Sir John Retcliffe Maharani Margarethe (Nena Sahib, 2. Band) Einführung Der Roman ›Maharani Margarethe‹ ist vollständig in sich abgeschlossen und schildert das tragische Schicksal und den Tod von Margarethe O'Sullivan. Inhaltlich bildet das Buch die Weiterführung des ersten Bandes von ›Nena Sahib‹: ›Volk in Folter‹. Die Tyrannei der Engländer hatte eine solche Spannung im indischen Volk hervorgerufen, daß es im ganzen Land wie Wetterleuchten aufzuckte. Die Veranlassung aber zu dem Ausbruch der unterdrückten Leidenschaften, dessen Entsetzen der dritte Band: ›Ram, Ram, Mahadeo!‹ in der beispiellosen Phantasie Retcliffes malt, war die Entführung und Mißhandlung der Gattin des Maharadscha von Bithur, der Maharani Margarethe. Eine verbrecherische Wette Im Jahre 1856 bestand die Armee der Krone und der Ostindischen Company aus 264000 Mann, von denen etwa 36000 Mann Europäer waren. Aus diesen rekrutierten sich die Offiziere und Unteroffiziere für die durch Anwerbung gebildeten Eingeborenen-Regimenter, die sogenannten Sepoys. Gewöhnlich waren diese Sepoys aus fernen, durch die kriegerischen Eigenschaften ihrer Bewohner bekannten Landesteilen geworben, oder Söhne von Sepoys wurden für den Kriegsdienst erzogen. Der in die Armee eintretende Sepoy mußte mindestens sechzehn Jahre alt sein. Tat er sich hervor, so konnte er zum Offizier befördert werden, von denen bei jeder Kompanie zwei eingeborene Offiziere, ein Subadar, Hauptmann, und ein Dschemedar, Leutnant, standen. Außerdem hatte jedes Regiment einen Subadar-Major, Stabsoffizier. Weiter konnten es die Eingeborenen nicht bringen. Noch widersinniger und das Ehrgefühl verletzender aber war die Einrichtung, daß der geringste europäische Offizier im Regiment, jeder britische Fähnrich, im Rang über dem höchsten eingeborenen Offizier stand und diesem befahl. Von einer kameradschaftlichen Stellung der europäischen und eingeborenen Offiziere war daher gar nicht die Rede; beide Klassen lebten abgesondert. Der englische Soldat sah im allgemeinen mit Verachtung auf den Sepoy herab. Das tägliche Leben eines Offiziers war einförmig. Morgens, noch ehe die Sonne aufging, fanden Truppenübungen statt, oder es wurde ein Spazierritt unternommen. Aber bevor der Strahl der Sonne mächtig wurde, mußte beides beendigt sein. Ein Bad war nötig, um ihn zu erfrischen. Um neun Uhr vereinigte ihn das Frühstück mit seinen Kameraden. Danach wurde die Zeit mit Billardspielen, Lesen oder dem Rauchen der Huka bis zwei Uhr verbracht. Zu dieser Stunde erfolgte das gemeinschaftliche warme Frühstück im Meßbangalo, dem Kasino. Darauf war wieder Siesta bis zum Untergang der Sonne, wo nochmals der Dienst ihn forderte, oder man machte sich körperliche Bewegung mit Reiten, Krocketspiel oder Kricket. Um acht Uhr abends wurde das Diner eingenommen, das selten vor zehn oder elf Uhr endete. Daß schon das Leben in den Tropen nicht besonders geeignet ist, die Gesundheit zu erhalten, liegt auf der Hand. Auch wird das erste Gebot, das das dortige Klima stellt: Mäßigkeit, oft nicht befolgt, und ergibt man sich gar dem Alkohol, so tritt der Verfall der körperlichen und seelischen Kräfte erschreckend schnell ein. Die Panka, der Luftwedel, war in voller Bewegung, denn die Glut, die sie zu kühlen hatte, war doppelter Natur: sie kam von der im Westen versunkenen Sonne Indiens und von den Portwein- und Claretflaschen auf der langen, reich mit Silber und chinesischem Porzellan besetzten Tafel, an der Offiziere verschiedener Truppengattungen und einige Zivilisten saßen. Es war heute Dienstag, der Tag, an dem die Messe der Offiziere des 71. Eingeborenen-Regiments, das zur Garnison von Khanpur gehörte, ihre Kameraden und Bekannten einzuladen pflegte. Die Einladungen waren ziemlich zahlreich gewesen. Gäste von Bithur und Lucknow, der fünfundvierzig englische Meilen entfernten Residenz von Audh, waren anwesend, und man hatte bereits zwei volle Stunden bei der Tafel zugebracht. An ihrem oberen Ende saß Oberstleutnant Robert Stuart, der Kommandeur des 71. Regiments, an Stelle des abwesenden Chefs. Selten ist der Chef, gewöhnlich ein General, bei seinem Regiment zu finden; er genießt nur die Vorteile dieser Stellung. Sir Robert Stuart hatte eine rasche Karriere gemacht und war noch ziemlich jung. Der Sturm auf den Redan Während der Belagerung von Sewastopol im Krimkrieg 1854/55. Der Sturm wird in Sir John Retcliffes Roman ›Sewastopol‹ geschildert. hatte dem Kapitän die Majorsachselstücke und den Verlust eines Auges gebracht. Bei der Einschiffung der Truppen ging der Major nach Indien und trat als Oberstleutnant in ein Sepoyregiment. Der Oberstleutnant war noch immer ein hübscher Mann, aber eine gewisse dunkle Röte, die sein Gesicht zu überziehm begann, bewies, daß er sich einer in diesem Klima nur allzu gefährlichen Leidenschaft ergeben hatte. Hinter seinem Stuhl stand Mickey, Sergeantmajor und Proviantmeister im Regiment. Der Bursche war ein Liebling des Oberstleutnants, das Faktotum aller anderen Offiziere und nicht wenig eingebildet auf seine Stellung. Der Hochmut, mit dem er auf seine indischen Kameraden herabschaute, gab ebensooft zu ärgerlichen wie höchst komischen Szenen Veranlassung. Seine Gutmütigkeit und seine unerschöpfliche Laune aber hatten ›Sahib Micko‹ – so hieß er im Regiment – doch zum Liebling aller Soldaten gemacht. Bei Tafel hatte der Sergeantmajor zugleich das Amt eines Haushofmeisters, eine Beschäftigung, die er sich bei seiner Liebhaberei für Verpflegung, und zwar für möglichst gute, durchaus nicht nehmen lassen wollte. Er hielt die Köche und die braune Dienerschaft ganz vortrefflich in Ordnung und ließ nichts verschwinden, außer dem, was er selber beiseite brachte. Dem Oberstleutnant zur Rechten saß ein Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, Major Rivers, der britische Resident von Khanpur. Ein hochmütiger, stolzer und falscher Ausdruck lag auf dem Gesicht zwischen tiefen Falten der Leidenschaften und des zügellosen Genusses. Mit seinem Regiment vor drei Jahren vom Kap nach Indien gekommen, hatte es der Major für vorteilhafter gehalten, aus dem königlichen Dienst zu scheiden und in die Dienste der Company zu treten, die ihn zum Residenten in Khanpur und Dschansi ernannte. Dort war Major Rivers in seinem Element. Sein grausamer Charakter fand in der Knechtung der Bevölkerung, in der Mißhandlung und Demütigung der eingeborenen Fürsten volle Befriedigung. Allen seinen niederen Eigenschaften: Wollust, Habsucht, Ehrgeiz, vermochte die tyrannische Macht, die die Residenturen in Indien ihren Inhabem gewährten, in vollem Maße zu genügen. Ihm gegenüber, an der anderen Seite des Oberstleutnants, saß im Reitanzug Edward O'Sullivan, der Bruder Margarethes, der Schwager Nena Sahibs. Sein sommerfleckiges, offenes Gesicht war noch ebenso blaß und hager wie vor fünf Jahren im Spielzelt an der Plaza major von San Franzisko. Eine gewisse Abspannung darin verriet, daß sein Leichtsinn auch in Indien der alte geblieben war. Mit unverkennbarer Eitelkeit trug er reichen Schmuck von Ringen, Gold und Edelsteinen zur Schau. Er schien mit Rivers sehr gut bekannt zu sein, denn der Major behandelte ihn mit einer Vertraulichkeit, die jeden, der größere Menschenkenntnis besaß, besorgt gemacht hätte. Weiter unten an der Tafel sah man den Brevetkapitän Eduard Delafosse zwischen den Offizieren des Regiments und einigen jüngeren Beamten der Zivilverwaltung. Er war Adjutant des Gouverneurs von Lucknow, Sir Thomas Lawrence, und für einige Tage nach Khanpur herübergekommen, um Kameraden zu besuchen. Er war mit Rivers zusammen am Kap gewesen, doch schien er den Residenten nicht hoch einzuschätzen, und das Verhältnis zu ihm war kalt und gemessen. »Es waren mitunter komische Gesellen, unsere Alliierten in der Krim«, erzählte gerade der Oberstleutnant. »Das Theater der Zuaven entschädigte sie für die schwerste Kartätschenbegrüßung der Russen. Man sah manch schnurrigen Zug. Als am 7. Juni die Zuaven nach der Einnahme des ersten Russenwerkes auf das zweite losgingen, gelang es dem ersten Komiker, der sich wie ein Held geschlagen hatte, sich auf die Brustwehr zu schwingen. Er stürzt sich auf einen russischen Offizier, wirft ihn zu Boden und zieht ihm dann gemütlich den Rock aus mitten zwischen den Kämpfenden mit den Worten: ›Ich will dir nichts tun, aber gib mir deinen Rock, ich brauche ihn morgen fürs Theater!‹« »Haben Sie gehört, Sir«, rief vom Ende der Tafel herüber der Quartiermeister, »daß am 14. der ›Mogador‹ in Kalkutta eingetroffen ist? – Er hat im Monsun Schaden genommen an der Maschine und mußte in Madras anlegen.« »Wissen Sie, wer mitgekommen ist? – Heraus mit der Liste, Follington!« Der Doktor, ein schlauer, kleiner Walliser, blinzelte mit listigem Auge neben dem Glase Claret, das er soeben zum Munde führte, hinüber. »Um wieviel Stück frisches Fleisch hat sich Ihre Liste vermehrt, mein Junge?« »Zwei alte Jungfern, die billigerweise für Tanten gelten könnten und höchstens auf einen wie Sie, Doktor, Anspruch machen. Aber Lady Overston soll ihre vier Töchter mitgeschickt haben, da sie kein Geld hat, um noch eine Londoner Saison mit ihnen durchzumachen. Der Schatzmeister Warlett hat die jüngste zwei Tage nach der Landung geheiratet; sie ist nach dem Taufzeugnis wirklich erst zwanzig Jahre!« »Hurra für den Markt von Kalkutta! Alle Gänschen Alt-Englands finden ihre Käufer.« »Oh, wir können auch hier in Audh noch Zufuhr brauchen! Nicht alle sind so wählerisch wie Miß Wheeler!« »Armer Toby, mein Junge«, bedauerte der Doktor den langen, hageren Fähnrich, von dem die Sage ging, er lege alle Nacht ein Zugpflaster auf die Wangen, um einen Bart hervorzuziehen – »Sanders, der brave Bursche, hat Ihnen das Feld geräumt, und Sie haben nun wieder Hoffnung.« »Was ist mit Sanders?« fragte Kapitän Delafosse. »Wann kehrt er zurück von der Expedition am Sadletsch?« »Wenn die Toten auferstehen, Sir!« »Wie meinen Sie das? – Ist er tot?« »Aller Wahrscheinlichkeit nach. – Er ist verschwunden, ohne daß man seine Leiche aufgefunden hat. – Seine Ehrwürden, Dekan Hunter, schrieb uns gestern von Delhi, daß er Nachricht erhalten habe, unser Freund sei von einer Jagdstreiferei nicht wieder zurückgekehrt und die Expedition habe ohne ihn den Weg fortsetzen müssen. Er war ein schmucker Bursche und hatte verteufeltes Glück bei den Frauenzimmern, wie Malwinkle Ihnen hier bezeugen kann. Entweder hat ihn ein Tiger gefressen, oder die Thugs haben ihn verscharrt.« Der Doktor stieß einen tiefen Seufzer aus und leerte sein großes Glas auf einen Zug. »Ihre Schönen schenk' ich Ihnen, Follington«, meinte der Vorsitzende. »Ich will wissen, ob niemand von Bedeutung mitgekommen ist?« »Sir Lytton Mallingham hat von Madras die Überfahrt mitgemacht. Er geht nach Lucknow und Delhi.« »Hoffentlich ist Mylady dabei, die reizendste Frau Indiens. Ihre Gesellschaften in Kalkutta sind einzig.« »Mein Korrespondent schreibt mir, der Rat wäre allerdings mit einer Dame eingetroffen, aber es sei ein dunkles Gerücht von einem furchtbaren Unglück verbreitet, das ihn betroffen habe. Unter den Passagieren befindet sich auch Dschung Bahadur, der von England zurückkehrt.« »Wer ist Dschung Bahadur?« fragte der Fähnrich. »Wie, Kamerad, Sie kennen Dschung Bahadur nicht, den größten Schurken diesseits und jenseits des Ganges?« »Sie wissen, ich bin erst seit sechs Monaten in Indien und kann mich noch nicht an diese tollen Namen auf Pur, Kur und Dur gewöhnen, da einer wie der andere klingt.« »Ei, Dschung Vahadur ist der echte Typus eines indischen Abenteurers! Gegenwärtig ist er Ministerpräsident des Königs von Nepal. Und wenn Sie von London gekommen wären, statt von Halifax, würden Sie wissen, daß er dort der Löwe der letzten Saison war und seine Diamanten allen Damen die Köpfe verrückten und die fashionablen Diebe von Smithsield zu den verwegensten Plänen begeisterten.« »Pah! – Der Koh-i-nur hat noch mehr Bewunderung erregt. Auf Ehre, ich sehe da nichts Interessantes.« »Jedenfalls ist Bahadur zu seinen Diamanten gekommen, wie die englische Krone zum Koh-i-nur!« »Oh, Doktor, er ist ehrlich gekauft!« »Very well! Mit zehn Prozent von einem Dieb, der ihn gestohlen hat, Oberst; die Sache ist bekannt genug.« »Aber mit dem Koh-i-nur komme ich nicht zu meiner Geschichte vom Bahadur«, meinte der Fähnrich, den der genossene Portwein und Claret zu den Ansichten allgemeiner Gleichheit erhoben hatten. »Bitte – erzählen Sie die Geschichte dieses Mannes«, bat der Kapitän, »ich habe selber nur Fragmente davon gehört!« »Dschung Bahadur«, berichtete der Quartiermeister, »begann seine Laufbahn als Dschemedar oder Fähnrich im Dienst des Königs von Nepal und war ein Sohn des Bruders des Großwesirs. Der Bursche war im Karten- und Würfelspiel verteufelt erfahren und fleißig bemüht, aus seiner Wissenschaft Vorteil zu ziehen. Nachdem er Oberindien durchwandert und die Schatzkammern eingeborener Fürsten und reicher Babus bedeutend geplündert hatte, kehrte er an den Hof von Nepal zurück und erhielt eine Sendung nach Indien, um unter den eingeborenen Fürsten einen Aufstand zu organisieren. Ein erbitterter Streit mit Tantia-Topi ließ die Sache scheitern.« »Um Vergebung«, unterbrach Delafosse den Erzähler, »ist Tantia-Topi nicht einer der unabhängigen Mahrattenfürsten in der Thar oder großen Wüste?« »So ist es. Seine Burg Malangher hat selten noch ein Europäer betreten. Man sagt, daß er früher viele Jahre in England als Diener und Gefährte des Enkels der Begum von Somroo lebte und uns mancherlei ablernte, was er jetzt für seine Zwecke braucht. Sein Einfluß am Hof von Audh war besonders groß, und man schreibt ihm den zähen Widerstand zu, den der ohnmächtige König Mohammed Wadschid Ali Schah den Abdankungsforderungen der Company entgegenstellte.« » Damned ! Es ließe sich noch mancherlei sagen über die Geschichte!« »Pah – wir haben das Audh und damit gut. – Also, um wieder auf Dschung Bahadur zu kommen, der Bursche wurde bei seinen Agitationen entdeckt, erhielt aus besonderer Gnade die Bastonade statt des längst verdienten Strickes und wurde mit Schub auf verteufelt wenig ehrenvolle Weise über die Grenze gebracht, worauf er in seinem Vaterland bei Hof gerade noch zu rechter Zeit ankam, um an einem Streit zwischen seinem würdigen Oheim und des Königs erster Gemahlin teilzunehmen. Ihre nepalesische Majestät schlug dem Neffen vor, zur Beilegung des Zwistes den Oheim totzuschießen, und Ehren-Bahadur fand den Ausweg vortrefflich. Der Oheim wurde in den Palast gelockt und, als er in den Empfangssaal trat, von seinem Neffen durch den Kopf geschossen.« »Der Kerl ist ja ein verdammter Mörder!« rief schaudernd der Fähnrich. »Oh – das Beste kommt noch! Die Königin ernannte Dschung Bahadur für jene Gefälligkeit zum Oberanführer der nepalesischen Armee. Seine nächste Heldentat war noch glänzender. Er befand sich in einer Versammlung der Edlen von Nepal und wünschte einen von seinen Kollegen zu fassen und einzukerkern. Es zeigte sich einiger Widerstand im Ministerrat, aber eine rechtzeitig von Dschung Bahadurs Hand abgesandte Kugel streckte den mißliebigen Kollegen tot nieder. Vahadur hatte seine getreue Leibwache, und sie war mit Purdays-Büchsen bewaffnet, die ihm für zweihundert Pfund die Company verschafft hatte. Der erschossene Fattih-Dschung hatte vierzehn Freunde unter den anwesenden Adligen! Dschung Bahadur nahm dem nächststehenden Mann die Büchse aus der Hand und legte auf den vordersten der kleinen Schar an. Vierzehnmal ertönte der tödliche Knall durch die Halle, wie die Büchsen, eine nach der anderen, dem Mann gereicht wurden, der nur dem eigenen Schützenblick trauen wollte. Und nach jedem Schuß lag ein anderer Adliger auf dem Boden. Ehe der Morgen graute, war Dschung Bahadur zum Ministerpräsidenten des Landes ausgerufen. Nach dieser energischen Operation besuchte er England, um sich und seine Diamanten unseren Damen zu zeigen.« »Ich hoffe, der Bursche hat Witz genug gehabt, dort zu lernen, daß mit England nicht zu spaßen ist!« »Wir wollen hoffen«, meinte Kapitän Lowe vom 32. Regiment der Königin, das zum Teil in Khanpur, zum Teil in Lucknow stand. »Man sagt, die Rani von Lahors befinde sich noch immer in Nepal und intrigiere von dort.« »Was können die Weiber tun? – Ihr Sohn ist in Firozpur, und Montague wird ihn schon zu bewachen wissen. Man hätte ihn nach England schicken sollen, da wären alle Intrigen mit einemmal zu Ende gewesen. Apropos, Sullivan, haben Sie nichts von dem Nena gehört?« »Er wird zu Land am Sadletsch über Delhi zurückkehren. Wir erwarten ihn erst in vierzehn Tagen.« »Wissen Sie, Moore, daß Miß Soldie morgen von Kalkutta kommt?« »Gott segne Ihre Augen, mein Junge! Die Nachricht ist ein Lichtblick in unserem langweiligen Leben. Nur –« er flüsterte über den Tisch hinüber – »möge Gott sie davor bewahren, daß jener Schurke seine unreine Hand nach ihr ausstreckt.« Die Augen des Kapitän Forbes von den Audher Irregulären warfen einen leichten Blitz nach dem Platz hinauf, wo Rivers noch immer im eifrigen Gespräch mit dem jungen Irländer war. »Ich haue sie ihm vom Leibe, wenn er es wagt«, drohte der Offizier. »Es ist ohnehin eine Schmach, daß sein Treiben geduldet wird. Die Residentur ist schlimmer als ein Bordell, denn dahin führt wenigstens nur der eigene Wille die Verworfenen ihres Geschlechts. Nur die lange Abwesenheit und die Gleichgültigkeit des Generals tragen die Schuld.« »Zum Henker, Sie wissen, welche traurige Zwitterstellung das Militär in diesem verwünschten Land einnimmt! Die Zivilverwaltung hat alle Gewalt in Händen.« »Keine Anekdoten aus Englands Follington?« fragte wieder der Oberstleutnant vom oberen Ende der Tafel herunter. Der Quartiermeister suchte seinen Rang und Ruf als Allerweltswisser und Neuigkeitsschatz der Garnison zu behaupten. »Haben Sie die famose Geschichte von Lady Seadgrove in Kalkutta gehört?« »Der Frau des Generalkollektors?« »Ja! Sie hat neulich einen öffentlichen Skandal veranlaßt. Der Herr Gemahl überraschte sie bei einem Rendezvous in der Hauda ihres Elefanten, und Madame war so erbittert darüber, daß sie ihn von dem Tier zertreten lassen wollte. Zum Glück weigerte sich der Mahaut , seiner Bestie das Kommando dazu zu geben, und der Generalkollektor hatte Zeit, sich aus dem Staub zu machen.« Aus dem Dampf der Zigarren tauchte ein bronzefarbenes, bärtiges Gesicht vor dem Adjutanten auf, ein Subadar. Der alte Mann legte die Hand grüßend an den Tschako. »Sahib, die Leute sind in ihre Linien Die Eingeborenen-Regimenter liegen nicht in Kasernen, sondern in Linien, d. h. zehn Reihen von Hütten mit Strohdächern, von denen jede Kompanie eine zugeteilt erhält. Vor einer jeden solchen Reihe liegt ein kleines rundes Gebäude zur Aufbewahrung der Waffen und Montierungsstücke, wozu sich der Schlüssel in den Händen des wachthabenden Havildar (Sergeanten) befindet. geführt und die Waffen in den Hütten.« »Ah, du bist es, Nirgut Sing!« sagte der Oberstleutnant. »Wie ging es heute abend beim Exerzieren? Ich hatte keine Zeit, hinüberzukommen.« »Gut, Sahib, nur...« Der Alte zögerte, und sein Blick schweifte verlegen an dem Tisch hinab. »Nun, was meinst du? – Hier, trink ein Glas Wein, das wird dir die Zunge lösen.« Der Subadar wandte sich mit Abscheu von dem Dargebotenen. »Allah hat den Gläubigen verboten, sich den Tieren gleichzumachen, indem sie ihren Verstand ersäufen«, sagte er finster. »Ich trinke keinen Wein!« »Richtig – du bist ja ein Muselman, ich hatte es vergessen. Nun, so sprich auch ohne Anfeuchtung deiner Zunge, was es gegeben hat.« »Dort der Zemindar, Sahib«, flüsterte halblaut der alte Moslem, indem er mit einer Bewegung seines Kopfes den betreffenden Offizier bezeichnete, »hat Mahib, den Haik , seiner Kaste beraubt; er hat ihm den Tilluk genommen. Die Brahminen aller Kompanien sitzen um das heilige Feuer und beraten den Fall. Böse Reden sind gesprochen worden.« Der Oberstleutnant runzelte die Stirn – die Gesellschaft begann die allgemeine Unterhaltung einzustellen und zuzuhören. »Leutnant Halliday!« befahl der Kommandierende. »Was ist geschehen beim Exerzieren? – Ich höre. Sie haben Haik Mahib mißhandelt?« Der Offizier, der soeben mit seinem Gegenüber ein Glas Champagner trank, wandte sich gleichgültig um. »Nichts von Bedeutung, Oberst. Der Schurke hielt seine Sektion nicht in Ordnung und wagte zu widersprechen, indem er aus der Linie trat. Ich schlug ihm den Tschako vom Kopf.« »Seine Hand berührte den Tilluk, er hat den Mann entehrt, nach der Sitte der Hindu«, murmelte der Subadar. »Teufel!« sagte der Artilleriekapitän, der Halliday gegenübersaß. »Nehmen Sie sich in acht, Kamerad. Es ist kein Spaß, einen dieser braungesichtigen Söhne der heiligen Kuh seiner Kaste zu berauben! Die Kerls sind rachsüchtig wie der Satan, und Sie können bei erster Gelegenheit eine Kugel im Leib haben.« »Ich fürchte das Gesindel nicht!« »Drei der Kompanien bestehen allein aus den Männern, die Brahma anbeten«, warnte der Subadar. »Inschallah, es könnte leicht kommen, daß wir eines Morgens aufstehen, und wir finden – nichts!« »Der Fall ist unangenehm! Ich fürchte, ich werde Sie in Arrest schicken müssen, Halliday, um die Leute zu beruhigen«, meinte der Oberstleutnant. »Zum Henker! Sie werden doch nicht!« rief der Resident. »Die ganze Partie wäre uns verdorben. Halliday ist der beste Schütze, und es ist ausgemacht, daß er uns nach Dschansi begleitet.« »Das ist wahr! Nun, es wird nicht soviel auf sich haben. Gehe zu den Linien, Nirgut Sing, und jage die Burschen in ihre Hütten. Ihre Beschwerde können sie anbringen, wenn ich von Dschansi zurückkomme, oder sich einstweilen an den Major Konelly wenden.« Der Subadar wollte noch eine Einwendung machen, aber der ungeduldige Ruf: »Laß mich ungeschoren und geh zum Teufel!« unterdrückte jede Äußerung; er verließ das Haus. »Wie steht es mit dem Tiger?« fragte der Oberstleutnant. »Es ist doch sicher, daß wir keinen vergeblichen Ritt machen, Rivers?« »Unbesorgt, Oberst – die Späher haben sichere Kunde von seinem Lager in den alten Ruinen gebracht und den Weg durch den Dschungel erkundet. Eins nach dem andern. Am Abend die Sati – am andern Morgen den Tiger.« »Goddam!« schwor Kapitän Lowe. »Ich will lieber der Bestie allein entgegengehen, als das traurige Schauspiel des Opfertodes eines Weibes sehen. Ist es gewiß, daß die Sati stattfinden wird?« »Aller Wahrscheinlichkeit nach, wenn der Scindia sie nicht verhindert. Er ist der Lehnsherr von Dschansi und hat allein das Recht, einzuschreiten. Indes befürchte ich nicht, daß er uns das Schauspiel verdirbt.« »Wie, Sir, Sie befürchten es nicht?« Es war das erste Wort, das Kapitän Delafosse an seinen ehemaligen Gefährten richtete. »Nein, Kapitän. Der Scindia wird kein Narr sein. Der Ruf sagt allerdings, daß die Rani ein verteufelt schönes Weib sein soll, indes, wenn sie am Leben bleibt, ist sie die Erbin ihres Mannes, während seine Schätze und sein Gebiet sonst ihrem Oberherrn, dem Scindia von Gwalior, zufallen.« »Abscheulich – diese Sitte sollte in ganz Indien nicht mehr geduldet werden!« »Was können wir tun?« meinte der Resident, indem er sich behaglich in seinem Rohrsessel zurücklegte und die Zähne stocherte. »Die Schutzstaaten müssen doch wenigstens ein Vergnügen behalten. Es ist Unrecht genug, daß man die Leute in Bengalen an ihrem Willen hindert; im Pandschab wird man's ohnehin nicht durchsetzen. Teufel, es ist doch ein ganz eigener Reiz, so ein hübsches Weib mit den begeisterten Augen wie einen Hammel in die Flamme geführt zu sehen! Sie sind ganz toll darauf und freuen sich wie die Kinder, all ihre Reize dabei zum besten geben zu können.« »Diese Braunen haben kein Gefühl«, meinte Halliday. »Ich sah, wie sich zwanzig unter die Räder ihres Götzenwagens warfen und mit entzückten Gesichtern zum Himmel jauchzten, während ihre Glieder zu Mus zerquetscht wurden!« »Jedenfalls ist es schade um ein hübsches Weib«, entschied der Oberstleutnant. »Oh, davon gibt es Vorrat! Rivers weiß das am besten!« »Es ist wahr, Major. – Sie haben in letzter Zeit wieder etwas stark gewirtschaftet. Die Zenanah der Residentur soll stark besetzt sein.« »Überzeugen Sie sich selber, Oberst«, lachte der Wüstling. »Sie wissen, ich bin nicht eifersüchtig auf meine Freunde.« »Mit dem Vorwand, die Weiber könnten unter ihren Brusttüchern verbotene Waren im Lande umhertragen, die Tücher zu verbieten und alle Frauen und Mädchen somit halb zu enthüllen Ein Verbot, das in der Tat in einigen Residenturen ergangen ist. – wirklich, Rivers, das ist ein Gedanke, eines Casanova würdig! – Nur die Alten hätten Sie ausnehmen sollen, Rivers.« »Goddam! Auf diese sieht ohnehin niemand. Eine alte indische Hexe ist ein Scheusal!« Delafosse wandte sich mit unverhohlenem Abscheu von der Unterhaltung. »Die Hauptsache bleibt mir die Jagd«, sagte der Oberstleutnant. »Wann wollen wir den Tiger stellen?« »Der Scindia hat mir Botschaft gesandt«, berichtete der Resident, »er wird alles bereithalten. Übermorgen, wenn die Sonne sich neigt, findet die Sati statt. Der Scindia trifft an dem Tag gleichfalls in Dschansi ein. Beim nächsten Sonnenaufgang suchen wir das Lager des Tigers auf.« »Und wer alles ist von der Partie? Wir können die Stadt nicht ganz allein lassen!« »Nun, ich glaube, Kapitän Lowe und Kapitän Delafosse haben die Einladung angenommen. Sie, Oberst, Follington, Halliday und ich, das sind unser sechs. Den Doktor halten seine Kranken zurück.« »Daß ich nicht wüßte! – Es liegen vom Regiment bloß fünfzehn Leute an der Cholera und zwei am Sonnenstich. Der Wundarzt wird bequem mit ihnen fertig. Aber geht denn Master O'Sullivan, Ihr Busenfreund, nicht mit uns?« Der junge Mann errötete leicht, als viele Blicke sich auf ihn richteten. Er senkte die Augen und bemerkte nicht den lauernden Ausdruck, der einen Augenblick lang auf dem Gesicht des Residenten lag. »Ich habe dem Nena versprochen«, rechtfertigte sich O'Sullivan verlegen, »mich während seiner Abwesenheit nicht weiter als nach Khanpur zu entfernen.« »Ei, Unsinn, Mann«, lachte der Oberst, »wir sind nicht länger als sieben oder acht Tage abwesend, und die Entfernung ist ein Pappenstiel! Ihre schöne Schwester bedarf Ihres Schutzes nicht. Überdies ist der alte Murrkopf, der Schotte, da, der wie ein Zerberus vor dem Schatz liegt.« »Freund O'Sullivan«, sagte der Major nachlässig, »hat vielleicht noch einen andern Grund. – Ich glaube, er hat eine Abneigung gegen die Tigerjagden.« Eine fahle Blässe überzog das vom Trinken erhitzte Gesicht des jungen Irländers. Seine Hand, die mit dem Tischmesser spielte, krampfte sich unwillkürlich darum zusammen, während die meisten Mitglieder der Gesellschaft in Gelächter ausbrachen. »Wie meinen Sie das, Sir?« »Oh, nichts Schlimmes, Ned! – Es ist mir nur, als wäre mir einmal zu Ohren gekommen. Sie hätten, so wie manche Menschen gegen die Katzen, einen natürlichen Abscheu gegen die Tiger. Es würde Ihnen schwach bei ihrem Anblick. – Haben Sie nicht schon ein solches Abenteuer irgendwo erlebt?« Die Farbe des jungen Mannes wechselte zwischen Blässe und dunkler Röte. Die Erregung raubte ihm jede Besonnenheit und hinderte ihn, den eigentlichen Zweck in den Worten des Residenten zu bemerken. »Nun, es ist kein Wunder«, lachte übermütig Halliday, »ich verdenke es Ihnen nicht, O'Sullivan, ein hübsches Mädchen einem widerborstigen Tiger vorzuziehen! Nicht jeder hat die doppelte Liebhaberei des Nena und seinen tollkühnen Mut!« »Zweifeln Sie an dem meinen, Sir?« rief heftig der Irländer. »Bei Sankt Patrick, er steht Ihnen jeden Augenblick zu Diensten!« »Torheit, Ned«, fiel der Major ein, »niemand zweifelt daran, daß Sie wie eine Mauer vor der Mündung eines Pistols stehen. Halliday meint nur, es sei etwas anderes auf der Tigerjagd.« »Das ist es! – Es gehören eiseme Nerven dazu, und es ist nicht gerade eine Schande für einen Mann, einem Tiger aus dem Wege zu gehen. Ich wette hundert Pfund, daß sich unter uns allen keiner findet, der einer solchen Bestie anders zu begegnen wagt, als auf dem Rücken seines Elefanten und die Büchse an der Wange!« Der Irländer hatte sich erhoben und mit beiden Händen auf den Tisch gestützt. »Meinen Sie, Sir? Die Wette gilt!« »Zum Henker, Sir, würden Sie etwa die Kühnheit aufbringen, den Tiger zu Fuß in seinem Lager aufzusuchen?« fragte der Leutnant roh. Die Farbe des Verhöhnten war fahl, seine Glieder zitterten. Die Zähne fest aufeinandergepreßt, stieß er zischend hervor: »Ich werde es – mit nichts als diesem Messer bewaffnet, so wahr ich O'Sullivan heiße!« Alle waren aufgestanden und drängten sich herbei. »Unsinn, O'Sullivan! – Torheit! – Das ist kein Gegenstand für eine Wette; es hieße, sein Leben mutwillig opfern.« Der Resident war der Eifrigste unter den Abmahnenden, aber jedes seiner Worte war so gewählt, daß es ein neuer Stachel wurde. Edward war von dem genossenen Wein und der Erinnerung an die bei dem Stiergefecht in der Arena von San Franzisko Vgl. ›Volk in Folter‹, den I. Band von ›Nena Sahib‹ erlittene Schwäche taub gegen Vernunft. Nur der Gedanke, das Gedächtnis jener schwachen Stunde, das ihn jahrelang gepeinigt hatte, um jeden Preis auszulöschen, erfüllte ihn. »Ich habe die Wette angenommen«, sagte er mit erzwungener Ruhe. »Sie alle sind Zeugen, und ich werde nächsten Freitag bei Sonnenaufgang den Tiger, den Sie zu jagen beabsichtigen, in seinem Lager aufsuchen. Kein Wort weiter darüber, Gentlemen, wenn Ihnen an meiner Freundschaft gelegen ist. Das Messer, Steward, werdet Ihr mir einstweilen leihen müssen.« Er steckte das Messer in seine Brusttasche. Alle fühlten, daß in diesem Augenblick nichts zu ändern war. Doch empfanden die meisten Mißstimmung über das Ereignis. Erst nach längerer Zeit und nach manchen vergeblichen Versuchen Rivers' gelang es dem Doktor, durch eine lustige Fopperei des hageren Fähnrichs die Stimmung der Gesellschaft zu erheitern und die Gedanken von der leidigen Wette abzuziehen. Unter Scherz und Gelächter trennte man sich. Major Rivers hielt den Arm des Irländers und winkte einem Lancierkapitän. »Kommen Sie mit, Mowbray – ich habe etwas ganz Neues, was besser ist als alle weißgesichtigen Ladys der Dampfer aus England. Wir trinken noch ein Glas Sangarih und rauchen eine Manila!« Der Offizier warf ihm einen fragenden Blick zu – Rivers nickte vielsagend und schickte seinen Palankin voran, um zu Fuß zu folgen. »Ich kann Sie nicht begleiten, Rivers«, sagte O'Sullivan, »ich werde kaum Zeit haben, nach Bithur zu reiten und wieder zurück zu sein, wenn der Zug aufbricht.« »Unsinn, Ned! Sie bleiben bei mir. Sie wissen, daß Sie alles, was Sie brauchen, bei mir finden und für nichts zu sorgen haben.« »Aber ich muß von meiner Schwester, von Margarethe, Abschied nehmen. Als ich sie heute verließ, konnte ich nicht ahnen, daß ich mehrere Tage ausbleiben würde.« »Ach was, Mann! – Sie sind doch kein Pantoffelheld. Schreiben Sie einige Zeilen; das ist ebensogut oder noch besser! Dschansi ist ja keine zwei Tagereisen weit.« Er neigte sich zu dem Zaudernden und flüsterte ihm zu: »Narika erwartet Sie – wir werden uns den Kavalleristen bald vom Halse schaffen und dann in weichen Armen und an süßen Lippen uns für den verlorenen Abend entschädigen.« Der junge Tor folgte ihm ohne eine weitere Einwendung. Die Zeit der heißen Winde nahte ihrem Ende, und einzelne Regengüsse erfrischten manchmal die Luft; doch hatte man noch volle Zeit zu dem beabsichtigten Ausflug nach Dschansi. – Plaudernd gingen sie an den von reizenden Gärten umgebenen Bangalos der Offiziere, Beamten und Kaufleute entlang, die um die West- und Südseite von Khanpur einen Gürtel von fast fünf englischen Meilen im Umfang bilden und sich bis zum Ufer des Ganges hinziehen. Die Nacht war prachtvoll. Myriaden grüner Leuchtkäfer funkelten durch die dunklen Zweige der Mangos, die gefiederten Blätter der Akazien, das Buschwerk und die Bambushalme, gleich als wetteiferten sie mit dem Glanz des gestirnten Himmels. Wohlgeruch erfüllte die Luft. Aus dem dichten Geröhr der Wasserfurten ließ der Tigerfrosch seinen Ruf ertönen; zuweilen klang dazwischen das heisere Krächzen von Reihern, oder ein umherstreifender Schakal bellte in der Ferne. Von den Wällen klirrte der Schritt der Schildwachen. Von den Basars im Innernm und vor den Toren der Stadt flammte der Glanz bunter Laternen durch das Laubwerk her, tönten der Jubel und der Lärm der Menge, der die Nacht die Zeit der Lust und Erholung ist. Die Umgegend Khanpurs, das, obgleich die Stadt selber klein und schmutzig, doch eine Hauptstation der Briten ist und eine Garnison von achttausend Mann verschiedener Truppengattungen hat, ist eine der reichsten und lieblichsten Landschaften Indiens. Üppige Felder, auf denen Weizen und Gerste, Mais, Reis, Zuckerrohr, Baumwolle, Kichererbsen und Indigo gezogen werden, umgeben es abwechselnd mit prächtigen Tamarinden-, Mango-, Bananen-, Akazien- und Pipulhainen. Der köstlichste Blumenteppich entfaltet dazwischen seine reichen Farben. Der Bangalo des Residenten lag malerisch unfern der großen Militärstraße auf dem hier wohl hundert Fuß sich erhebenden rechten Ufer des Flusses. Eine prächtige Aussicht bot sich von seinen Veranden aus rings über die Stadt, den Strom und die Gegend. Ein dichter Garten, durch hohes Gitterwerk abgesperrt, umgab das Haus, an das sich eine Reihe von Pavillons anschloß – die Zenanah oder der Harem des Besitzers, wie der Volksmund behauptete. Die kleine Gesellschaft hatte schon die riesigen Ruinen der Akbar-Moschee passiert, die vor dem Dschamnator mitten zwischen den prächtigen Gärten der Bangalos sich erheben. Der Diener mit den Fackeln und Stäben ging etwa zwanzig Schritt voran, und da weder der Resident noch seine beiden Gäste zurücksahen, bemerkten sie nicht, wie sich hinter den Säulentrümmern am Wege eine weiße Gestalt erhob, mit unhörbarem Schritt ihnen folgte und dicht hinter ihnen, gleich als gehöre sie zu den Europäern, den Garten betrat. Die vom Kasino vorausgeschickten Palankinträger harrten mit zahlreichen anderen Dienern am Säulenaufgang der Veranda, wo große Kohlenbecken mit wohlriechendem Harz die Myriaden der Moskitos und Stechfliegen zurückhielten, die den Genuß der indischen Nächte verbittern. Die Fackelträger stellten sich zu beiden Seiten der Marmorstufen auf. Der Major hatte eben mit seinen Freunden den Fuß auf die Treppe gesetzt, als eine Bewegung unter den Hindudienern entstand und die Gestalt, die ihnen von den Ruinen her gefolgt war, sich hindurchdrängte und vor dem Residenten niederwarf. Es war ein alter Mann von ehrwürdigem Aussehen, in weißer Kleidung, mit dem Abzeichen der Kaste der Wechsler oder Babus. Seine Hand faßte den Rockzipfel des Residenten und drückte ihn zum Zeichen der Ehrerbietung an die Stirn. »O Sahib, übe Gnade und Gerechtigkeit«, flehte der Alte, »damit Lakschmi das Horn des Überflusses über deine Schultern gieße und der Engel der Gerechtigkeit nicht die Tränen eines Greises in seiner Schale sammeln möge!« Der Resident trat unwillkürlich einen Schritt zurück und warf einen verdrießlichen Blick auf den Alten. »Was willst du, Tippo Sing«, sagte er rauh, »daß du mich bei Nacht überfällst wie ein Räuber? Weißt du noch nicht, was sich schickt gegen den Residenten der Regierung? – Die Gartenwächter sollen fünfzig Bambusschläge auf die Fußsohlen haben, daß sie es wagten, einen Fremden gegen das Gebot einzulassen.« »Sie sind unschuldig, Sahib«, erklärte der Babu, »ich folgte dir auf dem Fuß, und sie mußten glauben, ich käme mit deiner Bewilligung.« »Nun, so komme morgen wieder und bringe dein Anliegen vor; die Geschäftsstunden sind längst vorüber.« »Der Gerechte soll sein Ohr stets offen halten für die Klage des Unglücks. Dem Betrübten wird die Stunde zum Jahr, die er harren muß. – Ich weiß, du wirst morgen früh Khanpur für viele Tage verlassen.« Der Resident stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Zum Teufel, so rede! Was willst du?« »Meine Tochter, Sahib, Nurjesan, mein einziges Kind, ist diesen Morgen geraubt worden, als sie sich aus den unteren Gangesbädern in ihrem Palankin nach Hause tragen ließ, während ich in Lucknow war.« »So wende dich an den Darogah, den Chef der Polizei! Es ist seine Sache, nicht die meine«, sagte Rivers. »Der Darogah, Sahib, kann mir nicht helfen. Was ist ein feiler Darogah gegen die Hand des Mächtigen?« »Schone dein Gold nicht, würdiger Babu«, spottete der Resident. »Du mußt bei der Gelegenheit von deiner Sparsamkeit lassen, die zu kennen ich das Vergnügen habe. Gold ist ein mächtiges Metall und der Schlüssel zu allem. – Hast du schon einen Verdacht, wer deine Tochter geraubt haben könnte? Die Phansigars sollen wieder sehr ihr Wesen treiben.« »Kein Phansigar hat mein Kind geraubt. Jedermann weiß, daß Tippo Sing bereit wäre, das Gewicht seines Kindes in Gold für ihre unbefleckte Freiheit zu geben. Die Diebe, die sie gestohlen, gehören nicht meinem Volk an.« »Soll ich etwa wissen, wer sie sind? Warum hütest du die Dirne nicht besser?« Der Babu näherte sich Rivers. »Laß diese Männer einige Schritte sich entfernen«, sagte er leise. »Ich habe dir etwas zu sagen, Sahib, das nicht für fremde Ohren geeignet ist.« Der Resident schien einige Augenblicke zu zögern; dann, aber winkte er seinen Begleitern, zurückzutreten. Als er mit dem alten Inder allein stand, sagte er: »Jetzt rede! – Was willst du?« »Man hat die Fußstapfen der Diebe verfolgt, Sahib. Wischnu hat heute morgen das Wasser des Himmels gesandt und die Erde war feucht.« »Was kümmert mich der Regen?« »Die Spuren gehen bis zur hinteren Tür deines Gartens, Sahib.« »Schurke – du erdreistest dich doch nicht, zu behaupten ...« »Ich klage niemanden an, Sahib, verstehe mich wohl. – Aber ich muß mein Kind wiederhaben. Der Sahib General ist leider nicht in Khanpur, und du allein hast die Macht dazu. Wenn sich mein Kind in dieser Stunde wiederfindet, will ich dem, der sie mir bringt, ein Lak geben.« Auf dem Gesicht des Residenten spiegelte sich der Kampf der Habsucht mit anderen schlechten Eigenschaften. »Du schlugst mir vor kurzem noch eine geringere Summe zu leihen ab«, sagte er endlich. »Jetzt kommst du, um meine Hilfe zu erkaufen. Ich will mir die Sache überlegen; komm morgen wieder und frage bei meinem Serdar nach.« »Nein, Sahib – was geschehen soll, muß jetzt geschehen! – Nurjesan darf keine Nacht unter jenem Dach bleiben. – Die Rose darf nicht entblättert werden von dem Hauch des giftigen Monsun!« »Nun, so sieh selber zu, wie du die Dirne bekommst, und laß mich ungeschoren!« fuhr ihn der Major an. »Ich habe keine Zeit, mich mit dir länger einzulassen. – Pack dich von meiner Schwelle!« Er wandte sich, aber der Alte hielt ihn nochmals zurück. »Ist dies dein letztes Wort, Sahib? – Bedenke wohl, was du tust und wessen graues Haar du mit Kot bewirfst!« »Will der alte Schurke noch drohen? – Fort mit dir, oder ich rufe die Diener!« Ein rascher Griff in die Falten der Tschoga – in den Händen des Babus blitzte ein Dolch; aber die Faust des Majors packte das Handgelenk des Alten und preßte es so zusammen, daß die Waffe der Hand entfiel. »Herbei, Leute!« befahl er kaltblütig. »Schnürt dem grauen Mörder die Hände auf den Rücken und sperrt ihn in die Hundehütten! Morgen früh, bevor ich aufbreche, werde ich über ihn entscheiden. – Sorgt dafür, daß die Elefanten und Pferde zur rechten Zeit bereit sind und das Gepäck aufgeladen ist! – Kommen Sie, meine Herren!« Er winkte seinen erschrockenen Begleitern und stieg mit ihnen die Stufen des Gebäudes hinauf. Der Schobedar öffnete weit den Seidenvorhang, der den Eingang zu der Reihe luftiger Gemächer verschloß, die die Wohnung des Residenten bildeten. »Treten Sie in meine Garderobe, O'Sullivan, und machen Sie sich's einstweilen bequem!« forderte der Major den Irländer auf, indem er mit einem Wink seines Auges den Lancieroffizier zurückhielt. »Ich habe nur noch einige Befehle für die Abreise zu erteilen und folge Ihnen sogleich.« Edward ging mit der Sicherheit eines mit allen Einrichtungen des Hauses vollkommen Vertrauten voran. Eine Tür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als sich der Resident zu seinem Begleiter wandte: »Sie haben Ihre Anstalten getroffen, Mowbray?« »Zuverlässig, Sir!« »Die Zeit, wann Sie mit Ihrer Eskadron aufbrechen wollen, mögen Sie selber bestimmen. Was ich von Ihnen verlange, ist, daß Sie übermorgen vor Sonnenuntergang vor den Toren von Dschansi stehen. Sie werden die Zugänge des Forts unbewacht und geöffnet finden, alles wird mit der Sati beschäftigt sein. Am Tor nach Khanpur wird Sie einer meiner Diener erwarten und mir sofort die Nachricht Ihrer Ankunft bringen. Wer Sie befragt, dem sagen Sie, daß Sie meine Eskorte bilden. Leistet die Torwache Widerstand, so wird sie entwaffnet. Der Schobedar wird Sie an den Ort führen, wo ich bin. Ich hoffe, Ihre Gegenwart wird genügen, um jeden Widerstand zu verhindern.« »Sie werden mich pünktlich auf meinem Posten finden.« »Ich rechne darauf, Kapitän; wir möchten sonst in eine schlimme Lage geraten. – Sind die Anstalten zur Reise getroffen?« Der Serdar oder Oberaufseher verneigte sich. »Deine Befehle sind erfüllt, Sahib.« »Du hältst Doppelbüchsen für sämtliche Begleiter bereit?« »Sie befinden sich schon in den Haudas der Elefanten und an den Sätteln der Pferde.« »Meine Revolver?« »Vier Paar liegen auf dem Tisch des Kabinetts des Sahib.« »Du hast zu den indischen Dienern der Begleitung zuverlässige Männer deines Glaubens ausgesucht?« »Wallah! – Sie lachen über die Kühe! Es sind Männer aus den Bergen, die ihre Säbel zu führen verstehen.« »Wieviel?« »Mit den Seyces und Dobys fünfunddreißig, Sahib.« »Das genügt. Die Bewaffnung darf nicht auffällig sein und muß anscheinend nur für die Jagd gelten. Du bürgst mir übrigens dafür, daß nichts anderes verbreitet wird.« »Sahib, sie wissen nur, was du ihnen befiehlst. Ihr Mund ist verschlossen.« »Gut, Hassan; ich hoffe, ich werde mit dir zufrieden sein.« Er winkte den Vertrauten zur Seite und sprach leiser. »Hat sich das Mädchen zufrieden gegeben?« »Sie hat den ganzen Nachmittag geweint und nach ihrem Vater gerufen, Sahib. Erst gegen Abend gelang es der Aya, sie zur Ruhe zu bringen.« »Sorge, daß wir nicht gestört werden. – Wenn es Zeit ist zum Aufbruch, wirst du uns wecken.« Er winkte dem Kapitän und ging mit ihm in die inneren Gemächer. Hier trafen sie den jungen Irländer damit beschäftigt, mit Hilfe eines Dieners die lästige europäische Kleidung abzulegen und sich in weite indische Gewänder zu hüllen. » Goddam! – Ned kann es kaum erwarten, in Narikas Arme zu fliegen. – Geschwind, Mowbray, herunter mit der leidigen Uniform, und nehmen Sie diese Tschoga, die einem indischen Fürsten gehört hat und deren Perlenstickerei sich kein König Europas zu schämen brauchte.« Er warf ihm ein kostbares Obergewand zu, während er sich selber mit weiten türkischen Beinkleidem von gelber Seide und einem meergrünen Rock versah, um den er einen kostbaren Kaschmirschal schlang. Ein ähnlicher umhüllte turbanartig den Kopf, und der kniende Diener zog reich mit Gold und Juwelen gestickte Pantoffeln auf seine Füße. In wenigen Minuten standen die drei in den prächtigen orientalischen Gewändern da gleich sybaritischen Fürsten. »Und jetzt – vorwärts, ihr Herren! Die Freude ruft!« Er eilte mit der Behendigkeit und der Hast eines Jünglings den Genossen voran und führte sie durch einen langen, mit Blumen geschmückten Korridor, der das Hauptgebäude des Bangalos mit der Reihe von Pavillons und Kiosken verband, die sich in den dunkelsten Hainen des Gartens versteckten. Wie vor dem Harem eines Sultans hielt am Eingang ein stummer, schwarzer Eunuche Wache. Neben ihm hockte ein altes, indisches Weib, die Aya, auf der Lauer. »Alles bereit, Zulma, du alte Hexe, die du das Himmelreich bewachst?« »O Sahib, möge deine Hand offen und dein Schatten ewig sein! Die Houris des Paradieses harren, ihren Gebieter zu bedienen!« Er winkte sie beiseite. »Hast du das neue Täubchen gezähmt?« »Sie hat das Opium im Kaffee genommen, Sahib«, sagte die Alte mit teuflischem Blick. »Der Trank, den ich ihr bereitete, hat Feuer in die Adern ihres jungen Leibes gegossen. – Du wirst ein glücklicher Mann sein.« »Wohl! Aber wenn du mir dienen willst, so sorge, daß die nächsten Tage die wahre Gelegenheit dazu bringen. Geschieht es nicht jetzt, so ist es unmöglich, denn der Nena kehrt zurück, ehe der Mond wechselt.« »Bevor drei Tage vergehen, wird das stolze Weib mit den goldenen Haaren in deiner Zenanah sein. Aber die Gefahr ist groß!« »Der Lohn nicht weniger; nimm!« Er reichte ihr einen Beutel mit Rupien. »Fünfzig Mohurs, wenn du sie mir in das Haus schaffst. – Nur Vorsicht und sicheren Gewahrsam!« »Aber wenn der Faringi, ihr Bruder, Verdacht schöpfen sollte? Es ist kaum möglich, daß Narika nicht etwas von dem, was geschieht, bemerken wird, und sie liebt ihn.« Ein häßliches Lächeln zuckte um den Mund des Hausherrn. »Für den ist gesorgt – beunruhige dich nicht! Er wird nicht stören!« »Und der Nena? – Seine Rache wird furchtbar sein.« »Mein Fuß wird ihn zertreten, wenn er gefährlich wird. Wir haben vierzehn Tage Zeit, und das ist länger, als man bedarf, um hundert Weibern den Mund zu schließen. Es gibt Geheimnisse, die keine Frau erzählt. – Genug, du hast deine Weisungen. Meine Freunde werden ungeduldig. Öffne!« Er wandte sich und faßte Edward am Arm. »Nun, Ned lassen Sie uns die Stunden bis zum Aufbruch in unserer Weise verträumen.« Eine feste Tür von Eichenholz flog vor dem Schlüssel der alten Kupplerin auf. Ein kurzer Weg durch ein halbdunkles Vorgemach; heiteres Lachen, der Ton eines Tamburins schollen gedämpft herüber. Dann rauschte der Teppich des Eingangs zur Seite – die Männer traten über die Schwelle der Zenanah. Ein weites, ovales Gemach, während des Tages nur von oben durch eine Öffnung in der Decke erleuchtet, jetzt durch große Lampen mit rosafarbenen Gläsern erhellt, lag vor ihnen. In der Mitte plätscherte ein kleiner Springbrunnen. Um seine Marmorschale zog sich ein Diwan mit Kissen von dunkelblauer Seide. Ähnliche breite, zum Ruhebett wie zum Lager dienende Diwans liefen an den Wänden entlang, durch vier Türen unterbrochen, deren halbgeöffnete, schwere, goldgestickte Vorhänge von gleicher Farbe das Auge in das geheimnisvolle Halbdunkel der in zarten Farben gehaltenen Kabinette blicken ließ. Ein persischer Teppich, in den der Fuß einzusinken schien, deckte den Boden. Die Farbe der Wände, ein mattes, marmorartiges Weißgelb, gewann durch den sanften Schimmer der rötlichen Lampenglocken etwas Zauberhaftes. Zwischen zwei der Türen befand sich ein mit Gold- und Silbergeschirr bedecktes Büfett, auf dem in silbernen, mit Eis versehenen Becken Kristallkaraffen standen, gefüllt mit kühlem Scherbet oder mit Sangarihpunsch. Früchte aller Art und die mannigfaltigen Näschereien, die orientalische Frauen so sehr lieben, füllten die Zwischenräume. Zehn Frauen lagen und saßen auf den Diwans und dem Teppich. Die Rassen Asiens schienen in ihnen vertreten zu sein. Ja selbst das Kind Nubiens, die hohe, schlanke Gestalt der Mohrin mit dem kräftigen, wohlgerundeten Gliederbau und der mit dem frischen Hauch der Jugend und Gesundheit gefärbten Sammetschwärze der Wange fehlte nicht. Neben der Nubierin, die mit dem Ausdruck naiver Neugier ihren Gefährtinnen zusah, auf Händen und Knien hockend, saß, in aller Behaglichkeit angeborener Trägheit, eine junge Chinesin. Die feine, gelbliche Haut des Gesichts und des Körpers erschien neben der Ebenholzschwärze ihrer Nachbarin doppelt hell. Das Gesicht wirkte pikant und scharfsinnig durch den eigentümlichen Winkel der Augen und schmalen Brauen. Der kleine zierliche Mund schloß sich wie der Kelch einer Blume um den äußersten Rand der Bernsteinspitze einer kleinen Pfeife von rotem Ton. Die Chinesin saß mit untergeschlagenen Füßen auf dem Diwan am Springbrunnen und entfernte die Pfeifenspitze nur aus den Lippen, um heiter und kindlich über den Tanz zweier ihrer Gefährtinnen zu lachen. Die Tänzerinnen waren zwei braune Malaienmädchen von der Küste Malakkas, die Augen flammend, der Ausdruck der Gesichter kühn und feurig. Ihre Bewegungen zeigten die Leidenschaft und das Feuer ihres Volkes. Zwei Hindufrauen, eine Mestize von den Antillen, eine Jüdin und eine der schönen Gestalten aus den Tälern Kaschmirs waren die anderen Mitglieder dieser eigenartigen Frauengesellschaft. Keine dieser Frauen hatte das zwanzigste Jahr überschritten. Einigen sah man es trotz der frühen Entwicklung des Orients an, daß sie kaum das Kindesalter verlassen hatten. Ihre Kleidung war weder herausfordernd noch unzureichend, aber leicht und ganz dazu angetan, die Reize der jugendlichen Körperformen zu erhöhen. Schmuck zierte Haare und Füße, Arme und Brust. Das Auge des Gebieters flog gleichgültig darüber hin und suchte neue Reize, um seine verwöhnten Sinne zu beleben. Sein junger Begleiter warf sich auf das Kissen zu den Füßen der schönen Kaschmirerin nieder. Gegenüber der Tür, durch die die drei Männer eingetreten waren, saß auf einem Haufen loser Kissen, die Füße unter das faltige Gewand gezogen, den Oberkörper zurück an die Wand gelehnt, die Arme wie sehnsüchtig in das dunkle Blättergrün gestreckt, das eine Laube um sie bildete, die von Rivers Gesuchte. Es war eine junge Hindu. Die dunkle Elfenbeinfarbe ihrer Haut glich einem durchsichtigen Samtschleier, unter dem man das frische, jugendliche Blut pulsieren zu sehen glaubte. Hände, Arme und Füße waren zierlich und wohlgeformt. Das Oval ihres Gesichts zeigte liebliche und reine Züge; und dennoch bewies der leichte, wie ein Reif um die feingeschnittenen Mundwinkel sich lagernde Flaum, daß unter dieser seinen Hülle glühendes Feuer schlummerte, das nur geweckt zu werden brauchte. Und es war geweckt, geweckt auf das schändlichste, durch List und Verbrechen. Die großen Augen unter den feingezogenen Brauen funkelten in wildem, unnatürlichem Glanz; die Angst entlockte ihnen Tränen. Die Wangen glühten fieberhaft. Auch ihre Kleidung unterschied sich von der der anderen. Das Mädchen war ganz in weite, in Unordnung geratene und zerrissene Gewänder gehüllt. Über die bloßen Schultern und Arme floß das prachtvolle Haar gelöst herab. Es war Nurjesan, die unglückliche Tochter des Babu, den der Resident in die Hundeställe hatte sperren lassen. Dachte die Tochter an den grauen, der Habsucht und der Rache seines Feindes verfallenen Vater? Oh, welche Tränen der Angst hatte sie nach ihm geweint, wie oft seinen Namen nach Hilfe gerufen! – Der Resident klatschte in die Hände. »Auf, Mädchen, tanzt, singt, daß die Stunden der Nacht uns zu Minuten werden! Den Sangarih her – wir wollen lustig sein!« Die Frauen waren aufgesprungen beim Eintritt des Gebieters, bis auf Nurjesan und die bequeme Chinesin, und begrüßten ihn lärmend. Das Auge der jungen Hindu ruhte glühend und zornig auf Edward O'Sullivan, der zu den Füßen des schönen Mädchens aus Kaschmir lag. Sie bemerkte kaum, daß der Major ihr nahte und sich neben sie auf die Kissen setzte. Erst als sein Arm sie umschlang, blickte sie erschrocken auf ihn. »Was willst du? – Ich liebe dich nicht! – Dort ist der, den Kama, das Sehnen der Herzen, mir beschieden hat.« »Törin! – Siehst du nicht, daß er von dir nichts wissen will? – Komm, hier bin ich der Herr!« Seine frechen Lippen verschlossen ihr gewaltsam den Mund. Frauen in Flammen Das Fürstentum Dschansi oder Jhansi gehörte damals noch zu den unabhängigen Staaten; es war allerdings dem Scindia von Gwalior, dem Bundesgenossen der Company , tributpflichtig. Der letzte Radscha von Dschansi war gestorben, und es handelte sich um die Frage der Erbschaft. Nach indischen Sitten erbt die Rani, die erste Gattin des Verstorbenen, die Regierung, wenn kein majorenner, wirklicher oder adoptierter Sohn vorhanden ist. Die Adoption verleiht in Indien die unbeschränkten Kindesrechte. Der verstorbene Radscha war ein alter Mann gewesen, das Gerücht aber erzählte viel von den Reizen seiner Frauen, besonders von der Schönheit seiner Lieblingsfrau. Ob die Überredung der Verwandten, deren Habsucht sich davon Nutzen versprach, ob der Fanatismus der Brahminen der Grund war, der sie zu dem heroischen Entschluß getrieben hatte, der Erbschaft den Opfertod der Sati vorzuziehen, wußte niemand. Die Liebe zu dem Greis konnte das nicht veranlaßt haben. Die Unterrichteten behaupteten, daß der Rat der Brahminen unter dem Einfluß des Scindia von Gwalior gegeben worden sei, des einzigen, der als Lehnsherr das Recht gehabt hätte, der Witwe die Sati zu verweigern. Eine Stunde vor Sonnenuntergang langte der Zug des Scindia mit seinen englischen Gästen an den Toren von Dschansi an. Die Verwandten des verstorbenen Radscha und die Vornehmsten des Landes hatten den Oberherrn zwei Meilen vor den Toren empfangen und geleiteten ihn mit all dem Gepränge der indischen Aufzüge in die Stadt. Kein Zeichen verriet unter dieser Pracht und diesem Glanz den entsetzlichen Zweck des Besuchs. Fünfhundert Reiter, die Hälfte der Leibwache des verstorbenen Radscha, in weißen Tschogas und rotgesprenkelten Turbans eröffneten den Zug der Musikanten, die auf Tamburins, Trommeln, Pfeifen, Hörnern und Metallbecken einen wahrhaft höllischen Lärm, ohne eine Spur der Harmonie, vollführten. Fünfzig Kameltreiber des Scindia schritten der langen Reihe der Elefanten voran. Zahllose glänzende Reiter umschwärmten die Riesen des Dschungel. Auf dem größten der hundert Tiere, dessen Rücken mit Goldstoffen behängt und dessen Zähne und Schwanz vergoldet waren, saß in einer mit Goldblech beschlagenen und reich mit Edelsteinen verzierten Hauda der Scindia – zu seiner Rechten der Resident von Khanpur, Major Rivers. Ein hinter der Hauda auf dem Sattel des Elefanten kauernder Negerknabe hielt an langem Bambusstab einen großen Sonnenschirm über beide. Der Major trug die goldgestickte, rote Uniform und den befiederten Hut. Der Scindia strahlte von kostbaren Juwelen. Die Begleiter des Residenten und Edward O'Sullivan saßen auf zwei anderen Elefanten; ihre Diener folgten zu Pferd. Eine kleine Abteilung der Fußleibwache des Scindia, nach dem Vorbild der britischen Sepoys uniformiert und gebildet, schritt hinter den Elefanten her. An sie reihte sich der Rest der Reiter von Dschansi und ein unabsehbarer Zug von Dienern aller Art. Nahezu zwanzigtausend Menschen bevölkerten die Umgebung des Tores, schlossen sich dem Zug an und drängten sich mit ihm durch die engen Straßen nach dem Platz vor der Burg, auf dem das traurige Schauspiel vor sich gehen sollte. Die Stadt trug ein festliches Gepräge. Überall waren hohe Gerüste aus Bambusrohr errichtet, die das Aussehen von Minaretts, Türmen und Triumphbögen nachahmten, mit Blumen und Stoffen geschmückt. Auf Schaubühnen spielten Scharen von Musikanten, Bajaderen tanzten, Possenreißer und Gaukler fesselten die Menge. Der Platz bildete ein großes Halbrund vor dem Tor der auf einer steilen Anhöhe liegenden Zitadelle mit dem Palast des Radscha. Dem Tor gegenüber waren zwei große Prachtzelte aufgeschlagen und mit kostbaren Teppichen behängt. Zwischen diesen beiden Zelten für den Scindia und den Residenten befand sich ein erhöhter Tritt mit dem Ehrenplatz, einem Thron von vergoldetem Holz, überragt von einem großen Spiegel von Pfauenfedern, den Zeichen der Macht und des Reichtums. Ein Tigerfell, mit großen Edelsteinen statt der Augen, bedeckte den Fußschemel. Auf diesem Thron sollte der Scindia während der Zeremonie Platz nehmen. Ein gleichfalls vergoldeter Armsessel, jedoch ohne den Federund Tigerschmuck, war für den Vertreter der Company bestimmt. Gegenüber dem verschlossenen Festungstor erhob sich ein anderer Thron von künstlerischem Schnitzwerk und reichen Vergoldungen. Auf diesem Thron, dessen Sitz noch Raum hatte für eine zweite Person, saß eine menschliche Gestalt, in kostbare Gewänder gehüllt, mit Gold und Edelsteinen geschmückt. Aber in dem starren, gläsernen Auge fehlte das Leben. Diese Glieder waren kalt und unbeweglich; das verschrumpfte, eingefallene Antlitz zeigte Totenfarbe. Es war der einbalsamierte Leichnam des verstorbenen Radscha. Ein riesiger Scheiterhaufen von Bambusstäben türmte sich wie ein Wall um ihn her und ließ nur einen schmalen, leicht verschließbaren Eingang zu dem Toten frei. Zwei schwarze Sklaven mit blanken Säbeln bewachten den Zugang. In weiße Gewänder gehüllte Brahminen kauerten um den äußeren Rand und murmelten ihre Gebete. Eine große Volksmenge füllte den Platz, immer wieder zurückgedrängt und aufs neue heranströmend. Die Reiter der Leibwache des Verstorbenen und die Sowars oder Kameltreiber, die jetzt auf dem Platz erschienen, setzten den Schaulustigen eine weite Schranke. Auf ein Zeichen seines Mahaut beugte der gelehrige Elefant, der den Scindia und seinen Gast trug, die Knie. Eine vergoldete kleine Leiter wurde an die Hauda gesetzt; der Scindia stieg ab. Die Soldaten schlugen mit ihren Waffen zusammen, die Musiker lärmten mit ihren Instrumenten, und das Volk warf sich auf den Boden nieder. Der Scindia setzte sich auf seinen Thron. Der Resident nahm mit einem Lächeln hochmütigen Spottes auf dem Sessel Platz, winkte seinen Schobedar zu sich und flüsterte ihm einige Worte zu. Um ihn her gruppierten sich seine europäischen Begleiter. Sie waren hier nicht die einzigen Europäer. Das Gerücht von der Sati schien auch andere herbeigelockt zu haben. Ein Reisender oder Kaufmann lehnte nicht weit von dem erhöhten Platz mit einem Mann in der Tracht eines arabischen Seefahrers an aufgeschichteten Bambusstäben. Der Fremde war eine stattliche Gestalt mit stolzem Gesicht. Er trug ein hirschledernes, mit Seidenstickerei geschmücktes braunes Reise- und Jagdhemd und einen breitrandigen, grauen Filzhut mit einer Geierfeder. Der Seemann an seiner Seite, in den kurzen, weiten Beinkleidern der Laskaren, mit Pantoffeln an den Füßen, griechischer Weste, im Gürtel Dolch und Pistolen und einem weißen, arabischen Mantel um seine kräftigen Schultern, hatte krauses, schwarzes Haupthaar, von einer Turbanbinde bedeckt, die sich um eine rote, phrygische Mütze schlang. Sein Arm stützte sich auf eine lange Flinte von albanischer Form. »Sieh, Kapitän«, raunte der Seemann in neugriechischer Sprache, »mit welcher Behaglichkeit dieser Werwolf von einem Engländer sich vorbereitet, der Verbrennung von Weibern zuzuschauen! Mit welcher Demut dieses Volk sich vor ihm zur Erde beugt! Ich hätte Lust, ihm eine Kugel durch den Schädel zu jagen. Vielleicht ist es einer seiner Verwandten gewesen, der meine arme Tartane an der italienischen Küste verbrannte!« »Torheit, Danilos«, wehrte sein Gefährte ab, – es war Maldigri, der angebliche ›Sardinier‹, der sich von Sir Lytton Mallingham nach jener erschütternden Unterbrechung der Jagd an den Ufern des Gandlagama Vgl. ›Volk in Folter‹ getrennt hatte. »Wir sind Feinde der Nation, aber nicht Mörder des einzelnen. Deine Freundschaft hat dich in den Strudel von Unglück mit hineingerissen, der mich verschlang. Suchtest du mich damals nicht in den Schluchten der Apenninen auf, so strichst du wohl noch heute auf dem Deck der ›Schwalbe‹ durch die blauen Wellen des Adriatischen Meeres und lebtest mit Weib und Kind zufrieden in deiner rauhen, teuren Heimat.« Der Uskoke Name für einen Volksstamm aus den montenegrinischen Bergen. Das Wort bedeutet ursprünglich ›Ausgestoßener‹. , der kühne Führer einer griechischen Tartane, war der Milchbruder des Kapitäns. Nach der Sitte seiner Heimat warf er die Finger der linken Hand in die Luft und schlug mit der Fläche der rechten auf den Ellenbogen – das Zeichen der höchsten Verachtung. »Als ob ihr Schicksal nicht bestimmt gewesen wäre, wie das meine! Die Inglesi würden sie zwei oder drei Jahre später doch verbrannt haben, denn die ›Schwalbe‹ würde nicht untätig gewesen sein bei dem Freiheitskampf unserer Brüder im Epirus. So focht ich, statt auf den Planken meiner Tartane, auf festem Boden bei Arta und Mezzowo gegen die Moslem. Bin selber ein halber Muselman geworden, und meine Praua Praua oder Proa heißt ein malaiisches Schiff von schlanker Form mit geschweiftem Bug und großem Segel, das auch mit Rudern fortzubewegen ist. ist von den Anhängern des Propheten bemannt. Sie würden mir den Kopf abschneiden, wenn sie wüßten, daß ich ein Christ bin. – Ich vertraue meinem Glück und meiner Faust, bis die Erinnerungen an die Heimat sich verbluten. Das Kismet hat es gewollt, daß es so kommen sollte, damit ich dir, Capitano, noch einen Dienst in diesem entfernten Land leisten konnte.« »Es ist wahr, ich hätte eher des Himmels Einfall erwartet, als dich an der Mündung des Kistna zu treffen, da ich mit dem Engländer Überfahrt suchte.« »Es ist das Kismet«, wiederholte der Uskoke. »Ich gedenke mich auch nicht wieder von dir zu trennen, Markos. Meine Praua kann ebensogut die Wasser des Ganges befahren wie die indischen und arabischen Meere, und ich werde bei der Hand sein, deine Pläne und Absichten zu unterstützen.« »Du siehst, daß eine meiner sichersten Hoffnungen vereitelt ist«, sagte der Ionier. Er wies nach der Leiche des Radscha. »Dieser Mann war ein Tapferer, wenn auch ein Greis; ein Feind unserer Feinde. Der Nena, dem unsere Reise galt, ist noch nicht zurück.« »Der Nachfolger dieses Toten wird ebensogut ein Feind der Engländer sein. Die Zeit vergeht, und der Nena wird zurückkehren. Einstweilen werden wir ein merkwürdiges Schauspiel haben. Ich habe zwar Männer, Weiber und Kinder in den Flammen brennender Häuser zur Genüge umkommen sehen, aber nie ein Weib, das sich freiwillg in das Feuer stürzte.« »Schmach über die, die Macht haben, es zu hindern, und eine solche Grausamkeit dulden!« Der Uskoke lachte unterdrückt auf. »Hast du noch immer ein Herz bei den Briten gesucht, Markos Grimaldi? ... Denk an Venedig und Korfu – denk an die Ionischen Inseln!« – »Halt ein!« Als wolle er den Namen ersticken, den Danilos soeben nannte – Markos Grimaldi – hob Maldigri die Rechte. Dann ließ er sie langsam sinken und starrte vor sich hin auf den Scheiterhaufen der Rani von Dschansi ... aber er sah und hörte nicht, was um ihn vorging. Markos Grimaldi – das war er selber; ein Geächteter, auf dessen Kopf England einen Preis gesetzt hatte. Freiheitskämpfer, Rebell gegen die Unterdrücker seines Vaterlandes – gehetzt von den Schergen der Gewalt ... Und wie von Zauberhand wuchsen vor seinem inneren Schauen die gewaltigen Felsen der Apenninen auf. Er hörte wieder die Schüsse, die ihm, dem Flüchtigen galten. Die Schüsse, das Geschrei, den Kampf, die ihn jagten wie ein wildes Tier, bis er Europa verließ Vgl. auch Retcliffe, Band 12 ›Auf heißer Erde‹ . Er sah sich wieder in der kleinen Osteria an der Straße von Spoleto mit dem Freunde aus Korfu zusammentreffen – dem Vikar Richard Hunter ... erlebte in der Erinnerung eines Augenblicks die Spannung, die aufregenden Abenteuer jener Tage: den Ritt mit dem Vikar und seinen jungen Schutzbefohlenen, die sich mit dem Missionar nach Indien begaben – zitterte noch einmal vor der niederschmetternden Erkenntnis: die Frau, die er in London lieben lernte, die er verehrte wie eine Heilige – Adelaide Seymour – als Braut des Engländers, seines Freundes Hunter wiederzufinden ... hörte noch einmal an seinem Ohr den Abschied der über alles Geliebten ... und sprang, gehetzt von seinen Verfolgern, von hoher Klippe ins Meer hinab, verwundet – mit letzter Kraft dem französischen Kauffahrer zuschwimmend, der ihn dem schimpflichen Tod entzog. »Ein Rebell von Korfu und Venedig!« schnitt scharf wie ein Säbelhieb der Ruf des Offiziers an der Spitze der Häscher in seine Ohren – und die Erwiderung des Kapitäns Dugonier, der in kühler Ruhe seine Flucht deckte: »Was Signor Grimaldi früher war, kümmert mich nicht. Er ist gegenwärtig Franzose, Kapitän im ersten Bataillon der Fremdenlegion von Algerien. – Hier ist das Patent – von Seiner Hoheit dem Prinz-Präsidenten unterfertigt und vom General Gemeau in Rom bestätigt!« Tief atmete Markos Grimaldi auf – vor seinem Blick verdämmerte das Erleben – die Küste Europas versank – Freund und Geliebte entglitten in die Ferne... Im Dienste Frankreichs betrat er die blutgetränkten Gefilde Indiens, im Herzen den Schwur, den er am Grab von Sankt Helena leistete: Kampf gegen England! – Flüsternd nur, wie ein unbewußter Aufschrei seiner Seele klang seine Stimme an das Ohr des Uskoken: »Ein Herz bei den Briten gesucht? – Nein, Danilos sie haben kein Herz...« »Still, Capitano – da kommen sie!« antwortete der Uskoke. Grimaldi schreckte auf – weit flog sein Blick über die drängenden Menschen – die Throne – den Scheiterhaufen. Und kein Zucken seines Gesichtes zeigte mehr die tiefe Erregung seines Innern. Die Flügel des gegenüberliegenden Tores sprangen auf – die Prozession, die die Witwen zu dem furchtbaren Sterbelager begleiten sollte, betrat den Platz. Voran schritten Musiker, wie bei einem Hochzeitszug. Die Häupter mit einem Kranz von Blättern geschmückt, in weißen, wallenden Gewändern folgten die Brahminen, die vier ersten mit brennenden Fackeln, die vier letzten mit großen Bambusstäben bewaffnet, um die Glut damit zu schüren oder die vor den Todesschrecken etwa flüchtenden Opfer zurück in das Flammengrab zu stoßen. In der Mitte der Brahminenschar schritten die drei Frauen, deren Glauben und Mut groß genug gewesen war, vor dem Feuertod nicht zurückzubeben. Sie wurden an langen goldenen Bändern von den ältesten Brahminen geführt, von ihren Verwandten und den anderen Frauen des verstorbenen Radscha umgeben, die Blumen auf ihren Weg streuten und in begeisterten Worten den Mut und die Aufopferung priesen. Die drei Opfer waren jung und schön und in ihre kostbarsten Gewänder gekleidet. Juwelen und Goldspangen bedeckten ihre Finger, ihre bis zur Achsel entblößten Arme und die Knöchel ihrer fein geformten Beine. Kostbare Perlenschnüre wanden sich durch ihre Haare und hingen vom Hals auf die Brust. Die beiden ersten Frauen, die nebeneinander gingen, waren fast noch Kinder. Die eine, bleich und verstört, rang sichtlich mit der Todesangst. Die andere schien keinen Gedanken zu haben als die Lust befriedigter Eitelkeit, ihre Schönheit und ihren Mut vor dieser Menge von Männern prahlend zu zeigen und bewundern zu lassen. Ihre großen Augen strahlten vor Vergnügen. Mit lachendem Mund ging sie dem schrecklichen Tod entgegen, als gelte es einen neuen Triumph. Hinter ihnen kam die Lieblingsfrau des Verstorbenen die Rani Xaria. Älter als ihre Gefährtinnen, mochte sie vierundzwanzig Jahre zählen und war in vollkommen entwickelter Blüte ihrer Schönheit. Rabenschwarzes Haar umgab in langen Flechten das prächtige Oval ihres Gesichts. Die Rani war in weiße Gewänder und Schleier gehüllt, die nur das eigenartig schöne Gesicht, den Hals und den Unterarm bloß ließen. Sie verachtete es, mit ihrem Opfertod vor der Menge zu prahlen. Nur als ihr erhobenes Auge auf die Gruppe der Europäer fiel, färbte leichte Röte ihr Gesicht. Ein Strahl des Hasses brach aus ihren großen Augen: sie wickelte sich fester in ihre Schleier. Brahminen, Eunuchen und Musikanten mit Zymbeln und Kesseltrommeln beschlossen den Zug, der sich in feierlichem Schritt siebenmal um den Platz bewegte. Jedesmal, wenn die Opfer an dem Thron des Scindia vorüberkamen, verneigten sie sich mit gekreuzten Armen vor ihm. Die Rani neigte nur mit Widerwillen ihre stolze Stirn vor dem Lehnsherrn. Das Lorgnon in das Auge geklemmt, betrachtete der Resident mit Kennerblick die unglücklichen Frauen. »Damned!« sagte er halblaut zu O'Sullivan, der neben ihm stand. »Der alte Lutfullah hat keinen schlechten Geschmack gehabt. Die beiden jungen Frauen sind hübsch genug, und die Rani dort wäre wohl der Mühe wert, sie für sich zu gewinnen.« Die Blicke des Kapitäns Delafosse hatten zuerst mit großer Teilnahme und Bedauern auf den Opfern dieses heroischen Fanatismus verweilt. Nach und nach aber blieben seine Augen wärmer an der eigentümlichen Schönheit der Rani haften, und ein fast zärtliches Gefühl regte sich in ihm. Als der Zug zum drittenmal an dem Thron vorüberkam, veranlaßte eine zufällige Bewegung die Rani, ihre Blicke zu erheben – sie begegneten den unverwandt auf sie gerichteten Augen des Offiziers. Der Ausdruck aufrichtiger Teilnahme schien sie zu fesseln. Ihr strenger Blick wurde sanfter und milder. Er schien gleichsam zu danken für das unerwartete Gefühl, das er in dem Herzen eines Fremdlings, eines Tyrannen und Unterdrückers gefunden hatte, und verweilte einige Augenblicke mit Wohlgefallen auf dem männlich schönen Gesicht des jungen Offiziers. Jedesmal, wenn die dem Tode Geweihten nun vor der Gruppe des Scindia und der Europäer vörüberkamen, erhob die Rani Xaria die ausdrucksvollen Augen zu dem Kapitän Delafosse. Jedesmal flammte eine leichte Röte über die Stirn des Offiziers. Seine Blicke steigerten sich vom Mitleid zur Bewunderung und zum Schmerz. Seine Lippen öffneten sich unwillkürlich, als wollten sie warnen, abmahnen, Hilfe bringen. Immer mehr schien die Angst, die ihn gepackt hatte, zu wachsen. Seine Hand faßte den Arm des Oberstleutnants, der zwischen ihm und dem Residenten saß. »Dürfen wir es zugeben, Oberst, daß ein solches Verbrechen, ein so empörender Mord in Gegenwart britischer Offiziere verübt wird?