet im Käfig lag! »Das Opfer einer Indigestion«, wie Mama sich recht schonend ausdrückte. Mit der Schilderung meiner Trauer will ich den Leser verschonen. Man erzählt, daß der Löwe, wenn er einmal Menschenblut gekostet, doppelt grausam und blutdürstig werde, und daß er fortan kein Hindernis scheue, um sich den »ganz besonderen Saft« noch einmal zu verschaffen. Wenn es erlaubt ist, Kleines mit Großem zu vergleichen, so möchte ich bemerken, daß meine kleine Person, nachdem sie einmal im Besitze eines Spatzen gewesen, doppelt begierig nach den gefiederten Bewohnern der Lüfte war; ich scheute fortan kein Hindernis, um mich in den Besitz von Staren, Krähen, Elstern u. s. w. zu setzen; ich plünderte meine Sparbüchse, um Straßenjungen, Gärtnerburschen, Milchmänner u. s. w. zu bestechen, damit sie mir Vögel mitbrächten. Meine Bemühungen hatten Erfolg, und nachdem der alte Drahtkäfig einen neuen Bewohner in der Gestalt eines flügellahmen Staren erhalten hatte, mußten die leeren Einmachtöpfe meiner Mutter als Gefängnisse für meine jungen Hausrotschwänzchen, Buchfinken, Schwalben, Stieglitze, Drosseln und dergleichen dienen. Besagte Einmachtöpfe entsprachen keineswegs den »sanitären Anforderungen«, welche man an Vogelkäfige zu machen berechtigt ist, und da ich in der Fütterung meiner gefiederten Lieblinge Mißgriffe über Mißgriffe beging, so war ein »großes Sterben« (wie die alten Chroniken bei Schilderung der Pest sich ausdrücken) in meiner Vogelkolonie die Folge. Mein kleines Schwesterchen Ida, welches den an Schwarzbrotsäure verendeten Sperling unter Blumen im Garten begraben und auch noch einem Schwälbchen eine feierliche Bestattung bereitet hatte, wurde es bald überdrüssig, den zahlreichen Opfern meiner Vogelpflege die letzte Ehre zu erweisen, und überließ mir die Sorge – die ich freilich sehr leicht nahm. Größere Sorge bereitete es mir, den Augen meiner Mutter die seltsame Verwendung ihrer Einmachtöpfe zu entziehen; den Sommer über gelang es mir wohl, als aber der Herbst ins Land kam und lieb Mütterlein sich zum Einmachen von Kronsbeeren, Gurken, Perlzwiebeln, Pflaumen und roten Rüben anschickte, stellte sie energische Nachforschungen nach ihren verschleppten Töpfen an und erhielt dieselben nicht ohne schmutzige Spuren ihrer meist verendeten Insassen zurück. Mit einer gehörigen Strafpredigt abgekanzelt, meiner »Käfige« beraubt, mußte ich meiner Liebhaberei für die gefiederten Bewohner der Lüfte vorläufig entsagen, was mir zur Stunde um so leichter wurde, als ich von unsrem Milchmann ein allerliebstes dreibuntes Kätzchen geschenkt bekommen hatte. Ich erwärmte mich bald so sehr für das zierliche, reinliche, schmeichlerische Wesen meiner Pussy – so taufte ich meine Miez –, daß ich zum begeisterten Lobredner und Verehrer des Katzengeschlechts überhaupt wurde. Meinem Schwesterchen Ida gereichte dieses zur großen Genugtuung und sie sorgte getreulich für die süßeste Milch, den fettesten Rahm, um »Pussyken« damit zu laben. Dieses sollte meiner neuen Liebhaberei indes verhängnisvoll werden. In einer dunklen Spätherbstnacht erhob sich im Hause plötzlich ein schrecklicher Lärm. Alles fuhr, wie wir uns später erzählten, in den Betten auf, spannte die Ohren an und lauschte. Der Lärm mußte in der Küche sein, denn man horte deutlich das Klirren und Zerbrechen von Porzellan. Es ging ganz toll dort her. Stück auf Stück ging in Trümmer. Dazwischen horte man eine rätselhafte Stimme: waren es Klagelaute oder sonst was? Sollten Diebe in der Küche sein? Aber nein, die würden solchen Lärm nicht vollführen – sie würden möglichst leise zu Werke gehen. Sollte ein Trunkener oder gar ein Wahnsinniger ins Haus gedrungen sein? Furchtbarer Gedanke! Papa, mein mutiger Papa, der zudem einen alten Kavalleriesäbel neben seinem Bette stehen hatte, war mit meinen drei älteren Brüdern leider verreist; sonst würde er unfehlbar beim ersten Geräusch in die Küche gedrungen sein. Ich war der einzige »Mann« in unsrer Wohnung, das heißt in der unteren Etage des zweistöckigen Hauses; meine Ehre verlangte es, daß ich der Ursache des nächtlichen Skandals zu Leibe ging. Ich will aufrichtig bekennen, daß ich nicht allzu großen Mut zu diesem Unternehmen fühlte. Aber, wie gesagt, meine Ehre, meine Ehre als Mann, drängte mich gebieterisch. Ich schlüpfte also aus dem Bette heraus und in die Kleider hinein, zündete eine Kerze an, welche ich in die eine Hand nahm, raffte aus meinem Werkzeugkasten eine Laubsäge, welche ich in die andre Hand nahm (kuriose Waffe, aber ich wußte in der Eile nichts andres zu finden), und marschierte in einem etwas sehr erzwungenen Heldenschritte nach der Küche. Als ich die Hand auf die Klinke legte, schmetterte drinnen gerade wieder ein Stück Porzellan in Scherben, Das Herz klopfte mir wie ein Lämmerschwänzchen, aber ich fand dennoch den Mut, die Tür aufzureißen. Und was sah ich – mußte ich sehen? Meine Pussy – welche ihren Kopf in einem Milchguß stecken hatte und diese sonderbare Kopfbedeckung nicht wieder quitt werden konnte! Im Augenblick war mir alles klar: das Tier hatte naschen wollen; es war auf den Tisch gesprungen, wo das Teegeschirr von der letzten Abendmahlzeit stand, und hatte sein Leckermäulchen in den Milchguß gebracht; der Genuß der fetten süßen Milch hatte Pussy veranlaßt, den Kopf immer tiefer in das Gefäß zu stecken, und als die Näscherin endlich genug oder den Behälter bis auf den Grund geleert hatte und den Kopf zurückziehen wollte, war letzterer eingezwängt gewesen; nun war das geblendete und geängstigte Tier auf dem Tisch herumgesprungen und hatte Tassen und Teller, Kanne und Buttertopf, Rumflasche und Zuckertopf auf die Dielen geworfen – wo die Scherben überall herumlagen. Nur der Milchguß, der verräterische Milchguß auf dem Haupte der Frevlerin war heil geblieben! Er war nämlich von Steingut, Und fortwährend noch machte Pussy die verzweifeltsten Sprünge und Kapriolen, um ihre »eiserne Maske« wieder quitt zu werden. Ich mußte darüber lachen – trotz des bangen Bewußtseins, daß meine Pussy es gewesen, welche so gründlich unter dem Porzellan der Mutter aufgeräumt hatte. In diesem Augenblick traten durch eine andre Tur meine Mutter und unsre Magd Anna, erstere mit einem Purreisen, letztere mit einem Schrubbbesen bewaffnet, in die Küche. »Die verwünschte Katze – wenn ich es nicht gedacht habe!« schrie Anna in höchster Entrüstung und ließ, ehe ich es hindern konnte, ihren Schrubbbesen auf die arme Miez herniedersausen. Der kräftig geführte Schlag zerschmetterte den Milchtopf – und Pussy war frei. Sie machte – ob aus Freude, ob aus Schmerz, ich weiß es nicht! – noch einen gewaltigen Luftsprung gegen das Glasfenster des Küchenschranks, so daß eine der großen Scheiben klirrend zu Boden fiel. Dann entwischte die Uebelthäterin durch eine der offen gebliebenen Türen. Als die Frauen außer den Trümmern der Glasscheibe die Brocken und Scherben ihres Lieblingsporzellans am Boden liegen sahen, huben sie ein lautes Wehklagen an, welches allmählich in kräftige Verwünschungen der geschwänzten Missetäterin überging. Die Verwünschungen gipfelten in dem harten Ausspruch meiner Mutter: »Das abscheuliche Tier soll mir aus dem Hause – gleich morgen früh!« Sehr kleinlaut zog ich mich mit meiner Laubsäge und Kerze in meine Schlafkammer zurück, und ohne Zweifel taten die erzürnten Frauen ein Gleiches. Der neue Tag kam – wer aber nicht kam, war meine Pussy. Ich war ihr im Herzen dankbar dafür. War es Schlauheit von dem Tiere, oder hielt ein Zufall dasselbe fern? Nein, es war Schlauheit! O, Pussy, meine Pussy war so klug, so gewaltig klug! Sie hatte Menschenverstand. Sie wußte, daß sie was verbrochen hatte, und wollte erst mal die Gewitterwolken vorüberziehen lassen. Da Pussy nicht im Hause erschien, so konnte die Drohung meiner Mutter: »Sie soll mir aus dem Hause!« auch nicht vollzogen werden. Nachdem das zertrümmerte Porzellan durch neue Einkäufe erseht worden war, besänftigte sich die Stimmung der Frauen um ein Bedeutendes, zumal die Einkäufe durch anhaltendes Feilschen sehr vorteilhaft verlaufen waren. Aber noch zögerte Pussy vier bis fünf Tage, auf der Bildfläche zu erscheinen. Wo sie sich während dieser Zeit herumtrieb, mag der Himmel wissen. Ich für meine Person konnte es nicht in Erfahrung bringen, obgleich ich unaufhörlich im Keller, im Holzstall, auf dem Söller: »Pussy! Pussy! Pussy!« rief. Endlich an einem Sonntagmorgen, wo die Stimmung der Menschenkinder ohnehin eine friedliche zu sein pflegt, erschien Pussy wieder auf dem Schauplatz ihrer nächtlichen Freveltaten, aber so zaghaft, so demütig, so schmeichlerisch, daß sie mit der Begrüßung von seiten Annas: »Sieh da, du alte Hexe, bist du auch wieder hier?« davonkam, während Mutter sich einfach mit der an mich und Anna gerichteten Warnung begnügte: »Sorgt nur dafür, daß das Tier nichts zu naschen findet!