Die Waise von Holligen Erzählung aus den Tagen des Unterganges der alten Eidgenossenschaft Jakob Frey (1824-75) I Wer jemals die an reizenden Naturbildern so gesegneten Umgebungen Berns durchstreift hat, erinnert sich jenes Schlößleins, das etwa zehn Minuten westlich der Stadt, nahe an der Freiburger Straße in einem stillen Wiesengrunde liegt. Zu einem bequemen, mit allen Vorteilen der Menschennähe versehenen und doch wieder recht einsamen Edelsitze könnte kaum eine günstigere Lage gefunden werden. Der dunkle Waldhintergrund, der sich in einem großen Halbkreise auftut, scheint uns schon mit anmutiger Abgeschiedenheit zu empfangen, während der geschäftige Lärm der Stadtstraßen dem Ohre kaum verklungen ist. Im Sommer wird in einiger Entfernung von dem ganzen Bauwerke nichts bemerkbar als der Giebel des Turmes, der aus einem kleinen Walde mächtiger Linden- und Kastanienbäume emportaucht. Geht man aber von der Straße seitwärts dem Bache entlang, so nimmt uns bald eine lange Allee auf, an deren Ende ein stattliches Portal entgegenschimmert. In dem Hoftore selbst, aus schwerem Eisenwerke gebildet und oben mit einem massiven Steinportale überwölbt, öffnet sich ein kleines Gitterpförtchen, das in den gepflasterten Hofraum treten läßt. Linksab, entlang der ziemlich hohen Umfangsmauer, dehnt sich ein dichtes Nadel- und Laubgebüsch, in das sich dunkelverschlungene Pfade verlieren; zur Rechten erheben sich einige Wirtschaftsgebäude, während mitten aus dem Raume der umfangreiche, viereckige Schloßturm emporsteigt. Sein Aussehen beweist auf den ersten Blick, daß sich an ihm die Bedürfnisse und Anforderungen verschiedener Zeitalter geltend gemacht haben. Der untere Teil der Mauern, sichtlich aus schweren Findlingen und mit eng eingekerbten Fenstern gebaut, erinnert an jene dunkeln Tage, wo bei dem Baue einer Wohnung mehr auf Stärke und Sicherheit, als auf Anmut und Bequemlichkeit Bedacht genommen werden mußte; die breiten, hohen Fensterlichter der oberen Stockwerke dagegen beurkunden einen Ursprung, der dem häuslichen Leben freundlichere und mildere Gewohnheiten gestattet hatte. Am Ende des vorigen Jahrhunderts war das Schloß im Besitze einer angesehenen Berner Patrizierfamilie, die übrigens, in diesem Zweige wenigstens, nur noch aus Vater und Tochter bestand. Der Oberst hatte seine besten Lebensjahre in holländischen Diensten zugebracht und dort jenen Ernst, die fast puritanisch strengen Ansichten gewonnen, welche die holländischen Offiziere so scharf von ihren Standesgenossen unterschieden, die aus Frankreich wohl feinere gesellige Formen, aber dabei auch eine bedenkliche Laxheit der Sitten heimgebracht hatten. Er stand bereits stark in den Sechzigen, aber noch aufrecht und stramm wie sein Schloßturm. Die Tochter dagegen, Fräulein Adelaide, trug den Schmuck der eigentümlich auszeichnenden Frauenschönheit, die selbst der Neid dem Bernerlande oder wenigstens jenen Gegenden, in denen sich einst allemannisches und burgundisches Blut gemischt hat, lassen muß. Es war an einem der letzten Dezemberabende des Jahres 1797, als sich in dem Empfangssaale des Schlosses eine Gesellschaft von Männern versammelt hatte. Während die einen durch Haltung und Bewegung verrieten, daß sie ihre Tage in Reih’ und Glied vor der Front zugebracht, zeigten sich im Benehmen anderer ebenso deutlich die Angewöhnungen des friedlichen und bequemen Bürgerlebens; ein feinerer Blick hätte sogar am Ausdrucke der Gesichter erraten, daß sich hier abweichende, nicht feindselig gegenüberstehende Lebensanschauungen zusammenfanden. Und so war’s in Wirklichkeit. Es war damals eine trübe, ahnungsschwangere Zeit, und eine erdrückende Schwüle schien besonders auf der einst so gewaltigen Hauptstadt der Republik Bern zu lasten; nicht bloß weil der bedrohliche Geist der Neuerung in den Untertanenlanden, in der Waadt und im Aargau, bereits in den Trotz offener Rebellion umgeschlagen hatte, während der eroberungslustige Feind hart an der Grenze lauerte, sondern vor allem, weil im Herzen des Regimentes selbst Zwietracht und Mißtrauen herrschten. Die entschlossenen Verfechter althergebrachter Ordnung, die sich um den greisen Schultheißen Steiger scharten, gaben sich keine Mühe zu verhehlen, daß sie in einigen jüngern ihrer Ratskollegen nichts mehr und nichts minder als geheime Verbündete der Revolution sahen; nicht etwa weil diese Jüngern an den Sturz des patrizischen Regiments dachten, sondern bloß, weil sie schüchtern meinten, es wäre klug, den nicht regimentsfähigen Bürgern von Bern, den Bürgern der Landstädte und endlich auch den Untertanen einige Konzessionen zu machen. Der Oberst selbst war durch Geburt und Erziehung ein entschiedener Aristokrat, der sich vor dem Wehen der neuen Zeit in sich zusammenschloß; aber mit dem Takte eines warmen patriotischen Gefühls sah er, daß dem äußern Feinde gegenüber nur innere Eintracht retten könne, und daher stammte sein Bemühen, Männer verschiedener Stellungen und Ansichten in seinem Hause zusammenzubringen. Freilich brachte dieses Opfer geringe Früchte. Man stritt sich über die Zustände und Tagesereignisse am gastlichen Kaminfeuer wie im Ratssaale, oft nur unverhohlener und anzüglicher, und gewöhnlich ging jeder in seiner persönlichen Ansicht gefestigter nach Hause, als er gekommen war. Auch heute hatte die Unterhaltung, da man eben die Nachricht von der Einnahme des Schlosses Chillon durch die Viviser Bürger erhalten, bereits einen sehr gereizten Ton angenommen. Fräulein Adelaide, die gegen alle mit der gleichen Liebenswürdigkeit die Honneurs des Hauses machte, wußte wohl schon aus Erfahrung, daß auf diesem Wege weder ein geselliger, noch ein politischer Zweck erreicht würde, und sagte daher, sich an einen bleichen, gewöhnlich stillen Gast wendend: "Nun, lieber Doktor, da sich die Herren über den Verlust des Wasserschlosses im Genfersee nicht einigen können, sollten Sie uns einmal die längst versprochene Entstehungsgeschichte unseres Landschlößchens zum Besten geben. Nicht wahr, Sie tun es?" Die übrige Gesellschaft war mit dieser Wendung einverstanden, und als auch der Hausherr den Wunsch seiner Tochter unterstützte, erzählte der Aufgeforderte: "Nach der gewöhnlichen Annahme fällt die Erbauung dieses Schlosses, das in ältern Urkunden bald Hollingen, bald Hollanden genannt wird, wie viele von Ihnen wissen werden, in das Jahr 1427; eine andere Überlieferung versetzt dieselbe in eine etwas spätere Zeit und nennt als Erbauer den Junker Hans von Andern, einen Sohn jenes Schultheißen Wilhelm von Dießbach, der nach der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in Bern mächtig gewesen. "Dieser Junker hatte am französischen Königshofe ein Fräulein aus vornehmem Geschlechte lieb gewonnen, das er als eheliches Gemahl in die Heimat zu führen gedachte; da aber damals von den stattlichen Häusern, die heute Berns Stolz und Zierde bilden, noch nichts zu sehen war, so beschloß er, seinem adeligen Lieb eine eigene standesgemäße Wohnung zu bauen, in der es Pracht und Glanz des elterlichen Schlosses eher vergessen möchte. Und hiezu war dieser stille Wiesengrund, an dem zu jener Frist nur eine Mühle ihr Klappern hören ließ, ausersehen. "Der Bau wurde mit aller Eile gefördert, die von einem jungen Herzen, das sich nach dem Besitze seiner Liebe sehnt, zu erwarten stand. In Jahresfrist waren die Wetterfahnen auf dem Turme aufgesteckt; den geräumigen Hof umzogen hohe, mit Schießscharten und Brustwehren wohlversehene Mauern, und am Portale prangte das untadelige Wappen derer von Dießbach. Als aber die fremde Dame das neue Schloß betrat, warf sie den Kopf zurück und meinte höhnisch, das sehe ja gerade aus wie die Taubenhäuser auf den Dächern ihrer Väterburg an der Loire. Nicht einmal eine Klingelschnur sei in dem Verschlage angebracht. "Dem Junker Johann, der seine wohlmeinende Liebe so übel verdankt sah, gingen diese kränkenden Worte tief zu Herzen; die vermißte Klingelschnur aber, wenn auch im Lande noch gänzlich unbekannt, da die Edelfrauen ihre Dienstboten etwa durch ein silbernes Pfeifchen herbeizurufen pflegten, wurde alsbald nachgeholt, nur fast in trotzigem Übermaße. In allen Gängen des Turmes und in den Kammern der Dienstboten wurden eherne Glöcklein aufgehängt, die alle zusammen durch einen Zugdraht verbunden waren, der in einem schweren silbernen Handringe im Gemache der Edeldame auslief. Diese Einrichtung war jedoch keineswegs genügend, den anspruchsvollen Sinn der Herrin zufrieden zu stellen. Ihre müßigen Launen ersannen mit jedem Tag neue Unbill, die ihr alsgemach das Herz des Gatten entfremdeten und namentlich dem Gesinde zur schwersten Lebensplage wurden. "Einmal in kalter Winternacht ertönten plötzlich alle Glöcklein mit so anhaltendem Geschelle, daß selbst die in den Hofgebäuden schlafenden Dienstleute aufgeschreckt wurden. Alles lief, ein Unglück befürchtend, in ängstlicher Eile nach dem Gemache der Edelfrau. Diese aber saß ruhig in ihrem Lehnstuhle und sagte den Hereinstürzenden spöttisch, sie selbst habe keine Lust zum Schlafen und wolle darum auch nicht leiden, daß andere der Ruhe pflegen. "Diese arge Laune wäre mit andern ähnlichen dahingegangen, wenn sie nicht eine unvorhergesehene, traurige Folge gehabt hätte. Zur selben Stunde nämlich war die junge Frau des Torwächters eines Mägdleins genesen, der plötzlich entstandene Alarm ergriff die schwache Wöchnerin dergestalt, daß ihr der kalte Schreck nach dem Herzen fuhr und sie beim ersten Morgenscheine eine Leiche war. In seinem Schmerze verfluchte der Torwärter, das wimmernde Kindlein auf dem Arme, die Edelfrau, daß sie so lange keine Ruh’ finden möge und ihre Glöcklein läuten müsse, als eine Waise nach der Mutterbrust schreie. Der Schloßherr selbst ließ seine Gemahlin über ihre herzlose Tat mit harten Worten an, diese jedoch war nicht gewillt, sich solches gefallen zu lassen, und zog im Zorne von dannen nach ihrer Heimat zurück. Aber wenige Monden vergingen, und es kam die Botschaft, daß sie eines jähen, gewaltsamen Todes gestorben sei. "Kaum einige Wochen nach dem Eintreffen der Botschaft erklangen nächtlicherweile sämtliche Glöcklein des Turmes gerade wie in jener Mitternacht, da des Torwärters junges Weib zu unglückseliger Stunde ein Mägdlein geboren. Das Gesinde fuhr aus dem Schlafe, und der treue Kurt, der in seines Herrn Nähe schlief, stürzte schreckensbleich in dessen Schlafgemach; der Junker aber richtete sich verwundert in seinem Bette auf und begehrte zu wissen, was die ungebetene Störung bedeuten solle. Von dem schrillen Glockengeläute hatte er keinen Laut gehört. Durch die übereinstimmenden Aussagen der herbeieilenden Dienerschaft jedoch von dem Vorfalle überzeugt, befahl er, den Turm mit Windlichtern und Fackeln zu durchsuchen von der Eingangspforte bis unter den Giebel hinauf, während er selbst sich nach dem Gemache der verstorbenen Herrin begab. Es war seit ihrer Abreise nie mehr geöffnet worden, der Schlüssel drehte sich nur mühsam in dem bereits rostenden Schlosse, und drinnen war kein Stuhl, kein Schemelchen, kein Teppich verrückt; die geschlossenen Fensterladen lagen fest in ihren Angeln, und der silberne Zugring des Glockendrahtes hing bereits von Spinnengeweben umsponnen. Den Junker erfaßte ein kaltes Grauen, als er nach dem Bilde seiner Gemahlin emporblickte, das, mit einem schwarzen Spitzentuche halbverhüllt, in dem ungewissen Lichtscheine wie mit brechenden und doch höhnischen Augen von der Wand auf ihn herabschaute. Die Dienstboten aber waren von ihrem Nachsuchen, das keinen Winkel undurchstöbert gelassen, ebenfalls mit vergeblicher Mühe zurückgekommen. "Dem Wunsche des Junkers zuliebe, der allen stets ein freundlicher Herr gewesen, würde der Vorgang wohl geheim gehalten worden, vielleicht allmählich auch in Vergessenheit geraten sein; doch kaum hatte sich der Mond wieder erneut, als die Dienstleute mitternächtlicherweile abermals durch das gellende Geläute aus dem Schlafe geschreckt wurden, ohne daß der Schloßherr auch diesmal etwas gehört hatte. Und was nun zum zweiten Male geschehen, geschah nicht bloß zum drittenmal, sondern brachte mit jedem Mondwechsel neuen Schrecken zurück. "Darüber wurde es immer stiller und unheimlicher im Schlosse; die Leute, die nicht durch besondere Gründe an den Herrn gebunden waren, verließen einer nach dem andern den Dienst, und dem Junker selbst mußte der Ort, an dem ihm die Hoffnungen auf liebegesegnetes Lebensglück so schnell und traurig zerronnen, wenig Freude mehr bieten. Er zog nach dem fernen Ungarlande und hat sich dort, wie die Überlieferung erzählt, im Kampfe gegen die Ungläubigen den Namen eines frommen tapfern Ritters und ein rühmliches Grab erworben." Der Erzähler hielt inne und griff langsam nach seiner Teetasse; als er aber bemerkte, wie sich die Gesellschaft verlegene Blicke zuwarf, sagte er lächelnd; "Es tut mir leid, wenn ich in meiner Erzählung nicht die nötige Höflichkeit gegen dieses Haus beobachten konnte; bekanntlich hat aber unser edler Gastfreund dasselbe erst vor wenigen Jahren erworben, und vor allem mußte ich die Treue der Überlieferung bewahren." "Sie haben auch noch nicht zu Ende erzählt", rief ein junger Mann den Tisch herauf; "ich bitte, zum Anfange auch den Schluß zu bringen." "Was ich noch weiß, ist nicht mehr viel", sagte der Doktor, "und ich kann es in wenigen Worten sagen. Nach dem Tode des kinderlosen Junkers fiel das Schloß an seine Verwandtschaft zurück, die jedoch nicht wenig überrascht sein mochte, im letzten Willen des Erblassers die Bestimmung zu finden, daß von all’ den Glöcklein, die im Turme hingen, kein einziges entfernt werden dürfe und jeder künftige Besitzer verhalten sei, je ein unbrauchbar gewordenes durch ein neues zu ersetzen. Das verhinderte jedoch keineswegs, daß das anmutige Besitztum nicht zu jeder Zeit seine Liebhaber gefunden hätte; sei es, daß sich der unheimliche Spuk im Laufe der Zeiten verlor, daß man sich daran gewöhnte oder vor allem, weil nur das Gesinde davon beunruhigt wurde und die Herrschaft nie etwas davon zu hören bekam." "Ah, da haben wir die ganze Bescherung", lachte ein junger Herr von Dießbach; "der lustige Doktor erzählt uns mit dem ernsthaftesten Gesichte des Historikers ein Geschichtchen, das, in der Gesindestube erfunden, sonst auch nur dort erzählt wird. Drum wohl hab’ ich in meiner Familie nie etwas von meinem unglücklichen tapfern Vetter, dem Junker Hans von Andern, gehört." "Und doch", bemerkte der Oberst nachdenklich, "fällt mir da etwas ein, über das ich noch nie weiter nachgedacht habe. Von dem Pachtzinse der alten Mühle drüben fallen nach altem Herkommen alljährlich dem Schloßverwalter zehn Pfund direkt zu, und zwar unter der Benennung "Glöckleinpfennig". Ich hielt das bisher für irgend ein Benefice des Verwalters; ob es aber nicht mit der sonderbaren Testamentsbestimmung des Junkers Hans zusammenhängt?" "Ganz gewiß", erwiderte der Doktor, indem er sich die Angabe des Obersten in sein Taschenbuch notierte. "Auch ich bin um etwas klüger geworden", sagte Fräulein Adelaide; "die alte Müllerin, mit der ich mich manchmal recht gerne unterhalte, hat mir ebenfalls schon von dem geheimnisvollen Läuten erzählt und nannte es sonderbar genug "die Waise von Holligen". Gewiß bezieht sich dies auf das Kind des armen Torwärters, in dessen Namen die übermütige Dame verwünscht wurde." "Nun dann, sagenkundige Prinzessin im verzauberten Schlosse", fiel der junge Mann ein, der vorhin den Doktor zu seiner Schlußbemerkung veranlaßt, "dann ist Ihnen wohl auch nicht unbekannt, daß wir noch nicht alles wissen und daß die Geschichte, wie recht und billig, mit einer Prophezeiung ihres eigenen Endes schließt?" "Nein, davon weiß ich wirklich nichts, edler Günstling der Musen", erwiderte Fräulein Adelaide, indem ihre Blicke mit errötendem Wohlgefallen an dem schönen und geistreichen Gesichte des Jünglings hingen. "So bin ich abermals der Weiseste", sagte er mit komischem Pathos, die dunklen Locken, die sich unter den weißen Puderköpfen der übrigen seltsam genug ausnahmen, von der Stirn zurückstreichend; "die Erzählung schließt, wie ich aus glaubwürdigem Munde erfahren: das geisterhafte Läuten könne nicht zur Ruhe kommen, bis es in den Ohren des Schloßherrn ebenso gellend erklungen als sonst in denjenigen der Dienstleute. Zu der Zeit aber werden große Zeichen geschehen am Himmel und auf Erden." "Ich behalte recht", rief Herr v. Dießbach, "das Ammenmärchen schämt sich endlich über seine eigene Einfalt und sucht sich darum in einen apokalyptischen Schluß einzuhüllen. Nicht so, Herr König?" "Ich meinenteils versteh’ es nicht so", erwiderte der Jüngling. "Nun, wie denn, mit gütigster Erlaubnis?" Der Befragte schlug die großen dunklen Augen auf und ließ sie eine Weile über die Familienbilder hingleiten, die, mit militärischen Ordenszeichen oder goldenen Ratsherrenketten geschmückt, von den Wänden des Saales herabschauten, dann sagte er ernst: "Ich habe in vielen Sagen, die vom Übermute herzloser Herren erzählen, einen gemeinsamen Zug unverwüstlichen Glaubens gefunden, daß es einst anders und besser werde, daß eine gerechte Zukunft die Schranken zwischen Herr und Knecht, zwischen Mensch und Mensch niederwerfen würde. So auch hier. Die Ohren des Herrn werden für Laute geöffnet, die bisher nur den Knecht geängstigt. Dann aber ist auch der Fluch, der bislang auf der Sünde übermütiger Knechtung gelastet, gelöst, und die armen Seelen dürfen zu ewigem Frieden eingehen." Der Jüngling hatte diese Worte in so feierlichem Tone gesprochen, und über seinem Gesichte selbst lag dabei ein so schwärmerischer Ernst ausgegossen, daß eine Weile um den ganzen Tisch herum lautlose Stille herrschte, als wäre eine wirkliche Prophetenstimme an die Herzen erklungen. Fräulein Adelaide aber warf einen bittenden Blick über den Tisch hinunter und schaute dann ängstlich auf den Vater, dessen dunkle Stirnader bis unter die weißen Haare hinauf sichtbar wurde. Der Oberst rückte endlich mit dem Stuhle und sagte mit übel verhehltem Unmute: "Es will mir scheinen, unserm werten Hauptmann habe seine Künstlerphantasie wieder einmal einen Streich gespielt und ihn aus unserer unwürdigen Mitte nach Utopien (Nirgendheim), entführt." "Um Vergebung", fiel rasch ein Herr ein, der bisher scheinbar teilnahmslos, nachlässig gegen das Kamin zugewendet, dagesessen, "ich glaube eher nach dem Pariser Jakobinerklub; das Lokal ist dem Herrn Maler genau bekannt." Über das Gesicht des jungen Mannes flog eine brennende Röte, und schon hatte er die Lippen zu einer raschen Antwort geöffnet, als sein Blick auf Adelaiden fiel, die ihn angstvoll anschaute, die rechte Hand leise, wie zu einer Bitte, in die Höhe gehoben. Er fuhr mit der Hand über die Augen und lehnte sich langsam wieder in den Stuhl zurück. "Herr Oberst", sagte er dann ruhig, "mir können Sie gewiß nicht zürnen, wenn ich manchmal einen kleinen Abstecher ins Feenland mache; wollte ich ohne diese Beihilfe nur die nackte Wirklichkeit malen, so wären Sie mit meinen Arbeiten am allerwenigsten zufrieden. Was hingegen den Jakobinerklub anbetrifft, Herr v. Amiel, so habe ich nie verhehlt, daß mich während meines Pariser Aufenthaltes die Neugierde mehr als einmal dahingetrieben; gewiß aber bin ich nie als Spion hingegangen." "Herr Hauptmann!" rief der am Kamin Sitzende, indem er sein scharfmarkiertes bräunliches Gesicht dem Tische zukehrte; aber auf eine kaum bemerkliche Handbewegung des Malers ließ er sich wieder in seine nachlässige Stellung zurückfallen und sagte kalt: "Ich liebe die Offenheit, besonders wenn sie zu so seltsamer Beichte geht; ich bin darum auch überzeugt, Sie wollten mich nicht beleidigen, Herr Hauptmann." "Keineswegs, Herr v. Amiel." Diese seltsame Szene, so rasch sie vorübergegangen, hatte ihren Eindruck nicht verfehlt, und es schien niemand mehr Lust oder Geschick zu haben, dem Gespräche eine behaglichere Wendung zu geben. Man erhob sich zum Abschiede, und bald erklangen die Glöcklein der Schlittenpferde durch die Allee hinaus. Der Oberst und seine Tochter waren allein im Saale zurückgeblieben. Nach kurzem unmutigem Auf- und Niedergehen sagte er stehen bleibend: "Du wirst Sorge tragen, Adelaide, daß der Hauptmann König fortan keine Karte mehr empfängt." "Wie du wünschest, Vater", erwiderte das Fräulein, ihr Gesicht von der Helle des Kaminfeuers abwendend; "ich werde mir’s notieren." "Hoffentlich wird er dabei selbst einsehen", fuhr der Oberst fort, "daß dein angefangenes Porträt unvollendet bleiben kann." II Der folgende Tag, es war der letzte des Jahres, lag mit all’ der frischen sonnigen Klarheit über dem Lande, wie sie nur ein wolkenloser Winterhimmel zu spenden vermag. Durch die in Millionen kleiner Funken aufblitzenden Schneeflächen fuhren zahllose Schlitten und Bernerwägelchen dahin, die nach alter Gewohnheit einen großen Teil der Landbevölkerung der Umgegend an diesem Tage nach der Stadt brachten. Zwischen den Fahrenden schritten ganze Scharen rüstiger Männer, die dem gleichen Ziele zustrebten, in gelben, breitschultrigen Kutten und dunklen Pelzkappen. Schon zur Mittagszeit wogte es in den Hauptstraßen und auf den Plätzen der Stadt, als wollte sich ein Völkerzug in Bewegung setzen, und an den gewohnten Stellen, in der Metzgergasse, hinterm Storchen und den Werkhütten an der h. Geistkirche entlang, reihte sich Fuhrwerk an Fuhrwerk, wie man seit Jahren nicht gesehen. Am Fenster seines Ateliers, das die Aussicht auf den Bärenplatz bot, stand lange der junge Maler Rudolf König, aufmerksam die immer gewaltiger anschwellenden Volkswogen beobachtend; aber unheimlich kam es ihm vor, wie düster und stumm diese Wogen durcheinander fluteten. Es erhob sich wohl ein Getöse wie eine dumpfe, ferne Brandung; aber kein Jauchzer, kein Jodler, kein aus breiter Brust aufspringendes Halliho, wie es sonst an solchen Tagen durch Straßen und Lauben der Stadt erklang. Die Leute drängten sich in dichte Gruppen zusammen und sprachen zueinander mit ernsten Gesichtern als müßten sie sich verbotene Heimlichkeiten oder unerwartete Trauerbotschaften mitteilen. "Eine Landschaft, über die schon die Schatten nahender Gewitterwolken dahinfliehen, ein Volk, auf dem die Ahnung eines bevorstehenden Todeskampfes liegt", sagte der Jüngling. Er zog langsam eine Staffelei ins Licht und betrachtete sinnend das aufgespannte Bild, das bereits in lebendigen Farben aus der Leinwand hervortrat, einen Frauenkopf, um dessen helle Stirn sich weiche Haarwellen ergossen, die blauen Augen von langen Wimpern überschattet, als müßten sie ein Geheimnis verschleiern, das aus der tiefsten Seele hervorschimmern wollte, und einen Mund, dessen Lippen halb lächelnd, halb ahnungsvoll zu einer Frage leis geöffnet schienen. "Ja, du bist schön, Adelaide", dachte der Maler, "und der Schimmer der äußern Schönheit ist nur Abglanz und Widerschein der schönen Seele, Duft und Hauch von einem ungesehenen Lichtquell durchströmt, der den erdentstiegenen Dünsten unerreichbar bleiben wird." Er stellte die Staffelei sorgfältig verhüllt wieder zurück und griff nach Mantel und Mütze, um sich zum Ausgehen anzuschicken. Er war damit noch nicht zu Ende, als an die Türe geklopft wurde und mit raschen Schritten der junge Junker von Dießbach hereintrat. Des Malers scharfes Auge hatte auf dem sonst stets lachenden Gesichte sogleich einen Zug des Mißvergnügens bemerkt und er rief daher dem noch an der Türe Stehenden entgegen: "Ihr bringt schlechte Botschaft, Junker, obgleich ich recht behalte." "Fatal genug, daß Ihr immer recht haben sollt", erwiderte der andere, das Gehänge seines Stoßdegens etwas lüftend, aber so ganz hoffe ich diesmal noch nicht aus dem Felde geschlagen zu sein." "Hören wir", rief der Hauptmann; "Herr v. Amiel wird also die angebotene Satisfaktion annehmen?" "Ja und nein", erwiderte der Junker zögernd; abgelehnt hat er sie nicht; aber verschieben muß er sie auf einige Tage, dringender Geschäfte wegen." "Und die wären wohl, ohne Unbescheidenheit gefragt?" "Er erwartet wichtige Botschaften vom Grafen v. Artois, die sogleich besorgt und beantwortet werden müssen." Diese Worte riefen auf dem Gesichte des Malers ein verächtliches Zucken hervor, das er mit einer entsprechenden Handbewegung begleitete und dann hochaufgerichtet, aber ruhig dem Junker näher trat. "Ihr könnt mir ganz unbesorgt auch noch die weitern Abhaltungsgründe des Herrn v. Amiel mitteilen", sagte er, "einer ist für mich so viel wert als der andere, da ich meine eigenen Gedanken nicht an wohlfeile Ausflüchte verkaufe." "Parbleu, was ist’s für ein bedenkliches Ding um die Herz und Nieren prüfenden Propheten und Menschenergründer", rief Herr v. Dießbach, indem er seine Verlegenheit hinter einem Lächeln zu verbergen suchte, "was sollte ich denn noch weiter mitzuteilen haben?" "Ich dächte", erwiderte Herr Rudolf, "das altadeliche Vollblut hat noch erklärt, es könne sich von einem Menschen, in dessen Adern nicht einmal rein bernburgerliches Blut fließe, nicht beschimpfen lassen und habe deshalb auch keine Satisfaktion nötig." Der Junker blickte besorgt nach dem Maler, der purpurn errötete, dann aber sich abwendete und ruhig die Stube auf und nieder schritt. "Hört, Herr v. Dießbach", sagte er nach einer Weile, "ich bin nie ein Raufbold gewesen und denke über manche Ehrenhändel in der Tat sehr bürgerlich, aber, offen gestanden, diesmal trüge ich gerne einen Alten Namen, der mir Gelegenheit verschaffte, diesen Schurken aus der Welt zu spedieren. Einen bessern Dienst wüßte ich dem Vaterlande nicht zu leisten." Das Gesicht des Junkers nahm einen ernstern Ausdruck an, als es sonst seine Gewohnheit war. "Herr Hauptmann", sagte er, "Ihr bezeichnet den Herrn v. Amiel da wieder mit einer Benennung, die ich in Gesellschaft nicht ruhig hinnehmen könnte, schon aus dem einfachen Grunde, weil der Mann oft genug in meines Vaters Hause ein wohlgelittener Gast ist. Ihr mißdeutet es mir daher nicht, wenn ich um nähere Auskunft bitte." "Ihr habt ein Recht dazu", erwiderte der Maler nach einigem Besinnen, "und Euch kann ich anvertrauen, was ich anderswo, wenigstens einstweilen, ebenfalls noch zurückhalten muß. So hört denn. Herr v. Amiel hat Frankreich nicht verlassen, wie tausend andere, wegen seiner ehrlichen, offen bekannten royalistischen Gesinnung; im Gegenteil gerierte er sich als eifriger Republikaner, teilte aber die unter dieser Maske gemachten Entdeckungen und Pläne seiner angeblichen Partei den Gegnern mit, und eben dieses unehrlichen Spieles wegen mußte er die Flucht ergreifen. Das wußte ich schon vor drei bis vier Jahren, ohne daran zu denken, mit dem Manne hier in Bern wieder zusammentreffen zu müssen. Was sagt Ihr dazu?" "Ich?" antwortete der Junker zögernd, "jedenfalls betrachte ich die Sache von einer andern Seite als Ihr. Über die Ehrlichkeit einer solchen Handlungsweise streite ich nicht; aber einem schurkischen, alles Recht mit Füßen tretenden Pöbel gegenüber ist manche Waffe erlaubt, die man sonst nicht zu führen pflegt, und gewiß ist’s, daß Herr v. Amiel unserer Partei schon wichtige Dienste geleistet hat und noch leisten wird." "Mag sein", erwiderte der Maler ernst, "obwohl ich in gegenwärtiger Lage nur das Vaterland und keine Parteien kenne; aber was meint Ihr dazu?" Mit diesen Worten überreichte er dem Junker ein sorgfältig zusammengefaltetes Blatt, das er aus der Brusttasche seines Rockes gezogen; doch kaum hatte Herr v. Dießbach einen Blick auf die Unterschrift desselben geworfen, als er mit einem lauten Ausruf der Überraschung und des Schreckens gegen die Wand zurückfuhr. "Cäsar Laharpe-Laharpe!" rief er; "so ist’s also wahr, Herr Hauptmann, daß Ihr mit diesem elenden, schurkischen Vaterlandsverräter in Verbindung steht?" "Wie Ihr seht, Junker", erwiderte Rudolf ruhig, "ist der Brief an mich gerichtet, von meinem vieljährigen Freunde Laharpe; aber so lest doch, was er schreibt!" Der Junker überflog die Zeilen und begann dann hastig die Stube auf und ab zu gehen. Endlich blieb er vor dem Maler stehen, mit einem Ausdrucke aufrichtiger Bekümmernis seine Rechte erfassend. "Hört, Rudolf, dem Worte eines Verräters werde ich ohne weitere Beweise nie Glauben beimessen; es ist ja gerade sein Gewerbe, Argwohn und Zwietracht in unsere Reihen zu säen; und ja – Ihr würdet mit dieser Anklage gegen Herrn v. Amiel hier nirgends Glauben finden und Euch nur selbst ins Verderben stürzen. Auch mir, ich gestehe es, wird’s schwer, mich in Euch so getäuscht zu haben." "Mögt Ihr Euch nicht in andern schwerer täuschen", erwiderte der Maler lächelnd, indem er das Papier wieder auf seiner Brust verwahrte. "Nein, Rudolf", fuhr der andere fort, "sprecht nicht so, jetzt nicht, und laßt mich eine Pflicht der Vergeltung üben, indem ich Euch eine ehrlich gemeinte Warnung zurufe. Erinnert Ihr Euch noch an den 10. August des Jahres 1792? Ich lag blutend auf dem Pflaster vor dem Tuilerienhof, und der wütende Pöbel schickte sich an, mich in Stücke zu zerreißen – ich werde das schreckliche Geheul noch in der Sterbensstunde in meinen Ohren wiederklingen hören. Da, als ich den letzten Streich erwartete, habt Ihr Euch auf mich geworfen und Euer Leben für das meinige in die Schanze geschlagen." "Lassen wir das", sagte der Maler mit einer abwehrenden Bewegung; "ich habe nur getan, was Ihr mir ebenfalls getan haben würdet." "Nein, das hätt’ ich nicht", erwiderte der Junker bewegt, "ich war Soldat und würde Euch wenige Minuten vorher noch ganz ohne Bedenken niedergehauen haben; aber drum vergess’ ich’s doch nicht. Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich in Eurer Stube auf dem Bette. Wißt Ihr, was Ihr mir damals sagtet?" "Nein, Junker, das weiß ich nicht mehr; aber was wollt Ihr nur damit?" "Ihr sagtet, als ich die Augen wieder aufschlug: So, Landsmann, jetzt lösen wir uns ab – dann sankt Ihr bewußtlos am Bette zusammen. Ist’s so?" "Nun ja, zum Kuckuck", rief der Hauptmann, "aber drum nicht minder eine alte, abgetane Geschichte!" "Glücklicherweise, mein Verehrtester, ist sie das", redete der Junker weiter; "habe auch durchaus kein Verlangen, daß sie so bald wiederkehre, ich bekam an dem einen Male ziemlich genug. Aber gleichwohl hört mich zu Ende, Rudolf; Ihr habt mehr und gefährlichere Feinde, als Eure ehrliche Sorglosigkeit Euch ahnen läßt, und gestern abend, glaubt Ihr nicht, daß Ihr Euch in Holligen neue gemacht habt?" Dieser Name ging wie ein erwärmender und aufleuchtender Sonnenblick über den Maler, und der Junker, dem dieser Eindruck nicht entgangen, mußte sich rasch abwenden, um eine stark ansetzende Lachlust zu verbergen; doch damit war auch die ganze leichtsinnige Sorglosigkeit seines gewöhnlichen Wesens zurückgekehrt, und ohne eine Antwort auf seine Frage abzuwarten, rief er mit komischem Pathos: "Aber jetzt, Verehrtester, hab’ ich zu Eurem Leibes- und Seelenwohl in wenigen Minuten mehr Ernst verbraucht, als mir sonst in vielen Jahren passiert; dafür gebt mir den Arm zu einem kleinen Rekognoszierungsgange. Der Silvester hat uns einen so hübschen Flor frischer Landrosen in die Stadt beschert, daß es eine Todsünde wäre, sich nicht ein Sträußchen auszusuchen." Obwohl von der Stimmung und den Absichten seines Gefährten wenig angelockt, mochte Rudolf seine Einladung doch nicht ablehnen; aber vor die Türe getreten, hatten die beiden jungen Männer Mühe, sich in der stauenden Menge vorwärts zu bewegen. "Ach du lieber Himmel", klagte der Junker, den rechten Arm in den linken seines Begleiters schiebend, "wie wird das werden, ist dieses Volk erst einmal souverän geworden, wie ihr Herren Staatsweisen sagt; wahrhaftig, müssen unsere edelgebornen Rippen jetzt schon solche Püffe aushalten, so wär’s besser, wir würden einbalsamiert, bevor der große Tag des Heils anbricht. Ah – schon wieder ein Guggisberger, aber seht dort das kleine Posaunenengelchen mit dem gelben Haare und dem braunen Spitzenhäubchen drauf? Das muß ich mir doch einmal näher besehen, Kamerad." Er zog hastig von der Laube auf die Straße hinaus; aber Rudolf war innerlich hoch erfreut, als ihnen gerade einige junge Bursche entgegentraten, die ehrerbietig und zutraulich zugleich "ein glückseliges Neujahr, Herr Hauptmann" boten. "Au revoir", flüsterte der Junker seinem stehenbleibenden Gefährten zu, "macht’s mit den Vierschrötern da aus, ich kann nicht warten", und steuerte dem Käfigturm zu, neben dem das braune Spitzenhäubchen durch das Gedränge hinabschwamm. Der Hauptmann reichte den jungen Männern der Reihe nach die Hand, jeden Einzelnen mit Namen begrüßend. "Ei, wie freut mich das", sagte er, "fast meine halbe Kompagnie beisammen zu finden; voran, wie gewöhnlich der Schloßmüller von Holligen, unser wackerer Wachtmeister." "Wir haben uns aber auch schon lange zusammengetan, einer nach dem andern", entgegnete der junge Mann, "und überall ausgeguckt, ob wir Euch nirgends sehen, Herr Hauptmann." "Um so besser", sagte dieser freundlich; "jetzt suchen wir nun gleich einen ruhigen Winkel, wo wir zusammen einen Schoppen trinken können. Wo wollt ihr am liebsten hin?" Die Männer nickten sich mit verstohlenem Zwinkern zu, und man sah den Gesichtern deutlich an, wie wohl ihnen dieser Vorschlag tat; aber mit besonnener Bescheidenheit antwortete der Schloßmüller: "Nein, Herr Hauptmann, so haben wir’s nicht gemeint. Ihr seid da mit dem Junker v. Dießbach gekommen, und wir warten gerne bis zum Abend, wenn Ihr uns dann auf ein Viertelstündchen die Ehre gönnen könnt." "Nur zu", rief Herr Rudolf; "den Junker seh’ ich ein ander Mal wieder. Wohinaus, Zugführer der ersten Piece?" "Zum goldenen Rind", sagte ein großgewachsener Bursche, an den die letzten Worte gerichtet waren, indem er die rechte Hand wie zum militärischen Gruße an die Mütze legte; "dort sind auch noch ein paar Kameraden, Herr Hauptmann." "Vorwärts!" Im Augenblick war der Hauptmann von den kräftigen breitschultrigen Männern umschlossen, und vorwärts ging es im Schritte, wie auf Trommelschlag, die Spitalgasse hinauf. Das Gemenge wich vor der festgeschlossenen Schar auseinander und verwundert schaute alt und jung dem Zuge nach, der schweigend dahinschritt, vom sicheren Bewußtsein gehoben, daß die Zuschauer von der Artilleriekompagnie König nur Rühmliches zu sagen wüßten. Am Christoffeltor wurde links abgeschwenkt, der alten Stadtmauer entlang, die nach dem Marterturme hinzog. Nah an demselben öffnete sich in der Mauer selbst eine niedrige Türe, durch welche die Männer in eine große, mit langen Tischen durchzogene Weinstube traten. Unter ernsten und lebhaften Gesprächen von den Dingen, die im Augenblicke alle Gemüter erfüllten, vergingen die Stunden fast unvermerkt, und die Nacht war längst eingebrochen, als der Hauptmann von seinen schlichten Kameraden wieder Abschied nahm. Draußen war’s für einen solchen Festabend fast unheimlich still geworden, und es wollte Rudolf wieder ein Gefühl wehmütiger Besorgnis überkommen, als er daran dachte, wie in früheren Jahren die Stadt zu dieser Stunde von frohem Maskenlärm und Trommelschlag ertönt hatte. "Und doch", suchte er sich, langsam durch die Lauben niedergehend, selbst zu beschwichtigen, "und doch ist noch nichts verloren; denn welch ein Herz schlägt in der Brust dieses Volkes! Welch eine Zukunft würde über dem Lande aufgehen, wenn dieser Glaube, dieser Mut, diese Kraft und Treue, gewürdigt, sich entfalten könnten!" Seine Kompagnieangehörigen waren zum Teil stundenweit hergekommen, um sein Wort zu vernehmen und die Zweifel beschwichtigen zu lassen, die sich in ihre Gemüter geschlichen hatten. Unbefangen erzählten sie, welche Hoffnungen durch das Land laut würden, wie die Franzosen nur kämen, um die gnädigen Herren von Bern des Regiments zu entsetzen, um jedem, gleichviel ob Bauer oder Städter, sein gleiches, dem freien Bürger zukommendes Recht zu verschaffen, und daß man daher Gut und Blut für bessere Dinge sparen könne, als sie gegen einen solchen Gegner einzusetzen. Aber wie schnell waren diese Zweifel zerronnen, als ihnen der Hauptmann sagte, die erste Pflicht des Schweizermannes sei, den Boden des Vaterlandes vor jedem fremden Feinde zu bewahren, wie die Alten getan; wie hatten die Gesichter geleuchtet und die strammen Gestalten sich aufgerichtet, als er rief, im Kampfe für die Heimat, für Haus und Herd müsse sich die erste Batterie auch die Ehre des ersten und letzten Schusses wahren, solange sich noch eine Hand an den glänzenden, lauttönenden Pfeifen zu rühren vermöge! Aber freilich in beifälligem Schweigen hatten die Männer auch gelauscht, als er sagte, ja dann, wenn die erste Pflicht getan, dann sei’s an der Zeit, ruhig bei den Kanonen und Gewehr bei Fuß stehen zu bleiben und zu den gnädigen Herren zu sprechen: wir haben nicht für Euer Regiment, wir haben für das ganze Land gefochten, drum verlangen wir auch den Sold, der dem Lande und uns gebührt, für alle gleiches Recht mit gleichen Pflichten, dann erst ist der Krieg zu Ende! In diesem Sinnen und Erinnern verloren, war Herr Rudolf unvermerkt bis an das Münster gelangt, als sich droben die Glocke schwang, um die neunte Stunde herabzurufen. Von den entfernten Straßen tönte noch verschallendes Geräusch herüber, aber rings um den gewaltigen Bau lag lautlose Stille. Da und dort fiel ein hellerer Lichtstreifen über die Dachung des Schiffes herab, und dann war’s, als ob die Türmchen sich hin und her bewegten und sich flüsternd einander zuneigten; der schwebende, verwehende Lichtstreifen glitt tiefer herab, und auch an den schwarzen Strebepfeilern fing es an, sich zu bewegen, zuerst undeutlich und schattenhaft, dann stetiger und deutlicher, bis es sich langsam über die Straße heranbewegte und an einem nahen Laubenpfeiler verschwunden war. Rudolf legte die Hand über die Augen, die ermüdet sich selbst diese Traumspiele vorgegaukelt haben mochten; aber kaum zwei Schritte von ihm begann ein Flüstern, und eine vor Kälte zitternde Mädchenstimme sagte: "Ihr habt mich lange warten lassen, Junker, und doch, ach Gott, ich konnt’ es nicht mehr länger ertragen." "Ich hatt’ es auch nicht vergessen, ich wurde nur aufgehalten", gab fast ebenso leise eine Männerstimme zurück; "wie geht es dir, Kind, und womit kann ich helfen?" "Ach helfen, Albert, ich weiß es selbst nicht; ich wollte nur dich sehen und deine Stimme hören – vielleicht wird’s dann wieder besser werden. Ich war heute den ganzen Tag so allein in meinem Stübchen, und wie ich da so viele Leute auf der Straße gehen sah, die ich kannte, aber nicht rufen und grüßen durfte, war’s mir, als wär’ ich verloren und ausgestoßen von allen Menschen und müßte einsam bleiben mein Leben lang. Und wenn es dann wieder so unruhig wurde in mir und sich’s regte, meint’ ich, das Herz müßt’ mir brechen." "Du bist ein Närrchen", lautete die Antwort; "es wird ja bald vorüber sein. Du wirst doch beim roten Jakob gewesen sein?" "Nein", flüsterte es fast unhörbar. "Nun, das ist aber auch gar nicht recht. Ich hab’ ihm das Geld schon längst gegeben, er nennt sich, und das Kind wird dir sogleich von der Landsaßenkorporation abgenommen. Alles ist im reinen, aber hingehen mußt du zu ihm." Auf diese Worte erhob sich ein leises Weinen, das lange mit mühsam unterdrücktem Schluchzen kämpfte, ohne auf die beruhigenden Versicherungen zu hören, die ihm zugeflüstert wurden, dann endlich sprach es lauter und angstvoll: "Redet mir nicht mehr von dem Judenbuben, dem verruchten Menschenhändler; wenn noch ein Funke von Liebe in Euch lebt, Junker, so habt Mitleiden mit mir. Ich schwör’ es Euch, eher stürz’ ich mich mit dem Ungeborenen in die Aare, eher erstick’ ich das Geborene unter meinem Kopfkissen, als daß ich es in die Hände dieses Scheusals lege." "Aber so höre doch nur auch: er selbst hat ja mit dem Kinde weiter gar nichts zu schaffen. Er bekennt sich vor dem Chorgericht einfach als Vater desselben und verlangt seine Aufnahme in die Landsaßenkorporation. Dann bist du aller Sorgen ledig, das Kleine wird dir abgenommen, und du brauchst ihm nicht einmal deinen Namen zu geben." "Nicht einmal meinen Namen?" "Nein, das Gesetz verlangt es nicht, und tausend andere in deinem Falle tun’s auch nicht –   – " Der Maler, der, obwohl ein unfreiwilliger Zuhörer dieser Unterredung, dieselbe nicht zu stören gewagt hatte, konnte die Antwort nicht mehr vernehmen. Um die Ecke von der Junkerngasse her bog die Laterne eines Nachwächters, und die beiden Gestalten huschten eilig, aber leise nach dem Seitengäßchen. Auch Rudolf verließ nun seinen dunklen Standort, aber trüber und beklommener, als er ihn eingenommen. Die stolzen Bilder, die er sich auf dem Herwege von des Vaterlandes Lage und Rettung gemacht, waren zerronnen, und in seinem Innern hastete es nach frischer Luft, als könne diese den dumpfen Druck von seiner Seele nehmen. Eilig, wie von eigener, schlimmer Tat gejagt, lief er die Straßen aufwärts, über die noch da und dort der Lärm einer Weinstube erklang, bis das obere Tor durchschritten war. Da draußen war es stille, und die Gedanken konnten in dem Dämmerscheine, den der Sternenhimmel auf die weiße Erde niedergoß, ungestört ihre leisen Pfade suchen; aber statt der Ruhe, die sonst die stillen Himmelsaugen dem Menschen zuleuchten, waren es Unwille und Zorn, die diesmal den einsamen Nachtwandler bewegten, und in seinem Herzen wollte es sich wie bittere Verwünschung und Fluch erheben. Hatte er doch die Männerstimme drunten am Münster nur zu wohl erkannt und spürte jetzt, daß ein Erröten über seine Stirne lief, als er sich ihre Worte wiederholen mußte. "Aber wer trägt die größere Schuld", sagte er laut vor sich hin; "er, der mit einem guten, milden Herzen geboren wurde, oder das fluchwürdige Gesetz, das dieses Herz in Stein verwandelt und ihm die heiligsten Menschengefühle um schnöde Silberlinge abschachert? O, der nahende Tag des Gerichts wird ein blutiges Sündenregister dieser Väter des Vaterlandes entrollen!" Durch den heftigen Ton der letzten Worte selbst wurde der Sprechende erinnert, daß er mit sich und der stummen Nacht allein sei; aber als er mit der eigentümlichen Empfindung von Verlegenheit, die den besonnenen Menschen manchmal über dem ertappten Lautdenken beschleicht, um sich schaute, erblickte er eine große Gestalt, die auf der anderen Seite der Straße hinter den Alleebäumen dahinschritt, und ein fröstelndes Grauen ging durch die Seele des jungen Mannes, da er unwillkürlich in sich selbst hineinflüstern mußte: "Das ist der rote Jakob, der Judenbub." Die angstvolle Klage des verlorenen Mädchens, die er vor wenigen Minuten gehört, lag noch zu schmerzlich in seinem Ohre, als daß dieser leisgesprochene Name nicht eine lange Reihe unheimlicher Erinnerungen geweckt hätte. Ob geheimnisvoll vergossenes Blut an diesen Händen haftete? Die Toten sind stumm, wenn nicht der Mund des strafenden Gesetzes für sie spricht; aber gewiß war’s, daß schon manches brechende Mutterherz seine letzte Kraft zusammengerafft, um noch einen Fluch auf diesen Mann zu schleudern, der sich, aller Scham und Ehre bar, selbst als Helfer und Hehler jeden schlimmen Tuns bekannte. Der Maler blieb eine Weile stehen, bis die im gefrorenen Schnee knisternden Schritte vorübergegangen und die Gestalt in der Dunkelheit verschwunden war. Die Gedanken und Vorstellungen, die sie hervorgerufen, durften ihren Schatten nicht über das Bild werfen, an dessen reinem Glanze er seine Seele erquicken, an dessen Milde er sein verbittertes Gemüt wieder zu versöhnen gedachte. Jetzt war das Geräusch verhallt, und wenige Schritte führten zu der kleinen Anhöhe hinan, hinter der Schloß Holligen wie der sichere Freihafen seiner sturmverschlagenen Gedanken verborgen lag. Die Lichter in demselben waren wohl längst ausgelöscht, und der Jüngling lehnte sich an die Straßenhecke, um nach dem Heiligtum seiner Träume hinabzuschauen; aber kaum hatte er den Mantel fester angezogen, als er von hinten mit eiserner Kraft umklammert und sein Ruf in einer starren, schwarzen Umhüllung, die Mund und Augen verschloß, erstickt wurde. III Als die mitternächtigen Glocken dem alten Jahre ins Ende geläutet, begann das neue alsbald seine Herrschaft im Reiche der Lüfte vorzubereiten und merkbar zu machen. Der klare Sternenhimmel erlosch in leichten, aber rasch aufziehenden Wolkenschleiern, die sich gegen das Hochgebirge hin zu einem rötlichen Dunstkreise zusammenzogen. Wer in so später Stunde noch ausschaute, mochte bedenklich zu sich sagen: das neue Jahr will seinen Einzug unter Stürmen halten, der Föhn ist Meister geworden. Und wirklich erwachte der Neujahrsmorgen unter einem Sturme, wie er schon manchen Winter nicht so unheimlich von den Bergen zu Tal gefahren war. Die kahlen Linden um Schloß Holligen schwirrten und krachten unter den schweren Windstößen, und dazwischen prallte so heftiges Regen- und Schneegestöber gegen Fenster und Mauern heran, daß Adelaide endlich nach langem Säumen und Zögern den Befehl erteilen mußte, sie werde bei diesem Unwetter nicht zur Kirche fahren. Dieser Entschluß war ihr schwer geworden, und eine unheimliche Beklemmung wollte sie den ganzen Morgen nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie ergriff ein reich in Samt und Silber gefaßtes Buch, um ihr Gemüt einsam zu Dem zu erheben, der Sonnenschein und Sturm beherrscht; aber sie hätte diesmal so gerne in Gemeinschaft anderer, im Vereine mit der ganzen Gemeinde, von dem für alle lebendig gesprochenen Gottesworte geweckt, ihre Andacht begangen, daß ihre Blicke unstät über die aufgeschlagenen Blätter eilten und ihre Gedanken keine Stütze fanden, sich daran über Zeit und Raum wegzuheben. Adelaide schloß das Buch, aus dem ihr weder Beruhigung noch Erbauung quellen wollte, und begann langsam die Neujahrsgeschenke zu mustern, welche ihr die väterliche Liebe in ungewöhnlich reichem Maße beschert hatte; aber auch diese Beschäftigung vermochte keine lange Zerstreuung zu gewähren, und das Fräulein fing an, nachdenklich auf und nieder zu gehen, bis es endlich die von innerer Unruhe heißer werdende Stirne gegen die kalten Fensterscheiben lehnte. Draußen hauste das Unwetter fort und schien ringsum alles Menschenleben unter das schützende Dach zu bannen; um so größer war Adelaidens Verwunderung, als sie von der Freiburgstraße durch das Gestöber einen Reiter in den Schloßweg einlenken sah, der so langsam herankam, als ob ein milder Frühlingstag über dem Lande läge und der ruhige Schritt des Pferdes mit dem behaglichen Einatmen der würzigen Lüfte im Einklange stehen müsse. "Ach, der Oberst Stettler", lächelte das Fräulein vor sich hin, als der Reiter mit gemessener Paradewendung in die Allee einbog, "der alte Wettermann, der kaum begreift, wie andere Menschen zwischen Regen und Sonnenschein einen Unterschied machen können." Sie war innerlich erfreut über diesen unerwarteten Besuch, der wenigstens einen Wechsel in die unheimlich stillen Stunden zu bringen versprach, und konnte sich das Vergnügen nicht versagen, dem Reiter noch länger zuzusehen und sich daran zu ergötzen, daß er alles genau Zug um Zug vollbrachte, wie sie sich’s nach seiner Gewohnheit vorgestellt hatte. Trotz der ungestümen Witterung trug er weder Mantel noch Überrock, und die lange Gestalt, mit dem magern, markigen Gesichte schien durch das graue, eng anliegende Kleid noch größer, als sie in Wirklichkeit sein mochte. In den Schloßhof eingeritten, befestigte er zuerst den großen Rohrstock, der ihm zu Pferde stets in einer Lederschlaufe vom rechten Arme hing, gemächlich am Sattelknopfe und schickte sich an, so taktmäßig abzusteigen, als müßte er nach jeder Bewegung auf das Kommando zur nächsten warten oder sich dieses Kommando in aller Form selbst erteilen. Ohne auf den aus dem Schlosse herbeigeeilten Reitknecht zu achten, der in dem eben mit neuer Gewalt nieder stürzenden Gestöber den Kopf zwischen beide Schultern einduckte, lüftete er eigenhändig den Sattelgurt, zog die Bügel zu beiden Seiten etwas in die Höhe und löste die Kettchen an dem silbernen Stangengebisse; dann gab er dem stark gebauten Pferde einen leichten Schlag auf den Bug und schaute ihm vergnügt nach, wie es, von dem Knechte gefolgt, den Weg nach dem Stalle suchte. Erst jetzt erhob der Oberst das Gesicht nach den Fenstern und grüßte, als er das Fräulein gewahrte, mit einer militärischen Handbewegung. Trotz seiner oft genug ans Komische streifenden Gewohnheiten war der Ankömmling im Schloß Holligen stets ein gern gesehener Gast, wobei nachsichtig auch die Eigenheit mit in Kauf genommen wurde, daß er nie erschien, wenn er die Anwesenheit anderer Gäste vermuten konnte; wußte man daneben doch, daß er schon in manchem Kugelregen ebenso ruhig und gemessen vom Pferde gestiegen wie draußen im Schloßhofe, und war man doch sicher, daß sein äußeres Auftreten stets nur den getreuen Spiegel einer Soldatenseele bildete, der über ihrem Mute und ihrer Geradheit manche schiefe Meinung und Sonderbarkeit zugute gehalten werden konnte. Obwohl in ihrer Anschauungsweise sonst von jeher einig, hatten sich die beiden alten Herren in der letzten Zeit doch öfter lebhaft gestritten über die Lage des Vaterlandes und die Mittel, die aus der gemeinsamen Gefahr Rettung bringen möchten. So geschah es auch heute wieder. Nachdem der Oberst schon während des Mittagessens das ganze konfuse Regiment ins Pfefferland gewünscht und von dem Oberkommandanten in der Waadt gesagt hatte, es sei an ihm ein halbbatziger Schulmeister verloren gegangen, der sich mit löschpapierenen Proklamationen statt mit blankem Eisen gegen den Feind rüste, schloß er brummend: "Aber so seid Ihr alle, alle ohne Ausnahme, lauter federfuchsige Planmacher; Ihr salzt uns den Krieg auf den Hals und vergeßt darüber den geringfügigen Umstand, daß Ihr keine Soldaten habt." "Immer Eure alte Marotte, Oberst", sagte der Herr von Holligen; "also eine Hilfsarmee Kaiserlicher oder Reichstruppen, deren Zeche wir bezahlen sollten!" "Kaiserliche oder Russen, Mongolen oder meinetwegen Chinesen, wenn es nur Soldaten sind, die eine Schule durchgemacht haben; das ist das ABC vom Kriege, sag’ ich. Oder