Ludwig Tieck Aus: Tiecks Werke. Erster Band. Gedichte Vorwort des Herausgebers Eine Sammlung seiner »Gedichte« gab Tieck 1821 23 in drei Bänden (Dresden, bei P. G. Hilscher) heraus; von dieser ist die aus dem Jahre 1834 nur eine Titelauflage. In neuer Anordnung dagegen und nicht unbedeutend vermehrt erschienen die Gedichte 1841 als »Neue Ausgabe« (Berlin, bei G. Reimer) in einem Bande. Bei weitem das meiste von dem, was diese Sammlungen bieten, ist schon vorher gedruckt, und zwar zum größten Teil in umfangreichern erzählenden und dramatischen Dichtungen. So sind von den 102 Gedichten des ersten Bandes (1821) nur 44, von den 120 des zweiten gar nur 15, von den 101 des dritten (1823) dagegen 77 als zum erstenmal veröffentlichte zu bezeichnen. Von lyrischen Episoden aus bereits gedruckten Werken nahm Tieck 127 unter die »Gedichte« auf; am stärksten vertreten sind hier der »Sternbald« mit 28, »Zerbino« mit 22, »Magelone« (1796) mit 16, »Octavianus« mit 13, »Lovell« mit 10 und die »Phantasien über die Kunst« mit 8 Nummern. Ferner entstammen dem »Ungeheuer«, der »Verkehrten Welt« und dem »Donauweib« je 4, der »Genoveva« 3, dem »Blaubart«, dem »Sturm«, der »Melusine« (1800), dem »Runenberg« und dem »Liebeszauber« je 2 Gedichte; aus »Alla-Moddin«, »Karl von Berneck«, den »Herzensergießungen«, dem »Getreuen Eckart« und dem »Däumchen« ist je 1 Nummer entnommen. Von den übrigen Gedichten sind noch 60 vor 1821 gedruckt, nämlich 3 in Schillers »Musenalmanach für 1799«, Ein viertes, die sapphische Ode »Kunst und Liebe«, hat Tieck von der Aufnahme in die »Gedichte« ausgeschlossen; es ist erst von Köpke in den »Nachgelassenen Schriften« abgedruckt worden. 17 in Tiecks »Poetischem Journal« (1800), »Die neue Zeit« und drei der Sonette fehlen in den »Gedichten« (1. Ausgabe); jene ist in der »Neuen Ausgabe« wieder gedruckt. 17 in Schlegel-Tiecks »Musenalmanach für 1802«, Ein achtzehntes, »Nacht«, erschien schon in »Karl von Berneck«. 1 in Tiecks »Minneliedern« (1803), 19 in den verbindenden Gesprächen des »Phantasus«, 3 (außer den 4 im »Donauweib«) in Försters »Sängerfahrt« (1818), 1 im »Dresdener Merkur« (1821), Die »Neue Ausgabe« (1841) enthalt 39 Gedichte, die in der ersten fehlen; 2 davon sind zuerst in der »Dresdener Morgenzeitung« (1827), 6 in Wendts »Musenalmanach für 1831« gedruckt. In Tiecks »Schriften« und »Novellen« finden sich ferner ungefähr 40 lyrische Abschnitte, die als Gedichte bezeichnet werden können, in den »Nachgelassenen Schriften« 12 aus ungedruckten Jugenddichtungen und 3 früher schon veröffentlichte. Unter A. W, Schlegels Namen steht in dessen Gedichten Böcking, Bd. 1, S. 339. ein Sonett: »Galatea« von Tieck und ebenda Böcking, Bd. 2, S. 201. in gemeinsam mit Schlegel verfertigtes »Sonett gegen Garlieb Merkel«, endlich in den »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« das Gedicht: »Die Bildnisse der Maler«. Der 1840 in Einzeldruck erschienene »Epilog zur hundertjährigen Geburtfeier Goethes« ist nur eine etwas veränderte Wiederholung des »Epilogs zum Andenken Goethes« vom Jahre 1832. . Im ganzen besitzen wir von Tieck über 400 Gedichte, die sich ihrer Entstehungszeit nach über die Jahre 1790 bis 1840, also über ein halbes Jahrhundert, erstrecken. Während jedoch die frische Zeit der aufblühenden Dichterkraft stellenweise einen erstaunlichen Reichtum der Produktion zeigt   wie denn z. B. in die drei Jahre 1796-98 allein über 100 Gedichte fallen   beginnt mit der entweichenden romantischen Stimmung zugleich die lyrische Ader des erst in den Dreißigern stehenden Dichters etwa seit 1807 zu stocken, bis sie kaum zehn Jahre später fast gänzlich versiegt und von 1831 an thatsächlich so völlig erschöpft ist, daß von da an nur sehr wenige Gelegenheitspoesien zu verzeichnen sind. Die Mängel, welche der Lyrik der ältern Romantiker überhaupt anhaften, hat A. Koberstein »Grundriß der Geschichte der deutschen Nationalliteratur«, 4: Aufl., Bd. 3, S. 2441 ff. treffend hervorgehoben, indem er sagt: »Im lyrischen Fach waren die Gründer der Romantik sehr fruchtbar. Aber ihre Lyrik, so viel Innigkeit und Tiefe des Gefühls sich darin auch teilweise, zumal in den Gedichten von Novalis und Tieck, ausspricht, leidet im allgemeinen daran, daß sie erstens in ihrem Gehalt zu verschwommen und nebelhaft ist und zu wenig faßliche und scharf umgrenzte Bilder gibt, indem sie zu häufig in einer gestaltlosen, mystischen Unendlichkeit schwebt; daß sie zweitens entweder in ihren Formen zu viel Fremdartiges und Erkünsteltes hat oder auch drittens die Form mit einer zu springenden Willkür in dem Gebrauch der in sich wechselnden Versarten behandelt, wie sie weder der kunstmäßigen noch der volksmäßigen Gliederung des echten Liedes entspricht. Der erste Mangel haftet, wenn man die geistlichen Lieder von Novalis und einige weltliche, die seinem Roman eingeschaltet sind, sowie einige mehr im Volkston gehaltene Lieder von Tieck ausnimmt, mehr oder weniger allen übrigen lyrischen Sachen dieser beiden Dichter und vorzüglich auch denen von Fr. Schlegel an ... Der zweite Vorwurf trifft vornehmlich die Sonettenpoesie der beiden Schlegel, der dritte die Mehrzahl von Tiecks lyrischen Ergüssen.« Den von Koberstein an erster Stelle gerügten Fehler wollte freilich Bernhardi, »Kynosarges« (1802), Bd. 1, S. 121 ff,; vgl. Koberstein a. a. O., Anmerkung. der geradezu drei Gattungen von lyrischen Gedichten: einfache, allegorische und   mystische, unterschied, als solchen nicht gelten lassen, sondern erblickte vielmehr im Mystizismus »die höchste, letzte Spitze« der Poesie; aber der klare, scharfdenkende Körner hat dieser verkehrten Richtung schon 1801 in einem Brief an Schiller vom 19. Dezember »Schillers Briefwechsel mit Körner«, Bd. 4, S. 252. mit folgenden Worten das Verdammungsurteil gesprochen: »Ich ehre gewiß jedes echte Gefühl und kann mit jedem sympathisieren, der sich über ein Grashälmchen freut, oder den irgend eine religiöse Vorstellung begeistert. Aber das Universum kann man nicht lieben und nicht darstellen. Darauf geht es doch aber eigentlich bei dieser Sekte hinaus; und dies ist's, worauf diese Herren so vornehm thun. Das Herz fordert ein Bild von der Phantasie, wenn es sich erwärmen soll, aber diese Poesie gibt keine Bilder, sondern schwebt in einer gestaltlosen Unendlichkeit.« Hier ist der Hauptgrund klar ausgesprochen, warum die Lyrik der altern Romantiker im allgemeinen wirkungslos verhallen mußte und heutzutage fast vergessen ist. Aber man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Es wäre ungerecht, zu leugnen, daß sich vor allem bei unserm Dichter unter der großen Masse des Ungenießbaren und Mißlungenen auch einiges Anziehende und Vortreffliche findet. Und so dürfen mir, obwohl es für Tiecks Dichterruhm sicherlich weit vorteilhafter gewesen wäre, wenn er nur etwa einem Drittel seiner lyrischen Erzeugnisse Einlaß in jene Sammlungen vergönnt hätte, hoffen, daß die nachstehende kleine Auswahl Gedichte aus Werken, welche unsre Ausgabe enthält, sind der Raumersparnis wegen hier nicht noch besonders abgedruckt; man findet solche im »Blonden Eckbert«, in der »Genoveva«, im »Runenberg« und im »Aufzug der Romanze«; vgl. die Anmerkungen daselbst. den Leser in günstigere Stimmung versetzen wird als eine der beiden Gesamtausgaben. Gleich in dem ersten Gedicht unsrer Auslese, »Melancholie«, das für die düstere Stimmung des Jünglings ungemein bezeichnend ist, erscheint die Form untadelhaft. Von dem Einflüsse Schillers, der hier in der rhetorischen Färbung noch zu Tage tritt, ist in den spätern Gedichten nichts mehr zu merken. In ihnen strebt Tieck offenbar dem Vorbilde Goethes nach, das er freilich nur selten erreicht. Von dem zweiten urteilte der besonnene Körner (an Schiller, 27. Dez. 1798): »Der ›Neue Frühling‹ hat eine eigne jugendliche Lieblichkeit und erscheint als das Werk eines einzigen glücklichen Moments. Der Ton ist sehr gut gehalten, und nirgends merkt man einen angeflickten Zierat.« Das kleine Gedicht »Die Nacht« wird niemand ohne Rührung lesen; der Minnesänger, dem es Tieck in »Karl von Berneck« in den Mund legt, spricht offenbar im Namen des Verfassers selbst, wenn er sagt: »Ich dichtete es jüngst, als mir das Elend der Menschen recht sichtbar vor die Augen trat.« Das zarte »Herbstlied« hat, wie Körner in demselben Briefe an Schiller schreibt, »eine Wärme, Einfachheit und Frischheit, die echtes Talent verrät«. Über solche Gedichte, namentlich auch über die »Magelonenlieder«, Joh. Friedrich Reichardt, Luise Reichardt, K. M. v. Weber u. a., in neuester Zeit auch Johannes Brahms, haben zu Liedern aus »Magelone« Kompositionen geliefert. aus denen wir Nr. 5 ff, gewählt haben, wie über »Zuversicht«, »Frühling und Leben« und »Liebe« gilt in der That, wenn auch mit einiger Einschränkung, A. W. Schlegels Urteil: »Athenäum« 1798, Werke Bd. 12, S. 27 ff. »Es liegt ein eigner Zauber in ihnen ... die Sprache hat sich gleichsam alles Körperlichen begeben und löst sich in einen geistigen Hauch auf. Die Worte scheinen kaum ausgesprochen zu werden, so daß es fast noch zarter wie Gesang lautet; wenigstens ist es die unmittelbarste Verschmelzung von Laut und Seele, und doch ziehen die wunderbaren Melodien nicht unverstanden vorüber. Vielmehr ist diese Lyrik in ihrer heimlichen Beschränkung höchst dramatisch (?); der Dichter darf nur eben die Situation andeuten und dann den süßen Flötenton hervorlocken, um das Thema auszuführen. In diesen klaren Tautropfen der Poesie spiegelt sich alle die jugendliche Sehnsucht nach dem Unbekannten und Vergangenen, nach dem, was der frische Glanz der Morgensonne enthüllt und der schwülere Mittag wieder mit Dunst umgibt, die ganze ahnungsvolle Wonne des Lebens und der fröhliche Schmerz der Liebe ... Stimmen, von der vollen Brust weggehoben, die dennoch wie aus weiter Ferne leise herüberhallen ... Ich weiß nicht, wer außer Goethe unter uns ähnliche Lieder gedichtet hätte.