« Mein Herz jubelte: Pussy, meine liebe, herzige Pussy war wieder in Gnaden aufgenommen! Sie brauchte nicht aus dem Hause, in die lieblose Welt hinein! Leider sollte meine Freude nicht von langer Dauer sein. Und daran war ich unglücklicherweise selber schuld. Nachdem Pussy am Sonntagmorgen wieder in den Verband der Familie aufgenommen war, machte sich am Montagabend in der Küche ein Mäuschen bemerklich. Als gute Katze war Pussy sehr bemüht, des kleinen Nagetieres habhaft zu werden. Sie konnte aber keinen Erfolg erzielen, weil das Mäuschen, wie ich mit meinen großen Löffelohren bald herausgespürt hatte, nicht unten auf den Dielen, sondern oben auf einem Wandbrette sein Unwesen trieb. Auf diesem Wandbrette, das mit einem etwas erhöhten Rande umgeben war, standen mehrere buntbemalte Porzellanteller, schräg an die Wand gelehnt, so daß zwischen dieser und den Tellern eine »hohle Gasse« war. Nun wollte ich meiner Pussy ihr Amt als Mäusevertilgerin erleichtern; ich nahm sie deshalb zwischen beide Hände, hob sie hoch und ließ sie in die hohle Gasse hineinlauschen, wobei ich lockend wisperte: »Pussy, krieg's Mäuschen! Krieg's Mäuschen, Pussy!« Kaum aber hatte die aufgeregte Mäusejägerin die Nähe ihrer kleinen Todfeindin gewittert, als sie mit einem Ruck meinen Händen entwischte; wie der Blitz schoß sie durch die hohle Gasse – und wie der Blitz klirrten die zwölf buntbemalten Porzellanteller zur Erde. Selbstverständlich gingen sie in Stücke. Der Blitz hatte eingeschlagen. Aber auch der Donner ließ nicht lange auf sich warten. Mama und Anna besorgten denselben in Form einer fürchterlichen Strafpredigt, die hauptsächlich auf das Haupt der armen Pussy herniederschmetterte. Das arme Geschöpf! Es hatte nur seinem natürlichen Triebe Folge geleistet. Das Unheil hatte eigentlich ich, der kleine Homo sapiens , angerichtet – und ich ging bei der Predigt sozusagen leer aus. Es gibt nun einmal keine Gerechtigkeit in dieser schnöden Welt. Gleichwohl sollte ich aufs empfindlichste getroffen werden, denn es fiel endlich aus dem Munde meiner Mutter wieder das furchtbare Wort: »Die Katze soll mir aus dem Hause, und zwar sofort! Ich behalte sonst kein heiles Stück Porzellan im Hause.« Diesmal lautete also der Entscheid auf »sofort«; diesmal stand keine Tür offen, durch welche Pussy hätte entwischen können; diesmal war Anna so zornig, daß sie – trotz meiner flehentlichen Bitten – Pussy sofort beim Nackenfell ergriff, solche in einen Deckelkorb steckte und damit abzog. Wohin sie das unglückliche Tier gebracht, hab' ich niemals erfahren; ich war schon damals geneigt, das Schlimmste anzunehmen; denn eine Katze sucht, wenn man sie auch stundenweit weggebracht hat, doch immer ihr altes Haus wieder auf; wer aber nicht wiederkam – war Pussy! Ich trauerte lange um mein liebes, hübsches, dreibuntes Kätzchen, und da ich in jenem Jahre anfing meine ersten Verse zu drechseln, so widmete ich Pussy sogar einen poetischen Nachruf, in welchem ich Anna ein »verruchtes Weib« nannte und ihr einen »tückischen Mordstahl« in die Hände gab. Die Schlußverse lauteten: Wo bleichet dein Gebein, O teure Pussy mein? Das Gedicht kam meinem Vater zu Gesicht und er lachte, lachte darüber, daß ihm die blanken Tränen über die Wangen liefen. Ich fühlte mich in meinen heiligsten Gefühlen verletzt: lachte mein Vater über meine Verse – meine schönen, elegischen Verse – oder lachte er über meine treue Anhänglichkeit an Pussy? Höchst wahrscheinlich lachte er über beides. Nun liefen auch mir die Tränen über die Wangen – aber Tränen der Scham, des Zornes. »Junge, hör auf zu flennen!« rief mein guter Vater endlich; »du machst ein Gesicht, wie ein junges Nilpferd, das Zahnweh hat. Wenn dein Herz denn gar so gewaltig an Tieren hängt, so verspreche ich dir ein junges Hündchen. Fuhrmann Eilers in der Taubenstraße hat junge Pudelhunde, wie ich zufällig heute morgen erfuhr, und da magst du dir einen holen. Was das Tierchen kostet, zahle ich,« Wer war glücklicher als ich? Keine Musik von Mozart oder Beethoven, von Wagner oder Mendelssohn hat mir später so entzückend in die Ohren geklungen, als damals das Wort vom Vater: »Du magst dir ein junges Hündchen von Eilers holen.« Und nun gar ein Pudelhündchen! Diese Art, die ich über alles liebte. Sofort stürmte ich nach meiner Schwester Ida, um dieser mein unermeßliches Glück mitzuteilen. Ida freute sich mit mir und alsbald berieten wir, wie das Hündchen heißen solle. Ich schlug sämtliche Helden- und Götternamen des griechischen Altertums vor: Hektor, Ajax, Achill, Kastor, Pollux u. s. w., welche jedoch Ida verwarf, da sie »zu abgedroschen« seien; Ida ihrerseits führte die Namen Molly, Lady, Moppy u. s. w. ins Feld, welche ich indes als »zu weichlich« zurückwies. Ida bewegte sich als angehende Töchterschülerin damals in den Anfängen der englischen Sprache und mit hochgelehrter Miene nannte sie mir das Wort Fellow, welches Gefährte, Begleiter, Freund bedeute. Fellow, ja, dieser Name gefiel mir, und mein Hündchen ward also getauft, bevor ich es noch besaß. Selbstverständlich säumte ich jedoch nicht, das Hündchen zu holen. Es wurde mir ohne Anstand verabfolgt, und »meinen Fellow« zärtlich in den Armen haltend, verließ ich glückstrahlend das Haus des Fuhrmanns. Das Tier war aber auch gar zu reizend! Sein Fell war voll von schwarzen Löckchen, ein dickes Schnurrbärtchen saß keck unter der Nase, und buschige Augenbrauen wuchsen über den Augen, die wie zwei schwarze Glaskugeln funkelten. Seltsamerweise wollten meine Mutter und unsre Magd Anna meine Begeisterung nicht teilen. Mutter murrte etwas von »Last« und »Schmutzigmachen«, während Anna etwas von einer »netten Bescherung« und einem »abscheulichen Vieh« knurrte. Aber ich hatte an Vater einen starken Rückhalt. Er hieß das Hündchen ein »nettes Kerlchen« und beschwichtigte die Frauen mit den Worten, mir doch einmal mein Pläsier zu lassen. Auch war Schwester Ida ganz entzückt von dem Tier; sie wurde nicht müde, Fellow zu tätscheln und anzureden: »Was für ein hübsches Hündchen du bist! Wie du uns Haus und Hof bewachen wirst! Fellow, Kerlchen, sei nicht bange, du wirst es gut bei uns haben!« Bruder Karl nannte Fellow einen »ruppigen Köter«; Bruder Ferdinand meinte, das »Geschöpf« sei »nicht ohne«; Bruder Oskar behauptete, alles hinge von der Zukunft ab – wie der Hund sich entwickeln würde – und deklamierte dabei aus Goethes Faust: »Dem Hunde, wenn er gut gezogen, Wird selbst ein weiser Mann gewogen.« Dies waren die Stimmungen, welche meinem Fellow entgegengebracht wurden: freundliche, unfreundliche und abwartende. Sofort machten Ida und ich uns daran, Fellow zu füttern, indem wir ihm eine Untertasse mit Milch vorsetzten. Als Fellow ohne Bedenken sein rotes Zünglein mit der weißen Milch in Berührung brachte, wollte unser Jubel kein Ende nehmen, Fellow blickte auf, leckte sich die von weißen Milchperlen besaete schwarze Schnauze und machte eine Grimasse, als wollte er sagen: Das laß ich mir gefallen, das hat gut geschmeckt! In der nächsten Zeit wurde Fellow bald von mir, bald von Ida stundenlang ins Freie geführt, wobei er kräftig gedieh. Unsre Nachbarkinder lärmten und tollten fast den ganzen Tag mit ihm herum; sie liefen – und Fellow rannte hinterdrein; sie schrieen – und der Hund kläffte und belferte. Durch den Hausgarten und auf die Straße ging die wilde Jagd. Auf der Straße schlossen sich noch mehrere Kinder dem kleinen Rennverein an, was den Eifer des verfolgenden Fellow verdoppelte. Erhaschte der Hund eines der Kinder am Kleide oder an der Hose, so erhob sich ein Zetergeschrei des Gefangenen und ein Jubelgeschrei der Zuschauer. Die Nachbarn schlossen die Fenster vor dem Gekläff und Geschrei. »Ihr macht den Hund ganz bissig!« tadelte meine Mutter mich und Ida. »Laß die Kinder doch!« entgegnete mein Vater; »dadurch wird der Hund aufgeweckt und wachsam,« Jawohl, mein Fellow wurde sehr aufgeweckt: er konnte im Garten keine Krähe, keinen Spatz, keinen Frosch sehen, ohne mit wütendem Gebell darauf loszustürzen; vollends vor einem Stacheligel bellte er sich gründlich heiser. Er wurde auch sehr wachsam: kein Mensch konnte unsre Wohnung betreten, ohne daß Fellow einen Heidenlärm vollführte; namentlich haßte er die Handwerksburschen und alle Leute, die einen Sack auf der Schulter trugen, wie die Lumpensammler und Knochenhändler: solchen gegenüber war das Tier wie außer sich und sein Bellen wurde immer lauter und eifriger bis zum Ueberschnappen der Stimme. »Ein unausstehliches Vieh!« sagten Mutter und Anna. »Dem wird niemals ein weiser Mann gewogen werden!« meinte Bruder Oskar. Was aber noch schlimmer wog, auch unser Hausherr – wir wohnten nämlich zur Miete und hatten die Unterwohnung inne, während der Hausherr, Rentier Pfeifer, die obere Etage bewohnte – also auch dieser Hausherr erklärte Fellow für einen »Spektakelmacher«. »Er ist nur wachsam!« wagte ich kleinlaut zu erwidern. An einem der nächsten Tage legte Fellow eine neue Probe seiner Wachsamkeit ab. Ein Postbote trat ins Haus, um dem Hausherrn einen Brief zu überbringen. Mein Fellow warf sofort den Kopf in den Nacken, empfing den Jünger Stephans mit wütendem Gebell, verfolgte ihn endlich bis an die Treppe, schnappte nach seinen Waden und – empfing einen so derben Fußtritt, daß er zu meinem größten Entsetzen einen regelrechten Salto mortale beschrieb. Fellow zog sich plötzlich verstummend zurück und der Postbote stieg die Treppe hinauf, seinen Brief abzugeben. Als er wieder herunterkam, hatte Fellow sich so weit von seinem Schrecken erholt, daß er seinen Feind mit wütendem Gebelfer verfolgen konnte, wobei er sich indes in angemessener Entfernung von den nagelbeschlagenen, doppelsohligen Rindslederstiefeln hielt. »Die feige Hundeseele!