wißt Ihr Besseres?" "Ehrenhafteres gewiß und hoffentlich auch Besseres", erwiderte der Herr von Holligen ernst, "einmal haben wir eine schöne Anzahl von Soldaten, denen Ihr selbst die Schule nicht absprechen werdet, und dann haben wir in zweiter Linie ein – Volk!... Ja ein Volk", fuhr der Sprecher eifriger fort, als er das höhnische Lächeln bemerkte, das dieses Wort auf dem Gesichte des Obersten hervorgerufen, "und zudem ein Volk, das in Waffen kein Neuling ist und bei richtiger Behandlung bald zur furchtbaren Armee werden wird. Lassen wir, wenn es sein muß, das flache Gelände dem Feinde, bergen wir Hab’ und Gut, Weib und Kind im Gebirge und kämpfen wir dort von den Wällen herab, die uns Gott selbst aufgetürmt!" "Und dann?" "Und dann, wenn der Feind in den von allem entblößten menschenleeren Tälern am Unentbehrlichsten Mangel leidet, wenn sich unsere Kraft am Kampfe gestählt und die Flamme der Begeisterung in allen Herzen angefacht ist, dann brechen wir wie eine Lawine zu Tal, um die eingedrungenen Banden von unserem Boden wegzutilgen." Der Oberst ließ zwischen seinen schmalen Lippen ein langgezogenes Rauchwölklein hervorgleiten, dem er sinnend nachschaute, bis es in der Luft verschwommen war. "Ja, ja", sagte er nachdenklich, "man merkt, daß Ihr von den jungen Jakobinern in Eurer Gesellschaft bereits etwas gelernt habt. Von allen Unmöglichkeiten Euerer Volksarmee nicht zu sprechen, würde sie im Falle eines Sieges uns selbst nicht samt und sonders auffressen?... Gilt Frankreichs Beispiel nichts für uns?" "Bleibt mir damit vom Leibe", entgegnete der Herr von Holligen, "unser Landvolk, treu wie Gold, weiß nichts von politischen Faseleien und wird selbst die wenigen Schreier und Ellsteckenreiter in den Waadtländer und Aargauer Städtchen zu Paaren treiben." "Hab’ auf dem Heimwege selbst ein Pröbchen erfahren", brummte der Oberst; "droben auf der Straße bei den Linden begegnete mir in einem Schlitten vom Umfange eines kaiserlichen Proviantwagens ein Bümplizer, der Schurke nennt sich Ädemajor Wacker, wenn ich mich recht entsinne; wer aber keine Miene machte mir auszuweichen, war der goldtreue Bauer, und wir würden vermutlich jetzt noch einander gegenüber halten, wenn ich ihm nicht mit dem Stocke gehörig abgewinkt hätte. Meiner Treu, ein ehrliches, anspruchsloses Volk!" Noch bevor der Herr von Holligen eine Antwort geben konnte, trat Adelaide, die vor einigen Augenblicken herausgerufen worden, wieder herein, gefolgt von dem jungen Schloßmüller. Dieser blieb bescheiden an der Türe stehen, während das Fräulein bewegt sagte: "Der Mann da möchte gerne ein Geschäft abtun, zu dem der Verwalter der Ordnung wegen nicht Hand bieten will. Ihr werdet’s nicht so genau nehmen, Vater; drum hab’ ich ihn heraufgebracht." "Was soll das sein?" fragte der Oberst, über die unerwartete Störung halb verwundert, halb ärgerlich: "was soll ich für den Verwalter heute Geschäfte besorgen?" "Bringt es nur selbst vor, Nachbar", wendet sich Adelaide freundlich an den Müller; "Ihr könnt’s besser als ich." "Ich wollte gerne den Pachtzins entrichten", sagte der Müller, einen Schritt vortretend; "aber..." "Was aber..." fiel der Herr von Holligen ungeduldig ein; "der ist ja erst auf Lichtmeß fällig; warum kommst du denn jetzt schon und gerade heute, wenn du Stündigung nachsuchen willst?" "Es ist nicht das, gnädiger Herr", erwiderte der junge Mann, "ich habe das Geld bei mir und möcht’ es eben gerne gleich abgeben." "So lange vor dem Ziele?" fragte der alte Herr verwundert; "nun wahrhaftig, da seh’ ich nicht ein, warum die Sache solche Eile haben sollte." "Ich kann’s Euch schon sagen, Herr Oberst", antwortete der Müller; "der Postläufer brachte mir diesen Mittag den Befehl, mich in Marschbereitschaft zu setzen, unsere Kompagnie könne jeden Augenblick das Aufgebot erhalten. Und da möcht’ ich gerne mein Hauswesen vorher in Ordnung stellen für alle Fälle, die einem im Felde begegnen könnten." Der Schloßherr schaute erstaunt auf seinen Lehenmann, der in unbefangener Bescheidenheit dastand, und wendete sich dann mit einem triumphierenden Lächeln seinem Gaste zu. Dieser hatte seine kurze Meerschaumpfeife auf den Tisch gelegt, stets ein sicheres Zeichen, daß etwas Unerwartetes seinen gewöhnlichen Gedankengang durchkreuzte. "Ja nun, ja, ja, geb’s zu, daß so was in keinem Dienstreglemente vorgeschrieben ist", brummte er. "Könnte mich auch nicht erinnern", lächelte der Herr von Holligen, "und würde übrigens auch nicht von großem Nutzen sein; aber Ihr, Nachbar", fuhr er mit einer Art respektvoller Freundlichkeit gegen den Müller fort, "wie steht’s denn so eigentlich, zieht Ihr gerne gegen die Franzosen? "Darum handelt es sich wohl nicht", erwiderte der junge Mann; "im Kriege bin ich eben noch nie gewesen und muß erst erfahren, wie’s da zugeht; aber wohin uns unser Hauptmann führt, da gehen ich und meine Kameraden mit und ging’s, mit Respekt, gegen den Teufel." "Brav gesprochen", sagte der Schloßherr warm, während der Oberst mit einem dreimaligen, wie im Tempo abgegebenen Kopfnicken seine Zufriedenheit bezeugte, "wo seid Ihr denn eingeteilt?" "Erste Zwölfpfünder-Batterie-Hauptmann König." "Ah, Hauptmann König – Maler König", sagte der Herr von Holligen, mit der Hand über das Gesicht fahrend; "aber hättet Ihr, wenn’s einmal ernst gilt, nicht besseres Zutrauen zu einem andern Chef, zu einem eigentlichen Soldaten – ich meine zu einem Hauptmann, der sein Handwerk von Jugend auf in fremden Diensten gründlich erlernt hat?" "Mit Verlaub, gnädiger Herr", erwiderte der Müller ruhig, "ich glaube, es gibt keinen, der’s besser versteht, und wenn uns dieser Hauptmann fehlen würde, liefe wohl gleich die ganze Kompagnie auseinander." Adelaide kehrte ihr Gesicht lächelnd und errötend dem Fenster zu; der alte Oberst dagegen ließ wieder ein langgezogenes Rauchwölklein zwischen den Lippen hervorgleiten und blickte mit dem einen Auge zwinkernd über den Tisch nach seinem Freunde, was wohl heißen konnte: "Wer hat nun recht? Wie steht’s mit deiner Volksarmee?" Der Schloßherr verstand diese Frage und hätte ihr gerne durch seinen Lehenmann selbst eine Antwort zuteil werden lassen. "Nun, so gefährlich wär’s wohl nicht, Freund", fuhr er fort; "wenn z.B. Euer Hauptmann gleich im Anfange eines Gefechtes erschossen würde, käm’s Euch doch nicht in den Sinn, davonzulaufen!" "Ja, das wär’ was anderes", entgegnete der Müller, sich höher aufrichtend, dann freilich, würde sich, keiner von uns besinnen, sich ebenfalls totschlagen zu lassen. Aber ein Unglück wär’s", fügte er leiser hinzu, "und wir bekämen doch keinen solchen mehr." "Weshalb meint Ihr denn das?" fragte der alte Herr halb verdrießlich. "Ich weiß es selbst nicht recht; aber seht, gnädiger Herr, das Herz lacht uns allen im Leibe, wenn wir ihn nur von weitem sehen." "Nun, gut denn", sagte der Schloßherr nach einigem Besinnen, "so haltet Euch nur wacker, wenn’s einmal sein müßte. Den Zins aber kann ich Euch jetzt nicht abnehmen; kommt auf den Abend wieder, bis dahin will ich dem Verwalter die nötige Weisung geben." Als der Müller ins Freie gekommen, hatte sich das Wetter etwas freundlicher angelassen, und er beschloß, noch in die Stadt zu gehen. "Vielleicht ist’s doch das letzte Neujahr, das ich feiern kann", sagte er vor sich hin und begann rascher nach der Straße hinaufzuschreiten. Durch das Stadttor gelangt, lenkte er seine Schritte zunächst nach dem "goldenen Rind", in der Hoffnung, dort am ehesten Bekannte zu treffen, und richtig, gerade der Türe gegenüber in der obern Ecke saß für sich allein ein Kompagniegenosse, der gestern mit dem Hauptmann und den andern hier getrunken hatte. Er stützte, um das Treiben der übrigen Gäste unbekümmert, den Kopf in die Hand und blickte überrascht auf, als ihn der Müller, zum Tische tretend, anrief: "He, Belper-Fritz, bist du seit gestern abend nicht vom Platze gegangen?" "Doch", erwiderte der junge Mann, mit trüben Augen aufblickend und sie sogleich wieder senkend, "ich bin eben hereingekommen – sieh, ich hab’ noch nicht einmal eingeschenkt... tu’ Bescheid, Christen." "Bist heut bei dem Unwetter von Belp in die Stadt gekommen?" "Nein, ich bin seit gestern hier geblieben." "Ah, ah", machte der Müller, das angebotene Glas niedersetzend; "aber ich glaube fast, du hast mit deinem Schatz Händel bekommen, so jammervoll siehst du drein." "Ich habe keinen Schatz, Christen." "Nun zum Kuckuck, du wirst doch auch nicht Angst vor dem Aufgebote haben, ich kenne dich gar nicht mehr." "Ich bekomme nicht so bald Angst", erwiderte der Belper-Fritz traurig; "aber hilf mir den Wein austrinken... ich mag keinen Tropfen; vielleicht sag’ ich dir nachher etwas." Der Müller setzte sich verwundert und teilnehmend neben seinen Gefährten, der wieder in tiefes Nachdenken versank, aus dem er ihn nicht sogleich stören mochte und deshalb auf ein Gespräch hörte, das mit ernsten Mienen am nächsten Tische geführt wurde. "Und es ist doch so, Herr Wacker", sagte ein alter Mann; "die Alten haben’s erfahren und geglaubt, daß die Geisterkutsche Krieg und Pestilenz zu bedeuten hat. Ich machte mir früher selbst nicht viel draus; aber die vergangene Nacht hab’ ich sie gesehen, mit leiblichen Augen gesehen. Sie fuhr hart unter meinem Fenster vorbei, und doch war nicht ein Atem von Geräusch zu hören. Es war, als ob die schwarzen Rosse nur auf Luft träten und sich die Räder in weicher Seide bewegten." "Wo fuhr sie denn hin?" fragte der andere, dem Schloßmüller, den er erst jetzt bemerkte, freundlich zunickend, "habt Ihr das nicht gesehen?" "Nein, das kann ich nicht sagen", antwortete der Alte, "sie war mir plötzlich aus dem Blicke verschwunden wie eine in den Wind geworfene Prise Tabak; aber ein Bekannter sah sie hier an der Mauer hinunterfahren, und durch das Aarbergertor soll sie hereingekommen sein, ohne daß die Wache etwas bemerkt hatte." "Nun, da wird sie schließlich wohl an der Münzterrasse gehalten haben", sagte der andere, indem über sein starkknochiges Gesicht ein Ausdruck von Hohn und Zorn hinlief, "um dort den alten Schultheiß Nägeli, den Gott schon mehr als zweihundert Jahre selig haben möge, aufzuladen. Der macht sich dann das Vergnügen, durch die Lüfte über das Aarziele hinweg nach Wabern hinaus zu kutschieren. So endigt ja das Märchen von Eurer Geisterkutsche. Was sagt Ihr dazu, Schloßmüller?" "Da wüßt’ ich nicht viel drein zu reden, Herr Wacker", antwortete der Gefragte, "ich habe von der Erscheinung wohl schon oft gehört, aber noch nie etwas gesehen davon." "Leider geht’s mir auch so", sagte Wacker, "und doch möcht’ ich gerne bisweilen in die Geisterkutsche hineinblicken; ich würde dabei mehr geheimen Halunkenstreichen unserer gnädigen Herren auf die Spur kommen als an einem verrufenen Galgenhubel, sonst müßten die Rosse daran nicht im Stalle des Judenbuben gefüttert werden." "Was sagt der?" raunte der Belper-Fritz, aus seinem Sinnen auffahrend, seinem Kameraden zu; "was ist das für ein Halunkenstreich unserer Herren?" "Ach nichts", antwortete der Müller, halb erschreckt über das wilde Wesen, mit dem ihn sein Gefährte anstarrte, "sie sprechen da bloß von einem Gespenst, von der Geisterkutsche; aber komm, wir wollen lieber anderswohin gehen; ich glaub’, der Dampf und Dunst da drinnen tut dir nicht gut." Vor die Türe getreten, faßte der Belper-Fritz seinen Freund an der Hand und zog ihn schweigend nach dem Wege, der am Werkhofe vorbei zur Kleinen Schanze hinüberführte. Droben hinter den ersten Bäumen der Allee angelangt, blieb er stehen und fragte, nachdem er unruhig umhergeschaut, als fürchte er ein lauschendes Menschenohr, leise: "Nicht wahr, du kennst meine jüngere Schwester, Christen?" "Das Mädeli, das am Ostermontag mit uns in Köniz war und an der Junkerngasse einen Kammerdienst hatte?" "Eben das." "Freilich kenn’ ich’s, ein solches Gesichtchen vergißt sich nicht so leicht." "Hast du’s schon lange nicht gesehen?" "Nein... ich kann mich nicht besinnen", sagte der Müller langsam, "seit Herbst, glaub’ ich, nie; aber was ist’s mit ihr? Du erschreckst mich ganz." "Was mit ihr ist, weiß ich selbst nicht", antwortete der Belper-Fritz wehmütig. "Schon vor einem Monat hat sie, ohne daß wir daheim etwas davon erfuhren, den Dienst verlassen, und, wie ich sie gestern besuchen will, weiß niemand etwas von ihr. Man habe geglaubt, sie sei zu uns heimgekommen, wurde mir gesagt." "Sonderbar", machte der Müller nachdenklich, "wo möchte sie denn hingekommen sein!" "Ich will dir sagen, was ich fürchte", flüsterte der Belper-Fritz, aus dessen dunklen Augen ein unheimliches Feuer loderte; "nach allem, was ich aus Mienen und Andeutungen entnehmen konnte, ist meine arme Schwester von einem Junker verführt worden und wird nun irgendwo geheimgehalten, wenn nicht Schlimmeres... wenn ihr nicht Schlimmeres begegnet ist. Das unglückliche, arme Kind!" Der Müller blickte mit tiefer Teilnahme und Bekümmernis auf seinen Kameraden, der nach diesen Worten sich an einen Baumstamm zurücklehnte. "Höre, Fritz", sagte Christen nach einer Weile, "ich habe keine Schwester; doch kann ich mir denken, was in dir vorgeht. Aber weißt du, wer in dieser Wirrnis am besten raten und vielleicht auch helfen könnte?" "Nein, Christen, sag’ mir’s! Ich habe keine Gedanken." "Unser Hauptmann, denk’ ich; gewiß wenigstens wird er alles tun, zu erfahren, wo deine Schwester hingekommen ist." "Ich habe heute auch schon daran gedacht’’, sagte Fritz leise; "aber ich scheute mich und durft’ es ja sogar dir fast nicht anvertrauen. O meine armen, braven Eltern! Was werden sie sagen!" Christen nahm seinen Gefährten schweigend am Arm und ging mit ihm den einsamen und menschenleeren Weg an der untern Stadtmauer entlang, nach dem Bärenplatze hinüber. Vor der Wohnung des Hauptmanns angelangt, blieb der Belper-Fritz stehen und sagte hochaufatmend: "Ich darf nicht, ich wag’s nicht. Erspare mir die erste Schande und geh’ allein hinauf! Bekommst du freundlichen Bericht, so warte ich ja da." "Unglück ist noch keine Schande", erwiderte der Müller; "indessen ich will gehen und dich dann heraufholen." Er ging; aber nach kurzer Frist kam er mit todbleichem Gesicht zurück, wie ein Trunkener auf den wartenden Kameraden zuschwankend. "Es ist nicht gut gegangen", sprach dieser trübe; "o ich geschlagener Mann." "Still, still", sagte Christen, indem er mit der Hand über die Augen fuhr; "geh’ heim, Kamerad... ich geh’ auch. Komm, komm; o Jammer und Unglück über Unglück!" "Aber was hat er denn gesagt", fragte angstvoll der Belper-Fritz, den Vorbeidrängenden festhaltend, "weiß er etwas von der Schwester?... ist sie tot?.... hat sie sich selbst ein Leids angetan?... Mein Gott, so gib mir doch Antwort!" "Geh’ selbst und frag’", jammerte Christen, ohne sich aufhalten zu lassen, "ich weiß nicht mehr, wie es gegangen ist... mir wirbelt alles durcheinander; aber tot ist er... tot ist er." "Er ist tot... von wem redest du denn?" "Der Hauptmann... wer sonst", hastete Christen, die zurückhaltende Hand seines Begleiters abstreifend, "der Hauptmann ist tot; aber geh’ doch selbst hinauf und laß mich, ich bitte dich; ich muß hinaus ins Freie, vor die Stadt... es will mich fast erdrücken da drinnen. Komm morgen zu mir, Belper-Fritz!" Dieser war überrascht und erschreckt stehen geblieben, während der Müller dem Stadttor zueilte, als ob er dem dumpfen Schmerze der Trauerbotschaft entfliehen könnte. Die Leute, die ihm begegneten, kamen ihm wie vorüberhuschende Schatten vor, und nur da oder dort sagte er zu einem, ohne ihn anzusehen, im Vorbeieilen: "Wißt Ihr’s schon? Der Hauptmann König ist ermordet worden." Erst als er an sein Haus herankam, blieb er stehen. Er mußte sich lange besinnen, um die Einzelheiten der letzten Stunde wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, als ihn plötzlich ein Gedanke durchfuhr, der ihm wie eine Art von Trost erschien. "Hat die Herrschaft im Schlosse heute schon von dem Unglücke gewußt?" dachte er. "Gewiß... drum wurde ich über die Ersetzung des Hauptmanns so ausgefragt; da kann ich vielleicht mehr erfahren als von seiner armen, jammernden Mutter; vielleicht... geb’ es Gott... ist das Schlimmste nicht einmal zur Wahrheit geworden. Die Zinsgeschichte gibt mir einen erwünschten Anlaß, hinüber zu gehen." Er schritt durch die bereits einbrechende Dämmerung dem Schlosse zu und wurde auf sein Begehr sofort in das Zimmer geführt, in dem nur noch Vater und Tochter am Kamin beisammen saßen. "Ah", rief der erstere dem Eintretenden entgegen, "da kommt mein pünktlicher Zinsmann. Nun, hier habt Ihr die Quittung." Der Müller griff mechanisch in die Tasche und brachte eine schwere Geldrolle hervor; aber der Oberst machte eine rasch abwehrende Handbewegung und sagte freundlich: "Laßt das, laßt das, Nachbar; heute nehm’ ich kein Geld. Seid Ihr um Lichtmeß noch daheim, könnt Ihr’s dann bringen; müßt Ihr vorher ins Feld, so nehmt’s mit und braucht es, wo’s nötig ist. Euren ärmern Kameraden werdet Ihr schon etwas davon zugute kommen lassen." Der Müller war zu sehr von andern Gedanken erfüllt, als daß er für dieses unerwartete Benehmen viele Worte gefunden hätte; vielleicht auch hatte er die freundliche Absicht des Schloßherrn nicht einmal ganz verstanden und sagte daher, ohne das Geld aus der Hand zu legen: "Ach ja, heute hab’ ich noch nicht gewußt, daß das Unglück schon da sei." "Ein Unglück... ist Euch denn ein Unglück begegnet?" fragte der Oberst näher tretend. "Ja wohl ist’s für mich so gut als für meine Kameraden ein Unglück... ich bin noch immer der gleichen Meinung." "Ich versteh’ Euch nicht... sprecht doch deutlicher!" "Ich meine eben den Tod unseres Hauptmanns, gnädiger Herr; ich habe vorhin noch nichts davon gewußt, als ich hier war." "Wie... was sagt Ihr?" rief Adelaide, erbleichend sich von Ihrem Stuhle erhebend, "der Tod Eueres Hauptmanns... des Hauptmanns König?" "Leider Gottes ja", erwiderte der Müller leise; "so weiß die gnädige Herrschaft noch nichts davon?" "Kein Wort... kein Wort", entgegnete der Oberst rasch, "was ist’s denn, was hat’s gegeben?" "Unser Hauptmann ist tot... verunglückt oder vielleicht ermordet und ins Wasser geworfen worden. Man hat seiner Mutter erst vor einer halben Stunde seinen Mantel gebracht, der hinterm Blutturm an einer in die Aare hinaushangenden Staude gefunden wurde. Er ist ganz zerrissen und der Kragen mit Blut bespritzt... ich hab’ es selbst gesehen." "O heilige Allmacht... o mein Herz", stieß das Fräulein leise hervor, indem es, beide Hände gegen die Brust drückend, einen Schritt vorwärts machte, dann aber zur Seite schwankte und lautlos neben ihrem Vater zusammensank. IV Die erste Hälfte des Januars verging unter der dumpfen Beängstigung, wie sie der Erwartung schwerer Ereignisse voranzugehen pflegt und von einer trüben Witterung noch gesteigert wird. Das beunruhigte Menschengemüt mag sich nicht denken, daß die Natur an seinen Kümmernissen keinen Teil nehmen und ihren Gang gleichmütig in gewohnten Geleisen fortwandeln sollte; es erblickt daher im Rauschen des nächtlichen Windes, im hellern oder dunklern Scheine des aufsteigenden Mondes, im Ruf und Geschrei der Tiere, in der toten Stille und lauten Empörung der Elemente Abbilder und Verkündiger seiner eigenen Hoffnungen oder Befürchtungen und vermehrt auf diese Weise noch die unheimliche Qual der Ungewißheit kommender Begebnisse. So geschah es auch in diesen Tagen, wo nach eingebrochener Abenddämmerung vom Hochgebirge her ein Meteor mit funkelndem Lichte über das Land herabzog und dann, nachdem es Tausende durch seine ausstrahlenden Feuergarben erschreckt, mit erschütterndem Knalle in die Lüfte entschwand. Das sei die geheimnisvolle Weltkanone, deuteten die Propheten, die in solchen Zeitläuften auf Weg und Steg entstehen, welche den letzten Völkerkrieg verkünde, aus dem nach unerhörten Blutbädern der Antichrist als Sieger hervorgehen werde. Bald da, bald dort wollten in den Lüften fechtende Heere gesehen worden sein, und als gar noch nächtlicherweile der ganze nördliche Horizont sich mit dunkler Glut füllte, die wie vom Winde angefacht hin und wider zog, sich senkte und höher hob, ging für viele ein unumstößlicher Glaube auf, daß sie den flammenden Vorboten des jüngsten Tages gesehen hätten. In dunkeln Bibelstellen und halb-erschollenen alten Sagen wurde die Bestätigung des nahenden Weltendes gesucht und selbst mutige Herzen mit unklarer Bangnis erfüllt, während schon auf manchen Straßen bewaffnete Scharen daherzogen und auf den Hochwachten weithinschauender Berggipfel mächtige Holzstöße zu Feuersignalen für die Stunden höchster Feindesgefahr aufgetürmt wurden. An dieser allgemeinen Bekümmernis hätte wohl jedes Herz genug zu tragen gehabt; aber das Schloßfräulein von Holligen vergaß dieselbe fast über dem eigenen größern Leid. Seit der Neujahrsnacht hatte sie den Vater kaum noch etwa zum Morgengruße gesehen und nie mehr ein Wort gewohnter Zärtlichkeit von ihm gehört. Damals, als sie nach dem ersten erstickenden Schmerze, mit dem sie die Botschaft von dem Tode Rudolfs überwältigt, ihm mit noch halbschwindenden Sinnen gestanden, daß ihr Herz in aller Gewalt der Liebe dem toten Maler angehöre, hatte er ihr kalt und streng befohlen, sich auf ihr Zimmer zu begeben und das Haus ohne seine Erlaubnis nie zu verlassen. Während er vom frühen Morgen bis in die späte Nacht und noch öfter während derselben sich in der Stadt befand, um an den Vorkehren und Ratschlägen der Kriegskommission teilzunehmen, saß sie da, als wäre sie eine Fremde unter diesem Dache oder als hätte sie eine Schuld begangen, die in einsamer Haft verbüßt werden müßte. Wie oft nahm sie sich vor, dem Vater um den Hals zu fallen und ihn anzuflehen, ihr seine Liebe wieder zuzuwenden und in ihrem unsäglichen Leide ihr nicht den letzten einzigen Trost zu entziehen; aber wenn sie sein kaltes, strenges Gesicht erblickte, drängte sich die zaghafte Klage alsbald wieder ins Herz zurück. In dieser schweren Zeit erstand der Einsamen ein ebenso unerwarteter als teilnehmender Trost, wo sie es am allerwenigsten erwartet hatte. An einem Nachmittage fiel nah unter ihrem Fenster ein Schuß, dem der schrille Schmerzensschrei eines getroffenen Tieres folgte. Von raschem Mitleide ergriffen, öffnete sie das Fenster und bemerkte gerade vor der Hofmauer ihren Verwandten, den Junker von Dießbach, der ein nun zum Schweigen gebrachtes Wild in die Weidtasche schob. Dem Klange des sich öffnenden Fensters nachblickend, schaute er am Turme empor und lief dann spornstreichs dem nächsten Seitenpförtchen zu das über den Hof hereinführte. Adelaide hatte kaum das Fenster wieder geschlossen, als er rasch ins Zimmer trat. "Ei, ei, schöne Cousine", rief er noch unter der Türe, "wie freu’ ich mich, daß du schon wieder da bist; wann bist du denn zurückgekommen?" "Ich versteh’ dich nicht, Vetter", erwiderte Adelaide, "wo sollt’ ich denn gewesen sein?" "Wie, was?" entgegnete er verwundert, "warst du nicht bei der Tante in Oberhofen?" "Ich glaube, dir hat geträumt; du willst doch nicht deinen Scherz mit mir treiben, jetzt nicht, Albert." Bei dem wehmütigen Klange der Stimme, mit dem diese Worte gesprochen wurden, trat der Junker langsam näher, überrascht und erschrocken seiner Cousine in das bleiche Antlitz schauend, aus dem ihm zwei müde, tränentrübe Augen entgegenblickten. "Mein Gott, Adelaide", sagte er ihre Hand erfassend, "du wirst doch nicht krank sein, du siehst ja so elend und bleich drein wie der leibhaftige Tod." "Krank gerade nicht, Albert", erwiderte sie leise, "aber warum meintest du denn, ich sei fort gewesen?" "Nun, wahrhaftig", sagte er, mit der Hand verlegen über das Gesicht fahrend, "ich glaubte, dein Vater habe es selbst meiner Mutter und andern Damen gesagt; ich kann mich indessen verhört haben, Adelaide." "Du hast’s noch nicht weit gebracht in der Verstellungskunst, Vetter", sagte sie wehmütig lächelnd; "ich bin meinem Vater nur dankbar, daß er mir in dieser Zeit überflüssigen Besuch ersparte." "Ich verstehe und werde dich nicht lange aufhalten; aber zürne mir nicht, Adelaide, wenn ich jetzt nur ungern gehe, ohne von deinem Kummer einen kleinen Anteil mitzunehmen." "Nein, bleib, Albert", bat sie", ich habe diese Tage oft genug an dich gedacht; du meintest es doch besser mit ihm als alle andern." "Mit ihm – mit dem Hauptmann, meinst du wohl?" "Ja, mit dem unglücklichen Rudolf", sagte sie leise, indem große Tränen aus ihren Augen rannen; "wenigstens war er dir gewiß aufrichtig zugetan." "So ist’s wirklich das?" rief der Junker aufstehend, "nun wahrhaftig, Cousine, da gesteh’ ich, du hast’s in der Verstellung weiter gebracht als ich." "Du hast mich früher nie um mein Vertrauen ersucht", erwiderte sie, mit kummervollem Ernste aufschauend; "aber gleichwohl hätte ich geglaubt, der gewaltsame Tod eines Freundes müsse deinem Herzen näher gehen, Albert." "Vielleicht, Adelaide", sagte der Junker, nachdenklich auf und nieder gehend, "ich glaube, nie unrecht an ihm gehandelt zu haben, aber weißt du auch gewiß, daß er tot ist?" "Was sagst du?" rief sie mit gepreßter Stimme; "weißt du etwas anderes? Ach nein, Albert, jetzt willst du mich täuschen!" "Hat dein Vater nie etwas davon gesagt?" "Nein", sagte sie mit leisem, wehmütigem Kopfschütteln, "seit der Todesnachricht nie mehr." "Nun höre, Adelaide", erwiderte der Junker, vor der wieder still weinenden Jungfrau stehen bleibend, "daß es so mit dir bestellt wäre, habe ich wahrlich nie geahnt; eine kleine Neigung, weiter nichts, konnt’ ich höchstens denken. Aber bei meiner Ehre, unter diesen Umständen ist das hart von deinem Vater." "Du quälst mich, Albert; bei seinen Ansichten kann ich ihm keinen Vorwurf machen." "Nein, nein, das ist’s nicht", fuhr der Junker fort, "aber grausam sollte er nicht sein; denn ja, Adelaide, ich glaube nicht, daß Rudolf tot ist, so viel können sie nicht gewagt haben. Was ich jedoch nur glaube, muß dein Vater bestimmt wissen." "Aber mein Gott, so sprich doch", bat das Fräulein angstvoll; "man hat ja seinen blutigen Mantel in der Aare gefunden, und ach, es wäre mein letzter Trost gewesen, wenn seine Leiche nicht von den Wassern fortgetragen worden, sondern neben andern lieben Toten hier seine Ruhe gefunden hätte." "Darüber beruhige dich", sagte der Junker; "so viel ist gewiß, daß der Hauptmann damals nicht tot war und der Mantel nur in die Aare geworfen wurde, um die öffentliche Aufmerksamkeit irre zu führen und seine Gefangennehmung geheim zu halten." "Albert, gütiger Gott", brachte Adelaide mit zitternder Stimme hervor, "ich beschwöre dich, täusche mich nicht! Heilige Allmacht, wie hätte man seine arme, alte Mutter so hintergehen und ihr diesen tödlichen Schmerz verursachen können!" "Armes Herz", erwiderte der Junker gerührt, auf das abgehärmte Antlitz des Fräuleins blickend, "mitten in deinem Leide mußt du zuerst an den Gram anderer denken. Um so mehr – du sollst dein Vertrauen nicht bereuen, Adelaide; bei Gott, das war grausam. Nun will ich erst alle Hebel ansetzen, um dir hoffentlich bald wirksameren Trost bringen zu können. Man hält mich zwar fern und mißtraut mir selbst, weil ich Rudolf in Schutz genommen, der unter gegenwärtigen Umständen freilich schwerer Dinge angeklagt wurde; drum hüte dich und laß auch du dir nichts merken! Hab’ ich weiteres in Erfahrung gebracht und weiß ich deinen Vater in der Stadt, so wirst du mich wieder sehen." Er beugte sich auf die Hand seiner Verwandten nieder und schritt dann rasch der Türe zu. Als der Junker das Schloß verlassen hatte, wandte er sich, ohne auf Weg und Steg zu achten, durch den weichen Schnee mitten über Äcker und Wiesen dem Bremgartenwalde zu. Er dachte zwar nicht mehr an Jagdbeute, aber es war ihm, als müsse er sich mit den dunkeln, widerstreitenden Gedanken und Gefühlen in die tiefste Einsamkeit verbergen. Der Junker gewahrte mit schmerzlichem Erschrecken, daß er das Bild seiner schönen Cousine schon lange her tiefer im Herzen getragen, als er sich’s selbst je gestanden oder auch nur geahnt hätte. "Das ist nun vorbei", sagte er laut, fast trotzig, als müsse er sich selbst einen ernsten Befehl zurufen, "und du hast auch längst das Recht verscherzt, deine Hand nach diesem reinen, leuchtenden Kleinod auszustrecken." Bei diesem Gedanken trat ihm ein kalter Schweiß auf die Stirne, und er mußte sich, von plötzlicher Mattigkeit ergriffen, auf eine Bank setzen, die sonst zu kühler Sommerrast am Waldrande stand. Mit einem Male trat als schwer anklagende Schuld das verlorene, in gedanken- und gemütlosem Leichtsinne vergeudete Leben vor ihn, und wie ein höhnender Kobold rief es ihm zu: "Was willst du? Du hast dir ja nicht einmal die Kraft und Mittel gesammelt, das Gute zu tun, selbst wo du den Willen hättest! Du, der Sprößling und Erbe einer der mächtigsten Familien im Lande, bist jetzt nicht imstande, dir über das Geschick eines Freundes volle Gewißheit zu verschaffen, dem vom Hasse Verfolgten die hilfreiche Hand zu bieten und die Tränen eines Mädchens zu trocknen, das, wenn auch für deine Liebe zu gut, dir doch sein heiligstes Vertrauen geschenkt hat." Er mußte sich wieder erheben, als könnte er die immer schwerer drückende Seelenlast durch äußere Bewegung abschütteln; aber der Gedanke, daß er bei allfälligem Rettungsversuche nicht einmal auf das Vertrauen des eigenen Vaters, geschweige auf dessen tätige Beihilfe zählen könne – dieser Gedanke der Ohnmacht und Ungewißheit jagte ihn mit ruheloser Hast durch den Wald bis der Abend über denselben hereindämmerte. "So weit hast du’s bis heute schon gebracht, edler Herr von Dießbach", sagte er bitter, einen Pfad betretend, der ins Freie führte, "daß du, um nur vor Frauenaugen nicht als unnützer Wicht zu erscheinen, deine Zuflucht zu einem Schurken nehmen mußt, der dich in der nächsten Stunde um größeren Gewinn wieder verraten wird. Ja, du bist unser Aller Herr und Meister, roter Judenbube, und das ist auch ein Stück Vergeltung!" Der betretene Pfad führte zu einer Waldecke, wo auf hohem Bord über der Aare, die in der Tiefe zwischen mannigfaltigem Buschwerk ihre wunderlichen Krümmungen gegraben hat, ein einsames Schenkhaus stand. Zur Sommerszeit war es ein von den Städtern gern besuchter Vergnügungsort, von dem sich der Blick über Fluß und Stadt hinweg nach den duftigen Firsten des Hochgebirges öffnet, während zu Häupten waldfrische Lüfte durch die Kronen mächtiger Kastanienbäume wehen; im Winter dagegen war’s still und einsam da herum, und das Haus wurde nur etwa zu einem heimlichen Stelldichein benutzt oder von allerlei lichtscheuem Volke besucht, das sich nicht in die Stadt wagen mochte. Mehr von der ungewohnten inneren Aufregung, als von der Anstrengung des zurückgelegten Weges ermüdet, trat der Junker hinein und stieg, an der zu ebener Erde liegenden Schenkstube, aus der laute Stimmen ertönen, vorübergehend, die Treppe hinauf, die zu einer Reihe kleiner, für vornehmere Gäste behaglich eingerichteter Stübchen führte. Er drückte auf die nächste Klinke, trat aber, als er diese verschlossen fand, durch eine Türe, die sich sogleich auf der anderen Seite des Ganges geöffnet hatte. Hier wurde er mit ebenso warmem Handreichen als verlockendem Schmollen empfangen, daß er nach so langer Abwesenheit nun erst noch mit einem so trüben Wettergesichte erscheine, und alsbald gaben sich zwei kleine weiße Hände schmeichelnde Mühe, seine Stirne wieder glatt zu streichen. Bei dem leichtgewohnten Sinne des Junkers war ein solches Streben nie ohne Erfolg, und kaum wurde das rote Blut der Burgunderrebe kredenzt, als auch schon jede Sorge und Bekümmernis in seiner berauschenden Flut zu versinken begann. "Ach, lieber Junker", klagte das schöne Wirtstöchterlein, als sich der junge Mann nach bereits eingebrochener Nacht wieder zum Fortgehen anschickte, "wie werde ich lange Weile und Heimweh bekommen, wenn nun der Krieg losbricht und ich Euch dann so lange, der Himmel weiß – vielleicht nie mehr sehen werde." "Du wirst dich doch nicht vor dem Kriege fürchten, Kleine?" sagte der Junker leichthin, indem er seine Weidtasche umhing; "solch’ schönem Kinde wird kein Leid getan." "O ja, ich fürchte mich schrecklich davor; besonders wenn die Franzosen kommen." "Die werden aber nicht hierher kommen, sei ohne Sorge." "Ach, man kann es nicht wissen und hört gar mancherlei", erwiderte das Mädchen; "drüben im grünen Stübchen sitzen schon den ganzen Nachmittag zwei, die in einer großen Landkarte die Wege aufschreiben, auf denen die Franzosen marschieren können. Sie meinen beide, es gehe gar leicht, ich hab’ es wohl verstanden, wenn ich ihnen etwas zu bringen hatte, obschon sie welsch parlierten." "Was, daneben in der verschlossenen Stube?" fragte der Junker; "sind es Herren aus der Stadt?" "Ich kenne sie gar nicht", sagte das Mädchen, "der eine ist wohl vornehm, und ich meine, ihn schon in der Stadt gesehen zu haben; der andere aber sieht fast wie ein Bedienter aus." "Seltsam", machte Herr von Dießbach; "wer sollte denn hier außen über Kriegspläne beratschlagen? Du wirst dich geirrt haben; die Herren werden wohl nur über den Krieg gegen den gefährlichsten Feind sprechen – schöne Augen und rote Lippen, wie diese da sind, kleine Schmeichelkatze." "Nein, nein", entgegnete das Mädchen eifrig, "mich haben sie nicht einmal angesehen und recht geärgert erst noch dazu, ich hab’ es ganz deutlich verstanden. Der Vornehmere sagte – er hat ein so schwarzes Gesicht, wie wenn er das Wasser fürchtete – ja, der hat gesagt, er kenne nun die Berner gut genug, sie werden sich wie Dachse in den Löchern übertölpeln lassen, und mancher Offizier werde von seinen eigenen Leuten Püffe bekommen, daß ihm für immer der Atem vergehe. Das hat er gesagt, gewiß und wahrhaftig; ich habe doch selbst expreß an der Wand gehorcht." Das Mädchen hatte kaum ausgesprochen, als drüben die Türe klinkte und mit leisem Geräusche geöffnet wurde. Der Junker zog mit raschem Griffe die seinige ebenfalls auf und stand in dem herausfallenden Lichtscheine überrascht dem Herrn v. Amiel gegenüber, hinter dem eine andere Gestalt hastig wieder ins Zimmer zurücktrat. Die erste Bewegung des Herrn v. Amiel bezweckte ebenfalls einen Rückzug; aber mit schneller Besonnenheit trat er über die Schwelle hinaus und reichte seinem Gegenüber mit freundlichem Lächeln die Hand entgegen. "Ei, welch glücklicher Zufall, Herr v. Dießbach, wahrhaftig – Euch hofft’ ich nicht hier zu treffen." "Ich muß das nämliche gestehen, Herr v. Amiel." "Dafür darf ich vielleicht auf das Vergnügen Eurer Gesellschaft nach der Stadt zurück rechnen", erwiderte der Franzose; "wirklich, ich könnte mir nichts Angenehmeres wünschen." "Ich möchte nicht stören, Herr v. Amiel; es schien mir, Ihr habet bereits Gesellschaft." "St" – machte der Emigrant geheimnisvoll mit den Augen zwinkernd, "es ist nur der Diener und Bote eines Freundes, eines Schicksalsgefährten im Exile, der heute noch sein Nachtquartier im Schlosse Jegistorf nehmen wird; die Sache hat einige Eile. Komm nur, François", fuhr er ins Zimmer zurückgewendet fort, "es ist Zeit, daß du dich auf den Weg machst. Melde deinem Herrn die Versicherung meiner unabänderlichen Freundschaft und meine Hoffnung auf baldige glückliche Wendung unseres Loses, wenn sich die Canaille einmal die Stirne an den Schweizerfelsen einrennt." Auf diese Worte, die mit warmen Tone gesprochen waren, trat ein Mann in mittleren Jahren heraus, der dem Junker mit bedientenhafter Höflichkeit eine Verbeugung machte und in gleicher Weise von dem Herrn v. Amiel Abschied nahm. Seine Kleidung war geeignet, die Angabe über seinen Stand vollkommen zu bewahrheiten und schien aus dem Nachlasse einer früheren Livree zu bestehen, die ein bäuerlicher Schneider umgewendet und teilweise nach ländlichem Schnitte umgemodelt haben mochte. Der anfängliche Argwohn des Junkers begann auch rasch zu verschwinden, als er auf das unbefangene Benehmen des Herrn v. Amiel und diesen Boten blickte, dessen Äußeres nur zu deutlich die verschämte Dürftigkeit seines verbannten Herrn kennzeichnete. "Halt, François, oder wie dein Name ist", rief er dem bereits an der Treppe Stehenden nach, "dein Weg ist noch weit, da – trink unterwegs ein Glas auf meine und deines Herrn Gesundheit!" Der Bediente machte zuerst eine bescheiden ablehnende Bewegung, aber ein Wink des Herrn v. Amiel genügte zur Beschwichtigung seines Bedenkens, und er kam sogleich zurück, um das Dargebotene in Empfang zu nehmen. Der Junker dagegen blieb noch einen Augenblick nachdenklich stehen, als er in das nun vollbeleuchtete Gesicht des Mannes geblickt hatte; es war ihm, als müßt’ er die schwarzen Augen mit dem eigentümlich leuchtenden Aufschlage und diese schmal geschnittenen Lippen, um die es wie ein widerstrebendes stolzes Zucken spielte, schon irgend einmal gesehen haben; und noch als er mit Herrn v. Amiel bereits eine Strecke schweigend nach der Stadt hingegangen war, konnte er diesen Gedanken nicht los werden. "Wahr ist es", begann er endlich, "Ihr müßt das Geheimnisvolle außerordentlich lieben, Herr v. Amiel, daß Ihr die Boten Eurer Freunde da draußen empfangt; ich meine, Ihr dürftet dieselben ungescheut in der Stadt empfangen." "Ah", machte der andere, "Ihr denkt nicht, zu wie manchem Schritte die Rücksicht auf das Ehrgefühl eines Leidensgefährten nötigt, der noch die volle Erinnerung seiner einstigen Stellung in sich trägt. Der Marquis würde es schmerzlich empfinden, wenn sein einziger dürftiger Diener mich etwa in einer standesgemäßen Gesellschaft hätte aufsuchen müssen." "Nun freilich, und doch ist’s mir, ich sollte den Mann auch schon gesehen haben." "Kann sein", erwiderte Herr v. Amiel zögernd, "der Marquis war vor einem Jahre einige Wochen in Bern; jetzt lebt er bei einem alten Freunde, der selbst nichts Überflüssiges hat, in der Nähe von Solothurn. Aber was ich Euch noch sagen wollte: morgen trete ich in Dienst; die erste Zwölfpfünder-Batterie wird einberufen, und da soll ich nach heutigem Beschlusse der hohen Kriegskommission den verloren gegangenen Hauptmann ersetzen." "Ihr?" rief der Junker, überrascht stehen bleibend, "an die Stelle des Hauptmanns König? Unmöglich!" "Warum denn unmöglich, Verehrtester", entgegnete der andere kalt, fast höhnisch; "hab’ ich doch schon an der Piece gedient, als der Maler kaum anfing, Farben zu reiben." "Ja, ja, kann sein", sagte Herr v. Dießbach hastig, indem er das Gesicht abwandte, als müsse er die Röte des Unwillens in der Nacht verbergen; "ich meinte nur, es hätte noch mancher Berner Offizier diese Stelle ebenfalls gewünscht. Die Kompagnie ist vielleicht die beste im ganzen Auszuge." "Die schlechteste würde ich mir auch verbeten haben." "Nun gut, schon recht", erwiderte der Junker; "ich wünsch’ Euch Glück dazu; doch sagt, habt Ihr über das Schicksal des armen Jungen noch nichts Näheres vernommen?" "Darnach frag’ ich nicht und kümmere mich nicht darum", sagte Herr v. Amiel stolz; "mich ärgert’s nur, daß ich damals das Engagement ablehnen mußte und er so meiner Lektion entwischen konnte. Indessen – hier ist das Aarbergertor, und ich bin genötigt, Euch gute Nacht zu wünschen, ich habe noch dringende Geschäfte zu besorgen." Der Junker trat verdrossen in die noch von mancherlei Geräusch belebte Stadtstraße ein. Der Ärger, den ihm die unerwartete Dienstberufung des Emigranten verursacht, während ihm selbst immer noch keine bestimmte Verwendung zugewiesen war, und das kurze, hochmütige Benehmen, mit dem der Franzose ihn verabschiedet hatte, riefen mit einem Male wieder den erdrückenden Gedanken und Vorstellungen, die ihn diesen Nachmittag gepeinigt hatten, und es stieg ein Gefühl tiefen Unmutes in ihm auf, daß er sich so schnell wieder unnützem Leichtsinne überlassen habe. Voll unruhigen, bangen Sinnes, der sein Gemüt wie eine Ahnung nahenden Unheils erfaßte, hatte er unwillkürlich die laute Straße verlassen und an der Reitschule in den einsamen Weg eingelenkt, der außerhalb der Häuserreihen, am Rande des hohen Aarraines, nach der untern Stadt hinabführt. Verwundert blieb er stehen, als sein Fuß an einen Stein stieß und er bemerkte, daß er an dem Rathause bereits vorübergeschritten und an jene dicht zusammengedrängte Häusergruppe gelangt war, in welcher die abgeschiedene Lage und die Armut der Bewohner mancherlei Heimlichkeit Vorschub leistete. Sei es ein vorbedeutendes Zeichen, sagte der Junker vor sich hin – ich will annehmen, der Stein habe auf mich warten müssen; und nach flüchtigem Umblicken durch die hie und da von einem herausfallenden Lichtscheine etwas erhellte Dunkelheit trat er an ein niedriges Hinterpförtchen heran. Auf ein leises Pochen, dem ein gedämpfter Pfiff folgte, kamen schlurfende Tritte gegangen, und nach leiser Frage und Antwort wurde rasch aufgetan. "Gütiger Himmel, seid Ihr es, gnädiger Herr", wisperte eine alte Frau, die dürre Hand über das Lämpchen haltend; "ach, ich habe Euch den ganzen Tag suchen lassen und nirgends finden können." "Nun, was hat’s denn so Dringendes gegeben?" fragte der Junker nicht ohne einen Anflug des Schreckens; "das Kind ist ja gut aufgehoben, und Mädeli wird hoffentlich wohl sein!" "O gnädige Allmacht – ja, jetzt ist es wohl; aber heute hatte es einen jammervollen, schweren Tag durchzukämpfen." "Laß sehen", erwiderte der Junker, von dem geheimnisvollen Tone der Alten noch mehr erschreckt, eine kleine Treppe hinansteigend; "ist’s etwas Gefährliches, so mußt du gleich einen Arzt holen." "Nein, wartet", jammerte das Weib, "geht nicht gleich hinein, ich muß Euch noch etwas sagen vorher, Ihr wißt noch nicht alles – laßt die Türe, ich bitt’ Euch, Junker!" Ohne Antwort zu geben, trat er in ein kleines, matt erhelltes Stübchen und schritt rasch zu einem Bette, das in der Ecke stand; aber mit einem lauten Schrei des Entsetzens prallte er zurück, als er auf demselben eine Leiche sah, die, schon in ein langes, weißes Totenhemd eingehüllt, da lag. "O himmlische Barmherzigkeit", stöhnte die nachkommende Alte, als sie den Junker mit verhülltem Gesichte an der Wand lehnen sah, "das arme Mädeli hat bis zum letzten Augenblicke jammervoll nach Euch gerufen; aber jetzt hat’s überwunden, schon mehr als zwei Stunden. Mit dem Tage ist es dahingegangen." V Als Herr v. Amiel den Junker am Aarbergertore so kurz verabschiedet hatte, stellte er sich mit einer raschen Wendung an die dunkle Ecke des nahen Wachthauses und schaute dem Davongehenden nach, bis derselbe in der nur von spärlichem Laternenscheine erhellten Straße dem Blicke entschwunden war. "Der wäre für einmal hübsch angeführt", murmelte er, die Hand wie zu einer spöttischen Abschiedsbewegung ausstreckend, "vor dem bin ich sicher." Dann trat er wieder auf die Straße und ging eilig durch das Tor zurück, wie einer, der ein wichtiges Geschäft vergessen haben mochte. Kaum hatte er jedoch die ersten Bäume der Allee erreicht und sich durch rasches Zurückblicken überzeugt, daß die zwei torhütenden Soldaten sich nicht um ihn bekümmert, als er langsamer zu gehen begann und hie und da, während er sorgfältig zu beiden Seiten nach den dunkeln Baumstämmen spähte, ein unterdrücktes Hüsteln hören ließ. So mochte er etwa dreißig Schritte gegangen sein, als ihm hart zur Seite mit einem ähnlichen Laute Antwort gegeben wurde und geräuschlos hinter einem Baume eine Gestalt hervorglitt. "Dacht’ ich mir’s doch, überaus vorsichtiger Bürger Olivier", flüsterte er, "Sie seien uns nachgeschlichen; einmal war’s mir sogar, ich müßte Ihren Atem im Nacken spüren. Hören oder sehen jedoch konnte ich nichts von Ihrer Allgegenwart." "Mais diable!" erwiderte der andere ebenso leise, "ich konnte doch nicht wissen, ob mich der Junker wirklich in guten Treuen für einen ausgehungerten Bedienten genommen, zumal er mich vor kaum drei Wochen in Aarau gesehen und mit mir gesprochen hat." "Ah, in der Tat", machte Herr v. Amiel, "es war ihm auch, als müsse er einmal von Ihrem Gesichte geträumt haben, indessen ist es ein glücklicher Vorzug dieses junkerlichen Blutes, daß es sich nicht vorzustellen vermag, wie sich ein stolzer Gesandtschaftsattaché unter Umständen in einen demütigen Lakaien verwandeln könne. Reisen Sie also ruhig und glücklich, ich erkläre", fügte er nicht ohne einen Anflug von Spott bei, "daß sich Bürger Olivier um die Sache der Republik verdient gemacht." "Es ist nicht das erste Mal", entgegnete der andere kalt, "daß ich die Ehre dieses Verdienstes mit Bürger Amiel zu teilen habe, besonders seit derselbe richtig herausgefunden, daß eine Republik eine ersprießlichere Dankbarkeit zu zeigen vermöge als der selige Bettelhof von Koblenz." Die Nacht war nicht dunkel genug, um dem lauernden Blicke die grimmige Wirkung zu verbergen, die diese Worte auf dem Gesichte des Herrn v. Amiel hervorbrachten. Der Fremde trat unwillkürlich einen kleinen Schritt zur Seite, fuhr dann aber gleichmütig fort: "Indessen können wir zuverlässig darauf rechnen, Bürger Amiel, über die Aufstellung der Bernertruppen von Nidau bis Aarberg rechtzeitig unterrichtet zu werden?" "Wie ich Ihnen bereits gesagt", erwiderte der Gefragte, mit hörbarer Mühe die Worte hervormurmelnd, "meinen patriotischen Gruß an Ihren Meister Mengaud, und somit Gott befohlen, Bürger Olivier!" Der Fremde machte eine leichte Handbewegung nach dem Kopfe und war wie ein verhuschender Schatten in der Dunkelheit verschwunden. Die empfangene Demütigung, die dem Sprößling eines altadeligen Hauses freilich um so empfindlicher sein mußte, als sie von einem Menschen herkam, der sich vor wenigen Jahren noch als Abschreiber bei Pariser Advokaten ein kümmerliches Brot erwarb, war nicht die einzige Unannehmlichkeit, die diesen Abend dem Herrn v. Amiel begegnen sollte. Kaum war er in seiner Wohnung angelangt und hatte die Geldrollen überzählt, die ihm der französische Geschäftsträger Mengaud zur Ermutigung für weitere "patriotische" Dienste überschickt, als sich der rote Jakob anmelden ließ. "Wenn der Schurke mir Angenehmes mitzuteilen hätte, würde er sich so spät nicht mehr herbemühen", murmelte Herr v. Amiel zwischen den Zähnen, befahl aber doch, den Mann unverweilt hereintreten zu lassen. Alsbald ertönten auf dem Vorsaale schwere Tritte, und herein trat eine hohe, breitschulterige Gestalt mit trotzig roher Haltung. Über der niedrigen Stirne sträubte sich dichtborstiges, rotes Haar empor. Dem Antlitz entsprach vollkommen die starkknochige Gestalt, die ein enganliegendes Wams und Lederhosen bekleideten, während bis über die Knie herauf grobe Reiterstiefel ragten. Das war der unvermeidliche Vertraute junger und alter Patrizier und sonstiger reicher Wüstlinge. "Wichtige Neuigkeiten, Meister Jakob, aber hoffentlich angenehme?" fragte Herr v. Amiel den Eingetretenen mit dem Ausdrucke freundlicher Zutraulichkeit; "es muß ja schon spät sein!" "Allerdings", erwiderte der andere; "ich wollte dem gnädigen Herrn nur vermelden, daß Eurem Freunde, dem Junker Dießbach, diesen Abend ein Unglück passiert ist, das ihm wohl vor einem Monat lieber gewesen wäre." "Ich versteh’ dich nicht, was ist’s denn?" "Nu", antwortete der Rote mit einer zuckenden Verlängerung des Mundes, die wohl ein Lächeln hätte bedeuten sollen, "es hat sich eben ein zwanzigjähriges Hühnchen gemausert; wär’s vor einem Monate, vor dem Gackern, geschehen, so hätte der Junker die schönen Goldfüchse behalten können, mit denen er das Nest belegen mußte." "Zum Teufel mit deinen Rätseln und Dummheiten", brummte Herr v. Amiel; "deshalb brauchtest du nicht herzukommen." "Nu, nu, nichts für ungut, gnädiger Herr", erwiderte der Judenbube, "solche Geschichten könnten gegenwärtig beim Pöbel böses Blut machen, und ich meint’ eben, das wär’ Euch angenehm – " "Spitzbube!" fuhr Herr v. Amiel auf, "wer wagt zu sagen, daß mir das angenehm wäre?" Durch die Augenhöhlen des Judenbuben bewegte sich’s wie der gleißende Schein einer vorüberschießenden Schlange; aber ruhig, fast treuherzig sagte er dem näher tretenden Franzosen: "I Jerum, was ist der gnädige Herr heut’ übler Laune! Ich meinte ja bloß, es müsse Euch angenehm sein, solches zu wissen, denn wie gegenwärtig die Sachen stehen, muß auch der beste Hauptmann die Stimmung seiner Leute kennen, wenn er nicht Unangenehmes riskieren will. Das mein’ ich allein, Herr Kapitän!" Herr v. Amiel wendete sich ab, um langsam wieder dem Kamine zuzugehen. Er zog einen Beutel hervor und zählte einige Silberstücke auf die Hand. "Sonst nichts Neues?" fragte er scheinbar zerstreut, dem Roten das Geld entgegenhaltend. Dieser schob die Taler gleichmütig in die Tasche und erwiderte: "Mit Verlaub seh’ ich Euch morgen wieder, Ihr seid heut’ nicht gut gelaunt, gnädiger Herr!" "Nur herausgerückt, Jakob, du meinst es ja in allem gut mit mir." Der Judenbube schien den spöttischen Ton, in dem diese Worte gesprochen waren, nicht zu beachten und fuhr leiser fort: "Es ist eine ärgerliche Geschichte, gnädiger Herr; aber seit Eure Ernennung zum Hauptmann bekannt geworden, wird da und dort in der Stadt gemunkelt, Ihr wüßtet vielleicht am besten, wie und warum Euer Vorgänger, der Maler König, das Leben verloren habe. Wenn nur die morgen einrückenden Soldaten nichts davon erfahren!" Herr v. Amiel machte eine rasch auffahrende Bewegung, als wollte er mit der Kaminzange, die er in der Hand hielt, zu einem Schlage gegen seinen Besuch ausholen; aber ebenso schnell beugte er sich wieder nieder und stieß einen Fluch hervor über den Feuerfunken, der ihm auf die Hand gefahren sei. Hastig rieb er sich den schmerzenden Brandfleck und sagte dann gleichgültig: "Hör’, Freund, diesmal möchtest du mir mit falschen Karten das Spiel abgewinnen; aber da ich’s gemerkt habe, soll’s dir nicht gelingen." "Bei meiner Seele, Ihr tut mir Unrecht, gnädiger Herr", entgegnete der Rote; "was ich Euch sage, hab’ ich mit eigenen Ohren vor kaum einer Stunde gehört, droben im "goldenen Rind". "Nun, dann, Jakob, bist du der abgefeimteste Halunke, der je im Dunkeln herumgeschlichen; denn kein Mensch als du konnte diesen Verdacht auf mich lenken." "Wenn Ihr das meint, so kann ich gehen", antwortete der Judenbube