« Die älteste Romanze Tiecks: »Arion«, ist auch seine beste und verdient vor der steifen Deklamation Schlegels über denselben Gegenstand ohne Zweifel bei weitem den Vorzug. Die seiner Zeit viel gepriesene Romanze aber, »Die Zeichen im Walde« (1801), die Friedrich Schlegel »zu den göttlichsten und vollendetsten Werken« Tiecks rechnete und A. F. Bernhard: als ein »vollendetes Meisterstück und nicht genug zu bewunderndes Kunstwerk« pries, während sich Karoline mit Recht über das »Schauerstück vom alten Wulfen« lustig machte, wagten wir unser« Lesern nicht darzubieten, weil sie in der That mit ihren ungeheuerlichen U-Assonanzen »sehr garstig« ist und unfreiwillig komisch wirkt.   Kann Tieck als Romanzendichter keine hohe Rangstufe beanspruchen, so verdienen seine Sonette zum großen Teil den Namen echter Kunstwerke. Die ältesten derselben sind in andre Dichtungen, insbesondere in die »Genoveva«, verflochten, wo sie freilich von Rechts wegen nicht hingehören, denn eine undramatischere Form als das Sonett läßt sich nicht wohl denken. Die Sonette aber, die im »Poetischen Journal« und im Schlegel-Tieckschen »Musenalmanach« erschienen, meist toten und lebenden Freunden gewidmet, In unsrer Auswahl die Nummern 12   17. »gehören zum Besten, was Tieck in dieser Form geleistet hat. Die Wirklichkeit der Erlebnisse gestaltet die Dichtung bestimmter und klarer, als dies sonst bei Tieck der Fall zu sein pflegt, und belebt sie überdies mit dem Hauche warmer Empfindung. Welti, »Geschichte de« Sonette««, S. 175 ff Man begreift noch heute wohl, daß A. W. Schlegel »Briefe an Tieck« Bd. 3, S. 240. diese Gedichte des Freundes »göttlich« fand, sie oft »mit großer Erquickung seines innersten Gemütes« las und »immer neue Tiefen« darin fand, und daß Schilling von ihnen »bezaubert« war. Ebenda. Weniger hoch werden wir dagegen den Sonettencyklus über die Musik stellen (daraus Nr. 18), den Friedrich Schlegel als »unvergleichlich schön« bezeichnete, da hier bei großen Feinheiten im einzelnen doch schon allzusehr jene »traumhafte, neblichte Verschwommenheit« Welti a. a. O. herrscht, die dann in den Sonetten aus »Alma« (daraus Nr. 19) ihren Gipfel erreicht. Aber der Dichter hatte ein Recht, seine überweisen Tadler zu belächeln, denn schon zwei Jahre später schrieb er »Die Kunst der Sonette« (daraus Nr. 20 ff.), in der er den Mißbrauch der Form, die »Sonettenraserei«, der er sich hingegeben und die ihm seine Nachahmer verleidet hatten, auf das witzigste verspottete. Diese Sonette bezeugen »nicht nur, wie richtig Tieck die Verderbnis der neuen Sonettenpoesie erkannt hatte, sondern auch, wie sehr er seinen ehemaligen Genossen im Sonettieren überlegen war. Mit dem köstlichsten Humor reimt der Dichter, ohne im einzelnen Unsinniges zu schreiben, ein gedankenloses Ganzes zusammen, gerade wie dies damals die Art so vieler Sonettisten war.« Welti a. a. O. Auch das witzige Sonett »Schaubühne« und das schöne, von warmem Patriotismus erfüllte »An Stella« reihen sich den besten Erzeugnissen Goethes, A. W. Schlegels, Hardenbergs und Rückerts in dieser Form nicht unwürdig an.   Eine eigentümliche Stellung nehmen unter Tiecks lyrischen Poesien die »Italienischen Reisegedichte« (daraus Nr. 24-35) ein, »die der kranke Verfasser auf der Reise nur als flüchtige Andenken schnell in seinem Tagebuche aufzeichnete«. Aus dem Vorwort zum 3. Teil der »Gedichte«.] Erneute Krankheit verhinderte ihn, »diese mit Fleiß zu überarbeiten«, er veröffentlichte sie daher ganz so, wie er sie damals »in ungleicher Laune« aufschrieb, und hoffte, daß vielleicht »der Ausdruck des Moments frischer und lebhafter« sei, als es »bei mehr Fleiß die Ausbildung des Verses oder der hinzugefügte Reim und die geordnete Strophe zugelassen hätten«. Vielleicht hätte der Dichter einen Mittelweg einschlagen sollen, indem er den zuweilen in trockne Prosa versinkenden Ausdruck veredelte, hier und da einen volleren rhythmischen Fall suchte und vor allem sparsamer in der Mitteilung dieser Tagebuchblätter verfuhr. Den Taumel des Entzückens, in den die enthusiastische Rahel Varnhagen »Briefe an Tieck«, Bd. 4, S. 142 ff. beim Lesen dieser Gedichte geriet, wird wohl niemand mehr teilen, und es wäre sehr verfehlt, wollte man diese kunstlosen Aufzeichnungen etwa mit Goethes freien Rhythmen oder selbst mit Heines »Nordseebildern«, die übrigens oft Tieckschen Einfluß erkennen lassen, vergleichen; einige aber erfreuen durch geistreichen Witz und scharfe Abzeichnung der Wirklichkeit, wie »Der Bettler«, »Der letzte Tag der Feste« und »Lucca«, oder durch sinnige Beobachtung, wie »Der Morgen«, oder durch das Wehen echter Empfindung, wie »Der Friedhof«, »Heimweh«, »Villa Borghese« u. a.   Über die noch folgenden Gedichte können wir uns kurz fassen, »Der Fischfang« ist ein glücklicher Versuch in der heitern Romanze; in dem Liede »Heimliche Liebe« ist zu der tiefpoetischen Stimmung auch die reine Form gefunden; das reizende, an Hans Sachs und Goethe erinnernde Gedicht »Phantasus« und »Des Mädchens Plage« sind allerdings Allegorien, aber zugleich echte Poesie, phantastisch und doch wunderbar anschaulich.   Der Text der nachstehenden Gedichte folgt, wo in den Anmerkungen nichts andres angegeben, der Gesamtausgabe von 1841. 1. Melancholie. Schwarz war die Nacht, und dunkle Steine brannten Durch Wolkenschleier matt und bleich, Die Flur durchstrich das Geisterreich, Als feindlich sich die Parzen abwärts wandten And zorn'ge Götter mich ins Leben sandten. Die Eule sang mir grause Wiegenlieder Und schrie mir durch die stille Ruh' Ein gräßliches: Willkommen! zu. Der bleiche Gram und Jammer sanken nieder Und grüßten mich als längst gekannte Brüder, Da sprach der Gram in banger Geisterstunde: Du bist zu Qualen eingeweiht, Ein Ziel des Schicksals Grausamkeit, Die Bogen sind gespannt, und jede Stunde Schlägt grausam dir stets neue blut'ge Wunde. Dich werden alle Menschenfreuden fliehen. Dich spricht kein Wesen freundlich an, Du gehst die wüste Felsenbahn, Wo Klippen dröhn, wo keine Blumen blühen, Der Sonne Strahlen heiß und heißer glühen. Die Liebe, die der Schöpfung All durchgingt, Der Schirm in Jammer und in Leiden, Die Blüte aller Menschenfreuden, Die unser Herz zum höchsten Himmel schwingt, Wo Durst aus sel'gem Born Erquicken trinkt, Die Liebe sei auf ewig dir versagt. Das Thor ist hinter dir geschlossen, Auf der Verzweiflung wilden Rossen Wirst du durchs öde Leben hingejagt, Wo keine Freude dir zu folgen wagt. Dann sinkst du in die ew'ge Nacht zurück; Sieh tausend Elend auf dich zielen, Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen! Ja erst im ausgelöschten Todesblick Begrüßt voll Mitleid dich das erste Glück. 2. Der neue Frühling. Käme doch der Frühling!« seufzt' ich oftmals, »Daß der süße Blumenduft, das Flüstern Holder Birken und das Lied der Lerchen Meine heißen Thränen trocknen mochten!«   Und in jedem Jahre kam der Frühling, Und in jedem Jahre weint' ich Thränen: Töne, Blumen, holdes Baumgeflüster, Alles ging wie scheu mir aus dem Wege, Nichts, das meinen heißen Busen kühlte: Und ich flehte nicht mehr um den Frühling. Kläglich kam er, kaum daß ich's bemerkte, Düster blickt' ich in sein grün Gewebe, Dachte: Bist nicht besser als die andern!   Hinter mir hört' ich ein leises Rieseln, Wie wenn Bächlein über Kiesel jauchzen, Hinter mir lief Wind durch das Gebüsche, Seitwärts nickten alle Blumen freundlich, Und in sanften rötern Strahlen spielte Sonnenschein zum grünen Boden nieder. Sinnend stand ich jetzt, ein Weilchen zweifelnd, Was die holde Täuschung um mich zaubre. Als ich wieder auf vom Boden blickte, Stand ein holder Knabe mir zur Seiten, Goldne Locken hingen um die Schläfe, Um die Lippen spielte schalkisch Lächeln, Sah mich an mit keckem, blauem Auge: »Träumer du! zertritt nicht alle Freuden, Die so zart in deinem Wege liegen!« Rief er, hob den Zeigesinger drohend; »Sieh, wie sich auf mein Gebot die Waldung Neu begrünt, wie Glanz und süßes Leben Sich auf jedem Zweige schaukelt; Blumen, Nachtigallen, Düfte, alles ruft dich An mit wunderbar holdsel'gen Tönen; Gehst du nicht in deinem eignen Schatten? Bist du, Thor, nicht selber dir im Wege?« Stracks voll Mißmut ward mein banger Busen: »Kinder«, sagt' ich »sollten nicht so sprechen, Thöricht sind sie, haben nichts erfahren, Leben ohne Sorgen, unbefangen, Wissen über Spielgerät zu urteln, Müssen aber über Kummer schweigen.« Also sagt' ich ernsthaftlich vermahnend, Meinte, daß er sich wohl schämen dürfte; Aber laut auflachte nun der Bube, Und die Fassung wär' mir fast entgangen. Aber als ich herzlich zürnen wollte, War Besinnung sowie Zorn entschwunden, Und wie von dem heiligsten Entzücken Stand ich überwältigt und gefangen Mitten in dem allerschönsten Frühling, Den mein Herz so lange hergesehnet. Meine Wangen fühlt' ich rot erglühen, Kühnes Blicks sah ich umher, als wären Alle Blumen, alle Freuden meine. Mir entgegen streckten sich Gewinde Ach! aus Myrten, zauberischen Rosen, Kein Cypressenblatt im ganzen Kranze, Und die schönste Hand streckt' ihn entgegen. »Kind! bin ich zum Kinde wieder worden?« Rief ich, wollte blöde nach dem Kranze Nicht die Hände zitternd strecken, »Wach' ich? Oder fesselt Schlaf die trüben Sinne, Daß, um mich zu laben, goldne Traume Wunderbar auf mich herniederspielen?« Lächelnd sprach der Knabe: »Nein, du wachest, Hast bisher im schweren Traum gelegen, So wie jetzt wird's immer um dich bleiben, Darum weckt' ich dich aus deinen Träumen.« So viel Wonne könnt' ich nicht ertragen, Wagt' es nicht, dem Kleinen zu vertrauen, Sank in meine Knie, die Blumenkränze Rührten kühlend meine heiße Schläfe.     Du nur kannst mir sagen (sag' es, Liebste): Darf ich wohl dem Wort des Knaben trauen? 3. Nacht. Im Windsgeräusch, in stiller Nacht Geht dort ein Wandersmann, Er seufzt und weint und schleicht so sacht Und ruft die Sterne an: »Mein Busen pocht, mein Herz ist schwer; In stiller Einsamkeit, Mir unbekannt, wohin, woher, Durchwandl' ich Freud' und Leid; »Ihr kleinen goldnen Sterne, Ihr bleibt mir ewig ferne, Ferne, ferne, Und ach! ich vertraut' euch so gerne.« Da klingt es plötzlich um ihn her, Und heller wird die Nacht. Schon fühlt er nicht sein Herz so schwer, Er dünkt sich neu erwacht: »O Mensch, du bist uns fern und nah, Doch einsam bist du nicht, Vertrau' uns nur, dein Auge sah Oft unser stilles Licht: »Wir kleinen goldnen Sterne Sind dir nicht ewig ferne; Gerne, gerne Gedenken ja deiner die Sterne.