« bemerkte Anna mit Hohn. »Das kluge Tier!« behauptete ich. Der ihm zugefügte Schimpf schien indes einen unauslöschlichen Eindruck auf Fellow gemacht zu haben; denn als das Schicksal den Postboten nach Verlauf von drei Tagen abermals in die Wohnung unsres Hausherrn führte, geriet der Hund in einen förmlichen Wutparoxysmus. Mit kaltblütiger Ruhe stieg der Postbote die Treppe hinauf und erklärte Herrn Pfeifer, daß diesem Unfug ein Ende gemacht werden müsse, widrigenfalls er keine Briefe mehr hierher zu besorgen brauche. Die Folge war eine ernstliche Verwarnung von seiten des Hausherrn an unsre Adresse. »Hüten Sie Ihren Kläffer von Hund,« sagte unter andrem Herr Pfeifer, »widrigenfalls ich auf seiner Entfernung aus meinem Hause bestehen muß.« »Nächstens besteht Herr Pfeifer auf unsrer Entfernung aus dem Hause,« meinte Anna, »denn man könnte eher einer Kuh das Seiltanzen beibringen, als dem verwünschten Köter das Maul stopfen.« Von Stunde ab war Mutter in große Unruhe versetzt. Sie jammerte Vater und mir beständig von einer nahen Kündigung vor, und daran wäre allein der garstige Fellow schuld. Wir alle wollten nicht gern aus der hübschen Wohnung ausziehen und ich legte ein feierliches Versprechen ab, meinen Hund aufs strengste zu hüten. Dies gelang mir denn auch bezüglich des Postboten. Dafür entschädigte sich Fellow aber durch andre Streiche. Als eines Abends Mutter von einem Spaziergange ins Haus zurückkehrte, sah sie auf der Strohmatte des Korridors den schwarzen Fellow liegen, wie er an einem Gegenstand kaute und zerrte, der sich gleich darauf als eines der Sonntagsstiefelchen von Ida entpuppte. O, diese Sonntagsstiefelchen! Sie waren noch funkelnagelneu, dazu von goldbraunem Glanzleder, mit Goldknöpfen und Gummizügen! »Das ist aber doch zu arg!« rief Mutter in entrüstetem Tone mir zu, als ich in diesem Augenblick aus dem Wohnzimmer trat, um Mama zu begrüßen. Die sonst so sanfte Frau versetzte Fellow zwei Püffe und entriß ihm das Stiefelchen. Aber ach, wie war dieses zugerichtet! Namentlich der Gummizug hatte alle Spannkraft verloren und lang und schlaff gezerrt hing er herunter. Im Bewußtsein seiner Schuld machte sich Fellow schleunigst aus dem Staube. Nun wandte sich Mama vollends an mich, um ihren Unwillen auszulassen; ich bekam Schimpfe, daß mir die Ohren dröhnten, und mein Fellow, mein hübsches, schwarzgelocktes, kluges, friedliches Tierchen, das nur seinem Instinkte gefolgt war (wie ich Mama beteuerte), wurde mit Titeln belegt, wie: garstiger Köter, abscheulicher Hund, Plagegeist des Hauses, Ruin der Familie u. s. w. »Ida hätte ihre Sonntagsstiefelchen auch nicht so herumliegen lassen sollen!« wagte ich meinen angegriffenen Liebling zu verteidigen. »Was, frech willst du auch noch werden. Junge? Das fehlte noch!« entgegnete mir die gereizte Mama und sie ließ ihren Regenschirm mit dem »modern dicken Stocke« auf meinen Rücken herniedersausen, so daß ich es für geraten fand, gleich meinem Freunde Fellow mein Heil in der Flucht zu suchen. Der dunkle Schleier der Nacht senkte sich auf unser Städtchen hernieder. In den Häusern erloschen die Lichter, eins nach dem andern, und ein Menschenkind nach dem andern sank müde auf sein Lager und in die Arme des Traumgottes, der vom Dichter Tieck als ein alter Mann mit einem Bilderbuche dargestellt wird. Gerade zeigte er meiner Mutter, wie diese uns später erzählte, einen hübschen neuen schwarzen Tüllhut mit einem Veilchenstrauß, als dieses erfreuliche Bild durch ein dumpfes Klopfen gestört wurde. Mutter erwachte und horchte. (Ich richte mich nach ihrer eigenen Erzählung.) Wirklich, da war es wieder! Es schien in einem Nebenzimmer zu sein. Poch, poch, poch! Jetzt eine Pause. Mutter hielt den Atem an. Erneutes Klopfen: Poch, poch, poch! Die geängstigte Mutter weckte den Vater; auch dieser vernahm das Klopfen, konnte sich dasselbe aber nicht erklären. Mit angstverhaltener Stimme flüsterte Mutter endlich: »Ich habe neulich in der Zeitung einen Aufsatz über Spiritismus gelesen; sollte das Pochen nicht von Klopfgeistern herrühren?« »Unsinn!« behauptete Vater und drehte sich auf die andre Seite, um weiter zu schlafen. Mutter folgte seinem Beispiele, konnte aber den Schlaf nicht wieder finden, denn das dumpfe Klopfen blieb die ganze Nacht hindurch vernehmbar. Als wir am Morgen rund um den Kaffeetisch saßen, erzählte Mutter die Erlebnisse der Nacht, wobei sie bemerkte, daß sie gerade keine große Lust verspüre, in einem Hause wohnen zu bleiben, worin es spuke; wenn jetzt Herr Pfeifer kündigen wolle, so habe sie nicht viel dagegen zu erinnern. Bei diesen Worten schoß mir, ich fühlte es, das Blut ins Gesicht und mein Kopf brannte wie Feuer. »Aha!« sagte Papa, der das bemerkt haben mußte, »sollte unser hoffnungsvolles Söhnchen Gottfried vielleicht etwas Näheres über den Klopfgeist wissen? Er verrät sich durch seine Farbe,« Ich konnte nicht anders, ich mußte folgendes bekennen: »Das Klopfen, das Mama Klopfgeistern zuschreibt, rührt von Fellow her. Weißt du, Papa, es juckt ihn in seinem krausen Pelze, und da denkt er: Wen's juckt, der kratze sich. Letzteres tut er nun seit kurzem des Nachts mit Vorliebe, und dabei klopft er mit seinem Hinterbein beständig auf die Dielen des Fußbodens.« »So, so!« sagte Papa und brach in ein herzliches Gelächter aus. Mama hingegen blieb ernst, unheimlich ernst, und bemerkte scharf: »Immer der Hund und immer wieder dieser Hund! Es soll mich nur wundern, wie lange der noch ungestraft seinen Unfug treiben darf,« Ich bangte für meinen Fellow und suchte ihn mehr denn je zu hüten. Bei Tage gelang es mir auch, aber des Nachts, des Nachts! Zwar schlief Fellow gewöhnlich in meiner Stube, aber auch mancher Abend kam, wo der Hund trotz allen Flötens und Lockens nicht erschien. Da fürchtete ich denn oft halbe Nächte, daß er wieder neue Streiche begehe. In einer Nacht, als Fellow wieder mal nicht in meiner Schlafstube sich eingestellt hatte, hörte Herr Pfeifer, wie am folgenden Tage uns mitgeteilt wurde, auf seiner Treppe ein Geräusch, wie wenn jemand auf Socken oder Gummischuhen hinaufschliche. Er lauschte. Nein, er täuschte sich nicht: Schritt vor Schritt schlich es die Treppe hinauf, höher, immer höher. Jetzt war es oben auf dem Söller – ein Geräusch, wie wenn jemand zwischen den Kisten und Kasten rumorte. Nun hielt Herr Pfeifer es nicht länger aus; er weckte seinen Diener und teilte demselben im Flüstertone seine Vermutung mit, daß sich ein Dieb auf den Söller geschlichen habe. Der Diener griff nach einem alten Säbel, Herr Pfeifer nach einem Revolver. In diesem Moment ließ sich das Gebell Fellows vernehmen. »Der Hund hat den Dieb gewittert,« flüsterte Herr Pfeifer, »und er belagert ihn oben,« »So scheint es,« meinte der Diener; »aber wollen wir nicht hinaufgehen und den Dieb abfangen?« Herr Pfeifer gab seine Zustimmung. Man zündete eine Laterne an und schritt mit dieser und den Waffen vorsichtig die Söllertreppe hinauf. Aber was sollten die beiden mutigen Helden oben finden? »Nun sehen Sie das abscheuliche Vieh!« sagte der Diener. »Ich hatte schon seit langem bemerkt, daß der Hund ab und zu nach unserm Söller streicht, um zwischen den Knochen herumzustöbern, die unsre Köchin oben in einem Korbe verwahrt; um dieses Herumstreichen und Knochenräubern zu verhindern, sagte ich der Hausmagd unten, den Köter zur Nachtzeit anzubinden. Man scheint dieser Aufforderung nachgekommen zu sein, denn Fellow trägt einen Strick um den Hals; aber der Hund hat sich frei zu machen gewußt und ist wieder auf den Söller geschlichen; und als er wieder herunter wollte, da ist der Strick unter die Söllertür geraten, und weil ein Knoten am Ende des Strickes war, so ist der Köter hängen geblieben. Da hat er zu bellen angefangen.« »Das abscheuliche Tier jagt einem solchen Schrecken ein – schleicht auf den schwieligen Ballen seiner Pfoten wie auf Gummischuhen durchs Haus!« meinte Herr Pfeifer. »Und dann immer dieses garstige Gebell! Es verwandelt meine Wohnung in eine richtige Bell -Etage!« »Wenn Sie nichts dagegen haben, so werde ich diesem Höllenhund sein nächtliches Schleichwesen schon verleiden,« sagte der Diener und schlug, ohne die Zustimmung seines Herrn abzuwarten, mit der flachen Klinge seines Säbels auf den armen Fellow los. Na, das Geheul! Es weckte uns andere alle im Hause und verkündigte uns nichts Gutes. Als Fellow seine Tracht weg hatte, löste der grausame Diener den Strick und jagte den Hund ins untere Stockwerk hinab. Am folgenden Morgen bekamen wir die ganze Geschichte aus dem Munde des Dieners zu hören. Herr Pfeifer ließ uns sagen, daß er den »Skandal mit dem Köter« gründlich satt habe; danach möchten wir uns gefälligst richten. Aus dem Umstande, daß er uns diesen Bescheid nicht persönlich, sondern durch seinen Diener übermittelte, sowie aus der Stärke der Ausdrücke konnten wir schließen, daß unsre gegenseitigen Beziehungen den höchsten Grad der Spannung erreicht hatten. So war ich denn ohne ein Tier, dem ich meine Zuneigung und Sorge zuwenden konnte, – ich, der Tierfreund par excellence! Dieser unerträgliche Zustand dauerte acht Tage; da bot mir ein Mitschüler – ich war damals Quintaner – eine weiße Ratte an, wenn ich ihm dafür mein Erzählungsbuch mit der Indianergeschichte geben wolle. Mit Freuden und mit allen zehn Fingern griff ich zu. Aber wie und wo sollte ich das Tier unterbringen? »Den Käfig kann ich dir nicht überlassen,« sagte Fritze Eckenscheid, »da ich ein Eichhörnchen darein tun will.