trotzig, indem er sich der Türe zuwendete; "vielleicht treff’ ich den gnädigen Herrn ein andermal höflicher." Herr v. Amiel ließ ihn gehen, bis die Türe geöffnet war; dann aber rief er ihn zurück und hielt ihm die Börse entgegen, aus der er vorhin einige Stücke hervorgezählt. "Sei’s, wie es sei, da nimm", murmelte er, "durchstreife die Wirtschaften und horche aus, was gesprochen wird! Wo nötig, lenkst du den Verdacht ab – um jeden Preis, verstehst du? Vergiß nicht, daß dein Kopf in der gleichen Schlinge steckt. Morgen früh erwarte ich weiteren Bericht." "Zu Befehl, gnädiger Herr", erwiderte der Rote, den dargebotenen Beutel ruhig einsteckend, "Ihr sollt mit mir zufrieden sein, Herr Hauptmann." Als er die Türe hinter sich zugezogen, warf sich Herr v. Amiel in einen Fauteuil, der am Kamine stand, nachdenklich die Hand auf die Stirne legend, die sich mit kaltem Schweiß bedeckte; aber bald erhob er sich wieder, um in unruhiger Hast das Gemach auf und nieder zu gehen. "Wenn der Schurke die Wahrheit spräche", sagte er dazwischen laut vor sich hin, "wenn meine mit Mühe und Gefahr angelegten Pläne endlich an einem Ungefähr, an einer rohen Pöbel-Einmischung scheitern sollten – ha, Adelaide, stolze Holligerin, was muß ich für deinen Besitz wagen, während ich nicht einmal weiß, ob ich dich mehr liebe oder hasse! Ein elend und erbärmlich Leben das, aber mein mußt du dafür werden. Ja, mein mußt du werden", fuhr er nach einer Pause mit fast grimmigem Lachen fort; "fürwahr ein schönes Wort, dieses mußt, während ich einen Schurken um seinen Beistand anbettle, der vielleicht schon den Preis in seiner Tasche trägt, um den er mich verraten wird." Er warf sich wieder in den Polsterstuhl, mit dumpfem Brüten in die Kohlen starrend, die leise knisternd im Kamine zusammensanken. Diesmal jedoch hatte Herr v. Amiel in seinen Gedanken dem Judenbuben unrecht getan; wenigstens war es nicht des letzteren Schuld, wenn er seinem Patrone nicht die erwünschten Dienste leisten konnte. Unverweilt begab er sich ins "goldene Rind", wo trotz der vorgerückten Abendstunde noch ein reges Leben herrschte. Außer den gewöhnlichen Gästen, die hier ihren Abendschoppen suchten, saß an einem Tische auch eine Soldatengruppe, die eine leise, aber sichtlich angelegentliche Unterhaltung führte. Der Judenbube erkannte an ihren Abzeichen, den dunklen blauen Röcken mit den dicken roten Achselwulsten, daß es Angehörige der ersten Zwölfpfünder-Batterie waren, und trat näher, da sich ihm hier gerade die beste Gelegenheit zur Erreichung seiner Zwecke darbot; aber mit verlegenem Zögern blieb er wieder stehen, als er mitten unter den Soldaten den Ädemajor Wacker erblickte, der ebenfalls schon die bäuerliche Kutte mit dem Soldatenkleide vertauscht hatte. Die Gelegenheit war indessen zu verlockend und der rote Jakob auch schon zu nahe herangetreten als daß er eine Schwenkung nach einem anderen Tische hätte versuchen sollen; er langte daher nach einem leeren Stuhle, der neben Wacker stand, und schickte sich an mit einem: "Erlaubnis, Ihr Mannen" Platz zu nehmen. Der Ädemajor blickte auf und erwiderte, rasch den Stuhl zurückziehend, unhöflich genug: "Ohne Erlaubnis – ist schon besetzt und hier kein Platz mehr." "Wart, Hund", murmelte der Judenbube in sich hinein, kehrte sich jedoch mit scheinbar gleichgültiger Miene ab und ließ sich am nächsten Tische nieder. Der Ädemajor warf ihm einen verächtlichen und zugleich drohenden Blick nach und sagte dann, sich wieder zu seinen Kameraden wendend: "Hoffentlich gibt’s auch eine Kugel oder noch besser eine Mistgabel für diesen da, wenn’s einmal losbricht. Ich wollt’ meinen Kopf gegen einen roten Heller setzen, er hat zu dem Schurkenstreich an Euerem Hauptmann mitgeholfen." "Der da?" fragten mehrere Stimmen zugleich, indem sich alle Blicke nach dem Ankömmling richteten, während einer sich wie vor kaltem Grauen schüttelnd hinzufügte: "Ist’s nicht der Judenbub?" "Ja, der ist’s freilich", fuhr der Ädemajor fort, "und ich hab’s am Neujahr gleich gesagt, als es hieß, die Geisterkutsche sei gesehen worden, da müsse wieder eine Schelmerei unserer gnädigen Herren im Spiele sein. Es verging auch keine Stunde, so rannte Euer Wachtmeister durch die Straßen mit der Botschaft, der Hauptmann sei ermordet." "Fassen wir den Burschen einmal", sagte ein Kanonier, seine mächtigen Fäuste auf den Tisch streckend und drohend nach dem roten Jakob blickend, "wir wollen ihm seine Geheimnisse herausklopfen." "St!" machte der Ädemajor, "noch nicht, ’s ist noch nicht reif; aber mit anderem wird auch das reif werden. Das weiß ich von einem Knechte, der einmal bei dem Roten dort in Dienst gewesen, daß er selbst leibhaftig der Teufel ist, der die Geisterkutsche führt, die bald drüben am Marterturme, bald drunten an der Aare am Blutturme still hält und ihre Insassen durch ein Türchen verschwinden läßt." "Ja, das hat mir schon meine Großmutter mehr als hundertmal erzählt, als ich noch ein kleines Büblein war", sagte der Kanonier; "wer einmal in den Blutturm kommt, hat am längsten gelebt. Er wird in eine Stube geführt, die prächtig mit Seide und Sammet ausstaffiert ist; aber droben an der weißen Decke ist mit schwarzen Farben der Tod abgemalt, die Sense in der Hand, und drunter steht in großen Buchstaben: Du mußt sterben! Während nun der erschrockene Mensch hinaufblickt, sinkt unter ihm der Boden ein, und er stürzt in die Tiefe auf scharfe Messer und nadelspitze Zinken herab. An der Grundmauer des Turmes färbt sich einen Augenblick ein roter Streifen in die Aare hinaus, und alles ist vorbei, als ob nichts geschehen wäre." "Und dahin sollte unser braver Hauptmann geführt worden sein?" fragte ein anderer den Ädemajor leise. "Bestimmt möcht’ ich das nicht sagen", antwortete dieser, "daß etwas schändlich Geheimes vorgegangen, wissen wir alle; ist ja auch die Leiche des Hauptmanns nirgends gefunden worden, und so mag jeder denken, was er will. Aber was ich sagen wollte, ist noch etwas anderes. Seht’ Ihr Mannen, Ihr seid heute alle schon von weit hergekommen, damit Ihr am Morgen zur rechten Zeit auf dem Kasernenplatze sein könnt; Ihr habt willig Vater und Mutter, mancher Weib und Kind verlassen, weil Ihr meint, es gehe fürs Vaterland, für unsere Freiheit und Religion, und unsere gnädigen Herren und Junkerlein seien bereit, mit uns zu sterben, wenn’s sein müsse. Haha, was wir alle für alte Narren sind!" Er faßte mit voller Hand sein Glas, um es in einem Zuge zu leeren und dann hastig auf den Tisch niederzustoßen. "Ja, Narren, sag’ ich", fuhr er lauter fort; "Kinder, einfältige Kinder, wenn Ihr lieber wollt. Oder was meint Ihr denn? gehen die Augen Euch endlich nicht einmal auf? Ihr hattet einen Hauptmann, wie’s keinen besseren und braveren gibt, landauf und ab, das wißt Ihr, aber jetzt ist er fort, verschwunden wie eine Prise Tabak, die ich in Wind werfe, und Ihr habt dafür einen anderen, einen Fremden, einen Franzosen, den Ihr in Euerem Leben noch nie gesehen habt, so wenig als er Euch – und warum das? Ja, jetzt schaut Ihr mich an, als wär’ ich ein rotes Tennstor, und doch ist die Sache klar wie ein Wassertropfen von der frischen Brunnenröhre weg! Der König war ein Bursche, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hatte, der schon lange die falschen Karten durchschaute, mit denen unsere gnädigen Herren und Oberen spielen, der mit Leib und Seele an Euch hing wie Ihr an ihm, der drum auch nie zugegeben hätte, daß Euer Blut und Leben schändlich und sündhaft für nichts und wieder nichts in die Schanze geschlagen würde – das wußte man; drum mußte er weg, und jetzt habt Ihr einen Franzosen, der Euch gegen die Franzosen führen soll! Ha, Teufel, so geht es; wir lassen uns in bester Meinung totschießen, und wer übrig bleibt, ist eines schönen Morgens verkauft und verraten. Die gnädigen Herren drücken den Franzmännern die Hand und sagen lächelnd, man habe den dummen Bauern eben den Spaß lassen müssen." Der immer eifriger gewordene Mann leerte sein Glas abermals, ohne sich lange zu unterbrechen. "Ihr seht ja", begann er aufs neue, "wie wir belogen werden von den Herren im Rathause und ihren Helfern in der Kirche. Als es da vor einigen Nachten blutrot hinter den Jurabergen aufstieg, hieß es, das sei die himmlische Kriegsflamme, die der Herrgott expreß für uns angezündet habe. Aber was war’s? Die Schwarzbuben und Baselbieter haben ihre Landvögte fortgejagt, ihre Schlösser angezündet und gesagt, sie wollen zuerst im Lande selbst reinen Tisch machen, bevor sie mit den Franzosen ein Wort reden. Die verstehen’s, und so sollten wir’s auch machen. Das ist meine Meinung." Kaum war aber diese Meinung ausgesprochen, als sich eine schwere Hand auf die Schulter des Redners legte und eine tiefe Stimme sagte: "Ich fordere Euch auf, Ihr Mannen, an die Worte zu denken, die Ihr eben gehört habt, und mir diesen Rebellen sofort verhaften zu helfen." "Ah", machte der Ädemajor zurückblickend, nach kurzem Besinnen, "du bist’s, Judenbub? Versprich den Leuten da nur, du wolltest mich dahin bringen, wo du ihren Hauptmann hingebracht hast, dann werden sie dir schon helfen. Übrigens lass’ ich mir diesen Rock nicht von einem Schelm anrühren – weg mit der Hand da!" "Hinaus mit dem Schnüffler!" rief der Kanonier, der schon vorhin seine kampffertigen Fäuste gewiesen, und im Augenblick war der rote Jakob von Armen umklammert, unter deren Druck seine Kraft zusammenbrach. Er rief die übrigen Gäste um Beistand an; aber kein Mund mahnte ab, und keine Hand mochte sich helfend aufheben. Fast lautlos ging es der Türe zu, bis von außen das Geräusch eines schweren Falles in der Stube hörbar wurde. Die zwei Kanoniere, die ihr Werk so handlich verrichtet, kamen gleichmütig zurück, als hätten sie einen Sack Korn aus der Tenne getragen. VI Regen und feuchtes Schneegestöber verdüsterten abwechselnd den Morgen, durch den die Kanoniere von allen Seiten her nach Bern zogen – manche in kleinen Gruppen, andere vereinzelt, von einem jungen Weibe mit verweinten Augen, einem alten Manne oder einem Mütterchen begleitet. das ein Bündelchen unter dem Arme trug; aber die meisten wohl ebenso trübe wie der mühsam aufdämmernde Tag. Selbst diejenigen, denen keine lieben Herzangehörigen das Scheiden schwer gemacht, zogen still ihre Straße, und wo sie auf Kameraden trafen, mußte das Gespräch bald wieder einem brütenden Sinnen Raum geben. "Hast du nichts gehört – weiß man noch nichts von unserem Hauptmann?" – "Nein, nichts der hat uns bei der Herbstmusterung zum letztenmal kommandiert – der brave Mann!" Mit solcher kurzer Rede und Antwort ward’s wieder still, und nur nach langer Pause kam die Frage, wer nun wohl die Batterie führen werde; doch auch darüber wußte keiner Auskunft, und das Gespräch geriet abermals ins Stocken. Als der Belper-Fritz mit noch einem Kameraden auf der Höhe des Muristaldens anlangte, blieb er nachdenklich stehen, um nach der Stadt hinüberzuschauen, die mit schwarzgrauen Mauern und Türmen jenseits des Flusses aufragte. Mir ist’s immer, Ruedi", sagte er zu seinem Gefährten, "als müßt’ mir da drinnen ein größeres Unglück begegnen als im Kriege selbst. Es friert mich bis ins Herz hinein, wenn ich diese Häuser und Mauern nur ansehen muß." "Das kommt immer noch vom Mädeli her", erwiderte der andere, ein schöner, kräftiger Bursche, "aber das mußt du jetzt vergessen, Fritz; solch schwere Gedanken tun nicht gut ins Feld." "Kannst du’s denn selbst vergessen?" fragte Fritz leise, sich wieder langsam zum Gehen anschickend; "glaubst, ich meine, du seiest des Krieges wegen seit Neujahr so still geworden?" "Ach Gott, wir müssen uns dreinfügen, Fritz", antwortete Ruedi mit sichtlicher Bekümmernis, "du weißt wohl, wie mir’s war, als das Mädeli durchaus in einen Stadtdienst wollte – wir hätten ja bei mir daheim genug zu leben und arbeiten gehabt. Aber sieh, wär’s damals anders geworden, ich weiß nicht, mit welchem Herzen ich jetzt in den Krieg ziehen sollte. Gib mir die Hand, Fritz, wir wollen treu zusammenhalten, was kommen mag." Hand in Hand zogen die beiden durch das Tor über die Brücke, an deren Quaderpfeilern die Aare ihre trüb angeschwollenen Wasser brach. Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, schritten sie die Stadt aufwärts nach der Kreuzgasse, dem bestimmten Sammelplatze, aber da war’s noch menschenleer, und die alte Uhr am Rathause zeigte erst die zehnte Stunde. "Wir sind noch lange zu früh", sagte Ruedi, "und die anderen werden auch lieber im "goldenen Rinde" als bei dem Wetter hier im Freien warten." In dem weiten Raume zum "goldenen Rind", der mit seinem rot geschnittenen Täfelwerke und den schmalen, tief in die Mauer gekerbten Fenstern ein kasernenartiges Aussehen hatte, wogte bereits fast die gesamte Mannschaft der Kompagnie durcheinander – mannhafte, breitschultrige Gestalten mit trotzig-kecken Gesichtern, von denen der letzte Zug wehmütigen Trennungsschmerzes verschwunden war. Die alten Mütterlein, die ihre Liebe bis hierher geleitet, saßen unbeachtet da und dort in einem Winkel zusammengedrängt, noch immerdar sorgsam das Leinwandsäcklein hütend, in dem sie eine rührend gemeinte Reisespende mitgebracht, aber aus ihrer Bekümmernis zugleich verwundert auf ihre Lieblinge schauend, die, wie von einem mächtigen Geiste ergriffen, plötzlich umgewandelt erschienen. Und es war wohl auch ein mächtiger Geist, der nie ausbleibt, wo die unverdorbenen Kinder eines Volkes im Gefühle bedrohten oder gekränkten Rechtes zusammenstehen. "Habt Ihr’s schon gehört – von unserem neuen Hauptmanne?" rief’s den beiden Eintretenden entgegen, indem sich von allen Seiten Hände und volle Gläser zum Willkomm erhoben; "kennt einer von Euch den Herrn?" "Nichts – kein Wort, was ist’s denn?" fragten die beiden aus einem Munde, und nun ergoß sich die Belehrung wie ein aufgestauter Fluß, dessen Schleuse geöffnet wird, daß ein wildfremder, ein hergelaufener Franzose, den höchstens der Holliger Wachtmeister gelegentlich von weitem gesehen, die Batterie ins Feld führen solle. "Das geht nicht", sagte der Belper-Fritz nach kurzem Besinnen, "das darf nicht sein, Kameraden; so wenig wir eine Katz’ im Sack kaufen, ebensowenig werden wir uns selbst im Sacke verkaufen." "Er hat recht", rief es ihm entgegen; "hörst, Wachtmeister, er ist unserer Meinung und doch weiß er noch nicht einmal, was der Franzose an unserem Hauptmanne getan haben soll." Der Belper-Fritz bemerkte nun erst den Wachtmeister, der, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, ruhig über das Gedränge wegschaute; er bahnte sich rasch einen Weg zu dem wertgehaltenen Kameraden, um dessen Ansicht genauer zu erfahren. Aber während die beiden ein Zwiegespräch anfingen, gingen die aufgeregten Meinungen der anderen immer lauter und ungestümer durcheinander. "Wir rücken nicht auf den Sammelplatz", erhob sich eine Stimme; "die Unteroffiziere sollen zu den gnädigen Herren der Kriegskommission gehen und in unserem Namen einen anderen Hauptmann verlangen, den wir kennen und Zu dem wir Vertrauen haben können." "Der hat recht, das ist auch meine Meinung", rief es, bis ein anderer – es war einer von denen, die gestern abend dem Judenbuben so übel mitgespielt – noch lauter schrie: "Nichts mehr von den gnädigen Herren, wir haben schon gesehen, wie sie’s mit uns meinen; wir wählen den Hauptmann selbst, der uns gefällt, wir sind jetzt Meister", und kaum war diese Meinung ausgesprochen, als ihr auch schon von allen Seiten mit lautem Geschrei zugestimmt wurde. "So kann’s nicht länger gehen, wenn wir nicht Schande erleben wollen", sagte der Wachtmeister zum Belper-Fritz, indem er rasch auf eine Bank stieg; "hilf mir, wenn’s nötig wird! Hört, Kameraden!" rief er und fuhr dann, als sich der Lärm gelegt, in ernstem Tone fort: "Was würde wohl unser seliger Hauptmann sagen, wenn er uns jetzt sehen könnte? Wollen wir ihm noch im Grabe Schande machen? War es nicht stets sein erstes Wort, Gehorsam sei des Soldaten Pflicht? Und was hat er uns hier an diesem Tische am Altjahrsabend als sein letztes Wort gesagt? Zuerst redlich unsere Pflicht getan und dann das Recht begehrt! Unsere Pflicht aber ist es jetzt, denen zu gehorchen, die uns zum Befehlen bestimmt sind. Wir ziehen sofort auf den Sammelplatz und vernehmen dort, was kommen und geschehen soll." Diesen Worten folgte nur ein leises, halb beschämtes Gerede, und als der Belper-Fritz laut sagte: "Ja, so würde unser Hauptmann gesprochen haben; mir ist’s, ich hätt’ ihn selbst gehört", drängten die Kanoniere von allen Seiten heran, um dem Wachtmeister mit schweigendem Händereichen ihre Beistimmung auszudrücken. Bald schmetterte an der Stadtmauer herab der wohlbekannte Sammelruf einer Trompete, und die Mannschaft tummelte sich rasch zum Aufbruche. "Ich bin zwar des neuen Hauptmanns wegen nicht ganz deiner Meinung", sagte der Belper-Fritz zum Wachtmeister, als sie miteinander nach dem Sammelplatze die Stadt hinabgingen, "die Sache kommt mir verdächtig genug vor; aber für einmal war dein Rat doch wohl das Beste." "Meine ganze Ansicht ist auch nur die", erwiderte der Holliger-Christen, "daß wir uns nichts vergeben und vorerst unsere Pflicht tun; daneben sollen wir freilich die Augen offen behalten, sind wir ja doch auch keine Kinder mehr. Was ich aber fragen wollte: habt Ihr noch keine Nachrichten über Mädeli, deine Schwester, mein’ ich?" "Nein, gar keine", antwortete Fritz leise. Die beiden kamen schweigend zur Kreuzgasse, wo sich trotz der unfreundlichen Witterung ein dichtes Gedränge Neugieriger gesammelt hatte, um die einrückenden Kanoniere in Augenschein zu nehmen. Der alte Lieutenant Jenni, ein durch seine Wohlbeleibtheit fast unbehilflicher Mann, sonst seines Zeichens ein ehrbarer bürgerlicher Kürschnermeister, saß bereits zu Pferde und bemühte sich, die anlangende Mannschaft in Reih und Glied aufzustellen; die bequeme Haltung jedoch, mit der seinen Anordnungen Folge geleistet wurde, mußte wohl auch den Zuschauern ein bedenkliches Zeugnis über das Ansehen ablegen, dessen er trotz seines Eifers bei den Soldaten sich zu erfreuen hatte. Drüben an der breiten Treppe des Rathauses, das mit seiner Front durch die kurze Seitengasse herüberschaute, standen drei gesattelte Pferde, nach denen sich neugierig alle Blicke richteten, und nicht lange, so wurden dieselben von drei Reitern bestiegen, die in voller Uniform herantrabten. "Ist das der neue Hauptmann?" fragte der Belper-Fritz leise den neben ihm stehenden Wachtmeister. "Ja, der ist’s, in der Mitte, zwischen dem Obersten Stettler und meinem gnädigen Herrn", kam ebenso leise die Antwort zurück, und im nämlichen Augenblick ertönte das heisere Kommando des Lieutenants zum Ziehen und Präsentieren des Seitengewehres. Die Herren ritten langsam die Front hinunter, um, wieder zurückkehrend, der Mitte gegenüber Halt zu machen, während der Lieutenant, in sichtlicher Verlegenheit, sich anstrengte, sein ungefüges Pferd neben den Wachtmeister zu bringen, der stramm und ruhig am Ende des rechten Flügels stand. Der Oberst v. Stettler ließ seine Blicke noch einmal über die Reihen laufen, schob dann die Schlaufe seines mächtigen Rohrstockes, der ihm am rechten Arme hing, gemächlich gegen das Ellbogengelenk zurück, berührte mit der Hand den runden Hut, der wie eine schwarze gezackte Wolke über einer schneebedeckten Bergspitze auf seinem Puderkopfe saß, und rief dann mit scharfer, weithin tönender Stimme: "Soldaten! Im Namen und Auftrag euerer gnädigen Herren und Obern stell’ ich euch hier euern Hauptmann vor. Ihr kennt euere Pflicht. Vor allem vergeßt nicht, daß er vor dem Feinde das Recht über Leben und Tod jedes einzelnen hat, wonach sich zu richten ist." Der Redner ließ die Schlaufe seines Rohrstockes wieder genau zum rechten Handgelenke hervorgleiten und wendete das Pferd zum Davonreiten, während der Herr v. Holligen mißvergnügte Blicke nach ihm warf, in Verlegenheit mit sich kämpfend, ob es besser sei, diese ungeschickte Rede durch einige herzliche Worte an die Mannschaft sogleich wieder gut zu machen oder aber dieses Geschäft dem Hauptmann selbst zu überlassen. Da plötzlich erscholl aus der hinten stehenden Menge der Ruf: "Wo ist der alte Hauptmann – der König, hingekommen?" Wie auf einen Schlag wendeten die Herren ihre Pferde, aber die Menge wendete ihre Köpfe ebenfalls rückwärts, als wäre der Ruf von der Straße heraufgekommen, wo doch keine Seele zu sehen war. "Wer macht da Lärm?" rief der Oberst v. Stettler, indem er seinen Rohrstock hoch empor schwang; aber wie zur raschen Antwort ertönte der Ruf von der entgegengesetzten Seite: "Wo ist der Hauptmann König?" Der Oberst riß sein Pferd nach dieser Richtung herum, scharf auf die Menge einreitend und ihr zuherrschend: "Ich will einmal sehen, ob der Halunke nicht zu finden ist." Das Volk wich vor diesem unerwarteten Anpralle auseinander, bis ein Knabe, der im Gedränge umgefallen und vor die Füße des Pferdes geraten war, sein Geschrei erhob; aber jetzt erscholl eine tiefe Stimme: "Zurück da!" und wie auf einen mächtigen Druck schloß sich der Haufe wieder zusammen, den Obersten drohend umgebend. Er wollte verwundert, doch unerschrocken, nach seinem Rohrstocke greifen, als ihm der Herr v. Holligen zu Hilfe kam, der in freundlichem Tone rief: "Macht Platz da, ihr guten Leute, daß wir durch können!" Im Augenblick war diesen Worten Folge geleistet, und die beiden Herren ritten wieder nach dem Rathause zurück, der Oberst v. Stettler mit offenbarem Widerstreben. "Um Gotteswillen, geht, geht!" flüsterte der Herr v. Holligen, "Euere unbedachtsame Hitze könnte Volk und Soldaten in Aufruhr versetzen; vorwärts, sag’ ich." "Das ist’s, da haben wir’s", erwiderte der alte Soldat, sich nur mühsam bemeisternd, "Ihr nötigt der Kanaille keinen Respekt auf und laßt sie gewähren. Das wird mir endlich saubere Geschichten absetzen, aber meinetwegen, zum Teufel, ich komm’ ja schon, quetscht mir nur den linken Fuß nicht mit Euerem Tiere." An der Rathaustreppe wäre der Herr v. Holligen gerne wieder zurückgekehrt, um mit freundlichen Worten den üblen Eindruck zu verwischen, welchen der Vorgang auf die Kanoniere hervorgebracht haben mochte; aber mit Vergnügen bemerkte er, daß sich der Hauptmann mit seiner Mannschaft bereits in Rapport gesetzt und sich von jedem Einzelnen mit lauter Stimme den Namen nennen ließ. In der Tat hatte sich Herr v. Amiel rasch in die Szene versetzt. Die Sicherheit seines Auftretens würde auch ihre Wirkung nicht verfehlt haben, hätte ihm nicht eine so üble Stimmung entgegengestanden. Er ließ sich indessen durch die argwöhnischen Blicke, die ihm überall begegneten, nicht beirren, traf mit scheinbarer Ruhe seine Anordnungen und teilte den Soldaten mit, daß sie noch einige Tage in der Stadt einquartiert würden. Während er sich jedoch anschickte, die weiteren Befehle zu erteilen, kam durch die Seitengasse vom Münsterplatze her ein schwarzgekleideter Mann, der, in der Nähe der Soldaten stehen bleibend, mit feierlicher Stimme ausrief, daß morgen um neun Uhr die Leiche der Mädeli Messer zur Erde bestattet werde. "Was sagt er?" rief der Belper-Fritz erbleichend, und ohne eine Antwort abzuwarten, stürzte er aus der Reihe, die Zuschauer durchbrechend, dem Ausrufer entgegen. Nach hastig mit demselben gewechselten Worten rannte er an seinen Kameraden vorüber dem Rathause zu, kaum beachtend, daß Ruedi seinen Posten ebenfalls verlassen und ihm mit geflügelten Schritten nachfolgte. "Was soll das bedeuten?" rief Herr v. Amiel zornig, "warum laufen die Bursche davon?" "Herr Hauptmann", erwiderte der Wachtmeister bewegt, "ich glaube, die Ausgerufene war die Schwester meines Nebenmannes." "Was geht das den Dienst an ohne Urlaubsbegehren", sagte der Hauptmann barsch; "Ihr, Wachtmeister, nehmt sogleich vier Mann, sucht die beiden auf und bringt sie in Arrest. Nach vollzogenem Befehl werdet Ihr mir in meiner Wohnung Rapport abstatten." Der Wachtmeister legte einen Augenblick die Hand vor die Augen; aber nach kurzem Besinnen trat er aus dem Gliede, kommandierte vier Mann, ihm zu folgen, und marschierte auf dem nämlichen Wege mit ihnen ab, den der Belper-Fritz und Ruedi eingeschlagen hatten. Obwohl der Eifer für die Einfangung ihrer Kameraden bei den Beauftragten kein allzu warmer war, mußten sie doch bald ans Ziel gelangen. Nicht weit unterhalb des Rathauses stand eine Gruppe Neugieriger auf der Straße, die verwundert nach einer niedrigen Haustüre blickten, durch welche die flüchtigen Kanoniere verschwunden waren. Nach kurzer Anfrage folgte ihnen der Wachtmeister mit seinen Gefährten, und kaum waren sie in den dunkeln Hausgang getreten, diente ihnen auch schon die Stimme des Belper-Fritz zum Führer, der in herzerschütterndem Schmerzenstone den Namen seiner Schwester rief. "Daß Gott erbarm’", sagte Christen, oben an der kleinen Treppe stehen bleibend, "das wird uns eine schwere Arbeit werden; ich wollt’ fast lieber, ich hätt’ den Auftrag rundweg abgeschlagen und die Folgen über mich ergehen lassen." "Darum brauchen wir ihn auch nicht zu vollziehen", meinte einer der Kanoniere, "wir sagen, es sei nichts zu finden gewesen. Der Fritz jammerte ja da drinnen, daß einem das Herz brechen möchte." "Nein", entgegnete der Wachtmeister, "das würde nur den Kameraden und uns Schaden bringen, aber wartet hier vor der Türe, ich will zuerst allein nachsehen und mit ihnen sprechen." Als Christen in die Stube getreten war, zog er mit dem ehrfurchtsvollen Schauer, die der Tote dem Lebenden einflößt, den Hut vom Haupte und näherte sich dem Bette, auf dem die zum letzten Gange geschmückte Leiche lag. Der Belper-Fritz hatte sie halb aufgerichtet mit beiden Armen umfaßt, unaufhörlich ihren Namen rufend, während Ruedi vorgebeugt, mit gefalteten Händen über das untere Bettende lehnte und, selbst totenbleich, auf das tote Antlitz starrte. Es war immer noch schön und herzbewegend, dieses Antlitz. "War Mädeli bei dir?" fragte Christen die Alte, die, über das plötzliche Erscheinen der Soldaten vor Angst zitternd, auf einem Stuhle saß, ist es hier gestorben?" "Ja, Herr", antwortete sie jammernd, "aber um Gotteswillen, laßt mir nichts geschehen! Ich bin an allem unschuldig und ich will alles sagen, was ich weiß. Ich hab’ auch schon heute früh zu seinen Eltern nach Belp geschickt, und sie können jeden Augenblick anlangen. O Herr, laßt mir nichts geschehen, ich hab’ alles getan für das arme Geschöpf." Sie war mit ihren Bitten und Klagen noch nicht zu Ende, als, von dem abgesendeten Boten geleitet, die kummergebeugten Eltern eintraten, um im Tode wieder zu finden, was sie im Leben mit fruchtloser Sorge gesucht hatten. Nachdem der erste Schmerz des traurigen Wiedersehens einer mildern Trauer gewichen, erzählte die Alte, wie und auf welche Weise Mädeli zu ihr gekommen, wie es selbst fortwährend jede Benachrichtigung an die Seinigen beharrlich abgelehnt und sich verborgen gehalten habe und dann so unerwartet vom Tode überrascht worden sei. Nur über das arme Würmlein, beteuerte sie, keine Auskunft geben zu können, und wohin dasselbe gekommen’ möge einzig der Junker Dießbach wissen und der – Judenbube. Belper-Fritz hatte der Erzählung schweigend zugehört und, als er nun auch den Auftrag des Wachtmeisters vernommen, sagte er bloß: "Jetzt kann ich schon mit dir kommen, da Vater und Mutter das letzte besorgen mögen." Er schaute noch eine stumme Weile auf die tote Schwester, deckte ein weißes Tüchlein über ihr Antlitz und folgte dann nach wortlosem Abschiede von den Eltern mit Ruedi seinen Waffengefährten. "Ich werde dem Hauptmann getreuen Bericht über das Vorgefallene abstatten", sagte der Wachtmeister wehmütig, als sie miteinander die Stadt hinaufschritten, "und hoffentlich wird er den Arrest sogleich aufheben – wenigstens wenn er ein Herz im Leibe hat." "Tu das nicht – heute noch nicht", erwiderte Belper-Fritz, "ich bin jetzt lieber allein als mit den übrigen zusammen, und Ruedi wird’s wohl auch so sein. Oh, wär’ noch Eins getan, möcht’ ich am liebsten unterm Boden sein." In der Kaserne, wohin sie gegangen, zeigte sich indessen ein Hindernis für die Unterbringung der beiden Straffälligen. Alle Räumlichkeiten waren von der Infanterie in Beschlag genommen, und der kommandierende Offizier verweigerte entschieden die Aufnahme der Ankömmlinge; dagegen gab er dem Wachtmeister eine Weisung an den Schließer des Marterturmes, damit die beiden Arrestanten vorerst dort ein Nachtquartier beziehen könnten. Als sie, an der Stadtmauer hingehend, zum "goldenen Rind" kamen, meinte ein Mann der unfreiwilligen Eskorte, es wäre wohl kein Verbrechen, wenn sie vorher noch ein Glas Wein zusammen trinken würden. "Ich mag jetzt keinen Wein", sagte Belper-Fritz, "kommt vorwärts!" "Aber eine Flasche wollt’ ich doch für Euch mitnehmen", entgegnete der Wachtmeister; "die Nacht ist lang, und schlafen werdet Ihr allem Anscheine nach auch nicht viel." "Ich danke dir", erwiderte Ruedi, der bis jetzt noch keinen Laut von sich gegeben hatte; "auch ich mag nicht trinken und hab’ es wie Fritz, ich möcht’ am liebsten allein im Finstern und Stillen sein." Dieser Wunsch war nun bald erfüllt. Zwar brummte der Schließer des Marterturmes, daß es sich wohl der Mühe lohnte, wenn er nicht andere Vögel als diese da zu hüten hätte; doch schloß er gleich neben dem schwer verriegelten Eingange ein dunkles Kämmerchen auf, in das die Arrestanten eintraten. Die Eskorte schritt schweigend an der Mauer zurück, um am Christoffelturme auseinanderzugehen, die Soldaten ihre Quartiere aufsuchend, der Wachtmeister, um seinen Rapport abzustatten. VII Mitternacht war bereits vorüber und die Stadt längst zur Ruhe, als der Herr v. Holligen langsam die Spitalgasse hinaufritt, um nach einem mühevollen Tage sich heimzubegeben. Durch die Stille tönte nur da und dort das "Wer da" einer Schildwache, und auch vor dem Reiter her ließen sich noch gleichmäßig auftretende Schritte vernehmen, die von einer Patrouille, einem auf- oder abziehenden Wachtposten herrühren mußten. "Das ist endlich Krieg", sagte der alte Herr, nach diesen Lauten lauschend, leise; und unwillkürlich richtete er sich im Sattel empor, während das Pferd, dem stärkern Flankendrucke gehorchend, einen kurzen Trab anschlagen wollte. "Ruhig, Alterchen", flüsterte der Reiter, dem Tiere über den schlanken Hals streichelnd, "die da droben am Tore brauchen uns für einmal noch nicht zu hören." Kaum aber vermochte der Oberst die Umrisse des schwarz in die Nacht aufsteigenden Turmes zu erkennen, als ihm auch schon eine kräftige Stimme "Halt – wer da?" entgegenrief und wie auf einen Schlag ein dämmernder Lichtschein unter dem Torbogen herausfiel. "Ah – gut Freund", antwortete der Angerufene, über diese Wachsamkeit vergnügt; "und die Stimme sollt’ ich wohl kennen – seid Ihr es, Herr Wachtmeister, Nachbar?" "Zu Befehl, ich bin es", erwiderte salutierend der Wachtmeister. "Ihr seid noch spät auf, gnädiger Herr." "Nicht später als Ihr selbst, guter Freund; aber was sagen Eure Leute, daß der Hauptmann sie schon in der ersten Nacht auf die Wache beordert?" "Dafür sind wir da; dagegen sagt keiner etwas, gnädiger Herr." "Brav, brav so; Ihr seid also zufrieden mit dem Tausche, der neue Hauptmann gefällt Euch?" Der Wachtmeister zuckte die Achseln und schwieg. "Wie – was?" fragte der Oberst, sein Pferd näher heranlenkend, leiser, "wie soll ich Euch verstehen?" "Nicht schlimmer, als ich’s meine, gnädiger Herr", erwiderte der Wachtmeister ruhig; "unsere Leute waren an den frühern Hauptmann gewöhnt wie er an uns, und wir alle können ihn nicht so leicht vergessen." "Nun, wenn’s weiter nichts ist, Freund, so wird sich das bald geben; mit der Zeit kommt die Gewohnheit." "Um die volle Wahrheit zu sagen", fuhr der Wachtmeister fort, "es hat böses Blut gemacht, daß heute schon zwei unserer Kameraden in Arrest geschickt wurden, da wir kaum angekommen waren." "Ich habe davon gehört – sie hatten aber gefehlt, und Ihr selbst habt sie bereitwillig in Arrest geführt. Das war brav von Euch, Nachbar." "Ich hab’ nur meinen Befehl vollzogen, gnädiger Herr; aber morgen wird dem einen die Schwester begraben, die er lange vor dem Tode nicht mehr gesehen hat. Er wär’ nun doch so gerne zur Leiche gegangen und kann jetzt nicht. Der Hauptmann befiehlt, daß beide ihre vollen vierundzwanzig Stunden abzusitzen haben, und das finden unsere Leute hart, sehr hart – gnädiger Herr." "Weiß Euer Hauptmann von dem Leichenbegängnis?" "Ich hab’s ihm erzählt; aber er sagt, der Befehl sei gegeben und müsse vollzogen werden." "Pah", machte der Herr v. Holligen, langsam mit der Hand über das Gesicht fahrend, "da hat er freilich recht. Wir sind im Dienst, und der Krieg ist hart, guter Freund. Wer weiß, wie mancher von uns bald draußen auf dem Felde liegen und sein nächster Kamerad sich nicht einmal Zeit nehmen wird, ihm die Augen zuzudrücken! Führt das Euern Leuten recht zu Gemüt und laßt nicht ab, Eure Pflicht zu tun. Ihr seid brav und verständig dazu – es soll Euch nicht gereuen." Der Schloßherr hatte diese Worte mit warmem, fast väterlich ermahnendem Tone gesprochen. Er beugte sich herab, um seinem Lehensmann die Hand zu reichen, und ritt darauf in schärferem Trabe mit einem freundlichen "Gute Nacht" zum Tore hinaus. Aber draußen ging das Pferd bald wieder seinen langsamen Gang, da der Reiter nachlässig ihm die Zügel auf den Hals herabgleiten ließ. Er achtete nicht auf das unheimliche Wehen, das stoßweise durch die blätterlosen Bäume am Wege strich, noch schaute er hinauf zum sternenlosen Himmel, an dem tief herabhängende Wolken dahinzogen; mit gesenktem Haupte achtete und schaute er nur auf die Gedanken, die ebenso wirr und dunkel wie Regenwolken in ihm auf- und niederstiegen. "Diesmal hatte mein alter Freund v. Stettler recht", sagte er in langsamen, unterbrochenen Worten, wie aus einem Traume sprechend; "man hätte die Sache schneller beendigen, ihn früher beiseite schaffen sollen. Das kleinste Ungefähr könnte jetzt unserem Ansehen Schaden, dem Herrn Amiel für alle seine Verdienste nur Gefahr und Verderben bringen. Und doch", fuhr er nach einer Weile fort, indem sich das Antlitz wieder tiefer senkte, "doch konnt’ ich zu einem Bluturteile nicht stimmen, ’s ist besser so – verdient hat er’s zwar um mein Haus nicht. Micheli du Crest – wie oft hat er mit Eifer von ihm gesprochen – es muß ihm geahnt haben! der unselig Undankbare!" Das Pferd ließ ein leises Wiehern hören und begann einen lebhaftern Schritt. "Ah, Alterchen", sagte der Reiter, die Zügel wieder aufnehmend, "du riechst die Krippe – nun ja, bin ich doch selbst müde. Und in Adelaidens Zimmer brennt auch noch Licht. Ich wollt’, der Morgen wär’ schon vorbei. Er ließ dem Pferde den Willen, das in verschärftem Laufe bald den Schloßhof erreicht hatte. Der Oberst ging leise, wie bei jeder nächtlichen Heimkehr seit dem Neujahrstage, nach seinen Gemächern hinauf, aber nicht leise genug, daß ein bang lauschendes Ohr nicht jeden seiner Schritte gezählt hätte. Als er endlich in sein Zimmer getreten und das schlurfende Geräusch des entlassenen Dieners durch den Gang verhallt war, ergriff Adelaide den schon tief herabgebrannten Leuchter und ging entschlossen ihrer Türe zu; aber als sie die Hand auf die Klinke gelegt, blieb sie wieder zögernd stehen, und das bewegliche Zittern des Lichtes in ihrer Rechten bewies zur Genüge, welch schwerer Kampf in ihrer Seele durchgestritten wurde. "Nein, ich trag’ es nicht mehr länger", sagte sie nach einigem Besinnen laut, wie um sich selbst Mut einzusprechen, "lieber das größte Elend als diese Qual peinvoller Ungewißheit." Und in Wahrheit mußte die Qual unerträglich geworden sein, welche das Fräulein zu diesem mitternächtlichen Gange bewegen konnte. In der ersten Stunde, da der Junker v. Dießbach ihr den Hoffnungsschimmer gezeigt, daß derjenige, den sie als tot beweint, noch unter den Lebenden weile, hätte sie diesen Trost nicht um ihr Seelenheil dahingegeben. Nun kann noch alles, alles wieder gut und froh werden, wenn er nur lebt, wenn ich ihn nur noch einmal sehen und ihm mein Blick sagen kann, daß ich auf ewig sein gehöre, hatte ihr eine innere Stimme zugerufen, als der Junker von ihr gegangen war, aber alsgemach trat der dunkle Zweifel heran mit der bangen Frage: Was tust und willst du, törichtes Herz? Wie und wo lebt er? Ist sein Leben nicht bloß aufgespart, um erst noch den letzten Schmerz zu tragen, den du schon überwunden glaubtest? Oder hat dir nicht nur gar eine mitleidige Täuschung gesagt, daß er noch am Leben sei? Adelaide hatte nach peinvoll durchwachter Nacht schon zur Mittagszeit nach dem Vetter Dießbach geschickt und, um Argwohn zu vermeiden, die alte Müllerin als Botin gewählt; aber der Junker war seit gestern nicht nach Hause gekommen, vermutlich sei er mit Freunden auf eine entferntere Jagdpartie gegangen. Der Nachmittag schlich dahin, ohne daß der Ersehnte sich zeigte, und als endlich die Nacht mit ihrer gedankenbrütenden Stille wieder gekommen war, reifte die Verzweiflung in der Seele des Fräuleins den Entschluß, den Vater selbst um Vertrauen und Aufklärung anzugehen. Der Oberst war nicht wenig überrascht, als er seine Tochter zu so ungewöhnlicher Zeit noch in vollem Anzuge, wie sie den Tag über ihren Vetter erwartet, in sein Zimmer treten sah. Das schwarze Seidenkleid hob in dem ungewissen Lichtscheine die Blässe ihres Antlitzes noch mehr hervor, während doch Blick und Haltung eher eine auffordernde Anklägerin als ein reuevoll bittendes Kind erwarten ließen. Hätte der Vater geahnt, mit welch mühevoller Anstrengung die Tochter diese Ruhe erkämpfte und wie sie noch vor seiner Türe mit sich gerungen, ob sie ihm nicht lieber mit flehender Bitte um den Hals fallen solle, so würde er wohl nicht die Verlegenheit gezeigt haben, die ihr gestattete, ihren Mut aufs neue zu sammeln; aber die Vorgänge des Abends und die verborgenen Gedanken, die er in sich trug, hatten schon vorher seine Sicherheit und gewohnte Würde wankend gemacht. So blickte er sie zweifelnd an, bis sie ihren Leuchter schweigend auf den Kaminsims gestellt und dann scheinbar ruhig sagte: "Verzeiht, Vater, daß ich so spät noch zu Euch komme; ich muß Euch sprechen." "Spät wohl", erwiderte der Oberst mit unsicherer Stimme, "doch wollt’ ich selbst morgen vor meinem Fortgehen dich rufen lassen – ich glaubte, du schliefest schon. Ich habe dir ebenfalls dich betreffende Mitteilungen zu machen." "Endlich doch, lieber Vater", fiel Adelaide mit flehenden Worten ein, indem sie die Hände wie bittend und dankend zugleich emporhob, "ach, ich dacht’ es wohl, Ihr könntet nicht länger so hart gegen Euer Kind sein. Ach, wüßtet Ihr, was ich die Zeit her gelitten habe! Lebt er noch? Wo ist er denn? O sprecht, Vater, und wendet Euch nicht zornig ab von mir; ich will Euer gehorsames Kind sein wie immer, wenn er nur lebt und ihm keine Gefahr mehr droht." "Von wem sprichst du denn, törichtes Mädchen?" rief der Oberst, aufstehend, "träumst du? Von wem willst du Nachricht haben?" "Von wem anders als von ihm?" antwortete Adelaide leise, "vom Schicksal des Hauptmanns-Vater!" "Von dem Hauptmann", schrie er, indem ihm die plötzliche Röte des Zornes über die Stirne flog, "von dem Hochverräter will das Fräulein von Holligen so angelegentlich Nachricht haben?" "Hochverräter?" sagte Adelaide langsam, indem sie sich mit der Linken auf das Kamingesims stützte und die Rechte über die Augen legte – "ja, Vater, wenn der Hauptmann König ein Hochverräter ist – von ihm müßt Ihr mir Nachricht geben." "Ich muß?" entgegnete der Oberst, heftig und hart an seine Tochter herantretend, "ich muß – meinst du?" Als er aber in die entschlossenen, wenn auch trüben Augen schaute, die ihm aus dem bleichen Gesichte entgegenblickten, wendete er sich wieder ab, um heftig das Zimmer auf und nieder zu gehen. "Ich bitt’ Euch, Vater – Euer Kind fleht darum", sagte Adelaide nach einer Weile tonlos. "Wer sagt dir aber, daß ich etwas wisse und dir mitteilen könne?" fragte er, stehen bleibend, "was soll ich mich um das Los eines Aufwieglers kümmern, der so schmählich mein Vertrauen betrogen?" "Ob er ist, was Ihr sagt, weiß ich nicht", erwiderte Adelaide, die unbeweglich da stand, "daß Ihr aber mehr wißt, gesteht Ihr selbst, Vater; im weitern verlangt Ihr nicht, daß Eure Tochter ein gegebenes Versprechen breche." "Hättest du dich immer so sicher als die Tochter deines Vaters gefühlt, Adelaide." "Gott sieht in mein Herz", antwortete sie, "ob je ein Gedanke drin gewesen, der Euerer Ehre nahe treten konnte; aber wenn ich auch geirrt haben sollte – erfüllt meine Bitte, und Ihr werdet den Namen des Unglücklichen nie mehr aus meinem Munde vernehmen." "Versprichst du das, Adelaide?" "Ich versprech’ es Euch, Vater." Der Oberst ließ sich langsam in einen Lehnstuhl nieder und stützte die Stirn in die Hand, als müßt’ er Erinnerungen und Worte sammeln. Nach einer stummen Weile, in der Adelaidens Blicke mit fieberhafter Glut an ihm gehangen, begann er: "Du hast mir dein Versprechen gegeben; so höre denn, was dir die Erfüllung desselben hoffentlich leicht genug machen wird. Wir hatten schon lange Spuren, daß alle unsere Vorkehren und selbst unsere geheimsten Ratschläge dem Feinde zur Kenntnis kamen; alle Wachsamkeit war umsonst, bis endlich der unermüdliche Eifer und die weitreichenden Verbindungen eines vielgeprüften Mannes den Verräter entdeckt haben. Und an diesen hast du in unglückseliger Verblendung dein Herz weggeworfen – der größte Schmerz, der deinen Vater treffen konnte." "Das sollte er wirklich getan haben", fragte Adelaide leise, "bei all seiner unvorsichtigen Offenheit, trotz seiner warmen Vaterlandsliebe?" "Gerade das war die Maske", fuhr der Oberst bitter fort, "hinter der er sein schändliches Tun so lange verbergen konnte. Endlich, wenn auch spät, mußte sie fallen, und wenigstens hat er sich noch die letzte Schmach der Feigheit erspart. Ohne Zwang und Folter hat er gestanden, daß er seit Jahren mit unserem Erbfeinde Laharpe in vertrauter Verbindung gestanden, und selbst zugegeben, wie er noch am letzten Abend vor seiner Verhaftung durch aufwieglerische Reden Mißtrauen gegen die Obrigkeit in die arglosen Gemüter seiner Soldaten zu pflanzen versucht habe." "Er muß also sterben?" fragte Adelaide dumpf. "Du sollst nun alles wissen", entgegnete der Oberst nach einer Pause, "und wenn es auch meine eigene Schwäche betrifft. Eine öffentliche Hinrichtung wäre unter gegenwärtigen Umständen weder ratsam noch tunlich; gegen eine geheime sträubten sich mehrere Mitglieder der zum Urteile berufenen Kommission, und ich selbst – ich konnte trotz aller Gesetzesgründe nicht zum Tode eines Menschen stimmen, der so oft an meinem Tische gesessen. So hat meine Stimme den Ausschlag gegeben – es ist kaum eine Stunde her." Das Fräulein, das jedes dieser bedächtig gesprochenen Worte mit atemloser Angst aufgefangen hatte, machte, die Arme ausbreitend, eine Bewegung, als ob sie ihrem Vater zu Füßen stürzen wolle; dieser aber streckte ihr abwehrend die Rechte entgegen und sagte streng: "Adelaide – zwinge mich nicht, daß ich jetzt schon bereuen muß, was ich getan habe! Übrigens’ wer weiß, ob er den Tod dem ihm bestimmten Lose nicht vorgezogen haben würde. Erinnerst du dich noch, was er einst von dem Genfer Rebellen Micheli du Crest sagte?" "Ich erinnere mich", erwiderte Adelaide kaum hörbar; "er meinte, die herrschende Gewalt habe sich durch die lebenslängliche Einkerkerung des geistvollen Denkers und Schriftstellers mit einem unauslöschlichen Brandmal befleckt." "Du hast ein treues Gedächtnis", fuhr der Oberst fort, "ja, so etwas wagte er uns ins Gesicht zu behaupten, da wir nachsichtig genug seine Ansichten als die Ausgeburten einer harmlosen Künstlerphantasie hingehen ließen. Nun mag er erfahren, daß die Gerechtigkeit den Aufrührer und Verräter noch ebenso sicher wie vor fünfzig Jahren zu treffen weiß. Nächster Tage wird er auf die nämliche Festung Aarburg gebracht, in der sein Vorgänger du Crest unschädlich gemacht wurde, und lebend soll er sie nie mehr verlassen." Adelaide stützte beide Hände auf das Kaminsims; ein heftiges Zittern ging durch ihre Glieder, daß sie meinte, zusammensinken zu müssen; bald aber ergriff sie ihren Leuchter und schickte sich mit einem leisen "Ich danke Euch, Vater" zum Gehen an. "Noch ein Wort", sagte der Oberst, sich erhebend, "wenn morgen oder sonst dieser Tage Herr v. Amiel vorsprechen sollte, so wirst du ihn auch während meiner Abwesenheit freundlich aufnehmen." "Herr v. Amiel?" fragte das Fräulein zögernd, indem eine rasche Röte über ihr Antlitz glitt, "ich wäre gerne noch einige Tage allein geblieben – ich fühle mich so unwohl, Vater." "Die Tage sind kostbar gegenwärtig", entgegnete der Oberst nachdrücklich; "Herr v. Amiel wird bald ins Feld rücken, und du hast nun meine Weisung gehört, Adelaide. Im übrigen wirst du, wie bisher, einstweilen das Haus nicht verlassen." "Wie Ihr befehlt, Vater", sagte sie, die Türe öffnend, "und nochmals – ich danke Euch." Als Adelaide ihr Zimmer erreicht hatte, sank sie auf den Teppich nieder. So lag sie noch, als schon der Tag durch die verhängten Fenster brach, und erst als vom Hofe herauf kräftiger Hufschlag ertönte, schrak sie, wie aus einem schweren Traume erwachend, zusammen und begann sich aufzurichten. Als sie ans Fenster getreten war, sah sie den Vater bereits in scharfem Trabe zur Straße hinaufreiten. Sie blickte ihm düster sinnend nach, bis er hinter dem Hügel verschwunden war. Dann rief sie mit lauter Stimme, die Hand wie zu einem Befehle ausstreckend, während ein unbeschreiblicher Ausdruck von Hoheit und Entschlossenheit über ihre feinen Züge aufstrahlte: "Nun rüste und wehre auch du dich, Adelaide von Holligen! Der Kampf ist ausgebrochen, und der Siegerpreis gilt Glück und Unschuld über Lüge und Verblendung " VIII Adelaide vermochte einem Zweifel an der Schuldlosigkeit des Hauptmanns keinen Raum zu geben. Hatte sie sich seit dem Besuche des Junkers v. Dießbach nur die bange Frage gestellt: lebt er noch oder ist er schon hinübergegangen? so kam ihr jetzt, da sie wußte, wessen er angeklagt und wofür er litt, sein Schicksal als ein höhnender Frevel vor, der an ihr selbst begangen worden. "Ja, wehre dich", sagte sie nochmals laut vor sich hin; "wenn selbst dein Vater in seiner Verblendung mithilft, den Schuldlosen lebendig in das Grab zu werfen, so bleibt dir nur noch eine Pflicht zu erfüllen. Aber wie", fuhr sie nach einer Weile, die Hand an die Stirne legend, fort, "wie soll ich helfen und was kann ich Arme gegen die herzlose Gewalt der Mächtigen und die Arglist der Verworfenen tun! Amiel, Amiel – ich erkenne dich! O Gott, zeige mir ein Licht, das aus diesem Dunkel führt!" Als sie zweifelnd und in sich ringend an das Fenster trat, sah sie die Müllerin über den Schloßhof hereinkommen und, wie von einem leuchtenden Strahle plötzlich erhellt, rief sie laut: "Ich hab’ es – ich hab’s gefunden; hat er ja selbst Heil und Rettung für alles stets nur von der aufopfernden Liebe und Treue des Volkes erwartet." Es verfloß wohl eine Stunde, bevor die Müllerin wieder durch die Allee hinaus nach ihrer Wohnung hinüberging; aber in dieser kurzen Frist schien sich die Frau verjüngt zu haben. Zu Haus erteilte sie an Knecht und Magd bestimmte Befehle für den Fall, daß sie vor Abend nicht zurückkehren würde, und begab sich dann unverweilt auf den Weg dem Bache entlang der Stadt zu. "Was die Meisterin nur Wichtiges haben mag", sagte die Magd, der Davongehenden nachblickend; "sie machte ja ein Gesicht, als wollte sie selbst in den Krieg gehen." "Oh, an Courage tät’s der nicht fehlen", meinte der Knecht; "die würd’s noch mit manchem aufnehmen, der Hosen trägt, wenn’s drauf ankäm’." Und der Knecht, der so viele Jahre in der Mühle gelebt, mochte wissen, was er sagte. Die Müllerin war eine Frau, die bei aller milden Gutmütigkeit ihres Wesens das Herz auf dem rechten Flecke trug. Nach dem frühen Tode ihres Mannes hatte sie selbst mit Meisterhand das Geschäft geführt, und unter Umständen war’s ihr auch nicht darauf angekommen, mit Roß und Wagen stundenweit über Land zu fahren. Seit ihr "Büebel", denn so nannte sie noch immer den sechs wohlgemessene Fuß hohen Wachtmeister, herangewachsen war, hatte sie zwar diesem solche Arbeit überlassen, aber wo es sein mußte, wußte sie stets noch handlich zuzugreifen. So hatte sie auch gestern weder sich selbst noch dem Sohne das Scheiden durch Jammern und Klagen schwer gemacht. "Geh’ du nur und halt’ dich brav, Christi", sagte sie dem jungen Soldaten, "und für das Übrige wollen wir Gott sorgen lassen." Als sie jetzt raschen Ganges an das Stadttor gekommen, rief ihr eine kräftige Stimme entgegen: "Ei seht da, Frau Müllerin, habt Ihr schon Heimweh nach Eurem Söhnlein? Ja, ja, kann mir’s denken, daß Euch der Herzkäfer fehlt!" "Heimweh grad nicht, Herr Wacker", erwiderte ruhig die Müllerin; "doch hab’ ich etwas Dringendes zu sprechen mit meinem Christi. Könnt Ihr mir sagen, wo ich ihn finde?" "Die Kompagnie hat diesen Morgen Appell an der Kreuzgasse", berichtete der Ädemajor; "dort werdet Ihr ihn antreffen." Als aber die Müllerin kaum an den bezeichneten Ort gekommen war, trat ihr unerwartet ein Anblick entgegen, der auch ihre sonst so unerschrockene Seele ergreifen mußte. Am Rathause herauf bog durch die Seitengasse still und feierlich ein Leichenzug heran, der allem Anschein nach einem Soldaten die letzte Ehre gab. Der schmucklose Sarg wurde von sechs Kanonieren getragen, an deren Spitze gesenkten Antlitzes der Wachtmeister dahinschritt, ohne seine Mutter zu bemerken. Hinter den Trägern ging schluchzend ein alter Mann in bäuerlicher Kutte, dem in langem Zug, je zwei zu zwei, die ganze Kompagnie folgte. "Lieber Himmel", fragte die Müllerin einen neben ihr Stehenden, "ist denn schon einer von den Kanonieren gestorben, hat’s vielleicht schon ein Unglück gegeben?" "Ich weiß es nicht", erwiderte der Angeredete, "sonderbar ist’s schon, sonst legt man einem Soldaten etwa Hut und Seitengewehr auf den Sarg, und die Offiziere gehen