Sir John Retcliffe Nena Sahib oder Die Empörung in Indien Historisch-politischer Roman Inhalt Die indische Universität. Babylon – Sardes – Rom – London. In den Apenninen. Die Tiger-Vertilgungs-Gesellschaft. Gulma Ein Duell in San Franzisko Die Höhle des Wolfes. Die Feuersbrunst. Der blutige Arm Wer der Mörder? Weiß und schwarz. Der zweite Dezember. Sankt Helena. Die indische Wüste. Die Geheimnisse der schwarzen Burg. Das Reich der Ostindischen Kompagnie. 1. Der Ryot. 2. Der Nabob 3. Im Meß-Bungalow 4. Die Sotti und die Tigerjagd. 5. Der Pavillon. Der Dermar Tod den Faringi! Schlange und Tiger. Der Ball Das goldene Delhi. Der Blutbrunnen zu Cawnpur Des Irländers Ende Der Verrat Der Eid. Aus dem Jenseits! Die indische Universität. In der Cleveland-Street zu London steht ein Haus, gegen die englische Gewohnheit ziemlich geräumig und etwas von der Straßenfront zurückgebaut, so daß hierdurch eine kurze Auffahrt gewonnen worden, die nach der Straße zu ein eisernes Gitter abschließt. Der Ein- und Ausgang dieses Gitters stand an dem Vormittag, an dem unsere Erzählung beginnt – am 20. Juni 1851 – geöffnet und ebenso die Haustür, an deren Pfosten ein Diener von trägem, anmaßendem Aussehen lehnte, nur hin und wieder ein Wort mit einem jungen Mann von schlauem, aber bleichem Antlitz redend, das alle Spuren dürftig nährender und angestrengter Arbeit an den Aktentischen trug. Der junge Mensch, etwa 19 Jahre alt und in einer abgeschabten, aber reinlichen Kleidung steckend, hatte einen Sack mit Papieren in der Hand, der ihn für jeden mit englischen Sitten Bekannten als einen Advokatenschreiber bezeichnet hätte. Der Bediente blickte eifrig die Straße hinauf, als erwarte er die Ankunft einer oder der anderen Person, und ließ zuweilen ein Goddam! zwischen den Zähnen hören. »Ist es wahr,« bemerkte der Schreiber schüchtern, »daß der Nabob, Ihr Herr, so gefährlich erkrankt ist, daß man keine Hoffnung für seine Genesung mehr hegt?« »Es muß jeder einmal sterben,« erwiderte sein Gesellschafter gleichgültig, indem er fortfuhr, die Straße hinaufzustarren. »Man sagt, er sei ein Mann noch in seinen besten Jahren,« fuhr der andere fort. »Es muß schlimm sein zu sterben, wenn man so reich ist, wie es von Sir David Dyce heißt!« Ein »Hm!« war die bloße Antwort. »Wie alt mag der Nabob doch jetzt sein!« wiederholte der junge Mann seine Frage. »Er ist dreiundvierzig Jahre. – Warum nennen Sie Sir David den Nabob?« »Ei, mein Gott, ist er es denn nicht? Das Bureau meines Herrn befindet sich zwar nicht in dieser Stadtgegend, und es ist das erste Mal, daß wir einen Akt für ihn vollziehen; indes wer hätte in ganz London nicht von Sir David Ochterlony Dyce Sombre sprechen hören und von seinen unglücklichen Schicksalen, wie von seinen großen indischen Reichtümern. Sind Sie schon lange in seinem Dienst, wenn ich fragen darf?« fügte der Schreiber hinzu. »Sie scheinen sehr neugierig, Master so und so,« erwiderte ärgerlich der Diener. »Wenn Sie so genau mit dem Stadtgeklatsch vertraut sind, statt sich um Ihre Schreibereien zu kümmern, so werden Sie auch wissen, daß Sir David erst seit drei Jahren sich wieder in England befindet.« »Es ist wahr, ich erinnere mich, in einem Blatte gelesen zu haben, daß er nach seiner Flucht aus Bedlam vier Jahre lang durch ganz Europa gereist ist, um sich von allen berühmten Ärzten untersuchen und sich Zeugnisse seiner geistigen Gesundheit geben zu lassen. Darf ich Sie wohl noch fragen, ob Lady Marie wieder mit ihrem Gatten ausgesöhnt und bei ihm ist? So schön Ihr Haus auch scheint, so muß ich Ihnen gestehen, hätte ich mir doch ein weit prächtigeres Bild von dem Haushalt eines indischen Nabobs gemacht.« Die Neugierde des kleinen Schreibers schien seinen Gefährten eben zu einem Ausbruch heftigen Unwillens gereizt zu haben, und dieser wandte sich ärgerlich gegen ihn, als das Hinzukommen einer dritten Person aus dem Innern des Hauses den Zorn des Bedienten von dem jungen Menschen ab und zugleich alle Neugier des letzteren auf sich wandte. Der Hinzutretende war ein großer, fünfzig Jahre zählender Mann, dessen dunkle Bronzefarbe sofort seine indische Heimat verriet, auch wenn es die Kleidung nicht getan. Ein grauer dichter Bart bedeckte Wangen, Kinn und Oberlippe des Indiers, wohl eine Handlänge auf die Brust herabhängend, so daß kaum die dünnen Lippen des Mundes sichtbar blieben. Er gehörte offenbar einem der kriegerischeren Völker, wahrscheinlich dem Maharattenstamm an, und sein Gesicht, an und für sich schon finster und streng, zeigte in diesem Augenblicke noch den Ausdruck des Kummers und Schmerzes. Der Indier war mit leichten, unhörbaren Schritten die teppichbelegte Treppe herabgekommen, so daß er ganz unerwartet zwischen den beiden stand. Sein dunkles Auge wandte sich zuerst suchend rechts und links und dann auf den Bedienten. »Wo ist der Ferash John, dein Gefährte?« fragte er in leicht gebrochenem Englisch. »Du weißt, daß Radschah David streng befohlen hat, daß keiner seiner Diener heute das Haus verlassen soll.« Der träge Schlingel schien einigermaßen verwirrt, antwortete aber dann: »Was weiß ich, ich habe John nichts zu befehlen, er ist vielleicht nach dem Square gegangen, um zu sehen, wo der Doktor bleibt.« Der Indier sah ihn scharf und drohend an. »Hüte dich!« sagte er ernst, »du weißt, daß Tukallah wachsam ist. Wenn der Arzt kommt, so benachrichtige mich. Ist dieser Dschuckarah der Ferash des Mirza, der bei dem Sahib ist?« Er hatte sich mit der letzten Frage nach dem kleinen Schreiber gewandt, der ihn mit offenem Munde anstarrte, ohne die ihm fremden Ausdrücke zu verstehen. »Ich meine, ob du der Diener des Mannes bist, der für das Gesetz schreibt?« Der junge Mensch begriff. »Wenn Ihr fragt, Sir, ob ich der Sekretär des gelehrten Doktor Duncombe, Notar und Anwalt am Hohen Kanzleihofe, bin, so ist es richtig. Mein Name ist Tom Malwinkle, und ich habe die Ehre...« Der Indier unterbrach ihn mit einer Handbewegung und sagte: »Komm!« Er schritt dem jungen Mann voran, ihm bedeutend, so wenig Geräusch als möglich zu machen. James, der Diener, blieb allein am Eingang der Tür zurück, verdrossen vor sich hinmurmelnd: »Ich wollte, ich könnte dem gelben Hunde einmal geigen, was ein geborener Engländer einem solchen ungläubigen Schuft gegenüber zu bedeuten hat. Aber Geduld, ich meine, es hat bald ausgespielt. Wenn nur John zurückkommt, der Doktor hat mir's auf die Seele gebunden, ihm Nachricht zu geben, wenn sich etwas Ungewöhnliches ereignet, und der Besuch des Advokaten ... ah, da ist er selbst.« Ein Kabriolett rollte über den Square daher und hielt vor dem Gitter. Ein stattlich aussehender Herr stieg heraus. »Nichts neues, James? Wie geht es deinem Herrn? – ich war verhindert, ihn gestern nachmittag zu besuchen.« »O Sir,« sagte der Diener – »Sie haben also meinen Brief durch die Penny-Post nicht erhalten?« »Welchen Brief? – ich mußte heute morgen zeitig zu Lady Windham, um zum erstenmal einen Versuch mit Chloroform bei ihrer Entbindung zu machen. Geschwind, ist etwas Wichtiges vorgefallen? Warum kamst du nicht selbst?« »Es war unmöglich, Sir. Dieser gelbe Teufel scheint Mißtrauen gegen uns gefaßt zu haben und beobachtet unsere Gänge. Das Befinden Sir David Dyces war unverändert, und er fragte nur mehrmals, ob keine Briefe vom Kapitän Ochterlony aus Dublin angekommen wären. Gegen abend aber erschien ein Besuch, der sich nicht abweisen ließ: da der Indier gerade dazu kam, so gelangte er bis ins Krankenzimmer und blieb wohl zwei Stunden lang bei dem Herrn. Nachher war dieser sichtlich aufgeregt, verbot aber, Sie zu beunruhigen.« »Wer war der Besuch? Doch nicht Mistreß Troup oder ihr Mann?« »Nein, Sir, – es war ein Fremder, ein Ausländer, den ich noch nicht gesehen. Ein junger Mann noch; hier ist seine Karte, die ich wegstibitzt. Der Herr schien ihn erwartet und große Freude zu haben, ihn zu sehen.« Der Doktor nahm die Karte und las: Friedrich Walding, Doktor der Medizin und Naturwissenschaften. »Ein deutscher Gelehrter, offenbar eine Bekanntschaft von den letzten Reisen auf dem Kontinent. Ist das alles, James?« »Nein, Sir! das Wichtigste kommt noch. Heute morgen ist der Fremde wiedergekommen und hat einen Notar von Doktor Commons mitgebracht, Master Duncombe, ich erfuhr es von dem Schreiber, den sie eben hinaufgeholt. Der Notar befindet sich seit länger als einer Stunde oben.« Eine grobe Verwünschung entfuhr dem Munde des Doktors. »Alle Teufel – das hat ganz das Ansehn eines bösen Streiches, und ich muß eilen, ihm vorzubeugen.« Er warf rasch einige Zeilen auf ein Blatt seines Taschenbuchs, faltete dieses und gab es dem Diener. »Trage dies sogleich zu Lord St. Paul, James; er oder Lady Mary mögen es lesen. Du hast doch hoffentlich noch niemand von der Sache Nachricht gegeben?« »Auf meine Ehre nicht, Sir! Sie bezahlen mich, und ich diene Ihnen allein. Aber ich darf nicht fort – John ist nicht zu Hause.« »Ich sehe,« sagte Doktor Jennys unwillig, »die Baronin Savelli ist besser bedient als ich. Du bist ein herzlich einfältiger Schurke, Master James, und wenn du nicht irgendein Mittel findest, dies Billett binnen zehn Minuten in die Hände des Marquis St. Paul oder deiner rechtmäßigen Herrin zu bringen, so ziehe ich meine Hand von dir.« Damit sprang er die Treppe hinauf, durchschritt einen kurzen Korridor, auf den Kokosmatten des Fußbodens sorgfältig alles Geräusch seiner Schritte unterdrückend, und schob vorsichtig den Teppich vor dem Eingang eines Vorzimmers zurück. Es war leer – die Tür dem Eingang gegenüber geschlossen – und der Doktor näherte sich ihr mit vorgebeugtem Haupt. Wir müssen mit dem Leser zuvor in das Gemach treten, an dessen Tür der Arzt stehen geblieben. Es war das Krankenzimmer des Sir David Ochterlony Dyce Sombre , den der kleine Advokatenschreiber den indischen Nabob genannt. An der der Eingangstür gegenüberliegenden Wand stand ein niederes, von Musselinvorhängen umgebenes Bett, mit rotseidenen Decken, aus denen, den Kopf auf den Arm gestützt, der Kranke hervorsah. Sir David Dyce , 1808 in Sirdhana im oberen Indien geboren, war von mütterlicher Seite der Enkel des General Sombre, der sich mit einer Begum, der Witwe eines indischen Fürsten, die er vom Feuertode gerettet, verheiratet hatte, und von der er auch den Namen trug. Die Tochter des Generals und der Begum, Juliane, heiratete den Obersten Dyce, einen Muselmann, der Offizier in der Leibwache der Begum war; Sir David und angeblich zwei Töchter waren die Frucht dieser Ehe. – Tiefe Züge des Leidens lagen auf dem Antlitz des Nabobs, das ganz jene Sanftmut und Gutmütigkeit seiner Großmutter geerbt hatte, welche die meisten Hindus ausgzeichnet. Die großen gazellenartigen Augen schienen durch die vollständige Abmagerung des Körpers noch erweitert, und nur aus der höheren und kräftiger nach europäischem Typus gewölbten Stirn ließ sich auf eine verborgene Geisteskraft und Beharrlichkeit schließen. Zu den Füßen seines Lagers stand, die Arme über die Brust gekreuzt, unbeweglich Tukallah, während an der Seite des Kranken ein Mann von etwa 28 bis 30 Jahren saß, das ernste, ausdrucksvolle Gesicht von einem kurzen runden Bart umschattet. Am Tisch saß ein älterer Herr und schrieb. Es war der Notar Duncombe. Master Duncombe schloß eben das Schriftstück und wandte sich zu diesem. »Erlauben Sie mir, einige Fragen an Sie zu richten, Sir David,« sagte er. »Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß unser Geschäft seine Schwierigkeiten hat und der glückliche Ausgang ganz von unserer Vorsicht in diesem Augenblick abhängt. Unsere Gesetze lassen in Beziehung auf die Testamentsniedersetzungen leider der juristischen Kasuistik vollen Spielraum. Es ist schlimm genug, daß es damals nicht gelungen ist, bei dem Kanzleihof die Akten zu kassieren, welche die Disposition über Ihr Vermögen Ihnen entzogen.« »Man begnügte sich, mein Recht, frei zu sein, anzuerkennen,« sagte der Kranke bitter, »weil man die Freiheit mir nicht mehr nehmen konnte. An schmachvollen Anträgen an die französische Regierung, mich auszuliefern, um nach Bedlam zurückgebracht zu werden, hat es die britische Gesandtschaft in Paris nicht fehlen lassen. Aber wenn England zu seinen Bergen von Schmach und Unterdrückung gegen mein Volk auch noch die auf sich lud, zum Vorteil eines liederlichen Weibes und ihres intriganten Vaters – weil sie zum bevorzugten Stande des Landes gehörten – den Mann, der die Entehrung seines Namens, die Vergeudung seines Vermögens nicht dulden wollte, zum Wahnsinnigen zu stempeln und ihn seiner Habe zu berauben – so hatte Frankreich Ehre genug, den Fremdling zu schützen und sein Leben wenigstens zu retten.« Er sank erschöpft in die Kissen zurück, der deutsche Arzt an seiner Seite suchte ihn zu beruhigen und reichte ihm einen Trank. »Ich bitte Sie, Sir David, sich nicht aufzuregen,« fuhr der Advokat fort – »Sie haben dadurch schon früher Ihren Gegnern Waffen in die Hände gegeben, und es ist jetzt nur unsere Aufgabe, das Geschehene so viel als möglich zu redressieren und Ihren Absichten wenigstens zum Teil Geltung zu verschaffen. Das Vermögen der Generalin Sombre, Ihrer Großmutter, ist auf Sie rechtlich übergegangen?« »Das Testament liegt bei den Behörden in Kalkutta. Meine Großmutter hinterließ meiner Schwester Anna Mary ein Legat von 8000 Pfund Sterling und ein gleiches von 5000 Pfund der Baronin Savelli.« »Ihre zweite Schwester?« »Nein, Herr – sie ist nur die Tochter meines Vaters, nicht meiner Mutter. Die Oberstin Dyce beteuerte es mir auf ihrem Sterbebett, obschon die Begum, meine Großmutter, uns alle drei adoptierte. Das ganze andere Vermögen fiel mir zu. Ich war im Besitz von sechsmalhunderttausend Pfund außer dem, was ich in Indien an Gütern und Juwelen zurückließ, als ich im Jahre 1838 in dieses Land kam und nach zwei Jahren so töricht war, in die Schlingen eines herzlosen Weibes zu fallen.« »Sie setzten in Ihrem Ehekontrakt Ihre Gattin zu Ihrer Erbin ein, wie sie behauptet?« »Das tat ich nicht, Herr. Ich verpflichtete mich, für 130 000 Pfund Grundstücke in England zu kaufen, von denen meine Witwe den lebenslänglichen Nießbrauch haben sollte. Ich erstand sie in Irland. Als ich im Jahre 1849 vor drei ärztlichen Zeugen hier in London mein Testament machte, bestimmte ich, daß, außer den Legaten für meine Diener, meine Schwester, Mrs. Troup, 20 000 Rupien erhalten, der Überrest meines hiesigen Vermögens aber, mit dem Grundbesitz in Indien, nach dem Willen meiner Großmutter, zur Stiftung einer Universität in Indien verwendet werden sollte.« »Wer waren die Herren, die damals Ihre Testierung als Zeugen unterzeichneten?« »Doktor Jennys, mein Hausarzt, mit seinen Kollegen Freson und Witchdaller vom Kings-Kolleg, sowie mein Freund, der Kapitän Ochterlony, den ich zum Testamentsvollstrecker ernannt hatte.« »Die Unterschrift des Doktor Jennys würde uns auch jetzt von großem Vorteil, ja unbedingt nötig sein,« sagte der Advokat. »Ich hoffte ihn hier zu treffen.« »Er kommt jeden Vormittag. Sieh zu, Tukallah, ob der Doktor schon nachgefragt.« Der indische Diener wandte sich zur Tür. »Versteht der Mann Englisch?« »Vollkommen, Sir.« »Dann will ich Sie bitten, meinen Schreiber, den ich an der Tür zurückgelassen, mit heraufzubringen. Das Gesetz schreibt zwei Zeugen vor.« Während der Abwesenheit des Dieners setzte der Advokat seine Arbeit fort. Im Verlaufe des nachfolgenden Gesprächs kehrte der Indier mit dem Schreiber zurück, der auf einen Wink seines Herrn an der Türe Platz nahm. »Ich kann Ihnen nur sagen, Sir David,« nahm der Notar wieder das Wort, »daß die Angelegenheit ihre großen Schwierigkeiten hat. Ihre Gegner sind gewandt und zahlreich, der Hauptnachteil bleibt der Umstand, daß die Dispositionsentziehung über Ihr Vermögen nicht wieder aufgehoben wurde. Ein Prozeß wird jedenfalls die Folge sein.« »Verdammnis über die Gesetze, die zu solchem Raube helfen!« »Ruhig, Herr – wir bessern damit nichts. Was geschehen kann auf dem Wege des Rechts, Ihren Verwandten die Beute zu entreißen, soll geschehen, doch – ich wiederhole es – das Schicksal Ihres Vermögens in England ist sehr zweifelhaft, umsomehr, als – –« »Sprechen Sie aus, – es muß sowohl im Interesse der Regierung als auch der Ostindischen Kompagnie liegen, daß mein und meiner Großmutter Wille vollzogen wird!« »Das, Sir, ist es eben, was ich gleichfalls bezweifle. Ich glaube nicht, daß die Herren in Leadenhall so sehr wünschen, durch eine Universität, sei sie auch so herzlich schlecht wie die unseren, die Aufklärung Ihrer Landsleute zu befördern.« »Aber Ihr Vaterland, Sir, England,« sagte der deutsche Arzt, »nennt sich die Nation der Freiheit und Aufklärung, sie vertritt die Rechte der unterdrückten Völker, sie trägt die Zivilisation bis an die Enden des Erdballs – –« Der alte Advokat lächelte vor sich hin. »Waren Sie je in einer unserer Kolonien, Sir?« »Nein!« »Und wie lange sind Sie in England?« »Seit drei Tagen. Ich lebte seit dem Jahre 1849 in Paris.« »So erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß wenn Sie erst länger in diesem gesegneten Lande sich befunden haben werden und wirklich das Testament Ihres Freundes in Indien vollstrecken helfen sollten, Sie bald eine andere Ansicht bekommen werden. Indes, dergleichen Meinungen gehören jetzt nicht hierher. Hier ist zunächst das Dokument, wodurch Sir David Dyce die Gültigkeit der in seinem Testament über sein Vermögen in England getroffenen Verfügungen nochmals und im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte anerkennt, und außer dem Kapitän Ochterlony auch den hier gegenwärtigen Herrn, Doktor Walding, zu seinem Testamentsvollstrecker ernennt.« Er verlas das Dokument, das der Kranke unterzeichnete. »Das Zweite ist die Übertragung des sämtlichen Grundbesitzes des Sir David Ochterlony Dyce Sombre in Indien, sowohl im Gebiet der Kompagnie, wie in den Schutzländern, an seinen Verwandten, Nena Sahib, den Vetter und Adoptivsohn des Peischwa Bazie Rû, lebend zu Bithur in Audh, mit der Bedingung, dem Kapitän Ochterlony und dem Doktor Walding jährlich zehntausend Rupien zur Betreibung des Prozesses in England zu zahlen, und ihnen die in einem von dem Erblasser eigenhändig gefertigten und an benannten Nena Sahib adressierten Schreiben aufgeführten Kostbarkeiten und Dokumente auszuhändigen. Diese Verfügung über das Vermögen in Indien ist vor dem Notar Dubois in Paris, in Gegenwart der nötigen Zeugen, bereits am 10. August 1850 ausgefertigt, und soll gleichfalls hier bloß nochmals anerkannt werden.« Sir David hatte sich in dem Bett emporgerichtet und zog aus den Kissen ein versiegeltes Papier hervor. »Dies ist das in dem Dokument erwähnte Schreiben. Ich bitte Sie, auf dem Kuvert durch einen Vermerk und die Beidrückung Ihres Siegels meine Unterschrift anzuerkennen, ehe ich darüber verfüge.« – – – Doktor Jennys, das Ohr an die Tür im Vorgemach geneigt, hatte deutlich diese Worte gehört. Er konnte aus der darauffolgenden Pause entnehmen, daß der Notar die Unterschrift legalisierte und hatte bei seiner angestrengten Aufmerksamkeit auf die Vorgange im Innern gänzlich überhört, wie zwei Personen in das Zimmer getreten waren. Erst die Worte: »Ei – der gelehrte Doktor Jennys spielt den Horcher?« – schreckten ihn unangenehm empor. Hinter ihm standen eine Dame und ein Herr. »Meine schöne Verwandte,« sagte der alte Stutzer mit einem Faunenlächeln und gedämpfter Stimme, »wird ein bißchen Horchen unserm lieben Freunde nicht zum Vorwurf machen, wenn es uns beiden zustatten kommen dürfte.« Die Lady machte eine ungeduldige Bewegung. »Der Herr da ist nicht mein Spion, sondern der Ihre,« sagte sie stolz, »wie ich es längst gedacht habe.« Der Arzt winkte Schweigen und Vorsicht. »Wissen Sie, um was es sich handelt?« »Irgendeine neue Verkehrtheit meines Bruders.« »Er ist beschäftigt, sein Testament nochmals zu verifizieren.« »Törichte Mühe,« sagte der Herr. »Lady Mary Jarving, seine Gemahlin, meine Tochter, ist durch den Heiratskontrakt gesichert.« »Warum befinden sich Eure Herrlichkeit dann also hier?« fragte spöttisch die Dame. »Keinen Zwist, Mylord« – bat der Doktor. »Sir David Dyce hat eine zweite Verfügung über sein Vermögen in Indien zu Paris getroffen, die demnach nicht unter unsere Gesetze fällt, und ist eben im Begriff, die Vollmacht zur Empfangnahme seiner Kostbarkeiten und gewisser, wahrscheinlich auch Ihrer Sache höchst gefährliche Dokumente auszustellen.« »Wir müssen ihn daran hindern oder zum mindesten die Vollmacht unschädlich machen,« sagte die Lady entschlossen. Indem sie so nahe dem Krankenzimmer standen, konnten alle drei deutlich hören, wie der Kranke sagte: »Hier ist es – bewahrt es wohl. Es vermag alle ihre Intrigen zuschanden zu machen!« Die Lady faßte den Drücker der Tür und wollte sie aufstoßen. Die Tür war von innen verschlossen. Alle fühlten, daß diese Verzögerung von der größten Wichtigkeit sein konnte, und der Doktor klopfte, um jeder Unvorsichtigkeit der Dame zu begegnen, sofort dreimal leise an und sagte: »Ich bin es, Doktor Jennys, und bitte um Einlaß.« Die Tür wurde auf einen Wink des Kranken augenblicklich von Tukallah geöffnet; als der Arzt und seine sehr unerwartete Begleitung jedoch in das Zimmer traten, ließ kein Zeichen entdecken, wer das wichtige Papier an sich genommen, und ob es sich unter denen befand, die der Notar eben in seine Mappe legte. Der Hausarzt eilte sofort auf den Kranken zu. »Mein lieber Sir,« sagte er hastig, um jeder Frage zuvorzukommen, »Sie wissen doch, daß ich Ihnen jede Aufregung durch Geschäfte verboten habe.« Der Indier antwortete ihm nicht. Seine Augen waren zornig auf die beiden gerichtet, die dem Arzt gefolgt waren, und die Gebärde, mit der er auf sie hinwies, war eine drohende Frage, warum jener sie mitgebracht. »Ich traf den Marquis und die Frau Baronin leider schon an der Tür Ihres Hauses, bester Sir,« flüsterte der Doktor, »und es war unmöglich, sie zu hindern, hierher zu kommen. Aber ich beschwöre Sie, regen Sie sich nicht auf – es könnte die schlimmsten Folgen haben.« Der Marquis St. Paul hatte sich dem Bett seines kranken Schwiegersohns genähert, gleich als lebten sie in den freundschaftlichsten Verhältnissen und als bestehe nicht der geringste Grund zu Haß und Feindschaft zwischen ihnen, während die Lady ohne weiteres zu dem Tisch trat und von dort mit festen, hochmütigen Blicken die Anwesenden maß. »Mein teurer Sohn,« sprach heuchlerisch der Marquis, indem er des Kranken Hand zu fassen suchte, »warum ließen Sie uns nicht wissen, daß Ihr Zustand sich verschlimmert hat? Welche kleine Meinungsverschiedenheiten uns leider auch in der letzten Zeit entfremdet haben, Lady Mary, Ihre Gemahlin, würde gewiß mit Vergnügen ihrer Pflicht nachgekommen sein, hierher zu eilen und Sie zu pflegen.« Der Kranke tat sich sichtlich Gewalt an, indem er sich wegwandte ohne zu antworten. »Master Duncombe,« sagte er mit fester Stimme, »hier ist Doktor Jennys, dessen Anwesenheit Sie zur Vervollständigung der Unterschriften wünschten. Er bescheinigte meinen gesunden Menschenverstand bei der Niederschreibung meines Testaments, den dieser Herr dort zu leugnen beliebte, und ich hoffe, er wird auch jetzt noch so wenig daran zweifeln, daß er ohne Anstand noch einmal seine Unterschrift uns leiht.« Der Doktor sah ziemlich verlegen aus, während der Notar das erste Dokument wieder aus seiner Mappe nahm und auf den Tisch zur Unterschrift zurechtlegte. »Ich habe nie einen Augenblick gezweifelt, liebster Sir, sagte er endlich zögernd, »daß Sie in vollem Besitz Ihrer geistigen Kräfte sind, oder – wenn ja einmal ein Schatten diese getrübt haben sollte – sie längst wieder erlangt haben, aber ich bitte Sie nur zu bedenken, daß Sie körperlich krank und schwach sind – – –« »Wollen Sie Ihren Namen als Zeuge unter das Dokument setzen oder nicht, Doktor,« fragte der Kranke kurz und ungeduldig. »Ihr Patient,« sagte der deutsche Arzt, »hat dies Dokument in vollkommen gesundem geistigen Zustand vollzogen, Sir. Ich bin selbst Arzt und habe es mit gutem Gewissen bescheinigt.« Doktor Jennys hatte zögernd die Feder genommen, seine Augen schienen bei dem Marquis und der Baronin Unterstützung zu suchen. Die letztere trat entschlossen vor und wies mit strenger Gebärde den Zeugen zurück. »Ich verbiete Ihnen, irgend einem Akt meines unglücklichen Bruders Ihre Unterschrift zu leihen. Sie sehen, daß er zu krank ist, um für sich selbst handeln und denken zu können, und daß fremde Personen seine Schwäche mißbrauchen.« »In der Tat,« fügte der Marquis hinzu – »auch ich muß im Namen meiner Tochter, der Lady Dyce, gegen jede Handlung protestieren, welche die Interessen seiner Familie gefährden könnte. Ich mache diesen Herrn darauf aufmerksam, daß das Gesetz ihm verbietet, die Handlungen von Personen zu unterstützen, die das Gericht für dispositionsunfähig erklärt hat.« Der Notar trat auf den Marquis zu. »Sie sollten sich erinnern, Herr,« sagte er streng, »daß Sie über die Zulässigkeit gewisser Akte eine sehr verschiedene Meinung hegen. Die Verschreibung von zehntausend Pfund, für die Sie Lady Jane, Ihre erste Gemahlin, an den Grafen von Rougemont verkauften, war schwerlich sehr gesetzlich.« Der Kranke brach in einen förmlichen Paroxismus von Wut aus, den die beiden Ärzte vergeblich zu beruhigen suchten. »Bin ich ein Sklave in meinem eigenen Hause?« schrie er. »Kommt ihr hierher, mir zu trotzen und mich zu beschimpfen, nachdem eure Geldgier mein Leben gestohlen und ihr das Mark meiner Knochen vertrocknet habt mit euren verfluchten Listen und Ränken? – Will dieser Bastard meines Vaters und einer niedrig gebornen Sklavin sich erfrechen, das Erbe der Begum von Somroo anzutasten, die Barmherzigkeit an ihm geübt?« Die Lady trat ihm zornig näher. »Lügner – elender Lügner! Würde die Begum mich dann anerkannt haben?« »Du weißt, daß ich die Wahrheit rede, Georga, aber du hast den wilden Charakter unsers Vaters und warst immer unsre Feindin. Doch du haßtest mich offen, wie ein Mann, und ich vergebe dir um des Blutes willen, das in unser beider Adern rinnt. Aber Fluch dem Teufel dort an deiner Seite, mit dem du jetzt gemeinschaftliche Sache machst. Er hat mit tausendfach ärgeren Folterqualen meinen Geist gepeinigt, als womit seine gierigen Landsleute die Körper der unseren zerfleischen. Seine Lügen sind es, die mich zu den Wahnsinnigen gesperrt, die meiner Habe mich beraubt und den Fürstensohn Indiens vergeblich um sein Recht an den Pforten der englischen Gerichtshöfe betteln ließen! Und das alles, um sich und ein buhlerisches treuloses Weib zu bereichern. – –« Der Marquis hob die Hände in die Höhe. »Guter Gott, sein Wahnsinn kehrt wieder, er verkennt die beste, edelste Frau!« »Wahnsinnig? – ja wahnsinnig, als ich dies Land betrat,« brüllte der Indier, dem blutiger Schaum vor den Mund trat – »wahnsinnig, als ich deine Tochter heiratete! Verflucht sei dies Land, das Millionen friedlicher Menschen zu seinen Sklaven gemacht und mit dem Schutze der Menschenrechte prahlt! Verflucht sei die Nation, die das Christentum durch den Mund ihrer Missionare in alle Welt sendet und überall unter der Maske des Christentums ihre habgierigen Klauen ausstreckt – verflucht – verflucht –« Er endete nicht – ein dunkler Blutstrom schoß plötzlich aus seinem Munde und überflutete das Bett. Mit einer zuckenden Bewegung der Hand nach dem Herzen sank der reiche Mann, der indische Nabob zurück – ein krampfhaftes Dehnen der Glieder – ein Rollen der Augen – – – »Um Gottes willen, er stirbt,« rief der deutsche Arzt, »diese unerhörte Aufregung hat ihn getötet!« Er faßte seinen Puls, er rieb seine Schläfe, während Doktor Jennys ihn Hirschhorngeist und andere belebende Mittel einatmen zu lassen versuchte – vergebens – das Leben war unwiederbringlich entflohen. Der indische Diener warf sich an der Seite des Bettes nieder, leidenschaftliche Klagen und Verwünschungen in der heimatlichen Sprache strömten über seine Lippen, als er die kalte Hand des Gebieters daran drückte. Seine Augen, drohend und rachgierig unter den buschigen Brauen, verließen keinen Augenblick den Marquis und die Baronin. Die letztere war mit finsterer Miene, die Falten über der schönen Nasenwurzel zusammengezogen, die Blicke auf den toten Bruder gerichtet, schweigend an dem Tisch stehen geblieben, an den ihre Hand sich krampfhaft anklammerte. Derjenige, welcher sie hauptsächlich hervorgerufen, der Schwiegervater des unglücklichen Nabob, zeigte die volle, niedrige Heuchelei seines intriganten Charakters. Er lief von einem der Ärzte händeringend zum anderen, er flehte sie an, den Sterbenden zu retten und versprach goldene Berge. Der deutsche Arzt wandte sich zu dem Marquis und der Dame. »Das geschehene Unglück,« sagte er ernst, »ist nicht mehr zu ändern, und welche Schuld Sie daran tragen, mögen Sie mit Ihrem Gewissen ausmachen. Jetzt erlauben Sie mir nur noch die Bitte, Sie um Ihre Entfernung von hier zu ersuchen und die Ruhe des Toten nicht weiter zu stören. Ich werde für alles Nötige sorgen.« »Mit welchem Recht, Sir,« erwiderte Lady Savelli finster, »wagen Sie es, die Schwester aus dem Hause ihres Bruders zu weisen?« »Ich werde unter keiner Bedingung dies Haus verlassen,« erklärte die Baronin kurz. »Es ist das Eigentum meines Bruders, und wir sind die natürlichen Erben.« »Mylady werden doch vielleicht einen andern Entschluß fassen müssen,« unterbrach sie eine fremde sonore Stimme von dem Eingang her. »Der Fall ist vorgesehen, und Lady Georga wird nicht gegen den Willen des Eigentümers in einem fremden Hause verweilen wollen.« Alle wandten sich nach der unerwarteten Unterbrechung. »Ralph?« »Kapitän Ochterlony!« Der erste Ruf kam von den Lippen der Baronin, in dem zweiten vereinigten sich die Stimmen des Marquis und des englischen Arztes. ' Das Unterhausmitglied für Ballycastle im nördlichen Irland – die Grafschaft, die der Kapitän seit drei Jahren in den Reihen der Opposition vertrat – verließ langsam seine Stelle an der Tür, verbeugte sich gegen die Lady und trat zu dem Totenbett seines langjährigen Freundes und Schützlings. Tiefe Trauer, ein aufrichtiger männlicher Schmerz prägten sich in jeder Linie seines schönen Gesichts aus, als er zu dem Lager schritt. »Armer Freund,« sagte er traurig, »meine Eile, dir noch einmal die Hand zu drücken vor deinem Scheiden in das Jenseits, war vergeblich. Du Sohn einer heißen Sonne hast in dem kalten, herzlosen Norden nur Leiden und Verfolgung gefunden. Mögest du nach dem Glauben deiner Väter in glücklicheren Wandlungen deinen Weg zum ewigen Licht fortsetzen. Dein Erbe und das Vermächtnis deines Lebens aber soll mir heilig sein.« Der Marquis betrachtete ihn mit Blicken boshaften Hasses. »Wenn die Tirade,« sagte er mit Hohn, »die das Mitglied für Ballycastle uns soeben zum Besten gegeben, zur Einleitung einer Rede über die Grausamkeit der englischen Erbschaftsgesetze bestimmt ist, so wird sie gewiß nicht verfehlen, ihren Eindruck zu machen. Hier aber, in der Wohnung meines verstorbenen Schwiegersohnes, verbitten wir uns alle Einmischung.« Der Kapitän sah ihn mit einem durchdringenden verächtlichen Blick an, ohne ihn für den Augenblick einer Antwort zu würdigen und wandte sich zu dem deutschen Arzt. »Sie sind Master Walding, wenn ich nach meinem Herzen und nach der Beschreibung unseres gemeinschaftlichen Freundes urteilen darf?« »Ja, Sir.« »So seien Sie mir willkommen – wir werden Freunde sein, schon um des Geschiedenen willen. Sein letzter Brief, der nur von Ihrer erwarteten Ankunft sprach und mich an sein Krankenlager rufen sollte, kam mir leider zu spät in die Hände. Ich sehe hier Mr. Ducombe, einen unserer geachtetsten Notare, wollen Sie mir deshalb kurz mitteilen, was geschehen ist?« Die Gleichgültigkeit und Nichtachtung, mit der er die Anwesenheit der anderen Personen behandelte, war zu augenscheinlich, um mißverstanden zu werden. Die schöne Frau, trotzig in ihrer früheren Stellung verharrend, wechselte jeden Augenblick die Farbe vor innerer Aufregung. Selbst der Unbefangenste hätte erkennen müssen, daß der Anblick des Kapitäns einen Sturm von Leidenschaften in ihrem hochbewegten Busen hervorgerufen, und es wußte mehr als einer unter den Anwesenden, daß der Kapitän einst zu ihren Bewunderern gehört hatte und von ihr leidenschaftlich geliebt worden war. Während der Marquis sich flüsternd mit Doktor Jennys beriet, hatten der deutsche Arzt und der Advokat dem Kapitän das Nötige mitgeteilt, und dieser wandte sich jetzt zu den Gegnern. »Das Testament meines verstorbenen Freundes vom Jahre 1849 ist durch Ihre Bemühungen, Mylord, ein so öffentliches Geheimnis geworden, daß ich seine Bestimmungen nicht näher zu erwähnen brauche. Sie wissen auch wahrscheinlich bereits, daß der Gatte Ihrer Tochter soeben vor seinem Tode eine zweite notarielle Anerkennung und Bestätigung dieses Testaments mit einem Kodizill hat aufnehmen lassen, wodurch er diesen Herrn hier als Vollstrecker seines letzten Willens mir zugesellt, und Mr. Ducombe hat Ihnen gesagt, daß der Gebrauch fordert, dies Dokument hier versiegelt für die Gerichtspersonen niederzulegen, da es nicht bei Lebzeiten des Erblassers mehr beim Kanzleigericht deponiert werden konnte. Dies Haus, diese Wohnung, dies Zimmer, jedes Möbel, was Sie hier sehen, gehört mir! Die Nachfrage bei dem nächsten Polizeibureau wird Sie von meinem Eigentumsrecht überzeugen. Ich bin bereit, in Ihrer Gegenwart dies Zimmer zu versiegeln, aber ich muß Sie zugleich auffordern, mein Recht zu achten und dann sofort dies Haus zu verlassen.« »Sie unterstehen sich, mich hinauszuweisen?« »Noch mehr, Mylord – ich werde Sie durch diesen Mann da,« er wies auf Tukallah, »hinauswerfen lassen, wenn Sie nicht gutwillig gehen.« »Gut, Sir,« sagte knirschend der Lord, »ich weiche der Gewalt, aber Sie sollen von mir hören und diese Beleidigung mir bezahlen.« Der Kapitän verbeugte sich spöttisch. Als er aufsah, stand die Baronin vor ihm – bleich – blitzenden Auges. »Und Sie weisen mich gleichfalls fort – Sir – mich – die Schwester?« »Mylady,« erwiderte der Irländer artig aber fest, »haben gehört, was das Gesetz erfordert. Mein Haus steht zu Ihrer Disposition, mit Ausnahme dieses Zimmers.« Sie sah ihn mit flammenden Augen an, während ihre Hand sich auf seinen Arm legte und die zarten Finger wie Eisenfedern ihn drückten. »Ich muß Sie sprechen, Ralph – noch einmal! – heute noch!« zischte es kaum hörbar für ihn allein durch die zusammengepreßten Zähne. »Sie tun mir Unrecht, Mylady,« sagte ruhig der Kapitän, – »aber Sie haben zu befehlen. Ich werde gehorchen.« »Wohl, Sir! – Sie haben den Schlüssel noch?« Die Worte waren leise wie der Atem. »Ich besitze ihn.« »Sie sollen das weitere hören! – Kommen Sie, Mylord,« wandte sie sich laut zu dem Marquis, »dieser Herr dort wird auch ohne uns seine Siegel anlegen. Doktor Jennys möge unser Zeuge sein. Wir dürfen uns hier nicht weiteren Impertinenzen aussetzen.« Auf einen Wink des Kapitäns verließen die Zurückgebliebenen sämtlich das Zimmer, nachdem sich der Advokat überzeugt hatte, daß die zweite Tür, die in ein Nebengemach führte, von innen durch einen starken Riegel verschlossen und das Portefeuille mit dem Testament auf dem Totenbett zurückgeblieben war. Die Tür wurde hierauf sorgfältig verschlossen, und der Notar legte zweimal sein Siegel an, dem Doktor Jennys auf Verlangen den Abdruck seines Siegelringes beifügte. Als dies geschehen, bat der Kapitän den Advokaten, die nötigen Anzeigen bei den Behörden auf das schleunigste zu machen, verbeugte sich vor dem verlegenen Doktor Jennys, indem er die kalte Bemerkung hinzufügte, daß ihm das Honorar zugesandt werden solle, seine Besuche aber in diesem Hause künftig überflüssig wären und nahm den Arm des Deutschen mit der Einladung, ihn nach seinem Zimmer zu begleiten. Nur Tukallah und die Haushälterin blieben in dem Vorgemach zurück. Die Baronin und der Marquis waren schweigend die Treppe hinuntergeschritten, und erst auf der Schwelle der Tür sagte die Dame entschlossen: »Wir sind nie Freunde gewesen, Mylord, und werden es wahrscheinlich auch nicht werden. Indes erfordert es die Notwendigkeit und unser Vorteil, daß wir gegenwärtig gemeinschaftlich handeln und uns verbünden. Wollen Sie mich in meinem Wagen eine kurze Strecke begleiten, so können wir uns über die Maßregeln verständigen, die jeder von uns zu übernehmen hat.« »Ich stehe zu Befehl, Mylady,« versicherte der alte Intrigant. »Indes schlage ich vor, Doktor Jennys zu erwarten.« »Es ist unnütz und gefährlich. Steigen Sie ein, Mylord.« Der Marquis stieg in den Mietwagen, der die Baronin hergeführt und befahl seiner Equipage zu folgen. »Lassen Sie uns offen miteinander reden, Mylord,« begann die Dame. »Sind Sie imstande, das erste Testament meines Bruders mit Erfolg zu bekämpfen und es kassieren zu lassen?« Der Pair lächelte. »Glauben Sie denn, schöne Dame, daß wir die zwei Jahre unbenutzt haben verstreichen lassen? Das Gutachten der besten Rechtsgelehrten ist in unseren Händen – der Prozeß, wenn diese sogenannten Testamentsvollstrecker ihn wirklich erheben sollten, so gut wie gewonnen, indes –« »Nun?« »Lady Dyce, meine Tochter, muß sicher sein, daß ihr Anteil ihr nicht von den Forderungen der Geschwister geschmälert wird, wenn wir im Interesse dieser unsern Einfluß geltend machen sollen.« »Hören Sie mich an, Mylord. Das Vermögen meines Bruders in Indien beläuft sich auf mindestens ebensoviel als das in England deponierte. Der Lady Mary ist bereits das Einkommen von 120 000 Pfund gesichert. Wenn wir mit Ihrer Hilfe – ich spreche im Namen meiner Schwester, die zu schwach ist, ihre eigenen Interessen zu sichern – das Testament umstoßen, wollen wir drei es gleichmäßig teilen. Eine halbe Million Pfund ist eine Sache, für die man etwas wagen muß. Kann die neue notarielle Bestätigung seines früheren Testaments die Entscheidung für uns verzögern oder verhindern?« »Ich fürchte. Man hat die Zeit benutzt, neue ärztliche Gutachten zu sammeln. Dieser Teufel von Ochterlony wird nicht verfehlen, ein großes Geschrei zu erheben, wenn man ihm nicht auf irgendeine Weise den Hals brechen kann.« »Es ist Ihre Sache, mit ihm fertig zu werden, Marquis. Doch das Kodizill darf uns nicht beunruhigen. Gefährlicher ist das zweite Dokument, von dem uns Doktor Jennys erzählte. Sahen Sie, ob es der Advokat an sich genommen, oder wem es mein Bruder ausgehändigt?« »Leider nicht!« »Ist dieser Mann, der Notar, einer Überredung oder Bestechung zugänglich?« »Nein! Sein Ruf ist zu fest begründet.« Die Baronin lächelte verächtlich. »Ein Advokat und ehrlich! – Doch das hält uns zu lange auf. Es ist möglich, daß es sich noch unter den Papieren befindet, die man im Sterbezimmer deponiert hat. Sie müssen unter jeder Bedingung in unsere Hände kommen oder vernichtet werden.« Der Lord wurde bleich, der Gedanke war ihm bei all seiner Schlechtigkeit noch nicht gekommen. »Aber wie, Mylady?« »Zwei Dinge sind notwendig, die ich Ihnen überlassen muß. Haben Sie den Schreiber des Notars bemerkt, der bei unserem Eintritt im Zimmer anwesend war?« »Ich glaube mich seiner zu erinnern.« »Sie müssen ihn auf jeden Fall ermitteln. Er kann uns Auskunft geben, wenn das Dokument über das indische Vermögen nicht in dem deponierten Portefeuille sich befindet, wer es an sich genommen. Ich hörte deutlich die Worte meines Bruders, wie er es an jemand gab.« »Ich auch.« »Sodann müssen Sie durch Ihre Verbindungen bewirken, daß das Kanzleigericht nicht eher als morgen mittag den Nachlaß Davids aufnimmt.« »Es soll geschehen – nur glauben Sie mir, Kapitän Ochterlony wird sich stark genug halten, uns offen zu trotzen.« »Wenn ich Ihnen weiter raten darf, Mylord,« fuhr die Dame fort, »so machen Sie noch heute Ihren Freunden im Direktorium der Ostindischen Compagnie Anzeige von dem Tode meines Bruders und seinen Plänen, und versichern Sie sich ihrer Unterstützung.« »Glauben Sie mir, Mylady, die Kompagnie denkt nicht daran, eine Hochschule für ihre getreuen Untertanen aufkommen zu lassen.« »Ich weiß es, und nun, Mylord, haben Sie die Güte, dem Kutscher zu sagen, daß er vor dem Hause des Herrn Hartmann Jonas dort unten halten soll.« »Des Wucherers!« Der Wagen hielt vor einem großen, im Parterre mit prächtigen Läden versehenen Hause, und der Marquis führte sie in den Hausflur bis an den Fuß der Treppe. »Wann seh' ich Mylady wieder?« »Ich erwarte Sie morgen früh in meiner Wohnung in Mount-Street um elf Uhr. Ermitteln Sie heute noch etwas durch den Schreiber oder über unseren Gegner, so lassen Sie mich es sogleich durch einige Zeilen wissen.« Der Lord versprach es und kehrte zu seinem Tilbury zurück, während die Dame in das zweite Stockwerk hinaufstieg. Sie gab in einem Vorzimmer dem dort befindlichen Lakaien den Auftrag, sie zu melden, mit dem Bemerken, daß sie Mr. Jonas nicht in Geschäfts-, sondern in Privat-Angelegenheiten zu sprechen wünsche, und ward sogleich in ein mit übertriebenem Luxus ausgestattetes Besuchzimmer eingeführt. Der Eintretende begrüßte die schöne Indierin mit übertriebener Süßlichkeit. Er war ein Mann von etwa 45 - 48 Jahren, von kleiner, gedrungener Gestalt, mit hervortretendem Bauch, sehr elegant, aber mit jüdischer Nachlässigkeit gekleidet, im blauen Frack mit blanken Knöpfen. Die Baronin achtete nicht auf sein Geplauder, sondern sagte rasch und bestimmt: »Ich habe einen Dienst von Ihnen zu verlangen, Hartmann, sind wir hier allein und unbelauscht?« Der Jude sah sie mit einem Faunenlächeln an und wies nach seinem Kabinett. »Lassen Sie uns in mein Geheimes gehen. Wir sollen dort nicht gestört werden, und wenn ganz London mir machen wollte die Aufwartung.« Während er an der Türe seine Befehle gab, war die Lady in das Kabinett des Wucherers getreten. Der Wucherer war im Augenblick wieder an ihrer Seite. »Womit kann ich dienen, schönste Freundin? Sie wissen, Sie können alles von mir verlangen, was ich tun kann. Brauchen Sie Geld? Es ist zwar rar in dem Augenblick, aber Sie gehen vor, die anderen können warten. Mylady werden mir die goldenen Zinsen bezahlen mit 'n wenig Nachsicht für die Gefühle meines Herzens.« Er versuchte frech den Arm um die üppig schönen Formen der Dame zu legen und sie auf die breite Chaiselongue neben seinem Bureau niederzuziehen, doch sie stieß ihn ziemlich heftig zurück, und ein bitterer Zug, wie von widerwilliger, verächtlicher Erinnerung, zog über ihr Gesicht. »Lassen Sie die Torheiten, Hartmann,« sagte sie, »ich bin heute am wenigsten aufgelegt zu Galanterien und komme vom Sterbebett meines Bruders.« »Soll mich Gott verdammen, wenn ich nicht höre mit Vergnügen, daß er ist befreit von seinem Leiden. Lassen Sie mich Ihnen gratulieren zu der Erbschaft. Er hat sich gezeigt gegen Sie bei Lebzeiten als ein Achsor ." »Sie täuschen sich, Hartmann,« sagte die Lady höhnisch, »ich weiß jetzt ganz bestimmt, daß ich vollständig von meinem Bruder enterbt bin. Er hat sein Testament wiederholt.« Das rohe, vergnügte Gesicht des Juden wurde plötzlich fahl, seine Züge lang, und ein böser, falscher Blick schoß auf die Dame. »Goddam – ich würde sein ausgekluftet! Machen Sie keinen Spaß. Mylady wissen, wie hoch sich beläuft Ihr Konto?« »Mit oder ohne Zinsen, Hartmann?« »Ich hab' Ihnen vorgestreckt bare fünftausend Pfund!« »Bah – ich bin ja verheiratet! Sie können sich nötigenfalls an meinen Mann halten, den Baron Savelli!« »Was tu ich mit dem Baron – er ist 'n Lump, 'n Flüchtling aus seinem Land, wo er hat verloren alles mit seiner schoflen Politik. Er ist 'n godler Bal-chof, 'n verschuldeter Mann, der sich rumtreibt mit seinesgleichen in den Schenken und schlechten Häusern. Sie wissen's besser als ich. Ich gäb' nicht fünf Pfund für 'nen Wechsel von ihm von hundert!« »Ich nicht zehn Schillinge,« sagte die Dame gelassen. »Fünftausend Pfund!« jammerte der Wucherer. »Es ist 'n teures Gefühl! Aber Mylady, ich weiß, Sie haben Juwelen. Sie haben große, reiche Freunde, es kostet Sie 'n Wort an Seine Herrlichkeit den Herzog von Devonport, und e»bezahlt mir mein Geld bis auf den Sixpence, und Sie haben wieder neuen Kredit bei mir und wir bleiben Freunde.« »Pfui, Hartmann,« sagte die Lady, »das also sind Ihre Gefühle für mich, das ist der Dank, daß ich mich in meinen eigenen Augen verächtlich gemacht habe, daß Sie jetzt um Ihr schmutziges Geld besorgt sind? Seien Sie ruhig, Mann, Sie sollen es haben!« Der Wucherer küßte zum zweitenmal umgewandelt ihre Hand und erschöpfte sich in Beteuerungen. »Ich brauche Ihre Hilfe in einer andern Sache,« fuhr die Lady fort. »Ich habe nicht Zeit, lange Umschweife zu machen, und gehe daher auf mein Ziel geradenwegs los. Sie waren einst Spitzbube und Einbrecher, Hartmann?« »Mylady! ...«. Das Gesicht des Mannes färbte sich dunkelrot. »Keine unnütze Scham, Hartmann! Es haben viele« – in ihren Worten klang eine bittere, melancholische Erinnerung wieder – »mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen! Sie haben sich längst von dem gemeinen Schmutz Ihrer Jugend emanzipiert, aber man sagt, daß Sie für ihre eigenen Zwecke nicht ohne gewisse Verbindungen sind mit den Höhlen von Smiethfield. Können Sie mir die Adresse von einem Paar entschlossenen und geschickten Dieben und die Mittel geben, noch heute mit ihnen persönlich zu verhandeln?« »Mylady – ich wiederhole Ihnen, Sie beleidigen mich, was denken Sie von mir?« »Wollen Sie oder wollen Sie nicht? Ihre fünftausend Pfund stehen auf dem Spiel und – meine Dankbarkeit!« Hartmann Jonas dachte einen Augenblick nach, seine Augen suchten mehrmals die der Dame, wie prüfend, ob sie ihm eine Falle stellen wolle, endlich sagte er: »Wenn ich nur mindestens wüßte, was Sie bezwecken, Mylady!« »Das ich unnötig und würde gefährlich für Sie und mich sein. Ich wiederhole Ihnen, ich wünsche in irgendeiner Angelegenheit die Bekanntschaft von einem Paar gewandter und zuverlässiger Diebe zu machen, die bereit sind, gegen eine gute Belohnung einen vielleicht ein wenig gefährlichen Streich auszuführen.« »Ich hab's, Mylady – Jack Slingsby, der schöne Jack, ist der Mann für Sie. Er ist ein halber Gentleman, jung und geschickt, und kein Schloß ist für ihn zu fest. Dabei hat er eine Faust wie von Eisen – wie man mir erzählt hat. Er hat Gefährten in der Chawrusse genug zu jedem Streich.« »Aber wie kann ich mit ihm in Verbindung kommen? ich muß ihn selbst sprechen.« »Das wird freilich schwer halten, Mylady, die Zeit ist kurz. Jack wird sich gut verborgen halten, und er ist der einzige Mensch, der Ihnen kann sagen, wo!« »Können Sie den Mann nicht befragen?« »Soll mir Gott, Mylady, lassen Sie mich heraus aus der Geschichte – ich könnte verlieren meinen ganzen Ruf. Sie werden doch haben 'n vertrauten Menschen, der Courage hat? Schicken Sie ihn hin zu dem Ort, den ich Ihnen beschreiben will, und lassen Sie fragen nach Jack. Es muß jedoch geschehen beizeiten, sonst ist der Vogel ausgeflogen. Aber ich sage Ihnen, es wird dazu gehören ein mutiges Herz.« »Geben Sie mir die Adresse, Hartmann.« Sie nahm ihr Notizbuch, doch der Wucherer legte eilig die Hand darauf. »Nichts schreiben, Mylady, – das Geschriebene bleibt – wenn Sie wollen notieren, Goddam, ich sage keinen Buchstaben. Merken Sie wohl auf und schreiben Sie's in Ihr Gedächtnis, wo Sie's auslöschen, wenn's hat gedient.« »Sprechen Sie.« »Kennen Sie den Stadtteil zwischen White-Chapel, New-Road und Goodmans-Fields?« »Wenig genug. Es ist die verrufenste Gegend.« »Wenn man Goodmans-Fields passiert, rechts über die Lemon- Street und Church-Lane tut man kommen an Ellen-Street, von dort wendet man sich links, bis man zwei Gassen passiert hat. Die dritte ist ein Durchgang. Ein Kohlenmagazin ist daneben. Im Durchgang die erste Tür rechts ist das Wirtshaus zum »Blutigen Arm«. Einer von unseren Leuten hält es, Joël Löwenthal, der rote Joël genannt, der allein kann Ihnen Auskunft geben über Jack Slingsby.« Die Lady ließ sich die Lokalbeschreibung nochmals genau wiederholen. »Aber wie kann mein Bote das Vertrauen des Mannes erlangen? Wird er ihm glauben, wenn er bloß sagt, daß er von Ihnen kommt?« »Nein, Mylady,« sagte der Jude lächelnd, »der Mann, wenn er nicht ist sehr kühn und glücklich, würde schwerlich wieder zurückkommen über die Schwelle des Hauses. Was ich jetzt tu, tu ich für kein Geld und nur für Sie in der Hoffnung, daß Sie mir werden vergüten mein Vertrauen mit einer zärtlichen Stunde. Hier« – er stellte sich mit dem Rücken gegen die Lady, so daß diese sein Tun nicht sehen konnte, drückte an einer Feder seines Büros und nahm aus dem aufspringenden geheimen Fach einen Gegenstand – »hier ist 'n Geldstück, das der Mann muß zeigen dem Wirt Joël. Wenn er es hat gesehen, wird er ihm helfen zu allem, was er verlangt.« Das Geldstück, das er der Lady reichte, war eine Krone vom Jahre 1789. Sie war an drei Stellen durchbohrt. Die Dame barg das Zeichen sorgfältig in ihrer Börse und reichte dem Wucherer die Hand. »Ich danke Ihnen, Hartmann, und Ihr Vertrauen soll nicht unbelohnt bleiben. Jetzt leben Sie wohl, denn ich habe noch vieles zu tun.« Der Wucherer sah ihr nach. »Ein schönes Weib, ein stolzes Weib, echt indisches Feuer! Es ist ein großes Gefühl, zu sein der Nebenbuhler von Herzögen und Grafen. Freilich, fünftausend Pfund ist ein schönes Geld. Aber ich möchte schwören auf den Taliss, ich werde nicht verlieren einen Sixpence, und wenn sie nicht kann bezahlen, werden's tun die Achuwims .« Babylon – Sardes – Rom – London. Wir bitten den Leser, uns nach Whitehall zu folgen, dem modernisierten Whitehall an der Ecke der Downing-Street, das den königlichen Palast des Kardinal Wolsey ersetzt, von dessen Fenster aus Karl I. das Schafott betrat und der größtenteils 48 Jahre später durch eine Feuersbrunst verzehrt wurde. In einem ganz modisch, ja mit Zierlichkeit ausgestatteten ziemlich großen Kabinett stand, an dem Kamin von schwarzem spanischen Marmor gelehnt, ein bereits ziemlich bejahrter, großer und hagerer Mann. Weißes Haar umgab die hohe und breite Stirn, das ziemlich starke Kinn versank, eine Eigentümlichkeit des Mannes, zuweilen ganz in der weiten, weißen Krawatte, die seinen Hals umgab. Wir befinden uns im britischen Staatssekretariat des Aeußern. An einem großen mit Briefschaften und Portefeuilles bedeckten Tisch saß ein anderer Mann von etwa 30 bis 33 Jahren, aus einer Reihenfolge von Papieren dem anderen kurze Berichte abstattend oder nach seiner Angabe Vermerke darauf machend. »Sir Henry Addington,« sagte der Sekretär, »wünscht zu wissen, wann der neue mexikanische Gesandte die Antwort auf das Schreiben des Generals Aristo erwarten darf?« »Ich lasse ihn bitten, die Sache noch zu verzögern. Der nächste Dampfer wird uns den Bericht Bulwers über den Fortgang der Kuba-Expeditionen und die Anerbietungen Santa-Anas bringen. Hat der Graf Boulbon die Wechsel bekommen?« »Sie sind nach San Franzisko expediert.« »Gut. Der Aventurier wird die Verlegenheit in Mexiko nicht wenig vermehren. Die Kuba-Angelegenheit schafft uns in Spanien freie Hand. Dagegen müssen wir morgen über die Laplatafrage entscheiden. Haben Sie Nachrichten, Clarel, wann Graf Walewski seine Abreise bestimmt hat?« »Nein, Mylord. Im Elysée ist noch nichts festgesetzt.« »Merken Sie auf, Clarel! Die Debatte mit Cavaignac ist bloßes Geplänkel. Ehe sechs Monate vergehen, werden wir einen Hauptschlag in Paris erleben.« Der Sekretär lächelte. »Ew. Herrlichkeit beabsichtigen mit der Prophezeiung doch nicht mir eine Lektion in der Diplomatie zu geben?« »Nein, Clarel, dazu sind Sie zu scharfsichtig, jedes Kind kann heute bereits die Schritte voraussehen, und nur die Demokratie ist so einfältig, an das Präsidententum noch zu glauben. Lassen Sie Ledru-Rollin immerhin eine kleine Warnung zukommen!« »Aber Ihrer Majestät Regierung wird das Kaisertum anerkennen?« »Sicher. Wir werden die ersten sein; es ist jetzt keine Zeit für die albernen Reminiszenzen von Pitt und Fox. Was schadet uns der Name, wenn wir damit für uns dreimalhunderttausend Mann und eine Flotte in Bewegung setzen, die uns gefährlich zu werden beginnt.« »Sir William Temple sendet von Neapel die geheime Abschrift des bourbonischen Defensiv-Vertrages.« »Herr Mazzini schickte mir ihn gestern schon. Master Temple scheint etwas schwerfällig. Ist Graf Revel bereits von Turin eingetroffen?« »Heute morgen, Mylord.« »Man muß die Effektuierung der Anleihe von 75 Millionen Lire an der Börse auf das Möglichste erleichtern. Mit der Unterstützung des Kabinetts von Turin halten wir Oesterreich in Schach, dessen Truppen unbedingt aus Altona fort müssen. Hat Lord Eddisbury sich mit dem dänischen Gesandten besprochen?« »Ja, Mylord.« »Ich bin neugierig auf die Forderungen. Aber nochmals auf Italien zu kommen, wir brauchen in nächster Zeit irgendeine Gelegenheit zum Auftreten in Neapel« »Es ist schwierig, Mylord – der russische Einfluß ist dort im Wachsen.« »Eben darum. Wie ich aus den Zeitungen ersehe, ist die Unsicherheit im Lande sehr groß.« »Die Räuberbanden nehmen überhand. Die Zahl der politischen Flüchtlinge ist sehr groß und verstärkt sich. Man hat noch kürzlich an der neapolitanischen Grenze den österreichischen Soldaten ganz offen ein Gefecht geliefert.« »A propos! Sind die Ungarn und Polen aus Konstantinopel angekommen?« »Größtenteils, Mylord.« »Gut, erinnern Sie mich daran – schreiben Sie vertraulich an Westmooreland, wenn Fürst Schwarzenberg sich gegen ihn beklagen sollte, ausdrücklich hervorzuheben, daß die Überfahrt nur auf Handelsschiffen geschehen ist und jeder Unterstützung der Regierung ermangelt. Was ich sagen wollte – geben Sie acht darauf, ob bei den Räubern in Neapel oder an den Grenzen irgendein englischer Reisender, sei er noch so unwichtig, zu Schaden kommt, und instruieren Sie die Konsuln danach. Die Broschüre »Addio al Papa« ist nicht übel. Lassen Sie dem Komitee auf dem bekannten Wege 50 Pfund zukommen, um sie durch den Druck weiterzuverbreiten. Wieviel besitzt das sizilianische Komitee gegenwärtig in der Londoner Bank?« »Dreizehntausend Pfund, Mylord.« »Dann kann man die Vermehrung des Waffendepots in Gibraltar und Korfu immerhin gestatten. Wir dürfen nur nicht zu Schaden kommen. Bei Gelegenheit von Korfu – der Presse in Athen muß schärfer auf die Finger gesehen werden. Sir Thomas Wyse möge sich beklagen, mit einiger Grobheit – er versteht das. Wir haben hier genug zu schaffen mit den albernen liberalen Deklamationen des Earls von Fitzroy gegen die ionische Regierung. Sind noch immer keine Nachrichten über den Rebellen Grimaldi eingegangen?« »Er scheint gänzlich verschwunden und muß auf einer oder der anderen Seite das Festland erreicht haben. Ist er nach Italien entkommen, so ist er aus dem Regen in die Traufe gefallen, denn die österreichische Regierung hat 200 Scudi auf seinen Kopf gesetzt. Unsere sämtliche Konsuln an den Küsten haben sein Signalement« »Sir Henry Ward bezeichnet ihn als den gefährlichsten Kopf auf allen sieben Inseln. Alle alten Familien halten zu ihm. Lassen Sie genaue Nachforschungen nach ihm in der italienischen Propaganda anstellen – die Schufte halten zueinander. Es ist ein faux pas des Lord Oberkommissars gewesen, ihm nach der Einnahme von Venedig die Rückkehr nach Korfu zu gestatten. Das Verbannungsurteil des Senats hätte unter allen Umständen aufrechterhalten werden müssen.« Der Sekretär zuckte die Achseln. »Sir Henry Ward pflegt sonst nicht besondere Bedenklichkeiten zu haben. – Aus Rom und Bologna sind in den letzten Tagen wieder mehrere politische Mordtaten gemeldet.« »Wir werden uns später mit den italienischen Angelegenheiten ausführlich beschäftigen, Clarel, Paris und Petersburg sind jetzt wichtiger. Haben Sie das Memoire bereit zur Beantwortung der Interpellation über die dänische Erbfolge in der heutigen Sitzung des Unterhauses?« »Hier, Mylord! Layard berichtet von Konstantinopel vertraulich über die Beschwerden gegen unseren Konsul in Smyrna. Die Entrüstung über den Raubangriff auf das Haus des österreichischen Konsuls und das Erkennen der Mörder als Schützlinge des Konsuls hat sich noch immer nicht bestätigt.« »Ich erinnere mich nur dunkel. Haben Sie den Bericht Layards bei der Hand? Ich habe noch einige Minuten Zeit, uns wenn Sie mir, während ich meine Toilette beende, die Güte haben wollen, den Vorfall mitzuteilen, so kann ich Ihnen gleich meine Meinung sagen. Wir dürfen im Orient, selbst wo das Unrecht auf seiten unserer Agenten ist, jetzt nirgends nachgeben. Layard ist ein Phantast, der fortwährend krakeelt, ohne zu bedenken, daß man mit diesem Lumpengesindel nicht anders fertig werden kann und daß Rußland jeden Zoll breit Boden in Konstantinopel uns streitig macht.« In diesem Augenblick schob ein Hussier, nach leisem Klopfen, den Teppich vor der Haupttür des Kabinetts zurück, erschien und meldete: »Der sehr honorable Earl Grey, Secretary of State for the foreign Colonies .« Zugleich überreichte er auf einem silbernen Teller ein kleines versiegeltes Billett, das, seiner Form nach, nur eine Karte enthielt. Der Minister öffnete zunächst das Kuvert, las die Karte und gab sie an den Sekretär. »Empfangen Sie Signor Mazzini,« bemerkte er leise, »und sagen Sie ihm, daß ich ihn erst nach der Sitzung sprechen könne. – Lassen Sie den Herrn Staatssekretär eintreten.« Ritter Grey erschien auf der Schwelle und wurde mit einer gewissen vornehmen Kordialität von dem Lord bewillkommnet. »Ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, werter Kollege, Ihnen zu der Bill über die 300 000 Pfund für den Kaffernkrieg zu gratulieren,« sagte dieser. »Ich hoffe, wir werden diesmal vollständig nicht bloß mit den wilden Stämmen, sondern auch mit der unruhigen und lästigen Sippschaft der Boers zu Ende kommen.« »Ew. Herrlichkeit Ansichten werden mich im großen Rat unterstützen,« antwortete der Earl. »Ich komme, um Sie noch einen Augenblick vor der Sitzung in Anspruch zu nehmen – vielleicht beliebt es Ihnen dann, von meinem Wagen Gebrauch zu machen.« »Sehr verbunden, Freund. Hat Ihre Mitteilung auf die Sitzung Bezug?« Ein Blick des Earl zeigte ihm, daß dieser allein mit ihm zu sprechen wünsche, und ein kurzer Wink entfernte sogleich den Sekretär. »Was ich Ihnen zu sagen habe, Mylord,« bemerkte der Earl, »berührt nur in einem Punkt unsere parlamentarische Tätigkeit und betrifft die indischen Angelegenheiten. Da Sir John Com Hobhouse, unser Kollege, krank ist, wird es nötig sein, daß wir uns über die Schritte verständigen. Sie kennen wenigstens durch den Ruf Sir David Dyce Sombre, den reichen Enkel der Begum von Somroo?« »Ei gewiß, Mylord. – Er war eine ganze Saison lang der Löwe der Fashion, bis ihn St. Paul für seine Tochter kaperte.« »So werden Ew. Herrlichkeit sich auch des weiteren Schicksals des Mannes erinnern, und daß es kein Geheimnis ist, daß er, mit Übergehung seiner Verwandten, sein großes Vermögen, wie es heißt, nach einer früheren Bestimmung der Begum, zur Gründung einer indischen Universität testiert hat?« »Ich erinnere mich.« »Vor einer Stunde, Mylord, war Sir John Shephard, der Präsident der Kompagnie, mit dem Marquis von St. Paul bei mir, um mir die Nachricht zu bringen, daß Dyce heute gestorben ist.« »Auf Ehre, man kann ihm Glück wünschen, von dem Schwiegervater und der Frau erlöst zu sein. Wollen Sie mich vielleicht zu dem Begräbnis einladen, Freund?« »Weniger, Mylord, aber Ihre Hilfe in Anspruch nehmen gegen die Unannehmlichkeit, die sein Tod uns in Indien und im Parlament bereiten wird.« »Wie meinen Sie das?« »Das Mitglied für Ballycastle, der geschworene Gegner des Ministeriums, ist einer der Testamentsvollstrecker. Sie sind doch mit uns vollkommen einverstanden, daß von der Gründung einer Universität in Indien nicht die Rede sein kann?« »Absurder Gedanke! Wollen Sie den Sepoys vielleicht Vorlesungen über Logik oder einem schmutzigen Paria über Euklid halten lassen? Ich möchte die Gesichter unserer Herren von der Kompagnie sehen, wenn in Audh oder Bengalen die Humanoria ex officio gelehrt würden!« »Aber Kapitän Ochterlony wird einen bedeutenden Lärm erheben und die Sache vor die Öffentlichkeit ziehen.« »Der Teufel hole ihn und seinen ganzen Anhang,« sagte der Minister heftig. »Ich bin ihm noch die Bezahlung schuldig für die Angriffe in der katholischen Frage und warte nur auf die Gelegenheit. Jede Maßregel, welche die Kompagnie zur Unterstützung der Familie für gut findet, Mylord, muß unsererseits befördert werden. Es ist ein trauriges Verhältnis, diese Zwitterherrschaft in Indien, wir wollen aber zunächst uns davor schützen, daß aus Kalkutta je ein Boston für uns werden könnte! Jetzt, Mylord, lassen Sie uns den Herren von der Opposition in der dänischen Frage mit den nötigen Redensarten dienen, durch die sie so klug sein werden wie zuvor und wegen der Exzesse in Santiago die Initiative ergreifen.« Die beiden Lords, die über das Wohl und Wehe von fast hundertundvierzig Millionen ferner Menschen zu entscheiden hatten, bekomplimentierten sich, vom Turf plaudernd, nach dem harrenden Wagen. In den Apenninen. An einer einsamen, schlecht erhaltenen und nur selten von Reisenden benutzten Seitenstraße, die von Spoleto, der neapolitanischen Grenze sich nähernd, nach Ascoli geht und dort in den großen Küstenweg aus dem Neapolitanischen nach dem Wallfahrtsort Loretto an der adriatischen Küste Italiens führt, lag auf dem westlichen Abhang des Gebirges eine kleine halbverfallene Osteria. Eine riesige Pinie streckte ihre Äste über das tiefgesenkte Dach, das ärmliche Haus lehnte an die zerklüfteten Felsen, gleich als finde es darunter ein Versteck; wilder Wein und Efeu wucherten an seinen Wänden und den morschen Holzpfeilern seiner Veranda, und das ganze Aussehen der kleinen Herberge ließ darauf schließen, daß es mehr ein Schlupfwinkel oder eine Herberge der römischen und neapolitanischen Schmuggler, ja wohl noch gefährlicheren Gesindels sei, als eine Unterkunft für gewöhnliche Reisende. Dennoch gehörte der Mann, der in diesem Augenblick unter der Veranda des Hauses, den Kopf in die Hand gestützt, saß, offenbar zu keiner der oben angedeuteten Klassen. Das Äußere dieses Fremden war ebenso anziehend als ungewöhnlich, obschon er eine einfache französische Kleidung trug, an der, außer dem langen griechischen Feß, nichts Auffallendes war. Er mochte ungefähr dreißig bis zweiunddreißig Jahre zählen, und obgleich in der vollen Blüte männlicher Schönheit und Kraft, war doch eine tiefe Melancholie, eine bittere Lebensschule auf seinem klassisch edlen Gesicht ausgeprägt. In dem ganzen Wesen und der Gestalt des Mannes lag ein soldatischer Charakter, der Ausdruck eines kühnen und freien Kriegers, wenn auch die geregelten Formen und Bewegungen der zivilisierten Militärerziehung diesem Ausdruck häufig zu fehlen schienen. Das Auge des Mannes war unverrückt auf den einzelnen leuchtenden Punkt des fast 50 Miglien entfernten Meeres gerichtet, während der Wirt der armseligen Posada, der schon lange vor ihm gestanden und zu ihm gesprochen, seinen Krug aufs neue aus dem Ziegenschlauch mit dem Wein von Belletri füllte und ihm denselben zuschob. »Nichts für ungut, Signor Capitano, aber es ist eine Sünde, die edle Gottesgabe, wenn sie eingeschenkt, verkommen zu lassen. Ich trinke auf das Wohl Eurer glücklichen überfahrt. Wahrlich, Kapitän, es war Zeit, daß Euch die guten Väter von St. Benedetto fortschafften, und Theodoros, Euer Diener, Euch zu mir, seinem alten Kameraden, brachte, obschon Ihr noch krank und schwach waret; denn die österreichischen Spürhunde lungerten bereits arg um das Kloster. Der Teufel hole die Schufte, die Franzosen in Rom, sie sind eben nicht besser als diese Scharfrichter von Neapolitanern und helfen einen ehrlichen Burschen, der nur gegen ihre Feinde den Degen gezogen, zu Tode hetzen. Wahrhaftig, Signor, ich hätte die Amnestie des heiligen Vaters angenommen und spazierte jetzt stolz über das Forum, ja vielleicht, wenn Ihr's recht angefangen, hätten Euch Ihre Eminenzen am Ende gar Eure alte Kompagnie wiedergegeben, und ich will ein Schuft sein, wenn ich nicht selber wieder Handgeld genommen.« Der Capitano, wie ihn der Wirt bezeichnet, schüttelte trübe lächelnd den Kopf. »Du weißt, Francesco, daß ein doppelter Preis auf meinen Kopf gefetzt ist, der Kaiser von Österreich und Se. Herrlichkeit der König von Ionien, Sir Henry Ward, bemühen sich auf gleiche Weise darum. Den Franzofen tust du unrecht. General Gemeau hat mich auf meinen Brief wissen lassen, daß es ihm unmöglich sei, ohne seine strengen Instruktionen zu brechen, mir offen Schutz zu gewähren, da ich überdies in Rom zu bekannt bin. Aber der Wink wegen der französischen Handelsbrigg, die in Ancona ankert, und die Nachricht, daß den Kapitän acht Tage dort jede Botschaft treffen werde, gleicht die Weigerung vollkommen aus. Neapel, wenn ich in die Hände seiner Schergen gefallen wäre, hätte mich, wenn auch nicht nach Korfu, doch sicher an die Österreicher ausgeliefert. – Ob Theodows morgen abend in Ripatransone sein wird?« »Es ist unmöglich, Signor Capitano,« erklärte der Wirt. »So gewandt und verschlagen der Bursche ist, so sind es doch 80 Miglien bis Ancona, und 60 von dort zurück nach Ripatransone. Dazu braucht er Zeit, um den französischen Schiffer zu finden und sich mit ihm über Zeit und Ort zu verständigen. Vor übermorgen abend kann er unmöglich dort sein. Doch seid unbesorgt, Signor, Euer Weg durch die Gebirge über Force und Montalto ist zwar länger als die Poststraße über Ascoli, aber wenig besucht, und die Soldaten haben genug zu tun in den immerwährenden Scharmützeln mit diesen Banden, um auf einen einzelnen Reisenden zu achten, wenn Sie nur meinem Rat folgen und meine Kleidung benutzen. Die Verwegenheit dieses Teufels von Pepe Mamiani wird alle Tage größer und, bei der Jungfrau, ich sage Ihnen, es sind tapfere Burschen unter seiner Bande.« Der Kapitän hatte ihm aufmerksamer als vorhin zugehört und wollte ihn eben näher befragen, als das Wiehern von Pferden und Geschrei der Vetturins den Weg heraufscholl. Einen Augenblick horchten beide auf das Geräusch, dann warf der Kapitän einen Blick umher, als ob er ein Mittel suche, sich unbemerkt zu entfernen; aber die Felsenspalten zu erreichen, war es nicht mehr Zeit, und der Flüchtling hatte kaum das kleine Gemach der Osteria betreten, als bereits einer der Reiter vor die Osteria sprengte und laut nach dem Wirt oder einer Bedienung rief. Bestürzt blickte der Gerufene, der seinem Gast gefolgt war, auf diesen. »Gebenedeite Mutter der sieben Schmerzen,« jammerte er, »ich bin verloren, wenn man Sie hier findet. Geschwind hinaus, Signor, durch das Hintere Fenster, der wilde Wein verbirgt Ihre Flucht.« Der Kapitän jedoch, der durch das Fenster geschaut, winkte ihm abwehrend mit der Hand. »Geh ruhig hinaus,« sagte er, »und nimm dem Herrn das Maultier ab. Wenn ich recht gesehen, habe ich von ihm nichts zu fürchten, und sollte es sein, je nun, auf diese oder jene Weise muß es zu Ende gehen.« Er kreuzte die Arme und blieb ruhig an das Fenster gelehnt stehen, den Ankommenden erwartend, der auch in das Haus und das Gemach eintrat. Der Reisende war ein feiner, ernster Mann mit vielem Anstand und ruhiger Würde in seinem Wesen. Er mochte zwei bis drei Jahre mehr zählen als der Kapitän. Er begrüßte den Anwesenden leicht in italienischer Sprache, kaum aber hatte er ihn näher ins Auge gefaßt, als sein Fuß wie gebannt an der Schwelle des Gemachs haften blieb und er mit immer erstaunteren, aber auch zugleich ängstlichen Blicken den Offizier maß. »Um Gott,« sagte er endlich – »Sie sind es wirklich, Kapitän Grimaldi? Sie noch hier in diesem unglücklichen Lande? Kaum traue ich meinen Augen! Ich glaubte Sie in Griechenland oder längst in Sicherheit!« Der Kapitän Grimaldi trat rasch auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »So sind wir also noch immer Freunde, trotz des Preises, den Ihr Oheim, Sir Henry Ward, auf meinen Kopf gesetzt?« »Wie können Sie zweifeln? – Ich las von jener traurigen Proklamation in den Zeitungen.« »So kommen Sie nicht von Korfu?« »Nein, Freund – ich komme von London – zunächst von Rom. Schon vor zwei Jahren habe ich Korfu verlassen und von Ihnen nur gehört, daß Sie an dem Kampf in Venedig und später an dem unglücklichen Aufstand in Cephalonien teilgenommen. Ich bitte Sie, erzählen Sie mir von Ihren Schicksalen.« Der Kapitän lächelte trübe. »Sie wissen, daß ich wegen meines Widerstandes im Senat und der Unterzeichnung der Proklamation für den Anschluß an Griechenland von Korfu verbannt wurde. Ich ging nach Rom zurück und trat aufs neue in die päpstliche Leibgarde, in der ich schon früher gedient. Es war in dem unglücklichen Jahre achtundvierzig, drei Monate nachher wurde Graf Rossi ermordet, und die römische Revolution brach aus.« »Sie schlossen sich ihr an?« »Nein, Sir, ich tat es nicht. Ich hatte dem heiligen Vater meinen Eid geleistet und schlug mich mit den schweizer Kompagnien und meinen Albanesen drei Tage lang in den Straßen Roms. Sie wissen, daß das Volk gegen uns Partei nahm, der Papst die provisorische Regierung anerkannte und floh. Die Leibwache wurde aufgelöst, meine Kapitulation war zu Ende. Als ich, von einer Wunde genesen, mich nach Griechenland einschiffen wollte, traf die Nachricht von der Bedrohung Venedigs durch die Österreicher ein. Sie wissen, daß Venedig die alte Heimat meines Geschlechts ist und sein Name in den goldenen Büchern der Republik verzeichnet stand.« »Wer kennt den Namen Grimaldi nicht aus der Geschichte?« »Ich eilte nach Venedig und half das Fort Sanct Secondo gegen die österreichischen Schergen verteidigen. Die Welt kennt den Heldenkampf, den wir unter Manin schlugen. Auch Garibaldi stieß nach dem Falle Roms zu uns. Als General Pepe am 22. August auf der Villa Pavadopoli den Vertrag zur Übergabe Venedigs mit Radetzky geschlossen, flüchtete ich mit mehreren meiner Gefährten auf einem Handelsschiff zurück in meine Heimat. Verbannt aus Korfu, wollte ich Zante nur betreten, um meine Verhältnisse zu ordnen und nach Griechenland zu gehen. Im Hafen von Korfu, an Bord des neutralen Schiffes, wurde ich verhaftet und in die Kerker der Zitadelle gebracht. In Cephalonien war am 27. August die Erhebung ausgebrochen, welche die alte Freiheit der Republik oder die Vereinigung mit Griechenland forderte. Mein älterer Bruder, Anastasio, stand an ihrer Spitze. Dreihundert Jonier wurden von unseren Tyrannen hingerichtet, von jener Nation, der Europa den Schutz des jungen Staates anvertraut, und die uns zu ihren Knechten gemacht hat. Ich sah sie sterben, die Märtyrer ihrer Rechte, an dem Galgen auf der Esplanada von Korfu. Neun Monate darauf erst öffnete sich die Tür meines Kerkers – mir ward bedeutet, nach Zante zu gehen und dort unter strenger Aufsicht, fern von aller politischen Teilnahme, zu leben, widrigenfalls mich das Schicksal meines Bruders erwarte.« »Es ist hart mit Ihnen von der Regierung verfahren, ich gestehe es.« »Ich ging nach Zante, auf das kleine Eigentum, das bei der Konfiskation unserer Güter mir geblieben«, fuhr der Kapitän fort, »und das untätige Leben, das tägliche Schauspiel maßloser Unterdrückung fraß an meinem Herzen. Ich schrieb an meine Freunde in Athen, um in die griechische Armee zu treten – das arme Griechenland war geknechtet, gleich uns von den übermütigen Beherrschern der Meere. England forderte, allem Völkerrecht zum Trotz die Inseln Sapienza und Cervi für sein Jonien und dreimalhunderttausend Drachmen für fremde Kaufleute, die von irgendeinem Räuber geplündert waren. Seine Flotte sperrte den Pyräus, seine Willkür hatte alle griechischen Schiffe mit Embargo belegt, trotz des Widerspruchs Frankreichs und Rußlands. Kein Jonier durfte in Griechenland Zuflucht finden – meine Hoffnung war vergebens. Ich vegetierte fort – nur der Schmerz in meinem Innern wuchs riesengroß. Da kam von den albanischen Küsten und aus Montenegro die heimliche Nachricht zu uns, daß russische Agenten sich dort aufhielten. Ich selbst konnte nicht hinüber, denn jeder meiner Schritte war bewacht. Ich kam heimlich mit getreuen Männern zusammen, ich sandte einen vertrauten Diener mit Briefen ab nach Patras, in denen wir dem alten Freunde Griechenlands, dem Zaren, unsere Dienste anboten und von ihm Hilfe für unser Elend forderten. In einer Oktobernacht klopfte es an das Fenster meines Hauses. Ein Unbekannter reichte ein Papier herein und verschwand so rasch, als er erschienen war. Mein alter Diener brachte mir den Zettel. Er enthielt die Worte: »Fliehen Sie – die Briefe nach Petersburg sind aufgefangen und in den Händen Sir Henry Wards. Befehl zu Ihrer Verhaftung. Der Weg nach Griechenland gesperrt. Italien!« Noch in derselben Nacht, während mein Diener meine Freunde benachrichtigte, erreichte ich Bromi und schiffte mich auf einer Barke ein. Nach zwei Tagen Umherkreuzens trafen wir ein Messina-Schiff, das nach Tarent ging. So erreichte ich das Festland.« »Doch wie kommen Sie aus Kalabrien hierher, nach so langer Zeit – warum suchten Sie nicht längst Schutz in einem andern Lande?« »Es war nicht möglich. In Neapel konnte ich nicht hoffen, mich einzuschiffen; infolge des Aufstandes in Sizilien war hier die Aufsicht streng und ausgedehnt. Ich glaubte im römischen Gebiet leichter die Küste des Mittelländischen Meeres zu erreichen und durchwanderte die Abruzzen. In Rieti, auf päpstlichem Gebiet, wurde ich erkannt. Mein plötzliches Erscheinen galt als Beweis neuer propagandistischer Versuche; der englische Konsul in Rom. Ihr Gesandter in Neapel schlossen sich der Verfolgung an und, gehetzt wie der Eber der Abruzzen, floh ich zurück in die Gebirge. »Ein Preis stand auf meinem Kopf – meine Kraft war gebrochen; in dem Schnee der Apenninen sank ich fieberhaft zu Boden. Mein treuer Diener trug mich an die Pforten des Klosters St. Benedetto hoch im Gebirge an der neapolitanischen Grenze. Dort lag ich monatelang krank und verborgen im Schutz der frommen Väter, und sie entließen mich nach meiner Genesung erst dann, als mir durch einen Zufall Verrat und Gefahr drohte. Seit zehn Tagen bin ich hier bei einem Manne, der vor Jahren in Rom unter mir gedient, und der diese Schenke auf dem Gebirge von seiner Familie geerbt. Sein Dank gibt mir Obdach!« »Und was gedenken Sie zu tun? Wie kann ich Ihnen helfen? – Richard Hunter, obschon nur ein Diener der Religion und des Friedens, wird keine persönliche Gefahr scheuen, um dem Freunde, dem Retter seines Lebens in den Schluchten des St. Salvador zu beweisen, daß die Verschiedenheit politischer Meinungen nicht die Pflichten der Dankbarkeit und der Freundschaft aufhebt.« Der Capitano reichte ihm die Hand. »Eine Aussicht eröffnet sich mir – in Ancona liegt ein französischer Kauffahrer, der mich an der Küste aufnehmen soll. In Ripatransone erwarte ich Botschaft, und es gilt nur, dasselbe ungefährdet zu erreichen.« »Das träfe sich herrlich,« sagte der Brite, »wir gehen nach Ascoli und an die Küste. Niemand in unserer Reisegesellschaft kennt Sie – Sie werden uns begleiten.« »Noch weiß ich nicht, ob ich es wagen darf,« erwiderte der Grieche. »Sie haben mir noch nicht erzählt, welcher Zufall Sie in diese wilden Gebirge führt, wer Ihre Begleiter sind?« »Vier junge Landsleute, jüngere Söhne edler Familien wie ich, die meiner Obhut anvertraut sind, und mit denen ich die Tour durch Frankreich, Deutschland und Italien gemacht. Ihre Bestimmung ruft sie in die Armee nach Ostindien, und dorthin, Freund, führt mich auch mein Schicksal. Ich gehöre zur Mission von Bengalen und gehe, wenn ich mein Lebensglück durch die Erfüllung meines teuersten Wunsches gesichert, nach Suez, um mich von dort nach Kalkutta mit meiner künftigen Gattin einzuschiffen. – Doch da kommen meine Begleiter, und wenn Sie auch keiner kennt, ist es doch nötig, Sie unter anderem Namen einzuführen.« Während der Unterredung war die besprochene Gesellschaft angekommen. Sie bestand aus mehreren Reitern. Die Hauptgruppe bildeten vier junge Männer, von denen noch keiner das zwanzigste Jahr erreicht hatte, die nach ihrem Begleiter riefen. Die jungen Herren kamen alsbald ins Haus, wo ihnen der Vikar entgegentrat und ihnen den Kapitän zuführte. »Wie glücklich bin ich, daß ich Ihrem Willen nachgegeben und die große Straße durchs Gebirge eingeschlagen,« sagte er; »denn ein Zufall läßt mich in dieser Osteria einen alten Freund aus Neapel, den Comte di Griffeo treffen. Erlauben Sie mir, lieber Graf, Ihnen hier meine jungen Reisegefährten, vorzustellen: Sir Stuart Sanders, Fähnrich in Ihrer Majestät 84. Regiment in Ostindien, Kornet Pond, der Neffe des Generals Wheeler, Hugh Flinton, und James Ward, mein Vetter, der Sohn meines Oheims in Korfu, der seither in England erzogen wurde.« Der Kapitän verneigte sich höflich vor den jungen Männern, und die Unterhaltung war bald im Gange. »Heda, Wirt, wie weit rechnet ihr noch bis Osole?« » Neun Miglien , Exzellenza zu dienen.« »Und werden wir noch vor Einbruch der Nacht den Ort erreichen?« »Möglich wohl, Exzellenz, indes ... die Jahreszeit ... die Gewitter ...« »So lassen Sie die Tiere vorführen, James, und Sie, lieber Pond, treiben unsere Führer zum Aufbruch.« »Wenn Sie demnach erlauben, meine Herren, schließe ich mich Ihrer Gesellschaft an, bis unsere Wege sich trennen. Holen Sie mein Pferd, Francesco, und Sie, Freund, warten Sie nicht auf mich, sondern treten Sie den Weg nur an, was mich selbst das Beste dünken will, wenn ich jene schweren Wolken über dem Monte Cavallo sich erheben sehe. In wenig Minuten hole ich Sie ein.« Die Dämmerung nahte bereits, als Grimaldi den Zug erreichte und sofort zu seinem Freunde ritt mit dem er über die Ereignisse der letzten zwei Jahre plauderte. So achteten sie wenig darauf, daß drohende Gewitterwolken den Abendhimmel umzogen und den Weg verdunkelten, der sich immer tiefer und wüster in die Berge hinein zog. In den südlichen Ländern ist die Dämmerung nur kurz und geht rasch zur Nacht über. Erst als sie fürchteten, längst vom rechten Wege abgekommen, und der Führer, fortwährend mit den beiden Maultiertreibern flüsternd, ihnen verdächtig vorkomme – fiel ihnen auf, daß sie die von dem Wirt ihnen angegebene Entfernung bereits zurückgelegt haben, oder wenigstens Osole sehr nahe sein müßten. Hunter gab der kleinen Karawane das Zeichen zum Anhalten und ritt zu dem Führer hin, der ihn, auf seinen langen Gebirgsstock gestützt, trotzig erwartete. »Ich und meine Begleiter sind der Ansicht,« sagte der Kaplan mit freundlichem Ton, »daß wir zu weit links in die Berge geraten sind.« »Wenn Exzellenza in diesen Bergen besser Bescheid zu wissen meinen, als ich, so werden Sie am besten tun, sich selbst zu begleiten.« »Dazu habe ich euch gemietet,« sagte der Geistliche ernst, »und ihr müßt uns dahin führen, wohin ich es euch bestimme. Für jetzt habe ich beschlossen, das wir unseren Weg zurücknehmen wollen nach der Osteria, die wir vor zwei Stunden verlassen haben. Also laßt die Tiere und die Leute umwenden und zeigt uns den Weg.« Der Führer biß die Zähne trotzig zusammen und warf tückische Blicke auf den Sprechenden. »Ich und meine Gefährten gehen keinen Schritt zurück; wir versprachen, Sie nach Osole zu bringen und haben selbst Geschäftte dort; unser Weg geht also vorwärts!« Damit steckte er den Finger in den Mund, tat einen schrillen Pfiff, und schritt, unbekümmert um die Reisenden, voran, während die beiden Maultiertreiber bei dem Laut aufmerksam nach ihm hinblickten, wie ein Pferd die Ohren spitzt, wenn der Ton der Trompete zum Kampf ruft. Hunter aber, von der Begründung seines Verdachtes jetzt überzeugt, war rasch an des Führers Seite und packte ihm beim Kragen. »Halt, Kerl,« rief er, »wenn du nicht in Güte hörst, werden wir dich zum Gehorsam zwingen.« »Laßt mich los, Signor, oder ...« »Henry – Steffen – herbei!« schrie der Brite den Bedienten zu. »Faßt mir den Halunken und bindet ihn!« »Maladetta bestia!« knirschte der Italiener und riß sich mit einem kräftigen Ruck aus den Händen des Vikars los. Mit der Gewandtheit einer Katze war jener an den Rand des Weges, wo er sich abschüssig in dichtes Gebüsch senkte, gesprungen und ließ einen zweiten Pfiff ertönen, dem ein wilder Gegenruf der beiden Maultiertreiber antwortete. Ehe die Reisenden es verhindern konnten, waren diese aus der Reihe gesprungen und kletterten an den Felsen empor. Ein greller Blitz aus der Wolkenwand zeigte Antonio den Führer, noch am Rande des Weges stehend. Dann erscholl der Knall einer Pistole, ein wilder italienischer Fluch wurde ausgestoßen und der Verräter verschwand am Abhang. Mit flüchtigen Worten wurde jetzt den anderen ihre gefährliche Lage kund gemacht und eine rasche Beratung gehalten, die bei der Eile um so nötiger war, als plötzlich das Unwetter in voller Kraft über ihren Häuptern losbrach. Die Gesellschaft befand sich in einer trostlosen Lage, und der neapolitanische Pseudo-Graf trat an ihre Spitze. Da man bereits den Entschluß geäußert hatte, nach der Osteria Francescos zurückzukehren, so würden die Verräter gewiß mit ihren Genossen sie auf dem langen Wege dahin im Dunkel der Nacht überfallen, und selbst im glücklichsten Fall bot die einsam gelegene, von jeder Hilfe abgeschnittene Herberge keinen genügenden Schutz gegen einen Angriff. Dagegen war es möglich, daß man bei dem mutigen Vorwärtsdringen aufs Geratewohl eben durch das Unerwartete den harrenden Feinden entgehen könne, die durch das Unwetter eben so gut behindert sein mußten, wie die Reisenden. Der in Strömen fallende Regen mußte jede Spur ihres Zuges verwischen, und jedenfalls, auch wenn sie keine bewohnte Gegend, erreichten, war es immer besser, in irgend einem abgelegenen Dickicht des Gebirges den Tag zu erwarten und die etwaigen Verfolger so über ihren Weg zu täuschen. Die Ansicht des Kapitäns entschied. Sie hatten das Plateau verlassen und waren immer tiefer ins Tal quer durch einen Wald gegangen, als einer der beiden italienischen Bedienten, der an der Spitze des Zuges sich befand, auf einen fernen Lichtschimmer deutete, der sich zwischen den Bäumen hindurch zu zeigen begann. Allgemeine Freude erfaßte die Reisenden, als sie dies Zeichen der Nähe einer menschlichen Wohnung erblickten. Der Geistliche ließ seine Uhr repetieren – sie gab elf an. Sie waren unterdessen an den Rand des Waldes gekommen und vor ihnen lag ein großes dunkles Gebäude. »Lassen Sie mich vorausreiten,« sagte Grimaldi, »und zuerst allein Einlaß versuchen. Einem einzelnen werden die Leute, die dort hausen, weit eher öffnen, und ich kann mich dabei zugleich überzeugen, ob nicht vielleicht eine uns überlegene Zahl von Feinden dort Schutz vor dem Wetter gesucht. Hören Sie einen Schuß, so bin ich in Gefahr, und Sie tun am besten, sich wieder in die Berge zu werfen. Mein Ruf soll Sie benachrichtigen, wenn das Feld rein ist und wir also eine Herberge finden. Bis dahin aber halten Sie sich im Dunkel des Waldes.« Er gab seinem kleinen Pferde die Sporen und ritt auf das Gebäude zu. Er klopfte ohne Zögern mit dem Kolben seiner Pistole an das verschlossene Hoftor, daß der Schall laut durch die Nacht dröhnte. Ein kleines Fenster im untern Geschoß öffnete sich und eine Stimme fragte: »Wer klopft? Ist es einer von uns?« »Ja,« antwortete der Kapitän unbedenklich mit leiser und verstellter Stimme, vom Schatten des Tores, an das er dicht herangetreten, gedeckt. »Mach auf und sage, ob du allein bist?« »Heilige Jungfrau von Loretto! Niemand ist im Hause, als Mutter Therese und ich. Komm getrost herein, Freund, ich wunderte mich schon, wo ihr in diesem Höllenwetter gesteckt. Im Augenblick bin ich bei dir.« Der Türflügel wurde von einem Greise geöffnet. »Heiliger Januario, mein Padrone!« rief er, »wer seid ihr und was wollt ihr, daß ihr einen armen, einsamen Mann so in dieser schrecklichen Nacht überfallt?« Er versuchte das Tor wieder zu schließen, aber der Offizier war bereits dazwtschen getreten. Er sagte: »Nichts für ungut, Alter, Not kennt kein Gebot, ich bin ein verirrter Reisender und Ihr könnt Christenleuten nach einem Wetter nicht ein Unterkommen verweigern, um sich zu erholen. Ich habe einige Freunde bei mir, die draußen meiner noch harren, und muß mich vergewissern, ob sie ohne Gefahr hier eintreten können. Also voran, Alter, und zeigt mir eure Spelunke.« Der Alte, einsehend, daß ihm nichts übrig blieb als zu gehorchen, fügte sich und gleitete ihn die zerbröckelten Steinstufen hinauf, die zum Hause führten. Den unteren Teil desselben nahm fast ganz eine weite Halle ein, die jetzt zur Küche diente und in welcher ein kleines Feuer auf dem Herde brannte. Ein altes, von Jahren und Gicht krumm gezogenes Weib, mit mürrischer Miene, saß dabei und spann, während von einem Mooslager daneben ein Knabe, von etwa zehn bis elf Jahren, beim Eintritt der Männer sich erhob und mit forschenden, verschlagenen Augen den Fremden betrachtete. Zwei Türen, die der Wirt öffnete, zeigten nur zwei leere und wüste Kammern ohne weiteren Ausgang, und auch im obren Stockwerk, das wiederum eine große Halle und zwei anstoßende leere Zellen enthielt, fand sich nichts Verdächtiges, was den Kapitän zu der Vermutung veranlassen konnte, daß wenigstens im Augenblick im Hause eine Gefahr sie bedrohe. »Einstweilen scheint mir euer Haus sicher,« sagte der Kapitän, »und ich gehe, meine Freunde zu holen. Nur möchte ich doch vorher noch wissen, wen ihr eigentlich erwartetet, als ihr mir das Tor geöffnet?« »Sancta Theresa – wen sollte ich erwartet haben?« fragte heuchlerisch der Wirt. »Hier des armen kleinen Peppo Eltern aus Arquata – meine Frau Muhme und Vetter – wollten uns heute besuchen und den Burschen abholen. Wir glaubten sie verspätet durch das höllische Wetter im Gebirge. Aber Exzellenza wollen mir die Frage erlauben, wie Sie denn bei diesem schrecklichen Gewitter hierher geraten und mein armes Haus gefunden haben?« »Ich sagte es euch schon – wir kommen von Terni und haben uns im Gebirge verirrt. Der Führer und die Betturins haben uns hintergangen und sind, als wir uns ihrer versichern wollten, entflohen, ihre Tiere im Stich lassend. Der Schurke, der sich in Terni meinen Freunden zum Führer anbot, hatte sicher Helfershelfer im Gebirge, denen er uns in die Hände spielen wollte.« »Kennt Exzellenza den Namen des Mannes?« »Antonio Pescare nannte er sich mir.« Der Knabe am Feuer machte eine leichte Bewegung, der Wirt und sein Weib blieben jedoch ruhig und unbefangen. »Sorgt, unterdes ich meine Reisegefährten hole, für ein gutes Feuer und was etwa euer Haus vermag,« befahl der Offizier, »ich bin sogleich mit ihnen zurück.« Der Wirt leuchtete ihm aus der Tür und kehrte dann sogleich in die Halle zurück, wo er den Knaben bereits im eifrigen Gespräch mit der alten Frau fand. »Der Vater hat es selbst gewagt,« sagte der Bursche, »und bei Sankt Peter – die englischen Ketzer sollen ihm nicht entgehen!« »Peppino – du bist ein flinker Bursch, du kennst alle Stege des Gebirges und wirst ihn finden. Bringe ihm Nachricht, wo er die Fremden trifft. Jacopo wird dafür sorgen, daß ihr das Tor unverschlossen findet.« Der Knabe nahm sogleich einen alten, kurzen Mantel von Ziegenhaaren um und setzte seinen spitzen Filzhut auf. »Seid unbesorgt, Muhme,« sagte er. »Ich werde sie finden und sende euch Botschaft. Merkt nur auf, ob ihr den Rabenschrei hört.« Der Kapitän hatte seinen Freund von dem Zustand des Zufluchtsortes unterrichtet und dementsprechend wurden sofort die nötigen Befehle erteilt, das Tor wieder sorgsam geschlossen, die Maultiere und Pferde in einem im Hofe sich befindenden Schuppen untergebracht und mit Futter versehen, das sämtliche Gepäck aber in die Halle des Erdgeschosses gebracht, wo bereits die vier jungen Männer sich um das Feuer versammelt hatten und des überstandenen Ungemachs und der Gefahr rasch vergessend, mit der alten Frau ihren Scherz trieben, dem ziemlich guten Wein, den der Wirt herbeischaffte, zusprachen und es sich so bequem als möglich machten. Das Verschwinden des Knaben beunruhigte trotzdem fortwährend den Offizier, und er verabredete mit seinem Freunde, daß sie abwechselnd in dem obern Stock, den man zur Schlafstätte der Herren gewählt, Wache halten wollten, indes einer der Diener das gleiche Amt in der Halle des Erdgeschosses versehen sollte. Master Hunter bestand barauf, die erste Wache zu übernehmen, und der Kapitän streckte sich in einem der oberen Seitengemächer gleichfalls auf den Boden, um einige Stunden Schlaf zu suchen. Richard Hunter hatte die Lampe ausgelöscht, um nicht durch ihren Schein die Gegenwart von Menschen im Turm zu verraten, und saß, den Kopf in die Hand gestützt, am offenen Fenster, den Blick bald in den gestirnten, durchsichtigen Nachthimmel tauchend, bald auf die Schatten richtend, die der Mond, sich eben über die Tannen und Pinien erhebend, durch das Tal warf. Still! Aus dem Dunkel der Pinien glitt eine Gestalt langsam und vorsichtig über die lichten Stellen der Mondbeleuchtung hinweg und stahl sich in den bergenden Schatten der Hofmauer. Ein schlecht nachgeahmter Rabenschrei ließ sich hören und wiederholte sich dreimal. Darauf war es ihm, als klänge ein Fenster dicht unter ihm. »Wer ist da?« flüsterte eine Stimme, in deren unterdrücktem Hüsteln er den Ton des schuftigen Wirtes erkannte. »Manigoldo! wer sonst als die Raben des Gebirges! Laß mich ein, alte Eule! Bei dem Kreuz von Suli – kennst du Danilos , den Uskoken nicht?« »Einen Augenblick Geduld, ich will mich nur überzeugen, ob die Fremden schlafen, denn es sind ein Paar Augen unter ihnen, denen ich nicht traue.« Er hatte kaum Zeit, sich in eine Stellung des tiefen Schlafes auf den Boden zu werfen, als Jacopo, der Wirt, hereinschlich, das Licht einer Blendlaterne auf die einzelnen Schläfer fallen ließ und namentlich sorgfältig bei ihm lauschte. Endlich schien er sich überzeugt zu haben, daß nichts zu besorgen und kehrte wieder in das untere Stockwerk zurück, im Vorbeigehen noch leise den Riegel vor die Tür der Kammer schiebend, in welcher der Kapitän schlief. Dem Vikar klopfte das Herz in der Brust. Er schwankte einen Augenblick in Überlegung – denn die Gefahr, die ihm hier entgegentrat, war eine seinen Berufsverhältnissen ganz ungewohnte. Doch dauerte dieses Überlegen nicht lange und der Gedanke siegte, daß bei einem Lärmmachen der Spion und der Wirt leicht entfliehen könnten; er nahm deshalb den Säbel eines der jungen Männer auf und schlich leise die Treppe hinunter nach der Halle. Er schlich dicht heran und legte das Ohr an einen Spalt, was ihm erlaubte, jedes Wort deutlich zu hören. »Warum ist Antonio nicht selber gekommen, warum schickt er einen Fremden?« fragte die selbst in der Dämpfung des Tones kreischende Stimme der Frau. »Bah, alte Hexe, was weiß ich! – Er steuert hinter seinen Kameraden, den Halunken, her, um sie in allen Winkeln der Berge zusammenzusuchen. So bat er mich, zu gehen und euch zu sagen, daß er um fünf Uhr 1 Uhr nachts; die Italiener und Orientalen rechnen ihre Stunden vom Untergang der Sonne. hier sein wird, um dieser englischen Brut ein Ende zu machen!« »Also eine Stunde nach Mitternacht! Sie schlafen wie die Ochsen. Ich lasse euch ein, und ihr könnt ihnen die Kehlen abschneiden, ehe sie ein Ave sprechen, wenn diese Ketzer überhaupt beten.« »A riverderci!« sagt die tiefe Stimme und der Vikar hörte ein Geräusch, wie das Öffnen einer Tür. Er fühlte, daß der Augenblick des Handelns gekommen, riß daher die Tür der Kammer auf und sprang mit dem Säbel in der Faust hinein, zugleich mit lauter Stimme den Freund und die Gefährten zum Beistand rufend. Der Anblick, der sich ihm bot, erklärte ihm sogleich, auf welche Weise der Bandit oder Korsar in das Innere des Turmes gekommen und früher der Knabe denselben verlassen hatte. Eine Falltür gähnte geöffnet im Winkel der Zelle und zeigte eine Reihe von Stufen, die in die Tiefe führten; Jacopo hielt die Tür und der Fremde hatte sich ihr eben genähert, um hinunter zu steigen. Der Korsar war im Begriff, die Stufen zu betreten, als die Tür der Zelle aufflog und der Vikar dazwischen sprang. Im Schreck ließ der Alte die schwere Falltür seiner Hand entschlüpfen, und donnernd schlug sie zu. Im nächsten Augenblick stand der Engländer auf ihr und schwang mutig den Säbel. »Ergebt euch, Schurken, ihr seid gefangen!« Ein unterdrückter Fluch entfuhr dem Munde des Korsaren, im nächsten Moment sprang er gleich einem Tiger auf den Vikar zu, den Säbelhieb nicht achtend, der seine linke Schulter verwundete. Oben im Gebäude krachte ein Schuß: die plötzlich erweckten Schläfer sprangen empor, wirr durcheinander fragend, was geschehen; aber schon war der Vikar zu Boden gerissen, das Knie des Korsaren auf seiner Brust und der Yatagan zum Todesstoß erhoben. »Schmach über Danilos Petrowitsch, wenn er den Besiegten tötet!« sagte eine ernste feste Stimme. »Es ist unwürdig eines freien Klementi !« Die Worte schienen eine Zaubergewalt über den wilden Uskoken zu haben und seine Blicke suchten den Sprecher; durch die Türe drangen jetzt die jungen Offiziere und ihre Diener herein. »Capitano Grimaldi! Die Panagia sei gelobt, daß ich dich finde!« Er eilte auf den Offizier zu und wollte seine Hand ergreifen. »Danilos,« sagte schnell der Kapitän. »Reisende plündern und morden bleibt die Sache der Banditen, nicht die eines freien Kriegers. Die Herren hier stehen unter meinem Schutz, und ich teile ihr Los, das merke dir.« – Dann auf den Vikar zutretend: »Es freut mich, daß ich noch im rechten Augenblick kam. Besorgen Sie nichts, ich kenne diesen Mann, er ist ein Korsar der albanesischen Küste, aber ein tapferes und wackeres Herz. Lassen Sie jedoch diesen alten Halunken und die Hexe, sein Weib, binden und in Verwahrung bringen und den Ausgang untersuchen, zu dem diese Falltür führt.« »Verzeihen Sie, Sir,« sagte, mit seinen Gefährten hinzutretend, der Kornet Pond, »Master Hunter hat Sie uns als den Grafen Griffeo aus Neapel vorgestellt, während dieser Mann Sie Kapitän Grimaldi nannte?« Der Jonier, dem erst jetzt der unglückliche Verrat seines Namens einfiel, fühlte sein Gesicht sich mit dunkler Glut färben. »Und was folgern Sie daraus, Sir, wenn ich bitten darf?« fragte er unwillig. »Unser Freund, James Ward, hier behauptet, daß Grimaldi der Name eines entflohenen ionischen Rebellen sei. Es ist nötig. Sir, daß Gentlemen wissen, woran sie mit einem Herrn sind, der so – seltsame Bekanntschaften mit den Helfershelfern der Banditen hat.« Noch ehe der Kapitän antworten konnte, kam der Vikar herbei und fragte, erstaunt über die fast drohende Haltung, welche die jungen Männer gegen seinen Freund angenommen, was vorgefallen sei. »Diese Herren,« sagte der Kapitän und ein bitterer Hohn umzog seinen Mund, »befragen mich soeben, welche Rechte ich auf den edlen Stammbaum der Partannas habe und ich muß ihnen erwidern, daß sie eben nur in der Freundschaft Master Hunters bestehen und ich wirklich der Kapitän Grimaldi bin, den der Vater dieses jungen Herren da sich nicht scheut, gleich einem österreichischen Sbirren, zu verfolgen.« »Wenn Sie Kapitän Grimaldi sind,« versetzte der junge Ward heftig, »so verhaften wir Sie.« »James, sind Sie wahnsinnig? Wollen Sie uns alle zugrunde richten?« rief der Vikar. »Welches Recht haben Sie an diesem Mann, törichter Knabe?« »Er ist ein Rebell und Verräter gegen die Krone Englands,« erwiderte derselbe trotzig, »er steht mit Banditen im Bunde und ist dem Galgen verfallen. Ich selbst habe die Proklamation gelesen, die einen Preis auf seinen Kopf gesetzt, und ich wäre ein schlechter Sohn meines Vaters, wollte ich die Gelegenheit vorübergehen lassen, seinen Feind unschädlich zu machen.« »Ich bitte Sie, mein Freund,« sagte der Vikar streng, »hören Sie nicht auf die Worte dieser jungen Toren. Und Ihnen, meine Herren, befehle ich, kraft der Aufsicht, die mir über Sie anvertraut, sich jeder Beleidigung dieses Mannes zu enthalten.« »Euer Ehrwürden,« entgegnete der Fähnrich Sanders, »fassen, glaube ich, Ihr Verhältnis zu uns irrig auf. Wir sind Offiziere und Ihnen Achtung, aber keinen Gehorsam schuldig. Diese beiden Leute werden uns morgen als Gefangene begleiten.« »Und wissen Sie so gewiß, Sir, daß Sie und Ihre trotzigen Kameraden morgen dies Haus wieder verlassen werden?« »Wie meinen Sie das?« »In zwei Stunden,« sagte der Vikar ernst, »wird Ihnen die Ankunft einer Bande von Mördern, die es auf uns abgesehen, die Antwort geben. Wir sind hier in der Höhle der Banditen, denen wir entkommen wollten. Kapitän Grimaldi, auf Ihren Rat ist unsere einzige Hoffnung gebaut. Sie sind ein Mann von Ehre und werden vergessen, was diese jungen Leute gegen Sie gefehlt.« Der Kapitän, welcher schweigend und anscheinend gleichgültig gegen den Ausgang bisher dem Gespräch zugehört, wandte sich an den Seemann und befragte ihn in italienischer Sprache: »Wie zahlreich ist die Bande des Pepe Mamiani?« »An fünfzig Mann. Die Hälfte jedoch ist um seinen Leutnant Pescare versammelt, der sich an die Fersen dieser Inglesi geheftet.« »Also führt Mamiani nicht selbst unsere Gegner?« »Der Hauptmann, hat sich auf den Monte Vittore geflüchtet, nachdem er einen Weiberraub im Neapolitanischen ausgeführt.« »Ist es möglich, ungefährdet von hier zu entkommen? Antworte auf meine Frage, Danilos.« Der Korsar sah mürrisch vor sich hin. »Dies alte Gemäuer ist keine drei Büchsenschuß von der Straße nach Monako und Amandola entfernt, aber Pescare versteht sein Handwerk und hat alle Ausgänge besetzt.« »Monako?« fragte der Vikar – »der Name ist mir nicht unbekannt. Ist ein solcher Ort in der Nähe?« »Ein Flecken von kaum fünfzig Häusern, fünf Miglien von hier.« Der Vikar suchte eifrig in seinem Portefeuille, während der Kapitän seine Fragen fortsetzte. »Endlich! gefunden!« rief der Vikar, einen Brief hastig entfaltend. »Es ist der nämliche Ort, und sie müssen bereits dort sein! Wenn es gelingt, sind wir gerettet.« »Was meinen Sie damit? »Ich sagte Ihnen bereits, daß ein Verwandter von mir Offizier in österreichischen Diensten ist. Er schrieb mir nach Rom, daß er mit seinem Kommando Husaren nach Monako an der neapolitanischen Grenze kommandiert sei. Es muß der nämliche Ort sein, den dieser Mann nannte.« »Eine Abteilung der Schwabi ist gestern in den Flecken eingezogen, wie ich hörte.« »So ist es richtig. Wenn es uns gelänge, Botschaft dahin zu senden, wären wir gerettet. Aber wer von uns vermag den Weg in der Nacht durch das Gebirge und die Wachen der Banditen zu finden!« Ein allgemeines Schweigen erfolgte; alle empfanden, daß das Unternehmen unmöglich war. Der Kapitän Markos Grimaldi erhob sich. Einen Moment lang streifte sein ernster Blick mit bitterem Ausdruck über die Gruppe der Engländer, die noch vor kurzem sich als seine Verfolger gezeigt; – dann wandte er sich zu dem Uskoken und sagte ruhig: »Danilos Petrowitsch, lege alle deine Waffen ab!« Ohne eine Frage zu tun, ohne ein Wort der Gegenrede legte sie der Albanese auf den Fußboden neben sich. »Jetzt, Sir Richard,« fuhr der Kapitän fort, »bitte ich Sie, einen aus Ihrer Gesellschaft auszuwählen, der, wohlbewaffnet, diesen waffenlosen Mann begleitet. Er wird ihn bis zum Eingang des von den Österreichern besetzten Ortes führen, – dort mag Ihr Bote die erwünschte Hilfe erbitten. – Kein unnützes Mißtrauen, keine Zögerung, Freund. Es ist die einzige Rettung, die Ihnen bleibt!« Eine lange Pause, ein leises Flüstern der Männer untereinander folgte, während der Vikar ein Blatt aus seiner Schreibtafel riß und sich niedersetzte, um einige Zeilen zu schreiben. »Hier auf dem Kamin steht ein altes Schreibzeug,« sagte Kornett Pond, »bedienen Sie sich seiner, wenn die Tinte nicht vertrocknet ist.« »Da liegt ein Blatt eingeklemmt unter dem Tintenfaß, das wie ein Brief gefaltet ist,« bemerkte der junge Ward, indem er den Gegenstand hervorzog und an das Licht der Lampe hielt, »Wahrhaftig, ein wirklicher Brief, und – Gott verdamm meine Augen, das Blatt ist an Sie adressiert, Vetter Hunter, und mir ist, als kenne ich die Hand.« Alle sprangen erschrocken und erstaunt herbei. Der Vikar riß dem jungen Mann das Blatt fort und warf einen einzigen Mick auf die Handschrift. Wie vom Blitz getroffen, sank er auf den Sessel zurück, Totenblässe überzog sein Gesicht, das seine Linke verhüllte, und der Name »Adelaide« war alles, was er mit entsetztem Tone zu stammeln vermochte. »Um aller Heiligen willen, was ist Ihnen, Freund? Was wollen Sie mit diesem Namen sagen?« Der Vikar reichte ihnen das Blatt. »Lesen Sie!« Der junge Ward hatte es ergriffen. »Gott verdamm mich, es ist meiner Cousine Adelaide Hand! Ihr Name ist unterzeichnet!« »Lesen Sie, Sir!« Die Stimme des Kapitäns klang heiser, rauh, als er die Worte befehlend herausstieß. Eine nervöse Bewegung schien alle Fibern des starken Mannes zu erschüttern. Der junge Mann las die verhängnisvollen Worte vor. Sie lauteten: »Mein Freund! Banditen sind diese Nacht in die Villa des Marchese Sorrenti eingebrochen, wo ich mich seit drei Wochen aufhalte und Sie erwarte. Man hat mich fortgeführt – wie ich fürchte, nicht bloß eines Lösegeldes willen, denn der Anführer der Räuber verfolgt mich schon jetzt mit seiner Zudringlichkeit. In diesem Hause gönnte man mir einige Stunden Ruhe, und ich benutze sie, um diese Zeilen zu schreiben. Vielleicht fallen sie in die Hände eines, der um der Belohnung willen sie abgibt. Wenigstens können sie – wenn es zu spät ist, mich zu retten – Kunde von meinem Schicksal geben. Man führt mich auf den Monte Vittore, wie ich aus den Gesprächen der Räuber vernommen. Leben Sie wohl – ich weiß, wenn es sein muß, zu sterben. Adelaide Seymour .« Adressiert war der Brief an den Vikar Hunter, abzugeben im englischen Generalkonsulat zu Rom, gegen eine Belohnung von hundert Lires. Alle standen verstummt von dem neuen Schlage, der sie betroffen – keiner wußte Rat. »Es ist hart für ihn,« sagte endlich der Kornett Pond, auf den Vikar deutend, »im Augenblick, wo er seine Braut zu finden hofft, sie zu verlieren!« »Seine Braut? Lady Adelaide die Braut dieses Mannes?« Die Stimme klang noch heiserer und rauher als vorhin; die Hand des Kapitäns hatte sich wie eine Eisenschraube um den Arm des jungen Mannes gelegt. »Ist Ihnen denn dies unbekannt, Sir?« fragte der junge Ward. »Meine Verwandten sind mit der Einwilligung meines Vaters verlobt, und Master Hunter machte den Weg mit uns, sich die Gattin zu holen.« »Seine Braut! – So sei es denn, auch das letzte ist verloren!« Die letzten Worte des Kapitäns – der leise Schmerzensruf eines gebrochenen Herzens waren von keinem fremden Ohr verstanden worden. Einige Augenblicke hatten hingereicht, des Wehes Herr zu werden und alle seine Manneskraft wiederzufinden. Nur die durchsichtig braune Färbung seines schönen Gesichts schien noch bleicher, klarer geworden, als er jetzt das Wort nahm. »Ermannen Sie sich, mein Freund. Die Schläge des Schicksals dürfen den Mann und den Diener Gottes nicht zu Boden werfen. Es gilt, alle Kräfte der Seele aufrecht zu erhalten und dem Unglück die Stirn zu bieten. Fassen Sie sich, Richard, und geben Sie diesen Herren ein Beispiel. Nicht Sie allein sind beteiligt, auch andere hat dieser Schlag betroffen, härter, gewaltiger, als Sie zu ahnen vermögen.« Auf einen Wink des Griechen hatten Mac-Allan, der Diener des Geistlichen, und ein anderer den geknebelten Wirt herbeigeschleppt. Der Vikar stürzte ihm entgegen. Grimaldi schob den Geistlichen sanft beiseite. »Lassen Sie mich ihm die Fragen vorlegen, die Zeit drängt.« Er hielt dem Wirt den Brief der Lady vor. »Gottes Fügung,« sagte er mit ernstem Ton, »hat dies Blatt, das die Dame hier zu verbergen gewußt, in unsere Hände gebracht. Wir sind von dem Raube unterrichtet. – Wann ist die Signoria durch die Banditen von hier fortgeführt worden?« »Exzellenza fragen mich unbekannte Dinge. Bei der Madonna, ich weiß von keiner Frau hier, als von dem alten Drachen, meinem eigenen Weibe!« Der Kapitän zog ruhig sein Terzerol aus der Brusttasche, spannte den Hahn und legte die Mündung des Laufs fast dicht an die Schläfe des Alten. »Treten Sie einen Augenblick zurück, meine Herren,« sagte er kalt, »daß Sie das Blut dieses Elenden nicht beschmutzt. Antwort! Wenn ich drei gezählt, zerschmettert die Kugel dein Gehirn!« »Eins –« »Exzellenza,« stotterte der Bösewicht – »halten Sie ein, ich will sagen, was ich weiß! – aber bei der Jungfrau und allen Heiligen, ich bin unschuldig! Heute morgen, um die dreizehnte Stunde –« »Wohin ist die Sennora gebracht, und war sie die einzige Gefangene?« »Gang allein, Signor – die Männer haben sie nach dem Monte Vittore geführt, diesseits Castelluccio. Aus den Fenstern des Ortes können Sie die unzugänglichen Felsen sehen.« Der Kapitän unterbrach ihn. »Stopfen Sie dem Wicht den Knebel wieder in den Mund und werfen Sie ihn zu seinem Weibe. Wollen Sie mir, Richard, diesen Gang anvertrauen? Sie selbst würden die Rettung nur erschweren, selbst wenn es Ihnen gelingen sollte, bis zu Ihrer Braut zu dringen!« »Wie, Sie allein – Sie wollten ...« »Sie kennen mich und wissen, daß nur der Tod mich von der Erreichung dessen abhalten wird, was ich mir vorgenommen. Merken Sie jetzt wohl auf jedes meiner Worte – Sie und diese Herren, die mich in diesem Augenblick wohl nicht mehr zurückhalten werden. Wenn es Ihnen gelingt, mit Hilfe des Militärs der drohenden Gefahr zu entrinnen, so setzen Sie den kommandierenden Offizier, im Fall er von dem frechen Streich Mamianis noch keine Kunde hat, sofort von dem Raub in Kenntnis, und fordern ihn auf, auch die päpstlichen Detachements in der Nähe aufzubieten, um den Fuß des Vittore von allen Seiten einzuschließen. Begeben Sie sich mit den Soldaten in die Osterie, in der wir uns heute nachmittag getroffen, und teilen Sie dem Wirt alles mit, was vorgefallen. Er ist ein alter Soldat, diente in Rom unter meiner Kompagnie und kennt alle Schleichwege des Gebirges und wird Ihnen die beste Anweisung geben, die Pässe und Zugänge des Vittore zu besetzen, wenn Sie ihm sagen, ich verlangte diesen letzten Dienst von ihm. Gelingt uns die Flucht, so bringe ich Lady Adelaide bis zur Osterie. Hören Sie dagegen bis morgen um Mitternacht nichts von mir, so ist mir ein Unglück begegnet, und die Gewalt der Waffen ist das einzige, was Sie zur Rettung der Dame noch versuchen können. Jetzt beendigen Sie rasch den Brief, denn dieser muß fort nach Monako, wenn Sie nicht alle Hoffnung auf Beistand aufgeben wollen.« Der Vikar reichte ihm die Hand. »Gott segne Sie, Freund,« sagte er tiefbewegt, »Sie retten mein Leben zum zweitenmal! Jetzt bin ich wieder Herr meiner selbst und werde Ihnen beweisen, daß Sie sich nicht in mir geirrt!« Er setzte sich zum Schreiben. Der Kapitän wandte sich an den Albanesen. »Du hast gehört, Danilos, daß ich diesen Fremden mein Versprechen verpfändet habe, ihren Boten sicher nach Monako zu schaffen. Du hast auch vernommen, wohin ich meine Schritte wende. Hast du deinen Auftrag erfüllt, so eile nach dem Monte Vittore, mich dort zu treffen, ich könnte deines Beistandes bedürfen.« »Dieser Mann,« sagte mit wahrhaft erhabener Einfachheit der Korsar, »wird nach Monako kommen, oder Danilos wird ein Toter sein.« Der Kapitän steckte seine Pistolen und ein Messer zu sich, Mac-Allan nahm die Waffen des Uskoken – sie waren bereit. Stillschweigend, mit ernsten, besorgten Mienen umgab sie die Gesellschaft, als der edle Flüchtling jetzt in ihre Mitte trat. »Sir Richard, leben Sie wohl! – Folgen Sie genau meinen Worten, und der Himmel, dessen Auge über alles wacht, wird gnädig sein und Ihre schöne Braut gerettet in Ihre Arme führen. Machen Sie dieselbe glücklich im fernen Lande – recht glücklich, Sie wissen nicht, wie innig ich es wünsche. In diesem Leben sehen wir uns wahrscheinlich nicht wieder, – darum nochmals – leben Sie wohl! – Und nun – Danilos – vorwärts!« Aus dem Hause schaute manch bleiches Gesicht ihnen nach; allein in einer der Kammern lag der Vikar auf den Knien, und sein inbrünstiges Gebet stieg zum Himmel empor um gnädigen Schutz für die Braut, – den Freund – für sie alle! – Die Uhr schlug dreiviertel auf Mitternacht! – Wenig über eine Stunde noch – dann entschied sich ihr Schicksal! Die Tiger-Vertilgungs-Gesellschaft. Die Laternen vor den Spielhäusern waren bereits angezündet – aus den geöffneten Türen der langen Reihe von Gebäuden des großen Platzes strömten Helle und Glanz, tönte Musik und ein infernalischer Lärm in das Helldunkel der Sommernacht. Aus den Felsenschluchten der Aveninnen hat uns der Gang unserer Erzählung an den grünen Golf von Kalifornien versetzt, nach San Francisco – dem Smyrna der neuen Welt. Drei mächtige Anreizungen vereinen in dieser durch den Schlag des allmächtigen Zauberstabes entstandenen Stadt die bunteste Gesellschaft vielleicht der ganzen Welt: die ungezügeltste Freiheit und Ungebundenheit, frei von jeder Schranke des Gesetzes, der Sitte und des Herkommens, nur von der Macht des Stärkern gebändigt; – der Golddurst und Goldgewinn; – und die Romantik der wildesten Abenteuer. Spanier – Engländer – Irländer – Franzosen – Deutsche – der Mohr und der Tahitiner – die ganze Welt scheint ihre Rassen und Geschlechter hier ausgestellt zu haben. Drei Spielhäuser zeichnen sich vor allen aus. Sie liegen nebeneinander, nur durch kurze Zwischenräume getrennt – das mittlere, größeste, scheint gleichsam die Parteien zu scheiden, der neutrale Boden zu sein, auf welchem sich die Werbearmee für die großen Unternehmungen des Tages tummelt. Vor dem linken Hause flatterte ein mächtiaes Banner. Eine Grafenkrone, darunter ein in viele Felder geteiltes Wappen, von zwei wilden Männern als Schildhalter getragen, von drei bunten Turnierhelmen überragt, ist darauf in lebbaften Farben gemalt. Ein großes Transparent über dem Eingang des Zeltes gibt die Erklärung dieses Wappens, und die Inschrift lautete in französischer und englischer Sprache: Hauptquartier von Horace Aimée, Grafen van Raousset Boulbon, Marquis de Tremblan, aus dem fürstlichen Hause Lusignan, General en chef der Expedition nach Sonora und dem geheimen Schatz der Azteken am Rio Gila. Kurs der Aktien 187½. Riesige gedruckte Plakate belehrten das Publikum, daß hier »noch eine geringe Anzahl von Aktien« des großen Unternehmens zur Zeichnung reserviert würden. Andere Affichen zeigten die Abbildung einer vollkommenen kleinen Armee, mit Reiterei und Kanonen, begriffen im Kampf mit einer flüchtenden Indianerhorde, dahinter fabelhafte Ruinen mit der Überschrift: »Eingang zu dem geheimen Schatzgewölbe Itze-Cate-Cäulaz , Enkel Montezumas, des letzten Aztekenfürsten.« Anders zeigte sich die anlockende Ausstattung des Zeltes zur Rechten. Wie bei seinem Rivalen, flatterte ein großes Banner über dem Haupteingang, der ungleich reicher und prächtiger mit großen Teppichen behangen und verziert war. Auf dem Banner war ein großer indischer Tiger abgebildet, der mit einem Manne rang und von diesem eben einen Stoß mit dem Kriß in den geöffneten blutigen Rachen erhielt, der ihn zu Boden warf. Hier auch verkündete ein großes Transparent die Bedeutung der seltsamen Ausstaffierung mit der Inschrift: Tiger-Vertilgungs-Gesellschaft (San Francisco Tiger-Killing-Company) Seiner Hoheit des Maharadscha!»Srinath-Bahadur, genannt Nena Sahib, Sohn des Bazie Rû, Peischwa van Bithoor in Indien. Handgeld für die Tapferen: Vierzig Goldrupien Die beiden Gesellschaften sind nicht etwa Phantastegebilde, sondern Tatsachen. . Die angehefteten Plakate und Blätter des »California Chronicle« erzählten, daß der reiche und vornehme Radschah, Nena Sahib, in Begleitung der zwei berühmtesten und gewandtesten Tigersänger Indiens, der Herren Mac-Scott und Harry Gibson , von Kalkutta vor kaum acht Tagen herübergekommen sei, um eine Gesellschaft der berühmten Jäger und Trapper der Felsgebirge für die Tigerjagd in Indien zu engagieren. Die Bedingungen waren verlockend genug. Bei einer Verpflichtung von fünf Jahren in seinem persönlichen Dienst vierzig Gold-Mohurs Handgeld, ein Jahrgehalt von zweihundert Silberrupien bei freier Station, und für das Fell jedes getöteten Tigers außerdem dreißig Rupien. Überdies schien es nicht leicht, den Kontrakt abzuschließen und der indische Radschah sehr wählerisch zu sein. Denn obschon niemand wußte, wer von den Bewerbern wirklich angenommen worden sei, und die es waren, nach den Bedingungen des eingegangenen Vertrages, ein strenges Schweigen darüber beobachteten, so war doch so viel bekannt geworden, daß es erst wenigen gelungen, und die ganze Zahl der Gesellschaft überhaupt auf dreißig Jäger bestimmt sei. Wir führen den Leser in das mittlere große Zelt, von dem wir bereits gesagt haben, daß es als neutraler Boden zwischen den beiden großen Konkurrenzen des Tages angesehen werden konnte. Im Innern, neben dem Eingange, befanden sich rechts und links die Schankstätten, auf der einen Seite eine Konditorei mit Glühwein und feinen Likören, auf der andern der Ausschank der Spirituosen. Ein dampfender Teekessel von kolossaler Dimension zeigte den massenhaften Verbrauch des üieblingsgetränkes: Grogk. Man trat eine Stufe vom » tap « hinunter in den Saal und übersah daher von ersterem Orte aus vollkommen den großen als Oblongum sich hinstreckenden Raum, in dem sich eine ansehnliche Menschenzahl bewegte. In dem Saal standen mindestens zehn größere und kleinere Tische, an denen allerlei Hasardspiele, von dem Pharo und Roulette bis herunter zum gewöhnlichsten Würfelspiel, getrieben wurden. Um zwei der Haupttafeln, wo große Banken mit Haufen von Dublonen, Dollars und Banknoten vor dem Bankhalter aufgehäuft lagen, drängte sich vorzüglich die Menge. Neben dem Bankhalter lagen ein Paar gespannte Pistolen und eine kleine Wage, die dazu diente, das Gold zu wägen, das häufig von den Spielern im Naturzustand, wie sie es durch die mühevollste Arbeit in den Placers des San Ioaquin, des Sacramento und seiner unzähligen Nebenflüsse gewaschen, auf die Karten gesetzt wurde. An den Tischen fand, wie erwähnt, das Spiel in den verschiedensten Abstufungen statt, jedes Mitglied der so sehr gemischten Gesellschaft fand für seinen Geschmack und den Zustand seiner Börse die geeignete Gelegenheit. »Master Gibson – wie viele heute?« fragte ein reduziert aussehendes Individuum. »Nur zwei, Ehrwürden Slong ,« erwiderte der Tigerjäger, der mit dem Genannten an dem Schenktisch stand und ein mächtiges Glas Brandy trank. »Der Radschah ist verteufelt mäklig, und das Zwinkern eines Auges kann ihm die Person verleiden. Gesindel gibt es genug in San Francisco, aber wir brauchen erfahrene Jäger und Pfadfinder, die in den verteufelten Dschungeln nötigenfalls allein ihren Mann stehen.« »Was meint Ihr zu Ralph , dem Bärenjäger?« fragte der Methodist. »Er wäre eine prächtige Erwerbung; aber er ist, denk' ich, bei Eurem Unternehmen angeworben?« »Ich habe die Notion. Und Joaquin Alamos , der Pfadfinder? Ihr könntet keinen besseren Spürhund auf die Fährten eines Wiesels setzen, das sich in hundert Löcher verkriecht.« »Gott verdamm Eure Augen, Ihr psalmplärrender Narr,« sagte der Tigerjäger unwillig, »was nennt Ihr mir die besten, wenn sie nicht mehr zu haben sind!« »Wer weiß,« meinte der Methodist gelassen, indem er sorgfältig sein Glas dem Schankmädchen hinhielt. »Auch Adlerblick, der französische Kanadier, wäre nicht zu verachten. Ich versichere Euch, er hat eine Büchse, welche nie fehlt.« »Und was meinen Sie zu Eduard O'Sullivan und seiner Schwester, Miß Margareta , die der Herr nicht bloß mit jenen Gaben gesegnet, die Versuchungen sind für die Augen des Fleisches?« »Wollt Ihr Euer Spiel mit mir treiben?« sagte der Tigerjäger finster. »Alle, die Ihr genannt, sind Mitglieder der Expedition dieses französischen Windbeutels, den Gott verdammen möge, und Männer brechen ihr Wort nicht.« Der Yankeeprediger kniff ein Auge zu und sah ihn mit dem andern listig von der Seite an. »Was meint Ihr zu meiner unwürdigen und demütigen Person für die Tiger-Killing-Company?« »Seid Ihr verrückt, Master Slong? Glaubt Ihr etwa, ein Tiger, wie unser Bob, werde mit seinem Sprung auf Euern miserablen Leichnam so lange warten, bis Ihr eine Eurer langweiligen Predigten gehalten? Da seid Ihr stark im Irrtum. Überdies habe ich ja Euren eigenen Namen in der Liste des französischen Grafen gefunden.« »Ich kalkuliere,« sagte der Schwarze höchst philosophisch, »man wird mich dort entbehren können, wenn Seine Hoheit, der Radschah, mich nur anwerben will. Doch, was ich Euch sagen wollte, ich habe eine Notion, daß bei uns drüben nicht alles mehr ist, wie es sein sollte,« er wies mit dem Daumen über die Achsel nach dem andern Zelt. »Es dauert manchem so lange, und der bare Sold, den Euer Radschah angeboten, macht vielen den Kopf warm. Der Tiger vor Eurer Tür ist außerordentlich nach dem Geschmack unserer Jäger, und bei den anderen hat der Artikel in dem »California Chronicle« grausam viel gewirkt.« »Wie meint Ihr das, Hesekia Slong?« »Seine Gnaden, der Graf, sind teuflisch erbittert über das Geschreibsel, und ich möchte nicht in der Haut von Master Hillmann , dem Redakteur des Chronicle, stecken, der dort so ruhig mit Eurem Freunde am Spieltisch des spanischen Betrügers steht!« »Was wollt Ihr damit sagen? Ist Gefahr für den Mann, weil er einen Artikel gegen Euer unsinniges Unternehmen geschrieben hat?« Der Methodist sah sich vorsichtig um. »Unsere Aktien sind mächtig gesunken seit zwei Tagen. Ich wiederhole Euch, der Graf ist wütend und behauptet, er habe im Solde der Tiger-Killing-Company die Artikel gegen ihn, geschrieben. Die Aktionäre und die Teilnehmer sind aufsässig, und er muß etwas tun, um sich wieder in Furcht und Respekt zu setzen. Bemerkt Ihr nicht, daß keiner von unseren Leuten heute abend hier anwesend ist?« »Ihr habt Recht – bis auf Euch ist keiner hier.« »Es kommt, es kommt, Master Gibson! Ich wartete nur, um Euch einen kleinen Wink zu geben, damit Ihr ein gutes Wort bei dem Nabob für mich einlegt.« Sein Auge hatte während der ganzen Unterhaltung den Spieltisch des Amerikaners häufig gestreift, vor dem jetzt eben eine ziemlich ansehnliche Summe von Gold und Banknoten aufgehäuft lag. Der Methodist ging langsam nach dem Spieltisch und setzte eine schmutzige, zu einem kleinen Viereck zusammengefaltete Banknote auf die Carreau-Dame. Mehrere um den Tisch herumstehende Männer lachten mit unverhehltem Spott bei dem Verfahren des Sektierers. »Hesekia muß eine ganz absonderliche Vorliebe für schmutzige Cincinnati-Noten haben,« sagte der eine. »Er setzt nie ein blankes Stück Geld, obschon er sie regelmäßig, wenn er verliert, mit solchem wieder einlöst!« »Euer Spiel, ihr Herren!« sagte der Bankier, »die Taille beginnt.« Dollars, Goldstücke und Banknoten flogen auf die Quadrate. Beim dritten Abzug fiel die Dame links, zugunsten des Bankiers, und der Croupier strich die auf dem Felde stehenden Beträge, darunter die Note Slongs, mit ein. Der Methodist zog aus seinem alten Geldbeutel fünf Silberdollar, und schob sie dem Kentuckier hin, wofür ihm dieser die alte Note wiedergab, ohne sie weiter anzusehen. Plötzlich entstand am Eingang des Saales eine große Bewegung, und man sah eine zahlreiche Gesellschaft eintreten. Voran schritt ein großer Mann, der Graf Raousset Boulbon , einer der berüchtigtsten und kühnsten französischen Abenteurer der Neuzeit, der wenige Monate später der mexikanischen Regierung so bedeutend zu schaffen machen sollte. Wie man vielfach munkelte, war er bei seinen abenteuerlichen Unternehmungen nicht ohne Verbindung mit der neuen französischen Regierung. Die Gesellschaft bestand aus den Hauptmitgliedern seiner Expedition, von denen vorhin der Methodist schon verschiedene näher bezeichnet hatte, und zählte ungefähr zwanzig Personen. Der Graf schritt langsam, von seiner Begleitung gefolgt, durch den Saal nach den Spieltischen, in deren Umgebung die Aufmerksamkeit jetzt zwischen den Ankommenden und der eben begonnenen Taille geteilt war. Diesen Augenblick wahrscheinlich hatte der Methodist benutzt, um aufs neue die schmutzige, zusammengebogene Banknote auf die Dame zu setzen. Der Bankier fuhr im Abwerfen fort. »Le Roi perd!« »Dix gagne!« »Doppelt, alter Bursche!« sagte ein alter Schiffskapitän, indem er den gewonnenen Dollar stehen ließ. »Sept perd!« »Dame gagne!« Der Croupier schob dem einen der Spieler, der mit auf die Dame gesetzt, zwei Souvereigns zu und dem Master Slong seine fünf Dollars. »Einen Augenblick, John, mein Junge,« sagte dieser. »Ich kalkuliere, Ihr irrt Euch. Ich bekomme tausend Dollars.« Die originelle Forderung machte im Augenblick das Spiel stocken, und der Bankier blickte erstaunt auf den Spieler. »Macht die Note nur auf,« sagte derselbe mit großer Seelenruhe. »Es muß eine Tausenddollarnote sein, wenn mir recht ist, wenigstens wollte ich damit mein Heil versuchen!« Der Bankhalter hatte die Note genommen und sie geöffnet. Jeder konnte sich überzeugen, es war richtig eine Note über tausend Dollars der Bank von Ohio, die in ihrem Aussehen den Fünfdollarnoten des Staates Cincinnati sehr ähnlich sind. Jedermann erkannte im Augenblick den hier gespielten Betrug, aber ebenso auch das Recht des Spielers, und die ganze Gesellschaft, ohnehin bei jeder Gelegenheit Partei gegen die Bank nehmend, brach in ein schallendes Gelächter aus. »Wenn das eine Tausenddollarnote war, Ihr psalmplärrender Betrüger,« schrie der Bankhalter, »dann hätte ich sie schon zehnmal von Euch gewonnen. Jeder dieser Herren weiß, daß Ihr sie immer nur mit fünf Dollars ausgelöst habt.« »Ich bin gestern noch Zeuge gewesen,« sagte eine andere Stimme aus dem Kreise, der, durch den Lärm herbeigelockt, sich jetzt um den Tisch drängte. Es war der Mann, den Slong vorher gegen den Tigerjäger als den Redakteur des »California Chronicle« bezeichnet hatte. »Ladies und Gentlemen,« erhob Slong mit näselndem Ton seine Stimme, »ich fordere Sie auf, sich selbst zu überzeugen,« er öffnete seinen schmutzigen Beutel, »daß ich zwei Noten besessen habe, eine von fünf, die andere von tausend Dollars.« »Sie werden diesem Manne seinen vollen Gewinn auszahlen, Messieurs!« sagte eine volle Stimme mit dem Ausdruck des Befehls. »Master Slong steht unter meinem Schutz, und ich werde nicht dulden, daß ihm ein Penny von dem vorenthalten wird, was ihm nach dem Recht des Spiels zukommt.« Der Sprecher war der Graf Raousset Boulbon , der jetzt dicht am Tisch stand und mit der Reitgerte spielte. »Mylord,« entgegnete der Bankhalter höflich, »Sie werden mir keine Ungerechtigkeit zufügen wollen, weil der Mann hier, den wir alle hinreichend kennen, sich bei Ihrer Expedition eingezeichnet hat. Master Hillmann und zehn andere können mir bezeugen, daß dieser Mensch seit acht Tagen systematisch den Betrug vorbereitet hat.« »So ist es, Herr Graf,« bekräftigte Hillmann, ein Deutscher von Geburt, der drei Jahre vorher als politischer Flüchtling sein Vaterland verlassen hatte und jetzt an der Spitze des ultraliberalen Organs stand, und somit auch der Führer dieser Partei in San Francisco war. »Master Slong ist ein schlauer Fuchs, der, wenn seine Note verloren gewesen wäre, sie sicher unbesehen mit fünf Dollars eingelöst hätte. Es ist billig, daß die Bank für ihre Unvorsichtigkeit eine Strafe zahlt, aber Sie werden selbst nicht wollen, daß sie durch eine Gaunerei ruiniert werde.« Der Graf sah den Redner hochmütig an. »Wagen Sie es, mit mir zu sprechen, Sir?« fragte er wegwerfend in beleidigendem Ton. Der Deutsche wurde dunkelrot. »Gewiß, Herr,« sagte er heftig, »mit wem sonst? Wir sind in dem freien Amerika, wo nur der Rang eines Gentleman gilt, und als solcher sage ich Ihnen ungeniert meine Meinung.« Aller Augen waren auf den Chef der Sonora-Expedition gerichtet, seine Gestalt richtete sich straff empor, als er jetzt das Wort nahm. »Was diese beiden Schurken betrifft, so will ich sie von meinen Leuten an der Tür dieses Hauses am längst verdienten Strick aufhängen lassen, wenn sie nicht binnen fünf Minuten diesem Manne unverkürzt seinen Gewinn ausgezahlt haben. Was aber diesen sogenannten Gentleman angeht, so will ich meine Rechnung gleich auf der Stelle ihm quittieren!« Und rasch wie der Blitz flog die Reitpeische des Franzosen über den Tisch und zog mit kräftigem Hieb einen im Nu dunkel anlaufenden Streifen quer über das ganze Gesicht des unglücklichen Redakteurs. Hillmann wollte auf seinen Gegner losspringen, ward aber von einigen seiner Freunde zurückgehalten, unter denen sich auch die beiden Tigerjäger befanden. Alle Deutschen und die Engländer hatten sich um ihn gesammelt, die Franzosen und Amerikaner drängten sich um den Grafen. Nach einer kurzen, heftigen Beratung sah man Mac Scott , den ersten Geschäftsträger und Jäger des Radschah, von dem Kreise um den Beleidigten sich trennen und auf den Grafen zukommen. »Mylord,« sagte er in englischer Sprache, um von allen verstanden zu werden, »mein Name ist Fergus Mac Scott, und meine Familie gehört dem schottischen Adel an. Ich habe Master Hillmann, den Sie soeben beleidigt, meine Dienste angeboten, und komme in seinem Auftrage, von Ihnen Genugtuung zu fordern.« »Ich habe durchaus nichts gegen Ihre Person, Herr Mac Scott,« sagte der Graf hochmütig, »obschon der Adel in Ihrem Vaterland so gewöhnlich zu sein scheint wie die Disteln. Ich will mich auch herablassen, dem Burschen, den ich soeben für seine Unverschämtheit gezüchtigt, die verlangte Genugtuung zu geben, jedoch nur auf meine Bedingungen.« »Welche sind dies, Mylord?« Der Graf sah ihn einen Augenblick fest an. »Sie sind Jäger, Herr Mac Scott?« »Seit fünfzehn Jahren, Mylord.« »Kennen Sie die Büffel der amerikanischen Prärieen?« »Mylord, es ist das erste Mal, daß ich mich in Amerika befinde!« »Wohl. Sie werden vielleicht wissen, daß für morgen ein Stiergefecht angekündigt ist?« »Ich habe von der Spielerei gehört, Mylord.« »Sie haben ja wohl eine Probe Ihrer indischen Jagd, einen Tiger, bei sich?« »Ja, Mylord, es ist ein Königstiger von der Mündung des Ganges.« »Einen Augenblick Geduld, Herr Mac Scott. Da der Herr dort sich zum Verfechter ihrer Gesellschaft aufgeworfen hat, so will ich ihm die Ehre einer anderen Art Duell antun, bei der ich meine Hand nicht mit dem Blute eines Elenden zu besudeln brauche. Ich verlange, daß er morgen in den Schranken die Rolle des Matadors gegen den Büffel der Sonora übernimmt, den ich ihm stellen werde, zu Fuß oder zu Pferde, mit beliebigen Waffen, und ich verpflichte mich, in denselben Schranken allein gegen den Tiger zu kämpfen, den der Radscha oder Peischwa, ihr Herr, als Aushängeschild mitgebracht hat.« Der ganz unerwartete Vorschlag fesselte zuerst alle Zungen in Erstaunen; dann aber brach ein lautes »Hört! Hört!« und ein stürmisches Bravo los, in das beide Parteien einstimmten. Der arme Hillmann versuchte vergeblich gegen die Nächststehenden zu erklären, daß er kein Jäger oder Toreador sei, und in seinem Leben noch keinem zahmen, viel weniger einem wilden Stier gegenüber gestanden habe. »Soll mich der Henker holen, Mylord,« sagte der Schotte rauh, »der Gedanke ist nicht übel. Ich muß jedoch zuvor den Maharadschah davon in Kenntnis setzen und seinen Willen einholen.« »Tun Sie das, Herr, und sagen Sie ihrem Indier, daß ich, der Graf Raousset Boulbon, jeden seiner Helfershelfer, und nötigenfalls ihn selbst, ebenso behandeln werde, der es wagt, die Sonora-Company zu verdächtigen.« Mac Scott besprach sich mit seiner Partei, sowie einige Augenblicke mit seinem Gefährten Gibson und verließ dann das Zelt. Plötzlich gab sich am Eingang des Saales eine neue Bewegung kund. Zwei reich gekleidete Schwarze traten ein; sie blieben, die Arme über die Brust gekreuzt, an beiden Seiten des Einganges stehen, Mac Scott, dem Jäger, Platz machend, der einige Schritte vortrat. Eine plötzliche, allgemeine Stille herrschte im ganzen Saal. »Gentlemen,« sagte der Schotte mit lauter Stimme, »Seine Hoheit, der Maharadschah Srinath-Bahadur wünscht hier in ihrer Gesellschaft zu erscheinen und seine Antwort persönlich zu bringen.« Die beiden Schwarzen zogen auf seinen Wink die Vorhänge des Einganges zurück, und Nena Sahib trat ein. Gulma Wir sind in Afrika! – Nicht in den schrecklichen Wüsten, denen Tau und Regen, die süße Träne Gottes, fehlt, nicht in den weitgestreckten Ländern, die der Fuß des gierigen Europäers noch nie betreten – sondern auf einem der wenigen Flecke in diesem Meere von Felsen und Sand, die Gott lieb gehabt: an der äußersten Grenze der britischen Eroberungen im Süden – in Kaffaria . Auf einem Felsen, der auch vom Lande aus steil emporsteigend seinen flachen Gipfel in einer Höhe von wohl 50 Fuß, gleich einer Warte, hinüberstreckt über den Spiegel des Om-Kai, ruhen drei Männer, höchst verschieden in ihrem Aussehen und in ihrem Wesen. Zwei davon scheinen eben aus dem Schlaf erwacht, der dritte Wache gehalten zu haben. Dieser ist offenbar ein britischer Soldat, dahin deuten die an vielen Stellen von den Dornen des Weges zerrissenen Leinenhosen, die schmutzig-rote, mit Militärknöpfen versehene Jacke und das Kommisgewehr mit dem Bajonett, das neben ihm liegt. Seine Augen liegen tief in den Höhlen, von dunklem Rand umgeben, und blicken mit einem düstern, starren Ausdruck vor sich hin. Der Mann, der neben ihm liegt, ist ein Kaffer. Ein Carroß, der Mantel aus Tierhäuten, den der Kaffer um die Schultern trägt, am Hals mit den Vorderklauen verschlungen, ist seine Hauptbekleidung. Daß sein Karroß aus einem prächtigen Tigerfell besteht, statt der gewöhnlichen Leopardenhaut, beweist, daß er ein Häuptling ist. Die Züge dieses Wilden zeigen fast gar keine Spur des Negerartigen, ja sie nähern sich der Reinheit der klassischen Linien, in Nase und Stirn, und nur die breiteren Backenknochen und die volleren, wenn auch keineswegs unschönen Lippen, verraten den afrikanischen Ursprung. Es ist Tzatzoe, der kühne und von den Briten gefürchtete Gaika-Häuptling, der eine liberale Erziehung in England genoß, und dort eine geraume Zeit ganz nach europäischer Weise lebte. Er spricht fertig die französische, englische und holländische Sprache, und ist mit vielen Künsten der Zivilisation wohl vertraut; aber bei der Rückkehr in die Heimat warf er alles europäische von sich und nahm mit dem Carroß wieder die wilde Majestät eines Häuptlings an. Das dritte Mitglied der kleinen Gesellschaft ist ganz sein Gegenteil. Es ist ein breitschultriger, kräftiger Boor, dessen zähe Stärke und Tätigkeit das Alter von 60 Jahren noch wenig gebeugt hat. Es ist Andries Pretorius, der berühmte Führer der Booren in der Boomplaats-Schlacht am 22. November 1845, in der die Ausgewanderten noch einmal für ihre Freiheit gegen britische Willkür kämpften. »Nimm die Decke, Neef Piet,« sagte der Alte, und hülle dich hinein. Der kalte Tau macht die verwöhnten Stadtleute frieren, selbst in den heißen Monden, überdies ist dein roter Rock unseren Augen nicht angenehm.« »Fluch ihm und allen, die ihn tragen!« rief der junge Mann mit einem Ausdruck wilden Grimms. »Doch ich glaube, es ist Zeit, daß wir aufbrechen,« sagte der Alte, »die Sonne wird uns jetzt die Fährte wieder zeigen, die wir bis hierher verfolgt.« Aber der Kaffer hielt ihn zurück, indem er die Hand auf seinen Arm legte und sprach: »Der Inkosi Inculu der Dütchmen Großer Häuptling der Holländer (Deutschen – wie der Wilde alle Europäer, außer den Engländern benennt). wird wohltun zu warten. Die Büffel sind noch nicht zur Tränke gekommen, und die Büsche jenes Rohrs wehen Übles.« Der Holländer sah augenblicklich die Richtigkeit der Bemerkung ein und begnügte sich mit der Frage: »Wie lange werden wir warten müssen?« »Das Gestirn des Tages muß eine Stunde lang am Himmel stehen, ehe der Büffel sich zeigt,« antwortete der Häuptling. »Sie werden ihre Fährten verwischen, Tzatzoe?« »Die Büffel kommen vom Morgen – die Spuren unserer weißen Feinde wenden sich gegen Niedergang.« »So haben wir noch eine halbe Stunde Zeit, Neef Piet,« meinte der Boor, die kurze Pfeife aus seiner Ledertasche stopfend, »und du magst uns jetzt ausführlich berichten, was dich hierher und in unsere Gesellschaft gebracht; als wir dich gestern abend fanden, war keine Zeit zu langem Gespinnst.« »Du sollst alles erfahren, Om Andries,« sagte der junge Mann aufgeregt, »meine Schmach und Schande, und die Glut der Rache, die mich verzehrt!« Er riß die alte Uniform vom Leibe und ließ das Hemd über die Schultern fallen – ein schrecklicher Anblick zeigte sich den Augen seiner beiden Gefährten – der Rücken des jungen Mannes war mit einer Unzahl von langen, meist nur halb oder schlecht geheilten Wunden bedeckt, die offenbar durch die Schläge eines Züchtigungsinstruments veranlaßt worden, und von denen viele so tief waren, daß man die Finger bequem in die halb offenen Narben legen konnte. Der alte Boor schauderte zurück und fragte den Neffen, der sein erglühendes Gesicht in den Händen verborgen hielt, kurz und rauh: »Wer tat dies?« Der Gaika sah ihn mit höhnischem Blick an: »Warum fragt mein Bruder? Der Amakosa tötet seine Söhne, wenn sie unrecht getan, aber er entehrt sie nicht! Tzatzoe hat gar viel Male gesehen, als er im Lande der großen Mutter war, wie die Krieger, die dieses Kleid trugen, geschlagen wurden, wie Hunde.« »Die Engländer also? – Rede Neffe – welches Verbrechens hast du dich schuldig gemacht?« Wieder lachte der Wilde höhnisch auf. »Alter Häuptling,« sagte er bitter – »warum fragst du diesen da, was er verbrochen? – Was hatten die Kinder meines Volkes getan, das friedlich wohnte an den Quellen des Nicokamma, bis er sich mischt mit dem großen Salzsee gen Mittag In der Delagoa-Bai; – die von dem Wilden erwähnte scheußliche Handlungsweise des britischen Gouvernements ist leider historisch und ereignete sich 1812. , als die Englishmen ihnen befahlen, binnen zwei Mondenfristen das Land zu räumen, das ihre Väter besessen, ehe der Abalungo kam an unsere Küsten. Was hatten sie getan, daß Greise, Männer, Weiber und Kinder niedergeschossen wurden, wie die Hyäne der Felsgebirge, alle, die man noch nach der festgesetzten Frist im Lande fand; bloß weil sie sich nicht so leicht von den Gräbern der Ihren trennen konnten!« Nach diesen mit tiefem Ausdruck gesprochenen Worten verließ der Häuptling seinen Platz und verschwand, ohne zu sagen, wohin er sich begeben wolle, von der Felsplatte, seine Waffen dort zurücklassend. »Neef Piet,« sagte der tapfere Anführer der Booren, »wir sind jetzt allein. Dein Vater war mein Bruder, aber er ward einer von den Studierten, und schied aus den Reihen seines Volkes, als er die Engländerin, deine Mutter, heiratete.« »Ich weiß, Oom, daß mein Vater unrecht tat, von den alten Gebräuchen der Familie zu weichen, und ich glaube, er hat es späterhin vielmal bereut, obschon er meine Mutter herzlich geminnt hat.« »Laß gut sein, Piet,« meinte der andere, »er war ein unruhiges Blut, volle zehn Jahre jünger als ich, und ruht auf dem Kirchhof am Kap. Ich bot deiner Mutter an, als ich vor acht Jahren, nach meines Bruders Tode, zur Kapstadt kam, dich mit mir zu nehmen und in unserem Stande zu erziehen. Sie weigerte es und wollte, daß du ein Bücherwurm würdest, wie dein Vater. Vielleicht war es gut für dich, denn zwei Jahre später setzte Sir Harry Smith 1000 Pfund auf den Kopf deines Ooms.« »Meine Mutter starb,« erzählte finster der Neffe; »wir hatten mancherlei Anfeindungen auszustehen, Oom Andries, zu jener Zeit, weil wir deinen Namen trugen. Ich wollte nach England gehen, um meine Studien fortzusetzen. Ich gedachte Advokat zu werden, Oom Andries, um die Sache meiner unterdrückten Landsleute vor den Schranken der Gerichtshöfe führen zu können; denn ich fühlte das Blut meines Vaters in mir und war stolz, als ich von euren tapferen aber unglücklichen Kämpfen um die neue Heimat hörte, die ihr euch erworben. Da trat das unglückliche Ereignis ein, das mich zum elendesten der Menschen machte.« »Wie kamst du zu diesem Rock, Neef Piet?« »Höre weiter. Ich liebte eine Fremde; die Tochter eines deutschen Missionars. Louise hieß das Maidje und ich glaube, sie liebte mich wieder. Aber ins Haus ihres Vaters, der noch längere Zeit in Kapstadt bleiben wollte, ehe er nach der Grenze zog, kam ein englischer Kapitän, Sir Hugh Rivers , vom 93. Linien-Regiment. Was soll ich weiter sagen, wir waren Nebenbuhler, er der wohlhabendere, mächtigere, von der Mutter unterstützt – ich auf das Herz der Geliebten vertrauend. Er haßte mich, ich wußte es, aber sein Zorn war mir gleichgültig – ich ahnte nicht, daß er mir eine tückische Schlinge gelegt hatte. Eines Abends war ich mit mehreren Gefährten in einer fröhlichen Gesellschaft gewesen, wo der Constantia-Wein nicht geschont wurde. Schon halb berauscht, ließ ich mich verleiten, noch eine Schenke zu besuchen, in der Soldaten und Matrosen ihr Wesen trieben. Ein Mann, den ich oft gesehen im Gespräch mit den Offizieren der Stadt, machte sich an mich, er trank mir zu, und als ich am anderen Morgen erwachte, lag ich in der Wachtstube der Kaserne; man sagte mir, ich hätte das Werbegeld genommen und sei Rekrut!« »Schändlich!« murrte der Boor – »und dennoch – magst du dich bedanken, daß sie nach dem menschenfreundlichen Recht ihrer Gesetze dich nur zum Soldaten geworben und dich nicht als Matrosen gepreßt und nach entlegenen Meeren gesandt haben.« »Ich wollte, es wäre geschehen!« stöhnte der junge Mann. »Schreckliches wäre mir erspart worden. Ich ward dem Regiment, ja der Kompagnie meines Nebenbuhlers zugeteilt, und bald erfuhr ich durch einen mitleidigen Sergeanten, daß alles das, ja meine Anwerbung selbst, sein Werk sei. Ein Leben voll Höllenqualen begann für mich, Rivers wußte täglich Gelegenheit zu finden, mich zu demütigen und mit Strafen zu belegen. »Zwei Dinge hielten mich damals nur noch aufrecht – das war der Schutz und Trost, den mir ein junger Leutnant unserer Kompagnie, Edward Delafosse , wo er nur konnte, zuteil werden ließ, und ein Zettel, den mir eines Abends, als ich vor der Kaserne auf Posten stand, ein Knabe in die Hand steckte. Er kam von ihr, es waren Worte des Trostes, der Hoffnung und der Liebe in meinem Elend, sie selbst sprach sich aus und gelobte mir Treue. Aber es war zugleich der Abschied, ich sollte sie nicht mehr sehen – sie zog mit ihrem Vater nach einer Missionsstation an den Grenzen des Kafferngebietes. »An der steigenden Bosheit des Kapitäns konnte ich sehen, daß seine Bewerbungen um Louise fruchtlos ausgefallen. Alle frühere Leiden wogen nichts gegen die Peinigungen, denen ich jetzt unterworfen wurde, denn Rivers, von seinem Rechte Gebrauch machend, wählte gerade mich aus der ganzen Kompagnie zu seinem persönlichen Diener. »Das Regiment war nach Fort Beaufort beordert und man sprach bereits viel von einem Zuge gegen die Kaffern. Es war vor vierzehn Tagen, als bei einem Rekognoszieren an den Ufern des Katzenflusses Rivers mir befahl, mit einem Handpferde nach dem andern Ufer überzusetzen. Das Tier war unbändig und wild, in der Mitte des Stromes scheute es und riß sich los, ich vermochte es nicht zu halten. Das Pferd wurde von der angeschwollenen Flut erfaßt und stromabwärts gerissen, alle Versuche, es zu retten, waren vergebens. Rivers hielt zornrot am Ufer, als ich es erreichte. Ich wollte mich rechtfertigen, daß mich keine Schuld traf, aber er hieb mich mit der Reitgerte in das Gesicht, daß das Blut herabfloß und rief: »Schurke – Du hast mein bestes Pferd mutwillig verloren!« – Das Blut kochte in meinem Innern, aber ich dachte der Disziplin und – Louisens, und schwieg. Ein zweiter Hieb folgte, ein dritter – da war ich meiner nicht länger mächtig, ich drückte dem Pferde, das ich ritt, die Sporen in den Leib und warf mich auf ihn – er hielt dicht am Rande des Stromes – der heftige Anprall warf ihn samt dem Roß in die Wellen. »Ein Schrei des Schreckens kam von aller Lippen, dann schoß der Gedanke an die Folgen wie ein Blitz durch mein Gehirn, ich sprang vom Pferd und ihm nach in das Wasser. Das seine hatte sich bereits emporgearbeitet – mein Feind aber war versunken, nur die Hand noch, die mich eben geschlagen, tauchte aus den Wellen. Einen Moment lang dachte ich daran, mit meinem Peiniger zu sterben – im nächsten aber war ich bei ihm, tauchte unter und brachte ihn mit unerhörter Anstrengung Zur Oberfläche. Gott lieh mir Kraft, und die eigene Lebensgefahr nicht achtend, gelang es mir, den Bewußtlosen ans Ufer zu bringen. Dort fiel ich, selbst zu Tode erschöpft, in Ohnmacht. Als ich wieder zu mir kam, stand Rivers neben mir, bleich, triefend – mit boshaft funkelnden Augen. »Diesmal, Bursche,« sagte er mit dem Tone erbitterten Hasses, »sollst du dem Verbrechertode nicht entgehen, bindet ihn!« und seine Kreaturen warfen sich auf mich und schnürten mir die Arme auf den Rücken, daß mir die Stricke tief in das Fleisch einschnitten. »Laß es mich kurz machen, Oom. Der Mann, den ich mit Gefahr meines Lebens wieder aus den Wellen geholt, übergab mich einem Kriegsgericht und ward mein erbitterter Ankläger. Ich wünschte den Tod, er wäre mir willkommen gewesen; wegen meines sonstigen guten Betragens ward ich begnadigt – begnadigt zu dreihundert Peitschenhieben.« Der Unglückliche bedeckte das Gesicht mit den Händen – der Boor schwieg, stumm vor sich hinschauend. »Die Exekution wurde vollstreckt,« fuhr jener eintönig fort. »Als der Schambock mein Fleisch in blutige Fetzen riß, sah ich meinen Peiniger wenige Schritte von mir stehen und mit gleichgesinnten Genossen höhnisch lachend eine Wette schließend, wie viele Streiche ich aushalten würde. Da, Oom Andries, biß ich die Zähne zusammen und schwor, daß kein Laut des Jammers sein teuflisches Herz erfreuen sollte, aber tat auch einen anderen Eid, den Eid – wenn ich lebendig davon käme, mich blutig an ihm zu rächen und ihn zu töten, wie die Bestien der Wüste.« »Frevle nicht, Neef Piet,« sagte der Alte mit Würde – »für das Vaterland und deine Brüder magst du kämpfen, aber »die Rache ist mein«, sagt der Herr, und er allein hat sie sich vorbehalten.« »Der junge Abalungo fühlt seine Wunden,« sprach die Stimme des Wilden neben ihm, »und jede ruft ihm zu, daß er seinen Feind töten müsse. So will es das Gesetz der Wüste und der tapferen Männer, wenn auch Jankanna Der Kaffernname eines unter den Stämmen vielgeehrten holländischen Missionars, Dr.van Kemp. anders lehrt. Ich bitte dich, junger Freund, laß deinen schwarzen Bruder die Wunden heilen, welche deine weißen Brüder dir geschlagen haben.« Damit legte der Wilde ihm heilende Kräuter auf den Rücken, die er soeben an den Felsen gesucht und zwischen zwei Steinen zerrieben hatte, und bekleidete ihn dann sorgsam wieder mit Hemde und Jacke. Der junge Mann drückte ihm dankbar die Hand; ein Blick des Einverständnisses, den die beiden tauschten, zeigte zur Genüge, daß sie über das Gefühl persönlicher Rache einverstanden und anderer Ansicht waren als der Boor. Dann fuhr der Soldat in seiner Erzählung fort: »Meinen Feind sah ich nicht wieder, ebenso den Leutnant nicht, der mir allein Wohlwollen bezeigt, es hieß, sie wären auf einem Posten weiter hin am Amatola-Gebirge. Mein Schicksal war allgemein bekannt, ich las es in jedem Blick; aber ich war auch entschlossen, die erste Gelegenheit, die sich bot, zu benutzen, um die Fesseln meiner Knechtschaft zu brechen und zu den Feinden meiner Tyrannen zu fliehen.« »Aber wie erfuhrst du, daß ich in der Nähe weilte und den Ort unseres Verstecks?« »Es trieb sich ein trunkener Kaffer in der Umgebung unseres Lagers umher, ein Mensch, den der Branntwein entnervt und zum Spott der Engländer gemacht hatte. In allen Kantenen war er zu finden; man sagte, er sei fürstlicher Abkunft, und deshalb behandelte man ihn mit desto größerem Hohn. Als ich das erste Mal wieder auf Posten stand, taumelte er betrunken in meiner Nähe zu Boden. Ich kümmerte mich nicht um ihn, denn meine Seele hatte nur Raum für einen Gedanken. Plötzlich hörte ich meinen Namen nennen, und zu meinem Erstaunen blickten seine Augen mich listig und verständig an, sein Finger lag auf den Lippen zum Zeichen des Schweigens. ›Wenn der junge Abalungo,‹ flüsterte jener, ›eine Stunde vor Sonnenaufgang seinen Posten verlassen will und immer in der Richtung jenes Berges fortgeht, dessen Spitze sich dort erhebt, gleich dem Haupt eines Kriegers, wird er am Abend an die Quelle des Bolo kommen, der seine Wasser in den Kai ergießt. Dort, wo drei mächtige Dattelpalmen ihre Federn in die Luft strecken, möge er das Wort rufen, das ich ihm sagen werde, und er wird einen Blutsfreund finden.‹ Ich überlegte, hin und hergehend die Worte des Mannes, und als ich zu ihm zurückkehrte, war ich entschlossen, seinem Rat zu folgen. Ich sagte es ihm. ›Möge der junge Krieger unbemerkt sich zu mir bücken,‹ sprach er weiter, ›und was ich ihm geben werde in die Hand des Mannes legen, den er bei seinem Verwandten finden wird. Der Name ›Macomo‹ wird ihm Schutz und Beistand sichern, wenn er einem schwarzen Mann begegnet.‹ Ich stolperte wie zufällig über den Trunkenbold und ließ mein Gewehr fallen. Indem ich mich schmähend bückte, es aufzuheben, drückte er mir das Stückchen Haut in die Hand, das ich dir gestern gab, Häuptling. Bald darauf taumelte der seltsame Mensch, der sich mir als Freund erwiesen, der nächsten Branntweinschenke wieder zu und gab vor zwei jungen Fähnrichen für ein Glas Rum den Kriegstanz seines Stammes zum Besten, die Zielscheibe des brutalen Hohns aller Umstehenden, bis er seiner Sinne gänzlich beraubt nochmals zu Boden fiel!« Der Gaika-Häuptling lächelte ernst. »Der junge Abalungo,« sagte er, »sieht mit dem Auge seiner Kameraden. Wenn Macomo, der Sohn der großen Frau der Gaikas, auf seinen Tamtam schlägt, werden tausend Krieger zu Fuß und eine gleiche Zahl auf schnellen Rossen seinem Rufe antworten. Mein Bruder hat wohlgetan, ihm zu folgen.« Gaika erhob sich und kündigte seinen beiden Gefährten an, daß die Zeit zum Übersetzen gekommen. Tzatzoe ging eine kurze Strecke am Ufer entlang, und ein mißvergnügter Ausruf verkündete bald, daß er sich in seinen Erwartungen getäuscht. »Macomo sprach die Wahrheit,« sagte er, »der schwarze Mann, der die weißen Späher begleitet, führt nicht ohne Grund das Bild der Schlange. Es ist Congo , der Fingoe, und verflucht sei sein verräterisches Geschlecht. Die Bambus, welche zum Floß dienen, sind alle fort. Er hat sie mit zum andern Ufer genommen oder sie den Strom hinabtreiben lassen.« Der Fluß war hier etwa dreißig bis vierzig Schritte breit. Der Gaika, seine Büchse, sein Pulverhorn und den Karroß zurücklassend, schritt, nur mit dem Assagai bewaffnet, sogleich in das Wasser, das ihm während des größten Teiles des Überganges bis an die Brust ging, nur in der Mitte brauchte er eine kurze Strecke zu schwimmen. Bald hatte er das Ufer erreicht und rief seinen Freunden zu, herüber zu kommen. Rasch wurden Bambusstöcke ins Kreuz gebunden und an diese der Karroß des Wilden in der Art befestigt, daß er eine hohle Mulde bildete, die breit und leicht auf dem Wasser schwamm. In diese wurden die Gewehre und alle sonstigen Gegenstände gelegt, die man nicht durchnässen lassen wollte, und dann machten sich die beiden Holländer, den improvisierten Kahn vor sich herschiebend, daran, ihren Übergang in gleicher Weise wie der Wilde auszuführen. Sein Ruf führte die beiden zu ihm. »Möge mein weißer Vater die Eindrücke dieser Hufe in dem Boden betrachten,« sagte er, »es sind die beiden Pferde der Weißen, und hier daneben laufen die Spuren vom Mocassin, dieses Hundes von Fingo.« »Der Tau der Nacht steht in den Eindrücken der Pferde.« »Meint der Häuptling, daß unsere Feinde die ganze Nacht fortgezogen sind, oder daß sie in der Nähe gerastet haben?« Tzatzoe wies nach einem etwa eine halbe Meile entfernten, von einigen Zypressen besetzten und von Büschen umgebenen Hügel. »Mein Vater wird dort die Antwort finden.« Nach einem raschen Marsch waren die drei Männer zu der Stelle gelangt, die sich etwa eine englische Meile von dem Flußufer befand, von diesem aber durch die zwischenliegenden Felsen nicht zu sehen war. In der Tat hatten sie auch unter vorsichtiger Annäherung den Raum kaum betreten, als unzweifelhafte Zeichen ihnen bewiesen, daß die Gesellschaft, welche sie verfolgten, die Nacht hier zugebracht hatte. »Kennt der junge Krieger dieses?« Er zeigte dem jungen Holländer einen Bleiknopf, auf dem sich eine Zahl befand. »Es ist ein Knopf von meiner eigenen Kleidung, ein Kamaschenknopf mit der Nummer meines Regiments.« »Wenn der junge Krieger die Knöpfe seines Anzugs zählt, wird er finden, daß sie alle an ihren Stellen sind. Diesen hat einer verloren, der vor wenig Stunden hier an diesem Orte schlief.« »So sind die beiden Weißen Leute meines Regiments?« Der Wilde nickte. »Erzählte mein Bruder nicht, daß er zwei seiner Offiziere im Lager nicht gesehen habe? Erinnert sich der junge Krieger vielleicht, ob diejenigen, welche er meint, in fremden Zungen sprechen können?« »Bei Gott im Himmel, Häuptling, du könntest recht haben. Kapitän Rivers versteht die holländische Sprache und auch etwas vom Kafferndialekt.« »Kennt mein Bruder etwas Besonderes am Gange seines Feindes?« Der Soldat dachte nach und erinnerte sich des ihm beim Reinigen der Stiefeln aufgefallenen Umstandes, der durch einen Knochenbruch in der Jugend veranlaßt worden war, und sagte dies. Der Wilde führte ihn zu jenem Baum, in welchem zwei Fußspuren deutlich zu erkennen waren. Die linke war um etwa einen Viertelzoll breiter als die rechte; das scharfe Auge des Kaffers hatte diesen einem gewöhnlichen Beobachter gewiß unbemerkt gebliebenen Unterschied sogleich entdeckt. »Es ist Rivers,« rief der Gemißhandelte. »Kein Zweifel! Fluch ihm und mir selbst, wenn ich diese Gelegenheit nicht benutze, mich zu rächen.« Nach einer kurzen Verständigung mit dem alten Boor machten sich die drei auf den Weg zur weiteren Verfolgung der Spur –   Die Nachmittagssonne sandte ihre heißen Strahlen bereits in schiefer Richtung auf die weite Ebene von Sand und Lehmboden, die sich zwischen dem Kai und Somo bis zu den Umtata-Bergen erstreckt, als in dieser Richtung eine andere Gesellschaft von drei Personen rüstig zuschritt. Zwei weiße Männer, ihrer Kleidung nach Tochtgänger, schritten neben starken Pferden her, denen durch das bloße Auflegen einer Decke statt des Sattels und einige andere Veränderungen das Aussehen von Saumrossen gegeben und deren Rücken mit verschiedenen Paketen und Fäßchen beladen war. Namentlich bestand die Belastung aus einem Dutzend alter Kommißflinten, ebensolchen Kavallerie-Pistolen, einem Fäßchen Pulver, zwei kleinen Fäßchen Branntwein, Glasperlen und englischen Schnittwaren. Jeder der drei Tochtgänger trug außerdem ein altes Gewehr auf der Schulter, doch hätte ein scharfes, waffenkundiges Auge leicht bemerkt, daß die beiden Flinten der Weißen keineswegs so schlechter Beschaffenheit waren, als ihr Äußeres schließen ließ. Der dritte war ein Wilder, halb Hottentott, halb Kaffer, in zerlumpten Linnenhosen und gleicher Bluse, mit einer Miene voll List und Verschlagenheit. Die englische Sprache, deren sie sich bedienten, und manche andere Anzeichen, auf die sie bei der Abwesenheit aller Gefahr jetzt weniger achteten, verrieten leicht, daß sie diejenigen waren, welche von dem Gaika und seinen Gefährten verfolgt wurden. »Die Fabel, daß wir unsere Ochsenwagen am Kai zurückgelassen haben, weil das Vieh an der Klaauwzinkte Klauenfäule, eine bei den schwierigen Transporten durch das Innere des Kaplandes häufig vorkommende Krankheit der Zugochsen, die sich auf dem steinigen Grund das Horn der Füße durchlaufen. erkrankt, ist nicht übel,« sagte der Ältere der beiden Weißen, »sie wird uns für ein paar Tage helfen, und während dieser wird es uns hoffentlich gelingen, über die Resultate der Versammlung dieser schwarzen Schufte ins klare zu kommen. Wie weit ist es noch bis zum Kraal, Congo?« »Zehn Meilen, Herr, dann werden wir vor dem Wigwam Sandilis stehen. Es ist Zeit, Herr, daß dein Mund die Sprache der Inglishmen verlernt, denn die Bäume und Büsche, denen wir nahe sind, können das Ohr eines Amatosas verbergen.« »Du bist also gewiß, daß eine Versammlung der Häuptlinge im Werke ist?« fragte der Kapitän wiederum den Spion. »Um die Zeit des Vollmonds ist der große Runlho des Stammes, Herr,« berichtete der Fingoe, »und es ist nicht ungewöhnlich, daß der Amapahati zur selben Zeit mit den Jünglingen und Jungfrauen des Volkes die Häuptlinge und Krieger dann zur Beratung zusammenruft.« Sie nahten jetzt dem Ziel ihrer Reise, und als sie aus den dichten Gebüschen hervortraten, bot sich ihren Augen ein ebenso unerwartetes als belebtes Bild. Vor ihnen lag, von der Abendsonne beleuchtet, ein großes, etwa zwei englische Meilen langes Bergplateau, auf dem Amatata, die große Stadt der östlichen Gaikas, stand. Die Hütten, vielleicht dreihundert an der Zahl, lagen um einen sanft aufsteigenden Hügel, auf dessen Spitze ein Kreis riesiger Korkeichen den großen Beratungsplatz des Stammes umgab. Rauchwolken stiegen von den vor jeder Hütte angelegten Feuerungsplätzen empor, um die sich Männer, Frauen und Kinder versammelt hatten. Scharen von jungen Männern und Mädchen, mit den Blüten des Granatenbaumes geschmückt, Zweige in den Händen, zogen zwischen den Wigwams umher unter dem Ruf: »Runlho! Runlho!«, ohne daß jedoch die beiden Geschlechter dabei sich untereinander mischten. Andere Gesellschaften von Kriegern und jungen Männern belustigten sich auf der Ebene, teils auf den kleinen, den schottischen Ponys ähnlichen Pferden des Kaplandes umherjagend, teils im Wettwerfen mit dem Assagai, oder im Schießen mit Pfeil und Flinte, denn die Holländer und Franzosen, und selbst die eigene Habsucht der Engländer, haben bereits dem Kaffer ziemlich zahlreich die Feuerwaffe in die Hand gegeben und ihn ihren tödlichen Gebrauch gelehrt, überall war Jubel, Geschrei, Leben und Bewegung. Die falschen Tochtgänger waren kaum aus dem Dickicht des Waldes getreten, als sie auch sofort von einer jeden Augenblick wachsenden Menge umgeben wurden, die sie zwar nach dem Innern des Kraals zu drängte, jedoch keineswegs feindlich gegen sie verfuhr. Der Anblick der Flinten, welche die Hauptladung der Pferde ausmachten, war unter den obwaltenden Umständen besonders geeignet, die Aufmerksamkeit zu erregen. Man führte sie zu einer der ersten Hütten und reichte ihnen sofort Milch und Fleisch zum Zeichen der Gastfreundschaft. Der Fingoe, vollkommen mit den Dialekten der Stämme vertraut, übernahm alsbald das Amt des Dolmetschers und verbreitete die Nachricht, daß die Bagagewagen der Tochtgänger eine Tagereise weit zurückgeblieben, die Händler aber auf die Nachricht von der Volksversammlung mit einigen Waren vorausgegangen seien. Der Führer benahm sich dabei mit großer Gewandtheit und Kriecherei, denn die freien Kaffern verachten den Fingoe, obgleich er zu ihrem Volk gehört, und betrachten den Stamm als Sklaven der Engländer. Währenddessen hatten Rivers und der Leutnant ihre Tiere abgeladen und begannen ihre Packen zu öffnen und den Handel mit allerlei Kleinigkeiten anzufangen. Während Rivers mit großer Sicherheit die Manieren und Ausdrucksweise eines holländischen Tochtgängers nachahmte, wußte der Leutnant mit gleicher Gewandtheit den Franzosen zu spielen, und das Gemisch von französischen, englischen und nationalen Worten, in denen er sich ausdrückte, hätte wohl selbst einen schärferen Beobachter getäuscht, als es diese Naturkinder waren. Das Gerücht von der Ankunft der Tochtgänger hatte sich bald durch das ganze Dorf verbreitet, als sie durch zwei Krieger auf den Versammlungsplatz der Amapahati und vor den berühmten ersten Häuptling der Gaikas, Sandili, beschieden wurden, der, an Stelle seiner Mutter, der alten Königin Suta, die Herrschaft über die Stämme führte und der erbittertste und gefährlichste Feind der Engländer war. Die Abenteurer hatten rasch ihr Gepäck wieder zusammengerafft und auf die Pferde geladen und folgten ihren Führern zu dem Hügel, wo die Vornehmen und Weisen des Volkes versammelt waren. Es war unterdes Abend geworden, und die kurze Dämmerung der Tropen ging rasch in das Dunkel über, das jedoch von hundert Feuern erhellt wurde. Ein solches brannte in der Mitte des Platzes, aus dem sie jetzt erschienen, und beleuchtete die dunklen Gesichter der Männer, die in einem großen Kreise umhersaßen und lagen. Es waren zum Teil Männer, die in dem ausbrechenden Kriege eine große Rolle spielen sollten: Umhala, das mächtige Oberhaupt der H'Llambins, mit seinen Unterhäuptlingen Pato und Siwani, die beiden Söhne Macomos: Kona und Namba, Kreli, der Führer der Tamboolies, und die Häuptlinge der Gaikas: Stoch, Thlathla, Zana und Faudala . Nicht ohne einige Gefühle neuer Besorgnis bemerkten die Offiziere unter den Wilden mehrere weiße Männer mit entschlossenen Gesichtern und einen ganz von diesen verschiedenen Mann, dessen ganze Haltung und Aussehen, der scharfe, entschlossene Blick der Augen und der wohlgestutzte Schnurr- und Knebelbart ihn jedoch als Soldaten und Europäer erkennen ließen. Die Führer der Tochtgänger geleiteten sie nach dem anderen Ende des Kreises. Sie standen vor Sandili, dem Oberhäuptling, und der Königin Suta . Die greise, achtzigjährige Frau, von Alter und Krankheit gebeugt, kauerte auf einer mit Matten bedeckten Erderhöhung, den Rücken an ein Felsstück gelehnt. Neben ihr kniete ein überraschend schönes Kaffernmädchen in der Urnatürlichkeit der Volkstracht, aber Arme, Brust und Knöchel reich mit goldenen Ringen und bunten Glasperlen geschmückt, in dem wohlgeflochtenen Haar einen Kranz von Granatblüten und um die Hüfte eine Lendenschürze von weißer Wolle, das Zeichen, daß sie heute zum ersten Male dem Runlho bestimmt sei. Das schöne, große, ausdrucksvolle Auge richtete sich beim Erscheinen auf die Fremden, begegnete dem Blick des Leutnants und blieb mit dem Ausdruck des wachsenden Erstaunens auf ihm haften. Edward erbebte – er erkannte sofort in dem Mädchen Gulma, die schöne Kafferin, und fühlte, daß auch er, trotz seiner Entstellung und Verkleidung, von ihr erkannt sein müsse. Er sah, wie die Lippen der Kafferin sich zum Ruf an ihre Umgebung öffneten, wie ihre Hand sich hob, auf ihn zu deuten, und unwillkürlich, von der furchtbaren Gefahr überwältigt, faltete er die Hände und heftete einen bittenden, flehenden Blick auf das Mädchen. Einen Augenblick schwankte er in bangem Zweifel – dann sah er, wie ihr Mund sich schloß, ein Finger sich an die Lippen hob und ihr hübsches Gesicht sich senkte. Sandili, der Vater Gulmas, war eine hohe Gestalt mit einem männlich schönen Gesicht, auf welchem die ruhige Würde eines großen Häuptlings lag. In der Nähe Sandilis standen die weißen Männer. Sein forschendes, stolzes Auge heftete sich fest auf die Ankömmlinge; er wartete einige Augenblicke, ehe er das Schweigen brach. »Fliegen die weißen Raben durch die Wüste der schwarzen Männer, wenn der Sturm weht?« fragte er in der bilderreichen Sprache seines Volkes in gebrochenem Englisch. »Wissen die Händler der Abalungos nicht, daß Streit ist zwischen meinem und ihrem Volk?« Der Kapitän war jedoch zu gewandt und wohlvorbereitet, um in die Falle zu gehen, und antwortete in holländischer Sprache mit einer anderen Frage: »Hat der Incosi Inculu der Gaikas die Smause je als Feinde auf seinem Wege gefunden? – Sie hassen die Rotröcke wie du und bringen seinem Volke das Pulver und die weittragenden Flinten.« Der Kapitän nahm zum Beweise seiner Worte einige der Gewehre und legte sie vor dem Häuptling nieder; dieser aber tat einen Schritt vor, hob das Fell, das einen der Packen bedeckte, auf und zeigte auf die Branntweinfäßchen. »Ist dies das Pulver, das die Smause den Gaikas bringen will?« Der scharfe Geruchssinn des Wilden hatte ihm das Gift verraten, das schon so viele seines Volkes verderbt hatte. Im ersten Augenblick war der Kapitän verdutzt, dann aber antwortete er rasch: »Der Incosi Inculu weiß, daß eine arme Smause mit allem handelt; der Feuertrank ist für die Ooms aus ihrem Volke bestimmt, denen er auf seinem Trekken begegnen wird. Das Pulver ist das Eigentum dieses französischen Händlers. Der Häuptling weiß, daß die Rotröcke den Dütchmen nicht gestatten, damit zu handeln.« Das Auge des Oberhauptes wandte sich lebhaft auf den jungen Mann bei der Erwähnung der Eigenschaften desselben als Franzose. »Wenn mein Sohn von dem Volke stammt, das der Feind der Inglishmen ist, so wird er seine Sprache verstehen?« Der junge Mann bejahte es. »So möge die junge Smause mit ihrem Bruder reden und ihm sagen, woher sie kommt und was sie weiß von den Feinden der schwarzen Männer.« Der Häuptling winkte zugleich den fremden Weißen, dessen militärisches Aussehen den verkleideten Offizieren schon früher aufgefallen war, heran. »Mein Bruder Tzatzoe, der seine Sprache redet, ist mit dem weisen Vater der Dütchmen noch auf dem Kriegspfad und fehlt am Beratungsfeuer. Möge der weiße Krieger, der unser Freund ist, prüfen, ob diese Smause von seiner Nation ist?« Delafosse stammte aus einer Emigrantenfamilie, die sich in England niedergelassen, und sprach das Französische als zweite Muttersprache. Er erzählte daher geläufig nach dem vorher besprochenen Plan, daß er der Kommis einer französischen Handlung auf Sankt Mauritius sei, die, trotz der strengen britischen Aufsicht, einen ausgedehnten Schmuggelhandel an den Ostküsten Afrikas treibe und holländische Händler mit den verbotenen Waren versorge. Es sei ihnen kürzlich gelungen, eine Ladung in die Mündung des Kai zu schmuggeln, und mehrere französische und holländische Tochtgänger wären in diesem Augenblicke damit beschäftigt, sie durch das Land zu verbreiten. Der Dialekt des jungen Mannes war so unverfälscht, der Schmuggelhandel und Tochtgang eine so häufig vorkommende Sache, daß der Franzose keineswegs Verdacht schöpfte und jedes Mißtrauen des Häuptlings beseitigte. Während dieses Gesprächs war auch Rivers nicht müßig gewesen und hatte sich in ein solches mit den drei oder vier Booren eingelassen, die in der Versammlung der Wilden anwesend waren, und sich ohne weiteres jetzt zu ihm drängten, um das willkommene »Gut«, den Branntwein, zu probieren. Das Holländisch, welches Rivers sprach, genügte vollkommen, sie zu überzeugen, daß er, wenn ihnen auch persönlich unbekannt, ein echter Tochtgänger sei, denn selten versteht ein Engländer die Sprache der unterdrückten Kolonisten. Er gab, um sich das Vertrauen zu sichern, eine Menge teils wahrer, teils falscher Nachrichten von der Stellung der englischen Streitmacht jenseits des Kai und hörte dafür von den arglosen Booren, daß sie die Abgesandten der in der Boomplaatsschlacht zerstreuten Kolonisten und der Ansiedler im Viktoria-Lande (Port Natal) seien, die sich mit den Kafferstämmen in dem drohenden Kriege diesmal gegen ihre englischen Unterdrücker zu verbinden gewillt wären. Diese verschiedenen Umstände hatten den Verdacht der Kaffern ganz beseitigt, und es hatte sich bereits ein lebhafter Handel entsponnen, während dessen Sandili und der französische Agent bemüht waren, noch Nachrichten über die feindliche Stellung einzuziehen. Der Fingoe besorgte unterdessen den Handel mit den Kaffern. Der Kapitän hatte an die einzelnen Häuptlinge und deren Weiber einige kleine Geschenke von Tabak, Ringen und Glasperlen verteilt, wobei es ihm gelungen war, mit einem bedeutsamen Blick dem Medizinmann ein Päckchen mit Gold in die Hand zu drücken; Edward aber hatte zwei schöne Schnuren von Bernsteinperlen genommen und diese der alten Königin und deren Enkelin übergeben. Die Augen begegneten sich dabei, und er glaubte in den ihrigen das Versprechen des Schweigens mit der Mahnung zur Vorsicht zu lesen. Der Name »Tzatzoe!« und »Oom Pretorius!« lief durch die Menge; der Kreis, der sich um die Händler gebildet, gab Raum, und hindurch auf die Hauptgruppe zu schritt der Häuptling der westlichen Gaikastämme, dem wir zu Anfang unseres Kapitels an der Furt des Kai begegnet sind, mit dem Anführer der aufständischen Booren. Sandili bewillkommnete mit großer Freude die Angekommenen, denn auf sie hatte man gewartet, um die Beratungen zu beginnen. »Wenn es der Incosi Iculu aller Gaikas gestattet,« sagte Tzatzoe in der Sprache seines Volkes, »möchte ich diese beiden Männer noch um einiges fragen, bevor sie ihr Wigwam suchen für die Nacht, die unserer großen Mutter geheiligt ist. Tzatzoe ist gewohnt, den weißen Gesichtern nicht zu trauen, wenn er sie nicht viele Sommer kennt.« »Tzatzoe ist ein großer Häuptling,« erwiderte Sandili, »aber wir haben diese Männer geprüft und nichts Verdächtiges an ihnen gefunden.« »Vielleicht vermögen sie uns eine Nachricht zu bringen von Macomo,« beharrte der Häuptling. »Erlaubt mein Bruder, sie danach zu fragen?« Der Oberhäuptling nickte ungeduldig Gewährung, denn es drängte ihn, zu dem wichtigen Geschäft des Abends zu kommen. Rivers hatte mit Ungeduld und Besorgnis die neue Gefahr gesehen, und man mußte ihr kühn die Stirn bieten. Dabei aber gefiel ihm weder das Aussehen des Häuptlings, noch des Boors, und seine Besorgnis wurde noch gesteigert, als er sich niederbückte, um ein Paket zusammenzubinden und der Fingoe ihm dabei ins Ohr flüsterte: »Hüte dich und eile zu den Pferden!« Im nächsten Augenblick bemerkte er, daß der schwarze Führer durch eine geschickte Bewegung von seiner Seite glitt und in dem Gedränge verschwand. Er hatte weder Zeit noch Gelegenheit, dem Leutnant einen Wink zu geben und versicherte sich nur durch einen raschen Griff, daß der Revolver unter seinem Jagdhemd handgerecht lag. »Haben die Smause der weißen Männer gehört, wie es einem Häuptling meines Volkes, Namens Macomo, geht, der bei ihren Brüdern in der festen Stadt am Keiskamma wohnt, und bringen sie uns vielleicht Botschaft von ihm?« Rivers schüttelte den Kopf. »Wir haben Fort Cox schon vor zehn Tagen verlassen,« sagte er in holländischer Sprache. »Damals trieb sich allerdings ein trunkener Kaffer dort umher, der sich Macomo nannte, aber wir kennen ihn nicht weiter.« »So hab' ich kürzere Botschaft,« sagte der Häuptling mit einem scharfen Blick. »Macomo hat uns dies gesandt, und der Bote verließ das Fort der weißen Männer vor zwei Nächten.« – Er reichte an Sandili die Haut mit den Hieroglyphen. »Ich höre, die Smause haben ihre Wagen auf dem Wege hierher zurückgelassen,« wandte er sich dann in französischer Sprache an Delafosse. »Will mein junger Bruder mir sagen, wo er ihre Spur verloren hat?« »Am Bolofluß beim Übergang über den Kai,« sagte der junge Mann rasch. »Die Smause wird sich irren, oder ihr Gedächtnis ist zu kurz,« bemerkte mit spöttischem Lächeln der Kaffer. »Tzatzoe und der Vater der Booren sind an den Ufern des Bolo und des Knebia umhergestreift seit vier Sonnen, doch sie haben keinen Tochtwagen gesehen. Aber sie haben die Spuren zweier weißer Hunde gefunden und eines braunen, die nach dem Lager der Gaikas gingen, um die Dienste des Schakal zu verrichten, der nach der Beute des Löwen späht. Die Smause hebe ihr Angesicht in die Höhe und sage mir, ob sie jenen Fremdling kennt?« Seine ausgestreckte Hand zeigte nach einer Stelle, von der Pretorius, der Boor, zurückgetreten war. Der Blick des Kapitäns wandte sich dahin, und sein Auge erkannte den Todfeind. Mit der Schnelle des Gedankens hatte er den Revolver aus der Bluse gerissen, und der Schuß krachte nach dem jungen Holländer hin. Aber eine rasche Bewegung, die dieser gemacht, um sich auf den Feind zu werfen, rettete ihn, und die Kugel schlug in die unbeschützte Brust eines grimmigen Kaffernkriegers. Die unerwartete Entwicklung war so plötzlich gekommen, daß Rivers wirklich den dichten Kreis der Kaffern hinter sich durchbrach, ehe diese noch zur Besinnung gekommen waren. Dennoch wäre er gewiß nicht dem raschen Zuspringen des Kaffernhäuptlings und der Verfolgung des jungen Holländers entgangen, wenn Delafosse nicht mit edelmütiger Preisgebung des eigenen Lebens seine Flucht gedeckt und sich Tzatzoe entgegengeworfen hätte, den Wurf seines Assagai zur Seite lenkend. Im nächsten Augenblick war er zu Boden gerissen, und über ihn hinweg stürmten die rasenden Häuptlinge und Krieger dem Flüchtigen nach. Dieser hatte jedoch schon den Fuß des Hügels erreicht, wo er zwei dunkle große Gestalten im Schein der Feuer halten sah. Es war Congo, der Fingoe, der die beiden Pferde rasch hierher geleitet hatte und bereits auf einem saß. Der Kapitän legte die Hände auf den Hinterteil des Rosses und sprang mit einem Satz auf den Rücken desselben, und im nächsten Augenblick sprengten die beiden Rosse in rasendem Lauf über die Hochebene mitten durch die Feuer des Kraals hindurch. Der Tumult war schrecklich. Zahllose Pfeil- und Flintenschüsse folgten alsbald den Flüchtigen, aber Entfernung und Dunkelheit schützten sie bereits. Wild rannte alles durcheinander, und eine Zahl von etwa zwölf Kriegern mit Tzatzoe und Pieter Pretorius folgten den Fliehenden. Während der ersten Verwirrung hatte sich niemand um den zweiten Engländer gekümmert, der halb betäubt dalag und erst wieder zum vollen Bewußtsein seiner Lage kam, als Gulma auf einen Wink des Medizinmann ihn ergriff und zu den Füßen ihrer Großmutter schleppte, so daß seine Hand deren Mantel berühren konnte. Dies rettete ihn vom augenblicklichen Tode; denn nach der Sitte der Stämme kann ein Verbrecher, dem es gelungen, die Person der Königin oder »großen Frau« zu berühren, nur auf den Beschluß der Amapahati getötet werden. Mitten zwischen den wütenden Lärm und diesen weithin übertönend dröhnte der majestätische Klang eines riesigen Tamtam in drei langverhallenden Schlägen. Gleich als übe der mächtige Klang eine Zauberwirkung aus, so folgte plötzlich eine allgemeine Stille und Bewegungslosigkeit dem Ton; und dann erklang eine gewaltige Stimme von der Spitze des Hügels her in dem Ruf: »Runlho! Runlho!« Das ganze Volk hatte sich auf den Boden geworfen und stimmte einen Gesang an zu Ehren Atalmas, der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit. Dann sammelten sich die jungen unverheirateten Männer und die Mädchen und stellten sich getrennt voneinander zum Zuge nach dem Beratungshügel auf. Die Mitglieder des Amapahati mit den Häuptlingen stellten sich zur rechten Seite der alten Königin, die andere blieb frei. Noch immer, von den Kriegern mit finsteren Blicken bewacht, stand Edward Delafosse, sein Schicksal erwartend, in der Nähe der alten Frau. Jetzt nahte unter den Klängen unsichtbarer Tamtamschläger der Zug der Mädchen dem Ort, Gulma an ihrer Spitze, und stellte sich auf der anderen Seite der Königin auf, zunächst, mit der weißen Schürze geschmückt, die Jungfrauen, die zum erstenmal zum Opfer des Runlho bestimmt waren. Auf ein Zeichen des Tsanuse, des Medizinmannes, begann der langsame Zug der jungen Männer. So wie sie einzeln an dem Sitz der alten Königin vorbeigingen, beugten sie sich, und eines der weißgeschürzten Mädchen trat hervor und gab dem Manne ihrer Wahl den Granatenzweig aus ihren Haaren, worauf dieser sie hinwegführte. Die Jungfrauen des Stammes, die zum erstenmal das Runlho feiern, genießen das Recht, den Gefährten zu wählen. Jüngling auf Jüngling zog vorüber, aber noch immer nicht hatte sich Gulma, die Tochter des Oberhäuptlings, von ihrem Platz gerührt. Ein allgemeines Schweigen herrschte in dem Kreise, abseits standen noch mehrere der jungen Männer, die übrig geblieben waren, darunter die Gebrüder Kona und Namba, als sich Sandili jetzt mit strenger Miene an seine Tochter wandte. »Es ist ungewöhnlich und gegen das Gesetz Atalmas,« sagte er, »daß eine Jungfrau bei dem Runlho zurückbleibt, ohne den Mann zu wählen, um die Pflicht gegen ihr Volk zu erfüllen.« Sie hob langsam das Haupt und nahm die Granatblüte aus ihrem Haar. »Befiehlt der Häuptling, mein Vater, daß ich wähle nach meinem Willen?« fragte sie mit leiser Stimme. »Ich befehle es!« rief ungeduldig Sandili. »Das Kind meines Blutes darf die Sitten seines Volkes nicht gering achten.« Das Mädchen trat verlegen einen Schritt vor, dann blieb sie vor dem jungen Engländer stehen, reichte ihm den Granatenzweig und kreuzte die Arme über ihre Brust zum Zeichen des Gehorsams. »Hat meine Tochter das Licht des Geistes verloren,« schrie der stolze Oberhäuptling, »oder wagt sie es, ihr Volk zu verhöhnen, daß sie seinen Feind wählt?« Er wollte sie fortreißen, aber das Mädchen klammerte sich an die alte Königin an. »Schütze mich, Mutter, um der Liebe Utikas willen, schütze das Recht Gulmas!« Die alte Frau richtete sich halb empor und streckte die Hand aus. »Wer wagt es, den Frieden des Runlho zu stören, nachdem das Gesicht Atalmas über die Berge emporgestiegen ist? Möge mein Kind ihn zu ihrer Hütte nehmen und ihn morgen, wenn die Sonne aus dem großen Salzsee steigt, hierher zurückführen, daß ihm geschehe, wie der Amapahati mit ihm beschlossen haben wird. Utika, der Schöne, segne deinen Schoß in dieser Nacht!« Keiner der Häuptlinge und Krieger hätte es nach dieser Entscheidung gewagt, hindernd dazwischen zu treten.   An der Hand des jetzt in Verwirrung und Scham zitternden Mädchens schritt Edward willenlos immer weiter hinein in die vom Mondstrahl mit seinem bleichen, alle Farben aufsaugenden Licht überzogene Fläche. Auf dem Wege kamen sie an einer Menge von Hütten oder Lauben vorüber, die aus Zweigen und Ästen flüchtig erbaut und über die ganze Ebene zerstreut, unter ihrer dichten Blätterhülle ein süßes Geheimnis zu verbergen schienen. Leises, zärtliches Flüstern – süßes, schwellendes Seufzen aus wild erregter Brust: – im Nachthauch, der aus den Schluchten des Gebirges strich, erstarben die leisen, leidenschaftlichen Laute. Sie stand still; eine Laubhütte, von Ästen und Zweigen des Orangenbaumes gebildet, war vor ihnen und zeigte ihre dunkle Öffnung. Die junge Wilde hatte das Haupt gesenkt, sie wagte nicht, den Blick emporzuschlagen. »Wir sind zur Stelle, Herr,« flüsterten die roten Lippen. »Verzeihe, aber es war das einzige Mittel, dich zu retten, der so freundlich und gütig zu dem armen Kaffernmädchen sprach, als sie auf das Geheiß ihres Vaters mit den Frauen ihres Volkes im Lager der weißen Krieger war. Utika streckt die Hand über alle guten Menschen. Meint der junge Krieger der Abalungos, daß Gulma ihn hierher geführt hätte, wenn sie nicht wenigstens versuchen wollte, ihn zu retten vor schlimmem Tode? – Aber Atalma mit seinem bleichen Gesicht steht hoch am Himmelsdom und wirft seinen verräterischen Strahl über die Wigwams der Gaikas, und ihr Auge ist scharf, ihr Ohr wachsam für die Tritte des Feindes. Erst wenn das bleiche Gesicht hinter der Spitze des Pavian-Berges steht und seine Schatten über die Ebene wirft, wird Gulma versuchen, ob sie einen Pfad frei findet für ihren weißen Freund.« »Und bis dahin...« »Muß der junge Krieger sich gedulden und den Platz einnehmen in dieser Hütte, damit die Leute meines Stammes denken, daß er sich ihrer Sitte gefügt und kein spähendes Auge ihn entdeckt und bewacht.« Höher und höher stieg das bleiche Gesicht Atalmas am glänzenden Nachthimmel – eine Stunde war verronnen – durch die Blätter der Kork-Eiche, in den Zweigen und Blumen der Laubhütte rauschte der Wind des Gebirges und flüsterte seltsame Fragen und Melodien – drüben am Kraal erloschen die Feuer der Kaffern. In das Flüstern des Nachtwindes, in das Rauschen der Blätter und den leisen, klagenden Ton des Spottvogels mischte sich ein anderer Laut – leise – schmerzlich verhalten, mühsam unterdrückt. – – »Gulma – du weinst?« Da brach es wie ein gewaltiger Strom, der im mächtigen Drang die Dämme überflutet und alle Ordnung des gewohnten Zwanges hinwegreißt, aus den dunklen Augen des dunklen Kaffernmädchens in vollen, heißen Tränen, und der jugendliche Marmorbusen hob sich wie stürmische See in schmerzlichem Stöhnen eines tiefverwundeten Herzens. »Gulma!« Seine ausgestreckte Hand traf die Locken des Mädchens, ihre Wange, ihren Mund, und wurde von ihr stürmisch an diesen gedrückt und geküßt. Dann glitt sie fieberzitternd weiter über weiche, reizende Formen und umschlang das weinende Mädchen und zog sie näher und näher, und die heißen Tränen des Schmerzes wurden süße, selige Ströme und das Schmerzensstöhnen des Busens zum Klagelaut des Entzückens! – – Runlho! – Runlho!   Mitternacht war vorüber, als eine dunkle, schlanke Gestalt aus dem Schutz der mächtigen Korkeichen glitt und gleich dem flüchtigen Windhauch über die Ebene dahineilte. Plötzlich aber stockte ihr Fuß, denn vor ihr erhob sich wie aus dem Boden gestiegen ein anderer dunkler Schatten. Das Mädchen – denn Gulma war die Eilende – erschrak; im nächsten Augenblick aber erkannte sie auch die Gestalt: es war der Tsanuse – gerade der Mann, den sie suchte. »Wohin eilt die Tochter des Häuptlings,« fragte der Zauberer, »in der Nacht, da sie an der Seite dessen weilen darf, den sie liebt?« »Eben weil ich ihn liebe,« sagte das Mädchen entschlossen, »suchte ich dich auf. Höre mich an,« sagte das junge Weib, »ich weiß, du liebst das Gold über alles, und mein scharfes Auge hat heute abend einen Umstand bemerkt, der, wenn ich ihn morgen dem Rat der Häuptlinge erzähle, dich verderben muß. Ich sah, wie du heimlich etwas nahmst, das dir der entflohene Inglishman zusteckte. Rette seinen Gefährten, den Jüngling, der an meinem Herzen gelegen, und du sollst die Spangen haben, die meinen Arm und Fuß einschließen.« »Laß mich mit dem Inglishman selber sprechen,« erwiderte klug der Zauberer. »Mein Ohr ist offen, und deine Worte sind nicht vergeblich hineingefallen. Führe ihn vorsichtig an den Stamm jenes Baumes, wo uns niemand belauschen kann.« Gulma entfernte sich so eilig, als sie gekommen war, und bald darauf brachte sie mit gleicher Vorsicht Edward Delafosse herbei. »Meine Tochter möge aufpassen, daß uns kein Späher belausche,« sagte der Tsanuse, welcher nicht wünschte, daß das Mädchen von seiner geheimen Verbindung mit den Engländern Kenntnis erhielte. »Hat der junge Krieger von dem roten Golde der Inglishmen bei sich, was er an seine Befreiung setzen kann?« fragte er. »Ich habe zwanzig Guineen bei mir,« erwiderte der junge Mann, »und bin bereit, sie dir zu geben, wenn du mich aus dieser verdammten Lage befreien willst, Mann. Vermagst du mir Nachricht zu geben, ob meine entflohenen Gefährten glücklich entkommen sind?« »Man hat sie bis zu der Affenschlucht verfolgt, wo die Ebene des Kraals endet, und die Tollkühnen sind mit ihren Rossen da hinuntergejagt, wo selbst der kühne Jäger des Springbocks beim Lichte des Tages nur mit Gefahr einen Weg zum Niedersteigen findet. Man sah sie am Rand verschwinden, und ihre Leiber müssen zerschmettert in der Tiefe liegen. Wenn das große Gestirn des Tages emporgestiegen, wird eine Schar ausziehen, die Toten zu suchen. Der junge Abalungo muß bis dahin fern sein von dieser Stelle.« »Aber wie soll ich entkommen?« »Mein Sohn öffne seine Ohren, ehe wir das Mädchen zurückrufen, das sein Lager geteilt hat. Sie liebt meinen Sohn und wird uns helfen. Wenn der junge Krieger zu den Seinen kommt, möge er dem großen Führer berichten, daß der Amapahati aller südlichen Kaffernstämme einen großen Krieg beschlossen hat. Auch die Zulus und die Dütchmen werden in Haufen herbeiziehen, und sie werden die Dickichte des Kai verteidigen mit ihren Leibern. Sandili ist ein großer Häuptling, und seinem Ruf folgen zehntausend Krieger. Der Sohn des großen Königs, den die Inglishmen getötet haben auf dem Eiland im Meer, in das die Sonne am Abend sinkt, hat den Kaffern seine Hilfe zugesagt. Sein Bote ist unter ihnen, und viel Pulver und Flinten lagern verborgen am Strande des Meeres. In der vierten Nacht von heute wird Sandili mit seinen Kriegern über den Kabusi gehen und die festen Städte der Inglishmen am Büffelgebirge angreifen.« Der Offizier hatte aufmerksam den in gebrochenem Englisch ihm gegebenen Mitteilungen zugehört. »Das sind wichtige Nachrichten,« sagte er, »indes wie soll ich sie dem General überbringen?