« In aller Eile zimmerte ich mir deshalb selber aus einer alten Kiste einen Käfig zusammen, der freilich die Spuren dieser Eile nur zu deutlich an sich trug. Als ich meine neue zoologische Erwerbung mit hochgeschwelltem Herzen meiner Familie vorstellte, war ich nicht wenig überrascht, auf allen Seiten unverblümten Ausdrücken des Abscheues zu begegnen. »Pfui, eine Ratte!« sagte Mama. – »Jawohl, aber eine weiße!« bemerkte ich mit Nachdruck. – »Daß du mir das Beest nicht in die Küche bringst!« kommandierte Anna mit der Stimme eines Dragoners. – »Ein Beest – eine weiße Ratte ein Beest?« fragte ich mit Ueberlegenheit und Mitleid ob solcher Unkenntnis. – »Ich meine gehört zu haben, daß diese Tiere einen empfindlichen Odeur um sich verbreiten,« bemerkte Papa. – »Jawohl, die schwarzen, Papa, die schwarzen – aber ganz gewiß nicht die weißen!« beteuerte ich. – »Nein, mit Ratten mag ich nichts zu tun haben!« schmollte Ida. – »Es ist ja eine weiße, ein wunderschönes Tierchen!« wendete ich ein. – »Rattenkönig! Rattenkönig!« neckten mich meine Brüder. – »Ihr beweist durch euren Spott,« erwiderte ich, »daß ihr eine weiße Ratte nicht von einer schwarzen zu unterscheiden wißt!« – »Na, poche nur nicht immer auf das Wörtchen »weiß«,« meinte schließlich die ganze Familie; »Ratte bleibt Ratte, ob weiß oder schwarz, ob grau oder braun!« Bei dieser offenbaren Abneigung der ganzen Familie gegen meine neue naturhistorische Erwerbung sah ich mich gezwungen, meinen Liebling in einem einsamen Holzkämmerchen unterzubringen, das sich hinter unsrer Küche befand. Hier besuchte ich das Tierchen wiederholt am Tage und steckte ihm die besten Leckerbissen durch die Gitterstangen seines Käfigs zu. Ich hatte die Freude, »Blanca« – wie ich das Tierchen nannte – bald so zahm zu sehen, daß es mir die vorgehaltenen Stückchen Speck aus den Fingern nahm. Ohne Zweifel würde ich in der Folge noch mehr Pläsier an meiner zahmen »Blanca« erlebt haben, wenn – der Käfig nicht allzu deutlich Spuren der Eile, womit er zurecht gezimmert, an sich getragen hätte. Eines Abends, als die Familie um den Teetisch versammelt saß, kam Anna plötzlich wie eine Bombe in die Wohnstube geflogen, mit dem Schreckensschrei: »Die Ratte! Die Ratte! Die Ratte ist los – sie ist in der Küche! Ich habe das Zittern in allen Gliedern. O, das fürchterliche Tier – rennt wie wahnsinnig herum und wollte sich auf mich stürzen!« »Stell dich doch nicht so an!« erwiderte ich unwillig; »du tust ja, als ob der Löwe von Florenz los sei – es ist doch nur eine Ratte, eine weiße Ratte!« »Weiß oder schwarz, grün oder blau, meinethalben auch rot mit gelben Punkten,« schrie das Frauenzimmer wie eine Megäre, »das soll mir ganz egal sein! Mich bringt niemand wieder in die Küche, solange das Beest dort herumtobt.« Und Anna stemmte beide Arme in die Seiten und sah mich mit einem herausfordernden Blick an. »So fangt das Tier doch ein!« wandte sich Mutter ärgerlich an uns Jungens. »Hurra, die Ratte, die weiße Ratte! Frisch auf zum Kampfe contra Blancam !« schrieen meine Brüder und griffen nach Purreisen, Kohlenschaufel und Teppichbesen. »Tut meiner Blanca nichts zuleide!« schrie ich in den höchsten Jammerlauten; »laßt mich doch selber das Tierchen wieder einfangen!« Aber meine Bitte verhallte ungehört. Wie die wilde Jagd stoben Karl, Ferdinand und Oskar in die Küche, ich, noch immer um »Gnade! Gnade!« flehend, hinterdrein. Der plötzliche Lärm machte Blanca vollends scheu. Wie der Blitz schoß sie unter dem Küchentisch hervor, quer durch die Küche, um sich unter den Brotschrank zu retten. Oskar holte mit seinem Teppichbesen aus und – traf einen Korb mit rohen Eiern, der auf einem Stuhle stand, daß er einen Meter weit durch die Luft flog und dann seinen Inhalt in tausend Brocken auf die Erde schüttete. Eine nette Bescherung! Die gehetzte Ratte bog von ihrer ursprünglichen Fluchtlinie ab und wagte einen verzweifelten Sprung, der sie in einen – Wassereimer plumpsen ließ. Karl schlug mit seinem Purreisen zu, so gewaltig, daß die hölzernen Reifen des Eimers sprangen, worauf die zwölf Brettchen des Gefäßes sich sternförmig auseinanderlegten, einem mächtigen Wasserschwalle freie Bahn gebend. Das Wasser vermischte sich mit den Eidottern – eine nette Suppe! »Schlagt meine arme Blanca nicht tot!« schrie ich unablässig. »Da ist sie! Haut sie!« heulten Karl und Oskar, wie Indianer auf dem Kriegspfade, indem sie auf das arme Tier deuteten, das dem Wasserbade entronnen, mit zusammengeklebten Haaren und höchst erbärmlich anzuschauen, durch die Küche schoß. Ferdinand holte mit seiner Kohlenschaufel aus und brachte das Instrument so weit nach rückwärts, daß dasselbe in die Glasscheiben des Brotschrankes fuhr. Klirrend fielen die Scherben zu Boden. »Schont Blanca! Habt Erbarmen!« schrie ich verzweifelt. »Du verwünschtes Tier, wir kriegen dich doch!« schrieen die grausamen Verfolger. Kreuz und quer schoß die geängstigte Ratte durch den Raum – überall, wo sie einen Schlupfwinkel zu finden geglaubt, wieder aufgestöbert. Oskar schlug abermals mit seinem Besen los – und diesmal traf er ein Wandbrett, auf welchem Gläser mit Eingemachtem standen, so genau, daß diese sechs Gläser mit Gurken, Perlzwiebeln, Kronsbeeren, roten Rüben, Pflaumen und Hagebutten in einem Zuge durch die Luft – und dann auf die Dielen flogen, wo sie in tausend Brocken gingen. »Fruchtsuppe!« lachte Karl und schlug mit seinem Purreisen, als gerade die Ratte wieder vorüberhuschte, mir auf die Zehen, daß ich ein Geheul anstimmte, wie ein geprügelter junger Jagdhund. »Habt ihr sie? Habt ihr sie?« fragte in diesem Augenblick unser Papa, seinen Kopf durch die Küchentür steckend. Um letzteres Manöver vollführen zu können, mußte Papa selbstverständlich vorher die Tür geöffnet haben – und diesen Augenblick benutzte die schlaue Blanca, um schnell wie der Wind durch die Oeffnung zu fahren. Am Ende der Hausflur aber stand die Haustür offen – Anna hatte sie offen gelassen, indem sie den Leuten auf der Straße verkündigte, daß ein »rasendes Tier« in der Küche sei – und Blanca war gerettet! Freilich, sie war dahin auf Nimmerwiedersehen. Nachdem die Kunde von Blancas Entwischen in die Wohnstube und auf die Straße gelangt war, wagten sich Mutter, Ida und Anna wieder in die Küche. Der Anblick der dort herrschenden Zerstörung machte die Frauen anfangs stumm, vollkommen stumm, dann aber entfesselte er ihre Redegabe in doppeltem, dreifachem, nein zehnfachem Maße. Ich, die Ratte, Bruder Karl, Bruder Ferdinand, Bruder Oskar – wir alle wurden abwechselnd mit den härtesten Vorwürfen überschüttet. Die Ratte freilich hörte nichts mehr davon – sie war am glücklichsten daran; sie trocknete vielleicht in diesem Augenblick ihren nassen Pelz in irgend einem Kellerloch; wir »Bengels« aber vernahmen die Vorwürfe nur zu gut, zumal sie mit erhobenen Stimmen vorgetragen wurden. Aber die Frauen hatten recht, doppelt, dreifach, nein zehnfach recht, weshalb wir kein Wort der Widerrede wagten. Und diese stumme Ergebung beschwichtigte endlich den lauten Sturm, der dann in dumpfem Grollen, wie ein abziehendes Gewitter, noch eine Zeitlang durchs Haus ging. Als am folgenden Tage die älteren Brüder wieder Mut geschöpft hatten, da stellten sie freilich mich als den eigentlichen Urheber des ganzen Malheurs hin, hatte ich doch die Ratte ins Haus gebracht. Daß es eine weiße gewesen sei, wagte ich diesmal nicht vorzubringen. So kleinlaut war der arme Tierfreund geworden! Vater aber mußte tief in die Taschen greifen, um der Mutter den Schaden in der Küche zu ersetzen. Vorläufig wagte ich nicht, ein neues Tier ins Haus zu bringen; ich fühlte es, daß ich erst Gras über meine Rattengeschichte wachsen lassen müsse. Es war eine unangenehme Erfahrung. Als ich mein Leid einmal einem Mitschüler, dem Sohne eines Metzgers, klagte, erzählte mir dieser, daß er jeden Nachmittag nach der Schule den Gaul seines Vaters nach dem Weidegrunde vor der Stadt reite; falls ich Vergnügen daran fände, könnte ich auch mal aufsitzen. Wie Musik klang mir dieser Vorschlag. Ich hatte eine Ratte eingebüßt – und konnte mich jetzt aufs hohe Pferd setzen! »Bitte, bitte, nimm mich mit, gleich heute!« bestürmte ich den dicken, runden, rotwangigen Peter Hesselbrink. »Das kann geschehen!« antwortete der gutmütige Peter; »erwarte mich nur am Nordertore – halb fünfe nachmittags, aber du mußt pünktlich sein!