« 4. Herbstlied. Feldeinwarts flog ein Vögelein Und sang im muntern Sonnenschein Mit süßem, wunderbarem Ton: »Ade! ich fliege nun davon. Weit! weit! Reis' ich noch heut'.« Ich horchte auf den Feldgesang, Mir ward so Wohl und doch so bang, Mit frohem Schmerz, mit trüber Lust Stieg wechselnd bald und sank die Brust: Herz! Herz! Brichst du vor Wonn' oder Schmerz? Doch als ich Blatter fallen sah, Da sagt' ich: »Ach! der Herbst ist da, Der Sommergast, die Schwalbe, zieht, Vielleicht so Lieb und Sehnsucht flieht, Weit! weit! Rasch mit der Zeit.« Doch rückwärts kam der Sonnenschein, Dicht zu mir drauf das Vögelein, Es sah mein thränend Angesicht Und sang: »Die Liebe wintert nicht, Nein! nein! Ist und bleibt Frühlingesschein.« 5. Ermunterung. Das Lied wird in »Magelone« einem fremden Sänger in den Mund gelegt, der an den Hof des Grafen von Provence kommt. Keinen hat es noch gereut, Der das Roß bestiegen, Um in frischer Jugendzeit Durch die Welt zu fliegen. Berge und Auen, Einsamer Wald, Mädchen und Frauen Prächtig im Kleide, Golden Geschmeide, Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt. Wunderlich fliehen Gestalten dahin, Schwärmerisch glühen Wünsche im jugendlich trunkenen Sinn. Ruhm streut ihm Rosen Schnell in die Bahn, Lieben und Kosen, Lorbeer und Rosen Führen ihn höher und höher hinan. Rund um ihn Freuden, Feinde beneiden, Erliegend, den Held   Dann wählt er bescheiden Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt. Und Berge und Felder Und einsame Wälder Mißt er zurück. Die Eltern in Thränen, Ach, alle! ihr Sehnen     Sie alle vereinigt das lieblichste Glück, Sind Jahre verschwunden, Erzählt er dem Sohn In traulichen Stunden Und zeigt seine Wunden, Der Tapferkeit Lohn. So bleibt das Alter selbst noch jung, Ein Lichtstrahl in der Dämmerung. 6. Trauer.« Klage Magelonens in der Einsamkeit, als das Unglück sie ihres Geliebten Peter beraubt hat Wie schnell verschwindet So Licht als Glanz, Der Morgen findet Verwelkt den Kranz, Der gestern glühte In aller Pracht; Denn er verblühte In dunkler Nacht. Es schwimmt die Welle Des Lebens hin Und färbt sich helle, Hat's nicht Gewinn; Die Sonne neiget, Die Röte flieht, Der Schatten steiget, Und Dunkel zieht: So schwimmt die Liebe Zu Wüsten ab; Ach! daß sie bliebe Bis an das Grab! Doch wir erwachen Zu tiefer Qual; Es bricht der Nachen, Es löscht der Strahl, Vom schönen Lande Weit weggebracht Zum öden Strande, Wo um uns Nacht. 7. Lockung. Die Sultanstochter Sulima sucht in »Magelone« durch diese Lockung den Ritter Peter zu bethören. Geliebter, wo zaudert Dein irrender Fuß? Die Nachtigall plaudert Von Sehnsucht und Kuß. Es flüstern die Bäume Im goldenen Schein, Es schlüpfen mir Träume Zum Fenster herein. Ach! kennst du das Schmachten Der klopfenden Brust? Dies Sinnen und Trachten Voll Qual und voll Lust? Beflügle die Eile Und rette mich dir; Bei nächtlicher Weile Entfliehn wir von hier. Die Segel, sie schwellen, Die Furcht ist nur Tand: Dort, jenseit der Wellen, Ist väterlich Land. Die Heimat entfliehet   So fahre sie hin! Die Liebe, sie ziehet Gewaltig den Sinn. Horch! wollüstig klingen Die Wellen im Meer, Sie hüpfen und springen Mutwillig einher. Und sollten sie klagen? Sie rufen nach dir! Sie wissen, sie tragen Die Liebe von hier. 8. Zuversicht. Wohlauf! es ruft der Sonnenschein Hinaus in Gottes freie Welt, Geht munter in das Land hinein Und wandelt über Berg und Feld! Es bleibt der Strom nicht ruhig stehn, Gar lustig rauscht er fort; Hörst du des Windes muntres Wehn? Er braust von Ort zu Ort. Es reist der Mond wohl hin und her, Die Sonne ab und auf, Guckt übern Berg und geht ins Meer, Nie matt in ihrem Lauf. Und, Mensch, du sitzest stets daheim Und sehnst dich nach der Fern': Sei frisch und wandle durch den Hain Und sieh' die Fremde gern. Wer weiß, wo dir dein Glücke blüht, So geh' und such' es nur, Der Abend kommt, der Morgen flieht, Betrete bald die Spur. Laß Sorgen sein und Bangigkeit! Ist doch der Himmel blau; Es wechselt Freude stets mit Leid, Dem Glücke nur vertrau'. So weit dich schließt der Himmel ein, Gerät der Liebe Frucht, Und jedes Herz wird glücklich sein Und finden, was es sucht. 9. Frühling und Leben. Aus Wolken winken Hände, An jedem Finger rote Rosen, Sie winken dir mit schmeichlerischem Kosen, Du stehst und fragst: wohin der Weg sich wende? Da singen alle Frühlingslüfte, Da duften und klingen die Blumendüfte, Lieblich Rauschen geht das Thal entlang: »Sei mutig, nicht bang! »Siehst du des Mondes Schimmer, Der Quellen hüpfendes Geflimmer? In Wolken hoch die goldnen Hügel, Der Morgenröte himmelbreite Flügel? »Dir entgegen ziehn so Glück als Liebe, Dich als Beute mit goldenen Netzen zu fahn, So leise, lieblich, daß keine Ausflucht bliebe, Umstellen sie dich, bald ist's um dich gethan.«   Was will das Glück mit mir beginnen? O Frühlingsnachtigall, singst du drein? Schon dringt die sehnende Lieb' auf mich ein, Wie Mondglanz webt's um meine Sinnen.   Wie bang' ist mir's, gefangen mich zu geben! Sie nah'n, die Scharen der Wonne, mit Heeresmacht! Verloren, verträumt ist das fliehende Leben, Schon rüstet sich Lieb' und Glück zur Schlacht. Der Kampf ist begonnen, Ich fühle die Wonnen Durchströmen die Brust: O, sel'ge Gefilde, Ich komme! wie milde Erquickt und ermattet des Lebens Lust! Es winket vom Himmel Der Freuden Gewimmel Und lagert sich hier: Im Boden, ich fühle Der Freuden Gewühle, Sie streben und drängen entgegen mir. Der Quellen Getöne, Der Blümelein Schöne, Ihr lieblicher Blick, Sie winken so eigen; Ich deute das Schweigen: Sie wünschen mir alle zum Leben Glück.     Nun wandelt das Kind auf grünen Wegen, Den goldglänzenden Strahlen entgegen, Im bangen Harren geht es weit, Es klopft das Herz, es flieht die Zeit. Da ist's, als wenn die Quellen schwiegen, Ihm dünkt, als dunkle Schatten stiegen Und löschten des Waldes grüne Flammen, Es falten die Blumen den Putz zusammen. Sie schließen ihren Kelch. Die freundlichen Blüten sind nun fort, Und Früchte stehn an selbigem Ort. Die Nacht'gall versteckt die Gesänge im Wald, Nur Echo durch Still' und Einsamkeit schallt. »Morgenröte, bist du nach Haus gegangen?« Ruft das Kind und streckt die Händ' und weint; »O komm, ich bin erlöst vom Bangen, Du wolltest mich mit goldnen Netzen fangen, Du hast es gewiß nicht böse gemeint. »Ich will mich gerne drein ergeben, Es kann und soll nicht anders sein: Ich opfre dir mein junges Leben, O! komm zurück, du Himmelsschein!« Aber hoch und höher steigt das Licht Und bescheint das thränende Gesicht; Die Nachtigall flieht waldwärts weiter, Quell wird zum Fluß und immer breiter. »Ach, und ich kann nicht hinüberfliegen! Was mich erst lockte, ist nun so weit, Der Morgenglanz, die Töne müssen jenseits liegen, Ich stehe hier und fühle nur mein Leid.«     Die Nachtigall singet aus weiter Fern': »Wir locken, damit du lebest gern, Daß du dich nach uns sehnst und immer matter sehnst, Ist, was du thöricht dein Leben wähnst.«   10. Arion. Der griechische Dichter und Tonkünstler Arion aus Methymna auf Lesbos blühte um 625 v. Chr. Die Landung auf dem Delphin soll am Vorgebirge Tänaron (jetzt Matapan), Südspitze des Peloponnes, erfolgt sein. Arion schifft auf Meereswogen Nach seiner teuren Heimat zu, Er wird von Winden fortgezogen, Die See in stiller, sanfter Ruh'. Die Schiffer stehn von fern und flüstern, Der Dichter sieht ins Morgenrot, Nach seinen goldnen Schätzen lüstern Beschließen sie des Sängers Tod. Arion merkt die stille Tücke, Er bietet ihnen all sein Gold, Er klagt und seufzt, daß seinem Glücke Das Schicksal nicht wie vordem hold.   Sie aber haben es beschlossen, Nur Tod gibt ihnen Sicherheit, Hinab ins Meer wird er gestoßen; Schon sind sie mit dem Schiffe weit. Er hat die Leier nur gerettet, Sie schwebt in seiner schönen Hand, In Meeresfluten hingebettet, Ist Freude von ihm abgewandt. Doch greift er in die goldnen Saiten, Daß laut die Wölbung widerklingt, Statt mit den Wogen wild zu streiten, Er sanft die zarten Töne singt: »Klinge, Saitenspiel! In der Flut Wächst mein Mut; Sterb' ich gleich, verfehl' ich nicht mein Ziel. »Unverdrossen Komm' ich, Tod, Dein Gebot Schreckt mich nicht, mein Leben ward genossen. »Welle hebt Mich im Schimmer, Bald den Schwimmer Sie in tiefer, nasser Flut begräbt.« So klang das Lied durch alle Tiefen, Die Wogen wurden sanft bewegt, In Abgrunds Schlüften, wo sie schliefen, Die Seegetiere aufgeregt. Aus allen Tiefen blaue Wunder, Die hüpfend um den Sänger ziehn, Die Meeresfläche weit hinunter Beschwimmen die Tritonen grün. Die Wellen tanzen, Fische springen; Seit Venus aus den Fluten kam, Man dieses Jauchzen, Wonneklingen In Meeresfesten nicht vernahm. Arion sieht mit trunknen Blicken Laut singend in das Seegewühl, Er fährt auf eines Delphins Rücken, Schlägt lächelnd in sein Saitenspiel. Des Fisches Sinn zum Dienst gezwungen, Als freie, absolute Partizipialkonstruktion aufzufassen. Naht er mit ihm der Felsenbank, Er landet, hat den Fels errungen Und singt dem Fährmann seinen Dank. Am Ufer kniet er, dankt den Göttern, Daß er entrann dem nassen Tod. Der Sänger triumphiert in Wettern, Ihn rührt Gefahr nicht an und Tod. 11. Liebe. Weht ein Ton vom Feld herüber, Grüßt mich immerdar ein Freund, Spricht zu mir: Was weinst du, Lieber? Sieh', wie Sonne Liebe scheint: Herz am Herzen stets vereint, Gehn die bösen Stunden über, Vorüber. Liebe denkt in süßen Tönen, Denn Gedanken stehn zu fern, Nur in Tönen mag sie gern Alles, was sie will, verschönen. Drum ist ewig uns zugegen, Wenn Musik mit Klängen spricht, Ihr die Sprache nicht gebricht, Holde Lieb' auf allen Wegen; Liebe kann sich nicht bewegen, Leihet sie den Otem nicht. 12. An   An Tiecks Schulfreund Friedrich Heinrich Bothe (1771-1855) gerichtet, der sich später als betriebsamer Herausgeber antiker Autoren und Übersetzer des Euripides bekannt machte. Unfreundlich, krank, betrübt begann mein Leben, Den Todesstrom vernahm ich unten schallen, Da floh ich zu der Dichtkunst goldnen Hallen Und bot dem Musengott mein liebend Streben. Bald wollte sich der Busen frischer heben, Dich wählt' ich mir zum Freunde aus vor allen, Es sollte dir nur, was ich that, gefallen, Auf Freundschaftsfittich himmelan zu schweben. Ein kühnes Licht erhob sich in dem Dunkeln, Es blühten aus dem Tode schöne Blumen, Dein Auge sah ich leitend vor mir funkeln: Wie rief es mich zu jenen Heiligtumen!   