mit zum Begräbnis; aber von denen ist ja auch keiner dabei." "O, das glaub’ ich, das glaub’ ich", fiel eine heisere Weiberstimme ein, "und das Seitengewehr möcht’ ich sehen, das man der mitgeben könnt’. Es ist auch nur eine, nun, ich weiß wohl, was für eine Person, die bei der Gremplerin unterm Rathaus gewohnt hat; aber eine rechte Schand’ ist’s schon für die Soldatenleut’, daß sie mitgehen." "Da lügst du", entgegnete rasch die Müllerin, dem Weibe zornig und verächtlich zugleich in das braune, magere Gesicht schauend; "ja, wenn dein Mann, der Judenbub dabei wär’, könnt’ ich von der Toten glauben, was du sagst." "Oh, oh", keifte die andere, während sie unwillkürlich vor ihrer drohend aufgerichteten Gegnerin zurückwich, "meinst etwa, weil dein Wachtmeister mitgeht, sei die Sach’ besser, als sie ist? Wart’ nur, wirst schon sehen, was der Hauptmann dazu sagt, wenn er’s vernimmt. Und was sich schickt, brauch’ ich nicht von dir zu lernen – daß du’s weißt!" Die Müllerin hatte keine Lust, mit dem Weibe einen Straßenzank anzuheben, und schickte sich an, dem die Straße abwärts schreitenden Leichenzuge zu folgen, als von der entgegengesetzten Seite sich Pferdegetrappel vernehmen ließ. "Da hast’s", rief die Judenbübin schadenfroh, "da kommen die Herren Offiziere, der Hauptmann und Lieutenant, grad wie gerufen." Und in der Tat schwenkten die beiden im Trabe auf den Platz herein. Herr v. Amiel schaute verwundert umher und, als er die Straße abwärts den Leichenzug erblickte, rief er hastig: "Was ist das, Herr Lieutenant, sind das nicht unsere Leute, die dort hinabmarschieren?" "Zu Befehl, Herr Hauptmann", pustete der Gefragte, die Hand über die nachschauenden Augen legend, "blau-rot etzätera; die müssen den Appell vergessen haben, rein vergessen." "Ihr reitet ihnen nach mit der Ordre, augenblicklich zurückzukehren", befahl der Hauptmann; "bei strengster Strafe, versteht Ihr?" "Zu Befehl, zu Befehl", erwiderte der Lieutenant, sein Tier in Bewegung setzend, "werd’s ihnen sagen, den Dummköpfen etzätera." "Na, na, was meinst jetzt", höhnte die Judenbübin, "wird dein Wachtmeisterle noch weit springen? He, der Hauptmann ist kein Mehlsackträger; der versteht das Mückenaustreiben, hochmütiges Pack, das ihr seid!" Statt einer Antwort auf diesen erneuten Angriff begnügte sich die Müllerin, auf die andere Seite der Straße zu gehen, von wo sie mit unverwandten Blicken dem Lieutenant nachschaute. Er ritt, nachdem er die langsame Schar bald eingeholt, den Säbel ziehend an der Spitze des Zuges und schien dort unter lebhaften Gestikulationen seine Befehle auszurichten; aber kaum einen merklichen Augenblick kam das Trauergeleite ins Stocken, um sich sofort wieder in seinem feierlichen Gange vorwärts zu bewegen. Der Lieutenant ritt der Reihe entlang auf und nieder, da und dort anhaltend und mit dem Säbel in der Luft herum fechtend, vergeblich. Schon waren die Sargträger, um die Ecke biegend, in die abwärts lenkende Staldenstraße verschwunden, und nach einer Minute blieb nur noch der Lieutenant sichtbar, der in unbehilflicher Verlegenheit bald dem Zuge nachschaute, bald zum Hauptmann heraufblickte. Dieser winkte ihm mit dem Degen zurückzukommen und rief ihn schon von weitem an: "Was ist’s? Warum haben die Bursche nicht Ordre pariert?" "Zu Befehl, Herr Hauptmann", antwortete der Lieutenant, sich den Schweiß von der Stirne wischend, "’s hat keiner das Maul aufgetan, einzig der Wachtmeister erklärte, sie werden auf dem Platze erscheinen, sobald der Sarg an das Grab geleitet sei, etzätera." Der Hauptmann biß erbleichend die Lippen zusammen und setzte seinem Pferde die Sporen ein, aber nach wenigen Sätzen riß der Reiter das Tier wieder herum und rief dem Lieutenant zu, bis zu seiner Rückkehr zur Stelle zu bleiben. Er selbst sprengte nach dem Rathause hinüber und eilte, die Zügel einem gravitätisch dort stehenden Weibel zuwerfend, im Fluge die breite Treppe hinan. Die Müllerin hatte dieser rasch vorübergehenden Szene mit klopfendem Herzen zugeschaut. "Ja, geh’ nur zu deinen gnädigen Herren", sagte sie halblaut, als der Hauptmann durch die Rathaustüre verschwunden war, "dort drunten sind ihrer hundert, die zusammenhalten", und ohne weiteres Besinnen eilte sie durch die Lauben, die der Straße entlang abwärts führen. Als sie am Ende des Staldens zur Brücke kam, sah sie den Leichenzug bereits durch das Tor des Friedhofes biegen, der auf der jenseitigen Anhöhe des Flusses lag. Wie sie nun selbst den menschenleeren Weg emporstieg und zum Geleite nur noch die Klänge des Totenglöckleins hatte, die von der alten Nydeckkirche herüberschwammen, kam über ihr Herz die ganze wehmütige Feier, die den Menschen in der Nähe eines Grabes von seinem irdischen Tun ablöst und sein Gemüt durch die Vorstellung alles Vergänglichen zugleich mit der trostvollen Ahnung des Ewigen erfüllt. Am eisernen Gittertore des Friedhofes blieb sie, die Hände faltend, stehen, während sich drinnen ein Chor von Männerstimmen wie tief anschwellender Glockenton zu dem alten Liede erhob: Ich bin ein Gast auf Erden Und hab’ hier keinen Stand; Der Himmel soll mir werden, Da ist mein Vaterland. Die Müllerin sprach diese Worte leise nach, mit denen sich ein demütiges Gebet verwob, daß der Herr der armen Seele, die jetzt vor seinen Thron getreten, ein gnädiger Richter sein möge, aber noch bevor das Lied zu Ende war, wurde sie durch das Geräusch nahender Tritte aus ihrer Andacht aufgestört, und aufblickend sah sie den Junker v. Dießbach langsam von der andern Seite der Friedhofmauer herankommen. Er schien ebenfalls, in Gedanken verloren, dem Gesang zuzuhören und sie nicht zu bemerken, bis sie eine Bewegung machte, um ihm den Eingang durch das Tor offen zu lassen; dann aber starrte er sie mit plötzlichem Erschrecken einen Augenblick an und lief, ohne ihrem Gruße zu antworten, so eilig wieder auf dem nämlichen Wege zurück, als ob ihm ein unheilverkündendes Gespenst erschienen wäre. Das Lied verhallte, und bald ließ sich über den Friedhof her der gleichmäßige Soldatenschritt vernehmen. Der Wachtmeister blieb verwundernd stehen, als er vor dem Tore seine Mutter wartend und ihm zuwinkend erblickte, und das verlegene Zögern, mit dem er aus der Reihe trat, schien zu verraten, daß ihm diese Begegnung im Augenblick fast ebenso ungelegen als unerwartet kam; aber nach den ersten gewechselten Worten rief er so laut: "Was sagst du? ist das wahr?" daß seine Kameraden neugierig aufschauten und die Mutter ihn nur mit Mühe beschwichtigen und weiter weg auf die Seite ziehen konnte. Die Kompagnie marschierte langsam vorwärts und machte, am Staldentore angelangt, Halt, um den zurückgebliebenen Kameraden abzuwarten. Mit Teilnahme und Spannung sahen die Leute, wie er in eilfertigem Laufe die Anhöhe herabeilte, und schon von weitem rief’s ihm entgegen: "Was ist begegnet, Wachtmeister, hoffentlich nichts Ungutes." "Still, nur still", erwiderte er aufatmend, "da auf der Straße läßt sich die Sache nicht verhandeln, nachher werdet ihr’s schon vernehmen. Aber vorwärts jetzt, Kameraden, und nochmals, fest zusammengehalten!" Als der wohlgeordnete Zug dem Sammelplatz nahte, war derselbe schon von einer neugierigen Volksmenge bedeckt, die sich rings um die beiden zu Pferde haltenden Offiziere ergoß, neben diesen stand aber noch mit aufgepflanztem Bajonett und Gewehr im Arm eine kleine Abteilung Garnisönler, denen in gewöhnlichen Zeiten die Torwachen und der sonstige Sicherheitsdienst der Stadt oblag. Die Mannschaft löste ohne Kommando ihre Reihen, um sich wie gebräuchlich in zweigliedriger Front aufzustellen. Nachdem der Lieutenant die Namen der Kompagnie abgerufen und deren jedem mit Ausnahme des Belper-Fritz und Ruedis ein kräftiges "Hier" geantwortet, kommandierte der Hauptmann, den Degen ziehend: "Unteroffiziere vorgetreten!" Aller Blicke richteten sich nach dem Wachtmeister, und als dieser ruhig zwei gemessene Schritte vor die Front trat, folgten auch die übrigen Unteroffiziere dem Beispiele. Soldaten und Zuschauer verharrten in atemloser Stille, die durch das hereintönende Murmeln des nahen Brunnens nur noch mit einer fast beängstigenden Schweigsamkeit erhöht wurde. "Die Zeit der Sammlung war euch um neun Uhr angesagt", begann der Hauptmann mit mühsam angestrengter Stimme; "jetzt ist’s eine Stunde später; wie ist das gekommen und warum habt ihr der Weisung des Lieutenants nicht Folge geleistet?" "Herr Hauptmann", antwortete ohne Zögern der Wachtmeister, "ich hab’ Euch noch diesen Morgen im Namen der ganzen Kompagnie gebeten, unsern gefangenen Kameraden auf eine Stunde frei zu geben, daß er seiner Schwester die letzte Ehre erweisen könne. Was Ihr ihm nicht erlauben wolltet, das haben nun wir für ihn getan." "Bist du der Ratgeber und Rädelsführer?" fragte der Hauptmann näher heranreitend; "Wer hat den Vorschlag gemacht?" "Einen Rädelsführer braucht’ es nicht", erwiderte ruhig der Wachtmeister; "wir haben’s alle gemeinsam beraten und beschlossen und sind der Folgen gewärtig." "Die werdet Ihr auch spüren", rief der Hauptmann, "auf Befehl der Kriegskommission, eurer gnädigen Herren und Obern, versteht ihr? legt ihr sogleich euere Waffen nieder und begebt euch dann dahin, wohin ihr bis auf weiteres geführt werdet. Dein Seitengewehr her, Wachtmeister!" Dieser legte einen Augenblick beide Hände auf die breite Klinge, die ihm zur Seite hing; aber alsbald begann er die Scheide vom Bandeliere loszukoppeln und rief, dieselbe vor sich hin legend, die Front hinunter: "Tut wie ich, Kameraden, und folgt mir!" "Ha, frecher Bursche", schrie der Hauptmann, seines Grimmes nicht mehr mächtig, "wer gibt dir die Erlaubnis, hier zu befehlen? Macht euch fertig!" wendete er sich an die Garnisönler, "und der erste, der sich rührt, wird augenblicklich niedergeschossen!" "Laßt diese da außer Spiel, Herr Hauptmann", rief nun auch seinerseits mit drohender Stimme der Wachtmeister, "und glaubt ja nicht, daß wir ihre Blasrohre fürchten, wenn’s drauf ankäme." Herr v. Amiel hob seinen Degen über den Kopf, als wollte er zu einem Streiche ausholen; aber sei es, daß ihm die Klugheit noch rechtzeitig Besonnenheit zuflüsterte, ober blieb die trotzige Furchtlosigkeit, mit welcher die Blicke des Wachtmeisters der kreisenden Klinge folgten, nicht wirkungslos, die erhobene Hand sank langsam wieder herab und ließ den Degen auf den Hals des Pferdes gleiten. Auch die Garnisönler schienen auf erneuerten Befehl zu warten, bevor sie ihre Musketen aus der bisherigen Lage brachten; sie mochten wissen, daß der Wachtmeister trotz seiner despektierlichen Ausdrucksweise doch nicht neben die Wahrheit gesprochen. Die Entwaffnung ging nun rasch und schweigend vonstatten, während zwei der Stadtsoldaten die Seitengewehre auf ein Handwägelein zusammenpackten. Auf das Kommando des Lieutenants ordnete sich dann die Kompagnie in Marschordnung und folgte stumm den Waffen, die ihr die Stadt aufwärts vorangeführt wurden. Der Lieutenant ritt hinter dem von einer neugierigen Menge umdrängten Zuge, pflichteifrig sich links und rechts vorbeugend, um zu erspähen, ob sich nicht irgendwo eine verdächtige Bewegung bemerklich mache; manchmal aber schielte er auch vorsichtig über die Schultern nach dem zurückgebliebenen Hauptmann. Als dieser endlich den Platz, auf dem er, die Abziehenden beobachtend, noch eine Weile gehalten hatte, verlassen, steckte der Lieutenant seine Klinge in die Scheide und trabte an die Spitze hinauf. "Eh, puh", machte er, sich etwas vom Pferde herabbeugend, "tut mir leid, wahrhaftig, Wachtmeister, tut mir leid, ich wollt’ gern ein paar Kronentaler geben, wenn ich nicht so mit Euch durch die Stadt ziehen müßte." "Ich glaub’s Euch, Herr Lieutenant", erwiderte Christen; "aber wo geht’s denn eigentlich hin?" "In die Kaserne, Mann, in die Kaserne; dort soll die ganze Kompagnie auf Weisung der hohen Kriegskommission bis auf weiteres eingesperrt werden, und nachher hab’ ich auch die beiden im Turme noch zu euch zu bringen. Ah, schlimme Geschichte, etzätera." "Nu, das wird auszuhalten sein", meinte der Wachtmeister nachdenklich, "obwohl ich im Dienste noch nie gestraft worden bin. Wenn wir nur erst den Leuten ab Augen wären!" "Wär’ mir auch lieb, können übrigens da durch das Seitengäßchen; rechts schwenkt!" rief der Lieutenant, und der Zug bog rascher in ein Dunkelgäßchen, das nach kaum hundert Schritten an das Kasernentor führte. Das Übrige war nun bald getan. Nach weniger als einer Viertelstunde fand sich die Mannschaft in einem dunklen Lokale zusammengedrängt, das selbst in dieser Mittagszeit durch schmale vergitterte Fenster nur ein dürftiges Licht erhielt, während vor der schweren verschlossenen Türe die Tritte einer auf und ab schreitenden Wache widerhallten. Anfänglich herrschte eine dumpfe Schweigsamkeit in dem Raume. Die einen suchten grollend einen Winkel, in dem sie sich, ihre Habersäcke als Kopfkissen nehmend, hinstrecken konnten, andere standen in kleinen Gruppen zusammen in flüsterndem Gespräche, dessen Sinn mehr durch die häufig sich ballenden Fäuste als durch Worte offenbar wurde; alle aber richteten ihre Blicke mit unruhiger Erwartung auf den Wachtmeister, der, offenbar mit schweren Gedanken beschäftigt, bald hastig auf und nieder ging, bald wieder in sich versunken, an die Mauer gelehnt, stehen blieb. Endlich winkte er die Unteroffiziere zu sich heran, die nach den ersten leisen Worten schon in so heftige Aufregung zu geraten schienen, daß auch die Soldaten sich neugierig heranzudrängen versuchten. "Still, bleibt, wo Ihr seid!" rief ihnen der Wachtmeister mit gedämpfter Stimme zu, "Ihr werdet alles erfahren, aber daß mir keiner einen unvorsichtigen Laut von sich gibt! Wir wissen nicht, welche Ohren hinter diesen Mauern oder vor der Türe horchen könnten!" Die Soldaten gehorchten; nach kurzer Frist verteilten sich die Unteroffiziere wieder durch das Lokal, jeder eine dichtgedrängte Gruppe um sich bildend. Ihre leise geflüsterten Mitteilungen wirkten wie der Gebirgssturm, der die Grundtiefen des Alpensees aufwühlt, noch bevor er auf der Oberfläche eine Welle kräuselt. "Ich bitt’ Euch nochmals", mahnte der Wachtmeister, "seid ruhig, sonst könnte alles verdorben und der beste Wille zu Schanden werden." "Wüßten wir nur, wo er ist", rief eine gedämpfte Stimme, "dann sollt’ uns selbst der Teufel keine Türe fest genug verriegeln." "Ja freilich, wüßten wir das, wär’ ich selbst zu allem bereit", entgegnete der Wachtmeister; "drum nochmals Vorsicht und Geduld! Es gibt schon Leute, die darnach forschen werden – verflucht, daß wir jetzt in diesem Loche hocken müssen – ". Diese unmutige Verwünschung war kaum zwischen den Zähnen hervorgemurmelt, als die Türe rasselnd sich öffnete und Belper-Fritz und Ruedi hereingeschoben wurden. "Ich dank’ Euch allen", rief der erstere, den Kanonieren beide Hände entgegenstreckend, während große Tränen aus seinen Augen schossen; "der Lieutenant hat uns alles erzählt, ich werd’s keinem vergessen mein Leben lang, glaubt mir’s!" "Tröst dich Gott, und ergib dich nun drein!" sagte der Wachtmeister, die Rechte des Kameraden drückend; "aber was Ihr beide noch nicht wißt, sollt Ihr nun auch gleich erfahren." Er war mit seiner leisen Mitteilung kaum zu Ende, als Ruedi laut ausrief: "Hörst’s jetzt, Fritz? Er ist’s gewesen bei meiner armen Seele Seligkeit." "Still, still", machte der Wachtmeister, dem Unvorsichtigen die Hand auf den Mund legend; "aber was ist’s, von wem redest du?" "Hört nur", entgegnete Ruedi leiser, während sich die ganze Mannschaft lauschend aufeinander drängte, "vergangene Nacht, es mochte auf Mitternacht gehen, stand ich schlaflos an der Türe unseres Gefängnisses, als ich vor derselben die Treppe herab leise Tritte vernahm und eine Stimme sagte: "Heut’ wird’s das letzte Mal sein." "Der Himmel geb’ es", antwortete eine andere Stimme, und dann hörte ich, wie das Ausgangstor des Turmes sich vorsichtig auftat. Fritz lag still in einem Winkel, und ich meinte, er sei eingeschlafen; ich wollt’ ihn nicht wecken, aber immer mußte ich wieder an die eine Stimme denken; mir war’s, als ob ich dieselbe schon hundertmal gehört habe, und doch konnt’ ich jetzt nicht drauf kommen, wo? Nach langem war ich über dem Sinnen so halb eingeschlafen, als ich hart an der Mauer ein kurzes Schnauben, wie von Rossen, hörte und durch das vergitterte Guckloch an unserer Türe ein kleiner Lichtschein hereinfiel. Ich stellte mich mit dem einen Fuß auf das große Schloß, um durchschauen zu können; aber vor Schrecken ließ ich los und fiel auf den Boden herab. Denn draußen hat neben dem Turmwächter, der leise das Tor wieder verriegelte, niemand anders als unser Hauptmann König gestanden." "Was sagst du", rief der Wachtmeister, nun selbst die Vorsicht vergessend, laut, "hast du nicht falsch gesehen?" "Fritz wollte es mir auch nicht glauben", erwiderte Ruedi aufatmend, "obgleich er noch mit mir doppelte Schritte die Treppe hinangehen und dann eine Türe auf- und zuschließen hörte. Am Ende dacht’ ich selbst, ich könnt’ mich getäuscht haben; aber jetzt will ich meine Seligkeit daran setzen, er ist’s gewesen. Er war nur bleicher als sonst und hatte gerade ein schwarzes Tuch vom Gesichte genommen, das er dem Turmwärter entgegenhielt." Einen Augenblick herrschte so lautlose Stille, als müsse jeder den Atem in der eigenen Brust belauschen; dann rief eine tiefe Stimme: "Wir wollen doch selbst miteinander im Marterturme nachsehen, bevor es zu spät ist." "Ja, ja, das wollen wir", scholl’s von mehreren Seiten, indem sich der festgedrängte Knäuel in stürmische Bewegung auflöste; "hinaus, hinaus, schlagt die Türe ein!" "Seid Ihr alle einverstanden?" rief der Wachtmeister, sich erhebend, mit flammendem Gesichte; "wollt Ihr Ehr’ und Leben daran setzen, den Hauptmann zu befreien, der auch unseretwegen unschuldig verurteilt ist?" "Wir wollen’s – vorwärts zum Marterturm!" dröhnte es wie aus einem Munde durch den Raum, und im Augenblicke stemmten sich so mächtige Schultern an die Türe, daß sie in ihrem Schlosse ächzend erkrachte und nach einem zweiten Rucke aus den Angeln flog. IX Mit genauester Überlegung und Benützung der Umstände hätten die Kanoniere keinen für ihr verwegenes Unterfangen günstigeren Augenblick wählen können, als es nun ohne absichtliches Zutun geschah. Als die aus den Angeln gehobene Türe polternd zwischen den Pfosten auf das Pflaster hinausstürzte, sprang der Wachtmeister mit einem Satze über dieselbe weg auf den wachehabenden Soldaten los. "Guter Freund", sagte er, das Gewehr des Überraschten anfassend, "laß mir das Ding da und verhalt’ dich ruhig! Komm’ was will, ich geb’ dir mein Wort, wir alle werden dir bezeugen, daß du unversehens überrumpelt und wehrlos gemacht worden seiest." "I nu ja", meinte der Soldat gutmütig, indem er zweifelnd über den öden Hinterhof der Kaserne wegblickte, "das werdet Ihr immer sagen müssen, wollt Ihr nicht jämmerlich lügen. Aber was habt Ihr eigentlich im Sinne?" "Das ist unsere Sache", entgegnete der Wachtmeister, "sag’ du uns nur, wie stark am vorderen Tore die Kasernenwache ist und wer sie befehligt?" "Was werden’s sein? Zwölf Mann und der Ädemajor Wacker; alles andere ist zum Exerzieren auf den Wyler und die Schützenmatt gezogen." "Der Ädemajor Wacker, sagst du?" "Ja, eben der – von Bümpliz." "Vorwärts, Kameraden!" Nach dem vorderen, der Stadt zu liegenden Kasernenhofe führte ein schmaler, dunkler Torweg, den die Kanoniere hastig mit hallenden Tritten ausfüllten. Am anderen Ende desselben stand ebenfalls eine Schildwache; aber noch bevor sie wußte wie ihr geschehen, hatte der Belper-Fritz ihr Gewehr ergriffen und rief der Wachtmeister mit dröhnender Stimme: "Mir nach, mir nach zur Wachtstube!" Der fest zusammengedrängte Knäuel wälzte sich über den Hof weg, und noch hatte keiner der achtlos plaudernden und herumliegenden Soldaten in der Wachtstube das Gewehr ergriffen, als sich dieselbe schon mit einem erdrückenden Gedränge erfüllte. "Zum Teufel, was ist das?" rief der Ädemajor, erschrocken aus der kleinen Nebenstube herbeispringend, "macht fertig!" "Fertig ist’s schon", sagte der Wachtmeister, dem Offizier vergnügt näher tretend, als er sah, wie flink sich die Kanoniere sämtlicher Gewehre bemächtigt hatten; "aber darum keine Feindschaft zwischen uns, Herr Ädemajor; Ihr seid in unserer Gewalt und müßt Euch ergeben; übrigens nur auf ein Wort!" Er beugte sich vor, um dem Offizier leise etwas ins Ohr zu sagen. Dieser schaute den Wachtmeister einen Augenblick erstaunt und zweifelnd an, dann rief er laut: "Ja freilich, ich nehm’ alle zu Zeugen, daß wir nur der Übermacht weichen, wir geben uns gefangen." "Wir werden selbst zu diesem Zeugnis stehen", entgegnete der Wachtmeister – "fort, Kameraden!" So gegen alles Erwarten schnell im Rücken gedeckt, stellte sich die Kompagnie im Hofe, dem großen Eingangstor gegenüber, in Marschordnung auf, die den Wachen abgenommenen Gewehre wurden über die ganze Linie verteilt, wobei die Anordnungen des Wachtmeisters mit einer Raschheit befolgt wurden, als wär’ er von jeher der Befehlshaber der Truppe gewesen. "Nun denn in Gottes Namen vorwärts", rief er, die Linie nochmals überschauend, indem er sich, mit einem Gewehre bewaffnet, neben den Belper-Fritz an die Spitze stellte, "es lebe unser Hauptmann!" "Er lebe hoch!" dröhnte es durch die leeren Kasernenräume, und im Laufschritte marschierte die Kompagnie durch das Tor auf die Straße hinaus. Draußen jedoch hatte sich bald ein breiter Schwarm Neugieriger angesammelt, der die über den Bärenplatz ziehenden Kanoniere wie ein Bienenflug umsummte. Manche hatten schon vorher in der Nähe der Kaserne gestanden, sich von der Rebellion der Kompagnie unterhaltend, über welche die abenteuerlichsten Gerüchte und Meinungen umliefen, andere blieben über den sonderbaren Aufzug der ohne Seitengewehr und nur mit einzelnen Musketen bewaffneten Kanoniere verwundert stehen und schlossen sich dem nachfolgenden Zuge ebenfalls an. "Wir müssen pressieren", sagte der Wachtmeister, den immer stärker anschwellenden Haufen überschauend, "sonst könnten uns die da noch irgendwie zwischen die Füße kommen, Vorwärts – Sturmlauf!" und wie eine hetzende Jagd ging es die Spitalgasse aufwärts, dem Tore zu. "Du hast recht", rief der Belper-Fritz, als sie um den Christoffelturm der Stadtmauer entlang hereinbogen, "siehst du, der Spürhund dort hat uns schon gemerkt!" "Zum Teufel mit dem Judenbuben", entgegnete der Wachtmeister aufflammend, als er den Genannten in eiligem Laufe hinter dem Marterturme verschwinden sah, "der hat zum letztenmal gesündigt, wenn er uns in die Quere kommt. Immer zu, Kameraden!" Nach wenigen Sprüngen war das mächtige Eichentor des Turmes erreicht, und der Belper-Fritz rannte mit gewaltigem Satze gegen das eingefügte kleinere Eingangspförtchen; aber dasselbe lag fest in seinen Riegeln und schien mit dem schweren Beschläge, das in breiten, dicken Eisenspangen die kreuz und quer über das Holzwerk lief, einen trotzigeren Widerstand zu bieten als die Türe im hintern Kasernenhofe. "Der Halunke hat den Turmwärter gewarnt oder selbst hinter sich verriegelt", sagte der Belper-Fritz, von der fruchtlosen Anstregung aufatmend, "da können wir die Zähne schön ausbeißen!" "Siehst, dort liegen ja die Schlüssel", rief der Wachtmeister, auf die gesägten Holzstämme zeigend, die an den Werkhütten der Mauer entlang herumlagen; "einer von denen wird schon aushelfen." Im Augenblicke bückten sich ein halbes Dutzend frischer Burschen nach einem zur Zugschwelle zugehauenen jungen Eichenstamme, der, zwischen den gegenüberstehenden Trägern und von arbeitsschwieligen Händen in balancierende Bewegung gesetzt, sich mit drohender Spitze rasch gegen das Tor bewegte. "So recht, Kameraden", rief der Wachtmeister, "jetzt in richtigem Takte auf und nieder... eins... zwei... drei...", und beim letzten Worte donnerte der zum Sturmbocke umgeschaffene Ballen so gewaltig gegen das Eingangspförtchen, daß die alten Turmmauern erzitterten und hoch vom Dachrande herab kleine Ziegelstücke, mit Mörtel vermischt, niederfallen ließen. Das wohlgefügte Tor dagegen schien die Ehre seines Erbauers wahren zu wollen, und der Wachtmeister, der hart neben demselben stand, schaute, nachdem er sich die Augen von dem herabwirbelnden Staube ausgewischt, prüfend und verwundert auf das festgebliebene Spangenwerk. "Eineweg könnten sie’s drinnen gehört haben, wenn sie aufmachen wollten", sagte er mit fast komischem Ernste; "drum noch einmal probiert!" Beim zweiten donnernden Stoße hoben sich die dicken Nagelköpfe von den Eisenbändern ab, diese selbst bogen sich da und dort auseinander und wichen aus ihren Knotenpunkten; aber wieder ließ sich von innen noch kein Laut, kein herannahender Tritt hören, der die Absicht verraten hätte, die schweren Riegel zurückzuschieben, während um die Werkhütten sich bereits eine immer dichtere Menschenmasse herandrängte. "Zum drittenmal", rief der Wachtmeister, und unter dröhnendem Poltern stürzte das Pförtchen mit zerspringendem Eisenwerke auf den dunklen Flur hinein. Wie eine hochgehende Woge wollte sich die ungeduldige Mannschaft durch die gewonnene Öffnung stürzen; aber mit lauter Stimme befahl Christen, daß die Hälfte sich vor dem Tore aufstellen, die andere ihm und dem Belper-Fritz vorsichtig und nur Mann für Mann nachfolgen solle. Auf den obersten Staffeln der schmalen, dunkeln Steintreppe trat den Eindringenden der Turmwächter entgegen, dessen wohlgenährtes Vollgesicht mit der behäbigen, fast ebenso dicken als langen Gestalt zu dem Amte, das er versah, gar nicht gepaßt haben würde, hätten nicht zwei kaltgraue Augen mit einem bald stechenden, bald wieder eigentümlich schielenden Blicke dem Antlitz einen abstoßenden, unheimlichen Ausdruck gegeben. Mit dem Tone des unbefangensten Erstaunens rief er den Ankommenden entgegen, was der Lärm zu bedeuten hätte und was sie eigentlich hier wollten. "Das wird Euch der Judenbub schon gesagt haben", entgegnete der Belper-Fritz, "nur vorwärts!" "Der Judenbub?" antwortete der Turmwärter; "dem Judenbuben gucke ich eben nach, wie er eilig am Turme vorbei und an der alten Mauer hinlief. Ich dachte noch bei mir selbst, was er wohl so Pressantes haben möge." Diese Worte waren wieder mit einem solchen Ausdrucke der Verwunderung gesprochen, daß der Wachtmeister bei sich zweifelhaft wurde; in ihrer argwöhnischen Eilfertigkeit konnten sie sich ja doch getäuscht haben, und der Judenbube mochte wohl um die Biegung des Turmes, statt in denselben hinein ihren Blicken entschwunden sein. Nach einem Augenblicke zögernder Überlegung sagte er daher: "Nun, sei dem, wie ihm wolle, von Euch wollen wir auch nichts Übles, Meister Kratzer; seid nur so gut und zeigt uns die Gefangenschaft unseres Hauptmanns... des Malers König, mein’ ich." "Ah, ah, zu Eurem frühern Hauptmann wollet Ihr", machte der Turmwächter beifällig nickend, "recht brav... ganz scharmant ist das von Euch. Kommt nur mit; recht gerne will ich Euch zeigen, wo er die letzte Zeit hier logierte. Aber um ihn selbst zu sehen, kommt Ihr freilich zu spät... er ist nicht mehr hier." "Was sagst du? er ist nicht mehr hier?" rief der Wachtmeister erbleichend; "wo ist er denn... Mann?" "Wie ich Euch sage und Ihr selbst sehen könnt", erwiderte Meister Kratzer, indem er seine kurzen Beine nach einem dunkeln Seitengänglein in Bewegung setzte und dort geschäftig eine schwere Türe aufriegelte; "seht, meine Herren Soldaten, hier hat Euer Hauptmann gewohnt; aber heute früh, lange vor Tagesanbruch, wurde er abgeholt. Wohin?... Das erfährt natürlich unsereins nicht." Der Wachtmeister stand mit den nächst nachgefolgten Kameraden in der Zelle, die ihr Licht nur durch eine runde, vergitterte Öffnung hoch oben in der Mauer erhielt, in Verwirrung und Bestürzung, ungewiß, was zu tun und glauben sei; aber mit einer Art von Teilnahme fuhr der Turmwächter in redseligen Worten fort: "Seht nur, ihr Mannen, hier liegt ja noch die braune Sammetmütze Eueres Hauptmanns... er muß sie heute in der Eile vergessen haben, und hier auf dem Tische – ach ja, da hat er ja auch noch eine schöne Malerei zurückgelassen – vielleicht absichtlich, mir zum Andenken. Wie gesagt, bin ich seit heute früh noch nicht in die Zelle gekommen. Er klagte gar bedauerlich über die lange Weile, und wie ich ihn denn gut leiden mochte, ließ ich mich bewegen und hab’ ihm die Farbenschachtel gebracht, die mein Ruedeli zu Neujahr geschenkt bekommen hat. Ei, seht, seht... das ist ein prächtig schmuckes Weibsbild." Verwirrt, gedankenlos, das Herz voll dumpfer Beklommenheit, bückte sich der Wachtmeister auf das Blatt nieder; aber mit einem Ausrufe der Überraschung, fast des Schreckens, fuhr er zurück, als ihm aus demselben mit täuschender Lebendigkeit das Antlitz seines Schloßfräuleins entgegenblickte. "Ei ja", sagte Meister Kratzer mit einer Art Kennerwichtigkeit, "malen kann der König, das muß ihm sein ärgster Feind lassen. Wie das Weibsbild so deutlich ist, als wollt’ es jeden Augenblick zu reden anfangen und könnt’ man’s ordentlich anpacken; das vornehme Mäulchen so rund und rot wahrhaftig zum Küssen. Nicht wahr, Wachtmeister? Hahaha!" Je länger dieser auf das Bild blickte, um so lebendiger stellten sich ihm die Formen desselben dar, bis er instinktmäßig, als müßt’ er dem unerfahrenen Auge noch eine Beihilfe geben, den Finger auf die dunkle Haarflechte legte, die in zierlicher Windung über den Scheitel dahinlief; als sich die Flechte unter seiner Berührung aufzulösen schien und bald in einen ungestalten schwarzgrauen Fleck verschwommen war. Dem Erschrecken folgte jedoch bald eine andere Empfindung, als Christen den Finger betrachtete und an der Spitze desselben die Farben kleben sah. "Ha, Meister Kratzer", rief er auffahrend, "da muß kaum vorhin noch an dem Bilde gemalt worden sein... die Farbe ist ganz naß... wo ist der Maler hingekommen?" "Und ich will drauf schwören", rief der Belper-Fritz im nämlichen Augenblicke, "daß die Mütze da vor ein paar Minuten noch auf einem Kopfe gesessen... der untere Sammetrand fängt kaum zu erkalten an." Der Turmwärter war auf eine so unerwartete und plötzliche Wendung nicht gefaßt. Wie um Hilfe suchend oder sich auf einen Ausweg besinnend, ließ er seine Augen schielend an der Mauer herumgleiten, bis er mit unsicherer Stimme, die umsonst nach einem trotzigen Tone rang, entgegnete: "Was schwatzt Ihr für Dummheiten? wahrscheinlich ist mein Ruedeli in die Zelle gekommen, hat da an den Farben herumgekleistert und auch die schöne Sammetmütze aufgesetzt. Ja, ja... so muß es gegangen sein, Ihr könnt sicher drauf rechnen." Der Wachtmeister blickte dem Manne eine Weile fest in das Gesicht, auf dem sich Tücke und Ängstlichkeit zu streiten schienen, und sagte dann, einen Schritt zurücktretend, kalt: "Hör’, Meister Kratzer, wir haben Ehr’ und Leben nicht aufs Spiel gesetzt, um uns von dir narren zu lassen. Den Maler hast du eben erst von hier weggebracht; sagst du uns nicht, wohin, bis mein Kamerad da zehn gezählt hat, so jag’ ich dir, so wahr mir der gerechte Gott helfe, die Kugel durch den Leib!" Er erhob das Gewehr zum Anschlage und ließ die Mündung gegen die Brust des Turmwächters sinken. Der Belper-Fritz begann in gemessenem Takte zu zählen, während die an der Türe stehenden Kanoniere mit angehaltenem Atem dem Vorgange zuschauten. Sie waren gestern wohl mit dem Gedanken an Kampf und Blut von daheim weggezogen; aber da nun der Tod in so unerwarteter Weise vor ihre Augen treten sollte, kam doch ein Bangen über ihre Herzen; nur der Wachtmeister schien von dieser Empfindung nichts zu kennen. Der Lauf seines Gewehres richtete sich ohne das leiseste Zittern nach der Brust des Meisters Kratzer, und der Belper-Fritz sagte seine Zahlen so gleichmäßig her, als stünden sie vor ihm auf der Mauer angemalt. "Um Gotteswillen, habt Erbarmen", rief der Turmwärter, sich etwas in die Knie niederlassend, als der Zählende die siebente Nummer ausgesprochen, "ich weiß nichts und kann Euch nichts anderes sagen." Aber statt aller Antwort senkte sich auch die Mündung des Gewehres in dem Maße, als seine Brust durch das einsinkende Knie in eine tiefere Lage gekommen war. Der Wachtmeister drückte das linke Auge ein, um sein Ziel im entscheidenden Augenblicke mit Sicherheit fest zu halten, während der Belper-Fritz in gleichmäßigem Takte die nächste und folgende Nummer sprach. Meister Kratzer überflog noch einmal mit einem letzten verzweifelten Blick seine Peiniger; und Belper-Fritz, dem der Gedanke, daß der Mann doch eben, auch wenn er den Hauptmann wirklich versteckt halte, nur in seiner Pflicht handle, lebhafter durch die Seele gehen mochte, hielt unwillkürlich einen Augenblick inne, bevor er das tötende ’’zehn" über die Lippen ließ. Nur der Wachtmeister zuckte, den Finger auf den Drücker gelegt, weder mit Hand noch Auge. Als der Belper-Fritz jedoch mit hörbar angezogenem Atem den Mund öffnete, um durch sein Kommando ein Lebenslicht auszulöschen, rollte sich Meister Kratzer auf dem Boden zusammen und rief mit kläglicher Stimme: "Halt, Pardon, ich will Euch alles bekennen... laßt mich am Leben!" Die Umstehenden atmeten leicht auf, als wäre ihnen eine schwere Last vom Herzen genommen; aber der Wachtmeister sagte, seine Waffe senkend, mit hörbarem Spotte: "So... das ist verständig von Euch, Meister Kratzer; ich wußte wohl, daß Ihr von jeher ein kluger Mann waret und es auch diesmal nicht aufs äußerste würdet ankommen lassen. Aber jetzt vorwärts und keine weiteren Flausen mehr! Mein Gewehr könnt’ sonst auch ohne Kommando losgehen." "Kommt nur mit", erwiderte der Turmwärter, sich mühsam aufrichtend; "ob Ihr geschossen hättet oder nicht, könnt Ihr später einmal einem anderen sagen, der Euch fragen wird." "Seid darüber ruhig", sagte der Wachtmeister, der in den schielenden Blicken Meister Kratzers noch immer eine Tücke zu lesen glaubte, "ich hätte geschossen, und Ihr wäret ohne Euere verständige Überlegung jetzt schon auf der großen Reise begriffen. Drum macht jetzt schnell; wohin geht es? "Da links durch den Gang." Der Wachtmeister nahm den Turmwärter am Arm, und sie schritten, von den andern gefolgt, durch den Gang, bis sie an eine schmale, nur spärlich erhellte Wendeltreppe kamen, die in die Tiefe ging. Nachdem sie wohl an zwanzig Stufen hinuntergestiegen, blieb Meister Kratzer stehen, mit dem Fuße gegen einen großen Quaderstein stoßend, und im Augenblicke erhob sich ein Knarren und Surren, wie von einem schwer ineinandergreifenden Räderwerke herrührend. Die Mauer fing an sich zu bewegen, und die wohlgefügten Quadersteine auseinander zu weichen, bis sich ein dunkeldämmernder Raum auftat wie der Eingang eines großen Kellergewölbes. "Ha, was ist das?" riefen der Wachtmeister und Belper-Fritz überrascht wie aus einem Munde; "in das Loch hinunter hast du den Hauptmann gebracht?" "Das ist kein Loch", erwiderte Meister Kratzer mit schadenfrohem Schielen, "das ist der unterirdische Gang, der von hier weg zum Blutturm, zur "heimlichen Richte", drunten an der Aare hinabführt, und dahin ist der Judenbub mit Euerem Hauptmann gegangen, gerade im Augenblick, als Ihr draußen das kleine Tor einschluget." X Der Wachtmeister und seine Gefährten hatten, vor Überraschung stumm, kaum einen Augenblick an dem Eingange gestanden, als vom Tore her ein Kanonier mit der Meldung kam, der Herr v. Holligen und der Oberst Stettler seien drunten und verlangten eingelassen zu werden. "Ihr weist jeden ab, bis wir wieder zurück sind", rief der Wachtmeister ohne Besinnen, "selbst wenn’s der Schultheiß wäre! Und du, Meister Kratzer, rasch eine Laterne her und uns in dem Loche da vorangeleuchtet!" "Ich habe keine", antwortete der Turmwärter, unruhig dem Soldaten nachschielend, der mit dem erhaltenen Befehle zurückeilte; "ich kann Euch nicht vorzünden." "Was, keine Laterne?" fragte der Wachtmeister zornig indem er sein Gewehr in die Höhe hob; "hast schon vergessen, was ich dir vorhin gesagt habe?" "Bei meiner Seele Seligkeit, ich habe keine", erwiderte Meister Kratzer ängstlich; "der Judenbube hat die meinige mitgenommen, glaubt es mir; aber sie wird ihm nichts nützen, da er nicht mehr Zeit hatte, sie anzuzünden." "Nun denn – sonst vorwärts und den Weg gezeigt!" rief Belper-Fritz, welcher dem auflodernden Zorne seines Kameraden nicht viel Gutes zutraute und den Turmwärter mit einem kräftigen Rucke die schmalen Stufen hinabschob; "einen so großen Halunken, wie der Judenbub einer ist, werden wir auch im Dunkeln finden können." "Sechs Mann gehen mit", befahl der Wachtmeister, hinter den beiden Vorangehenden nachsteigend; "die übrigen bleiben da und bewachen den Eingang!" Nach wenigen Schritten befand sich die vorgehende Mannschaft von tiefer Dunkelheit umgeben, die dem noch nicht daran gewöhnten Auge so undurchdringlich erschien, daß es nicht einmal die hart ans Gesicht gelegte Hand zu unterscheiden vermochte; dagegen war der Gang hoch genug, um selbst dem großgewachsenen Wachtmeister eine völlig aufrechte Stellung zu gewähren, und so breit, daß zwei Mann nebeneinander gehen konnten. Ursprünglich war er wohl zu kriegerischem Zwecke angelegt worden und hatte wahrscheinlich als gedeckter Verbindungsweg zwischen den festen Türmen der Stadtmauer entlang gedient; aber nachdem die Anlage ihre militärische Bedeutung verloren, wurde auch wenig mehr für ihre Unterhaltung getan. Geröll und herabgestürzte Steine bedeckten überall den naßglitschigen Boden, wodurch das Vordringen äußerst mühsam und in der schwarzen Finsternis selbst gefährlich wurde; dazu kam noch eine kalte, feuchte Moderluft, die den Atem zu versetzen drohte und sich auf die vor innerer Aufregung und äußerer Anstrengung erhitzten Glieder der Kanoniere wie eisiges Bleigewicht legte. Selbst der Wachtmeister mußte sich einen Augenblick an die Seitenwand lehnen, um all seine Kräfte zu dem neuen Unternehmen zu Hilfe zu rufen. "Frisch ausgehalten, Kameraden!" sagte er tief aufatmend, "nun bleibt nicht anderes mehr übrig, wir müssen ans Ziel." "Was war das?" rief einer der Gefährten hinter ihm aus der Finsternis, "ist nicht droben ein Schuß gefallen?" "Ich weiß nicht, was es war", erwiderte der Wachtmeister, dem Schalle nachhorchend, der dumpf und träg durch die schwere Luft hinzog, "vielleicht, daß auch nur an eine Türe gepoltert wurde." Aber im Augenblicke kam ein zweiter Knall, dessen Ursache bei seinem kurzen, scharfen Laute nun nicht mehr verkannt werden konnte. "Bei Gott, ich glaube, die über uns sind aneinander geraten", sagte der Belper-Fritz; "aber drum nur vorwärts! Unsere Burschen werden droben ihre Sache schon machen, dafür hab’ ich kein Bang." Wäre die Finsternis nicht so undurchdringlich gewesen, so würden die Kameraden des Belper-Fritz bemerkt haben, daß seine ermutigenden Worte mit dem unruhigen Ausdrucke seines Gesichtes nicht ganz im Einklange standen; aber gleichwohl begann er nun rüstig auf eine äußerst praktische Weise den Führer zu machen, indem er den Meister Kratzer mit beiden Händen von hinten am Rockkragen und Hosenbund packte und vor sich herschob. Stolperte sein Werkzeug, das sich zu keinem weiteren Widerstreben mehr berufen fühlte, über einen im Wege liegenden Stein oder trat es in eine mit Wasser gefüllte Senkung, so avisierte er seine allmählich zuversichtlicher nachtappenden Genossen mit einem "aufgepaßt", und dergestalt rückte die ganze Mannschaft viel rascher vorwärts, als es vielleicht selbst mit einem Lichte möglich geworden wäre. Dabei gereichte es ihr einigermaßen zum Troste, daß sich von oben her keine weiteren Schüsse mehr vernehmen ließen; doch wußten sie freilich nicht, ob sogar ein lauter Kampflärm überhaupt noch zu ihnen zu dringen vermöchte, denn gar bald waren sie, wie von Finsternis, auch von einer tiefen Grabesstille umgeben, und nur ein fernes dumpfes Rauschen gab Kunde, daß das Leben über ihnen seinen Gang fortgehe. "Laßt mich... laßt mich ein wenig ausschnaufen", gluckste Meister Kratzer, dem der Griff des Belper-Fritz etwas gar zu fest an der Kehle saß, "ich kann nicht mehr... ich ersticke." "Wär’ uns im Augenblick durchaus nicht recht", erwiderte stehen bleibend sein Führer, dem die anfänglich fröstelnden Glieder sich unter der Anstrengung bereits wieder mit Schweiß zu bedecken begannen; "aber sag’, wo sind wir denn jetzt? Geht’s noch weit bis zu der heimlichen Richte?" "Ah, puh", machte aufatmend der Turmwächter, "weit über den Dittlingerturm hinaus, so ungefähr in der Gegend vom Aarbergertor sind wir." "Und der Judenbub kann keinen anderen Weg nehmen; er muß zur Richte hinunter?" fragte der Wachtmeister. "Nein... ah.... nein, einen anderen gibt’s nicht", antwortete Meister Kratzer fast weinerlich; "von dort geht’s dann wieder aufwärts... nach dem Rathause; aber... oh... der Gang muß jetzt bei dem Wetter ganz mit Wasser angefüllt und nicht passierbar sein." "Vorwärts!" befahl der Wachtmeister. Belper-Fritz faßte seine Griffe, die er während der kurzen Pause etwas lockerer gehalten, wieder fester; aber im Augenblicke wendete er sich rückwärts und flüsterte: "Still, still... habt Ihr nichts gehört?" Mit angehaltenem Atem und klopfender Brust wurde hingehorcht, und richtig, in nicht allzu weiter Entfernung vor ihnen ließ sich ein Geräusch vernehmen, das von schlurfenden, tappenden Schritten herzurühren schien. "Halt, was ist das?" fragte der Wachtmeister mit vor Unruhe zitternder Stimme, indem er seine Blicke in die rabenschwarze Finsternis bohrte; "könnt Ihr nichts unterscheiden, Meister Kratzer?" "Es ist zu finster", antwortete dieser, "aber außer uns und den beiden anderen kann schwerlich jemand in dem Gange sein. Während dieser leisen Frage und Antwort hatte sich das Geräusch rasch gelegt und war nun ganz verstummt; man schien auf der anderen Seite ebenfalls zu horchen, was da kommen solle, und sich nun stille zu verhalten, um nicht entdeckt zu werden. "Sie sind es", flüsterte der Wachtmeister nach einer lautlosen Pause, in der das Ohr nichts gehört als das Pochen des Herzens, "am besten ist’s, wir machen uns dem Hauptmanne kenntlich." Und ohne langes Besinnen rief er mit lauter Stimme: "Seid Ihr es, Herr Hauptmann? Wir sind da, Eure Soldaten und Kameraden, um Euch zu befreien... gebt uns Antwort!" "Antwort" – schallte es zurück und tönte in kurzen Sprüngen weit hinter dem Rufer "Antwort, Antwort" nach wie eine höhnische Verspottung. Aber im Augenblicke ließ sich auch das Geräusch wieder stärker hören, und bald schien es, als ob es sich mit fliegender Eile heranbewegte. Der Wachtmeister hub unwillkürlich das Gewehr in die Höhe. Meister Kratzer stieß einen verzweifelten Schrei aus, und neben und zwischen den Füßen der verblüfften Kanoniere zog ein schnurrender, pfeifender und piepsender Rattenzug vorbei, als wären selbst die Steine lebendig geworden. Mehr geärgert über die Enttäuschung und den Zeitverlust als erschreckt, faßte der Belper-Fritz seine Griffe von neuem. Und nun ging es rasch und rücksichtslos vorwärts. Trotz der trefflichen Führerarbeit des Belper-Fritz trug die Dunkelheit den Kanonieren eine schöne Zahl ausgiebiger Püffe ein, und mancher halb unterdrückte Fluch verriet, wie schwer nur ein halsbrechendes Stolpern überwunden worden war. Meister Kratzer hörte alle diese Laute mit großer Befriedigung, und oft konnte er sich nicht enthalten, dieselben mit einem teilnehmenden Glucksen zu begleiten; waren doch ihm selbst ja die gefährlicheren Stellen, die noch zu passieren waren, erinnerlich und er somit trotz seiner unbequemen Lage wenigstens vor einer ernstlichen Gefährdung sicher. Plötzlich aber blieb er stehen, um sich mit Leibeskräften gegen den vorwärtsschiebenden Druck seines Lenkers anzustemmen, und dieser selbst mußte mit einer Hand loslassen, um sie über die Augen zu legen, in denen er einen unangenehmen, fast schmerzlichen Druck empfand. Vor ihm zuckte es durch die pechschwarze Nacht wie dunkelbraune Kugeln, die gegen ihn heranfuhren, blitzschnell sich lichter färbten und nun wie glühende Stäbe gegen seine Augen heranschossen. "Was gibt’s da?" rief der Wachtmeister, "sind wir schon am Ausgange?... Warum antwortest du nicht, Schurke?" fuhr er zornig auf Meister Kratzer los, der lautlos vor sich hinstarrte, "sind wir an der heimlichen Richte?" "Oh... puh", machte der Turmwärter, sich gegen die Hand, die seinen Kragen aufs neue packte, schüttelnd; "uh... nein, wir sind erst am Wurstembergerturm... an der Schleuse... wo’s hinabgeht... wo..." Aber die Kanoniere hörten schon nicht mehr auf die Explikationen, die nun plötzlich wieder mit großer Zungengeläufigkeit gegeben werden wollten. Aus den durcheinanderzuckenden Blitzen vor ihnen bildete sich augenblicklich eine stehende Lichtmasse, als wäre ein Stück tagesheller Oberfläche zu ihnen herabgesunken, und mitten in diesem Lichtstrome stand eine dunkle Gestalt, zu der sich wie von oben her bald noch eine zweite heranbewegte. Die Entfernung bis dahin schien kaum fünfzig Schritte zu betragen. "Das sind sie... bei meiner Seligkeit", schrie der Belper-Fritz, nachdem er den ersten beißenden Schmerz aus den Augen gerieben, "vorwärts, Kameraden!" Mit einem Ruck schob er den Meister Kratzer beiseite und fing an, auf eigene Rechnung und aus Leibeskräften vorzurennen. Das Kollern und Stolpern hinter ihm bewies, daß die Kameraden ebenso eilfertig nachkamen. Die immer mehr herandringende Helle hätte nun schon erlaubt, die größeren auf dem Boden liegenden Steine und Schutthäufchen zu bemerken, um ihnen ausweichen zu können; aber Belper-Fritz und der Wachtmeister hefteten ihre Blicke mit brennender Gier nur auf die Gestalten vor ihnen, von denen die eine der andern sich nun ganz genähert und sie mit Gewalt fortbringen zu wollen schien. "Hauptmann, Herr Hauptmann!" rief der Wachtmeister mit erschütternder Stimme, "wehret Euch... Eure Freunde sind da." Auch jetzt kam auf den Ruf keine Antwort aus menschlichem Munde zurück; aber wie tröstend und aufmunternd hallte diesmal das Echo nach: "Freunde da." Und sicher war es, daß der Ruf verstanden und zu den rechten Ohren gedrungen war; denn die beiden Gestalten waren alsbald in einem stummen, verzweifelten Ringen aneinander geraten. Die eine hatte die andere mit den Armen umklammert und suchte sie auf die Schulter zu heben; aber diese schnellte sich mit so kräftiger Behendigkeit los, daß, beide zusammen niederstürzten und sich nun in verworrenem Knäuel übereinander wälzten. Die Entfernung der Kanoniere von dem Kampfplatze war viel beträchtlicher, als es ihnen von ihrer dunklen Lage aus das hereinbrechende Licht hatte erscheinen lassen, und bei aller Rücksichtslosigkeit gegen Kopf und Füße konnten sie doch nicht in Sprüngen vorwärts kommen. "Ha, Judenbub, verfluchter Hund", keuchte der Belper-Fritz, "du sollst bald ausgepfiffen haben;" noch war er mehrere Klafter entfernt, als sich eine der beiden Gestalten aufrang und mit einer einzigen Wendung dem Blicke entschwunden war. Auch die andere suchte sich zu erheben, sichtlich langsam und mit Anstrengung, und kaum stand sie aufrecht auf den Füßen, als mit dem jubelnden Ausrufe: "Hauptmann, Herr Hauptmann!" der Wachtmeister und Belper-Fritz nebeneinander heranstürzten. Aber von Wut und Mitleid ergriffen, wichen beide wieder einen Augenblick zurück, als sich ihnen zwei kreuzweis übereinander geschlossene Hände entgegenstreckten und aus einer schwarzen Umhüllung hervor, die den Kopf bis auf die Schultern herab umschloß, nur leise und halb unverständliche Worte erklangen. "Das haben sie Euch getan!" rief der Wachtmeister mit schmerzlich bewegter Stimme und plötzlich feuchten Augen, während der Belper-Fritz schrie: "Schlag’ du die Handschelle los... ich muß den roten Teufel haben!" und bei diesem Rufe mit grimmigem Sprunge gegen eine kleine Mauertüre lief. Aber von innen wurden knarrende Riegel vorgeschoben, und von schwerem Eisenbeschläge übersponnen, lag das Türchen zwischen seinen Steinpfosten unangreifbar festgenietet; das grimmigste Rütteln war vergeblich, und der Belper-Fritz knirschte: "Er ist entronnen!" Unterdessen hatte der Wachtmeister mit zitternder Hast die Schraube der Handschelle losgedreht. Der Gefangene hielt ihm mit warmem Drucke die Rechte dar, während er die Linke an das Hinterhaupt führte, um mit einem Klappendrucke die Maske zu öffnen. Sie fiel klirrend zu Boden, und der Wachtmeister schaute in das verehrte und geliebte Antlitz seines Hauptmannes, das schön war wie immer, nur bleicher und milder als sonst, und dessen Augen sich jetzt mit großen Tränen füllten. Erschüttert standen die Kanoniere in dem engen Kreise herum, und stumm reichte ihnen der Hauptmann einem nach dem anderen beide Hände entgegen. Noch hatte keiner einen Laut zu sprechen vermocht, als ein kurzes Knarren über sie wegrauschte und plötzlich alle wieder in undurchdringliche Finsternis versenkt waren. XI "Ah, zum Teufel", machte der Judenbube aufatmend, als er den ersten Riegel des Pförtchens, das aus dem Gange in den leer stehenden Wurstembergerturm hinaufführte, vorgeschoben, "diesmal hat’s mächtig pressiert; da hättest du deine werte Nase tüchtig anrennen können, braver Jakob, wenn dich die hirnwütigen Bursche in dem Loche drunten erwischt haben würden. Was der Esel von Kratzer gedacht hat, mir die ganze Meute so bald auf die Ferse zu schicken! Aber holla... jetzt ist’s auch Zeit, die Blindschleichen und Maulwürfe drunten wieder an Schatten zu bringen, das Licht könnt’ ihnen sonst die Augen angreifen." Mit diesen Worten faßte er grinsend einen schweren Eisenring, der neben dem Pförtchen herabhing, und über ihm bewegte sich eine Steinplatte in der Turmmauer, um sich knapp eingefügt auf ein eisernes Gitterwerk zu legen, das bisher dort wie eine kleine verwahrte Fensteröffnung sichtbar gewesen war. "So, jetzt können die in der Unterwelt ihre Kreuzer und Heller zählen", sagte der Judenbube mit Daumen und Mittelfinger schnalzend, indem er langsam die schmale Steintreppe hinaufstieg; "aber was fang’ ich nun mit meiner ehrenwerten Person selbst an? Die Geschichte ist mir doch verdammt