« Diese Verabredung war an einem Morgen getroffen. Zunächst den ganzen Vormittag dachte ich nur an das bevorstehende Vergnügen, mit einem solchen Eifer, daß ich dreimal in der Schule abbrannte; ich konnte dem Herrn Professor nicht einmal sagen, wovon die Rede gewesen war. Zu Hause beim Mittagessen war ich so zerstreut, daß ich mir Pfeffer in die Milchsuppe tat und dann mit einem Löffel Senf meinen Irrtum wieder gut zu machen suchte. Nach dem Essen holte ich meine Naturgeschichte her und versenkte mich in den Abschnitt über das Pferd. »Das Pferd scheint,« so hieß es dort, »aus den Steppen Asiens zu stammen; doch weiß man nicht, wann es zuerst in den Dienst des Menschen kam. (Hesselbrinks hatten ihren Gaul vor sieben Jahren in den Dienst genommen, wie Peter mir mitgeteilt hatte.) Schon die alten Aegypter besaßen Pferde. Man nimmt an, daß die zahmen Pferde von den wilden asiatischen Steppenpferden, Tarpans genannt, abstammen. (Hoffentlich hatte Hesselbrinks Gaul alle Spuren seiner wilden Abstammung abgelegt!) Diese Wildpferde sind nicht zu verwechseln mit den verwilderten Pferden, welche, von zahmen Pferden abstammend, in den großen Ebenen Asiens und Amerikas frei in großen Herden herumziehen. (Hm! da kann man ja leicht zu einem Pferde kommen! Sollte ich einmal auswandern, dann wüßte ich jetzt, wohin.) Die amerikanischen Wildlinge heißen in den Laplata-Staaten Cimmarones. Hingegen sind die freilich ebenfalls das ganze Jahr hindurch im Freien lebenden Mustangs in Paraguay zahme Pferde. Die einzelnen Herden gehören zu einer Meierei. Die Besitzer der südamerikanischen Pferdeherden, Gauchos genannt, fangen die Pferde, welche sie zum Gebrauch ersehen haben, mit dem Lasso ein. (Es wäre nicht dumm, wenn ich mich in dieser Kunst beizeiten einübte!) Der Lasso ist eine lange Wurfleine, welche der gut berittene Gaucho mit sich führt. Das untere Ende derselben ist am Sattel des Reiters befestigt, das obere freie endet in eine Schlinge. Ist dem Gaucho nach vielen Reitkünsten (diese wollen jedenfalls geübt sein!) es gelungen, das auserlesene Pferd von seiner Herde zu trennen, so schleudert er blitzschnell dem verfolgten, fortrennenden Pferde die Schlinge aus weiter Entfernung um den Hals, und mit geschicktem, kräftigem Ruck wird der Flüchtling zu Boden geworfen. (Ob Peter Hesselbrink wohl seinen Gaul zu diesem Experimente hergäbe?) Dann ist es eine Aufgabe des Gaucho (ich wollte mir fortan den Spitznamen ›Gaucho‹ in der Klasse beilegen!), das eingefangene Tier sofort zu besteigen und trotz aller Anstrengungen desselben, den Reiter abzuwerfen, das wilde, schäumende, wutschnaubende Tier zu bändigen (die Geschichte scheint denn doch nicht so einfach zu sein!). Ermattet und abgehetzt ergibt sich dasselbe endlich in sein Geschick (was jedenfalls das klügste ist!) und lernt dem Sporn und dem Zügel gehorchen. – Man unterscheidet die zahmen Pferde zunächst nach ihrer Farbe als Braune, die am gewöhnlichsten sind, als Rappen, Schimmel (wenn ich nicht irrte, war Hesselbrinks Gaul ein Schimmel!), Apfelschimmel, Falbe und Schecken. Unter den zahlreichen Rassen –« »Willst du denn heute nachmittag nicht zur Schule gehen?« erschallte in meine Lektüre und Betrachtungen hinein die Stimme des Vaters. Sofort raffte ich meine Bücher zusammen, blickte nach der Uhr – es war drei Minuten vor zwei – und »keilte« nach der Schule, wo ich noch gerade vor Erscheinen des Lehrers eine Minute Zeit fand, um feierlich zu proklamieren, daß ich von jetzt an mit dem Spitznamen »Gaucho« genannt sein wollte. »Gaucho! Gaucho!« schallte es in einem dreißigstimmigen Chore durch den Klassenraum, als der Lehrer eintrat. Da er mich als den Mittelpunkt des Lärms erkannte, so nahm er den »Gaucho« zunächst an die Lektion, und der »Gaucho« hatte das Malheur, lichterloh abzubrennen, wofür ihm eine Vier angebohrt wurde. Ich ergab mich in mein Schicksal, mit dem Gedanken, daß ich ja ohnehin die ganze Wissenschaft bald an den Nagel hängen würde, um nach Südamerika auszuwandern und Gaucho zu werden. Sehr langsam flossen mir indes die Nachmittagsstunden von zwei bis vier dahin. Aber endlich war die Schule aus. Noch vor dem festgesetzten Termin fand ich mich am Nordertor ein, unruhig auf und ab schreitend und so ausschließlich mit meinen Gedanken beschäftigt, daß ich gegen eine dicke Bauernfrau anrannte, welche mich dafür einen Lotterbuben schimpfte. Endlich ertönten die Hufschläge eines Pferdes auf dem Pflaster. Wahrhaftig, es war Peter Hesselbrink auf einem Schimmel! Als Peter mich eingeholt hatte, glitt er flink wie ein Eichhörnchen von seinem erhabenen Sitze herunter, worauf er den Gaucho einlud, nunmehr den Schimmel zu besteigen. »Ich kann aber gar nicht reiten!« äußerte ich, ein wenig in meiner Lust herabgestimmt. »O, das macht nichts!« behauptete Peter; »du setzest dich darauf, und für das weitere sorge ich.« – »Ich habe noch nie auf einem Pferde gesessen,« bemerkte ich. – »Schadet nichts,« versicherte Peter; »der Schimmel ist so fromm, daß ein Wickelkind darauf reiten kann.« Obgleich mir nun im Augenblick nicht klar war, wie ein Wickelkind es anstellen müsse, um auf einem Pferde zu reiten, so kletterte ich doch mit Hilfe meines Freundes auf das Tier. Es schien mir sehr hoch, auffallend hoch zu sein, und der Gedanke an das trojanische Pferd schoß mir durch den Kopf. Endlich gelang es mir nach verzweifelten Bemühungen, das Bein überzuschlagen – ich saß! Nicht im Sattel, denn einen solchen hatte der Schimmel nicht. Ich saß auf dem blanken Rückgrat, welches die Natur dem Tiere gegeben. Aber ich saß doch – hoch auf einem Rosse! Einen Augenblick fühlte ich so etwas von einem Alexander, der auf seinem Bucephal saß – man sieht, ich machte ein schnelles Avancement vom Gaucho bis zum macedonischen Königssohn! – im nächsten Moment ließ Peter mit der Zunge einen Schnalzlaut hören, worauf sich der Schimmel in Trab setzte. Ei, das Reiten war doch schwieriger, als ich mir's gedacht hatte! Wie ein schaukelndes, lavierendes Schiff auf empörten Meereswogen, so flog ich hin und her, von der Linken zur Rechten. Peter, der hinter dem Gaule her rannte, spornte diesen mit dem Rufe »Hüh!« und »Hott!« zu immer flotterem Ausreißen an. »He, da reitet der Gottfried, der Gaucho!« schrieen ein paar Mitschüler, die mir entgegen kamen. Sofort schlossen sie sich Peter an, um auch ihrerseits durch: »Hüh!« und »Hott!« dem Gaule eine flottere Gangart beizubringen. Dieses gelang ihnen so gut, daß ich nach der Mähne des trabenden Tieres greifen mußte, um mich festzuhalten – die Zügel gewährten mir nicht hinreichenden Halt. Mit dem Gesichte fast auf dem Nacken des Schimmels liegend, flog ich die Landstraße hinauf: Daß Kies und Funken stoben, Und Roß und Reiter schnoben. »Hört auf! Hört auf!« schrie ich meinen Mitschülern zu, die noch immer, wenn auch in größerer Entfernung, hinter dem Schimmel her lärmten und sich über meine Reitkunst krank lachen wollten. »Hüh, hott! Hoppla hopp! Hoppla hopp, hopp, hopp!« schrie Peter. »Hüh, hott! Hoppla hopp! Hoppla hopp, hopp, hopp!« wiederholten die andern Mitschüler. Da verfiel der Schimmel in einen gestreckten Galopp. Bäume, Häuser, Menschen flogen an mir vorüber – oder flog ich an ihnen vorüber? Die Sache war mir nicht mehr ganz klar. Die Menschen sprangen vor dem wilden Jäger entsetzt zur Seite. Da sah ich zu meinem Schrecken unsern Herrn Gymnasialdirektor nebst zweien der Herren Oberlehrer kommen, die zusammen spazieren gingen. Sie blickten mich höchst verwundert durch ihre Brillengläser an. Ich zog die Mütze – und flog, den Kopf voraus, in ein dickes Brombeergestrüpp, wo ich die Beine gen Himmel streckte. Der Schimmel raste weiter, seinem bekannten Weidegrunde zu. Den verunglückten Gaucho fanden seine Mitschüler und befreiten ihn aus seiner unglücklichen Lage. Gesicht und Hände waren mir tüchtig von den Dornen der Brombeerranken zerkratzt, die Kleider waren an mehreren Stellen zerrissen, im übrigen hatte ich glücklicherweise keinen Schaden genommen. Letzteres war Peter und den andern Hetzern denn doch sehr lieb, und nun fanden sie, die anfangs über meinen Sturz sehr bestürzt gewesen waren, den Mut wieder, mich weidlich auszulachen. Ich konnte es nicht hindern, obgleich ich mich über die Schändlichkeit ihres Betragens höchst ausführlich verbreitete. Sie versicherten, es sei ein »famoser Ulk« gewesen und ob ich nicht noch einmal eine Vorstellung als Gaucho geben wolle, »Nie wieder!« stieß ich wütend hervor; »ich werde auch nie wieder ein Pferd besteigen; Peter mag seinen tollen Schimmel selbst zur Weide reiten!« Mit steifen, schmerzenden Gliedern, mit zerkratzten Händen und Wangen, mit zerrissenen Kleidern schlich ich mich auf Nebenwegen zur Stadt zurück und nach Hause, woselbst ich meinen Eltern und Geschwistern die Schlechtigkeit meiner Mitschüler in den schwärzesten Farben ausmalte. Dies rettete mich freilich nicht vor dem Vorwurf: »Was hattest du auch auf einem Metzgergaul zu reiten?« Dieselbe Frage richtete am folgenden Tage mein Ordinarius an mich, worauf ich stumm blieb – während die ganze Klasse brüllte: »Er will ein Gaucho werden!« Na, den Spitznamen hatte ich richtig weg – und hab' ihn bis zum Abiturientenexamen behalten. – Acht Tage mochten nach meinem unglücklichen Ritt verflossen sein – und ich hatte noch keinem neuen Tiere meine Zuneigung zugewandt, als sich mir wieder der Versucher in der Gestalt eines Mitschülers, mit Namen Jodokus Knüppelmeyer, näherte. »Du, Gottfried,« sagte er, indem er mir einen freundschaftlichen Rippenstoß mit seinem rechten Ellbogen versetzte, »ich habe eine Lachtaube zu vertauschen; wenn du mir dein Taschenmesser, deinen Kompaß und sechs dicke Aepfel dafür gibst, so kannst du sie haben!« »Eine Lachtaube?