Die Blume welkte, die ich mir erlesen, Und den verlor ich, der nie mein gewesen. 13. An Friedrich Toll. Als ich mich selber schalt für einen Thoren, Der allerherbste Schmerz mich wollt' erdrücken, Vorüber Hoffnung, Zutrau'n und Erquicken, Daß ich irrwähnend ihn Bothe; vgl. das vorige Gedicht. als Freund erkoren: Da fand ich dich und wurde neu geboren, Die Ahndung sprach: »Nein, laß dich nicht berücken! Es darf dir auch mit diesem Freund nie glücken, Denn kaum gefunden, ist er dir verloren.« Ein gleiches Liebesband schien uns zu einen, Ein doppelt Glück entgegen uns zu lachen, Ein Morgenschimmer freundlich aufzusteigen; Doch mußt' ich bald den süßen Trug beweinen, Das Abendrot schien auf den stillen Nachen Das Leben ein Strom, auf dem der Mensch in einem Kahne dahinfährt; das Bild ist ausgeführt im »Abschied«, I,2.   Toll starb im Herbst 1790 zu Frankfurt a. O. Die Nacht empfing dich und das ew'ge Schweigen. 14. An Wilhelm Heinrich Wackenroder. Du sahst, wie tief mich beugte sein Entfernen, Tolls Tod; vgl. das vorige Gedicht mit Anmerkung. Da kam mir freundlich deine Lieb' entgegen, Da fiel ins dürre Herz der frische Regen, Der Himmel glüht' mit neuen Liebessternen. Wie sehr' Wie sehr auch ich zagte, mußt' ich wieder lernen, Wie Seeleneintracht kann das Herz bewegen; Trotz Stürmen mußten sich die Wogen legen, Und goldne Zukunft winkt' aus frohen Fernen, Du gabst mir Trost, ich gab dir Mut zum Leben. Wir sprachen: »Nie soll Leid uns niederdrücken!« Ein ew'ger Frühling schien uns anzublicken. O Hoffnung! Irrtum! Wahnsinn! Eitles Streben! In kalten ew'gen Sternen war beschlossen Das Leid, das sich seitdem um mich ergossen. Wackenroder (geb. 1773) starb am 13. Febr. 1738, erst 25 Jahre alt. 15. An denselben. Noch faßt mein Herz nicht seine eigne Wunde. Als alle, die dich kannten und dich liebten, Mit ungewohntem Kummer sich betrübten, Ging mir vorbei der Kelch der bittern Stunde. Ich bin noch so wie sonst mit dir im Bunde, Mir ist, daß wir wie ehedem uns übten, An edlen Dichtern freun, den vielgeliebten, Als brächt' ein Brief von dir mir frohe Kunde. Schon fönst bin ich von dir entfernt gewesen, Und du und deine Liebe schien ein Träumen, Und ich besaß dich nur durch meinen Glauben Bezieht sich besonders auf die Zeit von Ostern 1792 bis Ostern 1793, wo sich Wackenroder noch in Berlin aufhielt, während Tieck die Universitäten zu Halle und Göttingen besuchte. So kann ich nun in Blumen, Sternen lesen Von dir, mein Freund, entfernt in größern Räumen, Nicht Zeit, nicht Tod kann dich mir jemals rauben. 16. An A. W. Schlegel. Schon fängt die alte Nacht sich an zu hellen, Und wieder scheinen licht aus klarer Ferne Die hohen Bilder, freundlich liebe Sterne, Piloten auf der weiten Bahn der Wellen. Wen kümmert's, daß die Hund' am Ufer bellen? Besteig' dein Schiff mit frohem Mute gerne, Such' fremdes Land und Meer, sieh neue Sterne, Dir werden Geister freundlich sich gesellen. Es steigt der Britten höchster lächelnd nieder, Und Calderon, den Kränze bunt umglühen, Der Minnesang im Goldgewand, erblühen Will neu Italien, uralt heil'ge Lieder Vom Ganges wachen auf, A. W. Schlegel war 1799 in heftigen Streit mit der Jenaer »Allgemeinen Litteraturzeitung« geraten; hier nimmt Tieck Gelegenheit, die Verdienste des Freundes öffentlich zu preisen. Von Schlegels Shakespeareübersetzung waren bis 1800 sechs Bände mit 12 Stücken fertig, die Calderonübersetzung erschien erst seit 1803, die »Minnelieder« bearbeitete später (1803) Tieck; aus dem Italienischen übertrug Schlegel einzelnes von Dante, Petrarca, Boccaccio, Ariost, Tasso und Guarini; Übersetzungen aus dem Indischen hat sein Bruder Friedrich 1808 veröffentlicht. und rundum glänzen Trophä'n, die dankbar deinen Namen kränzen. 17. An Novalis. Wer in den Blumen, Wäldern, Bergesreihen, Im klaren Fluß, der sich mit Bäumen schmücket, Nur Endliches, Vergängliches erblicket, Der traure tief im hellsten Glanz des Maien. Nur der kann sich der heil'gen Schöne freuen, Den Blume, Wald und Strom zur Tief' entrücket, Wo unvergänglich ihn die Blüt' entzücket, Dem ew'gen Glanze keine Schatten dräuen. Noch schöner deutet nach dem hohen Ziele Des Menschen Blick, erhabene Gebärde, Des Busens Ahnden, Sehnsucht nach dem Frieden. Seit ich dich sah, vertraut' ich dem Gefühle; Du mußtest von uns gehn und dieser Erde, Du gingst! Novalis ( Friedrich von Hardenberg ) starb am 25. März 1801 im 29. Lebensjahre. Fahr' wohl; wir sind ja nicht geschieden. 18. Die Musik spricht: Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse, Mein Flügelpaar klingt in dem Morgenlichte, Den grünen Wald erfreut mein Angesichte, Das Nachtigallen-Chor Von Tieck meist als Neutrum gebraucht. gibt seine Grüße. Wem ich der Sterblichen die Lippe küsse, Dem tönt die Welt ein göttliches Gedichte, Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte, Im Herzen rinnen Paradiesesflüsse. Die ew'ge Lieb', die frei und nie gefangen, Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen, Er nimmt den Tönen ihre dunkle Hülle; Da regt sich, schlägt in Jubel auf die Stille, Zur spiel'nden Glorie wird der Himmelsbogen, Der Trunkne hört, was alle Engel sangen. 19. Sonett aus »Alma«. Viel Wunder in der Dichtkunst Garten blühen. Es drohet als verschlingend Ungeheuer Allem, was lebt, das hunger-grimme Feuer, Mit seinem Raub dem Abgrund zuzufliehen: Nur einer Kreatur dräut nicht sein Glühen, Dem Salamander zeigt es sich getreuer; Der fühlt sich in der Heimat, hold und teuer Ist ihm rundum der Flamme rotes Sprühen. Dies ist ein Bildnis treuer Liebesherzen: Bist du mir nah, bin ich umweht von Flammen, Und jeder Blick saugt heiß an meinem Blute; Doch lebt das Herz so mehr im Liebesmute, Als um mich näher schlägt der Brand zusammen; Erlischt er, töten mich der Sehnsucht Schmerzen. 20. Aus der »Kunst der Sonette«. Der hohe Geist wird keine Schande dulden, Ein kühner Sinn erkennet keine Schranken, Wer feste steht, wird nicht so leichte wanken, Doch junges Blut macht gar zu gerne Schulden. Denkt, sechzehn Groschen machen einen Gulden; Mit Brutus einst die besten Römer sanken, Wer Ruhe liebt, wird nur ungerne zanken, Man sagt vergolden, aber auch vergulden.   Du Eremit in deiner stillen Klause Belächelst wohl den warmen Sonnenschein, Doch weis' mich aus dem Labyrinth geschwinde: Denn wie ich suchend irr', ich nirgend finde, Was man Gedanken nennt, es scheint zu Hause Kein Mensch, ich klopfe, niemand ruft: herein! 21. Desgleichen. Ein nett honett Sonett so nett zu drechseln Ist nicht so leicht, ihr Kinderchen, das wett' ich, Ihr nennt's Sonett, doch klingt es nicht sonettig, Statt Haber füttert ihr den Gaul mit Häckseln. Dergleichen Dinge muß man nicht verwechseln; Ein Unterschied ist zwischen einem Rettich Und ritt' ich, rutsch' ich, rumpl' ich oder rett' ich, Auch Dichten, Dünnen, Wackenroder schreibt in den »Phantasien über die Kunst«: »Das Verdichten der im wirklichen Leben verloren herumirrenden Gefühle in mannigfaltige feste Massen ist das Wesen aller Dichtung.« Tieck verlangt in der Novelle »Der Mondsüchtige« (1831) vom Dichter , er solle »alles, was den gewöhnlichen Menschen als Ahndung, Einfalt oder gestaltenlose Laune vor der Seele flattert, dichten, verdichten «, und stellt dem echten Dichter die » Dünner, Verdünner « (die Afterpoeten) gegenüber; in einem Gedicht (»Gedichte«, 1841, S. 431) nennt er als »Tugendpflichten« des Poeten: »Dunkles auszulichten, des Lebens Schein verdichten , aus Thorheit Scherz zu sichten.« Die sinnige Erklärung hält allerdings nicht Stich, da dichten vom lat. dictare (diktieren, auch verfassen) abgeleitet ist. Singen, Krähen, Krächzeln. Drum liegt im Hafen stille doch ein Weilchen, Und lasset hier das kranke Schiff ausbessern, Es zeigt mehr Leck als Schiff in seiner Fläche: Noch lecker wird es, ihr bezahlt die Zeche, Doch dünkt uns lecker nicht ein einzig Zeilchen; Nach lauem Wasser kann kein Mund je wässern. 22. Desgleichen. Verkünden will ich wundervolle Wunder, Wer Ohren hat zu hören, der mag hören! Nichts zu entweihn muß er zuvörderst schwören, Dann wird ihm alles klarer und auch runder. Von neuem brennt der alte Liebeszunder Und droht das ganze Weltall zu verzehren, Die Rumpelkammer mag sich bald verkehren Mit allen Schätzen in gar nicht'gen Plunder. Solange Worte noch Gedanken tragen, Wird man an Worten was zu denken haben, Doch wie ich auch die Augen wisch' und wasche, So weiß ich doch, mein Seel', gar nichts zu sagen; Ja, Freunde, da, da liegt der Hund begraben   Geht, Wandrer, hin und weint auf seine Asche, 23. Schaubühne. Von München, wo Tieck 1805 monatelang krank gelegen hatte, nach Italien. Wenn Pflicht sich in des Schicksals Rad verflicht Und Tugend eifrig immer schneller drehet, Dann wird ein edles Herz hinweg gemähet, Das in den letzten Liebesseufzern bricht. Die Liebe paßte zu den Pflichten nicht, Ein ungeschickt Schicksal ward hergewehet, Und selbst fällt der, der noch so feste stehet; Ja wohl ist das ein rührendes Gedicht. Bestimmung, Schicksal, du Verhängnis, Fatum, Wann wirst du doch gehängt und fortgeschicket, Wann brennt denn aus der dampf-rauchvolle Krater? Erleb' ich nur recht balde dieses Datum, So geh' ich, was man auch dort näht und flicket, Von neuem mit Pläsier in das Theater. 