« Der Tsanuse rief leise das Mädchen, das sogleich herbeikam. »Die sämtlichen Ausgänge der Ebene sind von deinem Vater mit Wachen besetzt,« berichtete er. »Der Tsanuse hat jedoch ein Mittel, ungesehen den jungen Krieger an den Fuß der Felsen zu bringen. Aber dieser ist ein Kind in der Wildnis. Wie soll er zu seinen Landsleuten kommen, ohne daß ihn am Morgen unsere jungen Männer fangen?« »Ich werde ihn geleiten,« sagte einfach das Mädchen. »Bedenkt aber meine Tochter, welcher Gefahr sie sich aussetzt, wenn am Morgen der Oberhäuptling sie nicht findet?« »Ich werde da sein, wenn die Nacht wiederum auf den Kral der Gaikas sinkt. Der weise Mann möge mir dann ein Mittel gewähren, in den Schutz der Königin zu gelangen. Gulma kann für den Mann sterben, dessen Weib sie geworden.« »So höre mich an, Kind, aber gelobe mir zuvor, wenn du zurückkehrst, keinem zu sagen, was du gesehen.« »Ich schwöre es bei Utika, dem Schönen.« »Du kennst meinen Wigwam an der Wand des Paviansberges. Du mußt den Abalungo heimlich dahin bringen, indes ich Namba, der am Fuß des Berges Wache hält, beschäftige. Meine Tochter möge dreist durch den Wigwam schreiten und an seinem Ende die Büffelhaut heben, die sie dort finden wird.« Nach wenigen Fragen noch über die Richtung, welche sie in die Höhle, von deren Dasein sie das erste Mal hörte, zu nehmen habe, erklärte sich das Mädchen bereit zu dem gefährlichen Wege. Delafosse hielt noch einen Augenblick den Zauberer an. »Ich bin nur ungenügend bewaffnet. Wenn wir verfolgt werden, vermag ich mich nur schlecht zu verteidigen.« »Der junge Krieger,« sagte der Betrüger leise, »möge mir sein Gold geben. Wenn er auf die andere Seite dieser Eiche tritt, wird er an ihrem Stamme seine Flinte finden. Das Pulverhorn trägt er noch an seinem Gürtel.« Damit machte er sich eilig in der angedeuteten Richtung davon. Der junge Offizier fand, wie es ihm der Tsanuse versprochen, das von diesem bei Seite gebrachte Gewehr hinter dem Stamme. Das Kaffernmädchen ergriff die Hand des jungen Mannes und schlug mit ihm vorsichtig die Richtung nach dem Paviansberge ein. Als sie im Schutz der Felsen und in gebückter Stellung näher schlichen, hörten sie die Stimme ihres Verbündeten, der mit Namba und zwei älteren Kriegern der Gaikas sprach. Das Mädchen voran, begannen sie die Bergklippe zu erklimmen, welche den Wigwam des Zauberers etwa 100 Fuß hoch über der Ebene trug. Nach einem mühsamen und gefährlichen halbstündigen Klettern erreichten sie endlich die Felsenplatte, auf welcher der Wigwam des Tsanuse stand. Nachdem beide durch den Eingang, der, wie bei allen Wigwams der Kaffern, zum Schutz gegen den Besuch wilder Tiere sehr niedrig war, hineingekrochen waren, diesmal der Engländer voran, machte er mit einem Feuerzeug, das er in seiner Jagdtasche bei sich trug, Licht und zündete ein kleines Stück Kerze an, das ihnen hinreichend die Umgebung erhellte. Das Innere des Wigwams bot übrigens einen seltsamen und auf ein dem Aberglauben offenes Gemüt wirkenden Anblick dar. Ringsumher an der Wand waren gebleichte Tierschädel befestigt, zwischen dem riesigen Kopf des Elefanten und Rhinozeros mit den langen Stoßhörnern die Schädel von Antilopen, Alligators, Springböcken, wilden Hunden, Panthern und Löwen. Dazu hingen von der Decke große getrocknete Schlangenhäute und Eidechsen mit Bündeln von Straußenfedern und allerlei Kräutern der Wüste. Beide sahen sich nach dem geheimen Ausgang um und fanden ihn nach kurzem Suchen. Hinter einer großen Löwenhaut trafen sie einen, wohl mannshohen, ziemlich engen Felsenspalt, der sich aber, als sie hineinleuchteten, in kurzer Entfernung schon breiter erwies und in sanfter Abdachung tief in das Innere des Berges zu führen schien. Nachdem sie sich mit mehreren der Kienspäne, die am Eingang der Höhle aufgehäuft waren, versehen und einen derselben angezündet hatten, traten sie ihren Weg eilig an, denn sie wußten, daß die Schwierigkeit der Flucht mit jedem Augenblick wuchs. Die Wölbung wurde schon nach fünfzig Schritten so hoch und geräumig, daß das Licht ihrer Fackel deren Umfang nicht mehr erleuchtete: die Fußspuren in dem weichen Sande des Bodens zeigten ihnen die Richtung, die sie zu verfolgen hatten. Sie hatten den dritten Span in Brand gesetzt, als sie den frischen Hauch der Nachtluft sich entgegenwehen fühlten und, nachdem sie um eine Wendung der Höhle geschritten waren, durch eine Öffnung zwischen Gesträuch und langen Kaktusgewinden den hellen Strahl des Mondes leuchten sahen. Sie begriffen sogleich, daß sie auf der Südseite des Berges und außerhalb des Plateaus des Gaika-Krals standen. Vorsichtig schritten sie, nachdem die Fackel ausgelöscht war, bis an den Rand des Ausganges und sahen hier zu ihrem neuen Schrecken den Felsen etwa 40 Fuß senkrecht abfallen. Bei Überlegung jedoch, daß der Tsanuse selbst hier irgend ein Hilfsmittel besitzen müsse, um diesen Ausgang benutzen zu können, und nach sorgfältigem Umhertasten fanden sie auch an einem Felsvorsprung im Innern befestigt ein langes Seil von Aloefasern, in das auf jede Armeslänge ein kurzer Stab von hartem Holze eingeknüpft war. Der Gebrauch lag nahe, und als sie es über den Rand der Felsenöffnung geworfen, überzeugten sie sich, daß es bis zum Ende der Felswand reichte, wo diese in eine schmale Regenschlucht auslief. Rasch stiegen sie hinab, das Mädchen zuerst, und folgten dann der Schlucht, die sie nach einem mühsamen Wege ins Tal führte. Hier machten sie einen Augenblick Halt, um sich auszuruhen. »Durch des Himmels und deine Hilfe, Mädchen,« sagte der Offizier, »bin ich einem schrecklichen Tode von der Hand deiner Landsleute entgangen. Wo aber sollen wir uns nun hinwenden?« »Kennt der junge Krieger die Station des weißen Vaters mit dem schwarzen Gewande, der von eurem Gotte erzählt, an den Ufern des Somo?« »Du meinst das Haus des Missionars? Ich hörte davon.« »Es ist der nächste Ort, wo der weiße Mann wohnt. Wenn der junge Krieger befiehlt, wird ihn Gulma dahingeleiten. Ehe die Sonne im Mittag steht, werden wir dort sein.« »Wohlan, Mädchen – ich vertraue mich ganz deiner Leitung, und wenn du es willst, sollst du mich nicht wieder verlassen.« Er hatte ihre Hand gefaßt, zog sie an sich und küßte sie auf die züchtig errötende Stirn, und dann setzte das junge Paar seinen Weg fort. Der Mond war untergegangen und die erste Dämmerung begann eben das Tal, durch das sie schritten, zu lichten, als das Mädchen plötzlich den Arm ihres Begleiters faßte und, ihn festhaltend, nach einer Seitenöffnung des Grundes deutete, aus der zwei dunkle Gestalten emporstiegen. Im Nu hatte Edward die Flinte an der Wange, aber auch die Fremden hatten ihn erblickt, und beide, mit Gewehren bewaffnet, richteten die tödliche Mündung auf sie. »Tritt hinter mich, Mädchen,« sagte der junge Mann. »Sie sollen mich wenigstens nicht lebendig wieder fangen.« Er nahm fest den größten der Gegner aufs Korn und legte den Finger an den Drücker. Im nächsten Augenblick – – – – – Ein Duell in San Franzisko Der Maharadschah, dessen Eintritt der feierlichen Ankündigung des Tigerjägers Mac Scott auf dem Fuße folgte, hatte nicht im entferntesten etwas, was an seine indische Heimat, an den Rajah erinnerte. Der Eintretende schien direkt aus den fashionablen Salons von London, Paris oder St. Petersburg zu kommen. Es war ein junger Mann von etwa 27 bis 28 Jahren, von mittlerer Größe und jenem feinen, anscheinend fast weichlichen Wuchs, den man bei den meisten Stämmen und Klassen der Hindus findet. Die Persönlichkeit des jungen Maharadschah von Bithoor war eine so ganz unerwartete, daß auch nach seinem Eintritt das Schweigen der zahlreichen Versammlung dasselbe blieb. Einen Augenblick stand der indische Prinz still und sein ruhiges, mattes Auge schien die Reihe der Anwesenden zu überblicken; diese kurze Zeit aber hatte vollkommen genügt, ihn zu orientieren, und er schritt sogleich weiter und gerade auf den Grafen zu. »Monseigneur,« sagte er im geläufigen Französisch, »ich bitte Sie um die Erlaubnis, mich Ihnen vorstellen zu dürfen, und bedaure sehr, daß dies erst an dieser Stelle geschieht, da ich leider bis jetzt verhindert war, dem berühmten Ritter und Verteidiger der Legitimität meinen Besuch zu machen.« Der Graf war so erstaunt und überrascht durch diese ungezwungene Höflichkeit, die sich gerierte, als befände er sich allein mit ihm in seinem Salon der Faubourg St. Germain. »Mein Herr, Ihre Höflichkeit ehrt mich, ich möchte Sie jedoch bitten, wenn Ihnen die englische Sprache geläufig ist, sich dieser bedienen zu wollen, da die meisten dieser Herren in unserer Nähe dieselbe als ihre Muttersprache anerkennen.« »Dieser Wunsch,« erwiderte der Indier auf der Stelle mit gleicher Geläufigkeit in dem besten Englisch, »gibt mir Gelegenheit, hier öffentlich mein Bedauern auszusprechen, daß von irgend einem niedrigen Menschen mein Name und meine Aufforderung gemißbraucht worden ist, um Sie, Herr Graf, zu beleidigen und das wichtige und kühne Unternehmen zu verdächtigen, dessen Gelingen der Name eines so berühmten Soldaten, wie Sie als Führer, allein vor jedem Zweifel an dem Erfolge beschützen mußte, und dem ich meine besten Wünsche widme.« »Es wäre unwürdig,« sagte weit höflicher der Graf, »von meiner Seite das geringste Mißtrauen in Ihre Versicherung setzen zu wollen, mein Prinz. Ich kenne aus Europa zu wohl das aufdringliche Natterngezücht der Journalisten, um nicht zu wissen, daß sie sich unberufen in alles mischen. Da ich mich jedoch verpflichtet habe, ihm auf meine Weise Genugtuung oder Gelegenheit zu geben, so muß ich diese Verpflichtung lösen und an Sie, mein Prinz, die Bitte richten, mir das Mittel dazu zu gewähren.« Der Srinath Bahadur antwortete nicht; – seine matten Augen waren auf eine Stelle zur Seite des Redners starr gerichtet und eine seltsame Veränderung begann sich in ihnen zu zeigen. Die Stelle, auf die sich das Auge richtete, war die, auf welcher Margarete O'Sullivan stand. »Ich habe Sie gefragt, mein Herr,« wiederholte der Graf scharf und ungeduldig, »ob Sie die Güte haben wollen, das Tier, das Sie als Aushängeschild benutzen, uns für das morgende Schauspiel zu leihen, oder vielmehr herzugeben.« »Striped Bob? Er ist mir nicht feil.« »Aber ich muß ihn haben, Sir,« sagte heftig der Graf. »Wollen Sie mir Ihr Tier überlassen, oder nicht?« »Mit Vergnügen, Herr Graf – daran konnte überhaupt kein Zweifel sein.« »So danke ich Ihnen aufrichtig und stehe zu jedem Gegendienst bereit.« Er reichte dem Indier die Hand. »Wir wollen das Schauspiel auf morgen Abend sechs Uhr festsetzen.« »Ich werde den Käfig schon vorher in den Zirkus schaffen lassen,« sagte der Indier. »Gut. Zur gleichen Zeit wird der amerikanische Stier zur Stelle sein. Diese Herren werden vielleicht die Güte haben, sich mit der Bestimmung der Waffen und der Art des Kampfes zu beschäftigen und mich dann das Nötige wissen zu lassen.« »Somit wären die Präliminarien beseitigt,« sagte höflich der Chef der Sonora-Kompagnie. »Und da ich nichts weiter hier zu schaffen habe, so erlauben Sie mir, Prinz, mich Ihnen zu empfehlen.« »Sie sind so gütig, mein Herr,« sprach der Indier, »daß ich es dennoch wagen möchte, die Bitte an Sie zu richten, nach Ihrem Belieben in meiner Wohnung eine Tasse indischen Tee oder ein anderes passendes Nachtgetränk nehmen zu wollen, indes diese Herren hier das Weitere des morgenden Festes beraten. Herr Mac Scott ist meinerseits zu jeder Anordnung bevollmächtigt.« »Und ich bestimme die Herren Delavigne und O'Sullivan zu meinen Adjutanten und meiner Vertretung. Ich nehme Ihre Einladung an, meine indische Hoheit, und bin bereit, Sie zu begleiten. Das Resultat Ihrer Beratung, Eduard, werden Sie uns alsbald nach der Behausung des Herrn Maharadschah bringen.« Der Graf nahm den Arm des Indiers. »Adieu, meine Herren, und vergessen sie nicht, erstens uns morgen Ihre Gegenwart zu schenken, und zweitens, daß die Aktien der Sonora-Expedition auf dem Kurs von 187 ½ bleiben müssen.« Die Indier am Eingang hoben den Türvorhang und die beiden Gegner verließen in bester Eintracht die Spielboutique. Wir überlassen die Bankhalter ihren Bemühungen, das gestörte Spiel an den einzelnen Tafeln wieder in Gang zu bringen, und die Gesellschaft, um die beiden Tigerjäger und die erwählten Sekundanten des Grafen versammelt, dem lärmenden Disput über die Art und Weise, in welcher das seltsame Stiergefecht ausgefochten werden sollte – und folgen dem Indier und dem französischen Abenteurer in das Zelt des ersteren. Das Gemach, in welches der junge Maharadschah seinen Gast geführt hatte, war mit allem Luxus ausgestattet, ganz entgegengesetzt der einfach eleganten Erscheinung seines Herrn. Auf die Einladung Srinath Bahadurs hatte der Graf Platz genommen. Ihm gegenüber saß der Indier, und zwei Diener brachten auf goldenen Platten in kleinen Schalen jenen kostbaren, duftigen Trank aus den ersten Knospen des Teebaumes. Beide Männer plauderten lange hin- und herschweifend über Pferde, Jagd, indische und europäische Sitten und die politischen Ereignisse der letzten Jahre, und der Graf hatte vielfach Gelegenheit, nicht allein die Bildung und das ruhige und scharfsichtige Urteil seines Wirtes, sondern auch seine genaue Kenntnis der europäischen Verhältnisse zu bewundern. »Ich habe viel von Indien gehört,« sagte der Franzose, »und hätte es gern besucht, wenn es nicht eben unter der Botmäßigkeit der Engländer stände, die ich nicht besonders liebe, und wenn das Schicksal mich nicht in anderen Zonen gefesselt hätte. Aufrichtig – ich bedaure, daß ich verhindert bin, an Ihrem Tigervertilgungskrieg in Singapore mich zu beteiligen.« »Und was hindert Sie daran, Monseigneur?« »Ei, die Sonora-Expedition, auf die ich alle meine Hoffnungen gesetzt habe. Europa ist keine Heimat mehr für mich, ich muß mir hier eine neue schaffen, würdig meines Namens, und dies kann nur ein Fürstentum oder ein Königreich sein.« »Wann glauben Sie, Ihre Expedition anzutreten?« »Das hängt von den Umständen ab, Prinz – zunächst von dem, ob mich morgen Ihr Striped Bob, der ein ganz stattlicher Gegner ist, auffressen wird, oder ich ihn.« Das Auge des Maharadschah begann sich wieder zu beleben, es leuchtete diesmal listig und berechnend. »Monseigneur,« sagte er, »wie lange Zeit würden Sie brauchen, um eine neue Ausrüstung zustande zu bringen?« »Ein halbes Jahr – mindestens drei Monate.« »Nun wohl, ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Verkaufen Sie mir Ihre Expedition auf ein halbes oder ein Vierteljahr? Verständigen wir uns, Monseigneur. Mein Wunsch ist, mir von Ihrer kleinen Armee von kühnen Männern zwanzig der Tapfersten auszulesen und sie an mich fesseln zu dürfen. Dies ist nur möglich, wenn Sie im allgemeinen die Expedition verschieben und daher die eingegangenen Verpflichtungen lösen. Binnen wenig Monaten werden Sie eben so viele und eben so kühne neue Teilnehmer gefunden haben. Das Aktien-Kapital Ihrer Unternehmung beträgt fünfzigtausend Dollar – ich biete Ihnen hunderttausend für drei Monate!« »Ihr Vorschlag, Prinz,« sagte der Graf, »würde eine Beleidigung sein, wenn Sie Ihren Grund nicht so aufrichtig angeführt hätten.« »Es ist keine Beleidigung, Monseigneur, sondern eine Bitte von meiner Seite.« »Überlassen Sie die Erfüllung Ihrem Bob,« sagte der Graf nach einigem Nachdenken. »Es ist leicht möglich, daß er Sie mit einem Schlage seiner gewaltigen Tatzen von der ganzen Sonora-Expedition befreit. Nur mein Tod könnte vor den Leuten die Verzögerung oder Aufgabe der Unternehmung rechtfertigen.« Einer der indischen Diener führte Mac Scott und Delavigne herein. Sie kamen, um anzuzeigen, man habe sich dahin geeinigt, daß jeder der beiden Kämpfer beliebig zu Pferde oder zu Fuß den Kampf ausfechten und mit einer Büchse und einer Machete, oder sonst einer kurzen blanken Waffe, gerüstet sein solle, und daß jeder von einem Sekundanten begleitet werden dürfe, dessen Ausrüstung beliebig sein möge, und der nur in dem Fall der höchsten Lebensgefahr oder des Versagens des Gewehres zu Hilfe kommen dürfe. »Wen werden Sie zu Ihrem Sekundanten wählen, Monseigneur?« fragte der Indier. Eduard O'Sullivan trat sogleich näher. »Mylord, ich fordere diese Ehre für mich, weil ich der jüngste Ihrer Gesellschaft, und deshalb beweisen muß, daß ich Ihrer Freundschaft nicht unwürdig bin.« »Gut denn,« sagte der Graf, indem er ihm die Hand reichte, »ich bin es zufrieden, aber sorgen Sie dafür, daß die schöne Miß Margaret, Ihre Schwester, mich nicht anklagt, wenn ein Unglück geschieht; ich habe Sie nicht gewählt.« »Und nun, meine Herren, glaub ich, ist es Zeit, daß wir uns trennen. Leben Sie wohl, mein Prinz, und nehmen Sie meinen Dank, bis der morgende Tag entscheidet, ob Sie die Aktien der Sonora-Kompagnie für einen billigeren Preis haben können, als Sie dafür zahlen wollten.« Er verbeugte sich und verließ, von dem indischen Fürsten bis zum Eingang begleitet, das Zelt, ohne im Vorübergehen seinem furchtbaren Gegner für den nächsten Tag auch nur einen Blick zu schenken.   Die Nachricht von dem seltsamen Zweikampf hatte sich wie ein Lauffeuer durch San Franzisko verbreitet, und ehe noch die Mittagsstunde geschlagen, waren alle Kaffeehäuser und Schenken der Stadt und die öffentlichen Plätze gefüllt mit Personen, um das Schauspiel mit anzusehen. Obschon der Beginn des Stiergefechts erst auf 6 Uhr abends verkündet war, strömten doch mehrere Stunden vorher die Zuschauer in die Arena, um sich, trotz der glühenden Mittagshitze, die besten Plätze zu sichern. Der Graf hatte noch am Abend den Stier gekauft, den er ausersehen, die Gefahren der Prärie zu repräsentieren. Der junge Bulle befand sich mit zwei anderen, zum Vorspiel des Kampfes bestimmten Tieren in den Ställen unter der Loge des Grafen. Zahllose Wetten von jedem Betrage waren bereits unter der Menge über den Ausgang des Kampfes geschlossen worden und steigerten sich mit jedem Augenblick. Plötzlich, ein Viertel vor sechs Uhr, donnerten von zwei in der Bai ankernden französischen Schiffen drei Salutschüsse. Die Franzosen begrüßten ihren tapferen Landsmann, der soeben die Stadt verließ. Der Graf ritt mit seinen beiden erwählten Adjutanten, dem Kapitän Delavigne und Master O'Sullivan, voran. Er glich einem alten Turnierritter, die in die Schranken reiten, als er mit leichtem Schenkeldruck den Schimmel, der ihn trug, sich heben und durch den Eingang in den Zirkus setzen ließ, wo er unter den donnernden Cheeres und Hurras der Menge vom Pferde stieg und mit französischer Galanterie Margarete O'Sullivan nach den Sitzen geleitete, die Slong für ihn und sein Gefolge reserviert hatte. Sie hatten kaum ihre Plätze eingenommen, als der rollende Donner einer Salve von acht Karonaden von der »Sarah Elise« verkündete, daß auch der Zug des Maharadschah von dem Tor San Dolores her unterwegs sei, und aller Augen wandten sich nach der Straße und dem Eingang des Zirkus. Zwölf Matrosen der »Sarah Elise«, mit ihrem Kapitän, eröffneten den Zug in der reichen Tracht der indischen Seeleute, dann kam, begleitet von seinen beiden Speer- und Pfeifenträgern, der Maharadschah selbst. Der künftige Peischwa von Bithoor trug die volle Kampfrüstung des Mahrattenfürsten. Der Maharadschah ritt ein schwarzes, arabisches Pferd vom Nedjid-Blut, mit weißer Mähne und weißem Schweif. Hinter ihm kamen zu Fuß Master Gibson und Mac Scott, die beiden Tigerjäger, und ihnen folgte, von seinen deutschen und englischen Anhängern umgeben, mit seinen Sekundanten zu Pferde der erste Kämpfer in dem großen Drama des Tages, Master Hillmann, der Redakteur des California Chronicle. Nachdem die Neuangekommenen ihre Plätze eingenommen, wurden die Schranken des Zirkus geschlossen, und das am Eingang postierte Orchester begann einige spanische Tänze und Polkas zu spielen. Master Slong nahte mit einer tiefen Verbeugung der Tribüne, auf welcher der Alkade neben dem Grafen saß, und bat um die Erlaubnis, das Spiel zu beginnen, worauf der Beamte mit seinem Taschentuch das Zeichen gab und nach spanischer Sitte die Schlüssel zum Toril hinabwarf. Der Maharadschah erhob sich, verließ seinen Sitz und schritt nach der Loge seines Rivalen, der sich mit französischer Höflichkeit erhob, ihn zu begrüßen. »Möge der Schatten des königlichen Kriegers von Frangistan lange dauern,« sagte der Indier, mit dem Gewand seines Volkes auch ganz die Sitten und die bilderreiche Sprache desselben annehmend. »Srinath Bahadur kommt, an der Seite eines Freundes Platz zu nehmen, damit keine Zunge Böses zwischen ihnen rede und keine Seele denke; daß Feindschaft zwischen ihnen sei wegen der törichten Worte eines Paria.« »Seien Sie willkommen, Prinz,« sagte laut und seiner ganzen Umgebung verständlich der Graf, »und wie Gott auch über mich bestimmen möge, so wünsche ich doch, daß jedermann erfahre, daß ich Sie als Mann von Ehre schätze und Ihnen Dank weiß.« Seine Handbewegung lud den Maharadschah ein, neben ihm Platz zu nehmen. Auf der anderen Seite des Grafen befand sich Margarete O'Sullivan. Der Indier saß kaum, als er sich zum Ohr des Grafen neigte. »Haben Sie überlegt, Monseigneur? Ich beschwöre Sie, Ihr Leben nicht der Gefahr auszusetzen. In diesem Portefeuille befinden sich hunderttausend Dollar in englischen Banknoten, und wenn Sie einwilligen, ist das Mittel bereits gefunden, die Sonora-Expedition aufzuschieben.« »Die Ehre eines französischen Edelmannes, Prinz, ist verpfändet, sie muß gelöst werden, ehe wir weiter sprechen.« Der Maharadschah lehnte zurück, und nicht die geringste Bewegung verriet seine Teilnahme an der nachfolgenden Szene. Während des kurzen Gesprächs hatte Hillmann mit seinem Sekundanten und seinen Freunden die Arena betreten. Sein Gesicht war etwas bleich, zeigte aber Entschlossenheit, und die Art, wie er sein Pferd die Runde kurbettieren ließ, bewies, daß er fest und sicher im Sattel sei. Die Hörner gaben das Zeichen, die Arena zu räumen, und alle Fremden, mit Ausnahme Antonios, der seine Stellung im Außengange nahm, entfernten sich. Auf das Zeichen des Alkaden öffnete sich das dritte Gitter – ein Sprung, und der Stier, den der Graf zum blutigen Kampf gewählt, stürzte heraus. Der Bulle blieb stehen und sah wie verwundert umher, als plötzlich ihm zur Seite das Brüllen des Tigers ertönte und der Stier erschreckt und wild zur Seite sprang. Er warf den Schwanz in die Höhe, und von dem jetzt von allen Seiten her tönenden Geschrei der Zuschauer wild gemacht, galoppierte er die Arena entlang. Hillmann hielt an deren Ende und setzte sein Pferd in Galopp, als der Stier näher kam, der jetzt erst den Gegner bemerkte und sofort die Verfolgung aufnahm. Das Spiel dauerte einige Minuten, Hillmann, durch den Zuruf seiner Partei ermutigt und angespornt, suchte dabei dem Stier in den Rücken und zur Seite zu kommen, um ihm einen Schuß ins Herz beizubringen, da er auf die Stirn nicht zu halten wagte. Wirklich gelang es ihm auch, durch eine geschickte Volte an die Flanke des Tieres zu kommen, das so rasch sich nicht zu wenden vermochte; er galoppierte eine Strecke weit, fast Seite an Seite, mit ihm fort. Dadurch verfehlte er jedoch den günstigen Augenblick, und als er seine Büchse in der tödlichen Nähe auf seinen wilden Feind richtete und abdrückte, fuhr der Schuß in die Mähne, und brachte dem Tier zwar eine schmerzende, doch keineswegs tödliche Wunde bei. Es war ein Glück, daß Hillmann sofort, nachdem er losgedrückt, anhielt und sein Pferd wandte, denn der Büffel schoß nur noch wenige Schritte vorwärts und kehrte sich dann, von dem Schmerz und dem strömenden Blute wild gemacht, um, seinen Feind zu suchen. Im nächsten Augenblick war er ihm auf den Fersen und jagte ihn dreimal um den ganzen Zirkus, daß es aller Reitergeschicklichkeit des ehemaligen Kavalleristen bedurfte, um nicht eingeholt und überrannt zu werden. Die Teilnahme an dem Ausgang des Kampfes war jetzt allgemein, und mit Angst sah alles auf den Reiter, der die Geistesgegenwart verloren zu haben schien. Sein Gesicht war bleich, sein langes Haar flog im Luftzug und halb atemlos keuchte er zweimal im Vorbeisprengen an seinem Sekundanten: »die Büchse! die Büchse!« Doch der Mexikaner war entweder in Zweifel darüber, ob er nach den festgesetzten Regeln des Kampfes seinem Mandanten das eigene Gewehr reichen dürfe, und erst beim drittenmal, als der flehende Blick des Geängsteten ihn traf und sein heiserer Ton nach dem Gewehr rief, entschloß er sich, ihm im Vorübersprengen seine Waffe hinzureichen, aber es war zu spät, denn obschon der Deutsche noch die Zeit und Gelegenheit hatte, das Gewehr zu ergreifen und den Hahn zu spannen, vermochte er doch nicht mehr, sein Pferd und seine Person in Sicherheit zu bringen; der wütende Büffel stürzte bereits mit gesenkten Nüstern auf ihn ein. An die Wand gedrängt, hob sein Spornstich das edle Pferd zum Sprunge, während er selbst, über den Hals vorgebeugt, das Gewehr auf den anstürmenden Gegner anschlug und abdrückte. Der Schuß krachte, im nächsten Augenblick aber stürzten Pferd und Reiter zusammen, denn ein Hornstoß des wütenden Tieres hatte die Weichen des armen Pferdes aufgerissen, daß die Eingeweide herausquollen. Während das Roß auf dem um Hilfe rufenden Reiter lag, stieß und sprang der wütende Stier blind auf seine Feinde los. Die Szene und das laute Geschrei der Zuschauer rief Antonio Perez zum Beistand. Diesem schien in der Tat endlich der Augenblick gekommen zu sein, handelnd aufzutreten. Er sprang über die Mauer und eilte, den roten Mantel schwingend, auf den Stier zu. Der Bulle, der seine Rache gesättigt hatte und den neuen Gegner sogleich bemerkte, wandte sich gegen diesen, senkte die von Blut triefenden Hörner und stürzte auf ihn los. Dieser hatte gegen die gewöhnliche Sitte des Kampfes den roten Mantel auf die Erde geworfen und war allein noch mit einem scharfen, schmalen, aber starken Dolchmesser bewaffnet. Mit unglaublicher Kaltblütigkeit hatte er im letzten Augenblick den rechten Fuß dem Stier mitten zwischen die Hörner gesetzt, und als die Blicke der Menge seine Gestalt wieder erfassen konnten, saß er rittlings auf dem Nacken des Tieres, das, erschreckt durch die ungewohnte Last, weiterstürzte. Als er sich das zweite Mal der Stelle näherte, wo der Verwundete mit dem getöteten Pferde lag, stieß er ihm zwischen den Fingern den schmalen Stahl bis ans Heft ins Genick. Wie von einem Blitzstrahl getroffen stürzte das mächtige Tier auf der Stelle zusammen und war tot; kein Glied zuckte mehr, so vollständig und rasch war jede Lebenskraft abgeschnitten. Der Mexikaner war auf diesen Sturz vorbereitet gewesen, kam auf die Füße zu stehen und sprang gewandt zur Seite, triumphierend die Hand schwingend. Ein wahnsinniges Beifallstoben belohnte das gefährliche und ebenso großen Mut wie Gewandtheit erfordernde Kunststück. Jetzt eilten die Freunde Hillmanns in die Arena, um nach dem Gefallenen zu sehen, und auch sein würdiger Sekundant widmete ihm jetzt die ersten Zeichen von Teilnahme. Der Deutsche lag bewußtlos unter dem Pferde, – sein rechtes Bein hatte einen furchtbaren Bruch erlitten, daß die Splitter der Knochen durch das Fleisch gedrungen waren; außerdem war seine rechte Brust und Schulter entsetzlich von einem Hornstoß des wütenden Tieres zerfleischt. Ein mit herbeigekommener Arzt erklärte jedoch, daß Lebensrettung bei sorgfältiger Pflege noch möglich sei, obschon der Unglückliche wahrscheinlich ein Krüppel bleiben würde. Das Geläut der Glöckchen verkündete alsbald die Maultiere mit ihrem Arriero, die eintraten, um die Leichen des Stiers und des Pferdes aus dem Zirkus zu schleifen. Aller Augen richteten sich jetzt nach dem Platz des Grafen, auf dessen Befehl Kapitän Delavigne zu dem Verwundeten geeilt und, so viel es anging, bemüht gewesen war, mit Rat und Tat zu helfen. – Der Platz, den der Graf bisher eingenommen, war leer. Zugleich verkündeten die Hornsignale am Eingang und der Ruf des Scherifs und seiner Gehilfen, daß die Arena zu räumen sei. In dem Gang zwischen der äußeren und inneren Barriere galoppierte bereits Eduard O'Sullivan auf einem schönen Halbblutpferde umher. Er trug einen Hirschfänger an der Seite und eine schöne Jagdflinte in der Hand und kurbettierte mit seinem Pferde unter dem Sitz seiner Schwester, die zitternd neben dem Maharadschah saß. Jetzt trieben Mac Scott und Gibson mit den Dienern des Scherifs halb mit Gewalt die Zögernden aus der Arena, und die Tore derselben wurden geschlossen. Man erblickte in der Mitte des Zirkus die hohe Gestalt des Grafen zu Fuß, auf seine französische Büchse gestützt. Während Gibson an der Tür des Käfigs die Krampen lockerte, trat Mac Scott zu dem Grafen, um seine letzten Befehle in Empfang zu nehmen. Das Auge des Grafen war ruhig und fest, seine Haltung so leicht und unbefangen, als befände er sich mitten in der gleichgültigen Unterhaltung eines Salons. »Sind Sie mit Ihren Vorbereitungen zu Ende, Herr Mac Scott?« »Ja, Mylord – sobald Sie es wünschen ...« »Bitte – so geben Sie Ihrem Gefährten das Zeichen und bringen Sie sich in Sicherheit. Wir dürfen die Neugier dieser Herren nicht länger auf die Folter spannen.« Der Maharadschah grüßte mit einer leichten Verneigung hinüber nach dem Grafen – dann hob er die Hand und machte eine horizontale Bewegung. Das eiserne Gitter, das den Käfig verschloß, rasselte unter den kräftigen Händen Mac Scotts und seines Gefährten in die Höhe. Mit einem gewaltigen Sprung schoß der Königstiger in die Arena. – – – Die Höhle des Wolfes. Die Uhr schlug voll – in hellen Schlägen, und jedes Herz zählte pochend die einzelnen Klänge! Selbst der Atem stockte – man hätte ein Blatt fallen hören können in dem alten Turm, der in diesem Augenblick der Gesellschaft des Vikars Aufenthalt und Schutz gewährte. Horch! – ein Pfeifen, – entfernt, aber deutlich. Eine Minute, lang und bang, dann wiederholte sich der Ton näher, es konnte kein Zweifel mehr sein. An dem Rande des Waldes – von den Felsenschluchten her – regten sich dunkle Gestalten im Dämmerschein des Mondes. Der Vikar drückte den Freunden die Hand. »Sie sind da, und die Hilfe bleibt aus!« sprach er mit leiser, aber fester Stimme.«Jetzt gilt es, uns selbst zu retten oder wenigstens das Leben teuer zu verkaufen, und Gott möge uns beistehen.« Nun sah man einen der Banditen nach dem Pförtchen schleichen und hörte das verabredete Zeichen, ein Rabenschrei. Dreimal wiederholte es sich, nichts regte sich im Turm, auch das leise Klopfen an der Tür blieb unbeachtet. Verdutzt schlich der Bandit zurück und berichtete den Erfolg seinen Gefährten. Man bemerkte deutlich, wie der Haufe sich um den Anführer sammelte und eine eifrige Beratung stattfand. Jetzt schienen diese mit ihrer Beratung zu Ende gekommen, und Pietro , der Führer, trat an das Tor. »Pittoccone!« fluchte laut die Stimme des Banditenführers – »wo steckt der Kerl, daß er nicht öffnet! Die Brut ist ausgeflogen, oder der Schuft von Wirt hat uns verraten. Über die Mauer, Kameraden – schlagt die Tür ein, damit wir sehen, was geschehen ist!« Die Büchsenkolben donnerten gegen das Tor. Über die Hofmauer hoben sich dunkle Gestalten. Sir Richard fühlte, daß es Verbrechen gegen das eigene und der Freunde Leben sei, einen Moment noch zu zögern, und laut und deutlich, auch im untern Raume hörbar, erschallte das Kommandowort: »Feuer!« Neun Gewehre sprühten ihre Kugeln auf die Banditen – der Kerl im Hofraum stürzte zusammen, Fähnrich Sanders hatte ihn durch den Kopf geschossen. Ein anderer warf die Arme in die Luft und fiel tot von der Mauer nach außen. Zwei waren verwundet und sprangen mit ihren Gefährten eilig herunter, sich in den Schutz der Wand zu flüchten. Ein wildes Geschrei der Banditen antwortete dieser ersten glücklichen Salve der Bedrohten, Pescare stieß die wildesten Flüche aus und ermunterte seine Leute zum Angriff. Es entspann sich nun ein regelmäßiges Feuern, bei dem sich die Banditen so gut als möglich zu decken suchten, obschon sie natürlich weit gefährdeter blieben als ihre Gegner im Schutz des Turmes. Während einige der Banditen von vorn das Schießen unterhielten, zeigte plötzlich der Hilferuf der im Parterregeschoß postierten Verteidiger, daß dieselben eine neue Art des Angriffs gewählt. Der Vikar, nur die beiden Italiener an den oberen Fenstern zurücklassend, stürzte in das untere Geschoß, wo er sogleich zu seinem Entsetzen sah, daß die Räuber bereits Faust an Faust mit den Seinen an den Seitenfenstern kämpften. Dem Vikar gelang es, durch einen kräftigen Kolbenstoß einen der Räuber hinabzustürzen als ein röchelnder Ton durch das Lärmen des Kampfes und ein frohlockender Ruf in italienischer Sprache zu ihm drang. Er sprang von der Öffnung weg, die er verteidigt, und nach der Kammer, woher der Laut zu kommen schien – ein furchtbarer Anblick machte hier sein Blut erstarren. Am Boden lag in Todeszuckungen der junge Flinton , von Blut überströmt aus einer breiten klaffenden Wunde quer über die Gurgel. Ein kräftiger Bandit stand bereits in dem Gemach, nach dem Fenster gebückt und eben bemüht, einem seiner Kameraden hereinzuhelfen. Der Schreckensruf des Vikars machte ihn sich umdrehen – im Nu stürzte er sich auf ihn und stieß mit dem Dolchmesser nach seiner Brust. Hunter fühlte einen scharfen, schneidenden Schmerz, aber auch, daß der Stoß ihn nicht gefährlich verwundet, stieß den Banditen mit aller Kraft von sich und sprang zurück. In demselben Augenblick auch war die Flinte an seiner Wange, und der Schuß krachte fast unmittelbar dem Räuber ins Gesicht, der mit zerschmettertem Kopf schwer auf sein Opfer niederstürzte. Ein Schlag mit dem Kolben traf die am Fenster sich festklammernde Hand des zweiten Banditen – daß dieser losließ und hinunterstürzte. Dann warf sich, unbekümmert um die Gefahr, der Vikar neben dem jungen Engländer auf die Knie, aber es war vergeblich, das fliehende Leben zu halten, der jugendliche Körper zuckte noch einige Male und streckte sich dann. In seinem Jammer jubelte der Siegesruf seiner Gefährten – die Banditen waren auf allen Punkten glücklich zurückgeworfen und flohen, ihre Verwundeten mit sich schleppend, nach dem Rande des Waldes zurück. Tief ergriffen verkündete der Vikar jetzt den Seinen, von denen mehrere, zum Glück nur leicht verwundet waren, den Fall ihres Gefährten. Eine Stunde fast war seit dem ersten Angriff vergangen, niemand rechnete jetzt noch auf die Hilfe des Militärs, aber der Vikar sprach die Hoffnung aus, daß es ihnen gelingen würde, sich bis zum Anbruch des Tages zu verteidigen. Dagegen machte Fähnrich Sanders auf die Gefahr aufmerksam, die ihnen das jetzt in wenig Minuten bevorstehende Untergehen des Mondes hinter den Bäumen und Felsen nach Westen und die dadurch wieder eintretende Dunkelheit bringen konnte. Diesen Augenblick schienen in der Tat auch die Banditen abgewartet zu haben. Bald verkündete der Ruf eines der luchsäugigen Italiener, daß ein neuer Angriff herannahe. »Ich bin neugierig, was die Schurken mit dem Manöver beabsichtigen?« sagte der Fähnrich. »Ich sehe glimmende Funken, wie Lunten,« erwiderte der Vikar. – »sie scheinen Feuer zu schlagen.« »Goddam – die Burschen zünden sich Fackeln an.« rief der junge Mann. Noch ehe die jungen Männer ihre neuen Posten eingenommen, sprangen die einzelnen Banditen, ihre Fackeln schwingend, auf das Haus zu. Die Wachen, die ihre Schüsse aufgespart, feuerten, und einer der Fackelträger stürzte, – die anderen aber gelangten glücklich in die Nähe des Turmes und schleuderten ihre Brände – große Kienäste mit Zeuglappen umwickelt, gegen das alte moosbewachsene Schindeldach, welches das Gemäuer bedeckte. »Schießt, schießt auf die Mordbrenner!« schrie der Vikar. »Freunde – es gilt euer Leben!« Aber das Manöver des Feindes war sehr richtig berechnet gewesen, das Feuer der Verteidiger bereits zerstreut und unsicher durch die Trennung und die raschen Bewegungen der Angreifer, und während alle Aufmerksamkeit der Engländer auf die Männer mit den Zündfackeln gerichtet gewesen war, gelang es dem größeren Haufen der Banditen, mit ihrer Last – die, wie sich jetzt erwies, ein schwerer Baumstamm war – in den Schutz des Torwegs zu kommen. »Die Halunken – Gott verdamm' ihre Augen!« rief der Kornett – »haben uns den Vorteil abgewonnen, aber ich hoffe, es nützt ihnen wenig; denn widersteht auch das Tor nicht, so sind sie in dem Hof unseren Kugeln frei ausgesetzt, und wir können sie niederschießen wie ein Volk Hühner!« »Aber das Dach – wenn es Feuer fängt,« erwiderte besorgt der ältere Freund, – »wir können nicht hinauf, um zu löschen!« Schon nach wenigen Minuten verbreitete sich Rauch, und bald knisterte und loderte es über ihren Köpfen, da das hölzerne Dach unmittelbar die im oberen Stock kein Gewölbe mehr bildenden Umfassungsmauern deckte. »Allmächtiger Gott!« rief der Vikar – »das Dach ist wirklich in Brand geraten! Die Mordbrenner haben ihren Zweck erreicht, und wir sind verloren!« Die Hand des Vikars umfaßte krampfhaft den Griff des Säbels, mit dem er sich bewaffnet hatte. Vergebens sandte er seinen Rettung und Hilfe suchenden Blick umher – überall drohte Tod und Verderben! – »Freunde,« sprach er dann zu den sich um ihn Drängenden, »sterben müssen wir, wenn Gott nicht ein Wunder tut. Eine einzige Aussicht noch bleibt uns. In dieser Glut können wir nicht länger atmen, wir müssen den Turm verlassen und uns im Hofe zu halten suchen. Laßt uns den Schuppen gewinnen, wo die Pferde und Maultiere stehen, diese besteigen und, wenn das Tor zusammenbricht, uns mit dem Säbel in der Faust durch unsere Verfolger schlagen.« Die anderen stimmten dem Entschluß bei. »Haltet fest zusammen,« mahnte der Vikar, »und braucht die Pistolen nur, wenn ihr nahe an den Banditen seid!« Hunter voran, stürzten sie in den Hof. Aber in demselben Augenblick krachte auch das Tor, das so lange den Stößen der Banditen widerstanden, und brach zusammen. Über die Trümmer hinweg stürzte der jubelnde wilde Haufe der Räuber in den Hof, an ihrer Spitze, seine Büchse schwingend mit wütendem Rachegeheul, der wilde Pescare. »Drauf, meine Braven, und Gott helfe uns!« schrie Hunter und sprang, den Säbel hoch, auf den Banditenführer zu. Mit einem wilden Fluch erwartete der Banditenhäuptling den Vikar und ließ den Kolben seiner schweren Büchse mit zerschmetterndem Schlage auf ihn niederfallen. Hunter parierte den Hieb glücklich mit dem Säbel, aber die Klinge zersplitterte bis zum Griff von der gewaltigen Wucht des Schlages, und waffenlos stand er nun in der Mitte des Kampfgetümmels. Mit teuflischem Lachen hob der Bandit noch einmal die Büchse zum Schlage, als Hunter, rasch entschlossen, ihn unterlief und seinen Gegner nach Ringart mit beiden Armen umfaßte. Jeder bemühte den anderen zu würgen oder sich von ihm zu befreien. Doch die Kräfte des Vikars schwanden vor dem eisernen Griff des Banditen, dem es gelungen, die rechte Faust an seine Kehle zu bringen. Er lag unter dem Räuber, dessen Knie seine Brust drückte, als seine linke Hand an dem Gürtel des Feindes etwas Hartes fühlte – den Griff eines Messers! Im Nu hatte er es erfaßt und stieß die scharfe, dreischneidige Klinge zweimal in die Seite des Banditen, daß der warme Blutstrom über ihn wegspritzte. Mit einem wilden Schmerzgeheul brach der Räuber zusammen, und mit einem abscheulichen Fluch auf den Lippen wälzte er sich in seinem Blute. Der Vikar raffte sich auf von der blutigen Last und sprang empor, aber ihm entgegen einer der Banditen, der über dem Haupt des Halbohnmächtigen die Büchse zum gewaltigen Schlage schwang. Hunter erkannte, daß er keinen Widerstand mehr leisten konnte, daß er verloren sei! Schon – – – da – da – allmächtiger Gott! Rettung! Trompeten schmetterten – der Hurraruf deutscher Reiter klang zu ihm herüber – Kommandoruf! – und gleich den rächenden Blitzstrahlen funkelten die Säbel der braven Husaren im Flammenschein zwischen den nach allen Seiten flüchtenden Räubern. Mit dem Arm hatte der Vikar den vom plötzlichen Schreck geschwächten und abgleitenden Hieb seines Gegners aufgefangen, aber betäubt davon und von dem Blutverlust stürzte er zugleich ohnmächtig zu Boden, und wie aus weiter Ferne nur hallte der Siegesruf seiner braven Gefährten und das letzte Kampfgeschrei der Banditen in seinen Ohren.   Als Hunter wieder zu sich kam, lag der Sonnenschein bereits hell und freundlich über dem wilden Tal. Seine Wunden waren sorgfältig verbunden, und um sich her sah er die Gefährten der Mordnacht gelagert, zum großen Teil mit verbundenen Köpfen und Armen, nur Hugh Flinton und einer der italienischen Diener fehlten; ihre Leichen lagen jetzt friedlich im Hof neben denen der gefallenen Räuber. Der Turm war gänzlich ausgebrannt, auch der spitzbübische Wirt und sein Weib hatten einen qualvollen Tod gefunden. Ringsumher aber standen Wachen und Posten von österreichischen Husaren und päpstlichen Gendarmen und umgaben in einiger Entfernung sechs trotzig blickende Banditen, welche, die Hände auf den Rücken geschnürt, dort des Transports und der Strafe am Galgen oder der Garotte harrten. Auf den Ruf Allans versammelten sich eilig die Engländer um ihren Landsmann und begrüßten mit Jubel seine Rückkehr ins Leben. Zugleich kam der Rittmeister Graf Sternberg , der das Kommando befehligte, den geretteten Verwandten zu begrüßen, den er in Mailand kennen gelernt, als dieser Korfu verlassen. Er sprach seine Freude aus, daß er gerade noch zu rechter Zeit gekommen, um die kleine Schar der Engländer zu retten. Die Betäubung, in die Hunter durch den Kolbenschlag versetzt worden, war bald gewichen, die wohlverbundene Arm- und Seitenwunde hatte sich als gänzlich gefahrlos erwiesen, so daß er jetzt mit seinem Vetter ohne Mühe die Stätte ihres verzweifelten Kampfes beschreiten konnte. Auf dem Platz lagen die zwölf Leichen, all mit wilden, verzerrten Mienen, wie sie fluchend dem Tode Trotz geboten. Unfern des eingestürzten Tores sah man den riesigen Leib des erstochenen Führers; ein Knabe saß neben ihm und hielt das Haupt des Toten in seinem Schoß; es war Peppino, der zu der Bande die Botschaft von der Ankunft der Engländer im Turm gebracht hatte und nun mit zornigen Blicken die Nahenden empfangend, die Leiche seines Erzeugers bewachte. Der Vikar näherte sich ihm in dem auf Italienisch geführten Gespräch mit dem Rittmeister, dem er die Entführung der jungen Lady mitteilte. »Ich habe bereits gestern abend Kunde bekommen von dem Überfall der Villa Sorrenti durch das Gesindel. Sobald Sie mit Ihren Freunden sich etwas erholt, wollen wir dann sogleich nach der Osteria aufbrechen, die der Comte ihnen bezeichnet, und die wir zum Ausgangspunkt unserer Operationen machen müssen. Dort können wir leicht die Verwundeten unterbringen oder sie nachschaffen. Wir wollen den Rest der Bande dieses alten Rebellen Mamiani vernichten, und kein einziger der Schurken soll mir entgehen.« Ein kurzes Hohngeschrei unterbrach seine Beteuerung. Als beide sich umblickten, sahen sie den Knaben Peppino, der die Worte mit angehört hatte, mit tückischer und triumphierender Gebärde nach ihnen hindrohen. Der Rittmeister rief die Schildwache, aber wie ein Blitz war der Junge zwischen den Soldaten hindurchgeschlüpft und rannte über den Talgrund den Felsen zu, an denen er wie eine Ziege emporkletterte. Das kleine Ereignis bewog den Offizier nur, desto rascher die beschlossenen Maßregeln auszuführen, damit ihr Plan durch den jungen Spion nicht etwa zu frühzeitig den Banditen verraten und es ihnen möglich gemacht werden möchte, ihre Schlupfwinkel zu verlassen, ehe das Netz um sie geschlossen war. Die Leiche des jungen Flinton wurde auf dem Sattel seines Maultiers befestigt und für zwei der am schwersten Verwundeten leichte Tragbahren aus Ästen bereitet. Die Trompete gab das Signal zum Aufsitzen, der Zug setzte sich in Bewegung und verließ das Tal in der Richtung nach Norcia, wo die Osteria lag, in der am Nachmittag vorher die Gesellschaft angehalten.   In der Lokanda des Wirtes an der Straße von Spoleto nach Ascoli, unterhalb des Monte Vittore, herrschte am anderen Vormittag ein reges Leben. Die Gendarmen und Soldaten biwakierten umher und kamen und gingen in Patrouillen nach allen Richtungen des Gebirges, die Schenke selbst war zum fliegenden Lazarett für die beim Kampf an dem alten Jagdkastell und auf dem Monte Vittore Verwundeten eingerichtet, und unwirsch schritt der Husaren-Rittmeister mit einem Gendarmen-Offizier vor dem Hause auf und ab, wo am Tisch unter dem großen Kastanienbaum sinnend der Vikar auf der Rasenbank saß. »Es ist, als ob die Erde sie verschlungen hätte,« sagte ärgerlich der Graf, indem er mit der Säbelscheide klirrend auf den Boden stieß. »Ich muß gestehen, Sie haben ein seltsames Vertrauen, Vetter, in Ihren seltsamen Freund – diesen neapolitanischen Comte, daß Sie, seit wir den Lagerplatz der Banditen erstürmt und den Leichnam ihres Führers gefunden, keine Besorgnis mehr zu hegen scheinen um Ihre schöne Braut.« »Sie steht in Gottes Hand,« sagte ernst der Geistliche. »Ich glaube bestimmt, hätten wir nach seiner Anweisung bis um Mitternacht mit dem Angriff gezögert, wir würden weitere Nachricht von ihm erhalten haben. Jetzt ist er vielleicht genötigt gewesen, die Banditen zu begleiten und sich mit ihnen zu verbergen.« Der Wirt nahte sich der Gesellschaft, hielt einen Brief in der Hand und sagte zu dem Vikar: »Exzellenza, hier ist ein Brief an Sie, wenigstens glaube ich, daß er an Sie adressiert ist, Signore Hunter, in meiner Lokanda abzugeben.« »Einen Brief an mich? – gib rasch her, Mensch! Gott sei Dank, es ist eine Nachricht von ihm selbst!« Alle gruppierten sich neugierig um ihn her, der unterdes den Brief still gelesen hatte. Derselbe lautete: »Mein Freund! Des Allmächtigen Hilfe ist mit mir gewesen. Lady Adelaide, Ihre Braut, ist gerettet und ungekränkt in Sicherheit – ihr schändlicher Räuber von meiner Hand gefallen. Gestern, als Sie an der Spitze der Soldaten den Vittore stürmten, war ich Ihnen nahe – das Schicksal, das so viel zwischen uns getürmt, hatte mich auch hier Ihnen gegenübergestellt. Der Angriff hat uns zur Flucht gezwungen und verhindert, daß Lady Adelaide schon jetzt bei Ihnen ist. Sie selbst – in allzu großem Dank für das wenige, das ich getan – besteht darauf, mich bis zur Küste zu begleiten. Sie werden die Lady morgen früh um die dreizehnte Stunde in der Lokanda des Dorfes Casoli auf der Straße von Ripatransone nach Grottamare finden. Bringen Sie eine Dienerin und Kleidung für sie mit. Wir, mein Freund, sehen uns nicht wieder. Zu welcher Küste mich auch die Woge morgen trägt, werde ich der Feind Englands sein und der Freund derer, die seinen Namen tragen. Wenn uns Meere und Welten trennen, vergessen Sie mich nicht in Ihrem Glück an ihrer Seite! G.« »Sie ist frei, sie ist gerettet!« rief der Vikar, den Freunden die Hände drückend, »und wird morgen in Ihrer Mitte sein!« »Er ist ein wackerer Soldat, und ich kümmere mich nicht, was auch Ihrer Majestät Regierung gegen ihn haben mag,« rief Kornett Pond, einen Becher Wein vom Tisch nehmend. – »Ein Hurra, Bursche, für den Kapitän Grimaldi und seine wackere Tat!« Im nächsten Moment aber wurde er bleich, denn sein Auge begegnete dem forschenden Blick des österreichischen Offiziers. »Kapitän Grimaldi, sagten Sie? ein ionischer Insurgent und einer der Rebellenführer von Venedig? Die Regierung meines Kaisers und die Ihrige haben einen Preis auf seinen Kopf gesetzt.« »Entschuldigen Sie, Sir,« entgegnete der Kornett unwillig, »das, was ich sagte, galt für mich und diese Herren, und ich bin Ihnen über die Namen, die es mir zu nennen beliebt, keine Rechenschaft schuldig.« »Sehr wohl, mein Herr,« sagte der Graf, »obschon ich Sie daran erinnern möchte, daß ich hier der kommandierende Offizier bin und daher jedes Recht der Nachfrage habe. Doch werden Sie, Vetter Hunter, mir die Auskunft nicht verweigern und vielleicht mitteilen, was dieser Brief enthält?« Der Vikar war verlegen – endlich entschloß er sich dafür, daß eine offene Erklärung seiner am würdigsten sei. »Verzeihen Sie, mein Cousin,« sagte er, »daß ich bei allem Dank, den wir Ihnen schuldig sind, doch Ihrem Verlangen nicht entsprechen kann. Dieser Brief enthält nur die Mitteilung, daß Lady Seymour in Sicherheit ist und die Aufforderung, sie zu treffen.« »Aber das Wie und Wo?« Der Vikar schwieg. »Sie weigern selbst, mir zu sagen, wo die Dame und – ihr Ritter Sie treffen wollen?« »Ich bin gezwungen, durch jedes Gefühl der Ehre und Pflicht, dies wenigstens für die nächsten zwei Tage selbst Ihnen zu verschweigen.« »Die erste Pflicht, die ich kenne,« sagte der Offizier streng, »ist die gegen meinen Kaiser.« Er verbeugte sich kalt und unwillig und war eine Strecke auf dem Gebirgsweg fortgegangen, als er sich plötzlich an der Uniform gezogen fühlte. Er blickte sich um, neben ihm stand der Knabe Peppino und blickte ihn mit boshaft funkelnden Augen an. »Höre, Signor Uffiziale, ich will dir etwas vertrauen,« sagte der Knabe. »Suchst du niemand in diesen Bergen?« »O ja – Leute deiner Familie, denn du scheinst mir ebenso zu dem Gesindel zu gehören, und jetzt erinnere ich mich, daß du der Sohn des erschlagenen Räubers bist. Holla, Bursche, nicht von der Stelle! Ich glaube, du kannst mir die beste Kunde von Grimaldi und deinen Genossen geben! »Höre, Signor Offizier, gibst du mir die hundert Scudi, wenn ich ihn und die Bande in deine Hände liefere?« fragte der Knabe. »Du sollst sie haben, Bursche! aber deine Banditen und Straßenräuber kümmern mich wenig, wenn ich auf der Spur dieses Mannes bin! Schnell, Knabe, sprich – wo ist der Kapitän, wie können wir uns seiner bemächtigen?« »So höre,« sagte der Kleine, »ich will dir vertrauen. Der Capitano Grimaldi geht mit der Sennora nach Ripatransone, weshalb, weiß ich nicht. Aber ich habe erlauscht, daß übermorgen früh, eine Stunde nach Sonnenaufgang, der Capitano zwei Miglien jenseits Grottamare, wo das Gebirge ans Meer stößt, sich auf der Tartane des Schurken Petrowitsch mit dem Fremden einschiffen wird, die dort in einer Bucht vor Anker liegt.« »Wie weit ist Grottamare von hier?« »Fünfunddreißig Miglien , Exzellenza! Aber du mußt mich mit dir nehmen, damit ich sehe, wenn der verdammte Schmuggler und der Capitano gehenkt werden.« »Du sollst mit mir, Bursche, und bei meiner Offiziersparole die ausgesetzte Belohnung empfangen, wenn jene Männer in unsere Hände fallen.« Mit eiligen Schritten kehrte der Rittmeister zu der Osteria zurück. Hier fand er zu seiner Freude den Vikar bereits im Begriff, mit seinen drei Begleitern und denjenigen seiner Diener, deren Wunden das Reiten gestatteten, aufzubrechen und nur noch wartend, von ihm Abschied zu nehmen. Dies geschah mit einiger Verlegenheit von seiten Hunters, doch half ihm wider Erwarten der Graf selbst über den unangenehmen Augenblick, indem er sagte: »Meine Fragen sollen Sie nicht weiter inkommodieren, Vetter. Es freut mich, daß ich imstande gewesen, Ihnen einen kleinen Dienst zu leisten.« Er grüßte kühl die jungen britischen Offiziere und wandte sich zur Osteria, Hunter aber gab das Zeichen zum Aufbruch. Bald war die Gesellschaft in den Felsenwegen verschwunden. Kaum war dies geschehen, als der Rittmeister die nötigen Befehle erteilte, um die ausgestellten Wachen des Streifkorps zurückzurufen. Ehe eine Stunde verging, schlug er mit einer Abteilung seiner Husaren und einigen berittenen römischen Gendarmen den Weg nach seiner Station ein. Neben dem Pferde des österreichischen Offiziers lief rüstig der kleine Verräter. – – – Auf der Straße, die dicht am Ufer des Meeres von Grottamare nach Norden führt, zogen zwei Reisende, ein Mann und eine Frau; Lady Adelaide und Kapitän Grimaldi , der Flüchtling. Sie hatten bei Sonnenaufgang die kleine Osteria verlassen, die von dem Kapitän dem Vikar als der Ort bezeichnet worden war, in dem er die Lady am Morgen desselben Tages treffen würde. Vergeblich hatte Grimaldi in Ripatransone seinen alten Diener und eine Nachricht von der französischen Handelsbrigg erwartet. So blieb ihm nur übrig, sich der Schmuggler-Tartane seines wilden Milchbruders zu vertrauen und von dem Anerbieten des russischen Agenten Gebrauch zu machen. Dieser war mit Danilos schon am Abend aufgebrochen, um die in den Felsenbuchten verborgene Tartane aufzusuchen und nach der Stelle der Küste zu bringen, die man zur Einschiffung des Kapitäns verabredet hatte, da Lady Adelaide darauf bestanden, ihn bis zum Strande des Meeres zu begleiten. Der Verbannte schritt neben dem Maultier der Lady her, die Hand auf die Lehne des Sattels gestützt, beide nur von Zeit zu Zeit ein Wort miteinander wechselnd. »Es wird Theodoros, meinem alten Diener, leicht sein, nachdem er die Sorge um mich los ist, die albanesische Küste zu erreichen und mich in Cettinje aufzusuchen. Sagen Sie ihm, daß ich nur mit Widerstreben ihn hier zurückgelassen. Die Treue ist so selten im Leben, daß, wo man sie findet, man sie teuer halten und wahren muß.« Sie reichte ihm ihre Hand, die er hinfort in der seinen behielt. »Die Treue, Markos,« sagte sie, »jawohl ist sie selten und ein hohes Gut!« Er senkte das Haupt. Ein Windstoß öffnete den Nebelvorhang und zeigte durch eine Klüftung der Felsen das Meer, dessen Brandung donnernd gegen den Grund schäumte. »Dort ist die See!« sprach der Grieche, »und jener Felsenvorsprung ist der Ort, wo wir scheiden müssen. Dort, Adelaide, ist das Kap meiner neuen Hoffnung! O, könnte ich mit Ihnen ziehen in eine andere Zone – könnte jenes Schiff, das mich erwartet, uns beide vereint zu einem Lande des Glücks und der Ruhe tragen, zu einer Freiheit, fern von den Vorurteilen der Welt, wo die Träume der Liebe zur Wirklichkeit werden!« Er drückte leidenschaftlich ihre Hand an die Brust, sie beugte sich über ihn, und eine Träne fiel aus ihrem schönen Auge auf seine Hand. »Es kann nicht sein, Markos! Unser Glaube, der ganze Haß und Stolz zweier Völker und mehr als das, das freie Wort, das ich dem Manne gab, der meine Jugend beschützt, als ich Ihre Freiheit forderte aus den Felsenkerkern der Zitadelle von Korfu – das alles trennt uns für immer.« Er ergriff den Zügel ihres Tieres und lenkte es schweigend von der Heerstraße ab nach den Felsen zu, die Stephanos, der Matrose, ihm andeutete. Die Hand der Lady faßte krampfhaft die ihres Freundes, während die andere sich hinausstreckte nach dem Meer. »Dort! Dort! – O mein Gott!« Aus den wallenden weißen Wolken des Nebels sah man in der Ferne die Spitze zweier Masten ragen. Mit Staunen betrachtete sie der Uskoke. »Bei den blutigen Heiligen von Ostrog – diese Masten gehören nicht zur gesegneten Tartane \>die Meerschwalbe »So liegt sie vielleicht noch im Nebel verborgen, oder du irrst dich! Der Nebel verhindert uns, das Signal zu zeigen, darum geh an den Fuß der Klippe und gib ein Zeichen, wenn du sie nahen hörst.« Der Kapitän war mit der Lady wieder allein. Sie zeigte ihm den Ring an ihrem Finger, denselben, mit dem er ihre Freiheit gewonnen, den er ihr im Weinbecher, als Zeichen seiner Nähe, gesandt. »Lassen Sie mich ihn zurücknehmen und tragen zu Ihrem Andenken und zum Gedächtnis der Liebe. Nehmen Sie dies Medaillon dafür, das außer Ihrer Erinnerung das einzige enthält, was Adelaide Seymour von ihrer armen Person Ihnen geben könnte!« Dann wies er mit der Hand nach der Straße von Grottamare hin, die auf weite Distanz das Auge von hier aus beherrschte. Zwei Reitergruppen näherten, voneinander entfernt, sich eilig auf dem sonnenbeschienenen Wege. »Lassen Sie uns scheiden. Richard Hunter mit seinen Freunden naht dort, Adelaide, – er hat die Zeit nicht erwarten können, Sie zu sehen! Wollen Sie – daß ich der Zeuge werde seines Glückes?« »Adelaide – for ever!« Sie neigte sich herab aus dem Sattel und küßte seine Stirn und die Narbe, die sie zierte. »For ever!« Dann galoppierte ihr Tier den Klippenhang hinab nach der Straße zu und auf dieser zurück. Der Ionier stand, die Arme über die Brust gekreuzt, mit starrem Auge die fliehende Gestalt verfolgend, auf derselben Stelle, wo sie ihm den Abschiedskuß gegeben. Und die Brandung schlug donnernd an die Felsen. »Das ist der Capitano Grimaldi, Signor Uffiziale, und ich habe mein Geld verdient!« Er zuckte empor – neben ihm stand ein zerlumpter Knabe und ein österreichischer Husarenoffizier. Der eine Peppino , der andere der Rittmeister Graf Sternberg . »Mein Herr, im Namen Seiner Majestät des Kaisers – Sie sind mein Gefangener!« Ein entschlossener rascher Sprung rückwärts auf den Felsengrat brachte den Griechen außer dem Bereich der Hand seines Feindes. «Noch nicht, Signor! ich gebe meine Freiheit nicht so leichten Kaufs!« Seine Hände hielten bereits die Pistolen. »Vergießen Sie nicht unnütz Blut, Signor, und tragen Sie das Unabänderliche wie ein Mann,« sagte der Offizier mit ernster Stimme. »Sie sehen,« – er deutete nach dem Fuß der Klippe, wo bereits Husaren zu Fuß und Gendarmen, aus ihrem Versteck in den Büschen auftauchend, eine Chaine bildeten – »jeder Ausweg ist Ihnen versperrt, und hinter Ihnen ist das Meer.« » Cospetto – auch eine Anzahl alter Freunde, die den Capitano nicht im Stich lassen! Herbei, Kameraden, und zu Hilfe dem tapferen Capitano, der Pepe erschoß!« Nicolo sprang im Rücken des Bedrängten auf die Felsenplatte; ihm folgten vier andere Banditen, darunter Federigo und der alte Luigi . »Sie sehen, mein Herr,« sprach der Grieche, »die unerwartete Hilfe, die Gott mir sendet. Ziehen Sie sich zurück und lassen Sie mich und diese Männer ungehindert den Boden Italiens verlassen, den mein Fuß nie wieder betreten soll.« Die Banditen hatten sich auf der Höhe der Klippe, die den Zugang beherrschte, Deckungen gesucht und lagen hinter Felsstücken und verkrüppelten Baumstämmen. Der von dem Schicksal so grausam Verfolgte und an der letzten Stufe zur Rettung noch Getäuschte stand auf der Höhe der Felsplatte frei und allein, den Kugeln der Soldaten sich bloßstellend. Es war ersichtlich, daß er sich der Gefahr bloßstellte und – müde der Verfolgungen und des Kampfes – sein Leben preisgab. Aber dieser Tod schien ihm nicht werden zu sollen. Um ihn krachten die Schüsse der Verfolger, und Schritt um Schritt, Sprung um Sprung drangen die Soldaten und Gendarmen vor. Zwei der Banditen waren bereits erschossen, ein dritter verwundet, und nur noch die Büchsen Nicolas und des alten Luigi trennten ihn von den Feinden. Die Gegner standen einander, etwa zehn Schritte weit, gegenüber, einen Augenblick ruhte das Feuer, und man bereitete sich zu einem Handgemenge vor. Plötzlich brachen sich durch die Soldaten und Gendarmen mit Gewalt zwei Männer Bahn und sprangen zwischen die Kämpfenden. Der eine von ihnen – fast ein Greis, stürzte mit Jubelruf zu den Füßen des Kapitäns und umfaßte sie. »Der heiligen Panagia sei Dank, wir kommen noch zur rechten Zeit, dich zu retten, Herr!« Die Gestalt des Fremden trug die volle Uniform eines französischen Infanterie-Majors. »Fort da, Männer! Halten Sie Ihre Leute zurück, mein Herr!« sagte er ziemlich heftig zu dem kommandierenden Offizier; »ich mache Sie verantwortlich für alles, was gegen jenen Mann geschieht, der französischer Untertan ist!« Damit stellte er sich schützend vor den Kapitän. »Mit welchem Recht, Herr,« fragte der Rittmeister drohend, »wagen Sie es, meine Soldaten in ihrer Pflicht zu hindern? – Ich kenne Sie nicht, und dieser Mann da ist kein französischer, sondern ein englischer Untertan, ein gefährlicher Rebell gegen seine Regierung und ein Feind der meinen, zu dessen Festnahme alle Behörden angewiesen sind!« »Was Signor Grimaldi früher gewesen, kümmert mich nicht. Er ist gegenwärtig Franzose, Kapitän im ersten Bataillon der Fremdenlegion von Algerien, und hier ist das Patent, von Seiner Hoheit dem Prinz-Präsidenten selbst unterzeichnet und vom General Gemeau in Rom kontrasigniert.« Er präsentierte das Dokument, das dem Flüchtling so unerwartet die Rettung bringen sollte, dem verdutzten österreichischen Offizier, der es nahm und sorgfältig prüfte. »Ich muß Ihnen wiederholen,« sagte er währenddem, »daß ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen!« »Ich bin französischer Offizier, wie Ihnen meine Uniform zeigt,« entgegnete der Fremde stolz, »der Kommandant Dugonier im Generalstab des Generals Gemeau. Wenn Sie gefälligst Ihren Blick dorthin wenden wollen, werden Sie unsere Flagge sehen, unter deren Schutz ich hierhergekommen.« Aller Augen wandten sich nach der See, die jetzt frei von den Nebeln war und den vollen Blick über ihre Fläche gestattete. Als der Offizier jetzt sein Kasket erhob und nach dem Schiff hinüberwinkte, donnerte von dessen Bord ein Signalschuß, ein Zeichen, daß man ihn bemerkt. Der Rittmeister reichte das Patent zurück. »Es hat allerdings seine Richtigkeit, Herr Kamerad,« sagte er entschlossen, »und ich bedaure deshalb umsomehr, darauf keine Rücksicht nehmen und von meiner Instruktion abgehen zu können. Sie befinden sich hier auf dem Boden der Legation von Ancona, die nicht von französischen, sondern von österreichischen Truppen besetzt ist.« »Wenn wir sterben sollen,« schrie Nicola, »soll es im Kampfe gegen die Schergen sein, und ihr Blut soll zuerst die Erde tränken!« Im nächsten Augenblick wälzte sich der wilde Knäuel des Kampfes auf und nieder, denn die beiden anderen Banditen hatten sich gleichfalls mit dem Mut der Verzweiflung auf ihre Gegner geworfen und fochten, schon von Wunden bedeckt, noch wie Rasende. Der Ionier wollte ihnen zu Hilfe eilen, doch der französische Offizier drängte ihn zurück und wies nach der Seite der Felsen. »Dort hinab!« rief er ihm zu –«suchen Sie das Ufer zu gewinnen – in wenig Minuten muß das Boot der Brigg am Strande sein – ich decke Ihren Rückzug!« Mit zwei Säbelhieben brach sich der Kapitän Bahn vor den andrängenden Gendarmen und schwang sich auf die Höhe der Klippe zurück. Der Franzose wurde zur Seite gedrängt, eine Mauer seiner Feinde begann sich um Markos Grimaldi zu schließen. »Ergeben Sie sich, Kapitän Grimaldi!« tönte der Ruf des Rittmeisters – »jeder Ausweg ist abgeschnitten – legen Sie die Waffen nieder – Sie sind in unserer Gewalt!« »Niemals, so lange ein Mann zu sterben vermag!« Mit einem Sprung rückwärts befand er sich am äußersten Rande der Klippe, die über die kochende Brandung hinaushing. Das Blitzen seines Säbels im Sonnenschein, wie dieser voran durch die Luft flog – ein Sprung – ein Schrei des Erstaunens und Entsetzens aus dem Munde kampf- und blutgewöhnter Männer – Die Klippe war leer! Einen Augenblick standen alle erstarrt, erschreckt vor der entschlossenen Tat – dann stürzten sie vor an den Rand der Klippe, in das tosende Grab zu schauen, das sich der Tapfere gewählt. Noch standen alle schweigend und beklommen – als plötzlich ein Schrei von mehreren Lippen die allgemeine Erstarrung löste und viele Hände nach der Stelle wiesen, wo die Nebel des Felsenkessels endeten. Aus dem Ausgang der Bucht, aus den wallenden Nebeln hob sich, von den rückprallenden Wellen getragen, eine dunkle Gestalt, ein Kopf tauchte aus den Wogen auf, kräftige Arme teilten in regelmäßigem Schlag das Wasser, gegen die anstürmenden Wogen tauchend und jede rückprallende Welle geschickt benutzend, um das freie Meer zu gewinnen! Der französische Offizier jubelte laut auf. »Vive la République! Vive la fortune! – er wird entkommen, er wird das Boot erreichen!« Seine Hand schwang das Kasket über dem Kopf, den Matrosen zur Eile winkend, die von dem Gipfel einer Welle den Schwimmer gesehen und sich mit verdoppelter Anstrengung in die Riemen warfen. »Fertig zum Feuern! – Schlagt an! – Feuer auf den Rebellen!« Die harte Stimme des österreichischen Offiziers donnerte das Kommando – noch ehe der Franzose sich schützend vor die Mündungen werfen konnte, krachte die Salve. »Fluch der feigen Tat! Ein Barbar nur kann so handeln!« Als der Pulverdampf sich verzogen, sah man den Schwimmer mit halbem Leib aus den Wellen tauchen – ein dunkler Strom rötete das Wasser um ihn, – das Boot der Brigg war kaum dreißig Schritt noch von ihm entfernt – wie in zorniger Verachtung des Hasses, der ihn in die Tiefen des Meeres verfolgte, schwang er den Arm – dann versank er! Der österreichische Offizier faßte den Arm des Franzosen. »Sie werden mir Rechenschaft geben, Herr, für Ihre beleidigende Rede. Was ich getan, war meine Pflicht!« Der Kommandant machte sich von ihm los. »Die Pflicht des Soldaten, mein Herr,« sagte er streng, »geht nicht bis zum Morde, und wo Gott selbst so schützend die Hand über den Verfolgten ausstreckt, da ist Beharren auf seinem Verderben nichts anderes als Mord! Keine Politik der Welt kann solche Taten rechtfertigen. Wenn Sie Genugtuung für meine Worte und meine Meinung wünschen, so werden Sie mich zu jeder Zeit in der Umgebung des Generals Gemeau in Rom finden. Für jetzt ruft mich die Pflicht an Bord jenes Schiffes!« Er wandte ihm stolz den Rücken und schritt durch die Reihe der Soldaten nach dem Fuß der Klippen und zu dem zurückgelassenen Pferd. Indem er an der Gruppe der Engländer vorüberkam, sah er die bleiche Marmorgestalt der Lady bewußtlos auf dem Rasen in den Armen ihres Bräutigams liegen. Kein Laut – kein Schrei war ihrer Brust entschlüpft – starr und gefaßt hatte sie den Tod des Teuren gesehen und erst bei der Salve der Gewehre das Bewußtsein sie verlassen.   Durch die letzten sich zerstreuenden Nebel konnte man von der Höhe der Klippe das französische Boot zu seinem Schiff zurückkehren sehen. For ever! –? Die Feuersbrunst. Wir haben den Grafen Raousset Boulbon , den Chef der Sonora-Expedition, verlassen, als er in der Arena zu San-Franzisko Striped-Bob, den Königstiger aus den indischen Dschungeln, festen Fußes erwartete. Als das Tier mit gewaltigem Sprung seinen Käfig verlassen, blieb es etwa zehn Schritte davon auf seinen Vordertatzen liegen, peitschte die Flanken mit seinem Schweif und schaute mit den zusammengekniffenen Augen der Katzenarten umher. Die ungewohnte Freiheit seiner Bewegungen, das glänzende Tageslicht, die Masse Menschen umher schien ihn einige Augenblicke zu betäuben und einzuschüchtern. Dann aber erhob er sich und tat einen zweiten Sprung, der ihn dem Grafen wieder um zehn Schritte näher brachte. Jetzt erblickte der Tiger diesen und erkannte gleichsam instinktmäßig in ihm seinen Feind. Von diesem Augenblicke an verließen die grünlich-leuchtenden Augen des Tigers den Grafen nicht wieder – das Gebrüll kam lauter und grimmiger aus seinem Rachen, und seine Vordertatzen zerrissen wütend den Boden. Der abenteuerliche Abkomme des Königsgeschlechts der Bourbonen ertrug diesen furchtbaren Anblick, ohne zu wanken, sein Auge kreuzte sich mit dem des Tigers und bewachte jede seiner Bewegungen, indem er zugleich langsam die Büchse nach seiner Schulter erhob. Der Tiger verfolgte die Büchse mit den Augen, und ehe sie noch vollständig zur Wange des Schützen gekommen war, warf er sich auf die Hinterfüße zurück und hob sich zum Sprung. Aber dieser Moment hatte dem Grafen genügt, sein Ziel zu nehmen. Die Büchse krachte, der Dampf wirbelte empor und der Tiger stürzte, wie von einem Blitzstrahl getroffen, zu Boden. Ein Viva-Geschrei tobte durch den Zirkus. Eduard O'Sullivan spornte sein Pferd zu einem mächtigen Sprung über die Barriere und war in zwei Sätzen bei dem Grafen. Nur der indische Prinz und seine beiden Tigerjäger teilten die allgemeine Begeisterung nicht, ja die beiden letzteren suchten mit Winken und Zuruf von ihrem gesicherten Sitz herab die Menge zurückzuhalten. Ihr scharfes Auge hatte im Nu entdeckt, daß der Tiger kein Blut verlor. In der Tat hatten die ersten Herandrängenden kaum die innere Barriere erreicht, als der Tiger sich langsam auf den Vorderpfoten emporrichtete und, den Rachen weit aufreißend, wie erstaunt um sich schaute. Einen Moment darauf stieß er ein heiseres mächtiges Brüllen aus. »Goddam! ich sagte es ja,« murrte Master Dibson. »Diese Franchmänner werden nie klug werden. Er hat kein Zinn zu dem Blei genommen, die Kugel hat sich am harten Schädel Bobs abgeplattet und ihn nur betäubt.« Der Graf, der Tiger und – Eduard O'Sullivan waren allein im Innern der Arena. Das Pferd des jungen Irländers war bei dem Gebrüll des Tigers unbändig vor Angst und Schrecken geworden, Mähne und Schweif begann sich zu sträuben. Der Reiter selbst, obschon sonst ein Mann von Kühnheit und Entschlossenheit, schien den Kopf verloren zu haben und nicht zu wissen, was er beginnen solle. Auf der Tribüne der Franzosen konnte man einen leichten, leisen Aufschrei hören – eine Totenblässe überzog das Gesicht der schönen Margarete, und ihre Hand faßte krampfhaft den Arm des Indiers, der mit unverwandten Blicken den Vorgang verfolgte. Graf Raousset Boulbon stand noch auf dem vorigen Fleck, er hatte nach dem Schuß die Büchse als nutzlos fortgeworfen und nach dem Yatagan gegriffen, der in seiner Seidenschärpe steckte, um dem Tiger den Gnadenstoß zu geben; aber als dieser sich so unerwartet wieder erhob, ließ er den Griff fahren und streckte seine Hand rückwärts nach seinem Sekundanten aus. »Die Flinte, Edward, die Flinte!« rief er auf französisch. Sei es, daß O'Sullivan den Befehl nicht verstand, sei es, daß er zu sehr alle Geistesgegenwart verloren oder nicht imstande war, sein zitterndes Pferd näher an den Grafen heranzubringen, – er hielt bewegungslos die Flinte in seiner Rechten, während das Roß, schweißbedeckt, fast auf den Hacken der Hinterbeine liegend, Schritt um Schritt nach dem Ende der Arena zurückdrängte. »Die Flinte, Edward! – die Flinte, Memme!« wiederholte der Graf mit gewaltsam unterdrückter Aufregung. Eduard O'Sullivan hörte nicht! Der Tiger hatte die Betäubung, die ihm der Schlag der wohlgezielten Kugel an den Schädel verursacht, abgeschüttelt und richtete seine flammenden Augen auf das zitternde Pferd und dessen Reiter. Dann, mit gewaltigem Satz, sprang er an dem Grafen vorbei auf jene auserkorene Beute los. Aber ehe noch das Pferd den Sprung über die Barriere vollführen konnte, saß der Tiger dem bäumenden Roß an der Brust, mit den scharfen Krallen in dem Fleisch sich festgrabend. Das Pferd stieß eine Art von durchdringendem, jammerndem Stöhnen aus und brach zusammen, indem es seinen todesbleichen Reiter über die Kruppe auf den Sand warf. Ein Ruf des Entsetzens erscholl von aller Lippen. Die Frauen verhüllten ihr Gesicht mit den Händen und Tüchern, die Männer standen erstarrt vor Schreck. Die junge Irländerin war nach jenem ersten Schrei mit stummem Entsetzen der Gefahr des Bruders und der furchtbaren Jagd gefolgt. Jetzt, in diesem Augenblicke der höchsten Not, wandte sie sich zu ihrem Nachbar. Kaum vernehmbar war ihr Ton, kaum Bewegung in den weißen Lippen, als sie zu dem Indier flüsterte«: »Mein Bruder – o retten Sie meinen Bruder!« Srinath Bahadur stieß einen wilden gellenden Kampruf aus und sprang über die Brüstung seiner Loge in den äußeren Gang der Arena. Man sah ihn die Hand auf den Rand der hohen Barriere legen und mit der Leichtigkeit einer Stahlfeder darüber hinwegfliegen. In diesem Augenblick hob der Tiger seinen Kopf von der zerrissenen zuckenden Brust des Pferdes und streckte die Vordertatze nach dem unglücklichen Irländer aus, der besinnungslos am Boden lag. Ein Blitz funkelte, zischte durch die Luft. Der Tiger stieß ein kurzes Brüllen des Schmerzes aus und drehte sich zur Seite. Die Dschambea, die der indische Prinz fast im Sprunge geschleudert, hatte die Muskeln des Vorderbeins durchschnitten, noch ehe die blutgeröteten Krallen den Irländer berührt hatten. Der Indier erwartete, in der Rechten die mit der Spitze nach dem Boden gesenkte Klinge seines krummen Säbels, um den linken Arm den weißen Kaschmir des Mantels gewickelt, den Angriff der Bestie. Aber der Tiger hatte sich gleich einer Katze zusammengekrümmt, die Borsten seiner Nase sträubten sich, das grünliche Auge funkelte, und der weit geöffnete Rachen sprudelte Gischt und Schaum. Eine geheimnisvolle Macht schien ihn zu lähmen – statt vorwärts zu springen auf seinen Feind, begann er langsam, Zoll um Zoll, rückwärts zu kriechen. Das Auge des Tigers und des Maharadschah verließen einander nicht. Jene geheimnisvolle dämonische Macht, die aus dem matten, sanften Auge des Indiers in Augenblicken der Aufregung strahlte, beherrschte die Wut des Tieres. Der Tiger kroch immer weiter zurück. Fast in derselben Stellung, halb erhoben, Zoll um Zoll, folgte ihm der indische Fürst. So erreichte er die offene Tür des Käfigs und sprang, die Öffnung fühlend, mit einem Satz hinein und bis in den hintersten Winkel, wo er sich erschrocken zusammenkauerte. Sogleich rasselte, von den kräftigen Händen Mac Scotts und seines Kameraden aus seinen Klammern befreit, das eiserne Gitter der Tür herunter und verschloß den Käfig. Wie ein schwerer Odemzug aus befreiter Brust lief es durch die Menge, und jetzt brach ein fast wahnsinniger Jubel aus. Nicht bloß die Männer, sondern selbst die Frauen stürzten in die Arena. Der Name Nena Sahib war auf allen Lippen und klang in hundert enthusiastischen Lobesvariationen. Während dieses allgemeinen Aufruhrs und Lärmens war der Graf zu seinem Rivalen getreten und reichte ihm mit dem Ausdruck hochherziger Offenheit und Biederkeit die Hand. »Sie haben das Leben O'Sullivans gerettet, Hoheit,« sagte er, »und wahrscheinlich auch das meine – ich erkläre mich Ihnen gegenüber besiegt. Um Ihren Wünschen zu genügen, halte ich mich verpflichtet, von der Sonora-Expedition zurückzutreten und werde morgen abreisen.« »Monseigneur,« sagte er leise, »Sie kennen meine Zwecke, aber Brahma möge mich bewahren, auf Kosten Ihres Gefühls und Ihrer Interessen sie zu erreichen. Wollen Sie mir gestatten, es Ihnen auf meine Weise möglich, ja notwendig zu machen, Ihre Expedition auf drei bis vier Monate zu verschieben?« »Wenn Sie dies imstande sind, Prinz, wäre uns beiden geholfen. Ich achte Sie hoch und wünschte, Ihnen diese Achtung zu beweisen.« »Dann sind wir einig, Monseigneur. Verschieben Sie gefälligst Ihren Aufbruch nach der Stadt noch einige Zeit, – wir kehren dann zusammen zurück.« Er ließ den Grafen im Kreise seiner Umgebung und zog sich einige Schritte zurück, indem er Gibson winkte. Diefer trat sofort zu ihm. »Du kennst den schwarzen Mann mit den Augen eines Fakirs?« fragte er ihn in indischer Sprache. »Gewiß, Hoheit – der Kerl wollte ja zu uns übertreten. Er ist ein durchtriebener Halunke.« »Suche ihn auf und bringe ihn an den Ort, wo unsere Pferde stehen.« Master Gibson stellte Hesekiah Slong dem Maharadschah vor und ließ ihn auf dessen Wink mit ihm allein. »Du bist ein Mann, der für Geld alles tut?« eröffnete der Indier sofort das Gespräch. »Willst du fünftausend Dollars verdienen?« »Und was muß ich dafür tun? – Vielleicht diesem lumpigen französischen Grafen, der Eure Majestät beleidigt, so von hinten etwa eine kleine Kugel...« »Schurke – wage es nicht! – Wenn binnen einer Stunde –« er flüsterte ihm einige Worte zu – »so erhältst du fünftausend Dollars.« »O Jesu, du mein Heiland – was muten Eure Herrlichkeit mir zu! – Es kann Ihr Ernst nicht sein, Euer Hoheit würde ja selbst dabei Schaden haben?« »Narr – was kümmert's dich?« Slong legte den Finger an die Nase. »Ich kalkuliere, es ist dergleichen vielleicht ein so absonderlich Pläsier, wie man sich's in Eurer Hoheit Heimat zu machen pflegt. O ihr heiligen Märtyrer, es wäre eine schreckliche Tat, und wer sie täte, würde büßen im ewigen Pfuhl, da es am heißesten ist! – Wann würden Euer Majestät wohl das Geld auszahlen?« Der Maharadschah zog eine Brieftasche aus dem Gürtel und wollte einige Banknoten herausnehmen. Der Methodist aber verhinderte ihn mit einer demütigen Gebärde daran. »Verzeihung, Hoheit – ich traue Ihrem Wort. Die Sache ist abgemacht! Aber alle diese Leute werden binnen einer halben Stunde, wenn sie sich müde geschwatzt und gesehen, nach der Stadt zurückkehren. Wie komme ich ihnen zuvor?« Der Maharadschah legte die Hand auf den Sattel seines schwarzen Pferdes: »Ich werde dir Orkan leihen, er überholt seinen Namensvetter, den Sturm! – Mache dich bereit, indes ich eine Zeile schreibe.« Der Maharadschah Srinath Bahadur schrieb auf dem Sattel des Renners auf ein Blatt seines Taschenbuchs einige Worte in indischer Sprache. »Bist du fertig?« »Ich stehe Euer Herrlichkeit zu Befehl!« »Dann fort in den Sattel! Dies Blatt gib an Madahna, den Diener, den du am Eingang meines Zeltes findest. Das Weitere ist deine Sache – in einer halben Stunde brechen wir auf zur Stadt!« Der Maharaschah wandte sich sogleich um und kehrte in die Arena zurück. Als er, von seinen zwei Jägern begleitet, auf die Gruppe zuschritt, aus der die hohe Gestalt des Grafen über seine Umgebung hervorragte, öffneten sich die Reihen der Männer und ließen ihn mit Ehrerbietung durch. Von der Gruppe, die den Grafen umgab, trennte sich ein Paar und kam auf den Maharadschah zu: die Geschwister O'Sullivan. Edwards Gesicht war von der Röte der Scham über die bewiesene Schwäche gefärbt, als er sich dem Indier an der Hand seiner Schwester näherte, während ihr Antlitz von Freude und Dank strahlte. Des Bruders Verwirrung zu Hilfe kommend, nahm das Mädchen das Wort. »Fürst,« sagte sie mit einfacher und desto erhabenerer Würde, »Sie haben mit Gefahr Ihres eigenen das Leben meines Bruders geschützt. Monseigneur, der Graf, hat Edward auf unsere Bitte soeben seiner Verpflichtung entlassen, und wir kommen, um Ihnen unser Leben in Ihrem Dienst anzubieten. Es ist das einzige, was Edward und Margarete O'Sullivan zu geben haben.« »Dame, einer der guten Geister meiner sonnigen Heimat hat sich in den gefleckten Leib des Tigers verwandelt, um Srinath Bahadur durch ihn die Königin der Frauen zuzuführen. Dein Bruder soll mein Bruder sein, und ich will jedes Haar auf seinem Haupte schützen.« Er reichte Edward die Linke und berührte mit den verschlungenen Händen der Geschwister den Tilluk, der das heilige Zeichen auf seiner Stirn. Von diesem Augenblick an war ihr Bund geschlossen. Der Maharadschah näherte sich darauf dem Grafen. »Srinath Bahadur, der Sohn Bazie Rûs,« sagte er freundlich, »dankt dem tapfern Nasib der Franken für das Geschenk, das er ihm gemacht. Er wird die Blume des Abendlandes pflegen, als ob sie dem Garten Brahmas entsprossen wäre.« »Sie haben das Geschwisterpaar redlich erworben, Hoheit,« antwortete der Graf, »und ich gönne Ihnen seine Ergebenheit. Werden Sie den Tiger noch heute nach Ihrem Hause zurückschaffen lassen?« »Den Tiger?« Der Indier sah ihn mit Erstaunen an. »Der Tiger, Monseigneur, ist nicht mehr mein Eigentum. Er gehörte dir von dem Augenblick an, als du ihn verlangtest. Srinath Bahadur nimmt nie zurück, was er einem Freunde gegeben.« »Ich nehme Ihr Geschenk an, Hoheit,« sagte der Franzose heiter, »und will es in San Franzisko pflegen lassen, bis ich mir in der Sonora ein kleines Königreich erobert habe, und Striped Bob zu meinem Leibtiger machen kann. Aber nun zu Pferde, meine Herren, zu Pferde! und Sie, meine schöne Dame, erlauben Sie mir, zum letztenmal Ihren Beschützer und Kavalier zu machen.« Er reichte Miß Margarete den Arm und führte sie unter dem Hurraruf der sie umdrängenden Menge durch die Arena nach dem Platze, wo die Pferde standen. Die Szene gewährte ein überaus belebtes und buntes Bild, als das Gewühl die kleine, interessante Reiterschar umdrängte und langsam auf der Straße nach der Stadt zurückzuwogen begann. In zwanzig verschiedenen Zungen wurden die Abenteuer des Tages besprochen – nur wenige gedachten des armen, zerrissenen Deutschen, der das traurige Opfer des Schauspiels geworden. Der Maharadschah, der Graf und die Irländerin ritten zusammen, gefolgt von ihren beiderseitigen Freunden und Dienern. »Das Land, das jenseits jenes großen Meeres liegt, und in das ich Sie führen werde, Miß,« sagte der Prinz, der die schwungreiche Feierlichkeit des indischen Fürsten wieder mit der leichten Galanterie und Gewandtheit der zivilisierten Gentlemen vertauscht hatte, »ist tausendmal schöner und herrlicher als das, welches Sie verlassen. Es ist die Mutter der Nationen und mit allen Schätzen der Welt von Brahma gesegnet.« »Gewiß, Prinz, ich freue mich, Ihr schönes Indien zu sehen, von dem, gleich dem Lande der Märchen, schon unsere Kinderträume schwärmen. – Aber um Himmels willen – was ist das – was geht vor? – was bedeutet jener Rauch? das Geschrei?« Der Ruf: »Feuer! Feuer! Es brennt in der Stadt!« zeterte durch die Massen, die in wildem Gewühl jetzt querfeldein vorwärts stürzten. Ein Blick auf die etwa noch eine Viertelstunde entfernte Stadt zeigte die schreckliche Wahrheit. Eine dunkle Rauchwolke, die allmählich mit der jetzt rasch heraufwachsenden Dämmerung eine feurige Röte annahm, wälzte sich aus San Franzisko empor zum Abendhimmel, brennende Flocken und Rohrschoben begannen, vom Seewind gehoben, in die Höhe zu fliegen, Flammen hoch und gewaltig aus dem Dampf emporzuschlagen, und der Brand schien mit einer zauberhaften Schnelligkeit zu wachsen. » Cap de Bioux! « schrie der Graf auf, »unser Eigentum verbrennt! Das Feuer muß mitten in dem verfluchten Nest sein, auf dem plaza major! Lassen Sie uns eilen, Prinz!« Er wollte davon sprengen, der Indier aber faßte den Zügel seines Pferdes. »Wo wollen Sie hin, Mylord?« »Ei zum Teufel, sehen Sie denn nicht? Retten was möglich ist von meiner Ausrüstung!« »Ihr Eigentum, Mylord,« flüsterte der Maharadschah leise, »ist hier versichert!« Er wies auf die Brusttasche seines Gewandes. »Von Ihrer Habe in jener Stadt ist nichts mehr zu retten. Lassen Sie San Franzisko immerhin brennen, es ist nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal sein!« »Aber Ihnen selbst verbrennen Schätze dort – Ihre prächtigen Sachen ...« er versuchte den Zügel von der Stahlhand des Indiers frei zu machen. »Der Brand kommt mir viel zu gelegen, Monseigneur, als daß ich den kleinen Verlust nicht verschmerzen sollte. Sie werden jetzt den Grund haben, den Sie verlangten, um die Sonora-Expedition auf einige Monate verschieben zu können!« Der Graf starrte ihn entsetzt an, ohne das unergründliche spöttisch dämonische Lächeln auf dem Gesicht Nena Sahibs lösen zu können. – »Verstehe ich Sie recht? – Prinz – es wäre barbarisch!« Mit Gewalt riß er sein Pferd los und sprengte davon, von seinen Begleitern gefolgt, die keuchende, schreiende, dahinstürzende Menge rücksichtslos durchbrechend oder zu Boden werfend. Nur der Maharadscha schien von dem ganzen Zuge seine Ruhe und Kaltblütigkeit bewahrt zu haben; er hielt gleichfalls Edward O'Sullivan zurück, der sich dem Strom anzuschließen eilte und befahl seinen Leuten, ihn und die Geschwister zu umgeben, so daß der kompakte Kreis sie gegen die wogende Flut der Menschenmenge schützte. Nachdem er durch einen Befehl den Kapitän seines Schiffes mit der Hälfte der Matrosen nach dem Hafen gesandt, drang er langsam nach der Stadt vor. Alle Befehle, die er erteilte, waren ruhig, klar und verständig. Er befahl, daß keiner sich ohne ausdrückliches Geheiß aus seiner Nähe entferne und versprach, jedem den Schaden, den er durch die Feuersbrunst erlitte, zu ersetzen. Durch diese Ruhe und Sicherheit wurde selbst die zitternde Margarete an seiner Seite ruhig und sie blickte mit dem Gefühl der Bewunderung und des Vertrauens zu dem Mann auf, den sie sich zu ihrem neuen Beschützer gewählt. Je näher sie der Stadt kamen, desto furchtbar schöner wurde der Anblick. Ganz San Franzisko schien ein einziges Flammenmeer. Der leichte Bau aus dürrem Holz und Segeltuch, den der größte Teil der Stadt zeigte, die Masse der häufig auf den offenen Straßen oder in bloßem Verschlag von Leinwand lagernden Warenvorräte hatten den Brand mit zauberhafter Schnelligkeit sich verbreiten lassen. Der Maharadschah hielt am Eingang der Stadt. »Das ist kein Schauspiel für Sie, Miß,« sagte er besorgt, »Mac Scott und Ihr Bruder sollen Sie mit vier Matrosen zum Hafen begleiten, wo in Zeit einer Viertelstunde Boote der Brigg zu Ihrer Aufnahme bereit sein werden.« Der Indier hatte mit seiner Begleitung und dem Grafen, den er auf dem plaza major getroffen, den Platz verlassen und bat, auf seiner Brigg ein Unterkommen für die Nacht anzunehmen, da sein eignes Obdach zerstört worden war. Gibson richtete auf den Wink seines Gebieters die gleiche Einladung an eine Anzahl Mitglieder der Sonoro-Gesellschaft und traf dabei eine sorgfältige Auswahl. Am Hafen traf die Gesellschaft die harrenden Boote der Brigg, die auf den Befehl des Maharadschah ans Ufer gekommen waren, und nach wenigen Minuten schwamm man auf den vom Feuerschein noch geröteten Wellen der Bai dem Schiffe zu. Die Heftigkeit des Brandes begann jetzt abzunehmen, da die Hauptstraßen der Stadt vollständig in Asche lagen. Drei Vierteile von San Franzisko waren ein Raub der Flammen geworden. Hin und wieder ging noch ein einzelnes Haus in Brand auf und der Feuerschein beleuchtete die Szenen der Verwirrung und des Verbrechens, die in dem unglücklichen Ort fortwüteten. Auf dem Verdeck der »Sarah Elise« herrschte während der ganzen Nacht ein reges Leben. Mac Scott und Gibson bewirteten ihre Gäste mit großen Bowlen von Whiskeypunsch und andern feurigen Getränken, während Srinath Bahadur, der den Geschwistern O'Sullivan seine eigene Kajüte eingeräumt, unter dem Zelt auf dem Hinterdeck mit dem Grafen in langem und ernstem Gespräch saß. Die Sterne zogen ihre Bahnen über den tiefblauen Nachthimmel – die letzten Flammen von San Franzisko versanken in Asche und Schutt – selbst das Geräusch und das Lärmen verstummten – aber noch immer ruhten die beiden wach auf den Kissen des Zeltes: der Maharadschah erzählte seinem Gaste von dem Wunderland seiner Heimat und der Knechtschaft seines Volkes!   Die Morgensonne beleuchtete bereits wieder eine volle Tätigkeit auf der Brandstätte des Abends. Mit der den Amerikanern eigenen Tätigkeit und Zeitbenutzung waren tausend kräftige Hände schon mit dem Aufbau neuer Wohnungen und Butiken aus Leinwand, Brettern, Latten und allen möglichen Materialien beschäftigt. Zelte wuchsen gleich Pilzen aus der Erde; fabelhafte Gebote wurden für Arbeitskräfte getan. In den ersten Stunden hatte der Brand natürlich jedes andere Interesse absorbiert, und erst später dachte man daran, daß mit dem Verlust aller Vorräte und Anstalten die Sonora-Kompagnie verloren sei. Die Aktien begannen fabelhaft rasch zu sinken und man gab sich um so eher der Überzeugung eines vollständigen Ruins und Bankerotts hin, als der Graf mit einem Teil seiner Begleiter verschwunden blieb. Gegen zwei Uhr mittags sah man von der Brigg »Sarah Elise« ein Boot abstoßen und man erkannte darin den Grafen Raousset Boulbon, und zugleich auf dem Verdeck Anstalten zum Absegeln treffen. Der Graf stieg sorglos und gleichgültig ans Land, als wäre nicht das Mindeste passiert. Die Anhänger des Grafen umringten ihn sofort, alles wollte Auskunft, Rat, Hilfe von ihm. Aber der Graf wies alle Fragen zurück, und die Neugierde auf eine Publikation, die sofort erfolgte. Ein großer Jubel erhob sich bei dem Lesen der Proklamation, und die Aktien der Sonora-Expedition stiegen rasch um zehn, zwanzig, dreißig Prozent! Die Bekanntmachung lautete: Um allen falschen Nachrichten sofort entgegenzutreten, macht der Chef der Expedition seinen Freunden und Begleitern folgendes bekannt: Die Expedition wird unter allen Umständen vor sich gehen und nur eine solche Verspätung erleiden, als die Anschaffung einer vollständigen neuen Ausrüstung erfordert. Der Genral en chef hat aus seinem Privatvermögen eine gleiche Summe, wie das Aktien-Kapital betrug, nämlich hunderttausend Dollars, bei Don Enriques Estevan, dem ersten Bankier dieser Stadt deponiert. Die Aktionäre verlieren keinen Heller und der Zeitverlust der Expedition wird dadurch wieder eingebracht werden, daß dieselbe zu Schiff über Guayamas abgehen wird, statt des früher beabsichtigten Landweges durch die Mohahwes. Dagegen findet sich der General en chef zu folgender Erklärung veranlaßt. Die Verpflichtungen der angemeldeten Teilnehmer sind von diesem Augenblicke an aufgehoben, die gezahlten Vorschüsse gestrichen. Es steht jedem frei, sich an einem beliebigen Unternehmen zu beteiligen, namentlich an der »Tiger Killing-Company« Seiner Hoheit des Maharadschah Srinath Bahadur . Der letztere eröffnet sofort eine neue Anmeldung. Eine Stunde nachher ruderte ein Boot auf die Brigg »Sarah Elise« zu. In demselben befand sich der Graf mit seinem Adjutanten – er kam, um an Bord Abschied zu nehmen.   »Was Sie mir von Ihrer Heimat erzählt, Hoheit,« sagte der Graf, »hat mein höchstes Interesse erregt. Ich war einst in meiner Jugend bestimmt, nach Pondichery, unserer Kolonie, zu gehen, um dort durch die Gunst meiner königlichen Verwandten eine hohe Stellung einzunehmen; da kam die Revolution von 1830 und zerstörte meine Pläne. Ich wiederhole Ihnen, was ich Ihnen vorgestern sagte, bänden mich nicht alle meine Interessen jetzt an dieses Land, ich zöge mit Ihnen nach Indien und erkämpfte mir dort eine Existenz, wie einst der Gatte Ihrer Verwandtin, der Begum von Somroo, getan. Ich habe so viel von dieser merkwürdigen Frau gehört, daß ich wohl wünschte, Sie benutzen die kurze Zeit, die wir noch zusammen sind, um mir einiges von ihr zu erzählen.« »Die Begum,« begann der Maharadschah, »soll mongolischer Abkunft sein und war ums Jahr 1753 Ihrer Zeitrechnung geboren und im mohamedanischen Glauben erzogen. Von ihrer frühesten Jugend ist nichts bekannt. Als sie noch ein herumirrendes Mädchen war, fesselte ihre Schönheit einen fränkischen Abenteurer aus dem Lande, das man Deutschland nennt, der in den Diensten der französischen Kolonien stand und von Ihren Landsleuten le Sombre genannt wurde, woraus der indische Name Somroo entstand. Dieser tapfere und kühne Mann war es, der im Jahre 1763 die Ermordung der Engländer in Patna leitete. Als diese wieder Patna genommen, mußte er die Flucht ergreifen, trat zuerst in die Dienste des Radschah von Bithoor, woher sich das alte Bündnis zwischen dem General und dem Vater des Peischwa schreibt, und dann in die mehrerer anderer Fürsten, wobei die Begum ihn und seinen geworbenen Heerhaufen überall hin begleitete, bis es dem General Sombre gelang, im Audh, nordöstlich von Delhi, bedeutende Besitzungen zu erwerben. Mächtig und reich starb er, und die Begum folgte ihm in dem Besitz und in der Anführung seiner Soldaten, deren Treue und Begeisterung sie sich durch ihren großen Mut und ihre Entschlossenheit erworben hatte. Während der großen Erschütterungen in den letzten Regierungsjahren des Schah-Aulam verteidigte sie diesen bei vielen Gelegenheiten mit großer Tapferkeit und erhielt zur Belohnung ihrer Treue mit der Benennung Heb al Rissah (Zierde ihres Geschlechts) ein Fürstentum, Sirdhana genannt, das sie durch weise Verwaltung zu einem Garten Indiens umschuf. »Nach einer kurzen Witwenschaft kam ein Franke an ihren Hof, Le Vassu , und gewann ihre Liebe. Sie vermählte sich mit ihm und zeugte eine Tochter, die sie Juliane nannte. Ihr Gatte aber sehnte sich nach seinem Heimatland und beschloß, nach Europa zurückzukehren. Er bestand darauf, seine Frau mit sich zu nehmen und sagte ihr, sie würden mit ihrem Golde und ihren Juwelen weit glücklicher in Paris als in den Wildnissen Indiens leben. Die Begum war eine kluge Frau. Sie besorgte mit Recht, in dem fremden Lande ihre Macht einzubüßen und die Sklavin ihres Mannes zu werden, während sie in Sirdhana die rechtmäßige Gebieterin blieb. Aber es wäre unerhört gewesen, wenn ein Weib sich geweigert hätte, ihren Mann zu begleiten – unter Indiens Sonne ist der Mann Herr über das Leben seiner Familie. Die Begum nahm deshalb zu einer List ihre Zuflucht. Nachdem sie ihre wahre Absicht einigen Vertrauten mitgeteilt, stellte sie sich gegen den drängenden Gatten, als willige sie in sein Vorhaben, gab ihm aber zu bedenken, daß ihre Flucht entdeckt werden könnte, und daß es eine Schande für sie sein würde, wenn ihre Untertanen sie wider ihren Willen nach Sirdhana zurückbrächten. Ehe sie dies erlebe, würde sie sich lieber mit eigener Hand töten. Durch solche Reden lockte sie Le Vassu den Schwur ab, daß, wenn sie verfolgt und eingeholt würden, er sie nicht überleben wolle. »Um Mitternacht bestieg der Franzose seinen Elefanten, die Begum ihren Palankin und sie reisten ab. Aber an einem bestimmten Orte wartete ihrer ein Hinterhalt von ihren eigenen Soldaten und die Begleitung des Paares wurde zerstreut. Man hörte einen Schrei und ein der Begum ergebener Diener eilte zu dem gefangenen Franken, ihm verkündend, daß seine Gattin sich erstochen habe. Le Vassu stürzte zu dem Palankin, um ihre letzten Atemzüge zu empfangen und mit ihr zu sterben, als man ihm schon mit einem blutgefärbten Tuch entgegen kam. »Diesen Abschied sendet sie dir,« berichtete eine der treuen Frauen, »und mahnt dich an dein Versprechen.« Da hörte der unglückliche Mann, der seine Frau wirklich geliebt und den nur die Torheit getrieben hatte, auf seiner Flucht zu bestehen, nur auf die Stimme der Verzweiflung – er riß ein Pistol aus dem Gürtel und erschoß sich. In demselben Augenblick verließ die Begum ihren Palankin und bestieg einen Elefanten. Sie redete die Soldaten an und sagte ihnen, daß ihre Treue für sie über ihre Liebe zu dem Gatten gesiegt hätte und daß sie fortan nur ihnen gehören würde. Im Triumph wurde die Fürstin nach Sirdhana zurückgeführt und seit jener Zeit hat sie allein ihr Reich regiert und ihre Krieger in wilden Schlachten angeführt.« »Abscheulich!« rief die junge Irländerin, »wie war es möglich, einen Gatten, den sie liebte, tückisch selbst dem Tode zu weihen!« »Rechten Sie nicht mit Sitten und Gefühlen, schöne Miß,« sagte der Graf, »die außer unserem gewohnten Kreise liegen. Was bei einer Europäerin eine Tat der Nichtswürdigkeit und des Verrats sein würde, ist ein heroisches Opfer der eigenen Liebe bei der indischen Fürstin, die den schwachen, eigensinnigen Gatten dem Tode weiht, um sich ihrem Volke zu erhalten.« »Sie haben recht, Monseigneur – jener Franke war ein Unwürdiger und Undankbarer. Indien hat nie eine bessere Fürstin gesehen, als die Begum Somroo war. Unter ihrer Hand wuchs der Reichtum ihres Landes, ihre Dörfer waren volkreicher, als die irgend einer anderen Gegend im weiten Indien. Der Reisende war willkommen an ihrem Herd und der Flüchtling fand Schutz in den starken Mauern ihrer Stadt. Wenn ihr stolzes Pferd oder der mächtige Elefant sie durch die goldenen Gassen Delhis trug, wies das Volk auf sie und nannte sie die Mutter der Glücklichen!« »Und hat sie nie die Reue über den begangenen Mord getrübt?« fragte schüchtern Margarete. »Nur Bramah selbst schaut in die Herzen der Menschen. – Die Begum verließ, als sie alt wurde, den Glauben ihrer Väter und horchte auf die schwarzen Priester der fränkischen Christen. Man sagt, daß sie schlimme Stunden gehabt hat, in denen das blutige Bild des Gatten vor ihre Seele trat. Ich weiß es nicht, denn ich war ein Kind noch, als der tückische Holkar sie durch falsche Briefe bei den Engländern in Kalkutta verleumdet. Da zeigte sich zum letzten Male ihr mächtiger Geist – sie schlug den schändlichen Feind ins Antlitz und enthüllte mit Hilfe des Peischwas, meines Vaters, den Verrat, den er gesponnen. Zum Dank dafür sollte ich an ihrem Erbe teilnehmen, obschon ihr Wille nicht erfüllt wurde. Sie starb im Jahre 1836, noch ehe die Heirat vollzogen wurde, 83 Jahre alt, geliebt und betrauert von allen, die sie kannten.« »Welche Heirat, Hoheit?« »Der Begum einzige Tochter hatte den Obersten ihrer Leibwache geheiratet, Dyce genannt. Ein Sohn und eine Tochter waren die Frucht dieser Ehe, und die Begum ließ sie auf europäischem Fuß erziehen. David war fünfzehn, Anna Mary dreizehn Jahre älter als ich. Aber die Begum hatte noch eine viel jüngere Enkelin – wenigstens nannte das Volk sie so. Ich war damals ein Knabe und zählte fünf Jahre weniger als diese, mit der ich verlobt wurde. Man sagt, es sei das Kind des Obersten Dyce und einer Sklavin der Begum gewesen. Niemand weiß, ob es wahr ist, und ob die Sklavin oder Juliane, die rechtmäßige Hindufrau, das Kind geboren. So viel aber ist gewiß, daß die Begum Somroo die Sklavin drei Tage nach der Geburt jenes Kindes lebendig begraben ließ, und da sie fürchtete, daß man ihr zu Hilfe kommen werde, so befahl sie, ihre königlichen Teppiche über das Grab zu breiten, und schlief drei Nächte darauf und hielt am Tage Gericht.« »Entsetzlich! Aber was wurde aus dem Kinde?« »Ich habe Ihnen schon erzählt, daß sie es als das Kind ihrer Tochter ausgab und als solches erziehen ließ. Als die Begum starb, war ich noch zu jung zur Verheiratung, die Prinzessin Georga wollte nichts von mir wissen, weigerte sich, dem Befehle ihrer Großmutter und ihres Bruders zu gehorchen und entfloh mit einem italienischen Abenteurer, Savelli mit Namen. David Dyce Sombre folgte ihr mit der älteren Schwester nach England und ist seitdem nicht wieder nach Indien zurückgekehrt.« »Man hat ihn in Bedlam eingesperrt und ihn für verrückt erklärt,« lachte der Graf. »Ich selbst habe ihn einmal flüchtig in Paris nach seiner Flucht gesehen und glaubte nicht, einen seiner Verwandten am äußersten Ende Amerikas noch meinen Freund zu nennen. Und nun lassen Sie mich sagen, Hoheit, daß ich bedauere, von Ihnen scheiden zu müssen. Da drüben erscheint der weiße Schaum der Brandung des Weltmeeres, das künftig unsere Lebensbahnen scheiden soll. Sie haben mir eine kleine Lektion in meinem europäischen Stolz gegeben, und ich danke Ihnen dafür. Möge ich ebenso stark und willenskräftig sein, mein Ziel zu erreichen, wie Sie! – Diese da,« er wies auf Margarete, die sich sanft weinend über seine Hand beugte, – »möge Sie an mich erinnern! Schirmen und schützen Sie sie und ihren Bruder!« Der Maharadschah legte mit einem dunkel glühenden Blick auf die junge Irländerin die Hand beteuernd auf die Brust. Der Graf – seltsam bewegt – führte den Fürsten einige Schritte aus der sie jetzt umdrängenden Menge. »Es ist etwas Eigenes, mir selbst Unklärbares, was mich zu Ihnen zieht. Mir ist, als würden wir dasselbe Schicksal haben und die Welt einst unsere Namen auf einem großen Throne oder – einem Schafott nennen! – Nehmen Sie in dieser Stunde des Scheidens eine Warnung von einem älteren Freund: trauen Sie den Engländern nicht – sie sind Harpyen, wo es ihr Interesse gilt, und tauber Fels für den Schrei der Gerechtigkeit! Und nun, Kinder – Freunde,« – er wandte sich zu den Abenteurern, »lebt wohl und – der Gott der Tapferen, der über San Franzisko lebt, möge euch schirmen auch in den Dschungeln Indiens!« Er sprang an die Öffnung des Fallreeps. Stumm reichte der indische Fürst dem tapferen Franzosen die Dschambea, mit der er den Tiger verwundet, und der Graf nahm das edle Geschenk und steckte es in seinen Gürtel. Wenige Augenblicke darauf stieß das Boot, das ihn trug, von der Seite des Schiffes und tauchte dahin auf dem Rücken einer langen Welle. Ein dreimaliges kräftiges Hurra aus fünfzig Kehlen begrüßte die Scheidenden. Die Abenteurer und die Matrosen sprangen auf die Bänke und die Takelage, schwenkten die Hüte und Mützen und schauten dem Boot nach – dann donnerten auf den Wink des Maharadschah die Kanonen der Brigg den letzten Gruß. Die »Sarah Elise« trat in die offene See. – Hurra für Singapore! Der blutige Arm Der Leser erinnert sich noch der Beschreibung, die Hartmann Jonas, der Wucherer, der schönen Baronin Savelli zur Auffindung des roten Joël und seines Schützlings, des schönen Jack, gegeben. Der dumpfe Nebel, der den größten Teil der riesigen Stadt früh und abends erfüllte, verstärkte die bereits hereingebrochene Dämmerung des Sommerabends, als ein schlanker Bursche in Matrosenkleidung durch High-Street in White Chapel hastig dahinschritt, von dieser in Unions-Street einbog und den Weg durch Church-Lane nach dem engen Straßengewirr von Smithfield verfolgte. Der junge Mann bog eben in die Ellen-Street, als er zwei Männer an sich vorbeigehen sah, deren unerwartete Begegnung ihn zu erschrecken schien; denn er bog den Kopf nieder, daß der breite Hutrand sein Gesicht vollständig verbarg, obschon die Vorübergehenden auch nicht im geringsten seiner Person achteten. »Ich denke,« sagte der Größere von den beiden, »Sie werden heute noch Gelegenheit haben, so viel von dem Treiben unserer Flüchtlings-Propaganda zu sehen, daß Sie ein genügendes Gefühl des Ekels bekommen, welches Sie vor jeder näheren Verbindung bewahren wird.« »Sie urteilen hart,« sagte Walding, der deutsche Arzt, denn dieser und der Kapitän Ochterlony waren die beiden Wanderer. »Sie, der Sie selbst so mutig und unermüdlich für die Freiheit und die Rechte Ihres Vaterlandes streiten.« »Für seine gesetzliche Freiheit, für seine vernünftigen Rechte – nicht für unsinnige Forderungen, die mit keiner Regierungsform Bestand haben können. Oder meinen Sie, daß es mit Ihrer republikanischen Freiheit und Proudhons Sozialismus in Frankreich lange dauern werde? – Es ist heute der Tag, an dem sich die Ausschüsse aller nationalen Komitees zu versammeln pflegen, um ihre gegenseitigen Pläne und Interessen auszutauschen. Achten Sie auf alles und bemerken Sie alles, aber mengen Sie sich möglichst in keine Debatte, dann können Sie ohne Gefahr der Versammlung beiwohnen, so lange es Sie interessiert, auch wenn ich, wie ich Ihnen bereits gesagt, infolge eines gegebenen Versprechens, Sie binnen einer Stunde verlassen muß.« Der junge Matrose hatte nur einen Teil der Worte gehört, aber die letzten verstanden und machte eine Bewegung, die beinahe die Aufmerksamkeit der Sprechenden auf ihn gezogen hätte, da der Kapitän in diesem Augenblicke stehen blieb. »Lassen Sie einen Augenblick mich orientieren,« sagte er, »dieses Häusergewirr in Smithfield könnte selbst einen Policeman irre führen. Richtig, da drüben sehe ich die Laternen von New-Road, und dort blinkt die rote Scheibe der Taverne vom »Hammer und Amboß« – wir müssen sogleich zur Stelle sein.« Er bog nach der James-Street ein, die auf New-Road hinausführt, und der Matrose sah die beiden in dem Eingang jener Taverne verschwinden. Er ging zurück und fand nach längerem Suchen die Schenke zum »Blutigen Arm«, den Verbrechern wie den Policemen von London ein gar wohl bekannter Ort. Er trat dicht an die Tür heran und klopfte dreimal in Zwischenräumen auf eine besondere Weise an. Sofort wurde die Tür von einer unsichtbaren Hand aufgetan. Ein großer Neger in einem roten Matrosenhemd und einem schmutzigen ledernen Beinkleid, ein breites Schiffermesser in lederner Scheide im Gürtel, saß auf einem Schemel in der Nähe einer zweiten Tür. Der Matrose warf ihm einen Schilling zu, und der Mohr öffnete die Tür. Eine Wolke von Licht, Tabaksqualm und Branntweingeruch quoll ihnen entgegen, als er in den ziemlich weiten Raum des Parlour einer Schenke der untersten Sorte eintrat. Der Lärm war so betäubend, der Qualm von allerlei Ausdünstungen so dicht und erstickend, daß der junge Mann sich anfangs, trotz der ziemlich hellen Beleuchtung durch Öllampen, nicht orientieren konnte. Erst nach und nach vermochten seine Augen die Gestalten zu erkennen oder den Raum zu überschauen. Das Parlour war um eine Stufe gegen den etwa zweimal so großen Raum des thap oder der eigentlichen Schenke erhöht, deren sämtliche Tische und Bänke von trinkenden und spielenden Gruppen, worunter auch Frauenspersonen nicht fehlten, eingenommen waren, während im Parlour etwa vier oder fünf Personen an zwei Tischen saßen. Das Kontor – the bar – des Schenkladen, durch ein ziemlich hohes und festes Gitter aus Eisenstäben, in dem sich nur eine breite, fensterartige Öffnung zur Bedienung durch Schenkmädchen befand, von den beiden Räumen abgesondert, war auf einer Seite an der Stelle, wo das Parlour und die thap zusammenstießen, so daß der Besitzer beide Räume zugleich übersehen konnte. Zwei im höchsten Grade frech aussehende Dirnen und ein schmutziger buckliger Bursche besorgten die Bedienung der Gäste. Der Eintritt des jungen Matrosen hatte wenig Aufmerksamkeit erregt, und er war an das Kontor getreten, hinter dessen Öffnung der Wirt mit Einschenken der verschiedenen Spirituosen eifrig beschäftigt war. Joël Löwenthal, der rote Joël genannt, war bei den Londoner Polizeiberichten wohl bekannt. »Ich will den Dalles haben,« sagte der Jude, »wenn ich kenne das schmucke Gesicht. Wo kommt der Herr her, womit kann ihm dienen der Schwächer ? Woll'n Sie trinken 'n Glas Blauen oder,« fuhr er flüsternd fort, »haben Sie ä Geschäftche mit dem alten Joël, so können Se schmusen im Vertrauen.« »Ich komme, um Sie nach Jack Slingsby zu fragen.« Die süßliche Miene des Juden veränderte sich wie mit einem Zauberschlag. »Main – wie kommt mer der Herr vor? Will er mich auftun ? Was weiß ich von dem Spitzbuben, dem Jack Slingsby, soll mer Gott strafen, wenn ich den Namen gehört in meinem Leben!« Als der Jude den Gitterverschlag wieder verschlossen, der durch eine besondere Lampe erhellt war und selbst das Schankfenster durch einen Schieber abgesperrt, wandte er sich zu seinem Besuch, indem er ihn halb mit neugieriger, halb drohender Miene musterte. »Ich will hoffen, daß der junge Gojim nicht hat gefoppt den Joël Löwenthal mit einer Lüge,« zischte er heftig – »es würde sein dem Barjeh besser, er hätte angefaßt glühendes Eisen. Heraus mit dem Zeichen.« Der Matrose holte aus seiner Tasche das ihm von Hartmann Jonas übergebene gezeichnete Geldstück und reichte es dem Wirt, der es genau besichtigte. »Als es doch hat seine volle Richtigkeit mit dem Zeichen,« sagte er, – »Hartmann Jonas, mein Freund, der is ein vornehmer Mann, während ich geblieben bin en armer Bal-spiese , wird mir nicht senden mit dem Stück jemand, dem er nicht schenkt volles Vertrauen. Der Herr sieht nicht aus wie ein Matros,« fuhr er mit einem listigen Blick auf das Gesicht des jungen Mannes fort, »die Patschken sind zu weiß und weich, er kann auch nicht sein von der Chewrusse – dazu sieht er aus zu jung und vornehm. Der Herr hat also ein Geschäft, 'nen kleinen Auftrag für uns. Darf ich fragen, mit was kann ich dienen?« Der Seemann nahm aus der Tasche zehn Guineen und legte sie vor den Wirt auf den Tisch. »Nimm das als Handgeld,« sagte er jetzt, jeder Besorgnis bar, mit fester Stimme – »eben soviel erhältst du, wenn du tust, was ich verlange und mir in aller Weise behilflich bist. Ich habe mit Jack Slingsby zu sprechen, also schaff mir ihn zur Stelle und bring uns an einen Ort, wo wir uns, ohne Gefahr belauscht zu werden, unterreden können.« »Soll mer Gott,« erwiderte der Jude mit einem bezeichnenden Faunenblick in das bartlose errötende Gesicht und auf die gerundeten Brustformen des verkleideten Seemannes – »der schöne Jack hat verteufeltes Glück beim schönen Geschlecht! Aber verzeihn Sie, ich kann nicht schaffen den Jack zur Stelle, ehe er nicht kommt von selbst, denn er muß sich nehmen sehr in acht vor den Policemen. Aber ich tu erwarten ihn ganz bestimmt in kurzer Zeit und will Sie führen bis dahin an einen Ort, wo Sie sein ganz sicher vor allem Baldowern , so gut wie in Abrahams Schoß.« Der Jude zündete eine Lampe an, öffnete eine Tür, hinter der eine schmutzige Treppe in die Höhe führte. Er winkte dem jungen Mann, zu folgen, und der junge Matrose sah sich am Ende der Treppe in einem kleinen niedern Zimmer, das außer der Tür nach der Treppe weiter keinen Ausgang hatte. Es war einfach aber ziemlich reinlich möbliert, enthielt eine große eiserne Kiste, ein Himmelbett und an der Wand einen Vorrat von allerlei Männer- und Weiberkleidung, sonst aber durchaus nichts Auffälliges. Der Wirt setzte die Lampe auf den Tisch, betrachtete noch einmal mit schlauem Blick seinen Besuch und bat um Entschuldigung, daß er ihn hier einstweilen sich selbst überlassen müsse, da er unten in der Schenke unentbehrlich sei. Es gehörte offenbar ein nicht geringer Mut dazu, so allein und abgesperrt von jeder Hilfe in diesem abgelegenen Gemach der berüchtigten Diebesschenke zuzubringen, doch schien der Person dieser Mut trotz ihres unmännlichen Aussehens nicht zu fehlen. Sobald sie sich allein sah, warf sie den großen, ihr Gesicht halb verbergenden Wachshut auf den Tisch und die etwas bleichen aber entschlossenen Züge Georgas , der schönen Baronin Savelli , kamen zum Vorschein. Die verkleidete Dame zog zuvörderst aus der Brusttasche ihrer weiten Matrosenjacke einen sehr zierlich gearbeiteten fünfläufigen Revolver, prüfte mit sachverständiger Miene die Pistons und sah sich dann im Zimmer nochmals um. Die Sammlung von Kleidern an der Wand bot eine seltsame Mischung, wie sie nur eine Trödlerbude oder eine Maskengarderobe zeigt. Der Talar des Advokaten hing neben einer alten Soldatenuniform, ein polnischer Schnürrock bei Schifferkleidern und Kutschermänteln, ein schmieriger Pelz neben dem roten Frack eines Sportsmannes, der Mantille und dem ziemlich eleganten seidenen Damenkleid. Bei dem Umherschieben der Kleider war es ihr, als ob an der dunklen Wand hin und wieder ein schwacher Lichtstrahl leuchtete, und als sie mehrere Röcke bei Seite zog, zeigte sich der schmale Spalt einer geöffneten geheimen Tür in der Wand. Sie mußte offenbar nur durch Zufall oder Vergessenheit offen geblieben sein. Die schöne Indierin machte sich durchaus keine Skrupel, den geheimen Ausgang aus der Höhle des Juden näher zu untersuchen. Er war lang, schmal und dunkel, mit Ausnahme verschiedener Stellen an beiden Wänden in Gesichtshöhe, aus denen Lichtschein auf die gegenüberliegende Fläche von unten herauf fiel. Offenbar bildete das Versteck die geheime Hauptniederlage der Bande, deren Hehler und Helfer der Jude war. Die Neugierde der Baronin richtete sich jetzt auf die Öffnungen, die sie, nachdem sie vorsichtig die Lampe niedergestellt, näher untersuchte. Wie die Besichtigung ergab, waren es auf beiden Seiten Licht- und Schallöcher, die aus untern Gemächern in die Höhe führten, und deren Öffnungen in jenen an den Borden der Plafonds als Ventilationsvorrichtungen angebracht oder durch andere Verzierungen verdeckt waren. Sie gewährten von oben her einen vollständigen Einblick in die betreffenden Räume und waren zugleich so sinnreich angelegt, daß sie auch als Hörrohre dienten, welche den Schall der Gespräche aus den unter ihnen gelegenen Abteilungen in die Höhe und deutlich an das Ohr des unbemerkten Lauschers führten. Solcher Öffnungen befanden sich auf jeder Seite vier. Die zur Linken führten, wie sich die Lady alsbald überzeugte, in den thap , der Schänke zum Blutigen Arm. Die Öffnungen auf der Seite rechts führten in einen ähnlichen, nur anständiger und besser dekorierten Raum in dem Nebenhause. Es war eine Schenke der höhern Art, mit parlour, bar und thap , aber auf Leute anderen Schlags berechnet, als das Spitzbubengesindel im Blutigen Arm, und die Lady schloß daher nicht mit Unrecht, daß beide Häuser nach verschiedenen Straßen mündeten und nur mit den Hinterwänden aneinander stießen, zwischen denen das zum Lauscherposten nach beiden Seiten eingerichtete Versteck lag. Diese Annahme fand ihre Bestätigung, als die Baronin die Figur des Juden erkannte, der in einem anständigen schwarzen Rock die sehr zahlreich versammelten Gäste durch zwei oder drei Kellner bedienen ließ. Die Versammlung in der Gentlemen-Schänke bot übrigens gleichfalls einen ziemlich gemischten Charakter, was Tracht und Aussehen betraf. Dicke, verwilderte Backen- und Schnurrbärte, gegen die englische Sitte, verkündeten bei den meisten, daß sie Ausländer seien. Jedes Alter, jede Nation, jeder Stand schien hier vertreten. Eine wahrhaft babylonische Sprachenverwirrung schlug aus den verschiedenen Gruppen zu dem Ohr der zufälligen Lauscherin. Ein englisches Wort – eine bekannte Stimme, die an ihr Ohr traf, wendete ihre Aufmerksamkeit auf die Kabine, die sich gerade unter ihr befand; sie lenkte ihre Augen dahin und erkannte mit Überraschung in dem dort ruhig und beobachtend bei einem Porterkrug Sitzenden den Kapitän Ochterlony , das Mitglied des Unterhauses, und seinen neuen Freund, den deutschen Arzt Walding , die beiden von ihrem verstorbenen Bruder ernannten Testamentsvollstrecker. Die Worte, die sie auf dem Wege durch die Straßen von dem Kapitän gehört, gaben ihr sofort Aufklärung über die Versammlung. Sie befand sich – beide belauschend – zwischen dem gefährlichsten Verbrecherschlupfwinkel Londons und der Versammlung des europäischen Zentralkomitees der republikanischen Propaganda. Die Neugier der Lady war von der Szene auf beiden Seiten so erregt, daß sie kaum an eine Überraschung durch den roten Joël und daß dieser ihr eine böse Stellung bereiten könne, dachte, und abwechselnd lauschte sie mit Auge und Ohr an den verschiedenen Öffnungen. » As de sollst gehn kapores, verfluchte Goie! « keuchte eine Stimme dicht am Ohr der Baronin, die sich mit starker Faust gepackt und von dem Spähloch hinweggerissen fühlte. In dem matten Licht, das durch die Öffnungen in den Gang fiel, blitzte ein scharfes Messer über ihr. Mit einer Geistesgegenwart und Gewandtheit, die man kaum einer Dame hätte zutrauen können, entschlüpfte die Indierin der Faust ihres Gegners, in dem sie mit einem Blick den roten Joël erkannte, und stürzte aus dem Korridor durch die halb geöffnete Tür in das Wohnzimmer des Juden. Aber hier fand sie vor dem Ausgang nach der Schenke den »schönen Jack« stehen, der erstaunt bald auf die durch den Griff des Juden in Unordnung gebrachte und vorn gerissene Kleidung des jungen Matrosen sah, die ihm jetzt die vollen Formen eines Frauenbusens verriet, bald auf den roten Joël, der mit erhitztem Gesicht und häßlich funkelnden Augen, Fluchworte ausstoßend, auf den schönen Flüchtling zustürzte, das blitzende Messer erhoben. Die Baronin, den Weg zur weiteren Flucht versperrt sehend, war hinter den Tisch gesprungen und streckte jetzt, im augenblicklichen Schutz dieser Verschanzung, den gespannten Revolver ihrem Verfolger entgegen. »Einen Schritt weiter, Mann,« sagte sie entschlossen, obwohl mit keuchender Stimme, »und eine Kugel zerschmettert dir den Kopf. Was willst du von mir, warum versuchst du mich zu morden?« Der schöne Jack hatte den wütenden Juden am Arm gefaßt. »Wenn das die Person ist, die mich sprechen will, was fällt dir ein, sie abzuschlachten wie ein Huhn, alter Gurgelabschneider?« »Laß mer sein,« tobte dieser, » sie muß werden kappore gezawwert , wenn wir nicht selber woll'n haben den Strick um den Hals. Sie hat gesehen zu viel, sie ist ein Schauter oder wird dibbern den Gausern !« »Unsinn, Joël,« sagte der Gentlemen aus Botani-Bay, ihn fester haltend, »was hat die Lady weiter gesehen, als einen Versteck für unsere Kleinigkeiten, und wenn sie hierher gekommen ist, um mit einem von uns Geschäfte zu machen, so wußte sie im voraus, daß das, was sie hier findet, nicht auf dem Markte gekauft ist!« Der Jude schielte ihn von der Seite an; nur wenigen der Besucher der Diebeshöhle war das wohlangebrachte Versteck bekannt und unter diesen ahnte keiner die Horcheröffnungen. »Die Pest über sie! wie hat sie gefunden das Versteck? Die Bar minons allein können nicht dibbern !« »Ich schwöre bei allem, was mir heilig,« sagte die Dame, »daß ich die Tür zu jenem Raum offen gefunden und daß mich nur die gewöhnliche weibliche Neugier dahin geführt hat. Ich will mich mit jedem Eide verpflichten, nie mit einer Silbe von dem Dasein jenes Gemaches zu sprechen.« »Das genügt und muß auch dir genügen, roter Joël,« entschied Jack. »Steck dein Messer ein, alter Fuchs, und schneide keine so grimmigen Gesichter mehr, die Lady steht von diesem Augenblick an unter meinem Schutz. Wenn sie uns braucht, ist ihr Schweigen sicher genug. Seien Sie ohne Furcht, Mylady. Wenn Sie ein Geschäft mit mir haben, so stehe ich zu Diensten.« »Ich vertraue Ihrer Ehre und Ihrem Wort, mein Herr,« sagte die Lady, indem sie das Pistol in Ruhe setzte und wieder in die Brusttasche schob. »Das können Sie, Mylady,« schwor der Spitzbube geschmeichelt. »Soll ich diesen alten Schuft die Treppe hinunter werfen, um mit Ihren reizenden Augen allein zu sein?« »Mißverstehen wir uns nicht, Herr,« sagte die Lady kalt. »Bitte – bleiben Sie in der Entfernung, wo Sie sind, und wenn Sie jenen Mann entfernen können, so tun Sie es. Es ist nicht nötig, daß überflüssige Zeugen bei unserer Unterredung zugegen sind. Übrigens kann Ihnen dieser Mann da sagen, daß ich von einer zuverlässigen Person legitimiert bin, die mir gerade Sie bezeichnet hat. Hier ist der Rest des Goldes, daß ich dir versprochen!« Sie warf dem Juden zehn Sovereigns hin, die dieser begierig aufraffte, worauf er sich, nachdem er die Tür der verborgenen Galerie auf eine nur ihm bekannte Weise verschlossen hatte, entfernte. »Ich habe Ihnen bereits angedeutet,« eröffnete die Dame sogleich das Gespräch, »daß Sie mir von einer vertrauten Person als ein eben so gewandter wie kühner Einbrecher bezeichnet sind, der vor keiner Schwierigkeit und keiner Gefahr zurückweicht.« »Mylady schmeicheln mir,« sagte Jack mit zartem Erröten, »ich tue, was ich kann – indes für die Krone des schönen Geschlechts würde ich das Möglichste aufbieten.« »Es handelt sich darum, aus einem verschlossenen Zimmer, ohne daß eine Spur äußeren Einbruchs zurückbleiben darf, ein Paket Schriften zu entwenden. Ist dies möglich?« »Haben Sie zunächst die Güte, Mylady, mir die Lage des Zimmers und die Art des Verschlusses mitzuteilen. Aber bitte, Mylady – nehmen Sie Platz. Sie sind unterm Schutz meiner Ehre und vollkommen sicher.« Die Lady machte eine verächtliche Miene mit der Hand. »Das Zimmer,« sagte sie, »ist ein Eckzimmer nach vorn, in der ersten Etage, mit zwei Eingängen. Das hintere Nebenzimmer sieht auf einen kleinen Garten, der an einen ziemlich einsamen Square grenzt. Die Tür nach dem Hinterzimmer, das von außen leicht zugänglich, ist von innen mit einem Nachtriegel geschlossen, die zweite Tür nach der Zimmerreihe ist von außen doppelt verschlossen, und der Verschluß mit zwei Siegeln versichert. Diese dürfen unter keinen Umständen verletzt werden.« »So bleibt uns also nur die von innen verriegelte Tür!« »Aber wie diese öffnen?« »Das ist meine Sache. Sind sonst keine Hindernisse vorhanden?« »Es – liegt eine Leiche im Zimmer. Sie werden ihr Lager genau untersuchen müssen, ob darin Papiere verborgen sind. Sie scheuen sich doch nicht davor?« Der schöne Jack zuckte die Achseln. »Ich habe mir einmal das Vergnügen gemacht, eine ganze Gruft zu plündern.« »Es wird nötig sein, daß Sie für alle Fälle einen entschlossenen Begleiter haben. Ich hoffe, daß der Flügel des Hauses leer ist – aber es wäre möglich, daß einer der Diener, ein Indier, Ihr Unternehmen hinderte. In diesem Fall – ich muß die Papiere unbedingt haben!« Auf der Stirn des schönen Jack zeigte sich zwischen den Augenbrauen und um den hübsch geformten Mund ein unheimliches Lächeln. »Seien Sie unbesorgt, Mylady – Sie werden erhalten, was Sie wünschen, nur müssen Sie mir dann überlassen, die geeigneten Mittel zur Abwendung eines Verdachtes zu ergreifen. Aber die Zeit und der Ort?« »Es muß noch diese Nacht geschehen, in höchstens zwei Stunden – Zu dieser Zeit wird der Herr des Hauses, sein gefährlichster Hüter abwesend sein. Sobald Sie mir die Papiere an den Ort bringen, den ich Ihnen bezeichnen werde, erhalten Sie fünfzig Guineen. Jetzt bin ich bereit, Sie selbst an Ort und Stelle zu führen und Ihnen über die Lokalität die nötigen Anweisungen zu geben. Lassen Sie uns sobald wie möglich aufbrechen.« Der galante Dieb führte die Baronin durch die bar , die leer war, da der rote Joël wahrscheinlich seine Gentlemen-Gäste in dem Nebenhause bediente, und durch die Schenkstube, wo nur wenige Personen noch versammelt waren, weil die meisten sich an die Ausgänge der Theater begeben hatten. Jack Slingsby warf unter diesen einen musternden Blick umher und blieb dann vor dem Leichendieb stehen, der bei der Ginflasche zurückgeblieben war und sein geschwollenes Auge badete. »Fang die Kur morgen wieder an, Dick Hampton,« flüsterte der Spitzbube, »es gibt Arbeit für dich heute Nacht und zehn Pfund zu verdienen.« Der Burker schielte ihn mit dem gesunden Auge grimmig an und machte eine bezeichnende Bewegung mit der Faust. »Dergleichen?« brummte er. »Ich bin gerade heute in der Laune!« »Unsinn, Mann, du weißt, daß ich mich mit dergleichen nicht einlasse, außer – im äußersten Notfall. Es ist eine leichte Arbeit und ich brauche nur einen entschlossenen Mann, um mich vor jeder Störung zu sichern. Entschließ dich rasch oder ich muß mich nach Ralph, dem Boxer, umschauen.« »Gott verdamm deine Augen.« brüllte der Burker. »Was der Kerl kann, kann ich auch. Vorwärts also – ich bin bereit!« Der Dieb nahm ihn unter den Arm und führte ihn nach dem Ausgang, durch den er selbst eingetreten, indem er dem verkappten Matrosen einen Wink gab, ihnen zu folgen. Sie hatten kaum die Tür geschlossen, als der Jude den Kopf aus dem Gitter seines Verschlages steckte und einem Frauenzimmer winkte, das bisher, mit dem Kopf auf dem Arme, wie schlafend an einem Tisch gekauert hatte. Sie erhob sich sogleich, wechselte einen Blick des Einverständnisses mit dem Juden und war im nächsten Augenblick durch dieselbe Tür verschwunden, durch welche die drei die Schenke verlassen hatten. Der rote Joël spuckte giftig hinterdrein und rieb sich mit einem grimmigen Kichern die kräftigen Hände. Wer der Mörder? Es war gegen Mitternacht, als am Buckingham-Square Kapitän Ochterlony von dem deutschen Arzt sich trennte, indem er ihn bat, im Hause des Todes seiner nicht etwa noch zu warten, da er erst gegen Morgen zurückkehren werde. Während er nach einem auf dem Platz haltenden Nachtfiaker ging und dem Kutscher nach dem Hyde-Park zu fahren befahl, näherte sich der Doktor Walding der Wohnung des verstorbenen Freundes. Bei dem gewöhnlichen nächtlichen Treiben in den Straßen Londons fiel es ihm nicht auf, daß er zwei Männer an dem äußeren Gitter lehnend fand; ohne sie zu beachten, ließ er den Klopfer an der Haustür ertönen, und als ihm von einem schläfrigen Diener geöffnet und auf seine Frage mitgeteilt worden, daß Tukallah, der Indier, bereits seit einer Stunde sich in seinem Zimmer eingeschlossen, suchte er das seine auf und warf sich, ermüdet und angegriffen von den Anstrengungen des Tages, auf sein Lager. Eine halbe Stunde später war jedes Licht in dem Hause erloschen. Die beiden Männer am Vorgitter des Hauses verließen jetzt ihre Stellung. Nachdem sie sorgfältig nochmals jedes Fenster geprüft und sich umgesehen, ob sie nicht etwa von einem Watchman beobachtet würden, gingen sie nach dem Square, an den das Haus mit seinem kleinen Garten stieß. An einer Mauer, welche den Garten des verstorbenen Radschah von einer Seitengasse des Square trennte, blieben die Männer stehen. Der Garten hatte hier ein Seitenpförtchen, das wohl verschlossen war. »Der Bursche, der vorhin ins Haus ging,« meinte der Jüngere, »würde uns nicht viel zu schaffen machen, wenn es schlimm ginge. Anders wäre es mit dem alten ausländischen Kerl gewesen, der vorher aus dieser Tür kam und vor dem uns der Matrose warnte. Wir müssen auf unserer Hut sein, damit er uns nicht überrascht, und deshalb wird's am besten sein, Hampton, wenn Ihr hier bleibt. Der Mensch hat Augen wie Feuer, gerade wie brennende Kohlen.« Der Leichendieb stellte sich mit dem Kopf an die Mauer, seinen Rücken beugend, und Jack schwang sich mit einem Sprung hinauf und mit einem zweiten auf die Mauer. Dann ließ er sich ebenso auf der inneren Seite hinab. Einige Minuten darauf wurde die Tür von innen geöffnet, und der Leichendieb verschwand. Die Tür wurde sorgfältig wieder verschlossen. Der Kapitän war am Eingang von Park-Lane ausgestiegen, und indem er sich in den leichten Regenmantel, den er trug, hüllte, schritt er in tiefem Sinnen die schöne Straße entlang, die den Hyde-Park auf dieser Seite begrenzt. Indem er an der Mount-Street vorbeiging, bog er in eine der parallellaufenden Querstraßen und blieb an einem eleganten Hause stehen. Eine von Mauerwerk getragene Veranda nahm die eine Seite des ersten Stockwerks ein und war von Laubgewächsen dicht begrünt. Ein matter Lichtschein fiel aus der hohen Glastür in das dunkle Laubgewölbe, zu dem von unten her eine in dem Mauerwerk hinauslaufende und durch eine Gitterpforte geschlossene Treppe führte. »Sie erwartet mich,« sagte der Kapitän, »es muß geschehen, ich kann nicht zurück. Und dennoch – wohin soll diese Unterredung, dieses Wiedersehen führen? Es soll und muß das letzte sein!« Er schritt vorwärts bis zu einer Seitenpforte in dem Straßengitter, und indem er sie mit einem Schlüssel öffnete, betrat er den Garten. Durch diesen hinschreitend meinte er ein Geräusch in ihrer Nähe zu hören und einen Schatten im Dunkel dahingleiten zu sehen. Er blieb stehen und schaute sich um, da er aber nichts Verdächtiges weiter bemerkte, glaubte er sich getäuscht zu haben und öffnete mit einem zweiten Schlüssel das Gitter in der Mauer, hinter welchem die Stufen hinauf zum Plateau der Veranda führten. Er hatte die Tür unverschlossen gelassen und war kaum in dem Dunkel des Treppenganges verschwunden, als aus dem Schatten des Gebüsches ein schwarzer Körper sich erhob. »Heilige Kali Bei den Indiern die Göttin des Todes, die Gottheit des furchtbaren Bundes der Würger. , du Allesverschlingende,« murmelte er, »der Bann, der die Hand deines Jüngers gefesselt hielt, ist gelöst mit dem Tode dessen, der dieselbe Milch von mir getrunken. Lange war die Schlinge des Phansigars von Bundelkund Die Sekte dieser Würger, Phansigars oder Thugs genannt, hatte ihren Hauptsitz in dem Königreich Aude und dem Flußgebiet der Nerbudda. begraben in der Erde des Friedens, ehe die Hand Tukallahs sie wieder schwingen durfte. Sein Geist ist frei geworden von allen Schatten, und seine Hand kann töten – töten – töten!« Er blieb wie von einem Gedanken erfaßt stehen und lauschte dem leichten Geräusch, mit dem auf dem Balkon die Glastür geöffnet wurde. »Was tut er bei ihr, die die Feindin meines Herrn war von Jugend auf, obgleich sein Blut in ihren Adern fließt? Ist das Geschlecht der weißen Männer denn immer falsch und treulos? Soll die Schlinge des Thugs ihn zuerst treffen? – Doch nein! auf seiner Stirn lese ich das Zeichen des finsteren Kali, wie auf der des Knaben Srinath es steht: den Tod von Tausenden! Er ist bestimmt, ein Würger zu sein wie ich. Aber wissen muß ich, was er bei der Schlange tut, die sich eingenistet in das Geschlecht der Somroo!« Mit einer Bewegung, so leicht und leise wie die der Eidechse, glitt der Finstere durch das angelehnte Gitter und schlich die Stufen hinauf. – – – Zu derselben Zeit, als Kapitän Ochterlony am Buckingham-Square den Fiaker bestieg, war bereits die Gartenpforte in der Mount-Street in gleicher Weise, wie nachher von ihm, geöffnet worden und ein Mann in Matrosenkleidung eingetreten. Der Fremde schritt rasch und sicher, mit der Örtlichkeit vertraut, nach der Veranda, erstieg sie nach Öffnung des Gitters und verschwand in der großen Glastür des Salons. Der junge Matrose warf sich erschöpft und aufgeregt auf den Diwan, und indem er eine silberne Klingel ertönen ließ, schleuderte seine andere Hand den beschattenden Hut von sich und enthüllte die schönen Züge der Lady Georga Savelli. Der Ton der Glocke war noch nicht verklungen, als die Portiere der linken Seitentür aufgeschlagen wurde und eine französische Kammerzofe hereinhüpfte. » Enfin , Mylady,« sagte sie anscheinend ohne Verwunderung über die Verkleidung ihrer Herrin – »ich wäre beinahe bange geworden über Ihr Ausbleiben. Befehlen Mylady, daß ich Sie entkleide?« Die Baronesse nickte und ließ sich von der Zofe entkleiden. »War jemand hier während meiner Abwesenheit?« fragte die Indierin. »Mylord, der Herzog von Devontport ist vorgefahren. Seine Herrlichkeit schienen sehr ärgerlich, daß sie Mylady nicht angetroffen.« »Bah – glaubt der alte Geck, ich müsse auf seinen Besuch warten! Ist das alles?« »Dieser Brief, Mylady, ist von einem Diener gebracht worden. Man sagte, er habe Eile.« Die Baronin nahm hastig das Billett und erbrach das Siegel. Es war von dem alten Marquis, der ihr mitteilte, daß er den Schreiber des Advokaten noch nicht habe auftreiben können, daß aber alles Nötige geschehen sei, um das Erscheinen des Kanzleigerichts im Sterbehause bis zum nächsten Mittag zu verzögern. Ein Lächeln finsteren Spottes entstellte den schönen Mund der Dame. »Diese jämmerlichen Männer glauben alles getan zu haben mit der Käuflichkeit ihrer Gesetze. Zum Selbsthandeln fehlt ihnen Mut und Tätigkeit. Brauchte ich den alten Heuchler und seine bleichgesichtige Tochter nicht als Schild meiner eigenen Interessen, nimmer sollten sie eine Rupie mehr von dem Gelde der Sombres haben. Bring mir die Hukah, Fanchette!« »Befehlen Sie Tee?« »Nein! – Stelle einen Teller mit Konfekt und spanischem Wein dort auf den Tisch und bringe das Schlafgemach in Ordnung. Ich werde mich später allein entkleiden und die Jalousie schließen. Du mußt mir noch einen Dienst erweisen, Fanchette. Schicke die Leute zu Bett und bleibe wach in der Küche. In zwei Stunden etwa wird ein Mann an der Einfahrt schellen. Du öffnest ihm und führst ihn ins Haus, dort, in die Garderobe« – sie wies nach der rechten Seitentür. – »Wenn er da ist, benachrichtigst du mich davon durch ein Zeichen. Gib genau acht, daß niemand als du den Menschen zu Gesicht bekommt!« Die Pariserin nickte verschmitzt und mit jener dreisten Vertraulichkeit, die dienstbare Personen so leicht annehmen, wenn sie die Geheimnisse ihrer Herrschaften unterstützen müssen, und öffnete dann die Portiere des anstoßenden Schlafgemachs. Die Indierin war in tiefe Gedanken versunken. Das sonnige Land ihrer Heimat trat vor ihre Seele, gleich den bunten Gestalten eines Traumes, so glühend und farbenreich gegenüber dem kalten, grauen Nebelland, wohin eigene Schuld und Verführung sie getrieben. Sie fühlte, wie sie schuldvoll und schuldvoller geworden, wie das glühend heiße Gefühl ihres Busens erstarrt sei an den Formen und Torheiten, die jedes hochherzige, edle Empfinden in ihr ermattet in dem raffinierten Leichtsinn der Welt, der von Genuß zu Genuß drängt; wie sie untergegangen und sich selbst verloren in all dem Glanz und Luxus, der sie umgab. Sie preßte die kleine Hand auf das stürmisch wogende Herz. »Ihn – ja, ihn habe ich geliebt,« flüsterte sie – »er hätte mich retten können – er allein und jetzt ... warum verließ er mich auch und bedachte nicht, daß das Feuer einer glühendern Sonne, als die seine, in diesen Adern brennt! – Ob er kommen wird – ob er es wagen wird, mir feindlich gegenüberzustehen – er – der an meiner Brust geruht – den meine glühende Liebe in seligen Stunden dem kalten Leben entführt ...« Sie drückte heftig die Hände an die Schläfe, – dann schrak sie zusammen, sie glaubte ein Geräusch auf der Terrasse vernommen zu haben und warf sich zurück in die Kissen der Ottomane, die glühenden Augen fest auf die Tür geheftet. Ihr feines Ohr hatte sie nicht getäuscht, die Glastür des Balkons öffnete sich, und die hohe Gestalt des Kapitäns Ochterlony erschien in ihrem Rahmen. Ihre Augen begegneten sich. – Er setzte sich an ihre Seite, betrachtete sie einige Augenblicke ernst, aber nicht unfreundlich, und nahm dann ihre Hand, die er leise drückte. »Sie wollten mich sprechen, Georga,« sagte er dann, – »hier bin ich. Reden Sie, denn es muß das letzte Mal sein, daß ich Ihrem Rufe folge; unsere Wege sind längst auseinandergegangen!« Ihre Hand zitterte in der seinen, während sie die langen dunklen Wimpern zu ihm aufschlug und ihn mit einem traurigen und dennoch glühenden Blick ansah. »Einst war es nicht so, Ralph – ich weiß eine Zeit, wo Sie nicht so hart zu mir sprachen!« Eine dunkle Wolke zog über seine breite freie Stirn. »Jene Zeit, Lady Savelli,« sagte er finster, »liegt hinter uns. Zwölf Jahre, Jahre ernsten Lebens und Leidens, decken sie mit ihrem Schatten. Ich habe abgeschlossen mit jener Zeit.« Ihre Hände faßten krampfhaft seinen Arm. »Und glauben Sie, daß ich nicht gelitten, daß ich nicht empfunden?« »Beschwören Sie die Schatten nicht selbst herauf, Mylady,« entgegnete der Kapitän fest – »jene Schatten, die Sie selbst veranlaßt. Das Böse gebärt Böses – ich selbst klage mich an – der erste Schritt vom rechten Pfad kettet Schuld an Schuld!« »Grausamer, kaltherziger Mann!« rief die Dame, sich in die Kissen zurückwerfend – »Sohn eines eisigen Landes, das mit Gefühlen prahlt und mit Tugend Wucher treibt. O Ralph, wie ich Sie liebte – ist sie denn so ganz, so für immer aus Ihrer Seele geschwunden, daß Sie nicht mehr sich erinnern, wie das junge Weib nur in Ihnen, nur in Ihrem Auge sein Leben fand?« Der Kapitän preßte krampfhaft die Lippen zusammen. Ein Zug tiefer Bitterkeit legte sich um seinen Mund. »Ich war ein törichter junger Bursche, Mylady, der sich einbildete, ein armer Leutnant könne mit Grafen und Herzögen in der Liebe eines Weibes sich messen und der Liebesschwur einer – einer Frau sei ein Gelöbnis für die Ewigkeit!« »Pfui, Ralph – Sie selbst belügen sich und mich, Sie wissen und fühlen, daß unsere Liebe damals wahr und echt war. Sie selbst waren es, der sie trennte. Ihr Regiment bekam Befehl nach Malta, Sie wissen, daß ich alles verlassen, daß ich Ihnen folgen wollte über Meer und Raum, in Not und Gefahr – Sie, Sie waren es, der meine Liebe zurückstieß, der es mir hartherzig verweigerte, mit Ihnen zu gehen.« »Der Soldat hatte Pflichten, Mylady,« sagte der Kapitän, von ihrer Schilderung hingerissen, »der Mann gleichfalls. Sie wissen so gut wie ich, daß ich unrecht an Ihnen und mir gehandelt hätte, die Frau, die wenn auch nur dem Namen nach die Gattin eines anderen war, als – meine Geliebte in fremden Ländern umherzuschleppen und eine kümmerliche untergeordnete Existenz mit mit teilen zu lassen!« Die dunklen Augen der schönen Indierin flammten. »Und dennoch wagen Sie es, mit der Last Ihrer Verachtung, Ihres Hasses diese Frau zu beladen, die verlassen von dem Mann, den sie liebte, in den wilden Strudel des Lebens gestürzt, nicht heuchlerische kaltherzige Tugend zu bewahren verstand, sondern das Leben genoß und genießt, so lange ihr Blut noch warm und des Lebens Freuden ihr Bedürfnis sind!« Der Kapitän stand auf, sein Auge ruhte einen Augenblick halb mitleidig, halb verächtlich auf der schönen Sünderin. »Ich glaube, Mylady, Sie werden mich nicht hierher beschieden haben, um diese Bekenntnisse und Entschuldigungen nochmals zu hören. Darf ich Sie bitten, mich wissen zu lassen, womit ich Ihnen dienen kann?« Ein Blitz von Drohung und Zorn schoß aus den Augen der Lady, doch mit einer gewaltsamen Anstrengung bezähmte sie jeden Ausdruck der Erbitterung. »Sie sind von meinem Bruder zu seinem Testamentsvollstrecker ernannt worden?« »Sir David Dyce Sombre hat mir dies Vertrauen gezeigt!« »Mein Bruder, mein Herr! verstehen Sie mich wohl. Ein solches Testament ist bereits im Jahre 1849 gemacht, und ich bin darin, wie mir bekannt geworden, auf das schändlichste übergangen. Sie werden das nicht leugnen, Sir?« Der Kapitän verbeugte sich schweigend. »Der schwache mißleitete und gegen seine natürlichen Erben eingenommene Mann,« fuhr die Dame heftig fort, »hat dieses Testament heute morgen wiederholt. Noch mehr! – ich weiß, daß er eine zweite Verfügung über sein Vermögen in Indien getroffen und diese mit allen Schikanen des Gesetzes legalisiert hat. Ein drittes Dokument ermächtigt den Inhaber, von dem Maharadschah Nena Sahib in Bithoor gewisse Kostbarkeiten und Papiere in Empfang zu nehmen. Ist dem so?« Der Kapitän sah sie erstaunt an. »Ich begreife nicht, Mylady, woher Sie wissen – Doktor Duncombe ist ein Mann von ehrenhaftem Ruf – –« »Bemühen Sie sich nicht mit Vermutungen,« sagte die Lady verächtlich – »ich weiß noch weit mehr, zum Beispiel: daß Kapitän Ochterlony, das Parlamentsmitglied, ein eifriger Anhänger der geheimen Verbindungen in Irland ist, daß er mit den Flüchtlingen vom Kontinent in der vertrautesten Verbindung steht, ihre Pläne unterstützt und noch vor wenig Stunden in der Gesellschaft der Herren Mazzini, Ledru-Rollin und einer gewissen überspannten jungen Dame sich befand, bei deren bloßem Namen schon seine Stimme zu beben pflegt!« »Madame! – Mylady!« Das stolze Gesicht des Kapitäns war blaß vor innerer Aufregung, doch faßte er sich mit Gewalt. »Das Gold des Herzogs von Devontport und seiner glücklichen Genossen,« sagte er endlich mit Hohn, »scheint auf die Besoldung trefflicher Spione verwandt zu werden. Nur muß ich Ihnen bemerken, Mylady, daß die Kosten, was meine Person anbetrifft, verschwendet sind. Miß White ist meine vollste Hochachtung gewidmet, – ich würde keinen Augenblick anstehen, zu sagen: meine Liebe, – wenn dieses Wort in meinen jüngeren Jahren von mir nicht herabgewürdigt und entweiht worden wäre!« »Abscheulicher!« Der Kapitän ging festen Schrittes nach dem Balkoneingang und hob seinen Mantel auf. In diesem Augenblick klopfte es dreimal an der rechten Nebentür. »Ich will nicht länger stören, Mylady,« sagte er mit leichtem Spott, »und Sie einer angenehmeren und – vorteilhafteren Gesellschaft entziehen. Die Schlüssel werde ich Ihnen morgen wieder zustellen.« Er verbeugte sich zum Abschied, aber die Baronin stürzte mit einem Sprung auf ihn zu. Ihre Stimme drückte Angst und die höchste Aufregung aus. »Um Himmelswillen, Ralph – verlassen Sie mich nicht so! – Einen Augenblick noch, ich beschwöre Sie! – Der Verdacht, den Sie soeben ausgesprochen, ist Ihrer und meiner unwürdig, Sie sollen sich überzeugen!« Sie schleppte ihn halb mit Gewalt zurück und drängte ihn in das Schlafgemach, dessen Portiere sie hinter ihm fallen ließ. »Verhalten Sie sich still, einen Augenblick – ich bitte, ich beschwöre Sie!« Als sie sich allein und an den schweren ruhigen Falten des Vorhanges sah, daß der Kapitän als Gentleman zurückgetreten war und wenn auch hören, doch nicht sehen konnte, bewegte sie die Klingel, worauf sogleich Fanchette, die Kammerzofe, eintrat. »Ist der Mann da?« »Ja, Mylady, er harrt, wie Sie befohlen, in Ihrem Ankleidezimmer.« »So laß ihn eintreten!« Die Worte begleitete eine ausdrucksvolle Gebärde, die nach dem geschlossenen Vorhang und dem Mantel wies, der auf einem Sessel liegen geblieben, und dann für den Einzuführenden Schweigen und Vorsicht gebot. Die vertraute Zofe nickte zum Zeichen, daß sie den Befehl wohl verstanden und führte gleich darauf den schönen Jack herein. »Mylady,« sagte der Dandy-Spitzbube, »Ihr Befehl ist erfüllt – hier ist, was Sie verlangt.« Er legte ein Portefeuille auf den Tisch, die Baronin warf hastig ein Tuch darüber. »Ist dies alles?« »Alles, Mylady, was vorhanden war – auf Gentleman-Ehre!« »Und wie?« – ihr Ton war so leise, daß selbst ein Lauscher unmöglich hätte die Frage verstehen können – »ohne Hindernis? Es ist keine Spur zurückgeblieben?« »Mylady, man wird morgen in London sagen, daß es noch Hexenmeister gibt.« »Nehmen Sie, Herr,« sagte die Dame laut, indem sie ihm eine Börse zuwarf, »ich bezahle Ihnen hiermit meine Schuld!« Der Dieb warf einen neugierigen, lüsternen Blick umher. »Auf Ehre, Mylady, Sie sind reizend hier eingerichtet!« »Gehen Sie jetzt – unser Geschäft ist abgetan!« Sie wandte ihm den Rücken zu und schellte. Der Spitzbube warf währenddem weitere verdächtige Blicke auf sie und dann auf die Eingänge des Zimmers. »Noch nicht, meine Schöne,« murmelte er zwischen den Zähnen, »wir werden uns eher wiedersehen, als du denkst.« Das Kammermädchen trat ein. »Laß diesen Herrn wieder hinaus, Fanchette,« befahl die Baronin, »und begib dich dann schlafen, ich bedarf deiner nicht mehr.« Lady Savelli überlegte einen Augenblick – dann ging sie leise auf den Tisch zu, auf dem das Portefeuille lag und nahm es auf, um sich von dem Inhalt zu überzeugen. Es war verschlossen. Ein Ruck der kräftigen Hand, und der leichte Verschluß sprang auseinander. Die Papiere fielen ihr in die Hände. Es waren zwei Dokumente, die sie rasch mit gierigem Blick überflog. Das erste war die notariell vidimierte und am Morgen desselben Tages ausgefertigte Bestätigung des Testaments ihres Bruders, dessen Inhalt ihr bereits bekannt war. Das zweite Papier, das sie mit zitternder Hand ergriff, war die Urkunde, welche den Besitz des verstorbenen Radschah in Indien an Nena Sahib übertrug und den beiden Testamentsvollstreckern die Mittel zur Führung des Prozesses vor den britischen Gerichtshöfen aussetzte. Aber der Brief, das Verzeichnis der Kostbarkeiten und Dokumente, mit der Vollmacht, sie in Empfang zu nehmen – – Sie durchwühlte die Taschen des Portefeuilles – das Dokument, das wichtigste, einzig wertvolle für sie, war nirgends zu finden. »Wird Lady Savelli mir jetzt erlauben, mich zu entfernen?« fragte eine Stimme hinter ihr. Mit einer gedankenschnellen Bewegung verbarg sie den Raub wieder unter das Tuch. Weder die Dame, noch das honorable Mitglied für Ballycastle bemerkten den Zeugen, der dieser Szene beiwohnte. Ein dunkles Antlitz, an die Spiegelscheiben der Balkontür gepreßt, verfolgte mit unheimlich funkelnden Augen jede Bewegung der Lady. Ihre Wange war schreckensbleich. Hatte er gesehen, was der Fremde gebracht, was sie soeben in Händen gehalten? Die Frage durchzuckte wie ein Blitz ihre Seele, und ihre Augen hingen prüfend an dem Antlitz des früheren Geliebten. Aber seine Züge waren streng und spöttisch, doch ohne jede Spur einer Überraschung. Der nächste Gedanke, der sie durchzuckte, war, daß er allein in dem Besitz des wichtigen Papieres sein mußte. Sie flog auf ihn zu und zog ihn zurück in das halbdunkle Klosett auf die schwellenden Kissen des Lagers. »Ralph – ich war eine Wahnsinnige, daß ich dich beleidigte! Vergieb mir die Liebe und Eiferfucht, die noch immer jede Ader durchströmt. Mann meiner einzigen und wahren Liebe, geh' nicht von mir so – und sollte diese Stunde unsere letzte sein, sie soll mir gehören und du mit ihr, mein sollst du sein, wie du es warst in glücklichen Zeiten und mir ein Zeichen geben, daß du Georga wirklich geliebt hast, wie sie dich noch immer liebt!« Wie die Schlange sich um ihr Opfer schlingt, so wanden die weichen Glieder der Verführerin sich um den starken Mann und zogen ihn nieder auf die Polster, während ihr Mund heiße, wahnsinnige Küsse auf seine Lippen preßte. »Georga, lassen Sie mich!« »Höre mich an, Mann meiner Seele! Du, an den der Gedanke der nagende Wurm in ihrer Entwürdigung, der dunkle Schatten in aller Lust und allem Glanz meines Lebens war! Ich kann nicht arm sein, Armut ist Elend, ist Schrecken, ist Entsetzen! Willst du sie verdammen dazu, und die Jahre, die ihr Gott noch gegeben, zu Pein und Leiden machen? Reichtum, Besitz allein kann sie wieder erheben, vor dir – vor sich selbst – und du willst einem grausamen, unnatürlichen Bruder das Werkzeug sein, noch aus seinem Grabe sein eigen Blut, das Weib, das du selbst geliebt, in die Ketten des Elendes zu schmieden?« »Georga – martern Sie mich nicht! Sie werden das Testament angreifen, Sie und Ihre Schwester und jener heuchlerische Schurke – Sie werden es angreifen mit allen Waffen des Gesetzes, und es wird ein Kampf sein, dessen Entscheidung ebensogut zu Ihren Gunsten ausfallen kann, wie zu den unsern!« »Ich fürchte das Testament nicht!« rief das leidenschaftliche Weib – »es ist ein leeres Papier gegen die Rechte der Natur, geltungslos selbst vor den Gesetzen dieses berechnenden Landes. Führe den Kampf, kaltherziger Mann, nach deinen starren Gedanken von Recht und Ehre – aber eine Waffe gib heraus, jene niedrige bübische Tat, die dein Freund noch von seinem Totenbett gegen mich geschleudert!« »Ich verstehe Sie nicht, Georga.« »Den Brief,« keuchte die Indierin, »jenes verfluchte, abscheuliche Papier, das Nena Sahib die Auslieferung der Dokumente befiehlt – wer, wer hat es?« »Da Sie nun einmal darum wissen, der Brief ist mir selbst von dem Radschah übergeben worden, und wohlverwahrt soll er auf meiner Brust ruhen, bis ich mein Versprechen lösen kann!« »Den Brief, Ralph – um der Barmherzigkeit, um deiner Liebe willen – den Brief!« »Aber Mylady – was soll Ihnen der Brief?« Sie lag zu seinen Füßen und umklammerte diese. »Jene Dokumente – Ralph – meine Geburt – sie würden beweisen, daß ich eine Bettlerin bin – wenn jenes Schreiben vernichtet ist, teile ich das Erbe! Habe Mitleid, Ralph – gib das Papier ...« »Ich kann nicht, Georga, ich darf nicht, die Ehre des Mannes – das Wort an den Toten – –« »Du willst nicht, Schändlicher? – Nicht lebendig verläßt du diese Stelle, bis du das Papier mir gegeben!« Alle dämonische Glut der Leidenschaft lag auf ihrem Gesicht, als sie, wie die Tiger ihrer Heimat, auf ihn zusprang, in der Hand den Malayendolch. Der Irrländer erwartete sie mit der überlegenen Ruhe des Mannes, faßte ihre Hand am Gelenk und entwand ihr den Dolch, wobei sie sich leicht an der entfesselten Brust verletzte, daß das hervorquellende Blut ihn befleckte. Er schleuderte den Dolch in den Winkel des Gemaches. »Wenn Sie morden wollen, Mylady,« sagte er, »so bedenken Sie, daß Sie nicht an den Ufern des Ganges, sondern an denen der Themse sind.« Die wilde Natur ihrer Heimat war entfesselt. »Den Brief, Verräter, den Brief!« Sie umklammerte ihn, wie die Schlange den Löwen, wie die Liane die mächtige Zeder und riß ihn mit Gewalt nieder zu sich auf das Lager von Seide und Spitzen, das so oft ihre geschmeidigen und üppigen Glieder aufgenommen und das jetzt der Schauplatz eines wütenden, empörenden Ringens war! Vergeblich strengte der starke Mann seine Kraft an, um zu fliehen. – – Von neuem und immer von neuem schlang das dämonische rasende Weib ihre Glieder um ihn! – –   Stille – Ruhe in dem glänzenden Gemach, auf dessen Vergoldungen die erlöschende Lampe ihren letzten Schein wirft. Weit geöffnet steht die Tür zum Balkon der Veranda und die Nachtluft weht kühl herein und bewegt die zuckende Flamme. Eine dunkle Gestalt huscht durch den Salon – zwei funkelnde Augen glühen im Halbdunkel – – Sie verschwindet – ein leiser, dumpfer, erstickter Ton –   Eine Stunde ist es kaum noch vor Tagesanbruch! – Die Portiere der Tür zur Rechten wurde leise emporgehoben – das hübsche, schlaue Gesicht Jack Slingsby, des schönen Jack, erschien zwischen den Falten und blickte spähend umher in dem dunklen Gemach. Der Gentleman-Dieb schlich leise und verstohlen hervor; er hatte so wohl verstanden, der leichtfertigen Kammerzofe den Hof zu machen, daß er mit allen Gelegenheiten des Hauses vertraut war, ehe er es verließ, um eine Stunde darauf sich wieder in dasselbe einzuschleichen. Das Antlitz des schönen Jack glühte, seine Augen funkelten seltsam, als er sie jetzt auf den schweren Vorhang richtete, der die Schlafstätte des schönen Weibes verbarg. Die Pulse seiner Adern pochten wild, das Herz hämmerte fast hörbar in der Brust des Verbrechers. Wollte er die schöne Schläferin berauben? – wollte er – – Auf den Zehen schlich er zu dem Vorhang und schob ihn unhörbar von einander. Wiederum lauschte der Dieb. Kein Laut! Die günen Gardinen des Himmelbettes waren geschlossen. Jack schlüpfte über den dicken persischen Teppich, und gierig, lüstern, sinnberauscht in dem Gedanken an die reizenden Formen, schlich er weiter und legte die Hand an die Gardinen des Bettes. Atemlos, mit vorgebeugtem Kopf, auf den Atem der Schlummernden zu lauschen, stand er einen Augenblick dort. Dann zog seine Hand die Gardine zurück. Ein Schrei des Schreckens und Entsetzens scholl aus dem Schlafgemach! – –   Wie von Furien gepeitscht, stürzte Jack Slingsby über den Rasenteppich und zu der Auffahrt, welche die Villa der Lady von dem äußern Straßengitter trennte. Er legte die Hand darauf und wollte sich hinüberschwingen, als eine andere, kalte die seine erfaßte. Der Dieb griff nach der Brusttasche, um eine dort verborgene Waffe hervorzureißen und sich des Angreifers zu entledigen, aber eine bekannte Stimme flüsterte an seinem Ohr: »Du sollst sein Ben ha moweß selber, wenn du nicht läßt stecken das Messer. Wenn du bist gescheut, können mer teilen zusammen den Bekauech-massematten .« Umschauend blickte Jack in das Gesicht des Juden Joël, des Wirtes der Diebesschenke. » Goddam – welcher Teufel führt dich hierher? – Warst du's etwa – –« Der Jude ließ ihn die Frage nicht aussprechen. »Mensch, wie tust du sehen aus? – kein Tropfen Blut im Gesicht – wie eine Leiche – –« Jack Slingsby schaute ihn mit einem furchtbaren Blick an. »Abscheulicher! – Fort mit dir, daß man uns hier nicht trifft!« Er riß den Juden mit Gewalt davon. – – – – – – – –   Es war um Mittag des nächsten Tages, als die Beamten des Kanzleigerichts im Hause des verstorbenen Sir Dyce Sombre erschienen, um im Beisein der beiden Testamentsvollstrecker, der Dienerschaft und des Notars, Doktor Duncombe, die amtliche Eröffnung der von letzterem deponierten Dokumente vorzunehmen. Von seiten der Familie des verstorbenen Radschah hatte sich niemand zur Beiwohnung der Handlung eingefunden. Nachdem Doktor Duncombe und der Kapitän, der auffallend bleich und angegriffen aussah, als Hausherr den Beamten mitgeteilt, daß der zweite Ausgang des Sterbezimmers von innen verriegelt worden, also ein äußerer Verschluß nicht nötig gewesen sei, wurden die an der Haupttür befindlichen Siegel sorgfältig in aller Gegenwart untersucht und unverletzt gefunden. Der Beamte erbrach dieselben sodann, und die Tür wurde aufgeschlossen. Doktor Duncombe, der Notar, war der erste, welcher die Schwelle betrat, aber in demselben Augenblick auch prallte er erschrocken zurück und breitete die Arme vor die Tür, damit niemand hineindringen möge. »Zurück, meine Herren! – so lieb Ihnen Ihr Ruf ist – hier ist eine Felonie, ein Diebstahl begangen – das Testament ist gestohlen!« Ein Blick auf den Tisch in der Mitte, auf den er am Tage vorher vor aller Augen das Portefeuille mit den Dokumenten niedergelegt, hatte ihm gezeigt, daß dasselbe verschwunden war. Ein allgemeiner Ausruf des Staunens und Entsetzens folgte. Der Beamte des Kanzleihofes war der erste, der darauf das Wort ergriff. »Als Besitzer des Hauses, Sir,« wandte er sich an Kapitän Ochterlony, »muß ich Sie ersuchen, sofort dem nächsten Polizeiamt Anzeige davon machen und einen Beamten desselben requirieren zu lassen, ehe wir weiter mit der Untersuchung vorgehen. Wie ich gehört habe, sind die Interessen, die sich an diese Dokumente knüpfen, so mannigfacher Art, daß um der Ehre aller Beteiligten willen eine genaue Untersuchung des von Master Duncombe behaupteten Diebstahls stattfinden muß.« »Sie können sich zu dieser Untersuchung nicht dringender verpflichtet fühlen, Sir,« sagte der Kapitän stolz, »als ich selbst. Haben Sie die Güte, lieber Freund,« wandte er sich zu dem erschrockenen Arzt, »sich mit einem der Diener nach dem Polizeiamt zu begeben, den Vorfall mitzuteilen und um das schleunigste Erscheinen zu bitten. Das beste wird sein, unterdes die Tür wieder zu schließen.« Dies geschah, nachdem der Beamte des Kanzleihofes sich von außen überzeugt, daß der zweite Eingang zu dem beraubten Zimmer wohl verschlossen schien. Es fiel allgemein auf, daß Kapitän Ochterlony ein seltsames, an dem klaren, ruhigen Mann sonst ganz ungewohntes Wesen bei diesem wichtigen Ereignis zeigte, wortkarg blieb oder zerstreute Antworten gab und mit Gewalt diese Gemütsstimmung zu bemeistern suchen mußte. Die Dienerschaft stand und schwatzte und erging sich in Phrasen über die Unmöglichkeit, daß ein Einbruch verübt sein könne, ohne daß sie das Geringste davon bemerkt hätte. Nur Tukallah der Indier hielt sich in seiner gewöhnlichen Weise still und abgesondert, sein Bronzeantlitz blieb wie aus Stein gehauen und verriet nicht durch die geringste Bewegung seine Gedanken. Doktor Duncombe schien von solchen der schlimmsten Art desto mehr heimgesucht und versuchte wiederholt, dem Kapitän und den Gerichtsdienern seine Besorgnisse mitzuteilen. Es war jedoch kaum eine halbe Stunde vergangen, als Walding, in Begleitung des Master Hay, zurückkehrte. »Was muß ich hören, Sir,« sagte der Policeman, »Diebstahl im Hause eines Parlamentsmitglieds? Nächtlicher Einbruch ohne Spur – gestohlenes Testament? Bah – wollen der Sache schon auf den Grund kommen – für was hieße ich Hay? Giles Hay? – Keine Besorgnis – ich bin da! Wollen aber hübsch von vorn anfangen, Gentlemen, wenn's beliebt. Zunächst mit der Lokalität und der Konstatierung des verschwundenen Objekts.« Er ließ sich darauf das Zimmer bezeichnen und las mit Aufmerksamkeit das Protokoll über den Befund der Siegel durch. »Einen Augenblick noch, Gentlemen – ich möchte ein paar Fragen an das Hausgesinde tun. Hat einer von euch irgend etwas Ungewöhnliches, ein Geräusch oder dergleichen in der Nacht vernommen?« »Nicht das ich wüßte,« erklärte James, der zugleich das Amt des Portiers versah. »Nachdem der fremde Herr hier gegen Mitternacht zurückkehrte und sogleich auf sein Zimmer ging, hat sich nichts mehr im Hause geregt, bis seine Ehren der Herr Kapitän um drei Uhr nach Hause kamen. Doch halt – einmal, ich habe einen leisen Schlaf – war es mir, als ob eine Tür im oberen Stock ging, ich mag mich aber getäuscht haben, denn ich hörte nichts weiter.« »Hat jemand von euch während der Nacht sein Zimmer verlassen?« fragte Hay die Dienerschaft. Jeder verneinte. »So waren Sie also nicht zu Hause, Sir, und haben deshalb selbst nichts bemerken können?« wandte sich der Polizeibeamte an den Kapitän. »Ich brachte die Nacht in Geschäften außer dem Hause zu,« entgegnete kurz der Kapitän. »Nun, Gentlemen, lassen Sie uns jetzt das Zimmer öffnen. Sie wissen also ganz bestimmt, daß das Portefeuille bei dem Verschluß auf dem Tische gelegen?« Der Notar, Ochterlony und der Deutsche bekräftigten es, auch die Haushälterin und einer der Diener, die bei der Anlegung der Siegel zugegen gewesen waren. Die Tür wurde geöffnet – Hay, der Kanzleibeamte, Ochterlony und der Arzt nebst dem Notar traten ein – die anderen blieben auf Befehl an der Schwelle stehen. Hay ging zunächst nach einem der Fenster und zog das niedergelassene Rouleaux in die Höhe, ebenso am zweiten. Die Fenster waren von innen geschlossen und konnten unmöglich geöffnet sein. Als so das Zimmer genügend erhellt war, trat der Polizeibeamte zu der zweiten Tür. Ein pfeifendes Hm! entfuhr seinen Lippen – der Fall zeigte sich schwieriger und bedenklicher, als er geglaubt, – die Tür war von innen verriegelt und der Nachtriegel vorgeschoben, wie man ihn am Tage vorher verlassen hatte. Ein allgemeines Erstaunen zeigte sich auf den Gesichtern, nur der Polizeibeamte bewahrte seine ruhige unveränderte Gelassenheit. Man durchsuchte zunächst, ohne die Tür weiter anzurühren, das Zimmer, ob durch einen Zufall, vielleicht durch eine Ratte, das Portefeuille von seiner Stelle geschleppt und irgend wohin versteckt worden sei. Plötzlich stieß der deutsche Arzt einen Schrei des Entsetzens aus. Er hatte die dicht geschlossenen Vorhänge des Himmelbettes auseinandergezogen, um noch einmal den toten Freund zu sehen. Jetzt aber starrte er mit weit geöffneten Augen, gleich denen eines Toten, selbst auf das Lager: die Stelle war leer, die Leiche war verschwunden! » Damned! « murmelte Hau, als das allgemeine Entsetzen sich ein wenig beruhigt hatte, – »da ist von einer Täuschung oder von einer kleinen Eskamotage nicht mehr die Rede, wie ich beinahe zu glauben anfing. Das sind Craksmen der schlimmsten Art – da muß ein echter Burker dabei gewesen sein. – Bitte, Gentlemen, rühren Sie sich nicht von der Stelle, bis ich alles aufs Genaueste durchsucht habe.« Er prüfte jetzt sorgfältig jeden Teil des Bettes, dann jedes Möbel, den Teppich des Fußbodens, gleichsam Zoll um Zoll. Nichts blieb unbeachtet. Am längsten verweilte er bei der Besichtigung der zweiten Tür. Endlich erhob er sich und schöpfte tief Atem, sein graues Auge leuchtete gewissermaßen im Siegerstolz seines Handwerks. » Very well! Ich wußte es ja,« sagte er mit stillem Lachen, »sie sind bei all ihrer Schlauheit nicht so pfiffig, daß sie den alten Giles Hay täuschen könnten.« »So haben Sie eine Spur der Diebe aufgefunden?« fragte der Notar. »So deutlich liegt alles, was in diesem Zimmer geschehen ist, vor mir, als wär' ich selbst der Dritte bei ihnen gewesen – denn die Spitzbuben, Gentlemen, waren zu zweien.« »Woraus schließen Sie das?« »Es ist nur ein Umstand,« fuhr der Polizeioffiziant fort, ohne die Frage zu beachten, »nur einer, der mich beunruhigt. Ich kannte bisher nur einen einzigen Menschen, der die Kunst verstand, eine von innen verriegelte Tür zu öffnen und wieder ebenso zu schließen, und dieser eine ist deportiert und nicht in England. Hier aber liegt dieselbe geheime und schwierige Manipulation vor.« »Aber könnte der Verbrecher nicht bereits wieder, vielleicht heimlich und als Flüchtling, hierher zurückgekehrt sein?« meinte der Doktor. »Richtig – stop! Das ist's! Auf den Gedanken bin ich wahrhaftig noch nicht gekommen, und er lag doch so nahe. Jack Slingsby, der Matador aller Diebe dieses gesegneten Eilandes, muß wieder in London sein! – es ist nicht anders möglich und klärt manches auf, was ich in den letzten Tagen gehört habe.« »Haben Sie die Güte,« sagte der Kapitän, »uns mitzuteilen, worauf Ihre Vermutungen sich gründen und welche Schritte zu ergreifen sind.« »Sehen Sie sich einmal diese Tür an, Kapitän – bemerken Sie irgendeine Öffnung an ihr?« »Nein!« »Dennoch haben die Spitzbuben sie angebohrt!« Der Polizeioffizier zog eine lange Nadel aus dem Ärmel, prüfte einige Stellen mit dem Finger und drückte dann die Spitze in einen etwa einen Zoll vom Schloß entfernten Punkt. Die Nadel ließ sich ohne Mühe durch die ganze Tür stoßen, und es zeigte sich ein Loch von dem Umfang etwa einer starken Stricknadel. »Sehen Sie her – die Öffnung ist sorgfältig mit Wachs von der Farbe der Tür wieder zugeklebt gewesen.« »Aber was nutzt dieses kleine Loch?« »Freund Jack, Sir, besitzt die Mittel, durch dieses Loch in jedes verriegelte Zimmer zu schlüpfen.« »Keinen Scherz, Sir!« »Ich bin weit davon entfernt, mit Euer Ehren mir einen Spaß zu machen.« entgegnete Hay. »Die Sache erklärt sich einfach auf folgende Weise. Durch dieses Loch, was in horizontaler Linie mit der Lage des Riegels von außen mittels eines sehr feinen und wohlgeschmierten Holzbohrers gebohrt wird, so daß selbst eine im Zimmer wache Person kaum das Geräusch hören würde, wird ein dünnes, langes Stahlplättchen gesteckt, an dessen Spitze eine Schlinge von gedrehten Roßhaaren befestigt ist. Die Dicke der Tür ist für eine gewandte Hand leicht zu erproben. Sobald die Spitze des Instruments sich in gleicher Linie mit dem Nachtriegel befindet und die elastische Haarschlinqe sich frei im Zimmer bewegt, wird durch das Drehen des Stäbchens so lange manipuliert, bis die Schlinge den Zieher des Riegels gefaßt bat. Eine so geübte Hand wie die Jacks erkennt das im Nu. Das Stäbchen wird zurück und die Schlinge angezogen, und da sie trotz ihrer Dünne von großer Festigkeit ist, folgt der Riegel dem Zug, und die Tür ist geöffnet.« »Aber wir fanden sie mit dem Riegel verschlossen?« Der Offiziant lachte. »Wenn die Diebe einmal im Zimmer sind, ist dies eine sehr leichte Sache. Sie bringen ihre Beute fort und schlingen dann um den Griff des Riegels ein paar starke Pferdehaare, die sie bei dem Schluß der Tür an der Vorderkante derselben mit einklemmen. Keine Tür schließt so fest, daß sich nicht ein paar Pferdehaare dazwischen leicht durchziehen ließen, und wenn es ja der Fall wäre, macht ein einziger Strich einer Feile eine genügende Höhlung. Der Riegel wird auf diese Weise wieder vorgeschoben, die Haare werden, indem man das eine Ende losläßt, wieder herausgezogen, und jede Spur des Einbruchs ist verschwunden.« Die Anwesenden sahen sich erstaunt an – sie begriffen, daß durch diese einfache und dennoch so seltsame und schwierige Manipulation dies Verbrechen verübt sein mußte. Nur die Frage, wie die Diebe ins Haus gekommen, und wie sie sich wieder entfernt, war noch zu lösen. »Daß zwei Personen bei der Verübung des Diebstahls beteiligt gewesen,« erläuterte der Beamte, »ist ganz klar. Die Anwesenheit Jacks ist, wie ich mich überzeugt habe, gewiß, aber er hat es sicher nur auf die Papiere abgesehen gehabt; denn es scheint außer diesen und dem Leichnam nicht das Geringste im Zimmer gestohlen, und das führt mich auf die bestimmte Vermutung, daß Jack nicht in seinem eigenen Interesse, sondern in eines Dritten Auftrag gehandelt. Dagegen macht er sich gern einen tollen Spaß, und da sein Helfershelfer, den er für den Fall einer Gefahr bei sich gehabt, wahrscheinlich einer unserer Resurrektionsmänner gewesen ist, so hat dieser der Versuchung nicht widerstehen können und den Leichnam mitgenommen und Jack ihm bei dem tollen Streich geholfen.« Der geübte Scharfsinn des Polizeioffiziers hatte in der Tat das Tun der Diebe so genau erraten und beschrieben, als habe er sie unmittelbar belauscht. Master Hay öffnete jetzt die verriegelte Tür, wobei ein eingeklemmt gebliebenes Pferdehaar entdeckt wurde, und verfolgte mit der Spürkraft eines Indianers den Weg der Diebe, während der Kapitän und der deutsche Arzt mit dem Notar und dem Mitgliede des Kanzleigerichts berieten, welche Schritte zu ergreifen wären. Nach wenigen Minuten schon kam Hay wieder. »Wenn Sie mir folgen wollen, Gentlemen,« sagte er, indem er sich vergnügt die Hände rieb, »will ich Ihnen den ganzen Weg zeigen. Wie sie hereingekommen, weiß ich noch nicht, eines der Fenster oder die Tür nach dem Garten muß offen gewesen sein. Aber wie sie hinausgekommen, das liegt ganz deutlich zutage. Das Fenster des Hinterzimmers ist bloß angedrückt, und unten sind die Spuren von Männerfüßen. Wollen Sie sich selbst überzeugen, so kommen Sie mit.« Aber ehe die Gesellschaft ihm folgen konnte, trat ein neues Ereignis ein, das sie zurückhielt. Ein Fremder, dessen Amtszeichen ihn sofort als Sheriff erkennen ließen, trat in das Zimmer, begleitet von dem alten Marquis St. Paul und dem Doktor Jennys. Das Gesicht des letzteren war sehr bleich und aufgeregt, während die Züge des alten Roué nur boshafte Schadenfreude ausdrückten. »Wer von den Herren,« sagte der Sheriff, »ist der sehr ehrenwerte Kapitän Ralph Ochterlony, Mitglied des Unterhauses?« »Das bin ich! Was steht zu Ihren Diensten, mein Herr?« Der Kapitän war einen Schritt auf ihn zugetreten, während er mit stolzem, finsterem Blick den intriganten Schwiegervater seines verstorbenen Freundes fixierte. »Mein Name ist Richard Powell, Sir,« bemerkte der Beamte, »ich bin der Sheriff von Westminster und Pimlico, und Master Hay wird nötigenfalls meine Person rekognoszieren!« »Es bedarf dessen nicht, Sir,« sagte der Kapitän höflich, »jeder Engländer wird Ihr Amtszeichen respektieren. Es ist mir lieb, daß Sie gekommen sind, noch ehe die weiteren Anzeigen dieses abscheulichen Diebstahls gemacht werden konnten, mit dessen Feststellungen wir eben beschäftigt sind, und die Begleitung dieser Herren beweist mir, daß ich mich in meinen Vermutungen wahrscheinlich nicht sehr geirrt habe.« Der Sheriff sah ihn befremdet an. »Es scheint mir hier Ihrerseits ein Irrtum obzuwalten, Sir. Eine Anklage auf Diebstahl liegt nicht vor.« »So kommen Sie nicht wegen des in meinem Hause während meiner Abwesenheit diese Nacht verübten Einbruchs und des Diebstahls des Testaments und der Leiche des verstorbenen Radschah Dyce Sombre?« »Das Testament gestohlen? Goddam! das ist eine wichtige Neuigkeit!« schrie der Marquis und auf seinem Gesicht zeigte sich ein unverkennbares Frohlocken. »Das sollte Mylord Saint Paul nicht wissen, vielleicht der am meisten Interessierte dabei?« fragte mit Hohn der Kapitän. »Sir,« unterbrach die Gegenantwort der Beamte, »ich wiederhole Ihnen, daß ich von dem Diebstahl, der Ihnen zugefügt sein soll, nichts wußte. Mein Geschäft ist, Sie um die Beantwortung einiger Fragen zu bitten. Zunächst, Sir – ist Ihnen diese Brieftasche bekannt?« Er hielt ihm ein kleines Portefeuille mit Stahlschloß entgegen, auf dessen Vorderseite sich eine Stickerei befand. Das Gesicht des Parlamentsmitglieds für Irland färbte sich mit hoher Röte, und er streckte schnell die Hand nach der Brieftafel aus. »Es ist mein Eigentum, Sir, ich muß sie gestern verloren haben und habe in der Zerstreuung wirklich den Verlust noch nicht einmal bemerkt. Ich danke Ihnen für die Wiederherbeischaffung.« Der Beamte zog jedoch die Hand mit dem Portefeuille zurück. »Ehe ich sie Ihnen zurückliefern kann, Sir, muß ich meine Fragen fortsetzen. Sie selbst erklärten vorhin, daß Sie diese Nacht nicht zu Hause zugebracht. Können Sie mir sagen oder Zeugen stellen, wo Sie sich während derselben befunden? Ich mache jedoch ausdrücklich darauf aufmerksam, daß Sie keine Erklärung abzugeben nötig haben, die Sie später belasten könnte.« »Wahrhaftig,« lachte der Irländer gezwungen, »das sieht ja beinahe aus wie ein Verhör vor dem Untersuchungsrichter von Bow-Street. Ich war gestern mit diesem Herrn hier, meinem Freund,« er wies auf Doktor Walding, »bis gegen Mitternacht in einem Kaffeehaus in der Nähe von White-Chapel.« »Ich kann es bezeugen,« bekräftigte Doktor Walding. »Und später?« »Später« – der Kapitän zögerte einen Augenblick – »später verließ ich ihn an Buckingham-Square in der Nähe meines Hauses und war bis Tagesanbruch allein abwesend – in einer Privatangelegenheit.« »Sie wollen den Ort also nicht näher bezeichnen?« »Nein!« »Auch nicht, wenn er Mount-Street heißt?« Das Auge des Beamten fixierte ihn scharf – Kapitän Ochterlony fuhr sichtbar bei der unerwarteten Frage zurück. »Sie werden unverschämt, Herr, entfernen Sie sich sogleich, ich werde Ihnen nicht länger Rede stehen.« »Dennoch habe ich noch eine Frage an Sie zu richten. Welche Farbe hat der Rock, den Sie gestern abend trugen, und wo befindet sich derselbe?« »Sir – –« Durch die neugierig die Tür versperrende Dienerschaft machte sich ein Polizeioffizier Platz. Ein Konstabler, der ihn begleitete, trug auf dem Arm einen Rock und ein Gilet – beides war mit Blut befleckt, an dem ersteren war ein Knopf mit dem umgebenden Zeugstück ausgerissen. »Diesen Rock und dies Gilet,« sagte der Polizeimann, »habe ich in dem Ankleidezimmer des Herrn Kapitäns gefunden – ebenso auf der Toilette diese Schlüssel. Das Waschbecken zeigt die unverkennbaren Spuren, daß blutige Hände oder ein anderer blutiger Gegenstand darin gewaschen worden sind.« Die Augen des Irländers funkelten, indem er sich auf den Beamten stürzte. »Schurke, du hast es gewagt, in das Zimmer eines Gentleman zu dringen?« Der Sheriff trat dazwischen – sein Stab berührte die Schulter des Kapitäns. »Sir Ralph Ochterlony! Im Namen der Königin – ich verhafte Sie auf dringenden Verdacht des Meuchelmordes! « Der Kapitän taumelte leichenblaß zurück. – »Mich, wegen Mordes? Sind Sie wahnsinnig, Sir? Welchen Mordes?« »Begangen diese Nacht an der Person der Lady Savelli geborenen Sombre, in ihrer Wohnung in der Mount-Street.« Der Unglückliche schlug die Hände vor das Gesicht. »Georga – ermordet?« »Das sollte Kapitän Ochterlony nicht wissen? der vielleicht am meisten dabei Interessierte?« höhnte giftig der Marquis, wie vorhin sein Gegner. Doktor Duncombe, der Notar, war der erste, der sich von dem furchtbaren Schlage faßte. »Bedenken Sie wohl, was Sie tun, Herr,« warnte er. »Kapitän Ochterlony ist Parlamentsmitglied und darf als solches nur auf den Beschluß des Hauses verhaftet werden, außer in flagranti delicto oder auf die Ausnahme-Ordre Seiner Herrlichkeit des Lord-Kanzlers!« »Hier ist der Befehl,« sagte der Marquis giftig, indem er ein Papier mit dem großen Siegel des Geheimen Rats hervorzog. »Wir haben uns vorgesehen gegen alle Schikanen, und der Mörder meiner Schwägerin soll nicht dadurch unbestraft bleiben, daß der Mörder von den Privilegien eines Standes Gebrauch macht, dem er zur Schande gereicht, um sich dem Galgen durch rechtzeitige Flucht zu entziehen.« »Mein Befehl lautet, Kapitän Ochterlony zu verhaften,« berichtete der Beamte, »wenn der vorliegende Verdacht gegen ihn sich durch gewichtige Beweise verstärken sollte. Lady Savelli ist diesen Morgen auf ihrem Bett verwundet und erwürgt gefunden worden, auf dem Teppich des Schlafzimmers diese Brieftasche, deren Inhalt sich als Eigentum des Kapitäns erwies und in der sich ein Billett der Lady vorfand, das ihn für diese Nacht zu einem geheimen Besuch einlud. In ihrer Hand befand sich dieser Knopf mit dem Stück Zeug und ein Blick kann genügen, um zu erkennen, daß es zu jenem Rock gehört. Unter diesen Umständen bleibt mir nichts übrig, als zur Verhaftung zu schreiten, so leid es mir tut.« Der Advokat schwieg – die furchtbare Gewalt der augenscheinlichen Beweise betäubte ihn. »Es ist unmöglich,« rief Walding – »was auch für zufällige Umstände sich so unglücklich fügen mögen – Sir Ralph hat sich mit einem solchen Verbrechen nicht befleckt. Ich bürge für seine Ehre und Unschuld.« »Bürgen Sie für sich selbst, mein deutscher Herr Doktor, der so wohl die Kennzeichen des Irrsinns zu beurteilen versteht,« höhnte der Doktor Jennys, »Sie werden genug damit zu tun haben, wenn der Prozeß wegen Erbschleicherei gegen Sie erhoben wird, und – wer weiß, was neben jenen Dokumenten, die schon wieder zum Vorschein kommen werden, wenn man sie braucht, sonst noch für Sachen von materiellerem Wert verschwunden sein mögen!« »Still!« donnerte die Stimme des Kapitäns. »Noch bin ich Herr in meinem Hause. Ich danke Ihnen, Walding, für Ihre gute Meinung, aber ich halte es unter meiner Würde, mit einem Wort meine Unschuld zu beteuern. Der Schein ist gegen mich, und die Machinationen dieser Herren haben von dem Zufall eilig genug Vorteil gezogen, um mich für den Augenblick durch die Last einer furchtbaren und grausamen Anklage wehrlos zu machen. Ich bin bereit, Ihnen zu folgen, Sir, und mich zur Haft zu stellen. Aber zuvor werden Sie mir erlauben, mein Haus zu bestellen?« »Verfügen Sie ganz nach Ihrem Willen, Herr Kapitän!« »So bitte ich Master Hay, in seinen Nachforschungen auf das eifrigste fortzufahren. Dieser Herr hier, den ich mit der Verwaltung meines Hauses und meines Eigentums beauftrage, wird Ihnen die nötigen Geldmittel zur Disposition stellen. Tukallah!« »Sahib!« antwortete der Indier, der regungslos der ganzen Szene beigewohnt hatte, indem er die Arme über die Brust kreuzte. »Nimm jene beiden Schufte beim Kragen und wirf sie die Treppe hinunter, wenn sie sich nicht augenblicklich entfernen und je wieder wagen, die Schwelle dieses Hauses zu überschreiten.« »Ich protestiere gegen jede Gewalttat,« rief der Marquis, indem er sich hinter die Polizeibeamten zurückzog, »ich bin berechtigt, hier zu sein, um den Nachlaß meines Schwiegersohnes zu überwachen! Ich verlange Ihren Schutz, meine Herren!« Der Sheriff und der Polizeibeamte zuckten die Achseln. »Es ist das Haus des Herrn Kapitäns,« sagte Master Hay, »er ist Herr darin, wenn er auch unter Kriminalanklage steht.« »Gehorche, Tukallah!« Der Indier sprang auf die beiden zu, erwischte aber nur noch Doktor Jennys, der schwerfälliger als der Marquis, dem Flüchtenden nicht so rasch zu folgen vermochte. Der Indier drehte den Scheltenden wie einen Kreisel um sich selbst und stieß ihn vor sich her. Während alle mit einer gewissen Genugtuung diesem Intermezzo nach den vorhergegangenen furchtbaren Eindrücken zusahen, hatte sich der Kapitän zu dem Arzt geneigt. »Sie wissen, wo Sie den Brief finden, Walding?« flüsterte er ihm zu. «Ja!« »Das ist das Wichtigste. Bewahren Sie ihn wie Ihr Leben. Sie sollen bald von mir hören – bis dahin leben Sie wohl. – Jetzt, Sir, bin ich bereit, Ihnen vor den Richter oder in das Gefängnis zu folgen.« Weiß und schwarz. Gulma faßte die Hand ihres Schützlings. »Schieße nicht – mein Auge ist schärfer als das deine! – Es sind Freunde – Abalungos!« Der Leutnant setzte die Büchse ab. »Stop! Wer da?« »Der Teufel verdamm Eure Augen, wenn das nicht Delafosse ist. Mann, wo kommt Ihr lebendig her aus den Händen dieser schwarzen Schurken?« Rivers, denn dieser war es, eilte mit dem Fingoe auf den jungen Mann zu und wurde mit höchster Freude von ihm bewillkommnet. Als der Kapitän die junge Kafferin sah, lachte er auf. » Damned! nun begreife ich alles! Sie ist verliebt in Sie, Delafosse, und hat Sie unter den Assagaien und Kirries ihrer liebenswürdigen Landsleute hervorgeholt. Es ist gut, daß Sie sie mitgebracht, sie kann einen vortrefflichen Spion abgeben und uns die Pässe und Zugänge verraten.« »Gulma,« sagte der Leutnant unwillig, »ist die Tochter Sandilis, des berühmten Häuptlings der Gaikas, und besteht darauf, heute abend in den Kral ihres Vaters zurückkehren!« »Besteht sie, mein Junge? nun, desto besser! wer wird mit einer schwarzen Dirne viel Umstände machen, sie wird als Geißel zurückbehalten für die Ruhe ihres Vaters, des schwarzen Spitzbuben. Wohin beabsichtigten Sie Ihre Flucht zu richten?« »Nach den Ufern des Somo – zu einer Missionsstation, die sich dort befinden soll. Aber wie entkamen Sie denn, Kapitän Rivers?« »Als wir in Karriere an den Rand der Paviansschlucht gelangten, waren die schwarzen Halunken kaum fünfhundert Schritt hinter uns. Congo rief mir zu, daß die einzige Möglichkeit der Rettung sei, unsere Verfolger zu täuschen und in den Glauben zu versetzen, daß wir den wahnsinnigen Ritt in den Abgrund riskiert. Wir ließen uns am Abhang von den Pferden gleiten, trieben diese die Schlucht hinunter, wo sie Hundert gegen Eins das Genick gebrochen haben und krochen auf Händen und Füßen am Felsensturz hinab. Die Narren gingen richtig in die Falle, wir hörten sie toben und lärmen und, überzeugt von unserem Tode, dann zurückkehren zu ihrer saubern Gesellschaft.« »Sie irren, Kapitän! Peter Pretorius ist auf Ihrer Spur und mit ihm fünf oder sechs der tapfersten Gaikakrieger. In diesem Augenblick ist auch Tzatzoe, unser erbittertster Feind, wahrscheinlich bereits aufgebrochen mit seiner Schar zu unserer Verfolgung!« Eine kurze Beratung erfolgte, dann beschloß man, dem Plan des Mädchens treu zu bleiben und nach der Missionsstation am Somo aufzubrechen. Gulma eröffnete die Reihe, dann folgten Edward, Rivers und zuletzt der Fingoe, der sorgfältig darauf hielt, mit seinen breiten Mokassins die Spuren zu verändern. Sie waren auf der Höhe einer Felswand angelangt, als Gulma sich umwandte und mit einem Schrei des Schreckens nach der Richtung deutete, in der sie gekommen. Alle folgten ihrem Blick und sahen in der Entfernung von etwa drei Meilen in dem Tal eine kleine Reiterschar, die eilig herankam. Das scharfe Auge der Kafferin und des Fingoe unterschieden deutlich, daß es ihre Verfolger waren. »Was ist zu tun?« fragte der Kapitän. »Fort! fort!« drängte das Mädchen in gebrochenem Englisch – »so lieb euch euer Leben ist!« Die Verfolger hatten jetzt gleichfalls die Flüchtigen erblickt, sie schwangen ihre Waffen und kamen im Galopp heran. Aber die Richtung des Tales machte es ihnen noch unmöglich, den Ort zu erkennen, wohin jene eilten. Der Lauf der Flüchtigen war zu einem Rennen geworden, denn die Worte und Winke Congos hatten den Offizieren bewiesen, daß er gleichfalls nur in der Eile dieser Flucht eine Hoffnung sah. Die Schlucht oder der Gebirgspaß lag etwa noch tausend Schritte von ihnen entfernt. Ihr Zugang war bereits von Haufen von Springböcken, welche sie aus der Ferne gesehen, wenn auch nicht gefüllt, doch zahlreich besetzt. Es war eine Antilopenart, von der längeren Gliederung ihrer Hinterfüße und der Elastizität ihres springenden Laufs »Springböcke« genannt. Aber der Anblick talaufwärts war ein wirklich merkwürdiger, überraschender. Die ganze nicht geringe Breite des Tales schien, soweit das Auge trug, einem wogenden, wallenden Strom von lebendigen Geschöpfen zu gleichen, der mit einem tollen Getrampel herankam. Je weiter hinauf, desto mehr schien sich die Menge zu verdichten, so unförmlich und kompakt, daß keine Spur des Bodens mehr zu sehen war und ein Stein unter sie geworfen, nicht Raum gehabt hätte, zur Erde zu fallen. Jetzt erst wurde es wenigstens dem älteren Offizier klar, was Gulma und der Fingoe mit ihrem Ruf und ihrer Eile gemeint hatten, und er rannte, von den anderen gefolgt, so schnell der Schlucht zu, als er vermochte. Als sie keuchend an deren Rande ankamen, schoß der Wilde seine Flinte in die Schar der Tiere, die bereits immer mehr sich im Paß drängten. Dies veranlaßte eine momentane Stockung und ein scheues Zurseiteweichen, wodurch eine kleine Lücke in dem Gedränge entstand. Hier hinein warfen sich auf den Ruf Congos sogleich die Flüchtlinge, und um sie her schloß sich alsbald wieder der Raum mit den Leibern der Tiere, die dicht zusammengepreßt vorwärts drängten. Zehn Minuten darauf verkündete ihnen eine Gewehrsalve, daß ihre Verfolger gleichfalls an der Schlucht angelangt waren und dasselbe Mittel wie sie versucht hatten, sich Raum zu verschaffen. Aber der Fingoe beruhigte lachend ihre Besorgnis – die zehn Minuten hatten eine für die nächsten zwei oder drei Stunden unübersteigliche lebende Mauer zwischen ihnen und den Gaikas aufgebaut; die große Masse der Tiere war an dem Paß angelangt und stürzte sich unaufhaltsam in diesen, so daß selbst eine Metzelei unter ihnen nicht mehr vermocht hätte, Raum für einen Menschen, viel weniger für den Weg von Pferden zu gewähren. Die Sonne brannte jetzt so heiß, daß sie nur langsam ihren Marsch fortsetzen konnten, und es war gegen Mittag, als sie das Ufer des Somo erreichten und sich dem Missionshause gegenübersahen. Zu ihrer Freude sahen sie schon fern einen englischen Posten, und als sie die Station betraten, fanden sie einen Pikett Dragoner und eine Abteilung von fünfzig Jägern daselbst lagern und die Nachricht, daß Sir George Cathcart , der Befehlshaber der Expeditionstruppen, auf einer Rekognoszierung sich in der Mission befand. Leutnant Delafosse erfuhr jetzt erst, was der Kapitän längst gewußt, daß sie sich auf der Station des deutschen Missionars befanden, welchen sie vor einiger Zeit in der Kapstadt hatten kennen lernen und dessen Tochter Luise die unfreiwillige Ursache zu der grausamen Verfolgung des armen Peter Pretorius geworden war. Vater Müller, der Missionar, der bisher in Frieden und gutem Einverständnis mit seinen wilden Nachbarn gelebt hatte, und dessen Familie die Tochter des Häuptlings nicht unbekannt war, da sie auf ihren Streifereien mehrmals in sein Haus gekommen, schien in großer Besorgnis über den Umstand, daß die Soldaten hier Posto gefaßt, weil er einen Ausbruch des Kampfes und die Rache der Kaffern fürchtete. Seine Besorgnis stieg noch höher, als die drei kühnen Kundschafter jetzt von den Soldaten mit Jubel herbeigeführt wurden und der General sich sogleich von ihnen Bericht erstatten ließ. Edward, der bisher von den Nachrichten, die ihm der verräterische Tschanuse über die Beschlüsse der Kaffern gegeben, in der Gegenwart des Fingoe und der Häuptlingstochter geschwiegen, berichtete sie jetzt, und der General hielt sogleich mit den ihn begleitenden Offizieren einen Kriegsrat, um einen raschen Entschluß zu fassen. Das Resultat war der Beschluß, daß Kapitän Rivers mit seinem Begleiter, ohnehin von den Anstrengungen der Flucht aufs höchste ermüdet, das Kommando des Jägerpiketts, von einigen Reitern unterstützt, übernehmen und mit diesen auf der Station zurückbleiben sollte, um den Punkt, den der General zu einem Übergang über den Fluß bestimmt, besetzt zu halten. Das Expeditionskorps sollte sofort vom Kambusi aufbrechen, den Kai überschreiten und am anderen Mittag in der Nähe der Station eintreffen, um den Kaffern zuvorzukommen und einen Einfall in ihr Gebiet zu machen, noch ehe sie Zeit gehabt, ihre Macht zu sammeln. Die nötigen Befehle wurden sofort erteilt, die Pferde vorgeführt, und General Cathcart verließ das Haus, um aufzusitzen und zu seinen Truppen zurückzukehren. Sobald der Kapitän sich im Besitz des Kommandos sah, traf er sofort seine Anstalten. Alle Wahrzeichen, daß die Station von britischem Militär besetzt sei, wurden sorgfältig verborgen, die Soldaten in die Hintergebäude kommandiert oder mußten wenigstens Waffen und Uniformen ablegen. Der Kapitän zeigte sich möglichst häufig und offen am Ufer. Die Familie saß unter der Veranda, die das aus Bambus und Holz aufgeführte niedere Missionshaus umgab. Sich zu dem würdigen Geistlichen setzend, wußte Rivers bald das Gespräch auf ihre Bekanntschaft in der Kapstadt und von da auf den Jüngling zu lenken, den er so schändlich um sein Lebensglück gebracht. Mit großem Wohlbehagen erzählte er, wie der junge Mann desertiert und zu den aufrührerischen Booten sich geflüchtet habe, und daß er es sei, welcher seine Landsleute, die Engländer, in der Versammlung der Kaffern verraten. Wie giftige Schlangenbisse traf jedes seiner Worte das zarte Mädchen. Luise war eine jener hellen, sanften Gestalten, die, Gott vertrauend und, bei aller Zartheit der äußeren schönen Hülle, doch von festem, aufopferndem und für das Edle empfänglichem Geist und Herzen. Bei dieser Gesinnung des Mädchens mußte sie eine ehrlose Tat des Geliebten, und als solche stellte sie der Kapitän dar, tief im Innersten verwunden, und einer Ohnmacht nahe erhob sie sich und wankte davon, indes Vater und Mutter den Jüngling verdammten und die gute Meinung beklagten, die sie früher von ihm gehegt. Der Kapitän gewann Schritt auf Schritt das Terrain, das er zum Schauplatz seiner Intrigue erkoren. Die Hitze des Tages war vorüber, als der Fingoe mit der Nachricht erschien, daß am jenseitigen Ufer sich mehrere Kaffernreiter gezeigt hätten, darunter der junge Holländer, und bis an den Rand des Flußbettes gekommen wären, die wieder aufgefundenen Spuren verfolgend. Es war in einem Zimmer des Hauses, wo der treulose und listige Wilde dem Offizier die Botschaft brachte, und es erfolgte alsbald eine längere Unterredung, in der ein Plan entworfen wurde, die jedenfalls nur kleine Schar der Wilden zum Angriff zu verlocken und sie womöglich gefangen zu nehmen. Ein teuflischer Triumph lag in den Worten des Kapitäns, als er die Hoffnung aussprach, den Gehaßten wieder in seine Hände zu bekommen und ihn jetzt den schmählichen Tod des Verräters erleiden zu lassen. Nachdem der Plan festgestellt war, verließ der Kapitän das Haus und nahm den Fingoe nach dem nahen Ufer des Somo mit, wo er, unbekümmert der feindlichen Späher, plaudernd umherging, ihnen auf diese Weise von seiner Anwesenheit selbst Kunde gebend. Die junge Deutsche war wider Willen die geheime Zeugin der Unterredung des Offiziers mit dem Spion gewesen, indem sie neben der nur durch Bambus gebildeten Wand des Gemachs auf ihrem Ruhebett gelegen und so den ganzen Anschlag gehört hatte. Die Gefahr des noch immer Geliebten folterte ihr Herz im Kampf mit der Verachtung, welche die falsche Erzählung des Kapitäns über den Verrat und Einbruch des jungen Mannes ihr eingeflößt. In diesem Seelenzustand traf sie auf den Leutnant und Gulma. »Miß,« sagte der junge Mann, »ich suchte schon lange vergeblich die Gelegenheit, Sie einige Augenblicke allein zu sprechen, weil ich den schmerzlichen Eindruck bemerkt habe, den die Erzählung des Kapitäns Rivers auf Sie gemacht hat und weil ich es für Pflicht halte, auch dem Feinde Gerechtigkeit widerfahren zu lasten.