« fragte ich und machte Augen so groß wie ein Teller. »O, die hätt' ich schrecklich gern, aber ich weiß nicht, ob ich nach der unglücklichen Rattengeschichte wieder ein Tier ins Haus bringen darf.« »Wie? Eine Lachtaube, da werden sie doch nichts dagegen haben, denn eine Lachtaube ist ein ganz friedliches Geschöpf!« »Ich hab' auch keinen Käfig dafür,« »Na, den will ich dir leihen, wenn du mir noch deine Krawattennadel, weißt du, die mit dem Tigerauge, gibst.« »Also mein Taschenmesser, meinen Kompaß, die Krawattennadel und ein halb Dutzend dicke Aepfel willst du haben. Hör', Jodokus, das ist eigentlich etwas viel! Und die Aepfel – die andern Sachen gehören wohl mir, da ich sie von meinem eigenen Taschengelde gekauft habe, und ich darf sie deshalb auch wohl verschenken; aber die Aepfel, Jodokus, die müßte ich unsrer Magd Anna, – na, daß ich es gerade heraussage – wegstibitzen – und das will ich nicht.« »O, sie gibt sie dir auch wohl so, wenn du sie darum bittest.« »Na, die und sich bitten lassen! Und seit der Rattengeschichte ist mir Anna erst recht nicht grün.« »Nun gut, dann wollen wir es so machen, Gottfried: du brauchst mir die Aepfel nicht auf einmal zu geben; wenn du mal einen oder zwei hast, so kannst du deine Schuld abtragen – bis die Zahl voll ist.« »Ja, darauf will ich wohl eingehen. Wann kann ich die Lachtaube haben? Das heißt, ich will doch erst lieber zu Hause fragen, ob ich das Tierchen mitbringen darf.« »Ich wette, daß sie nichts dagegen haben!« behauptete Jodokus Knüppelmeyer; »im Gegenteil, sie werden das reizende Tierchen gerne haben wollen.« Und sie hatten wirklich nichts dagegen! Als ich während des Abendessens zögernd und stammelnd der versammelten Familie und ihrem Oberhaupte mitteilte, daß ich für mein altes Federmesser, für den »rappeligen« Kompaß und die »dumme« Krawattennadel eine »reizende« Lachtaube bekommen könnte, und als ich hierauf fragend den lieben, guten Papa anblickte, da lachte er und sagte: »Na, wenn die Mutter nichts dagegen hat, so will ich auch nichts dagegen haben.« Und Mutter bemerkte: »Eine Lachtaube? Wenn nun einmal absolut ein Tier im Hause sein muß, so meine ich, eine Lachtaube wäre noch am friedlichsten; das heißt, ich will sie hier nicht frei in der Stube herumfliegen haben, daß sie mir die Vasen von den Konsolen stößt.« »O nein, Mama,« erwiderte ich eifrig, »ich bekomme einen Käfig dazu geliehen und ich will das Tierchen aufs beste hüten.« »Ich möchte wetten,« stieß Bruder Ferdinand mit seiner groben Stimme hervor, »daß auch diese Lachtaube ein Unheil anrichten wird. Alle Tiere, die Gottfried noch ins Haus gebracht hat, haben nichts wie Unheil angestiftet.« Ich schleuderte dem Bruder einen grimmigen Blick zu und sagte: »Du scheinst, obwohl du ein Oberprimaner bist, noch blutwenig von der Geschichte der Lachtaube zu kennen, sonst würdest du wissen, daß dieser Vogel der friedlichste der Welt ist.« »Spare dir deine naturwissenschaftlichen Belehrungen!« erwiderte die grobe Stimme. »Ich weiß ebenso gut wie du, daß die Lachtaube ein harmloses Wesen ist, – ja, ich weiß auch, daß sie ein semmelbräunliches, falbes Gefieder hat, nebst einem schmalen, schwarzen Halsringe; ferner, daß sie aus Afrika stammt, item, daß ihre Stimme beinahe wie das Lachen eines Menschen lautet – aber ich weiß auch, Musjö Gottfried« (hier wurde die grobe Stimme ganz unverschämt laut und polternd), »daß du ein höchst unglücklicher junger Tierbändiger bist! Ich erinnere dich an den Metzgergaul, an die weiße Ratte, an das Beest von Katze –« »Stille, stille!« kommandierte Papa und zog seine Stirne leicht in Falten, »Ich will nicht, daß ihr euch zankt! Es ist wahr, daß Gottfried mit seinen Tieren schon manches Unheil angestiftet hat; aber du, Ferdinand, hast du mit deinen chemischen Experimenten nicht schon häufig unsre Wohnung auf eine ganz unleidliche Weise durchstänkert? Die alte Geschichte vom Splitter und Balken.« Der Besitzer der groben Stimme war zum Schweigen gebracht – und doch sollte er mit seinen Befürchtungen recht bekommen! Die Lachtaube war kaum zwei Tage in den Verband der Familie aufgenommen – worüber sie sehr lachte –, als eine auswärtige Tante sich bei uns zum Besuch anmeldete. Tante Rieka war erstens schon in hohen Jahren, weshalb die Eltern uns einschärften, ihr die dem Alter gebührende Ehrfurcht im vollsten Maße zu teil werden zu lassen; Tante Rieka war zweitens von der Natur etwas stiefmütterlich behandelt: sie hatte – nun, wie soll ich mich ausdrücken? – einigermaßen hohe Schultern, womit einigermaßen eine Verbildung des Rückgrates verbunden war, weshalb die Eltern uns dringend empfahlen, kein Wort von körperlichen Gebrechen andrer verlauten zu lassen, da Tantchen hierdurch an ihr eigenes Mißgeschick erinnert werden könnte; und drittens war Tante Rieka sehr reich, unsre nächste Verwandte – weshalb – na, kurzum, wir sollten es in keinem Punkte an einem äußerst rücksichtsvollen Betragen fehlen lassen. Es hätte kaum der Ermahnungen der Eltern in dieser Beziehung bedurft; wir waren, Gott sei Dank, so wohl erzogen, daß wir wußten, was wir unsrer Tante Rieka schuldig waren – die Gefahr kam von einer ganz andern Seite! Tante Rieka hatte, ermüdet von der angestrengten Reise, auf dem Sofa der besten Stube Platz genommen. Mit glatt gekämmten, regelrecht gescheitelten Haaren saßen wir Kinder zur Rechten und zur Linken auf Stühlen um den Tisch herum, welcher eine mächtige Kanne mit erquickendem Mokka, dem Tantchen mit Leidenschaft zugetan war, nebst Zubehör trug; Papa und Mama saßen der Tante gegenüber und gaben der guten Dame auf alle Fragen ausführlichen Bescheid. Solche Fragen waren: Ob wir in den letzten Jahren auch recht artig gewesen seien? Was wir Jungens werden wollten? Ob wir wohl jeder einen Goldfuchs Taschengeld gebrauchen könnten? (Wir Jungens schrieen aus vollem Halse »ja!«, aber Papa versicherte, daß viel Geld den Jungens durchaus nicht gut tue.) Ob Ida der Mama auch schon in der Küche zur Hand gehe? u. s. w. In diese friedliche Unterhaltung hinein ertönte plötzlich die Stimme der Lachtaube: »Kukrruuh, kukrruuh!« »Was ist das?« fragte Tante aufhorchend, mit seltsam veränderter Stimme. »Eine Lachtaube, Tante!« beeilte sich Papa zu antworten; »eine Lachtaube, die sich unser Gottfried, der Tierliebhaber, beigelegt hat; sie befindet sich in der Nebenstube.« »Kukrruuh! Kukrruuh!« tönte die Stimme wieder herüber. »So, eine Lachtaube?« erwiderte Tante Rieka scharf. »Ja, ich höre, daß sie lacht, diese Taube – daß sie höchst wahrscheinlich andre Leute auslacht!« »Kukrruuh! Kukrruuh!« tönte es weiter. »Doch nicht, liebe Tante,« entgegnete Papa mit der sanftesten Stimme von der Welt. »Vom Auslachen kann hier keine Rede sein, allen Lachtauben ohne Unterschied ist diese Stimme eigentümlich; sie ist ihnen vom Schöpfer selbst gegeben; man kann dieselbe sogar höchst freundlich deuten; sie ruft nämlich: Kumm, Fru! Kumm, Fru! das ist: Komm, Frau! was also eine Begrüßung unsrer lieben Tante Rieka wäre,« »Kukrruuh! Kukrruuh!« tönte es abermals aus der Nebenstube. »Und ich,« erwiderte Tante, indem sie die gelbseidenen Bänder ihrer Haube fester band, »und ich höre einen ganz andern Gruß heraus: Buckl herut! Buckl herut! Will man hier auf ein körperliches Gebrechen anspielen, so tue man es; ich aber –« »Um des Himmels willen, liebe Tante!« riefen Papa und Mama wie aus einem Munde, »mach dir doch nicht derartige Gedanken!« »Man hat Fälle,« fuhr Tantchen unbeirrt fort, »daß ungezogene Knaben ihre Tiere zu allerlei bösen Redensarten abrichteten –« »Nein Tante, das ist mir im Traum nicht eingefallen,« heulte ich. »Die Stimme, die du hörst, ist die natürliche Stimme einer Lachtaube.« »Man hat Fälle,« fuhr Tante fort, ohne die Schärfe ihrer Stimme zu mildern, »wo Leute ein Vergnügen daran fanden, ihren Mitmenschen einen Schabernack zu spielen – und wenn das in diesem Hause geschieht, so will ich das Haus lieber verlassen.« »Nein, nein, Tante, das sollst du nicht, das darfst du nicht!« beteuerten die Eltern. »Damit dir die mißliebige Stimme der Lachtaube nicht länger in die Ohren klinge,« setzte Vater hinzu, »soll das Tier sofort aus dem Hause. Ich muß gestehen, daß mir dieses fortgesetzte Lachen auch schon recht langweilig geworden ist. Gottfried, bringe den Stein des Anstoßes sofort zu seinem früheren Besitzer zurück!« Wie ein Donnerschlag traf mich dieser Bescheid. Aber was sollte ich dagegen machen? Stumm ergab ich mich in mein Schicksal. Ich stand vom Kaffeetische auf und trug meine Lachtaube – nicht länger die meine! – zu Jodokus Knüppelmeyer zurück. Dieser machte große Augen und kratzte sich verdrießlich den rothaarigen Kopf. Messer, Kompaß und Krawattennadel, sagte er, wolle er mir wiedergeben, aber die drei Aepfel, die er auf Abschlag bekommen, hätte er schon aufgegessen! Um den Preis der Lachtaube war der Friede mit Tante Rieka wiederhergestellt. Sie verweilte alle vierzehn Tage in unsrer Familie, sah mich bisweilen mit dem sieghaften Blick einer Viktoria an und versicherte uns beim Abschiede, sie habe uns alle recht in ihr Herz geschlossen. »Gottfrieds Lachtaube,« meinte eine gewisse grobe Stimme, nachdem die Tante abgereist war, »hätte uns auf ein Haar um die Gunst der guten Tante gebracht!