« Obgleich das schwelgerische, üppige Leben Hindostans seine frühere Denkungsart abgestumpft und für die Eingeborenen unempfindlich gemacht hatte, hielt es der Kommandeur für seine Pflicht, wenigstens einen Versuch zu machen. »Sie haben recht, Kapitän, es ist eines Mannes und Offiziers nicht würdig, diesen hilflosen, betörten Geschöpfen nicht wenigstens zu Hilfe zu kommen. Major Rivers, wir müssen ihnen das Törichte ihres Schrittes vorstellen und, wenn sie es wünschen, sie in unseren Schutz nehmen.« Der Resident lächelte spöttisch. Vertrauter mit den Sitten der Eingeborenen als seine Begleiter, wußte er, wie wenig ein solches Zureden fruchten würde. Da er indes eigene Pläne hegte, deren Verzögerung ihn schon einige Male mit Besorgnis hatte umherschauen und nach der Gegend des Tores von Khanpur hin hatten horchen lassen, wünschte er selber, die Sati aufzuhalten. Er wandte sich an den Scindia. »Meine Freunde, Hoheit«, erklärte er in der ihm geläufigen Mahrattensprache, »wünschen dringend, sich zu überzeugen, daß diese Frauen zu dem Opfertod, den sie erleiden wollen, nicht durch Drohungen gezwungen sind, und daß sie ihn freiwillig wählen. Sie wünschen, den Versuch zu machen, sie von diesem Schritt abzubringen. Du wirst nichts dagegen haben, daß ich die Frauen befrage und ihnen einige Worte sage.« Der Scindia erwiderte gleichgültig, daß seine Gastfreunde tun möchten nach ihrem Belieben. Er selbst habe der Rani angeboten, sie zu heiraten und in seine Zenanah aufzunehmen, aber sie habe es ausgeschlagen. Auf seinen Wink hielt der Zug an, als er vorüberkam. – Es war das siebente Mal. Die Brahminen umgaben in engem Kreis die drei Frauen, die vor dem erhöhten Sitz standen. Hinter ihnen drängte die ungeheure Masse des Volkes heran, so daß die Soldaten und die Eunuchen Mühe hatten, Ordnung zu halten. »Maharani«, begann der Resident höflich grüßend mit schmeichelnder Stimme, »wir haben erfahren, daß die Brahminen dich und diese Frauen bewogen haben, den Schmerz um den Tod Eures Gatten durch die schlimme Sitte der Sati zu bezeugen. Die Faringi bedauern gleich Euch den Tod ihres Freundes und Bundesgenossen. Sie sind hierhergekommen, um seine Witwe vor Zwang zu schützen und sie zu bitten, nicht ein so kostbares Leben zu opfern, was dem Toten nichts nützen kann und dessen Vernichtung er sicher nicht billigen würde.« Es zuckte um den Mund der Rani, als der Resident von der Freundschaft des verstorbenen Radscha für die Engländer sprach. Sie sah ihm fest und kalt ins Auge. »Brahma hat dem Menschen eine Seele gegeben, damit er weiß, was er tut«, sagte sie ruhig. »Der Sahib möge diese Mädchen fragen, warum sie den Scheiterhaufen besteigen und wer sie gezwungen hat!« Sie schlug den Schleier um sich und richtete den Blick starr in die Luft, als kümmere sie die weitere Verhandlung um das eigene Leben nicht. Der Resident wandte sich nun an die beiden jungen Frauen und suchte sie zu bereden, von ihrem Vorhaben zurückzutreten. In der Tat schien die eine zu schwanken; ihre Blicke richteten sich mit flehendem Ausdruck auf die Gebieterin. »Der Schmerz des Feuertodes ist furchtbar«, fuhr der Major fort. »Ihr wißt nicht, was Ihr tut! Haltet ein einziges Mal den Finger an die Flamme und seht, wie schmerzhaft schon die geringe Wunde ist.« Wortlos riß die Rani ein Stück von ihrem Schleier, tauchte es in das öl der heiligen Lampe, die einer der Brahminen trug, und wickelte es um den Zeigefinger ihrer linken Hand. Dann, noch ehe man es verhindem konnte, näherte sie den Finger der Flamme der Lampe, brannte die Leinwand an und hielt die Hand hoch in die Luft. Das Zeug brannte lichterloh, und bald verbreitete sich der häßliche Geruch von versengtem Fleisch. Kapitän Delafosse sprang auf, aber der Resident hielt ihn zurück. »Lassen Sie die Närrin«, sagte er französisch, »sie wird mit dem Komödienstreich schon enden, wenn's ihr wehe tut. Bemerken Sie denn nicht, daß die Brahminen diese Frauenzimmer mit Kampfer unempfindlich gegen körperliche Schmerzen gemacht haben Es war in der Tat Brauch, mehrere Tage vor der Verbrennung den Witwen starke Dosen Kampfer zu geben, um ihre Nerven abzustumpfen. ?« Die Rani ertrug das Verbrennen des Gliedes, ohne einen Muskel ihres Gesichtes zu verziehen, ohne mit den Wimpern zu zucken. Nur das Blut drang ins Gesicht, und auf ihrer Stirn zeigte sich starker Schweiß. Dann, als die Leinwand verkohlt war, wickelte sie die letzten Reste ab -und bot den schrecklichen Anblick des verstümmelten Gliedes den Augen der Faringi. Unter den versammelten Tausenden erhob sich ein Gemurmel des Beifalls über die heroische Handlung, das zu einem wilden Jauchzen stolzen Triumphes anschwoll. »Der Schmerz kann mich nicht hindern, meine Pflicht zu tun. Geben Sie sich keine Mühe mehr und überlassen Sie mich meinem Schicksal.« »Aber das ist Selbstmord!« rief Delafosse, der genug von der Mahrattensprache verstand, um den Worten der Witwe folgen und erwidern zu können. Die Rani wandte sich dem jungen Offizier zu. »Ich danke Ihnen, Sahib, für Ihre Teilnahme, die aufrichtig sein mag«, sagte sie freundlich, aber fest. »Kein Hindu wird seinen Glauben so schänden, daß er sich selber das Leben nimmt, das Brahma ihm gab. Aber die Sati der Witwe ist erhaben über den Vorwurf des feigen Selbstmordes. Ich erfülle eine Pflicht – nicht allein gegen den Toten, sondern auch gegen jene dort« – sie wies auf die Menge – »gegen die Lebendigen!« Und trotzig sich in ihren Schleier hüllend, gab sie das Zeichen zur Fortsetzung des Zuges. Die Kesseltrommeln, die Zimbeln und Pfeifen erhoben ihren höllischen Lärm. Der Zug setzte sich in Bewegung, die Menge wich zurück, und die Brahminen führten ihre geschmückten Opfer nach dem Scheiterhaufen. Am Eingang der Rundung nahmen sie den letzten Abschied von ihren Freunden und Verwandten und verteilten alle ihre Schmucksachen als Andenken. Langsam bestiegen sie den Holzstoß in der Mitte. Man hatte den Leichnam des Radscha an einen Pfahl gelehnt und ihn mit den flüchtigsten Zündstoffen ganz umgeben. Kapitän Delafosse barg das Gesicht in den Händen, um der langsamen Marter dieses Anblicks zu entgehen. Er bemerkte nicht, wie der Resident, aufrecht stehend, sehnsuchtsvolle Blicke nach der Gegend des Tors warf und dann wieder besorgt auf die wogende, fanatisierte Menge und das kleine Häuflein der Europäer schaute. Ebensowenig kümmerte ihn die befriedigte Miene des Scindia. Die jüngste der Frauen mußte hinaufgehoben werden auf den Holzstoß. Die Todesfurcht schien in ihr zu siegen; sie war bewußtlos. Der Schritt der Rani war, als sie die Stufen emporstieg, ruhig und fest, wie zuvor. »Es ist eine Schande«, rief der Oberstleutnant, »daß so etwas geduldet wird!« Die Rani hatte ihren erhöhten Platz auf dem Scheiterhaufen eingenommen und das Haupt ihres toten Gatten in ihren Schoß gelegt. Die beiden jüngeren Frauen waren auf einen niederen Sitz zu beiden Seiten niedergelegt worden; die Brahminen befestigten ihre Körper an dem Holzstoß. Dann nahte der Priester und begann unter den anschwellenden Gebeten der Menge die Leiche und die drei Frauen mit dem heiligen Wasser des Ganges zu besprengen. In diesem Augenblick sah Major Rivers über den Köpfen der Menge ein weißes Tuch wehen. Er erkannte seinen Schobedar hinter den Reihen der Soldaten. Hastig erwiderte er das Zeichen des Dieners, beugte sich zurück zu den Offizieren und flüsterte ihnen etwas zu. Erstaunen, Überraschung, besorgte Blicke auf die zahllose Volksmenge wechselten auf den gespannten Gesichtern. Dennoch blitzte Entschlossenheit in aller Augen. Der Brahmine, der die heilige Lampe trug, näherte sich dem Zugang des Scheiterhaufens. Plötzlich erscholl ein mächtiges, gebietendes »Halt!« über den weiten Platz und über das Summen und Brausen der Menge. Alle Augen wandten sich nach dem Sitz des Scindia und der Europäer, woher die Stimme erklungen war. Der Resident stand am Rand des Gerüsts, ein Papier in der Hand; seine Rechte winkte Schweigen. »Im Namen Seiner Herrlichkeit, des Lord-Generalgouverneurs von Indien, gebiete ich Einhalt der Sati. Die Verbrennung darf nicht stattfinden. Ich mache jeden, der die Hand dazu leiht, für die Folgen verantwortlich!« »Verrat! Das Feuer! Das heilige Feuer!« gellte die Stimme der Witwe über den Platz. Der Scindia war emporgesprungen. In seinem sonst so trägen Gesicht malten sich Erstaunen und Zorn. Die Brahminen, erbittert, ihre Feier unterbrochen zu sehen, umdrängten den Sitz. »Fluch den Faringi! Was haben sie im Land der Hindu zu gebieten?« Der Scindia hatte die Hand an den Griff seines Säbels gelegt. »Wischnu, der Erhalter, möge den Lord-Sahib beschirmen«, sagte er erregt. »Diese Leute haben recht. Dschansi gehört nicht zum Gebiet der Company. Nur der Fürst von Gwalior hat hier zu befehlen.« »Du irrst, Hoheit«, unterbrach ihn mit lauter Stimme der Resident. »Das Fürstentum Dschansi gehört mit dem Tod des verstorbenen Radscha Lutfullah zu den Schutzstaaten der Company. Lies und überzeuge dich.« »Lüge! Lüge!« kreischte die Rani. »Herbei mit dem Feuer, wenn euch eure Freiheit lieb ist!« »Daß sich keiner zu rühren wage! Diese Frau weiß, daß ich die Wahrheit spreche. Lutfullah hat seit zehn Jahren die Company zum Vormund seiner Erben bestimmt. Die Rani hat nicht das Recht, sich zu töten und sich unserem Schutz zu entziehen.« Die stolze und kühne Frau, die – mit der begangenen Schwäche ihres Gatten bekannt – das eigene Leben opfern wollte, um damit die Bedingung des erschlichenen geheimen Vertrages zunichte und das Gebiet an Gwalior zurückfallen zu machen, beugte verzweifelnd ihr Haupt. Ein Brüllen fanatischer Erbitterung und wütenden Hasses erhob sich in der Menge lauter und lauter. Waffen blitzten in der Luft. Einer der Priester entzündete die Lunte an der heiligen Lampe und stürzte damit durch die sich öffnende Menge nach dem Holzstoß. Im nächsten Augenblick war er an dem Scheiterhaufen und steckte die Lunte zwischen die Zehen des nackten Fußes der Rani, da ihre Hände um den Pfahl auf dem Rücken zusammengebunden waren und der heilige Brauch fordert, daß das Opfer der Sati selber den Holzstoß entzündet. Dann sprang er zurück. Zwanzig Hände waren geschäftig, den Zugang des Scheiterhaufens zu schließen. Zweimal erhob Kapitän Delafosse den Revolver, um den Grausamen niederzuschießen; aber das wogende Gedränge und die Furcht, die Rani zu treffen, ließen ihn die Waffe wieder senken, bis es zu spät war. Ein letzter Blick der Rani schien ihn zu treffen, als sie den Fuß erhob und die Lunte in den Haufen von ölgetränktem Hanf vor dem Holzstoß fallen ließ. Im Nu schlug eine Flamme und eine dichte Dampfwolke in die Höhe. Jauchzen und Heulen der Volksmenge, mit dem betäubenden Lärm aller Instrumente vermischt, antwortete diesem Signal und erstickte den gellenden Schrei der Todesangst, der von den Lippen des jüngsten der drei Opfer brach. Aber ein anderer Ton, kräftiger als der Hilferuf eines armen Weibes, schmetterte in den Jubel der Menge. Trompetenfanfaren klangen vom Khanpurtore her. Im gestreckten Galopp, alles vor sich niederwerfend, jagte eine Abteilung britischer Lanciers herbei, Kapitän Mowbray an ihrer Spitze. Dennoch wäre diese Hilfe zu spät gekommen, wenn nicht von einer anderen Seite her tollkühner Mut die Rettung gewagt hätte. Kapitän Delafosse hatte sich vom erhöhten Sitz herabgeworfen. Den Degen in der Faust, versuchte er, sich einen Weg durch die bei dem Klang der britischen Signale verwirrte und auf allen Seiten davonstürzende Menge nach dem Scheiterhaufen zu bahnen. Die Glut wirbelte hoch empor. Das entsetzliche Bewußtsein, daß auch er zu spät kommen müsse durch das schändliche Zögern des Residenten, durchzuckte sein Herz wie schneidender Stahl. Dicht vor dem halbverbauten Zugang der flammenden Hölle sah er jäh eine fremdartige Gestalt mit Riesenkräften bemüht, das Holz und die Bambusstücke zur Seite zu schleudern. Aus dem Innern des Feuerberges kommend, zwischen Qualm und züngelnden Flammen, erschien ein anderer Mann, eine Gestalt auf seinen Schultern, die in einen großen, arabischen Mantel gehüllt war. Ein Freudenschrei des ersten begrüßte ihn, aber zugleich, wie der Wolf auf seine Beute, stürzte er mit einem Sprung gegen eine neue Gefahr an. Auch Delafosse hatte diese neue Gefahr erblickt, die unfehlbar den unbekannten Retter vernichten mußte, ehe er die aufgehäuften Balken übersteigen konnte. Rascher entschlossen als vorhin, fuhr sein Revolver in die Höhe; sein Schuß knallte. Die Kugel hatte den Brahminen getroffen, der fanatisch die Stütze des Scheiterhaufens auf dieser Seite fortzuhauen versuchte, um die Last des brennenden Holzes fallen zu machen und die Frauen zu begraben. Die Kugel traf, noch ehe Danilos ihn zu erreichen vermochte. Über die Trümmer und Balken sprang Grimaldi ins Freie. Hinter ihm her stürzten von der andern Seite die Holzwände des feurigen Berges zusammen, alles in ihrer Glut begrabend. Der kühne Retter warf mehr, als daß er sie legte, seine Last in die Arme der herbeieilenden britischen Offiziere. Dann erst versuchte er mit Hilfe der Nächststehenden die Flammm zu ersticken, die an seinem eigenen Leib emporloderten. Zum Glück hatte sein Jagdhemd von Hirschleder den Flammen Widerstand geleistet. Aber Bart, Haar und Hände waren verbrannt, selbst die Brauen und Wimpern von seinen Augen gesengt, und das Gesicht war von dem Rauch geschwärzt und entstellt. Erschöpft, betäubt sank der Retter neben der Geretteten in die Knie. Delafosse zitterte, als er den halbverbrannten Mantel des Seemanns auseinanderschlug. Darin lag die Rani, vom Rauch betäubt, bewußtlos, aber außer dem verstümmelten Finger nur von wenigen leichten Brandwunden entstellt. Doktor Brice war bemüht, die Ohnmächtige ins Leben zurückzurufen. Als sie die Augen aufschlug, schaute sie wild umher. Ihre Blicke hafteten zürnend auf Delafosse, der an ihrer Seite kniete. »Grausamer Christ«, sagte die Fürstin, »warum hinderst du mich, für meinen Glauben und mein Volk zu sterben? Tragt mich zurück in die Flammen, damit nicht Schmach falle auf Xarias Namen!« »Du irrst, Fürstin«, entgegnete der junge Offizier, »nicht ich hatte das Glück, dein Retter zu sein. Der Fremde dort trug dich mit Gefahr seines Lebens aus den Flammen.« »Schlagen Sie Ihre Tat nicht geringer an, als sie war«, mahnte Maldigri. »Nur der Zufall, daß ich den Luftzug beobachtet und von der flammenfreien Seite den Holzstoß erstieg, ließ mich die Fürstin befreien. Sie aber haben durch Ihren raschen Schuß unser beider Leben gerettet, das sonst die stürzenden Balken vernichtet hätten.« Die Rani schaute finster auf die glühende Lohe des in sich zusammengestürzten Scheiterhaufens, der ihre beiden Gefährtinnen begraben hatte. Doch bevor sie sich wieder ihren Rettern zuwandte, trat der Resident in Begleitung des Scindia zu der Gruppe. Die britischen Reiter, die trotz der fünfzigfachen Überzahl der Leute von Dschansi wenig Widerstand gefunden, hatten sich schnell des Zugangs der Zitadelle bemächtigt, Piketts auf dem Platz aufgestellt und hielten nun mit dem gespannten Pistol in der Hand die Wogen des erbitterten Volkes im Zaum. Die überraschten Soldaten des Scindia und des verstorbenen Radscha wagten ohne einen Befehl ihrer Gebieter nichts zu unternehmen. Aber es schien auch gar nicht der militärischen Gewalt zu bedürfen, um den Frieden zu sichern. Major Rivers hatte im voraus andere Mittel bereit gehalten, allen Widerstand zu beugen. Er handelte nach Instruktionen der Präsidentur von Agra. Um den einst in einer Stunde der Not oder einem unbewachten Augenblick von dem verstorbenen Radscha erschlichenen Vertrag zur Ausführung zu bringen, hatte er mit dem Einspruch gegen die Verbrennung der erbberechtigten Witwe Lutfullahs bis zum letzten Augenblick gewartet. Selbst wenn die Rani Xaria dann gegen ihren Willen nicht gerettet wurde, hatte die Company Veranlassung, wegen Mißachtung ihrer sogenannten Vormundschaftsansprüche einzuschreiten und sich des Gebietes zu bemächtigen: ein neuer vorgeschobener Posten im Gebiet der nur tributpflichtigen Fürsten von Scindia und Bundelkund. Der Scindia war aber nur durch die Gunst der Engländer eingesetzt worden und zu sehr davon abhängig, um Widerstand zu leisten. Durch die geschickten Anordnungen des kommandierenden Offiziers wäre ohnehin bei der Ankunft der Truppen seine Person in der Gewalt der Engländer gewesen. Die Versprechungen von Entschädigung, die ihm der Resident machte, waren vollends geeignet, jeden Gedanken an Gegenwehr zu beseitigen. Der Scindia verlor keinen Augenblick länger die zuvorkommende Höflichkeit des Wirtes. Auf alle Wünsche des Residenten eingehend, gab er Befehl, daß die Vornehmsten und Würdenträger von Dschansi sich um ihn und die aus den Flammen gerettete Fürstin zu versammeln hätten. »Krone der Frauen, Meer von Tugend und Schatz an Treue«, redete er die Rani an, »Wischnu, der göttliche Erhalter, will nicht, daß du die Erde verläßt, ehe du noch viele und lange Jahre dein Volk glücklich gemacht hast. Edle Maharani, du hast die Probe des Mutes bestanden. Schiwa ist versöhnt. Dein Gatte wird nicht allein sein in den Gefilden der Seligen, denn zwei seiner Frauen sind ihm gefolgt. Dir aber, der ersten und schönsten, der Perle seines Herzens und dem Schmuck seines Thrones, befehle ich, abzulassen von dem Opfer der Sati, und begrüße dich als die Rani und Herrscherin dieses Landes!« Auf seinen Wink warfen sich die Vornehmsten des Landes und die Hauptleute der Leibwache vor ihr nieder und brachten unter dem Schall der Zimbeln und Trommeln der neuen Fürstin ihre erste Huldigung. Der Scindia führte sie zu seinem Sitz; die Ausrufer verkündeten dem Volk die Thronbesteigung der neuen Rani. Xaria hatte alles starr und teilnahmslos geschehen lassen. Ihr Auge blickte in finsterem Trotz; ihr Mund war fest geschlossen. Erst als die Zeremonie zu Ende war und das allen Eindrücken leicht zugängliche Volk, eben im wilden Fanatismus über den Feuertod der Rani beglückt, jetzt derselben Frau mit Begeisterung als Herrin über Leben und Tod entgegenjubelte – als der Resident mit den britischen Offizieren sich nahte, um ihr seinen Glückwunsch darzubringen, schien sie aus ihrem finstern Starren zu erwachen. Sie richtete ihren strengen Blick auf den Scindia. »Du bist der Gebieter des Landes«, sagte sie ernst, »ich werde dir gehorchen und leben. Aber sage mir bei dem Schatten dessen, der nicht mehr ist: soll die Rani von Dschansi künftig die Sklavin der Faringi sein?« »Die hohe Company «, beruhigte schmeichelnd der Scindia, »wird deine Beschützerin sein, wie sie die Freundin aller wahren Hindu ist. Ihr Arm ist lang, und ihre Weisheit ist groß. Sie wird die Stelle deines Freundes einnehmen und dir Rat und Hilfe gewähren, wo du ihrer bedarfst.« »Kapitän Mowbray, Hoheit«, erklärte der Resident, »wird zu deinem Schutz mit seiner Schwadron in Dschansi bleiben. Ich selber werde in jedem Monat einige Tage hier verweilen und mit deinen Räten den Tribut und das Verhältnis zum Generalgouvernement ordnen.« Hohn zog über das Gesicht der Fürstin. »Merken Sie wohl, Sahib«, sagte sie, »die Faringi waren es, die mich zum Leben gezwungen und auf diesen Thron gesetzt haben – gegen meinen Willen. Sie täuschen sich, wenn sie auf Dankbarkeit von mir rechnen.« Der Resident lächelte. »Ich hoffe, wir werden noch recht gute Freunde werden!« Die Fürstin wandte sich von ihm ab zu dem Kapitän Delafosse. »Wo ist der Faringi, der mich aus den Flammen holte? Führen Sie ihn zu mir, Sahib, damit er nicht sagen möge, Xaria habe ihn ohne Belohnung gelassen.« Markos Grimaldi hatte unterdes von der Hilfe des Arztes Gebrauch gemacht, als ihn die Botschaft der Fürstin traf. Delafosse führte ihn zu ihr. Er verneigte sich und erwartete ruhig ihre Anrede. Neben ihm stand Danilos, sein Milchbruder. »Sie sind es, der mich von dem Scheiterhaufen trug?« fragte die Rani, ihren Retter betrachtend. Grimaldi verneigte sich abermals. »Sie sind ein Faringi, ein Engländer?« »Nein, Maharani, ich stamme aus einem andern Land.« Der Resident wurde aufmerksam und betrachtete mißtrauisch den Fremden, den er wenig beachtet hatte. Ohne Entschuldigung mischte er sich in das Gespräch der Rani. »Wer sind Sie, Sir?« »Ein Fremder, wie Sie sehen. Ein Reisender!« »Das genügt uns nicht; wir wollen wissen, wer und was Sie sind und wie Sie hierherkommen!« Der Befragte verneigte sich spöttisch. »Ich habe nicht gewußt«, sagte er im gleichen, leichten Ton, »daß Major Rivers auch die Polizeikontrolle führt! Indessen bin ich glücklicherweise imstande, seine Neugier zu befriedigen. Hier ist mein sardinischer Paß, aus dem Sie das Nötige ersehen mögen, Sir!« Er nahm das Papier aus seiner Brieftasche und übergab es ihm. Ehe der Resident den Paß auseinanderschlug, setzte er hochmütig seine Fragen fort: »Der Zweck Ihrer Anwesenheit, Sir?« »Ich hatte Handelsgeschäfte mit dem verstorbenen Radscha und überdies die Absicht, in seinen Dienst zu treten. Als ich heute eintraf, empfing ich die Nachricht von seinem Tode.« Major Rivers hatte unterdes den Paß entfaltet. »Wie? Sie sind Militär, Offizier von der sardinischen Armee?« »Ich war es, Sir, ich habe bereits vor sechs Jahren den Dienst verlassen und betreibe seit etwa vier Jahren eine Handelsagentur in Indien.« Der Resident lächelte mißtrauisch. »Der Tod des Radscha überhebt mich der Verlegenheit, Herr Major, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ohne besondere Erlaubnis des Generalgouverneurs keiner der indischen Fürsten europäische Offiziere in seine Dienste nehmen darf, selbst wenn sie aus einem England verbündeten Lande kommen.« »Ich kann Ihre Besorgnis beruhigen, Sir«, beharrte der angebliche Sardinier, indem er ein zweites Papier aus der Brieftasche nahm. »Diese Bescheinigung Sir Lytton Mallinghams, des Mitglieds des geheimen Rates von Indien und Kanzlers der Präsidentschaft Madras, bürgt für meine Unverdächtigkeit und gestattet mir, mit den indischen Fürsten jeden Verkehr zu treiben oder beliebig in ihre Dienste zu treten.« Rivers gab die Papiere mit einer kalten Verbeugung zurück. Die feste und selbständige Haltung des Fremden schien ihm nicht besonders zu behagen. »Ich bedaure, daß Sie zu spät kamen, aber ich werde nicht ermangeln, dem Gouvernement über den Dienst zu berichten, den Sie der Company durch die mutige Errettung der Rani geleistet haben.« »Was ich tat, war nur Mannespflicht. Der Tod des Radscha ist ein ungünstiges Geschick, das mich trifft. Ich möchte nur noch, wie es der höfliche Brauch des Landes von dem Fremden heischt, die Tschotschakana, die dem Toten bestimmt war, zu den Füßen seiner Witwe niederlegen.« Auf seinen Wink wickelte sein Begleiter aus einem Tuch ein Paar schöne, mit Silberbeschlag verzierte Pistolen und eine kleine Zahl der Tschupatties oder heiligen Kuchen, die später als geheimes Kennzeichen der Verschworenen eine so bedeutende Rolle im indischen Aufstand gespielt haben, und legte sie zu den Füßen der Fürstin nieder. Dieses Geschenk konnte selbst dem Mißtrauen des Residenten nicht auffallen. Die Sitte der Tschotschakana oder des Geschenkebringens ist in ganz Indien üblich und bei keiner Gelegenheit zu umgehen. Die Rani hatte während des Gesprächs lange und aufmerksam den Fremden betrachtet. Die stolze und energische Art, mit der er dem hochmütigen Wesen des Residenten entgegentrat, gefiel ihr. Als sie die heiligen Kuchen erblickte, erhob sie sich und sagte mit einem entschlossenen Ausdruck zu dem Sardinier: »Du bist willkommen in dem Haus des Verstorbenen. Wenn du es zu deiner Heimat wünschst, soll es dir eine werden. Die Rani von Dschansi, Sahibs, betrachtet euch von diesem Augenblick an als ihre Gäste und bittet euch nur, den heutigen Tag ihrer Trauer zu gönnen. Von morgen ab wird sie alle Pflichten der Wirtin erfüllen.« Der Resident trat ihr galant entgegen. »Deine Hoheit möge uns gestatten, uns bei dir zu beurlauben. Wir werden uns vor Aufgang der Sonne in den Wildnissen von Kurreira befinden, um Tiger zu jagen.« »Ich werde bei Ihnen sein, Sahib. Ich fürchte weder die Tiger der Städte noch die der Wälder«, entgegnete die Rani. Eine leichte Bewegung der Hand lehnte es ab, sich auf den Arm zu stützen, den der Resident ihr bot. Majestätisch verließ sie den erhöhten Sitz und schritt, von ihren Würdenträgern umgeben, dem Tor der Festung zu. Die militärischen Ehrenbezeugungen, die der Posten der britischen Reiter am Tor der Burg ihr brachte, schien sie zu übersehen. Major Rivers sah ihr sinnend nach. »Ich fange an zu glauben«, murmelte er, »ich hätte der Company einen größeren Dienst erwiesen, wenn die Brahminen dort mit der Asche des Radscha und seiner Weiber auch die ihre gesammelt hätten. Aber ... sie ist in meiner Gewalt. Widerstand hat auch seinen Reiz. Ihre Zeit wird kommen; für jetzt gilt es, einer anderen Beute nachzujagen.« Er wandte sich zu dem Scindia und den Offizieren, die mit dem sardinischen Major Maldigri ein Gespräch angeknüpft hatten.   Die Beamten und Jäger des Sultans hatten ihre Aufgabe sorgsam ausgeführt. Den Ryots eines ganzen Bezirks war es gelungen, den Dschungel, in dem ein gefährliches Königstigerpaar, der Schrecken der Gegend, hauste, zu umstellen. Der oberste Jäger konnte dem Scindia bei der Ankunft der Jagdgesellschaft melden, daß ein Jagderfolg sehr wahrscheinlich sei. Die Rani hatte noch im Lauf des Abends den Jagdwagen ihres verstorbenen Gatten nach dem Ort der Vereinigung voraussenden und neben den von den Leuten des Scindia aufgeschlagenen Zelten drei neue errichten lassen. Ihre Beamten wiederholten die Erklärung, daß von diesem Augenblick an der Scindia und die englischen Offiziere die Gäste ihrer Gebieterin seien. Die Fürstin, die noch am Abend Major Maldigri hatte zu sich bescheiden lassen, war mit zwanzig Elefanten und einem großen Troß im Lauf der Nacht noch vor den Europäem aufgebrochen, so daß sie die Gäste schon bei deren Ankunft in der Gegend von Kurreira empfing. An ihrer Seite hielt sich der Sardinier, in der stolzen Tracht der berittenen Leibwache des verstorbenen Radscha, zu deren Führer ihn die Fürstin ernannt hatte. Diese schnelle Beförderung schien keineswegs den Beifall des Residenten zu haben. Immer mehr begann er einzusehen, daß die Company , die eine Frau leicht zu lenken und zu unterjochen geglaubt hatte, hier auf einen entschlossenen und selbständigen Charakter gestoßen war. Bei den Empfehlungen, die Maldigri besaß, war es jedoch unmöglich, Einspruch gegen seine Ernennung zu erheben. Rivers beschloß, sich vorläufig zu fügen, den Fremden sorgfältig beobachten zu lassen und nähere Erkundigungen beim Gouvernement in Kalkutta einzuziehen. Er erinnerte sich, daß Sir Lytton Mallingham dort angekommen war. Mit ebenso großem Mißvergnügen bemerkte er, daß Kapitän Delafosse sich auf das innigste an den Eindringling anschloß und daß ihn auch die übrigen Offiziere gegen die britische Gewohnheit besonderer Aufmerksamkeit würdigten. Unwillkürlich ahnte der ränkesüchtige Brite in diesem Unbekannten, der seine Gunst verschmähte und sich nicht vor seiner Gewalt beugte, einen künftigen Feind, einen unerbittlichen Gegner. Die Rani empfing die Ankommenden an der Spitze ihres Gefolges. Von dem Augenblick an, da sie sich unverschleiert auf dem Gang zum Feuertod dem Volk gezeigt hatte, verzichtete diese Frau auf jede fernere Verhüllung ihrer Schönheit. Sie trug auf dem Haupt den silbernen, leichten, glockenartigen Helm der Sikhs, deren Stamm sie entsprossen war, von einem blauen Turban umwunden, unter dem die langen Flechten ihres schwarzen Haares niederfielen. Ein Kettenpanzer, so weich und biegsam, daß er nur ein Gewand von Silberstoff zu sein schien, umschloß ihren Oberkörper, ohne die Brust zu verhüllen, die von einem leichten, durchsichtigen Tuch bedeckt war. Ihre Arme waren nackt, nur von kostbaren Ringen aus Gold und Perlen umschlossen. Von ihren Hüften fiel ein kurzer orientalischer Rock von weißem Stoff, mit Gold gestickt, bis auf die Knie. Weite Beinkleider von blauem Seidenzeug, an der Seite militärisch mit einer breiten goldenen Tresse geschmückt, waren mit goldener Schnur um die Knöchel zusammengereiht. Ein kostbarer indischer Schal, auf der linken Schulter in Knoten geschlungen, lag über der Brust und dem Rücken und war auf der anderen Schulter durch eine Agraffe zusammengehalten. Die eingeborenen Krieger und Jäger der Fürstin begannen, mit einer abgöttischen Verehrung zu ihr emporzublicken. Der Todesmut, den sie auf dem Scheiterhaufen bewiesen hatte, erregte die Bewunderung dieser wilden Söhne des Dschungels; ihre Schönheit unterjochte ihre Phantasie. In ihrem Gürtel trug die Rani einen gekrümmten Dolch mit Diamanten, in ihrer linken Hand eine alte indische Flinte mit langem Lauf von einfacher, aber zierlicher Form, die zwar mit einem Schloß von neuerer Bauart versehen war, sich aber durch kostbare eingelegte Arbeit in Gold und Silber und durch wundervolle Ziselierungen auf dem Metall als eines jener Gewehre auswies, die in Herat oder Kabul schon zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts mit unerreichter Kunst gefertigt wurden. Die Rani wußte beim Empfang ihrer Gäste die Würde einer indischen Herrscherin mit der leichten Grazie und Gewandtheit einer europäischen Dame zu vereinigen. Die vornehmen Hindufrauen unterscheiden sich wesentlich von ihren nur für die Genüsse des Harems erzogenen trägen, geistlosen Schwestern. Jene hohe Intelligenz, die aus den Tempeln von Ingernaut und Flagsanta ihr Licht über die Welt verbreitete, lebt auch noch heute. Und noch heute ist eine der liebsten Beschäftigungen dieser Männer und Frauen, Briefe zu schreiben und Schriften zu verfassen. Die Fürstin lud die Gesellschaft nach kurzer Rast in den Zelten zu der gedeckten Tafel ein, die mit Erfrischungen unter dem Schatten eines riesigen Banyanbaumes aufgeschlagen war. Mit der Würde einer geborenen Königin nahm sie Platz. Trotz der Anstrengungen, die diese Art der Jagd verursachen mußte, hatte der erfahrene Oberjäger des Scindia in Übereinstimmung mit seinen Kameraden aus dem Gefolge der Fürstin von Dschansi zum Angriff gegen die Tiger die Zeit des Vormittags gewählt. Dann hielten der hohe Stand und die glühenden Strahlen der Sonne die Raubtiere träge in ihrem Lager zurück. Es würde den Erfolg der Jagd be-* deutend gefährdet haben, wenn man versucht hätte, in der Stille des Abends oder der Frühe des Morgens ihnen auf ihrem Weg nach Beute oder auf der Rückkehr von ihrem Raubzug zu begegnen. Man mußte sie demnach in ihrem Lager aufsuchen, und das konnte nur während der Hitze des Tages geschehen. Diese günstige Zeit war jetzt gekommen. Der Oberjäger bat, das Zeichen zum Aufbruch geben zu dürfen. Die Jagdelefanten und die Pferde wurden vorgeführt. Die Gesellschaft traf rasch ihre letzten Vorbereitungen. Seit der Tafel im Meß-Bangalo zu Khanpur war von der tollen Wette des jungen Irländers mit keiner Silbe mehr die Rede gewesen. Edward O'Sullivan schien sie vergessen zu haben oder vergessen zu wollen. Keiner der Offiziere, selbst sein Gegner nicht, war herzlos genug, ihn daran zu erinnern. Jeder wußte, daß die Erfüllung der Wette das unausbleibliche Verderben war. Nicht ohne Besorgnis bemerkte Kapitän Delafosse, daß der junge Irländer seltsamerweise durchaus nicht zur Jagd gerüstet erschien, sondern im Gesellschaftsanzug geblieben war, wie er ihn an jener Offizierstafel getragen hatte. Er führte auch keine Waffe bei sich und wies ebenso die Büchse zurück, die Mickey, das Faktotum des Obersten, der stets eine besondere Vorliebe für seinen jungen Landsmann gezeigt hatte, ihm reichte. Außer Delafosse hatte noch ein anderer die Bewegung beobachtet; ein tückisches Lächeln spielte um Rivers' Mund. Die Rani bestieg ihren Elefanten. Der Scindia lud den Residenten ein, die Hauda des seinen mit ihm zu teilen. Einige von den Offizieren, darunter Kapitän Delafosse, stiegen zu Pferde. Die anderen, auch Edward O'Sullivan, nahmen auf den Elefanten Platz. Es waren, im ganzen fünfzehn Jagdelefanten mit etwa doppelt so vielen Jägern und ebenso viele Reiter. »Schade, Ned«, sagte der Resident, als er an O'Sullivan vorüberkam, »daß der hagere Schotte – MacScott heißt er ja wohl – der Leibjägermeister des Nena, nicht hier ist. Er würde Ihnen guten Rat erteilen können für Ihr Unternehmen.« Der junge Mann antwortete nicht. Die Rani gab jetzt das Zeichen zum Aufbruch; der ganze Zug setzte sich in Bewegung. Die Mahauts, hinter den Ohren ihrer Elefanten sitzend, lenkten sie mit ihrem Zuruf oder dem spitzen Eisenstachel. Der hinter der Hauda kauernde Diener wendete den daran befestigten Sonnenschirm nach der Richtung der Sonne. Mehrere der indischen Reiter jagten voraus, um den Treibern das Zeichen zum Beginn des Kesseltreibens zu geben. Zuerst rasch, dann immer langsamer und vorsichtiger rückte der Zug vorwärts. Der Weg führte durch einen großen Wald riesiger Dunbäume, der sich nach einer halben Stunde lichtete und zu einem mächtigen Dschungelgestrüpp wurde. In seiner Mitte erhob sich ein kleiner Hügel, gekrönt von den Ruinen eines uralten Tempels. Diese Trümmer sollten das Lager der Tiger sein. Am Rande des Waldes machte die Gesellschaft halt und begann, sich in langer Reihe auszudehnen. Vor ihnen lag der Dschungel, ein breites und langes Dickicht von häuserhohem Bambus, durchrankt von Schlinggewächs, mit dem langen, scharfen Schilfgras vermischt, das selbst einen Reiter überragt. Man fand hin und wieder gebleichte Knochen von Tieren. Auch ein Menschenschädel grinste aus den leeren Augenhöhlen die Jäger an. Kein Laut außer dem Schnauben der Tiere, die die Nähe ihrer grimmigen Feinde witterten, und dem Knacken der Hähne beim Spannen der Büchsen und Flinten. In der Ferne setzte das Geschrei der Treiber, das Schlagen der Metallbecken, das Läuten ihrer Glocken ein, das die Tiger aus ihrem Versteck scheuchen sollte. Die Rani gab das Zeichen zum Vorrücken. Die Mahauts stachelten ihre Tiere. Fünfzehn Elefanten begannen in einer Reihe von etwa fünfzehnhundert Schritt in den Dschungel langsam einzudringen. Hinter den Elefanten, als zweites Treffen, kamen die Reiter, mit Lanzen oder mit Gewehren bewaffnet. Das dritte Treffen, die letzte Reihe, bildete die große Zahl der Fußgänger, der Jäger, Diener und Soldaten, mit langen und starken Speeren bewaffnet. Ein ganzes Heer rückte gegen die beiden Könige der Wildnis an und sperrte ihnen in seiner dreifachen Reihe den Weg zur Flucht. Manches Gesicht begann allmählich zu erbleichen, in manchem Auge zeigte sich die Furcht der Erwartung. Immer deutlicher vernahm man den Lärm der Treiber von der anderen Seite des Dschungel. Der Befehl des Scindia hatte nahezu tausend Bauern dort zusammengeführt. Schritt für Schritt drang man im brennenden Strahl der Sonne in das Dickicht. Die Elefanten traten mit ihren plumpen Füßen das Geröhr zusammen und rissen mit ihren Rüsseln die Büsche aus dem weichen, feuchten Boden. Auch sie wurden immer unruhiger und stießen trompetenartige Töne aus. Die Pferde schnaubten mit wild in die Luft geworfenen Nüstern und mußten durch Sporenstöße von ihren Reitern vorwärtsgetrieben werden. Plötzlich hörte man in einer kurzen Pause des Geschreis der Treiber ein dumpfes Knurren. Gleich darauf erscholl ein wildes Zischen, ein heiseres Fauchen. Ein anderes, nur noch wilder, kräftiger, wütender als das erste, antwortete. Selbst die mutigsten Herzen schlugen rascher. Die Tiger schienen sich nur in geringer Entfernung voneinander, wenn nicht dicht beisammen, zu befinden. Der Ruf des ersten Jägers ermahnte zur Vorsicht. Ein Fauchen, näher als das erste, von zwei Kehlen zugleich ausgestoßen, ward hörbar. Zwei der Elefanten, noch junge, an den Kampf nicht gewöhnte Tiere, vermochten diese gefährliche Nähe, diese furchtbaren Töne nicht mehr zu ertragen. Sie machten kehrt und rannten, trotz aller Anstrengungen ihrer Mahauts, die Linien der Reiter und Fußgänger durchbrechend, davon. Auf dem einen der flüchtigen Tiere befanden sich Kapitän Lowe und Doktor Brice, auf dem anderen ein indischer Häuptling aus der Begleitung des Scindia. Das letzte Tier hatte noch keine hundert Schritte gemacht, als man einen Schuß hörte. Die Büchse des über die Schmach der Flucht erbitterten Serdars zerschmetterte seinem schuldlosen Mahaut den Kopf. Aber die Zurückbleibenden hatten keine Zeit, auf das Schicksal der Flüchtigen zu achten. Vor ihnen in dem Dschungel brach und knackte es von zerbrochenem Rohr und Geäst – im nächsten Augenblick sprangen mit gewaltigem Satz, fast Leib an Leib, zwei mächtige Tiger ins Freie. » Ram! Ram! « feuerte die Rani ihren Mahaut an. Zwanzig, dreißig Schüsse, die meisten aufs Geratewohl abgegeben, vermischten sich mit dem Geschrei der Jäger, dem Wiehern der Pferde, dem Schmettern der Elefanten. Der weibliche Tiger warf sich mit mächtigem Sprung auf den Elefanten der Rani. Von dem Schlag des Rüssels getroffen, flog er hoch in die Luft, überschlug sich und prallte zurück in das Röhricht. In diesem Augenblick sprang der Königstiger von der Seite dem Elefanten an den Kopf, schlug seine Pranken tief in das Fleisch des edlen Tieres, das linke Auge damit zerreißend, und grub sein fürchterliches Gebiß in den Rüssel des Elefanten. Der Mahaut stürzte schwerverwundet auf der anderen Seite hinab. Die Rani ließ keinen Laut vernehmen. Sie hatte sich in der Hauda aufgerichtet, deren Wand sie allein von dem grimmigen Raubtier schied. Kaltblütig erhob sie ihr Gewehr, dessen Mündung fast den Kopf des Tigers berührte, und entlud es. Der Schuß hätte in dieser Nähe tödlich sein müssen. Der vor Schmerzen hin und her springende und ausschlagende Elefant verrückte aber das Ziel. Die Kugel streifte nur den Pelz der Bestie. Die Zähne des Tigers hatten die Muskeln des Rüssels zerrissen. Der Elefant war wehrlos, und der Tiger, festgeklammert auf seinem blutigen Sitz, richtete sich nun gegen die Fürstin, seine gefährlichere Gegnerin. Vergeblich hatte Xaria die Hand rückwärts gestreckt, ohne die Augen von der Bestie zu lassen, um ein zweites Gewehr von ihrem Büchsenspanner in Empfang zu nehmen. Der Mann war aber bei den entsetzten Bewegungen des leidenden Tieres herabgeschleudert worden und lag zertreten unter dessen Füßen. Keiner der Jäger wagte einen Schuß zu tun, um die Rani zu retten; einen Schuß, der sie selber fast mit Sicherheit treffen mußte. Vergebens versuchte der Mahaut des Elefanten zur Linken der Rani, sein Tier heranzutreiben. Die Fürstin stand in ihrer Hauda aufrecht, weit über den hinteren Rand zurückgebeugt, mit der Linken sich festklammernd, mit der Rechten dem Tiger den Dolch entgegenstreckend. Major Maldigri, der in der Hauda des Elefanten zur Linken mit dem Oberstleutnant Stuart saß, hatte an dem Jagdzug nur als Zuschauer teilgenommen, da die Verletzungen seiner noch mit Verbänden umwickelten Hände ihm nicht gestatteten, sich einer Büchse zu bedienen oder zu Pferd sich den Kämpfenden anzuschließen. Im Augenblick der Gefahr schwang er sich, ohne an sich zu denken, über den Rand der Hauda, glitt an der Seite seines störrischen, den Angriff verweigernden Tieres herunter und eilte seiner neuen Gebieterin zu Hilfe. Von der anderen Seite sprengte Kapitän Delafosse heran; mit rasenden Sporenstößen trieb er sein Pferd näher. Das arme, zerrissene Tier, das die Rani trug, ließ sich in wütendem Schmerz zur Erde fallen, um den grausamen Feind zu erdrücken. Die Rani wurde durch den Sturz des Riesentieres zur Seite geschleudert. Zum Glück hatte das hohe, weiche Gras die Gewalt ihres Sturzes gemildert, so daß sie nicht einmal die Besinnung verlor. Bevor sie sich noch emporraffen konnte, war Major Maldigri schon an ihrer Seite und warf sich zwischen sie und den Tiger. Die Bestie hatte sich von dem besiegten Feind losgemacht und stand nun der Rani und ihrem kühnen, aber waffenlosen Verteidiger gegenüber. Sie kauerte sich nieder und zog den Vorderkörper zurück zum gewaltigen Sprung. Ihr Rachen stieß mit dumpfem Fauchen heißen Brodem aus. Aber noch ehe der Tiger sich auf den kräftigen Muskeln seiner Hinterbeine emporschnellte, krachte ein Schuß. Die gewaltigen Glieder des Raubtiers zuckten, die scharfen Pranken hieben im Todeskampf wild umher, dann streckten sie sich lang aus. Der furchtbare Gegner war verendet. Alles stürzte herbei. Die Krieger und Jäger stießen ihre Speere in den Leichnam des Tigers, stimmten den Siegesgesang nach glücklich beendetem Kampf an und tanzten um den erlegten Feind. Kapitän Delafosse war im letzten Augenblick mit Blitzesschnelle hinter dem Tiger vom Pferd gesprungen. Mit der Kaltblütigkeit und Sicherheit, die nur die höchste Gefahr zu geben pflegt, setzte er dem Raubtier den Lauf seiner Büchse an den Kopf und drückte ab. Die Kugel drang ins Gehirn. »Die Hand eines Faringi hat sich in zwei Tagen zweimal für das Leben einer Hindu erhoben«, sagte langsam und ausdrucksvoll die Rani. »Wischnu hat es so gewollt, und sein Wille ist heilig. Ich danke dir und möchte dich lieben dafür, wenn du nicht der Feind meines Volkes wärest.« Der junge Offizier erbebte vor diesen halblaut gesprochenen Worten. Jede Entgegnung wurde jedoch durch Maldigri abgeschnitten, der ihm freundlich die verbundene Hand bot. »Es ist das zweite Mal, Sir«, sagte er herzlich, »daß Sie zwischen mich und den Tod treten. Wenn Ihnen an dem Dank eines Fremden gelegen ist – – nehmen Sie die Versicherung, daß ich die Schuld abtragen werde.« In dem Wesen des Sardiniers lag eine Kraft der Güte, die jedem edlen und hochherzigen Geist das geheime Gefühl der Seelenverwandtschaft aufdrängte. Kapitän Delafosse schüttelte ihm die Hand – sie waren fürs Leben Freunde – oder doch einander achtende Feinde. Die Rani wandte sich nach der augenblicklichen Aufwallung des Gefühls, als schäme sie sich seiner, zu den Offizieren und dem Gefolge zurück, das sich um sie versammelt hatte. »Was soll das bedeuten, Sahibs, daß Sie Ihre Posten verlassen? Beunruhigen Sie sich nicht um mich! Ein Unfall, wie er bei jeder Jagd vorkommt. Sie sehen, ich habe tapfere Ritter an meiner Seite. Wo ist der zweite Tiger? Hat er Ihre Reihen durchbrochen?« »Der Schelm hat Furcht«, spöttelte der Resident mit großer Ruhe von seiner Hauda herab, »ich sah ihn sich ins Dickicht zurückziehen.« Als wolle sie ihre Anwesenheit bestätigen, hörte man aus dem Dschungel die Tigerin mit mächtigem Heulen den Gefährten rufen. Die Entfernung, in der sie sich danach befand, mochte etwa zweihundert Schritt betragen. Man konnte in dem Röhricht den Pfad bemerken, den sie sich gebrochen hatte. Rivers klopfte die Asche von seiner Zigarre. »Ned, mein Junge, Sie werden leichteres Spiel mit der Bestie haben, als ich befürchtete. Der Schlag mit dem Rüssel des Elefanten hat ihr vielleicht eine oder zwei Rippen zerbrochen, und Hallidays Chancen sind um zwanzig Prozent gesunken.« Diese boshafte, wohlüberlegte Anspielung traf alle wie ein kalter Schlag. »Unsinn, Major!« rief der Oberst. »Sie werden doch nicht denken, daß Master O'Sullivan töricht genug ist, den Narrenstreich zu wagen? Die Wette konnte von vornherein keine Geltung haben.« »Das ist eine Sache, die mein Freund Ned mit Halliday abzumachen hat«, sagte kalt der Resident. »Mich geht sie nichts an, ich hätte höchstens auf O'Sullivan gewettet.« Ein kaum bemerklicher Wink der Augen verständigte den Leutnant. »Ich bin es zufrieden, daß die Wette rückgängig gemacht wird, wenn Master O'Sullivan eine Abneigung gegen den Tiger empfindet«, bemerkte Halliday, indem er sein Wettbuch hervorzog und sich anschickte, die Wette zu streichen. »Wieviel waren es doch wohl? – Richtig, lumpige hundert Pfund.« »Lassen Sie uns aufbrechen! In die Sättel, meine Herren, vorwärts auf den Tiger!« verlangte mit einer gewissen Angst und Hast, die einem großen Unglück vorbeugen will, Kapitän Delafosse. Die Rani, der Scindia und Maldigri schauten verwundert von einem zum andern. Sie begriffen nicht, warum der allgemeine Angriff verzögert wurde, obgleich die beiden ersten gleichfalls genug Englisch verstanden. Edward O'Sullivan war bei dem ersten Wort des Residenten von seinem Elefanten gestiegen. Er stand in der Mitte der Männer, bleich, zitternd, aber mit funkelndem Auge und festem, unwiderruflichem Entschluß. »Ich danke Ihnen für die Erinnerung, Herr Major«, sagte er fest, »und Sie, Halliday, bemühen Sie sich nicht – ich gedenke, meine Verpflichtung zu lösen und habe mich vorbereitet dazu.« »Ah, bravo!« klatschte der Resident. »Ich wußte es im voraus, Ned hält sein Wort und läßt nie eine Schuld unbezahlt.« »Um Gottes willen«, mahnte ernstlich besorgt der Oberstleutnant, »helfen Sie mir lieber, den jungen Toren von seinem Entschluß abzubringen, statt ihn noch mehr durch solche Worte zu reizen!« Delafosse hatte Maldigri und der Rani die Umstände der Wette mitgeteilt. »Die Christen sind närrisch; sie wissen nicht, was sie tun!« sagte achselzuckend die Rani und winkte den Elefanten eines ihrer Serdars herbei. »Auf keinen Fall werde ich solchen Selbstmord dulden«, erklärte energisch Delafosse. »Er wäre ärger als das, was wir gestern angesehen haben.« »Einen Augenblick, meine Herren!« Der junge Irländer hob die Hand. »Sie alle sehen diesen Revolver in meiner Hand, mit dem mich mein Freund, Major Rivers, vor unserem Auszug von Khanpur, als Beweis seiner Zärtlichkeit, versorgt hat.« »Gewiß, aber Sie glauben doch nicht, mit einlötigen Kugeln ...« »Ich schwöre Ihnen, mir auf der Stelle eine Kugel damit durch den Kopf zu jagen, wenn Sie mich hindern wollen, meinem verpfändeten Wort Genüge zu tun!« Alles schwieg; jeder fühlte, daß jetzt jedweder Einspruch vergeblich war. Edward wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Er zog aus der Tasche seines Reitfracks das Tischmesser, das er an der Tafel der Offiziersmesse an sich genommen hatte, und bat Kapitän Delafosse, es in seiner Hand festzubinden. Der Kapitän tat es. »Haben Sie irgendeine Bestimmung zu treffen, Herr O'Sullivan, für den Fall, daß ...« Er brach ab. Der junge Irländer drückte ihm die Hand. »Ich weiß, Sie sind ein Ehrenmann, Kapitän, und werden meine Bitte erfüllen. In diesem Portefeuille –« er zog es aus der Brusttasche und legte es nieder ins Gras, »befindet sich ein Brief an meine Schwester Margarethe, die Gattin des Maharadscha Srinath Bahadur. Sie werden ihr ihn, wenn ich nicht zurückkehre, persönlich überbringen und – es würde mich sehr glücklich machen, hätte ich Ihr Versprechen, der Freund meiner Schwester bleiben zu wollen.« »Verlassen Sie sich darauf, Ned. Ich will alles, was Sie wünschen, aufs gewissenhafteste besorgen«, rief der Resident. »Ich habe Kapitän Delafosse mit meinem Willen beauftragt, Sir«, entgegnete O'Sullivan kalt. »Seien Sie versichert, daß er erfüllt werden soll«, erklärte der Kapitän mit einem festen Blick auf den Residenten. Ein erneutes Geheul aus dem Dschungel schien das Opfer zur Eile zu mahnen. Alle sahen, wie der Irländer unwillkürlich zusammenschauderte. »Sie hören – man ruft mich ...« Auf ein Zeichen der Rani hatte der Mahaut ihren Elefanten näher getrieben. Die kühne Frau, die den Mut an anderen zu würdigen verstand, riß sich den kostbaren Schal von der Schulter und warf ihn dem jungen Mann zu. »Nimm, Sahib«, sagte sie, »und wickle ihn fest um deinen linken Arm. Die Zähne des Tigers vermögen das Gewebe von Kaschmir nicht zu durchdringen.« O'Sullivan befragte mit einem Blick den Kapitän, gleichsam als Ehrenrichter, ob er die Hilfe annehmen dürfe. Delafosse nickte schweigend. Mickey sprang herbei, ihm den Schal um den Arm zu wickeln. »O Jesus, Herr«, rief der ehrliche Bursche betrübt, »ich hoffe, Sie werden die gesegnete grüne Insel nicht zuschanden werden lassen! Akuschla, mein Liebling, wenn Sie sich schwach fühlen, will ich lieber selber gehen und den braunen Kerlen hier zeigen, was einer Mutter Sohn tun kann!« O'Sullivan wehrte ihn freundlich ab. »Fassen Sie die Bestie fest ins Auge, Sir«, flüsterte Maldigri dicht neben ihm. »Weichen Sie keine Linie breit vor ihrem Blick! Das Katzengeschlecht fürchtet die Macht des menschlichen Auges. Die heilige Jungfrau nehme Sie in ihren Schutz!« Edward O'Sullivan schritt vorwärts. Die ersten Schritte waren wie die eines Trunkenen, man glaubte, ihn jeden Augenblick ohnmächtig niedersinken zu sehen. Delafosse wollte ihm auf jede Gefahr hin nacheilen. Aber von Schritt zu Schritt wurde sein Gang sicherer, seine Haltung fester. Eine Minute noch, dann verschwand seine Gestalt zwischen den Gräsern, die von beiden Seiten die Tigerspur überwölbten. Tiefe, beklommene Stille lag über der ganzen Jägerschar, keiner wagte zu sprechen. Alle hatten ihre Tiere bestiegen, bereit, jeden Augenblick den neuen Kampf zu beginnen. Aber der Tiger hätte ungehindert fliehen können; denn die Linie war unbewacht. Die Jäger hatten sich auf eine Stelle zusammengedrängt. Es vergingen fünf Minuten ängstlicher, peinigender Erwartung. Mickey war der erste, der diese Stille zu unterbrechen wagte. »So wahr Pater O'Donnaghue nie eine Haushälterin über acht Monate im Dienst gehabt hat – der Lord-General mag mich schinden lassen, wenn's nicht wahr ist! –, aber es ist nicht besser als Mord an dem jungen Blut! Es wird kein Stück von ihm ganz bleiben, das ich dem Goldkind, seiner Schwester, bringen könnte!« Ein lang anhaltendes, wütendes Heulen drang aus der Gegend der Ruinen. »Jetzt sind sie aneinander«, sagte scharf hinhorchend der Resident. Er brannte sich gemächlich eine neue Zigarre an, um die lästigen Fliegen zu vertreiben. Der Oberstleutnant fuhr ihn barsch an: »Schweigen Sie, Sir! Hören Sie nicht – es kommt etwas heran – die Büchsen fertig, daß wir wenigstens den armen Jungen rächen an der Bestie!« »Nein, es kommt nicht von dort. Es nähert sich aus dem Wald«, rief Follington, der Quartiermeister. Unter den Bogengängen der Fichten zeigten sich zwei Reitergruppen: Kapitän Lowe und Doktor Brice auf ihrem herantrabenden Elefanten, den sein Mahaut endlich auf der Flucht zum Stillstehen und zur Umkehr bewogen hatte. Nebenher galoppierte ein Reiter, eine große Gestalt, so hager, daß der ganze Körper nur aus Haut und Muskeln zu bestehen schien. Der Mann war alt. Eine schmutzige Jagdmütze von Leder bedeckte den raubvogelartigen Kopf mit der Habichtsnase und dem zurücktretenden Kinn. Er trug einen kurzen grünen Jagdrock und eng anliegende Lederbeinkleider mit Gamaschen und schwere, dicke Schuhe. Verschiedene der Anwesenden schienen ihn zu kennen, ebenso der Doktor, der im Reiten mit ihm sprach. »Was zum Henker, Herr MacScott, führt Sie in diesem Augenblick von Bithur hierher?« rief der Oberstleutnant fast erleichtert. »Ihr Diener, Oberst! Ihr Diener, Gentlemen!« Der alte Mann brachte sein Pferd zum Stehen und verbeugte sich mit der ihm trotz seiner wilden Beschäftigung gebliebenen aristokratischen Art. Der alte Tigerjäger und Erzieher des Nena hatte ihn auf dem größten Teil seiner Reisen begleitet. »Eine unglückliche Nachricht, Gentlemen. – Darf ich Sie bitten, mir zu sagen, wo ich Master O'Sullivan, den Bruder meiner Herrin, finden kann? Die Sache hat Eile.« Alles schwieg; niemand wagte zu antworten. Aber die Antwort kam von einer anderen Seite her. Ein grimmiges, die Nerven erschütterndes Zischen, Fauchen und Heulen drang aus dem Dschungel herüber und erscholl in einzelnen Stößen immer wütender und heftiger. »Ah«, sagte MacScott, der vom Pferd gestiegen war, indem er sich behaglich auf den hageren Leib schlug, »da ist ja noch eins meiner Lämmchen!« Er warf einen Blick umher auf die toten Körper des Elefanten, des Tigers und des Büchsenspanners und auf den schwer verwundeten Mahaut. »Ich sehe, es ist scharf hergegangen. Der Doktor erzählte mir schon davon, obgleich er meinte, es wären mindestens zehn Tiger hinter ihm drein gewesen. Aber wo ist Master O'Sullivan?« Kapitän Delafosse wies nach dem Dschungel hin. »Dort!« sagte er aufgeregt. Der alte, abgehärtete Schotte fuhr zurück. »Machen Sie keinen Scherz, Sir! Wo ist Edward O'Sullivan?« »Master O'Sullivan befindet sich dort, im Dickicht dieses Dschungels, am Fuß der Ruinen, im Duell mit einem Tiger. Sie hören sein Totenlied.« Ein schwächeres, halbersticktes Grollen drang aus der geheimnisvollen Tiefe der Wildnis herüber. »Das ist unmöglich – hier sehe ich so viele Gentlemen müßig versammelt!« Die schlichte Einfalt dieser Worte jagte Schamröte auf die Gesichter der britischen Offiziere. »Sie haben recht, Herr MacScott«, bestätigte der Kapitän entschlossen, »es war eines Mannes unwürdig, hier zu warten. Die Pflicht des Nächsten steht höher als der Dünkel einer falschen Ehre.« Er folgte dem greisen Tigerjäger, der, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, nach seinem erstaunten Ausruf die Büchse von der Schulter genommen hatte und in das Dickicht des Dschungels vorangeschritten war. Ein mächtiger Impuls schien alle Anwesenden ergriffen zu haben, indem sie, ohne sich weiter zu verständigen, sich ausbreiteten und vorwärts drangen. Jede Bewegung des Schotten verkündete den erfahrenen Jäger, den Kämpfer in den Wildnissen. Die hohe Gestalt gebückt, den Lauf der Büchse in der Höhlung der linken Hand ruhend, und den Finger der rechten am Schloß, den Kopf weit vorgestreckt, Ohren und Nüstern geöffnet, als wollten sie jeden Laut, jeden Geruch einsaugen, so glitt er etwa zwanzig Schritte voraus durch das Rohr und das Riesengras mit einer Kraft und Gewandtheit, die einen Jüngling beschämt hätten. Kapitän Delafosse sowie Lowe waren abgestiegen und folgten, ihre Büchsen schußfertig in der Hand, zu Fuß. Hinter ihnen drein kamen der Elefant der Rani und mehrere Reiter. So drangen sie vorwärts. Die anderen folgten langsam und bewachten das Dickicht. Das ferne Lärmen der Treiber, das noch immer das Entfliehen der Tiger nach der Seite verhindern sollte, unterbrach allein wieder die Stille des Dschungels. Kein Laut, kein Ton mehr zeigte den entsetzlichen Zweikampf an. Delafosse hegte die stille Hoffnung, beim Vorwärtsschreiten den Unglücklichen auf seinem Weg ohnmächtig niedergesunken zu finden. An einer Stelle lag ein Handschuh. O'Sullivan mußte ihn im Vorüberkommen hier verloren oder fortgeworfen haben. Es war der Beweis, daß sie sich auf der richtigen Spur befanden. Plötzlich stieß der Schotte einen lauten Ruf aus und sprang vorwärts. Vor ihnen erhoben sich die von Jahrtausenden zerbröckelten Marmorsäulen eines Tempels oder eines Grabmals. Am Schaft dieser Säulen, am Fuß der gigantischen Trümmer war das hohe Dschungelgras, das Gestrüpp und Rohr in weitem Umkreis zu Boden getreten. Der Ort glich einem Kessel, einem Nest in dieser Wildnis morastiger Vegetation. Es war die Lagerstätte der Tiger. Am Rand des freien Raumes stand MacScott, die Büchse an der Wange, den Finger am Drücker. Der Elefant der Rani stieß ein schmetterndes Geschrei aus. In der Mitte des Platzes erkannte man eine verworrene Masse von Kleidern, Blut und Fleisch. Quer über ihr Opfer lag ausgestreckt die Tigerin. Zwei junge, höchstens zwei Wochen alte Tigerkatzen spielten im Gras und leckten das Blut. Die Tigerin regte sich nicht, trotz der Nähe der Menschen. Plötzlich kam aus dieser entsetzlichen Masse der leise Seufzer einer menschlichen Brust, ein schmerzliches, klagendes Stöhnen. Der alte Tigerjäger ließ sein Gewehr fallen, faßte sein Jagdmesser und sprang vorwärts. Im nächsten Augenblick kniete er in der Blutlache neben dem Tier und dem Menschen. Der Tiger war tot; kein Glied, keine Sehne rührte sich mehr. Die Offiziere, der Schotte, die herbeieilenden Jäger legten Hand an, den Kadaver aufzuheben und zur Seite zu werfen. Das Tier war eines der größten seiner Art, noch größer als das zuvor getötete Männchen. Die verstümmelte Gestalt, die unter der Bestie lag, hatte kaum noch menschliche Form. Jedes Glied war gebrochen, zerfleischt von den grimmigen Bissen und Krallenhieben. Aber die rechte Hand hielt noch krampfhaft das blutbedeckte Messer fest, mit dem O'Sullivan den unerhörten Kampf ausgefochten hatte. Noch war Leben in diesem Körper, noch regten sich die Nerven, und die Glieder zuckten unter gräßlichen Schmerzen. Auf das Geschrei der zuerst Angekommenen eilten die Nachfolgenden von allen Seiten rascher herbei. Doktor Brice übernahm sogleich die Versuche zur Rettung des Unglücklichen, kniete neben ihm nieder und legte die Hand auf sein Herz. »Es ist wirklich noch Leben in ihm!« sagte er nach einer kurzen Pause der Untersuchung. »Schade um den armen Jungen! Er hat uns wahrhaftig bewiesen, daß er keine Furcht vor den Tigern hat.« Der Resident betrachtete mit seinem Lorgnon den toten Körper des Tigers. »Die Bestie hat nicht weniger als acht Stichwunden und einige so groß, daß man die Hand darin umkehren könnte. Ich hätte Ned gar nicht so viel Kraft zugetraut.« Delafosse warf ihm einen verächtlichen Blick zu. Über das Gesicht des Sterbenden zuckte es wie ein Lächeln stolzen Triumphes. »Was ist zu tun, Doktor? Vielleicht ist dem Ärmsten noch zu helfen?« »Ich muß ihm auf der Stelle einen Verband anlegen und die Blutungen stillen. Dann wollen wir sehen, wie wir ihn zu den Zelten fortschaffen können. Aber ich fürchte, daß menschliche Kunst hier vergebens Heilung versuchen wird.« Alle bemühten sich, zur Beschleunigung der Hilfe beizutragen. Auch Halliday war eifrig beschäftigt, seine Mitschuld an dem Unheil vergessen zu machen. Wie Delafosse der Tätigste, war die Rani die Umsichtigste von allen. Sie zerriß ihre kostbaren Gewänder, ihren Turban, um Binden und Kompressen zu machen, ließ durch ihre Leute Wasser herbeischaffen und leitete die Anfertigung einer Bahre aus den Speeren ihrer Jäger. Zweien ihrer Reiter befahl sie, nach dem Jagdlager zu eilen, um ihren Palankin herbeizuholen. Der alte Schotte leistete stumm und düster dem Verwundeten Hilfe. Major Rivers trat langsam zu dem Vertrauten des Nena heran. »Nun, Herr MacScott«, begann er unbefangen, »wir wissen noch immer nicht, was Sie so eilig von Bithur hierhergeführt hat. Oder ist es ein Geheimnis?« »Nein, Sir«, antwortete der Jäger rauh, »was ganz Khanpur bereits weiß, ist kein Geheimnis mehr. Der Tod ist ein Glück für diesen Mann hier; denn sein Leichtsinn hat das Unheil verschuldet. Seine Schwester Margarethe, die Gattin des Maharadscha, ist plötzlich spurlos verschwunden ... gemordet oder entführt von unbekannten Räubern und Feinden!« Ein Seufzer, der erste Laut, seit sie ihn gefunden hatten, quoll aus dem blutenden Mund des Ärmsten, seine Augen öffneten sich und starrten mit Schreck und Entsetzen den schlimmen Boten an. »Unvorsichtiger!« rief Delafosse. »Wie konnten Sie so grausam sein!« »Es ist ein Glück für ihn, wenn er stirbt«, wiederholte der Jäger finster. »Der Zorn des Nena wird ihn und uns alle vernichten!« »Zum Henker«, stieß der Oberstleutnant hervor, »da Sie nun schon die Botschaft ausgeplaudert haben, so erzählen Sie wenigstens, wie es gekommen und was geschehen ist! Hoffentlich ist Rettung möglich. Die Kenntnis der Umstände kann unsern armen Freund hier beruhigen.« Die Augen des Verstümmelten hingen starr an den Lippen des Schotten; kein Zucken des Schmerzes in ihnen, während der Arzt seine Wunden behandelte. Der Tigerjäger schüttelte das Haupt. »Ich fürchte, es ist alles vergeblich. Die Verbrecher haben ihre Maßregeln so schlau getroffen, daß keine Spur von ihnen aufzufinden war. Die Maharani Margarethe erhielt gestern morgen einen Brief. Ohne mir ein Wort zu sagen und meine Rückkehr abzuwarten – ich war zwei Stunden früher nach einer entfernten Plantage des Srinath Bahadur geritten – ließ sie ihren Pony satteln und jagte, von einem einzigen Diener begleitet, nach Khanpur. Erst um Mittag brachte ein wandernder Krämer ihr Pferd zurück. Er hatte es angebunden in den Akazienbüschen am Weg in der Mitte zwischen Bithur und Khanpur gefunden, den Diener mit einer Schlinge erdrosselt daneben. Dieser Umstand, so traurig er an und für sich scheint, ist das einzige, worauf ich noch meine Hoffnung baue. Die Thugs können die Tat nicht verübt haben. Sie hätten nach ihrer Gewohnheit den Leichnam des Dieners und den der Herrin vergraben. Auch die Annahme, daß der Mord von gewöhnlichen Phansigars verübt wurde, ist mir zweifelhaft geworden. Warum findet sich dann der Körper der Maharani nicht neben dem des erwürgten Dieners? Aber damit schließt leider jede weitere Vermutung. Sie alle, die Sie in diesem Land gelebt haben, wissen, mit welcher unglaublichen Kunst man hier jede Spur eines Verbrechens zu vertilgen versteht.« »Und das ist alles, was Sie zu ermitteln vermocht haben, Master MacScott?« fragte der Resident. »Sie haben keine Ahnung, was jener Brief enthielt oder wer ihn schrieb?« »Doch, Sir, der Brief ist hier! Die Dienerinnen fanden ihn im Schlafzimmer der Maharani. Wahrscheinlich hat sie ihn verloren, als sie zu dem Ritt die Kleider wechselte.« »Zeigen Sie her!« Der Resident langte nach dem Schreiben; aber Delafosse kam ihm zuvor, nahm das Billett aus der Hand des alten Jägers und entfaltete es. »Bei Gott! Es ist von Master O'Sullivan.« Rivers biß sich auf die Lippen. Hastig las der Kapitän den Brief vor: »Eile zu mir nach Khanpur. Aber im geheimen! Tod und Leben hängen davon ab. Dein sonst verlorener Bruder Edward O'Sullivan.« »Ich weiß nicht, ob dies die Handschrift Mister O'Sullivans ist«, forschte der Kapitän, den Brief herumzeigend. »Es ist seine Schrift«, erklärte der Jäger, »ich kenne sie wohl. Oder sie wäre teuflisch gut nachgemacht!« »Und dieser Brief ist wahrscheinlich die Ursache, daß Sie uns nachfolgten?« »Ja, Sir. Ich vernahm in Khanpur, daß Master Edward mit dem Major und den Offizieren, seinen Freunden, in der Nacht von Dschansi aufgebrochen war. Ich ritt ein Pferd tot, um ihm zu folgen und Aufklärung zu holen, die unsere weiteren Nachforschungen leiten könnte.« Aller Blicke wandten sich auf den Unglücklichen. Die Stirn und die Augen waren fast die einzigen Teile dieses Körpers, die in den Klauen der Bestie unverletzt geblieben waren. Auf der Stirn lag jetzt eine dunkle Falte – die Augen waren mit einem ingrimmigen Ausdruck des Abscheus, des Hasses, der Drohung auf den Residenten von Khanpur gerichtet. Der Arme machte eine gewaltige Anstrengung, zu sprechen; aber nur ein unverständlicher, gurgelnder Laut drang aus der blutenden Kehle. Der Doktor verbot ihm jede Anstrengung. Die Augen O'Sullivans flammten in wortloser Anklage. Die Umstehenden wandten sich erstaunt dem Residenten zu. Rivers hatte jedoch vollkommen Zeit gehabt, sich zu fassen. »Sie haben recht, Ned, daß Sie Ihre Hoffnung auf mich setzen«, sagte er mit zuversichtlichem Ton. »Es ist nicht nur meine Pflicht als Vertreter der Regierung, sondern auch als Ihr persönlicher Freund. Ich werde alles, was in meinen Kräften steht, aufbieten, den Schleier zu lüften, und die Maharani aus den Händen der Räuber befreien. Denn daß es sich nur um Räuber handeln kann, die es auf ein gutes Lösegeld von Srinath Bahadur abgesehen haben, daran zweifle ich keinen Augenblick. Verlassen Sie sich ganz auf mich, Ned, und denken Sie nur an Ihre Wiederherstellung. Zur Verfolgung der Verbrecher werde ich auf der Stelle nach Khanpur zurückkehren. Ihre Hoheiten, der Scindia und die Rani, werden gestatten, daß ich meinen Besuch abkürze und an den Jagden nicht weiter teilnehme.« Diese Worte erreichten vollkommen den Zweck, die Aufmerksamkeit auf den Sprecher zu lenken. Als man sich wieder dem Verwundeten zuwandte, bemerkte man, daß er vor Schreck und Schmerz wieder ohnmächtig war. Der Doktor ließ O'Sullivan auf die notdürftige Bahre betten, auf die man zu seinen Füßen das abgestreifte Fell des Tigers legte. Die englischen Offiziere berieten, ob sie dem Residenten oder der Einladung des Scindia und der Rani zur Jagd folgen sollten. Sie entschlossen sich, mit der Gleichgültigkeit gegen Leiden und Gefahren, die dem Soldaten in wilden Ländern eigen ist, für die Jagd. Der Kapitän Delafosse, dessen Blicke sorgfältig und mißtrauisch den Residenten beobachtet hatten, erklärte energisch, daß er MacScott nach Bithur begleiten wolle, um ihm seine Hilfe für weitere Nachforschungen zur Verfügung zu stellen. Der Zug setzte sich langsam und mit aller Vorsicht für den Schwerverletzten in Bewegung. Noch bevor er die zurückgebliebenen Elefanten und Pferde am Rand des Dschungels wieder erreichte, wußte der Resident es so einzurichten, daß er an die Seite Doktor Brices kam. »Ist Hoffnung vorhanden, Doktor, daß unser Freund davonkommt? Sprechen Sie aufrichtig!« »Wenig oder gar keine, Major. Es ist freilich noch Lebenskraft in ihm, und der Schal der Rani hat den tollen Burschen wunderbar beschützt. Er ist furchtbar zugerichtet, wenn auch kein unbedingt für das Leben notwendiges Organ verletzt ist.« »Aber sein Gesicht; der Unterkiefer ist ja halb herausgerissen?« »Er wird die Sprache niemals wiedererlangen.« »Und die Arme, die Hände – wird er sich ihrer bald wieder bedienen können?« »Kein Gedanke daran. Ich werde ihm beide Arme noch heute im Gelenk amputieren müssen.« Der Resident blieb zurück. Als er später seinen Elefanten bestieg und noch einen letzten Blick auf die Bahre Edward O'Sullivans warf, lag ein boshaftes, herrisches Lächeln in seinen Mundwinkeln. Major Rivers und Kapitän Delafosse waren mit einem Teil der Begleitung abgereist, als die Rani den neuen Führer ihrer Leibgarden in das für sie aufgeschlagene Zelt bitten ließ. Maldigri mußte ihr alles berichten, was ihr von der Erzählung des schottischen Jägers durch die nur mangelhafte Kenntnis des Englischen noch unklar geblieben war. Die Rani saß in einem weiten, indischen Gewand auf dem Ruhebett, das mit dem Fell eines von ihr erlegten Panthers bedeckt war. Sie senkte nachdenkend das Haupt. »Du hast den Faringi beobachtet, der sich Resident von Khanpur nennen läßt? « fragte sie. »Zuverlässig, Hoheit!« »Was hältst du von ihm, Sahib?« »Ich muß gestehen, ich traue ihm nicht.« »Deine Gründe?« »Ich kann keinen bestimmten Grund anführen. Sein ganzes Benehmen gefiel mir nicht. Wenn er den Vertrag deines Gatten kannte, der Dschansi unter den Schutz der Company stellt, warum machte er nicht eher Gebrauch davon als im letzten Augenblick, da doch das Zögern ein kostbares Leben verderben konnte? – Der Überfall seiner Reiter war wohlüberlegt. Und er war es, der mit kaltem Spott den jungen O'Sullivan zur Ausführung dieser wahnsinnigen Wette veranlaßte; er, der sich rühmt, sein Freund zu sein.« »Hast du bemerkt, was er tat, als der Jäger des Nena den Raub der Maharani erzählte?« »Nein, Hoheit – erst der starre Blick des Verwundeten lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf ihn.« »Wir Frauen sehen schärfer als ihr Männer. Meine Augen haben ihn nicht losgelassen! Ich bin überzeugt – wie von den neun Wandlungen, die des Menschen Seele zu machen hat – –« »Und wovon, Hoheit?« »Er weiß um den Raub der Maharani. Die Nachricht überraschte ihn nicht, er erwartete sie. Er selbst ist der Räuber!« »Aber er ist nicht von unserer Seite gewichen!« »Hat nicht auch das Laster treue und eifrige Diener? Die Hand des Mächtigen reicht weit in diesem Land. Der Faringi steht in schlechtem Ruf. Er ist ein Tyrann, ein Wüstling, ein Habgieriger. Vama hat ihn gezeichnet! Er hat die weiße Frau gestohlen. Aber wehe ihm! Der Nena ist ein Tiger; er schlummert nur unter den Blumen der Liebe. Ha! Ich will diesen Tiger auf ihn hetzen, tausendmal grimmiger, tausendmal blutiger als der war, den der Falsche auf den eigenen Freund gehetzt hat.« Der Ionier hatte mit Erstaunen die scharfe Beobachtung der Rani von Dschansi erkannt. Jetzt, da er seine eigenen Wahrnehmungen dagegenhielt, kam er zu dem gleichen Schluß. »Du hast recht, Hoheit – aber was ist zu tun? Der Resident ist fort. Der Schotte, der Freund und Diener des Maharadscha, ist mit ihm umgekehrt. Wir haben niemanden als den Sterbenden.« »Er wird nicht sterben«, sagte die Rani mit Bestimmtheit. »Die Rache hält den Faden seines Lebens fest. An seinem Auge sah ich, daß er den Verräter erkannt hat. Ich will dem Maharadscha von Bithur einen Eilboten entgegensenden; aber zuvor müssen wir alles wissen und die Mittel zum Verderben des Räubers in Händen haben. Ich will einen Spürhund auf die Fährte des Raubtiers hetzen, der es bis in seine geheimen Schlupfwinkel verfolgt. Du selber sollst es sein, denn du verstehst die Sprache der Franken und ihre Sitten.« Major Maldigri dachte nach. »Verzeih, Hoheit, daß ich deiner Absicht widerspreche. Ich fürchte, es würde zu viel Aufmerksamkeit erregen, wenn ich mich jetzt in Khanpur zeigen wollte. Der Resident würde ahnen, daß er uns zu fürchten hat. Einen offenen, mutigen Gegner unter seinen eigenen Landsleuten besitzt er, wenn mich nicht alles täuscht, in dem Kapitän, der uns zweimal das Leben gerettet hat. Monsieur Delafosse hat dem alten Diener des Nena seine Hilfe zugesagt. Aber ich will dir einen Besseren, Geeigneteren nennen, den wir nach Khanpur senden können!« »Wen meinst du? Einen meiner Diener? Sie sind schlau, aber feig und fürchten den Zorn der Faringi.« »Nein, Hoheit. Ich meine Danilos, den Kapitän der arabischen Praua, die mich nach Kalkutta und den Ganges heraufgeführt hat. Er ist mein Milchbruder, ein Sohn meiner heimatlichen Gebirge, schlau und kühn. Auf ihn kann kein Verdacht fallen. Er ist wenig oder gar nicht beachtet worden; keiner der Briten kennt ihn.« »Führe ihn zu mir, Freund, damit ich mit ihm rede! Ich werde ihm eine Botschaft geben an Tippo Sing, den Babu zu Khanpur, der mir ergeben und ein geheimer Feind der Faringi ist. Er wird ihm behilflich sein.