« So schonend als möglich teilte er der jungen Dame mit, was vorhergegangen, und die furchtbare und grausame Strafe, der man den Unglücklichen unterworfen hatte. Das Mädchen hörte bebend den Worten zu, dann aber schien ihr zaghaftes Gemüt zu erstarken, ihr mildes, blaues Auge von Stolz und Entrüstung zu leuchten. »Jetzt will ich es laut bekennen, daß ich den Unglücklichen lieben und seinen Quäler verachten werde, so lange das Herz in meiner Brust schlägt. Gott ist mit den Unschuldigen, und er wird mir Kraft geben, die Schlingen seiner Feinde zunichte zu machen!« Das deutsche Mädchen hatte die Hand der Schwarzen ergriffen und zog sie mit sich fort. Es war Nacht – zwei Frauengestalten schlichen stromaufwärts am Ufer des Somo entlang. »Dort, wo aus dem Dickicht der Farrenkräuter der hohle Korkbaum sich über das Ufer hebt,« flüsterte die eine, »liegt das Boot. Wenn du die Richtung gemerkt, wo sie lagern, werden wir dort sein, ehe eine Viertelstunde vergeht, und unsere Nachricht rettet ihn und die Deinen.« »Sie wird mir die Rückkehr zu meinem Volke erkaufen,« sagte Gulma. »Der große Häuptling wird vernehmen, daß sein Kind das Herz einer Kafferin hat, auch wenn sie den weißen Mann liebt. Utika sieht auf die Herzen, nicht auf die Farbe der Haut.« Die weiße Tochter des Missionars drückte die Hand des schwarzen Mädchens, »Das deine ist gut und edel, Gulma, und verdient, den heiligen Lehren des Christentums geöffnet zu sein. Du sollst bei uns bleiben, wenn du willst, und ich werde deine Schwester sein.« Das Kaffernmädchen glitt gewandt an der Uferböschung hinab und half der neuen Freundin. Nach wenigen Schritten fanden sie den Kahn, den die Wilde mit sicheren Schlägen über den Strom des Wassers trieb. Einige Augenblicke darauf waren sie am anderen Ufer, befestigten den Nachen und klommen die Uferbank hinauf. Vorsichtig strichen sie jetzt an derselben stromabwärts entlang, das Kaffernmädchen von Zeit zu Zeit den eigentümlichen Ton des Spottvogels nachahmend. Plötzlich erhob sich aus den riesigen Büschen der Farrenkräuter eine dunkle Gestalt und schwang den Assagai, aber der rasche Blick des Mädchens hatte die drohende Bewegung erkannt, und ihr Zuruf hemmte den todbringenden Wurf und machte den Kaffernkrieger aus seinem Versteck hervortreten. Die große kräftige Gestalt kam bis dicht an die Mädchen, lehnte sich auf den langen Wurfspieß und betrachtete sie einige Augenblicke. »Die Granatblüte,« sagte er endlich, »tut nicht wohl daran, heimzukehren, ehe der Zorn des großen Häuptlings sich gelegt hat. Ihr Flüstern ist nicht stark genug, um seinen Groll zu besänftigen, und sein Grimm wird sie töten, ehe sie Zeit hat, ein Wort zu sagen.« »Ich bin nicht auf dem Wege zur Heimat, Umtakoe,« erwiderte das Mädchen, »obschon ich den Zorn Sandilis nicht fürchte; denn es wär' ein schlechtes Weib, das den Mann ihres Runlho nicht rettete vor der Wut seiner Feinde. Ich bringe dem Häuptling das Leben von sechs seiner tapferen Krieger. Jenseits jenes Flusses sind eure Feinde.« »Wir wissen es! Die beiden falschen Smause und der Hund von Fingoe!« »Ich komme, euch vor Verrat zu warnen; auf jenem Ufer liegen mehr Krieger verborgen, als ihr ahnet!« »Was tut es – seit einer Stunde ist Tzatzoe mit seiner Schar bei uns.« »Um so dringender ist meine Botschaft und kann Rettung auf beiden Seiten bringen. Tzatzoe darf ich nicht sprechen, er ist ein wilder Krieger, der auf die Bitte nicht hört. Du aber bist der Sohn der Frau, deren Milch ich getrunken, als meine Mutter gestorben war. Eile zurück und führe heimlich den jungen Dutschmen hierher, der der Spur seines Feindes gefolgt ist. Meine weiße Schwester muß ihn sprechen.« Der junge Krieger versprach zu gehorchen und glitt mit der Gewandtheit einer Schlange fort. Eine Viertelstunde war vergangen, als zwei Männer eilig daher kamen. Es war Peter Pretorius und der Wilde. Obschon der junge Holländer von dem Krieger gehört, daß eine weiße Frau sich bei Gulma befand, hatte er doch keine Ahnung davon, daß es die Geliebte sei, und ein Tränenstrom schmerzlicher Erinnerung und tiefer Erregung stürzte aus seinen Augen, als er jetzt sie erkannte und sie zum erstenmal an seine Brust sank. Gulma winkte dem Krieger, mit ihr zur Seite zu treten, und ließ sich von ihm die Vorgänge nach ihrer Flucht erzählen. Als er sich entfernt, blieb das Naturkind lange allein in schwermütigem Nachdenken stehen, ehe sie zu der neuen Freundin und ihrem Geliebten zurückkehrte. Sie fand diese Hand in Hand unter dem Baum sitzend, ihre jungen Herzen hatten sich geöffnet, ihre Lippen die Gelübde treuer Liebe getauscht. »Hat meine weiße Schwester dem Abalungo die Kunde der Gefahren ins Ohr geflüstert?« fragte die Kafferin. »Es ist Zeit, daß wir aufbrechen, damit niemand ihre Abwesenheit bemerkt. »Peter ist von den Plänen des Kapitäns unterrichtet und daß die Hauptmacht der Engländer morgen eintreffen wird, um über den Fluß zu gehen und in das Gebiet der Kaffern einzufallen. Er glaubt seine Begleitung zwar stark genug, um einen Kampf mit dem Posten des Kapitän Rivers zu wagen, aber er wird um meinetwillen den Häuptling überreden, davon abzustehen. Das weitere Schicksal der uns Teuren liegt in der Hand des Allmächtigen!« »So laß uns eilen! Atalma, der die Liebenden beschützt, möge das Zeichen eures Wiedersehens sein!« Sie eilte von einer ihr selbst unerklärlichen Besorgnis getrieben, zu dem Ufer des Flusses. Das donnernde, brausende Geräusch aus der Ferne kam näher und näher und wurde immer läuter. Langsam folgten ihr die Liebenden, nicht achtend auf die warnenden Stimmen in der Natur. Wenn sie ja darauf hörten, glaubten sie, daß das Gewitter heranzöge. Gulma war bereits im Flußbett, sie hatte den Nachen losgemacht und stand bis an die Hüften im Wasser, so rasch war dasselbe gewachsen. »Geschwind in den Kahn!« rief das Kaffernmädchen; »das Wasser wächst.« Luise riß sich los aus den Armen des Geliebten, der ihr selbst in den Nachen half, den Gulma mit starker Hand ans Ufer gedrängt. Die beiden Mädchen hatten noch nicht die Mitte des so plötzlich angewachsenen Flusses erreicht, als Gulma, die mit starkem Arm den gebrechlichen Kahn vorwärts trieb, plötzlich empfand, daß derselbe ihr nicht mehr gehorchte und, von einer unbekannten Gewalt erfaßt, sich zweimal um sich selbst drehte und dann mit Blitzesschnelle vorwärts schoß. »Die Wasser des Gebirges! Halte dich fest, weiße Schwester, halte dich fest!« Es war alles, was sie der entsetzten Luise zuzurufen vermochte. Mit übermenschlicher Kraft hielt das Kaffernmädchen den Kahn in gerader Richtung, als das Wasser über sie herstürzte, das Ruder aus ihrer Hand riß und die Frauen und das Fahrzeug begrub. Mit einer atemberaubenden Schnelligkeit schoß das Kanoe vorwärts und war fast dem Missionsgebäude gegenüber, als es auf einen der hier in der Mitte des Flußbettes verstreuten Felsblöcke stieß und in Stücken schmetterte. Als die beiden Mädchen wieder zu sich kamen, brüllten noch immer die Wasser um sie her, peitschte der schäumende Gischt mit der Schnelligkeit eines Pfeils an ihnen vorüber, aber sie fühlten Boden unter ihren Füßen und sahen sich vier bis fünf Fuß hoch über der Fläche des brausenden Stroms – die bekannten Blumen und Lianen, die sich über sie neigten, das einfache hölzerne Kreuz, das sich hoch gegen den Nachthimmel abzeichnete, zeigten ihnen sogleich, wo sie sich befanden. Gerade gegenüber der Missionsstation erhob sich, aus der Mitte des Flusses emporragend, eine kleine Felseninsel, deren Oberfläche, etwa zehn bis zwölf Fuß im Geviert, mit einem üppigen Pflanzenwuchs duftender Blumen und Lianen bedeckt war. Da das Strombett den größten Teil des Jahres über so seicht und trocken war, daß man, von einem Stein zum andern schreitend, ohne den Fuß zu benetzen, die Felseninsel erreichen konnte, in die man einfache Stufen eingehauen, so brachte die schöne Deutsche einen großen Teil ihrer Zeit hier zu, wo sie ungestört, nur von der gewaltigen Natur umgeben, ihren Gedanken und Empfindungen nachhängen konnte. Nur dunkel und undeutlich zeichneten sich die fernen Stromufer über der ferntobenden weißen Schaummasse aus, die vor und rückwärts wogte, so weit das Auge reichte. In den Gebäuden der Mission sah man Lichter sich hin und herbewegen – die unglücklichen Eltern hatten, durch das furchtbare ihnen noch ungewohnte Naturereignis geweckt, die Abwesenheit des einzigen Kindes entdeckt; ihre Angst war grenzenlos; die Offiziere boten ihre Soldaten auf; der das Brausen des Wassers zuweilen durchbrechende Ruf verkündete, daß man die Verlorenen am Stromufer entlang suchte. Aber auch auf dem fernen linken Ufer schien die gleiche Erregung zu herrschen; ein mächtiges Feuer begann dicht am Rande der Wässer emporzuflammen und wurde, trotz des Sturmes, fortwährend genährt, daß es hoch in der Nacht flackerte. Dunkle Schatten bewegten sich m dem Lichtkreis hin und her. Verzweifelnder Ruf am Ufer auf und ab: »Luisge! Luisge!« »Die weiße Taube ist gerettet,« sagte das Kaffernmädchen, »ihre Freunde suchen sie, aber unsere Stimmen sind zu schwach, um jenen Kunde zu bringen, ehe das Licht des Tages sie gibt. Was sollen wir tun?« »Laß uns beten! »Beten? – was ist das?« »Ich will es dich lehren, meine Schwester!« Die Wasser brausten und tobten fort – Schrecken lag über der Natur, Schrecken über den Menschenherzen. Das nahende Gewitter mit seinen Donnern und Blitzen zog über den Häuptern der Betenden dahin.   In der Mission hatte nach der furchtbaren Entdeckung kein Auge mehr sich geschlossen, die Mutter weinte in trostlosem Jammer, der Vater wanderte traurig durch das Toben des Wetters und streckte die gefaltenen Hände in bitterem Schmerz empor zum Allmächtigen. Kein Trost – keine Ruhe, als der Morgen dämmerte. Kapitän Rivers hatte am Ufer entlang noch während der Nacht seine Posten ausgestellt, das Feuer der Kaffern bewies ihm, daß er den Gedanken, sie zu einem unvorsichtigen Überfall zu verlocken, aufgeben mußte. Leutnant Delafosse hatte die ganze Nacht am Ufer zugebracht, das Herz war ihm gepreßt und schwer, wenn er an das schwarze Mädchen und ihr Verschwinden unter den furchtbaren Umständen dachte. Der Kapitän revidierte selbst die Posten, sein Gesicht drückte eine rachgierige Entschlossenheit aus. »Ich hoffe, ehe der Tag um zwei Stunden älter ist,« sagte er mit einem Ausdruck unbesieglichen Hasses in den mattblauen Augen, »diesen schwarzen Bestien eine Lektion zu geben, von der sie jahrelang in ihren Krals erzählen sollen und den Manen Luisens ein blutiges Denkmal zu setzen, denn diese bellenden Hunde haben auf die eine oder die andere Weise ihre Hand dabei im Spiel.« Plötzlich berührte der Fingoe, der ihn begleitete, seinen Arm. »Massa Kapitän,« flüsterte er, » noch ist die weiße Missus nicht tot! Schaut!« Seine Hand wies nach dem Eiland – ein Freudengeschrei entfloh den Lippen der beiden Offiziere. Der erste Sonnenstrahl, der die letzten Nebel der Nacht vertrieb und sein mildes, helles Licht auf Strom und Ufer warf, zeigte Luise die furchtbare Gefahr, in der sie geschwebt und zugleich an beiden Ufern die Gruppen der Briten und Kaffern, deren Blicke alle mit höchstem Interesse auf die Felseninsel gerichtet waren. Sie konnte deutlich an den etwa siebzig bis achtzig Schritt auf beiden Seiten entfernten Ufern, auf dem einen die winkenden Gestalten von Vater und Mutter, auf dem anderen die des Geliebten unter der Schar der Kaffernkrieger fehen, die mit wildem Jubel bei dem Anblick der Feinde ihre Waffen schwangen und einen Kriegstanz begannen. »Gott der Allmächtige hat uns gerettet!« sagte mit freudiger Erhebung die Tochter des Missionars, »und du, Gulma, warst das Werkzeug in seiner Hand, das mich einem schrecklichen Tode entriß. Unsere Freunde sehen uns, sie werden ihre Kräfte vereinen, uns aus dieser schlimmen Lage zu befreien.« Das schwarze Mädchen schüttelte traurig das das Haupt. »Utika oder Gott, wie meine Schwester das große Wesen nennt, wollte nicht, daß wir sterben, ohne die wiedergesehen zu haben, die wir lieben. Er hat uns den Trost gegeben, ehe unsere Geister zu ihm gehen.« »Wie, Mädchen – warum zweifelst du an unserer Rettung? Ist die Gefahr nicht beseitigt?« Die Kafferin legte ihre Hand auf den Arm Luisens. »Ich weiß, daß es meiner weißen Schwester schwer wird, vom Leben zu scheiden, denn der Mann, den sie liebt, liebt sie wieder mit aller Kraft seines Herzens!« »Gulma – ich beschwöre dich –« »Glaubt das weiße Mädchen wirklich, der Haß der schwarzen und weißen Männer werde sich beugen, um zwei arme Frauen zu retten? Und wenn die Menschen es wollten – Atalma fordert seine Opfer. Wir werden eingehen zu den seligen Geistern aller Guten!« »Gulma, ich verstehe dich nicht! rede, sprich!« Das Kaffernmädchen wies auf das brausende Gewässer. »Als wir uns retteten, bedeckten die Wellen noch nicht jenen Stein. Wenn die Gewitter am Vollmond brüllen und die Springfluten von den Gebirgen niederstürzen, schwellen die Wasser zwölf Stunden lang. Erst wenn die Sonne über jener Sykomore steht, wird der Strom zu fallen beginnen, und dann hat er längst diesen Fels überflutet und alles, was lebt, hinweggeführt.« Die Europäerin starrte entsetzt das Kind der Wildnis an, das traurige, ergebene Gesicht der Häuptlingstochter bewies ihr, daß sie Wahrheit gesprochen. Ihr starres, verzweifelndes Auge wendete sich dann wie hilfesuchend nach der Seite der Engländer. Eine weiße Wolke kräuselte von dort aus dem grünen Busch empor – der Knall einer Büchse schlug an ihr Ohr, und sie hörte das Zischen des Bleies über ihr Haupt hinweg – der Kampf hatte von dieser Seite begonnen. Vergeblich eilten flehend der alte Missionar und die Matrone zwischen den Schützen umher – die Salven der Endfield-Büchsen folgten jetzt ununterbrochen. Aber auf dem Ufer der Kaffern schienen die Krieger nicht bloß mit der Begegnung des Feuers und dem wilden Kampf beschäftigt. Das unglückliche Mädchen sah, wie eine Anzahl der Männer, in deren Mitte ihr Geliebter stand, wiederholt mit Gebärden der Angst nach ihr hindeutend, sich eifrig zu beraten schien – das Schicksal, das den Frauen auf dem Felsen drohte, konnte den erfahrenen Söhnen des Landes nicht unbekannt sein. Auch der Fingoe sprach mehrmals eifrig zu dem britischen Kapitän, aber dieser wies ihn heftig zurück, seine Jäger zum ununterbrochenen Feuern anspornend. Jetzt sah man eine kleine Abteilung der Kaffern stromaufwärts davon eilen und bald darauf, in den Pausen des Gefechts, konnte man regelmäßige Beilschläge vernehmen, wie zum Fällen der Bäume. Peter Pretorius war zurückgeblieben, er verließ das Ufer gegenüber der Felseninsel keinen Augenblick, und trotzte furchtlos dem Feuer der Engländer. Auf beiden Seiten waren bereits mehrere der Krieger gefallen und jede neue Wunde vermehrte die Erbitterung der Kämpfenden. In der Erbitterung des Gefechts hatten die meisten nur wenig auf die beiden unglücklichen Mädchen geachtet. Höher und höher schwoll die Flut, schlugen die Wogen. Starren Blickes schaute der junge Boor auf seine Geliebte. – Tzatzoe, der Häuptling, stand jetzt neben ihm. Der Häuptling schien dem Verzweifelten Mut und Hoffnung zuzusprechen, denn er deutete wiederholt stromaufwärts. Plötzlich verkündete das Geschrei der britischen Posten, daß etwas Neues, Unerhörtes sich zeigte; zugleich stellten die Kaffern ihr Feuer ein und stürzten, jede Gefahr verachtend, nach dem Ufer. Ihr Geschrei, ihr Winken deutete den Frauen an, ihre Aufmerksamkeit stromaufwärts zu richten. Gulma sprang empor, ihr Arm richtete das Christenmädchen auf. »Rettung, Schwester, Rettung! Die Krieger meines Volkes kommen!« Auf der brausenden Flut daher aus dem Dunkel des Busches, der weiter hinauf die Ufer bedeckte, schoß ein schlankes Floß, aus dünnen Baumstämmen und Ästen leicht zusammengezimmert und durch zähe Lianenranken verbunden. Das Floß kam mit rasender Schnelligkeit heran. »Bursche, nehmt die drei Schurken aufs Korn, zehn Guineen den Schützen, die sie herunterholen!« schrie die heisere Stimme des Kapitäns. »Um Gottes willen, Sir! die Männer hegen keine feindliche Absicht, sie wollen die Unglücklichen retten!« Delafosse riß dem Schützen neben ihm das Gewehr aus der Hand, mit dem er im Anschlag lag. Die Mutter Luisens fiel vor dem Offizier in die Knie. »Erbarmen. Sir, rauben Sie einer Mutter ihr Kind nicht!« »Es sind Macomos Söhne,« flüsterte der Fingoe ... »sie haben einen Streich vor – hüte dich, Massa! ...« Durch das Rauschen der Wogen, durch das Streiten der Männer scholl ernst und feierlich ein erhabener Gesang – das waren die ergeifentsen Worte des sechsten Psalms, die der alte Missionar, dicht am Rande des brausenden Wassers kniend, die Hände segnend nach dem bedrohten Kinde ausgestreckt – aus tiefer Brust zu seinem Schöpfer emporrief. Peter Pretorius schwang das Tuch über seinem Haupte. »Rettung! Rettung!« Der ferne Blick des britischen Offiziers fiel auf die Gestalt des Jubelnden. »Feuer, Bursche! – Herunter mit den Schwarzen!« Vier – fünf Büchsen der englischen Jäger knallten zu gleicher Zeit. – Der Wilde am Steuer tat einen hohen Sprung und stürzte rückwärts in den Strom – Kona verschwand in den Wellen, während sein Bruder das Ruder fallen ließ und auf dem Floß zusammenbrach. Ein Schrei der Wut, der Entrüstung gellte aus hundert Kehlen vom Ufer der Kaffern, wild schwangen die Krieger die Waffen – der Jammerruf der unglücklichen Mutter mischte sich diesseits gleich einem Todesgestöhn in das Wutgeschrei der Wilden. »Das ist niedriger Meuchelmord – schämen Sie sich, Sir!« Der Kapitän griff wutflammenden Auges nach dem Degen, aber Leutnant Delafosse, der ihm die Verwünschung ins Gesicht geschleudert, achtete seines Zornes nicht und stürzte nach dem Rand des Stromes. Furchtbares war auf der brausenden Flut geschehen. Das Floß, jeder Steuerung beraubt, schoß mit entsetzlicher Kraft heran, stieß an den bereits fußhoch von der Flut bedeckten Fels, drehte sich um sich selbst und schlug mit seinem Ende gegen das Kreuz, an das, einander umschlingend, das weiße und das schwarze Mädchen sich geklammert hatten. Ein entsetzlicher, gellender Todesschrei: – der Anprall hatte die schwachen Bänder des Flosses gelöst, und seine Balken flogen auseinander: hin und her schwankte das Kreuz, dann, dem Druck der Wässer nachgebend, neigte sich das Markzeichen der britischen Zivilisation und stürzte in die brausende Flut, die die verschlungenen blutenden Körper der Mädchen davon trug. »Luisge!« – »Gulma!« Von dem Ufer der Kaffern warf sich mit gewaltigem Sprung den Armen des Häuptlings sich entreißend, der junge Boor in die Flut – in die im selben Augenblick vom andern Ufer Edward Delafosse verschwand. Mit gewaltigen Armen griffen die Schwimmer aus. Wie auf einen Antrieb eilten die wilden Krieger und die britischen Schützen bis an die Brust ins Wasser oder am Ufer entlang, den Kühnen zu Hilfe, Schüsse wechselnd, die Todesdrohung im Aug und Mund, aber von der undurchdringlichen Wasserflut geschieden. Kapitän Rivers hatte dem Fingoe die Büchse entrissen, und sein Schuß krachte auf den eben emportauchenden Todfeind. Der junge Boor hob sich aus den Wellen – er streckte die von dem Blei zerschmetterte Linke in ohnmächtigem Fluch dem Herzlosen entgegen und überließ sich den Wellen. Die starke Hand Tzatzoes erfaßte ihn und zog ihn zum Ufer. – Eine Meile unterhalb der Mission, auf einer hohen vorspringenden Felsbank, fanden zwei Stunden später, als die Wasser so rasch, wie sie gekommen, zu fallen begannen, die britischen Soldaten die zerschmetterten Leichen der beiden Mädchen – unfern von ihnen das Kreuz. Die Weiße und die Schwarze – sie hielten sich noch im Tode umschlungen. Ein Grab deckt sie am Saume des fernen Kaffernlandes. Aber unter den Männern der weißen und schwarzen Farbe wütete der blutige Haß und Krieg fort. Am Nachmittag desselben Tages schon führte General Cathcart die britischen Truppen durch das fast wasserlose Strombett zum Einfall in das Land, und der Rauch der brennenden Krals bezeichnete seinen Weg. Der zweite Dezember. Der große Empfang im Palais Elysée war vorüber, die Equipagen der Minister, der Deputierten und der Aristokratie der Armee und der Börse rollten durch die Avenues davon. Paris schwebte am Vorabend großer Ereignisse, vielleicht einer neuen Staatsumwälzung, die Nationalversammlung hatte soeben den Paragraphen des Verantwortlichkeitgesetzes gegen den Prinz- Präsidenten geschleudert, der die Provokation seiner Wiedererwählung für einen Grund zur Anklage auf Hochverrat gegen die Republik erklärte. Dennoch war der Napoleonide, auf den sich jetzt die Augen von ganz Europa zu richten begannen, noch nie so heiter, so sorglos, so liebenswürdig erschienen, als gerade an diesem Tage. An diesem Abend war eine spanische Dame, Eugenie Marie von Guzmann, Gräfin von Téba, nebst ihrer Mutter durch den spanischen Gesandten im Elysée vorgestellt worden, und Louis Napoleon hatte sich lange mit ihr unterhalten. Die Ernennung des Generals Lawöstine , eines enragierten alten Bonapartisten, zum Chef der Nationalgarde von Paris war das einzige, was der Prinzregent allen den gegen ihn offen und versteckt gerichteten Intriguen erwidert hatte. Die letzten Wagen hatten eben den Hof des Elysée verlassen, als zwei Männer von der Avenue Marigny her ihn betraten. Die Wachen am Tor vertraten ihnen den Weg. »Le mot, Messieurs, s'il vous plait!« »L'empereur et Austerlitz!« »Passez!« Der nächste Tag war der sechsundvierzigste Jahrestag der Schlacht von Austerlitz. Der eine der beiden Männer schien im Palast bekannt, denn er führte seinen Begleiter sogleich über mehrere Treppen und Korridore des linken Flügels nach einem großen Vorzimmer. Auffallenderweise waren sie auf dem ganzen Weg keinem einzigen Mitglieds der zahlreichen Dienerschaft des Palastes begegnet, überall nur Posten von den Lanziers, dieser Lieblingstruppe des Prinzen. »Legen Sie ab, meine Herren,« ersuchte einer der Offiziere, »und haben Sie die Güte, mir Ihre Namen und Ihre Karten zu geben.« »Kommandant Dugonier und Kapitän Grimaldi .« Er reichte dem Adjutanten zwei rote, mit der Namensunterschrift des Generals Saint Arnaud versehene Karten. »Treten Sie ein, meine Herren!« Es waren in der Tat die beiden dem Leser bereits bekannten Personen, die jetzt in einen ziemlich großen Salon eintraten, der verfolgte Flüchtling von Korfu, der Feind Englands, den wir unter dem Feuer der österreichischen Husaren in den Wellen der Adria, am Felsenufer von Grottamare versinken sahen, und der Offizier der französischen Expeditionstruppen, der ihn zu retten versucht. Der Ionier war bleich und hager, die Spuren eines schweren Wundlagers waren auf seinem Angesicht, über sein ganzes Wesen eine finstere, energische Ruhe verbreitet. Eine leise Berührung seines Armes weckte ihn aus der Betrachtung der Szene und er wandte sich um. Neben ihm stand ein mittelgroßer Herr von etwa vierzig Jahren, in überaus sorgfältiger, stutzerhafter Toilette. »Sind Sie der griechische Offizier, mein Herr?« fragte er mit lispelnder Stimme, den Angeredeten geziert durch das Lorgnon betrachtend, »der in Italien unter Gemeau in unsere Dienste trat?« »Ich bin der Kapitän Markos Grimaldi, Herr,« entgegnete der Korfuaner, »patentiert in der Fremdenlegion von Algerien, obschon ich durch die Folgen meiner Wunden noch bis jetzt verhindert war, in aktiven Dienst zu treten!« »Ganz recht! – Da ist ja auch der Kommandant Dugonier! Meine Herren, haben Sie die Güte, mir zu folgen.« Sie waren hinter dem Minister in das Kabinett getreten, in dem sich der Prinz-Präsident, Persigny und Carlier , der frühere Polizeipräfekt, befanden, der die Präfektur aufgegeben hatte, um bei dem Staatsstreich desto ausgedehnter hinter den Kulissen wirken zu können. Soeben war der Exkönig Jerome Bonaparte , der Gouverneur der Invaliden, eingetreten, an den der Prinz-Präsident wahrend der Soiree, nachdem er sich eben sehr galant mit Madame Tourgot unterhalten, die lakonischen Worte geschrieben hatte: »Mon oncle, ce matin je frapperai un grand coup; je compte sur vous.« Der ebenso kurzen Antwort: »Mon neveu, dans une heure je serai auprès de vous; je vous suivrai partout!« war der Älteste der Familie Bonaparte auf dem Fuß gefolgt. Der Prinz stand eben in eifriger Unterredung mit dem Greis, als die beiden Offiziere eintraten. »Ich weiß auf das bestimmteste,« sagte er heftig, »daß der Schlag von dem Revolutionskomitee in London organisiert ist, und daß man in England mit offenen Augen die Vorbereitungen duldet. Der Tag der Wahl war zum Losschlagen aller geheimen Klubs bestimmt, man hat durch ganz Frankreich die Personen enrolliert, die als die ersten Opfer fallen sollen, ja selbst die Häuser mit geheimen Zeichen versehen, wo der Mord sein blutiges Wert üben soll. Was ich tue, ist nicht bloß Selbstwehr, sondern Pflicht gegen Frankreich, gegen jeden seiner Bürger und Eure Majestät werden darin mir vollkommen beistimmen.« » Mon neveu ,« sagte der alte Mann, »Sie wissen, wie glücklich ich darüber bin, daß Sie die Traditionen unserer Familie wieder aufgerichtet haben. Was Sie mir da von der Verschwörung erzählen, wird sich im Moniteur recht hübsch ausnehmen und den Bourgeois verblüffen; auch wird hoffentlich eine kleine Emeute der Roten an einem der nächsten Tage nicht ausbleiben und das Militär seine Revanche für den Februar nehmen können, indes rate ich Ihnen doch, nicht bloß auf das Stimmrecht der Armee sich zu verlassen, sondern Ihrem Enthusiasmus möglichst bald eine andere Gelegenheit zu geben. Der Kaiserthron –« Graf Morny unterbrach die Explikationen. »Monseigneur, hier find die beiden Offiziere.« Der Prinz-Präsident wandte sich rasch um und biß sich in die Lippen. Sein Gesicht trug den Charakter selbstbewußter Entschlossenheit, und er ließ das kalte, feste Auge einige Augenblicke auf dem Griechen ruhen, der in soldatischer Haltung dem Blick ehrerbietig aber ruhig begegnete. »Sie sind Kapitän Grimaldi – aus der venetianischen Nobile- Familie Grimaldi?« »Ja, Monseigneur!« »Sie wurden von den Österreichern und Engländern, wie ich gehört habe, scharf verfolgt, als Sie in französische Dienste traten?« »Bis an das Wellengrab, das ich gewählt, Monseigneur, und dem mich Franzosen entrissen.« »So hassen Sie also die Engländer?« »Ein Mann, Sire, ändert weder seinen Haß, noch seine Liebe. Seit der Vertrag von 1815 mein Vaterland an die Engländer übergab, ist es von diesen geknechtet worden.« Der Prinz-Präsident überging mit einem halben Lächeln die Anrede, die der Kapitän im Eifer angewendet. »Korfu und Frankreich verbinden allerdings glorreiche Erinnerungen,« sagte er. »Sie sind mir von vielen Seiten als ein ebenso tapferer als entschlossener Soldat gerühmt worden. Liegt Ihnen Europa sehr am Herzen?« »Monseigneur, ich bin für die afrikanische Armee patentiert und, wenn ich aufrichtig sein soll, machte es mir nicht die Dankbarkeit zur Pflicht, in Ihre Armee einzutreten, so war mein Wunsch und meine Absicht, Europa zu verlassen und nach Amerika zu gehen.« »Nun, so gehen Sie noch etwas weiter – gehen Sie nach Indien. Ich wünsche Sie für die Ausführung einer Aufgabe in Indien zu gewinnen, wohin auch Herr Dugonier bestimmt ist.« »Nach Indien?« – Die Farbe wechselte auf dem bleichen Gesicht des Kapitäns – der Gedanke an Adelaide, an die wunderbare Fügung des Schicksals durchzuckte seine Seele. »Ich kann Ihnen leider keine lange Bedenkzeit gestatten,« fuhr der Prinz fort, »denn Ihr Entschluß muß alsbald gefaßt werden. Ich will Ihnen deshalb aufrichtig sagen, zu welchem Unternehmen ich Sie beide ausersehen habe. Sie kennen die Ereignisse, die morgen Paris, wahrscheinlich ganz Europa in Bewegung setzen werden – und ich will Ihnen keineswegs verhehlen, daß ich wahrscheinlich gezwungen werde, nicht bei den ergriffenen Maßregeln stehen zu bleiben, sondern die Ruhe Frankreichs ein für allemal zu sichern. Mein Recht auf Frankreich ist legitim durch das Opfer auf Helena, so gut wie das der Bourbons oder Orleans, und ich habe außerdem den Willen des Volkes für mich. Aber ich weiß nicht, wie sich England, das vorläufig den Ausschlag in Europa gibt, der neuen Wendung der Dinge gegenüber verhalten wird, und ich muß es in meiner Macht haben, seinen bösen Willen zu paralisieren und seine Neutralität zu erzwingen. Englands verwundbarste Seite sind seine Kolonien, namentlich Indien – seine Macht steht dort auf tönernen Füßen, und über kurz oder lang wird es da zum Ausbruch kommen. Es sind Frankreich von verschiedenen indischen Fürsten Bündnisse angetragen. Mit einem Wort – der Frieden in Indien muß für die nächsten fünf Jahre in meiner Hand sein – später mag dann geschehen, was da will, Frankreichs Macht wird in Europa so befestigt sein, daß England meiner bedarf, nicht ich des Londoner Kabinetts. Dieses Memoire, dem die Anerbietungen und Korrespondenzen verschiedener indischer Großen beiliegen, gibt über die Verhältnisse und die notwendigen Maßregeln genügende Auskunft. Herr Dugonier ist bestimmt, mit Ihnen zu wirken; er ist es, mein Herr, der Sie mir zu seinem Gefährten vorgeschlagen. Ich biete Ihnen Majorsrang in der französischen Armee und nach fünf Jahren, wenn Ihre Mission glücklich beendet ist, ein Regiment oder eine entsprechende Stelle in der diplomatischen Karriere. Aber ich muß sofort Ihre Entscheidung haben, denn nehmen Sie es an, so verlassen Sie das Elysée nur, um den Reisewagen zu besteigen.« Das Gesicht des Korfuaners glühte – Indien – ja, das war das längst geträumte Feld, wo er den Gang wagen konnte mit dem allmächtigen Gegner, wo er die Unterdrückung seines Vaterlandes rächen konnte – die Fuge in dem Harnisch des Feindes! » Sire – dem Scheidenden ist es erlaubt, der Zukunft vorzugreifen! – ich nehme Ihre Gnade an und gelobe Ihnen mit meinem Manneswort Treue und Ergebenheit!« »So sind wir einig. Ich liebe Männer, die, wie Sie, mutig gegen das Schicksal ankämpfen, und daher kommt mein Vertrauen zu Ihnen. Meine Zeit ist gemessen, deshalb muß ich mich kurz fassen. Ich kann Ihnen für die Ordnung Ihrer Angelegenheiten in Paris keine Zeit geben. Sie werden sich aus diesem Kabinett, ohne in Ihre Wohnung zurückzuziehen, nach den Champs-Elysées begeben. Vor dem Eingang des Panorama finden Sie einen bespannten Reisewagen, dessen Gepäck die nötigen Reiseeffekten enthält. Sie werden den Schlag öffnen und der Person, die im Innern des Wagens sitzt, das Wort ›Pondichery‹ sagen. Antwortet sie Ihnen ›Rochelle‹, so steigen Sie ohne weiteres ein. – So lautet ja wohl Ihr Arrangement, Carlier?« »Genau, Monseigneur!« »Der Wagen wird Sie durch die Barriere d'Enfer auf der Straße nach Orleans bis Etampes bringen; von dort benutzen Sie die Eisenbahn bis Poitiers und begeben sich von da ohne Aufenthalt mit Extrapost nach La Rochelle. Im Hafen liegt der Fregatt-Schoner ›Isabelle‹, Kapitän Girepont, segelfertig zur Abfahrt nach Indien. Sie übergeben dem Kapitän diese Pässe, und das Schiff wird sofort die Anker lichten. Das Schiff ist ein Handelsschiff, Sie erscheinen einfach als Passagier desselben, die nach Indien gehen, um dort Ihr Glück zu machen, wie so viele französische Abenteurer, und Sie führen natürlich beide einen anderen Namen. Die Person, die Sie in dem Wagen finden, macht die Reise mit Ihnen nach Indien, Herr Carlier hat sie selbst ausgewählt und instruiert, und in ihren Händen befinden sich die ausführlichsten Instruktionen. In diesem Portefeuille finden Sie Wechsel auf Kalkutta und Madras im Betrag von hunderttausend Franken, und dieses Kästchen enthält tausend Napoleonsdor in Gold. Nehmen Sie und erfüllen Sie Ihre Aufgabe mit Treue und Tätigkeit. Es ist jetzt ein Uhr zehn Minuten früh, in zehn Minuten müssen Sie unterwegs sein.« Er machte eine entlassende Bewegung, der Polizeipräfekt jedoch hielt die Offiziere noch auf. »Monseigneur haben den Herren noch nicht gesagt, daß sie auf Isle de la Reunion Station machen werden, um Aufträge in Pieter Mauritzburg, der Hauptstadt der ausgewanderten holländischen Kolonisten, auszuführen.« »Die Instruktionen enthalten alles, überdies weiß die Person Bescheid. Adieu, meine Herren!« Die Offiziere verbeugten sich schweigend und verließen, von Morny geleitet, das Kabinett durch einen zweiten Ausgang. Der Graf begleitete sie durch die Wachen, die jetzt keinem mehr das Verlassen des Palais gestatteten, der nicht im Besitz eines neuen Paßworts oder eines schriftlichen Befehls des zum Chef des neuen Kabinetts ernannten bisherigen Kriegsministers war. Wenige Augenblicke nachher befanden sie sich in den Champs-Elysées und durcheilten diese in der Richtung des Panorama. » Parbleu – das geht rascher, als ich gedacht,« sagte lachend der Kommandant, als sie nicht mehr gehört werden konnten, »der Prinz scheint die schnellen Karrieren zu lieben. Schade, daß wir den Spektakel heute und morgen nicht mit ansehen können.« Grimaldi wies auf einen bepackten Reisewagen, den sie schon von fern, wenige Schritte von dem Eingang des Panorama, halten sehen konnten. Er war mit vier Postpferden bespannt, an dem Schlag lehnte ein Mann in einen Mantel gehüllt. »Meine Herren,« sagte dieser, als sie nähertraten, »vielleicht haben Sie der Frau Marquise etwas zu sagen!« Damit öffnete er den Schlag. Dugonier wie der Grieche waren etwas erstaunt, als sie eine Dame sich aus dem Schlage neigen und im Schein der Laterne unter dem Capuchon ein feines, reizendes Frauengesicht mit großen dunklen Augen vor sich sahen, dessen Besitzerin höchstens drei- oder vierundzwanzig Jahre zählen konnte. Beide hatten irgendeinen Agenten Carliers zu finden erwartet. Die schöne Unbekannte musterte sie einige Augenblicke, dann fragte sie mit einem spöttischen Lächeln, das ihre schönen Perlenzähne enthüllte: »Nun, meine Herren, wohin wünschen Sie?« »Nach Pondichery, gnädige Frau, aber ich glaube, wir haben uns geirrt!« »Ganz und gar nicht, der Weg dahin führt über La Rochelle. Aber bitte, beeilen Sie sich gefälligst etwas, denn es ist ziemlich kalt!« Noch immer kaum ihr Erstaunen bewältigend, ließen sich die Offiziere in den Wagen heben. »Glückliche Reise, Frau Marquise,« sagte der Mann am Schlag, indem er die Uhr zog. »Ein Uhr fünfundzwanzig Minuten! Vorwärts, Postillon!« Der Schlag wurde geschlossen, und der Wagen rollte davon. Sankt Helena. Auf dem Hochplateau der Insel, eine Stunde von Jamestown, in der sterilsten und unfruchtbarsten Gegend, schutzlos den sengenden Strahlen der Sonne und den wilden Orkanen des Meeres ausgesetzt, liegt ein einstöckiges Haus, mit der Front gegen das Meer, auf der Rückseite von einigen Nebengebäuden umgeben. Es ist Longwood – der Kerker des Kaisers bis zu jenem 5. Mai 1821, der den gefesselten Löwen für immer dem niederen Hohn des triumphierenden Englands entriß und seinem Hudson Lowe die Freiheit wiedergab. Östlich von Longwood liegt ein stilles dunkles Tal; zwei Weiden stehen auf einem kleinen Erdhang nahe dem Ufer des Baches. Ihre Zweige hängen traurig zur Erde – unter dieser Erde beschatten sie ein offenes Grab, von einem niederen Eisengitter umgeben. Neunzehn Jahre war das Grab geschlossen, und der Felsblock, der es bedeckte, deckte das, was sterblich war an Napoleon Bonaparte . Nach neunzehn Jahren wurde dies Grab und die Weltgeschichte bestohlen. Konnte man durch den Katafalk im Invalidendom etwa die Erinnerung an Sankt Helena verwischen? Alles war einsam und still! Unter der Weide am Grabe kniete ein Mann in Schifferkleidung, Hut und Mantel lagen am Boden, der Seewind lüftete das ergrauende Haar, und wehte um die Marmorstirne, die an das Gitter von Eisen gepreßt war. Der Mann am Grabe blickte empor. Von Longwood her kam ein einzelner Reiter, von Osten herauf an den Felsenklippen empor stiegen zwei Männer, und von der Ruperts-Bai im Süden sah man drei Personen auf Maultieren den Felsenpfad daherreiten. Wer waren die Fremden? Der einsame Reiter war der erste, der sich nahte; er hatte das kleine Gebirgspferd, das ihn getragen, in einiger Entfernung an den Stamm einer Palme gebunden und trat zu dem nächtlichen Wächter der Gräber. »Ist dies jene letzte Ruhestätte, die Ihre Landsleute dem großen Gefangenen von St. Helena gewährt haben?« »Die Engländer haben dies getan, Friedlich Walding,« entgegnete der Fremde, der den Mantel wieder umgenommen, den Hut in die Stirn gedrückt hatte, »nicht meine Landsleute, obschon sie in so mancher Schlacht in den britischen Reihen gegen den Toten fochten. Irland bekämpft seine Feinde, aber es mordet nicht die Besiegten!« Der deutsche Arzt sprang auf den Unbekannten zu und riß den Mantel von dem Gesicht. »Um der ewigen Barmherzigkeit willen – trügen mich meine Augen? Kapitän Ochterlony , Sie hier, an diesem Ort?« »Was wundern Sie sich darüber? Als ich Sie verließ, als ich Ihnen raten ließ durch Duncombe, den weißen Raben, den ehrlichen Notar, sobald als möglich England zu verlassen und nach dem Festland zu fliehen, war ich ein Gefangener im Kerker: jetzt bin ich ein Verurteilter am Bord eines Verbrecherschiffes, auf dem Weg nach Botany-Bay und durch Hilfe zweier vom Bunde auf einige Stunden meinem Kerker entronnen. Der Unterschied ist gering und mein Los Ihnen gewiß längst bekannt!« »Entsetzlich! jenes Schiff in der Bay von Jamestown –« »Ist der neue Parlamentssitz für Ralph Ochterlony, den Irländer!« »Ich bin ein Gefangener Englands wie Sie, Ochterlony, ein entehrter, gemißhandelter Mann, und an dieses Grab gekommen, um bei dem Namen des großen Toten Vergessen zu suchen für das eigene Unglück!« Der Kapitän hielt ihn auf Armeslänge von sich und starrte ihn an. »Sie wären ein Gefangener wie ich – was wollen Sie damit sagen? Ich glaubte Sie auf dem Weg nach Indien, Ihr und mein Gelübde zu lösen!« »Auf dem Weg dahin bin ich – aber nicht freiwillig. Ich bin ein Gefangener an Bord der ›Artemise‹ – der Fregatte, welche vor drei Tagen von der afrikanischen Küste im Hafen von Jamestown eingetroffen und in der Nähe des Transportschiffes ankert. Vor sieben Monaten, als ich nach Ihrem Willen vor unseren Feinden geflohen war und in Plymouth mich einschiffen wollte, wurde ich des Abends von unbekannten Männern am Strand überfallen und zu Boden geschlagen. Als ich wieder zum Bewußtsein gelangte, befand ich mich an Bord eines Transportschiffes, meiner Papiere beraubt, und vierzehn Tage später wurde ich auf die nach der afrikanischen Küste und Indien bestimmte Fregatte gebracht, ohne daß auf meine Bitten und meinen Widerstand geachtet wurde.« Der Kapitän faßte seinen Arm. »Und der Brief Dyce Sombres an Nena Sahib? Er ist also auch gestohlen, wie das Testament?« »Er ist das einzige, was ich gerettet! Ich hatte ihn mit einigen Banknoten, von schlimmer Ahnung getrieben, in dem Leder meines Stiefels verborgen. Alle Papiere waren mir entwendet, doch das rechte war den Mördern entgangen!« »Es ist sicher, daß es auf dieses abgesehen war. So sind Sie demnach entflohen von der Fregatte?« »Man hat mir auf vierundzwanzig Stunden die Freiheit gegeben, nachdem ich deren Behauptung mit einer ebenso schimpflichen wie tyrannischen Mißhandlung habe bezahlen müssen – man strafte mich als Deserteur!« »Wie, auch Sie? und Sie leben noch ohne den Gedanken unendlicher Rache? – Doch still – Fremde nahen diesem Ort! fort bis wir wissen, wer sie sind!« Der Irländer verschwand mit dem Arzt hinter einem Felsblock, während von verschiedenen Seiten die Fremden sich nahten, die sie in der Ferne erblickt. Die beiden Männer, die von Osten herkamen und an den Felsenklippen der Küste emporgestiegen waren, betraten mit dem festen Schritt und dem kühnen Auge von Leuten, die gewohnt sind, der Gefahr ins Auge zu sehen, den Platz. Ihre Kleidung war die einfacher Reisender, der Gürtel jedoch, der ihre Hüften umgab, zeigte ihre Bewaffnung für jede Eventualität. Das Licht der Fackel, die der eine trug, fiel auf die zweite Gruppe der Ankommenden und beleuchtete die weiten reichen Gewänder zweier Indier und die einfache Jacke eines holländischen Boors. »Steht! wer da?« »Antwortet selbst.« »Fremde – Franzosen – die das Grab des großen Kaisers besuchen!« Der junge Mann, der die Kleidung des holländischen Boors trug, schritt auf sie zu. »Meine Herren,« sagte er in französischer Sprache, »wenn Sie Passagiere des französischen Schiffes sind, das mit uns zu gleicher Zeit auf der Reede von Jamestown eintraf, so seien Sie uns willkommen. Ein gleicher Zweck führt uns hierher, dem Grabe eines Mannes unsere Ehrfurcht zu zollen, der einst ganz Europa unter seiner ehernen Faust hielt und der Feind unserer Feinde war. Ich bin ein einfacher Boor vom Kap, meine Name ist Peter Pretorius , und ich gehe in Aufträgen mit einem batavischen Handelsschiff nach Paris. Meine Begleiter sind Indier, der Bruder und General des Königs von Audh, Sciander Hasmat Bahadur , und der Bruder des künftigen Maharadschah von Bithoor Nena Sahib, Baber Dutt , die, um Klage zu führen gegen die Tyrannei und Gewalttätigkeit des indischen Gouvernements, nach London reisen.« Die Franzosen verbeugten sich. »Mein Name ist Dugonier , der dieses Herren Grimaldi aus Korfu; wir gehen nach Indien, um in die Dienste der unabhängigen Fürstin gegen England zu treten.« Ein Blitz zuckte über den schwarzen nächtlichen Himmel und der Donner rollte majestätisch über Felsen und Meer. Hinter dem Felsblock hervor traten zwei Männer in den kleinen Kreis am Grabe. »Lassen Sie uns die Dritten sein bei Ihrem Finden an dieser Stätte,« sagte die sonore Stimme des Ältern. »Indien, Holland, Frankreich, Griechenland und selbst der Deutsche, an dessen Strommündung England seine Zwingburg gebaut, nicht der Zufall sondern die Fügung Gottes hat uns an diesem Grabe zusammengeführt, an dem seines erhabensten Feindes, die, welche am meisten von ihm gelitten haben. Die Fingerzeige Gottes sind die künftigen Geschicke der Menschen. Wohlan, so laßt uns ein jeder seine Anklage gegen die Tyrannen der Erde niederlegen an diesem Grabe und uns verbinden zum heiligen Racheschwur gegen England!« Er legte die Hand auf das Gitter der Gruft und begann mit eintöniger Stimme seine Erzählung. Über ihm zuckte der Blitz, brüllte der Donner, rauschte der Sturm! Einer nach dem anderen von den Versammelten folgte ihm in der Rede. Als der letzte geendet, knieten Sie alle um den Stein, der einst die Leiche des großen Kaisers bedeckt hatte, und sie legten ihre Hand auf den kalten schwarzen Basalt und sie schworen zusammen: » Kampf gegen England! « Die indische Wüste. Fünf Jahre sind vergangen seit jener Nacht auf Sankt Helena – unser Buch führt den Leser zu anderen Menschen, zu anderen Zonen, in das Mutterland aller Nationen, nach Indien! – Im Dickicht eines indischen Dschungel, am Hang eines Hügels, der von Tamarinden besetzt ist, zwischen deren Kronen ein riesiger Pisang die kolossalen, sechs bis acht Fuß langen Blätter breitet, liegt ein Mann in halb europäischer, halb indischer Kleidung, das gigantische Chaos der Vegetation um sich her mit sinnendem Auge betrachtend. Die versengende Hitze des Mittags hat ihn genötigt, hier Schutz und Ruhe zu suchen. Im Bereich seiner Hand liegt die sichere Flinte; das edle, hübsche, gebräunte Gesicht auf den Arm gestützt, schaut er träumerisch auf das Pflanzen- und Tierleben, das ihn umgibt. Der trotz der Hitze feuchte und mit üppigem Grün bedeckte Boden der Niederung verschwindet unter einem unentwirrbaren Gestrüpp von Lianen, Farrenkraut und bauschigen Binsen von einer Frische und Kraft des Wachstums, daß ein Reiter mit seinem Pferde dazwischen verschwinden würde. Der Wanderer am Hügel hatte sich aufgerichtet und war aus dem Schatten des Tamarindendaches hervorgetreten. Er sah, die Augen mit der Hand beschirmend, in die lichte Höhe, aus der ein schriller Schrei die totenähnliche Stille der Umgebung unterbrach. Im nächsten Augenblick fiel ein Körper zu seinen Füßen, dem rasch ein zweiter, größerer folgte. Der letztere breitete sich etwa noch hundert Schritt vom Boden entfernt aus, es war ein Adler, der einen Falken verfolgte, und begann, auf seinen breiten Schwingen ruhend, umherzukreisen, offenbar von dem Anblick des Menschen verscheucht. Der Falke zappelte verwundet am Boden zu den Füßen des Mannes, dessen Schutz er gleichsam aufgesucht zu haben schien, und von einem unwillkürlichen Gefühl getrieben, hatte dieser nach der Flinte gegriffen, den Hahn gespannt und auf den mächtigen Räuber angeschlagen. Der Schuß krachte, und der große Raubvogel taumelte getroffen zur Erde nieder, die er mit seinen langen Flügeln schlug. Der Schuß schien die Dschungeln lebendig gemacht zu haben. Papageien flatterten umher, das schwarze Rebhuhn stieg aus dem langen Grase empor, wo es versteckt gelegen, ein Schakal heulte in der Ferne, und in den Zweigen der großen Tamarinden und Pigalas, die sich aus den Büschen erhoben, begann eine Affenfamilie ihre Sprünge und ihr Geschrei. Das einzige menschliche Wesen, das diese Einöde belebte, kümmerte sich aber wenig um die Störung, die sein Schuß angerichtet; ohne die Flinte nach der alten Jägerregel wieder zu laden, warf er sie auf den Boden, hob den Falken auf, der, ruhig und mit klugen Augen den Helfer anschauend, sich dies gefallen ließ, und trug ihn an die schattige Stelle zurück, die vorhin sein Lager gebildet hatte. »Räuber und Würger sind alle, vom Kleinsten bis zum Größten,« sagte er vor sich hin, – »Alles, was der Odem des Lebens beseelt, verfolgt seine Mitgeschöpfe und schöpft aus ihrer Vernichtung sein Dasein!« Er war offenbar ein Europäer, wie die Bildung seines obschon von der Sonne Indiens tief gebräunten Gesichts und seine Kleidung bewies. Sein Gesicht zeigte die Züge der germanischen Rasse, ein offenes freies Aussehen mit dem Blick des Denkers und der unwillkürlichen Forschung und Gelehrsamkeit. Eine zusammengerollte wollene Decke und eine mit verschiedenen Bedürfnissen wohl gefüllte Jagdtasche auf dem Rasen, sowie eine daneben ausgebreitete Karte der Präsidentschaft Bombay und des Pendschab mit einem kleinen Taschenkompaß bewies, daß er ein Reisender sei. Der Fremde untersuchte den Falken genau, um zu sehen, ob das mutige Tier bei dem Kampfe mit dem viel größeren Gegner gefährlich verwundet worden sei. Das erste, was ihm auffiel, war ein um das Bein befestigter, goldener Reif, auf dem in den Schriftzeichen der Sanskritsprache einige Worte eingegraben waren. Dies und ein rotes goldgesticktes Samtband um den Hals des Vogels bewies ihm, daß derselbe kein bloßer Bewohner der Wildnis, sondern einer jener im hohen Werte stehenden abgerichteten Edelfalken sei. Der Schnabelhieb des Adlers hatte den edlen Vogel zwischen Brust und Flügel, wenn auch nicht tödlich, doch so schwer verletzt, daß er für den Augenblick im Fluge gelähmt worden und machtlos aus der Luft herabgestürzt war. Der Reisende zog aus der Tasche seines Rockes ein wundärztliches Besteck, öffnete es und verband den Vogel kunstgerecht, indem er die verletzten Teile mit einer Bandage umwickelte, um die Heilung zu erleichtern. In diesem Augenblick glaubte er hinter sich ein leises Geräusch zu hören und wandte den Kopf, sah aber nichts, worauf er in seiner Beschäftigung fortfuhr: »Der Herr des Vogels,« sagte er, »muß in der Nähe auf der Jagd sein und könnte mir Beistand leisten, wie ich seinem Falken Hilfe geleistet. Selbst wenn er ein Feind wäre, ist es besser, ihm entgegenzutreten, als noch länger in dieser Wildnis umherzuirren. Vielleicht hörte er den Knall meiner Flinte und wird dadurch herbeigezogen – ich will das Signal noch einmal wiederholen –« Er erhob sich, um das Gewehr zu nehmen – aber bevor er noch sich völlig in die Höhe gerichtet, sah er eine dunkle Linie vor seinen Augen flimmern und fühlte eine Schlinge um seinen Nacken fallen. Im nächsten Moment wurde sie, als er danach griff, zugezogen und der Reisende stürzte, krampfhaft um sich schlagend, zu Boden. Aus dem Gestrüpp erhob sich ein gelbbraunes wildes Gesicht, das lange schwarze Haar nur mit einem schmutzigen blauen Tuch bedeckt, und der nackte Körper, den nur von den Hüften bis zum Knie eine Hose bekleidete, folgte. In dem Gürtel steckte ein kurzes Messer. Zugleich kam eine zweite gleiche Gestalt hinter dem Stamm der Tamarinde hervor; ihre Hand hielt noch das Ende der Schnur, deren Schlinge den Fremden erwürgt hatte. Leichte kurze Zuckungen, des Opfers zeigten, daß der Strom des Lebens, der noch in ihm floß, am Versiegen war. »Ehre sei der geheiligten Bhawani !« rief der, welcher aus dem Dschungeldickicht sich erhoben; »ihr Herz ist nimmer gesättigt und sie sendet ihren Jüngern stets eine Arbeit. Eine Seele ist auf dem Wege zu Brahma, dem Urwesen, und aus dem Tode wird Leben hervorgehen. Der wievielste ist es, o Sohn des großen Faringhea, den du ihr, der feueräugigen Göttin, geopfert?« Der Thug – denn ein Mitglied dieser furchtbaren Sekte war es, der nach dem Reisenden die Schlinge geworfen, – wandte sich nach seinem Gefährten. »Die blutige Kali hat mir erlaubt, ihr fünfmal so viel Opfer zu bringen, als der Tag Stunden zählt. Du weißt, o Kassim, daß es noch nicht der vierte Teil von der Zahl ist, die mein Vater zu töten so glücklich war. Wischnu, der Erhalter, gebe mir lange Jahre des Lebens, und ich hoffe, die Zahl einzubringen, die er in dem Kerker der schändlichen Faringis versäumte.« »Soll ich das Bheel graben für den Toten?« fragte der andere. »Vielleicht sendet die Göttin uns den Zweiten, daß wir sein Haupt zu den Füßen dieses Mannes betten, wie es sich gehört.« »Laßt uns zuerst die Habe des Ungläubigen nehmen, die er an seinem Körper trägt!« Der Mörder war dabei, als hätte er eine ganz gleichgültige Handlung verübt, an dem jetzt bewegungslos ausgestreckten Opfer niedergekniet. »Bin ich ein Buthote und habe die Weihe der Chams erhalten, oder zittert meine Hand wie die eines Weibes?« rief er plötzlich, indem bei der Untersuchung der Kleider des Gewürgten ein leiser Seufzer den Lippen desselben entfloh. »Diese Faringi haben ein zähes Leben und fürchten sich, zu Brahma zu gehen! Das Tuch wird seine Seele rascher befreien als die Schnur!« Er riß das Seidentuch, das um seinen Kopf geschlungen war, herunter und wollte es nach der Art dieser fanatischen Mörder, seinem Opfer um den Kopf werfen, als der Falke, der bisher unbeachtet neben der Gruppe gekauert, auf ihn losflatterte und mit wütenden Schnabel- und Klauenhieben ihn anfiel, gleich als wolle er den Mann verteidigen, der ihm selbst zu Hilfe gekommen war. Im ersten Augenblick fuhr der Thug vor dem unerwarteten Angriff zurück. Dann aber schleuderte er das Tier von sich und beschäftigte sich aufs neue mit seinem Opfer, obschon der Falke furchtlos fortwährend seine wütenden Angriffe erneuerte. »Halt mir das verfluchte Tier vom Halse, Kassim,« schrie der Würger, erbittert von den erhaltenen Hieb- und Krallwunden, indem er das Tuch um den Kopf seines Opfers festschlang. »Dreh ihm den Hals um – ein böser Geist wohnt in dem Vogel!« Der zweite Thug war herangekommen und hatte sich des Falken bemächtigt. »Bei dem heiligen Wagen von Hadramaut!« rief er plötzlich, »laß ab, mein Bruder, bis mit der Göttin Hilfe wir dieses Rätsel gelöst. Dieser Vogel trägt auf seinem Halsband das Zeichen eines Häuptlings unserer Brüderschaft!« Der andere sprang erstaunt empor – ehe er jedoch eine Antwort geben oder sich näher überzeugen konnte, änderte sich die Szene. Auf einem weißen arabischen Roß sprengte ein prächtig gekleideter und bewaffneter bejahrter Mann herbei. Mehrere andere Begleiter folgten in einiger Entfernung, blieben aber auf einen Wink ihres Gebieters zurück. Der Ankommende trug die Gewänder eines vornehmen Mahrattenhäuptlings, wie sie, zum Teil noch unbezwungen, im Sindh oder in den bewohnten Teilen der Thur oder indischen Wüste und an den Ufern des Sedledsch ihre Felsenburgen bewohnen. Er war ein Mann von etwa sechzig Jahren, mit dichtem grauen Bart, der breit auf die Brust herabfiel, und einer dunklen bronzeartigen Farbe. Er lenkte mit Kraft und Geschicklichkeit den feurigen Renner. Sein schwarzes feuriges Auge blickte unter buschigen grauen Brauen hervor und richtete sich durchbohrend auf die beiden Thugs, die bei seiner unerwarteten Annäherung Miene gemacht hatten, zu entfliehen, dann aber, als sie sahen, daß es vergeblich sein werde, trotzig stehen blieben. Der Reiter trug auf dem kahlgeschorenen Haupt die hohe Kappe der Sindhbewohner, von Seide mit Gold durchwirkt, weite weiße Beinkleider in Stiefeln von rotem Korduan, mit Silber und Perlen gestickt, und einen blauen Ärmelüberwurf. Er führte außer der Dschambea in seinem Gürtel Bogen und Pfeile, und sein Speerträger trug die mit Gold und Schildpatt kostbar ausgelegte Flinte nebst dem Kugelbeutel. Die rechte Hand des Reiters war mit einem starken ledernen Falkenhandschuh bedeckt. Ein eigentümliches Werkzeug hing an dem kostbaren Samtsattel seines Pferdes; ein etwa eine Elle langer runder Stock und eine runde etwa vier Zoll im Durchmesser haltende Stahlscheibe, die in der Mitte eine Öffnung hatte und an dem Rande haarscharf geschliffen war. Der alte Mahrattenhäuptling hatte sein Roß dicht vor der Gruppe der Mörder und ihres Opfers pariert. Der zweite der Thugs hielt noch den Falken in seiner Hand, der bei dem Erblicken des Reiters ein wildes Geschrei ausstieß. »Bei dem, der das Weltall geschaffen hat – wer seid ihr und wie kommt jener Vogel in eure Hände, der mein Eigentum ist?« Die Thugs kreuzten die Arme über die Brust. »Wenn der Vogel dein Eigentum ist, edler Serdar , so sind wir deine Knechte,« sprach der Sohn Faringheas. »Wir fanden den Vogel bei dem Faringi, der zu deinen Füßen liegt.« »So hat ihn der Hund erschossen – der Falke blutet!« »Deine Worte sind Weisheit, o Serdar, aber sie reden nach dem Schein. Ein Adler stieß auf den Falken, und der Fremde schoß nach dem großen Räuber der Lüfte. Dort liegt er tot am Boden.« »Und ihr habt den Faringi getötet?« »Es war der Wille der Bhawani – sie hat uns das Opfer gesandt!« Der Häuptling legte die Hand an die Stirn, als der Name der furchtbaren Göttin ausgesprochen wurde. »Nehmt das Tuch von dem Antlitz des Mannes!« befahl er alsdann. Kassim gehorchte. Das blaugeschwollene Leichenantlitz des Erwürgten kam zum Vorschein, die Augen aus den Höhlen gedrängt, starrten gräßlich gen Himmel. Der Serdar betrachtete ihn einige Augenblicke, dann ließ er erschrocken den Zügel fallen und schlug die Hände zusammen. »Verfluchte – was habt ihr getan! Dies Leben war tausend Tote der euren wert! Wehe euch Unglückseligen!« Er sprang mit der Rüstigkeit eines Jünglings vom Pferde und warf sich neben dem Gemordeten auf die Erde, dessen Kopf er in seinen Schoß nahm, rasch die noch um den Hals befestigte Schlinge lösend. Der Mahrattenhäuptling legte die Hand auf die Brust der Leiche und glaubte noch einen leisen kaum bemerkbaren Schlag des Herzens zu fühlen. Sofort rief er seine beiden Diener herbei und befahl ihnen, des Erwürgten Glieder leise zu reiben, während er selbst den Arm desselben entblößte und mit dem Seidentuch, das zu der Mordtat gedient, unterband. Dann befahl er, eine Ader des Mannes zu öffnen. Mit stummem Erstaunen waren die beiden Mörder den Bemühungen gefolgt, welche der Serdar der Wiederbelebung ihres Opfers widmete. Die Ader, die der schwarze Leibdiener mit Geschicklichkeit geschlagen, gab anfangs wenig Blut, nach und nach aber begann dies reichlicher zu fließen, die Brust des Gewürgten hob sich, seine Augen verloren die gräßliche Starrheit des Todes, und die Augenlider schlossen sich. Der alte Häuptling wandte sich jetzt zu dem zweiten Diener. »Gib mir die Phiole des Lebens, Aly, aber schnell!« rief er, und nahm aus seiner Hand ein kleines Fläschchen von Kristall. Als er es öffnete, verbreitete sich daraus ein scharfer Rosenduft, und der alte Mann träufelte vorsichtig und in längeren Zwischenräumen drei Tropfen auf die Lippen des Bewußtlosen. Die Wirkung dieses Elixiers war wunderbar. Schon beim ersten Tropfen schien ein Zucken durch den Körper des Unglücklichen zu gehen, mit dem zweiten flog eine dunkle Blutröte über das Antlitz und bei dem dritten Tropfen öffnete sich wieder das Auge, und der noch verschleierte, aber allmählich sich aufhellende Blick starrte umher. Als er auf den Mahratten fiel, malte sich Erstaunen in den Zügen des Reisenden, und das erste Wort, das er aussprach, war der Ruf: »Tukallah!« Der Mahrattenfürst lächelte. »Du hast ein gutes Gedächtnis, Doktor Walding,« sagte er auf Englisch, »daß du nach fünf Jahren und in einem viel tausend Meilen entfernten Lande den Diener dessen wiedererkennst, dem wir beide Freunde waren. Wie ist dir?« Der deutsche Arzt – denn dieser war es in der Tat, den wir am Rande der Thur oder indischen Wüste wiederfinden – faßte mit der Hand nach Stirn und Hals, setzte sich empor und schaute nochmals verwundert umher, sich besinnend, was mit ihm geschehen war. Erst als sein Auge auf den Falten fiel, kehrte die Erinnerung zurück. »Der arme Vogel,« sagte er, »war verwundet – ich hatte Mitleid mit ihm – als ich plötzlich von unbekannter Gewalt zu Boden geworfen wurde und das Bewußtsein verlor. Wie glücklich bin ich, dich getroffen zu haben, Tukallah, denn ich habe ein Unternehmen begonnen, das, wie ich einsehe, ich wohl schwerlich ohne Hilfe werde durchführen können.« »Schiwa,« sagte der Indier, »will, daß du es vollbringst, darum hat er mich hergesandt, die Hand der dunklen Göttin aufzuhalten. Du warst in schwerer Gefahr, mein Bruder, und die Kali hatte bereits ihren Schleier über dein Haupt gebreitet!« »So wollte man mich ermorden?« fragte der Arzt erschreckt, denn er kannte bereits genug von den Gebräuchen der Eingeborenen. Dieser wies nach den beiden Mördern, die noch immer schweigend in geringer Entfernung standen. »Du hast nichts mehr zu fürchten, du bist in meinem Schutz.« Tukallah wandte sich zu den beiden Dienern, befahl ihnen, die Sachen des Fremden zu tragen und ihn sofort nach seinem Wohnsitz zu geleiten. »Mein Bruder ist unter dem Schutz dieser schwarzen Sklaven,« sagte er seinem Gast, »und sie werden mit ihrem Leben für das seine bürgen. Du magst unbesorgt dich ihnen anvertrauen – sie werden dich nach Malangher, meiner Burg, geleiten, und in kurzem werde ich bei dir sein.« Der Arzt hielt es für das Beste, sich in die Bestimmung des so unerwartet Wiedergetroffenen zu fügen, und verließ in Begleitung der beiden Schwarzen, von denen einer seinen Gang unterstützte, den Tamarindenhügel. Ohne seine Stellung zu verändern, schaute der alte Mahratte ihm nach, bis er die entfernte Jägergruppe erreicht hatte und die kleine Gesellschaft Anstalt zum Aufbruch traf. Dann erst wandte er sich zu den beiden Mördern und redete sie an. »Dein Name?« »Karam, der Sohn Faringheas, dessen Name bekannt ist vom Himalaya bis zu den großen Inseln. Dieser ist Kassim, der Matscheri.« Der Mahratte öffnete das Gewand auf seiner Brust, zog einen schwarzen Stein von dreieckiger Form mit eingegrabenen Zeichen, der an einer Schnur an seinem Hals hing, hervor und zeigte ihnen denselben. Der Sohn Faringheas und sein Gefährte beugten demütig das Haupt. »Wir erkennen an, daß du einer der Auserwählten bist und sind bereit, dir zu gehorchen.« »Wohin geht euer Weg?« »Wenn die Nacht dreimal wiedergekehrt ist, mächtiger Cham , feiert, wie du weißt, die dunkeläugige Göttin ihr Fest an der heiligsten Stätte zwischen Indus und Ganges, das nur jedes zehnte Jahr wiederkehrt. Wir kommen aus dem Lande des Holkar, der Erhabenen die Seelen zu bringen, die wir ihr geopfert.« »Wer hat jenen Mann in eure Hände geliefert?« »Wir folgen ihm seit zwei Tagen von den Ufern des Sedletsch. Erst hier hat die Kali ihn in unsere Hand gegeben.« »Wer von euch verrichtet das Geschäft des Lugha ?« Kassim neigte das Haupt. »Dein Diener ist es, tapferer Serdar!« »Du hast das Grab des Faringi gegraben?« »Es ist geschehen nach dem Gebrauch unseres Bundes!« »Geh voran!« Die beiden Thugs gingen in die Dschungel voran, aus der sie hervorgeschlichen, um ihr Opfer zu überfallen. In der Entfernung von etwa fünfzig Schritt war zwischen den Karrylbüschen an einer freien Stelle eine lange und schmale Grube gegraben. Der Serdar blieb an dem Grabe stehen. »Der Mann, den ich dem seidenen Tuch entzogen habe,« sagte er, »ist im Besitz eines Geheimnisses, das Zwietracht säen mag zwischen die Stämme der Weißhäutigen, daß sie unter einander sich selbst verderben. Aber der finsteren Kali darf die Zahl der ihr Geweihten nicht geschmälert werden oder sie würde zürnen dem Bunde ihrer Gläubigen, wie damals, als sie zum letztenmal niedergestiegen war zur Erde, die Spuren der Opfer zu vertilgen. Einer von euch wird die Stelle des Faringi einnehmen, der dem Tode entgangen ist. Die Stimme der Göttin möge entscheiden.« Ohne ein Wort des Widerspruchs oder der Entgegnung neigten die beiden Mörder das Haupt zum Zeichen des Gehorsams. »Es geschehe, wie du sagst, Sahib,« sprachen sie, »was sollen wir tun, um den Willen der Göttin zu erforschen?« »Wartet und seid bereit zu sterben!« Alle drei setzten sich am Rande des offenen Grabes nieder und murmelten leise Gebete vor sich hin, gleich den Auguren der Römer den Ausspruch des Schicksals aus dem Fluge der Vögel oder dem Bellen des Schakals erwartend. Aus dem Kamelkraut pirlte plötzlich ein Schwärm schwarzer Rebhühner auf und strich über die Dschungel. Einer der Vögel streifte dicht über dem Haupte des Sohnes Faringheas hin, kehrte, von dem Anblick der Männer erschreckt, wieder um und flog nach der Seite davon, auf welcher der Buthote saß. Sogleich erhoben sich die drei, – die Kali hatte entschieden. Karam, der Sohn Faringheas, legte schweigend sein Oberkleid von sich, zog aus dem Gürtel einen ledernen Beutel, der mit Gold und Silberstücken, der Beute seiner letzten Mordtaten, wohlgefüllt war und übergab ihn seinem Gefährten. Die einzigen Worte, die er an den Serdar richtete, waren: »Die eiserne Axt, das Symbol des Bundes, ist nicht zur Stelle. Wie befiehlt der Cham, daß der Diener der Kali sterben soll und durch wessen Hand?« »Nur das Eisen darf die Glieder des Bundes berühren,« sagte der Mahratte. »Knie nieder am Grabe, welches das deine sein soll, und die Göttin wird dich würdig halten, in deinen letzten Augenblicken ein Geheimnis zu vernehmen, das deine Seele erfreuen wird.« Karam neigte sein Haupt und kniete an der Grube nieder, das Gesicht gegen Morgen gewendet. »Lebe wohl, Kassim, mein Erbe,« sagte er, »und möge die Finstere dir viele Opfer senden!« Der Mahrattenhäuptling flüsterte ihm einige Worte ins Ohr, dann entfernte er sich mit langsamen Schritten nach der Richtung, wo er sein Pferd am Tamarindenhügel zurückgelassen. Mit einem Ausdruck der Begeisterung schaute ihm der dem Tode Geweihte nach, auf seinem Antlitz lag die Freude des Fanatikers. Dann beugte er, ohne nur einen Blick noch auf die Welt umher zu werfen, das Haupt und betete. Ihm gegenüber kniete mit gleicher fanatischer Inbrunst Kassim, der Totengräber. Plötzlich zischte und funkelte es durch die Luft. Tukallah hatte vom Sattel seines Pferdes das seltsame Gerät gelöst, einen runden kurzen Stock und den breiten Stahlring. Mit leisen unhörbaren Tritten hatte er dann den Weg zurückgemacht zu dem Grabe der Thugs und war etwa fünfzehn Schritt entfernt von demselben stehen geblieben. Dort steckte er die Spitze des Stabes in die Öffnung der Stahlplatte, hob denselben und wirbelte, kaum die Hand bewegend, den Ring um den Stab. Plötzlich schnellte er, mit einer kräftigen Handbewegung, das Ende des Stabes in der Richtung des knienden Mannes. Der Stahlring fuhr gleich einem Blitzstrahl durch die Luft, und in demselben Augenblicke flog das Haupt Karams zu Boden, aus dem glatt durchschnittenen Hals sprudelte eine Welle dunklen Blutes, der Rumpf hielt sich noch einen Augenblick in der knienden Stellung und stürzte dann schwerfällig nieder. Der Mahratte trat zu dem noch leise zuckenden Körper, tauchte seine Finger in das Blut und spritzte es nach allen vier Himmelsgegenden mit den Worten: »Möge sein Geruch dir wohl duften, o dunkeläugige Göttin, und mögest du der Seele Karams gnädig sein auf den sieben Wanderungen, die sie zu machen hat!« Nachdem die Hinrichtung verübt worden, legte Kassim den Körper in die Grube und bedeckte ihn mit Zweigen und Erde, die er so sorgfältig dem Boden umher gleich machte, daß bald keine Spur mehr von dem schrecklichen Geschäft zu sehen war. Tukallah hatte unterdessen sich zu seinem Pferde begeben und bestieg, als der Thug zu ihm zurückkam, den Sattel. »Du wirst den Spuren der Hufe meines Rosses folgen,« befahl er, »und in meiner Felsenburg Malangher dich einfinden. Die Göttin will, daß du der Diener werdest des Faringi, den ihr töten wolltet, allen seinen Winken gehorchend und sein Leben schützend vor jeder Gefahr. Es ist wichtig für die Zeit, die da kommen wird.« »Aber die schwarzen Sklaven, die uns gesehen haben am Werke?« fragte der Thug, »werden sie nicht zu Verrätern werden an uns?« »Tor! Ihre Zunge ist begraben – sie sind stumm!« Der Serbar schüttelte den Zügel seines edlen Rosses und sprengte davon.   Als der deutsche Arzt zu der Gesellschaft der Jäger und Diener kam, sah er, daß sie aus etwa zwanzig Personen bestand, die meisten mit arabischen und turkomanischen Pferden beritten und einige darunter prächtig gekleidet und bewaffnet. Unter den Reitern fiel namentlich ein junger Mann,offenbar der Kaste der Krieger angehörend und durch Tracht und Aussehen sich von der übrigen Gesellschaft unterscheidend, dem Arzte auf. Der junge Mann ritt einen prächtigen turkomanischen Hengst von schwarzer Farbe. Als die beiden schwarzen Sklaven langsam den noch einigermaßen betäubten Reisenden herbeiführten und die Augen des erst kurz vorher zu der Gruppe der Jäger zurückgekehrten Reiters auf die Kleidung des Fremden fiel, loderte eine Glut von Haß daraus hervor, und seine Rechte schwang drohend den Speer. »Verfolgen diese verfluchten Faringi uns denn selbst in die Einöden der Wüste und senden ihre Späher zu jeder Zusammenkunft freier Männer?« rief der Gepanzerte wild in hindostanischer Sprache. Aber der Flintenträger des Mahratten-Serdar streckte die Waffe seines Herrn schützend über das Haupt des Arztes aus, zum Zeichen, daß der Bedrohte unter dem Schutz der Gastfreundschaft des Gebieters stehe, und dann machte er dem Schobedar oder Platzmacher und obersten Diener des Mahrattenhäuptlings, welcher in dessen Abwesenheit den Befehl über die Jäger und Dienerschar führte, eine Reihe von Zeichen, die diesem vollständig verständlich schienen, denn er wandte sich alsbald zu dem jungen Krieger, der nur mit gefurchter Stirn dem Widerspruch des Sklaven Gehör gegeben. »Edler Khan,« sagte der Schobedar, »dein Gastfreund, mein Gebieter, fordert uns auf, mit diesem Fremden nach der Burg zurückzukehren. Er gebietet mir, für ihn Sorge zu tragen und wird uns bald folgen.« Der Khan näherte sein Roß dem Europäer und betrachtete ihn lange mit durchdringenden Blicken. »Verstehst du das Hindostani?« fragte er ihn. »Ich rede deine Sprache!« »Du bist ein Faringi?« »Wenn du unter Faringi das Volk der Franken im allgemeinen verstehst,« antwortete der Arzt, »so bin ich ein Faringi oder Franke; ein Engländer aber bin ich nicht.« »Wie heißt das Volk, dem du angehörst?« »Preußen!« »So bist du ein Tapferer, denn du gehörst einem tapferen Volk an, das kein Verräter sein kann an seinesgleichen. Fattih Murad Khan liebt die Männer seiner Nation und wird dein Freund sein.« Der Jagdzug hatte jetzt den Gürtel der Dschungeln durchbrochen und trat in die wirkliche Wüste ein, als der Serdar bei ihnen eintraf. »Vorwärts, Murad-Khan,« sagte er, »wir wollen so rasch, als unsere Renner uns tragen können, nach Malangher, meiner Burg.« »Aber die Boten, die du erwartetest?« »Sie werden uns folgen mit denen, die keine Pferde haben, und dem Jagdgerät!« Er wandte sich zu dem Subedar und erteilte ihm leise einige Instruktionen, worauf dieser mit einigen der Jäger und zwei Reitern den Weg in der Richtung nahm, welche die Gesellschaft anfangs bei dem Zusammentreffen mit dem deutschen Arzt verfolgt hatte. Hinein ging es in die Wüste in gestrecktem Lauf. Doktor Walding bemerkte, daß sie zweimal an steinernen Brunnen vorüberkamen, in deren Nähe einige Karylbüsche wuchsen, die aber, und zwar durch Menschenhand, verschüttet waren. Er erinnerte sich, gehört zu haben, daß die Stämme, welche die Oasen der Wüste bewohnen, oft auf viele Meilen in der Runde durch dies Mittel den Zugang zu ihren Wohnsitzen zu erschweren und unmöglich zu machen suchen. Gegen zehn Uhr abends befahl der Mahrattenfürst einen Halt. Man lagerte an der Seite eines Sandhügels, die Reiter holten die mit Wasser gefüllten Ziegenschläuche hervor, die an ihren Sätteln befestigt waren, und stillten den eignen und den Durst der Tiere, worauf ein einfaches Mahl von ausgetrockneten Datteln und Brot eingenommen wurde. Nach zwei Stunden der Rast befahl der Serdar aufs neue den Aufbruch, und es ging wie vorher im Galopp weiter, wobei der Arzt die Sicherheit bewunderte, mit welcher seine Begleiter, ohne alle sonstigen sichtbaren Zeichen eines Weges, nach dem Stand der Sterne ihre Richtung zu regeln schienen, ohne je einen Augenblick darüber in Zweifel zu geraten. Die frühe Dämmerung begann den Horizont zu erhellen, als Walding bemerkte, daß sich die Gegend änderte, mächtige Felsenblöcke häufig ihren Weg unterbrachen und in der Entfernung von einigen Meilen eine dunkle Bergwand sich vor ihnen erhob. Auf diese ging ihr Lauf zu, und sie erreichten den Fuß, als die ersten Sonnenstrahlen eben über die Wüste zitterten. Staunend sah der Deutsche zu diesen Felsenmauern empor, die sich fast senkrecht aus der Sandfläche umher in schwarzen gigantischen Massen erhoben, ohne daß sein spähendes Auge einen Weg zu ihrer Überschreitung erblicken konnte. Erst als Tukallah sein Roß am Vorsprung derselben bog, sah der Arzt, daß sich hier eine jener schmalen Klüftungen öffnete, die einem Riß zwischen Felswänden durch irgendeine Gewalt der Natur hervorgebracht, gleichen, und daß dieser Spalt in verschiedenen Windungen sich in die Berge hinaufzog. Der Serdar hielt am Eingange des Felsenpasses an und stieß in sein Horn dreimal einen langgezogenen Ton. Das Echo war kaum verklungen, als von der Höhe der Felsenlabyrinthe ein ähnlicher Hornstoß antwortete. »Die Wachen sind auf ihrem Posten und benachrichtigt,« sagte der Serdar. »Vorwärts denn!« Und er lenkte sein Pferd in den gefährlichen Weg. Sie waren eine halbe Stunde bergan gestiegen, wobei sich die Kluft immer mehr und mehr öffnete, als sie auf der Höhe derselben und an der andern Seite des Felsenwalles anlangten. Zu seinen Füßen erblickte der Deutsche im lieblichen Licht der Morgensonne mitten in dieser Wüste ein Paradies, wie es die Phantasie nicht herrlicher schaffen konnte, ein Zauberbild aus einem orientalischen Märchen mit aller Wunderpracht der tropischen Vegetation. Dies paradiesische Leben entwickelte sich natürlich erst vor den staunenden Augen des Deutschen, als er langsam mit seinen Begleitern in das herrliche Tal hinabritt, dessen plötzlicher Anblick ihn auf der Höhe der Felsen mehrere Minuten lang gefesselt hatte, während der Mahrattenfürst und der Khan sich an seiner Überraschung weideten. Dann streckte Tukallah die Hand aus, wies nach dem Hintergrunde des Tales und sprach den Namen: Malangher! An der Südseite des Tales, auf einem eckig hervorspringenden Felsengrat lag das Mahrattenschloß, die geheimnisreiche dunkle Felsenfeste der Würger! Die Geheimnisse der schwarzen Burg. Schon von der Höhe der Felswand hatte der Serdar einen der Reiter vorausgeschickt, ihre Ankunft zu melden, und als sie jetzt der Burg näher kamen, konnten sie leicht bemerken, daß der Bote bereits eingetroffen war und man sie erwartete. Walding hatte nun volle Gelegenheit, das Äußere der Mahrattenfeste zu betrachten. Der Aufgang zu ihr war steil, aber breit und selbst für die Elefanten passierbar. Er wand sich im Zickzack empor, so daß er leicht von den Mauern des Schlosses bestrichen werden konnte, und endete in dem gewölbten Portal eines breiten viereckigen Turmes, von dessen Plateau drei große metallene Kanonen drohend ihre Mündungen niederstreckten. Eine starke aus dem schwarzen Gestein des Felsens meist in senkrechter Linie mit den Abgründen aufgeführte Mauer umschloß die inneren Gebäude der Feste, die terrassenförmig übereinander emporstiegen, so daß von der Höhe des letzten, das mit einer mächtigen, in der spitzen orientalischen Kugelform geschweiften Kuppel geziert war, das ganze Innere der Festung übersehen werden konnte. Die Mauern hatten, wie bei den orientalischen Bauten üblich, nur wenige Öffnungen nach außen und wurden an vier Ecken durch hohe, schlanke Minaretts überragt, die gleich Wächtern hinaus in das Tal lugten. Dicht hinter diesem eigentümlichen Bau erhob sich die Bergwand, die ohne Ausgang hier das reizende Tal abzuschließen schien. Kurz vor der Wölbung des Eingangsturmes, deren riesige Torflügel von Erz gegossen und mit Hieroglyphen bedeckt waren, jetzt aber weit geöffnet standen, durchbrach eine tiefe Felsspalte quer den Weg und wurde von einer in Ketten hängenden Zugbrücke überdeckt. Männer standen auf den Mauern und unter dem Tor in verschiedenartigen reichen und ärmlichen Gewändern und Trachten, alle bewaffnet und in ihrer Mitte eine hohe Frau, über die erste Blüte der Jahre hinaus, aber mit wohlerhaltenem, stolzem und kühnem Gesicht und mit prächtigen Kleidern und Juwelen geschmückt. Neben dieser königlich ausschauenden Frau, und in der Tat war sie die Königin einer mächtigen und kriegerischen Nation gewesen, standen ein junges Mädchen und zwei Männer, die gleiche Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Das Mädchen war gleich prächtig gekleidet wie ihre Mutter, denn obschon ihr Gesicht von einem Schleier bedeckt war, hinderte dieser doch nicht das Erkennen. Der eine Mann trug die hohe persische Mütze von schwarzem Schaffell und den langen blauen Talar dieses Volkes. Der wilde Ausdruck des Gesichts und die schwere Bewaffnung deuteten jedoch darauf hin, daß er einem der kriegerischen Nachbarstämme, und zwar dem Afghanenvolk, angehöre, diesen erbitterten und glücklichen Gegnern der Engländer. Der andere war ein Greis von ernstem, strengem Ansehen, und obwohl seine Farbe von der Sonne des Ostens so mahagonibraun gefärbt war, wie die der Eingeborenen, bewiesen doch die Züge dieses Gesichts und der Orden der französischen Ehrenlegion, den er auf seinem Kaftan trug, daß er ein geborener Europäer war. Sobald Murad-Khan der hohen Dame ansichtig wurde, sprang er von seinem Rosse und nahte ihr mit Ehrerbietung. »Möge Wischnu, der Erhalter, der hohen Rani langes Leben und den Sieg über ihre Feinde verleihen, daß diese Augen sie wiedersehen auf dem goldenen Thron von Lahore,« sagte der junge Sikhkrieger. »Dein Sklave ist zurückgekehrt, früher, als er es gehofft, nach dem Willen unseres Gastfreundes, der einen Freund gefunden aus dem Lande der Faringi, obschon er nicht von dem Volk unserer Tyrannen ist.« Die Augen der Rani, der letzten Königin des Sikhstaates, wandten sich auf den Deutschen und dann auf den Serdar. »Tukallah ist ein so weiser und treuer Mann,« entgegnete sie, »daß er keinen Verräter in unsere Nähe bringen wird. Sein Gast ist der Rani willkommen, auch wenn sie ihn nicht kennt.« »Der dir naht,« sprach der Mahratte, »kann die Hoffnung deines Hauses werden. Wir haben in ihm gefunden, was wir suchten, und der junge Maharadschah der Sikhs soll frei sein, ehe der Mond sich aufs neue füllt!« Auf diese Versicherung reichte die entthronte Fürstin dem Deutschen die Hand nach europäischer Sitte. »Möge dein Wort zur Wahrheit werden, weiser Serdar der Mahratten, unserer Brüder!« Damit verließ sie den Eingang und schritt in Begleitung ihrer Tochter der Gesellschaft voran durch das Tor in das Innere der Burg. Der Mahrattenfürst ging an ihrer andern Seite und redete heimlich und eifrig mit ihr. Der Khan legte die Hand auf den Arm seines neuen Freundes. »Was sagte der weise Arzt der Franken zu der Rose von Lahore?« »Sie muß in ihrer Jugend schön gewesen sein,« entgegnete er, »und ihr Auge ist noch feurig und voll Hoheit.« Der Greis mit dem europaischen Gesichtsausdruck, der an ihrer Seite ging, lachte über das Mißverständnis. »Der tapfere Murad,« sagte er in französischer Sprache, »glaubt, daß wenn er von einer Dame spricht, jedermann wissen muß, daß es nur von seiner Verlobten, der Prinzessin Mahana, der Tochter der Rani, geschehen kann. Es war das junge Mädchen an der Seite ihrer Mutter. Doch erlauben Sie, mein Herr, da unser junger Freund uns bereits benachrichtigt hat, daß Sie kein Engländer von Geburt sind, Sie zu fragen, welcher Nation Sie angehören?« »Ich bin ein Deutscher, ein Preuße!« Die Stirn des Greises verfinsterte sich einen Augenblick, dann aber reichte er dem Arzt zum Willkommen die Hand. »Die Preußen waren Feinde meines großen Kaisers,« sagte er in Erinnerungen verloren, »aber sie sind eine brave Nation und begnügen sich, den Löwen zu besiegen, nicht ihn zu ermorden. In meiner Jugend war ich unter den französischen Adlern in Ihrem Vaterland und zog in die Tore Ihrer Hauptstadt ein. Verzeihen Sie einem alten Mann die glorreichen Erinnerungen seiner jüngeren Jahre.« »So sind Sie einer der alten napoleonischen Offiziere in den Heeren der indischen Fürsten?« »Ich bin der General Ventura ,« sagte der Greis mit einigem Stolz, »früher Kapitän der französischen Armee, seit 1822 in Diensten des berühmten Rundschit Sing und seiner Nachfolger, jetzt mit ihnen ein flüchtiger Verfolgter. Da Sie bereits bei Ihrem Eintritt das wichtigere Geheimnis von der Anwesenheit der Maharani erfahren haben, nehme ich keinen Anstand, auch meinen Namen Ihrer Ehre anzuvertrauen.« Der Preuße verbeugte sich. »Es bedarf wohl keiner Versicherung, daß das, was ich hier sehe und höre, in meiner Brust verschlossen bleibt. Überdies bin ich gewissermaßen selbst ein Flüchtling, wenigstens würden mich englische Augen als solchen betrachten.« Der Vorhof, den sie zuerst betraten, enthielt zu beiden Seiten unter großen kolonnadenartigen Bogen die Ställe der Pferde und die Wohnungen der Krieger und Diener, welche die Besatzung der Burg bildeten. Zahlreiche Männer, bewaffnet oder in Pilgerkleidern, gleich als hätten sie einen weiten Weg zurückgelegt, standen und saßen umher, besonders um den Rand des steinernen zisternenartigen Brunnens, der sich in der Mitte des Hofes öffnete. Sie alle erhoben sich und machten ehrerbietig ihren Salem oder Gruß, als der Serdar mit seinen Begleitern vorüberschritt nach dem Gittertor, das sich in der zweiten Gebäudereihe öffnete. Zwei Krieger hielten an dem Tore Wache, von dem aus eine breite Treppe von schwarzem Marmor emporführte, zum nächsten Hof, der nur zwei oder drei Fuß tiefer lag als das flache Dach der zweiten Reihe, mit demselben durch Zugänge und Stufen verbunden. So einfach finster und kriegerisch auch die vordere Hälfte des Mahrattenschlosses erschien, so verschwenderisch reich und reizend, dem Charakter des lieblichen Tales angemessen, war dieser Teil ausgestattet. Die Pagode oder der Tempel, der die Mitte des Gebäudes einnahm, war ein Prachtwerk des zierlichen und kunstvollen altindischen Baustils und mochte, wie die ganze Burg, mehr als ein halbes Jahrtausend zählen. Die beiden Marmortreppen, die sich um die Pagode zur Höhe des Gebäudes wanden, zeigten rechts und links Seiteneingänge in dasselbe, und zwei riesige Mohrensklaven, die mit blanken Säbeln an dem Fuß der Doppeltreppe Wache hielten, bestärkten noch die Vermutung des Arztes, daß ein Teil dieses Gebäudes und die oberste Terrasse die Zenana oder den Aufenthalt der Frauen bildeten. Diese Vermutung bestätigte sich auch, indem die Maharani mit ihrer Tochter alsbald sich auf einer Seite der Treppen entfernte und in das Innere des Gebäudes hinabstieg, während der Serdar sich dem Arzte näherte und zwei Diener herbeiwinkte, die ihnen aus dem Vorhof gefolgt waren. »Mein Freund und Gast,« sagte der Mahratte, »wird müde sein nach dem anstrengenden Ritt. Diese beiden werden zu deinem Dienst bereit sein, bis ich dir einen eigenen Diener geben kann. Jener Pavillon soll deine Wohnung sein, und wenn du geruht hast, wollen wir von dem sprechen, was uns beiden wichtig ist.« Es war dem Arzt nicht unlieb, auf diese Weise einige Ruhe zu genießen, denn die überstandene Gefahr, die wechselnden Eindrücke und der angestrengte Ritt hatten seine Kräfte erschöpft. So folgte er denn den Dienern und ward nach dem Kiosk, den der Serdar ihm zur Wohnung angewiesen, geführt. Hier fand er köstliche Früchte, Scherbett und Kaffee zu seiner Erfrischung bereit, und nachdem er davon genossen, warf er sich auf das Lager aus Kissen und Teppichen und sank sogleich in einen tiefen und festen Schlaf. Die Mittagssonne war vorüber, und die Sonne senkte sich zum Untergang, als er neu gekräftigt die Augen öffnete und sich emporrichtete, erstaunt, sich in so fremder prächtiger Umgebung zu sehen, bis die Erinnerung an das Vergangene ihm zurückkehrte. An der Tür des Gemachs kauerte ein Diener, dessen Antlitz er schon gesehen zu haben vermeinte, obschon er mit den indischen Physiognomien noch zu wenig vertraut war, um sich genügend erinnern zu können, wann und wo dies geschehen. Der Diener erhob sich soqleich, als er das Erwachen des Arztes bemerkte, und trat an sein Lager. »Was befiehlst du, Sahib ? Dein Diener ist bereit, deine Befehle zu vollziehen!« »Der Serdar sagte mir, daß er einen eigenen Diener mir bestimmt hat. Bist du der Mann?« »Ich habe einen Eid geleistet auf das, was mir das Heiligste ist, jedem deiner Winke zu gehorchen, und mit meinem Leben das deine zu schützen, bis die Zeit gekommen, wo ich wieder frei sein kann. Ich bin dein Sklave, ein Hauch in deinem Munde, ein Nichts vor deinen Augen, so lange ich dir diene. Dein Wort ist mein Gesetz und dein Gebot mein Leben. Die Dunkeläugige hat es befohlen!« Obschon Walding die bilderreiche und überschwängliche Redeweise der Orientalen bereits kannte, waren ihm diese Versicherungen seines neuen Dieners doch auffallend, und er fragte daher: »Wie kommt es, daß du mir, der ich dir ein Fremder bin, dein Leben und Sein weihen willst, während ich doch höchstens die Ergebenheit und die Dienste von dir fordern kann, die jeder Herr von seinem Diener zu verlangen berechtigt ist? – Zunächst, wie nennst du dich?« » Kassim, Sahib!« »Dann beantworte mir meine Frage, Kassim.« »Sahib, ich bin nicht dein Diener, ich bin dein Mayadar!« »Was ist das – ich verstehe den Ausdruck nicht. Erkläre mir ihn!« »Meine Worte haben es bereits getan. Ich bin der Schatten deines Schattens. Wenn ein Mann sich einem andern durch einen heiligen Eidschwur verlobt hat, so ist er von der Stunde an sein Mayadar, bis Mahadeoh, der Gott des Todes, einen oder den andern von diesem Leben befreit. Kassim war ein freier Mann, aber der Wille eines Mächtigeren hat ihm zum Hunde eines Faringi gemacht.« »Und wenn ich mich weigere, deine Dienste anzunehmen?« Der Hindu lächelte verächtlich. »Kannst du dem Ganges gebieten, rückwärts zu fließen? Mein Schicksal ist an das deine geknüpft durch geheimnisvolle Mächte, über die wir beide nichts vermögen. Nur dein Tod oder der meine kann mich erlösen, und so lange habe ich mein Blut für deinen Willen zu geben.« »Und wer ist es, der dir diesen Eid auferlegen konnte?« »Wer anders als Tukallah, der Gebieter dieser Burg und des Tales!« Walding erhob sich, um eine kurze und einfache Toilette zu machen. Er fand einen vollständigen indischen Anzug vor dem Diwan, dessen er sich nach Kassims Erklärung bedienen sollte und den er nach kurzer Überlegung mit dessen Hilfe anlegte. Bald war er in den weißen Kaftan, den Turban und den weiten wollenen Beinkleidern eines Parsen, deren Sekte die meisten Kaufleute Indiens angehören, gekleidet, steckte den zu dem Anzug gehörenden Yatagan in seinen Gürtel und folgte seinem neuen Diener, der ihn durch den Garten nach der Treppe begleitete, die um die Pagode hinauf zur höchsten Terrasse des Schlosses und den Räumen der Zenana führte. Die schwarzen Wächter am Eingang, die sonst kein männliches Wesen diese Schwelle überschreiten ließen, schienen bereits benachrichtigt, denn sie senkten ihre Säbel und ließen die beiden ohne weiteres passieren. Auf der Höhe der Terrasse angekommen, fanden sie auf der einen Seite unter einem Sonnenzelt Tukallah, auf Kissen sitzend und die Hukah rauchend. An dem andern Ende der Terrasse war ein ähnliches Zelt aufgeschlagen, und Walding glaubte dort Frauengewänder schimmern zu sehen, doch verhinderte eine Wand blühender Gesträuche jedes nähere Erkennen. Auf einen Wink nahm der Deutsche neben dem Sirdar Platz und wurde mit Kaffee und einer kostbaren Pfeife bedient, während Kassim wieder die Terrasse verließ. »Wir sind allein,« sagte Tukallah, »denn der Mund dieses Sklaven ist auf immer verschlossen, und seine Seele ist mir ergeben. Es wird den weisen Arzt der Faringi manches in Erstaunen gesetzt haben. Er möge fragen, und Tukallah wird ihm antworten.« »Zunächst,« entgegnete der Deutsche, »glaube ich, daß du mich aus einer schweren Lebensgefahr, ja vom Tode gerettet hast, obschon mir die Umstände dieser Gefahr und Rettung noch immer dunkel sind. Nimm meinen Dank dafür, denn wenn an meinem Leben auch wenig gelegen, so kann seine Erhaltung doch deinem Volke selbst nützlich sein.« »Du hast weise getan, von der Gefahr nicht zu sprechen, in die ein unbesonnener Reisender in dieser Wüste leicht verfällt. Wie kommt es, daß ich den Freund des Somroo, den ich in England verließ, am Rande der Thur wiederfand?« »Du erinnerst dich, daß ich zwei Monate nach dem Tode des Sir Dyce und jenem schrecklichen Morgen, an dem Kapitän Ochterlony verhaftet wurde, noch in London blieb, um dem Kapitän jede mögliche Hilfe zu leisten, seine Angelegenheiten zu ordnen und Nachforschungen nach dem verlorenen Testament anzustellen.« Der Indier bejahte. »Es war vergebliche Mühe! Der Prozeß, den wir auf Grund des früheren Testaments anstellten, hatte nicht den geringsten Erfolg ohne die legalisierten Dokumente, und selbst wenn diese herbeizuschaffen gewesen wären, war der Erfolg, wie mir Duncombe, der Notar, versicherte, mehr als zweifelhaft. Dazu fehlten mir die Mittel zur Betreibung eines Prozesses, welcher bei dem Gange der englischen Zivilrechtspflege über ein Menschenalter dauern mußte. Unsere Feinde waren mächtig und hatten einen Hinterhalt an der Regierung und der Kompagnie – der Mann, der allein vermocht hätte, ihnen Trotz zu bieten, lag unter einer falschen, aber furchtbaren Kriminalanklage im Kerker, und der Sieg seiner Feinde war gewiß. Du selbst weißt, daß er mir durch Duncombe anempfehlen, ja gebieten ließ, ihn seinem Schicksal zu überlassen und vor den Verfolgungen unserer Gegner nach dem Kontinent zu flüchten, um von dort mich nach Indien einzuschiffen und dem von dem toten Freunde ernannten Erben, dem Srinath Bahadur, jenes Schreiben auszuliefern, das wir glücklich gerettet. Ich wußte jeden meiner Schritte beobachtet von unseren Gegnern, und so ging ich, wie ich hoffte, heimlich nach Plymouth, um mich dort nach Frankreich einzuschiffen – aber das Auge der Verfolgung war hinter mir, ich wurde überfallen, zu Boden geschlagen und in bewußtlosem Zustande geplündert. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Bord eines Kriegsschiffes – ich war zum gemeinen Matrosen gepreßt und wurde als solcher behandelt.« Die Augen des Sirdar funkelten unter den grauen, buschigen Brauen. »So hat man dich jenes Schreibens an Nena Sahib beraubt, das Dyce Sombre euch beiden anvertraut hatte?« »Es ist hier – ein glücklicher Zufall hat es gerettet, und ich habe es bewahrt nach dem Willen des Kapitäns. Höre mich weiter an, Tukallah. Obschon ich mich auf dem Schlff weigerte, Handgeld zu nehmen und meine Freiheit forderte, hielt man mich doch zurück. Mehrere Monate nachher, als wir an der afrikanischen Küste kreuzten und ich empörende Mißhandlungen erduldet, traf ich durch ein seltsames Geschick an dem Grabe des Mannes, der einst Englands größter Feind gewesen, mit Männern zusammen, die dort ihren Racheschwur gegen die britische Tyrannei vereinten. Unter diesen Männern befand sich Kapitän Ochterlony, jetzt ein Deportierter, auf dem Weg nach Botani-Bai, und Baber Dutt, der Bruder Nena Sahibs. – Nach dem Willen des Kapitäns blieb ich auf dem Schiff, das nach den indischen Meeren bestimmt war, und von dem ich ohnehin nicht hätte entfliehen können, bis sich eine günstige Gelegenheit zur Erfüllung unserer Absichten zeigen würde. Fünf Jahre waren der Zeitraum, innerhalb dessen wir uns in Indien in der Nähe Nena Sahibs wiederfinden sollten, denn auch er hoffte in dieser Zeit von Australien Gelegenheit zur Flucht zu finden. Das Schiff, dem ich angehörte, wurde vom Admiral nach Ozeanien gesandt, und erst vor etwa Jahresfrist in das arabische Meer beordert. Mein Leben am Bord hatte sich zwar gebessert denn als bei der auf dem Schiff ausgebrochenen Cholera der Arzt und sein erster Gehilfe gestorben waren, übernahm ich aus Menschenpflicht des ersteren Funktion, und habe sie vier Jahre lang gewissenhaft geübt. Ich bezog das Gehalt, denn ich mußte leben, aber ich weigerte mich, trotz der Freundlichkeit, die ich bei der Bemannung fand, definitiv in die englischen Dienste zu treten. So wurde mir die Gelegenheit erschwert, das Schiff zu verlassen, wenn es sich in Bombay befand, und erst auf einer Expedition in das Sindh, den Indus hinauf, gelang es mir bei einer Jagdpartie, mich von meinen Begleitern zu entfernen und, jeder Gefahr trotzend, den Weg in das Innere Indiens einzuschlagen. Da ich des Hindostani jetzt vollkommen mächtig war, hoffte ich, glücklich nach Audh zu gelangen und vielleicht am Hofe des Bahadur Nachricht von Kapitän Ochterlony zu erlangen. Ich wanderte nach dem Kompaß mehrere Tage, indem ich die bewohnten Gegenden vermied, um mich erst genügend vom Ufer des Setletsch zu entfernen, ehe ich mich unter irgend einem Vorwand, der meine Kleidung und mein Alleinsein erklärte, einer Reisegesellschaft nach dem Osten anschloß. Dies ist meine Geschichte, würdiger Sirdar, und ich hoffe, durch einen so glücklich und unerwartet aufgefundenen Beistand jetzt die Mittel zu erhalten, nach Audh und unter den Schutz des Srinath Bahadur zu gelangen.« Der Alte wiegte einige Augenblicke sinnend das Haupt. »Du sprachst von einem Eid, den die Männer gegen die Faringi geleistet. Hast du daran teil genommen?« »Ich schwor ihn mit, obschon es mir, aufrichtig gestanden, leid tut, daß ich mich von der Erbitterung über einzelne tyrannische Handlungen zur Verdammung einer ganzen Nation hinreißen ließ, die viele Edle und Gute in ihrer Mitte zählt!« Der Mahratte lächelte verächtlich. »Dein Eid kettet dich an die Feinde Englands, wenn auch dein Herz schwankendes Rohr ist, wie das Herz dessen war, der in dem Nebellande schläft. Du willst zu Nena Sahib?« »Es ist meine Pflicht!« »Er ist ein schwankendes Rohr, wie du bist und Dyce Sombre war, halb Hindu, halb Faringi, zum Weib geworden an dem Busen eines Weibes. Ehe das Weltall um 24 Stunden älter ist, wird sich entscheiden, ob er zu unseren Freunden oder Feinden zählt.« »Wie meinst du das?« »Ehe die Sonne zum zweitenmal sinkt, wird Nena Sahib in den Mauern dieser Burg sein.« »Er kommt hierher?« »Seine Läufer haben die Kunde mir vor drei Tagen gebracht. Er ist auf dem Rückweg nach Delhi von Bombay, wohin er sich vor Mondenfrist zu den Wettrennen der Faringi begeben hat, denen der Tor nachläuft.« »Das ist ein seltener und glücklicher Zufall,« sagte der Arzt, »und ich bin dir umsomehr deshalb Dank schuldig. Doch Tukallah, wenn es dich nicht beleidigt, möchte ich wohl hören, wie du nach Indien zurück und zu dieser Macht kamst, während ich dich nur für einen Diener unseres verstorbenen Freundes hielt?« Der Sirdar schaute nachdenkend, gleich als habe er die Frage nicht gehört, auf den Arzt. »Ich habe dein Leben gerettet, in einem Augenblick, da Mahadeoh bereits seine schwarze Hand auf deine Stirn gelegt hatte.« »Ich ahnte es – und ich wiederhole dir meinen Dank!« »Hast du den Mut, ihn mit einer Tat zu bewähren?« »Ich bin bereit mit meinem Blut die Aufrichtigkeit meiner Gefühle zu bekräftigen.« »So gieb einer Mutter ihren Sohn, einer Schwester den Bruder, einem Lande seinen rechtmäßigen Gebieter zurück!« »Ich verstehe dich nicht! Was vermag ich, ein Fremdling, in diesem Lande?« »Höre mich an! Was du auf Malangher, meiner Burg, auch sehen und hören mögest, gelobe mir Schweigen, auch wenn du die Bitte, die ich im Namen einer trauernden Mutter dir ans Herz lege, zurückweisen solltest.« »Ich gelobe es dir! Die Ehre verpflichtet mich schon dazu.« »Du fragtest mich soeben, wie ich in den Besitz dieses Schlosses gekommen, da ich doch im Lande der Faringi der Diener eines andern Mannes gewesen sei?« »Ich gestehe – der Wechsel erschien mir seltsam, obschon in diesem Lande der Wunder eigentlich nichts in Verwunderung setzen sollte.« »Ich war nicht der Diener, sondern der Mayadar Dyce Sombres. Verstehst du, was das Wort zu bedeuten hat?« »Eine Art von Blutbrüderschaft zwischen Diener und Herrn. Ich habe diese Bedeutung von dem Manne erfahren, den du zu meinem Diener bestimmt hast, und hörte mit Erstaunen, daß er mein Mayadar geworden.« »Nimm ihn als Geschenk, das ich dir mache. – Mein Vater war ein Mahrattenfürst – er zählte drei Söhne, ich war der jüngste. In einem Kampf gegen die Faringi rettete Oberst David Ochterlony, ein Oheim des Kapitäns und ein Freund der Begum von Somroo und der Pate ihres Enkels David Dyce Ochterlony Sombre, meinen Vater vom Tode am Galgen, und dieser gelobte dafür Friede mit den Faringis und gab mich, seinen jüngsten Sohn, den Gehaßten zur Geißel, indem er mir den Eid eines Mayadar für den Paten seines Retters auferlegte. Ich zählte damals zwanzig Jahre und der Knabe zwölf. Seitdem blieb ich am Hofe der Begum, bis sie starb, und Dyce über das Meer zog. Ich habe den Eid gehalten, bis er gestorben war – sein Tod machte mich frei und gab mich meiner Kaste wieder. Als die Gerichte der Faringi den Kapitän wegen eines Verbrechens verurteilten, das er nicht begangen, kehrte ich mit dem nächsten Schiff nach Indien zurück. Ich fand meinen Vater und meine Brüder tot, gefallen im Kampfe gegen die Engländer, ihre Habe in den Klauen jener Kompagnie. Nur in den Einöden der Thur, wo die Familie meiner Mutter ihre Besitzungen gehabt, war Gerechtigkeit zu finden, und sie, die das Erbe Tukallahs dreißig Jahre bewahrt, sie gaben es ihm zurück, als er den Namen seiner Väter nannte.« »Du hast mir noch immer nicht angedeutet, edler Sirdar,« sagte er, »wie ich einer Mutter ihren Sohn zurückzugeben vermag.« Der Mahrattenfürst klatschte dreimal in die Hände, worauf sich die Blumenwand auf der anderen Seite des Daches öffnete und die Rani, von ihrer Tochter begleitet, hervorkam. Tukallah ging ihr ehrerbietig entgegen und führte die Frauen zu dem Sitz, den sie einnahmen, während der schwarze Diener sich entfernte. »Was Du zu wissen begehrst,« hob der Sirdar wieder an, »sollst du alsogleich erfahren. Du wirst wissen, daß Rundschit Sing, der große und berühmte Maharadschah des Volkes der Siths, im Jahre 1839 in Lahore starb. Der Löwe des Pendschab hinterließ sein Reich Khuruk Sing, seinem ältesten Sohne, dessen Wessire Dheian Sing und Gholab Sing von der edlen Familie der Dschummu waren, der letztere der Vater des jungen Kriegers, der an deiner Seite durch die Wüste ritt. »Dheian und Gholab aber riefen den verbannten Sohn des neuen Maharadschah, Nau Nehal, von der Grenze Afghanistans, und setzten die Krone seines schwachen Vaters auf sein Haupt, aber Schiwa zürnte ihm, und als er auf seinem Elefanten aus dem Tore von Lahore ritt, fiel ein Balken herunter und erschlug ihn. Den Thron von Lahore nahm Sher Sing, der zweite Sohn Rundschits ein, von den Khalsas zum Maharadschah ausgerufen. Die Dschummus hatten mächtige Feinde, die Familie der Sindawalla, die, von den Faringis unterstützt, schon früher den Sohn Rundschits vom Throne ausschließen und diesen der Gattin Khuruks geben wollten, damit die Fremden herrschen möchten im Lande der Sikhs. Wenn der Zorn des Maharadschah und seiner Getreuen gegen sie war, flohen sie auf das Gebiet der Faringi und hielten sich dort auf, bis deren Gesandten mit den gespaltenen Zungen ihnen die Erlaubnis zur Wiederkehr erwirkt hatten. Aufs neue schmiedeten sie Verrat, mordeten hinterrücks den Maharadschah und seinen ersten Wessir und wollten das Land den Engländern übergeben. Da erhob sich wiederum das Heer der Sikhs unter General Ventura, den du gesehen, erschlug die Sindawalla-Häuptlinge, setzte Dhulip Sing, einen Knaben von sieben Jahren, den jüngsten Sohn des verstorbenen Rundschits und seine Mutter, die Mahe Tschund, auf den Thron von Lahore (1843). Aber die Faringis – lüstern nach dem Besitz des Pendschab – spannen fortwährend gegen die Rani und ihren Sohn Intriguen und erregten Aufruhr im Lande. Offen rüsteten sie zum Kriege und zur Eroberung des Pendschab, wie die Zeitungen Englands dreist verkündeten. Sie weigerten sich, den Schatz herauszugeben, den der Bruder der Rani in einer ihrer Festungen niedergelegt, verweigerten den Sikhshäuptlingen ihr Erbe auf der linken Seite des Sedletsch und sperrten die Wege, so durch tausend Schikanen und Ungerechtigkeiten den Kampf herausfordernd, bis endlich erbittert die Khaljas mit ihren Sirdars im nächsten Jahr über den Sedletsch zogen, 60 000 Mann und 200 Kanonen, ihr Eigentum zu schützen und die Faringis zu züchtigen. Das Schicksal der Schlachten war gegen sie, sie wurden geschlagen in den Schlachten von Ferodscha und Sobraon trotz ihrer Tapferkeit. Die Engländer verlockten die Hindus, die unter den Sikhs dienten, zum Abfall, drangen über den Sedletsch, erklärten das Land an beiden Ufern für ihr Eigentum und zogen in Lahore ein. Obschon der junge Maharadschah nichts für den Kriegszug seiner wilden Krieger konnte, nahmen die Faringi ihm die Hälfte seines Landes, vernichteten die Armee seines großen Vaters und stellten die Regierung des unabhängigen Landes unter die Aufsicht eines englischen Residenten.« »Drei Jahre,« erzählte der Sirdar weiter, »waren unter diesem Druck vergangen, der so gewaltig auf dem tapferen Volke lastete, daß die Sikhs selbst ihren Haß gegen die Anhänger Muhameds des Propheten vergaßen und sich mit Mohamed, dem Emir von Kabul, im Lande der Afghanen, verbanden, um ihre Freiheit wiederzugewinnen. Mulradsch Khan erschlug die Faringi-Offiziere, die zu ihm nach Multan gekommen, ihn seines Erbes zu berauben, und noch einmal sammelten sich die tapferen Krieger Rundschits und schlugen die Engländer am Tschenab und bei Tschillianwallah in die Flucht 1848,1849 . Da zogen auf ihren Schiffen von allen Seiten die Heere der Faringi heran, Verrat schlich sich zwischen die Sikhs und Afghanen, die Agenten der Europäer streuten Zwietracht zwischen die Führer, und einzeln wurden die Tapferen geschlagen. Sechzigtausend edle Krieger fielen kämpfend für die Freiheit ihres Landes, und die Faringi stürzten den Thron des Löwen Rundschit, vor dessen Brüllen sie einst gezittert, und machten das Reich tapferer Soldaten zum Eigentum ihrer Kaufleute. Dhulip Sing, den Knaben, den sie seiner Krone beraubt, dessen Kindesalter – denn er zählte kaum dreizehn Jahr – ihnen nie ein Leid getan, schleppten die Räuber nach einer ihrer Festungen und halten ihn dort gefangen, damit sein Name nicht dazu diene, daß noch einmal das Volk der Sikhs sich um ihn schare.« »Und die Maharani, seine Mutter?« »Man hatte sie gleichfalls eingesperrt in eine ihrer Festungen, aber sie entfloh mit Hilfe ihrer Getreuen und begab sich nach Nepal, klagend um den Sohn und Hilfe suchend gegen die Räuber ihres Thrones. Und jetzt – –« Was der Arzt bereits geahnt, zeigte sich begründet. Die hohe Frau vor ihm, die mit immer leidenschaftlicherer Erregung der Erzählung gefolgt war, erfaßte seine Hand. »Sie – die beraubte Mutter, die beraubte Königin sitzt vor dir! Ich bin die Maharani Mahe Tschund, die Flüchtige, die Mutter Dhulips, die dich anfleht, weiser Fremdling, ihr den Sohn, diesem Mädchen seinen Bruder zurückzugeben!« »Hoheit,« sagte der Deutsche – »wenn meine schwache Kraft etwas vermag in eurem Dienst, so soll sie euch gewidmet sein, aber ich fürchte ...« »Du bist der Mann, der uns fehlt zu dem Werk der Befreiung,« unterbrach ihn der Sirdar. »Einem Europäer allein kann es gelingen, zu Dhulip Sing zu dringen und seine Flucht unbeargwohnt vorzubereiten. Murad Khan wird dein Gefährte sein auf dem Weg nach Firozpur, wo der Prinz gefangen ist. Alles ist vorbereitet, nur das Haupt fehlt, das den Plan ausführen kann. Wenn du einwilligst, so ist der Prinz frei, ehe der Mond zweimal gewechselt.« Die glänzenden stolzen Augen der entthronten Königin, die sanften Blicke des jungen Mädchens ruhten so flehend auf ihm, daß er nicht widerstehen konnte. »Wie es auch kommen möge,« sagte er entschlossen, »du hast mein Leben gerettet, und es gehört der Tat, die du ihm bestimmst. Aber wie soll ich dorthin gelangen und in die Festung?« »Du wirst mit Srinath Bahadur dich nach Audh begeben und dort die Mittel erfahren, deinen Zweck zu erreichen. Murad Khan findet dort einen Mann, der eure Wege leiten wird. Jetzt, wo das Herz dieser Frauen beruhigt, laß uns aufbrechen und zu dem Feste gehen, das ich euch bereitet.« Das Gespräch hatte die Aufmerksamkeit des Sirdars von der Beobachtung des Tales abgewendet, so daß er die Annäherung des an der Grenze der Thur zurückgelassenen Reisezuges nicht beachtet hatte, denn allen unerwartet verkündeten jetzt die drei Hornstöße die Ankunft von Fremden und forderten Einlaß in die Burg. Auf das Zeichen erschien der Herr derselben und begab sich, von seinen Gästen gefolgt, an den äußeren Turm. Die ankommende Schar bestand aus Kriegern, Dienern und Jägern, welche der Mahratten- Fürst in den Dschungeln zur Aufsuchung und Nachführung erwarteter Personen zurückgelassen hatte. Diese waren zwei Männer im mittlern Alter und einfacher europäischer Kleidung mit zwei orientalischen Dienern. Die Fremden, obschon sie Zivil trugen, hatten ein unverkennbar militärisches Äußere und bekundeten in ihrem Benehmen die Männer von vornehmer Geburt und Erziehung, was den Arzt in seiner Vermutung bestärkte, daß sie nichts weniger als einfache Reisende, sondern Agenten jenes gewaltigen Reiches seien, dessen Zusammenstoß mit den Engländern in Asien über kurz oder lang erfolgen muß. Die Ankommenden schienen gemächlicher gereist, als der Zug des Sirdars in der Nacht vorher, denn sie waren keineswegs ermüdet, und nachdem sie die notwendige Erfrischung der heißen Länder, ein Bad genommen, fanden sie sich bei der Gesellschaft ein, die nun wieder im Garten zusammengekommen. Dieser war jetzt zauberisch erleuchtet und gewährte zum ersten Male dem Arzt das Bild eines jener indischen Feste, von deren Wunderpracht die Reisenden so viel erzählen. Festons bunter Papierlaternen hingen von Baum zu Baum in den barocksten Formen und Bildern. Feuerbecken von wohlriechendem Harz und Sandelholz brannten um die Fontänen und brachen ihren Schein in den Millionen perlender Tropfen, und das murmelnde Geräusch der fallenden Kaskaden paßte wundersam zu dem eigentümlichen Anblick des Ganzen. Zwischen den Blumen auf dem weichen Rasen und den mit glänzenden farbigen Kieseln ausgelegten Wegen schritten die Pfauen umher, schlugen ihr buntes Rad und ließen von Zeit zu Zeit ihr Geschrei erschallen. Für die Maharani war unter den Boskets von Rosen, Jasmin und Oleander eine Art von Thron, mit kostbaren Schals drapiert, errichtet, auf dem sie bei ihrem Erscheinen Platz nahm. Der Sirdar führte ihr hierauf die beiden Fremden zu und stellte sie ihr vor; da dies aber in persischer Sprache geschah, verstand der Arzt nichts davon und blieb auf seine Vermutungen beschränkt. Die Rani sprach lange und eifrig mit ihnen, dann ließ sie dieselben an ihrer linken Seite Platz nehmen und winkte dem Arzt zu dem Ehrensitz an ihrer Rechten. General Ventura, der Afghanen-Häuptling, Murad-Khan und mehrere Mahrattenkrieger bildeten außerdem die Gesellschaft. Das Fest begann mit der in Indien üblichen Besprengung der Gäste mit Rosenöl. Dann brachten andere Diener auf goldenen Tellern die in Blättern des Betelbaumes eingehüllten Arekanüsse und überreichten sie jedem der Gaste. Es wäre eine schwere Beleidigung des Wirtes, diese Frucht zurückzuweisen, selbst wenn man davon nicht jenen Gebrauch machen kann, den die Indier, Männer und Frauen, mit so leidenschaftlicher Vorliebe pflegen. Walding sah mit einigem Erstaunen, wie alsbald auch die Maharani die Betelnuß in ihren Mund steckte und mit Behagen zu kauen begann. Zugleich trat auf jeden Gast ein besonderer Diener zu und stellte eine kristallene, mit Rosenwasser gefüllte Hukah vor ihn, zündete den duftigen Tabak von Schiraz an und legte das mit Edelsteinen verzierte Mundstück zwischen die Lippen des Gastes. Der Sirdar klatschte in die Hände, und alsbald erschien ein Spaßmacher und Märchenerzähler, hockte vor der Gesellschaft auf seinen Fersen nieder und begann mit leise singender Stimme, bald in Versen, bald in Prosa redend, die im Pendschab einheimische und durch ganz Indien beliebte Erzählung von dem Liebespaar Hir und Ranjhan. Die Erzählung, die der Sänger der Versammlung zum besten gab, erntete großes Lob und jeder warf eine Münze in des Mannes Kappe, ehe dieser sich zurückzog. Ein neues Zeichen des Sirdars und eine Gesellschaft Gaukler und Zauberer erschien auf dem Platz. Die Gesellschaft der Jongleure und Zauberer, die auf dem Platz erschien, bestand aus vier Personen: einem großen robusten Schwarzen, einem kleinen Chinesen mit langem Zopf, einer Frau und einem Knaben. Sie führten nur einen Korb, eine große Bastmatte und eine wollene Decke, einige Waffen, Stäbe, Messer und Kugeln bei sich, Geräte, die sie jedermann zur Prüfung anboten. Die Künste begannen damit, daß der Chinese eine wohl zehn Ellen hohe und oben scharf zugespitzte Bambusstange aufrecht und ohne weiteren Halt frei auf die Matte stellte, an ihr mit der Geschwindigkeit eines Affen emporstieg, sich mit dem Nabel auf deren Spitze warf und den Leib in horizontaler Linie gleich einer Scheibe so schnell herumzuwirbeln begann; daß die Augen der Zuschauer seinen Bewegungen kaum zu folgen vermochten. Den Anwesenden schien dieses Kunststück jedoch ein sehr gewöhnliches, oft gesehenes, denn als Walding entsetzt und fragend auf sie schaute, blickten sie sehr gleichgültig auf die Anstrengungen des kleinen Jongleurs, der sich jetzt wieder bis auf die äußerste Spitze hinauf gewirbelt hatte, mit Blitzesschnelle an der Stange herunterglitt, die der Knabe auffing, dann eines der am Boden liegenden langen Messer ergriff und es mehreremal durch das Hemd bis ans Heft sich in die Brust stieß, so daß das Blut sofort seine ärmliche Kleidung übergoß und bis zu den Füßen der Gesellschaft spritzte. Walding sprang mit einem Ruf des Entsetzens auf und eilte dem Unglücklichen zu Hilfe, aber der Chinese machte ihm eine tiefe Verbeugung, überreichte ihm das Messer und öffnete das Hemd auf seiner Brust – keine Spur einer Verletzung war auf dieser zu sehen, und den Getäuschten begrüßte das Gelächter des alten französischen Offiziers und des jungen Khans. Der Knabe trat nun auf die Matte und begann das bekannte Kugelspiel mit einer Anzahl von glänzenden Kugeln und Messern, das er mit großer Geschicklichkeit und Gewandtheit ausführte, dann einen Gegenstand nach dem anderen hoch in die Luft zu werfen begann, daß er sich über den Lichtkreis der Laternen und Feuerbecken im Dunkel verlor. Wunderbarerweise aber fiel keiner wieder zurück, einer nach dem andern verschwand gleichsam in der Nacht, und als er die letzte Kugel geworfen, setzte sich der Knabe mit gekreuzten Beinen ruhig auf den Teppich nieder und blickte in den Äther. Zum zweitenmal begann er das seltsame Spiel, und wie scharf auch der Deutsche aufpaßte, er sah deutlich die Messer und Kugeln in der Luft verschwinden, ohne sie wieder nach dem Gesetz der Schwere niederfallen zu sehen. Als der Knabe sich diesmal nach einer noch längeren Zwischenpause von der Matte erhob, deckte er diese selbst auf, und Kugeln und Messer lagen unter derselben. Das merkwürdigste und zugleich grauenhafteste Stück, welches die Jongleure nach vielen anderen seltsamen Künsten produzierten, war folgendes: Der Mohr, wie bereits erwähnt, ein großer und kräftiger Mensch, setzte sich auf die Matte und bog seinen Körper derart zusammen, daß er einer unförmlichen Masse glich, worauf seine Gefährten ihn mit dem Korbe zudeckten, über den sie die zweite Decke breiteten. Darauf ergriffen alle drei Spieße und Messer und stachen mehrere Minuten lang in den Korb, so daß das Blut stromweis darunter hervorfloß, worauf Decke und Korb aufgehoben wurden und zum Erstaunen der Zuschauer statt des zerfetzten Leichnams des Unglücklichen nichts zu erblicken war, als einer der Pfauen, die während des Tages im Garten umherstolzierten. Wiederum wurde der Korb darübergedeckt, und als man ihn zum zweiten Male aufhob, befand sich statt des Pfaues ein junges, anscheinend kaum wenige Tage altes Kind darunter. Auch diese Erscheinung verschwand auf gleich rätselhafte Weise, und als Decke und Korb wieder darüber gedeckt waren, kroch der Knabe mit darunter. Eine kurze Weile blieb die Hülle in wellenförmiger Bewegung, dann entfernte der Chinese zum drittenmal die Decke und den Korb, und darinnen saß unverwundet der Neger, der Knabe aber war verschwunden, und als die Fremden erstaunt und verwundert nach ihm umherschauten, glaubten sie plötzlich seine Stimme hoch aus der Luft ihnen einen Salem zurufen zu hören und sahen den Burschen auf der mittleren Galerie der Pagode sitzen. Die Geschenke, die dem sammelnden Weibe gereicht wurden, zeigten von dem Beifall, den die Kunststücke der Gesellschaft gefunden, worauf diese sich wieder entfernte und einer neuen und dem Arzt nicht minder interessanten Unterhaltung Platz machten. Die neuen Schauspieler, die erschienen, angekündigt durch die Töne eines Tamburins, einer Trommel und Pfeife, bestanden in einer Gesellschaft Bajaderen. Die Bajaderen Indiens sind die Almen der türkischen Harems, die öffentlichen Tänzerinnen Arabiens. Im allgemeinen ist ihre Liebe zwar für Geld und Geschenke feil, doch ist dies nicht durchgängig der Fall und gehört keineswegs zu ihrem Stand und Gewerbe. Man findet unter ihnen Mädchen von wahrhaft ätherischer Gestalt und reizender Schönheit, aber noch öfter widrige, schlappe, unförmlich dicke Gestalten und Häßlichkeit der Formen und des Gesichts, die Zähne durch das fortwährende Betelkauen glänzend schwarz gefärbt. Die Tänzerinnen, die der Sirdar zur Unterhaltung seiner Gäste beschieden, gehörten, wie der Arzt von dem ehemaligen General Rundschits hörte, zu einer wandernden Horde, indem augenblicklich eine große Anzahl von Pilgern und Reisenden sich in dem Tal und dem Schloß aufhielt. Zwei Männer, mit Trommel und Pfeife, begleiteten die Tänzerinnen, deren Anführerin ein mit Silberblechen verziertes Tamburin in ihrer Hand trug. Diese Anführerin war ein Geschöpf von wunderbarer idealer Schönheit. Überaus zart und fein war die Gliederung dieses Körpers, Fuß und Hand von einer besonderen Kleinheit und Schöne. Anarkalli – Granatblüte – so hieß die Tänzerin, war in faltenreiche blaue Gewänder gekleidet, die von den Hüften ab übereinander, bis auf die Knöchel herabfielen und in Goldfransen endeten, ohne den nackten, an den Knöcheln mit Goldringen geschmückten Fuß zu verhüllen. Der prächtige Schweif eines Paradiesvogels war auf ihrem Hinterhaupt befestigt und senkte sich in hochgeschwungenem Bogen auf die linke Seite nieder. Ihre Augen wandten sich mit einem Ausdruck ängstlichen Forschens, als sie den Kreis betrat, auf die Reihe der Gäste, schienen einige Augenblicke prüfend auf jedem zu haften und blieben dann an den freundlichen und Vertrauen erweckenden Zügen des Arztes hängen. Erst der Ton der Trommel und der Flöte schien sie aus ihrer Träumerei zu wecken, sie trat rasch einige Schritte vor, ließ das Tamburin über ihrem Haupt erklingen und begann nach dem einförmigen Takt jener Musik und dem leisen Singen ihrer Gefährtinnen ihren Tanz. Zuerst waren die Bewegungen der Bajadere langsam, indem sie nach dem Takt der Musik die Arme über den Kopf erhob, den Oberkörper vor- und rückwärts oder zur Seite bog, allmählich aber begann sich ihr Gesicht zu röten, der Takt wurde rascher und die Linien, die ihr Körper beschrieb, glichen den wollüstigen Windungen einer Schlange. Ohne daß man ein Vorschreiten oder Rückwärtsgehen ihrer Füßchen zu bemerken vermochte, glitt sie doch bis dicht an die Zuschauer hin, schien sich über sie her zu neigen und zog sich ebenso eigentümlich zurück. Zweimal, als sie sich ihm nahte, glaubte Walding eine flüsternde Stimme an seinem Ohr zu hören, die in gebrochenem Englisch ihm zuraunte: »Lobe mich, Fremdling! lobe mich!« Immer lauter und wilder rauschte die Musik und der Gesang, immer heftiger und üppiger wurden die Bewegungen der Bajadere, ihr schlanker Leib schien eine Linie von zuckenden Blitzen, bald sinnlich vorgeworfen, bald weichend und kokettierend in lustglühenden Wendungen zurückgezogen; dann wieder schmachtend die Arme vorstreckend, schien sie nach einem Gegenstand in der Luft zu haschen, ihre schwellenden Lippen öffneten sich, ihren Augen schien ein glühendes Feuer zu entstrahlen, und seltsam glaubte Walding sie wiederholt dabei auf sich gerichtet zu sehen mit einem ängstlichen, flehenden Ausdruck, bis in die höchsten Ekstase des Tanzes, wirbelnd gleich einem rasenden Derwisch um sich selbst, mit einem leisen Aufschrei die Bajadere zu den Füßen der Rani sank. »Lobe mich! Bei dem Christengott, lobe mich, Fremdling!« tönte es in demselben Augenblick wieder leise an das Ohr des Arztes; aber es bedurfte diesmal der Mahnung nicht, denn der eigentümliche Reiz dieses bei aller Wildheit und Üppigkeit nicht ungraziösen Tanzes hatte ihn derart ergriffen, daß er in lauten Beifall ausbrach und der Tänzerin nach indischem Brauch ein Goldstück zuwarf, das sie geschickt mit ihrem Tamburin auffing, ihn dabei mit einem dankenden Blick anschauend. Im nächsten Moment war sie mit Lobeserhebungen und Geschenken überschüttet, selbst die Maharani zog aus ihrem Kopfschmuck eine prächtige Nadel und warf sie der Bajadere zu. »Dein Auge hat wohlgefällig auf das Mädchen geblickt.« sagte der alte Sirdar höflich zu dem Arzt, dessen entschlossene Rettung der Prinzessin ihn heute, trotz seiner sonst so bescheidenen Stellung, zum Helden des Tages gemacht hatte – »sie ist dein Eigentum, so lange du ein Gast in diesen Mauern bist!« Es mochte gegen 11 Uhr sein, als der Sirdar, der schon seit einiger Zeit eine eigentümliche Unruhe gezeigt, das Zeichen zum Aufbruch und zur Beendigung des Festes gab, indem er sich erhob und von seinen Gästen beurlaubte. Die Diener ergriffen die Fackeln und Laternen und waren bereit, jeden nach der ihm angewiesenen Wohnung zu geleiten. Kassim harrte in gleicher Weise des Arztes. »Möge mein Bruder sanft ruhen und Freude auf seinem Lager sein,« sagte der Khan, indem er Walding umarmte, »denn eine gute Tat ist ein süß duftendes Kissen, sagen die Dichter. Morgen mit dem Sonnenaufgang werde ich bei ihm sein, um ihn zu dem Ritt in die Wüste abzuholen.« Der Mayadar leuchtete demütig seinem Herrn voran, der kaum mehr an die schöne Bajadere dachte. An der Tür des Pavillons, der ihm zur Wohnung diente, reichte ihm Kassim die mit wohlriechendem Öl gefüllte Lampe, indem er ihm sagte, daß es ihm verboten sei, die Schwelle des inneren Gemaches zu überschreiten, und daß er, seines Winks gewärtig, die Nacht auf derselben verweilen werde, und Walding betrat arglos das Zimmer. Er setzte die Lampe auf einen von Perlmutt und Schildpatt zierlich ausgelegten Koffer, als ein schweres und heißes Atmen ihn aufmerksam machte. Erschrocken wandte er sich um. Auf dem breiten Diwan, der zu seinem Lager dienen sollte, lag, frei jetzt von der herabgsworfenen Seidendecke, Anarkalli , die Bajadere, im weißen, leichten Nachtgewand. Er trat befangen zurück – die Bitte der Tänzerin, das Geschenk des Sirdar war ihm jetzt erst verständlich. »Wenn du deiner eigenen Wahl gefolgt bist, Anarkalli,« sagte er, »so sei mir willkommen. Es versteht sich von selbst, daß nicht das Wort Tukallahs mir eine verächtliche Macht über ein so schönes Geschöpf gegeben haben soll, sondern daß dein Besuch und das Glück, das du mir bereiten willst, dein freier Wille sein muß!« »Lösche das Licht der Lampe,« flüsterte die Tänzerin, »und komm an meine Seite Christ, daß mein Mund sich an dein Ohr legen mag, – ich habe dir Wichtiges zu sagen!« Der Arzt begriff im Augenblick, daß hier von keinem Liebesabenteuer die Rede war, und folgte erstaunt der Weisung der Hindu. Er löschte die Lampe und kniete neben dem Diwan nieder. »Näher! näher! Jedes Wort, das andere Ohren vernehmen, würde dir und mir den Tod bringen!« Ihre weichen Arme zogen ihn näher herbei, auf den Diwan, und er fühlte die warmen elastischen Glieder sich an ihn schmiegen. »Sage mir Liebesworte, Fremdling,« flüsterte die seltsame Sirene, »laut, damit der Lauscher getäuscht wird! – Cama wird es uns vergeben!« Trotz der seltsamen Lage und der Ahnung einer großen Gefahr begann sich in der Nähe der schönen Tänzerin sein Blut zu erwärmen und zog sie sanft an sich. Die Bajadere duldete seine Liebkosungen, ohne sie zu erwidern. »Still! Du bist ein Faringi?« »Nein – aber ich bin ein Europäer und Christ, und jeder, der dies gleich mir ist, ja, jeder Mensch, hat Anspruch auf meine Hilfe. Was trägst du um deinen Leib gewunden, Mädchen?« »Seidene Schnuren – die uns dienen müssen! Höre mich an Fremdling mit dem weisen und guten Antlitz. Ich bin im Begriff, einen heiligen Eid zu brechen, geschworen der mächtigsten Göttin; aber ich muß die Gewißheit haben, daß die Worte, die ich sprechen werde, nur eines Erschaffenen Ohr vernehmen, die Geheimnisse, die ich enthüllen muß, nur eines Menschen Auge erblicken soll, daß nie sein Mund zum Verräter an mir und den Meinen werde. Schwöre mir bei dem Gott der Christen, daß du niemals verraten willst, was du durch Auge und Ohr diese Nacht erfahren wirst.« »Ehe ich einen Eid leisten kann, muß ich vorher den Zweck wissen – muß prüfen ...« Sie warf sich auf ihn und erstickte mit ihren Lippen seine lauter gewordenen Worte. »Still! – es gilt das Leben eines deiner Brüder, eines Christen zu retten. Bei dem Gotte, den ihr verehrt, schwöre mir Schweigen, und du sollst alles erfahren! – Schwöre, und ich will die Sklavin sein deines Odems, die Luft deines Leibes, der Hauch deines Willens!« Ihre Liebkosungen wurden heiß und glühend und umstrickten seine Sinne, zwangen seinen Willen. Unter ihren Küssen flüsterte der sonst so besonnene Mann: »Ich will – ich schwöre!« Kaum hatte er das Wort gesprochen, so drängte sie ihn von sich. »Weißt du, Fremdling, wen du in deinen Armen hältst, wen du an dein Herz drückst?« »Anarkalli – die Tänzerin! Die schönste Bajadere Hindostans!« »Törichter Christ! Die du umfängst, ist Anarkalli, die Sutha ! Das Lager, auf dem du der Liebe pflegst, kann jeden Augenblick sich in dein Totenbett verwandeln. Du bist in der heiligen Burg der Thugs!« Er fuhr entsetzt zurück, denn er hatte genug von der furchtbaren Sekte gehört, um zu wissen, in welcher Gefahr er sich befand. »Aber Tukallah?« »Er ist einer der unseren, ein Guru , der uns gebietet – sein Wort ist Tod oder Leben.« Im Augenblick stand vor dem Geist des Arztes die Erklärung seiner Gefahr vom Tage vorher – seine Rettung aus den Händen der Mörder. »Kassim – mein Diener?« »Er ist ein Thug, wie ich, einer der geschicktesten Lughas, aber du bist sicher vor ihm, da er jenen Eid auf die heilige Spitzaxt als Manadar dir geschworen. Er soll das Werkzeug sein in deiner Hand.« Dem Deutschen waren längst alle Liebesgedanken vergangen bei der furchtbaren Eröffnung. Kalter Schweiß brach aus allen seinen Poren, und er überlegte still, wie es ihm gelingen könne, sich aus der Mörderhöhle zu retten. Die »Granatblüte« schien die Gedanken, die ihn bestürmten, zu begreifen, denn sie suchte zuvörderst ihn über seine eigene Sicherheit zu beruhigen. »Ich weiß nicht, wer du bist,« sagte sie, »noch welches Band dich an den Guru bindet. Aber es ist gewiß, daß er dich in seinen Schutz genommen und dein Leben nicht der Kali zum Opfer bringen will. Darum hat er Kassim dir gegeben. Ich fühle, daß, was ich dir gesagt, dir Abscheu gegen mich erregt, doch höre meine Geschichte. Heute – diese Nacht – wird das Fest der Devy in den unterirdischen Gewölben dieser Burg gefeiert, und die Glieder des Bundes sind aus allen Himmelsgegenden dazu in die Wüste gekommen, den furchtbaren Dienst im Geheimen zu verrichten. Viele von ihnen haben ihre Opfer mitgebracht, denn wisse, o Fremdling, das Blut in der goldenen Schale, die vor dem Bilde der Göttin steht, darf nimmer vertrocknen und muß das Jahr lang rot und feucht erhalten werden, oder schweres Unheil fällt auf die Thugs. Die Männer, mit denen ich von Buhawalpur kam, begegneten einer Gesellschaft von reifenden Faringis. Ich erhielt den Befehl, mich ihnen anzuschließen und einen der Sahibs, den jüngsten von ihnen, zu verlocken, daß sie ihn gebunden heimlich zur Burg der Göttin mit sich schleppen möchten. Der Mann, den sie mir bezeichneten, war jung und schön wie Krischna selber. Ich tanzte vor ihm und seinen Freunden, während die Thugs sich verborgen hielten vor ihren Augen. Meine Blicke sandten Feuer in seine Seele, und er drang in mich, seine Geliebte zu werden. Ich versprach es ihm, wenn er in der Nacht sein Zelt verlassen und zu mir kommen wolle, und gab ihm einen Ort, an dem wir uns treffen wollten. Der Faringi ging in die böse Falle, die ich ihm gestellt. In der zweiten Nacht, nachdem ich seine Gesellschaft getroffen hatte und also kein Argwohn auf mich und meine Begleiter mehr fallen konnte, verließ er das Lager seiner Gefährten und suchte mich auf an den Trümmern des Grabmals, das ich ihm als Ort unserer Zusammenkunft bezeichnet hatte. O, wie innig hatte ich gehofft, daß er nicht kommen, daß die blutige Bhawani ein anderes Opfer erkühren werde! Aber er liebte mich und kam, und er lag an meiner Brust und an meinem Herzen, und er schwur, daß er sich nicht mehr von mir trennen werde, als die wilden Buthotes herbeistürzten und ihn aus meinen Armen rissen. Nur seine Augen vermochten noch zu sprechen, und sie lagen mit Abscheu und Vorwurf auf der Verräterin! Da, Fremdling, flüchtete ich wehklagend in die dichteste Wildnis: ich verfluchte mich und den Dienst der Göttin, denn jetzt erst erkannte ich, daß Cama wahre Liebe zu dem Verratenen in mein Herz gesäet. Entschlossen, mit ihm zu sterben, den ich verraten, begleitete ich die Bande der Thugs, und die Aufmerksamkeit seiner Wächter machte es mir unmöglich, ihm ein Wort des Trostes zuzuflüstern. Vor zwei Tagen trafen wir in Malangher, der Burg Tukallahs, ein, und seitdem schmachtet er in den furchtbaren Höhlen des bösen Zauberers!« »Aber wie soll ich, der Fremde, Machtlose, das unglückliche Opfer eines teuflischen Wahnes retten?« »Höre mich an! Die Feier der blutigen Göttin dauert drei Nächte. Ich weiß, daß der Faringi erst in der zweiten zu sterben bestimmt ist – wenn sie kommt, muß er fern sein von der blutigen Stätte.« Die Bajadere hatte sich leise von seiner Seite gestohlen und war mit der Gewandtheit und Geräuschlosigkeit einer Schlange nach der Tür des Gemaches geglitten, wo sie lauschte. Dann öffnete sie leise diese Tür – es war, wie sie vermutet, Kassim, der Thug, hatte bereits das Lager vor der Tür seines Herrn verlassen, ihn in den Armen der Tänzerin bis zum nächsten Morgen in Sicherheit wähnend. Sie huschte zum Erstaunen des Arztes blitzschnell hinaus, kehrte aber schon nach wenigen Augenblicken zurück, ein Bündel tragend, das sie draußen verborgen gehabt. »Kassim,« berichtete sie hastig, »ist bereits hinabgestiegen zu den Tiefen der Burg, und die Zeit des Handelns ist da. Jetzt, Fremder, merke auf meine Worte, denn das geringste Vergessen würde uns beiden das Leben kosten und eines verderben, das kostbarer ist, als das unsere. Hast du je von der Ramasyana gehört?« »Nein.« »Es ist die geheime Sprache der Thugs. Dies« – sie machte die eigentümliche Bewegung der Hand, durch welche Tukallah sich den Mördern zu erkennen gegeben – »ist das Zeichen. Dieses Gewand mit der Verhüllung des Hauptes wird uns beide unkenntlich machen, wie die Mitglieder des Bundes einander unbekannt bleiben bei dem Opfer. Obschon ich als Weib ausgeschlossen bin von dem Opfer der Göttin, sind mir die Geheimnisse dieser Burg wohl bekannt, daß ich selbst in der dichtesten Finsternis durch ihre Gänge und Schluchten dich leiten könnte. Jetzt entkleide dich rasch, birg deine Waffen in deinem Gürtel und hülle dich in dies Gewand, damit ich deinen Leib dem der braunen Männer ähnlich mache!« Sie ging rasch dem Deutschen mit ihrem Beispiel voran, indem sie ihre Frauengewänder von sich streifte und sich in einen weiten dunklen Überwurf hüllte, der am Hals eine Art von Wachskapuze hatte, die über den Kopf gezogen werden konnte und Öffnungen für Augen und Mund enthielt. Dann beugte sie sich nieder und begann ihm die Beine bis zum Knie aufwärts mit einem Pflanzensaft zu reiben, der die europäische Weiße alsbald in das Mahagonibraun der Eingeborenen verwandelte, damit, da sie mit nackten Füßen ihre Wanderung antreten mußten, die hellere Farbe des Fremden nicht die Aufmerksamkeit des einen oder des anderen Spähers auf sich zöge. Nachdem alle diese Vorbereitungen getroffen waren und beide die Kapuze über das Gesicht gezogen hatten, hieß die Tänzerin den Gefährten folgen und verließ den Pavillon, dessen Tür sie wieder anlehnte. Anarkalli flüsterte dem Deutschen zu, sich gleich ihr einige Schritte im Schatten zu halten, damit die Mohren nicht erkennen möchten, aus welchem der Kiosks sie gekommen, dann schritten sie dreist hinaus in das Mondlicht, und quer durch den Garten, nach dem großen Eingang der Pagode. Die ehernen, mit seltsamen und grotesken Figuren gezierten Flügel der großen Tür derselben standen geöffnet, und sie traten in das Innere. In der Mitte dieses Raumes stand einer jener kolossalen und prächtigen Sarkophage, die man so häufig noch in den gigantischen Ruinen Indiens findet, und die der Asche eines mächtigen Herrschers, eines heiligen Mannes oder berühmten Kriegers zur Ruhestätte dienen. Zu Häupten desselben stand eine kleine metallene Schale, aus der eine weiße Flamme emporzüngelte. Dieser näherte sich die Bajadere und zündete daran den Docht einer Lampe an, die sie aus ihrem Gewände hervorholte und die der Form ähnelte, deren sich die europäischen Bergleute bedienen. Dann winkte sie ihrem Begleiter und schritt auf die dem Eingang der Pagode gegenüberliegende Wand zu. Aus dem dunklen, unheimlichen Dämmerschein schienen sich plötzlich zwei riesige Elefantengestalten aufzurichten, während das langgekrümmte Elfenbein der Zähne drohend hervorleuchtete. Es bedurfte einiger Augenblicke, ehe der Arzt begriff, daß die beiden riesigen Tiere nur Steingestalten waren, die in halbem Körper aus dem Bau hinter ihnen, gleichsam zum Schutz der höhlenartigen Tiefe, die zwischen ihnen gähnte, hervortraten. Auf diese Höhle schritt die »Granatblüte« zu und begann sofort eine Reihe von Stufen hinabzusteigen, die in die unergründliche Tiefe führten. Walding sah ein, daß er zu weit gegangen, um von dem Abenteuer zurückzutreten, auch wenn ihn sein der schönen Verbrecherin gegebenes Wort nicht gebunden hätte, und folgte daher dicht hinter ihr drein, um das leitende Licht nicht zu verlieren. Anfangs schräg, dann immer steiler, schritten sie weit über hundert Stufen in die Tiefe. In den Gängen und Wölbungen schwanden zuweilen schwache Lichtstreifen vorüber oder glühten einzelne Lampen, wie die, welche seine Begleiterin trug, gleich Funken sich annähernd oder entfernend. Hastig und ohne in der Wahl der Gänge zu zaudern, schritt die Bajadere vorwärts, und sie stiegen aufs neue abwärts in die Tiefen der Erde. Aber nicht mehr allein waren sie jetzt in der unterirdischen Einöde. Dunkle Gestalten, in Kapuzen gehüllt, am Gürtel oder um den Kopf gewunden den Rumal – das verhängnisvolle Seidentuch – oder die Phansi, die Schlinge, und oft mit schweren Bündeln beladen. Sie machten stumm einander das Bundeszeichen und schritten vorwärts. Zweimal erbebte der Deutsche in dieser furchtbaren, dämonenartigen Gesellschaft: das erste Mal, als zwei der Thugs an ihnen aus einem Seitengang vorüberschritten, auf einer Art von Hängematte einen langen, ballenartigen Packen tragend, der im Licht der Lampen sich zu bewegen – von dem ein dumpfer Seufzer an das Ohr des Arztes zu tönen schien; – das zweite Mal, als ein hochgewachsener, fremdartig gekleideter Hindu an ihnen vorbeikam, dem auf den Fersen ein gezähmter, ziemlich großer Tiger nachschlich. Die Bestie, den Kopf tief auf den Boden gebückt, blinzelte mit den gelbgrünen Augen auf die Vorübergehenden und knurrte so wohlgefällig wie die Katze, wenn sie sich putzt oder einen fetten Schmaus wittert. Immer weiter kamen sie, und immer größer wurde die Zahl derjenigen, die dem gleichen Ziel wie sie zuschritten. Walding glaubte ein dumpfes Geräusch, ein Murmeln und Grollen in weiter Ferne zu hören, und er sah in einiger Entfernung einen matten Lichtschimmer, gleich der rötenden Glut einer mächtigen Feuersbrunst, zu der Decke des Gewölbes empordämmern. »Mut, Fremdling, und Vorsicht!« flüsterte noch einmal die Stimme des Mädchens dicht an seinem Ohr, – »wir nahen dem Kreis der Gurus und Chams bei dem Bild der Göttin, und müssen vorsichtig die gegenüberliegende Seite des Gewölbes zu erreichen suchen. Sprich nichts, als den Gruß der Thugus, und tue alles, was du mich tun siehst.« Sie waren kaum hundert Schritt gegangen, als sich vor ihnen ein ebenso eigentümliches wie schreckliches Schauspiel eröffnete. Sie standen am Rande eines etwa fünfzig Fuß tiefen Abgrundes, der sich zu einem riesigen Kesselgewölbe bildete, dessen Enden in der Dunkelheit verschwanden, obschon das Licht von wenigstens zweihundert Fackeln und ein großes, in der Mitte dieses riesigen Felsensaales unterhaltenes Feuer auf einen ziemlich weiten Umkreis volle Tageshelle verbreiteten. Wohl tausend Menschen bewegten sich in diesem Raume. Ihnen gerade gegenüber, nahe dem Feuer, stand auf einer Erderhöhung das riesige Bild der furchtbaren Göttin, der dieser scheußliche Kultus galt. Auf einer breiten etwa drei Fuß hohen Stufe von schwarzem Marmor erhob sich ein gleicher Würfel und auf diesem die mindestens zehn Fuß große Gestalt der Bhawani von massivem Silber. Sie hatte die Gestalt einer Furie, reitend auf einem Tiger, in wilder, drohender Stellung. Das Antlitz war scheußlich anzuschauen, halb Wolf, halb Mensch, in den Augenhöhlen funkelten zwei kolossale Rubinen. Schlangen und Eidechsen bildeten ihr Haar, und während der linke Krallenarm sich auf das Haupt des Tigers stützte, schwang der rechte die gewaltige Kassy, die eiserne Spitzaxt, das heiligste Symbol der schrecklichen Verbrüderung, bei dem zu schwören den Thug für alle Ewigkeit an seinen Eid bindet, fester als der Schwur auf den Koran oder das heilige Gangeswasser. Der Fuß der Bildsäule war mit Blumen bestreut, dazwischen lag ein ehernes Bild der Schlange und der Eidechse, eine Schlinge und das Seidentuch, ein Messer und die heilige Spitzaxt. Um das Bildnis der Göttin hatte, an dem Rande der untersten Stufe, ein Kreis vermummter Männer Platz genommen, die jedoch statt der schwarzen Verhüllung eine solche von weißer Wolle trugen; Es waren die Chams und Gurus der Sekten, in ihrer Mitte der Ober-Guru, kenntlich an dem weißen Turban mit blitzenden Goldbändern, den er trug – nicht weit von ihm bemerkte Walding den Phansigar mit dem Tiger, der ihnen vorher begegnet war. Ein Zwischenraum von einigen Ellen, in dem zierlich geflochtene Körbe mit Früchten, Backwerk und geistigen Getränken standen, trennte den Kreis der Häupter von der Masse der rings umher auf den Fersen hockenden oder an dem Feuer beschäftigten gewöhnlichen Mitglieder des Bundes. Von Zeit zu Zeit wurden in dies Feuer wohlriechende Essenzen gegossen, deren lieblicher und berauschender Duft das ganze kolossale Gewölbe erfüllte. Es war ihnen gelungen, unfern der Masse einen etwas erhöhten Standpunkt hinter einem Felsvorsprung zu gewinnen, von dem aus sie, ohne auffällig zu werden, den ganzen Mittelgrund und die sich auf demselben ereignenden Szenen übersehen konnten, während sie zugleich, ohne Furcht, gehört zu werden, mit leiser Stimme sich unterhalten mochten, da das dumpfe Gemurmel dieser Masse von Menschen eben jenes rollende Getöse verursachte, das der Arzt auf dem Wege gehört. »Siehst du die goldene Schale, die vor dem Bilde der Göttin steht?« fragte schaudernd das Mädchen. »Es ist das ewige Opfer des Rakkat-Byj!« »Was willst du damit sagen?« »Rakkat-Byj Blutsamen war der mächtigste Dämon, so groß, daß der tiefste Ozean seine Brust nicht erreichte, welcher die Welt beunruhigte und alle Geborenen verschlang, bis die Bhawani ihn tötete. Aber aus jedem seiner Blutstropfen entstand ein neuer Dämon. Da schuf die Göttin zwei Männer aus dem Schweiß ihrer Arme – das waren die Urväter aller Thugs – und gab jedem ein Tuch, die Rumals, damit sie die Dämonen erdrosselten, ohne daß aufs neue Blut vergossen werde Die indische Sage von der Entstehung bei Thugs, die bis ins fernste Altertum hinaufreicht. Schon Herodot erwähnt im Heere des Xerxes einer Rotte dieser Mörder. . Seitdem ist das Blut der süßeste Wohlgeruch, den die Göttin empfängt, und darf nimmer trocken werden zu ihren Füßen. Im Tempel der Feueräugigen zu Kalkutta und Bindabaschni werden jeden Monat tausend Ziegen und andere Tiere geopfert, damit das heilige Blut fließend bleibe, aber hier ...« Sie schauderte und schwieg. »Rede weiter – jene Schale ...?« »Sie wird nie leer und trocken von dem Blut aus den Adern der Menschen.« »Entsetzlich! – aber wie ist es möglich, daß diese Unzahl von Morden alljährlich ungestraft verübt werden kann, bloß um einem Aberglauben zu frönen?« »Blick hin, und du wirst schauen, wie groß die Zahl der Opfer sein muß, denen man solche Reichtümer abnehmen konnte.« Auf ein Zeichen des Ober-Guru stand einer der Chams nach dem andern auf, winkte hinein in die dunkle Menge, und jedesmal traten ein oder mehrere Männer mit Packen beladen heran, schritten in den heiligen Kreis und leerten ihre Säcke oder Körbe auf der untersten Stufe des Bildes. »Das sind die Jumaldehythags aus Aude und von östlich des Ganges,« berichtete das Mädchen. »Sie haben die reichen Länder des Duab zu ihrem Gebiet und bringen den dritten Teil ihrer geraubten Schätze. Jene dort, die jetzt ihre Körbe leeren, sind die Multhaneas, Mahomedaner aus dem Norden, die ihre Reisen als Ochsenführer machen und als Kaufleute ihre Schlachtopfer verlocken. Ihnen folgen die Chingarys oder Raiks, die in der Nachbarschaft von Hingoly leben. – Jetzt folgt die große Schar der Sufyas, Männer der niedersten Kasten aus Jeypure, Malwa und der Radjputana, die als Handelsleute, Geldträger und Sepoys das Land durchstreifen. – Dort kommt der Guru der mächtigen Phansingars von Myhore, dem Carnatic und Chittar« – sie wies auf den Mann mit dem Tiger, der sich eben erhoben und seine Begleiter heranwinkte. »Es sind die Tiger der Wüste, und sein Tiger greift den Phansigar an. Sie haben ihre besondere Sprache und ihre Zeichen, aber ich kenne sie und jenen Mann, der der blutigste ist von ihnen allen. Leicht ist es ihnen, jene Schätze zu bergen, denn sie lauern auf dem Wege den Diamanten- und Perlenträgern aus dem Westen auf und morden um einer Rupie willen. – Jetzt nahen die Flußthags von Burdwan an den Ufern des Hughly, die den Ganges auf- und niederschiffen, die Pilger nach den heiligen Orten einladen, mit ihnen zu fahren und sie auf dem Fluß erdrosseln. – Die Lodahas und Matnas aus Bahar und Bengalen sind jetzt an der Reihe, ihre Geschenke niederzulegen, und ihnen folgen die Männer aus Scinda.« Die Niederlegung der Schätze war jetzt beendet, der Ober- Guru bestieg die Stufe des Altars und berührte mit Hand und Stirn dreimal die Füße der Göttin. Eine tiefe lautlose Stille verbreitete sich unter der unheimlichen Menge, und der Ober-Guru erhob seine Stimme, die dem Ohr des Arztes nicht unbekannt zu sein schien, und rief: »O Kaley! Kankaly! Bhudkaly! Deine Knechte sind bereit und haben zu deinen Füßen niedergelegt das Dritteil deines Segens. Wenn es dir gut deucht, mächtige Göttin, daß das Opfer beginne, damit das von dir vergossene Blut erneuert werde, so gib uns den Thibau !« Auf seinen Wink wurde ein schwarzes Schaf herbeigeführt und auf die Höhe des Piedestals gelegt, wo ihm der Ober-Guru den Hals abschnitt, während seine Gehilfen den rechten Vorderfuß in das Maul des Tieres steckten. Der Körper des Opfers zuckte hin und her und warf sich zuletzt auf die rechte Seite, worauf der Ober-Guru der Versammlung verkündete, daß die Göttin ihnen gnädig sei und die Feier beginnen könne. Ein wildes Delirium, ein Wahnsinn schien zugleich die düstere Menge erfaßt zu haben, und es entfaltete sich ein Anblick vor den Augen des Arztes, wie ihn kaum die Phantasie Dantes aus den Schlünden der Hölle entlehnen könnte. Gleich Besessenen sprangen und tobten alle die menschlichen Dämonen umher, einzeln, in Kreisen und Reihen drehten sie sich wirbelnd, wie tanzende Derwische, springende Bachanten. Hier rissen sich einige die Verhüllung vom Haupte, durchbohrten ihre Wangen mit Messerstichen und schlitzten sich Lippen und Zunge, oder stießen die Klingen in das Fleisch ihrer Arme und Schenkel, daß das Blut weit umherspritzte; andere warfen die Gewänder ab, tanzten nackt mit wilden phantastischen Gebärden um das Feuer und stürzten sich durch dieses hin, daß die Flammen an ihrem Haar und Bart emporloderten, wenn sie auf der entgegengesetzten Seite heraustaumelten. Walding sah betäubt diesem entsetzlichen Schauspiel zu, bis plötzlich der laute, die ganze Wölbung wie Posaunenstoß durchzitternde Ton eines Tamtam dem Toben und Rasen ein Ende machte. Ein zweiter Schlag, und lautlose Stille trat ein. Vor dem Altar der Göttin standen der Ober-Guru und drei der Priester des schrecklichen Kultus, die anderen waren während des Tobens und Rasens verschwunden. Die Hand der Bajadere legte sich schwer auf den Arm des Arztes. Hätte sein Auge die Verhüllung ihres Gesichts durchdringen können, er würde gesehen haben, wie bleich und blutlos ihr Antlitz war – so fühlte er bloß das Zittern ihrer Hand und Gestalt. »Was gibt es?« »Fasse deine Kraft zusammen und verbanne das Gefühl aus deinem Herzen, Fremdling – der Augenblick der Prüfung ist erschienen.« Ein eintöniger Gesang schien aus den Tiefen der Wölbung wie aus dem Grabe emporzusteigen und schwoll mächtiger und mächtiger an, wie die, von denen er ausging, aus der Finsternis dem Lichtkreis näher und näher kamen. Die Menge der Thugs um das Bild der Göttin öffnete sich, dem Zuge Platz zu machen. Voraus schritten sechs in weiße Gewänder gehüllte Chams, von denen jener Gesang ertönte. Dazu trugen sie in den Händen metallene Becken, auf die sie von Zeit zu Zeit im Takt zugleich schlugen, so daß der dröhnende Klang eigentümlich durch ihren Gesang schnitt. Hinter ihnen kamen dunkel verhüllte Gestalten, die große Bahren trugen, auf denen lange mit Tüchern bedeckte unerkennbare Gegenstände ruhten. Es waren ihrer fünf solcher Bahren, auf jeder zwei verhüllte Packen: langsam, unter dem Gesang der Vortretenden, schritten die Träger mit den Bahren in der Mitte des Kreises, und setzten sie dann rings um den Fuß des Götzenbildes nieder. Hinter den Bahren kam in grotesken, buntem Aufputz, mit goldenen und silbernen Flittern und den schreiendsten Farben geschmückt, mit getrockneten Schlangenhäuten, Eidechsen und Gebeinen behangen, tanzend und springend eine koboldartige Figur von gräßlichem Ansehn daher. Die Thugs warfen sich mit dem Antlitz auf den Boden, als der Zauberzwerg mit seinen giftgeschwollenen Reptilien an ihnen vorübertanzte. Hinter ihm her kamen wiederum, singend und die Becken schlagend, sechs Chams und schlossen den Zug, der sich um das Bild der Bhawani auf der erhöhten Stufe gruppierte, so daß alles, was vorging, den Augen der ganzen Versammlung sichtbar war. Der Zwerg war hinter dem Fuß der Bildsäule verschwunden. Ein gewaltiger dröhnender Schlag auf das Tamtam – und ringsum herrschte wiederum feierliche Stille. Ein weiterer Schlag, und wie von unsichtbaren Händen hinweggerissen, flogen die Decken zur Seite, welche die fünf Bahren verhüllten. Auf jeder derselben lagen zwei menschliche Körper – lebend – denn ihre Bewegungen zeigten dies, wenn auch ihre Füße und Hände durch unzerreißbare Schnüre von Kokusfäden fest zusammengefesselt waren und die Lippe stumm blieb, denn ein teuflisches Werkzeug füllte und schloß ihren Mund. Kein Brahmine, kein Armer, keine Bajadere und kein Barde dürfen die ersten Opfer sein, die der Thug tötet; die Menschen, die hier eines furchtbaren Schicksals harrten, waren zwei reiche Kaufleute aus Bombay, ein Juwelenschleifer, ein Landmann, zwei Sepoy, ein Schreiber aus dem Bureau der Kompagnieverwaltung, ein Parsi, ein europäischer Seemann und eine prächtig geschmückte Frau, die Begum oder Witwe eines indischen Fürsten. Einer der Chams ergriff die goldene Schale, von der die Tänzerin dem Arzt erzählt, daß sie das ewig feuchte Menschenblut enthalte, und folgte damit dem Ober-Guru, der von Bahre zu Bahre schritt, an jeder den Finger in die Schale tauchte, und mit einem blutigen Streifen die Stirn jedes einzelnen Opfers bezeichnete. Dann trat der Ober-Guru zurück zu dem Altar – ein anderer Cham reichte ihm ein Messer von oben breiter und unten schmaler Form, und zwei Priester hoben auf seinen Wink den Körper des Parsi auf. Ein Augenblick, und der Unglückliche war aller seiner Kleider beraubt, und der nackte Körper wurde auf den schwarzen Steinwürfel gehoben, der das Piedestal des scheußlichen Götzenbildes ausmachte, und zu dessen Füßen ausgestreckt. Einer der Chams nahm den Knebel aus seinem Mund. Der alte Kaufmann hatte das Schicksal, das ihm bevorstand, längst erkannt und den Thugs, die ihn gefangen genommen, neben den Schätzen, die sie ihm bereits geraubt, eine kolossale Summe für seine Freilassung geboten, – aber sein Vorschlag war von den blutigen Fanatikern verächtlich zurückgewiesen worden. Jetzt – dem Tode so nahe – schaute er mit Entschlossenheit und Gleichgültigkeit, welche diese Leute und die Hindus im allgemeinen gegen den Tod erfüllt, diesem trotzig ins Angesicht. Kein Schrei der Furcht, keine Bitte um Gnade, ja nicht einmal ein Zucken der so natürlichen Angst und Qual entstellte sein ernstes, schönes Antlitz, als der Ober- Guru mit dem Messer ihm nahte, nur Haß und Drohung sprühte aus dem kühnen Auge des alten Mannes. Im Schein der Flammen blitzte die dreieckige Klinge – hochgeschwungen – dann senkte sie sich nieder und tauchte die Spitze mit anatomischer Genauigkeit in die Kehlader des Opfers. Ein Strom dunklen Blutes spritzte empor. Zwei der kräftigsten Chams warfen sich auf den Körper, Beine und Kopf festzuhalten, während der dritte in der goldenen Schale das Blut auffing, das den Adern entströmte. Den unwillkürlichen Schrei, den der Arzt bei dem kaltblütigen Morde ausstieß, übertönte der Gesang der Priester. Entsetzlich, empörend anzuschauen war es jetzt, wie der kräftigste der bei dem Morde tätigen Chams, als das Blut langsamer und weniger zu fließen begann, auf den Körper des Parsi sprang und diesen gleichsam zu kneten begann, um jeden Tropfen des kostbaren Blutes für den scheußlichen Dienst der Göttin auszupressen. Schwächer und schwächer wurden die Zuckungen des Opfers, bis die Glieder im letzten Kampf erstarrten und sich streckten. Dann erhob der Ober-Guru seine Hände zum Bilde der Bhawani und bespritzte sie siebenmal mit dem frischen Blut. Mit einer Schnelligkeit, die es kaum bemerken ließ, war der Leichnam des Parsi von bereitstehenden Priestern aufgehoben und fortgebracht worden zu den Gräbern, die vorher zur Aufnahme von je zwei Körpern, die mit den Füßen stets gegeneinander gelegt werden, vorbereitet waren. Wieder tauchte der Ober-Guru seine Finger in das Blut, bezeichnete erst seine eigene Stirn mit einem Tropfen desselben und dann die der Chams, welche bei dem Morde tätig gewesen waren, worauf andere deren Stellen einnahmen und die ersten mit der Blutschüssel zu der sich herandrängenden Menge traten, um jeden einzelnen auf gleich abscheuliche Weise zu salben. Unterdessen war das zweite Opfer herbeigebracht worden – es war die Begum, eine noch junge, schöne Frau von den anmutigsten Formen. Schonungslos wurde ihr die reiche Kleidung vom Leibe gerissen und der sich in Furcht und Entsetzen windende herrliche Leib auf den schrecklichen Stein gehoben. Als der Ober-Guru ihr den Knebel aus den Zähnen zog, gelang es der Unglücklichen, die wahrscheinlich zu lose Fessel ihrer Fußgelenke abzustreifen. Sie stürzte sich herunter, ward aber im Augenblick wieder ergriffen und zu Boden geworfen. Ihr Flehen, ihr Jammern, ihr Geschrei waren herzzerreißend und übergellten den bei dieser schrecklichen Szene lauter anschwellenden Gesang der Priester, der ihre Stimme zu ersticken suchte. Im Nu waren die Füße der jungen Frau wieder gefesselt und sie hinaufgehoben auf den noch bluttriefenden Stein. Hinter dem Vorsprung der Felsen rang der Arzt gegen seine Begleiterin, die seine Hand festhielt, welche nach dem verborgenen Pistol faßte, um den bedrohenden Mörder niederzuschießen. »Wahnsinniger! – vergißt du so deinen Eid? Es ist eine Verächtliche, Ausgestoßene, die dein Mitleid nimmer verdient, denn sie hat sich der Sotti entzogen, die ihre Seele in den Schoß Gamas befördert hätte!« Ein gellender entsetzlicher Schrei belehrte besser als ihre Bitten und Abmahnungen den Widerstrebenden, daß jede menschliche Hilfe zu spät käme. Ein Blick in das dunkle Gewühl zeigte ihm die lange blutige Furche, die das Opfermesser des Guru über den Leib der unglücklichen Frau gezogen hatte, und daß ihr Körper bereits in den letzten Todeswindungen sich unter den Händen der entmenschten Priester bäumte. Kalter Schweiß bedeckte seinen ganzen Körper, seine Glieder zitterten, sein Herz schlug hörbar, als er sich willenlos von der Tänzerin fortziehen ließ. »Es ist Zeit, daß wir selbst in das Gewühl uns mengen, um die andere Seite der Höhle zu erreichen,« flüsterte das Mädchen. »Fasse mein Gewand, schließe die Augen und folge mir!« Ein Teil der Chams war fortwährend beschäftigt, den Thugs die entsetzliche Salbung zu erteilen und bewegte sich durch die andrängende Menge, während das Geschäft des Mordens und Blutauffangens in große Becken unaufhaltsam im Mittelpunkt seinen schaurigen Gang ging. Plötzlich hörte er zwischen dem Gesang der Priester, in den nach und nach die Menge der Blutgeweihten einzufallen begann, ein dumpfes Murmeln fremdartiger Worte dicht vor sich und fühlte sich mit Gewalt niedergerissen von der Hand seiner Begleiterin. Umblickend erkannte er schaudernd vor sich das weiße Obergewand zweier Chams und in den Händen des einen das entsetzliche Becken – sah eine Hand erhoben, die leicht seine Kapuze lüftete, und fühlte im selben Augenblick einen warmen, feuchten Tropfen auf seiner Stirn. Er wußte – es war Menschenblut – das warme, frische Blut des unglücklichen Parsi oder der schönen Witwe. Er war einer Ohnmacht nahe und begriff kaum die entsetzliche Gefahr, der er soeben entgangen. Zum Glück für sie war die Menge zu sehr mit dem entsetzlichen Schauspiel in ihrer Mitte, mit der blutigen Salbung der Chams und mit ihren eigenen dämonenartigen Sprüngen und Bewegungen beschäftigt, um auf das Paar und sein Ringen zu achten. Erst in der Tiefe eines Seitengewölbes, wohin der Flammenschein der großen Höhle nur dämmernd drang und das teuflische Lärmen wie summendes Getön erklang, hielt die Bajadere inne. »Das Entsetzliche für deine Augen ist überwunden, jetzt gilt es zu retten, ehe es zu spät ist!« Sie zog aus ihrem Gewand eine Rolle fester Schnur, knüpfte das Ende an einen der hervorspringenden Felszacken und gab den Faden in die Hand des Arztes. »Die Gänge und Windungen dieser Höhlen,« sagte sie, »sind so verschlungen, daß keiner, der sie nicht genau kennt, sich in ihnen zurückfinden könnte. Ein Zufall vermöchte uns zu trennen; – in diesem Fall wird die Schnur in deiner Hand das Mittel sein, dich zurückzuführen zur Opferstätte, von der du unbesorgt den zum Tageslicht Emporsteigenden folgen kannst. Die Augenblicke sind kostbar für unser Wagnis – lege die Hand auf deine Waffen, fasse mein Gewand und folge mir!« Ohne Gegenrede tat der Deutsche, wie ihm geboten, und eilte hinter der Flüchtigen her, in der Linken den Faden, den er sorgfältig sich abwickeln ließ. So rannten sie durch mehrere sich kreuzende Gänge, die von Strecke zu Strecke in einer bestimmten Richtung durch einzelne Fackeln erhellt waren. Als sie eine Anzahl von etwa sechzig Stufen am Ende eines Ganges herabgestiegen waren, erscholl ein Brausen mit furchtbarer Gewalt über ihren Häuptern, Wasserstaub sprühte umher und drohte ihre Lampen zu verloschen, und als Walding die seine geschützt emporhob, erkannte er sich am Fuß eines furchtbaren Abgrundes, in den über sie hin aus der Felswand ein mächtiger Wasserkatarakt sich stürzte. Das Getöse war so gewaltig, daß die Bajadere ihren Mund an sein Ohr legen mußte, um ihm zu erklären, daß hier der unterirdische Ausfluß der Gewässer sei, welche von den Gebirgswänden des schönen Tales von Malangher in den kleinen See in dessen Mitte strömten, dessen Wasser in unerklärter Weise dort wieder verschwand. Zur Seite der stürzenden Flut, auf dem Plateau, auf dem die Eilenden sich befanden, bemerkte Walding seltsame, wie große Tannen geformte Gegenstände stehen – doch blieb ihm keine Zeit, seine Begleiterin nach deren Zweck zu befragen, denn unaufhaltsam zog diese ihn weiter, und bald lag der Wasserfall hinter ihnen. »Jetzt,« sagte Anarkalli, und die Hand, die den Gefährten hielt, krampfte sich fester, ihre Augen funkelten entschlossen im Schein der Lampen – »gilt es, zu zeigen, daß du ein Mann bist. Wir sind im Augenblick zur Stelle, aber unser Nahen deckt das Rauschen des Wassers. Der Ort, wo die Gefangenen aufbewahrt werden, liegt hinter jener Windung des Ganges – zwei Wächter stehen an seinem Eingang und müssen ihrer Göttin zum Opfer fallen, ehe wir zu jenen gelangen können. Brauche deine Waffen ohne Besorgnis, gehört zu werden, wenn du siehst, daß ich mich auf den einen von ihnen stürze!« »Ein Überfall – ein Mord hinterrücks ...« erwiderte der Arzt entsetzt. »Zehnfacher Tor – morden sie nicht deine Brüder heimlich – ist es Schande, wenn der Jäger den auf Beute schleichenden Tiger aus seinem Versteck niederschießt?« Der Arzt fühlte die Notwendigkeit und versprach, zu gehorchen. Die »Granatblüte« löschte ihre Lampe aus, nachdem sie einen malayischen Dolch aus ihrem Gewand gezogen und Walding seinen Revolver gespannt hatte – dann schlichen sie oder krochen vielmehr in der Dunkelheit vorwärts. Sie mochten etwa fünfzig Schritt zurückgelegt haben, als ein neues Bild sich ihnen bei einer Biegung des Felsenganges entrollte. Vor ihnen, in der Entfernung von kaum zwangig Schritten, öffnete dieser sich zu einer, wenn auch nicht so umfangreichen wie die Opferhöhle, doch geräumigen und ebenso hell erleuchteten Grotte, die in dem Licht der brennenden Wachsfackeln und Harzbecken in blendendem Goldglanz strahlte. Am Boden dieses Gewölbes lägen eine Anzahl von nahe an fünfzig menschlichen Wesen im bittersten Jammer der Gefangenschaft, jeder einzelne gebunden an Händen und Füßen, wie die Opfer, die zum scheußlichen Altar geschleppt worden. Die Tänzerin berührte mit ihrer kalten, zitternden Hand die ihres Gefährten und wies nach einer Seite des glänzenden Kerkers hin. Deutlich konnte Walding dort die Kleidung eines Europäers erkennen – ja, er glaubte ein europäisches Frauengewand nahe derselben Stelle zu bemerken. An dem torartigen Eingang lehnten gleich Schatten auf hellem Grund zwei bewaffnete Thugs, Bildsäulen gleich. Nur wenn einer oder der andere der Gefangenen – von brennendem Durst gefoltert – nach Wasser rief, bewegte sich einer der Wächter von seinem Posten, füllte ein Schale aus einem großen in der Mitte des glänzenden Kerkers stehenden Gefäß und hielt dies dem Verschmachtenden an den Mund. In dem Augenblick, als die Bajadere noch einmal bedeutungsvoll dem Deutschen die Hand drückte und dann, einer Schlange gleich, vorwärts glitt, standen beide Wächter unbeweglich am Eingang. Walding hatte sich über das Verfahren, das er innehalten wollte, entschlossen. Leise hob er die Kapuze in die Höhe, um bei dem bevorstehenden Kampfe besser sehen zu können, und hielt die gespannte Pistole in der Hand, bereit, im Augenblick vorzuspringen. Plötzlich wandte sich der eine der Thugs um, er glaubte ein Geräusch in dem Gang gehört zu haben. Im selben Augenblick war das Mädchen, am Boden fortkriechend, an die Seite des anderen gelangt, hob sich mit Blitzesschnelle in die Höhe und stieß ihm den Malayendolch bis ans Heft in die Seite. Dann, ohne sich um den Erfolg zu kümmern, stürzte sie in das Gewölbe. »Bei der Devy! ich bin ein Toter! Feinde! Feinde!« schrie der getroffene Mahratte, indem er taumelnd nach seinen Waffen griff, aber in dem Bemühen zu Boden stürzte. »Das Seil! das Seil!« Vor dieses, das aus einer in der Mitte der Decke gähnenden Öffnung herabhing und zu einer mächtigen Glocke in einer der oberen Felsenetagen führte, deren Klang sofort Hilfe herbeigerufen hätte, stand Anarkalli mit geschwungenem Dolch, entschlossen, mit ihrem Leben jede Annäherung daran abzuwehren. In dem Augenblick, wo Walding den Wächter getroffen sah und seinen Ruf hörte, war er gleichfalls vorwärts gesprungen und im Licht der Felsenspalte erschienen. Einen Moment lang zögerte bei dieser Überraschung der zweite Thug, ob er zu dem Seil eilen oder den zweiten Feind niederschlagen solle – dann wandte er sich mit dem grellen Kampfruf der Thugs: »Bajid! Deo!« ihm entgegen und hob die schwere Dschambea zum tödlichen Schlage. Der Schuß des Deutschen dröhnte durch die Wölbung – die Kugel hatte ihr Ziel getroffen und die Brust des Mörders durchbohrt, der in die Knie sank. Bei diesem Anblick flog die Bajadere herbei, und ehe Walding sie daran zu hindern vermochte, fuhr ihr Stahl über die Kehle des Wächters und vollendete sein Werk. »Sie oder wir,« sagte das Mädchen fest, »keine Lippe darf verkünden können, was hier geschehen! Aber bei Ganesa, dem Gott der Weisheit, lege das Tuch um dein Haupt, ehe du einen Schritt weiter gehst, denn niemand soll wissen, daß du in dieser Höhle des Todes gewesen, oder das Verderben würde sich an deine Fersen heften. Unser Werk ist erst zur Hälfte getan – komm!« Mit zwei Sprüngen war sie an der Seitenwand des Kerkers, kniete neben einer der dort liegenden Gestalten nieder, und der Dolch, der soeben noch in das Blut ihrer bisherigen Gefährten sich getaucht gehabt, durchschnitt die Fesseln der Glieder. »Stehe auf, Sahib,« sagte sie, »die dich in das Verderben geführt, wird auch dein Leben wieder erretten!« Sie schlug die Kapuze von ihrem Antlitz zurück. Der Befreite war ein junger Mann von etwa dreiundzwanzig Jahren mit kühnem, offenem Gesichtsausdruck und, wie er jetzt aufrecht stand, militärischer Haltung, obgleich er einen einfachen Jägerrock, ähnlich der Kleidung Waldings, trug. Wer der tapferen Verteidigung der einsamen Posada von Monako in der Wildnis der Apenninen gegen die Banditen vor fünf Jahren beigewohnt hätte, würde leicht in diesen von der Sonne Indiens gebräunten, männlicher gewordenen Zügen einen der jungen, übermütigen, aber wackeren Engländer wiedererkannt haben. Das erste, was der junge Mann tat, war, der Tänzerin, ohne sie eines dankenden Blickes zu würdigen, den Dolch aus der Hand zu reißen, einige Schritte zur Seite zu springen und die ähnlichen Fesseln der dort halb bewußtlos ruhenden Gestalt zu durchschneiden und dieselbe emporzurichten und an die Felsenwand zu lehnen. Dann stellte er sich vor sie, den Dolch in der Hand, und seine flammenden, wild umhergeworfenen Augen verkündeten, daß er auf jeden Angriff gefaßt sei. Die Gestalt, welcher der gefangene Brite eine so sorgfältige Aufmerksamkeit bewies, zu deren Schutz er sein Leben zu opfern bereit schien, war ein junges, jetzt todesbleiches Mädchen, offenbar seine Landsmännin. Mühsam nur erhielt, an den linken Arm ihres Befreiers sich anklammernd, die von Angst und Schrecken schwankende Gestalt sich aufrecht. Ihr reiches blondes Haar fiel ungeordnet und wirr auf ihre Schultern, ihre einfache, aber den gebildeteren und höheren Ständen angehörende Kleidung war an manchen Stellen zerrissen – blutleer Wange und Lippe, und das große blaue Auge halb geschlossen von den müden Wimpern und ausdruckslos, aber ein eigentümlicher Zauber von Sanftmut und Jungfräulichkeit lag über dem ganzen Äußeren des jungen kaum siebzehnjährigen Mädchens, dem ein so entsetzliches Schicksal bevorgestanden. »Kommt heran, blutige Mörder,« rief der junge Soldat mit entschlossenem Ton. »Nicht lebendig sollt ihr mich und dieses Wesen von dieser schrecklichen Stätte weiterschleppen! Nur einmal können wir sterben.« Die Bajadere, ohne Rücksicht auf die Folgen, warf die Hülle zurück, die ihr Haupt deckte. Ihr dunkles Auge sprühte in eifersüchtigem Feuer, als es sich auf das bleiche weiße Mädchen richtete, das der Mann, den sie liebte, so eifervoll verteidigte. »Erkennst du mich?« »Falsche! Schändliche! Du bist es, welche meine Torheit mißbrauchte, die mich in die Hände der Unholde lieferte! Du kommst hierher, um dich an den Leiden deines Opfers zu laben – fort von mir!« Sie senkte einen Augenblick das Haupt, wie vernichtet von dem Vorwurf; dann erhob sie es wieder, stark und entschlossen. »Weißt du, was mit deinen zehn Gefährten in diesem Augenblick geschieht, welche die Finsteren, denen das Schicksal mich beigesellt, von dieser Stätte gestern entfernt haben?« »Was kann ihr Schicksal in den Händen solcher Menschen wohl anders sein als der Tod – wir sind auf das schlimmste gefaßt!« »Tor – nicht auf die Wirklichkeit, die schrecklicher ist, als dein Geist sie zu malen imstande. Gräßliche Marter wird dein Hirn verzehren und jedes deiner Glieder tausendfache Pein erleiden. Ich, ich – die ich dich liebte, die dir Verderben gebracht – ich kann dich erretten. Überlaß jene dort dem Schicksal, das Schiwa ihr bestimmt, und folge uns!« »Wer bürgt mir für deine Aufrichtigkeit nach dem schändlichen Verrat, den du an mir begangen?« »Ein Landsmann – ein Europäer,« sagte der Arzt. »Ich bin Zeuge, daß Anarkalli ihren Verrat bitter bereut hat, daß sie unter hundert Gefahren diesen Versuch unternommen, Sie zu befreien. Und der Tod Ihrer grausamen Wächter muß Ihnen beweisen, daß wir Ihre Freunde sind, daß es uns Ernst ist mit unserer Hilfe!« Der junge Offizier sah erstaunt auf den Verhüllten, dessen Sprache und Worte ihn so unerwartet als einen Europäer erwiesen. »Großer Gott,« rief er bewegt, »wenn Sie ein Christ, wenn Sie ein Engländer sind, so dürfen Sie uns in dieser schrecklichen Not nicht verlassen. Mein Name ist Stuart Sanders , Leutnant in Ihrer Majestät 84. Regiment. Ich bin auf einer Reise nach dem Pendschab von meinen Gefährten ab- und in die Hände von Menschen gelockt worden, deren Zwecke mir unbekannt sind, aber nur verbrecherisch sein können!« »Sie sind in der Gewalt der Thugs, Sir!« »Ich ahnte es. Aber Sie, mein Herr – wer sind Sie, und welche Macht haben Sie über diese Mörder, die uns retten könnte?« »Leider keine – ich selbst bin eine Art Gefangener und kann Ihnen nur die Hilfe bieten, die Mut und Kraft eines einzelnen Mannes gewähren können. Ihre Befreiung sowohl als meine Rückkehr aus diesen entsetzlichen Höhlen hängt von dem guten Willen und der Umsicht dieses Mädchens ab, das mich hierher gebracht, Sie retten zu helfen!« Der junge Offizier betrachtete Anarkalli von der Seite – ihre Augen waren nach immer trotzig und finster auf ihn und die junge Dame gerichtet. »Wohl,« sagte er endlich, »ich will es glauben, daß Sie beide es ehrlich meinen und Ihnen trauen. Aber ich bin Mann und Soldat und weiß der Gefahr und dem Tod ins Auge zu sehen. Wenn Sie nicht uns alle zu retten vermögen, so retten Sie diese unglückliche Dame, die Nichte des Generals Wheeler, die, von den Mördern geraubt, ich in diesem Kerker gefunden habe. Retten Sie diese und seien Sie sterbend meines Dankes gewiß!« Die Tänzerin faßte leidenschaftlich seinen Arm. »Die Minuten sind gezählt – jede Versäumnis kann uns allen den Tod bringen. Was geht das bleiche Weib mich an? Dich will ich retten, dich allein! Anarkallis Brust ist bereit, den Todesstreich für dich zu empfangen oder dich zu neuem Leben zu erwärmen! Folge mir, o folge mir schnell!« Sie warf sich nieder zu seinen Füßen und umklammerte seine Knie. »Nicht ohne diese Dame!« Dämonische Flammen sprühten aus den Augen der Bajadere, als sie wild emporsprang. »Bei der blutigen Göttin, der ich dich entreißen wollte – du liebst dieses Weib, Faringi?« »Was würde es dich kümmern?« »Bei der Devy sei es geschworen – nimmer sollst du sie besitzen – eher möge der blutige Altar euch beide empfangen! An diesem Herzen hast du geruht, dieser Leib war der deine, Liebe hast du mir geschworen, und keiner anderen sollst du gehören, falscher Faringi! Komm!« Sie wollte stürmisch den Arzt mit sich davonziehen. Waldings Blicke ruhten mit inniger Teilnahme auf dem lieblichen blassen Gesicht der Halbohnmächtigen, die einem so scheußlichen Tode verfallen sein sollte. »Wenn Sie ein Christ, wenn Sie ein Mann sind,« flehte der Offizier, »so verlassen Sie uns nicht in dieser Not! Retten Sie die Lady!« Der Deutsche machte sich gewaltsam los von der Hand der Eifersüchtigen. »Du bist ein Weib, Anarkalli, und hast die Gefühle eines Weibes,« sagte er. »Kannst du eine deines Geschlechts, eine Unschuldige, Hilflose, einem so gräßlichen Schicksal überlassen?« »War die Begum, die auf dem Altar im Todeskampfe sich wand, nicht gleichfalls ein Weib und schuldlos? Was kann ich dafür?« zürnte die Tänzerin. »Habe Erbarmen – auch ich kann diese Unglückliche nicht verlassen, wenn ich auch unser Verderben vor Augen sehe!« »Er liebt sie – der Faringi liebt sie?« Ihr Ton war heiser und zischend, man fühlte, daß das bessere Gefühl mit der Leidenschaft rang. »Ich habe die Lady hier in diesem scheußlichen Kerker zum erstenmal gesehen!« »Sprichst du die Wahrheit, Christ?« »Bei meiner Ehre – bei der Hoffnung meines Glaubens!« »Komm hierher und überlaß das Weib diesem da.« Sie wies auf ihren Begleiter. »Er wird für sie Sorge tragen.« Mit Gewalt zerrte sie den jungen Offizier von dem Mädchen hinweg, dem Walding seinen Arm bot, sich darauf zu stützen. Ein Gefühl warmen innigen Mitleidens und fast zärtlicher Teilnahme überkam sein Herz, als er auf die zitternde Gestalt in das mit Furcht und mit Flehen auf seine Verkleidung blickende blaue Auge schaute, das in Tränen der Angst und neuer Hoffnung schwamm. »O Herr, den Gott uns zum Retter gesandt,« flüsterte sie, »wer Sie auch sein mögen, verlassen Sie uns nicht in dieser entsetzlichen Stunde!« »Nie – so lange Leben in mir ist, ich gelobe es Ihnen!« Er schwor es sich zu in diesem Augenblick in seinem Herzen. Während dieser kurzen Momente waren rasche, heiße Worte gewechselt worden zwischen der Bajadere und dem englischen Offizier. »Höre mich an, Faringi,« flüsterte das Mädchen, das ihn zu den Leichen der beiden Wächter gezogen hatte, »die Frauen dieses Landes lieben nicht wie die deinen, in deren Adern eisiges Blut rinnt. Mein bist du, denn ich habe dich erkauft mit dem Bruch heiligen Eides, mit der Strafe Jahrtausende langer Wandlungen nach diesem Leben! Niemals, niemals kann meine Liebe von dir lassen, aber Tod und Verderben würde sie jedem bringen, der dich mir entreißen wollte! Schwöre mir, mich zu lieben – immer – unverändert – keine andere, und ich werde dich retten und jeden, den dein Gebot mir bezeichnet!« Der Offizier zauderte einen Augenblick – sein Blick schweifte unwillkürlich hinüber nach der jungen Engländerin. »Du willst nicht? – Fluch und Verderben über dich und sie – über alles, was atmet!« »Ich schwöre!« Eine wilde Freude loderte in ihren Augen. Leidenschaftlich warf sie sich in den Staub vor ihn und umfaßte und küßte seine Füße. »Ich bin deine Sklavin, Sahib, von diesem Worte an, der Hauch deines Mundes, der Schatten deines Leibes! – Komm – denn die Zeit ist da!« In triumphierender hochaufgerichteter Haltung sprang sie empor und zog ihn hin zu dem Arzt und der Engländerin. »Ich werde euch beide retten, aber es ist nötig, daß ihr blind jedem meiner Worte folgt, so seltsam meine Weisung auch klingen möge. Dein Wille, daß dieses Mädchen uns begleite, macht eine Änderung meines Planes notwendig. Jetzt fort von hier, denn die Minuten sind kostbar. Nehmt die Waffen der Erschlagenen und folgt mir!« »Anarkalli« sagte der Offizier, sie noch einmal zurückhaltend, »sollen wir alle diese Unglücklichen einem schrecklichen Schicksal überlassen – können wir nichts tun, sie zu retten?« Sie stand einen Augenblick sinnend, die kleine Hand an die Stirn gepreßt, dann schien ein Gedanke sie zu durchzucken. »Retten? das ist unmöglich – aber ihnen Mittel geben, um ihr Leben zu kämpfen und sich zu rächen – ja, bei Yama, dem Richter der Toten – das ist ein glücklicher Gedanke und wird uns helfen!« Ehe fünf Minuten vergangen, waren alle ihrer Fesseln entledigt und drängten sich jetzt um die Befreier, denn die apathische Ruhe, mit der sie, dem morgenländischen Charakter gemäß, ihrem Schicksal sich unterworfen hatten, machte einer wilden, energischen Tätigkeit Platz, als so plötzlich ihnen die Gelegenheit wurde, ihre Lebenskraft zu entwickeln. Ein Wink Anarkallis, deren Haupt wieder mit der Kapuze verhüllt war, versammelte alle um sie her. »Brüder,« sagte sie mit erhobener Stimme, »die meisten von euch werden wissen, daß sie in den Händen der Thugs, der unerbittlichen Mörder sind. Nur eines bleibt euch übrig: zu kämpfen, um euer Leben und euch zu rächen. Ich habe euch befreit, aber ich vermag nur wenig mehr für euch zu tun. Seht diese Schnur, nehme einer sie in die Hand; wenn ihr derselben folgt, wird sie euch zu dem Versammlungsort eurer Mörder führen, die bereits eure Gefährten ihrer blutigen Göttin geopfert haben. In der ersten Höhle zur linken Hand auf dem Weg, den ihr verfolgt, findet ihr Waffen – aber eines versprecht mir zum Dank, verlaßt diesen Kerker erst, wenn die Fackel, die ich in diese Felsenspalte stecke, völlig bis zu dem Stein niedergebrannt ist!« »Und du schwörst uns, daß die Schnur uns zu unseren Feinden führen wird?« fragte ein muhamedanischer Kaufmann aus Kaschmir. »Bei den neun Wandlungen Wischnus! – Lebt wohl und möge er euch allen gnädig sein!« Sie legte die Schnur in die Hand des Kaufmanns, bedeutete ihn nochmals, wo sie die Waffen finden würden und zog die drei Europäer mit sich fort. Sie schritten, von Anarkalli geführt, eilig den Weg zurück, den diese mit dem Deutschen nach dem schrecklichen Kerker gekommen war. Walding unterstützte die junge Engländerin, um die Eifersucht der Bajadere nicht noch mehr zu erregen, während die letztere stumm und anscheinend noch mit sich selbst uneins, voranschritt. Bald vernahmen sie aufs neue das Brausen des Wasserfalls näher und näher, als die Tänzerin in einer Erweiterung des Gewölbes stehen blieb und ihre Gefährten dicht zu sich zog. »Der Augenblick naht,« sagte sie ernst, »wo es gilt, euren Mut und euren Gehorsam zu zeigen. Nur das unbedingteste Befolgen jedes meiner Worte kann uns retten. Wenige Schritte – und wir müssen uns trennen: zwei von uns müssen einen abgesonderten furchtbaren Ausweg aus diesen Höhlen einschlagen, bei dem nur Besonnenheit und Glück ihnen helfen kann. Hast du den Mut, mit diesem Mädchen allein durch die Masse der Mörder zurückzukehren?« »Sie – allein – bedenke –« »Der Pfad, den wir beide gehen,« erwiderte kalt die Bajadere dem Offizier, »ist ein Kampf um jeden Atemzug, der Tod in dem Abgrund der Unterwelt, wohin nie das Licht, der belebende Hauch der Gottesluft dringt, hörst du das Rauschen in deinem Ohr?« »Ein unterirdischer Wasserfall?« »Wohlan – seine Fluten sind der Weg, dem wir uns anvertrauen müssen. Was sind die Gefahren menschlicher Wut und Tücke gegen die unsichtbaren Schrecken der Tiefe. Oder fürchtest du, mit Anarkalli zu sterben, wenn der Augenblick des Todes gekommen?« Er schauderte und beugte einwilligend sein Haupt. Editha aber reichte der Hindu die Hand. »Ich vertraue dir,« sagte sie, »was du über mich bestimmst, möge geschehen – was sollte das Verderben eines armen Mädchen dir nützen, das dich nie beleidigt.« Mehr als alle Worte der Männer wirkte die einfache Rede der Jungfrau auf die Bajadere. Sie preßte die dargebotene Hand an Brust und Stirn. »Möge dein Schatten lange dauern, Jungfrau, und die Blume deines Herzens nimmer den milden Tau des Glückes vermissen,« sagte sie. »Cama, der Gott der Liebe, wird deine Wege leiten und uns in wenig Stunden den goldenen Sonnenschein wieder teilen lassen. Folge mir hinter diesen Felsen, damit wir eilig die Gewänder wechseln und die Augen der Männer uns nicht beleidigen.« Als sie nach wenig Augenblicken hinter den Vorsprung wieder hervortraten, hatten die beiden Mädchen so vollständig als möglich ihre Kleider getauscht, und die Lady erschien in der Verhüllung der Teilnehmer des blutigen Opferfestes. Die Bajadere trat zu dem Arzt. »Kröne das Werk deines Mutes, Hakim der Franken,« sagte sie, »indem du Vorsicht und Entschlossenheit die Begleiter deines Weges sein läßt. Die Gefahr, die ihr zu bestehen habt, ist dann nur gering. Diese Schnur führt dich, wie du weißt, zu der Opferhöhle der Thugs. Das Opfer für die dunkle Göttin wird beendet sein und du findest ihre Jünger in wildem Rasen, in dem man deiner und deiner Begleiterin nicht achten wird. Merke die Richtung wohl, und dringe durch die Menge zu der gegenüberliegenden Seite der Höhle, von welcher wir gekommen. Dort mußt du der Dinge harren, die sich ereignen werden – bald wird der Kampf jener Männer beendet sein, denen wir die Freiheit gegeben: ihr Entkommen ist unmöglich, aber ihr Tod wird euch retten. Sind sie besiegt, so werden die Thugs sich zerstreuen, denn nicht darf der junge Tag sie in diesen unterirdischen Gewölben finden. Folge schweigend den ersten, die den Gang betreten, aus dem wir gekommen; sie werden dich bis zum Grabmal Nurheddins in der Pagode geleiten, von wo aus du leicht den Kiosk, deine Wohnung, erreichen kannst. Viele Fremde befinden sich auf der Burg Matangher; wenn Gefahr oder Zweifel dir aufstößt, so mache dem ersten begegnenden das Zeichen des Bundes, das ich dich gelehrt und spich: »O Kaley! Ombra Nurheddin!« und sie werden euch für fremde Brüder halten und den Weg zeigend vor euch her schreiten, habt ihr glücklich den Kiosk gewonnen, so hülle diese Jungfrau mit den Goldhaaren in die Gewänder, die ich zurückgelassen, färbe ihre Füße mit dem Hennah und verbirg den Reiz ihres Angesichts in dichte Schleier. So wird sie für Anarkalli, die Abtrünnige, gelten, die ihr Erzeuger dir zum Eigentum gegeben. Morgen nach Sonnenaufgang wird Kassim dich wecken, um die Reiter zu begleiten, die dem Srinath Bahadur entgegenziehen. Befiehl dem Mayadar streng, darüber zu wachen, daß niemand dein Gemach betritt und der falschen Anarkalli naht. Er wird gehorchen und den Weg zu ihr mit seinem letzten Blutstropfen verteidigen. Murad Khan wird mit euch zu Rosse ausziehen, den Radschah von Bithur zu begrüßen. Er ist dein Freund und wird alles tun, was du von ihm verlangst. Wenn ihr das Felsentor des Tales überschritten, dann bleibe unter einem Vorwand mit ihm zurück und fordere ihn auf, dich an das Ufer des schwarzen Flusses zu führen, zu der Stelle, wo die sieben Dattelpalmen zwischen dem Felsgestein ihre Federkronen über die Flut erheben – ist Wischnu, der Erhalter, uns gnädig, so wirst du dort das weitere von mir hören. Hat Schiwa sein Opfer gefordert, o Fremdling, so bete für Anarkalli und ihren Geliebten!« »Aber wie wird es mir möglich sein, diese Unglückliche, Schuldlose aus den Mauern des entsetzlichen Schlosses zu befreien?« »Ich vergaß, dir das Mittel zu sagen,« entgegnete hastig die Bajadere. »Wenn Srinath Bahadur, den man Nena Sahib nennt, nach Malangher gekommen ist, so erkläre deine Absicht, mit ihm zu ziehen, begib dich in seinen Schutz und gib ihm das Schreiben, ohne ihm zu sagen, von welcher Hand du es erhalten. Es sollte jenem Mann seinen Schutz sichern, denn der Maharadschah ist ein Freund der Engländer – jetzt möge es dir und der Jungfrau helfen. Wenn der Bahadur es gelesen, wird er noch am selben Abend mit seinem Gefolge aufbrechen und weiterziehen; denn das Papier sagt, daß einer, die er liebt, mehr als das Licht seiner Augen, Gefahr drohe. Unter seinem Schutz wird es dir leicht werden, die Faringi-Jungfrau aus der Feste Tukallahs zu führen, ohne daß dieser den Betrug merkt. Und jetzt – lebe wohl, Hakim, und möge Lakschmi auf deinem Wege dich mit dem Füllhorn ihrer Gaben dafür überschütten, daß du einer, die verzweifelte, deine Hilfe geliehen. Halte deinen Eid des Schweigens, und Cama lasse unser Werk gelingen!« Anarkalli sprang zu den dunklen Gegenständen, die der Arzt auf dem Wege hierher in einer Felsengrotte bemerkt hatte und schleppte den größten derselben herbei. Jetzt, im Lichte der Lampen, konnte Walding die Form näher erkennen, er hatte sich in der Tat nicht getäuscht: es war ein ziemlich großes, tonnenartiges Gestell von starken Stahlreifen, das sehr sorgfältig gearbeitet, durch den Druck der Federn sich zusammenknicken ließ und über das ein dunkler, zäher Stoff gespannt war. Walding überzeugte sich, daß es eine feste, zähe Gummischicht sei, von jenem elastischen, dehnbaren und festen Harz. Noch begriff er nicht den Zweck des seltsamen Geräts. Die Hindu riß ihr Oberkleid ab, bedeutete Stuart dasselbe zu tun, sprang schwindelfrei vor an den Rand der Felsplatte und tauchte die Kleider in die herabstürzende Flut. Dann legte sie ihre Lippen an das Ohr des Offiziers und schrie ihm einige Worte zu. Einen Blick warf der junge, mutige Mann umher, dann stieg er in die Öffnung und Anarkalli bedeutete ihm, sich an zwei Ringen der Stahlreifen im Innern festzuklammern. Das Faß oder der tonnenartige Ballon war im Innern groß genug, um Raum sogar für drei bis vier Menschen zu gewähren und mit Klammern und Ringen zum Festschnüren von Gegenständen versehen. Walding schauderte – eisig kalt rieselte es durch seine Adern – er begann die furchtbar kühne Absicht des Hindumädchens zu ahnen, ohne doch die ganze schreckliche Gefahr zu verstehen. Anarkalli holte tief und schwer Atem, als wolle sie die frische, vom Wasser gekühlte Luft des Gewölbes in ihre Lungen pressen und schlüpfte mit der Gewandtheit einer Schlange in den Ballon. Das Haupt verschwand und entschlossen stieß die Hand von innen das die Öffnung auseinander sperrende Holz nach außen. Die Gummihülle sprang zum luftdichten Verschluß zusammen! Walding begriff, daß jeder Moment ein Leben wert sei, und sein Fußstoß traf den Ballon. Leicht rollte derselbe mit seiner lebendigen Last über den Felsengrund – im nächsten Augenblick war er in dem Schaum der Wasserkaskaden verschwunden. Er fühlte die neue Gefahr, und mit einer mannhaften Anstrengung seiner Seele wurde er wieder Herr seiner Sinne, seines Bewußtseins. Er wandte sich nach seiner Gefährtin – sie war an der nassen, kalten Steinwand niedergesunken, ein gänzlich hilfloses Wesen, seiner Kraft, seinem Mut allein anvertraut. Niemals – in keiner der mancherlei bitteren Stunden seines Lebens – war das Gefühl menschlicher Schwäche, des Bedürfnisses nach Gott, so gewaltig vor sein Inneres getreten. Kurz nur war sein Gebet – vielleicht wenige Warte oder Gedanken nur – aber als er sich erhob, war Glauben und Vertrauen in seiner Seele, und ohne falsche Scham, die so oft selbständige und kräftige Geister entehrt, sah er, daß die Britin neben ihm gekniet und Zeuge seiner Anrufung des Allmächtigen gewesen war. Die wenigen Augenblicke schienen auch das schwache zaghafte Mädchen neu gekräftigt, das Gebet des ihr unbekannten Mannes, dessen Antlitz sie nicht einmal gesehen, ihr Vertrauen zu diesem eingeflößt zu haben. Sie reichte ihm stillschweigend die Hand und gleichfalls, ohne ein Wort zu sprechen, zog er sie von der Stätte des Schreckens und folgte jetzt eilig mit ihr der leitenden Schnur. Sie mochten etwa zehn Minuten mit verstärkter Eile ihren Weg fortgesetzt haben, als plötzlich ein furchtbarer Ton ihren Schritt hemmte. Ein metallener Donnerklang, gleich dem schrecklichen Posaunenton des Weltgerichts, dröhnte durch die Windungen der Gänge und erschütterte in gewaltigem Echo die Gehörnerven. Im ersten Augenblick glaubte Walding den Ton des gewaltigen Tamtam zu hören, das das Signal zu der blutigen Feier der Thugs gab, bald jedoch unterschied er die regelmäßigen Schwingungen einer Glocke, deren Geläut in so mächtigen Tönen durch die Gewölbe dröhnte. »Die Wahnsinnigen – sie haben den Glockenstrang gezogen, der das Zeichen der Gefahr gibt und Hilfe für die Wächter des Kerkers herbeiruft!