24. Abreise. Das Sonett (1805 verfaßt) kann nicht, wie gewöhnlich behauptet wird, gegen die eigentliche Schicksalstragödie der Werner (»Der 24. Februar« wurde zuerst 1810 in Weimar aufgeführt), Müllner, Houwald etc. gerichtet sein, da diese einer spätern Zeit angehört; es verspottet vielmehr die elenden, aber damals hochgefeierten Schauspiele Kotzebues (»Menschenhaß und Reue«, »Johanna von Montfaucon«, »Octavia«, »Die Hussiten vor Naumburg« u.a.), süßliche Rührstücke voll plumper Zufälligkeiten, aber effektvoll und die große Menge fesselnd. Endlich ist der Tag gekommen, Endlich ist die Stunde da, Die ich stets unmöglich glaubte, Weil der Schmerz die Kraft genommen, Weil der Wahn den Entschluß raubte, Da ich nur mein Leiden sah. Welcher heitre Sommertag! Diese Häuser, diese Gassen, Die ich nun seit vielen Wochen Täglich sah mit Zorn und Hassen, Sollen mir entschwinden Und mein Blick die sonnbeglänzten Fluren finden. Einmal noch betracht' ich mir die alten Häuser dort, bemerke die Gestalten An den Fenstern drüben; wie ein Vorhang Fällt es zu; der liebste Freund Karl von Rumohr. Sitzt schon neben mir im Wagen; Abschiedsworte   und es jagen Häuser, Gassen, Thore schwindelnd mir vorüber. Welch Entzücken! welche Wehmut! Bin ich's noch, der wie an Ketten Dort in trüben Mauern saß? Ja, der Schmerz ist mir gefolgt Und spannt über Feld und Wald Einen schwarzen Schleier aus. 25. Der Friedhof. Gemeint ist der zu Innsbruck. Einsam wandl' ich mit dem Bruder Unter Gräbern. Bild an Bild und Vers an Vers gedrängt. Rosen glühn, und Lilien glänzen, Frischer grüner Rasen, Die Glut des Lebens mit allen Farben Als Teppich des Todes.   Solche Haushaltung führt nur die Liebe. Nein, hier sind die Verschiednen nicht entfloh'n, Aus Knosp' und Blum' und Tau des Grases Quillt Lächeln und Thräne noch immer hervor. Dort knien auch Kinder Und heften betend Blumengewinde Um die eisernen Kreuze der Eltern. Der Gatte entfernter, Die Eltern hier in der Nähe, Bringen, wie immer die Liebe that, Thränen, Gebet und des Sommers bunten Schmuck. Welche Wehmut zittert durch mein Wesen? Auch hier in weiter Ferne Kann ich um alle die Teuern klagen, Die ich früh und spät verlor. Mein Schmerz vermischt sich mit den Weinenden; In den Thränen mehr als in der Lust Sind wir alle Brüder. Aber hier in der Halle, Im fernen, unbesuchten Winkel Find' ich ein Blatt, von alter Hand beschrieben, So deutet die zitternde, ungewisse Schrift: »Jeder Christ, der hier mag wandeln, Bete freundlich für ein Wesen, Das im unnennbaren Jammer, Das im tiefsten Schmerz vergeht, Zu dem Vater, der die Liebe, Daß er tröste, wenn nicht helfe.«   Da brachen unaufhaltsam meine Thränen, Und sie beteten mit Inbrunst. Kommt ein Herr dahergegangen, Sieht das Blatt, die Kreuz' und Blumen Und die Kinder, Eltern, Gatten, Hält wohl meinen Schmerz für Ingrimm, Spricht mit Afterweisheit: »Ja, es wäre nun wohl an der Zeit, Alle diese Thorheit abzuthun, Diese Blumennarrheit, diesen Aberglauben, Dies Wallfahrten, Beten auf den Gräbern Sollte die Regierung hemmen.«   Schmerzte mich der Arme fast noch mehr Als die Schreiberin des alten Blattes: Also hier auch, unter diesen Gottesbergen, Wo Natur so heil'ge Worte rauscht, Gibt's derlei vernünftig Wesen, Das, so wähnt' ich, nur daheim In der Gegend des rationalistischen Berlin. bei mir Auf im Sande schießt und unter Kiefern. 26. Die Tiroler. Wer da will Männer sehn, Geh' ins Tirolerland, Wie sie so mutig stehn An ihrer Felsenwand. Das Auge kühn und frei, Freundlich der Mund, Frech nicht, doch ohne Scheu, Stehn sie frisch und gesund. Wer da will Weiber sehn, Geh' ins Tirolerland, Wie sie so zierlich gehn Keck über Berg und Land. Liebreiz und Kraft und Mut, Herrlich sie anzuschau'n;   Alles ist schön und gut In Bergen hier und Au'n. 27. Der Bettler. Das Gedicht spielt in Rom. Kann ich dem dreisten Schwätzer, Dem bettelnden Redner, Dem ich stets heimkehrend vorüberwandle, Nimmer entgehn? Arm ist er nicht, Und dennoch bin ich gezwungen, Ihm mehr zu reichen Als dem Elend-Dürftigen. Soll ich dort die Straße wählen? Nein! schäme dich dieser Schwäche! Mag er doch reden, Bitten und beten, Dreister Stirne geh' ich Ihm fest vorüber, Und keine Münze, kein Kupfer Soll seiner Redekunst ein Opfer fallen.   Schon gewahrt er mich von fern, Er schwenkt den großen, dreikantigen Hut, Und seine wohllautende Stimme tönt: »Gebenedeit sei dort der Edle, Der täglich leichteren Schrittes schon Durch unsre berühmten Gassen wandelt! Wohl haben meine frommen Gebete Dem Trefflichen genützt: Wie krank und schwach Schritt er mir ächzend das erste Mal vorüber! Rüstigen Ganges, ohne Stab, Seh' ich ihn bald in voller Gesundheit prangen. Wer bin ich Ärmster, Der ich hier als ekler Krüppel Auf der Gasse liegen muß, Daß ein solcher lieber, teurer Mann Je um diese verzerrte Figur sich gekümmert?   Näher kommt er und mir näher. Ei! welch mildes Antlitz! Wär' ich nicht ein Verworfner, Wenn meine fromme, stille Freude Nur dahin zielte, Eine Gabe von ihm zu empfangen? Fern sei von mir so niedrer Gedanke! Nein, Belobtester, Wackerster, Schreitet, schreitet dreist vorüber, Seht nicht her nach dem ärmsten Eurer Verehrer, Der doch für Euch beten und wünschen wird: Bettl' ich gleich, Eigennutz ist mir fremd, Doch kann ich nicht so verächtlich sein, Abzuweisen und zu verschmähn, Was solch Alexander mir bietet.«   Der Bettler fühlt sich als Diogenes. Schon hat er den Paul, Der Paolo war eine kleine Silbermünze des Kirchenstaates, nach unserm Geld etwa 44 Pfennige. Und lächelt dankend Mit seltsamem Blick. 28. Heimweh. Oft schon klang ein Ton herüber, Als wenn er jenseit der nördlichen Berge käme Und müde mich und liebevoll grüßte, Und ich dachte der Heimat Innig zwar, doch ohne Schmerz, Hör' ich auf den Gassen Im Volksgedräng' ein deutsches Wort. So faßt es mein Herz mit Rührung an; Doch es wandelt vorüber Und läßt den heitern Geist mir frei. Aber heut' am frühen Morgen Wacht' ich auf aus schweren Träumen: Alle Lieben sah ich trauernd, Mein Kindchen Die sechsjährige Dorothea, die mit der Mutter in Ziebingen weilte. sprach in süßen Tönen Und rief nach mir   Da weint' ich heftig, Ein mächtiger Schmerz ergriff mein Herz Und drückt' und preßt' es, Als sollt' es zerbrechen; Ein Schwindel ergriff mich, Mein Leben zerrann, Nichts war Wirklichkeit mehr um mich her, Alles zerfloß in Tod, Nur fern stand das Leben   Da wußt' ich, was Heimweh sei, Da fühlt' ich, wie der Sohn der Alpen Sterben könne in der Fremde An dem mächtig-schmerzlichen Gefühl. 29. Der letzte Tag der Feste. Die Szene spielt spät am Fastnachtsabend des römischen Karnevals. Aus dem blendenden Saale Tret' ich in die Dunkelheit der Nacht, Froh, doch ermüdet den Weg nach Hause suchend. Auch Lust und Thorheit übersättigen, Und die Seele wünscht die ernste Ruhe wieder. Da taumelt ein Alter Die Straße hinab, Von einem Knaben geleitet. Der Alte murrt und klagt Und zürnt, so scheint es, mit sich und der Welt; Doch im bekannten Refrain, Der täglich das Ohr betäubt, Singt der halbberauschte Junge: »Sei ruhig, mein Väterchen; Was thut das Haarbeutelchen, Das wir heut' und gestern und einige Male mehr uns getrunken in Lustigkeit? Vorüber ist nun die Zeit des Fröhlichseins, Schon morgen früh sitzen wir Sünderchen Und streuen uns Asche auf die Häupterchen. Glaube mir, der Herr der Welt, wie das Sternenheer, So schuf er auch neben der Frömmigkeit Die Lust an der Lust und das Karneval: Übel nimmt es gewiß nicht der Gnädige, Wenn er dich heut' zum Beschluß also wackeln sieht; Denn wirklich, wir trieben es mäßiglich Und tranken und lärmten nicht allzu viel. Doch wird dir zu schwer dein sanft Herzelein, Gehst du ja nun hin zu dem Beichtiger, Der dich, o du Guter, von Sünden dann reiniget. Drum fröhlich noch jetzt bis zur Schlafenszeit! Schlafe dann, Väterchen, festiglich, Auf dann erwache zur Heiterkeit, Buße thu', lebe dann tugendlich.«   Immer noch murrte der Alte, Und lächelnd folgt' ich dem Paare, Weil es mir ein frommer Hymnus schien, Der von des Sohnes Lippen, den Vater zu trösten, Durch die Nacht erklang. 30. Die Bußpredigten. Während der Fastenzeit zu Rom. Unterirdisch, schwarz verhängt, Nur von wen'gen Lichtern hell, Ist rings der düstre Dom von Totenschädeln, Gerippen und allem Graus erfüllt   Hier redet begeistert von der Vernichtung, Von Todesgrau'n und Verwesung Der Mönch mit starker Gebärde. Alles schweigt, und Thränen fließen, Schauder ziehn durch das Gewölbe, Und was sein Mund verschweigt, Sagt ernster noch der weiße Schädel Und das schwarz umkleidete Geripp'. Dennoch sah ich, wie auch in des Todes Abgrund Sich muntre Augen lächelnd begegnen: Er winkt bedeutend, sie eilt mit der Alten In die Nacht hinaus, Und nach demütiger Kniebeugung Folgt der Jüngling der Sünde nach. In allen Regionen wohnt Lachen und Thräne Als ungleiche, doch gesellige Nachbarn Nahe beisammen, Doch hier zumeist, In der heiligen Stadt. 31. Villa Borghese. Niemals veraltet dein Reiz, So oft ich hier wandle. Dank dem edlen Geiste Kardinal Scipio Borghese, Neffe des Papstes Paul V. Der das süße Labyrinth Die Parkanlagen, die einen Flächenraum von 50 qkm bedecken. erschuf Und uns vergönnte, Hier, wo aus grünen Bäumen Bilder uns grüßen, Wo Blumenpracht den Frühling ausgießt Und, Duft und Farben spendend, Alle Sinne mit Zauber umstrickt, Glücklich zu sein. Dort das sprudelnde Wasser, Und in dem einsamen Raum, Unter Eppich und Ulmen versteckt, Die niederperlenden Tropfen Kristalls, Die in Marmorbecken Melodisch fallen und klingen: Dazu der Turteltaube Liebesklage Aus dichterem Gebüsch, Den wilden Waldruf Fremden Geflügels. Wie oft schon trank ich hier das süßeste, Innigste Leben entzückt.   Hier auch bist du gewandelt, Edelster Genius, Unsers Vaterlands Zier und Lust, Goethe, Zuerst im August 1787, während seines zweiten Aufenthalts in Rom. deutscher herrlicher Sänger. Hier, so verkündet die Sage, Ward dein Lied vom Tasso gedichtet; Aber vollendet erst im Juli 1789. Von Goethes größeren Dichtungen liebte Tieck keine mehr als den »Götz von Berlichingen« und »Tasso« Und jedes lispelnde Blatt Des Lorbeers rauscht deinen Namen, Die Springquellen reden von dir, Und ein Geisterschauer Fliegt über mir hinweg Und säuselt noch heilig in den fernen Pinien. So les' ich täglich die alte Welt: Stein und Boden und Fluß, Himmelsbläue und Baum Reden von ihr. Des Mittelalters Wunder, Die Kraft der Religion, Die Helden der Vorzeit Treten sichtlich vor mich hin, Mit Glanz umflossen. Schwebt mir Raffaels Schatten Grüßend vorüber, Er inmitten der Schar Der begeisterten Dichter und Bildner, Erwidr' ich mit Thränen den Gruß. Und nun noch muß mir die süßeste, lieblichste, Schönste Erinnrung begegnen, Deine hohe Gestalt, Du mir von Kindheit befreundet, Vorbild und Muster, o Goethe, In dessen Lied mir der trunknen Begeistrung Quelle rauscht, Du, der den Mut der Brust mir weckst Und, Unerreichbarer, im Kampf der Liebe Das frohe Gefühl mir wieder In Beschämung wandelst. 