« Die Rani wußte noch nicht, daß der Babu heiße Rache trug gegen den Räuber seines Kindes und seines Geldes. Der Resident hatte die versuchte Gewalttat des Vaters der armen Nurjesan wohl benutzt. In seinem Auftrag öffnete Rivers' Vertrauter das Gefängnis des Babu nur gegen Zahlung der bedeutenden Summe, die er dem Residenten für die Befreiung seines Kindes geboten hatte. Indem der Major so einen Mann freiließ, der einen Angriff auf sein Leben unternommen hatte, machte er jede Klage bei den höheren Regierungsgewalten unmöglich und machtlos und hintertrieb die nähere Untersuchung des Mordversuches, die doch vielleicht manches zur Sprache gebracht hätte, das ihm unangenehm sein konnte. Der Resident mit seinen Begleitern befand sich in der Kühle des Abends auf dem Weg nach Khanpur, noch keine zehn Meilen weit von Dschansi entfernt, als der Uskoke Danilos, mit Geld und Anweisungen für sein Verhalten versehen, zur Verfolgung aufbrach. Unter Rebellen Eine jähe Dunkelheit umgab den deutschen Arzt und seine junge Schutzbefohlene, Editha Highson. Noch tobte in ihren Nerven die Erregung der letzten Stunde: das wahnsinnige Geschrei der Thugs in den unterirdischen Gängen und Höhlen der Burg Malangher, die Todesrufe der Opfer, die Hetze ihrer Flucht, der Augenblick höchster Gefahr bei der Begegnung mit dem widerlichen Schlangenzwerg und ihre Rettung durch Kassim, den Mayadar. Vgl. ›Volk in Folter‹. Der deutsche Arzt Walding hatte unter großen Gefahren mit Hilfe der Bajadere Anarkalli die Nichte des Generals Wheeler, Miß Highson, aus den unterirdischen Gewölben der Thug-Burg gerettet. Die Stille in dem Schlafgemach des Arztes wirkte fast betäubender auf die beiden Flüchtlinge als der tosende Lärm zuvor. Sie standen lauschend, horchten auf ihre eigenen Herzschläge. Draußen vor der Schwelle hütete Kassim den Kiosk. Zitternd entzündete Doktor Walding die Lampe und verhängte die innere Tür des Raumes mit Teppichen und Seidendecken, um jedes Belauschen unmöglich zu machen. Allmählich beruhigte sich sein Herz. Wieder gefaßt, nahte er der jungen Engländerin, die zu Tode erschöpft auf einen Diwan niedergesunken war, und sprach ihr Mut und Hoffnung zu. »Gott hat uns nicht aus der Gefahr errettet, um uns am Ende doch verderben zu lassen. Bis jetzt hat sich der Rat Anarkallis bewährt – wir wollen ihm auch weiter folgen. Vor allem wird es nötig sein, Lady, daß Sie Ihre Kleidung und Ihr Äußeres so sehr wie möglich dem der Bajadere ähnlich machen. Hier« – er dachte mit Erröten an die Stunde, die er in den Armen Anarkallis verlebte, als er auf das bleiche, unschuldsvolle Gesicht des Mädchens schaute – »sind die Schmucksachen der Tänzerin. Legen Sie den Putz an, Lady, und verbergen Sie Ihr Gesicht in die dichten Schleier, wenn etwa jemand morgen durch einen Zufall dies Gemach betreten sollte! Hier ist die Henna, die das Mädchen zurückgelassen hat. Es ist genug, um Ihr Gesicht, Ihren Hals, Ihre Arme und Ihre Füße zu färben. Sie müssen sich ihr so gleich wie möglich machen.« Das junge Mädchen errötete schamhaft. »Ich will gem alles tun, was Sie mir sagen; aber ich bitte Sie, kurze Zeit das Gemach zu verlassen.« »Verzeihen Sie, Lady, ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen. Es hieße den Argwohn Kassims wecken, und das Gemach hat keinen andern Ausgang als zur Veranda.« »Aber das Hindumädchen muß doch ...« Sie schwieg; sie fühlte, daß sie unbedachtsam gesprochen hatte. Eine tiefe Röte überzog ihr Gesicht; sie schlug die Augen zu Boden. Ihr Beschützer begriff, was sie hatte sagen wollen. »Lady«, meinte er verlegen, aber in aufrichtigem, ehrerbietigem Ton, »ich hoffe, Sie werden der Ehre eines Mannes vertrauen, der bereit ist, für die Ihre sein Leben zu opfern. Es ist unmöglich, Sie zu verlassen; aber ich werde durch das Fenster hinausschauen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich mich nicht eher umwende, als bis Sie selber mich rufen. Opfern Sie das Notwendige nicht törichten Bedenken der Schamhaftigkeit. Wir müssen den Rest dieser Nacht gemeinsam zubringen, aber Sie werden sich unter dem Schutze eines Bruders befinden.« Miß Editha erhob sich und trat auf ihn zu. »Verzeihen Sie einem Mädchen«, sagte sie und reichte ihm schüchtern, aber mit einem Ausdruck unendlichen Vertrauens die Hand. »Sie sind der einzige Freund, den ich in diesem Augenblick noch besitze. Es wäre unwürdig von mir, Ihnen nicht das vollste Vertrauen zu schenken. Bitte – erfüllen Sie Ihr Versprechen – dies Gemach ist für kurze Zeit das meine.« Doktor Walding führte die kleine, zarte Hand an seine Lippen und küßte sie ehrerbietig. Dann öffnete er zur Hälfte die Läden der verhüllten Fenster und schaute hinaus auf den Nachthimmel und auf das Tal, dessen dunkler, in Schatten gehüllter Grund gerade zu seinen Füßen lag. Unter der Wand des Kiosk fiel senkrecht der Fels in die Tiefe. Wenn sich auch sein Blick in strenger Selbstzucht nicht abkehrte von dem Zauber der warmen indischen Nacht, so rankten sich doch halb unbewußt seine Gedanken immer wieder um die junge Engländerin. Er hörte das Rascheln der Gewänder, ihren leisen Tritt, ihre jugendlichen Bewegungen. Sie war das reizendste Geschöpf, das er je gesehen hatte. Ein nie gekanntes, fast quälendes und süßes Gefühl durchzog seine Seele. Eine halbe Stunde war vergangen, als die leisen Worte: »Ich danke Ihnen, Sir!« ihm die Erlaubnis gaben, sich umzudrehen. Sein Erstaunen war groß, als er die Veränderung sah. Hätte ihr Lächeln ihn nicht eines anderen belehrt, er würde geglaubt haben, wirklich eine indische Tänzerin vor sich zu sehen. Miß Editha hatte die Kleider und den Schmuck angelegt, die die ›Granatblüte‹ bei dem Tanz am Abend getragen hatte. Ihr natürliches Schönheitsgefühl ließ sie die Kleidung in einer Weise ordnen, die mehr europäischem Geschmack entsprach. Gesicht, Hals und Arme waren durch Henna mit einem hellen Mahagonibraun überzogen. Selbst die blonden reichen Locken des Mädchens schienen dunkler auszusehen. Walding bewunderte, mit welchem Geschick sie so eilig das Haar nach der Sitte der indischen Tänzerinnen zu ordnen verstanden hatte. Die entblößten, in zierliche Pantoffeln gesteckten Füßchen hatte sie unter dem Saum ihres Gewandes verborgen. »Bei Gott«, rief der Arzt, »diese Veränderung ist wunderbar! Wenn Sie den Schleier über Ihr Gesicht decken, ist es unmöglich, daß jemand in Ihnen eine Faringi ahnt. Ruhen Sie jetzt ein paar Stunden von den Schrecknissen dieser Nacht; ich werde Ihren Schlaf bewachen. Sie stehen unter dem Schutz meiner Ehre.« Sie reichte ihm beide Hände. »Oh, glauben Sie nicht«, sagte sie ernst, »daß Furcht und Besorgnis mich hindern, die Ruhe zu suchen. Ich vertraue mich ganz Ihrem Schutz an. Aber es wäre mir unmöglich, jetzt Ruhe zu finden! Meine Gedanken kehren immer wieder zu der gräßlichen Lage zurück, der Sie mich entrissen haben. Das Bild des Abgrundes, in den sich die Inderin und der Offizier gestürzt haben, läßt mich nicht los! O Gott im Himmel, was anders wird ihr Schicksal sein als Tod und Verderben?« Sie verbarg das Gesicht in den Händen und weinte. Walding wagte nicht, ihr Trost zuzusprechen; denn er selber zweifelte kaum an dem traurigen Ausgang des Versuchs, trotz der sinnreichen, kühnen Art, in der er unternommen worden war. »Aber nein«, fuhr Editha fort, »Gott hat uns so wunderbar gerettet, daß es Frevel wäre, an seiner Macht und Güte zu zweifeln. Lassen Sie uns die heilige Pflicht erfüllen, die wir schon zu lange versäumt haben: ihm danken für seinen Schutz und für die bitten, die ohne ihn verloren sind!« Sie sandte ein heißes Dankgebet aus der Tiefe ihres Herzens hinauf zum Thron des Allmächtigen. Überwältigt von ihrem frommen Glauben, kniete der Mann, den die Fülle des Unrechts, das er von den Volksgenossen der jungen Engländerin erlitten, zum Zweifler gemacht hatte, an ihrer Seite. Als Editha sich erhob, setzte er sich neben sie auf das Ruhebett. »Wenn Sie denn der Ermüdung nicht nachgeben wollen«, begann er, »so erzählen Sie mir, auf welche Weise Sie in die Hände der Thugs geraten sind, und wohin ich Sie führen soll, wenn wir entrinnen können.« Editha legte die Hände ineinander und neigte zustimmend den Kopf. »Mein Vater, Oberstleutnant Highson, starb vor Jahresfrist, meine Mutter ist schon länger tot. General Wheeler, mein Oheim, ließ mich, das Kind seiner einzigen Schwester, nach Indien kommen, um in seinem Haus und mit seiner Tochter zu leben. Vor zwei Monaten traf ich in Kalkutta ein und benachrichtigte meinen Oheim von meiner Ankunft. Er brach sofort von Khanpur zur Hauptstadt auf, um mich in sein Haus zu geleiten. Aber unterwegs in Benares erkrankte er am Fieber, und nun wies er brieflich einen Agenten an, mich mit der ersten sich bietenden Gelegenheit zu ihm zu führen. Es traf sich, daß die Witwe eines Offiziers die Reise nach dem Norden machte. Der Agent meines Oheims glaubte, nicht besser tun zu können, als mich dem Schutz ihrer Gesellschaft anzuvertrauen. Wir machten die Reise der Hitze wegen in den großen Ruderbooten auf dem Ganges. Bei Benares erwachte ich in einer Nacht plötzlich von einem jammervollen Schrei meiner Begleiterin. Ich wollte ihr zu Hilfe eilen, aber ich fühlte meinen Hilferuf von rauhen Händen gewaltsam erstickt und mich von dem Zelt auf dem Deck fortgetragen in den unteren Raum des Schiffes. Von der Zeit, die nun kommt, kann ich nur wenig erzählen. Ich lag tagelang in todesähnlichem Schlaf. Vermutlich haben mir die Räuber Opium oder ein anderes Mittel gereicht, um mich zu betäuben. Zweimal im Halbschlummer hörte ich während der Zeit in meinem engen Kerker Schreie, wie die ersten in jener Nacht ...« »Ihre Räuber waren Flußthugs, Mitglieder der berüchtigten Mördersekte, die auf dem Ganges und der Dschamna ihr Wesen treiben«, unterbrach sie Walding. »Es mag so sein. Ich kenne noch zu wenig das indische Leben. Von meiner Reisegefährtin und ihren Dienern habe ich nie wieder eine Spur gesehen. Vergeblich war all mein Flehen. Die Reise mag zehn bis zwölf Tage gedauert haben. An einem einsamen, öden Ufer zwang man mich auszusteigen, lud mich gleich einem Ballen Ware auf einen elenden Karren, bedrohte mich durch Gebärden mit dem Tode, wenn ich einen Versuch zur Flucht machen oder um Hilfe rufen würde. Fünf Nächte zogen wir weiter durch öde, traurige Gegenden. Zwei Tagereisen vor diesem Orte brachte eine andere Schar eine junge, reichgekleidete Frau, die mein Schicksal zu teilen und mehr als ich von dem zu wissen schien, was uns erwartete. Sie weinte und flehte, sooft man ihre Bande löste. Leider konnten wir uns nicht durch die Sprache verständigen. Man hat sie gestern aus jener schrecklichen Höhle, in die wir eingeschlossen wurden, mit neun anderen weggeführt.« Der Arzt gedachte schaudernd des furchtbaren Todes der schönen Begum. Aber er hütete sich, Editha mit der Erzählung neue Schrecken zu bereiten. »Bevor wir die Höhle erreichten«, fuhr das Mädchen fort, »versetzte man uns wieder in Betäubung. Mit gefesselten Gliedern erwachte ich in Gesellschaft so vieler Gefangener. All mein Mut war gebrochen. Ich wäre verzweifelt, wenn Leutnant Sanders, der zuerst meine Bande löste und so heldenmütig für meine Rettung einstand, mich nicht durch seine Worte ermutigt hätte.« Die Erinnerung schien die Kraft des Mädchens erschöpft zu haben. Sie schwieg, und bald bemerkte der Arzt, daß sie aus ihrem träumenden Nachsinnen in Schlaf gefallen war. Er deckte ihr Gesicht mit dem Schleier der Tänzerin zu, löschte die Lampe und setzte sich wieder neben sie. Bald sank das Haupt der Schlafenden an seine Brust. Still und unbeweglich hielt er in süßen Gedanken den schlanken Körper gestützt, bis die ungewohnten Anstrengungen der Reise und die Eindrücke des vergangenen Tages und der Nacht auch seine Augenlider schlossen. Aber seine sorgende Seele schien ihre volle Wachsamkeit bewahrt zu haben. Denn als eine Stunde nach Sonnenaufgang Kassim leise an die Tür pochte, war er rasch auf den Füßen. Fattih Murad Khan, der künftige Eidam der Maharani, harrte mit den Pferden und Dienern im Hofe der Burg, um, wie besprochen, dem Maharadscha von Bithur entgegenzuziehen. Walding bettete Editha auf die Kissen des Diwans, verhüllte ihr Gesicht noch dichter mit dem Schleier und legte ein Blatt aus seiner Brieftasche mit einigen Mahnungen zur Vorsicht in ihre Hand. Dann öffnete er die Tür so, daß der Hindu die Schläferin sehen konnte, und befahl ihm, das Gemach bis zu seiner Rückkehr nicht zu betreten, noch von einem anderen betreten zu lassen. Beruhigt nahm er mit einem fast zärtlichen Blick auf die Schlafende Abschied. – Im unteren Hofraum der Burg fand er Murad Khan auf seinem edlen Renner ›Zorab‹ mit einem zahlreichen und glänzend ausgerüsteten Gefolge. Auch Tukallah, der Burgherr, war zu Roß und an seiner Seite der alte General Rundschit Sing. Es kostete Walding Überwindung, dem Mann ins Auge zu sehen, den er für das Oberhaupt der furchtbaren Sekte halten mußte. Es schauderte ihn, die von dem Blut so vieler Unschuldigen getränkte Hand zu fassen, die ihm geboten wurde. Scheu irrte sein Blick unter allen Männern umher, tastend, welche von ihnen er anklagen müsse. Selbst Murad, der neu gewonnene Freund, entging dem Verdacht nicht. Mit Gewalt zwang er sich, die höflichen Erkundigungen der Inder nach seinem Wohlsein zu erwidem. Keine Spur von den Schrecknissen der Nacht zeigte sich seinem spähenden Auge. Hätte er nicht gewußt, daß der Beweis der entsetzlichen Wahrheit auf den Kissen seines Lagers ruhte, würde er geglaubt haben, alles sei nur ein böser Traum gewesen. Die kleine Schar verließ die Burg durch den Felsweg, der hinunter ins Tal führte, Tukallah an ihrer Spitze. Da die Reiter nur zwei und zwei den schmalen Pfad nebeneinander reiten konnten, nahm der Arzt absichtlich seinen Platz an der Seite des jungen Sikh, um das Versprechen, das er Anarkalli gegeben hatte, zu erfüllen. Es galt zuerst, sich die Überzeugung zu verschaffen, daß der ritterliche junge Mann wirklich nicht zu den Tughs gehörte. Walding konnte hier allein auf seine Menschenkenntnis vertrauen. »Hat mein junger Freund die Nacht ungestört zugebracht?« fragte er, sein Auge fest auf das Gesicht seines Begleiters heftend. »Aliki, die Göttin des Traumes, war bei mir. Mich erschreckte das Bild der Schlange, deren Gift der mutige Hakim von der Rose von Lahore abgewendet hat. Aber die guten Geister siegten auch im Traum, und ich war der glücklichste der Sterblichen.« Der reine, offene Geist, der in dem Auge des jungen Khan blitzte, überzeugte den seelenkundigen Forscher von der Wahrheit dieser Worte. »Ich habe nicht so angenehme Träume gehabt«, fuhr der Arzt zur Seite blickend fort. »Ohne das Versprechen, das ich dir, junger Freund, gab, wäre ich gern zurückgeblieben; denn ich fühle mich von den letzten Anstrengungen noch angegriffen. Wie weit beabsichtigt der Serdar, seinem Gast entgegenzureiten?« »Er hofft, ihn acht Kos jenseits des Grabmals der sieben Dattelpalmen am Ufer des schwarzen Flusses zu treffen.« Der Arzt erbebte bei der Nennung des Ortes. »Was ist das für ein Grabmal?« »Du siehst jenen See in der Mitte des Tales und den Bach, der ihn tränkt?« »Er hat keinen sichtbaren Abfluß; das fiel mir schon bei unserer Ankunft auf. Ich vermute, daß er sich einen unterirdischen Ausgang gebahnt hat.« »Du bist ein Gelehrter – du kannst recht haben. Was weiß ich! Ich zerbreche mir den Kopf nicht mit Dingen, die ein junger Krieger nicht zu wissen braucht. – An dem Fuß dieser Felsen nach Mittag hin stürzt aus dunklen Klüften ein schwarzes Wasser hervor und nimmt seinen Lauf durch die Steinblöcke in die Wüste. Zweihundert Schritt von der Stelle, wo es aus den Felsen quillt, stehen die Trümmer des heiligen Grabmals Asokas, eines Einsiedlers aus längst vergangenen Jahrhunderten. Sieben Palmen umgeben sein Grab. Der Ort wird gemieden von den Stämmen der Wüste, weil die bösen Geister dort ihre Wohnung haben.« Walding wußte genug. Er beschloß, das Gehörte zur Ausführung seines Planes zu benutzen. Die Schar galoppierte bunt untereinander gemischt durch das Tal an der Seite des Felsengrates hin, der die unheimliche Mahrattenburg trug. Walding hatte aus den Reden seiner Begleiter vernommen, daß der südliche Felswall einen Aus- und Eingang in das Tal bot, wie die Nordseite. Er war erstaunt von dem großartigen Spiel der Natur, das sich seinen Blicken bot, als sie am Hang des Gebirges hinaufkamen. Ein Felsentor öffnete sich vor den Reitern und führte zu einer Galerie von fast hundert Schritten Länge, die nur vom Anfang und Ende her ihre Beleuchtung empfing. Sie war so riesenhaft gewölbt, daß drei Elefanten nebeneinander hindurchgehen konnten. Dennoch war dieser Weg gleich dem Tor einer Festung sehr leicht gegen ein Heer zu verteidigen. Aus dieser Wölbung zog sich der Weg zwischen steinernen Wänden in vielfachen Windungen nieder, ebenso sorgfältig bewacht wie der am andern Ende des Tales, bis plötzlich die unermeßliche rote Ebene der Wüste vor ihren Blicken lag. In der Ferne gewahrte Walding die schlanken Stämme und die wiegenden Kronen einiger Palmen über seltsam geformten Trümmern. Sofort kehrte er sich seinem jungen Begleiter zu und hemmte dessen Eile. »Mein junger Freund möge einen Augenblick verzeihen« sagte er mit dem Anschein großer Erschöpfung, »ich fühle wirklich, daß ich meinen Kräften zu viel zugemutet habe und den weiten Ritt durch die Einöde nicht ertragen werde. Ich will umkehren oder an einer geeigneten Stelle in der Nähe warten, bis der Serdar mit seinem Gast zurückkehrt. Es würde mir lieb sein, den tapferen Khan in meiner Nähe zu wissen.« Von dem Vorgeben des Arztes getäuscht, erklärte sich Fattih Murad sogleich bereit, sprengte auf seinem windesschnellen Roß dem schon vorausgeeilten Serdar nach und benachrichtigte ihn. Tukallah hielt an, erschöpfte sich in überschwenglichem Bedauern über den Unfall und wollte Walding von mehreren seiner Begleiter nach der Burg zurückführen lassen. Nur mit Mühe vermochte der Arzt dies abzulehnen. Er erklärte, schon die langsamere Bewegung werde hinreichen, ihn wiederherzustellen; er ziehe es vor, die Gelegenheit zu benutzen, am Fuß der Gebirge einige mineralogische und botanische Studien zu machen. Der Mahrattenfürst ließ seinen Gast unter dem Schutz des jungen Sikhkriegers zurück und eilte dem wichtigen Besuch entgegen. Auf die verstohlene Bitte Waldings entfernte ein Wink des Khan auch die Diener, und so befanden sie sich bald allein am Fuß der Berge. »Laß uns zu den sieben Palmen gehen«, bat der Arzt. »Ich möchte die Trümmer des Grabmals sehen und mich von dem Ursprung des Flusses überzeugen.« »Mein Freund hat nicht bedacht, daß an jenem Ort böse Geister hausen.« Der Arzt lächelte. »Ich fürchte die Geister so wenig wie du die Menschen, tapfrer Khan.« Der Khan machte keine Einwendungen mehr, denn jeder Europäer gilt bei den Naturkindem ohnehin für eine Art Zauberer, der die Macht hat, den Geistern zu gebieten. Langsam ritten die Freunde nach dem Ufer des Flusses. Immer mächtiger hörten sie starkes Rauschen. Als sie um den Fuß eines Felsens bogen, sah Walding das eigentümliche und majestätische Schauspiel vor sich. Aus einer hohen, steilen Felswand brach wie aus der Mauer eines unterirdischen Kanals ein mächtiger Strom trüben, dunklen Wassers. In starkem Bogen stürzte es in einen Kessel, den es sich gewühlt hatte, und wälzte sich fort durch Felstrümmer in das sich mehr und mehr verflachende Land. Da, wo sich eine kleine Bucht bildete, stand das Grabmal des Einsiedlers, von den schwankenden Kronen der sieben Palmen überragt. Das Gebäude mußte einst, wie es noch bei sehr vielen Denkmälern des alten Indiens der Fall ist, recht bedeutenden Umfang gehabt haben, denn die äußeren Umfassungsmauern nahmen einen weiten Raum ein. Erhalten war allein noch der Bogen des Tores, dessen Wände Sanskritzeichen bedeckten, die Waldings Aufmerksamkeit in jeder andern Lage gewiß gefesselt hätten. Das viereckige Gebäude, in dem der Steinsarg des Einsiedlers stand, war gleichfalls nur Ruine, das vergoldete Dach vielleicht schon vor Jahrtausenden zusammengestürzt. Wildes Buschwerk und Schlingpflanzen, zwischen denen Eidechsen und Schlangen umherschlüpften, wucherten hoch zwischen den Steinhaufen. Das melancholische, unheimliche Aussehen des Ganzen wurde durch den Umstand hervorgerufen, daß das gesamte Bauwerk von schwarzem Marmor aufgeführt war. Murad Khan nahte sich nur mit dem Schauer der Ehrfurcht dem Eingang. Der Arzt, der vergeblich einen ängstlichen und forschenden Blick über den Platz geworfen hatte, sagte mit eindringlichem Blick: »Der junge Häuptling der Sikhs ist ein Mann von Ehre. Er mag mir sein Wort geben, daß er nie von dem erzählen wird, was sein Auge hier sehen, sein Ohr hier vernehmen könnte.« Der junge Mann, von Furcht, aber auch von Wißbegier bewegt, gab das geforderte Versprechen. Er glaubte, daß der weise Hakim überirdische Geister heraufbeschwören werde. Walding, über seinen Begleiter beruhigt, ritt voran bis zum Ufer des Wassers und durchforschte es auf das genaueste mit seinen Blicken. Aber kein Zeichen, nicht die geringste Spur von der Rettung der verwegenen Inderin und ihres Geliebten war zu sehen. Walding stieg vom Pferd, und der Khan folgte ihm, die edlen Rosse sich selbst überlassend. Sie wandten sich dem Eingang des Grabmals zu und überstiegen die Trümmer, die ihn versperrten. Plötzlich stieß der junge Krieger einen Schrei des Schreckens aus. Seine weitgeöffneten Augen starrten mit Entsetzen auf den Sarkophag des Einsiedlers, des Zauberers, wie ihn die Sage der Wüstenstämme nannte. Von weißem Stein leuchtete er in der Farbe der Nacht, die die ganze Umgebung einhüllte. Zwei dunkle Gestalten lehnten in dem dämmernden Licht an diesem Sarkophag mit der Unbeweglichkeit der Bildsäulen. Als dann Walding auf dem hellen Hintergrund des Eingangs erkennbar wurde, lösten sie sich aus ihrer starren Haltung. Das Staunen des Hindu wurde noch größer, als er Walding mit einem Ruf der Freude auf sie zueilen und ihre Hände fassen sah. Es waren in der Tat der junge englische Offizier und die Bajadere, die durch ein Wunder bei der entsetzlichen Fahrt mit dem Leben davongekommen waren. Leutnant Sanders trug den rechten Arm in einem Tuch - er war bei einem Stoß an die Felsgewölbe und einem unvorsichtigen Loslassen seines Haltes gebrochen. Der geschmeidige Körper des Mädchens war ohne alle Beschädigung geblieben. Ihre Hand hielt den Dolch zur Verteidigung ihres Geliebten. So gefährlich die seltsame Fahrt von Anfang an auch erschien, sie war also doch möglich. Anarkalli war es bekannt, daß die Thugs häufig kostbare Waren und Gegenstände, deren Transport aus der Burg sie verheimlichen wollten, auf dem unterirdischen Weg fortschafften, den sich der Fluß durch die Berge gewühlt hatte. Dies geschah in großen tonnenartigen Ballons von beweglichen Stahlreifen, über die eine elastische, starke Gummidecke gespannt wurde, die auf solche Weise den Raum luftdicht verschloß. Durch die eingeschlossene Luft mußte das Fahrzeug selbst bei ziemlich schwerer Belastung leicht oben schwimmen. Am Ausfluß des unterirdischen Stroms in der Bucht, vor dem Grabmal des Einsiedlers, wurden die Ballons dann von den harrenden Vertrauten des Bundes aufgefangen, geöffnet und auseinandergenommen, so daß sie leicht und unbemerkt wieder nach den unterirdischen Gewölben der Burg zurückgeschafft werden konnten. Als Walding und der Mann, um den sich Anarkalli so großen Gefahren aussetzte, darauf bestanden, auch die junge Engländerin zu retten, mußte die Tänzerin den Plan ihrer Flucht ändern. Das eifersüchtige Verlangen, den Geliebten so rasch wie möglich aus der Nähe des Weibes zu entfernen, das sie als ihre Nebenbuhlerin ansah, und ihn durch gemeinsame Gefahr und willige Aufopferung aufs neue an sich zu fesseln, ließ sie auf diesen Ausweg verfallen. Wenn beide ihre Geistesgegenwart behielten und die eingeschlossene Luft für sie ausreichte, konnten sie wahrscheinlich auf diese Weise einen Ausweg aus der Felsenburg und aus dem Tal gewinnen. Im schlimmsten Fall war der gemeinsame Tod mit dem Geliebten ihr Los. Ihre leidenschaftliche Liebe zog den Gedanken des Untergangs dem peinigenden Gefühl vor, ihn für die Rettung einer andern tätig zu wissen. Leutnant Sanders war der Überzeugung, daß die Bajadere sich und ihn für die Rettung der anderen beiden dem Tod und einem spurlosen Verschwinden weihe. Dennoch hatte er nicht gezögert, da er besser als Editha ahnen konnte, welchem furchtbaren Schicksal sie ausgesetzt sein würde, wenn es nicht gelang, sie zu befreien. Wie sehr auch die leidenschaftliche Glut der Hindu seinen Sinn gefesselt hatte, die Nähe der weißen Gefangenen hatte ein heiligeres, reineres und tieferes Gefühl in seinem Herzen erweckt, über das er sich selber noch keine Rechenschaft geben konnte. Der Instinkt der Selbsterhaltung ließ ihn, als er sich in jenen Sarg versenkte, an den im Innern angebrachten Haspen festklammern. Im nächsten Augenblick schlüpfte die schlanke Gestalt der Inderin zu ihm. Die Öffnung sprang zu, er fühlte sich von einem donnernden Getöse umgeben und so rasch kopfüber fortgewirbelt, daß er die Besinnung verlor. Als er seines Geistes wieder Herr wurde, empfand er einen stechenden Schmerz am Arm, dessen Hand den Halt im Augenblick des Sturzes losgelassen hatte. Die Arme der Tänzerin waren wie zum Schutz um ihn geschlungen. Die Finsternis um ihn her, in der er sich wie in den Wellen eines Stromes fortgetrieben fühlte, belastete ihn. Immerhin war ihre Lage dadurch etwas angenehmer, daß die Schwere ihrer Körper das ungewöhnliche Fahrzeug im Gleichgewicht hielt und das Rollen verhinderte. Dennoch war die Bewegung so furchtbar rasch, das Hin- und Herprallen des elastischen Fahrzeuges von den Felsenwänden so mächtig, daß er wie in einem Taumel befangen blieb. Er empfand nur, daß die Bajadere ihn fest umschlungen hielt, denn eine Verständigung in diesem donnerähnlichen Toben der Gewässer war unmöglich. Schon nach wenigen Minuten begann die geringe Luftmasse um sie her schwer und dick zu werden. Der belebende Sauerstoff war fast verbraucht, das Atemholen wurde schwerer und schwerer. Dem jungen Mann stieg das Blut zu Kopf. Zweimal bemerkte er durch das Gefühl, daß der Arm der Tänzerin sich hob und die Spitze des Dolches durch die elastische Decke stieß. Beide Male aber fand die Klinge Widerstand an den Felswänden des Kanals, durch den der Wasserstrom sie dahintrug. Funken und Blitze schienen jetzt vor seinen Augen zu kreisen und sein Gehirn zu durchzucken. Eine unbekannte Macht schnürte ihm die Kehle zu – er war dem Ersticken nahe. In dieser Not hob sich noch einmal die Hand der Bajadere, stieß den Dolch durch die Gummidecke und drehte die Klinge in der Kffnung um. So klein der Raum auch war, so drang doch erfrischende kalte Luft herein, die bewies, daß ihr schwankes Fahrzeug in einem leeren Raum dahinschoß. Im nächsten Augenblick schon stieß der Ballon aufs neue an die Felswand, aber der kurze Augenblick hatte doch hingereicht, ein paar Atemzüge zu tun und neue Luft in die Lungen dringen zu lassen. Nach einem neuen wirbelnden Sturz hörte das donnernde Getöse um sie her auf. Der Engländer fühlte, daß sie ruhiger dahinschwammen. Ein Seufzer, ein Ruf des Entzückens entquoll der Brust der Tänzerin. Gleich einer Rasenden arbeitete sie daran, mit dem Dolch eine Öffnung in die Decke ihres Fahrzeugs zu schneiden, die der elastische Stoff nicht wieder zu schließen vermochte. Endlich fiel das leuchtende Blau des Himmels in seine geblendeten Augen; der frische Strom der reinen Gottesluft befreite seine Brust. In der Freude, die Gefahr so glücklich überstanden zu haben, fragte Anarkalli ihren Gefährten nicht einmal, ob er fähig sei zu schwimmen. Mit kräftigen Schnitten trennte sie weiter die Hülle, bis sie gänzlich zerriß, das Fahrzeug umschlug und beide ins Wasser stürzten. Zum Glück vermochte sich das Mädchen gewandt aus den Stahlreifen, die den Ballon gebildet hatten, loszumachen und ihren Begleiter zu unterstützen; denn jetzt erst fühlte er, daß sein Arm kraftlos und gebrochen war. Der Strom hatte sie jedoch, als sie sanken, gerade vor die Bucht an den sieben Palmen getrieben, und es war der gewandten Schwimmerin ein leichtes, sich und den Geliebten glücklich ans Land zu bringen. Schon bei den ersten Worten, die Walding und der junge Offizier wechselten, sah der Khan, daß hier nicht von Geistern die Rede sei. Doch als er in dem Fremden einen Europäer, einen Feind erkannte, riß er das Pistol aus dem Gürtel, um ihn niederzuschießen. Aber Anarkalli, unkenntlich den Augen des Khan durch das Tuch, mit dem sie ihr Gesicht verhüllt hatte, warf sich schützend vor den Geliebten. Walding fiel dem jungen Krieger hindernd in den Arm. »Bei allem, was dir heilig ist – bei dem Leben des Mädchens, das du liebst – höre mich, ehe du uns alle ins Verderben stürzt!« beschwor er den jungen Sikh. »Mit Absicht habe ich dich hierhergeführt – du hast ein edles Herz und wirst uns deine Hilfe nicht verweigern. Diese beiden sind meine Freunde, die von der Hand dessen, den du Wischnu, den Erhalter, nennst, aus einer großen und schrecklichen Gefahr befreit wurden. Dich einzuweihen, verbietet uns ein heiliger Eid. Aber glaube mir, beide verdienen dein Mitleid.« »Er ist ein Faringi, ein Feind meines Volkes!« erwiderte trotzig mit drohendem Auge der Khan. »Kein Feind darf leben, der sich in die Nähe des letzten Horts indischer Freiheit wagte.« »Ich beteure dir, der Mann ist zwar ein Faringi, aber er befindet sich ohne seinen Willen und ohne seine Schuld in der Nähe dieser Berge. Ich selber – ich schwöre es dir zu – sehe ihn heute zum erstenmal im Licht des Tages. Fürchte nichts von ihm und seiner Begleiterin. Ein heiliger Eid und die Dankbarkeit verpflichten ihn zum Schweigen über Malangher und seine Bewohner.« Der Khan öffnete die Lippen zu einer neuen Frage, aber Walding kam ihm auf einen Wink und ein zugeflüstertes Wort der Tänzerin zuvor. »Forsche nicht«, sagte er fest, »sondern hilf uns! Bei deinem Haupte, Khan, ich erinnere dich ungern daran, frage dich aber, was aus Mahana, deiner Verlobten, geworden wäre, wenn ich gezögert hätte, ihr zu Hilfe zu kommen? Für ihre Rettung verlange ich die Rettung dieser hier von dir! Sieh diesen Ring, den mir deine Königin gab, sein Glanz ist hell, ein Zeichen, daß du nicht unser Feind bist. Aber er fordert zugleich jeden tapferen Sikh auf, mir beizustehen. Fattih Murad Khan hat gelobt, der Bruder dessen zu sein, der mit ihm Dhulip Sing seiner Mutter zurückgeben will. Ist er so bald schon seinem Versprechen untreu?« Der junge Krieger steckte bei dieser Erinnerung seine Waffe wieder in den Gürtel und reichte dem Arzt die Hand. »Möge mein Bruder dem raschen Blut Fattih Murads verzeihen«, sagte er zutraulich. »Er möge ihm sagen, was er tun soll, und sich überzeugen, daß Blut und Leben seines Freundes ihm gehören.« »Ich war gewiß, daß ich nicht vergeblich auf deine Freundschaft, deinen Edelmut rechnete. Verzeihe mir, wenn ich dich nicht mit allen Umständen der Anwesenheit dieser Fremden bekannt mache. Ich wiederhole dir – ein Eid bindet uns. Es ist keine Gefahr mit ihrer Rettung für unsere Pläne, noch für die Burg des Serdar verbunden. Aber sie müssen rasch diesen Ort verlassen und so weit wie möglich fliehen. Jeder Augenblick Verzögerung verschlimmert ihre Lage. Wenn sie in die Hände des Serdar oder seiner Leute fallen, sind sie rettungslos verloren.« Der Khan dachte nach. Dann wandte er das offene, kühne Auge auf den Freund. »Es liegt dem weisen Hakim, dem die Lilie des Pandschab ihr Leben verdankt, viel an der Rettung dieses weißen Mannes und seiner Gefährtin?« »Ich wiederhole es dir – ich werde dir ewig dankbar sein.« »So laß sie unsere Rosse besteigen und nach Morgen zu fliehen. Der Hengst Murads ist von echtem Turkomanenstamm. Kein Pferd der Reiter des Serdar vermag ihn einzuholen.« Walding drückte dankbar die Hände des jungen Mannes, denn er wußte, wie sehr er an seinem edlen Renner hing. »Nimm den Dank dreier Menschen für dein hochherziges Geschenk«, erklärte er, »und jetzt laß uns rasch handeln. – Was ist mit Ihrem Arm, Sir? Sind Sie verletzt?« »Ich fürchte, er ist gebrochen«, erwiderte Sanders, der von dem indisch geführten Gespräch der beiden nur wenig verstanden hatte. »Leider bin ich dadurch ziemlich wehrlos geworden. Aber vor allem sagen Sie mir: ist es Ihnen gelungen, meine Unglücksgefährtin zu retten?« »Ich hoffe zu Gott, sie ihren Angehörigen wiedergeben zu können. Doch jetzt haben wir es nur mit Ihnen zu tun. Lassen Sie mich zunächst Ihren Arm untersuchen und verbinden!« Während Fattih Murad zu seinem treuen Tier gegangen war, um unbemerkt zärtlichen Abschied von ihm zu nehmen, entblößte der Arzt das gebrochene Glied, indem er den Ärmel losschnitt, und untersuchte es auf das genaueste. Er fand die Knochen des Vorderarmes gebrochen, richtete sie ein und legte einen kunstgerechten festen Verband an, wobei er als Halt einige Holzsplitter und mehrere Stücke der festen Rinde wählte, die er vom Stamm einer der Palmen abschälte. »Ich nehme an«, wandte er sich an die Tänzerin, »daß du ihn, nachdem du ihn von einem so schrecklichen Tod gerettet hast, auch jetzt nicht verlassen wirst, solange er noch in Gefahr ist!« »Nur der Tod kann mich früher von ihm trennen!« »Weißt du den Weg durch die Wüste zu finden?« Das Hindumädchen lächelte verächtlich über die Frage des Europäers. »Seh' ich nicht, wo die Sonne auf- und niedergeht? Sind meine Sinne nicht scharf? Ich weiß, wohin du gehst – sende das Faringimädchen mit der ersten Gelegenheit zurück zu den Ihren. Noch ehe ihr, du und der Khan, euer Ziel erreicht habt, werde ich bei dir sein. Bis dahin muß die bleiche Mem-Sahib für die dunkle Granatblüte gelten.« Der Khan kam mit den beiden Pferden herbei. »Mögen deine Freunde ihren Fuß in den Steigbügel setzen«, sagte er. »Zögern tut nicht gut, wenn die Eile die Mutter unserer Rettung ist. Die Sonne steigt empor und wird bald den Boden der Thar mit Glut überziehen. Mögen sie fern sein, wenn ihre Feinde zurückkehren.« Die Flüchtlinge erkannten die Wahrheit des Rates und bestiegen die Pferde. Walding half dem verletzten Offizier. Mit Absicht hatte das Hindumädchen das Roß des Deutschen gewählt, das, obschon von trefflicher Rasse, doch an Stärke und Schnelligkeit bei weitem dem edlen Turkomanenhengst nachstand. Stuart Sanders reichte dem Arzt die Hand und flüsterte ihm die Bitte zu, Editha nicht zu verlassen. Ein Händedruck gab ihm die Versicherung. Das verhüllte Hindumädchen schwenkte die Hand zum Abschied. Die Pferde brausten der emporsteigenden Sonne entgegen. Walding wandte sich zu seinem Gefährten, der auf den Trümmern der Mauer stand, die Augen mit der Hand gegen die Sonnenstrahlen schützte und die Wüste überblickte. »Laß uns nun beraten, Freund Murad«, bat er, »was wir dem Serdar und seinen Freunden sagen, um den Verlust unserer Pferde zu rechtfertigen. Ich denke, die halbe Wahrheit wird uns am besten helfen können. Wir müssen angeben, daß uns, als wir am Ufer des Flusses ruhten, zwei Unbekannte die Tiere geraubt hätten und auf ihnen geflohen seien, ehe wir herbeikommen konnten.« »Es wird gut sein, dies zu sagen«, entgegnete ernst der junge Mann. »Wenn es ein gutes Werk ist, was wir getan haben, wird uns Brahma die Lüge nicht zurechnen, die aus unserem Munde geht. Dort gegen Süden erhebt sich eine Wolke von Staub; der Serdar kehrt eher mit Srinath Bahadur zurück, als wir gehofft haben.« Der Doktor sprang erschrocken an die Seite seines Freundes. »Die Unglücklichen!« rief er. »Der Serdar und die Seinen kommen, ehe sie noch aus dem Gesichtskreis verschwunden sind!« In der Tat waren die beiden Reiter in der Ebene noch deutlich sichtbar. »Hinunter und ihnen entgegen!« empfahl der Khan, dem Europäer mit seinem Beispiel vorangehend. »Jetzt gilt es, jeden Verdacht von uns abzulenken, wenn wir nicht Tukallahs Säbel über unsern Häuptern sehen wollen.« Er schoß seine beiden Pistolen in die Luft, um die Aufmerksamkeit der Flüchtigen zu erregen und ihnen ein Warnungszeichen zu geben, und um damit den Nahenden die Erzählung von dem Raub glaubhaft zu machen. Nach kaum zehn Minuten sprengte von Süden her eine Reiterschar heran, der in einiger Entfernung der Reisetroß von Dromedaren und Dienern des Maharadscha folgte. Tukallahs scharfes Ohr hatte in großer Entfernung die beiden Pistolenschüsse gehört. Als sein Blick die beiden Fußgänger erfaßte, begriff er sogleich, daß hier etwas Ungewöhnliches geschehen sei. Der Reiterschar ein Stück voraus, hielt er sein Pferd vor den beiden Freunden an. »Ich hörte Schüsse, Khan. Wo ist ›Zorab‹, dein flinkes Roß? Warum kommen meine Gäste mir zu Fuß entgegen?« »Unglück und Verrat, edler Serdar!« rief der junge Mann, der seine Rolle vortrefflich spielte. »Wir sind unserer Pferde beraubt worden, während wir das Grab Asokas, des Einsiedlers, betrachteten. Du mußt die Diebe noch sehen, wenn du das Auge des Adlers hast!« Tukallah erhob sich in den Steigbügeln und ließ seine Augen über die Ebene schweifen. In weiter Entfernung erkannte er zwei schwarze Punkte, die rasch über die Fläche strichen. Eine dunkle Glut überzog sein Gesicht. Der Verdacht, daß es einigen der Opfer des Festes gelungen sein könnte, aus den unterirdischen Räumen auf einem der Ausgänge durch Zufall zu entkommen, oder daß Spione unentdeckt bis hierher an den Fuß der Felsenwälle des Tals gedrungen sein könnten, kämpfte mit dem näherliegenden Gedanken, daß Mitglieder des Bundes, vielleicht von der spitzbübischen Phansigarsekte, beim Umherschweifen der günstigen Gelegenheit zu einem Raube nicht hätten widerstehen können. »Hast du die Elenden näher gesehen, Khan«, fragte er hastig. »Kannst du uns ein Zeichen geben, von welchem Stamm sie waren?« Der junge Krieger blickte zögernd auf seinen Gefährten, da er nicht wußte, wie weit dieser das Geheimnis verraten wissen wollte. Walding aber erwiderte: »Der eine schien ein Europäer, die andere Gestalt die eines Weibes – ihr Gesicht aber war verhüllt.« Eine wilde Verwünschung entfuhr dem Mund Tukallahs. Dann wandte er sich rasch entschlossen zu den herangekommenen und sich um ihn sammelnden Reitern. Seinen Schobedar winkte er heran, deutete nach den fernen Reitern und gab ihm in einer fremden Sprache einen hastigen Befehl. Der erste Diener des Serdar beugte zur Beteuerung seines Gehorsams das Haupt bis auf den Sattelknopf seines Pferdes, rief dann zehn seiner am besten berittenen Gefährten beim Namen und sprengte mit ihnen im vollen Rosselauf hinein in die Wüste, den Flüchtigen nach. Jetzt erst wandte sich der Serdar zu dem vornehmen Gast, zu dessen Empfang er ausgezogen war und der einige Schritte von ihm hielt, sich mit den beiden Fremden und dem Afghanen unterhaltend, während er ruhig und anscheinend teilnahmlos die Szene umher beobachtete. »Möge dein Schatten lang und das Glück immer an deine Fersen gekettet sein, Hoheit«, sagte der Serdar entschuldigend. »Hier ist ein Diebstahl an den Rossen zweier unserer Freunde geschehen. Du wirst verzeihen, daß ich sofort Gerechtigkeit zu üben suchte. Fattih Murad Khan, der Sohn Gholab Sings, und der Franken-Hakim, von dem ich dir sprach, stehen vor deinem Angesicht und begrüßen den edlen Bahadur.« Der Maharadscha verneigte sich höflich; sein halbverschleiertes Auge blieb auf dem Europäer haften. »Der Sohn des berühmten Gholab Sing und der Weise des kalten Nordens sollen mir willkommen sein«, erklärte er mit seiner angenehmen Stimme. »Srinath Bahadur hofft, sie in der Burg unseres Freundes näher kennenzulernen.« Der Arzt war von der Erscheinung des Maharadscha gefesselt. Dieser Mann, an den ein Schwur ihn für eine dunkle Zukunft kettete, dieser Mann, in dessen Nähe er vielleicht die Gefährten von St. Helena wiederfand und durch dessen Eingreifen er selber seine Hand bieten sollte für das Rachewerk: – dieser Fremde und die Botschaft an ihn, das Vermächtnis Ochterlonys, waren die Ursache all der Verfolgungen und Leiden gewesen, die er erduldet hatte. Der Maharadscha trug die Nationaltracht: weite weiße Gewänder von indischem Musselin, das breite viereckige Barett, am Schalgürtel den orientalischen Säbel. Nichts als der Tilluk auf seiner Stirn verkündete den vornehmen Stand. Seine Begleiter und der große Schwarm seiner Diener strotzten in Waffen und Kleidung von Gold und Juwelen. Seine Gestalt war voller geworden; er hatte die fast weibliche Zartheit verloren. Auch in seinem vornehmen, ernsten Gesicht schienen das geheime Grollen, die unterdrückten Leidenschaften einer friedlichen, glücklicheren Gemütsstimmung gewichen zu sein. Von den dreißig Abenteurern, die der Maharadscha vor fünf Jahren in San Franzisko angeworben hatte, war nur ein Teil noch in seinen Diensten. Acht davon, mit ihnen der Engländer Gibson, der alte Gefährte MacScotts, begleiteten ihn. Manche hatten das Klima Indiens, das Fieber des Dschungels oder die Klauen der Tiger von Singapore und Bengalen, andere ihre eigenen Ausschweifungen oder die wilden Abenteuer längst unter die Erde gebracht. Im Gefolge des Maharadscha befanden sich noch die Franzosen Cordillier und Vaillant, Ralph, der Bärenjäger, und der Kanadier Adlerblick mit seiner nie fehlenden Büchse. Joaquin Alamos, der Mexikaner, war in Bithur bei dem Haushofmeister des Nena mit neun anderen zurückgeblieben. »Möge deine Gunst mir verzeihen, daß ich dich noch einige Augenblicke aufhalte«, wandte sich der Serdar von neuem zu dem Peischwa. »Die Flucht jener Pferdediebe ist unter so eigentümlichen Umständen erfolgt, daß ich es für nötig halte, ihre Spuren zu prüfen.« »Tu nach deinem Willen. Du bist der Gebieter, wir sind deine Diener«, antwortete der Maharadscha mit indischer Höflichkeit. Der Mahrattenfürst ließ sich von dem Khan und dem Arzt an die Stelle geleiten, wo der Offizier und die Tänzerin die Pferde bestiegen hatten. Er befahl dem Oberjäger, die Spuren auf das genaueste zu prüfen. Nach wenigen Augenblicken erklärte der Jäger mit Bestimmtheit, daß neben den Fußstapfen des Khans und seines Freundes die Spuren zweier anderer Personen, und zwar eines weißen Mannes und eines Frauenfußes sich fänden. Tukallah machte keine Bemerkung mehr, sondern gab das Zeichen zur Fortsetzung ihres Rittes. Eine halbe Stunde nachher zog die ganze Gesellschaft über die Zugbrücke der Mahrattenburg, deren seltsamen und festen Bau der Peischwa aufmerksam betrachtete. Unter dem Tor wurde der Gast von der Rani, ihrer Tochter, dem greisen General Ventura und den anderen Bewohnern der Burg begrüßt. Walding trennte sich mit festem Händedruck von dem Khan. Auf der Schwelle seines Pavillons fand er den Mayadar fast noch in derselben Stellung, in der er ihn verlassen hatte. In seinem Gemach harrte Editha Highson, in ihre Schleier gehüllt, ängstlich auf seine Rückkehr. Niemand hatte sich ihr genaht. Der Thug wachte so sorgsam wie ein Eunuch vor dem Harem seines orientalischen Gebieters. Der Arzt ließ durch ihn Erfrischungen herbeischaffen. Er berichtete Editha von der gelungenen Rettung des Offiziers und seiner Gefährtin und von den neuen Gefahren, denen sie durch die Verfolgung des Serdar ausgesetzt waren. Im Licht des Tages, das Walding jetzt ungehindert in das Gemach einströmen ließ, da bei der Lage der Fenster nach dem Abgrund hin kein Späherauge zu fürchten war, erschien die junge Engländerin trotz ihrer Blässe und den Spuren der Leiden den Augen des Deutschen noch reizender und liebenswerter als im grellen Fackelschein der vergangenen Nacht. Mit der zartesten Aufmerksamkeit bemühte er sich, für ihre Bedürfnisse zu sorgen. Nur kurze Zeit verließ er sie, um dem Peischwa einen Besuch zu machen und bei der entthronten Königin zu erscheinen. Der Plan zur Befreiung ihres Sohnes wurde reiflich erwogen und festgesetzt. So war die Mittagszeit und die Siesta vergangen. Die Stunde des Derwars, der großen Ratsversammlung, kam heran. Fattih Murad kam, um den Arzt dazu abzuholen. Tukallah hatte ihn ausdrücklich zur Teilnahme eingeladen und ihm schon am Morgen anempfohlen, gegen den Peischwa den Brief des Dyce Sombre nicht eher zu erwähnen, als bis er ihm einen Wink hierwegen geben würde. Zum Ort der Beratung hatte der Schloßherr das Innere der Pagode bestimmt. Seine schwarzen Eunuchen standen als Wächter am Eingang. Bei Todesstrafe war jedem der untergeordneten Schloßbewohner oder Diener untersagt, sich dem Ort zu nähern. Noch drang der Schein des Tages in den weiten, seltsamen Raum und vermischte sich mit dem bläulichen Licht der großen, von der Decke hängenden Lampe zu einer eigentümlichen, zitternden Beleuchtung. Zwischen dem riesigen Sarkophag auf den grünen Krokodilleibern und der durch eine künstliche Wand und einen weiten wallenden Vorhang verborgenen Öffnung inmitten der Elefantengestalten, dem Eingang zu den unterirdischen Räumen der Burg, waren die Kissen und Teppiche ausgebreitet. Die Versammlung bestand aus zwanzig Personen. Dem Serdar zur Linken saß auf einer erhöhten Stufe der Peischwa von Bithur, zur Rechten die entthronte Königin von Lahore. General Ventura, die beiden Fremden, die am Abend vorher eingetroffen waren, der Afghanenhäuptling, der Khan, der Arzt und elf andere Männer, ihrem Äußeren nach Brahminen, nahmen ringsumher Platz. Derwische und Krieger, die Walding jedoch seiner Erinnerung nach am Tage vorher nicht gesehen hatte, hielten sich im Hintergrund. Einer unter den Fremden fiel ihm besonders auf. Der Schnitt seines Gesichts und seine Kleidung bezeichneten ihn als einen Sohn des ›Reiches der Mitte‹. Nachdem die Diener den Gästen die Hukas gereicht und sich entfernt hatten, eröffnete Tukallah die Beratung. »Möge euer Schatten lang und euer Auge klar sein!« begann er seine Rede. »Verschieden ist unsere Farbe, verschieden unser Ursprung und das Volk, dem wir entsprossen sind, der Gott, zu dem wir beten. Ich sehe um mich Könige und Sudders Die vier indischen Hauptkasten, die wieder in zahlreiche Unterkasten zerfallen: 1. die Brahminen, der Priester- und Gelehrtenstand; 2. die Kschatria, der Kriegerstand; 3. die Waissia oder Banianen, der Handelsstand; 4. die Sudra, der Handwerker- und Arbeiterstand. Außerhalb der Kasten, als unrein, stehen die Paria. , Brahminen und Krieger, Männer, die den Propheten anbeten, und die Söhne der heiligen Marjam und des Fö. Wir kommen von Aufgang und Niedergang, von Mittag und Mitternacht zu einem großen Zweck, in einem Gedanken, der uns beseelt: Fluch den Faringi!« Und wie vor fünf Jahren auf der Insel St. Helena im einsamen Weltmeer erklang es in der Runde: »Fluch den Faringi!« Nur zwei Stimmen schwiegen im Kreise: der von dem Krämervolk um sein Erbe betrogene Nena Sahib – und der von den Vorkämpfern der Völkerfreiheit mit Geißelhieben geknechtete Deutsche Walding. »Die Veden erzählen«, fuhr der Serdar fort, »wie das Weltall in Wischnus Schoß auf der Weltschlange im Milchmeer lag, und wie aus einer Lotospflanze, die aus dem Nabel Wischnus wuchs, die Welt entstand. Sie ward bevölkert mit braunen, gelben, schwarzen und weißen Menschen. Jedem Volk gab Brahma, das Urwesen, einen Teil dieser Erde. Den Hindu gab er die Veden, den Kahlköpfen den Koran und den Christen das Buch, aus dem die Missionare lesen. Aber die Hindu waren seine liebsten Kinder. Darum erschlug er den Riesen Hajagriwa, als dieser die Veden geraubt hatte, und gab sie ihnen zurück. Das Land, das sie bewohnten, war von den Göttern bevorzugt, Gold und Myrrhen und alle köstlichen Früchte wuchsen in ihm, und Fürsten, deren Stämme so alt waren wie die Welt, beherrschten seine Bewohner. Der Ruf seines Reichtums ging über die Gebirge und Meere. Die Kinder des Propheten kamen, davon angelockt, nach Hindostan, schlugen unsere Väter in vielen Schlachten und ließen sich nieder in unseren Tälern. Aber sie waren Männer wie wir. Sie achteten unseren Glauben, verschmolzen sich mit unseren Sitten und wurden Hindu, wenn sie auch den Propheten anbeteten. Auch die Weißen kamen zu uns. Brahma hat sie mit der Farbe der Deretas gezeichnet. Wie es unter den braunen Menschen böse und schlechte gibt, von denen der gute Geist sein Angesicht gewendet hat, so gibt es auch unter den Weißen tapfere und weise Stämme, und der Krieger mit den weißen Haaren, der hinter uns sitzt, und der kluge Hakim gehören ihnen an, auch die beiden Männer, die uns ein großer Fürst gesandt hat. Sie haben ein Herz für ihre braunen Brüder und wollen mit ihnen ihr Wissen teilen. Aber was können sie tun gegen unsere Herren, die auch die ihren sind? Die Faringi beherrschen die weißen Länder und sind die mächtigste Nation. Wir waren Toren, als wir sie an unseren Küsten aufnahmen und ihnen Gutes taten. Hundert Jahre sind vergangen; ihr Fuß ist bis zu den Bergen des Himalaja vorgeschritten; die Hindostani sind ihre Sklaven geworden. Das Feld, das wir bauen, der Handel, den wir treiben, tragen nur Früchte für sie. Unsere Söhne sind ihre Söldner. Unser Glaube, unsere Sitten sind ihr Spott. Fremde Männer regieren uns und sitzen auf den Thronen, die unsere Väter einnahmen. Unglück! Unglück! Wo ist Gerechtigkeit bei ihnen zu finden, die in dem eigenen Land Willkür und Raub herrschen lassen? Viele Jahre habe ich unter ihnen gelebt und gesehen, wie der Sohn den Vater, der Bruder den Bruder um schnöden Goldes willen zerfleischt. – Wollen wir ewig ihre Diener sein? Wollen wir warten, bis unser Glaube ganz unterdrückt ist, bis unsere letzte Kraft gebrochen, unsere letzte Erinnerung vertilgt ist? Bis wir nichts sind als niedere Sklaven einer Handvoll hochmütiger Faringi? Bis wir wie die Hunde von dem Bissen leben, der von ihrer Tafel fällt? Wer ist unter uns, der nicht über Gewalttat, Betrug und Raub dieser Faringi Klage zu führen hat?« Die Rani erhob sich: »Fluch den Faringi! Sie haben meinen Kindern das Erbe ihres Vaters geraubt!« »Verdammnis über die weißen Verräter!« rief der Afghanenhäuptling, wild seinen Säbel schüttelnd. »Sie haben uns betrogen um das Land am Sindh!« »Die Sonne des Weltalls, der Beherrscher des himmlischen Reiches der Mitte ist erzürnt auf die Engländer«, erklärte der Chinese, indem er sich erhob. »Sie sind in unser Land gedrungen wie Räuber und zwingen uns, das Gift, das sie uns bringen, zu kaufen.« »Mein Vater war ein freier Beludschen-Fürst«, sprach ein anderer der Männer. »Wo ist das Land am Sindh, das ich noch mein eigen nenne? Fluch den Räubern!« »Und Delhi – das goldene Delhi? – Wo ist der Hindu, der nicht an seine Größe dächte und mit Schmerz die Werke Akbars und Aurang Sebs, meiner Ahnen, erniedrigt sähe zum Eigentum der falschen Faringi? Ist der Mogul, mein Vater, etwas anderes als die Puppe ihres Willens?« Der Fremde erhob sich und ließ das Gewand eines Derwischs, das ihn bisher verhüllt hatte, fallen. Er war ein noch junger Mann von edler Gesichtsbildung und reicher indischer Kleidung. Seine Züge drückten leidenschaftlichen Haß gegen die Nation aus, die den berühmten Thron seiner Väter zu einem machtlosen Schatten gemacht hatte. Nur der Serdar schien nicht überrascht von der Anwesenheit des Prinzen, der sich durch sein jugendliches Ungestüm verraten hatte, während alle anderen bisher in ihm nur einen untergeordneten Boten und Vertrauten des Großmoguls von Delhi gesehen hatten. »Es ist Akbar Dschehan, der zehnte Sohn des erhabenen Großmogul«, stellte Tukallah den Prinzen vor, indem er aufstand und ihm den Platz zwischen der Rani und dem Peischwa anbot. »Wir erkennen dankbar das Zeichen des Vertrauens, das Mohammed Abdul Schah uns durch die Sendung seines Lieblingskindes bewiesen hat. Nur die Meinung eines der Häupter dieser Beratung vermisse ich noch. Sollte Srinath Bahadur, der Sohn Bazie Rûs, vergessen haben, daß die Faringi sich weigern, ihn als Peischwa von Bithur und den Erben seines Vaters anzuerkennen?« Eine dunkle Röte überzog plötzlich das Gesicht des Angeredeten. Der träge Schleier seiner Augen verschwand; ein Blitz voll Zorn schoß auf den Redner. »Das Gesetz unserer Väter macht das Kind, dem wir unseren Namen geben, auch wenn es nicht von unserem Blute stammt, zu unserem rechtmäßigen Erben. Noch niemand hat daran gezweifelt oder dem Erben sein Recht streitig gemacht.« »Kein Hindu, kein Moslem, du sprichst die Wahrheit. Aber erkennen die Faringi dein Recht an? « »Zahlreiche Fälle aus den Fürstenfamilien Hindostans sprechen dafür.« »Ich zweifle nicht daran. Aber ich frage, ob die Company deinen eindeutigen Anspruch auf die Peischwawürde und die Entschädigung, die dein Vater rechtlich bezog, bestätigt hat?« »Du weißt, daß ich einen Prozeß darum führe. Ich sandte Baber Dutt, meinen Bruder, nach England, mein Recht zu verteidigen. Die weiße Königin und die Regierung des Landes haben es anerkannt.« »Der Sahib Gouverneur hat dir also die Würde erteilt?« Wieder errötete der Maharadscha. »Man erkannte nur mein Recht an; man verwies mich an die Company , an die Regierung in Kalkutta; sie ist an der Verzögerung schuld!« »Wenn ich mich recht erinnere«, fuhr der Serdar fast mit Spott fort, »so sind fünf Jahre seitdem vergangen. Hat der tapfere Srinath Bahadur sich unterdessen nur mit der Jagd und den Freuden des Harems beschäftigt, ohne etwas für sein angestammtes Recht zu tun?« »Ich unterhalte keinen Harem, Tantia-Topi«, sagte der Maharadscha finster. »Meine Gattin besitzt alle Rechte der Rani. Ich habe meinen Bruder noch einmal mit der Beschwerde über die Verzögerung der Company nach London gesandt; ich weiß gewiß, daß das Parlament meine Klage hören und sich Gehorsam verschaffen wird. Ich bin Hindostani wie du und empfinde mit Schmerzen, daß mein Land die Fesseln der Fremden trägt. Aber das Volk der Hindu ist noch nicht vorgeschritten und gebildet genug, um seinen alten Glanz wieder zu erringen. Die Männer, die uns beherrschen, wissen mehr als wir und sind tapfer und gerecht. Ich wünsche Indien seine Freiheit, aber warum sollte ich selber gegen die streiten, die meine Freunde sind?« Der Serdar antwortete ihm nicht, sondern klatschte in die Hände. Alsbald rauschte der Vorhang zwischen den Elefanten zur Seite, und ein Fremder in indischer Kleidung trat in den Kreis der Beratenden. Der Maharadscha erhob sich hastig von seinem Sitz. »Was sehen meine Augen? Baber Dutt, mein Bruder! Wie kommst du hierher?« »Ich bin am zehnten Tag des Monats in Suratschi eingetroffen und erhielt dort die Nachricht, daß ich dich hier auf der Rückkehr von Bombay finden würde. Feuer war unter meinen Sohlen, bis ich dich wiedersah.« »So kommst du nicht von Bithur, bist nicht in unserer Heimat gewesen und bringst mir keine Nachricht von meinem Weib?« »Du hörst es, daß ich durch das Meer von Maskat gekommen bin und die verfluchte Stadt der weißen Geldwechsler nicht berührt habe. Ich habe auf meiner Reise die Stämme der Wüste besucht und mehr Gerechtigkeit unter ihnen gefunden als unter den stolzen Faringi. Ich kann nicht wissen, was die Christin tut.« »Ich weiß, Baber Dutt, du liebst sie nicht, obgleich sie es um dich und alle, die ihr nahestehen, verdient hat. Aber –« er zögerte mit der Frage, und nur der feste Blick des alten Mahratten nötigte ihn dazu, »sprich, welche Nachricht bringst du mir?« »Lies!« Der Bote reichte ihm ein Schreiben. Es war mit dem großen Siegel des Staatssekretärs der Kolonien verschlossen. Der Maharadscha erbrach hastig das Dokument und durchlas es. Je weiter seine Augen über die Zeilen flogen, desto finsterer zogen sich die Falten seiner Stirn. »Worte! – Worte! –« murmelte er. Seine Hand ballte krampfhaft das Schreiben zusammen und schleuderte es weit von sich. Ein Blitz dämonischen Grimms flammte aus seinen braunen Augen; aber mit einer Gewalt sondergleichen unterdrückte er den aufbrausenden Sturm der Leidenschaften, ergriff eine goldene Kapsel, die er an einer Kette auf der Brust trug, und öffnete sie. Der Inhalt schien eine zauberische Wirkung auf ihn zu üben. Es war, als wenn ein entfesselter Dämon jäh beruhigt würde, eine vom Sturm erregte See sich in einen glatten, friedlichen Spiegel verwandelte. Die Falten seiner Stirn verschwanden, das Feuer seiner Augen verschleierte sich wieder, der bezähmte Tiger winkte dankend seinem Bruder und ging zu seinem Sitz zurück, als wäre soeben nicht die Verhöhnung seiner sehnsüchtigen, ehrgeizigen Wünsche ihm kundgeworden. Und der Zauber, der diesen Sturm so rasch, so vollständig beschworen hatte? Er bestand allein in einem kleinen Miniaturbild, das die goldene Kapsel umschloß. Der feurige, so oft von seinen Leidenschaften hingerissene Inder hatte Margarethe geschworen, jedesmal ihr Bild zu betrachten, wenn er seinen ungestümen Zorn über sich kommen fühlte. »Es ist gut«, sagte der Maharadscha, »ich danke dir! Tantia-Topi hat recht gehabt mit seinen Zweifeln. Die Minister der Königin verweisen mich wiederum an den Rat zu Kalkutta und versprechen, mein gerechtes Gesuch zu unterstützen.« Der Serdar stampfte mit dem Fuß auf. »Ist der Löwe zum Lamm geworden, der Krieger zum Feigling, der die Peitsche küßt, die ihn schlägt? Ganz Indien kennt die Tyrannei, die Schmach, die man dir angetan hat. Ganz Indien sieht mit Scham den Mann, auf den es hoffte, sich zum Diener seiner Tyrannen herabwürdigen. Du weißt, Srinath Bahadur, was hier verhandelt werden soll. Wir glaubten, einen Bundesgenossen in dir zu finden, nicht einen Verräter. Geh hin zu deinen weißen Freunden, verkünde ihnen den Blitz, der über ihrem Haupt schwebt! Vielleicht, daß sie dich zum Dank statt zum Peischwa zum Aufseher ihrer Polizeisoldaten machen.« Die Hand des beleidigten Maharadscha flog an den Griff seines Säbels. Sein Auge sprühte Verderben dem Unvorsichtigen; aber noch einmal beruhigte sich durch die eiserne Macht des Willens der Zorn dieses Mannes. Er erhob sich stolz. »Deine Worte sind Lügen, alter Mann«, erklärte er mit erzwungener Ruhe. »Aber dein Haar ist weiß. Der Nena wird seine Hand nicht erheben gegen den, unter dessen Dach er weilt. Mögen dir die Götter die Beleidigung deines Gastfreundes vergeben. Der Sohn Bazie Rûs ist ein Freund der Faringi und will seine Hand nicht in das Blut der Brüder seines Weibes tauchen. Aber höher noch liebt er sein Vaterland und wird es mit Freuden begrüßen, wenn es sich freigemacht hat von den Fesseln der Fremden. Was ihr sinnt, war mir längst kein Geheimnis. Niemals aber wird Srinath Bahadur den weißen Männern verraten, was denen, die ihm vertrauten, Verderben bringen müßte.« Er wollte den Kreis verlassen. Aber der alte Mahrattenfürst warf sich ihm in den Weg. »Meine Zunge wollte dich nicht beleidigen«, beteuerte der Finstere. »Nur aufreizen sollte sie dich, auf den wir so viele Hoffnungen setzten – und der sich einst nicht ohne Absicht mit einer Schar tapferer Männer umgab, die keine Faringi waren. Wir haben falsch gehofft, vergeblich geharrt. Kama hat über die Dunkeläugige gesiegt und den Löwen schwach gemacht. Fern sei es von uns, daß wir einem Sohn Bazie Rûs mißtrauen sollten. Bleibe bei uns, Nena, höre, was beschlossen wird; denn ich hoffe, die Stunde wird kommen, wo du dich dessen, was du gehört hast, erinnern wirst und mit uns kämpfst gegen den gemeinsamen Feind! Wenn du bis dahin die Hand nicht erheben willst für die Sache des Vaterlandes, so gewähre wenigstens denen, die ihr Leben zu opfern bereit sind, deinen Schutz. Verwende die fremden Schätze, die jetzt ungenützt liegen, zu ihrer Hilfe! Fördere damit die Rache eines Toten an seinen Verderbern.« Der Nena war nach den ersten Worten seines Wirtes schweigend auf seinen Sitz zurückgekehrt und sah jetzt befremdet auf den Serdar. »Was meinst du damit?« »Ich meine das Erbe Dyce Sombres, des Enkels der großen Begum von Somroo, dessen Besitz dir zusteht!« »Ich besitze nur eine Kiste mit Edelsteinen und Dokumenten, die meinem Pflegevater von der Begum anvertraut war und die ihrem Enkel oder seinem Erben auf sein Verlangen gegen ein gewisses Zeichen ausgehändigt werden sollte. Der Auftrag ist an mich übergegangen, aber niemand hat sich bis jetzt zum Empfang gemeldet, und niemals hat meine Hand den Deckel des anvertrauten Gutes berührt.« »Du selbst bist der Erbe der Schätze der Begum und all ihrer hinterlassenen Güter in Indien. Hier« – er nahm die Papiere aus den Falten seiner Gewänder – »ist das Testament Dyce Sombres, das dich zum Erben einsetzt; und dieser Mann war Zeuge, daß Dyce, dessen Mayadar ich war, noch auf seinem Totenbett die Verfügung bestätigte.« Der Nena empfing mit Erstaunen – denn bis jetzt hatte er durch die Hintertreibungen der englischen Familie keine Silbe von seinem Anrecht auf die reiche Erbschaft erfahren – die Dokumente, die Walding mit gleichem Befremden in den Händen des Mahratten sah, da ihm doch bekannt war, auf wie seltsame Weise sie aus dem Sterbezimmer verschwanden. »Deine Sache ist es, edler Maharadscha«, fuhr der Serdar fort, »jetzt von deinen Freunden, den Faringi, auch hierin dein Recht zu erstreiten. Doch wichtiger als das Erbe dieser großen Landgüter, die von der Habsucht unserer Tyrannen ausgesogen sind, ist der Brief, den dir der Hakim auszuhändigen hat. Er enthält die geheimen Zeichen, die von der Begum bestimmt wurden. Tritt vor, Franke! Übergib dem Maharadscha von Bithur das Schreiben, das du fünf Jahre lang mit Gefahr deines Lebens unter den Mißhandlungen deiner Feinde für diese Stunde aufbewahrt hast!« Doktor Walding zog aus seiner Brusttasche das wohlverwahrte Dokument und übergab es dem Maharadscha. Srinath Bahadur öffnete den Verschluß. »Die Pergamente in jenem Kasten sind wichtig für deine eigenen Ansprüche auf die Erbschaft«, begann Tukallah wieder. »Die Schätze, die er sonst birgt, gehören den beiden, die der Verstorbene dazu bestimmt hat, daß sie seine Leiden rächen im Kampf gegen England!« »Kampf gegen England!« hallte es wider im Kreise. »Ich bin bereit, dem Franken das Erbe meiner Väter auszuhändigen, wenn er mich nach Bithur begleiten will«, erklärte der Maharadscha. »Er steht von diesem Augenblick an unter meinem Schutz, und ich bürge für jedes Haar seines Hauptes.« Der Arzt ergriff froh die Gelegenheit. »Wenn du es erlaubst, Hoheit, schließe ich mich deinem Gefolge an. Aber ich kann nicht allein über den Schatz bestimmen, den mein verstorbener Freund hinterließ. Begründeter sind die Rechte eines Mannes, der leider das Opfer eines traurigen Irrtums oder« – sein Blick traf den Serdar – »eines Verbrechens geworden und wahrscheinlich den Leiden an fremden Küsten erlegen ist.« »Wenn der weiße Hakim Kapitän Ochterlony meint«, erwiderte der Serdar, »so mag er ruhig sein. Er wird ihn wiedersehen, wenn die Zeit gekommen ist.« Der Mahratte hatte dies mit einer solchen Bestimmtheit gesagt, daß Walding kaum zweifeln konnte, er wisse mehr von dem Schicksal des Verbannten. Doch wagte er nicht, jetzt weiter danach zu fragen. Die Versammelten hatten dem Zwischenfall mit dem Maharadscha beigewohnt, ohne eine Bemerkung zu machen. Jetzt erhob die Rani ihre Hand: »Die Feinde der Faringi sind bereit zu hören, was der Bund der Tschupattie beschließt.« »Es ist Zeit, davon zu reden«, sagte der Serdar. »Wenn der Mond neunmal gewechselt hat, wird etwas Weißes sterben und die Hindostani werden ihr Haupt zu Brahma erheben. Fattih Murad Khan ist der jüngste unserer Freunde; er möge sprechen und verkünden, was der weise Gholab Sing zu tun bereit ist.« »Gholab Sing ist ein weiser Mann, aber er redet dies und er redet das«, entgegnete der kriegerische Khan. »Er hat mich gesandt, um an der Gefahr teilzunehmen. Fünfhundert Reiter aus den Gebirgen werden mir folgen, sobald ein fester Platz in die Hände der Hindostani gefallen ist. Wenn es ihnen gelingt, die Faringi zu schlagen, so wird Gholab Sing das Pandschab in Flammen setzen und die Maharani wieder auf den Thron von Lahore erheben.« »Um sein eigen Blut ihn teilen zu lassen, wenn erst Murad Khan sich mit der Rose des Pandschab vermählt hat«, spottete der Prinz von Delhi. »Der weise Gholab läßt seinen ältesten Sohn in Kalkutta wohnen als Geißel seiner Treue für die Faringi; uns hat er seinen Jüngsten gesandt. Der Statthalter der Faringi am Himalaja hat zwei Gesichter!« »Willst du meinen Erzeuger beleidigen?« rief der Khan entrüstet und griff zum Säbel. »Möge deine Zunge verdorren!« »Still!« befahl der Serdar. »Es ist unrecht von dir, o Prinz, den Khan zu beleidigen. Gholab Sing ist freilich ein vorsichtiger Mann, der nach seinem Vorteil handelt. Wenn er es aufrichtig mit der Befreiung Hindostans meinte, könnte sein Wort allein die stolzen Faringi ins Meer jagen. Viele Stämme der Sikhkrieger sehen auf ihn, und es sind ihrer siebzigtausend in der Armee der Company . Wenn sie sich mit uns verbinden, wird kein Faringi am Leben bleiben.« »Die Sikhs«, sagte unwillig der Khan, »haben nicht vergessen, daß die Hindu-Sepoys es waren, mit deren Hilfe die Faringi die Freiheit des Pandschab unterjochten. Warum sollten sie jetzt ihr Blut geben für die Freiheit ihrer Feinde?« »Unglücklicher Zwiespalt!« rief die Königin. »Die Sikhs und die Hindu sind Brüder. Die Fremden allein haben den Argwohn zwischen sie gesät. Die Sikhs werden die Stimme ihrer Rani hören, wenn die Fahne des Kampfes geschwungen wird!« »Wenn es der edlen Rani so aufrichtig um die Einigkeit der beiden Völker zu tun ist«, warf aufs neue in scharfem Ton der hochmütige Prinz von Delhi ein, »so möge sie das Kleinod, das sie besitzt, nicht wieder einem Sikh geben, sondern einem Mann aus dem Blut Akbar des Großen, das über die Hindu gebietet!« Diese offene und unerwartete Werbung, hervorgegangen aus der Eifersucht, die seit Jahrhunderten zwischen den benachbarten Stämmen herrschte, machte alle verstummen. Der Serdar und die Rani fühlten im Augenblick die politische Wichtigkeit des Vorschlags und die Gefahr des Zerwürfnisses, das er unter zwei mächtigen Parteien hervorrufen könnte. Fattih Murad Khan streckte abwehrend die Hand aus. »Der Schakal ist lüstern nach fremdem Gut. Er möge erst ein Wolf werden und auf dem Schlachtfeld zeigen, daß er zu kämpfen versteht, ehe er seine Ansprüche auf die Krone der Schönheit vorzubringen wagt!« »Diese Hand wird die Fahne der Freiheit auf die goldenen Tore von Delhi pflanzen und die Faringi wie Spreu im Winde vor sich hertreiben«, rief glühend der Prinz Akbar Dschehan. »Sie ist nicht die Hand eines gemeinen Kriegers, die den einzelnen auf dem Schlachtfeld erschlägt.« Der Streit zwischen den beiden jungen Rivalen um Ruhm und Liebe drohte aufs neue auszubrechen. Die Maharani unterdrückte ihn mit der Kraft ihrer Persönlichkeit. »Deine Werbung, o Prinz«, fiel sie ein, indem sie sich majestätisch aufrichtete, »ehrt mich; aber der tapfere Khan hat bereits mein Versprechen. Das Geschick möge entscheiden, wer der Glückliche sein wird, der den gefangenen Sohn mir zurückführt. Er allein hat über die Rose von Lahore zu entscheiden, wenn er auf dem Thron seines Vaters sitzt.« »Möge es der Maharani gefallen«, warf der Serdar eilig ein, der Fürstin mit den Augen winkend, »uns mitzuteilen, welchen Beistand der Krieg der Hindu gegen die weißen Faringi von seiten unserer Freunde in Nepal zu erwarten hat?« »Du weißt, daß sein Herrscher mir Schutz gewährt und die Company haßt. Aber Dschung Bahadur, sein Minister und der Günstling der Königin, ist allmächtig. Auf seinen Willen wird es ankommen, ob die Gurkhas uns oder den Faringi zu Hilfe kommen.« »Wenn er zurückgekehrt ist aus dem Land über dem Meer«, sagte der Serdar, »müssen wir ihn zu gewinnen suchen. Er liebt das Gold und die Macht, und es wird viele Männer geben, die bei dem Krieg unabhängige Fürsten werden. Unsere Brüder aus Malwah, Gondowan und dem Dekhan mögen für ihr Land sprechen.« »Salar Dscheng, der Wesir des Nizam von Haiderabad, ist ein Freund der Faringi«, berichtete ein mohammedanischer Derwisch. »Aber die Soldaten seines Herrn sind treue Söhne des Koran und hassen die Faringi aufs Blut. Wenn sie erfahren, daß der Glaube des Propheten in Gefahr ist, werden sie ihre Waffen erheben und den Nizam vom Thron stoßen.« »Wir rechnen auf den Dekhan erst, wenn der Kampf im Gang ist«, sagte der Mahratte. »Die glorreichen Erinnerungen Haider Alis von Mysore werden nicht erstorben sein im Gedächtnis seiner Völker. Ein treuer Freund unserer Sache durchstreift das Land im Süden und sammelt unsere Freunde. Die Sepoys von Madras sind nicht die Hoffnung Hindostans. Ihre Kaste ist gemischt, es sind Neger, Malaien und Männer von den Inseln unter ihnen, die kein Herz haben für die Freiheit. Auch ihre Zeit wird kommen.« »Der Scindia und Holkar«, erklärte der Abgesandte von Malwah und Bundelkund, »weisen die Anerbieten, die ihnen von uns gemacht werden, zurück. Sie sind Freunde der Faringi.« »Fluch ihnen! Das Fürstenblut der Mahratten ist in ihren Adern, und dennoch wollen sie lieber als Sklaven leben, denn als freie Männer sterben!« »Ihre Krieger«, fuhr der Berichterstatter fort, »sind die unseren. Die Hauptleute warten auf die Sendung der heiligen Kuchen und werden zu den Fahnen des Radscha von Dschansi stoßen, der den Aufstand in seinem Land beginnen wird. Zehntausend kampfgerüstete Männer warten auf unsern Wink.« »Die Bhawani hat sein Leben genommen«, sagte der Serdar. »Die Seele unseres Freundes hat ihre neun Wandlungen angetreten. Der Scindia wird sein Land nehmen – es ist ein harter Schlag. Die Rani hat mir Botschaft gesandt, ehe sie den Scheiterhaufen bestieg.