« Dabei klimperte der Besitzer der groben Stimme höchst unverschämt mit ein paar Goldstücken, die ihm Tantchen »vorläufig« für sein gutes Abiturientenzeugnis geschenkt hatte. Ich schwieg, duldete, und – weinte in der Einsamkeit meiner verlorenen Lachtaube eine Träne nach. So war es denn vom Schicksal beschlossen, daß ich mich an keinem Tiere lang erfreuen sollte; hatte ich kaum ein zweibeiniges oder vierbeiniges Wesen lieb gewonnen, so trat irgend eine fatale Geschichte ein, die das Wesen von mir trennte; ja, selbst der grimme Tod hatte kein Bedenken getragen, seine Knochenhand nach meinen Lieblingen auszustrecken; ich erinnere den teilnehmenden Leser an den unglücklichen »Fellow«, der in der Blüte seiner Jahre unter den Rädern eines Frachtwagens enden mußte. Da ich in diesen Tagen eine Erzählung las, deren Titel lautete: »Weder Glück noch Stern«, so beschloß ich, diese Worte zur Devise meines Daseins zu machen; und da ich fast zur selben Zeit in der Schule etwas von Stoikern vernahm, so war ich sofort gewillt, mir eine stoische Gesinnung anzueignen. Drei Tage lang schritt ich auch mit einem höchst ernsthaften, regungslosen, ja starren Gesichte im Haus und auf der Straße umher, saß ich mit dito Mienen auf der Schulbank – als ein kleines, neues Begegnis plötzlich meine ganze Resignation über den Haufen warf. Ich hatte mir die Stiefelabsätze schief gelaufen (Papa scherzte, das käme von der Kugelgestalt der Erde) und wurde, um Abhilfe dafür zu suchen, von Mama zu unserm Schuster, dem Meister Brahmeier, geschickt. Ich war lange nicht dort gewesen, indem unsre Magd Anna in den letzten Monaten die Vermittlerin zwischen meinen defekten Stiefeln und der Kunstfertigkeit des Meisters gespielt hatte; diesmal ging ich selbst. Wie war ich überrascht, als mir beim Eintritt in die kleine, nach Pech, Leder und Kochdünsten duftende Stube aus heller Vogelkehle eine muntere Melodie entgegentönte. Meine Augen suchten sofort den gefiederten Sänger und sie entdeckten ihn in der Gestalt eines hübschen, rotbrüstigen Blutfinken oder Gimpels, welcher in einem länglich viereckigen, oben bedeckten, grünen Käfig saß. Letzterer aber hing an dem Mauerpfeiler zwischen den beiden Fenstern. »Ach, Meister Brahmeier,« rief ich voller Entzückung aus, »was haben Sie da für einen reizenden Vogel!« »Gefällt er Ihnen, junger Herr?« meinte der Schuster. »Jawohl, mein Hänschen macht seine Sache gut. Ich habe mich aber auch redlich plagen müssen, ihn so weit abzurichten.« »Wie? So haben Sie selbst den Vogel gelehrt, das Liedchen zu flöten?« »Kein andrer als ich. Sie müssen nämlich wissen, junger Herr, daß ich aus der Gegend von Fulda bin: da beschäftigen sich die sogenannten kleinen Leute viel mit der Dressur von Gimpeln. Man hat einen Handelsgegenstand aus den abgerichteten Vögeln gemacht, und von Fulda aus gehen die Tierchen nach vielen Städten Deutschlands, Hollands, Englands und selbst Frankreichs. Man kann die Gimpel dressieren, auf das Geklingel einer kleinen Schelle herbeizufliegen und sich selbst das Futter zu holen; man kann sie ferner dressieren, sich auf den Finger ihres Herrn zu setzen und von den Lippen des Herrn ein Tröpfchen Wasser zu nehmen –« »O, das muß ja ganz entzückend sein!« rief ich voll Begeisterung aus. »Am angenehmsten,« fuhr Meister Brahmeier fort, »ist es jedoch, die jungen Gimpel zu lehren, Lieder und kurze Melodien nachzupfeifen. Kein andrer Singvogel kommt den Gimpeln in der Reinheit, Rundung und Fülle des flötenden Tones gleich, wobei aber zu bemerken ist, daß dabei viel auf den Vortrag des Lehrenden ankommt. Die Vögel mit einer kleinen Drehorgel zu unterrichten, ist nicht ratsam, denn deren Ton ist viel zu grell für ihre zarten Organe; auch sind die besagten Leierkasten oft schlecht gestimmt, und da die jungen Gimpel den gehörten Ton genau nachpfeifen, so kommt alsdann nichts Liebliches zu Tage. Besser geht das Abrichten mit einer Flöte oder einem Flageolet; am besten aber ist das gewöhnliche Flöten mit dem Munde, zumal wenn man den Ton der Lockstimme der Alten, das bekannte ›diü‹ trifft –« »Diü, diü, diü,« konnte ich nicht umhin zu flöten. »So ziemlich treffen Sie es schon, junger Herr!« meinte Meister Brahmeier schalkhaft lächelnd. »Diesen Ton ›diü‹ fassen die jungen Gimpel am leichtesten auf« (ich hätte mich durch diese Aeußerung beleidigt fühlen können, wenn ich nicht von der vollkommenen Harmlosigkeit des Meisters überzeugt gewesen wäre) »und tragen ihn auch viel reiner und angenehmer vor. Bei der Wahl einer Melodie geht man am sichersten, wenn man nur eine einzige lehrt, denn nicht immer faßt der Vogel zweie auf, sondern wirft die Sätze durcheinander, so daß man kaum noch erkennen kann, was es sein soll. Die Dauer der Lehrzeit ist oft ziemlich lang: vom ersten Tage an, wo man die Jungen aus dem Neste holte, bis nach etwa acht Monaten muß man sie fleißig üben; man muß ihnen immer aus der gleichen Tonart vorpfeifen –« »Diü, diü, diü!« versuchte ich noch einmal zu pfeifen. »Und immer ist dasselbe Tempo beizubehalten; auch während der Mauserzeit, wo die Vögel einige Zeit verstummen, muß man beständig mit dem Unterrichte fortfahren. Die Zeit, welche man zum Vorpfeifen wählt, ist beliebig; jedoch gleich nachdem sie gefressen haben, sind die Gimpel stets am aufmerksamsten, zuweilen weckt man sie des Nachts und pfeift ihnen das betreffende Stückchen vor; aber auch früh in der Morgendämmerung, wenn sie noch ruhig sind, kann der Unterricht mit Erfolg beginnen. Je mehr man sie übt, desto fester und sicherer lernen sie. Man muß sie an einem Platze erziehen, wo sie keine andre Musik, kein Hahnengeschrei, kein Spatzengezwitscher, kein Türenknarren und dergleichen hören, denn all dieses fassen sie ebenso leicht auf und sind dann im stande, ein Kikeriki oder sonst etwas Unpassendes in das netteste Liedchen einzuflechten, was selbstverständlich den ganzen Text verdirbt. Gut abgerichtete Gimpel werden sehr teuer bezahlt und finden auch immer ihre Liebhaber, die sie nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten mit 10 bis 100 Mark bezahlen.« Wenn ich bis dahin im stillen gehofft hatte, den herrlichen Sänger des »Alles neu – macht der Mai« vom Meister Brahmeier für ein bescheidenes Stück Geld erwerben zu können, so machte das Nennen einer Summe von 10 bis 100 Mark meinen Hoffnungen ein jähes Ende. »Wie, Meister,« stammelte ich, »10 bis 100 Mark für einen einzigen Vogel?« »Jawohl,« erwiderte der Schuster kaltblütig, »10 bis 100 Mark. Wenn Sie mich nicht verraten wollen, so will ich Ihnen gestehen, daß ich vorhin die Unwahrheit sagte, als ich versicherte, ich selber hatte meinen Gimpel abgerichtet; ich verstehe mich zwar recht gut darauf, weil ich es in meiner Fuldaischen Heimat von Jugend auf geübt habe; diesen Gimpel aber« (hier dämpfte Meister Brahmeier seine Stimme bis zum Flüstertone) »habe ich mit baren 25 Mark bezahlt. Meine Frau darf es nicht wissen, es gäbe einen Mordspektakel. Aber jeder Mensch hat nun einmal sein Steckenpferd; das meine sind die Gimpel. Wenn ich den ganzen Tag so auf meinem Schusterstühlchen sitze, fleißig über meine Arbeit gebeugt, so gießt mir der Gesang meines Vögelchens himmlischen Trost und Frieden ins Herz. Mein Hänschen hat, wie gesagt, 25 Mark gekostet – ich gäb' es aber für 50 nicht wieder fort.« » Spes et fortuna valete! « sprach ich zu mir selbst, als ich von 50 Mark hörte. »Ich hätte schrecklich gern,« sagte ich dann laut zu Meister Brahmeier, »auch so einen Gimpel, aber wenn er 10, 25, 50, 100 Mark kostet, so kann ich nicht daran denken. Das sind für mich unerschwingliche Summen.« Die Ergebung, welche in meiner Stimme lag, mochte den Meister rühren. »Es ist auch nicht nötig,« sagte er, »daß Sie sich einen schon abgerichteten Gimpel kaufen; erstehen Sie ein junges Tier und bringen sie selbst ihm ein Liedchen bei! Das ›diü‹ verstehen Sie ja schon ganz famos zu flöten – wie ein alter Gimpel! Ich meine, das Dressieren müßte Ihnen Spaß machen – und ihr Studenten habt ja Zeit genug zu solchen Geschichten,« »Jawohl– aber woher einen jungen Gimpel kriegen?« »o, da kann ich Ihnen unter die Arme greifen,« erwiderte Meister Brahmeier, »Ein Kollege von mir hat neulich in der Heide und zwar in einem Wacholderbusch ein Blutfinkennest gefunden mit fünf lebendigen Jungen, Er füttert dieselben mit geriebenem Milchbrot und hartgesottenen Eiern auf, wobei sie recht gut gedeihen. Ich bin überzeugt, daß Ihnen Meister Barfuß für eine Mark gern ein junges Männchen überläßt.« »O, die eine Mark würde ich mit Vergnügen berappen,« »Nun, dann will ich selbst zum Kollegen Barfuß gehen und den Handel perfekt machen. Wenn Sie morgen bei mir vorsprechen wollen, so werden Sie den jungen Vogel hier antreffen.« »Erst morgen?« »Wenn Ihnen die Zeit bis dahin zu lang fällt, so kann es auch heute abend nach sieben Uhr sein.« »Schön, schön! Heute abend nach sieben! Hier ist die Mark.« Ich zahlte die Mark – zu meiner Beschämung in lauter Zwei- und Fünfpfennigstücken – dem guten Meister auf seinen Schustertisch und verließ mit freudig verklärter Miene, unendliche Wonne im Herzen, die kleine Bude. Auf allerlei Umwegen brachte ich meinen Angehörigen das Ereignis des Tages bei. »Wir werden also,«bemerkte eine gewisse grobe Stimme, »fortan das ergötzliche Schauspiel erleben, unsern Gottfried als Lehrer eines Gimpels zu sehen.