« Das furchtbare Läuten schwieg, aber ein fernes wildes Geschrei schlug von zwei entgegengesetzten Seiten an ihre Ohren. »Ewiger Gott – wir geraten zwischen sie und die Mörder selbst!« So war es in der Tat! – Als die der Stricke entledigten Opfer der Thugs sich mit den aufgefundenen Waffen versehen hatten und die Fackel – die Anarkalli ihnen zum Wahrzeichen aufgesteckt – niedergebrannt war, begannen die Entschlossenen den Versuch ihrer Rettung auf dem Weg, den die Schnur ihnen angab. Törichterweise jedoch hatte einer von ihnen das Seil ergriffen, das von der Decke herniederhing, und daran gezogen, wahrscheinlich in dem Glauben, daß er mit seiner Hilfe einen Ausweg aus dem Gewölbe finden möge. Der Ton der schwingenden Glocke entsetzte sie, und in dem Gefühl unbekannter vergrößerter Gefahr, mit der todesverachtenden Kühnheit der Verzweiflung stürzten sie in den Gang und eilten vorwärts. Walding erkannte, daß sie, trotz ihrer Verkleidung, verloren seien, wenn die herbeistürmenden Thugs ihnen begegneten – schon erblickte er in der fernen Tiefe des Ganges den Schein hochgeschwungener Feuerbrände, sah die dunklen Gestalten – da fühlte er zur Seite kühlen Luftzug, die umhergreifende Hand fühlte leeren Raum an der Felsenwand – es war einer der sich öffnenden Seitengänge dieses Felsenlabyrinths, und eilig – die Schnur, ihren einzigen Leiter in diesen Gefahren, loslassend – zog er seine Schutzbefohlene hier hinein und, an den Wänden forttappend, so eilig als möglich mit sich fort. Wenige Augenblicke danach sahen sie noch am Eingange der Wölbung Fackeln und Waffen schwingende Gestalten vorüberstürzen, dann entzog die Biegung des Ganges ihnen die Aussicht, aber gleich darauf schlugen schwache Pistolenschüsse und Waffengeklirr an ihre Ohren. Der Arzt griff unwillkürlich nach seinem Revolver – er war fort – er erinnerte sich, daß die Bajadere ihm denselben aus dem Gürtel gezogen und einem der befreiten Sepoys zugeworfen, ihm selbst aber nur den Yatagan des erschlagenen Wächters zu seiner Verteidigung gelassen hatte, aus Vorsicht ohne Zweifel, damit eine Unvorsichtigkeit sie nicht verraten möge. Die Hand des Höchsten jedoch wachte über ihnen. Nach wenigen Minuten eilfertigen Vorwärtsdringens sahen sie Lichtschein vor sich; – anfangs fürchtete Walding, er künde das Nahen neuer Verfolger, aber bald überzeugte er sich, daß sie auf einem Umweg der großen Felsenhöhle sich nahten, in welcher das blutgetränkte Bild der furchtbaren Göttin stand, und er beschloß, auf jede Gefahr hin, vorzudringen. Dieser Entschluß erlitt eine harte Prüfung, als sie die Öffnung des Ganges erreichten – denn der Anblick, der sich ihnen darbot, mochte selbst die festesten Nerven erschüttern. Eine entsetzliche Orgie schien nach Beendigung des Opfers – nachdem das letzte den Atem ausgehaucht – begonnen zu haben. In wilder Raserei tanzten Hunderte der dunklen Gestalten noch immer um den blutigen Altar, unbekümmert um den Kampf, der in der Masse wogte. Denn wenige Augenblicke vor ihrem Eintritt in die riesige Katakombe war die Schar der Befreiten, die auf den Klang der Glocke zu dem Kerker geeilten Chams zurücktreibend, in die Höhle gedrangen, Dolch und Säbel in der Faust, entschlossen, ihr Leben an die Mörder teuer zu verkaufen. Gleich einer Wasserflut schloß sich der Kreis der entsetzlichen Fanatiker in wildem Geheul um die Eingedrungenen, als ihnen das Geschrei der fliehenden Chams verkündete, daß es den Gefangenen gelungen sei, sich zu befreien. Der alte aber kühne und mutige Kaufmann aus Kaschmir hatte die Führung der kleinen, aber verzweifelten Schar übernommen und sie ermahnt, sich dicht aneinandergedrängt zu halten. Die Thugs dagegen waren sämtlich unbewaffnet, nur mit ihren schrecklichen Phansis oder Rumals versehen, aber von dem Fanatismus ihrer Lehre gleichgültig gegen Wunden und Tod gemacht. So stürzten sie in die Dolche und Speere der Gefangenen. Jeder Stoß – jeder Hieb – und es waren kräftige, tapfere Männer, des Kampfes gewohnt, unter der kleinen Schar – spritzte Ströme von Blut auf den Felsboden und machte eine Lücke in dem tobenden, heulenden Menschenwall, der sie umdrängte, aber die Flut schloß sich im Augenblick wieder, und die Gefallenen starben unter den Füßen ihrer Genossen, anrufend mit dem letzten Hauch die blutige Göttin. Auf der Schwelle ihres Altars stand der Ober-Guru, in seiner Faust hoch die heilige Spitzaxt geschwungen, umgeben von den Chams und Häuptern des Bundes. »Tötet! – Tötet! – Tötet! – Glücklich sind, die für die Bhawani sterben!« Sein dröhnender Ruf, seine mächtige Stimme überklang das Geheul und Getümmel des Kampfes, das Jauchzen der rasenden Tänzer um den Altar. Man sah nur den drängenden Knäuel der Menschenwoge, wie sie hin und her flutete – nur das Blitzen der Waffen hinein in den Wall der dunklen Mördergestalten – kleiner und kleiner wurde die verzweifelte Schar, aber noch immer hielt sie tapfer und fest zusammen und drängte vorwärts nach dem Götzenbilde, dem sie so oder so zum Opfer fallen sollte. » Bhartoty! Bhartoty!« heulte der mächtige Ruf des Ober-Guru. Da öffnete sich plötzlich die Menschenwoge um die dem Tode geweihte Schar – an der hohen Gestalt, der weißen Kapuze erkannte Walding den grimmigen Häuptling der Phansigars und in seinen Armen die Tigerkatze. Ein gellender Ruf – ein wütendes Gebrüll – dann schleuderte seine gewaltige Kraft die Bestie hoch durch die Luft in die Mitte der tapferen Schar. Einen Moment – dann stob der Menschenknäuel auseinander, vom Rasen des grimmen Tieres war der kleine Haufen gesprengt, und über die einzelnen verzweifelt Kämpfenden warfen sich erdrückend, vernichtend die Wogen der Mörder. Es war das letzte, was Walding von dem schrecklichen Schauspiel sah. Erkennend, daß er keinen Augenblick zu verlieren habe, um die Verwirrung und das Gewühl zu benutzen, stürzte er sich selbst hinein, die zitternde Lady mit sich fortreißend, sie mehr tragend als führend, – fest im Auge den Punkt, den er als die Stelle zu erkennen geglaubt, an welcher er mit der Bajadere den Ort so vieler Schrecken betreten. Mit muskelkräftigem Arm teilte er die drängende Masse, von der sich keiner um sie kümmerte, und erreichte nach gewaltiger Anstrengung die gegenüberliegende Seite der Höhle, wo er sich ohne Zögern in den nächsten, die offene Mündung bietenden Felsengang warf und in diesem so rasch als möglich weiter eilte. Einzelne Flambeaux erhellten auch diesen unterirdischen Weg, aber an keinem Zeichen vermochte der Arzt zu erkennen, ob er sich auf dem richtigen befände. Der Lärm der Opferhöhle lag längst hinter ihnen, als ihm selbst die Befürchtung sich aufdrang, er möge sich verirrt haben. »Barmherziger Himmel,« betete das Mädchen, »ich kann nicht mehr – meine Kräfte sind erschöpft! Edelmütiger Helfer – Gott wird Sie segnen für das, was Sie getan, aber lassen Sie mich hier sterben und retten Sie sich selbst – es ist vorbei mit mir!« Sie hing schwer an seinem Arm. »Mut, Mut, teure Miß,« flehte er, »ich beschwöre Sie, nehmen Sie Ihre Kraft zusammen, edles Mädchen, und lassen Sie uns jene Stelle erreichen, wo die Fackel brennt – dort wollen wir ruhen, bis Sie sich wieder gestärkt!« Er faßte sie in seine Arme und trug sie weiter. Schon hatten sie den sich erweiternden Raum erreicht, wo die Fackel brannte, und er wollte seine schöne Bürde auf einen rauhen Steinsitz niederlassen, als sich plötzlich eine scheußliche Gestalt vor ihnen erhob, wie aus der Erde gestiegen. Ein Schrei wilden Entsetzens entfuhr dem Munde der Jungfrau, ein Hilferuf in englischer Sprache, mit welchem sie zu Boden sank. »Hei – die entflohenen Täubchen! Bhartoty! Bhartoty!« jubelte das Scheusal, »herbei, ihr Männer der Thug – das sind Opfer der Devy, die der Blutigen entfliehen!« Ein Blick hatte dem Deutschen gezeigt, daß der scheußliche Zwerg es war, der vor ihnen aufgetaucht – zwar seiner züngelnden Ungeheuer entledigt, aber darum nicht minder gefährlich. »Owh! Owh! Herbei, ihr Getreuen der Blutigen –« Ein Gurgeln erstickte seinen Ruf – der Stoß des Yatagans, von der kräftigen Faust des deutschen Mannes geführt, fuhr in den breitgeöffneten Schlund und durchschnitt Kehle und Luftröhre – ein Strom schwarzen Blutes sprudelte auf den Entschlossenen, und zuckend im Todeskampf stürzte das Ungeheuer zu Boden. Aber im selben Augenblick des Sieges, der überwundenen Gefahr, fühlte sich Walding von rückwärts zur Erde geworfen, den Yatagan seiner Hand entrissen, und auf seiner Brust lag das Knie eines Thugs, und im Schein der Fackel glänzte über ihm zum Todesstoß der Dolch einer dunklen Mördergestalt. Das Reich der Ostindischen Kompagnie. Niemals noch hat eine Anomalie in der staatlichen Gesellschaft bestanden gleich dem Reich der Englisch-Ostindischen Kompagnie. Hundertundzweiundsiebig Millionen Menschen – die achtunddreißig Millionen der sogenannten Schutzstaaten mitgerechnet, deren Selbständigkeit längst eine bloße Phrase ist! – auf einem Gebiet von zirka 63 000 (deutschen) Quadratmeilen – also zwei Dritteil der ganzen Bevölkerung Europas und über zwei Fünftel seines Flächeninhalts! oder fast das Siebenfache der Bevölkerung und das Fünfzehnfache des Flächeninhalts des europäischen Großbritanniens! – das Eigentum einer Gesellschaft englischer Kaufleute, die erst in neuerer Zeit etwas mehr von der Regierung des Mutterlandes und seiner Verwaltung abhängig geworden sind! – Eigentum einer kaufmännischen Spekulation, deren Grundtendenz doch nur die möglichst hohe Dividende – also die Ausbeutung ist! – preisgegeben einer Schar Besitzloser und Habsüchtiger, die das Mutterland alljährlich dahin sendet, um sich unter der Firma eines Beamtentums zu mästen, dessen Willkür fast jeder Kontrolle, jeder Strafe entbehrt! – mit Steuern zivilisiert von seinen alten Traditionen, seinen Sitten und seinem Glauben! – unterdrückt und beherrscht mit den Bajonetten der eigenen Söhne! – orientalisches Leben und Denken, geknechtet nach englischen Gesetzen: – das ist Indien! Und dennoch – so sehr sich das Rechts- und Unabhängigkeitsgefühl der Völker gegen das Verhältnis, diesen unnatürlichen Zustand empört – muß man die Großartigkeit dieser Erscheinung bewundern, die einzig in der Weltgeschichte dasteht! Nicht einmal das römische Weltreich läßt sich damit vergleichen; denn dieses brauchte zu seiner Begründung dreihundert Jahre, während das an Bevölkerung ihm überlegene angloindische Reich in weniger als hundert Jahren zu dieser riesigen Ausdehnung wuchs. Mit Neid und Mißgunst hatte der emporblühende Handel Englands längst die Besitzungen anderer seefahrender Nationen in Indien betrachtet. Ums Jahr 1600 hatte die Königin Elisabeth einer Gesellschaft Londoner Kaufleute ein Privilegium zum Alleinhandel nach allen Ländern zwischen dem Kap der guten Hoffnung und der Magelhaensstraße, anfangs für 15 Jahre, erteilt. Das war der Ursprung der Englisch-Ostindischen Kompagnie. Die englische Regierung, bald die Bedeutung der neuen Kolonie einsehend, erweiterte die Privilegien der Gesellschaft und gab ihr das Recht des Krieges und Friedens, der Gerichtsbarkeit usw., und bald lauerte diese nur auf die Gelegenheit, ihre Macht zu erweitern. Entgegen dem Vertrag mit dem Nabob von Bengalen, hatte sie 1696 in Kalkutta ein befestigtes Fort und 1707 dort eine eigene Präsidentschaft errichtet. Dupleix, der scharfsinnige und weise Gouverneur der französischen Kolonien, begriff die wachsende Gefahr, und er und Bourdonnaie verfolgten anfangs mit ebenso großer Beharrlichkeit als Glück den Plan zur Vertreibung der Engländer im Krieg von 1745 bis 1747. Aber die erschlaffende Regierung des fünfzehnten Ludwigs, der sinkende Geist der Bourbonen, ließ ihre tapferen Verteidiger in Indien ohne jegliche Unterstützung und berief Dupleix ab. In dem Kriege von 1755 bis 1763 zwischen Frankreich und England verlor das erstere überdies alle seine indischen Besitzungen, welche die Kompagnie an sich riß. Es wird genügen, in flüchtigem Umriß die Zahl der britischen Erwerbungen in der kurzen Zeit anzuführen, ohne die Geschichte von Treulosigkeit, Erpressung, Intrigue und Gewalttat herzuzählen, durch welche hauptsächlich diese Erwerbungen gemacht wurden. Von 1757 schreibt sich der erste Territorialbesitz der Kompagnie her. 1766 besaßen sie bereits Bengalen, Bahar, das nördliche Circars (an der Küste von Koromandel), Madras und Bombay mit einem kleinen Stadtgebiet. 1805 schon das ganze Duab mit Delhi, das Karnatic, Canara und Malabar, Suhrate und einen Teil der Mahrattenländer. 1818 den Rest der westlichen Mahrattenstaaten, Punah, die ganze Küste von Malabar, Benar, einen Teil des Sikhstaates und Ceylon. 1838 Gondwana, Singapore, Malakka, Assam, Arrakon und andere mächtige Gebiete in Hinterindien. 1848 das Sindh – das südliche Pendjab – und Satara. 1856 das ganze Pendjab, Audh, Karnal, Gondh, Pegu und Kadschar. Die unter sogenanntem »britischen Schutz« stehenden Staaten (Gwalior, Indur, Heiderabad, Mensur, Kotschin, Trawankor, Baroda und Katsch) müssen stehende britische Armeen und britische Residenten im Lande unterhalten! Der portugiesische Besitz beschränkt sich auf 52, der französische auf 9 Quadratmeilen! Das Direktorium der Ostindischen Kompagnie in London bestand bis 1854 aus dreißig Mitgliedern, von denen jährlich sechs ausschieden und von den Aktionären neu erwählt wurden. Seine Beschlüsse mußten die Genehmigung des Board of Controll , des von der Regierung eingesetzten Ministeriums für die ostindischen Angelegenheiten haben. Zu geheimen Beschlüssen über Krieg traten die ersten drei Mitglieder des Direktoriums mit dem Ministerium zusammen. Bei der Erteilung des neuen Privilegiums an die Kompagnie auf unbestimmte Zeit im Jahre 1854 ward nach langen Parlamentsdebatten dieses System nur dahin geändert, daß die Zahl der Direktoren auf achtzehn ermäßigt wurde, von denen sechs die Regierung ernennt, und daß die Krone das Recht der Ernennung der Mitglieder des Regierungskonseils in Indien erhielt, die dem Direktorenhof verantwortlich blieben. Die Armee in Ostindien besteht aus 264000 Mann, von denen 36000 Mann, inkl. der Offiziere, europäische Truppen sind und von der Krone gestellt, aber von der Kompagnie unterhalten werden. Der Unterhalt dieser Armee beträgt ca. acht Millionen und fünfhunderttausend Pfund Sterling, also fast sechzig Millionen Taler, pro Kopf also durchschnittlich zweihundertundvierzig Taler. Die Finanzen der Kompagnie sind an und für sich nicht sehr glänzend und sogar schuldenbelastet. Die Reineinnahmen der fünf Präsidentschaften betrugen vor der Empörung einhundertundsiebenundvierzig Millionen und dreimalhundertachtzigtausend Taler jährlich, die Ausgaben einhundertvierundfünfzig Millionen und einmalhundertvierunddreißigtausend Taler, und die indische Staatsschuld im Jahre 1856: Vierhundertundvierzehn Millionen Taler, also den zwölften Teil der riesigen englischen Staatsschuld. Auf die offiziellen Einnahmen kommt es aber im Durchschnitt wenig an, sie dienen nur zur Mästung der Beamten und Zahlung der kolossalen Pensionen. Der riesige Vorteil, den Indien England gewährt, ergibt sich für den Kaufmannsstand selbst aus dem Handel und dem Landbesitz. Wir haben, ehe wir unsere Erzählung wieder aufnehmen – noch einige Worte den neueren Vorgängen, den neueren Ungerechtigkeiten und tyrannischen Ländererwerbungen der Kompagnie zu widmen. Im Sindh , dem Land am Ausfluß des Indus, herrschten vier Emirs, Brüder und Vettern aus dem Stamme der Kolburas, so lange ziemlich unbelästigt, bis die britischen Kaufleute es in ihrem Interesse fanden, Handelsspekulationen nach Zentralasien auf dem Indus zu machen. Ein Vertrag mit den Emirs gestattete ihnen, den Indus mit unbewaffneten Schiffen zu befahren unter der Bedingung, keine Militärvorräte durch das Land zu führen. Nach kurzer Zeit jedoch wußten die Briten unter dem Vorwande eines Zwistes mit Rundschit schon einen englischen Residenten mit bewaffneter Eskorte in das Land der Emirs einzuschmuggeln, und kurz darauf trat, infolge des Vertrages von Kabul, die Kompagnie mit der perfiden Erfindung auf, daß die Fürsten an Schah Schudschah von Kabul tributpflichtig gewesen und dieser ihr seine Anrechte abgetreten habe. Vergebens wiesen die Emirs nach, daß sie nie Tribut gezahlt, ja, daß der Schah durch Dokumente längst auf diesen verzichtet habe: der General-Gouverneur Lord Aukland erklärte sich nicht verpflichtet, »diesen Einwand förmlich zu prüfen«, und verlangte, allen Verträgen zuwider, die Aufnahme eines englischen Korps. Die britische Armee rückte ein und zwang die bisher unabhängigen Fürsten zu einem schimpflichen Vertrage und zur Annahme einer englischen Regentschaft. Endlich, als man die Emirs zwang, ihre eigene Absetzung zu unterzeichnen, griffen die tapferen Beludschen zu den Waffen und verjagten den englischen Residenten, Sir Charles Napier. Aber bald kehrten die Briten mit verstärkter Macht zurück, und das ganze Sindh wurde erobert und zur Provinz der Kompagnie gemacht. Der letzte Akt britischer habsüchtiger Tyrannei vor dem Ausbruch der Revolution war die Einverleibung des Königreichs Audh am Anfang des Jahres (1856), in dem wir mit dem zweiten Teil unseres Buches unsere Erzählung wieder aufgenommen haben. Audh gehörte seit 1801 zu den sogenannten Schutzstaaten, und die Kompagnie hatte sich verpflichtet, gegen Abtretung eines Teils des Gebietes von Audh, anstatt des bisher bezahlten Tributs, die Herrschaft des Königs gegen innere und äußere Feinde aufrecht zu erhalten, ohne sich in die Regierung zu mengen. Die habsüchtige Verwaltung eines neuen Ministers des letzten, den Vergnügungen des Serails allzusehr ergebenen Königs Mahomed Wadschid Ali Schah (1849), gab der Kompagnie Veranlassung, sich einzumischen. Die Residenten sandten Bericht auf Bericht, um die »Einverleibung« herbeizuführen, und 1854 zwang Oberst Outram bereits dem König einen Vertrag auf, durch welchen die gesamte innere und äußere Verwaltung seines Gebietes, mit Ausnahme der Gerichtsbarkeit im Bereich des königlichen Parts, an die Engländer abgetreten wurde, wofür die Kompagnie ihm und seinen Erben den Königstitel und eine Pension zu lassen versprach. Als jedoch der König sich später weigerte, den Vertrag zu unterzeichnen und erklärte, in England selbst Gerechtigkeit suchen zu wollen, erschien am 7. Februar 1856 eine Proklamation, welche die Einverleibung Audhs – eines Gebietes von 940 geographischen Quadratmeilen mit 3 Millionen Einwohnern und einem Einnahme- Überschuß von mehr als siebzehn Millionen Talern – verkündete. Englische Truppen besetzten Lucknow (Lacknau), die Hauptstadt des Landes; der entthronte König wurde nach Kalkutta gebracht. Wir haben nur noch eines Verhältnisses zu gedenken, das ebenso demoralisierend als schädlich auf die Bevölkerung Indiens wirkte. Es war die Einführung des Permanent settlement – das heißt, die Beraubung des ganzen Volkes um sein Grundeigentum, um es den Zemindars zu geben. Um dies zu verstehen, müssen wir einige Worte der früheren Einrichtung unter den Sultanen und Radschahs widmen, wie sie noch in den unabhängigen Gebieten besteht. Das Land gehörte unter den Oberbesitz des Großmoguls, seinen Bebauern, den Ryots, unseren europäischen Bauern oder Landleuten gleich, erb- und eigentümlich. Von diesen wurden die durch die Regierung aufgelegten, mehr oder minder großen Steuern durch die Zemindars eingezogen, die dafür eine Provision von zehn Prozent zurückbehielten. Die Zemindars oder großen Grundbesitzer waren also keineswegs die einzigen Landbesitzer, sondern bloß die erblichen Besitzer des Rechtes, für den Landesherrn die Steuern in ihrem Distrikt einzuziehen. So lange der Ryot seine bestimmte Steuer von seinem Lande zahlte, war er dessen Besitzer, und kein Zemindar konnte ihn davon vertreiben. Die Engländer verwechselten dies Verhältnis mit der Einrichtung der englischen landlords und ihrer Pächter. Schon Ende des vorigen Jahrhunderts hob Lord Cornwallis, der damalige Gouverneur, dies Eigentumsrecht des Landmannes auf sein Feld auf, und erkannte nur die großen Grundbesitzer mit einer Menge kleiner Pächter an, die sie willkürlich neben der Steuerzahlung für die Regierung bis aufs nackte Leben im eignen Interesse auspressen und beliebig vom Lande verjagen können. Das war die englische Gerechtigkeit: Reiche und Arme! Dennoch war es nur ein geringer Teil dieser Zemindars, der beim Ausbruch des allgemeinen Kampfes auf der Seite seiner Bereicherer blieb. Die Anhänger, die sich die Kompagnie damit geschaffen zu haben glaubte, fielen ab in der Stunde der Gefahr. Nationalhaß, Religion, Vaterlandsliebe waren selbst stärker als das Interesse. Die nachfolgenden Szenen werden das Leben des Ryots, des Zemindars, des Kriegers wie des Fürsten zeigen und uns in die Hütte des Beherrschten, wie in den goldenen Palast des Regenten führen. 1. Der Ryot. Ein einsames aber reizendes Tal des Carnatic lag vor den Blicken des Reisenden, der eben von einer der Höhen der Ausläufer des Nella Mella-Gebirges nach der Meeresküste herabzog. Ein kleiner Fluß, der Gandlagama, durchströmte das Tal. Das ganze weite Tal erschien wohl angebaut: in den sumpfigen Teilen die Reisfelder, an den Hügelabhängen Mais- oder Zuckerrohrpflanzungen, dazwischen Indigo- und Kaffeeplantagen, roter Pfeffer und duftige Gewürzstauden. Prächtige Kokospalmen erhoben sich majestätisch auf den Gipfeln der Hügel, der Pisang wiegte seine breiten riesigen Blätter im leisen Luftzug, und der wohltätige Bananenbaum wechselte mit den reizend gefiederten Tamarinden und ließ seine saftige angenehme Frucht rotgelb durch die Blätter leuchten. Stachliche Ananas-Hecken umsäumten die Felder, am Ufer des Flusses wiegte die sagenhafte Lotosblume ihre Kelche, und in hundert Gestalten wechselnde Fächerpalmengebüsche bewahrten der Gegend den Charakter milder Naturschönheit, während ein ausgedehnter Dattelwald am nördlichen Abhang den Übergang zur wirklichen Wildnis vermittelte, die in den dunklen üppig belaubten Zweigen der indischen Fichte auf den Höhen des Gebirgszuges lagerte. Ein Paradies des Friedens, der Ruhe und des Glücks schien diese köstliche Flur. Das war auch der Eindruck, der Gedanke des Reiters, der den Weg am Bergabhang herabstieg und mit seinem Blick das Tal, das Dorf und das Schloß des Zemindars auf den jenseitigen Höhen umfaßte. Es war ein seltsamer Gesell, der einsame Reiter, wie er auf dem alten abgetriebenen Dromedar hockte. Er schien alt – vielleicht fünfzig oder sechzig Jahre, denn das struppige Haar und der wirre Bart waren grau, und dennoch leuchtete manchmal etwas aus dem Auge, was eine jüngere ungebeugte Kraft verriet. Der Fremde trug die Lumpen eines Fakirs, die kegelförmige Wollmütze, den Strick mit der Kürbisflasche und der Geißel um den Leib. Es mußte offenbar einer der Fanatiker aus dem Himalaya oder von den Grenzen Afghanistans sein, den sein Wandertrieb so weit nach dem Süden verschlagen. Mann und Tier waren abgemagert und verkommen von den Anstrengungen einer weiten Reise und schienen mit gleich sehnsüchtigen Blicken den Reichtum des Tales zu betrachten, das ihnen Erfrischung und Kräftigung nach den Strapazen des Zuges durch die Wildnis versprach. Dennoch lag in dem Auge des Bettlers mehr, als die Sehnsucht nach einem körperlichen Genuß. In den Falten seiner Stirn war tiefes Nachdenken und um den Mund, dessen vollere Bildung Ansprüche oder Erinnerungen früheren Wohllebens zu verkünden schienen, zuckte es wie grimmiger Hohn und Schmerz. Der Bettler näherte sich der Mitte des Tales, wo er von der Höhe des Weges die bescheidenen Hütten eines indischen Dorfes bemerkt hatte. Noch bevor er es erreicht, sah er eine kleine Schar von Reitern und Fußgängern von der anderen Seite des Tales gleichfalls ihren Weg nach dem Dorfe richten und vernahm den gellenden Ton eines Muschelhorns in drei langgezogenen Noten. Bei diesem Laut hielten die auf den Feldern zerstreuten Arbeiter mit ihrer Beschäftigung inne, holten die weidenden Ochsen zusammen und nahmen ihren Weg nach dem Dorf. Viele der Leute, Männer, Frauen, Mädchen und Knaben kamen an dem Fakir vorüber. Seine früher so hohe, aufgerichtete Gestalt schien jetzt alle Kraft und Elastizität verloren zu haben; sie hockte zusammengekrümmt zwischen den Höckern des Tieres, die Augen des Reiters hatten einen eigentümlichen Starrblick angenommen, der, vor sich hin in die leere Luft stierend, nichts zu bemerken schien, was um ihn her vorging. Ebensowenig erwiderte der Bettler den Gruß der vorbeieilenden Talbewohner. Dieser fanatischen Maske ungeachtet, bemerkte er sehr wohl das auffallende Benehmen und Äußere dieser Leute, als sie in seine Nähe kamen. Ihre Züge drückten sämtlich, trotz des sie umgebenden Reichtums der Natur, große Not und bitteres Leiden aus. Fast zugleich mit einem Haufen dieser Landleute erreichte der Fakir den Eingang des Dorfes, das aus etwa hundert Hütten bestand, die ohne Ordnung im Kreise zerstreut um eine kleine Moschee in der Mitte des Platzes lagen. Der reisende Bettler schien jetzt zu wissen, woran er sich zu halten hatte, er erkannte aus der Form des Gebäudes sogleich, daß die Bewohner des Dorfes Mohammedaner waren. Bisher hatte noch kein Zeichen an ihm verraten, ob er Hindu oder Moslem; denn beide Religionen haben ihre umherwandernden Bettelmönche, die Fakirs und Derwische, die in allen Äußerlichkeiten einander so gleich sind, daß eine Unterscheidung fast ganz unmöglich ist. Jetzt, am Eingang des Dorfes, erhob der Dromedarreiter seine Stimme zu dem gellenden Ruf: »Allah il Allah, Mahomed illah!« und verkündete damit, daß er gleichfalls zum Glauben des Propheten gehöre. Die Hütten des Dorfes waren ebenso einfach als ärmlich. Nur eine der Hütten zeichnete sich durch größere Räumlichkeit und einen zierlicheren Bau, sowie mehrere ähnliche Nebengebäude vor den anderen aus. Auf der offenen Veranda, nahe der emporführenden Treppe, saß ein Indier von kräftigem, ernstem Aussehen, mit langem, dunklem Bart, seine Hukah rauchend. Zu diesem Gebäude richtete der Fakir, nachdem er mit sachkundigem, raschem Blick die Umgebung geprüft, den Lauf seines Tieres, und sagte mit singender Stimme den gewöhnlichen Gruß: »Salem aleikum!« indem er den Vers des Dichters Hafiz hinzufügte: »Die Pforten des Paradieses sind vor allen den Barmherzigen geöffnet. Wer da hat, der möge geben, denn er säet für die Ewigkeit. Die Armen und die Wanderer sind das Erbe Allahs an die Reichen!« Der einfach aber reinlich in Weiß gekleidete Mann neigte ernst sein Haupt. »Mein frommer Bruder ist willkommen im Hause Caulathy Mudalys , obschon er im Irrtum ist, wenn er ihn für reich hält.« »Caulathy Mudaly,« sagte der Bettler, »behauptet ein armer Mann zu sein, und doch besitzt er das schönste Haus in diesem Dorfe. Er ist ein Zemindar!« Der Moslem schüttelte verneinend das Haupt. »Allah bewahre mich. Ich bin ein Ryot, wie meine Nachbarn, und sitze nur durch die Gnade Allahs frei auf dem Erbe meiner Väter.« »Aber ich sehe große Speicher und Ställe. Warum verleugnet der Wirt vor einem frommen Mann seine Habe?« »Jene Speicher,« sagte finster der Landmann, »sind leer bis zur nächsten Ernte. Es ist wahr, der Prophet hat mir mehr gegeben, als ich brauche, aber ich gab, wie es der Koran befiehlt, meinen Überfluß hin, um meine Brüder vor den Peons zu retten. Leider reichte es nicht, denn die Affen hatten die Maisfelder zerstört, und der Zemindar ist ein harter Mann!« »So habt ihr einen harten Grundherrn?« »Dies Land, o Fremder,« sagte der Bauer, »gehörte unseren Vätern und dem Peischwa. Aber bis auf das Feld, wo der Fluß sich an dem Hügel windet, ist jetzt alles Eigentum des Zemindars, und der Zemindar ist einer der Faringis von Madras! – Doch führe dein Dromedar zu jenem Mangobaum, süßes Gras wächst in seiner Nähe, und es wird der Kraft bedürfen.« Eine feingeflochtene Binsenmatte war neben dem Hausherrn ausgebreitet, und ein junges, nach der Sitte der Moslems verschleiertes Mädchen kniete dort, ein hölzernes Gefäß mit Wasser in der Hand, um dem heiligen Mann Füße und Hände zu waschen. Unterdes hatte sich der Platz vor der Hütte und um die kleine Moschee mit den Dorfbewohnern gefüllt. Eine allgemeine Aufregung und Angst schien unter ihnen zu herrschen. Dabei vermieden sie scheu, einer Gruppe zu nahe zu kommen, die der Fakir schon bei seinem Erscheinen bemerkt hatte. Es waren dies vier oder fünf in seltsamen Stellungen auf der Erde kauernde, dem brennenden Strahl der Sonne ausgesetzte Menschen, die gleich Kugeln zusammengeballt dort hockten und eine schwere Steinlast auf Kopf und Rücken zu tragen schienen. Nahe dabei, aber im Schatten der Moschee, saßen zwei Peons oder indische Polizeisoldaten, an der weißen Kleidung, den gleichen Turbans und den langen Stäben erkennbar, die neben ihnen an der Wand lehnten. Sie schienen sich wenig um das Treiben um sie her zu kümmern, und nur zuweilen warf der eine oder der andere einen Blick auf die unglücklichen Gefangenen neben ihnen. Währenddessen war ein alter Mann mit einer Anzahl Landleuten näher zu der Veranda gekommen. Sie hoben wie flehend die Hände empor, während ihre Blicke sich von Zeit zu Zeit ängstlich nach der anderen Seite des Dorfes wendeten. Dort kamen jetzt die Reiter und Fußgänger, die der Fakir vorher vom Bungalow des Zemindar heranziehen gesehen. »O Caulathy Mudaly,« sagte der alte Mann, »bei dem Propheten und der heiligen Kaaba von Mekka, hilf uns, wenn du kannst, die böse Stunde ist gekommen!« Und Männer und Weiber stimmten wehklagend in den Ruf ein: »Hilf uns, hilf uns!« Der Ryot hatte sich erhoben. Er stand auf den Stufen der Bambustreppe, die zu seiner Wohnung führte. »Wann habt ihr je um Hilfe gerufen und Caulathy Mudaly hätte nicht seine Hand aufgetan?« fragte er mit ernster, klangvoller Stimme. »Ist einer unter euch, der sagen kann, ich hätte nicht mit ihm geteilt, so lange ich noch hatte? – Bin ich nicht selbst arm jetzt, wie ihr, und habe kaum die Salz- und Kopfsteuer für mich und die Meinen bezahlen können, und mehr als eine Hand voll Reis, um uns zu ernähren bis zur Ernte? Da sind meine Speicher! Geht hin und seht, ob sie gefüllt sind! – Dort sind meine Ställe – seht zu, ob ihr mehr als das Joch Ochsen darin findet, das zur Bestellung meines Feldes notwendig ist. Allah hat unseren Peinigern Macht gegeben – wir müssen das Schicksal tragen. Vielleicht rührt der Prophet ihr Herz!« »Sie haben keines – es ist ein Stein in ihrem Busen!« schrie eines der Weiber. »Sie tragen die weiße Leber der Faringis! Sie haben kein Mitleid mit mir gehabt – warum sollten sie es mit euch haben?« Die Sprecherin riß das Gewand von Hals und Brust, und ein schauerliches, Ekel erregendes Bild bot sich den Blicken dar. Die linke Brust des Weibes zeigte die furchtbaren Verwüstungen jener schrecklichen Krankheit, welche man Krebs nennt. Aber der Derwisch war der einzige, der vor diesem schrecklichen Anblick zurückschauderte – allen anderen war es ein bekannter, gewohnter; denn die Zahl der unglücklichen Frauen, die langsam an der schrecklichen Krankheit dahinstarben, welche die unmenschliche Marter der Steuereinnehmer der Kompagnie ihnen auferlegt, ist nicht gering in den indischen Provinzen! Der freie Ryot wandte sich ab von seinen unglücklichen Brüdern. »Ein heiliger Pilger ist bei mir eingekehrt als Gast,« sagte er traurig. »Geht und beleidigt sein Ohr und sein Auge nicht mit dem Anblick eurer Schmerzen!« »Möge sein Schatten lang und sein Segen bei uns sein,« murmelten die Unglücklichen, indem sie sich entfernten. »Er wird für uns beten.« Der Wirt winkte seinem Gastfreund nach dem Inneren des Hauses. »Die Weiber haben zu deinem Mahl bereitet, was wir zu bieten vermögen, Pilger,« sagte er. »Wenn ich dir raten darf, so besteige alsdann dein Tier und setze deinen Weg fort, denn dein Schlaf würde von dem Jammer des Unglücks gestört werden.« Der Fremde hatte seine gebeugte Gestalt aufgerichtet, seine Züge waren ehern, sein Auge brannte fest und finster. »Was fürchtest du?« fragte er. »Die Leute des Deputy-Kollektors sind im Anzug. Sie kommen, um Steuern zu erpressen für den Zemindar und die Regierung, und ihr Herz ist von Stein. Es ist der letzte Termin, den sie den Bewohnern des Dorfes gesetzt, und die Marter wird bald in vollem Gange sein.« »Ich habe gehört von den Leiden, die die Armen erdulden müssen, aber man hat mir Dinge erzählt, die meine Seele nicht glauben mag. Ich komme aus fernen Ländern, wie ich dir gesagt – laß mich selbst sehen, was Wahrheit ist an der Klage dieser Leute!« Der Ryot antwortete nichts als das Wort »Owh!« (komm). – Dann schritt er vor seinem Gastfreund her und verließ seine Hütte. Der Derwisch folgte ihm auf den Platz vor der Moschee. Hier war die Schar, welche das Dorf vom anderen Ende her betreten, jetzt eingetroffen und hatte sich um ihre Führer aufgestellt. Diese bestanden in dem Verwalter des Zemindars oder Grundherrn, einem noch ziemlich jungen Europäer von hübschem, aber frechem Aussehen, mit hochmütig auf die Dorfbewohner herabblitzenden Augen im sonnverbrannten Gesicht, und dem Deputy-Kollektor, einem alten finsteren Muselmann, tyrannischen Amtsdünkel und Habsucht in den harten Zügen. Beide waren zu Pferde und von mehreren berittenen Dienern begleitet, während etwa zehn Peons und ebenso viel bewaffnete Sepoys ihr anderes Gefolge bildeten. Unter den Gruppen befand sich auch Caulathy Mudaly und der Derwisch, der mit großer Aufmerksamkeit den Verwalter des Grundherrn betrachtete. »Hört, ihr Hunde, ihr Gesindel!« redete dieser sie an, als allgemeine Stille eingetreten war, »die ihr nur durch die Gnade eures Gebieters und meine Nachsicht noch dies hübsche Tal durch eure Gegenwart beschmutzt – ich hoffe, ihr habt euch an den Burschen da, die wir gestern ins Annundal gesteckt, ein Beispiel genommen und eure Rupien aus den Winkeln zusammengescharrt, wo ihr sie versteckt. Seine Ehren, Sir Lytton Mallingham, euer gütiger Grundherr, trifft morgen früh mit seiner Jagdgesellschaft hier ein, und das Geld muß für ihn bereit liegen, oder ich lasse euch samt und sonders das Fell über die Ohren ziehen! Verstanden?« Seine Sprache war ein Kauderwelsch von Englisch und Hindostanisch, schien aber den Bedrohten sehr wohl verständlich, denn viele von ihnen fielen auf die Knie, streckten jammernd die Hände nach ihm aus, und alle schrieen kläglich durcheinander, daß sie kein Geld hätten, und um Nachsicht bis nach der neuen Ernte bäten. »Ich kenne euer Gewinsel und weiß, was dahintersteckt. Würdiger Aly Karam, beginne dein Geschäft und schenke keinem der greinenden Schurken ein Annah !« Der Steuereinnehmer befahl dem Munsiff , die Rolle herbeizubringen, welche das Verzeichnis der Bewohner des Dorfes enthielt. » Parasuma Granny , der Munsiff des Dorfes,« las der Steuerbeamte. »Zwei Rupien und drei Annahs Rest von der Salzsteuer für die Regierung,« fügte der Einnehmer grimmig hinzu. »Hund von einem Vorsteher. Ich speie in deinen Bart, wenn du dein Amt so schlecht verwaltest, daß du selbst mit Schulden ein böses Beispiel gibst. Wo ist das Geld?« »Effendi,« sagte der alte Mann, »noch niemals bin ich im Rückstande gewesen, und die Hilfe, die mein Sohn, der bei der Bengal-Armee steht, zu schicken pflegt, ist ausgeblieben. Ich wartete vergeblich auf seine Ankunft.« »Bosch! Unsinn! – ich werde der Regierung berichten, daß sie dich deines Amtes entsetzt.« » Very well ! ich will dafür Sorge tragen!« »Mein Vater und Großvater waren bereits Richter im Dorfe,« sagte der Alte, indem er in den Taschen seines Kaftans kramte. »Ich habe kein Geld, aber mein Sohn schenkte mir, als er das letzte Mal bei mir war, diesen Ring, den er in Kabul im Afghanenkrieg erbeutet. Ich bitte dich, ihn für die Schuld anzunehmen und mir den Rest des Wertes herauszugeben.« Er übergab dem Kollektor einen Ring, der einen einzigen Blick darauf tat und ihn dann einzustecken suchte. Aber der würdige Verwalter des englischen Grundherrn war nicht weniger rasch und hielt die Hand mit dem Ringe fest. »Bah – purer Tombak mit einem wertlosen Glasstein,« sagte er mit einem verständigenden Blick auf den Kollektor. »Das hübsche Aussehn ist der einzige Wert, aber weil der Alte sonst eine ehrliche Haut ist und wenigstens den guten Willen hat, zu bezahlen, bitte ich dich, Nachsicht mit ihm zu haben, Freund Aly.« »Ich will es verantworten um deinetwillen,« sagte der Steuereinnehmer großmütig, indem er den Ring in seinen Leibbund steckte, »daß die Schuld bis zum nächsten Termin unberichtigt bleibt. Aber ich rate dir, Munsiff, daß du dann das Geld bereit hältst, denn die Schatzkammer der Kompagnie ist nicht gewillt, mit sich spielen zu lassen.« Der arme Dorfrichter sah ihn verblüfft an. »Maschallah! ich dachte – ich meinte – –« »Deine Meinung ist die Meinung eines Esels, dein Vater und dein Großvater waren Esel. Nimm dich in acht, daß ich meine Güte nicht bereue. – Wer ist der nächste auf der Liste?« Der Verwalter grinste spöttisch, während der alte Mann verdutzt zurücktrat. »Halb Part, Aly,« flüsterte jener in englischer Sprache, »der Smaragd ist unter Brüdern fünfhundert Rupien wert!« Das scharfe Ohr des Pilgers vernahm sehr wohl die Worte – sein Auge hatte den schändlichen Handel genau beobachtet. » Caulathy Mudaly ,« las der Unteraufseher von seiner Liste. »Es ist ein freier Ryot und hat die Steuer bezahlt – bis auf ...« »Verzeih,« unterbrach ihn der Mann, »ich habe Salztaxe und Kopfgeld bis auf den letzten Peis berichtigt.« »Willst du mich lehren, was in meiner Liste steht, Sohn einer Jüdin?« brüllte der Kollektor. »Du schuldest die Opiumsteuer mit zehn Rupien und sechs Annahs.« »Aber ich baue keinen Opium und habe nie damit Handel getrieben.« »Du wirst zahlen oder wir pfänden deine Habe und sperren dich ein! Verstehst du? Wallah! ich werde mir doch von einem Schurken, wie du bist, nicht in den Bart lachen lassen!« Der Ryot ballte die Faust, seine Zähne knirschten und seine Stirn färbte sich dunkelrot. Dennoch besiegte er mit gewaltiger Kraftanstrengung die aufsteigende Erbitterung und sagte mit verbissenem Grimm: »Ich werde zahlen, aber ich bitte dich, bemerke in deiner Liste, daß ich keinen Opium bereite.« »Ich werde tun, was mir beliebt,« entgegnete mürrisch der Beamte, »jetzt mach und hole das Geld.« »Ich habe nachher noch ein Wort mit dir zu reden, Caulathy Mudaly,« sagte der Verwalter. »Also bleibe nicht etwa aus. Wer ist der Kerl an deiner Seite? ich kenne ihn nicht, obschon seine Fratze mir irgendwo aufgestoßen sein muß!« »Es ist ein Pilger, Sahib, der weit her kommt und an die heiligen Orte auf der Insel will.« »Möge er verdammt sein!« war die freundliche Gegenbemerkung. »Ihr seid Narren, daß ihr solche Müßiggänger noch füttert! Aber vielleicht ist der Bursche ein Gaukler und kann allerlei Kunststücke, mit denen er morgen die Herrschaft ergötzen mag. He – Kerl – bist du ein Zauberer, machst du Künste?« »Ich verstehe nur eine Kunst,« sagte der Derwisch, »aber sie würde nicht passen für dich, edler Sahib.« »Warum nicht? was ist's?« »Ich verstehe die Kunst des Tättowierens, ich mache Zeichen auf Schultern und Arme, die unvergänglich bleiben.« Der Ton, in welchem der fahrende Bettler diese Bemerkung machte, war gleichgültig und bedeutungslos, dennoch schienen die Worte eine gewisse eigentümliche Wirkung auf den englischen Verwalter zu machen, denn er wandte sich, ohne weiter zu antworten, rasch ab und zu dem Fortgang der Szenen bei der Steuererhebung. Der Mann, der zunächst aufgefordert worden, war ein Hindu. Der Kollektor forderte von ihm fünfzehn Rupien als Rest des Zehnten oder vielmehr Dritten – denn der indische Landmann muß außer den Steuern den dritten Teil all seiner Erträge und Habe an den Gutsherrn zahlen. Vergebens beteuerte der Arme, daß die Verwüstung seines Reisfeldes durch eine Herde wilder Elefanten ihm kaum das Korn zur neuen Aussaat gelassen und daß er seit dieser nur von wilden Früchten mit den Seinen sich genährt habe. »Laß ihm die Kittie geben, Freund Aly,« sagte der Verwalter, bemüht, den Eindruck der zufälligen Antwort des Derwisches in seinem Geist zu verwischen. »Im vorigen Jahr hat man bei seinem Weibe die Stäbe angewandt, und ich erinnere mich, daß das Mittel geholfen. Was meinst du, wenn wir die Brüste aller dieser Weiber, wenigstens der jungen, in den Kittie preßten, es würde uns das Geschäft ungemein erleichtern?« Der Kollektor schien diese Tortur en gros noch nicht für anwendbar zu halten. Der Kollektor winkte den Peons, den Kittie bereit zu machen. Zwei derselben erfaßten den Hindu und zwangen ihn, nieder zu knien. Sein Weib – jene Unglückliche mit der brandigen Brust – warf sich vor den Peons und ihrem Gebieter auf die Knie und flehte vergeblich in herzzerreißenden Tönen um Erbarmen für ihren Mann. Die Häscher hatten unterdes einen breiten flachen Stein herbeigebracht und zwangen den Verurteilten, die linke Hand flach auf denselben zu legen. Dann nahm einer der Peons den Kittie, einen etwa 18 Zoll langen Stab, an dem einen Ende breit und dick, an dem anderen mit stumpfer Spitze, stellte letztere auf die Handfläche des Hindus und setzte sich auf das dicke Ende des Stockes. Zwei andere Diener der Gerechtigkeit hielten den Hindu fest. »Willst du zahlen, Kifna Pillay ?« Die Namen der Gemarterten bei dieser so scheußlichen Szene sind historisch »Möge die Allgütige mir helfen! – Ihr wißt es, ich kann es nicht!« Das Blut quoll zwischen den gequetschten Adern und Muskeln hervor. Aly Kuram , der Deputy-Kollektor, fuhr, ohne sich weiter um die Leiden des Gemarterten zu bekümmern, in seiner Liste fort. Der nächste war wieder ein Mohammedaner. Er hatte die Regierungssteuer bezahlt, aber er schuldete noch dem Zemindar siebzehn Rupien. Aus Glaubensfreundschaft wurde er nur gepeitscht und auf drei Tage zum »Annundal« verurteilt. Das Annundal wird mit Variationen, je nach dem Geschmack und dem Raffinement der Steuereinnehmer, angewendet. Hier wurde der Schuldige mit dem Kopf zwischen die Knie festgebunden, und ein Stein vom Gewicht eines Zentners auf seinen Rücken gelegt. Dem darauf folgenden Schuldner begnügte man sich, die große Zehe des linken Fußes mittelst eines angebundenen Strickes möglichst dicht an den Hals zu schnüren und ihn so zu zwingen, auf einem Beine zu stehen. Sobald er sich zu rühren wagte, schlugen ihn die Peons mit ihren Stäben in die Weichen. Da bis jetzt noch kein Geständnis, kein Herausrücken von verstecktem Gelde erfolgt war, ergrimmte der habsüchtige Kollektor immer mehr und befahl, Feuer anzuzünden und die Eisen glühend zu machen. » Nana Baulambal! « Eine junge Frau – eine Witwe – trat zagend aus dem Haufen. »Du bist eine Hindu – wie kannst du dich unterstehen, mit einem Schleier vor uns zu erscheinen? Fort mit dem Lappen!« Der rohe Griff des Steuerdieners riß das verhüllende Tuch von ihrem Haupte und Hals, daß Antlitz und Brust allen Blicken bloßgestellt waren. Der Verwalter betrachtete das Weib, die verschämt die Arme über die enthüllte Brust kreuzte, mit lüsternen Blicken, denn sie war eine jener weichen, üppigen Schönheiten, wie man sie häufig in Indien findet. »Dein Mann ist gestorben?« »Du sagst es, Sahib – das Unglück ist über meinem Hause. Er starb vor vier Monden.« »Du bist seine Erbin und mußt seine Schulden bezahlen. Er ist die Landpacht für das letzte halbe Jahr mit 120 Rupien schuldig geblieben. Hast du das Geld zur Stelle?« »Wischnu erbarme sich – ich weiß, daß mein Mann die Landpacht für das ganze Jahr entrichtet hat, als er bei dir auf dem Amt in Winnkonda war. Er nahm das Geld mit sich, zehn Tage vor seinem Tode.« »Was weiß ich, wo der Hund das Geld verpraßt hat. Hast du eine Quittung?« »O Herr – du weißt, daß wir nie eine erhalten!« »So willst du mich mit Lügen füttern! – ich kenne dich von früher, du bist der Widerspenstigkeit voll. Zahle oder fürchte meine Rache!« Das Weib warf sich vor ihm auf die Knie. »Habe Mitleid mit mir – ich konnte deinen Willen nicht tun. Das Gesetz Brahmas verdammt die Ehebrecherin auf ewig zur Wanderung!« Der Verwalter schlug ein lautes Gelächter auf, und den Kollektor spöttisch auf die Schulter klopfend, sagte er: »Alter Fuchs – da kommt es heraus, weshalb du immer um die Hütte der schönen Baulambal schlichst.« »Verflucht sei die Lügnerin und die Hündin, die sie geboren!« schäumte der Steuererheber. »Die Kittie an ihre Brüste!« Das Jammergeschrei der Unglücklichen ward durch ein Tuch erstickt, das man in ihren Mund preßte. Zwei Peons hatten sie ergriffen und ihr die Arme auf den Rücken geschnürt. Dann schleppte man sie nach ihrer nahegelegenen Hütte. Der Derwisch machte eine Bewegung, als wollte er der vergeblich Ringenden zu Hilfe eilen, aber er bezwang sich mit gewaltiger Anstrengung, kreuzte die Arme über die Brust und warf einen scharfen Blick zur Seite. Allen diesen entsetzlichen Grausamkeiten hatten die zehn Sepoys mit dem europäischen Unteroffizier, welche den Schutz und die militärische Bedeckung des Kollektors auf seiner Rundreise bildeten, unbewegt zugesehen. »Es ist vergeblich,« murmelte der Derwisch nach jenem Blick auf die gleichgültigen Gesichter der Soldaten – »das Elend ihrer Brüder findet kein Echo in ihrem Herzen. Es müssen andere gewaltigere Leidenschaften sein, die ihr Blut entflammen sollen. Aber welche?« Die schreckliche Manipulation nahm ihren Fortgang und selbst die Eisen kamen wiederholt in Gebrauch. In der Tat erreichten bei Verschiedenen die grausamen Martern ihren Zweck und zwangen sie zum Geständnis, wohin sie ihre letzten Rupien verborgen hatten. Selbst goldene Mohurs und Guineen kamen zum Vorschein. Es ist seltsam, mit welchem Geiz oder vielmehr mit welcher hartnäckigen Energie der Indier zusammenspart und seinen kleineren oder größeren Schatz selbst mit Aufopferung seines Blutes verteidigt. Das erpreßte Geld wurde in einen feinen Binsenkorb getan, der vor dem Kollektor stand. Viele aber, und zwar die meisten der gepeinigten Dorfbewohner, ließen geduldig die Marter über sich ergehen oder mußten das Entsetzlichste ertragen, weil es ihnen wirklich an jedem Mittel fehlte, die oft ganz ungerechte und längst bezahlte oder übertriebene Forderung der beiden Blutsauger zu befriedigen. Unter den Martern schien, außer dem Zusammenpressen der Daumen und Schienbeine durch den Kittie, dem Aufhängen an einen Baumast am Bart usw., namentlich die Stricktortur die gräßlichsten Leiden zu verursachen. Diese besteht in der Umknebelung der Glieder und der Stirn des Opfers mit einem trockenen Strick aus Pflanzenfasern, die, naß gemacht, sich mit so großer Gewalt zusammenziehen, daß sie das Fleisch bis auf die Knochen durchschneiden. Die Sonne war unterdes untergegangen und die Nacht mit jenem raschen Übergang eingetreten, der den Tropengegenden eigen ist. Das Geschäft der humanen Steuererpressung, das bereits volle drei Stunden gedauert hatte, nahte seinem Ende. Das Stöhnen und Jammern der Gemißhandelten ringsum mit den dunkelfarbigen, phantastischen Gestalten hätte dem Auge eines fühlenden Europäers die Szene als ein Spukbild der Hölle erscheinen lassen müssen. Zuletzt erinnerte sich der Kollektor noch des freien Ryots, dessen Stellung im Dorf, so gering sie war, schon oft seinen Ärger erregt hatte, und rief ihn vor sich. »Hast du das Geld herbeigeschafft?« Der Gastherr des Derwisch trat hervor und zählte mit verbissenem Zorn die Geldstücke vor dem Forderer auf. »Ich habe es von der kleinen Mitgift meines einzigen Kindes genommen,« sagte er, »möge das unrecht Erworbene Feuer werden in deiner Hand!« Der Kollektor lachte. »Sei froh, daß du so fortkommst. Deine Tochter ist sicher hübsch genug, daß sie keiner Mitgift bedarf.« Der Ryot wollte sich mürrisch zurückziehen, als ihm der Verwalter zu bleiben winkte. »Ich habe noch mit dir zu reden, Caulathy Mudaly. Wie ist es, hast du dich besonnen, das Feld am Fluß uns zu verkaufen? Seine Ehren haben die Anlegung der Mühle streng befohlen und werden sehr ungehalten sein, wenn die Angelegenheit bei ihrer Ankunft nicht in Ordnung wäre!« »Verzeih, Sahib – es ist mein bestes Land – dem Zemindar gehört ja ohnehin das ganze Ufer, und er wird nicht ungerecht sein gegen den armen Mann. Er kann leicht seine Mühle an einer anderen Stelle bauen.« »Narr! das wissen wir so gut wie du! Aber der Herr will dein Land nun einmal nicht länger mitten zwischen seinem Grundbesitz haben. Nimm die dreihundert Rupien, die meine Nachsicht dir geboten und sperre dich nicht weiter. Hier ist der Kollektor und sein Gehilfe als Zeuge, dort der Dorfrichter – also der Handel ist abgemacht!« »Entschuldige mich, Sahib,« entgegnete demütig der Bauer, »das, was du mir bietest, ist nicht die Hälfte dessen, was mein Vater für das Land an den vorigen Zemindar gezahlt hat, und nicht der vierte Teil seines wahren Wertes. Ich kann das Recht am Strom nicht missen, von dem allein ich meine Felder bewässern muß. Sie sind nichts wert, wenn ich es verliere.« »Du weigerst dich also? Bedenke wohl, was du tust, Hund von einem Bauer!« »Es ist mein freies Eigentum, Sahib. Der Zemindar ist so reich – was bedarf er das Erbe eines armen Mannes!« Der Verwalter hatte sich zu dem Steuereinsammler gebeugt und heimlich eine kurze Zeit mit ihm gesprochen. Dieser blätterte in seinen Listen. »Höre,« sagte er endlich, »Thumbin Mudaly, der achtzehnjährige Bursche, den ich vorhin peitschen ließ, ist ja wohl dein Verwandter?« »Er ist der Sohn meines verstorbenen Bruders.« »So hat er ein Anrecht auf deine Felder?« »Nein, Effendi. Mein Vater teilte das Seine zwischen uns, aber mein Bruder verkaufte sein Erbe an den Zemindar und geriet in Armut. Eben darum möchte ich das meine behalten.« »Dann wäre es deine Sache gewesen, dafür zu sorgen, daß er der Kompagnie und dem Gutsherrn nicht zu kurz tue. Du mußt für die Steuerschuld des Burschen und seiner Mutter einstehen. Für was hat man Verwandte, wenn man nicht dafür zahlen müßte. Ahi! Du wirst die neunzig Rupien vorstrecken, die sie schuldig sind.« »Du beliebst Scherz mit deinem Diener zu treiben, Effendi, ich kann kaum die eigenen Steuern zahlen und habe kein Geld zu verleihen.« Der Kollektor strich sich den Bart. »Willst du die Summe geben?« »Ich schulde dir nichts – ich habe schon mehr bezahlt, als das Gesetz vorschreibt. Ich kann es nicht.« »In das Annundal mit dem aufsässigen Schurken! Werft ihn nieder, ihr Schufte, fürchtet ihr euch vor einem elenden Bauer?« Der letzte Befehl war an die Peons gerichtet gewesen, die sich Caulathys hatten bemächtigen wollen, von ihm aber mit kräftigem Widerstand empfangen und zurückgeworfen worden waren. Der Ryot stand, auf seinen linken Fuß gestützt, die Hände geballt vorgestreckt, das Auge blitzend, das Bild eines kräftigen, zum Äußersten gereizten Mannes. »Bismillah! Bin ich ein Hund oder ein Sklave, daß man es wagt, mich so zu behandeln? – Nieder mit der verfluchten Herrschaft der Faringis! Auf, Männer, rafft euch auf aus eurem Dulden und Leiden! Denkt an den alten Glanz unseres Landes und setzt euch zur Wehr gegen die Tyrannen, wie ich es tue!« Einige Stimmen erhoben sich und schrien über die Ungerechtigkeit. Der Verwalter und der Kollektor waren aufgesprungen. »Will der Hund Rebellion predigen? Unteroffizier, tut Eure Pflicht!« »Gewehr zum Fuß! – fertig zum Feuern!« Die Ladestücke der Sepoys rasselten in die eisernen Läufe. »Gewehr auf! – Schlagt an!« Aber keiner der Dorfbewohner rührte sich mehr – Schrecken und Zagen lag auf allen Gesichtern – nur eine Frau und ein junges Mädchen waren aus der Menge herbeigeflogen und hatten schützend und bangend den Gatten und Vater umschlungen. »Jetzt bindet den Sohn einer Hündin!« Die Peons warfen sich auf den Ryot. Noch wollte er sich im Gefühle seines guten Rechts unerschrocken zur Wehr setzen, aber Frau und Tochter selbst hinderten ihn daran. In wenig Augenblicken war er zu Boden geworfen und geknebelt. Den Weibern war bei dem Ringen der verhüllende Schleier vom Haupte gerissen worden, – die langen, schwarzen Flechten wallten um das goldbraune, edelgeformte Gesicht des jungen Mädchens, dessen schöne, große Augen Furcht und edlen Zorn ausdrückten. Die Natur des Vaters regte sich in dem Blute des Kindes. Wenig achteten in diesem Augenblick Mutter und Tochter auf die züchtige Sitte ihres Glaubens. Der Verwalter schaute mit lüsternem, boshaftem Auge auf die jugendliche Schönheit des etwa dreizehn- oder vierzehnjährigen Mädchens, ein Alter, das unter diesem Himmelsstrich bereits die Jungfrau zur Reife bringt und in dem viele schon verheiratet sind. »Jetzt, hochmütiges Ding, will ich dich kirre machen,« flüsterte er vor sich hin, und zu dem Kollektor gewendet: »Hundert Rupien sind für dich, Freund Aly, wenn du mir beistehst, den störrischen Kerl und seine Tochter jetzt zu unserm Willen zu zwingen.« Der Steuereinnehmer lächelte grimmig. »Spannt den Schurken ins Annundal, bis seine Muskeln und Knochen sich strecken, als wären sie vom Harz des Gummibaums.« Die Peons knebelten die Zehen des Mannes, der nach seiner Überwältigung keinen Laut mehr von sich gab, um seinen Hals und schnürten die lebendige Kugel mit den vorhin erwähnten Baststricken zusammen. Dann warfen sie ihn wieder auf den Boden, und der Kollektor selbst setzte sich mit der vollen Last seines Körpers auf den Rücken des Gemarterten, statt ihn mit einem Stein zu beladen. »Willst du dich jetzt fügen, das Geld zahlen und dem Zemindar dein Feld verkaufen?« »Niemals! Niemals!« »Der Bursche ist ein verstockter Sünder! Feuchtet die Stricke an und bindet das heulende Weib an den Bananenbaum! Wir können ihr Gejammer hier nicht brauchen!« Er stieß die zu seinen Knien flehende Frau mit einem Fußstoß von sich. Es geschah mit ihr, wie er gesagt. »Nun, braunes Täubchen,« sagte der Verwalter, indem er sich dem zitternden, mit wogendem Busen, aber starrem Schweigen in der Mitte des Kreises stehenden Mädchen näherte. »Du erinnerst dich, wie trotzig du mich noch gestern unter den Dattelbäumen zurückgewiesen, als ich dir den Vorschlag machte, meine Geliebte zu werden, weil ich dich beim Baden im Fluß belauscht und wußte, daß du ein nettes Stückchen Fleisch geworden. Du schläfst diese Nacht bei mir im Bungalow, und dein Vater willigt ein, sein Feld zu verkaufen, dann soll ihm die Steuer für den Lungerbund von Neffen erlassen sein und er morgen früh aus dem Annundal kommen. Also sträube dich nicht weiter, hübsche Zelima!« Er faßte ihren Arm und wollte sie fortziehen, aber die junge Indierm riß sich los und versetzte ihm einen so kräftigen Schlag ins Gesicht, daß er zurücktaumelte und sich die Backe hielt. »Gott verdamme dich – verfluchte Kreatur! Das sollst du büßen! Du hast dich an deinem Grundherrn vergriffen, Dirne, dessen Person ich vorstelle! Das soll dir zur Stelle vergolten werden. Bindet ihr die Hände auf den Rücken!« Er stürzte zu seinem würdigen Genossen. »Die Käfer, Aly – gib mir die Büchse mit den Käfern! Ich bin zu nachsichtig gegen die gelbe Brut gewesen, aber ich will sie züchtigen, daß sie an diese Nacht denken sollen!« Der Kollektor reichte ihm eine kleine hölzerne Büchse. Unterdes war das Mädchen von den rohen Polizeischergen gefesselt worden. Sie ertrug es ohne Widerstand, nur die Lippen fest aufeinandergepreßt. Der Engländer stand jetzt vor ihr. Er hatte die Hände sorgfältig umwickelt, ehe er die Büchse geöffnet. Dann hatte er aus dieser ein etwa einen Zoll langes, schwarzes Insekt herausgenommen und zeigte es der Jungfrau. Es war einer der entsetzlichen, berüchtigten Zimmermannskäfer . »Willst du mich jetzt fußfällig um Verzeihung bitten, willig tun, was ich dich geheißen und den alten Schurken, deinen Vater, zu dem Verkauf bestimmen?« »Nie! Ich hasse, ich verachte dich, schändlicher Faringi!« »Zu Boden mit ihr! Bindet ihr die Füße an die Enden dieses Stocks.« Der schändliche Befehl wurde erfüllt. Der Ryot heulte vor Wut, schleuderte durch seine Bewegungen den Kollektor von sich und versuchte, gleich einer lebendigen Kugel, sich in die Nahe seiner unglücklichen Tochter zu wälzen. »Barmherzigkeit, Sahib – wage es nicht, mein Kind anzurühren. Nimm mein Feld und alles, was mein ist, aber lasse sie frei!« »Es ist ohnehin verfallen, Narr, für deine Rebellion. Ihren Trotz will ich brechen.« Der flehende, entsetzliche Blick des Gefesselten traf in diesem Moment das Auge des Derwisch. Vorwurf – Bitte – Verzweiflung lag darin. »Willst du um Verzeihung flehen und meinen Willen tun?« drohte der Verwalter des Zemindars zu dem unglücklichen Mädchen. »Niemals!« Sie spie ihm in das Gesicht. Zur Wut entflammt, riß seine Linke ihr die einfache Kleidung vom Leibe. Der keusche Körper der Jungfrau wand sich hüllenlos vor den Blicken der Männer. Der Schrei des Ryots glich dem Gebrüll eines Tigers. Mit verzweifelter Anstrengung hatte er sich in die Nähe des Grausamen gerollt und preßte seine Zähne gleich einem wilden Tiere in den Fuß des Peinigers, da seine Glieder eng in den furchtbarsten Schmerzen gefesselt waren. Der Gebissene schrie vor Schmerz und Grimm auf, wandte sich nach dem Angreifer und stieß ihn von sich. »Hund – das sollst du mir vergelten! Fort mit ihm – haltet die Bestie mir vom Leibe!« Diese augenblickliche Unterbrechung hatte der Derwisch benutzt, sich zu dem unglücklichen Mädchen zu beugen, und während ihr mißhandelter Vater von den Peons zurückgeschleift und gestoßen wurde, flüsterte er ihr zu: »Rufe: Pfui über Jack Slingsby! Wer hätte geglaubt, daß der schöne Jack ein Weib martern würde!« Das Mädchen sah ihn groß und staunend an – die Worte waren ihr ohne Sinn. Bereits wandte sich ihr Henker wieder zu ihr und stieß den Derwisch brutal zur Seite. Seine lüsternen Augen weideten sich an dem junonisch schönen, unbefleckten Körper der unglücklichen Hindu-Jungfrau, den seine freche Hand betastete. Ihr Blick machte seine Bosheit, seinen Grimm vollends zügellos. Das Entsetzlichste, Abscheulichste geschah vor den Augen so vieler Männer, die viehisch grinsend dem schändlichen Schauspiel zusahen. An jene Teile, welche die Sitte der rohesten Völker durch ein ewiges Mysterium geheiligt hält, und die nur die Bestialität zu mißhandeln wagt, legte die freche Hand die Nuß mit dem giftigen Insekt. Die Feder versagt den Dienst, die empörende Mißhandlung zu verfolgen – aber der Leser bilde sich ja nicht ein, daß sie eine Ausgeburt zügelloser, gemeiner Phantasie ist! In den Zuckungen jungfräulicher Angst und Scham traf das Auge des armen Mädchens auf die mahnend erhobene Hand des Fakirs – sie erinnerte sich seiner Worte und rief mit lauter Stimme: »Pfui über Jack Slingsby! Schmach über den schönen Jack, der ein Weib martert!« Die wenigen, von keinem der Umstehenden verstandenen Worte übten dennoch eine Zauberkraft auf den Verwalter. Er prallte, wie vom Blitz getroffen, zurück, seine Farbe veränderte sich und seine Augen starrten erschrocken auf das Mädchen und dann auf seine Umgebung, als suche er da den Eindruck, den sie gemacht. Die Nuß und die Schale mit den Käfern war seiner Hand entfallen, und der Derwisch benutzte rasch die Gelegenheit, indem er das Mädchen aufrichtete und ihr ein Kleidungsstück überwarf, den Fuß auf das schändliche Marterwerkzeug zu setzen und das giftige Gewürm zu zertreten, wobei er spöttisch den erschrockenen Engländer betrachtete. Endlich hatte dieser sich gefaßt. Er stieß den Helfer zornig zurück und faßte wild den Arm des Mädchens. »Welcher Teufel hat dir den Namen verraten?« flüsterte er. »Noch einen Laut, und ich erwürge dich und die Deinen. – Aber ich will dich schon zum Geständnis bringen! Stopft ihr einen Knebel in den Mund und fort mit ihr nach dem Bungalow der Herrschaft. Daß keiner mit ihr zu sprechen wagt, bis ich selbst dort bin.« Aber ehe der neue, grausame Befehl vollzogen werden konnte, änderte sich plötzlich die Szene. Die schmachvolle Beschäftigung und die erregten Leidenschaften hatten alle verhindert, auf den Weg acht zu haben, der von den Höhen im Süden in das Tal führte, sonst hätten sie dort schon lange Fackeln glänzen sehen und das Schnauben von Pferden und Elefanten hören können. Jetzt sprangen, ihre Fackeln hochschwingend, zwei indische Chiprassys in vollem Rennen auf den Platz, schlugen mit den langen Stäben den im Wege Stehenden auf die Köpfe, und ihr lauter Ruf verkündete: »Platz! Platz! für Seine Ehren den Sahib-Sahib! – Begrüßt euren Gebieter, ihr Männer und Frauen!« Hinter den Läufern kamen mehrere Männer zu Pferde, Europäer in Jagdkleidern oder der schimmernden roten Uniform der britischen Offiziere, jeder begleitet von seinem Seyce oder Pferdehalter. Zwei mächtige Elefanten folgten, die Haudah des einen zur Aufnahme der ermüdeten Reiter bestimmt, in der des anderen eine Dame mit einer Dienerin und einem Kinde. Die Schar der Dienstboten beiderlei Geschlechts, welche ein englischer Haushalt oder eine englische Reisegesellschaft in Indien bedarf, folgte teils zu Fuß, teils auf Eseln und Pferden oder Ochsenkarren mit dem zahlreichen Gepäck, so daß bald die ganze Breite des Platzes von dem Zuge angefüllt war. Es befanden sich unter jenen mehrere ältere und jüngere englische Offiziere, die sich um den Mann gruppiert hatten, dessen Anhalten zuerst den Zug ins Stocken gebracht. Obschon derselbe Zivilkleidung trug, konnte diese doch eine gewisse militärisch feste und sichere Haltung nicht verbergen. Sein ruhiger Sitz auf dem feurigen Araber, der ihn trug, rivalisierte mit der Sicherheit jedes englischen Sportsman, er war von hoher aristokratischer Haltung und imponierender Gestalt. Dem entsprach auch das Gesicht, gebräunt von der Sonne und den Strapazen eines bewegten Lebens, aber von klassisch edlen Zügen, die den griechischen Typus zeigten. »Halten Sie an, Gentlemen,« sagte er mit sonorer, wohllautender Stimme und der weichen Aussprache des Englischen, welche den Südländer verriet – »da vor uns liegen Menschen am Boden und unsere Pferde oder Elefanten möchten sie verletzen.« Der Vorhang eines der Palankine wurde zurückgeschlagen und eine hüstelnde Männerstimme ließ sich hören mit der Frage, ob man bereits vor dem Landhause angelangt sei? Jetzt hatte sich auch der Verwalter von seinem Schreck über die Worte des Mädchens und die plötzliche Dazwischenkunft des Reisezuges gefaßt und nachdem er dem nahestehenden Munsiff mit einem Rippenstoß zugeherrscht, die Herrschaft durch ein Freudengeschrei der Bauern begrüßen zu lassen, eilte er mit dem Hute in der Hand zu dem Palankin des Gebieters. »Mylord, erlauben Sie mir, mit Ihren getreuen Untertanen Sie in Ihrem Dorfe zu begrüßen. Die Freude, Sie heute schon hier zu sehen, kann uns allein darüber trösten, daß wir mit den Vorbereitungen zu dem feierlichen Empfang noch nicht zu Ende sind.« Die Diener hatten auf einen Wink des Gebieters den Palankin niedergelassen und der Schein des Feuers fiel hell und grell auf die Gestalt des darin Sitzenden. Sir Lytton Mallingham , eines der einflußreichsten Mitglieder des geheimen Rates von Indien und Kanzler der Präsidentschaft Madras, war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, der den größten Teil seines Lebens in Indien zugebracht und sich ein kolossales Vermögen erworben hatte. Er war bekannt wegen seines habsüchtigen, harten Charakters, dem Mitleid und Großmut fremde Gefühle waren. Der Rat hatte erst in seinem späten Mannesalter vor sechs oder sieben Jahren, bei einem Aufenthalt in England, die jüngste Tochter eines Lords mit einem der stolzesten Namen des stolzen Englands geheiratet. Lady Helene ward das Opfer der Spekulation ihrers Herrn Papa, wie gar manche Tochter des edlen Blutes Altenglands wird, das den Glanz des Reichtums sehr wohl zu schätzen weiß. Man sagte, daß sie sich mit gebrochenem Herzen in ihr Schicksal gefügt, da sie eine unglückliche Liebe zu einem jungen Kavallerieoffizier gehegt. Einmal als Frau, verstand sie auch meisterhaft, die Würde ihres Standes und den Schein äußern Glücks festzuhalten, wenn auch der erkünstelte Rosenschein ihrer Wangen dem tiefen Beobachter verriet, daß unter dieser so glänzenden Hülle der Moder des Kummers und des Leidens wohnte. In den letzten Jahren hatte Lady Helene Mallingham jedoch auffallend sich verändert. Ihr Auge war belebt und strahlte zuweilen von einem ungewohnten Feuer und Glück, und sie gab sich mit sichtlicher Neigung den rauschenden Freuden und Vergnügungen der glänzenden Kreise von Madras hin. Nur in einem Gefühl begegneten sich fortdauernd die ungleichen Gatten. Das war die Sorge für ihren jetzt dreijährigen Knaben, ihr einziges Kind, an dem der Baronet mit jener exaltierten Zärtlichkeit hing, die sehr häufig ältere Männer für die Frucht einer späten Ehe zeigen. Das Kind war ausgezeichnet schön, doch durch die Eltern überaus verzärtelt. Der Stolz und der Reichtum Sir Mallinghams hatte es für nötig gehalten, ihm schon in seiner frühen Kindheit eine französische Erzieherin zu geben. Es war auffallend, welchen großen Einfluß diese Person in der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit in der Familie des Baronets schon über alle Glieder derselben gewonnen hatte. Sie nannte sich Marquise Deprevaille und behauptete, aus einer der ältesten, aber verarmten Familien der Auvergne zu stammen. Die Marquise war um einige Jahre älter als die Lady, schien aber jene Grenze des Alters schöner Frauen, das verhängnisvolle dritte Jahrzehnt noch nicht passiert zu haben. Sie war ein höchst verführerisches Weib; der Ausdruck ihres pikanten Gesichts fein und beweglich, ihr großes, dunkles Auge feurig und zugleich intrigant. Sie besaß bald das Vertrauen der Lady, die volle Herrschaft über das verzärtelte Kind und einen auffallenden Einfluß bei dem Herrn des Hauses. »Ah, Master Burton ,« sagte der Baronet – »erfreut, Euch zu sehen; ich hoffe, Ihr habt meine Befehle empfangen und alles zu unserer Aufnahme bereit gemacht. Meine Gesundheit macht den Aufenthalt von einigen Wochen in der frischen Luft der Berge notwendig, und diesen Herren da habe ich eine reiche Jagd versprochen für ihre Begleitung.« Das Zeichen, das er geben wollte zur Fortsetzung des Zuges, wurde durch ein gellendes Jammergeschrei unterbrochen. Der Witwe Baulambal war es gelungen, den Knebel aus ihrem Munde zu stoßen und ihr Schmerzensgeheul erfüllte die Luft. Zugleich hatte sich Zelima , die Tochter des Ryot, durch die Peons gedrängt und warf sich vor dem Palankin auf die Knie. »Erbarmen, Sahib,« schrie in flehenden Tönen das Mädchen, »Erbarmen bei dem Glauben deines weißen Gottes und der heiligen Mariam für mich und meinen unglücklichen Vater!« Die Vorhänge des zweiten Palankins wurden aufgerissen, und zwischen den Falten erschien das bleiche, schöne Gesicht der Lady. »Was geht hier vor, Sir Lytton, was ist geschehen?« Der Baronet, welcher aus der Gegenwart des Steuereinnehmers ahnen mochte, was geschehen, befahl, vorwärts zu reiten, aber das Hindumädchen lag mit ausgestreckten Armen auf dem Boden und schrie, daß die Pferde und Elefanten über ihre Leiber weggehen sollten, wenn man sie nicht erhöre. »Was ist mit den tollen Weibern?« herrschte unwillig der Baronet zu dem Verwalter – »was wollen sie und was bedeutet das Geschrei?« Der hohe Mann im Jagdhemd war mit einem der jüngeren Offiziere sofort vom Pferde gesprungen und nach der Hütte geeilt, woher es erklungen. Sie trugen jetzt auf ihren Armen die unglückliche Frau herbei. Ihre Arme hingen schlotternd herab, sie waren Aktenmäßige Tatsache aus den Gelenken gerissen und gebrochen, die Brüste auf das entsetzlichste zerquetscht. »Gerechtigkeit, Sahib, Rache an diesem Bösewicht! Möge die Devy mit tausend Martern seine blutige Seele peinigen, Gerechtigkeit gegen ihn, wenn du ein Richter bist in diesem Lande, ich klage ihn an auf Raub und Gewalttat!« »Fort mit dir, Weib,« zürnte unwillig der Zemindar, »kein Richter wird solche unsinnige Klage annehmen, die gegen eine respektable Person im Amte gerichtet ist Diese Antwort auf die gerichtliche Klage bei Mißhandelten ist gleichfalls Tatsache . – Schafft das Weib beiseite!« Der Fremde griff zornbleich nach dem Jagdmesser an seiner Seite, aber ein leiser, warnender Ruf in italienischer Sprache, der aus der Haudah des Elefanten hinter ihnen kam, ließ ihn sich fassen, und mit ingrimmig zusammengepreßten Lippen warf er der Armen seine Börse in den Schoß und wandte sich ab von dem traurigen Anblick. »Nun rasch – was ist hier vorgefallen?« befahl der Grundherr. »Möge dein Schatten lang sein, Herr,« berichtete der Deputy- Kollektor. »Die Bewohner dieses Dorfes sind schlimme Zahler und die Steuern vom letzten Termin schuldig, obschon die Ernte gesegnet war. Die Schurken weigerten sich, ihre Schuld zu zahlen, und jenes Weib hatte freche Reden im Munde.« »Aber mein Vater ist keine Steuern schuldig – er ist ein freier Ryot und sitzt auf seinem Erbe,« schrie das Mädchen dazwischen. »Man wollte ihn zwingen, für einen anderen zu zahlen und weil er sich weigerte, spannte man ihn ins Annundal. Habe Erbarmen mit uns, Herr!« Ihre zitternde Hand wies nach dem lebenden Klumpen, der eine Menschengestalt barg. Die Lady schauderte. »Sir, üben Sie Mitleid mit den Unglücklichen,« bat ihre liebliche Stimme. »Es ist der stöckische Bauer, der sich weigert sein Land für schweres Geld zu verlaufen, das mitten zwischen Ihren Feldern am Ufer des Flusses liegt,« berichtete der Verwalter. »Steht es so?« sagte der Rat finster; »dann muß ein strenges Beispiel gegeben werden. Laßt den Kerl im Block, und morgen soll er den Gerichten übergeben werden.« Die Frau des Verunglückten schrie auf im Jammer, da sie Englisch genug verstand, um den Inhalt des Befehls zu begreifen. »Allah erbarme sich unser! Was soll aus mir und diesem unglücklichen Mädchen werden, die man schon mit dem schlimmsten bedroht hat, da ihr der Schutz des Vaters fehlte!« Die Lady hatte die Klagen der Frau teils verstanden, teils erraten, da sie in schlechtem Englisch vorgebracht worden, um das Mitleid ihres Gebieters zu erregen. »Das Mädchen gefällt mir,« sagte Lady Mallingham. »Sie soll uns zur Cottage begleiten und die Stelle der Dienerin einnehmen, die unterwegs erkrankt und zurückgeblieben ist. Sorgen Sie dafür, Sir – und nun lassen Sie uns weiter, denn diese traurigen Szenen greifen meine Nerven allzusehr an, und Eduard wird gleichfalls der Ruhe bedürfen.« »Laßt diese Dirne sich der Dienerschaft anschließen, Burton,« befahl mißlaunig der Nabob, »und nun vorwärts, meine Herren, damit wir an Ort und Stelle kommen!« Der Zug setzte sich in Bewegung und schritt über den Platz weiter, die Schobedars voran. Burton, der Verwalter, war einen Augenblick zur Seite getreten und hatte seinem würdigen Genossen, dem Kollektor, seine Instruktionen gegeben. Der Kollektor trat zu dem Mädchen und ihrer Mutter. »Komm denn, du Närrin, die du des Segens nicht wert bist, den Allah über dich ergießt. Ich werde dich zu den Bungalows begleiten und dich den Personen übergeben, die für dich sorgen wollen.« Das Mädchen sah ihn zornig und verächtlich an, indem sie sich in die Fetzen ihres zerrissenen Schleiers zu hüllen suchte. »Weiche von mir,« sagte sie – »ich gehe nicht mit dir!« »Mashallah – du willst doch nicht die Gnade von dir stoßen, die dir geworden, Törin? Wenn das Ohr der Gebieterin dir offen steht, so ist es der einzige Weg, den Rebellen, deinen Vater, zu retten! Fort mit dir, Dirne, oder ich will dir beweisen, was es heißt, Ali Karam, dem Kollektor der Regierung, in den Bart zu lachen!« Er faßte sie rauh am Arm und wollte sie, trotz ihres Widerstrebens, mit sich fortziehen, als der Schlag einer starken Hand ihn zurückstieß und ein Reiter sich zwischen ihn und die Jungfrau drängte. »Fort mit dir, Spitzbube,« sagte eine drohende Stimme, – »fort, oder ich schlage dir den kahlen Schädel ein. Dieser Mann hier,« der Reiter, der kein anderer war als der stattliche Mann in dem braunen Jagdhemd, wies auf den Derwisch, der in der Nähe stand – »hat mich zu deinem Beistand gerufen, indem er mir erzählte, wie schändlich man mit dir umgegangen. Ich werde dich schirmen gegen die Buben, bis ich dich einem geeigneten Schutze übergeben kann.« Das Mädchen sah mit den großen, braunen Rehaugen zu ihm auf: »Du bist mir ein Fremdling, aber ich vertraue dir. Du und jener fromme Mann sind die einzigen Freunde, die wir in unserer Not gefunden. Aber ich möchte meinen Vater nicht in seinem Unglück und in den Händen seiner Feinde lassen!« »Ich werde bei deiner Mutter bleiben, Kind,« sagte der Derwisch, »und mit Allahs Hilfe Mittel finden, die Bande deines Vaters zu erleichtern. Geh getrost mit jenem Mann, wenn er auch ein Christ ist und zu den Faringis gehört. Er wird deine Unschuld schützen, – so gewiß er auf den Stein von Sankt Helena geschworen! « Der Reiter fuhr zusammen bei den Worten, wie vorhin der Verwalter bei der Nennung eines Namens. Aber als er hastig sein Pferd wandte und den Fakir befragen wollte, war dieser bereits im dunklen Schatten der Moschee verschwunden. Wenige Augenblicke noch hielt der Reiter im forschenden Umherschauen auf dem Platz, da aber alles Suchen und Vermuten vergeblich war, wandte er sich wieder zu dem Mädchen, empfahl ihr, die Hand an seinen Steigbügel zu legen, und folgte nachdenkend mit ihr dem schon in der Ferne verhallenden Geräusch des Zuges. 2. Der Nabob Zwei Tage waren vergangen seit dem schrecklichen Auftritt vor der Moschee im Dörfchen am Ufer des Gandlagama. Auf den Wunsch der Lady, der ihr Gemahl nur selten widersprach, war die Anklage gegen Caulathy Mudaly, den Ryot, unterdrückt und er selbst am Morgen nach der Ankunft des Zemindar aus seinen entsetzlichen Fesseln entlassen worden. Dagegen hatte ihm der Verwalter angekündigt, daß zur Strafe das fragliche Feld am Ufer konfisziert worden sei. Der Beraubte hielt sich finster zu Hause, er kümmerte sich nicht mehr um die kleine Wirtschaft, die er sonst mit großem Fleiß besorgt, und seine einzige Gesellschaft war der Derwisch, der bei ihm geblieben, und mit dem er stundenlang eifrige Gespräche führte. Als der Fremde, der, wie man im Dorfe vernahm, ein Verwandter der Marquise, der Gesellschafterin der Lady, und der Agent einer großen Turiner Seidenmanufaktur, Namens Maldigri , war, früher Offizier in sardinischen Diensten, den Derwisch schon am anderen Tage aufgesucht, hatte dieser geschickt verstanden, dem Besuch auszuweichen und war, so oft der Major erschien, nicht zu finden. Der erste Schimmer der dritten Morgenröte dämmerte über dem fernen Streif des Meeres am Horizont, als sich auf dem mit tausend Blumen übersäten Platz vor der Cottage des Nabob die Gesellschaft seiner Gäste zu einem Jagdzug ins Innere des Landes versammelte. Der Nissam – der Fürst von Heiderabad, – hatte den Baronet zu einer Elefantenjagd in den Wäldern und Teichen an der Grenze seines Gebiets eingeladen. Das Jagdrendezvous war lange vorher bestimmt, und Sir Mallingham hatte die Einladung schon in Madras angenommen, war aber jetzt durch Unwohlsein verhindert, sogleich mit aufzubrechen und wollte erst in einigen Tagen die Cottage verlassen und nachkommen, während sich seine Gesellschaft einstweilen auf der Jagd an dem zahlreichen Wild der Dschungeln ergötzen sollte. Jetzt stand er vor der Tür des Pavillons, den er bewohnte, von seinen Gästen Abschied nehmend und ihnen noch einige Aufträge an den Nissam erteilend. »Es ist fatal,« sagte er, »daß der Mensch, welcher als der beste Jäger und geschickteste Spürer gilt, dieser Caulathy Mudaly, selbst durch eine Belohnung nicht zu bewegen war, Sie zu begleiten, und behauptet, durch das bißchen Züchtigung, die ihm verdientermaßen geworden, so krank zu sein, daß er die Glieder nicht rühren kann. Indes, ich werde den Burschen selbst mitbringen, wenn ich nächsten Donnerstag aufbreche, verlassen Sie sich darauf. Ich hoffe, Sie werden uns einiges Wild übrig lassen. – Leutnant Eglinton , es ist doch etwas gewagt, daß Sie solchen Strapazen Ihren prächtigen Renner aussetzen wollen. Man sagte mir, daß »Rookeby« Ihnen beim letzten Rennen in Madras tausend Pfund in Wetten und Preisen eingebracht habe.« Der junge Dragoneroffizier, den er anredete und welcher derselbe war, der mit dem Major die unglückliche Witwe von ihrer Marter befreit hatte, errötete leicht. »Ich muß das Pferd an die Strapazen des Feldlagers gewöhnen, Sir,« sagte er höflich. »Ich glaube nicht, daß Rookeby länger imstande ist, mit Glück das Feld zu behaupten und habe ihn daher zum Kampagnepferd bestimmt.« »Also – gute Reise und glückliche Jagd. Erinnern Sie sich bei dem Aufbruch aber gefälligst, daß Mylady noch in ihrem Morgenschlummer liegt und ich ihre Migräne den Tag über allein zu tragen haben werde, wenn sie gestört wird.« Er verbeugte sich höflich und kehrte in seine Gemächer zurück, während die Jäger sich auf die Pferde schwangen oder die Elefanten bestiegen und der älteste Schobedar das Zeichen zum Abmarsch gab. Der Schlaf der Lady schien aber dennoch gestört; denn als zufällig Major Maldigri hinübersah nach dem Pavillon, wo, wie er wußte, das Schlafgemach der Dame lag, sah er den Vorhang sich leicht bewegen und glaubte zwischen den Spalten der Jalousien einen Augenblick lang eine feine weiße Hand, gleichsam zum Abschied, sich bewegen sehen. Wie er schärfer hinblickte, war sie verschwunden, auf dem Antlitz des jungen Dragonerleutnants aber begegnete er einer flammenden Röte, und verlegen beugte dieser sich nieder auf die Mähne seines edlen Pferdes, als sein Auge dem ernsten Blick des Sardiniers begegnete.   Es war um die Mittagszeit – die Hitze entsetzlich. Der Monsun, der heiße Seewind aus dem Süden, hatte während des ganzen Vormittags geweht, und die Natur selbst schien ermattet, lechzend nach einem kühlen Hauch. Kein Europäer ließ sich blicken – jeder hätte gefürchtet, der drohenden Gefahr des Sonnenstichs zur Beute zu werden. Auch die Indier hatten jede Arbeit im Freien eingestellt und hielten sich innerhalb ihrer Hütten. Zwei Wesen trotzten der furchtbaren Sonnenglut und der verzehnfachten Anstrengung, und merkwürdigerweise war das eine derselben ein Europäer – ein Engländer – das andere sein Pferd. Im Galopp kam der kühne Reiter von den Bergen im Westen her, sorgfältig bemüht, zwischen sich und der Cottage den verdeckenden Hügel zu halten, oder wenigstens den Schutz der Bäume und Hecken zu haben. Es war der junge Dragoneroffizier – Leutnant Eglinton – auf seinem Renner »Rookeby«, den er dem Nabob nicht für zweitausend Pfund verkaufen wollte, obschon das Pferd in der Tat sein einziges Besitztum von Wert war. Aber wie sahen Roß und Reiter aus! Weißer Schaum bedeckte die Flanken des Tieres, die heftig auf und nieder wogten, dazwischen zeigten sich breite Streifen von Blut, die Spuren der scharfen Sporen des unerbittlichen Reiters, der das Tier zu dem Laufe gezwungen. Man sah, daß es bald am Ende seiner Kräfte war. Roß und Reiter hatten an diesem Tage bereits sechsundfünfzig englische Meilen – achtundzwanzig davon im vollen Sonnenbrande eines indischen Sommertages gemacht. Während er sich fortgestohlen von dem ersten Lagerplatz der Jagdgesellschaft, schliefen die meisten seiner Gefährten und kümmerten sich nicht einer um den anderen. Wer hätte ein solches wahnsinniges Unternehmen für möglich gehalten. Nur der Sardinier hatte den jungen Mann beobachtet, seine Unruhe bemerkt, gesehen, wie genau er auf die Richtung des Weges achtete und sie häufig mit dem Miniatur-Kompaß verglich, der als Berlock an seiner Uhrkette hing. Aber er hatte wirklich seinen Willen durchgesetzt, jetzt schien er am Ziel angekommen zu sein. Er war am Rande des Tamarindenhains, der den Palmenhügel umgab, von der entgegengesetzten Seite der Cottage. Hier hielt er sein Pferd im Schatten der weitgestreckten Äste an und stieg langsam und ermattet ab. Das Pferd, sobald es von seiner Last befreit war, stürzte in die Knie und warf sich auf die Seite. »Armer Rookeby, braves Tier,« sagte der junge Offizier, indem er den Sattelgurt lockerte und das Kopfzeug ihm abnahm, »o, wenn du das überstehst, bis du das beste Pferd in ganz Indien. Was ich tun kann, dich zu erfrischen, soll geschehen, und mußt du für deinen Herrn büßen, nun, so stirb mit dem Gedanken, daß du ihn zu seinem Glück getragen hast.« Etwa fünfzig Schritt entfernt, im Schutz der Mangrovebüsche, sprudelte eine kleine Quelle aus der Hügelwand. Der junge Offizier nahm seinen Panamahut, um sich seiner als Gefäß zu bedienen, und schritt zur Quelle. Plötzlich schrecke er zurück und fuhr mit der Hand nach seiner Brusttasche. An der Quelle ruhte unter den Büschen ein Mann, halb erhoben, den Kopf in die Hand gestützt, und seine dunklen schwarzen Augen beobachteten das Tun des Faringi. Der junge Offizier hatte sich jedoch bald wieder beruhigt – er sah, daß der Mann zu den Eingeborenen gehörte, und er begriff nach seinen Erfahrungen, daß ihm keine Gefahr von jenem drohe, ja daß es leicht sein werde, seine Hilfe und sein Schweigen zu erkaufen. Überdies schien ihm das Gesicht des Mannes nicht ganz unbekannt. Dieser trug die ärmliche Kleidung eines wandernden Fakirs und die bezeichnende hohe wollene Mütze. »Höre, Freund,« sagte der junge Dragoner zu dem Fremden, »du kannst mir einen Dienst leisten und sollst gut belohnt werden. Mein Pferd ist unter mir zusammengebrochen, erschöpft von der entsetzlichen Hitze. Hilf mir, einiges Wasser zu ihm tragen und es abreiben, sonst fürchte ich, verendet das Tier.« Der Derwisch, denn es war der Gast Caulathy Mudalys, erhob sich schweigend, füllte seine Kürbisflasche an dem Brunnen mit frischem Wasser und schritt dem Offizier voran zu der Stelle, wo das Pferd lag. »Nur ein Narr oder ein Verliebter kann so reiten,« sagte er. »Das Tier ist dem Tode verfallen, wenn keine Luft in seine Lungen kommt.« Ohne sich um den erstaunten Besitzer zu kümmern, kniete er nieder, zog ein kleines Messer aus der Tasche, befühlte mit sachkundiger Hand den Hals des Pferdes und stieß dann die Spitze des Messers in die Stelle, die er zwischen seinen Fingern hielt. Das Blut sprang in einem roten Bogen. Das edle Tier schnaubte, fühlte sich aber offenbar bald erleichtert, hörte auf zu zucken und blieb ganz ruhig liegen. »Nimm ihm den Sattel vollends ab, oder du wirst es nie wieder besteigen,« sagte der Derwisch in einem rauhen, fast befehlenden Ton. Dann faßte er mit beiden Händen das Gebiß des Pferdes, drückte es fest zusammen, legte den Mund an seine Nüstern und blies lange und wiederholt hinein. Die Brust des wackeren Tieres schien aufzuschwellen, ein Gurgeln ließ sich in seiner Kehle hören, und ein langes kräftiges Schnauben verkündete, daß die Zirkulation des Atems durch die Bluterleichterung wieder vollkommen hergestellt war. »Jetzt,« sagte der Derwisch, »geh deinen Geschäften nach. Ich werde dafür sorgen, und wenn du zurückkehrst, wirst du es frisch und kräftig an den Stamm jener Tamarinde gebunden finden. »Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, Mann, und wirst mir einen noch größeren erweisen, wenn du keinem Menschen sagen willst, daß du mich hier gesehen. Ich erinnere mich deiner aus der Nacht unserer Ankunft, du bist einer der Bewohner des Dorfes. Nimm diese Guinee, und du sollst eine zweite erhalten, wenn du mein Pferd mir hier sicher verwahren willst, bis ich zurückkehre, und es nötigenfalls vor fremden Augen verbirgst. Ich habe etwas in der Cottage vergessen und möchte niemand durch meine Rückkehr stören.« »Behalte dein Geld,« entgegnete rauh der andere, indem er die geschlagene Ader des Tieres kunstgerecht schloß, » Sofi verachtet das Geld der Faringi. – Nimm dich vor den Augen deiner Brüder in acht – mich kümmert nicht, was du in dem Hause des geizigen Zemindar zu tun hast.« Leutnant Eglinton sah ein, daß er dem seltsamen Helfer ohne weiteres Versprechen vertrauen müsse, und verschwand in den Gebüschen, quer durch Gehölz und Buschwerk emporsteigend nach der Spitze des Hügels. Der Derwisch sah ihm spöttisch nach – dann setzte er eine kleine Schilfpfeife an die Lippen. Einige Augenblicke darauf wurden die Zweige der Mangroven auf der entgegengesetzten Seite zurückgebogen, und das braune Gesicht Caulathy Mudalys erschien zwischen ihnen. »Hast du den Faringi gesehen?« »Hat Caulathy die Augen eines Jägers oder ist er ein Maulwurf?« war die Gegenfrage. »Wohl! So folge ihm und berichte mir, wohin er geht!« Der Ryot machte das Zeichen der Bejahung und verschwand wie der Engländer in den Büschen, während der Derwisch fortfuhr, sich mit dem Pferde zu beschäftigen und dasselbe jetzt vorsichtig zu tränken. – Eine halbe Stunde mochte verflossen sein, als die Zweige aufs neue heftig auseinandergerissen wurden und die Gestalt des Indiers auf den freien Platz sprang. Seine gelbe Bronzefarbe hatte sich in ein schmutziges Grau verwandelt, die Augäpfel standen weit hervor, – der Mund war geöffnet – ein tödlicher, entsetzlicher Schrecken drückte sich in allen Mienen und Gebärden aus. Noch vermochte er nicht zu sprechen, als der Derwisch ihm am Arm schüttelte. »Inshallah! Mensch – rede – sprich – was ist geschehen?« Der Hindu deutete entsetzt nach oben – seine Lippen bewegten sich endlich mit Mühe und stammelten ein einziges Wort. Es hieß – – – (vermutlich sollte hier statt der Striche ein Schimpfwort stehen) In dem Gemach, in dem der Nabob seine Siesta hielt und die heißesten Stunden des Tages verbrachte, herrschte ein mildes Halblicht, durch die geschlossenen Jalousien und niedergelassenen Gardinen hervorgebracht. Der reiche Mann hatte seine gewöhnliche Kleidung mit einer weiten, leichten Tracht von weißem Zeug vertauscht, in der er auf den Roßhaarkissen des Diwans ruhte. »Goddam!« stöhnte der – »es ist eine Hitze heute zum Ersticken und will gar nicht enden. Wie viel Grad, sieh nach, Kuleini? Wer ist im Vorzimmer?« »Aly Karam, der Deputy-Kollektor, Sahib. Er will den Staub zu deinen Füßen küssen, ehe er weiterreist.« »Laß ihn hereinkommen.« Der Steuereinnehmer war, indem er die Pantoffel vor der Schwelle ließ, eingetreten und nahte mit tiefen Verbeugungen. »Möge dein Schatten niemals geringer werden, o Sahib- Sahib;« sagte er demütig. »Ich komme, um mich bei dir zu beurlauben, ehe ich mit den Sepoys weiterziehe zu den Dörfern am Ufer des Gandlagama. Ich bitte dich, mir deine Huld zu erhalten und an deinen Knecht zu denken.« »Hast du die rückständigen Steuern sämtlich einbekommen?« »Ich habe mit deinem Verwalter Abrechnung gehalten,« berichtete der Kollektor, – »es fehlen noch fünfzehn Rupien an der Landpacht und den Salzgeldern, aber deine Zehnten sind bis auf wenige Anahs in Ordnung. Wir haben vier der Hartnäckigsten die Zugochsen verkaufen müssen, obschon sie sagten, sie könnten ohne deren Hilfe die Ernte nicht einbringen.« »Die Kerle werden sich schon irgendwo andere stehlen. Es muß auf Ordnung gehalten, werden. Ich fürchte, Aly Karam, du bist zu nachsichtig in deinem Geschäft – man darf mit dieser trügerischen Brut kein Mitleid haben.« »O Sahib-Sahib,« rief der Steuerempfänger – »lasse die schlimme Wolke deines Mißtrauens nicht über dem Haupte deines Dieners. Maschallah! was kann ich tun? Ich habe seit acht Tagen vierundvierzig Männer und Weiber ins Annundal sperren und wohl dreißig die Kittie geben lassen müssen, so verstockt sind diese Burschen. Ich brauche deine Gunst, wie die Pflanze den Tau! Warum sollte ich lässig sein? – Ich habe gehört, daß die Stelle des Kollektors im Bezirk nächstens erledigt werden soll. Wenn der Strahl deines Wohlwollens auf mich fiele – Wallah! – ich wäre ein glücklicher Mensch und würde gern tausend Rupien zu deinen Füßen legen!« »Ich fürchte, es wird nicht gehen – die Kollektorstellen werden gewöhnlich nur mit Europäern besetzt!« »Ich weiß, was ich bin, nichts – ein Hauch – ein Ding ohne Wert, aber ich bin ein ergebener Mann und kenne den Dienst! Ich glaube, daß ich dreitausend Rupien beschaffen kann und bitte dich, einstweilen diesen Ring anzunehmen für das Fehlende an den Steuern des Dorfes.« Er legte den kostbaren Smaragd, den er dem armen Munsiff genommen, auf einen Tisch von Rosenholz, der zu den Füßen des Ruhebettes stand. Der Ring war nicht 500 Rupien, wie der darin unerfahrene Verwalter ihn geschätzt, sondern mindestens, das Fünffache wert. In diesem Augenblick klopfte es leise an eine Seitentür zu Füßen des Diwans. Sie wurde halb geöffnet, und die zierliche, feine Gestalt der Marquise von Deprevaille erschien auf der Schwelle. »Verzeihung, Sir – ich fürchtete nicht, zu stören, und ziehe mich zurück.« Der Nabob machte eine Bewegung, als wolle er sich erheben, »Madame, ich bitte, bleiben Sie – Sie wissen, daß Sie mir stets willkommen sind. Wir werden über die Angelegenheit weiter sprechen, Aly Karam, wenn ich.nach Madras zurückgekehrt bin.« Der Steuereinnehmer entfernte sich rückwärts schreitend unter demütigen Verbeugungen. Die Marquise war nähergetreten, und als der Baronet die Bewegung wiederholte, sich höflich zu erheben, eilte sie an seine Seite, und ihre reizende kleine Hand drückte ihn selbst auf das Lager zurück. »Ich bitte, Sir – wenn meine Gesellschaft nicht zudringlich erscheinen soll, – keine Störung in Ihrer Ruhe und Bequemlichkeit! Da ich unseren lieben Eduard nicht bei mir haben konnte und mich heute weniger angegriffen von der Hitze fühle, kam ich auf den Gedanken, Ihnen meinen Besuch zu machen und Sie zu fragen, ob ich Ihnen die Zeitungen vorlesen soll.« Der Rat lächelte halb freundlich, halb schmerzlich. Die Aufmerksamkeit tat ihm wohl, und zugleich erinnerte er sich, daß seine Frau nie daran gedacht hatte, ihm eine ähnliche Freundlichkeit zu erweisen. »Bitte, nehmen Sie Platz, Madame,« sagte er höflich. »Lassen Sie uns plaudern, Madame – ich vergesse meine Leiden und meine Sorgen stets in Ihrer Gesellschaft. – Einen Sessel für die Frau Marquise, Schurke!« »Sie sagten, Madame,« wandte der Nabob sich zu ihr, – »daß Eduard nicht bei Ihnen sei. Darf ich fragen, warum nicht und wo er sich befindet? Sie wissen, wie ruhig ich bin, wenn ich ihn unter Ihrer Obhut weiß.« »O, ohne Besorgnis, Sir! Mylady hat den Knaben zu sich in den Kiosk auf dem Palmenhügel holen lassen, wo sie ihre Siesta zu halten pflegt. Mylady will gewiß des Knaben Gegenwart mit mütterlicher Zärtlichkeit genießen, darum hat sie ihre Dienerinnen entfernt.« Der Baronet sah aus seiner Lethargie auf. Es lag etwas in dem süßen, entschuldigenden Ton der Marquise, das ihm durchaus nicht gefiel. »Die Dienerinnen fortgeschickt? Was ist das für eine neue Laune von Mylady? – Es könnte ihr und dem Kinde irgend etwas passieren.« »O bewahre, Sir – der Pavillon ist ja so nahe, Sie können von hier aus die Kuppel über den Bäumen her sehen. Überdies ist ja unser lieber Eduard nicht mehr so jung. Er ist – lassen Sie sehen – im nächsten Monat drei Jahre. – Richtig – ich erinnere mich – er ist gerade ein Jahr später geboren, als das achte leichte Dragonerregiment, bei dem Leutnant Eglinton steht, aus England nach Madras kam.« Wiederum waren die Worte so naiv unbefangen, so zufällig und anscheinend absichtslos, – und dennoch zuckte der Rat unwillkürlich zusammen. Die Marquise las einige Hofnachrichten mit gleichgültigem Tone vor, hin und wieder dazwischen plaudernd und den Baronet beschäftigend. »Ah, Lord Vere ist bei Hofe empfangen worden. Sein Sohn, der Kolonel, hat den Bathorden erhalten für die Bravour beim Sturm auf den Redam. Schade, daß eine russische Kugel ihn nicht getroffen. Eglinton hätte dann eine Aussicht mehr auf die Prärie!« »Wieso – auf welche?« Die Französin überhörte die Frage. »A propos! was hatte doch unser hübscher Leutnant wohl vergessen, daß er sich von dem Zuge trennte und bei der brennenden Sonnenhitze noch einmal zurückkehrte?« »Wie – Leutnant Eglinton wäre zurückgekehrt?« »Ei – wissen Sie das nicht? – Gewiß hat er Sie nicht stören wollen. Vor kaum einer Stunde sah ich ihn ganz deutlich mit dem Glase auf seinem »Rookeby« die Hügel heruntergaloppieren. Er ritt an der Seite des Tales entlang. Wenn er nur nicht den Sonnenstich bekommt!« Der Baronet trocknete mit dem Foulard von chinesischer Seide den Schweiß von seiner Stirn. »Der Geck,« murmelte er – »um das bißchen Hirn, was der Bursche hat, wäre es nicht schade.« » Fi donc , Sir – wer wird so boshaft sein. Sie haben unrecht. Leutnant Eglinton-Waterford ist nicht bloß ein hübscher, sondern auch ein ganz gescheiter Mann. Wir Frauen verstehen das zu beurteilen. Aber – mon Dieu , was ist Ihnen, Sir?« Der Baronet war bei der Nennung des Namens wie eine Stahlfeder in die Höhe geschnellt – sein Gesicht war totenbleich. »Was – wen nannten Sie soeben, Madame? – den Namen!« »Ei, wen anders als Leutnant Eglinton-Waterford – unsern Eglinton, Ihren Gast, Sir.« Der Baronet stand aufrecht vor ihr. Seine Lippen, seine Hände zitterten sichtbar, doch suchte er sich gewaltsam zu fassen. »Wie kommen Sie dazu, Frau Marquise, dem Leutnant Eglinton den Namen Waterford zu geben?« »Er ist ja der seine. Wissen Sie das nicht? Die Familie heißt Eglinton-Waterford, wenigstens führte er den letzteren Namen bis zum Tode seines zweiten Bruders, als er noch beim Stabe des Vizekönigs in Dublin stand. Als Waterford ist er gerade mit den de Veres verwandt. Mein Gott, wie schlecht Sie Ihren Adelskalender im Kopf haben, Sir!« Die Totenblässe des Baronet war in eine dunkle Röte übergegangen, seine Augen flammten. »Die Beweise, Madame, die Beweise!« » Mon Dieu! ich wiederhole Ihnen, es ist ja eine ganz bekannte Sache, überdies – ich glaube sogar – ich habe zufällig das Stück eines Briefkuverts an ihn in der Tasche, das heute morgen der Wind unter meine Veranda jagte. Die Herren Jäger gehen fahrlässig mit ihren Patronenpfropfen um. Es war so zierliches, duftiges Papier, darum hob ich es auf und steckte es zu mir, um Lionel bei der Heimkehr zu necken.« Sie warf den Vornamen so leicht hin, suchte einige Augenblicke in der Tasche ihrer Robe und brachte dann das zerknitterte Papier zum Vorschein. »Richtig – dieses ist es!« »Geben Siel« Es war die Hälfte eines mitten durchgerissenen zierlichen Kuvertes, auf dem die Schrift, trotz der Schwärzung durch Pulver und trotz der Risse noch deutlich erkennbar. Die Schrift war eine Damenhand. Der Baronet lachte höhnisch auf, – der Ton war fast schauerlich. »Und diesen Leutnant Eglinton-Waterford haben Sie vor einer Stunde nach der Cottage zurückkehren sehen?« »Ganz gewiß. Aber sagen Sie mir, was ist an alledem so Ungewöhnliches? Was soll das bedeuten? – Ich habe doch nicht unrecht getan, Ihnen das zufällig zu erzählen?« »O nein, Madame, nein! im Gegenteil, ich bin Ihnen zum höchsten Dank verpflichtet, ich und Lady Mallingham, meine – Gemahlin!« Er stand bereits an einem zierlichen Bureau von Acajouholz und nahm zwei schöngearbeitete kurze Pistolen von Lepage heraus, überzeugte sich, daß sie geladen, und ließ das Schloß spielen. »Was soll das alles bedeuten?« »Um Gottes willen, Sir Mallingham! Was wollen Sie tun?« »Nichts – in der Welt nichts, Madame!« Er öffnete das Fenster und stieß die Jalousien auf. Die Marquise versuchte ihn festzuhalten, wenigstens machte sie eine solche Bewegung. »Wohin wollen Sie, Sir?« »Wohin? – ich will Mylady fragen, ob sie weiß, daß Leutnant Eglinton auch Waterford heißt!« Er sprang, die Pistolen in der Hand, aus dem Fenster. Die Marquise atmete tief auf, während sie die kleine zierliche Hand auf die Brust preßte. »Endlich! – Wohl bekomm' die Überraschung, Mylady! – ich hoffe, diesmal sind meine Aktien im Steigen!« Sie folgte ihm rasch durch die Tür. Als die Französin die offene Veranda erreichte, sah sie den Baronet dem Palmenhügel zueilen. Plötzlich stockte sein Fuß – er blieb stehen und schien zu horchen. – Es war ein näher und näher kommendes Angstgeschrei – aus den Geranium- und Oleanderbüschen stürzte eine Gestalt hervor und schien mehr zu fliegen als zu laufen. Ihre Hände fuhren wild durch die Luft, von Zeit zu Zeit schaute sie, wie eine Verfolgung fürchtend, zurück. Es war Zelima, die Tochter des Ryot, das junge schöne Mädchen, das die Lady nach seiner Rettung aus den Händen des Verwalters zu ihrer Leibdienerin gemacht. Das Mädchen hatte jetzt den Baronet erreicht, an dessen Seite bereits die Marquise stand. Die Augen der Indierin starrten Schreck und Entsetzen – aus der keuchenden Brust rang sich nur ein Wort – ein Name – – ihre Hand wies zitternd nach den Palmen am Kiosk! Das Innere des Pavillons auf der Spitze des Palmenhügels war mit allem Komfort eines englischen Boudoirs und dem Luxus eines indischen Frauengemachs ausgestattet. Auf dem Ruhebett lag, den Kopf in die Hand gestützt, die Lady. Ein weites, luftiges Gewand von weißem, indischen Musselin umschloß, von einer grünen Schnur zusammengehalten, die schönen Formen des Körpers. Eine jener prachtvollen, großen Lotosblumen von rosenroter Farbe war ihrer Hand entfallen und ruhte auf der feingeflochtenen Rohrdecke des Bodens, wo der dort liegende Knabe halb schlafend, halb wachend mit ihr spielte. Die Jalousien waren geschlossen, ließen aber mit dem vergoldeten Eisengitter der Decke genügendes Licht ein. »Ob er kommen wird – ob es ihm möglich gewesen, sich von der Gesellschaft zu trennen? – Aber die Hitze ist entsetzlich, er kann nicht so wahnsinnig gewesen sein, den Ritt zu unternehmen.« Und dennoch, obschon sie das sagte, sprang sie von neuem auf und eilte an die Jalousien. »Er ist wirklich da! – Lionel – hier – hier!« Sie riß die Jalousie auf. Der Offizier, denn dieser war es, der quer durch das Wäldchen und die verschlungenen Lianengebüsche sich Bahn gebrochen, legte die Hand auf die Brüstung des Fensters und sprang in das Zimmer. Seine erste Bewegung war, sich zu ihren Füßen niederzuwerfen und ihre Hände mit heißen, glühenden Küssen zu bedecken. »Helene!« »Lionel!« Die Hand der jungen Frau wies nach dem schlaftrunkenen Kinde. »Hast du denn Eduard vergessen?« »O, wie sollte ich, Helene,« sagte der junge Mann, indem er das Kind in seine Arme nahm und an seine Brust drückte. »Erinnert mich nicht jeder seiner Züge an seine Mutter, und jeder der ihren an sein teures Antlitz? Geliebte – ewig Geliebte – eure beiden Bilder sind zu einem verschmolzen in meinem Herzen!« Sie hing in seinen Armen, an seinen Lippen, während er sie sanft wieder auf das Ruhebett niederließ. »Es ist unmöglich,« flüsterte sie, »ich kann es nicht länger ertragen! Täglich wird mir diese Lage verhaßter, unnatürlicher. Dazu die Furcht, die Angst, daß ein Zufall uns entdecken und verraten mag. Zwar hat Mallingham nie mit einer Silbe nur gezeigt, daß er weiß, wir hätten uns früher gekannt, geliebt, aber dennoch könnte eine zufällige Begegnung es zur Sprache bringen. Darum auch darfst du nur selten unser Haus besuchen, darum sind die Augenblicke so vereinzelt, so kurz, die ich dir weihen kann.« »Aber wird es nicht gefährlich sein, daß du mich hierher beschiedest?« »Nicht mehr als jede andere Zusammenkunft. Der Baronet bringt die Zeit bis zur Abendkühle stets in seinem Zimmer zu und weiß, daß ich es nicht liebe, belästigt zu werden. Nein, nein, mein Geliebter, zwei volle, schöne Stunden sind noch unser unbeschränktes Eigentum, und Zelima, das Hindumädchen, dessen Vater ich von der Untersuchung befreite, hält auf dem Wege zur Cottage Wache und wird von jeder Störung beizeiten mich benachrichtigen. Aber du, Lionel, wie hast du es angestellt, dich von deinen Begleitern loszumachen und in der Nähe des Dorfes zurückzubleiben?« Der Offizier lächelte. »Ich bin in dem Dorfe nicht zurückgeblieben, es war unmöglich. Ich verdanke es Rookeby, meinem braven Pferde, daß ich dich in meinen Armen halte. Ich habe erst vor zwei Stunden die Jagdgesellschaft, achtundzwanzig Meilen von hier, in ihrem Mittagslager verlassen.« »Wie? Unmöglich – du hast den weiten Weg durch die Berge allein, in dieser entsetzlichen Hitze, zurückgelegt?« »Im Galopp, Helene – und wäre es durch ein Meer von Feuer gegangen, ich hätte den Ritt gewagt. Freilich ist Rookeby arg mitgenommen, und nur der Hilfe eines Fakirs verdanke ich seine Erhaltung. Aber was tut das, du rufst – und hier ist dein Ritter und hält dich und den Knaben in seinem Arm.« Sie trocknete und küßte seine heiße Stirn, holte ihm von den süßesten, erfrischendsten Früchten herbei und zwang ihn, sie zu genießen. »Mein Lionel – o wie ich dich liebe für diese Opfer, die du mir bringst! Wie mein ganzes Leben allein noch in der Liebe zu dir vegetiert, in dem Hoffen und Sehnen, dich wieder in meiner Nähe zu wissen, von Zeit zu Zeit in dein treues Auge blicken, aus deinem Munde die Beteuerung deiner Liebe vernehmen zu können. Aber ich rief dich nicht, um dir zu sagen, was du längst weißt, ich rief dich, um dir zu sagen: es soll nicht länger so bleiben, die Zeit ist da, wo wir alles wagen müssen, um alles zu gewinnen.« »Was meinst du – was soll ich vernehmen?« Das Kind war wieder eingeschlafen und ruhte unter seinen Spielsachen auf der Matte. Sie zog den Geliebten zu sich auf das Ruhebett und warf mit einer Bewegung der Hand die verhüllende Gardine darum her. »Höre mich an, mein Geliebter,« sagte sie schmeichelnd. »Wie oft in den kurzen, süßen Stunden, die uns geworden, haben wir hundert Pläne entworfen, uns aus dieser traurigen Lage zu reißen, um ganz und ungeteilt einander angehören zu können. An tausend Hindernissen scheiterte die Erfüllung unserer Wünsche. »Diese Hindernisse – das Glück und der Zufall haben sie hinweggeräumt. Zunächst – ich bin reich – ich bin keine Bettlerin mehr, die von dem Willen und der Gnade eines verhaßten Mannes abhängt, der mit seinem Gelde einst mich von meiner Familie gekauft hat. Du hast von dem Grafen Francis Murray, einem Verwandten unserer Familie, sprechen hören?« »Dem reichen Sonderling, der auf seinen Gütern im schottischen Hochlande, abgeschieden von aller Welt, lebte?« »Demselben. Das letzte Dampfboot von Suez brachte die Nachricht von seinem Tode und daß er mir hunderttausend Pfund in seinem Testament ausgesetzt hat, weil – es ist kindisch, zu sagen, aber der Alte war von jeher ein Narr – ich als Kind ihm das Gesicht zerkratzte, als er mich bei dem einzigen Besuch, den er meinen Eltern machte, küssen wollte, während meine Schwestern fein artig stille hielten.« Beide lachten heiter und fröhlich zusammen unter den süßesten Liebkosungen, gleich als hinge das Damoklesschwert des Verderbens nicht an einem Haar über ihrem Haupte. »Die hunderttausend Pfund sind in Anweisungen auf die Bank von Kalkutta und in Schatzscheinen in meinen Händen. Hier sind sie.« Sie übergab dem Geliebten das kleine, gestickte Portefeuille, das bisher in ihrem Busen geruht. »Acht Tage nach unserer Rückkehr nach Madras wird Sir Mallingham zur Versammlung des großen Rates sich nach Kalkutta begeben und in einer Mission später nach Lucknow gehen. Wir werden ihn begleiten. Kennst du den Maharadschah von Bithoor, Nena Sahib?« »Nein.« »Er ist ein angesehener, eingeborener Fürst in jener Gegend, ein Anhänger der Engländer, obschon er sich schwer über die Kompagnie zu beklagen haben soll. Er war im vorigen Jahre in Kalkutta, und ich lernte seine erste Gemahlin oder Geliebte – ich weiß wirklich nicht, was von beiden sie ist – kennen und fand unerwartet in ihr eine Spielgefährtin meiner Kindheit wieder, die Tochter eines kleinen Grundbesitzers in der Nähe des Schlosses meines Vaters in Irland, die nebst ihrem Bruder durch seltsame Schicksale nach Indien verschlagen wurde. Sir Mallingham führte damals einige Unterhandlungen mit dem Radschah und mußte es daher dulden, daß ich die alte Freundschaft mit Margarete O'Sullivan erneute, die wie zu einem Halbgott zu ihrem Indier emporblickt, der, wenn ich mich recht erinnere, ihrem Bruder einst durch eine kühne Handlung das Leben rettete. Sie weiß unser Geheimnis, sie hat, mir ihren und des Nenas Beistand versprochen, wenn die Stunde gekommen. Sie – aber still – was ist das für ein Rauschen in den Gipfeln der Palmen – hörtest du nichts Lionel?« »Die Sonne beginnt sich zu neigen, es ist der Wind, der von der Küste her durch das Land streicht. Bald werde ich wieder aufbrechen müssen.« »O nicht so, mein Geliebter – noch ist das Ende der Siesta fern. Laß uns weiter reden von dem Entschluß, den ich gefaßt habe. Sobald wir Madras verlassen haben, suche dir Urlaub zu verschaffen. Da alles im Frieden ist, wird es dir leicht werden, diesen zu erhalten. Du folgst uns sogleich nach Kalkutta und Lucknow, ohne dich jedoch Sir Mallingham bemerklich zu machen. In Bithoor, der Residenz des Nena, findest du Nachricht von mir. Ich werde es möglich machen, in Lucknow oder Cawnpur zurückzubleiben, wenn der Baronet nach Delhi weitergeht. Dann bin ich frei und dein, wir entfliehen mit Margaretens Hilfe...« »Aber wohin...« »O, ist Gottes schöne Erde nicht weit und sollte sie nicht Raum haben für drei Wesen, die nichts anderes wollen, als nur einander gehören? Laß uns nach einem der glücklichen Täler Kaschmirs, nach Isle de France, wo Paul und Virginie lebten, nach Amerika, wohin Englands Macht nicht reicht – mit Gold öffnen sich alle Wege, und mit Gold werden wir selbst in Europa ein freies und sicheres Asyl finden. Das Wie und Wohin ist deine Sache, die Sache des Mannes!« »Helene – Hast du auch alle Opfer wohl überlegt, die du mir bringen willst?« »Böser Mann, du liebst mich nicht. Was weiß eine Frau von Opfern, wenn es ihrer Liebe und dem Glück ihres Herzens gilt. Soll Eduard noch länger den Namen des Verhaßten tragen? Meinst du, du allein könntest allen Gefahren, der glühenden Sonne dieses Himmels, dem Wahnsinn und Tode Trotz bieten, um in meinen Armen zu sein?« Er schloß sie in die seinen und bedeckte sie mit seinen Küssen. »Es sei – alles für alles, Weib meiner Seele.« – – – – – – Plötzlich störte das Weinen des erwachten Kindes ihren nicht endenden Abschied. »Maman! Maman! das häßliche Tier – o Maman – ich fürchte mich!« Die junge, verirrte Frau riß die Vorhänge des Ruhebetts voneinander – die Strafe ihres Verbrechens stand in der furchtbarsten Gestalt, gleich einem der Hölle entstiegenen Dämon, vor ihren Blicken. Der kleine Knabe, in seinem leichten Röckchen, hatte sich bis in die Mitte des Gemachs gewälzt und kniete dort jetzt auf der Matte, die Arme furchtsam und abwehrend gegen das gegenüberliegende Fenster gerichtet, dessen Markise die Lady vorhin geöffnet hatte, um nach dem Geliebten auszuschauen. In dem Rahmen bewegte sich eine widerliche Ungestalt, zwei rollende, stechende Augen schossen grünliche Blitze auf das arme Kind, ein weit geöffneter Rachen mit zwei Reihen kleiner, spitzer Zähne – zwischen dem giftigen Brodem, der aus dem blutig roten Schlunde drang, eine züngelnde, gespaltene Spitze – an dieses entsetzliche Haupt ein langer, hochgebäumter, in bunten Farben, Gold, Grün und Purpur schimmernder Körper bis hin zum Stamm der nächsten Palme gedehnt und mit dem spitzen Ende um diesen geschlungen – – – Ein gräßlicher Aufschrei – die Mutter warf sich von dem Lager herab in einer einzigen rasenden Bewegung bis in die Mitte des Gemachs, bis hin zu ihrem Kinde. Indem sie es umfaßte, fiel sie ohnmächtig mit ihm zu Boden. »Goddam – die Anakonda! « Derselbe Ruf, den der Ryot schreckensbleich dem Derwisch gestammelt – – Derselbe Ruf, den Zelima entsetzt zu den Füßen des eifersüchtigen, rachedürstenden Gatten ausgestoßen – – Dann ein Pulverblitz – ein schwacher Knall – ein häßliches, widriges Zischen, und darauf – – – Hier bricht das Manuskript anscheinend ab 3. Im Meß-Bungalow Es war heute Dienstag, der Tag, an welchem die Messe der Offiziere des 71sten Eingeborenen-Regiments, das zur Garnison von Cawnpur gehörte, ihre Kameraden und Bekannten einzuladen pflegte. Die Einladungen waren an diesem Tage ziemlich zahlreich gewesen. Gäste von Bithoor und Lucknow, der 45 englische Meilen entfernten Residenz uon Aude, waren anwesend, und man hatte bereits zwei volle Stunden bei der Tafel zugebracht. Diese ist überhaupt eine der wichtigsten Beschäftigungen des europäischen Offiziers in Indien. Der Kreislauf seines Tages ist – wenn nicht ein Feldzug, eine Jagd oder eine Festlichkeit Abwechslung hineinbringen, ziemlich eintönig. Am oberen Ende der Tafel saß Oberstleutnant Robert Stuart , der Kommandeur des 71. eingeborenen Regiments, anstelle des abwesenden Chefs desselben. Sir Robert Stuart hatte – was selten ist bei den Offizieren in Indien – eine rasche Karriere gemacht, und war noch ziemlich jung. Hinter seinem Stuhl stand Mickey , wohlbestallter Sergeantmajor und Proviantmeister im Regiment. Der Bursche war ein Liebling des Oberstleutnants, das Faktotum aller anderen Offiziere und nicht wenig eingebildet auf seine Stellung. Bei Tafel hatte der Sergeantmajor zugleich das Amt eines Haushofmeisters. Er hielt die Köche und die braune Dienerschaft ganz vortrefflich in Ordnung und ließ nichts verschwinden, außer was er selbst beiseite brachte. Der Gentleman, welcher zu des Oberstleutnants Rechten saß, war Major Rivers , der britische Resident von Cawnpur. Der hochmütige, stolze und falsche Ausdruck, den das Gesicht des kommandierenden Offiziers in der Missionsstation am Somo, des falschen Tochtgängers im Kaffern-Kral gezeigt, war noch immer derselbe. Mit seinem Regiment vor drei Jahren vom Kap nach Indien gekommen, hatte es der Major für vorteilhafter gehalten, seinen Abschied zu nehmen und in die Dienste der Kompagnie zu treten, die ihn zum Residenten in Cawnpur und Ihanst ernannte. Hier war Major Rivers in seinem Element. Sein hochmütiger, grausamer Charakter fand in der knechtischen Unterwerfung der Bevölkerung, in der Mißhandlung und Demütigung der eingeborenen Fürsten volle Befriedigung. Ihm gegenüber, an der anderen Seite des Oberstleutnants, saß eine andere, dem Leser bereits bekannte Gestalt, ein junger Mann im Anzuge eines Gentleman-Reiters, soweit es tunlich diese Kleidung mit den Ansprüchen des Klimas vereinigt. Es war Eduard O'Sullivan , der Bruder Margaretens, der Schwager des Nena. Er schien mit Rivers sehr bekannt, und dieser behandelte ihn mit einer kordialen Vertraulichkeit, die jeden andern, der eine größere Menschenkenntnis besessen hätte, besorgt gemacht haben würde. Die Reihe der dem Leser bekannten Personen an der Meßtafel des Regiments war damit noch nicht erschöpft. Der Brevet-Kapitän Eduard Delafosse , der weiter unten an der Tafel, zwischen den Offizieren des Regiments und einigen jüngeren Beamten der Zivilverwaltung saß, gehörte zu jenen. Er war jetzt Adjutant des Gouverneurs von Lucknow, Sir Thomas Lawrence, und für einige Tage nach Cawnpur herübergekommen, um bekannte Kameraden zu besuchen. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Residenten war kalt und gemessen. Noch immer lagerte ein tiefer Ernst auf der edlen Stirn des braven Offiziers, die Erinnerung an das unglückliche Abenteuer in den Wildnissen Afrikas. Die Unterhaltung war sehr lebhaft und wurde über die verschiedensten Gegenstände geführt. Pferde, Jagd, die angekommenen Posten, der Krimfeldzug, Regimentsanekdoten, alte Liebschaften und neue Eroberungen, Cholera, Regierungsmaßnahmen. »Haben Sie gehört, Sir,« rief von dem Ende der Tafel herüber der Quartiermeister, »daß am vierzehnten der ›Mogador‹ in Kalkutta eingetroffen ist?« »Wissen Sie, wer mitgekommen ist? Heraus mit der Liste, Follington!« »Lady Overston soll ihre vier Töchter mitgeschickt haben, da sie kein Geld hat, um noch eine Londoner Saison mit ihnen durchzumachen. Der Schatzmeister Warlett hat die jüngste zwei Tage nach der Landung geheiratet – sie ist nach dem Taufzeugnis wirtlich erst zwanzig Jahre!« »Hurra für den Markt von Kalkutta! Alle Gänschen Alt- Englands finden ihre Käufer – ich fürchtete schon, die Conoissements wären in letzter Zeit zu stark gewesen.« »O, wir können auch hier in Aude noch Zufuhr brauchen. Nicht alle sind so wählerisch wie Miß Wheeler! « »Armer Toby , mein Junge,« sagte bedauernd der Doktor zu dem langen, hageren Fähnrich. »Sanders, der brave Bursche, hat Ihnen das Feld geräumt, und Sie haben nun wieder Hoffnung.« »Was ist mit Sanders?« fragte Kapitän Delafosse, »Wann kehrt er zurück von der Expedition am Sedletsch?« »Wenn die Toten auferstehen, Sir!« »Wie meinen Sie das? Ist er tot?« »Aller Wahrscheinlichkeit nach – er ist verschwunden, ohne daß man seine Leiche aufgefunden hat. – Seine Ehrwürden, Dekan Hunter, schrieb uns gestern von Delhi, daß er Nachricht erhalten, unser Freund sei von einer Jagdstreiferei nicht wieder zurückgekehrt und die Expedition habe ohne ihn den Weg fortsetzen müssen. Entweder hat ihn ein Tiger gefressen, oder die Thugs haben ihn verscharrt.« »Ihre Schönen schenk ich Ihnen, Follington,« meinte der Vorsitzende. »Ich will wissen, ob niemand von Bedeutung mitgekommen?« »Sir Lytton Mallingham hat von Madras die Überfahrt mitgemacht. Er geht nach Lucknow und Delhi.« »Hoffentlich ist Mylady dabei, die reizendste Frau Indiens. Ihre Gesellschaften in Kalkutta sind die gentilsten.« »Mein Korrespondent schreibt mir, der Rat wäre allerdings mit einer Dame eingetroffen, aber es sei ein dunkles Gerücht von einem furchtbaren Unglück verbreitet, das ihn betroffen. Unter den Passagieren befindet sich auch Jung Bahadur, der von England zurückkehrt.« »Wer ist Jung Bahadur?« fragte der Fähnrich. »Wie, Kamerad, Sie kennen Jung Bahadur nicht, den größten Schurken diesseits und jenseits des Ganges?« »Sie wissen, ich bin erst seit sechs Monaten in Indien.« »Ei, Jung Bahadur ist der echte Typus eines indischen Abenteurers. Gegenwärtig ist er Premierminister des Königs von Nepal, und wenn Sie von London gekommen waren, statt von Halifax, würden Sie wissen, daß er dort der Löwe der letzten Saison war und seine Diamanten allen Damen die Köpfe verrückten und die fashionablen Diebe von Smithfield zu den verwegensten Plänen begeisterten.« » Damned! Ich hoffe, der Bursche hat Witz genug gehabt, dort zu lernen, daß mit England nicht zu spaßen ist!« »Wir wollen es hoffen,« sagte Kapitän Lowe vom 32. Regiment der Königin, das zum Teil in Cawnpur, zum Teil in Lucknow stand. »Man sagt, die Rani von Lahore befinde sich noch immer in Nepal und intrigiere von dort.« »Was können die Weiber tun! Ihr Sohn ist in Firozpur und Montague wird ihn schon zu bewachen wissen. Man hätte ihn nach England schicken sollen, da wären alle Intrigen mit einemmal zu Ende gewesen. Apropos Sullivan, haben Sie nichts von dem Nena gehört?« »Er wird zu Lande am Sedletsch über Delhi zurückkehren, wir erwarten ihn erst in 14 Tagen.« »Wissen Sie, Moore , daß Miß Soldie morgen von Kalkutta kommt?« »Gott segne Ihre Augen, mein Bursche, die Nachricht ist ein Lichtblick in unserm langweiligen Leben. Nur –« er flüsterte über den Tisch hinüber – »möge Gott sie davor bewahren, daß jener Schurke seine unreine Hand nach ihr ausstreckt.« Die Augen des Kapitän Forbes von den Audher Irregulären warfen einen leichten Blitz nach dem Platz hinauf, wo Rivers noch immer im eifrigen Gespräch mit dem jungen Irländer war. »Ich haue sie ihm vom Leibe, wenn er es wagt,« sagte der Offizier. »Es ist ohnehin eine Schmach, daß sein Treiben geduldet wird. Die Residentur ist schlimmer als ein Bordell. Nur die lange Abwesenheit und die Gleichgültigkeit des Generals trägt die Schuld.« »Zum Henker – Sie wissen, welche traurige Zwitterstellung das Militär in diesem verwünschten Lande einnimmt, die Zivil- Administration hat alle Gewalt in Händen.« »Wie steht es mit dem Tiger?« fragte der Oberstleutnant – »es ist doch sicher, daß wir keinen vergeblichen Ritt machen, Rivers?« »Unbesorgt, Oberst – die Späher haben sichere Kunde von seinem Lager in den alten Ruinen gebracht und den Weg durch die Dschungeln erkundet. Eins nach dem andern. Am Abend die Sotti – am andern Morgen den Tiger!« » Goddam! « schwor der Kapitän Lowe – »ich will lieber der Bestie allein entgegengehen, als das traurige Schauspiel des Opfertodes eines Weibes sehen. Ist es gewiß, daß die Sotti stattfinden wird?« »Aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn der Scindia sie nicht hindert. Er ist der Lehnsherr von Ihansi und hat allein das Recht, einzuschreiten. Indes fürchte ich nicht, daß er uns das Schauspiel verdirbt.« »Wie, Sir – Sie fürchten es nicht?« Es war das erste Wort, das Kapitän Delafosse an seinen ehemaligen Gefährten richtete. »Nein, Kapitän. Der Scindia wird kein Narr sein. Der Ruf sagt allerdings, daß die Rani ein verteufelt schönes Weib sein soll – indes, wenn sie am Leben bleibt, ist sie die Erbin ihres Mannes, während seine Schätze und sein Gebiet sonst ihrem Oberherrn, dem Scindia von Gwalior, zufallen.« Delafosse wandte sich mit unverhohlenem Abscheu von der Unterhaltung. »Die Hauptsache bleibt mir die Jagd,« sagte der Oberstleutnant. »Wann wollen wir den Tiger stellen?« »Der Scindia hat mir Botschaft gesandt,« berichtete der Resident, »er wird alles bereit halten. Übermorgen, wenn die Sonne sich neigt, findet die Sotti statt – der Scindia trifft an dem Tage gleichfalls in Ihansi ein. Beim nächsten Sonnenaufgang suchen wir das Lager des Tigers auf.« »Und wer ist von der Partie? wir können die Stadt nicht ganz allein lassen!« »Nun, ich glaube, Kapitän Lowe und Kapitän Delafosse haben die Einladung angenommen. Sie, Oberst, Follington, Halliday und ich – das sind unserer sechs.« »Aber geht denn Master O'Sullivan, Ihr Pythias, nicht mit uns?« Der junge Man errötete leicht, als viele Blicke sich auf ihn richteten. »Ich habe dem Nena versprochen,« sagte er endlich verlegen, »während seiner Abwesenheit nicht weiter als nach Cawnpur mich zu entfernen.« »Ei, Unsinn, Mann,« lachte der Oberst – »wir sind nicht länger als sieben oder acht Tage abwesend, und die Entfernung ist ein Pappenstiel. Ihre schöne Schwester bedarf Ihres Schutzes nicht.« »Freund O'Sullivan,« sagte der Major mit wohlberechneter Nachlässigkeit – »hat vielleicht noch einen anderen Grund. Ich glaube, er hat eine Aversion gegen die Tigerjagden.« Eine fahle Blässe überzog das vom Trinken erhitzte Gesicht des jungen Irländers. »Wie meinen Sie das, Sir?« »O, nichts Schlimmes, Ned! – es ist mir nur, als habe ich einmal gehört, Sie hätten, so wie manche Menschen gegen die Katzen, eine natürliche Antipathie gegen die Tiger. Haben Sie nicht schon einmal ein solches Abenteuer irgendwo gehabt?« »Nun, es ist kein Wunder,« lachte übermütig Halliday, »ich verdenke es Ihnen nicht, O'Sullivan, ein hübsches Mädchen einem borstigen Tiger vorzuziehen! Nicht jeder hat die doppelte Liebhaberei des Nena und seinen Mut.« »Zweifeln Sie an dem meinen, Sir?« fragte heftig der Irländer. »Bei Sankt Patrik, er steht Ihnen jeden Augenblick zur Erprobung zu Diensten!« »Torheit, Ned,« fiel der Major ein, »niemand zweifelt daran, daß Sie wie eine Mauer vor der Mündung eines Pistols stehen. Halliday meint nur, es sei etwas anderes auf der Tigerjagd.« »Ich wette hundert Pfund, daß sich unter uns allen keiner findet, der einer solchen Bestie anders zu begegnen wagt, als auf dem Rücken seines Elefanten und die Büchse an der Wange!« Der Irländer hatte sich erhoben und mit beiden Händen auf den Tisch gestützt. »Meinen Sie, Sir? Die Wette gilt!« »Zum Henker, Sir – würden Sie etwa die Kurage haben, den Tiger zu Fuß in seinem Lager aufzusuchen?« fragte der Leutnant roh. Die Farbe des Verhöhnten war fahl, seine Glieder zitterten, aber die Zähne fest aufeinander gepreßt, antwortete er zischend durch diese: »Ich werde es, mit diesem Messer bewaffnet, so wahr ich O'Sullivan heiße!« Alle waren aufgestanden und drängten sich herbei. »Unsinn, O'Sullivan, Torheit! – Das ist kein Gegenstand für eine Wette, es hieße, sein Leben mutwillig opfern.« Der Resident war der eifrigste unter den Abmahnenden, aber jedes seiner Worte war so eingerichtet, daß es ein neuer Stachel wurde. Eduard war von dem vielen genossenen Wein und der Erinnerung an die bei jenem Stiergefecht in der Arena von San Franzisko bewiesene Schwäche taub gegen Vernunft – nur der Gedanke, das Gedächtnis jener schwachen Stunde, das ihn jahrelang gepeinigt, um jeden Preis auszulöschen, erfüllte ihn. »Ich habe die Wette angenommen,« sagte er mit erzwungener Ruhe. »Sie alle sind Zeugen und ich werde nächsten Freitag bei Sonnenaufgang den Tiger, den Sie zu jagen beabsichtigen, in seinem Lager aufsuchen. Kein Wort weiter darüber, Gentlemen, wenn Ihnen an meiner Freundschaft gelegen ist. Dies Messer, Stewart, werdet Ihr mir einstweilen leihen müssen.« Bei den meisten war die Mißstimmung über das Ereignis sichtbar, und obschon Rivers sich die größte Mühe gab, die frühere Heiterkeit wieder herzustellen, wollte dies nicht gelingen und man trennte sich und jeder ging, begleitet von seinem harrenden Chiprassy, den Weg nach seinem Bungalow. Major Rivers hatte den Arm des Irländers gefaßt und einem Lancier-Kapitän einen Wink gegeben. »Kommen Sie mit, Mowbray – ich habe etwas ganz neues, das besser ist, als alle weißgesichtigen Ladys der Dampfer aus England. Wir trinken noch ein Glas Sangarih und rauchen eine Manilla!« Der Offizier warf ihm einen fragenden Blick zu, Rivers nickte bedeutsam und schickte seinen Palankin voran, um den Weg zu Fuß zurückzulegen. »Ich kann Sie nicht begleiten, Rivers,« sagte O'Sullivan, »ich werde kaum Zeit haben, nach Bithoor zu reiten und wieder zurück zu sein, wenn der Zug aufbricht.« »Unsinn, Ned! Sie bleiben bei mir. Sie wissen, daß Sie alles, was Sie brauchen, bei mir finden und um nichts zu sorgen haben.« »Aber ich muß von meiner Schwester, von Margarete, Abschied nehmen. Als ich sie heute verließ, konnte ich nicht ahnen, daß ich mehrere Tage ausbleiben würde.« »Torheit, Mann! Sie sind ja kein Pantoffelheld. Schreiben Sie einige Zeilen, das ist eben so gut, oder vielmehr noch besser! Jhansi ist ja keine zwei Tagereisen weit.« Er neigte sich zu dem Zaudernden und flüsterte ihm zu: »Narika erwartet Sie – wir werden uns den Kavalleristen bald vom Halse schaffen und dann an warmen Busen und süßen Lippen uns für den verlorenen Abend entschädigen.« Der junge Tor folgte ihm ohne eine weitere Einwendung. Das Bungalow des Residenten befand sich in malerischer Lage unfern der großen Militärstraße. Eine prächtige Aussicht bot sich von seinen Verandas aus rings über die Stadt, den Strom und die Gegend. Ein großer, mit Üppigkeit eingerichteter Garten, durch hohes Gitterwerk abgesperrt, umgab das in italienischem Stil erbaute Haus, an das sich eine Reihe von Pavillons anschloß, die Zenanah oder das Harem des Besitzers, wie der schlimme Ruf behauptete. Die vom Bungalow vorausgeschickten Palankinträger harrten mit zahlreichen anderen Dienern am Säulenaufgang der Veranda. Die Fackelträger gesellten sich zu ihnen und stellten sich zu beiden Seiten der Marmorstufen auf, während der Schobedar mit seinem Stabe Platz zwischen den Peons und der niedern Dienerschaft machte. Der Major hatte eben mit seinen Freunden den Fuß auf die Treppe gesetzt, als plötzlich eine Bewegung unter den Hindudienern entstand, und eine Gestalt, welche ihnen von den Ruinen her gefolgt war, sich hindurchdrängte und vor dem Residenten niederwarf. Es war ein alter Mann von ehrwürdigem Aussehen, in weißer Kleidung, mit dem Abzeichen der Kaste der Wechsler oder Babus. Seine Hand faßte den Rockzipfel des Residenten und drückte ihn zum Zeichen der Ehrerbietung wiederholt an seine Stirn. »O Sahib, übe Gnade und Gerechtigkeit,« flehte der alte Mann. Der Resident trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als er den Bittenden erkannte. »Was willst du, Tippo-Singh,« fragte er rauh, »daß du mich überfällst bei Nacht wie ein Räuber? Weißt du noch nicht, was sich schickt gegen den Residenten der Regierung? Die Gartenwächter sollen fünfzig Bambusschläge auf die Fußsohlen haben, daß sie es gewagt, einen Fremden gegen das Verbot einzulassen.« »Sie sind unschuldig, Sahib,« entschuldigte der Babu, »ich folgte dir auf dem Fuß und sie mußten glauben, ich käme mit deiner Bewilligung.« »Nun, so komme morgen wieder und bringe dein Anliegen an, die Geschäftsstunden sind jetzt längst vorüber.« »Der Gerechte soll sein Ohr stets offen halten für die Klage des Unglücks. – Ich weiß, du wirst morgen früh Cawnpur für viele Tage verlassen.« Der Resident sah, daß er in seiner Schlinge gefangen war und stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Zum Teufel, so rede, was willst du?« »Meine Tochter, Sahib, Nurjesan, mein einziges Kind, ist diesen Morgen geraubt worden, als sie sich aus den unteren Gangesbädern in ihrem Palankin nach Hause tragen ließ, während ich in Lucknow war.« »So wende dich an den Darogah, den Chef der Polizei. Es ist seine Sache, nicht die meine,« sagte Rivers höhnisch. »Der Darogah, Sahib, kann mir nicht helfen. Was ist ein feiler Darogah gegen die Hand des Mächtigen?« »Schone dein Gold nicht, würdiger Babu,« spottete der Resident. »Du mußt bei der Gelegenheit von deiner Sparsamkeit lassen, die ich zu kennen das Vergnügen habe. Hast du schon einen Verdacht, wer deine Tochter geraubt haben könnte? Die Phansigars sollen wieder sehr ihr Wesen treiben.« »Kein Phansigar hat mein Kind geraubt. Jedermann weiß, daß Tippo-Singh bereit wäre, das Gewicht seines Kindes in Gold für ihre unbefleckte Freiheit zu geben. Die Diebe, die sie gestohlen, gehören nicht meinem Volk.« »Nun zum Teufel – soll ich etwa wissen, wer sie sind? Warum hütest du die Dirne nicht besser.« Der Babu näherte sich dem Vertreter der Regierung. »Laß diese Männer einige Schritte sich entfernen,« sagte er leise, »ich habe dir etwas zu sagen, Sahib, das nicht für fremde Ohren geeignet ist.« Der Resident schien einige Augenblicke zu schwanken, dann faßte er einen Entschluß und winkte seinen Begleitern, zurückzutreten. »Jetzt rede! Was willst du?« »Man hat die Fußstapfen der Diebe verfolgt und die Spuren gehen bis zur hintern Tür deines Gartens, Sahib.« »Schurke – du erdreistest dich doch nicht, zu behaupten ...« »Ich klage niemand an, Sahib, verstehe mich wohl. Aber ich muß mein Kind wiederhaben. Der Sahib-General ist leider nicht in Cawnpur und du allein hast die Macht dazu. Wenn sich mein Kind in dieser Stunde wiederfindet, will ich dem, der sie mir bringt, ein Lack geben.« Auf dem Gesicht des Residenten spiegelte sich der Kampf der Habsucht mit anderen schlechten Eigenschaften. »Du schlugst mir vor kurzem noch eine geringere Summe zu leihen ab,« sagte er endlich. »Jetzt kommst du, um meine Hilfe zu erkaufen. Ich will mir die Sache überlegen – komm morgen wieder und frage bei meinem Sirdar nach.« »Nein, Sahib – was geschehen soll, muß jetzt geschehen. Die Rose darf nicht entblättert werden von dem Hauche des giftigen Monsun!« »Nun, so sieh selbst zu, wo du die Dirne bekommst und laß mich ungeschoren,« fuhr der Major ihn an. »Ich habe keine Zeit, mich mit dir länger einzulassen. Pack dich von meiner Schwelle!« Er wandte sich, hinauf zu steigen, aber der alte Mann hielt ihn nochmals zurück. »Ist das dein letztes Wort, Sahib? Bedenke wohl, was du tust und wessen graues Haar du mit Kot bewirfst.« »Will der alte Schurke noch drohen? fort mit dir oder ich rufe die Diener!« Ein rascher Griff in die Falten der Tschoga, in den Händen des Babu blitzte ein Dolch – aber die Faust des Engländers erfaßte gewandt das Handgelenk des alten Mannes und preßte es so gewaltig zusammen, daß die Waffe seiner Hand entfiel. »Herbei, Leute!« befahl er kaltblütig. »Schnürt dem grauen Mörder die Hände auf dem Rücken und sperrt ihn in die Hundehütten. Morgen früh, bevor ich aufstehe, werde ich über ihn entscheiden. Kommen Sie, meine Herren!« Er winkte seinen über den Mordversuch ziemlich erschrockenen Begleitern und stieg mit ihnen die Stufen des Gebäudes vollends hinauf. Der Schobedar öffnete weit den Seidenvorhang, der den Eingang zu der Reihe luftiger Gemächer verschloß, welche die Wohnung des Residenten bildeten. »Treten Sie in meine Garderobe, O'Sullivan, und machen Sie sich's einstweilen bequem,« sagte der Major, indem er mit einem Wink seines Auges den Lancier-Offizier zurückhielt. »Ich habe nur noch einige Befehle für die Abreise zu erteilen und folge Ihnen sogleich.« Eduard ging mit der Sicherheit eines mit allen Einrichtungen des Hauses vollkommen Vertrauten voraus. Eine Tür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als sich der Resident zu seinem Begleiter wandte. »Sie haben Ihre Anstalten getroffen, Mowbray?« »Zuverlässig, Sir!« »Die Zeit, wann Sie mit Ihrer Eskadron aufbrechen wollen, mögen Sie selbst bestimmen. Was ich von Ihnen verlange, ist, daß Sie übermorgen bei Sonnenaufgang vor den Toren von Jhansi stehen. Sie werden die Zugänge des Forts unbewacht und geöffnet finden, alles wird mit der Sotti beschäftigt sein. Am Tor nach Cawnpur wird Sie einer meiner Diener erwarten und mir sofort die Nachricht Ihrer Ankunft bringen. Wer Sie befragt, dem sagen Sie, daß Sie meine Eskorte bilden. Leistet die Torwache Widerstand, so wird sie entwaffnet. Der Schobedar wird Sie an den Ort führen, wo ich bin. Ich hoffe, Ihre Gegenwart wird genügen, um jeden Widerstand zu verhindern.« »Sie werden mich pünktlich auf meinem Posten finden, Major.« »Ich rechne darauf, Kapitän, wir möchten sonst in eine schlimme Lage geraten.« Er winkte dem Kapitän und ging mit ihm in die inneren Gemächer. Hier trafen sie den jungen Irländer bereits damit beschäftigt, die lästige europäische Kleidung abzulegen und sich in die weiten und wallenden Gewänder der reichen Eingeborenen zu hüllen. In wenig Minuten standen die drei Wüstlinge in den prächtigen orientalischen Gewändern gleich sybaritischen Fürsten des Morgenlandes. »Und jetzt – vorwärts, ihr Herren, die Freude ruft!« Wie vor dem Harem eines Sultans hielt an dem Eingang ein Verschnittener Wache. Neben ihm befand sich ein altes, indisches Weib, die Aya, auf der Lauer. »Alles bereit – Zulma, du alte Hexe, die du das Himmelreich bewachst?« »O Sahib, möge deine Hand offen und dein Schatten ewig sein! Die Houris des Paradieses harren, ihren Gebieter zu bedienen!« Er winkte sie zur Seite. »Hast du das neue Täubchen gezähmt?« »Sie hat das Opium im Kaffee genommen, Sahib. Der Trank hat Feuer gegossen in die Adern ihres jungen Leibes – du wirst ein glücklicher Mann sein.« »Wohl! Aber wenn du mir dienen willst, so denke, daß die nächsten Tage die wahre Gelegenheit dazu bringen. Wenn es jetzt nicht geschieht, ist es unmöglich, denn der Nena kehrt zurück, ehe der Mond wechselt.« »Ehe drei Tage vergehen, wird das stolze Weib mit den goldenen Haaren in deiner Zenanah sein, vielleicht morgen schon.« »Fünfzig Mohurs, wenn Ihr die Dame mir in das Haus schafft. Nur Vorsicht und sicheren Gewahrsam.« »Aber wenn der Faringi, ihr Bruder, Verdacht schöpfen sollte?« Ein höllisches Lächeln zuckte um den falschen Mund des Hausherrn. »Für den ist gesorgt – beunruhige dich nicht! Er wird nicht stören!« »Und der Nena? – Seine Rache wird furchtbar sein.« »Mein Fuß wird ihn zertreten, wenn er gefährlich ist. Genug der Worte – du hast deine Instruktion, und meine Freunde werden ungeduldig. Öffne!« Er faßte Eduard am Arm. »Nun, Ned – lassen Sie uns die Stunden bis zum Aufbruch in unserer Weise verträumen.« Eine feste Tür von Eisenholz flog vor dem Schlüssel der alten Kupplerin auf, ein kurzer Weg durch ein halbdunkles Vorgemach – heiteres Lachen, der Ton eines Tamburins scholl gedämpft herüber, dann rauschte der Teppich des Eingangs zur Seite, und die Männer traten über die Schwelle der Zenanah. Zehn liebliche, reizende Gestalten von wunderbarer Schönheit, jede in ihrem nationalen Typus, lagen und saßen auf den Diwans und dem Teppich. Das Auge des Gebieters flog gleichgültig durch den Raum, während sein jüngerer Begleiter sich eilig auf das Kissen zu den Füßen der schönen Kaschmirerin niederwarf, die seine erschlafften Sinne reizen und beleben sollte. Gegenüber der Tür, durch welche die drei Europäer eingetreten waren, saß auf einem Haufen loser Kissen die Gesuchte. Es war eine junge Hindu. Das reizende Oval ihres Gesichtes zeigte ebenso liebliche als reine Züge, und dennoch bewies der leichte, wie ein Reif um die feingeschnittenen Mundwinkel sich lagernde Flaum, daß unter dieser reinen Hülle glühendes Feuer geschlummert und nur nötig gehabt hatte, geweckt zu werden. Und es war geweckt, geweckt auf das schändlichste und empörendste durch den Verrat und das Verbrechen. Es war Nurjesan , die unglückliche Tochter des noch unglücklicheren Babu, den der Resident in die Hundeställe des Bungalow hatte sperren lassen. Dachte die Tochter an den grauen, der Habsucht und der Rache seines Feindes verfallenen Vater? O, welche Tränen der Angst hatte sie nach ihm geweint, wie oft seinen Namen nach Hilfe gerufen – aber jetzt – Der Resident klatschte in die Hände. »Auf, Mädchen, tanzt, singt – strengt all eure Kräfte an, daß die Stunden der Nacht uns zu Minuten werden! Den Sangarih her, wir wollen lustig sein!« Die Frauen waren emporgesprungen beim Eintritt des Gebieters, bis auf Nurjesan und die bequeme Chinesin, und begrüßten ihn mit lärmender Fröhlichkeit. Das Auge der jungen Hindu ruhte glühend und dann zornig auf dem jungen Irländer, der sich zu den Füßen des schönen Mädchens aus Kaschmir geworfen. Sie bemerkte es kaum, daß der Major ihr nahte und sich neben sie auf die Kissen setzte. Erst als sein Arm sie umschlang, blickte sie halb erschrocken auf ihn. »Was willst du? – Ich liebe dich nicht – jener dort ist es, den Camah, die Göttin der Herzen, mir beschieden hat.« »Törin! Er hat sein Teil, und hier bin ich der Herr!« Seine frechen Lippen verschlossen ihren Mund. 4. Die Sotti und die Tigerjagd. Das Fürstentum Dschansi oder Jhansi gehörte noch zu den unabhängigen Staaten. Der letzte Ranee von Jhansi war gestorben, und es handelte sich um die Frage der Erbschaft. Nach den indischen Sitten erbt die Rani, die erste Gattin des Verstorbenen, die Regierung, wenn kein majorenner, wirklicher oder Adoptivsohn vorhanden ist. Die Adoption verleiht in Indien die unbeschränkten Kindesrechte. Wir haben bereits vernommen, daß diese, statt die Erbschaft anzutreten, den Opfertod der Sotti vorgezogen hatte. Es war eine Stunde vor Sonnenuntergang, als der Zug des Scindia , mit seinen am Nachmittag in seinem Lager eingetroffenen englischen Gästen an den Toren von Jhansi anlangte. Die Verwandten des verstorbenen Ranee und Vornehmsten des Landes waren zwei Meilen weit dem Oberherrn entgegengegangen und geleiteten ihn mit all dem Gepränge, welches die indischen Aufzüge begleitet, in die Stadt. Kein Zeichen verriet unter dieser Pracht und diesem Glanz den traurigen und entsetzlichen Zweck des Besuchs. Fünfzehn- bis zwanzigtausend Menschen mindestens bedeckten die Umgebungen des Tores, schlossen sich dem Zuge an und drängten sich mit ihm nach dem Platz vor der Burg, auf welcher das traurige Schauspiel vor sich gehen sollte. Der Platz bildete ein großes Halbrund vor dem Tor der auf einer ziemlich steilen Anhöhe liegenden Zitadelle oder Festung. Dem Tor gegenüber waren zwei große Prachtzelte aufgeschlagen, aus baumwollenen Stoffen gefertigt und mit kostbaren Teppichen behangen. Zwischen den Zelten, die zur Aufnahme des Scindia und des Residenten der Kompagnie bestimmt waren, befand sich eine Estrade, auf welcher zur Linken, dem Ehrenplatz, ein Thron stand. Auf diesem sollte der Scindia während der Zeremonie Platz nehmen, indes ein Armsessel für den Vertreter der Kompagnie bestimmt war. Der Estrade gegenüber erhob sich ein anderer Thron von künstlichem Schnitzwerk und reichen Vergoldungen. Auf diesem, dessen Sitz noch Raum hatte für eine zweite Person, saß der einbalsamierte Leichnam des verstorbenen Radschah, in der Mitte des riesigen Scheiterhaufens von Bambusstäben. Zwei schwarze Sklaven mit blankem Säbel bewachten den Zugang zum Scheiterhaufen, während eine Anzahl von Brahminen, in ihre weißen Gewänder gehüllt, um den äußeren Rand desselben kauerten und Gebete murmelten. Der Scindia setzte sich auf seinen Thron, der Resident nahm, nachdem er seinem Schobedar einige Worte zugeflüstert, auf dem Sessel Platz, und um ihn her gruppierten sich seine europäischen Begleiter. Es waren dies übrigens nicht die einzigen Europäer. Verschiedene andere schien das Gerücht von der Sotti gleichfalls herbeigelockt zu haben. Einer dieser Europäer, ein Reisender oder Kaufmann, stand nicht weit von der Estrade mit einem Mann in der Tracht eines arabischen Seefahrers. Der Fremde war eine stattliche Gestalt mit einem stolzen Gesicht und einem Adlerblick, der Mut und Energie verkündete. »Sieh, Kapitän,« sagte der Seemann, »mit welcher Behaglichkeit dieser Wehrwolf von einem Engländer sich vorbereitet, der Verbrennung von Weibern zuzuschauen. Ich hätte Lust, ihm eine Kugel durch seinen Schädel zu jagen. Vielleicht ist es einer seiner Verwandten gewesen, der meine arme Tartane an der italienischen Küste verbrannte!« »Torheit, Danilos. Wir sind die Feinde der Nation, aber nicht die Mörder des einzelnen. Deine Freundschaft hat dich in den Strudel von Unglück mit hineingerissen, der mich verschlungen. Suchtest du mich damals nicht in den Schluchten der Apenninen auf, so strichst du wohl noch heute auf dem Deck der ›Schwalbe‹ durch die blauen Wellen des Adriatischen Meeres und lebtest mit Weib und Kind zufrieden in deiner rauhen, aber nichts weniger dem Herzen teuren Heimat.« »Ich denke mich nicht wieder von dir zu trennen, Markos Grimaldi,« sagte der Seemann. »Meine Praua kann ebensogut die Wasser des Ganges befahren, als ihre Segel auf dem Indischen und Arabischen Meere entfalten, und ich werde bei der Hand sein, deine Pläne und Absichten zu unterstützen.« »Du siehst, daß eine meiner sichersten Hoffnungen vereitelt ist,« sagte der Jonier, indem er nach der Leiche des Radschah wies. »Dieser Mann war ein Tapferer, wenn auch ein Greis, und ein Feind unserer Feinde. Der Nena, dem unsere Reise galt, ist noch nicht zurück.« »Still, Capitano – da kommen sie.« Der Scindia hatte das Zeichen gegeben, daß das schreckliche Schauspiel beginnen könne. Sogleich sprangen die Flügel des gegenüberliegenden Tores auf und die Prozession, welche die Witwen zu dem furchtbaren Sterbelager begleiten sollte, begann auf den Platz zu treten. In der Mitte der Brahminenschar schritten die drei Frauen, deren Glauben und Mut groß genug gewesen war, vor dem Feuertode nicht zurückzubeben. Sie wurden an langen goldenen Bändern von den ältesten Brahminen geführt und waren von ihren Verwandten und den anderen Frauen des Haushalts des verstorbenen Radschah umgeben, die Blumen auf ihren Weg streuten und in begeisterten Worten den Mut und die Aufopferung priesen, die jenen die Freuden der Seligen verschaffen sollte. Die beiden ersten Frauen, die nebeneinander gingen, waren fast noch Kinder, und während die eine bleich und verstört, sichtlich mit der Todesangst rang, schien die andere keinen Gedanken zu haben, als die Lust befriedigter Eitelkeit, die ihre Schönheit zum erstenmal vor dieser Menge von Männern unverhüllt zeigen und bewundern lassen durfte. Hinter ihnen kam die Lieblingsfrau des Verstorbenen, die Rani selbst. Älter als ihre Gefährtinnen, mochte sie vielleicht zwei- bis vierundzwanzig Jahre zählen und war in vollkommen entwickelter Blüte ihrer Schönheit. Sie war in weiße Gewänder und Schleier gehüllt, die nur das Gesicht, den Hals und den Unterarm bloß ließen. Sie verachtete es offenbar, mit ihrer Schönheit vor der Menge zu prahlen. Nur als ihr erhobenes Auge auf die Gruppe der Europäer fiel, zeigte sich Bewegung und Interesse, eine leichte Röte färbte ihr Gesicht, ein Strahl des Hasses und stolzer Verachtung brach aus ihren Augen, und sie wickelte sich fester in ihre Schleier. Jedesmal, wenn die Opfer an dem improvisierten Throne des Scindia vorüberkamen, verneigten sie sich mit gekreuzten Armen vor ihm, wobei die kokettierende, dem Feuertode gewidmete Schöne den Engländern, herausfordernde Blicke zuwarf. Die Rani allein schien mit Widerwillen und Zwang ihre stolze Stirn vor dem Lehnsherrn und Gebieter zu neigen. Die Blicke des Kapitän Delafosse hatten zuerst mit großer Teilnahme und Bedauern auf den Opfern eines rohen, aber heroischen Fanatismus verweilt, nach und nach aber begann diese Teilnahme immer wärmer zu werden; seine Augen blieben an der eigentümlichen Schönheit der Rani haften, und ein warmes, inniges Interesse, wie es ihn seit dem Tode des schönen Kaffernmädchens für keine Frau mehr erwärmt, regte sich in ihm. Als der Zug zum drittenmal an dem Thron vorüberkam, veranlaßte eine zufällige Bewegung die Rani, ihre Blicke zu erheben – sie begegneten den unverwandt auf sie gerichteten Augen des Offiziers. Anfangs wollten sie sich rasch wieder zu Boden senken, aber der Ausdruck aufrichtiger, warmer Teilnahme schien sie zu fesseln. Ihr strenger Blick wurde sanfter und milder, er schien gleichsam zu danken für das unerwartete Gefühl, das er in dem Herzen eines Fremdlings, eines Tyrannen und Unterdrückers ihrer Nation gefunden. , Jedesmal, wenn die dem Tode Geweihten von da ab an der Gruppe des Scindia und der Europäer vorüberkamen, erhob das majestätische Antlitz dieser Frau das große ausdrucksvolle Auge und traf den Europäer. Mit jedem Mal dieses lebendigen Grabzuges schien die Angst, die ihn erfaßt, zu wachsen. Seine Hand preßte den Arm des Oberstleutnants, der zwischen ihm und dem Residenten saß. »Dürfen wir es zugeben, Oberst, daß ein solches Verbrechen, ein so empörender Mord in Gegenwart britischer Offizier verübt wird?« Auch der Kommandeur hielt es für seine Pflicht, wenigstens einen Versuch zu machen. »Sie haben recht, Kapitän, es ist eines Mannes und Offiziers nicht würdig, diesen hilflosen, von den heuchlerischen Schurken betörten Geschöpfen nicht wenigstens zu Hilfe zu kommen. Wir müssen den Versuch machen, Major Rivers, ihnen das Törichte ihres Schrittes vorzustellen, und wenn sie es wünschen, sie in unseren Schutz nehmen.« Der Resident lächelte spöttisch. Vertrauter mit den Sitten und der Denkungsart der Eingeborenen als seine Begleiter, wußte er, wie wenig ein solches Zureden fruchten würde. Da jedoch sämtliche Offiziere darauf bestanden und er außerdem eigene Pläne hegte, deren Verzögerung ihn schon einige Male mit Besorgnis hatte umherschauen und nach der Gegend des Tores von Cawnpur hin horchen lassen, – wünschte er selbst, die Zeremonien aufzuhalten und wandte sich deshalb an den Scindia. »Meine Freunde, Hoheit,« sagte er in der ihm vollkommen geläufigen Marathi-Sprache, »wünschen dringend, sich zu überzeugen, daß diese Frauen zu dem Opfertod, den sie erleiden wollen, nicht durch Drohungen gezwungen sind, und daß sie freiwillig ihn wählen. Sie wünschen den Versuch zu machen, sie von diesem Schritt abzubringen, und du wirst nichts dagegen haben, daß ich die Frauen befrage und ihnen einige Worte sage.« Der Scindia erwiderte gleichgültig, daß seine Gastfreunde tun möchten nach ihrem Belieben; er selbst habe der Rani angeboten, sie zu heiraten und in seine Zenanah aufzunehmen, aber sie habe es ausgeschlagen. Auf seinen Wink hielt der Zug, als er vorüber kam – es war das siebente Mal – an. »Dame,« sagte der Resident mit schmeichelnder Stimme, indem er sie höflich grüßte, zu der Rani – »wir haben erfahren, daß die Brahminen dich und diese Frauen bewogen haben, den Schmerz um den Tod eures Gatten durch die schlimme Sitte der Sotti zu bezeugen. Die Faringi bedauern gleich euch den Tod ihres Freundes und Bundesgenossen, und sie sind hierher gekommen, um seine Witwe vor Zwang und vor dem Einfluß der Priester zu schützen und sie zu bitten, nicht selbst ein so kostbares Leben zu opfern, das dem Toten nichts nützen kann, und dessen Vernichtung er sicher nicht billigen würde.« Ein leichter Spott zuckte um den Mund der Rani, als der Resident von der Freundschaft des verstorbenen Radschah für die Engländer sprach, und sie sah ihm fest und kalt ins Auge. »Brahma hat dem Menschen eine Seele gegeben, damit er weiß, was er tut,« sagte sie ruhig. »Der Sahib möge diese Mädchen fragen, warum sie den Scheiterhaufen besteigen, und wer sie gezwungen hat!« Der Resident wandte sich an die beiden jungen Frauen, die Hindu-Odalisten, und suchte sie zu bereden, von ihrem Vorhaben zurückzutreten. In der Tat schien die eine zu schwanken und ihre Blicke richteten sich mit flehendem Ausdruck auf die Gebieterin, gleich als wolle sie diese auffordern, das Beispiel zu geben. »Der Schmerz des Feuertodes ist furchtbar,« fuhr der Major fort – »ihr wißt nicht, was ihr tut und werdet es zu spät bereuen. Haltet ein einziges Mal den Finger an das Licht und seht, wie schmerzhaft schon die geringe Wunde ist.« Ohne ein Wort zu sprechen, riß die Rani ein Stück von ihrem Schleier, tauchte es in das Öl der heiligen Lampe, welche einer der Brahminen trug und wickelte es um den Zeigefinger ihrer linken Hand. Dann näherte sie den Finger der Flamme der Lampe, brannte die Leinwand an und hielt ihn hoch in die Luft. Das Zeug brannte lichterloh und bald verbreitete sich ein schwälender Geruch wie von versengendem Fleisch. Die Rani ertrug das Verbrennen des Gliedes, ohne eine Muskel ihres Gesichtes zu verziehen, ohne mit den Wimpern zu zucken. Unter den versammelten Tausenden erhob sich ein Gemurmel des Beifalls über die heroische Handlung, das zu einem wilden Jauchzen stolzen Triumphes anschwoll. »Sie werden jetzt glauben, Sahib,« sprach sie stolz, »daß der Schmerz mich nicht bewegen kann, meine Pflicht zu tun. Es war im Buche des Schicksals geschrieben, daß ich sein Weib sein sollte, und ich will ihm eine treue Gattin bleiben auch im Tode. Geben Sie sich keine Mühe mehr in dieser Sache und lassen Sie mich meinem Schicksal folgen.« Trotzig sich in ihren Schleier hüllend, gab sie das Zeichen zur Fortsetzung des Zuges und die Brahminen führten die geschmückten Opfer nach dem Scheiterhaufen. Am Eingang der schrecklichen Rundung nahmen diese den letzten Abschied von ihren Freunden und Verwandten. Darauf konnte man sehen, wie die drei Frauen den Holzstoß in der Mitte bestiegen, der mit den flüchtigsten Zündstoffen ganz umgeben war. Kapitän Delafosse hatte das Gesicht in die Hände verborgen, um der langsamen Marter dieses Anblickes zu entgehen. Er bemerkte nicht, wie der Resident, aufrecht stehend, eifrige, sehnende Blicke nach der Gegend des Tores warf, und dann wieder besorgt aus diese wogende, fanatisierte Menge und das kleine Häuflein der Europäer warf, gleich als fürchte er, einen notwendigen Entschluß zu fassen. Während dessen hatte die Rani ihren erhöhten Platz auf dem Scheiterhaufen eingenommen und das Haupt ihres toten Gatten in ihren Schoß gelegt. Die beiden jüngeren Frauen waren auf einem niedern Sitz zu beiden Seiten gebracht worden. Dann nahte der erste Priester und begann, unter den gleich dem Rauschen des Meeres anschwellenden Gebeten der Menge, die Leiche und die drei Frauen mit dem heiligen Wasser des Ganges zu besprengen. In diesem Augenblick sah Major Rivers über den Köpfen der Menge ein weißes Tuch wehen und erkannte seinen Schobedar hinter den Reihen der Soldaten. Jetzt schien er plötzlich zu einem Entschluß gekommen, und indem er das Zeichen des Dieners erwiderte und sah, wie dieser sich eilig wieder entfernte, beugte er sich zurück zu den Offizieren und flüsterte diesen etwas zu. Erstaunen, Überraschung – zum Teil Besorgnis bei einem Blick auf die zahllose Volksmenge zeigte sich auf den gespannten Gesichtern. Zugleich sah man den Brahminen, welcher die heilige Lampe trug, dem Zugang des Scheiterhaufens sich nähern. Plötzlich erscholl ein mächtiges, gebietendes »Halt!« über den weiten Platz und das Summen und Brausen der Menge. Alle Augen wandten sich nach der Estrade des Scindia und der Europäer, von woher die Stimme erklungen war. Der Resident stand am Rande des Gerüsts, ein Papier in der Hand, seine Rechte winkte gebietend Schweigen. »Im Namen Seiner Herrlichkeit, des Lord-General-Gouverneurs von Indien, gebiete ich Einhalt der Sotti. Die Verbrennung darf nicht stattfinden und ich mache jeden, der die Hand dazu leiht, für die Folgen verantwortlich.« »Verrat! das Feuer! das heilige Feuer!« gellte die Stimme der Witwe über den Platz. Die Brahminen, erbittert, ihre Zeremonie unterbrochen zu sehen, umdrängten die Estrade. »Fluch den Faringi! Was haben sie zu gebieten im Lande der Hindu? – Schlagt sie nieder, die Söhne unreiner Tiere!« Der Scindia hatte die Hand an den Griff seines Säbels gelegt. »Wischnu, der Erhalter, möge den Lord-Sahib beschirmen,« sagte er erregt, »aber diese Leute haben recht, Jhansi gehört nicht zum Gebiet der Kompagnie. Nur der Fürst von Gwalior hat hier zu befehlen.« »Du irrst, Hoheit,« unterbrach ihn mit lauter Stimme der Resident. »Das Fürstentum Jhansi gehört mit dem Tode des verstorbenen Radschah Lutfullah zu den Schutzstaaten der Kompagnie. Lies und überzeuge dich.« »Lüge! Lüge!« kreischte die Rani, »herbei mit dem Feuer, wenn euch eure Freiheit lieb ist!« »Das sich keiner zu rühren wage, diese Frau weiß, daß ich die Wahrheit spreche. Lutfullah hat seit zehn Jahren die Kompagnie Zum Vormund seiner Erben bestimmt, und die Rani hat nicht das Recht, sich zu töten und unserm Schutz zu entziehen.« Man sah, wie die stolze und kühne Frau – die mit der begangenen Schwäche ihres Gatten bekannt, das eigene Leben opfern wollte, um damit die Bedingung des erschlichenen geheimen Vertrages zunichte und das Gebiet an Gwalior zurückfallen zu machen – verzweifelnd ihr Haupt beugte. Aber ein Brüllen fanatischer Erbitterung und wütenden Hasses erhob sich in der Menge lauter und lauter, die Brahminen schürten den entfesselten Grimm, Waffen blitzten in der Luft und einer der Priester entzündete die Lunte an der heiligen Lampe und stürzte damit durch die sich öffnende Menge nach dem Holzstoß. Im Nu schlug eine Flamme und eine dichte Dampfwolke in die Höhe und ein Jauchzen und Heulen der Volksmenge, mit der betäubenden Fanfare aller Instrumente vermischt, antwortete diesem Signal der gelungenen Grausamkeit und erstickte den gellenden Schrei der Todesangst, der von den Lippen des jüngsten der drel Opfer brach. Aber ein anderer Ton, kräftiger als der Hilferuf eines armen Weibes, schmetterte in den scheußlichen Jubel der Menge. Trompeten- Fanfaren klangen vom Cawnpur-Tore her und im gestreckten Galopp, alles vor sich niederwerfend, jagte eine Abteilung britischer Lanziers herbei, Kapitän Mowbray an ihrer Spitze. Dennoch wäre diese Hilfe zu spät gekommen, wenn nicht von einer anderen Seite her eine Tat tollkühnen Mutes die Rettung gewagt hätte. Kapitän Delafosse hatte sich von der Estrade herabgeworfen und, den Degen in der Faust, versuchte er, sich einen Weg durch die bei dem Klang der britischen Signale verwirrte und auf allen Seiten davonstürzende Menge nach dem Scheiterhaufen zu bahnen, von dem die Glut bereits hoch emporwirbelte. Plötzlich, dicht vor dem halbverbauten Zugang der flammenden Hölle, sah er eine fremdartige Gestalt mit Riesenkräften bemüht, das Holz und die Bambusstäbe zur Seite zu schleudern. In diesem Augenblick erschien in dem Zugang zwischen dem Qualm und den züngelnden Flammen, aus dem Innern dieses Feuerberges kommend, ein anderer Mann, eine Last, eine Gestalt auf seinen Schultern, die in einen großen arabischen Mantel gehüllt war. Ein Freudengeschrei des ersten begrüßte diese Erscheinung, aber zugleich schien er zur Seite eine neue Gefahr entdeckt zu haben, und wie der Wolf auf seine Beute, stürzte er mit einem Sprunge dahin. Und auch der Kapitän hatte diese neue Gefahr erblickt, die unfehlbar den Retter vernichten mußte, ehe er die aufgehäuften Balken übersteigen konnte, und rascher entschlossen, als vorhin, fuhr sein Revolver in die Höhe und knallte sein Schuß. Die Kugel hatte den Brahminen getroffen, der fanatisch beschäftigt war, die Stütze des Scheiterhaufens auf dieser Seite fortzuhauen, um die Last des brennenden Holzes fallen zu machen und die unglücklichen Frauen zu begraben. Die Kugel traf ihn, noch ehe Danilos, der Korsar, ihn erreichen gekonnt. über die Trümmer und Ballen sprang Maldigri, der angebliche sardinische Offizier, ins Freie, und hinter ihm her stürzten von der anderen Seite die Holzwände des feurigen Berges zusammen, alles in ihrer Glut begrabend. Der kühne Retter warf mehr, als daß er sie legte, seine Last in die Arme der herbeieilenden britischen Offiziere, dann erst versuchte er mit Hilfe der Nächststehenden die Flammen zu ersticken, die an seinem eigenen Leibe emporloderten. Wer diese war – Delafosse zitterte, es zu erfahren, als er den halbverbrannten Mantel des Seemanns auseinanderschlug. Triumph – es war die Rani, die nur non wenigen leichten Brandwunden entstellt, vor ihnen lag! »Grausamer Christ,« sagte die Fürstin heftig, »warum hinderst du mich, für meinen Glauben und mein Volk zu sterben? Tragt mich zurück in die Flammen, damit nicht Schmach falle auf Xarias Namen.« »Du irrst, Fürstin,« entgegnete beschämt der junge Offizier, »nicht ich hatte das Glück, dein Retter zu sein, obschon ich es versuchte – der Fremde dort trug dich mit Gefahr seines Lebens aus den Flammen.« »Schlagen Sie Ihre Tat nicht geringer an, als sie war, Herr,« sprach Maldigri. »Nur der Zufall, daß ich den Luftzug beobachtet und von der flammenfreien Seite den Holzstoß erstieg, ließ mich die Fürstin befreien. Sie aber haben durch ihren raschen Schuß unser beider Leben gerettet, das sonst die stürzenden Balken vernichtet hätten.« Die Rani schaute finster auf den Mann und dann auf die glühende Lohe des in sich selbst zusammengestürzten Scheiterhaufens, der ihre beiden Gefährtinnen begraben, während ihr höherer Sitz auf dem Holzstoß sie einige Augenblicke länger vor den Flammen geschützt und dadurch ihre Rettung möglich gemacht hatte. Doch bevor sie noch einen Entschluß aussprechen konnte, trat der Resident in Begleitung des Scindia zu der Gruppe. Die britischen Reiter, die nur wenig Widerstand trotz der fünfzigfachen Zahl der Überraschten gefunden, hatten sich schnell des Zugangs der Zitadelle oder Burg bemächtigt. Zur Unterdrückung jedes Widerstandes war die Abteilung britischer Reiter heimlich nach Jhansi beordert, und zugleich hatte das wohlverwahrte Geheimnis des Plans jede zeitige Gegenmaßregel des ursprünglichen Schutzherrn, des Scindias, verhindert. Wäre der Opfertod beschleunigt worden und erfolgt, ehe der Resident der Kompagnie Einspruch dagegen erhoben, so wäre allerdings kein Erbe mehr vorhanden gewesen, dessen Vormundschaft oder Schutzrecht die Kompagnie hätte in Anspruch nehmen können und das Fürstentum wäre nicht ohne offene und jedes Scheins von Recht entbehrende Gewalt dem Scindia streitig zu machen gewesen. Dieser selbst war aber nur durch die Gunst der Engländer eingesetzt worden und zu sehr davon abhängig, um – so überrascht – einen Widerstand zu leisten. Mit der heuchlerischen Verstellung, welche die orientalische Diplomatie charakterisiert, verlor daher der Scindia keinen Augenblick länger die zuvorkommende Höflichkeit des Wirtes, die er bisher bewiesen, und in alle Wünsche des Residenten eingehend, gab er den Befehl, daß die Vornehmsten und die Würdenträger von Jhansi sich um ihn und die aus den Flammen gerettete Fürstin zu versammeln hätten. »Krone der Frauen, ein Meer von Tugend und ein Schatz an Treue,« redete er in der blumenreichen Sprache des Orients die Rani an – »Wischnu, der göttliche Erhalter, will nicht, daß du die Erde verläßt, ehe du noch viele und lange Jahre dein Volk glücklich gemacht hast. Edle Maharani, du hast die Probe des Mutes bestanden – Schiwa ist versöhnt und dein Gatte wird nicht allein sein in den Gefilden der Seligen, denn zwei seiner Frauen sind ihm gefolgt. Dir aber, der ersten und schönsten, der Perle seines Herzens und dem Schmuck seines Trones, befehle ich als dein oberster Sultan, abzulassen von dem Opfer der Sotti und kröne dich als die Rani und Herrscherin dieses Landes!« Damit nahm er den Turban mit der weißen und grünen Binde von seinem Haupt, setzte ihn auf das der Rani, und heftete dann den Fleck von rotem Tuch, den er selbst auf der linken Seite der Brust trug – das Zeichen der fürstlichen Gewalt – auf die ihre. Auf seinen Wink warfen sich die Vornehmen des Landes und die Hauptleute der Leibwache vor ihr nieder, und brachten unter dem Schall der Zymbeln und Trommeln der neuen Fürstin ihren ersten Salem, worauf der Scindia sie zu seinem Sitze führte, sie darauf niedersetzen ließ, und die Ausrufer dem Volke die Thronbesteigung der neuen Rani verkündeten. Die junge Frau hatte alles starr und teilnahmlos mit sich machen lassen, ihr Auge blickte finstern Trotz, ihr Mund war fest geschlossen. Als der Resident mit den britischen Offizieren sich ihr nahte, um ihr seinen Glückwunsch darzubringen, schien sie aus ihrem finstern Starren zu erwachen und richtete ihren strengen Blick auf den Scindia. »Du bist der Sultan, mein Gebieter,« sagte sie ernst, »und ich werde dir gehorchen und leben. Aber jetzt sage mir, soll die Rani von Jhansi künftig wirklich die Sklavin der Faringi sein?« »Die hohe Kompagnie,« beruhigte schmeichelnd der Scindia, »wird deine Beschützerin sein. Sie wird die Stelle deines Freundes einnehmen und dir Rat und Hilfe gewähren, wo du sie bedarfst.« »Kapitän Mowbray, Hoheit,« erklärte der Resident, »wird zu deinem Schutz mit seiner Schwadron in Jhansi bleiben. Ich selbst werde in jedem Monat einige Tage hier weilen und mit deinen Räten den Tribut und das Verhältnis zum General-Gouvernement ordnen.« Die Fürstin wandte sich von ihm ab zu dem Kapitän Delafosse. »Wo ist der Faringi, der mich aus den Flammen geholt? Führen Sie ihn zu mir, Sahib, damit er nicht sagen möge, Xaria habe ihn ohne Belohnung gelassen.« Der angebliche Sardinier hatte unterdes von der Hilfe des Arztes Gebrauch gemacht und seine Brandwunden verbinden lassen, als ihn die Botschaft der Fürstin traf und ihn Delafosse zu ihr führte. Er verneigte sich mit Anstand vor der Fürstin, und erwartete dann ruhig ihre Anrede, während der arabische Seemann, sein Begleiter, neben ihm stand. »Sie sind es, der mich von dem Scheiterhaufen getragen?« fragte die Rani, nicht ohne Interesse das Äußere ihres Retters betrachtend. »Wenn Sie sich dessen erinnern wollen, Hoheit – so mag es sein!« »Sie sind ein Faringi – ein Engländer?« »Nein, Dame – ich stamme aus einem anderen Lande als England!« Bei dieser Mitteilung wurde der Resident aufmerksam und betrachtete mißtrauisch den Fremden, den er bisher wenig beachtet, worauf er für gut fand, sich selbst ins Gespräch zu mischen und die Rolle des Fragenden zu übernehmen. »Wer sind Sie, Sir?« »Ein Fremder, wie Sie sehen, ein Reisender!« »Das genügt uns nicht – wir wollen wissen, wer und was Sie sind und wie Sie hierher kommen!« Der Befragte verneigte sich spöttisch. »Ich habe nicht gewußt,« sagte er im gleichen, leichten Ton, »daß Oberstleutnant Rivers auch die Polizei-Kontrolle führt! Hier ist mein sardinischer Paß, aus dem Sie das nötige ersehen mögen, Sir!« Er nahm das Papier aus seiner Brieftasche und übergab es ihm. »Der Zweck Ihrer Anwesenheit, Sir?« »Ich hatte Handelsgeschätfe mit dem verstorbenen Radschah und überdies die Absicht; in seinen Dienst zu treten. Als ich heute eintraf, hörte ich die Nachricht von seinem Tode.« Major Rivers hatte den Paß entfaltet. »Wie – Sie sind Militär – Offizier von der sardinischen Armee?« »Ich war es, Sir, ich habe bereits vor sechs Jahren den Dienst verlassen und betreibe seit etwa vier Jahren eine Handelsagentur in Indien.« Der Resident lächelte mißtrauisch. »Der Tod des Radschah überhebt mich der Verlegenheit, Herr Major, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ohne besondere Erlaubnis des General- Gouverneurs keiner der indischen Fürsten europäische Offiziere in seine Dienste nehmen darf.« »Ich kann Ihre Besorgnis beruhigen, Sir,« beharrte der Sardinier, indem er ein zweites Papier aus seinem Portefeuille nahm. »Diese Bescheinigung Sir Lytton Mallinghams, des Mitglieds des geheimen Rates von Indien und Kanzlers der Präsidentschaft Madras, bürgt für meine Unverdächtigkeit und gestattet mir, mit den indischen Fürsten jeden Verkehr zu treiben, oder beliebig in ihre Dienste zu treten.« Rivers gab die Papiere mit einer kalten Verbeugung zurück; die feste und selbständige Haltung des Fremden schien ihm nicht besonders zu behagen. »Ich bedauere, daß Sie zu spät gekommen, aber ich werde nicht ermangeln, dem Gouverneur über den Dienst zu berichten, den Sie der Kompagnie durch die mutige Errettung der Rani geleistet haben.« »Was ich getan, war nur die Pflicht eines Mannes. Der Tod des Radschah ist ein ungünstiges Geschick, das mich trifft. Ich kann nichts tun dagegen und will nur, wie es der höfliche Brauch des Landes von dem Fremden heißt, die Tschotschakana, die dem Toten bestimmt war, zu den Füßen seiner Witwe niederlegen.« Auf seinen Wink wickelte sein Begleiter aus einem Tuch ein Paar schöne mit Silberbeschlag verzierte Pistolen und eine kleine Zahl der Chupattin oder heiligen Kuchen, die später als geheimes Kennzeichen der Verschworenen eine so bedeutende Rolle in dem indischen Aufstand gespielt haben, zu den Füßen der Fürstin. Die Rani hatte während des Gesprächs lange und aufmerksam den Fremden betrachtet. Die stolze und energische Art, mit welcher er dem hochmütigen Wesen des Residenten entgegentrat, schien ihr gefallen zu haben, denn plötzlich, als sie den heiligen Kuchen erblickt, erhob sie sich und sagte mit einem gewissen entschlossenen Ausdruck zu dem Sardinier: »Du bist willkommen in dem Haus des Verstorbenen, und wenn du es zu deiner Heimat wünschest, soll es dir eine solche werden. Die Rani von Jhansi, Sahibs, betrachtet euch von diesem Augenblicke an als ihre Gäste und bittet euch nur, den heutigen Tag ihrer Trauer zu gönnen. Von morgen ab wird sie alle Pflichten der Wirtin erfüllen.« Der Resident trat ihr galant entgegen. »Deine Hoheit möge uns gestatten, uns bei dir zu beurlauben, wir werden uns vor Aufgang der Sonne in den Wildnissen von Kurreira befinden, um Tiger zu jagen.« »Ich werde bei Ihnen sein, Sahib, ich fürchte weder die Tiger der Städte noch die der Wälder.« Majestätisch wie eine Königin, die sie war, verließ sie die Estrade und schritt, von ihren Frauen und Würdenträgern umgeben, dem Tore der Festung zu. Major Rivers sah ihr lange sinnend nach. »Ich fange an zu glauben,« murmelte er, »ich hätte der Kompagnie einen größeren Dienst erwiesen, wenn jene Brahminen dort mit der Asche des Radschah und seiner Odalisken auch die ihre gesammelt hätten. Indes – sie ist in meiner Gewalt, und Widerstand hat auch seinen Reiz. Ihre Zeit wird kommen, für jetzt gilt es einer anderen Beute.«   Die Beamten und Jäger des Sultans hatten ihre Aufgabe sorgsam ausgeführt. Nachdem sie die Ryots eines ganzen Bezirks aufgeboten, war es ihnen gelungen, die Dschungel, in welcher ein kolossales Königstigerpaar hauste, zu umstellen, und der oberste Jäger konnte dem Scindia bei der Ankunft der Jagdgesellschaft melden, daß sich das Wild dort befand. Die Rani hatte noch im Laufe des Abends die Jagdequipage ihres verstorbenen Gatten nach dem Ort des Rendezvous voraussenden und neben den bereits von den Leuten des Scindia aufgeschlagenen Zelten drei neue errichten lassen, indem ihre Beamten die Erklärung wiederholten, daß von diesem Augenblick an der Sultan selbst und die englischen Offiziere die Gäste ihrer Gebieterin wären. Die Fürstin, die noch am Abend Major Maldigri hatte zu sich bescheiden lassen, war noch vor den Europäern aufgebrochen, so daß bei deren Ankunft in der Gegend von Kurreira sie selbst die Gäste empfing. An ihrer Seite befand sich der Sardinier, in der zierlichen Tracht der berittenen Leibwache des verstorbenen Radschah, zu deren Führer und Instrukteur die Fürstin ihn bereits ernannt hatte. Die Sache schien keineswegs den Beifall des Residenten zu haben, der immer mehr einzusehen begann, daß die Kompagnie hier auf einen entschlossenen und selbständigen Charakter gestoßen war. Die Rani empfing die Ankommenden an der Spitze ihres Gefolges. Der Empfang der Rani vereinigte alle Etikette und Würde einer indischen Herrscherin mit der leichten Grazie und Gewandtheit einer europäischen Dame. Die Fürstin lud die Gesellschaft nach einer kurzen Rast in den Zelten zu der Tafel ein, die mit Erfrischungen der mannigfachsten Art bedeckt, unter dem Schatten eines riesigen Pingalabaumes aufgeschlagen war, und an dem sie mit der Würde einer geborenen Königin Platz nahm. Trotz der Anstrengungen, die diese Art der Jagd verursachen mußte, hatte der erfahrene Oberjäger des Scindia, in Verbindung mit seinem Kollegen aus dem Gefolge der Fürstin von Jhansi, zum Angriff gegen die Tiger die Zeit des Vormittags gewählt, zu welcher der bereits hohe Stand und die glühenden Strahlen der Sonne die Raubtiere träge in ihrem Lager zurückhalten. Es würde den Erfolg der Jagd bedeutend gefährdet haben, wenn man versucht hätte, in der Stille des Abends oder frühe des Morgens ihnen auf ihrem Weg nach Beute oder auf der Rückkehr von ihrem Raubzug zu begegnen. Seit der Tafel im Meß-Bungalow zu Cawnpur war von der tollen Wette des jungen Irländers mit keiner Silbe mehr die Rede gewesen. Eduard O'Sullivan schien sie vergessen zu haben oder vergessen zu wollen, und keiner der Offiziere, selbst sein Gegner nicht, war herzlos genug, ihn daran zu erinnern. Aber nicht ohne Besorgnis bemerkte Kapitän Delafosse, daß der junge Irländer seltsamerweise durchaus nicht zur Jagd gerüstet erschien. Außer Delafosse hatte noch ein anderer diese Bewegung beobachtet, ein tückisches Lächeln spielte um seinen Mund. »Es ist schade, Ned,« sagte der Resident, als er an O'Sullivan vorüberkam, »daß der hagere Schotte – Mac Scott heißt er ja wohl – der Leibjägermeister des Nena, nicht hier ist; er würde Ihnen guten Rat geben können für Ihr Unternehmen.« Der junge Mann wechselte die Farbe und preßte die Lippen aufeinander, aber er antwortete nicht. Die Rani gab jetzt das Zeichen zum Aufbruch, und der ganze Zug setzte sich in Bewegung. Zuerst rasch, dann immer langsamer und vorsichtiger, je näher er dem bestimmten Orte kam, rückte der Zug vorwärts. Eine halbe Stunde weiter lichtete sich der Wald und wurde zu einem mächtigen Dschungelgestrüpp, in dessen Mitte sich ein niederer Hügel erhob, gekrönt mit den Ruinen eines uralten Tempels. Diese Trümmer sollten das Lager der Tiger sein. Am Ende des Waldes machte der Zug Halt und begann sich in langer Reihe auszudehnen. Vor ihnen lag die Dschungel – ein wohl zwei bis drei englische Meilen breites und langes Dickicht von häuserhohem Bambus, Böre und Kamelkraut, mit dem langen, scharfen Schilfgras vermischt, das selbst einen Reiter zu Pferde überragt. Das Gesicht der Rani war von dunkler Glut gefärbt, ihr Auge warf förmlich Blitze; die Gefahr, die Aufregung schien alle Lebenskräfte dieser merkwürdigen Frau zu stählen und zu höherer Tätigkeit zu erwecken. Delafosse verließ dieses Antlitz nicht mit seinen Augen. Der Kampf, dem sie entgegengingen, ließ ihn gleichgültig, und er war allein bemüht, sich in der Nähe ihres Elefanten zu halten, so daß der erste Jäger ihn zweimal erinnern mußte, auf den Posten in der zweiten Linie zurückzukehren, den er angewiesen erhalten hatte. Jetzt begann man in der Ferne das Geschrei der Treiber zu hören, das Schlagen der Metallbecken, das Läuten ihrer Glocken, mit dem sie die Tiger aus ihrem Versteck scheuchen sollten. Die Rani gab das Zeichen zum Vorrücken, und die Mahouds stachelten ihre Tiere. Die fünfzehn Elefanten begannen in einer Reihe von etwa fünfzehnhundert Schritten in die Dschungel langsam einzudringen. Hinter den Elefanten, in den Zwischenräumen als zweites Treffen, kamen die Reiter, teils mit Lanzen, teils mit Gewehren bewaffnet. Das dritte Treffen, die letzte Reihe, bildete die große Zahl der Fußgänger, der Jäger, Diener und Soldaten, sämtlich mit langen und starken Speeren bewaffnet. Es war ein Heer, das gegen die beiden Könige der Wildnis anrückte, und das in seiner dreifachen Reihe ihnen den Durchweg sperrte. Schritt vor Schritt drang man im brennenden Strahl der Sonne in das Dickicht. Die Elefanten traten mit ihren plumpen Füßen das Geröhr zusammen und rissen mit ihren Rüsseln die Büsche aus dem weichen, feuchten Boden. Aber sie begannen immer unruhiger zu werden und stießen trompetenartige Töne aus. Die Pferde schnaubten mit wild in die Luft geworfenen Nüstern und mußten durch Spornstöße von ihren Reitern vorwärts getrieben werden. Plötzlich hörte man in einer kurzen Pause des Geschreies der Treiber ein dumpfes Knurren, und gleich darauf erzitterte die Luft von einem heiseren Gebrüll. Ein anderes, nur wilder, kräftiger, wütender als das erste, antwortete diesem. Die Tiger schienen, nach den Tönen zu urteilen, die selbst die mutigsten Herzen rascher schlagen machten, sich nur in geringer Entfernung voneinander, wenn nicht dicht beisammen zu befinden. Der Ruf des ersten Jägers: »Aufgepaßt! – Haltet fest zusammen, Sahibs, und zielt gut!« ermahnte zur Vorsicht. Ein Gebrüll, näher als das erste, von zwei Kehlen zugleich ausgestoßen, erschütterte Menschen und Tiere. Zwei der Elefanten, noch junge, an den Kampf nicht gewöhnte oder in einem solchen verwundete Tiere vermochten diese gefährliche Nähe, diese furchtbaren Töne nicht mehr zu ertragen. Sie wandten um und rannten, trotz aller Anstrengungen ihrer Mahouds, die Linien der Reiter und Fußgänger durchbrechend, davon. Der Ruf der Rani » Ram! Ram!« , mit dem sie ihren Mahoud befeuerte, – die Salve von zwanzig, dreißig Schüssen, die meisten aufs Geratewohl getan, vermischten sich mit dem Geschrei der Jäger, dem Wiehern der Pferde und dem Schmettern der Elefanten. Der Elefant der Rani war der nächste und vorderste. Der weibliche Tiger warf sich mit mächtigem Sprung auf ihn, aber von dem Schlage des Rüssels getroffen, flog er hoch in die Luft und rückwärts über zurück in das Röhricht. Diesen Augenblick schien der Königstiger wahrgenommen zu haben, denn statt an einer anderen Stelle seinen Durchbruch zu versuchen, sprang er von der Seite dem Elefanten an den Kopf, schlug seine Pranken tief in das Fleisch des edlen Tieres, das linke Auge desselben damit zerreißend, und begrub sein fürchterliches Gebiß in den Rüssel des Elefanten, wo dieser am Kopfe aufsitzt. Der Mahoud, schwer verwundet, stürzte auf der anderen Seite hinab. Die Rani ließ in dieser entsetzlichen Lage keinen Ruf des Schreckens oder um Hilfe vernehmen. Sie hatte sich aufgerichtet in der Haudah, deren Wand sie allein von dem grimmigen Raubtier schied, und indem sie kaltblütig ihre Flinte erhob, deren Mündung fast den Kopf des Tigers berührte, entlud sie dieselbe. Der Schuß hätte in dieser Nähe tödlich sein müssen, aber leider verrückte eine Bewegung des vor Schmerzen hin und her springenden und ausschlagenden Elefanten das Ziel, und die Kugel streifte nur den Pelz der Bestie. Der Tiger, festgeklammert auf seinem blutigen Sitz, richtete sich nun gegen die Fürstin, seine gefährlichere Gegnerin. Vergeblich hatte diese die Hand rückwärts gestreckt, ohne die Augen von der Bestie zu lassen, um ein zweites Gewehr von ihrem Büchsenspanner in Empfang zu nehmen, – der Mann war bei den entsetzlichen Bewegungen des leidenden Tieres längst herabgeschleudert und lag zertreten unter seinen Füßen. Man sah die Fürstin, bleich, aber funkelnden Auges, in ihrer Haudah aufrecht stehen, weit über den hinteren Rand derselben zurückgelehnt, mit der Linken sich festklammernd, während die Rechte dem Tiger den Dolch entgegenhielt. Von zwei Seiten flog ein Retter herbei, aber selbst diese gaben sie verloren. Major Maldigri hatte an dem Jagdzug, in der Haudah des Elefanten zur Linken mit dem Oberstleutnant Stuart sitzend, als bloßer Zuschauer teilgenommen, da die Verletzungen seiner noch mit Bandagen umwickelten Hände ihm noch nicht gestatteten, sich einer Flinte zu bedienen. Trotzdem hatte er sich in diesem Augenblicke der Gefahr über den Rand der Haudah geschwungen und eilte seiner neuen Gebieterin zu Hilfe. Von der anderen Seite sprengte Kapitän Delafosse heran, indem er mit rasenden Sporenstößen sein Pferd nähertrieb. Das arme, zerrissene Tier, das die Rani getragen, warf sich im wütenden Schmerz zur Erde, um den grausamen Feind zu erdrücken, und Elefant, Tiger und Fürstin wälzten sich auf dem Boden der Dschungel. Bevor sie sich noch emporraffen konnte, war der neue Führer ihrer Leibwache, Major Maldigri, schon an ihrer Seite und warf sich zwischen sie und den Tiger. Bis zur äußersten Wut gereizt durch den Lärm umher, schickte der Tiger sich an, auf diese seine sicheren Opfer loszustürzen. Er kauerte sich nieder und zog den Vorderkörper zurück zum gewaltigen Sprung. Sein Rachen war geöffnet und stieß mit dem dumpfen Brüllen den heißen Brodem aus, seine blutige Zunge streckte sich weit hervor. Eine Bewegung – ein Sprung – Aber noch ehe das Untier sich auf den kräftigen Muskeln seiner Hinterbeine emporschnellte, krachte ein Schuß. Der Tiger stieß ein Geheul aus und rollte um sich selbst. Seine gewaltigen Glieder zuckten, die scharfen Pranken hieben im Todeskampf wild umher – dann streckten sie sich lang aus, und – der furchtbare Feind war verendet. Ein Jubelgeschrei erfüllte die Luft: alles stürzte herbei, die Geretteten zu begrüßen. Aber wer war der glückliche Sieger, dem es gelungen, in diesem letzten und gefährlichsten Augenblick die Hilfe zu bringen? Auf die dampfende Büchse gelehnt, stand er da, die Augen auf die schöne Fürstin gerichtet, der zehn Hände aus dem Dickicht der Gräser emporhalfen. Kapitän Delafosse hatte sich im letzten Augenblick mit Blitzesschnelle vom Pferde geworfen und war hinter den Tiger gesprungen. Mit Kaltblütigkeit und Sicherheit setzte er dem Untier den Lauf seiner Büchse an den Kopf und zerschmetterte seinen Schädel. Eine tiefe Röte der Freude und eines anderen höheren Gefühls dunkelte jetzt sein schönes Gesicht, als die Rani zu ihm trat. »Die Hand eines Faringi hat sich in zwei Tagen zweimal für das Leben einer Hindufrau erhoben,« sagte sie langsam und ausdrucksvoll. »Wischnu hat es so gewollt, und sein Wille ist heilig. Ich danke dir und möchte dich lieben dafür, wenn du nicht der Feind meines Volkes wärest.« Der junge Offizier erbebte vor diesen halblaut gesprochenen Worten. Jede Entgegnung wurde jedoch durch Maldigri abgeschnitten, der freundlich ihm die verbundene Hand bot. »Es ist das zweite Mal, Sir,« sagte er herzlich, »daß Sie zwischen mich und den Tod treten. Wie gering ich auch das Leben selbst achte, ich schulde es Ihnen, und wenn Ihnen an dem Dank eines Fremden etwas gelegen ist, so nehmen Sie diesen und die Versicherung, daß, wenn das Schicksal es erlaubt, ich die Schuld abtragen werde.« Kapitän Delafosse schüttelte ihm die Hand – sie waren Freunde oder mindestens einander achtende Feinde fürs Leben. Die Rani wandte sich zu den Offizieren und dem Gefolge zurück, das sich um sie versammelt hatte. »Was soll das bedeuten, Sahibs, daß Sie Ihre Posten verlassen? Beunruhigen Sie sich nicht um mich; ein Unfall, wie er bei jeder Jagd vorkommt, nichts weiter, und Sie sehen, ich habe tapfere Ritter an meiner Seite. Wo ist der zweite Tiger? Hat er Ihre Reihen durchbrochen?« Alles sah sich nach dem anderen Feinde um, dessen Nähe man ganz über den gefährlichen Kampf vergessen hatte. »Der Schelm hat Furcht,« sagte der Resident mit großer Ruhe von seiner Haudah herab, »ich sah ihn sich in das Dickicht zurückziehen.« Gleich als wolle sie ihre Anwesenheit bestätigen, hörte man aus der Dschungel die Tigerin mit mächtigem Gebrüll den Gefährten rufen. Die Entfernung, in der sie sich danach befand, mochte etwa noch zwei- bis dreihundert Schritte betragen. Man konnte in dem Röhricht den Pfad bemerken, den sie sich gebrochen hatte. Rivers klopfte die Asche von seiner Zigarre. »Ned, mein Junge, Sie werden leichteres Spiel mit der Bestie haben, als ich gefürchtet. Der Schlag mit dem Rüssel des Elefanten hat ihr vielleicht eine oder zwei Rippen zerbrochen, und Hallidays Chancen sind um zwanzig Prozent gesunken.« Diese boshafte, wohlüberlegte Anspielung traf alle wie ein kalter Schlag. »Unsinn, Major,« rief der Oberst, »Sie werden doch nicht denken, daß Master O'Sullivan töricht genug ist, den Narrenstreich zu wagen? Die Wette konnte von vornherein keine Geltung haben.« »Das ist eine Sache, die mein Freund Ned mit Halliday abzumachen hat,« sagte kalt der Resident. »Mich geht die Sache nichts an, ich hätte höchstens auf O'Sullivan gewettet.« Die Hauptperson, um deren Leben es sich handelte, Eduard O'Sullivan, war bei dem ersten Wort des Residenten von seinem Elefanten gestiegen. »Ich danke Ihnen für die Erinnerung, Herr Major,« sagte er fest, »und Sie, Halliday, bemühen Sie sich nicht – ich denke, meine Verpflichtung zu lösen und habe mich vorbereitet dazu.« »Ah, bravo,« klatschte der Resident. »Ich wußte es im voraus, Ned hält auf sein Wort und läßt nie eine Schuld unbezahlt.« »Um Gottes willen,« mahnte ernstlich besorgt der Oberstleutnant, »helfen Sie mir lieber, den jungen Toren von seinem Entschluß abzubringen, statt ihn noch mehr durch solche Worte zu reizen.« Delafosse hatte auf seine Frage Major Maldigri die Umstände der Wette mitgeteilt. Der junge Mann zog aus der Tasche seines Reitfracks das Tischmesser, das er an der Tafel der Offiziersmesse an sich genommen, und bat Kapitän Delafosse, es mit dem Tuch, mit dem er soeben die Stirn getrocknet, in seiner Hand festzubinden. Der Kapitän tat es ernst. »Haben Sie irgendeine Bestimmung zu treffen, Herr O'Sullivan, für den Fall – daß ...« Er brach ab. Der junge Irländer drückte ihm die Hand. »Ich weiß, Sie sind ein Ehrenmann, Kapitän, und werden meine Bitte erfüllen. In diesem Portefeuille –« er zog es aus der Brusttasche und legte es nieder auf das Gras, »befindet sich ein Brief an meine Schwester Margarete, die Gattin – verstehen Sie wohl: die Gattin – des Maharadschah Srinath Bahadur. Sie werden ihn, wenn ich nicht zurückkehre, derselben persönlich überbringen und – es würde mich sehr glücklich machen, hätte ich Ihr Versprechen, der Freund meiner Schwester bleiben zu wollen.« »Verlassen Sie sich darauf, Ned. Ich will alles, was Sie wünschen, aufs gewissenhafteste besorgen,« rief der Resident. »Ich habe Kapitän Delafosse mit meinem Willen beauftragt, Sir,« entgegnete O'Sullivan kalt. »Und seien Sie versichert, daß er erfüllt werden soll,« erklärte dieser mit einem festen Blick auf den Residenten. Ein erneuertes Brüllen aus der Dschungel schien gleichsam das Opfer zur Eile zu mahnen. Auf ein Zeichen der Rani hatte der Mahoud ihren Elefanten näher getrieben. Die kühne Frau, die den Mut an anderen zu würdigen verstand, riß sich den kostbaren Schal von der Schulter und warf ihn dem jungen Manne zu. »Nimm, Sahib,« sagte sie, »und wickle ihn fest um deinen linken Arm; die Zähne des Tigers vermögen das Gewebe von Kaschmir nicht zu durchdringen.