in die Glieder gefahren; wenn ich nur den sauer verdienten Lohn hätt’ dafür!" Er setzte sich an eine Schießscharte, um begierig die frisch hereinströmende Luft einzuatmen. Tief unten, dem jäh abschießenden Borde entlang, auf dessen oberem Rande der Turm steht, wälzte die Aare ihre trübe Winterflut, und über das Hochfeld des Wyler zog ein graues Schnee- und Regengestöber heran. Er öffnete, nachdem er noch vorsichtig nach allen Seiten durch die Schießscharten ausgeguckt, eine kleine Türe, die auf eine verdeckte Galerie an der innern Seite der Stadtmauer führte. "Durch die Stadt gehst du nicht", sagte er, sich hier abermals einen Augenblick besinnend; "der Teufel könnt’ dir den Unrechten in den Weg führen... besser ein kleines Stück um." Er schritt eine enge dunkle Holztreppe hinab, die in einen schmalen Fußpfad auslief, der hart an der innern Seite der Mauer, von mancherlei Gestrüpp gedeckt, über den Rain zur Aare hinableitete. Hier glaubte er in dieser Jahreszeit vor jeder Begegnung sicher sein zu können; doch kaum hatte er die Hälfte des Abhanges zurückgelegt, als ihm langsam, mit gesenktem Kopfe und die Hände auf dem Rücken übereinandergelegt, der Junker v. Dießbach entgegenkam. "Was zum Kuckuck der hier herum treiben mag", murmelte Jakob vor sich hin; dann aber sagte er laut: "Ich grüße den gnädigen Herrn auf unerwartetem Wege, wahrscheinlich spürt Ihr nach einem Marder oder gar nach einem Fuchse, der sich in die Mauerlöcher verkrochen haben könnte." Der Junker sah erschrocken auf, blickte scheu nach beiden Seiten um, als suche er einen Ausweg; dann erwiderte er, mit der Rechten über das bleiche Gesicht streifend: "Ich weiß gar nicht, wie ich da herauf geraten bin; ich wollte der Aare nach über die Altenbergerbrücke." "Da müßt Ihr ja hart dran vorbeigegangen sein", entgegnete der Judenbub mit seinem gewohnten lauernden Schielen; "aber sagt, habt Ihr den Herrn v. Amiel die letzte Stunde nicht gesehen?" "Nein", sagte der Junker, kurz sich umwendend. "Und Ihr wißt auch nicht, was droben in der Kaserne vorgefallen ist und wie es beim Marterturme geht?" "Was sollte da vorgehen!" "Nun, beim großen Christoffel", rief der Judenbube, "wenn Rebellion und Meuterei ausbrechen, dürfte sich der Sohn eines Standeshauptes schon etwas mehr darum kümmern!" "Weißt du etwas, so bericht’ es mir", entgegnete der Junker unmutig, "oder geh deiner Wege und laß mich in Ruhe!" Der rote Jakob wußte, wie und was er zu erzählen hatte, um einen aufmerksamen Hörer zu finden. Schon als er von der äußern Veranlassung zu den spätern Auftritten, von dem Leichenbegängnisse der Mädeli Messer berichtete, lehnte sich der Junker an einen jungen Buchenstamm zurück und sagte leise mit tonloser Stimme: ’’Ich weiß es wohl; es schreit um Rache und wird sie haben." "Was sagt Ihr, gnädiger Herr?" "Nichts, nichts für dich; fahr’ nur weiter!" "Der Maler König war also wirklich die ganze Zeit über im Marterturme", unterbrach der Junker nach einer Weile den Erzähler, indem eine leichte Röte über sein Gesicht glitt; "und du sahst ihn öfter?" "Nur wenn ich ihn nachts ins Verhör zu führen hatte", erwiderte der Judenbube; "einmal hat er auch nach Euch gefragt und ob Ihr wohl wüßtet, wo er wäre; aber natürlich, unsereins hat keine solchen Aufträge auszurichten. Eines hingegen muß man ihm lassen, dem König – ein flinker Gesell ist er und schade um ihn, daß er ein solch verteufelter Duckmäuser geworden. Maske und Handschelle ließ er sich vorhin ruhig anlegen, weil er meinte, es gehe nochmals ins Verhör oder er habe seine Reise nach der Festung Aarburg anzutreten; gleichwohl hat er mich da drunten zu Boden geworfen. Ich hatte ihn schon auf die Achsel geladen, um ihn in den Wurstemberger hinaufzutragen und seinen Herren Kanonieren dann fröhliche Rückreise nach dem Marterturm zu wünschen; aber trotz der gefesselten Hände schnellte er wie ein Aal mit einem solch verfluchten Rucke auf, daß es mir durch alle Glieder wirbelte, die ich, Gott sei Dank, mit Angst und Not noch salvieren konnte. Aber jetzt, Junker, muß ich schnell ins Rathaus hinübergehen, um den gnädigen Herren meinen Bericht abzustatten", schloß der Judenbube; "besser ist’s auch, Ihr selber laßt Euch bei dem Handel nicht zu nahe heran, bis Ihr etwas mehr wisset, wie es geht. Der Henker weiß, ob nicht auch Euch eins geladen ist!" Trotz dieser Warnung setzte der Junker seinen Weg nach dem Wurstembergerturme aufwärts fort und öffnete, auf der Höhe angelangt, ein Mauerpförtchen, das auf einem schmalen Pfade zum Aarbergertore hinübergelangen ließ. "Jetzt sei ein Mann", sagte er vor sich hin, "vielleicht ist’s das einzige Wackere, das du in dieser Welt noch tun kannst. In dieser Welt?" fuhr er nach einem Augenblicke fort, indem er stehen blieb und sinnend die Hand über die Stirne legte, "aber woher eigentlich dieser einfältige Gedanke, daß es mit mir zu Ende gehe? Warum sollt’ ich denn seit zwei Tagen dem Tode um mehr als eben zwei Tage näher gerückt sein? Was hat es mit meinem Leben oder Sterben zu schaffen, wenn ein anderes, mir fremdes Leben zufällig dahingeht? Oder hast du sonst noch keine Leiche gesehen, närrischer Kauz? Und doch geht’s mit dir zur Neige, Junker v. Dießbach", rief der junge Mann nach einer Weile laut, indem er wieder zu gehen anfing, "ich ahne es, ich spür’ es in allen Gliedern – die Tote hat mir’s angetan." Als er raschen Schrittes am Aarbergertore vorbei außerhalb der Mauer gegen den Christoffelturm hingelangte, sah er den ganzen weiten Platz bei den Werkhütten mit einer fest ineinander gekeilten Menschenmenge bedeckt. An ein Durchdrängen zum Marterturme war nicht zu denken, und ebensowenig konnte gesehen werden, was in dessen Nähe vorging. "Was gibt es da?" fragte der Junker den Nächststehenden, "sind die Kanoniere noch immer im Turme droben?" "Ja, freilich", erwiderte der Mann, "vorhin wurde geschossen, und es hieß, sie hätten den Oberst Stettler und den Herrn von Holligen erschossen; es war aber nicht so. Der Oberst Stettler ist in vollem Galopp die Stadt hinuntergesprengt, man sagt, um vom Wyler herein Militär zu holen." Mit fast ängstlicher Unruhe überschaute der Junker die Menge, ob sich nirgends eine Möglichkeit zeige, durchzubrechen und zum Turme hinüberzugelangen. Dabei kam es ihm vor, als sähe er bereits da und dort ein Gesicht, das drohend und feindselig nach ihm umblicke. Die meisten dieser Gesichter waren ihm bekannt und erinnerlich; aber bei einem mußte er unwillkürlich die Augen niederschlagen und sich besinnen, wo er dasselbe schon gesehen habe. Dieser ganz eigentümliche Blick des großen dunkeln Auges hatte ihn gewiß schon einmal beschäftigt und an Vergangenes gemahnt, ohne daß er sich auch jetzt erinnern konnte, wo und wie er mit dem Menschen in dem groben Fuhrmannskittel in Berührung gekommen; aber als er nach kurzem Besinnen wieder aufschaute, um das Gesicht noch einmal zu fixieren und an irgend einem Zuge eine nachhelfende Stütze für das Gedächtnis zu finden, war es spurlos verschwunden. "Da ist im Augenblick nichts für dich zu machen", sagte Herr v. Dießbach halblaut, indem er sich abwendete und den Rückweg nach dem Christoffelturm einschlug; "am besten ist’s doch, du gehst gerade zu ihm. Er ist dein Pate und hat dir stets ein schöneres Vertrauen geschenkt als der eigene Vater." Auffallend kam es ihm vor, wie still die Stadt war, in der Spitalgasse ließ sich kein Mensch auf der Straße oder in den Lauben erblicken, und selbst am Tore war keine Wache vorhanden. "Am Ende hatte der Judenbube mit seiner Warnung recht", dachte der Junker, unwillkürlich einen raschern Schritt einschlagend, "es ist nicht geheuerlich und so etwas in der Luft, was ich früher auf den Pariser Boulevards eingeatmet habe." Unter dem Torbogen des Käfigturmes stand jedoch wieder die gewohnte Wache, und die Marktgasse, in die er nun eintrat, schien von dem ganzen Vorgange vor den Mauern gar nichts zu wissen, die Leute gingen ruhig ihrer Wege, und unter den Seitenbogen der Lauben zeigte sich nicht einmal eine Gruppe, die Ungewöhnliches verhandelt hätte. Dem Junker würde diese ungestörte Alltagsgeschäftigkeit bald unheimlicher vorgekommen sein als die ungewohnte Stille in der Spitalgasse, wenn nicht mit einem Male eine frische Bewegung entstanden wäre, die ein neugieriges Hin- und Herrennen und Fragen veranlaßte. Vom Zeitglockenturme her kam nämlich im Laufschritte eine Abteilung Grenadiere mit aufgepflanztem Bajonette und einer beträchtlichen Zahl Sappeurs an der Spitze. Der Junker begriff schnell genug, was das zu bedeuten habe, war aber hocherfreut, in dem die Truppe befehligenden Offizier einen Kameraden zu erkennen. Er lief ihm auf der Straße entgegen und rief ihn schon auf ein paar Schritte Entfernung an: "Nicht wahr, Kapitän, du hast Ordre, um jeden Preis den Marterturm zu erobern... wahrhaftig eine schöne Gelegenheit, sich auszuzeichnen." "Ei ja, zum Kuckuck", entgegnete der Offizier, nachdem er seinen Grenadieren ein kurzes Halt zugerufen; "aber gescheiter, du sagst mir, was an dem Spektakel eigentlich ist, statt mich zu necken. Kommt der alte Stettler schweißtriefend auf den Wyler geritten und schreit, die ganze Stadt sei in Aufruhr und Meuterei, daß ich ohne langes Besinnen mit meinen zwei Kompagnien den Stalden herabgerannt bin und glücklicherweise noch die Zimmerleute erhaschen konnte; mais diable, ich sehe keinen Anfang zu Barrikaden, kein aufgerissenes Straßenpflaster, keine geschlossenen Türen und geöffneten Kellerlöcher, wie wir’s seinerzeit zusammen in Paris erlebt, so daß ich mich, parole d’honneur, eigentlich meines Eifers schäme. Was ist denn an der Geschichte?" "Ganz genau kann ich dies selbst nicht sagen", erwiderte der Junker; "ich weiß nur, daß die Artilleriekompagnie König in den Marterturm eingebrochen ist, um ihren ehemaligen Hauptmann dort aufzusuchen. Jedenfalls rat’ ich dir, nicht allzu hitzig vorzugehen, und bitte dich freundlich, unnötigerweise keine Gewalt anzuwenden, bis du weitere Ordre empfängst. Ich gehe augenblicklich zum Schultheißen und will dir baldigst Bericht bringen. "Ah, ah", machte der Kapitän, "so ist also doch etwas Wahres an der Geheimmunkelei von dem König; nun, parole d’honneur, die Burschen gefallen mir, wenn die Geschichte auch verdammt undisziplinarisch aussieht. Ein paar werden schon füsiliert werden müssen." "Wie ich dir sage, Genaueres über Veranlassung und Verlauf des Vorganges weiß ich noch nicht", entgegnete der Junker; "aber erfülle meinen Wunsch, in einer Viertelstunde bin ich wieder bei dir, droben am Marterturm." "Au revoir", sagte der Kapitän, "ich mag meine Grenadiere gerne zu Besserem aufsparen als zu einem Marterturmsturme. Komm bald zurück!" Der Junker eilte schnell durch die Metzgergasse hinab dem Rathause zu; von der vorderen Straße her ertönten die Trommeln und Pfeifen eines einrückenden Bataillons, das ohne Zweifel ebenfalls von dem eifrigen Obersten Stettler eiligst nach dem Marterturme geführt wurde. Der Junker verdoppelte seine Schritte und sprang schon in raschen Sätzen die Rathaustreppe hinan, als ihm von oben der Judenbube entgegenkam. "Hu, hu", machte dieser, "was wollt Ihr in dem Hause, gnädiger Herr? da weiß ja der Teufel nicht mehr, wer Koch oder Kellner ist, und was der eine will, das will der andere just expreß nicht. Saubere Wirtschaft das!" "Ist der Schultheiß da?" fragte der Junker hastig, "und weiß er schon von der Geschichte?" "Eben fehlt der, man will ihn holen lassen." Der Junker wandte sich und eilte die Treppe wieder hinunter, während ihm der Judenbube noch nachrief, ob er Herrn v. Amiel nicht gesehen habe oder nichts von ihm wisse. Da, mit einem Male, als der Name genannte wurde, stand plötzlich klar vor seiner Erinnerung, was er vorhin vergeblich gesucht hatte. Der Fuhrmann, den er droben am Marterturm in der Menge bemerkt und der ihm so schnell wieder aus den Augen entschwunden, war kein anderer als der fremde Bediente, den er vorgestern abend im Wirtshause draußen am Walde bei Herr v. Amiel gesehen, und dieser Bediente war der nämliche – es fuhr wie ein blendender Blitzstrahl durch die Seele des Junkers – den er in Aarau als Sekretär des französischen Geschäftsträgers Mengaud gesehen hatte. Er eilte raschen Schrittes über die Kreuzgasse in die Gerechtigkeitsgasse und fragte dort an der Türe eines stattlichen Hauses den gravitätisch auf und ab gehenden Bedienten, ob Seine Gnaden der Schultheiß zu Hause seien. Auf die bejahende Antwort schritt er ohne weiteres in den Flur hinein. Nach kaum zehn Minuten kam der Junker an der Seite eines stattlichen Mannes in schwarzer Ratsherrentracht zurück. Er schritt raschen Ganges an seiner Seite die Stadt hinauf dem Christoffelturme zu, und alle Begegnenden blieben ehrfurchtsvoll stehen, um mit entblößten Häuptern dem hohen Greise nachzuschauen. Vor dem Marterturme war die Menge zurückgedrängt, und in weitem Bogen schloß sich ein Kordon von Bajonetten um denselben her. Sobald der Junker mit seinem Begleiter vom Christoffeltore her auf den Platz einlenkte, präsentierten die Truppen, auf einen Wink öffneten sich die geschlossenen Reihen, und die beiden Ankömmlinge schritten unbehindert dem von Kanonieren besetzten Tore des Turmes entgegen. XII Während auf solche Weise Freund und Feind beschäftigt waren, den Erfolg des Handstreiches der Kanoniere zu fördern oder zu verhindern, stießen diese selbst auf ein Hemmnis, an das sie in ihrer schlichten Einfalt am wenigsten gedacht hatten. Als der Judenbube die Lichtöffnung am Wurstembergerturme verschlossen und die Befreier mit ihrem Hauptmann plötzlich wieder in tiefste Finsternis versenkt waren, murmelte der noch immer an dem kleinen Ausgangspförtchen rüttelnde Belper-Fritz: "So lauf, Halunke; am End’ hätt’ ich dich doch nicht vor dem Hauptmann totschlagen dürfen – ein andermal;" laut aber sagte er: "Na, schaden wird das just nicht viel; hoffentlich ist Meister Kratzer da liegen geblieben, wo ich ihn unsanft genug hingelegt, und kann uns wieder den Rückweg zeigen." Der Turmwärter mochte aber hinreichend Gründe gehabt haben, diese Hoffnung nicht in Erfüllung gehen zu lassen; wenigstens kam weder auf freundliches noch drohendes Anrufen eine Antwort zurück. "Oh, oh", rief Belper-Fritz, als er seine Stimme eine Weile fruchtlos angestrengt, "schön ist das nicht von dir, Herr Vetter, daß du uns so schnell den Dienst kündigst; sorg’ nur, wie du’s vor unsern Kameraden droben am Ausgange verantwortest. Aber gleichviel", fuhr er leiser fort, "Zeit werden wir hier keine verlieren wollen – diesmal gehe ich voran, Herr Hauptmann", und ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er sich an der zusammenstehenden Gruppe vorbei. Ohne weiteres Dazwischenreden begann der Rückzug, und Belper-Fritz leitete den Zug mit einer Sicherheit, wie es selbst Meister Kratzer nicht besser vermocht hätte. Gleichwohl fing ein unruhiges Bangen vor den Dingen, welche die nächsten Augenblicke bringen mußten, an, sich auf die Gemüter zu legen, und dieses Bangen wurde keineswegs gemildert durch das Benehmen des Hauptmannes. Als ihm der Wachtmeister in kurzen Worten erzählt, wie ihn jedermann für tot gehalten, wie sie erst heute andere Kunde bekommen und was darauf erfolgt sei, rief er mit bebender Stimme: "Ihr armen, braven Freunde, solche Treue und Hochherzigkeit, die mir nicht helfen kann und Euch ins Verderben stürzt! Und auch sie, auch sie werden mit in den Strudel gezogen." "Oh, habt keine Sorge, Herr Hauptmann", sagte der Wachtmeister, "es müßte schlimm gehen, wenn wir Euch nicht aus dem Marterturm herausbrächten; so bald fürchten sich die Kanoniere nicht vor ein paar Bratspießen." "Ach, braver Kamerad", erwiderte der Hauptmann in einem Tone, der von einem aus tiefster Seele hervorbrechenden Schmerze durchzittert war, "wenn’s nur das wäre, wißt Ihr wohl, daß ich mich nie gefürchtet, mit Euch in einen ehrenvollen Tod zu gehen; aber jetzt, Gott sei mir gnädig, sterbt Ihr vielleicht als Rebellen und habt aus Freundschaft meinen Feinden das bisher vergeblich gesuchte Mittel in die Hände gegeben, mit meinem Leben auch meine Ehre morden zu können." "Um Gotteswillen Herr Hauptmann", rief der Wachtmeister erschreckt, "wie soll ich Euch verstehen, und wie könnten wir Euch Übles angetan haben! Seid Ihr nur wieder frei, dann wird ja alles gut kommen." "Ach, du treue Goldseele, das eben wird mir zum tiefsten Schmerze, daß ich meine Befreiung nicht aus Euern reinen Händen, daß ich sie im besten Falle nur aus den so vielfach befleckten meiner Feinde empfangen kann." Der Wachtmeister wagte auf diese mit tiefster Bekümmernis gesprochenen Worte keine Einwendung mehr, obwohl sie ihm anfänglich als ein leis angedeuteter Zweifel an seiner und seiner Kameraden Kraft und Beharrlichkeit fast kränkend vorkommen wollten. Oder was war jetzt auch noch so Schweres zu überwinden, nachdem der Hauptmann, nur erst einmal gefunden, unter ihrem Schutze stand? Und am Ende – wenn es auch noch einen Strauß absetzen sollte, waren doch die Kanoniere Bursche, von denen mehr als die Hälfte einen Zwölfpfünder samt der Lafette mit einem einzigen Rucke aus der Position schoben, und wo die einmal gemeinsam anpackten, mußt’ es gewiß ein Loch geben, durch das mehr als einer seinen sichern Ausweg finden konnte. So ungefähr hatte sich der schlichte Verstand des ehrlichen Schloßmüllers den weitern Verlauf des waghalsigen Unternehmens gedacht, und drum auch konnte er sich nicht gleich in das Benehmen seines sonst so mutigen Hauptmanns finden; aber als sein rechter Arm, den er in vorsorglicher Führung um den Befreiten gelegt, spürte, wie diesen allmählich ein fast krampfhaftes Schütteln durchbebte, da ging mit einem Male die bange Ahnung durch seine Seele, daß er vor einem ihm nicht erreichbaren Geheimnis stehe; denn sicher war’s ja doch, daß nicht Furcht, nicht Angst vor offener Gewalt oder selbst vor dem Tode dieses Herz bewegen konnten, in heftigen Tränen Linderung seines Leides zu suchen. Nun sei Gott für diese Finsternis gedankt, das braucht keiner zu sehen, dachte der Wachtmeister, indem er den umschlingenden Arm mit jener zarten Scheu, die uns die unaufhaltsame Äußerung fremden Schmerzes einflößt, lockerte und leise zurückzog. So ging der Zug unter bangschweigender Erwartung vorwärts, bis sich abermals eine hellere Dämmerung bemerklich machte und der Belper-Fritz aufwärts rief: "Grüß Gott, da sind wir auch wieder." "Habt Ihr ihn gefunden, bringt Ihr den Hauptmann mit?" rief es von oben in vollem Chore entgegen. "Ja, wenn Ihr artig gewesen seid und unterdessen gute Wacht gehalten habt, sollt Ihr ihn wieder haben." "Hurra!" scholl es droben von so mächtigen Stimmen, daß der herabdringende Schall in dem engen Raume sich fast mit donnerähnlichem Getöse fortwälzte und weithin unter der Erde ein dumpfverworrenes Echo weckte – "unser Hauptmann, unser Hauptmann!" "Laß mich, laß mich noch einen Augenblick", sagte dieser stehen bleibend mit gepreßter Stimme zum Wachtmeister; "ich vermag es nicht zu tragen." Er lehnte sich an die Mauer zurück, während der Belper-Fritz bereits die dunkle Treppe hinanstieg und mit spöttischem Tone rief: "Ei, ei, Meister Kratzer, seid Ihr schon angelangt; nun seht, wir sind jetzt gerade so weit wie Ihr, wenn Ihr uns in Eurer Eilfertigkeit schon nicht warten wolltet." "Dem Himmel sei gedankt", entgegnete der auf solche Weise Begrüßte, der sich wohl bewacht zwischen den Kanonieren befand, "dem Himmel sei tausendmal gedankt, daß der gnädige Herr Hauptmann nun da ist; der wird mir sicher kein Leid widerfahren lassen!" "Ah", machte der Belper-Fritz, sich verächtlich abwendend, "wenn wir dir ein solches hätten antun wollen, wärest du längst wie eine junge Katze an die Mauer geworfen worden. Jetzt haben wir Besseres zu tun." Drunten auf der Treppe ließen sich Tritte hören. Die Kanoniere drängten sich um den Ausgang und sahen mit jenem eigentümlichen Schauer, der uns bei jedem ergreifenden Wiedersehen über die Herzen geht, den Hauptmann, vom Wachtmeister und den übrigen gefolgt, langsam die Treppe heransteigen. "Ich danke Euch, Kameraden", rief er, jedem die Hand entgegenstreckend, "wollte Gott, wir könnten fortan miteinander leben oder sterben, wie es sein müßte. Doch kommt, kommt jetzt mit auf meine Zelle! und auch Ihr, Meister Kratzer, mögt in der Nähe bleiben." "Vielleicht wär’s besser, wir machten gleich fort von hier", meinte einer der wachhabenden Kanoniere; "draußen stehen bereits zwei Grenadierkompagnien, und es sollen noch mehr nachkommen." "Ei ja", fragte Belper-Fritz, "was hatte denn das Schießen zu bedeuten, als wir kaum drunten in dem ungeheuerlichen Loche waren?" "Ach", machte der Kanonier, "das war der lange Bohnenstecken-Oberst Stettler, der meinte, wenn er seine Sackpuffer losbrenne, würden ihn unsere Leute drunten am Tore einlassen. Als es nicht half, ist er mit dem Holliger, der freundlich zureden wollte, wieder davon geritten; aber gerade der Stettler ist’s, der uns die Grenadiere auf den Hals schickte. Sie haben es selbst gesagt." "Nu, die werden uns nicht auffressen", entgegnete Belper-Fritz zerstreut, während er unruhig dem Hauptmann nachblickte, der langsam und gesenkten Hauptes durch den Gang seiner Zelle zuschritt. "Was hat er denn auch vor", wendete er sich. mit ängstlicher Frage an den Wachtmeister; "weißt du’s?" "Nein, Gott mag es wissen – ich fürchte, etwas, das uns nicht gefällt." "Kommt, meine Freunde", rief wehmütig der Hauptmann vor seiner Zellentüre stehen bleibend, "kommt noch auf einen Augenblick zum Abschiede!" Die Kanoniere schauten sich betroffen an, in schweigender Erwartung dem Rufe folgend. Als sie in die Zelle traten, stand ihr Führer, das Gesicht mit beiden Händen verhüllt, an die Mauer gelehnt und blieb in dieser Stellung eine ängstliche stumme Pause unbeweglich; dann ließ er die Arme sinken, überschaute mit trübem Blick die dicht zusammengedrängte Gruppe und begann mit bebender Stimme; "Kameraden, Brüder, es reicht kein Name aus, um Euch meinen Dank auszudrücken für das, was Ihr an mir getan habt. Aber während Eure Hingebung und Liebe mich hoch trägt, leide ich die größte Seelenqual, daß ich Euch nicht folgen, Eueren Willen nicht tun kann, da Ihr Euch doch unbedenklich für mich in so große Gefahren gestürzt habt. Nein – stille! ich weiß, was Ihr sagen wollt. Aber bedenkt, selbst wenn Ihr meine Freiheit mit Euern Leibern bedeckt und unter gegenwärtigen Umständen vielleicht niemand wagen würde, die Sache gegen uns mit offener Gewalt aufs äußerste zu treiben – sagt, wolltet Ihr einen Hauptmann, auf den jeder mit Fingern zeigen könnte: das ist ein verurteilter, ehrloser Verräter, der seine Freiheit nur seinen meutrischen Kanonieren zu verdanken hat! Was könntet Ihr dagegen sagen? Und wie müßte es Euch zu Mute sein, wenn wir im bevorstehenden Kriege von unseren Landsleuten mißtrauisch, wie mit dem Feinde einverstandene Abtrünnige, angesehen würden? Nein, meine Freunde, Euer Hauptmann muß von den nämlichen Richtern, welche ihn der Freiheit beraubt, jeder Schuld ledig und frei gesprochen werden, er muß mit ungeschmälerter Ehre jedermann ins Auge schauen können oder dann besser – seine eigenen Augen schließen sich in Kerkernacht. Drum geht, meine Freunde", fuhr er mühsam fort, "und haltet Euch in dem bevorstehenden Kampfe für das Vaterland, wie es den Kanonieren der ersten Batterie geziemt! Den gnädigen Herren und Oberen werde ich ankündigen, daß Ihr nichts gewollt, als mir vor Euerem Abmarsche noch einmal Lebewohl sagen; ich hoffe, unter ihnen einen zu finden, der Euer freundlicher Fürsprecher sein wird, wenn er nun auch, Gott sei’s geklagt, mir selbst Feind geworden. Und nun, nochmals die Hand zum Abschiede, Kameraden!" Die Kanoniere standen überrascht und erschüttert, ohne zu wissen, was sie tun oder sagen sollten, und über manches Gesicht fuhr eine rauhe Hand; als aber Herr Rudolf dem Wachtmeister die Hand entgegenbot, richtete sich dieser aus seiner gebeugten Stellung langsam hoch auf und sagte in entschlossenem Tone: "Was Ihr für Eure Ehre tun oder lassen wollt, Herr Hauptmann, müßt Ihr am besten wissen. Doch Ihr habt uns Freunde genannt, und Freunde halten, wie ich weiß, zusammen, wo es Not tut; drum lass’ ich Euch in den Händen, in denen wir Euch gefunden, nicht allein zurück; komme, was wolle, ich gehe nicht von der Stelle, bis Ihr mitgeht oder bis man mich tot wegträgt." "So ist’s recht, Wachtmeister, das ist auch unsere Meinung", rief es in lauten Stimmen durcheinander; "wir bleiben alle da." Des Hauptmanns Gedanken begannen den nämlichen Weg einzuschlagen, den bisher diejenigen des entschlossenen Wachtmeisters gegangen, und die Ruhe seiner Entschlüsse fing an zu wanken in dem Bewußtsein eigener Kraft und kühner Beihilfe. Oder war es nicht undankbarer, bloß sich selbst bedenkender Eigennutz, wenn er nun diesen treuen Seelen, die ohne Besinnen alles für ihn gewagt und getan, nicht ihren Willen tat und sie ihrem Geschicke überließ, ohne einen Versuch zu offener Tat gegen heimtückische Feindseligkeit gemacht zu haben? Noch war er nicht mit sich im reinen, als vom Tore herauf eilfertig ein Kanonier mit der Meldung kam, der gnädige Schultheiß Steiger, bloß von einem Junker begleitet, verlange eingelassen zu werden. "Was sagst du, Kamerad!" rief Herr Rudolf, aus seinem Sinnen auffahrend, "der Schultheiß Steiger?" "Er selbst, Herr Hauptmann; ich kenn’ ihn schon manche Jahre her." Der Hauptmann warf einen raschen Blick auf seine Leute, die überrascht, viele sichtlich erschrocken nach dem unerwarteten Botschafter aufschauten; der Wachtmeister dagegen nickte zwei-, dreimal mit halb geschlossenen Augen, und der Belper-Fritz rieb eifrig die Hände, indem er murmelte: "Solch vornehmen Besuch darf man schon empfangen." "Du weißt nicht, wie vornehm er ist", sagte Herr Rudolf nachdenklich; dann aber befahl er, daß man den gnädigen Herrn unverweilt eintreten lasse. In die atemlose Stille, die mit dem letzten Worte über die in der Zelle Versammelten gekommen, tönten die Treppe herauf bald langsame, aber feste Tritte, die durch den Gang herannahten. Die Kanoniere wichen geräuschlos auseinander und hoben die Hand zum Gruße, als, von dem Junker gefolgt, der hohe Greis unter die Türe trat. Sein Blick ruhte eine Weile fest auf dem ihm gegenüberstehenden Hauptmann, der sich nach kurzer Verbeugung ruhig und freien Antlitzes wieder erhoben hatte; dann blickte er auf die in zwei Reihen geteilten Kanoniere und sagte ernst, aber nicht unfreundlich: "Was tut Ihr da, Kinder? Laßt mich mit Eurem Hauptmann allein, bis Ihr wieder gerufen werdet!" Hinter der geräuschlos abtretenden Mannschaft schloß der Junker die Türe und schob den Riegel vor. XIII Als eine Viertelstunde später der Schultheiß, von dem Junker begleitet, durch die eingebrochene Dämmerung die Stadt hinabschritt, blieb er, über die seltsame Stille befremdet, auf dem Bärenplatze stehen und sagte um sich schauend: "Wie ist mir’s denn – haben wir schon Mitternacht, daß die ganze Stadt schlafen gegangen ist?" "Das nicht, Pate", erwiderte sein Begleiter; "aber ich glaube, der Gefangene im Marterturme hat das Präveniere gespielt und über die Stadt den Kriegs- und Belagerungszustand verhängt." Der alte Herr blickte noch einmal an den stillen Häuserreihen hinauf und sagte dann, bekümmert das Haupt senkend: "Dein Hauptmann wird mit seiner Meinung recht behalten wollen. Das alte Bern ist nicht mehr hier und liegt heute außerhalb unserer Tore und Mauern." An der Treppe des Rathauses, aus dem durch alle Fenster Lichter entgegenschimmerten, schieden die beiden. Der Junker blickte der hohen Gestalt nach, bis sie, langsam hinansteigend, durch die breite Flügeltüre geschritten war; dann wandte er sich und eilte raschen Ganges wieder die Stadt aufwärts. Am Christoffelturme vorbei, schaute er nach dem Marterturme hinüber; der Platz vor demselben war ebenfalls still und menschenleer, und nur hie und da schien am unteren Rande desselben eine schattenhafte Gestalt vorüberzuhuschen. Von dem Turmtore her aber erklang der regelmäßige Schritt eines Wachtpostens, der dort über das Steinpflaster auf und nieder ging. Als der Junker ins Freie gelangt war, nahm er den Hut ab, um sich von dem feuchten Winde die heiße Stirne kühlen zu lassen. Trotz der innerlichen Eile, die ihn vorwärts trieb, mußte er langsamer gehen, um die Vorgänge des heutigen Tages in geordneter Reihenfolge überschauen zu können. Und welch ein Tag war das gewesen, von dem erschütternden Grabgesang der Kanoniere an im Rosengarten jenseits der Nydeck bis zu diesem Abendglöcklein, das in halb verwehten Lauten von Köniz herüberklang. Bei solchem Wiegenliede ließe sich’s sanft einschlafen, sprach es in ihm, während plötzlich die nahe Todesahnung, die durch die Aufregung der letzten Stunden verscheucht gewesen, wieder vor ihm aufstieg; aber nicht bang und beängstigend wie heute, nicht wie ein drohendes Schreckbild, vor dem das Blut aus den Wangen weicht, sondern eher wie ein schwebendes Traumbild, das in ruhig umdämmerte Fernen lockt. "Das ist schon der Segen, den dir wenigstens der ernste Wille eines gut gemeinten Tuns einträgt", sagte der junge Mann, während er sich mit einer Art wehmütigen Behagens dem Zuge neuer Gefühle dahingab. Durch das Hoftor von Holligen getreten, bemerkte er, daß sich das Licht im Gemache des Fräuleins unruhig hin und her bewegte; aber unangenehm war es ihm, am Fuße der Treppe den alten Kammerdiener des Obersten anzutreten, der sichtlich auf erhaltene Weisung dastand. Der Junker wäre diesmal gerne unbemerkt zu Adelaiden gelangt. "Ist der gnädige Herr daheim?" fragte er leichthin, die Antwort vorauswissend. "Nein, Herr, und er wird vor einigen Stunden schwerlich nach Hause kommen." "Doch das Fräulein – meine Cousine?" Der Alte blickte verlegen die Treppe hinauf und antwortete zögernd: "Das gnädige Fräulein ist unwohl und kann keinen Besuch annehmen." "Wollen sehen", sagte der Junker kurz, indem er, ohne auf die versuchten Einwendungen des Alten zu achten, mit raschen Schritten die ersten Stufen überstieg – "bleib’ nur zurück, ich bedarf keiner Anmeldung." Die Türe war verschlossen, und auf das erste leise Anklopfen erfolgte keine Antwort, doch ließ sich von innen heraus hastiges Geräusch vernehmen. Dem zweiten Pochen entgegnete eine fremdartige Stimme: "Wer ist da? Das Fräulein ist schon zur Ruhe gegangen." "Meldet ihr, ich sei da", erwiderte der Junker leise, aber dringend, "ihr Vetter Albert, der sie durchaus sprechen müsse." Augenblicklich schob sich der Riegel zurück; die Türe ging auf, und der Junker stand vor einem hochgewachsenen Bauernmädchen, dessen Gesicht von den tief niederfallenden Spitzen eines schwarzen Sammethäubchens bis über die Augen herab verhüllt war. "Ist das Fräulein wirklich ernstlich krank?" fragte Herr v. Dießbach, von der an diesem Orte ungewohnten Erscheinung überrascht und unruhig nach der Seitentüre blickend; "wie ist das so plötzlich gekommen? Was ist denn vorgefallen?" "Vieles in der kurzen Zeit, die ich dich nicht gesehen habe, Albert." "Adelaide!" rief der Junker zurückfahrend, während eine schmale weiße Hand sich erhob und die Spitzen aus dem Gesichte zurückstrich; "nun, beim Himmel, jetzt ist doch keine Zeit zu Karnevalspossen – was soll das bedeuten, was hast du denn vor?" "Das magst du nachher erfahren", lautete die Antwort, "vorerst erzähle, was dich herführt!" Der Junker wußte nicht, was er denken sollte, und ließ sich mechanisch auf einem Stuhle nieder. Er hatte erwartet, Adelaiden in Jammer und Bangigkeit zu finden, wie er sie vorgestern verlassen, und jetzt stand sie in fremder Tracht und noch viel fremderem Wesen vor ihm. Als sie sich ihrem Gaste gegenüber gesetzt hatte und nun das volle Licht auf ihr Antlitz fiel, mußte er unwillkürlich die Hand über die Augen legen. Der Anblick dieses Marmorgesichtes mit den fest geschlossenen Lippen, die sonst so herzbezwinglich zu lächeln wußten, ging ihm durch die Seele. "Nun, Albert – erzähle!" "Weißt du, was diesen Nachmittag in der Stadt vorgefallen ist?" Sie nickte langsam. "Ich weiß, daß die Kanoniere nach dem Marterturme gezogen sind, um dort ihren Hauptmann zu suchen." "Ah!" machte der Junker, einen forschenden Blick auf seine Cousine werfend; "wenn du das so bestimmt weißt, bist du hier außen besser unterrichtet, als Tausende in der Stadt es sind." "Gleichviel; weißt du Weiteres, so sprich! Meine Zeit ist mir vielleicht kurz zugemessen." Der Junker fühlte sich durch den Ton, in dem diese Aufforderung gestellt war, verletzt und überlegte, was er antworten sollte; aber als er aufblickend das leise Zucken bemerkte, das um Adelaidens Lippen spielte, sagte er bewegt: "Du darfst mir nicht böse sein, daß ich nicht eher zu dir gekommen bin; ich trage selbst ein Leid, ein schweres Leid, das mich anderes vergessen ließ." Dann erzählte er, was er vom Judenbuben erfahren und wie er seinen Paten veranlaßt habe, persönlich nach dem Marterturme zu gehen."Das hast du getan", rief das Fräulein aufstehend und ihm die Hand entgegenreichend, "dann verzeih’ mir, Albert, ich tat dir Unrecht in Gedanken. Um Gotteswillen, sprich – du hast ihn gesehen! wie sieht er aus, was sagt er, und wie ist der Schultheiß von ihm gegangen?" "Viele Fragen auf einmal", erwiderte der Junker lächelnd, indem er seinen Mund auf die dargereichte Hand niederbeugte; "erlaube mir, sie nach Belieben zu beantworten. Ich hatte mich dem Schultheißen mit meinem Ehrenworte verpfändet, daß wenigstens die schwerste Anklage gegen Rudolf falsch, daß er weder ein Spion noch Verräter sei; ich konnte das mit gutem Gewissen, und ja, ich hätte mich wohl auch zu der Behauptung verpflichten können, daß es keinen bessern Mann gebe zu Stadt und Land." "Ich danke dir für dieses Wort", rief Adelaide leise mit aufleuchtenden Augen, "das hab’ ich längst gewußt." "Und mir nie gesagt", sagte der Junker neckend; "gleichwohl war’s mir anfänglich bange, als sich die beiden gegenüberstanden, der strenge Richter und Aristokrat und der im Bewußtsein seiner Unschuld stolze Demokrat, wie er sich selbst offen nannte. Ich erschrak ins Herz hinein über dieses Bekenntnis, bei dem sich die Augenbrauen des Schultheißen zornig zusammenzogen; aber da, gerade im rechten Augenblicke, klopfte dein baumgroßer Nachbar drüben in der Mühle an der Türe und verlangte im Namen seiner Kameraden rundweg, daß man ihrem Hauptmann in allem und jedem aufs Wort glaube, denn der könne keine Unwahrheit sagen – mit Ausnahme eines einzigen Punktes. Auf die verwunderte Frage, welches denn dieser Punkt sei, antwortete der Wachtmeister gravitätisch: "Wenn der Hauptmann sagen sollte, wir seien nur hergekommen, um ihn vor unserem Abmarsche noch einmal zu sehen, so glaubt ihm das nicht, gnädiger Herr; wir sind ohne sein Wissen da eingebrochen, um ihn zu befreien; und weil er nun nicht mit uns fortgehen wollte, so bleiben wir selbst hier, bis man uns stückweise fortträgt. Das ist Meinung und Beschluß meiner Kameraden." Rudolf war verlegen; das Gesicht des Schultheißen aber hellte sich bemerkbar auf, und er sprach in Gedanken leise vor sich hin: "Wer sich Liebe und Anhänglichkeit seiner Untergebenen in diesem Grade zu erwerben weiß, braucht sich des Namens eines Demokraten nicht zu schämen." "Der brave Christen", sagte Adelaide langsam; "ich dacht’ es wohl und habe mich nicht getäuscht." Der Junker hob drohend den Finger in die Höhe. "Ich will dich jetzt nicht ausfragen, Cousine; aber mir will scheinen, du habest ein verwegenes Spiel gespielt." "Als nichts mehr zu verlieren war", erwiderte sie fest aufblickend; "aber weiter, Albert, du quälst mich." "Viel weiß ich nicht mehr", fuhr er nachdenklich fort; "der Schultheiß schickte mich bald weg, um die vom Obersten Stettler zur Bewältigung der Kanoniere vor dem Turme angesammelten Truppen in die Kaserne zurückzubeordern. Ich hatte mit dem zähen Manne lange zu parlamentieren und ihm die Gründe meines Befehls auseinanderzusetzen Was unterdessen im Turme vorging, kann ich nicht sagen." "Jetzt willst du mich täuschen, Albert, und mir Schlimmes verhehlen; es wird aber dir und mir nichts nützen." "Du irrst dich, Adelaide, und obwohl ich mir über den endlichen Ausgang der verwickelten Geschichte keine bestimmte Vorstellung zu machen vermag, so bin ich doch wenigstens Rudolfs wegen in keiner allzu großen Sorge. Als ich wieder in die Zelle zurückkam, hat der Schultheiß dem Gefangenen die Hand zum Abschiede gereicht, und ich denke, wem der einmal seine Rechte gegeben, den läßt er so leicht nicht wieder fallen." "Und Rudolf ist also noch immer im Turme?" fragte sie ängstlich. "Freilich; aber unter dem Schutze seiner Kanoniere, und da ist er gut aufgehoben. Diese Nacht noch wird der kleine Rat mit Zuziehung der Kriegskommission seine Angelegenheit aufs neue behandeln; wenn nur der gewalttätige Schritt der Kanoniere seinen Gegnern nicht eine neue Handhabe bietet!" "Du begleitest mich nach der Stadt", sagte das Fräulein sich erhebend in entschlossenem Tone; "über den Verlauf der Verhandlung oder gewiß über deren Ausgang wirst du schnelle Auskunft erhalten können. Ich will dieselbe nicht hier und bis zum Morgen abwarten." "Mit mir und in dieser Kleidung?" rief der Junker; "du trägst dich noch mit andern Absichten, Adelaide, die du schon vor meiner Ankunft ausgesponnen hast!" "Still, still, Vetter", antwortete sie, mit der rechten Hand wohlgefällig über das grobe Tuch ihres linken Ärmels streichend; "warum sollte ich mich eines Kleides schämen, wie es die Mütter, Schwestern und Bräute der braven Kameraden Rudolfs tragen? Geh’ voraus, Albert, und erwarte mich am Ausgange der Allee, ich gehe nicht durch das vordere Tor. Von meinen Plänen zu sprechen, haben wir noch Zeit genug, du sollst alles erfahren." Dann öffnete sie ihr Schmuckkästchen und nahm ein blinkendes Medaillon heraus, das sie hinter ihr Sammetmieder niedergleiten ließ. Das Licht erlosch, und eine Minute später schlüpften geräuschlose Tritte durch das Hinterpförtchen, die unbemerkt der hohen Mauer entlang durch die gewundenen Pfade des laublosen Buschwerkes eilten. "Bist du es?" fragte der Junker leise, der, ganz vom Dunkel verhüllt, an einen der äußersten Stämme der Allee lehnte; "hast du niemand bemerkt?" "Niemand", erwiderte das Fräulein aufatmend; "ich glaube, sie sind alle beim Nachtessen." "Nicht das", machte der Junker, ihr den Arm bietend; "aber es ist vorhin da jemand hart an mir vorbei gegen die untere Mauer hingeschlüpft, und ich möchte drauf wetten, es ist Herr v. Amiel gewesen." "Der?" rief sie mit mühsam unterdrücktem Schrecken; "er war den Nachmittag bei mir, der fürchterliche Mensch." "Herr v. Amiel bei dir?" Sie neigte das Haupt. "Mit Wissen meines Vaters, Albert." Als sie an die große Linde hinkamen, wo sich die Straße nach Biel und Neuenburg abzweigt, stand da im Dunkel der Bäume eine geschlossene Kutsche, mit zwei Pferden bespannt, an denen nachlässig ein Fuhrmann lehnte; nebenan hielt ein gesatteltes Reitpferd. Der Junker streifte hart an dem Manne vorbei und sagte dann, nachdem sie einige Schritte weiter gegangen: "Ich werde mir in der Stadt ein Paar Pistolen zu verschaffen suchen, bevor ich dich zurückbegleite, Adelaide." XIV Im alten Rathause, das trotzig wie eine feste Burg, vom hohen Aarborde niederschaut, saßen die Häupter der Republik zusammen. Der Uneingeweihte konnte freilich nicht wissen, was in diesen streng verschlossenen Räumen vorging, aber das unruhige Treiben vor denselben nach längst eingebrochener Nacht beurkundete hinlänglich, daß auch hier das Leben aus den gewohnten Gleisen gewichen sei. Vor den Treppen gegen die Kreuzgasse stand ein zahlreicher Militärposten unter Gewehr; die Ratsdiener eilten in ihren schwarzroten Amtsmänteln eilfertig zu und ab, bald einen der gnädigen Herren fortbegleitend, bald mit einem andern zurückkehrend, den sie aus entfernt gelegener Wohnung herbeigeholt. Sogar ein Trupp rotröckiger Dragoner hielt auf dem Platze, von dem dieser und jener nach leise empfangenem Befehle davonstob. Mehr als ein Dutzendmal gingen Boten auch nach einem Hause in der Junkerngasse, um dort nach einem Herrn v. Amiel zu fragen; aber jedesmal wurde die Antwort erteilt, daß er noch nicht zurückgekehrt sei und man nicht wisse, wohin er gegangen. Dieses geräuschvolle Tun zu so ungewohnter Stunde hatte die Nachbarschaft des Rathauses begreiflich bald aufmerksam gemacht, und allmählich drängten sich dichte Haufen zu beiden Seiten desselben. Und wieder flogen bange Gerüchte umher wie eine Schar unheimlich flatternder Totenkäuzlein. Schon einige Male hatte sich ein Mann, in einen weiten Mantel gehüllt, durchgedrängt, um die breite Treppe hinanzusteigen und nach kurzer Zeit wieder herabzukommen. Die Wache ließ ihn, nachdem er das erstemal einige Worte mit ihr gewechselt, ungehindert passieren, so daß sich die Blicke aller Nahestehenden neugierig auf die vermummte Erscheinung richteten. Auch jetzt kam sie wieder die Treppe herabgegangen, wußte sich aber so rasch einen Weg durch die Menge zu bahnen und in die Dunkelheit der aufwärtsgehenden Straße zu verschwinden, daß abermals kein Erkennen möglich war. Nur ein einziger Mann, der sich seit einigen Augenblicken hinter dem Gedränge an einen dunklen Bogenpfeiler postiert hatte, horchte dem Schalle der an ihm vorübergehenden Schritte aufmerksam nach und murmelte dann leise: "Was schleicht der herum? Ich will verderben, wenn es nicht der Junker v. Dießbach ist." Und wie ein unhörbarer Schatten löst, er sich von dem Pfeiler ab, um vorsichtig von Bogen zu Bogen dem Vermummten nachzuschleichen. Dieser war oberhalb des St. Johannsenkellers von der Straße ebenfalls in die schwarznächtige Laube getaucht, und hastig fragte ihn eine Stimme: "Bringst du noch keinen bestimmten Bescheid, keinen Trost, Albert?" "Es ist schwer, etwas Genaueres zu erfahren", antwortete der Gefragte leise; "wie mir angedeutet wurde, handelt es sich nicht sowohl um die frühere Anklage gegen Rudolf, als um die schwere Frage, was unter den Umständen ratsamer sei, die Vollziehung des bereits gefällten Urteils oder die Kassation desselben mit förmlicher Frei- und Ehrenerklärung." "Welch feige Erbärmlichkeit", erwiderte die vor innerer Entrüstung zitternde Frauenstimme; "was kann denn unter allen Umständen ratsamer sein als Gerechtigkeit gegen einen schuldlosen Angeklagten!" "Nicht so laut, Adelaide, und bedenke, daß nicht jeder mit deinen Augen sieht; dein Vater ist sonst wohl ein gerechter Mann; aber gerade er steht jetzt unter den hartnäckigsten Gegnern einer Freisprechung, wenigstens vor beendigtem Kriege." Ein lautes Aufatmen, eine schmerzlich unterdrückte Klage, die weder ein Wort findet noch wagt, war die einzige Entgegnung auf diese Einwendung; dann aber sagte das Fräulein nach einer stummen Pause: "Nun will ich zu ihm, Albert, und werde den Weg allein finden, wenn du mich nicht begleiten magst. Du wirst nicht von mir verlangen, daß ich vielleicht das letzte Glück meines Lebens von der Gnade dieser gnädigen Herren und der Gerechtigkeitsliebe dieser Richter, seien sie wer sie wollen, abhängig mache." Diese Worte waren mit einem solchen Ausdrucke des Schmerzes und zugleich tiefster Bitterkeit gesprochen, daß der Junker keine Gegenvorstellung mehr wagte. Er sagte daher: "Sei nicht unbillig, Adelaide, und hüte dich, Fräulein von Holligen, dein Herzensgeheimnis so vorschnell Leuten anzuvertrauen, die doch mit Rudolf nichts gemein haben als die gemeinsame Farbe ihres Uniformrockes! Ein Besuch um Mitternacht im Marterturme – verstehe mich wohl: was du für dich selbst beschließen darfst, kann und will ich selbst ausführen helfen." "Dann komm, Albert, ich danke dir für deine Vorsorglichkeit, aber an meinem Entschlusse kann sie nichts mehr ändern." "Wohl denn!" Als die beiden auf die Straße hinaustraten, streckte sich hart nebenan ein Kopf hinter einem Laubenpfeiler hervor, um ihnen nachzuschauen, bis sie in der Dunkelheit die Straße aufwärts verschwunden waren. Der Mann trat ebenfalls aus der Laube, blieb aber sogleich wieder stehen, indem er, mit dem Fuße auf den Boden stampfend, bald nach dem lichterschimmernden Rathause abwärts, bald die nachtschwarze Straße aufwärts blickte. "Verdammt, Jakob, daß du das nicht früher gewußt hast! das wär’ ein profitables Geschäftchen gewesen. Die Holligerin verkleidet in den Marterturm – das hochmütige Fräulein und der König – Teufel auch, wer hätte das vermuten können! Brr – wie wird der Herr Marquis ein Gesicht machen. wenn er draußen das Nest leer findet und ich ihm sage, daß das Vögelein unterdessen hier wie eine lichtscheue Fledermaus herumgeflattert ist." Er kehrte plötzlich um und begann rasch die Straße aufwärts zu gehen. "Am besten ist’s doch", sprach er laufend in abgebrochenen Sätzen in sich hinein, "du siehst dich noch ein wenig genauer um – drum hab’ ich auch, ohne recht zu wissen warum, die Filzschuhe anziehen müssen – sapristi, vielleicht könntest du unterwegs für ein hübsches Trinkgeld ohne große Mühe das Goldfischlein immer noch ins Netz des Herrn Marquis jagen. Der Junker – puh!" Er hielt Daumen und Zeigefinger zusammengelegt an den Mund, als ob er eine kleine Feder in die Luft blasen wollte. Unter solchen Selbstgesprächen lenkte der Mann aus der Metzgergasse durch das kleine Seitengäßchen gegen den Zeitglockenturm zu, mußte aber, hier angelangt, trotz der Eile, die ihn innerlich antrieb, unwillkürlich stehen bleiben. Gerade über dem Turme trat der Mond in eine kleine Wolkenlücke und goß über Giebeldach und Mauern einen so tiefroten Schein herab, als müßte jeden Augenblick eine nur spärlich verhüllte Flammenglut aus dem Innern hervorbrechen. Rings standen die Häuser stumm, in schwarze Schatten verhüllt; aber der alte Turm schien, von dem plötzlichen Lichte aus dem Schlafe gerüttelt, sich noch halbträumend zu regen und seine steinernen Glieder auszurecken. Die Ziffern der alten Uhrtafel blinkten wie anglimmende Feuerstreifen, während der nebenansitzende Uranus sein graues Haupt hin und wieder neigte und mit mahnender Hand das Stundenglas emporhob. Er mußte wohl auch den Hahn, seinen Nachbarn, geweckt haben, der langsam die Flügel erhob, um sie schlaftrunken wieder fallen zu lassen. Jetzt aber hob plötzlich ein geheimnisvolles Schwirren an, der bärtige Zeitgott schwang sein Stundenglas in der dürren Rechten, der Hahn ließ einen hellen Ruf ertönen, und das kleine Seitenglöcklein schlug die letzte Viertelstunde vor Mitternacht mit so bang nachzitterndem Klange, daß selbst über das Herz des Judenbuben ein kalter Schauer strich. "Zum Henker", rief er, durch den unbewachten Torbogen eilend, "das jammert ja wie zur letzten Ölung." In seiner Hast bemerkte er nicht, daß im Dunkel des Torgewölbes noch jemand außer ihm den bangen Klängen des Glöckleins gelauscht und nun durch seinen Ruf erschreckt wurde. "Mein Gott", flüsterte das Fräulein leise, "wer ist das, Albert?" "Wenn mich die Stimme nicht getäuscht hat", erwiderte der Junker, der Gestalt nachblickend, die geräuschlos über den mondbeschienenen Platz oberhalb des Torbogens wegglitt, "so ist’s einer, dessen Namen ich zu dieser Stunde nicht aussprechen mag. Warten wir, bis er uns weiter voraus ist." "Aber da kommt wieder jemand die Straße herauf." "Es scheint eine Patrouille zu sein; gehen wir gleich hintendrein, so können wir vielleicht unbemerkt am Posten beim Christoffelturme vorbeikommen." Die taktmäßigen Schritte kamen bald heran, und zwischen hinein ließ sich das Geräusch des in rascher Bewegung an die Hüfte schlagenden Seitengewehres vernehmen; aber als das kleine Pikett aus dem Dunkel der Straße auf den Turmplatz trat, schimmerte den Harrenden das Rot eines Ratsdienermantels entgegen. "Halt, was ist das, was will der mit dem Militärbegleit?" flüsterte der Junker; "bleib’ ruhig stehen, Adelaide, ich will mich erkundigen." Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er mit scheinbar gleichgültigen Schritten durch den Bogen auf die Lichtung hinaus und ließ dort den Trupp an sich herankommen, indem er den Ratsdiener freundlich beim Namen nannte. Dieser rückte, sobald er den nächtlichen Wanderer erkannt, ehrerbietig an seinem mächtigen Dreispalter und antwortete. "So schnell?" rief der Junker laut, "ist’s möglich?" "In zehn Minuten höchstens werden wir zurück sein", erwiderte der Ratsdiener. Der Junker ließ die Mannschaft abziehen und eilte auf seine Begleiterin zu. "Was gibt’s, Albert? rief sie ihm ängstlich entgegen, "was sagt der Mann?" "Komm, komm", antwortete er geheimnisvoll und eilfertig, "im Marterturme haben wir nichts mehr zu schaffen; glaub’ mir’s und folge mir, du wirst’s nicht bereuen." Er zog die Überraschte und Halbwiderstrebende wieder die Straße abwärts dem Rathause zu, ohne sich viele Mühe zu geben, ihre Fragen zu beantworten. "Du wirst’s bald sehen, Cousine", war sein ständiger Trost, mit dem er ihre bald klagenden, bald vorwurfsvollen Zweifel zu beschwichtigen suchte, "komm nur schnell!" Vor dem Rathause war unterdessen ebenfalls ein neues Leben erwacht, und die vorher so ruhige Menge wogte durcheinander wie eine vom plötzlich einfallenden Windstoße aufgeregte Wasserfläche. Die Mauern des alten Baues, die Jahrhunderte lang so manches Geheimnis treulich bewahrt, aus dem Glück oder Unheil über die Lande zwischen dem Léman- und Bodensee sich ergossen, waren nicht mehr stark genug, diese Nacht ihren Dienst zu erfüllen; was hinter ihnen beraten und verhandelt worden, quoll durch Ritzen und Fugen heraus, und das Volk wogte immer mächtiger gegen die Treppen heran. Nur mit äußerster Mühe gelang es dem Junker, sich mit seiner Begleiterin durchzudrängen, und als er die ersten Stufen erstiegen, schoß ihm die Menge nach wie ein angeschwollener Strom. Schildwachen und Ratsdiener gaben ihren vergeblichen Widerstand auf, im Augenblick waren Treppen, Terrasse und der breite Korridor angefüllt und der Junker selbst mit dem Fräulein bis hart an die Flügeltüre des Beratungssaales vorgedrängt. Im Augenblicke ertönte ein kräftiger Ruf von der Treppe her: "Sie kommen – Platz gemacht!" Unter der Eingangstüre erschien der schwarzrote Mantel des Ratsdieners und hinter ihm –   – Adelaidens Augen, die bisher mit so fieberhafter Glut an diesem Eingange gehangen, füllten sich plötzlich mit Tränen. Der Junker spürte das bange Erzittern, mit dem sie sich an seine Schulter lehnte, er legte seinen stützenden Arm fester um den schlanken Leib und träumte sich einen Augenblick in süßem Schauer selbst als den Mann, dem dieses Erbeben galt und der jetzt, von seinen Unteroffizieren umgeben, festen Schrittes seinen Richtern entgegenging. Der Ratsdiener öffnete die Türe, und mit atemlosem Schweigen blickte die Menge in ein großes, dunkel behangenes Gemach, von dessen Decke ein Kronleuchter dämmernde Helle niedergoß. Gerade der Türe gegenüber saß auf erhöhtem Sitze der Schultheiß, zur Linken und Rechten ein großer Halbkreis von Männern, die verwunderte oder unwillige Blicke auf die Menge herauswarfen. Der Ratsdiener wollte, nachdem sein Geleit eingetreten, pflichteifrig die Flügel der Türe zudrücken, aber schon hatte sich’s auf beiden Seiten der Mauer entlang in so fester Masse vorgeschoben, daß seine Mühe vergeblich blieb und er sich in zweifelnder Verlegenheit nach dem Schultheißen umschaute. Dieser machte mit der Rechten eine kurze abwehrende Bewegung, und der dienstbare Rotmantel trat bescheiden in eine Ecke zurück. Nach einer erwartungsbangen Pause erhob sich der Schultheiß langsam von seinem Sitze und rief mit feierlicher Stimme: "Hauptmann König, tretet heran, Euer Urteil zu empfangen!" Der Gerufene trat einen Schritt vor seine Unteroffiziere, neigte mit leichter Beugung das Haupt, um sogleich wieder seinen Richtern gegenüberzustehen. "Im Namen des Geheimen Rates", fuhr der Schultheiß mit tiefer, aber weitschallender Stimme fort, "Eurer gnädigen Herren und Obern, bei denen Ihr des Landesverrates verklagt waret, und im Namen des Spezialgerichtes, das diese Klage zu untersuchen, prüfen und zu erdauern hatte, spreche ich nach abermaliger Prüfung der Anklage Euch, Hauptmann König, von jeder Klage und Schuld los und ledig; in der Meinung, daß Euch der gewaltete Untersuch in keinerlei Weise an ehbesessenen bürgerlichen und militärischen Ehren irgend einen Eintrag tue und daß Ihr für erlittene Schädnis volle Genugtuung erhaltet. Zeugnis dessen soll jeder geben, der meine Worte hört. In weiterer Folge seid Ihr von dieser Stunde an in Dienst berufen zur Verteidigung und Schirmung des geliebten Vaterlandes wie ehedem als Hauptmann der ersten Zwölfpfünderbatterie, die im bevorstehenden Kampfe Euch und sich selbst ehren möge. Daß Gott es walte!" Vom Korridor her ertönte ein mühsam unterdrückter Schrei, dessen Ton und Ausdruck dem Ohre nicht verraten konnte, ob ihn Freude oder Schmerz ausgepreßt; nicht einmal der Junker war darüber im klaren, dem seine Begleiterin auf teilnehmende Fragen nur mit einem unaufhaltsamen Weinen Antwort gab; die von so mächtigen Aufregungen müde gehetzte Natur ließ sich nicht länger mehr gebieten. Herr Rudolf hatte sich mit rascher Bewegung nach diesem Ausrufe umgewendet; dann aber sagte er mit gedämpfter Stimme, seine Rechte über die Unteroffiziere ausstreckend: "Und diese da – meine Kameraden?" "Ihr und Euere Soldaten", sprach der Schultheiß mit einer leisen Neigung seines Hauptes auf diese Fragen gegen die Kanoniere gewendet, "Ihr alle seid, wie Ihr wohl wissen müßt, der Strenge des Gesetzes zu schwerer Strafe verfallen. In Anbetracht aber, daß Euere Absicht besser war, als Euer Tun scheint, soll Euch diesmal Gnade für Recht zuteil werden. Und nun geht und vergesset im Felde nicht, daß Ihr ein Vergehen gut zu machen habt und daß aller Augen auf Euch gerichtet sein werden!" Der Hauptmann legte mit tiefer Verbeugung die Hand auf die Brust, und hörbar zitterte seine Stimme, als er sagte: "Nicht für mein Urteil dank’ ich Euch – ich war mir keiner Schuld bewußt; aber die Nachsicht, die meinen Freunden zuteil geworden, soll unvergessen bleiben." Er erhob sich noch einmal, den Kreis seiner Richter zu überschauen; der Schultheiß neigte grüßend das graue Haupt, und mehr als ein strenges Gesicht schien milder auf den Freigesprochenen herüberzublicken. Aber einer saß stumm und finster, ohne die Augen aufzuschlagen. "Arme Adelaide", seufzte Rudolf, sich abwendend; "das ist nicht allein mehr der Richter und Aristokrat, das ist der stolze Vater, der unser Herzensgeheimnis erfahren." Als der Hauptmann mit seinem Begleite den Korridor durchschritten hatte, brach die bisher lautlose Menge in stürmende Bewegung aus. Sie drängte sich der Terrasse zu, von der vielstimmiger Jubelruf die stillen Straßen weithin mit mächtigem Schalle erfüllte. Unten an der Treppe streifte mit leisem Gruße ein Mädchen an dem Befreiten vorüber, mit rascher Bewegung seine Hand ergreifend. Als er dieselbe öffnend gegen das Licht hielt, fuhr er froh erschreckend zusammen über den Glanz, der ihm entgegenschimmerte. Es war das Medaillon, dessen italienische Kunst er mehr als einmal mit demütigem Sinne betrachtet, noch ehe sein Auge einen Blick nach dem herrlichen Originale gewagt hatte, aber als er nun mit klopfendem Herzen um sich schaute, war die geheimnisvolle Botin von der wogenden Menge weggeschwemmt. "Jetzt eile dich", sagte der Junker, wieder in das Dunkel der Straße tretend", daß wir vor deinem Vater das Schloß erreichen!" Diese Eile wäre so nötig nicht gewesen. Es mochte wohl eine Stunde später sein, als der Herr v. Holligen an der Wache beim Christoffel vorüberritt. Diesmal gönnte er dem Posten kein freundliches "Gute Nacht". Es sah düster und unheimlich aus im Herzen des nächtlichen Reiters, wie es stets bei einem Menschen aussieht, der plötzlich eine Handhabe verloren, an der er die ungewisse Zukunft glaubte festhalten und leiten zu können. Der Oberst hatte vor andern für die drohenden Stürme festes Vertrauen in die Treue und Kraft des Volkes gesetzt, er hatte in diesem Vertrauen nicht nur von sicherer Rettung des Vaterlandes, sondern auch von der Erneuerung des Glanzes verschwundener Heldenzeit geträumt; und jetzt? Die Energie und Anhänglichkeit des Volkes hatte sich heute wohl in überraschender Weise bewährt, aber nicht rettend und erlösend, sondern zerstörend und verheerend. "Der Stettler hat recht", sagte er vor sich hin, "wir haben heute ein schönes Stück jahrhundertealter Bernergeschichte begraben; die Grundsäulen sind gelockert, und der Bau droht zusammenzustürzen." Aus diesem Sinnen wurde er durch das plötzliche Stutzen des Pferdes geweckt, das, die Ohren spitzend, heftig zu schnauben anfing. "Na, Alter", sagte der Oberst, indem er die Hand erhob, um den Hals des Tieres zu streicheln; aber bevor er die sich sträubende Mähne berührt, knallten vor ihm die Straße aufwärts zwei rasche Schüsse, denen ein lauter Schmerzensruf folgte. "En avant", rief der Reiter, sein Pferd antreibend, während seinem spähenden Blicke unzweifelhaft schien, daß über dem Schneestreifen, der sich am Fuße der Anhöhe hinzog, die ihn noch von seinem Schlosse trennte, schattenhafte Gestalten nach dem Wald hinüberflüchteten. Zur Stelle gekommen, wo sich der Weg von der Straße nach der Mühle abzweigt, hörte er ein dumpfes Röcheln am Boden und, als er rasch abgesprungen, fand er da einen Mann liegen, der nur noch unverständliche Laute von sich zu geben vermochte. Ein breiter Blutstrom war bereits unter dem Mantel hervorgedrungen, die einzelnen Schneeflecken an der Straße rötend. Der Herr v. Holligen lief nach der Mühle, die Leute mit lautem Rufen zur Hilfe herauspochend. Als sie mit Lichtern herbeikamen und er sich über das verblichene Gesicht des Toten hereinbeugte, rief er entsetzt: ,,Barmherziger Himmel – mein Vetter, der Junker v. Dießbach!" XV Es war natürlich, daß die beiden Ereignisse der Nacht, die Ermordung des Junkers und die Freisprechung des Malers, sofort in Verbindung miteinander gebracht wurden; aber die Art und Weise, in der dieser Zusammenhang gesucht wurde, war selbst wieder der sprechendste Beweis, wie weit die Gemüter sich bereits voneinander entfernt hatten und wie mächtig das bisher noch halb schlummernde oder wenigstens in den Massen noch nicht zum bestimmten Ausdruck gelangte Mißtrauen nun aufwucherte. Der Junker wurde bald weitaus von der Mehrzahl der mindern Bürger und den in der Stadt befindlichen Soldaten für ein bedauernswertes Opfer gehalten, das dem schonungslosen und über seine in dem Handel des Hauptmanns König erlittene Niederlage ergrimmten Kastengeiste fallen mußte; der Tote war noch nicht ins Grab gesenkt, als all die losen Streiche seines Lebens vergessen waren und in der Erinnerung nichts von ihm übrig blieb als das Bild eines schönen ritterlichen jungen Herrn, dem ein grausames Geschick allzu frühen Tod bereitet. Als die Glocken vom Münster herabklangen, um dem jungen Patrizier das letzte Lebewohl nachzurufen, fragte der Belper-Fritz, der im Kasernenhofe mit dem Wachtmeister an einer Lafette beschäftigt war, den letztern leise: "Gilt das ihm?" und auf die stille, nickende Bejahung lehnte er sich müßig an die Mauer zurück, während sich über sein Gesicht der Ausdruck innerer Freude und tief empfundener Dankbarkeit ausbreitete. Seine Lippen begannen sich wie in leisem Selbstgespräche zu bewegen, und allmählich sanken die über der Brust gekreuzten Arme immer tiefer herab, bis die Hände, sich faltend, zusammentrafen. Der Wachtmeister ließ seinen Kameraden eine Weile gewähren, dann sagte er teilnehmend: "Du mußt nun auch vergessen, Fritz; siehst du, es gibt für alles eine Gerechtigkeit, schon im Leben hier." "Das ist’s eben, worüber ich nachdenke", erwiderte der andere, seinen Blick erhebend, "und wofür ich unserm Herrgott bis an mein Ende dankbar sein muß. Denn weißt du", fuhr er, den Arm ausstreckend, leiser fort, "der Junker hätte doch sterben müssen, und das bald, gewiß bevor der Krieg zu Ende gewesen wäre." "Weißt du das so genau?" fragte der Wachtmeister, die Hand über seine Augen legend, "im Kriege kann keiner sagen, wie es ihm geht." "Ich weiß es", nickte der andere, "und der Ruedi weiß es auch; aber gedauert hätt’ es mich, weil der Junker unserm Hauptmann noch so wohl gewollt hat. Drum bin ich so froh, daß nun andere getan haben, was mir doch schwer geworden wäre, seien sie, wer sie wollen." Nach einer ganz andern Richtung gingen die Vermutungen über den nächtlichen Mord in den Kreisen, denen der Tote im Leben angehört hatte. "Die Brigandage beginnt in schönster Form bei uns einzuziehen", sagte der Oberst Stettler, "und wir können uns darüber um so weniger beklagen, als wir sie selbst geschaffen haben; jetzt mag nur jeder zusehen, um welchen Preis er sich sein Stümpchen Lebenslicht von einigen Halunken will ausblasen lassen. Die Canaille hat gemerkt, daß wir Angst vor ihr haben, und wer einmal Angst gezeigt, der ist für immer verloren. Dem Junkerlein geschieht’s schon recht, daß er als der erste die Früchte seiner Naseweisheit zu schmecken bekam – was brauchte er mit seinem Advokatengeschwätz am Marterturme mir in die Quere zu kommen! Aber was den Schultheißen in seinen alten Tagen noch anficht, das möge der Teufel wissen – freilich hat er von jeher ein tüchtiges Stück Federfuchserei an sich gehabt, wenn Ihr mir schon nie recht geben wolltet. Jetzt greift ihr’s mit Händen." Offenbar war es, daß der Junker von meuchlerischer Hand gefallen war; die beiden Kugeln waren ihm rücklings unter der linken Schulter eingedrungen und mußten um so mehr die Todesboten tiefer liegender Rache gewesen sein, als an dem Ermordeten keinerlei Raubversuch stattgefunden. Seine Rechte hatte krampfhaft den Griff einer Pistole umfaßt, die in der Tasche seines Rockes stak; aber der Tod mußte ihn überrascht haben, bevor er die Waffe zur Verteidigung hervorzuziehen imstande gewesen war; also nicht einmal ein kurzer Wortwechsel konnte stattgefunden haben, sogar nicht einmal ein drohender Anruf war der mörderischen Tat vorangegangen, die ebenso geräuschlos als feig an einem vorher bezeichneten und belauerten Opfer vollbracht worden war! So zog mit dem Mißtrauen zugleich die Angst für das eigene und das Leben lieber Angehöriger in die Gemüter, welche selbst die schon so überzeugende Ruhe des Schultheißen nicht mehr zu beschwichtigen vermochte. Auf seine Einwendung, warum denn die Bluttat, wenn sie aus politischem Hasse hervorgegangen, gerade demjenigen, der vor allen Standesgenossen dem Gefangenen im Marterturme beigestanden, verübt worden sein sollte, begegnete die aus naheliegender Erfahrung geschöpfte Antwort, daß die entfesselten Leidenschaften des Pöbels keinen Unterschied mehr kennen, und gerade in diesem ersten Vorgange liege der Fingerzeig, es solle keiner geschont werden, der einmal durch Geburt und Stand der Rechte verfallen sei. Immerhin konnte sich der Schultheiß selbst das Geständnis nicht verhehlen, daß er unter der augenblicklichen Macht eines großen Eindruckes von einem bisher treu festgehaltenen und durch jahrhundertelange Tradition geheiligten Grundsatze politischer Weisheit abgewichen war. Die Berner Aristokratie hatte die Gewalt ihres Standes auf die blutige Strenge gebaut, mit der sie gegebenenfalls das Todesurteil jedes überwundenen Gegners geschrieben, und nun hatte er in jener Zeit, wo alle Fugen des Gebäudes vor dem herannahenden Sturme erkrachten, an die Gerechtigkeit, an Nachsicht und Vertrauen appelliert. Zu früh oder zu spät? mußte der Greis die kummervolle Frage an sich selbst stellen, oder ist in Wahrheit ein Schritt getan worden, der zu keiner Zeit hätte geschehen sollen? Als er am Grabe seines Paten stand und bemerkte, wie viele der Leidtragenden den gewohnten Paradedegen mit einer kampffertigen Klinge vertauscht hatten und wie selbst unter den Trauermänteln hervor noch verborgene Waffen drohten, mußte er das Gesicht verhüllen, und vor seiner schmerzbewegten Seele tat sich ein anderes Grab auf, in das Macht und Pracht eines glänzenden Herrschertums zusammensanken. Nicht weniger bekümmert und leidvoll ging von dem Grabe ein dritter, dem noch die volle Zier brauner Locken um den Scheitel lag. Er war nicht zur Leiche geladen worden und hatte bei der Trauerfeierlichkeit im Münster weit abseits im Chore gestanden; aber gleichwohl hatten die mächtigen Choraltöne der Orgel seine Seele mit Todesschauern durchschüttert. Der Hauptmann König hatte, in sein schmerzliches Sinnen verloren, kaum beachtet, wie manche mißtrauische und feindselige Blicke sich nach ihm gerichtet, ebensowenig als er jetzt, langsam durch die Straßen gehend, beachtete, wie die unter den Laubenpfeilern zusammendrängenden kleinen Gruppen ihm neugierig oder ehrerbietig nachschauten. Er war nun wieder frei, und statt der totenstillen Gefängnismauern umgab ihn die rührende Begeisterung seiner Kanoniere, deren Selbstvertrauen, durch ihren errungenen Erfolg gehoben, sich einer ganzen Welt von Gefahren gewachsen glaubte; und doch schwebte etwas vor seinem Blicke, das ihm Gegenwart und Zukunft wie mit einem wehenden Trauerflor verhüllte; und wohl gab es Augenblicke, in denen er sich wieder nach der Stille seiner Zelle im Marterturm zurücksehnte. Sobald die Leiche des Ermordeten noch in nächtlicher Morgendämmerung in das elterliche Haus gebracht worden war, hatte Rudolf im Drange seines Schmerzes anfragen lassen, ob er den Erblichenen sehen und die traurige Pflicht der Totenwacht bei seinem Freunde verrichten könne; aber beide Verlangen waren ihm mit kaltem Bescheide abgeschlagen worden. "Durch Nacht zum Licht", sagte der Hauptmann schmerzlich bewegt, als er dem Kasernentore zuschritt; "ich kenne das Totenopfer, das ich dir zu bringen habe, armer Freund." In den Hof getreten wurde er überrascht von dem ungewöhnlichen Treiben, das in demselben herrschte. Ein ganzes Bataillon war längs den Mauern hin im Vierecke aufgestellt, und der Lieutenant Jenni bemühte sich eben eifrig, eine noch vorhandene Lücke in den Linien mit den Kanonieren auszufüllen. "Was geht da vor?" fragte der Hauptmann verwundert, "jetzt ist doch nicht Appellstunde?" "Ah, ah, etzätera", machte der Lieutenant keuchend, "bin herzlich froh, daß Ihr gekommen seid, Herr Hauptmann; weiß selbst nicht, was das für ein sonderbares Manöver geben soll, das ich am Ende – ah, etzätera – nicht recht verstanden hätte. Hat mich der Oberst Stettler doch schon grimmig angeschaut, daß die Kompagnie noch nicht aufgestellt war. Ah!" "Ist der hier – wo ist er denn, der Herr Oberst?" "Eben den Augenblick in die innere Wachtstube gegangen, mit einem ganzen Gefolge von Herren Offizieren, etzätera." Der Hauptmann überschaute seine sich ordnenden Leute, um sich dann erwartungsvoll an ihre Spitze zu stellen. Durch den ganzen Raum herrschte eine bedrückende Stille, und es war offenbar, daß die übrigen Truppen den Zweck der Anordnung ebensowenig kannten als die Kanoniere, da sich alle Blicke nach dem dunkeln Eingange richteten, durch den der Oberst Stettler mit seinem Gefolge verschwunden war. "Wer ist denn noch bei ihm?" fragte der Hauptmann leise den Wachtmeister, "soll ein Ausmarsch stattfinden?" "Ich weiß gar nichts", erwiderte der Gefragte ebenso leise, "wir waren im hinteren Hofe mit der Lafettierung beschäftigt. Bei dem alten Stettler sind mehrere Herren von der Kriegskommission; aber Euch hab’ ich etwas Besonderes mitzuteilen, Herr Hauptmann." "Mir?" Der Wachtmeister nickte geheimnisvoll. "Meine Mutter hat mich vorhin hinausrufen lassen und mir etwas übergeben für Euch – ein Brieflein ist’s." Herr Rudolf machte eine rasche Bewegung mit der Hand, als wollte er das Besprochene augenblicklich in Empfang nehmen, dann aber legte er die Finger an die Lippen und blickte gespannt nach der gegenseitigen Hofecke, wo die Tambouren zu wirbeln begannen, während langsam und feierlich eine Offizierstruppe, den Obersten Stettler an der Spitze, auf den Raum heraus schritt; hinter ihm in voller Uniform der Ädemajor Wacker, zur Linken und Rechten von zwei Grenadieren mit geschultertem Gewehre begleitet. In der Mitte des Hofes hielt der Zug, und der Trommelwirbel verstummte. Der Oberst warf einen scharf prüfenden Blick auf die Reihen, dann rief er mit seiner hellen durchdringenden Stimme: "Soldaten, Ihr seid kommandiert zu sehen, wie ein pflichtvergessener Offizier bestraft wird. Offiziere, Euch stell’ ich ein Exempel, wie gegebenen Falles mit jedem verfahren werden soll; und dich, Ädemajor Wacker", wendete er sich gegen diesen, "dich erklär’ ich kraft Spruches und meines Rechtes deines bisherigen Grades verlustig und degradier’ dich zum Gemeinen, da du vorgestern die deiner Bewachung übergebenen Kanoniere pflichtvergessen ausbrechen ließest. Du dort, vorgetreten und deines Amtes gehandelt!" Auf diesen Befehl, der mit einem Winke des erhobenen Rohrstockes begleitet war, trat hinter den Reihen der Grenadiere der Profoß hervor, um den Verurteilten seiner Offizierszeichen zu entkleiden. Dieser krümmte sich bei der ersten Berührung zusammen, als wollt’ er einen Stein vom Pflaster aufheben; dann aber richtete er sich langsam wieder empor, um sich scheinbar ruhig den Rock des gemeinen Soldaten anziehen zu lassen. Als Rudolf jedoch den grimmigen Blick voll Haß und Rache bemerkte, den der Degradierte nach dem Obersten schleuderte, mußte er sich unwillkürlich sagen: "Jetzt ist der Tod eines alten Mannes beschlossen worden." Die ganze Handlung war rasch und unter lautlosem Schweigen der Zuschauer vor sich gegangen. Der Ädemajor trat im Geleite der vier Grenadiere in die Reihe derer zurück, die er sonst befehligt hatte; noch ein kurzer Trommelwirbel, und die bisher bewegungslosen Linien begannen sich aufzulösen, auch die Kanoniere schwenkten ab, um nach dem Hinterhofe zu ihrer unterbrochenen Beschäftigung zurückzukehren. Der Hauptmann hatte wohl bemerkt, wie bei der Begründung des vollzogenen Urteils eine rasch anschwellende Bewegung durch ihre Reihen gegangen war; aber ein kaum bemerkbares Emporhalten der Degenklinge war hinreichend gewesen, die Stille wieder herzustellen. Zwar empfand er tief genug, wie scharf der Schlag, der einen anderen traf, auch nach ihm selbst und seinen Kameraden gezielt war, doch begegnete er dem Auge des Obersten, das eine Weile auf ihm ruhte, ebenso kalt und fest, als dieses zweifelhaft und unsicher ihn anschaute. Es war nicht nur ein militärisches Pflichtgefühl, das ihm jede innere Bewegung zu unterdrücken gebot, es war noch eine andere Empfindung, die auf einem tieferen Grunde seiner Seele ruhte. Er kannte den Ädemajor und die Gründe seiner Handlungsweise zu gut, als daß er seinem Tun oder Leiden eine wärmere Teilnahme hätte schenken oder gar gemeinschaftliche Sache mit ihm machen mögen. "Das anbefohlene Verzeichnis", sagte der Wachtmeister, dem herantretenden Hauptmann mit verdeckter Hand ein kleines Papier entgegenreichend; "ich hoffe, daß Ihr’s gut findet." Rudolf trat schweigend beiseite, um die Aufregung zu verbergen, die bei der bloßen Berührung des Papiers sein Inneres durchzuckte. Es war ein dürftig zusammengefaltetes Blättchen, auf dem, mit hastigem Stifte geschrieben, sein Name stand. XVI "Ich fürchte, dein Verzeichnis ist nicht in Ordnung", flüsterte der Belper-Fritz seinem Kameraden zu; "sieh nur, wie der Hauptmann dreinschaut. Übrigens hätt’ ich gemeint, wär’ deine Geheimnistuerei eben nicht notwendig vor mir." "’s ist ja auch nicht deinetwegen", erwiderte der Wachtmeister, mit besorgtem Gesichte nach dem Hauptmann blickend, der abseits an einer Kanone lehnte; "ich möcht’ nur selber wissen, ob etwas vorgefallen ist daheim im Schlosse; aber meine Mutter tat so eilfertig und geheimnisvoll, als müßte sie sich sogar vor mir in acht nehmen." "Hat sie dir nicht gesagt – ist das Fräulein zufrieden mit uns?" "Kein Wort; sie gab mir das Briefchen und lief, da sie von weitem den Stettler kommen sah, davon, als hätt’ sie eine Sünde begangen." "Vielleicht ist’s auch etwas anderes", erwiderte der Belper-Fritz langsam; "sieh nur, er denkt sicher nicht mehr daran, daß er das Papier noch in der Hand hält. Kann sein, er bereut schon, dem Wacker nicht beigestanden zu haben. Doch ja – was wolltest du mir vorhin sagen darüber?" "Ach", machte der Wachtmeister, der immer wieder nach dem Hauptmann hinüberblicken mußte, "es ist eben eine Geschichte, wie sie schon mehr vorgekommen. Ich kenne den Wacker von meiner Jugend an; aber ehemals hätt’ es einer wagen sollen, in seiner Gegenwart über die gnädigen Herrschaften zu reden, wie er’s jetzt selber tut – das würd’ schöne Händel abgesetzt haben. Im Gegenteil, früher war’s eine Liebe und Güte, namentlich mit den Stettlern." "Mit denen? Nun, da bin ich doch begierig." "Der Wacker hat eine Jungfer geheiratet, die lange im Hause des nächsten Verwandten des Obersten im Dienst gestanden hat und dort allem Scheine nach nur zu wohl gelitten war. Gleichviel, Wacker konnte Hochzeit und Kindbett zusammen halten; dagegen aber erhielt er zur jungen Frau zugleich von ihrer bisherigen Herrschaft das schöne große Lehen draußen am Bümplizer-Walde, wie man sagt, eigentlich ohne Zins." "Ho ho", machte der Belper-Fritz, wie verlegen nach dem Hauptmanne hinüberblickend, "ich fang’ an zu begreifen, den dort mein’ ich." "Anfangs ging es ganz prächtig", fuhr der Wachtmeister fort; "Wacker konnte rasch Vermögen machen, war viel in der Stadt im Hause der Stettler, und ein gewisser junger Herr noch mehr im Lehenhause. Endlich aber kam es, wie’s nicht anders kommen konnte; der Pachtzins ging in die Höhe, und als nach mancher bösen Geschichte sogar das Lehen gekündigt wurde, da taugten von dem Augenblicke an die gnädigen Herren in keinen Holzschuh mehr.’’ "Selb tan, selb g’han", schüttelte der Belper-Fritz den Kopf. "Ja, aber siehst du", sagte der Wachtmeister, "das ist’s, was mir die neue Freiheit oft so verdächtig macht; wären nur Leute dabei wie unser Hauptmann, ich glaubte daran wie ans Evangelium, wenn ich auch manches nicht recht verstehe; aber solche Menschen!" "Ein ehrlicher Mann weiß bald nicht mehr, was er glauben oder denken soll", entgegnete der Belper-Fritz, das Gesicht in die Hand stützend, "oben Schlechtigkeit und unten an vielen Orten nichts Besseres." "Sieh, der Hauptmann fängt wieder an das Brieflein zu lesen. Jetzt möcht’ ich doch selbst nach Haus, um nachzusehen, was dort vorgefallen ist; ich fürcht’, wenn der gnädige Herr erfährt, welche Karte meine Mutter im vorgestrigen Spiele gespielt hat, dann ist sie die längste Zeit Schloßmüllerin gewesen. "Und du", sagte Belper-Fritz zwischen Ernst und Scherz, "du wirst dann auch ein Herrenfeind wie der Wacker." "Das könntest du wissen, ohne mich zu fragen", entgegnete der Wachtmeister mit einem festen Blicke auf seinen Kameraden; "was der Wacker ist, hab’ ich dir gesagt, und unser gnädiger Herr bleibt ein rechter Ehrenmann, wenn er auch noch so schwer im Unrechte war gegen den Hauptmann. Dem soll mir keiner nahe treten, und müßt’ ich betteln gehen." "Oh", machte der Belper-Fritz lächelnd, "so bös war’s nicht gemeint, und so schlimm wird’s auch nicht kommen. Aber sieh da, was bringt unser Lieutenant? der läuft ja wie ein gehetztes Schaf." Und in der Tat kam der Genannte keuchend und mehr auf allen Vieren als nur auf den Füßen gehend durch den Torbogen herangekollert. Weit hinten am Kopfe wackelte der stattliche Dreimaster, nur lose noch von einigen gesteiften Perückenlocken festgehalten, während der Säbel wie ein neckischer Kobold zwischen den Beinen hin- und herfuhr und im Augenblick den Fall des übelberatenen Schnelläufers herbeiführte. Der Hauptmann, der erst durch das nur wenig unterdrückte Gelächter der Kanoniere aus seinem Sinnen aufgeweckt wurde, eilte herbei, aber der Lieutenant streckte beide Hände abwehrend aus und rief mit kläglicher Stimme: "Äh, ah, laßt mich nur liegen, wir müssen fort, heute noch, in einer Stunde, gegen die Franzosen, et – etzätera." "Nun denn", sagte Rudolf, der sich selbst eines Lächelns nicht erwehren konnte, "das wäre hoffentlich nicht so schlimm, gottlob sind wir marschfertig; aber woher habt Ihr denn die Nachricht, Herr Lieutenant! Bitt’ Euch", fügte er, sich an das Ohr seines Stellvertreters niederbeugend, leise bei, "nehmt Euch doch zusammen, der Soldaten wegen." "Es ist so, verlaßt Euch drauf", erwiderte der kriegerische Kürschnermeister, einen ängstlichen Blick auf die neugierig herandrängenden Kanoniere werfend, "soeben ist ein Adjutant mit der Meldung durch das vordere Tor gekommen und zum Oberst gegangen." "Gott geb’ es!" sagte der Hauptmann mit einem hellen Aufleuchten seiner Augen; "indessen werden wir’s abwarten. Auf euere Posten, Kameraden, und dort drüben die Caissons vorgezogen!" Der Befehl war kaum erteilt, als eine Ordonnanz erschien und die beiden Offiziere zum Obersten beschied. Es war eine Wohltat, daß, wie ein kräftiger Donner durch schwere Dünste, eine entscheidende Nachricht in das verworrene und verbissene Getriebe fuhr und die sich trennenden Gemüter wieder zusammen nötigte. Diese günstige Wirkung empfand auch der Hauptmann schon, als er mit seinem Begleiter bei dem Obersten v. Stettler eintrat, um seine Ordre in Empfang zu nehmen. Es war, als ob der alte Soldat in der kurzen Frist, die seit der Exekution drunten im Hofe verstrichen, einen ganz andern Menschen angezogen hätte; das Gesicht schien sich verjüngt und veredelt zu haben, und die grauen Augen waren von einem warmen Feuer erfüllt. "Na, Herr Hauptmann", rief er dem Eintretenden in fast herzlichem Tone entgegen, "nun wird’s für Eure Kanoniere bald Gelegenheit geben zu zeigen, ob sie gegen die Franzosen ebensoviel Haar auf den Zähnen haben als gegen ein unbewachtes Turmtor. Nichts für ungut, ich zweifle nicht daran. Heut’ nacht schon sollt Ihr in Laupen Quartier nehmen." "In einer Stunde können wir marschfertig sein, Herr Oberst." Der Alte nickte beifällig. "Ich habe heute früh schon nachgesehen, wie’s in Eurem Hinterhofe steht; aber vor dem Abend wird’s schwerlich zum Marschieren kommen. Ich werde auch noch Sorge tragen, daß Eure Unteroffiziere sich anstänig beritten machen können. Fehlt sonst noch was?" "Nein." "Bekäm’ ich überall solche Antwort! Au revoir, mon capitaine; die nähern Weisungen werdet Ihr in zwei Stunden erhalten." Diese kameradschaftliche Behandlungsweise konnte nicht verfehlen, auf den Hauptmann einen um so wohltuenderen Eindruck zu machen, je weniger er sie gerade von dieser Seite her erwartet hatte; aber Verstimmung und Mißtrauen hatten auch bei ihm so festen Grund gefaßt, daß er sich schon vor der Türe fragen mußte: Ist das Maske, oder steigt der Mann so rasch im Preise, da die Not droht? Der Oberst blieb mitten in der Stube stehen und hielt seinen Blick nach eine Weile fest auf die Stelle gerichtet, wo der Hauptmann gestanden hatte, dann sagte er, langsam die Hände reibend, halb für sich, halb gegen seinen Adjutanten gewendet: "Schade, daß der König nicht von Haus aus unser Handwerk erlernt hat und so ein Pinsler und nichtsnutziger Farbenreiber geworden ist. Schade, sag’ ich." Der Herr v. Holligen trat herein. "Wo steckt Ihr denn die ganze Zeit?" rief ihm der Oberst entgegen, "seit gestern früh hat Euch kein Mensch gesehen, und die Dießbachs sagten bloß, Ihr habt Eure Abwesenheit entschuldigen lassen. Hätte gern selbst nachgesehen, wenn nicht der Teufel an allen Ecken los wäre. Aber, aber" – fuhr der Alte leiser fort, indem er, seinem noch immer schweigenden Freunde näher tretend, in die trüben Augen blickte – "was ist’s denn eigentlich – krank? oder vielleicht die kleine Adelaide? Will nicht hoffen!" "Nein, nein", sagte der Herr v. Holligen, mit so heftigem Kopfschütteln, als müßt’ er noch etwas anderes als die gestellte Frage verneinen oder sich sonst von einem unbequemen Drucke befreien, "wir sind gesund – beide." "Nun, freut mich herzlich", erwiderte der andere zögernd, "aber Ihr seht wirklich zum Verwundern angegriffen aus." "Schlaflosigkeit, weiter nichts, und eben erst von einer Fahrt zurückgekommen – es wird sich schon legen, wenn ich erst etwas gefrühstückt habe." Der alte Herr schüttelte sich und fuhr mit beiden Händen über das Gesicht, wie der sonst Kräftige tut, um sich von den Folgen einer unbedeutenden Nachtstrapaze zu befreien; gleichwohl hatte die Stimme nicht ihren gewohnten Klang und schien vielmehr fast mit mühsamem Zorne aus der Brust herausgestoßen, als er fortfuhr: "Drum nichts mehr von dem – oder ein anderes Mal vielleicht. Aber was geht denn vor hier? Drunten im Hofe rufen die Kanoniere mit so lautem Hallo, sie werden heute noch marschieren, daß ich’s auf der Straße hören konnte." "Versteht sich", sagte der Oberst langsam, während sein Blick noch fortwährend betroffen an dem fahlen, scheinbar um Jahre gealterten Gesichte seines Freundes hing’ "versteht sich, marschieren die heute." "Aber so sprecht doch!" rief der Herr v. Holligen ungeduldig, "ich weiß ja nichts davon; was ist denn vorgefallen wahrend meiner kurzen Abwesenheit?" "Richtig, richtig", sagte der Oberst, nun seinerseits rasch mit der Hand über das Gesicht fahrend, "ich hab’ im Augenblick gar nicht daran gedacht, daß Ihr das noch nicht wissen werdet – bitt’ um Verzeihung, Kamerad. In höchstens fünf bis sechs Tagen rückt General Menard, der sein Hauptquartier gegenwärtig in Fernex hat, in der Waadt ein. Wir haben die höchste Zeit, ihm unsere sämtlichen disponiblen Kräfte entgegenzuwerfen." "Was Ihr nicht sagt", rief der Herr v. Holligen, verwundert den Kopf schüttelnd, "Ihr sprecht ja mit einer Zuversicht von den Absichten des Feindes, als hättet Ihr selbst in seinem Kriegsrate gesessen." "Vielleicht – ich weiß aber noch mehr. Menard will den Einmarsch mit 12,000 Mann bewerkstelligen, und tritt kein Hindernis ein, so beginnt derselbe in sechs Tagen – eben am 26. Jänner in der Morgenfrühe." "Zum Scherzen bin ich im Augenblicke wahrhaftig wenig aufgelegt", antwortete der Holliger unwillig; "es sind ja neue, wenn auch unnütze Unterhandlungen angeknüpft." "Schon recht, Freund; der Scherz ist auch nicht meine Sache, am wenigsten Euch gegenüber. Aber könnt Ihr denn gar nicht denken, woher ich mein zuversichtliches Wissen habe?" Der Herr v. Holligen schüttelte den Kopf. "Wenn uns der Zufall nicht gewogener ist, als es Herr v. Amiel nach der schnöden Behandlung, die ihm widerfahren, sein kann – nein habt Ihr ihn nicht gesprochen seit vorgestern?" "Ich habe", nickte der Oberst schmunzelnd; "es geht Euch wie mir, ich hatte keinem Manne solche Selbstverleugnung zugetraut. Die Nachrichten sind von ihm." "Nicht möglich!" "Er war ihnen schon auf der Spur, wahrend wir über die Wiedereinsetzung des König debattierten, und kam erst gegen Morgen in die Stadt zurück. Als er den gefaßten Beschluß, der ihn seiner kaum angetretenen Kapitänstelle enthoben, erfuhr, sagte er kaltblütig: "Um so besser; nun kann ich unbehindert einer größeren Pflicht nachgehen. Er ließ augenblicklich satteln und ist vor kaum einer halben Stunden mit dem glücklichen Resultat seiner Nachforschungen zurückgekehrt. Sicher haben Roß und Reiter seither wenig Rast gemacht." "Wenn er wüßte, welch schmählicher Verdacht unterdessen in meinem Hause gegen ihn ausgesprochen worden", murmelte der Herr v. Holligen, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend; laut aber sagte er nach einer Pause: "Wäre der Mann nicht in jeder Ader ein Edelmann, so müßte man auf den Gedanken kommen, er wolle uns einen Streich zur Revanche spielen." "Wär’ ihm bei meiner Ehre nicht übel zu nehmen", entgegnete der Oberst, nachdenklich auf und nieder schreitend, "aber seine Angaben sind derart, daß sie keinen Zweifel übrig lassen, und wir haben jetzt nur zu sehen, wie wir ihm gebührende Satisfaktion verschaffen. Übrigens hab’ ich schon früher gesagt, daß er als einfacher Kapitän nicht am Platze sei." "Er wünschte die Stelle, weil sie eben ledig war, aus purer Bescheidenheit. Aber da fällt mir etwas ein", fuhr der Herr v. Holligen nach einigem Besinnen fort; "vorgestern wurde mein unglücklicher Vetter v. Dießbach vergeblich als Chef eines Brigadestabes vorgeschlagen; das könnten wir dem Herrn v. Amiel um so eher anbieten, als er in dieser Stelle nicht die Unannehmlichkeit eines unmittelbaren Verkehrs mit dem mißtrauischen gemeinen Mann hätte." "Einverstanden, vollkommen einverstanden", pflichtete der Oberst bei, "und wißt Ihr was? wir gehen gleich nach dem Rathause, die Sache in Anregung zu bringen. Sacre-bleu – ich möchte nicht gern Widerstand finden dabei." Als die beiden alten Herren unter das äußere Kasernentor gelangten, fanden sie die Straße von einer wogenden Menge bedeckt, welche die bereits längs der Mauer aufgefahrenen Geschütze der Batterie mit bewunderndem oder scheuem Blicke betrachtete. Aus dem Hinterhofe schleppten die stämmigen Kanoniere schwere Munitionswagen herbei, um sie ebenfalls spannfertig aufzustellen. "Gleichviel", sagte der Oberst stehend bleibend, "ein flinker Geselle ist der König und weiß seinen Leuten teufelmäßigen Willen beizubringen." Der Herr v. Holligen schwieg zu diesem Lobspruche; aber als er den Hauptmann aus dem hinteren Hoftor treten sah, wendete er sich ab, mit raschem Schritte auf die Straße gehend, und den ehrerbietigen Gruß, den ihm dort der Wachtmeister bot, erwiderte er mit einem kaum bemerklichen Kopfnicken. "Nun gäb’ ich aber doch viel drum, wenn ich noch eine Viertelstunde heim könnte vor dem Abmarsche", sagte Christen, seinem Lehensherrn verwundert und bekümmert nachblickend; "mag’s gegeben haben, was es will, ich wär’ ruhiger, wenn ich’s wüßte. Der alte Herr sieht auch gar elend aus." "Wahr ist es", bestätigte der Belper-Fritz, "und große Freude scheint ihm dein Anblick nicht gemacht zu haben, mir war’s, als ob ein kurioses Zucken um seinen Mund ginge, als du ihn grüßtest." "Mit mir mag er’s halten, wie er will", entgegnete der Wachtmeister, "wenn nur meine Mutter – aber gewiß ist sie heute so schnell wieder fortgegangen, um mir nichts Schlimmes sagen zu müssen." "Sieh, dort kommt sie selber hinter den Leuten herunter – guck, sie ist hinter dem dicken Metzger stehen geblieben und schaut ihm über die Achsel nach uns herüber – sie sucht dich mit den Augen." "Wahrhaftig – sie winkt mir." "Geh’ du nur da an der Ecke herum", flüsterte der Belper-Fritz, "ich will dich schon entschuldigen, wenn der Hauptmann nach dir fragen sollte." Die Müllerin verschwand auf ein gegebenes Zeichen ebenfalls an der Kasernenmauer hinunter, aber der Belper-Fritz hatte auf die Rückkehr seines Kameraden nicht lange zu warten. "Hoffentlich keine schlimmen Nachrichten!" rief er dem Herankommenden entgegen, "du hast dir unnützen Kummer gemacht." "Wie man will", antwortete Christen leise; "das Fräulein ist fort, wahrscheinlich in der Nacht, und niemand will über ihr Wie und Wohin Bescheid wissen. Es wird wohl schlimm hergegangen sein zwischen ihr und dem Vater; heute morgen fand meine Mutter ein Seidentüchlein vor unserer Türe und darin das Brieflein an den Hauptmann eingewickelt. Wären wir einmal fort von hier." Es vergingen indessen noch Stunden, bevor dieser Wunsch seiner Erfüllung nahte, und bereits kam die kaltfeuchte Dämmerung heran, als sich der dumpfrollende Zug in Bewegung setzte. Als die kleine Anhöhe an der Freiburgerstraße erreicht war, über die in vergangenen Tagen so mancher kampfmutige Schlachthaufe ausgezogen und siegesfroh zurückgekehrt war, mußte sich mancher Blick linksab nach dem Schlosse wenden, das, von keinem Laute belebt und von keinem Lichtlein erhellt, aus den dunkeln Wiesengründen aufstieg. "Ein Riesengrabmal" – ging es bei diesem Anblicke durch Rudolfs Seele – "nicht zu groß für vergangenes, einst geträumtes Glück;" aber wie sich zum Troste rief er unwillkürlich mit lauter Stimme in das Rasseln der Räder: "Entsagen und Hoffen" bleibe dein Wahlspruch!" Das waren die zwei Worte, die heute Adelaidens Briefchen enthalten hatte. Einen Augenblick darauf ertönte Kommandoruf, und der Zug rollte im Trabe in die Nacht hinaus. XVII Die Nacht sank dunkler und dunkler, und auf ihren schwarzen Fittichen brauste aus den Freiburger Bergen bald der graue Schneesturm heran. Er stürmte beflügelten Ganges die Wiesengründe hinab, an deren unterem Saume das einsame Schlößlein stand. Hier rumorte er eine Weile im Hofe herum und brauste dann durch die Allee über das Feld dem Walde zu. Hier war er in seinem Elemente zur lustigen Nachtfeier. Zuerst nur leise über die Gipfel wegstreifend, wie der Geigenspieler, der mit leichtem Bogenstriche die Saiten prüft, stürzte er bald mit voller Gewalt in die breitästigen Kronen, so daß auf seinem Gange ein dumpfes Tosen erschallte und wie der Nachhall des Donners die Felsen und Klüfte erfüllte. Die niedrigen Gebüsche in den Tiefen begannen furchtsam ihre Zweige zu bewegen, als fürchteten sie sich, vom Einsturze der knarrenden Nachbarstämme zerquetscht zu werden. Was unter ihrem Schutze auf dem Moose geruht, verließ das Lager, um mit scheuen Schritten umherzuirren, und selbst das Käuzlein ließ seinen langgezogenen Klageruf ertönen; aber der Schreckenerreger freute sich seiner Macht, hing sich ruhig in den Wipfel einer Eiche, und im Augenblicke waltete wieder so tiefe Stille, daß er von weitem her die Menschentritte hörte, die am Waldsaume daher gegangen kamen. Und doch traten die zwei so leise auf, als ob sie der Sicherheit des Pfades nicht trauten, und ihre Worte flüsterten, als dürfte sie das eigene Ohr nicht hören; aber der unsichtbare Lauscher über ihnen hörte sie und hoffte auf eine neue Beute für seine Schreckenspiele. "Und ich sag’ Euch", flüsterte der eine, "mir ist’s, meine Knochen seien windelweich geworden seit dem Vorgange; am Tage scheu’ ich mich vor den Leuten und bei der Nacht fürcht’ ich mich vor mir selber. So reitet mich der Teufel." "Bah, Kindereien", machte der andere, "das geht vorüber; ich hätt’ dir mehr zugetraut nach dem, was ich von dir gehört habe, Jakob." "Ihr habt gut reden, es geht vorüber", sagte der andere; "ich bin auch schon dabei gewesen, aber dann hatt’ ich jedesmal einen Rücken hinter mir. Jetzt verschwindet Ihr beide, Ihr und Euer Herr, wenn’s einmal unlauter werden sollte, und ich sag’ Euch, es wird unlauter, ich spür’s da drinnen." "Zum Kuckuck, du hast’s ja nicht selber getan." "Nützt mich nichts", flüsterte der andere, "ich sage mir das jede Minute selbst vor; aber allemal seh’ ich dabei wieder den gräßlichen Blick, den er mir beim Aufblitzen des Schusses zugeworfen – hu, mich schüttelt’s! Ihr müßt mir mehr Geld verschaffen, daß ich dieses Land verlassen kann, der König ruht nicht, wenn er einmal zurückkommt – ich kenne ihn." "Schurke", murmelte der Begleiter. "Schurken und Mörder", schrie der rauschende Kobold über ihnen, indem er wie ein kettenrasselndes Gespenst durch die Äste niederfuhr. "Schurken und Mörder in meinem Waldrevier!" Und von dem Rufe des Meisters aufgeschreckt, fingen die Bäume ringsum an zu rauschen und zu tosen wie tausend aufbrechende Waldströme, wenn sie regengeschwellt aus ihren Runsen brechen, die Eiche erkrachte bis zur Wurzel, und die Tanne beugte ihren Wipfel so tief herab, als wollte sie gespensterhaft schwarze Arme nach der Tiefe ausstrecken; aber die Windsbraut packte heulend ihre Menschenbeute, riß dem einen die Pelzmütze von den rotborstigen Haaren und warf dem anderen einen Flockenwirbel ins Gesicht, daß er geblendet und verwirrt mit den Händen nach einer Stütze umhertappte. Er erwischte dabei seinen Begleiter, der bei der Berührung aufschrie: "Der Teufel – laß mich!" und wie ein gehetztes Wild über den Anger lief, über den aus der Ferne die Lichter von den Türmen der Stadt herandämmerten. Hinter ihm drein mit schrillem Gejauchze der neckende Kobold. Der Zurückgebliebene rieb sich die Flocken aus den Augen, verzog das Gesicht zu einem verächtlichen Lächeln und begann dann rasch den Pfad, der am Waldsaume dahin führte, weiter zu verfolgen. "Mit dem Hasenfuße ist nichts mehr anzufangen", murmelte er dabei vor sich hin, "und er wird meine Aufträge schlecht genug erfüllen. Ein Glück, daß die Herren nicht gefährlicher als ihre Knechte sind. Aber halt, da steht ja schon die Spelunke, und möglich ist’s, daß er bereits droben ist – aufgepaßt!" Er blieb einen Augenblick an der Waldecke stehen und schaute spähend nach dem Hause hinüber, aus dem ein beweglicher Lichtschimmer brach, bald heller aufleuchtend, bald wieder vom Schatten hin- und hergehender Gestalten zugedeckt. "Einmal sollt’ ich mich doch in das untere Gemach wagen", sagte er, wieder vorwärts gehend, vor sich hin; "es müßte sich da ohne Zweifel besseres Holz finden lassen als drinnen in der Stadt." Er stellte sich vor das niedrige Fenster, um durchzuschauen, aber es war von innen mit einem schmutzigroten Vorhange verhüllt, auf dem der Lichtschein nur unerkennbare phantastische Formen und Gestalten abmalte. "Ein andermal", murmelte der Späher; "da kommt er schon; der kann seinen Paradeschritt so wenig verändern und verstellen als ein verwöhntes Hofdamenpferd." Mit dieser Bemerkung, die einem Geräusche galt, das durch die über dem hohen Aarborde hinziehende Allee herannahte, schlüpfte er in das Haus hinein, klopfte leise an der nächsten Türe und befahl ebenso leise, daß man in die "grüne" Stube Licht bringen sollte. Hier angekommen, zog er seinen nassen Fuhrmannskittel aus, um ihn an dem warmen Ofen zu trocknen, und warf sich dann nachlässig in einen Lehnstuhl, ohne dem hübschen Wirtstöchterlein, welches das Licht hereinbrachte, mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als ein kurzes Kopfnicken auf den gebotenen Abendgruß erhiesch. Mitteilsamer und freundlicher gestimmt schien der Neuankommende zu sein, da er auf der Treppe mit der ihm begegnenden Dirne ein angelegentliches Geflüster anspann; aber gleichwohl trat er mit fast unwirschem Gesichte in die grüne Stube und streckte seine Hand sogleich nach dem am Ofen hangenden Fuhrmannskittel aus. "Ihr seid noch nicht lange unter Dach", sagte er, den nassen Finger zurückziehend und an einem Seidentuche abtrocknend, "mich wundert’s, wie Ihr wagen könnt, so überall herumzustreifen, Bürger Olivier." "Hat keine Gefahr", erwiderte der so Angeredete nachlässig, "durchaus keine Gefahr, Bürger Amiel." "Das könnt Ihr sagen und kümmert Euch dabei nicht um mich", sagte Herr v. Amiel, indem er seinen Worten einen Mittelton zwischen Strenge und Besorgnis zu geben suchte; "aber mit wem seid Ihr denn zusammen gewesen?" "Bloß mit Unbekannten – gleichgültigem Volke." "Ich hätte darauf geschworen, der Judenbube sei da drinnen an mir vorbeigerannt." "Ich hab’ ihn nicht gesehen." Bürger Olivier sagte dies mit solch ruhiger Gelassenheit, daß Herr v. Amiel seinen lauernden Blick scheinbar gleichgültig an die Zimmerdecke gleiten ließ, um sich dann gemächlich auf einen Stuhl zu setzen. Da er sein Gesicht dem Ofen zukehrte und in dieser Stellung seinen Gedanken nachhängen zu wollen schien, sagte der andere nach einer Pause: "Ich werde Neuigkeiten von Euch erfahren, Bürger Amiel." "Die Ihr schon zu kennen scheint." "Ich werde sie von Euch hören." "Nun denn", antwortete Herr v. Amiel, sich auf die schmalen Lippen beißend, "ich habe vorläufig das Brevet eines Generaladjutanten mit Majorsrang erhalten." "Es freut mich, Euch zu diesem schnellen Avancement gratulieren zu können", sagte Olivier mit hörbarem Spotte; "aber mit dem Glückwunsche möchte ich einen Rat verbinden, und es soll mich noch mehr freuen, wenn Ihr demselben gebührende Beachtung schenkt, Bürger Amiel." "Und das wäre?" entgegnete dieser mühsam an sich haltend, indem er das zorngerötete Gesicht vorwärts beugte, "ich bin Eure Ratschläge bereits gewohnt und höre." "Zuerst laßt Ihr für einmal Eure Liebespossen fahren und bemüht Euch besser, den hohen Sold zu verdienen, den Ihr von uns bezieht." "Zum Teufel", rief Herr v. Amiel auffahrend, "wie könnt Ihr mir das bieten, Bürger!" "Ein wenig mehr Besonnenheit möchte nichts schaden, wenn uns auch der Junker v. Dießbach heute nicht behorchen wird", entgegnete Olivier mit eiskaltem Tone; "aber erinnert Euch, Ihr gabt vor, die Intrige mit dem Maler anzuspinnen, um sie rechtzeitig aufzudecken und ihre Spitze dann gegen diese gnädigen Herren zu wenden, indem Ihr dafür sorgtet, daß das Volk von der begangenen Schändlichkeit zweckdienliche Kenntnis erhielt." "Und wer sagt, daß das nicht meine stete Absicht gewesen?" fragte Herr v. Amiel, der bei dem Namen des Junkers, wie von einem scharfen Schlage getroffen, in seinen Stuhl zurückgesunken war, mit unsicherer Stimme: "wer wagt daran zu zweifeln?" "Ich nicht", entgegnete der andere kalt, "aber es gibt Leute – und ich rechne sie nicht einmal zu den scharfsichtigsten – die behaupten, Ihr hättet bei dem ganzen Handel keinen andern Zweck verfolgt, als Euch von einem gefährlichen Nebenbuhler zu befreien." "Schurke", murmelte Herr v. Amiel, ohne aufzublicken. "So viel ist sicher", fuhr der Bürger fort, "daß Ihr beim Fiasko des wüsten Aristokratenspieles unser Interesse vollständig vernachlässigtet und Eurer kleinen Herzensangelegenheit nachliefet." "Wobei Ihr selbst mein bereitwilliger Gehilfe wart", knirschte Herr v. Amiel, "und dann sprecht, was hätte ich unter den unvorhergesehenen Verhältnissen tun können?" "Ich half Euch – ja; einmal um zu beweisen, daß ich Euch gerne zu Gefallen lebe, wo es sein kann, dann aber, weil ich hoffte, Ihr würdet umsichtiger und tätiger sein, wenn das Püppchen für Euch aufgehoben und in Sicherheit gebracht wäre. Immerhin konnte ich dadurch verhindern, daß Ihr nicht von einem Strohwische eingewickelt wurdet. Was Ihr unter den Umständen hättet tun können? Ich gebe zu, nicht viel mehr, aber Ihr hattet diese Unmöglichkeit selbst verschuldet. Statt dafür zu sorgen, daß die Bevölkerung, namentlich die Einsaßen und Hausleute, von dem Verlaufe des Handels gehörig unterrichtet und bearbeitet würden, legtet Ihr selbst Euern Werkzeugen tiefes Schweigen auf, damit Euch die vakante Hauptmannsstelle nicht entgehe, und um diese zu behalten, hättet Ihr den Maler ganz sicher in eine Festung verschwinden und über dem Vorgange Gras wachsen lassen. Und nun bedenkt die Lächerlichkeit: Es gibt Leute, die behaupten, Ihr hättet die Kapitänsstelle keineswegs so angelegentlich ambitioniert, um im Notfalle die beste Berner Batterie unschädlich zu machen, sondern weil Ihr von dem Aberglauben befangen gewesen, ein gewisses Fräulein würde wenigstens einen Teil ihrer Neigung, die sie Euch bisher verweigert, auf Eure Uniform übertragen – wenn es nämlich diejenige ihres begünstigten Liebhabers wäre." "Nun ist’s genug", rief Herr v. Amiel, am ganzen Leibe bebend und die Hand an seinen Degengriff legend, "sagst mir mit wenigen Worten und ohne Beleidigung Euer Begehren, oder bei meiner Ehre – " "Auf die Ihr in meiner Gegenwart nicht zu schwören braucht", entgegnete der andere, indem er gleichgültig, scheinbar spielend den Kolben einer Pistole unter dem Wamse hervorzog; "hört mich nur ruhig an, ich bitt’ Euch, da die Hauptsache erst kommt und ich mich nicht gerne verwirren lasse. Durch all diese Missgriffe seid Ihr in eine mehr als schiefe Lage gekommen, wie Ihr am besten wißt, und aus dieser hab’ ich Euch auf mein eigenes Risiko – wohlverstanden – zu ziehen gesucht. Ich hab’ Euch Plan und Datum unseres Einmarsches in die Waadt mitgeteilt – ein Köder, der, wie ich erwartet, gehörig gezogen und Euch sogar ein hübsches Avancement beschert hat. Nein – bleibt ruhig! es handelt sich hier um den Kardinalpunkt, und ich muß denselben deutlich wiederholen, da Ihr mich bisher nicht vollständig begriffen zu haben scheint." Bürger Olivier rückte bei diesen Worten wieder ein wenig an seinem Pistolenknaufe, dann fuhr er nach kurzem Räuspern fort: "Wenn ich Euch ermächtigt habe, dem Feinde einen unserer militärischen Pläne zu verraten, bloß um Euch wieder bügelfest zu machen, so liegt es auf der Hand, daß unser Hauptinteresse nicht mehr auf dieser Seite – auf der militärischen meine ich – liegt, und in der Tat bildet sie bei der