« »Friede mit ihr!« murmelten die Lippen sämtlicher Hindu in der Versammlung. » Agni wolle ihre Seele zum Himmel tragen.« »Mögen unsere Freunde aus Bengalen, Allahabad und dem Rohilcand uns ihren Bericht machen«, fuhr der Serdar fort. »Bis jetzt haben wir nur Schlimmes gehört – ihre Lippen sollen unseren Ohren Wonnen verkünden.« »Die Treulosigkeit der Faringi wird mit jedem Tag unerträglicher, wir sind die Sohle ihrer Füße«, flammte ein Mann auf, dessen schönen Zügen jener körperliche und geistige Adel unverkennbar aufgedrückt war, der das edle und so schmählich mißhandelte Volk der Rohillas auszeichnet. »Vierzigtausend Männer werden bereit sein, das Schwert zu ergreifen.« »Ich kenne deine Landsleute, edler Kur Sing«, bestätigte der Serdar, »und vertraue auf ihre Tapferkeit. Möge der würdige Subadar Sahib Ali Khan sprechen und uns von der Armee von Bengalen berichten.« »Fünfzigtausend Sepoys werden die Hand gegen die Faringi erheben. Hier sind die Listen der Regimenter und ihrer Kasten. Hindu und Moslem sind einig in dem Mißtrauen gegen die Engländer. Die Brahminen haben in jeder Kaserne, in jedem Fort einen geheimen Bund unter den Männern errichtet, von Kalkutta bis über die Grenzen des Audh. Es bedarf nur des Schürens, um die Flamme hochlodern zu lassen.« »Haben eure weißen Gebieter wieder Neuerungen im Dienst und in den Gebräuchen des Heeres eingeführt?« fragte der Mahratte. »Die Sepoys sollen künftig nicht mehr ihre eigenen Patronen fertigen. Man wird sie uns aus dem Land der Nebel senden.« Eine wilde Freude zuckte über das Gesicht des Serdar. »Das ist, was wir brauchen! Aus ihren eigenen Patronen wollen wir den stolzen Faringi ein Feuer bereiten, das sie in die Luft sprengen soll. Hört mich an, Freunde und Brüder!« »Wir hören!« »Unter sämtlichen Sepoys der vier Regentschaften müssen geheime Gerüchte verbreitet werden. Den Hindus müssen die Brahminen verkünden, daß ihre Patronen mit dem Fett der heiligen Kühe Nach dem Glauben der Hindu ist die Kuh ein heiliges Tier, das sie nicht töten dürfen. bereitet werden, den Moslemin, daß zu den ihren das Schmalz der unreinen Tiere verwendet wird. Das wird die Gemüter in Gärung bringen durch das ganze Land und zweimalhunderttausend Bajonette für uns zum Kampf rufen!« »Der Plan ist gut – der Teufel selbst hätte ihn nicht besser aushecken können«, meinte General Ventura. »Ich kenne den Fanatismus und weiß, daß kein Vernunftpredigen, kein Beweis des Gegenteils den Wahn zu zerstören vermag.« »Aber die Sikhregimenter sind weder Hindus noch Mohammedaner, sie spotten des Glaubens der einen wie der anderen«, bemerkte der Subadar. »Der allgemeine Taumel, die Feindschaft gegen die Faringi, mein Ruf zu den Waffen werden sie mit fortreißen!« beharrte die Maharani. Mehrere der Versammelten wiegten zweifelnd das Haupt. »Hier sind Briefe von Man Sing, dem Rao von Mundoger und dem Desahi von Hembzi«, fuhr Tukallah oder Tantia-Topi, wie er bei den indischen Stämmen genannt wurde, fort. »Sie versprechen, in der Radschputana und dem Bombay-Distrikt den Aufruhr zu leiten. Daula Khan, der Naib-Nazim von Budaon, der Radscha von Sorapore und Gorhuccus Sing, der Radscha von Goudah, harren auf unseren Wink. Der Radscha von Shunda wird sich auf den verräterischen Nizam werfen, wenn er es wagt, den Faringi beizustehen.« » Kartikeia wird uns beistehen, sie zu verderben«, schwur einer der Krieger. »Mohammed Musuful, mein Gebieter, der Thusildar von Piluni, wird mit fünftausend Reitern und zweihundert Elefanten gegen sie ziehen.« Auch die übrigen berichteten aus den verschiedenen Teilen Indiens, wie alles bereitet werde zum Ausbruch der allgemeinen Empörung. Der geheime Leiter des Bundes der Thugs neigte sich jetzt vor den Fremden. »Die Tapferen des großen Sultans in den Ländern, wo Brahma den ewigen Schnee schuf, haben gehört, wie die Söhne Hindostans bereit sind, ihr Blut gegen die Faringi, unsere und eure Feinde, zu vergießen. Der große Sultan, unser Freund, weiß um unsere Hoffnungen. Was gedenkt er zu tun?« Der eine der beiden fremden Offiziere mit dem slawischen Gesichtsschnitt öffnete eine Aktenmappe, die er auf seinen Knien getragen hatte, und nahm verschiedene Papiere heraus. »Seine Majestät der Kaiser«, begann er mit einer ehrerbietigen Bewegung des Hauptes, »haben mit Schmerz die ungerechte Entthronung so vieler edlen Fürsten eines Landes gesehen, an dem ihr Herz innigen Anteil nimmt. Seine Majestät würden sich aufrichtig freuen, die alte Herrschaft des Großmoguls wieder in ihrem Glanz, die Erben des berühmten Rundschid Sing, des Freundes unseres verewigten Herrn, wieder eingesetzt und die Rechte des Königreichs Audh hergestellt zu sehen. England mit seiner unersättlichen Habsucht breitet seine Macht immer weiter aus. Es müssen ihr Schranken gesetzt werden. Darum wird es der Kaiser mit Beifall begrüßen, wenn die altberühmte Nation der Hindu ihre Freiheit gegen die britischen Eroberer verteidigt.« Der Serdar lachte spöttisch. »Goldene Worte stürzen kein eisern Tor ein, sagt das weise Sprichwort. Ist das alles, was der große Sultan der kalten Länder für unsere Not tut?« »Dies Papier«, erwiderte der Offizier gemessen, »enthält eine genaue Übersicht der in ganz Indien stationierten militärischen Macht der britischen Krone und der Company , genauer, als sie deine eigenen Berichte würden zusammenstellen können, tapferer Serdar. Sie kommt aus dem geheimen Kabinett des Generalgouverneurs in Kalkutta. Das zweite Papier enthält den ganzen Stand der englischen Armee und ihre Verteilung in den verschiedenen Weltteilen. Die Entfernungen sind bei allen Weltteilen angegeben und die Zeiten berechnet, in denen die Regimenter von entfernten Stationen nach Indien gebracht werden können. Unser Gesandter in Konstantinopel wird das seine tun, zu bewirken, daß der nähere Transport über Suez Schwierigkeiten und Hindernissen unterliegt. Ein Krieg von drei Jahren muß England bankerott an Menschen machen. Sie aber haben zweihunderttausend Sepoys und Irreguläre, auf die Sie rechnen können; der Dschungel, die Hitze und die Cholera sind Ihre Bundesgenossen. Das dritte Papier enthält die Angabe der Vorräte von Munition und Geschützen, die an der persischen Grenze zur Verfügung liegen, und die Namen von zwanzig Offizieren der kaukasischen Armee, die bereit sind, bei den indischen Truppen einzutreten.« »Der Kaiser, unser Herr«, fuhr der zweite Agent fort, »wird Ursache haben, ein Truppenkorps an den Grenzen von Turkestan zusammenzuziehen, wenn ein Streit zwischen Persien und den Briten entsteht.« Sein diplomatisches Lächeln verkündete, daß dieser Streit bereits im Werke sei. »Der wichtigste Schlag für den englisch-indischen Beteiligten muß von Osten her kommen.« Er deutete auf den Mandarin, auf den sich jetzt alle Blicke wandten. »Der Gebieter des Weltalls«, erklärte der Chinese, »wird die rothaarigen Barbaren das Gewicht seines Zornes fühlen lassen und die Sonne seines Antlitzes vor ihnen verhüllen. Man wird die Faktoreien, die ihnen unsere Großmut in Kuang-Tschen gestattet hat, verbrennen und ihnen die Leiber aufschneiden. Die Schiffe der Barbaren dürfen das Wasser des Sikiang nicht länger beschmutzen.« »Maschallah«, schwor der Afghane, sich den dunklen Bart streichend, »Dost Mohammed Khan ist bereit, das Blutbad von Kabul zu wiederholen! Wenn man uns Peschaur, das uns der Faringi stahl, widergibt, werden unsere Krieger bereit sein, über den Sindh zu gehen!« »Die Kinder des Propheten sind in unserm Bund«, erklärte Baber Dutt, der Bruder des zögernden Peischwa, ein leidenschaftlicher Gegner der Engländer. »Nicht vergeblich hat der Freund des tapfern Kur Sing den Weg durch die Arabische Wüste gemacht! Wo der Koran gepredigt wird, ist blutiger Haß gegen die Faringi! Die Türken sehen in ihnen allein die Ursache vom Verfall ihres Reiches. In Ägypten und ganz Arabien gärt und kocht der Zorn gegen die falschen Christen. Ich war auf den Inseln, auf denen die Moslemin und die Griechen wohnen, und in der Stadt, die sie Alessandria nennen. Mit einer arabischen Praua kam ich nach Dschidda im Roten Meer und zog durch die Wüste bis zum Meer von Ormuz. Die tapferen Stämme von Yemen und Hadramaut harren nur der Gelegenheit, sich auf die weißen Männer von Aden zu stürzen. Die heiligen Imame von Mekka und Medina werden den Krieg gegen die Franken predigen. Alle Araber der Wüste, im Land des Suderi und Ahyssas haben den Fuß im Bügel und den Speer in der Hand. Von Kahira bis Maskat klingt der Ruf: Tod den Faringi!« Und: »Tod den Faringi!« hallte der Ruf der Versammlung. Mit Staunen und in tiefem Sinnen hatte der Maharadscha von Bithur der Entwicklung des riesigen Planes zugehört. »Die Frage, deren Entscheidung uns hier vor allem zusammengeführt hat«, begann der Serdar aufs neue, »ist die: Wann soll der Streich auf das Haupt der Faringi geführt werden? Wo soll der Ruf der Freiheit und Rache zuerst die Hindostani aus ihrem Schlaf erwecken?« Jetzt erhob sich ein lebhafter Streit zwischen den eingeborenen Mitgliedern der Versammlung. Der Prinz von Delhi verlangte, daß die mächtige Hauptstadt des alten Reichs der Großmogule der Ausgangspunkt und Rückhalt des Kampfes werde. Mahe Tschund, die Rani von Lahore, war geneigt, ihm beizustimmen, da der Kerker ihres Sohnes unfern Delhi lag. Die geheimen Agenten der Begum von Audh jedoch, die im Namen ihres schwachen, von den Engländem nach seiner Entsetzung in einer Art von Gefangenschaft gehaltenen Gatten die Verhandlungen mit den Unzufriedenen leitete und namentlich die Aufmerksamkeit und die allgemeine Hoffnung auf Nena Sahib gelenkt hatte, bestanden darauf, Audh zum Schauplatz des Ausbruchs zu machen. Hier lasteten Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der Company -Verwaltung am drückendsten. Ein anderer Vorschlag ging dahin, in Kalkutta, dem Sitz der Regierung, die Fahne der Empörung zu erheben, sich des Forts William in einer Nacht zu bemächtigen und den Gouverneur und alle Beamte gleichzeitig zu ermorden. Tukallah war für den Ausbruch des Kampfes an verschiedenen Stellen zugleich und hielt die Einöden der Radschputana für den geeignetsten Hinterhalt des Krieges, um den Kampf nach dem Pandschab, dem Bezirk von Bombay, nach Audh und dem südlichen Teil der mächtigen Halbinsel hinzudrängen. Die Offiziere mengten sich lebhaft in den Streit. General Ventura legte einen Operationsplan vor, der sich gleichfalls für das mittlere Indien entschied und noch dadurch empfohlen wurde, daß nach den Übersichten der russischen Agenten von den vertragsmäßig jederzeit in Indien stationierten sechsundzwanzig königlichen Regimentern nur vier Infanterie- und zwei Kavallerieregimenter auf dem ungeheuer weiten Raum von den Ufern des Indus bis zum Brahmaputra, also auf einem Flächenraum von beinahe vierhundert geographischen Meilen, zerstreut lagen. Der Plan, in Kalkutta die Empörung ausbrechen zu lassen, wurde von vornherein durch den Umstand widerraten, daß in der Hauptstadt vier europäische Regimenter standen. Fort William wurde nur von Engländem besetzt gehalten, hauptsächlich in Bengalen waren die englischen Artilleriebrigaden und die Sikhregimenter stationiert, deren Teilnahme an der Empörung bei dem Nationalhaß gegen die Sepoys mindestens als zweifelhaft erschien. So wurden denn Lucknow, als die Hauptstadt des Audh, und Delhi und Mirut als die Punkte bestimmt, an denen der Aufruhr zunächst ausbrechen sollte. Als Zeit wurde das Moharremfest der Moslemin im nächsten Jahr festgesetzt. Bis dahin sollten alle Vorbereitungen zu dem gewaltigen Kampf vollständig beendet und die Sepoyregimenter in ganz Indien durch die Agenten des Bundes zur offenen Erhebung aufgereizt sein. Im Lauf der stürmischen Debatte, an der Nena Sahib absichtlich keinen Anteil nahm, hatte sich ihm auf seinen Wink der deutsche Arzt genähert und hinter ihm Platz genommen. In dem Gewirr der streitenden Stimmen befragte Srinath Bahadur den Boten seines Verwandten um Nachrichten von dem Verstorbenen. Diese Gelegenheit hielt Walding für günstig, seinem neuen Beschützer das Papier zuzustellen, das ihm die Bajadere zu diesem Zweck gegeben hatte. »Hoheit«, sagte er während einer Pause des Gesprächs, »der Brief meines unglücklichen Freundes ist nicht das einzige, was ich dir zu überreichen habe. Du hast mich deines Schutzes versichert – darf ich auf ihn in jedem Fall für mich und ein anderes Wesen, das ich zu verteidigen habe, bauen?« »Srinath Bahadur ist gewohnt, sein Wort mit seinem Leben zu lösen! Kein Haar des Hauptes soll dir und den Deinen berührt werden, solange du unter meinem Schutz stehst.« »Dies Blatt«, fuhr Walding fort, indem er es dem Bahadur verstohlen reichte, »ist mir anvertraut worden, es dir zu übergeben!« Der Inder nahm es und warf einen gleichgültigen Blick darauf. Aber plötzlich, bei dem Anblick eines dem Überbringer unverständlichen Schriftzeichens auf dem Umschlag, begannen seine Augen zu funkeln. Er riß es hastig auseinander und überflog die wenigen Zeilen, die es enthielt. Sein blasses Gesicht nahm die fahle Farbe des Schreckens an, seine Züge schienen starr zu werden, nur die Nüstern öffneten sich weit und zuckten auf und nieder. Dann griff er nach dem Arm des erschrockenen Arztes und preßte ihn mit solcher Gewalt, daß Walding vor Schmerz hätte aufschreien mögen. »Wer gab Ihnen das Blatt, Sir? – Antworten Sie, bei allem, was Ihnen heilig und teuer ist!« zischte die Stimme des Maharadscha in französischer Sprache. »Um des Himmels willen, beruhigen Sie sich, Hoheit! Sie sollen alles erfahren, was ich Ihnen sagen kann. Ziehen Sie nicht unnütz die Aufmerksamkeit der anderen auf uns, oder ich müßte schweigen!« »Sprechen Sie, Sir – Sie sehen, ich kann alles ertragen!« Die wechselnde Farbe auf seinem Gesicht, das unheimliche Blitzen seiner Augen, das Zittern seiner Hand strafte die Rede Lügen. »Ein Weib, eine Bajadere gab es mir!« »Wo ist sie?« Walding zauderte mit der Antwort. »Hören Sie mich an, Herr!« fuhr der Inder fort. »Dies Blatt benachrichtigt mich in geheimnisvollen Worten, aber in Zeichen, die mir für die Wahrheit der Nachricht bürgen, daß einem Wesen, dem teuersten, das ich auf der Welt besitze, dem Schatz meiner Seele und meiner Gedanken, eine schreckliche Gefahr droht! Nun begreifen Sie wohl, daß ich um jeden Preis die wahre Überbringerin dieser Zeilen sprechen muß.« »Auch auf jede Gefahr hin?« »Auf jede Gefahr! Reden Sie, ich beschwöre Sie!« »Die Bajadere hat Malangher verlassen.« »Wann?« »Diesen Morgen. – Sie sahen sie und ihren Begleiter – nur noch einen Punkt – am Rand der Wüste verschwinden.« »Jene beiden Flüchtlinge, die die Reiter des Serdar verfolgen?« »Möge der Himmel sie beschützen! Aber still, um Gottes willen! – Niemand, am wenigsten unser Wirt, darf ahnen, wer die Flüchtige war.« »Aber warum entfloh die Bajadere?« »Das hängt mit einem Geheimnis zusammen, das ich nicht enthüllen darf. Nur soviel kann und muß ich Eurer Hoheit anvertrauen, daß die Person, für die ich Ihren Schutz anrufe, die Stelle Anarkallis vertritt und von ihr aus einer furchtbaren Gefahr errettet worden ist.« »Anarkalli, die berühmteste Tänzerin Indiens?« »So ist ihr Name. Sie selber vertraute mir an, daß sie die Tochter Tukallahs sei, obgleich er es nicht ahnt.« »Sie ist oft an den Ufern des Ganges gewesen«, sagte nachdenkend der Fürst. »Aber ich begreife nicht, wie sie zu dieser wichtigen Botschaft kommt. In diesen Zeilen ist davon die Rede, daß der Eilbote, dem sie anvertraut wurden, mir nähere Kunde geben werde. War der Mann, der mit der Tänzerin entfloh, vielleicht dieser Bote?« »Nein, Hoheit, er ist ein englischer Offizier, der ihr das Leben verdankt.« »Und können Sie mir gar keine Andeutung darüber machen, was aus dem wahren Boten geworden ist? Wo ich ihn finden kann?« Der Arzt schwieg. Er kämpfte mit sich und überlegte, wie weit er seine Vermutungen enthüllen dürfe, ohne seinen Tukallah und der Bajadere geleisteten Eid zu brechen. Dennoch drängte ihn die Sorge, das ihm anvertraute unschuldige Wesen zu retten, sich um jeden Preis das Vertrauen des Maharadscha zu sichern. »Hoheit«, sagte er endlich, »als ich von dem englischen Schiff am Ufer des Sindh entflohen war und den Weg durch die zahllosen Gefahren eines unbekannten Landes einschlug, um Sie aufzusuchen, wurde ich am Rand der Thar von zwei Fanatikern, die gleich Schlangen im Verborgenen ihr furchtbares Handwerk treiben, überfallen.« »Sie waren in den Händen der Thugs, wenn ich Sie recht verstehe, und Sie leben noch?« fragte mit Erstaunen der Prinz. »Ein Wunder rettete mich, die Dazwischenkunft des Herrn dieser Burg. Könnte nicht auf gleiche Weise der Eilbote an Sie in die Hände der Mörder gefallen und ihm jenes Papier geraubt worden sein?« »Aber wie kommt dann die Tänzerin in seinen Besitz?« Rasche Gedankenfolgen zuckten durch sein Gehirn und suchten das Rätsel zu lösen. Mißtrauisch maßen zweimal seine Blicke den Arzt. »Sie sagten soeben, Sir, daß Tukallah oder Tantia- Topi, wie die Hindu ihn nennen, Sie aus den Händen der Mörder befreit hat. Geschah es durch Überfall oder Gewalt?« »Tukallahs Ansehen«, erwiderte zaudernd Walding, »scheint so groß in diesen Gegenden, sein Wort so gefürchtet zu sein, daß seine Gegenwart allein hinreichte, mich zu retten.« »Und Anarkalli ist die Tochter Tukallahs? Sie rettete den Engländer?« »Sie liebt ihn. Doch, Hoheit, das ist alles, was ich Ihnen sagen darf – fragen Sie nicht weiter, ein doppelter Eid verschließt meine Lippen.« »Ich weiß genug. Treffen Sie Ihre Anstalten, um mich sofort zu begleiten. Ich werde Sorge tragen, daß die Hauda eines meiner Elefanten für Sie und die Person, die Sie aus der Burg entfernen wollen, bereit ist. Diese Männer haben ihre Beratung beendet – ich muß sogleich meinen Entschluß verkünden.« In der Tat schien der Derwar jetzt zur Einigkeit in den wichtigsten Beschlüssen gekommen zu sein. Der Maharadscha nahm eine Pause wahr, um sich zu erheben und zu dem Herrn der Burg zu treten. »Mögen die Geister der großen Krieger Hindostans aus vergangenen Jahrhunderten Euch beistehen, tapferer Serdar «, sagte er. »Srinath Bahadur ist ein Sohn Indiens und wird glücklich sein, das Land seiner Väter frei zu sehen, wenn er auch die weißen Faringi seine Freunde nennt. Damit er wisse, ob er es noch ferner tun kann, muß er sofort deine Burg verlassen und eilig seinen Weg nach Bithur richten. Ein böser Geist hat seine Seele eingenommen, und er darf nicht länger unter seinen Brüdern weilen.« Der Serdar sah ihn befremdet und mißtrauisch an. »Du willst uns so plötzlich verlassen – jetzt und in dieser wichtigen Stunde?« »Eine böse Ahnung treibt mich fort von hier – ich bitte dich, tapferer Serdar, laß meine Leute benachrichtigen, daß sie sich bereit halten, binnen einer Stunde aufzubrechen. Das Feuer brennt die Sohlen meiner Füße, bis ich meinen Palast zu Bithur erreicht habe.« Die Ankündigung dieses plötzlichen und eigenartigen Entschlusses rief eine allgemeine Bewegung unter den Mitgliedern des Derwar hervor. Offen ertönte von mehreren Seiten der Ruf, man dürfe den Maharadscha nicht abreisen lassen, ohne daß er durch einen heiligen Eid sich ihnen verbunden habe. Er habe zu viel gehört. Während dieser Sturm sich um ihn erhob, stand Srinath Bahadur mit verächtlichem Lächeln an den weißen Marmor des Grabmals gelehnt und heftete seine Augen fest auf das finstere Antlitz seines Wirtes. »Möge Baber Dutt, mein Bruder«, befahl er in ruhigem Ton, »in die Höfe der Burg gehen und die Diener benachrichtigen, daß sie sich bereit halten, da unser Wirt die Pflicht gegen seinen Gast nicht zu kennen scheint.« »Nimmermehr! Keiner darf sich entfernen! Tod dem Falschen, der uns zu verraten wagt!« ertönte es aus dem Kreis, der sich um Wirt und Gast drängte. Baber Dutt zauderte, dem Befehl zu gehorchen. Die Augen des Maharadscha erweiterten sich wie die eines wilden Tieres bei dem Widerstand, den sein Wille fand. »Zur Tür, Baber Dutt! Wehe dem, der dich aufzuhalten wagt!« Der Tiger stand zum Sprung bereit, sich allein auf die Verwegenen zu stürzen, die ihn hindern wollten. Seine Hand hielt den Griff des Säbels umfaßt. Um ihn her blitzten Klingen im Schein der Fackeln und Lampen, die den Raum der Pagode erhellten. Da warf sich der Mahratte zwischen die Streitenden. »Zurück!« schallte seine mächtige Stimme. »Niemand soll sagen, daß Tukallah unter seinem Dach den Gast beleidigen ließ oder seinen Willen beschränkte. Die Faringi mögen das Gastrecht schänden, nicht der freie Mahratte. Nena Sahib hat das Recht zu gehen, wie er gekommen ist, und wird unser Vertrauen mit sich nehmen.« Die Glut in den Augen des Maharadscha verschwand; seine Hand ließ den Schwertgriff fahren. »Ich danke dir, tapfrer Serdar«, sagte er kalt, »daß du Srinath Bahadur Gerechtigkeit widerfahren läßt. Was mich eilig von dir treibt, hat nichts mit den Dingen zu tun, die ihr hier verhandelt habt. Tantia-Topi hat selber so viele Geheimnisse, daß er auch die seiner Freunde achten wird! Laß den jungen Khan der Sikhs und den Frankenhakim sich bereit halten, mich zu begleiten. Ich schwöre der Maharani von Lahore, daß ich ihr Werk fördern will. Der Sohn soll der Mutter zurückgegeben sein, noch ehe der Mond zweimal gewechselt hat. Dies sei der Beweis, daß Srinath Bahadur es treu mit Hindostan meint.« Ohne ein weiteres Wort an jene, die ihm mißtrauten, schritt Nena Sahib nach dem Tor der Pagode und trat in den Hofraum, wo die Diener Anstalten zur glänzenderen Wiederholung des Festes vom gestrigen Abend getroffen hatten. Die Nachricht, daß der Maharadscha noch am selben Abend aufbrechen und seine Reise fortsetzen wolle, verbreitete sich schnell. Seine Begleiter eilten herbei, die Befehle des Gebieters in Empfang zu nehmen. Eine kurze Beratung Tukallahs mit der Königin von Lahore und den Vornehmsten des Derwar ergab, daß der Khan und der Arzt den Maharadscha begleiten sollten, um mit seiner Hilfe das Werk der Befreiung des jungen Prinzen zu unternehmen. Tukallah versuchte noch einmal, seinen Gast zu bewegen, sich bis zum andern Morgen Ruhe zu gönnen und dann in Begleitung des Prinzen und der Maharani die Reise nach den Ufern des Sadledsch zu machen. Da der Maharadscha aber ungeduldig auf seinem Willen bestand und erklärte, daß er seinen Weg mitten durch die Wüste über das Arawalligebirge nach Dschaipur und Gwalior richten wolle, traf Tantia-Topi alle Anstalten für die Abreise seines Gastes, wie sie ein höflicher Wirt nur bereiten kann. Der Glanz zahlreicher Fackeln erhellte die Höfe der Burg und den Felsenweg hinunter ins Tal. Reiter standen bereit, den Zug des Maharadscha durch den Felsenpaß zu geleiten und ihn in der gewünschten Richtung weiterzuführen. Während ein rasches Mahl eingenommen wurde, flog ein Eilbote auf flüchtigem Renner voran, um Pferde und Saumtiere auf dem Weg bereit zu halten; denn der Peischwa verlangte, mit möglichster Schnelle zu reisen, und wollte unterwegs den größten Teil seines Gefolges zurücklassen. Sobald die Abreise des Nena entschieden war, hatte Walding Editha Highson davon in Kenntnis gesetzt. Vergeblich aber war seine Hoffnung und sein Bemühen, sich des unheimlichen Dieners bei dieser Gelegenheit zu entledigen. Der Thug erklärte, seine Pflicht gebiete ihm, bis ans Ende der Welt seinem Mayadar zu folgen, bis der Tod seinen Eid löse. Der Arzt mußte sich, um nicht den Argwohn des Mahrattenhäuptlings zu erregen, in die Notwendigkeit dieser Begleitung fügen. An seinem Arm verließ das zitternde Mädchen in langen Feredschis den Kiosk und betrat den inneren Hof. Bewohner und Gäste von Malangher waren in dem bunten Treiben der Abreise versammelt. Trotz der Aufregung seiner Seele und der Besorgnis, die sie erfüllte, hatte Nena Sahib an den Arzt und seinen Schützling gedacht; denn kaum hatte Walding den Hof betreten, als der Wink Nena Sahibs ihm den Elefanten zuwies, dessen Hauda sie aufnehmen sollte. Auf das Zeichen des Mahaut beugte das mächtige Tier die Knie der plumpen Vorderbeine, die Leiter wurde angesetzt, und von dem Arzt unterstützt, bestieg Editha die Hauda. In diesem Augenblick kam der Serdar heran und winkte ihr zu verweilen. Das Herz in der Brust des Arztes schmerzte vor Schreck – ein Wort, ein Blick konnte Verderben werden. Vergeblich versuchte er, dem Burgherrn in den Weg zu treten und ihn mit Worten des Dankes zu bannen. Als Tukallah an der Seite ihres Tieres stand, winkte er der Verschleierten, sich zu ihm herabzubeugen. »Die Granatblüte«, sagte er zu dem zitternden Arzt, »soll nicht bloß die Freude deines Herzens, sondern auch die beste Helferin eures Unternehmens sein. Sie ist schlau und gewandt und kennt meinen Willen. Ehe ein Mond vergeht, werden wir uns wiedersehen, denn die Zeit ist nahe, wo das Erbe Dyce Sombres seine Freunde versammeln wird. Nimm diesen Beutel mit Gold, Weib, und tue, wie dir befohlen wurde.« Er fügte einige Sätze in einer dem Deutschen unverständlichen Sprache hinzu und reichte ihr den Beutel. Zu Waldings Erstaunen und Freude hatte die junge Engländerin die Geistesgegenwart, nach der Sitte der Inder den Salem vor ihrem Gebieter zu machen. Sie legte die Hand an Brust und Stirn und streckte sie dann aus zur Empfangnahme des Geschenks. Da ließ ein tückischer Zufall, ein wehender Luftzug die Falten des weiten Feredschi von dem Vorderarm gleiten. Der Blick des Serdar fiel auf dessen blendende Weiße – befremdet, mißtrauisch trat er zurück und öffnete den Mund zu dem Befehl an die Bajadere, sich zu entschleiern. Der Beutel mit Gold fiel klirrend zu Boden. Der Maharadscha von Bithur erkannte, daß seinen Schützlingen irgendeine Gefahr drohte. Rasch ergriff er die silberne Pfeife, die er nach der Sitte vornehmer Hindu an einer Schnur zum Ruf der Diener trug, und gab mit schrillem Ton das Signal zum Aufbruch. Walding hatte das Gold vom Boden gerafft und sprang auf den Rücken des Elefanten. Die Geistesgegenwart Edithas hatte im Augenblick die verräterische Hand wieder unter den Falten des Gewandes verborgen. Den Salem wiederholend, zog sie sich zurück in das Innere der Hauda. Das mächtige Tier erhob sich, und der Serdar trat zurück, im Glauben, daß das zitternde Licht der Fackeln seine Augen getäuscht habe. Durch die Wölbungen des Tores, über die Balken der Zugbrücke donnerten die schweren Tritte der gewaltigen Tiere, die Hufschläge der Rosse. Aber erst als die Felsenwände des Passes hinter ihnen lagen und im bleichen Licht des Mondes die weiten Flächen der Thar aufglänzten, fühlte Walding sich der schweren Last entledigt, der Gefahr entronnen. Mit einer unwillkürlichen Bewegung preßte er die Hand der Geretteten im Dank gegen den Allmächtigen an seine Brust.   Der nächtliche Weg der kleinen Karawane des Maharadscha folgte der Richtung, die am Morgen die beiden Flüchtlinge eingeschlagen hatten. Die Bajadere hatte, durch die warnenden Schüsse des Khan auf die Rückkehr des Serdar und seiner Gäste aufmerksam gemacht, bald ihre Verfolger bemerkt. Der Vorsprung, den sie gewonnen hatten, war indes bedeutend. Die Flüchtlinge waren eifrig besorgt, ihn unverkürzt zu erhalten, ohne ihre Pferde allzu heftig anzustrengen. Anarkalli wußte, daß ihre Pferde den Rossen der Verfolger an Schnelligkeit gleichkamen. Der Turkomanenhengst des Khan konnte sie sogar allein mit leichter Mühe aus dem Gesichtskreis der Mahratten tragen. Aber es wäre zwecklos gewesen, sich zu trennen. Sie sah ein, daß die Jagd eine sehr langwierige sein mußte und daß sie erst im Dunkel der Nacht Hoffnung hätten, ihren Feinden zu entkommen, wenn die Kraft der Pferde bis dahin aushielt. Trotz der steigenden Sonnenglut führte ihr Ritt den ganzen Vormittag über in südlicher Richtung. In einer kurzen Ruhepause bereitete Anarkalli aus ihren Gewändern und großblättrigen wilden Pflanzen schützende Hüllen für sich und den Geliebten gegen den Sonnenstich. Mit Schrecken jedoch bemerkte sie, daß Stuart Sanders sich bald nur mit Mühe im Sattel zu halten vermochte. Die Leiden der vorhergegangenen Tage und Wochen, die Entbehrung jeder Nahrung seit vierundzwanzig Stunden; der Schmerz der Verletzung und die drückende Hitze hätten auch eine kräftigere Natur als die des jungen Offiziers überwältigen müssen. Trotz seiner Anstrengungen, sich aufrecht zu halten, schwankte er auf dem edlen Pferd. Die Bajadere sah voraus, daß er sich nicht mehr lange würde beherrschen können, wenn es nicht gelang, ihm Ruhe und Erfrischung zu schaffen. Angstvoll spähten ihre Augen umher; ihr Blick blieb an einem niedrigen Gestrüpp haften. Mit einem Freudenruf zügelte Anarkalli ihr Roß, sprang aus dem Sattel und rief ihrem Begleiter zu, anzuhalten. Sie half ihm vom Pferd, bettete ihn sanft auf den heißen Erdboden und bereitete ihm von den Resten ihres Schleiers einen Schutz gegen die Sonnenstrahlen. Das Gestrüpp war eine große Feigenkaktushecke. Diese Pflanzenart, aus Amerika stammend, hatte sich bereits damals auch in den trockenen Gegenden Indiens eingebürgert. Sie besitzt die Eigentümlichkeit, in ihren fleischig angeschwollenen Stengeln Wasser aufzuspeichern, das man, nachdem die scharfen Stacheln entfernt worden sind, auskauen kann. Diese Pflanze ist oft die einzige Hilfe für Menschen und Tiere in der Einöde, denn außer der erfrischenden Feuchtigkeit, die sie in Gegenden bietet, wo oft Tagereisen weit keine Spur von Wasser angetroffen wird, ist das zarte, süße Fleisch ihrer rotbackigen Früchte eine bekömmliche Nahrung auch für den Menschen und wird besonders gern von dortigen Reisenden genossen. Die Tänzerin ließ bei der Entdeckung dieses Hilfsmittels ihre Augen zugleich über den Horizont schweifen. Sie berechnete, daß sie wohl eine Stunde Zeit vor sich hätten, ehe ihre Verfolger nahe genug herankommen konnten, um ihnen gefährlich zu werden. Rasch entschlossen ließ sie die angestrengten Tiere an den Stauden der Kakteen Nahrung suchen, während sie eine Anzahl der Stengelglieder mit der kühlen Flüssigkeit sammelte, um den Erschöpften damit zu stärken. Sie setzte sich an die Seite des fast im Augenblick Eingeschlafenen, das Näherkommen ihrer Feinde zu beobachten; erst jetzt griff auch sie nach dem Wasser in der Wüstenpflanze. Das plötzliche Verschwinden der Flüchtlinge aus ihrem Gesichtskreis ließ die Verfolger langsamer und mit größerer Vorsicht herankommen. Eine volle Stunde verfloß, ehe Anarkalli ihren Schützling weckte und die Pferde herbeiführte. Die Reiter des Serdar waren kaum noch zwei englische Meilen entfernt und kamen nun so schnell heran, wie es der Zustand ihrer abgetriebenen Pferde erlaubte. Noch einmal erfrischte die Tänzerin ihren Schützling mit dem Wasser der Pflanzen, half ihm auf den Renner des Khan und schwang sich dann auf den ihren. Ein verächtliches Schwingen ihrer Hand in der Luft wurde von den Verfolgern mit wildem Geschrei und dem nutzlosen Abfeuern mehrerer Flinten- und Pistolenschüsse erwidert. Dann setzten die Verfolgten ihre Rosse in Galopp und jagten aufs neue davon. Aber sie hatten noch kaum hundert Schritt zurückgelegt, als die Bajadere mit Entsetzen bemerkte, daß ihr Pferd auf dem einen Fuß stark lahmte. Trotz alles Antreibens versagte das Tier und blieb mit schmerzlichem Wiehern hinter seinem Gefährten zurück. Leutnant Sanders hielt sein Pferd an. »Ein böser Geist ist in dem Fuß meines Rosses«, rief besorgt die Tänzerin; »er muß verletzt sein von einem der großen Dornen der Kakteen oder einem spitzen Stein.« Sie sprang ab und untersuchte das Pferd. Ihre Vermutung war richtig: ein Dorn hatte sich tief eingebohrt; die Verwundung war so bedeutend, daß das Tier den Lauf nicht weiter fortsetzen konnte. » Lakschmi ist wider uns«, stieß sie hastig hervor, »wir müssen uns trennen! Fliehe dem Aufgang der Sonne zu, Faringi! Gedenke Anarkallis, die dich liebt bis zum Tode!« Ihre Hand wies ihm die Richtung der Flucht – ihr großes, dunkles Auge hing noch einmal mit leidenschaftlichem Blick an seiner geliebten Gestalt. »Du mußt wenig wissen von der Ehre eines britischen Offiziers, Mädchen«, erwiderte Stuart Sanders, ohne ihrem Wink zu folgen, »wenn du glaubst, ich würde meine Lebensretterin feig verlassen. Wenn wir nicht zusammen fliehen können, werden wir zusammen sterben.« Sie beschwor ihn mit Tränen, der Schnelligkeit seines Rosses zu vertrauen und sich zu retten. »Nicht ohne dich, Anarkalli«, erklärte Sanders kurz. »Schwinge dich auf die Kruppe meines Pferdes; es ist stark genug, uns beide zu tragen. Weigerst du dich, so reite ich keinen Schritt weiter.« Eine Flintenkugel, die über sie hinwegstrich, verstärkte seine Worte. Das Triumphgeschrei der Verfolger tönte laut in ihre Ohren. Da sprang die Tänzerin mit einer raschen Bewegung auf. »Fort! Fort! Kartikaia möge uns helfen!« Indem sie den Geliebten gegen die Schüsse der Thugs mit dem eigenen Körper deckte, spornte sie den Renner mit der Spitze ihres Dolches an. Das edle Tier griff weit aus zum gewaltigen Lauf und trug bald die Doppellast aus dem Bereich ihrer Feinde. Von neuem begann die wilde Hetze. Von den zehn Reitern Tukallahs vermochte nur noch die Hälfte die Verfolgung fortzusetzen, die jetzt in gerader Linie den emporsteigenden Bergwänden zuging. Auch diese letzten Verfolger konnten nur mit Anstrengung die abgetriebenen Pferde weiterbringen. Sie warfen die Flinten und Lanzen, zuletzt sogar die Pistolen fort, um sich zu erleichtern, und folgten, nur den Säbel in der Faust, in weiten Zwischenräumen den voraussprengenden Flüchtlingen. Anarkalli erkannte die Absicht, in der ihre Gegner sie nach dieser Richtung gedrängt hatten. Ein Zweig des Arawalligebirges erhob sich in kühnen, unzugänglichen Massen vor ihnen; am Fuß dieser Berge dehnten sich Moräste und Sümpfe aus. Wie ermüdet auch die Pferde ihrer Verfolger sein mochten, und wie weit sie ihnen vorausgekommen waren: der Turkomanenhengst konnte nicht länger die doppelte Last tragen. Wieder flog ihr Blick hilfesuchend gleich dem eines gehetzten Wildes umher. Sie ritten auf einer schmalen Felsenenge, die zwischen tiefen Sümpfen zu einer breiten Lagune und über diese hinweg zu einer hohen Bergwand führte. Vor ihr dehnte sich eine mit indischen Feigen bewachsene Strecke im Halbkreis aus, so daß sie von Sumpf und Bergen eingeschlossen waren. Umzukehren und einen anderen Weg zu suchen, war nicht mehr möglich; denn zwei der Reiter des Serdar folgten ihnen in etwa fünfzehnhundert Schritt Entfernung. Die mit wildem Gebüsch und Schlingpflanzen bewachsene Bergwand schien in eine enge Schlucht oder Spalte zu führen. An ihrem Eingang tauchte jäh die große Gestalt eines Mannes auf mit langem weißen Bart, phantastisch in Lumpen und Tierhäute gekleidet. Seine Füße waren nackt; in der Hand trug er einen keulenartigen Ast. »Lakschmi sei gelobt!« rief Anarkalli jubelnd. »Das muß Fair-Eddin, der heilige Einsiedler der Sümpfe sein, der Raô der Krokodile! Laß uns seinen Schutz erflehen!« Sie warf sich von dem wankenden Pferd, half ihrem Gefährten herunter und zog ihn nach dem Bewohner dieser Wüstenei hin. Der Greis hatte mit wilden Blicken die Herankommenden betrachtet. Ein unheimliches, fanatisches Feuer glühte in seinen geröteten Augen. Er schwang mit nerviger Faust die Keule durch die Luft. Das untere Ende der Waffe bestand aus dem dicken Wurzelknoten eines jungen Baumes, durch den lange starke Eisenspitzen geschlagen waren, so daß er einem altertümlichen Morgenstern glich. »Fluch über dich, Tochter des bösen Geistes! Weißt du nicht, daß kein Weib sich der Hütte Fair-Eddins, des Einsiedlers, nahen darf? Entweiche auf der Stelle mit dem Ungläubigen, ehe meine Keule euer Hirn verspritzt!« Der Engländer wollte seine treue Gefährtin aus der gefahrbringenden Nähe des wahnwitzigen Fanatikers hinwegziehen, um lieber kämpfend gegen seine Verfolger den Tod zu finden. Aber Anarkalli riß sich von seiner Hand los, flog furchtlos auf den Grimmigen zu und umfaßte seine Knie. »Vater«, rief sie, »Wischnu ist gnädig, der mich in meiner höchsten Not dich, den Totgeglaubten, Verlorenen, finden läßt. Rette mich und jenen Mann, dem meine Seele gehört, vor unseren Verfolgern!« Der Fakir ließ bei diesem Anruf die erhobene Keule sinken. »Wer nennt mich Vater mit einer Stimme, die aus dem Grab vergangener Zeiten tönt?« fragte er mit melancholischem Ausdruck. »Wer bist du, Weib, das mich an Vergangenes mahnt?« »Du bist Araban, der Brahmine, und ich bin Anarkalli, das Kind, das du auf deinen Armen trugst und das die Freude deines Herzens war, bis die Faringi dein Weib, meine Mutter, beschuldigten, eine Thug zu sein, und sie hinrichteten. Willst du mich sterben sehen zu deinen Füßen?« Fair-Eddin, der Einsiedler, strich mit der Hand über seine Stirn, als wolle er seine Gedanken sammeln. »Deine Stimme ist die des Kindes der Falschen, und deine Augen leuchten wie die Blüte der Granate. Aber Araban, der Wächter des Tempels, ist tot, und Fair-Eddin allein weilt unter den Lebendigen! Forderst du Leben von dem, der seit langen Jahren selber mit Sehnsucht des Todes harrt? Ich habe andere Kinder als dich, und sie sind gehorsam meiner Stimme. – – – Du flohst aus der Hütte dessen, der dich nährte mit seinem Herzen.« Das Herbeikommen der Reiter Tukullahs unterbrach seine Rede. Sie stürmten mit wildem Geschrei, die Säbel schwingend, heran. »Fort mit euch in jene Höhle und schließt hinter euch die Tür. Nehmt euer Roß mit euch, meine Kinder sind hungrig!« In wortlosem Gehorsam zog Anarkalli, am Zügel das Roß haltend, den Offizier nach dem Eingang der Höhle in der Bergwand. Eine leichte Tür, von Weiden und Schlingpflanzen geflochten, öffnete sich. Sie traten in den gewölbeartigen Raum der Höhle, die bei dem sinkenden Licht des Tages nur eine spärliche Helle durch die Spalten und durch eine Lampe erhielt, die im Hintergrund vor einer mit einem grünen Vorhang verdeckten Nische brannte. Stuart Sanders, in der Hand den Dolch der Tänzerin, blieb an der Tür, entschlossen, den ersten niederzustoßen, der es versuchen würde, in die Höhle einzudringen. »Was wollt ihr auf der Insel Fair-Eddins?« fuhr der Einsiedler die heranstürmenden Reiter rauh an und schwang wiederum seine mächtige Keule. »Wer wagt es, mein Gebiet zu betreten?« »Heiliger Mann«, sagte der Schobedar, »verzeih unsere Eile! Wir sind auf Befehl unseres Herrn, des mächtigen Serdar der Malangherburg, Tukallah, auf der Verfolgung zweier flüchtiger Verbrecher, die deinen Schutz nicht verdienen. Gib sie heraus, frommer Einsiedler, kein Haar auf deinem Haupt soll gekrümmt werden.« »Fort mit dir, feiger Sklave eines blutigen Gebieters. Kehre zurück zu deinem Herrn und sage ihm: wer das Kleid des Königs der Gepanzerten berührt, steht unter seinem Schutz.« »Widersetze dich nicht vergeblich unserem Willen«, warnte der Anführer der vier vordersten Reiter. »Du bist ein Greis und kannst die Flüchtlinge nicht gegen eine überlegene Zahl verteidigen. Wir müssen den Mann und das Weib haben um jeden Preis, tot oder lebendig!« »Der Fluch Yamas über dich, wenn du es wagst, meinem Wort ungehorsam zu sein!« »Was sollen wir uns mit dem alten Toren streiten?« rief einer der Reiter, ein Mohammedaner, der wildeste von allen. Er sprang vom Pferd. »Die sichere Beute soll uns durch eine seiner Listen entrissen werden. Vorwärts, Brüder; seine Schuld ist es, wenn ihm Unheil widerfährt!« Während die anderen noch zauderten, Hand an den geheiligten Fanatiker zu legen, sprang der Moslem vorwärts. Der Fakir hob mit einem grimmigen Ruf seine Keule. Eine kurze Rohrpfeife, die er in seinem Gürtel getragen hatte, setzte er blitzschnell an die Lippen und blies einen schrillen, langgezogenen Ton. Er war noch nicht verklungen, als das trübe, schlammige Wasser der Lagune an verschiedenen Stellen emporwallte. Aus den Schlammkreisen erhoben sich sechs scheußliche Riesenhäupter, schlugen die langen, spitzen Kinnladen mit hartem Geräusch aufeinander und stierten mit großen, gläsernen Augen umher. Wiederum scholl, während der Angreifer erstarrt zurückwich, der schrille Ton der Rohrpfeife. Das schlammige Wasser spritzte erneut; die gewaltigen Krokodilleiber schossen heraus und schwammen mit mächtigen Schlägen ihrer Schwänze ans Ufer. Sie öffneten ihre gewaltigen Zahnreihen gegen die Feinde ihres Gebieters Es besteht in der Tat in Indien ein solcher Teich, dessen Bewohner auf das Zeichen des an seinem Rand wohnenden Fakirs ans Ufer kommen, wie die Hunde zu gehorchen gewöhnt sind und häufig Fremden gezeigt werden. . Der Moslem suchte vergeblich sein Pferd zu erreichen, das erschreckt nach dem Felsendamm zurückrannte. Die nächste der riesigen Eidechsen verlegte ihm den Weg. Ein Schlag mit dem schuppigen Schwanz traf ihn und warf ihn zur Seite. Der lange Rachen schnappte nach dem Gestürzten, erfaßte ihn um die Mitte des Leibes, und unter dem Jammergeschrei des Verlorenen verschwand das Krokodil mit seiner Beute in der trüben Flut der Lagune. Die fünf anderen Krokodile hockten wie Hunde umher und ließen ihre Kinnladen mit hartem Ton auf- und niederklappen. Der Einsiedler holte von dem Stamm eines Baumes mehrere halb verweste Stücke Fleisch und warf sie den grimmigen Eidechsen zu, die wild durcheinanderschossen und sich um die Nahrung balgten und bissen. Als eines der Ungeheuer dabei dem Fakir zu nahe kam, versetzte er ihm einen gewaltigen Schlag mit seiner Stachelkeule. Mit einem Laut, der wie Kindergeschrei klang, huschte es davon. Mit Staunen und Entsetzen hatte Leutnant Sanders dies Schauspiel durch die Spalten der Tür mit angesehen. Der Abend war indes herangekommen, und die Dunkelheit trat mit der Schnelligkeit ein, die in den Tropengegenden den Übergang der Dämmerung fast ausschließt. Der Fakir, unbekümmert um die kämpfenden Ungeheuer, trat an den Rand des Felsendammes und schaute aufmerksam umher. Dann erst betrat er die Höhle, die ihm als Wohnung diente. Er zündete eine große eherne Lampe von antiker Form an und befestigte sie an einer von der Decke der Höhle hängenden Kette. Finster sah er den Offizier an. »Eine Lüge würde über die Lippen Fair-Eddins gehen, wenn ich, wie der Wirt den Gastfreund, dich willkommen heißen wollte, o Faringi! Doch hast du dich in meinen Schutz begeben, und er soll dir und Anarkalli werden. Für diese Nacht seid ihr sicher, denn die Kinder des Sumpfes bewachen den Eingang. Wehe dem, der sich ihnen im Dunkeln zu nahen wagt.« Er nahm aus einer Nische der Wand eine Schale mit Honig, Früchten und Maiskuchen und setzte das einfache Mahl mit einem Krug Wasser auf einen Felsblock. Er selber begnügte sich mit einer Handvoll getrocknetem Reis. Die Bajadere war unterdes bemüht, die Lage ihres Geliebten zu erleichtern. Sie untersuchte seinen Arm, befestigte den Verband aufs neue und kühlte die Geschwulst mit Wasser. Der Fakir sah ihr schweigend zu. Dann erhob er sich, trat hinter den Vorhang am Ende der Höhle und kam mit einer Flasche zurück, die mit einer hellen, durchsichtigen Flüssigkeit gefüllt war. Sorgfältig entkorkte er die Flasche und goß einen kleinen Teil der Flüssigkeit in eine Schale. »Es ist töricht, die Wasser des Lebens an einen Ungläubigen zu verschwenden, aber die Söhne der Dämonen verdienen, daß ihnen ihr Opfer entzogen werde. Sie haben an der Heiligkeit dieser Freistätte gefrevelt. Feuchte das Tuch mit diesem Wasser; es ist von der Hand guter Geister in der Nacht des Wischnufestes aus der heiligen Quelle des Dhawalagiri geschöpft, dessen Spitze noch kein menschlicher Fuß betreten hat. Jeder Tropfen ist wie der Tau des Himmels und heilt die Wunden.« Anarkalli tat, wie der Greis befahl. Der Einsiedler goß noch einmal von dem Wasser in die Schale und streute ein Pulver hinein, das ein leichtes Aufbrausen verursachte. »Trink«, forderte er den Engländer auf, indem er ihm die Schale reichte, »und mit Wischnus Segen wird morgen jede Spur des Fiebers gewichen sein. – Trink, Hund von einem Faringi!« wiederholte er wild und griff nach seiner Keule, als der Leutnant einige Augenblicke mißtrauisch zauderte. »Trink, oder ich zerschmettere deinen Kopf! Wagst du es, den heiligen Zauber zu verachten, der in diesem Wasser wohnt, übermütiger Christ?« Seine Augen glühten in so wahnwitzigem Zorn auf, daß der Offizier auf jede Gefahr hin sich beeilte, den Trank zu schlucken. Sogleich legte sich der Zorn des Fakirs. Er bereitete für seinen Gast ein Lager von Tierfellen in einer Seitenhöhle, in die er auch das Pferd brachte. Sanders fühlte behagliche Wärme durch seine Adern rinnen. Eine große, aber nicht unangenehme Mattigkeit senkte sich auf seine Augenlider. Kurze Zeit noch, nachdem er sich auf dem Lager ausgestreckt hatte, horchte er auf das klappernde Geräusch der Kinnladen der Krokodile und auf die Worte des Fakirs, der in einem ihm unbekannten Dialekt in der größeren Höhle mit der Tänzerin sprach. Dann verschwammen die bunten Gestalten und Erlebnisse des vergangenen Tages, und ein tiefer, wohltätiger Schlaf überwältigte seine erschöpften Sinne. Nach Sonnenaufgang weckte ihn Anarkalli. Er fuhr empor, wohl und gekräftigt; die Schmerzen in seinem Arm waren verschwunden. Erst nach kurzem Besinnen und einem Blick auf die Felswände der Höhle und in das besorgte Antlitz der Inderin kam ihm die Erinnerung an seine bedrohte Lage zurück. »Es ist Zeit zum Aufbruch«, mahnte die Bajadere; »neues Unglück ist auf unseren Fersen. Krischna möge uns Kraft und Mut geben, ihm zu widerstehen.« Als Sanders sie fragend betrachtete, bemerkte er, daß sie Männerkleidung trug. Ein Turban verhüllte ihre schönen Haarflechten; in ihrem Gürtel steckten Pistolen und Dolche. Gleiche Waffen hielt sie für ihn in der Hand; auf dem Boden lag ähnliche orientalische Kleidung. »Was ist geschehen? Wie kommst du zu dieser Männertracht?« fragte der Engländer. »Die Reiter Tukallahs haben sich um den Ausgang der Moräste verteilt und bewachen ihn auf allen Seiten, um unsere Flucht zu verhindern. Sie wissen, daß diese Felsen unübersteiglich sind. Sie haben zwei der Ihren zurück in die Wüste gesandt, um Hilfe herbeizuholen. Wir müssen noch einmal der Kraft unseres Pferdes und der gütigen Göttin vertrauen. – Fair-Eddin, der Einsiedler, ist mein Pflegevater. Glücklich waren die Tage, als ich unter seinen Augen an den Ufern des Sadledsch lebte. Erst der Tod meiner Mutter – die von den Thugs gezwungen war, ihnen Dienste zu leisten – wie später auch ich – gab ihm Kenntnis, daß sie ihn hintergangen hatte. Er verstieß mich und zog sich zurück in die Tiefen der Einöde. Längst schon glaubte ich ihn tot. Meine Bitten haben sein Herz gerührt; er hat versprochen, unsere Flucht zu sichern. Diese Waffen und diese Kleider hat er uns aus den Vorräten der wandernden Stämme geschenkt, die ihn verehren. Lege die Gewänder so rasch wie möglich an; ich zäume das Pferd, das uns noch einmal tragen muß.« Bald hatte Leutnant Sanders die Tracht eines Wüstenreiters angelegt. Er trat in die größere Höhle, wo Anarkalli ihm ein einfaches Mahl reichte. Fair-Eddin war nicht da. Aber kaum hatte der Engländer seinen Imbiß genommen und Zügel und Gurt seines Pferdes untersucht, als der Einsiedler hereinstürzte. »Fort mit euch!« rief er. »Eure Feinde kommen heran, euch zu fangen! Fort, ehe sie die Sümpfe versperrt haben!« Sanders ergriff hastig den Zügel seines Pferdes; Anarkalli eilte ihm voran zum Eingang und warf einen Blick über die Gegend. »Zu spät«, sagte sie tonlos. »Die Reiter haben den Zugang des Dammes besetzt und breiten sich nach allen Seiten aus. Wir sind verloren!« Einer der von Tukallahs Leuten entsandten Boten hatte in der Wüste einen Trupp umherschweifender Inder angetroffen und die wilden Krieger durch Versprechungen bewogen, ihnen Beistand zu leisten. Zahlreiche Posten umstellten den Zufluchtsort der Verfolgten. Vorsichtig und langsam näherten sich die Verfolger auf dem gewöhnlichen Pfad über die Lagune, deren Tiefe die furchtbaren Gegner verbarg, die am Abend vorher die Häscher in die Flucht geschlagen hatten. »Rufe die Krokodile, Vater!« flehte die Tänzerin. »Was hilft es, daß ich meine Kinder auf die Verfluchten hetze«, murrte der Greis. »Der Knall der Feuerwaffen in ihrer Hand wird sie erschrecken und zurück in die Sümpfe jagen! Aber wir wollen versuchen, sie aufzuhalten.« Er ergriff seine Keule und verließ abermals die Höhle. Leutnant Sanders setzte, so gut der Gebrauch des einen Armes es ihm erlaubte, die erhaltenen Waffen instand. Die Rohrpfeife des Fakirs, das klappernde Geräusch der Krokodile verkündeten, daß die grimmigen Eidechsen auf ihrem Posten waren. Die Reiter rückten schußfertig mit Geschrei heran. Fair- Eddin wirbelte die Keule um sein Haupt und begann mit lautem Geheul einen wilden Tanz. Stuart Sanders und Anarkalli beobachteten die Gegner durch die Spalten der Tür. Die Diener des Serdar und ihre Genossen schienen jedoch sehr wohl zu wissen, daß sie in solcher Anzahl und beim hellen Licht des Tages weniger von den grimmigen Reptilen zu fürchten hatten; sie kamen näher und näher. »Söhne unreiner Tiere«, donnerte der Fakir, »wollt ihr es wagen, die Wohnung des Friedens noch einmal zu verletzen? Der Fluch des Himmels ist über euren Häuptern, er wird euch vernichten!« »Wir wollen dich nicht kränken«, rief der Schobedar. »Sei weise, wie dein weißes Haar es gebietet; gib uns die Fremdlinge heraus, die gestern bei dir Schutz fanden.« Der Fakir stieß ein höhnendes Gelächter aus. »Schau auf die Wolke, die über den Himmel zieht. Weißt du, woher sie kam und wohin sie zieht? Der wilde Pfau verkündet dem Baum nicht, auf dem er sich niederließ, wohin sein Flug geht. Such ihre Spuren in der Wüste. Ein Narr ist, wer die Fährte seines Feindes kalt werden läßt.« »Wir haben den Fels und die Sümpfe bewacht und wissen, daß sie nicht entflohen sein können«, erwiderte unwillig der Mahratte. »Rufe die Krokodile fort, wir möchten ihnen nichts zuleide tun, denn wir wissen nicht, ob nicht büßende Seelen in ihren Leibern wohnen! Der Inder glaubt, daß die Seelen Verstorbener bei ihren Wanderungen zur nächsten Verkörperung auch in Tierkörper einziehen können. Aber wir wollen deine Hütte untersuchen und uns überzeugen, daß die Flüchtlinge nicht mehr darin verborgen sind.« »So kommt herbei und seht!« lachte der Fakir. Er begann aufs neue den wilden Tanz und blies auf seiner Rohrflöte eine Melodie. Die Krokodile krochen heran und bildeten mit ihren langen Schuppenleibern einen Wall um ihn; die Rachen klappten auf und zu. Ihre braunen bepanzerten Rücken glichen einer Reihe knorriger Baumstämme, die der Monsun zu Boden warf. Der Schobedar hob entschlossen seine Flinte. »Schont den alten Toren, denn er ist ein heiliger Mann! Gebt Feuer auf die Bestien! Yama möge es uns vergeben!« Die Kugeln prasselten auf die dicken Schilder der Rieseneidechsen, ohne ihnen Schaden zu tun. Nur eine der Bestien hatte durch ihre ungeschützte Lage eine Kugel in den Unterleib, den weichsten und allein verwundbaren Teil, erhalten. Sie schnellte kerzengerade in die Höhe, öffnete den Rachen weit und stürzte sich mit einem wütenden Sprung ins Wasser. Augenblicklich folgte ihr die ganze Schar und verschwand in der trüben Flut. Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, war auch der Einsiedler verschwunden. Die Mahratten wußten, daß sie jetzt nichts weiter von den Krokodilen zu fürchten hatten. Sie ritten vor die Höhle, banden ihre Rosse an die Bäume und machten sich bereit, den Eingang zu erzwingen. In großer Schnelligkeit hatte im Innern der Einsiedler die kurze Frist benutzt, die Tür mit Steinen und Balken zu verrammeln. Dann entnahm er einer Felsspalte zwei Fackeln, zündete die eine an und gab sie der Tänzerin. »Wenn du ein Krieger der Faringi bist«, befahl der Greis, »so tue einen Schuß durch die Tür unter diese Söhne der Finsternis. Er wird sie abhalten und uns Zeit gewähren. Du, Tochter, nimm den Zügel des Pferdes und ziehe den Vorhang zur Seite!« Anarkalli tat, wie ihr befohlen war. Der alte Fanatiker, der sich im Augenblick der Gefahr überaus besonnen und entschlossen zeigte, trat an die Seite des Offiziers und legte sein Auge an eine der Öffnungen. Die Männer, etwa dreißig an der Zahl, waren nur noch fünfzehn Schritt von der Tür entfernt. »Steht, Söhne des Teufels!« schrie der Greis. »Das Verderben ist vor euch und hinter euch, ihr Verächter der Heiligen!« Jenseits der Sümpfe erhob sich eine Staubwolke, die eine große Reiterschar zu bergen schien. »Gib die Flüchtlinge heraus, oder die Folgen werden auf dein Haupt kommen!« »Verfluchter! Ich sage dir, Krischna ist mit uns! Du aber wirst das Licht des Tages nicht wiedersehen.« »Vorwärts, Freunde, erbrecht die Tür!« »Nimm den vordersten der Schurken aufs Korn«, flüsterte der Fakir. »Dann wirf dich rasch zur Seite, denn sie werden uns ihre Kugeln senden.« Der Feind berührte fast die Tür, als ihn der Pistolenschuß des Offiziers mitten in die Brust traf. Er warf mit einem Allahruf die Arme in die Höhe, stürzte zu Boden und versperrte mit seinem Körper den engen Zugang. Die Angreifenden wichen bestürzt zurück. Sie hatten nicht geglaubt, daß die Verfolgten mit Feuergewehren versehen seien. Aus einiger Entfernung begannen sie den Zugang der Höhle mit ihren Flinten zu beschießen. Aus der Staubwolke in der Ferne tauchte eine Reiterschar mit Pferden, Elefanten und Dromedaren auf. Der Fakir winkte Anarkalli und Sanders, ihm hinter den Vorhang zu folgen. Er ergriff die Fackel und schritt ihnen rüstig voran in ein Labyrinth von Gängen und Windungen, das immer tiefer in das Innere des Berges hineinführte. Der Weg war oft holprig und uneben, von Felsstücken unterbrochen, und da sie das Pferd mit großer Vorsicht führen mußten, kamen sie verhältnismäßig nur langsam vorwärts. Fliegendes und kriechendes Gewürm erhob sich von Boden und Wänden. Das Licht der einsamen Fackel spiegelte sich bald an den Stalaktiten ungeheurer Wölbungen, bald an so niederen Wänden und Decken, daß das Pferd kaum hindurchzubringen war. Angespannt lauschten sie zurück. Da verkündete ihnen das im Echo der Felsengänge sich fortpflanzende Geräusch das Stürzen der Tür und das Triumphgeschrei ihrer Feinde. Rufe und Lärmen bewiesen ihnen bald, daß die Verfolger den Weg ihrer Flucht entdeckt hatten. »Die Dämonen mögen ihre Schritte irreleiten!« rief der Greis. »Vorwärts, vorwärts!« Unter den Bäumen vor der Berghöhle hielten mehrere Reiter der Karawane, deren größerer Teil jenseits der Sümpfe zurückgeblieben war. »Warum heben sich eure Waffen gegen diesen Felsen?« forschte der Anführer der fremden Reiter. Der Schobedar Tukallahs erkannte den Gast seines Herrn. Es war Nena Sahib, der auf seinem eiligen Zug durch die Wüste mit dem Khan und Doktor Walding auf den zurückgesandten Reiter getroffen und von ihm hierher geleitet worden war. Mit kurzen Worten rechtfertigte sich der Schobedar. »Tausend Rupien«, rief der Maharadscha erregt, »wenn ihr das Weib lebendig aus der Höhle bringt. Tod dem, der ihr ein Haar zu krümmen wagt!« Durch die Aussicht auf die Belohnung angefeuert, drangen die wilden Bewohner der Wüste mit verdoppeltem Eifer in die finsteren Windungen der Höhle ein, aus denen ihnen der ferne Schein der Fackel wie ein Leitstern leuchtete. In wortloser Eile stolperten die Flüchtlinge vorwärts. Sich umschauend, bemerkte der Offizier, daß die Feinde immer näher kamen. »Nur wenige Augenblicke noch«, mahnte der Fakir. »Die Macht Akbars in seinem Glanz solle nicht imstande sein, euch zu erreichen! Nimm die Fackel, Tochter, und gehe voran! Du, Christ, bleibe bei mir, und wenn sich einer der Verfluchten naht, so schieße ihn nieder!« Der Gang hatte sich jetzt zu einer weiten Wölbung mit flachem Boden erweitert, über den die Flüchtigen rasch dahineilten. Majestätische Felsmassen hingen über ihnen, als wollten sie sich jeden Augenblick von der Decke des Gewölbes lösen. Der Fakir deutete nach der gegenüberliegenden Wand. Zwei gewaltige Felsklumpen, gegeneinander geneigt, ließen kaum Raum zu einem schmalen Gang. »Dorthinein, Anarkalli!« Der Greis schwang sich auf einen Stein im Eingang der Schlucht und steckte seine Keule gleich einem Hebel unter den riesigen Felsblock, der, auf seiner Unterlage nur mit scharfer Kante schwebend, wie ein Schlußstein die ganze Last des hängenden Gewölbes zu tragen schien. Die Mahratten Tukallahs und die Begleiter drangen mit Triumphgeschrei in den offenen Raum. Leutnant Sanders legte die zweite Pistole auf den Vorsprung eines Steins, zielte bedächtig, und sein Schuß warf den Vordersten zu Boden. »Nieder mit den Hunden!« schrie der Schobedar, im Zorn die Drohung des Nena vergessend. »Laßt uns sie töten, wenn sie sich nicht ergeben wollen!« Eine Flintensalve krachte durch das Gewölbe, und donnernd rollte es durch die Gänge und Klüfte. Der urweltliche Fels schien zu erbeben, der mächtige Berg aus seinen Fugen zu brechen und sich zu bewegen. Ein erstickender Staub benahm für einige Augenblicke dem Offizier und der Tänzerin die Luft und verlöschte die Fackel. Ihre Hände tasteten suchend in der furchtbaren Dunkelheit umher, dann rang sich ein Schrei der Verzweiflung aus der Brust des Mädchens. Der Ruf des Offiziers und ein klagendes Stöhnen antworteten ihr. »Wo bist du, Anarkalli, meine Tochter?« fragte eine leise Stimme. »Komm her zu mir, daß ich dich segne, ehe Yama mich in das Reich der Schatten ruft! Nimm diesen Stein und schlage mit der Klinge deines Dolches Feuer, damit ich noch einmal dein Antlitz sehe!« Die Tänzerin hatte sich zu dem Ort hingetastet, von dem die Stimme herkam. Wenige Augenblicke darauf verbreitete die Fackel wieder ihr Licht und zeigte die furchtbare Zerstörung. Die Kraft des Fanatikers hatte den Felsblock am Eingang der Schlucht von seiner Unterlage gehoben und mit ihm die ganze Decke des Gewölbes zusammenstürzen lassen. Der Weg, den die Laune der Natur vor Jahrtausenden geschaffen hatte, war für die Ewigkeit geschlossen. Die Mehrzahl der Verfolger lag unter den Trümmern begraben; nur wenige, die das Gewölbe noch nicht betreten hatten, erreichten das Tageslicht und verkündeten dem harrenden Peischwa, was geschehen war. Finster blickte Nena Sahib zu Boden. Er glaubte mit den andern auch die Flüchtlinge vernichtet und den Mund der Frau auf ewig geschlossen, die ihm die Kunde gebracht hatte: sein Liebstes auf der Welt sei in Gefahr. – Der Greis lag am Boden; ein Stein hatte seine Brust getroffen und ihn tödlich verletzt. »Tretet her zu mir«, hauchte der Sterbende, »daß mein Wort euch den Weg zur Rettung zeige. Zieht den Gang weiter, er führt euch an die andere Seite des Gebirges. Eure Feinde müßten zehn Stunden reiten, wollten sie jene Stelle erreichen.« Seine Augen schimmerten in seltsamem seherischen Glanz. »Doch warum flieht ihr den Tod? Steht nicht Bhawani hinter euch und legt die Hand auf euer Haupt? Ströme von Blut! Ströme von Blut! Und er, dessen Leben du schirmst, er muß sterben von deiner eigenen Hand! Weh mir, tötet das Krokodil nicht! Tötet das Krokodil nicht – meine Seele ist in ihm!« Die Gestalt des Greises streckte sich – ein Röcheln gurgelte seine Kehle herauf, blutiger Schaum rötete die Lippen; ein Zucken der Glieder, eine Bewegung der Hand – er hatte ausgelitten. Der Offizier schauderte zusammen, als er die kalte Hand der Tänzerin auf der seinigen fühlte. »Laß uns aufbrechen«, bat die zitternde Stimme Anarkallis. »Unser Weg ist weit.« Sie deckte ein Tuch über das Gesicht des Toten und ging mit der Fackel voran, den Pfad zum Leben zu suchen. Tod den Faringi! Der Palast Nena Sahibs zu Bithur im Audh Später von den Engländern zerstört war ein prächtiges, langgedehntes Gebäude in halb europäischem, halb indischem Stil. Das Erdgeschoß war von Steinen erbaut. Eine Reihe starker Pfeiler bildete Hallen und Gänge, in denen sich die zahllosen Diener des Haushalts und der Gäste aufhielten. Die steinerne Unterlage war ein großes, nach hinten geöffnetes Viereck mit einem herrlichen Garten. Dreißig Springbrunnen schmückten ihn, chinesische Pavillons, Vogelkäfige und künstliche Felsengrotten. Bildsäulen europäischer Herkunft stachen seltsam von dem goldenen und farbigen Luxus der indischen Verzierungen ab. Auf dem steinernen Untergeschoß erhob sich der leichte hölzerne Bau des Hauptstocks, eine Reihe von Sälen, die mit europäischer Kunst und indischer Verschwendung ausgestattet waren. Die kostbarsten Teppiche der englischen Fabriken wechselten hier mit den dicken Geweben Turkestans und Persiens und dem Mosaikparkett der kunstfertigen chinesischen Holzarbeiter. Große Kristall- und Bronzekronen hingen von den gemalten Decken. Wertvolle Gemälde sowie Kopien, die betrügerische Gewinnsucht dem Hausherrn aufgedrängt hatte, bedeckten die vergoldeten Wände. Doch herrschte kein geschmackloses Durcheinander. Eine ordnende Hand, ein gebildeter Geschmack schien System in die verschwenderische Ausstattung gebracht zu haben und sie zu überwachen. Rund um die Außenseite dieser Säle lief auf dem vorspringenden unteren Geschoß eine von Säulen getragene Wandelhalle mit breitem Zeltdach. Wohlriechende Gewächse, Diwane und Teppiche schmückten sie. Auf der inneren Seite zog sich der schmalere Gang einer Rampe an den bis zum Boden reichenden Fenstern entlang, von der fünf breite Marmortreppen hinab in den Garten führten. Nach orientalischer Sitte, die es für unwürdig erachtet, daß sich über der Wohnung des Gebieters andere Räume befinden, erhob sich unmittelbar über dem Hauptgeschoß das Dach. Die vierte Seite des prächtigen Bauwerks war offen und durch ein hohes und dichtes Bronzegitter, das nur in der Mitte eine wohlverschlossene Tür hatte, von einem zweiten Garten getrennt. Eine dichte Wand von hohen Mangos versperrte die Aussicht in das Innere dieser Abteilung. Hier stand, mit der Front nach dem Ufer des Ganges gekehrt, das indische Haus, das der Adoptivsohn des verstorbenen Peischwa bewohnte. Gleich vielen seiner Landsleute benutzte er den prächtigen Palast mit seiner halb europäischen Einrichtung nur für Feste und den Verkehr mit den Weißen; für gewöhnlich lebte er aber ganz nach den Gebräuchen seiner Heimat. Die einzige Abweichung von altindischer Sitte in diesem Haus war, daß es nicht so streng durch Mauern und Höfe von der Außenwelt abgesondert wurde. Rechts und links von dem Palast, in einiger Entfernung und durch mächtige Bäume verborgen, befanden sich auf der einen Seite die Ställe für die Elefanten, Dromedare und Lasttiere, auf der anderen die für die zahlreichen edlen Rosse des Maharadscha, der ein ebenso großer Freund des Turfs wie der Jagd war. Hier waren auch die Wohnungen der Diener und Anhänger des Fürsten, jener eigentümlichen Leibwache indischer und europäischer Abenteurer, die er sich nach und nach gebildet hatte, und die mit blinder Ergebenheit seinem Willen gehorchte. Ein langes Eisengitter mit Türen und Einfahrten schloß den Vorplatz des Hauses von der Straße ab. Ein breiter Kanal, vom Ganges hergeleitet, erstreckte sich bis an diesen Vorplatz und erlaubte dem Besitzer, aus einem Säulengang tretend, den Fuß in seine Barke zu setzen. Die Umgebung des Palastes war gewöhnlich bis spät in die Nacht von Müßiggängern, Dienern aller Art, indischen und mohammedanischen Fakiren, Tänzern und Gauklern belagert; denn die Freigebigkeit und Großmut des Maharadscha waren in ganz Indien berühmt. Die bedeutenden Schätze, die ihm der Peischwa hinterlassen hatte, reichten auch ohne die ihm verweigerte Rente der Company hin, einen fast königlichen Aufwand zu unterhalten; und er verteilte seine Wohltaten ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntnis seiner Anhänger und Gäste. Seit drei Monaten jedoch waren Freude und Lust aus den glänzenden Hallen des Palastes zu Bithur verschwunden. Die Fenster ließen nicht mehr den Schein von tausend Kerzen hinaus in die Nacht flammen. Das Lärmen der Palankinträger, der Mahauts und Pferdehalter und der unendlichen Dienerschar war verstummt. Der Ruf der Fakire und das Geräusch ab- und zuströmender Gäste erklangen nicht mehr am Haupttor des Palastes. Einsam und schweigend lag das prächtige Gebäude; nur aus den Zweigen der Tamarinden ertönte der liebliche Gesang der indischen Nachtigall, der Hazardasitana oder des Vogels mit tausend Liedern, wie ihn die Sprache des Landes nennt. Seit dem rätselhaften Verschwinden des geliebten Weibes, von dem die eifrigsten Nachforschungen des Maharadscha auch nicht die geringste Spur hatten ermitteln können, lag es wie ein finsterer Schleier auf der Seele des Fürsten. Er hielt sich in seinen innersten Gemächern eingeschlossen, sah nur wenige Menschen und verbrachte seine Zeit in stummem Brüten. Gibson war der einzige, mit dem er sprach. Der Bote, den er bald nach seiner Rückkehr nach Dschansi gesandt hatte, sich nach dem Zustand O'Sullivans zu erkundigen, hatte die Nachricht gebracht, daß dieser an den Folgen der furchtbaren Operation gestorben sei. Selbst das Äußere des Maharadscha hatte der in seinem Innern tobende ohnmächtige Schmerz, der glühende Durst nach Rache in der kurzen Zeit verändert. Der volle, lebenskräftige, Genuß und Gefahren liebende Mann war ein finsterer Fanatiker geworden, in dessen Augen verzehrendes Feuer brannte. Der unheimliche Blick, der früher in der höchsten Aufregung aus seinen Augen blitzte, brach nun oft hervor und scheuchte seine Umgebung zurück. Die Regenzeit war vorüber. Der erquickende Himmelshauch der gemäßigten Jahreszeit lag über der prächtigen Gegend. In diese Zeit, da der lange Regen die Üppigkeit der mächtigen Vegetation noch erhöht hat, fällt das poetische indische Fest der Wasserlichter. Bei diesem Fest strömen die Frauen und Mädchen der Hindu oft aus weiter Ferne zu den Ufern des Ganges, des heiligen Stromes. Jede hält in der Hand ein aus Holz oder Borke geschnitztes, reich verziertes Kähnchen. Wenn die Sonne am Horizont versunken ist und die Dämmerung sich in die sternengoldene Tropennacht verwandelt, setzen Tausende weißer Gestalten ihre Kähnchen, auf denen sich eine brennende Lampe befindet, in den Fluß. Jede verfolgt mit ängstlicher Spannung das von den Wellen geschaukelte Schiffchen mit ihrem Hoffnungslicht, an dessen Erhaltung irgendein Wunsch sich knüpft. Bleibt es so lange sichtbar, wie das Auge es zu verfolgen vermag, dann wird der dem heiligen Strom anvertraute Wunsch erfüllt. Erlischt sein Lämpchen aber früher, so ist auch die Hoffnung untergegangen. Und obgleich oft tausend solcher kleinen Lämpchen von den Wellen bergauf, bergab geschaukelt werden, so weiß doch jede das ihre bis in die weite Ferne genau zu unterscheiden. Auch am Abend dieses achtzehnten Oktobers drängten sich die Gestalten der Frauen und Mädchen mit ihren wallenden Gewändern zu den Ufern des Stromes. Bald blinkten unter heiterem Gelächter und Gesang zahllose kleine Flämmchen. Ein buntes Volksgedränge wogte an den Ufern; denn Tanz und Spiel schließt das Fest, und der Jubel dauert bis spät in die Nacht. Die indischen Diener des Maharadscha waren bei dem Fest. Der Gebieter hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, den Abend und die Nacht allein ihrem Vergnügen zu widmen. Aber auch der Bangalo des Nena war nicht, wie es schien, in Einsamkeit und Stille versenkt. Im Vorhof des Gebäudes lehnten dunkle Gestalten an den Zugängen, Wache haltend gegen jede Überraschung: die Prätorianer des Maharadscha – seine Leibgarde. Wenn auch die Front des Gebäudes dunkel war, so glänzte doch Licht durch die Vorhänge der hinteren Gemächer. Die Pforte, die beide Gärten verband, war geöffnet, und der Kanadier Adlerblick stand hier Posten. Finster schritt der Maharadscha in seinem Gemach auf und nieder. Er trug die Kleidung eines Sepoy, einen weiten indischen Mantel darübergeschlagen, im Gürtel Pistolen und einen gekrümmten Malaiendolch. Cordillier und Vaillant in ähnlicher Tracht wie der Gebieter, Ralph, der Bärenjäger, die riesige Gestalt in die Kleider eines englischen Matrosen gesteckt, lehnten an den Wänden des Gemaches. An der Tür stand der Schotte MacScott. Sein Antlitz, das seit wenigen Monaten sehr gealtert war, drückte Kummer und Schmerz aus, sooft sein Auge auf den Gebieter fiel. Der Zorn des Nena hatte sich ungerechterweise auf seinen alten Erzieher geworfen und ließ ihn den Verlust Margarethens entgelten. Ihm hatte er die Sorge um sie bei der Reise nach Bombay auf die Seele gebunden. Der unglückliche Zufall, der den tapferen Tigerjäger an jenem verhängnisvollen Morgen entfernt hatte, schien ihn alles Vertrauens beraubt zu haben. Wenn auch die argwöhnische Seele des Inders keinen Verdacht gegen ihn hegen konnte, herrschte doch ein tiefer Groll in ihm vor, der sich in der rauhen Weise kundgab, mit der er den früheren Liebling behandelte. »Hoheit«, sagte endlich der Schotte, »es ist Zeit, aufzubrechen. Eine Stunde nach Sonnenuntergang sollte der Doktor zu dem Prinzen gerufen werden. Wir müssen zur Stelle sein, die Flüchtigen zu empfangen.« Der Maharadscha fuhr aus seinem Sinnen empor. »Laß die Pferde vorführen! Sind die Frauen vom heiligen Strom zurück?« »Noch nicht, Hoheit. Gibson ist mit ihnen und sorgt für ihre Sicherheit.« »So bitte sie, wenn sie zurückkommen, sich sogleich in ihre Gemächer zu begeben und sie nicht zu verlassen, bis ich ihnen Botschaft sende. Wie lange ist es her, daß der Khan und sein Begleiter voraus nach Khanpur sind?« »Eine Stunde, Hoheit. Aber ich glaubte, ich sollte dich begleiten? Es wäre das erstemal, daß MacScott an der Seite des Maharadscha von Bithur in der Stunde der Gefahr fehlt.