« O'Sullivan befragte mit einem Blicke den Kapitän, gleichsam als Ehrenrichter, ob er die Hilfe annehmen dürfe: Delafosse nickte schweigend, und Mickey sprang herbei, ihm den Schal um den Arm zu wickeln. »Fassen Sie die Bestie fest ins Auge, Sir,« flüsterte Maldigri dicht neben ihm; »weichen Sie keine Linie breit von ihrem Blick, das Katzengeschlecht fürchtet die Macht des menschlichen Auges; die heilige Jungfrau nehme Sie in ihren Schutz!« Eine tiefe, beklommene Stille lag über der ganzen Jägerschar, keiner wagte zu sprechen. Es vergingen fünf Minuten; fünf Minuten der ängstlichsten, peinigendsten Erwartung. Ein langanhaltendes, wütendes Gebrüll drang aus der Gegend der Ruinen. »Jetzt sind sie aneinander,« sagte scharf hinhorchend der Resident. Der Oberstleutnant fuhr ihn barsch an: »Schweigen Sie, Sir! – Hören Sie nicht – es kommt etwas heran – die Büchsen fertig, daß wir wenigstens den armen Jungen rächen an der Bestie!« »Nein – es kommt nicht von dort – es nähert sich aus dem Wald,« rief Follington, der Quartiermeister. In der Tat, unter den Bogengängen der Fichten zeigten sich zwei Reitergruppen: Kapitän Lowe und Doktor Brice auf ihrem herantrabenden Elefanten, den sein Mahoud endlich auf der Flucht zum Stillstehen und zur Umkehr bewogen hatte, und ein Reiter nebenher galoppierend. Verschiedene der Anwesenden schienen ihn zu kennen. »Was zum Henker, Herr Mac Scott , führt Sie in diesem Augenblick von Bithoor hierher?« rief der Oberstleutnant. Für sich setzte er brummend hinzu: »Ich wollte, der alte Bursche wäre eine halbe Stunde früher angekommen.« »Ihr Diener, Oberst! Ihr Diener, Gentlemen!« sagte der alte Mann, sein Pferd parierend und sich mit den ihm trotz seiner wilden Beschäftigung gebliebenen aristokratischen Manieren rings verbeugend. »Ein dringendes Geschäft, eine unglückliche Nachricht führt mich hierher. Darf ich Sie bitten, mir zu sagen, wo ich Master O'Sullivan, den Bruder meiner Herrin, finden kann? Die Sache hat Eile.« Ein allgemeines Schweigen erfolgte, niemand wagte zu antworten. Aber die Antwort kam von einer anderen Seite her. Ein grimmiges, die Nerven erbeben lassendes Gebrüll drang aus der Dschungel herüber und erscholl in einzelnen Stößen immer wütender und heftiger. »Ah,« sagte Mac Scott, der vom Pferde gestiegen war, indem er sich behaglich auf den hageren Leib schlug, »da ist ja noch eines meiner Lämmchen! Der Stimme nach muß es ein stattlicher Bursche sein.« Er warf einen Blick umher auf die toten Körper des Elefanten, des Tigers und des Büchsenspanners und auf den schwer verwundeten Mahoud. »Ich sehe, es ist scharf hergegangen. Aber wo ist Master O'Sullivan?« Kapitän Delafosse wies nach der Dschungel hin, von wo das Brüllen, jetzt zu einem Geheul geworden, herüberdrang. »Dort!« sagte er aufgeregt. Der alte, abgehärtete Schotte fuhr zurück, die Lederfarbe seines Gesichtes erbleichte. »Machen Sie keinen Scherz, Sir! Wo ist Eduard O'Sullivan?« »Und ich wiederhole Ihnen, Sir – Master O'Sullivan befindet sich dort, im Dickicht dieser Dschungel, am Fuße jener Ruinen, im Duell mit einem Tiger, und Sie selbst hören sein Totenlied.« Ein schwächeres, halbersticktes Brüllen drang aus der geheimnisvollen Tiefe der Wildnis herüber. »Das ist unmöglich – da ich hier so viel Gentlemen müßig versammelt sehe.« Die erhabene Einfalt dieser Worte jagte Schamröte auf die Gesichter der britischen Offiziere. »Sie haben recht, Herr Mac Scott,« sagte der Kapitän entschlossen, »es war eines Mannes unwürdig, hier zu warten. Die Pflicht des Nächsten steht höher als der Dünkel einer mißverstandenen Ehre!« Und er folgte dem greisen Tigerjäger, der, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, die Büchse von der Schulter genommen hatte und in das Dickicht der Dschungel vorangeschritten war. Ein mächtiger Impuls schien alle Anwesenden ergriffen zu haben, indem sie, ohne sich weiter zu verständigen, sich ausbreiteten und vorwärts drangen. Von dem ersten Schritt in das Gebüsch an verkündete jede Bewegung, man möchte sagen: jeder Atemzug an dem Schotten den erfahrenen Jäger, den Kämpfer in den Wildnissen gegen den grausamen König derselben. Die Kapitäne Delafosse und Lowe waren abgestiegen und folgten, ihre Büchsen schußfertig in der Hand, zu Fuß; hinter ihnen drein kamen der Elefant der Rani und mehrere Reiter. So drangen sie vorwärts, während die anderen, langsam folgend, das Dickicht bewachten. Kein Laut, kein Ton mehr zeigte den Beginn, die Fortdauer oder das Ende jenes entsetzlichen Zweikampfes an. An einer Stelle lag ein Handschuh – O'Sullivan mußte ihn im Vorüberkommen hier verloren oder fortgeworfen haben. Es war der Beweis, daß sie sich auf der richtigen Spur befanden. Plötzlich stieß der Schotte einen lauten Ruf aus und sprang vorwärts. Sie eilten ihm nach. Vor ihnen erhoben sich die von Jahrtausenden zerbröckelten Marmorsäulen eines Tempels oder eines Grabmals. Am Schaft dieser Säulen, am Fuß dieser gigantischen Trümmer, war das hohe Dschungelgras, das Gestrüpp und Rohr im ziemlich weiten Kreis zu Boden getreten. Die Stelle glich einem Kessel, einem Nest in dieser Wildnis morastiger Vegetation. Es war auch ein Nest – das Nest, die Lagerstätte der Tigerfamilie. Am Rande des freien Raumes sah man Mac Scott stehen, die Büchse an der Wange, den Finger am Drücker. Der Elefant der Rani stieß ein schmetterndes Geschrei aus. In der Mitte des Platzes lag eine ungestaltene, verworrene Masse von Kleidern, Blut und Fleisch. Quer über dieselbe her sah man die Tigerin ausgestreckt. Zwei junge, höchstens zwei Wochen alte Tigerkatzen spielten im Grase umher und leckten das Blut. Aber der Tiger machte keine Bewegung – er regte sich nicht, trotz der Nähe der Menschen. Plötzlich kam es aus dieser entsetzlichen Gruppe von Blut und Fleisch wie der leise Seufzer einer menschlichen Brust, wie ein schmerzliches, klagendes Stöhnen. Der alte Tigerjäger ließ sein Gewehr fallen, faßte sein Jagdmesser und sprang vorwärts. Im nächsten Augenblick kniete er in der Blutlache neben dem Tier und dem Menschen. Der Tiger – war tot, kein Glied, keine Sehne rührte sich mehr. Der Mensch – – – Hier endet das Manuskript, oder es war unleserlich oder die Beschreibung war zu grauenvoll. Die Offiziere, der Schotte, die herbeieilenden Jäger legten Hand an, den Leichnam des Untiers aufzuheben und zur Seite zu werfen. Der Anblick, der sich nach der Entfernung des Tigers bot, war wahrhaft erbarmungswürdig. Kaum daß die verstümmelte Gestalt, die hier lag, noch die menschliche Form hatte. Jedes Glied schien gebrochen, zerfleischt von den grimmigen Bissen der Bestie. Die Brust war von einem Krallenhieb aufgerissen, der Unterkiefer von den Zähnen zermalmt. Aber die rechte Hand hielt noch krampfhaft das blutbedeckte Messer fest, mit dem O'Sullivan den unerhörten Kampf ausgefochten. Trotz der entsetzlichen Verwundungen schien noch Leben in diesem menschlichen Körper, diese Nerven regten sich noch, diese zerfetzten Glieder zuckten noch von Zeit zu Zeit unter den gräßlichen Schmerzen. Auf den Ruf und das Geschrei der zuerst Angekommenen eilten die Nachfolgenden von allen Seiten rascher herbei. Einer der Vordersten war Doktor Brice, er übernahm sogleich die Leitung aller Anstalten zur Rettung des Verstümmelten, kniete neben ihm nieder und legte die Hand auf sein Herz. »Es ist wirklich noch Leben in ihm!« sagte er nach einer kurzen Pause der Untersuchung. »Goddam!« meinte herzlos der Resident, indem er den toten Körper des Tigers betrachtete – »die Bestie hat nicht weniger als acht Stichwunden und einige so groß, daß man die Hand darin umkehren könnte. Ich hätte Ned gar nicht so viel Kraft zugetraut.« Delafosse warf ihm einen verächtlichen Blick zu, aber über das Gesicht des Sterbenden zuckte es wie ein Lächeln stolzen Triumphes. »Was ist zu tun, Doktor? Vielleicht ist dem Unglücklichen noch zu helfen?« »Ich muß versuchen, ihm auf der Stelle einen Verband anzulegen und die Blutungen zu stillen. Aber ich fürchte, daß menschliche Kunst hier ihr Ende erreicht hat.« Alle waren zwar derselben Ansicht, aber sie bemühten sich, indem sie sich, mit Ausnahme des Residenten selbst, Vorwürfe machten, daß sie nicht auf jede Gefahr hin diese rasende Tat verhindert hätten, – nach Kräften zur Beschleunigung der Hilfe beizutragen. Während so alle, teils mit der Betrachtung der verendeten Tigerin und ihrer Jungen, teils mit dem Leidenden selbst beschäftigt waren, dem der alte Schotte stumm und düster Hilfe leistete, trat Major Rivers zu diesem. »Nun, Herr Mac Scott,« sagte er, möglichste Unbefangenheit erkünstelnd – »wir wissen noch immer nicht, was Sie so eilig von Bithoor hierhergeführt hat. Oder ist es vielleicht ein Geheimnis?« »Nein, Sir,« antwortete der Jäger rauh, – »was ganz Cawnpur bereits weiß, ist kein Geheimnis mehr. Der Tod ist ein Glück für diesen Mann hier; denn sein Leichtsinn hat das Unheil verschuldet. Mistreß Margaret , seine Schwester, ist plötzlich spurlos verschwunden, wir fürchten, gemordet oder entführt von unbekannten Räubern und Feinden!« Ein Seufzer – der erste Laut, seit sie ihn gefunden, – quoll aus dem blutenden Munde des Ärmsten, seine Augen öffneten sich und starrten mit Schreck und Entsetzen den schlimmen Boten an. »Unvorsichtiger!« rief Delafosse, »wie konnten Sie so grausam sein, dieses neue Unglück in seiner Gegenwart zu verkünden? Die Nachricht wird ihm den Tod bringen, wenn die Wunden es nicht tun.« »Ich wiederhole,« entgegnete der Jäger finster, »es ist ein Glück für ihn, wenn er stirbt. Der Zorn des Nena wird ihn und uns vernichten!« »Zum Henker,« befahl der Oberstleutnant, »da Sie Unglücksrabe einmal die Botschaft ausgeplaudert, so erzählen Sie wenigstens, wie es gekommen und was geschehen.« Die Augen des Verstümmelten hingen starr an den Lippen des Schotten – kein Zucken des Schmerzes in ihnen, während doch die Sonde des Arztes zwischen seinen Nerven wühlte, und Messer und Nadel des unbarmherzigen Äsculap in seinem Fleische wirtschafteten. Der Tigerjäger schüttelte finster das Haupt. »Ich fürchte, es ist alles vergeblich, die das Verbrechen begangen, haben ihre Maßregeln so schlau genommen, daß keine Spur von ihnen aufzufinden war. Mistreß Margaret erhielt gestern morgen einen Brief, und ohne mir ein Wort zu fügen und meine Rückkehr abzuwarten, der ich zwei Stunden früher nach einer entfernten Plantage des Srinath Bahadur geritten war, ließ sie ihren Pony satteln und jagte, von einem einzigen Diener begleitet, nach Cawnpur. Erst um Mittag brachte ein wandernder Krämer ihr Pferd zurück – er hatte es angebunden in den Mangrovebüschen am Wege in der Mitte zwischen Bithoor und Cawnpur gefunden, den Diener, mit einer Schlinge erdrosselt, daneben. Dieser Umstand, so traurig er an und für sich scheint, ist das einzige, worauf ich noch meine Hoffnung baue. Die Thugs können die Tat nicht verübt haben, sie hätten nach ihrer unveränderlichen Gewohnheit den Leichnam des Dieners, wie den der Herrin vergraben. Selbst, daß der Mord von gewöhnlichen Phansigars verübt worden, ist mir zweifelhaft geworden. Warum findet sich dann der Körper der Maharani nicht neben dem des erwürgten Dieners? Es galt also, sich ihrer lebendigen Person zu bemächtigen. Aber damit schließt leider jede weitere Vermutung.« »Und das ist alles, was Sie zu ermitteln vermocht haben, Master Mac Scott?« fragte der Resident. »Sie haben keine Ahnung, was jener Brief enthielt oder wer ihn geschrieben?« »Doch, Sir – der Brief ist hier! Die Dienerinnen fanden ihn in der Mistreß Schlafzimmer.« »Zeigen Sie her!« Der Resident langte nach dem Schreiben, aber Delafosse kam ihm zuvor, nahm das Billett aus der Hand des alten Jägers und entfaltete es. »Bei Gott – es ist von Master O'Sullivan selbst. Hören Sie, wie es lautet!« Rivers biß sich auf die Lippen, indes der Kapitän den Brief vorlas. Er enthielt nur die wenigen Worte: Eile angesichts dieser Zeilen zu mir nach Cawnpur. Aber im geheimen! Tod und Leben hängt davon ab. Dein sonst verlorener Bruder Eduard O'Sullivan. « »Ich weiß nicht, ob dies die Handschrift Herrn O'Sullivans ist?« fuhr der Kapitän fort, den Brief umherzeigend. »Es ist seine Schrift,« sagte der Jäger, »ich kenne sie wohl. Oder sie wäre teuflisch gut nachgemacht!« »Und dieser Brief ist wahrscheinlich die Ursache, daß Sie uns nachfolgten?« »Ja, Sir. Ich vernahm in Cawnpur, daß Master Eduard mit dem Major und den Offizieren, seinen Freunden, in der Nacht nach Jhansi aufgebrochen war, und ich ritt ein Pferd tot, um ihm zu folgen und Aufklärung von ihm zu holen, die unsere weiteren Nachforschungen leiten könnte.« Aller Blicke wandten sich hier natürlich auf den Verstümmelten und nun bemerkten sie ein eigentümliches Schauspiel. Die Stirn und die Augen waren beinahe die einzigen Teile dieses Körpers, die unverletzt aus den Klauen des Tigers davon gekommen waren. Auf dieser Stirn lag jetzt eine dunkle Falte, diese Augen waren mit einem ingrimmigen Ausdruck des Abscheus, des Hasses, der Drohung, auf einen Gegenstand gerichtet. Dieser Gegenstand – war der Resident. Der Verstümmelte machte eine gewaltige Anstrengung, zu sprechen, aber es kam nur ein unverständlicher, gurgelnder Laut aus der blutenden Kehle, und der Doktor mußte ihm auf das Strengste jede Anstrengung verbieten. Dafür schienen die Augen O'Sullivans Blitze zu flammen! Mit Erstaunen wandten sich die Umstehenden nach dem Residenten, die Deutung dieser Erscheinung von ihm zu erfahren. Rivers hatte jedoch vollkommen Zeit gehabt, sich zu fassen. »Sie haben recht, Ned, daß Sie Ihre Hoffnung auf mich setzen,« sagte er mit zuversichtlichem Ton. »Es ist nicht nur meine Pflicht als Vertreter der Regierung, sondern auch als persönlicher Freund dieses armen jungen Mannes, und gewissermaßen als unschuldige Ursache seines Unglücks, werde ich alles, was in meinen Kräften steht, dazu aufbieten, den Schleier zu lüften, der dieses seltsame Ereignis verhüllt, und die Dame aus den Händen der Räuber befreien. Zur Verfolgung der Verbrecher werde ich auf der Stelle nach Cawnpur zurückkehren und Ihre Hoheiten, der Scindia und die Rani, werden darum gestatten, daß ich meinen Besuch abkürze und an den Jagden nicht weiter teilnehme.« Diese Worte erreichten vollkommen den Zweck, die Aufmerksamkeit von dem Kranken ab und auf den Sprecher zu lenken. Als man sich wieder nach jenem wandte, bemerkte man, daß er vom Schreck oder Schmerz wieder in Ohnmacht gefallen war. Der Doktor erklärte dies jedoch als einen glücklichen Umstand, um den Patienten fortschaffen zu können. Der Kapitän Delafosse, dessen Blicke sorgfältig und mißtrauisch den Residenten beobachtet hatten, erklärte energisch, daß er Herrn Mac Scott nach Bithoor begleiten wolle, um seine Hilfe ihm für weitere Nachforschungen, so lange sein Urlaub noch daure, zur Disposition zu stellen. Der Zug setzte sich langsam und mit aller Vorsicht für den Zustand des Kranken in Bewegung. Noch ehe sie die zurückgebliebenen Elefanten und Pferde am Rande der Dschungel wieder erreicht hatten, wußte der Resident es so einzurichten, daß er neben Doktor Brice herging. «Ist Hoffnung vorhanden, Doktor, daß unser Freund davon kommt? Sprechen Sie aufrichtig und nicht mit den Winkelzügen eines Mediziners.« »Wenig oder gar keine, Major – obschon ich sie nicht ganz absprechen möchte. Es ist noch Lebenskraft in ihm, und der Schal der Rani hat den tollen Burschen wunderbar beschützt. Er ist zwar furchtbar zugerichtet, aber wenigstens kein unbedingt für das Leben notwendiges Organ verletzt.« »Hm! aber sein Gesicht – der Unterkiefer ist ja halb herausgerissen?« »Er wird niemals wieder die Sprache erlangen.« »Und die Arme, die Hände – wird er sich ihrer bald wieder bedienen können?« »Kein Gedanke daran. Ich werde beide Arme noch heute im Gelenk ihm amputieren.« Der Resident blieb zurück. Als er später seinen Elefanten bestieg und noch einen letzten Blick auf die Bahre des Kranken warf, lag ein boshafter Triumph in den Falten seiner Mundwinkel. Major Rivers und Kapitän Delafosse waren bereits mit einem Teil der Begleitung abgereist, als die Rani den neuen Führer ihrer Leibgarden in das für sie aufgeschlagene Zelt rufen ließ. Maldigri mußte ihr alles, was in dem Vorgang und den Erzählungen des schottischen Jägers ihr infolge der nur mangelhaften Kenntnis des Englischen noch unklar geblieben war, berichten. Die Rani wiegte nachdenkend das Haupt. »Du hast den Faringi beobachtet, welcher sich den Residenten nennen läßt?« fragte sie. »Zuverlässig. Hoheit!« »Was hältst du von ihm, Sahib?« »Ich muß gestehen, ich traue ihm nicht.« «Deine Gründe?« »Ich kann keinen bestimmten Grund anführen, indes sein ganzes Benehmen in dieser Sache gefiel mir nicht. Wenn er den unglücklichen Vertrag deines Gatten kannte, der Jhansi unter den Schutz der Kompagnie stellt und der ihm nur durch List und Verrat entlockt sein kann, warum machte er nicht eher Gebrauch davon, als im letzten Augenblicke, wo die Zögerung ein kostbares Leben verderben konnte? – Der Überfall seiner Reiter war wohlüberlegt. Er war es zugleich, der mit kaltem Spott den jungen Toren zur Ausführung dieser wahnsinnigen Wette veranlaßt«, obschon er sich rühmt, sein Freund zu sein.« »Hast du bemerkt, was er tat, als der Jäger des Nena den Raub seiner Gattin erzählte?« »Nein, Hoheit – erst der starre Blick des Verwundeten lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn.« »Wohl! Wir Frauen sehen schärfer, als ihr Männer; – meine Augen haben ihn nicht verlassen! Ich bin überzeugt von einem.« »Und wovon, Hoheit?« »Er weiß um den Raub der Frau. Die Nachricht überraschte ihn nicht, er erwartete sie. Er selbst ist der Räuber! « »Aber er ist nicht von unserer Seite gewichen.« »Pah! hat nicht auch das Laster treue und eifrige Diener? Der Faringi steht im schlimmen Ruf in Cawnpur, er ist ein Tyrann, ein Wüstling und ein Habgieriger. Er hat jene Frau gestohlen, deren Liebe alle Manneskraft des Nena gebrochen und ihn vollends in die Arme der Faringi geführt hat. Aber wehe ihm, wenn dem so ist! Der Nena ist ein schlummernder Tiger, eingelullt von den Blumen der Liebe und des Vergnügens. Ich will diesen Tiger auf ihn Hetzen, tausendmal blutiger als der, welchen der Falsche auf den eigenen Freund gehetzt hat.« Der Ionier hatte mit Erstaunen die scharfe Beobachtung vernommen; jetzt kam er selbst zu dem Schluß. »Du könntest recht haben, Hoheit – aber was ist zu tun? Der Resident ist bereits fort und der Schotte, der Freund und Diener des Maharadschah, ist mit ihm zurückgekehrt. Wir haben niemanden, als den Sterbenden.« »Er wird nicht sterben,« sagte die Rani mit Bestimmtheit. »Die Rache hält den Faden seines Lebens fest – an seinem Auge sah ich, daß er den Verräter erkannt hat. Ehe wir handeln, ehe der Nena zurückkommt, müssen wir alles wissen und die Mittel zu dem Verderben des Räubers in Händen haben. Ich will einen Spürhund auf die Fährte des Raubtieres hetzen, der es bis in seine geheimsten Schlupfwinkel verfolgt. Du selbst sollst es sein, denn du verstehst die Sprachen der Franken und ihre Sitten.« Major Maldigri dachte nach. »Verzeih, Hoheit, daß ich deiner Absicht widerspreche,« sagte er dann, »aber ich fürchte, es würde zu viel Aufmerksamkeit erregen, wenn ich mich jetzt in Cawnpur zeigen wollte, und den Residenten ahnen lassen, daß er uns zu fürchten hat. Einen offenen, mutigen Gegner unter seinen eigenen Landsleuten besitzt er bereits, wenn mich nicht alles täuscht, in dem Kapitän, der uns beiden zweimal das Leben gerettet. Dieser hat dem alten Diener des Nena seine Hilfe zugesagt. Aber ich will dir einen bessern, geeigneteren stellen, den wir nach Cawnpur senden und heimlich auf jenes Fersen setzen können.« »Wen meinst du? Einen meiner Diener?« »Nein, Hoheit, ich meine meinen Milchbruder Danilos, den Kapitän der arabischen Praua. Er ist ein Sohn meiner heimatlichen Gebirge, schlau und kühn. Auf ihn kann keinerlei Verdacht fallen, er ist wenig oder gar nicht beachtet worden und keiner der Briten kennt ihn.« »Du hast recht, Freund – führe ihn zu mir, damit ich mit ihm rede. Ich werde ihm eine Botschaft geben an Tippo Singh, den Babu zu Cawnpur, der mir ergeben und ein geheimer Feind der Faringi ist. Er wird ihm behilflich sein.« Die Rani wußte noch nicht, daß den Genannten bereits ein ähnliches Schicksal getroffen, daß er selbst persönliche Rache brütete gegen den Räuber seines Kindes und seines Geldes. Der Resident mit seinen Begleitern hatte in der Kühle des Abends noch keine zehn Meilen weit von Ihansi, wohin er zunächst zurückgekehrt war, um Kapitän Mowbray weitere Instruktionen zu geben, auf dem Wege nach Cawnpur gemacht, als der Uskoke bereits mit Geld und Anweisungen für alles Verhalten wohl sehen, auf seiner Verfolgung war. 5. Der Pavillon. Wir haben noch zu erzählen, wie es kam, daß Major Maldigri – oder vielmehr Marcos Grimaldi , wie wir ihn wenigstens im Verkehr mit seinen Freunden und Vertrauten wieder nennen müssen – also Marcos Grimaldi, der ionische Flüchtling und der Agent des Kaisers Napoleon – bei der Sotti der Fürstin von Ihansi zugegen sein konnte, während wir ihn doch in der entfernten Präsidentschaft Madras auf dem Jagdzug zum Nissam von Heiderabad verlassen haben.   Der Kopf der Riesenschlange fuhr erschreckt zurück vor dem Pulverblitz aus dem Rahmen des Fensters. Diesen kurzen Augenblick benutzte Eglinton, um die Jalousien zuzuwerfen und den inneren Laden zu schließen. Man hörte die Schlange sich draußen auf und nieder wälzen und rund um das kleine Gebäude hin und her fahren. Doch fand jene an der glatten Außenseite des Pavillons keinen Halt, sich zu stützen, und die Stämme der Palmen standen zu weit entfernt, um von hier aus ihre gewaltige Muskelkraft gegen die Wände und Fenster des Gebäudes anwenden zu können. Er bemühte sich nun, die Geliebte ins Leben zurückzurufen, indem er ihr Wasser ins Gesicht goß. Lady Helene schlug endlich die Augen auf – ihr Blick, erst träumerisch, suchte bald mit Entsetzen umher. »Um Gottes willen, Lionel – was ist geschehen – ich erinnere mich – welch furchtbarer Anblick – was hat das zu bedeuten? Welche Gefahr bedroht uns?« »Beruhigen Sie sich, Helene, ich beschwöre Sie, wir sind für den Augenblick in Sicherheit, aber nur Ruhe und Fassung kann uns aus der Gefahr helfen. Ein unglücklicher Zufall muß eine der gefürchteten Riesenschlangen aus den unzugänglichen Wildnissen des Gebirges hinab in die Täler getrieben haben. Sie hat sich auf diesen Hügel verirrt und war im Begriff, sich durch die geöffnete Jalousie in den Kiosk zu stürzen. Gottes allmächtige Hand hat uns alle gerettet durch die Stimme unseres Kindes. Die Schlange tobt zwar noch draußen zwischen den Stämmen der Palmen, aber wenn sie hier keine zugängliche Beute findet, so wird sie sich in kurzer Zeit einen anderen Aufenthalt suchen.« »Aber bis dahin? – Es können Stunden vergehen, und bis dahin wird man längst gekommen sein, mich zu suchen, und dich hier finden.« Der Offizier blickte finster vor sich hin. »Es sind noch vier Schüsse in diesem Revolver, ich will versuchen, die Schlange zu vertreiben oder wenigstens mir den Weg zu bahnen, um Hilfe zu holen, wenn du nur den Mut haben willst, so lange allein zu bleiben.« »Um Gottes willen – bist du wahnsinnig? Ich sterbe hundertfachen Tod, wenn du gehst.« »So laß uns ausharren und auf Gott vertrauen.« Die junge Frau sah, die Hand gefaltet, starr vor sich hin. »Auf Gott? – Ist es nicht seine Strafe, daß er dies Ungeheuer gesandt hat?« Ein tiefes Weh durchzuckte das Herz des Offiziers. »Ja, das ist die Schuld der Sünde, zu der ich dich verleitet und die du mir vorwirfst. Arme Helene! Durch mich wirst du verderben, die du glücklich und geehrt hättest leben können. Ich bin ein Elender, der Vernichtung dem bringt, was er am meisten geliebt auf der Welt.« Sie flog an seinen Hals, sie preßte ihr tränenvolles, kaltes Gesicht an das seine. »O verzeihe mir, Lionel, daß ich, die so viel Mut hatte, die mit dir über Berge und Meere fliehen wollte, um dich endlich ganz zu besitzen, bei der ersten Gefahr so kleinmütig sein konnte. Nur daß sie in so häßlicher Gestalt kam, daß sie das Haupt unseres Kindes bedrohte, machte mich einen Augenblick erbeben. Nicht du, ich war es, die dich hierher rief. Ich will deine starke Helene sein, das Weib, das treu zu dir hält in Not und Tod, und ob uns das Schlimmste geschieht, wir wollen mutig und fest sein.« Nachdem sie das Kind auf das Ruhebett gelegt und mit den Vorhängen bedeckt hatten, traten sie Arm in Arm an eine der Jalousien, um vorsichtig nach dem Feinde zu lauschen, der draußen umhertobte. Als sie den inneren Laden geöffnet, gewährten die Spalten der Jalousie Raum genug, um durch sie hindurch die Schlange zu beobachten. Der Anblick war furchtbar und mußte selbst das stärkste Männerherz erschüttern. Jetzt erst begriff der Offizier die große Furcht der Eingeborenen vor diesem Ungeheuer. Die Schlange hatte sich auf eine der höchsten und stärksten Palmen, etwa 30 Schritt von dem Pavillon entfernt, zurückgezogen. Der Kopf, deutlich sichtbar, war platt und lang und öffnete von Zeit zu Zeit einen Rachen, der fast zwei Fuß weit aufgähnte und aus dem ein heißer, dicker Brodem qualmte, durch den die spitze, gespaltene Zunge wie ein Blitz umherfuhr. Die Augen, in grünem Feuer leuchtend, waren von der Größe einer Untertasse und erweiterten sich und zogen sich zusammen, je nach der Aufregung der Schlange. Das Ungeheuer mußte an elf Yards oder über dreißig Fuß messen. Der schreckliche Anblick drohte alle Standhaftigkeit, allen Mut der zarten, jungen Frau über den Haufen zu werfen, und sie zitterte im ersten Augenblick wie im Fieber. Bei allem Mut, bei aller Willigkeit, sein Leben zu opfern, sah der Offizier ein, daß sein Verlassen des Pavillons unvermeidlich seine Vernichtung herbeiführen müsse, ohne etwas zur Rettung der Geliebten beitragen zu können. Dann schlug er vor, die ihm noch übrig gebliebenen Schüsse des Revolvers gegen die Schlange zu versuchen, wenn ihr Leib in die Nähe des Pavillons käme. Aber er selbst begriff, wie schwer es sein würde, den einzig empfindlichen Teil derselben zu treffen, und daß die schwachen Kugeln an jeder anderen Stelle von dem Schuppenpanzer zurückprallen würden. Der Knall der Schüsse konnte außerdem früher, als nötig war, seine Anwesenheit in dem Pavillon verraten, was ein glücklicher Zufall vielleicht ganz verhinderte. Es blieb also nur das Warten – das geduldige Abwarten und Ausharren. So beobachteten sie die Schlange und den Rand des Wäldchens. Plötzlich stießen beide einen Schrei aus. Zwischen den Lianen, den Geranien und Oleanderbüschen erschienen auf beiden Seiten menschliche Gestalten. Auf der nach Süden wurden der Fakir und Caulathy Mudaly, der Ryot, sichtbar – auf der entgegengesetzten erschienen der Baronet, das Hindumädchen, die Marquise und mehrere Diener. Jeder dieser Punkte mochte etwa 200 Schritt von dem Pavillon entfernt sein. Deutlich erkannte die Lady die Gestalten, sie sah das Händeringen ihrer jungen Dienerin, die entsetzten, furchtsamen Gebärden der indischen Diener, die alsbald wieder hinter den Tamarindenstämmen verschwanden, – endlich die Flucht ihrer treulosen Gesellschafterin bei dem Anblick des den Pavillon umtobenden Ungeheuers. Nur ihr Gemahl blieb unerschüttert wohl zwei Minuten lang zwischen den Bäumen stehen, ja er trat einen oder zwei Schritte vor, die Arme über die Brust gekreuzt, den gefährlichen Feind beobachtend, der seine Familie bedrohte. Der Baronet trat zurück – seine hagere Gestalt verschwand zwischen den Stämmen der Tamarinden. Auch Sofi, der geheimnisvolle Derwisch, und sein Gefährte, der Ryot, waren auf ihrer Seite unter den Schutz des Gehölzes zurückgekehrt. Die beiden Unglücklichen im Pavillon sahen sich aufgeregt an – mit stockenden Worten verkündeten beide einander, was sie gesehen. Die Entdeckung des, Offiziers – selbst im glücklichsten Fall der Rettung – war jetzt unvermeidlich. Ihre Hände umschlossen sich fest – jetzt war es entschieden, jetzt galt es den offenen Kampf und Widerstand nicht bloß gegen das Ungeheuer des Urwaldes, sondern auch gegen die Menschen, Leise weinte das Kind! – – – – – – – – – Der Baronet wandte sich ab von dem Anblick, den der belagerte Pavillon bot, und lehrte in die Tiefe des Wäldchens zurück. Nur Zelima, die Tochter des Ryot, und Burton, der Verwalter, außer dem Baronet der einzige anwesende Europäer, hatten es gewagt, in seiner Nähe zu bleiben. »Goddam, Mylord!« sagte der würdige Mann, »das ist eine böse Geschichte. Ich hoffe, daß Mylady und der junge Lord glücklich in dem Pavillon sind und nicht etwa schon in dem Magen des Scheusals. Es soll einen höllischen Appetit haben und könnte wohl drei Menschen auf eine Mahlzeit verschlingen.« Der Nabob sah ihn mit durchbohrendem Blick an. » Drei Menschen? – was wissen Sie von drei Menschen, Burton?« »Ei, Mylord – ich meinte nur so, von wegen des Appetits der Bestie. Es könnte indes nichts schaden, wenn Mylady einen tüchtigen Mann zu ihrem Beistand in dieser Not in jener schwachen Baracke hätte.« »Die Herrin ist mit dem kleinen Sahib noch unverletzt in dem goldenen Hause,« erklärte das Hindumädchen. Der Baronet wandte sich rasch zu ihr. »Woher weißt du das mit solcher Bestimmtheit?« »Siehe selbst, Sahib – die Jalousien sind geschlossen; als ich von dem Pavillon ging und die Herrin mir unter den Tamarinden zu warten befahl, war das Fenster, das hierher geht, geöffnet.« Der Rat starrte finster vor sich hin, ohne eine Antwort zu geben. »Was ist zu tun, Mylord?« fragte der Verwalter, »wir erwarten Ihre Befehle.« Sie waren jetzt bis zu der Stelle gekommen, wo die Marquise bei der Flucht vor dem schrecklichen Anblick innegehalten und unter dem Beistand einiger Dienerinnen sich wieder erholte. »O Sir, das entsetzliche Unglück! Um Gottes willen, sagen Sie mir – was ist geschehen? Die arme Frau – so schrecklich das unvorsichtige Verweilen zu büßen! – unser armer Master Eduard, der liebe Knabe! – und am Ende auch Eglinton – –« Der Rat faßte sie scharf am Arm. »Schweigen Sie,« fügte er rauh, »bis ich die Überzeugung habe. Noch sind jene da drinnen mein Weib und mein Sohn.« Er wandte sich zu dem Verwalter. »Lassen Sie sofort alle Gewehre, die in dem Hause vorhanden sind, hierherbringen, und das ganze Dorf aufbieten. Vielleicht, daß wir mit großem Lärmen die Schlange verscheuchen. Wir müssen Mylady durch irgendein Zeichen in Kenntnis setzen, daß Hilfe in der Nähe ist.« Ohne auf seine Umgebung weiter zu achten, ging er nach dem Saume des Wäldchens zurück und feuerte hier nacheinander die beiden Pistolen ab. Unterdes waren auf das schnell verbreitete Gerücht von allen Seiten die Dorfbewohner herbeigeeilt, alles aber hielt sich in respektvoller Entfernung von dem Platz der Gefahr. Während der Zeit waren unter dem Gewühl der Landleute langsam auch der Derwisch und sein Wirt herbeigekommen. Der Ryot gebärdete sich kläglich wie ein Kranker und Lahmer, weil er die Aufforderung, die Jäger zu begleiten, unter diesem Vorwand abgelehnt hatte. Auf Befehl des Rates war man beschäftigt, an einigen Stellen große Feuer anzuzünden, teils um die Schlange zu erschrecken und zum Rückzug zu bewegen, teils um sie abzuhalten, sich auf diese Seite zu stürzen. Mit aller Mühe war es dem Baronet nicht gelungen, einen Kreis von Wachen um den offenen Raum zu ziehen; die Bauern und Diener verweigerten geradezu den Gehorsam. Es waren jetzt, seit der Entdeckung der Schlange, wohl an zwei Stunden vergangen, und der Abend begann sich rasch über die Hügel niederzusenken. Der Baronet entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit, sprach aber nur selten ein Wort. Man hatte verschiedene Flintensalven auf das Ungetüm abgefeuert und die Hindus hatten auf das Gebot ihres Herrn mit allen möglichen Gegenständen einen schauderhaften Lärm erhoben, aber die Anaconda hatte sich um die leichten, aus großer Entfernung und mit unsicherer Hand abgeschossenen Kugeln wenig gekümmert, und wenn sie nur eine Bewegung machte, als wolle sie auf diese Gegend des Waldes sich zuwälzen, stürzte die feige Menge im eiligsten Laufe davon. An den riesigen Stamm einer Tamarinde gelehnt, stand der reiche und mächtige Mann, dessen Wink Millionen armer Menschen beherrscht, und schaute starr und finster hinüber nach dem Pavillon, dessen Formen in dem Schatten des Abends versanken. Seine Hand hielt ein Fernrohr, das er von Zeit zu Zeit an sein Auge brachte, nach dem unglücklichen Gebäude zu sehen, das alles barg, was er im Leben liebte oder zu lieben glaubte. Der Verwalter, nicht bösartig gerade von Herzen, nur gewissenlos und ohne alle Grundsätze, wenn es galt, sein Ziel zu verfolgen, war seinem Herrn dienstfertig zur Seite und tat alles mögliche, seine Befehle auszuführen, denn ihn jammerte wirklich das Schicksal der armen jungen Frau und des Kindes. »Mylord,« sagte der Mann, »diese Leute, die ich befragt, behaupten, daß die Anaconda Tage, ja Wochen lang auf dem Fleck zuzubringen pflegt, den sie einmal zu ihrem Aufenthalt gewählt. Es fehlt uns an Männern, sie zu vertreiben. Soll ich nicht lieber einen Eilboten den Gentlemen nachsenden, die diesen Morgen zur Jagd aufgebrochen sind.« Der Baronet erwachte aus seiner Erstarrung. »Sie haben recht, Burton. Der Rat ist gut – wir hätten es längst tun sollen. Senden Sie einen Boten auf dem besten Pferd an Major Maldigri und die Offiziere, sie um die schnellste Rückkehr zu bitten.« Burton erteilte einem der Hindu-Diener den ersten Auftrag; ein Pferd war zur Stelle und der Diener jagte eilig davon. Wenige nur achteten darauf, daß der Fakir sich zu seinem Wirt beugte und ihm einige Worte zuflüsterte. Caulathy Mudaly verschwand sogleich. »Ich will selbst gehen und das schnellste Pferd satteln,« sagte der Verwalter. »Es sind noch Diener im Bungalow, und ich werde den geschicktesten aussuchen.« Der Rat nickte schweigend Zustimmung und der Verwalter eilte nach dem Landhause, um die Befehle auszuführen. Er hatte jedoch noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sich eine Hand schwer auf seine Schulter legte. »Hat es Jack Slingsby so eilig, die Befehle eines harten Gebieters zu vollführen?« fragte eine fremde Stimme ihn im Hindostani. Der Mann erbebte. »Höll und Teufel! wer ist es, der mich seit drei Tagen in diesem Lande zum zweiten Male an den verfluchten Namen erinnert?« Seine Hand fuhr nach dem Gürtel, als suche sie dort eine Waffe, sein Auge maß die Gestalt, die ihm in den Weg getreten und erkannte mit Erstaunen den indischen Fakir. »Also du bist es, bettelnder Schurke, der dem Weibsbild diesen Namen zugeflüstert? Was weißt du von ihm? – was willst du von mir? sprich, oder ich erwürge dich!« »Wenn du Jack Slingsby bist, den man im Lande der Faringi den schönen Jack nannte,« fuhr der andere ruhig fort, »so habe ich einen Auftrag an dich!« »Hund von einem Hindu – ob ich den Namen kenne oder nicht, es kann dir gleich gelten. Immerhin sage deinen Auftrag, und von wem er kommt.« »Du bist im Begriff, den Peons und Soldaten des Deputy- Kollektor einen Boten nachzusenden, um sie zurückzuholen?« »Das siehst du, schwarzer Schuft!« »Ay, wohl! Du wirst es unterlassen!« »Wer – ich? – ich wollte den sehen – –« »Es ist deine Sache, Freund! Wenn ein Mann zurückkehrt, so wird der Havildar sofort benachrichtigt werden, daß Burton, der Verwalter, vor drei Jahren aus Botany-Bay mit fünf anderen Deportierten zum zweiten Mal entsprungen ist und ein Preis von hundert Pfund auf seinem Kopf steht, da er zu zwanzig Jahren in den Bergwerken verurteilt war.« » Damned! wer bist du, Verräter?« »Ein armer Fakir, wie du siehst, der im Auftrag eines Mächtigeren handelt.« »Wenn ich's auch wollte, es könnte eben so gut Verdacht erregen, den Befehl des Baronets nicht auszuführen,« sagte er unentschlossen. »Törichter Faringi, du brauchst deinem Boten nur eine falsche Richtung anzugeben oder zu sagen, du hättest ihn abgeschickt. Bist du ein so geringer Lügner in deinem Gewerbe?« »Und bin ich deines Schweigens sicher, wenn ich tue, was du willst?« »Ich verlasse morgen – wenn die Sache dort oben,« der Derwisch wies nach dem Palmenhügel zurück – »entschieden ist, diese Gegend. Ich gelobe es dir bei Allah!« Der ehemalige Dieb bedachte sich einen Augenblick. »Gut – ich will dein Verlangen erfüllen. Im Grunde, was kümmert es mich, ob die Schlange die Lady und ihre Krabbe frißt!« Auf Englisch setzte er, sich abwendend, hinzu: »Gott verdamm! Der Kerl hat mich wahrhaftig ins Bockshorn gejagt, und ich habe keinen ähnlichen Schrecken gehabt, seit der Nacht, wo ich die Leiche in der Cleveland-Straße stahl und die schöne Lady in der Mount-Street tot vor mir sah. Am besten, ich versuche, ihn stumm zu machen, wie sie war.« Er steckte die Hand in die Tasche und kehrte sich zu dem alten Fakir, entschlossen, ein neues Verbrechen für seine Sicherheit zu begehen. Im nächsten Moment war das Knie des Fakirs auf seiner Brust, der Dolch, den er gefaßt, seiner Hand entwunden, und funkelte, zum Stoß erhoben, über ihm. »Keinen Laut – keinen Zuck,« sagte eine klare, feste Stimme in gutem Englisch – »oder du bist des Todes, Bursche!« Der Überwundene ächzte unter der gewaltigen Faust seines Siegers und schnappte nach Luft. »Antworte jetzt auf die Fragen, die ich dir tun werde,« befahl der seltsame Fakir, »aber rasch und der Wahrheit gemäß. Bei dem ewigen Gott! Bursche, es soll dir nichts geschehen für vergangene Taten, welche sie auch sein mögen. Aber beim geringsten Versuch einer Lüge zerschneidet dieses Messer deine Kehle.« Unwillkürlich den alten prahlerischen Gewohnheiten folgend, stammelte er: »Lassen Sie mir Luft, Sir, und behandeln Sie mich als Gentleman. Sie sind ein Engländer, wie ich vermute, obschon ich Ihr Interesse an längst vergangenen Geschichten nicht begreife, und wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß ich keinerlei Schaden davon haben soll, will ich alles aufrichtig sagen, was Sie verlangen und was ich weiß.« Der Fakir erleichterte den Druck, den er auf den Niedergeworfenen übte, ohne jedoch dabei die Vorsicht aus den Augen zu lassen. »Du sprachst von einem Leichendiebstahl, den du in der Cleveland- Straße begangen. Wessen war die Leiche?« »Die eines reichen Nabobs, wie ich später hörte. Eigentlich war nicht ich, sondern Hampton, der Burker, der Dieb. Es war großes Gerede und Nachforschung darum, aber die Sache kam niemals heraus.« »War der Diebstahl des Toten eure eigentliche Absicht bei dem Einbruch?« »Nein, Sir – er geschah bloß aus Zufall und Mutwillen.« »Und was wolltest du in der Wohnung? Ich weiß, daß Kostbarkeiten damals nicht geraubt worden sind.« Diese Kenntnis der Sache machte den Dieb noch kleinlauter. »Ich stahl gewisse Papiere, die sich dort befanden – ein Portefeuille.« »Für dich?« »Nein, Sir – im Auftrage eines Dritten.« »Wer war dieser?« »Eine Dame, Sir – aber – ich versprach auf meine Ehre, sie nicht zu verraten.« »Das Ehrenwort eines Spitzbuben,« sagte der Fragende verächtlich. »Wer war die Dame? Sprich oder ich werde dich reden machen!« Die Spitze seines Dolches kitzelte die Kehle des Liegenden. »Bleiben Sie davon, Sir,« rief dieser – »solchen eindringlichen Gründen kann man nicht widerstehen, überdies ist die Dame nicht mehr am Leben, Ihren Namen sagte sie mir nicht, obschon ich ihn später in den Zeitungen las. Ich mußte ihr das Portefeuille nach ihrer Villa im Hyde-Park an der Mount-Street bringen und tat es als Gentleman.« »So warst du der Mörder der Lady Georga Savelli? Gestehe, Bube!« herrschte der Fremde mit furchtbarem Ernst und hob den Dolch zum Stoß. »Um Gottes willen, Sir – gedenken Sie Ihres Wortes. Bei allem, was einem Kerl, wie ich bin, heilig sein kann, ich schwöre Ihnen, Sir, ich tat der Lady kein Leid an. Man hat den wahren Mörder ja entdeckt und verurteilt. Es war ein vornehmer Liebhaber – ein Parlamentsmitglied – er wurde deportiert, noch früher als ich.« »Aber ich hörte deine Worte, Lügner – ich hörte dich murmeln von der ermordeten Dame!« und wiederum zuckte die Hand mit dem Dolche zum Stoß empor. »Halten Sie ein, Sir, auf meine Ehre, meine Hände sind rein von diesem Verbrechen. Ich gestehe es, ich schlich mich in derselben Nacht noch in das Schlafzimmer der Dame, um nötigenfalls Gewalt gegen sie zu gebrauchen, denn ihre Reize hatten meine Sinne bis zum Rasendwerden entflammt, aber was ich sah, kühlte mein Blut für Jahre ab.« »Und du sahst?« »Ich sah die Lady als Leiche – erwürgt – mit gräßlich hervorquellenden Augen und zusammengepreßtem Mund. So lag sie auf ihrem seidenen Bett. Der schurkische Mörder, Gott verdamme ihn!, war mir zuvorgekommen. Das kommt von den Tändeleien mit Kammermädchen!« Der Fakir wischte den kalten Schweiß von seiner Stirn, seine sehnige Gestalt zitterte vor innerer Erregung. »Aber die Papiere, die du der Lady gebracht?« »Ich weiß nichts davon, ich kümmerte mich wenig darum, sondern rannte, als hätte ich den Teufel gesehen, davon. Anfangs hielt ich einen Kameraden, einen schurkischen Juden und Hehler, für den Täter, bis sie später den rechten ermittelten.« »Das, was du mir gesagt – ist alles? ist wahr?« »Bei meiner armen Seele, Sir, wenn ich eine habe. So wahr ich seit zwei Jahren bemüht bin, ein ehrlicher Mann zu werden!« Der Fakir stand auf. »Geh,« sagte er finster, »und bedenke, daß du meinen Worten unbedingt zu gehorchen hast, wenn du nicht Verderben über dein eigenes Haupt bringen willst.« Er schritt langsam und nachdenkend in die Gebüsche. Burton – alias Jack – schüttelte sich wie ein begossener Hund. »Ist mir doch, als hätte ich diese Stimme schon gehört – ich kann mich nur nicht besinnen, wo? – Einerlei – es wird sein Vorteil so gut sein, wie der meine, zu schweigen.« Mit dieser Betrachtung machte er sich auf, seinem Herrn die Nachricht zu bringen, daß er einen Eilboten hinter dem Deputy- Kollektor und seiner Begleitung her gesandt habe. Die Lage am Schauplatz der unglücklichen Katastrophe hatte sich seitdem nicht geändert. Obschon die Nacht jetzt völlig eingetreten war, schien der Glanz der Feuer die Schlange doch in fortwährender Unruhe zu erhalten. Der Rat hatte die Ältesten des Dorfes um sich versammelt, niemand aber wußte zweckmäßigen Rat zu erteilen, und als der einzige, der solchen zu geben vermöchte, wurde Caulathy Mudaly, der freie Ryot, bezeichnet, Man hatte nach ihm gesandt, aber Caulathy Mudaly, den viele noch kurz vorher in Gesellschaft des Derwisch auf dem Platze gesehen, war jetzt verschwunden. Mit gekreuzten Armen, das Haupt auf die Brust gesenkt, schritt er ruhelos und nur selten ein Wort sprechend an dem vordersten Feuer auf und nieder. Vergeblich hatte sich selbst die Marquise bis hierher gewagt, ihn zu bitten, sich einige Ruhe zu gönnen. Er wies sie kurz und rauh zurück, seinen Gang fortsetzend. Nur das Weib, das so boshaft das Gift in seine harte, stolze, bisher so unempfindliche Seele gegossen, begriff den Kampf, der ihn verzehrte. So verging die Nacht – entsetzlich den Eingeschlossenen, Bedrohten im Innern des Pavillons – aber gewiß eben so bitter, eben so furchtbar dem Gatten und Vater, dem zwischen Tod und bitterm Betrogensein die schreckliche Wahl blieb. »Wallah!« sagte einer der Diener – »Gott und der Prophet allein wissen, ob die Herrin und Massa Eduard noch am Leben. Es ist nicht möglich, in dem giftigen Dunst dieses Tieres, das bis hierher dringt, zu atmen.« Plötzlich erscholl die Stimme des Verwalters von der vordern Baumreihe her: »Ein Zeichen! ein Zeichen! Mylady lebt und gibt uns ein Zeichen davon!« In der Tat sah man aus den oben beschriebenen, von einem vergoldeten Eisengitter gebildeten Öffnungen des obersten Doppeldaches des Pavillons eine Art von Stange oder Stock sich erheben, von dessen Ende ein daran befestigtes Tuch wehte. Trotz des erweckten Argwohns blitzte eine heilige, ermutigende Freude in die Seele des reichen Mannes, als er damit den Beweis erhielt, daß die Frau, der er seinen Namen gegeben, noch unter den Lebendigen sei. Und wenn es die Mutter war, mußte es auch das Kind sein! Aber das Zeichen konnte nicht allein verkünden, daß die Bedrohten noch am Leben – es konnte auch bedeuten den dringenden Ruf um Hilfe, den letzten Notschrei der Sterbenden. Die Anaconda schien erst jetzt die hin- und herbewegte Stange mit dem wehenden Fähnchen daran zu bemerken. Sie hielt es für etwas Lebendiges und schoß mit einem gewaltigen Sprung darauf zu, um das Dach des Pavillons ihren langen Schuppenleib windend. Man sah, wie das Fähnchen in ihren Ringen zerbrach und verschwand. In dieser entsetzlichen Situation hörte man von dem Pavillon her den schwachen Knall eines Schusses – dann einen zweiten – einen dritten! Der Baronet blieb stehen; sein von der Aufregung des beabsichtigten Unternehmens gerötetes Gesicht überzog eine noch fahlere Totenblässe als früher und er mußte sich auf das Gewehr stützen. Hierauf, nach wenigen Augenblicken, warf er dasselbe über seine Schulter, wandte sich um und kehrte nach dem sichernden Gehölz zurück. »Es ist nichts zu machen,« sagte er mit erstarrender Kälte, »wir müssen die Lady ihrem Schicksal überlassen und abwarten, was die Anaconda tun wird.« Diese Schüsse hatten jeden Zweifel in der Seele des hochmütigen Briten beseitigt; er wußte jetzt mit Bestimmtheit, daß die Nachricht der Französin richtig, daß sein Nebenbuhler im Pavillon bei Gattin und Kind, daß er selbst ein schmählich Verratener und Betrogener war. Ein neues Ereignis, das in diesem Augenblick eintrat, hätte ohnedies jeden Zweifel verbannen müssen. Den Abhang eines entfernten Hügels herab sah man den Ryot Caulathy herangekommen, am Zügel hinter sich ein Pferd führend, in dem man »Rookeby«, den trefflichen Renner des Leutnant Eglinton, erkannte. Der Baronet erwartete, an den Stamm einer Tamarinde gelehnt, stumm das Herankommen des Mannes. Erst als der Mann dicht von ihm war und seinen demütigen Salem machte, wandte der Baronet die Augen auf ihn. »Du bist der Ryot Caulathy Mudaly?« »Ja, Sahib.« »Wie kommst du zu diesem Pferde?« »Ich fand es an der Quelle im Tal nach Mittag, als ich diese Nacht mich dorthin begab, die Anaconda zu belauern.« »Es wird sich losgerissen und seinen Reiter abgeworfen haben, und durch seinen Instinkt zurückgekehrt sein,« sagte hastig der Rat, gleich als wolle er den Umstehenden eine natürliche Erklärung der auffallenden Tatsache geben. »Es ist möglich, Sahib,« bemerkte der Bauer, »aber ich fand es angebunden an einen Stamm.« »Du versteht dich auf die Jagd, wie man mir gesagt hat, Mann.« »Ich habe einiges Geschick dafür, Sahib, und das geringe Feld, das ich besitze – oder besaß – ließ mir hinlänglich Zeit, die Jagd auf wilde Tiere zu betreiben.« »Hast du die Riesenschlange eurer Wildnisse bereits gejagt?« »Ja, Sahib. Es ist selten, daß man auf sie stößt, aber mit des Propheten Hilfe habe ich zwei Reihen ihrer Zähne als Zeichen guten Glückes in meiner Hütte aufgehängt.« »Wenn du die Anaconda zu jagen verstehst,« sagte der Baronet nach einigem Zaudern, »so gib uns die Mittel an, wie das Untier dort zu vertreiben ist.« Der Jäger sah mit wenig verstecktem Hohn zuerst nach der Schlange und dann auf den harten Gebieter. »In jenem Kiosk ist dein Weib und dein Kind?« »Ja.« »Und sie zu retten, soll ich die Anaconda vertreiben?« »Allerdings. Fordere jede Belohnung – sie soll dir gewährt sein.« »Es ist gefährlich – ja der sichere Tod, einer Schlange, wie dieser, entgegenzutreten,« meinte zaudernd der Ryot. »Es gibt nur ein Mittel, sie zu besiegen. Und dieses Mittel –« »Nenne es und fordere, was du willst!« »Du hast mich hart behandelt, Sahib,« erwiderte ausweichend der Bauer. »Du hast mir das Land genommen, das ich frei von meinem Vater besaß und nicht zum Lehen, schau diese Gelenke an, Sahib, sie sind wund von den Knebeln deiner Diener.« »Du sollst Gold haben für deine Schmerzen. Man wird dir die Steuern erlassen. Aber nun das Mittel – sage dein Mittel!« Der Ryot lachte höhnisch auf. »Es ist so einfach, daß deine Hand es greifen, das Auge eines Maulwurfs es sehen kann, stolzer Faringi. Warum seid ihr in dieses Land gekommen, wenn ihr nicht einmal wißt, eure Weiber und Kinder vor seinem Ungetüm zu schützen? Was kümmert mich dein Blut, daß ich mein Leben dafür einsetzen sollte? – Behalte dein Gold – ich behalte mein Mittel. Ich habe mein eigen Fleisch und Blut leiden sehen unter den Händen eines weißen Teufels, ärger als die Anaconda dort! Was sie dem deinen tut, ist nichts gegen den Jammer, den dieses Kind erduldete!« Er zog den Kopf seiner Tochter, die sich ihm mit aufgehobenen Händen genaht, an seine Brust. »O habe Erbarmen, Vater,« flehte das Mädchen. »Die weiße Begum ist gut und hat mir Liebes erwiesen. Rette sie vom Tode um meinetwillen.« »Nein,« sagte der Mann hart. »Eher sollen sie mich in Stücke reißen. Diese Faringi mögen ernten, was sie gesäet, und die Verzweiflung kennen lernen, wie ich sie fühlen mußte!« Aber er schien sich zu täuschen in diesem Punkt. Burton, der sich des Widerspenstigen bemächtigen und ihm mit Gewalt sein Geheimnis entreißen wollte, wurde zu seinem Staunen von dem Baronet kalt zurückgewiesen. »Lassen Sie den Mann,« sagte er ruhig, gleich als habe er von dem Ryot nur zur Wahrung äußeren Scheines seine Hilfe verlangt; »ein jeder ist Herr seiner Geheimnisse, und das Gesetz gibt uns keine Macht, ihn zu zwingen, sein Leben für einen anderen in Gefahr zu bringen.« Er setzte sich am Fuß des Baumes nieder und ließ sich einige Nahrung bringen. Niemand durfte auf seinen Befehl Caulathy Mudaly belästigen, der in einiger Entfernung abgesondert und gleich hartnäckig am Boden kauerte und allein mit dem Derwisch sprach, der mit unveränderter Gleichgültigkeit ein Beobachter der Szene geblieben war. – – – Kehren wir noch einmal in das Innere des Kiosk zu den armen Eingesperrten zurück in dem Augenblick, als die Schüsse des Offiziers den Kopf der Schlange von den Öffnungen des oberen Gitters vertrieben. Während der Nacht hatte das arme Weib mit heldenmütiger Anstrengung ihre Fassung bewahrt; – sie bedurfte deren umsomehr, als der Knabe immer unruhiger wurde, Fieberhitze sich bei ihm einstellte und er zu phantasieren begann. Mit dem Rest des Wassers und der Früchte versuchte der Vater und die Mutter, das unglückliche Kind ihrer Sünde zu laben. Aber die Glut des Fiebers nahm von Stunde zu Stunde zu, wie sie an dem heiseren Ton des Knaben, an seiner glühenden Stirn, seinen heißen Händen wahrnehmen konnten. So kam der Morgen, und mit ihm erwachte der Knabe aus dem leichten, fieberhaften Schlummer zu neuen Schmerzen. Hand in Hand knieten die Eltern an seinem Lager, ihre eigene schreckliche Lage, ihre Sorge um das geliebte Kind vergessend. Der Blick des Offiziers ruhte kummervoll auf dem bleichen, tränenbenetzten Antlitz seiner Gefährtin. Das Kind verlangte zu trinken, aber der Krug war leer, verzweifelnd irrte das Auge der Mutter in allen Winkeln des kleinen Gemachs umher, um eine Labung für den leidenden Liebling zu finden. »Es muß sein,« sagte Eglinton, »wir müssen auf jede Gefahr hin uns jenen Feiglingen draußen verständlich zu machen, ihnen unsere Not zu verkünden suchen und ihre Hilfe anrufen.« Er brach die Gardinenstäbe des Ruhebettes ab, band sie zusammen und verfertigte daraus die Fahne, welche der Verwalter zuerst aus dem Dach des Pavillons wehen sah. Die schreckliche Wirkung haben wir bereits beschrieben. Das Kind richtete sich plötzlich mit dem Ausdruck wilden Schreckens empor und streckte seinen Arm nach der Decke. »Zu Hilfe, Mama, zu Hilfe! Da ist es wieder, das garstige französische Weib – ihre Augen brennen auf mich – sie will mich verschlingen!« Der Instinkt des Kindes warf die beiden Schlangen zusammen, die sein Leben bedrohten. »Hilfe! Rettung Lionel! Wir sind verloren!« Der junge Offizier entlud zwei-, dreimal rasch hintereinander den Revolver, um den Feind zurückzuscheuchen, was ihm auch glücklich gelang. »Barmherziger Gott – Luft! Luft! Ich ersticke!« Die unglückliche Frau war neben dem Lager ihres Kindes zusammengesunken, das bald nach Wasser schrie, bald in seinen Fieberphantasien nach seinem Vater rief, es vor der Schlange und der Marquise zu schützen. »Luft! Luft!« wiederholte halb bewußtlos die Lady. »Allgütiger! Strafe mich nicht so hart für unseren Frevel gegen dein Gebot! Lade die Schuld und die Sühne auf mein unglückselig Haupt, aber errette sie und das Kind!« – – – – – – – Es war Mittag geworden, immer drückender, entsetzlicher die Hitze und die eingeengte Luft. Der Knabe lag im Sterben – selbst das Mutterherz konnte sich darüber nicht täuschen. Und draußen, im Tamarinden-Hain, schaukelte der betrogene Gatte in der Hängematte, die er an den Ästen des Baumes aufzuhängen befohlen. Fertig, abgeschlossen mit seinen Gefühlen, hatte er die Vergeltung der scheckigen, glänzenden Bundesgenossin überlassen, welche die Gipfel der Palmen beugte. Es galt nur noch, über dem Geheimnis und der Ehre seines Namens zu wachen! – – – – – An der gegenüberliegenden Wand kniete der Offizier – das Auge tränenleer – seine Kraft, sein Herz gebrochen. »Lionel, zu Hilfe! Er stirbt!« Das erlöschende Auge des Knaben verlor die Starrheit der Fieberhitze und nahm einen himmlischen Ausdruck an. Er hob die kleinen Händchen nach denen seiner Erzeuger, gleich als wolle er diese segnend und verzeihend vereinigen. Das Kind war tot! – »Er ist tot!« keuchte sie, »das Licht unseres Lebens, die Hoffnung unserer Zukunft, und wir, wir sind seine Mörder! Was sollen mir noch im Leben, wenn wir alles verloren – nimm deine Waffe, Lionel, laß uns zusammen sterben!« Sie faßte konvulsivisch nach der Pistole; er wehrte ihr mit schmerzlichem Lächeln. »Zusammen, Helene, aber nicht so! Nur eine Kugel noch enthält der Lauf – genug für den einen – zu wenig für uns beide. Gott wird selbst mit uns ein Ende machen.« »Ich fühle es – diese Luft –« sie sank an ihm nieder und preßte die Hände auf den entfesselten Busen, »o, ich ersticke! Bringe mich zu unserem Kinde, Lionel, daß ich neben ihm sterbe.« Bald erkannte der Offizier, daß auch die Geliebte seines Herzens, die Gefährtin seiner Sünde dasselbe schreckliche Fieber ergriffen hatte, welches das Leben seines Kindes zerstört. Der arme junge Mann selbst fühlte seine Kräfte schwinden. Die giftige, verpestete Luft um ihn her begann auch auf seine kräftigeren Organe ihre Wirkung zu üben und die Anstrengung des tollen Rittes verband sich damit zu einer todesähnlichen Erschlaffung seiner Glieder. Es war Abend geworden, zum zweitenmal stieg die kühlende Nacht nieder auf die Täler. Der Schein zweier Fackeln leuchtete durch das Tal den Weg hinauf zum Bungalow des reichen, armen Mannes, eine dunkle Masse bewegte sich rasch vorwärts, der Trab eines mächtigen Elefanten, in dessen Haudah ein einzelner Mann saß, während die Wärter des Tieres zur Seite mit den Fackeln rannten. Auf demselben Platz, von dem die Jäger zwei Morgen vorher ausgezogen, hielt der Mahoud sein Tier an, und der einsame Reiter sprang aus der Haudah und eilte nach der Veranda, unter der ihm die Marquise und einige Diener entgegenkamen. »Wo ist Leutnant Eglinton, Kusine?« fragte Major Maldigri, denn dieser war der Angekommene, rasch. »Wissen Sie etwas von dem Schicksal des jungen Mannes? Er ist spurlos verschwunden von der Jagdgesellschaft, und Besorgnis um ihn hat mich zurückgetrieben.« Ihre Hand zog ihn in ein Gemach, wo sie allein waren. »So ist Ihnen der Bote des Rates nicht begegnet? Sie wissen von nichts, was geschehen?« »Ich habe niemand gesehen. Diesen Morgen, bereits über der Grenze von Heiderabad, verließ ich die Gesellschaft. Aber antworten Sie mir, Marquise, was ist geschehen? Mir ahnet nichts Gutes!« »Wenn Sie klug sind, Signor,« flüsterte die Intrigantin, »so können wir einen großen Schritt vorwärts auf dem Weg zu unserem Ziel tun. Ein glücklicher Zufall ist uns zu Hilfe gekommen, lassen Sie ihn gewähren und den Dingen ihren Lauf, und ich bürge Ihnen dafür mit meinem Wort, daß, ehe sechs Monate vergehen, Ihre ergebenste Dienerin Lady Mallingham, die Gattin eines der einflußreichsten Mitglieder des Geheimen Rats von Indien ist.« »Aber ich verstehe Sie noch immer nicht! Erklären Sie mir ...« »Eglinton ist Narr genug gewesen, gestern nachmittag hierher zurückzukehren, zu einem Rendezvous mit der Lady. Alle drei – sie, der Liebhaber und das Kind, die Frucht ihres verbrecherischen Verhältnisses – befinden sich dort oben im Kiosk auf dem Palmenhügel, und der Baronet weiß es.« »Der Unvorsichtige! Ich fürchtete es! Welch unglücklicher Zufall hat dem Rat das Geheimnis verraten? Hält er die Zeugen seiner Schande eingesperrt?« »Das tut ein mächtigeres Wesen als er,« sagte sie mit Hohn. »Welches? – was meinen Sie, Madame?« »Die Anaconda!« »Die Anaconda? Was soll das bedeuten?« »Es bedeutet, Major – daß während das Paar im Kiosk sich seinen Liebesfreuden überließ, der Teufel in seiner Bosheit eine Riesenschlange gesandt hat, die von dem Hügel Besitz genommen und sie in Ihrem Boudoir gefangen hält, bis der Herr Gemahl sie lebendig oder tot in Empfang nehmen kann.« Der Piemontese fuhr erschrocken zurück. »Barmherziger Gott – seit mehr als dreißig Stunden sind die Unglücklichen dort eingeschlossen, und niemand ist ihnen zu Hilfe gekommen?« »Soll der Baronet etwa für die Verkündigung seiner Schande noch sein Leben wagen?« »Das darf keinen Augenblick länger so bleiben. Den Ärmsten muß geholfen werden!« Den Forteilenden hielt die Hand seiner Bundesgenossin zurück. Der ehemalige Offizier stieß sie mit Verachtung zurück, »Mein Leben, mein Dienst gehört Ihrem Kaiser – meine Ehre, mein Gefühl mir allein.« Er eilte davon, nur die Büchse und Jagdtasche aus der Haudah reißend, dem Palmenhügel zu. Es ließ sich in der Tat nicht entscheiden, ob seine Ankunft dem Baronet angenehm oder widrig war. Er erzählte kurz das Unglück, das Gattin und Kind betroffen, ohne des Offiziers mit einer Silbe zu erwähnen, und daß alle ihre Versuche die Schlange zu vertreiben, erfolglos geblieben wären. Major Maldigri erklärte mit Energie, daß er, ohne einen Augenblick zu zögern, den Angriff gegen die Schlange unternehmen werde, und wenn auch niemand ihm beizustehen wagen sollte. Mit kalter Ruhe traf der Baronet seine Anstalten, ihn bei dem Angriff zu begleiten. In diesem Augenblick, als der Major bis an den Rand des Gehölzes vorangegangen war, tauchte eine dunkle Gestalt an seiner Seite auf, und eine Hand legte sich auf seinen Arm. Sich umwendend, erkannte er erstaunt den Derwisch und den Ryot. »Warum will der weiße Mann, der nicht zum grausamen Volk der Faringi gehört,« fragte die gedämpfte Stimme des ersteren, »für Wesen aus dem verfluchten Stamm sein kostbares Leben wagen?« »Das schwache Weib mit dem Kinde ist unschuldig an den Leiden deines Volkes, an den Grausamkeiten, die man den Indiern angetan.« »Der Edelmut ist törichte Schwäche, wenn man auf die Rache eines unterdrückten, mißhandelten Volkes sinnt,« sagte der Derwisch mit strenger Stimme. »Denke an den Eid, den du am leeren Grab von Sankt Helena geleistet. Verderben über alles, was den Namen eines Faringi trägt!« »Nicht über Weiber und Kinder,« entgegnete entschlossen der Piemontese. »Du sollst mich nicht hindern, nach meinen Kräften zu tun zur Rettung der Unschuldigen.« Er wandte sich um, aber der Derwisch hielt ihn zurück. »So bist du fest entschlossen, gegen die Anaconda zu kämpfen?« »So wahr ich ein Mann bin – ich werde es tun. Die Folgen sind in Gottes Hand.« »Dann ist es ein anderes. Eine Stütze der guten Sache, wie du, darf nicht untergehen um eines Eigensinns willen im Ringen mit einem eklen Getier, wo ihr Schwert einst Tausende zum heiligen Kampfe führen soll. Tritt hierher, Caulathy Mudaly.« Der Ryot trat näher. »Du wirst die Schlange in die Hände der Feigen geben.« Der Bauer verneigte sich mürrisch, zum Zeichen des Gehorsams. »Kehre zu dem Faringi und seinen Dienern zurück,« fuhr der Derwisch befehlend fort, »und verkünde ihnen, daß dieser beraubte und gemißhandelte Mann ihren Stolz durch seinen Witz beschämen wird. Geh – wir folgen dir sogleich!« Der Major, vergeblich nachsinnend, wer unter dieser Maske verborgen sein könne, eilte erfreut zu dem Baronet zurück, die Nachricht zu verkünden. Der Bauer mit seinem Begleiter war unterdes in den Kreis am Feuer getreten, das man wieder angezündet. Er befahl, es auszulöschen und allgemeine Stille und Schweigen zu beobachten. Dann ließ er durch zwei der Diener das Pferd »Rookeby« vom Bungalow herbeiholen, das er selbst erst verräterischerweise am Morgen herbeigeführt. Der Derwisch nahm es am Zügel, und es folgte ihm willig, gleich, als erkenne es seine Pflicht der Dankbarkeit gegen diesen Mann. Der Ryot führte das Pferd eine Strecke weit hinaus auf den freien Ring, welcher den Waldgurt von den Palmen auf der Spitze des Hügels schied, streifte ihm den Zügel ab, koppelte ihm damit die Vorderfüße leicht zusammen, wandte seinen Kopf nach dem Kiosk und gab ihm einen leichten Schlag auf die Kruppe, indem er sich sogleich zur Erde warf und nach dem Gehölz zurückkroch. Das Pferd versuchte fortzugaloppieren, aber durch die Koppel gehindert, kam es nur langsam vorwärts. Plötzlich, denn der Mond erleuchtete fast mit Tageshelle eine große Strecke, sah man es stillstehn, die Ohren spitzen, und mit einem lauten Wiehern, so rasch als möglich in der Richtung des Pavillons fortstolpern. Der Instinkt des edlen Tieres hatte auf irgendeine Weise, selbst in dieser halb verpesteten Luft, die Nähe seines Herrn erraten. Es war etwa noch zwanzig Schritt von dem Kiosk entfernt und wiederholte sein fröhliches Wiehern, als ein langer, dunkler Streif von der Spitze eines Baumes mit der Geschwindigkeit des Blitzes durch die Luft zu schnellen schien und die Zuschauer bis in ihr entferntes Versteck ein lautes Zischen vernahmen, in das sich ein wildes Schnauben des schönen Pferdes und ein schmerzliches Wiehern mischte. Der Renner hatte mit einer gewaltigen Anstrengung die Bande gersprengt, die seine Füße gefesselt, und versuchte, davonzugaloppieren. Aber es war zu spät – die Anaconda, die bei seiner Annäherung sich ganz ruhig in dem Gipfel der Palme verhalten, hatte ihn bereits erreicht und schlang ihre Ringe um das edle Tier, das sich kerzengerade auf den Hinterfüßen mit ihr in die Luft erhob. Alle Anstrengungen des kräftigen Pferdes waren vergeblich. Man sah seine Gestalt wütend kämpfen, mit den Hufen um sich schlagen, sich auf der Erde wälzen – aber sein Widerstand wurde immer schwächer, je mehr und öfter die Schlange ihre Kreise um die zuckenden Glieder zog. Dann durchzitterte ein Schrei die Luft, schneidend und schrill, wie eine Kinderstimme, und doch wieder so laut und durchdringend, daß er gar nichts Menschliches an sich haben konnte. »Mylady ist in Gefahr – das ist ihr Geschrei,« rief ängstlich Burton, der unfern des Baronet stand. »Nein,« sagte der Major, »ich kenne diesen seltsamen Ruf von den Schlachtfeldern her. Es ist der Todesschrei eines Rosses von edlem Blut – der arme Eglinton hat seinen Renner verloren, ohne daß ich diese unnütze Grausamkeit gegen ein wertvolles Tier zu begreifen vermag.« »Das wirst du sogleich, Sahib,« entgegnete der Derwisch, »wenn Caulathy Mudaly dir sagt, daß der Tod dieses Pferdes der Tod der Anaconda ist. Sieh, wie sie den Kadaver nach dem Palmenstamm hinschleift. Die Dunkelheit wird euch ein scheußliches Schauspiel ersparen, aber wenn die Schlange ihre Beute erst verschlungen hat, wird sie so unbehilflich sein, daß ein Knabe sie töten kann.« Die einfache List des Mannes und ihr notwendiger Erfolg war im Augenblick allen klar. Der Ryot teilte nun mit, daß die Schlange im Begriff sei, den Körper des Pferdes nach dem nächsten Baum zu schleifen. Dann würde sie die so zerquetschte Masse mit ihrem Geifer überziehen und das greuliche Geschäft des Verschlingens beginnen, das mehrere Stunden andauerte. Erst, wenn dieses vollendet, werde das Ungeheuer sich in einem vollkommen hilflosen Zustand befinden und keinen Widerstand mehr leisten können. Der erfahrene Jäger berechnete den Zeitpunkt auf eine Stunde nach Sonnenaufgang und riet den Europäern, bis dahin nach dem Bungalow zurückzukehren und zu ruhen. Aber der Baronet, obschon sichtlich durch die Wache der vorherigen Nacht und die Aufregungen ganz erschöpft, verweigerte auf das bestimmteste, von dem Platze zu weichen. Er legte sich wieder in seine Hängematte zurück. Aber die erschöpfte Natur forderte ihr Recht, noch keine halbe Stunde war vergangen, als auch sein starrer Wille ihr den Tribut zollte und er in festen Schlaf gefallen war. Die meisten der Diener und Dorfbewohner hatten sich zurückgezogen, Maldigri jedoch beschloß, gleich dem Baronet auszuharren auf dem Posten. Nachdem er noch einmal sich davon überzeugt hatte, daß die Schlange allein mit ihrer Beute beschäftigt war, wickelte auch er sich in eine Decke und warf sich am Fuß einer Tamarinde nieder, der Wachsamkeit des Ryot vertrauend. Er mochte ungefähr drei Stunden geschlafen haben, als er fühlte, daß eine fremde Hand sich leicht auf seine Schultern legte. Sogleich schlug er die Augen auf und wollte fragen, was es gäbe, aber dieselbe Hand legte sich auf seinen Mund, und eine Stimme flüsterte an seinem Ohr: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, sagte der Weise. Mein Bruder möge sich still erheben und mir folgen.« Der Major erkannte den Derwisch, erhob sich, warf das Gewehr über seine Schulter und folgte ihm, vorsichtig an dem festschlafenden Baronet vorüberschreitend. »Ist alles sicher und können wir uns nahen?« fragte der Fakir. »Die Schlange hat seit einer Viertelstunde ihr Mahl beendet und liegt regungslos am Fuß der Palme,« sagte der Ryot. «Ich glaubte, Sahib,« der Derwisch wandte sich dabei an den Major, »du würdest den Faringi, den du beschützest, zu sehen wünschen, ehe der Gatte der weißen Frau erwacht ist und Gerechtigkeit übt.« »Wunderbarer Mensch – du kommst meinem innersten Gedanken zuvor. Laß uns eilen – durch deine Vorsicht kann noch großes Unglück verhütet werden.« So nahten sie dem Pavillon. Gern hätte der Offizier sofort einen Versuch gemacht, ihn zu betreten, aber er mußte den vorsichtig voranschreitenden Hindus folgen. Eifrig strengte er sein Gehör an, einen Ton, einen Laut aus dem Innern des kleinen Baues zu erlauschen, der so viel Not und Entsetzen in seinen Wänden eingeschlossen, aber vergeblich. »Jetzt laß uns den Pavillon öffnen, ich fürchte nur, das Schlimme, was unsere Augen gesehen, ist noch nicht zu Ende.« Der Major war bereits an der Eingangstür des Kiosk und klopfte daran, indem er den Namen der Lady rief. »Öffnen Sie getrost – alle Gefahr ist Gott sei Dank vorüber – die Anaconda ist so gut wie tot – ich bin allein hier mit zwei vertrauten Männern und dem Hindumädchen! Öffnen Sie ohne Besorgnis!« Keine Erwiderung – alles blieb still. Ein finsteres, aber doch nicht teilnahmloses Lächeln lag auf dem Gesicht des Fakirs. »Sie müssen ohnmächtig sein,« erklärte der Piemontese, sich den kalten Schweiß von der Stirn wischend. »Wir müssen die Tür oder das Fenster erbrechen!« Der Fakir hatte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, sich an eine der fast bis zum Boden reichenden Jalousien gemacht. Ein kräftiger Ruck, und sie war aufgerissen. Der innere Laden bot ebensowenig Widerstand und war im Nu gesprengt. »Tritt ein,« sagte der Geheimnisvolle, »und suche deinen Freund!« Der Major sprang in das Gemach – sein Schrei des Entsetzens rief die Begleiter herbei. Es war bereits hell genug, um die Gegenstände im Innern deutlich zu unterscheiden. Schwer und dumpf – mit dem Hauch einer in diesem Klima so rasch beginnenden Verwesung geschwängert – war die Luft des kleinen Salons. Auf dem Ruhebett lag, den bereits im ersten Stadium der Auflösung begriffenen Körper des Kindes in ihren Armen, die Lady – ruhig – die Augen geschlossen, als ob sie schliefe. Zwischen dem Bett und der Tür – auf dem Fußboden – erblickte man zusammengebrochen die Gestalt des jungen Offiziers. Der Fakir stand stumm und erschüttert bei dem Anblick, obschon er Ähnliches vermutet. Maldigri aber kniete neben dem unglücklichen Liebhaber nieder, während zugleich das Hindumädchen an die Seite ihrer Gebieterin eilte und sie aufzuwecken suchte. Die beiden Rufe: »Sie sind tot!« kreuzten sich. »Noch ist nicht alle Aussicht verloren,« sagte hastig der Derwisch, »obschon den beiden besser ist, wenn sie das Opfer des dunklen Engels bleiben. Laßt mich zuerst bei der Frau versuchen, ob Hilfe möglich.« Er trat zu dem Ruhebett, entfernte die Leiche des Kindes und legte die Hand auf den entblößten Busen der Lady. Der Derwisch zog aus seinem groben Gewand eine kleine Phiole und goß zwei oder drei Tropfen des roten Inhalts auf die Lippen der Leiche, indem er sodann innehaltend den Erfolg beobachtete. Als keine Bewegung, nicht das geringste Zuckes der Nerven erfolgte, verdoppelte er die Dosis, aber selbst als er sie verdreifachte, fand sich keine Spur des Lebens in den kalten bleichen Zügen, und als er das schöne, lang bewimperte Lid ihres Auges hob, zeigte sich unverkennbar das starre, eingefallene Totenauge. »Es ist zu spät,« sagte er achselzuckend, »jede Spur der Lebenskraft ist seit Stunden schon entflohen. Laßt uns versuchen, ob der Mann besser die Nähe der Anaconda ertragen hat.« Er wiederholte das Experiment und träufelte einige Tropfen zwischen die fest zusammengepreßten Zähne des jungen Offiziers. Die Wirkung zeigte sich wie ein elektrischer Strom. Der ganze Körper des Armen zuckte zusammen, die Zähne öffneten sich und ließen der Brust einen tiefen Seufzer entschlüpfen. Die offenen Augen verloren die gräßliche Starrheit, rollten einige Male umher und schlossen sich dann. »Er lebt und wird leben,« erklärte der Fakir mit Bestimmtheit. »Laßt uns zunächst ihn an die freie Luft bringen und bestimmen, was mit ihm geschehen soll, denn die Minuten, die noch die unseren bleiben, sind gezählt.« Sie hatten ihn kaum auf den Boden niedergelegt, als auch die Morgenluft bereits ihre Wirkung übte, der Kranke mehrere tiefe Atemzüge tat und wieder die Augen aufschlug, deren Ausdruck, wenn auch gestört und ängstlich, jetzt doch milder war als vorhin. »In einer Viertelstunde wird er zum vollen Bewußtsein gelangt sein, wenn er auch vielleicht noch wochenlang auf die Wiederkehr seiner Kräfte harren muß,« sagte der Derwisch. »Sollen wir ihn hier lassen und jetzt den Sahib wecken?« »Nimmermehr!« erklärte der Major, »ihr seid nicht so unwissend, daß ihr nicht begreifen solltet, wie das Leben dieses Mannes dennoch verloren ist, wenn Sir Mallingham ihn zu Gesicht bekommt. Er muß sich verstecken.« »Der Zemindar ist Herr der Gegend,« erklärte der Derwisch. »Er wird jeden Fußbreit nach dem Schänder seiner Ehre durchsuchen.« »Dann muß er fliehen – sogleich – so weit als möglich!« Der Derwisch deutete verächtlich auf die hinfällige Gestalt. »Ist der Faringi imstande, seinem Feinde zu entrinnen?« Major Maldigri trat auf ihn zu. »Geheimnisvoller Mann, wer du auch bist! Wenn du es willst, muß es dir ein Leichtes sein, diesen Unglücklichen zu retten. Ich beschwöre dich bei dem Bunde, an den du selbst mich erinnert, mir darin beizustehen.« Der Derwisch kreuzte die Arme. »Du siehst, daß der Faringi die Flucht nicht allein unternehmen kann. Willst du ihn begleiten?« »Ich will es!« »Wohl – es sei!« sprach der Geheimnisvolle, »dein Wille soll geschehen. Dieses Mädchen wird dich durch das Gebüsch nach dem Bungalow führen – nimm dort, was du für nötig hältst von deinen Sachen und folge ihr an das Ufer des Gandlagama, wo seine Windung aus den Maisfeldern in die Schatten des Bananenwaldes tritt. Ein Boot wird dort mit zwei der Untiefen des Flusses kundigen Ruderern bereit sein. Diesen Faringi werden ich und Caulathy zu dem Boote schaffen, das euch bis zur Meeresküste bringen kann. Deine Sorge ist es, von dort ihn weiter zu schaffen oder ihn seinem Schicksal zu überlassen. Du selbst wende dich nach dem Norden, in Ongol wirst du leicht Gelegenheit finden zur Überfahrt. Geh nach dem Bundelcund, – der Radschah von Ihansi sucht Europäer zur Ausbildung seiner Kriegsmacht – er ist einer der unseren und wird dich mit offenen Armen empfangen, wenn du ihm die Botschaft bringst, die ich dir geben werde.« »Es sei, diese Umgebung ist mir drückend, ich sehne mich nach kräftigem Tun und Handeln. Aber willst du, Geheimnisvoller, mir nicht mehr von dir sagen, soll ich nicht erfahren, wer du bist?« »Du wirst es, wenn im Lande, wohin du gehst, die Fackel der Freiheit emporlodert zum Kampf gegen die Tyrannen. Bis dahin bin ich auch für dich, wie für alle, nur Sofi, der Fakir! – Doch fort mit dir, wenn du das Leben dieses Mannes noch retten willst!« Maldigri fühlte die Wahrheit dieser Mahnung. Einen Blick noch voll Teilnahme und Schmerz warf er nach dem Kiosk, in dem die Leichen der Lady und ihres Knaben ruhten, dann folgte er der voraneilenden Zelima. Caulathy Mudaly und der Derwisch blieben zurück. Der letztere beschäftigte sich sogleich, dem noch immer halb Bewußtlosen die Uniform auszuziehen und verschiedene Gegenstände abzunehmen, die er wieder in den Kiosk trug, als habe der Flüchtling sie dort zurückgelassen. Ein böses, grimmiges Lächeln verzerrte dabei seine Züge, als er an den Baronet und dessen Gefühle dachte, wenn er diese Stätte des Unheils betreten würde. Dann erst half er seinem Gefährten, den hilflosen Körper des jungen Offiziers den Hügel hinab in das Gebüsch tragen. – Die Nebel wichen zurück in die Schatten der Wälder und die Gründe der Täler. Rings umher erwachte das Leben in Hain und Flur, auf den Bergen und in den Tälern! Nur auf dem Palmenhügel blieb es still – da ruhten Mutter und Kind! – das ohnmächtige Zischen des eklen Ungeheuers allein unterbrach das Schweigen des Todes! Der Dermar Der geschwungene Dolch fuhr nicht nieder, und die Hände des Mörders selbst richteten den Bedrohten auf, von dessen Haupt im gewaltigen Ringen die verhüllende Kapuze gefallen war. »Verzeihung deinem Knecht, Sahib,« sagte die Stimme Kassims, des Lugha, indem er augenblicklich seine eigne Verhüllung beiseite schob und sein Gesicht erkennen ließ, »ich ahnte nicht, daß du der Versammlung der Dhewi beiwohnen wolltest als einer der unseren, statt in den Armen Anarkallis der Wonnen des Lebens zu genießen. Ist diese da die Bajadere? Sie weiß, daß sie bei Todesstrafe den heiligen Raum während des Opfers nicht betreten darf.« Er wies auf das zitternde, aber vollständig verhüllte Mädchen. Glücklicherweise hatte er den englischen Ausruf der Miß nicht gehört. Der Arzt hatte alle seine Ruhe wiedergewonnen. »Bist du mein Mayadar oder nicht? Wagt es der Mayadar, Fragen an seinen Gebieter zu tun, oder hat er willenlos seine Befehle zu vollstrecken?« Der Hindu legte die Hand an die Stirn und beugte schweigend sein Haupt. »Geh voran,« befahl der Arzt, »und geleite uns zurück zu meinem Schlafgemach. Niemand darf erfahren, daß wir dem Opfer beigewohnt. O Kaley! Ombra Nurheddin!« Die Worte, die Anarkalli ihn als Zeichen des Bundes gelehrt, überzeugten den Mörder von der Wissenschaft des Gebieters, und ohne Widerrede schritt er voran, indem er die Leiche des Zwerges beiseite schob. So eilten sie unter Kassims Leitung durch noch einige verschlungene Gänge und standen endlich vor einer festen Felswand, die ihren Weg versperrte. Der Hindu ergriff einen metallenen Ring am Boden, zog daran, und im Augenblick teilten sich die Steine der Wand und bildeten einen Durchgang. Walding erkannte, daß er sich in dem Badezimmer befand, welches auf die Terrasse ging, die zur Seite die Kiosks enthielt. Von hier gelangten sie leicht nach dem Pavillon des Arztes, dessen Tür ehrerbietig der Hindu ihnen öffnete. Walding gebot ihm mit der Macht, die er über ihn gewonnen, auf der Schwelle des Kiosk zu verweilen und niemand ihn betreten zu lassen. Bei dem knechtischen Charakter der Hindus und dem religiösen Fanatismus brauchte der Deutsche nicht zu fürchten, daß der Thug in irgendeiner Weise seine Befehle übertreten werde. Er nahte sich seiner jungen Schutzbefohlenen, die auf einen der Diwans zum Tod erschöpft niedergesunken war, und versuchte, ihr Mut und Hoffnung einzusprechen. »Vor allem wird es nötig sein, daß Sie Ihre Kleidung und Ihr Äußeres so sehr als möglich dem der Bajadere ähnlich machen. Hier sind der Putz und die Schmucksachen der Tänzerin. Legen Sie dieselben an, Miß, und verbergen Sie Ihr Gesicht in die dichten Schleier, wenn ja jemand morgen durch einen Zufall dies Gemach betreten sollte. Hier ist die Hennah, die das Mädchen zurückgelassen hat. Es ist genug, um Ihr Gesicht, Ihren Hals, Ihre Arme und Ihre Füße zu färben, denn Sie müssen sich ihr so gleich als möglich machen.« Das junge Mädchen errötete schamhaft. »Ich will gern alles tun, was Sie mir sagen – aber ich bitte Sie, eine kurze Zeit das Gemach zu verlassen.« »Verzeihen Sie, Miß – doch so gern ich wollte, ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen. Mich in die Veranda zu begeben, hieße den Argwohn Kassims wecken.« »Aber das Hindumädchen muß doch...« Sie schwieg beschämt, denn sie fühlte, daß sie unbedachtsam gesprochen. Ihr Beschützer begriff sehr wohl, was sie hatte sagen wollen, und seine Verlegenheit war nicht gering. »Miß,« sagte er endlich, »es ist unmöglich, Sie zu verlassen, aber ich werde mich an die Wand stellen und durch dieses Fenster hinausschauen, und ich verpfände Ihnen mein Wort, daß ich diese Stellung nicht verlassen werde, bis Sie selbst mich rufen. Wir müssen den Rest dieser Nacht zusammen zubringen, aber Sie werden sich unter dem Schutz eines Bruders befinden.« Miß Edith erhob sich und trat auf ihn zu. »Verzeihen Sie den so schwer bedrängten Gefühlen eines armen Mädchens,« sagte sie, indem sie ihm mit einem Ausdruck unendlichen Vertrauens die Hand reichte. »Bitte, erfüllen Sie Ihr Versprechen, dies Gemach ist für kurze Zeit das meine.« Es war für einen lebenskräftigen Mann, dessen Blut noch wenige Stunden vorher durch die üppigen Umarmungen der Bajadere in Wallung gebracht worden, in der Tat keine geringe Aufgabe. Er hörte das Rauschen der Gewänder, die Bewegungen des jugendlichen Körpers, ihren leisen Tritt, wie er über die Matten des Gemachs schwebte; er fühlte, daß sie verloren war, wenn er es gewollt, daß ihr Flehen, ihr Widerstand nutzlos gewesen wäre – und dennoch gewann er es über sich, treu seinem Wort zu bleiben. Eine halbe Stunde war vergangen, als die leisen, züchtig geflüsterten Worte: »Ich danke Ihnen, Sir! Kommen Sie jetzt zurück!« ihm die Erlaubnis gaben, sich umzukehren. Sein Erstaunen war groß, als er die Veränderung sah, die mit der Person der jungen Engländerin vorgegangen war. »Bei Gott,« rief der Arzt, »diese Veränderung ist wunderbar. Wenn Sie den Schleier über Ihr reizendes Gesicht decken, ist es unmöglich, daß jemand in Ihnen eine Faringi ahnt. Ruhen Sie jetzt ein paar Stunden von den Schrecknissen dieser Nacht, indes ich Ihren Schlaf bewache. Ich wiederhole Ihnen, Sie stehen unter dem Schutz meiner Ehre.« Sie reichte ihm beide Hände. »O glauben Sie nicht,« sagte sie mit ernster Miene, »daß Furcht und Besorgnis mich hindert, die Ruhe zu suchen. Ich vertraue ganz Ihrem Schutz. Aber es wäre mir unmöglich, jetzt Ruhe zu finden, wo meine Gedanken noch zu der gräßlichen Lage zurückkehren, der Sie mich entrissen, und das Bild jenes furchtbaren Abgrundes vor meiner Seele steht, in den jene beiden Unglücklichen, die so viel für meine eigene Rettung getan, sich gestürzt haben. O Gott im Himmel, was wird – was kann sein Schicksal sein, als Tod und Verderben?« »Wenn Sie denn der Ermüdung kein Gehör geben wollen,« sagte er, »so erzählen Sie mir, auf welche Weise Sie in die Hände der Thugs geraten sind, und wohin ich Sie führen soll.« »Sie haben bereits gehört,« berichtete das junge Mädchen, »daß ich die Nichte des General Wheeler bin. Mein Vater, Oberstleutnant Highson, folgte vor Jahresfrist in Kanada meiner Mutter ins Grab, und mein Oheim ließ mich nach Indien kommen, um in seinem Hause und mit seiner eigenen Tochter zu leben. Vor etwa zwei Monaten traf ich in Kalkutta ein und benachrichtigte meinen Oheim von meiner Ankunft. Er unternahm sogleich selbst die Reise von Cawnpur zur Hauptstadt, um mich in sein Haus zu geleiten, aber leider traf statt seiner ein Brief bei mir ein, der mich benachrichtigte, daß er in Benares am Fieber erkrankt wäre, und worin er seinen Agenten anwies, mich mit der ersten sich bietenden Gelegenheit zu ihm zu senden. Es traf sich, daß die Witwe eines Offiziers die Reise nach dem Norden machte, und der Agent glaubte nicht besser tun zu können, als mich dem Schutz ihrer Gesellschaft anzuvertrauen. Wir machten die Reise der Hitze wegen zu Wasser. Wir waren bereits über Patna hinausgekommen, als ich zwischen Ghazipur und Benares in einer Nacht plötzlich von einem jammervollen Schrei erwachte. Ich erkannte die Stimme der Dame, meiner Begleiterin, und wollte ihr zu Hilfe eilen, aber ich fühlte mich von rauhen Männerhänden ergriffen, mich von dem Zelt auf dem Deck, das uns zur Schlafstätte diente, fortgetragen in den unteren Raum des Schiffes. Ich wurde in einem engen Raum gefangen gehalten, obschon man mir sonst kein Leides tat, und mir sogar meine Kleidung und andere Bedürfnisse brachte. Selten nur, und dann auch nur bei Nacht, wenn keine anderen Schiffe in der Nähe waren, durfte ich auf das Verdeck, um frische Luft zu schöpfen. Zweimal hörte ich während der Zeit in meinem engen Kerker gleich furchtbare Schreie, wie die ersten in jener Nacht ...« »Ihre Räuber waren Flußthugs – Mitglieder der berüchtigten Mördersekte, die auf dem Ganges und der Dschumna ihr Wesen treiben,« unterbrach sie der Deutsche. »Ich habe leider von meiner Reisegefährtin und ihren Dienern nie wieder eine Spur gesehen. Die Zeit, die ich mich auf dem Boote befand, mag zehn bis zwölf Tage gewährt haben. Als man mich auszusteigen zwang, geschah es an einem einsamen, öden Ufer. Man lud mich auf einen elenden Karren, indem man mich durch Gebärden mit dem Tode bedrohte, wenn ich einen Versuch zur Flucht oder um Hilfe zu erlangen machen sollte. So zogen meine Entführer fünf Nächte mit mir weiter durch öde, traurige Gegenden. Zwei Tagereisen vor diesem Orte brachte ein anderer Haufe, der sich zu uns gesellte, eine junge, reichgekleidete Frau, die mein Schicksal zu teilen und mehr als ich von dem zu wissen schien, was uns erwartete, denn sie gebärdete sich verzweifelt und weinte und flehte, so oft man ihre Bande löste. Aber leider konnten wir uns nicht durch die Sprache verständigen. Man hat sie gestern aus jener schrecklichen Höhle, in die wir eingeschlossen worden, mit neun anderen weggeführt.« Der Arzt gedachte schaudernd des furchtbaren Todes der schönen Begum, aber er hütete sich, ihr mit der Erzählung neue Schrecken zu bereiten. »Ehe wir den Ort, wo wir uns befinden, erreichten,« fuhr die Miß fort, »versetzte man uns wieder in jenen lethargischen Schlaf, aus dem ich nur erwachte, um mich mit gefesselten Gliedern in jener schrecklichen Höhle in Gesellschaft so vieler Unglücklichen wieder zu finden. All mein Mut war gebrochen, ich wäre trostlos verzweifelt, wenn der junge Mann, der zuerst meine Bande löste und so heldenmütig für meine Rettung einstand, durch seine Worte mich nicht ermutigt und neu gekräftigt hätte, unser schreckliches Schicksal, wie es Briten und Christen zukommt, zu ertragen.« Die Erzählung und die grausame Erinnerung schien die Kraft des armen Mädchens erschöpft zu haben, denn sie schwieg und bald bemerkte der Arzt, daß sie aus ihrem träumenden Nachsinnen in wirklichen Schlaf gefallen war. Er deckte ihr Gesicht mit dem Schleier der Tänzerin zu, löschte die Lampe und setzte sich wieder neben sie, bis die ungewohnten Anstrengungen der zurückgelegten Reise und die Eindrücke des vergangenen Tages und der Nacht auch seine Augenlider schlossen und ihn in einen leichten Schlaf versenkten. Als eine Stunde nach Sonnenaufgang Kassim leise an die Tür pochte, um ihn zu benachrichtigen, daß Fattih-Murad-Khan mit den Pferden und Dienern seiner im Hofe der Burg harre, um dem Maharadschah von Bithoor entgegenzuziehen, war er rasch wach und auf den Füßen. Er verhüllte nochmals ihr Gesicht mit dem Schleier und legte ein Blatt aus seiner Brieftafel in ihre Hand, auf das er rasch noch einige Mahnungen zur Vorsicht geschrieben hatte. Dann öffnete er die Tür absichtlich so weit, daß der Hindu die Schläferin sehen konnte, und befahl ihm, indem er das Gebahren eines Eifersüchtigen nachzuahmen suchte, das Gemach bis zu seiner Rückkehr nicht zu betreten, noch von einem anderen betreten zu lassen. Im untern Hofraum der Burg fand er Murad Khan nebst einem zahlreichen und glänzend ausgerüsteten Gefolge seiner harren. Auch Tukallah, der Burgherr, war bereits zu Roß, und an seiner Seite der alte General Rundschit-Sings. Die kleine Schar verließ jetzt die Burg und passierte den Felsweg, der hinunter ins Tal führte, Tukallah an ihrer Spitze. Bei dieser Gelegenheit, da die Reiter nur zwei und zwei den schmalen Pfad zusammen reiten konnten, nahm der Arzt absichtlich seinen Platz an der Seite des jungen Sikh, um das Versprechen, das er der Granatblüte gegeben, zu erfüllen. Es galt zuerst, sich die Überzeugung zu verschaffen, daß der ritterliche junge Mann wirklich nicht zur schrecklichen Sekte der Mörder gehöre und die Nacht bei dem Opfer zugebracht habe. »Hat mein junger Bruder die Nacht ungestört im süßen und festen Schlaf der Jugend zugebracht?« fragte er, sein Auge fest auf das Gesicht seines Begleiters heftend. »Aliki, die Göttin des Traumes, war bei mir. Zu Anfang erschreckte mich das Bild eines Ungeheuers. Aber die guten Geister siegten auch im Traume und ich war der Glücklichste der Sterblichen.« Der reine offene Geist, der in dem Auge des jungen Khans blitzte, überzeugte den seelenkundigen Forscher von der Wahrheit dieser Worte. »Ich habe nicht so angenehme Träume gehabt,« fuhr der Arzt zur Seite blickend fort, »und ohne das Versprechen, das ich dir, junger Freund gegeben, wäre ich gern zurückgeblieben; denn ich fühle mich von den letzten Anstrengungen noch angegriffen. Wie weit beabsichtigt der Sirdar seinem Gast entgegen zu reiten?« »Er hofft ihn acht Kos jenseits des Grabmals der sieben Dattelpalmen am Ufer des schwarzen Flusses zu treffen.« »Was ist das für ein Grabmal? Ich hörte bisher weder von ihm noch von dem Flusse sprechen.« »Du siehst jenen See in der Mitte des Tales und den Bach, der ihn tränkt?« »Der seltsame Umstand, daß er keinen sichtbaren Abfluß hat, fiel mir schon bei unserer Ankunft auf. Ich vermute, daß er einen unterirdischen Ausgang sich gebahnt hat.« »Du bist ein Gelehrter – du kannst recht haben. Was weiß ich – ich zerbreche mir den Kopf nicht mit Dingen, die ein junger Krieger nicht zu wissen braucht. Was ich weiß, ist, daß an dem Fuß dieser das Tal umgebenden Felsen nach Mittag hin aus dunklen Klüften ein schwarzes Wasser hervorstürzt und seinen Lauf durch die Felsentrümmer in die Wüste nimmt. Zweihundert Schritte von der Stelle, wo es aus den Felsen quillt, stehen die Trümmer des heiligen Grabmals Asokas, eines Einsiedlers aus längst vergangenen Jahrhunderten. Sieben Palmen umgeben sein Grab und der Ort wird gemieden von den Stämmen der Wüste, weil die bösen Geister dort ihre Wohnung haben.« Der Deutsche wußte genug und er beschloß, das Gehörte zur Ausführung seines Planes zu benutzen. Der Zug wandte sich jetzt gegen Abend und galoppierte in die Wüste hinein, als Walding in einiger Entfernung die schlanken Stämme und wiegenden Kronen einiger Palmen über seltsam geformten Trümmern gewahrte. Sofort kehrte er sich zu seinem jungen Begleiter und hemmte dessen Eile. »Mein junger Freund möge einen Augenblick verzeihen,« sagte er mit den Zeichen großer Erschöpfung, »ich fühle wirklich, daß ich meinen Kräften zuviel zugemutet habe und den weiten Ritt durch die Einöde nicht ertragen werde. Ich will umkehren oder an einer geeigneten Stelle in der Nähe zurückbleiben, bis der Sirdar mit seinem Gast zurückkehrt. Es würde mir lieb sein, den tapfern Khan in meiner Nähe zu wissen.« Der junge Mann, von dem Vorgehen des Arztes getäuscht, erklärte sich sogleich bereit dazu, sprengte dem schon vorausgeeilten Sirdar nach, und benachrichtigte ihn von dem Unwohlsein seines Gastes. Sofort hielt Tukallah an und wollte den Europäer von mehreren seiner Begleiter nach der Burg zurückführen lassen. Nur mit Mühe vermochte der Arzt dies abzulehnen, indem er erklärte, am Fuß der Gebirge einige mineralogische und botanische Studien zu machen. Der Mahrattenfürst ließ daher seinen Gast unter dem Schutz des jungen Sikhkriegers zurück, und eilte dem wichtigeren Besuch entgegen. »Laß zu jenen Palmen uns wenden,« bat jetzt der Arzt seinen jungen Begleiter – »ich möchte die Trümmer des Grabmales sehen und mich von dem Ursprung des Flusses überzeugen.« »Mein Bruder hat nicht bedacht, daß an jenem Ort böse Geister hausen,« bemerkte der abergläubische Indier. Der Arzt lächelte. »Ich fürchte die Geister so wenig, wie du die Menschen, tapfrer Khan. Was jene betrifft, nehme ich dich unter meinen Schutz.« Der Khan machte keine Einwendungen mehr. Langsam ritten die Freunde nach dem Ufer des Flusses. Schon in der Entfernung machte sich ein starkes Rauschen wahrnehmbar, das, je näher sie kamen, desto mächtiger wurde. Aus einer hohen und steilen Felswand brach ein mächtiger Strom trüben dunklen Wassers, zuerst im Bogen, und dann aus dem Kessel, den er sich gewühlt, zwischen Felstrümmern und sich immer mehr verflachenden Ufern in verschiedenen Krümmungen sich fortwälzend. An einer der letztern, an dem Ufer, auf welches der Strom stieß und eine kleine Bucht bildete, stand das Grabmal des Einsiedlers, von den schwankenden Kronen der sieben Palmen überragt. Das Gebäude mußte einst einen sehr bedeutenden Umfang gehabt haben. Wohl erhalten war allein noch der majestätische Bogen des Tores. Das viereckige Gebäude oder die Pagode, in welcher der Steinsarg des Einsiedlers stand, war gleichfalls nur Ruine. Ein unheimliches Aussehn des Ganzen wurde durch den Umstand hervorgerufen, daß das ganze Bauwerk von schwarzem Marmor aufgeführt gewesen war. Murad Khan nahte sich nur mit dem Schauer abergläubischer Ehrfurcht dem Eingang, die noch bedeutend erhöht wurde, als der Arzt ihn einen Augenblick zurückhielt und ihm sagte: »Der junge Häuptling der Sikhs ist ein Mann von Ehre. Er möge mir sein Wort geben, daß er nie von dem erzählen wird, was seine Auge hier sehen, sein Ohr hier vernehmen könnte.« Der junge Mann, von Furcht aber auch von Wißbegierde bewegt, gab das geforderte Versprechen. Der Arzt, jetzt wenigstens über seinen Begleiter beruhigt, ritt von ihm gefolgt bis zum Ufer des Wassers und durchforschte dieses auf das Genaueste mit seinen Blicken. Aber kein Zeichen – nicht die geringste Spur von der Rettung des verwegenen Mädchens und ihres Geliebten war zu sehen. Nachdem sie die mächtigen Palmen betrachtet, wandten sie sich zu dem Eingang des Grabmals und überstiegen die Trümmer, die ihn versperrten. Plötzlich stieß der junge Krieger einen Schrei des Schreckens aus und seine weitgeöffneten Augen starrten mit unverhohlenem Entsetzen auf eine Stelle, wohin seine erhobene Hand wies. Es war der Sarkophag des Einsiedlers. Zwei dunkle Gestalten lehnten in dem dämmernden Licht, welches das Gebäude erfüllte, an diesem Sarkophag. Als Walding auf dem hellen Hintergrund des Eingangs erkennbarer wurde, traten beide vorwärts, und das Staunen des Hindu wurde noch größer, als er Walding mit einem Ruf der Freude auf sie zueilen und ihre Hände fassen sah. Es waren der junge englische Offizier und die Bajadere, die durch ein halbes Wunder die entsetzliche Fahrt zurückgelegt hatten. Leutnant Sanders trug den rechten Arm in einem Tuch – er war bei einem Stoß an die Felsgewölbe und einem unvorsichtigen Loslassen seines Haltes gebrochen. Einige blutige Schrammen an der Stirn bildeten die anderen Verletzungen, die er davon getragen, der geschmeidige Körper des Mädchens aber war ohne alle Beschädigung geblieben. Ihre Hand hielt noch den Dolch, der ihr wichtige Dienste auf der entsetzlichen Fahrt geleistet hatte, und den sie jetzt zur Verteidigung ihres Geliebten bewahrte. Wir müssen dieser seltsamen Fahrt einige Worte widmen. Anarkalli war es bekannt, daß die Thugs häufig kostbare Waren und Gegenstände, deren Transport aus der Burg sie verheimlichen wollten, auf dem unterirdischen Wege fortschafften, den sich der Fluß durch die Wurzeln der Berge gewühlt. Dies geschah in großen tonnenartigen Ballons von beweglichen Stahlreifen, über welche eine elastische aber starke Gummidecke gespannt wurde, die, sich zusammenziehend, auf solche Weise luftdicht den Raum verschloß. Diese Umstände waren rasch von dem Geist der Tänzerin erwogen worden, als Walding und der Mann, um den sie sich so großen Gefahren aussetzte, darauf bestanden, auch die junge Engländerin zu retten, und sie deshalb den Plan ihrer Flucht vollständig ändern mußte. Schon nach wenigen Minuten der Fahrt aber begann die geringe Luftmasse um sie her schwer und dick zu werden und der belebende Sauerstoff verflüchtete sich. Zweimal bemerkte er durch das Gefühl, daß der Arm der Tänzerin sich hob und die Spitze des Dolches durch die elastische Decke stieß. Beide Male aber fand die Klinge Widerstand an den Felswänden des Kanals, durch den der Wasserstrom sie dahintrug. Noch einmal hob sich die Hand der Bajadere, stieß den Dolch durch die Gummidecke und wendete die Klinge in der Öffnung um. So klein der Raum auch war, so drang doch eine erfrischende kalte Luft herein, die bewies, daß ihr schwankes Fahrzeug in einem leeren Raum jetzt dahinschoß. Im nächsten Moment schon stieß der Ballon aufs neue an die Felswand, aber der kurze Augenblick hatte doch hingereicht, ein paar Atemzüge zu tun und neue Luft in die Lungen dringen zu lassen. Gleich darauf, nach einem neuen wirbelnden Sturz, hörte das donnernte Getöse um sie her auf und der Engländer fühlte, daß sie verhältnsmäßig ruhig dahinschwammen. Ein Seufzer, ein Ruf des Entzückens entquoll hörbar der Brust der Tänzerin und gleich einer Rasenden arbeitete sie daran, mit dem Dolch eine Öffnung in die Decke ihres Fahrzeuges zu schneiden – einen Moment – und das köstliche Blau des Himmels fiel in seine geblendeten Augen, der frische Strom der reinen Gottesluft befreite ihn von der Last auf seiner Brust. Der gewandten Schwimmerin war es ein leichtes, sich und den Geliebten glücklich ans Land zu bringen. Schon bei den ersten Worten, die Walding und der junge Offizier wechselten, sah der Khan, daß hier von keinen Gespenstern die Rede sei, und in dem Fremden einen Feind erkennend, riß er das Pistol aus dem Gürtel, um ihn niederzuschießen. Aber Anarkalli, unkenntlich den Augen des Khans durch das Tuch, mit dem sie ihr Gesicht verhüllt, warf sich schützend vor den Geliebten, und Walding fiel zugleich dem jungen Krieger hindernd in den Arm. »Bei allem, was dir heilig ist – bei dem Leben des Mädchens, das du liebst – höre mich, ehe du uns alle ins Verderben stürzest,« beschwor er den jungen Sikh. »Mit Absicht habe ich dich hierher geführt – du hast ein edles Herz und wirst uns deine Hilfe nicht verweigern. Diese beiden sind meine Freunde, die ein glücklicher Zufall aus einer großen und schrecklichen Gefahr befreit hat. In die näheren Umstände dich einzuweihen, verbietet uns ein heiliger Eid. Aber glaube mir, beide verdienen dein Mitleid.« Der junge Krieger steckte seine Waffe wieder in den Gürtel und reichte dem Arzte die Hand. »Möge mein Bruder dem raschen Blut Fattih-Murads verzeihen,« sagte er zutraulich. »Er möge ihm sagen, was er tun soll und sich überzeugen, daß Blut und Leben seines Freundes zu seinen Diensten stehen.« »Ich war gewiß, edler Khan, daß ich nicht vergeblich auf deine Freundschaft und deinen Edelmut rechnete. Verzeihe mir, wenn ich dich nicht mit allen Umständen der seltsamen Anwesenheit dieser Fremden bekannt mache. Aber sie müssen möglichst rasch diesen Ort verlassen und soweit wie möglich fliehen, denn jeder Augenblick Verzugs verschlimmert ihre Lage und wenn sie in die Hände des Sirdars oder seiner Leute fallen, sind sie rettungslos verloren.« Der Khan dachte einige Augenblicke nach. Dann wandte er das offene kühne Auge auf den Freund. »Es liegt also dem weisen Hakim viel an der Rettung dieses weißen Mannes und seiner Gefährtin?« »Ich wiederhole es dir – ich werde dir ewig dankbar sein.« »So laß sie unsere Rosse besteigen und nach Morgen zu fliehen.« Der Deutsche umarmte dankbar den jungen Mann. »Nimm den Dank dreier Menschen für dein hochherziges Geschenk,« sagte er, »und jetzt laß uns rasch das nötigste besorgen. Was ist mit Ihrem Arm, Sir? Sind Sie verletzt?« »Ich fürchte, er ist gebrochen,« erwiderte der Offizier. »Leider bin ich dadurch verteidigungslos geworden. Aber vor allem, sagen Sie mir, ist es Ihnen gelungen, meine Unglücksgefährtin zu retten?« »Sie befindet sich so weit sicher, und ich hoffe zu Gott, sie den Ihren wiedergeben zu können. Doch jetzt haben wir es nur mit Ihnen zu tun und wie Sie zu retten sind. Lassen Sie mich zunächst Ihren Arm untersuchen und verbinden.« Er fand die Röhrenknochen des Vorderarms gebrochen, richtete sie ein und legte einen kunstgerechten festen Verband um den Arm, indem er sich zu dem Halt einiger Holzsplitter und mehrerer Stücken der festen Rinde bediente, die er von dem Stamm einer der Palmen abschälte. »Ich nehme an,« sagt er zu der Tänzerin, »daß du ihn, den du von einem so schrecklichen Tode gerettet hast, auch jetzt nicht verlassen wirst, solange er noch in Gefahr ist?« »Nur der Tod kann mich eher von ihm trennen!« »Aber weißt du den Weg durch die Wüste zu finden?« Das Hindumädchen lächelte verächtlich über die Frage des Europäers. »Seh ich nicht, wo die Sonne auf- und niedergeht? Sind meine Sinne nicht scharf? Ich weiß, wohin du gehst – sende das Faringi-Mädchen mit der ersten Gelegenheit, zurück zu den Ihren – noch ehe du und der Khan euer Ziel ereicht habt, werde ich bei dir sein. Bis dahin muß die bleiche Mem-Sahib für die dunkle Granatblüte gelten.« Der Khan kam jetzt herbei, die beiden Pferde führend. »Mögen deine Freunde ihren Fuß in den Steigbügel setzen,« sagte er, »Zögern tut nicht gut, wenn die Eile die Mutter unserer Rettung ist. Mögen sie fern sein, wenn ihre Feinde zurückkehren.« Die Flüchtlinge erkannten die Wahrheit des Rates, den der Khan ihnen gab, und bestiegen die Pferde. Mit Absicht hatte das Hindumädchen das Roß des Deutschen gewählt, das, obschon von trefflicher Rasse, doch an Stärke und Schnelligkeit bei weitem dem edlen Turkomanenhengst nachstand. Stuart Sanders reichte dem Arzte nochmals die Hand und flüsterte ihm die Bitte zu, Editha nicht zu verlassen. Ein Händedruck gab ihm die Versicherung, das verhüllte Hindumädchen schwenkte die Hand zum Abschied, und zwischen den Trümmern dahin galoppierten die Pferde der emporsteigenden Sonne entgegen. »Laß uns nun beraten, Freund Murad,« bat er, »was wir dem Sirdar sagen, um den Verlust unserer Pferde zu rechtfertigen. Ich denke, die halbe Wahrheit wird uns am besten helfen können. Wir müssen angeben, daß uns, am Ufer des Flusses ruhend, während die Pferde am Eingang der Trümmer zurückgelassen worden, zwei Unbekannte sie geraubt hätten und auf ihnen entflohen sind, ehe wir herbeikommen konnten.« »Es wird gut sein, dies zu sagen und uns dazu bereit zu halten,« entgegnete ernst der junge Mann. »Dort gegen Süden erhebt sich eine Wolke von Staub, der Sirdar kehrt eher mit Srinath Bahadur zurück, als wir gehofft haben.« Der Doktor sprang erschrocken an die Seite seines Freundes. »Die Unglücklichen!« rief er – »jene werden herankommen, ehe sie noch aus dem Gesichtskreis verschwunden sind!« »Herunter und ihnen entgegen,« rief der Khan. »Jetzt gilt es, jeden Verdacht von uns abzulenken, wenn wir nicht Tukallahs Säbel über unseren Häuptern sehen wollen.« Er eilte in der Richtung der Nahenden fort und schoß seine beiden Pistolen in die Luft, sowohl um die Aufmerksamkeit der Flüchtigen zu erregen und ihnen ein Warnungszeichen zu geben, als um damit ihre Erzählung von dem Raube den Herankommenden glaubhaft zu machen. Es waren noch keine zehn Minuten vergangen, als von Süden her eine Reiterschar heransprengte, der in einiger Entfernung der Reisetroß von Dromedaren und Dienern folgte, welche der Maharadschah mit sich führte. Tukallahs scharfes Gehör hatte in großer Entfernung die beiden Pistolenschüsse gehört, und als sein Blick die beiden Fußgänger erfaßte, begriff er sogleich, daß hier etwas Ungewöhnliches geschehen sei. Der Reiterschar voransprengend, parierte er sein Pferd vor den beiden Freunden. »Ich hörte Schüsse, Khan, wo ist \>Zorab\<, dein flinkes Roß? Warum kommen meine Gäste mir zu Fuß, wie niedere Kulis, entgegen?« »Unglück und Verrat, edler Sirdar,« rief der junge Mann, indem er seine Rolle vortrefflich spielte, »wir sind unserer Pferde beraubt worden, während wir das Grab Asokas des Einsiedlers betrachteten. Du mußt die Diebe noch sehen, wenn du das Auge des Adlers hast!« Der Häuptling erhob sich in den Steigbügeln und ließ seine Augen über die Ebene rollen. In der Tat erkannte er in weiter Entfernung zwei schwarze Punkte, die rasch über die Fläche strichen. Eine dunkle Glut überzog sogleich sein Gesicht, der Verdacht, daß es einigen der Opfer des Festes bei der nächtlichen Metzelei gelungen sein könnte, zu entkommen, oder daß mindestens Spione unentdeckt bis hierher an den Fuß der Felsenwälle des Tales gedrungen sein konnten, kämpfte mit dem näherliegenden Gedanken, daß ein paar Mitglieder des Bundes beim Umherschweifen der günstigen Gelegenheit zu einem Raube nicht hätten widerstehen können. »Hast du die Elenden näher gesehen, Khan,« fragte er hastig, »kannst du uns ein Zeichen geben, von welchem Stamm sie waren?« Walding aber, die Notwendigkeit einer raschen Antwort erkennend, erwiderte sogleich: »Der eine schien ein Europäer, die andere Gestalt die eines Weibes – ihr Gesicht aber war verhüllt.« Eine wilde Verwünschung, in die der Name der blutigen Göttin sich mischte, entfuhr dem Munde Tukallahs. Dann wandte er sich rasch entschlossen zu seinem Schobedar, und nach den fernen Reitern deutend, gab er ihm in einer den meisten Gegenwärtigen unverständlichen Sprache einen hastigen Befehl. Der erste Diener des Sirdar rief zehn seiner am besten berittenen Gefährten beim Namen und sprengte mit ihnen im vollen Rosseslauf hinein in die Wüste, den Flüchtigen nach. Jetzt erst wandte sich der Sirdar zu dem vornehmen Gast. »Möge dein Schatten lang sein und das Glück immer an deine Fersen gekettet, Hoheit,« sagte der Sirdar entschuldigend. »Hier ist ein Diebstahl an den Rossen zweier unserer Freunde geschehen, und du wirst verzeihen, daß ich sofort Gerechtigkeit zu üben suchte. Murad Fattih Khan, der Sohn Gholab Sings und der Franken-Hakim, von dem ich dir gesprochen, stehen vor deinem Angesicht und begrüßen den edlen Srinath Bahadur.« Der Maharadschah verneigte sich höflich vor den Vorgestellten, wobei sein halbverschleiertes Auge an dem Europäer haften blieb. »Der Sohn des berühmten Gholab Singh und der Weise des kalten Nordens sollen mir willkommen sein,« sagte er mit seiner angenehmen Stimme, »Srinath Bahadur hofft sie auf der Burg unseres Freundes näher kennen zu lernen.« Das Interesse des Arztes war von der Erscheinung des Maharadschah gefesselt. Ihn bewegte der Gedanke, daß dieser Fremde und die Botschaft an ihn, das Vermächtnis eines teuren Freundes, die Ursache all der Verfolgungen und jahrelangen Leiden gewesen, die er erduldet. Der Maharadschah hatte sich nur wenig verändert, seit ihm unsere Erzählung zum ersten Male im fernen Kalifornien begegnete. Von den dreißig Abenteurern, welche der Maharadschah vor fünf Jahren in San Franzisko angeworben, war nur ein Teil noch in seinen Diensten, und etwa sechs oder acht davon befanden sich, nebst hem Engländer Gibson , dem alten Gefährten Mac Scotts, in seiner Begleitung. Mehrere hatten das Klima Indiens, die Fieber der Dschungeln oder die Klauen der Tiger von Singapore und Bengalen, andere ihre eigenen Ausschweifungen oder die wilden Abenteuer ihrer Lebensweise längst unter die Erde gebracht. Im unmittelbaren Gefolge des Maharadschah befanden sich noch die Franzosen Cordillier und Baillant, Ralph der Bärenjäger und der Kanadier Adlerblick mit seiner nie fehlenden Büchse. Joaquin Alamos , der Mexikaner, war in Bithoor bei dem Haushofmeister des Nena mit neun anderen zurückgeblieben. »Möge deine Gunst mir verzeihen, daß ich dich noch einige Augenblicke aufhalte,« wandte sich der Sirdar zu dem Peischwa, »aber die Flucht jener Pferdediebe ist unter so eigentümlichen Umständen erfolgt, daß ich es für nötig halte, ihre Spuren zu prüfen.« »Tu nach deinem Willen, du bist der Gebieter, wir sind deine Diener!« antwortete der Maharadschah mit indischer Höflichkeit. Der Mahrattenfürft befragte nun den Khan und den Arzt und ließ sich von ihnen an die Stelle geleiten, wo der Offizier und die Tänzerin die Pferde bestiegen hatten. Der Sirdar befahl dem Oberjäger, die Spuren auf das genaueste zu prüfen, und nach wenigen Augenblicken schon erklärte dieser mit Bestimmtheit, daß neben den Fußstapfen des Khans und seines Freundes die Spuren zweier anderer Personen und zwar eines weißen Mannes und eines Frauenfußes sich fänden. Tukallah machte keine Bemerkung weiter, sondern gab das Zeichen zur Fortsetzung ihres Rittes. Eine halbe Stunde nachher zog die ganze Gesellschaft über die Zugbrücke der Mahrattenburg, deren seltsamen und festen Bau der Peischwa mit Interesse betrachtete, und wurde unter dem Tor mit denselben Zeremonien von der Rani und ihrer Tochter und dem greisen General Ventura nebst den andern Bewohnern der Burg begrüßt, wie gestern der Schloßherr selbst und seine Gäste. Walding fand auf der Schwelle seines Pavillons den Mayadar fast noch in derselben Stellung, in welcher er ihn verlassen hatte, und im Innern die Lady, in ihre Schleier und Gewänder gehüllt, ängstlich seiner harren. Niemand hatte sich ihr genaht und der Thug eine sorgsame Wache vor ihrem Gemach gehalten. Der Arzt ließ durch ihn Erfrischungen herbeischaffen und berichtete während dessen der Miß von der gelungenen Rettung des Offiziers und seiner Gefährtin und den neuen Gefahren, denen die Verfolgung des Sirdars sie ausgesetzt. Mit der zartesten Aufmerksamkeit bemühte er sich, für ihre Bedürfnisse zu sorgen und ihr Mut und Hoffnung einzusprechen. Nur kurze Zeit verließ er sie, um dem Peischwa einen Besuch zu machen und bei der entthronten Königin zu erscheinen, wo die Schritte zur Befreiung ihres Sohnes reiflich erwogen und festgesetzt wurden. So war die Mittagszeit und die Siesta vergangen, und die Stunde herangekommen, in welcher der Derwar oder die große Ratsversammlung der Häupter gehalten werden sollte. Fattih Murad kam, um den Arzt dazu abzuholen, denn Tukallah hatte ihn ausdrücklich zur Teilnahme eingeladen und ihm schon am Morgen empfohlen, gegen den Peischwa von dem Briefe des unglücklichen Dyce Sombre nichts eher zu erwähnen, als bis er ihm einen Wink darüber geben würde. Zum Ort der Beratung hatte der Schloßherr das Innere der Pagode bestimmt, die eine genügende Räumlichkeit darbot. Die Versammlung, die sich hier eingefunden, bestand aus etwa 20 Personen: dem Sirdar, dem zur Linken auf einer erhöhten Stufe der Peischwa von Bithoor, zur Rechten in gleicher Weise die entthronte Königin von Lahore saßen, General Bonaventura, die beiden Fremden, die am Abend vorher eingetroffen waren, dem Afghanenhäuptling, dem Khan und dem Arzt und acht anderen Männern, ihrem Äußern nach Brahminen, Derwische und Krieger, die sich Walding jedoch nicht erinnerte, schon am Tage vorher gesehen zu haben. Einer unter den Fremden fiel ihm besonders auf, wegen des Schnitts seines Gesichts und seiner Kleidung, die ihn als einen Sohn des himmlischen Reiches der Mitte bezeichneten. Nachdem die Diener mit den im Orient üblichen Zeremonien den Gästen die Hukahs gereicht und sich entfernt hatten, indem nur die beiden stummen Leibdiener des Burgherrn zurückblieben, eröffnete dieser die Beratung. »Möge euer Schatten lang und euer Feuerauge klar sein!« begann er seine Rede, »verschieden ist unsere Farbe, verschieden unser Ursprung, und das Volk, dem wir entsprossen, wie der Gott, zu dem wir beten. Ich sehe um mich Könige und Sudders Die vier indischen Hauptkasten, die wieder in zahlreiche Unterkasten zerfallen, sind: 1. die Brahminen, der Priester- und Gelehrtenstand, 2. die Xetris, der Kriegerstand, 3. die Waissias oder Banianen, der Handelsstand, 4. die Sudders, der Handwerker- und Arbeiterstand. Außer den Kasten, als unrein, stehen die Paria's. , Brahminen und Krieger, Männer, die den Propheten anbeten und die Söhne der heiligen Mariam und des Fó. Wir kommen von Aufgang und Niedergang, von Mittag und Mitternacht zu einem großen Zwecke, in einem Gedanken, der uns beseelt: Fluch den Faringi!« »Die Vedas erzählen,« fuhr der Sirdar fort, »wie das Weltall in Wischnus Schoß auf der Weltschlange Addisserschen im Milchmeer lag und aus einer Lotospflanze, die aus dem Nabel Wischnus wuchs, die Welt entstand. Sie ward bevölkert mit braunen, gelben, schwarzen und weißen Menschen und jedem Volk gab Brahma, das Urwesen, einen Teil der Erde. Den Hindus gab er die Vedas, den Kahlköpfen den Koran, und den Christen das Buch, aus dem die Missionare lesen. Aber die Hindus waren seine liebsten Kinder, und darum erschlug er den Riesen Hajagriwa, als dieser die Vedas geraubt, und gab sie ihnen zurück. Das Land, das sie bewohnten, war von den Göttern bevorzugt, Gold und Myrrhen und alle köstlichen Früchte wuchsen in ihm, und Fürsten, deren Stämme so alt wie die Welt, beherrschten seine Bewohner. Der Ruf seines Reichtums ging über die Gebirge und Meere, und die Kahlköpfe kamen, davon angelockt, nach Hindostan, schlugen unsere Väter in vielen Schlachten und ließen sich nieder in unseren Tälern. Aber es waren Männer wie wir, sie achteten unsern Glauben, verschmolzen sich mit unseren Sitten und wurden Hindus, wenn sie auch den Propheten anbeteten. Die Zeit ist so lange her, daß wir ihrer nicht mehr denken können. Auch die Weißen kamen zu uns. Brahma hat sie mit der Farbe der Deretas gezeichnet. Wie es unter den braunen Menschen böse und schlechte gibt, von denen der gute Geist sein Angesicht gewendet hat, so gibt es auch unter den Weißen tapfere und weise Stämme, und der Krieger mit den weißen Haaren, der unter uns sitzt, und der kluge Hakim gehören ihnen an, wie die beiden Männer, die uns ein großer Fürst gesandt hat. Sie haben ein Herz für ihre braunen Brüder und wollen mit ihnen ihr Wissen teilen. Aber was können sie tun gegen unsere Herren, die auch die ihren sind? Die Faringi beherrschen die weißen Länder und sind die mächtigste Nation. Wir waren Toren, als wir sie an unseren Küsten aufnahmen und ihnen Gutes taten. Hundert Jahre – ein Tropfen nur in dem Meer unserer Geschichte – sind vergangen, und ihr Fuß ist bis zu den Bergen des Himalaya vorgeschritten, und die Hindostani sind ihre Sklaven geworden. Das Feld, das wir bauen, der Handel, den wir treiben, trägt nur Früchte für sie, unsere Söhne sind ihre Söldner, unser Glaube, unsere Sitten sind ihr Spott, fremde Männer regieren uns und sitzen auf den Thronen, die unsere Väter einnahmen. Unglück! Unglück! Wo ist Gerechtigkeit bei ihnen zu finden, die in dem eigenen Lande Willkür und Raub herrschen lassen? Viele Jahre habe ich unter ihnen gelebt und gesehen, wie der Sohn den Vater, der Bruder den Bruder um schnöden Goldes willen zerfleischt. Wollen wir ewig ihre Diener sein? Wollen wir warten, bis unser Glaube ganz unterdrückt ist, bis unsere letzte Kraft gebrochen, unsere letzte Erinnerung vertilgt ist, bis wir nichts sind, als niedere Sklaven einer Handvoll hochmütiger Faringi, und wie die Hunde von dem Bissen leben, der von ihrer Tafel fällt? Wer ist unter uns, der nicht über Gewalttat, Betrug und Raub dieser Faringi Klage zu führen hat?« Die Rani erhob sich: »Fluch den Faringi! Sie haben meinen Kindern das Erbe ihres Vaters geraubt!« »Verdammnis über die weißen Verräter,« rief der Afghanen-Häuptling, »sie haben uns betrogen um das Land am Sindh, das wir besaßen.« »Die Sonne des Weltalls; der Beherrscher des himmlischen Reiches der Mitte ist erzürnt auf die Engländer,« sagte der Chinese, »sie sind in unser Land gedrungen wie Räuber und zwingen uns, das Gift, das sie uns bringen, zu kaufen.« »Mein Vater war ein freier Beludschen-Fürst,« sprach ein anderer der Männer. »Wo ist das Land im Sindh, das ich noch mein eigen nenne? Fluch den Räubern!« »Und Delhi – das goldene Delhi? Wo ist der Hindu, der nicht an seine Größe dächte und mit Schmerz die Werke Akbars und Aureng Zebs, meiner Ahnen, erniedrigt sähe zum Eigentum der falschen Faringi? Ist der Mogul, mein Vater, etwas anderes, als die Puppe ihres Willens?« Der Fremde, welcher also gesprochen, hatte sich erhoben und das Gewand eines Derwisch, das ihn bisher verhüllt, fallen lassen. Nur der Sirdar schien nicht überrascht, während alle anderen bisher in ihm nur einen untergeordneten Boten und Vertrauten des halbentthronten Kaisers von Delhi gesehen hatten. »Es ist Akbar-Jehan, der zehnte Sohn des erhabenen Großmoguls,« sagte er, indem er aufstand, und dem Prinzen den Platz zwischen der Rani und dem Peischwa anwies. »Wir erkennen dankbar das Zeichen des Vertrauens, bas Mahomed-Abul-Schah uns bewiesen hat. – Nur die Meinung eines der Häupter dieser Beratung vermisse ich noch. Sollte Srinath Bahadur, der Sohn Bazie-Rûs, vergessen haben, daß die Faringi sich weigern, ihn als Peischwa von Bithoor und den Erben seines Vaters anzuerkennen?« Eine dunkle Röte überzog urplötzlich das Gesicht des Angeredeten, und ein Blitz voll Zorn schoß auf den Redner. »Das Gesetz unserer Väter macht das Kind, dem wir unseren Namen geben, auch wenn es nicht von unserem Blute stammt, zu unserem rechtmäßigen Erben. Noch niemand hat daran gezweifelt oder dem Erben sein Recht streitig gemacht.« »Kein Hindu – kein Muselman – du sprichst die Wahrheit. Aber erkennen die Faringi dein Recht an?« »Zahlreiche Fälle aus den Fürstenfamilien Hindostans sprechen dafür.« »Wohl – ich zweifle nicht daran. Aber ich frage, ob die Kompagnie deinen unzweifelhaften Anspruch auf die Peischwawürde und die Entschädigung, die dein Vater rechtlich bezog, bestätigt hat.« »Du weißt, daß ich einen Prozeß darum führe. Ich sandte Baber Dutt, meinen Bruder, nach England, mein Recht zu verteidigen, und die weiße Königin und die Regierung des Landes haben es anerkannt.« »Das ist etwas anderes. Der Sahib-Gouverneur hat dir also die Würde erteilt?« Wiederum errötete der Maharadschah. »Das nicht,« sagte er verlegen. »Man erkannte nur mein Recht an, man verwies mich an die Kompagnie, an die Regierung in Kalkutta und diese hat die Sache verzögert.« »Wenn ich mich recht erinnere,« fuhr der Sirdar nicht ohne Spott fort, »so sind fünf Jahre seitdem vergangen. Hat der tapfere Srinath Bahadur unterdessen sich nur mit der Jagd und den Freuden des Harems beschäftigt, ohne etwas weiter für sein angestammtes Recht zu tun?« »Ich unterhalte keinen Harem, Freund Tantia-Topi,« sagte der Maharadschah finster, »sondern besitze eine Gattin, die alle Rechte der Rani genießt. Ich habe meinen Bruder noch einmal mit einer Beschwerde über die Zögerung der Kompagnie nach London gesendet, und ich weiß gewiß, daß das Parlament meine Klage hören und sich Gehorsam verschaffen wird. Ich bin ein Hindostani wie du und empfinde mit Schmerzen, daß mein Land die Fesseln der Fremden trägt. Ich wünsche Indien seine Freiheit, aber warum sollte ich selbst gegen die streiten, die meine Freunde sind?« Der Sirdar antwortete ihm nicht, sondern klatschte in die Hände. Alsbald rauschte der Vorhang zwischen den Elefanten zur Seite und ein Fremder in indischer Kleidung trat in den Kreis der Beratenden. Der Maharadscha erhob sich hastig von seinem Sitze. »Was sehen meine Augen? Baber-Dutt, mein Bruder! Wie kommst du hierher?« »Ich bin am zehnten Tage des Monats in Suratschi eingetroffen und erhielt dort die Nachricht, daß ich dich hier auf der Rückkehr von Bombay finden würde. Feuer war unter meinen Sohlen, bis ich dich wiedersah.« »So kommst du nicht von Bithoor, bist nicht in unserer Heimat gewesen und bringst mir keine Nachricht von meinem Weibe?« »Du hörst es, daß ich durch das Meer von Maskat gekommen bin und die verfluchte Stadt der weißen Geldwechsler nicht berührt habe. Ich habe die Stämme der Wüste besucht auf meiner Reise und mehr Gerechtigkeit unter ihnen gefunden, als unter den stolzesten Faringis. Ich kann nicht wissen, was die Christin macht.« »Ich weiß, Baber-Dutt, du liebst sie nicht, obgleich sie es um dich und alle, die ihr nahestehen, verdient. Aber sprich, welche Nachricht bringst du mir in der Sache, wegen deren du zum zweiten Male die Reise unternommen?« »Lies selbst.« Der Bote reichte ihm ein Schreiben, mit dem großen Siegel des Staatssekretärs der Kolonien verschlossen. Der Maharadschah erbrach hastig das Dokument und durchlas es. Je weiter seine Augen über die Zeilen flogen, desto finsterer zogen sich die Falten seiner Stirn, und seine Zähne bissen fest die untere Lippe, daß zwei große Blutstropfen über das glatte Kinn rollten. »Worte – Worte! –« murmelte er, indem seine Hand krampfhaft das Schreiben zusammenballte und es weit von sich schleuderte. Ein Blitz dämonischen Grimms flammte aus seinen braunen Augen, aber mit einer Gewalt sondergleichen unterdrückte er den aufbrausenden Sturm der Leidenschaften, ergriff eine goldene Kapsel die er an einer Kette von gleichem Metall um die Brust trug und öffnete sie durch den Druck einer Feder. Die hohle Hand verbarg zwar den Inhalt, der sich allein seinen Augen zeigte. Er bestand allein in einem kleinen Miniaturbild, das jene Kapsel umschloß. Aber der feurige, so oft von seinen Leidenschaften hingerissene Indier hat dem Wesen, das jenes Bild darstellte, geschworen, es jedesmal zu betrachten, wenn er fühlte, daß der ungestüme Zorn sich seiner bemeistern wolle. »Es ist gut,« sagte der Maharadschah – »ich danke dir. Mein Vater hat recht gehabt mit seinen Zweifeln. Die Minister der Königin verweisen mich wiederum an den Rat zu Kalkutta und versprechen, mein gerechtes Gesuch zu unterstützen.« Der Sirdar stampfte wild mit dem Fuß auf. »Ist denn der Löwe zum Lamm geworden, der Krieger zum Feigling, der die Rute küßt, die ihn schlägt? Wir glaubten einen Bundesgenossen in dir zu finden, nicht einen Verräter. Geh hin zu deinen weißen Freunden und verkünde ihnen den Blitz, der über ihrem Haupte schwebt. Vielleicht, daß sie dich zum Dank statt zum Peischwa, der dein Vater war, zum Aufseher ihrer Peons machen.« »Deine Worte sind Lügen, alter Mann,« sagte er mit erzwungener Ruhe, »aber dein Haar ist weiß, und Nena wird seine Hand nicht erheben gegen den, unter dessen Dach er verweilt. Mögen die Götter die Beleidigung deines Gastfreundes dir vergeben. Der Sohn Bazie-Rûs ist ein Freund der Faringi und will seine Hand nicht in das Blut der Brüder seines Weibes tauchen. Was ihr sinnt, war mir längst kein Geheimnis; niemals aber wird Srinath Bahadur den weißen Männern verraten, was denen, die ihm vertraut, Verderben bringen müßte.« Er wollte den Kreis verlassen und sich hinwegbegeben, aber der alte Mahrattenfürst warf sich ihm in den Weg. »Nicht beleidigen wollte dich, den Gastfreund, meine Zunge, edler Nena,« beteuerte der finstere Alte. »Bleibe bei uns, Nena, und höre, was beschlossen wird, denn ich hoffe, die Stunde wird kommen, wo du dich dessen, was du gehört, erinnern wirst und mit uns kämpfen gegen den gemeinsamen Feind. Wenn du bis dahin die Hand nicht erheben willst für die Sache des Vaterlandes, so gewähre wenigstens denen, die ihr Leben zu opfern bereit sind, deinen Schutz, verwende die fremden Schätze, die jetzt ungenützt liegen, zu ihrer Hilfe, und fördere damit die Rache eines Toten an seinen Verderbern.« Der Nena war nach den ersten Worten seines Wirtes schweigend auf seinen Sitz zurückgekehrt und sah jetzt befremdet auf den Sirdar. »Was meinst du damit?« »Ich meine das Erbe Dyce Sombres, des Enkels der großen Begum, dessen Besitz dir zusteht!« »Ich besitze nur eine Kiste mit Edelsteinen und Dokumenten, die meinem Pflegevater von der Begum anvertraut war und die ihrem Enkel oder seinen Erben auf sein Verlangen gegen ein gewisses Zeichen ausgehändigt werden sollte. Der Auftrag ist an mich übergegangen, aber niemand hat sich bis jetzt zum Empfang gemeldet, und niemals hat meine Hand den Deckel des anvertrauten Gutes berührt.« »Du selbst bist der Erbe der Schätze der Begum und all ihrer hinterlassenen Güter in Indien, die du den habgierigen Krallen der Faringi entreißen wirst. Hier« – er nahm die Papiere aus den Falten seiner Gewänder, – »ist das Testament meines unglücklichen Mayadars, das dich zum Erben einsetzt; und dieser Mann war Zeuge, daß Dyce noch auf seinem Totenbett diese Verfügung bestätigte.« Der Nena empfing mit Erstaunen – denn bis jetzt hatte er durch die Intrigen der englischen Familie keine Silbe von seinem Anrecht auf die reiche Erbschaft erfahren – die Dokumente, die Walding mit gleichem Befremden in den Händen des Mahratten sah, da ihm doch bekannt war, auf wie seltsame Weise sie aus dem Totenzimmer verschwunden waren. »Deine Sache ist es, edler Maharadschah,« fuhr der Sirdar fort, »jetzt von deinen Freunden , den Faringi, auch hierin dein Recht zu erstreiten. Doch wichtiger ist der Brief, den der Hatim dir auszuhändigen hat, und der die geheimen Zeichen enthält, welche die Begum bestimmt hat. Tritt vor, Franke, und übergib diesem Mann das Schreiben, das du fünf Jahre lang mit Gefahr deines Lebens und unter den Mißhandlungen deiner Feinde für diese Stunde aufbewahrt hast.« So aufgefordert, trat der deutsche Arzt vor, zog aus seiner Brusttasche das wohlverwahrte Dokument und übergab es dem Maharadschah, der es sofort öffnete. »Die Pergamente,« sprach der Sirdar weiter, »welche in jenem Kasten enthalten sind, sind wichtig für deine eigenen Ansprüche auf die Erbschaft, die Schätze aber, die er sonst birgt, gehören den beiden, die der Verstorbene dazu bestimmt hat, daß sie seine Leiden rächen im Kampfe gegen England!« »Ich bin bereit, dem Franken das Erbe meiner Väter auszuhändigen, wenn er mich nach Bithoor begleiten will,« erklärte der Maharadschah. »Er steht von diesem Augenblick an unter meinem Schutz und ich bürge für jedes Haar seines Hauptes.« Der Arzt ergriff froh die Gelegenheit. »Wenn du es erlaubst, Hoheit, schließe ich mich deinem Gefolge an. Aber ich kann nicht allein über den Schatz bestimmen, den mein verstorbener Freund hinterlassen. Gegründeter sind die Rechte eines Mannes darüber, der leider das Opfer eines traurigen Irrtums oder« – sein Blick traf den Sirdar – »eines Verbrechens geworden und wahrscheinlich den unverdienten Leiden an fremden Küsten erlegen ist.« »Wenn der weise Hakim Kapitän Ochterlony meint,« erwiderte der Sirdar, »so mag er ruhig sein. Er wird ihn wiedersehen, wenn die Zeit gekommen.« Der geheime Leiter des furchtbaren Bundes der Rache neigte sich jetzt vor den Fremden. »Die Tapferen des großen Sultans in den Ländern, wo Brahma den ewigen Schnee geschaffen, haben gehört, wie die Söhne Hindostans bereit sind, ihr Blut gegen die Faringi, unsere und eure Feinde, zu vergießen. Der große Sultan, unser Freund, weiß um unsere Hoffnungen. Was gedenkt er zu tun?« Der eine der beiden fremden Offiziere mit dem slavischen Gesichtsschnitt öffnete ein Portefeuille und nahm verschiedene Papiere heraus. »Seine Majestät, der Kaiser,« sagte er mit einer ehrerbietigen Bewegung des Hauptes, »haben mit Schmerz die ungerechte Entthronung so vieler edlen Fürsten eines Landes gesehen, an dem ihr Herz innigen Anteil nimmt. England mit seiner unersättlichen Habsucht breitet seine Macht immer weiter aus – es müssen ihr Schranken gesetzt werden. Darum wird es unser Herr der Kaiser mit Beifall begrüßen, wenn die altberühmte Nation der Hindu ihre Freiheit gegen die britischen Eroberer verteidigt.« »Dies Papier,« fuhr der Offizier fort, indem er es im Laufe seiner Rede übergab, »enthält eine genaue Übersicht der in ganz Indien stationierten militärischen Macht der britischen Krone und der Kompagnie, genauer, als sie deine eigenen Berichte würden zusammenstellen können, tapferer Sirdar. Sie kommt aus dem geheimen Kabinett des General-Gouverneurs in Kalkutta. Dies zweite Papier enthält den ganzen Stand der englischen Armee und ihre Stationierung in den verschiedenen Weltteilen. Die Entfernungen sind bei allen Positionen angegeben und die Zeiten berechnet, in welcher die Regimenter von entfernten Stationen nach Indien transportiert werden können. Unser Gesandter in Konstantinopel wird das seine tun, zu bewirken, daß der nähere Transport über Suez Schwierigkeiten und Hindernissen unterliegt. Dies dritte Papier enthält die Angabe der Vorräte von Munition und Geschütz, die an den persischen Grenzen zur Disposition bereit liegen, und die Namen von zwanzig Offizieren der kaukasischen Armee, die bereit sind, bei den indischen Truppen einzutreten.« »Der Kaiser, unser Herr,« fuhr der zweite Agent fort, »wird eine Ursache haben, ein Truppenkorps an den Grenzen von Turkistan zusammenzuziehen, wenn ein Streit zwischen Persien und den Briten entsteht. Der wichtigste Schlag aber für den englisch-indischen Interessenten muß von Osten kommen!« Er deutete auf den Mandarin, auf den sich jetzt aller Blicke wandten. »Der Gebieter des Weltalls,« erklärte der Chinese, »wird die rothaarigen Barbaren das Gewicht seines Zornes fühlen lassen und die Sonne seines Antlitzes vor ihnen verhüllen. Man wird die Faktoreien, welche unsere Großmut ihnen in Kuang-Tscheu gestattet hat, verbrennen und ihnen die Leiber aufschneiden. Die Schiffe der Barbaren sollen das Wasser des Sikiang nicht länger beschmutzen.« »Maschallah,« schwor der Afghane – »Dost Mohammed Khan ist bereit, das Blutbad von Kabul zu wiederholen. Wenn man uns Peschaur, das uns der Faringi gestohlen, wiedergibt, werden unsere Krieger bereit sein, über den Sindh zu gehen!« »Die Kinder des Propheten sind in unserem Bunde,« erklärte Baber-Dutt, der Bruder des zögernden Peischwa, ein leidenschaftlicher Gegner der Engländer. »Nicht vergeblich hat der Freund des tapferen Kur-Singh den Weg durch die arabische Wüste gemacht! Wo der Koran gepredigt wird, ist blutiger Haß gegen die Faringi! Die Türken sehen in ihnen allein die Ursache vom Verfall ihres Reiches. In Ägypten und ganz Arabien gärt und kocht der Zorn gegen die falschen Christen. Von Kahira bis Maskat lautet ein Ruf: Tod den Faringi!« Und »Tod den Faringi!« hallte der Ruf der Versammlung in der Pagode der indischen Thur, der Ströme von Blut und Entsetzen über Millionen Menschen und ein weites herrliches Land ergießen sollte. »Die Frage, deren Entscheidung uns hier vor allem zusammengeführt,« begann der Sirdar aufs neue – »ist jene: wann soll der Streich geführt werden auf das Haupt der Faringi und wo soll der Ruf der Freiheit und Rache zuerst die Hindostani aus ihrem Schlafe erwecken?« Jetzt erhob sich ein lebhafter Streit zwischen den Mitgliedern der Versammlung. Lucknow, als die Hauptstadt des Audh, und Delhi und Mirut wurden als die Punkte bestimmt, an denen der Aufruhr zunächst ausbrechen sollte, und als Zeit dafür das Moharrem-Fest der Muselmänner im nächsten Jahre festgesetzt, bis wohin alle Vorbereitungen zu dem gewaltigen Kampf vollständig beendet und die Sepoy-Regimenter in ganz Indien durch die Agenten des Bundes zur offenen Erhebung vorbereitet sein sollten. Im Laufe der Debatte, an der der beleidigte Erbe des Peischwa von Bithoor absichtlich keinen Anteil genommen, hatte sich auf seinen Wink der deutsche Arzt ihm genähert und hinter ihm Platz genommen. In dem Gewirr der streitenden Stimmen befragte Srinath Bahadur den Boten seines unglücklichen Verwandten um Nachrichten von dem Verstorbenen. Diese Gelegenheit hielt Walding für günstig, um seinem neuen Beschützer das Papier zuzustellen, das die Bajadere ihm zu diesem Zweck gegeben hatte. »Hoheit,« sagte er während einer Pause des Gesprächs, »der Brief meines unglücklichen Freundes ist nicht das einzige, was ich dir zu überreichen habe. Du hast mich deines Schutzes versichert – darf ich auf denselben in jedem Falle für mich und ein anderes Wesen, das ich zu verteidigen habe, bauen?« »Srinath Bahadur ist gewohnt, sein Wort mit seinem Leben zu lösen!« »Dies Blatt,« fuhr der Deutsche fort, »ist mir anvertraut worden, es dir zu übergeben.« Der Indier nahm es und warf einen gleichgültigen Blick darauf. Aber plötzlich, bei dem Anblick eines dem Überbringer unverständlichen Schriftzeichens auf dem Umschlag, begannen seine Augen zu funkeln, er riß es hastig auseinander und überflog die wenigen Zeilen, die es enthielt. »Wer gab Ihnen das Blatt, Sir? – Antwort, bei allem, was Ihnen heilig und teuer ist!« zischte die Stimme des Maharadschah in französischer Sprache. »Um des Himmels willen, beruhigen Sie sich, Hoheit! Ziehen Sie nicht unnütz die Aufmerksamkeit der anderen auf uns, oder ich müßte schweigen!« »Sprechen Sie, Sir, – Sie sehen, ich kann alles ertragen!« »Ein Weib – eine Bajadere gab es mir!« »Wo ist sie?« Walding zauderte mit der Antwort. »Hören Sie mich an, Herr,« fuhr der Indier in den tiefen, seine innere Erregung verkündenden Gutturaltönen seines Landes fort. »Dies Blatt benachrichtigt mich in geheimnisvollen Zeichen, die mir für die Wahrheit bürgen, daß dem Schatz meiner Seele und meiner Gedanken, eine schreckliche Gefahr droht! Jetzt, Herr, urteilen Sie, daß ich um jeden Preis die wahre Überbringerin dieser Zeilen sprechen muß.« »Ich kann Ihnen nur weniges mitteilen, Hoheit, das Sie auf die Spur leiten kann, und ich fürchte, auch dieses wird Ihnen nicht helfen. Die Bajadere hat bereits diesen schrecklichen Ort verlassen.« »Wann?« »Diesen Morgen. – Sie sahen ihre leichte Gestalt, nur noch ein Punkt, verschwinden am Rande der Wüste.« »Wie – jene beiden Flüchtlinge, welche die Reiter des Sirdars verfolgen?« »Möge der Himmel sie beschützen! Aber still, um Gottes willen. – Niemand, am wenigsten unser Wirt, darf ahnen, wer jene Flüchtige war.« »Aber warum entfloh die Bajadere?« »Das hängt mit einem Geheimnis zusammen, das ich nicht enthüllen darf. Nur soviel kann und muß ich Eurer Hoheit vertrauen, daß die Person, für die ich Ihren Schutz angerufen, die Stelle Anarkallis vertritt und von ihr aus einer furchtbaren Gefahr errettet worden ist.« »Anarkalli – die berühmteste Tänzerin Indiens?« »So ist ihr Name. Sie selbst vertraute mir, daß sie die Tochter Tukallahs sei, obschon er es nicht ahnt.« »Auch ist in diesen Zeilen davon die Rede, daß der Eilbote, dem sie anvertraut worden, mir nähere Kunde geben würde. War der Mann, der mit ihr entflohen, vielleicht dieser Bote?« »Nein, Hoheit, es ist ein englischer Offizier, der ihr das Leben verdankt.« »Und können Sie mir gar keine Andeutung geben, was aus dem wahren Boten geworden ist, wo ich ihn finden kann?« Der Arzt schwieg, – er kämpfte mit sich und überlegte, wie weit er seine Vermutungen enthüllen dürfe, ohne seinen Tukallah und der Bajadere geleisteten Eid zu brechen. »Hoheit,« sagte er endlich, »als ich von dem englischen Schiff am Ufer des Sindh entflohen war und den Weg einschlug, Sie aufzusuchen, wurde ich am Rande der Thur von zwei jener indischen Mörder, die gleich Schlangen im Verborgenen ihr furchtbares Handwerk treiben, überfallen.« »Sie waren in den Händen der Thugs, wenn ich Sie recht verstehe, und leben noch?« fragte mit offenbarem Erstaunen der Prinz. »Ein Wunder rettete mich – die Dazwischenkunft des Herrn dieser Burg. Könnte nicht auf gleiche Weise der Eilbote an Sie in die Hände der Mörder gefallen und ihm jenes Papier geraubt worden sein?« »Aber wie kommt dann die Tänzerin in dessen Besitz?« – »Sie sagten soeben, Sir, daß Tukallah, oder Tantia-Topi, wie die Hindu ihn nennen, Sie aus den Händen der Mörder befreit hat. Geschah es durch Überfall und Gewalt?« »Tukallahs Ansehen,« erwiderte zaudernd der Deutsche, »scheint so groß in diesen Gegenden, sein Wort so gefürchtet, daß seine Gegenwart allein hinreichte, mich zu retten.« »Und Anarkalli ist die Tochter Tukallahs und rettete den Engländer?« »Sie liebt ihn und hat ihn unglücklicherweise in Gefahr gebracht. Doch, Hoheit, das ist alles, was ich Ihnen sagen darf – fragen Sie nicht weiter, ein doppelter Eid verschließt meine Lippen.« »Ich weiß genug, Herr. Treffen Sie Ihre Anstalten, um mich sofort zu begleiten, – ich werde Sorge tragen, daß die Haudah eines meiner Elefanten für Sie und die Person, die Sie aus dieser Burg entfernen wollen, bereit ist. Diese Männer haben ihre Beratung beendet – ich muß sogleich meinen Entschluß verkünden.« In der Tat schien der Derwar jetzt zur Einigkeit in den wichtigsten Beschlüssen gekommen und der Maharadschah nahm eine Pause wahr, um sich zu erheben und zu dem Herrn der Burg zu treten. »Mögen die Geister der großen Krieger Hindostans aus vergangenen Jahrhunderten Euch beistehen, tapferer Sirdar,« sagte er, »Srinath Bahadur ist ein Sohn Indiens und wird glücklich sein, das Land seiner Väter frei zu sehen, wenn er auch die weißen Faringi seine Freunde nennt. Damit er wisse, ob er es noch ferner tun kann, muß er sofort deine Burg verlassen und eilig seinen Weg nach Bithoor richten.« Der Sirdar sah ihn befremdet und mißtrauisch an: »Du willst uns so plötzlich verlassen – jetzt und in dieser wichtigen Stunde?« »Eine böse Ahnung ruft mich fort von hier – ich bitte dich, tapferer Sirdar, laß meine Leute benachrichtigen, daß sie sich bereit halten, binnen einer Stunde aufzubrechen. Das Feuer brennt die Sohlen meiner Füße, bis ich meinen Palast zu Bithoor erreicht habe.« Die Ankündigung dieses plötzlichen, unter den obwaltenden Umständen so eigentümlichen Entschlusses rief eine allgemeine Bewegung unter den Mitgliedern des Derwar hervor. »Tod dem Falschen, der uns zu verraten wagt!« ertönte es aus dem Kreise, der sich um Wirt und Gast drängte. Da warf sich der Mahratte zwischen die Streitenden. »Zurück!« schallte seine mächtige Stimme, »niemand soll sagen, daß Tukallah unter seinem Dach den Gast beleidigen ließ oder seinen Willen beschränkte. Die Faringi mögen das Gastrecht schänden, nicht der freie Mahratte. Nena Sahib hat das Recht zu gehen, wie er gekommen und wird unser Vertrauen mit sich nehmen.« Der Blitz in den Augen des Maharadschah verschwand, seine Hand ließ den Schwertgriff fahren. »Ich danke dir, tapferer Sirdar,« sagte er kalt, »daß du Srinath Bahadur Gerechtigkeit widerfahren läßt. Was mich so eilig von dir treibt, hat nichts mit den Dingen zu tun, die ihr hier verhandelt. Tantia-Topi hat selbst so viele Geheimnisse, daß er auch die seiner Freunde achten wird! – Laß den jungen Khan der Shiks und den Franken Hakim sich bereit halten, mich zu begleiten, denn ich schwöre der edlen Maharani, daß ich selbst ihr Werk fördern will. Der Sohn soll der Mutter zurückgegeben sein als Beweis, daß Srinath Bahadur es treu mit Hindostan meint, noch ehe der Mond zweimal gewechselt, oder ich will den Tilluk von meiner Stirn reißen und der Hund eines Paria werden.« Die Nachricht, daß der Maharadschah noch am selben Abend aufbrechen und seine Reise fortsetzen wollte, verbreitete sich schnell und seine Begleiter eilten herbei, die Befehle des Gebieters in Empfang zu nehmen. Rasch hatte der Sirdar eine kurze Beratung mit der Königin von Lahore und den Vornehmsten des Derwar gepflogen, und der Beschluß lautete, daß der Khan und der Deutsche den Maharadschah begleiten sollten, um mit seiner Hilfe das Werk der Befreiung des jungen Prinzen zu unternehmen. Sobald die Abreise des Nena entschieden war, hatte Walding die Miß davon in Kenntnis gesetzt und durch Kassim einen weiten verhüllenden Überwurf herbeischaffen lassen. Vergeblich aber war seine Hoffnung, sich des unheimlichen Dieners selbst bei dieser Gelegenheit zu entledigen. Der Thug erklärte, daß es seine Pflicht geböte, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen und bis der Tod seinen Eid löse. An seinen Armen verließ das zitternde Mädchen, in die langen Feredschis oder orientalischen Obergewänder gehüllt, den Kiosk und betrat den unteren Hof der Würgerburg, wo deren Bewohner und Gäste in dem bunten Treiben der Abreise versammelt waren. Der Peischwa bewies, daß er trotz der Aufregung seiner Seele und der Besorgnis, die sie erfüllte, an den Arzt und seinen Schützling gedacht habe; denn kaum hatte er den Hof betreten, als der Wink Nena Sahibs ihm den Elefanten zuwies, dessen Haudah sie aufnehmen sollte. Auf das Zeichen seines Mahoud beugte das mächtige Tier die Knie der plumpen Vorderfüße, die Leiter wurde angesetzt, und von dem Arzt unterstützt, bestieg Miß Editha die Haudah. In diesem Augenblick kam der Sirdar heran und winkte ihr zu verweilen. Das Herz in der Brust des Arztes hörte auf zu schlagen – ein Wort, ein Blick konnte ihr Verderben werden. »Die Granatblüte,« sagte er zu dem zitternden Arzt, »soll nicht bloß die Freude deines Leibes, sondern wird auch die beste Helferin eures Unternehmens sein. Sie ist schlau und gewandt und kennt meinen Willen. Nimm diesen Beutel mit Gold, Weib, und tue, wie dir's befohlen.« Zu Waldings Erstaunen und Freude hatte die junge Engländerin die Geistesgegenwart, nach der Sitte der Indier den Salem vor ihrem Gebieter zu machen, indem sie die Hand an die Brust und Stirn legte, um sie dann auszustrecken zur Empfangnahme des Geschenks. Da ließ ein tückischer Zufall, ein wehender Luftzug die Falten des weiten Feredschi von dieser Hand und dem Vorderarm gleiten. Der Blick des Sirdar fiel auf deren blendende Weiße – befremdet, mißtrauisch, trat er zurück und öffnete den Mund zu dem Befehl an die Bajadere, sich zu entschleiern. Der Maharadschah sah, daß irgendeine Gefahr drohte und rasch die silberne Pfeife ergreifend, gab er mit schrillem Ton das Signal zum Aufbruch. Die Geistesgegenwart der Lady hatte im Augenblick die verräterische Hand wieder unter den Falten des Gewandes verborgen, und den Salem wiederholend zog sie sich zurück in das Innere der Haudah. Das mächtige Tier erhob sich und der Sirdar trat zurück, im Glauben, daß das zitternde Licht der Fackeln seine Augen getäuscht. Durch die Wölbungen des Tores, über die Balken der Zugbrücke donnerten die schweren Tritte der gewaltigen Tiere, die Hufschläge der Rosse. Aber erst als die Felsenwände des Passes hinter ihnen lagen, fühlte des Deutschen Herz sich der schweren Last entledigt und der Gefahr entronnen.   Der nächtliche Weg, den die kleine Karawane des Maharadschah durch die Wüste nahm, erstreckte sich in derselben Richtung, welche am Morgen die beiden Flüchtlinge eingeschlagen hatten. Bald hatte die Bajadere, durch die warnenden Schüsse des Khans aufmerksam gemacht auf die Rückkehr des Sirdars und seiner Gäste, bemerkt, daß schon nach kurzer Zeit Anstalten zu ihrer Verfolgung getroffen wurden. Der Vorsprung, den sie bereits gewonnen, war indes bedeutend. Anarkalli wußte, daß ihre Pferde mindestens das Gleiche zu leisten vermöchten, und sie sah ein, daß die Jagd daher eine sehr langwierige werden würde, und erst im Dunkel der Nacht sie Hoffnung hätten, ihren Feinden zu entkommen. Ein Manöver ihrer Verfolger nötigte sie jedoch, von der Richtung, die sie anfangs direkt nach Osten genommen, abzuweichen, und sich weiter nach Süden hin in die traurigen Einöden der Thur oder Thul zu vertiefen. Den ganzen Vormittag ging, trotz der steigenden Sonnenglut, ihr Ritt in jener Richtung, und der Scharfsinn des Mädchens fand Mittel, schützende Hüllen für sich und den Geliebten gegen den Sonnenstich zu bereiten. Mit Schrecken jedoch bemerkte sie, daß dieser bald nur mit Mühe sich im Sattel zu halten vermochte. Die Leiden der vorhergegangenen Tage und Wochen hätten auch eine kräftigere Natur als die des jungen Offiziers überwältigen müssen. Trotz seiner Anstrengungen, sich aufrecht zu erhalten, schwankte er auf dem edlen Pferde, und die Bajadere sah voraus, daß er nicht lange mehr sich würde aufrechterhalten können, wenn es nicht gelänge, ihm Ruhe und Erfrischung zu schaffen. In diesem Augenblick fielen ihre Augen auf ein niederes Gestrüpp, an dem sie eben vorbeijagten, der Gebirgskette zu, die sich bereits vor ihnen erhob. Mit einem Freudenruf hielt das Mädchen ihr Roß an, sprang aus dem Sattel und rief ihrem Begleiter zu, inne zu halten. Dann half sie ihm vom Pferde, legte ihn sanft auf den heißen Erdboden und bereitete von den Resten ihres Schleiers ihm eine Schirmwand gegen die Sonnenstrahlen. Der Blick auf das Gestrüpp hatte ihr gezeigt, daß hier jene Kaktusart wuchs, welche die Eigentümlichkeit hat, in ihren großen kelchartigen Blättern den Nachttau des Himmels und die Feuchtigkeit der Luft aufzufangen, und zu einem reinen, süßen und stärkenden Saft destilliert, tagelang in ziemlich bedeutender Menge zu bewahren. Indem die Tänzerin bei der Entdeckung dieses wie von Gott gesandten Hilfsmittels ihre Augen zugleich über den Horizont schweifen ließ, erkannte sie, daß sie wohl eine Stunde Zeit vor sich hatten, ehe ihre Verfolger nahe genug herankommen konnten, um ihnen gefährlich zu werden. Rasch entschlossen entschied sie sich dafür, hier eine notwendige Rast zu machen, um ihnen dann mit den einigermaßen ausgeruhten Pferden aufs neue zu entfliehen. Sie öffnete daher diesen den Zaum und ließ sie an den Stauden der Kakteen sich Nahrung suchen, während sie eine Anzahl der Blätterkelche mit der tauigen Flüssigkeit sammelte, um den Erschöpften damit zu stärken. Nicht eher, als bis dies vollständig geschehen, gestattete sie ihren eigenen Lippen, gleichfalls sich zu erfrischen. Sie bat den Offizier, sich der Ruhe zu überlassen und setzte sich an die Seite des fast im Augenblick Entschlafenen, das Näherkommen ihrer Verfolger zu beobachten. Es mochte eine volle Stunde verflossen sein, als Anarkalli ihren Schützling weckte und die Pferde herbeiführte. Die Reiter des Sirdars waren kaum noch eine englische Meile entfernt und kamen nur so schnell heran, als es der Zustand ihrer abgetriebenen Pferde erlaubte, da sie jetzt wieder ihre Opfer entdeckt hatten. Ein verächtliches Schwingen ihrer Hand in der Luft gegen die Verfolger wurde von diesen mit wildem Geschrei und dem nutzlosen Abfeuern mehrerer Flinten- und Pistolenschüsse erwidert, dann ließen sie ihre Rosse die Zügel fühlen und jagten aufs neue davon. Aber sie hatten noch kaum hundert Schritt zurückgelegt, als die Bajadere mit Entsetzen bemerkte, daß ihr Pferd stark auf dem einen Fuß lahmte. Leutnant Sanders hielt sogleich sein Pferd an und fragte nach der Ursache des Verweilens. »Ein böser Geist ist in dem Fuß meines Rosses,« erklärte die Tänzerin, – »sein Huf muß verletzt sein und einen der großen Dornen der Dschungel oder einen spitzen Stein eingetreten haben.« Sie war bereits am Boden und überzeugte sich von der Richtigkeit der ersten Vermutung, aber zugleich auch, daß die Verwundung so bedeutend war, daß das Tier den Lauf nicht weiter fortsetzen konnte. »Lakschmi Die Göttin des Glücks ist wider uns,« sagte sie hastig, »wir müssen uns trennen! Fliehe, o Faringi, dem Aufgang der Sonne zu und gedenke des Hindumädchens, das dich geliebt bis zum Tode!« »Nicht ohne dich, Anarkalli,« erklärte der junge Mann mit ritterlichem Entschluß. »Schwinge dich auf die Kruppe meines Pferdes, es ist stark genug, uns beide zu tragen. Weigerst du dich, bei meiner Ehre! so fliehe ich keinen Schritt weiter!« Eine Flintenkugel, die über sie hinwegstrich, verstärkte seine Worte, – das Triumphgeschrei der Verfolger tönte laut in ihren Ohren. Da sprang die Tänzerin mit einer raschen Bewegung auf das Pferd. »Fort! Fort! und Cartikaia möge uns helfen!« Von neuem begann jetzt die wilde Hetze. Von den zehn Reitern Tukallahs vermochte nur noch die Hälfte die Verfolgung fortzusetzen, die jetzt in gerader Linie den emporsteigenden Bergwänden zuging. Anarkalli erkannte jetzt die Absicht, in der ihre Gegner sie nach dieser Richtung gedrängt hatten. Ein Zweig des Arawalligebirges erhob sich vor ihnen, und am Fuß dieser Berge dehnten sich die Moräste und Sümpfe aus. Schon geraume Zeit wand ihr Lauf sich zwischen diesen Sümpfen hin, und wie ermüdet auch die Pferde ihrer Verfolger, erkannte das Mädchen doch, daß auch ihr Turkomanenhengst nicht länger die doppelte Last zu tragen vermöge und die Entscheidung herannahe. Endlich erblickten sie sich auf einer schmalen Felsenenge, die zwischen tiefen Sümpfen zu einer breiten Lagune und über diese hinweg zu einer hohen Bergwand führte, vor der sich eine mit indischen Fichten bewachsene Strecke Landes im Halbkreis ausdehnte, so daß sie von Sumpf und Bergen eingeschlossen und kein Ausgang sichtbar war. Umzukehren und einen anderen Weg zu suchen, war nicht mehr möglich, denn zwei der Reiter des Sirdar folgten ihnen jetzt in der Entfernung von etwa fünfzehnhundert Schritt. In die mit wildem Gebüsch und Schlingpflanzen bewachsene Bergwand schien eine enge Schlucht oder Spalte zu führen und am Eingange derselben erkannten sie jetzt die große Gestalt eines Mannes mit langem weißen Bart, phantastisch in Lumpen und Tierhäute gekleidet. Seine Füße waren nackt und in der Hand hielt er einen großen keulenartigen Ast oder Baum. »Lakschmi sei gelobt!« rief das Mädchen, indem es das Roß auf die seltsame Erscheinung zutrieb. »Das muß Fair-Eddin , der heilige Einsiedler der Sümpfe sein, der Raô der Krokodile! Laß uns seinen Schutz erflehen!« Sie warf sich von dem wankenden Pferde, half ihrem Gefährten herunter und zog ihn nach dem Bewohner dieser Wüstenei hin. Der Greis hatte mit wilden Blicken die Szene und die Herankommenden betrachtet. Ein unheimliches fanatisches Feuer glühte in seinen geröteten Augen, als er jetzt mit nerviger Faust die Keule durch die Luft schwang. Jetzt erst konnte der Offizier bemerken, welche furchtbare Waffe dieselbe abgab. Das untere Ende des jungen Baumes, denn aus einem solchen bestand die Keule des Fakirs, bildete noch der dicke Wurzelknoten, durch den lange, starke Eisenspitzen geschlagen waren, so daß er dem Kolben eines altertümlichen Morgensterns glich, nur fester und noch gefährlicher, als ein solcher. »Fluch über dich, Tochter des bösen Geistes. Weißt du nicht, daß kein Weib sich der Hütte Fair-Eddins, des Einsiedlers, nahen darf? Entweiche zur Stelle mit dem Ungläubigen von hier, ehe meine Keule euer Hirn verspritzt, oder die Stimme meine Kinder ruft, daß sie euch verschlingen!« Der Engländer wollte seine treue Gefährtin aus der gefahrbringenden Nähe des wahnwitzigen Fanatikers hinwegziehen, aber Anarkalli riß sich von seiner Hand los, flog furchtlos auf den Grimmigen zu und umfaßte seine Knie. »Vater,« rief sie, »Wischnu ist gnädig, der mich in meiner höchsten Not dich, den Totgeglaubten, Verlorenen, finden läßt! Rette mich und jenen Mann, dem meine Seele gehört, vor unseren Verfolgern!« Der Fakir ließ bei diesem Anruf die erhobene Keule sinken. »Wer nennt mich Vater mit einer Stimme, die aus dem Grabe vergangener Zeiten tönt?« fragte er mit melancholischem Ausdruck. »Wer bist du, Weib, – die mich an Vergangenes mahnt?« »Bei dem Andenken deines Weibes, meiner Mutter, – obschon sie deine Liebe nicht verdiente! Du bist Araban, der Brahmine, und ich bin Anarkalli, das Kind, das du auf deinen Armen getragen und das die Freude deines Herzens war, bis zu jenem Tage, da die Faringi dein Weib beschuldigten, eine Thug zu sein und sie hinrichteten. Willst du mich sterben sehen zu deinen Füßen?« Fair-Eddin, der Einsiedler, strich mit der Hand über seine Stirn, gleich als wolle er seine Gedanken sammeln. »Deine Stimme ist die des Kindes der Falschen und deine Augen leuchten wie die Blüte der Granate. Aber Araban, der Wächter des Tempels von Hadramaut, ist tot, und Fair-Eddin allein weilt unter den Lebendigen! Willst du dein Leben von dem, der seit langen Jahren selber mit Sehnsucht des Todes harrt? Ich habe andere Kinder als dich, und sie sind gehorsam meiner Stimme, während du flohst aus der Hütte dessen, der dich genährt mit seinem Herzen.« Das Herbeikommen der Reiter Tukallahs unterbrach seine Rede. Sie stürmten mit wildem Geschrei, den Säbel schwingend, heran. »Fort mit euch in jene Höhle und schließt hinter euch die Tür. Nehmt euer Roß mit euch – meine Kinder sind hungrig!« Ohne ein Wort weiter zu entgegnen, zog Anarkalli, den Zügel des Rosses haltend, dieses und den Offizier nach dem Eingang der Höhle, die sich in die Bergwand öffnete. Stuart Sanders, der sich des Dolches der Tänzerin bemächtigt hatte, blieb an der Tür stehen, die Szene vor dem Eingang zu beobachten, und entschlossen, den ersten, der es versuchen würde, mit in die Höhle einzudringen, niederzustoßen. »Was wollt ihr auf der Insel Fair-Eddins?« fuhr der Einsiedler die heranstürmenden Reiter rauh an, indem er wiederum seine mächtige Keule schwang. »Wer wagt es, mein Gebiet in solcher Weise zu betreten?« »Heiliger Mann,« sagte der Schobedar – »verzeih' unsere Eile, aber wir sind auf Befehl unseres Herrn, des mächtigen Sirdars der Malangher-Burg, Tukallahs, des Mahratten, in der Verfolgung zweier flüchtiger Verbrecher begriffen, die deinen Schutz nicht verdienen. Gib sie heraus, frommer Einsiedler, und kein Haar auf deinem Haupte soll gekrümmt werden.« »Fort mit dir, feiler Sklave eines blutigen Gebieters. Kehre zurück zu deinem Herrn und sage ihm: wer das Kleid des Königs der Gepanzerten berührt, stehe unter seinem Schutz.« »Fakir – widersetze dich nicht vergeblich unserm Willen,« sprach der Anführer der Reiter, deren Zahl bereits auf vier angewachsen war. »Du bist ein Greis und kannst die Flüchtlinge nicht gegen eine überlegene Zahl verteidigen.« »Der Fluch Yamas über dich, wenn du es wagst, meinem Worte ungehorsam zu sein! Die Folgen kommen über dich!« »Was sollen wir uns mit dem alten Toren streiten,« rief einer der Reiter, ein Mahomedaner und der wildeste von allen. »Vorwärts, Brüder, und seine Schuld ist es, wenn ihm Unheil widerfährt.« Während die anderen noch zauderten, Hand an den durch ihren Glauben geheiligten Fanatiker zu legen, sprang der Moslem vorwärts. Der Fakir schwang mit einem grimmigen Rufe seine Keule. Zugleich brachte er eine kurze Rohrpfeife, die er im Gürtel trug, an die Lippen und blies einen schrillenden, lang gezogenen Ton darauf. Aus den Schlammkreisen erhoben sich sechs scheußliche Riesenhäupter, schlugen die langen, spitzen Kinnladen mit jenem Geräusch aufeinander, und stierten mit den großen, gläsernen Augen umher. Wiederum scholl, während der Angreifer erstarrt zurückwich, der schrille Ton der Rohrpfeife in anderer Modulation. Das schlammige Wasser spritzte empor, während sechs gewaltige Leiber herausschossen und auf den kurzen breiten Schwimmfüßen wie auf gemeinsames Kommando ans Ufer rannten. Sechs riesige Krokodile öffneten ihre gewaltigen Zahnreihen gegen die Feinde ihres Gebieters. Man beschuldige uns hier nicht etwa einer phantastischen Übertreibung. Es existiert in der Tat in Indien ein solcher Teich, dessen scheußliche Bewohner auf das Zeichen der an seinem Rande wohnenden Fakirs ans Ufer kommen, wie Hunde zu gehorchen gewöhnt sind, und häufig Fremden gezeigt werden. Der unglückliche Moslem sah zu spät die furchtbare Gefahr ein, in die er sich gestürzt, und suchte vergeblich sein Pferd zu erreichen. Die nächste der riesigen Eidechsen verrannte ihm den Weg, ein Schlag mit dem schuppigen Schwanz traf ihn und warf ihn zur Seite, im nächsten Moment hatte sich das Krokodil gewandt, sein langer Rachen schnappte nach dem Unglücklichen, und unter dem Jammergeschrei des Mannes verschwand das Ungeheuer mit seiner Beute in der trüben Flut der Lagune. Die fünf anderen Krokodile, als sie sahen, daß die nächste Beute ihnen entgangen, hockten auf den Ton der Pfeife wie Hunde umher und ließen ihre Kinnladen mit jenem scheußlichen Ton auf- und niederklappen. Der Einsiedler holte von dem Stamm einer Fichte mehrere dort aufgehängte halb verweste Stücken Fleisch und warf sie den grimmigen Eidechsen zu, die wild durcheinanderschossen und um die Nahrung sich balgten und bissen. Mit Staunen und Entsetzen hatte der britische Offizier dies Schauspiel durch die Spalten der Tür mit angesehen, und konnte sich des Schauders nicht erwehren, obschon ihre Rettung dadurch gesichert ward. Der Abend war unterdes herangekommen. Der Fakir öffnete die Tür der Hütte und betrat die Höhle, die ihm zur Wohnung diente. »Eine Lüge würde über die Lippen Fair-Eddins gehen,« sagte er finster, nachdem er eine große eherne Lampe von antiker Form angezündet, »wenn ich, gleich wie der Wirt den Gastfreund, dich willkommen heißen wollte, o Faringi! Doch hast du dich in meinen Schutz begeben, und er soll dir und jenem Mädchen werden. Nehmt das wenige, was an Speise und Trank vorhanden ist, indes ich dein Lager bereite. Für diese Nacht seid ihr sicher, denn die Kinder des Sumpfes bewachen den Eingang, und wehe dem, der sich ihnen im Dunkeln zu nahen wagt.« Die Bajadere war indes auf alle mögliche Weise bemüht, die Lage ihres Geliebten zu erleichtern. Sie untersuchte seinen Arm, befestigte den Verband aufs neue und kühlte die Geschwulst mit Wasser. Der Fakir sah ihr schweigend zu, dann erhob er sich, ging hinter den Vorhang am Ende der Höhle und kam mit einer Flasche zurück, die mit einer hellen durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt war. »Es ist töricht, daß ich das Wasser des Lebens verschwenden will an einen Ungläubigen. Feuchte das Tuch mit diesem Wasser, das von der Hand guter Geister in der Nacht des Wischnufestes aus der heiligen Quelle auf der Höhe des Dhawalagiri geschöpft ist. Jeder Tropfen des kostbaren Naß ist wie der Tau des Himmels und heilt die Wunden.« Das Mädchen tat, wie der Greis befohlen, und befeuchtete den kranken Arm. Dann goß der Einsiedler noch einmal von dem Wasser in die Schale und streute ein Pulver hinein, das ein leichtes Aufbrausen verursachte. »Trink,« sagte er, indem er dem Engländer die Schale reichte, »und mit Wischnus Segen wird morgen jede Spur des Fiebers gewichen sein. – Trink, Hund von einem Faringi!« wiederholte er wild und griff nach seiner Keule, als der Leutnant einige Augenblicke mißtrauisch zauderte. »Trink, oder ich zerschmettere deinen Kopf! Wagst du es, den heiligen Zauber zu verachten, der in dem Wasser wohnt, übermütiger Christ?« Seine Augen glühten in wahnwitzigem Zorn auf, so daß der Offizier auf jede Gefahr hin sich beeilte, den Trank zu verschlucken. Sogleich legte sich der Zorn des Fakirs, und er zeigte sich bemüht, für seinen Gast ein Lager zu bereiten. Einige Tierfelle wurden in einer Seitenhöhle – wohin auch das Pferd gebracht worden, nachdem es getränkt und mit Maiskörnern gefüttert war, – ausgebreitet, und hier hieß der Herr der Höhle seinen Gast Platz nehmen. Eine kurze Zeit noch, nachdem er sich auf dem Lager ausgestreckt, horchte er auf das klagende Geräusch der Kinnladen der Krokodile sowie auf die Rede des Fakirs, der in einem ihm unbekannten Dialekt in der größeren Höhle mit der Tänzerin sprach, und ein tiefer, wohltätiger Schlaf überwältigte seine erschöpften Sinne. Es war bereits mehrere Stunden nach Sonnenaufgang, als ihn die Berührung der Hand Anarkallis weckte. Er fuhr aus seinem Schlafe empor und fühlte sich überaus wohl und gekräftigt, die Schmerzen an seinem Arm waren wunderbar verschwunden, und er sprang rasch von seinem Lager. »Es ist Zeit, daß wir uns zum Aufbruch rüsten,« sagte die Bajadere, »neues Unglück ist auf unseren Fersen, und Krischna möge uns Kraft und Mut geben, ihm zu widerstehen.« Erst jetzt, als er sie näher betrachtete, bemerkte der Offizier, daß das Mädchen Männerkleidung trug. Ein Turban verhüllte ihre schönen Haarflechten und in ihrem Gürtel steckten Pistolen und Dolch. Gleiche Waffen hielt sie für ihn in der Hand und auf dem Boden lag eine ähnliche orientalische Kleidung wie die ihre. »Was ist geschehen? Wie kommst du zu diesen Kleidern?« fragte der Engländer. »Die Reiter Tukallahs,« berichtete die Bajadere, »haben sich um den Ausgang der Moräste verteilt und bewachen ihn auf allen Seiten, um unsere Flucht zu hindern, denn sie wissen, daß diese Felsen unübersteiglich sind. Sie haben zwei der ihren zurück in die Wüste gesandt, um Hilfe herbeizuholen. Ehe diese zurückkehren, müssen wir noch einmal der Kraft unseres Pferdes und der gütigen Göttin vertrauen. Fair-Eddin, der Einsiedler, ist mein Vater, wenn auch nicht mein Erzeuger! Meine Bitten haben sein Herz gerührt, und er hat versprochen, unsere Flucht zu sichern. Diese Waffen und diese Kleider hat er uns aus den Vorräten gegeben, welche die wandernden Stämme, die ihn verehren, in diesen unterirdischen Höhlen niedergelegt haben. Lege die Gewänder so rasch wie möglich an, indes ich das Pferd, welches uns tragen muß, bereit halte.« Als sie sich hierauf entfernt, vertauschte der Offizier nicht ungern seine Kleidung, die sich infolge der Abenteuer, welche ihn betroffen, in einem höchst traurigen Zustande befand, mit den bequemen orientalischen Gewändern, und stand bald in der kleidsamen Tracht eines Wüstenreiters da. So trat er in die größere Höhle, wo Anarkalli seiner harrte mit einem Brei von Mais, den sie ihn rasch zu sich zu nehmen bat. Der Engländer hatte kaum sein kärgliches Mahl vollendet und Zügel und Gurt seines Pferdes untersucht, als der Einsiedler hereinstürzte. »Fort mit euch!« rief er – »warum zögert ihr, wenn das Unheil auf euren Fersen ist? Eure Feinde haben Beistand gefunden in der Wüste, und kommen heran, euch zu fangen! Fort, ehe sie jeden Weg durch die Sümpfe versperrt haben!« Anarkalli eilte ihm voran zum Eingang und warf einen Blick über die Gegend umher. »Es ist bereits zu spät,« sagte sie – »die Reiter haben den Zugang des Dammes besetzt und breiten sich nach allen Seiten aus. In wenigen Augenblicken werden sie vor der Tür und wir dennoch verloren sein, wenn du uns nicht nochmals errettest, Vater.« In der Tat hatte einer der ausgesandten Boten in der Wüste einen Trupp umherschweifender Beludschen angetroffen und die wilden Krieger durch Versprechungen bewogen, ihnen Beistand zu leisten. »Rufe die Krokodile, alter Mann, oder es wird zu spät,« flehte die Tänzerin. »Schon haben sie die Hälfte des Weges erreicht!« »Was hilft es, daß ich meine Kinder auf die Verfluchten hetze,« murrte der Greis. »Der Knall der Feuerwaffen in ihrer Hand wird sie erschrecken und zurück in die Sümpfe jagen! Indes gelingt es vielleicht, sie aufzuhalten; denn ich möchte nicht das letzte Mittel anwenden, das mir bleibt, obschon ihr mein Brot gegessen habt und ich euch retten muß um jeden Preis.« Er ergriff seine Keule und verließ wiederum die Höhle, wo der Leutnant unterdes, so gut der Gebrauch des einen Armes es ihm erlaubte, die erhaltenen Waffen zum Kampf instandsetzte. – Gleich darauf hörten sie die Rohrpfeife des Fakirs seine furchtbaren Wächter herbeirufen, und das klappernde Geräusch ihrer Kinnbacken verkündete alsbald, daß die grimmigen Eidechsen auf ihrem Posten waren. Auch die Reiter hatten ihre Feinde erblickt und rückten, schußfertig, die Flinten in der Hand, mit Geschrei heran, während Fair-Eddin die Keule um sein Haupt schwang und mit lautem Geheul einen wilden Tanz begann, gleich als wolle er die Bestien dadurch zum Widerstande ermuntern. Der Offizier und das Mädchen beobachteten die furchtbare Szene durch die Spalten der Tür. »Söhne unreiner Tiere,« heulte der Fakir – »wollt ihr es nochmals wagen, die Wohnung des Friedens zu verletzen? »Wir wollen nichts von dir und haben nicht im Sinn, dich zu kränken,« rief der Schobedar, »aber sei weise, wie dein weißes Haar es gebietet, und gib uns die Fremdlinge heraus, die gestern bei dir Schutz gefunden.« Der Fakir stieß ein höhnisches Gelächter aus. »Schau auf die Wolke, die über den Himmel zieht. Weißt du, woher sie gekommen und wohin sie geht? Ein Narr ist, wer die Fährte seines Feindes kalt werden läßt.« »Deine Ausflüchte helfen dir nichts,« erwiderte unwillig der Mahratte. »Wir haben den Fels und die Sümpfe bewacht, und wissen, daß sie nicht entflohen sein können. Aber wir wollen deine Hütte untersuchen und uns überzeugen, daß die Flüchtlinge nicht mehr darin verborgen sind.« »So kommt herbei und seht!« höhnte der Fakir, indem er aufs neue den wilden Tanz begann. »Die Sache muß ein Ende haben,« rief der Schobedar. »Schont den alten Toren, denn es ist ein heiliger Mann, und dann gebt Feuer auf die Bestien.« Die Kugeln prasselten auf den dicken Schildern der Rieseneidechsen, ohne ihnen weiteren Schaden zu tun, als sie zu erschrecken. Nur eine der Bestien hatte durch ihre zufällige Lage eine Kugel in den Unterleib, den allein verwundbaren Teil, erhalten und stürzte sich mit einem wütenden Sprunge ins Wasser. Augenblicklich folgte ihr die ganze Schar und verschwand in der trüben Flut. Als sich der Pulverdampf verzogen, war jedoch auch der Einsiedler verschwunden. Er hatte die Gelegenheit benutzt, um sich in das Innere seiner Höhle zurückzuziehen und war jetzt bemüht, die Haltbarkeit der Tür durch das Vorschieben großer Steine und eines mächtigen Balkens zu verstärken. Die Mahratten machten sich bereit, den Eingang zur Höhle zu erzwingen. Unterdes hatte der Einsiedler zwei Fackeln aus einer Felsspalte hervorgeholt, zündete die eine an und gab sie der Tänzerin. »Wenn du ein Krieger der Faringi bist,« befahl der Greis, »so tue einen Schuß durch die Tür unter den Haufen dieser Söhne der Finsternis; es wird sie abhalten und uns Zeit gewähren. Du Tochter, nimm den Zügel des Pferdes und ziehe jenen Vorhang zur Seite.« »Steht, Söhne des Teufels!« schrie der Greis. »Das Verderben ist vor euch und hinter euch, ihr Verächter der Heiligen. Schaut um euch und ihr werdet das Nahen derer sehen, die uns zur Hilfe eilen.« Der Schobedar blickte sich um und sah mit seinen Genossen in der Tat jenseits der Sümpfe eine Staubwolke herankommen, die eine große Reiterschar zu bergen schien. »Vorwärts, Freunde, erbrecht die Tür!« Die Reiter machten einen Anlauf. »Nimm den Vordersten der Schurken aufs Korn,« flüsterte der Fakir. »Dann wirf dich rasch zur Seite, denn sie werden uns ihre Kugeln senden.« Der Beludsche berührte fast die Tür, als ihn der Pistolenschuß des Offiziers mitten in die Brust traf. Die Angreifenden wichen bestürzt zurück und begannen jetzt aus einiger Entfernung den Zugang der Höhle mit ihren Flinten zu beschießen. Die beiden Verteidiger derselben hatten sich jedoch längst zurückgezogen. Jetzt bemerkte der Offizier, was er am Abend vorher geahnt, daß der Vorhang im Hintergrund nur den Zugang weiterer unterirdischer Räume verbarg. Der Fakir winkte zu folgen und schritt ihnen rüstig voran in ein Labyrinth von Gängen und Windungen, das immer tiefer in das Innere des Berges hineinführte. Der Weg war oft holprig und uneben von Felsstücken unterbrochen, und von so niederen Wänden und Decken, daß kaum das Pferd hindurchzubringen war. Sie konnten noch keine zehn Minuten vorwärtsgedrungen sein, da verkündete ihnen das im Echo der Felsengänge sich fortpflanzende Geräusch das Stürzen der Tiere und das Triumphgeschrei ihrer Feinde, daß diese in die Höhle eingedrungen waren. Das stärkere Rufen und Lärmen zeigte ihnen bald, daß jene den Weg ihrer Flucht entdeckt und auf ihrer Verfolgung begriffen waren. »Die Dämonen mögen ihre Schritte irreleiten!« rief der Greis. »Vorwärts, vorwärts, sonst erreichen sie euch, ehe wir in Sicherheit sind.« – – Unter den Pinien vor dem Eingang der Berghöhle hielten jetzt mehrere Reiter von jener Karawane, welche das scharfe Auge des Einsiedlers durch die Wüste herankommen gesehen, deren größerer Teil aber jenseits der Sümpfe zurückgeblieben war. Einige Fragen, die der Anführer der Fremden an die Diener Tukallahs getan, überzeugte ihn, daß er auf der richtigen Spur sei. »Tausend Rupien!« rief der vornehme Fremde mit erhobener Stimme, »wenn ihr das Weib lebendig aus der Höhle bringt. Aber der Tod dem, der ihr ein Haar zu krümmen wagt!« Durch die Aussicht auf die Belohnung angefeuert, drangen die wilden Bewohner der Wüste mit verdoppeltem Eifer in die finsteren Windungen der Höhle ein, aus denen ihnen der ferne Schein der Fackel wie ein Leitstern leuchtete. Im Umschauen bemerkte der Offizier, daß die Feinde immer näher kamen und kaum hundert Schritte noch von ihnen waren. Auch der Fakir hatte die Nähe der Gefahr bemerkt, drängte jedoch noch immer zum Vorwärtseilen. »Nur wenige Augenblicke noch,« mahnte er, »und nicht die Macht Akhbars in seinem Glanze sollte imstande gewesen sein, euch zu erreichen. Nimm die Fackel, Tochter, und gehe voran, du aber, Christ, bleibe bei mir, und wenn sich einer der Verfluchten naht, so schieße ihn nieder.« Der Gang hatte sich jetzt zu einer weiten Wölbung mit flachem Boden erweitert. Der Fakir deutete nach der gegenüberliegenden Wand, wo zwei kolossale Felsklumpen, gegeneinander geneigt, kaum Raum ließen zu einem schmalen Gang. »Dort hinein, Anarkalli, und vorwärts! Vor dir sei der Tag, hinter dir die Nacht. Hinein in den Gang mit dir, Christ, und tue, wie ich dir befohlen.« Der Greis schwang sich auf einen Stein im Eingang der Schlucht und steckte seine Keule gleich einem Hebel unter den riesigen Felsblock, der auf seiner Unterlage nur mit scharfer Kante schwebend, gleichsam wie ein Schlußstein, die ganze Last des hängenden Gewölbes zu tragen schien. Die Mahratten Tukallahs und die Beludschen drangen mit Triumphgeschrei in den offenen Raum und eilten der Bajadere nach, die mit Mühe das Pferd vorwärts zog. Leutnant Sanders legte die zweite Pistole auf den Vorsprung eines Steins, zielte bedächtig und sein Schuß warf den Vordersten zu Boden. »Nieder mit den Hunden,« schrie der Schobedar, in dem Zorn die Drohung des Nena vergessend, »laßt uns sie töten, wenn sie sich nicht ergeben wollen!« Eine Flintensalve krachte durch das Gewölbe und gleich einem gigantischen Echo des die Luft erschütternden Knalls rollte es wie tausend Donner durch die Gänge und Klüfte. Der urweltliche Fels schien zu erbeben, der mächtige Berg aus seinen Fugen zu reißen und sich zu bewegen. Ein erstickender Staub benahm für einige Augenblicke dem Offizier und der Tänzerin die Luft und verlöschte die Fackel. Ihre Hände tasteten verzweifelt in der furchtbaren Dunkelheit umher, dann rang ein Schrei der Verzweiflung sich aus der Brust des Mädchens. Der Ruf des Offiziers und ein klagendes Stöhnen antworteten ihr. »Wo bist du, Anarkalli, meine Tochter?« fragte eine leise Stimme. »Komm her zu mir, daß ich dich segne, ehe Yama mich zu dem Reiche der Schatten ruft. Nimm diesen Stein und schlage mit der Klinge deines Dolches Feuer, daß ich noch einmal dein Antlitz sehe.« Die Tänzerin hatte sich zu dem Ort hingetastet, von dem die Stimme herkam, und Stein und Zunder gefunden, den ihr der Fakir reichte. Wenige Augenblicke nachher verbreitete die Fackel wieder ihr Licht und zeigte die furchtbare Zerstörung, welche sie gerettet. Die Kraft des Fanatikers hatte den Felsblock am Eingang der Schlucht von seiner Unterlage gehoben und mit ihm die ganze Decke des Gewölbes zusammengestürzt. Der Weg, den die Laune der Natur vor Jahrtausenden geschaffen, war für die Ewigkeit geschlossen. Die Mehrzahl ihrer Verfolger lag unter den Trümmern begraben, nur wenige, die das Gewölbe noch nicht betreten, erreichten wieder das Tageslicht und verkündeten dem harrenden Peischwa das furchtbare Ereignis, von dem sie natürlich auch die Flüchtlinge vernichtet glauben mußten. Der Greis selbst lag am Boden, ein Stein hatte seine Brust getroffen und ihn tödlich verletzt. »Tretet her zu mir,« sagte der Sterbende, »daß mein Wort euch den Weg der Rettung zeigen möge. Schiwa ruft mich zu den heiligen Wandlungen,« flüsterte der Brahmine. »Zieht den Gang weiter – er führt euch an die andere Seite des Gebirges – sie müßten zehn Stunden reiten, wollten sie jene Stelle erreichen.« Seine Augen nahmen plötzlich einen seltsamen Glanz an. »Doch warum fliehen den Tod? Steht nicht Bhawani hinter euch und legt die Hand auf euer Haupt? Ströme von Blut! Ströme von Blut! Und er – dessen Leben du jetzt wie deinen Augapfel schirmst – er muß sterben von deiner eigenen Hand! Das Blut einer Thug rollt in deinen Adern! – Weh mir – tötet das Krokodil nicht! tötet das Krokodil nicht – meine Seele ist in ihm!« Die Gestalt des Greises streckte sich und er hatte ausgelitten. Der Offizier schauderte zusammen, als er die kalte Hand der Tänzerin auf der seinigen fühlte – sie, die ihm nach der Prophezeiung des Toten dennoch den Tod bringen sollte. »Laß uns aufbrechen, das Licht des Tages zu finden,« tönte die zitternde Stimme des Mädchens. »Unser Weg ist weit, und er hat den seinigen begonnen.« Sie deckte ein Tuch über das Gesicht des Toten und ging mit der Fackel voran, den Pfad zum Leben zu suchen. Tod den Faringi! Der Palast Nena Sahibs zu Bithoor im Audh war ein prächtiges, langgedehntes Gebäude in halb europäischem, halb indischem Stil. Ein langes Eisengitter mit Türen und Einfahrten schloß den Vorplatz des Hauses von der Straße ab, während ein breiter Kanal vom Ganges hergeleitet bis an diesen Vorplatz sich erstreckte und dem Besitzer somit erlaubte, aus einem Säulengang direkt den Fuß in seine Barken zu setzen. Seit drei Monaten jedoch – eine solche Zeit war verstrichen seit dem letzten Kapitel unserer Erzählung – schien die Freude und die Lust aus den glänzenden Hallen des Palastes zu Bithoor verschwunden. Einsam und schweigsam lag das prächtige Gebäude, und nur aus den Zweigen der Tamarinden erklang der liebliche Gesang der indischen Nachtigall. Seit dem rätselhaften Verschwinden des geliebten Weibes, von dem die eifrigsten Nachforschungen des Maharadschah auch nicht die geringste Spur hatten ermitteln können, lag es wie ein finstrer Schleier auf der Seele des Fürsten. Er hielt sich größtenteils in seine innersten Gemächer eingeschlossen, sah nur wenige Menschen und verbrachte seine Zeit im stummen Brüten. Gibson war der einzige, mit dem er sich besprach. Der Bote, den er bald nach seiner Rückkehr nach Ihansi gesandt, sich nach dem Zustand O'Sullivans zu erkundigen, hatte die Nachricht gebracht, daß dieser an den Folgen der furchtbaren Operation, wie Doktor Todd gefürchtet, gestorben war. Der volle, lebenskräftige, Genuß und Gefahren liebende Mann war ein finsterer Fanatiker geworden, aus dessen Augen ein verzehrendes Feuer brannte. Jener unheimliche, dämonische Blick, der früher in Momenten der höchsten Aufregung aus seinen dunklen Augen zu blitzen pflegte, brach jetzt öfter als je hervor und scheuchte seine Umgebung zurück. Die Regenzeit war vorüber – man zählte an dem Tage, da wir unsere Geschichte wieder aufnehmen, den 18. Oktober – und der erquickende Himmelshauch der gemäßigten Jahreszeit lag über der prächtigen, üppigreichen Gegend. In diese Zeit fällt das reizende poetische Fest der Wasserlichter. An diesem Tage strömen die Frauen und Mädchen der Hindus, oft aus weiter Ferne herbeigekommen, zu den Ufern des Ganges, des heiligen Stroms. Jede hält in der zierlichen kleinen Hand ein aus Holz oder Borke geschnitztes, reich verziertes Kähnchen. Dann, wenn die Sonne am Horizont versunken ist und die Dämmerung sich in die sternengoldne Tropennacht verwandelt, sieht man, so weit das Auge reicht, tausende weißer Gestalten ihre Kähnchen, auf denen sich eine brennende Lampe befindet, in den Fluß setzen. Jede verfolgt mit ängstlicher Spannung das von den Wellen geschaukelte Schiffchen mit ihrem Hoffnungslichte, an dessen Erhaltung irgendein Wunsch sich knüpft. Bleibt es so lange sichbar, als das Auge es zu verfolgen vermag, dann wird der dem heiligen Strom anvertraute Wunsch erfüllt, erlischt es aber früher, so ist auch die gehegte Hoffnung untergegangen. Und obgleich oft tausend solcher kleinen Lämpchen von den Wellen bergauf, bergab geschaukelt werden, so weiß doch jede das ihrige bis in weite Ferne genau zu unterscheiden. Auch an diesem Abend drängten sich die leichten zierlichen Gestalten der Frauen und Mädchen mit ihren lichten, wallenden Gewändern zu den Ufern des riesigen Stroms und bald blinkten unter heiterem Gelächter und Gesang zahllose kleine Flämmchen, so weit das Auge zu tragen vermochte. Die indischen Diener des Maharadscha waren bei dem Fest, der Gebieter hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, den Abend und die Nacht allein ihrem Vergnügen zu widmen. Der Anschein, der das Bungalow des Bahadurs in Einsamkeit und Stille versenkt sein ließ, trog jedoch. Wenn auch die Front des Gebäudes dunkel war, so glänzte doch Licht durch die Jalousien der hinteren Gemächer; die Pforte, die beide Gärten verband, war geöffnet und der Kanadier Adlerblick stand hier auf Wache. In einem nach indischer Sitte dekorierten Gemach schritt finster der Maharadschah auf und nieder. Er trug die Kleidung eines Sepoys, einen weiten indischen Mantel darüber geschlagen. Cordillier und Vaillant in ähnlicher Tracht wie der Gebieter, Ralph , der Bärenjäger, seine riesige Gestalt in die eines englischen Matrosen gesteckt, lehnten an den Wänden des Gemachs, mit ihren Waffen beschäftigt. An der Tür stand der Schotte Mac Scott . Sein Antlitz, das seit wenigen Monaten schwer gealtert, drückte Kummer und Schmerz aus, so oft sein Auge auf den Gebieter fiel, der – wenn ihm das seine begegnete – es finster abwandte. Der Zorn des Bahadur hatte sich ungerechterweise auf seinen alten Erzieher geworfen und ließ diesen den Verlust Margaretens entgelten, da er die Sorge um sie bei der Reise nach Bombay ihm auf die Seele gebunden. Der unglückliche Zufall, der den tapferen Tigerjäger an jenem verhängnisvollem Morgen entfernt gehabt, schien ihn alles Vertrauens beraubt zu haben. »Hoheit,« sagte endlich der Schotte, »es ist Zeit, daß wir aufbrechen. Eine Stunde nach Sonnenuntergang sollte der Doktor zu dem Prinzen gerufen werden, und wir müssen zur Stelle sein, die Flüchtigen zu empfangen.« Der Maharadschah fuhr aus seinem Sinnen empor. »Laß die Pferde vorführen. – Sind die Frauen vom heiligen Strom zurück?« »Noch nicht, Hoheit. Gibson ist mit ihnen und sorgt für ihre Sicherheit.« »So bitte sie, wenn sie zurückkommen, sich sogleich in ihre Gemächer zu begeben und sie nicht zu verlassen, bis ich ihnen Botschaft sende. Wie lange ist es her, daß der Khan und sein Begleiter voraus nach Cawnpur find?« »Eine Stunde, Hoheit. Aber ich glaubte, ich sollte dich begleiten? Es wäre das erstemal, daß Mac Scott an der Seite des Nena fehlte in der Stunde der Gefahr.« »Bei Yama, dem Unterirdischen! hättest du nie an der Seite der gefehlt, die deiner Sorge vertraut war, es stände besser um dich und mich! Du wirst hier bleiben und mit Gibson alles zur ungesäumten Fortsetzung der Flucht bereiten. Ist Joaquin Alamos auf seinem Posten?« »Er harrt mit den Pferden.« »Wohl! So laßt uns aufbrechen!« Er winkte dem Schotten, voranzugehen, und verließ, gefolgt von seinen Getreuen, das Gemach und das Haus. Der Maharadschah legte die Linke auf den Bug des nächsten Rosses, und ohne die Steigbügel zu berühren, sprang er in den Sattel. Die übrigen hatten alsbald gleichfalls ihre Pferde bestiegen, und nachdem sie vorsichtig ein Seitentor passiert und sich möglichst im Dunkel haltend eine Strecke weit geritten waren, setzten sie ihre Rosse in Galopp und jagten auf der Straße nach Cawnpur weiter. Als sie sich der unglücklichen Stelle näherten, an welcher seine Gattin geraubt worden, ließ der Maharadschah sein edles Pferd langsamer gehen und indem er seinen Gefährten befahl, voranzureiten, ließ er seinem Roß die Zügel hängen und versank in eine düstere Träumerei. Plötzlich erfaßte eine Hand den Zügel des Pferdes und zwei dunkle Gestalten erhoben sich vor ihm auf dem Wege im Schatten der mächtigen Tamarinden. »Wenn der Tiger auf Beute streicht,« sagte eine tiefe Stimme, »ist er nicht gewohnt, die Augen zu schließen. Der Peischwa von Bithoor möge sich erinnern, daß seine Feinde wach sind.« Der Maharadschah faßte nach dem Pistol im Gürtel und war mit einer raschen Bewegung im Nu wieder Herr seines Pferdes. »Wer seid ihr? Was wollt ihr in der Stunde der Nacht?« Der Fremde lachte heiser. »Ist es so weit gekommen, daß Srinath Bahadur seine Freunde fürchtet, wenn sie an der Stelle zu ihm treten, deren Erinnerung aus ihm wieder einen Mann machen sollte?« Der Strahl des Mondes fiel bei einer Bewegung auf den Sprechenden. »Tantia-Topi?« »Ich selbst, Bahadur. Sollen die Gäste, die dein Haus in diesem Augenblick verbirgt, nicht vollzählig sein?« Ein Grauen überflog den Indierfürsten, als er sich der Erzählung des deutschen Arztes und seines eigenen Verdachts gegen diesen Mann erinnerte und unwillkürlich behielt er die Hand am Griff der Pistole. »Wo kommst du her, Sirdar? was ist deine Absicht?« »Wo ich herkomme, Nena? Tukallah ist überall und bald wird man von einem Ende Indiens bis zum anderen seine Stimme vernehmen. Meinst du, daß ich in den Einöden der Thur nicht erfahren, daß der tolle Versuch des Delhi-Prinzen, den Sohn der Maharani aus Firozpur vor seinem Nebenbuhler zu entführen, mißglückt sei und die Versetzung des gefangenen Knaben nach Cawnpur zur Folge gehabt? – Was ich will? Die Nacht der Lichter am heiligen Strom ist wichtiger für uns alle, Srinath Bahadur, als du denkst. Einen jungen Adler, der in den Fesseln der Faringi schmachtet, will ich dir befreien helfen und dem Tiger des Audh seine Krallen und seine Zähne wiedergeben mit dem Reh, das man ihm geraubt.« Der Bahadur prallte zurück. »Was bedeuten die Worte, Sirdar? Bei deinem und meinem Leben, spiele nicht mit dem Herzen Srinath Bahadurs!« Der Mahratte lachte verächtlich. »Frage diesen da, er wird dir Antwort geben!« Der Fürst betrachtete den Begleiter Tukallahs. Es war eine hohe Gestalt mit ernstem, stolzem Gesicht, das ein grauwerdender Bart umwallte. Die hohe Kegelmütze der indischen religiösen Bettler bedeckte sein Haupt, ihr brauner zerlumpter Mantel hüllte seinen Leib ein. »Wer bist du?« »Kennst du die Säule, die auf der Esplanada von Kalkutta vor dem Palast des General-Gouverneurs, eures Herrn und Gebieters, steht? Nenne den Namen der Säule, und du nennst den Namen dessen, der sie stürzen wird.« »Kapitän Ochterlony ?« »Ich bin's!« Der Maharadschah warf sich mit einem Sprunge vom Pferde und umarmte herzlich das ehemalige Parlamentsmitglied von Großbritannien. »Seien Sie mir willkommen, Kapitän, von ganzer Seele,« sagte er mit Gefühl. »Viel hab' ich von Ihnen, von diesem Manne und dem Frankenarzte gehört, der mit Ihnen am Sterbelager meines unglücklichen Verwandten stand. Lassen Sie mich die Hand des Freundes auf die schlimmen Wunden legen, die das Leben Ihnen geschlagen.« »Das Unheil, Prinz,« entgegnete ernst der ehemalige Kapitän, »wird auch ohne mich schnell genug über jene Schwelle schreiten. Sie haben eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, die tränengeröteten Augen einer Mutter und einer Schwester können ohne Ihren Beistand nicht getrocknet werden. Und haben Sie nicht gehört, Prinz, daß ich eine noch wichtigere Sendung zu beenden habe?« »Welche?« »Sie der Rache wiederzugeben.« »Reden Sie klar – ich beschwöre Sie!« »Wohlan denn – eine ernste Stunde, ein Wendepunkt Ihres Lebens ist Ihnen nahe. Ich weiß, oder glaube zu wissen, wo Lady Margarete, Ihre Gemahlin, sich befindet.« Der Bahadur warf sich auf ihn. »Rede, Mann – wo, wo ist sie? – Nimm alles was ich habe für ein Wort Gewißheit.