32. Der Morgen. Wieder durchwandl' ich In früher Morgenkühle Den Berg und klettre hinauf und ab, Ganz den Segen fühlend der Natur. Da tönt von oben Seltsamen Klanges Das Lied einer Hirtenpfeife, Und alsbald seh' ich in Sprüngen Nach dem Takte tanzend Die muntre Ziegenherde Von der Felsentreppe niedergaukeln, Mit klugem Aug' und feinem Fuß Die Sprünge sicher messend. Der Führer der Schar, Ein brauner, kleiner Knabe, Musiziert ernst mit voller Kraft Und freut sich seiner Scholaren. Doch wie er nieder hüpft Und den Fremden gewahrt, Steckt er alsbald, Sein Lied abbrechend, Die Flöte schnell und scheu in die Hirtentasche. Ich red' ihn an, und errötend Lüftet er den Hut, und blondes Haar Rollt sich um die braunen Wangen; Er atmet schwer und blickt von der Seite scheu. »Zeige mir«, bitt' ich, »die Pfeife, Die ich noch nie von dieser Form gesehn, Sowie ich auch noch nie So wunderlichen Ton vernommen.« Er hält mit beiden Händen fest Die Hirtentasche geschlossen Und ruft mir ein dreistes Nein entgegen. Was ich überrede und schmeichle, Alles vergebens, Der Kleine beharrt auf seinem Eigensinn; Mein Geschenk verweigert er fest Und steht auf dem Sprung, Seinen Ziegen zu folgen, Die von den nächsten Klippen Fragend zu ihm herübersehn.   »So sage mir mindestens, Warum ich die Pfeife nicht betrachten darf?«   Und er mit großen Augen: »Wer eine solche Flöte, So schön und herrlich, Einmal in Händen hat, Gibt sie niemals zurück.«   Mit dem scheuen Worte Rennt er über die Steine fort, Und erst in der Ferne Tief unten im Thal Erklingt sein muntres Morgenlied von neuem. 33. Civitella. Ein kleines Bergstädtchen östlich von Rom, zwischen Olevano und Subiaco Mit den Gefährten Gespräche wechselnd Wandeln wir den steilen Pfad, Den wenig betretenen, Hinauf zum einsamen Städtchen des Felsens. Durch das enge Thor geschritten, Stehn wir auf der einzigen Gasse der Stadt, Und Kinder, die hier spielen, Sowie ihr Blick uns trifft, Rennen mit Geschrei in die Häuser, Die sie schnell verriegeln. Die Eltern, aufgeschreckt, Schaun mit Mißtraun Aus den kleinen, zerbrochenen Fenstern Und messen mit Argwohn Unsre Gestalten, Wollen nicht Antwort geben Auf Frag' und Bitte, Als wären die Türken Ins Land gebrochen. Doch endlich ermutigt sich Ein starker, alter Mann, Er öffnet die Thür Und stellt uns hin die Bank und den Tisch, Gibt Wein und Brot Und dankt für Bezahlung. Wie wir uns erquicken, Schau'n aus der Ferne Jung und alt Dem Wunder zu; Kaum wagt ein dreistes Kind Heranzutreten, Geschenk zu empfahn, Doch wie es die Münze Nur fühlt in der Hand, Rennt es zurück Und zeigt den Gespielen Die Gabe und zittert noch. Im Abendlichte Wandeln wir zurück, Den Empfang belächelnd. O du glückliche Einsamkeit! Würdet ihr nie von müßigen Fremden, Ihr stillen Bewohner, Eurer Scheu entwöhnt. 34. Siena In der Landschaft Toscana, südlich von Florenz, ostsüdöstlich von Livorno. Die Szene des Gedichts ist ein Gasthof, in dem sich ein Improvisator hören läßt. Wie ich wieder auf die Gasse trete, Aus dem hell erleuchteten Saal, Ist mir, als sei ich gewürdiget worden, Eine Götterversammlung zu schau'n. Oft schon vernahm ich in Rom Des Improvisatoren Kunst, Und mehr oder minder gerührt, Erfreut, gelangweilt oft, Verließ ich die Akademie. Im Italienischen jeder Ort, wo man sich zu gelehrten, litterarischen, künstlerischen Zwecken versammelt Ein Aufruf zieht mich heut' in diese Zimmer, Und ein Jüngling wandelt sinnend auf und ab, Allgemach füllt sich der Raum, Und Herren und ältliche Frauen, Vor allen aber junge, blühende Mädchen Schmücken die Sessel umher. Vor mir prangen zwei Schönen, Daß das Auge, geblendet Von glänzenden Schultern, Nacken und Brust, Scheu sich niederschlägt und immer wieder Dem Quell der Vollendung entgegeneilt. Aber welche Schönheit der Form! Pallas wähn' ich und Juno zu schaun, Des Olympus Götterbilder. Und wie ich frage und scheu nur antworte, Erglänzt im freundlichen Gespräch Der edle Geist im geflügelten Wort, Von glänzenden Lippen und Augen. Jetzt beginnt des Sängers Lied; Der Kampf und Tod der thebanischen Brüder, Eteokles und Polynikes, Bekanntlich Söhne des Ödipus, der seine eigne Mutter Jokaste geheiratet hatte. wird Ihm zum Thema gewählt. Leichte Akkorde des Flügels begleiten die Rede, Und er hebt an: Erst, wie die Zwietracht sie entfernte, Die Sprossen des schuldbelasteten Bettes, Des eigenen Vaters Söhn' und auch Brüder, Dann wie die Furie eifriger schon In Haß und Wut den Widerwillen wandelt. Endlich beginnt der tödliche Kampf, Jeder bereit, den blutsverwandten Gegner Zu den Schatten hinab zu senden. Panzer und Schilde schirmen zuerst Das Bruderherz gegen des Bruders Schwert, Doch endlich fängt der Leib Die roten Wunden auf, Keiner will merken, wie mit dem Blut Die Kraft ihm entströmt, Jeder trotzt der eignen Schwäche und höhnt den Schmerz, Facht doch des Feindes Augenglanz Den matter brennenden Haß, Daß er nicht erlösche. Der tödliche Stahl hat schon sie durchbohrt, Der jüngere stürzt zuerst, Der ältere ihm nach, mit Lächeln im Antlitz, Als hätt' er gesiegt: Regungslos liegen sie da, Zwei atmende Leichen, Kein Schwert erreicht das andere mehr, Kein Arm mehr zuckt, Die Blicke suchen sich feindlich im Todesdunkel, Und nur der Wille noch schlägt und mordet, Der Seufzer verwünscht noch; Jetzt atmen sie das letzte Röcheln, Und die beiden Blutströme Rinnen ineinander, Nur eine Röte: Ist es neuer Kampf und nach dem Tode Wut, Ist es die Sühne des Bruderherzens? Es wuchs die Stimme mit jedem Vers, Begeistrung erhob den trunknen Jüngling, Sein Auge Feuer, Wohllaut sein zitternder Mund, Nicht sann er mehr, nicht kannt' er Die Flammen, die aus seinem Busen sprühten. Und aller Augen im Saal Erglänzten hell wie die seinen, Und Thräne fiel auf Thräne Aus den schönsten nieder. Wie? Auch Pallas und Juno weinen? Da sah ich in ein liebliches Bad, In welchem Amor die Flügel netzte, Da senkt' er seinen Pfeil ins Thränenlächeln, Und ich mußte entfliehn; Denn niemals soll ein Sterblicher Den Kampf mit Göttern wagen. 35. Lucca. In der Landschaft Toscana, nordnordöstlich von Pisa. Ein Kirchenfest versammelt vor das Thor Zum regen Gedränge die Bewohner der Stadt, Da glänzt Atlas- und Seidenkleid Im Abendschimmer auf dem grünen Rasen. Frohes Getümmel und Kinderjauchzen, Und Jünglinge wandeln und suchen den Blick Der schöneren Augen. Ha! diese edle Gestalt in grüner Seide, Wandelnd an der Seite des entzückten Bräutigams, Überglänzt sie alle an Frische, Schönheit und Augenglanz. Wie sie im leichten Gespräch die vollen Lippen Holdselig lächelnd öffnet, Sprühen blitzend durch das Korallenrot die Lichter der Perlenzähnchen, Und alles an ihr, Gebärde, Gang und Stimme, Erklingt wie Musik und nimmt mein Herz gefangen, Daß ich, den Bräutigam beneidend, fast ihn hasse. Da nimmt die Himmlische aus ihrem Körbchen Große lombardische Nüsse Und beißt sie laut krachend hinter roter Lippenglut Mit den Perlenzähnchen auf. »O Bräutigam! ärmster der Menschen!« So rief ich entfliehend.   Wohl hört man von Sirenen, Vampyren, Empusen Der Vampyr, nach slawischem Volksglauben ein nachts dem Grabe entsteigender Toter, soll, wie die Empusa (griechisch), ein weibliches Gespenst, Lebenden das Blut aussaugen. Und anderm tollen Zaubergespuk, Das dämonisch sich der Männerherzen In täuschender Gestalt bemächtigt! Und ich war (furchtbar!) nahe der grausen Gefahr, Bethört zu lieben eine Nußknackerin! 36. Der Fischfang. Es war einmal ein Junggesell, Der thät hin fischen gehn, Die Wasser schienen klar und hell, Die Sonne gar so schön. Er schaut wohl in die nasse Flut, Er denkt an sie und klagt und fühlt den Liebesmut. »Und willst du mich mit Netzen stehlen?« So singt es aus dem Fluß; »Zum Liebsten wollt' ich dich erwählen, Komm her, komm her zum Kuß!« Er zieht das Netz mit großer Pein, Und schaut! da zappelt und lacht die Liebste drein. Nackt fällt sie ihm an seinen Mund Und halst und druckt ihn sehr, Da war er froh und ganz gesund Und klagte nimmermehr: Sankt Peter segnet' ihm den Zug, Er hat mit seinem lieben Fisch der Lust und Freude überg'nug. 37. Heimliche Liebe. Wie lieb und hold ist Frühlingsleben, Wenn alle Nachtigallen singen, Und wie die Tön' in Bäumen klingen, In Wonne Laub und Blüten beben. Wie schön im goldnen Mondenscheine Das Spiel der lauen Abendlüfte, Die, auf den Flügeln Lindendüfte, Sich jagen durch die stillen Haine. Wie herrlich glänzt die Rosenpracht, Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket, Die Lieb' aus tausend Rosen blicket, Aus Steinen ihrer Wonnenacht. Doch schöner dünkt mir, holder, lieber Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer, Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer, Späh' ich in Nacht zu ihr hinüber, Wie sie die Flechten löst und bindet, Wie sie im Schwung der weißen Hand Anschmiegt dem Leibe hell Gewand, Und Kränz' in braune Locken windet. Wie sie die Laute laßt erklingen, Und Töne, aufgejagt, erwachen, Berührt von zarten Fingern lachen Und scherzend durch die Saiten springen; Sie Die Töne der Laute. einzusaugen, schickt sie Klänge Gesanges fort, da flieht mit Scherzen Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen, Dahin verfolgen die Gesänge. O laßt mich doch, ihr Bösen, frei! Sie riegeln sich dort ein und sprechen: »Nicht weichen wir, bis dies wird brechen, Damit du weißt, was Lieben sei.« 38. Phantasus. Personifikation der Phantasie und der romantischen Dichtung, hier als Knabe, in einem ältern Gedicht »Die Phantasie« (1798) weniger passend als alter Mann.   