« »Bei Yama, dem Unterirdischen! Hättest du nie an der Seite der gefehlt, die deiner Sorge anvertraut war, es stände besser um dich und mich! Du wirst hierbleiben und mit Gibson alles zur Fortsetzung der Flucht bereiten. Ist Joaquin Alamos auf seinem Posten?« »Er harrt mit den Pferden.« »So laßt uns aufbrechen!« Er winkte dem Schotten, voranzugehen, und verließ, gefolgt von seinen Getreuen, das Gemach. Vor der Veranda hielt der Mexikaner die Zügel von sechs Vollblutrennern, die ungeduldig den Boden stampften. Der Maharadscha sprang in den Sattel, die übrigen folgten. Sie durchritten vorsichtig ein Seitentor und trabten, sich möglichst im Dunkel haltend, eine Strecke weit voran. Dann setzten sie ihre Rosse in Galopp und jagten auf der Straße nach Khanpur weiter. Ein dichtes Wäldchen von Kokospalmen und Tamarinden zog sich auf der Mitte des Weges die Militärstraße entlang, die sich bald vom Ufer des Ganges abwendet. Als sie sich der Stelle näherten, an der seine Gattin geraubt worden war, ließ der Maharadscha sein Pferd langsamer gehen. Er befahl seinen Gefährten, voranzureiten und ihn vor den Toren der Stadt zu erwarten. In tiefem Sinnen ließ er seinem Roß die Zügel. Plötzlich erfaßte eine Hand den Zügel des Pferdes. Zwei dunkle Gestalten erhoben sich vor ihm auf dem Weg im Schatten der mächtigen Tamarinden. »Wenn der Tiger auf Beute streicht«, sagte eine tiefe Stimme, »ist er nicht gewohnt, die Augen zu schließen. Der Peischwa von Bithur möge sich erinnern, daß seine Feinde wach sind.« Der Maharadscha, dem der Ton dieser Stimme nicht unbekannt schien, faßte nach dem Pistol im Gürtel und war mit einer raschen Bewegung wieder Herr seines Pferdes. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr in der Stunde der Nacht?« Der Fremde lachte heiser. »Ist es so weit gekommen, daß Srinath Bahadur seine Freunde fürchtet, wenn sie an der Stelle zu ihm treten, deren Erinnerung aus ihm wieder einen Mann machen sollte? – Dreimal erst hat der Glanz des Mondes sich erneut, seit ich dir sagte: die Stunde wird kommen, wo du bedauern wirst, die Hand der Rächer zurückgestoßen zu haben.« Der Strahl des Mondes fiel bei einer Bewegung auf den Sprechenden. »Tantia-Topi?« »Ich selber, Bahadur. Sollen die Gäste, die dein Haus in diesem Augenblick verbirgt, nicht vollzählig sein?« Ein Grauen überflog den Inderfürsten, als er sich der Erzählung des deutschen Arztes und seines eigenen Verdachts gegen diesen Mann erinnerte. Unwillkürlich behielt er die Hand am Griff der Pistole. »Woher kommst du, Serdar? Was ist deine Absicht?« »Woher ich komme, Nena? Tukallah ist überall, und bald wird man von einem Ende Indiens bis zum andern seine Stimme vernehmen. Meinst du, ich hätte in den Einöden der Thar nicht erfahren, daß der tolle Versuch des Delhiprinzen, den Sohn der Maharani aus Firozpur zu entführen, mißglückt sei? Er hat die Versetzung des gefangenen Knaben nach Khanpur zur Folge gehabt. Was ich will? Die Nacht der Lichter am heiligen Strom ist wichtiger für uns alle, Srinath Bahadur, als du denkst. Einen jungen Adler, der in den Fesseln der Faringi schmachtet, will ich dir befreien helfen und dem Tiger des Audh seine Krallen und seine Zähne wiedergeben mit dem Reh, das man ihm geraubt.« Der Nena prallte zurück. »Was bedeuten die Worte, Serdar? Bei deinem und meinem Leben, spiele nicht mit dem Herzen Srinath Bahadurs!« Der Mahratte lachte verächtlich. »Frage diesen da, er wird dir Antwort geben.« Der Fürst betrachtete den Begleiter Tukallahs. Es war eine hohe Gestalt mit ernstem, stolzem Gesicht, das ein ergrauender Bart umrahmte. Die hohe Kegelmütze der religiösen Bettler bedeckte sein Haupt; ihr brauner, zerlumpter Mantel hüllte seinen Leib ein. »Wer bist du?« »Dein Gläubiger!« »Jeder heilige Derwisch oder Fakir hat das Recht auf die Habe Srinath Bahadurs. Nie ist einer ohne Gabe von seiner Schwelle gegangen.« »Du irrst! Ich komme nicht, bei dir zu bitten. Ich bringe dir ein Geschenk. « »Ein Geschenk?« »Die Gewißheit und die Rache!« »Ich bin nicht gewohnt, mit mir in Worten spielen zu lassen. Wer bist du?« »Meiner Namen sind viele. Die Bewohner des Dekhan nennen mich den Derwisch Sofi. In meiner Heimat –« »Nun?« »Kennst du die Säule, die auf der Esplanade von Kalkutta vor dem Palast des Generalgouverneurs steht?« »Die Säule kennt jedes Kind in Indien. Es ist das Denkmal des Generals Ochterlony.« »In den Adern dessen, der vor dir steht, fließt dasselbe Blut, das vergossen wurde für die Eroberung dieses Landes. Geschändet durch die Schläge der Peitsche, vertrocknet in den Wüsten Australiens. Nenne den Namen der Säule, und du nennst den Namen dessen, der sie stürzen wird.« »Kapitän Ochterlony?« »Ich bin's!« Der Maharadscha warf sich mit einem Sprung vom Pferd und umarmte herzlich den Wiedergefundenen. »Willkommen, Kapitän, von ganzer Seele«, sagte er. »Viel habe ich von Ihnen, von diesem Mann und dem Frankenarzt gehört, der mit Ihnen am Sterbelager meines Verwandten stand. Lassen Sie mich die Freundeshand auf die schlimmen Wunden legen, die das Leben Ihnen schlug. Das Erbe Dyce Sombres liegt bereit für Sie – lassen Sie uns umkehren und Sie als teueren Gast über meine Schwelle führen.« »Das Unheil, Prinz«, entgegnete ernst der ehemalige Kapitän, »wird auch ohne mich schnell genug über jene Schwelle schreiten. Sie haben eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: die Augen einer Mutter und einer Schwester können ohne Ihren Beistand nicht getrocknet werden. Und haben Sie nicht gehört, Prinz, daß ich eine noch wichtigere Sendung zu beenden habe?« »Welche?« »Sie der Rache wiederzugeben.« »Reden Sie klar, ich beschwöre Sie!« »Eine ernste Stunde ist Ihnen nahe. Ich weiß, wo Lady Margarethe, Ihre Gemahlin, sich befindet.« Nena Sahib fuhr zusammen. »Rede, Mann! Wo, wo ist sie? – Nimm alles, was ich habe, für ein Wort der Gewißheit!« »Beantworten Sie die eine Frage – was werden Sie denen tun, die sie Ihnen geraubt haben?« »Wollen Sie die Tigerkatze fragen, was sie denen tut, die ihr das Junge raubten? Rächen will ich, vertilgen die Brut von der Erde, die es gewagt hat, an mein Liebstes zu tasten!« »Und wenn es nicht gemeine Diebe und Mörder – wenn es die Gebieter, wenn es Faringi wären?« »Tod dann allen Faringi, Männern, Müttern und Kindern! Tod dem verfluchten Geschlecht!« »Ich höre Ihre Worte, Nena Sahib! – Ehe zwei Stunden vergehen, werden Sie die Gewißheit haben. Reiten Sie nach Khanpur, Ihr Werk zu tun. Wir vollenden das unsere; und wenn das Weib Ihres Herzens noch unter den Lebenden weilt, sollen Ihre Arme es umfangen oder Ihre Hand die Mörder strafen.« Und plötzlich, wie sie gekommen, waren beide Gestalten im Schatten der Bäume verschwunden. Der Ruf des Inderfürsten verhallte ohne Antwort in der Einsamkeit der Nacht.   In geringer Entfernung vom Ganges lag das feste Fort des englischen Waffenplatzes Khanpur. Dorthin hatte man nach dem mißglückten ersten Befreiungsversuch Dhulip Sing, den jungen Thronerben von Lahore, gebracht. Firozpur lag zu nahe der Grenze seiner Heimat, und man fürchtete daher neue und kühnere Versuche der Bewohner des Pandschab, seiner ehemaligen Untertanen. Er genoß innerhalb des Forts wenig Freiheit und wurde streng von allem Verkehr mit der Außenwelt, namentlich mit den Eingeborenen, abgesondert. Auch hier war das Ufer des heiligen Stromes an diesem Abend von vielen tausend Menschen belebt. Es war ein Festtag für die ganze Stadt, Inder wie Engländer, denn auch diese mischten sich schaulustig und plaudernd in die Menge. Eine Gruppe Engländerinnen, von mehreren Offizieren begleitet, kam den Abhang des Ufers herab in die Nähe der Schiffbrücke, die auf die Straße nach Lucknow mündet. Gelächter und Scherz tönten aus der Gesellschaft. Die meisten der Damen hatten gleichfalls zierliche Schiffchen in der Hand oder ließen sie von den Herren tragen. »Darf man wissen«, fragte die spöttische Stimme des Residenten Major Rivers, »was dieser famose Dreimaster für Wünsche nach dem Ozean senden soll?« »Bewahre, Sir, das wäre allzu neugierig«, lachte Miß Wheeler, die Tochter des Generals. »Man sagt, Sie selber hätten der Geheimnisse so viele, daß Sie wohl die anderer zu achten verpflichtet seien!« Die Abfertigung war zu deutlich, um mißverstanden zu werden, und ein Gelächter der anderen Offiziere folgte ihr. »Auf meine Ehre«, warf Leutnant Halliday ein, »ich würde mich glücklich schätzen, mein Lämpchen auf den Bug der Fregatte Miß Soldies pflanzen zu dürfen. Auch ich habe meine Wünsche im verborgenen.« »Lassen Sie sie allein flott werden«, rief die muntere Tochter des Generals, ihrer Freundin zu Hilfe kommend. »Es ist nicht mehr als billig, daß ein so tapferer Offizier und Jäger sich auch als Seemann bewähre. Außerdem gehören die Fluten des Ganges diesmal uns Frauen. Wenn die Herren sich in das Spiel mischen, treiben sie Piraterie.« »Ich engagiere mich als Schiffsarzt«, erklärte Doktor Todd-Brice, »aber ich bin zweifelhaft, welches Segel ich wählen soll. Das Admiralschiff führt mir zu starke Batterien von Witz und Bosheit. Miß Soldie hat zwei Kaper in ihrem Fahrwasser«, er warf einen schalkhaften Blick auf den Leutnant und Kapitän Forbes, von denen der eine das Schiff, der andere das Tuch der Dame trug, »und Miß Highson, unsere Heldin, hat ein für allemal Kompaß und Steuerruder den Händen ihres Retters aus der Höhle des Thug anvertraut. Was meinen Sie, Toby, mein guter Bursche, da wir beide allein von allen diesen Lichtfeen ausgeschlossen sind, wollen wir dem Laskar dort, der die ganze Flotte feilbietet, seine beste Barke abkaufen und uns mit unseren Wünschen für besseres Glück bei den Damen darauf einschiffen?« Der lange Fähnrich warf dem ewigen Quäler einen bitterbösen Blick zu. »Ich fürchte, Doktor, die Vorratskammer auf einem solchen Schiff würde nicht hinreichen für Sie!« »Diesmal«, lachte Resident Rivers, »hat er's Ihnen gegeben, Brice.« »Ein Kieselstein sprüht Funken, wenn er geschlagen wird«, meinte der Walliser, »warum nicht eine Fähnrichsseele, die im Punkt der Liebe kein Kieselherz, sondern weich wie Butter ist? Der Henker soll mich holen, wenn ich mein Schiff anders befrachte als mit der Frage an das Schicksal, ob Ihr Koch, Lady, uns heute eine Suppe von Schildkröten und von Vogelnestern vorsetzen wird, da Seine Exzellenz, Ihr Papa, einmal die Torheit beging, uns einzuladen.« »Vogelnester, Doktorchen, Vogelnester sollen Sie haben, eine ganze chinesische Schiffsladung voll, und Ihr Lieblingsgericht, das abscheuliche Guavengelee«, scherzte die Tochter des Generals. »Dann bedaure ich Sanders, der Dienst hat und nichts davon abbekommt«, sagte der Arzt, indem er sich lüstern die Mundwinkel wischte. »Ich bin ein kluger Mann und habe mich beizeiten von allem Dienst losgemacht. Bekommt irgendeiner unserer braunen Halunken Zahnschmerzen oder Leibgrimmen, mag mein Assistent oder Kollege Clifford ihn in den Schoß Brahmas befördern. Ich kenne den Dry-Madeira Ihres verehrten Papas, und kein Ding in der Welt soll mich dabei stören.« »Ihr Kollege ist ein trauriger Gesellschafter auch an der Meßtafel«, bemerkte Kapitän Löwe. »Wäre nicht sein Verdienst um die Rettung Miß Highsons und unseres wackeren Kameraden, sowie die warme Empfehlung Nena Sahibs, wir protestierten gegen sein Patent bei dem lustigen Zweiunddreißigsten.« »Schade, daß der Prinz noch immer um seine Gattin so verzweifelt trauert«, meinte ein junges Mädchen. »Erinnern Sie sich, Arabella, im vorigen Jahre gab er uns an diesem Abend eines seiner Zauberfeste in seinem prächtigen Palast zu Bithur.« »Armer Mann! Je mehr er sie geliebt hat, desto grausamer muß ihr Verlust sein!« »Pah! Er ist ja nur ein Inder, und sein Glaube gestattet ihm reichen Ersatz.« Editha Highson wandte sich von Halliday, dem herzlosen Sprecher, und stützte beim Hinabsteigen von der Böschung des Ufers die Hand auf den Arm des Leutnant Sanders. Ihre Blicke begegneten sich dabei. »Editha!« Der Druck ihrer Hand gab ihm die Erwiderung. »Wie traurig, daß Sie diesen Abend nicht in unserer Gesellschaft sein können!« »Sie wissen, der General, Ihr Oheim, hält streng auf den Dienst. Ich darf seine gute Meinung nicht verscherzen, jetzt, da ich bald ein teures Kleinod von seiner Hand begehren will. Er behandelt mich wie einen Sohn; ich muß seiner Güte würdig sein.« In der Tat galt der junge Offizier, wenigstens im Kreis ihrer Bekannten, für den begünstigten Verehrer der Nichte des Generals und halb als ihr Verlobter. Seine Flucht war damals mit Hilfe der Bajadere ohne weitere Schwierigkeit gelungen. Erst an der Grenze des Gebietes der company , in Firozpur, hatte Anarkalli ihren Schützling verlassen. Sie sagte ihm, daß sie immer in seiner Nähe sein, daß ihre Liebe ihn schirmend umschweben werde. Der Sinnenrausch, der ihn in jene furchtbare Gefahr gestürzt und ihn in ihrer Nähe wieder alles andere vergessen gemacht hatte, vereint mit der Dankbarkeit, die er ihr schuldete, ließ ihn ihr aufs neue seine Liebe beteuern. Er bat sie, mit ihm zu gehen. Trotz ihrer Leidenschaft widerstand Anarkalli, um ihm nicht neue Gefahren zu bringen. Noch in der Stunde, da sie sich trennten, ermahnte sie ihn, seinen Schwur zu halten und nicht treulos gegen ihre Liebe zu werden. Walding war an der Grenze der Wüste mit einem Teil des Gefolges des von Angst und Besorgnis unaufhaltsam vorwärts getriebenen Maharadscha zurückgeblieben. So wurde es leicht, ohne das bisher so wohl bewahrte Geheimnis zu verraten, die Rolle der beiden Mädchen zu vertauschen. Anarkalli, die Tänzerin, trat an die Stelle Edithas, und diese wurde von Agra aus durch Sanders nach Khanpur und in die Arme ihrer Familie geleitet, die sie längst verloren geglaubt hatte. Die Abenteuer Stuart Sanders' und Edithas konnten natürlich nicht verschwiegen bleiben. Ohnehin war Editha nicht durch ein Versprechen gebunden wie ihr Schicksalsgefährte. Bei ihrem erst so kurzen Aufenthalt in Indien waren ihr jedoch die Sitten und die Sprache des Landes fremd, die bronzenen Gesichter kaum unterscheidbar. Da sie nicht die geringste Idee von der Lage und dem Namen der Orte hatte, in denen ihr ein so schreckliches Los gedroht und auch ihr Retter sie absichtlich über den Charakter der Karawane, mit der sie den Weg durch die Wüste gemacht, im unklaren gelassen hatte, so konnten ihre Aussagen nur geringe Spuren geben. Leutnant Sanders kannte weder den Namen noch die Lage und das Aussehen der Burg der Thugs. Sein Ehrenwort band ihn, alles zu verschweigen, was die Personen, die bei seiner Rettung mitgewirkt hatten, belasten konnte. Da nun Doktor Walding in Firozpur mit dem Khan und der Bajadere zurückgeblieben war, konnten die Behörden aus den Aussagen des Offiziers und Miß Highsons nur die Tatsache entnehmen, daß die indische Wüste einen oder mehrere Hauptsammelplätze der Würgerbande barg. Das aber war längst bekannt; denn es befanden sich in den Gefängnissen der Präsidentschaften zu jener Zeit über siebenhundert Personen, die der Teilnahme an dem Bund der Thugs verdächtig und angeklagt waren. So begnügte man sich, ein Dutzend Verurteilte zur Warnung aufzuhängen und die von Major Sleemann im Jahre 1851 begonnenen Maßregeln zur Verfolgung der Sekte mit neuer Strenge wieder aufzunehmen. Als Walding einen Monat später unter dem Namen eines Doktor Clifford in Khanpur eintraf, war die Teilnahme an der Untersuchung schon durch neue Eindrücke geschwächt. Die Auskunft, die er über seinen Anteil an der Rettung des Offiziers und der Lady erteilte, beschränkte sich auf die Angabe, er sei gleichfalls Gefangener in den Händen der Thugs gewesen und nur durch dritte, ihm unbekannte Personen gerettet und so in die Lage gesetzt worden, auch zur Befreiung seiner Schicksalsgefährten beizutragen. Die Fürsprache des Generals Wheeler und des Maharadscha verschaffte ihm den Posten des während der Regenzeit an der Cholera gestorbenen Oberarztes des 32. Regiments. Mit dem Gefühl schmerzlicher Enttäuschung mußte Walding bald die Erfahrung machen, daß die Hoffnung, die ihn nach Khanpur begleitet hatte, vergeblich gewesen war. Leutnant Stuart Sanders war kaum dem Zauberrausch und der glühenden Leidenschaft Anarkallis entronnen, als ein Verblassen der Erinnerung sein Herz erkaltete. Das Bild Editha Highsons nahm seine Seele mehr und mehr ein. Die ritterliche Verteidigung Sanders' in der Höhle der Thugs und die tapfere Zurückweisung der eigenen Rettung, wenn sie, die Fremde, nicht daran teilhaben könne, hatten tiefen Eindruck auf das Herz des Mädchens gemacht. Für Walding oder Clifford, wie er auch für sie und Stuart Sanders hieß, fühlte sie wohl eine warme Dankbarkeit und Freundschaft, aber die zartere Blüte ihres Herzens gehörte dem jüngeren Mann. – Editha sah zu dem Geliebten empor. »Sie haben recht, Stuart«, bemerkte sie auf seine frühere Entgegnung, »aber der Abend wird mir traurig vergehen, wenn Sie fernbleiben.« »So lassen Sie mich jetzt wenigstens das Glück genießen, in Ihrer Nähe zu weilen, und zusammen mit Ihnen das Orakel für unsere Wünsche versuchen, das Tausende von gläubigen Herzen hier versammelt hält. Schauen Sie die sehnsüchtigen und ängstlichen Blicke, mit denen diese Mädchen und Frauen das Spiel verfolgen, als gälte es wirklich die Zukunft und die Entscheidung ihres Lebens!« »Und warum wollen Sie so ungläubig zweifeln?« lächelte Editha; ihre Hand legte sich leicht auf seinen Arm. »Rechtfertigt in diesem Land der Wunder ein jahrtausendealter Brauch nicht wirklich das Vertrauen, das so viele Herzen auf ihn setzen? Das Schicksal der Menschen ist nach dem Glauben der Vorzeit in dem ewigen Buch der Sterne geschrieben. Ebensogut mögen die Fluten dieses Flusses der bangen Menschenseele Hoffnung oder Trauer deuten können. Steuert nicht das Lebensschiff jedes Menschen hinaus in die unbekannte dunkle Flut? Keiner weiß, an welcher Küste es landen, an welcher Klippe es zerschellen wird.« »Für das unsere liegen die Klippen und Stürme hoffentlich hinter uns«, entgegnete feurig der junge Offizier. »Sehen Sie dahin – Miß Soldie und Halliday haben soeben ihre Dreimaster vom Stapel gelassen, Rivers und Ihre Cousine verfolgen bereits die ihren mit dem Opernglas. Und hier kommt Lowe mit zwei brennenden Lampen, die seine Galanterie uns überlassen wird.« »Ich weiß nicht«, zauderte Editha, »ich empfinde eine gewisse Bangigkeit vor dem Spiel. Man sollte nie mit der Zukunft freveln.« »Torheit, Editha«, rief ihre Cousine, »du darfst keine Ausnahme von uns allen machen. Paßt hübsch auf eure Schiffchen auf! Es ist wahrhaftig nicht leicht für unsere europäischen Augen, diese Glühwürmer des Schicksals unter der schwimmenden Lichtflotte zu verfolgen.« Editha und Sanders setzten gleichzeitig von dem Floß aus, auf das sie getreten waren, ihre Schiffe in die dunklen Wellen des Stromes. Ihre Blicke begegneten sich – beide erfüllte der gleiche Gedanke. »Seht, wie hübsch das Pärchen schwimmt«, rief die heitere Tochter des Generals, die längst die mühsame Verfolgung des eigenen Fahrzeuges aufgegeben hatte. »Wie zwei Turteltäubchen, die zu Nest fliegen, oder zwei der kleinen Papageien, die nicht voneinander weichen. Sir Stuart, Ihr Lebenslauf wird künftig ein sehr friedlicher sein. Ich sehe Sie schon in Schlafrock und Pantoffeln als Nabob auf den Lorbeeren Ihrer Jugend ruhen.« Beide Schiffchen schaukelten mehrere Schritte vom Ufer entfernt leicht und zierlich auf dem sanften Wellenzug, kaum eine Spanne voneinander getrennt. Die Lämpchen in ihnen brannten hell. Plötzlich drängte sich eine indische Frau in weißen, wallenden Gewändern durch die vornehme englische Gesellschaft und glitt an das Ufer nieder. Sie hielt in ihrer Hand die zierliche Nachbildung einer arabischen Praua, auf deren Vorderteil eine Lampe, gefüllt mit wohlriechendem Harz, brannte. Behend sprang sie einige Schritte in den Fluß vor und setzte ihr Schiff kaum einen Meter weit hinter die des Offiziers und Edithas auf den Spiegel des Wassers. Diese Keckheit erregte Aufmerksamkeit bei der sonst so großen Demut und Schüchternheit der Hindu im Verkehr mit ihren weißen Gebietern. Editha klammerte sich unwillkürlich, von einer ihr selber unerklärlichen Besorgnis befangen, an den Arm ihres Geliebten. »Mein Schiff, mein Schiff!« flüsterte sie. War es die Bewegung, die der Sprung der Hindu ins Wasser hervorgebracht hatte, war es ein zufälliger Wellenschlag, der vom Ufer zurückprallte – der Kamm einer Welle erhob sich aus der dunklen Flut und trug das Schiff der Fremden wie in lustiger Jagd hinter den beiden Fahrzeugen der Liebenden drein. Einen Augenblick noch, dann fuhr der leichte Rindenkahn der Hindu zwischen die beiden kleinen Nachen und trennte sie. Von dem Anprall schwankten die drei Fahrzeuge, die Lampen zischten von dem spritzenden Wasser, dann war Nacht und Dunkel an der Stelle, wo noch wenige Minuten vorher die prophetischen Leuchtfeuer des Glückes dreier Menschen geglüht hatten. Ein leiser Schrei, ein schadenfrohes Gelächter des Residenten – Editha sank in den Arm ihrer Cousine. »Um Gottes willen. Miß Highson ist ohnmächtig!« Zwischen dem besorgten Liebenden und der halb Bewußtlosen tauchte, wie der Erde entwachsen, die Gestalt der Inderin empor, die Hand nach dem Fluß hin ausgestreckt. Ihre Linke hob den verhüllenden Schleier zur Seite. Das glänzende dunkle Auge Anarkallis flammte dem Mann mit dem Ausdruck leidenschaftlicher Eifersucht entgegen. Wortlos hob die Bajadere die Hand, drohend, warnend, und verschwand rasch und geheimnisvoll, wie sie gekommen war. – Zwei Stunden später war das nächtliche Fest in vollem Gang. Vor den Pagoden und Tempeln tanzten die Bajaderen. Gaukler und Märchenerzähler hatten an den Ufern des Flusses ihre wandernde Bühne, oft nur einen Teppich, aufgeschlagen. Die öffentlichen Garköche hielten in ihren Buden feil. An einzelnen Herden bereiteten die Mitglieder der verschiedenen Kasten ihr abgesondertes Mahl. Feuerwerk wurde abgebrannt. Freudenschüsse knallten ringsumher, und mit jener kindlichen Lust der Hindu erschallten auf allen Seiten die Gesänge des Volkes. In dem Landhaus des Gouverneurs General Wheeler fand an diesem Abend ebenfalls ein kleines Fest statt, und so überließ sich, gleich ihren Offizieren, die ganze Garnison der Freiheit und dem Vergnügen. Die trotzigen, anmaßenden, selbstgefälligen Gestalten der englischen Soldaten und Sergeanten schritten voll Hochmut gegenüber den eingeborenen Stämmen durch die Menge. Die Sepoys, die nach dem Dienst ihre Uniform abgelegt hatten, saßen in ihren weiten indischen Gewändern, mit den Abzeichen ihrer Kaste, bei ihren Familien vor den Baracken oder feierten mit den anderen. Hindu und Mohammedaner, Laskaren, Malaien, Parsen, Chinesen und Araber, alle die unzähligen Rassen bewegten sich hier in buntem Gewühl und füllten die Gänge der geöffneten Basare. Es war in der zehnten Stunde oder nach indischer Rechnung im achten Ghary der Nacht, als Doktor Walding mit seinem indischen Diener, der einen Arzneikasten unter dem Arme trug, durch das Tor des Forts schritt. Auf dem Platz davor, auf dem die Alarmkanone stand, vergnügten sich die müßigen Sepoys und Soldaten an den Künsten einer Gauklerbande und den Tänzen einer Gesellschaft Bajaderen. Die Nachricht, daß Anarkalli, die berühmteste Tänzerin Indiens, sich darunter befände, lockte selbst die Offiziere und die Schildwachen näher. Die Zitadelle stammte aus der Zeit der Herrschaft der Großmogule. Sie bestand zum Teil noch aus den alten Türmen und Mauern, die mit Anlagen und Einrichtungen der neueren Kriegskunst verstärkt waren. Das obere Stockwerk eines dieser Türme war Dhulip Sing, dem Erben von Lahore, zur Wohnung und zum Gefängnis angewiesen. Seit dem mißlungenen Fluchtversuch in Firozpur wurde er mit großer Strenge bewacht. Ein Posten stand vor der Tür seines Gemachs, dessen mit Eisenstäben vergittertes Fenster sich wohl sechzehn Meter über dem darunter hinlaufenden Wall erhob. Nur in Begleitung eines britischen Sergeanten durfte er sich eine Stunde in den Höfen oder auf den Wällen der kleinen Feste ergehen. Dennoch hatten alle Vorsichtsmaßregeln nicht verhindern können, daß die Freunde des Gefangenen aufs neue mit ihm Verbindungen anknüpften. Ein Zettel, den ihm ein indischer Soldat zusteckte, hatte ihm empfohlen, sich schon am Tage vor dem Fest der schwimmenden Lichter krank zu stellen und die Hilfe eines Arztes zu verlangen. Das betraf den Hospitalarzt, und dessen Funktionen vertrat zur Zeit Walding. Auf seine Meldung beim wachhabenden Offizier führte ein alter Sergeant, der seit länger als zwanzig Jahren in Indien diente, den Arzt und seinen Begleiter die Treppen hinauf und schloß die Tür auf, vor der ein Posten stand; wie der prüfende Blick des Arztes zu seinem Leidwesen bemerkte: ein Engländer. »Der Herr hat seine Geißel über den ungläubigen Heiden geschwungen«, sagte der Sergeant Gately, der zu den strengen Presbyterianern gehörte, während er öffnete. »Als ich vorhin bei ihm war, schnaubte er in wildem Fieber wie das Streitroß der Amalekiter. Es tat meiner Seele weh, obschon er zu denen gehört, die die Höhen des Baal gebauet im Tal Ben-Hinnom, wo sie ihre Söhne und Töchter dem Moloch verbrannten.« »Der Prinz hat heftiges Fieber. Ich werde ihn zur Ader lassen. Mein Diener wird mir den nötigen Beistand leisten.« Der Sergeant sah mit Verachtung und Widerwillen auf den Hindu. »Die Kinder Israel sollten sich nicht mit den Aussätzigen vermischen. Ich darf diesen Sohn Satans nicht in das Gemach des Heiden lassen. Es ist strenger Befehl.« »Aber ich brauche seine Hilfe zu den ärztlichen Verrichtungen!« »Diese Hand wird die Hilfe des Gottlosen ersetzen, Doktor. Es ist besser, daß der Leib verderbe, als daß die Seele in Gefahr komme. Treten Sie ein! Du schwarzer Sohn des Teufels, bleibe unter der Aufsicht dieser Streiter des Herrn zurück!« Er schlug Kassim die Tür vor der Nase zu, nachdem er ihm das Kästchen mit dem Besteck abgenommen hatte. In dem Gemach, das der Arzt und der Sergeant betraten, waren nur geringe Bequemlichkeiten für den verwöhnten, an die Bedienung von hundert Händen gewöhnten Fürstensohn Indiens vorhanden. Dhulip Sing, in sein Obergewand gehüllt, ruhte auf einem Rohrdiwan und schaute, auf den Arm gestützt, vor sich hin. Eine fieberhafte Röte lag auf seinem hübschen jugendlichen Gesicht, und seine schwarzen Augen funkelten wie im Wahnsinn. Der Arzt trat zu ihm, ergriff seine Hand und fühlte den Puls. Er befand sich in der größten Verlegenheit, denn der alte fanatische Platzsergeant, an dessen Stelle sonst ein gewöhnlicher Unteroffizier der jedesmaligen Wache als Begleiter beigegeben zu werden pflegte, drohte den ganzen Fluchtplan zunichte zu machen. Er fühlte jedoch, daß es einen raschen Entschluß galt und daß Geistesgegenwart vielleicht dennoch die Gefahr wenden könne. Es hieß vor allem, einige Augenblicke mit dem Gefangenen allein zu sein. »Das Fieber ist im Steigen«, erklärte Walding. »Ich muß den Aderlaß vornehmen und einige beruhigende Mittel anwenden. Vermögen Sie sich zu erheben, Hoheit, und auf diesen Stuhl zu setzen? Es würde mir die Operation erleichtern.« Der Prinz sah ihn mit wirren, erstaunten Blicken an, während der Doktor Verbandzeug und Besteck aus seinem Kasten suchte. »Ich fühle mich sehr krank und weiß nicht, ob dein Tun meinen Leiden Linderung geben wird, weiser Hakim«, murmelte der Gefangene, »aber ich habe Vertrauen zu dir. Die Götter mögen deine Freundlichkeit lohnen, besser, als ich es kann.« »Sprich nicht zu ehrbaren Christen von deinen falschen Götzen, schwarzer Heide!« brummte der Sergeant. »Wende dein Herz zu dem allein wahren Gott. Denn siehe, der Herr kommt gewaltiglich, und sein Arm wird herrschen. Siehe, sein Lohn ist bei ihm, und seine Vergeltung ist vor ihm.« »Holen Sie frisches Wasser, Sergeant«, unterbrach seinen Bibeleifer mit strenger Stimme der Arzt, »da Sie doch meinem Diener die Hilfeleistung nicht gestatten wollen. Haben Sie wohl acht, daß es mit Eis gekühlt ist, und besorgen Sie zugleich noch etwas Scharpie – ich sehe, daß Kassim vergessen hat, sie mitzubringen.« Der Schließer murmelte einige Worte des Widerspruchs, wagte aber doch nicht, dem Geheiß ungehorsam zu sein, und verließ das Gemach. Er schob draußen die Riegel sorgfältig vor und empfahl der Schildwache, den indischen Diener der Tür nicht nahe kommen zu lassen. Seine Schritte waren kaum verhallt, als der Arzt, der aufmerksam gelauscht hatte, sich zu dem Gefangenen wandte. »Rasch den Ärmel Ihres Rockes hinauf, Prinz, wir müssen den Mann täuschen, als hätte ich Sie wirklich zur Ader gelassen. Unser Plan ist gescheitert, weil dieser Murrkopf mich nur allein das Gemach betreten lassen will und uns mit Argusaugen bewacht. Sie sollten sich in die Gewänder Kassims, meines Dieners hüllen; er sollte an Ihrer Stelle zurückbleiben und dann die Flucht versuchen. Bei der allgemeinen Unruhe und dem Lärm des Festes durfte ich hoffen, Sie unerkannt aus dem Tor der Zitadelle zu bringen.« »Ich bin zum Unglück geboren – Lakschmi hält ihre Augen verschlossen gegen mich«, jammerte der Prinz. »O Mahe Tschund, meine Mutter! Mein Auge wird dich niemals wiedersehen!« Walding hatte indes eine Schale ergriffen und leerte ein 179 Fläschchen mit Hühnerblut hinein, das er in der Tasche seines Rockes mitgebracht hatte. »Noch ist nichts verloren, Prinz, wenn Sie den Mut und die Kraft haben, die Rolle zu übernehmen, die Kassim bei Ihrer Flucht zugedacht war. Haben Sie getan, was Ihnen der Zettel anempfahl, den ich Ihnen gestern zusteckte?« »Es ist geschehen. Ich habe mit der Flüssigkeit, die Sie mir als Medizin zurückließen, die Gitterstäbe des Fensters alle Stunden befeuchtet.« »So muß das Scheidewasser seine Schuldigkeit getan haben. Die Eisenstangen werden einer mäßigen Kraftanstrengung weichen. Diese Binde, die ich um Ihren Arm wickle, ist eigens dazu gefertigt und von doppeltem Linnen, das in der Mitte ein starkes Seidenband enthält. Sie kann eine Last, zweifach so schwer wie die Ihre, tragen und ist lang genug, um doppelt bis zum Boden zu reichen; denn Sie müssen sie mit fortnehmen, um keine Spur der Flucht zurückzulassen.« »Aber es steht ein Posten am Fuß des Turmes auf dem Wall?« »Der Mann ist einer der Unseren, ein Hindu-Sepoy, den der Haik Mahib, seit der Beschimpfung durch einen jungen Offizier ein wütender Feind der Engländer, dahin gestellt hat. Er wird Ihre Flucht unterstützen, Hoheit, und Sie über die Bastionen geleiten. Es handelt sich nur darum, daß Sie den Mut haben, das Wagestück sogleich nach meinem Weggang und mit so wenig Geräusch auszuführen, daß der englische Posten vor Ihrer Tür keinen Verdacht schöpft.« Man hörte Schritte. »Stellen Sie sich erschöpft und verlangen Sie ungestört zu sein. Der Glaube, daß ich Sie zur Ader ließ, wird das Geheimnis Ihrer Flucht erhöhen.« Die Tür öffnete sich. Der mürrische Sergeant trat mit einer Kanne Wasser und dem verlangten Leinenzeug ein. Der Doktor wand eifrig die mit Blut befeuchtete Binde um den Arm des Gefangenen, dessen Aufregung die Vortäuschung des Fiebers erleichterte. »Das Blut der Gottlosen und der Heiden ist ein wohlgefälliges Opfer dem Gott Zebaoth«, sagte der Zelot. »Wie ich sehe, Sir, habt Ihr das Messer in das Fleisch dieses Kindes der Finsternis gesenkt!« »Ich durfte nicht länger zögern, Sergeant. Der Zustand des Kranken scheint mir gefährlich, oder ich müßte mich sehr täuschen. Reicht das Gefäß mit dem Eiswasser her!« Dhulip Sing lag teilnahmslos wie ein Schwerkranker. Walding erklärte, der Prinz müsse nun ungestört ruhen. Er versprach, am andern Tag nach dem Befinden des Patienten sehen zu wollen, und verließ mit dem Sergeanten das Gemach. Kassims wilder, blutgieriger Blick traf bedeutungsvoll auf den seines Herrn. Seine Hand faßte unter das Gewand nach dem Griff des vergifteten Malaiendolches. Es hätte nur eines Winkes bedurft, und der über die Vereitelung seiner Aufgabe erbitterte Thug hätte sich auf die Schildwache und den Kerkermeister gestürzt. Aber Walding sah ihn warnend an. Ein unmerkliches Zeichen empfahl ihm Ruhe und Vorsicht. Sie stiegen die Turmtreppe hinab, an dessen Tür Walding den Sergeanten entließ. Als er aus dem Tor der Zitadelle trat und über den mit Fackeln erhellten Vorplatz schritt, kam Anarkalli mit dem Tamburin auf ihn zu, als heische sie von ihm eine Gabe. Ihr Auge ruhte forschend auf seinem Begleiter. Der Arzt schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. Indem er ihr einige Annas reichte, flüsterte er ihr zu, noch kurze Zeit die Aufmerksamkeit der Soldaten zu beschäftigen. – In einiger Entfernung von dem Tor der Zitadelle warteten im Schatten eines alten Gemäuers mehrere Personen in der Tracht der Sepoys. Hastig trat Walding, gefolgt von Kassim, heran. Ein unterdrückter Freudenruf begrüßte ihn; aber bald erkannten die Harrenden, daß sie sich getäuscht hatten. Es war der Nena mit zweien seiner abenteuerlichen Trabanten, der hier auf das Gelingen des Unternehmens harrte. Die übrigen Jäger warteten in einer entfernten Vorstadt mit den Pferden und bewachten auf der anderen Seite der Zitadelle den Weg, den Kassim einschlagen sollte, wenn die Rettung des jungen Prinzen durch den Wechsel der Kleidung gelang. Eilig berichtete Walding von dem Hindernis. Er fügte hinzu, der Prinz habe sich entschlossen, selber das schwierige Wagnis zu versuchen. Sie hätten ihn also auf der anderen Seite am Fuß des Walles zu erwarten. Der Maharadscha winkte dem Kanadier, der seine treue und bewährte Gefährtin, das lange Gewehr, im Arm hielt. Nena Sahib deutete nach dem Eingang des Forts, wo die Lärmkanone postiert war. »Es mögen etwa dreihundert Schritt bis zu dem Geschütz sein«, sagte er. »Getraust du dich, auf diese Entfernung sicher im Dunkel dein Ziel zu treffen?« Adlerblick verzog den breiten Mund zu einem verächtlichen Grinsen. »Ich habe am Colorado in einer Nacht fünf Apatschenkrieger erschossen, die so dunkle Häute hatten wie die Schatten ihrer Berge. Ich werde ein Ziel nicht fehlen, wenn die Nacht fast so hell ist wie der Tag von den Fackeln und Feuern.« »Du siehst die Kanone. Wenn es irgendein Soldat wagt, die Lunte zu erheben, um sie abzufeuern, so schießt du ihn nieder, ehe seine Hand das Zündloch erreicht. Dann folgst du uns.« »Ist er Ihr Feind, Hoheit?« »Ja.« »Dann ist er auch der meine. Andernfalls wäre die Sache nicht viel besser als ein kleiner Mord, obschon man sich hierzulande an manches gewöhnt.« Der Trapper untersuchte sein Gewehr, setzte ein neues Zündhütchen auf und richtete sein Auge nach der entfernten Kanone. Der Maharadscha, ohne seiner Bemerkung zu achten, und des Gehorsams gewiß, verließ den Mann. Er befahl seinen Gefährten, sich in einiger Entfernung auf die Lauer gegen die Kasernen zu legen, und näherte sich dann dem vorspringenden Winkel der Festung, von dem aus man das Gefängnis des Prinzen beobachten konnte. Die dunkle Gestalt einer Schildwache schritt auf der Höhe des Walles auf und nieder. Der Maharadscha ahmte dreimal den Zischlaut einer Schlange nach. Aus dem Schatten eines Oleandergebüsches erhoben sich zwei Männer und näherten sich ihm vorsichtig. Es waren Murad Khan und Alamos, der Mexikaner. »Hat der Hakim mit dem Prinzen das Tor glücklich verlassen?« fragte ungeduldig der Khan, dem der Maharadscha den entferntesten Posten angewiesen hatte, um eine Unbesonnenheit zu verhindern. »Ein Zwischenfall hat es verhindert«, erwiderte der Fürst, den die Teilnahme an dem Abenteuer aus seinem finstern Brüten gerissen hatte. »Freund Walding hat das Gemach des Prinzen allein betreten müssen; seinem Diener Kassim wurde der Eintritt verweigert. Dhulip Sing wird die Flucht durch das Fenster versuchen. Halten wir uns bereit, sie zu unterstützen. Dein Gewehr, Alamos!« Er nahm dem Mexikaner die Waffe ab. »Was willst du tun, Hoheit?« »Bei der ersten verdächtigen Bewegung dem Soldaten, der die Wache auf dem Wall hat, eine Kugel durch den Kopf schießen. Man muß darauf gefaßt sein, daß auch hier ein tückischer Zufall uns einen Possen spielt. Du weißt, wo der Kahn unterhalb der Brücke eurer harrt, Alamos?« »Mit verbundenen Augen würde ich ihn finden.« »Der Diener wird am jenseitigen Ufer mit den Pferden zur Stelle sein. Du darfst den Prinzen nicht verlassen, Khan, bis er in völliger Sicherheit ist.« »Und Mahana und ihre Mutter?« »Sie werden euch unter sicherer Begleitung noch diese Nacht folgen und in Audh mit euch zusammentreffen. Die Begum wird euch die Mittel zur weiteren Flucht verschaffen. Bis dahin würde jede Gemeinschaft euch verraten.« »Still!« – Die Hand des Mexikaners deutete nach dem Turm. Der Maharadscha hob das Gewehr und nahm den Sepoy aufs Korn. Der jedoch tat, als ginge das, was sich über ihm ereignete, ihn nichts an. Er schritt nach der andern Seite des Turmes. Jetzt schwang sich, beleuchtet von dem matten Licht der Sternennacht, ein dunkler Gegenstand aus dem oberen Fenster des Turmes und glitt rasch an der Mauer nieder. Einen Augenblick später erschienen zwei Gestalten auf der Höhe des Walles. Dieser Augenblick mußte entscheiden, ob die Schildwache Freund oder Feind war. Zum Glück für den Erfolg des Unternehmens gehörte der wachehaltende Sepoy wirklich zu den Gegnern der Engländer. Der Gefangene hatte kaum den Boden erreicht, als jener Gewehr und Tschako wegwarf und ihm zurief, daß Beistand in der Nähe sei. Beide eilten an den Rand des Walles, nachdem sie das Doppelband, an dem sich der Prinz aus seinem Kerker herabgelassen hatte, an sich gerissen. »Kannst du schwimmen?« fragte der Sepoy den Flüchtling. »Nein.« »So laß dich ruhig in das Wasser des Grabens gleiten und halte dich an meinem Gürtel fest. – Still! Ich höre Schritte – das ist der Offizier der Ronde! – Schnell, schnell, oder wir sind verloren!« Während der Sepoy und der Flüchtling an dem Wall hinabglitten, kam ein Mann aus dem inneren Rundgang um den Vorsprung des Turmes gerade auf die Stelle zu, die die Flüchtlinge soeben verlassen hatten. Der Offizier war Leutnant Stuart Sanders. Er blieb einen Augenblick erstaunt stehen, als er die Schildwache nicht auf ihrem Posten sah. Dann erklang sein Anruf: »Schildwache! Schildwache!« Als keine Antwort erfolgte, sprang er vor und sah das Gewehr und den Tschako des Sepoy am Boden liegen. Zugleich vernahm er ein lautes Plätschern in dem Wallgraben, das durch das ungeschickte Hinabgleiten des Prinzen entstand. »Halt! – Wer da?« Leutnant Sanders bückte sich, das weggeworfene Gewehr zu ergreifen. Diese Bewegung rettete sein Leben; denn im selben Augenblick knallte die Büchse des Maharadscha. Die Kugel schlug gegen die Wand des Turmes. »Verrat!« In dem hellen Schimmer der Nacht sah Sanders deutlich zwei Gestalten den Wasserspiegel des Grabens teilen. Die Überzeugung, daß nicht nur Fahnenflucht eines Postens vorlag, sondern wahrscheinlich auch die Flucht des Gefangenen, schoß ihm durch den Kopf. » Stop ! Oder ich gebe Feuer!« Die Flüchtigen hatten die andere Seite des Grabens erreicht; aber die Böschung war hier so steil, daß der Sepoy, von dem Gewicht des Prinzen belästigt, nicht emporzuklimmen vermochte. »Ich ertrinke! Zu Hilfe! Zu Hilfe!« stöhnte Dhulip Sing. Der Maharadscha, Murad Khan und der Mexikaner sprangen herbei, ohne Rücksicht auf die Gefahr. In einem Augenblick der Stille hörte man den Offizier abdrücken. Der Sepoy hatte die Ladung vorher aus dem Gewehr gezogen. »Den Lasso! Den Lasso hinunter, sonst sind sie verloren!« befahl Nena Sahib. Obgleich der Schuß des Maharadscha bei dem fortwährenden Knallen der Freudensalven und Raketen wenig Aufmerksamkeit erregt hatte, eilten jetzt auf den Ruf des Offiziers: »Wache herbei! Verrat!« mehrere Posten heran und schossen aufs Geratewohl ihre Gewehre ab. Der Sepoy hatte unterdes den zugeworfenen Lederstrick des Mexikaners glücklich erfaßt und die Schlinge über den Prinzen gezogen. Die Kraft der drei Männer hob die Last leicht über den Rand – mit ihr zugleich schwang sich der Soldat in die Höhe. »In der Eile allein liegt eure Rettung«, flüsterte Nena Sahib dem Khan zu. »Fort mit dem Prinzen! – Ich werde die Rotröcke aufhalten, solange es geht – zunächst den dort.« Er deutete nach Sanders, der, als die Flüchtlinge sich glücklich aus dem Graben gerettet hatten, sofort erkannte, daß hier nichts zu tun blieb, als das Alarmzeichen zu geben. Sich durch die Herbeikommenden drängend, flog er den Wall entlang nach dem Haupttor der Zitadelle. Ohne sich weiter um seine Gefährten zu kümmern, eilte der Maharadscha zurück zu dem Kanadier Adlerblick. Als er den Trapper erreichte, erschien Leutnant Sanders unter dem Torbogen und sprang über die Zugbrücke vorwärts nach dem freien Platz der Kanone. In der Nähe des Postens war noch schaulustiges Volk bei den Gauklern versammelt, die bei dem entstehenden Lärm ihre Künste unterbrachen und sich neugierig nach der Zitadelle drängten. Neben Adlerblick und dem Franzosen Cordollier fand der Maharadscha die Bajadere. »Aufgepaßt! Schieß den Faringi nieder, wenn er sich der Kanone zu nahen wagt.« Die lange, niemals ihr Ziel fehlende Büchse des Kanadiers lag im Anschlag. Sanders hatte das Geschütz erreicht. Er riß, ohne erst die Schildwache herbeizurufen, die Lunte von dem Gestell, schwang sie durch die Luft, um sie neu anzufachen, und senkte sie nach dem Zündloch. »Bei allen Dämonen – Feuer!« befahl Nena Sahib. Ein gellender Angstschrei ertönte. Anarkalli warf sich vor die Mündung der Flinte und schlug den Lauf in die Höhe. Der Schuß ging los; das Pulver verbrannte das Gesicht der Tänzerin, die Kugel zerriß die Flechten ihres reichen Haares. Der Alarmschuß donnerte durch die Nacht. Die Kugel des Trappers hatte einen der Hindugaukler getroffen und getötet. »Wahnsinnige!« zürnte der Fürst. »Das Signal hetzt uns vor der Zeit die ganze Garnison auf den Hals und fordert zur Verfolgung der Flüchtlinge auf. Suche jeder, so gut er kann, den Sammelplatz zu erreichen!« Der Wirbel der Alarmtrommeln aus dem Fort und den nahe liegenden Kasernen, der ferne, rasch näher schwellende Ruf: »Feuer! Feuer!« unterbrach ihn. Kapitän Cordollier faßte den Arm seines Gebieters und deutete zurück. Stromabwärts von den Bangalos hob sich eine rotglühende Feuersäule über das dunkle Laub und wälzte sich weithin am nächtlichen Horizont. »Die Engländer werden andere Dinge zu tun haben als uns zu verfolgen, Hoheit«, sagte er. »Wenn mich die Richtung nicht trügt, ist es das Landhaus des Residenten, das in Flammen steht.« »Das rettet uns und den Prinzen«, flüsterte der Nena. »Aber nun fort! Nehmt das törichte Weib mit euch, das seine Brüder verrät, um einen Faringi zu retten!« Er wandte sich nach der Tänzerin um; aber Anarkalli war verschwunden. – –   Das Gerücht, das Landhaus des viel gefürchteten und wenig beliebten Residenten stände in Flammen, ließ die Volksmenge ringsumher zusammenströmen. Die Nachricht von dem Brand traf zugleich mit der von der Flucht des Sikhprinzen im Salon des Gouverneurs ein und störte das Fest. Der General vermutete sogleich, daß beide Ereignisse in Zusammenhang ständen. Er erteilte seine Befehle zur Verfolgung der Flüchtigen und zur Löschung des Brandes. Der Generalmarsch wirbelte durch die Straßen und Basare. Die Signalhörner riefen zum Sammeln. Von allen Seiten eilten die unter der Bevölkerung zerstreuten Sepoys nach ihren Alarmplätzen. Die Löschkompanien marschierten nach dem Brandort. Eine dichtgedrängte Menschenmasse umgab die Stätte; ihr drohendes Geschrei, ihr Widerwille, den Dienern des Hauses irgendeine Handreichung zu leisten, bewiesen klar, wie verhaßt Major Rivers unter der Bevölkerung war. Das Feuer war plötzlich in den vorderen Räumen des Bangalos ausgebrochen, indes der größte Teil der Dienerschaft mit dem Volk am Lichterfest teilnahm. Die Flamme schlug kaum in die Höhe, als, wie aus der Erde emporgestiegen, mehrere fremde Gestalten in den Garten eindrangen, die wenigen zurückgebliebenen Diener, die ratlos umherirrten, fortstießen und in das Innere des Bangalos stürzten. Gewaltsam öffneten sie die Gitter, um dem zuflutenden Menschenstrom ungehinderten Einlaß zu gewähren. Allem, was sie taten, schien ein übereinstimmender Plan zugrundezuliegen. Ein in Lumpen gehüllter Fakir sprach in fanatischen Worten die sich sammelnde Menge an. Er verkündete, die Feuersbrunst sei eine Strafe der Götter gegen die tyrannischen Unterdrücker. Die Kinder des heiligen Ganges sollten dem Gericht des Himmels freien Lauf lassen. Das Geheul des Pariagesindels, das sich zwischen die aufgeregten Bewohner von Khanpur drängte, zeigte, welche Gefühle die fanatische Rede hier erweckte. Dichter und dichter schloß sich die Volksmenge. Drei Männer waren unbekümmert um die sprühenden Funken und stürzenden Balken in das Haus des Residenten eingedrungen. Der Führer war ein kleiner, alter Mann in indischer Kleidung, von dessen Turban ein kurzer, das Gesicht verbergender Schleier herabhing. Die beiden anderen trugen die Tracht der indischen Bootsleute. Der ältere von ihnen war in einen weiten arabischen Mantel gehüllt. Der zweite, offenbar ein Europäer, war von der Sonne heißer Zonen gebräunt und von Leiden entstellt. Seine Hand schwang eine schwere Spitzaxt. Der Greis voran, eilten sie durch die Reihe der Gemächer. Rauch und Glut erfüllten die Räume. Die Flammen verbreiteten sich an dem trockenen Bambusgebälk und dem andern leichten Baumaterial mit großer Schnelligkeit. Ohne die Kostbarkeiten und den wertvollen Schmuck dieser Gemächer zu beachten, richteten sie ihre Schritte nach jenem langen Blumenwandelgang, der das Hauptgebäude des Bangalos mit den Pavillons und Kiosken verband, die den geheimen Harem des Residenten bargen. Die Gefahr der Feuersbrunst war noch nicht bis hierher gedrungen, obwohl der Lärm auch die Bewohner dieser Gebäude erschreckt haben mußte. Die drei Männer hatten kaum den Gang betreten, als ihnen Hassan, der Oberaufseher des Residenten, abwehrend entgegenstürzte. »Zurück! – Kein fremder Fuß darf die Zenanah betreten! Wir bedürfen eurer Hilfe nicht, um hier zu retten!« »Fort mit dir, schändlicher Kuppler!« kreischte die Stimme des Alten. »Nurjesan! Nurjesan! Wo bist du?« klang laut sein Ruf. In dem Ringen mit dem Aufseher fiel dem Greis der Turban vom Haupt und enthüllte seine Züge. »Tippo Sing, der Babu! Fürchte die Rache des Sahib!« »Nie soll dein Mund verraten, was dein Auge sah, feiger Sklave«, zürnte der beraubte Vater. Weit ausholend stieß er seinen Dolch in den Leib des Mannes. »Möge Yama deine Taten richten, wie er deinen Gebieter richten wird.« Hassan stürzte zu Boden; über seinen Todeskampf hinweg sprangen die drei voran. Das Gekreisch der Weiber mischte sich in den Lärm des Volkes. Von dem Tumult und der ungewöhnlichen, durch das offene Dach hereindringenden Feuerhelle erschreckt, jammerten sie und suchten vergeblich einen Ausweg aus den verschlossenen Räumen des Harems. Von innen schlugen sie an die Tür ihres glänzenden Kerkers. Vor dieser Tür hielt der schwarze Eunuch des Residenten Wache. Seine funkelnden Augen, seine drohenden Gebärden bewiesen, daß er nicht gutwillig seinen Posten verlassen und den Eingang öffnen werde. »Laßt mich voran!« befahl der ältere der beiden Bootsleute, der den Burnus trug, als er das Zögern des Babu beim Anblick des wild geschwungenen Säbels des Schwarzen bemerkte. »Ich will mit dem Schurken schnell fertig werden! Öffne, Hund, und mach' dich davon, bevor das Feuer dich noch schwärzer brät, als die Natur dich schuf!« Der Neger fletschte grimmig die Zähne gegen den drohenden Fremden – aber der erbitterte Bootsmann hielt ihn fest im Auge. Unter dem arabischen Burnus barg sich der kühne Uskoke Danilos, den die Rani von Dschansi auf die Spur des Major Rivers gehetzt hatte. Überraschend holte der Neger zu einem Streich aus. – Den weiten arabischen Mantel um seinen linken Arm geschlungen und ihn schützend über seinen Kopf hebend, unterlief Danilos den Mohren, fing mit dem dicken Gewebe den Hieb des Säbels auf und gab seinem Gegner einen heftigen Tritt gegen die Schienbeine. Heulend vor Schmerz beugte sich der Neger nieder. Danilos entriß ihm die Waffe und führte mit dem Griff des Säbels einen so mächtigen Schlag gegen den Wollkopf seines Gegners, daß jeder andere menschliche Schädel davon zerschmettert worden wäre. Der Schwarze stürzte nur betäubt zu Boden. Ohne den gefällten Feind weiter zu beachten, entnahm Danilos seinem Gürtel den Schlüssel und öffnete die Tür. Als die Frauen das Aufschließen hörten, wichen sie halb beruhigt, halb ängstlich in das Gemach zurück. Einen Augenblick blieben die Eindringenden geblendet von so viel Reichtum und Glanz auf der Schwelle stehen. Die zehn Mädchen, trotz der Unordnung ihrer Bekleidung und trotz der Angst und Besorgnis noch schön und anziehend, drängten sich wie eine Herde um die alte Hexe, ihre Hüterin, die beim Anblick der fremden Männer ein Zetergeschrei erhob. »Nurjesan – mein Kind!« Der Babu eilte auf eine der zierlichen Gestalten zu und preßte sie in seine Arme. Bestürzt wankte Nurjesan zurück und verhüllte ihr Gesicht mit dem Schleier. Schluchzend warf sie sich auf den Diwan. Der alte Mann kniete vor ihr mit Schmeichelworten und Liebkosungen. Danilos scharfe Blicke musterten forschend die übrigen Frauen. Seine Hand wies auf Narika, das Mädchen aus Kaschmir. Ihr zarter, weißer Teint und die edle kaukasische Gesichtsbildung unterschieden sie von ihren Gefährtinnen. »Was glaubst du, Mann, ist es die Gesuchte?« »Unmöglich«, antwortete der andere Bootsmann, der zu der Praua Danilos' gehörte. Er hatte sich bisher bei der ganzen wilden Szene schweigend verhalten. »Das kann die Maharani nicht sein – laß uns suchen nach ihr, Kapitän! Der Resident hat der schwarzen Verstecke genug in seinem Herzen. Warum sollte er sie nicht auch in seinem Hause haben?« »Du hast recht; aber dieses Weib da kann uns Auskunft über sie geben. Bewache die Tür!« Er sprang in das Gemach vor unter dem Angstgekreisch der Weiber, die ihre Stimmen mit dem Gezeter der Alten vereinten. »Schweigt!« befahl er mit donnernder Stimme. »Ich komme, euch zu retten. Aber keine soll den Flammen entrinnen, ehe ich nicht weiß, wo die Engländerin, die vor drei Monaten geraubt und hierhergebracht wurde, gefangengehalten wird.« Die Weiber fielen auf die Knie und jammerten und beteuerten, daß sie von nichts wüßten. Nur die Kaschmirerin blieb aufrecht stehen. Aber die Hexe machte eine wütende Bewegung gegen sie, um ihr den Mund zu verschließen. »Dein Name ist Narika?« fragte Danilos, zu ihr tretend. Narika sah ihn erstaunt an und bewegte das Haupt zur Bejahung. »Der Faringi, der dich geliebt und der dir den Ring geschenkt hat, den du hier am Finger trägst, bittet dich, ihm zu sagen, wo die Gefangene, seine Schwester, ist? Wir wissen, daß sie heimlich hierhergebracht wurde.« Narikas Augen funkelten bei der Erinnerung an Edward O'Sullivan, der ihr eine gewisse Neigung, eine Bevorzugung gezeigt und die Gefühle ihres jungen, feurigen Herzens für sich erweckt hatte. »Sie wird mich töten, wenn ich es sage«, flüsterte sie, auf die Alte deutend, die vor Schreck und Wut knirschend nach einem Messer griff. »Bei der Panagia, sei unbesorgt, Mädchen! Niemand soll dir ein Haar krümmen, am wenigsten die alte Bettel, die ich zur Hölle schicken will, wohin sie gehört.« Ein rascher Griff von ihm entriß der Alten das Messer, das sie nach dem Mädchen zückte. Einen Augenblick darauf hatte er der Wächterin Hände und Füße geknebelt und den Mund verstopft. »Jetzt rede! Unsere Augenblicke sind gezählt.« »Ich weiß nur, daß ein weißes Weib, eine Faringi, hier gefangengehalten wird. Sie allein«, Narika deutete auf die Aya, »kann sagen, wo sie ist; denn nur sie und Hassan sahen sie.« »Das ist sie; das muß sie sein! Antwort, du Scheusal: wo ist die Gattin des Nena?« Danilos befreite den Mund der Alten vom Knebel; aber sie fletschte grimmig ihre wenigen Zähne und spie mit einer Verwünschung nach ihm. »Um Gottes willen, Kapitän, rasch, rasch!« schrie von der Tür her der Bootsmann der Praua. »Das Feuer hat den Wandelgang erreicht. Ich höre den Generalmarsch der Soldaten.« »Willst du reden?« Nur ein grimmiger Blick aus den grün funkelnden Augen der Alten und ein neuer Versuch, sich loszuwinden. Im Nu hatte Danilos von seinem Hals eine dünne, feste Schnur geknüpft, an der er ein Amulett trug. Er wand sie um die Stirn des Weibes und steckte den Griff seines Dolches zwischen die Schnur; so drehte er sie fest. Gellendes Geschrei erfüllte das Gemach, das Knistern der Flammen, das Geheul des draußen versammelten Volkes übertäubend. »Willst du reden?« Seine Hand drehte den Dolch. Die Augen der Alten schienen sich aus ihren Höhlen zu drängen. Der Anblick ihres verzerrten, runzelvollen Gesichtes war furchtbar. »Erbarmen, Sahib! Ich will bekennen, alles, alles, was du willst!« »Befindet sich die Gattin des Maharadscha von Bithur in dieser Höhle des Lasters?« »Der Sahib Resident hat sie entführen lassen. Sie ist hier, aber –« »Wo ist sie?« »Im geheimen Gemach unter dem Boden des nächsten Kiosk; sie ist –« »Wo ist der Eingang? Sprich, Hexe!« »Erbarmen! In der Wand jenes Gemaches« – ihre Augen deuteten nach einem Seitenkabinett – »befindet sich eine verborgene Tür zum nächsten Kiosk. Unter dem Teppich in seiner Mitte führt die Falltür hinab in das Gefängnis der Faringi!« »Die Schlüssel! Wo sind die Schlüssel?« »Ich habe sie nicht; der Sahib Resident allein besitzt sie!« Wiederum, heftiger als zuvor, schnitt die Schnur das Fleisch bis auf die Knochen durch. »Barmherzigkeit bei der Mutter, die dich geboren«, heulte die Alte. »Möge ich ewig verdammt sein, wenn ich dir Lügen sagte!« Danilos sprang empor. »Suche die Tür, schlage sie ein, Enrico!« Der Bootsmann eilte in das Kabinett und untersuchte die Wände. Die Hiebe seiner Spitzaxt donnerten in das Holz und rissen breite Splitter heraus. »Hier ist die Tür!« Unter seinen gewaltigen Schlägen brach die verborgene Tapetentür in Stücke. Ein frischer Luftstrom drang in das Gemach, aber zugleich dröhnte von der anderen Seite her das Krachen der zusammenstürzenden Balken. Das Glas der Bedachung sprang von der sengenden Hitze. Der Rauch der immer näher rasenden Flamme drang durch den vorderen Eingang. Die Frauen erhoben ein gellendes Hilfegeschrei. Danilos riß den Babu empor. »Fort, wenn du dich und dein Kind retten willst. Es muß einen Ausgang nach dem Garten geben, ich fühle es an dem Luftzug. – Flieht, wenn euch das Leben lieb ist, denn in wenigen Minuten wird all diese Herrlichkeit ein Raub der Flammen sein. Bei der Panagia, ihr alle seid zu schön, um zu verbrennen!« Er sprang durch die Öffnung der eingeschlagenen Tür; in wilder Hast folgten ihm der Babu mit seiner Tochter und die Frauen, ohne auf das Jammergeschrei des alten Weibes zu achten. Der Raum hinter der eingeschlagenen Tür, ein kurzer Gang, führte zu einem anderen Pavillon. Einige Axthiebe des Laskaren zertrümmerten die verschließenden Rolläden, und die Todesangst der Frauen erweiterte mit Gewalt die Öffnung, durch die sie sich ins Freie und in den Garten stürzten, der durch die Glut des Brandes mit Tageshelle übergossen war. Der Uskoke und sein Gefährte stießen die Tür des zweiten Pavillons ein und betraten das genügend vom Feuerschein erleuchtete Innere. Es war auf das kostbarste geschmückt, aber leer. Die Fenster waren mit engen und starken vergoldeten Bronzegittern verschlossen. »Wo ist der Eingang?« »Hier unter dem Teppich in der Mitte!« beantwortete hinter Danilos das Mädchen aus Kaschmir die Frage. »Was tust du hier? Warum bist du nicht geflohen?« »Wallah – warum sollte Narika fliehen?« sagte sie in finsterem Gleichmut. »Ich kann hier ebensogut sterben. Niemand sorgt für mich, und mein Herz ist leer, seit der Sahib mit den goldenen Haaren nicht mehr zu mir kommt.« »Du sollst uns begleiten«, entschied Danilos. »Wir bedürfen vielleicht deiner Hilfe. Schiebe den Teppich beiseite, der den Zugang bedeckt. Rasch, rasch, die Hitze dringt schon hierher!« Der Fußboden war von chinesischer Holzmosaik; aber keine Spur einer Öffnung fand sich. »Hölle und Teufel! Die alte Vettel hat uns betrogen. Möge dafür das Feuer ihr Glied für Glied vom Leibe sengen! Fort!« »Halt! halt!« rief das Mädchen. »Hier ist die Falltür!« Ihr scharfes Auge hatte in dem Gefüge des Getäfels die Spur entdeckt. »Da ist ein Ring eingesenkt, und hier ist das Schloß!« »Gebrauche die Axt, Enrico, als gälte es dein Leben!« Vor den wütenden Schlägen des Bootsmanns sprangen die Planken. Das Schloß der Falltür zersprang, und die Axt hob die schwere Last in ihren Angeln. Eine viereckige Öffnung gähnte ihnen entgegen, die Stufen einer Treppe führten hinab. Lichtschimmer glänzte aus der Tiefe. Eine unendlich matte, zitternde Frauenstimme klang aus der Tiefe. Gebannt lauschten die Männer. »Mein Bräut'gam war ein schöner Mann, Er saß gar stolz zu Roß! Am hohen Fels von Karnogan Da steht sein goldnes Schloß!« tönte die wehe Melodie einer irischen Volksballade herauf. Im nächsten Augenblick sprang Danilos die Stufen hinab, von Narika gefolgt. Enrico, der Bootsmann, blieb auf seinen Befehl an der Falltür zurück. Der Anblick, der sich Danilos und Narika bot, wirkte noch erschütternder als der seltsame Gesang, den sie gehört hatten. Die Treppe mündete in ein unterirdisches Gewölbe von runder Form. Die Mauern waren mit reichen Bastmatten ausgeschlagen, die das Geräusch dämpften. Durch vergitterte Öffnungen in der Höhe drang dumpfige Luft in das Gemach. Eine eiserne Lampe hing in Ketten von der Decke und verbreitete ihren trüben Schein. In der Mitte dieses Raumes kauerte auf einem Haufen Reisstroh eine weibliche Gestalt in reicher, orientalischer Kleidung, die jedoch zerrissen und vermodert war von der Feuchtigkeit, die während der Regenzeit das Erdreich und das unterirdische Gewölbe durchdrungen hatten. Ihr langes blondes Haar hing fessellos um ihren Kopf. Das Gesicht war mager und eingefallen, und der ängstlich leidende Ausdruck der einst so schönen und kühnen Augen gab ihm etwas Gespenstiges. Die junge Frau wiegte sinnend im Takt den Kopf. Als sie den Mann und das Mädchen eintreten sah, streckte sie ihnen mit einem Schrei die hageren Hände wie zur Abwehr entgegen. »Rührt mich nicht an! Rührt mich nicht an!« jammerte sie. »Wißt ihr nicht, daß ich die Tigerbraut bin? Barmherziger Gott, er wird euch und mich zerreißen! Tut keinen Schritt weiter – ich rufe den Nena!« Wieder begann sie ihr trauriges Lied. Danilos schauderte. »Sie ist es; wir können nicht zweifeln.« Narika hatte zwar die englisch gesprochenen Worte der Maharani nicht verstanden, aber sie begriff das Entsetzliche. »Allah hat ihre Seele mit Nacht bedeckt«, flüsterte sie. »Ihr seid gut, ihr seid keine Faringi, ich kenne euch!« raunte Margarethe. »Sagt nicht der Glaube eures Landes, daß die Flammen den Leib rein brennen zu neuem Leben? Ich will rein sein, ich gehöre ihm allein! Wo ist die Sati? Ich höre die Flammen knistern.« »Wir sind hier, Euch zu befreien, Rani. Das Haus steht in Brand, wir müssen flüchten.« »Seht ihr, wie er in die Arena springt? Das Eisen blitzt – meine Seele war die seine! – Hei – ich bin die Tigerbraut! Nena, rette dein Weib!« »Herauf! Ich höre die Signale der Soldaten!« warnte von oben der Bootsmann. »Wir müssen Gewalt anwenden«, murmelte Danilos. Vor seiner Annäherung aufspringend, floh Margarethe schreiend. »Mylady, wir sind Freunde und kommen, Euch zu retten. Edward O'Sullivan, Euer Bruder –« Margarethe streckte die Arme nach Danilos. »Edward sagst du? Wer schrieb den Brief? Barmherziger Gott, der Brief!« Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Diesen Augenblick nahm Danilos wahr und hob sie in seinen Armen empor. Sie leistete keinen Widerstand, nur ein leises Wimmern drang aus ihrer keuchenden Brust. So trug er sie die Treppe hinauf. Feurige Glut umgab den Pavillon. An dem leichten Holz der Wände leckte die tausendzüngige Flamme in die Höhe – der Kiosk, dessen üppige Pracht sie vor wenig Minuten verlassen hatten, krachte zusammen und begrub das Angstgeheul der Alten. Von der Front des brennenden Bangalo her rasselten die Trommeln der anrückenden Militärwache, tönte das Kommando, der Ruf der Pompiers. »Nimm sie in deine Arme, hülle ihr Haupt in den Schal!« befahl Danilos dem Bootsmann. Er entriß seinem Gefährten die Axt und drang zurück in den Rauch und in die Flammen. Enrico, die Gerettete auf seinen Armen, folgte ihm, hinter ihm hielt sich Narika. »Hier, hier hinaus! Springt hinab!« Danilos sprang durch die zerbrochene Scheibe in den Garten. Sie flohen durch die Gebüsche der Mauer zu, die den Garten nach der Seite des Flusses umgab. Danilos eilte auf die Pforte zu, die ins Freie führte. Da wurde sie plötzlich von außen her aufgeschlossen. Der Resident in Begleitung des Lancier-Kapitäns Mowbray und einiger Diener stürzte in den Garten. Die Nachricht von dem Brand seines Hauses hatte Major Rivers bei dem Fest des Gouverneurs getroffen. Wütend über das Unheil, das er nicht als Zufall, sondern als das Werk eines Feindes betrachtete, war er nach der Brandstätte geeilt. Statt sich durch die Volksmenge am vorderen Eingang zu drängen, hatte er sich mit seinem Vertrauten nach der Gartenseite gewandt. »Steht, Diebe! Nieder mit dem gestohlenen Gut!« fuhr er die Flüchtlinge an. »Bewacht die Tür, daß sie nicht entwischen können!« befahl er seinen Begleitern. Der Uskoke warf sich, die Art schwingend, gegen Mowbray und die Diener. Er erreichte die Pforte, durch die er Narika ins Freie stieß. Dann hielt er sie offen für den Gefährten, indes seine schwere Waffe die Gegner in respektvolle Entfernung wies. Inzwischen hatte sich der Resident dem Bootsmann entgegengeworfen und ihn am Arm gefaßt. »Was trägst du hier, Schurke?« Er riß den großen, verhüllenden Schleier herab. Von Margarethes bleichem, hagerem Gesicht hob sich Rivers Blick voll Furcht auf das Antlitz ihres Retters. Zwei funkelnde Augen blitzten ihm im Schein der nahen Feuersbrunst entgegen. An dem unwillkürlich Zurückweichenden vorüber sprang Enrico vorwärts und erreichte mit seiner Last die Pforte. Die Tür krachte ins Schloß, und die Flüchtigen waren mit ihrer Beute glücklich entkommen. Der Südwind blähte helfend das dreieckige Segel einer Praua, die mit aller Kraft von sechs Ruderern stromaufwärts getrieben wurde. Am Steuer stand der Bootsmann Enrico. An das niedere Bollwerk des Fahrzeuges gelehnt, sprach Danilos, der Schiffsherr, mit Tantia-Topi oder Tukullah, dem Mahratten- Serdar, und dem graubärtigen Fakir, der dem Nena im Hain die Rückkehr der Geliebten verkündet und der bei dem Brand das Volk aufgeputscht hatte. Finster betrachteten die Männer die Gruppe am Fuß des kleinen Mastes: Narika, das Mädchen aus Kaschmir, und Margarethe, die Gattin des Nena. Das bleiche Haupt der Irländerin lehnte sich an die Brust der Inderin. Mit glanzlosen Augen starrte sie vor sich hin. Vor den beiden Frauen hockte, in einen weiten Mantel gehüllt, ein Mann. Sein Gesicht war jung, aber hohl und eingefallen, und sein verwilderter Bart und sein Haar waren vollständig ergraut. Aus diesen toten, glanzlosen Augen sprach, wie aus den Augen Margarethes, der Wahnsinn. »Das ist schön, daß du wiedergekommen bist, Helene«, murmelte der Mann, »ich glaubte schon, die Schlange habe auch dich gefressen – wie mich und den Kleinen. Wenn Rookeby wieder bei Kräften ist, wollen wir auf und davon, wie du gesagt hast – zu Lady Margarethe, der Gattin des großen Nena von Bithur. Sie wird uns beschützen vor unseren Feinden. Dein Gatte wird uns vergeblich suchen. Rookeby ist ein schnelles Roß!« In den Irrträumen des Wahnsinns gedachte Lionel Eglinton des treuen Tieres. Die Gattin des Nena blickte ihn starr an. »Du bist nicht Laertes, mein Bruder! Auch nicht Edward. Der Böse hat mir gesagt, daß Edward tot ist. Die Tiger verschlingen alle O'Sullivans.« Der Irre lächelte und nickte stillfreundlich vor sich hin. »Du hast recht, Kind, ich bin längst tot. Die Schlange hat mich gefressen und dich der Tiger.« Wild faßte sie seinen Arm und blickte ihm mit fieberhafter Glut ins Auge. »Kennst du die Treue, Mann? – Mordest du die Treue mit deinem Gift, das die Sinne und Glieder betäubt?« »Es wird sein Herz brechen!« sagte der Derwisch halblaut. »Der Nena hat sie so sehr geliebt.« »Sie galt ihm mehr als Heimat und Glauben. Fluch seiner Gleichgültigkeit gegen das Weh des eigenen Landes! Wer Schmach sät, der wird Schmach ernten«, grollte Tukallah. »Wird er den Schlag ertragen? Wird er sein, was wir von ihm hoffen?« »Du kennst den Nena nicht, wenn du fürchtest, die Wunde, die man ihm schlug, werde seine Kraft erlahmen. Wenn die Tigerin ihr Junges rächt, schwillt die Kraft ihrer Muskeln. Schiwa, der Zerstörer, hat den Geist dieses Weibes genommen, damit der des Mannes frei werde von den Fesseln, die ihn banden. Die Rache des Maharadscha wird alles verderben, dem er bisher angehangen.« »So möge es sein!« bekräftigte der Derwisch. »Wir brauchen seinen Namen und seine Schätze, um das Duab und das Audh in Flammen zu setzen.« »Wenn die Flucht Dhulip Sings, des Sikh-Prinzen, gelungen ist, muß der Nena längst nach Bithur zurückgekehrt sein. So groß auch die Macht und die Bosheit des Residenten von Khanpur ist, er darf es nicht wagen, sein Opfer in das Haus des Nena zu verfolgen. Wenn der Morgen graut, wird diese Praua unter den tausend ähnlichen Schiffen verborgen sein, die den heiligen Strom bedecken.« »Ich spotte ihrer Verfolgung«, lachte der Uskoke Danilos. »Viele Mittel habe ich, ihre Augen zu täuschen. Seht, dort schwimmen die Lichter von Bithur! Über die Wipfel der Tamarinden erhebt sich der Palast des Maharadscha. Herum mit dem Steuer, Enrico, wende das Schiff nach dem Ufer! Soll ich das Zeichen geben?« Tukallah bejahte. Eine Rakete zischte von der Praua in die Höhe und ließ hoch am Himmelsbogen ihre blauen Sterne durch das Dunkel sprühen. Sogleich antwortete vom Ufer her das Aufsteigen einer roten Rakete. »Baber Dutt ist auf seinem Posten«, erklärte Tukallah. »Lege die Praua gegen das Ufer, Freund, wo das rote Licht leuchtet, und laß das Boot in Bereitschaft setzen! Dein Werk ist getan, und die Rani soll erfahren, daß es gut getan wurde.« Der Derwisch war, während das Boot wendete, zu den beiden Irren getreten. Auf sein ernstes und strenges Gesicht lagerte sich inniges Mitleid. »Muß euer Elend zum Mittel werden, die Freiheit zu fördern? Schreckliche Saat wird aus dem Schrecklichen entspringen! Fluch denen, deren Hände und deren Egoismus euer Verderben herbeigeführt haben! Die Dämonen sind entfesselt –!« Die Stirn an den Mast gelehnt, horchte er schwermütig auf den leisen Gesang der Irren. Unfern des Bithur-Palastes warf die Praua ihre Anker. – Der Jubel des Festes der Lichter unterbrach noch immer die Stille. In dem großen Gemach des Palastes saßen Mahe Tschund, die Rani von Lahore, und die Prinzessin Mahana. Bleiern waren ihnen die Stunden langen Harrens verflossen, bis die Rückkehr des Nena ihnen Kunde gebracht hatte, daß Fattih Murad Khan mit dem Befreiten auf dem Weg nach Audh sei. Die stolze, hohe Frau wollte sich zu Füßen des Maharadscha werfen. Nena Sahib wehrte ihr und hob sie auf. Als aber Prinzessin Mahana mit Tränen der Freude seine Hand an ihre Stirn, an ihre Brust und Lippen führte, leuchtete ein Strahl warmen Mitgefühls aus seinem Auge. Der Maharadscha war noch immer erregt und unruhig; denn die seltsame Begegnung auf der Straße nach Khanpur, das geheimnisvolle Versprechen des Fakirs ließen ihn nicht in den Zustand stumpfer Leiden zurückversinken, der so lange seinen kräftigen Geist umnachtet hatte. Der Maharadscha und die Rani beschlossen, daß am nächsten Morgen die beiden Frauen verkleidet unter dem Schutz einiger Jäger aufbrechen und die Straße nach Audh einschlagen sollten, um dort mit Dhulip Sing zusammenzutreffen. Unter der Menge der von dem Fest Heimkehrenden war keine Gefahr der Entdeckung zu befürchten. Im Begriff, die Fürstinnen durch den Garten des Bangalo nach den Gemächern zurückzugeleiten, die sie seit mehreren Tagen heimlich bewohnten, fesselten jäh drei Schläge an die Tür, die nach der Veranda des Kanals führte, seinen Fuß an den Boden. Der erste Gedanke war Verrat und Überraschung, da keiner der Wächter das Nahen Fremder verkündet hatte. Die Hand des Nena fuhr nach dem Säbel an seiner Seite. Bald aber hatte er seine Ruhe und Entschlossenheit wiedergewonnen. Seine Umgebung zur Ruhe winkend, näherte er sich der Tür. »Wer wagt es, zu dieser Stunde die Ruhe des Maharadscha von Bithur zu stören?« »Freunde des Peischwa!« »Worte sind leicht auf der Zunge der Menschen. Freunde sind selten; sie kommen beim Licht des Tages!« »Der Peischwa weiß«, entgegnete die Stimme des Einlaßbegehrenden, »daß Freunde auch ungerufen im Dunkel der Nacht erscheinen. Er hat es erfahren an diesem Abend, unter dem Schatten der Tamarinden auf dem Weg nach Khanpur. Er möge uns öffnen und das Geschenk entgegennehmen, das seine Freundin, Rani Xaria von Dschansi, ihm sendet.« Der Nena erbebte. Er erkannte die Stimme und die Worte, die der verkleidete Fakir vor wenig Stunden auf dem Weg nach Khanpur zu ihm gesprochen hatte. In seiner Brust kämpften Angst und Glück. Erst nach schmerzlichem Ringen hatte er die Fassung gewonnen zu handeln. Er trat einen Schritt zurück in die Mitte des Gemachs, während aller Blicke an ihm hingen und die ungewohnte Aufregung in seinem Wesen beobachteten. Dann streckte er die Hand aus nach der Tür und befahl mit gepreßter Stimme: »Öffnet!