« »Beantworten Sie die eine Frage – was werden Sie an denen tun, die sie Ihnen geraubt?« »Wollen Sie die Tigerkatze fragen, was sie denen tut, die ihr das Junge geraubt? Rächen will ich mich, vertilgen die Brut von der Erde, die es gewagt, an mein Liebstes zu tasten!« »Und wenn es nicht gemeine Diebe und Mörder, wie Ihr Land sie erzeugt, wenn es die Gebieter desselben, die Faringi selbst wären?« »Tod dann allen Faringi, Männern, Frauen, Müttern und Kindern! Tod dem verfluchten Geschlecht!« »Wohl, Prinz – ehe zwei Stunden vergehen, werden Sie die Gewißheit haben. Zu Rosse, Prinz, und nach Cawnpur, Ihr Werk zu tun. Wir vollenden das unsere, und wenn das Weib Ihres Herzens noch unter den Lebendigen, sollen Ihre Arme es umfangen oder Ihre Hand die Mörder bestrafen.« Und plötzlich, wie sie gekommen, waren beide Gestalten im Schatten der Bäume verschwunden und der Ruf des Inderfürsten verhallte ohne Antwort in der Einsamkeit der Nacht. Da gab er seinem Rosse die Sporen, und wie der Geist des Unheils, das über die Geschlechter der Menschen kommt, jagte er nach Cawnpur. Wir haben bereits in einem früheren Kapitel erwähnt, daß Cawnpur an und für sich nur ein geringer, schmutziger Ort an dem rechten Ufer des Ganges ist, aber bedeutend als Waffenplatz der Engländer und durch die weitausgedehnte Reihe der Vorstädte und Bungalows der Offiziere und Kaufleute. Am nördlichen Ende, in geringer Entfernung vom Ufer des Stroms, liegt das kleine aber ziemlich feste Fort, von mehreren Kasernen umgeben. Hierhin hatte man nach dem mißglückten ersten Befreiungsversuch Dhulip-Singh, den jungen Thronerben von Lahore, gebracht. Er genoß selbst innerhalb des Forts wenige Freiheit, und wurde streng von allem Verkehr mit der Außenwelt, namentlich mit den Eingebornen, abgesondert gehalten. Wie in Bithoor und an allen anderen Orten am Ufer des heiligen Stroms war dasselbe auch hier an diesem Abend von vielen tausend Menschen belebt. Eine Gruppe englischer Damen, von mehreren Offizieren begleitet, kam den Abhang des Ufers herab in der Nähe der Schiffbrücke, die auf die Straße nach Lucknow mündet, und nahte sich dem Rande des Wassers. Die meisten der Damen hatten gleichfalls zierliche Schiffchen in der Hand oder ließen sie von den Kavalieren tragen. »Ihr Kollege ist ein trauriger Gesellschafter auch an der Meßtafel, Doktor,« bemerkte Kapitän Lowe. »Wäre nicht sein Verdienst um die Rettung Miß Highsons und unseres wackeren Kameraden, sowie die warme Empfehlung Nena Sahibs – wir protestierten gegen sein Patent bei dem lustigen Zweiunddreißigsten.« »Schade, daß der Prinz noch immer um jene irländische Dame so verzweifelt trauern soll,« meinte eine junge Miß, – »erinnern Sie sich, Arabella, im vorigen Jahre gab er uns an diesem Abend eines seiner Zauberfeste in seinem prächtigen Palast zu Bithoor.« »Armer Mann! Jemehr er sie geliebt hat, desto grausamer muß sein Verlust sein!« »Pah – es ist ja nur ein Indier und sein Glauben gestattet ihm reichen Ersatz.« Editha Highson wandte sich von Halliday, dem herzlosen Sprecher, und stützte ihre Hand auf den Arm des Leutnant Sanders, als er ihn ihr bot beim Hinabsteigen von der Böschung des Ufers. Ihre Blicke begegneten sich dabei und strahlten in Liebe. »Teure Editha!« Der Druck ihrer Hand gab ihm die süße Erwiderung. »Wie traurig ist es, daß Sie diesen Abend nicht in unserer Gesellschaft sein können!« »Sie wissen, der General, Ihr Oheim hält streng auf den Dienst. Ich darf seine gute Meinung nicht verscherzen, wo ich bald ein teures Kleinod von seiner Hand begehren will.« Wir haben einige Worte über das Gelingen seiner Flucht nachzutragen. Erst an der Grenze des Gebietes der Kompagnie, in Firozpur, hatte die Bajadere ihren Schützling verlassen. Sie weigerte sich, seinem Verlangen, ihn zu begleiten, Folge zu leisten, aber sie sagte ihm, daß sie immer in seiner Nähe sein, daß ihre Liebe ihn schirmend umschweben werde. Noch in der Stunde, da sie sich trennten, warnte sie ihn, seinen Schwur des Schweigens zu halten und nicht treulos gegen ihre Liebe zu werden; denn die Töchter einer heißen Sonne wüßten gebrochene Eide schrecklich zu rächen. Da an der Grenze der Wüste Walding mit einem Teil des Gefolges des von Angst und Besorgnis unaufhaltsam vorwärts getriebenen Maharadschah zurückgeblieben war, so wurde es leicht, ohne das bisher so wohl bewahrte Geheimnis zu verraten, die Rollen der beiden Mädchen zu vertauschen. Anarkalli, die Tänzerin, trat an die Stelle Edithas und diese wurde von Agra aus durch den Offizier nach Cawnpur und in die Arme ihrer Familie geleitet, die sie längst verloren geglaubt. Die Abenteuer des Offiziers und der Engländerin konnten natürlich nicht verschwiegen bleiben, ohnehin war die Miß nicht durch dasselbe Versprechen gebunden, wie ihr Schicksalsgefährte. Leutnant Sanders selbst kannte weder die Namen noch die Lage und das Aussehen der Burg der Thugs. Überdies band ihn sein Ehrenwort, alles zu verschweigen, was die Personen, die bei seiner Rettung mitgewirkt, kompromittieren konnte. Da nun Doktor Walding in Firozpur mit dem Khan und der Bajadere zurückgeblieben war, konnten die Behörden aus den Aussagen des Offiziers und der Dame nur die längst bekannte Tatsache entnehmen, daß die indische Wüste einen oder mehrere Hauptsammelplätze der furchtbaren Würgerbande barg. Es befanden sich in den Gefängnissen der Präsidentschaften zu jener Zeit über 700 Personen, der Teilnahme an dem Bunde der Mörder verdächtig und angeklagt. So mußte man sich begnügen, ein Dutzend der Verurteilten zur Warnung aufzuhängen und die von Major Sleemann im Jahre 1851 begonnenen Maßregeln zur Verfolgung der Sekte mit neuer Strenge wieder aufzunehmen. Als Walding einen Monat später unter dem Namen eines Doktor Clifford in Cawnpur eintraf, beschränkte er sich auf die Angabe, daß er gleichfalls Gefangener in den Händen der Thugs und nur durch dritte ihm unbekannte Personen gerettet und instand gesetzt worden, auch zur Rettung seiner Schicksalsgefährten beizutragen. Dagegen sicherte sie ihm den Schutz des Generals Wheeler, und durch dessen und des Maharadschah Protektion wurde ihm die Stelle des während der Regenzeit an der Cholera verstorbenen Oberarztes des 32. Regiments interimistisch übertragen. Mit dem Gefühl schmerzlicher Täuschung mußte Walding jedoch bald die Erfahrung machen, daß die Hoffnung, die ihn nach Cawnpur begleitet, eine vergebliche gewesen. Leutnant Stuart Sanders war kaum dem Zauberrausch entronnen, mit dem die glühende Leidenschaftlichkeit der Tänzerin ihn umfangen, als ein gewisses Grauen sein Herz erkaltete und das Bild Editha Highsons seine Seele mehr und mehr einnahm. Für Walding, oder Clifford, wie er auch für sie und Stuart Sanders hieß, fühlte sie wohl eine warme Dankbarkeit und Freundschaft, aber die zartere Blüte ihres Herzens gehörte dem jüngern Mann. – – Editha sah zu dem Geliebten empor. »Sie haben recht, Stuart,« bemerkte sie auf seine frühere Entgegnung, »aber der Abend wird mir traurig vergehen, da Sie entfernt bleiben.« »So lassen Sie mich jetzt wenigstens das Glück genießen, in Ihrer Nähe zu bleiben und zusammen mit Ihnen das Orakel für unsere Wünsche versuchen, das tausende von gläubigen Herzen hier versammelt hält. Schauen Sie die sehnsüchtigen und ängstlichen Blicke, mit denen diese Schar von Mädchen und Frauen das Spiel verfolgt, als gälte es wirklich die Zukunft und die Entscheidung ihres Lebens.« Zwischen den besorgten Liebenden tauchte, wie der Erde entwachsen, die Gestalt der Indierin empor. Ihre Linke hob den verhüllenden Yaschmack zur Seite und das glänzende dunkle Augen Anarkallis flammte mit dem Ausdruck leidenschaftlicher Eifersucht ihm entgegen. Der Name der Tänzerin erstarb auf seinen Lippen. Ohne ein Wort zu sagen, hob die Bajadere die Hand drohend und warnend gegen ihn, und verschwand eben so rasch und geheimnisvoll, wie sie gekommen. – –   Es war zwei Stunden später, das nächtliche Fest in vollem Gange. Vor den Pagoden und Tempeln tanzten die Bajaderen, Gaukler und Märchenerzähler hatten an den Ufern des Flusses ihre wandernde Bühne aufgeschlagen. Feuerwerke wurden abgebrannt, Freudenschüsse knallten ringsum, und überall war die Freude und das Vergnügen in vollem Gange. Auch in den Häusern der Vornehmen und Reichen waren Festlichkeiten aller Art. Wir haben bereits erwähnt, daß auch im Landhaus des Gouverneurs, General Wheeler, ein kleines Fest stattfand, und dem entsprechend überließ sich die ganze Garnison der Freiheit und dem Vergnügen. Es war in der zehnten Stunde, als Doktor Walding oder vielmehr Clifford mit seinem indischen Diener, der einen Arzneikasten unter dem Arme trug, durch das Tor des Forts schritt. Auf dem Platz vor demselben, auf dem die Alarmkanone stand, vergnügten sich die müßigen Sepoys und Soldaten im Zuschauen der Künste einer Gauklerbande und der Tänze einer Gesellschaft Bajaderen, und die Nachricht, daß Anarkalli, die berühmteste Tänzerin Indiens, sich darunter befände, lockte selbst die Offiziere und die Schildwachen näher. Die Zitadelle stammte aus der Zeit der Herrschaft der Großmogule und bestand zum Teil noch aus den alten Türmen und Mauern, die mit Anlagen und Einrichtungen der neuern Kriegskunst verstärkt waren. Das obere Stockwerk eines dieser Türme war Duhlip-Singh – dem Erben der Herrscher von Lahore – zur Wohnung und zum Gefängnis angewiesen. Der unglückliche Jüngling wurde hier seit dem mißlungenen Fluchtversuch in Firozpur mit großer Strenge bewacht, ein Posten stand vor der Türe seines Gemachs, dessen mit Eisenstäben vergittertes Fenster wohl 25 Ellen über dem darunter herlaufenden Wall sich erhob, und nur in Begleitung eines britischen Sergeanten durfte er sich eine Stunde in den Höfen oder auf den Wällen der kleinen Feste ergehen. Dennoch hatten alle Vorsichtsmaßregeln nicht verhindern können, daß die Freunde des Gefangenen aufs neue mit ihm Verbindungen anknüpften. Ein Zettel, den ihm ein indischer Soldat zusteckte, hatte ihm empfohlen, sich schon am Tage vor dem Fest der schwimmenden Lichter krank zu stellen und die Hilfe eines Arztes zu verlangen. Dies traf den Hospital-Arzt und dessen Funktionen vertrat zurzeit Walding. Auf seine Meldung beim wachthabenden Offizier führte ein alter Sergeant den Arzt und seinen Begleiter die Treppen hinauf und schloß die Tür auf, vor der ein Posten, wie der prüfende Blick des Arztes zu seinem Leidwesen bemerkte: ein Europäer stand, »Der Jüngling hat ein heftiges Fieber, ich werde ihm zur Ader lassen und habe deshalb einen Diener mitgebracht, um mir den nötigen Beistand zu leisten.« Der Sergeant sah mit Verachtung und Widerwillen auf den Hindu. »Ich darf diesen Sohn Satans nicht in das Gemach des Heiden lassen. Es ist strenger Befehl.« »Aber ich brauche seine Hilfe zu den ärztlichen Verrichtungen!« »Diese Hand wird die Hilfe des Gottlosen ersetzen, Doktor. Treten Sie ein, und du, schwarzer Sohn des Teufels, bleibe unter der Aufsicht dieses Streiters des Herrn zurück.« Er schlug Kassim die Tür vor der Nase zu, nachdem er ihm das Kästchen mit den Instrumenten abgenommen. Dhulip-Singh, in sein Obergewand gehüllt, lag auf einem Rohrdiwan. Eine fieberhafte Röte war auf seinem hübschen jugendlichen Gesicht und seine schwarzen Augen funkelten wie im Delirium. Der Arzt trat zu ihm, ergriff seine Hand und fühlte seinen Puls. Er befand sich in der größten Verlegenheit, denn die unerwartete Begleitung des alten fanatischen Platzsergeanten drohte den ganzen Entweichungsplan zunichte zu machen. Es galt vor allem, einige Augenblicke mit dem Gefangenen allein zu sein. »Das Fieber ist im Zunehmen,« erklärte der Doktor, »ich muß den Aderlaß vornehmen und einige beruhigende Mittel anwenden. Vermögen Sie sich zu erheben, Hoheit, und auf diesen Stuhl zu setzen? – es würde mir die Operation erleichtern.« »Ich fühle mich sehr krank und weiß nicht, ob dein Tun Linderung meinen Leiden geben wird, weiser Hakim,« murmelte der Gefangene, »aber ich habe Vertrauen zu dir und die Götter mögen deine Freundlichkeit lohnen, besser als ich es kann.« »Holen Sie frisches Wasser, Sergeant, da Sie doch meinem Diener die Hilfeleistung nicht gestatten wollen. Haben Sie wohl acht, daß es mit Eis gekühlt ist und besorgen Sie zugleich noch etwas Scharpie – ich sehe, daß Kassim vergessen hat, sie mitzubringen.« Der Schließer murmelte einige Worte des Widerspruchs und verließ das Gemach. Dagegen hörten sie ihn draußen die Riegel sorgfältig vorschieben und der Schildwache anempfehlen, den indischen Diener der Tür nicht nahe kommen zu lassen. Seine Schritte waren kaum verhallt, als der Arzt, der aufmerksam an der Tür gelauscht, sich zu dem Gefangenen wandte. »Rasch den Ärmel Ihres Rockes hinauf, Prinz, wir müssen den Mann täuschen, als sei Ihnen wirklich zur Ader gelassen. Unser Plan ist gescheitert an dem unglücklichen Umstand, daß dieser Murrkopf mich nur allein das Gemach betreten lassen will und mit Argusaugen uns bewacht. Sie sollten sich in die Gewänder Kassims, meines Dieners, hüllen, und dieser an Ihrer Stelle zurückbleiben und dann die Flucht versuchen. Bei der allgemeinen Unruhe und dem Lärmen des Festes durfte ich hoffen, Sie unerkannt aus dem Tor der Zitadelle zu bringen.« »Ich bin zum Unglück geboren,« jammerte der Jüngling. »O Mahe Tschund, meine unglückliche Mutter und du Mahana, arme Schwester! mein Auge wird euch niemals wieder sehen!« Walding hatte eine Schale ergriffen und leerte ein Fläschchen mit Hühnerblut hinein. »Noch ist nichts verloren, Prinz, wenn Sie den Mut und die Kraft haben, die Rolle selbst zu übernehmen, die Kassim bei Ihrer Flucht zugedacht war. Haben Sie getan, was der Zettel Ihnen anempfahl, den ich Ihnen gestern zusteckte?« »Es ist geschehen – ich habe mit der Flüssigkeit, die Sie mir als Medizin zurückließen, die Gitterstäbe des Fensters alle Stunden befeuchtet.« »So muß das Scheidewasser seine Schuldigkeit getan haben und die Eisenstangen werden einer mäßigen Kraftanstrengung weichen. Diese Binde, die ich um Ihren Arm wickele, ist eigens dazu gefertigt, sie kann eine Last zweifach so schwer als die Ihre tragen und ist lang genug, um doppelt bis zum Boden zu reichen. Sie müssen dieselbe mit fortnehmen, um keine Spur der Flucht zurück zu lassen.« »Aber es steht ein Posten am Fuße des Turmes auf dem Wall?« »Der Mann ist einer der unseren – ein Hindu-Sepoy, den der Haik Beni-Mahib, seit der Beschimpfung durch einen jungen Offizier ein wütender Feind der Engländer, dahin gestellt hat. Er wird Ihre Flucht unterstützen, Hoheit und Sie über die Bastionen geleiten. Es handelt sich nur darum, daß Sie den Mut haben, das Wagstück sogleich nach meiner Entfernung und mit so wenig Geräusch auszuführen, daß der englische Posten vor Ihrer Tür keinen Verdacht schöpft.« Man hörte Schritte eines Nahenden. »Stellen Sie sich erschöpft und verlangen Sie ungestört zu sein – der Glaube, daß ich Ihnen zur Ader gelassen, wird das Geheimnis Ihrer Flucht erhöhen.« Die Tür öffnete sich und der mürrische Sergeant trat mit einer Kanne Wasser und dem verlangten Leinenzeug ein, während der Doktor eifrig die mit Blut befeuchtete Binde um den Arm des Gefangenen wand, dessen Seelenaufregung und Unruhe die Simulation des Fiebers erleichterten. »Reicht das Gefäß mit dem Eiswasser her, daß ich die Binde befeuchte und das Blut von dem Arm wasche.« Der Sergeant tat das Geheißene, während Dhulip Singh den Zustand eines Schwerkranken nachahmte und ungestört zu ruhen verlangte. Walding erklärte es für das beste, was geschehen könnte, und nachdem er versprochen, am anderen Tage nach dem Befinden des Patienten sehen zu wollen, verließ er diesen mit dem Sergeanten. Vor der Tür erwartete ihn Kassim, sein wildes blutgieriges Auge traf bedeutungsvoll auf das seines Mayadar, während seine Hand unter das Gewand nach dem Griff des dort verborgenen vergifteten Malayendolches faßte. Aber der Doktor sah ihn warnend an und ein unbemerkliches Zeichen empfahl ihm Ruhe und Vorsicht. So stiegen sie die Treppe des Turmes hinab, an dessen Tür Walding dem Sergeanten Gute Nacht sagte. Als er aus dem Tor der Zitadelle trat und über den mit Fackeln erhellten Vorplatz schritt, kam Anarkalli mit dem Tamburin auf ihn zu, wie eine Gabe heischend, während ihr Auge forschend einen Moment auf seinem Begleiter ruhte. Der Arzt schüttelte bedeutungsvoll den Kopf und flüsterte ihr zu, noch eine kurze Zeit die Aufmerksamkeit der Soldaten zu beschäftigen. In einiger Entfernung vor dem Tore der Zitadelle warteten im Schatten eines alten Gemäuers mehrere Personen in der Tracht der Sepoys. Hierhin wendete hastig der Arzt seine Schritte, gefolgt von Kassim. Es war der Nena mit zwei seiner abenteuerlichen Trabanten, der hier des Gelingens des Unternehmens harrte, während die anderen Mitglieder seiner Truppe teils in einer entfernten Vorstadt mit den Pferden warteten, teils auf der anderen Seite der Zitadelle den Weg bewachten, den Kassim einschlagen sollte, wenn die Rettung des jungen Prinzen durch den Wechsel der Kleidung und der Personen ausgeführt worden wäre. Mit eiligen Worten berichtete Walding das Hindernis, das die Rettung zu vereiteln drohte, und daß der Prinz sich entschlossen habe, selbst das schwierige Wagnis zu versuchen, daß sie ihn also auf der anderen Seite am Fuße des Walles zu erwarten hätten. Der Maharadschah winkte dem Kanadier und deutete nach dem Eingang des Forts, wo die Lärmkanone postiert war. »Es mögen etwa 300 Schritt bis zu jenem Geschütz sein,« sagte er, »getraust du dich, auf diese Entfernung sicher im Dunkeln dein Ziel zu treffen?« Adlerblick verzog den breiten Mund zu einem verächtlichen Grinsen. »Ich werde doch heute ein Ziel nicht fehlen, wo die Nacht fast so hell ist wie der Tag von den Fackeln und Feuern, die sie angezündet.« »Du siehst die Kanone. Wenn es irgendein Soldat wagt, die Lunte zu erheben, um sie abzufeuern, so schieße den Schurken nieder, ehe seine Hand das Zündloch erreicht, und mache dich aus dem Staube.« Der Trapper untersuchte sein Gewehr, setzte ein neues Zündhütchen auf und richtete sein Auge nach der entfernten Kanone. Der Maharadschah näherte sich dann dem vorspringenden Winkel der Bastion, von dem aus man das Gefängnis des jungen Prinzen beobachten konnte. Die dunkle Gestalt einer Schildwache schritt auf der Krone des Walles auf und nieder. Der Maharadschah ahmte dreimal den Zischlaut einer Schlange nach, und aus dem Schatten eines Oleandergebüsches erhoben sich zwei dunkle Gestalten und nahten sich ihm vorsichtig. Es waren Murad-Khan und Alamos der Mexikaner. »Hat der Hakim mit dem Prinzen das Tor glücklich verlassen,« fragte ungeduldig der Khan. »Es ist ein unglücklicher Zufall eingetreten,« erwiderte der Fürst, den die Teilnahme an dem Abenteuer aus seinem finsteren Brüten gerissen, »Freund Walding hat das Gemach des Prinzen allein betreten müssen, seinem Diener Kassim wurde der Eintritt verweigert. Dhulip Singh wird die Flucht durch das Fenster versuchen. Halten wir uns bereit, sie zu unterstützen. Deine Flinte, Bursche!« Er nahm dem Mexikaner das Gewehr ab. »Was willst du tun, Hoheit?« »Bei der ersten verdächtigen Bewegung jenem Burschen dort, der die Wache auf dem Wall hat, eine Kugel durch den Kopf schießen. Du kennst den Weg zu der Stelle, wo der Kahn unterhalb der Brücke eurer harrt, Alamos?« »Mit verbundenen Augen würde ich ihn finden.« »Der indische Diener wird am jenseitigen Ufer mit den Pferden zur Stelle sein. Du darfst den Prinzen nicht verlassen, Khan, bis er in völliger Sicherheit ist.« »Still!« – die Hand des Mexikaners deutete nach dem Turme. Der Maharadschah hob das Gewehr und nahm den Sepoy aufs Korn; der jedoch tat, als ginge das, was sich über ihm ereignete, ihn nichts an, und schritt nach der anderen Seite des Turmes. Jetzt sah man deutlich in dem matten Licht der Sternennacht einen dunklen Gegenstand an der Mauer niedergleiten. Zum Glück für den Erfolg des Unternehmens gehörte der wachehaltende Sepoy wirklich zu denen, die sich bereits in geheime Konspirationen gegen die Engländer eingelassen. Der Gefangene hatte nicht so bald den Boden erreicht, als jener Gewehr und Tschako wegwarf und ihm zurief, daß Beistand in der Nähe sei. Beide eilten jetzt an den Rand des Walles, nachdem sie das Doppelband, an dem sich der Prinz aus seinem Kerker herabgelassen, an sich gezogen. »Kannst du schwimmen?« fragte der Sepoy den Flüchtling. »Nein.« »So laß dich ruhig in das Wasser des Grabens gleiten und halte dich an meinem Gürtel fest. – Still – ich höre Schritte – das ist der Offizier der Ronde! – schnell, schnell, oder wir sind verloren!« Der Offizier, Leutnant Stuart Sanders, blieb einen Augenblick erstaunt stehen, als er die Schildwacht nicht auf ihrem Posten sah und keine Spur von dem Mann entdeckte; hierauf hörten die Lauscher auf dem anderen Ufer des Wallgrabens deutlich seinen Anruf: »Schildwacht! Schildwacht!« Als keine Antwort erfolgte, sprang er vor und sah das Gewehr und den Tschako des Sepoys am Boden liegen. Zugleich vernahm man ein lautes Plätschern in dem Wallgraben, das durch das ungeschickte Hinabgleiten des jungen Mannes entstand. »Halt! – Wer da?« Der Offizier bückte sich, das weggeworfene Gewehr zu ergreifen. Diese Bewegung rettete sein Leben, denn im selben Augenblick knallte der Schuß des Maharadschah und die Kugel schlug gegen die Wand des Turmes. »Verrat!« In dem hellen Schimmer der Nacht sah der junge Krieger deutlich zwei Gestalten den Wasserspiegel des Grabens teilen, und die Überzeugung, daß die Flucht des Gefangenen vorliege, schoß ihm durch den Kopf. Die Flüchtigen waren bereits an der anderen Seite des Grabens, aber die Böschung war hier so steil, oder der Sepoy hatte gerade eine der tieferen Stellen gewählt, daß er, von dem Gewicht des Prinzen belästigt, nicht emporzuklimmen vermochte. »Den Lasso – den Lasso hinunter, sonst sind sie verloren!« befahl der Bahadur. »Dort kommen die gottverdammten Schurken!« Obschon der Schuß des Maharadschah bei dem fortwährenden Knallen der Freudensalven und Raketen wenig Aufmerksamkeit erregt hatte – eilten jetzt auf den Ruf des Offiziers: »Wache herbei! Verrat!« mehrere Posten herzu und schossen aufs Geratewohl ihre Gewehre ab. Der Sepoy hatte unterdes im Graben den zugeworfenen Lederstrick des Mexikaners glücklich erfaßt und die Schlinge über den Prinzen gezogen. Die Kraft der drei Männer hob die Last leicht auf den Rand – mit ihr zugleich schwang sich der Soldat in die Höhe. »Jetzt, Khan, mach daß du fortkommst mit dem Jüngling,« flüsterte der Fürst, »in der Eile allein liegt eure Rettung. Ich werde die Rotröcke aufhalten, solange es geht – zunächst jenen dort.« Er deutete nach dem englischen Offizier, der, um das Alarmzeichen zu geben, den Wall entlang nach dem Haupttor der Zitadelle flog. Ohne sich weiter um seine Gefährten zu kümmern, eilte der Maharadschah nach der Stelle zurück, wo er den Kanadier Adlerblick zurückgelassen. Neben Adlerblick und dem Franzosen Cordollier fand der Maharadschah die Bajadere. »Bei allen Dämonen – Feuer!« befahl der Hindu. Ein gellender Angstschrei ertönte – mit ihm warf sich die Bajadere vor die Mündung der Flinte und schlug den Lauf in die Höhe. Der Schuß ging los und das Pulver verbrannte das Gesicht der Tänzerin. »Wahnsinnige Törin,« zürnte der Fürst, »das Signal hetzt uns vor der Zeit die ganze Garnison auf den Hals und fordert zur Verfolgung der Deserteure auf. Suche jeder, so gut er kann, den Sammelplatz zu erreichen, wo die Pferde stehen.« Der Wirbel der Alarmtrommel aus dem Fort und den naheliegenden Kasernen und der ferne, rasch näherschwellende Ruf: Feuer! Feuer! unterbrach ihn. Kapitän Cordollier faßte den Arm seines Gebieters und deutete nach rückwärts. »Sie werden andere Dinge zu tun haben, als uns zu verfolgen, Hoheit,« sagte er. »Wenn mich die Richtung nicht trügt, ist es das Landhaus des Residenten, das in Flammen steht.« »Das rettet uns und den Prinzen,« flüsterte der Fürst. »Aber nun fort und nehmt jenes törichte Weib mit euch, die, einen Faringi zu retten, ihre Brüder verrät.« Er wandte sich nach der Tänzerin um – aber Anarkalli war verschwunden. Das Gerücht, daß das Landhaus des viel gefürchteten Residenten in vollen Flammen stand, veranlaßte ein Zusammenströmen der Volksmenge. Die Nachricht von dem Brand traf zugleich mit der Flucht des Sikh-Prinzen im Salon des Gouverneurs ein und störte das Fest. Der General vermutete sogleich, daß beide Ereignisse im Zusammenhang ständen und erteilte zugleich seine Befehle zur Verfolgung der Flüchtigen und zur Löschung des Brandes. Der Generalmarsch wirbelte durch die Straßen und von allen Seiten eilten die Sepoys nach ihren Alarmplätzen, während die Pompier-Kompagnien bereits nach dem Ort des Brandes marschierten. Eine dichtgedrängte Menschenmasse umgab die Stätte, und ihr höhnisches Geschrei bewies klar, wie verhaßt Major Rivers unter der Bevölkerung war. Das Feuer war, während der größte Teil der Dienerschaft sich an den Ufern des Flusses umhertrieb, plötzlich in den vorderen Räumen des Bungalow ausgebrochen. Drei Männer waren es, welche unbekümmert um die sprühenden Funken und stürzenden Balken, in das Innere der Villa eingedrungen. Der eine, welcher den Führer zu machen schien, war ein kleiner, alter Mann in indischer Kleidung. Die beiden anderen trugen die Tracht der Laskaren oder indischen Bootsleute; der ältere war in einen weiten arabischen Mantel gehüllt, des zweiten Gesichtszüge trugen, obschon von der Sonne heißer Zonen gebräunt, offenbar das europäische Gepräge. Seine Hand schwang eine schwere Spitzaxt, die sie so leicht wie eine Feder regierte. Den Greis voran, eilten sie durch die Reihe der Gemächer, in denen wir einige Monate vorher Eduard O'Sullivan und seine beiden Gefährten sich für die nächtliche Orgie vorbereiten sahen. Rauch und Glut erfüllte bereits diese Räume, denn die Flammen verbreiteten sich an dem trockenen Bambusgebälk und dem andern leichten Baumaterial mit großer Schnelligkeit. Sie durcheilten diese Räume und richteten, von dem Alten geführt, ihre Schritte nach dem Korridor, der das Hauptgebäude des Bungalows mit dem Harem des Residenten verband. Die Gefahr der Feuersbrunst war noch nicht bis hierher gekommen, obschon das Lärmen derselben die Bewohner erschreckt haben mußte. Das Gekreisch der Weiber drang ihnen entgegen, die aus den verschlossenen und wohl gesicherten Räumen des Harems von dem Tumult erschreckt, vergeblich einen Ausweg suchten und von innen an die Tür ihres glänzenden Kerkers schlugen und Auskunft und Beistand verlangten. Vor dieser Tür zeigte sich ein Hindernis. Hier hielt der schwarze Eunuch des Residenten Wache und seine funkelnden Augen bewiesen, daß er nicht gutwillig den Eingang öffnen werde. »Öffne jene Tür, Bursche, und mach dich davon, ehe das Feuer dich noch schwärzer bratet als die Natur dich geschaffen.« Der Neger fletschte grimmig die Zähne, stieß ein heiseres Geschrei aus und holte zu einem Streich aus. Mit Blitzesschnelle hatte der Rais der Praua, denn der Uskoke Danilos war es, den weiten arabischen Mantel um seinen linken Arm geschlungen, und diesen schützend über seinen Kopf erhebend, unterlief er den Mohren, fing mit dem dicken Gewebe den Hieb des Säbels auf und gab seinem Gegner zugleich einen heftigen Tritt gegen die Schienbeine, diesen verwundbarsten Teil der Schwarzen. Heulend vor Schmerz beugte sich dieser nieder, und der Uskoke führte einen so mächtigen Schlag gegen den Wollkopf des Negers, daß der Schwarze völlig betäubt zu Boden stürzte. Der Rais entriß seinem Gürtel die Schlüssel und öffnete die Tür. Die zehn Mädchen drängten sich wie eine Herde um Aya, ihre Hüterin, die bei dem Anblick der fremden Männer ein Zetergeschrei erhob und sie mit dem Zorn ihres Sahibs bedrohte. Mit dem Rufe: »Nurjesan! mein Kind!« stürzte der Babu auf eine der zierlichen Gestalten zu und preßte sie in seine Arme. Bestürzt wankte das Hindumädchen zurück und verhüllte ihr Gesicht mit dem Schleier, indem sie das Gefühl ihrer Schande, die sie bereits liebgewonnen, mit Gewalt bei dem unerwarteten Anblick ihres Vaters überkam. Schluchzend warf sie sich auf den Diwan, während der alte Mann vor ihr kniete und mit Schmeichelworten sie zu beruhigen suchte. Währenddessen hatten die Blicke des Uskoken die Schar der Odalisken gemustert, gleich als suchten sie nach einem bestimmten Gegenstand, den sie nicht aufzufinden vermochten. »Der Schuft von Schobedar hat mich getäuscht,« murmelte er zwischen den Zähnen, »unter diesen Weibern ist keine einzige, die einer Europäerin ähnlich sieht.« Er sprang vor in das Gemach unter dem Gekreisch der Weiber, die ihre Stimmen jetzt mit dem Gezeter der Alten vereinten. »Antworte, du Scheusal – wo ist die Gattin des Nena?« Die Alte fletschte grimmig ihre wenigen Zähne und spie mit einer Verwünschung nach ihm. »Um Gottes willen, Kapitän, rasch, rasch!« schrie von der Tür her, die er geöffnet, der Gefährte des Albanesen. »Das Feuer hat den Korridor erreicht und ich höre den Generalmarsch der Soldaten.« »Willst du reden, Canaglia!« Im Nu hatte Danilos von seinem Halse eine dünne, aber feste Schnur geknüpft, an der er ein Amulett trug, und sie um die Stirn des Weibes gewunden. Dann steckte er den Griff seines Dolches zwischen die Schnur und begann sie zusammenzudrehen. Ein entsetzliches, gellendes Geschrei erfüllte das Gemach, das Geheul des draußen versammelten Pöbels übertäubend. »Erbarmen, Sahib – ich will bekennen, alles, alles, was du willst!« »Befindet sich die Gattin des Maharadschah von Bithoor in dieser Höhle des Lasters?« »Im geheimen Gemach unter dem Boden des nächsten Kiosk – sie ist –« »Wo ist der Eingang? Sprich, Hexe, oder stirb!« »Erbarmen! In der Wand jenes Gemachs befindet sich eine verborgene Tür zum nächsten Kiosk. Unter dem Teppich in seiner Mitte führt die Falltür hinab in das Gefängnis der Faringi!« »Die Schlüssel, wo sind die Schlüssel? –« »Ich habe sie nicht – der Sahib-Resident allein besitzt sie!« Wiederum, heftiger als zuvor, schnitt die Schnur das Fleisch bis auf die Knochen durch. »Barmherzigkeit bei der Mutter, die dich geboren,« heulte die Alte. »Möge ich ewig verdammt sein, wenn ich dir Lügen sagte!« Der Uskoke sprang empor. »Es ist kein Augenblick zu verlieren. Suche die Tür und schlage sie ein, Enrico!« Sein jüngerer Gefährte war bereits in dem Kabinett und untersuchte die Wände. »Hier ist die Tür – die Hexe sprach die Wahrheit!« Unter seinen gewaltigen Schlägen brach die verborgene Tapetentür in Stücke, aber zugleich dröhnte von der anderen Seite her das Gekrach der zusammenstürzenden Balken, das Glas der Bedachung sprang von der sengenden Hitze, und der Rauch der immer näher rasenden Flamme drang durch den vorderen Eingang. Die Frauen erhoben ein gellendes Hilfegeschrei. Danilos riß den Babu empor. »Fort mit dir, Mann, wenn du dich und dein Kind retten willst. Dort hinaus muß ein Ausgang nach dem Garten sein, ich fühle es an dem Luftzug. Ihr alle flieht, wenn euch das Leben lieb ist. Ihr seid zu schön dazu, um zu verbrennen!« Er sprang durch die Öffnung der eingeschlagenen Tür; in wilder Hast folgten ihm der Babu mit seiner Tochter und die Odalisken. Der Raum, den sie durch die eingeschlagene Tür betraten, war zunächst wieder ein kurzer Korridor, der zu einem anderen Pavillon führte. Einige Axthiebe des Laskars zertrümmerten die verschließenden Jalousien und die Todesangst der Frauen erweiterte mit Gewalt die Öffnung, durch die sie sich ins Freie und die dichten Bosketts des Gartens stürzten. Der Uskoke und sein Gefährte dagegen stießen die Tür des zweiten Pavillons ein und betraten das genügend von dem Feuerschein erleuchtete Innere. »Wo ist der Eingang – was sagte die Alte?« »Hier unter dem Teppich in der Mitte!« beantwortete eine dritte Stimme die Frage. Umschauend sah der Uskoke das Mädchen aus Kaschmir hinter sich stehen. »Was tust du hier? warum bist du nicht geflohen mit deinen Gefährtinnen?« »Wallah – warum sollte Narika fliehen? Sie kann hier ebensogut sterben, wie anderswo. Ich habe niemand, der für mich sorgen würde, und mein Herz ist leer, seit der Sahib mit den goldenen Haaren nicht mehr zu mir kommt.« »Du sollst uns begleiten, Mädchen,« entschied der Rais – »überdies bedürfen wir vielleicht deiner Hilfe. Die Matte war bereits zur Seite gezogen. »Da ist ein Ring eingesenkt und hier ist das Schloß!« »Brauche die Axt, Enrico, als gälte es dein Leben!« Vor seinen wütenden Schlägen sprangen die Planken – wenige Augenblicke und das Schloß der Falltür zersprang und die Axt hob die schwere Last in ihren Angeln. Eine viereckige Öffnung gähnte ihnen entgegen, die Stufen einer Treppe führten hinab – Lichtschimmer glänzte aus der Tiefe. »Mein Bräut'gam war ein schöner Mann, Er saß gar stolz zu Roß! Am hohen Fels von Karnogan Da steht sein gold'nes Schloß!« tönte es in der melancholischen Melodie einer irischen Volksballade herauf, und die zitternden Töne klangen so deutlich und traurig, daß selbst der wilde Uskoke erschüttert zauderte. Im nächsten Augenblick aber hatte er den Eindruck überwunden und sprang die Stufen hinab, von Narika gefolgt, während der Mann, den er mit dem Namen Enrico benannt, auf seinen Befehl an der Falltür zurückblieb. Der Anblick, der sich dem Uskoken und der Kaschmirerin bot, wirkte noch erschütternder, als der seltsame Gesang, den sie gehört. Der Raum, in den die Treppe mündete, war ein unterirdisches Gewölbe von runder Form. Auf dem Boden in der Mitte dieses Raumes auf einem Haufen Reisstroh lauerte eine weibliche Gestalt in reicher, aber jetzt von der Feuchtigkeit modernder, zerstörter und an mehreren Stellen zerrissener orientalischer Kleidung. Das Gesicht, mager und eingefallen, aber der ängstlich leidende Ausdruck der einst so schönen und kühnen Augen, die hohl unter der Stirn hervorschauten, gab ihm jetzt etwas entsetzlich Gespenstiges. Die junge Frau wiegte singend im Takt den Kopf; als sie aber den Mann und das Mädchen eintreten sah, streckte sie ihnen mit einem Schrei die hageren Hände wie zur Abwehr entgegen. »Rührt mich nicht an! rührt mich nicht an!« bat sie mit ängstlichem Ton. »Wißt ihr nicht, daß ich die Tigerbraut bin? – Barmherziger Gott, er wird euch und mich zerreißen! – Tut keinen Schritt weiter – ich rufe den Nena! »Und kommt er nicht mehr zurück? Und kommt er nicht mehr zurück? Er ist tot, o weh! In dein Todesbett geh, Er kommt ja nimmer zurück!« Ophelia im »Hamlet« Der rohe Uskoke schauderte. »Sie ist es – wir können nicht zweifeln. Aber beim Acheron – hier ist traurigeres Unheil noch, als wir gefürchtet.« Narika hatte zwar die englisch gesprochenen Worte des unglücklichen Wesens vor ihnen nicht verstanden, aber sie begriff das Entsetzliche. »Allah hat ihre Seele mit Nacht bedeckt,« sagte sie. »Was auch ihr Los hier gewesen – sie gehört zu den Unschuldigen.« »Ihr seid gut – ihr seid keine Faringi – ich kenne euch!« flüsterte die junge Frau. »Sagt nicht der Glaube eures Landes, daß die Flammen den Leib rein brennen zu neuem Leben? – Ich will rein sein, ich gehöre ihm allein! Wo ist die Sotti – ich höre die Flammen knistern.« »Mylady, ermannt Euch! Wir sind hier, Euch zu befreien. Das Haus steht in Brand, wir müssen flüchten.« »Seht ihr – wie er in die Arena springt – das Eisen flammt in seiner Hand – meine Seele war die seine – er ist gerettet! – Hei – ich bin die Tigerbraut – aber ein anderer Tiger hat mich gefaßt – er reißt die Kleider von meinem Leib – er erstickt meine Stimme – Nena, rette dein Weib! »Der Räuber frönt der Lust und dann Höhnt er das Liebchen sein, Jetzt magst du, Held von Karnogan, Die Buhlerin dir frei'n.« »Herauf, herauf! ich höre die Signale der Soldaten,« tönte von oben her der Warnungsruf des Laskaren. »Wir müssen Gewalt brauchen,« murmelte der Uskoke, als die Unglückliche vor seiner Annäherung aufspringend, floh und ein Angstgeschrei erhob. »Bei dem Namen Eures Bruders, Mylady, wir sind Freunde und kommen, Euch zu retten. Eduard O'Sullivan –« Die Unglückliche sprang auf ihn zu. »Eduard, sagst du? – Wer schrieb den Brief? – Barmherziger Gott, der Brief!« Sie schlug die Hände vor das Gesicht – diesen Augenblick nahm der Albanese wahr und hob sie in seinen Armen empor. Sie leistete keinen Widerstand, nur ein leises Wimmern drang aus ihrer keuchenden Brust. So trug er sie die Treppe hinauf. Feurige Glut umgab den Pavillon, an dem leichten Holz der Wände des verbindenden Ganges leckte bereits die tausendzüngige Flamme in die Höhe – der Kiosk, dessen üppige Pracht sie vor wenigen Minuten verlassen hatten, krachte zusammen und begrub das Angstgeheul der Aya. Von der Front des brennenden Bungalow her rasselten die Trommeln der anrückenden Militärwache, die den Pöbel durchbrach, tönte das Kommando, der Ruf der Pompiers. »Nimm sie in deine Arme, hülle ihr Haupt in den Schal!« befahl der Rais, »und nun mir nach!« Er entriß die Axt seinem Gefährten und drang zurück in den Rauch und die Flammen. Sein jüngerer Gefährte, die Gerettete auf seinen Armen, folgte ihm, hinter diesem die Odaliske. »Hier – hier hinaus! Springt hinab!« Der Uskoke gab ihnen das Beispiel und sprang durch die durchbrochene Jalousie in den Garten. Im nächsten Augenblick flohen sie durch die Gebüsche nach der Mauer zu, die den Garten nach der Seite des Flusses umgab. Jetzt hatten sie die Mauer erreicht, durch welche eine Pforte ins Freie führte. Der Albanese wollte sich eben ihr nähern, um mit Gewalt sie zu öffnen, als sie von außen her aufgeschlossen wurde und der Resident in Begleitung des Lancier-Kapitäns Mowbray und einiger Diener in den Garten stürzte. Die Nachricht von dem Brande seines Hauses hatte ihn bei dem Fest des Gouverneurs getroffen: – wütend über das Unheil, das sein ränkevoller Geist sofort nicht als Zufall, sondern als das Werk eines Feindes betrachtete, war er nach der Brandstätte geeilt und betrat dieselbe jetzt, statt sich durch die Volksmenge am vorderen Eingang zu drängen, mit seinem Vertrauten von der Gartenseite. Sein Blick hatte sofort die Laskaren und die Last entdeckt, die der Jüngere trug. »Steht, Diebe! – nieder mit dem gestohlenen Gut! Bewacht die Tür, daß sie nicht entwischen können!« Der Uskoke warf sich, die Axt schwingend, die er noch in der Hand trug, gegen den Kapitän und die Diener, und erreichte die Pforte, durch die er Narika ins Freie stieß, dann sie offen haltend für den Gefährten, indem seine schwere Waffe die Gegner in respektvoller Entfernung hielt. Jenem hatte sich unterdes der Resident entgegengeworfen und ihn am Arm gefaßt. »Was trägst du hier, Schurke?« »Die Rache für die Toten!« Die Hand des Residenten riß den großen, verhüllenden Schleier herab, in den Narika die unglückliche Gefangene gehüllt. Von ihrem bleichen, hageren Gesicht hob sich sein Auge voll Furcht auf das Antlitz ihres Retters. Zwei funkelnde Augen blitzten ihm entgegen im Schein der nahen Feuersbrunst. Wie von dem Zahn einer Zange getroffen, fuhr er zurück. » Hendrik Prätorius! – Verflucht!« Der unglückliche Geliebte der geopferten Luise hob mit grellem, wildem Hohnlachen die leichte Gestalt der Wahnsinnigen wieder in die Höhe. »Kennst du mich jetzt? Dann weißt du, warum ich diese aus den Flammen geholt, Bösewicht! Deine Stunde ist nahe!« Und an dem unwillkürlich Zurückweichenden vorüber sprang er vorwärts und erreichte mit seiner Last die Pforte. »Auf Wiedersehn, Kapitän Rivers!« scholl die Stimme des Todfeindes – dann fiel die Tür krachend ins Schloß und die Flüchtigen waren mit ihrer Beute glücklich entkommen. – – – – – Der Südwind blähte helfend das dreieckige Segel einer Praua, die mit aller Kraft von sechs Ruderern stromaufwärts getrieben ward. Am Steuer stand der junge, aus seiner Heimat vertriebene Boor, jetzt der erste Maat oder Gehilfe des albanesischen Korsaren auf den indischen Gewässern, während an das niedere Bollwerk des Fahrzeuges gelehnt der Schiffsherr selbst mit Tantiah-Topi oder Tukallah, dem Mahratten-Sirdar, und dem graubärtigen Fakir, der dem Nena im Hain die Rückkehr der Geliebten verkündet. Am Fuße des Mastes saßen zwei Frauen: das Mädchen aus Kaschmir, und die Gattin des Nena, das bleiche Haupt an jener Brust gelehnt und mit glanzlosen Augen vor sich hinstarrend. Vor den beiden Frauen aber hockte, in einen weiten arabischen Mantel gehüllt, ein Mann. Sein Gesicht war noch jung, obschon hohl und eingefallen, und bekundete den Europäer, aber sein verwilderter Bart und sein Haar waren vollständig ergraut. Aus diesen toten, glanzlosen Augen sprach, wie aus denen der unglücklichen Irländerin, der Irrsinn. »Furchtbares Schicksal!« sagte der Derwisch zu seinen Gefährten – »es wird sein Herz brechen, das so sehr an ihr gehangen!« »So ist es die Strafe dafür, daß sie ihm mehr galt, wie Heimat und Glauben. Fluch seiner Gleichgültigkeit gegen das Wehe des eigenen Landes! Wer Schmach säet, der wird die Schmach ernten.« »Wenig kennst du den Nena, wenn du fürchtest, die Wunde, die man ihm geschlagen, werde seine Kraft erlahmen. Wenn die Tigerin ihr Junges rächt, schwillt die Kraft ihrer Muskeln. Wie die Mine zerstörend emporflammt, wenn der Funke das Pulver berührt, so wird die Rache des Maharadschah alles verderben, dem er bisher angehangen.« »So möge es sein, wie traurig auch das Schicksal der Ärmsten ist,« meinte der Derwisch. »Wird nichts den Weg verraten, den wir zu ihm genommen?« »Wenn die Flucht des Sikh-Prinzen gelungen, muß der Nena längst nach Bithoor zurück sein. So groß auch die Macht und die Bosheit des Faringi ist, er darf es nicht wagen, sein Opfer in das Haus des Nena zu verfolgen, und wenn der Morgen graut, wird diese Praua unter den tausend ähnlichen Schiffen verborgen sein, die den heiligen Strom bedecken.« »Ich spotte ihrer Verfolgung,« sagte der Uskoke. »Viele Mittel hab' ich, ihre Augen zu täuschen: doch seht, dort schwimmen die Lichter von Bithoor, und jene dunkle Masse, die sich über die Wipfel der Tamarinden erhebt, ist der Palast des Maharadschah. Herum mit dem Steuer, Enrico, und wende das Schiff nach dem Ufer. Soll ich das Zeichen geben?« Der Sirdar bejahte und im nächsten Augenblick zischte eine Rakete von der Praua in die Höhe und ließ hoch am Himmelsbogen ihre blauen Sterne durch das Dunkel schwimmen. Sogleich antwortete vom Ufer her das Aufsteigen einer andern Ratete mit rotem Licht. »Baber Dutt ist auf seinem Posten,« erklärte Tukallah – »lege die Praua an der Stelle gegen das Ufer, Freund, wo das rote Licht leuchtet und laß das Boot in Bereitschaft setzen, dein Werk ist getan und die Rani soll erfahren, daß es gut getan wurde.« Der Derwisch war, während das Boot wendete, zu den beiden Unglücklichen getreten und auf sein ernstes und strenges Gesicht legte sich ein tiefes und inniges Mitleid. »Arme Wesen – unglücklich durch eigne und fremde Schuld,« murmelte er – »muß euer Elend zum Mittel werden, die Freiheit zu fördern? Welch schreckliche Saat wird aus dem Schrecklichen entspringen!« Und die Stirn an den Mast gelehnt, horchte er traurig auf den leisen Gesang der Irren, während die Praua unfern des Bithoor- Palastes Anker warf. In dem großen Gemach des Bungalow, in dem bei Beginn des Festes der Wasserlichter der Nena mit seinen Getreuen der Stunde des Aufbruchs entgegen geharrt, befanden sich fast dieselben Personen wieder versammelt, nur daß statt Murad Khans die Gestalten zweier Frauen seine Stelle auf dem Diwan eingenommen: Mahe Tschund, die entthronte Königin von Lahore und ihre Tochter. Bleiern waren die Stunden bangen Harrens ihnen verflossen, bis die Rückkehr des Nena ihnen Kunde gebracht, daß der Khan mit dem Befreiten bereits weit auf dem Wege nach Audh sei. Man hatte die weiteren Schritte beraten, und es war beschlossen worden, daß am nächsten Morgen die beiden Frauen verkleidet unter dem Schutz einiger Jäger des Maharadschah aufbrechen und die Straße nach Audh einschlagen sollten, um dort mit Dhulip Singh zusammen zu treffen. Nachdem der Nena seine genauen Befehle erteilt, war er im Begriff, die Frauen durch den Garten des Bungalow nach den Gemächern zurückzugeleiten, als plötzlich drei Schläge an die Tür, die nach der Veranda des Kanals führte, seinen Fuß an den Boden fesselten. Der erste Gedanke war Verrat und Überraschung. Bald aber hatte er seine Ruhe und Entschlossenheit wieder gewonnen, und seiner Umgebung winkend sich ruhig zu verhalten, näherte er sich selbst der Tür. »Wer wagt es, zu dieser Stunde die Ruhe des Maharadschah von Bithoor zu stören?« »Freunde des Peischwa!« »Die Worte sind leicht auf der Zunge der Menschen.« »Der Peischwa weiß,« entgegnete die Stimme des Einlaßbegehrenden, »daß Freunde auch ungerufen im Dunkel der Nacht erscheinen. Er selbst hat es erfahren an diesem Abend unter dem Schatten der Tamarinden auf dem Weg nach Cawnpur. Er möge uns öffnen und das Geschenk entgegennehmen, das seine große Freundin von Ihansi ihm sendet.« Der Nena erbebte. Er erkannte die Stimme, und die Worte, die der verkleidete Fakir vor wenig Stunden auf dem Wege nach Cawnpur zu ihm gesprochen, erfüllten seine Seele. Dann streckte er die Hand aus nach der Tür und befahl mit gepreßter Stimme: »Öffnet!« Die Tür flog auf – zwei Männer erschienen in ihrem Rahmen, eine ganz von einem weiten indischen Schal verhüllte Gestalt in ihrer Mitte führend; hinter ihnen erblickte der Nena das ernste und traurige Antlitz eines Dritten: Baber Dutts, seines Bruders, den er während mehrerer Tage nicht gesehen. Die beiden Männer waren Tantiah Topi, der Mahratten-Sirdar, das Haupt der Verschwörung gegen die Faringi, und der geheimnisvolle Derwisch. Der Nena erzitterte, als sein Auge auf der verhüllten Gestalt in ihrer Mitte ruhte. Auf einen Wink Baber Dutts schloß Gibson die Tür, durch welche sie eingetreten und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. »Sei willkommen edler Sirdar, du und dein Begleiter, in dem Hause Srinath Bahadurs,« sagte der Nena mit zitternder Stimme. Der Nena trat hastig auf sie zu, als er sich näherte, wichen der Mahratte und der Derwisch zurück und er stand allein in der Mitte des Gemachs vor der verhüllten Gestalt. »Kapitän Ochterlony,« sagte der Maharadschah zagend, »geben Sie mir Antwort – was soll dies alles bedeuten?« »Mut, Prinz – sehen Sie selbst und – seien Sie ein Mann, der das Unvermeidliche zu tragen versteht.« Als hätte er einen verzweifelten Entschluß gefaßt, ergriff die Hand des Maharadschah hastig den Schal und riß ihn herab. Starr, einer Marmorstatue ähnlich, das hohle Auge ausdruckslos umherschweifend, stand die Gestalt der Irländerin, ohne sich zu rühren, auf der Stelle, wo ihre Führer sie hingestellt. »Margarete!« Der Schrei des Maharadschah zuckte so grell durch das Gemach, daß Schauder durch die Adern der Hörer bebte. Er schlug an das Ohr der Frau, der es galt, und eine leichte Röte zeigte sich auf ihren Wangen. Dann wandten sich ihre Augen auf den Mann, der sie so unendlich geliebt, und ein ängstliches, verlegenes Lachen entstellte ihr abgehärmtes Gesicht. »Ich bitte dich, Freund,« sagte sie im Flüsterton, »sprich dem Nena nicht davon, daß Margaretas Bruder sie ins Verderben gelockt und daß sie das Bett eines andern Mannes geteilt hat. Der Nena hat eine böse Natur – ich kenne ihn – sie schläft nur unter der Liebe zur schönen Margaret' und könnte uns alle vernichten!« »Margarete – Weib – Geliebte meiner Seele – kennst du mich nicht?« »Ophelia hat ihren Kranz zerrissen, Hamlet, der Dänenprinz, mag sie nicht. Und dennoch »er liebt Ophelia, vierzigtausend Brüder Mit ihrem ganzen Maß von Liebe hätten Nicht seine Summ' erreicht!« Der Nena wischte den kalten Schweiß von seiner Stirn – die Farbe seines Angesichts war fahl – das erst so blitzende Auge irrte stier, gleich dem des unglücklichen Wesens vor ihm, umher von einem zum anderen. Es war so totenstill im Gemach, daß man das steigende Keuchen seiner Brust hörte. »Erbarmen! Erbarmen! – Äffen mich die Dämonen? Ist dies das Weib meines Herzens? Ist sie –« Die Hand des ehemaligen Parlamentsmitgliedes legte sich auf seine Schulter. »Gott im Himmel weiß allein, was uns frommt. Seine Hand hat die Schleier des Wahnsinns über die Verzweiflung dieser Ärmsten gedeckt.« Ein dröhnender Schall – der Maharadschah stürzte zu Boden – alle eilten hinzu, ihm beizustehen. In diesem entsetzlichen Augenblick vernahm man ein neues heftiges Klopfen und Ralph, der Bärenjäger, der am Tore die Wache gehabt, trat hastig ein. »Wo ist der Maharadschah?« »Wo ist der Maharadschah?« wiederholte der Riese die Frage. Baber Dutt trat ihm entgegen. »Siehst du nicht, Mann, daß der Nena erkrankt ist? Was willst du von ihm? was ist geschehen?« »Ein Läufer von Cawnpur bringt dies Blatt. Er sagt, es gälte Tod und Leben!« Baber Dutt riß das Papier auf. Es enthielt eine einzige Zeile: »Die Geier folgen dem Fluge der Schwalbe in das Nest des Adlers!« »Tod und Verdammnis über die rotrockigen Schurken! Was ist zu tun?« In diesem Augenblick erhob sich der Maharadschah. Sein Aussehen glich dem eines Toten, aber sein Auge starr, fest und unheimlich, zeigte, daß er jetzt vollkommen wieder Herr seiner Sinne war. Zwischen den Brauen lag eine tiefe Falte furchtbarer, unheilverkündender Entschlossenheit. Um den Mund tiefte sich ein häßlicher böser Hohn, ein Ausdruck grausamer Gier, der die Oberlippe hob, und die spitzen weißen Zähne gleich dem Gebiß eines Raubtiers erscheinen ließ. Niemand wagte ihn anzusprechen, jeder unterlag dem Eindruck dieser so schrecklichen Veränderung. Langsamen Schrittes trat der Maharadschah zu der Irren, hob sie in seinen Armen empor und trug sie zu den Kissen des nächsten Diwans, auf die er sie sorgsam niederlegte, indem er sie, wie die Mutter ein Kind, in den weiten Schal einhüllte. Baber Dutt fühlte, daß jeder Augenblick kostbar war. »Mein Bruder,« sagte er, indem er auf den Nena zutrat, – »dieser Brief ...« Der Maharadschah winkte ihm mit der Hand Schweigen. »Ich weiß – ich hörte es. – Mac Scott, die Tore des Gitters geöffnet, daß die Faringi-Häscher kein Hindernis finden! Cordillier, sorge dafür, daß alle Leute sich zurückziehen, aber bewaffnet in der Nähe bleiben. Nichts darf verraten, daß wir benachrichtigt sind. Hoheit, ich weiß nicht, wie weit der Verdacht der Faringi sich erstreckt. Du und die Prinzessin werden hier in meiner unmittelbaren Nähe sicherer sein, als in euren Gemächern. Aber es ist notwendig, daß ihr als die Dienerinnen des Hauses erscheint und euch mit dieser Unglücklichen zu schaffen macht.« Die entthronte Königin begriff sofort die Zweckmäßigkeit des Rates und ordnete Turban und Schleier nach der einfachen Art der niederen Hindufrauen. Der Mahratte wendete sich jetzt zu dem Nena, der alle diese Befehle so ruhig und sicher erteilt hatte, als wären seine Nerven von Eisen, als hätte nicht eben der entsetzliche Schlag seine Seele in ihren Tiefen zerrissen. »Was beschließest du über uns? Sollen wir fliehen oder uns verbergen?« »Keiner, der als Gast die Schwelle Srinath Bahadurs überschritten, hat hier zu fürchten.« Der Nena hatte die Hand des verkleideten Derwisch ergriffen, der mit Erstaunen und Teilnahme das Gebahren des Hindufürsten, die erhabene aber mehr noch furchtbare Entwicklung dieses Charakters verfolgte. »Freund meines Freundes,« sagte er mit fester Stimme, – »ich bitte dich, wäge die Worte, die du sprichst, ehe du meine Frage beantwortest, denn das Schicksal von Tausenden hängt an dem Hauch deines Mundes. Wo fandet ihr das Weib Srinath Bahadurs, des Maharadschah von Bithoor?« »Bei meiner Ehre! in dem Harem eines der Tyrannen deines Landes, eines Engländers, der sie entführt und entehrt.« Die Augen des Bahadurs schlossen sich einen Moment. Der Kapitän sah, wie Schweiß sein bleiches Gesicht bedeckte, wie die krampfhaft geballte Faust erzitterte. »Baber Dutt!« »Was befiehlst du, mein Bruder?« »Sind die Ruder in der Barke an der Wasserpforte?« »Ich werde dafür sorgen.« »So geh' und wirf dich in den Strom. Schwimm nach der Praua dieser Männer und befiehl dem Rais, seine Anker zu lichten und stromaufwärts zu fahren ohne einen Augenblick der Zögerung, eine Stunde weit bis zur Stelle, wo die Sandbank von Osten weit hinaus in den Fluß tritt. Du bleibst auf dem Schiff. Erhält der Rais bis morgen eine Stunde nach Sonnenaufgang keine Nachricht, so möge er zurückkehren an das Ufer von Bithoor. Geh' – und niemand erblicke dich auf deinem Wege.« Und sich wieder zu dem Kapitän wendend, während Baber Dutt das Gemach verließ, fragte er: »Den Namen des Faringi! sage mir den Namen!« »Du mußt sein Haus in Flammen gesehen haben, ehe du Cawnpur verlassen hast, angezündet von der Hand der Rächer, um dein Weib zu befreien.« »Rivers – der Resident?« Der Kapitän nickte schweigend. »Rivers, der Freund und Gefährte ihres und meines Bruders? Nimmer hätte es der Faringi gewagt, seine Hand an das Weib Srinath Bahadurs zu legen!« »Rivers selbst trieb den Unglücklichen zum Kampf mit dem Tiger, um ihn von der Schwester zu entfernen.« Der Nena preßte die geballten Hände an die pochenden Schläfe. »Du lügst! Du lügst! Er war der erste, welcher den Tod O'Sullivans beklagte!« »Die Gräber werden sich öffnen, dir die Wahrheit meiner Worte zu beweisen. Zwei Menschen hat jener Mann lebendig begraben – den Bruder und die Schwester! Aber die Hand Gottes hat sie erhalten zu rächenden Zeugen von dem Verbrechen der Tyrannen Indiens!« Der Nena starrte ihn verwirrt an: »Eduard O'Sullivan?« »Er ist tot und dennoch lebendig!« »Und sie – sie–« »Der Rais der Praua, und ein Mann, dem der Verbrecher im fernen Lande gleichfalls die Braut geraubt, holten sie aus dem unterirdischen Kerker seines Harems vom faulenden Stroh, wo das Opfer seiner Lüste begraben war, um nimmer wieder das Tageslicht zu schauen und die Rächer zu rufen.« »So sei er verflucht! verflucht! und mit ihm das Volk, das ihn geboren! Das Kind im Leibe der weißen Mutter soll büßen für die Taten seines Erzeugers! Der Strom des Jammers soll über ihre Geschlechter kommen und sie vertilgen vom Angesicht der Erde! Die Dunkeläugige soll ihre Seelen zerreißen und sie tauchen in den dunklen Strom der Vernichtung! Mögen die Geister meiner Väter Schmach häufen auf das Gedächtnis Srinath Bahadurs, wenn der Tiger von Bithoor nicht badet in einem Meer weißen Blutes! Fluch und Tod den Faringi!« Vor dem Bungalow rasselte der Hufschlag vieler Pferde, Waffen klangen, das Kommando eines britischen Offiziers – – – – Schlange und Tiger. Die drohend gen Himmel geballte Hand des Bahadur sank langsam nieder – und ohne eine Spur von dem Sturm von Leidenschaft zu zeigen, wandte er sich nach der Tür, die soeben geöffnet wurde. »Der Subadur-Sahib Mowbray und der Jemedar-Sahib Sanders aus Cawnpur wünschen Seine Hoheit den Maharadschah zu sprechen,« meldete die Stimme Gibsons. Die genannten beiden Offiziere traten ein und hinter ihnen, ehe die Tür sich schloß, vernahm man das Klirren von Säbelscheiden auf dem Marmorboden des Vorzimmers. »Seien Sie mir willkommen, Sahibs! Der Palast von Bithoor hat leider lange das Vergnügen entbehren müssen, die englischen Freunde seines trauernden Herrn in seinen Mauern zu sehen.« Die Offiziere verneigten sich höflich. Die Blicke Mowbrays musterten aufmerksam das Gemach und die Anwesenden, und blieben mit offenbarem Interesse an der Gruppe der Frauen am Diwan hängen. »Verzeihung, Fürst, daß wir Sie so spät noch stören,« sagte der Leutnant. »Indes es geschieht auf Befehl Seiner Exzellenz des Gouverneurs. Ein wichtiger Vorfall in Cawnpur heute abend ist die Ursache.« »Sie machen mich besorgt, Sir. Indes, ehe ich weiter höre, lassen Sie mich die Pflichten des Wirtes erfüllen. Gibson, sorge für Erfrischungen und« – eine leise Ironie leuchtete durch seine Worte – »daß es der Begleitung der Gentlemen an nichts fehle. Verzeihen Sie, Mowbray, daß ich Sie noch nicht besonders begrüßt. Ich hoffe, Sie waren wohl, seit ich Sie nicht sah, und unser gemeinschaftlicher Freund, der Resident, ist es gleichfalls. Ich bedaure, daß er zu denken scheint, ich rechnete ihm den Tod meines unglücklichen Schwagers zu, während ich doch überzeugt bin, daß er gewiß alles mögliche aufbot, den wahnsinnigen Kampf zu verhindern.« »So wissen Sie noch nicht, Hoheit, was Rivers passiert ist?« »Sie erschrecken mich in der Tat – wie sollte ich ...« »Entschuldigen Sie, Fürst, daß ich zuerst meinen amtlichen Auftrag ausrichte,« unterbrach der Ordonnanzoffizier des Generals das Gespräch. »Es wird Ihnen bekannt sein, daß Dhulip Singh, der junge Prätendent des Thrones von Lahore, in Cawnpur sich als Gefangener befand.« »Ich erinnere mich, davon gehört zu haben, Sir, er wurde ja wohl von Firozpur vor einigen Wochen dahin gebracht? Das Gerücht traf mich zu einer Zeit, wo ich selbst unter zu schweren eigenen Leiden gebeugt war, so daß ich leider ihrer nicht genug achtete, sonst hätte ich General Wheeler gebeten, mir zu gestatten, den von dem Ehrgeiz seiner Mutter mißleiteten Jüngling besuchen zu dürfen, da er ein entfernter Verwandter von mir ist.« Die beiden Offiizere wechselten einen Blick miteinander. »Dhulip Singh,« fuhr der Leutnant fort, indem er den Maharadschah scharf beobachtete, »ist durch List und Betrug diesen Abend aus seinem Gefängnis in der Zitadelle von Cawnpur entflohen, oder vielmehr entführt worden.« »Zugleich,« fügte der Lancier-Kapitän hinzu, »ist das Landhaus des Residenten von ruchloser Hand in Brand gesteckt worden und bis auf den Grund niedergebrannt.« »Um des Himmels willen – welche schlimmen Ereignisse an einem Abend. Sind die Täter ergriffen?« »Noch nicht, aber wir sind ihnen auf der Spur, denn viele Umstände lassen vermuten, daß die Flucht und der Brand in Zusammenhang stehen und ein Werk der ränkevollen entthronten Königin von Lahore Mahe Tschund sind, die sich wahrscheinlich in der Nähe befindet.« »Und Sie sind auf der Verfolgung des Flüchtlings oder der Mordbrenner begriffen?« fragte der Indier mit dem Ton naiven Mißverständnisses. »Seine Exzellenz soll nicht umsonst auf meine Hilfe gerechnet haben; ich stelle meine wenigen Mittel auf das Bereitwilligste zur Disposition.« Der junge Offizier errötete verlegen. »Das nicht, Hoheit – General Wheeler ist von Ihrer Ergebenheit für die Interessen der Regierung überzeugt – nichtsdestoweniger ...« Die bisher so zuvorkommende freundliche Haltung des Maharadschah wurde stolz und kühl. »Nun, Sir – ich will nicht hoffen ...« »Es soll Sie nicht beleidigen, Hoheit, aber – wir sind beauftragt, Erkundigungen bei Ihnen einzuziehen, ob der übelberatene Flüchtling vielleicht bei Ihnen Schutz gesucht, und ...« »Eine Nachsuchung nach dem Knaben bei mir zu halten, bloß weil ich ein Hindu bin und in der Nähe von Cawnpur wohne,« vollendete der Maharadschah kalt. »Bitte, Sir, vollziehen Sie Ihre Befehle. Die Offiziere der Garnison von Cawnpur waren zu oft Gäste in dem armen Hause Srinath Bahadurs, als daß sie seine Räume für eine Durchsuchung nicht genügend kennen sollten.« »Ich fühle ganz das Unangenehme meines Auftrags, Hoheit,« erklärte beschämt der Offizier, »und wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben ...« »Sir,« sagte kalt der Fürst, »die Kinder dieses Landes sind schon gewöhnt, ihre Anhänglichkeit und Hingebung an die englische Regierung durch Mißtrauen und Kränkungen vergolten zu sehen, als daß sie sich darüber beschweren dürften. Indes glaubte ich wirklich durch meinen Rang und die Dienste, die ich erwiesen, vor persönlichen Beleidigungen geschützt zu sein. Ich werde mich – sollten Sie nicht etwa den Auftrag haben, über meine Freiheit zu disponieren – morgen früh nach Cawnpur begeben, um General Wheeler mein Bedauern auszusprechen, daß man bei Srinath Bahadur eine Unterstützung der Feinde der Regierung auch nur für möglich halten konnte, um so mehr, als ein mindestens ebenso merkwürdiges Ereignis, wie dle Flucht eines Gefangenen oder der Brand eines Bungalow mich bereits hatte beschließen lassen, die Hilfe des Generals und des Residenten morgen zu weiteren Nachforschungen in Anspruch zu nehmen.« »Darf ich wissen, was Sie meinen?« fragte der Kapitän. »Sie wissen,« fuhr der Maharadschah fort, »daß Lady Margaret, meine Gattin, vor etwa drei Monaten, während meiner unglücklichen Abwesenheit, auf eine unerklärliche Weise verschwunden ist?« »Ganz Audh weiß es und beklagt Sie und kennt und ehrt Ihren tiefen Schmerz, Hoheit.« Er schritt zu dem Diwan und zog die verhüllende Decke fort. Augenblicklich erkannten die Offiziere die oft gesehene Frau trotz der Spuren des Elends und der Krankheit. »Lady Margaret! Um Gottes willen, Hoheit – –« »Sorgt für eure Gebieterin und bereitet ihr Gemach,« befahl der Maharadscha den beiden Frauen. »Diese Jammergestalt, krank, jeder Erinnerung beraubt, Sir, ist das, was von der Gattin Srinath Bahadurs zu ihm zurückgekehrt ist.« »Aber wie – wann?« »Kaum eine Stunde vor Ihrer Ankunft fanden meine Diener mein Weib allein an der Tür meines Hauses liegend. Begreifen Sie nun, Sir, daß ich andere Sorgen habe, als die Flucht Dhulips Singhs zu fördern und ihn zu verbergen?« Leutnant Sanders – selbst der kaltherzige liederliche Mombray waren erschüttert von dem schrecklichen Anblick, der sich ihnen so unerwartet geboten. »Haben Sie noch keine Spur – keine Vermutung, Sir, wer die Räuber gewesen?« fragte der Leutnant. »Hören Sie das Lachen – die Worte der Unglücklichen,« sagte der Maharadschah, nach der Irren deutend, die in den Armen der Frauen eben wieder die traurige Ballade, von wirren Phantasien unterbrochen, anhob, »und Sie werden sich überzeugen, daß ihre Vernunft, ihre Erinnerung dahin ist. Offenbar war sie von den Phansigars, den Dieben, geraubt und ist erst wieder freigelassen worden, nachdem man ihren Verstand mit giftigen Mitteln verwirrt hat. Die Schurken wollten sich rächen dafür, daß ich ein Dutzend ihrer Genossen auf meinem Gebiet hängen ließ, weil sie einen Faringi-Kaufmann beraubt.« »Aber Sie sind so gefaßt, so ruhig, Hoheit, bei dem entsetzlichen Ereignis?« »Was kann ich gegen das Schicksal tun?« erwiderte mit der Resignation eines echten Orientalen der Hindu. »Das Fatum steht über uns, und seit drei Monaten betrauere ich mein Weib als eine Tote.« Leutnant Sanders ergriff mit aufrichtiger Teilnahme die Hand des Maharadschah. »Hoheit,« sagte er, »das Unglück, das Sie betroffen, ist zu groß, als daß ich mir es nicht zum Verbrechen anrechnen würde, Sie noch länger zu stören. Wir kehren nach Cawnpur zurück, und wenn es irgend in unserer Macht steht, Ihnen mit etwas zu dienen, dann befehlen Sie über unseren Eifer.« »Wenn ich Sie bitten darf, Sir, so senden Sie mir sobald als möglich ärztliche Hilfe, vielleicht Doktor Clifford.« »Der Doktor,« sagte der Leutnant zögernd, »befindet sich augenblicklich in Haft – ich zweifle aber keinen Augenblick, daß es ihm gelingen wird, sich von jedem Verdacht zu reinigen, dem Entflohenen Hilfe geleistet zu haben, und ich hoffe, schon morgen früh ihn wieder in Freiheit zu sehen.« Der Bahadur lächelte trübe. »Wahrlich, Sir,« sagte er, »es scheint schwer, dem Verdacht Ihrer Behörden zu entgehen, selbst bei der treuesten Pflichterfüllung. Wenn Sie noch den geringsten Argwohn hegen, so durchsuchen Sie auf das strengste mein Haus. Daß hier unter meinen Freunden und Dienern das Knabengesicht Dhulip Singhs nicht zu finden ist, werden Sie sich bereits überzeugt haben. Mir aber erlauben Sie, für jene Unglückliche Sorge zu tragen und sie in die Gemächer zu schaffen, die sie in glücklichen Tagen bewohnte. Meine Diener sollen Sie indes als meine Gäste mit allem versehen.« Die Offiziere jedoch, jetzt überzeugt, daß der Gesuchte hier nicht zu finden sei und der Nena keine Kenntnis der Flucht gehabt, lehnten sein Anerbieten auf das Bestimmteste ab und verabschiedeten sich. Wenige Minuten darauf ertönte das Kommando zum Abmarsch und die Reiter trabten auf der Straße nach Cawnpur wieder davon. Der Nena hatte die Offiziere bis an das Tor des Bungalow begleitet. Alles Höfische, Ruhige und Gedrückte war aus seiner Haltung verschwunden, und in dem festen Tritt, mit dem er zu dem Gemach zurücklehrte, lag der energische Wille der Tat. »Laß den Zugang bewachen, Gibson, und überzeuge dich, daß kein englischer Späher in der Nähe zurückgeblieben,« befahl er. »Welche Stunde der Nacht ist es?« »Mitternacht, Hoheit!« »Dann können die Diener und Frauen des Haushalts jeden Augenblick von dem Fest zurückkehren. Die Ankunft meines Weibes soll ihnen verborgen bleiben bis morgen.« Tukallah hatte unterdes der Königin mitgeteilt, daß die Faringi ihre Nähe argwöhnten, und es war beschlossen worden, daß die Maharani bei Tagesanbruch ihre Reise in Männerkleidern antreten, die Prinzessin aber vorläufig unter der Maske einer Dienerin im Schutz des Maharadschah zurückbleiben sollte, bis Nachricht von dem glücklichen Entkommen der Mutter und des Sohnes eingegangen. Da nur wenigen die Anwesenheit der Königin in Bithoor bekannt, so bestand diese selbst darauf, sofort von ihrer Tochter und den Freunden zu scheiden, und sich in die ihr eingeräumten geheimen Gemächer zurückzuziehen. Der Maharadschah befahl Mac Scott, seinem alten Erzieher, die Maharani dahin zu geleiten und für ihre Sicherheit zu sorgen. Die Nähe des jungen Mädchens schien einen beruhigenden Einfluß auf den Zustand der armen Irren auszuüben, und die gänzliche Erschöpfung ihrer Kräfte hatte sie endlich in einen festen und tiefen Schlaf versinken lassen. In diesem Zustand trug der Maharadschah, gefolgt von der jungen Prinzessin, die teure Last auf seinen Armen nach der Zenanah. Dort legte er sie sanft auf das Lager, das so lange einsam und leer gewesen, und schlug sorgfältig die Vorhänge um dasselbe. Mahana bereitete sich ein Lager im Vorgemach, so daß sie jede Bewegung der Kranken hören konnte. Die Männer hatten sich auf den Teppichen und Diwans der Halle, in der sie bis jetzt versammelt gewesen, zum Schlafe niedergestreckt, und noch ehe eine Viertelstunde vergangen, lag das Bungalow finster und in tiefer Ruhe. Nur zwei Männer wachten! Es waren der Bahadur und Tukallah, der Guru der Thugs. Der letztere lag sinnend auf der Matte, die ihm zum Lager diente. Er fühlte, daß er über den Nena gesiegt und den Tiger in ihm geweckt hatte, aber er begann zu zweifeln, ob der Charakter des Fürsten auch stark genug sei, die erweckten Leidenschaften in Taten zu äußern. Plötzlich berührte eine fremde Hand leise seine Schulter. Der Mahratte fuhr in die Höhe und seine Hand unwillkürlich an den Griff seines Handjars. Umschauend sah er einen in seine weißen Obergewänder gehüllten Mann vor sich stehen. Es war der Nena! »Komm – ich habe mit dir zu sprechen!« Der Sirdar erhob sich, und bei dem schwachen Schein des Sternenlichts sorgfältig die Berührung der Schlafenden vermeidend, folgte er dem Nena. Schweigend schritt er voran, weiter in das Dickicht des Gartens – der Mahratte folgte ihm. An dem Marmorbassin der mittleren Fontäne blieb der Maharadschah stehen und lehnte stumm und nachdenkend mehrere Minuten an den kalten Stein. Vor ihm, ihn ruhig beobachtend, stand der Mahratte. Jetzt erhob der Nena sein Haupt. Sein Blick war kalt und entschlossen. »Tukallah oder Tantiah Topi – Guru der Thugs! – Srinath Bahadur hat mit dir zu reden.« Unwillkürlich fuhr der Mahrattenhäuptling zusammen und eine dunkle Röte überflog sein Gesicht. »Was fällt dir ein, edler Bahadur? Mit welchem Namen nennst du mich?« Der Mahratte sann einige Augenblicke schweigend nach, dann fragte er selbst: »Sage mir, wie kamst du zu dem Glauben!« »Schon als Knabe, als ich einige Zeit am Hofe der großen Begum vom Somroo zubrachte mit Dyce Ochterlony, sah ich einst in den Wäldern umherschweifend einen Wanderer töten, der am Fuße einer Tamarinde schlief. Zwei der Männer, die es taten, waren mir unbekannt, der dritte hatte sich erst kurze Zeit vorher zu ihnen gesellt, und ich kannte ihn wohl. Es war der Mayadar meines Verwandten – du selbst.« »Und du bewahrtest das Geheimnis, Srinath Bahadur?« »Ich bewahrte es in der Knabenbrust – was sollte ich davon reden. Der Wanderer war vielleicht dein Feind, und du hattest ein Recht, ihn zu töten. Viele Jahre dachte ich nicht mehr an die Erinnerung des Knaben – bis sie vor wenig Monden wieder in mir emporstieg und das, was ich erfuhr, bestätigte.« »Fahre fort, Bahadur. Von welcher Gelegenheit sprichst du?« »Von Malangher, deiner Burg! Ich ahne ihre Geheimnisse, denn ich selbst entzog der Bhawani dort zwei der ihr geweihten Opfer!« »Wahnsinniger Tor – so mußt du sterben!« Seine Hand faßte nach dem Dolch im Gürtel. Der Bahadur winkte verächtlich. »Ich werde sie der Dunkeläugigen wiedergeben, denn es waren Faringi, und mehr als sie. Auf ihren Altar will ich die Zerstörung von tausend Leben legen. Erbärmlicher Dienst, den ihr der erhabenen Göttin der Vernichtung weiht, indem ihr das Leben eines einzelnen Wanderers nehmt und gleich der Schlange den arglosen Wicht überfallt, der eingeht durch euch zu den neun Wanderungen der Seele, statt die Völker und Geschlechter niederzuwerfen vor die Stufen ihres Tempels und mit den Gräbern derer, denen Brahma keine Auferstehung gewährt, das Angesicht der Erde zu bedecken?« »Und bist du der Mann, Srinath Bahadur – das große Werk der Vernichtung zu vollenden?« »Ich bin es, Tantiah Topi! Sage mir jetzt, bist du ein Thug?« »Ich bin es! Sei der unsere, oder stirb!« »Du bist das oberste Haupt des Bundes?« »Ich bin nur ein Guru – doch einer der mächtigsten und größten unter den Dienern der Khali. Ich bin der nächste zur Oberherrschaft über alle.« »Wohlan, ich will ein Thug werden wie du, aber ich muß der Herr sein über den Tod und alle seine Diener, nicht sein niederer Knecht! Ein Grab soll die Welt sein, und die Brut der Faringi seien die ersten, die es füllen! Gib mir die Macht, Tantiah-Topi, gib mir die Macht! und die Göttin soll jauchzen über die Opfer, die ich ihr bringe!« »Srinath Bahadur,« sagte langsam der andere, »du sollst das Oberhaupt der Würger sein, wenn du die Proben bestehst, und ich der erste deiner Sklaven!« »Wann – Mensch! wann soll die Macht in meinen Händen sein? denn meine Seele lechzt nach dem Werk der Vernichtung.« »Noch in dieser Nacht – wenn du willst!« »Ich will! – Was habe ich zu tun, um ein Thug zu sein, wie du?« »Ehe du küssen darfst die heilige Spitzaxt, mußt du der Opfer drei auf den Altar der großen Bhawani legen – drei Opfer, die zeigen, daß du mit allem, was dir heilig war im Leben, gebrochen, um ihr zu dienen!« »Ich will.« »Kannst du den Freund töten, dessen Lager du geteilt, dessen Arm dich beschützt, dessen Liebe deine trüben Stunden erheitert, deine frohen geteilt hat, der sein Leben eingesetzt für das deine? Kannst du lohnen die heilige Schuld des Dankes mit Tod und Vernichtung im Dienst der Khali?« »Ich will.« »Kannst du täuschen das Vertrauen? kannst du das Leben des Gastes opfern, der deine Schwelle überschritt und dessen Haupt zu schirmen dir heiligste Pflicht – kannst du die Jugend und Unschuld opfern auf dem Altar der Khali?« »Ich will!« »Wohlan, so beweise es! Das dritte Opfer will ich selbst dir zeigen, wenn es an der Zeit ist.« Der Mahratte knüpfte das furchtbare Seidentuch los, das seinen Turban umwand, und reichte es ihm. Dann nahm er den Dolch aus seinem Gürtel und gab ihm gleichfalls denselben. »Nimm beides! die Bhawani gestattet es dir, zu wählen für das erste der Opfer; denn Messer und Tuch sind geweiht an ihrem Altar, und die des Werkes nicht geübte Hand darf nicht fehlen, wo es so wichtiges gilt. Bist du entschlossen?« »Ich bin's!« Der Sirdar ahmte zweimal den Schrei des Adlers nach. Sogleich tauchten aus dem Schatten der Gebüsche zwei menschliche Gestalten auf und nahten sich ehrfurchtsvoll, die Hände über der Brust gekreuzt. Es waren zwei fast nackte, bronzefarbene Männer, nur mit dem Hüftenbund bekleidet und um den Kopf das verhängnisvolle Seidentuch geschlungen. »Holt eure Werkzeuge, ihr Lughas, und grabt das Grab an dieser Stelle!« befahl der Guru. Plötzlich gab der Mahratte das Zeichen einzuhalten – man hörte Schritte, die von der Seite des Palastes daherkamen. »Der Fuß eines Fremden naht! Verbergt euch!« befahl der Guru. Der Maharadschah winkte verneinend. »Es hat keine Gefahr – bleibt an eurer Arbeit!« »Wer ist es, der kommt?« »Das erste der Opfer!« Es war Mac Scott , der Schotte, der Lehrer und Erzieher des Maharadschah, sein treuer Diener und Freund, der Gefährte in hundert Gefahren, der ihn so viele Jahre hindurch gleich einem Sohne geliebt. Der Nena zeigte auf die Leiche. »Möge die Bhawani das Opfer empfangen!« Der Mahratte tauchte seine Hand in das Blut des Ermordeten und berührte Stirn und Augenlider des Mörders damit. Dann klatschte er in die Hände und sogleich erschienen die beiden Lughas wieder und begannen ihre Arbeit aufs neue. »Du hast die Schwäche der Dankbarkeit aus deinem Herzen gerissen,« sprach der Furchtbare, »deine Seele ist stark. Zeige, daß auch die heiligste Sitte der Väter ein Hauch ist vor der Dunkeläugigen, daß der Gast deiner Schwelle, der Schlaf des Schuldlosen, der dir vertraut, nicht Schirm ist gegen den Ruf der Khali.« Der Maharadschah ließ den Dolch fallen, seine Hand griff nach dem Rumal, dem mörderischen Seidentuch, und sein Fuß hob sich zum Gehen. Dann plötzlich hielt er zögernd inne – offenbar kämpfte er mit sich selbst, welchen Weg er nehmen solle. Der Mahratte betrachtete ihn höhnisch. »Du zauderst?« »Bei den Unterirdischen – nein!« Der Bahadur verschwand in den Büschen, in der Richtung des matten Strahles der Lampe aus der Zenanah. – – – – – – – Der Teppich am Eingang des Gemachs hob sich – ein bleiches fahles Männergesicht schaute hinein, stiere Augen lauschten durch das Gemach. Kalter Schweiß perlte in dicken Tropfen von der blutig bezeichneten Stirn – die schmalen Lippen waren zusammengepreßt von dem Ringen eines entsetzlichen Entschlusses! Der Bleiche war an ihrer Seite und beugte sich über sie, ihren Atem belauschend. Dann zog seine Rechte das verhängnisvolle Tuch vom Nacken und seine stieren Blicke beobachteten die Lage der Schlummernden, um ein schreckliches Werk zu vollbringen. Da regte es sich in dem Nebenzimmer. Die unglückliche Gattin des Nena schien erwacht oder im Traum zu sprechen. Sie sang das schaurige Lied Ophelias von dem Weidenbaume am Bach. Augenblicklich erwachte das Hindumädchen und erhob den Kopf, nach der Kranken zu lauschen. Ihr Auge fiel auf das entstellte, blutgezeichnete Gesicht des Fremden und wurde starr vor Schreck. Zugleich aber öffnete sich der kleine Mund, als wolle er einen Ruf des Schreckens, der Hilfe ausstoßen. Aber kein Ton kam über ihre Lippen. Noch ehe ein Laut sich ihnen entrungen, flog das Tuch über ihr Haupt und eine starke Faust umkrallte den zarten Hals und erstickte den Ruf. – Aus dem Gebüsch trat der Nena – er trug eine schwere, in eine Decke gehüllte Last, einer Menschengestalt ähnlich, auf seiner Schulter. »Nimm!« sagte er finster, »das Dach Srinath Bahadurs ist fürder kein Schirm mehr für den Gast!« Ein junger, in leichte Nachtgewänder gehüllter Frauenkörper lag vor ihnen – das Haupt noch in den Rumal geschnürt, unter dem die Locken und Flechten des Haares hervorquollen. »Mahe Tschund,« sagte der Sirdar spottend, »wird sich künftig mit dem Sohne begnügen müssen, und Murad eine kalte Braut in die Arme schließen! – Legt die Geweihten der Dunkeläugigen in das Grab und tilgt seine Spuren.« Mit der an ihnen gewohnten Schnelligkeit legten die beiden Lughas zuerst die Leiche des ermordeten Schotten in das Grab und neben diese, mit den Füßen nach der entgegengesetzten Seite, die des jungen Mädchens. Im Nu bedeckte Erde die beiden Körper und das Grab füllte sich. »Ich warte des dritten!« sagte der Maharadschah mit dumpfem Tone. Der Sirdar sah nach den Sternbildern. »Es ist Zeit! – Wo ist das Lager der Bheels?« »In den Ruinen des Tempels der Dunkeläugigen, in der Dschungel von Dscheddahgoor,« erwiderte einer der Lughas. »Wie weit ist es dahin?« »Vier Koß!« »So laß uns aufbrechen.« – – – – – – – – Zwei wilde Reiter flogen durch den Sumpf, den das austretende Wasser des Ganges alljährlich bei der Regenzeit füllte – zwei Reiter, gleich gespenstigen Dämonen der Nacht. Der tolle Ritt – der Maharadschah voran, der den Weg zeigte – mochte kaum mehr denn eine halbe Stunde gedauert haben, als die Dschungel sich lichtete und der jetzt aufgegangene Mond den Reitern einen freien Platz zeigte, in dessen Mitte auf einem Hügel sich die wohlerhaltenen Reste eines uralten Hindutempels erhoben. Aus dem Innern dieser Ruinen glühte ein Feuerschein. Zwei dunkle Gestalten von wildem Aussehen erhoben sich wie aus der Erde gewachsen vor ihnen, fielen den Pferden in die Zügel und schwangen drohend gigantische Keulen. »Haltet ein, Unglückliche! Wer seid ihr, daß ihr den Ausgestoßenen und Verfluchten zu nahen wagt?« »Freunde der Bheels! Diener der ewigen Vernichtung!« antwortete die feste Stimme des Mahratten. »Wo sind die Häupter?« »Im Tempel der Schrecklichen. Soma, der Bruder der Surya, hat sein Licht über die Erde erhoben, die heiligen Feuer brennen, und er, der im Namen der Mächtigsten gebietet, wartet seine Stunde!« Der Sirdar sprang von dem Pferde, es den Bheels überlassend, dafür Sorge zu tragen, winkte dem Fürsten, seinem Beispiel zu folgen und schritt nach den Ruinen der Pagode. Ein seltsamer Anblick bot sich ihnen, als sie durch den halb zusamengestürzten Bogen des Tores in den äußeren Vorhof traten. Ein Feuer von trockenem Dschungelkraut und Zweigen brannte in der Mitte des Raumes und um dasselbe lagerte ein zahlreicher Haufe von Bheels, Männer, Weiber und Kinder, teils schlafend, teils auf den Knien hockend im Kreise mit seltsamen Gebärden eine Art von Trauergesang hermurmelnd, dessen eintönige Melodie zuweilen zu einem gellenden Klagelaut anschwoll. Auf einem rohen Lager von Dschungelkraut und Tierfellen lag ein alter Mann, offenbar dem Tode nahe, mit geschlossenen Augen, die nur von Zeit zu Zeit sich öffneten und einen erlöschenden Blick auf seine Umgebung richteten. Diese bestand aus drei Männern: einem ehrwürdigen Brahminen, den Tilluk, das Zeichen der höchsten Kaste, gleich Srinath Bahadur auf der Stirn; einem Bheel, dessen Haar mit drei aufrechtstehenden Adlerfedern geschmückt war, dem Zeichen der Häuptlingswürde, und dessen Züge unverkennbar das Gepräge der nahen Blutsverwandtschaft mit dem Greise trugen; und einem gelben Malayen in reicher kostbarer Kleidung und Bewaffnung. Tukallah machte den dreien das Erkennungszeichen der Thugs. »Wer naht dem Lager dessen, der bereit ist, der großen Mutter Rechenschaft abzulegen von seinen Taten?« fragte der Greis. »Die Schatten des Todes, den ich achtzig Jahre dem Geschlecht des Erzeugers gebracht, trüben meine Augen!« »Tukallah, Vater, den die Hindu Tantiah Topi nennen,« antwortete der Mahratte. »Er kommt, deinen Segen und deinen Willen zu empfangen.« »So sind ihrer genug,« sagte der Greis – »der Sohn der Berge, der Weise der Städte, der Krieger des Mittags und der Herr der Wüste. Sei mir gegrüßt du, der liebste der Diener der Bhawani! Aber mein Auge sieht der Bewerber fünf, wer ist jener dort?« Er deutete auf den Fürsten. »Ein Thug gleich uns – zu dessen Gunsten ich meinen Ansprüchen und deinem Erbe zu entsagen bereit bin. Srinath Bahadur , der Peischwa von Bithoor! Er kommt, die heilige Spitzaxt zu küssen!« Eine allgemeine Bewegung gab sich unter den Anwesenden kund bei der Nennung dieses Namens. Der Alte erhob sich auf seinen hagern Arm und starrte einige Augenblicke den Maharadschah an, der seinen Blick fest erwiderte. »Auf deiner Stirn ist Blut – Blut ist in deinen Augen, Tod in den Falten deines Mundes, Peischwa von Bithoor,« flüsterte der Greis, »sei willkommen im Bunde des Todes.« Er enthüllte mit einer Bewegung der Hand einen in seinem Lager verborgenen Gegenstand – es war eine stählerne Spitzaxt, von altertümlicher Form. Der Greis hielt dem Maharadschah die Waffe hin, sie zu küssen. Statt sie jedoch mit dem Munde zu berühren, ergriff sie der Bahadur mit kräftiger Faust, entriß sie der Hand des Alten, und schwang die Axt hoch durch die Luft. Ein Wutschrei der drei getäuschten Bewerber um die oberste Macht des Bundes war die Antwort der kühnen Tat. Nur der Mahratte blieb ruhig – sein Auge begegnete mit dem Funkeln wilder Befriedigung dem fragenden des Nena, während sein Finger auf den Greis wies, der den kühnen Mann erstaunt anstarrte. Der Maharadschah trat einen Schritt vor, indem er die Waffe über dem Haupte schwang, und im nächsten Augenblick begrub die scharfe Spitze sich in dem Haupte des bisherigen Besitzers. Ein noch wilderes Geschrei der drei Gurus antwortete dem Morde, und sie faßten nach ihren Waffen, um ihn zu rächen, aber der Mahratte warf sich zwischen sie und den Nena. »Im Namen der Göttin – er ist es, dem die Hand des Toten die heilige Waffe gereicht, er ist jetzt der Guru der Gurus und das Haupt des Bundes – die Bhawani selbst hat entschieden! Wagt ihr es, ihr zu widerstreben, wo ich ihrem Ausspruch mich füge? Denkt eures Eides und beugt euch vor dem Herrn der heiligen Axt!« – Und er selbst sank vor dem Nena auf die Knie und küßte demütig sein Gewand. Und die drei Gurus beugten gleichfalls das Haupt und warfen sich nieder, mit der Stirn den Boden berührend zum Zeichen des Gehorsams – über ihnen aber stand der Srinath und schwang mit dämonisch leuchtendem Auge in stolzem Frohlocken die Axt um das Haupt. Da plötzlich schrillte ein gellender Alarmruf durch die Luft – Schüsse ertönten, Trompetensignale – das »Hurra« englischer Soldaten – Wut- und Klagegeschrei und gellender Kampfruf! Bestürzt sprangen die Gurus empor, ihre wutflammenden Augen trafen den Nena, der Ruf: »Verrat!« zeigte ihren ersten Gedanken. Aber der Nena selbst war offenbar von dem Unerwarteten einen Augenblick bestürzt, und schaute ratlos umher. »Schießt die Bestien nieder, die Mordbrenner! keinen Pardon den schwarzen Schurken!« hörte man laut die Stimme Mowbrays auf der Lichtung durch das Lärmen des Überfalls kommandieren. »Bei der Waffe, die meine Hand hält,« schwor der Bahadur – »Brüder, die Hölle, nicht ich, hat die weißen Teufel über uns geführt. Kämpfe und rette sich jeder so gut er vermag.« Und das heilige Zeichen des Mörderbundes schwingend stürzte er allein voran nach dem Eingang der Pagode. Zwei englische Soldaten waren eben im Begriff, in das Innere zu dringen. Der Nena erfaßte mit der linken Hand das Gewehr des einen und drückte es zur Seite, während seine furchtbare Waffe den Kopf des zweiten bis zur Nasenwurzel spaltete. Dann sprang er ins Freie. Die Szene war hier entsetzlich. Frauen und Kinder stürzten heulend umher, die Männer kämpften mit wildem Trotz, aber offenbarem Nachteil gegen die englischen Soldaten, die sie, auf der Verfolgung des entflohenen Prinzen begriffen und durch einen Spion von dem verdächtigen Lager der Bheels in der Dschungel unterrichtet und von einer anderen Seite unbemerkt herangeführt, überfallen hatten, unterstützt durch das Lancier-Pikett, das sich auf der Rückkehr von Bithoor dem Detachement angeschlossen hatte. Pistolen- und Gewehrschüsse knallten auf allen Seiten. Mit dem raschen Überblick des künftigen Feldherrn erkannte der Nena die gefährliche Lage, und daß es gälte, zu sterben oder sich unerkannt durchzuschlagen. »Der Galgen ist unser Los, wenn die weißen Hunde uns fangen,« rief der Fürst. »Vorwärts, Brüder, und mir nach!« Der Bahadur eilte nach der Richtung davon, wo er die Moustangs zurückgelassen, aber drei heransprengende Reiter versperrten ihm den Weg. Die Lanze des einen bohrte den Malayen an den Boden fest, Tukallah war im Kampf mit dem zweiten – der Nena sah ihn fallen, von einem Pistolenschuß getroffen, während über seinem eigenen Haupte der Säbel des dritten blitzte. »Nieder mit den mordbrennerischen Hunden! Zu Boden mit dem Gesindel!« Er erkannte die Stimme Mowbrays und tauchte nieder unter den Bauch des Pferdes, dem Hieb zu entgehen. Zugleich faßte er mit der Kraft eines Löwen das Bein des Offiziers und riß ihn aus dem Sattel. »Zu Hilfe, Leute! zu Hilfe!« Aber die Spitzaxt des Nena hatte mit gewaltigem Hieb das Roß des zweiten Reiters getroffen, daß es schwer verwundet mit ihm davon sprengte, und ein fliehender Bheel beschäftigte den dritten. Der Maharadschah bog sich nieder zu dem Offizier, der unter seinen Knien am Boden lag, und lüftete den Schleier von seinem Gesicht; das Mondlicht zeigte klar und deutlich das teuflische Grinsen, das es entstellte. »Kennst du mich, weißer Hund?« »Hell and damnation – Nena Sahib!« »Stirb mit dem Namen auf deinen Lippen!« Die Spitze der Axt begrub sich in die Gurgel des Engländers. Mit übermenschlicher Kraft warf der Fürst den Körper des Mahratten auf seine Schulter und sprang nach dem Dickicht der Dschungel. Ein gellender Pfiff – in kurzer Entfernung beantwortet von einem rauhen Wiehern. Das Antlitz, das der Nena nach dem Kampfplatz zurückwandte, spiegelte den Triumph eines Teufels. Die Hand schwang dräuend die Axt empor. » Tod den Faringi! « Das Geröhr und die Büsche der Dschungel schlossen sich hinter ihm und seiner blutigen Last. Der Ball Die majestätische, gigantische Polonäse aus Meyerbeers Propheten rauschte in den stolzen herausfordernden Tönen der Militärmusik durch den goldenen Saal des Fürstenschlosses zu Bithoor. Ein buntes Gewühl von glänzenden europäischen Uniformen, Damentoiletten und orientalischen Trachten erfüllte den weiten Raum des prächtigen Saales. Volle sieben Monate waren vergangen seit den blutigen Szenen, die wir zuletzt dem Leser vorgeführt. Der Palast von Bithoor hatte seine goldenen Tore längst wieder dem leichten Volk der Schmeichler und den stolzen Gebietern des Landes geöffnet. Niemals seit jenem Abend, an welchem die beiden Offiziere den flüchtigen Sikh-Prinzen im Bungalow Nena Sahibs suchten, hatte das Auge eines Engländers die unglückliche Gattin des Maharadschah wieder erblickt. Der Fürst war am anderen Tage in Cawnpur erschienen, um bei den Behörden strenge Verfolgung der Bheels zu verlangen, von denen nach seiner Anzeige viele Mitglieder zur Sekte der Phansigars gehörten und deren räuberischen Streichen er die Entführung und die Vergiftung seiner Gattin zuschrieb, infolge deren ihr Verstand und ihr Gedächtnis zerstört sei. Der ehrliche Zorn General Wheelers, unterstützt durch den Eifer des Residenten, der jeden Verdacht von sich ablenkte, hatte die strengste Untersuchung gegen die in der Dschungel von Dscheddagoor an jenem Abend gefangenen Bheels eingeleitet, aber die Männer leugneten trotzig jede Wissenschaft an dem Raube der Irländerin wie an der Flucht des Prinzen von Lahore, und gingen mit der Gleichgültigkeit echter Asiaten zu Tode, als man zur Satisfaktion des Maharadschah ohne weiteres eine Anzahl von ihnen zum Galgen verdammte. Das öffentliche Interesse an der Kranken war seitdem gänzlich geschwunden und man begnügte sich um so leichter mit der Auskunft, daß sie noch immer leidend sei, als der Maharadschah bald darauf die bisherige Abgeschlossenheit aufgab und die frühere verschwenderische Gastfreundschaft wieder eröffnete. Das heutige Fest galt der Anwesenheit eines wichtigen Mitglieds des großen Rats von Indien, Sir Lytton Mallingham, der nach Cawnpur gekommen, um mit dem Maharadschah persönlich in einer wichtigen Angelegenheit zu unterhandeln, die derselbe seitdem bei dem obersten Gerichtshof der Kompagnie anhängig gemacht, in der durch wichtige Dokumente unterstützten Forderung auf Anerkennung seines Erbrechts an dem Nachlaß seines in England verstorbenen Verwandten Dyce Sombres. Der Gouverneur von Audh, Sir Thomas Lawrence , mit einem großen Teil der Offiziere der Garnison von Lucknow, General Wheeler und seine Familie und viele eingeborene Fürsten und angesehene Personen hatten der Einladung zu dem Feste Folge geleistet, das, neben der allgemeinen Lust, den Charakter diplomatischer Verhandlungen und Zwecke trug. Sir Lytton Mallingham begleitete seine zweite Gemahlin, und in dem glänzenden Äußern, in dem stolzen, hochmütigen Auftreten und der gänzlichen Beherrschung ihres Gemahls hätten wohl nur wenige die ehemalige demütige und intrigante Gesellschafterin der unglücklichen Lady Helene, das schlaue Werkzeug des Kabinetts der Tuilerien wiedererkannt. Vor allem waren es zwei Frauen, welche die allgemeine Aufmerksamkeit fesselten. Die eine war die Rani von Ihansi, imponierend durch die kühne stolze Schönheit, die sie auszeichnete, die andere die Begum von Audh, die Gattin des von der Kompagnie entthronten Monarchen, der in Kalkutta in Gefangenschaft gehalten wurde, obschon es hieß, daß er dort nur seine Pension verzehre. Die letztere war eine Frau in höheren Jahren, vollbusig und stark, ihr fleischiges Gesicht zeigte jedoch den Ausdruck scharfen Verstandes und einer gewissen List und Schlauheit. Um die Rani von Ihansi, diese schöne und kühne Frau, hatten sich die englischen Offiziere gesammelt, die damals jene unglückliche Tigerjagd an den Grenzen von Gwalior mitgemacht – nur Mowbray fehlte in ihrem Kreise: die Spitzaxt des Herrschers der Thugs hatte dem falschen Vertrauten der Lüste und tyrannischen Handlungen des Residenten ein Ende gemacht. Dieser selbst bewegte sich mit der frechen Sicherheit und dem Übermut der Macht in der Gesellschaft. In seiner insolenten und gebieterischen Weise machte er der Rani von Ihansi den Hof, auf deren Eroberung sein Ehrgeiz noch tiefere, weitergehende Pläne gebaut hatte. Nicht zum erstenmal wäre es gewesen, daß ein Europäer die Witwe oder Tochter eines indischen Fürsten geheiratet und dadurch auf den Thron eines jener vielen kleinen Reiche erhoben worden, denen die Kompagnie unter dem Namen von Schutzstaaten noch einen Schein von Selbständigkeit gönnte. Diese Pläne waren es auch, die Major Rivers bewogen hatten, vielen sonst gewiß nicht von der Kompagnie geduldeten Handlungen und Einrichtungen der Rani seinen Schutz zu gewähren. Sein Benehmen drückte die übermütige Gewißheit des Sieges aus und in seinem finsteren Auge, während er neben dem Diwan stand, auf dem die schöne Frau lehnte, lag boshafter Triumph, als es den Offizier suchte, den sein Instinkt ihm als Rival verkündete. An einen der Spiegelpfeiler in der Nähe gelehnt stand Kapitän Delafosse im Gespräch mit Major Maldigri , dem Befehlshaber der Leibwache der schönen Fürstin von Ihansi. Auf diese waren seine glühenden Blicke unverwandt gerichtet und nur unachtsam hörte er auf die Worte seines Gesellschafters. Eine tiefe, glühende Leidenschaft hatte sich seit jenem Tage, als er sich in die Flammen stürzte, dem Scheiterhaufen seine Beute zu entreißen und der Fremde ihm zuvorkam, seines Herzens bemächtigt. Außer den beiden Fürstinnen befanden sich noch verschiedene andere indische Frauen in der Gesellschaft, die Familien der reichen Wechsler und Kaufleute. Maldigri hatte seine angebliche Verwandte, seine schlaue Bundesgenossin bei dem Auftrag, der ihm geworden, begrüßt und sie seiner neuen Gebieterin vorgestellt. Die Gewandtheit der Marquise hatte sich dabei in ihrem vollen Lichte gezeigt. Ohne der Würde ihres Gemahls und dem übermütigen Stolz, mit welchem die englischen Gebieter selbst die vornehmsten Eingeborenen behandeln, etwas zu vergeben, hatte sie es doch verstanden, der Fürstin auf besondere Weise zu schmeicheln, ihre Regierung, ihren männlichen Mut und ihre Schönheit öffentlich zu rühmen, während zugleich einige versteckte Anspielungen der Rani bewiesen, daß sie mit den Geheimnissen des bereits über das ganze Land verzweigten Bundes wohl vertraut sei und man auf ihren Beistand zählen könne. Ein Tanz hat soeben geendet, die Offiziere und Gentlemen führten ihre Damen zurück zu den Plätzen und die Unterhaltung wogte aufs neue durch den Saal. Die großen Türen und Fenster des prächtigen Saales waren zum Teil geöffnet und gestatteten der mildwarmen Luft und den balsamischen Düften des Gartens freien Eingang. Lustwandelnde Gruppen erfüllten die Verandas, stiegen die breiten Marmortreppen auf und nieder und bewegten sich durch die lange Reihe der prächtigen Gemächer. In dem letzten derselben, groß und geräumig gleich einem zweiten Saal, füllte die Hinterwand eine um mehrere Stufen erhöhte Bühne, auf der bei den Festen des Maharadschah gewöhnlich chinesische Schauspieler oder Bajaderen in den Pausen des Tanzes Vorstellungen gaben. Die Einrichtung der Bühne ließ glauben, daß auch diesmal ähnliche Unterhaltungen der Gäste vorbereitet waren, aber der Vorhang war mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt geschlossen und zwei schwarze Diener, auf beiden Seiten aufgestellt, wiesen die Schaulust der Neugierigen zurück. Der Nena trug, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, die indische Tracht. Seine Stirn war glatt, sein Auge heiter und aufmerksam, selbst der schärfste Beobachter hätte in diesem blassen Gesicht nicht die geringste Spur der Leiden und furchtbaren Leidenschaften gefunden, die sein Inneres zerfleischten. Hier sprach der Fürst Offiziere an, dort drückte er dem Beamten der Kompagnie die Hand, immer aber waren es die europäischen Gäste, denen er fast ausschließlich seine Aufmerksamkeit widmete. Vor allem waren es der Baronet und die beiden Residenten von Lucknow und Cawnpur, denen er seine Aufmerksamkeit und seine Zeit zu widmen bemüht war. In diesem Augenblick nahte eben wieder der Nena der Gruppe der hohen Offiziere und Beamten, die an einer Tür der äußeren Veranda in der Nähe der Lady Mallingham stand. Der Baronet hatte soeben seiner Gemahlin einen Herrn vorgestellt, dessen Kleidung zeigte, daß er der englischen Geistlichkeit angehöre. »Euer Hochwürden,« sagte der Rat, »haben mir eine große Freude gemacht, daß Sie, der notwendigen Ermüdung der Reise Trotz bietend, noch diesen Abend mich aufgesucht haben. Die Nachrichten von Kalkutta müssen jetzt stets von hoher Wichtigkeit für uns alle sein; denn wenn ich auch keineswegs die Besorgnisse einiger ängstlicher Gemüter hege, daß die Spuren von törichter Unzufriedenheit und religiösem Eigensinn, die sich unter einigen Sepoy-Regimentern gezeigt und sogar Verbrechen erzeugt haben, von Bedeutung werden könnten, – so wird es doch immer beruhigend sein, zu erfahren, daß die Regierung energische Maßregeln zur Unterdrückung solcher Symptome ergriffen hat.« »Wann haben Euer Hochwürden Kalkutta verlassen?« fragte die Dame. »Am Achten, Mylady. Da ich allein reise, machte ich den Weg ziemlich schnell. Ich hoffe, in fünf bis sechs Tagen in Delhi bei den meinen einzutreffen, denn ich muß gestehen, ich teile die Ansicht ihres Herrn Gemahls über die Bedeutungslosigkeit der letzten Vorgänge nicht ganz.« »Sind neuere, wichtigere Ereignisse in Kalkutta bekannt, Sir?« Der Fragende war der General Sir Henry Lawrence, der Gouverneur von Audh. Der General war ein Mann nahe an Sechzig, von hoher hagerer Gestalt. »In Barakpur und Burampur haben aufs neue zwei Sepoy-Regimenter den Gehorsam verweigert,« berichtete der Geistliche, »unter Wiederholung des Vorgebens, daß die Patronen für die neu eingeführten Endfieldbüchsen mit Rinder- und Schweinefett bestrichen worden. Man hat vergeblich den Soldaten erklärt, daß die Patronen nur in eine Komposition von Öl und Wachs getaucht waren. Überdies fürchte ich, man hat sich kaum die Mühe gegeben, ihnen Beweise zu liefern, die sie von ihrem Irrtum überzeugen konnten. Man hat ihnen befohlen, zu glauben, und – mit einem Befehl schafft man den Glauben nicht um.« »Aber was hat man mit den Widersetzlichen getan?« fragte General Lawrence. »Zwei Regimenter sind gänzlich aufgelöst, die Sepoys in ihre Heimat zurückgeschickt worden, das Schlimmste, was diesen Menschen geschehen kann.« »Das ist eine Maßregel, die ich nicht billigen mag,« sagte heftig der Gouverneur von Cawnpur. »Wir haben hier ähnliche Vorgänge gehabt, aber –« »General Wheeler hat es verstanden, durch rechtzeitige Strenge die törichten Beschwerden zu unterdrücken,« unterbrach eine fremde Stimme die Rede. Der Maharadschah hatte sich der Gruppe unbemerkt genähert und begleitete seine Worte mit einer höflichen Verbeugung gegen den General. »Sie haben recht, Hoheit,« entgegnete dieser, »Strenge bei Zeiten hindert oft argen Schaden nachher.« »Darf ich Euer Exzellenz bitten, mich dem Sahib Padre vorzustellen?« »Verzeihen Sie, Hoheit, daß ich es versäumt,« sagte der General. »Erlauben Sie mir, Sie unserem gastfreundlichen Wirt vorzustellen, Sir. Seine Hochwürden der Dechant von Delhi, Master Richard Hunter, auf der Rückreise von Kalkutta begriffen, ist uns hierher gefolgt, um uns Nachrichten aus der Hauptstadt zu bringen.« Der Nena begrüßte den Gast mit der ausgesuchtesten Höflichkeit. »Der Ruf der Frömmigkeit des ehrwürdigen Herrn,« sagte er, »ist selbst bei uns armen Heiden verbreitet, gleich dem der Milde und Menschenfreundlichkeit seiner edlen Gemahlin. Darf ich fragen, ob Mylady Sie begleitet?« »Meine Gattin,« entgegnete der Dechant, »ist in Delhi zurückgeblieben, ich wollte sie den Anstrengungen der weiten Reise nicht aussetzen, da ihre Gesundheit leidend ist. Entschuldigen Sie, Hoheit, daß ich, auf den Ruf Ihrer Gastfreundschaft vertrauend, die Wunder des Palastes von Bithoor mit eigenen Augen schauen wollte und meinen Landsleuten hierher gefolgt bin, da ich hier alte Freunde zu begrüßen hatte.« »Wenn mir recht ist, hochwürdiger Herr,« sprach der General, »genoß ja auch Leutnant Sanders, mein Adjutant, gleich meinem Neffen Pond, zum Teil das Glück Ihrer Erziehung und Ihrer Begleitung aus dem Mutterland?« »Der Wunsch ihn wiederzusehen, ist mit eine der Ursachen, die mich die Gastfreundschaft des Fürsten in Anspruch nehmen ließen. Wir haben Gefahren zusammen bestanden, und ich habe mit Freuden gehört, daß er einer noch schlimmern glücklich entronnen ist, nachdem man ihn schon verloren gegeben, und sogar das Glück gehabt hat, Euer Exzellenz Familie einen Dienst zu leisten.« »Ganz recht – Sie meinen das geheimnisvolle Abenteuer mit den Thugs. Nun, der junge Herr hat sich den Dank bereits selbst genommen. Alfred,« rief er seinem vorübergehenden Sohn zu, »suche Leutnant Sanders und bringe ihn mit Editha hierher, ein lieber Freund erwartet ihn. Wenn sich, ehrwürdiger Herr, in den Depeschen des General-Gouverneurs, die Sie uns mitgebracht, vielleicht die Ernennung Ihres Zöglings zum Kapitän, die wir erwarten, finden sollte, können Sie gleich bei uns bleiben, um die Trauung des jungen Paares zu vollziehen.« »Wie, Sir – Leutnant Sanders und –« »Wir feiern heute, wie Sie sehen, auf sehr glänzende Weise seine Verlobung mit Miß Highson, meiner Nichte.« »Ich vermag Sanders nicht zu finden, Vater,« berichtete der junge Wheeler. »Das Gedränge ist zu groß.« »So will ich Sie unterdes unserm Wirt übergeben, um Sie mit den indischen Notabilitäten unseres Kreises bekannt zu machen.« Der Maharadschah verstand den Wink, daß die Generäle ihre Unterredung mit dem Rat fortzusetzen wünschten und führte den Dechant nach dem andern Ende des Saales, um ihn den Fürstinnen vorzustellen. Währenddessen hatte sich in dem Gewühl der Gäste unbemerkt eine Szene ereignet, die Schuld war, daß der Sohn des Generals weder seine Cousine noch deren Verlobten fand. Editha war am Arm des Geliebten nach dem Tanz im Saal eine der breiten Marmortreppen hinunter nach dem Garten promeniert, um die köstliche Kühle der frischen Luft zu genießen. »Der Zufall ist uns günstig, Editha,« fuhr der junge Mann fort, – »lassen Sie uns einige Augenblicke dem Geräusch dieses Festes entfliehen und uns selbst und unserem Glück leben. – Kommen Sie unbesorgt, der Nena ist unser Freund und wir begehen keine Indiskretion.« Er zog sie mit sich fort, bis das leise Plätschern der Fontäne sie anzog und sie sich auf eine Rasenbank im Schatten duftiger Jasminbüsche niederließen und lange trunken den süßen Odem des Abends und der Blumen einsogen. Ihre Hand drückte leise die seine – so saßen sie, ohne bemerkt zu haben, daß eine andere Gestalt ihre Einsamkeit teilte, ein Mann in der Tracht eines indischen Babu, der schon lange ihrem Wege gefolgt. In den weiten indischen Mantel gehüllt stand der Fremde hinter dem Stamm einer alten Zypresse verborgen, und jedes Wort der Liebenden drang zu seinem Ohr und wie ein Dolchstoß in sein redliches, trauerndes Herz. »Ich weiß es nicht, woher es kommt,« sagte die junge Dame, »ich sollte froh und glücklich sein, und dennoch lastet es wie eine drohende Wolke auf meinem Herzen. Ist es das bangende Gefühl, daß alles Glück des Menschen auf Erden doch nur vergänglich – ist es die Ahnung eines neuen drohenden Unheils? – ich weiß es nicht! Aber ich habe, seit ich in diesem Lande bin, so viel Freundlichkeit und Liebe mir auch erwiesen worden, noch nie eine recht frohe Stunde gehabt.« »Was kümmern uns diese Verhältnisse, teure Editha,« rief der junge Mann. »Ihr Geist, noch befangen von den schrecklichen Szenen, die Sie erlebt, wird durch die Nachricht von einigen zufälligen Unruhen aufs neue geängstigt. Verbannen Sie jede Furcht, keine Gefahr bedroht uns mehr – nur glückliche, sonnige Tage liegen vor uns. Meine Liebe wird Ihnen in der neuen Heimat das Haus bauen und Sie alles andere vergessen machen.« Ihre sanften blauen Augen wandten sich fragend auf ihn. »Und ist diese Liebe auch wirklich so groß und ausschließend? Hat nicht bloß die Gefahr und der ritterliche Mut, der sie antrieb, die Verlassene, ohne Sie Verlorene, zu schützen, Ihr Herz für Editha geöffnet? Wird dasselbe ganz und für alle Zeit von Editha gefüllt sein, die dem Mann ihrer Wahl nicht leidenschaftliche Glut, sondern nur treue Neigung und Dankbarkeit entgegenbringen kann?« »Zweifeln Sie in dieser Stunde? – nach allem noch, was geschehen?« »Eben in dieser Stunde noch möchte ich offen mit Ihnen sprechen, Stuart, über eines, das schon lange schwer auf meiner Seele liegt. Erinnern Sie sich jener Erscheinung am Ufer des Ganges an dem Fest der Lichter, das die Hindufrauen begingen?« Der Offizier schwieg. »Ich erinnere mich,« sagte er endlich leise, »ein zufälliges Ereignis, das Sie beunruhigte ...« Edithas Hand lag auf der seinen. »Nein, Stuart, lassen Sie uns aufrichtig und wahr gegen einander sein, wie wir es beide verdienen. Ich habe jenes Ereignis nie gegen Sie erwähnt, aber, die Frau, die unser Spiel unterbrach – Sie kannten sie ...« Er wich ihrem Blick aus und wandte das Gesicht ab. »Kein Geheimnis darf zwischen uns stattfinden, Stuart – sagen Sie es mir, jene Hindufrau war ...« »Anarkalli!« »Anarkalli – die Tänzerin, die Furchtbare! Ich ahnte es! Stuart, um unsers künftigen Glückes willen – sagen Sie mir alles. Sie liebten diese Frau, Sie danken ihr das Leben, Sie kennen sie noch – und die Furchtbare, die mir Grauen einflößt, obgleich sie auch mein Leben retten half – hat vielleicht heilige und ernste Rechte auf Sie?« »Nimmermehr! – Ich will Ihr keusches Ohr nicht beleidigen, Editha, mit dem, was jenes Weib ist! Jenes Weib ist nichts meinem Herzen und nie werde ich sie wieder sehen.« »Aber Sie folgten ihr – Sie vertrauten ihrem Schutz, ihrer Hilfe das eigene Leben!« »Es war der einzige Weg, ihren Beistand auch Ihnen zu sichern, Editha!« »Und kein Versprechen, keine Verpflichtung bindet Sie noch an die Furchtbare? Als Ihre Verlobte habe ich das Recht danach zu fragen.« »Was denken Sie von mir, Editha? Jenes Weib hat nie Anteil an meinem Herzen gehabt und ihr Gewerbe ist zu verächtlich, um Ihnen auch nur einen Gedanken der Sorge zu machen.« »Meineidiger Faringi – Lügner mit der gespaltenen Zunge und dem schwarzen Herzen voll Undank und Trug!« unterbrach eine tiefe zürnende Stimme seine Beteuerungen, und wie aus der Erde erstanden, erhob sich eine dunkle Gestalt vor ihnen. Sie warf den Feredschi zurück und das Halbdunkel zeigte die flammenden Augen Anartallis , der Bajadere. Mit einem Schrei des Entsetzens faßte die Engländerin zaghaft den Arm ihres Begleiters und drängte sich an ihn, aber als ihr Auge sich auf den Mann ihrer jungfräulichen Liebe wandte, sah sie, daß sein Gesicht bleich, sein Auge unstät war. Die Tänzerin lachte grell auf. »Die Bhawani sendet die Pfeile ihrer Rache in die Brust des Hindumädchens, das die Opfer ihrem Altar entzogen. Bleiches Mädchen mit den Haaren von rotem Gold – du fragst, ob Anarkalli ein Recht hat auf diesen Mann? Sieh' in sein Antlitz, das sich von Scham erfüllt zu Boden wendet vor der, die ihm mehr als ihr Leben geopfert, tausendmal mehr, als du ihm geben konntest, denn sie gab ihm ihre Seele und lud den Fluch ihrer Götter auf sich zu ewigem Verderben!« »Fort von mir. Freche!« rief der Offizier sich ermannend – »ich will nichts zu tun haben mit der Genossin blutiger Thugs! Deine Höllenkünste hatten meine Sinne bestrickt, aber du selbst zerrissest jedes Band, indem du mich in die Hände der Mörder liefertest.« »Und wer hat dich wieder aus ihnen befreit?« fragte die Bajadere, sich stolz emporrichtend. »Wer setzte sein Leben ein für deine Rettung und trotzte allem, was schrecklich ist in diesem und jenem Leben? Hast du vergessen, was du gelobt, damit ich jene dort retten möge? Dreimal rettete ich dem Leben, und wo deine Seele, undankbarer Christ, es nicht ahnte, stand Anarkalli zwischen dir und dem Tode. Wagst du zu leugnen, daß du geschworen, diese hier zu meiden und mir, mir allein zu gehören?« Der Offizier schaute finster vor sich hin, ohne zu antworten. »Was hat sie getan, das sich mit Anarkallis Liebe messen könnte? Treuloser Faringi, ich warne dich! Gib es auf, das blasse Weib und fliehe mit der, die dich mehr liebt, als ihr Dasein und der du gehörst für jetzt und immer!« Sie hatte seinen Arm ergriffen und wollte ihn fortziehen. Er suchte sich mit Gewalt von ihr zu befreien. »Fort von mir, unverschämte Dirne! Wage es nie wieder, mir und dieser Dame nahe zu treten!« »So soll die Schlange, die ich um deinetwillen gerettet, schändlicher Christ, auch das erste Opfer meiner Rache sein!« schrie die Bajadere, und ein Dolch funkelte in ihrer Hand, als sie sich auf die halb ohnmächtige Jungfrau stürzte. Die Tat geschah so rasch, daß der Offizier schwerlich seine Verlobte zu retten vermocht hätte. Aber ein anderes Auge, eine andere Hand wachte über ihr. Mit der Schnelle des Blitzes hatte der fremde Mann in Hindukleidung sich zwischen die Engländerin und die Bajadere geworfen und den Arm der letzteren mit kräftiger Faust gefaßt. »Wahnsinnige! Gott der Allmächtige, der diese Schuldlose aus den finstern Tiefen der Würger-Kerker gerettet, wird sie auch ferner schützen! Entferne dich, Unglückliche, und beweine die Tat, die deine blinde Leidenschaft begehen wollte.« »Wahnsinniger du selbst!« zürnte die Tänzerin. »Was entziehst du die Falsche meiner Rache, während der Engel der Vernichtung bereits über ihnen schwebt?« Sie wandte sich noch einmal zu dem Paare und schüttelte drohend die Hand gegen dieses. »Verfluchte, die ihr seid! Ehe Surya sein Angesicht schaut in dem Spiegel des heiligen Flusses, wird meine Rache dennoch gesättigt sein. Denkt an Anarkalli, die Betrogene, wenn der schwarze Jammer über euch ist!« Sie war in den Gebüschen verschwunden, der Offizier aber, der die ohnmächtige Braut in seinen Armen hielt, rief: »Wer Sie auch sein mögen, Sir – und Ihre Stimme scheint mir die eines Freundes! – nehmen Sie meinen Dank für die Rettung des Teuersten, was ich besitze, und stehen Sie mir bei, meine Braut von hier zu entfernen!« Ohne auf ihn zu achten, hatte der Fremde bereits seine Hilfsleistungen begonnen. Die junge Dame atmete schwer, dann schlug sie die Augen auf und blickte verstört umher. »Was ist geschehen mit mir? wo ist die Entsetzliche, die mich ermorden will? O mein armes Herz, was habe ich hören müssen!« »Beruhigen Sie sich, teure Editha,« bat der Offizier. »Sie sind bei Freunden, die Sie schützen.« Sie stieß seine Hand zurück und schauderte. »Lassen Sie mich, Sir – wir haben nichts mehr gemein miteinander – Sie gehören einer anderen, die Sie nimmer frei geben wird!« Er versuchte, sie empor zu richten und bot ihr den Arm. Aber wiederum stieß sie ihn zurück und stand jetzt aufgerichtet, und ihr Auge, als es forschend auf den Fremden fiel, zeigte Ruhe und Fassung. »Sie find es, Sir, der mich vor dem Dolch jener Rasenden schützte. Wer sind Sie?« Er nahm den falschen Bart, den er um Lippen und Wangen trug, ab: »Ihr Freund, Miß!« »Doktor Clifford?« Der Ruf freudigen Erstaunens tönte zugleich von beider Lippen. »Aber wo kommen Sie her, mein Freund und Retter in dieser Verkleidung?« fragte der Leutnant. »Seit Sie nach jener unangenehmen Untersuchung über die Flucht des Sikh-Prinzen Cawnpur verließen, haben wir nichts wieder von Ihnen gehört.« »Doch glauben Sie deshalb nicht,« sprach die Jungfrau, indem auch sie seine Hand erfaßte, »daß wir Sie deshalb vergessen. Editha Highson wird stets ihres Retters mit Dank gedenken.« »Und stellen Sie Stuart Sanders in die zweite Reihe?« fragte der Offizier gekränkt – »rechnen Sie die Liebe des Mannes, dessen Gefühle Sie geteilt, dem Sie sich freiwillig verlobt – für geringer?« Der Arzt fühlte die Hand des Mädchens, ihren ganzen Körper erbeben. Sie brach in Tränen aus und lehnte sich weinend an die Schulter des älteren Mannes. »Ein unglückliches Zusammentreffen hat Sie erschüttert,« sagte er mit mildem Trost. »Sie werden ruhiger denken über das, was Sie gehört und vergeben, wenn – Sie Zeit dazu behalten!« setzte er flüsternd hinzu. »Um Ihrer selbst willen, geben Sie mir Gelegenheit, Sie allein zu sprechen.« »Gehen Sie, Sir,« sagte sie zu dem Verlobten – »und lassen Sie mich allein unter dem Schutz dieses Freundes. Ich kann und mag in diesem Augenblick nicht zu den Heiteren und Glücklichen zurückkehren. Gehen Sie und vermeiden Sie, daß man mich sucht, denn ich bedarf einige Augenblicke der Einsamkeit, um mich zu fassen.« »Aber kann ich Sie nach dem, was soeben geschehen, hier allein lassen. So hoch ich Doktor Clifford ehre ...« »Ich schwöre Ihnen als Mann,« unterbrach ihn dieser mit Bedeutung – »Miß Highson wird hier unter meinem Schutz sicherer sein, als in jenem glänzenden Saal unter den Augen und dem Schutz von hundert Ihrer Waffenbrüder.« »Wenn Edithas Bitte Ihnen noch als Befehl gilt – ich will es! Gehen Sie! Doktor Clifford wird mich in jenen Garten zurückgeleiten.« Der Offizier verbeugte sich gehorchend und entfernte sich, ohne noch ein Wort zu seiner Entschuldigung zu sagen. Als sie allein waren, faßte das Mädchen beide Hände des Arztes. »O Sie, mein bester, mein uneigennützigster Freund! Sie, der Sie die arme Unbekannte mit Gefahr Ihres Lebens den Händen der Mörder entrissen und mit der Zartheit einer Mutter für sie sorgten.« Er drückte sie, im Innersten bewegt, leise an sich. »Lassen Sie uns hier niedersetzen, Miß Highson – denn ich habe Ihnen wichtiges zu sagen und – jeder Augenblick Verzug vermehrt die Gefahr.« Sie folgte ihm erstaunt zu der Rasenbank zurück und ließ sich an seiner Seite nieder. »Wie Sie sehen,« sagte der Deutsche, –. »habe ich dieses Land nicht verlassen. Ich weiß, daß ich Ihrem Einfluß die baldige Entlassung aus der Haft verdanke, welche der Verdacht der Teilnahme an der Flucht des Lahore-Prinzen mir zugezogen. Dieser Verdacht, Miß, war nicht ohne Grund: die Flucht des Jünglings geschah mit meiner Hilfe und ich freue mich meines Anteils daran, denn, Miß, es geschieht viel in diesem unglücklichen Reiche von Ihren Landsleuten, was die strafende Hand Gottes und die furchtbare Rache der Unterdrückten auf sie herniederrufen muß. Editha, ein schwerer, entsetzlicher Sturm, der über dies unglückliche Land daherrauscht, bedroht auch Ihr Glück, mehr als die Eifersucht jener Rasenden, – ja selbst Ihr Leben, und Sie zu schützen, bin ich hier und suchte Sie diesen Abend, dem ein schrecklicher Morgen folgen wird.« »Barmherziger Gott – Sie erschrecken mich! was ist ... was soll ...« »Fragen Sie nicht, Editha – denn wie damals, als ich Sie aus den Mordgewölben der Thugs führte, bindet ein Schwur meine Ehre und meine Zunge! Sie gaben mir damals unbeschränktes Vertrauen, Editha – wollen Sie mir auch jetzt es gewähren?« »Ich vertraue Ihnen, wie meinem Vater – nein,« sie errötete leicht, – »wie ich meinem Bruder vertrauen würde, wenn ich einen solchen hätte.« »Dann glauben Sie blindlings dem, was ich Ihnen sage – Sie müssen fliehen mit mir, noch in diesem Augenblick, es gilt Ihr Leben!« »Aber mein Oheim – meine Kusine – meine Landsleute – Stuart – sind sie auch bedroht – oder gilt die Gefahr mir allein?« »Täuschen Sie sich keinen Augenblick, Miß – jene tapferen Männer und schönen Frauen Ihres Landes, die in den goldenen Sälen sich der Lust hingeben, tanzen auf dem Krater eines Vulkans, dessen Flammen nur des Signals warten, um alles vernichtend, emporzulodern.« »Und wollen Sie mindestens die Meinen retten – wie mich?« »Ich vermag es nicht – Sie allein kann ich beschützen, retten!« »So will ich mit denen sterben, zu welchen mich Gott und die, Natur gestellt haben. Der Tod kann nach den bitteren Erfahrungen, die ich gemacht, nicht so schmerzlich sein!« Sie wollte sich erheben, um sich zu entfernen, aber der Deutsche warf sich vor ihr nieder und umfaßte ihre Knie. »Bei den Gräbern Ihrer Eltern beschwöre ich Sie, ändern Sie Ihren Entschluß, Editha! Sie wissen nicht, welchem furchtbaren Schicksal Sie trotzen, – zehnfach furchtbarer, entsetzlicher, als rascher Tod!« Sie sah ihn an – über ihre Züge voll Angst und Schrecken schwebte wie ein Sonnenblick im Gewittersturm ein mildes, freundliches Lächeln, ihre Hand berührte leise das Haupt des Knieenden. »Sie lieben Editha, mein armer Freund?« »Ja, ich liebe Sie, Editha, aufrichtig, aus treuem, redlichen Herzen, dessen Blut für Ihr Glück willig dahinströmen würde. Aber niemals, niemals würde ein Zeichen dieser trauernden Liebe Ihr Glück und Ihren Frieden gestört haben.« »Und dennoch, mein Freund,« flüsterte die Jungfrau mit holder Anmut, »kannte ich Sie. Glauben Sie denn, daß ein Weib so lange der sorgenden Liebe des besten und edelsten Mannes anvertraut sein konnte, ohne sein innerstes Gefühl zu verstehen und zu trauern darüber, daß sie ihm nur Dank und Freundschaft, nicht Liebe dafür zu bieten vermochte?« Er küßte ihre Hand und fühlte den warmen Druck derselben. »Dann lassen Sie mich auch zeigen, daß ich Ihr Freund bin und mich Sie schützen und retten.« »Nicht allein – nicht ohne jene, an die mich Pflicht, Liebe und Glauben fesseln. O, wenn Sie mich lieben, so suchen Sie ein Mittel, meine Brüder und Schwestern zu retten, und Editha wird Sie segnen, auch wenn sie selbst als Opfer fallen müßte!« »Wohlan – Gott hat mir vielleicht den Gedanken eingegeben. Kein Mensch auf Erden kann den Ausbruch der Empörung mehr abwenden, – aber vielleicht ist es noch möglich, den Streit zwischen Hindu und Faringi in einen ehrlichen Kampf zu verwandeln und sie alle wenigstens glücklich in den Schutz von Cawnpur zurückzubringen. Sind Sie zufrieden, wenn dies gelingt?« »Ich bin es – nur wehrlos sollen die Mörder meine Landsleute nicht überraschen.« »Sehen Sie, durch die Zypressen hindurch, den Schimmer jenes einsamen Lichts in dem Bungalow?« »Wie ich höre, ist dort die gewöhnliche Wohnung des Fürsten, unseres Wirts.« »So ist es – doch ist sie in diesem Augenblick leer und nur ein Mann befindet sich dort; aber es ist der, der allein uns helfen kann. Sie selbst müssen ihm das Versprechen entreißen.« »Aber wie?« »Nehmen Sie diesen Ring und übergeben Sie ihn dem Mann, zu dem ich Sie führen werde. Sind Sie imstande, sich einige indische Worte zu merken?« »Ich hoffe.« »Es wird gut sein, wenn er Sie zuerst für eine Hindufrau hält, er wird nicht anstehen, aus der Hand einer solchen den Ring zu empfangen und ihr das Versprechen seines Schutzes zu gewähren.« »Kommen Sie jetzt, Miß – und vertrauen Sie auf mich – ich bleibe in Ihrer Nähe und zu Ihrem Schutze bereit.« »Einen Augenblick noch, mein Freund,« sie hob den Stahl auf, der der Hand der Bajadere entrungen worden und verbarg ihn in ihrem Kleid. »So – nun bin ich bereit, und die Ehre Editha Highsons ist nicht mehr in der Hand wilder Rebellen!« Er schritt schweigend voran durch die Gänge von Blumen und duftigen Sträuchern bis an den Flügel des Bungalow, der die Gemächer der Zenanah enthielt, und aus dem das einsame Licht schimmerte. Die Jungfrau öffnete leise die Jalousietür und trat in das Zimmer. Der Krieger auf dem Diwan war zu vertieft in seine Gedanken, daß er das Geräusch nicht einmal merkte, und erst erstaunt emporfuhr, als die Dame bereits vor ihm niederkniete, ihm den Ring entgegenhielt und in indischer Sprache die Worte sagte: »Im Namen Gottes und im Namen Mahanas – ich und die Meinen bedürfen deines Schutzes und deiner Hilfe!« Fast unwillkürlich hatte Murad Khan , denn der junge Shikhäuptling war es, der hier den Gedanken und quälenden Zweifeln um die verlorene Geliebte nachgehangen, den Ring genommen und betrachtete erstaunt bald diesen, bald die Frau. »Das ist der Ring Mahe Tschunds, der Königin von Lahore, und kein Sikh wird verweigern, was in ihrem Namen gefordert,« sprach er hastig. »Die Engländerin hatte zwar die indische Antwort des jungen Kriegers nicht verstanden, aber sie begriff aus dem Ton derselben, daß er ihr seinen Beistand gewähren wolle, und kühn entschlossen warf sie, sich erhebend, den Schleier zurück und redete ihn in englischer Sprache an. »Ich bin eine Faringi, Sir, und komme, mich und die Meinen da unter Ihren Schutz zu stellen, wo man schändlich die heilige Sitte des Gastrechts mit der Ermordung unschuldiger Menschen verletzen will. Man hat mir gesagt, daß der Besitzer dieses Ringes von einem tapferen Krieger der Sikh jeden Dienst fordern dürfe. Es ist nicht das erstemal, daß ich Sie sehe, ich weiß, daß Ihr Herz edel und voller Großmut auch gegen den Feind ist und ich fordere von Ihnen, daß Sie den schändlichen Verrat, den man an uns zu üben beabsichtigt, verhindern und uns möglich machen, Cawnpur zu erreichen. Dann möge ein ehrlicher Kampf zwischen uns und den eingeborenen Söhnen dieses Landes stattfinden, wenn diese glauben, von den Engländern gekränkt zu sein.« Er sah sie noch immer mit unverhehltem Erstaunen an, aber die edle, vertrauende Miene der Jungfrau, ihr offenes, kühnes Auftreten imponierte seinem ritterlichen Sinn. »Ich habe gehört,« fuhr die Engländerin fort, »der tapfere Sohn des weisen Gholab Singh liebe ein holdes und edles Mädchen. Bei der Liebe zu der Jungfrau aus seinem Volke möge er die beschützen, die eine weiße Haut tragen, aber gern Mahana ihre Schwester nennen würden!« Der junge Krieger erbebte bei dem Namen und sein dunkles Auge erglänzte in wildem Feuer. »Bei dem goldenen Thron des großen Rundschid,« schwor er, »du sollst nicht vergeblich den Beistand Fattih-Murad-Khans angerufen haben, Mädchen. Es ist genug, daß der Schutz dieses Daches geschändet ist durch den Verlust der einen, die Murad Khan mehr liebt, als den Apfel seines Auges. Der Ring der Mutter Mahanas soll mit Murads Blute ausgelöst werden, und – bei meinem Schwert! Du und jeder der Deinen soll ungekränkt den Palast von Bithoor verlassen!« Die Jungfrau sah unwillkürlich mit Vertrauen und beruhigt zu ihm empor. »Dame,« fuhr der Sikhhäuptling fort, »du kannst ruhig zu den Deinen zurückkehren. Woher du auch diesen Ring empfangen – ich will es nicht wissen; aber sage dem, der ihn dir gab, daß Murad seine Pflicht zu tun bereit ist. Sobald ich den Gebrauch davon gemacht, den du verlangst, werde ich ihn in deine Hände zurückgeben; vielleicht mag er noch einmal dir Dienste leisten.« Und mit der ritterlichen Galanterie eines der Heroen der arabischen Blütezeit faßte er des Mädchens Hand und geleitete sie zum Eingang des Gemaches zurück, wo er mit einer Verbeugung von ihr schied. Wenige Minuten darauf sah Editha, bereits wieder im Schutz des deutschen Arztes, das einsame Licht des Bungalow erlöschen. Der Khan hatte ihn verlassen. – – – – – – Vor dem Portal des Palastes hielten zwei Soldaten der Reiterabteilung, welche die Ehrenwache der beiden Generäle bildete und sie von Cawnpur begleitet hatte. Sie gehörten zu dem Sikhregiment, das seit etwa zwei Monaten in Cawnpur stand. Die Sikhs sind ein kühner, stolzer Männerschlag, geborene Krieger und Reiter, wie die arabischen Stämme und die Indianer der Pampas und der Einöden von Texas. Da ihre Religion ein Gemisch von Muhammedanismus und Hinduismus, halten sie sich über beiden Sekten stehend und verachten beider Gebräuche. Sie bilden die besten und zuverlässigsten Truppen unter den eingeborenen Soldaten der Kompagnie, und obschon keineswegs Freunde der Faringi, haßten sie doch noch mehr die Sepoys, weil mit deren Hilfe die Engländer das Pendschab unterjochten und die Sikhs ihrer so lange bewahrten Freiheit beraubten. Indem Fattih-Murad-Khan seinen Weg vom Bungalow außerhalb der Garten nach dem Platz nahm, wo die Eskadron der Sikhreiter um ein gewaltiges Feuer biwakierte, begegnete ihm Alamos, der Mexikaner, eines der Mitglieder der Kohorte des Nena. Der Khan hatte eine Vorliebe für den kecken Spürer und Reiter gefaßt, der ihn bei der Flucht des Lahore-Prinzen begleitet hatte, und bei seiner Ankunft vor zwei Tagen im Bungalow des Nena zu seinem Bedauern erfahren, daß der Mann in Geschäften seines Gebieters abwesend wäre. Um so überraschender war ihm die Begegnung des Mexikaners, den er weit entfernt glaubte. Jetzt aber aufgeregt und beschäftigt durch sein der Engländerin gegebenes Versprechen, redete er ihn mehr durch Zufall und absichtslos an: »Du bist also zurück, Freund?« »Seit diesen Morgen, Senjor.« Die Antwort fiel dem Khan auf, weil er den Prinzen noch am Mittag nach dem Mann gefragt und eine ausweichende Antwort erhalten hatte. »Deine Reise scheint anstrengend und lang gewesen zu sein, denn dein Fuß ist nicht wie sonst der der Antilope und deine Glieder sind matt!« »Valga me Dios! Der Weg von Delhi hierher ist auch kein Kinderspiel in sechs Tagen und sechs Nächten.« »So warst du in Delhi?« »In Mirut und Delhi. – Ich zog mit dem Sirdar und dem 3. Regiment nach der Stadt und verließ sie erst, nachdem der Sieg uns gesichert war.« Der Khan sah ihn erstaunt an. »Was sprichst du, Mann – in Mirut und Delhi wäre ein Kampf ausgebrochen?« »Wie, Senjor – Ihr wißt es nicht? Am zehnten erhoben die Reiter vom dritten die Fahne des Kampfes, zwei Infanterieregimenter waren mit uns, halb Mirut ging in Flammen auf und wir schlugen uns sechs Stunden lang mit den schuftigen Jägern vom sechzigsten und den Dragonern der Garde. Tantia-Topi und der Mann, den sie den Derwisch Sofi nennen, obschon er ein geborener Soldat sein muß, taten Wunder der Tapferkeit, aber wir mußten dennoch die Stadt räumen und zogen nach Delhi, wo alles zum Ausbruch bereit war.« «Und in Delhi?« » Caramba! – der Mogulprinz erwartete uns und im Augenblick ging der Spektakel los. Der Kommissar flüchtete in den Palast von Saman Badsch, aber der Tanz war unser und was Engländer hieß, verloren.« »So war der Kampf in Delhi vorbereitet?« » Demonio ! – Akhbar-Jehan hatte die Sache trefflich in Gang gebracht mit dem alten französischen General, ganz nach dem Willen und dem Rat Seiner Hoheit des Maharadschah. Die Engländer wurden überrascht, daß sie ihre Hälse abgeschnitten fanden, ehe sie nur sagen konnten: Goddam !« Die Augen des jungen Kriegers sprühten Flammen, seine Zähne waren fest aufeinander gebissen. »Also mißtraut meiner Treue – getäuscht, betrogen!« murmelte er, während seine Faust sich krampfhaft ballte – »und Mahana sicher der Preis dieses Knaben, bloß weil er den Namen einer Fürstenreihe führt? Ha, bei Astraoth – sie könnten sich täuschen in ihren Plänen und Murad-Khan wird nicht mit sich spielen lassen.« Dann zu dem Mexikaner sich wendend, der ihn erstaunt betrachtete, befahl er ihm: »Suche einen der Hausdiener des Nena, und laß ihn seinem Herrn sagen, Fattih-Murad-Khan begehre ihn zu sprechen und werde ihn an dem Springbrunnen des Bungalow erwarten.« Der Khan aber setzte seinen Weg nach der Stelle fort, wo das Kommando der Sikhreiter in stolzer Absonderung von den Hindus und Mahomedanern sich unter einem riesigen Tamarindenbaum gelagert. »Wo ist der Subedar, der die Gortschura befehligt?« fragte er die ersten, auf die er traf. »Im Schloß, Sahib, bei dem Fest.« »So rufe den Jemedar oder den Unteroffizier, der bei euch ist! Ich habe mit ihm zu reden.« Der Mann erschien sogleich. »Kennst du mich?« »Wer sollte Fattih-Murad-Khan, den Sohn des weisen Gholab nicht kennen, die einzige Hoffnung der Sikhs! Du bist unser wahrer Herr und Gebieter, nicht der Faringi-General, der fern von seinen Kriegern ist.« »Du hast die Chupnatis der Hindu gegessen?« »Wir wissen, was geschehen wird, aber wir verunreinigen uns nicht mit den Anbetern der Kuh. Wir sind bereit, zu tun, was unsere Offiziere uns sagen.« »Bana bak! so wirst du meinen Befehlen gehorchen. Ist Rustam-Singh, der Subedar-Major mit auf dem Fest?« »Nein, Tuwen-Sahib, er ist in Cawnpur zurückgeblieben.« »So nimm dein Pferd und reite schnell zurück nach Cawnpur und gib Rustam-Singh dieses Kleinod und diese Botschaft.« Er schrieb auf ein Blatt Pergament mit einem Silberstift einige Worte. »Sage ihm, er soll schnell sein, wie der Blitz, der über den Bergen von Kaschmir zuckt. Vertraue keinem der Posten der Sepoy's, die du passieren wirst, deinen Auftrag, und ehe du reitest, sende einen Mann nach jenem Palast, und lasse Nassier-Singh, deinen Subedar, herausholen, ich muß ihn sprechen.« »Du übernimmst die Verantwortung, Khan, daß ich meinen Posten verlasse?« »Geh unbesorgt!« Der Unteroffizier trat zu den Reitern zurück und erteilte einen Auftrag. Gleich darauf sah man ihn in der Richtung von Cawnpur davon sprengen, indes der Khan ungeduldig am Feuer auf und nieder schritt. – – – –   Major Rivers neigte sich zu der fürstlichen Amazone, an deren Seite er stand. »Wie lange wird unser Freund, der Maharadschah, das Glück haben,« fragte er mit vertraulicher Höflichkeit, »die Krone der Frauen zu bewirten?« »Sobald die Begum aufbricht, werde auch ich die Haudah meines Elefanten besteigen. Ich denke, daß morgen schon die Geschäfte meiner Freundin beendet sein werden, und auch die meinen.« »Ich werde die Ehre haben, Hoheit nach Jhansi zurück zu begleiten.« »Der Vertreter unserer Herren in Kalkutta,« erwiderte die Rani kalt, »ist auch Herr in Jhansi. Die Tore meines Schlosses sind ihm stets geöffnet!« »O nicht so, schöne Frau – ich möchte diesmal nicht als Offizier der Kompagnie erscheinen, sondern in einer willkommenern Gestalt. Es ist Zeit, Hoheit, daß es endlich zwischen uns klar wird, und meine Bewerbungen um deine Gunst eine entscheidende Antwort und Erhörung finden.« »Ich verstehe nicht, was Major Rivers verlangt,« sagte die Dame kühl. »Dann müßte die schöne Gebieterin von Jhansi keine Frau sein,« bemerkte der Resident, indem er gegen alle Sitte des Orients ihre Hand erfaßte. »Es ist dir nicht unbekannt, Fürstin, daß ich schon lange mich um deine Liebe und deine Hand bewerbe, und diese Gelegenheit, mir das Glück zu bewilligen, nach dem ich strebe, ist so gut, wie jede andere.« »Eitler Tor! Die Rani von Jhansi würde eher noch einmal den Scheiterhaufen besteigen, als daß sie die Gattin eines Spions der Tyrannen ihres Vaterlandes werden würde!« Ihr fester Blick begegnete mit verachtendem Stolz dem Ausdruck des Erstaunens und der Erbitterung, mit der sie der getäuschte Bewerber anstarrte. »Bedenke, was du tust, Weib, und mit wem du dein freches Spiel zu treiben wagst,« knirschte er bleich vor Zorn, »die Hand, die so lange dich und deinen Übermut geschont und geschützt, kann dich niedriger werfen, als die geringste deiner Tänzerinnen steht.« »Schändlicher Faringi,« sagte die Rani stolz, indem sie mit einer raschen Gebärde den Schleier über ihr Gesicht zog und sich erhebend ihm verächtlich den Rücken kehrte, »wahre dich selbst, denn das Schwert des Gerichts schwebt über deinem Haupt!« Und ohne seiner weiter zu achten, winkte sie Maldigri zu sich heran, der, wenn er auch den Inhalt des halblaut geführten Gesprächs der beiden nicht zu hören vermocht, doch erstaunt über die Zeichen, die dasselbe begleiteten, näher getreten war, während Kapitän Delafosse ihm folgte und mit einem zornigen, herausfordernden Blick auf seinen früheren Waffengenossen die Hand an den Degen legte. In diesem Augenblick, ehe die Männer ein Wort der Frage oder Erklärung wechseln konnten, kam der Nena mit dem englischen Geistlichen an der Hand durch den Saal und schritt auf die Sitze der Begum und der Rani zu. »Seine Hochwürden, der Dechant von Delhi, auf der Rückreise von Kalkutta nach seinem Sprengel begriffen,« sagte er in indischer Sprache, die dem Geistlichen bereits vollständig geläufig war, »wünscht die Bekanntschaft der erhabenen Königin von Audh und der mächtigen Fürstin von Jhansi zu machen.« Der Dechant verneigte sich höflich vor der entthronten Königin und ihrer jüngern und schönern Gefährtin. »Viel habe ich gehört von dem starken Geist der edlen Königin von Audh und dem hohen Sinn der Fürstin von Jhansi. Mögen sie beide überzeugt sein, daß sie stets aufrichtige Freunde unter den Engländern finden werden, selbst wenn sie in dem angebornen Glauben beharren.« »Aber – täuschen mich meine Augen nicht – Verzeihung, Hoheit, ich glaube einen Freund zu sehen, hier im fernen Indien und in fremder Tracht – Kapitän Grimaldi – Sie, der lang Beweinte unter den Lebendigen hier ...« Er öffnete dem Freunde die Arme und der Grieche, unfähig sich zu verstellen und seine Person zu leugnen, sank an das Herz des Mannes, der ihm das Liebste genommen, was er auf der Welt besessen. »Wenn Sahib Maldigri einen Freund gefunden,« sagte die Rani milde, »so möge er diesem gehören, so lange es das Schicksal ihm erlaubt. Seine Hoheit der Maharadschah möge uns unterdes zu den Freuden des Gartens geleiten.« Sie sah sich vergeblich nach ihm um, der Nena, von einem der Diner gewinkt, hatte sich entfernt – ihr Auge begegnete dem ihres stillen Anbeters und ihn freundlich näher winkend, bat sie ihn, die Dienste ihres Offiziers zu versehen und sie und die Begum durch die Kühle des Gartens zu geleiten. Kapitän Delafosse bot ihr nach europäischer Sitte den Arm, und leicht darauf gestützt, ging sie mit stolzem Schritt und Blick an dem Residenten vorüber, dessen Zorn und Erbitterung diese öffentliche Zurücksetzung noch steigerte. Unterdes hatte der Oberst der Gotschura der Rani, tief bewegt von widerstrebenden Gefühlen, den Arm seines englischen Freundes genommen und ihn aus dem Gewühl des Festes geführt. »Und ist es denn wirklich,« fragte der Dechant, als sie jenen Saal erreicht hatten, in dessen Hintergrund die geheimnisvolle Bühne aufgeschlagen, indem er die Hand des Freundes fest in der seinen preßte, – »hab' ich Sie wirklich wieder, Sie, den vor unseren Augen die Brandung des Adriatischen Meeres unter den grausamen Schüssen jener deutschen Soldaten verschlungen?« »Ich erwachte selbst erst zum Bewußtsein am Bord des französischen Schiffes, wohin mich die mutigen Matrosen, die mich aus dem Meere gerettet, gebracht hatten. Ich fand keine Gelegenheit, Sie damals von meiner Rettung zu benachrichtigen und – ich hielt es für besser, daß Sie dem Toten Ihre Erinnerung, als dem Lebenden Ihre Sorge schenkten.« »Aber wie kamen Sie nach Indien? wie lange sind Sie hier und warum haben Sie mir hier nicht Nachricht gegeben, oder mich aufgesucht, und wie kommen Sie zu dieser Tracht?« »Seit fast fünf Jahren bin ich in Indien, zuerst in der Präsidentschaft Madras, jetzt im Dienst der Rani von Jhansi. Aber ehe Sie irgend eine weitere Frage tun – ist Lady Adelaide Ihre Gattin und – wo ist sie?« »Adelaide ist mein Weib – ich sagte vorhin bereits, daß sie meinen Schmerz um Sie geteilt. Aber ihre Gesundheit ist leidend von dem Klima Indiens und sie konnte mich auf der Reise nach Kalkutta nicht begleiten, so sehr sie es auch wünschte.« »Barmherziger Gott – und sie ist in Delhi zurückgeblieben?« »Nicht gerade in Delhi. Sie ist bei einer Freundin in Ludhiana an der Grenze des Pendschab, in einer höher und gesünder gelegenen Gegend. Von dort erhielt ich ihre letzte Nachricht. Aber was ist Ihnen – was haben Sie?« »Dem Ewigen sei Dank für seine Barmherzigkeit. Ihre Worte nehmen eine schwere Last von meiner Seele. Ludhiana ist befestigt und sicher – oh möchte sie seinen Schutz keinen Augenblick verlassen!« »Um des Himmels willen, was ist geschehen – was meinen Sie?« »So wissen Sie nicht – nein, es ist unmöglich! Fragen Sie mich nicht weiter, aber danken Sie Gott, der Lady Adelaide gerettet, und hüten Sie sich selbst, denn – was Engländer in diesem Lande heißt, steht auf dem Krater eines Vulkans!« »Ich fürchte es selbst – aber erklären Sie mir als Freund, – als Christ ...« »Ich kann und darf nicht. Sie wissen, daß ich zu den Gegnern Englands gehöre, und ein Eid bindet mein Schweigen. Aber seien Sie unbesorgt, ich stehe für Ihre Sicherheit.« Die raschen Tritte eines Nahenden störten die weiteren dringenden Fragen des bestürzten Dechanten. Es war Leutnant Sanders, welcher eilig herbeikam auf die Nachricht, daß sein Erzieher und Freund unerwartet in Bithoor angekommen. Nachdem der erste Austausch der Grüße und Fragen vorüber war, heftete sich der Blick des Offiziers erschrocken auf den kaum beachteten Griechen. »Um des Himmels willen, Sir, wer ist dieser Mann?« Der Geistliche faßte seine Hand. »Ich sehe, auch er erkennt Sie wieder, Freund,« sagte er, »obschon es mich wundert, daß es nicht längst geschehen.« »Sir,« sagte der junge Offizier hastig, »es sind länger als fünf Jahre, und dennoch glaube ich mich nicht zu täuschen. Sie sind Kapitän Grimaldi aus Korfu, auf dessen Haupt die britische Regierung einen Preis gesetzt?« »Ich bin der Mann, den Sie als Kapitän Grimaldi in Italien gekannt, Sir,« erklärte der Grieche. »So hat meine Unvorsichtigkeit Sie absichtslos in Gefahr gestürzt.« »Was ist geschehen?« »Indem ich Sie in der Nähe der indischen Fürstinnen suchte, denen Sie vorgestellt sein sollten, begegnete mir Major Rivers, der Resident. Er fragte, ob ich mich von früher nicht eines Major Grimaldi erinnere und in welcher Verbindung derselbe mit Ihnen gestanden? Ohne Arg sprach ich von der heldenmütigen Aufopferung dieses Herrn, den ich für tot hielt, bis das triumphierende Lächeln des Majors und die Worte: ›Grimaldi – Maldigri! jetzt hab ich sie beide!‹ mich zuerst aufmerksam machte und ich forteilte, Sie aufzusuchen.« »Wenn es nötig ist, daß Sie flüchten, Sir,« erklärte der Offizier, »so biete ich Ihnen meine Hilfe und meinen Schutz an. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ein Mann, dem ich wahrscheinlich mein Leben schulde, durch mich in Gefahr gebracht worden.« »Ich erkenne Ihre Freundschaft und danke Ihnen,« sagte der Grieche. »Aber glauben Sie mir, ich bin besorgter um Sie, als um mich. Die Entdeckung meines wahren Namens macht es nötig, daß ich mich einige Augenblicke mit einer andern Person unterhalte; ich bitte Sie aber beide, diese Stelle nicht zu verlassen, bis ich zurückkehre, – ich beschwöre Sie darum, um Ihrer selbst willen!« Ehe noch die Engländer ihn näher befragen konnten, entfernte er sich schnell. In der Tür kamen ihm die Generale, Sir Lytton Mallingham und der Resident mit der Begum von Audh entgegen. Der Rat winkte ihm freundlich zu, als der Major zur Seite trat und dann sich entfernte. »Dieser Ort,« meinte General Wheeler, »wird zu unserer Unterredung der geeignetste sein. Entziehen uns Euer Hochwürden Ihre Gesellschaft nicht,« fuhr er zu dem Dechanten fort, »wir werden Ihres Rates und Ihrer Kenntnis des Landes vielleicht bedürfen. Leutnant Sanders, ich bitte Sie, unsern Wirt aufzusuchen und ihn zu bitten, mit der Rani hierher zu kommen. Dann sorgen Sie dafür, daß wir auf eine Viertelstunde nicht gestört werden.« Major Grimaldi hatte unterdes den großen Saal erreicht und war in die Nähe seiner angeblichen Verwandtin gelangt. Ein Blick benachrichtigte sie, daß er Wichtiges mit ihr zu sprechen habe. Die gewandte Frau verstand sogleich den Wink. »Bitte – reichen Sie mir meinen Schal, Kapitän, ich möchte jene Spiele der chinesischen Jongleurs in größerer Nähe sehen.« Indem sie die beiden nächsten ihrer Anbeter beschäftigte, winkte sie dem Major. »Treten Sie näher, schöner Cousin, und leihen Sie mir Ihren Arm, wenn Ihre wilde Amazonen-Königin nicht etwa Ihre Dienste begehrt.« Und ihn scherzend mit dem Fächer auf die Hand schlagend, ließ sie sich von ihm nach der Balustrade der Veranda führen. »Ein unglücklicher Zufall, Madame, hat vor wenig Augenblicken meinen wahren Namen verraten. Ich fürchte, daß Sie dies kompromittieren wird.« »Wer weiß ihn?« »Zwei zuverlässige Freunde bis jetzt, – aber außerdem Major Rivers.« »Der Mensch ist gefährlich und seine Bosheit fürchtet nur das Ansehen des Baronets. Lassen Sie hören – war die Rede von unserer Verwandtschaft?« »Nein – er weiß bloß, daß ich Ionier und von der englischen Regierung geächtet war.« »Beruhigen Sie sich, dann kann er uns nicht schaden. Der Baronet ist ganz in meiner Gewalt. Ich werde sagen, daß Sie ihn auf meinen eigenen Wunsch geändert.« »Sie sind unterrichtet, Mylady – das genügt!« »Heben Sie mein Tuch auf, das ich fallen lasse. Es ist ein Papier darin für Sie, die Abschrift des geheimen Traktats mit dem Premier von Nepal, und Notizen über den Bestand der Bank von Kalkutta und die Stärke der neuen Garnison. Lassen Sie mich morgen vor unserer Abreise Ihren Bericht über die Fortschritte der Empörung empfangen.« »Ich fürchte, das Gerücht wird unseren Nachrichten zuvoreilen. Delhi und Mirut sind in vollem Aufstand. Waffnen Sie sich mit all Ihrem Mut, Mylady, ich fürchte, Sie werden seiner bedürfen. Ich werde Sie schützen, aber die entfesselte Leidenschaft dieser Männer wird nichts schonen. Seien Sie auf alles gefaßt, Madame – der Nena sinnt auf Furchtbares!« Brigadier Inglis trat herbei und beendete das Gespräch durch ein anderes über die Ausbildung der Truppen der Rani, die der Grieche leitete. Der Maharadschah selbst hatte auf die Botschaft, die ihm der Diener zugeflüstert, den Saal verlassen, und gelangte an den Eingang des abgesperrten Gartens zum Bungalow. Er trat zu dem Khan, der ungeduldig seiner am Rande des Bassins harrte. »Du hast mich sprechen wollen, ehe das Große geschieht, Fattih-Murad-Khan,« sagte der Maharadscha. »Srinath Bahadur,« entgegnete der junge Mann mit entschlossenem Ton, »noch einmal, steh' du selbst mir Rede! wo ist Mahana, die Prinzessin von Lahore, die ich dem Schutze deines Daches anvertraute?« »Törichte Frage – du weißt so gut wie ich, daß sie verschwunden ist am Tage der Abreise ihrer Mutter, und daß wir erst glaubten, sie habe diese begleitet.« »Verräter! Du hast sie an Akhbar Jehan, den Prinzen von Delhi, verkauft, als Preis für seinen Beistand zu deinen Zwecken! Willst du mir in den Bart lachen, Srinath Bahadur? Seit gestern weißt du, was in Mirut und Delhi geschehen und daß Akhbar Jehan – verflucht sei sein Name – den Aufstand begonnen und die Faringi aus Delhi vertrieben hat.« »Du redest irre, Khan – Mahana ist tot, ich schwöre es dir bei den heiligen Broten! Daß in Mirut und Delhi der erste Schlag geschehen, war ein Zufall. Du weißt, daß heute das große Werk hier begonnen werden sollte.« Der Sikhhäuptling wandte sich verächtlich von ihm. »Höre, Maharadschah, was dir Fattih-Murad-Khan zu sagen hat. Einmal hast du den geheiligten Brauch der Gastfreundschaft verletzt und das Mädchen, das dir anvertraut war, schutzlos den Händen der Räuber oder Mörder preisgegeben! Nicht zum zweiten Male sollst du das heilige Recht des Gastes auf den Schutz seines Wirtes mit Füßen treten – ich will, daß du jene Faringi-Männer und Frauen, die du geladen unter dein Dach, ungekränkt nach Cawnpur zurückkehren läßt. Dann laß uns morgen offen die Fahne des Kampfes erheben und ich und die Krieger der Sikhs werden an deiner Seite stehen!« »Nimmermehr! Bei den Unterirdischen und allen Dämonen der Hölle! Wer sollte mich daran hindern?« »Ich werde dich hindern daran, zur Ehre deines Namens!« sagte entschlossen der ritterliche Sikh. Der Hindufürst wandte sich zu ihm, seine Hand fuhr unwillkürlich an den Griff seines Handjars. Aber dem kühnen, furchtlosen Blick des jungen Kriegers begegnend und von dem Gedanken an das Leid, das er ihm zugefügt, erfaßt – änderte er im Augenblick seinen Entschluß. Seine Antwort war: »Versuche es!« Dann wandte er ihm den Rücken und schritt zurück nach dem Schauplatz seines Festes. Im Garten des Palastes kam ihm Leutnant Sanders entgegen, ihn und die Rani von Jhansi zu der Konferenz zu bescheiden. Wenige Augenblicke darauf erschien der Maharadschah, wieder ganz in der höflichen Maske des Hinduwirtes, mit der Rani in dem Saal, während der junge Offizier vor dem Eingang Platz nahm, um den Eintritt Unberechtigter zu verhindern. Nachdem der Maharadschah und die Rani Platz genommen, eröffnete der Rat sogleich die Verhandlungen. »Da ich morgen bereits weiter nach Agra reisen muß, habe ich geglaubt, daß wir ebenso gut hier die Angelegenheiten besprechen können, wegen deren ich zum Teil hierhergekommen. Damit keinerlei Mißverstehen und Mißdeutung stattfinde, wünschte ich, daß die Verhandlung vor beiderseitigen Zeugen geschehe, und die anwesenden, mit den Verhältnissen bekannten Personen werden genügen.« Diese verneigten sich sämtlich zum Zeichen der Zustimmung. »Zunächst,« fuhr der Rat zur Königin von Audh fort, »wende ich mich an Ihre Hoheit. Durch die Proklamation vom 7. Februar vorigen Jahres hat die Kompagnie, unter Bewilligung einer Pension von 150 000 Pfund Sterling, die Regierung von Audh an sich genommen. Zu ihrem Bedauern müssen die Kompagnie und der General-Gouverneur dagegen erfahren, daß Ihre Hoheit, der man bewilligt hat, im Palast zu Audh zu bleiben, statt Ihren Gemahl nach Kalkutta zu begleiten, fortwährend neue Intrigen und Proteste gegen die Regierung der Kompagnie anspinnen.« »Sage mir, was ich getan, Sahib, und ich werde dir antworten,« entgegnete die Königin. Der Rat öffnete ein Portefeuille und nahm zwei Briefe heraus, die er ihr vor die Augen hielt. »Kennst du diese Schreiben?« Einen Augenblick entfärbte sich die entthronte Fürstin, dann entgegnete sie mit Hohn: »Ich wußte nicht, daß die Faringi-Regierung Briefe stiehlt!« Der Rat errötete bis über die Stirn und sah die kecke Frau drohend an: »Wenn es die Interessen des Staates gilt,« sagte er ziemlich heftig, »hat die Regierung das Recht, die Korrespondenz verdächtiger Personen zu überwachen. Ich bin hier, um Sie zum letzten Mal zu warnen und Sie aufzufordern, diese Entsagungsakte auf den Thron von Audh für sich und Ihre Familie zu unterzeichnen.« »Und wo ist die Unterschrift des Königs, meines Gemahls?« »Der König wird sich nicht weigern, zu unterzeichnen, wenn Ihre Hoheit ihm mit Ihrem Beispiel vorangegangen. Die Kompagnie verpflichtet sich, Ihnen, außer der Pension Ihres Gemahls, 60 000 Rupien jährlich auszusetzen.« »Aber wenn ich mich weigere?« Die Stirn des Rates furchte sich. »So wird man die Mittel finden, Ihre Hoheit zu zwingen.« »Sie haben bis morgen mittag Zeit, Hoheit, sich zu bedenken,« wandte er sich an die Königin. »Ich breche nach der Siesta auf und werde bis dahin Ihre Unterschrift erwarten. Verweigern Sie dieselbe, so zahlt die Kompagnie die Pension nicht weiter und General Lawrence hat die nötigen Instruktionen in betreff der Überwachung Ihrer Person.« Die Begum sah ihn mit einem höhnischen Blick an, bewahrte aber ein stolzes Schweigen. »Es tut mir leid, Hoheit,« fuhr der Rat fort, zu dem Maharadschah gewandt, »daß ich in Ihr schönes Fest politische Verhandlungen und die Strenge der Regierung gegen eine Dame mischen muß, die wir gern schonen möchten. Ich bin überzeugt, daß unsere eigenen Angelegenheiten bei Ihrer Anhänglichkeit für die Sache der britischen Herrschaft sich leichter ordnen lassen werden.« »Sie haben wiederholt auf Verleihung des Peischwa-Titels und der Pension angetragen, die der verstorbene Peischwa von Bithoor bezogen.« »Ich verlange nichts als Gerechtigkeit, Sahib Rat. Ich bin der Sohn Bazie Rûs.« »Aber nur sein Adoptivsohn, Sir.« »Die Rechte der adoptierten Kinder sind geheiligt durch tausendjährige Sitte. Kein Indier wagt sie zu bezweifeln!« »Die Sache wird sich vielleicht ausgleichen lassen, wenn wir über die zweite Angelegenheit uns verständigen. Sie haben eine Klage bei dem obersten Gerichtshof der Kompagnie eingeleitet auf Herausgabe des Erbes eines Verwandten des Peischwa, also angeblich auch Ihrer selbst, des verstorbenen Dyce Sombre, des Enkels der Begum von Somroo.« »Ich will nur Gerechtigkeit. Sahib Rat.« »Verstehen wir uns recht – ich halte Ihre Ansprüche in dieser Sache für keineswegs rechtlich begründet. Zunächst wiederhole ich Ihnen, daß Ihre Verwandtschaft mit dem Verstorbenen nur aus den indischen Sitten beruht, aber von keinem englischen Gerichtshof anerkannt werden würde.« »Der Teil des Erbes, den ich hauptsächlich beanspruche, liegt in Indien, nicht in England.« »Aber es ist Ihnen bekannt, daß Sir Dyce Sombre zur Zeit der Testamentsaufnahme gar nicht testierungsfähig war, daß man ihm wegen Geistesstörung die Disposition über sein Vermögen genommen hatte.« »So behauptet die dabei interessierte Verwandschaft seiner Gattin, obschon selbst in England namhafte Ärzte das als ein schändliches Unrecht erklärten. Auch ist das Testament nicht in England aufgenommen, sondern in Paris, und wissenschaftliche und amtliche Autoritäten haben die volle Dispositionsfähigkeit meines unglücklichen Verwandten bestätigt.« »Das Testament ist auf eine so seltsame Weise jetzt zum Vorschein gekommen, nachdem es den amtlichen Feststellungen nach in London unter geheimnisvollen Umständen plötzlich verschwunden, daß die Regierung Aufklärung darüber verlangen muß, auf welche Weise Sie in dessen Besitz gekommen sind.« »Der indische Diener meines Vetters, Tukallah, überbrachte es mir nebst allen dazugehörigen Dokumenten.« »Wo ist der Mann? können Sie ihn als Zeugen stellen?« »Euer Exzellenz wissen, daß das Zeugnis eines Indiers wenig gelten würde vor einem britischen Gerichtshof. Ist Ihnen der Name Tantia Topi bekannt?« »Ein Mahrattenhäuptling, wenn ich mich recht erinnere, nicht vom besten Ruf und stets mit den Feinden der Kompagnie unter einer Decke.« »Er ist, nebst dem ältesten Sohne Gholab Singhs, dem Murad Khan, ein Vertrauter der flüchtigen Rani von Lahore,« fügte der Resident bei, »und man hat genügend Grund, ihm die Entführung Dhulip Singhs und noch manche andere Verbrechen schuld zu geben.« »Tukallah,« sagte der Fürst ruhig, »und Tantia Topi sind ein und dieselbe Person.« »Dann, Hoheit, erlauben Sie mir die Bemerkung, daß der Name wenig zugunsten Ihrer Sache spricht.« »Ich verlange einfach mein Recht, Sahib Rat.« Der Baronet wühlte einige Augenblicke in seinen Papieren, dann sagte er: »Sie fordern die großen Besitzungen der alten Begum in Indien, über die, wie Sie wissen, die Kompagnie längst verfügt hat, und außerdem einen bedeutenden Anteil der Erbschaft in England, zu der dort drei rechtmäßige Erben vorhanden sind. Die Regierung hat über die Besitzungen seit länger als zehn Jahren verfügt und aus einer neuen Aufnahme der abgetanen Sache kann nur Nachteil entstehen. Sie müssen Ihre Klage zurücknehmen, Hoheit.« »Wenn es die Kompagnie befiehlt – ich bin ihr Knecht.« »Die Regierung wünscht es. Sie ist bereit, dafür bei dem Direktorium Ihre Ansprüche auf den Peischwa-Titel nochmals zu befürworten. Wir haben mit Bedauern das Unglück gehört, das Sie in – einer Freundin betroffen.« »In meiner Gemahlin, Sahib Rat,« unterbrach ihn der Maharadschah. »In Ihrer Gemahlin denn, Fürst. Ich hoffe, daß die Herstellung der Dame bald so weit erfolgt sein wird, daß ihre Aussagen auf nähere Spuren des Verbrechens leiten können. Ich verspreche Ihnen die strengste Gerechtigkeit und energische Verfolgung der Bösewichter.« Der Maharadschah erhob sich. »Ich nehme Euer Exzellenz Versprechen an und werde Sie daran erinnern! – Darf ich unsere Gäste einladen, einzutreten und das Schauspiel anzusehen, das ich mit meinen geringen Künstlern der hohen Gesellschaft zu bereiten bemüht war?« »Einen Augenblick noch, Hoheit, ich habe noch einige Worte dieser Dame zu sagen.« Er nahm ein neues Papier aus seinem Portefeuille und wandte sich zu der Rani von Jhansi. »Ihre Hoheit zeigen sich unzufrieden mit den Anordnungen der Regierung. Sie protestieren in dieser Schrift gegen die Handlungen unseres bestellten, hier gegenwärtigen, Residenten und beschuldigen ihn einer unberechtigten Einmischung in Ihre Angelegenheiten?« Rivers warf einen überraschten und gehässigen Blick auf die Rani, den diese mit einem stolz herausfordernden begegnete. »Was geschrieben ist, ist geschrieben,« sagte sie mit erhobener Stimme. »Ich verlange Gerechtigkeit von der Kompagnie für die freien Fürsten Indiens statt Tyrannei und Unterdrückung!« »Du sprichst kühn, Dame,« warnte finster der Resident. »Die Regierung ist zwar gewillt, alle mögliche Nachsicht gegen dich zu üben, aber sie verlangt Unterwerfung und Dankbarkeit, nicht Trotz und Übermut!« »Unterwerfung?« fragte die Fürstin stolz. »Schanda, die Rani von Jhansi, ist eine freigeborene Fürstin, nicht die Sklavin habsüchtiger Faringi! Sie ist niemand Rechenschaft schuldig von ihrem Tun, als dem Scindia, ihrem Lehnsherrn, und ihrem Gewissen.« Die Generale hatten sich, gleich dem Baronet, unwillkürlich erhoben bei dieser kühnen Sprache der Rani. »Verwegene! ist das die Sprache gegen deine Herren, deren Mitleid allein dich auf deinem Scheinthron duldet? Die Natter des Aufruhrs und des Verrats zischt aus dir; und beim Kreuz von Sankt Andreas – sie soll zertreten werden!« Mit einer wahrhaft majestätischen Gebärde streckte sie den mit Ringen bedeckten Arm gegen ihre Gegner aus. »Meine Herren? Stolze Faringi, die ihr euch die Herren und Gebieter in diesem Lande zu sein anmaßet – höret das freie Wort einer Frau, da den Mund der Männer die Furcht und der Verrat geschlossen hält. Frei und mächtig war der Hindu in seinem Lande, ehe der weiße Mann mit der gespaltenen Zunge an seine Küste kam. Der Ruhm Hindostans erklang durch alle Welt, und was Brahma den Menschen an Schätzen und Wissen gegeben, war in diesem Lande. Da kamen die Europäer und baten um Duldung an unseren Küsten – zuerst die Portugiesen, die Holländer und die Franken, zuletzt die verachteten Juden unter den Völkern, die Faringi! Voll Gastfreundschaft nahmen die Hindostani sie auf, aber aus den Gästen sind die Herren, aus den Sklaven die Gebieter geworden. Die Krämer, die Handel treiben, sind die Tyrannen! sie, die feilschten um die Annahs, sie haben den Fuß verräterisch auf den Nacken freier Völker gesetzt. Mit Betrug und List habt ihr die Macht gewonnen, und mit dem Fluch von Millionen erhaltet ihr sie. Betrogen habt ihr die Fürsten um ihr Eigentum – unterdrückt die Rechte der Nationen. Nicht der Mann am Kreuz, sondern die Gewalt und das Gold ist euer Gott – ihr schändet die Frauen und würget die Kinder als Opfer eures blutigen Glaubens! Betrug, Habsucht und Verrat sind eure Waffen – aber reif ist die Ernte und blutig soll die Saat aufgehen, die ihr gesät! Ich, ein Weib, deren Rechte ihr unterdrücken gewollt, künde euch offen und frei den Krieg! Ich trotze eurer Herrschaft, und will die schützen, die zu furchtsam sind, ihre eigenen Rechte zu wahren!« Ihre Hand erfaßte die Entsagungsakte der Begum, und in zwanzig Stücke zerrissen, schleuderte sie das Papier vor die Füße der Erstaunten. »Wie ich den Zeugen der Willkür vernichte, möge eure Herrschaft in diesem Lande in Stücke gehen! ich – Schanda, die Rani von Jhansi – biete Trotz der Macht der Faringi und will meine Freiheit mit der Schneide meines Schwertes verteidigen gegen den Frechen, der es wagte, die Hand einer freien Fürstin zu verlangen, wie gegen alle Tyrannen meines Volkes!« »Wahnsinnige! – Nur als Gefangene sollst du die Schwelle dieses Palastes verlassen!« »Wage es, stolzer Faringi! Wahre dein eigenes Leben, denn du atmest in der Höhle des Tigers, der kein Erbarmen kennt!« »Wache herbei! – Rufen Sie Ihre Offiziere, Exzellenz! so unerhörter Trotz darf nicht ungestraft bleiben!« General Wheeler eilte nach dem Eingang des Saales, während der Gouverneur von Audh, ein milder und nachsichtiger Charakter, den Zorn des Mitglieds des großen Rats von Indien zu beschwichtigen suchte. In diesem Augenblick – noch ehe General Wheeler einen Befehl erteilen konnte, flogen die Portieren der breiten Bogentüren zur Seite, und auf den Arm ihres Wirts gestützt, trat Lady Mallingham ein, gefolgt von der ganzen Gesellschaft, die im Augenblick den Saal einnahm und für das angekündigte Schauspiel sich plazierte. Der Rat und die Generale sahen ein, daß dies nicht der Augenblick sei, um den Streit weiterzuführen und verschoben die Ergreifung strenger Maßregeln, gewiß, daß die Trotzige ihrer Strafe nicht entgehen könne. Unbekannt mit dem, was vorgegangen, lud ein Wink der Lady die beiden indischen Fürstinnen ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen, während die Damen sich im Halbkreis gruppierten. Der Rat, die beiden Generale und der Dechant hatten gleichfalls im Kreise Platz genommen, und hinter den Sesseln sammelte sich die Menge der Offiziere und der vornehmen Eingeborenen, die der Sahib zu dem Feste geladen. Bei der steten Absonderung, die zwischen den englischen und den eingeborenen Offizieren selbst in einem und demselben Regiment herrscht, indem die Briten die Hindus von ihrem Umgang systematisch ausschließen, konnte es selbst einem weniger unbefangenen Auge nicht auffallen, daß die Sepoy-Offiziere sich im Hintergrund zusammendrängten, gleichsam die Ausgänge besetzt hielten, und bedeutsame Blicke und heimliche Reden miteinander wechselten. »Nun, Hoheit,« sagte die Lady Baroneß zu dem Maharadschah, »wir sind voll Erwartung des Schauspiels, das Sie uns versprochen.« »Mylady, Sie müssen vorlieb nehmen mit dem, was wir armen ungebildeten Hindu zu geben vermögen. Aber, auf meine Ehre, ich verspreche Ihnen, es ist ein Original.« »Bitte, geben Sie mir das Programm dazu.« »Es ist eine Rapsodie, Mylady, deren Text ich selbst den Versuch gemacht habe, in englische Verse zu übertragen. Sie ist dem Kadambari des Banabhatta nachgebildet und wird nach der Sitte der Franken durch stumme Gruppen dargestellt werden.« »Also lebende Bilder – und Sie selbst der Dichter, Hoheit? das ist reizend. Ihr Fest, muß ich gestehen, läßt nichts zu wünschen übrig. Ich gebe Ihnen zum Dank dafür die Erlaubnis, meine Hand zu küssen, Prinz, und bedaure nur eines bei meinem Besuch.« »Und darf ich fragen, welcher Umstand so unglücklich gewesen ist, Ihrer Herrlichkeit Mißfallen zu erregen?« »Ich spreche nur mein Bedauern aus, daß es mir nicht vergönnt war, neben diesen indischen Damen auch die Schönheit unserer Wirtin kennen zu lernen, der es gelungen, die Liebe des berühmten Maharadschah von Bithoor so wunderbar zu fesseln.« Der Hindufürst verneigte sich. »Ich werde die Ehre haben, Mylady, meine Gattin Ihnen vorzustellen, ehe das Fest zu Ende ist.« Die Antwort des Maharadschah war so laut und fest gesprochen, daß außer der Lady Mallingham verwundert mehrere der Umsitzenden aufhorchten und den Mund zum Fragen öffneten. In diesem Augenblick rief General Wheeler herüber: »Den Titel Ihres Schauspiels, Freund Bahadur? Sie haben uns noch dessen Namen nicht gesagt.« Der Nena trat zurück und näherte sich der Bühne. »Es ist ein Gedicht des Subandhu, Sahib Exzellenz, und führt den Titel: Die Rache des Liebenden!« Drei Schläge des Tamtams erschütterten die Nerven der Hörer und dann schmetterte eine rauschende wilde Musik durch den Saal. Und aus dem wirren Getön dieser Musik, verborgen von dem Vorhang der Bühne, erhob es sich in sehnsüchtigen, lockenden Klängen, wie der Gesang der Budurubul, des Vogels der tausend Lieder, herzdurchbebend, träumend in süßer Melancholie, als malten die Töne die Erinnerungen einer süßen und unglücklichen Liebe. Hinter dem Vorhang hervor trat eine ernste Greisengestalt, gehüllt in weiße, wallende Gewänder, den schmalen Goldreif der indischen Barden um das lang flatternde Haar. Und während die süßen, schmelzenden Töne der Nachtigallenmelodie wie im fernen Echo verklangen, kauerte der greise Sänger sich zur Seite des Inderfürsten auf der Rampe der Bühne nieder und seine Finger rauschten über die Saiten der Laute, die er im Arm trug. Dann – in dem einfachen, halb singenden Rhythmus des indischen Rezitativs entströmte der Wortlaut der Ghaselen in hindostanischer Sprache seinen Lippen. Alles schwieg, neugierig durch den seltsamen Eingang des versprochenen Schauspiels. Jetzt erhob der Maharadschah die Hand und auch der indische Sänger schwieg. Aus seinem Arm nahm der Nena die Laute, mit kräftigem Akkord griffen seine Finger in die Saiten und, das Auge zur Decke erhoben, wiederholte seine volle, wohllautende Stimme die Ghaselen in freien englischen Versen. »Golden sind Surikhas Locken, Wie der Sonne lichter Strahl, Der der Blüten duft'ge Glocken Küßt im Himalaya-Tal. Ihre Augen sind Saphire, Eine Palme die Gestalt, Und dem Säuseln der Zephyre Gleicht des Lächelns Allgewalt. Weiße Perlen sind die Worte, Die aus der Rubinen-Pforte Ihrer Lippen, den Korallen Ihrer Zähne süß entfallen. Wie der Antilope Kosen Tritt ihr Fuß den Rasen nur, Und ihr Odem gleicht der Rosen Duft auf Schiraz sonn'ger Flur. – An des Indus gelben Wellen, In dem fernen Lande Sindh, Unterm Zelt aus Löwenfellen Lebt der Khan von Samarkind. Stolz entsprossen aus dem Samen Mächt'ger Helden, ist der Namen Tarapidas hoch bekannt Durch das weite Inderland. Seine Faust erschlägt den Tiger, Nur im Wohltun sucht er Lohn, Und als treubewährter Krieger Steht er an des Sultans Thron.« Wieder rauschte die wilde Musik hinter der Gardine in den kriegerischen Klängen der Zymbeln und Becken auf, gleich als wollten sie den Ruhm des jungen Helden verkünden, den das Lied des Inderfürsten besang, der jetzt dem greisen Barden die Laute reichte, fortzufahren in seinem Text. Und wiederum übersetzte er der Gesellschaft die Verse, den Tonfall mit leichtem Ausdruck wechselnd: »Und von Kaschmirs schönem Kind Hört der tapfre Held von Sindh. Da entbrennt in Liebesglut Ihm das Herz, wie jäh die Flut Von des Monsuns Hauch gefüllt An Suratas Küste schwillt. Und er zieht zum fernen Land Und er holt mit tapfrer Hand Von dem Fuß des Dwalagir Die Rose sich von Kaschmir! Und der Löwe von dem Sindh Wird zum schuldlos frohen Kind. Denn des Cama Huld verhieß Ihm der Liebe Paradies. Von Kammari bis Kabul Singt die süße Burubul Keinen Glücklichern ihr Lied, Als Surith und Tarapid!« Unter den zarten Molltönen der Flageoletts rauschte der Vorhang zur Seite, und ein staunendes Ah! der Versammlung begrüßte das reizende Bild, das sich den Blicken zeigte. An dem breiten Stamm einer Banane auf grünem Rasenteppich ruhte zwischen Rosen und Geranienbüschen ein Liebespaar, der Mann, eine prächtige Kriegergestalt in der malerischen Tracht der ritterlichen Afghanenstämme, Säbel und Schild zur Seite, das Haupt im Schoß eines schönen Mädchens mit köstlich blondem Haar, in die weiche, blaue Tunika der Frauen der tibetanischen Hochgebirge gehüllt. Wer Major Rivers beobachtet hätte, wie er auf das blonde Frauenbild starrte, würde gesehen haben, wie sein Antlitz sich mit fahler Blässe überzog. Das Antlitz dort oben auf der Bühne unter dem Bananenbaum und dem Goldschleier des Gewebes von Tibet war ein ihm bekanntes – es glich Narika, der Odaliske von Kaschmir, die bei dem Brand der Zenanah entflohen war, wie eine Rose der andern. » Ma foi! Sehen Sie, meine Liebe, das Gesicht jenes Afghanen-Kriegers – gleicht es nicht zum Erstaunen unserem liebenswürdigen Wirte selbst?« »Ich glaube, es ist Baber-Dutt, sein Bruder, der die Rolle übernommen,« erwiderte Miß Wheeler. Zusammen rollte der Vorhang und verhüllte die Gruppe vor den Augen der Zuschauer. Wieder rauschte der Akkord der Saiten und die Hindostani-Verse flossen von den Lippen des greisen Barden. Und der Bahadur übersetzte die Verse, während wie in weiter Ferne die wilde Musik seines Volkes hinter dem Vorhang erklang. »Die Dämonen sind dem Glücke Feindlich, das uns Cama gibt, Und in ihrer Bosheit Tücke Hassen sie, was treu sich liebt. Hin zu seinem Sandeltore Die berühmten und kostbaren Tore des Tempels von Lahore aus Sandelholz, die bei der Eroberung des Pendjab von den Engländern geraubt wurden. Ruft der Sultan von Lahore Seinen Krieger Tarapida. Und er läßt zurück Surikha, Auf den Schutz des Bruders bauend, Und der Treu' des Freundes trauend. Hassan war wie er ein Krieger, Und er hat das Zelt und Mahl Von dem edlen Hindusieger Schon geteilt wohl hundertmal. Doch im stillen neidet er Seiner Liebe Glück ihm schwer, Und als Tarapida fern, Raubt er ihm des Lebens Stern! – Jene zarte Frau'n-Gestalt Bricht des Schändlichen Gewalt. Tückisch stürzt er ins Verderben Ihren Bruder, denn sein Sterben Ist die Losung seinen Lüsten, Und er schwelgt an ihren Brüsten Und entehrt den zarten Leib Mit Gewalt des Freundes Weib!« Wilder und wilder rauschten die Akkorde! – »Nicht die Schande selbst bereuend, Doch der Tat Vergeltung scheuend, Birgt er in dem Schoß der Erde, Daß sie nimmer kundbar werde, Jetzt Surikha, bis der Götter Wort den Rächer und den Retter Ihrem Jammer endlich weckte, Den des Wahnsinns Nacht bedeckte!« Und wie ein Beben ging es durch den Saal – kein Laut wagte sich zu rühren – denn selbst auf den stolzen und kalten Männerherzen lag es wie furchtbare Ahnung des Kommenden – die Gewißheit, daß die Verse des Hindufürsten eine entsetzliche Bedeutung hätten! Ohne dem indischen Barden die Laute zurückzugeben und seinen Gesang abzuwarten, tat der Hindufürst einen Schritt auf den Kreis der Gäste zu, einen schrillen Akkord riß seine Hand über die Saiten und dumpf und dennoch verständlich, bis in die fernsten Ecken des Saales, grollte seine Stimme, als er in dieser dämonischen, erschütternden Improvisation fortfuhr: »Wollt ihr schau'n das Ungeheure, Wollt ihr sehn, ihr zarten Frauen, Wie das Liebste und das Teure Untergeht in Leid und Grauen? – Wagt ihr, was, noch jetzt zu fragen, Tarapidas Herz erfüllt? Weibern nur gehört das Klagen, Doch dem Rächer jenes Bild! « Auseinander fuhr der Vorhang – in dunklem Kerkergewölbe, auf feuchter Binsenmatte kauerte die Jammergestalt der Hindufrau mit dem bleichen Angesicht, den starren Blicken des Wahnsinns, die zerstörten blonden Locken durch die hageren Finger gleiten lassend, und von den weißen Lippen schien Ophelias Schmerzenslied zu zittern. Und ihr zur Seite standen zwei Männer, einer in der einfachen Tracht der Gangesschiffer, den blanken Stahl drohend geschwungen in der Rechten, die Linke den weiten arabischen Mantel erfassend, der die scheu fliehende Gestalt des zweiten verhüllte. Ein Schlag des Tamtam durchdröhnte gellend den Saal, wie der Ruf des Weltgerichts, der die Gräber spalten und die Verbrecher vor dem Throne Gottes entlarven wird. Nieder fiel der Mantel des Fliehenden, seine Kleidung, sein Antlitz wurden sichtbar den hundert fragenden Augen – – » Goddam! – Das ist Rivers, wie er leibt und lebt!« Der Ruf des Doktor Brice schien wie ein elektrischer Schlag die allgemeine Erstarrung zu lösen. Die Generale und der Rat erhoben sich; – Unwillen in den rauhen, von Alter und Strapazen verhärteten Zügen, trat der Gouverneur von Cawnpur auf den Nena zu, dessen Auge mit starrem, furchtbarem Ausdruck auf dem Verfemten haftete. »Ich muß gestehen, Hoheit, das ist kein Spiel für ein Fest! Ich muß Erklärung fordern – was beabsichtigen Sie mit dem Mummenschanz?« » Gerechtigkeit! « Die Stimme des Nena dröhnte durch den Saal, als er das eine Wort sprach. »Gerechtigkeit? Für was und gegen wen verlangen Sie Gerechtigkeit?« »Gegen die Entführer meines Weibes, Mahathma!« »Wir beklagen alle Ihr Unglück, aber Sie selbst wissen, daß die Dacoits, welche das Verbrechen wahrscheinlich begangen, noch nicht zu ermitteln waren.« »Die Verbrecher sind hier!« »Hier? – Enden Sie endlich die Rätsel, Hoheit, in denen es Ihnen zu sprechen beliebt. Wo sind die Schuldigen?« »Dort!« Seine Hand wies auf den Residenten. »Also doch – Sie wagen es, die Anklage Ihres Bildes mit Worten zu wiederholen?« »Ich wage es! Bei den heiligen Broten – bei dem Gekreuzigten der Christen – dieser Faringi ist der Räuber und Mörder meines Weibes!« »Der Mörder?« »Ja, Sahib General! Meinst du, Srinath Bahadur werde das Lager seines Weibes verlassen, um den Fremdlingen seine goldenen Säle zu öffnen, wenn ein Hauch des Lebens noch auf den Lippen der Geliebten war? Schaut hin und seht das Opfer der Lüste eines weißen Mannes!« Er streckte die Hand nach der Bühne – die Gruppe von vorhin war verschwunden, nur der Hindu-Schiffer noch zeigte sich den Blicken und neben ihm ein offener Sarg von Sandelholz mit den weißen und roten Blüten der Orangen und des Lotus. Auf dem Blumenkissen, in das weiße Gewand von indischem Musselin gehüllt, lag eine bleiche, abgezehrte Gestalt, das Auge geschlossen, die blonden Locken um das Totengesicht – Margarete O'Sullivan , die Gattin des Maharadscha von Bithoor! »Es ist falsch – erlogen, was er spricht!« schrie der Resident durch die grauenhafte Stille, die sich bei dem Anblick über die ganze Gesellschaft gelagert. »Wird man der Lüge eines verräterischen Schwarzen mehr glauben, als dem Wort eines britischen Offiziers? – Wo sind die Zeugen für seine wahnsinnige Anschuldigung? Soll diese Tote es sein, die ihres Verstandes beraubt gestorben ist?« »Die stummen Gräber nehmen die Toten auf – aber sie geben sie auch wieder zurück zur Stunde des Gerichts,« sagte ernst der Maharadscha mit Hoheit. Und hinter dem Sarg erhob sich eine seltsame Gestalt, ein Mann, bleich und leidend – kein menschenähnliches Angesicht mehr und dennoch fast jedem bekannt in den Reihen der erschrockenen Gäste. Die Gestalt trat langsam hinter dem Sarge hervor und mit schwankendem Schritt die Stufen der Bühne nieder, gerade auf den Residenten zu, der entsetzt, wie vor der Erscheinung einer anderen Welt, zurückwich und die Lehne eines Stuhls mit zitternder Hand erfassen mußte, um sich aufrecht zu erhalten. Dann blieb die Jammergestalt, die sich nahte, auf ihrem Wege stehen und hob die Arme gen Himmel. Jetzt sah man, daß beide Ärmel leer waren vom Ellbogengelenk – dem Mann fehlten die Arme und Hände. »Eduard O'Sullivan,« tönte die Stimme des Nena – »armer unglücklicher Bruder! zeige uns den Mörder deiner Schwester!« Und der Verstümmelte wankte weiter auf den Residenten zu, der zerrissene Schlund bewegte sich, als wolle er Worte von sich geben, aber nur der pfeifende Atem der Brust war zu hören – nur in den Augen flammte der Strahl dessen, was die Lippen nicht mehr zu stammeln vermochten. So trat er dicht heran an den Mörder seines Lebens und legte die beide verstümmelten Arme auf dessen Brust. Mit Gewalt hatte der Resident seinen Trotz und seine Fassung zurückgerufen. Er fühlte, daß er von Todfeinden umgeben und daß nur der Trotz der Frechheit sein Spiel retten und seine Gegner zu entwaffnen vermöge. »Ich fordere Ihren Schutz, Exzellenz, gegen die Anklage der Bosheit. Der Maharadschah von Bithoor ist ein Verräter – ich klage ihn an des Einverständnisses mit den Feinden Englands! Jener Mensch dort, den er zu seinem Possenspiel gebraucht, ist ein Deserteur des 74. Regiments, ein Genosse der aufrührerischen Boers und Kaffern am Kap, Peter Prätorius , wie Kapitän Delafosse bezeugen wird. Und der Führer der Leibwache jener Fürstin, die noch soeben ihren Haß gegen England kundgegeben, ist ein verwegener Abenteurer und Rebell, auf dessen Kopf Lord Ward in Korfu einen hohen Preis gesetzt, – kein Sardinier, wie man seine Beschützer betrogen, sondern der Ionier Marcos Grimaldi . Mit diesen Rebellen stehen meine Ankläger im Bunde und der Zweck der Anklage ist, denk' ich, deutlich genug!« Diese geschickte und dreiste Wendung war der Meisterstreich eines gewandten Fechters, und die Aufmerksamkeit und Teilnahme, bisher dem furchtbaren Geschick der unglücklichen Irländerin zugewandt und die allgemeine Stimmung gegen Rivers kehrend, änderte sich rasch zu dessen Gunsten. Ein unerwarteter Zwischenfall kam der dreisten Leugnung des Bösewichts zu Hilfe. Vom Eingang des Saales her forderte eine gebieterische Stimme laut den Durchgang: »Depeschen für Seine Exzellenz den Gouverneur! Geben Sie Raum, meine Herren!« Durch die sich öffnenden Reihen der Militärs und Damen kam hastig ein fremder Offizier. Seine Kleidung und sein Gesicht waren mit Staub und Schmutzkrusten förmlich bedeckt, eine schwarze Wundbinde um die Stirn bewies, daß er vor kurzem noch einen Kampf bestanden. »Wo ist Sir Henry Lawrence, der Gouverneur von Audh? Wichtige Depeschen von General Barnard!« »Ich bin General Lawrence. Wo kommen Sie her?« Der Offizier salutierte. Man sah ihm an, daß er so erschöpft war, daß er sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte. »Von Delhi, Exzellenz. Diese Briefe besagen das Nähere und fordern schleunige Weiterbeförderung.« Der General riß das Kuvert der Depesche ab und durchflog sie mit den Augen – man sah sein Gesicht immer ernster werden, die Falten seiner Stirn sich furchen und ein leises Beben der Hand. »Die Sache steht schlimmer, als wir befürchtet haben,« sagte der General, dem Gouverneur von Cawnpur und dem Rat die Depeschen reichend. »Verheimlichung würde wenig nutzen – die Sepoyregimenter im Norden sind in vollem Aufstand, Mirut und Delhi sind von den Rebellen genommen, die schändlichsten Morde sind an unseren Landsleuten, an Männern, Frauen und Kindern, verübt und der abgesetzte Mogul ist zum Kaiser von Indien ausgerufen worden. General Barnard fordert aufs Schleunigste alle disponiblen Truppen zur Verstärkung!« Diese schreckliche Nachricht erweckte allgemeine Aufregung. Man umringte den Offizier und bestürmte ihn mit Fragen und Aufforderungen nach weiteren Mitteilungen. Er schilderte mit fliegenden, lebendigen Worten die Greuel, deren Augenzeuge er zum Teil gewesen. »Danken Sie Gott, Sir,« wandte sich Oberstleutnant Stuart zu dem Dechanten, »daß Lady Hunter sich glücklich in Ludhiana befindet.« Der Dragoner-Offizier wandte den Kopf, »Lady Hunter, die Frau des Dechanten? – Ich weiß nichts von ihrem Schicksal, aber ich sah sie zwei Tage vorher, ehe das Unglück ausbrach, bei einem Besuch des Lazaretts.« Der Geistliche sprang auf ihn zu. »Barmherziger Gott – täuschen Sie sich nicht, Sir? Lady Adelaide, meine Gattin in Delhi?« Der Offizier sah ihn teilnehmend an. »Verzeihen Sie, hochwürdiger Herr, wenn ich absichtslos Ihnen eine traurige Nachricht gebracht. Leider ist es wahr, daß Lady Hunter sich in Delhi befand, sie traf in voriger Woche von einer Reise wieder dort ein. Aber noch ist nicht alle Hoffnung verloren – ich hörte nichts von ihrem Schicksal.« Die Generale, der Rat und mehrere der älteren Offiziere hatten eine rasche Beratung gepflogen. »Meine Herren und Damen,« erklärte General Wheeler mit erhobener Stimme, »die erhaltene Nachricht macht es uns zur Pflicht, aufs schnellste nach Cawnpur zu eilen. Nach den Ereignissen, die leider schon kurz vorher die Eintracht zwischen den beiden Nationen zu stören gedroht, kann unseres Bleibens hier überhaupt nicht länger sein. Erteilen Sie Ihrer Dienerschaft die nötigen Befehle zum Aufbruch.« » Gerechtigkeit, Sahib General! « erklang über alles Geräusch der allgemeinen Bewegung die mahnende Stimme des Nena. »Das ist keine Zeit, um Ihre Klagen anzuhören und zu entscheiden, Sir,« sagte der General mit Strenge, »selbst wenn Sie dieselben auf eine passendere Art angebracht hätten. Bezeigen Sie Ihre gute Gesinnung für die Regierung, indem Sie die Schwierigkeiten, die sich ihr entgegenstellen, nicht noch erhöhen. Später wird sich Gelegenheit finden, Ihre Anschuldigungen zu untersuchen, bis dahin aber warne ich Sie, nicht Rebellen oder verdächtigen Personen Schutz zu gewähren.« Der Nena lachte höhnisch auf und sprang zurück. »Ram! Ram! Mahadeo!« Der wohlbekannte Schlachtruf der Hindus, den er ausstieß, fand sein Echo in dem donnernden Gegenruf der zahlreichen Sepoy-Offiziere auf allen Seiten des Saales: »Jai – jai – kar!« Zugleich entstand unter den letzteren eine allgemeine Bewegung, sie zogen ihre Säbel und stellten sich vor die Ausgangstüren des Saales. »Was bedeutet das?« schrie der General. »Verrat – Empörung?« »Ja, Empörung,« rief der Nena, »und dieser Schurke soll die erste Sühne des befreiten Hindostans sein!« Und gleich dem Tiger, ohne seine Waffe zu ziehen, stürzte er sich auf den Residenten, erfaßte ihn am Kragen und versuchte ihn aus den Reihen der Engländer zu reißen. »Zu den Waffen, Landsleute! Zeigt den Verrätern, daß britische Ofiziere sich vor meineidigen Rebellen nicht fürchten!« befahl General Wheeler. »Männer, seid ihr wahnsinnig?« rief Sir Hugh Wheeler die Sepoy-Offiziere an. »Steckt die Waffen ein bis auf den Befehl eurer Oberen! Jeder Ungehorsam würde mit dem Tode bestraft werden!« Nur das tumultuarische Geschrei und der Ruf: » Jai – jai – kar !« antwortete ihm. Die britischen Offiziere hatten ihre Säbel und Degen gezogen, die meisten aber waren gänzlich unbewaffnet, da sie jene zum Tanz, und um im Gedränge und in der Hitze unbelästigter zu sein, in den Vorzimmern abgelegt. Lady Mallingham suchte ängstlich mit den Blicken Grimaldi, um sich nötigenfalls unter seinen Schutz zu stellen. Sie fand ihn nahe bei sich und dem Dechanten stehend, die Vorgänge aufmerksam und mit entschlossener Miene bewachend. Sie legte die Hand auf seinen Arm. »Vetter Maldigri,« flüsterte sie, »Sie bürgen für meine Sicherheit!« Er winkte ihr ungeduldig, ohne sie anzusehen. Seine Blicke waren fest auf die Begum von Audh gerichtet, die gleichfalls mit der Rani, seiner Gebieterin, nach der rechten Seite getreten war, wahrend die Engländer auf der Linken sich zusammenscharten. Wir haben den Residenten verlassen in dem ihn bedrohenden Augenblick, als die Hand des Nena ihn bereits erfaßt und mit unwiderstehlicher Kraft in die Mitte seiner Todfeinde zu reißen versucht hatte. Zufällig stand Leutnant Sanders in seiner Nähe. Mit einer raschen Bewegung war er an der Seite des Bedrohten und ein kunstgerechter Boxer-Faustschlag zwang den Hindu, sein Opfer loszulassen und machte ihn zurücktaumeln. Ehe er seinen Handjar ziehen, um sich auf seinen neuen Gegner zu stürzen, hatte der junge Offizier den Residenten in die Mitte der Engländer gezogen. Das Antlitz des Nena hatte sich mit dunkler Glut bei dem Schlage gefärbt, seine Augen flammten jetzt wie die des Tigers, dem seine Beute entrissen wird. Er sprang zurück an den Aufgang der Bühne. »Faringi!« schrie er laut, daß seine Stimme allen Lärm übertönte, während seine Hand sich nach dem Sarge streckte, »stolzes Geschlecht feiger Tyrannen – eure Zeit ist gekommen, eure Herrschaft über das tausendjährige Geschlecht der Hindostani zu Ende! Bei jenem Leichnam, des Teuersten, was ich auf der Welt besaß, gelobe ich, kein Mann und kein Weib, die eine britische Mutter geboren, soll lebendig das Haus Srinath Bahadurs verlassen, wenn ihr nicht freiwillig den Verbrecher seinem Zorn überliefert!« »Nimmermehr, frecher Heide!« zürnte General Lawrence, »wir sind britische Offiziere, nicht feile Söldner, die ihr eigenes Blut verleugnen. Lieber den Tod, als ehrlosen Schimpf! Nehmen Sie die Frauen in Ihre Mitte, Gentlemen, und lassen Sie uns den Ausgang erzwingen!« Der Nena schwang mit gellendem Hohnlachen seinen Turban. Ein Kommandowort erscholl. Da flogen die schweren Teppiche, die als Portieren dienten, zur Seite, und hundert Gewehrläufe und glänzende Bajonette starrten ihnen entgegen, – dahinter die bronzedunklen wilden Gesichter, die weißen, Rache und Tod drohenden Augen der aufrührerischen Sepoys. Ein Schrei des Entsetzens erscholl – selbst den Tapfersten erbebte das Herz. Der Nena lachte höhnisch auf. »Erniedrigen will ich die stolze Fahne Englands zum tiefsten Staube! Sterbt denn in eurem Trotz, ihr Verfluchten!« Er wandte sich nach dem Hintergrund, um den blutigen Befehl zu geben, aber plötzlich änderte sich die Szene aufs neue. Mit dem Sprunge eines Löwen war der tapfere Führer der Leibwachen der Rani von Jhansi nach der Stelle gestürzt, wo diese und die Königin von Audh standen. Er hatte die letztere umfaßt und mit Blitzesschnelle mitten in den Saal und vor die bestürzten Engländer getragen, indem er sie hier den drohenden Gewehren der Sepoys entgegenhielt. »Wer es wagt, auf jene Frauen und Schuldlosen zu schießen,« donnerte seine mächtige Stimme, »der wird das Herz seiner Königin durchbohren. Kämpft mit den Faringis, Hindostani-Kameraden, aber mordet nicht die Wehrlosen!« Zugleich mit der raschen und entschlossenen Bewegung Grimaldis hatte sich ein anderer Mann in orientalischer Kleidung vor die Bedrohten geworfen, Walding , der deutsche Arzt, der bisher unter der Menge verborgen, sich schützend vor Editha Highson stellte. Neben ihm erschien, wie sein Schatten, Kassim der Thug, sein Mayadar. »Bei dem Andenken an die Geschiedene, Fürst, vergieße nicht das Blut der Unschuldigen!« Die Person der entthronten Königin galt den Sepoys für heilig und unverletzlich. Sie erhofften in ihr die Wiederherstellung des alten und glänzenden Reichs und begriffen, daß bei einem allgemeinen Feuer auf die dichtgedrängte Gruppe der Faringi das tödliche Blei unzweifelhaft auch sie durchbohren muhte. Viele der Gewehre senkten sich – die wilden Krieger wußten nicht, was sie tun sollten und harrten eines neuen Befehls des Nena. »Schont das Pulver! stoßt sie mit dem Bajonett nieder und hütet die Königin,« befahl er. Plötzlich fesselte ein lautes »Zurück!« die andringende Menge. Zwischen den beiden Parteien richtete sich die Gestalt des jungen Khans der Sikh auf und streckte beide mit Pistolen bewaffnete Hände den Sepoys entgegen. »Zurück!« wiederholte er – »daß keiner wage, diesen Männern und Frauen ein Leid zu tun, bis sie Cawnpur erreicht. Sie stehen unter dem Schutz Fattih-Murad-Khans!« »Elender Sikh – wagst du es, mir in meinem eigenen Hause zu trotzen?« »Ich trotze dir, Srinath Bahadur, der du das von Jahrtausenden geheiligte Recht des Gastes deiner blinden Leidenschaft opfern und deine eigenen Götter beschimpfen willst.« Der Khan hob die eine Pistole zur Decke des Saales und feuerte in die Luft. Im nächsten Augenblick klirrten die Scheiben der Türfenster und eine Anzahl von Kriegern sprang in den Saal und sammelte sich mit Blitzesschnelle um den jungen Häuptling. Sie trugen die Uniformen der leichten britischen Kavallerie, doch statt der Kaskets oder Helme grünumwundene Turbans, und in ihren energischen dunklen Gesichtern leuchtete entschlossener Mut. Wie als Antwort auf die Hilfe, welche den Verteidigern der Faringi geworden, hörte man von dem Platz vor dem Palast das tausendstimmige Gebrüll: ›Ram! Ram! Mahadeo!‹ den Schlachtruf der Hindu-Sepoys, die ihre Kaserne verlassen und in gedrängten Massen den Palast umgaben. Dazwischen tönte der Ruf: »Tod den Sikhs!« »Du siehst, Knabe,« hohnlachte der Maharadschah, »daß du trotz jener Verräter in meiner Gewalt bist. Fluch über dich, der mich zwingen will, das Blut unserer Brüder zu vergießen« Der Khan schleuderte ihm aus seinen dunklen Augen einen Blick des Hasses und der Verachtung zu. Als Major Grimaldi erkannte, daß es kein bloßes Morden, sondern ein Kampf werden sollte, widerstrebte es seinem Ehrgefühl, eine Frau zum Schild gegen die Mörderrotte zu brauchen; er gab die Begum frei und ließ sie zu ihren Freunden eilen. Ein Jubelruf der Hindus begrüßte sie – nur eine Stimme schwieg, die Stimme der kühnen und hochherzigen Rani von Jhansi. Sie blickte mit Bewunderung auf den Franken, den Führer ihrer Krieger, denn sie begriff sein tapferes und männliches Benehmen. In den Jubelruf der Sepoys, der die Königin begrüßte, erklang wie zum Hohn das Kommando ihrer Offiziere in englischer Sprache: »Gewehr auf! – Fertig zum Feuern!