Die Sprache ist absichtlich altertümlich gefärbt. Betrübt saß ich in meiner Kammer, Dacht' an die Not, an all den Jammer, Der rundum drückt die weite Erde, Daß man nur schaut Trauergebärde, Wie Lust und Sang und frohe Weisen Gezogen weit von uns auf Reisen, Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste, So Furcht wie Angst bei jedem Feste, Daß jedermann nur frägt in Sorgen: Wie wird es mit dir heut' und morgen? Dazu war ich noch schwach und krank, Mir war so Tag wie Nacht zu lang; Ich sorgte, was mein Arzt ermessen, Was ich nicht trinken durft' und essen, Wie meine Pein zu lindern wäre, Was mir den Schlaf, die Ruh' nicht störe: So saß ich still in mich gebückt, Den Kopf in meine Hand gedrückt, Als ich, so sinnend, es vernahm, Daß jemand an die Thüre kam; Es klopfte, und ich rief: herein! Da öffnet schnell ein Händelein, So weiß wie Baumesblüt', herfür Trat dann ein Knäblein in die Thür, Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen Die eben aus den Knospen losen, Das mittelhochdeutsche losen , lauschen, hervorhorchen. Wie Rosenglut die Lippen hold, Das krause Haar ein funkelnd Gold, Die Augen dunkel, violbraun, Der Leib gar lieblich anzuschaun. Er trat vor mich und thät sich neigen Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen: »Wie kömmt's, mein lieber kranker Freund, Daß Ihr hier sitzt, da Sonne scheint? Der Frühling geht umher mit Pracht, Hat Laub des Waldes angefacht, Es brennt das grüne Feuer wieder, Und drein ertönen tausend Lieder, Die Erde trägt ihr Sommerkleid, Der Plan erglänzt von Blumen weit, Es springt der Fisch in blauem See, Vom Obstbaum hängt der Blütenschnee, Die lieb- und segenschwangre Luft Durchspielt in Wogen Kraft und Duft. Das Kindlein lacht die Blüten an Aus rotem Mund mit weißem Zahn, Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben In Blumenschrift mit Glanz geschrieben, Sich hebt der Jungfrau schöne Brust In ahndungsvoller Liebeslust, Der Greis erfrischt die alten Glieder Und dünkt sich in der Kindheit wieder, Und jedermann fühlt freudenschwanger Den dunkeln Wald, den lichten Anger. Du nur willst sitzen hier gekauert, In deinen Sorgen eingemauert, Von Schwermutswolken rings umhängt, In Not und Zweifeln eingeengt? Ich kenne dich nicht wieder schier; Hinaus mach' stracks dich vor die Thür Und thu' dein menschlich Angesicht Hinein in holdes Himmelslicht, Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln, Der Lippen Frische ganz verschrunzeln! Von Schrunde (Riß in der Haut); vgl. das alte schrinden , Risse bekommen, bersten. Das Auge, das sonst Strahlen scharf Von seinem lichten Bogen warf, Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen Und schießt nur schwer' und stumpfe Bolzen; Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen, Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen, In deiner gelb verschrumpften Haut Der Kummer sich im Spiegel schaut; Nicht, Kreatur, mach' Schand' und Spott, Der dich geschaffen, deinem Gott! Schau' aus, als seist nach seinem Bilde Formieret edel, heiter, milde, Verbrümmelt Zum Brummen geneigt, verdrießlich. nicht und ungelachsen, Ungeschlacht. Als sei'n in dir zusammgewachsen All' Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn, Mit Schimmel, Pilzen fest verworr'n; Frisch auf, laß dich von mir regieren, Ins Frühlingsreich will ich dich führen.« Er schwang in seiner Rechten zart Die Tulpenblum' seltsamer Art; Wie er sie auf und nieder regte, Ein farbig Feuer sich bewegte, Und lichte Sterne kreisten, welche Sich schüttelten aus goldnem Kelche. Sie flogen wie die Vöglein munter Mir um das Haupt, herauf, herunter, Und neckten mich mit Flammenleuchte, Wie ich auch bang sie von mir scheuchte. Ich sprach bald zornig: »Wer bist du, Der mich gestört in meiner Ruh', Du Knäblein laut, vorwitziglich, Daß du also bespöttelst mich, Und willst, weil du ein Kindlein frei, Daß alle Welt auch kindisch sei? Ich habe mehr gelernt, erfahren, Bin auch jetzund was mehr bei Jahren, Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib Nicht mehr gefallen meinem Leib; Auch ist umher die ganze Welt Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt, Daß der nur Thor jedwedem scheint, Der sich nicht höherm Zweck vereint; Du aber, Knäblein, bist inmitten Der Bildung nicht mit fortgeschritten, Meinst noch, daß man nach Blum' und Kraut Und all den Kinderei'n ausschaut; Das hält man jetzt für Rauch und Dunst; Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.« Der Knabe lacht', daß sich das Gold Der Locken ineinander rollt, Und sprach: »Sonst hast mich wohl gekannt, Ich bin der Phantasus genannt, Heimatlich war ich sonst bei dir, Dein Spielgefährte für und für. Als du mich noch am Herzen hegtest Und väterlich und freundlich pflegtest, Da war dein Sinn anders gestellt; Mit dir zufrieden und der Welt, War dir die Arbeit Lust und Scherz, Frisch und gesund dein junges Herz.« »Mein Auge«, sprach ich, »ist wohl blind; Du also bist dasselbe Kind, Das täglich Blumen mir gebracht, Holdseliglich mich angelacht, Das mir verscherzt die muntern Stunden, Vielfältig Spielzeug mir erfunden? Seitdem bist du von mir entwichen Und anderwärts umher gestrichen, Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand Und gaben mir in meine Hand Der Bücher viel und mancherlei Voll tiefen Sinns, Philosophei, Ich strebte, mich aus rohem Wilden Zum wahren Menschen umzubilden; Drauf ich auch zur Geschichte kam, Die Not der Welt zu Herzen nahm, Die Chronikbücher unverdrossen Hab' ich in Nächten aufgeschlossen; Die Vorzeit stieg zu mir herüber, Und immer ernster ward's und trüber; Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen, Dann glaubt' ich Wahrheit zu besitzen, Dann kam die Dämmrung, faßt' es wieder Und taucht' es in die Finstre nieder; Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger, Das neue Licht macht' mich noch banger, Wohl ahndend, daß, wenn's ausgegoren, Die Finstre neu draus wird geboren: So wies Histori mir nur Not, Zum Leben auch nur Grab und Tod, Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus, Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus Und spricht von seinem Felsenthron Den hohen Göttersöhnen Hohn; Natur hab' ich ergründen wollen, Da kam ich gar auf seltsam' Schrollen, Schrullen, fixe Ideen, Grillen. Verlor mich in ein steinern Reich, Ich glaubte all's, nichts doch zugleich, Wollt' Pflanz', Metall und Stein verstehn, Mußt' mir doch selbst verloren gehn, Hatt' viel Kunstworte bald erstanden, Ich selbst gekommen nur abhanden, Um endlich wieder zu gelangen Noch dummer, wo ich ausgegangen: Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt, Hab' ich in Angst mich abgequält; Verstehst du wohl die alten Schriften, Wandelst wohl auch auf Weisheitstriften? Doch still, ich will dich jetzt nicht plagen; Komm, laß uns in den schönen Tagen So spielen, wie wir sonst gepflogen, Wenn du mir etwas noch gewogen.« Der Kleine schmeichelt sich an mich, Drückt' an mein Knie mit Lächeln sich, Wandt' sich hieher und dorthin nun, Fast wie die jungen Kätzlein thun. Da gehn wir aus dem Haus, und warm Nimmt Sommer mich in seinen Arm; Die Lerch' in Lüften jubiliert, Hänfling und Drossel musiziert, Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel, Der Schmetterling wiegt Purpurflügel, Die Blumen rot, braun, gold und blau Stehn dicht gedrängt auf grüner Au', Die Bienen summen lustig, nippen Den Honigseim von Blumenlippen, Duft, rötlich Glanz kreucht aus dem Baum, Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum. »Wie ist«, sprach ich, »die Welt so bunt, Von neuem tönt und schwatzt der Mund Der kind'schen Quellen, Frühlings Hand Nahm von den Zungen ab das Band, Das Winter jährlich um sie legt, Daß sich kein lautes Wörtchen regt, Die Sommergäst' auch sind im Schalle Ins Land zurückgekommen alle.« Indem wand sich den Buchenhain Vom Plane ab der Weg hinein, Der Glanz mit Grün schön war gemischt, Die stille Luft vom Wind erfrischt, Die wilden Tauben hört' ich girren, Zeisig und Fink in Nestern schwirren, Ein Duft süß aus den Bäumen floß, Ein Rieseln sänftlich sich ergoß Aus Tannenbäumen, die vom Winde Sanft angespielt erklangen linde; Das all war meinem kranken Leben Als Labsal und Arznei gegeben. »Wo sind wir, Liebster?« rief ich aus; »Sei mir gegrüßt, du grünes Haus. Gegrüßt, ihr frischen Bogengänge, Willkommen mir, ihr Waldesklänge! Ich war noch nie in den Revieren; Sprich, wohin willst du mich denn führen?« Er sagte nichts, nur freundlich winkt Sein Aug', das mir ins Auge blinkt. Einsamer ward der dichte Hain, Gespaltener des Lichtes Schein, Der sich in Gattern um uns legte Und mit des Luftes Zug bewegte; Der Lichtschein bewegt sich, weil die Blätter der Bäume, durch die er wie durch ein Gitter fällt, vom Winde hin und her getrieben werden.   Der Luft, altertümlich als Maskulinum gebraucht. Da hört' ich Wild von ferne schrein, Da sangen fremde Vögel drein Mit wundersamem Ton, es klangen Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen Wie Schatten zog es her und hin, Ein Schauer flog durch meinen Sinn. Nun war's, als hört' ich Kinder plaudern, Hin lief ich ohne länger Zaudern; Und als ich nach dem Ort gekommen, Von wo ich erst den Ton vernommen, Da that sich auf des Waldes Dunkel, Und vor mir lag ein hell Gefunkel; Rot sah ich wilde Nelken blühn, Samt lichten Sternen von Jasmin, Und duftend Kraut Jelängerlieber, Das rankte eine Grott' hinüber, An die sich hoch der Epheu schlang, Und aus der Höhle kam Gesang. Da schaut' ich in den Fels hinein, Dort saß ein Bild mit lichtem Schein, Güldnes Gewand den Leib umfloß, An den sich Spang' und Gürtel schloß, Das Antlitz bleich, entfärbt die Wange, Sie schien in Furcht und Zittern bange Und schloß sich an ein Mannsgebild, Das schaute aus den Augen wild, Doch lächelt' er mit Freundlichkeit: Er war in schwarz Gewand gekleid't, Ein dunkles Haar hing um das Haupt, Er trug, von wildem Wein umlaubt, Den güldnen Stab in seiner Hand; Geflochten war um sein Gewand Epheu und Tannenzweig' in Kränzen, Wozwischen rote Rosen glänzen; Er sprach und sang der Schönen vor Und flüsterte ihr oft ins Ohr. Da fragt' ich: »Kind, wer sind die beide?« Der Knabe sprach: »Im schwarzen Kleide Der ist der Schreck, von Märchen, alten, Beschreibt er gern die Schau'rgestalten; Das Mägdlein da im lichten Kleid Ist meine liebe Albernheit, Sie ängstet sich, und um so gerner Hört sie den andern reden ferner, Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken, Läßt sich doch spielend davon necken, Sie lächelt, und vor Schauder weint Ihr Lachen, das in Thränen scheint, Sie freut sich und wird voraus bleich, So spielt sie mit dem Geisterreich; Wenn Schreck ihr sagt: ›;Nun sprech' ich, jetzt, Was dich recht durch und durch entsetzt!