« Die Tür flog auf – zwei Männer erschienen in ihrem Rahmen. In ihrer Mitte führten sie eine verhüllte Gestalt. Hinter ihnen erblickte der Nena das ernste Antlitz eines dritten: Baber Dutts, seines Bruders, den er während mehrerer Tage nicht gesehen hatte. Die beiden Männer waren Tantia-Topi, der Mahratten- Serdar, und der Derwisch, Kapitän Ochterlony. Der Nena erzitterte, als sein Blick auf der verhüllten Gestalt ruhte. Die seltsame Gruppe trat ein in das Gemach und blieb wenige Schritte vor dem Herrn des Hauses stehen. Auf einen Wink Baber Dutts schloß Gibson die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. »Sei willkommen, Tantia-Topi, du und deine Begleiter, im Hause Srinath Bahadurs!« sagte der Nena mit zitternder Stimme. »Möge Lakschmi deinen Eintritt über diese Schwelle begleiten!« Man sah bei dem Ton seiner Stimme die verhüllte Gestalt erbeben; dann vernahm man durch den Schal ein leises Singen: »Mein Bräutigam war ein schöner Mann; Und saß gar stolz zu Roß! Am hohen Fels von Karnogan ...« Die Augen des Nena erweiterten sich und nahmen jenen furchtbaren, geheimnisvollen Ausdruck an, den sie im Kampf gegen den Tiger und am Sarkophag in der Pagode Schiwas gezeigt hatten. »Bei der Dreieinigkeit der Götter – rede, Mann, was soll das bedeuten? Was bringst du mir?« »Das Geschenk der Rani von Dschansi, das dich zum Manne machen soll.« Der Nena trat hastig auf sie zu. Als er sich näherte, wichen der Mahratte und der Derwisch zurück. Er stand allein in der Mitte des Gemaches vor der verhüllten Gestalt. »Kapitän Ochterlony«, bat der Maharadscha zagend, »bei der Mutter, die Sie geboren – bei dem Gott, zu dem Sie beten – geben Sie mir Antwort – was soll dies alles bedeuten?« »Mut, Prinz! Seien Sie ein Mann, der das Unvermeidliche zu tragen versteht.« Als hätte er einen verzweifelten Entschluß gefaßt, ergriff die Hand des Maharadscha hastig den Schal und riß ihn herab. Starr, einer Marmorstatue ähnlich, das hohle Auge ausdruckslos umherschweifend, stand die Maharani Margarethe, ohne sich zu rühren. »Margarethe!« Der Schrei des Maharadscha zuckte so grell durch das Gemach, daß die Hörer erbebten. Auf Margarethes Wangen zeigte sich leise Röte. Sie wandte ihre Augen auf den Mann, den sie so unendlich geliebt hatte. Ein ängstliches, verlegenes Lächeln entstellte ihr abgehärmtes Gesicht. »Ich bitte dich, Freund«, sagte sie im Flüsterton, »sprich dem Nena nicht davon, daß Margarethes Bruder sie ins Verderben lockte, und daß sie das Heim eines anderen Mannes teilte. Der Nena hat eine leidenschaftliche Natur, ich kenne ihn. Sie schläft nur unter der Liebe zu mir und könnte uns alle vernichten!« »Margarethe, Geliebte meiner Seele – kennst du mich nicht?« Scheu schüttelte die Maharani den Kopf. Der Nena wischte den kalten Schweiß von seiner Stirn. Die Farbe seines Angesichts war fahl, das blitzende Auge irrte stier umher von einem zum andern. Es war so totenstill im Gemach, daß man das steigende Keuchen seiner Brust hörte. »Baber Dutt, mein Bruder, sprich zu mir! Ende das Spiel – –« »Husch! husch!« begann die Kranke wieder. »Da läuft sie hin, die Treue, als hätte sie tausend Beine. Ich weiß es wohl, es war Feuer in meinen Adern und Blei in meinem Gehirn, als ich sie brach. Aber der Nena wird's nicht glauben. Ich bitte dich, sag ihm nichts davon!« »Erbarmen! Erbarmen! Äffen mich Dämonen? Ist dies das Weib meines Herzens? Ist sie –« Die Hand des Kapitäns Ochterlony legte sich auf seine Schulter. »Gott im Himmel allein weiß, was uns frommt. Seine Hand hat die Schleier des Wahnsinns über die Verzweiflung dieser Ärmsten gedeckt.« Ein dröhnender Schall – der Maharadscha stürzte zu Boden. In diesem Augenblick vernahm man ein neues heftiges Klopfen am Eingang des Bangalo. Gleich darauf öffnete sich eine der inneren Türen, und Ralph, der Bärenjäger, der am Tor die Wache gehabt hatte, trat hastig ein. »Wo ist der Maharadscha?« MacScott, Gibson und die Rani knieten neben dem Bewußtlosen und rieben seine Schläfe und seine Stirn mit Essenzen. Mahana näherte sich sanft der armen Wahnsinnigen, ergriff ihre Hand und führte sie zum Diwan. Kapitän Ochterlony machte dem Mahratten Vorwürfe, daß er darauf bestanden hatte, dem Fürsten so ohne alle Vorbereitung das Schreckliche zu verkünden. »Wo ist der Maharadscha?« wiederholte Ralph die Frage. Baber Dutt trat ihm entgegen. »Siehst du nicht, daß der Nena erkrankt ist? Was willst du von ihm, was ist geschehen?« »Ein Läufer von Khanpur bringt dies Blatt. Er sagt, es gelte Tod und Leben!« Baber Dutt riß das Papier auf. Es enthielt eine einzige Zeile: »Die Geier folgen dem Flug der Schwalbe in das Nest des Adlers!« »Tod und Verdammnis über die rotröckigen Schurken! Was ist zu tun?« Fast wie eine Antwort auf die ratlose Frage erhob sich Nena Sahib langsam vom Boden. Sein Aussehen glich dem eines Toten; aber sein Auge blickte starr, fest und unheimlich. Er war vollkommen Herr seiner Sinne. Ohne ein Wort zu sprechen, schob er ruhig die Personen zurück, die ihn helfend umgaben. Zwischen den Brauen lag eine tiefe Falte unheilverkündender Entschlossenheit. Um den Mund grub sich ein Ausdruck grausamen, herrischen Zornes, der die Oberlippe hob und die spitzen, weißen Zähne wie das Gebiß eines Raubtiers schimmern ließ. Er glich einem Tiger, der sich, von dem Ruf der Jäger getroffen, von seinem Lager erhebt, um den Feind anzugreifen. Niemand wagte, ihn anzusprechen. Jeder unterlag dem Eindruck dieser vollkommenen und erschütternden Veränderung. Langsam trat der Maharadscha zu der Irren, hob sie in seinen Arm empor und bettete sie in die Kissen des nächsten Diwans, wie die Mutter ihr Kind. Ruhig, ohne Bewegung, nur ihre wirren Lieder leise vor sich hinsummend, ließ Margarethe sich von dem Geliebten in den weiten Schal hüllen. Baber Dutt fühlte, daß jeder Augenblick kostbar war. »Mein Bruder«, begann er, »dieser Brief ...« Der Maharadscha winkte ihm mit der Hand Schweigen. »Ich weiß, ich hörte es. MacScott, öffne die Tore des Gitters, daß die Faringihäscher kein Hindernis finden! Cordollier, sorge, daß alle Leute sich zurückziehen, aber bewaffnet in der Nähe bleiben! Auf das erste Zeichen zum Kampf sollen sie bereit sein. Nichts darf verraten, daß wir benachrichtigt sind. Ralph und Adlerblick werden diese Türen bewachen. Niemand, der dies Gemach betritt, darf es ohne meinen Befehl verlassen.« Er wandte sich an die Rani von Lahore. »Hoheit, ich weiß nicht, wie weit sich der Verrat der Faringi erstreckt. Du und die Prinzessin werden hier in meiner unmittelbaren Nähe sicherer sein als in euren Gemächern. Aber es ist notwendig, daß ihr als die Dienerinnen des Hauses erscheint.« Die entthronte Königin begriff sofort die Zweckmäßigkeit des Rates. Mit der Gewandtheit einer Frau, die an Gefahren gewöhnt ist, entfernte sie aus ihrer und ihrer Tochter Kleidung verschiedene Gegenstände, die hätten Verdacht erregen können, und ordnete Turban und Schleier nach der einfachen Art der niederen Hindufrauen. Alle diese Befehle hatte der Nena so ruhig und sicher erteilt, als wären seine Nerven von Eisen, als hätte nicht soeben der entsetzliche Schlag seine Seele in ihren Tiefen zerrissen. Der Mahratten-Serdar trat zu dem Maharadscha. »Was beschließest du über uns? Sollen wir fliehen oder uns verbergen?« »Keiner, der als Gast die Schwelle Srinath Bahadurs überschritt, hat hier etwas zu fürchten. Wie seid ihr hierhergekommen mit – mit Margarethe?« »Auf dem Ganges in der Praua eines unserer Vertrauten. Dein Bruder erwartete uns.« »Wo ist das Schiff, das euch brachte?« »Die Praua liegt in einiger Entfernung vom Ufer gegenüber dem Bangalo und soll uns morgen den Strom hinauffahren.« Der Nena ergriff die Hand des verkleideten Derwischs, der mit Erstaunen und Teilnahme die erhabene, furchtbare Fassung des Fürsten verfolgte. »Freund meines Freundes«, sagte er mit fester Stimme, »ich bitte dich, wäge die Worte, die du sprichst, ehe du meine Frage beantwortest; denn das Schicksal von Tausenden hängt an dem Hauch deines Mundes! Wo fandet ihr das Weib Srinath Bahadurs?« Kapitän Ochterlony zauderte nicht. »In dem Harem eines der Tyrannen deines Landes, eines Engländers.« Die Augen des Nena schlossen sich. Der Kapitän sah, wie Schweiß sein bleiches Gesicht bedeckte, wie die krampfhaft geballte Faust erzitterte. Dann zuckte ein gewaltiges Ringen durch den Maharadscha. Sein Auge öffnete sich und suchte umher. »Baber Dutt!« »Was befiehlst du, mein Bruder?« »Sind die Ruder in der Barke an der Wasserpforte?« »Ich werde dafür sorgen.« »Schwimm nach der Praua, befiehl dem Kapitän, seine Anker zu lichten und stromaufwärts zu fahren ohne einen Augenblick des Zögerns, eine Stunde weit, bis zur Stelle, wo die Sandbank von Osten weit hinaus in den Fluß tritt. Du bleibst auf dem Schiff. Erhält der Kapitän bis morgen eine Stunde nach Sonnenuntergang keine Nachricht, so möge er zurückkehren an das Ufer von Bithur. Geh – und niemand erblicke dich auf deinem Weg!« »Er ist gefährlich; die Krokodile ...« Der Nena lächelte verächtlich. »Die Krokodile werden es nicht wagen, den Boten des Tigers von Bithur anzutasten. Geh und tu, wie ich dir befahl!« Während Baber Dutt gehorsam das Gemach verließ, wandte sich Nena Sahib wieder zu dem Kapitän. »Den Namen! Sage mir den Namen!« »Du mußt sein Haus in Flammen gesehen haben, ehe du Khanpur verlassen hast, angezündet von der Hand der Rächer, um dein Weib zu befreien.« »Rivers – der Resident?« Der Kapitän nickte schweigend. »Rivers, der Freund und Gefährte ihres und meines Bruders? Der Haß spricht aus dir und Tukallah! Niemals hätte es der Faringi gewagt, seine Hand an das Weib Srinath Bahadurs zu legen!« »Rivers selber war es, der Edwards Kampf mit dem Tiger herausforderte, um Edward von der Schwester zu entfernen.« Der Nena preßte die geballten Hände an die pochenden Schläfen. »Du lügst! Du lügst! Er war der erste, der den Tod O'Sullivans beklagte!« »Die Gräber werden sich öffnen, dir die Wahrheit meiner Worte zu beweisen. Zwei Menschen hat jener Mann lebendig begraben, den Bruder und die Schwester! Aber die Hand Gottes hat sie erhalten zu rächenden Zeugen an dem Verbrechen der Tyrannen Indiens!« Der Nena starrte ihn verwirrt an. »Edward O'Sullivan?« »Er ist tot und dennoch lebendig!« »Und sie – sie –?« »Der Kapitän der Praua und sein Bootsmann holten sie aus dem unterirdischen Kerker seines Harems vom faulenden Stroh.« Noch einmal lastete die Stille schwer wie eine Gigantenfaust in dem Raum – dann reckte sich der Maharadscha von Bithur hoch auf und streckte die Hand wie zum Schwur empor: »Verflucht! Verflucht! Und mit ihm das Volk, das ihn gebar! Das Kind im Leib der weißen Mutter soll büßen für die Taten seines Erzeugers! Der Strom des Jammers soll über ihre Geschlechter kommen und sie vertilgen vom Angesicht der Erde! Die Dunkeläugige soll ihre Seelen zerreißen und sie tauchen in den dunklen Strom der Vernichtung! Mögen die Geister meiner Väter Schmach häufen auf das Gedächtnis Srinath Bahadurs, wenn der Tiger von Bithur nicht badet in einem Meer vom Blut der Weißen! Fluch und Tod den Faringi!« Vor dem Bangalo erscholl der Hufschlag vieler Pferde; Waffen rasselten; das Kommando eines britischen Offiziers erklang. Dolch, Schleier und Spitzaxt »Der Subadar-Sahib Mowbray und der Dschemedar-Sahib Sanders aus Khanpur wünschen Seine Hoheit den Maharadscha zu sprechen«, meldete die Stimme Gibsons. Nena Sahib neigte den Kopf. Die beiden Offiziere traten ein; hinter ihnen, ehe die Tür sich schloß, vernahm man das Klirren von Säbelscheiden auf dem Marmorboden des Vorzimmers. »Willkommen, Sahibs! Der Palast von Bithur hat leider lange das Vergnügen entbehren müssen, die englischen Freunde seines Herrn in seinen Mauern zu sehen.« Die Offiziere vemeigten sich höflich. Die Blicke Mowbrays musterten aufmerksam das Gemach und die Anwesenden. Sie blieben mit offenbarer Neugier an der Gruppe der Frauen am Diwan hängen. »Verzeihung, Fürst, daß wir Sie so spät stören«, entschuldigte sich der Leutnant. »Es geschieht auf Befehl Seiner Exzellenz, des Gouverneurs. Ein wichtiger Vorfall in Khanpur heute abend ist die Ursache.« »Sie machen mich besorgt, Sir. Aber ehe ich weiter höre, lassen Sie mich die Pflichten des Wirtes erfüllen. Gibson, sorge für Erfrischungen und dafür« – leiser Spott klang aus seinen Worten – »daß es der Begleitung der Gentlemen an nichts fehle! Verzeihen Sie, Mowbray, daß ich Sie noch nicht besonders begrüßte. Ich hoffe, Sie waren wohl, seit ich Sie nicht sah? Und unser gemeinschaftlicher Freund, der Resident? Ich bedauere, daß er zu denken scheint, ich rechnete ihm den Tod meines Schwagers an. Ich bin überzeugt, daß er gewiß alles mögliche aufbot, den wahnsinnigen Kampf zu verhindern.« »So wissen Sie noch nicht, Hoheit, was Rivers begegnet ist?« »Sie erschrecken mich! Wie sollte ich ...« »Entschuldigen Sie, Fürst, daß ich zuerst meinen amtlichen Auftrag ausrichte«, unterbrach Leutnant Sanders das Gespräch. »Es wird Ihnen bekannt sein, daß Dhulip Sing, der junge Anwärter des Thrones von Lahore, sich in Khanpur als Gefangener befand.« »Ich erinnere mich, Sir. Er wurde ja wohl von Firozpur vor einigen Wochen dahin gebracht? Das Gerücht traf mich zu einer Zeit, in der ich unter schweren Leiden gebeugt war, sonst hätte ich General Wheeler gebeten, den von dem Ehrgeiz seiner Mutter mißleiteten Prinzen besuchen zu dürfen. Er ist ein entfernter Verwandter von mir.« Die beiden Offiziere wechselten einen Blick. »Dhulip Sing«, fuhr der Leutnant fort, der den Maharadscha scharf beobachtete, »ist durch List und Betrug diesen Abend aus seinem Gefängnis in der Zitadelle von Khanpur entführt worden.« »In der gleichen Zeit«, fügte der Lancierkapitän hinzu, »ist das Landhaus des Residenten in Brand gesteckt worden.« »Um des Himmels willen – welche schlimmen Ereignisse! Sind die Täter ergriffen?« »Noch nicht; aber wir sind ihnen auf der Spur. Viele Umstände lassen vermuten, daß die Flucht und der Brand in Zusammenhang stehen und ein Werk der ränkevollen Mahe Tschund sind.« »Und Sie sind auf der Verfolgung des Flüchtlings und der Mordbrenner begriffen?« fragte Nena Sahib harmlos. »Seine Exzellenz soll nicht umsonst auf meine Hilfe gerechnet haben. Ich stelle meine wenigen Mittel gern zur Verfügung.« Leutnant Sanders errötete verlegen. »Hoheit, General Wheeler ist von Ihrer Ergebenheit für die Belange der Regierung überzeugt – aber –« Die bisher so zuvorkommende, freundliche Haltung des Maharadscha wurde stolz und kühl. »Sir, ich will nicht hoffen ...« »Es soll Sie nicht beleidigen, Hoheit, aber – wir sind beauftragt, Erkundigungen bei Ihnen einzuziehen, ob der Flüchtling vielleicht bei Ihnen Schutz suchte, und ...« »... eine Nachsuchung nach dem Knaben bei mir zu halten, nur weil ich ein Hindu bin und in der Nähe von Khanpur wohne«, vollendete der Maharadscha kalt. »Bitte, Sir, vollziehen Sie Ihre Befehle! Die Offiziere der Garnison von Khanpur waren zu oft Gäste in dem Haus Srinath Bahadurs, als daß sie seine Räume nicht genügend kennen sollten.« »Ich fühle ganz das Unangenehme meines Auftrags, Hoheit«, erklärte beschämt Stuart Sanders, »und wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben ...« »Sir«, erwiderte gelassen der Fürst, »die Kinder dieses Landes sind gewöhnt, ihre Anhänglichkeit und Hingebung an die englische Regierung durch Mißtrauen und Kränkungen vergolten zu sehen. Indes glaubte ich wirklich, durch meinen Rang und die Dienste für England vor persönlichen Beleidigungen geschützt zu sein. Ich werde mich, sollten Sie nicht etwa den Auftrag haben, über meine Freiheit zu verfügen, morgen früh nach Khanpur begeben. Ich will General Wheeler mein Bedauern aussprechen, daß man bei Srinath Bahadur eine Unterstützung der Feinde der Regierung auch nur für möglich halten konnte – um so mehr, als ein mindestens ebenso merkwürdiges Ereignis wie die Flucht eines Gefangenen oder der Brand eines Bangalo mich veranlaßt, die Hilfe des Generals und des Residenten morgen in Anspruch zu nehmen.« »Darf ich wissen, was Sie meinen, Fürst?« fragte der Kapitän, der auf Wunsch von Rivers das Kommando nach Bithur begleitet hatte. Rivers wußte durch die Begegnung im Garten, daß sein Opfer nicht in den Flammen umgekommen, sondern in den Händen eines Feindes war. Aber ob der Brand seines Hauses und die Befreiung der Irländerin ein Werk ihres betrogenen Gatten oder ein Zufall war, und ob man sie nach Bithur zurückgebracht hatte, das war ihm unbekannt. In jedem Fall beschloß er, auf seine Macht vertrauend, einer Anklage mit keckem Leugnen entgegenzutreten. Der Wahnsinn Margarethes machte jedes gültige Zeugnis zunichte. Er sprach, dem Nena im Angriff zuvorkommend, den Verdacht aus, daß er an der Flucht des Prinzen beteiligt sein könne, und riet zu seiner sofortigen Verhaftung. Nur die Vorsicht des Generals verhinderte die Maßregel. Er begnügte sich, durch Absendung der Offiziere festzustellen, daß der Maharadscha in seinem Palast anwesend und bei den Vorgängen des Abends nicht beteiligt sei. – »Sie wissen«, erwiderte der Maharadscha auf Mowbrays Frage, »daß Lady Margarethe, meine Gattin, vor drei Monaten während meiner Abwesenheit auf unerklärliche Weise verschwunden ist?« »Ganz Indien weiß es, kennt und ehrt Ihren tiefen Schmerz, Hoheit, und beklagt Sie. Die verruchten Thugs ...« »Die Thugs sind unschuldig an diesem Verbrechen. Sehen Sie selber!« Er schritt nach dem Diwan und zog die verhüllende Decke fort. Augenblicklich erkannten die Offiziere die Maharani trotz der Spuren des Elends und der Krankheit. »Lady Margarethe! Um Gottes willen, Hoheit –« »Sorgt für eure Gebieterin!« befahl der Maharadscha den beiden Frauen. »Diese Jammergestalt, krank, jeder Erinnerung beraubt, Sir, ist das, was von der Gattin Srinath Bahadurs zu ihm zurückgekehrt ist.« »Aber wie – wann?« »Kaum eine Stunde vor Ihrer Ankunft fanden meine Diener mein Weib allein an der Tür meines Hauses liegen. Begreifen Sie nun, Sir, daß ich andere Sorgen habe, als die Flucht Dhulip Sings zu fördern und ihn zu verbergen?« Leutnant Sanders und selbst der kaltherzige, liederliche Mowbray waren erschüttert von dem schrecklichen Anblick. »Haben Sie keine Spur – keine Vermutung, Sir, wer die Räuber waren?« fragte der Leutnant. »Hören Sie das Lachen, die Worte der Maharani«, knirschte der Nena mit unterdrücktem Grimm nach der Irren beutend. Margarethe hob in den Armen der Frauen wieder die traurige Ballade an, von wirren Phantasien unterbrochen. »Sie werden sich überzeugen, daß ihre Vernunft und ihre Erinnerung dahin sind. Offenbar war sie von einer Räuberbande entführt und ist erst wieder freigelassen worden, nachdem man ihren Verstand mit giftigen Mitteln verwirrt hat. Die Schurken wollten sich rächen dafür, daß ich ein Dutzend ihrer Genossen auf meinem Gebiet hängen ließ, weil sie einen Faringikaufmann beraubten.« »Aber Sie sind so gefaßt, so ruhig, Hoheit –« »Was kann ich gegen das Schicksal tun?« erwiderte der Nena, die Arme über der Brust kreuzend. Kein Zucken seines bronzenen Gesichtes verriet den gewaltigen inneren Kampf. »Das Fatum steht über uns. Seit drei Monaten betrauere ich mein Weib als eine Tote.« Der Kapitän winkte mit leisem Achselzucken seinem Gefährten, als wolle er sagen: da sehen Sie, was an den Gefühlen dieser Halbwilden ist! – Leutnant Sanders jedoch ergriff mit aufrichtiger Teilnahme die Hand des Maharadscha. »Hoheit«, sagte er, »das Unglück, das Sie betroffen hat, ist zu groß, als daß ich es mir nicht zum Verbrechen anrechnen würde, Sie noch länger zu stören. Wir kehren nach Khanpur zurück. Wenn es irgend in unserer Macht steht. Ihnen mit etwas zu dienen, dann befehlen Sie über unsern Eifer.« »Wenn ich Sie bitten darf, Sir, so senden Sie mir so bald wie möglich ärztliche Hilfe; vielleicht Doktor Clifford.« »Der Doktor«, erklärte zögernd der Leutnant, »befindet sich augenblicklich in Haft. Ich zweifle aber keinen Augenblick, daß es ihm gelingen wird, sich von jedem Verdacht zu reinigen, dem Entflohenen Hilfe geleistet zu haben. Ich hoffe, ihn schon morgen früh wieder in Freiheit zu sehen.« Nena Sahib lächelte trübe. »Wahrlich, Sir«, sagte er, »es scheint schwer, dem Verdacht Ihrer Behörden zu entgehen, selbst bei der treuesten, Pflichterfüllung. Wenn Sie noch den geringsten Argwohn hegen, so durchsuchen Sie auf das strengste mein Haus. Daß hier unter Freunden und Dienern das Knabengesicht Dhulip Sings nicht zu finden ist, werden Sie gesehen haben. Mir aber erlauben Sie, für meine Gattin Sorge zu tragen und sie in die Gemächer zu schaffen, die sie in glücklichen Tagen bewohnte. Meine Diener sollen Sie als meine Gäste mit allem versehen.« Die Offiziere jedoch, jetzt überzeugt, daß der Gesuchte hier nicht zu finden sei und der Nena keine Kenntnis der Flucht gehabt habe, lehnten sein Anerbieten auf das bestimmteste ab und verabschiedeten sich. Wenige Minuten später ertönte das Kommando zum Abmarsch. Die Reiter trabten auf der Straße nach Khanpur wieder davon. Der Nena hatte die Offiziere bis an das Tor des Bangalo begleitet und sie gebeten, den General und den Residenten von dem seltsamen Wiederfinden seiner Gattin in Kenntnis zu setzen. Einige Augenblicke noch stand er auf der Schwelle des Tors und schaute den Soldaten nach. Dann spie er verächtlich hinter ihnen drein und wandte sich ab. Alles Höfische, Ruhige und Gedrückte war aus seiner Haltung verschwunden. Sein Auge blitzte unheimlich und entschlossen wie vorher. In dem festen Tritt, mit dem er in das Gemach zurückkehrte, wo seine Freunde versammelt waren, lag der unerschütterliche Wille der Tat. »Laß den Zugang bewachen, Gibson! Überzeuge dich, daß kein englischer Späher in der Nähe ist!« befahl er. »Welche Stunde ist es?« »Mitternacht, Hoheit!« »Dann können die Diener und Frauen jeden Augenblick von dem Fest zurückkehren. Die Ankunft meines Weibes soll ihnen verborgen bleiben bis morgen.« Tukallah hatte unterdes der Rani, die nur wenig Englisch verstand, mitgeteilt, daß die Faringi ihre Nähe argwöhnten. Die Maharani sollte deshalb bei Tagesanbruch ihre Reise in Männerkleidern antreten, die Prinzessin aber vorläufig unter der Maske einer Dienerin im Schutz des Maharadscha zurückbleiben, bis Nachricht von dem glücklichen Entkommen der Mutter und des Sohnes eingegangen sei und sie ohne Gefahr folgen könne. Da nur wenigen die Anwesenheit der Rani von Lahore in Bithur bekannt war, bestand sie darauf, sofort von ihrer Tochter und den Freunden zu scheiden und sich in die ihr eingeräumten geheimen Gemächer in dem einen Flügel des Palastes zurückzuziehen. Der Maharadscha befahl MacScott, seinem alten Erzieher, die Maharani zu geleiten und für ihre Sicherheit zu sorgen. Die Nähe der jungen Prinzessin Mahana schien einen beruhigenden Einfluß auf den Zustand der Irren auszuüben. Sie war stiller geworden, und die gänzliche Erschöpfung ihrer Kräfte hatte sie endlich in einen festen und tiefen Schlaf versinken lassen. In diesem Zustand trug der Maharadscha, gefolgt von der Prinzessin, die teure Last auf seinen Armen nach der Zenanah. Dort legte er sie sanft auf das Lager und schlug sorgfältig die Vorhänge darum. Mahana bereitete sich eine Ruhestätte im Vorgemach, so daß sie jede Bewegung der Kranken hören konnte. Die Männer hatten sich auf den Teppichen und Kissen der Halle, in der sie bis jetzt versammelt gewesen waren, zum Schlaf niedergestreckt. Noch ehe eine Viertelstunde vergangen war, lag der Bangalo finster und in tiefer Ruhe. Die heimkehrenden indischen Diener suchten geräuschlos ihre Lagerstätten auf. – Nur zwei Männer wachten. Der stille Friede der Nacht gewährte ihnen keine Ruhe nach den leidenschaftlichen Erregungen des Tages. Es waren der Nena und Tukallah. Der Mahratte lag, das finstere Gesicht in die Hand gestützt, sinnend auf der Matte. Er fühlte, daß er über den Nena gesiegt und den Tiger in ihm geweckt hatte. Aber die plötzliche Verwandlung des Bahadur beim Eintreffen der britischen Offiziere machte ihn stutzig. Er begann zu zweifeln, ob der Charakter des Fürsten auch stark genug sei, die erweckten Leidenschaften in Taten zu äußern. Plötzlich berührte eine fremde Hand leise seine Schulter. Der Mahratte fuhr in die Höhe. Seine Hand faßte unwillkürlich an den Griff seines Handschars. Vor ihm stand ein Mann in seinen, wallenden weißen Gewändern. Die Falten des Mantels öffneten sich einen Augenblick – es war der Nena. Er legte den Finger auf die Lippen und deutete auf die Schlafenden. Dann beugte er sich zu ihm nieder. Was er sagte, schien mehr ein Hauch der Gedanken, und dennoch schlug es deutlich an das Ohr des Mahratten. »Komm – ich habe mit dir zu sprechen!« Wie ein Schatten glitt er durch das Gemach und den Teppich, der die Tür zum Garten bedeckte. Der Serdar erhob sich. Bei dem schwachen Schein des Sternenlichts vermied er sorgfältig die Berührung der Schlafenden und folgte dem Nena. Der Maharadscha erwartete ihn auf dem Platz vor der Veranda. Schweigend schritt er voran, weiter in das Dickicht des Gartens – der Mahratte folgte ihm. – Es war eine schöne Nacht. Köstlicher Wohlgeruch erfüllte die Luft. Aus dem dunklen Laub der Zypressen und den gefiederten Blättern der Tamarinden flötete die indische Nachtigall ihr Lied. Das Plätschern der Brunnen, das Rauschen des gewaltigen Stromes und die Töne der Lust und Freude des Festes raunten den Chor der Nacht. Am Marmorbecken der mittleren Fontäne blieb der Maharadscha stehen und lehnte stumm und nachdenkend mehrere Minuten an dem kalten Stein. Vor ihm, ihn ruhig beobachtend, stand der Mahratte. Jetzt hob der Nena sein Haupt. Sein Blick war kalt und schwer, als wolle er in das Innerste der Seele dringen. »Tukallah oder Tantia-Topi, Guru der Thugs! Srinath Bahadur hat mit dir zu reden.« Unwillkürlich fuhr der Mahrattenhäuptling zusammen; eine dunkle Röte überflog sein Gesicht. »Mit welchem Namen nennst du mich?« Der Nena lächelte verächtlich. »Ich habe eine Frage an dich zu stellen.« »Frage!« »Du bist ein Mitglied des Bundes der Würger?« »Halt ein! Weißt du nicht, daß, wer die Geheimnisse der Diener der mächtigen Bhawani enthüllt, ihr opfern oder sterben muß?« »Bin ich ein Sohn Indiens und sollte es nicht wissen? Antworte auf meine Frage!« Der Mahratte sann einige Augenblicke schweigend nach; dann fragte er: »Sage mir, wie kamst du zu deiner Vermutung?« »Schon als Knabe, als ich einige Zeit am Hof der großen Begum von Somroo lebte – mit Dyce Ochterlony, meinem Verwandten und seinen Schwestern – sah ich einst in den Wäldern, im Gebüsch verborgen, Männer einen Wanderer töten. Zwei von ihnen waren mir unbekannt; der dritte hatte sich erst kurze Zeit vorher zu ihnen gesellt: ich kannte ihn; es war der Mayadar meines Verwandten – du, Tukallah!« »Und du bewahrtest das Geheimnis, Srinath Bahadur?« »Ich bewahrte es – was sollte ich davon reden! Der Wanderer war vielleicht dein Feind, und du hattest ein Recht, ihn zu töten. Viele Jahre dachte ich nicht mehr an die Erinnerung des Knaben – bis sie vor wenigen Monden wieder in mir emporstieg und das, was ich erfuhr, bestätigte.« »Fahre fort, Bahadur. Von welcher Gelegenheit sprichst du?« »Von Malangher, deiner Burg! Ich ahne ihre Geheimnisse; denn ich selber entzog der Bhawani dort zwei der ihr geweihten Opfer!« »Wahnsinniger, dann mußt du sterben!« Tukallahs Hand faßte nach dem Dolch. »Ich werde sie der Dunkeläugigen wiedergeben; es waren Faringi. Ströme von Blut, Berge von Leichen soll die mit den Schlangenarmen von Srinath Bahadur empfangen! Auf ihren Altar will ich die Zerstörung von tausend Leben legen. Erbärmlicher Dienst, den ihr der erhabenen Göttin der Vernichtung weiht! Ihr nehmt das Leben eines einzelnen Wanderers und würgt die Arglosen, statt Völker und Geschlechter niederzuwerfen vor die Stufen ihres Tempels!« »Und bist du der Mann, Srinath Bahadur – das große Werk der Vernichtung zu vollenden?« »Antworte erst: bist du ein Thug?« »Ich bin es!« »Du bist das oberste Haupt des Bundes?« »Ich bin nur ein Guru – doch einer der mächtigsten und größten unter den Dienem der Kali. Ich bin der nächste zur Oberherrschaft über alle, die der Göttin folgen. Ich werde sie besitzen, ehe die Weltschlange zum zweitenmal in den Arm der Nacht gesunken ist!« »Ich will ein Thug werden wie du, der Vernichter und Zerstörer der Erschaffenen. Ich will ein Volk opfern auf den blutigen Stufen ihres Altars, aber ich muß der Herr sein über den Tod – und alle seine Diener – nicht sein niederer Knecht! Wüten will ich unter den Lebendigen gleich dem Tiger unter dem feigen Wild des Dschungels! Ein Grab soll die Welt sein, und die Brut der Faringi soll es füllen! Gib mir die Macht, Tantia-Topi, gib mir die Macht! Die Göttin soll jauchzen über die Opfer, die ich ihr bringe!« »Srinath Bahadur«, antwortete langsam Tukallah, »ich kenne dich wohl! Du bist der Tiger, du wirst die Geschlechter der Sterblichen zerfleischen. Bei der heiligen Spitzaxt, du sollst das Oberhaupt der Würger sein, nicht ich, wenn du die Proben bestehst!« »Wann soll die Macht in meinen Händen sein? Meine Seele lechzt nach dem Werk der Vernichtung.« »Bist du der Tiger, so sei auch die Schlange. Daß du ihre Klugheit und ihre Geschmeidigkeit besitzt, hast du gezeigt, als die Faringioffiziere in das Geheimnis deines Bangalo drangen. Da, Srinath Bahadur, lernte ich dich bewundern und dieser Stunde hast du es zu danken, daß in deiner Hand die Macht des Todes sein wird.« »Ich will die Schlange sein, ich will der Tiger sein. Sprich, wann bin ich der Oberguru aller Würger?« »Noch in dieser Nacht – wenn du willst!« »Ich will!« »Beweise, daß du ein Mann bist!« »Verlange – ich folge.« »Ehe du die heilige Spitzaxt schwingen darfst, mußt du der Opfer drei auf den Altar der großen Bhawani legen drei Opfer, die zeigen, daß du mit allem, was dir heilig war im Leben, gebrochen hast, um ihr zu dienen!« »Ich will.« »Kannst du den Freund töten, dessen Lager du teiltest, dessen Ann dich beschützte, dessen Liebe deine trüben Stunden erheiterte, deine frohen teilte – der sein Leben einsetzte für das deine? Kannst du die heilige Schuld des Dankes mit Tod und Vernichtung lohnen im Dienst der Kali?« »Ich will!« »Kannst du das Vertrauen täuschen? Kannst du das Leben des Gastes opfern, der deine Schwelle überschritt, und dessen Haupt zu schirmen dir heilige Pflicht war? – Kannst du die Jugend und Unschuld opfern auf dem Altar der Kali?« »Ich will!« »Beweise es! Das dritte Opfer will ich dir zeigen, wenn es an der Zeit ist!« Der Maharadscha starrte vor sich hin – Gedanken und Gefühle wälzten sich in diesem Kämpfer ums übermenschliche, der sich lossagt von allem Heiligen. Dann fielen seine Augen auf den einsamen, schwachen Schimmer der Lampe, die aus der Zenanah des Bangalo ihren spärlichen Lichtstreif in das Dunkel der Büsche sandte: sie brannte am Lager des gemarterten, über alles geliebten Weibes. Seine Gestalt schnellte in die Höhe, wie das Raubtier zum Sprung. »Wie soll ich die Opfer bringen?« Der Mahratte knüpfte das Schleiertuch los, das seinen Turban umwand, nahm den Dolch aus seinem Gürtel und gab ihm beides. »Nimm! Die Bhawani gestattet es dir, zu wählen für das erste der Opfer; denn Messer und Tuch sind geweiht an ihrem Altar, und die des Werkes nicht geübte Hand darf nicht fehlen, wo es so Wichtiges gilt. Bist du entschlossen?« »Ich bin's!« Der Serdar ahmte zweimal den Schrei des Adlers nach. Sogleich tauchten aus dem Schatten der Gebüsche zwei Gestalten auf und nahten sich ehrfurchtsvoll, die Hände über der Brust gekreuzt. Es waren zwei fast nackte, bronzefarbene Männer, nur mit dem Hüftenbund bekleidet und um den Kopf das Schleiertuch der Thugs geschlungen. »Holt eure Werkzeuge, ihr Lughas, und grabt das Grab an dieser Stelle!« befahl der Guru. Die beiden Thugs neigten gehorsam das Haupt und verschwanden. Sie kehrten mit Werkzeugen zurück und begannen, den Rasen in viereckigen Stücken auszustechen und sorgfältig beiseite zu legen. Dann höhlten sie den Boden mit einer Schnelligkeit und Geschicklichkeit aus, die bewies, welche Übung sie in ihrem Handwerk besaßen. Das Grab wuchs vor den Augen des Maharadscha in die Tiefe. Plötzlich gab der Mahratte das Zeichen einzuhalten man hörte Schritte, die von der Seite des Palastes daherkamen. »Der Fuß eines Fremden naht! Verbergt euch!« befahl der Guru. Der Maharadscha winkte verneinend. »Es hat keine Gefahr – bleibt an eurer Arbeit!« »Wer ist es, der kommt?« »Das erste Opfer!« Er ging dem Nahenden entgegen und traf ihn wenige Schritte von dem geöffneten Gitter, das den Garten des Palastes von dem Bangalo trennte. Es war MacScott, der Schotte, der Lehrer und Erzieher des Maharadscha, sein treuer Diener und Freund, der Gefährte in hundert Gefahren. »Woher kommst du?« fragte ihn der Nena. »Hoheit – ich komme von der Schwelle der Maharani, deren Sicherheit du mir anvertraut hast. Ich glaubte Stimmen zu hören im Innern der Gärten und wollte mich überzeugen, ob Späher oder Feinde in der Nähe sind. Erlaube, daß ich zu meiner Pflicht zurückkehre.« »Ich habe eine andere für dich. Komm!« Er schritt ihm voran nach dem Platz vor dem Springbrunnen, wo die Lughas bei seinem Nahen mit ihrer Arbeit innehielten und in den Schatten der Gebüsche zurücktraten. An dem Rand des drei Fuß tiefen Grabes stand der Mahratte, die Arme über der Brust gekreuzt. Das Helldunkel der Nacht erlaubte nicht, die Züge des Nena zu beobachten; sonst wäre der treue Schotte erschrocken gewesen vor der fahlen Farbe, die das Gesicht seines Herrn bedeckte, und vor dem unheimlichen, gespenstigen Schimmer seiner Augen. »Antworte mir vor diesem Mann auf meine Fragen, MacScott!« befahl der Maharadscha dumpf. Er deutete auf den Mahratten. »Wie lange ist es her, daß du des Knaben Srinath Freund wurdest?« »Du weißt es, Hoheit«, sagte der alte Mann erfreut. Er meinte, in diesem Wort die Wiederkehr der Gunst und des Vertrauens seines Zöglings verbürgt zu sehen. »Ich trat zwei Jahre eher als Gibson in den Dienst des Peischwa, deines Vaters. Sechzehnmal hat der große Regen seitdem das Land von Indien befruchtet.« »Und warst du mir nicht wie ein Vater, wie ein Freund? Hast du mich nicht geliebt, obgleich du ein Faringi und ich ein Sohn der heißen Sonne war?« »Gott weiß es, Hoheit. Es waren wenige Tage in diesen sechzehn langen Jahren, die ich getrennt von dir zubrachte. Wollte der Himmel, es wären gar keine gewesen, denn dann hätte ich das Unglück nicht gehabt, daß deine Augen auf dies weiße Haar noch mit Groll und Mißtrauen schauen könnten.« Es lag eine schmerzliche, tief empfundene Entsagung in den Worten des alten Mannes. »Ich habe keinen Sohn meines eigenen Blutes gehabt, Hoheit; dich aber liebte ich, wie ich einen eigenen Sohn geliebt hätte. Ich lehrte dich die Sprache meiner Heimat und der Franzosen, und was ich sonst von Sitten und Künsten noch wußte. Ich sah dich zum Manne reifen und war stolz auf dich.« »Zweimal, MacScott, war deine Hand und deine Klinge zwischen mir und dem Tiger, den meine Kugel nur verwundete«, fuhr der Maharadscha fort, »ein drittes Mal rettetest du mich aus den Fluten des Ganges, als ein Krampf meine Kraft erlahmte.« »Was erwähnst du die alten Geschichten, Hoheit! Ich tat nur, was Pflicht und Neigung geboten. Es lohnt nicht der Mühe, davon weiter zu sprechen.« »So liebst du mich noch und bist mein Freund?« »Ich werde glücklich sein, Hoheit, wenn du mich wieder so nennst! Die letzten Monate haben mein altes Herz schwer betrübt mit der Furcht, daß du mir deine Liebe entzogen hättest.« »Und würdest du für deinen Sohn, deinen Freund willig ein Opfer bringen, ein Wagnis bestehen?« »Mein Blut für dich, Hoheit, wenn es dir nützen kann! Sage mir, was ich tun soll, und diese alten Knochen werden sich so jung und rüstig zeigen, wie damals, als ich dich zuerst ein Segel spannen und die Kugel in einen Büchsenlauf stoßen lehrte. Mein altes Leben gehört dir, du weißt es.« »So gib es für mich – und die Bhawani möge es empfangen!« Der Malaiendolch blitzte im Sternenlicht, und die Klinge bohrte sich in das Herz des alten Mannes. Der greise Tigerjäger warf die Arme in die Luft, taumelte einige Schritte und stürzte mit einem Ächzen nieder an dem Rand des Grabes. »Nena – Prinz – was tust du?! – Ich sterbe!« »Du selber botest mir dein Leben.« »Und deine Hand – barmherziger Gott, sei ihm und meiner Seele gnädig!« Ein dunkler Blutstrom quoll über die Lippen des Opfers. – Nur wenige Augenblicke, und alles war vorüber. Zwischen den duftenden Blumen und Blättern, unter dem heiteren, glänzenden Sternenhimmel lag die Leiche des alten Mannes. Das gebrochene Auge starrte hinauf zu dem richtenden Gott. Der Nena zeigte auf die Leiche. »Möge die Bhawani das Opfer empfangen!« Der Mahratte tauchte seine Hand in das Blut des Ermordeten und berührte Stirn und Augenlider des Maharadscha. Dann klatschte er in die Hände, und sogleich begannen die beiden Lughas wieder ihre Arbeit. »Du hast die Schwäche der Dankbarkeit aus deinem Herzen gerissen«, sprach Tukallah. »Deine Seele ist stark. Zeige, daß auch die heiligste Sitte der Väter ein Hauch ist vor der Dunkeläugigen, daß der Schlaf des Schuldlosen, der dir Vertraut, nicht Schirm ist gegen den Ruf der Kali.« Der Maharadscha ließ den Dolch fallen. Seine Hand griff nach dem Rumal, dem mörderischen Schleiertuch. Dann plötzlich hielt er zögernd inne. Er kämpfte mit sich, welchen Weg er nehmen solle. Der Mahratte betrachtete ihn höhnisch. »Du zauderst?« »Bei den Unterirdischen – nein!« Der Nena verschwand in den Büschen in der Richtung des matten Strahles der Lampe aus der Zenanah. Der Schlaf der Wahnsinnigen war tief und schwer, das Keuchen ihrer Atemzüge deutlich hörbar im offenen Nebengemach, in dem die Prinzessin von Lahore schlief. Mahana lag auf gelbseidenen Kissen, halb von dem langen farbigen Schleier verhüllt. Der reizende Kopf, von den dunklen Haaren umflossen, ruhte auf dem entblößten linken Arm. Die kleine Hand bedeckte die friedlich atmende Brust, die sich ruhig und gleichmäßig bewegte. Das sanfte Rot der Jugend, der Gesundheit und der Unschuld lag auf ihren weichen Wangen. Der volle Mund war halb geöffnet, als komme der Name des Mannes, dem ihr kindliches Herz schlug, über die roten Lippen. Die Maharani Mahe Tschund lag in tiefem Schlaf, nach so viel Stunden der Spannung und Aufregung, nach mancher bangen Nacht. Auch sie träumte – vom wiedererweckten Glanz des alten Thrones Rundschit Sings, auf dem Dhulip Sing, ihr Sohn, saß. Der Teppich am Eingang des Gemachs hob sich – ein bleiches, fahles Männergesicht schaute herein, stiere Augen spähten durch das Gemach. Nur die Atemzüge der Schlummernden belebten den Raum. Dann glitt geräuschlos die Gestalt des Nena herein. Kalter Schweiß perlte in dicken Tropfen von der blutig gezeichneten Stirn. Die schmalen Lippen waren zusammengepreßt. Wie eine Schlange sich in unhörbaren Wellen zu ihrem ahnungslosen Opfer windet, bewegte sich der Nena über den weichen Teppich des Gemachs zu dem Lager des schlummernden Mädchens. Mahana träumte ruhig weiter. Der Maharadscha war an ihrer Seite und beugte sich über sie, ihren Atem belauschend. Dann zog seine Rechte das Würgertuch vom Nacken. Seine starren Blicke beobachteten die Lage der Schlummernden, um sein Werk zu vollbringen. Sie war zu ungünstig; der Nena ließ das erhobene Tuch wieder sinken. Der Kopf der Prinzessin ruhte auf ihrem linken gebogenen Arm, und dieser schützte noch das junge Leben. Da regte es sich im Nebenzimmer. Die Gattin des Nena schien erwacht zu sein oder im Traum zu sprechen. Sie sang das schaurige Lied der Heimat ... Augenblicklich erwachte das Hindumädchen und hob den Kopf, nach der Kranken zu horchen. Ihr Auge fiel auf den Nena. Aber kein Ton kam über ihre Lippen. Noch ehe ein Laut sich ihnen entringen konnte, flog das Tuch über ihr Haupt. Eine starke Faust umkrallte den zarten Hals und erstickte den Ruf. Aus dem Gebüsch trat der Nena – er trug eine schwere, in eine Decke gehüllte Last. Auf dem Platz vor dem Springbrunnen hatten die Lughas ihr nächtliches Werk vollendet. Der Maharadscha warf die Bürde von seiner Schulter an der anderen Seite des Grabes zu Boden. »Nimm!« sagte er finster. »Das Dach Srinath Bahadurs ist fürder kein Schirm mehr für den Gast!« Er kreuzte die Arme. Der Guru entfernte die Decke von dem Opfer. Ein junger, in leichte Nachtgewänder gehüllter Frauenkörper lag vor ihnen, das Haupt noch in den Rumal geschnürt, unter dem die Locken und Flechten des Haares hervorquollen. »Mahe Tschund«, höhnte der Serdar, »wird sich künftig mit dem Sohn begnügen müssen. Legt die Geweihten der Dunkeläugigen in das Grab und tilgt seine Spuren!« Mit der gewohnten Schnelligkeit hoben die beiden Lughas zuerst die Leiche des ermordeten Schotten in das Grab und neben diese, mit den Füßen nach der entgegengesetzten Seite, die des jungen Mädchens. Im Nu bedeckte die Erde die beiden Körper, und das Grab füllte sich. »Ich warte des dritten!« sagte der Maharadscha mit dumpfem Ton. Der Serdar sah nach den Sternenbildern. »Es ist Zeit! Wo ist das Lager der Bheels?« »In den Ruinen des Tempels der Dunkeläugigen, in dem Dschungel von Dscheddahgoor«, erwiderte einer der Lughas. »Wie weit ist es dahin?« »Vier Koß ! »So laß uns aufbrechen! Kannst du uns Pferde geben, ohne daß es die Aufmerksamkeit deiner Diener erregt?«, fragte der Guru den Fürsten. Nena Sahib nickte stumm und schritt voran nach dem Ausgang, der nach der Seite der Ställe führte. Die Lughas blieben zurück und vollendeten das Grab, über das sie den ausgehobenen Rasen so sorgfältig deckten und mit dem Wasser des Springbrunnens befeuchteten, daß auch das schärfste Auge keine Spur des Geschehenen zu bemerken vermocht hätte. Der Maharadscha öffnete mit einem Schlüssel die Tür der Seitenmauer, verschloß sie bedächtig und führte den Thug schweigend durch die Lorbeer- und Myrtengebüsche weiter bis zu den Ställen. Nach wenigen Minuten erschien er wieder mit zwei nur mit ihren Decken gesattelten indischen Pferden. »Kein englisches oder arabisches Pferd würde den Ritt aushalten, den wir zu machen haben.« Er reichte den einfachen Zügel von zähen Bastschnüren des einen Gauls dem Gefährten. »Fort!« Er warf sich auf das kleine, starke Tier mit den zottigen, buschigen Haaren und den funkelnden Augen und sprengte davon. Ihm folgte der Mahratte. Die wilden Reiter flogen durch den Sumpf, den das austretende Wasser des Ganges alljährlich bei der Regenzeit füllte. Gleich gespenstigen Dämonen der Nacht, gleich Kobolden rasten sie von einer Erhöhung zur andern, einen Weg durch das Moor findend, wo jedes andere Roß beim nächsten Tritt versunken wäre. Als sie den festen Boden gewonnen hatten und in das Dickicht des Dschungels eindrangen, stürzten sich die mutigen Tiere furchtlos in das Gestrüpp der Lianen, der Euphorbien und der zähen, mit Dornen bedeckten Schlingpflanzen. Die Reiter hatten genug zu tun, sich selber zu schützen. Mancher Fetzen ihrer Kleidung blieb im Hindurchfliegen an den Ranken und Dornen zurück. Der tolle Ritt mochte kaum mehr denn eine halbe Stunde gedauert haben, als der Dschungel sich lichtete und der Mond den Reitern einen freien Platz wies, in dessen Mitte auf einem Hügel sich die wohlerhaltenen Reste eines uralten Hindutempels erhoben. Aus dem Innern dieser Ruinen glühte ein Feuerschein und warf aus den Öffnungen des durch die Macht der Jahrtausende zerbröckelten Marmors grelle Lichter auf die riesigen, phantastischen Trümmer. Die Reiter hatten diese Lichtung kaum mit den ersten Sprüngen ihrer Tiere berührt, als sich zwei dunkle Gestalten von wildem Aussehen wie aus der Erde gewachsen vor ihnen erhoben. Sie fielen den Pferden in die Zügel und schwangen drohend ihre Keulen. »Haltet ein! Wer seid ihr, daß ihr den Ausgestoßenen und Verfluchten zu nahen wagt?« »Freunde der Bheels! Diener der ewigen Vernichtung!« antwortete die feste Stimme des Mahratten. »Wo sind die Häupter?« »Im Tempel der Bhawani. Soma , der Bruder der Surya , hat sein Licht über die Erde erhoben. Die heiligen Feuer brennen, und er, der im Namen der Mächtigsten gebietet, wartet seiner Stunde!« Der Maharadscha ließ den Blick nicht von den Gestalten der beiden Waldbewohner. Der rauhe und verachtete Stamm der Bheels wird durch ganz Indien gleich wilden Tieren gehetzt; nur in den Gebirgen und Wildnissen fristet er sein Dasein. Seine Hand ist gegen alle erhoben, wie die Hand aller gegen ihn. – Es waren kräftige Männer, größer und von stärkeren Formen als der gewöhnliche Hinduschlag. Langes, schwarzes Haar hing straff bis auf die Schultern nieder und bildete die einzige Kopfbedeckung. Ihre Körper waren in Tierfelle gehüllt, das Rauhe nach außen gekehrt, und von einem Binsenstrick um die Hüften zusammengehalten. Große Metallringe hingen, durch die Nasenknorpel gezogen, über ihre starken Lippen. Die Farbe ihrer muskulösen Leiber war ein Helles Mahagonibraun, nur durch Schmutz entstellt und verdunkelt. Ihre Gesichtsform war nicht unedel und der Ausdruck ihrer Augen kühn und trotzig. In den Händen trugen sie mächtige Keulen von schwerem Holz. Der eine hielt einen langen Bogen mit Rohrpfeilen, deren Spitzen in das tödliche Gift des geheimnisvollen Upasbaumes getaucht waren. Der Serdar sprang vom Pferd und überließ es den Bheels, dafür Sorge zu tragen. Er winkte dem Fürsten und schritt nach den Ruinen der Pagode. Ein seltsamer Anblick bot sich ihnen, als sie durch den halb zusammengestürzten Bogen des Tors in den äußeren Vorhof traten. Ein Feuer von trockenem Dschungelkraut und Zweigen brannte in der Mitte des Raumes. Rundumher lagerten Männer, Weiber und Kinder, mit seltsamen Gebärden eine Art von Trauergesang murmelnd, dessen eintönige Melodie zuweilen zu einem gellenden Klagelaut anschwoll. Die doppelten Spiegelungen des Mondscheins und der Flammen übten eine eigentümliche Wirkung auf die Umgebung aus. Die riesigen Steinbilder, die karyatidenartig die Pfeiler der Pagode bildeten, schienen in dem flackernden Licht lebendig zu werden und sich zu bewegen. Das eintönige Gemurmel des Gesanges schwieg, als die beiden Fremden den Hof betraten. Alle Blicke wandten sich auf sie. Tukallah hielt jedoch nicht an, sondern schritt durch die Gruppen hindurch auf den Eingang der Pagode zu, an dem zwei bewaffnete Bheels lehnten. Er gab ihnen gleich den äußeren Wachen die Losung und trat mit seinem Begleiter in das Innere. Im Hintergrund des Tempels erhob sich der große Würfel von schwarzem Marmor, der vor Jahrhunderten, noch vor den Eroberungen der Mohammedaner, dem Bild der Göttin als Sockel gedient hatte. Er stand jetzt leer. Über ihm steckte eine Fackel an der Wand und beleuchtete ein rohes Lager von Dschungelkraut und Tierfellen. Ein alter Mann, dem Tode nahe, lag darauf mit geschlossenen Augen, die nur von Zeit zu Zeit sich öffneten und einen erlöschenden Blick auf seine Umgebung richteten. Bei ihm verharrten mit Geduld drei Männer: ein ehrwürdiger Brahmine, den Tilluk, das Zeichen der höchsten Kaste gleich Srinath Bahadur auf der Stirn; ferner ein Bheel, dessen Züge unverkennbar das Gepräge der nahen Blutsverwandtschaft mit dem Greis trugen, und ein gelber Malaie in reicher, kostbarer Kleidung und Bewaffnung. Tukallah machte den dreien das Erkennungszeichen der Thugs, und die drei erwiderten es. »Wer naht dem Lager dessen, der bereit ist, der großen Mutter Rechenschaft abzulegen von seinen Taten?« fragte der Greis. »Die Schatten des Todes trüben meine Augen!« »Tukallah, den die Hindu Tantia-Topi nennen«, antwortete der Mahratte. »Er kommt, deinen Segen und deinen Willen zu empfangen.« »So sind ihrer genug«, sagte der Greis; »der Sohn der Berge, der Weise der Städte, der Krieger des Mittags und der Herr der Wüste. Sei mir gegrüßt, du, der liebste der Diener der Bhawani! Aber mein Auge sieht der Bewerber fünf; wer ist jener dort?« Er deutete auf den Fürsten. »Ein Thug gleich uns, zu dessen Gunsten ich meinen Ansprüchen und deinem Erbe zu entsagen bereit bin. Srinath Bahadur, der Peischwa von Bithur! Er kommt, die heilige Spitzaxt zu küssen!« Eine allgemeine Bewegung gab sich unter den Anwesenden kund. Der Alte erhob sich auf seinen hageren Arm und starrte einige Augenblicke den Maharadscha an, der seinen Blick fest erwiderte. »Auf deiner Stirne ist Blut – Blut ist in deinen Augen, Tod in den Falten deines Mundes, Peischwa von Bithur«, flüsterte der Greis. »Sei willkommen im Bunde des Todes!« Er enthüllte mit einer Bewegung der Hand einen in seinem Lager verborgenen Gegenstand – eine stählerne Spitzaxt von altertümlicher Form. Ein großer, feurig roter Edelstein von unermeßlichem Wert bildete den Knopf des kurzen Griffes. Er strahlte im Licht der Fackel, gleich einem Diamanten, rote Blitze. Der Greis hielt dem Maharadscha die Waffe hin, sie zu küssen. Statt sie jedoch mit dem Mund zu berühren, ergriff sie der Nena mit kräftiger Faust, entriß sie der Hand des Alten und schwang die Axt hoch durch die Luft. Ein Wutgeschrei der drei getäuschten Bewerber um die oberste Macht des Bundes war die Antwort. Nur der Mahratte blieb ruhig. Sein Auge begegnete mit dem Funkeln wilder Befriedigung dem fragenden des Nena. Sein Finger wies auf den Greis, der den kühnen Mann erstaunt anstarrte. Der Maharadscha trat einen Schritt vor, die Schneide der Axt, das Feuer des Edelsteins funkelten gleich einem Blitz im Licht der Fackel, als er die Waffe über dem Haupt schwang. Im nächsten Augenblick grub sich die scharfe Spitze in das Haupt des bisherigen Besitzers. Schreiend faßten die drei Gurus nach ihren Waffen, um ihn zu rächen. Der Mahratte warf sich zwischen sie und den Nena. »Im Namen der Göttin – er ist es, dem die Hand des Toten die heilige Waffe gereicht hat. Er ist der Guru der Gurus und das Haupt des Bundes – die Bhawani hat entschieden! Wagt ihr es, ihr zu widerstreben, da ich ihrem Ausspruch mich füge? Gedenkt eures Eides und beugt euch vor dem Herrn der heiligen Axt!« Und er selber sank vor dem Nena auf die Knie und küßte demütig sein Gewand. Die drei Gurus beugten gleichfalls das Haupt und warfen sich nieder, mit der Stirn den Boden berührend zum Zeichen des Gehorsams – über ihnen stand Nena Sahib und schwang mit dämonisch leuchtendem Auge die Axt um das Haupt. Da plötzlich schrillte ein gellender Alarmruf durch die Luft. Schüsse ertönten, Trompetensignale, das ›Hurra‹ englischer Soldaten, Wut- und Klagegeschrei und betäubender Kampfruf. Bestürzt sprangen die Gurus empor; ihre wutflammenden Augen trafen den Nena: »Verrat!« Aber der Maharadscha war von dem Unerwarteten selber bestürzt und schaute ratlos umher. »Schießt die Bestien nieder, die Mordbrenner! Keine Gnade den schwarzen Schurken!« hörte man laut die Stimme Mowbrays auf der Lichtung durch den Lärm des Überfalls kommandieren. »Bei der Waffe, die meine Hand hält«, schwur der Maharadscha, »Brüder, die Hölle, nicht ich, hat die weißen Teufel über uns geführt. Kämpft!« Und das Zeichen des Mörderbundes schwingend, stürzte er allein voran nach dem Eingang der Pagode. Zwei englische Soldaten waren eben im Begriff, in das Innere zu dringen. Der Nena erfaßte mit der Linken das Gewehr des einen und drückte es zur Seite, während seine furchtbare Waffe den Kopf des zweiten bis zur Nasenwurzel spaltete. Dann sprang er ins Freie. Frauen und Kinder liefen heulend umher. Die Männer kämpften mit wildem Trotz gegen die übermächtigen englischen Soldaten. Auf der Verfolgung des entflohenen Prinzen begriffen, waren sie durch einen Spion von dem verdächtigen Lager der Bheels im Dschungel unterrichtet und unbemerkt herangeführt worden. Unterstützt durch die Schwadron, die sich auf der Rückkehr von Bithur der Abteilung angeschlossen hatte, überfielen sie das Lager. Pistolen- und Gewehrschüsse knallten auf allen Seiten. Die einfachen Waffen der Bheels vermochten nichts gegen die europäische Ordnung und Bewaffnung. Die Reiter Mowbrays, über die Lichtung verteilt, verhinderten die Nomaden, sich in das schützende Dickicht des Dschungels zu werfen, und trieben sie immer wieder in die Bajonette und Kugeln der Feinde zurück. Mit dem raschen Überblick des geborenen Feldherrn erkannte der Nena die gefährliche Lage. Es galt, zu sterben oder sich unerkannt durchzuschlagen. Die Turbanbinde rasch vom Haupt reißen und sie verhüllend um das Gesicht schlingen, daß nur die Augen frei blieben, war das Werk eines Augenblicks. Tukallah an seiner Seite, den Säbel in der Faust, und die drei Gurus schützten ihn. »Der Galgen ist unser Los, wenn die weißen Hunde uns fangen«, rief der Fürst. »Vorwärts, Brüder, mir nach!« Über die Trümmer springend, den großen Eingang des Hofes vermeidend, der bereits von den englischen Soldaten besetzt war, eilte er nach der Seitenmauer und schwang sich leicht darüber hinweg. Tukallah und der Malaie folgten ihm, die beiden anderen waren schon im Kampf mit den Soldaten. Drei heransprengende Reiter versperrten dem Maharadscha den Weg. Die Lanze des einen durchbohrte den Malaien. Tukallah war im Kampf mit dem zweiten. Der Nena sah ihn fallen, von einem Pistolenschuß getroffen. Über seinem eigenen Haupt blitzte der Säbel des dritten. »Nieder mit den mordbrennerischen Hunden! Zu Boden mit dem Gesindel!« Er erkannte die Stimme Mowbrays und tauchte nieder unter den Bauch des Pferdes, dem Hieb zu entgehen. Zugleich faßte er mit der Kraft eines Löwen das Bein des Offiziers und riß ihn aus dem Sattel. »Zu Hilfe, Leute! Zu Hilfe!« Aber die Spitzaxt des Nena hatte mit gewaltigem Hieb das Roß des zweiten Reiters getroffen, daß es schwer verwundet mit ihm davonsprengte. Ein fliehender Bheel rang mit dem dritten. Der Maharadscha bog sich nieder zu dem Offizier, der unter seinen Knien am Boden lag, und lüftete den Schleier von seinem Gesicht. »Kennst du mich, weißer Hund?« » Hell and damnation – Nena Sahib!« »Stirb mit dem Namen auf den Lippen!« Die Spitze der Axt grub sich in die Gurgel des Engländers. Mit übermenschlicher Kraft warf der Fürst den Körper des verwundeten Mahratten auf seine Schultern und sprang nach dem Dickicht. Ein gellender Pfiff – in kurzer Entfernung beantwortet von einem rauhen Wiehern. Das Antlitz, das der Nena nach dem Kampfplatz zurückwandte, spiegelte den Triumph zermalmender Rache über die zarten Gefühle der Liebe, über die Trauer und den Schmerz um Margarethe. Die Hand schwang drohend die Axt empor. »Tod den Faringi!« Das Geröhr und die Büsche des Dschungels schlossen sich hinter ihm und seiner blutigen Last. Maharani Margarethe Melodien aus Meyerbeers ›Prophet‹ rauschten durch den goldenen Saal des Fürstenschlosses zu Bithur; ein Preuße, der Berliner Damerow, dirigierte die englische Militärkapelle, die er sich mühsam, fern vom Boden des Vaterlandes, in Indien geschaffen hatte. Ein buntes Gewühl von glänzenden Uniformen, kostbaren Abendkleidern und orientalischen Trachten erfüllte den weiten, prächtigen Saal. Sieben Monate waren vergangen seit der Nacht, da Nena Sahib ein Thug geworden war. Der Palast von Bithur hatte seine Tore längst wieder dem leichten Volk der Schmeichler und den stolzen Gebietern des Landes geöffnet. Seit dem Abend, an dem die beiden Offiziere auf Befehl des kommandierenden Generals von Khanpur den flüchtigen Sikhprinzen im Bangalo Nena Sahibs suchten, hatte kein Engländer mehr die Gattin des Maharadscha erblickt. Der Fürst war am andern Tag in Khanpur erschienen, um bei den Behörden strenge Verfolgung der Bheels zu verlangen, von denen nach seiner Anzeige viele zur Sekte der Phansigars gehörten. Ihren räuberischen Streichen schrieb er nun doch noch die Entführung und die Vergiftung zu, die Margarethes Verstand und Gedächtnis zerstört hatten. Der ehrliche Zorn General Wheelers, unterstützt durch den Eifer des Residenten, der jeden Verdacht von sich ablenkte, hatte die schärfste Untersuchung gegen die in den Dschungeln von Dscheddahgoor gefangenen Bheels eingeleitet. Aber die Männer leugneten trotzig jede Teilnahme an dem Raub der Irländerin und an der Flucht des Prinzen von Lahore. Mit indischem Schicksalsfanatismus gingen sie in den Tod, als man zur Beruhigung des Maharadscha ohne weiteres eine Anzahl von ihnen zum Galgen verdammte. Das öffentliche Mitgefühl für die Maharani, die sich auch in ihrem Glück nie der besonderen Freundschaft der hochmütigen Engländerinnen erfreut hatte, war seitdem geschwunden. Man begnügte sich um so leichter mit der Auskunft, daß sie noch immer leidend sei, als der Maharadscha bald darauf die bisherige Abgeschlossenheit aufgab und die frühere verschwenderische Gastfreundschaft wieder aufnahm. Das heutige Fest galt der Anwesenheit eines wichtigen Mitglieds des Großen Rates von Indien, Sir Lytton Mallingham, der in Khanpur war, um mit dem Maharadscha persönlich in einer wichtigen Angelegenheit zu unterhandeln, die Nena Sahib bei dem obersten Gerichtshof der Company anhängig gemacht hatte. Es handelte sich um die durch wichtige Dokumente unterstützte Forderung auf Anerkennung seines Erbrechts an dem Nachlaß seines in England verstorbenen Verwandten Dyce Sombre. Der Gouverneur von Audh, Sir Thomas Lawrence, mit einem großen Teil der Offiziere der Garnison vor Lucknow, General Wheeler und seine Familie und viele eingeborene Fürsten und angesehene Personen hatten der Einladung zu dem Fest Folge geleistet, ohne zu wissen, daß es eigentlich den Charakter diplomatischer Verhandlungen trug. Sir Lytton Mallingham begleitete seine zweite Gemahlin. In dem glänzenden Äußeren, dem stolzen, hochmütigen Auftreten und der Beherrschung ihres Gemahls hätten wohl nur wenige die demütige Gesellschafterin der toten Lady Helene wiedererkannt. Sie, die sonst an den Augen, an den Launen ihres Gebieters zu hängen schien, galt jetzt als die Königin des Festes. Die britischen Damen bedachten sie mit hundert Beweisen der Freundschaft und Zuvorkommenheit. Ältere und jüngere Offiziere huldigten ihrem Geist und ihrer Schönheit. Ein Kreis kluger und schöner Frauen umgab sie: Editha Highson, die Nichte, und Miß Julia Wheeler, die Tochter des Generals, die reizende Miß Soldie, Mrs. Dorin, die Gattin des Kommandierenden vom 10. Audher irregulären Infanterieregiment, Lady Inglis, bekannt durch ihr Tagebuch über die Belagerung Lucknows, Mrs. Bryson, Miß Palmer, die Tochter des Obersten vom 48. Regiment, die Frau des Oberst Case und viele andere. Unter den Männern, die diesen Kreis der Frauen in ernstem und heiterem Geplauder umstanden, befanden sich Kapitän Hayes, Major Gall, Leutnant Grant, Kornett Raleigh, Farqueharson, der tapfere Longueville Clarke, die Kapitäne Orr, Folton, Farquson, Major Anderson, Kapitän Graydon, Weston, Sinclar, Francis, Ramsay und der Brigadier Inglis Die Namen sind aus dem indischen Aufstand 1857 als die der Verteidiger der Hauptstadt von Audh bekannt. . Aber nicht das Abendland, das stolze und mächtige Britannien allein, hatte in die goldenen Säle des Maharadscha von Bithur seine Gäste entsandt; auch das Heimatland Indien war vertreten. Vor allem waren es zwei Frauen, die die allgemeine Aufmerksamkeit fesselten. Die eine war die Rani von Dschansi, hervorragend durch ihre kühne, stolze Schönheit; die andere die Begum von Audh, die Gattin des von der Company entthronten Monarchen, der in Kalkutta in einer ›höflichen‹ Gefangenschaft gehalten wurde. Viel zu wenig hatten die Briten mit dem Geist und der Tatkraft der indischen Frauen gerechnet. Sie waren gewohnt, nur Geschöpfe untergeordneten Ranges in ihnen zu sehen, die mit Haremsränken, mit Eitelkeit und Sinnenlust ihr Leben verbrächten und leicht zu beherrschen seien. Das Beispiel der großen Begum von Somroo hätte sie eines anderen belehren sollen. Wenn auch erzogen in herkömmlicher Abhängigkeit vom Mann, unterscheidet die Frauen Indiens doch vieles von der weiblichen Bevölkerung anderer Teile Asiens. Der beste Beweis für die wichtigere und freiere Stellung der Frauen in Indien ist der Umstand, daß sie nach der uralten Sitte des Landes berechtigt sind zur Regierungsfolge. Nur selten tritt bei der Minderjährigkeit eines eingeborenen Thronerben eine männliche Vormundschaft ein, wenn die Witwe Mut und Kraft genug hat, die Zügel der Regierung zu übernehmen. Wo keine männlichen Erben vorhanden sind, erbt die Frau, die Mutter oder die Tochter die Gewalt, und das Heer stellt sie jubelnd an seine Spitze. In der vertriebenen Fürstin von Lahore, der Rani von Dschansi, und der Begum von Audh sollten der britischen Herrschaft die gefährlichsten Gegner erwachsen. Die Begum von Audh war eine stolze, volle Erscheinung. Ihr fleischiges Gesicht zeigte den Ausdruck scharfen Verstandes und einer gewissen Schlauheit. Sie war mit großer Pracht gekleidet, doch weniger amazonenhaft als die Rani von Dschansi, die zum Zeichen ihrer Würde als Gebieterin über tapfere Krieger einen goldenen, reich mit den kostbarsten Steinen besetzten Säbel an der Seite und auf ihrem Turban einen hohen, durch eine Brillantagraffe gehaltenen Strauß von Reiherfedern trug. Um diese schöne und kühne Frau hatten sich die englischen Offiziere gesammelt, die damals die Tigerjagd an den Grenzen von Gwalior mitgemacht hatten. Nur Mowbray fehlte in ihrem Kreis. Die Spitzaxt des Nena hatte dem Vertrauten der Tyrannei des Residenten über Leib und Seele unzähliger Frauen und Männer ein Ende gemacht. Resident Rivers bewegte sich mit der frechen Sicherheit und dem Übermut der Macht in der Gesellschaft. Das Ausbleiben jeder Anklage des Nena und der Bericht seiner Spione hatten ihm die Gewißheit gegeben, daß die Maharani Margarethe in der Tat um fähig geworden war, durch ihre Aussage Verdacht gegen ihn zu erwecken. Freilich war es seinen sorgfältigsten Nachforschungen nicht gelungen, eine Spur ihrer Entführer aus dem Gefängnis zu entdecken. Der Maharadscha begegnete ihm mit schmeichelnder Höflichkeit. In seiner gebieterischen Weise machte Rivers der Rani von Dschansi den Hof, auf deren Eroberung sein Ehrgeiz hohe, weitgehende Pläne gebaut hatte. Mehr als einmal geschah es in der Geschichte des ostindischen Reiches, daß ein Engländer die Witwe oder Tochter eines indischen Fürsten heiratete und dadurch auf den Thron eines jener vielen kleinen Reiche erhoben wurde, denen die Company unter dem Namen von Schutzstaaten einen Schein von Selbständigkeit gönnte. Diese Pläne waren es, die Major Rivers bewogen hatten, vielen sonst gewiß nicht von der Company geduldeten Handlungen der Rani seinen Schutz zu gewähren. Die Bewerbungen des Residenten um die fürstliche Witwe waren in der letzten Zeit offener hervorgetreten und begannen, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Sein Benehmen drückte die übermütige Gewißheit des Sieges aus. Er stand plaudernd neben dem Diwan, auf dem die Rani Xaria lehnte. In seinen Zügen lag ein boshafter Triumph, als er den Offizier bemerkte, den sein Instinkt ihm als Nebenbuhler bezeichnete. An einem der Spiegelpfeiler in der Nähe, halb von einem Boskett blühender und wohlriechender Blumen verborgen, stand Kapitän Delafosse im Gespräch mit Major Maldigri, dem Befehlshaber der Leibwache der Fürstin von Dschansi. Eine tiefe, glühende Leidenschaft hatte sich des Kapitäns seit jenem Tag, als er sich in die Flammen stürzte, um dem Scheiterhaufen seine Beute zu entreißen, unabweisbar bemächtigt. Vergeblich war er bemüht gewesen, sein Wort zu lösen, Edward O'Sullivan ein Rächer, seiner Schwester ein Retter zu werden. Der Dienst rief ihn zurück nach Lucknow, ehe es ihm gelungen war, irgendeine Spur der Vermißten und des an ihr verübten Verbrechens zu entdecken. Er hatte mehrfach die Gelegenheit benutzt, mit dem angeblichen Sardinier, Major Maldigri, in brieflichem Verkehr zu bleiben und das unter so seltsamen Umständen begonnene Freundschaftsbündnis zu festigen. Wiederholt war er von Maldigri eingeladen worden, Dschansi wieder zu besuchen; aber die ungünstige Jahreszeit, mehr noch der Dienst als Adjutant bei General Lawrence haften ihn gehindert, dieser Einladung Folge zu leisten. Es war das erstemal, daß er die Fürstin wiedersah. Jeder Blick, den er auf sie warf, steigerte die leidenschaftliche Bewunderung. Rani Xaria zeigte stolze Ruhe. Nur einmal, als der Resident in seinen dreisten Andeutungen zu weit ging, traf ihn ihr flammendes Auge und wies ihn in die Schranken zurück. Dann setzte sie, als wäre nichts geschehen, gleichgültig ihr Gespräch mit der Begum von Audh fort. Außer den beiden Fürstinnen befanden sich noch verschiedene andere indische Frauen in der Gesellschaft, Gattinnen und Töchter der reichen Wechsler und Kaufleute, mehr oder weniger verschleiert, scheu an dem Ende des Saales zusammengedrängt. Nena Sahib und in seinem Auftrag auch Major Maldigri vermittelten den Verkehr zwischen den Vertretern der beiden Völkerschaften, den Herrschern und den Beherrschten. Maldigri hatte Lady Mallingham, seine schlaue Bundesgenossin, bei dem Auftrag, der ihm geworden war, begrüßt und sie der Rani von Dschansi vorgestellt. Ohne der Würde ihres Gemahls und dem Hochmut, mit dem die englischen Gebieter die vornehmsten Eingeborenen behandeln, etwas zu vergeben, hatte die geheime Abgesandte der Tuilerien es doch verstanden, der Fürstin auf besondere Weise zu schmeicheln, ihren männlichen Mut und ihre Schönheit öffentlich zu rühmen. Zugleich bewiesen einige ihrer versteckten Anspielungen der Rani, daß sie mit den Geheimnissen des bereits über das ganze Land verzweigten Bundes der Tschupatties oder heiligen Kuchen wohl vertraut sei und man auf ihren Beistand zählen könne. Ein Tanz war soeben beendet; die Unterhaltung wogte aufs neue durch den Saal. Die Schar der in kostbare Tracht gekleideten Dienerschaft des Maharadscha, zum Teil Schwarze, eilte umher, den Gästen den Sangarih, den eisgekühlten Scherbet, Zuckerwerk und köstliche Früchte zu reichen. Die großen Türen und Fenster des prächtigen Saales waren zum Teil geöffnet. Warme Luft und balsamische Düfte strömten aus dem Garten herein, der im Feuerschein unzähliger bunter Lampen und chinesischer Ballons strahlte. Die Wasser der Springbrunnen blitzten wie bunte Diamanten. Ein zweites Orchester, unter Blumengruppen versteckt, wechselte in süßen Harmonien mit den lustigen Klängen der Musik, die aus dem Saal niederrauschte. Lustwandelnde Gäste füllten die Veranden, stiegen die breiten Marmortreppen auf und nieder und bewegten sich durch die lange Reihe der prächtigen Gemächer. In einem der beiden Flügel, die das offene Viereck des Gartens begrenzten und sich nach dem Wohnbangalo des Maharadscha erstreckten, barg die Hinterwand eine um mehrere Stufen erhöhte, mit kostbaren Vorhängen verschlossene Bühne. Bei den Festen des Maharadscha gaben gewöhnlich chinesische Schauspieler oder Bajaderen in den Tanzpausen Vorstellungen. Die Einrichtung der Bühne ließ glauben, daß auch diesmal ähnliche Unterhaltungen der Gäste vorbereitet seien. Aber der Vorhang war mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt geschlossen, und zwei schwarze Diener auf beiden Seiten wiesen die Schaulust der Neugierigen zurück. Wie in den Räumen, die seinen vornehmen Gästen gewidmet waren, zeigte sich die verschwenderische Gastfreundschaft des Nena auch auf den von der Dienerschaft der Fremden und der herbeiströmenden Bevölkerung eingenommenen Plätzen. Große Feuer brannten vor der Front des Palastes auf der Landseite. Feuerbecken mit berauschendem Harz sandten Wolken duftigen Rauches aus. In dem offenen Erdgeschoß des prächtigen Gebäudes drängte sich die Schar der Diener, der Seyces, Pferdeknechte und Palankinträger. Auf den langen Tafeln waren Lebensmittel und Getränke aller Art für Europäer, Hindu und Mohammedaner aufgestellt, daß jeder nach den Bräuchen seines Glaubens und den Bestimmungen seiner Kaste davon Gebrauch machen möge. Besonders beauftragte Diener verteilten Gaben an Bettler und Arme, damit sie die Freigebigkeit des Maharadscha preisen und für sein Glück beten sollten. Gaukler und Tänzer hatten an verschiedenen Stellen ihre wandernden Schaubühnen aufgeschlagen und belustigten mit ihren Künsten die Menge. Märchenerzähler hatten Kreise gläubiger Zuhörer um sich gesammelt, und fahrende Sänger deklamierten die Verse des Hafis oder die tausend Wunder der Kadambari. Der Gebieter aller dieser Herrlichkeiten schritt lächelnd, höflich und mit undurchdringlicher Maske über seinem Innern durch die glänzenden Räume. Der Nena trug die indische Tracht, und sein Anzug strahlte von Diamanten und Juwelen, die den Neid und den Wunsch mancher europäischen Schönheit erregten. Seine Stirn war glatt, sein Auge heiter und aufmerksam. Selbst der schärfste Beobachter hatte in diesem blassen Gesicht nicht die geringste Spur der Leiden und Leidenschaften gefunden, die sein Inneres erfüllten. Mit den Offizieren plauderte er von seinem Lieblingsthema, dem Sport, oder er verabredete mit ihnen eine Jagdpartie. Mit der vollendetes Art eines Kavaliers reichte er einer Dame die duftende Rose, die er soeben vom Zweig gebrochen hatte. Immer war er aufmerksam, zuvorkommend, ganz seiner Fürsorge für seine Gäste hingegeben. Aber immer waren es die europäischen Gäste bis zum unbedeutendsten Fähnrich herab, denen er fast ausschließlich seine Höflichkeit widmete. Nur wenn der eine oder andere der Engländer selber einen Hindu oder eine Hindostani ins Gespräch zog, oder wenn es unbedingt seine Pflicht als Wirt erforderte, beschäftigte er sich mit seinen Landsleuten. Vor allem waren es der Baronet und die beiden Residenten von Lucknow und Khanpur, denen er seine Aufmerksamkeit und seine Zeit zu opfern bemüht war. Eine Gruppe der hohen Offiziere und Beamten stand an einer Tür der äußeren Veranda in der Nähe der Lady Mallingham. Der Baronet hatte seiner Gemahlin soeben einen Herrn vorgestellt, dessen Kleidung zeigte, daß er der englischen Geistlichkeit angehörte. »Euer Hochwürden«, sagte der Rat, »haben mir eine große Freude gemacht, daß Sie mich trotz Ihrer Ermüdung von der Reise noch diesen Abend aufgesucht haben. Die Nachrichten von Kalkutta sind von hoher Wichtigkeit für uns alle. Denn wenn ich auch keineswegs die Besorgnisse einiger ängstlicher Gemüter hege, die Spuren törichter Unzufriedenheit und religiösen Eigensinnes, die sich unter einigen Sepoyregimentern gezeigt und sogar Verbrechen erzeugt haben, könnten von Bedeutung werden, so wird es doch immer beruhigend sein, wenn die Regierung straffe Maßregeln zur Unterdrückung solcher Anzeichen ergriffen hat.