« »Der Gimpel ist,« erwiderte ich mit gereizter Stimme, »ein stiller, harmloser, friedliebender Vogel; es gibt aber Menschen, welche –« Mein Papa, welcher ahnen mochte, worauf dieser Satz hinauslief, fiel beschwichtigend ein: »Na, na, keine Streitigkeiten! Ich will Frieden und Verträglichkeit in unserm Kreise haben.« Fünf Minuten nach sieben Uhr abends war ich im Besitze meines Vogels. Mein Gesicht glänzte, »als wäre es mit Butter eingerieben« – wie der Inhaber der groben Stimme sich auszudrücken beliebte. Der alte verstaubte Drahtkäfig, in dem schon so viele meiner Vögel das Zeitliche gesegnet hatten, wurde wieder einmal vom Söller geholt und zum Aufenthalte des jungen Gimpels hergerichtet. Für Futter und Wasser wurde aufs beste gesorgt. Dann ließ ich meinen Vogel durch das Fallgitter des Türchens in die luftige Behausung hineinspazieren. Hänschen fügte sich allem mit erfreulicher Bereitwilligkeit. Ich wälzte meinen Liedervorrat im Kopfe herum und beschloß nach reiflichem Ueberlegen, das muntere Liedchen: »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« zum Thema meines Unterrichts zu machen, Meister Brahmeier hatte gesagt, man könne den Vogel auch in der Nacht wecken, um ihm das Stückchen vorzupfeifen, O, wie gern hätte ich schon in der Nacht meinen Unterricht begonnen, aber ich fürchtete die Vorwürfe der Familie von wegen der Ruhestörung, So beschloß ich denn, am Tage jeden freien Augenblick zum Unterrichte zu benutzen. Ich hing den Käfig auf meiner Schlafstube zwischen die Fenstergardinen und stellte ein altes ausrangiertes Tischlein davor; denn ich wollte, um dem Käfig während des Unterrichts recht nahe zu sein, auf diesen Tisch steigen, dort niederhocken und direkt in das Drahtgitter der Vogelbehausung hineinpfeifen. Die Ungeduld, den Unterricht zu beginnen, ließ mich kaum in der Nacht den Schlummer finden; ich träumte, daß mein Gimpel nach einmaligem Vorpfeifen die Melodie: »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« ganz wundervoll nachflöten konnte; dann bekam mein Gimpel plötzlich das Aussehen eines Hahnes mit rotem Kamm und grünem Schweif, und während er eine Polka im Käsig tanzte, flötete er: »Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus!« Er schloß diesen Gesang mit einem lauten Kikeriki, was alle Zuhörer zum Lachen brachte; der Hahn kratzte sich mit einer Pfote hinter dem Ohr und verwandelte sich darauf in den Schuster Brahmeier, der auf einer Drehorgel das Lied vortrug: »Freut euch des Lebens!« Dabei wuchsen dem guten Schuster Federn und Flügel, und als ein Fischreiher erhob er sich in die Lüfte. Aber o weh, dieser Fischreiher trug in seinem langen Schnabel den alten Drahtkäfig mit meinem jungen Gimpel! Ich wollte dem Räuber nachspringen, fiel auf die Nase – und wachte auf. Die Morgendämmerung schimmerte durch die Gardinen. O Freude, mein Gimpel war noch da! Der ganze Traum war ein Unsinn gewesen. Flugs sprang ich aus dem Bette und legte die notwendigsten Kleidungsstücke an; dann stieg ich auf das Tischlein, kniete nieder und brachte die gespitzten Lippen in die unmittelbare Nahe des Drahtgitters und begann zu pfeifen. Plötzlich wurde mein Pfeifen durch ein unvorhergesehenes Ereignis unterbrochen. Das alte abgedankte Tischlein unter mir, das, wie ich nicht beachtet hatte, ganz von Holzwürmern wie ein Sieb durchlöchert war, krachte unversehens zusammen. Ich fühlte die Katastrophe einen Moment vorher und griff, um einen Halt zu gewinnen, nach dem einzigen in meiner Nahe befindlichen Gegenstand, dem Vogelkäfig. Kaum hatte ich denselben gefaßt, als sich der Tisch in seine verschiedenen Bestandteile auflöste. Ich flog – zunächst vornüber, zugleich aber flog mein Vogelkorb gegen die Fensterscheiben, worauf diese in Scherben auf die Straße flogen; hierauf flog ich weiter, – mit der Nase auf die Fensterbank, fühlte einen kolossalen Schmerz in meinem Gesicht, spürte einen warmen Blutstrom und lag mit zerschundenen Knieen und Händen auf den harten Zimmerdielen zwischen den Brocken des alten, treulosen Tisches. Der Lärm, welchen mein Sturz verursacht hatte, machte die ganze Familie lebendig. Da ich vor Schmerzen vorläufig nicht fähig war, mich zu erheben, so erblickte mich die ganze Familie in der tiefsten Erniedrigung. Man erriet sofort den Zusammenhang. Was mich vor allem fatal berührte, war eine gewisse grobe Stimme, welche sich nicht enthalten konnte zu rufen: »Ha, ha, ha! Der Gimpel und sein Lehrer! Man weiß nur nicht, welcher von beiden der größte Gimpel ist!« Und doch sollte noch etwas Härteres an mein Ohr schlagen. »Das arme Vögelchen ist tot!« bemerkte mein Vater, indem er den Käfig von den Dielen aufhob; »Gottfried, Gottfried,wie viel Piepmätze hast du schon auf dem Gewissen!« – »Jetzt ist keine Zeit,« meinte Mama sehr vernünftig, »dem Jungen das vorzuhalten; seht ihr denn nicht, daß er sich allein nicht erheben kann und wie er aus der Nase blutet?« Man trug mich auf das Bett, das ich zehn Minuten vorher mit so froher Hoffnung verlassen hatte, und ließ mir die nötige Pflege angedeihen. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich zwar – den Schmerz an den geschundenen Knieen und Händen abgerechnet – so ziemlich wieder erholt, aber der innere Jammer über den Tod des Vogels und über meine zerstörten Hoffnungen ließ mich fürs erste nicht wieder froh werden. »Der Tisch, der Tisch, dieser verwünschte Tisch! Wenn der nicht gewesen wäre,« meinte ich zu Meister Brahmeier, »so könnte mein Hans jetzt ebenso gut flöten wie der Eurige.« »Ein Märtyrer seiner Sache, junger Herr,« erwiderte Meister Brahmeier, mit Ernst und Hoheit, »ein Märtyrer seiner Sache, ja, das wird unsereins, der die Tiere so lieb hat, nicht selten!« Dabei vertraute er mir mit flüsternder Stimme an, daß seine Frau die Geschichte mit den 25 Mark, die er für seinen Gimpel bezahlte, erfahren hätte, und daß es eine fürchterliche Gardinenpredigt abgesetzt habe. »Ja, wenn Sie es nicht weiter erzählen wollen, junger Herr, gehauen hat sie mich auch!« Dabei faßte sich Meister Brahmeier nach der linken Schulter, als ob ihn die Stelle noch schmerze. Nach den vielen unangenehmen Erfahrungen, die ich mit meinen Tieren gemacht hatte, ließ ich diesmal eine lange Sedisvakanz eintreten, ich glaube, ein ganzes Jahr war ich ohne Tier. Dann bekamen wir in der Schule Unterricht in der Insektenkunde, und ich warf mich mit Begeisterung auf das Sammeln von Schmetterlingen , womit naturgemäß die Aufzucht von Raupen verbunden war. Aber die Raupen – es waren darunter 24 Stück fingerlange, langhaarige Bärenraupen – brachen in einer Nacht aus ihrem Zwinger aus und krochen im ganzen Hause herum, wobei sie in die Milchtöpfe, zwischen den Salat (der mit zweien ihres Geschlechtes auf dem Tische erschien), in die Betten, in den Backtrog, zwischen das Mehl u. s. w. gerieten. Dadurch bekam ich diesen Zweig der Schmetterlingszucht gründlich satt. Im nächsten Jahre ward ich der Besitzer eines jungen Hasen . Unsre Milchfrau brachte ihn mir in einem Korbe. »Lampe« bekam an einem roten Bändchen ein silbernes Glöckchen um den Hals und wurde mit den zartesten Kohlblättern, mit Klee und andern Leckerbissen zu einem großen Hasen herangefüttert. Er wurde so zahm, daß er mir aus der Hand fraß. Selbstverständlich prahlte ich mit diesem Wunder meinen Mitschülern gegenüber. Rudolf Pieper, Florentin Bartels und Johann Käsmacher baten mich dringend, ihnen doch einmal den zahmen Lampen zu zeigen. Ich führte sie in den Pferdestall hinter unserm Hause, wo Lampe seinen Aufenthalt hatte. »Mach doch die Tür zu!« bemerkte Johann Käsmacher, als ich die Pforte offen ließ. »O, das ist nicht nötig,« erwiderte ich im stolzen Vertrauen auf die Erfolge meiner Dressur. Lampe kam auf meinen Ruf herangesprungen und gar lustig tönte das Glöckchen an seinem Halse; er nahm mir ein Kohlblatt aus der Hand und schielte dabei nach der offenen Tür. Plötzlich mußte in dem Tiere der Wildnis der Trieb nach Freiheit übermächtig werden: Lampe schoß wie ein Blitz zur Tür hinaus – weiter durch die Nachbargärten ins freie Feld – und ich blickte ihm mit langem Halse und mit Tränen in den Augen nach. Das Triumvirat Piper, Bartels, Käsmacher meinte spöttisch: »O, der kommt wohl wieder, – der ist ja so zahm, daß man die Türen nicht hinter ihm zu schließen braucht!« Lampe kam nicht wieder; wohl aber stand einige Tage später im Stadtanzeiger, daß vom Jäger Rabener in der Feldmark ein Hase geschossen sei, der seltsamerweise an einem roten Bändchen ein silbernes Glöckchen um den Hals gehabt habe. Das Glöckchen bekam ich wieder – ich holte es mir einfach von dem grausamen Schützen; von meinem Lampe selbst aber sah ich nichts wieder, als die abgenagten Knochen, Er hätte famos geschmeckt und wäre ein kolossal dicker Bengel gewesen, meinte der Jäger, wobei er sich den struppigen roten Schnurrbart strich. Die Hasengeschichte gab mir den Rest. Ich entsagte mit einem heroischen Entschlusse meiner Liebhaberei für Tiere und wandte mich der Botanik , dieser scientia amabilis zu. In der Anlage eines Herbariums suchte und fand ich Trost und hinreichende Beschäftigung in meinen Mußestunden. Noch heute bin ich mit ganzer Seele ein Freund der Botanik, dieser friedlichsten aller Wissenschaften.