‹ Dann bittet sie: ›;So schweige lieber   Nein‹, spricht sie dann, ›;erzähl' es, Lieber!‹ Nun rauscht der schwarze Tannenhain, Dann weinen Felsenbäche drein, Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz.« Da sah ich einen Kleinen gaukeln Und sich in allen Blumen schaukeln, Ein herzigs Kind, das auf und nieder Im Tanze schwang die zarten Glieder; Bald klettert' es in Epheuranken Und ließ sich kühn vom Winde schwanken, Bald stand oben am Fels der Lose Und duckte sich in eine Rose, So eilig, daß der Stengel knickte, Wie er sich in die Röte bückte, Dann fiel er lachend auf die Au' Und war benetzt vom Rosentau: In Blättern, aus Jasmin gezogen, Beschifft' er dann des Baches Wogen Und bracht' als Kriegsgefangne heim Die Bienen mit dem Honigseim; Dann sucht' er Muscheln sich im Sande Und Stein' und Kiesel vielerhande, Mancher Art; vgl. allerhand. Und putzte drin das Felsenhaus Mit vielen art'gen Schnörkeln aus; Auf einmal ließ er alles liegen Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen. Nun auf dem höchsten Tannenbaum Stand er und übersah den Raum, Mit Riesenstärke bog er dann Des Baumes Wipfel auf den Plan Und ließ ihn dann zurücke schießen; Des Baches Wogen mußten fließen In Wasserfällen laut und brausend, Der mächt'ge Wald dazwischen sausend, Ein furchtbar Echo, das von oben Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben, Dazu des Donners Krachen viel, Schien alles ihm nur Harfenspiel. Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg, War jetzt großmächtig wie ein Berg Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf Zur Höhe des Gebirgs hinauf, Riß aus der Wurzel mächt'ge Felsen, Die ließ er sich zum Thale wälzen Mit lautem Donnern, furchtbar'm Krachen, Das machte ihn von Herzen lachen, Wie sie im Pürzen, Purzeln, burzeln. Springen, Kollern, So ungeschlacht zur Ebne schollern, Schollenweise fallen, abwärts rollen. Wie sie die nackten Hauer fletschen Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen. Da war ich bang und furchtsam fast, Ich sprach: »Wer ist der schlimme Gast, Der erst, ein Kindlein, thöricht spielte, An Bienen nur sein Mütlein kühlte, Ein Tandmann Possenreißer, Lustigmacher (besonders im Puppenspiel). schien, doch nun erwachsen So ungeheuer, ungelachsen, Vgl. S. 50, Anmerkung 2. Daß kaum noch so viel Kraft der Welt, Daß sie ihn sich vom Halse hält?«   »Das ist der Scherz«, so sprach mein Freund, »Dem groß und klein dasselbe scheint; Oft ist er zart und lieb unschuldig, Doch wird er wild und ungeduldig, So kühlt er seinen Mut, den frechen, Und all's muß biegen oder brechen.«   »Kann man nicht«, fragt' ich, »Sitt' ihm lehren?« »Das hieß' ihn nur«, sprach er, »Verkehren, Er acht't kein noch so klug Gebot Und schreit nur: ›;Das thut mir nicht not!‹ So lassen sie ihm seinen Willen.«   Da schlug urplötzlich aus dem Stillen Der Sang von tausend Nachtigallen, Die ließen ihre Klage schallen, Und aus dem grünen Waldesraum Erglänzt' ein leuchtend goldner Saum Von Purpurkleidern, die erbeben In Glut, wie sich die Glieder heben Vom schönsten weiblichen Gebilde; Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde Und kam aus dunkelm Wald hervor Wie Sonne durch des Morgens Thor, Das goldne Haar in Wellen fließend, Das lichte Aug' die Welt begrüßend, Das rote Lächeln Wonne streuend, Des Leibes Glanz rings allerfreuend; So wie die Augen leuchtend gingen, Die Blumen ihre Blüt' empfingen, Das Gras ward grüner, Wonnebeben Schien Stein und Felsen zu beleben, Die Wasser jauchzten, und im Innern Bewegt' ein seliges Erinnern Der Erde allertiefstes Herz, Demant erwuchs und Goldeserz. »Wer ist«, fragt' ich, »die dort regiert, So zart und edel gliedmasiert, Die Klare, Holde, Minniglich'? Nenn' ihren Namen, Knabe, sprich!«   »Dir ist es also nicht bewußt«, Sprach Phantasus, »in deiner Brust, Was Tier' und Pflanzen, Stein' empfinden? Ich muß dir ihren Namen künden? Die Lieb' ist sie!« Und alsobald Kannt' ich die göttliche Gestalt, Ich sprach im Flehn zu ihr: »Demütig Komm' ich zu dir, o sei mir gütig! Wie du die ganze Welt beglückst, In jedes Herz die Wonne schickst, Gedenke mein, laß nicht mein Leben Als liebeleeren Traum verschweben.« Gebietend hob sie auf die Hand, Da kamen aus dem grünen Land, Von Bergen, aus dem niedern Thal Die Geister wimmelnd ohne Zahl, Aus Bächen huben sie sich schnell Und leuchteten von Schimmern hell, Die Bäume thaten all' sich auf, Es sprangen vor mit munterm Lauf Die zarten Elfen, und aus kleinen Blümlein wollten sie auch erscheinen, Gar fein gestalt', in Farben bunt: Da sang ein tausendfacher Mund Der hohen Göttin Lob und Dank, Gar wundersam war der Gesang, Sie sonnten sich in ihrem Lächeln, Berauscht von ihres Otems Fächeln. Da wandt' sich Phantasus zu mir: »Nun, Werter, wie gefällt's dir hier?« Ich wollte sprechen: »Seliglich Dünkt mir dies Leben sicherlich«   Doch nahm der allergrößte Schreck Mir plötzlich Stimm' und Otem weg: Was ich für Grott' und Berg gehalten, Für Wald und Flur und Felsgestalten, Das war ein einzigs großes Haupt, Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt; Still lächelt er, daß seine Kind In Spielen glücklich vor ihm sind, Er winkt, und ahndungsvolles Brausen Wogt her in Waldes heil'gem Sausen; Da fiel ich auf die Knie nieder, Mir zitterten in Angst die Glieder, Ich sprach zum Kleinen nur das Wort: »Sag' an, was ist das Große dort?«   Der Kleine sprach: »Dich faßt sein Graun, Weil du ihn darfst so plötzlich schaun; Das ist der Vater, unser Alter, Heißt Pan, Die den Romantikern geläufige groteske Anschauung, nach welcher die Natur selbst ein riesiges, beseeltes Wesen mit einem ungeheuern Menschenantlitz ist, lehnt sich an Vorstellungen der griechischen Mythologie an, in der Pan nicht nur als ländlicher Herdengott, sondern auch als der geheimnisvolle große Naturgeist aufgefaßt ward, dessen plötzlich in der stillen Natur ertönende Stimme die Menschen mit unerklärlichem Schauer (dem »panischen« Schrecken) erfüllt. von allem der Erhalter.«   Ein mächt'ger Schauder faßte mich, Mit Zittern schnell erwachte ich, Und so bewegt von dem Gesicht Verkünd' ich's euch, verschweig' es nicht. 39. An Stella im Herbst 1813. Wer unter dieser Stella gedacht ist, war nicht zu ermitteln. Wir hatten Freiheit, Vaterland verloren, Dahin der deutsche Sinn, die höchsten Rechte; Dem fremden Wahn gehorchten Fürsten, Knechte, Die Bessern schalt der Lug Verräter, Thoren! Da ward aus Nacht ein schöner Tag geboren, Der Himmel sprach zum zagenden Geschlechte, Er selber kämpft' in jeglichem Gefechte, Des Heil'gen Sieg hat Schar für Schar beschworen. Nur in Gebeten kämpfen schwache Frauen Zu Seiten ihrer tapfern Brüderscharen, Sie nach dem Sieg mit Eichengrün zu kränzen. Wohl sind Gestirne, die ermunternd glänzen, Die deutschen Mädchen, die dem Schönen, Wahren, Die unserm Heil so groß, wie du, vertrauen. 40. An einen Liebenden im Frühling 1814. Ohne Zweifel Tiecks Freund Karl Wilhelm Ferdinand Solger, der sich 1813 mit Henriette von Gröben verheiratet hatte und mit ihr in glücklichster Ehe lebte. Wonne glänzt von allen Zweigen, Mutig regt sich jedes Reis, Blumenkränz' aus Bäumen steigen, Purpurrot und silberweiß. Und bewegt wie Harfensaiten Ist die Welt ein Jubelklang, Durch der Welten Dunkelheiten Tönt der Nachtigall Gesang. Warum leuchten so die Felder? Nie hab' ich dies Grün gesehn! Lustgesang dringt durch die Wälder, Rauschend wie ein Sturmeswehn. Sieg und Freiheit blühn die Bäume, Heil dir, Vaterland! erschallt Jubelnd durch die grünen Räume, Freiheit! braust der Eichenwald. Hoch beglückt, ja hoch gesegnet, Wem in diesem Lustgefild' Liebesglück noch hold begegnet Und die letzte Sehnsucht stillt. 41. Des Mädchens Plage. Was halt' ich hier in meinem Arm? Was lächelt mich an so hold und warm? Es ist der Knabe, die Liebe! Ich wieg' ihn und schaukl' ihn auf Knie und Schoß, Wie hat er die Augen so hell und groß! O himmlische, himmlische Liebe! Der Junge hat schön krausgoldenes Haar, Den Mund wie Rosen hell und klar, Wie Blumen die liebliche Wange; Sein Blick ist Wonne und Himmel sein Kuß, Red' und Gelach' Paradiesesfluß, Wie Engel die Stimm' im Gesange. »Und liebst du mich denn?«   Da küßt er ein Ja! Und wie ich ihm tief in die Augen nun sah, Da schlägt er mir grimmige Schmerzen; »O böses Kind! ei, wie tückisch du! Wo ist deine Milde, die liebliche Ruh'? Wo deine Sanftmut, dein Scherzen?« Nun geht ein süß Lächeln ihm übers Gesicht: »Ich liebe dich nicht! ich liebe dich nicht!« Da setz' ich ihn nieder zu Füßen. »O weh mir!« so ruft nun und weinet das Kind, »Du Böse, o nimm mich auf geschwind, Ich will, ich muß dich küssen.« Ich heb' ihn empor, er schreiet nur fort, Er hört auf kein liebkosendes Wort, Er spreitelt Zappelt. mit Beinen und Händen: Mich ängstiget und betäubt sein Geschrei, Mich rühren die rollenden Thränen dabei, Er will die Unart nicht enden. Und größer die Angst und größer die Not, Ich wünsche mir selbst und dem Kleinen den Tod, Ich nehm' ihn und wieg' ihn zum Schlafe: Und wie er nur schweigt, und wie er nur still, Vergess' ich, daß ich ihn züchtigen will, Meine Lieb seine ganze Strafe. Da schlummert er süß, es hebt sich die Brust Vom lieben Atem, ich sätt'ge die Lust Und kann genug nicht schauen: Wie ist er so still? Wie ist er so stumm? Er schlägt nicht und wirft sich nicht wild herum, Er tobt nicht! es befällt mich ein Grauen. O könnte der Schlaf nicht Tod auch sein? Ich weck' ihn mit Küssen; nun hör' ich ihn schrein, Nun schlägt er, nun kost er, meine Wonne, mein Sorgen, Dann drückt er mich an die liebliche Brust, Nun bin ich sein Feind, dann Freund ihm und Lust: So geht's bis zum Abend vom Morgen. 42. An die Verständigen. Verdrießlich über die rücksichtslosen und verworrenen Bestrebungen der jungdeutschen Litteraten, fordert der Dichter seine Freunde auf, sich mit ihm in das lichte Reich des Schönen zu flüchten. Dunkel ist die Zeit gestaltet, Und mit wunderlichen Gnomen, Spuk und albernen Phantomen Wird hantieret und geschaltet; Auch das Schöne scheint veraltet; Lieb' erlischt und Glanz des Maien. Kommt denn, ihr Verständ'gen, Freien, Aus dem Druck und langen Dunkeln Dahin, wo uns Lichter funkeln, Wo wir uns der Sonne freuen!