« »Wann haben Euer Hochwürden Kalkutta verlassen?« fragte Lady Mallingham. »Am Achten, Mylady. Da ich allein reise, machte ich den Weg ziemlich schnell und ohne Aufenthalt bis Allahabad auf dem Dampfer. Ich hoffe, in fünf bis sechs Tagen in Delhi bei den Meinen einzutreffen; denn ich muß gestehen, ich teile die Ansicht Ihres Herrn Gemahls über die Bedeutungslosigkeit der letzten Vorgänge nicht ganz.« »Sind neuere, wichtigere Ereignisse in Kalkutta bekannt, Sir?« Der Fragende war General Sir Henry Lawrence, der Gouverneur von Audh, ein Mann nahe an die Sechzig, von hoher Gestalt. Sein lockiges, blondes Haar, stark mit Grau gemischt, umgab die knochige Stirn, das Gesicht war hager, Mund und Kinn durch einen dick und lang herabfallenden Schnauz- und Knebelbart bedeckt. Die tief in den Höhlen liegenden Augen schienen auf den ersten Blick einen finsteren, strengen Ausdruck zu haben. Bei näherer Betrachtung aber ergab es sich, daß dieser Ausdruck mehr schwermütig war. »In Barakpur und Burampur haben aufs neue zwei Sepoyregimenter den Gehorsam verweigert«, berichtete der Geistliche, »unter Wiederholung des Vorgebens, daß die Patronen für die neu eingeführte Enfieldbüchse mit Rinder- und Schweinefett bestrichen worden seien. Man hat den Soldaten vergeblich erklärt, daß sie sich im Irrtum befinden und daß die Patronen nur in eine Mischung von Öl und Wachs getaucht seien. Es ist eine traurige Erfahrung, Exzellenz, daß die Unwissenden und Ungebildeten, wenn sie sich einmal dem Verdacht hingegeben haben, schwer davon abzubringen sind. Überdies fürchte ich, man hat sich kaum die Mühe gegeben, ihnen Beweise zu liefern, die sie von ihrem Irrtum überzeugen konnten. Man hat ihnen befohlen, zu glauben, und – mit einem Befehl schafft man den Glauben nicht um.« »Aber was hat man mit den Widerspenstigen getan?« fragte General Lawrence. »Zwei Regimenter sind gänzlich aufgelöst und die Sepoys in ihre Heimat zurückgeschickt worden, das Schlimmste, was diesen Menschen geschehen kann.« »Das ist eine Maßregel, die ich nicht billigen mag«, erklärte heftig der Gouverneur von Khanpur. »Mit solchen Schritten verbreitet man nur eine Schar unzufriedener Müßiggänger in den Provinzen, die entwöhnt sind, sich ihren Unterhalt auf andere Weise zu erwerben, und zum Landstreichen und zur Wegelagerei greifen. Wir haben solches Gesindel genug in diesem Land und haben hier schon ähnliche Vorgänge gehabt, aber –« »General Wheeler hat es verstanden, durch rechtzeitige Strenge die törichten Beschwerden zu unterdrücken und die Sicherheit des Landes aufrechtzuerhalten«, unterbrach eine fremde Stimme die Rede. Der Maharadscha hatte sich der Gruppe unbemerkt genähert und begleitete seine Worte mit einer höflichen Verbeugung gegen den General. »Sie haben recht, Hoheit«, entgegnete General Wheeler. »Strenge beizeiten hindert oft argen Schaden nachher. Wir können darin von unserem großen Feind Napoleon lernen, der bei den ersten Zeichen eines Aufstandes in Paris mit Kartätschen feuern ließ und seinem Bruder Joseph auf die Besorgnis, daß hundert Menschen das Opfer sein könnten, erwiderte, er rette tausenden damit das Leben!« »So haben sich auch hier Spuren der Aufregung unter den Sepoys gezeigt?« fragte eifrig der Geistliche. »Die Gebräuche dieser Narren sind so hundertfach, jede Kaste hat ihre eigenen Sitten und Rechte, daß man mit dem besten Willen bei jedem Tritt dagegen verstößt. Doktor Bryce, unser lustiger Arzt vom Einundsiebzigsten, den Sie dort bemüht sehen, die Witwe eines reichen Babu zu einer Polka zu überreden, hatte die von ihm verschriebene Medizin eines kranken Brahmanensoldaten gekostet. Der Narr starb lieber, als daß er den durch die Christenlippen verunreinigten Heiltrank nahm, und seine Kameraden erhoben ein großes Geschrei deshalb.« »Und was taten Euer Exzellenz?« »Ich ließ den Hauptschreier, einen gewissen Mungul Pandy, im Bangalolager zur Warnung aufhängen«, entgegnete der alte Offizier heftig. »Gewiß, ich tat recht, denn der Gehorsam muß aufrechterhalten werden, möge man sonst so nachsichtig über die Inder denken wie möglich.« Die Erwähnung des harten Urteils verursachte eine augenblickliche Stille, die erst durch die Stimme des Maharadscha unterbrochen wurde. Es klang ein leichter Spott darin. »Euer Exzellenz haben ganz das rechte Mittel gewählt; bei Halbbarbaren, wie meine Landsleute es sind, können nur die Gewalt, der Strick oder die Kugel Gehorsam erzwingen. Für die Treue der Sepoys von Khanpur und Bithur stehe ich deshalb ein. Indes hätten Euer Exzellenz meiner Ansicht nach noch einen Schritt weitergehen sollen. Dieser Mungul Pandy hat einen Bruder – warum hat man ihn nicht gleichfalls gehängt?« »Aber er hatte ja nichts verbrochen, soviel ich weiß.« »Was tut das? Dasselbe böse Blut fließt auch in seinen Adern. Doch darf ich Euer Exzellenz bitten, mich mit dem Sahib Dechanten bekanntzumachen?« »Verzeihen Sie, Hoheit, daß ich es versäumte«, sagte der General, etwas betroffen über den versteckten Vorwurf, den er erhalten hatte. »Erlauben Sie mir. Sie unserm gastfreundlichen Wirt vorzustellen, Sir. Seine Hochwürden der Dechant von Delhi, Master Richard Hunter, auf der Rückreise von Kalkutta begriffen, ist uns hierher gefolgt, um uns Nachrichten aus der Hauptstadt zu bringen.« Der Nena begrüßte den Gast mit der ausgesuchtesten Höflichkeit. »Der Ruf der Frömmigkeit des ehrwürdigen Herrn ist in ganz Indien bekannt – gleich dem der Milde und Menschenfreundlichkeit seiner Gemahlin. Darf ich fragen, ob Mylady Sie begleitet?« »Meine Gattin«, entgegnete der Dechant, »ist in Delhi zurückgeblieben. Ich wollte sie den Anstrengungen der weiten Reise nicht aussetzen, da sie leidend ist. Entschuldigen Sie, Hoheit, daß ich, auf den Ruf Ihrer Gastfreundschaft vertrauend, die Wunder des Palastes von Bithur mit eigenen Augen schauen wollte und meinen Landsleuten hierher gefolgt bin. Ich sehe, man hat mir nicht zuviel gesagt; alles, was dies gesegnete Land an Edlem und Glänzendem aufzuweisen hat, ist hier vereinigt.« »Wenn ich mich recht erinnere, hochwürdiger Herr«, warf General Wheeler ein, »genoß ja auch Leutnant Sanders, mein Adjutant, mit meinem Neffen Pond das Glück Ihrer Erziehung und Ihrer Begleitung aus dem Mutterland?« »Der Wunsch, ihn wiederzusehen, ist mit eine der Ursachen, die mich die Gastfreundschaft des Fürsten in Anspruch nehmen ließen. Wir haben in Italien Gefahren gemeinsam bestanden, und ich habe mit Freuden gehört, daß er einer noch schlimmeren glücklich entgangen ist und sogar das Glück gehabt hat, Euer Exzellenz Familie einen Dienst zu leisten.« »Ganz recht! Sie meinen das geheimnisvolle Abenteuer mit den Thugs. Nun, der junge Herr hat sich den Dank selber genommen. – Alfred«, rief er seinem vorübergehenden Sohn zu, »suche Leutnant Sanders und bringe ihn mit Editha hierher! Ein lieber Freund erwartet ihn. Wenn sich in den Depeschen des Generalgouverneurs, die Sie uns mitgebracht haben, ehrwürdiger Herr, vielleicht die Ernennung Ihres Zöglings zum Kapitän finden sollte, können Sie gleich bei uns bleiben, um die Trauung des Paares zu vollziehen.« »Wie, Sir, Leutnant Sanders und –« »Wir feiern heute, wie Sie sehen, auf sehr glänzende Weise seine Verlobung mit Miß Highson, meiner Nichte.« »Ich vermag Sanders nicht zu finden, Vater«, berichtete der junge Wheeler. »Das Gedränge ist zu groß.« »So will ich Sie unterdes unserem Wirt übergeben, damit er Sie mit den indischen Würdenträgern unseres Kreises bekannt mache. Die Begum von Audh und die kecke Amazone von Dschansi sind Personen, die Sie vielleicht interessieren werden.« Der Maharadscha verstand den Wink, daß die Generale ihre Unterhaltung mit dem Rat fortzusetzen wünschten, und führte den Dechanten nach dem andem Ende des Saales, um ihn den Fürstinnen vorzustellen. Editha Highson war am Arm des Geliebten nach dem Tanz eine der breiten Marmortreppen hinunter nach dem Garten gestiegen, um die Kühle der frischen Luft zu genießen. Allem unter den Hunderten mit sich und seinem Glück, wandelte das junge Paar durch die duftenden Büsche, zwischen dem Lichterspiel bunter Lampen und Becken wohlriechenden Feuers, und suchte die Einsamkeit, um den Scherzen und Neckereien der Freunde und Freundinnen zu entgehen. »Editha«, sagte Stuart Sanders, zärtlich den Arm der Geliebten an sein Herz drückend, »wie glücklich macht mich dieser Tag! Wer von uns beiden hätte geglaubt und gehofft, daß uns noch sonnige Tage des Glückes geschenkt würden, daß jener Kerker, in dem wir uns zuerst sahen, uns den Himmel der Liebe öffnen würde!« Sie waren im Gespräch an die Myrtenwand gekommen, hinter der das eherne Gitter den einsamen und dunklen Garten des Bangalo von dem glänzend erleuchteten Park des Palastes schied. Von dem Wunsche getrieben, der rauschenden Festlichkeit zu entfliehen, legte sich die Hand des Offiziers auf den Griff des Schlosses – die Tür gab nach und öffnete den Eingang in die einsamen Alleen und Blumengruppen des zweiten Gartens. »Editha«, bat Sanders, »lassen Sie uns einige Augenblicke dem Geräusch dieses Festes entgehen und unserm Glück leben. Kommen Sie unbesorgt, der Nena ist unser Freund; wir begehen keine Unbescheidenheit.« Er zog sie mit sich fort. Sie wandelten schweigend Hand in Hand durch die Gänge, bis das leise Plätschern des Sprinbrunnens sie anzog. Sie ließen sich auf eine Rasenbank im Schatten duftiger Jasminbüsche nieder. Der Trubel des Festes, durch die Entfernung gemildert, drang verworren zu ihnen herüber. Ihre Hand drückte leise die seine – so saßen sie, ohne zu bemerken, daß eine andere Gestalt ihre Einsamkeit störte. Ein Mann in der Tracht eines indischen Vabu war ihnen schon lange gefolgt und hinter ihnen durch die Tür in den Garten des Bangalo eingetreten. In den weiten indischen Mantel gehüllt, stand der Fremde hinter dem Stamm einer alten Zypresse verborgen. Jedes Wort der Liebenden drang zu seinem Ohr. »Ich weiß es nicht, woher es kommt«, sagte Editha traurig. »Ich sollte froh und glücklich sein, und dennoch lastet es drückend auf meinem Herzen. Ist es das Gefühl, daß alles Glück des Menschen auf Erden doch nur vergänglich ist? Ist es die Ahnung eines neuen Unheils? – Ich weiß es nicht! Aber ich habe, seit ich in diesem Land bin, noch nie eine rechte frohe Stunde gehabt. Ein unerklärliches Gefühl flößt mir Angst ein vor den Bewohnern dieses Landes. Ich war gewohnt, unter freien Menschen zu leben, nicht unter Sklaven und ihren Gebietem. Es liegt etwas Furchtbares in diesen Verhältnissen, die mir vorkommen wie der üppig grünende Boden eines Vulkans, den das unterirdische Feuer in jedem Augenblick zerreißen kann.« »Was kümmem uns diese Verhältnisse, teure Editha«, rief Sanders. »Ihr Geist, noch befangen von den Schreckensszenen, wird durch die Nachricht von Unruhen, wie sie alle Augenblicke unter diesem Gesindel vorkommen, aufs neue geängstigt. Verbannen Sie jede Furcht! Keine Gefahr bedroht uns mehr, nur glückliche, sonnige Tage liegen vor uns. Was kümmern Sie und mich die Verhältnisse dieses Landes? Wir haben sie nicht gemacht und müssen sie nehmen, wie sie sind. Meine Liebe wird Ihnen in der neuen Heimat das Haus bauen und Sie alles andere vergessen machen.« Ihre sanften blauen Augen wandten sich fragend auf ihn. »Und ist diese Liebe auch wirklich so groß? Haben nicht bloß die Gefahr und der ritterliche Mut, der Sie antrieb, mich zu schützen, Ihr Herz geöffnet?« »Zweifeln Sie in dieser Stunde?« »Eben in dieser Stunde noch möchte ich offen mit Ihnen sprechen, Stuart, über eines, das schon lange schwer auf meiner Seele liegt. So schlicht und einfach mein Herz ist, verlangt es doch in der Liebe alles. Erinnern Sie sich der Erscheinung am Ufer des Ganges – bei dem Fest der Lichter?« Der Offizier schwieg. »Ich erinnere mich«, sagte er endlich leise. »Ein zufälliges Ereignis, das Sie erschreckte...« Edithas Hand lag auf der seinen. »Nein, Stuart, lassen Sie uns wahr und aufrichtig gegeneinander sein! Die Frau, die unser Spiel unterbrach – Sie kannten sie...« Er wich ihrem Blick aus und wandte das Gesicht ab. »Kein Geheimnis darf zwischen uns sein, Stuart – sagen Sie es mir, die Hindufrau war...« »Anarkalli!« »Anarkalli – die Tänzerin! Ich ahnte es! Sie sind stets der Erwähnung dieses Namens ausgewichen, wie schwer er auch schon in unser Leben eingegriffen hat. Stuart, um unseres künftigen Glückes willen – sagen Sie mir alles! Sie liebten diese Frau, Sie kennen sie noch – hat sie vielleicht heilige und ernste Rechte auf Sie?« »Wie können Sie meine Liebe zu Ihnen mit solcher Verbindung vergleichen, die der Leichtsinn des Mannes unter diesem heißen Himmel für kurze Zeit mit einer indischen Bajadere schließen mag? Anarkalli ist meinem Herzen nichts, und nie werde ich sie wiedersehen.« »Aber Sie folgten ihr. Sie vertrauten ihrem Schutz, ihrer Hilfe das eigene Leben an!« »Es war der einzige Weg, ihren Beistand auch Ihnen zusichern, Editha!« »Und kein Versprechen, keine Verpflichtung bindet Sie? Als Ihre Verlobte habe ich das Recht, danach zu fragen.« »Was denken Sie von mir, Editha? Anarkalli hat nie Anteil an meinem Herzen gehabt, und ihr Gewerbe ist zu verächtlich, um Ihnen auch nur einen Gedanken der Sorge zu machen. Mögen wir nie wieder von ihr hören! Ihnen allein, Editha, gehört meine Liebe und hat sie vom ersten Augenblick an gehört, da mich das Schicksal in Ihre Nähe führte!« »Meineidiger Faringi! Lügner mit der gespaltenen Junge und dem schwarzen Herzen voll Undank und Trug!« unterbrach eine tiefe, zürnende Stimme seine Beteuerungen. Wie aus der Erde erstanden, erhob sich eine dunkle Gestalt vor ihnen. Sie warf den Feredschi zurück, und das Halbdunkel der Sommernacht zeigte die leidenschaftlich erregten Züge, die flammenden Augen Anarkallis, der Bajadere. Mit einem Schrei des Entsetzens faßte die Engländerin den Arm ihres Begleiters und drängte sich an ihn. Aber sie fühlte, daß sein eigener Körper erbebte. Als ihr Auge sich von der gefürchteten Inderin auf den Mann ihrer Liebe wandte, sah sie, daß sein Gesicht bleich, sein Auge unstet war. Die Tänzerin lachte grell auf. »Die Bhawani sendet die Pfeile ihrer Rache in die Brust des Hindumädchens, das die Opfer ihrem Altar entzog. Fluch meiner Torheit, die glauben konnte, in dem Herzen eines weißen Mannes wohne die Dankbarkeit! Bleiches Mädchen mit den Haaren von rotem Gold, du fragst, ob Anarkalli ein Recht hat auf diesen Mann? Sieh in sein Antlitz, das sich von Scham erfüllt von der wendet, die ihm mehr als ihr Leben geopfert hat, tausendmal mehr, als du ihm geben konntest; denn sie gab ihm ihre Seele und lud den Fluch ihrer Götter auf sich zu ewigem Verderben!« »Fort von mir. Freche!« rief Sanders. »Ich will nichts zu tun haben mit der Genossin blutiger Thugs! Deine Höllenkünste hatten meine Sinne bestrickt, aber du selber zerrissest jedes Band, als du mich in die Hände der Mörder liefertest.« »Und wer hat dich wieder befreit?« fragte die Bajadere, sich emporrichtend. »Hast du vergessen,was du gelobtest,damit ich jene dort retten möge? Hat deine Seele keine Erinnerung mehr für die neuen Schwüre, die du geleistet hast, als nichts um uns war als die Tiefen der Erde? Als ich den Tau des Himmels für dich, den Verschmachtenden, sammelte und dich mit meinem Leibe schützte vor den Kugeln der Feinde? Dreimal rettete ich dein Leben, und als deine Seele, undankbarer Christ, es nicht ahnte, stand Anarkalli zwischen dir und dem Tod. Wagst du zu leugnen, daß du geschworen hast, mir, mir allein zu gehören?« Der Offizier schaute finster vor sich hin, ohne zu antworten. »Was hat die Faringi getan, das sich mit Anarkallis Liebe messen könnte? Ist meine Farbe auch die der heißen Sonne, mein Herz ist rot wie das des stolzesten Christenmädchens. In meinen Adern fließt das Blut der alten Fürsten dieses Landes. Treuloser Faringi, ich warne dich! Die Hand der Bhawani ist über dir. Anarkalli allein vermag dich zu retten. Gib es auf, das blasse Weib, und fliehe mit der, die dich mehr liebt als ihr Leben, der du gehörst für jetzt und immer!« Sie hatte seinen Arm ergriffen und wollte ihn fortziehen. Er suchte sich mit Gewalt von ihr zu befreien. »Fort von mir. Unverschämte! Deine Frechheit hebt jeden Dank auf, den ich dir schulde! Wage es nie wieder, mir nahezutreten!« »So soll die Schlange, die ich um deinetwillen rettete, auch das erste Opfer meiner Rache sein!« schrie die Bajadere. Ein Dolch funkelte in ihrer Hand, als sie sich auf die halb ohnmächtige Editha stürzte. Der Angriff des wütenden Weibes war so heftig, daß der Offizier seine Verlobte nicht zu retten vermocht hätte. Aber ein anderes Auge, eine andere Hand wachte über Editha. Mit der Schnelle des Blitzes hatte sich der fremde Mann in Hindukleidung, der dem Paar aus dem Gewühl in die Einsamkeit gefolgt war, zwischen die Engländerin und die Bajadere geworfen und den Arm Anarkallis mit kräftiger Faust gefaßt. Unter ihrem gewaltigen Druck fiel die drohende Waffe klirrend zu Boden; ein kräftiger Stoß schleuderte die Bajadere zurück. »Wahnsinnige!« »Wahnsinniger du selber!« zürnte die Tänzerin in hindostanischer Sprache. »Was entziehst du die Falsche meiner Rache? Der Engel der Vernichtung schwebt über ihnen allen! Ich sage dir, ihr, die du beschützt, wäre besser gewesen, mein Dolch hätte ihr Herz durchbohrt!« Sie wandte sich noch einmal drohend zu dem Paar. »Verfluchte«, rief sie, »ehe Surya sein Angesicht schaut in dem Spiegel des heiligen Flusses, wird meine Rache dennoch gesättigt sein. Denkt an Anarkalli, die Betrogene, wenn der schwarze Jammer über euch ist!« Sie war in den Gebüschen verschwunden. Sanders, der die ohnmächtige Braut in seinen Armen hielt, rief: »Wer Sie auch sein mögen, Sir – Ihre Stimme scheint mir die eines Freundes – nehmen Sie meinen Dank für die Rettung des Teuersten, das ich besitze, und stehen Sie mir bei, meine Braut von hier fortzubringen!« Ohne auf ihn zu achten, hatte der Fremde die Ohnmächtige zurück auf die Rasenbank gelehnt und Wasser aus dem Springbrunnen geholt, mit dem er ihre Schläfe benetzte. Editha atmete schwer; dann schlug sie die Augen auf und blickte verstört umher. »Was ist geschehen mit mir? Wo ist Anarkalli, die mich ermorden will? Oh, was habe ich hören müssen!« »Beruhigen Sie sich, Editha«, bat Sanders. Sie stieß seine Hand zurück. »Lassen Sie mich, Sir! Sie gehören einer anderen!« »Editha, kommen Sie zu sich! Sie werden anders denken, wenn Sie sich erst beruhigt haben.« Er versuchte, sie emporzurichten, und bot ihr den Arm. Aber wieder stieß sie ihn zurück. Ihre Augen fielen forschend auf den Fremden. »Sie sind es, Sir, der mich vor dem Dolch der Rasenden schützte. Wer sind Sie?« Er nahm den falschen Bart, den er um Lippen und Wangen trug, ab. »Ihr Freund, Miß Editha!« »Doktor Clifford?« Der Ruf freudigen Erstaunens tönte zugleich von beider Lippen. Walding – den sie nur als Clifford kannten – reichte ihnen stumm die Hand. »Aber wo kommen Sie her, mein Freund und Retter, in dieser Verkleidung?« fragte der Leutnant. »Seit Sie nach der Untersuchung über die Flucht des Sikhprinzen Khanpur verließen, haben wir nichts wieder von Ihnen gehört.« »Doch glauben Sie nicht«, sagte Editha warm, »daß wir Sie vergessen haben. Sie hatten recht, als Sie sich meinen Freund nannten. Ich habe nie einen edleren und aufopfernderen gekannt!« »Und ich – Editha?« fragte Stuart Sanders betroffen. Der Arzt fühlte Edithas ganzen Körper erbeben. Sie brach in Tränen aus und lehnte sich weinend an die Schulter Waldings. »Der leidenschaftliche Zorn dieser Frau hat Sie verletzt; Sie werden ruhiger denken über das, was Sie hörten, und vergeben, wenn – Sie Zeit dazu behalten!« tröstete er sie, selber erschüttert. Flüsternd setzte er hinzu: »Um Ihrer selbst willen, geben Sie mir Gelegenheit, Sie allein zu sprechen!« Editha hatte sich zu fassen gesucht und die Tränen getrocknet. »Gehen Sie, Sir!« sagte sie zu ihrem Verlobten. »Lassen Sie mich allein unter dem Schutz dieses Freundes! Ich kann und mag in diesem Augenblick nicht zu den Heiteren und Glücklichen zurückkehren und kann ebensowenig über das mit Ihnen reden, was mir das Herz zerrissen hat. Gehen Sie und verhüten Sie, daß man mich sucht! Ich bedarf einige Augenblicke der Einsamkeit, um mich zu fassen.« »Aber ich kann Sie doch nicht hier allein lassen. So hoch ich Doktor Clifford ehre...« »Ich schwöre Ihnen«, unterbrach ihn Walding, »Miß Highson wird hier unter meinem Schutz sicherer sein als unter den Augen und dem Schutz von hundert Ihrer Waffenbrüder.« »Ich will es! Gehen Sie! Doktor Clifford wird mich in den Garten zurückgeleiten«, drängte Editha. Sanders verbeugte sich und ging, ohne noch ein Wort zu seiner Entschuldigung zu sagen. Als sie allein waren, faßte Editha beide Hände des Arztes, brach aufs neue in lautes Schluchzen aus und lehnte ihr Haupt an seine Brust. »O mein bester, mein uneigennützigster Freund! Sie, der die Unbekannte mit Gefahr seines Lebens den Händen der Mörder entrissen und mit der Zartheit einer Mutter für sie gesorgt hat – raten Sie mir! Nicht der Dolch Anarkallis bedrohte mein Glück – ihre Worte haben mich so getroffen.« »Aber sie ist eine öffentliche Tänzerin, der Schmach und Verachtung preisgegeben, ein Hindumädchen!« »Und wäre sie niedriger als der niedrigste Paria, – sie ist ein Weib, das ihn liebt, das ein Recht auf ihn hat. Nicht durch die Gefahren, denen sie sich um seinetwillen aussetzte, sondern durch den Schwur der Liebe und Treue, den er ihr leistete. – Darf das Wort eines Mannes von der Zufälligkeit abhängen, ob Gott seine Geschöpfe unter einer heißeren Sonne geboren werden ließ?« Er drückte sie, im Innersten bewegt, leise an sich. »Glauben Sie mir, Editha, Anarkalli ist mehr zu beklagen als zu verachten. – Aber lassen Sie uns hier niedersitzen, Miß 257 Highson; ich habe Ihnen Wichtiges zu sagen, und – jeder Augenblick Verzug vermehrt die Gefahr.« Sie folgte ihm erstaunt zu der Rasenbank zurück. Noch immer hielt er ihre Hand in der seinen. »Ich weiß, daß ich Ihrem Einfluß, Ihren Bitten und Ihrem Dank an mich, Miß Editha, die Niederschlagung der Untersuchung und die Entlassung aus der Haft verdanke. Der Verdacht gegen mich aber war nicht grundlos. Die Flucht des Prinzen geschah wirklich mit meiner Hilfe, und ich freue mich meines Anteils daran; denn es wird in diesem Reich von Ihren Landsleuten viel verübt, was die strafende Hand Gottes und die furchtbare Rache der Unterdrückten auf sie herniederrufen muß. – Wenn ich auch Khanpur verlassen mußte, ich habe mich viel und lebhaft mit Ihnen beschäftigt und mit – mit Freude gehört, daß Sie glücklich zu werden hofften. Jetzt aber, Editha, ist es nicht die Zeit, an Ruhe zu denken – Ihr Glück, Ihr Leben sind bedroht – mehr als von der Eifersucht Anarkallis. Sie zu schützen, bin ich hier. Ich suchte Sie diesen Abend, dem ein furchtbarer Morgen folgen wird.« »Barmherziger Gott, Sie erschrecken mich! Was ist ... was soll ...« »Fragen Sie nicht, Editha – wie damals, als ich Sie aus den Mordgewölben der Thugs führte, bindet ein Schwur meine Ehre und meine Zunge! Sie schenkten mir damals unbeschränktes Vertrauen, Editha.« »Ich vertraue Ihnen wie meinem Vater – nein«, sie errötete leicht, »wie ich meinem Bruder vertrauen würde, wenn ich einen hätte.« »Dann glauben Sie blindlings dem, was ich Ihnen sage! Sie müssen fliehen mit mir, noch in diesem Augenblick, es gilt Ihr Leben!« »Aber mein Oheim, meine Kusine, meine Landsleute, Stuart, sind sie auch bedroht – oder gilt die Gefahr mir allein?« Walding wandte schweigend das Gesicht. »Ich vermute«, fuhr die Engländerin drängend fort, »daß Sie von einem plötzlichen Ausbruch der Empörung der Sepoys sprechen, von der ich reden hörte. Sie übertreiben aber vielleicht aus Sorge für mich die Gefahr. Jedenfalls sind wir doch hier sicher.« »Täuschen Sie sich keinen Augenblick, Miß Editha! Ihre Landsleute tanzen auf dem Krater eines Vulkans.« »Entsetzlich! – Lassen Sie mich fort; ich kann sie warnen. Der Mut meiner Landsleute, die Erfahrung meines Oheims werden einen Weg der Rettung finden!« »Unmöglich! Das geringste Wort der Warnung von Ihren Lippen würde den zündenden Funken in das Pulverfaß werfen.« »Dann retten Sie die Meinen – wie mich!« »Sie allein kann ich beschützen.« »So will ich mit denen sterben, zu denen mich Gott und die Natur gestellt haben. Der Tod kann nach den bitteren Erfahrungen nicht so schmerzlich sein! – Leben Sie wohl, mein Freund, und nehmen Sie Dank für alles, was Sie mir getan haben.« Sie wollte sich erheben; aber Walding warf sich vor ihr nieder und umfaßte ihre Knie. »Ich beschwöre Sie, ändern Sie Ihren Entschluß, Editha! Sie wissen nicht, welchem furchtbaren Schicksal Sie trotzen! Zehnfach furchtbarer, entsetzlicher als rascher Tod! Der Tiger der Wildnis ist barmherzig gegen die entfesselte Wut dieser Männer! Entschließen Sie sich um meinetwillen, und folgen Sie mir!« Sie sah ihn an. Über ihre angstvollen Züge schwebte wie ein Sonnenblick im Gewittersturm ein scheues Lächeln; ihre Hand berührte leise das Haupt des Knienden. »Ich liebe Sie, Editha! Mein Herz würde sein Blut für Ihr Glück willig dahinströmen. Warum sollte ich in dieser Stunde das heilige Gefühl verleugnen, das meine Brust seit der Nacht auf Malangher erfüllt, in der Sie an meinem Herzen einschliefen? Niemals würde sonst ein Zeichen dieser trauernden Liebe Ihr Glück und Ihren Frieden gestört haben.« »Ich wußte es, Frederic! – Glauben Sie denn, daß ein Weib so lange der sorgenden Liebe des besten und edelsten Mannes anvertraut sein konnte, ohne sein innerstes Gefühl zu verstehen – und zu trauern darüber, daß sie ihm nur Dank und Freundschaft, nicht Liebe dafür zu bieten vermochte? Für Ihr Zartgefühl, für Ihr Schweigen schätzte ich Sie und halte Sie bis zum Tod für meinen treuesten Freund.« Er küßte ihre Hand und fühlte den warmen Druck. »Dann lassen Sie mich Sie schützen und retten.« »Nicht allein! Nicht ohne die, an die mich Pflicht, Liebe und Glauben fesseln. Oh, wenn Sie mich lieben, wenn wirklich so treu und mächtig die Flamme in Ihrem Herzen glüht, so suchen Sie ein Mittel, uns alle zu retten! Ich will Sie segnen – auch wenn ich als Opfer fallen müßte!« Er war emporgesprungen und preßte ringend und verzweifelnd die Hand an die Stirn. »Ich kann nicht glauben«, drängte Editha, »daß der Mann, der mich liebt, den ich so edel und treu sah, zu der Rotte gehört, die unser Leben bedroht – uns Engländer, denen sie so lange schmeichelten, deren Wohltaten sie so lange genossen. Sie sind doch unser Landsmann ...« »Der angenommene Name täuscht Sie, Editha, und jede Täuschung soll fern von mir sein. Ich bin kein Brite, sondern ein Deutscher.« »So sind Sie doch nordischen Blutes, sind unsers Glaubens! Sie haben die heilige Pflicht, zu uns zu stehen in der Stunde der Gefahr. Brechen Sie das schreckliche Schweigen, sagen Sie alles, was uns bedroht ...« »Sie haben recht, Editha, ich bin kein Genosse von Meuchelmördern, obwohl ich ein Feind der Briten bin. Aber wenn ich auch in letzter Stunde zum Verräter an dem finstern Geheimnis werden, wenn ich alles vergessen wollte, ich selber vermag nichts zu tun. – Ein Eid fesselt mich an die Feinde der britischen Herrschaft. Ich kann nur Sie retten. Sie allein, denn Sie sind ein Weib, und England ist nicht Ihr Vaterland!« »Britannien ist überall, wo seine Flagge weht! Ich bin eine Britin und werde es mit meinem Tode besiegeln. Leben Sie wohl!« Seine Hand hielt die Entfliehende zurück. Dabei fühlte er den Druck des Ringes, den er am Finger trug und den Mahe Tschund, die entthronte Königin von Lahore, ihm geschenkt hatte. »Um des Himmels willen! Vielleicht zeigt mir Gott ein Mittel der Rettung!« Editha blieb zitternd neben ihm stehen, die Augen ängstlich harrend auf ihn geheftet. »Ich wiederhole Ihnen, ich darf, ich kann nichts tun, ohne uns alle zu vernichten. Nur soviel kann ich Ihnen vertrauen, um Sie von jeder Unvorsichtigkeit abzuhalten. Kein Europäer wird dies Fest frei – ich fürchte, lebend verlassen. Die Eingeborenen-Regimenter der Garnisonen von Bithur und Khanpur sind im Begriff, sich zu empören. Deshalb hat das Fest des Nena hier fast alle Offiziere, fast alle Ihre Landsleute versammelt. Selbst wenn von Khanpur Hilfe kommen könnte, kein Bote kann es erreichen, denn alle Wege sind besetzt.« »Und alle, alle diese Soldaten, die so lange der britischen Fahne folgten, sie haben sich zu unserm Untergang verschworen?« »Alle; nur die Sikhs schwanken noch. Haben Sie Mut, Editha?« »Wenn es die Rettung der Meinen gilt, wie eine Löwin!« »Gott hat mir vielleicht den Gedanken eingegeben. Kein Mensch auf Erden kann den Ausbruch der schrecklichen Gefahr mehr abwenden. Aber vielleicht ist es noch möglich, den Streit zwischen Hindu und Faringi hinauszuzögern und Sie alle wenigstens glücklich in den Schutz von Khanpur zurückzubringen. Das Weitere liegt in der Entscheidung des Allmächtigen. Sind Sie zufrieden, wenn dies gelingt?« »Ich bin es – nur wehrlos sollen meine Landsleute nicht überrascht werden. Geben Sie uns redlichen Kampf!« »Sehen Sie dort den Schimmer des einsamen Lichts in dem Bangalo?« »Ich sehe ihn – ist dort nicht die Wohnung des Fürsten, unsres Wirts?« »So ist es. – Jetzt ist sie leer; nur ein Mann befindet sich dort. Er ist der, der allein uns helfen kann. Sie selber müssen ihm das Versprechen entreißen.« »Aber wie?« »Nehmen Sie diesen Ring«, er zog ihn von seinem Finger und gab ihn ihr. »Übergeben Sie ihn dem Mann, zu dem ich Sie führen werde. Sind Sie imstande, sich einige indische Worte zu merken?« »Ich hoffe.« »Es wird gut sein, wenn er Sie zuerst für eine Hindufrau hält. Er wird nicht anstehen, den Ring zu empfangen und das Versprechen seines Schutzes zu gewähren.« Der Arzt sagte ihr einige Worte im Hindostani vor, und sie wiederholte den Satz. »Kommen Sie, Editha, und vertrauen Sie auf mich – ich bleibe in Ihrer Nähe und zu Ihrem Schutz bereit.« »Einen Augenblick noch, mein Freund.« Sie hob den Stahl auf, der der Hand der Bajadere entrungen worden war und im Gras zu ihren Füßen blinkte. Sie verbarg ihn in ihrem Kleid. »So – nun bin ich bereit.« Er schritt schweigend voran durch die Gänge von Blumen und duftigen Sträuchern bis an den Flügel des Bangalo, der die Gemächer der Zenanah enthielt. Die Rolläden des bis zum Boden reichenden Fensters standen offen und gewährten den freien Einblick. Auf einem Rohrdiwan ruhte ein Mann in prächtiger orientalischer Kleidung, den roten Bund der Sikhs um den Kopf geschlungen, die Stirn gedankenvoll in die Hand gestützt, während die andere an dem reich mit Perlen besetzten Griff des Säbels spielte. »Betrachten Sie diesen Mann!« flüsterte der Arzt. »Von ihm hängt die Möglichkeit Ihrer Rettung ab. Warten Sie!« Er verschwand um einen Vorsprung der Veranda, kehrte jedoch schon nach wenigen Augenblicken mit einem großen indischen Schleier zurück und hüllte die Engländerin ein, so daß sie sich auf den ersten Blick wenig von einer Hindufrau unterschied. »Jetzt ist das Weitere Ihre Sache, Editha; Gott gebe, daß er den Ring aus Ihrer Hand annimmt. Haben Sie die Worte behalten?« Er wiederholte sie ihr leise zweimal; alle ihre Gedächtniskraft zusammennehmend, sprach sie sie deutlich und richtig nach. »So ist es gut, und jetzt ...« er wies nach dem Eingang des Gemachs, indem er zugleich ein kurzes Pistol aus seinem Gürtel zog und den Hahn spannte. Editha öffnete leise die Tür und trat in das Zimmer. Der Krieger auf dem Diwan war so vertieft in seine Gedanken, daß er das Geräusch nicht einmal merkte und erst erstaunt emporfuhr, als Editha vor ihm niederkniete, ihm den Ring entgegenhielt und in indischer Sprache die Worte sagte: »Im Namen Gottes und im Namen Mahanas – ich und die Meinen bedürfen deines Schutzes und deiner Hilfe!« Fast unwillkürlich hatte Murad Khan, der junge Sikhhäuptling, der den Gedanken und Zweifeln um die verlorene Geliebte nachhing, den Ring genommen. Er betrachtete erstaunt bald das Kleinod, bald die Fremde. Im ersten Augenblick hatte ihn eine freudige Überraschung durchzuckt, er glaubte Mahana vor sich zu sehen; aber ein Blick auf die höhere Gestalt und die Worte der Bitte überzeugten ihn, daß sich sein voreiliges Herz geirrt hatte. »Das ist der Ring Mahe Tschunds, der Königin von Lahore. Kein Sikh wird verweigern, was in ihrem Namen gefordert wird«, sprach er hastig. »Wer du auch seist, Murad Khan ist dein Diener, solange du diesen Ring trägst. Du und die Deinen stehen unter meinem Schutz wie der geheiligte Gast unter dem Dach seines Wirtes!« Die Engländerin hatte zwar die indische Antwort des jungen Kriegers nicht verstanden; aber sie begriff aus dem Ton und der Annahme des Ringes, daß er ihr seinen Beistand gewähren wollte. Kühn entschlossen warf sie, sich erhebend, den Schleier zurück und redete ihn in englischer Sprache an. »Ich bin eine Faringi, Sir, und komme, mich und die Meinen unter Ihren Schutz zu stellen. Man will die heilige Sitte des Gastrechts mit der Ermordung unschuldiger Menschen verletzen! Man hat mir gesagt, der Besitzer dieses Ringes dürfe von einem tapfern Krieger der Sikh jeden Dienst fordern. Es ist nicht das erstemal, daß ich Sie sehe. Ich weiß, daß Ihr Herz edel und voll Großmut auch gegen den Feind ist. Ich fordere von Ihnen, daß Sie den schändlichen Verrat, den man an uns zu üben beabsichtigt, verhindern und es uns möglich machen, Khanpur zu erreichen. Dann möge ein ehrlicher Kampf zwischen uns und den eingeborenen Söhnen dieses Landes stattfinden, wenn diese glauben, von den Engländern gekränkt zu sein.« Fattih Murad sah sie noch immer mit Erstaunen an; aber das offene, kühne Auftreten erzwang seine Achtung. »Wer bist du, Mem-Sahib? Du sagst, du habest mich früher gesehen; aber ich kenne dich nicht!« »Ich bin die Nichte des Generals Wheeler und – ich war die Braut des Faringi, dem Murad Khan in der Thar sein Roß ließ, um ihn zu retten.« Der junge Krieger sah nachsinnend vor sich hin. Sein Haß gegen die Faringi kämpfte mit den edleren und hochherzigeren Gefühlen seiner Natur. »Ich habe gehört«, fuhr Editha fort, »der tapfere Sohn des weisen Gholab Sing liebe ein holdes Mädchen. Bei der Liebe zu der Jungfrau aus seinem Volk möge er die beschützen, die eine weiße Haut tragen, die aber gern Mahana ihre Schwester nennen würden!« Der junge Krieger erbebte bei dem Namen, und sein dunkles Auge erglänzte in wildem Feuer. »Bei dem goldnen Thron des großen Rundschit«, schwor er, »du sollst nicht vergeblich den Beistand Fattih Murad Khans angerufen haben! Es ist genug, daß der Schutz dieses Daches geschändet ist durch den Verlust der einen, die Murad Khan mehr liebte als den Apfel seines Auges. Der Ring der Mutter Mahanas soll mit Murads Blut ausgelöst werden, und – bei meinem Schwert – du und jeder der Deinen soll ungekränkt den Palast von Bithur verlassen!« Seine Lippen waren fest aufeinandergepreßt, seine dunklen Brauen zusammengezogen. Eine tiefe Falte stolzer Drohung und mächtigen Willens lag zwischen ihnen. »Du kannst ruhig zu den Deinen zurückkehren. Murad Khan wird bei dir sein in der Stunde der Gefahr. Woher du auch diesen Ring empfingst – ich will es nicht wissen; aber sage dem, der ihn dir gab, daß Murad seine Pflicht zu tun bereit ist. Dann werde ich den Ring der Maharani in deine Hände zurückgeben. Vielleicht vermag er dir noch einmal Dienste zu leisten. – Man sagt, der Glaube der Christen heische von seinen Kindern, daß sie auch für ihre Feinde beten. So bete denn auch du für Murad und seine Liebe!« Er faßte Edithas Hand und geleitete sie zum Eingang des Gemaches zurück. Wenige Minuten später sah Editha, wieder im Schutz Waldings, das einsame Licht des Bangalo erlöschen. Der Khan hatte ihn verlassen.   Vor dem Eingang des Palastes hielten zwei Soldaten der Reiterabteilung, die die Ehrenwache der beiden Generale bildete und sie von Khanpur begleitet hatte. Sie gehörten zu dem Sikhregiment, das seit etwa zwei Monaten in Khanpur stand und wie alle anderen Regimenter von Eingeborenen in den höheren Stellen durch britische Offiziere befehligt wurde. Der Oberst war in Verwaltungsdiensten in Kalkutta und hatte sein Regiment noch nie zu Gesicht bekommen. Die Sikhs sind ein kühner, stolzer Männerschlag, geborene Krieger und Reiter. Ihre Religion ist ein Gemisch des Mohammedanismus und Hinduismus. Sie sind die indischen Prätorianer, die auf ihren Schilden den Tapfersten und Glücklichsten zur Herrschaft erheben, die besten und zuverlässigsten Truppen unter den eingeborenen Soldaten der Company . Keineswegs Freunde der Faringi, hassen sie doch noch mehr die Sepoys, mit deren Hilfe die Engländer das Pandschab unterjochten und die Sikhs ihrer so lange bewahrten Freiheit beraubten. Fattih Murad Khan war der Sohn des nach Rundschit glücklichsten und klügsten Parteigängers der Sikh. Er nahm im Dunkel seinen Weg vom Bangalo außerhalb der Gärten nach dem Platz, wo die Schwadron der Sikhreiter um ein gewaltiges Feuer lagerte. Unterwegs begegnete ihm Alamos, der Mexikaner. Der Khan hatte eine Vorliebe für den kecken Spürer und Reiter gefaßt, der ihn bei der Flucht des Lahoreprinzen begleitet hatte. Bei seiner Ankunft vor zwei Tagen im Bangalo des Nena erfuhr er zu seinem Bedauern, daß er in Geschäften seines Gebieters abwesend sei. Um so überraschender war ihm die Begegnung mit dem Mexikaner, den er weit entfernt glaubte. Aufgeregt durch sein der Engländerin gegebenes Versprechen, redete er ihn an: »Du bist also zurück, Freund?« »Seit diesem Morgen, Khan!« Die Antwort fiel Murad auf, weil er Nena Sahib noch am Mittag nach Alamos gefragt und eine ausweichende Antwort erhalten hatte. »Deine Reise scheint anstrengend und lang gewesen zu sein, denn dein Fuß ist nicht wie sonst der der Antilope, und deine Glieder sind matt!« »Valga me Dios! Der Weg von Delhi hierher in sechs Tagen und sechs Nächten ist auch kein Kinderspiel. Hätte nicht ein Zufall die Pferdewechsel unterbrochen, die der Prinz stellte, so wäre ich zwölf Stunden eher eingetroffen.« »Du warst in Delhi?« »In Mirut und Delhi. Ich zog mit dem Serdar und dem dritten Regiment nach der Stadt und verließ sie erst, nachdem uns der Sieg gesichert war.« Der Khan sah ihn erstaunt an. »Was sprichst du, Alamos – in Mirut und Delhi wäre ein Kampf ausgebrochen?« »Am zehnten Mai erhoben die Reiter vom Dritten die Fahne des Kampfes. Zwei Infanterieregimenter waren mit uns. Halb Mirut ging in Flammen auf, und wir schlugen uns sechs Stunden lang mit den schuftigen Jägern vom Sechzigsten und den Dragonern der Garde. Tantia-Topi und der Mann, den sie den Derwisch Sofi nennen, taten Wunder der Tapferkeit. Aber wir mußten dennoch die Stadt räumen und zogen nach Delhi, wo alles zum Ausbruch bereit war.« »Und in Delhi?« »Caramba! Der Mogulprinz erwartete uns, und im Augenblick ging der Spektakel los. Der Kommissar flüchtete in den Palast von Saman Badsch, aber der Tanz war unser und, was Engländer hieß, verloren. Per dios! Señor, ich bin an Rebellionen gewöhnt aus meinem eignen Lande und weiß, daß, wenn das Blut erhitzt ist, manches geschieht, was nicht gut ist – aber was ich dort erlebte, macht mir in der Erinnerung die Haut schaudern.« »So war der Kampf in Delhi vorbereitet?« » Demonio! Akbar Dschehan hatte die Sache trefflich in Gang gebracht mit dem alten französischen General, ganz nach dem Willen und dem Rat Seiner Hoheit des Maharadscha. Die Engländer wurden überrascht, daß sie ihre Hälse abgeschnitten fanden, ehe sie nur sagen konnten: Goddam! « Die Augen des jungen Kriegers sprühten Flammen, seine Zähne waren fest aufeinandergebissen. »Also mißtraut meiner Treue, getäuscht, betrogen«, murmelte er, während seine Faust sich krampfhaft ballte. »Und Mahana der Preis dieses Knaben, bloß weil er den Namen einer Fürstenreihe führt? Ha – sie sollen sich täuschen in ihren Plänen! Murad Khan wird nicht mit sich spielen lassen.« Der Mexikaner betrachtete ihn erstaunt in dem Glauben, er bedaure, daß er nicht bei dem Kampf zugegen gewesen war. Herrisch befahl Murad: »Laß deinem Herrn sagen, Fattih Murad Khan begehre ihn zu sprechen; ich werde ihn an dem Springbrunnen des Bangalo erwarten!« Joaquin Alamos verbeugte sich und schlug den Weg nach den Hallen des Palastes ein. Der Khan setzte den seinen nach der Stelle fort, wo sich das Kommando der Sikhreiter in stolzer Absonderung von den Hindu und Mohammedanern unter einem riesigen Tamarindenbaum gelagert hatte. »Wo ist der Subadar, der die Gortschura befehligt?« fragte er die ersten, auf die er traf. »Im Schloß, Sahib, bei dem Fest.« »So rufe den Dschemedar oder den Unteroffizier, der bei euch ist! Ich habe mit ihm zu reden.« Der Dschemedar trat vor. Er war ein Akali, ein Angehöriger der wildesten Horde der Sikh. »Kennst du mich?« »Wer sollte Fattih Murad Khan, den Sohn des weisen Gholab, nicht kennen, die einzige Hoffnung der Sikh! Du bist unser wahrer Herr und Gebieter, nicht der Faringigeneral, der fern von seinen Kriegern ist.« »Du hast die Tschupatties der Hindu gegessen?« »Wir wissen, was geschehen wird; aber wir verunreinigen uns nicht mit den Anbetern der Kuh. Wir sind bereit, zu tun, was unsere Offiziere uns sagen.« »So wirst du meinen Befehlen gehorchen. Ist Rustram Sing, der Subadarmajor , mit auf dem Fest?« »Nein, Sahib, er ist in Khanpur zurückgeblieben.« »So nimm dein Pferd und reite schneller, als der Monsun über den Dschungel braust, zurück nach Khanpur! Gib Rustram Sing dieses Kleinod und diese Botschaft!« Er schrieb auf ein Blatt Pergament, das er aus dem Bund seines Turbans nahm, wo die Orientalen gewöhnlich Sachen von Wert aufbewahren, mit einem Silberstift einige Worte. »Sage ihm, er soll schnell sein wie der Blitz! Vertraue keinem der Posten der Sepoys, die du passieren wirst, deinen Auftrag an! Ehe du reitest, sende einen Mann nach dem Palast und lasse Nassir Sing, deinen Subadar, herausholen; ich muß ihn sprechen.« »Du übernimmst die Verantwortung, Khan, daß ich meinen Posten verlasse?« »Geh unbesorgt!« Der Unteroffizier trat zu den Reitern zurück und erteilte einen Auftrag. Gleich darauf sah man ihn in der Richtung nach Khanpur davonsprengen, indes der Khan ungeduldig am Feuer auf und nieder schritt.   Major Rivers neigte sich zu der Rani von Dschansi, an deren Seite er stand. »Wie lange wird unser Freund, der Maharadscha, das Glück haben«, fragte er mit vertraulicher Höflichkeit, »die Krone der Frauen zu bewirten?« »Sobald die Begum aufbricht, werde auch ich die Hauda meines Elefanten besteigen. Ich denke, daß morgen schon unsere Geschäfte beendet sein werden.« »Ich wüßte nicht«, sagte der Resident mit Betonung, »daß die schöne Rani von Dschansi Geschäfte hätte, um derentwillen sie hierher kommen müßte. Sie weiß sehr wohl, daß ich stets bereit bin, ihr den Weg zu ersparen und sie in ihrer Stadt zu besuchen.« »Mein Geschäft war, dem Sahib Rat und seiner Begum meinen Besuch zu machen und dem Maharadscha Glück zu wünschen, daß er die Wolke der Trauer von seinem Haupt entfernte.« »Der Nena sieht ein, daß es töricht wäre, der Trauer über ein Unglück nachzuhängen, das nicht zu ändern ist. Möge sich die Rani von Dschansi erinnern, daß ich ihr das schon früher gesagt habe, als ich Gelegenheit hatte, ihre eigene Trauer über den Tod eines alten, ungeliebten Gatten zu bekämpfen und sie vor den Flammen der Sati zu retten.« Die Rani wandte sich rasch zu ihm und maß ihn mit einem spöttischen Blick. »Wie, das hätte Major Rivers getan?« »Wenn ich auch nicht selber die schone Rose von Gwalior aus den Flammen holte«, erwiderte der Resident mit brüsker Unverschämtheit, »sondern diesen Dienst untergeordneten Personen überlassen mußte, so war ich es doch, der schon vorher Einspruch dagegen getan und im letzten Augenblick noch die Sati verbot.« »Dennoch wäre das Verbot des Sahib Residenten zu spät gekommen, wie er wohl weiß, wenn nicht ein Tapferer sein Leben geopfert hätte, es auszuführen. Das Leben Xarias ist nicht das Geschenk der Faringi, sondern dieses Tapferen.« Sie erhob die Linke und wies mit dem verstümmelten Finger auf Maldigri, den Befehlshaber ihrer Leibwache. Der Resident verzog den Mund. »Ich will Major Maldigris Verdienst keineswegs schmälern«, sagte er, »indes ich sollte meinen, das viel beneidete Vertrauen, mit dem die Fürstin von Dschansi ihren Diener beehrt, und die Stellung, die sie ihm gewährt, wären des Lohns genug für die kleine Rittertat – ohne deshalb das Verdienst noch ergebenerer Freunde schmälern zu müssen. Ich werde die Ehre haben, Sie nach Dschansi zurückzubegleiten.« »Der Vertreter unserer Herren in Kalkutta«, erwiderte die Rani kalt, »ist auch Herr in Dschansi. Die Tore meines Schlosses sind ihm stets geöffnet!« »O nicht so, schöne Frau! Ich möchte diesmal nicht als Offizier der Company erscheinen, sondern in einer willkommeneren Gestalt. Es ist Zeit, Hoheit, daß es endlich zwischen uns klar wird, und meine Bewerbungen um deine Gunst eine entscheidende Antwort und Erhörung finden.« »Ich verstehe nicht, was Major Rivers verlangt«, entgegnete die Rani kühl. »Dann müßte Rani Xaria keine Frau sein«, erwiderte der Resident, indem er gegen alle Sitte des Orients ihre Hand erfaßte. »Es ist dir nicht unbekannt, Fürstin, daß ich mich schon lange um deine Liebe und deine Hand bewerbe; diese Gelegenheit, mir das Glück zu bewilligen, nach dem ich strebe, ist so gut wie jede andere.« »Wenn Sahib Rivers die Hand einer Frau will«, entgegnete spöttisch die Rani, »so pflegt er sie zu nehmen, wie ich soeben bemerke. Das Gerücht sagt, daß der Resident der Company dies schon oft getan hat; viele Verlassene seufzen nach der Rückkehr seiner Liebe.« »Laß das Gerücht sagen, was es will. Die Sitten deines Vaterlandes werden dich nicht eifersüchtig machen auf die vergangenen Freuden eines Mannes. Deine Reize sind groß genug, um ihn allein zu fesseln. Ich verspreche dir, daß du als meine rechtmäßige Gemahlin allein über meine Liebe und meine Person gebieten sollst.« »So will Major Rivers wirklich einer armen Hindufrau die Ehre antun, sie zu seiner Gattin nach den Gebräuchen seines Glaubens zu erheben?« »Ich stehe keinen Augenblick an«, erklärte hastig der Resident, getäuscht von der zustimmenden Rede der Fürstin. »Es verstößt zwar eigentlich gegen die anglikanische Kirche, indes der Fall ist schon früher vorgekommen, und ich habe Einfluß genug, alle Bedenken und Hindernisse zu beseitigen. Später magst du dann zum Christentum übertreten, wie es die Begum von Somroo tat. Meine Macht, reizende Xaria, soll dich zur beneidetsten Frau Indiens machen. Ich werde mit Sir Lytton Mallingham sprechen und mir seinen Einfluß sichern. Wir können die Gelegenheit des Festes benutzen, um sogleich unsere Verlobung anzuzeigen, der die Verbindung dann folgen soll, sobald die Zustimmung des Direktoriums eintrifft.« Die Fürstin entzog ihre Hand dem feurigen Druck des hoffnungsreichen Bräutigams. »Und wie gedenkt Major Rivers seinen Landsleuten zu verkünden, was er soeben beschloß?« »Ganz einfach: Edmund Rivers, Major der Königlichen Armee und Resident der Britisch-Ostindischen Company, zeigt seine Verlobung mit Xaria, der Fürstin von Dschansi, an.« »Eitler Tor! Die Stimme Xarias, der Rani von Dschansi, würde augenblicklich ihrem Volk erklären, daß sie eher noch einmal den Scheiterhaufen besteigt, als die Gattin eines Spions der Tyrannen ihres Vaterlandes werden würde!« Ihr fester Blick begegnete mit verachtendem Stolz dem Ausdruck des Erstaunens und der Erbitterung, womit sie der getäuschte Bewerber anstarrte. »Bedenke, was du tust, Weib, und mit wem du dein freches Spiel zu treiben wagst!« knirschte er bleich vor Zorn. »Die Hand, die so lange dich und deinen Übermut geschont und geschützt hat, kann dich niedriger stellen, als die geringste deiner Tänzerinnen steht. Willst du nicht die Gattin Rivers' werden, so sollst du froh sein, seine Mätresse zu heißen, ehe das Jahr noch gewechselt hat! Mögen sich die wahren, die du mir vorzuziehen wagst!« »Schändlicher Faringi!« Die Rani zog mit einer raschen Gebärde den Schleier über ihr Gesicht und kehrte, sich erhebend, ihm verächtlich den Rücken. »Wahre dich selber, denn das Schwert des Gerichts schwebt über deinem Haupt!« Und ohne seiner weiter zu achten, winkte sie Maldrigi zu sich heran. Kapitän Delafosse folgte ihm und legte mit einem zornigen, herausfordernden Blick auf Major Rivers die Hand an den Degen. In diesem Augenblick, ehe die Männer ein Wort der Frage oder Erklärung wechseln konnten, kam der Nena mit dem englischen Geistlichen durch den Saal und schritt auf die Sitze der Begum und der Rani zu. »Seine Hochwürden, der Dechant von Delhi, auf der Rückreise von Kalkutta nach seinem Sprengel begriffen«, sagte er in indischer Sprache, die dem Geistlichen bereits geläufig war, »wünscht die Bekanntschaft der erhabenen Königin von Audh und der mächtigen Fürstin von Dschansi zu machen. Mögen sie die Sonne ihres Antlitzes ihm freundlich zuneigen; denn er ist ein Heiliger unter seinem Volk und bringt den armen Hindu die Segnungen des Glaubens seines weißen Propheten.« Der Dechant verneigte sich höflich vor der entthronten Königin und ihrer jüngeren und schöneren Gefährtin. »Seine Hoheit, unser Wirt, mißt mir einen Namen bei, den ich nicht annehmen darf. Ich bin ein einfacher Diener des Evangeliums und dessen, an den wir alle glauben, ob wir ihn Gott den Allmächtigen, Allah oder Brahma, den schaffenden Urgeist, nennen.« »Das ist keine Gelegenheit, Christ«, beharrte die Fürstin, »um mit dir über Allah, Brahma oder den Christengott zu streiten. Ich wundere mich nur, einen frommen Mann wie dich hier zu sehen; denn ich hörte wohl, daß die Priester der Faringi reiten und jagen, aber ich wußte nicht, daß sie auch tanzen wie jene Törichten, die sich abmühen im Schweiße ihres Antlitzes, statt dies den Sklaven und Bajaderen zu überlassen.« Der Dechant lächelte über den nicht unbegründeten Vorwurf gegen das Treiben der englischen Geistlichkeit. »Es ist nicht Sitte, daß die Priester unserer Kirche tanzen, Fürstin«, belehrte er freundlich. »Es gibt freilich auch keinen Grund, weshalb sie nicht einem anständigen Vergnügen und einem Fest der Fröhlichen beiwohnen sollten. Aber – täuschen mich meine Augen nicht – Verzeihung, Hoheit, ich glaube einen Freund zu sehen, hier im fernen Indien und in fremder Tracht – Kapitän Grimaldi, Sie, der lang Beweinte unter den Lebendigen hier ...« Er öffnete dem Freund die Arme, und der Grieche, unfähig, sich zu verstellen und seine Person zu leugnen, sank an das Herz des Mannes, der ihm das Liebste nahm, was er auf der Welt besessen hatte. »Wenn Sahib Maldigri einen Freund gefunden hat«, sagte die Rani, »so möge er ihm gehören, solange es das Schicksal ihm erlaubt. Die Stunden der Freude sind oft kurz. Seine Hoheit, der Maharadscha, möge uns unterdes zu den Freuden des Gartens geleiten.« Sie sah sich vergeblich nach ihm um. Der Nena, von einem der Diener gerufen, hatte sich entfernt. Ihr Auge begegnete dem ihres stillen Anbeters, und ihn freundlich näher winkend, bat sie ihn, sie und die Begum durch die Kühle des Gartens zu geleiten. Kapitän Delafosse bot ihr den Arm. Leicht gestützt, ging sie mit stolzem Blick an dem Residenten vorüber, dessen Zorn und Erbitterung diese öffentliche Zurücksetzung noch steigerte. Indes veranlaßte ihn ein soeben gehörtes Wort, an seinem Platz zu bleiben. – Inzwischen hatte Grimaldi, tief bewegt von widerstrebenden Gefühlen, den Arm seines englischen Freundes genommen und ihn aus dem Gewühl des Festes geführt, um an einem stillen Ort ungestört Fragen und Erinnerungen austauschen zu können. »Und ist es denn Wahrheit?« fragte der Dechant, als sie den Saal erreicht hatten, in dessen Hintergrund die geheimnisvolle Bühne aufgeschlagen war. »Hab' ich Sie wirklich wieder, Sie, den vor unseren Augen die Brandung des Adriatischen Meeres unter den grausamen Schüssen Ihrer Verfolger verschlang? Oh, welcher Kummer, welche schmerzlichen Erinnerungen wären mir und Adelaide erspart worden, wenn wir gewußt hätten, daß Sie glücklich allen Gefahren entkommen würden!« »Ich erwachte selber erst zum Bewußtsein an Bord des französischen Schiffes, in das mich die Matrosen des Kapitäns Dugonier gerettet hatten. Ich fand keine Gelegenheit, Sie damals von meiner Rettung zu benachrichtigen, und – ich hielt es für besser, daß Sie dem Toten Ihre Erinnerung, als dem Lebenden Ihre Sorge schenkten.« »Aber wie kamen Sie nach Indien? Wie lange sind Sie hier? Warum haben Sie mir hier nicht Nachricht gegeben oder mich aufgesucht? Und wie kommen Sie zu dieser Tracht?« »Lassen Sie uns italienisch sprechen, Freund!« bat der Grieche. »Es könnten Ohren in der Nähe sein, die unsere Erinnerungen nicht hören dürfen. Man kennt mich hier nur unter der Veränderung meines Namens in Maldrigi und glaubt, daß Piemont meine Heimat gewesen sei. Seit fast fünf Jahren bin ich in Indien, zuerst in der Präsidentschaft Madras, jetzt im Dienst der Rani von Dschansi. Aber ehe Sie irgendeine weitere Frage tun – ist Lady Adelaide Ihre Gattin, und – wo ist sie?« »Adelaide ist mein Weib. Aber ihre Gesundheit ist leidend von dem Klima Indiens. Sie konnte mich auf der Reise nach Kalkutta nicht begleiten, so sehr sie es auch wünschte.« »Barmherziger Gott – und sie ist in Delhi zurückgeblieben?« »Nicht gerade in Delhi. Sie ist bei einer Freundin in Ludhiana an der Grenze des Pandschab, in einer höher und gesünder gelegenen Gegend. Von dort erhielt ich ihre letzte Nachricht. Aber was ist Ihnen – was haben Sie?« »Dem Ewigen sei Dank für seine Barmherzigkeit! Ihre Worte nehmen eine schwere Last von meiner Seele. Ludhiana ist befestigt und sicher – oh, möchte sie seinen Schutz keinen Augenblick verlassen!« »Um des Himmels willen, was ist geschehen – was meinen Sie? Erklären Sie mir als Freund, als Christ ...« »Ich kann und darf nicht sprechen. Ein Eid fordert mein Schweigen. Aber seien Sie unbesorgt, ich stehe für Ihre Sicherheit.« Die raschen Tritte eines Nahenden störten die dringenden Fragen des bestürzten Dechanten. Es war Leutnant Sanders, der eilig herbeikam auf die Nachricht, daß sein Erzieher und Freund unerwartet in Bithur angekommen sei. Die Begrüßung war herzlich und zeugte von der aufrichtigen Freude beider, wenn auch der Geist des jungen Offiziers durch die Szene im Garten des Bangalo und die Strenge seiner Verlobten bedrückt und auch der Geistliche durch die soeben gehörten Andeutungen einer drohenden Gefahr zerstreut war. Nach dem ersten Austausch der Grüße und Fragen heftete sich der Blick des Offiziers erschrocken auf den kaum beachteten Griechen. »Um des Himmels willen, Sir, wer ist dieser Mann?« Der Geistliche faßte seine Hand. »Ich sehe, auch er erkennt Sie wieder, Freund«, sagte er. »Es wundert mich nur, daß es nicht längst geschah. Doch waren Sie ja damals nur kurze Zeit und in aufregender Gefahr beisammen. Befürchten Sie nichts!« »Sir«, sagte Sanders hastig, ohne die Rede des Geistlichen zu beachten, »es sind länger als fünf Jahre her, und dennoch glaube ich, mich nicht zu täuschen. Sie sind Kapitän Grimaldi aus Korfu, auf dessen Haupt die britische Regierung einen Preis gesetzt hat?« »Und der uns und unsere Freunde rettete vor den Dolchen der Banditen. Vergessen Sie das nicht, Stuart!« bat besorgt der Dechant. »Beruhigen Sie sich, mein Freund! Es handelt sich allerdings um Gefahr, aber ich frage im Interesse dieses Herrn, den ich bisher nur flüchtig beachtete und deshalb nicht wiedererkannte.« »Ich bin der Mann, den Sie als Kapitän Grimaldi in Italien kannten, Sir«, erklärte der Grieche. »So hat meine Unvorsichtigkeit Sie absichtslos in Gefahr gestürzt!« »Was ist geschehen?« »Man sagte mir, daß Sie, mein verehrter Lehrer und Freund, unerwartet in Bithur angekommen seien. Ich suchte Sie in der Nähe der indischen Fürstinnen, denen Sie vorgestellt sein sollten. Da begegnete mir Major Rivers, der Resident. Er fragte, ob ich mich von früher nicht eines Major Grimaldi erinnere, und in welcher Verbindung er mit Ihnen gestanden habe. Ohne Arg sprach ich von der heldenmütigen Aufopferung dieses Herrn, den ich für tot hielt, bis das triumphierende Lächeln des Majors und die Worte: ›Grimaldi – Maldigri! Jetzt hab' ich sie beide!‹ mich zuerst aufmerksam machte und ich forteilte, Sie aufzusuchen.« »Ich kann unmöglich glauben«, beruhigte der Dechant, »daß hier auf der andern Seite der Erdkugel nach so vielen Jahren noch die Ächtung der Regierung Bedeutung haben und Ihnen, mein Freund, Gefahr bringen könnte, es sei denn, daß – –.« Sein Blick wurde besorgt; denn er gedachte der geheimnisvollen Andeutungen, die ihm soeben der Major gemacht hatte. »Wenn es nötig ist, daß Sie flüchten, Sir«, erklärte Sanders, »so biete ich Ihnen meine Hilfe und meinen Schutz an. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ein Mann, dem ich mein Leben schulde, durch mich in Gefahr gebracht worden wäre.« »Ich erkenne Ihrer beider Freundschaft und danke Ihnen«, entgegnete der Grieche. »Aber glauben Sie mir, ich bin besorgter um Sie, als Sie um mich. Die Bosheit des Residenten, von dem ich allerdings glaube, daß er mich haßt, kann mich nicht erreichen. Die Entdeckung meines wahren Namens macht es nötig, daß ich mich einige Augenblicke mit einer anderen Person unterhalte. Ich bitte Sie aber beide, diese Stelle nicht zu verlassen, bis ich zurückkehre, ich beschwöre Sie darum, um Ihrer selbst willen!« Ehe noch die Engländer ihn näher befragen konnten, entfernte er sich schnell. In der Tat kamen ihm die Generale, Sir Lytton Mallingham und der Resident mit der Begum von Audh entgegen. Der Rat winkte dem Major freundlich zu, als er zur Seite trat und sich dann entfernte. »Dieser Ort«, meinte General Wheeler, »wird zu unserer Unterredung der geeignetste sein, da er der entlegenste vom großen Saal ist. Entziehen uns Euer Hochwürden Ihre Gesellschaft nicht«, fuhr er zu dem Dechanten fort, der sich entfernen wollte. »Wir werden Ihres Rates und Ihrer Kenntnis des Landes vielleicht bedürfen. Leutnant Sanders, ich bitte Sie, unsern Wirt aufzusuchen und ihn zu bitten, mit der Rani hierher zu kommen. Dann sorgen Sie dafür, daß wir auf eine Viertelstunde nicht gestört werden.« Der Offizier verließ auf diesen Befehl den Saal. Die Gesellschaft setzte sich um einen Tisch, und Sir Lytton Mallingham breitete einige Papiere darauf aus. Major Grimaldi hatte unterdes den großen Saal erreicht und war in die Nähe seiner angeblichen Verwandten, der Lady Mallingham, gelangt. Ein Blick benachrichtigte sie, daß er Wichtiges mit ihr zu sprechen habe. Die gewandte Frau verstand sogleich den Wink. »Die Aussicht auf die Volksgruppen ist in der Tat interessant«, sagte sie, sich den hohen Bogenfenstern der vorderen Veranda nähernd. »Sehen Sie, Monsieur Colonel, das Spiel der Mondbeleuchtung mit den Reflexen der Feuer? Bitte, reichen Sie mir meinen Schal, Kapitän, ich möchte die Spiele der chinesischen Jongleure in der Nähe besehen. – Treten Sie näher, Cousin, und leihen Sie mir Ihren Arm, wenn Ihre wilde Amazonenkönigin nicht etwa Ihre Dienste begehrt. Sie haben mich in der Tat zu lange vernachlässigt, und ich werde Sie dafür bestrafen: Sie sollen mir eine ganze Viertelstunde lang von Ihren Elefantenjagden und Tigerkämpfen erzählen.« Und ihn scherzend mit dem Fächer auf die Hand schlagend, lehnte die Französin sich auf seinen Arm und ließ sich von ihm nach dem Geländer der Veranda führen. »Sprechen Sie italienisch«, flüsterte sie. »Diese Puddingköpfe reden ein so verdorbenes Französisch, daß kaum einer unter ihnen ist, der den Unterschied merken wird.« »Ein unglücklicher Zufall, Madame, hat vor wenig Augenblicken meinen wahren Namen verraten. Ich fürchte, daß Sie dies bloßstellen wird.« »Wer weiß ihn?« »Zwei zuverlässige Freunde – außerdem aber Major Rivers.« »Der Mensch ist gefährlich. Seine Bosheit fürchtet nur das Ansehen des Baronets. Lassen Sie hören – war die Rede von unserer Verwandtschaft?« »Nein; er weiß bloß, daß ich Ionier bin und von der englischen Regierung geächtet war.« »Sehen Sie dort jenen Burschen, Lady Inglis?« unterbrach sie sich. »Wie er die Kugeln in die Luft wirbelt! Vraiment! Wunderbar! Er balanciert dabei das Bajonett der Muskete auf der Stirn; diese Leute machen merkwürdige Dinge.« Darauf wandte sie sich wieder zu Grimaldi: »Beruhigen Sie sich! Dann kann er uns nicht schaden. Der Baronet ist ganz in meiner Gewalt. Die Griechen der Inseln sind verwandt mit vielen Familien Italiens, mit denen Ihres Namens besonders. Ich werde sagen, daß Sie ihn auf meinen eigenen Wunsch änderten.« »Sie sind unterrichtet, Mylady – das ist genug!« »Heben Sie mein Tuch auf, das ich fallen lasse. Es ist ein Papier darin für Sie: die Abschrift des Geheimabkommens mit dem Premier von Nepal, die Notizen über den Bestand der Bank von Kalkutta und die Stärke der neuen Garnison. Geben Sie es an Ihre Freunde! Lassen Sie mich morgen vor unserer Abreise Ihren Bericht über die Fortschritte der Empörung empfangen! Ich habe Gelegenheit nach Pondichery.« »Ich fürchte, das Gerücht wird unseren Nachrichten vorauseilen. Delhi und Mirut sind in vollem Aufstand!« »Mein Gott! Und das lassen Sie mich so spät erst hören? Dann kann der Baronet unmöglich seine Reise nach dem Norden fortsetzen. Am Ende droht uns hier schon Gefahr!« »Waffnen Sie sich mit all Ihrem Mut, Mylady! Ich fürchte. Sie werden seiner bedürfen.« »Sie erschrecken mich! Man wird mit dem Ausbruch des Aufruhrs doch warten, bis wir in Sicherheit sind? Sie sind verantwortlich für mein Leben, und Sir Lytton ist uns zu wichtig, als daß er gefährdet werden dürfte.« »Ich werde Sie schützen, aber die entfesselte Leidenschaft dieser Männer wird nichts schonen. Sie spielen ein gefährliches Spiel, Madame; der Brand, den unsere Hand leider schüren half, kann uns alle vernichten!« »Wie – bedauern Sie die Dienste, die Sie der Sache Frankreichs geleistet haben?« »Ich fürchte, ich habe unrecht gehandelt, als ich meine Hand bot, das Feuer zu entzünden. Ich bin ein Soldat und werde mit denen fechten und fallen, die gegen die Unterdrücker meines eigenen Vaterlandes kämpfen. Aber das Spiel der Intrige wird mir mit jedem Tag verhaßter. Ich werfe die Kette von mir, die ich nicht länger tragen will.« »Unsinniger! Sie sind verliebt in die Rani Xaria! Meinetwegen, erringen Sie sich ein Fürstentum; aber seien Sie nicht undankbar gegen die Absichten dessen, der uns nach Indien sandte. Hüten Sie sich, noch einmal meine Pläne zu durchkreuzen, wie damals in Madras. Wenn ich Ihnen meinen Schutz entziehe, sind Sie bei der Eifersucht dieser Briten gegen alle Fremden verloren.« »Ihr scharfer Blick, Madame, hat Sie dennoch getäuscht. Ich werde meine Pflicht erfüllen gegen den Kaiser Napoleon – aber auch gegen die Fürstin, in deren Dienst ich getreten bin. Die Schrecken ehrlichen Kampfes sind an sich schon groß genug; es bedarf nicht noch der Greuel einer Sizilianischen Vesper. Ich traue dem lauernden Auge des Tigers nicht, der noch schlimmere Rache als wir zu üben hat. Seien Sie auf alles gefaßt, Madame, der Nena sinnt auf Furchtbares!« Brigadier Inglis trat herbei und beendete das Gespräch durch ein anderes über die Ausbildung der Truppen der Rani, die der Grieche leitete. Der Maharadscha von Bithur hatte auf die Botschaft, die ihm der Diener zugeflüstert hatte, den Saal verlassen. Der Blick, den er von der Pforte des zweiten Gartens nach seinem eigenen Palast zurücksandte, brach aus der Tiefe seiner Seele. Die schmeichelnde gefällige Haltung verwandelte sich in eine drohende, die Gestalt wuchs. Auf seiner breiten Stim lag unsäglicher Schmerz, gepaart mit unbeugsamem Willen. So trat er zu dem Khan, der am Rande des Beckens ungeduldig seiner harrte. »Du hast mich sprechen wollen, ehe das Große geschieht, Fattih Murad Khan«, sagte der Maharadscha. »Eile, denn der Augenblick naht, da Schiwa das Gezücht der Faringi vernichten wird. Der Feuerstrom, der mein Inneres durchtobt, soll in ihrem Blut gekühlt werden. Hast du dich bedacht? Wirst du teilnehmen an dem den Göttern wohlgefälligen Werk? Oder verharrst du noch in dem trägen Schmerz, der die Manneskraft schwächt?« »Srinath Bahadur«, entgegnete Fattih Murad entschlossen, »ehe ich dir Antwort gebe auf deine Frage, steh du mir Rede! Wo ist Mahana, die ich dem Schutz deines Daches anvertraute?« »Törichte Frage! Du weißt so gut wie ich, daß sie verschwunden ist am Tage der Abreise ihrer Mutter; und daß wir erst glaubten, sie habe die Rani begleitet. Auch MacScott, mein Diener, war mit ihr fort, und alle Nachforschungen waren vergeblich. Wir können nicht anders glauben, als daß beide tot oder daß Verrat im Spiel und das Mädchen von den falschen Faringi geraubt worden ist und wie ihr Bruder in Gefangenschaft gehalten wird!« »Verräter du selber, du und Mahe Tschund, die mein Geschlecht stets betrogen!« rief der junge Sikh. »Du hast sie an Akbar Dschehan, den Prinzen von Delhi, verkauft als Preis für seinen Beistand zu deinen Zwecken!« »So wahr du auf diesem Boden stehst, ich habe die Gewißheit, daß der Leib deiner Geliebten tot und ihre Seele auf den neun Wandlungen begriffen ist!« Den Khan schauderte, als empfinde tief innen seine Seele die Ahnung, daß er mit seinem Fuß in diesem Augenblick auf dem Grab der so heiß Geliebten stehe. Mit unbewußtem Haß erwiderte er: »Und wenn es so wäre, dann trägst du die Schuld allein; denn deine Pflicht war es, für ihre Sicherheit zu sorgen, indes ich fern von hier war. Aber du lügst! Warum sonst verschwiegst du mir, daß Delhi die Standarte des Moslempropheten gegen die Faringi schon erhoben hat und den Kampf begann?« »Wie? Du weißt, was ich dir soeben mitteilen wollte?« »Willst du mir in den Bart lachen, Srinath Bahadur? Besudele deinen Mund nicht mit falschen Worten! Seit gestern weißt du, was in Mirut und Delhi geschah, und daß Akbar Dschehan – verflucht sei sein Name – den Aufstand begonnen und die Faringi aus Delhi vertrieben hat. Und für die gefahrlose Tat hast du dem bartlosen Knaben der Moslemin Mahana, die Rose von Lahore, gegeben, die ein heiliges Versprechen mir verlobt hat!« »Du redest irre, Khan. Mahana ist tot, ich schwöre es dir bei den heiligen Broten! Daß in Mirut und Delhi der erste Schlag geschehen ist, war ein Zufall. Du weißt, daß heute das große Werk hier begonnen werden sollte. Streite nicht mit deinen Freunden gegen das Kismet, das sich nicht ändern läßt.« Der Sikh-Häuptling wandte sich verächtlich von ihm. »Der Hindu bleibt ein Lügner gegen den Krieger des Pandschab, wenn er den Mund öffnet! Ich war ein Tor, daß ich glatten Worten traute. Meine Augen haben gesehen, wie die verräterischen Sepoys bei Ferodschah das Blut ihrer Sikhbrüder für die Faringi vergossen! – Höre, Maharadscha, was dir Fattih Murad Khan, der Sohn Gholab Sings, zu sagen hat. Einmal hast du den geheiligten Brauch der Gastfreundschaft verletzt und das Mädchen, das dir anvertraut war, schutzlos den Händen der Räuber und Mörder preisgegeben! Nicht zum zweitenmal sollst du das heilige Recht des Gastes auf den Schutz seines Wirtes mit Füßen treten. – Ich will, daß du jene Faringi, Männer und Frauen, die du unter dein Dach geladen hast, ungekränkt nach Khanpur zurückkehren läßt. Dann laß uns morgen offen die Fahne des Kampfes erheben. Ich und die Krieger der Sikhs werden an deiner Seite stehen!« »Tor! – Ich sollte das Werk lange gepflegter Rache aufgeben? Die Ferse, die über der Schlange schwebt, ihr den Kopf zu zertreten, wie ein Feigling zurückziehen?« »Ich warne dich, Srinath Bahadur!« »Nimmermehr! Bei den Unterirdischen und allen Dämonen der Hölle! Wer sollte mich daran hindern?« »Ich!« Der Maharadscha zuckte verächtlich die Achseln. Dann, nach dem Palast zurückdeutend, fragte er mit drohend zusammengezogener Stirn: »Weißt du, daß in jenem Haus dort der Tod weilt?« »Ich weiß es!« »Und du wagst es, mir vorzuschlagen, meiner Rache zu entsagen?« »Deine Rache ist die Befreiung Indiens, der Tod der Schuldigen – nicht der Mord des geheiligten Gastes!« »Tor! Wer erlaubt der Schlange, die uns gebissen hat, sich zurückzuziehen, wenn sie in unserer Gewalt ist? Geh! Ich werde mein Werk auch ohne dich und deine falschen Sikhs vollbringen. Du und der kaltherzige Franke Maldigri, auf den die Rani vertraut, ihr seid nicht die Männer, eine große Tat zu vollbringen. Srinath Bahadur bedarf eurer Hilfe nicht!