« Die Gewehre klirrten empor – bei dem Nationalhaß der Hindus gegen ihre Brüder jenseits des Sedletsch zögerte kein einziger. »Schlagt an!« Da zitterte ein Laut durch den Saal – ein Ruf leise und doch jedem Ohr hörbar in der furchtbaren Spannung. Ein wilder entsetzlicher Schrei, halb Jubel, halb Schrecken, antwortete ihm. Im nächsten Moment sah man den Nena vor dem Sarge knien und seine Arme wie wahnsinnig emporbreiten. In dem Sarg aufgerichtet saß die weiße Gestalt der Leiche, ihre hageren Hände bittend über der Brust gefaltet, die blassen Lippen leise Worte murmelnd, wahrend aus den großen blauen, jetzt nicht mehr vom Fieber des Irrsinns unnatürlich glühenden Augen sich große Tränen lösten und über die weißen eingefallenen Wangen rollten. Zugleich aber hörte man aus der Ferne ein donnerndes Geräusch eilig näher und näher kommen, wie den Galopp einer großen Reiterschar. »Margarete! Geliebte meines Herzens! Hat dich Lakschmi aus den Hallen des Edens zurückgeführt zu uns Sterblichen, oder bist du die Peri, die kommt, ihren Diener zu rufen zu den göttlichen Wanderungen?« Ihre zarten Finger legten sich auf sein Haupt und kühlten seine glühende Stirn. Alles um ihn her, jeder andere Gedanken schien verschwunden für ihn. »Nena – teurer Freund – wo bin ich? – Die Angst zersprengt mir das Herz! Habe ich geträumt oder alles das Entsetzliche wirklich gehört? Blut um meinetwillen?« Er hielt sie bereits in seinem Arm. »Geliebte, du lebst – die Götter haben dich erweckt aus deinem Todesschlaf und mir zurückgegeben! Du wirst die Meine sein und niemals mehr mich verlassen!« Draußen auf dem Platz vor dem Palast schmetterten britische Reiter-Signale, die Erde schien zu beben vor dem rasenden Ansprengen einer Kavallerie-Masse. Das Kommandowort: ›Halt‹ fesselte die Reihen, noch waren die britischen Offiziere nicht sicher, was sie zu hoffen hatten, aber dennoch löste jener Kommandoruf es wie eine Felsenlast von ihrer Brust. Es waren die tapferen Sikhreiter, die da unten hielten, das Regiment, das die Botschaft des Khan von Cawnpur herbeigerufen! Jetzt standen sie dort unten, den Reihen ihrer gehaßten Rivalen, der Sepoys, gegenüber, beide bereit, im Augenblick aufeinander zu stürzen, des Signals zum Kampfe harrend.   Doktor Walding, der Arzt, stand bereits an dem Sarg der so wunderbar zum Leben Erwachten, um den sich die Freunde des Nena drängten. Eine Frau war ihm gefolgt – die einzige, die hier ein erhabenes Vergessen der Gefahr, eine himmlische Aufopferung übte, Editha Highson. Sie unterstützte die Kranke, deren leichte Schattengestalt der Nena mit kräftigem Arm aus dem Sarge gehoben und auf den Stufen der kleinen Bühne niedergelassen hatte, mit der liebenden Sorgfalt einer Schwester, obschon sie dieselbe zum ersten Mal in ihrem Leben sah. Walding hielt mit leichtem Finger ihren Puls – sein Auge blickte besorgt auf die Erstandene, mit schmerzlicher Teilnahme auf den Nena. »Die gnädigen Götter haben sie mir wiedergegeben,« jubelte der Maharadschah. »Freund – Bruder! – erhalte sie mir, und alles, was ich besitze, soll das deine sein!« »Ich hörte deine zürnende Stimme, ich hörte einen Ton, wie die Posaunen des Weltgerichts,« flüsterte die Erwachte, ihre Hand in der des Gatten, »und ich sah dich in einem Meer von Blut. Auf mir lag es wie ein schweres drückendes Band, das meine Augen und meinen Atem schloß – nur mein Ohr war geöffnet und ich vernahm das Entsetzliche! O mein Geliebter, was willst du tun? Was kümmern uns jene Männer und Frauen? – was ist geschehen – wo ist Eduard, mein Bruder – wo sind unsere Freunde?« Der Nena schluchzte laut, über ihre Hand gebeugt – vergeblich winkte ihm der deutsche Arzt, sich zu fassen. – – Der Khan war zu den Generalen getreten, die bei dem unerwarteten Ereignis einen Augenblick unentschlossen waren, was zu tun sei. »Sahib General,« sagte er mit Achtung zu Sir Thomas Lawrence, »die Krieger des Pendschab sind bereit, dich und die Deinen zu schützen – aber wenn ich dir raten darf, brich auf so rasch als möglich, ehe der Tiger auf's neue seine Krallen nach dir streckt.« Der General reichte ihm die Hand. »Ich danke dir, junger Mann, und England wird niemals vergessen, was du heute getan, du sollst unser Führer sein. Voran, meine Herren, nehmen Sie die Frauen in Ihre Mitte!« Der Khan trat zurück, als bemerkte er die dargebotene Hand nicht. Dann die gespannte Pistole in der Faust, schritt er auf den Ausgang zu. « Hell and damnation! « prahlte der Resident. »Sind wir Männer und Engländer? Sollen wir wirklich von hier weichen, jetzt, wo wir die Macht in Händen haben, ohne jenen Verräter unschädlich zu machen? Im Namen der Regierung fordere ich Sie auf, den Verräter und seine Genossen mir verhaften zu helfen!« Er schritt kühn auf den Nena zu, der seiner nicht achtete, als das Auge seines unglücklichen Opfers ihn traf und zurückbeben machte. Die Hand Margaretens O'Sullivan fuhr nach ihrem Herzen, ein krampfhaftes Beben erschütterte ihre ganze Gestalt. »Heiliger Gott – schütze mich vor dem Entsetzlichen! Nena, mein Gatte,« jammerte sie in herzzerreißendem Ton, »habe Erbarmen mit mir – meine Seele ist schuldlos und Gott wird meinem Jammer gnädig – – gnädig –« ihre Lippen öffneten und schlossen sich krampfhaft, ihre Brust keuchte. »Bhawani – Dunkeläugige – übe Barmherzigkeit! sie stirbt! sie stirbt! Zu Hilfe! rettet!« heulte der Maharadschah wie wahnsinnig, indem er sich auf den Körper der Geliebten warf. General Lawrence hatte heftig den Arm des Residenten gefaßt und ihn zurückgerissen. »Danken Sie Gott, Sir, daß Ihnen die Stunde des Gerichts noch nicht geschlagen und Zeit zur Buße gegeben wird für die Schuld, die Sie auf sich geladen. Vorwärts, Gentlemen – das ist kein Ort ehrlichen Kampfes für einen Briten!« Unbehindert eilten die Briten, Männer und Frauen, durch ihre geöffneten Reihen und die glänzenden Räume des Palastes, der Haupttreppe zu, welche die Sikhs von ihren Feinden geräumt und besetzt hatten. Walding berührte leise die Schulter der jungen Miß, die den Kopf der Leidenden hielt, worauf er sie emporhob und fortführte. »Schließen Sie sich Ihren Freunden an, Miß, so lange es noch Zeit ist,« bat er. »Hier können Sie nicht helfen – der erste Blick zeigte mir, daß es nur ein letztes kurzes Aufflammen der bereits erstarrt geglaubten Lebensgeister der Unglücklichen ist.« »Dann ist meine Stelle dort,« sagte eine ernste Stimme neben ihnen, und alsbald sah man die Gestalt des Geistlichen neben dem Nena und seiner Gattin knien und die Sterbegebete der englischen Kirche mit feierlichem Tone beginnen. »Wo ist der Arzt? wo ist der Arzt?« rief der Nena – »um des Himmels willen, helft!« Aber menschliche Hilfe war vergebens. Eine jener eigentümlichen Erscheinungen von Scheintod hatte nach der langen Nacht des Wahnsinns die erschöpfte Nerventätigkeit der unglücklichen Irländerin in eine lethargische Ohnmacht versenkt, deren Äußeres selbst die Kunst des Arztes getäuscht und ihn zu dem Glauben an den eingetretenen, längst erwarteten Tod verführt hatte. Ihr Scheiden von der Welt war jedoch sanft und schmerzlos, ohne daß ihr Auge sich wieder öffnete. Leiser und leiser wurde der Atem, während ihr Gatte sie in den Armen hielt und der Arzt die letzten Symptome beobachtete. Um sie her knieten der Dechant, ihr Bruder und Narika, das Mädchen von Kaschmir, ihre einzige Freundin im Kerker der Wollust und Entehrung, während die beiden indischen Fürstinnen, die Babus und vornehmen Hindus stumm und ernst daneben standen. Walding legte sanft die Hand der Irländerin nieder, die er in der seinen gehalten. »Gott – Brahma – oder Allah – der allmächtige Lenker dort oben, der uns das Leben gegeben, nimmt es wieder auf in seine Hände, wenn es Zeit ist. Beugen Sie sich seinem Willen, Hoheit – Ihre Gattin ist bereits ein Engel im Himmelreich!« Ein heiseres dumpfes Schluchzen aus der Brust des Hindufürsten antwortete dieser Ankündigung. Der Dechant machte das Zeichen des Kreuzes über der Leiche. »Das aufrichtige Gebet des Dieners auch einer anderen Kirche, als die deine war, arme Dulderin,« sprach er fromm, »möge deine Sterbestunde nicht schwerer gemacht haben. Gehe ein zu seiner Herrlichkeit, wo der ewige Lohn ist für alle Leiden dieser Erde!« – Er trat einen Schritt zurück von der Leiche und sah sich im Kreise um – der einzige Engländer, der noch hier verweilte. »Ich bin in Ihren Händen,« sagte er ergeben, »tun Sie mit mir, was Sie wollen!« Die Hand Grimaldis faßte seinen Arm und führte ihn ohne ein Wort zu sagen aus dem Saal und zur Treppe des Palastes. Das Geräusch des Zuges der Faringi verlor sich bereits in der Ferne. »Folgen Sie Ihren Landsleuten, ich werde für Ihre sichere Begleitung sorgen. Leben Sie wohl, Freund, und denken Sie freundlich meiner in dem großen Kampfe, der sich zwischen den Völkern bereitet!« Der Dechant lag an seiner Brust. »Gott schütze Sie, Marcos, und helfe mir das Unglück ertragen, das mich selbst zu Boden schmetterte. Adelaide – mein Weib – –« »Wenn sie noch unter den Lebendigen ist, soll sie gefunden werden. Leben Sie wohl – in einer Stunde bin ich auf dem Wege nach Delhi!« Das goldene Delhi. Die verhängnisvolle Nachricht, die der Kurier des Generals Barnard auf der großen von den Engländern gebauten Militärstraße von dem Aufstand in Mirut und Delhi nach Bithoor gebracht, bestätigte sich nur zu sehr. Ralph Ochterlony, der unversöhnliche Feind der Engländer, und Tantiah Topi hatten sich nach dem Norden begeben, weil es notwendig war, daß an einem so wichtigen Punkte des großen indischen Reiches Männer von Energie und militärischer Einsicht die Operationen leiteten. Ein Zusammentreffen von Umständen, während beide Männer sich in Mirut befanden, war ihnen Veranlassung nicht länger zu zögern, sondern hier das Signal zum Ausbruch der Empörung zu geben. Mirut liegt 35 englische Meilen nordöstlich von Delhi und bildet eines der Bungalowlager der indischen Armee. Es standen hier unter Befehl des General Hevitt das 1. Bataillon des 60. Königl. (Jäger-) Regiments, die 6. Königl. Garde-Dragoner (Karabiniers), das 3. Bengalische Reiter- und das 11. und 20. Bengalische Infanterie-Regiment. Bereits am 6. und 7. Mai hatten sich unter dem 3. Kavallerie-Regiment offene Spuren der Widersetzlichkeit gezeigt, indem 75 Reiter einer Schwadron sich weigerten, mit den neuen aus England gekommenen Patronen zu laden. Sie erklärten, daß dieselben mit Rinds- und Schweinefett bestrichen seien, das erste ein Greuel für die Hindus, denen die Kuh heilig, das andere für die Mahomedaner, denen gleich den Juden das Schwein unrein ist. Die Sepoys behaupteten, die Patronen seien der Anfang, ihnen das Christentum aufzunötigen. Die Widerspenstigen wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und zur Einsperrung verurteilt. Am 9. Mai wurde das Urteil vor versammeltem Regiment verlesen, die Arrestanten wurden gefesselt und nach dem Gefängnis in Mirut abgeführt. Am Morgen des 10. erfuhr Tantiah Topi, daß einem der eingesperrten und degradierten Unteroffiziere nicht zu trauen sei, und daß derselbe eine Unterredung mit einem der englischen Oberoffiziere verlangt habe, wahrscheinlich um Geständnisse zu machen. Es galt rasches Handeln. Auf die von Mund zu Mund gegangene Botschaft der Häupter der Verschwörung rückten gegen Abend das 11. und 20. Regiment, ohne Befehl der europäischen Offiziere, bewaffnet auf den Paradeplatz vor den Hütten, auch der Rest des 3. Kavallerie-Regiments erschien dort zu Pferde, in der Mitte der Reiter Tantiah Topi und der Derwisch Sofi, mit flammenden Worten die Sepoys zur Befreiung ihrer Kameraden auffordernd. Mehrere europäische Offiziere, darunter der Oberst des 11. Regiments, Finnis , eilten herbei. Oberst Finnis, der zu Pferde erschienen war, von einem Adjutanten begleitet, sprengte vor die Front des Regiments, und den unbekannten Derwisch erblickend, befahl er zornig, denselben zu verhaften und in die Bungalows zurückzukehren. Ein Hohngelächter antwortete ihm. Er zog ein Pistol aus der Halfter und richtete es auf den nächsten Jemedar, als die ganze Linie der Sepoys die Gewehre auf ihn anschlug. Oberst Finnis hatte kaum Zeit, sein Pferd herumzuwerfen, als auch schon die Salve erfolgte und er von sieben Kugeln durchbohrt zu Boden stürzte. Noch zwei der britischen Offiziere wurden erschossen, die anderen flohen so rasch sie konnten davon und dem Lager der englischen Truppen zu. Mit wildem Triumphgeschrei zogen diese nach Mirut, erbrachen das Gefängnis und befreiten die Gefangenen, wobei der des beabsichtigten Verrats Verdächtige mit Bajonettstichen ermordet wurde. Hierauf begannen sie die Bungalows der britischen Offiziere und Beamten zu plündern und niederzubrennen, und ermordeten jeden Europäer, der in ihre Hände fiel, auf das Grausamste. Der Aufstand brach gegen 6 Uhr aus. Es ist der stärkste Beweis für die Ratlosigkeit oder die Mißkennung der Gefahr der Engländer, daß erst gegen 9 Uhr das 60. europäische Jäger-Regiment und die Garde-Dragoner erschienen, um die Empörung zu unterdrücken. In dem sich hierauf entspinnenden Gefecht wurden die Indier nach heftigem Widerstand zurückgedrängt und mußten das Lager räumen. Sie zogen sich auf der Straße nach Delhi zurück, ohne daß die englischen Truppen sie zu verfolgen wagten. Delhi , die Hauptstadt des ehemaligen Reiches der Großmogule, liegt am rechten Ufer der Dschumna, des Nebenflusses des Ganges. Zur Zeit des Ausbruchs der Empörung lagen hier – das heißt in drei englische Meilen nördlich von der Stadt gelegenen Kasernements – das 38., 54. und 74. Bengalische Infanterieregiment und eine starke Abteilung eingeborener Artillerie. Ein ziemlich großer Saal an einer offenen Veranda des ersten Stockwerks ist der Schauplatz der Szene, die wir dem Leser am Morgen des 11. Mai, eines Montags, vorzuführen haben. Der Saal oder das Gemach gehören zu einem selbst in seinem Verfall noch großartigen Palast aus der Zeit Akhbars des Großen, der auf der Südseite des Platzes von Bagh Begum Simmreh liegt. Fünfzehn oder sechszehn junge Mädchen, sämtlich im Alter von zehn bis achtzehn Jahren, sind in diesem Saale versammelt. Das weite Gemach scheint eine Art Versammlungs- und Arbeitszimmer der jungen Damen und ist nur spärlich möbliert. Verschiedene Proben weiblicher Beschäftigungen – angefangene und halb vollendete Stickereien – ein Album und ein Zeichenapparat – eine zierliche Briefmappe und künstliche Blumen liegen auf der großen Tafel und auf Rohrsesseln und gleichen Diwans, die an den Wänden oder um den Tisch her stehen. Auffallend ist die Erscheinung von zwei Frauen, einer älteren, etwa fünfzigjährigen, und einem jungen Mädchen von kaum zwanzig Jahren, die sich von den Damen, die hier versammelt sind, durch ihre Tracht und ihr Benehmen unterscheiden. Die letzteren sind nach ihrer Kleidung und der Farbe ihrer Haut sämtlich Engländerinnen bis auf eine, deren tieferes, fast goldgelbes Kolorit und bescheidene demütige Haltung eine Tochter Hindostans vermuten läßt. Fünf oder sechs indische Dienerinnen befinden sich außer ihnen im Saal. Sie kauern auf dem Fußboden, bereit auf den Wink ihrer Herrinnen, wobei jede von ihnen ihre besondere Verrichtung hat und um keinen Preis für die ihrer Gefährtin eine Hand aufheben würde. Die beiden Frauen, die sich durch ihre Kleidung von den jungen Damen unterschieden, trugen das ernste, schwarz und weiße Gewand der Ursulinerinnen, denn der alte Palast ist das Pensionat der französischen Nonnen, in dem eine Anzahl vornehmer und reicher junger Engländerinnen erzogen wurde. Der sonst so ausschließende Protestantismus der Briten ist gezwungen, in den Provinzen Indiens eine Ausnahme zugunsten der französischen Nonnen zu machen, weil englische Pensionate, mit Ausnahme eines einzigen in Kalkutta, nicht existieren. Es bestehen derartige Pensionate in Madras, Delhi und selbst in Lahore. Die ältere Nonne, Soeur Angelique , las den jungen Damen aus einem französischen Buch vor. Die Erziehung der Ursulinerinnen ist keineswegs bigott und streng, aber durch Ordnung und moralische Aufsicht auf das Beste geregelt. Die junge Nonne, die bisher die Vorleserin gemacht und von ihrer älteren Gefährtin abgelöst worden war, bildete einen lieblichen Gegensatz zu dieser. Ihre Gestalt besaß noch all die zierliche Rundung der Französinnen, denn Soeur Marion zählte kaum zwanzig Jahre und war erst vor einem Jahre aus einem Kloster der Touraine in Indien angekommen. In diesem Augenblick befand sie sich auf dem äußern Balkon, um frische Luft zu schöpfen. An ihrer Seite kniete die iunge Indierin, die Tochter eines der reichsten indischen Babus in Delhi, die jedoch nur durch die Fürsprache der Gattin des Dechanten Aufnahme in der Erziehungsanstalt gefunden hatte. Das Auge der jungen Nonne überflog in unschuldigem Wohlgefallen das bunte Gewühl der Straße zu ihren Füßen. Das ganze interessante Leben der indischen Volkswelt stellte sich dem Blicke dar. Die Chandrie-Choak besteht aus zwei- oder dreistöckigen Häusern, in deren unteren Etagen sich die offenen Bazare, in den oberen die Wohnungen der reichen Kaufleute und Wechsler befinden. Irgendein noch unbekanntes Ereignis, eine spannende Erwartung schien die Bevölkerung zu erregen, denn an offenen Fenstern, Balkonen oder Erkern der altertümlichen arabischen Häuser sah man Frauen und Mädchen festlich geputzt die Menge beobachten. Doch schien selbst dem unbefangenen Auge der Nonne heute weniger als gewöhnlich das Interesse des Handels diese Menge zu bewegen. Sie bemerkte, wie sich wiederholt Gruppen bildeten und sogleich auseinanderstoben, wenn zufällig ein Europäer auf seinem Wege sich ihnen näberte. Die Sepoys bewegten sich ernst und schweigend in dieser Menge, blieben beieinander stehen oder tauschten Zeichen beim Begegnen. Miß Viktoria ließ ungeduldig den Seidenknäuel und die Nadel fallen, mit der sie an einer Stickerei gearbeitet. »Sehen Sie noch nichts von dem Zuge, Soeur Marie?« fragte sie, die Lektüre der älteren Nonne rücksichtslos unterbrechend. »Es muß bald acht Uhr sein, und die Hitze beginnt unerträglich zu werden. Ich bitte Sie, Soeur Angelique, hören Sie auf mit der Lektüre von der heiligen Ursula – wir wissen die Geschichte bereits auswendig und unsere Freistunde hat begonnen!« Ein leichtes Rot färbte das blasse Gesicht der alten Nonne, sie erhob sich und trat zu der dreisten Sprecherin. »Es würde Ihnen nichts geschadet haben, Mademoiselle,« sagte sie ernst, »wenn Sie zu Ihrem bevorstehenden Austritt aus dieser Anstalt jenes erhabene Beispiel christlicher Ergebung in Leiden angehört hätten, die der Himmel auch den Stolzesten und Mächtigsten senden kann.« »Sie wissen, Madame,« entgegnete das schöne Mädchen, erglühend über den erhaltenen Verweis, »daß ich nicht Ihrem Glauben angehöre, die Geschichten Ihrer Heiligen also nicht anzuhören brauche.« »Scheuen Sie sich, von der Legende einer heiligen Märtyrerin Vorteil zu ziehen, so bietet Ihnen Ihr Stickrahmen Gelegenheit zu einer nützlichen Beschäftigung und Sie haben nicht nötig, die Achtung gegen eine Ihrer Lehrerinnen aus den Augen zu setzen.« Die Augen des schönen Fräuleins füllten sich mit Tränen des Zornes über die Demütigung, die ihr geworden. Sie griff hastig nach der entfallenen Wolle, welche die vor ihr kniende Dienerin ihr reichte und stach sich die entgegengehaltene Nadel tief in die Hand. »Ungeschicktes Tier,« zürnte die Miß und ein heftiger Schlag ihrer Hand traf das Gesicht des Hindumädchens. »Pfui, Miß Frazer,« zürnte die Nonne, »Sie vergessen sich und mich. Was kann diese arme Hindu für den Verweis, den Sie sich zugezogen?« Die alte Nonne verließ, ihren Rosenkranz fassend, den Saal, während ihre junge und schöne Gegnerin in der Mitte desselben in trotzender Haltung stehen blieb. An die arme Mißhandelte dachte niemand. Da faßte eine Hand die der trotzigen und hochmütigen Miß. »Sie taten unrecht, Viktoria,« sagte eine sanfte Stimme. »Schwester Angelique verdient Ihre Achtung und die arme Aurunga hat Sie sicher nicht mit Willen verletzt.« Es war die junge Nonne, welche so freundlich zu der Erregten sprach, und augenblicklich beruhigte sich deren Leidenschaft. »O, mit Ihnen ist es etwas anderes, Soeur Marie,« rief die junge Miß, ihr um den Hals fallend, »Sie wissen, wie lieb wir Sie alle haben und das, was Sie sagen, uns Gesetz ist. – Da nimm das als Schmerzensgeld und belästige uns nicht länger mit deinem Geschrei!« Die Geldstücke rollten über die Marmorquadern bis zu den Füßen der Gemißhandelten: aber gegen die gewöhnliche Habsucht der Indier nahm sie dieselben nicht auf. Sie erhob sich vom Boden und indem sie einen drohenden Blick voll Haß auf Miß Frazer schleuderte, verließ sie das Gemach. »Sieh da – ein Wunder, eine Nigger läßt das blanke Silber liegen, das man ihr geschenkt. Ei, seit wann sind deine Landsleute so zartfühlend geworden, kleine Irma?« »Sie haben Aurunga ein unersetzliches Leid zugefügt, Mam Sahib,« entgegnete das junge Mädchen schüchtern, »Sie ist von einer hohen Kaste und Ihr Schlag hat sie dieser beraubt.« »Sie dürfen die Sache doch nicht so leicht nehmen, Viktoria,« bemerkte die junge Nonne. »Ich habe gehört, daß ein Hindu den Verlust seiner Kaste dem Beleidiger nie vergibt, und es wird sich hoffentlich ein Mittel finden, Aurunga zu beruhigen.« »Bah – was kann sie mir tun? irgendeine kleine Bosheit, vor der ich mich hüten werde.« Ein Diener des Hauses öffnete die Tür und meldete: »Die Mam Sahib Hunter, die Frau des großen Priesters!« Lady Adelaide trat ein und alle eilten ihr entgegen, denn trotz des verschiedenen Glaubens war die Dame eine besondere Beschützerin der Nonnen und in dem Pensionat sehr geehrt. »Ich komme im Auftrage deines Vaters, mein Kind,« sagte sie zu Miß Frazer, »deine Freundinnen zu dem kleinen Fest auszubitten, das der Oberst übermorgen geben will. Lasse der ehrwürdigen Mutter meine Ankunft melden und sie um eine Unterredung bitten, denn ich habe Eile, da ich der armen Mistreß Elkinson noch einen Besuch machen will und um zehn Uhr im Lazarett erwartet werde.« »Mistreß Elkinson ist krank?« »Seit drei Tagen, sie kann das Bett nicht verlassen und die Ärzte hegen Besorgnis.« »Sie schonen Ihre kostbare Gesundheit zu wenig, Madame,« sagte die junge Ursulinerin. »Die Leidenden nennen Sie nicht umsonst den guten Engel von Delhi, und tausend Kranke und Hilflose segnen Sie als Retterin, aber Sie vergessen sich selbst darüber.« Der Schall von Trommeln und Militärmusik und das laute Geschrei der Volksmenge drang von der Straße herauf. »Sie kommen! sie kommen! geschwind!« riefen die jungen Mädchen und eilten nach dem Balkon der Veranda. »Es ist der Oberst, dein Vater, ich begegnete dem Zug bereits auf der Kaschmir-Straße,« sagte freundlich die Lady. »Laß dich nicht abhalten, das Schauspiel anzusehen, und auch Sie, meine liebe Marie, widmen Sie immerhin einen Blick demselben. Ich will unterdes Ihre Oberin aufsuchen.« Die jungen Damen und Mädchen waren in die Veranda geeilt, um den Zug des Residenten und des Rajah von Bhurtpur nach dem Dauri Serai, dem Palast der Großmogule, mit anzusehen. Eine Schar von Musikanten schritt vor der Hauptgruppe des Zuges her, einen wahrhaft entsetzlichen Lärm vollführend. » Fi donc !« schalt Miß Forrest , die Ohren zuhaltend, »das ist abscheulich. Sehen Sie, Viktoria – da kommen die englischen Offiziere. Angela ist darunter, und Kapitän Gordon Butler.« »Da neben Oberst Riplei reitet Smith vom 74sten. Aber wo ist Ihr Bruder, Wally?« »Ich glaube, er hat die Wache im Arsenal.« »Ah seht, wie Willougby seinen ›Gibraltar‹ kourbettieren läßt und heraufblickt. Glückliche Viktoria, der Gruß gilt dir!« Ein junger Offizier hob sein schönes Vollblutpferd, gerade als er dem Balkon gegenüber war und salutierte mit dem Säbel. Die Miß verbeugte sich über den Steinrand des Balkons und ließ den Strauß duftender Blumen, den sie aus einer der Vasen genommen, auf die Straße fallen. Zugleich mit ihm flog eine einzelne weiße Rose nieder. Miß Frazer wandte sich hastig um. »Wer warf die Rose – wer war es, der die Blume warf?« Ihr Auge forschte fragend umher und blieb mit Erstaunen zuletzt auf der jungen Nonne hängen, die die Augen beschämt zu Boden schlug. »Wie, Sie, Schwester Marie. Sie warfen die Rose?« »Verzeihen Sie, Miß, ich sah nicht, daß Sie bereits Blumen hatten und wollte Ihnen zu Hilfe kommen.« »Nun, es wäre auch gar zu komisch,« lachte Wally Forster, »wenn Soeur Marie Viktorien ihren Anbeter abspenstig machen wollte. Aber seht, Kinder, da kommt der Oberst und der Rajah – puh, was der für ein gelbes, grimmiges Gesicht macht in all dem Staat, den er angelegt.« In der Tat nahte soeben die Hauptgruppe des Zuges der Stelle unter dem Balkon. Der Rajah von Bhurtpur erschien auf einem kolossalen, prächtig geschmückten Elefanten. Der Rajah war ein noch junger Mann von etwa 25 Jahren, groß, stark, aber von Blatternarben entstellt. Er war unter der speziellen Aufsicht der Engländer erzogen worden und erst vor kurzem, nach dem Tode seines Vaters, eines besonderen Freundes der Engländer, zur Regierung gekommen, weshalb er auch die Gelegenheit benutzen wollte, dem einflußreichen Abgeordneten der Regierung in Kalkutta seine Achtung zu bezeugen. Neben dem Rajah ritt, gleichfalls auf einem Elefanten, der Resident, Oberst Frazer . Hinter dem Gefolge der beiden kam ein Trupp der Soldaten des Rajah zu Pferde; eine Kompagnie Sepoys vom 74. Regiment bildete den Schluß. Oberst Frazer grüßte, als er an der Erziehungsanstalt vorüberkam und die jungen Damen auf dem Ballon bemerkte, freundlich winkend hinauf, und auch der Rajah, von ihm aufmerksam gemacht, gab seinen Salem, indem er mit der Hand die Stirn und Brust berührte. Der Zug setzte ohne Aufenthalt seinen Weg nach dem Platz vor dem Dauri-Serai fort und schwenkte sich um die westliche Seite desselben, um durch das große Tor seinen Einzug zu halten. Am Eingang des Tores empfing sie Kapitän Douglas , der Befehlshaber der Palastwache, der über dem Tor seine Wohnung hatte. Die Leibwache bildete im Innern zu beiden Seiten Spalier. Der Hof, in den die Elefanten und vornehmsten Reiter jetzt eingetreten waren, während die Krieger des Rajah und die Sepoys auf dem Platz vor dem Palast zurückblieben, bildete den Stallhof. Die Reiter mußten hier die Elefanten und Pferde verlassen, da man nur zu Fuß die inneren Höfe betreten durfte. Während des Absteigens näherte sich Kapitän Douglas dem Residenten. »Haben Sie weitere Anzeichen zu berichten, Kapitän,« fragte dieser, »oder hat der alte Tor mit seinen Söhnen sich zum Nachgeben bequemt?« »Der alte Mann,« entgegnete der Kapitän, »ist eine bloße Null, und hat nicht einmal Kraft genug, um seine Weiber in Ordnung zu halten. Der Gefährlichste von der Familie ist und bleibt Prinz Jehan. Er ist ein kühner Mensch, besitzt die Liebe der Sepoys und wagt es, uns offen Trotz zu bieten.« »Was sonst? – reden Sie!« »Ich weiß nicht, mir kommt es vor, als zeige sich ein eigener trotziger Geist unter der ganzen Bevölkerung. Auf der ganzen Stadt scheint mir seit gestern ein anderer eigentümlicher Geist zu liegen.« »Sie haben recht, Kapitän – das Benehmen des Volkes ist nicht das gewöhnliche. Es herrscht ein ungewohntes Schweigen in der Menge – und doch ist alles in Bewegung und Aufregung.« »Lassen Sie uns auf der Hut sein, Sir – ich fürchte, es geht etwas vor, von dem wir nicht wissen.« »Ich sehe, der Rajah ist bereit, lassen Sie uns vorwärts gehen. Wo erwartet uns der König?« »In den Gärten am Fluß, Oberst.« Auf ein Zeichen, das der Kapitän gab, setzte sich der Zug in Bewegung Der alte König von Delhi, jetzt ein Mann in den Siebzigern, befand sich in einem arabischen Kiosk mit vergoldeter und emaillierter Kuppel, der sich nach den Gärten in einer Säulenhalle öffnete, während die breiten, balkonartigen Fenster nach dem Dschumna hinausgingen und den Blick auf die Schiffbrücke und das andere Ufer gestatteten. Abul Mahomed , der letzte Großmogul von Delhi, saß auf einem mit Goldstoff überzogenen Diwan, umgeben von seinen Söhnen und Verwandten, seinen sogenannten Ministern, Dienern und Eunuchen. Der Resident sah, daß die Favorit-Begum des Moguls, Sinat Mahal, an seiner Seite saß, tief in Schleier gehüllt, während ihr junger Sohn Dschumna Bukh zu ihren Füßen kauerte und ihr alter Vater neben ihr stand. Die vierzehn anderen Söhne des Kaisers, darunter Akhbar Jehan, der Gefährlichste und Entschlossenste der Familie, Bukthur und Timor Aly, standen hinter ihrem Vater. Als der oberste Schobedar sich dem Sitze des Kaisers näherte, warf er sich nieder und berührte dreimal mit der Stirn den Boden. Dasselbe Zeremoniell wiederholten alle Hindus. Die Engländer begnügten sich mit drei tiefen Verneinungen, wobei der oberste Schobedar mit lauter Stimme ausrief: »Sehet die Zierde der Welt! Sehet die Zuflucht der Völker! Den König der Könige! Den König Abul Mahomed!« Hierauf traten der Schatzmeister des Rajah und der Sekretär des Residenten vor und legten auf einem weißem Tuch zu den Füßen des Königs die Totschakana, oder das übliche Geschenk nieder. »Rohanna Rû, der Rajah von Bhurtpur,« sagte der Oberst, der des Hindostani vollständig mächtig war, nicht ohne Spott, »wünscht dem mächtigen Schah Abul Mahomed seine Ehrfurcht zu bezeugen.« »Er ist mir willkommen, Sahib,« sagte der alte Mann, »und ihr möget die Hukah des Friedens mit dem Lichte der Welt rauchen.« Der Rajah und der Resident wurden in ein Nebengemach geführt und dort mit dem Gegengeschenk des Königs, einer Tschoga von flitterhaftem und wertlosem Aufputz bekleidet. Als sie in die Halle zurückgekehrt waren, brachten die Diener auf goldenen Platten Scherbet und allerlei Süßigkeiten und reichten sie umher, während vor jedem der Gäste eine Hukah niedergelegt wurde. Nach Verlauf einer halben Stunde erhob sich der Rajah, sich wegzubegeben, und sein Auge traf fragend den Residenten, als dieser ruhig sitzen blieb. »Verzeihe, Hoheit,« sagte Oberst Frazer, »daß ich dich nicht begleite, ich habe mit dem ›Schatten der Welt‹ noch zu reden und Kapitän Douglas wird meine Pflichten erfüllen. Morgen werde ich dich in deinem Lager besuchen.« Der Mogul tauschte einen besorgten Blick mit seinen Söhnen und seinen Ministern bei dieser Erklärung des Residenten, doch er konnte der angekündigten Unterredung nicht ausweichen. Die Augen Akhbar Jehans und der Sinat Mahal aber begegneten sich mit Bedeutung, und der Sohn des Moguls trat an die hohen offenen Fenster des Pavillons, die nach der Dschumna hinausgingen. Ein triumphierendes Lächeln überzog sein braunes Gesicht, als er die Gegend überblickte und er hob einen Finger seiner linken Hand in die Höhe, seiner Vertrauten als Zeichen. Unterdes hatte sich der Rajah verabschiedet. Oberst Frazer und Leutnant Willougby blieben unter den Hindostani zurück. »Ich habe deiner Majestät zu melden,« sagte der Resident nach kurzer Pause, »daß die Regierung Ihrer Majestät der Königin Viktoria und das Direktorium der hohen Kompagnie sehr unzufrieden mit deinem Verhalten sind. Es ist mir die Nachricht zugekommen, daß deine Familie und deine Diener Trotz und Ungehorsam gegen die Befehle des Kapitän Douglas zeigen, und bei jeder Gelegenheit ihre Unzufriedenheit mit den Anordnungen der Kompagnie an den Tag legen.« »Wallah, Sahib, was kann ich tun, ich bin ein alter Mann und die Knaben lachen mir in den Bart,« entgegnete der Sultan. »Ich verlange von dir, daß diejenigen deiner Söhne und Verwandten, denen die Regierung Ursache hat, zu mißtrauen, und deren Namen auf diesem Papier verzeichnet sind, mit ihren Familien sofort deinen Palast und Delhi verlassen, sich auf die Landgüter jenseits der Dschumna begeben und nicht ohne meine ausdrückliche Erlaubnis sich von dort entfernen dürfen.« Die Ankündigung der strengen Maßregel hatte unter der ganzen Familie eine allgemeine Bewegung hervorgebracht, aber der Resident kümmerte sich im Gefühl seiner Macht wenig darum, sondern fuhr fort: »Das zweite, was ich für notwendig finde, ist die Entlassung der Leibwache. Ich werde mit Brigadier Graves die nötigen Verabredungen treffen, daß von morgen ab eine Kompagnie Sepoys die Wache des Palastes übernimmt.« Der König warf seinen Turban zur Erde. »Ich bin ein geschändeter Mann,« rief er. »Der Schatten des Unglücks ist über mir, – ich werde Asche auf mein altes Haupt streuen!« »Schweige, Vater, oder antworte diesem stolzen Faringi, wie ihm gebührt,« schrie der Prinz Jehan. »Ihr habt die Enkel Timurs zum Schatten ihrer alten Größe gemacht, und wollt sie auch des letzten Zeichens ihrer Macht berauben, damit der Thron Aurengzebs der Schemel eurer Füße werde! Brüder und Freunde, wollen wir noch länger die Erniedrigung der Herrscher des goldenen Delhi durch die schmutzigen Kaffirs dulden?« »Nieder mit ihnen! nieder mit der Herrschaft der Faringi!« riefen zahlreiche Stimmen. »Das ist offenbarer Aufruhr,« rief der Resident, »und übersteigt meine Nachsicht. Ich verhafte dich, Akhbar Jehan, im Namen der Regierung! Du wirst sofort dich auf die Torwache begeben und meine weiteren Befehle dort erwarten.« »Zu Kapitän Douglas, Willougby,« befahl der Resident. »Er soll sofort eine Abteilung Sepoys von der Hauptwache hierher kommandieren.« Prinz Jehan hohnlachte. »Brüder und Freunde, der Augenblick ist gekommen, uns zu rächen, und der Strahl der Sonne Der Fluß Dschumma ist nach der indischen Mythe die Tochter der Sonne und die Schwester Yamas des Todesgottes. führt die Söhne des Todes in unsere Mitte!« Sein ausgestreckter Arm wies triumphierend durch die hohen Bogenfenster der Veranda. Die Staubwolke hatte sich genähert und einen langen dunklen Strom von Reitern aus ihrer Mitte geboren. Waffen blitzten im Sonnenlicht. Eine Masse Volks umdrängte die Reiter und bis hierhin drang das jubelnde Geheul der Menge. »Inshallah! was geht mit mir vor? was ist geschehen? Habe Mitleid mit dem armen törichten Buben, o Sahib!« flehte der alte König. Seine Söhne sprangen dazwischen. »Erniedrige dich nicht vor dem elenden Kaffir , Kaiser von Hindostan!« schrie Akhbar Jehan. »Möge er fliehen, damit sein Blut nicht den Boden deines Palastes beflecke! – Jene Krieger, die über die Dschumna strömen, sind die Reiter von Mirut, welche die Faringi erschlagen und uns zur Hilfe eilen.« »Es ist kein Augenblick zu verlieren! Fort, Sir!« Der Leutnant faßte den vor Schreck willenlosen Residenten am Arm und zog ihn eilig aus dem Kiosk und durch den Garten, verfolgt von dem wilden Geschrei der Söhne und Diener des Königs. Der junge Offizier war zum Glück mit den Wegen bekannt und erreichte mit seinem Begleiter glücklich den Dewan-Kost. Hier stürzte ihm, von einem Säbelhieb im Gesicht blutend, Sergeant Soyce , ein Engländer im Dienst des Kapitän Douglas bei der indischen Leibwache, entgegen. »Aufruhr, Mord, Gentlemen!« schrie der Mann. »Eilen Sie, sich zu retten! Kapitän Douglas sendet mich, er hält das äußere Tor!« Jetzt hatte auch Oberst Frazer seine Geistesgegenwart und die volle Erkenntnis der Gefahr wiedererlangt. Die drei flogen, von dem Lärm begleitet, durch den niederen Bogengang in den äußeren Hof, wo sich ihnen eine Szene unendlichen Tumultes zeigte. Die Leibgarden des entthronten Königs waren noch unter Waffen, aber ihre Reihen hatten sich in wilde Unordnung gelöst. Die indischen Diener des Residenten hätten der Aufforderung der Soldaten, sich ihnen anzuschließen, gefolgt, wenn der Mahoud, ein dem Obersten treu ergebener Mensch, sich nicht standhaft geweigert hätte, den Platz zu verlassen, auf dem er seinen Herrn erwarten sollte. Die beiden britischen Offiziere trugen über ihren Uniformen noch die Tschoda, das indische Ehrenkleid, das sie zur Audienz bei dem König hatten anlegen müssen, und dieser Umstand rettete vorerst wahrscheinlich ihr Leben. Ehe einer der Meuterer auf sie aufmerksam geworden, waren sie mitten in der Gruppe und der Resident rief dem Mahoud einen Befehl zu, während Leutnant Willougby die Hand auf den Bug seines edlen Rosses Gibraltar legte und mit einem Satz in den Sattel sprang. In diesem Augenblick erschienen in dem Tor zum Dewan-Kost die Söhne des Königs, und der wilde Bukthur sprang vor und rief, seinen Säbel schwingend: »Bei dem Bart des Propheten! laßt die unreinen Hunde nicht entkommen! sie sollen sterben in diesen Mauern!« Einer der Leibwachen warf sich dem jungen Offizier entgegen und faßte die Zügel seines Pferdes, aber Willougby beugte sich vornüber, schlug ihn mit dem Säbelgriff ins Gesicht und spornte Gibraltar. Zugleich schob der Rüssel des Elefanten die dichtgedrängten Männer mit einem kräftigen Ruck zur Seite und machte den Weg in dem Torbogen frei. Gleichsam, als kenne er seine Kraft und wisse, daß er den Rückzug decken müsse, ließ der Elefant den verwundeten Sergeanten vorangehen, dem es gelungen, ein Pferd zu besteigen, und folgte alsdann. »Schießt auf sie, ihr Feiglinge! nieder mit ihnen!« schrie der wilde Hinduprinz, die Engländer verfolgend. Die drei Reiter hatten unterdes das Tor passiert und die Brücke erreicht, die über den Graben nach dem Platz vor dem Palast und dem Chandy-Choak führte. Auf der Brücke stand Kapitän Douglas mit zwei europäischen Korporalen. Alle drei waren bemüht, mit Worten und Hieben auf der einen Seite die Torwache abzuhalten, auf der anderen das Herüberdringen des Pöbels zu verhindern. »Vorwärts, Gentlemen,« rief Willougby und machte sich bereit, die Sattelpistole in der einen, den Säbel in der andern Hand, auf die Menge einzusprengen, die sich bereits auf der anderen Seite des Kanals mit drohenden Gebärden versammelte. Da knallten plötzlich mehrere Schüsse hinter ihnen und ein wildes Triumphgeschrei erhob sich auf der Höhe der Mauer. »Retten Sie sich, Kameraden,« rief Kapitän Douglas, »ich bin verwundet und werde auf meinem Posten sterben.« Der Resident beugte sich über die Haudah. »Manakjy,« sagte er zu dem Mahoud, »laß Moll helfen, den Kapitän zu retten!« Der treue Diener rief dem Elefanten einige Worte zu, – das verständige Tier näherte sich sogleich dem Ort, wo der brave Offizier von der Kugel der Meuterer gesunken war, schlang den Rüssel um ihn und hob ihn so leicht empor, als wäre es ein Kind. Die Soldaten auf den Mauern und der Pöbel auf dem Platz stießen ein wildes Jubelgeschrei aus bei diesem Anblick, denn sie glaubten im ersten Augenblick, der Elefant werde ihren Feind in die Luft schleudern; aber der Jubel verwandelte sich augenblicklich in ein Wutgeheul, denn das treue Tier reichte behutsam den blutenden Körper des Offiziers über seinen Kopf weg nach der Haudah, in die ihn der Oberst und der Mahoud hoben. »Jetzt, Manakjy, vorwärts nach Saman-Badsch und nieder mit allem, was uns in den Weg tritt. Soyce, sucht die Bungalows zu erreichen und holt Beistand, und Sie, Willougby, so rasch als möglich ins Arsenal!« »Sie entfliehen! Feuer! Feuer auf sie!« schrie der Prinz Jehan von der Höhe der Mauer. Die beiden Korporale, die vergeblich versucht hatten, mit den drei Reitern sich zu retten, und zurückgeblieben waren, wurden von der Bande Bukthurs in Stücke gehauen. Die Verfolgten erreichten glücklich den Palast des Residenten. Das Tor war zwar geschlossen; auf den Ruf des Herrn jedoch wurde es von dem diensthabenden Sepoy-Unteroffizier geöffnet. Die finsteren Gesichter der indischen Diener bewiesen sofort dem Residenten, daß er sich wenig auf ihren Beistand würde verlassen können, indes glaubte er jeden Augenblick das Herbeikommen militärischer Hilfe erwarten zu dürfen, und da in dem Palast nicht allein wichtige Papiere, sondern auch eine ziemlich bedeutende Summe Geldes enthalten waren, beschloß er, hier zu bleiben und nötigenfalls seine Wohnung zu verteidigen. Bevor er den Hof verließ, rief er den Mahoud zu sich. »Manakjy,« sagte er zu ihm, »du hast deine Ergebenheit in der Stunde der Gefahr bewährt. Hast du den Mut, für mich dich einer neuen Gefahr zu unterwerfen?« »Sprich, Sahib, Manakjy ist dein Diener und wird dir gehorchen.« »Du weißt, wo Miß Viktoria, meine Tochter, sich befindet?« »Die Mam Sahib ist in dem Hause der frommen Frauen.« »Ich glaube zwar nicht, daß sie dort etwas zu befürchten haben. Indes wird Viktoria sich unnötig ängstigen. Eile zu ihr und beruhige sie über meine Sicherheit, und wenn ihr Gefahr droht, so führe sie hierher oder in die Kantonnements der Truppen.« »Soll ich Kubadar mit mir nehmen, Sahib?« fragte der Mahoud. »Nein, laß ihn hier, es würde nur die Aufmerksamkeit dieser Schurken auf dich lenken. Ich vertraue auf dich, du wirst meine Tochter beschützen.« »Ich habe mit der Mam Sahib als Knabe gespielt,« sagte der Mahoud, »ich werde tun für sie, was ein Mensch für den andern zu tun vermag. Aber es ist schade, daß Moll nicht mit mir gehen darf, er hat den Verstand von zehn Männern und die Kraft von hundert.« Mit diesem Lobe seines geliebten Tieres machte der Mahoud sich auf den Weg, seinen gefährlichen Auftrag auszuführen.   Der treue Mahoud empfand bald lebhaftes Bedauern, daß er seinen wackeren und starken Freund hatte zurücklassen müssen; denn die aus den Straßen der inneren Stadt auf dem Platz vor dem Residentur- Palast hervorströmende Menge versperrte ihm den Weg und zwang ihn, mit ihr umzukehren. Er hegte große Besorgnis um das Schicksal seines Herrn und vielleicht nicht weniger um das seines Tieres und beschloß, vorerst sich Kenntnis von jenem zu verschaffen, ehe er seinen Auftrag ausführte. Oberst Frazer war ein weder unter der Bevölkerung Delhis noch im allgemeinen unter seinen Dienern beliebter Mann wegen seines stolzen und anmaßenden Charakters. Von der St. Jakobskirche her rückten ein Teil des 38. bengalischen Infanterieregiments und eine Abteilung Artilleristen, an der Spitze Oberst Ripley , im Sturmschritt auf den Platz, während sowohl von der Schiffbrücke als aus dem Innern der Stadt sich eine dichte Schar von Meuterern und ein Teil der Kamelreiter von Mirut heranwälzten. An der Spitze der letzteren tummelte Prinz Jehan sein schwarzes Roß, dessen Worte den Haß und Blutdurst der Reiter nur noch mehr entflammten. »Jetzt werden die verräterischen Kanaillen ihren Lohn empfangen,« rief der Resident dem schottischen Kapitän zu. – »Ripley läßt seine Artilleristen schwenken, um sie abzuschneiden. Burrowes, der wackere Burrowes, befiehlt fertig zum Feuern.« Er riß die Jalousie auf und ließ sein Tuch wehen. Man hörte das englische Kommando: »Fertig! – Schlagt an! – Feuer!« »Was ist das? – was soll das heißen?« Das Gesicht des Residenten war blutlos, als er vom Fenster zurückfuhr. Kein Schuß war gefallen. Die Offiziere der Sepoys sprangen erstaunt vor und redeten die Leute an. Aber von der anderen Seite sprengten die Reiter herbei, voran der Prinz, der wenige Schritte vor der Front der Sepoys sein Roß parierte. »Männer von Hindostan!« erscholl deutlich vernehmbar die Stimme des Prinzen über den Platz herüber, »es ist nicht genug, daß ihr euch nicht befleckt mit dem Blute eurer Brüder vom dritten! Folgt ihrem Beispiel und werft die Ketten ab, welche jene Faringi um eure Brust geschlungen, damit sie euch zu ungläubigen Kaffirs machen, wie sie selber sind! Nieder mit ihnen, mit den Feinden unserer Freiheit und unseres Glaubens, damit die besudelte Erde Delhis in ihrem Blute gewaschen werde!« »Schändlicher Empörer,« schrie Kapitän Burrowes und stürzte mit erhobenem Degen auf ihn zu. »Du mußt sterben!« Die Kugel eines seiner eigenen Sepoys traf ihn im Rücken und machte ihn taumeln. Akhbar Jehan erhob sich in den Bügeln, zog ein Pistol und schoß den Wankenden mitten durch die Stirn. Er stürzte ohne Laut tot zu Boden. Der Schuß war das Signal zu einer wilden Mordszene. Die Sepoys feuerten auf ihre Offiziere und mehrere derselben stürzten; den Leutnants Hyslop und Reveley und Kapitän Gordon Buttler gelang es, mit der blanken Waffe sich durchzuschlagen und nach dem Kaschmir-Tor zu entfliehen. Der Resident sah auch den Kommandeur der Truppen, Oberst Ripley, fallen, als aber die Sepoys sich auf ihn stürzen wollten, um ihn mit Bajonettstichen vollends zu töten, widersetzten sich die Artilleristen und gestatteten, daß er von zwei anderen ihrer Offiziere nach der Hauptwache gebracht würde, wogegen sie jeden anderen Gehorsam verweigerten und die Sache der Meuterer zu der ihrigen erklärten. Kapitän Douglas hatte sich bei dem Erschrecken seines Freundes von seinem Wundlager emporzurichten versucht. »Was ist geschehen, Frazer?« »Wir sind verloren, Douglas,« sagte der Resident; »wollen uns aber wenigstens wie Männer gegen die Schurken verteidigen.« Er riß eine Doppelflinte von der Wand und sprang hinaus. Ein Jubelgeschrei erhob sich in der Nähe, dann wurde die Tür aufgerissen und Oberst Frazer, blutend am Kopf und an der Schulter, stürzte herein und verschloß die schwache Tür. »Die verräterischen Schurken! – ich kam zu spät – der Unteroffizier hat das Tor geöffnet – Gott erbarme sich unser und meines Kindes!« Vor der Tür heulte die Meute der Verfolger – zwei, drei Stöße – und das leichte Holz flog in Trümmer. Die Menge stürzte herein, der Delhi-Prinz voran, und füllte das Gemach. »Verfluchte Mörder!« rief der Schotte und schoß beide Pistolen in den dichtgedrängten Haufen ab, im nächsten Augenblick fiel er von zwanzig Säbelhieben und Bajonettstichen zerfleischt, glücklicher in dem raschen Soldatentod, als sein Gefährte. Dieser versuchte mit der Linken mit einigen Degenstößen sich zu verteidigen, aber die Waffe wurde zur Seite geschlagen und die Menge riß ihn zu Boden. Über dem Gefallenen stand der Prinz, drohend seinen Tulwar schwingend. Der Resident rang unter den Fäusten der Menge. »Töte mich, Elender, ich weiß als Soldat und Brite zu sterben!« »Hamed!« Ein kräftiger Schwarzer drängte sich auf den Ruf aus dem Haufen. Er hielt ein bereits bluttriefendes Messer in der Faust und sein gelbes Auge glänzte in Bosheit und grausamer Freude. »Was befiehlt der Sohn des Herrn der Welt!« »Reiße dem Faringi die freche Zunge aus dem Hals, mit der er das Haus Timur zu beleidigen gewagt!« Der Mohr stieß dem Unglücklichen den Griff seines Messers in den Mund. Dann streckte er die schwarze Faust so tief als möglich in den Schlund des Offiziers und erfaßte wie eine Schlange das zuckende Glied – ein gewaltiger Ruck – und ein Strom von Blut folgte dem an seinen Wurzeln aus dem Halse gerissenen Fleisch. Der bestialische Mörder warf das Glied auf den Boden und grinste zu seinem Herrn empor, während der Verstümmelte sich im Todeskampf am Boden wälzte. »Nun, Schlange, zische noch einmal deinen stolzen Übermut gegen die Söhne Timurs!« schrie der Prinz in fanatischem Jubel. »Fahre zur Hölle, stolzer Kaffir, und erinnere dich im Todeskampfe, daß Akhbar Jehan das Kind deines Blutes den niedrigsten Lastträgern zur Beute vorwerfen wird, damit selbst dein Name geschändet sei!« »Jetzt, Brüder, nach dem Zollhaus und dem Arsenal, Bukthur zu Hilfe. Dort sind Gold und Waffen für uns alle!« Ein furchtbarer entsetzlicher Donner erschütterte plötzlich die Luft! – – – – – – – – – – – Wir kehren zunächst zu Leutnant Willougby zurück, der im Karriere durch die sich sammelnden Volkshaufen die Straße nach dem Arsenal gewann und dieses glücklich erreichte. Das Arsenal von Delhi besteht aus mehreren von einer Mauer umgebenen Gebäuden und Magazinen, zu welchen drei Tore führen, in dem bedeutende Vorräte von Waffen, Geschütz und achtzehntausend Pfund Pulver aufbewahrt wurden. In dem Arsenal kommandierte Leutnant Forrest, bei ihm befanden sich seine Frau und seine drei Töchter, die Kondukteure Buckley und Scully, der Unterkondukteur Crow, der Sergeant Steward und ungefähr zwanzig andere Europäer, nebst einigen Artilleristen von den Ghurkas oder Bergbewohnern von Nepal. Willougby fand den Leutnant bereits im Hofe, und berichtete mit flüchtigen Worten die Gefahr. Beide Offiziere beschlossen sofort, das Arsenal gegen jeden Angriff der Meuterer zu halten, und Leutnant Forrest sandte seine Gattin und seine Töchter unter dem Schutz eines europäischen Artilleristen und zweier Ghurkas, denen er trauen zu dürfen glaubte, aus dem Arsenal, um sich durch das Kaschmir-Tor nach den Bungalows zu flüchten. Glücklich gelangten die Frauen bis zu dem Tor, wo sich bald mehrere Flüchtlinge unter dem Schutz Major Abbotts sammelten. Schnell wurden die Tore geschlossen und vor jedes ein Sechspfünder mit doppelter Kartätschen-Ladung gestellt, so daß sie den Zugang beherrschten. Der Kondukteur Crow und der Sergeant Steward übernahmen die Leitung der Verteidigung an den Nebentoren. Zwei Sechspfünder wurden innen vor dem Haupttor postiert, das durch eine Reihe spanischer Reiter geschützt war, zwei andere so, daß sie gleichzeitig das Tor und die benachbarte kleine Bastion beherrschten. Während der Ingenieur des Arsenals, Forrest, diese Anstalten in aller Eile traf, widmete sich Willougby, ein Mann von kühnster Entschlossenheit trotz seiner Jugend, einer noch furchtbarern Tat. Das Pulvermagazin des Arsenals lag links von dem Hauptgebäude, zur Seite des Tores. Der Leutnant nahm den Kondukteur Scully mit sich und öffnete den Turm, der in seinen Gewölben die Pulverfässer enthielt. »Lassen Sie viermalige Doppel-Ladung für jedes Geschütz nehmen, Kondukteur,« befahl der Offizier. »Ja, ja, Sir!« Der alte Artillerist gehorchte und die Kartuschen mit dem Pulversack wurden fortgeschleppt. Als der Kondukteur von dem Transport zurückkehrte, fand er den Offizier auf einem der Fässer sitzen, dem er mit einem Beilhieb den Boden ausgeschlagen. »Fertig, Sir,« meldete der Kondukteur. Der Leutnant hob den Kopf und sah ihn scharf an. »Sie haben keine Familie, Scully?« »Nein, Sir!« »Ich auch nicht, wir haben also nur an unsre Pflicht zu denken. Nach dem, was ich gesehen, fürchte ich, daß wir uns auf die Garnison nicht verlassen können. Wollen wir ungerächt sterben, wenn das Arsenal genommen wird?« »Den Teufel, Sir! wir müssen so viele der verdammten Niggers zur Hölle schicken, als möglich!« »Das ist auch meine Meinung, und Sie sind mein Mann. Haben Sie das Nötige bei sich, Scully, um ein Zündlinie zu legen?« »Ein guter Artillerist ist nie ohne sein Handwerkszeug,« lachte der Alte. »Aber wer soll den Zunder in Brand setzen?« »Wer anders als ich. Nur für den Fall, daß mich eine Kugel zum Tode trifft, merken Sie, wo das Ende liegt. Sobald Sie Ihr Tuch schwenken, zünde ich an.« »Braver Mann – es ist gewisser Tod!« »Das weiß ich, aber besser, als unter den Händen der schwarzen Henkersknechte zu enden. Goddam! Da sind sie wahrhaftig schon. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, Sir, und vergessen Sie das Tuch nicht – Noch eins,« sagte er, die Hand auf den Arm des Offiziers legend, »Sie sind jung, Leutnant!« »Was wollen Sie damit sagen?« »Nichts, als daß Sie sich erinnern mögen, daß das Pulver nicht nach unten drückt. Wen die Explosion verschont, der mag leicht im Dampf und der Verwirrung zu den Unseren entkommen.« Die Meuterer hatten sehr wohl begriffen, daß es eine ihrer nächsten und wichtigsten Aufgaben sein müßte, sich des Arsenals zu bemächtigen, um mit den darin befindlichen Vorräten ihre Anhänger und die niedere Bevölkerung der Stadt zu bewaffnen. Im nächsten Augenblick donnerten die Waffen der Empörer an das Tor und die Stimme Bukthurs verlangte Einlaß. Der Ingenieur-Offizier warf einen Blick auf seine kleine Schar, – in allen Gesichtern drückte sich Mut und Entschlossenheit aus. »Geht zum Teufel, Kanaillen,« antwortete der Offizier mit erhobener Stimme, »und seht zu, daß euer Gehirn nicht an diesen Mauern verspritzt, noch ehe die Regimenter anrücken. Wer den Hof zu betreten wagt, betrügt den Galgen um sein Futter!« Ein gellendes Wutgeheul begegnete der Schmähung des Briten, wilde Schläge und Schüsse donnerten gegen das feste Tor – durch den Lärm hörte man das Kommando der Anführer, welche Leitern herzuholen befahlen. Die Engländer hatten sich mit Waffen aus den Vorräten des Arsenals versehen, um ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen, wenn es zum Einzelkampf kommen sollte. Leutnant Willougby hatte in den Gürtel zwei Revolver gesteckt und eine Patronentasche mit Munition umgehangen, in der Hand trug er ein Gewehr. So postierte er sich bei den beiden Geschützen gegenüber dem Tor, deren Kommando der Genie-Offizier ihm anvertraut hatte. »Kameraden,« sagte dieser, »haltet ein wachsames Auge auf die Mauern und den ersten, der den Kopf darüber hebt ....« Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Willougbys Gewehr an die Wange fuhr und sein Schuß krachte. Lautlos, durch die Schläfe geschossen, stürzte der Sowar, der sich der Erste von der Leiter auf die Mauer schwingen wollte, zurück. Das Rachegeschrei der Stürmenden folgte dem glücklichen Schuß. Kugel auf Kugel warf jetzt die unter dem Allahruf und Kampfgeschrei: »Ram! Ram! Mahadeo!« an den Mauern Emporklimmenden nieder, aber die kleine Schar der Europäer vermochte nicht so rasch zu laden, als die Zahl ihrer Feinde auf Mauer und Bastion wuchs, Schüsse krachten von hüben und drüben, Leutnant Forrest wurde an der Hand verwundet, Buckley durch die Schulter geschossen, einer der Ghurkas getötet, schon sammelte sich ein Haufe innerhalb des Tores und bemühte sich, die Sperrbalken zu lösen. »Feuer, Willougby, Feuer auf die Schurken, oder sie öffnen das Tor!« Der Kartätschenhagel prasselte in der Entfernung von höchstens siebzig Schritt in grader Linie auf den Steinquadern: das wilde Todesgeheul der Getroffenen erfüllte die Luft, zugleich löste Kondukteur Scully das Geschütz, das die Bastion bestrich, über die in dichten Massen die Meuterer herauf drangen. »Ruhig Leute, ruhig geladen, ehe ihr den andern Schuß gebt!« klang die Stimme Forrest's. Auf dem Pflaster des Hofes wanden sich die Verstümmelten in Todesgeheul oder versuchten, sich mit den zerrissenen Leibern in einen Winkel zu flüchten vor den todbringenden Schüssen der weißen Männer. Die Laute des Schmerzes und Todeskampfs wurden durch ein Freudengeheul von außen her übertönt. Zwei der Eingedrungenen war es gelungen, den schweren Sperrbaum aus den Krampen zu heben, gleich darauf schlug eine der Kartätschen gegen das Schloß und sprengte die Riegel – ein gewaltiger Anlauf der Menge, und die Flügel des Tores wichen. Willougbys zweites Geschütz riß eine Gasse in den dichten Haufen, der durch die geöffnete Pforte hineinstürzte. Über die Bastion her drang ein zweiter Strom und besäete mit seinen Leichen den Weg hinab. Mit heroischer Kaltblütigkeit arbeiteten die Kondukteure und Mannschaften an ihren Geschützen, ausgesetzt den Kugeln der Empörer, die jetzt von der Höhe der Mauer und von den Wällen der Bastion auf sie feuerten. Über die Hälfte der kühnen Verteidiger war bereits verwundet, mehrere gefallen, dennoch kämpften sie wie die Teufel in den Feuerströmen, die um sie her blitzten. Die Bedienung der Geschütze rechts, welche den Torweg bestrichen, hatte viermal gefeuert, als ein wütender Anprall der Sowars sie vertrieb und auf die Geschütze vor dem Hauptgebäude zurückwarf. Glücklicherweise gelang es den Männern, ehe sie weichen mußten, die Kanonen umzustürzen. Der alte Kondukteur, der die Geschütze zur Linken kommandierte, sah auf den jungen Offizier fragend herüber, während er mit Wischer und Ladestock hantierte, aber der Leutnant arbeitete im Pulverdampf, ohne sich um ihn zu kümmern, und seine Kartätschen brüllten eben zum dritten Mal den Feinden den Tod zu. Noch ehe der Rauch emporgewirbelt, warfen sich die Männer wieder auf die Geschütze, um auf's neue zu laden. »Nieder mit den Faringi!« donnerte die Stimme Bukthurs. »Auf sie! auf sie! tötet sie!« Eine dunkle Wolke von Kriegern drängte hinter ihm her und füllte den Eingang, von den Mauern, von der Bastion her warfen sich ganze Scharen in den weiten Hof. » Old England for ever! « Forrest hieb die Lunte auf das Geschütz – Scullys letzte Salve schlug von der Seite in die dicht gedrängte Menge – der Boden war mit Leichen besäet. Hoch auf seinem Roß schwang unverletzt der wilde Prinz den Tulwar. » Chalo Bhai! Vorwärts Brüder! Das Paradies ist denen, die sterben für den Glauben!« Er spornte sein Pferd über die Leichenhaufen. »Es ist zu Ende mit uns – lebt wohl, Kameraden! Gott sei uns gnädig!« »Auf den Boden alle! werft euch nieder, rasch!« schrie Willougby. »Gott helfe uns, Freund Scully!« Er schwang das Tuch durch die Luft und warf sich zu Boden. Ein furchtbarer Schlag erschütterte die Luft und machte die Erde erbeben, gleich als risse sie aus ihren Grundfesten – ein Flammenstrom schoß breit in die Höhe, gleich als öffne sich der Krater eines Vesuvs – und dichte Finsternis hüllte minutenlang den Hof ein. Durch diese Finsternis, durch diese greifbaren Wolken von dickem Qualm, stürzte ein Regen von Mauertrümmern, Balken, menschlichen Gliedern und Waffen. Die Mauern des Pulverturmes waren wie von dem Erdboden rasiert; – die Geschütze, welche in seiner Nähe gestanden, weit über die Bastion und das große Magazingebäude hinweggeschleudert, dessen Mauern wankten und zusammenstürzten. Der Torbogen, eine große Strecke der Umfassungsmauer lag in tausend Stücke zerstreut, mächtige Quadern des Turmes waren bis über den Nebenarm der Dschumna geschleudert. An tausend Menschen waren teils in Atomen in dieser schrecklichen Wolke mit emporgeflogen, teils von dem Luftdruck erstickt, von den fallenden Trümmern erschlagen oder verstümmelt worden. Mit wildem Schreckensgeheul flohen die Überlebenden von der blutigen Stätte. – – Als Leutnant Willougby von der Betäubung wieder zum Bewußtsein erwachte, kreisten noch immer Dampfwolken über dem Platz. Er begriff, daß, wenn er auf Rettung hoffen wolle, er rasch und entschlossen handeln müsse. Seine Glieder waren unverletzt, nur von der Stirn rann aus einer leichten Wunde warmes Blut. Umhertastend fühlte er die Brust seines letzten Gegners unter seiner Hand sich leise heben und senken – er lebte gleichfalls noch. Er bemächtigte sich des Turbans und des Dolches des Prinzen und erhob sich. Indem er sich rasch seiner Uniform entledigte, um sich allein in die Tschoga zu hüllen, die er noch immer trug, fiel aus jener ein weißer Gegenstand zur Erde. Er hob ihn auf – es war die weiße Rose, welche die Ursulinerin vor kaum einer Stunde vom Balkon des Palastes der Chandy-Choak ihm zugeworfen. Die einfache Blume eröffnete eine rasche Flucht von Gedanken in seinem Sinn; sein Entschluß war gefaßt. Die Patronentasche, die Revolver und den Dolch des Prinzen unter dem weiten indischen Kaftan verbergend, den Turban tief in das Gesicht gedrückt, wagte er es, über die Trümmer und Leichen zu steigen. Wie sich später ergab, war fast die Hälfte vom Rest der kleinen Besatzung, wenn auch nicht unverletzt, durch das rechtzeitige Niederwerfen der Vernichtung entgangen. Leutnant Forrest hatte sich mit einigen nach dem Lahore-Tor gerettet und dasselbe glücklich erreicht, während andere im Schrecken und in der Verwirrung in das Innere der Stadt zurück gerieten. Dahin, – nach dem Chandy-Choak – wandte auch Leutnant Willougby seinen Weg. Er hatte den Platz kaum betreten, als er Manakjy, den treuen Mahoud des ermordeten Residenten, neben seinem riesigen Tier herlaufen und dieselbe Richtung einschlagen sah. – – – –   Als der Zug des Residenten die Chandy-Choak passiert hatte, blieben auf dem Balkon der Erziehungs-Anstalt die jungen Mädchen zurück, plaudernd über das Ereignis und den Zug so lange wie möglich mit den Augen verfolgend. »Seht, die Begleitung des Rajah bleibt auf dem Platz,« sagte Miß Frazer, das Glas vor dem Auge. »Auch Ripley kehrt wieder um. Ich glaube, das Schauspiel hat halb Delhi auf die Füße gebracht, – es ist ein Gewühl, wie am Moharremfest.« »Es muß etwas Besonderes vorgehen in der Stadt und dem Palast,« rief Miß Forster, »alle Welt strömt dahin – die Kaufleute schließen ihre Läden –« In diesem Augenblick erschien ein Diener an der Tür des Saales und zeigte der kleinen Irma mit bedeutsamer Gebärde einen Brief. Zugleich kehrte Lady Hunter in Begleitung der Schwester Angelique in das Gemach zurück. »Der Zug kommt zurück,« rief eines der Mädchen aus der Veranda, »nein, ich irre mich – es sind nur die Indier – mein Gott, was geht dort vor?« Ein entfernter Schuß wurde gehört, – ein Geheul der Volksmenge auf der Straße und dem Platz antwortete. Alle Frauen eilten auf den Ballon, um zu sehen. Die Begleiter des Rajah und dieser selbst jagten bereits an der Mauer des Palastes entlang nach dem Delhi-Tor zu. In diesem Augenblick stürzte die junge Hindu, die Tochter des reichen Babu, in den Saal. »Möge Lakschmi uns beschirmen,« rief sie, auf die Frau des Dechanten zueilend, » Cartikia hat die Bande des Friedens gesprengt und zieht auf seinem Feuerwagen durch die Stadt!« »Was ist geschehen, was hast du, mein Kind?« »Es ist Kampf in der Stadt zwischen den Faringi und den Männern meines Volkes,« schluchzte das Mädchen. »Der Babu, mein Vater, schreibt mir, daß große Gefahr, und daß ich mich verbergen solle, bis er kommen könne, mich zu holen.« Eine Flintensalve von dem Dauri-Serai her und das Geheul der Volksmenge bestätigte den Schreckensbericht des Mädchens. »Das ist ein Volksauflauf, der sich bald beruhigen wird,« besänftigte die Lady. »Lassen Sie für alle Gefahr die Tür nach der Straße schließen, Soeur Angelique.« »Gerechter Gott! wenn nur meinem Vater kein Unglück geschieht!« Miß Viktoria flog zurück auf den Gitterbalkon. Pulverdampf wirbelte von dem Tor des Dauri-Serai auf – auf der Brücke sah man Moll, den Elefanten des Residenten, der den Verwundeten zur Haudah emporreichte. »Willougby! – Das ist Willougby auf dem Gibraltar! er sprengt hierher – barmherziger Himmel – er wird in die Hände dieser Rasenden fallen!« «Nein – er wendet sich zur Rechten – jetzt ist er verschwunden!« Ein tiefer Atemzug, wie aus befreiter Brust, war deutlich hörbar. Die beiden Hände auf das Herz gepreßt, totenbleich, lehnte die kleine Nonne an einem der steinernen Pfeiler. »Vater! Vater!« schrie Miß Frazer und streckte die Arme aus, als könne ihre Stimme in dieser Entfernung sein Ohr erreichen. »Beruhige dich, Kind – er ist gerettet, das treue Tier trägt ihn sicher durch die Menge – und dort erreicht er eben die Straße nach dem Palast.« Die edle Frau war schreckensbleich, wie die anderen, aber sie behauptete ihre Fassung und Ruhe. Ein wildes Geheul – gellendes Hilfegeschrei scholl aus der Chandy-Choak herauf. Die Lady, von Irma gefolgt, eilte nach dem Balkon, während die anderen Frauen und Kinder sich wie eine Schar geängstigter Tauben zusammendrängten. Ein Blick hinunter belehrte Adelaide, daß der Babu, Irmas Vater, die Gefahr nicht übertrieben. Der Pöbel begann bereits verschiedene von Europäern gehaltene Läden auf dem Silbermarkt zu plündern. Die unglücklichen Besitzer mit ihren Familien wurden herausgerissen und grausam unter tausend Mißhandlungen ermordet. Ihr Jammergeschrei klang entsetzlich durch den Lärm, die Schüsse, das Geheul, das von allen Seiten sich zu erheben begann. Die Lady trat entsetzt zurück; dann eilte sie rasch entschlossen auf die Äbtissin zu. »Irma hat recht – das ist kein bloßer Volkstumult, das ist eine Empörung, eine allgemeine Revolution. Sie müssen versuchen, zu fliehen, Irma kann Sie geleiten und hoffentlich schützen. Leben Sie wohl, und möge der Himmel mit Ihnen sein!« Sie winkte den Mädchen einen Abschiedsgruß zu und schritt entschlossen nach der Tür. »Um der gebenedeiten Jungfrau willen, Mylady, wo wollen Sie hin?« Die Äbtissin, die Nonnen, die Mädchen warfen sich ihr in den Weg. »Mit Gottes Beistand meine Pflicht erfüllen,« sagte die Lady mit erhobener Stimme. »Sie alle vermögen zu fliehen, aber die arme Mistreß Elkinson und meine Kranken können Delhi nicht verlassen. Bei ihnen ist meine Stelle.« Als sich die Pforte des schützenden Hauses hinter ihr schloß, blieb die Lady kurze Zeit auf der Schwelle stehen. Dann rasch entschlossen schlug Lady Hunter den Schleier ihres Hutes zurück und schritt auf die Straße, die Richtung nach der schwarzen Moschee einschlagend, in deren Nähe die verlassene Kranke, die Frau eines Kampagniebeamten wohnte. Im ersten Augenblick schien die Menge, die eben einen neuen Laden erbrochen, ihre Anwesenheit nicht zu bemerken, aber im nächsten schon erscholl der brüllende Ruf: »Tötet die Faringa! nieder mit der Faringa!« und hundert Hände streckten sich gegen sie, Waffen wurden erhoben, und einer der Reiter von Mirut, der sich in dem tobenden Haufen befand, spornte sein Pferd und schwang seinen Säbel, um der kühnen Frau das Haupt zu spalten. Lady Adelaide sah, daß sie sterben müsse, und faltete die Hände, – ihr Blick harrte mit Ruhe dem Todesstreich entgegen. In dieser furchtbaren Gefahr erscholl der kreischende Ruf einer Frauenstimme: »Der Engel von Delhi! – Schützt den Engel von Delhi!« Eine Hindufrau, ihrer Kleidung nach den unteren Ständen angehörend, stürzte sich gleich einer Furie zwischen den Sowar und die Bedrohte. »Unglücklicher, was willst du tun? – Es ist der Engel von Delhi, den dein Tulwar bedroht!« Jetzt erkannten mehrere aus der Menge die Lady, und der Ruf ihrer Mildtätigkeit, ihrer Güte und ihres Wohltuns war so weit verbreitet, daß der allgemeine Ruf: »Ehre der Heiligen! Schutz dem Engel von Delhi!« wie ein Lauffeuer durch die Masse ging und gleichsam einen Heiligenschein um das Haupt der Dame schlang. »Sprich, Mam Sahib,« sagte das Weib, »wohin du deine Schritte lenken willst? Paravana , deren Knaben deine Pflege dem Yama entrissen, als ihn die boshaften Faringi für ein geringes Vergehen zum Tode gemißhandelt, nachdem sie seinen Erzeuger getötet – sie wird deinen Weg ebnen und vor dir herschreiten, damit du siehst, daß die Kinder der heißen Sonne ein dankbares Herz im Busen tragen.« Die zitternde Lippe der Lady nannte den Namen und die Wohnung der kranken Engländerin, und sogleich streckte die Megäre das blutige Beil, das sie in der Hand hielt, nach jener Richtung aus und schritt durch die Gasse voran, welche zu beiden Seiten die Menge öffnete. Hinter dem Engel von Delhi aber schloß sich die Menschenwoge aufs neue, das Geheul der Rache und Mordluft gellte zum Himmel empor und der Strom der Wütenden stürzte sich wieder vernichtend auf die unglücklichen Europäer. Man sah jetzt unter den Haufen, die sich nach allen Seiten wandten, neue Gegenstände ihrer Wut, ein neues Feld der Zerstörung zu suchen, ein anderes Weib, ein Hindumädchen, jung und hübsch, aber das Auge blutunterlaufen und Spuren von Blut noch im Gesicht, auftauchen und die Mörderhaufen anreden. Ihre wilden Gebärden deuteten nach dem Palast der Prinzessin Dschehanara, und ihre Worte glichen lodernden Funken, die den Brand entzünden. Mit einem gellenden Geheul warf sich ein Haufen der blutigen Mörder auf die bisher so friedliche Stätte des segensreichen Wirkens der schuldlosen Nonnen. Das Versprechen, daß Gold und Weiber dort zu finden, daß sie in Christenblut ihre Rache kühlen konnten, entftammte noch mehr die wilden Gemüter. Stangen – Waffen aller Art donnerten an die schwere Pforte und verlangten die Öffnung. Die Hände ringend – schreiend – wehklagend stürzten in den Räumen des Palastes die Frauen und Kinder durcheinander. In dieser Not, wo keine Rat und Hilfe wußte, erschien Irma nebst einer der Hindudienerinnen mit einem Berge von langen indischen Schleiern und Feredschis beladen. »Hier,« rief sie und warf die Last auf den Boden, »nehmt rasch, hüllt euch alle darein, es sind so viel, als ich habe finden können. Zuleina und ich werden euch durch die Gärten geleiten, bis ihr in Sicherheit seid.« Marion hatte mit eigener Aufopferung überall hilfreiche Hand geleistet, ohne an sich selbst zu denken. Die zitternde Schar der Mädchen war in dem hinteren Flur des Palastes versammelt, um sich durch den Garten zu retten, als der Blick Irmas auf die junge Nonne fiel. »Bei dem Haupte Wischnus, eile dich, Maria – wo ist dein Schleier? – Miß Viktoria, spute dich!« In der Tat waren alle glücklich mit den Verkleidungen versehen, bis auf die junge Nonne und Miß Frazer; die Aufopferung der einen und der Stolz der anderen hatten es verschmäht, sich beizeiten der Kleider zu bemächtigen. Während Irma ratlos umherschaute, hörten sie von vorn die Stöße eines schweren Balkens gegen die Pforte krachen, die in ihren Angeln zu wanken begann. »Fort um der heiligen Jungfrau willen, rettet euch!« rief Marion. »Ich suche uns Schleier und wir folgen euch!« Sie drängte die Mädchen mit Schwester Angelique, die bei ihnen zurückgeblieben war, und die widerstrebende Irma hinaus, und rannte zurück in die vorderen Räume, andere verbergende Gewänder für sich und Miß Frager zu holen. Diese, zagend, allein das Freie zu betreten, folgte ihr. Die beiden Mädchen hatten eben die vordere Halle erreicht, als das mächtige Tor in seinen Angeln wich und in Stücke zertrümmert in das Innere stürzte. Die blutdürstigen Gesichter der Menge, die funkelnden Waffen erschienen vor den Augen der Unglücklichen – die junge Nonne warf sich vor die Pensionärin und sank in die Knie, den Tod erwartend. In diesem Augenblick, als sich die Vordersten des Haufens anschickten, in das Innere zu dringen, erzitterte die Luft von einem gewaltigen Druck, und ein Krachen, als stürze das Himmelsgewölbe zusammen, ließ sich hören. Es war die Explosion des Pulvermagazins im Arsenal. Ein gewaltiger, von dem Zahn der Zeit gelockerter Steinblock des über dem Eingang schwebenden Altans löste sich von der mächtigen Erschütterung und stürzte, den über ihm schwebenden Pfeiler mit sich hinabreißend, zermalmend unter die Stürmenden. Ein Jammergeschrei mischte sich mit dem Echo des Donners und dem Wutgeheul der Menge, Staub und Dampf wirbelte empor und schied in dichten Wolken die Mörder von den Bedrohten. – –   Aurunga, als sie ihr Werk getan und die tobende Schar auf das Haus ihrer Gebieter gehetzt, eilte um die Mauern des Palastes, nach der Seite der Gärten, um jede Flucht der Weißen zu verhindern. Sie hatte noch nicht die Seitengasse verlassen, als der Schlag der Explosion sie zu Boden warf. Sie erhob sich bald wieder, und ereichte jetzt den mit Zypressen und Zedern besetzten Platz, welcher die Gärten des Dschehanara-Palastes von dem Palast und dem Grabmal der Begum von Somroo scheidet. Indem sie, die Pforte im Auge, aus welcher bereits die Nonnen mit den Kindern geflohen waren, weiter eilte, stieß sie auf Manakjy, ihren Geliebten, der neben seinem Tier herrannte. »Der Gott des Krieges hat seine Schwingen entfesselt, die dunkeläugige Bhawani streckt ihre Hand über Delhi und fordert ihre Opfer,« rief ihr der Mahoud entgegen. »Was ist geschehen, Manakjy – wo willst du hin?« fragte das Mädchen, sich mit ihm der Pforte nähernd. »Der Sahib, mein Gebieter, ist erschlagen von dem Sohne des Königs, und sein letztes Wort an die Treue Manakjys hat mich gesandt, die Tochter seines Blutes zu retten und unversehrt zu den weißen Männern, ihren Brüdern, zu führen!« »Nimmermehr! Die Mem Sahib muß sterben, wie ihr Vater. Ihre Hand hat das Weib deines Herzens entehrt und ihrer Kaste beraubt!« »Das ist schlimm, Aurunga,« sagte der ehrliche Mahoud, indem er mit seinem Tier stehen blieb, »aber ich habe des Sahibs Brot gegessen, bevor ich das heilige Wasser mit dir trank. Wenn du mir nicht helfen willst, die Mem Sahib zu retten, so bleibe bei Moll, indes ich mich in den Palast schleiche.« Aurunga, die fürchtete, um ihre Rache zu kommen, und doch nicht wagte, ihrem Geliebten weiteren Widerstand zu leisten, war dem Mahoud nach dem Ausgang des Gartens vorausgeeilt, denn sie hatte zwischen den Bäumen hindurch gesehen, wie eine Anzahl von Frauen, in indische Schleier und Gewänder gehüllt, scheu durch die Pforte schlüpften und über den Platz eilten. Ein Messer in der Hand, das sie in der Chandy-Choak aufgerafft, eilte sie den Flüchtlingen mit den Sprüngen einer Pantherin nach und warf sich ihnen in den Weg. »Wo ist die Tochter des Faringi-Sahib? Gebt sie heraus, oder ihr alle sollt sterben,« schrie sie ihnen entgegen, die blitzende Klinge schwingend. »Um des Himmels willen, Aurunga, laß uns fliehen! Die dich mißhandelte, Viktoria, ist noch im Palast!« »Zeigt euer Antlitz!« Die Schleier wurden auf den Befehl gelüftet – die Hindu überzeugte sich, daß keines der angstbleichen Gesichter ihrer stolzen Feindin gehörte. »Geht,« sagte sie, »und nehmt meinen Fluch mit euch!« Sogleich aber schien sie sich zu besinnen. Sie faßte die Hand Miß Forsters und hielt das zitternde Mädchen zurück, während sie den anderen ungeduldig sich zu entfernen winkte. Sie flohen in der Richtung des Lahore-Tores davon. Aurunga wandte sich zu ihrer Gefangenen. »Sie eilen ihrem Verderben entgegen,« sagte sie finster, »du allein kannst Rettung finden, wenn du tust, was ich dir sage.« »O, rette mich vor dem schrecklichen Tode,« flehte das Mädchen. »Alles, was ich besitze, soll dein sein.« »Still,« gebot die Dienerin, die jetzt die Herrin geworden. »Hülle dich in deinen Schleier und antworte auf keine Frage, als mit einem Ja oder dem Neigen deines Hauptes. Man muß dich für die halten, die du deine Freundin nennst, sonst bist du verloren.« Sie riß das Mädchen mit sich fort und schleppte sie zur Gartentür zurück, wo eben der wackere Mahoud anlangte. Aurunga warf die Pforte ins Schloß und stellte sich vor ihn. »Lakschmi ist mit uns gewesen,« sagte sie – »du brauchst dich nicht in die Gefahr zu stürzen, hier ist sie, die du suchst – um deinetwillen möge sie gerettet werden!« Durch die gleiche Gestalt und das europäische Gewand unter dem Feredschi getäuscht, begnügte er sich mit der Frage: »Bist du die Mem Sahib?« »Ich bin Viktoria – rette mich,« erwiderte das Mädchen, das ihre Rolle begriff und das ihre Todesangst Verstellung lehrte. Sie reichte dem Mahoud die weiße Hand und dieser, vollständig überzeugt, daß ein glücklicher Zufall ihm seine Aufgabe erleichtert, führte eilig den Elefanten herbei, hieß ihn niederknien und half dem Mädchen die Haudah erreichen, worauf er selbst seinen Platz auf dem Nacken des Tieres einnahm und dieses zum raschen Lauf aufstachelte. Mit dem Hohnlächeln eines teuflischen Triumphes schaute Aurunga ihm nach, entschlossen, jeden Weg der Flucht mit ihrem Körper zu versperren. Mit Erstaunen und ohne sie zu verstehen hatte Leutnant Willougby die Szene aus einiger Entfernung mit angesehen, ohne wagen zu dürfen, sich den Personen zu nähern. Jetzt aber, nachdem der Mahoud verschwunden, schritt er entschlossen auf die Pforte zu. Aber eine andere Person kam ihm zuvor – es war Irma, das junge Hindumädchen, die ihre, von einer umhertobenden Schar der Meuterer aller Besinnung beraubten Gefährtinnen verlassen hatte, um die geliebte Lehrerin zu retten. Sie trug den Schlüssel der Tür in Händen, den ihre größere Besonnenheit mitgenommen, und versuchte jetzt, Aurunga mit Bitten und Versprechungen von ihrem Platz zu verdrängen. »Tochter des Babu – deine Worte betören mich nicht!« Das Kind stürzte sich auf sie, mit Gewalt sie von dem Platze hinwegzudrängen, als dem jungen Mädchen plötzlich Hilfe kam. Die starke Hand Willougbys erfaßte Aurunga und warf sie zur Seite. »Wo ist die Nonne? wo sind die Frauen?« herrschte seine Stimme der Kleinen zu, von deren Lippen er den Namen Marias gehört hatte. »Fort – führe mich zu ihr!« Die Tür war bereits von ihm geöffnet und er stürzte in den Garten, denn von dort tönte lautes Hilfegeschrei. Es war die höchste Zeit, daß die Hilfe erschien, denn die beiden Mädchen schwebten in der höchsten Gefahr. Miß Viktoria hatte sich zuerst von dem Entsetzen erholt, mit dem die furchtbare Explosion sie zu Boden geworfen, und den Dampf und den Schrecken der Menge, die sie bedrohte, sich zunutze machend, entfloh sie mit ihrer Gefährtin nach dem Garten, um den Vorausgeeilten auf alle Gefahr hin zu folgen. Einige Minuten gelang es ihnen, sich zwischen den dichten Hecken der Gesträuche und Orangenbäume zu verbergen, aber das weiße Gewand Viktorias verriet sie den Blicken der Mörder, und mit wildem Jubel verfolgten diese ihre Beute. Viktoria – in dem Laufe strauchelnd, fiel etwa hundert Schritt vor der Pforte des Gartens zu Boden, und mit heldenmütiger Ergebung gab die französische Nonne die weitere Flucht auf und sank neben ihr in die Knie. Die Verfolger und der Retter waren fast gleich weit von den Unglücklichen entfernt, und jene stürmten mit Geschrei und geschwungenen Waffen herbei, als der Vorderste von einer Kugel aus Willougbys Revolver getroffen, zu Boden stürzte. Eine zweite, eine dritte Kugel schlug in den dichtgedrängten Haufen, der bestürzt innehielt. Irma hatte die Miß emporgerichtet, sie streckte ihre Hände nach dem Offizier aus, den ihr geübteres Auge erkannte, »Retten Sie mich vor diesen Mördern, Willougby, und ich bin die Ihre!« Der vierte und fünfte Schuß streckte aufs neue zwei der Verfolger zu Boden, sie stoben erschrocken auseinander und wichen zurück. In dieser furchtbaren Lage gellte der Ram- und Allahruf von verschiedenen Seiten her, und über die Felder des Gartens stürzten neue Haufen fanatischer Mörder herbei. Die Augen des jungen Offiziers, den die stolze Tochter des Residenten von Delhi anflehte, schwankten einen Moment lang zwischen den beiden Jungfrauen, dann sprang er vor, umfaßte die Nonne und hob sie auf seinen linken Arm. »Folgen Sie uns, Miß,« rief er der Bestürzten zu, und eilig sprang er mit seiner Last nach der offenen Pforte in der Mauer. Von dem Instinkt der Lebenshaltung getrieben, folgte ihm die Tochter des Residenten, die Hand auf das Herz gepreßt, gleich als habe ein tiefer Schmerz dies getroffen. Schon hatten sie die Tür fast erreicht, die Irma, voranfliegend, geöffnet hielt, als sich Aurunga mit wütender Gebärde dem Offizier in den Weg warf und das Messer schwang. Der Offizier faßte das Pistol am Laufe, und ein Kolbenschlag schmetterte nieder auf das Haupt der Hindu, die zu Boden taumelte. Aber noch im Fallen umklammerte sie ihre Feindin und riß sie mit sich zur Erde. Der Offizier mit seiner Last sprang durch die Pforte ins Freie, und Irma schlug die schwere Tür zu und drehte den Schlüssel im Schloß. Jetzt erst bemerkte Willougby, daß Miß Frazer nicht bei ihnen, und das gellende Triumphgeschrei der Empörer belehrte ihn, daß sie bereits in ihrer Macht war. »Die Bhawani hat gesprochen,« rief das Kind, »sie will ihr Opfer! Dein Leben gehört dieser, die dich mehr liebt, als die stolze Faringa!« Trotz der drängenden Not des Augenblicks konnte der Offizier sich nicht enthalten, einen fragenden Blick auf die zarte Gestalt zu werfen, die er auf seinem Arme trug, und zu bemerken, daß das Antlitz der jungen Nonne sich mit tiefem Purpur übergoß. Aber Irma ließ ihm keine Zeit zur Überlegung, denn sie zog ihn eilig weiter. »Wohin nun – was sollen wir tun?« fragte der Offizier. »Kennst du das Grabmal der großen Begum im Simreh Bagh?« antwortete mit einer Gegenfrage Irma. »Ich kenne es – ich war mehrmals dort!« »So suche es im Schutz der Bäume und Büsche zu erreichen und verbirg dich dort. Niemand wird euch an dem einsamen Ort des Todes suchen, wenn man dich nicht eintreten sieht. Lebe wohl, und Lakschmi sei mit euch! Ich suche den Babu, meinen Vater, er allein vermag euch zu retten.« Willougby erkannte, daß es das beste sei, dem Rat zu folgen. Dann schlichen beide zwischen den Bäumen und Büschen entlang und indem sie einen günstigen Augenblick erlauerten, gelangten sie in den engen Eingang des Tempels. Erst hier, auf den Steinsarg der Begum gestützt, wagten sie es Atem zu schöpfen. Das nächste, was der Offizier vornahm, war, den Ort einer genaueren Besichtigung zu unterwerfen. Die runde Halle war leer – nur in der Mitte von dem Sarkophag unterbrochen, an dessen Kopfende an der Wand der schwache Strahl einer kleinen Fontäne, wie solche überall in den Palästen zu den Zeremonien der Abwaschung angebracht sind, aus vergoldeter Röhre mit seinem leichten murmelnden Rauschen in ein Marmorbecken fiel. Zur rechten Seite dieser Fontäne befand sich die Tür zur Treppe des einen Minaretts, die sich spindelförmig mit ihren steinernen Stufen in die Höhe wand. Der Offizier untersuchte die Tür, sie war unverschlossen. Auf der anderen Seite des Springbrunnens hätte sich nach den Gesetzen der Symmetrie eine ebensolche Tür nach dem zweiten Minarett öffnen müssen, aber die Mauer war glatt und fest und zeigte keine Spur eines Eingangs. Das Minarett mußte demnach nur der Gleichförmigkeit wegen erbaut und im Innern leer sein. Der Eingang des Grabmals war durch eine große eherne Tür verschließbar, aber diese stand so fest eingerostet in ihren Angeln und war von so kolossaler Schwere, daß der junge Offizier vergeblich seine Kraft anstrengte, sie zu bewegen. Richard Willougby schöpfte in der Höhlung seines Turbans Wasser aus dem Becken der kleinen Fontäne, kniete neben dem jungen Mädchen nieder und benetzte ihre Stirn und ihre Schläfe mit dem erfrischenden Element. »Marion, teures, liebes Mädchen, erwachen Sie, fassen Sie sich, oder alles ist verloren,« flehte halblaut mit innigem Tone der junge Offizier. »Ich schwöre Ihnen, daß Richard Willougby bereit ist, sein Leben für Ihre Rettung zu opfern!« Er küßte leidenschaftlich die kleine weiße Hand, die in der seinen lag. Plötzlich überlief dunkle Glut das reizende Gesicht der Nonne und sie zog rasch die Hand aus der seinen, während ihre Augen sich mit dem Ausdruck sanften Vorwurfs zu ihm erhoben. »Heilige Jungfrau, vergib mir,« flüsterte das junge Mädchen. »Was tun Sie, Sir! O lassen Sie mich nicht bedauern, daß Ihr Edelmut mich vor jenen Gräßlichen errettet hat und erinnern Sie sich, daß ich eine Braut Gottes bin und schon die Berührung eines Mannes eine Sünde für mich ist.« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu weinen. »Hören Sie mich an, Marion,« sagte mit tiefer Erregung der junge Mann. »Die Macht einer furchtbaren, gemeinsamen Gefahr hat die Schranke gebrochen, die Sie bisher umgeben und mich sonst wahrscheinlich auf immer von Ihnen geschieden hätte. Sie sind in diesem Augenblick nicht mehr die Nonne vom Kloster des heiligen Herzens, sondern Marion Lapierre, die Tochter Frankreichs, die Geliebte meiner Seele, die ich mir aus den Flammen und den Schwertern der wilden Feinde gerettet habe!« Ein heftiges ängstliches Schluchzen hob krampfhaft den Busen der Jungfrau, und der Tränenstrom benetzte durch ihre zarten Finger hindurch den Marmorboden. »Ja, Marion,« fuhr der junge Mann fort, »die nächste Minute schon kann unser Verderben sein, aber vorher darf und will ich Ihnen sagen, daß ich Sie liebe, daß ich Sie geliebt, seit Sie diese Stadt betreten und ich zum erstenmal Ihr sanftes Auge sah.« Die Nonne entfernte rasch die Hände von ihren weinenden Augen und sah ihn mit einem seelenvollen Blick an, in dem sich Angst und Bangigkeit mit einem Gefühl vereinte, dessen Ausdruck das Herz des jungen Mannes freudig erbeben machte. »O nicht so, Sir,« sagte sie flehend. »Sie sollen, Sie dürfen nicht sterben! Es ist genug – zuviel schon, was Sie getan haben für ein so armes unbedeutendes Wesen, das bis zum Augenblick ihres Todes Sie segnen und Ihrer mit – mit Dankbarkeit gedenken wird. Gehen Sie – lassen Sie mich jetzt, Sir, bei allen Heiligen beschwöre ich Sie darum, und versuchen Sie sich unter dem Schutz des Gewandes zu retten, das Sie tragen!« »Wie, Marion,« rief der Offizier erstaunt und verletzt, – »Sie können glauben, daß ich Sie hier allein zurücklassen werde?« Sie sah schüchtern zur Erde. »Warum mußten Sie durch einen Irrtum mich retten, Sir – warum nicht die arme Viktoria, deren Tod ich Ärmste nun verschulde?« »Ich bedaure das traurige Schicksal Miß Frazers,« entgegnete fest der Offizier, »aber nicht um sie zu retten, verließ ich die Flammen des Arsenals und eilte nach dem Chandy-Choak! nicht Viktoria Frazer war es, sondern die Hand, die diese Blume warf!« und er zog die weiße Rose aus seinen Gewändern und drückte sie an seine Lippen. – – – Ein gellendes Triumphgeheul, näher als bisher und anscheinend in der nächsten Umgebung des Grabmals der Begum, ersparte der zitternden, erglühenden Nonne die Antwort. Der Offizier lauschte einen Augenblick nach dem Lärm, dann faßte er ihre Hand, die sie ihm zögernd überließ und zog sie rasch nach der Tür zur Treppe des Minaretts. »Diese Halle,« sagte er, »ist nicht sicher genug für uns; der Turm bietet ein besseres Versteck. Fassen Sie Mut, Marion, Gott ist mit uns und meiner Liebe!« Er schloß die Tür hinter sich, faßte sie um den Leib und trug die Willenlose, nur leise Widerstrebende, die Stufen des Minaretts hinauf. Auf der Höhe der steinernen Galerie sperrte eine Falltür von schwerem Holz die Treppe. Der Offizier bat das Mädchen, sich ruhig auf den oberen Stufen niederzusetzen, während er selbst aus dem höheren Teil des schlanken Türmchens mit Vorsicht die Umgebung rekognoszieren und sehen wollte, ob die Gefahr sich nahe. Die Nonne gehorchte und Willougby trat in die kaum Raum für zwei Menschen bietende Spitze des Minaretts und schaute durch die Öffnung der auf die Galerie mündenden Tür hinaus auf den Platz. Von den Gärten des Dschehanara-Palastes her wälzte sich eine Volkswoge, die Hände in Blut getaucht, die Augen funkelnd von Mordlust und Rachgier. In der Mitte dieses Haufens wurde ein bleiches schönes Mädchen in weißem Kleide dahergeschleift. Blonde Haare hingen aufgelöst um das in Todesschrecken erblaßte Gesicht. Willougbys scharfes Auge erkannte die Unglückliche – es war Viktoria Frazer, die ihn selbst noch vor kaum einer halben Stunde mit dem Geständnis ihrer Liebe um Hilfe und Rettung angefleht. Das Herz des jungen Offiziers erbebte in seiner Brust. Er machte eine Bewegung, hinabzueilen, aber kraftlos sank er zurück an die Mauer – das Bewußtsein der Unmöglichkeit überkam ihm mit erschütternder Überzeugung. Von der Seite der Saman-Badsch her sprengte eine Reiterschar, an ihrer Spitze Akhbar Jehan, der Delhi-Prinz. Der Prinz parierte sein Pferd und erwartete den nahenden Volkshaufen. »Männer von Delhi! Der Sieg ist unser, die Faringi sind vernichtet oder entflohen. Es lebe der Großmogul von Delhi!« Ein Jubelgeschrei der zahllosen Menge antwortete. Der Prinz winkte mit der Hand Ruhe. »Hindostani!« fuhr er mit weithallender Stimme fort – »ob ihr den heiligen Lehren des Korans gehorcht, oder den tausendjährigen Gesetzen Bhuddas – unser aller gemeinschaftlicher Feind ist das verfluchte Geschlecht der Faringi. Nieder mit allem, was dem Volk der Faringi gehört! Selbst das Kind im Leibe der weißen Frau möge eure Rache nicht verschonen, damit der Same der Verfluchten nie wieder sein Haupt erhebe an den Ufern der heiligen Ströme. Schmach und Tod! Schmach und Tod den Faringi!« Und »Schmach und Tod den Faringi!« heulte der Ruf der fanatischen Menge, und die Hände wilder Mörder zerrten das unglückliche Mädchen herbei und warfen sie vor die Hufe des Pferdes. »Ein weißes Weib?« fragte der Prinz, der im ersten Augenblick die verstörten Züge des Mädchens nicht erkannte. »Warum tötet ihr sie nicht?« »Es ist die Tochter des Sahib Residenten, Hoheit,« berichtete eine Stimme aus der Menge. »Wir bringen sie dir, um Gericht über sie zu halten!« Der Prinz bog sich über den Hals seines Pferdes und betrachtete die Unglückliche. Ein teuflisches Lachen befriedigter Rachgier zuckte über sein sonst schönes Gesicht. Es war nicht unbekannt in Delhi, daß er vor etwa einem Jahre durch einen Vertrauten dem mächtigen Residenten von Delhi sich zum Gatten seiner schönen Tochter angetragen hatte. Die Ehre, sein einziges Kind mit einem Sprößling des Blutes Timur des Großen zu vermählen, der nicht einmal der wirkliche Erbe dieses Schattenthrones war, konnte jedoch den Residenten nicht verlocken, und er hatte mit beleidigendem Hohn den Vorschlag zurückgewiesen. Er zog eine Börse aus seinem Schalgürtel und warf sie den Männern und Weibern zu. »Allah vergelte euch, meine Freunde, ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen!« Dann wandte er sich, um sein Opfer zu höhnen, zu der Miß. »Du bist die Tochter Sahib Frazers, des Residenten der Faringi in Delhi und trägst den Namen deiner weißen Königin?« fragte er. Die Jungfrau hatte ihn in ihrer Angst erkannt. »Prinz, retten Sie mich vor diesen Entsetzlichen! Bringen Sie mich zu dem Residenten, meinem Vater, und er wird Ihnen ewig dankbar sein für den Schutz, den Sie seinem Kinde gewährt haben!« Der Delhi-Prinz winkte zurück nach seinem Gefolge. »Laßt den Sahib-Residenten mit eigener Zunge ihr sagen, daß die Macht der Faringi ihr Ende genommen!« Mit teuflischem Hohngelächter streckte ihr einer der Mörder auf der Spitze seiner Lanze das blutige Haupt ihres Vaters entgegen. Mit einem gellenden Schrei fiel das Mädchen zu Boden. »Akhbar Jehan hat dem stolzen Sahib der Faringi geschworen, seinen Namen und sein Gedächtnis zu schänden! Der Hund, der sein Blut zu gut hielt, sich mit dem Samen Timurs zu vermischen, soll im Tode noch sich schämen des eigenen Kindes. Reißt dem Weibe die Gewänder vom Leibe!« In Fetzen flog jedes Stück ihrer Kleidung, den sich windenden nackten Leib der Jungfrau drückten freche Hände zu Boden – wilde Megären ihres eigenen Geschlechts hielten die zuckenden bäumenden Glieder – – – Der Prinz war vom Pferde gesprungen – und unter dem teuflischen Hohngelächter, unter dem höllischen Jubel der Menge, die ein Bachanal der Dämonen in wilden Sprüngen zu feiern schien – warf er sich auf die Unglückliche – – – Zehnmal schon hatte die Hand des Offiziers die Waffe erhoben, und jedesmal sank kraftlos der Arm wieder vor der Überzeugung, daß seine Hilfe vergeblich, daß sein tötendes Geschoß nicht die Hälfte des Raumes durchmessen könne. Ein Aufschrei, der im Augenblick, als das junge Mädchen zu Boden gerissen wurde, sein Ohr traf, lenkte seinen Blick zur Seite. Es war Maria, die junge Nonne, die von Angst getrieben zu ihm emporgeklimmt war und jetzt totenbleich mit weitgeöffneten, geisterhaften Augen das furchtbare Schaufpiel anstarrte und die zitternden Hände nach ihm ausstreckte. »O Sir – wenn es wahr ist –wenn Sie mich lieben – retten Sie, retten Sie die Unglückliche!« Der junge Mann nahm sie in seine Arme und zog sie an seine Brust, was sie widerstandslos geschehen ließ. »Das ist kein Anblick für Sie, Maria, der selbst das Männerherz vor seinen Schrecken erbeben läßt! – Es ist unmöglich, der Ärmsten Hilfe zu bringen – Gott allein kann Sie retten und rächen.« Sie lag in Tränen aufgelöst an seiner Brust, während dort unter der greuliche Jubel zum Himmel aufschrie. »O töten Sie mich, Richard, töten Sie mich! Lieber den Tod, als solche Entehrung!« »Bei dem Gott, der über uns ist,« schwor der Offizier, »diese Hand wird selbst den Stahl in Ihre Brust stoßen, ehe Sie den Händen jener Mörder verfallen sollen.« Der Knall mehrerer Flintenschüsse wandte seine Blicke wieder nach jener Seite. Von dem Haus des Kischangar Radscha kräuselte Pulverdampf in die Höhe, – zwei der tanzenden Mörder um die schmachvolle Gruppe hatte das tötende Blei zu Boden gestreckt, andere taumelten und schrien im Schmerz der plötzlichen Verwundung. »Verrat! die Faringi sind über uns!« ertönte das Geschrei und die feige Menge begann nach allen Seiten zu entfliehen. Eine Anzahl von vierunddreißig Europäern mit Frauen und Kindern, darunter mehrere der geflüchteten älteren Pensionärinnen des Klosters, hatten, als sie sich nicht mehr aus der Stadt zu retten vermocht, sich in das steinerne Haus des Kischangar Radscha geflüchtet und dessen Zugänge verbarrikadiert. Akhbar Jehan hatte sich erhoben – sein Antlitz strahlte in teuflischem Triumph, als er auf sein halb bewußtloses Opfer höhnisch niedersah. »Seid ihr feige Parias, daß ihr vor einer Handvoll dieser weißen Hunde entflieht. Schleppt die weißen Weiber, die so stolz auf schwarzes Blut herabzuschauen pflegen, in den Schutz jener Zedern,« befahl er, als von verschiedenen Seiten drei oder vier andere Europäerinnen herbeigeschleift wurden, – »schändet ihr weißes Blut, bevor ihr sie tötet!« Er stieß die Unglückliche, – den reizenden weißen Leib, den er soeben entehrt – mit dem Fuße den Männern des Pöbels, den wütenden Fanatikern zu. »Nehmt die Hündin, die Tochter eines Hundes und besudelt die Gräber ihrer Väter!« »Ram! Ram! Mahadeo!« schrie der Prinz – »der Feldruf der Hindostani sei eure Hochzeitsmusik! Thalo Bhai! Die Houris des Paradieses sind für die Kämpfer des Glaubens!« Unter dem Ram-Geschrei der Krieger stürmte er nach dem Kampfplatz, der jubelnde Zuruf der entfesselten Dämonen begleitete ihn. Der niederste Pöbel stürzte sich auf die unglücklichen Frauen. Das wimmernde Mädchen wurde an den Haaren hinter den mächtigen Stamm eines Baumes geschleift, der Schutz gab gegen die Kugeln der Faringi. Die Unglückseligen wurden jeder Hülle beraubt zu Boden geworfen, und Lastträger, Soldaten, Männer der niedrigsten Kasten und des scheußlichsten Aussehns warfen sich auf sie und befriedigten an ihren widerstandslosen Leibern – nicht ihre Lüste und Begierden, sondern den wütenden, grimmigen Haß einer Nation! . Und wenn die Gier und der Hohn dieser Wollust genug gebüßt war, wenn selbst der niedrigste Gesell des Pöbels sich mit Ekel abwandte von dem entwürdigten Körper, dann waren Megären es, die hundertfache Martern für diesen noch vor wenig Stunden so reinen und keuschen Leib erfanden, welche die Busen aufschlitzten und mit den gierigen Händen in dem zuckenden Fleische wühlten; welche einzeln die nach Hilfe umherkrampfenden Finger der Unglücklichen, ihre Nasen, Lippen und Zehen abschnitten, die Augen ihnen ausdrückten und mit den scheußlichsten Grausamkeiten indischer Tortur ihren Todeskampf verlängerten. Mitleidiger als seine Gefährten, hatte ein Sepoy das Bajonett erhoben, um dem kraftlosen Leibe des schönen Mädchens, das sich einst Viktoria Frazer nannte, den Todesstoß zu geben, als eine jener Megären sich zeternd und schützend über diesen Körper warf und mit dem Ruf, daß die Faringa ihr gehöre, den Soldaten vertrieb. Sie hob die blutunterlaufenen Augen und ließ sie mit Frohlocken im Kreise umherrollen. Willougby erkannte sie mit Entsetzen – es war Aurunga, die Dienerin, die sich ihm im Garten des Klosters entgegengeworfen und die sein Schlag bewußtlos zu Boden gestreckt, noch im Falle die Feindin mit sich ziehend. – – Schuß auf Schuß fiel von dem Hause des Kischangar Radscha – die eingeschlossenen Europäer wehrten sich mit dem Mut der Verzweiflung. Drei Stürme der Sepoys und der Pöbelschar waren von ihnen bereits abgeschlagen worden, mehr als dreißig Hinduleichen deckten ringsum den Boden. »Mem Sahib,« sagte die Hindudienerin voll grimmigen Hohns zu dem leise wimmernden Mädchen – »die Schönheit, auf die du so stolz gewesen bist, hat dich zur Bajadere gemacht, deren Leib jedem Manne sich preisgibt. Es ist Zeit, daß dein Gesicht seine Larve ändert, da du so gut weißt, ins Gesicht einer anderen zu schlagen!« »Erbarmen, Aurunga!« flehte das unglückliche Mädchen – »Erbarmen für das, was ich dir getan, wenn du selbst auf die Barmherzigkeit des Himmels hoffst!« Aber die Furie riß das Haupt ihres Opfers zurück, indem sie mit der Rechten ihr Messer schwang. »Seht her, Hindostani,« rief sie, »wie eine Brahminen-Tochter die Schmach vergilt, die eine Faringa ihrem Antlitz angetan!« Und während ein Kreis von menschlichen Ungeheuern den Körper der Unglücklichen festhielt, machte sie mit dem Messer einen tiefen Einschnitt quer über die weiße Stirn der Gefangenen und rund um ihren Kopf mit der Sicherheit eines skalpierenden Wilden. Dann, während das Geschrei der Gemarterten sich zu einem markdurchdringenden Geheul steigerte, rissen ihre Finger diese so weiße, jetzt blutgetränkte Stirnhaut vom zuckenden Fleisch und von dem ganzen Gesicht, daß dieses nur eine blutige, scheußliche Masse von entblößtem Fleisch und Adern bot. Nicht genug mit dieser unmenschlichen Grausamkeit, zog die Hand mit kräftigem Ruck die Schädelhaut von dem blutenden Haupt, das jetzt einen wahrhaft entsetzlichen Anblick bot. Es ist eine ebenso furchtbare als wunderbare Tatsache, daß die Unglückliche diese entsetzliche Marter ertrug, ohne daß der Tod ihre Leiden sofort endete. Mit dem Jauchzen von der Hölle entstiegener Dämonen rissen diese Teufel in Menschengestalt die Verstümmelte empor und trieben sie unter Hohn und Spott durch die Straßen der Stadt, während die glühende Mittagssonne der heißen Jahreszeit auf das blutende Fleisch brannte. Vergebens flehte die Unglückliche um den Tod – mit den Spitzen ihrer Spieße und Messer trieben die Teufel sie vorwärts. –   Erst gegen Abend ließ das Feuer und der tapfere Widerstand der Europäer in dem zu einer Feste umgeschaffenen, jetzt von den Kanonenkugeln halb zertrümmerten Hause des Kischangar Radscha nach – ihre Munition war zu Ende und damit ihr Mut gebrochen. Den Sepoys gelang es jetzt, das Holzwerk an einer Stelle in Brand zu stecken, und von den Flammen bedrängt, erhoben die Christen, an einen Flintenlauf gebunden, ein weißes Tuch zum Zeichen, daß sie unterhandeln wollten. Der Delhi-Prinz versprach ihnen das Leben und sie ungefährdet aus der Stadt zu entlassen, wenn sie ihre Waffen und alle Kostbarkeiten, die sie bei sich führten, ausliefern wollten. Sie verlangten die Anerkennung dieser Bedingung von dem König selbst, den die beiden fremden Leiter der Empörung bereits in den Straßen der Stadt zum Großmogol oder Kaiser von Delhi hatten ausrufen lassen. Man führte den alten schwachen Herrscher in der Haudah seines Elefanten auf den Platz und er gelobte mit der Hand auf dem Koran die Bedingungen des Vertrages. Jetzt verließen die töricht Vertrauenden den Schutz des Hauses und übergaben ihre Waffen und ihre Habe den Empörern. Aber kaum war dies geschehen, als auf ein Zeichen des wilden Bukthur, der nach der Plünderung des Zollhauses und der Erstürmung der Hauptwache herbeigekommen, die Sepoys sich auf die Unglücklichen warfen und sie trotz des Geschreis und der Gegenbefehle des alten Königs grausam ermordeten. Die furchtbare Szene des Mittags wiederholte sich; während die Männer, von hundert Wunden bedeckt, fielen, wurden die Frauen geschändet und dann grausam verstümmelt und zu Tode gemarert. Kinder wurden in die Luft geschleudert und mit den Bajonetten aufgefangen oder ihnen die Glieder einzeln vom Leibe gerissen. Eine Offiziersfrau, die ihrer Niederkunft entgegensah, wurde geschändet, mit Dolchen aufgeschlitzt und das aus ihrem Leibe gerissene Kind samt der Mutter in die Flammen des Hauses geschleudert, das die Empörer vollends angezündet hatten. Einer andern jungen und schönen Frau wurde ein mit Pulver geladener Flintenlauf in den Leib gestoßen und losgebrannt – die Mörder schrien jubelnd dazu, das seien die Zimmermannskäfer , mit denen die englischen Steuereinnehmer ihre Weiber und Töchter gepeinigt. Das war die gräßliche Vergeltung eines wilden, seit einem Jahrhundert von der Nation, welche die Freiheit und die Menschenrechte auf dem Erdball verteidigt, mißhandelten Volkes!   Der Tag war vergangen, ohne daß es einer Seele eingefallen war, das Mausoleum der Begum von Somroo zu betreten. Irma konnte auf dem Wege zu ihrem Vater verunglückt – es konnten Ereignisse eingetreten sein, die den Babu, den angesehensten Kaufmann der Stadt, verhinderten, augenblicklich etwas für sie zu tun. Es galt also, geduldig dieser Hilfe zu harren. Er war Abend und Nacht geworden unterdes. Von der Höhe des Minaretts sahen sie die Flammen auflodern, welche die Kantonnements verzehrten. An verschiedenen Orten der Stadt flammten andere Feuer in die dunkle Nacht – Freudenfeuer auf den öffentlichen Plätzen, um die der Pöbel und die Sepoys Dämonen gleich tanzten, oder Häuser verhaßter Faringi, welche die wütende Menge bis auf den Grund vertilgen wollte. Beide hatten seit dem Morgen, mit Ausnahme der Erfrischung durch das Wasser des Springbrunnens, keine Nahrung zu sich genommen, und das Bedürfnis danach machte sich jetzt geltend. Marion ließ zwar keine Klage laut werden und unterdrückte mutig die Anwandlungen von Schwäche, aber der Offizier bemerkte sie wohl. »Haben Sie Mut, Marion? haben Sie festes Vertrauen zu mir?« fragte der Offizier mit zärtlichem Ton. Ein leiser Druck der Hand gab ihm die Antwort. »Wie könnte ich zweifeln an Ihnen, der mein einziger Schützer ist,« flüsterte verschämt das junge Mädchen. »Es muß ein Entschluß gefaßt werden, uns mit Nahrungsmitteln zu versehen, bis Irma von sich hören läßt,« fuhr der Offizier fort. »Ihre Kräfte sind zu Ende – sie ertragen es nicht länger!« »O ich –« flüsterte das Mädchen, indem sie die Hand gegen die Brust drückte – »ich fühle mich stark genug –.« Ihr Erbleichen, das Zittern ihrer Stimme verriet das Gegenteil. »Hören Sie mich an, Marion,« erklärte der junge Mann. »Sie sind vorläufig sicher in diesem Versteck, und damit wir hier bleiben können, bis uns Hilfe von außen wird oder die erste Blutgier und Ausschweifung jener Mörder sich gelegt hat, ist es nötig, daß ich die noch herrschende Verwirrung benutze und mich auf eine Stunde hinaus wage. Ich werde suchen, das Haus des Babu zu erreichen. Bleiben Sie hier im Minarett, dessen Tür Sie hinter mir schließen müssen, und öffnen Sie nur, wenn Sie meine Stimme vernehmen. In einer Stunde bin ich zurück, wenn – ich noch unter den Lebenden bin!« Der Offizier ordnete seine Kleidung, um sein Aussehen so sehr als möglich einem Eingebornen ähnlich zu machen, Soeur Maria half ihm dabei, indem sie ihr weißes Kopftuch noch dazu verwendete. Dann geleitete sie ihn die Stufen hinab bis zum Sarkophag der Begum. »Gehen Sie, Sir,« flüsterte die Nonne. »Gott und mein Gebet werden Sie begleiten.« Sie sank an dem kalten Steine nieder auf die Knie – seine Lippen berührten wie ein Hauch ihre reine und keusche Stirn, zum ersten – vielleicht zum letzten Mal im Leben – dann verließ er vorsichtig das Mausoleum. Willougby trat in den Schatten der hohen Mauern, ließ sich an der Seite des Plateaus hinabgleiten und schlich unter dem Schutz der großen Oleander, Geraniums und Myrtenbüsche, nach der Pforte der Mauer. Es gelang ihm, sie wiederzufinden – sie stand offen – und er schlüpfte hinaus auf den Platz. Vorsichtig ging er weiter im Schutz der hohen Bäume. Plötzlich stockte sein Fuß – seine Nerven schauderten – der Strahl des Mondes fiel auf zwei greulich verstümmelte weibliche Leichen, – er befand sich auf der Stelle, wo die Entehrung und Ermordung der unglücklichen Geschöpfe geschehen war. Erst nachdem er seine Fassung wieder gewonnen, vermochte er seinen Weg fortzusetzen. Er erinnerte sich, daß das Haus des Babu Durjan Saul in Jehan Abad unweit der Dschumna-Moschee lag, und um dasselbe zu erreichen, mußte er den Chandy-Choak oder den offenen Platz vor dem Palast kreuzen. – Es gehörte der verzweifelte Mut des jungen Engländers dazu, um das Wagestück zu unternehmen. Den Turban tief in das noch immer von Blut, Pulverdampf und Staub geschwärzte Gesicht gedrückt, die Tschoga um sich geschlagen und die Hand am Griff seines Pistols schritt er vorwärts und befand sich bald mitten in dem Gewühl der Straßen. Ohne erkannt zu werden, ohne ein Abenteuer war der Leutnant glücklich über den Silbermarkt bis in die Gegend der großen Moschee vorgedrungen. Obschon er das Hindostani nur unvollkommen verstand, konnte er aus den um ihn her geführten Gesprächen doch entnehmen, daß die Weißen aus Delhi vertrieben worden, die eingeborenen Truppen sämtlich sich den Empörern angeschlossen hatten und daß von sachkundiger Hand alle Anstalten getroffen wurden, die Stadt des Großmoguls in Verteidigungszustand zu setzen und zum Mittelpunkt der großen Empörung zu machen. Die Tore waren gesperrt, die Wälle und Bastionen mit Schildwachen besetzt, und er sah keine Möglichkeit, mit seinem Schützling die Stadt zu verlassen. Eine tiefe Entmutigung, ein herber Schreck überfiel ihn, als er sich dem Hause des Babu Durjan Saul nahte und sah, daß dieses von dem Pöbel, wie viele andere Häuser und Paläste, in denen Engländer oder solche gewohnt hatten, die für Freunde der weißen Männer galten, – geplündert und halb zerstört worden war. Mit Bedauern gedachte der Offizier des mutigen jungen Hindumädchens, das so aufopfernd ihm beigestanden, die Geliebte zu retten. Es blieb ihm jetzt nichts übrig, als zurückzukehren zu seinem Versteck und zu versuchen, unterwegs sich einiger Lebensmittel mit List oder Gewalt zu bemächtigen. Indem er sich dem westlichen Ende des Chandy-Choak und der dort belegenen schwarzen Moschee nahte, trat er in einer Seitenstraße zu dem offenen Laden eines Bäckers, legte ein Geldstück hin und nahm zwei Brote. Da in diesem Augenblick ein Fackelträger vorbeilief, erkannte jener im Schein dieser Fackel die weiße Hand des Käufers und einen Teil seiner europäischen Bekleidung, der durch die Bewegung des Kaftans sichtbar geworden war. Mit dem Ruf: »Ein Faringi! Tötet den Kaffir!« eilte er dem Flüchtling nach, und ehe einige Minuten vergangen waren, hefteten sich hundert fanatische Verfolger an die Fersen des Flüchtigen. Zu kämpfen wäre hier Torheit gewesen – Flucht war das einzige, was retten konnte. Aber das Gewirr dieser so engen Gassen war ihm gänzlich unbekannt und er mußte sich auf sein gutes Glück verlassen, während bei jedem Schritt ihm neue Verfolger zu erwachsen schienen. Plötzlich sah er in dem matten Dämmerschein der Nacht, daß er in eine Sackgasse geraten war und vor ihm eine Mauer von Mannshöhe seinen Weg versperrte. Schon hörte er das Geschrei, die Tritte seiner Verfolger dicht hinter sich. Der Offizier, der bis jetzt die Brote trotz seiner eiligen Flucht mit sich getragen, ließ diese jetzt fallen, legte die Hände auf die Mauer und schwang sich mit einer verzweifelten Anstrengung seiner Muskeln in die Höhe und über die Mauer hinweg, – als seine Verfolger herbeistürmten, war er bereits aus ihrem Bereich, und bei der geringen Sehnenkraft der Hindus vermochte keiner ihm das Kraftstück nachzumachen. Während sie in das Haus stürzten und einen Eingang zu dem Garten oder Hof suchten, den die Mauer umgab, flog der Offizier über diesen Raum hinweg und schwang sich mit gleicher Kraft und Gewandtheit über die Wand auf der entgegengesetzten Seite. Er befand sich jetzt in einer ziemlich einsamen Gegend, wohin der Lärm der Verfolgung noch nicht gedrungen war, und indem er vorsichtig vorwärts eilte, tonnte er bald sich als der Gefahr glücklich entgangen ansehen, und einen Augenblick ausruhen, um von der gewaltigen Anstrengung zu verschnaufen. Indem er nach kurzer Erholung seinen Weg fortsetzte, fand er sich zu seiner Freude auf einem der großen Friedhöfe, die sich im Innern der Stadt an beiden Ufern des Kanals bis in die Nähe des Simreh-Palastes hinziehen. Er folgte der Richtung, die er jetzt einzuschlagen hatte, als das Vorüberstreifen einiger menschlichen Schatten zwischen den Bäumen und Gräbern, und das Geheul der Hunde ihm den Zweck in das Gedächtnis rief, zu welchem die Ausgestoßenen des Menschengeschlechts und die herrenlosen Tiere zur Nacht die Stätte der Gestorbenen durchziehen. Es ist ein Jahrtausende alter religiöser Gebrauch der Hindu, auf den Gräbern ihrer Lieben Speisen und Nahrungsmittel auszusetzen für die Geister, die in der Zwischenzeit der Wandlungen durch das Weltall schweifen. Die Vorsehung ließ ihn an zwei oder drei Stellen eine Anzahl Kuchen aus Weizenmehl, an einer anderen ein Säckchen mit Reis und verschiedene Früchte finden. Er war glücklicher, als hätte er einen großen Schatz aufgetan – in diesem Augenblick war das Brot mehr für ihn wert, als alle Diamanten Golkondas. Mit seinen Schätzen beladen, die er sorgfältig sammelte und in das Tuch der Nonne einknotete, machte er sich jetzt auf den Weg, die Verlassene und ihr gemeinsames Asyl wieder zu erreichen. Schon hatte er glücklich die ihn von dem Platz des Simreh Bagh trennenden Straßen durchschritten, als aus dem dunklen Schatten vom Fuß einer der mächtigen Bäume her ein klägliches Stöhnen sein Ohr traf. Der Gedanke, daß einer seiner unglücklichen Landsleute hier hilflos liegen könne, durchfuhr seine Seele, und er näherte sich entschlossen dem Ort und fragte mit leiser Stimme in schlechtem Hindostani, wer dort sei. Ein erneuertes Stöhnen antwortete ihm, dann vernahm er zwischen schmerzlichem Wimmern die Worte in englischer Sprache: »Wer du auch seist – Christ oder Hindu! Wenn du auf die Barmherzigkeit deines Gottes hoffst, so ende meine Leiden und töte mich!« Jede Rücksicht auf seine eigne Sicherheit aus den Augen setzend sprang er auf die Stelle zu, wo die wimmernde Gestalt lag, hob sie empor und trug sie an das Licht des Mondes. Entsetzlicher Anblick! – diese mit Schmutz und Blut bedeckte Gestalt war ein nacktes Weib – dieser scheußliche, nicht mehr menschenähnliche, der Haut und des Haares beraubte Kopf, es mußte der Viktorias – des schönen, glänzenden Mädchens sein, dessen Rang und Reize noch vor wenig Stunden ihr alle Freuden, allen Glanz des Lebens versprachen. »Richard! Richard Willougby,« flüsterte die heisere Stimme der Geschändeten, »dich habe ich geliebt, so erbarme du dich mein, da Gott kein Erbarmen für mich hatte. Gib mir das einzige, was du noch geben kannst, den Tod!« Er weinte laut. »O wie es brennt – wie heiß – wie glühend! Flammen verzehren mein Gehirn und der Frost bebt durch meine Glieder!« wimmerte das Mädchen. »Barmherziger Himmel – Wasser, Wasser! – Kühlung für diese Glut!« Der Mann sprang empor – er dachte nicht mehr an sich selbst – nicht an die Geliebte. Er riß den Kaftan von seinen Schultern und hüllte den verstümmelten Leib darein, hob die Unglückliche auf seine Arme und rannte mit ihr quer über den Platz durch Schatten und Mondschein nach der Pforte des Hofes um den Palast der Begum. Wenige Augenblicke darauf stand der Offizier, ohne daß der Blick eines Spähers oder eines zufälligen Verräters ihn belauscht, atemlos am Eingang des Grabmals, lauschte vorsichtig nach dem Innern und betrat dann mit seiner Bürde die Rotunde. Er klopfte dreimal an und nannte den Namen der Nonne. Sogleich wurde der Riegel zurückgeschoben und die zierliche Gestalt der Französin erschien in dem dunklen Rahmen. »Den Heiligen sei Dank, die Sie glücklich zurückgeführt,« sagte das Mädchen. »Ich habe mich fast zu Tode geängstigt über Ihr langes Fortbleiben, Sir, und nur das Gebet war mein Trost!« An der Wärme ihrer Worte hätte der junge Offizier zu seiner Freude das Gefühl beurteilen können, was ihr Herz erregte, wenn das seine nicht in diesem Augenblick von anderen Empfindungen zu sehr erfüllt gewesen wäre. »Noch einmal, Marion, muß ich Sie fragen, haben Sie Mut – Mut, etwas Schreckliches zu ertragen?« Sie erbebte, faßte sich aber bald. »Mit der heiligen Jungfrau Hilfe und – wenn Sie mich nicht verlassen, will ich alles ertragen, was Gott über uns verhängt.« »Dann bereiten Sie sich auf ein Werk der Barmherzigkeit vor, auf einen erschütternden Anblick – auf ein Leiden ohne Namen! – ich bin nicht allein zurückgekehrt!« Ein schweres Seufzen vom Sarkophag her bestätigte seine Worte, dann folgten von dem Stöhnen des Schmerzes unterbrochen die Worte: »Wasser! Wasser! Richard Willougby, verlasse mich nicht noch einmal!« Die Nonne drängte den Offizier zur Seite. »Heilige Ursula! – das ist Viktorias Stimme!« »Viktoria! liebe, teure Viktoria!« rief die Nonne, – »Gott der Allmächtige hat Ihre Leiden gesehen – seine Gnade wird mit Ihnen sein!« Sie bemühte sich, die Unglückliche in den vom Mondlicht erhellten Raum zu ziehen, als sie plötzlich entsetzt zurückbebte. Das hautlose Antlitz mit dem blutigen Fleisch, das infolge der Sonnenhitze des Tages bereits an vielen Stellen zu schwären begonnen, starrte ihr gleich einem Medusenhaupt entgegen. Die Verwundete stieß sie heftig zurück. »Fort, Schlange! Zu all meinem Elend auch deinen Anblick noch! – Du bist es, die er gerettet, um mich den Mördern zu überlassen. Deine Rose! Deine Rose! – Fluch dir und allem, was den Namen Mensch trägt!« Dann sank sie zurück, von den Schmerzen überwältigt. »Hilfe! Hilfe! Ich verbrenne!« »Hören Sie nicht die Worte der Unglücklichen!« stammelte vernichtet der Offizier. »Der Todesschmerz beraubt sie ihrer Sinne und läßt sie einem Engel fluchen.« Im nächsten Augenblick schon kniete sie neben der Frau, deren wahnsinniger Schmerz noch soeben den Fluch auf ihr unschuldiges Haupt herabgerufen hatte, und benetzte die entsetzlichen Wunden mit dem klaren Wasser. Das Gefühl der Frische tat der Unglücklichen offenbar wohl und sie ließ alles geduldig mit sich vornehmen, was die Nonne für zweckmäßig hielt, um ihre Leiden zu erleichtern. Soeur Marie winkte dem Offizier jetzt, sie einige Augenblicke mit der Kranken allein zu lassen. Willougby begriff, daß sie eine Pflicht der Weiblichkeit, der edlen Schamhaftigkeit an ihr zu erfüllen hatte, und er benutzte die Gelegenheit, um die erbeuteten Lebensmittel in dem Minarett in Sicherheit zu bringen und von der Höhe desselben sich zu überzeugen, daß auch kein Verfolger ihre Zufluchtsstätte entdeckt habe und sie bedrohe. Während der Zeit setzte die junge Nonne ihr Werk der Barmherzigkeit fort. Plötzlich stürzte Willougby die Treppe des Minaretts herunter – sein ganzes Wesen zeigte die höchste Aufregung, den Schrecken vor einer drohenden Gefahr. »Um Gottes willen schnell fort von hier, Miß,« flüsterte er, »geschwind in den Turm – Fremde sind vor dem Mausoleum, ich fürchte, sie kommen hierher!« Er sprang auf die Leidende zu, hob sie in seinen Armen auf und eilte mit ihr in das Innere des Minaretts. Marion, mit Geistesgegenwart alles zusammenraffend, was sie verraten konnte, folgte ihm. Durch die Öffnungen der Galerie konnten sie genügend den Platz vor dem Grabmal übersehen. Eine Anzahl Sowars hielt zu Pferde vor den Stufen des Mausoleums, die nach außen auf den Platz führten. Der Schein der Fackeln, die fünf oder sechs Fackelträger zwischen ihnen erhoben, erhellte in Verbindung mit dem Mondlicht die Umgebung. In der Mitte des Halbkreises, den die Krieger bildeten, hielten zwei Reiter. Es waren der Derwisch Sofi und Tukallah oder Tantia Topi, der Mahratten-Häuptling, der Gumru der Thugs. Der Sirdar wandte sich um zu den Kriegern. »Der heilige Mann von den Ufern des Vaters der Ströme, der die Kaaba von Mekka gesehen, den heiligen Stein geküßt hat und von dem Großherrn aller Moslems gesendet ist, damit er unsere Brüder und uns, die wir von Bhudda stammen, von der Herrschaft der Kaffir befreien helfe, er wird mit mir in das Grabmal der Begum eintreten, unser Gebet für das Heil Indiens dort zu verrichten. Daß niemand es wage, der Stätte zu nahen das Gelübde, das wir erfüllen, zu stören! Bei eurem Leben!« Die beiden Männer schritten die Marmorstufen hinauf zu dem Plateau, das freistehend auf allen Seiten das Mausoleum trug, nachdem jeder von ihnen eine Fackel genommen. – – Der britische Offizier hatte alle ihre Bewegungen mit den Augen verfolgt. »Kein Laut – keine Regung!« flüsterte er, »die Gefahr ist da – Marion, denken Sie an Ihren Schwur!« Er glitt, jedes Geräusch vermeidend, die Wendelstiege hinunter und befand sich in einem Augenblick an der inneren Seite der verschlossenen Tür. Zu gleicher Zeit erschienen der Derwisch und der Mahrattenhäuptling im Eingange des Mausoleums. Der Schein ihrer Fackeln erhellte die Rotunde und spiegelte sich an dem grünen Marmor des Sarkophags. Willougby konnte deutlich durch die kleine Gitteröffnung der Tür jeden Vorgang im Innern des Mausoleums sehen und die beiden Fremden beobachten. Der Mahratte steckte seine Fackel in einen Ring an der Mauer und durchforschte mit einem Blick den Raum. Dann ging er geradeswegs auf die Tür des Minaretts zu und legte die Hand auf das Schloß. Hinter der Tür kauerte der Engländer, die Hand am Drücker seines Revolvers, entschlossen, mit seinem Leben die beiden Frauen zu verteidigen. Tantiah Topi rüttelte an der Tür und legte das Auge an die Öffnung derselben. Das tiefe Dunkel, welches das Innere des Minaretts erfüllte, und der Widerstand der Tür überzeugten ihn jedoch, daß diese verschlossen und ein Lauscher von dieser Seite nicht zu fürchten sei. Er kehrte zurück nach dem Eingang des Mausoleums. Besser vertraut mit solchen Einrichtungen, als der junge Offizier, beseitigte er leicht das Hindernis, das ihre Schließung verhindert hatte, indem er die Ketten öffnete. Das Tor drehte sich jetzt leicht in seinen Angeln und wurde von der Hand des Mahratten verschlossen. Willougby hatte bereits sich überzeugt, daß der geheimnisvolle Besuch des Grabmals durch die beiden Fremden nicht seiner Verfolgung und Entdeckung gelten konnte, sondern einen anderen Zweck haben mußte. Der Mahratte war zu dem Derwisch zurückgekehrt, der, die Arme übereinandergeschlagen, vor dem Sarkophag stand und diesen in trüben Gedanken versunken betrachtete. »Es ist Zeit!« sagte der Sirdar. Der Derwisch fuhr aus seinen Träumen empor. »Einen Augenblick noch, Tukallah,« sprach er. »Bei dem Anblick dieses Grabes, das die Gebeine einer merkwürdigen Frau umschließt, tauchen so manche Gedanken in der Erinnerung auf. Welche seltsame Verbindung von Personen und Namen hat unser Schicksal hier vereint. Der Glaube der Moslem, deren Gewand ich trage, an das Kismet, er ist das einzig Wahre!« Der Mahratte antwortete nicht, sein Äußeres bewahrte die finstere Gleichgültigkeit, die ihm eigen war. »Sie war die Freundin,« fuhr der Derwisch fort, – »eine Tradition sagt: eine Zeitlang selbst die Geliebte meines Großoheims, des Generals Ochterlony, dessen Name noch in ganz Indien lebt, dessen Denkmäler seinen Ruhm verkündigen. Seltsames Verhängnis,« fuhr er fort, »das mich zu dem Sarge der Frau führt, deren Enkelin diese Hand getötet haben soll – diese Hand, die so oft in Liebe und Leidenschaft um jenen weißen und schönen Hals geschlungen war, den sie erdrosselt haben soll! Noch liegt der Schleier jener geheimnisvollen und furchtbaren Tat auf meiner Seele. Fluch der Hand, die den Mord vollbracht, der den Namen Ochterlony den Mördern und Empörern zugesellt!« Der Mahratte sah ihn mit funkelndem Blick an. »So bewahrt Ihr die Rache für den, welcher Lady Savelli, Eure Feindin, getötet?« »Sie war einst meine Freundin! – Bei diesem Kreuze – Wehe dem Mörder, wenn die Hand Gottes je den Schleier seines Geheimnisses lichtet!« Der Mahratte wandte sich ab. »Es ist Zeit, daß wir an unser Geschäft gehen. Du hast das Dokument aus der Kiste der Begum?« »Hier ist es.« »Und hier ist der Sarkophag, von dem es spricht! Laß uns beginnen.« »Seltsame Frau,« sagte der Derwisch, indem er ein Stemmeisen und einen Hammer aus seinem Gewande zog. »Lange Jahre die Freundin und Bundesgenossin der Engländer, hat sie den Tag vorausgesehen, an dem Indien sich gegen die Herrschaft der Fremden erheben würde.« Sein Schlag löste den Mörtel, – nach der Arbeit von etwa einer Viertelstunde, deren Geräusch der Mahratte durch das laute Hersagen von Gebeten übertönte, war die Verbindung gesprengt. Die beiden Männer faßten den Steindeckel des Sarkophags, ein Ruck, – er löste sich und sie hoben ihn ab. Eine Decke von Asbest verhüllte die Stätte des Moders. Der Mahratte schlug mit jener Ruhe, welche die Orientalen den Schauern des Grabes gegenüber auszeichnet, das unvergängliche Linnen auseinander – der Schein der beiden Fackeln fiel auf die Leiche. »Lies das Pergament jetzt noch einmal,« sagte der Mahratte, »es ist nötig, daß wir auf alle Zeichen achten.« Der Derwisch trocknete seine bleiche Stirn. Dann nahm er ein Pergament aus dem Busen, öffnete es und las es. »Im Namen des allmächtigen Gottes der Christen, im Namen Allahs, im Namen Brahmas, Wischnus und Schiwas. Ich, Zeeb al Rissah, Zierde ihres Geschlechts, der Beiname, den die Begum von Schah Aulam erhalten hat genannt Sumrih, die Begum von Scherdhana, habe dieses geschrieben am sechsten Tage des Monats Zilkaddé im Jahre 1237 des Hegira und dem 1822sten Jahre nach der Zeitrechnung der Faringi. Da ich fühle, daß ich in die Wandlungen des Paradieses eingehen werde, gedenke ich an das Volk, dem ich angehöre. In fünfmal fünf Jahren nach meinem Tode wird etwas Weißes von den Ufern der heiligen Ströme verschwinden! Wenn der Mann, dem Gott mein Erbe gegeben, dann ein Herz für sein Volk hat, möge er meinen Sarg öffnen. Er wird in meiner linken Hand finden, was helfen mag, Indien seinen eingeborenen Fürsten zurückzugeben; denn es ist nicht gut, daß die Kinder der heißen und der kalten Sonne zusammenwohnen. Möge der Gott der Christen mir verzeihen, was ich für die Söhne des Propheten und Bhuddas, meine Brüder, tue. Betet für die Begum von Sumrih, ihr, die ihr diese Schrift lesen werdet!« Der Derwisch überwand seinen Widerwillen und löste die Hand der Toten von dem Kruzifix. Ein kleiner goldener Gegenstand fiel heraus. »Das ist ein Schlüssel – aber wozu führt er, welches Geheimnis soll er uns öffnen?« »Du hast die Pergamente alle geprüft, die sich in dem Kasten fanden, den der Nena für Dyce Sombre, meinen unglücklichen Mayadar, als Erbe bewahrt hatte?« »Der Nena selbst, Doktor Walding und ich haben auf das Genaueste die Dokumente gelesen. Außer den Juwelen und den Urkunden der Güter enthielt er nur diese Handschrift der Begum.« »So müssen wir weiter suchen.« Er prüfte den Schlüssel genau. »Sieh hier!« Er zog aus der Höhlung desselben einen fein gerollten Pergamentstreifen. »Lies!« »Das Blatt enthält nichts als eine rote Zeichnung. Wenn ich mich nicht täusche, soll es den Umriß dieses Steinsarges darstellen.« Der Mahratte besah genau das Blatt. »Da ist eine Hand, die nach einer Richtung zeigt. Auf dieser Stelle befindet sich ein Punkt, – laß uns suchen an dem Stein, ob wir ihn finden!« Mit Hilfe der Fackeln untersuchten beide Männer auf das Genaueste das Grabmal. » Very well !« rief der Derwisch, »hier ist eine Öffnung, in die der Schlüssel passen muß.« Es war der erste Ausruf in englischer Sprache, der dem Begleiter Tantiah Topis entschlüpfte, denn bisher hatten beide sich im Gespräch des Hindostani bedient. Der Sirdar probierte den Schlüssel, er paßte. Nach einigen Versuchen hörte man ein Klappen von Federn, das aus dem Innern des Grabmals zu kommen schien, aber es zeigte sich keinerlei Öffnung, wie die Männer erwartet hatten. Willougby hielt das Auge an das Gitter gedrückt, damit keine Bewegung ihm entgehen möge, – er war fast ebenso gespannt auf die Entwicklung, wie die Interessierten selber. Der Derwisch hatte noch einmal die Zeichnung zur Hand genommen und sie geprüft. Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen. »Hier ist ein Kreis gezeichnet – das ist's! Laß uns von dieser Seite unsere Kräfte probieren.« Die beiden Männer stemmten ihre Schultern gegen die Seite des oblongen, etwa vier Fuß hohen Piedestals, das den Sarg trug, – ein schnarrendes Geräusch ließ sich hören, der mächtige Steinblock begann sich zu bewegen, drehte sich wie auf einem Zapfen und ließ eine eiserne Falltür zwischen den Stufen des Unterbaues zum Vorschein kommen. Der Mahratte zog den Ring und hob sie in die Höhe. Ein trockener, dumpfer Luftzug strömte aus der Öffnung und drohte einige Augenblicke die Fackeln zu verlöschen. »Hast du die Lampe bei dir, Tukallah?« Der Mahratte zog eine kleine eherne Lampe von antiker Form aus seinem Gürtel, öffnete sie und zündete sie an dem Licht der Fackeln an. »Laß uns hinuntersteigen, das Erbe der Begum zu beschauen,« sagte er. »Der Weg ist geöffnet.« Beide Männer nahmen ihre Handjars zur Hand, dann stieg der Mahratte, die Leuchte hochhaltend, voran die Stufen hinab, welche in die gähnende Öffnung führten; der Derwisch folgte ihm. Der britische Offizier mußte an sich halten, um nicht die Tür seines Verstecks zu öffnen und zu folgen, so groß war die Macht der Versuchung, der Neugier. Er entschloß sich, zu warten. Es verging eine Viertelstunde – durch kein Geräusch unterbrochen, als das seiner eigenen Atemzüge. Dann stahl sich der erste matte Schein der Lampe aus der Tiefe auf die obersten Stufen der geheimen Treppe. Zugleich fühlte er leise seinen Arm berührt und hörte ängstliche Atemzüge dicht an seinem Ohr. Er wandte sich um – der schmale, dämmernde Lichtstrahl, der durch die vergitterte Öffnung der Tür fiel, ließ ihn das bleiche Gesicht der Nonne erkennen. »Um der Heiligen willen – was geht vor, Sir! warum kehren Sie nicht zurück? – ich ängstige mich zu Tode mit ihr allein!« Er preßte die kleine Hand. »Still, Marion – keinen Laut! Sehen Sie selbst!« Aus der Tiefe stiegen zuerst der Derwisch, ihm folgend der Mahratte. Jeder von ihnen trug einen anscheinend schweren Beutel von Ziegenleder. »Laß uns zuerst alles in Ordnung setzen,« sagte der Mahratte, indem er sich gegen den Stein stützte und diesen wieder in seine Fugen drehte – »dann müssen wir beschließen, wie wir den Schatz in Sicherheit bringen.« »Wir haben hier zwei Lack Rupien in goldenen Mohurs,« meinte der Derwisch, »das wird für die Kosten der Befestigung und andere Ausgaben genügen, während die Babus den Sold der Truppen bezahlen müssen. Laß uns sogleich dem Nena Botschaft senden von dem, was wir gefunden. Der Schatz muß in Sicherheit gebracht werden, um den Zweck zu erfüllen, zu dem die Begum ihn gesammelt. Der Araber mit seiner Praua, der Dhulip Singh befreien half, möge seine Segel nach Delhi spannen, er ist ein Mann, dem man vertrauen kann und er kann unbemerkt das Gold nach Bithoor schaffen; denn ehe der Mond wächst, werden wir die Faringi und ihre Sklaven rings um Delhi haben, und die Habsucht des Königs und seiner Söhne ist groß genug, um dem Besitz dieses Goldes die Freiheit Indiens zu opfern.« »Du hast recht,« sagte der Mahratte, »das Gold muß in Sicherheit gebracht werden. Tod jedem, dessen unberufenes Späherauge in das Geheimnis dringt.« »Ich kenne Männer,« sagte finster der Gumru, »die auf einen Wink von mir auf der Schwelle der Tür schlafen werden, und wehe dem Unberufenen, der ihr naht. Es wird sich ein Vorwand finden, einen Posten Tag und Nacht an die Pforte dieses Ortes zu stellen – und der Schlüssel bleibt in unseren Händen.« Sie schlossen den Mechanismus und legten den Schlüssel wieder in den Sarg: dann hoben sie dessen Steindeckel auf, schoben den abgesprengten Mörtel zur Seite und stellten die Lampe in einen Winkel. Die Fackeln waren fast niedergebrannt, als sie die schweren Goldbeutel in ihre weiten Gewänder verbargen und sich dem Ausgang nahten. Willougby hatte von der Unterredung genug begriffen, um die Gefahr zu erkennen, die sie aufs neue bedrohte. Noch war er zu keinem Entschluß gekommen, als die Pforte bereits in ihren Angeln knarrte – ein Augenblick, und sie schloß sich hinter den beiden Männern und man hörte das Knirschen des Schlosses, das seine Riegel vorschob. »Der heiligen Jungfrau sei Dank,« sprach schwer aufatmend das Mädchen, – »die Gefahr ist vorüber, wir sind gerettet!« »Unglückliche, du irrst! nur ein Wunder kann uns retten – wir sind lebendig begraben!« Von allen Seiten strömten jetzt die bewaffneten Horden und Scharen meuterischer Sepoys nach Delhi, sobald der Ruf der Erhebung durch das Land erscholl. Die Umsicht und Tätigkeit des Mannes, der unter dem Namen des Derwisch Sofi bekannt war, unterstützt durch das Ansehen Tantiah Topis, richtete sich hauptsächlich darauf, die Stadt zum Widerstand gegen den täglich erwarteten Angriff der europäischen Truppen fähig zu machen. Indes General Hevitt, anstatt mit den englischen Regimentern von Mirut und den Umballah-Truppen, die größtenteils aus Sikhs und Ghurkas bestanden und daher treu geblieben waren, die Rebellen zu verfolgen und einen Angriff auf Delhi zu unternehmen, sandte erst Botschaft an die Generale Barnard und Anson, den Kommandeur der Armee von Bengalen, und die Zögerung des letzteren, welcher erst wochenlang bemüht war, Truppen bei Kurnaul zusammenzuziehen, ließ den günstigen Augenblick verstreichen und schon nach wenigen Tagen war die Zahl der Aufständischen in Delhi auf zehntausend Mann gestiegen, so daß die Empörung nicht mehr durch einen tapferen Handstreich, sondern nur durch einen Feldzug und eine Belagerung besiegt werden konnte. Den sämtlichen Truppen wurde ein zweimonatlicher Sold ausgezahlt und die Tagesrationen wurden festgesetzt. Man hatte Überfluß an Geschütz und Munition, da die Arsenale und Magazine, mit Ausnahme des in die Luft gesprengten, mit all ihren Vorräten in die Hände der Empörer gefallen waren. Einen Mangel an Lebensmitteln und Fourage brauchte man gleichfalls nicht zu befürchten, da für jetzt alle Zugänge frei waren, und selbst beim Heranrücken der Briten ihre Macht nicht so stark sein konnte, um die Zufuhr abzuschneiden. Während auf diese Weise im Innern für die Verteidigung der Stadt gesorgt wurde, durchzogen Abteilungen der Reiter die Gegend, wiegelten die Garnisonen der benachbarten Städte auf, zündeten die Häuser der Europäer an, ermordeten die Steuereinnehmer und raubten aus dem Schatze in Gurgohe 784( )000 Rupien, die sie nach dem Königspalast in Delhi brachten, in dem man bald über 2 Millionen Rupien angehäuft hatte. Im Innern der Stadt war jetzt eine größere Ordnung und Sicherheit hergestellt, so daß die reichen Kaufleute und Babus, von denen sich viele geflüchtet und verborgen hatten, wieder zum Vorschein kamen und mit ihren Mitteln die Verbreitung der Erhebung unterstützten. Am elften Tage nach der Vertreibung der Engländer aus Delhi versammelte der König die Babus und sie verstanden sich dazu, jedem Soldaten täglich 4 Annahs 1 Annah = 1 2 / 5 Silbergroschen; der sechzehnte Teil einer Rupie an Sold zu zahlen. Es war jetzt kein Haufen von Empörern mehr, der den Engländern gegenüber stand, es war eine geregelte Armee. – – – – – – Tantiah Topi und der Derwisch Sofi hatten, um das Geheimnis des Sarkophags sorgfältiger zu bewahren, ihre Wohnung im alten Palast der Begum selbst aufgeschlagen. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, hatten sie das Grabmal nicht wieder betreten, aber ein Posten aus der Schar der Thugs hielt Tag und Nacht Wache vor dem verschlossenen Tor des Mausoleums. Wllougby hatte wohl recht, als er mit der Sperrung der Tür sich und die Seinen lebendig begraben wähnte. Nur im Dunkel der Nacht durften sie wagen, auf der Galerie des Minarett frische Luft zu schöpfen. Die Lebensmittel reichten bei der größten Sparsamkeit nur für etwa acht Tage. Noch immer hofften die Unglücklichen auf ein glückliches Ereignis, auf eine Hilfe von außen – auf Irma und ihren Vater! Die Hitze in dem engen Raum des Minaretts war in dieser Jahreszeit unerträglich, die Luft dumpf und schwül und das Leiden der drei Personen wahrhaft entsetzlich. Die Leiden der jungen Engländerin überstiegen jede Beschreibung. Infolge der glühenden Hitze begann das seiner Bedeckung entblößte Fleisch zu faulen. Am fünften Tage trat der Brand in die Wunden; der Anblick, den die Kranke bot, war ebenso grauenhaft für das Auge, wie ihre Nähe für die anderen Sinne. Dennoch verließ die Nonne sie fast keinen Augenblick. – Willougby trug ihr fortwährend Wasser aus der Fontäne des Mausoleums zu. Jedes irgend entbehrliche Stück ihrer Unterkleider hatten beide verwendet, um Kompressen und Binden für die Kranke zu machen. Der Offizier hatte sich entschlossen, das Geheimnis jener beiden Männer zu verfolgen, in der Hoffnung, dabei vielleicht einen Ausweg aus dem Gefängnis oder irgendeine Hilfe zu entdecken. In einer Nacht, während die Nonne den fieberhaften Schlaf der Kranken bewachte, zündete er mit Pulver die Lampe an, welche der Mahratte in dem Gebäude zurückgelassen. Obschon er nur unvollkommen hatte beobachten können, gelang es ihm, die Öffnung des Schlosses zwischen den vergoldeten Metallverzierungen zu finden. Zwar fehlte ihm der Schlüssel, als er aber einige kleine Schlüssel, die er bei sich führte, probierte, paßte der eine, und er hörte bei dem Umdrehen dasselbe Geräusch im Innern des Grabmals. Indem er seine Kraft gegen den Stein anwandte, gelang es ihm, diesen in seinen Angeln zu drehen und den unterirdischen Zugang zu öffnen. Willougby begann die Stufen hinabzuschreiten und zählte deren fünfundvierzig. Die letzte schloß sich an einen Gang, der in gerader Richtung etwa zwanzig Schritte fortführte. An seinem Ende befand sich eine eherne Tür. Der Offizier fand sie unverschlossen und stieß sie auf; er trat in ein rundes kellerartiges Gewölbe, dessen Quaderwände leider keinen anderen Ausgang zeigten. Rund umher an den Wänden standen offene Kisten, bis an den Rand mit Silbermünzen, silbernen und goldenen Gerätschaften aller Art, oder Beuteln, die nach dem Klange Gold enthielten. Auf einem Steinsitz am anderen Ende des Gewölbes befand sich ein kleiner Koffer, dessen Deckel geöffnet war. Indem er näher trat, blitzte ihm der hundertfache Farbenglanz prächtiger Edelsteine und Geschmeide entgegen. Inmitten dieser Schätze, deren Wert mindestens vier bis fünf Kronen betragen mußte, glaubte er sich in die Zauberhöhle Aladins versetzt und betrachtete mit einem gewissen Bangen diese Haufen von Gold und Silber, die dazu dienen sollten, das Blut seiner Landsleute zu vergießen. Nachdem er sich auf das Genaueste an den Wänden überzeugt hatte, daß kein Ausgang weiter vorhanden, beschloß er, umzukehren. Er füllte seine Taschen mit goldenen Mohurs und indem sein Blick nochmals auf den Juwelenkasten fiel, nahm er eine Agraffe und ein Band von Diamanten und Rubinen, die er für die kostbarsten der Schmucksachen hielt, und steckte sie zu sich. Hierauf stieg er die Treppe wieder hinauf, drehte den Sarkophag wieder an seine Stelle und vertilgte sorgfältig jede Spur seines Eindringens. – Er konnte den Frauen die Nutzlosigkeit seines Besuches nicht verhehlen – mit jeder Stunde schwand ihre Hoffnung immer mehr, wurde ihre Lage immer furchtbarer. Am siebenten Tage ihrer Leiden nahte für die Tochter des Residenten die Erlösung. Seit mehreren Stunden schon war der Schmerz verschwunden – das stete Zeichen des herannahenden Todes nach dem Eintritt des Brandes. Es war bei dem Scheiden des Tages von der Nacht, als sie flüsternd Schwester Maria bat, den Offizier zu rufen. Beide trugen auf jede Gefahr hin die Sterbende in den Raum der Rotunde und betteten sie auf die harten Stufen des Sarkophags. »Ich fühle es,« sagte die Kranke, »meine Stunde ist gekommen. Maria, können Sie der Unglücklichen, so unerhört über Menschenkräfte Geprüften, verzeihen, daß sie an Ihnen gefrevelt.« »Arme, liebe, unglückliche Viktoria,« flüsterte die Nonne, – »dieses Herz hat nur Liebe für Sie, und Gott weiß es, mein Leben wollte ich willig hingeben, wenn ich Ihre Leiden mildern könnte!« »Richtet mich auf,« bat die Sterbende. »Die Nacht kommt – die furchtbare Nacht! Richard Willougby, liebe sie, liebe sie mit allen Kräften deiner Seele! Möge mein Tod euch die Freiheit und das Glück erkaufen – flieht! flieht dieses Land, das doppelt verflucht ist! – Deine Hand, Richard Willougby, den mein junges böses Herz liebte! – Deine Hand, Maria – die ich so tief unter mir dünkte.« – – – Sie faßte mit krampfhaftem Zucken um sich – Beide reichten ihr die Hände, die sie zusammenzog und festhielt. »Seid im Tode gesegnet – – ewig – ewig –« »Sie hat vollendet – wohl ihr!« Nur das leise Weinen der jungen Nonne antwortete ihm. Die bis zum letzten Augenblick in gewaltsamer Spannung erhaltenen Nerven fanden Beruhigung in dem so lange unterdrückten Tränenstrom. – – – Die Tote hatte überstanden – die furchtbarste Prüfung der Überlebenden sollte jetzt erst beginnen! Am neunten Tage waren die Lebensmittel zu Ende, auch die letzte Krume der Chuppaties war verzehrt. – An der Leiche der jungen Engländerin, im Angesicht dieses grausigen und entsetzlichen Schicksals hatte der Offizier das junge Mädchen an sein Herz gedrückt und sich selbst und ihr gelobt, mit ihr zu leben oder zu sterben. Dieser Liebe, diesem Entschluß gegenüber fand die Nonne nicht mehr die Kraft des kalten Widerstrebens, die Erinnerung an das Gelübde, das sie von der Liebe schied. Sie liebten einander, sie lebten mit einander und waren bereit, mit einander zu sterben. Dann kam der körperliche Schmerz – der Hunger! Die Kräfte des jungen Mädchens schwanden, ihr sanftes Auge war bereits matt und unstät. Sie waren übereingekommen, bis zum nächstfolgenden Abend die Qualen zu ertragen, und wenn bis dahin kein günstiger Zufall eingetreten, mit einander zu sterben. Marion hatte jetzt selbst von ihrem Geliebten verlangt, daß seine Hand ihr den Tod geben solle, um sie der Schmach zu entziehen. Im Laufe des Tages hatten sie häufig vermehrte Bewegung in der Stadt wahrgenommen, das sachverständige Auge des jungen Soldaten erkannte, daß mit Eifer an den Maßregeln der Verteidigung gearbeitet werde. Es war an dem Tage eine erdrückende Hitze gewesen, 109 Grad , eine schwüle Luft, welche die Brust belastete und kaum das Atmen den beiden Europäern gestattete. Gegen Abend türmten sich Wolkenberge an der Dschumna herauf und feurige Blitze zischten wie züngelnde Schlangen durch das Dunkel. Eines jener heftigen Gewitter, wie sie nur die Tropen kennen, zog herauf. Etwa eine Stunde vor seinem Ausbruch, gleich einer dreisten Herausforderung der Donner Gottes, schmetterten Trompeten, Fanfaren und der scharfe Klang der Metallbecken durch die Abendluft, eine Schar von 50 Reitern in reichen orientalischen Gewändern und Waffen kam in Galopp von der Brücke her über den Platz und ritt vor dem Palast der Begum auf. Der Offizier, der trotz seiner verzweifelten Lage und seiner körperlichen Leiden jedes militärische Schauspiel auf das Lebhafteste interessierte, bewunderte die außergewöhnlich gute Haltung dieser Krieger, an deren Spitze sich ein stattlicher, kostbar gekleideter Reiter von soldatischem Aussehen befand. An seiner Seite stand ein Mann in der Tracht eines arabischen Schiffers. Der Derwisch und der Mahrattenfürst, die am ersten Abend das Mausoleum betreten und den Palast der Begum zu ihrem Wohnsitz genommen, kamen den Fremden am Tor des Palastes entgegen und bewillkommten sie. Dann lagerten sich die Reiter auf dem Hof und im Schutz der großen Hallen, während die Führer sich in das Innere des Gebäudes zurückzogen. Bei dem Rollen dieser Donnerschläge hatte sich die junge Nonne fest an ihren Gefährten geschmiegt und das junge Paar sich vor dem tobenden Ungewitter in das Innere des Mausoleums geflüchtet. Plötzlich dünkte es dem geübten Ohr des jungen Soldaten, sich nähernde Stimmen und Schritte zu hören. Das Schloß der ehernen Pforte des Grabmals rasselte, der Schlüssel drehte sich in demselben und die schweren Flügel öffneten sich. Der Offizier hatte kaum Zeit gehabt, die Geliebte zu erfassen und mit sich fortzureißen nach dem Innern des Minaretts, wo sie die Treppe hinauf flüchteten. Es war keine Zeit mehr, die Tür zu verschließen und zu verriegeln, denn schon traten drei Männer in das Innere des Grabmals, und jedes Geräusch hätte ihre Anwesenheit verraten. Willougby war, nachdem er das Mädchen in Sicherheit gebracht, zu der Tür des Minaretts zurückgekehrt, um zu beobachten. Das Innere des Mausoleums war jetzt erhellt, er konnte die Eingetretenen deutlich erkennen, es waren der Derwisch, der Mahratte und der fremde Krieger, der Anführer der vor kaum einer Stunde eingetroffenen Reiterschar. Als dieser Mann jetzt im vollen Licht der Fackel erschien, konnte der Engländer keinen Augenblick daran zweifeln, daß jener trotz der orientalischen Kleidung ein Europäer war. »In diesem Augenblick,« berichtete der Fremde seinen Gefährten in englischer Sprache, »muß Cawnpur bereits in den Händen der Unseren sein und der Nena vor Lucknow stehen.« »Und warum nicht in Lucknow selbst?« fragte ungestüm der Mahratte. »Die Zahl der Faringi in Audh ist nur gering. Ich hätte mehr von der Tätigkeit des Prinzen erwartet.« »Das Beispiel Murad Khans hat böse Folgen getragen, die Sikhregimenter erklären sich überall gegen uns. In Benares, Firospur, Agra, Heiderabad und Allahabad werden sie nicht mit uns, sondern gegen uns kämpfen.« »Der Verräter!« murmelte der Sirdar – »warum hat die Bhawani nicht seine schwarze Seele getroffen!« Der Derwisch maß mit finsteren Blicken seinen Gefährten. »Es liegt unter diesem Verrat mir ein Geheimnis verborgen, das ich nicht zu enträtseln vermag. Dein eigener Bericht, Tukallah, hat den jungen Mann früher als einen der eifrigsten und kühnsten Anhänger der Sache der Freiheit dargestellt.« »Ein persönlicher Haß gegen den Nena scheint ihn von uns abwendig zu machen,« meinte der Fremde. »Der Tod oder das Verschwinden seiner Braut, der Tochter der Königin von Lahore, hat seine Gesinnung geändert und uns seinen Arm entzogen.« »Der Tor glaubt, daß sie Akhbar Jehan, seinem Nebenbuhler, gegeben worden ist, während Schiwa, der große Vernichter, sie aus den Reihen der Lebenden genommen.« Der Apostat seiner Nation schüttelte besorgt das Haupt. »Indien wäre unser, ehe ein Monat vergangen ist, wenn dieses Unglück nicht geschehen. Ohne die Shiks und Gurkas konnten die Engländer sich nirgends halten. Auch Mahe-Tschund ist seitdem von uns abgefallen.« »Ich biete dir eine andere, bessere, die rechtmäßige Herrscherin des Audh,« sagte ungestüm der Mahratte. »Die Krieger des Scindia und des Holkar erheben die Waffen gegen die Tyrannen.« »Ich bürge für sie. Die Rani versammelt bereits die Soldaten von Gwalior unter ihren Fahnen.« »Und warum,« fragte der Derwisch ernst, »ist Major Maldigri, der Paladin der Rani, in diesem Augenblick nicht an ihrer Seite? Glaubt er uns nicht allein kräftig genug, Delhi zu behaupten?« Der Ionier, denn dieser war der Fremde, errötete. »Ich bin mit dem Willen des Nena und auf den Befehl der Rani hier,« sagte er stolz, »um die Kriegerschar den Verteidigern Delhis zuzuführen. Der Nena selbst verlangte, daß ich die Krieger begleitete auf die Botschaft, die Ihr ihm gesendet.« »Wozu der Streit,« rief der Mahratte – »dieser Mann ist uns willkommen, obschon er ein Franke ist. Er wird das, was die Götter uns zum Beistand gegeben, dem Nena sicher zuführen. Laß uns den Eingang öffnen, damit wir ihm zeigen das Erbe der Begum.« Er trat zu dem Sarkophag und winkte dem Derwisch, ihm zu helfen, den Steindeckel abzuheben. Der Offizier hinter der Tür des Minaretts erbebte bei dieser Bewegung. Die beiden Männer hoben den Oberteil des Sarges. In das Krachen des Donners mischte sich ein schwerer, dröhnender Fall, ein Klang von Stein auf Stein, ein Ausruf des Entsetzens. Der Sargdeckel war den Händen der Männer bei dem Anblick, der sich ihren Augen bot, entfallen und zerschellte auf den Stufen des Sarkophags. Ihnen entgegen starrte nicht die vertrocknete Mumie der einstigen Herrin des Palastes, sondern der gräßliche Anblick des Körpers der unglücklichen Tochter des ermordeten Residenten von Delhi. »Verrat!« schrie der Mahratte – »Fremde sind an diesem Orte gewesen, sie kennen unser Geheimnis! Der Schatz ist gestohlen!« »Ruhe, Freunde,« klang die Stimme des Irländers – »laßt uns genau untersuchen.« Er hob die Fackel und warf das Auge umher. »Dort! dort!« schrie er – »die Tür ist offen. Tod dem Spion!« Ein Schuß blitzte – der Derwisch öffnete die Arme und fiel rücklings über zu Boden. Der britische Offizier warf die Tür in das Schloß und drehte den Schlüssel. »Wer sich naht, ist des Todes! Nur unsere Leichen sollt ihr haben!« Eine zweite Kugel pfiff an dem Mahratten vorbei, der nach der Pforte des Mausoleums gesprungen und sie zu öffnen bemüht war. »Das sind Flüchtlinge – Faringi! Wache herbei!« übertönte seine mächtige Stimme das Brausen des Sturmes und das Rollen des Donners. Grimaldi, nicht achtend der Gefahr, war zu dem Gefallenen gestürzt, hob ihn empor und schleppte ihn aus der Rotunde. Bei dem Leuchten der Blitze erkannte er, daß der Getroffene die Augen aufschlug – der Wind und der Regen, die in sein Gesicht peitschten, gaben ihm die Besinnung zurück. »Bist du gefährlich verwundet, Freund?« fragte der Grieche, »das Unglück, das uns in deinem Verlust treffen würde am Beginn des großen Kampfes, wöge schwer!« Der Sofi tat einen tiefen Atemzug und fuhr mit der Hand nach der Mitte der Brust. »Hier – hier – aber ich hoffe – es geht vorüber – der Panzer hat die Kraft der Kugel gebrochen.« In der Tat hatte ein Panzerhemd, das er unter den Lumpen des Fakirs auf der Brust trug, ihn geschützt, und nur die Kraft der Kugel, in solcher Nähe abgeschossen, ihn betäubt und zu Boden geworfen. »Tod den Faringi!« heulte der Sirdar – »stürmt – stürmt! tötet sie!« Mit geschwungenem Handjar trieb er die schaudernden, in ihrem abergläubischen Schrecken widerwilligen Krieger in das Innere des Mausoleums, gegen die Tür des Minaretts. Hinter derselben – zum äußersten entschlossen – mit der britischen Kaltblütigkeit in der Todesgefahr, stand der junge Offizier und die Kugeln seines Revolvers, von fester Hand gezielt, warfen die beiden vordersten Sepoys nieder. Der anstürmende Haufe wich bestürzt zurück – ein dritter fiel unter dem Schuß des Offiziers. Dieser sprang zurück und reichte der Nonne, die hinter dem Steinpfeiler der Wendeltreppe geschützt, ihm nahe war, das abgeschossene Pistol. »Mut, Maria – nicht ungerächt wollen wir sterben! Versuchen Sie! die Waffe zu laden – hier ist Munition!« »Geben Sie her, Sir,« sagte das Mädchen, »diese Hand soll nicht zittern in dem Werk – nicht um Menschen zu töten, sondern um Sie zu verteidigen, so lange es Gott gestattet!« Hätten seine Augen in diesem Augenblick die steinerne Schranke der Mauer, das Dunkel der Nacht durchdringen können, er würde gesehen haben, daß kaum hundert Schritt von der Stelle entfernt, wo er sich mit dem Mut der Verzweiflung schlug, das junge Hindumädchen, an die er soeben gedacht, in Anleitung eines Mannes und einer hohen Frau, die in dichte Schleier gehüllt war, am Fuß einer der riesigen Zedern des Platzes stand und die drei sich eifrig berieten. Dann, als ob sie einen Entschluß gefaßt, trennte sich der Mann von ihnen und eilte durch den strömenden Regen dem Eingang des Palastes zu. – Ein vierter Sepoy, durch die Schläfe geschossen, stürzte vor der Tür des Minaretts zusammen, die seine Hand bereits berührt hatte. Wieder ein Schuß – keine Kugel vergeblich – die Leichen und Verwundeten häuften sich auf den Steinfliesen des Mausoleums – die Tür des Minaretts schien Tod und Verderben zu sprühen. Tantia Topi heulte vor Wut und trieb mit grimmen Flüchen die Krieger immer auf's neue zum Angriff. Der Sirdar ließ jetzt ein scharfes Flintenfeuer auf die Öffnung der Tür unterhalten, während zwei starke Krieger, mit Beilen bewaffnet, an den Wänden entlang von diesen geschützt zur Tür drangen und mit gewaltigen Schlägen sie aufzusprengen versuchten. Der tapfere Engländer mußte die Verteidigung des Eingangs aufgeben, ein Streifschuß hatte ihm bereits die Wange verletzt – es war unmöglich, sich länger hier zu halten – er drängte die Nonne die Stufen der Wendeltreppe hinauf, sorgfältig wachend, daß der Steinpfeiler sie schütze. Unter den Schlägen der Äxte brach die Tür in Stücke – über sie hinweg drangen die durch den Tod der Ihren entflammten Krieger in den Turm. Aber den ersten, der die Treppe betrat, warf aus dem Dunkel der Höhe die Kugel des Engländers zu Boden – der zweite fiel auf der dritten Stufe, die er erreicht. Ein Sepoy, durch den Leib geschossen, wurde von seinen Kameraden aus dem Turm nach dem Ausgang getragen und in der Nähe des Sofi niedergelegt. »Die bösen Geister sind mit den Kaffirs,« stöhnte der Sterbende – »nur das Feuer ihrer Geschosse sieht man. Eine Zauberin oder ein Weib ist unter ihnen – ich sah ihr weißes Gewand flattern hinter dem Stein!« Maldigri ließ seinen Gefährten los – ein Gedanke zuckte durch seine Seele. »Ein Weib, sagst du?« – Haltet ein! haltet ein! – Laßt mich voran!« Er stürzte durch die Rotunde nach dem Eingang des Minaretts. »Zurück, Mörder! es ist ein Weib unter ihnen – gebt Pardon!« Er warf die Nächststehenden zur Seite und drang in den Turm, die Stufen hinauf. »Ergebt euch, – ich bin ein Europäer wie ihr, und bürge für euer Leben!« Das fahle Licht eines Blitzes zeigte ihm in der Tat ein weißes Gewand, aber in demselben Augenblick, streckte sich ein dunkler Arm gegen ihn aus und eine Stimme dröhnte in seine Ohren: »Fluch dem Abtrünnigen! Fluch dem Feinde seiner Landsleute!« und mit dem krachenden Donner vereinte sich der Knall des Schusses. Der Grieche stürzte rücklings über die blutgetränkten Stufen hinab. Willougby drängte die Nonne auf die Galerie des Minaretts und sprang ihr nach – hinter ihm fiel die schwere Falltür dröhnend in ihre Fugen. – – – Durch die Menge vor dem Grabmal stürzte wehklagend ein Mann, der arabische Mantel wehte um seine Schultern. »Einen Hakim! einen Arzt – schafft einen Arzt! zu Hilfe! Kapitän Grimaldi stirbt!« Ein einziger Aufschrei antwortete ihm – dann flog eine Frau durch die Menge – die Stufen des Grabmals hinauf. »Wo? – wo?« Der Schein der angezündeten Fackel zeigte ihr unter der Säulenhalle einen Mann am Boden ein bleiches Gesicht – brechende Augen – einen Strom von Blut aus der Brust – » Markos Grimaldi ! Ewiger Gott – er stirbt!« Der Verwundete, das Haupt im Schoß der Frau, schlug die Augen empor – ein Schauer der Freude ging durch seine Glieder, seine Lippen erbebten in dem zitternden Laut: » Adelaide !« »Der Engel von Delhi!« murmelten die Krieger und ihr Kreis wich zurück von der Gruppe. – – Der Sirdar selbst mit den kühnsten der Ihansi-Reiter, die den Fall ihres Führers rächen wollten, drang in den Turm, den Silberschild, den er einem von ihnen entrissen, schützend über dem Haupt. Aber kein Schuß fiel mehr – über die Leichen, in dem Blut ihrer Gefährten flogen ihre Füße die Stufen hinauf. Ein Beilhieb sprengte die Falltür, die kräftige Faust des Mahratten warf sie in die Höhe, wutflammend sprang er auf die Plattform der Galerie. – Die Galerie war leer – kein Raum, daß sich ein Kind darin hätte verbergen können – und dennoch von den Verteidigern des Minaretts keine Spur! Sie waren verschwunden! – – – Der Blutbrunnen zu Cawnpur Der Ausbruch der Empörung in Bithoor bei dem Ball im Schlosse Nena Sahibs war das Signal zur Erhebung des Audh und des ganzen Zentral-Indiens. Während am andern Morgen die Königin von Audh eilig nach ihrem alten Herrschersitz aufbrach um Lucknow und das Rohilcand in Flammen zu setzen, eilte die kühne Rani von Ihansi zurück nach ihrer Residenz und erhob offen die Fahne des Kampfes gegen die Engländer. Die Nachricht von der Befreiung Delhis und der Erhebung des Nena ging wie ein Lauffeuer durch das Land, und bald hatte die Empörung so überhand genommen, daß eine Unterdrückung derselben mit den vorhandenen Kräften der Kompagnie nicht mehr möglich war, obschon fast durchgängig die Sikhregimenter und die Ghurkas, die nepalesischen Bergbewohner, unansehnliche, aber kühne und ausdauernde Soldaten, treu geblieben waren. In Ihansi waren sämtliche Europäer, fünfzig an der Zahl, darunter Frauen und Kinder, ermordet worden. Wir haben bereits erzählt, daß General Lawrence, der Gouverneur von Audh, sich von Bithoor eilig nach der Hauptstadt Lucknow zurückzog, von Sir Mallingham und seiner Gattin begleitet. Lucknom war ein wichtiger Punkt und der General traf eilig seine Vorbereitungen. In der Nacht vom 30. zum 31. Mai begann das 71. Nativ-Infanterie-Regiment die Meuterei, indem es die Bungalows der Europäer in Brand steckte, mehrere Offiziere erschoß, und den Versuch machte, sich der Kanonen zu bemächtigen. Zweihundert Europäer, einige Kompagnien des 48. und 13. einheimischen Infanterie-Regiments und die einheimische reitende Artillerie, sowie das 7. Reiter-Regiment, waren hinreichend zur Vereitelung des Angriffs auf die Geschütze. Am Morgen des 31. Mai suchten die Empörer sich zu organisieren, wurden indes von der Artillerie, der britischen Infanterie und den Reitern vom 7. Regiment zersprengt und bis nach Mudkipur, zehn englische Meilen von Lucknow, verfolgt, wobei ihnen eine Menge Leute getötet und gegen hundert gefangen wurden. Aber kaum von diesem Siege zurückgekehrt, empörte sich das 7. Reiter-Regiment zum größern Teil, das 13. Nativ-Regiment ging gleichfalls zu den Feinden über und von dem 48. blieben nur etwa 100 Mann treu. So sah sich Sir Henry Lawrence genötigt, die weitläufige Stadt aufzugeben und sich in die stark befestigte Residenz und in das von ihm erbaute Fort Mutschi-Baban zurückzuziehen. Lucknow zählte, wie alle großen orientalischen Städte, eine bedeutende Anzahl von Müßiggängern, welche allen Christen fanatisch feindlich gesinnt und stets zu Angriffen auf ihr Leben und Eigentum bereit sind. Diesen predigte ein von Bithoor gesandter Fakir den Krieg gegen die Ungläubigen; sie rotteten sich zusammen, ermordeten in der Nacht zum 1. Juni einen Engländer, der unbesonnen sich aus der Residenz in seine frühere Wohnung gewagt hatte, entfalteten dann die grüne Fahne des Propheten und nahmen, verstärkt durch zwei empörte Sepoy-Kompagnien, 2000 Mann stark, in Hooseinabad, westlich der Stadt an den Ufern des Coomten, welcher Lucknow im Norden begrenzt, eine Stellung. Hier wurden sie von dem Kapitän Carnegie, der mit einigen treu gebliebenen Truppen und den Peons oder Polizeisoldaten gegen sie marschierte, zersprengt, und als sie sich in der Nacht wieder auf einer andern Stelle der Stadt gesammelt, nochmals auseinander getrieben, wobei sie viele Tote und Gefangene verloren. General Lawrence verkündigte jetzt das Standrecht, zwei permanente Kriegsgerichte wurden eingesetzt und eine Menge Aufrührer unmittelbar nach ihrem Verhör gehenkt. Die kräftigen Maßregeln wirkten, die Bazars in der Stadt öffneten sich wieder, das Vertrauen kehrte zurück. Am 2. Juni wurden die Polizei und die treugebliebenen einheimischen Offiziere mit Geld belohnt und die kleinen europäischen Posten in der Nachbarschaft zur Sicherung der Stadt herbeigezogen. Alle christlichen Einwohner schlossen sich den Truppen als Freiwillige an. Die Ruhe schien wieder hergestellt. Sir Robert Mallingham blieb auf das Betreiben seiner Gattin in Lucknow, als dem sichersten Ort, da eine Reise durch das rings empörte Land gefährlich war; denn täglich gingen Nachrichten über die weitere Ausdehnung der Empörung ein. In Allahabad und Benares war gleichfalls die Empörung ausgebrochen. Allahabad ist militärisch wie kommerziell ein sehr wichtiger Punkt für die britische Herrschaft, da die Stadt am Zusammenfluß des Ganges und der Dschumna liegt und dadurch einen Wallfahrtsort der Hindus bildet, an dem jährlich über 200 000 Pilger zusammentreffen. Die Empörung brach hier am 5. Juni aus. Ein Regiment Sepoys, das sich zuerst treu bewiesen und sogar gegen Delhi geführt zu werden verlangt hatte, schlug plötzlich um und ermordete in der Nacht gegen 50 Offiziere, die außerhalb des Forts eben am Meßtisch saßen, darunter zehn junge Kadetten, die kurz zuvor aus England eingetroffen waren. Die Empörer bemächtigten sich der Brücke, die hier über den Ganges führt, und begannen dann mit dem Pöbel die Stadt zu plündern. Ein Mahomedaner stellte sich an ihre Spitze, nannte sich den Statthalter des Kaisers von Indien und ließ alle Europäer, die ihm in die Hände fielen, hinrichten. Auch ein Sikhregiment beteiligte sich an der Meuterei. Auf diese Nachricht eilte Murad Khan, der tapfere junge Häuptling der Sikhs herbei. Mit seiner Hilfe gelang es der Energie des Obersten Neil , der in Allahabad kommandierte, des Aufstandes Meister zu werden. Er hatte für diesen Zweck nur eine Handvoll Engländer, eine Kampagnie Madras-Füsiliere und ein treugebliebenes Sikhbataillon, sowie eine Anzahl bewaffneter Zivilisten, die sich ihm als Freiwillige angeschlossen. Durch den Willen und die Überredung Murad Khans bezwungen, verließ das Sikhregiment die Reihen der Empörer und kehrte zum Gehorsam zurück. Als man in die Straßen vordringen konnte, wurden alle Eingeborenen, welche irgend Widerstand zeigten, niedergestochen. Nachdem die Stadt beruhigt und besetzt war, schifften sich die Europäer auf einem Dampfer zur Verfolgung der längs des Flusses hin fliehenden Insurgenten ein, töteten alle, welche sie erreichen konnten und zündeten jedes Dorf an, wo sie Bewaffnete trafen. Dann wurden Kommissionen zur Aburteilung der Schuldigen niedergesetzt und eine Woche lang wurden täglich Dutzende derselben gehenkt. Ebenso gelang es, den Aufstand in Benares , der heiligsten Stadt der Hindus, zu Ausbrüchen des Fanatismus besonders geneigt, mit Energie niederzuschlagen, indem die Artillerie das empörte Fußvolk mit Kartätschenlagen zu Paaren trieb. Der Galgen war hier permanent und seine drei Stricke wurden selten leer. Ein Radschah mit seinen beiden Wessieren waren die ersten, die daran aufgeknüpft wurden, bloß weil sie im Verdacht standen, die Unruhen zu begünstigen. Aber an hundert anderen Orten siegte die Empörung und wurden die Engländer vertrieben oder ermordet. Selbst in der Nähe von Kalkutta, in Barakpur meuterten die Regimenter, und um die Mitte des Juni waren bereits zwei Drittel der Armee von Bengalen in vollem Aufstand. Kehren wir nach Cawnpur zurück, als dem Punkt, der zunächst von dem Ausbruch der Empörung in Audh bedroht war. Von beiden Seiten wurden hier Fehler begangen. Es war eine große Unvorsichtigkeit vonseiten des General Lawrence, daß er das Sikhregiment, das in Cawnpur garnisonierte, auf die Botschaft des Generals Barnard nach Delhi marschieren ließ und nach Lucknow eilte, statt sich sofort mit allen treu gebliebenen Truppen gegen das allerdings durch seine natürliche Lage sehr feste Bithoor zu wenden und den Nena anzugreifen. Da dieser aber sich anfangs – von den Szenen des Balles tief erschüttert und in einem halb wahnwitzigen Zustand nach dem wirklichen Tode der Geliebten – ruhig verhielt, glaubte man Cawnpur nicht gefährdet oder kräftig genug, Widerstand zu leisten. Erst nach der Unterdrückung des ersten Aufstandes in Lucknow und auf die Botschaft, daß die Sepoys der Garnison bereits zum großen Teil zu den Empörern übergegangen waren, sandte der Gouverneur von Audh 84 Europäer dem General Wheeler zur Verstärkung. Nena Sahib hatte gleichfalls, im tiefsten seiner Seele durch das schreckliche Ende der Gattin verwundet, die Zeit verstreichen lassen, statt sofort die erste Überraschung der Engländer zu benutzen und sich auf Cawnpur oder Lucknow zu werfen. Ein Fieber mit gräßlichen Phantasien voll Tod und Blut fesselte ihn fast zwei Wochen lang ans Lager, das Doktor Walding bei Tag und Nacht kaum verließ. Da die großen Führer und Lenker des Aufstandes: Tantiah Topi und der Derwisch Sofi, sowie Major Grimaldi sich in Delhi befanden, leitete Baber Dutt, sein Bruder, die Anstalten und mußte sich begnügen, das Heer der Aufständischen zu verstärken, das sich in Bithoor sammelte. Erst in den letzten Tagen des Mai erhob sich der Nena, ein verwandelter Mann, von seinem Krankenlager. Das finstere Schweigen war einer fieberhaften Tätigkeit gewichen, einer Überreizung der Sinne und des Geistes, die ihn keinen Augenblick rasten ließ. Seine Wangen waren eingefallen, dunkle Ränder lagen um seine Augen, und der sarkastische grausame Zug um seinen Mund hob sich in tiefen Falten hervor. Mit Walding hatte sich Anarkalli, die Tänzerin, in die Pflege des Kranken geteilt. Sie wechselten in den Wachen an seinem Lager, ihre Hand reichte ihm sorgsam zur bestimmten Stunde die Medizin, und ihr Auge schien jede Spur der fortschreitenden Genesung mit Gier zu verschlingen. Während dieser sorgfältigen Pflege fand sie, wie der Arzt bemerkte, Zeit und Gelegenheit, täglich mit fremden Personen des verschiedensten Standes zu verkehren, die ihr Nachrichten aus Cawnpur brachten. Während der ersten Tage des bewußtlosen Zustandes des Nena war die Leiche seiner unglücklichen Gattin der Ruhe der Erde übergeben worden. War es Zufall oder Verhängnis – der Arzt, der die Anstalten leitete, hatte denselben friedlichen und schönen Platz gewählt, der unter dem Gesang des Bulbul und dem Rauschen der Fontäne die sterbliche Hülle der jungen Prinzessin der Shiks barg. Ohne Ahnung von dem schrecklichen Opfer des Thugs, dessen Tod so weit reichende und traurige Folgen für die Befreiung Hindostans haben sollte, gruben die Männer das Grab der Gattin des neuen Peischwa dicht an der Ruhestätte Mahannas und des alten Schotten, der ersten Opfer der Herrschaft des Nena über die Kinder der Finsternis. Als der Bahadur am elften Tage die Augen aufschlug, die Hand an die Stirn legte und sein erstes Wort mit dem Blick voll Haß und Racheglut der Name »Rivers« und eine Verwünschung des Verdammten war, legte die Bajadere den Finger auf seinen Mund. »Möge die Hoffnung Hindostans schlafen und in der Ruhe neue Kräfte gewinnen. Sein Feind hat die Mauern Cawnpurs nicht verlassen. Er ist in seiner Hand und wird seiner Rache nicht entrinnen. Die Krieger des Srinath umgeben die Stadt auf allen Seiten.« Der Nena zog einen kostbaren Diamant vom Finger und reichte ihn der Tänzerin. Mit diesem Trost, den er erhalten, sank der Kranke in neuen Schlummer; mit diesem Trost erholte er sich wunderbar von Stunde zu Stunde. Am fünfzehnten Tage nach dem Ball bestieg er sein Roß und sprengte gen Cawnpur, – sechs Stunden nachher war die Stadt ringsum von einer Postenkette der Sepoys umgeben, die der Nena selbst aufgestellt und revidiert hatte. Jede der Abteilungen war von einem seiner Vertrauten, einem jener furchtbaren Kohorte befehligt, die er selbst sich gezogen, den Männern von Stahl und Eisen, den geborenen Feinden der Engländer, bis auf Gibson, den Tigerjäger, den die Liebe zu seinem Zögling, der gewohnte Gehorsam, gleichgiltig gegen sein Vaterland gemacht hatte. Als der Nena wieder im Schloß zu Bithoor anlangte, ließ er den unglücklichen Bruder seines Weibes kommen. »Eduard O'Sullivan, mein Bruder,« sprach er zu ihm – »die Stunde der Vergeltung ist gekommen, die uns noch einmal die bösen Götter aus der Hand gewunden, in der wir sie hielten. Freue dich, Bruder Margaretens! Bei dem Tod, der im Verborgenen trifft, ehe der Mond wechselt, will ich die Zunge des Verräters ausreißen und dir geben, will ich seine Arme unter tausend Martern vom Leibe hauen und an die Stelle der deinen setzen, und wehe dem, der es noch einmal wagt, dem Tiger von Bithoor seine Beute streitig zu machen!« Ein drohender furchtbarer Blick streifte bei den Worten das ruhige, feste Auge des Arztes, dem der Nena sonst mit großer Achtung und Freundschaft begegnete. Von diesem Augenblick an durfte der Verstümmelte den Nena nicht mehr verlassen. General Wheeler erkannte die Unmöglichkeit, die Stadt zu halten. Nach kurzem Kriegsrat wurde beschlossen, selbst das Fort aufzugeben, als dem Geschützfeuer zu sehr ausgesetzt, und das auf dem höchsten Punkt des Ufers belegene Lazarett mit der anstoßenden Kaserne zu befestigen. Hierhin zog sich General Wheeler mit seinen geringen Streitkräften zurück, – etwa 50 englischen Artilleristen, 80 Mann, die ihm nach der Unterdrückung des ersten Aufstandes in Lucknow Sir Henry Lawrence unter dem Kommando der Leutnants Thompson und Delafosse zu Hilfe gesandt, und an 50 Offizieren verschiedener Regimenter, die, aus ihren Garnisonen vertrieben, sich hier versammelten, nebst den europäischen Beamten und Kaufleuten der Stadt. Die Zahl der waffenfähigen Europäer betrug etwa 250 bis 260, die Zahl der Frauen und Kinder, die zu ihnen gehörten: 240. Noch während der Krankheit des Nena hatte General Wheeler durch einen Indier einen anonymen Brief erhalten, in welchem ihm der Schreiber in englischer Sprache anbot, die Frauen und Kinder sicher nach Allahabad geleiten zu wollen, und versicherte, daß Baber Dutt, der Bruder des Peischwa, diese Flucht gestatten wolle. Die Handschrift schien dem General nicht unbekannt; – als Editha sie sah, wurde sie tief bewegt, denn sie hatte einen gleichen Brief erhalten – aber zu aufopfernd und edel, um ihre Verwandten in der Stunde der Gefahr zu verlassen, verschwieg sie, daß sie wohl wußte, man könne auf die Redlichkeit des Schreibers bauen, und General Wheeler, die Gefahr nicht so groß wähnend und sicher auf baldigen Ersatz hoffend, schlug das Anerbieten aus. Nur eine Frau mit zwei Kindern fand sich an der im Briefe bezeichneten Stelle ein: – sie wurde von Ralph, dem Bärenjäger, und Gibson empfangen und über die Wachen der Sepoys hinaus an die Ufer des Ganges gebracht, wo sie ein Schiff aufnahm und sicher nach Allahabad brachte. Diese Bewilligung war das Geschenk Baber Dutts an den deutschen Arzt für die Pflege seines Bruders, und Walding verstand wohl die Warnung in den Worten des Nena. Er vermochte nichts mehr zu tun und mußte das weitere dem Willen Gottes überlassen. Am 5. Juni zog Nena Sahib unter dem Triumphgeschrei des fanatisierten Volkes, das ihn als seinen Helden, als den Befreier Indiens begrüßte, in Cawnpur ein. Achttausend Sepoys, Reiter und Fußvolk, mit 35 Kanonen begleiteten ihn. Die Engländer im Innern ihrer Verschanzungen hörten das Geschrei des Pöbels, sie sahen von den Parapets ihrer kleinen Bastion die drohende Wolke der Feinde sich gleich einer Schlange um die Stadt im Halbkreis ringeln, dessen Sehne die breite Fläche des heiligen Stromes war. General Wheeler selbst lag krank in den gewölbten Räumen des Lazaretts, von seiner Tochter und seiner Nichte gepflegt, während sein Sohn die Dienste eines Adjutanten versah und mit seinen Kameraden die Armierung der kleinen Wälle leitete. Noch in der Nacht begann der Kampf, indem die Artillerie des Nena ihr Feuer gegen die Verschanzung eröffnete. Die Kanonade dauerte mit kurzen Unterbrechungen den ganzen Tag fort. Die große Geschicklichkeit der europäischen Artilleristen wurde durch das schwere Kaliber der Artillerie des Nena wieder aufgewogen. Dagegen taten fortwährend die Endfield-Rifles der Engländer den Sepoys bedeutenden Schaden. Der Tag verging unter diesem gegenseitigen Plänkeln. Jedermann begriff, daß es nur das Vorspiel eines blutigen Ernstes war. Der Tag ging rasch in die Nacht über und die Belagerten stellten ihr Feuer ein, um nicht ihre ohnehin geringe Munition unnütz zu schwächen, während der Feind in seiner Kanonade fortfuhr. Oberstleutnant Stuart befahl, die sechzehn Kanonen des Forts mit Kartätschen zu laden. Im Schutz der Dunkelheit gelang es, sechs von dem kleinsten Kaliber auf das flache Dach der Kaserne und des Hospitals zu schaffen. Von Zeit zu Zeit schlug eine Vollkugel der nächsten Hindubatterie gegen die festen Mauern oder fuhr in den Erdwall, die Bresche erweiternd, die das Feuer des Tages bereits darin gerissen. Eine Anzahl von Männern, von zwei zu zwei Stunden sich ablösend, war unter Leitung des Leutnants Halliday beschäftigt, die schmale Schranke auszubessern, die nebst ihrem Mut sie allein vor den Säbeln der Feinde schützte. Es mochte gegen 11 Uhr sein, als zwei Frauengestalten in schwarze Mantillen gehüllt, aus der Tür des Hospitals traten, in dem die Kranken, die Frauen und Kinder, untergebracht waren. Sie trugen kleine Körbe am Arm und trippelten über den freien Platz hinweg nach dem Wall, an dem die dunklen Schatten der arbeitenden und wachehaltenden Männer sich abzeichneten. In der Nähe der Bresche trat ihnen ein Offizier entgegen. »Was wollen Sie hier, meine Damen? Es ist Befehl gegeben, daß die Frauen das Hospital nicht verlassen sollen. Kehren Sie zurück in das Gebäude.« Die Stimme machte eine der Frauen erbeben. »Leutnant Sanders,« sagte sie leise, »wird uns nicht hindern wollen, auch unsererseits eine Pflicht zu erfüllen. Wir wollen jenen Männern, die so angestrengt für unsere Sicherheit arbeiten, eine Stärkung bringen.« Der Offizier hatte bei dem ersten Wort, das sie sprach, seine Verlobte erkannt. Nach jener Erklärung im Garten des Palastes zu Bithoor war es das erstemal, daß der Offizier der Geliebten ohne andere Zeugen als ihre Kusine nahe war. »Miß Highson,« sagte er mit einiger Verlegenheit, »wird sicher meine Besorgnis desto mehr gerechtfertigt finden, nachdem ich sie erkannt. Ich kann nicht dulden, daß sie sich solcher Gefahr aussetzt.« »Ich wünsche Sie zu sprechen – wenn es sein kann, auf einige Augenblicke allein, und da dies nicht in dem Hospital geschehen kann, haben wir Sie aufgesucht.« »Und Sie scheuten die Gefahr der Kugeln nicht, Sie...« Das Mädchen machte eine stolze und ungeduldige Bewegung mit der Hand. »Wenn Sie Halliday oder etwa Forbes einen kleinen Wink geben wollen,« lächelte ihre Begleiterin, »so wird sich vielleicht eine Gelegenheit finden, das Tête-à-Tête meiner hübschen und so erschrecklich ernsten Kusine nicht allzusehr zu stören.« »Das Feuer des Feindes hat nachgelassen, es fallen nur noch einzelne Schüsse,« sagte der Offizier – »Halliday wird seine Anweisungen erteilt haben und abkommen können. Ich eile, ihn zu rufen, indem ich bitte, mir Ihre freundlichen Gaben anzuvertrauen.« Er nahm die beiden Körbe und ging nach der Bresche. Bald darauf kam er in Begleitung eines zweiten Offiziers zurück. Halliday begrüßte erfreut die Tochter des Generals und zog sich mit ihr unter dem Schutz der aufgehäuften Faschinen und Erdkörbe zurück, während Editha ihrem Verlobten einen Wink gab, ihr zu folgen. Sie stieg furchtlos zum Parapet des Walles hinauf und ging auf diesem entlang trotz der dringenden Bitten des Offiziers. »Dieser Ort eignet sich am besten durch seine Verlassenheit zu dem, was ich Ihnen zu sagen habe. – Schicken Sie den Mann dort fort!« Sie wies auf einen Soldaten, der am nächsten Geschütz lehnte. Der Offizier trat zu der Schildwacht, bedeutete ihr, daß er einstweilen den Posten versehen werde und schickte sie nach der Bresche hinunter, ihren Teil an den dorthin gebrachten Erfrischungen zu empfangen. »Hören Sie mich an, Sir, und beantworten Sie mir die Fragen, die ich an Sie tun will. Ich kenne Sie als einen tapferen, mit dem Charakter unserer Gegner vertrauten Soldaten. Was halten Sie von unserer Lage? – aber antworten Sie mir, wie Sie einem Mann, einem Krieger antworten würden.« Der Offizier zögerte einige Augenblicke. »Was ich Ihnen sagen könnte, ist nicht viel Tröstliches – ich fürchte, wir sind in einer bösen Klemme.« »Und der Ersatz, von dem mein Onkel spricht, auf den alle hoffen?« »Ich halte ihn für mehr als zweifelhaft. Die Ruhe in Lucknow ist trügerisch, ebenso in Allahabad und Benares. Das Schlimmste ist, daß man die Gefahr unserer Lage nicht einmal ahnen wird.« Die Miß sann eine Weile nach. »Sie wissen, Sir,« sagte sie dann, »daß vor acht oder zehn Tagen dem General das Anerbieten gemacht wurde, alle Frauen und Kinder sicher nach Allahabad zu geleiten?« »Ich weiß es, und ich bedaure jetzt schwer, daß ich nicht ernstlicher in Sir Hugh drang, das Anerbieten anzunehmen.« »Der Vorschlag war aufrichtig und wahr. Ich kenne den, der ihn machte, und vertraue ihm.« »Und wer war es – wenn ich fragen darf?« »Es war ein Mann, der sich Ihnen und mir bewährte in der Stunde der Gefahr – derselbe, dessen Rat uns allein aus den Händen des Nena rettete, als wir der Rache zum Opfer fallen sollten für die fluchwürdige Tat, mit der man sein Herz zerrissen.« »Doktor Clifford – ein Verräter seiner Landsleute, das Werkzeug und der Vertraute des Nena, unser Feind?« »Clifford oder Walding,« sagte die Miß mit Festigkeit, – »welchen Namen er auch führen mag, er ist ein edler Mann und vielleicht unser Gegner, aber gewiß nicht unser Feind!« »Ich will nicht mit Ihnen streiten, Miß, aber ich liebe die Männer nicht, die ihrer Farbe, ihrem Glauben untreu und die Freunde unserer Feinde sind. Der Anteil des Doktors an der Flucht des Sikhprinzen ist jetzt außer allem Zweifel.« »Doktor Clifford ist der einzige Freund, nach dem, was Sie mir über unsere Lage gesagt haben, der uns retten kann. Ich habe viel über meine Pflicht nachgedacht und bin zu der Überzeugung gekommen, daß sie darin besteht, den geringen Einfluß, den ich vielleicht – auf Doktor Clifford besitze, zum Besten meiner Verwandten und Landsleute zu benutzen.« »Aber was kann ich dabei tun, Miß?« »Ich habe ihm geschrieben,« unterbrach ihn das Mädchen, »hier ist der Brief. Es ist nötig, daß er heimlich in seine Hände gelange. Vielleicht kennen Sie unter der Garnison einen Mann, der Kühnheit und Gewandtheit genug besitzt, sich in das feindliche Lager zu wagen und diesen Brief zu überbringen.« »Weiß der General, Ihr Oheim, um Ihre Absicht, Miß?« »Keine Seele – ich habe kein Recht dazu, Geheimnisse, die wir beide allein über Doktor Clifford wissen, zu verraten, und je weniger Personen um meine Absicht wissen, desto besser wird es für deren Erfolg sein.« »Wohlan denn – ich kenne nur einen einzigen Mann, der mir Kühnheit und Schlauheit genug zu haben scheint, um den gefährlichen Gang mit einiger Aussicht auf Erfolg zu unternehmen.« Mickey, der Sergeantmajor und Proviantmeister des 31. Regiments kam von dem Teile des Walles langsam dahergeschlendert, dem sich die beiden Damen zuerst genaht hatten. Er war unterdes herangekommen und blieb in einiger Entfernung von dem Paar stehen, bis der Leutnant ihn näher rief. »Mickey Free,« sagte er, »es gibt zehn Pfund zu verdienen und uns allen einen großen Dienst zu leisten, der vielleicht die Garnison retten kann, wenn Ihr einwilligt.« »Jäsus – zehn Pfund sagen Euer Gnaden? Soviel Geld hat meiner Mutter Sohn lange nicht beisammen gesehen. Und was soll ich tun dafür? »Ihr versteht das Hindostani etwas?« »All ihr Heiligen – was werd' ich nicht? Muß ich nicht für Oberst Stuart und die Offiziere mich genug herumzanken mit den schwarzen Halunken, um alle Tage eine Mahlzeit auf den Meßtisch zu stellen?« »Ich meinte, ob Ihr genug Hindostanisch verständet, um Euch allenfalls in das Lager der Rebellen wagen zu können, ohne sofort erkannt zu werden?« Der Irländer kratzte sich hinter den Ohren. »In das Lager der Pandys, Schimpfnamen, den die englischen Soldaten den empörten Sepoys gaben, nach dem ersten (Mungul Pandy), der wegen Verdachts der Meuterei gehängt wurde. meinen Euer Gnaden?« »Ja wohl – der Mann, den Ihr zu sprechen suchen und dem Ihr den Brief übergeben sollt, ist Doktor Clifford und er befindet sich in der Nähe des Maharadschah von Bithoor.« »Je nun – wenn's nicht anders sein kann – ich glaube, die Schufte mögen mich noch am besten leiden von allen. Muschla – ich habe da einen Kerl, – er nennt sich Nudschur Dschewarri, den könnt' ich beinahe einen Freund heißen, wenn der Halunke ein Christenmensch wäre. So ist er freilich nichts, als ein schmutziges schwarzes Vieh. Aber das tut nichts – er war der beste Korporal im ganzen Einunddreißigsten.« »So wollt Ihr das Abenteuer wagen? Es handelt sich darum, sobald als möglich den Brief in des Doktors Hände und uns Antwort zu bringen.« »Heiliger Sankt Patrik, was werd' ich nicht. Wenn Euer Gnaden mir nur Urlaub verschaffen wollen, damit ich nicht als Ausreißer gelte, will ich wahrhaftig den Rauch von des Nena Houkah in der Nase haben, eh' noch der Kerl seinen Rosenkranz beten kann!« »Ich werde sofort für Eure Ablösung sorgen und Euch bei Oberst Stuart rechtfertigen. Vertrauen Sie gefälligst dem Mann den Brief an, Miß, und lassen Sie uns gehen.« »Wenn ich den Sergeantmajor recht verstanden habe,« sagte Miß Editha, – »so will er sogleich sich auf den Weg machen. Lassen Sie mich hierbleiben, Sir, indes Sie einen Mann zur Ablösung befehlen.« Der Offizier verneigte sich schweigend und entfernte sich, – er verstand, daß die Dame mit dem Boten allein zu sein wünschte. Diese benutzte in der Tat die Gelegenheit. »Wenn Sie Doktor Clifford sprechen, mein Freund, so geben Sie ihm diesen Ring zurück, er wird ihm zeigen, wer Sie sendet, und sagen Sie ihm, daß ich all meine Hoffnung auf ihn gesetzt habe und daß – wenn seine Anstrengungen uns nicht zu retten vermögen, Editha Highson auch in der Stunde des Todes seiner noch mit Achtung und Freundschaft gedenken wird. Gott geleite Sie auf dem gefährlichen Wege und sei Ihr Schutz!« Der Irländer, mit mehr Takt und Gefühl, als man seiner rohen Natur hätte zutrauen sollen, beugte sich über die Hand, die sie ihm reichte, und küßte ehrerbietig ihre Fingerspitzen. »Merry Dikson, der jungen Lady Kammerjungfer, hat mir viel Gutes von Ihnen erzählt, und die schwarzen Burschen sollen Mickey Free in einem Ölkessel sieden, wenn er sich nicht dankbar erweist für die Freundlichkeit, die Sie gegen das arme Mädchen gehabt haben. Sollten die Pandys mir ihren Hanf zu kosten geben, so mögen Ihr Gnaden der armen Merry sagen...« Eine Hand legte sich auf seinen breiten Mund. »Still – keinen Laut!« flüsterte die Stimme des Fremden. »Nieder auf den Boden, Miß Highson, damit Ihr lichtes Kleid uns nicht verrät! Keine Bewegung, so lieb Ihnen Ihr Leben ist!« Der Fremde hatte beide in den Schutz der Brustwehr gedrückt. An der Stimme erkannte jetzt die Lady den Sprecher. »Major Rivers...« flüsterte sie erstaunt und bestürzt. »Er ist es, Lady, und bedankt sich für die freundliche Rücksicht, die Sie auf seine Sicherheit nehmen,« sagte der Resident spöttisch. »Ehe fünf Minuten vergangen sind, werden wir sie hier haben – nein – Goddam! sie sind näher, als ich dachte!« Er riß die Lunte, die in der Erde steckte heraus und sprang empor. »Der Feind, Kameraden! – Zu den Waffen! zu den Waffen!« schrie er mit aller Kraft seiner Lungen. Im selben Augenblick zischten ein Dutzend Flintenkugeln um ihn her, ohne ihn zu treffen, und ein wildes Geschrei, als sei eine Legion von Teufeln los gelassen, erfüllte die Luft. »Wartet Kanaillen – ich will euch die Überraschung verderben!« murmelte der Major. Im nächsten Moment sprühte ein Feuerstrahl aus der Enceinte des Walles, und ein Hagel von Kartätschen rasselte über den Boden jenseits des schmalen Grabens, den die kleine Besatzung am ersten Tage des Rückzuges rings um die unsichere Verschanzung aufgeworfen. Ein Stöhnen des Schmerzes, der Jammerruf der Sterbenden und Verwundeten antwortete dem Schuß, der wohlgezielt in die dichtesten Rotten der Anstürmenden getroffen hatte. Als die Sepoys sich entdeckt und die Besatzung zu ihrem Empfange vorbereitet sahen, brachen sie in Wutgeschrei aus, und unter dem Schlachtruf »Ram! Ram! Mahadeo!« stürzten sie sich in den Graben und begannen den Wall hinaufzuklimmen. Es war ein Glück, daß die Kartätschenladung, welche der Resident zuerst dem heranschleichenden Feind entgegengesandt, diesen einige Augenblicke stutzig gemacht und sogleich durch das Feuer von dem Dach des Hospitals unterstützt worden war, denn die Stelle blieb mehrere Minuten lang nur von Rivers und dem Irländer verteidigt, und – wie strafbar und schändlich auch sonst der Charakter und die Handlungsweise jenes Mannes sein mochten – er bewies sich, wie schon oft im Augenblick der Gefahr, als ein kühner und tapferer Soldat, der, ohne seines Lebens zu schonen, mit der größten persönlichen Bravour Umsicht und Entschlossenheit vereinigte. Das Geschütz noch einmal zu laden, daran war keine Zeit zu denken. Der Major stieß mit seinem Degen den ersten Sepoy nieder, der an dem Wall emporkletterte, während Mick den Wischer der Kanone gleich einer Keule handhabte und auf die Köpfe der Emporklimmenden niederschmetterte, indem er sich nicht versagen konnte, jeden seiner Hiebe mit einem entsprechenden Ausruf zu begleiten. »Ha – Freund Pandy,« sagte er bei dem Blitzen der Schüsse – »ich glaube, ich kenne dein vermaledeites schwarzes Fratzengesicht. Bei der Seele meiner Mutter, Euer Gnaden, es sind unsere Schelme vom 31sten, die undankbarerweise auf mich schießen. Der Teufel gesegne ihnen die Mahlzeit.« Unterdes waren bei der Stelle des ersten Alarms mehrere Soldaten und Offiziere herbeigeeilt und beteiligten sich an der Verteidigung. Unter den ersteren, die herzustürzten, befanden sich Sanders und Halliday. »Um Gottes willen – wo ist Miß Highson? ist sie verwundet?« Rivers, der einen Augenblick Zeit gewonen, wandte sich zu ihr. »Fliehen Sie geschwind, Miß – die Gelegenheit ist günstig und dieser Platz wird bald zu heiß für Sie werden! Wenn es uns gelingt, den Sturm zurückzuschlagen, ist die Gelegenheit die beste für Ihren Boten, die er finden kann!