Stellung, welche die übrigen Stände der Eidgenossenschaft einnehmen, nur mehr noch eine untergeordnete Sorge. Was uns fehlt, ist nicht die gewisse Siegeszuversicht, da wir den Bernern im Notfalle die fünf- und zehnfache Macht entgegen stellen können, aber es ist der formelle und moralische Rechtstitel zum Kriege, und diesen müssen wir uns mit allen Mitteln zu verschaffen suchen. Für die Waadt besitzen wir ihn, da dort nächster Tage die allgemeine Revolution ausbrechen, dem Berner Regimente ein Ende machen und sodann die ganze Bevölkerung uns zum Schutze herbeirufen wird; dort also kommt es nicht darauf an, ob wir einen etwas stärkeren oder geringeren Widerstand finden. An andern Orten wird Ähnliches eintreten, aber auch hier sollte etwas geschehen, und dafür seid Ihr da, Bürger Amiel, und habt zu diesem Zwecke seit langer Zeit eine schöne Besoldung bezogen, mit der Aussicht auf freigebige Dankbarkeit, wenn Eure Pflichten getreulich erfüllt sind. Was bereits versäumt worden, kann nun freilich nicht mehr nachgeholt werden; aber was Ihr im Bürgerkleide unterlassen, müßt Ihr nun im Soldatenrocke gut machen, Herr Generaladjutant. Wie Ihr die Mißgriffe der gnädigen Herren gegen den Maler hättet ausbeuten sollen, beutet Ihr nun ihre Mißgriffe im Felde aus. Dem hitzigen Soldaten gegenüber deutet Ihr die Vorsicht der Führer als Furchtsamkeit, dem feigen laßt Ihr in einem mutigen Vorgehen eine nutzlose Verschwendung von Menschenleben erblicken, und vor allem denkt darauf, Verwirrung in das Verpflegungs- und Transportwesen zu bringen. Sobald der Mehrzahl dieser Milizen das gewohnte Stück Brot oder auch das volle Dutzend Patronen fehlt, so wird das bereits vorhandene Mißtrauen in volle Flammen ausschlagen, und gebt Ihr dann gelegentlich einem unserer Führer noch das Zeichen zu einem kleinen Überfalle, wird sich alles nach bestem Wunsche gestalten, und wir haben noch vor beendigtem Kampfe den Rechtstitel in Händen, der uns bis jetzt freilich nur scheinbar gefehlt hat. Tut Ihr hiefür Euer möglichstes, Bürger Amiel, so könnt Ihr darauf rechnen, daß nach geschehener Tat Euch auch jedes Mittel zur Erreichung Euerer Herzenswünsche geboten werden soll." Der Ton des Mentors war gegen den Schluß seiner Rede freundlicher geworden, und die letzten Worte, fast in herzlicher Teilnahme gesprochen, hatten auch ihres Eindruckes auf Herrn v. Amiel nicht verfehlt. "Er weiß, wo sie ist", murmelte er leise und sagte dann, sich erhebend und seinem Gefährten näher tretend: "Ich habe nun manches von Euch hingenommen, was mir andere mit Blut bezahlt hätten, Bürger Olivier; aber es soll vergessen sein. Ihr sollt fortan über mich nicht zu klagen haben, wenn Ihr mir sagt, wo Adelaide v. Holligen sich befindet – Ihr wißt es." "Ich?" Wäre Herr v. Amiel nicht so vollständig von der Richtigkeit seiner Voraussetzung überzeugt gewesen, so würde ihn der Ausdruck aufrichtiger Verwunderung, mit der diese Frage gestellt war, stutzig gemacht haben; aber er kannte die fertige Verstellungskunst dieses Menschen und fuhr daher fort: "Ja, Ihr, Bürger Olivier, Ihr wißt es und habt Euch durch Nennung eines Grundes, der mir vorgestern Eure Unterstützung verschaffte, selbst verraten. Ich hatte anfänglich den Alten v. Holligen im Verdacht und fürchtete, er könnte seine Tochter aus Mißtrauen gegen mich ins Verborgene gebracht haben – möglich wär’s gewesen, daß sie etwas gemerkt hätte. Ich tat ihm aber, wie ich mich bald überzeugen mußte, unrecht, und weiß nun auch, wer die Hände im Spiel hat. Gebt mir Auskunft, Olivier – in Euerm eigenen Interesse!" Der Bürger hatte während dieser Mitteilung die Hand über das Gesicht gelegt, als müßte er die Verlegenheit eines unerwartet Ertappten verbergen, jetzt zog er sie wieder weg und entgegnete, während noch ein verschwindendes Erröten um seine Stirne zu spielen schien: "Nun ja – ich hielt es für Pflicht, mit ruhiger Überlegung zu tun, was Ihr in Eurer blinden Leidenschaft nicht zustande bringen konntet; aber wahr ist’s, Ihr hättet vor dem Einzuge unserer Armee in Bern nichts davon erfahren sollen, um dann Sieg und Brautbett miteinander zu feiern. Da seht Ihr meine Herzensmeinung gegen Euch, wo mich die Pflicht nicht bindet." "Sagt mir, wo sie ist", rief Herr v. Amiel, des Bürgers Hand ergreifend, "führt mich zu ihr und Ihr habt meinen ewigen Dank für Eure Tat erworben." Olivier lächelte. "Seht, da läuft Euch schon wieder der Verstand mit dem Herzen davon. Ich habe gewünscht, Euch das Fräulein für einige Zeit aus den Augen zu rücken, damit dieselben um so sicherer und fester ein anderes Ziel erfassen. So zu handeln gebot mir die Pflicht gegen unsere Sache und Euch selbst; drum könnt Ihr nicht verlangen, meine eigene, wohlüberlegte Tat, die ohnedies mit schwerem Wagnis verbunden war, wieder auszulöschen und zunichte zu machen." Herr v. Amiel zog seine Hand mit einem mißtrauischen Blicke zurück, doch der andere fuhr unbeirrt und herzlich fort: "Ich kann mir denken, daß Euch ein kurzes Entsagen unbequem ist; aber Ihr habt mein Wort: das Fräulein ist zu dieser Stunde nach meiner Berechnung in vollkommener Sicherheit, und soviel an mir und denen mit mir liegt, sollt Ihr dasselbe noch am Tage der Einnahme Berns in die Arme schließen, wenn Ihr indessen Eure Pflicht getan. Seid Ihr’s zufrieden?" "Ich muß", antwortete langsam Herr v. Amiel. "Nun denn", sagte der Bürger, "Ihr werdet’s hoffentlich nicht bereuen, und schließlich zum handgreiflichen Beweise, daß Ihr stets auf uns zählen könnt, leg’ ich Euch auf eigene Verantwortlichkeit noch einen kleinen Equipierungsbeitrag bei. Es sind wohlgezählt dreihundert Berndublonen – vorsichtshalber." Der freigebige Spender beobachtete mit höhnischem Lächeln, wie die Hand des Herrn v. Amiel heftig zitterte, als sie das Geld zusammenstrich, aber er schloß in dem angenommenen freundlichen Tone: "Und nun auf glückliches Wiedersehen – heute könnt Ihr sicher sein, daß ich den Weg nach Aarau sofort unter die Füße nehme; die paar Tage jedoch, die ich in Bern zugebracht, reuen mich nicht und werden hoffentlich nicht verloren sein." Herr v. Amiel verstand den Blick, mit dem die letzten Worte begleitet waren; aber zur Antwort nickte er nur mechanisch mit dem Kopfe, um dann schweigend die Treppe hinabzugehen. Draußen hatte sich der Wind gelegt, und der frischgefallene Schnee fiel bereits in einem wärmern Luftzuge wieder in schweren Tropfen von den Bäumen; am Himmel gingen in langsamem Zuge schwere zerrissene Wolken dahin, und aus der Tiefe quoll nur das eintönige Rauschen der Aare herauf, sonst kein Laut, soweit das Ohr reichte. Herr v. Amiel stellte sich gleich im Beginne der Allee hinter einen dicken Baumstamm, wohl in der Absicht, das Weggehen des Bürgers zu beobachten, aber bald war er in selbstvergessenes Sinnen verloren, von dem er sich in abgebrochenen Worten laute Rechnung gab. "Ob er dich täuscht? Unnütze Frage – gleichviel, du mußt gehorchen – du hast deinen Meister bald gefunden – Knecht, Knecht eines Schurken." XVIII Um die schneebedeckten Kämme des Jura, die sich in langen Reihen vor den Blicken hinzogen, lag dämmernder Mondschein, und an ihrem Fuße fegte durch die Tiefe des Aartales ein kalter Nordwind. Auf dem erhöhten Ufer, dessen Bord jäh in die Wasser niedersank, standen, mit den Mündungen nach diesen Anhöhen gekehrt, die Geschütze einer Batterie aufgefahren, über deren glänzenden Röhren der Mond mit seinen beweglichen, phantastischen Lichtern spielte. Hinter ihnen, von jungen Tannen und kahlem Laubholz fast verdeckt, erhoben sich zwei Scheunen, deren rohe Balkenwände von einem verglimmenden Feuerscheine, durch den sich da und dort eine Menschengestalt bewegte, schwach gerötet wurden. Aus dem Innern der Hütten ließ sich das Geräusch rastender Pferde hören. Vor den Geschützen am Uferrande ging mit langsamem Schritte eine Schildwache auf und nieder. Bisweilen blieb sie, den Mantel fester anziehend, stehen, um nach allen Seiten in die Nacht hinauszuhorchen oder nachdenklich nach den dämmernden Lichtstreifen zu blicken, die sich jenseits des Flusses am Fuße des Gebirges dahinzogen. Manchmal schüttelte der Mann den Kopf bei diesem Anblicke oder murmelte unwillig einige Worte und schaute dann wieder bedachtsam nach dem buschigen Hintergrunde, aus dem sich der Feuerschein kaum erkennbar vom Mondlichte abhob. Aus diesem Hintergrunde trat ein anderer, der sich vor dem scharfen Luftzuge ebenfalls fester in seinen Mantel hüllte. "Eine ungewöhnliche Bise für diese Jahreszeit", sagte er, "wie spät haben wir, Wachtmeister?" "Soeben hat es drüben in Selzach halb zwei geschlagen, Herr Hauptmann." "Wäre nicht Gegenbefehl gekommen, so müßten die Bewegungen bereits begonnen haben – mit zehn Uhr ist der Waffenstillstand zu Ende gegangen. Hast du weiter nichts bemerkt?" "Nichts", erwiderte der Wachtmeister, "nur will es mir nicht gefallen, wie es die dort drüben treiben." Er streckte die Hand aus und deutete über den Fluß talaufwärts, wo sich der Feuerschein am ausgedehntesten und hellsten zeigte. "Seit einer Stunde", fuhr er fort, "sind dort mehr als zwanzig neue Feuer angezündet worden, und zwar ganz sicher im freien Felde – das Dorf Lengnau liegt weiter hinten, die Franzosen müssen jeden Mann auf den Vorposten zählen können. Seht nur, Herr Hauptmann, auf ihrer Seite ist kein Funken bemerkbar." "Du hast recht, es scheint dort große Sorglosigkeit zu herrschen – vielleicht durch die Nachricht von neuem Aufschube der Feindseligkeiten hervorgerufen." Die Schildwache begann wieder ihren Schritt auf und nieder zu gehen, und der Hauptmann lehnte sich schweigend an eine Kanone. Seit dem nächtlichen Ausmarsche der Batterie aus Bern waren noch nicht anderthalb Monate vergangen, aber welch eine Zahl von Begebenheiten hatte sich in diesem Zeitraume zusammengedrängt und dem Herzen, das für des Vaterlandes Wohlergehen schlug, Kummer und Besorgnis bereitet! Und welche Geschicke mochten sich erfüllen, bevor die beginnenden Märztage ihre ersten Goldblumen auf diese Wiesenhänge streuten, die jetzt noch von dem beißenden Nordwinde bestrichen wurden! Die Blutrosen sollten wohl die Erstlinge dieses Frühlings sein. Doch abgesehen von der allen geltenden Bedeutung der Tagesereignisse, stand Herr Rudolf manchem derselben noch in besonderer Lage gegenüber. So galt es jetzt allgemein, selbst bei den frühern Gegnern des Herrn v. Amiel, als eine ausgemachte Tatsache, daß dieser der Regierung bedeutende Dienste geleistet habe, da, was er vorausgesagt, wörtlich eingetroffen war – am 24. Januar Ausbruch der Revolution in Lausanne und Vertreibung des bernischen Landvogtes von Büren, und zwei Tage darauf Einmarsch der Franzosen in die Waadt unter General Menard. Es war zwar unleugbar daß diese Voraussagungen den Bernern nicht nur keinen äußern Vorteil, sondern eher neuen innern Schaden gebracht hatten, infolge des Geschickes, das wie ein Dämon jedes rechte Beginnen der Regierung in sein Gegenteil verkehrte. Über die gegen den Ausbruch der Revolution in Lausanne zu treffenden Vorkehren war so lange hin und her beraten worden, bis dieselben ganz überflüssig waren und der bernische Landvogt bei Nacht und Nebel als Flüchtling in seiner Vaterstadt anlangte; ebenso wurde gegen die einrückenden Franzosen kein Schuß abgefeuert, und als dieselben die Grenze überschritten, befanden sich Herr Rudolf und seine kampflustigen Kanoniere noch in Ifferten mit der striktesten Weisung, keinen Schritt weiter vorzugehen. Die bernischen Führer, die mit Recht gehofft hatten, durch einen ersten glücklich ausgeführten Schlag Mut und Begeisterung ihrer Soldaten zu wecken, sahen sich um die schönste, vielleicht einzige Gelegenheit dazu betrogen und fingen an, einer nach dem andern, sich mit dumpfer Resignation in ein Geschick zu fügen, das unabwendbar schien Wie immer bei allgemeinen Unglücksfällen, wollte auch niemand an der unersetzlichen Versäumnis schuld tragen, und jedermann fragte sowohl im Ratssaale als im Felde erstaunt oder erbittert, wie das möglich geworden sei? Aber sollte denn Herr v. Amiel, der ebenso große Uneigennützigkeit als Einsicht und Hingebung gezeigt, all das entgelten? Wer wollte eine solche Undankbarkeit auf sich nehmen, zudem der Unermüdliche auch noch sichere Mitteilungen über eine beabsichtigte Schilderhebung in Aarau gemacht, die nur zu bald sich als richtig bestätigten. Er erhielt dafür von der Regierung ein bedeutendes Geldgeschenk und wurde dem General v. Büren, unter dessen Befehl die von Biel bis Solothurn liegenden Truppen standen, als rechte Hand beigegeben. In dieser Lage mochte es ihm ein leichtes geworden sein, seinen heißblütigen Chef, ohne Befehl von Bern einzuholen, zu einem Zuge nach Aarau zu veranlassen, der die frühere Tatlosigkeit beschönigen sollte und freilich zur Unterwerfung des Städtchens führte, aber dafür die Verwirrung in der Oberleitung der militärischen Angelegenheiten noch vermehrte, die Gemüter einer ganzen Gegend unnützerweise erbitterte und den Franzosen endlich einen vollgültigen Vorwand zu entscheidendem Vorgehen gegen Bern in die Hände spielte. Der in Aarau residierende französische Botschafter Mengaud erklärte nämlich, er und sein Gesandtschaftspersonal seien von den in die Stadt rückenden Bernern mißhandelt und die vor seinem Hotel aufgepflanzte Trikolore beschimpft worden. Das war genug. Die feindlichen Heerscharen rückten unverweilt unter General Brüne aus der Waadt gegen Freiburg und Murten, unter Schauenburg aus dem Bistum gegen Biel und die solothurnisch-bernische Grenze vor. Die beidseitigen Truppen standen jetzt auf Schußweite Angesicht in Angesicht. Während Herr Rudolf die möglichen Folgen dieser Vorgänge überdachte, mußten sich seine Gedanken unwillkürlich stets wieder zu seinem einstigen Widersacher v. Amiel zurückwenden. Der Mann war ihm, als sie sich zum ersten Male im Felde getroffen, mit der Ritterlichkeit eines Kampfgenossen entgegengetreten, der jeden persönlichen Streit dem gemeinsamen Zwecke zum Opfer bringt. Er hatte ihm mit offenem Gesichte und festem Drucke die Hand gereicht mit der Bitte, Vergangenes bis nach dem Austrag des Kampfes zu vergessen, wobei es alsdann an hinreichender Erklärung und Genugtuung seinerseits nicht fehlen solle; auch seither war er ihm stets mit zuvorkommender Kameradschaftlichkeit begegnet. Der Hauptmann hatte dieses Entgegenkommen um so weniger ablehnen können, als schon längst der Glaube bei ihm feststand, er habe die Veranlassung zu seiner Verhaftung auf einer Seite zu suchen, der er – ach, doch keinen Groll nachtragen durfte. Der Mann, der sogleich am Tage nach Rudolfs Befreiung sein einziges Kind vor den Blicken aller Welt verbarg, wohl nur in der Absicht, es dadurch vor dem Liebesblick eines Einzigen zu bewahren – er lag nun auch mit dem Herrn v. Amiel drinnen in Solothurn im Hauptquartier des Generals v. Büren, zum Kampfe für die Heimat gegürtet, und die Pflicht hatte ihn schon mehr als einmal mit dem Hauptmanne zusammengeführt; aber noch nie hatte er ihm einen Blick gegönnt, aus dem nicht Zorn oder gar tödlicher Haß geschaut hätte. Herr Rudolf würde, in seinen Gedanken verloren, nicht einmal bemerkt haben, daß er zuletzt laut vor sich hingesprochen, wenn nicht der Wachtmeister näher tretend gefragt hätte: "Um Verzeihung, Herr Hauptmann, ich hab’ Euch nicht deutlich verstanden!" "Ich habe auch nichts gesagt, Wachtmeister, nichts Dienstliches", erwiderte der Hauptmann, mit der Hand über das Gesicht fahrend; "ist zwei Uhr vorüber?" "Noch nicht, doch kann es jeden Augenblick schlagen." "Wirst du abgelöst?" "In einer Stunde." Der Hauptmann ging langsam am Ufer hinab, mit Aug’ und Ohr die schweigende Nacht durchforschend; aber kein Laut, kein Geräusch ließ sich vernehmen, außer das Rauschen der Wasser, die ihre nie endende Zwiesprache hielten. Bis an die Höhen des Weißenstein hinauf zeigten sich die flimmernden Streifen sinkender Wachtfeuer, während weiter abwärts die Kuppeln und Turmspitzen Solothurns im kalten Mondscheine emporstiegen. In dieser Stille schlugen die Gedanken des Einsamen bald wieder die Pfade ein, die sie eben verlassen hatten, und er versuchte mit aller Ruhe nach dem Grunde zu forschen, der ihn den Herrn v. Amiel unwillkürlich wieder als Todfeind betrachten ließ, so oft äußere Tatsachen auch dagegen zu sprechen schienen. War es nur die Erinnerung an die Vergangenheit dieses Mannes? Gewiß nicht allein; stand er doch jetzt wenigstens offen als Soldat denjenigen gegenüber, an denen er einst unter dem Deckmantel der Freundschaft Verrat geübt, und es konnte ja gerade diese Vergangenheit für die Ehrlichkeit seines jetzigen Handelns sprechen; oder welche Bedeutung durfte noch der einstigen Anklage Laharpes beigelegt werden, der jetzt, unter dem Schutze der feindlichen Waffen heimgekehrt, den Feind sogar selbst in die Heimat geführt hatte! Rudolf schüttelte das Haupt bekümmert, als er in Gedanken diesen Namen nannte. "Mein Verstand mag ihm wohl verzeihen", sagte er leise, "aber das Herz, das an der Jungfräulichkeit des heimatlichen Bodens hängt, wird sich nicht zum Schweigen bringen lassen." Ein Hilferuf drang an Rudolfs Ohr, da von obwärts her eine unterdrückte Stimme ertönte: "Laß mich, ich warte, du erwürgst mich!" Der Hauptmann lief ohne langes Besinnen am Ufer aufwärts und sah schon nach wenigen Schritten den Wachtmeister mit einem andern am äußersten Flußrande ringen. "Zurück, Wachtmeister!" rief er erschrocken, "vom Rande zurück!" Aber obwohl er in gewaltigen Sätzen mit dem letzten Worte auch fast schon die Stelle erreicht hatte, kam er doch zu spät. Kaum auf Armeslänge von ihm stürzte der eine der beiden Ringer über den jähen Uferrand, um in den aufrauschenden Wassern augenblicklich und spurlos unterzutauchen. "Was ist das", fragte der Hauptmann aufatmend, "bist du verletzt, was hat’s gegeben?" "Verletzt bin ich nicht", erwiderte der Wachtmeister, "aber was das eigentlich hätte werden sollen, kann ich auch nicht sagen. Der Bursche lief, sobald ich ihn packen wollte, dem Wasser zu, und drunten ist er jetzt, bei meiner armen Seele." "Aber wie ging es denn nur zu? Ich hörte dich gar nicht anrufen!" "Dazu hatt’ ich auch keine Zeit und Gelegenheit, Herr Hauptmann", sagte der Wachtmeister kaltblütig. "Als Ihr da am Flusse hinabginget, schaute ich Euch einen Augenblick nach, es war so still, daß ich jeden Eurer Schritte zählen konnte; aber plötzlich fuhr mir etwas zwischen die Füße, unter den Rädern hervor, wie ein Hund, der erwachend bissig wird. Zuerst glaubt’ ich auch, es sei eine solche Bestie, bis ich eine Menschengestalt zwischen die Finger bekam. Jetzt schrie das Ding, doch wie ich ein wenig losließ, stürzte es wieder dem Flusse zu und hat mir nichts zurückgelassen als dieses Zeug da: ich glaube, es ist das Wams, aus dem der Bursch geschlüpft ist, wenigstens ist ein Kragen daran." "Sonderbar", sagte der Hauptmann, über den Uferrand gebeugt aufmerksam in den Fluß hinaushorchend; "hörst du nichts da drunten?" "Ob ich etwas höre?" erwiderte der Wachtmeister, dem Beispiele des Hauptmanns folgend, "bei meiner Treu, seht, dort schwimmt es dem Ufer zu, schaut, schaut, jetzt klettert es schon am Gebüsch das Bord hinan." Herr Rudolf sah im dämmernden Lichte, das auf den Wellen lag, wie sich drüben eine Gestalt aus dem Wasser hob, um schlangenartig in das Gebüsch zu kriechen. Im ersten Augenblicke hatte er rasch den Griff einer Pistole gefaßt, die neben seinem Degengurte stak; aber eine ebenso rasche Überlegung sagte ihm, daß Dunkelheit und allzu große Entfernung dem Schusse jede Sicherheit benehmen und ihn zum nutzlosen Alarmzeichen machen müßten. "Verhaltet euch ruhig!" befahl er den auf das Geräusch herbeigeeilten Kanonieren. "Einige sollen sich vor- und rückwärts um den Platz verteilen, die übrigen bleiben bei den Stücken, und du, Wachtmeister, komm mit mir, wir wollen deine Beute etwas näher besehen." Die beiden gingen nach dem Feuer, das hinter der entferntern Scheuer in seinem wohlausgewählten Verstecke noch etwas heller brannte. Bis hieher mußte auch das Geräusch nicht gedrungen sein, wenigstens lagen da noch mehrere Kanoniere ausgestreckt, den Tornister zum Kopfkissen und den Mantel zur Decke; unter ihnen sogar nahe am Feuer der Belper-Fritz, aber nicht auf der Erde liegend, sondern nur schlaftrunken auf einem Baumstrunke sitzend. Der Hauptmann blieb vor dem leise mit dem Kopfe hin und wieder Nickenden stehen und fragte seinen Begleiter flüsternd, wo der wohl seinen Mantel habe. "Hol’ ihm denselben und bedecke seine Schultern, sonst wird er starr vor Kälte", fügte er hinzu; "wir wollen ihn nicht unnötig aufwecken." Der Wachtmeister aber deutete mit dem Finger beiseite, wo der matte Feuerschein auf ein jugendliches, schlafendes Gesicht fiel, das in den feinen zierlichen Formen seiner Züge einem Mädchen anzugehören schien. Über der ruhig atmenden Gestalt lag ein Offiziersmantel ausgebreitet; aber um Knie und Füße wickelte sich noch der Mantel aus gröberm Tuche, wie ihn Soldaten und Unteroffiziere trugen. "Den hat Fritz selbst dahin gelegt", flüsterte der Wachtmeister, "ich möcht’ ihn nicht wegnehmen, bis der Junker Lieutenant erwacht." Der Hauptmann trat leise auf die andere Seite des Feuers, und während er einen teilnehmenden Blick nach dem Belper-Fritz hinüberwarf, konnte er trotz der Neugierde, die der Vorgang auf dem Wachtposten in ihm erweckt, seinen Gedanken nicht verwehren, einen Augenblick bei dem nähern Gegenstande zu verweilen. Der Jüngling, fast noch Knabe, der dort beiseite schlief, war ein jüngerer Bruder des ermordeten Junkers v. Dießbach und befand sich erst seit zwei Wochen bei der Kompagnie. Der alte Etzätera hatte den Einwirkungen fortwährender Todesangst, wie angestrengter Wintermärsche nicht mehr Widerstand zu leisten vermocht, und so war es für seinen Hauptmann ein aufrichtiger Trost gewesen, ihn, mit den nötigen Krankheitsgründen versehen, heimschicken zu können. Ob es nun ein freundlicher Zufall so gefügt oder ob die Achtung, die sich der tüchtige Offizier im Felde erzwang, ein Wort dazu gesprochen, gleichviel, Herr Rudolf konnte eine tiefe Bewegung nicht verbergen, als ihm zum Ersatze für den unbehilflichen furchtsamen Mann der kecke, begeisterte Knabe, der noch harmlose Bruder des toten Freundes geschickt wurde. Er fand zwar in ihm nicht die Stütze, wie sie unter Umständen notwendig werden mußte, gewiß aber hätte der junge Lieutenant der mitgebrachten eigenhändigen Empfehlung des Schultheißen nicht bedurft, um sich die wünschenswerteste Aufnahme bei dem Hauptmann und seinen neuen Kameraden zu verschaffen. Der neckische Mutwille neben der teilnehmendsten Gutmütigkeit, das bereits erwachte Selbstbewußtsein neben der zuvorkommendsten Gefälligkeit, eine unverwüstliche Heiterkeit und der frischdreinschauende Mut hatten ihn rasch zum Lieblinge der ganzen Kompagnie gemacht, während der Hauptmann in ihm das getreue Urbild des Bruders sah, wie es die Natur, vor den Trübungen der Menschenhand, einst angelegt. Auffallend aber war es, welch rührende Anhänglichkeit der Belper-Fritz von der ersten Stunde an dem jungen Lieutenant entgegenbrachte; den ganzen Tag ließ er ihn nie aus den Augen, und die Nächte durch hütete er seinen Schlaf. Nachdem der Hauptmann unter diesen Gedanken eine Weile das vom Feuerscheine beleuchtete Bild betrachtet, fragte er den Wachtmeister leise: "Spricht der Belper-Fritz nie vom Bruder des Lieutenants?" "Seit es ihm vom Münster zu Grabe geläutet, nie mehr, kein Wort." "Und was hat er damals gesagt?" "Oh", machte der Wachtmeister verlegen, "er hat, ich weiß es selbst nicht mehr recht, er hat dem Junker die ewige Ruhe gegönnt, wißt Ihr." "Brave Seele", murmelte der Hauptmann, nachdenklich auf Fritz schauend, "wackeres Herz, das so seinen Bußtag zu feiern weiß", und als müßt’ er neu herandrängenden Gedanken mit Gewalt wehren, schüttelte er den Kopf, um dann hastig nach dem Wamse zu greifen, das der Wachtmeister in Händen hielt. Es war ein unscheinbares Kleidungsstück aus grobem Wollentuche, wie es die Landleute der Umgegend zur Winterszeit zu tragen pflegten. In den Säcken fand sich nichts als ein Stock schwarzes Brot und ein kleines Beutelchen mit einiger kleiner Münze und einem zusammengewickelten Papierchen, in dem etwa ein Dutzend Körnchen Sägespäne lagen. Auf das Zettelchen selbst war mit grobem Stifte ein großes Pfundzeichen gemalt, vor dem die Ziffer 6 stand, und untenher am Rande fast unleserlich, wie von einem beschriebenen Blatte abgerissen, zeigte sich das Wort "Bernpulver". Weiteres ließ sich bei der genauesten Durchsuchung nicht entdecken. "Da haben wir keinen großen Fang gemacht", sagte der Hauptmann, die aufgeschnittenen Nähte des Wamses noch einmal um und um wendend, "sechs Pfund Bernpulver, dieser Dinge wegen hätte der Bursche nicht nötig gehabt, das kalte Aarbad zu nehmen." "Vielleicht daß er sich doch nur verirrt hatte und dann Angst bekam", meinte der Wachtmeister, behutsam das Stock Brot zerbrechend, "da drin kann ich doch wenigstens auch nichts Verdächtiges entdecken; froh bin ich nur, daß er wieder aufs Trockene gekommen ist." "Sägespäne – seltsam", erwiderte der Hauptmann, den Kopf schüttelnd; "gleichwohl machen wir dem General sofort Anzeige von dem Vorfalle, wecke den Lieutenant! Fritz kann mit ihm nach Solothurn hineinreiten!" "Horcht, was war das?" fragte der Wachtmeister, auf seinem Wege wieder stehen bleibend, "hört Ihr’s?" "Sie schießen", rief der Belper-Fritz, aus dem Schlafe auffahrend; "wacht auf, Junker, da habt Ihr Euern Säbelgurt!" Der Ruf hatte mit dem Lieutenant im Augenblicke alle emporgejagt, die noch um die Scheunen lagen. Mit angehaltenem Atem horchten sie dem Knattern des Kleingewehrfeuers, das aus der Ferne, vom Gegenwinde fast verweht, das Tal herabdrang. Eine Minute später feuerte der Wachtmeister aus der ersten Piece den verabredeten Alarmschuß ab, daß die gegenüberstehenden Felswände des Jura erkrachten und den mächtigen Schall donnernd zurück in das Tal hinab warfen. XIX Die Kanoniere standen schweigend an den Geschützen und horchten dem Schalle des Schusses nach; aber schon hatte sich der letzte Nachhall desselben an den höchsten Wänden des Weißensteins verloren, als ein zweiter Knall talaufwärts das Zeichen fortsetzte, und es verging eine Frist, in der die sämtlichen Stücke der Batterie ihr Feuer wohl zehnmal abgegeben hätten, bevor in der Richtung abwärts gegen Solothurn ein Blitz auffuhr, dem ein langsamer Donner nachrollte. "Wir waren lange die ersten", sagte kopfschüttelnd der Hauptmann, "und ich wünschte, die weiter aufwärts hätten uns diese Ehre vorweggenommen; der Lärm muß ja ganz in ihrer Nähe sein." "Wenn wir dabei wären", rief der junge Lieutenant, "die dort nehmen uns dafür die Ehre des ersten Sieges weg!" "Auch dazu würd’ ich mir von Herzen Glück wünschen", erwiderte Herr Rudolf ernst; "aber es scheint mir, das Gefecht ziehe sich rasch von der Höhe des Berges gegen das Dorf Lengnau herab. Die Unserigen müssen dort auf hinterlistige und wortbrüchige Weise überfallen worden sein. Reitet schleunigst nach Rüti hinauf, Junker, und fragt den Obersten von Grafenried um Verhaltungsbefehl – mich dünkt, wir könnten dort notwendig werden. Wer kennt den Weg am genauesten?" "Ich, Herr Hauptmann", sagte der Belper-Fritz vortretend, "mit Erlaubnis kann ich den Junker am besten begleiten." "Gut denn", nickte der Hauptmann; "schont die Pferde nicht!" Als die zwei weggeritten waren, begannen die Glocken in Lengnau anzuschlagen, um in weniger als einer Viertelstunde all ihre Schwestern in den Kirchtürmen und Kapellen längs des Gebirges wach zu rufen und im Vereine das Land weithin mit schreckenvollem Geläute zu erfüllen. Den Glocken antworteten auf den Berghöhen mächtig auflodernde Feuerzeichen, die den Schnee, der noch in ihrer Umgebung lag, mit heller Glut übergossen und den fernsten Talschaften verkündeten, daß die Stunde des Kampfes angebrochen sei. Es war ein schauerlich schönes Bild, das die Nacht, gleichsam wild aus einem bangen Traume auffahrend, darbot, und über manches Herz, das sonst keine Furcht kannte, zog es bei diesem Anblicke bald wie Frosthauch, bald wie ein schwüler Sonnenstrahl. Das Mondlicht erblich neben dem Feuerscheine, der da und dort auf einer neuen Bergspitze emporschlug und Wald und Fels mit gigantischen Gestalten erfüllte, während immer frische Glocken ihren ehernen Ruf erschallen ließen, um das Sturmgeläute das weite Land hinabzutragen. In der Batterie wurde kein Laut vernommen. Die Kanoniere schauten stumm in die Nacht hinaus, und selbst der Hauptmann war nicht imstande, dem mächtigen Eindrucke des Schauspiels Worte zu leihen; es nahm ihm einen seltsamen Druck von der Seele, als endlich der Wachtmeister aufatmend ausrief: "Bei meiner Seligkeit, so hab’ ich mir’s nie vorgestellt, und ich weiß nicht recht, ob ich jetzt lieber einen Franzosen totschlagen wollte oder selber sterben möchte." "Du hast recht", sagte der Hauptmann ernst, "es ist eine heilige Sache, wenn ein ganzes Volk im Begriffe steht, für das Land seiner Väter und alles, was es Liebes und Teures umschließt, in den Kampf zu gehen. Drum versprecht mir nun auch feierlich, komme, was da wolle, gegen einen überwundenen oder wehrlosen Feind menschlich zu sein, dagegen Euern angewiesenen Posten ohne Befehl, selbst im drohendsten Angesicht des Todes nie zu verlassen und einer für den andern das eigene Leben, wo es sein muß, ohne Zögern in die Schanze zu schlagen. Versprecht mir das, wie ich es meinerseits Euch feierlich angelobe." Die Kanoniere erhoben die Hände, und, ohne daß ein Laut gesprochen worden wäre, vernahm die Nacht einen Schwur, so groß und heilig wie irgend ein Gelübde, das unter Gebet und Glockenklang am Altare abgelegt wird. Unterdessen dauerte der Lärm des Gefechtes fort, ohne wesentlich seine Richtung zu verändern. Es war offenbar, daß von beiden Seiten mit großer Hitze gestritten wurde. Das Knattern des Kleingewehrfeuers ging ununterbrochen wie das Prasseln eines Schloßensturmes, dazwischen der Schall von Salven größerer Massen, während hie und da ein auffahrender Blitz schon zum voraus den nachrollenden Knall eines Feldgeschützes verkündigte; doch fielen diese Schläge nur äußerst sparsam und hörten bald ganz auf. Es war das ein banges Lauschen bei dem Gedanken, daß jeder dieser ungezählten Schüsse, die in ihrer Raschheit dem Ohre kaum erfaßbar waren, ein Menschenleben brechen könnte, und dieser Gedanke selbst mußte der Seele unwillkürlich die Bilder heraufführen, die das Leben am freundlichsten ausgeschmückt hatte. Es ist eine geheimnisvolle Strafe für die sündhafte Ungerechtigkeit, mit der wir in verzagten Augenblicken die schöne Gotteswelt so oft als ein Jammertal verklagen, daß das Dasein gerade am geöffneten Grabe den vollsten Zauber seiner Lieblichkeit vor dem Blicke entfaltet und den bereits zurückgelegten Weg um so sonniger erscheinen läßt, je dunkler und umnachteter der Pfad sich zeigt, den wir mit dem nächsten Schritte betreten müssen. Wie erst die Fremde das Herz mit der vollen Macht sehnsüchtiger Liebe zur Heimat erfüllt, so weiß auch nur die Todesnähe die verborgenste Glückseligkeit des Lebens aufzuwecken. Während der Hauptmann über das Geheimnis dieser ewigen Ordnung sann und seine Seele sich in dem reinen Lichte jenes Sternes erging, der so manches Dunkel seines Lebens erhellte, mußte auch der Wachtmeister erfahren, was er noch nie bedacht hatte. Jetzt, da er mit der brennenden Lunte an der Kanone stand und drüben der Tod seine wilde Ernte begonnen hatte, wurde es im Angesicht der lodernden Hochwachten und unter dem Geheule der Sturmglocken still in seinem Herzen, als wär’ er daheim bei der Mutter in der freundlichen Stube und hörte dem Klappern der Räder zu. Aber die Stimme, die liebe Worte sprach, war nicht der Mutter Stimme, und sie selbst schaute lächelnd auf ein blühendes Antlitz, das hinter dem Spinnrade saß, bald ernst, bald schalkhaft mit den blauen Augen von dem Faden aufblickend. Dieses Bild war ihm zwar, seit er droben im Hause des Kirchmeyers von Fraubrunnen im Quartier gelegen, wachend oder im Traume schon oft erschienen und hatte ihn neckend begrüßt oder in Gedanken verloren angeschaut; aber es war immer rasch wieder verschwunden oder hatte sich von ihm abgewendet und mit dem Belper-Fritz allerlei lächerliche Possen getrieben. Jetzt aber saß es unbeweglich daheim, als ob es für immer dahin gehörte, allein mit ihm und der Mutter, die es ebenfalls Mutter nannte, und noch nie hatten sich seine gelben Haare so zierlich gegen die Wangen herabgekräuselt, noch nie waren diese Wangen so frisch und so rosig anzuschauen gewesen, und noch nie hatten die blauen Augen so freundlich dreingeschaut und die roten Lippen so herzgewinnende Worte gesprochen. Der Wachtmeister fuhr mit der Hand über die Augen und blickte nach der brennenden Hochwacht, die wie ein mächtiger Flammenhut die höchste Spitze des Weißensteins bedeckte; aber in dem Feuerscheine wurde das Bild nur lichter und glänzender und winkte ihm, hinaufzukommen zur Berghöhe, um Hand in Hand mit ihm auf das feuerbesäte Land niederzuschauen. Er blickte über den Fluß talaufwärts, wo sich die Schlacht noch immer verborgen durch die Nacht fortwälzte; doch plötzlich saß nun das Bild drüben an der steinernen Stufe der Kapelle, deren Glöcklein bald schwermütig, bald drohend herüberschallte, und erzählte von den wilden Guglern, die vor vielen hundert Jahren sengend und brennend ins Land gekommen, aber bei Fraubrunnen einen blutigen Untergang gefunden hatten. Die Gestalt an der Kapelle erhob sich höher und drohender, ihre weit aufflatternden Haare schienen sich zu entzünden und ihre Kleider in fliegende Flammen auszuschlagen, bis der Wachtmeister mit starren Blicken entsetzt ausrief: "Heiliger Gott, was ist das?" "Wenn mich Lage und Richtung der Kapelle drüben nicht trügen", antwortete der Hauptmann, "so ist’s der Peterhof bei Grenchen an der Straße von Lengnau her, der in Flammen gerät. Die Unserigen werden bis dort zurückgeschlagen sein, sie waren ohne Artillerie – Gott sei’s geklagt, daß wir hier müßig stehen sollen." Der Wachtmeister atmete schwer auf, wie einer, den das Tageslicht aus angstvollen Träumen weckt. Wie besorglich auch die Auskunft des Hauptmanns klang – Anna war doch nicht drüben jenseits des Flusses von Gefahren umgeben; sie saß zwar auch nicht bei der Mutter daheim in der Mühle am Holligerbach, aber sie befand sich wohlbeschützt im Vaterhause und dachte nun bei dem Sturmgeläute vielleicht mit heimlichem Bangen an ihn, der ihrer ja auch nicht vergessen konnte. Drüben im Tale dehnte sich indessen der nebelhafte Schein immer heller und weiter aus, und in wenigen Minuten erhob sich eine Feuersäule, die weit umher die Gegend mit blutrotem Licht erfüllte. In diese schauerliche Helle wälzten sich schwarze Schatten herein, die sich bald in langgestreckte Reihen ausdehnten, bald wieder wie sturmgejagte Wolken zusammenrollten, in grauen Nebelwolken verschwanden oder in kleine Flocken zersplittert nach allen Seiten auseinanderstoben. Und immer mächtiger erhob sich die Flammensäule, um von Minute zu Minute das Schattenspiel greller zu beleuchten. Zuerst traten die schwarzen Umrisse eines Hauses hervor, aus dessen Fenstern ein glühender Widerschein glitzerte; seine Wände und Mauern begannen sich zu röten wie kahle Bergwände im sinkenden Sonnenlichte, und man sah deutlich, wie sich vor dem hellen Hintergrunde eilfertige Gestalten bewegten, bald einzeln, bald in Gruppen vereint, die mit anderen zusammenprallten oder flüchtig in das noch umgrenzende Dunkel verschwanden, aber der rote Schimmer an den Wänden wurde lichter und glänzender, und nach kurzem war es eine frische Glut, die wieder weiter leuchtete und die eben in die Dunkelheit verschwundenen Gestalten und Haufen aufs neue ans Licht brachte. In weniger als einer Viertelstunde schlug die Flamme über der letzten First empor, die sich im Umkreise erkennen ließ. Aber jetzt schien sich allmählich auch das wilde Gewirre der Schattengestalten zu besserer Ordnung zusammenzufügen, und bald sah man nur noch langgestreckte Reihen über die beleuchtete Fläche heranziehen, und selbst das Knattern der Schüsse hatte so rasch nachgelassen, daß jeder einzelne Knall deutlich gezählt werden konnte. "Was hat das zu bedeuten?" fragte der Wachtmeister leise, ’’was meint Ihr, Herr Hauptmann?" "Die Unserigen sind, fürcht’ ich, auseinandergesprengt und im Begriffe, jeden Widerstand aufzugeben", antwortete der Gefragte mit gepreßter Stimme. "Die geordneten Scharen, die dort herabziehen, sind Franzosen, und drum hat auch das Sturmgeläute in Lengnau aufgehört. Möge der Abend glücklicher enden, als der Morgen begonnen hat." "Wenn’s nur einmal Tag ist", sagte der Wachtmeister getrost, "daß man auch sieht’ wen man zwischen die Finger nimmt. Ich glaube, die Franzosen fürchten das, daß sie wie Diebe bei Nacht und Nebel angreifen. Gottlob fängt es schon an zu heitern über den Lohnwald herein." Der Hauptmann nickte beistimmend. Auch durch die ganze Batterie begann es frischer und lauter zu werden, je höher das Morgenrot über die Wälder hereinschwamm und je tiefer sein Licht in das Tal herniedersank. Und doch waren die Bilder nicht eben tröstlich, die es allmählich entschleierte. Droben im Tale schlugen die Flammen noch immer in einzelnen Wirbeln empor, während sich über der ganzen Stätte ein dickbrauner Rauch auftürmte, der unbeweglich, wie mit Wurzeln in dem Boden festgewachsen, vor dem Luftzuge festzustehen schien. Von dieser Rauchsäule her zogen bis diesseits der Häuser von Grenchen lange weiße Streifen heran, als wären da endlose Leintücher zum Bleichen ausgespannt. Als die Sonne ihre ersten Strahlen niederwarf, fing es über diesen Linien in tausend Lichtern zu glitzern an, und jetzt erst erkannten die Kanoniere, daß es die weißen Beinkleider der fränkischen Infanteriekolonnen waren. Daneben machten sich in Zwischenräumen die roten Büsche der Husaren bemerklich. Während diese Massen unbelästigt, aber langsam die Straße jenseits des Flusses heranzogen, schienen die bernischen Truppen, die in der Dunkelheit gefochten hatten, vor dem aufziehenden Tage verschwunden zu sein. Nur da und dort ließ sich ein kleiner Trupp erblicken, der, unbekümmert um andere, eilfertig seines Weges dahinzog, wenige nur auf der breiten Heerstraße, über die schon bisweilen ein roter Husarenhaufe heranstob, die meisten schlugen die Pfade ein, die seitwärts gegen die bewaldeten Bergabhänge hinanführten. Droben an diesen Abhängen war ein emsiges Leben zu bemerken. Unablässig strichen über die Wiesen von Gebüsch zu Gebüsch einzelne Gestalten oder größere Haufen umher, die jedoch von keinem gemeinsamen Bande zusammengehalten schienen. Wie die einen aufwärts zogen, kamen die andern herabgelaufen, bis sie sich wieder seitwärts schlugen, um hinter Fels und Gebüsch unsichtbar zu werden. Am auffallendsten aber kam dem Hauptmann die Stille vor, die auf der Straße abwärts gegen Solothurn zu lag; wäre nicht dann und wann ein Reiter dahingejagt, so hätte man denken können, der ganze nächtliche Lärm sei ein leerer Spuk gewesen und, was sich weiter aufwärts zeigte, seien die dem noch verwirrten Auge begegnenden Überreste desselben. Selbst das gegenüberliegende Dorf Selzach, in dem doch die Nacht ein Bataillon gelegen, schien verödet und von Truppen entblößt zu sein; seit mit dem ergangenen Sturmgeläute die Tambouren Generalmarsch geschlagen, ließ sich von dort kein Laut mehr vernehmen. Über diesen Beobachtungen war es bereits heller Tag geworden, als von oben her rascher Hufschlag ertönte und der Lieutenant mit Belper-Fritz auf schweißtriefenden Rossen angejagt kam. "Aufgeprotzt, Kameraden", rief der Junker schon von weitem mit leuchtendem Gesichte, "heute gibt’s endlich Arbeit, und am ersten Hauptsiege können wir auch noch teilnehmen!" "Habt Ihr Nachricht?" fragte der Hauptmann erwartungsvoll, "was ist vorgefallen da droben?" "Gute Nachrichten dazu", erwiderte der Lieutenant, "unsere Leute, die in Lengnau lagen, haben dem Franzmann einen blutigen guten Tag gewünscht, dann aber, scheinbar der Übermacht weichend, sich von der Straße seitwärts ins Gebirg zu dem Landsturm geschlagen. Man will den Feind herankommen lassen, um ihn dann von allen Seiten fassen zu können; drum sollen auch wir weiter abwärts an den Sägemühlen Stellung nehmen. Das wird ein lustiger Tanz werden, Kameraden!" Der Hauptmann blickte fragend auf das Gesicht des Berichterstatters, dessen Augen so fröhlich leuchteten, als wäre er in der Tat zu einem Maientanze gerüstet; Rudolf gab sich daher den Anschein, als hätte die Botschaft ihn selbst von mancher Besorgnis erlöst, und in weniger als einer Viertelstunde trabte die Batterie in den engen Waldweg, der am Flusse abwärts gegen Solothurn führte. "Er glaubt es", dachte der Hauptmann, neben dem vor Ungeduld rastlos treibenden Jüngling herreitend, "und ich will seine fröhliche Zuversicht nicht durch Fragen wankend machen; im Notfalle werd’ ich ja selbst sehen, was zu tun ist." Hinter den beiden aber sagte der Belper-Fritz leise zu dem Wachtmeister: "Der Junker hat ganz getreu berichtet, wie es ihm der Oberst aufgetragen, ich hab’ es selbst gehört, doch wurde auch noch anderes gemunkelt." "Und was denn?" "Nun, dir kann ich’s wohl sagen, du hast keine Angst, und am Ende ist’s nicht einmal gut, ein schwarzes Tennstor weiß anzustreichen. Die Unserigen sollen in Lengnau blutig geschlagen worden sein, und was nicht tot oder gefangen ist, zerstreut sich in den Bergen herum. Mir hat einer gesagt, man sollte die Oberoffiziere alle von den Pferden schießen, daß sie von Solothurn her keine Hilfe geschickt und denen weiter oben verboten haben, über die Brücke bei Leußlingen zu gehen. Ein paar von den Versprengten, die über die Aare schwimmen konnten, sollen erzählt haben, als die Kanoniere die ersten Schüsse abgefeuert, hätten sie die übrigen Patronen mit Sägemehl gefüllt gefunden." "Mit Sägemehl, sagst du?" "Mach’ doch nicht so laut – alle brauchen’s ja nicht zu hören; aber so haben sie erzählt, und die Flüchtigen sollen auch offen über Verräterei schreien." Der Wachtmeister besann sich einen Augenblick, dann ritt er rasch, ohne dem betroffenen Belper-Fritz eine Antwort zu geben, zum Hauptmann an die Spitze des Zuges, und nachdem er eine kurze Weile leise mit diesem gesprochen, galoppierte er davon. Als die Batterie nach langwierigem und mühsamen Marsche auf dem engen, holprigen Wege wieder aus dem Walde gegen die Sägemühle herabzog, mußten die Kanoniere unter einem allgemeinen Ausrufe der Überraschung nach dem jenseitigen Ufer schauen, das bisher ihren Blicken entzogen gewesen. Gerade ihnen gegenüber stand an dem sanften Abhange ein Bataillon, mit der Front talaufwärts, in Linie aufgestellt, dessen Schützenketten bis an den Fluß herabreichten; die Oberoffiziere, die hinter demselben zu Pferd hielten, winkten den Herankommenden Grüße über den Fluß entgegen, und des Hauptmanns rasches Auge hatte deutlich gesehen, daß Herr v. Amiel der erste gewesen, der die Hand zu diesem unerwarteten Willkomm erhoben; aber ebenso deutlich erkannte er, wie derjenige, der neben dem Generaladjutanten hielt, unbeweglich blieb und, nachdem er einen prüfenden Blick nach der Batterie herüber geworfen, das Pferd wendete, um weiter rückwärts zu reiten. Dort stand ein anderes Bataillon in geschlossenen Kolonnen, und mehr aufwärts gegen den Berg hinan hatte eine Batterie Posten gefaßt. In den leeren Zwischenraum ritten eben einige Schwadronen rotröckiger Dragoner herein, während sich zwischen den Bastionen Solothurns hervor Scharen auf Scharen in vollem Marsche heranbewegten. "Hurra!" rief der Junker v. Dießbach, den von jenseits Grüßenden den Hut entgegenschwingend, "hab’ ich nicht gesagt, wir werden sie bald in der Klemme haben? Und bei meiner Ehre, sie rennen wie blinde Dachse in die Falle; seht, dort ziehen die Weißhosen wahrhaftig schon die Straße herab." Der Hauptmann ging schweigend zur Seite nach dem erhöhten Flußrande, um, von dort aus die Gegend überschauend, sich seine Aufgabe auf dem ihm angewiesenen Posten klar zu machen. Der scharfe Nachtwind hatte sich gelegt und der klare Morgenhimmel sich mit einem trüben Gewölke überzogen, das an den Abhängen des Jura niederhing. Am Fuße dieser Abhänge und fast bis zu der vom Nebel freigelassenen Höhe hinan zogen dichte Schwärme feindlicher Tirailleure, während sich auf der zwischen Fluß und Gebirge durch die Talsohle gehenden Heerstraße die geschlossenen Infanteriekolonnen, mit Reiterscharen und Artillerie untermischt, heranbewegten. Mochte der Plan der vereinigten Solothurner und Berner Führer nun sein, welcher er wollte, der erste Blick auf die fränkische Übermacht konnte klar machen, daß nichts übrig blieb als nach mutig bestandenem Kampfe der Rückzug hinter die Schanzen von Solothurn. Von dort aus konnten dann mit Erfolg Angriffsstöße auf den zwischen dem Gebirg und der Aare zusammengepreßten Feind versucht werden, wenn sich rasch genug die Mittel finden ließen, diesen auf beiden Flanken zu bedrohen und ernstlich zu beunruhigen. "Nun gilt es, Kameraden!" rief der Hauptmann, zur Batterie zurückkehrend; "hoffentlich wird keiner vergessen, was der Schultheiß uns in jener Nacht im Rathause versprochen hat: es sind aller Augen auf uns gerichtet. Unverzagt, wir werden uns sehen lassen!" Die Kanoniere begrüßten diese Erinnerung mit freudigem Zurufe, und in wenigen Augenblicken waren die Geschütze, durch Gebüsch verdeckt, aufgefahren. Noch eine erwartungsvolle Pause und mit einem Male erhoben sich jenseits über den ganzen Plan tausendfach sich kräuselnde Rauchwolken, aus denen krachende Blitze zuckten. "Aber um Gottes willen, Herr Hauptmann", rief der Lieutenant, "was soll aus uns werden? In dieser Lage können wir keine Kugel absenden, ohne unsere eigenen Leute niederzuschmettern, sobald sie vorwärts rücken." "Nur Geduld, Junker", erwiderte Herr Rudolf, aufmerksam über den Fluß schauend, "die Reihe wird bald an uns kommen, habt keine Sorge, seht Ihr dort?" Als der Lieutenant mit den Blicken der ausgestreckten Degenklinge seines Hauptmanus folgte, sah er, wie die drüben aufgestellten Kanoniere in schreckenvollem Laufe rückwärts eilten, und nur wenige versuchten, die Stücke mit fortzuschleppen. "Was soll das geben?" rief der Junker zwischen Zorn und Schrecken, "die Bursche können ja kaum ein halbes Dutzend Schüsse abgegeben haben!" "Was es bedeutet, weiß ich auch nicht", erwiderte der Hauptmann ernst, "aber seht, da fängt auch das Fußvolk an zu weichen, um uns Platz zu machen." Er erhob sich im Bügel, einen Augenblick scharf hinüberspähend nach einem lichter werdenden Rauchwirbel, um dann ein Kommando zu rufen. Und kaum war das Wort von den Lippen, als zwei Doppelblitze auffuhren und ein krachender Donner die Luft erschütterte. Die Arbeit hatte begonnen und wurde von den Kanonieren rüstig fortgeführt. Nach wenigen Ladungen schon hatten die sausenden Kugeln den Rauch über dem jenseitigen Ufer auf einer breiten Strecke weggefegt, und es ließ sich nun wieder deutlich erkennen, was dort in kurzer Zeit vorgegangen. Die rotröckigen Dragoner, die von ferne so trotzig aussahen, jagten zerstreut wie ein aufgescheuchter Gänsezug gegen Solothurn zurück, das Fußvolk wirbelte in regellosen Schwankungen durcheinander wie ein wogendes Ährenfeld, über dem sich entgegengesetzte Lüfte streiten, und vorwärts auf der Anhöhe standen einige Feldstücke, von Mann und Roß verlassen. Nur zunächst dem Flusse hielt noch eine festzusammengeschlossene Schar dunkler Scharfschützen, neben denen der Herr v. Holligen zu Pferde saß. Aber in drei großen Kolonnen rückten von der andern Seite auch die Franken heran, von denen sich eben eine starke Truppe ablöste, um, im Schnellaufe voraneilend, die verlassenen Feldstücke in Empfang zu nehmen. "Halt, Bursche", rief der Hauptmann, vom Pferde springend und sich hinter die erste Piece stellend, "da soll noch ein Wort gesprochen werden – daß Gott erbarm!" Seine Stimme zitterte vor Zorn, aber mit prüfendem Blicke und sicherer Hand richtete er das Geschütz, als ob er, an der Staffel stehend, einen feinen Pinselstrich zu führen hätte. Die Kanoniere hielten unwillkürlich inne und schauten atemlos auf die Schar, die in wenigen Schritten die Feldstücke erreicht hatte. Da winkte der Hauptmann, der Schuß krachte, und drüben stob der Haufe auseinander wie ein auf herbstlichem Saatfelde weidender Rabenschwarm, in den ein Stein geworfen worden. Ein dunkler Streifen, auf dem sich’s noch einen Augenblick hin und her zu bewegen schien, zeigte den Weg, den die Kugel genommen hatte. Dem Schusse ließ die Schützenschar jenseits des Ufers ein lautes Freudengeschrei nachfolgen und lief, noch bevor die zweite Kugel im Laufe war, den Obersten v. Holligen an der Spitze, gegen die Feldstücke die Anhöhe hinan. "Schnellfeuer nach links", rief der Hauptmann, indem er seinem Geschütze rasch die bezeichnete Richtung gab, und im Augenblicke war die eine Pause still gewordene Batterie wieder in einen tosenden Feuerherd verwandelt. "Gut gemacht, Hauptmann – Gottesmann", schrie der außer der Batterie haltende Lieutenant in das Getöse hinein, "die Franzosen kriegen Respekt vor Euern Küssen und machen schneller rechtsum, als ich’s in meinem Leben gesehen habe, unsere braven Schützen saßen vor den Feldstücken drüben Posten, und bravo – unser Fußvolk fängt auch wieder an, seinen Weg zu finden – die Aargauer formieren ihr Feuer wieder und scheinen entschlossen ihre Stellung zu nehmen – die Emmentaler bilden eine Sturmkolonne, vielleicht daß sie mit dem Landsturm, der dort seitwärts von der Anhöhe herabstürzt, eine feindliche Kolonne niederzuschlagen beabsichtigen, und dort – parole d’honneur – dort bringt der General v. Büren die flüchtigen Dragoner in eigener Person zurück! "Ach", rief er, den Säbel schwingend, "könnt’ ich jetzt da drüben sein, aber hopp – was ist das? da fängt