« »So werde ich dich hindern daran, zur Ehre deines Namens!« sagte entschlossen der ritterliche Sikh. Der Hindufürst wandte sich zu ihm. Sein Auge sprühte Flammen, seine Hand fuhr unwillkürlich an den juwelenbesäten Griff seines Handschar. Aber dem kühnen, furchtlosen Blick des jungen Kriegers begegnend und von dem Gedanken an das Leid, das er ihm zufügte, erfaßt, änderte er im Augenblick seinen Entschluß. »Versuche es!« Dann wandte er ihm den Rücken und schritt nach dem Schauplatz seines Festes. Im Garten des Palastes kam ihm Leutnant Sanders entgegen, ihn und die Rani von Dschansi zu der Konferenz des Rates und der Generale zu bescheiden. Wieder ganz der höfliche, die Oberherrlichkeit der weißen Gebieter knechtisch verehrende Hinduwirt, betrat Nena Sahib mit der Rani den Saal. Der junge Offizier nahm vor dem Eingang Platz, um den Eintritt Unberechtigter zu verhindern. Nachdem der Maharadscha und die Rani Platz genommen hatten, eröffnete der Rat sogleich die Verhandlungen. »Da ich morgen wieder nach Agra reisen muß, habe ich geglaubt, daß wir ebensogut hier die Angelegenheiten besprechen können, derentwegen ich zum Teil hierher gekommen bin. Damit keinerlei Mißverstehen und Mißdeutung stattfinde, wünschte ich, daß die Verhandlung vor beiderseitigen Zeugen geschehe. Die anwesenden, mit den Verhältnissen bekannten Personen werden genügen.« Alle verneigten sich zum Zeichen der Zustimmung. »Zunächst«, fuhr der Rat zur Königin von Audh fort, »wende ich mich an deine Hoheit. Durch die Verkündung vom 7. Februar vorigen Jahres hat die Company , unter Bewilligung einer Pension von 150000 Pfund Sterling, die Regierung von Audh an sich genommen. Wir wollen über die Ursachen nicht einen längst beendeten Streit wiederholen, genug, die Einverleibung ist Tatsache und muß demgemäß betrachtet werden. Zu ihrem Bedauern müssen die Company und der Generalgouverneur dagegen erfahren, daß deine Hoheit, der man bewilligt hat, statt deinen Gemahl nach Kalkutta zu begleiten, im Palast zu Audh zu bleiben, fortwährend neue Intrigen und Proteste gegen die Regierung der Company spinnt.« »Sage mir, was ich getan haben soll, Sahib, und ich werde dir antworten«, entgegnete die Königin. »Es gehen viele Lügen aus dem Mund meiner Feinde, und der Wind hat sie zu deinem Ohr getragen.« »Zunächst ist hinter dem Rücken der Company die Mutter deines Gemahls in Begleitung deines Sohnes nach England gereist, um bei dem Parlament und der Königin Beschwerde über die Einverleibung zu führen, der der König selber sich doch unterworfen hat.« »Das ist falsch, Sahib. Der König, mein Gemahl, ist der Gewalt gewichen. Aber er hat seinen Turban in die Hand des Sahib Outram gelegt und keinen Vertrag unterschrieben. Soll der Beraubte nicht das Recht haben, sich gegen seine Unterdrücker zu beklagen?« »Die hohe Company«, sagte der Rat ruhig, »unterdrückt niemand. Aber der zuchtlosen Wirtschaft in Audh, bei der das Volk zugrunde ging, mußte ein Ende gemacht werden. Es ist der Regierung sehr wohl bekannt, woher der Widerstand des Königs kommt, der ein schwacher, nur von Weibern und Eunuchen beherrschter Fürst ist. Du, Hoheit, bist die Ursache. Deine fortwährenden Aufreizungen und Ermahnungen stacheln ihn zum Eigensinn, zu Umtrieben und Verschwörungen gegen die Regierung auf, die ihn das Leben kosten können!« »Die Company möge beweisen, was sie durch deinen Mund sagt!« Der Rat öffnete eine Aktentasche und nahm zwei Briefe heraus, die er ihr vor die Augen hielt. »Kennst du diese Schreiben?« Einen Augenblick entfärbte sich die entthronte Fürstin, dann – einen raschen Blick auf den Maharadscha werfend, wie um sich Beistand zu sichern – entgegnete sie mit Hohn: »Ich wußte nicht, daß die Faringiregierung Briefe stiehlt!« Der Rat errötete bis über die Stirn und sah die kecke Frau drohend an: »Wenn es die Interessen des Staates gilt«, erwiderte er ziemlich heftig, »hat die Regierung das Recht, die Korrespondenz verdächtiger Personen zu überwachen. Ja, es ist ihr sogar die Anzeige gekommen, daß deine Hoheit dem Mißvergnügen, das sich bei einigen Sepoyregimentern gezeigt hat, nicht fremd sein soll. Ich bin hier, um dich zum letztenmal zu warnen und dich aufzufordern, diese Entsagungsakte auf den Thron von Audh für dich und deine Familie zu unterzeichnen.« »Und wo ist die Unterschrift des Königs, meines Gemahls?« »Der König wird sich nicht weigern, zu unterzeichnen, wenn deine Hoheit ihm mit ihrem Beispiel vorangegangen ist. Die Company verpflichtet sich, dir außer der Pension deines Gemahls 60000 Rupien jährlich auszusetzen.« »Und wenn ich mich weigere?« Die Stirn des Rates furchte sich. »So wird man Mittel finden, deine Hoheit zu zwingen.« »Welche, Sahib Rat?« »Man wird die Pension des Königs einziehen und ihm und dir den Prozeß wegen Hochverrats machen. Hier ist das Dokument, Hoheit, vollständig ausgefertigt. Hier die Urkunde der Pension; ich bitte, unterzeichne!« »Möge die Hand verdorren, die es tut!« rief kräftig die Begum. »Glauben die Faringi, daß eine Hindumutter das Erbe ihrer Kinder verkauft?« »Ich sagte es Ihnen im voraus, Sir«, bemerkte General Wheeler, der genug Indisch verstand, um den energischen Protest der Begum zu begreifen. »Das Weib ist störrisch wie ein wildes Pferd. Die Nachsicht Seiner Herrlichkeit des Generalgouverneurs mit ihrem Treiben hat sie vollends verdorben.« »Urteilen Sie nicht zu streng, Exzellenz«, fiel begütigend der Dechant in französischer Sprache ein. »So notwendig die Einverleibung dieses Landes gewesen sein mag, so hart muß sie den Betroffenen erscheinen. Sie wissen, man urteilt sogar in Europa sehr verschieden darüber.« »Was weiß man in Europa von unseren Verhältnissen?« erwiderte der Rat barsch. »Wir haben unsere Vorrechte, und man wird sich hüten, sie noch weiter zu verletzen.« »Aber das Vorrecht der Company läuft mit dem Jahr achtundfünfzig ab.« »Genug, ehrwürdiger Herr! Bis dahin wenigstens – und ich hoffe zur Ehre des Ansehens der englischen Nation auch noch länger – sind wir die Herren dieses Landes; und gerade eine falsche Humanität wäre das Mittel, es zu verlieren! Du hast bis morgen mittag Zeit, Hoheit, dich zu bedenken«, wandte er sich an die Königin. »Ich breche nach der Siesta auf und werde bis dahin deine Unterschrift erwarten. Weigerst du dich, so zahlt die Company die Pension nicht weiter, und General Lawrence hat die nötigen Instruktionen für die Überwachung deiner Person. Es muß ein Ende gemacht werden.« Die Begum sah ihn mit einem höhnischen Blick an, bewahrte aber ein stolzes Schweigen. »Es tut mir leid, Hoheit«, fuhr der Rat zu dem Maharadscha gewandt fort, »daß ich in Ihr schönes Fest politische Verhandlungen und die Strenge der Regierung gegen eine Dame mischen muß, die wir gern schonen möchten. Ich bin angesichts Ihrer Anhänglichkeit an die Sache der britischen Herrschaft überzeugt, daß sich unsere eigenen Angelegenheiten leichter ordnen lassen werden.« Der Maharadscha legte die Hand auf das Herz und verneigte sich. »Möge die glorreiche Company noch tausend Jahre leben und die armen Hindu gebildet und glücklich machen! Die Faringi werden keinen treueren Freund in diesem Land haben als Srinath Bahadur, den Sohn Bazie Rûs«, beteuerte er, sich der englischen Sprache bedienend. »Ich verlange nichts als Gerechtigkeit.« »So sagen sie alle«, meinte der Rat, »ohne zu bedenken, daß oft die persönlichen Ansprüche den Interessen des Staates nachstehen müssen. Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, Hoheit, daß Sie Feinde zu haben scheinen, die gegen Ihre Wünsche auftreten und selbst Ihre Treue zu verdächtigen bemüht sind. Doch beruhigen Sie sich! General Wheeler hat Ihnen das beste Zeugnis ausgestellt und sich dafür verbürgt.« »Ich liebe die weißen Männer, ihre Sprache und ihre Sitten«, erwiderte gelassen der Nena. »Der Sahib Resident ist mein bester Freund und wird mir helfen, Euer Exzellenz von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnung zu überzeugen.« Der Rat lächelte kaum merklich bei dieser absichtlichen Berufung. Major Rivers zeigte eine leichte Verlegenheit, die er jedoch mit seiner gewohnten Frechheit bald überwand. »Ich muß bestätigen«, sagte er, »der Maharadscha zeigt große Sympathie für unsere abendländischen Sitten. Ich habe mich über seine Ergebenheit nicht zu beklagen. Ich möchte wünschen, daß seine Ansprüche geneigtes Gehör fänden.« »Diese Ansprüche sind es, auf die ich zu sprechen kommen will«, sprach der Rat. »Sie haben wiederholt den Antrag auf Verleihung des Peischwatitels und auf die Pension gestellt, die der verstorbene Peischwa von Bithur bezog.« »Ich verlange nichts als Gerechtigkeit, Sahib Rat. Ich bin der Sohn Bazie Rûs.« »Aber nur sein Adoptivsohn, Sir.« »Die Rechte der adoptierten Kinder sind geheiligt durch tausendjährige Sitte. Kein Inder wagt sie anzuzweifeln!« »Aber nicht nach unseren Anschauungen und Sitten. Die Company hat bei der Abtretung der Herrschaft des Landes dem verstorbenen Peischwa den Titel und die Pension gesichert, aber nicht das Recht, sie auf jeden Fremden zu übertragen. Bedenken Sie, welche Lasten sich die Company für alle Zukunft durch solche Zugeständnisse auferlegen würde.« »Sahib Rat, ich war der Sohn Bazie Rûs, noch ehe jener Vertrag geschlossen ward – der Fall liegt also anders, als Euer Exzellenz folgern.« »Die Sache wird sich gewiß ausgleichen lassen, wenn wir uns über die zweite Angelegenheit verständigen. Sie haben eine Klage bei dem obersten Gerichtshof der Company eingeleitet auf Herausgabe des Erbes eines Verwandten des Peischwa, des verstorbenen Dyce Sombre, des Enkels der Begum von Somroo.« »Ich will nur Gerechtigkeit, Sahib Rat.« »Gerechtigkeit und immer wieder Gerechtigkeit! Ich versichere Sie, es ist der Wille der Regierung, daß dem geringsten Mann in diesem Land Gerechtigkeit zuteil werde!« »Ich werde Euer Exzellenz an diesen Ausspruch erinnern.« »Verstehen wir uns recht: Ich halte Ihre Ansprüche in dieser Sache für keineswegs rechtlich begründet. Zunächst wiederhole ich Ihnen, daß Ihre Verwandtschaft mit dem Verstorbenen nur auf den indischen Sitten beruht, aber von keinem englischen Gerichtshof anerkannt werden würde.« »Der Teil des Erbes, den ich hauptsächlich beanspruche, liegt in Indien, nicht in England.« »Aber es ist Ihnen bekannt, daß Sir Dyce Sombre zur Zeit der Testamentsaufnahme gar nicht testierungsfähig war, daß man ihm wegen Geistesstörung die Verfügung über sein Vermögen genommen hatte.« »So behauptet die dabei interessierte Verwandtschaft seiner Gattin. In England haben namhafte Ärzte das für ein schändliches Unrecht erklärt. Auch ist das Testament nicht in England aufgenommen, sondern in Paris. Wissenschaftliche und amtliche Autoritäten haben die volle Verfügungsfähigkeit meines Verwandten bestätigt.« »Das Testament ist auf eine so seltsame Weise zum Vorschein gekommen, nachdem es den amtlichen Feststellungen zufolge in London unter geheimnisvollen Umständen plötzlich verschwunden war, daß die Regierung Aufklärung darüber verlangen muß, auf welche Weise Sie in dessen Besitz gekommen sind.« »Der indische Diener meines Vetters Tukallah überbrachte es mir nebst allen dazugehörigen Dokumenten.« »Wo ist der Mann? Können Sie ihn als Zeugen stellen?« »Euer Exzellenz wissen, daß das Zeugnis eines Inders wenig gelten würde vor einem britischen Gerichtshof. Ist Ihnen der Name Tantia-Topi bekannt?« »Ein Mahrattenhäuptling, wenn ich mich recht erinnere, nicht vom besten Ruf und stets mit den Feinden der Company unter einer Decke!« »Er ist nebst dem ältesten Sohne Gholab Sings, Murad Khan, ein Vertrauter der flüchtigen Rani von Lahore«, fügte der Resident bei. »Man hat genügenden Grund, ihm die Entführung Dhulip Sings und noch manche andere Verbrechen zur Last zu legen.« »Tukallah«, sagte der Fürst ruhig, »und Tantia-Topi sind ein und dieselbe Person.« »Dann, Hoheit, erlauben Sie mir die Bemerkung, daß der Name wenig zugunsten Ihrer Sache spricht.« »Ich verlange einfach mein Recht, Sahib Rat.« Der Baronet wühlte einige Augenblicke in seinen Papieren. Dann, ohne auf den Einwand des Hindu zu antworten, sagte er: »Sie fordern die großen Besitzungen der alten Begum in Indien, über die, wie Sie wissen, die Company längst verfügt hat. Außerdem einen bedeutenden Anteil der Erbschaft in England, zu der dort drei rechtmäßige Erben vorhanden sind.« » Ein Erbe, Sir. Der Gattin des Verstorbenen steht nur die ihr bei der Verheiratung ausgesetzte Summe zu. Die eingereichten Dokumente beweisen, daß die eine Schwester nicht die rechtmäßige Enkelin der Begum und von dieser enterbt war.« »Ich muß Ihnen bemerken, Hoheit«, sagte der Rat so mild, wie es ihm möglich war, »daß Ihren Ansprüchen die Interessen angesehener und einflußreicher Familien entgegenstehen, und daß Ihre Klage im besten Fall zur Entscheidung der Chancery Der durch seine über viele Menschenalter währenden Verschleppungen berüchtigte Gerichtshof für die Erbschaftsprozesse in London. kommen müßte.« »Der rasche und unbestechliche Gang der englischen Gerechtigkeitspflege, wo es die Rechte der Erben zu vertreten gilt, ist bekannt«, erwiderte der Maharadscha mit Hohn. »Lassen uns Euer Exzellenz auf meine Ansprüche an die indischen Güter zurückkommen. Nicht mein angeblich wahnsinniger Vetter, sondern schon seine Großmutter, die Begum von Somroo, bestimmte darüber.« »Aber die Bestimmung war töricht. Der Erbe der Güter soll davon eine Universität in Bengalen gründen und unterhalten. Gesetzt auch, Ihre Rechte auf dieses Erbe wären zu beweisen, so kann die Company niemals gestatten, daß ein so wichtiges Institut von dem Willen und dem Einfluß eines eingeborenen Privatmannes abhängt. Überdies ist eine Universität in Audh bei dem gegenwärtigen Kulturzustand der Bevölkerung ein Unding, ja geradezu gefährlich. Es ist schon traurig genug, daß die Frechheiten der Presse geduldet werden. Es wäre weggeworfenes Geld. Die Regierung hat in sämtlichen Präsidentschaften Schulen errichtet, und kaum der fünfte Teil der Kinder benutzt sie. Die Regierung hat über die Besitzungen seit länger als zehn Jahren verfügt. Aus einer neuen Aufnahme der abgetanen Sache kann nur Nachteil entstehen. Sie müssen Ihre Klage zurücknehmen, Hoheit.« »Wenn es die Company befiehlt – ich bin ihr Knecht.« »Die Regierung wünscht es. Sie ist bereit, dafür bei dem Direktorium Ihre Ansprüche auf den Peischwatitel nochmals zu befürworten.« »Und mein Recht auf die Pension?« »Im Augenblick erfordern die Finanzen der Company die möglichste Sparsamkeit. Die Verpflichtungen, die man von England aus an uns stellt, steigern sich mit jedem Tag. Wir werden später die Sache in Berücksichtigung ziehen. Kann die Regierung Ihnen sonst in irgendeiner Weise gefällig sein, so äußern Sie Ihre Wünsche. Wir haben mit Bedauern das Unglück gehört, das Sie in – einer Freundin betroffen hat.« »In meiner Gemahlin, Sahib Rat«, unterbrach ihn der Maharadscha. »In Ihrer Gemahlin, Fürst. Ich hoffe, daß die Herstellung der Maharani bald so weit erfolgt sein wird, daß ihre Aussagen auf nähere Spuren des Verbrechens leiten können. Ich verspreche Ihnen die strengste Gerechtigkeit und energische Verfolgung der Bösewichter.« Der Maharadscha erhob sich. »Ich nehme Euer Exzellenz Versprechen an und werde Sie daran erinnern! – Darf ich unsere Gäste einladen, einzutreten und das anzusehen, was ich mit meinen geringen Künstlern der hohen Gesellschaft zu bereiten bemüht war?« »Einen Augenblick noch, Hoheit, ich habe noch einige Worte zu sagen.« Er nahm ein neues Papier aus seiner Aktentasche und wandte sich zu der Rani von Dschansi. »Deine Hoheit zeigen sich unzufrieden mit den Anordnungen der Regierung. Du protestierst in dieser Schrift gegen die Handlungen unsres bestellten, hier gegenwärtigen Residenten und beschuldigst ihn einer unberechtigten Einmischung in deine Angelegenheiten.« Rivers warf einen überraschten und gehässigen Blick auf die Rani, dem diese mit einem herausfordernden Lächeln begegnete. »Was geschrieben ist, ist geschrieben«, sagte sie mit erhobener Stimme. »Ich verlange Gerechtigkeit von der Company für die freien Fürsten Indiens, statt Tyrannei und Unterdrückung!« »Du sprichst kühn, Maharani«, warnte finster der Resident. »Die Regierung ist zwar gewillt, alle mögliche Nachsicht gegen dich zu üben, aber sie verlangt Unterwerfung und Dankbarkeit, nicht Trotz und Übermut!« »Unterwerfung?« fragte die Fürstin stolz. »Ich bin eine freigeborene Fürstin, nicht die Sklavin habsüchtiger Faringi! Ich bin niemand Rechenschaft schuldig über mein Tun als dem Scindia, meinem Lehnsherrn, und meinem Gewissen. Dank – wofür? Daß man einen Spion in mein freies Land geschickt hat und jede meiner Handlungen von angestellten Spähern beschränken läßt?« Die Generale hatten sich, gleich dem Baronet, bei dieser kühnen Sprache der Rani unwillkürlich erhoben. Das bleiche Gesicht des Rates, dies strenge, marmorkalte Gesicht, das jedes Empfinden verlernt zu haben schien seit der Nacht, die ihm Glauben und Leben von Weib und Kind raubte, rötete sich von dunklem Zorn, und die Adern seiner Stirn schwollen. »Ist das die Sprache gegen deine Herren, deren Mitleid allein dich auf deinem Scheinthron duldet? Die Natter des Aufruhrs und des Verrats zischt aus dir, und beim Kreuz von Sankt Andreas – sie soll zertreten werden! Das ist der Dank für die Wohltaten, die England diesem Volk erwiesen hat!« »Wenn die Weiber sich solcher Sprache erdreisten«, stimmte der Gouverneur von Khanpur bei, »was haben wir von den Männern zu erwarten? Das kommt von der Nachsicht, mit der man dieser Närrin das Soldatenspielen erlaubt hat.« »Es möchte leicht sein, die Quelle zu finden, aus der so rebellische Gedanken kommen«, sagte der Resident mit Bedeutung zu dem Rat. »Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl der Umgebung der Fürstin.« Die Rani hatte mit festem, flammendem Blick diesen Worten zugehört. Auf ihrer Stirn lag der Haß eines Jahrhunderts der Unterdrückung. Mit majestätischer Gebärde streckte sie den Arm gegen ihre Gegner aus. »Stolze Faringi, die ihr euch die Herren und Gebieter in diesem Land zu sein anmaßt – höret das freie Wort einer Frau, da den Mund der Männer die Furcht und der Verrat geschlossen halten. Frei und mächtig war der Hindu in seinem Land, ehe der weiße Mann mit der gespaltenen Zunge an seine Küste kam. Der Ruhm Hindostans erklang durch alle Welt, und was Brahma den Menschen an Schätzen und Wissen gegeben hatte, war in diesem Land. Da kamen die Europäer und baten um Duldung an unseren Küsten, zuerst die Portugiesen, die Holländer und die Franken, zuletzt die Krämer, die feilschenden Faringi! Voll Gastfreundschaft nahmen die Hindostani sie auf; aber aus den Gästen sind die Herren, aus den Geduldeten die Gebieter geworden. Die Krämer, die Handel treiben, sind die Tyrannen! Sie, die feilschten um Pfennige, sie haben den Fuß verräterisch auf den Nacken freier Völker gesetzt. Mit Betrug und List habt ihr die Macht gewonnen, und mit dem Fluch von Millionen erhaltet ihr sie. Betrogen habt ihr die Fürsten um ihr Eigentum – unterdrückt die Rechte der Nationen. Nicht der Mann am Kreuz, sondern die Gewalt und das Gold sind euer Gott! Ihr schändet die Frauen und würgt die Kinder als Opfer eures blutigen Glaubens! Betrug, Habsucht und Verrat sind eure Waffen – aber die Ernte ist reif – und blutig soll die Saat aufgehen, die ihr gesät habt! Ich, ein Weib, dessen Rechte ihr unterdrücken wollt, künde euch offen und frei den Krieg an! Ich trotze eurer Herrschaft und will die schützen, die zu furchtsam sind, ihre eigenen Rechte zu wahren!« Ihre Hand erfaßte die Entsagungsakte der Begum, und in Stücke zerrissen schleuderte sie das Papier vor die Füße der Erstaunten. »Wie ich den Zeugen der Willkür vernichte, möge eure Herrschaft in diesem Land in Stücke gehen! Ich, Xaria, die Rani von Dschansi, biete Trotz der Macht der Faringi und will meine Freiheit mit der Schneide meines Schwertes verteidigen gegen den Frechen, der es wagte, die Hand einer freien Fürstin zu verlangen!« »Wahnsinnige! Nur als Gefangene sollst du die Schwelle dieses Palastes verlassen!« »Wage es, Faringi, mich anzutasten! Wahre dein eigenes Leben! Du atmest in der Höhle des Tigers, der kein Erbarmen kennt!« »Wache herbei! Rufen Sie Ihre Offiziere, Exzellenz! So unerhörter Trotz darf nicht ungestraft bleiben!« General Wheeler eilte nach dem Eingang des Saales, während der Gouverneur von Audh, ein milder und nachsichtiger Charakter, den Zorn des Mitglieds des großen Rates von Indien zu beschwichtigen suchte. Er stellte das Benehmen der Fürstin von Dschansi als das einer fanatischen und durch irgendeinen Umstand zum Ausbruch der Leidenschaft gereizten Frau dar. In diesem Augenblick – noch ehe General Wheeler einen Befehl erteilen konnte – flogen die Vorhänge der beiden Bogentüren zur Seite. Auf den Arm ihres Wirtes gestützt, der bei dem Ausbruch des gefährlichen Streites sich rasch entfernt hatte, trat Lady Mallingham ein, gefolgt von der ganzen Gesellschaft, die sich für das angekündigte Schauspiel vor der Bühne niederließ. Diener trugen Sessel herbei, die lebhafte, fröhliche Unterhaltung überwältigte jede Einsprache. Der Rat und die Generale sahen ein, daß dies nicht der Augenblick sei, um den Streit weiterzuführen. Sie verschoben die Ergreifung strenger Maßregeln in der Gewißheit, daß die Trotzige ihrer Strafe nicht entgehen könne. Unbekannt mit dem, was vorgegangen war, lud ein Wink der Lady die beiden indischen Fürstinnen ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Die andern Damen gruppierten sich im Halbkreis. Der Rat, die beiden Generale und der Dechant hatten gleichfalls in dem Halbrund Platz genommen. Hinter den Sesseln sammelten sich die Offiziere und die vornehmen Eingeborenen, die Nena Sahib zu dem Fest geladen hatte. Bei der steten Absonderung, die zwischen den englischen und den eingeborenen Offizieren in einem Regiment herrschte, konnte es selbst weniger Unbefangenen, als es der größte Teil der Gesellschaft war, nicht auffallen, daß die Sepoyoffiziere sich im Hintergrund an den Ausgängen zusammendrängten und bedeutsame Blicke und heimliche Reden miteinander wechselten. »Nun, Hoheit«, wandte sich Lady Mallingham an den Maharadscha, »wir erwarten das Schauspiel, das Sie uns versprochen haben. Man hat mir versichert, daß sie ein großer Verehrer der Dichter Frankreichs und Englands sind. Ich hoffe, Sie werden uns doch nicht eine der langweiligen Tragödien Racines oder gar ein Drama Shakespeares zum besten geben, sondern ein indisches Original?« »Mylady, Sie müssen vorliebnehmen mit dem, was wir armen, ungebildeten Hindu zu geben vermögen. Aber, auf meine Ehre, ich verspreche Ihnen, es ist ein Original.« »Bitte, geben Sie mir das Programm dazu. Was wird es sein – ein Schauspiel – der Versuch einer indischen Oper, in der chinesische Sänger unsere Ohren zerreißen? Eine indische Göttermythe oder eine malaiische Gaukelei?« »Es ist eine Rhapsodie, Mylady, deren Text ich in englische Verse übertragen habe. Sie ist dem Kadambari des Vanabhatta nachgebildet und wird nach der Sitte der Franken durch stumme Gruppen dargestellt werden.« »Also lebende Bilder, und Sie selber der Dichter, Hoheit? Das ist reizend. Ihr Fest läßt nichts zu wünschen übrig. Ich gebe Ihnen zum Dank dafür die Erlaubnis, meine Hand zu küssen, Prinz, und bedaure nur eines bei meinem Besuch.« »Und darf ich fragen, welcher Umstand Ihrer Herrlichkeit Mißfallen erregt?« »Nicht mein Mißfallen, Hoheit. Verändern Sie meine Worte nicht! Ich spreche nur mein Bedauern aus, daß es mir nicht vergönnt war, neben diesen indischen Damen auch die Schönheit unserer Wirtin kennenzulernen, der es gelang, die Liebe des berühmten Maharadscha von Bithur so wunderbar zu fesseln.« Der Hindufürst verneigte sich. »Ich werde die Ehre haben, Mylady, Ihnen meine Gattin vorzustellen, ehe das Fest zu Ende ist.« »Wie, Hoheit, ich glaubte, Lady Margarethe sei durch Krankheit abgehalten, hier zu erscheinen?« fragte verwundert Lady Mallingham. »Die Fürstin von Bithur, Mylady, kennt ihre Pflicht zu gut, um nicht in diesen Hallen mit mir ihre Gäste zu begrüßen.« Die Antwort des Maharadscha war so laut und fest gesprochen, daß außer der Lady Mallingham mehrere der Umsitzenden aufhorchten und den Mund zu Fragen öffneten. In diesem Augenblick rief General Wheeler herüber: »Der Titel Ihres Schauspiels, Freund Bahadur?« Der Nena trat zurück und näherte sich der Bühne. »Es ist ein Gedicht des Subandhu, Sahib Exzellenz, und führt den Titel: Die Rache des Liebenden! Srinath Bahadur hat die Ehre, die hohe Gesellschaft um die Erlaubnis zu bitten, sein Spiel beginnen zu dürfen.« In der tiefen geflissentlichen Demut, mit der er sich verbeugte, lag unverkennbarer Hohn. Er hob die Hand, das Zeichen zu geben. Sein dunkles Auge begann sich zu entschleiern und flog dämonisch über den glänzenden Halbkreis, der ihn umgab. Drei Schläge des Tamtams erschütterten die Nerven der Hörer. Dann schmetterte eine rauschende, wilde Musik durch den Saal von Zimbeln und Flageoletts, Hörnern und der indischen Trommel, vermischt mit dem schrillen Ton der Becken und des Triangels. Aus dem wirren Getön dieser Musik, verborgen von dem Vorhang der Bühne, erhob es sich in sehnsüchtigen, lockenden Klängen, wie der Gesang der Budurubul, des Vogels der tausend Lieder, ein flötender Klarinetton, herzdurchbebend, träumend in süßer Melancholie, als malten Töne die Erinnerungen einer süßen und unglücklichen Liebe. Hinter dem Vorhang hervor trat eine ernste Greisengestalt, gehüllt in weiße, wallende Gewänder, den schmalen Goldreif der indischen Barden um das lang flatternde Haar, den weißen Bart bis auf das rote Brahminenzeichen herabfallend, das sein Gewand auf der linken Brust schmückte. Die schmelzenden Töne verklangen wie im fernen Echo. Der greise Sänger kauerte sich zur Seite des Inderfürsten auf der Rampe der Bühne nieder; seine Finger rauschten über die Saiten der Laute, die er im Arm trug. Dann, in dem einfachen, halb singenden Rhythmus indischer Rezitativs, entströmte der Wortlaut der Ghaselen in hindostanischer Sprache seinen Lippen. Alles schwieg, neugierig durch den seltsamen Auftakt zu dem versprochenen Schauspiel. Jetzt erhob der Maharadscha die Hand; auch der indische Sänger schwieg. Aus seinem Arm nahm der Nena die Laute. Zu kräftigem Akkord griffen seine Finger in die Saiten, und das Auge zur Decke erhoben, wiederholte seine volle, wohltönende Stimme die Ghaselen in freien englischen Versen nach dem Muster Byrons, seines Lieblingsdichters: »Golden sind Surikhas Locken wie der Sonne lichter Strahl, der der Blüten duft'ge Glocken küßt im Himalajatal. Ihre Augen sind Saphire, eine Palme die Gestalt, und dem Säuseln der Zephire gleicht des Lächelns Allgewalt. Weiße Perlen sind die Worte, die aus der Rubinenpforte ihrer Lippen, den Korallen ihrer Zähne süß entfallen. An des Indus gelben Wellen, in dem fernen Lande Sindh, unterm Zelt aus Löwenfellen lebt der Khan von Samarkind. Stolz entsprossen aus dem Samen mächt'ger Helden, ist der Namen Tarapidas hoch bekannt durch das weite Inderland. Seine Faust erschlägt den Tiger, nur im Wohltun sucht er Lohn, und als treubewährter Krieger steht er an des Sultans Thron.« Wieder rauschte die wilde Musik hinter der Gardine in den kriegerischen Klängen der Zimbeln und Becken auf, als wollten sie den Ruhm des jungen Helden verkünden. Der greise Barde empfing wiederum die Laute, fortzufahren in seinem indischen Text. Abermals übersetzte der Nena der Gesellschaft die Verse, den Tonfall mit leichtem Ausdruck wechselnd: »Und von Kaschmirs schönem Kind hört der tapfere Held von Sindh. Da entbrennt in Liebesglut ihm das Herz, wie jäh die Flut von des Monsuns Hauch gefüllt an Suratas Küste schwillt. Und er zieht zum fernen Land, und er holt mit tapfrer Hand von dem Fuß des Dwalagir sich die Rose von Kaschmir! Und der Löwe aus dem Sindh wird zum schuldlos frohen Kind, denn der Kama Kraft verhieß ihm der Liebe Paradies. Von Kammari bis Kabul singt die süße Burubul keinem Glücklichern ihr Lied als Surikh' und Tarapid!« Unter den zarten Molltönen des Flageoletts rauschte der Vorhang zur Seite; ein staunendes Ah! der Versammlung begrüßte das reizende Bild. Unter einem Bananenbaum auf grünem Rasenteppich ruhte zwischen Rosen- und Geranienbüschen ein Liebespaar. Der Mann, eine prächtige Kriegergestalt in der malerischen Tracht der ritterlichen Afghanenstämme, Säbel und Schild zur Seite, das Haupt im Schoß eines schönen Mädchens mit leuchtend blondem Haar, in die weiche blaue Tunika der Frauen der tibetanischen Hochgebirge gehüllt. Major Rivers starrte auf das blonde Frauenbild, sein Antlitz überzog sich mit fahler Blässe. Das Gesicht dort oben unter dem Bananenbaum und dem Goldschleier des Gewebes von Tibet war ihm bekannt – es glich Narika, dem Mädchen von Kaschmir, die bei dem Brand der Zenanah entflohen war! » Ma foi! Sehen Sie, meine Liebe, das Gesicht jenes Afghanenkriegers – gleicht es nicht zum Erstaunen dem des Maharadscha?« »Ich glaube, es ist Baber Dutt, sein Bruder, der die Rolle übernommen hat«, erwiderte Miß Wheeler. »Und das reizende Geschöpf, das die Heldin des Gedichts darstellt? Wahrhaftig, das Bild ist entzückend und könnte in den Salons von White Hall oder der Tuilerien dargestellt werden!« Der Vorhang verhüllte die Gruppe vor den Augen der Zuschauer. Wieder rauschte der Akkord der Saiten, und die Hindostaniverse flossen von den Lippen des greisen Barden. In weiter Ferne erklang die wilde Musik seines Volkes hinter dem Nena, als er die Verse aufs neue übertrug. »Die Dämonen sind dem Glücke feindlich, das uns Kama gibt, und in ihrer Bosheit Tücke hassen sie, was treu sich liebt. Hin zu seinem Sandeltore Die berühmten und kostbaren Tore des Tempels von Lahore aus Sandelholz, die bei der Eroberung des Pandschab geraubt wurden. ruft der Sultan von Lahore seinen Krieger Tarapida. Und er läßt zurück Surikha, auf den Schutz des Bruders bauend, und der Treu' des Freundes trauend. Hassan war, wie er, ein Krieger, und er hatte Zelt und Mahl mit dem edlen Hindusieger schon geteilt wohl hundertmal. Doch im stillen neidet er seiner Liebe Glück ihm schwer, und als Tarapida fern, raubt er seines Lebens Stern! – Jene zarte Fraungestalt bricht des Schändlichen Gewalt, tückisch stürzt er ins Verderben ihren Bruder, dessen Sterben Freiheit erst schafft seinen Lüsten, und er schwelgt an ihren Brüsten und beschimpft den zarten Leib und entehrt des Freundes Weib!« Wilder und wilder rauschten die Akkorde ... »Nicht die Schande selbst bereuend, doch der Tat Vergeltung scheuend, birgt er in dem Schoß der Erde, daß sie nimmer kundbar werde, jetzt Surikha, bis der Götter Wort den Rächer und den Retter ihrem Jammer endlich weckte, den des Wahnsinns Nacht bedeckte!« Wie ein Beben ging es durch den Saal – kein Laut – denn selbst auf den stolzen und kalten Herzen der Briten lag es wie furchtbare Ahnung des Kommenden, lag die Gewißheit: die Verse des betrogenen Maharadscha hatten eine entsetzliche Bedeutung. Bleiche Frauengesichter sah man im Kreise. In den Augen Edithas glänzten Tränen des Mitgefühls. Angsterfüllt suchten ihre Blicke in dem Kreis der Männer die Gestalt des Retters, der ihr und den Ihren Schutz gelobt hatte vor der Rache des Nena. Auch das Antlitz des Residenten war bleich. Die Lippen zusammengepreßt, die Stirn in dunklen Falten und das Auge mit trotziger Drohung auf seinen Gegner gerichtet, stand er, auf den Säbel gestützt, regungslos in der Mitte der Offiziere. Ohne dem indischen Barden die Laute zurückzugeben und seinen Gesang abzuwarten, tat der Hindufürst einen Schritt auf den Kreis der Gäste zu. Aus seinem Angesicht war das Blut gewichen, in seinen Augen glühte es, als habe ihn selber der Wahnsinn gepackt. Einen schrillen Akkord riß seine Hand über die Saiten, und dumpf und dennoch verständlich, bis in die fernsten Ecken des Saales, grollte seine Stimme in dieser dämonischen, erschütternden Anklage: »Wollt ihr schaun das Ungeheure, wollt ihr sehn, ihr zarten Frauen, wie das Liebste und das Teure untergeht in Leid und Grauen? Fragt ihr, was in düstren Tagen Tarapidas Herz erfüllt? Weibern nur gehört das Klagen, doch dem Rächer jenes Bild!« Auseinander fuhr der Vorhang: in dunklem Kerkergewölbe, auf feuchter Binsenmatte kauerte die Jammergestalt der Hindufrau mit dem bleichen Angesicht, den starren Blicken des Wahnsinns, die zerstörten blonden Locken durch die hageren Finger gleiten lassend. Von den weißen Lippen schien das irre Schmerzenslied zu zittern. Ihr zur Seite standen zwei Männer, einer in der einfachen Tracht der Gangesschiffer, den blanken Stahl drohend geschwungen in der Rechten, die Linke den weiten arabischen Mantel erfassend, der die scheu fliehende Gestalt des Zweiten verhüllte. Ein Schlag des Tamtams durchdröhnte gellend den Saal. Der Mantel des Fliehenden fiel – seine Kleidung, sein Antlitz wurden den hundert fragenden Augen sichtbar. »Das ist Rivers, wie er leibt und lebt!« Der Ruf des Doktor Bryce schien wie ein elektrischer Schlag die allgemeine Erstarrung zu lösen. Die Generale und der Rat erhoben sich. Unwillen in den rauhen, von Alter und Strapazen verhärteten Zügen, trat der Gouverneur von Khanpur auf den Nena zu, dessen Auge mit starrem, furchtbarem Ausdruck auf dem Verfemten haftete. »Ich muß gestehen, Hoheit, das ist kein Spiel für ein Fest! Ich habe Ihre Launen und Absonderlichkeiten immer mit Nachsicht behandelt und Sie geschützt; aber diese offenkundige Beleidigung eines britischen Beamten und Offiziers geht zu weit. Ich muß Erklärung fordern – was beabsichtigen Sie mit dem Mummenschanz?« »Gerechtigkeit!« Die Stimme des Nena dröhnte durch den Saal. »Gerechtigkeit? Seine Exzellenz der Herr Rat hat Sie vorhin darauf aufmerksam gemacht, daß das Wort eine unklare Bedeutung hat. Wofür und gegen wen verlangen Sie Gerechtigkeit?« »Gegen die Entführer meines Weibes, Sir!« »Wir beklagen alle Ihr Unglück; aber Sie wissen, daß die Verbrecher noch nicht zu ermitteln waren.« »Die Verbrecher sind hier!« »Hier? Enden Sie endlich die Rätsel, Hoheit! Wo sind die Schuldigen?« »Dort!« Seine Hand wies auf den Residenten. »Also doch? Sie wagen es, die Anklage Ihres Bildes mit Worten zu wiederholen?« »Ich wage es! Bei den heiligen Broten! Bei dem Gekreuzigten der Christen! Dieser Faringi ist der Räuber und Mörder meines Weibes!« »Der Mörder?« »Ja, Sahib General! Meinst du, Srinath Bahadur werde das Lager seines Weibes verlassen, um den Fremdlingen seine goldenen Säle zu öffnen, solange noch ein Hauch des Lebens auf den Lippen der Geliebten war? Schaut hin und seht das Opfer eines weißen Mannes!« Er streckte die Hand nach der Bühne. Die Gruppe von vorhin war verschwunden, nur der Hinduschiffer zeigte sich noch den Blicken und neben ihm ein offener Sarg von Sandelholz mit den weißen und roten Blüten der Orangen und des Lotus. Auf dem Blumenkissen, in das weiße Gewand gehüllt, lag eine abgezehrte Gestalt, die Lider geschlossen, die blonden Locken um das Totengesicht – Margarethe O'Sullivan, die Gattin des Maharadscha von Bithur. »Er lügt!« schrie der Resident durch die grauenhafte Stille, die bei dem Anblick die ganze Gesellschaft packte. »Wird man der Lüge eines verräterischen Inders mehr glauben als dem Wort eines britischen Offiziers? – Wo sind die Zeugen für seine wahnsinnige Anschuldigung? Soll diese Tote es sein, die ihres Verstandes beraubt gestorben ist?« »Die stummen Gräber nehmen die Toten auf, aber sie geben sie auch wieder zurück zur Stunde des Gerichts«, sagte der Maharadscha ernst. »Und die Gräber sollen sprechen, um deine Tücke anzuklagen und zu verdammen für Zeit und Ewigkeit!« Hinter dem Sarg der schändlich geknickten Blume des grünen Irlands erhob sich eine seltsame Gestalt, ein Mann; kein menschenähnliches Angesicht mehr und dennoch fast jedem der erschrockenen Gäste bekannt. Frei und offen war die schöne Männerstirn, von blondem, lockigem Haar umspielt, die blauen Augen voll Gram, der obere Teil der Wangen und die Nase schön und edel geformt in unverkennbarer Ähnlichkeit mit dem Leichenantlitz der Toten. Aber eine dunkle Höhlung gähnte statt des Mundes, ein Gewebe zerrissener und vernarbter Muskeln und zerschmetterter Knochen bildete den unteren Teil des Gesichts statt Schlund und Kinn. Die Gestalt, ein großes Tigerfell mit silbernen Klauen wie einen Mantel um die Schultern geschlungen, trat langsam hinter dem Sarg hervor und stieg mit schwankendem Schritt die Stufen der Bühne nieder, gerade auf den Residenten zu, der entsetzt, wie vor der Erscheinung einer anderen Welt, zurückwich. Er tastete mit zitternder Hand nach der Lehne eines Stuhles, um sich aufrechtzuhalten. Die Jammergestalt blieb auf ihrem Weg stehen und hob die Arme gen Himmel. Jetzt sah man, daß beide Ärmel vom Ellenbogengelenk an leer waren. Dem Mann fehlten Unterarme und Hände. »Der Teufel soll mich holen«, sprach Doktor Bryce, indem er die Gläser seiner Brille abwischte, »wenn da nicht wirklich das Grab seine Beute herausgegeben hat! Ned, mein Bester, wer hat die wundervolle Kur an Ihnen gemacht?« »Edward O'Sullivan«, tönte die Stimme des Nena, »zeige uns den Mörder deiner Schwester!« Der Verstümmelte wankte weiter auf den Residenten zu. Der zerrissene Schlund bewegte sich, als wollte er Worte von sich geben; aber nur der pfeifende Atem war zu hören, nur in den Augen flammte der Strahl dessen, was die Lippe nicht mehr zu stammeln vermochte. So trat er dicht heran an den britischen Mörder und legte die beiden verstümmelten Arme auf dessen Brust. Mit Gewalt hatte der Resident seinen Trotz zurückgerufen. Er fühlte, daß er von Todfeinden umgeben war, daß nur die Frechheit seine Gegner zu entwaffnen vermochte. Mit diesem Bewußtsein hatte er auch seine volle Kaltblütigkeit wiedergewonnen, und sein forschender Blick überflog und prüfte die Zahl dieser Gegner, um einige Augenblicke Zeit zu gewinnen. Die Zahl war nicht klein. Der Maharadscha mit den unerbittlichen Schatten des Rächers an der Stirn; der Schiffer der arabischen Praua, zum Sprung bereit auf seinen Feind; an den Nena gedrängt der Babu, der Vater des Mädchens, das er in seinen Harem geschleppt hatte; die Elendsgestalt des so teuflisch geopferten, vertrauenden Freundes – und da der triumphierende Blick der Rani Xaria, der er noch vor kaum einer Stunde Hand und Namen geboten, und deren höhnende Verwerfung seine Schande begonnen hatte. »Es freut mich, Ned, daß Sie dem Tode entgangen sind, wenn auch übel zugerichtet«, sagte Rivers mit kalter Entschlossenheit. »Warum zum Teufel ließen Sie Ihre Freunde so lange in dem Glauben, daß Sie nicht mehr unter den Lebenden wären?« »Schamloser Bösewicht«, schnaubte der Nena, »wagst du es, in der Nähe der Toten zu spotten?« Seine Hand umklammerte den Juwelengriff seines Säbels. »Richtet ihr, Krieger der Weißen, zwischen mir und jenem! Sprecht euer Urteil! Gebt Gerechtigkeit, wenn ihr selber auf Erbarmen des Tigers hofft!« Der Resident blickte um sich. Die Mehrzahl der britischen Offiziere war von ihm scheu zurückgetreten. Er stand allein in dem Kreis. In vielen Gesichtern erkannte er den offenen Ausdruck der Verachtung und der Mißbilligung. »Es ist Zeit, daß die Komödie zu Ende geht; denn ich sehe, diese Herren scheinen geneigt zu sein, ohne Untersuchung der frechen Verleumdung eines Hindu den Landsmann zu opfern, weil der Farbige ihnen prächtige Feste und Mahle gibt. Ich fordere Ihren Schutz, Exzellenz, gegen diese lächerliche Anklage! Der Maharadscha von Bithur ist ein Verräter! Ich klage ihn an des Einverständnisses mit den Feinden Englands! Der Führer der Leibwache der Rani von Dschansi, die noch soeben ihren Haß gegen England kundgab, ist ein verwegener Abenteurer und Rebell, auf dessen Kopf Lord Ward in Korfu einen hohen Preis setzte – kein Sardinier, wie man seine Beschützer glauben macht, sondern der Ionier Markos Grimaldi. Mit diesem Rebellen stehen meine Ankläger im Bunde, und der Zweck der Anklage ist, denk' ich, deutlich genug.« Diese geschickte und dreiste Wendung war der Meisterstreich eines gewandten Fechters. Die Aufmerksamkeit und Teilnahme, bisher dem furchtbaren Geschick der Irländerin zugewandt und die allgemeine Stimmung gegen Rivers kehrend, änderte sich rasch zu dessen Gunsten. Ein unerwarteter Zwischenfall kam dem dreisten Leugner zu Hilfe. Vom Eingang des Saales her forderte eine gebieterische Stimme laut den Durchgang: »Depeschen für Seine Exzellenz den Gouverneur! Geben Sie Raum, meine Herren!« Durch die sich öffnenden Reihen der Militärs und Damen kam hastig ein fremder Offizier in der Uniform des 6. Gardedragonerregimentes Ihrer Majestät. Sein ganzes Aussehen zeugte von den furchtbaren Anstrengungen einer langen und eiligen Reise. Seine Kleidung und sein Gesicht waren mit Staub und Schmutzkrusten förmlich bedeckt, die Augen blutunterlaufen, eine schwarze Wundbinde um die Stirn bewies, daß er vor kurzem noch einen Kampf bestanden hatte. »Wo ist Sir Henry Lawrence, der Gouverneur von Audh? – Wichtige Depeschen von General Bernard!« »Ich bin General Lawrence. Wo kommen Sie her?« Der Offizier grüßte. Man sah es ihm an, daß er tief erschöpft war und sich kaum aufrechtzuhalten vermochte. »Von Delhi, Exzellenz. Die Briefe besagen das Nähere und fordern schleunige Weiterbeförderung. Ich habe den Weg in fünf Tagen und fünf Nächten zurückgelegt!« »Dann muß ein Unglück die Ursache sein. Entschuldigen Sie, meine Damen!« Der General riß die Depesche auf und durchflog sie. Man sah sein freundliches Gesicht immer ernster werden, die Falten seiner Stirn sich furchen und ein leises Beben der Hand. Die Anklage des Residenten, der Tod der Maharani, der falsche Sardinier Maldigri, der drohende Zorn des Nena – alles war vergessen vor dem Interesse an der Botschaft des fremden Offiziers. Die Engländer umdrängten fragend den General. »Die Sache steht schlimmer, als wir befürchtet haben«, sagte General Lawrence, dem Gouverneur von Khanpur und dem Rat die Depeschen reichend. »Verheimlichung würde wenig nutzen. Die Sepoyregimenter im Norden sind im vollen Aufstand. Mirut und Delhi sind von den Rebellen genommen. Die schändlichsten Morde sind an unseren Landsleuten, an Männern, Frauen und Kindern verübt, und der abgesetzte Mogul ist zum Kaiser von Indien ausgerufen worden. General Bernard fordert aufs schleunigste alle verfügbaren Truppen zur Verstärkung!« Die Nachricht verbreitete sich mit Blitzesschnelle auch zu den entfernter Stehenden und erweckte allgemeine Aufregung. Man umringte den Offizier, der sich ermüdet auf einen Stuhl niedergelassen hatte, und bestürmte ihn mit Fragen und Aufforderungen nach weiteren Mitteilungen. Er schilderte mit fliegenden Worten die Kämpfe, deren Augenzeuge er gewesen war, die Verteidigung der englischen Offiziere und die Explosion des Pulvermagazins, das diese selbst in die Luft gesprengt hatten. Oberstleutnant Stuart wandte sich zu dem Dechanten, der mit Entsetzen die Schilderungen anhörte, jetzt erst den Sinn der Andeutungen seines Freundes begreifend. »Danken Sie Gott, Sir, daß sich Lady Hunter glücklich in Ludhiana befindet. Welch schreckliches Los wäre sonst wahrscheinlich auch ihr zuteil geworden!« Der Dragoneroffizier wandte den Kopf. »Lady Hunter, die Gattin des Dechanten? Ich weiß nichts von ihrem Schicksal, aber ich sah sie zwei Tage vorher, ehe das Unglück ausbrach, bei einem Besuch des Lazaretts.« Der Geistliche sprang auf ihn zu. »Barmherziger Gott! Täuschen Sie sich nicht, Sir? Meine Gattin – in Delhi? Himmlischer Vater, dann ist sie ermordet!« Der Offizier sah ihn teilnehmend an. »Verzeihen Sie, hochwürdiger Herr, wenn ich Ihnen absichtslos eine traurige Nachricht gebracht habe. – Ich erkannte Sie nicht gleich und konnte unmöglich Ihre Anwesenheit ahnen. Leider ist es wahr, daß Lady Hunter sich in Delhi befand. Sie traf in voriger Woche von einer Reise dort ein. Aber noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Vielen Frauen und Familien ist es gelungen, sich glücklich aus der Stadt zu retten. Andere sollen noch von dankbaren Eingeborenen verborgen gehalten werden. Lady Hunter steht auch wegen ihrer aufopfernden Güte und Menschenfreundlichkeit in so hoher Achtung, daß ich unmöglich glauben kann, man habe ihr ein Leid getan.« Alle fühlten die geringe Sicherheit des gut gemeinten Trostes. Der Dechant schüttelte zweifelnd das Haupt. »Wo der Mensch, zu fanatischer Raserei entflammt, die Schranken der gewohnten Ordnung durchbricht und in dem Blut seiner Brüder sich badet, da kennt er nicht Achtung noch Dankbarkeit und wird zum wilden Tier! – Gott der Allmächtige«, fügte er gewaltsam sich fassend hinzu, »hat die teure Gefährtin an das Herz des Gatten gelegt und sie wieder zu sich genommen! Möge ihr Ende leicht gewesen und ihre Seele bei ihm sein.« Währenddessen hatten die Generale, der Rat und mehrere der älteren Offiziere eine rasche Beratung gepflogen und beschlossen, daß General Lawrence sofort nach Lucknow aufbrechen und der Rat sich in seinem Schutz nach der Hauptstadt des Audh begeben solle. »Meine Herren und Damen«, erklärte General Wheeler mit erhobener Stimme, »die erhaltene Nachricht macht es uns zur Pflicht, aufs schnellste nach Khanpur zu eilen. Nach den Ereignissen, die leider schon kurz vorher die Eintracht zwischen den beiden Nationen zu stören drohten, kann unseres Bleibens überhaupt nicht länger sein. Erteilen Sie Ihrer Dienerschaft die nötigen Befehle zum Aufbruch!« »Gerechtigkeit, Sahib General!« erklang über alles Geräusch hin noch einmal laut die mahnende Stimme des Nena. »Es ist keine Zeit, um Ihre Klagen anzuhören und zu entscheiden, Sir!« rief der General mit Strenge. »Selbst wenn Sie sie auf eine passende Art angebracht hätten. Später wird sich Gelegenheit finden, Ihre Anschuldigungen zu untersuchen. Bis dahin aber warne ich Sie, Rebellen oder verdächtigen Personen Schutz zu gewähren.« Er wollte sich entfernen, doch der Nena stellte sich ihm in den Weg. »Ihre erste Pflicht ist, Sahib General, Gerechtigkeit für das Verbrechen zu üben! Niemand wird diesen Saal verlassen, ehe der Mörder mir nicht freiwillig ausgeliefert ist!« »Sie gehen zu weit, Fürst«, ermahnte General Lawrence. »Beruhigen Sie sich, wir ehren Ihren Schmerz. Ich selber verspreche Ihnen, daß die Sache später ohne Ansehen der Person untersucht werden soll.« »Sie mißbrauchen unsere Nachsicht!« rief der Gouverneur von Khanpur heftig. »Gehen Sie aus dem Weg, und danken Sie es meinem früheren Wohlwollen, daß ich die Beschuldigung des Major Rivers zunächst nicht untersuchen und Sie verhaften lasse bis zum Ausweis über jene verdächtigen Persönlichkeiten, Sie samt der Rebellin!« Er wies auf die Rani von Dschansi und schritt vorwärts. »Sahib General – du weigerst dich? Bedenkst du, was du tust?« »Aus dem Weg, Sir, ich dulde keine Frechheit!« Sir Hugh Wheeler legte zürnend die Hand an die Scheide seines Degens. Der Nena sprang zurück. »Ram! Ram! Mahadeo!« Der gellende Ruf fand sein Echo in dem donnernden Gegenruf der Sepoyoffziere auf allen Seiten des Saales: »Dschai – dschai – kar!« Sie zogen die Säbel und stellten sich vor die Ausgangstüren des Saales. »Was bedeutet das?« schrie der General. »Verrat – Empörung!« »Ja, Empörung«, rief der Nena. »Und dieser Schurke soll die erste Sühne des befreiten Hindostan sein!« Ohne seine Waffe zu ziehen, stürzte er sich gleich einem Tiger auf den Residenten, erfaßte ihn am Kragen und versuchte, ihn aus den Reihen der Engländer zu reißen. Der Ausbruch der so lange und so geschickt verhehlten Gesinnung des Maharadscha kam allen so unerwartet, daß Schrecken und Erstaunen selbst die Entschlossenheit der Mutigsten fesselten. Im ersten Augenblick glaubten die Generale, daß nur die Erbitterung über die vereitelte Rache den Nena zum Angriff verleitet hätte. Aber die Überlegung weniger Augenblicke bewies ihnen, daß dieser Widerstand, diese Auflehnung gegen die englische Autorität vorbedacht und vorbereitet seien. »Zu den Waffen! Zeigt den Verrätern, daß britische Offiziere sich vor meineidigen Rebellen nicht fürchten!« befahl General Wheeler. »Männer, seid ihr wahnsinnig?« rief Sir Hugh Wheeler die Sepoyoffiziere an. »Steckt die Waffen ein! Jeder Ungehorsam wird mit dem Tode bestraft!« Nur das verworrene Geschrei und der Ruf: »Dschai – dschai – kar!« antworteten ihm. Die britischen Offiziere hatten ihre Säbel und Degen gezogen. Die meisten aber hatten ihre Waffen zum Tanz und, um im Gedränge und der Hitze unbelästigter zu sein, in den Vorzimmern abgelegt. Die Frauen wurden ängstlich, begannen nach ihren Männern und Verwandten zu rufen und sich aneinanderzudrängen. Die durch eine so lange Reihe von Jahren der unbestrittenen britischen Herrschaft gewonnene Sicherheit und der englische Stolz ließen noch die Furcht vor wirklicher Gefahr nicht aufkommen. Lady Mallingham, deren Gatte noch keine Zeit gefunden hatte, sie wegen der Anklage des Major Rivers gegen ihren angeblichen Verwandten zu befragen, suchte ängstlich mit den Blicken Grimaldi, um sich nötigenfalls unter seinen Schutz zu stellen. Alle indischen Mitglieder der Gesellschaft hatten sich von den Engländern getrennt und abgesondert. Grimaldi stand nahe bei der Französin und dem Dechanten, die Vorgänge aufmerksam und mit entschlossener Miene bewachend. Sie legte die Hand auf seinen Arm. »Vetter Maldigri«, flüsterte sie, »Sie bürgen für meine Sicherheit!« Er winkte ihr ungeduldig, ohne sie anzusehen. Seine Blicke waren fest auf die Begum von Audh gerichtet, die mit der Rani, seiner Gebieterin, nach der rechten Seite getreten war. Die Engländer scharten sich auf der linken zusammen. Seine Hand hielt die Hunters, der, in seinem Schmerz fast gleichgültig gegen die Vorgänge um ihn her, seinen Platz nicht verlassen hatte. Die Vorgänge spielten sich so rasch und so gleichzeitig ab, daß die Gefahr des Residenten kaum von seinen Landsleuten bemerkt und von wenigen beachtet wurde. Der Verlobte Edithas, Leutnant Sanders, der sich bisher vergeblich bemüht hatte, Editha anzusprechen, stand in seiner Nähe. Rasche Entschlossenheit war eine der glänzenden Eigenschaften des jungen Offiziers. Mit einem Sprung war er an der Seite des Bedrohten. Ein kunstgerechter Boxerfaustschlag zwang den Nena, sein Opfer loszulassen. Er taumelte zurück. Ehe er seinen Handschar ziehen, ehe einer seiner Mitverschworenen ihm zu Hilfe kommen konnte, hatte Sanders den Residenten in die Mitte der Engländer gezogen. Das Antlitz des Nena färbte sich bei dem Schlag mit dunkler Glut. Er schüttelte seine Hand drohend gegen Sanders. »Fluch dir, Faringi! Hundertfachen Tod sollst du sterben, weil du gewagt hast, der Rache Srinath Bahadurs in den Weg zu treten!« Er sprang zurück an den Aufgang der Bühne. »Faringi!« schrie er laut, daß seine Stimme allen Lärm übertönte. Seine Hand streckte sich nach dem Sarg. »Stolzes Geschlecht feiler Tyrannen – eure Zeit ist gekommen! Eure Herrschaft über das tausendjährige Geschlecht der Hindostani ist zu Ende! Bei dem Teuersten, das ich auf der Welt besaß, gelobe ich, kein Mann und kein Weib, die eine britische Mutter gebar, soll lebendig das Haus Srinath Bahadurs verlassen, wenn ihr nicht freiwillig den Verbrecher meinem Zorn überliefert!« »Wir sind britische Offiziere«, zürnte General Lawrence, »nicht feige Söldner, die ihr eigenes Blut verleugnen. Lieber den Tod als ehrlosen Schimpf! Nehmen Sie die Frauen in Ihre Mitte, Gentlemen; lassen Sie uns den Ausgang erzwingen!« »Gebt Rivers heraus!« »Fest geschlossen! Vorwärts!« kommandierte der greise General an der Spitze der Offiziere, die mit militärischer Ordnung unter zustimmendem Ruf ein Karree um die zitternden und weinenden Frauen gebildet hatten. Die Bewaffneten voran, drängten sie zum Ausgang des Saales. Der Nena schwang mit gellendem Schrei seinen Turban. Ein Kommandowort. Die Sepoyoffiziere wichen zu beiden Seiten zurück und gaben den Raum zwischen den Säulen der Zugänge frei – die Engländer drängten rasch daraufhin. Da flogen die schweren Teppiche zur Seite. Hundert Gewehrläufe und glänzende Bajonette starrten ihnen entgegen; dahinter die bronzedunklen wilden Gesichter, die glühenden, Rache und Tod drohenden Augen der aufrührerischen Sepoys. Bestürzt wichen die Engländer zurück. Ihre Blicke flogen umher, einen anderen Ausweg zu suchen. Der Nena klatschte in die Hände. Auf dies Zeichen öffnete sich die hintere Gardine der kleinen Bühne. Stufenweise hintereinander aufgestellt, erblickte man eine rote Wand von Sepoys, die Musketen im Anschlag, die toddrohenden Mündungen nach dem Saal gerichtet. Ein Schrei des Entsetzens erscholl; selbst den Tapfersten bebte das Herz. Wiederum ertönte grell und schneidend die Stimme des Nena: »Liefert Rivers aus!« Ein Augenblick des Schweigens, des Zauderns. Aller Augen wandten sich auf General Lawrence, den Höchstkommandierenden. Nur wenige Sekunden dauerte das Schweigen und Zaudern; dann klang fest und entschlossen der männliche Ausspruch des alten Kriegers: »Die Fahne Englands soll durch keine Handlung der Feigheit in diesem Land entehrt werden. Entlasse die Frauen sicher und ungekränkt, Maharadscha von Bithur! Wir Männer wollen mit dir und den Verrätern dort um unser Leben kämpfen!« Der Nena lachte hart auf. »Erniedrigen will ich die stolze Fahne Englands zum tiefsten Staub! Nicht kämpfen um euer Leben, das mir verfallen! Sterbt denn in eurem Trotz, ihr Verfluchten!« Er wandte sich nach dem Hintergrund, um den blutigen Befehl zu geben. Mit einem Sprung war Markos Grimaldi zu der Rani von Dschansi und der Begum von Audh gestürzt. Er umfaßte die Begum und trug sie mit Blitzesschnelle mitten in den Saal und vor die bestürzten Engländer, indem er sie den drohenden Gewehren der Sepoys entgegenhielt. »Wer es wagt, auf Frauen und Schuldlose zu schießen«, donnerte seine mächtige Stimme, »der wird das Herz seiner Königin durchbohren! Kämpft mit den Faringis, Hindostanikameraden; aber mordet nicht die Wehrlosen!« Zugleich mit der raschen und entschlossenen Bewegung Grimaldis hatte sich ein anderer Mann vor die Bedrohten geworfen: Walding, bisher unter der Menge verborgen, stellte sich schützend vor Editha Highson. Neben ihm erschien wie sein Schatten Kassim, sein Mayadar. »Bei dem Andenken an die Geschiedene, Fürst, vergieße nicht das Blut der Unschuldigen!« Sein machtloser Ruf jedoch wäre an der Leidenschaft des Nena unbeachtet verhallt, wenn die Kenntnis der Sitten und Verhältnisse, die der kühne Grieche besaß, nicht ein wirksameres Mittel erwählt hätte, als den Aufruf an die Menschlichkeit und die Ehre erregter Unterdrückter. Die entthronte Königin galt den Sepoys, deren Heimat größtenteils das Audh war, für heilig und unverletzlich. Sie erhofften von ihr die Wiederherstellung des alten und glänzenden Reichs und begriffen, daß bei einem allgemeinen Feuer auf die dichtgedrängte Gruppe der Faringi das tödliche Blei unzweifelhaft auch sie durchbohren mußte. Viele der Gewehre senkten sich. Die wilden Krieger wußten nicht, was sie tun sollten, und harrten eines neuen Befehls des Nena. »Seid ihr Feiglinge und Verräter gleich jenen Faringi, daß ihr um einer Drohung willen eurer Rache entsagt? Nieder mit jedem, der uns in den Weg tritt!« knirschte der Maharadscha. Das Gemurmel: »Die Königin! Schützt die Königin!« ging durch die Reihen der Sepoys. Nena Sahib erkannte, daß er bei dem ersten Ausbruch des blutigen Kampfes in Gefahr war, seinen Einfluß, sein Ansehen zu opfern. »Schont das Pulver! Stoßt sie mit dem Bajonett nieder; hütet die Königin!« befahl er. Sofort verließen die Sepoys ihre Stellung und rückten langsam von beiden Seiten nach der Mitte des Saales vor. Schon blitzten die Klingen, um sich im nächsten Augenblick in einem Kampf zu begegnen, der nur mit dem Verderben aller Engländer enden konnte. Plötzlich fesselte ein lautes »Zurück!« die andringende Menge. Zwischen den beiden Parteien, ohne daß man wußte, woher er in diesem gefährlichen Augenblick gekommen war, richtete sich die Gestalt des jungen Khan der Sikh auf und streckte beide mit Pistolen bewaffnete Hände den Sepoys entgegen. »Zurück! Daß keiner wage, diesen Männern und Frauen ein Leid zu tun, bis sie Khanpur erreicht haben! Sie stehen unter dem Schutz Fattih Murad Khans!« »Elender Sikh, wagst du es, mir in meinem eigenen Haus zu trotzen?« »Ich trotze dir, Srinath Bahadur, der du das von Jahrtausenden geheiligte Recht des Gastes deiner blinden Leidenschaft opfern und deine eigenen Götter beschimpfen willst. Beginne morgen dein Werk! Heute sollen diese ungekränkt dein Dach verlassen, bei dem Haupt meines Vaters!« »Ich speie auf das Haupt deines Vaters!« schrie der Nena in rasender Erregung. »Tötet den Verräter! Vorwärts, Brüder, vorwärts!« Der Streit des Nena mit dem Sikh war nicht unbenutzt vorübergegangen. Auf Weisung der Generale hatten sich die britischen Offiziere enger geschart, die Frauen an die schützende Wand gebracht und mit den Sesseln und anderen Möbeln verbarrikadiert. Sie selbst bereiteten sich vor, den Kampf zu beginnen. Der Khan hob die eine Pistole zur Decke des Saales und feuerte in die Luft. Im nächsten Augenblick klirrten die Scheiben der Türfenster, die nach der äußeren Veranda gingen. Eine Anzahl Krieger sprang in den Saal und sammelte sich mit Blitzesschnelle um den jungen Häuptling. Sie trugen die Uniformen der leichten britischen Kavallerie, doch statt der Mützen oder Helme grünumwundene Turbane, und in ihren energischen dunklen Gesichtern leuchtete entschlossener Mut. Es waren die Sikhstreiter von dem Kommando, das den Gouverneur als Ehrenwache nach Bithur begleitet hatte. Wie eine Antwort auf die Hilfe, die den Verteidigern der Faringi geworden war, hörte man vom Platz vor dem Palast das tausendstimmige Gebrüll: »Ram! Ram! Mahadeo!« den Ruf der Hindusepoys, die ihre Kaserne verlassen hatten und in gedrängten Massen den Palast umgaben. Dazwischen tönte der Ruf: »Tod den Sikhs!« »Fluch über dich, der mich zwingen will, das Blut unserer Brüder zu vergießen!« drohte Nena Sahib. »Aber bei Schiwa, dem Zerstörer – wenn du nicht weichst, ehe diese Hand dreimal das Tamtam berührte, sollen die Kugeln der Hindu dich und sie alle vernichten!« In den dunklen Augen des Khan blitzten Haß und Verachtung. Aufs neue flammte aller Haß der beiden Völkerschaften, der Sikh und der Hindu, gegeneinander auf und erhielt so der Regierung ihre tapfersten und besten Truppen, die Sikhregimenter, deren Abfall und Vereinigung mit den Hindusepoys die Engländer, trotz aller krampfhaften Anstrengungen des Mutterlandes, unbedingt vernichtet und für immer aus Indien vertrieben hätte. Viele der englischen Offiziere hatten sich schon mit den überflüssigen Waffen der Sikhreiter bewehrt. Als Major Grimaldi erkannte, daß es kein Mord, sondern ein Kampf werden sollte, widerstrebte es seinem Ehrgefühl, eine Frau als Schild zu brauchen. Er gab die Begum frei und ließ sie zu ihren Freunden eilen. Ein Jubelruf der Hindu begrüßte sie – nur eine Stimme schwieg, die Stimme der kühnen und hochherzigen Rani von Dschansi. Sie blickte mit Bewunderung auf Grimaldi, denn sie begriff sein tapferes und männliches Benehmen. In den Jubelruf der Sepoys, der die Königin begrüßte, erklang wie zum Hohn das Kommando ihrer Offiziere in englischer Sprache: »Gewehr auf! – Fertig zum Feuern!« Die Gewehre klirrten empor. »Schlagt an!« Wie ein Schlag rasselten die Flinten an die dunklen Wangen der Krieger. Die todbringenden Mündungen harrten aufs neue ihrer Opfer. Brüder gegen Brüder – entzweit und aufgestachelt von ihren Unterdrückern. Die Hand des Nena schwang seinen Handschar gegen das eherne Tamtam, das an der Wand der kleinen Bühne hing. Sein Angesicht glühte, seine Augen sprühten. Der Schlag dröhnte durch den Saal. »Feuern die Schurken, gebt's ihnen zurück! Und dann auf sie!« Man hörte das Knacken der hundert Flintenhähne. Zum zweitenmal hob sich die Hand des Hindufürsten, zum zweitenmal erklang das Todeszeichen. Frauen beteten und schluchzten. Lady Mallingham schrie laut auf und sank in Ohnmacht. Einige aber standen fest und mutig zu ihren Gatten und Vätern. Zum drittemnal schwang der Nena das todbringende Zeichen. Wie von innerer Gewalt getrieben, bannten sich seine Blicke an den Sarg Margarethes – Da zitterte ein Laut durch den Saal, ein Ruf, leise und doch jedem Ohr hörbar in der furchtbaren Spannung. Ein wilder, brechender Schrei, halb Jubel, halb Schrecken. Der Nena kniete vor dem Sarg und breitete wie ein Verzückter seine Arme aus. In dem Sarg aufgerichtet saß eine weiße Gestalt, ihre hageren Hände bittend über der Brust gefaltet, die blassen Lippen leise Worte murmelnd. Aus den großen blauen, nicht mehr vom Fieber des Irrsinns unnatürlich glühenden Augen lösten sich große Tränen und rollten über die eingefallenen Wangen. Aus der Ferne hörte man ein donnerndes Geräusch eilig näher und näher kommen, den Galopp einer großen Reiterschar. »Margarethe! Geliebte meines Herzens! Hat dich Lakschmi zurückgeführt zu uns Sterblichen? Oder bist du die Peri, die kommt, ihren Diener zu rufen zu den göttlichen Wandlungen?« Ihre zarten Finger legten sich auf sein Haupt und kühlten seine glühende Stirn. Alles um ihn her, jeder andere Gedanke schien verschwunden. »Nena, wo bin ich? – Die Angst zersprengt mir das Herz! Habe ich geträumt oder alles das Entsetzliche wirklich gehört? Blut um meinetwillen?« Er hielt sie in seinen Armen. »Geliebte, du lebst! Die Götter haben dich erweckt aus deinem Todesschlaf und mir zurückgegeben! Du wirst mich niemals mehr verlassen!« Draußen auf dem Platz vor dem Palast schmetterten britische Reitersignale. Die Erde schien zu beben unter dem rasenden Ansprengen eines Kavallerietrupps. Das Kommandowort »Halt!« fesselte die Reihen. Noch waren die britischen Offiziere nicht sicher, was sie zu hoffen hatten, aber dennoch löste der Kommandoruf eine Last von ihrer Brust. Es waren die Sikhreiter, die da unten hielten, das Regiment, das die Botschaft des Khan von Khanpur herbeigerufen hatte. Jetzt harrten sie dort, den gehaßten Rivalen, den Sepoys, gegenüber, bereit, im Augenblick loszubrechen. Doktor Walding stand am Sarg der so wunderbar zum Leben Erwachten, um den sich die Freunde des Nena drängten. Eine Frau war ihm gefolgt; die einzige, die hier im Vergessen aller Gefahr eine himmlische Aufopferung übte: Editha Highson. Sie unterstützte die Kranke, deren leichte Schattengestalt der Nena mit kräftigem Arm aus dem Sarg gehoben und auf den Stufen der kleinen Bühne niedergelassen hatte, mit der liebenden Sorgfalt einer Schwester. Walding hielt mit leichtem Finger ihren Puls. Sein Auge blickte besorgt auf die Erstandene und mit schmerzlicher Teilnahme auf den Nena. »Die gnädigen Götter haben sie mir wiedergegeben«, jubelte der Maharadscha. »Freund! Bruder! Erhalte sie mir, und alles, was ich besitze, soll dein sein!« Auf dem blassen, abgemagerten Antlitz der mißhandelten Frau lag himmlischer Friede. In ihren sanften Augen glänzte der ganze, heiße Strom der Liebe, den ihr junges Leben dem Nena geweiht hatte von jener Stunde an, als er über die Schranke des Zirkus sprang, den bedrohten Bruder zu retten. Edward, eine jammervolle Schreckensgestalt unter den Lebenden, hatte nicht gewagt, der Schwester zu nahen. Er stand unter der umdrängenden Gruppe hinter dem Sarg verborgen. »Ich hörte deine zürnende Stimme! Ich hörte einen Ton, wie die Posaunen des Weltgerichts«, flüsterte die Erwachte, ihre Hand in der des Gatten. »Ich sah dich in einem Meer von Blut. Auf mir lag es wie ein schweres, drückendes Band, das meine Augen und meinen Atem schloß. Nur mein Ohr war geöffnet. O mein Geliebter, was willst du tun? Was kümmern uns jene Männer und Frauen? – Was ist geschehen? – Wo ist Edward, mein Bruder – wo sind unsere Freunde?« Der Nena schluchzte laut, über ihre Hand gebeugt. Vergeblich winkte ihm der deutsche Arzt, sich zu fassen. Der Khan war zu den Generalen getreten, die bei dem unerwarteten Ereignis einen Augenblick unentschlossen verharrten. »Sahib General«, sagte er zu Sir Thomas Lawrence, »die Krieger des Pandschab sind bereit, dich und die Deinen zu schützen. Brich auf, so rasch wie möglich, ehe der Tiger aufs neue seine Krallen nach dir streckt! Wenige sehen die Sonne wieder, die ihn in seinem Lager reizten. Die Übermacht ist gegen uns.« Der General reichte ihm die Hand. »Ich danke dir, Khan. England wird niemals vergessen, was du heute getan hast. Du sollst unser Führer sein. Voran, meine Herren, nehmen Sie die Frauen in Ihre Mitte!« Der Khan trat zurück, als bemerke er die dargebotene Hand nicht. Dann, die gespannte Pistole in der Faust, schritt er auf den Ausgang zu. » Hell and damnation! « prahlte der Resident. »Sind wir Männer und Engländer? Sollen wir wirklich von hier weichen, jetzt, wo wir die Macht in Händen haben – ohne den Verräter unschädlich zu machen? Die feigen Sepoys werden nicht wagen, uns Widerstand zu leisten! Ein Regiment tapferer Sikhs steht uns bei. Im Namen der Regierung fordere ich Sie auf, mir zu helfen, den Verräter und seine Genossen zu verhaften!« Er schritt auf den Nena zu, der seiner nicht achtete. Die Hand Margarethe O'Sullivans fuhr nach ihrem Herzen; ein krankhaftes Beben erschütterte ihre ganze Gestalt. »Heiliger Gott – schütze mich vor dem Entsetzlichen! Nena, mein Gatte«, jammerte sie in herzzerreißendem Ton, »habe Erbarmen mit mir! Meine Seele ist schuldlos, und Gott wird meinem Jammer gnädig – – gnädig –«, ihre Lippen öffneten und schlossen sich krampfhaft, ihre Brust keuchte. »Bhawani – Dunkeläugige – übe Barmherzigkeit! Sie stirbt! Sie stirbt! Zu Hilfe! Rettet!« flehte in irrer Angst der Maharadscha. Als wolle er das fliehende Leben halten, warf er sich auf den Körper der Geliebten. General Lawrence hatte heftig den Arm des Residenten gefaßt und ihn zurückgerissen. »Danken Sie Gott, Sir, daß Ihnen die Stunde des Gerichts noch nicht geschlagen hat und Ihnen Zeit zur Buße gegeben wird für die Schuld, die Sie auf sich geladen haben. Vorwärts, Gentlemen – das ist kein Ort ehrlichen Kampfes für einen Briten!« Die Sepoyoffiziere und die eingeborenen Soldaten am Eingang waren unwillkürlich zur Seite gewichen, bestürzt über den unerwarteten Beistand, den die Engländer gefunden hatten. Unbehindert eilten die Briten, Männer und Frauen, durch die glänzenden Räume des Palastes der Haupttreppe zu, die die Sikhs von ihren Feinden geräumt und besetzt hatten. Walding berührte leise die Schulter Edithas, die im Gedränge des Augenblicks von ihren Verwandten vergessen worden war. »Schließen Sie sich Ihren Freunden an, Miß Editha, solange es noch Zeit ist«, bat er. »Hier können Sie nicht helfen. – Der erste Blick zeigte mir, daß es nur ein letztes kurzes Aufflammen der Lebensgeister war. Keine menschliche Wissenschaft vermag der schändlich zerstörten Maharani zu helfen.« »Dann ist meine Stelle dort«, sagte eine ernste Stimme neben ihnen. Der Geistliche trat neben den Nena. Er kniete bei Margarethe nieder und begann mit feierlichem Ton die Sterbegebete der englischen Kirche. »Der Arzt!« rief der Nena. »Um des Himmels willen, helft!« Leiser und leiser wurde der Atem Margarethes. Ihr Gatte hielt sie in den Armen. Um sie her knieten der Dechant, ihr Bruder und Narika, das Mädchen von Kaschmir, ihre einzige Freundin im Kerker. Die beiden indischen Fürstinnen, die Babu und vornehmen Hindu standen stumm und ernst daneben, und um die traurige Gruppe her lehnten die Sepoys, gleich dunklen Bronzestatuen, auf ihren Gewehren. Von dem Vorplatz des Palastes her aber schmetterten in die heilige Stille die Fanfaren der Reitertrompeten, die zum Aufbruch riefen, klang der Lärm der Diener, der Ruf der Palankinträger, das Schnauben der Rosse bei dem eiligen, fast einer Flucht ähnlichen Rückzug nach Khanpur. Von Minute zu Minute wuchs draußen die Schar der aufrührerischen Sepoys, wuchs die drohende Haltung der Bevölkerung. Walding legte sanft die Hand der Irländerin nieder, die er in der seinen gehalten hatte. »Gott – Brahma – oder Allah – der allmächtige Lenker dort oben, der uns das Leben gegeben hat, nimmt es wieder auf in seine Hände. Beugen Sie sich seinem Willen, Hoheit – Ihre Gattin ist in einem reineren Jenseits.« Ein heiseres, dumpfes Schluchzen drang aus der Brust des Nena. Der Dechant machte das Zeichen des Kreuzes über der Leiche. Margarethes Lippen umschwebte im Tode wieder das sanfte, vertrauensvolle Lächeln, das ihr Antlitz im Leben so reizend gemacht hatte. Hunter trat einen Schritt zurück und sah sich im Kreis um. Er war der einzige Engländer, der noch hier verweilte. »Ich bin in Ihren Händen«, sagte er ergeben, »tun Sie mit mir, was Sie wollen!« Grimaldi führte ihn ohne ein Wort aus dem Saal und zur Treppe des Palastes. Das Geräusch des Abzugs der Faringi verlor sich in der Ferne. »Folgen Sie Ihren Landsleuten, ich werde für sichere Begleitung sorgen! Leben Sie wohl, Freund, und denken Sie meiner in dem großen Kampf, der sich zwischen den Völkern vorbereitet!« »Gott schütze Sie, Markos – und helfe mir das Unglück ertragen, das mich selber zu Boden schmettert. Adelaide – mein Weib – –« »Wenn sie noch unter den Lebenden ist, wird sie gefunden werden. Leben Sie wohl! In einer Stunde bin ich auf dem Weg nach Delhi!«