« Er hob die Zitternde auf und trug sie den Wall hinab bis an den Eingang des Hospitals. Dann sah man ihn im Schein der Laterne, die im Eingang brannte, seine Brieftafel aus der Tasche ziehen, im dichten Kugelregen einige Zeilen kaltblütig auf ein Blatt schreiben, dies zusammenfalten und wieder in das Gefecht eilen. Die auf die Plattform des Hospitals geschafften leichten Geschütze erwiesen sich jetzt als ein ganz vortrefflicher Beistand und warfen ihren Kartätschenhagel mit unwiderstehlicher Gewalt in die Reihen der Feinde. Die Offiziere schlugen sich wie die Löwen des Landes, das ihre Nation wider Recht und Natur seit hundert Jahren unter ihre Füße getreten. General Wheeler hatte sich von seinem Krankenlager erhoben und leitete vom Eingang des Hospitals her die Verteidigung. Und zwischen den pfeifenden Kugeln, zwischen diesem Höllengewühl eilten die Soldatenfrauen furchtlos hin und her, ihren Männern und Freunden Munition zutragend oder die Verwundeten unterstützend und in den Schutz der Gebäude zurückgeleitend. Von Zeit zu Zeit stieg eine Rakete von dem Dach der Kaserne, mit ihrem Funkenregen die Szene erleuchtend, oder eine Leuchtkugel warf minutenlang ihren hellen klaren Schein weit über die Gegend. In diesem Licht übersahen die höher stehenden Verteidiger der kleinen Feste die Wogen von Feinden, die immer aufs neue, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, gegen sie anfluteten. Aber ein zweites emporflammendes Blaufeuer ließ diese geheimnisvolle Ursache deutlich erkennen – es war der Nena, der auf einem dunklen Pferde sitzend, umgeben von seinen Getreuesten, nicht weit von der Stelle, wo der erste Angriff geschehen, den Sturm leitete und Schar auf Schar gegen die Wälle sandte. An seiner Seite stand ein Weib in der lockenden glänzenden Kleidung der Bajaderen. Ihr Auge war zufällig auf die Stelle des Walles gerichtet und ein lauter Schrei – selbst durch das Kampfgetöse hörbar – ertönte aus ihrem Munde. »Dort – dort – da sind sie!« Der Nena wandte sein dunkles Gesicht, seine Augen funkelten wie zwei Blitze herüber und kreuzten sich mit den Blicken seines Todfeindes, der einen Moment erbleichend zurücktrat. Dann spornte der Maharadscha wütend sein Roß, das mit gewaltigen Sprüngen durch den Kugelregen bis an den Rand des Erdgrabens setzte, der die Verschanzung umgab. Aber so schnell das Roß auch war – die Bajadere blieb an seiner Seite, denn sie hatte neben dem Residenten den britischen Offizier erkannt, den ihre Liebe aus den unterirdischen Kerkern der Würgerburg befreit. Die Augen der beiden Feinde blieben fest aufeinander geheftet – der Resident streckte die Hand zurück. »Ein Gewehr – rasch – ein Gewehr!« zischte seine Stimme durch die fest aufeinander gepreßten Zähne. Er wußte nicht, wer es ihm reichte – aber er fühlte die Waffe in seiner Hand und mit teuflischer Freude hob er sie zur Wange empor. Der Nena streckte drohend die geballte Faust gegen ihn aus. »Verfluchter – du mußt sterben!« »So geh voran!« Die Flinte lag fest und unbeweglich an der Schulter des Schützen – der Finger berührte den Drücker. In demselben Augenblick erhob sich das Roß des Maharadschah zum Sprung – der Schuß krachte und Pferd und Reiter rollten übereinander in den Graben. Der Resident warf zornig das Gewehr zu Boden. »Verdammt sei der Zufall!« Über den gefallenen Maharadschah her ballte sich ein Knäuel von Kriegern, mit ihren Leibern ihn deckend, kämpfend gegen die jubelnden Engländer, bemüht, den Führer tot oder lebendig unter der Last seines Rosses hervorzuziehen und ihn aus dem Getümmel zu schleppen. Aus diesem Gewühl tauchte ein funkelndes schwarzes Augenpaar, ein entstelltes Frauengesicht plötzlich vor Leutnant Sanders auf – »Anarkalli!« Die Lippen schienen sich zu einer Verwünschung zu öffnen – die Hand, mit einem Dolche bewaffnet, erhob sich und stieß nach ihm. Nur durch eine rasche Wendung entging er dem sicher geführten Stoß, der abgleitend leicht seine linke Schulter verwundete. »Geht zum Henker, schwarze Bettel!« Damit stieß der Irländer, der neben dem Leutnant focht, ziemlich unsanft seine eigentümliche aber wirksame Waffe gegen die Bajadere und stürzte sie von der Höhe des Walles herab. Faust an Faust, Auge in Auge wütete hier der Kampf noch einige Minuten um den zu Boden gestreckten Hindufürsten fort; während der Ruf der Hindostani: »Der Peischwa ist erschlagen! Rächt den Peischwa!« an den anderen Stellen den Mut und den Eifer der stürmenden Sepoys minderte, während die rasch sich verbreitende Nachricht den Widerstand der Belagerten erhöhte – kurze Zeit noch, und ihr Triumphgeschrei verkündete von mehreren Orten zugleich, daß der Feind im Weichen begriffen sei. Das scharfe Auge des Residenten hatte recht wohl erkannt, daß das Bäumen des Pferdes im entscheidenden Augenblick wahrscheinlich seine mit so großer Sicherheit abgesandte Kugel verhindert hatte, ihr Ziel zu erreichen. Indem er mit einem abscheulichen Fluch die Hoffnung aufgab, daß nur die Leiche seines Feindes der Lohn aller Anstrengungen seiner Krieger sein würde, benutzte er einen Augenblick des allgemeinen Ringens, sprang auf die Brustwehr und – den Hieb eines Säbels parierend – erfaßte er dessen Eigentümer, einen kecken, in fliegende orientalische Gewänder gehüllten und daran kenntlichen Hinduoffizier an der Kehle. Unter dem herkulischen Druck seiner Finger öffnete sich der Mund des Unglücklichen, nach Luft schnappend, seine Augen verdrehten sich und die Arme hingen schlaff am Leibe herunter, während der kräftige Arm des Briten ihn zu sich zog und über die Brustwehr in das Innere der Verschanzung schleuderte. Ebenso rasch hatte er den Arm des Irländers ergriffen und ihn aus dem Kampfgewicht gezogen, indem er den halb bewußtlosen Hindu ihm zuwarf. »Du und ich, mein Bursche, haben genug hier getan und können jetzt an unsere Interessen denken. In fünf Minuten werden die schwarzen Schufte uns für diesmal den Rücken wenden, also hilf mir, diese Beute in Sicherheit bringen.« Der Irländer hob den leichten Hindu wie ein Kind empor und schleppte ihn nach dem Hospital, aber Major Rivers, der ihm folgte, hielt ihn zurück. »Nicht dorthin, Sergeantmajor – zuerst laßt uns unsere eigenen Geschäfte verfolgen – dem Galgen entgeht der Kerl nicht. Bindet ihm Hände und Füße – hier ist mein Tuch, und dann herunter mit seinem Rock und seinem Turban, und hülle dich selbst darein.« Mickey hielt erstaunt in der ihm befohlenen Arbeit inne und sah fragend auf den Offizier. »Nun, verstehst du nicht? Ich meine, wenn du das Geschäft ausführen willst, das die Lady dir aufgetragen, wird es hundertmal leichter und sicherer sein, du hüllst dich in die Tschoga dieses Gentleman, als daß du mit rotem Rock und steifer Halsbinde unter seine Gefährten läufst!« Der Irländer schlug sich vor den Kopf. »Weiß Gott, Euer Gnaden, was meines Vaters Sohn für'n Dummkopf war! Sie haben recht – so wird's gehen, und es müßte mit dem Infernalischen zugehen, wenn die Burschen mich nicht für einen der ihren halten sollten!« »So tummelt Euch, Sergeantmajor – Ihr müßt mit den Nachzüglern zugleich die Wälle verlassen.« Es bedurfte der Ermahnung nicht. Mickey streifte mit Gewandtheit und Eile den unglücklichen Hindu, einen Jemedar vom 31. Regiment, ab. »Ihr werdet am besten tun, Kamerad,« sagte der Resident, »wenn Ihr die Verkleidung außerhalb des Walles anlegt, denn sonst könnte leicht eine Kugel oder ein Bajonettstich eines der unseren allen Euren Abenteuern im voraus ein Ende machen. Für den Rat und die Hilfe, die ich Euch geleistet, fordere ich einen Dienst. Einstweilen nehmt diese Börse, Ihr werdet sie brauchen!« »Euer Gnaden mögen befehlen. Ich sehe, die Leute haben Euer Gnaden verleumdet. Sie sind wirklich nicht so schlecht, als sie sagen.« Der Offizier biß sich auf die Lippe. »Wenn es dir glückt, in der Stadt dich aufzuhalten und dem Doktor den Brief der Lady zuzustellen, so suche in das Haus des Babu Tippo Singh zu gelangen, den du kennen mußt, und Nurjesan, seiner Tochter, dies Billett zuzustecken.« Der Ire sah ihn mißtrauisch an, indem er sich hinter den Ohren kratzte. »Den Teufel, Euer Gnaden – man erzählt sich so eine Geschichte in der Stadt, als ob Euer Gnaden dem Vater und der Tochter einiges Schlimmes zugefügt hätten.« »Narr! Das Mädchen ist ganz auf unserer Seite und wird uns helfen, wo sie kann. Doch nun fort, oder es ist zu spät.« Sie eilten beide, in dem Lärm und Gewühl unbeachtet, nach dem Wall zurück. Die Niederlage der Sepoys war jetzt vollständig, und die Kanonen auf den Wällen, deren sich die Verteidiger jetzt wieder bedienen konnten, beförderten mit jedem Schuß die Verwirrung und lösten jede Ordnung des Rückzuges zur wilden Flucht auf. Den wütenden Anstrengungen der Leibwächter des Nena war es gelungen, ihn bewußtlos unter dem Pferde und dem Leichenhaufen hervorzuziehen und fortzubringen. Noch während des Siegesjubels der Soldaten half der Resident dem tapferen Irländer die Außenseite des Walles hinabgleiten. Wenige Augenblicke nachher war der Sergeantmajor, auf dem Leib über den mit Leichen bedeckten Boden weiter kriechend, den Augen des Nachschauenden entschwunden. Indes war dieser erste ermutigende Sieg der Engländer nicht ohne schwere Verluste erkauft worden. Erst nachdem der Kampf geendet und wenigstens für diese Nacht jede Gefahr beseitigt war, konnte man sie übersehen, und das Hospital wurde in der Tat jetzt eine Stätte, die diesem Namen entsprach. Aber gar mancher lag draußen an den Wällen, dem weder die Sonde des Doktors, noch die Sorgfalt der Frauenhände helfen konnten, kalt und tot. Unter diesen Leichen war Oberst Stuart, der wackere tapfere Offizier. Doch glücklich die Toten aus dem ersten Heldenkampf um den Erdwall des Hospitals von Cawnpur! Des Irländers Ende Der wackere Irländer war glücklich über den Umkreis gelangt. Nachdem er sich in das nächste Mangogebüsch geschlichen, machte er aus seiner Uniform ein Bündel, versteckte dies unter den Zweigen und zog die Kleider des gefangenen Sepoyoffiziers an. Indem er sich Gesicht und Hände mit nassem Pulver einrieb, vermehrte er die Unkenntlichkeit des ersteren, das schon Pulverdampf und Schweiß entstellt, noch mehr, und machte sich dann guten Mutes nach der Stadt auf den Weg. In der Stadt und deren Umgebung, die er passieren mußte, herrschte nach dem Kampf und der Niederlage noch eine lebhafte Bewegung. Ein dichter Kreis umgab die Stelle, auf welcher der Nena sein Zelt hatte aufschlagen lassen, die frühere Villa des Residenten. Der Irländer, indem er sich so viel als möglich im Dunkel hielt, kreuzte glücklich die Menge und gelangte auf den Weg, der nach der Hütte des Sepoy führte, den er aufzusuchen beschlossen hatte. Sie stand zwischen Bananenbäumen in einem Maisfeld, und nur, weil Mickey den Ort kannte, gelang es ihm, sie aufzufinden. Alles war dunkel in der Hütte und deren Umgebung und hatte den Anschein, als sei sie verlassen. Meister Free wußte jedoch sehr wohl, was er von dieser Ruhe zu halten hatte. Er öffnete die aus Bambusstäben gefertigte, nach der Volkssitte unverschlossene Tür und drang ohne weiteres in das Innere. Hier tastete er auf dem Boden umher, bis ihm ein Fuß und ein Bein in die Hand kam, von dem er sich jedoch bald überzeugte, daß es dem Weibe seines würdigen Freundes angehörte. Daneben fand er endlich die richtige Spur, ergriff die Füße des Hausherrn und zerrte ihn ohne Zeremonie über die schreienden Kinder und die kreischende Frau zur Tür hinaus ins Freie. »Akuschla, mein Liebling, du verdammter Schuft,« schrie er auf Englisch, indem er seine Worte mit einem gehörigen Tritt in die Seite des Indiers begleitete. »Steh auf, Bursche, und laß ein Wort mit dir reden!« Der Indier war wie von einer Feder geschnellt in die Höhe gesprungen, als ein Blick auf Mickey, von dem er im Dunkel nur die Kleidung erkannte, ihn stutzig machte. »Ich frage dich, Nudschur Dschewarri, der du mich um manche blanke Rupie beim Einkauf betrogen hast, ob du mich kennst?« »Wie, Sahib Micko? Wo kommen mein Gebieter her in dieser Kleidung? Was ist geschehen?« »Laß uns einen Augenblick beiseite gehen, guter Freund,« sagte vorsichtig der Irländer. »Ich glaube zwar nicht, daß die Schönheit dein Weib, oder deine Ferkel von Kindern sonderlich viel Englisch verstehen, aber besser ist besser.« Er zog ihn eine Strecke fort, unter den Stamm einer riesigen Banane, wohin der Indier ihn mit keinem besonderen Vergnügen über das Wiedersehen zu folgen schien. »Nudschur wundern sich, daß Sahib Micko sich hierher wagen,« meinte der Sepoy – »schlimme Zeit jetzt für Sahib Faringi.« »Höre, Mann – du wirst dich erinnern, daß du es immer gut gehabt hast im Regiment und daß der Sahib Major dich sogar unverdienterweise zum Korporal gemacht hat. Ich hoffe, daß eine dankbare Seele in deiner schwarzen Haut steckt!« »Nudschur Dschewarri sein ein großer Freund der Sahib Faringi, lassen sein Leben für sie und haben nicht gegen sie gekämpft.« »Nun, das spricht für dich! du wirst dich des Hakim erinnern, von dem die Leute erzählten, daß er bei der Flucht des Sikh-Prinzen aus jenem Fort die Hand im Spiele gehabt hat.« »Nudschur kennt den Hakim! Er hat ihn gestern gesehen, mit dem großen Peischwa der Hindostani.« »Das erleichtert die Sache. Ich möchte mit ihm sprechen – du mußt mir eine Unterredung mit ihm verschaffen.« »Nudschur Dschewarri,« meinte er – »sagen nicht, daß er es nicht tun wollen, aber Sahib Micko mögen bedenken, daß die Gefahr groß für armen Mann, der nichts haben, als sein Leben. Was bekommen Nudschur dafür, wenn er mit dem Hakim sprechen?« »Ah, ist es so gemeint? Gott verdamme deine Seele, du schwarzer Schurke,« sagte Mickey ärgerlich. »Höre, Kerl,« sagte der Irländer, der ebenso zäh im Herausrücken, als sein würdiger Freund habsüchtig war – »hier ist eine blanke Guinee. Aber nun mach', daß du fortkommst!« Allein der Indier rückte und rührte sich nicht von der Stelle, und nicht eher, als bis der Irländer ihm fünf Guineen auf die Hand gezahlt und unter tausend bitteren Verwünschungen ebenso viel versprochen hatte, wenn er den Doktor bringen würde, wurden sie handelseinig. »Aber nun sprich, du schwarzer Gauner,« grollte der Irländer, »wie willst du die Sache anfangen und wo soll ich unterdes bleiben?« »Sehr leichte Sache, Sahib Micko,« meinte verschmitzt der Sepoy, der wußte, daß er seines Geldes sicher wäre – »der Hakim sein sehr guter Mann. Sahib in meiner Hütte liegen, krank und verwundet, Nudschur sagen zu Sahib Hakim: kranker Mann liegen in seiner Hütte, und sicher sein, gleich mitzubringen!« »Was das Vieh für Verstand hat,« brummte der Irländer. »Aber höre, hier ist noch ein Auftrag. Du kennst das Haus des reichen Babu Tippo Singh und seiner Tochter Nurjesan?« Der Indier bejahte. »Nun, wenn du diesen Brief ihr zustecken kannst; will ich noch einen Mohur auf das Sündengeld drauflegen, das du mir abgegaunert.« »Für was haben Nudschur Dschewarri ein Weib? Die Frau können bringen diesen Brief ohne Gefahr, wenn Tag erscheint und die Tochter des Babu mit ihren Weibern die heiligen Waschungen macht.« Mit diesem Versprechen kehrte der würdige Korporal nach seiner Hütte zurück, holte seine Frau und Kinder heraus, bedeutete der ersteren, was sie zu tun hätte und jagte die anderen ohne weiteres in das Gehölz, um sich dort einen anderen Schlafplatz zu suchen mit dem Befehl, sich vor dem nächsten Abend nicht wieder blicken zu lassen. Dann zeigte er dem Irländer einen Fußpfad in die Maisfelder, wohin er sich zurückziehen könnte, wenn ja Gefahr nahen sollte, und wies ihm sein eigenes Lager von Rohrmatten an, indem er der Frau befahl, bei Tagesanbruch nach den Badeplätzen zu gehen, wenn er bis dahin noch nicht zurück sein sollte. Bald nach dem Anbruch des Tages begann die Beschießung der englischen Verschanzung aufs neue. Der Irländer wurde von dem Donner der Kanonen aus dem tiefen Schlafe erweckt, in den er, trotz der Gefahr seiner Lage, gefallen war. Er befand sich allein in der Hütte, die Frau des Besitzers hatte sich bereits seit länger als einer halben Stunde entfernt, und obgleich die Zeit verrann und die Sonne immer höher stieg, kehrte weder der eine noch die andere zurück. Endlich vernahm er herannahende Schritte und ein leises Pfeifen überzeugte ihn, daß es Nudschur Dschewarri sei, der zurückkehrte, und ein Blick durch die Spalten der Hüttenwand belehrte ihn, daß jener nicht allein, sondern daß wirklich der Arzt mit ihm war. Doktor Walding ahnte überdies nicht, wer ihn erwartete, sondern nur seine Pflicht als Arzt hatten ihn bewogen, dem Sepoy zu seiner Wohnung zu folgen, als es diesem endlich gelungen war, ihn unbeschäftigt zu finden und seine Bitte vorzutragen, einem Schwerverwundeten Hilfe leisten zu wollen. Um so größer war daher sein Erstaunen, als der Kranke sich plötzlich aufrichtete und ihn auf Englisch begrüßte. »Der Härre segne Ihr Gesicht, Doktor Clifford,« sagte er – »ich freu' mich, meiner Seele, Sie wieder zu sehn, obschon es nimmer hübsch ist, daß ein weißer Christenmensch mit den schwarzen Halunken zusammen hält! Schicken Sie den schwarzen Kerl hier aus der Hütte, dann will ich Ihnen was übergeben, das von so 'ner schönen Dame kommt, als nur je eine ihr Gesicht in diesem verwünschten Lande bloß gezeigt hat! »Mickey Free, der Sergeantmajor – ich erinnere mich!« rief Doktor Walding erstaunt – »aber um Gottes willen, wo kommen Sie her, Mann – sendet Sie Doktor Brice?« »Nicht daß ich wüßte, Doktor – es ist was Besseres als von so 'nem Salbenschmierer. Da – nehmen Sie den Brief und lesen ihn und die Lady läßt Ihnen sagen, daß sie nimmer Ihrer vergessen wird, auch wenn Sie ihr nicht helfen könnten!« Walding ergriff hastig den Brief und öffnete ihn; – sein freundlich ernstes Gesicht zeigte eine tiefe Bewegung, als er die Worte und Bitten der jungen Dame las: »Die Unglücklichen!« murmelte er, »warum haben sie mein Anerbieten nicht angenommen, ehe es zu spät war. Sagen Sie mir, Freund, haben Sie Miß Highson noch nach dem Sturm dieser Nacht gesehen?« Er setzte sich neben den Boten und ließ sich von diesem alles erzählen, was er über den Hergang des Gefechts und die Lage der kleinen Garnison wußte. Dann versank er in langes tiefes Nachdenken, das nur die Worte unterbrachen: »Ich fürchte – ihre einzige Hoffnung wird die Gnade des Nena sein – und diese ist gering, denn die Tigernatur in ihm ist entfesselt! Aber ihr Vertrauen soll sie nicht täuschen – er ist mir Dank schuldig – sein Leben – und keine Gefahr der Welt soll mich abhalten, jeden Versuch zu ihrer Rettung zu machen.« Hierauf verabredete er das Nötige mit dem Boten. Sie kamen überein, daß Mick bis zum Eintritt der Dunkelheit in der Hütte bleiben und dann mit Hilfe des Nudschur sich wieder auf den Weg zu den Seinen machen sollte, was leicht ohne Gefahr geschehen konnte. Der Doktor wollte ihn am Nachmittag noch einmal besuchen und ihm dann einen Brief für die Lady bringen. Hierauf nahm Walding von dem Irländer Abschied und kehrte nach der Stadt zurück, um durch seine Abwesenheit nicht die Aufmerksamkeit des Nena zu erregen. Am Tore der Stadt, noch ehe der Nudschur ihn verlassen, begegneten sie der Bajadere. Walding selbst teilte ihr mit, daß er einen in den Hütten liegenden Schwerverwundeten besucht hätte, aber der Argwohn Anarkallis, deren Auge ohnehin seit jenem Abend des Festes zu Bithoor ihn streng bewachte, wurde durch seine Befangenheit rege, und er hatte sie kaum verlassen, als sie ihre Nachforschungen begann, indem sie dem Sepoy heimlich folgte. Dem wackeren Irländer wurde in der Tat die Zeit gewaltig in seinem Versteck lang und mehr als einmal war er versucht, eine kleine Streiferei auf eigene Hand zu unternehmen, denn auch der Appetit fing sich gewaltig bei ihm an zu melden. Endlich, als die Sonne beinahe im Zenith stand, erschien der Indier, keuchend unter der Last von Lebensmitteln, mit denen er sich auf den Wink des vorsichtigen Mickey und auf dessen Kosten versehen hatte. Die beiden Freunde machten sich nun eilig daran, jeder seine eigene Mahlzeit zu bereiten, denn der strenggläubige Hindu hätte um keinen Preis gemeinschaftlich mit seinem Gast dies getan. »Der Teufel soll mich holen, Freund Nudschur,« sagte er, »wenn meine Koteletten nicht ein ganz ander Ding sind als dein magrer Reispudding. Sei gescheut und lang bei mir zu.« Damit streckte er ihm den hölzernen Spieß entgegen, aber der Indier wandte sich mit Abscheu davon und sagte: »Sahib Micko ein schlimmer Mann, wollen seinen besten Freund beleidigen!« »Na – sei kein Tölpel – ich wollte nur dein eignes Bestes! Aber es kann kein Mensch verlangen, daß ein Schwein ein seidnes Halstuch trägt. Jäsus meine Seele, ich wollt meine ganze Aussicht auf die nächste Monatslöhnung geben, wenn wir eine Flasche ehrlichen Whiskey im Bereich der Hand hätten, um diese Fettigkeit sauber 'nunter zu spülen!« Der Sepoy sah ihn schlau von der Seite an. »Was möchten Sahib Micko für einen guten Krug Jagory Jagory oder Totty ist ein berauschendes Getränk, das aus Palmensaft gemacht wird. dem armen Nudschur geben?« »Bei der Seele meines Vaters, ich wette, dieser schwarze Schuft hat eine ganze Vorratskammer davon! Heraus damit, Freund Nudschur, eh ich dir den Hals umdrehe, und du sollst eine richtige silberne Krone für deinen Krug haben.« Der Indier nötigte seinen Freund, in die Hütte zurückzukehren, und brachte aus einer wohl im Gebüsch versteckten Grube einen mächtigen Krug des gegornen Palmensaftes zum Vorschein. Beide begannen nun ein Gelage, bei dem zwar der Indier sich einer größeren Mäßigkeit befleißigte, welches aber auch auf ihn wenigstens den Einfluß äußerte, daß er die bisherige ängstliche Besorgnis verlor und der munteren Laune seines Gefährten nach und nach freien Zügel schießen ließ. Zwei dunkle glühende Augen lauschten durch die Spalten der Bambuswand, ohne daß ein Geräusch die Nähe des Horchers verriet. Der Indier hatte sich erhoben – obschon auch auf ihn das berauschende Getränk nicht ohne Wirkung geblieben war, befand er sich doch noch im Besitz seiner Überlegung und glaubte es an der Zeit, daß er sich wieder zum Doktor begeben müsse. »Sahib Micko haben Zeit zu schlafen,« sagte er – »gehen erst fort, wenn schwarze Nacht da sein, Nudschur aber müssen zu Sahib Hakim gehen, wie er befohlen, und sich beim Jemedar melden.« »Nun, so geh', Bruderherz, und hol meinetwegen den Pflasterkasten – der Teufel hole alle Eure Jemedare, Suhbedare und wie die Kerle alle heißen. Dein Weib läuft fort, du gehst fort – den Henker wißt Ihr, was sich schickt gegen einen irischen Gentleman!« Der Sepoy nabm sein Gewehr von der Wand, und nachdem er seinem Gefährten empfohlen hatte, in seiner Abwesenheit sich ruhig zu verhalten, verließ er die Hütte. Als er auf den freien Platz unter den Bäumen trat, glaubte er ein Rauschen zwischen den Maisstauden zu hören und die Federn der Ähren sich bewegen zu sehen, wie von einem Körper, der sich hindurchdrängte. Aber durch den Genuß des Getränkes weniger achtsam auf die Gefahr, glaubte er, daß irgend ein naschhafter Affe das Feld besucht habe. Dann, nachdem er dreimal nach der Seite ausgespien, wo er eben mit einem Christen getafelt, machte er sich eilig auf den Weg zur Stadt. Gibson, der Haushofmeister des Peischwa, trat in das Gemach, in welchem der deutsche Arzt in Erwartung des Sepoy, der ihn zu seiner Hütte holen sollte, eben seine Siesta hielt, und beschied ihn eilig zu seinem Gebieter. Walding fand den Peischwa auf seinen Kissen sitzend, an seiner Seite Anarkalli, die Bajadere, deren wogender Busen und heißes Antlitz einen raschen Lauf oder eine heftige Bewegung verriet. Vor ihm stand Danilos, der Uskoke, der Herr der arabischen Praua, der ihm Briefe überbracht zu haben schien, denn der Nena hielt einen solchen noch in seiner Hand. »Was befiehlst du, Hoheit?« fragte dieser, die kaltblütige Herrschaft des Arztes seinem Patienten gegenüber annehmend, obschon ihm im Innern unbehaglich unter dem scharfen Blick des Nena zumute war und der Brief, den er bereits geschrieben und bereit hielt, auf seinem Herzen brannte. »Ich habe mir erlaubt, dir ausdrücklich für den heutigen Tag ungestörte Ruhe zu verordnen, damit das Wundfieber nicht heftig werden möge und deine Heilung verzögere. Aber ich bemerke leider, daß meine Anordnungen keine Folge gefunden haben.« »Es ist jetzt nicht die Zeit, müßig zu ruhen, Sahib Doktor,« entgegnete mit einem leichten Hohn der Maharadschah. »Gönnst du doch selbst dir keine Rast und Ruhe für unsere heilige Sache, und scheust nicht die Mühe, obschon du diese Nacht an meinem Lager zugebracht, und meinen Kriegern Beistand geleistet hast, das Lager der Verwundeten bis in die fernsten Teile der Stadt zu besuchen und überall deine Hilfe zu spenden.« »Das ist meine Pflicht als Arzt und Mensch, Hoheit,« sagte der Doktor nicht ohne eine leichte Verwirrung, indem er begriff, daß die Worte des Nena sich auf seinen Gang am Morgen bezogen, bei dem er der Tänzerin unglücklicherweise begegnet war. »Owh! Dann wirst du sie um so weniger einem Freunde verweigern. Ochterlony sendet uns einen Kranken, es ist der Wessir der Leibwachen der Rani von Jhansi, unserer Verbündeten, ein Christ wie du mit dem Herzen des Hindu, der schwer in Delhi verwundet wurde. Er befindet sich in Bithoor und ich bitte dich, mit dem Rais und Gibson sogleich dahin aufzubrechen – die Pferde stehen bereit.« »Ich weiß nicht, Hoheit,« sagte er zögernd, »ob meine nähere Pflicht gegen dich mich nicht nötigen sollte, bei dir zu bleiben, besonders, da du so ungeduldig dem Rat des Arztes dich fügst und nur den Bitten des Freundes Gehör gibst.« »Wenn du dich als den treuen Freund Srinath Bahadurs erweisen willst,« entgegnete dieser mit Bedeutung, »so tue, was ich verlangt habe und mache dich eilig auf den Weg nach Bithoor.« Es blieb dem Doktor nichts übrig, als zu gehorchen, wenn er nicht das nur zu leicht erregte Mißtrauen des Fürsten wachrufen wollte, und er verließ mit Danilos das Zelt, vor dessen Eingang sie Gibson bereits mit drei gesattelten Pferden erwartete. Der Vorhang des Einganges war kaum hinter ihm gefallen, als der Maharadschah von seinem Lager emporsprang. »Du hast recht,« sagte er – »auf seiner Stirn lag die Angst des bösen Gewissens! Wehe ihm, wenn auch in seiner Seele der Verrat wohnt – der Dank für mein Leben würde ihn nicht schützen!« »Er ist ein weißer Mann und unter weißer Haut lebt immer die Falschheit. – Ich eile zu tun, wie du mir befohlen hast.« Die Bajadere verließ das Zelt. Walding hatte unterdes die Gelegenheit benutzt, unter dem Vorwand, daß er einige Arzneien und sein Besteck mit sich nehmen wolle, noch einmal nach seiner Wohnung zurückzukehren, an der der Arzt zu seiner Freude Nudschur Dschewarri, den Sepoy-Korporal, seiner harren fand. Eilig trat er in sein Gemach, wickelte die Antwort an Lady Editha in ein Paket mit einer Arznei, und verließ dann wieder das Haus. An der Tür tat er, als ob er den Sepoy eben erst bemerkte und rief ihn, schon im Sattel sitzend, zu sich. »Es tut mir leid, Freund,« sagte er laut, »daß ich deinen Kranken nicht mehr besuchen kann, aber der Peischwa sendet mich eilig nach Bithoor. Gib ihm die Medizin, die dieses Päckchen enthält, es ist wichtg, daß er sie bald bekommt und trage Sorge für ihn. Sobald ich zurückgekehrt bin von Bithoor, werde ich deine Hütte wieder besuchen.« Ein bezeichnender Blick verständigte den Sepoy, in dessen Hand der Arzt zugleich ein Goldstück gleiten ließ; dann gab er seinem Pferde den Zügel und sprengte mit seinen Begleitern auf der Straße nach Bithoor davon, ohne zu bemerken, daß die Bajadere in der Nähe des Hauses jede seiner Bewegungen belauscht. Der Sepoy machte sich alsbald auf den Weg, aber er hatte noch nicht die Stadt verlassen, als ein Jemedar mit einer Wache ihn einholte und ihm zu folgen befahl. Der Hindu sah sogleich, daß ein Zufall ihn verraten haben müsse und mit jenem Stoizismus, der die Orientalen gleichgiltig gegen das Leben macht, fügte er sich seinem Schicksal. Der Jemedar führte ihn nach dem Zelt des Nena, gefolgt von einer Menge Volkes, welche die Verhaftung versammelt hatte. In demselben Augenblick, als der Sepoy, fortgestoßen von seinen Kameraden, das Innere des Zeltes betreten wollte, fiel sein Auge auf ein angsterfülltes Antlitz in der Menge, aber es genügte, mit einer bedeutsamen Wendung des Kopfes einen raschen Blick zu tauschen, und noch ehe der Teppich sich hinter ihm schloß, konnte er sehen, daß die Person, welcher der Wink gegolten, sich rasch aus dem Gedränge verlor. Der würdige Bote Editha Highsons hatte nach dem Fortgehen seines Gastfreundes noch keineswegs sein fröhliches Gelag aufgegeben, und es dauerte nicht lange, so sank er auf die Bastmatte und ein lautes Schnarchen verkündete, daß er in einen tiefen Schlaf gefallen war. Es mochte eine Stunde vergangen sein, als eine junge indische Frau in fliegender Hast den Fußpfad daher geeilt kam, sich häufig umschauend, als fürchte sie Verfolgung, und in die Hütte stürzte. Sie faßte den Arm des Schlafenden und schüttelte ihn heftig, indem sie die wenigen englischen Worte, die sie kannte, in ihre Rede mischte. »Sahib Faringi müssen fort, geschwind – große Gefahr drohen dem Sahib und arme Tetukanah und arme Nudschur! Nudschur gefangen beim Peischwa – Peischwa kommen, um Sahib Faringi zu fangen!« Der Irländer, den es ihr endlich gelungen war aufzurichten, rieb sich schlaftrunken die Augen. »Was zum Teufel schwatzt die Närrin von Peischwa und gefangen? Laß mich schlafen – oder noch besser, komm her und küß mich, du kleine hübsche schwarze Katze!« »Nudschur Dschewarri ist von den Kriegern des Nena gefangen genommen, diese Augen sahen ihn in das Zelt des Peischwa schleppen und er winkte mir. Auf Fremdling – und folge mir!« Der Irländer hatte doch die Mitteilung der jungen Frau jetzt begriffen und die Kenntnis der Gefahr ernüchterte ihn vollkommen. »Sahib müssen in den Hain der stummen Leute – der Ort ist heilig und niemand wird ihn zu betreten wagen, wenn Sahib sich dort verborgen halten bis zur Nacht.« Die Frau floh fort, und Mickey, dem die Gefahr die größte Behendigkeit verlieh, folgte ihr eben so eilig, denn es dünkte ihm, in der Ferne Rufen und Geschrei zu vernehmen. In der Tat war dies auch der Fall, denn die Hindufrau wandte sich zu ihm und sagte: »Die Krieger des Nena haben die Hütte erreicht – aber Lakschmi sei Dank, wir sind am Ziele!« Sie hielt jetzt vor einer hohen und dichten Hecke an, die von den dicken Blättern und Zweigen der stacheligen Feigen-Kaktus gebildet war, jedoch keine Öffnung zeigte. »Kriech durch die Hecke und verstecke dich im Gebüsch, bis die Nacht gekommen. Wenn du dreimal das Geheul des Schakals an dieser Stelle hörst, werde ich zurückgekehrt sein, um dich zu holen.« Mickey schaute verdutzt die von langen Dornen starrende Wand an, ohne zu wissen, wie er hinüber oder hindurch kommen sollte. Tetukanah zog ihn mit Gewalt nieder, riß ihm das weiße Obergewand vom Körper und hüllte Kopf und Hände ihm ein. »Bist du ein Mann, Faringi, daß du den kurzen Schmerz fürchtest, wo es gilt, dein Leben zu retten? Eile dich – denn die Feinde nahen!« In der Tat erklang ein gellender Ruf lauter und näher als die früheren und man hörte ihn deutlich von verschiedenen Seiten erwidern. Der Irländer steckte mit einem Coup der Verzweiflung seinen Kopf in das Dickicht voran und schob mit einem heldenmütigen Entschluß durch die elastischen nachgebenden Zweige seinen Körper nach. Zwar waren das Gesicht und die Hände durch die Vorsicht der Indierin so ziemlich geschützt, aber an hundert anderen Stellen drangen die spitzen Dornen in sein Fleisch, bis es ihm durch einen gewaltsamen, von einem tüchtigen Fluch begleiteten Ruck gelang, sie zu durchbrechen, worauf er kopfüber in einen flachen Graben fiel, der die Hecke auf der innern Seite begrenzte. Er hörte noch, wie Tetukanah ihm zurief, sich von der Hecke zu entfernen, und die flüchtigen hastigen Schritte, mit denen sie selbst entfloh. Sie war erst wenige Augenblicke in dem Dickicht der Mangrovebüsche verschwunden, welche den Hohlweg säumten, als denselben im vollen Galopp mehrere Reiter herauf gesprengt kamen, an ihrer Spitze der Peischwa selbst. »Möge die Bhawani alle Verräter verderben – der Ungläubige ist auch hier nicht zu sehen!« »Stelle Wachen aus, entlang der ganzen Strecke, Mustapha, und sorge, daß der Hund nicht entwischt! – Alamos und die Tänzerin sind auf seiner Fährte – der Mexikaner hat die Witterung eines Hundes und wird sie nicht verlieren.« In der Tat hatte der Nena auch kaum ausgesprochen, als an derselben Stelle, an welcher Mickey mit seiner Führerin das große Maisfeld verlassen hatten, Joaquin Alamos, der Pfadfinder, erschien, gefolgt von dem Kanadier Adlerblick und der Bajadere nebst mehreren Sepoys. »Wo ist der Spion? Habt ihr den Faringi gefangen?« schrie der Peischwa sie an. Der Mexikaner schüttelte verneinend den Kopf. »Noch nicht, Hoheit,« entgegnete er, »aber wir sind auf ihrer Spur.« Der Nena ritt näher an sie heran. »So sind ihrer mehrere?« »Nein, Sennor Prinzipe – es ist ein Europäer und ein indisches Weib. Sie muß ihn gewarnt haben vor der Gefahr und ihm den Weg zur Flucht zeigen.« »Woraus schließest du das?« Der Mexikaner lächelte. »Es muß ein Faringi-Soldat sein, denn er ist ein unmäßiger Trinker und wir fanden, wie du weißt, einen geleerten Krug an seinem Lager. Der Boden in den Maisfeldern ist weich – die Spuren eines Weiberfußes sind wohl zu erkennen, und sie sind die eines nackten und kleinen Fußes mit Ringen an den Zehen. Die Frau, die den Engländer führte, muß also jung, eine Hindu und von niederem Stande sein.« Der Nena nickte zustimmend. »Und wohin führen die Spuren?« »Hierher, Hoheit – sie treten hier aus dem Felde.« »So suche weiter – der elende Sohn einer Hündin kann nicht weit entfernt sein. Bringt den Gefangenen hierher!« »Dreifacher Sohn eines Hundes, der du deinen Glauben und dein Land verrätst,« schnob der Peischwa ihn an – »gestehe, wen du abgesandt hast, den Faringi zu warnen und ihn zu verbergen?« »Möge der Schatten deiner Gnade auf deinen Sklaven fallen,« winselte der Nudschur, zu den Füßen des Pferdes sich windend – »ich kann nur sagen, daß ein Mann diesen Morgen in meine Hütte gekommen, der sich für einen Kaschmurer ausgab und unsere Sprache spricht, wie das Wasser des Quells sprudelt. Er sagt mir, er sei krank und befahl mir, den Hakim des Peischwa zu ihm zu holen. Bei dem Haupte Krischnas, ich war bei ihrer Unterredung nicht zugegen und habe nur getan, was sie mir befahlen.« Der Ruf des Mexikaners unterbrach den Zornausbruch des Hindufürsten. »Ich habe die Spur, Hoheit – hier haben sie sich getrennt – das Weib ist nach jener Richtung entflohen!« »Möge die Dunkeläugige auf ihren Fersen sein! Was ist aus dem Manne geworden?« Der Mexikaner zeigte ihm einen Fetzen weißen Stoffes, der an den Dornen des Kaktus hängen geblieben. »Er ist hier hinein!« »Das ist unmöglich – die Wand ist dicht wie eine Mauer und hoch.« »Es ist, wie ich sage, Sennor Peischwa,« erklärte der Mexikaner. »Die Angst hat ihm die Kraft gegeben, diese Wand zu durchbrechen!« »Stell' Wachen aus, Mustapha, und fort zu dem Tempel der stummen Leute.« Er sprengte im rasenden Galopp weiter, gefolgt von der Schar zu Pferd und zu Fuß, den Weg verfolgend, der, aus der Schlucht hervortretend, an dem Wäldchen entlang bis zu einer großen Pagode führte, welche Eingang zu dem parkähnlichen Gehege bildete, das den Wohnort der »stummen Leute« oder der heiligen Affen bildete. Der Nena sprang vor dem Eingange von dem Pferde und trat, ohne sich um die Vorschrift zu bekümmern, durch die Pforte des Tempels in das Gehege, indem er seinen Begleitern befahl, den Ausgang zu besetzen und ihm zu folgen. Als der Nena den inneren Raum betrat, fand er mehrere Brahminen, Fakire, Bettler und Gläubige um den Rand des gemauerten Bassins versammelt, in das die Marmorstufen der Freitreppe der Pagode führen, und wohin die Affen, deren es viele Hunderte von allen Gattungen in diesem Bezirk gibt, kommen, um zu trinken und sich zu baden. Das plötzliche Erscheinen des Nena brachte unter den Menschen und Tieren eine große Bewegung hervor. Die Priester wollten mit Geschrei gegen den Eintritt Bewaffneter protestieren, aber einer der Brahminen erkannte den Peischwa und beugte sein Knie vor ihm, worauf sich alle zu Boden warfen. Da aber die Tiere weniger Respekt vor einem Hinduprinzen haben, so näherte sich ihm in diesem Augenblick ein großer Affe und langte mit Grimassen nach dem von Gold und Steinen funkelnden Säbel des Peischwa – ein tüchtiger Kolbenstoß des Kanadiers jedoch stürzte das Tier wimmernd in das Bassin und die ganze Rotte zog sich schnatternd und zähnefletschend eilig zurück. Einige kurze Fragen reichten hin, den Peischwa zu überzeugen, daß der Verfolgte den Ausgang noch nicht versucht hatte. »Dort – dort ist er – zwischen den Blättern,« rief die Bajadere, deren scharfer Blick den armen Kerl bald entdeckt hatte. Die Menge umgab die Stelle und aller Augen richten sich nach der Krone des Baumes. »Komm herunter, Kaffir – oder dein Tod soll ein schrecklicher sein!« befahl die sonore Stimme des Nena. Mickey, statt dem Befehl Folge zu leisten, begnügte sich damit, noch höher in den Wipfel des Baumes zu steigen und einen besseren Versteck zu suchen. In der Tat bot das dicke Gewebe von Ästen und Zweigen auf der Höhe der in ihrem unteren Teil glatten und geraden Stämme einen ziemlich guten Schutz, aus dem ein Mann nur durch einen persönlichen Angriff oder einen glücklichen Schuß zu vertreiben war. »Schießt den ungläubigen Hund herunter!« befahl der ungeduldig werdende Fürst – aber keiner der Sepoys wagte es, das Gewehr zu erheben, alle blickten mit scheuer Furcht bald auf den Nena, bald auf die Priester, da ein strenges Gesetz verbietet, im Bezirk der unter'm Schutz des Tempels stehenden Tiere eine Feuerwaffe abzubrennen. Der Nena wandte sich erzürnt zu dem Kanadier in seiner Begleitung. »Diese Feiglinge sind schlimmer als die Tiere, um derenwillen sie sich zu Toren machen. Bei der Dunkeläugigen, ich muß diesen Mann haben. Schieß ihn herab!« Adlerblick hob zögernd die nimmer fehlende Waffe. » Mordioux !« sagte er rücksichtslos – »das ist keine Arbeit für mich, Monseigneur! Der Bursche kann sich nicht verteidigen gegen mich, und es wäre so gut, wie ein Mord aus dem Hinterhalt.« »Wagst du es, über meine Befehle zu mäkeln, Schurke?« schnaubte der Nena ihn an. »Schieß, sag' ich, oder fürchte meinen Zorn!« Der ehemalige Trapper, der sich auch nicht das geringste Gewissen darüber gemacht haben würde, den Irländer aus jedem Versteck niederzuschießen, wenn dieser nur selbst ein Gewehr in der Hand gehabt hätte, zögerte noch immer, als ihm ein glücklicher Gedanke zu kommen schien. In diesem Augenblick wurde die volle Gestalt des Verfolgten sichtbar, wie ein Blitz fuhr die schwere Flinte an die Wange des Schützen, der Schuß krachte, und die Dschambea flog aus der Hand des Irländers, daß von der Gewalt des Stoßes ihm fast das Gelenk auseinandergerissen wurde. Mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens eilte dieser auf dem Ast entlang und stürzte sich plötzlich mit einem Sprung hinunter mitten unter seine Feinde und zwar gerade auf den Schützen, der ihn soeben entwaffnet. Dar Stoß war so unerwartet und so schwer, daß der Kanadier trotz seiner Größe und Stärke wie von einem Felssturz getroffen laut- und regungslos zusammenbrach, Mickey aber, dessen Fall eben dieser Umstand gebrochen, war im Nu mit der Elastizität einer Stahlfeder wieder auf den Füßen, und den Mexikaner und einen der Sepoys über den Haufen werfend, brach er in gewaltigem Anlauf durch den gefährlichen Kreis und floh in weiten Sprüngen durch den Waldgrund der Pagode und dem Eingang des Geheges zu. Ein gellendes Geschrei von Verwünschungen und Drohungen erscholl hinter ihm und alsbald war die ganze Meute auf seinen Fersen. Aber die Todesangst verlieh dem Verfolgten eine wahrhaft wunderbare Muskelkraft und als er das Bassin und die Freitreppe der Pagode erreichte, waren seine Feinde noch weit hinter ihm. Der Irländer war mit einem Sprung auf der Höhe der Stufen, warf einen alten Brahminen, der ihm entgegentrat, zu Boden und stürzte durch das offene Tor des Tempels ins Freie. Aber das Schicksal wollte die heldenmütigen Anstrengungen des braven Burschen nicht unterstützen. Zwischen dem Gehege der »stummen Leute« und der Verschanzung der Engländer war eine weite Strecke aufsteigenden freien Landes, aber hin und wieder mit Wassergräben zur Befruchtung der Felder durchzogen, die seinen Lauf hinderten, und als er wild um sich schaute, gewahrte er, daß zwei Haufen Sepoys von verschiedenen Seiten herankamen und ihm den Weg nach dem Fort abzuschneiden suchten. Der Nena hatte unterdes gleichfalls mit seinen Begleitern den Ausgang der Pagode erreicht, sein Antlitz schien förmlich schwarz geworden vor Zorn und mit dem einzigen Wort: »Lebendig!« an Alamos, der ihm zur Seite war, wies er auf sein eigenes Pferd. Erbittert über die ungenierte Art, mit welcher ihn der Irländer bei seiner Flucht zu Boden geworfen, sprang der Mexikaner mit einem Satz auf das treffliche Vollblutroß seines Gebieters, und indem er ihm die Fersen in die Flanke preßte und es zum vollen Galopp antrieb, begann er mit geschickter Hand den Lasso loszumachen, den er um seinen Gürtel gewickelt trug. Noch eine verzweifelte Anstrengung machte der Irländer, den Sieg zu gewinnen. Er befand sich etwa noch zehn Minuten vor den schützenden Wällen entfernt, und konnte bereits die dichten Haufen der tapferen Verteidiger erkennen, welche das eigentümliche Schauspiel auf die Schanzen und die Dächer gelockt. Daß er erkannt wurde, bewies ihm das Wehen eines Frauenkleides von der Höhe des Lazarettgebäudes und das Schwenken eines weißen Tuches, und gleich darauf donnerte ein Kanonenschuß nach der Richtung, in welcher einer der Sepoyhaufen herbeirannte, um ihm den Weg abzuschneiden. Wenige Minuten noch und er wäre gerettet gewesen, als er sich plötzlich an dem Rand eines breiten Grabens sah, den er selbst im Vollbesitz seiner Kräfte nicht zu überspringen vermocht hätte. Da blieb er stehen, kehrte sich um und die Fäuste geballt und vorgestreckt, erwartete er seine Verfolger. Im nächsten Augenblick parierte in der Entfernung von etwa zehn Schritt von ihm Alamos der Mexikaner und ließ die gefährlichen Kugeln im engen Kreise um seinen Kopf sausen – eine Bewegung der Hand – und sie flogen durch die Luft und umschlangen die Füße des Irländers. Außerhalb der Kanonenschußweite der Befestigung hielt der Nena, und hierher schleifte der Mexikaner seinen Gefangenen, dessen Aussehn kaum noch menschlich zu nennen war. Auf einen Wink des Peischwa wurde die Schlinge von seinen Füßen gelöst und er aufgehoben. Mickey war in den ersten Minuten so schwach, daß er nicht allein zu stehen vermochte. Das Auge des Nena ruhte durchbohrend auf ihn. »Du bist ein Spion« – sagte er – »du kommst aus jener Verschanzung der weißen Hunde – du mußt sterben!« »Ich fürchte selbst, Euer Gnaden,« entgegnete Mickey, der sogar in diesem schrecklichen Augenblick seine gewöhnliche Redeweise beibehielt, »Euer Gnaden müßten denn bei besonders guter Laune sein, was aber nicht zu erwarten steht. – Was aber den Ausdruck Spion betrifft, so – – – – – – – – – »Was tatest du hier? Wer schickt dich ab? Jener Sohn eines Hundes, den die Kaffirs General Wheeler nennen?« »Wer mich geschickt – Euer Gnaden – o ich kam auf eigene Faust!« Der Nena stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Bringt den Verräter her!« Einige Sepoys schleppten ihren Kameraden Nudschur Dschewarri herbei. »Kennst du diesen Hund?« »Hm – es ist ein Korporal vom 31. Nativ-Regiment – der Schurke hat mich oft genug betrogen bei den Einkäufen – ich kenne viele Gesichter hier umher, so schwarz sie die Verräterei auch gemacht haben mag.« »Du brachtest ihm Nachricht aus dem Fort – du hast ihn erkauft und durch seine Hilfe mit dem Franken-Hakim verkehrt!« »Muschla – was Euer Gnaden nicht alles sagt! ich weiß kein Wort von der ganzen Geschichte und habe den Nudschur seit einer Woche nicht mehr zu Gesicht bekommen.« »Lügner! Hier ist der Brief des Franken-Hakim an diejenigen, die dich gesandt haben!« »Euer Gnaden mögen ihn bestellen lassen – Sie werden vielleicht den Leuten einen Dienst damit erweisen.« »Sohn eines Hundes – wahre deine Zunge oder ich lasse sie dir aus dem Halse reißen! Der schlaue Irländer merkte sofort, daß der Peischwa von den einzelnen Umständen seiner Mission durch den Nudschur noch keine Kenntnis erhalten. »Ich beteuer Euer Gnaden bei allem, was Sie wollen – ich weiß von keiner Botschaft und bin bloß zu meinem Vergnügen nach der Stadt gekommen!« »Sind die Faringi, deine Brüder, in jenen steinernen Häusern mit Brot versehen? Wieviel Männer zählen sie?« »Heiliger Patrik, ich sollte meinen, Euer Gnaden hätten in dieser gesegneten Nacht Gelegenheit genug gehabt, sie zu zählen! Ich habe gehört, Euer Gnaden hätten einen Unfall gehabt, was mir sehr leid tun sollte.« Die Farbe des Nena änderte sich fast in das Grüne bei dieser Erinnerung. Er wandte sich ohne Antwort zu den Männern, die ihn umgaben, und winkte den Mexikaner herbei. Seine Hand wies nach zwei jungen schlanken Palmen, die in kleiner Entfernung, etwa zehn Schritt weit voneinander, ihre Kronen in der Abendluft wiegten. »Siehst du die beiden jungen Bäume dort?« »Ja, Sennor Peischwa!« »Vermagst du mit deinen Schlingen ihre Wipfel zur Erde zu beugen?« »Wenn mir einige dieser Tagediebe helfen wollen – gewiß Sennor!« »So tue es!« Der Mexikaner winkte drei oder vier der Sepoys und ging mit ihnen der kleinen Baumgruppe zu. Der Irländer zweifelte keinen Augenblick, daß es sich darum handle, ihn aufzuknüpfen, und er fuhr unwillkürlich mit der Hand an den Hals. Der Peischwa wandte sich zu ihm und deutete nach dem Hügel, auf welchem sich weit umher sichtbar die befestigten Gebäude erhoben, welche gegenwärtig den Schutz der Engländer bildeten. Auf der Terrasse des Daches des Lazaretts wurde eben ein Balken mit einem Querholz errichtet, und seine dunkle Linie war deutlich erkennbar. Eine Menschengruppe umdrängte seinen Fuß. »Die Kaffirs, deine Brüder,« sagte der Nena spöttisch, »errichten einen Galgen für einen der Gläubigen. Wer auch in ihren Händen sein mag, er wird zu sterben wissen für die Freiheit.« Der letzte Strahl der Sonne war verschwunden und die Dunkelheit trat mit jenem raschen Übergang ein, den man nur in den Tropenländern kennt. Auf den Befehl des Nena wurden jetzt einige Äste harzigen Holzes angezündet, um als Fakeln bei der Exekution zu dienen. »Bindet seine Arme!« befahl der Nena. Zwei Sepoys warfen sich auf den Unglücklichen und schnürten ihm die Hände auf den Rücken. Der Peischwa schaute ungeduldig nach dem Werk der Männer an den Palmen, das ihm zu lange währte. Er deutete auf den Baum, unter dem er hielt. »Hängt unterdes diesen Verräter seines Glaubens und seines Landes an jenen Ast! Der ungläubige Hund mag an seinem Gefährten lernen, was seiner wartet!« Die Bajadere trat zu dem Peischwa, deutete auf den Verurteilten und dann nach der Gegend der Verschanzung, und sprach eifrig zu ihm. Der Nena hörte sie finster an, aber das was sie sagte, schien Eindruck auf ihn zu machen; als schon der Korporal von seinen Henkern in die Höhe gehoben und die Schlinge um seinen Hals gelegt war, erhob er die Hand und rief: »Halt! – Bringt ihn hierher!« Während gehorsam die Henker den Strick lösten und den Sepoy herbeiführten, erstrahlte plötzlich in der Richtung der Verschanzung ein helles Blaulicht. Man erblickte in seinem Schein deutlich die Parapets der Wälle und die Dächer der Gebäude – an dem Galgen, der auf der Terrasse des Hospitals errichtet war, hing eine menschliche Gestalt in den letzten Todeszuckungen. Der Nena lachte bitter auf, als er nach jener Seite hindeutete. »Deine Brüder – die Hunde! geben uns das Beispiel, und bei dem Schlangenhaar der Kali – es soll nicht verloren sein! – Geh,« – fuhr er zu dem Sepoy gewendet fort – »ich schenke dir das Leben, aber bedenke, daß das Auge des Peischwa auf dir ruht und seine Gerechtigkeit über dir schwebt!« Der Nudschur warf sich vor den Hufen des Pferdes in den Staub und beteuerte seine Treue und Ergebenheit. Dann zog er sich hastig in den Haufen seiner Gefährten zurück. »Was gibt es – was flüstert ihr?« fragte der Nena, dessen Falkenblick bemerkte, daß die beiden ehemaligen Trapper der Felsgebirge eifrig miteinander sprachen, der Adlerblick war jetzt gleichfalls herbeigekommen. »Hoheit,« sagte Ralph – »dieser Kanadier meint, er habe in dem Licht, das die Engländer soeben über die Ebene warfen, zwei dunkle verdächtige Schatten sich bewegen sehen.« Der Nena dachte einen Augenblick nach – es schien ihm nicht unlieb zu sein, einen Vorwand zu finden, um die beiden weißen Krieger zu entfernen. »Nehmt ein Dutzend dieser Männer mit euch und durchstreift die Ebene. Doch höre – wie lange sagtest du, daß du einen Gefangenen hättest leben sehen, den die braunen Krieger der Einöden deines Landes zwischen den Wipfeln der jungen Bäume ausgespannt?« Der rauhe Trapper schauderte, denn er erkannte jetzt die grausame Absicht des Hindufürsten. »Drei Tage und drei Nächte, Hoheit,« sagte er kopfschüttelnd, indem er einen Blick der Teilnahme auf den Irländer warf – »aber es ist eine Tat.« »Geht und vollführt meine Befehle!« unterbrach ihn der Nena gebieterisch. Dann wendete er sein Pferd zu den Palmenbäumen hin, indem er winkte, den Irländer ihm nach zu führen. »Man wird von der Behausung jener Hunde auf diese Stelle sehen können?« »Carambo, Sennor Peischwa – ich bürge dafür.« »Schnürt diesen Kaffir mit Händen und Füßen fest an die Spitzen der Palmen, und laßt sie ihn empor in die Luft schnellen. Wenn Surya seine ersten Strahlen über die Erdscheibe gießt, werden seine Brüder diese Frucht unserer Bäume sehen.« Mit einem Jubelgeschrei warfen die Henkersknechte des Peischwa den unglücklichen Irländer zu Boden, und er ward mit festen unzerreißbaren Baststricken an den Gelenken der Füße und Hände an die ihrer Blätter beraubten Baumspitzen geschnürt. Die Todesangst und Verzweiflung malte sich jetzt in furchtbaren Zügen auf dem Gesicht des braven Burschen; das Unbekannte – Furchtbare dieser Marter, mit der man ihn bedrohte, schien all seine Standhaftigkeit vernichten zu wollen. Der Nena gab ein Zeichen und der Mexikaner zerhieb die Bande, welche die Wipfel der Bäume zusammenhielten. Ein entsetzlicher gellender Schrei, der nichts Menschliches hatte, – fast im nämlichen Augenblick der Knall eines Schusses – eine konvulsivische Bewegung jenes dunklen Körpers am Nachthimmel – »Was ist geschehen? wer tat den Schuß? Bei Yama dem Unterirdischen – wehe dem unvorsichtigen Schützen!« Die Bajadere hatte einem der Fackelträger diese aus der Hand gerissen und streckte sie hoch hinauf zu dem Unglücklichen, dessen Glieder auf das grausamste von der Spannkraft der beiden Palmen auseinander gerissen wurden. Aber kein Laut – kein Schrei des unsäglichen Schmerzes kam mehr von seinen Lippen, ein Strom von Blut rann aus der zerschmetterten Stirn – der Irlander war tot, getötet in dem Augenblick der grausamen Marter von der Kugel aus Freundes Rohr. Der Nena stieß einen grimmen Schrei der Wut aus, als er sein Opfer auf diese Weise so plötzlich aller Marter entrückt sah. Rascher, als noch ein Wort des Zornes sich seinen Lippen entwand, fiel in einiger Entfernung ein zweiter Schuß – der gellende Ram-Ruf wurde hörbar, ein wirres Gewehrfeuer, und man vernahm ein Geschrei wie das Lärmen eines Kampfes und einer weiteren Verfolgung. »Das sind die Sepoys der Amerikaner!« rief der Nena – »zu den Waffen, Männer – die Feinde haben einen Ausfall gemacht!« Aber ein näher kommender Jubelruf der Hindukrieger benachrichtigte ihn alsbald, daß keine Gefahr zu fürchten sei, und die dunkle Gruppe, die sich nahte, aus Freunden bestände. Adlerblick und der ehemalige Bärenjäger, die Gewehre in der Hand, traten in den Lichtkreis der Fackeln. Hinter ihnen her drängte sich das kleine Kommando Sepoys, – in seiner Mitte, von zehn Händen gehalten, eine fremde Gestalt. Der Nena sprengte gegen die Gruppe. »Was ist geschehen? gebt Antwort? Wo sind die Faringi?« herrschte er ihnen zu. »Wir sahen ihrer nur zwei, Monseigneur,« sagte der Kanadier – »die sich in die Nähe gewagt. Der Blitz des Schusses, den der eine nach jenem Körper dort tat, verriet sie und wir bringen einen Gefangenen, der andere ist entkommen!« Der Bärenjäger stieß den Kolben seiner Büchse auf den Boden. »Ich wünschte, der andere wäre es auch,« murmelte er, »und verdammt sei das Gesindel, das ihn auffing. Es war ein wackeres Stück, hierher zu kommen und jenem armen Kerl die tagelange Höllenmarter zu ersparen.« »Wo ist der Gefangene?« Die Sepoys stießen ihn in den Lichtkreis – die Tänzerin schlug mit einem Schrei wilden Frohlockens die Hände zusammen und sprang auf ihn zu. Der Gefangene war Leutnant Sanders , der Verlobte Editha Highsons, ihrer Nebenbuhlerin! Der Verrat In dem Zelt, das der Peischwa noch immer auf der Stätte des Bungalows des Residenten, seines Feindes, bewohnte, saß der Nena an einem niederen mit Papieren bedeckten Tisch, sein Auge unruhig darauf geheftet oder es zu seiner Vertrauten, Anarkalli der Bajadere, aufschlagend, die ihm gegenüber auf dem Diwan kauerte und lebhaft zu ihm sprach. Von Zeit zu Zeit horchte der Nena auf den dumpfen Donner eines Kanonenschusses; denn obschon neunzehn Tage seit dem ersten Sturm auf die Verschanzung der Engländer vergangen waren, hielt sich das improvisierte Fort noch immer gegen die Übermacht des Feindes. Längst schon hatten die Belagerten die Erwiderung des schweren Geschützfeuers aufgeben müssen. Die Munition war nur noch so spärlich vorhanden, daß sie kaum zur Abwehr der häufig wiederholten Stürme hinreichte und mit jedem Tage mehr schmolz. Man hatte sich der Hoffnung hingegeben, daß, wenn es ihnen gelänge, sich nur einige Tage gegen die Übermacht des Peischwa zu halten, die Nachricht von ihrer Bedrängnis bald Lucknow und Allahabad erreichen und ihnen von dort Hilfe und Ersatz kommen würde. Während General Wheeler, trotzend auf diese Hoffnung und zum Äußersten entschlossen, als Drohung gegen den Nena den gefangenen Jemedar aufknüpfen ließ, hatten sich Sanders und Kapitän Halliday entschlossen, auf eigene Gefahr sich Überzeugung von dem Schicksal des Sergeantmajors zu verschaffen und vielleicht etwas zu seiner Rettung zu tun. Mit Schmerz in den wackeren Herzen erkannten sie, daß der Unglückliche aus den Händen der Mörder nicht zu retten wäre, aber die sichere Büchse Hallidays gab im verhängnisvollen Augenblick ihm wenigstens den raschen Soldatentod. Obschon weder Adlerblick noch der Trapper Lust hatten, die Freundestat mit einer Ergreifung der beiden kühnen Abenteurer zu vergelten, zwang sie doch die Gegenwart der Sepoys zur Verfolgung, bei der Halliday in der Dunkelheit glücklich entkam. Er brachte die Nachricht von der Tat des Nena und von dem Fall des Leutnants, den er unter den Schüssen der Sepoys glaubte stürzen gesehen zu haben, in das Fort. – Vier schwere und blutige Stürme hatte die heldenmütige Tapferkeit der kleinen Besatzung in der Zeit der neunzehn Tage abgeschlagen; die Frauen selbst fochten mit Muskete und Degen auf den Wällen und mancher tapfere Mann hatte das Kriegerschicksal Oberst Stuarts bereits geteilt. Und nicht die Kugeln und der Hunger allein waren die grimmen Feinde, die täglich neue Opfer forderten: die Leichen, die um die Wälle moderten und die keine der beiden Parteien zu begraben wagte, verbreiteten im glühenden Sonnenstrahl den Pesthauch der Verwesung, und die Harpye: Krankheit legte ihre hageren Krallen auf die Geängsteten. Seit einigen Tagen fühlte der General jedoch sich wohler, sein Schritt war fest und mit Gewalt schien er der Schwäche zu gebieten. Am Morgen desselben Tages hatte man im Innern der kleinen Feste einen Pfeil gefunden, an dessen Schaft ein Brief gebunden war, dessen Adresse an den General lautete. In dem Augenblick, in dem wir unsere Erzählung wieder aufnehmen, waren sämtliche Offiziere der Besatzung um den General zu einem Kriegsrat versammelt, nachdem während des ganzen Tages alles mit der Instandsetzung der Waffen beschäftigt gewesen und der Rest der Munition und der Lebensmittel unter die Männer und Frauen verteilt worden war. – – – – – – – – – –   »Bei der Dunkeläugigen, Mädchen,« sagte der Nena höhnisch »dein Witz scheint sich diesmal geirrt zu haben. Wir hätten ebensogut den eigenen Brief dieses Faringi an die Hunde seine Brüder schicken können, als die Schrift, die du so trefflich nachgeahmt.« »Möge der Peischwa, die Zuflucht der Hindostani, bedenken, daß der falsche Brief des Gefangenen erst diesen Morgen in ihre Hände gekommen.« »Hast du heute den Engländer gesehen, Mädchen?« »Anarkalli sieht ihn alle Tage, wenn Surya aus dem Wasser der Weltschlange taucht und wieder zu ihr niedersinkt. Es ist ein Krieger und ein Mann, ich gestehe es, aber ich will sein Herz brechen sehen und sein Auge weinen, wenn ich die glänzende Schlange vernichte, die mir seine Liebe geraubt!« »Ich habe dir geschworen mit dem Eide, den wir beide kennen, daß du wählen sollst unter den Gefangenen, wenn dein Anschlag gelingt. Der Gedanke, ihm jenen Hund Nudschur Dschewarri zum Wächter zu setzen und diesen sich als einen heimlichen Freund der Faringi ihm zeigen zu lassen, war gut, aber ich fürchte, sie wagen den Ausfall nicht, zu dem dein falscher Brief sie in seinem Namen aufgefordert.« Anarkalli sprang empor. »Sahib Eddo bringt Botschaft – es ist Nachricht da, daß die Faringi in die Falle gehen, die wir ihnen gestellt!« Ein Hindu-Offizier trat ein und verneigte sich, die Arme auf die Brust gekreuzt, vor dem Gebieter. »Was gibt es, Maheb Sirdanok ?« »Der weiße Sahib Suhbedar der Kanonen ist vor dem Zelt – er verlangt die Zierde des Weltalls zu sprechen!« »Laß ihn kommen – geschwind!« Der Offizier hob den Teppich und ließ Kapitän Cordillier eintreten, der erhitzt und bestaubt aussah. Der Nena wechselte sofort die Sprache und fragte ihn hastig auf französisch: »Was bringen Sie, Kapitän? geschwind!« »Es zeigt sich eine verdächtige Bewegung in der englischen Verschanzung, Hoheit – die Wälle sind gefüllt mit ihren Leuten! Ich glaube, sie bereiten einen Ausfall vor.« »Sie wissen, daß Ihre Geschütze nur in dem Fall eines Angriffes auf die Batterie feuern dürfen!« »Der Befehl ist erteilt, Hoheit!« »Wo ist Aga Mustapha? Herbei mit ihm und den Offizieren! führt meine Pferde vor!« »Zu Pferd, Aga Mustapha , und führe dein Regiment durch die Schlucht an der Pagode der stillen Leute. Erst wenn die Kaffirs handgemein sind am Tor der Stadt, brichst du hervor und sperrst ihnen den Rückweg!« Fernes Schießen wurde hörbar – ein Reiter kam inmitten einer Staubwolke daher gejagt. »Die Faringi! die Faringi!« heulte er schon von fern – »sie haben den Hügel verlassen, sie dringen gegen die Stadt!« Der falsche Brief, welcher auf den tückischen Rat der Bajadere den Engländern zugesandt worden, hatte seine Wirkung getan.   In dem Kriegsrat, den General Wheeler mit den Offizieren der Besatzung gehalten, war es ziemlich stürmisch hergegangen, da die Ansichten über den Inhalt des Briefes geteilt waren. Derselbe lautete: »Sir! Seit neunzehn Tagen bin ich gefangen und streng bewacht, und erst jetzt gelingt es mir, Ihnen eine Nachricht zu geben. Der Nena bricht heute mit der Hälfte seiner Leute auf, um eine Abteilung unserer Landsleute aufzuhalten, die von Allahabad heranrückt. Lucknow ist in den Händen der Feinde. – binnen zwei Tagen werden die Reiter von Aude hier sein und dann ist alles verloren – was geschehen soll, muß gleich geschehen – ein Angriff auf Cawnpur kann den Nena zwischen zwei Feuer bringen und uns mit unseren Freunden vereinigen. Mein Gefängnis ist im gelben Hause am Bithoor-Tor – ein uns ergebener Sepoy verspricht mir, diese Zeilen in Ihre Hände gelangen zu lassen. Gott nehme Sie in seinen Schutz!« Der Sepoy-Korporal, den das Wort der Bajadere vom Strick errettet, hatte sich auf den von der Drohung eines martervollen Todes begleiteten Befehl das Vertrauen des gefangenen Offiziers zu gewinnen gewußt und ihm versprochen, einen Brief an seine Freunde im Fort gelangen zu lassen. Dieser Brief war mit jener eigentümlichen Fertigkeit, welche viele Orientalen in mechanischen Nachahmungen besitzen, benutzt worden, um in der Handschrift des Offiziers das obige Blatt zu schreiben. General Wheeler hatte sofort beschlossen, noch am selben Tage den Versuch zu machen, sich durch die Rebellen zu schlagen und die Straße nach Futtehpoor und Allahabad zu erreichen, da in der Tat infolge der verräterischen Maßregeln des Nena die Zahl ihrer Feinde sich bedeutend vermindert zu haben schien. Endlich einigte man sich dahin, die Kolonne zu teilen, die Mehrzahl der unverwundeten kampffähigen Männer – etwa hundertfünfzig an der Zahl – einen Angriff gegen die Sepoys und den Versuch machen zu lassen, den Feind aus der Stadt zu vertreiben, wo man wenigstens sicher sein konnte, Lebensmittel, Munition und Schiffe zu finden, mit denen man auf dem Ganges eine südlichere, noch in den Händen der Engländer befindliche Station erreichen konnte. Der Rest von etwa fünfzig Kranken und Verwundeten sollte mit den Frauen unter dem Befehl der Kapitäne Ashe und Delafosse in der Verschanzung zurückbleiben, um den Erfolg des Kampfes abzuwarten und sich ihnen anzuschließen oder den Rückzug zu decken. Zur Zeit des Ausfalls hatte man die sechste Nachmittagsstunde bestimmt, um noch beim Licht des Tages zu kämpfen, während zu dieser Zeit bereits doch die größte Hitze des Tages vorüber war. Der General hoffte dann im Schutz der Nacht desto leichter den sich wieder sammelnden Feinden zu entkommen. Als die Stunde herankam, nahmen alle von ihren Kameraden, von ihren Weibern, Töchtern und Schwestern Abschied – Knaben drängten sich in ihre Reihen und verlangten trotzig mitzuziehen. Die Strenge der Konvenienz brach der Ernst dieser Stunde und manches lang verschlossene Gefühl verkündete die bebende Lippe. Editha Highson trat zu dem ehemaligen Residenten, der seit Sanders' Gefangennahme dessen Adjutantendienst bei General Wheeler übernommen hatte. »Sir,« sagte sie – »Sie werden sich erinnern, welches Gebäude Leutnant Sanders als sein Gefängnis bezeichnet hat. Es wird mich glücklich machen, ihn aus Feindeshand gerettet zu wissen, da mein Auftrag die Veranlassung war, welche jenen unglücklichen Mann ins Verderben stürzte und ihn zu dem Wagnis trieb.« Der Major verneigte sich. »Unser erster Angriff soll jener Stelle gelten, verlassen Sie sich darauf, Miß Highson!« Ein kurzer Trommelwirbel gab das Signal. Der südliche Zugang der Verschanzung wurde geöffnet, die bereit gehaltene Bohlenbrücke über den Graben geworfen und die Schar stürmte ins Freie. Da blitzte es hier – da – dort im Gebüsch auf, und der leichte Rauch kräuselte empor in die durchsichtige Luft – die Tirailleurs schwärmten über die Ebene und waren bereits im Gefecht mit den feindlichen Vorposten. Unaufhaltsam drangen die braven Offiziere vor – im Laufe jede Deckung benutzend – jeder Schuß der geübten, erfahrenen Jäger fällte einen der Feinde – die Vorposten der Sepoys zogen sich zurück, bald wurde der Rückzug zur Flucht! »Hurra für Alt-England! Drauf, Kameraden – ein Wettrennen nach den Halunken!« »Vorwärts! vorwärts, Kameraden!« schrie der greise General, der wie ein Jüngling an der Spitze seiner Truppen herankam. »Wir überraschen sie vollständig – die Stadt wird unser sein im Handumdrehen!« Da krachte es von den Gärten der Bungalows an der Flußseite her – ein regelmäßiges Pelotonfeuer und der Mahadeoruf heulte aus jedem Gebüsch. Der General taumelte an der Spitze der Kolonne und stürzte zu Boden. Eine Kugel hatte ihm beide Knie zerschmettert. »Das ist Verrat! Sie sind vorbereitet auf den Angriff,« sagte kaltblütig Major Rivers. »Vier Mann von den Gewehren eine Bahre gebildet und den General darauf! fest im Feuer, Leute – Hornist, das Signal zum Rückzug für die Plänkler. Ruhig zurück, Männer – ruhig zurück – und schließt eure Glieder. Höll und Teufel – dort kommen die Reiter!« Vom Bithoor-Tor her blitzte es von Gold, Waffen und Farben durch den Staubwirbel, der mit rasender Schnelligkeit sich daher wälzte – Lanzenspitzen – Reiherfedern – blinkende Säbel – »Karree! Formiert Karree! Nieder das erste Glied und fällt das Gewehr – fest ihr Männer, sonst seid ihr verloren. Nicht eher Feuer, als bis zum Kommando!« Der brave Conelly hatte das Kommando übernommen. Gleich einem Sturmwind kam die Reiterschar – das siebente irreguläre Kavallerieregiment von Oude – herangebraust – der Nena an ihrer Spitze. »Mahadeo! Mahadeo! Tod den Faringi!« Auf zwanzig Schritte Distanz erfolgte das Feuer der kleinen Phalanx – jede Kugel traf in den dichtgedrängten Reihen – Pferde überschlugen sich – Reiter stürzten und wurden von den Hufen zertreten – Todesgeschrei und Verwirrung – die Kolonne öffnete sich und stob rechts und links, nur wenige Reiter vermochten ihre Lanzen mit den Bajonetten zu kreuzen, eine neue Salve aus dem Innern des Karrees jagte sie in wilde Flucht. »Ruhig – Männer – um Gottes willen Ruhe! Ladet die Gewehre – keinen Schritt eher – jetzt zurück – dicht aneinander – so rasch ihr könnt. Halten Sie die Glieder in Ordnung, Gentlemen!« Die Kolonne eilte im Sturmschritt den Weg zurück, den sie gekommen, um zwischen den Gärten der Bungalows das freie Terrain wieder zu erreichen. Eine Wolke von Schützen war um sie her, – in dem unaufhörlichen Heckenfeuer war kaum das Kommando zu verstehen. Wieder kamen die Reiter des Peischwa herangestürmt, diesmal in drei Schwadronen – vorsichtiger geworden durch den ersten Verlust, aber von gleicher Wut beseelt. Auf einen Wink des Majors wurde der General auf den Boden niedergesetzt und die Phalanx hatte sich im Nu wieder gebildet. Der Anprall war fürchterlich. Das Feuer im letzten Augenblick umgab die kleine Schar mit einem Wall von Leichen der Pferde und Menschen. »Fest aneinander! – fällt das Bajonett! Vorwärts!« Mit dem Stahl brach die Heldenschar sich Bahn durch den Gürtel der Feinde über Leichen und Sterbende hinweg – wiederum flohen die Reiter, und ein donnerndes: Old England for ever! begleitete sie. Zwei Männer umfaßten den Körper des Generals unter den Schultern: ein Rennen, mit dem sie zurückeilten, dennoch möglichst fest geschlossen, die Offiziere auf den Flanken. Zwanzig Mann ließen sie zurück auf dem Felde des zweiten Angriffs – jeder Schritt kostete ein Leben – eine Wunde. Hinterdrein schwärmend der wütende tobende Feind. Jetzt sind sie auf dem Rücken des Hügels – da stockt der eilende Fuß – da läuft ein Murmeln des Entsetzens von Mund zu Mund. Zwischen dem Hügel und dem Fort schwenkt ein zweites Reiterregiment ein, – ihnen den Weg versperrend. Einen Augenblick steht die tapfere kleine Schar ratlos – verzweifelnd – aber es ist nur ein Augenblick; denn über die Turbane der Reiter hinweg, die ihnen den Weg sperren, sieht das Auge in der Entfernung von etwa 2000 Schritt die halbzerstörten Wälle des Forts, bedeckt mit den Gestalten der armen Frauen und Kinder, und ihr Entschluß ist gefaßt. Der wunde General streckt seine Hand nach jener Richtung aus. »Kameraden – ich beschwöre euch, laßt mich hier sterben und zögert keinen Augenblick, mit dem Bajonett euch Bahn zu brechen – es ist der einzige Weg!« Rivers schwingt den Säbel, »Schande dem Soldaten, der seinen Führer im Stiche läßt. Conelly, das Kommando – ich sorge für den General!« und mit einem Heldenmut, der in den Augen der Briten das Andenken mancher schändlichen Tat für immer verlöscht, schwingt riesenkräftig, wie er ist, er die hagere kranke Gestalt des Generals, der heroisch die Schmerzen seiner Wunden verbeißt, auf seinen Arm und stellt sich in die Mitte der Kolonne. »Die Hälfte Kehrt gegen die Stadt!« kommandiert Major Conelly – »Feuer auf die Schurken, um sie in Respekt zu halten, und dann vorwärts auf jene Reiter! Gebt ihnen eure Kugeln, wenn ihr dicht an ihnen seid und dann geschlossen mit dem Bajonett auf sie! –« Eine wohlgezielte Salve treibt die verfolgenden Sepoys von dem Fuß des Hügels zurück, – dann wirft sich die tapfere Schar mit einer Wendung nach rechts, als wolle sie den Hohlweg und das Gehölz erreichen. Eine Abteilung der Reiter sprengt dorthin, um ihnen den Weg zu versperren. Aber plötzlich ändert die Kolonne ihre Richtung und stürmt gegen die Kavallerie Aga Mustaphas. Eine Salve dicht an den Köpfen der Pferde, dann ist alles Rauch und Verwirrung. Aber plötzlich sieht man jenseits dieses Ringes der Vernichtung blutbedeckt die Heldenphalanx der Engländer hervortauchen, fast auf die Hälfte ihrer Zahl geschmolzen, aber ungesprengt, ungebrochen, und ein donnerndes Hurra! erschüttert die Luft. Unterdes ist der Lauf der Engländer bereits zum Rennen geworden, sie hören schon den Zuruf der Ihren, sie sehen ihr Winken, sie sind dicht an dem Fort. Da gelingt es dem Nena sich nochmals mit seinen Schwadronen auf sie zu stürzen – er hat den Todfeind in der Mitte der Tapferen erkannt, er will ihn haben um jeden Preis! Aber die Verfolgten, die keine Zeit mehr haben, sich zu formieren, stürzen sich auf den Zuruf der Kapitäne Ashe und Delafosse in den Graben und die anstürmenden Reiter des Nena empfängt das letzte Kartätschenfeuer der Hüter des Forts, verstärkt durch Gewehrsalven; denn jede Frau, jedes Kind, das eine Flinte zu halten vermag, entladet sie in die dichten Reihen der Feinde, die Väter, Söhne und Brüder zu retten. Die Reiter des Nena wenden sich zur Flucht, ihre Gefallenen decken den Boden – der Strom reißt gewaltig den wutschäumenden Führer mit sich zurück – die Schar der Engländer ist gerettet, und hundert Arme strecken sich von den Wällen nieder, die Emporklimmenden heraufzuziehen. Auf der Höhe des Walles schwenkt Halliday höhnend die Büchse gegen den fliehenden Feind! »Old England for ever!« Sie sind gerettet – noch einmal ! Der Blutbrunnen zu Cawnpur (Fortsetzung). Der Eid. Es war am Morgen nach dem so glorreichen aber unglücklichen Ausfall der kleinen Besatzung des Forts, als der Peischwa wieder in seinem Zelt saß, allein mit der rachsüchtigen Ratgeberin seiner Pläne. Der Peischwa war in düsteres Brüten über einem neuen Entschluß versunken, das selbst seine Vertraute nicht zu stören wagte. Plötzlich wurde der Teppich des Eingangs in die Höhe gehoben und der deutsche Arzt, den der Fürst, seinen Befehlen gemäß, bereits auf dem Wege nach Ihansi wähnte, trat in das Zeltgemach. Der Nena fuhr auf, sein Auge funkelte und seine Hand fuhr nach dem Griff seines Dolches. Mit einer gewaltsamen Anstrengung unterdrückte er seinen Zorn und sein Gesicht glättete sich zu der heuchlerischen Maske der Höflichkeit. »Mein weiser Freund sei willkommen,« sagte der Fürst. »Ich habe lange seinen Anblick entbehrt und mein Herz hat sich nach dem eines wahren Freundes gesehnt.« »Und dennoch, Hoheit, war es dein eigener Befehl, der mich verhinderte, hierherzukommen. Ich mußte die Wachsamkeit deiner Hüter täuschen, ja mit Gewalt mir den Weg erzwingen, um dich zu sprechen!« In dem ernsten, entschlossenen Tone des Deutschen klang die Entrüstung wider über die angetane Beleidigung. »Mein Bruder hat wohlgetan zu kommen,« wiederholte der Hindu höflich, »und ich werde die strafen, welche ihm Gewalt entgegengesetzt. Aber er hat nicht wohlgetan, daran zu zweifeln, daß ich immer sein Freund war und alles zu seinem Besten geschieht. Der Wessir der Rani von Ihansi ist einer der Unseren und sein Leben für die Freiheit Hindostans ein Schatz. Du wirst die Hand eines Freundes drücken, um einen anderen auf seiner Reise zu geleiten.« »Nicht eher, Hoheit, als bis du mir Rede gestanden, bis du meine Fragen beantwortet, meine Bitten erhört hast! Das Gerücht ist zu mir gedrungen, daß gestern ein heftiges Gefecht, ein verzweifelter Ausfall der Engländer stattgefunden hat!« »Der Pfeil Kartikeias neigt sich noch immer auf die Seite der Faringi – wir warten vergeblich auf den Sieg!« »Aber ihre Lage muß furchtbar sein – es ist unmöglich, daß sie sich noch Tage halten – sie müssen dem Hunger und Elend unterliegen, wenn du ihnen nicht Gnade gewährst.« »Der weise Hakim,« sagte der Hindu lauernd, »scheint Freunde unter den Feinden seines Freunds zu haben. Es ist nicht gut, mit zwei Herzen zu lieben. Was schwarz ist, kann nicht weiß sein!« »Ein ehrlicher, gerechter Kampf verlangt noch keine Grausamkeit. In jenen Mauern, die deine Krieger umringen, die deine Kanonen zu Schutthaufen zerschmettert haben, sind unschuldige Frauen und Kinder – kämpfe mit den Männern, deinen Feinden, aber erbarme dich der Schuldlosen!« »Die Brüste der Tigerin saugen den jungen Tiger! Wer die Schlange vernichten will, muß ihre Brut töten!« »Unbarmherziger! Du hast mein Leben gerettet aus der Hand der Meuchler – aber meine Kunst hat das deine erhalten, als du dem Wahnsinn nahe auf dem Krankenbette lagst! – Wir sind quitt! Aber dein Gläubiger, Fürst, bin ich für einen anderen Dienst! Gedenke, was du mir geschworen hundertmal an dem Lager jener Unglücklichen, die ein Teufel in Menschengestalt verdarb. Nicht die Pflicht des Arztes, – nein, die der Menschenliebe, der Freundschaft erfülle ich, und hundertmal gelobtest du mit teuren Eiden deinen Dank und die Gewährung jeder Bitte. Peischwa von Bithoor – ich erinnere dich an deine Schuld! Ich brachte dir unter Schmerzen und Entwürdigung das Erbe eines geliebten Dahingegangenen – die Freiheit deines Volkes – ich habe gelitten und geduldet für sie, als du noch in Glück und Ruhe schwelgtest. Jetzt flehe ich dich an – entwürdige das große Werk der Befreiung deines Landes, entwürdige deine erhabene Rache nicht durch ein Werk der niederen Grausamkeit – laß jene Unglücklichen, Schuldlosen ziehen – übe Großmut, wie sie dem Sieger, dem Fürsten geziemt!« Der Nena hatte unter den Papieren auf dem niedrigen Tisch, der zur Seite des Diwans stand, eines genommen und reichte es dem Arzt. »Kennst du diesen Brief?« Walding fuhr zurück. »Barmherziger Gott – es ist der meine. Wie kommt das Schreiben in deine Hände, Peischwa? »Das Auge des Hindu sieht scharf, wenn es gilt, den Verrat eines Freundes zu entdecken!« Die Röte des Unwillens flammte über das Gesicht des Deutschen. »Ich bin kein Verräter, weder an dir, noch an der Sache, der ich mich in einer unglücklichen Stunde geweiht. Ich brauche dieses Briefes mich nicht zu schämen – er enthält einzig den Rat an jene Unglücklichen, den nutzlosen Kampf aufzugeben und sich an deine Großmut zu wenden. Er ist an eine Frau gerichtet, die nie dich beleidigt, die – –« Der Nena machte eine rasche Bewegung: »Schweige – ich mag den Namen nicht hören! Mein weiser Bruder möge sich erinnern, daß dieser Brief seit neunzehn Tagen in meinen Händen ist, ohne daß ich ihm Mißtrauen gezeigt!« Er schlug auf die silberne Glocke und ein Offizier trat ein. »Führt den gefangenen Engländer hierher!« befahl er. Zum Erstaunen des Arztes wurde Leutnant Sanders hereingeführt. »Wird der Freund der falschen Faringi zufrieden und meine Schuld an ihn gelöst sein, wenn alle Bewohner jenes Forts Cawnpur unverletzt verlassen dürfen?« »Fürst – das wolltest du? Gesegnet sei der Engel, der dein Herz gerührt hat! Mein Leben soll deinem Dienst geweiht sein, denn du verdienst es, einem Volke sein edelstes Gut zu erkämpfen!« In seiner Begeisterung sah er den lauernden Hohn nicht, der in dem Blicke dieser Augen zuckte. »Die weißen Männer rühmen sich, die Sklaven ihres Wortes zu sein,« fuhr der Peischwa mit leichtem Hohn zu dem jungen Offizier fort. »Will der Faringi-Jemedar mir sein Wort verpfänden, hierher zurückzukehren, wenn ich ihn als Boten an seine Brüder sende?« »Ich gebe mein Ehrenwort als Offizier darauf!« »Du wirst gehört haben, daß die Weißen, deine Brüder, gestern einen Ausfall versucht und viele der Ihren verloren haben. Der nächste Sturm wird jene Wälle, auf die sie trotzen, in die Hand meiner Krieger bringen. Ich biete ihnen Gnade und schwöre bei dem Haupte Wischnus, sie sollen lebendig mit ihren Waffen und zwei Lak Rupien Cawnpur verlassen dürfen, wenn, ehe Surya in das Weltmeer versinkt, die weiße Fahne auf ihrer Feste weht!« »Hoheit,« sagte freudig der junge Offizier – »ich habe keine Vollmacht, zu unterhandeln, aber ich zweifle keinen Augenblick, daß General Wheeler und die ganze Besatzung gern deinen großmütigen Vorschlag annehmen werden. Gib mir die Erlaubnis, ihn zu überbringen, und ehe zwei Stunden vergehen, will ich wieder auf dieser Stelle sein, und meinen Kopf oder den Vertrag dir bringen!« Der Peischwa trat an den Tisch und schrieb flüchtig einige Zeilen auf ein Papier. Es war jenes höllische Anerbieten, das unter der Maske der Großmut den teuflischen Verrat barg und berüchtigt bleiben wird für alle Zeiten in der Geschichte menschlicher Greuel. Das Gedächtnis zweier Offiziere hat ziemlich wortgetreu das Dokument der Nachwelt aufbewahrt. »Ich, Srinath Bahadur, der Sohn Bazie Rûs, Peischwa von Bithoor, schwöre bei Wischnu, dem Erhalter, und auf das heilige Buch der Christen, daß der Sahib General Wheeler mit allen Männern, Weibern und Kindern, ihrer Habe, den Waffen, die ihre Hand tragen kann und ein und einer halben Lak Rupien freien Abzug haben sollen von Cawnpur auf vierzig Booten den Fluß hinabzuführen, zwei Stunden ehe die Sonne schlafen geht, und keine Feindseligkeit sein wird zwischen den freien Hindostani und den weißen Männern Sahib Wheelers, solange sie unter diesem Vertrage in Cawnpur sind. Dagegen muß der General alles Geld, das über 1 ½ Lak und die Kanonen in dem Ort lassen, so er bisher innegehabt. Diese Verpflichtung übernehme ich, Srinath Bahadur, Peischwa von Vithoor, am 19. Tage des Mondes Rebi-el-Aker des Jahres 1273, welcher ist der 27. Juni des Jahres 1857 nach der Zeit der Christen.« Der Nena reichte das Papier an Walding. »O Fürst – gebiete, was du willst, ich werde dir gehorchen. Der Segen unschuldiger Frauen und Kinder wird dein Lohn sein!« Der Peischwa wandte sich zu dem Offizier. »Nimm dies Papier und diesen Brief, der den Deinen zeigen möge, daß dieser Mann stets der Freund seiner weißen Brüder war, und geh. Du aber, Hakim, kehre zu dem Wessir der Rani zurück und geleite ihn sicher nach Ihansi; denn der Peischwa hatte geschworen, daß niemand seinen Befehlen ungestraft ungehorsam sein soll und wenn er Blut von seinem Blute wäre!« Der Arzt trat zu dem englischen Offizier, der sich bereit machte, das Zelt zu verlassen. »Sir,« sagte der Doktor, »das Wort des Fürsten verbürgt Ihre Sicherheit, mögen Sie glücklich Allahabad erreichen und sagen Sie ihr, daß Hermann Walding willig sein Leben gegeben hätte für ihre Rettung.« Er verließ schnell das Zelt. Der Nena wandte sich zu dem Offizier. »Eile, Sahib, denn die Sonne steigt und auch die Geduld eines Hindu hat ihre Grenzen! – Baber Dutt, mein Bruder, wird dich sicher durch die Posten geleiten und den Befehl geben, die Feindseligkeiten einzustellen!« Auf seinen Wink verließ der Offizier das Zelt, begleitet von Baber Dutt. Er blieb allein mit der Bajadere und Kassim, dem Mayadar des Arztes, den ein Zeichen auf der Schwelle gefesselt gehalten, als sein Gebieter das Zelt verließ. »Du bist Kassim, der Lugha?« sagte der Fürst. Der Thug sah bestürzt und fragend auf die Bajadere, die er als eine Eingeweihte in die Geheimnisse seines schändlichen Gewerbes kannte. »Höre mich und begrabe meine Worte in deiner Seele. Der weiße Hakim darf Cawnpur nicht wiederbetreten . Du wirst ihn hindern daran mit deinem Leben!« »Und wenn er das seine wagt?« »So nimm es! – was er tut, geschieht auf seine Gefahr.« »Möge der Fürst es bedenken – er ist mein Mayadar. Ein großer Guru der Thugs hat ihn dazu gemacht, und die Seele Kassims dürfte nicht eingehen zu den Wanderungen, wenn er das heilige Gebot verletzte.« Der Nena trat zu ihm und öffnete das Gewand auf seiner Brust und zeigte einen schwarzen Stein von dreieckiger Form. Kaum hatte der Mörder diesen erblickt, als er sich mit dem Angesicht auf den Boden warf. »Meine Seele wird verdammt sein,« stöhnte er zitternd, »aber ich werde dem Oberhaupte aller Söhne der Dunkeläugigen, dem Guru der Gurus, gehorcht haben!« »So gehe und tue nach meinem Befehl!« Seine Hand schlug an die silberne Glocke. »Laß Nasyr-u- Daula , den neuen Führer der Reiter von Audh kommen, und nach ihm Haider , den Jemedar der Geschütze. Wenn der Rais der arabischen Praua sich naht, so laß ihn eintreten. Fort!« Kaum zwei Minuten nachher ließ der Teppich die hohe, kräftige Gestalt des Beludschen erscheinen, dem der Peischwa die Führung des Reiterregiments übertragen, nachdem er den Obersten desselben im Zorn über die Niederlage des vorigen Tages hatte hinrichten lassen. »Was gebietet der Peischwa?« fragte die tiefe Stimme des ehemaligen Wegelagerers. »Laß deine Sowars ihre Rosse besteigen und ziehe über den Fluß auf der Straße nach Lucknow. Wenn du an das Grabmal Sadat-Aly-Khans gekommen, dann wende dich zur Rechten und kehre zurück zu dem Fluß, dessen Biegung dich den Augen der Faringi verbergen wird. Kein Christ darf lebend das Ufer von Audh betreten – bei deinem Kopfe! Geh und schweige!« Der Beludsche legte die Hand an die Stirn zum Zeichen des Gehorsams und entfernte sich. Nach ihm trat der Leutnant der berittenen Artillerie des Peischwa ein. »Haider, mein Freund,« sagte der Peischwa, »ich habe einen Auftrag für dich. Wenn der Suhbadar-Sahib die Batterie verlassen, so bespanne vier deiner leichten Kanonen mit den kräftigsten Tieren, die du hast. Fahre im Geheimen hinter den Hügeln des Ufers am Flusse entlang bis zu der Stelle, wo die Dawk nach Futtehpoor vom heiligen Strome sich zum Lauf des Hinde wendet. Dort stelle deine Kanonen und richte sie auf den Spiegel des Ganges. Du wirst meine weiteren Befehle erhalten. Geh und schweige, so lieb dir dein Leben!« Die Augen der Bajadere leuchteten in dämonischer Freude, als sie diese Befehle vernahm. Der Nena erteilte darauf noch verschiedene andere an einzelne Offiziere und wußte die meisten Mitglieder seiner europäischen Gortschura durch verschiedene Aufträge zu entfernen. Eine Stunde später erschien der Uskoke, der Herr der Praua, zu dessen wilder Sinnesart und Tatkraft der Nena besonderes Vertrauen gefaßt. Mit ihm kehrte Eduard O'Sullivan, der Verstümmelte, zurück in das Zelt seines Schwagers. Ein grausames, teuflisches Lächeln lag auf dem Gesicht des Peischwa, als er seine Hand auf die Schulter des unglücklichen Mannes legte und in sein zerstörtes Antlitz schaute. »Die Stunde der Rache ist gekommen, und diesen Abend wird Srinath Bahadur das Grab seiner Gattin mit dem Blute ihrer Feinde begießen!« Dann winkte er der Bajadere, Wache zu halten, damit niemand sie belauschen möge und führte den Irländer und den Rais in das innerste Gemach des Zeltes. Erst als Anarkalli ihm zu melden kam, daß Leutnant Sanders in Begleitung eines englischen Gentlemen aus dem Fort zurückgekommen und ihn zu sprechen verlange, endete die Unterredung. Der Peischwa erschien sofort. Sanders war von einem Gentlemen, namens Stacy , einem höheren Zivilbeamten von Cawnpur begleitet. – – – – – – – – – Die unerwartete Erscheinung des jungen Offiziers vor dem Eingang des Forts und die Botschaft, die er brachte, erregten unbeschreiblichen Jubel. Der junge Offizier verlangte zum General geführt zu werden und hier erst vernahm er, daß dieser zum Tode verwundet war. Um sein Lager versammelt fand er seine Tochter und Nichte, Mr. Graham, den Kaplan, und Doktor Brice. Der General richtete sich mit Gewalt in seinen Kissen empor und hörte, während sein Gesicht von der Hitze des Wundfiebers glühte, den Bericht des Offiziers. »Entfernen Sie die beiden Mädchen, ehrwürdiger Herr,« sagte der alte Offizier zu dem Kaplan. – »Trösten Sie sie und rufen Sie sie zu dem Gefühl ihrer Pflichten, denen sie bisher so tapfer entsprachen!« Miß Wheeler und Miß Highson wurden von dem Geistlichen aus dem Gemach geführt. Kaum waren sie entfernt, als der General die Hand nach dem Arzt ausstreckte. »Doktor, ich bitte Sie nicht als Mensch, sondern befehle Ihnen als Soldat, mir zu sagen, wie lange ich noch zu leben habe?« Doktor Brice zögerte einige Augenblicke, dann, auf einen strengeren Blick des Fragenden, sagte er entschlossen: »Zwei bis drei Tage, General – doch wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, nur ebensoviel Stunden.« »Können Sie diesen Trank genügend verstärken, um mir für zwei Stunden die Kräfte zu geben, meine Pflichten zu erfüllen?« »Ja, Sir – aber die Folgen sind desto schrecklicher. – Bedenken Sie, General, – es sind genug Offiziere im Fort, die – –« »Ich führe den Oberbefehl im Namen Ihrer Majestät der Königin, und so lange ich es imstande bin, werde ich niemand ihn abtreten. Versammeln Sie die Offiziere sofort hier, Sir – indes Sie, Doktor, Ihre verwünschte Medizin bereiten!« Nach wenigen Minuten waren sämtliche Offiziere und die angesehensten Zivilisten um das Lager des Verwundeten versammelt. »Gentlemen,« sagte der Verwundete, »wir haben als Männer noch eins zu besprechen. An der Pforte des Grabes, wo ich stehe, erscheint dem Auge selbst des Kriegers gar manches in anderem Licht, als er es bisher angeschaut. Wir können nicht leugnen, daß unser Stolz auf die weiße Farbe uns zu mancher Ungerechtigkeit, zu mancher Härte gegen dieses Volk verleitet haben mag! Major Rivers, Sie haben schweres Unrecht getan an der armen Frau, wenn alles wahr ist, dessen der Maharadscha Sie beschuldigte!« Der Resident schaute finster zu Boden. »Was auch geschehen ist, Sir – ich habe kein Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen,« fuhr der Kranke fort – »denn Sie waren es, der diesen verstümmelten Körper mit eigener Gefahr aus dem Getümmel der Schlacht trug, und es einem Vater möglich machten, sein Kind noch einmal zu segnen. Als Soldat haben Sie gesühnt, was Sie als Mensch Übles getan. Aber ich fürchte, Rivers, Ihr Anblick könnte den Zorn des Mannes, den Sie so schwer gekränkt, aufs neue erregen – deshalb zeigen Sie sich ihm nicht bei der Einschiffung – gehen Sie dem Nena aus dem Wege! –« »Ich fürchte ihn nicht,« sagte bitter der Resident – »doch wenn es General Wheeler und diese Herren verlangen, bin ich gern bereit, mein Geschick von dem ihren zu trennen.« »Ich hoffe, Sir – Sie denken so niedrig nicht von britischen Offizieren,« bemerkte Oberst Williams streng. »Dennoch ist der Rat des Generals nach allem, was ich gehört, gut. Nur wie er auszuführen ist, weiß ich noch nicht.« »Wir haben einige Kranke, die zuerst in die Boote geschafft werden müssen,« fuhr der General fort. »Major Rivers wird meine Uniform nehmen, – er wird nicht schwer halten, sich unkenntlich zu machen – er wird meine Stelle einnehmen.« »Und Sie, General?« »Das fragen Sie den dort,« er wies auf den Doktor. »Ich werde auf meinem Posten bleiben und noch im Tode die Genugtuung haben, Ihrer Majestät einen tapferen Offizier zu retten. – Meine Stunde ist gekommen, Kameraden – ein jeder an seine Geschäfte – die Augenblicke sind kostbar – und das meine ist es, zu sterben!« Er streckte die Hände nach den Waffengefährten aus, die ihn schmerzlich bewegt, umringten, denn einige Worte des Arztes belehrten sie, daß jede Hoffnung vergeblich. Eine Stunde später war General Wheeler, wie es Doktor Brice vorhergesagt, unter den Sterbegebeten des Kaplans und den Tränen der Frauen seinem Sohne gefolgt.   Leutnant Sanders und sein Begleiter überbrachten den noch vom General unterzeichneten Vertrag über den Abzug. Der Nena schien bei der besten Laune und begann, als wäre jede Feindseligkeit zu Ende, mit den beiden Parlamentären eine Unterhaltung, ganz in der früheren ungezwungenen Weise. Es wurde festgesetzt, daß die Einschiffung um 5 Uhr stattfinden und um diese Zeit vierzig Boote mit Segeln, Rudern und Lebensmitteln versehen am Ufer gegenüber dem Fort bereitliegen sollten. Die Abziehenden sollten selbst den Schiffsdienst versehen und kein Hindu sich ihnen nähern dürfen. Der Nena erteilte Befehl, dies Gebot bei Todesstrafe bekanntzumachen. Plötzlich – inmitten des Gesprächs – wandte er sich an den Offizier und sagte mit dem Tone soldatischen Freimuts: »Sie wissen, Sir, daß zwischen mir und Major Rivers persönliche Feindschaft besteht. Sagen Sie ihm, ich hoffe in der nächsten Schlacht Gelegenheit zu finden, meinen Säbel mit dem seinen zu kreuzen!« »Major Rivers, Hoheit,« erwiderte mit leichtem Erröten der Leutnant, »wird keinen Säbel mehr schwingen. Er ist bei dem letzten Angriff durch einen Schuß tödlich verwundet worden; als wir das Fort verließen, lag er im Sterben. Wir können nur seine Leiche zurücklassen.« Das Antlitz des Nena war einen Augenblick totenbleich geworden. Das Auge fest auf das verlegen sich höher färbende Antlitz des jungen Offiziers gerichtet, sagte er: »Die Gentlemen mit der weißen Haut haben nur ein Wort, und es geht keine Lüge über ihre Lippen, wie über die der Juden und Priester. Ich glaube dem Jemedar des Generals!« Um den peinigenden Gegenstand zu beenden, erhob sich der Offizier mit seinem Begleiter, und sie schickten sich an, sich zu entfernen. »Wenn ich mich recht erinnere,« sagte der Peischwa – »so ist der tapfere Jemedar von meinen Kriegern viele Tage vor dem Abkommen gefangen worden, das ich mit dem General geschlossen. Es wird genügen, wenn dieser Sahib das Papier in das Fort bringt, und was besprochen ist, berichtet.« Sanders trat bestürzt zurück. »Wie, Fürst – so muß ich Gefangener bleiben, während Ihre Großmut meinen Kameraden freien Abzug gestattet? Das ist hart!« »Sahib Sanders hat Freunde unter uns – wenn alles geschehen ist, wie der Vertrag besagt – soll er seinen Kameraden folgen!« Major Stacy entfernte sich mit der Botschaft und sofort wurden alle Anstalten getroffen, den Bestimmungen des Vertrages nachzukommen. Unter der besonderen Leitung von Danilos, dem Uskoken, dessen Praua in der Mitte des Stromes lag, wurde eine Anzahl Fahrzeuge nach der bestimmten Stelle gebracht. Die Serangs und Dandihs verließen die Schiffe, sowie sie dieselben ans Ufer gebracht, und zogen sich in die bestimmte Entfernung zurück. Die Sonne neigte sich zum Niedergang, als ein Kanonenschuß das Signal zur Einschiffung gab. Sofort marschierte eine kleine Abteilung englischer Soldaten unter dem Schlag einer Trommel aus dem Fort und nahm unter dem Befehl des Hauptmanns Ashe den Landungsplatz in Besitz, der etwa 1000 Schritt von dem Eingang entfernt war. Dann brachte man die Kranken und Verwundeten, teils geführt, teils getragen, unter den letzteren auf einem Sessel General Wheeler. Er war von seinem Militärmantel bedeckt, doch seine Uniform, sein grauer Bart waren selbst für die Fernstehenden deutlich zu erkennen, das Gesicht war unter seinem Hut verborgen. Zwei Offiziere, der Kapitän Delafosse und Leutnant Halliday gingen an seiner Seite, Miß Wheeler und ihre Cousine führend. Die Gesellschaft bestieg mit Stacy und seiner Gattin, Leutnant Thompson und mehreren Soldaten das erste Dschumptih, das sogleich vom Ufer sich entfernte. Die Einschiffung ging jetzt rasch vonstatten – in weniger als 30 Minuten waren alle Boote gefüllt. Major Conelly war der letzte, welcher das Ufer verließ – als er den Rand der Barke betrat hob er mit militärischer Courtoisie den Hut und schwenkte ihn wie zum Gruß und Dank hinüber nach der feindlichen Batterie, an deren Seite eine Anzahl Reiter hielt, unter denen der Fürst leicht zu erkennen war. Der Fürst hielt ein Fernrohr am Auge, mit dem er die Einschiffung in jedes der Boote sorgfältig beobachtet hatte, um seinen Todfeind zu suchen. Aber vergeblich war die genaueste Prüfung der Einschiffenden; die leicht zu erkennende Gestalt des Residenten war nirgends zu bemerken und der Peischwa wandte sich überrascht und heftig, als gerade das letzte Boot abstieß, zu dem Gefangenen. »Wo ist der Sahib-Resident – mein Auge hat ihn nicht gefunden unter der Zahl jener Männer?« fragte er drohend. Der junge Offizier warf einen prüfenden Blick über die breite Fläche des Stromes. Das vorderste Boot, in dem, wie er wußte, sich Rivers unter der Maske des verstorbenen Generals befand, war bereits über das Gebiet der Stadt hinaus und schwamm in der Strömung. »Major Rivers,« antwortete der Leutnant, »ist außer der Macht seiner Feinde – ich kann es Ihnen jetzt mit Recht wiederholen!« Der Nena stieß seinem Roß die scharfen Spitzen der Bügel in die Seiten und flog wie ein Sturmwind über die Ebene, die ihn von dem Eingang des Forts trennte. »Legt euch in die Ruder, Burschen, und arbeitet, als tätet ihr's für euer Leben,« befahl Major Conelly. »Ich fürchte, der tolle Hindu entdeckt zu früh, daß wir die Leiche des Generals ihm gelassen!« Der Nena warf sich vom Roß und eilte in das Lazarett, den Leichnam des Feindes zu suchen, dessen Tod er jetzt wirklich zu glauben begann. Mit einem Sprung war der Hindufürst an dem Lager. »Verfluchter! so hat der Tod dich vor meiner Rache geschützt!« Seine Hand riß die Hülle herab – die festen, faltigen Züge des Generals starrten ihm entgegen. »Höllischer Betrug! bei der Khali, der Hund denkt unter der Maske des grauen Schurken mir zu entwischen! Aber die Rache ist auf seiner Ferse!« Er riß mit roher Faust die ehrwürdige Leiche vom Lager und trat sie mit dem Fuß. Er stürmte fort; in wenigen Augenblicken war er auf der Stelle, an der Sanders mit seinen Wachen zurückgeblieben. »Elender Kaffir!« schrie er ihn an, »du wagtest es, dem Peischwa deine Lügen ins Antlitz zu schleudern! Wo ist jener Hund, der sich den Residenten von Cawnpur nannte?« »Ich sagte es Ihnen bereits, Hoheit, Major Rivers ist außer Ihrer Gewalt!« »Außer meiner Gewalt? Hältst du den Peischwa von Bithoor für blind? Ihr schmutzigen Faringi habt mich getäuscht und wolltet mich um meine Rache betrügen! Gebt der Praua das Zeichen, die Verfolgung zu beginnen!« »Nena – halt ein – ich beschwöre dich bei deiner Ehre! Rivers steht unterm Schutz des Vertrages – du nahmst keinen aus! Maharadschah von Bithoor – du hast geschworen – der Vertrag ist heilig –« Der Nena lachte grell auf. »Redlicher als die verfluchten Faringi ihre Verträge gegen die armen Hindostani halte ich mein Wort! Jenes Gezücht unreiner Tiere hat unbehindert das Fort und Cawnpur verlassen! Jetzt ist unsere Zeit gekommen! Mahadeo! Mahadeo! Auf die Verfluchten!« Er hob sich in den Bügeln hoch und schwang seinen Turban durch die Luft. »Verräter – schändlicher Verräter!« schrie der junge Offizier und sprang zurück. »Du sollst dein Werk nicht vollführen!« Er riß die Uniform auf und einen Revolver heraus, den ihm die Freunde im Fort bei seiner Anwesenheit aufgedrungen. Die erste Kugel zerstiebte den Reiherbusch auf des Peischwas Turban. Mit Geschrei stürzten sich die Begleiter des Fürsten auf den Offizier. Viermal noch knackte der Hahn, drei der Männer sanken getroffen. Dann erst gelang es, den Tollkühnen mit Blut bedeckt zu Boden zu schlagen. »Bindet den Kaffir an jenen Stein!« lautete der Befehl des Nena. »Einen Kahn – einen Kahn, um meinen Befehl zur Praua zu bringen! Ruft den Nachen an, der dort aus dem Schilf kommt!« Einer der Sowars sprengte bis an den Leib seines Rosses in den Strom und schrie dem Laskaren den mit der Pistole in der Faust unterstützten Befehl zu, heranzukommen. »In das Boot, Mir-Aly, und wie der Sturm zur Praua! Der Rais soll alle Segel spannen – im ersten Boot der Faringi befindet sich der Hund von Residenten, den Baber Dutt mir lebendig bringen, oder nimmer wieder vor meinem Angesicht erscheinen soll!« Der Reiter warf sich vom Pferd in den leichten, zum Schnellrudern erbauten Kahn, ohne viel des Fährmannes zu achten, dessen Gestalt bei dem Befehl des Nena erbebte. Der Sowar ergriff das im Kahn liegende zweite Ruderpaar und herrschte dem Dandih seinen Befehl zu; – wie ein Vogel flog der schmale Nachen über die Wasserfläche der Praua zu, von deren Bugspriet Schuß auf Schuß den Strom entlang donnerte. Das vorderste Boot der Engländer schwamm jetzt etwa eine halbe Stunde jenseits der Stadt und bald so weit von der Biegung des Flusses entfernt, hinter welcher verräterisch die Kanonen und die Reiter des Nena harrten. Hinter diesem ersten Dschumptih kamen die anderen Fahrzeuge mit ihrer Bemannung in verschiedenen Zwischenräumen. Alle bedienten sich außer der kleinen Segel der Ruder; dennoch war trotz aller Anstrengungen ihr Fortschreiten gering, weil, wie sich später ergab, sämtliche Fahrzeuge durch an den Kielen befestigte Säcke mit Kanonenkugeln behindert wurden. Das letzte Boot, in dem Major Conelly mit den meisten Offizieren sich befand und zuerst von dem langen Geschütz der Praua bedroht, hatte sich nach dem linken Ufer der Seite von Audh gewendet, um dort zu landen. Die Praua war auf starke Kanonenschußweite von ihm entfernt, als das Boot in der Nähe des Ufers auf eine Sandbank stieß und sich festrannte. Sogleich zeigten sich den Blicken der Unglücklichen wie aus der Erde emporgestiegen am Rande Reiterscharen, und das Feuer, das sie auf die unglücklichen Inhaber der Boote eröffneten, ließ keinen Zweifel über ihre Absichten. »Der Teufel hole indische Treue!« schrie der Major – »Kameraden, hier gilt es, unser Leben wenigstens so teuer als möglich zu verkaufen!« Als die Praua sich überzeugt hatte, daß das Boot der Engländer nicht von der Stelle konnte, setzte sie ihre Verfolgung der anderen Fahrzeuge fort. Auf dem Kajütendeck, hoch auf der Schanzverkleidung stand der Rais, seine Befehle erteilend, während die kräftige Hand von Jan Prätorius das Steuer drehte. Baber Dutt, die Bajadere, Eduard O'Sullivan und Narika, das Mädchen aus Kaschmir, standen in der Nähe des Steuers, und in aller Mienen und Gebärden prägte sich der rachedürstige Haß aus, mit dem sie sich an der Verfolgung beteiligten. »Wo ruderst du hin, Sohn eines Esels,« schrie der Sowar. »Halte zum Schiff, oder ich schlage dir den Schädel ein!« »Ja! ja! Sahib! Dein Wille geschieht,« antwortete die zitternde Stimme des jungen Fährmannes. Im nächsten Augenblick sah man das Ruder des jungen Fährmannes durch die Luft schlagen, den Sowar taumeln und mit einem Schrei aus dem Kahn stürzen, der jetzt, von kräftigen und gewandten Ruderstrichen geführt, gleich einem Pfeil an der Seite der Praua vorüberschoß. Die heftige Bewegung des Schlages hatte den verhüllenden Turban von dem Kopf des Rudernden fallen lassen. Langes dunkles Frauenhaar flog jetzt fessellos um das unbedeckte Haupt und enthüllte ein liebliches Mädchenantlitz. Jeder Ruderschlag schien die Kräfte des Hindumädchens zu verdoppeln, und ihr leichtes Kanoe stürmte vorwärts, dem voranziehenden Dschumptih nach, das jetzt fast die Biegung des Flusses erreicht hatte. »Sahib Rivers! Sahib Rivers halt ein!« tönte der Ruf der jungen Hindu, und das Kanoe schoß an die Seite des Fahrzeugs. »Nurjesan?« Das Mädchen faßte den Bord des Fahrzeuges – ihr Auge hatte bereits den Räuber ihrer Ehre erkannt, da der Resident sich des entstellenden Bartes entledigt hatte. Sie faßte seinen Arm und zog ihn zu sich hinüber in den Kahn; atemlos, mit fliegender Hast berichtete sie ihm leise den Verrat des Nena, die Aufstellung der Kanonen und Sepoys am Ufer und den Befehl zu seiner Verfolgung. Der Resident überlegte einen Augenblick, während die Boote mit allen Kräften weiterruderten. Ein Blick nach rückwärts zeigte ihm, daß die Praua die Reihe der Boote bereits erreicht hatte und mit Flintenschüssen begrüßt wurde. »Der Faringi-Sahib hat Nurjesan gelobt, sie zu seiner Frau zu machen,« sagte leidenschaftlich das Mädchen. »Dieser Kahn ist schnell wie die Möwe, der Mann meines Herzens möge zwei starke Hände der Seinen nehmen, uns im Rudern zu helfen, und wir spotten jener Praua. Ehe der Morgen anbricht, wird er in Allahabad sein.« Sein Auge maß das Kanoe des aufopfernden Mädchens und funkelte dann triumphierend hinüber nach den nahenden Verfolgern. »Hier hinauf, Nurjesan – schnell!« befahl er und hob das Mädchen an dem Rande der Dschumptih empor. »Wer versteht das Schlagruder zu führen?« fragte der Resident. Mehrere Arme streckten sich in die Höhe. »Hierher, ihr beiden, geschwind in den Kahn. Halliday, her zu mir, es gilt Ihr Leben!« »Was soll das bedeuten – was wollen Sie tun, Rivers?« »Fragen Sie nicht – es ist keine Zeit zu Auseinandersetzungen. Wollen Sie Ihr Leben retten, so folgen Sie mir!« »Nicht ohne diese schutzlosen Frauen. Ein Mann von Ehre wird sie in der Gefahr nicht verlassen!« »Hierher, Thompson, und steuern Sie, wenn der Undankbare es verschmäht!« Seine Hand stieß den Nachen, der durch die vier Personen ganz gefüllt war, von der Dschumptih ab. Das Fahrzeug hatte jetzt die Biegung des Flusses umfahren und befand sich im Angesicht der Kanonen der Sepons. »Jetzt ist es Zeit! – rudert für euer Leben, Leute – dicht am Ufer hin, Thompson, ehe sie den Zielpunkt für uns finden!« »Halt ein, Sahib! halt ein – nimm Nurjesan, dein Weib, mit dir!« schrie das Hindumädchen. »Sahib Rivers, denk an dein Versprechen!« »Der Kahn ist voll, schöne Nurjesan!« rief kaltblütig der Verräter. Er warf sich selbst auf die Ruder, und das leichte Kanoe, von drei starken Männern getrieben, vom vierten gesteuert, schoß wie ein Vogel nach der Deckung des hohen Ufers. Hinter ihm ein kreischender Schrei – ein Sturz ins Wasser – dann hob sich aus den gelben Wellen des Ganges der bleiche Kopf des Hindumädchens, und ihre schlanken Arme teilten rüstig die Flut. Das Kanoe des Residenten schoß glücklich in den Schutz des Ufers und flog an diesem entlang, das dicht mit Rohr und Schilf bedeckt war – die kühne Schwimmerin folgte noch immer. Da rauschte es in dem Rohr und eine Wasserfurche teilte die trübe Fläche – ein greulicher Rachen mit dichten Reihen von weißen Zähnen schnappte empor, hoch auf gerade in die Höhe mit wild verzerrtem Gesicht sprang die Schwimmerin aus dem Wasser und schlug wild die Arme empor. »Zu Hilfe!« Dann verschwand im Nu der junge Leib unter den Wellen, und ein ringelnder Kreis von Blut war der einzige Rest so vieler Liebe, Jugend und Schönheit. Schon flog die Praua unter dem Druck aller Segel heran und braßte quer vor der Linie der Boote, von denen zwei, die den Weg erzwingen wollten, unter dem Kugelhagel der Batterie sanken. Die Praua, deren Führer die Dschumptih des Residenten nicht aus den Augen gelassen, stieß auf diese. Ein Haufen der Schiffsmannschaft der Praua, an ihrer Spitze der Uskoke und der junge Boer, drangen sofort in die Dschumptih. »Gebt den Sahib-Residenten heraus, oder der Tod ist euer Schicksal! Wir wissen, er ist verkleidet unter euch.« »Wenn dieser verräterische Anfall der Person des Residenten von Cawnpur gilt,« sagte der Kapitän entschlossen, – »so ist sein Zweck vereitelt; Major Rivers ist entflohen auf einem Kahn. Ich fordere Schutz und Freiheit für diese Frauen und uns auf Grund des Vertrages!« »Kaffir, du lügst!« tobte der Bruder des Peischwa, denn der Pulverdampf, der sich über den Fluß wälzte, verhinderte ihn in diesem Augenblick, das Kanoe zu sehen. »Durchsucht jeden Winkel, Brüder – der Hund ist verborgen unter ihnen.« Seine Hand riß mit rohem Griff den verhüllenden Schleier vom Hut der Miß Wheeler, die zitternd ihre mutigere Cousine umschlungen hielt – aber im Nu zuckte der Degen Leutnant Hallidays und eine tiefe Schulterwunde strafte diesen frechen Angriff. Der Hieb war das Signal zu einem kurzen aber blutigen Gefecht. Halliday verteidigte sich wie ein Rasender in dem kleinen Raum, jeder Hieb seiner treuen Klinge machte das Blut aus tiefen Wunden spritzen, während er selbst bereits aus zwei oder drei blutete und von der Zahl seiner Gegner bis zum Rande der Dschumptih zurückgedrängt war. In diesem Augenblick fiel sein Auge auf ein bleiches verstümmeltes Gesicht, das kaum noch dem menschlichen glich – zwei verstümmelte Arme streckten sich dräuend gegen ihn aus .... »Eduard O'Sullivan – Gott erbarme sich meiner!« Die Hand die den Stahl so kräftig geschwungen, sank gelähmt von der bösen Erinnerung nieder – ein Hieb des Tomahawk von der Faust des holländischen Boers spaltete seine Stirn und die Leiche des Offiziers verschwand in der trüben Flut des heiligen Stromes. Am niedern Mast der Dschumptih verteidigte Kapitän Delafosse sich mit Heldenmut, als plötzlich der Irländer sich vor ihn warf, schrille, unverständliche Laute ausstoßend und mit dem eigenen Körper den Mann schützend, der ihm allein an jenem Tage des Unheils Freundlichkeit und Wohlwollen bewiesen. Der Rais erkannte den Offizier, mit dem er damals gemeinschaftlich die Spuren der Entführung der Gattin des Nena verfolgt, und machte sich zu seinem Beschützer. Seiner Waffen beraubt, wurde der Kapitän nach der Praua gebracht und unter Deck in eine kleine Kajüte geschlossen, in der er zu seinem Erstaunen einen Europäer fand, dessen wirrer Blick ihn bald überzeugte, daß er es mit einem Geistesgestörten zu tun habe. Über der Verfolgung der Boote, die sich jetzt sämtlich in der Gewalt der Praua befanden, war der Abend herangekommen; die Dunkelheit bedeckte den Fluß und die Ufer, als die Praua, die Boote vor sich her, nach dem Ufer von Cawnpur zurückkehrte. Der Uskoke, von Eduard O'Sullivan begleitet, trat in den Raum, in welchem sich Kapitän Delafosse als Gefangener mit dem Irren befand. »Signor,« redete er den Offizier an, »wenn ich auch ein Feind der Faringi bin – ich weiß die Braven und Tapferen jedes Volkes zu schätzen, und der Kapitän Grimaldi würde es nimmer dem Milchbruder vergeben, überlieferte er einen seiner Freunde dem Henkerschwert dieser braunen Teufel. Hier ist die Verkleidung eines Bannia , – unter jener Luke finden Sie einen Kahn, mit dem Sie das Ufer erreichen können, ich selbst werde das Steuer der Praua führen und so Ihre Flucht sichern. Am Ufer von Audh schwärmen die Sowars des Peischwa – der Weg ist zu gefährlich für Sie. Am besten ist's, Sie schlagen die Dawk von Gwalior ein und erreichen den Zug des Majors. Sagen Sie Marcos Grimaldi, was Danilos für Sie getan – unter seinem Schutz werden Sie sicher sein!« »Ich danke Ihnen von Herzen,« sagte der Engländer, die Hand des Uskoken schüttelnd – »aber darf ich meine Kameraden, die armen Frauen in dieser unglücklichen Lage verlassen?« »Beim Acheron – ich sehe nicht, was Sie ihnen helfen könnten! Sorgen Sie für Ihren eigenen Kopf, Signor, der wenig genug in dieser Zeit wert ist! Dem Löwen sich in den Rachen stürzen, wäre Wahnsinn.« Er warf ihm die Kleider hin. »Tun Sie, was Sie wollen, Signor, aber in einer halben Stunde wird es zu spät sein. Ohnehin ist die höchste Vorsicht nötig, denn wir haben einen Dämon von Weib an Bord, dessen Auge nichts entgeht!« Der Irländer trat auf Delafosse zu, – seine Bewegungen, sein flehender Blick zeigten deutlich seinen Wunsch und ersetzten die Sprache. »Hier sind ein Taschen-Kompaß, Pistolen und ein Dschambea,« fuhr der Uskoke fort. »Leben Sie wohl, Signor, und San Theodoro sei mit Ihnen!« Er zog den Irländer mit sich fort und verschloß die Tür. Einige Minuten stand der Irländer im Zweifel, dann warf er die vom Kampf zerfetzte Uniform von sich und beeilte sich, die indische Kleidung anzulegen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, daß der Irre zögernd näher und näher kam, bald die abgeworfenen Kleider, bald ihn selbst betrachtend. »Fürchtest du auch, daß sie dich fangen, Kamerad?« flüsterte der Wahnsinnige, »es ist recht, daß du den roten Rock von dir tust. Es ist eine schlimme Farbe und zieht die Augen der Schlangen an!« »Wer bist du – Unglücklicher? Du bist ein Engländer!« »Die fünften Dragoner sind ein schönes Regiment!« fuhr der Irre fort, – »und Rookeby, mein Pferd, war ein treues Tier. Aber seit die Schlange den armen Eduard und Helene, meine schöne Helene, gefressen – ist es vorbei mit uns. Sieh – sie haben mir diese Kleider gegeben, damit der böse Mann mich nicht finden soll!« »Wer Sie auch sein mögen, unglücklicher Mann,« sagte der Kapitän – »leben Sie wohl und Gott gebe Ihnen das Licht der Vernunft – ich kann nichts weiter für Sie tun!« Er faßte das Tau, welches das Boot hielt, und glitt an ihm hinab. Kapitän Delafosse hatte jedoch noch nicht die Ruder ergriffen, als er sah, wie ein dunkler Schatten an dem Tau ihm folgte, und im nächsten Augenblick saß der Irre vor ihm auf der Ruderbank des Bootes. »Richard wird mit dir gehen,« sagte der Wahnsinnige – »Richard will den roten Rock der Faringi sehen, sie werden ihn schützen vor der Boa, besser als diese Hindu!« Es war keine Zeit zu Gegenvorstellungen; der Kapitän stieß von der Praua ab und im nächsten Augenblick schwamm das Boot unbemerkt auf der Fläche des Stromes. Von hier aus konnte er die Szenen am Ufer beobachten, und das Blut stieg ihm zu Kopfe, als er sah, wie seine braven Kameraden von den Sepoys unter Mißhandlungen gebunden aus den Booten geschleppt, wie die Frauen und Kinder grausam verhöhnt und beleidigt wurden. Er strengte alle Kräfte an und ruderte stromauf, bis er oberhalb der Stadt der Stelle gegenüber war, an der sie sich vor wenigen Stunden freudiger Hoffnung hingegeben, eingeschifft hatten. – Die Ankunft der Boote mit den Gefangenen in der Stadt hatte die ganze Bevölkerung dort versammelt und den Platz, an dem er landete, völlig einsam gelassen. Der Offizier verließ den Kahn, und sein irrer Begleiter folgte ihm wie sein Schatten. Delafosse suchte sich zunächst zu orientieren, was ihm nicht schwer wurde, da der Mond mit seinem hellen Schein über den Horizont emporzusteigen begann. In der Nacht und unter dem Schutz seiner Verkleidung fürchtete er die Gefahr des Erkennens nicht. »Kamerad,« sagte der Kapitän – »ich will Sie nicht verlassen, aber unter der Bedingung, daß Sie das strengste Schweigen beobachten, was auch geschehen möge.« »Still,« flüsterte der Irre – »siehst du die Schlange dort im Mondschein gleiten – hörst du das Weinen des armen Knaben, wie er nach Wasser ruft?« »Es sind die Schakals, die über die Ebene schweifen, Kamerad, ihr Geschrei tönt wie das eines Kindes.« »Tor – die Anakonda ist's – der Knabe, mein Knabe, mein süßer Eduard wimmert nach Wasser. Ich bin sein Vater – laß mich hin zu ihm!« Der Kapitän horchte aufmerksam in die Nacht. Er schauderte in der Tiefe seiner Seele, klarer und deutlicher hörte er den Laut: water! – water! Entschlossen schritt er in der Richtung vor, aus der jene Töne des Jammers erklangen. Der Mond trat klar und hell über den Saum einer Wolke, sein weißes Licht zeigte einen niedrigen breiten Stein – darüber ausgebreitet – die Füße und Hände an dies steinerne Kreuz geschnürt, einen Märtyrerleib. »Wasser – bei der Barmherzigkeit Gottes – wer Ihr auch seid – einen Tropfen Wasser!« »Allmächtiger – diese Stimme – Unglücklicher – wer bist du?« Während die Praua den Booten nachjagte, hatte die entfesselte Rachgier des Nena seiner Umgebung ein greuliches Spiel bereitet. Nachdem der unglückliche Offizier zu Boden geworfen und an jenen Stein gebunden worden, versuchte jeder der wilden Reiter im Galopp vorübersprengend, an dem Körper des Unglücklichen seine Geschicklichkeit, indem er ihm mit Säbel und Lanze eine Wunde beibringen mußte, die ihn nur zerfleischte, ohne ihn zu töten. Die Augen waren dem Unglücklichen ausgestochen, sein ganzes Antlitz von Säbelhieben zerfetzt und mit geronnenem Blut bedeckt – von Zeit zu Zeit lief das Zucken der mit diesem langsamen, entsetzlichen Sterben ringenden Jugendkraft durch die zerfleischten Glieder. »Bist du ein Engländer, so reiche Sanders, dem vom Teufel Gemarterten, einen Tropfen Wasser und töte ihn!« »Leutnant Sanders – unglücklicher Kamerad! ich bin Delafosse, Kapitän Delafosse, und werde Sie nicht verlassen. Fort Mann – raffe deine Vernunft zusammen und eile nach dem Fluß – schöpfe in diesem Turban Wasser und bringe es schnell!« Ein Blitz von Verständnis leuchtete in dem Auge des Wahnsinnigen. »Lionel holt Wasser,« sagte er – »Lionel weiß, wie es tut, nach Wasser zu schmachten. Hätte Lionel Wasser gehabt, dann wäre der süße Eduard nicht gestorben!« Damit lief er hastig nach dem Fluß und kehrte in wenigen Augenblicken wieder, den Turban mit Gangeswasser gefüllt. Delafosse erkannte bald, daß hier jede Hilfe vergeblich sei und nur die kräftige Natur des jungen Offiziers seine unbeschreiblichen Leiden verlängert hatte. Kaum verständlich, in abgebrochenen Worten teilte dieser ihm die Szene mit, deren Opfer er geworden, und Delafosse fühlte sein Herz erbeben bei dem Gedanken, daß seine unglücklichen Kameraden und die armen Frauen der Tigerlaune eines solchen Feindes in diesem Augenblick preisgegeben. – Sein Haar sträubte sich, denn von der Stadt her rollte der Donner einer Flintensalve – einmal – zweimal – zum dritten Mal, und selbst in diese Entfernung drang das Echo des höllischen Triumphgeschreis der Menge herüber. »Flieht – flieht!« stöhnte der Sterbende – »rettet euch, da es noch Zeit ist! Aber bei der Barmherzigkeit Gottes, zuvor macht meinen Leiden ein Ende – tötet mich!« »Kamerad,« sagte der Kapitän – »Gott der Allmächtige hat ein furchtbares Schicksal über Sie verhängt, bald wird seine Barmherzigkeit Ihre Leiden geendet haben und Ihre unsterbliche Seele in seinen Schoß aufnehmen! Bis dahin weiche ich nicht von Ihrer Seite, man müßte mich denn von hier reißen.« Er setzte sich zu dem sterbenden Kameraden, netzte von Zeit zu Zeit seine Lippen und betete mit ihm die Gebete der Jugend, die beide vielleicht so lange vergessen hatten! Eine Stunde war vergangen – der ferne Lärm der Stadt begann zu verstummen – die Feuer erloschen. – – »Das ist Rookeby, mein Pferd!« rief plötzlich der Irre – »ich kenne seinen Hufschlag – aber dort – seht ihr die Augen der Anakonda, wie sie funkeln und glühen und größer und größer werden! Barmherzigkeit – schützt mich vor der Schlange!« Er stürzte zu dem Kapitän und kauerte sich zitternd in seinem Schatten. Über die Ebene von der Stadt her kam näher und näher ein wütender Galopp. Beleuchtet von dem gespenstigen Doppelschein der Fackel und des Mondstrahls keuchte im rasenden Galopp ein Roß herbei – eine Gestalt warf sich vom Sattel. »Sahib, wo bist du? – Ewiggeliebter, wo bist du?« Delafosse hatte die Hand am Kolben des Pistols, aber die Gestalt, welche die Schatten der Gruppe am Stein erblickend, jetzt herbeiflog, trug die Gewänder einer Frau. »Das ist die böse Fee, die uns verraten – den armen Eduard und meine süße Helene,« flüsterte der Irre – »die Schlange steht in ihrem Solde!« »Sahib Sanders! – Sahib Sanders – wo bist du?« Die verstümmelte Gestalt des unglücklichen Offiziers krampfte in die Höhe bei dem Ton dieser Stimme, die blutigen Höhlen seiner Augen wandten sich gegen sie, welche bei dem Anblick in gräßlichem Aufschrei die ihren bedeckte. »Mann meiner Liebe,« rief das Weib mit schneidenden Tönen – »meine Tränen sollen deine Wunden betauen, meine Küsse sie schließen und dich dem Leben erhalten! Die Falsche, die uns trennte – sie kann es nicht mehr!« »Verflucht seist du selbst, Anarkalli , blutige Mörderin und Genossin der Mörder!« stöhnte der zuckende Mund des Sterbenden – »Fluch – Fluch dir – und – Fluch – –« Er brach zusammen – ein Schauer rieselte über die blutige Gestalt – dann streckte sie sich regungslos auf dem steinernen Schmerzensbett. »Tot? tot?« gellte der Schrei der Tänzerin. »Zu Yama gegangen, ohne der, die ihn liebte, vergeben zu haben? Ich Unglückselige, daß ich ihn lassen konnte in den Klauen des Tigers!« »Hast du gehört, wie er dir fluchte? So fluchte Helene auch dem bösen Verführer, der sie in den giftigen Brodem der Schlange gelockt!« flüsterte der Irre. »Aber weine nicht – ein Frauenherz hat unendliche Liebe und aller Haß schmilzt wie der Schnee in ihm, der Geliebte braucht der Dürstenden nur das Blut aus seinen Adern zu trinken zu geben!« Ihre Augen starrten ihn an – halb bewußtlos – dann sank sie am Stein nieder. Eine kurze Weile darauf hörte der Kapitän leise, seltsame Töne – es war ein monotoner ergreifender Gesang, der aus ihrem Munde kam – schon einmal hatte er die feierlichen Töne vernommen – dort in Ihansi am Scheiterhaufen des Rao – die Totenklage der Hindufrau um den gestorbenen Gatten! – –   Wir führen den Leser auf kurze Zeit in die Stadt zurück. Die schrecklichen, entsetzlichen Szenen sind nur von einem Augenzeugen, dem Hävildahr Nudschur Dschewarri, dem es gelang, zu den Engländern zu entfliehen und der seine Aussagen vor den Behörden zu Protokoll gab, berichtet worden. Die unglücklichen Gefangenen, Männer, Frauen und Kinder, waren unter Mißhandlungen aus den zurückgeführten Kähnen gerissen und nach dem Platz geschleppt worden, an dem der Nena stand. Er musterte sie mit gierigem Auge, aber Haufe auf Haufe erschien, den er suchte, war nicht darunter. Die Adern an den Schläfen des Peischwa schwollen und der fest zusammengekniffene Mund verkündete das drohende Unheil. »Wo ist der Rais der Praua? Wo ist Baber Dutt, mein Bruder? warum kommen sie nicht?« Endlich erscholl ein Ruf des Triumphes – die Praua hatte die letzten Gefangenen ans Ufer gesetzt, der Uskoke, die Tänzerin und Eduard O'Sullivan nahten sich ihnen. Auf dem braunen Gesicht des Seeräubers aus dem Ionischen Meer spiegelte sich finstere Entschlossenheit, so trat er vor den Nena. »Wo ist Baber Dutt, mein Bruder?« »Er ist verwundet durch einen Inglese und liegt am Boden der Praua.« »Und der Bote, den ich euch sandte, ist sein Auftrag vollführt?« »Wenn du den Suhbadar Mir-Aly meinst, Hoheit, der liegt noch halb ersäuft auf dem Deck. Ein tolles Weibsbild schleuderte ihn ins Wasser.« Der Nena stampfte wild mit dem Fuß. »Wo ist der Mann, der sich den Residenten nannte?« »Rivers? Der Teufel hole ihn – er ist auf einem Kahn entkommen, wenn ihn die Kartätschen nicht zerrissen oder mein Steuermann eingeholt hat, der mit dem Babu auf seiner Spur ist.« Ein heiserer Schrei der Wut, der getäuschten Erwartung drang aus der Kehle des Nena. Sein Gesicht wurde fahl, die Augen blitzten wie wahnsinnig umher – gleich als suchten sie ein Opfer der in ihm kochenden Wut. »Treibt die Gefangenen dort zusammen! – Trennt die Weiber und Kinder von ihnen!« Es waren entsetzliche, furchtbare Szenen, als die Sepoys die Frauen von der Brust ihrer Männer, die Schwester vom Bruder, das weinende Kind vom Herzen des Vaters, die Tochter aus der Nähe ihres Erzeugers rissen. Der Nena winkte Anarkalli, die Bajadere, die mit dem Lächeln teuflischer Befriedigung neben ihm stand. »Suche die weißen Mem-Sahibs aus, die für das Harem des Peischwa taugen,« befahl der Nena – »diese Nacht soll eine Nacht der Lust und des Triumphes sein!« Drei der Frauen bezeichnete der wählerische Finger der Bajadere als passend für ihren Herrn. Es waren Miß Soldie, die Tochter eines Offiziers und die junge Frau eines Beamten – alle drei gefeierte Schönheiten. Plötzlich wies der Nena auf Editha Highson, die selbst in dieser schrecklichen Lage den eigentümlichen Reiz nicht verleugnete, der über ihre ganze Erscheinung ausgegossen war. »Diese Faringa ist schön. Sie soll das Lager diese Nacht teilen, das ihre Brüder einsam gemacht!« Die Augen der Bajadere funkelten boshaft. »Der Peischwa möge eine bessere für die Freuden seines Lagers wählen – dies Weib verdient die Ehre nicht!« »Du bist eiferfüchtig. Ich habe es gesagt! es möge geschehen!« »Der Peischwa hat ein Versprechen zu erfüllen!« »Welches? rede!« »Der Stern der Hindostani hat der Granatblüte zwei der Gefangenen geschenkt.« »Das ist wahr – wähle sie!« »Dies Faringi-Weib ist die Person, die ich begehre.« »Gut – sie ist die Deine! Was willst du mit ihr beginnen?« »Du sollst es sehen!« Sie trat zu dem dichten Kreis der Sepoys, der die Gruppe umgab – ihr dunkles Auge flog suchend umher. Sie hatte gefunden, was sie wollte und winkte einem Nähghuh (Korporal) der Sowars, näherzutreten. Es war ein Mohr von riesiger Gestalt und Körperkraft, aber scheußlichem, wildem Aussehen. »Du hast ein Haus in Cawnpur?« frug die Bajadere. »Du sagst es, schöne Tochter des Tempels,« grinste der Mohr. »Hast du ein Weib?« »Einen Dämon – alt und häßlich! Ich wünschte, sie wäre jung und schön, wie du.« Die Bajadere löste eine der breiten goldenen Spangen von ihrem Arm und reichte sie dem Sowar. »Gib diesen Schmuck deinem Weibe, damit sie nicht eifersüchtig sei, wenn du diese Faringa heute dein Lager teilen lassest!« »Mashallah! Diese Houri soll die meine sein?« »Der Peischwa hat sie mir gegeben und ich schenke sie dir als Sklavin. Aber du schwörst bei deinem Propheten, daß sie noch in dieser Nacht die Stelle deines Weibes vertreten wird!« »Wallah! Wallah!« sagte der Sowar erfreut. »Wo sind meine Augen, daß sie das Glück sehen? Du bist selbst eine Houri und Abdallah ist kein verstümmelter Mann!« Vergebens klammerte sich das unglückliche Mädchen an ihre Muhme, vergebens streckte sie hilfeflehend die Arme nach ihren Unglücksgefährten aus und warf sich dem Nena zu Füßen, um einen schnellen Tod flehend. Der Peischwa schritt achtlos weiter an der Reihe der zitternden und weinenden Frauen entlang. Nur ihre Feindin – das Weib, das ihr Verderben geschworen – blieb zurück, mit dämonischem Blick sich an der Angst ihrer Nebenbuhlerin zu weiden. Der Nena hatte seinen Gang geendet und war an seinen früheren Platz zurückgekehrt. »Es ist Zeit, mit den Kaffirs ein Ende zu machen,« sagte er. » Nirgut Singh , führe deine Kompagnien hierher!« Der alte Suhbadar, derselbe, der bei jenem Nachtessen im Bungalow Oberstleutnant Stuart auf die durch Halliday hervorgerufene Unzufriedenheit der Leute aufmerksam gemacht hatte, legte unwillig die Hand an die Stirn zum Zeichen des Gehorsams. »Die erste und zweite Kompagnie der Nadire Pultun Es war das 31. Nativ-Regiment, das den schrecklichen Befehl ausführte. mögen antreten!« Ein kurzes Hornsignal – die Sepoys sammelten sich wie auf dem Paradeplatz und traten in ihre Reihen. Der Subahdar gab mit lauter Stimme das – wie ein gräßlicher Hohn klingende – englische Kommando: »Achtung!« – Die Reihen der Sepoys richteten sich. In den Gruppen der unglücklichen Frauen, die durch das Kommando aufmerksam gemacht wurden, zeigte sich eine Bewegung! »Geladen! – fertig zum Feuern!« Mit dem Geschrei: »Wir wollen mit unseren Männern sterben!« warfen sich die Frauen zwischen die Kompagnien der Sepoys und die Gefangenen. Es war eine furchtbare, herzzerreißende Szene. Die Frauen umklammerten ihre gebundenen Männer, ihre Väter und Brüder und erklärten unter Jammergeschrei, man möge sie mit ihnen töten, sie wollten sie im Tode nicht verlassen! »Reißt die Weiber von ihnen – schleppt sie zur Seite!« donnerte der Befehl des Nena. Die Gillis-Pulkun stürzten sich auf die hilflosen, jammernden Frauen und zerrten sie mit Gewalt hinweg. »Laßt die Kaffir sich niedersetzen,« befahl der Nena – »ihre Zeit ist gekommen.« »Kameraden,« rief der tapfere Kapitän Ashe, »laßt uns diesen Mördern zeigen, daß britische Soldaten als Männer zu sterben wissen. Ein Hurra für die Königin! ein Hurra für Alt-England!« Und aus dem Munde der hundert Schlachtopfer der Rache und des Hasses donnerte ein dreimaliges, begeistertes Hurra zum Nachthimmel empor. Der letzte Ton war noch nicht verklungen, als man die Stimme des Subahdar hörte. »Fertig zum Feuern! – Schlagt an!« »Halt! Haltet ein! – Wollt ihr Menschen – Christen morden, ohne ihnen die Zeit gegönnt zu haben, zu ihrem Erlöser zu beten? – Allah – Brahma oder Gott – wir glauben alle an einen – so gönne denn, wenn du für deine eigene Seele hoffst, Maharadschah von Bithoor, denen, die du ermorden willst, ein Gebet zu ihrem Gott!« »Dein Verlangen ist gerecht, Padre,« sagte er – »zehn Minuten sind dir und den Deinen bewilligt.« Kaplan Graham hob die Augen zum Himmel. »Erweise mir die Gnade, Fürst,« bat er – »meine Hände von den Banden befreien zu lassen, damit ich das heilige Buch der Christen aus meiner Tasche nehmen kann.« Der Nena winkte – die Stricke, welche die Hände des Kaplans gefesselt, wurden zerschnitten. Finster – den Tod erwartend – standen die Männer um ihn her – der Nena hielt die Uhr in seiner Hand, das Auge des Subahdars war auf seinen finsteren Gebieter gerichtet – stiller und stiller wurde es in dem Kreise, wie in ehrfurchtsvoller Scheu wich die Menge zurück. Die Stimme des Kaplans erhob sich – es war der hundertundzweite und dritte Psalm, den seine zitternde Hand aufgeschlagen. Aus den Gruppen der Frauen, die von ihren Hütern festgehalten wurden, tönte lautes Schluchzen herüber. Und immer lauter und kräftiger tönte die Stimme des Geistlichen. Der Nena winkte – man hörte zwischen den vollen Tönen des Geistlichen den kurzen Befehl: »Fertig zum Feuern! – Schlagt an!« Die Stimme des Geistlichen erlosch, er sank in die Knie und breitete seine Hände zum Himmel empor. »Herr, in deine Hände befehle ich meine und dieser Brüder Seele! Herr, vergib unsere Sünden und nimm – –« »Feuer!« Ein donnernder Knall – Rauchwolken umher – einzelne Schreie des Schmerzes – dazwischen wilde Verwünschungen und Todesgestöhn – Als der Rauch emporwirbelte, sah man die tapferen Verteidiger von Cawnpur nach allen Seiten mit ihren blutenden Leibern den Boden decken, – ein Anblick des Schreckens und Entsetzens. Auf einen Wink des Peischwa warfen sich die Sepoys auf dieses Feld des Mordes – ihre Säbel und Yatagans begannen ein grausiges Geschäft, das Leben und Leiden zu töten, wo es noch zuckte und atmete. Zehn Minuten nachher war alles beendet, man hörte nur noch das Wimmern und Geschrei der Frauen, die jetzt von ihren Wächtern fortgeschleppt wurden. Der Nena ritt bis dicht an die Gruppen der Toten. Er löste die Turbanbinde vom Haupt, beugte sich nieder vom Sattel und tauchte sie in die breiten Blutlachen, die den Boden deckten. Dann wandte er sein Roß und ritt langsam davon. – Keiner wagte ihm zu folgen! – – – – – – – – – – Anarkalli, die Bajadere, begleitete die Schar, welche die unglücklichen Frauen und Kinder nach dem sogenannten gelben Hause, dem ehemaligen Lazarett, schleppte. Dort befand sich ja auch das Gefängnis des Mannes, dessen Körper und Seele jetzt ihr Eigentum war, da der Nena ihr sein Leben gegeben, und ihr Haß das Weib, das er ihr vorgezogen, in den tiefsten Staub erniedrigte. Die Schändung und Entehrung dieser Frau wollte sie ihm ins Angesicht schleudern, das sollte ihre Rache sein für seinen Undank. Die Schildwacht vor der Tür fehlte zu ihrem Erstaunen – sie zog die Riegel zurück und öffnete die Tür – das Gemach war leer. Ein wilder Schreck durchzuckte ihr leidenschaftliches Herz. Sie flog mehr als sie ging nach dem Ort zurück, wo das Zelt des Nena aufgeschlagen war. An dem Eingang harrten Sepoys mit den drei unglücklichen Opfern, die sie selbst für das Lager des Peischwa von Bithoor gewählt. Ihre erste Frage war nach dem Nena – er war noch nicht zurück. Hunderte hatten ihn die Stadt verlassen und den Weg nach Bithoor einschlagen sehen, aber keiner hatte gewagt, ihm zu folgen. Die Bajadere stürzte auf die Offiziere des Nena los. »Wo ist der Faringi-Jemedar, den der Peischwa gefangen hielt und heute mit der Botschaft zu seinen Brüdern sandte?« »Der Kaffir hat den Lohn seines Verrats auf der Stelle empfangen, wo er den Peischwa belogen, im Angesicht der Hunde, seiner Brüder. Der Peischwa hat seinen lebendigen Leichnam zum Futter der Hyänen und der Schakals zurückgelassen!« »Schurke – du lügst!« »Wenn du mir nicht glauben willst, so gehe hin und überzeuge dich selbst!« »Wo? wo? wenn du ein Mann bist, so antworte mir!« Ihr Auge glühte, die Bronzefarbe ihres Gesichts begann sich in die matte Farbe der Asche zu verwandeln. Der Subahdar beschrieb ihr die Stelle – – ehe er noch geendet, hatte die Bajadere einem der Seyces die Zügel des Rosses entrissen, das er in der Nähe hielt, und sich in den Sattel geschwungen. Im Flug riß ihre Hand von dem Holzstoß, den die Sepoys an der Mordstätte angezündet, die brennende Fackel und schwang sie durch die Luft, daß weit hinter der gespenstigen Reiterin die Funken stoben! – – – – – – – – – – »Geh voran, Weib, und bereite das hochzeitliche Lager! Der Prophet hat mein Haus gesegnet mit dem Befehl der Houri.« Die habsüchtige Megäre, deren Eifersucht das geschenkte und versprochene Gold gänzlich beseitigte, eilte davon. Der Mohr faßte mit dem Grinsen vorempfundener, bestialischer Lust den Arm Editha Highsons und befahl ihr zu folgen. Träne um Träne rann über dies bleiche, von dem Elend der Belagerung hagere aber unendlich schöne Gesicht. Erst als sie die Tür des Hauses erreichte, schien ihr das Bewußtsein ihrer Lage zurückzukehren. Sie warf einen Blick der Verzweiflung, der Angst, des Wahnsinns um sich, streckte die Arme flehend in die Höhe, indem sie in die Knie sank und rief: »Hermann, mein Freund! mein Geliebter! rette Editha!« Aber nur wildes Hohngelächter antwortete dem flehenden Ruf der Verzweiflung, der rote Schein der Fackeln warf sein Licht nur auf eine Versammlung von Dämonen. Und das ernste, milde Antlitz des Freundes zeigte sich nicht unter ihnen. Abdallah der Mohr zog sie gewaltsam empor und hob die Sträubende auf seinen kräftigen Arm und trug unter dem Jubel seiner Kameraden das weiße Mädchen, dessen Blut geschändet werden sollte durch den Verachtetsten der dunklen Rasse, in sein Haus, dessen Tür die Frauen schlossen. Das Haus bestand aus einem kleinen Vorraum und einem einzigen größeren Gemach, in dem die ganze Familie zusammen hauste, das Lager des Sowars und seines Weibes im Winkel nur durch eine Matte von dem anderen Raum geschieden. Die alte Hexe hatte einen großen Krug gegorenen Palmensaftes herbeigeschafft, an dem sich die beiden Weiber und der Knabe bereits zu berauschen begonnen. Dieser, als er seine Gefangene in der Mitte des Gemachs niedergelassen, ergriff zunächst den Tottykrug und löschte mit langen Zügen seinen Durst. Dann reichte er ihn dem Mädchen und lachte spöttisch auf, als sie mit einer schaudernden Bewegung das Getränk zurückwies. »Bakalum!« sagte er, über die Gestalt der Jungfrau mit geilem Auge streifend – »tu wie es dir gefällt! bei meiner Seele, ich hoffe, du wirst Stärkung brauchen!« » Haif! Haif! « schrien die Weiber, indem sie über die Ärmste herfielen. »Seht, was diese Faringa für Seide und Putz trägt. Was braucht Abdallah, der Sowar, ihren Staat? es ist genug, wenn er ihren Leib hat!« Damit rissen sie dem bebenden Mädchen die Ohrringe aus, die Kette vom Hals, die Ringe von den Fingern, die Kleider vom Leib – selbst die Schuhe von den Füßen. Die durch die schönen, reinen Formen des fast ganz entblößten Oberkörpers gereizte Gier des Mohren ließ seine gelben, mit Blutadern durchzogenen Augäpfel in wildem Feuer glänzen. »Ai dschänum!« sagte er – »es ist Zeit, daß wir unser Lager aufsuchen. Löscht die Lampe, ihr Satanskinder, und begebt euch in euren Winkel. Und du, weiße Taube der Eisgebirge, komm auf das Bett unserer Freude!« Der rohe Griff des lüsternen Mohren an den entblößten Busen machte der Unglücklichen das Schicksal völlig klar und schien all ihre erstarrte Lebenstätigkeit auf einmal zu erwecken. Mit verzweifeltem Geschrei warf sie sich auf die Knie und flehte in herzzerreißenden Beschwörungen, sie zu schonen oder lieber zu töten. Aber nur das Toben des Mannes, das Hohngelächter der Weiber antworteten ihr. »Mach ein Ende mit ihr, Abdallah, wenn wir nicht glauben sollen, daß deine Mannheit bosch, nichts ist!« Und der Mohr, die Augen von Zorn und wollüstiger Gier blutunterlaufen, schleppte sie hinter die Matte, und riß die letzten Hüllen vom Leibe, daß der jungfräuliche reizende Körper schändlich den gierigen Blicken, den frechen Betastungen preisgegeben lag. »Hermann – wo bist du? – Hermann Walding – rette Editha – zum letztenmal!« Der matte Ruf verklang wie im Todesgestöhn, heiserer und heiserer wurde das Geschrei des kämpfenden Mädchens, matter und matter ihr Ringen, die gigantischen, dunklen Arme des Mohren umschlangen unwiderstehlich den weißen, zarten Leib und erstickten jede Kraft – – an Stelle des süßen, wonnigen Seufzers beseligender Liebe ein letzter entsetzlicher Schrei – dann streckten sich willenlos diese zarten Glieder, und eine wohltätige Ohnmacht umfing ihre Sinne und bewahrte wenigstens die Reinheit der verzweifelnden Seele. Mit seinem bleichen, ruhigen, kalten Strahl für all das Elend der Erde stieg der Mond empor – derselbe Mond, der das steinerne Schmerzensbett ihres Verlobten erhellte. – – – – – Er sandte seinen letzten Schein in den entweihten Raum – an den Wänden der Hütte schnarchten in unruhigen Träumen der Trunkenheit die Weiber und der Knabe – auf seinem Lager in apathischem Schlaf ruhte der Schänder; – es mochte eine Stunde nach Mitternacht sein. Der Zipfel der Matte hob sich, ein totenbleiches Gesicht, – dann glitt ein weißer Schatten durch den Mondstrahl hin, wo die Gewänder der Weiber lagen und hüllte sich in den Feredichi der Frau des Sowars. Was glänzte im silbernen Mondstrahl in der Hand dieses bleichen, nächtlichen Gespenstes? War es der Stahl der Dschambea, deren Stelle jetzt leer war an der Wand der Hütte? Ein gurgelnder Laut – eine wilde, schlagende Bewegung – dann Todesstille; – wiederum tauchte der Schatten empor, aber das Mondlicht traf nicht mehr auf blanken Stahl – von der Schneide tropfte es in dunklen Perlen – Nieder beugte sich der Schatten an der Wand über den Matten der Schlafenden – dreimal! – dreimal tönte der gurgelnde röchelnde Laut, dunkle Glieder bäumten sich, schlugen um sich im Kampfe. An der Tür rasselte es – der leichte Holzriegel, der den Eingang schloß, wurde gehoben, und der weiße Schatten glitt aus dem Haus und eilte über den Platz. Dreißig Schritt vom Hause entfernt öffnete sich die niedere Rundmauer eines tiefen Brunnens, breit und groß, gleich einer Zisterne. Der weiße gespenstige Schatten, dessen Gewand mit dunklen, feuchten Flecken besät schien, warf sich am Rande des Brunnens nieder auf die Knie und rang die Hände zum Nachthimmel empor. »Barmherziger Gott, beschütze ihn und vergib meine Schuld, wie ich vergebe allen Schuldigen! Nimm auf mein unsterblich reines Teil in deine Gnade! –« Ein Stöhnen – ein Fall – aus dem Brunnen herauf klang das Echo plätschernden Wassers – am Nachthimmel vom Norden der Stadt her flammte der Schein einer Feuersbrunst! Die Totenklage der Bajadere erstarb im leisen Echo, das über die Ebene zog; ihre zarte dunkle Gestalt erhob sich von der Leiche des Geliebten. »Du bist einer der Faringi-Sahibs, die in jenen Wällen kämpften und mit den Booten flohen?« »Du sprichst die Wahrheit. Ich bin Kapitän Delafosse,« antwortete der Offizier entschlossen. »Warum bliebst du bei diesem Manne, während so nahe bei dir der Nena alle deine Brüder töten ließ?« »Wie – die Engländer, die man trotz des Vertrages gefangen genommen, wären ermordet?« – »Hörtest du nicht die Flinten der Sepoys, glaubst du, der Tiger würde die Beute seinen Krallen entgegen lassen? Ich war es, die es ihm riet, damit dieser mein bleibe.« »Rufe deine Henkersknechte, damit sie noch ein Opfer finden.« »Du sollst leben, Faringi – du und der Mann dort, dessen Geist die Götter zu sich genommen. Ich selbst will euch die Mittel zur Flucht geben. Dort steht mein Roß – es ist kräftig genug, euch beide auf seinem Rücken davon zu tragen, bis ihr ein zweites gefunden. Du sollst es haben, wenn du mir einen Dienst erweisest.« »Welchen?« »Hilf mir den Körper dieses Toten in jene Mauern tragen, die ihr so tapfer verteidigt.« Unwillkürlich gehorchend dem Einfluß dieser Frau, rief Delafosse seinen Gefährten herbei, den Körper des jungen Offiziers ihm tragen zu helfen. Die Bajadere wickelte den kostbaren Schal von ihren Hüften, in das feste Gewebe hüllte der Kapitän den zerfetzten Leichnam, dann faßte er das Kopfende, der Irre, leise vor sich hin singend und murmelnd, die Füße, und so trugen sie die Last nach dem zerstörten Fort zu. Am Eingang desselben band die Tänzerin das Pferd an, dann betraten sie den Hof. Das Auge der Bajadere forschte umher – dann schritt sie auf die Mitte des Hofes zu, wo ein hoher Haufen von Balken und Faschinen lag, mit denen man während der Belagerung die Breschen des Walles ausgefüllt hatte. Auf ihren Wink legten die beiden Männer den Leichnam des Offiziers auf das Holzwerk. »Jetzt geht und möge Lakschmi, die Geberin des Glücks, mit euch sein!« Der Kapitän faßte die Hand seines armen Schutzbefohlenen und entfernte sich schweigend mit ihm. Draußen band er das Pferd los und bestieg es; dann half er seinem Gefährten hinter dem Sattel Platz nehmen. Einen Augenblick noch verweilte er am Eingang – denn aus dem Innern des Forts erhoben sich, zuerst leise, dann lauter und lauter die nämlichen Töne, wie er sie vorhin an dem Platze der blutigen Tat gehört. Auf der Höhe der Faschinen zeichnete sich gegen den Nachthimmel die Gestalt der Bajadere, den formlosen Körper im Arm – ein fliegender Nebel – ein wallender Rauch schien die kniende Gestalt zu umziehen. Ein Gefühl der Angst, des Entsetzens ergriff den Offizier und er gab dem Pferde den Zügel und sprengte davon. Als er eine Strecke von dem Fort entfernt das Pferd anhielt und zurückschaute, sah er aus der dunklen Umgebung der Erdwälle eine hohe Feuersäule empor lodern. Er erkannte die Deutung des Gesanges Anarkallis, der Bajadere! – – – – – – – – – – Aus dem Jenseits! Auf dem Wege von Gwalior nach Ihansi überschreitet man bei der Festung Calpi die Dschumna – vorher zwei ihrer Nebenflüsse. Der Zug des Signor Maldigri oder Grimaldi hatte der steigenden Hitze wegen bald Halt machen müssen und erst nachdem diese sich linderte, den Weg fortsetzen können. Der Abend war bereits angebrochen, als man sich Calpi näherte, und etwa eine Stunde von der Stadt entfernt, im Schein großer Feuer die Spitzen und Wimpel vieler weißen Gezelte erblickte, Reiter ihnen entgegenstürmten und bei der Nachricht, wer die Reisenden seien, in gellenden Jubel ausbrachen. Ein Teil sprengte zurück zu den Zelten, wo die Nachricht, die sie brachten, große Bewegung hervorrief. Ein Reitertrupp nahte von dort zum Empfang der kleinen Karawane, an seiner Spitze auf weißem Araberpferd eine hohe Frauengestalt in prächtigen kriegerischen Gewändern. »Heil der edlen Rani von Ihansi! – Heil Maldigri-Khan, ihrem tapferen Wessir!« schrien die Reiter und Fackelträger. Von der Handah seines Elefanten, die er bestiegen, sah der deutsche Arzt ein merkwürdiges Schauspiel. Die Rani, denn diese befand sich an der Spitze der entgegenkommenden Reiter, war vom Pferde gesprungen und trat hastig auf den Palankin zur Rechten zu. »Sei willkommen, Sahib Maldigri,« sagte sie. »Lakschmi sei gepriesen, die den Pfeil der Dunkeläugigen von dir abgewendet und dich mir wieder gegeben hat, einen zweiten Krischna.« Sie hatte die Hand ausgestreckt – aber ehe diese sie noch berührt, öffneten sich die Gardinen des Palankins und heraus trat – nicht die Gestalt des Kranken, Genesenden, sondern eine hohe Frau in dunkle Gewänder gehüllt und der zurückgeschlagene Schleier zeigte das edle und schöne, aber von Leiden und Anstrengungen hagere und bleiche Antlitz einer Faringa. Die trotzige, glühende, in ihrer vollen Kraft und Schönheit stolze Hindufürstin fuhr zurück wie von einer giftigen Schlange gestochen. Der so ernste, ruhige, milde Blick der Engländerin und das fragende, drohende, kühne Auge der stolzen Hindufürstin kreuzten sich wie zwei Stahlklingen. Diese seltsame Szene hatte nur die Dauer von Sekunden. Die Vorhänge des zweiten Palankins rauschten zurück, und die bleiche, abgemagerte Gestalt des tapferen Condottieri erschien auf den Kissen des Innern, bemüht, sich emporzurichten, um die Fürstin zu empfangen, deren Dienst er sich geweiht. Von beiden Seiten traten die Frauen auf ihn zu und erfaßten seine Hände, ihn zu unterstützen. Wiederum kreuzten sich ihre Blicke, noch ehe der Mund ein Wort gewechselt. Zugleich hatte der Arzt seine Haudah verlassen und war heran getreten. »Gott und diesen Freunden sei es Dank,« sagte der Kranke »daß ich das Angesicht der edlen Fürstin von Ihansi wieder schaue im Lichte der Sonne.« Die Rani beantwortete die Frage nicht. Ihr dunkles forschendes Auge verließ sein bleiches Gesicht, um nach der Gestalt der Rivalin zurückzukehren. »Wer ist dieses Weib?« »Ein Engel an Güte und Milde, der nicht umsonst diesen Namen trägt, – meine Freundin und Pflegerin, – Lady Hunter – der Engel von Delhi! – Dies, meine edle Freundin,« fuhr er zu Lady Hunter in englischer Sprache fort, »ist die berühmte Rani von Ihansi, die stolzeste aber auch die hochherzigste der Frauen, deren Wert nur von Adelaide Seymour übertroffen wird.« Die Gattin des Dekans verneigte sich und bot mit einem edlen Anstand der Hindu die Hand. »Wenn uns auch der Glaube und das Vaterland trennt, Hoheit,« sagte sie in gebrochenem Hindostani – »die Sorge um den Freund wird eine gemeinsame sein, und ich habe genug von Ihnen gehört, um Ihren Namen hoch zu achten!« Die Rani trat einen Schritt zurück, ihr Auge blieb durchbohrend und stolz. »Sei gegrüßt,« sagte sie kalt – »aber ich kann die Hand einer Faringa nicht in Freundschaft berühren. Niemand soll ein Haar deines Hauptes krümmen, obgleich es das Haupt eines verfluchten Geschlechts ist, so lange du unter dem Schutz Xarias, der Rani von Ihansi bist.« Der Kranke befand sich in offenbarer Verlegenheit zwischen diesen Frauen und beeilte sich, die eingetretene Stille durch die Vorstellung des Doktors zu unterbrechen, den er dem Wohlwollen der Rani als den Freund und Arzt des Nena und seinen Retter vom Rande des Grabes empfahl. »Ich kenne den Sahib Hakim,« sagte die Rani hastig, ihm die Hand reichend. »Er ist ein Franke, wie du, kein Faringi! Er sei willkommen. Ich werde dem Peischwa morgen selbst danken, daß er mir seinen Freund gesandt hat, um den meinen zu heilen!« »Dem Peischwa?« fragte der Major erstaunt. »Deine Hoheit ist auf dem Wege nach Cawnpur?« »Er bedarf der Tapferen, um die Faringi, die wie du weißt, noch immer ihm hinter ihren Wällen mit der Hilfe böser Geister trotzen, von Cawnpur zu vertreiben, da Calpi in den Händen der Unseren ist!« »Auch Calpi? – Es befindet sich in diesem Augenblick kein Engländer mehr in Cawnpur!« »Was sprichst du für Wind, Hakim? Der Nena hat sie erschlagen? Gelobt sei Brahma, der Sieg ist den Kindern der heiligen Ganga geblieben!« Ihr tapferer, jetzt von der Wunde gelähmter Führer, schüttelte den Kopf. »Du irrst, Hoheit! Nicht das Schwert des Nena hat diese tapferen Männer überwunden. Seine Großmut war es. Er hat ihnen freien Abzug gewährt gegen Übergabe des Forts nach zweiundzwanzigtägiger heldenmütiger Verteidigung. Unser Freund, der Hakim hier, war Zeuge des geschlossenen Vertrages, ehe wir abreisten!« »Sagst du die Wahrheit?« »Bei meiner Ehre!« Die Rani schüttelte zornig die Zipfel ihres Gewandes. »Dann mögen die Hunde die Gräber seiner Väter beschimpfen! Ich sage mich los von ihm und möge die Welt sehen, was ein Weib im Kampf für sein Vaterland vermag. Laßt die Claschys die Zelte wieder befestigen und die Seyces die Rosse abzäunen, wir kehren zurück nach Ihansi. Du aber, Sahib, sei willkommen unter dem Zelte Xarias trotz der Botschaft, die du ihr gebracht!« Sie gab das Zeichen zum Aufbruch und schweigend legte der Zug die kurze Strecke bis zu dem Lager zurück, das die Reiter der Rani unter den Bäumen des Waldes aufgeschlagen hatten. Während die Offiziere der Gortschura dem Wessir ihren Besuch machten und ihre Berichte abstatteten, ließ die Rani den Franken- Arzt zu sich entbieten. »Ich ließ dich zu mir rufen, weiser Hakim,« sagte die schöne Fürstin, »um aus deinem Munde die nähere Geschichte des Verrats zuhören. Ich bitte dich, rede!« Walding erzählte, ohne seine eigene Beteiligung zu erwähnen, den Entschluß des Nena, die Absendung des Parlamentärs und die Bedingungen, so weit sie ihm bekannt, welche der Peischwa den unglücklichen Belagerten hatte bieten lassen. »Dein Auge sieht scharf und dein Mund redet klar, o Hakim,« sagte die Fürstin, »obschon ich fühle, daß du nicht alles sagst, was du weißt. – Laß uns von unserm Freund, dem Wessir sprechen.« »Von Major Maldigri?« »Du sagst es. Wird die Farbe der Gesundheit und der Kraft auf seine Wangen zurückkehren und sein Arm wieder den Säbel schwingen können gegen die Feinde dieses Landes?« »Ehe ein Mond vergangen, Hoheit, wird Signor Maldigri die frühere Kraft und Gesundheit besitzen. Ich selbst werde ihn mit deiner Erlaubnis nach Ihansi begleiten, so will es der ausdrückliche Befehl des Peischwa.« »Ich danke ihm dafür, dich aber, weiser Hakim, bitte ich, diesen Rubin an deiner Hand zu tragen, zum Zeichen des Dankes Xarias,daß du ihr den Mann gerettet, den sie am höchsten achtet unter den von Brahma Erschaffenen.« »Meine Kunst, Hoheit, hat nur wenig getan, sie hat nur das Fieber gebändigt – der Lady verdankt er sein Leben, die seit dem Augenblick, als er die Wunde empfing, ihn nicht verlassen und an seinem Lager Tag und Nacht zugebracht hat.« Der Blick der Rani verfinsterte sich. »Wer ist diese Frau? Welches Recht, welche Pflicht hat sie, ihr Leben an das dieses Mannes zu setzen und ihn hierher zu begleiten.« »Lady Hunter,« berichtete Walding, »ist die Gattin eines würdigen Geistlichen, desselben, den der Wessir an jenem Schreckensabend zu Bithoor beschützte. So viel ich selbst weiß, kennt er sie aus früheren Jahren und rettete sie in einem fernen Frankenlande aus schweren Gefahren, was sie jetzt ihm lohnt.« »Es mag sein; aber was will das bleiche Weib hier, wo der Wessir in den Händen derer ist, die ihn lieben?« wiederholte die Rani ihre Frage. »Sie begleitete den Kranken nach Bithoor auf der Praua seines Freundes und Dieners. Sie wünscht jetzt, nachdem sie seine Genesung gesichert sieht, zu ihrem Gatten zurückzukehren, aber ihre Hoffnung, ihn unter den Engländern in Cawnpur zu finden, hat sich nicht bestätigt. Der Wessir glaubte Calpi noch in den Händen der Engländer und hielt es für sicherer, sie dieser Festung anzuvertrauen – als – hörten Sie nichts, Hoheit – das war ein Schrei um Hilfe – der Donner von Schüssen – – –« Sein ernstes männliches Gesicht wurde von einer Schreckensblässe überzogen und bot alle Zeichen einer plötzlichen nervösen Aufregung. »Du täuschst dich, weiser Hakim,« entgegnete die Rani. »Ich bitte dich, fahre fort – warum zog die Faringa nicht mit ihren Brüdern davon auf dem Strom nach der Erlaubnis des Nena?« Der Arzt trocknete die großen Perlen eines kalten Schweißes, der seit einigen Augenblicken seine Stirn befeuchtete. »Es war zu spät, als wir die Großmut des Peischwa erfuhren,« sagte er verwirrt. »Ich wünschte, ich – –« Er sprang empor und preßte die Hände gegen das Herz – sein Gesicht zeigte eine Leichenfarbe – sein großes Auge flog krampfhaft umher. »Allmächtiger Gott – das ist keine Täuschung – man ruft mich – das ist ihre Stimme!« In den Zweigen des riesigen Mango, unter dessen Schutz das Zelt der Fürstin aufgeschlagen war, rauschte der Abendwind. – – – »Hermann, mein Freund! mein Geliebter! rette Editha!« – Der Arzt taumelte auf den Ausgang des Zeltes zu, während die Fürstin mit Erstaunen seinem ihr unbegreiflichen Gebahren zusah. »Verzeihung, Hoheit – ich muß fort – fort! ich halte es nicht länger aus hier.« – – »Du bist krank, Hakim! Das Fieber ist in deinen Adern. Geh in dein Zelt und mache dein Blut fließen. Ich werde dem Wessir selbst meinen Beschluß verkünden!« Er riß den Vorhang zur Seite und sprang hinaus. Jenseits des Kreises der Wachen, der den geheiligten Umkreis des Zeltes der Fürstin umgab, stieß er auf Kassim den Mayadar, der hier seiner zu harren schien. »Schaffe Rosse herbei – rasch – die schnellsten! Ich muß zurück nach Cawnpur, in diesem Augenblick!« Der Thug sah ihn gleich einem Trunkenen nach dem Zelte des Wessirs taumeln. »Nach Cawnpur?« murmelte der Lugha. »Bei dem Stahle der heiligen Axt – nimmer sollst du dahin gelangen!« Er wandte sich nach dem Zelt der Rani, das diese eben verließ, umgeben von einigen der vornehmsten Offiziere der Gortschura. Der Thug blieb an ihrem Wege stehen, warf sich zur Erde und sagte: »Dein Diener hat deinem Ohr ein Geheimnis zu flüstern.« »Wer bist du? was willst du?« Die Fürstin blieb auf ihrem Wege nach dem Zelt des Kranken stehen. »Dein Sklave,« sprach kniend der Thug, »hörte dich zürnen über die Großmut des Peischwa, die den Faringi-Hunden in Bithoor das Leben geschenkt.« »Möge Krischna, der Held, ihn dafür strafen!« »Die Faringi sind blind geboren wie die Hunde, aber sie sind schlechter als diese, denn sie werden niemals sehend!« flüsterte der Thug. »Was meinst du? – sprich!« »Der Peischwa ist der Peischwa! Die Faringi werden Cawnpur frei verlassen, aber kein weißes Gesicht wird lebendig Allahabad erreichen!« Das Auge der Hindufürstin funkelte in grausamer Freude. »Mögen sie alle verschwinden wie der Tau der Nacht vor dem Strahle der Sonne! ich bitte dem Peischwa das Unrecht ab, das ich ihm getan, du aber nimm zum Lohn für die Nachricht dies Gold!« »Möge dein Angesicht ewig leuchten! Der Peischwa hat seinem Sklaven einen Auftrag gegeben. Jener Franken-Hakim darf nicht zurück nach Cawnpur, nicht eher, als der erhabene Gebieter ihn ruft.« »Was kümmert das mich? Der Hakim ist nicht in meinem Dienst. Sein Ungehorsam komme auf sein oder dein Haupt. Laß mich vorüber!« Sie schritt weiter. Der Mörder steckte mit habgieriger Freude das wertvolle Geschenk ein und blickte dann finster der Fürstin nach, wie sie in das Zelt des Kranken trat. »So möge denn die blutige Bhawani ihr Opfer empfangen und die Seele Kassims dem ewigen Tode preisgegeben sein,« sagte er grimmig. Er machte sich langsam auf den Weg in die Nähe des Zeltes des Wessirs, ohne den Befehl weiter zu achten, den ihm der Arzt gegeben. – – – Wir müssen einige Augenblicke zurückkehren in das Innere dieses Zeltes, als Doktor Walding dasselbe verlassen hatte, um dem Ruf zur Rani Folge zu leisten. An dem Kissenlager, auf dem der Condottierie ruhte, saß die Lady, ihre Hand in der seinen. »Es ist Zeit, mein Freund,« sagte die edle Frau, »daß ich einen Entschluß fasse. Mein Werk ist getan, ich weiß Sie in der Sorge und unter dem Schutz von Personen, die Ihren Wert kennen und Sie lieben, und bald wird die Kraft Ihnen wiedergekehrt, bald werden Sie jener stolze, mit dem Leben kämpfende Soldat wieder sein, zu dem Adelaide Seymour in den Tagen der Jugend mit Bewunderung ihre Augen erhob. Wollte Gott, dieser Geist und dieser Mut kämpften für eine würdigere Sache, als für die Sache der Grausamkeit und des Fanatismus!« »Es ist auch die Sache der Freiheit und der Unabhängigkeit, Adelaide, für welche diese Männer – ja schwache Frauen – ihr Schwert erheben. Hochherzige und edle Gefühle und Gestalten leben auch unter diesen anscheinend so Wilden und Unbarmherzigen. Das zeigte Ihnen die Achtung, die Ehrfurcht, mit denen selbst der roheste Pöbel im Sturm der wilden Empörung Ihnen begegnete, das bewies Ihnen Irma, das Hindumädchen, die – ein Kind noch – so mutig ausharrte zur Rettung ihrer Freunde und die durch die Geheimnisse des Mausoleums der großen Begum im Augenblick der höchsten Gefahr Geretteten mit Gefahr des eigenen Lebens verbarg und durch hundert Gefahren zu den Truppen General Barnards geleitete.« »Angelique! – Richard Willougby!« flüsterte die Lady. »Gott sei mit ihnen, den edlen lieben Gestalten, und geleite sie glücklich aus diesem unseligen Lande!« »Und glauben Sie mir, Adelaide, wie diese werden Hunderte, Tausende durch gute und freundliche Menschen gerettet worden sein. Aber der Druck und die Tyrannei eines Jahrhunderts, Leiden, wie ich sie Ihnen von dem Maharadschah von Bithoor erzählt – sie mußten das Lamm zum Tiger machen.« »Gott der Barmherzige möge die Beleidigung wie die Rache vergeben,« weinte die Lady – »o wohl, es ist wahr, auf die böse Saat muß der Sünden Ernte folgen und die Guten und Gerechten gehen unter in den Kämpfen der Bösen und Schlechten. Dort oben allein, wenn diese Körper der Erde zurückgegeben worden, ist Ruhe und Glück und dort, mein Freund, werden auch wir uns wiederfinden – denn die Zeit ist gekommen, wo wir nochmals, zum letzten Mal, scheiden müssen auf dieser Erde!« Der Kranke richtete sich besorgt empor. »Wie meinen Sie das? Sie denken doch nicht an das wahnsinnige Unternehmen, jetzt, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, mich zu verlassen.« Mit einem traurigen Blick legte die Lady die Hand auf seinen Arm. »In Ihansi, mein Freund, würde ich schwerlich willkommen sein. – Ihnen winkt dort Ehre und – Glück, mich würde man für eine Feindin halten, die man um Ihretwillen ertrüge.« Der Major schwieg, finster vor sich hinblickend; er fühlte, daß in dem plötzlichen Entschluß der Lady noch etwas anderes verborgen lag, und das kalte stolze Benehmen der Rani selbst gab ihm die Überzeugung, daß es nicht gut getan sein werde, seine britische Freundin mit nach Ihansi zu führen. Dennoch war er entschlossen, ihre Sicherheit unter keinen Umständen dem Zufall oder ihrer eigenen Sorge zu überlassen. Der Entscheidung jedoch enthob ihn der ungestüme, hastige Eintritt des Arztes. Ein Blick auf den sonst so ruhigen, besonnenen Mann zeigte beiden, daß ihm etwas Ungewöhnliches, Aufregendes begegnet sein müsse. »Major,« sagte der Deutsche, »wenn Sie glauben – nicht meiner Hilfe als Arzt – sondern meiner Teilnahme und Hilfe als Mensch einen Dank zu schulden, so geben Sie mir das Mittel, auf der Stelle so rasch als möglich nach Cawnpur zurückzukehren. Ein Pferd – das schnellste Ihrer Pferde – ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen wert und teuer ist!« »Sie sollen abreisen, wenn Sie darauf bestehen, Doktor! Ich werde sogleich Befehl geben, daß einige Reiter sich fertig machen, Sie zu begleiten. In einer Stunde soll alles zum Aufbruch bereit sein! Aber sprechen Sie – was ist geschehen?« Er hatte sich erhoben, um einige Befehle zu geben. In diesem Augenblick wurde der Besuch der Rani gemeldet und die Hindufürstin mit ihrer Begleitung trat in das Zelt, dessen Teppichwände von den Dienern zurückgeschlagen wurden. Der Major, auf den Arm des Arztes gelehnt, ging ihr entgegen. »Möge deine Hoheit verzeihen,« sagte er, »wenn dein Diener dich nicht begrüßt, wie es seine Pflicht ist.« »Ich danke Wischnu, dem Erhalter, und diesem weisen Hakim, daß sie dich für Xaria gerettet. Damit der Khan sieht, wie sehr seine Freunde die Freunde Xarias sind, sollen fünfzig Reiter der Gortschura morgen bei unserm Aufbruch diese Faringa sicher nach jedem Ort geleiten, den die Kaffirs, ihre Brüder, noch besitzen, und den sie wählen wird!« Der Wessir verbeugte sich, er begriff, daß diese Gunst ein Befehl war: »Es geschehe, wie du sagst, Hoheit. Ich werde die nötigen Anordnungen treffen. Der Hakim, mein Freund, will uns gleichfalls verlassen und plötzlich nach Cawnpur zurückkehren. Seiner Sorge werde ich diese Dame anvertrauen.« »Nein – nein – um des Himmels willen nein,« stöhnte der Arzt, indem er sich von dem Kranken losriß. »Ich muß fort – jede Minute Verzögerung ist Tod und Verderben.« »Das ist seltsam, – was soll ich davon denken? – Doch wie es auch sei, mit deiner Erlaubnis, Hoheit, soll dieser Mann nicht sagen können, daß Marcos Grimaldi ihm undankbar seine Bitte verweigert habe. Laßt das beste Pferd satteln, das in der Nähe ist!« Alle waren vor den Eingang des Zeltes getreten, einige der Seyces waren beschäftigt, einen starken arabischen Renner herbeizuführen. Das Aussehen des Arztes glich dem eines Toten. Er faßte krampfhaft den Arm des Majors. »Zweifeln Sie nicht an meinem Verstand, Sir,« sagte er keuchend – »aber – glauben Sie an Ahnungen – an den Magnetismus der Seele?« »Es gibt viele Dinge, die über unsre Erklärung hinausgehen – wir Südländer sind geneigter, an die Welt der Geister zu glauben, als die Männer, die aus dem kalten Norden stammen.« »Geben Sie mir eine Waffe, Signor – es geht in diesem Augenblick etwas Furchtbares, Entsetzliches vor – ich fühle es – hier in meinem Innern – mir ist, als triebe eine unwiderstehliche Gewalt mich zurück – ich höre deutlich eine geliebte Stimme, die mich um Hilfe ruft – jetzt – jetzt – allmächtiger Gott, es ist zu spät!« Der Aufschrei, mit dem er in die Knie brach, war so grell, so entsetzlich, daß er selbst die wilden Seelen umher erschütterte. Dann – mit einer gewaltsamen Anstrengung – erfaßte er den Zügel. Im nächsten donnerten die Hufschläge des galoppierenden Rosses über den harten Boden, und Reiter und Pferd – durch die Menge brechend – verschwanden im Schatten der Nacht und der riesigen Mangos. – – – Die Rani streckte den Arm aus und wies nach der Straße. Auf flüchtigem Pferde galoppierte ein weißer Schatten vorüber, der Spur des Arztes folgend. »Wer ist das?« »Es ist der Diener, der mit ihm gekommen – sein Begleiter und ein Freund des Peischwa,« sagte die spöttische Stimme der Rani. »Sie eilen voran nach Cawnpur, die Rückkehr derer zu melden, für die kein Platz ist in Jhansi!« – – – – – – –   Auf der Ebene – aus der weißen kalkigen Fläche lag gespenstig der noch weißere Mondschein. Husch – auf den bleichen Mondstrahlen reiten die bleicheren Geister. Drüben im Osten, vom heiligen Flusse her, zog eine dunkle Wolkenwand empor, zuweilen zerrissen vom elektrischen Strom. – Eines der Gewitter zog am Ganges herauf, die in der beginnenden Regenzeit kurz, aber mit gigantischer Kraft toben. Durch diese majestätische Öde ein wild daher galoppierendes Pferd – nein ihrer zwei – denn aus weiter Ferne antwortete das Echo des Hufschlags und ein dunkler Punkt erscheint mit gleicher Eile auf dem weißen Bande der Straße. Aber was kümmert den ersten Reiter das verfolgende Echo – ist es ein Freund oder Feind, er hört nicht einmal, daß er nicht allein diese Öde durchfliegt. Den Oberkörper fast auf die Mähne des Pferdes gelegt – jagt Walding, der Arzt, dahin – das Auge noch immer starr in die Ferne gerichtet. Plötzlich stutzt das Pferd und prallt zurück – der Reiter klammert sich mit den Knien fest, um nicht zu fallen – aber seine Hände fahren krampfhaft nach dem Herzen – sein krauses Haar sträubt sich empor. – – Auf dem Mondstrahl reiten die Boten der Gräber! – – – Der Reflex des Lichtes auf der Atmosphäre scheint sich zu schattenhaften Formen zu ballen – wie ein Nebel zieht es von Osten daher, schneller als der Gedanke – schneller als der Funke, der um den Gürtel der Erde fliegt! »Barmherziger Gott, beschütze ihn und vergib meine Schuld, wie ich vergebe allen Schuldigen! Nimm auf mein unsterblich reines Teil in deine Gnade!« – Ein Stöhnen – ein Fall, das Echo plätschernden Wassers – – Der deutsche Arzt liegt am Boden – das Bewußtsein geschwunden – in tiefer Ohnmacht des Geistes und Körpers – wenige Schritte von ihm schnaubt das keuchende, erschöpfte Roß.   Auf der Straße kommt mit der Schnelle des Sturmwindes Kassim, der Mayadar, herangejagt. Schon von ferne sieht er die Gruppe und pariert näherkommend verwundert sein Pferd. Dann sich aus dem Sattel werfend, eilt er zu dem Körper seines Herrn, den er tot wähnt von dem Sturz oder einem glücklichen Zufall. »Bei allen Dämonen – verflucht sei der Kassir, er ist nicht tot, nur betäubt. Was soll ich tun mit dem ungläubigen Hunde? – Ich darf ihn nicht töten, wenn er mich nicht dazu zwingt. Mein Eid gebietet mir, ihm in Gefahr beizustehen. Aber wie hindere ich ihn, nach Cawnpur zu gehen?« Da zeigte ihm ein funkelnder Blitz in der Ferne zur Linken über das Dickicht der Dschungel dunkle Formen am Horizont. »Das ist der Tempel von Dscheddapur! Jetzt weiß ich, wo ich bin und was mir zu tun bleibt.« Er legte den Körper des Ohnmächtigen über den Sattel seines eigenen Pferdes, nahm es an dem Zügel und führte es am Rande der Dschungel entlang. Das Gewitter zog sich jetzt mit furchtbarer Schnelle herauf und in dem Schein der Blitze gelangte der Lugha bald mit seiner Last an die mächtigen Ruinen des Tempels, band sein Pferd an einen Stein und trug dann den noch immer ohnmächtigen Körper in das Innere der Pagode und legte ihn hinter den mächtigen schwarzen Steinwürfel, der einst das Bild der scheußlichen Göttin getragen. »Möge er hier liegen bis Wischnu ihm den Geist zurückführt. In dieser Nacht und aus dieser Wildnis wird er sich nimmer mehr entfernen können, um das Verbotene zu tun. Wenn das Gewitter vorüber, werde ich nach Cawnpur reiten, um dem Peischwa Nachricht zu bringen.« Er verließ das Innere des Tempels, um sein Pferd zu suchen. Im nächsten Moment aber richtete er horchend den Kopf in die Höhe, in dem Rauschen dieses Regens hatte sein scharfes Ohr einen anderen Laut vernommen. Es klang wie ein heiseres Brüllen und Schnauben, das mit der Schnelle des Sturmwindes heran zu kommen schien. Der Lugha warf blitzschnell das Auge umher. Nur gewohnt, seine Brüder, die Menschen zu jagen und zu töten, ließ das Nahen der Bestien seine Nerven erbeben, und er sah sich nach einem Schlupfwinkel um, als ihm plötzlich der Gedanke an den Mann kam, den er hilflos im Innern des Tempels niedergelegt. Noch vor wenig Minuten war er entschlossen gewesen, diesen Mann zu ermorden, wenn er auf seinem Willen bestehen sollte. Und jetzt – er brauchte keine Hand zu rühren, nur das eigene Leben zu retten, jetzt konnte ein günstiger Zufall ihn von jenem befreien! Aber es war sein Mayadar , dem er Schutz geschworen! Nicht einen Moment lang bedachte sich der Lugha; er zog die Hand von dem rettenden Stein zurück, warf sich auf ein Knie mitten im Eingang, und legte die blanke Klinge des Krys an seine Seite. Ein züngelnder Blitz, dem ein zweiter erschütternder Donnerschlag folgte, zeigte ihm deutlich den heranspringenden Feind. Es war ein langgestreckter, großer Panther mit hohen Weichen und fast schwarzem Fell, der in mächtigen Sprüngen flüchtend aus der Dschungel brach und gerade auf ihn zurannte; – ihm folgte fast unmittelbar ein zweites Tier – die Pantherin! Die Bestie, in wilder Flucht daher springend, fühlte die Witterung des Feindes nicht eher, als bis ihr glühender Atem ihn berührte. Der Rachen öffnete, die Pranke hob sich, aber zu spät: – denn die Kugel, in dieser unmittelbaren Nähe abgeschossen, zerschmetterte den Schädel des Tieres. Der Panther stieß ein Geheul aus, schlug mit den scharfen Krallen nach seinem Feind und stürzte zusammen, aber dieser, verwundet an der linken Schulter, hatte kaum Zeit das Pistol fallen zu lassen und den Krys zu ergreifen, als die Pantherin in gewaltigem Ansprung über ihn herfiel und ihn zu Boden warf. Nun erfolgte in dem erneuten Schein der Blitze und unter dem Krachen der Donnerschläge ein rasender Kampf, den das Geheul des von den Stichen des Krys getroffenen Raubtiers und das Geschrei des von ihren Krallen und Zähnen zerfleischten Menschen verkündete. Dann wurde das Geheul der Pantherin schwächer und schwächer und in dem langen anhaltenden Schein der Blitze konnte man die Gestalt des Lugha sich keuchend aus dieser Lache von Blut und Fleisch auf die Knie emporrichten sehen, auf die zerbrochene Klinge des Krys sich stützend. Das letzte Röcheln des Tieres verkündete seinen Tod. Plötzlich fühlte der Lugha eine Hand auf seiner blutenden zerrissenen Schulter. »Kassim, mein Freund – ich danke dir für das, was du getan! Wenn du stark genug bist, so erhebe dich – und laß uns die Pferde wieder besteigen!« »Was willst du tun, Sahib – wo willst du hin?« »Nach Cawnpur!« »Es ist unmöglich, Sahib! Die Götter selbst verbieten es mit ihren Donnern.« »Laß mich vorüber – was kümmern mich die Blitze des Himmels?« »Du darfst mich nicht verlassen, Sahib – ich kann nicht von der Stelle, mein Blut rinnt, meine Arme, meine Brust sind zerrissen von den Krallen der Panther, mit denen ich gekämpft um deinetwillen!« »Armer Kassim! armer Freund! aber ich kann nicht bleiben bei dir – ich muß fort – fort – laß mich vorüber!« »Undankbarer Christ – du sollst nicht nach Cawnpur, solange Kassim lebt!« »Wer wollte mich hindern?« »Ich – mit meinem Leben!« Der Lugha sah die bleiche Gestalt des Arztes im Schein der Blitze zurückbeben – dann hörte er wie mit hohler Grabesstimme die Worte: »Ich weiß, du bist ein Thug, aber ich werde dich zuerst töten! – Geh aus dem Weg – ich muß nach Cawnpur!« »Niemals! Sei verflucht in Ewigkeit, wie Kassim es sein wird!« Der blutende Lugha stürzte, grimmiger als der Panther, den er soeben erlegt, auf den Mann, dessen Leben er mit seinem Blute verteidigt. Dann erfolgte ein zweiter Kampf – ein Ringen, nicht mit der Bestie der Wildnis – sondern Mensch gegen Mensch unter dem zuckenden Licht der Blitze und dem Donner des Himmels. »Hier ist der Ort, Kamerad – halte das Pferd fest, das wir gefunden, und laß den Zügel nicht aus der Hand, bis du ihn festgebunden. Diese Mauern werden uns wenigstens schützen vor dem scheußlichen Wetter. Ich habe das Mittel, Feuer zu machen, wenn es uns gelingt, trocken Geröhr zu finden!« Von der Hand geschützt, flammte der Docht der kleinen Kerze eines Taschenfeuerzeugs in die Höhe und verbreitete seinen dünnen Schein, während der verkleidete Offizier mit der Rechten am Griff der Dschambea vortrat. Von der Gruppe auf den blutigen Marmorquadern des Bodens erhob sich langsam eine Gestalt, ein bleiches, weißes Antlitz. Die halb orientalische, halb europäische Kleidung des Mannes war blutbefleckt – in seiner Rechten hielt er einen persischen Dolch, dessen Griff von kostbaren Steinen funkelte. »Wer redet englisch – sind Europäer hier?« fragte die gespensterhafte Gestalt. » By Jove – ich sollt es meinen! Wer seid Ihr, Freund? ich sehe – Ihr habt einen tüchtigen Kampf hier bestanden!« Er wies nach den toten Panthern. Das Auge des andern aber folgte seinem Finger nicht, es ruhte auf dem blutigen Körper zu seinen Füßen. »Er wollte mich hindern, nach Cawnpur zu gehen. Er mußte sterben!« murmelte er dumpf. »Wer – der Panther? bei Gott, dann war die Bestie Euer Freund, Mann!« »Nicht der Panther, Sir – denn Sie sind ein Engländer, obschon Sie das Gewand eines Hindu tragen. Dieser da zu meinen Füßen tat es!« »Und Sie haben ihn ermordet dafür? Ich glaube, ich muß mit lauter Verrückten zu tun haben. Aber mir ist, als kennte ich Ihr Gesicht – als müßte ich es schon gesehen haben.«- »Möglich, Sir! aber wenn Sie ein Christ sind, so sagen Sie mir, wo ich mich befinde und zeigen Sie mir den Weg nach Cawnpur.« »Nimmermehr – wer Sie auch sein mögen, Sie sind ein Landsmann und ich darf Sie den Weg nach Cawnpur nicht verfolgen lassen!« »Dann muß ich Sie töten wie diesen da,« sagte der Arzt einfach. »Aber wenn Sie einen Fuß nach Cawnpur setzen, werden Sie selbst getötet. Dieser schurkische Nena ermordet alle Engländer, die in seine Hände fallen.« »Die Engländer haben gestern mittag Cawnpur verlassen!« »Aber der wortbrüchige Bandit hat sie verfolgen lassen – sie sind zurückgebracht nach Cawnpur und dort ermordet. Ich selbst bin durch ein Wunder entkommen.« Der Arzt stürzte auf ihn los und faßte krampfhaft seinen Arm. »Ermordet? – Barmherziger Gott!– aber ich wußte es – hier – hier –« er preßte die Hand auf Stirn und Herz – »Editha Highson – Sir – was wissen Sie von Editha Highson? –« Der Kapitän sah ihn traurig an. »Die Lady befand sich mit uns und ihrer Kusine in demselben Boot – die Frauen wurden gleichfalls gefangen nach Cawnpur zurückgeführt – aber ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, was ihr Schicksal gewesen ist, ob der Wüterich sich selbst an dem Leben der Hilflosen vergriffen hat. Ich bin Kapitän Delafosse, Sir, und ein Wunder – die Hilfe eines Freundes rettete mich aus der Gefangenschaft und riet mir, den Schutz Major Maldigris, des Wessirs der Rani von Ihansi, zu erreichen, den ich kenne. Aber wer sind Sie, Sir? –« »Walding, der Arzt – Doktor Clifford, wenn Sie es lieber wollen.« »Ich kenne Ihren Namen – ich erinnere mich, Sie flüchtig bei einer Anwesenheit in Cawnpur und an jenem Ballabend in Bithoor gesehen zu haben. Man nannte Sie einen Verräter an Ihren Glaubensgenossen, aber ich hörte Besseres von Ihnen im Fort. Als Mensch, als Christ müssen Sie die Grausamkeit des Nena verwünschen, wie ich.« Der Arzt sah ihm mit finsterer Entschlossenheit ins Gesicht. »Ich gehe, ihm meinen Fluch ins Gesicht zu schleudern! Mein Vertrauen mißbrauchte er, die tapfere Schar aus den schützenden Wällen zu locken – seinen heiligsten Eid schwur er mir, und nicht eher, bis ich Sie alle gerettet glaubte, verließ ich Cawnpur.« »Aber was führt Sie zurück und hierher? Das Gewitter trieb uns in diese Ruine, die ich von Jagdstreifereien her kenne. Wir fanden an der Dschungel ein herrenloses Pferd und glaubten in der Pause des Donners einen Schuß zu hören.« »Fragen Sie nicht, Sir! Das Gewitter hat ausgetobt – Sie werden den Wessir zwei Stunden von hier diesseits Calpi lagern finden. Geben Sie mir Ihre Dschambea und nehmen Sie diesen Dolch dafür – er wird Grimaldi zeigen, daß wir uns begegnet sind. Sagen Sie ihm, bei dem unglücklichen Eid, den wir einst zusammen auf jenem Felsengrab geleistet und der sich so bitter gerächt an uns – ich ließe ihn beschwören, Sie zu retten. Und jetzt, Sir – halten Sie mich nicht auf und lassen Sie uns diesen Ort des Fluches verlassen. Ihr Weg geht nach Westen – der meine nach Osten. Ich weiß, daß alles vorüber – daß sie ein Engel im Himmel sein muß! Aber noch bleibt mir eine Pflicht auf der Erde!« Und mit gesenktem Haupt, ohne weiter eine Antwort den Fragen des Engländers zu geben, schritt er hinaus – fand instinktartig das Pferd des Lugha und mit ihm den Weg aus der Dschungel. Der Arzt schwang sich stumm in den Sattel – stumm winkte er mit der Hand zurück den Flüchtigen – ließ den Zügel auf dem Hals des Pferdes ruhen und ritt langsam in der Richtung nach Cawnpur davon.   Um das Haus des Nähghuh Abdallah drängte sich eine bunte Menge, schreiend und wehklagend. Man hatte die Tür des Nähghuh offen gefunden – und eintretend an den Wänden des Gemaches die Frau, die Schwiegermutter und den Sohn des Mohren in ihrem Blut, mit abgeschnittenem Halse – tot und kalt. Als man den Vorhang hob, fand man auf dem Lager des Sowars diesen selbst – nur der Halsknochen verband noch den widrigen Kopf mit dem riesigen Rumpf. Die Faringa war verschwunden – blutige Fußspuren führten zur offenen Tür, aber draußen hatte der Regen sie verwaschen. Dann erinnerte sich einer der Nachbarn, ein Ruiwallah, oder Baumwollenklopfer, daß er, in der Nacht aufstehend, kurz vor dem Ausbruch des Gewitters einen Schatten hatte über den Hofraum gehen und zu dem Brunnen oder der Zisterne sich wenden sehen. Der Brunnen war fast bis zum Rande gefüllt durch die heftigen Regengüsse der Nacht. Das war alles, was der bleiche Reiter, der wohlbekannte fränkische Hakim des Nena, der sich langsam dieser gestikulierenden hin und her redenden Menge genähert, hatte erfahren können. Er kam vom Zelt des Nena und wußte bereits, daß dieser noch nicht zurückgekehrt war. Der Arzt hörte alles bewegungslos, ruhig an – keine Muskel seines bleichen Gesichts veränderte sich. Auf seinen kurzen Befehl holte man Stangen und Haken und senkte sie in die Tiefe des Brunnens – ein-, zweimal versuchend. Schweigend, neugierig drängte sich die Menge um den Rand. Beim dritten Mal hob sich eine Welle blonden Haares über die trübe Flut – dann ein weißer Arm; – ein Aufschrei der Menge – dann kam ein blasses, entstelltes Antlitz zum Vorschein mit gespenstisch geöffneten Augen – eine schlaffe Frauengestalt – die Männer hoben die Leiche Editha Highsons aus dem Wasser und legten sie vor dem Pferde des Arztes nieder. Lautlos war die Menge. Stumm wie sie stieg der Hakim vom Pferde. Er hob den Körper der Lady auf und legte ihn quer über den Sattelknopf. Dann stieg er wieder zu Roß, nahm die Leiche in seine Arme und ritt langsam davon. Niemand wagte ihn zu hindern. Die Nachschauenden sahen, daß er den Weg nach Bithoor einschlug, denselben, welchen am Abend vorher der Peischwa genommen.   An der Stelle, an welcher Margarete O'Sullivan von den feilen Dienern der Lüfte des britischen Residenten entführt worden war – an der Stelle, auf dem Wege zwischen Cawnpur und Bithoor, wo Tantiah Topi und der Derwisch Sofi dem Maharadschah die erste Nachricht von dem Raube gebracht und das Samenkorn der Rache in die Brust geworfen, aus dem so furchtbare Saat emporwuchern sollte – zieht sich ein Wäldchen von Kokospalmen und Tamarinden an der Schlucht entlang, die, von hoher Brücke überwölbt, die Straße durchbricht und weit hinein läuft zwischen die Felsen. Wo die Schlucht zu Ende, über dem Quell, erhebt sich ein schöner runder Rasenplatz, das Wasser im Grunde erfrischt die Gräser, der Schatten der riesigen Tamarinden hält die brennenden Strahlen der Sonne ab, und geschützt gegen Hitze, Sturm und Dürre, scheint ein ewiger Frühling auf diesem blumenbedeckten Teppich zu wohnen, um den die duftige Rose von Schiraz und das dunkle Laub der Myrte einen Halbkreis bildet, die Marmorbank überwölbend, die ein Lieblingsplatz der armen Tochter des fernen Irlands war. Am Fuß dieser Bank erhob sich jetzt ein einfacher Grabhügel – Blumen und Gräser sein Schmuck, kein stolzer Marmorbau, wie er die letzte Ruhestätte der Großen und Mächtigen dieses Landes zu verkünden pflegt. Unter diesen Blumen und Gräsern schlief ein Herz, so gut und voll Liebe, wie wenig geschlagen – so gebrochen und unglücklich, wie wenige gewesen – Margarete O'Sullivans, der Gattin des Maharadschah von Bithoor, die der deutsche Arzt hier begraben, als der Nena im wilden Fieber raste. Ein Mann saß auf diesem Grabe. Die Wetter der Nacht waren über ihn hingegangen, der Sturm hatte die Wipfel der Tamarinden gebeugt, die Donner des Himmels hatten die Felsen erschüttert, die Wolken ihre Schleusen geöffnet – was kümmerte es ihn! Auf das Grab vor sich hatte er ein Tuch gebreitet, ein blutgetränktes Tuch, und der Regen hatte die Flecken gewaschen, und das Blut hinein in das Erdreich, das die Tote deckte, der er so viele Leben zum Sühneopfer gebracht und mehr noch zu bringen geschworen! Es war Morgen geworden – die Sonne stand seit einer Stunde über dem Horizont– noch immer saß der Nena auf dem vom Blut der ermordeten Faringi getränkten Grabe. Da nahten langsam feste Schritte auf dem Felsboden der Schlucht und stiegen hinauf zur geheiligten Stelle. Ein Mann, gebeugt unter der schweren Last, die er in seinen Armen trug, das Auge gesenkt, achtlos gegen alles umher – stieg herauf. Der Nena wich von dem Grabe zurück – seine Augen ruhten mit dem Ausdruck des Entsetzens auf dem Mann und seiner Last, die dieser neben dem Grabhügel der Irländerin niederlegte. Es war auch eine Tote – eine Frauenleiche mit langem, triefendem Haar! Der Zuletztgekommene kniete zwischen dem Grabe und der Leiche nieder. »Hier sollst du ruhen,« sprach er aus tiefer Brust, – »schlummert sanft, ihr Frauen, eine neben der anderen, bis der Tag der Auferstehung auf die Nacht des Lebens folgt, – ihr – die Opfer zweier Nationen, der Zivilisation und des Barbarismus, der Sünde und Rache! Schlummert sanft, und Gott der Herr richte eure Verderber!« Dann, die Hände und die Augen zum Himmel erhebend, trafen diese Augen auf den Nena . Das Antlitz des bleichen Mannes rötete sich, in seinen Augen begann jener Zorn zu flammen, der aus den Augen der Schwertengel des Herrn glühte, als sie die Geister der Finsternis zurückschleuderten in ihre Tiefen. »Wo kommst du her gegen meinen Befehl? Wer ist diese da, mit deren Nähe du das Grab einer Heiligen besudelst?« fragte die grollende Stimme des Nena. »Ein Opfer deines Treubruchs, Peischwa von Bithoor! Eine unschuldig Gemordete, deren Gedächtnis auf deiner schwarzen Seele brennen möge, gleich ewigem Feuer!« »Hund von einem Kaffir! wagst du mir Schimpf ins Angesicht zu schleudern am Grabe der, die ich liebte?« Seine Hand riß den Säbel von der Seite und schwang ihn drohend über dem Haupte des Deutschen. »Schlage, Peischwa von Bithoor,« sagte der Arzt ruhig. – »Du erschlägst einen deiner Feinde. Was tut ein Mord und ein Opfer des Verrats mehr auf die Seele eines Meuchlers!« Der Nena ließ die Hand mit dem Säbel sinken. »Was willst du von mir? Ich rächte mein Weib und habe geschworen, ihr Grab mit dem Blute der Faringi zu tränken. Geh! Ein Weißer fühlt nicht wie ein Hindu. Bringe dieses Weib hinweg – ich kenne sie nicht!« »Peischwa von Bithoor – Diese war es, die den letzten Hauch der Frau empfing, die du liebtest. Während deine blinde Rache ihr Opfer suchte, starb an ihrer Brust Margarete O'Sullivan!« »Du hast recht – ich erinnere mich, ich hätte sie schützen sollen! aber ich habe sie nicht getötet!« »Blinder Barbar! – Glaubst du, deine Hand allein mordet, und nicht dein Wort? Srinath Bahadur, du hast das Weib, das ich liebte, der Schande, dem Tode gegeben. – Du fluchtest den Faringi an diesem Grabe, – an der Seite dieser Toten fluche ich dir! Nicht ein Befreier deines Vaterlandes bist du mehr, sondern sein Verräter und Mörder. Der Kampf für die Freiheit ist ein heiliger in allen Ländern der Erde, – du aber hast die Freiheit entweiht und den Kampf geschändet. Srinath Bahadur – du stehst am Wendepunkt deines Glücks! Wate in Strömen von Blut, berausche dein teuflisches Herz an Greuel und Entsetzen. – Das Schwert des Rächers ist deiner Hand entnommen, und der Sieg flieht den niedrigen Mörder! Ohne Dach soll dein Haupt, flüchtig dein Fuß, ohne Treu und Glauben Freund und Feind dir sein, wie du selbst ohne Treue dem Freund und Feind warst. Wie der Tiger deiner Dschungeln, Tiger du selbst, sei ein gehetztes Wild auf der Erde, die du groß und frei machen konntest! Schänder des Andenkens eines edlen Weibes – Mörder des andern – Vernichter des Schönen und Edlen auf Erden – sei verflucht! – sei verflucht! – sei verflucht!« Und dreimal in das Grab seines eigenen Weibes greifend, schleuderte er davon dreimal die Erde dem Schritt um Schritt zurückweichenden Hindufürsten ins Antlitz. Dann – ohne sich um ihn zu kümmern – wandte er sich zu der Toten und küßte ihre blasse Stirn. Der Nena war entflohen! – – –. Stunden verrannen. Im Schweiße seines Angesichts grub und grub der Arzt mit der breiten Klinge der Dschambea,– er grub ein Grab an der Seite des Grabes. Fremde Schatten verdunkelten die Strahlen der Sonne, die gedämpft und gemildert durch den Blätterdom drangen. »Geben Sie uns unsern Teil am Werke der Barmherzigkeit, Doktor Clifford,« sagte eine Stimme hinter ihm, – »am Grabe zu helfen eines der armen Opfer wird uns Segen bringen in den Gefahren des eigenen Weges!« Der Arzt schaute gleichgültig empor aus der Grube – am Rande derselben stand Kapitän Delafosse mit dem wahnsinnigen Engländer. – Lady Hunter kniete neben der Leiche Edithas an der Marmorbank. Wenige Schritte entfernt standen fünf oder sechs der kühnen Reiter der Gortschura der Rani. Dreißig andere, mit Dienern, Rossen und Elefanten, lagerten am Eingang der Schlucht zur Siesta in der brennenden Mittagshitze. »Wir sind auf dem Wege nach der Hauptstadt des Audh,« fuhr der Kapitän fort. »Der Wessir, unser Freund, hat uns gestattet, dem Geleit dieser Lady uns anzuschließen. Ich habe ihm geschworen, sie sicher nach Lucknow mit seinen Reitern zu führen. Kommen Sie mit uns, wenn Sie die heilige Pflicht erfüllt, zu der der Geist Gottes Sie nach Cawnpur getrieben!« Walding schaute starr ihn an und dann auf die Tote. »Wissen Sie, was diese mir war?« »Editha Highson – die unglückliche Braut des unglücklichen Sanders – –« »Ich habe sie geliebt!« Er verhüllte sein Angesicht in die Hände, heiße Tränen machten sich Bahn durch die zitternden Finger – zum erstenmal seit der furchtbaren Botschaft aus dem Jenseits! Das krause braune Haar des Arztes war weiß geworden während der Arbeit, bei der sie ihn gefunden! Die Leser, die nach den anderen Gestalten des Buches fragen, werden sie wiederfinden in neuen Schilderungen aus der in mächtigen Wogen rollenden Geschichte unsrer Zeit. Der Verfasser