es, glaub’ ich, an Baumäste zu regnen!" Diese Bemerkung war durch ein schwirrendes Krachen veranlaßt worden, das über den Lieutenant weg durch eine Tanne gefahren und mehrere ihrer Äste herabgeworfen hatte. Der Hauptmann trat von seinem Geschütze auf den Flußrand und rief fröhlich: "Um so besser, wenn uns die Herren einen neuen Zielpunkt geben, mit dem bisherigen hätten wir beim Vorrücken unserer Leute doch nicht mehr viel anfangen können." Er kam in die Batterie zurück. "Ein übermütig verwegenes Volk", sagte er zum Lieutenant, mit der Hand nach einigen Kanonen deutend, die weiter aufwärts am jenseitigen Ufer ihr Feuer eröffnet hatten; "beim Himmel – nicht einmal Blinden möcht’ ich meine Zwölfpfünder so schutz- und wehrlos preisgeben. Als sich der Hauptmann wieder hinter sein Geschütz gestellt, wurde es von Schuß zu Schuß ruhiger in den Bäumen, und bald stand ihr Gezweig so still’ als wär’ es noch nie von einem Sturme bewegt worden. Auch in der Batterie wurde es wieder still. Durch ihr wirksames Feuer unfähig gemacht, dem vereinigten Anpralle der Bataillone und des Landsturmes standzuhalten, hatten die feindlichen Reihen in fluchtähnlicher Eile den Rückzug angetreten und waren außer Schußweite gekommen, so daß der Junker bereits anfing, die anbefohlene Aufstellung zu verwünschen, die kein weiteres Vorgehen am Flusse aufwärts erlaubte. Da wies der Hauptmann mit einem Ausrufe des Erstaunens auf das Kampffeld hinüber. Dort hatten die heimatlichen Banner, die eben noch in zuversichtlichem Siegeslauf vorangeweht, plötzlich Halt gemacht, ohne daß von feindlicher Seite ein erneuter Widerstand versucht worden wäre, und die Truppen selbst begannen in flutende Bewegung zu geraten, die sich nur zu bald nach allen Seiten hin in wilde, regellose Flucht ergoß. Die Dragoner stoben wieder die ersten im hellen Galoppe die Straße abwärts, der Landsturm floh wie eine Herde gehetzter Schafe den buschbedeckten Bergabhängen zu und von dem übrigen Fußvolk sah man ganze Scharen Gewehr und Tornister wegwerfen, um ungehinderter davonlaufen zu können. Da und dort stellte sich einzelnen Haufen ein Offizier entgegen, der sie mit blankem Degen zum Standhalten nötigen wollte; aber statt des Gehorsams ward ihm ein wütendes Geheul zur Antwort, und einen Augenblick später war er von dem Strudel mit fortgerissen oder in demselben untergegangen. Selbst die Schützen drüben an der Anhöhe, die bisher von ihrem Posten aus ein wohlgezieltes Feuer unterhalten, fingen an stutzig zu werden, zuerst einzeln, bald in ganzen Trupps nach der Heerstraße herabzurennen, und in wenigen Minuten stand der Herr v. Holligen seelenallein bei den aufs neue preisgegebenen Feldstücken. Einen Augenblick blieb er unschlüssig an sein Pferd gelehnt, dann stieg er langsam in den Sattel, ohne sich von der Stelle zu regen, als wollt’ er den flüchtigen Schwärmen, weithin über das Feld sichtbar, zum Sammelpunkte dienen oder alle Blicke des Feindes auf sich selber ziehen, um sie von der schmachvollen Flucht abzulenken. Sprachlos vor Überraschung hatten die Kanoniere diesen Vorgängen zugeschaut, bis der Junker ausrief: "Ist das alles Wahrheit, was ich da sehe, oder ein höllisches Gaukelspiel? Beim Himmel, es muß das letztere sein!" "Wenn ein Rätsel das andere lösen könnte", antwortete der Hauptmann, indem er mit seinem Degen nach der Stadt hinwies, "so läge die Erklärung dort auf den Türmen; aber es geht mir wie Euch, Junker; auch mir scheint, was sich dort zeigt, ein verderbliches Trugbild zu sein." Als sich die Blicke hinabwandten, erhob sich ein dumpfes Gemurmel in der Batterie, das bald in laute Ausrufe des Unwillens und der Verwünschung überging. Von dem weit schauenden Turme der St. Urs-Kathedrale flaggte eine weiße Fahne von riesiger Größe in das Land hinaus, und auf allen Bastionen und Mauertürmen wurden Wimpel von gleicher Farbe aufgezogen. Solothurn mußte kapituliert haben. Die Franzosen, die offenbar von der unerwarteten Wendung der Dinge selbst überrascht, eine Weile Halt gemacht hatten, begannen nun wieder vorzurücken, jedoch keineswegs in der Meinung, die Flüchtigen sich ungestört in die Berge verlaufen oder hinter die Stadt zurückziehen zu lassen. Die rasch heranziehenden Tirailleure feuerten, sobald sie einen Feind in dem Bereich ihrer Büchse glaubten, und die Husaren brachen da und dort mit lautem Geschrei gegen einen langsamer abziehenden Haufen hervor. "Frisch dran, Kameraden", rief der Hauptmann mit zorngerötetem Gesichte, "solange uns noch eine Patrone bleibt und der alte Herr drüben auf der Anhöhe steht, sollen auch uns die Weißen Stadtlappen wenig kümmern." Aber wie sich bei diesen Worten wieder alle Blicke nach dem Herr v. Holligen richteten, bäumte sich dessen Pferd plötzlich empor und stürzte mit dem kraftlos herabsinkenden Reiter zur Erde nieder. "Nun gilt es, deinen Vater zu retten, Adelaide", murmelte Herr Rudolf, an sein Geschütz springend, und im Augenblick verschlang ein donnernder Knall den Beileidsruf, der sich beim Sturze des Obersten erhoben hatte. Die Kugel fuhr durch eine auf der Straße hersprengende Husarenschwadron, die vor dem vernichtenden Geschosse wie eine Hand voll ausgestreuter Körner auseinander stob. Auch die übrigen Geschütze fanden ihr richtiges Ziel, und der Anmarsch der Feinde war plötzlich wieder aufgestaut; aber diesmal kannten diese den Gegner, mit dem sie es zu tun hatten, und in kurzer Zeit wimmelte das jenseitige Ufer von einem Jägerschwarm, der aus der Erde hervorzukriechen und nach abgegebenem Feuer wieder in dieselbe zu versinken schien. Jetzt krachten die Gebüsche nicht und warfen keine Äste auf die Kanoniere herab, neben dem Tosen der Batterie wurde dem Ohre nicht einmal vernehmlich, welch heimliches Zischen durch die Zweige ging, aber bald hörte dieser und jener seinen Kameraden einen leisen Schrei ausstoßen und sah, wie er totenbleich sich zurücklehnte oder lautlos zu Boden sank. "Ist denn keiner von Euch da drüben?" schrie der Hauptmann, "wagt es von Tausenden keiner, den alten verwundeten Mann dort aus der Hand der Feinde zu retten? Gottes Wunder, so wär’ es auch kein Unrecht, Euch die ganze Verfolgermeute ungehindert auf den Nacken kommen zu lassen." Er mußte sein Geschütz von neuem richten, wobei ihm schon kein anderes Mittel mehr übrig blieb, als die Kugel den Abhang der Anhöhe, auf welcher der Oberst lag, streifen zu lassen, um die herandringenden Tirailleure durch die aufgewühlte Erde abzuschrecken; da rief der Lieutenant: "Es kommt einer – ach, daß ich ihm helfen könnte – der Himmel sei mit dem Braven!" Und wirklich brach drüben aus den wirren Knäueln der Flüchtigen ein Reiter hervor, der in rasendem Galoppe die Anhöhe hinanjagte. Die feindlichen Jäger, die von den Kugeln des Hauptmanns abgehalten wurden, von der andern Seite näher heranzudringen, schickten anfänglich dem Kühnen ein lebhaftes Feuer entgegen, und ein kleiner Trupp rannte weiter aufwärts gegen den Berg, um auf einem Umwege das Ziel zu erreichen, aber der Reiter hatte unbeirrt von den Kugeln, die ihn umschwirren mußten, die Anhöhe erreicht, und als die Feinde sahen, wie er droben vom Sattel gesprungen, den Verwundeten auf das Pferd hob und sich dann selbst nachschwang, da kam auch über ihre Herzen die Achtung, die Tapfere dem Tapferen zollen, und unter lautem Geschrei und Hüteschwingen gaben sie zu erkennen, daß derjenige, der den Tod in ihrem Angesichte verachtet, vor ihnen sicher sein sollte. Als der Hauptmann dies bemerkte, stellte er sein Feuer ebenfalls ein, und nun trat einer jener erhebenden Momente ein, mit denen sieh der edlere Menschensinn mitten im Schlachtgewühle ehrt, da der Reiter unter dem schweigenden Zuschauen beider Gegner sorgsam mit seiner Last die Anhöhe herabzureiten sich anschickte. Kaum aber hatte er sieh gewendet, brach durch die ganze Batterie ein erschütternder Freudenruf. Der Brave, der dort den Verwundeten im Arme trug, war keiner der kriegsgewohnten ritterlichen Freunde des Schloßherrn v. Holligen, der sieh für ihn in den Tod gewagt, es war nur sein bescheidener Lehensmann, der Sohn der Müllerswitwe am Schloßbache. XX Die Hochwachten, die in der nächtlichen Morgenfrühe vom Jura und vom Bucheggberge den Himmel gerötet, hatten ihre Botschaft schnell genug durch das ganze Land bis in die entlegenste Alpenhütte hinaufgetragen. Der letzte Nachhall der Alarmschüsse von den Bastionen Solothurns mochte in den Klüften des Weißensteins kaum gänzlich verstummt sein, als das Wächterhorn vom Münsterturme in Bern die Stadt aus ihrem Schlafe schreckte. Alles eilte auf die Türme oder durch die Tore nach den Schanzen, um die fernen Flammenboten zu schauen. Schon bei Tagesanbruch ging von Mund zu Mund die Kunde, die Franzosen seien unterhalb Biel blutig aufs Haupt geschlagen worden, was sich nicht durch die Flucht hinter den Jura gerettet, liege in Feld und Wiese um Lengnau erschossen, von den Hallbarden und Sensen des Landsturms bis in die einsamsten Bergpfade hinauf niedergeschmettert, oder treibe, den Fischen zur Beute, die Aare hinab. Sogar der französische Obergeneral Schauenburg werde den Schweizern keinen Schaden mehr tun, da die Kugel eines Oberländer Scharfschützen in der mondhellen Nacht den Weg zu seinem Herzen gefunden habe. Aber als gegen Mittag schweißtriefende Kuriere durch die Tore hereingejagt kamen, denen bald einzelne zersprengte Flüchtlinge folgten, da war der Angst und des Zornes kein Ende mehr über die Berichte, die unsägliche Verwirrung verbreiteten. Verworrene Bruchstücke dieser Unglücksbotschaften von verlorenen Kämpfen und dem Übergange Solothurns waren im Laufe des Nachmittags auch nach Schloß Holligen gedrungen. Wer sie dahin gebracht, wäre kaum zu sagen gewesen, es war, als ob der Wind sie durch die kahlen Bäume herangeweht oder der Lauerfalke vom Turmdache herabgekrächzt habe; denn zu dieser Zeit kamen wenige Menschen in das einsame Schloß, wenn es nicht etwa ein Bettler war, der am verschlossenen Hoftore klopfte, und nicht einmal ein solcher war heute da gewesen. Einsam und traurig war es seit langem geworden in den weiten Mauern. Der gnädige Herr war samt dem Reitknechte, dem Gärtner und den übrigen in den Krieg gezogen, und das Fräulein – daß Gott erbarm! der alte Ulrich mußte jedesmal mit der Hand über die Augen fahren, wenn der Name genannt wurde oder wenn er nur an der verschlossenen Türe ihres Gemaches vorüberging; sie war verschwunden. So war der Alte mit seiner Elsbeth allein zurückgeblieben, die, von einer armen Anverwandten unterstützt, die Küche und das übrige Hauswesen besorgte. Wenn er, in sein bekümmertes Sinnen verloren, über den stillen Hof schlich, ohne zu wissen, was er wollte, ging er manchmal unwillkürlich nach der Stalltüre hinüber, um das Ohr wenigstens an einem kräftigen Laute, an dem mutigen Stampfen der Pferde zu erfreuen; aber drinnen war es ebenfalls stille, die Rosse waren ja auch in den Krieg gezogen. "Es geht zu Ende – es ist vorbei", sagte der Alte leise und erschrak dann wieder über das eigene Wort, als hätte er eine unheilvolle Prophezeiung ausgesprochen. Am liebsten war dem Einsamen noch die Abendstunde. Die Nacht plagte ihn mit Schlaflosigkeit oder unheilvollen Träumen, der Morgen weckte ihn zu einem müßigen Tage, der doch nur neues Unheil bringen konnte; aber am Abend kam der Verwalter herüber, dessen Wohnung außer den Hofmauern lag, um bei einem Glase Wein über die schweren Zeitläufe zu reden und den eigenen Kummer in der Betrachtung der allgemeinen Not zu vergessen. Sehnlicher als irgend einmal hatte der alte Kammerdiener drum auch heute den ganzen Nachmittag den Abend herbeigewünscht, um vielleicht doch von dem Verwalter ein tröstendes, aufrichtendes Wort aus den Unglücksbotschaften zu hören oder wenigstens gemeinsam die langsam schleichenden Stunden verbringen zu können; aber als der Erwartete endlich später als gewöhnlich erschien, lief ihm der Alte mit freudestrahlendem Gesichte entgegen, legte den Finger auf den Mund und flüsterte: "Still, still, vor dem Bösen das Gute – das Fräulein, das liebe gnädige Fräulein ist wieder da. Dem allgütigen Himmel sei gedankt – sie will Euch morgen begrüßen und sich jetzt zur Ruhe legen. Sie ist müde und wollte nur wissen, ob wir vom gnädigen Herrn keine Nachrichten haben. Gott gebe, daß er wohlbehalten sei!" Das war nun freilich richtig, Adelaide hatte dem alten Diener, der in seiner ungemessenen Herzensfreude über ihre unerwartete Ankunft sogleich auch den Verwalter zur Begrüßung hatte herbeiholen wollen, gesagt, sie wünsche diesen erst morgen zu sehen; aber zur Ruhe gedachte sie gleichwohl noch nicht zu gehen. Sie dachte und sann, wie sich in jener Nacht dem Glücke über die Befreiung des geliebten Verfolgten so schnell der Jammer beigesellt und die kaum wieder aufkeimende Hoffnung aufs neue geknickt hatte. Als sie damals vom Rathause mit dem Junker heimkehrte, hatte sie wohl bemerkt, wie ihnen schon vom Kreuzwege bei der großen Linde an eine Gestalt nachschleiche, die sich vorsichtig von Baum zu Baum zu verstecken suchte; Adelaide ängstigte sich, sie möchte in ihrer Verkleidung erkannt werden und der heimliche Lauscher sei wohl gar von ihrem Vater bestellt; auch der Junker war unruhig, trotz des Trostes, den er ihr zuzusprechen sich bemühte, so daß sie mit eiligen Schritten die Allee erreichten. Aber da, gerade am Hoftore, sahen sie wieder deutlich, wie zwei Gestalten, die dem Anrufe des Junkers keine Antwort gaben, in das Buschwerk verschwanden. Er begleitete sie bis zum Seitenpförtchen, das vom Garten ins Schloß führte, und suchte ihre Angst noch beim Abschiede zu beschwichtigen, indem er ihr versprach, den Burschen nachzuspüren und, wenn sie wirklich die Absicht gehabt, ihren nächtlichen Gang auszukundschaften, sie durch irgend ein Vorgehen auf falsche Fährte zu leiten. Adelaide hatte indessen ihr Gemach noch nicht lange erreicht, als sie nah unter ihren Fenstern die Stimme des Junkers rufen hörte: "Ei, Schurken, die ihr seid, was wollt ihr da mit Strickleitern?" Trotz ihres Schreckens öffnete sie das Fenster und sah ihn durch die Dunkelheit an der Mauer herablaufen, als verfolge er jemanden, und schon entfernt hörte sie ihn nochmals rufen: "Steht mir, Herr v. Amiel! Ihr seid es, ich kenne Euch!" Darauf ward es stille; aber nach einer halben Stunde wurde der Junker als Leiche in den Schloßhof hereingetragen. Adelaide erhob sich bei dieser Erinnerung, um unruhig das Gemach auf und nieder zu gehen; sie sah das im Tode fast schöner gewordene Antlitz des Junkers, über das die vom Luftzuge bewegten Lichter wechselnde Schatten warfen, als fange es sich wieder zu bewegen an; sie sah die starre Hand am Pistolengriffe, die ihr vorher noch mit so warmem Drucke einen glücklichen Traum gewünscht, und sie fühlte aufs neue den zuckenden Schmerz, der ihr beim Anblicke des blutigen Mantels durch die Seele gegangen. Sie drückte beide Hände gegen das Herz und blickte zum Bilde des Vaters empor. "Weißt du noch", sprach sie das Bildnis an, "weißt du noch, was du mir sagtest, als ich in meinem namenlosen Jammer gestand, was ich für den schuldlos Eingekerkerten getan, aber auch meine Überzeugung aussprach, daß der Marquis um den Mord an unserm Vetter wisse? Du weist es vielleicht nicht mehr, und ich will es vergessen, es waren Worte wilden Zornes und Hasses, die du jetzt bereuen wirst, da derjenige, den ich anklagte, als Verräter bei den Feinden steht, aber als du deine Hand selbst erhobst gegen mich, dein Kind – da griff ich in meiner schwersten Not nach einer andern Hand, die sich mir hilfreich entgegenbot. Du kannst mir nicht mehr zürnen, Vater. Das Schicksal hat schwer auf uns beiden gelegen; möge dir der Himmel dafür noch um so frohere Tage schenken." Nach kurzem Besinnen ergriff sie das silberne Glöcklein, das auf dem Tische stand, und kaum hatte sein heller Ton ausgeklungen, als auch schon die eiligen Schritte des alten Ulrich durch den Gang hörbar wurden: "Ach, ach", rief er noch unter der Türe, "das gnädige Fräulein ist noch nicht zur Ruhe gegangen, hätt’ ich das gewußt!" "Und dann, guter Ulrich?" "Dann hätt’ ich mir erlaubt, schon früher heraufzukommen; der Bruder des Verwalters, er ist bei den Dragonern, gnädiges Fräulein, hat gestern unsern gnädigen Herrn in Hofwil und Jegistorf gesehen, ganz wohlauf, Fräulein. Er war dort wie immer mit dem Obergeneral v. Erlach und konnte also heute nicht bei Solothurn sein." "Ist der Verwalter auch der Meinung?" "Ei gewiß, gnädiges Fräulein; der General hat mit seinem ganzen Begleite im Schloß Jegistorf übernachtet." "Dem Himmel sei Dank", sagte Adelaide erleichtert; "es wurde mir schon gesagt, der Vater könne heute nicht in der Nähe des Kampfes gewesen sein; aber mit einem Male ist’s mir wieder so bange geworden, Ulrich!" "Es ist mir selbst so gegangen den ganzen Tag, solange ich nichts Genaueres wußte", erwiderte der Alte; "aber der Verwalter hat auch noch gar kuriose Berichte aus der Stadt gebracht, und sie müssen wahr sein, er hat sie von einem reitenden Boten, der vom General v. Büren an unsere gnädigen Herren geschickt wurde, selbst gehört." Erzähle, Ulrich; vom Vater wußte er nichts?" "Nein, nichts vom gnädigen Herrn", erwiderte der Alte zögernd, "aber was wird er sagen dazu, ich kann’s noch immer nicht glauben von einem, der so oft in unserm Hause gewesen, die Schlechtigkeit!" "Daß der Marquis zu den Franzosen übergegangen ist, meinst du vielleicht?" sagte Adelaide, die ein Lächeln über den verlegenen Zorn Ulrichs nicht unterdrücken konnte; "ja freilich, das wird dem Vater schwer und unerwartet gekommen sein!" "Ihr wißt das schon?" fragte der Kammerdiener überrascht, "und also wohl auch, daß der – der – Mann am ganzen Unglück schuld ist?" "Der Schurke? wolltest du sagen, Ulrich", entgegnete Adelaide mit dem Ausdrucke des Zornes und der Verachtung, "sprich dich nur aus, wie es dir ums Herz ist; ich weiß nur noch, daß er mancherlei wichtige Papiere mit sich genommen, abgesehen davon, daß er sonst in mehr Geheimnisse eingeweiht war, als gut sein wird." "Und daß er den Kanonieren während der Nacht verfälschte Munition geschickt, nur wenige Patronen mit Pulver, die übrigen mit Sägemehl gefüllt!" "Was du nicht sagst", rief Adelaide; "war die Kompagnie König auch dabei?" "Ja, dem Himmel sei gedankt! wär’ die nicht gewesen, so wäre noch alles gefangen oder niedergemacht worden. Dem vorsichtigen Hauptmanne gegenüber hatte er den Fälschungsversuch doch nicht gewagt! Aber denkt nur, als der Schurke, wie Ihr sagtet, sah, daß unsere Leute mit Hilfe dieser braven Kanoniere wieder die Oberhand gewinnen möchten, ritt er nach Solothurn hinein, gab vor, er komme im Auftrage des Generals v. Büren, welcher der Stadt zur Kapitulation rate, um sie vor Brand und Plünderung zu bewahren. So steckten sie denn die weiße Fahne aus, und als unsere Leute das sahen, hielten sie sich von allen Seiten für verkauft und verraten und suchten sich zu retten, jeder wie er konnte." "Sollte das alles auch wahr sein!" rief Adelaide, "ein einziger wär’ all das zu tun imstande gewesen!" "So hat der Verwalter erzählt und noch viel mehr", erwiderte der Alte nickend, "ich weiß gar nicht, wie es heute in meinem Kopfe aussieht; er wird’s Euch morgen selbst berichten." "Sorge dafür, daß ich mit dem frühesten einen Boten bekomme, ich will an den Vater schreiben. Und nun geh’ zur Ruh’, Ulrich, wir müssen uns drein fügen, was der Himmel schickt." Sie setzte sich zum Schreiben nieder; aber die Hand zitterte, und ihre Gedanken wogten durcheinander. Sie erhob sich, um die heiße Stirne an der Nachtluft zu kühlen, und blieb horchend am Fenster stehen, als sie rasche Schritte gegen das Hoftor herannahen hörte. "Trügt mich das Ohr nicht", sagte sie leise, "so ist das meine Stütze und mein Stab, die Müllerin; aber was sollte die noch wollen zu dieser Zeit?" Das Pförtchen klinkte, und die Schritte nahten sich über den Hof gerade gegen ihre Fenster heran. "Seid Ihr noch wach, gnädiges Fräulein?" rief eine ängstliche Stimme von unten herauf; "ich muß Euch noch was sagen, mein Christi ist heimgekommen." "Euer Christian! Um Gotteswillen, ich hör’s Euch an, es ist ein Unglück begegnet." "Erschreckt nicht, Fräulein", entgegnete die Müllerin, "es ist wohl auch ein Glück dabei, ich seh’ schon die Hand einer gütigen Vorsehung darin, daß Ihr da seid. Ich bitt’ Euch, kommt herunter auf einen Augenblick!" Der alte Ulrich, der die Stimme ebenfalls gehört, erschien mit einem Lichte auf dem Hofe und fragte, wer hereingekommen sei. "Nur ich bin’s, Ulrich", flüsterte die Müllerin, ihm entgegentretend; "sage der Elsbeth, sie soll noch schnell Feuer machen im Schlafzimmer des gnädigen Herrn." "Er kommt?" rief der Alte, "noch diese Nacht?" "Still, still!" erwiderte die Müllerin; "er wird im Augenblicke da sein." Als Adelaide mit angstvollem Gesichte auf den Hof trat, nahte sich dem Tore ein kleiner Wagen, dessen Pferd der Wachtmeister sorgsam an der Halfter führte, zur Seite ritt der junge Lieutenant v. Dießbach, der, sobald er das Fräulein erblickte, vom Sattel sprang und ihr entgegenlief. "Dem Himmel sei gedankt, daß du wieder da bist, liebe Cousine", rief er; "nun bin ich ganz beruhigt, und es ist durchaus keine Gefahr vorhanden. Ich habe die Wunde erst noch in der Stadt von Eurem alten Doktor untersuchen lassen – er wird im Augenblicke selbst da sein. Still, still – erschrick nicht! es ist nur augenblickliche Erschöpfung, wenn er bewußtlos liegt." Adelaide war während dieser Worte an das Wägelchen gestürzt und drückte, nachdem sie die Decke zurückgezogen, mit dem Jammerrufe "mein Vater, mein armer Vater" das Gesicht auf eine kalt herabhängende Hand. XXI Der Hahn hatte sich noch nicht geregt, und noch stand der spät aufgegangene Mond über dem Walde, als der Wachtmeister mit dem Wägelein, auf dem er seinen verwundeten Lehensherrn heimgebracht, schon wieder von der Mühle nach der Freiburgerstraße hinauffuhr, aber er ließ das Pferd seinen langsamen Schritt gehen, und als er an die Biegung des Weges kam, die vom Bache weg nach der Straße lenkt, mußte er fast wider Willen zurückblicken. Es war nicht die Bangigkeit eines Scheidens in ihm, die an einer Wiederkehr verzweifelt, und doch war sein Herz so voll, daß er hätte weinen mögen – nicht vor Leid und Schmerz, nein, es war ein seltsam wehmütiges Hochgefühl, das seine Brust erfüllte. Zum Abschiede hatte die Mutter beide Arme um seinen Hals gelegt und ihn unter Tränen auf Mund und Wange geküßt, Christen erinnerte sich nicht, daß er von ihr je einen Kuß empfangen, seit er die ersten Höslein getragen! das war bei all ihrer warmen Mutterliebe nicht ihre Sache, und sie sprach es gelegentlich selbst aus, es passe nicht für einfache Bauersleute. Auch weinen hatte er sie seit dem Tode des Vaters nie gesehen; drum wußte er, daß es auch jetzt nicht Tränen der Furcht und Trauer gewesen, die sie vergossen; hatte sie ja doch dabei gesagt: "Halte dich brav, Christi, wie du angefangen hast, und wenn du einem armen Manne tun kannst, was du unserm gnädigen Herrn getan, so fürcht’ dich nicht! sterben müssen wir alle einmal, und jung gestorben ist wohl gestorben." Der Wachtmeister wiederholte sich diese Worte leise und sagte dann laut: "Eine rechte Mutter hab’ ich, das ist wahr und was die für das arme Fräulein getan, ist, mein’ ich, noch etwas anderes, als wenn unsereins mit ein paar Weißhosen anbindet. Bei meiner Treu, sie hat sich wacker gehalten – der Hauptmann wird es auch sagen." Als er gegen die Stelle kam, wo der Weg von der Mühle in die Straße einlenkt, wurde er aus seinem Sinnen über den Junker v. Dießbach, der da seinen Tod gefunden, durch raschen Hufschlag gestört, der von der Stadt her erklang, und bald sah er im Mondschein den Reiter in vollem Galoppe zwischen den Bäumen ansprengen. Er hielt wieder an, um dem Eilenden nicht mit seinem Fuhrwerke den Paß zu versperren, indem er weiter rückwärts neues Pferdegetrappel zu hören vermeinte; aber plötzlich stutzte das Tier des Reiters mitten im Laufe, setzte, dem scharfen Sporendrucke folgend, wieder an, bäumte sich und stürzte mit samt dem Reiter unter ängstlichem Gewieher zur Erde nieder. "Da mag’s schlimm gegangen sein", dachte der Wachtmeister, indem er voller Teilnahme zur Hilfe herbeieilte; aber fast wollte er’s bereuen, als er, zur Stelle gekommen, den Mann erkannte, dem der Unfall begegnet war. Bloß an den Gesichtszügen hätte er ihn übrigens schwerlich so schnell erkannt. Das ganze Gesicht war nur noch eine fahle Hautfalte, über der in dem bleichen Mondscheine Angst und Schmerz lag; aber Reitwams und Lederhosen, die sich in den mächtigen Stiefeln verloren, ließen dem Wachtmeister keinen Zweifel, und er sagte daher, zwischen Mitleid und Verachtung schwankend, zu dem am Boden Liegenden: "Hast du dich verletzt, kann ich dir etwas helfen, Jakob?" "Ach", stöhnte der Angeredete, "zum Teufel – ja, richtet das Tier auf; ich glaube mein Fuß ist auseinander." "An was scheute es denn", fragte der Wachtmeister, das Pferd an den Zügeln emporziehend; "es zittert ja noch immer wie Espenlaub." "Hu – ich glaub’ es", flüsterte der Judenbube, indem er sich, wie von eisigem Frost erfaßt, schüttelte, "ich glaub’ es – seht Ihr’s dort?" "Den Wehrstein meinst du, auf den der Mond scheint?" "Wehrstein – ja, " schlotterte der andere, auf dem Boden hin und her rutschend – "Wehrstein und was drauf gesessen hat – helft mir auf!" "Was hast du denn drauf sitzen gesehen", fragte der Wachtmeister leiser, indem er den Elenden unter den Armen faßte – "was war’s?" "Der Junker war’s", raunte der Judenbube, "der Junker mit dem gräßlichen Todesblicke – hu, sie kommen!" In der Tat kamen zu beiden Seiten der Straße über die Wiesen zwei Reiter heran, die, sobald sie die Gruppe bemerkten, von den Pferden sprangen und herzuliefen. Es waren zwei berittene Hatschiere, von denen der eine den Judenbuben am Arme faßte, der andere dem Wachtmeister mit scharfen Augen ins Gesicht guckte, bis er ausrief: "Ha, Bomben, seid Ihr es, Wachtmeister? Bei Nacht sehen sich ehrliche Leute und Spitzbuben so ähnlich, daß Ihr mir schon verzeihen müßt." "Hoffentlich darf ich mich von jedermann bei Tag und Nacht besehen lassen", erwiderte der Wachtmeister, die dargebotene Hand des alten Gerechtigkeitsdieners schüttelnd. "Aber was ist’s mit dem da?" "Er sollte unsern gnädigen Herren über einiges Auskunft geben", erwiderte der Hatschier, mit den Augen zwinkernd, "zog es aber mit Schein vor, einen Spazierritt zu machen; wir glaubten schon, er sei links oder rechts ausgewischt, als wir ihn nicht mehr auf der Straße reiten hörten." "Ich bring’ ihn nicht auf die Füße", erwiderte der andere Hatschier, "es ist, als ob ihm alle Knochen aus dem Leibe gestohlen wären. Steh, Jakob!" "Er scheint sich verletzt zu haben", sagte der Wachtmeister, der sich beim Anblicke der Angst und Hilflosigkeit des Mitleidens nicht erwehren konnte; "ich habe dort ein Fuhrwerk, wenn Ihr ihn nach der Stadt bringen wollt." Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, und der Judenbube ließ sich ohne den geringsten Widerstandsversuch und ohne einen Laut von sich zu geben auf das Wägelchen bringen. "Ihr werdet den gnädigen Herrn Schultheiß ja in seinem besten Schlafe stören müssen", sagte Christen. "Oh, dafür ist gesorgt", erwiderte der Hatschier kopfschüttelnd, "ich glaube, der hat schon manchen Tag und manche Nacht kein Auge mehr zugetan. Ihr werdet sehen, ich treff’ ihn in voller Kleidung an, sei’s auf dem Rathause oder daheim." Der Wachtmeister ging seinen Gedanken nach, ohne viel auf die mancherlei Fragen zu achten, die sein Begleiter an ihn richtete, bis sie an die Kreuzgasse gelangten, auf die an den Türmen des Münsters vorbei noch immer ein bleicher Mondschein niederfiel. "Seht Ihr, daß ich recht hatte", sagte der Hatschier, Christen anstoßend, leise, "dort kommt er eben vom Rathause her." Und in der Tat sah Christen die hohe Gestalt heranwandeln, langsam, mit vorwärts geneigtem Haupte, wie in schwere Gedanken verloren. Die beiden hielten an, um den verehrten Greis vorbeigehen zu lassen; aber als dieser an sie herangekommen, blieb er stehen und fragte, die ehrerbietigen Grüße mit einem ruhigen Neigen des Hauptes erwidernd: "Wartet Ihr auf mich, Männer? Was willst du, Nickelberger?" "Zu Befehl, Gnaden", erwiderte der Hatschier, "der rote Jakob, zubenannt Judenbub, ist eingebracht." "Bringt ihn in einer halben Stunde aufs Rathaus! Und Ihr, Kriegsmann? Euch sollt’ ich kennen – ich hab’ Euch auch schon gesehen!" "Mit Erlaubnis, gnädiger Herr", erwiderte der Wachtmeister bescheiden, "ich selbst habe kein Begehr an Euch. Ich habe diese Nacht meinen gnädigen Herrn von Solothurn her heimgebracht und bin jetzt wieder auf dem Rückwege zu meiner Kompagnie begriffen." "Euern gnädigen Herrn – doch nicht von Holligen – wie?" "Ja, Herr." "Und Ihr seid der Wachtmeister von der Kompagnie König?" "So ist es, gnädiger Herr." "Gebt mir die Hand", rief der Schultheiß, seine Rechte ausstreckend, "gebt mir die Hand! Ihr habt Euch brav gehalten, junger Mann – es war mir das ein Trost für manchen Kummer." "Ihr tut mir zu viel Ehre", erwiderte der Wachtmeister, mit Ehrfurcht die Hand ergreifend, die so lange das Staatsruder gelenkt, "ich habe nur meine geringe Schuldigkeit getan, gnädiger Herr!" "Dächten und täten alle so!" sagte der Schultheiß mit wenig verhehlter Kümmernis; "aber erzählt mir, wie es denn zugegangen ist, wie Ihr Euerm Herrn zu Hilfe kommen konntet. Euer kleiner Lieutenant, mein Vetter, hat Euch mächtig gelobt für die Tat." "Nun Herr", antwortete Christen, "zu erzählen weiß ich nicht viel. Mein Hauptmann hatte mich mit einem Auftrage nach Solothurn geschickt, den ich nur persönlich und mündlich dem General v. Büren ausrichten sollte; als ich in die Stadt hineinkam, war er schon aufs Feld hinausgeritten, wo ich ihn des großen Getümmels wegen lange nicht finden konnte. Da rief mir ein Scharfschütze zu – ’s ist einer von Köniz her, der mich kannte – wenn ich meinen gnädigen Herrn suche, er liege droben auf der Anhöhe. So bin ich denn hinaufgeritten und hab’ ihn heruntergeholt. Ich hätt’ es nicht mehr gekonnt, sicher nicht, wenn meine Kameraden von der andern Seite der Aare nicht so wacker herübergeschossen und die Franzosen zurückgehalten hätten; aber die kanonierten, Herr, daß mir bei aller Not das Herz im Leibe lachte. Und so haben sie eigentlich alles getan – ich nicht, gnädiger Herr." Der Schultheiß hatte schweigend zugehört und schaute noch eine Weile sinnend vor sich nieder, als Christen schon geendigt hatte, dann sagte er, beide Hände auf die Schultern des Wachtmeisters legend und ihm ins Gesicht blickend, mit sichtlicher Rührung: "Wohlan denn, du oder deine Kameraden – sage ihnen, daß sie in das Herz eines kummervollen alten Mannes Trost und Hoffnung gebracht haben, sie werden es ferner tun. Und deinem Hauptmann bringe meinen besten Gruß und sag ihm, ich werde ihn wohl in wenigen Tagen im Felde selbst begrüßen können. Gott sei mit dir, braver Wachtmeister!" Er wendete sich ab und ging langsam über die Straße seiner Wohnung zu. "Jetzt, Kameraden, rief der Wachtmeister überlaut, auf sein Wägelein steigend, "jetzt ist das Pfand gelöst, um das wir auf dem Rathause behaftet wurden, und was dazu kommt – ist Überschuß." Durch das Rollen der Räder mußte die Wache am unteren Tore schon von weitem aufmerksam gemacht worden sein, und als Christen über die Aarbrücke gegen dasselbe heranfuhr, sah er zu seiner Verwunderung unter dem Bogen und rings um den Turm herum ein Gewirr und Durcheinanderrennen, als ob sich die Mannschaft gegen einen unerwarteten feindlichen Überfall zu schneller Gegenwehr rüsten wolle. Er hielt das Pferd an und hörte ein leises gegenseitiges Zurufen und Aufmuntern: "Sie kommen – aufgepaßt – keinen entwischen lassen!" Neugierig wartete er auf den Anruf, und als derselbe nicht erfolgen wollte, begann er wieder im Schritte vorzufahren, aber kaum war er in das Dunkel der vorspringenden Turmbrüstungen gelangt, als Roß und Fuhrmann von allen Seiten angefallen wurden und sich ein Krabbeln und Zerren an das Wägelchen heranmachte, als wäre es in einen Zug Wanderratten geraten. Der Wachtmeister blickte verdutzt um sich und sah sich beim Scheine der rasch an die Torgitter gehobenen Laternen von einem Schwarme umgeben, der Zurüstungen auf die Ostermontagsspäße getroffen zu haben schien. Da trug ein kleiner Knirps eine alte Muskete, die um drei Kopfeslängen über ihn emporragte, während sein stämmiger Nebenmann mit einer Spatzenflinte herumfackelte; einem dritten schlotterte ein schuhbreites Degenbandelier von den Schultern aufs Knie herab, und der vierte hatte seine Patrontasche mit einem währschaften Hausmannsbindfaden um die Hüften festgeknotet. "Was treibt Ihr denn da für Unfug!" rief der Wachtmeister bei diesem Anblicke, "ruft Eueren Chef herbei oder laßt mir das Tor frei!" "Ja, ja, der Kommandant soll kommen", erhoben sich mehrere Stimmen, "er soll vorangehen und unser Recht verfechten." "Das tu’ ich, aber auf meinem Posten", rief’s aus dem Hintergrunde, "und deshalb befehl’ und kommandier’ ich Euch, Fuhrmann, sofort-und ohne Widerred, Euere Geldkisten uns abzuliefern und damit punktum." "Meine Geldkisten?" entgegnete der Wachtmeister verwundert, "ich glaube, Ihr seid ein Narr dort hinten!" Der Wachtkommandant rief: "Meint Ihr, wir wissen nicht, daß die Aristokraten unser gut bürgerlich Geld ins Oberland flüchten wollen und Ihr bereits eine Ladung davon auf Euerem Karren habt? Meint Ihr? Jetzt sagt mir auch, wer Ihr seid, wenn Ihr dürft – he?" "Ich bin Wachtmeister bei der Batterie König", erwiderte Christen, mühsam an sich haltend, "und will zu meinen Leuten zurück; drum laßt mein Pferd los da vorn oder seht dann – " Er hatte das Pferd bereits angetrieben, daß das Wägelein mit hellem Gerassel durch das Tor ins Freie schoß. Er mochte den Lauf des Rosses trotz des ansteigenden Weges nicht anhalten und ließ sich die vor Unwillen heiße Stirn von der frisch heranwehenden Morgenluft kühlen, bis er die Anhöhe erreicht hatte. Droben lag der Rosengarten, von seinen dunkeln Mauern umfangen, über denen sich’s in der Dämmerung wie ein durchsichtiger, wehender Nebel erhob. Da machte Christen halt, um bald durch das Gittertor nach den stillen Grathügeln, bald nach der Stadt hinabzuschauen, deren Türme sich mit einem rötlichen Schimmer bekleideten, während die langen Häuserreihen noch schwarz umschattet lagen wie die Mauern des Friedhofes. Bei diesem Anblicke wurde es allmählich wieder ruhiger in dem einsamen Beschauer, und die widerstreitenden Eindrücke der letzten Stunden schwammen in das Gefühl eines heiligen Mutes, einer unverzagten Ergebung in den Willen einer höheren Fügung zusammen. Am Rande des Waldes, der einen Teil des Breitenfeldes gegen den Höhenzug des Grauholzes und Bantigers absäumt, schallte ihm ein lauter Gesang von Männer- und Frauenstimmen entgegen, und bald sah er durch den werdenden Tag einen langen Zug von alten Männern, Weibern, Mädchen und Knaben heranziehen. Sie trugen weiße Leinwandsäcklein über die Schultern und waren mit Flinten, auf lange Stangen geschmiedeten Sensen, eisernen Gabeln und mancherlei anderen Ackergerätschaften bewaffnet, während ein alter Mann mit grauem Haar und Bart unbewehrt an ihrer Spitze marschierte und mit seiner mächtigen Stimme ihren Gesang zu leiten schien. "Landsturm aus den Bergen", sagte der Wachtmeister, indem er anhielt, um ihrem Gesange zu horchen; aber unwillkürlich mußte er selbst einstimmen, als die Weise des alten Liedes ertönte: Ich will gehn in Angst und Not, Ich will gehn bis in den Tod; Ich will gehn ins Grab hinein Und doch allzeit fröhlich sein. XXII Der Morgen ging in erfrischender Klarheit über dem Lande auf und warf selbst ein freundliches Licht auf die Erinnerung an die vergangenen Nachtbilder; aber gleichwohl kam es dem Wachtmeister zustatten, daß er einen ergebenen und vertrauenden Mut im Herzen trug, sonst hätte noch manches Begebnis dieses Tages seine Zuversicht auf die Zukunft mächtig erschüttern müssen. Auf seinem Wege kamen ihm bald ganze Scharen von Soldaten entgegen, die nur noch einzelne oder gar keine Waffen mehr trugen und unter lautem Geschrei über Verräterei nach Hause zu gehen im Begriffe waren. Manche ließen sich bewegen, mit den anziehenden Landsturmhaufen wieder umzukehren; andere aber wußten auch diesen Mißtrauen und Schrecken einzuflößen oder wenigstens die Flamme ihrer Begeisterung auszulöschen. Überall vor den einsamen Höfen und in den Dörfern standen ratlose Gruppen, auf deren Gesichtern mehr Wut und Verzweiflung als Furcht zu lesen war, und mancherorten wäre das Leben eines Franzosen sicherer gewesen als dasjenige der bekanntesten eigenen Oberoffiziere. Der Wachtmeister vernahm von Bekannten, die ihm begegneten, daß sich ganze Bataillone, die um Solothurn gelegen, aufgelöst und in wilder Verwirrung den Heimweg angetreten hatten; viele Offiziere waren von ihren Soldaten mißhandelt worden, und der Argwohn der Verräterei wurde selbst schon nach den grauen Haaren des Schultheißen geschleudert. Es lag eine Beängstigung in der Luft, als müsse jeden Augenblick ein zerstörendes Gewitter mit Sturm und Donner hereinbrechen, und wie klar die Sonne aufgegangen – die Menschen tappten unsicher umher, als könnten sie in finsterer Nacht ihre Wege nicht mehr finden. Christen atmete erst wieder leichter auf, als er den Kirchturm von Fraubrunnen erblickte, wo seine Kameraden lagen. Auf der Anhöhe vor dem Dorfe hielt er an, um, seine verwirrten Gedanken sammelnd, nach demselben hinabzublicken. Es lag so still und friedlich, als ob noch der Schlaf um seine Häuser wandelte, und doch spielte die Sonne längst mit hellen Lichtern auf den braunen Strohdächern, und die Fenster warfen einen goldenen Widerschein zurück. Auch seitwärts vom Dorfe leuchtete dieser Widerschein aus der Fensterreihe eines stattlichen Bauernhauses, um das an der windgeschützten Halde bereits ein lichteres Grün zu keimen begann. Der Wachtmeister blickte lange unverwandt nach diesem Hause hinüber, und es kam ihm vor, er habe noch nie den Rauch so zierlich über einer First aufsteigen gesehen, er habe noch nirgends so freundliche braune Holzwände bemerkt. Er hielt langsam die Hand ans Ohr, da er meinte, das Rauschen des Brunnens zu hören, der neben dem Hause im Schutze eines großen Nußbaumes lag. Nein, es war das Rauschen eines Luftzuges, der über die Wipfel des nahen Tannenwaldes dahinging, aber drüben sah er dafür ein Mädchen aus der Haustüre dem Brunnen zugehen und ein blankes Gefäß unter die sprudelnde Röhre stellen. Es legte die rechte Hand über die Augen, schaute eine Weile unbeweglich nach der Straße herüber und lief dann, den Wassereimer vergessend, mit eiligen Schritten ins Haus zurück; nicht um lange drinnen zu bleiben, denn im Augenblicke kam es mit einigen anderen wieder heraus, denen es mit der Hand nach der Straße hinüberdeutete. Der Wachtmeister senkte den Kopf, über und über errötend. "Wenn auch nicht mich selbst, so hat sie doch das Wägelein ihres Vaters erkannt", sagte er leise vor sich hin, indem er das Pferd mit einem leichten Peitschenknalle wieder antraben ließ. Ins Dorf hinabgekommen, lenkte er dem Schlosse zu, in dessen weitem Hofraume die Kanoniere Quartier genommen, und kaum hatte ihn die am Portale aufgestellte Schildwache von weitem erblickt, als sich’s auch schon wie ein Bienenschwarm zum Tore herausdrängte. Voraus lief dem Ankommenden der Belper-Fritz entgegen, um mit dem ersten Worte und besorgter Miene nach dem Lieutenant zu fragen. Der Wachtmeister wollte ihn beruhigen, daß er seines Auftrages wegen noch in Bern warten müsse und wahrscheinlich erst morgen kommen werde; aber sein Kamerad sagte nachdenklich: "Dann wollt’ ich, du wärest auch erst mit ihm gekommen, so gern ich dich habe. Es ist jetzt keine Zeit zum Alleinreisen für die Junker." Christen gab keine Antwort. Die so rasch geäußerte Besorgnis sagte ihm genugsam, daß das Schlimme, das er auf dem Herwege gesehen und gehört, auch seinen Kameraden nicht unbekannt geblieben sei; mit wärmerem Händedruck, als es vielleicht sonst geschehen, begrüßte er drum jeden einzelnen, als wollte er sagen und sich selbst davon überzeugen: Wenigstens hier stehen noch treue, furchtlose Herzen zusammen. Als er nach dieser Begrüßung einen Blick über den Hof, dann nach den Fenstern des Schlosses hinaufwarf, sagte der Belper-Fritz; "Der Hauptmann ist nicht da; er wurde diesen Morgen von einem Adjutanten des Obergenerals ins Hauptquartier abgeholt." "Ins Hauptquartier, sagst du", rief der Wachtmeister, "was wollen sie dort mit ihm?" "Ihn gewiß nicht wieder im Marterturm verbergen", erwiderte der Belper-Fritz heiter; "diesmal wurde er zu einem Kriegsrate gerufen." "Ich kann mich über diese Ehre nicht einmal recht freuen", sagte Christen nach einigem Besinnen; "am Ende will ihn der General in seinem Stabe behalten und uns einen anderen schicken." "Davon scheint freilich die Rede gewesen zu sein", meinte der Belper-Fritz mit bedächtigem Kopfnicken; "aber drum haben wir diesen Morgen auch schon mehr als einmal auf die Gesundheit unseres Hauptmanns angestoßen. Siehst du dort an der Mauer? Das hübsche Faß wurde uns aus dem Schloßkeller auf den Hof gestellt, ohne daß wir ein Wörtchen gesagt hätten. Nein – als er mit dem Adjutanten zum Tore hinausritt, rief er noch zurück: "Ich werde bald wieder bei Euch sein, Kameraden – wir bleiben beisammen." "Na", rief der Wachtmeister fröhlich, "so gebt mir ein Glas, auch ich habe eine Botschaft, die’s verdient. Der Schultheiß schickt Euch allen durch mich seinen Gruß, und Ihr sollt Ihm ferner Freude machen, wie Ihr angefangen habt." Die Kanoniere schauten ihn fragend und zweifelnd an, als ob er seinen Scherz mit ihnen treibe; als er aber die Verhaftung des Judenbuben und seine nächtliche Begegnung mit dem Haupte der Republik erzählte und dann sein geleertes Glas in die Luft warf, erhob sich ein Jubel durch den weiten Schloßhof, daß die alten Mauern widerhallten. Die stolze Freude blieb auch nicht beim bloßen Jubeln stehen, selbst Ruedi, des Belper-Fritz Nachbar, der sonst immer so still unter seinen Kameraden saß, als könnte er nur mit Mühe ein Heimweh verbergen, legte rüstig Hand an, um das Faß aus dem Schloßkeller mitten auf den Hofraum zu stellen. Im gleichen Augenblicke war dasselbe von den Kanonieren im Kreise umlagert, und weit ins Dorf hinab erklang das alte Soldatenlied: Z’Bern bim Bäre hei si chüele Wi, Die junge Soldate sitzen alle dabi, Si sitze bi enandere Hand in Hand, Gott grüeß di, du schönes, du liebes, du schönes Schwizerland! Als aber in weichen Tönen die Worte gesungen wurden: O Mägdlein, o Mägdlein, deine Äuglein sind rot – hielt der Belper-Fritz seine Stimme an und sagte dem Wachtmeister ins Ohr: "Ja, daß ich’s nicht vergess’, des Kirchmeyers haben heut schon fragen lassen, ob du noch nicht zurück seiest. Sie werden des Wägeleins wegen Sorge haben, es könnte verloren gehen" – fügte er mit schalkhaftem Gesichte hinzu; "am besten, du lassest sie nicht lange warten drauf." "Du hast recht", erwiderte Christen, hastig aufstehend, "ich will gleich gehen und werde bald wieder da sein." Allzu genau wurde dieses Versprechen nicht gehalten. Der Wachtmeister fuhr zwar rasch durch das Dorf und den Seitenweg hinan, der zum Hause des Kirchmeyers führte; aber langsam und oft zurückblickend kam er diesen Weg wieder hinabgegangen, und es war bereits später Nachmittag geworden, als er an das Tor des Schloßhofes gelangte. Diesmal wurde seine Ankunft von den Kameraden nicht so schnell wahrgenommen, da sie zu seiner Verwunderung nicht einmal einen Posten am Portale aufgestellt hatten. Sie standen im Hintergrunde des Hofes in einer dichtgedrängten Gruppe beieinander und schienen sich lebhaft mit einem Gegenstande zu beschäftigen, der, durch ihre Gestalten verdeckt, vom Wachtmeister nicht gesehen werden konnte. Als er zu der Gruppe herankam, sah er zwischen ihr einen alten Mann auf dem Boden sitzen, der bleich und angstvoll bald auf den einen, bald auf den andern blickte, als ob er Hilfe suche. Der Wachtmeister meinte den ländlich und reinlich gekleideten Alten schon gesehen zu haben und erinnerte sich auch sogleich, daß es der Botenträger vom Dorfe sei. "Was habt Ihr mit dem Manne da?" fragte er rasch und halb unwillig, "mit Schein ist der Hauptmann noch nicht zurück; er würde sich aber freuen, wenn er jetzt käme und keinen Posten am Tore ausgestellt fände." Der Ankommende war erst bemerkt worden, als er zu sprechen anfing; anfänglich hatte er die Bestürzung auf den von ihm abgekehrten Gesichtern nicht gesehen, aber nun erschrak er selbst, als sie nach ihm umblickten, und fügte daher seinen Worten begütigend bei: "Oder was ist denn vorgefallen? Was hat’s gegeben?" "Was es eigentlich ist oder sein soll, wissen wir eben selbst nicht, und ich bin froh; daß du gekommen bist", sagte der Belper-Fritz bedächtig, indem er dem Wachtmeister ein Papier entgegenhielt; "da sieh selber!" Christen nahm das Blatt mit der Langsamkeit in die Hand, die den Menschen unwillkürlich beschleicht, wenn ihm die Ahnung sagt, daß er Widerwärtiges erfahren solle, und las zuerst mit großem Bedachte die Aufschrift: "An die Unteroffiziere und Kanoniere der ersten Zwölfpfünderbatterie im Schloßhofe zu Fraubrunnen abzugeben." Unter dieser Adresse, die mit schönen kräftigen Zügen geschrieben war, befand sich ein großes Siegel, dessen Zeichen jedoch nicht deutlich zu erkennen waren. "Woher kommt das?" fragte der Wachtmeister, das Papier mechanisch entfaltend, "die Schrift des Hauptmanns ist es nicht." Aber ohne eine Antwort abzuwarten, las er weiter: "Die erste Zwölfpfünderbatterie, bisher unter dem Kommando des Hauptmann König, wird durch gegenwärtigen Befehl des Dienstes entlassen. Unteroffiziere und Soldaten haben nach gemachter Mitteilung, die durch einen Expressen geschieht, sofort den Heimweg anzutreten. Das Material bleibt bis auf weitere Verfügung im Schloßhofe Fraubrunnen. Hauptquartier Hofwil, am 3. März 1798. Der Obergeneral v. Erlach." War es möglich – waren es nicht bloß Unverstand oder böser Wille, welche die obersten Führer des Verrats anklagten? Waren diese noch immer nach wie vor die Freunde des Herrn v. Amiel, und hatte dieser nur getan, was ihm befohlen worden? War er nur zu den Franzosen übergegangen, damit jede fremde Schuld auf ihn geworfen werden könnte, wie da gemunkelt, dort laut ausgesprochen wurde? Oder hatte man es mit einem neuen Schelmenstreiche zu tun, der neuen Argwohn und neue Zwietracht stiften sollte? Oder endlich – gab man sich verloren und sollte Friede geschlossen werden? "Nein, dann käme der Hauptmann selbst, um es uns anzuzeigen", sagte der Wachtmeister laut aus diesen rasch vorüberströmenden Gedanken heraus, "er käme selbst, um uns in Ordnung zu entlassen, wie sich’s gebührt." "Du hast recht", antwortete der Belper-Fritz auf dieses laute Selbstgespräch, "wir nehmen von niemand Befehl an als von unserm Hauptmann; aber Gott verzeih’ mir’s, daß ich heut im Scherze sagte, sie werden ihn diesmal nicht im Marterturm verbergen." Der Wachtmeister schaute seinen Kameraden einen Augenblick starr an; dann sagte er, den Kopf schüttelnd: "Das ist nichts, nein; denke an den Schultheißen, was der mir gesagt hat – vor ihm dürften sie so etwas nicht wieder wagen. Woher hast du den Brief, Alter, wer hat ihn dir gegeben?" "Wie ich den Herren Kanonieren schon gesagt habe", erwiderte der Mann ängstlich, "oben am Dorfe ist mir vor etwa einer Stunde ein reitender Bote begegnet und hat mir aufgetragen, Euch das Schreiben augenblicklich zu überbringen, da er noch schleunig nach Burgdorf hinein müsse. O, Herr Wachtmeister, glaubt mir – ich habe mich bloß im Pfarrhause versäumen müssen, sonst wär’ ich früher gekommen." "Hast du den Reitenden nicht gekannt – wie sah er aus?" "Nein, ich hab’ ihn meines Wissens noch nie gesehen – er trug Tressen am Rocke und schien mir ein vornehmer Offizier zu sein." "Sagte er sonst nichts zu dir?" "Kein Wort weiter, er schaute bloß auf meine Botentasche, befahl mir Eile und sprengte wieder davon." "Die Unterschrift des Generals ist richtig", sagte der Wachtmeister, wieder nachdenklich auf das Papier blickend, "ich habe sie schon öfters gesehen, aber gleichwohl, Kameraden, mein’ ich, wir bleiben beisammen, bis wir wissen, was unser Hauptmann sagt. Er hat Euch versprochen, zurückzukommen – wir warten. Ohne seinen Befehl geh’ ich keinen Schritt von den Kanonen weg. Einer von uns reitet mit dem Briefe nach Hofwil und sucht dort den Hauptmann auf; unten und oben im Dorfe stellen wir an der Straße Schildwachen, und hier werden zwei geladene Geschütze auf das Hoftor gerichtet - das weitere wollen wir abwarten." Schon waren die Geschütze vorgezogen, und der Belper-Fritz wollte eben zum Ritte nach Hofwil in den Sattel steigen, als der wieder am Portale stehende Posten rief: "Der Hauptmann kommt!" und abermals widerhallten die alten Hofmauern von mächtigem Jubelrufe, als der Hauptmann an dem Tore erschien. Über den Mitteilungen von dem Vorgefallenen und den Vorkehren, die der Angekommene anordnete, ging die bereits eingetretene Dämmerung in dunkle Nacht über. Die Kanoniere lagerten mit hellen Gesichtern um zwei große Feuer herum, zwischen ihren Gesprächen unablässig nach dem Hauptmann blickend, der mit dem Wachtmeister längs der Mauer auf und nieder ging. Von Zeit zu Zeit kam eine kleine Gruppe zum Tore herein, dann standen andere vom Feuer auf, um nach kurzer Zwiesprache mit den Angekommenen in die Nacht hinauszugehen. Endlich traten auch der Hauptmann und der Wachtmeister an eines der Feuer heran; der erstere setzte sich auf eine am Boden liegende Protzkiste, der andere winkte dem Belper-Fritz und sagte leise zu ihm: "Komm, wir machen auch noch eine kleine Runde zusammen." "Diesen Abend gäb’ ich wieder einmal nicht wohlfeil", sagte der Belper-Fritz, als sie auf die Straße getreten waren, "ich wollt’ nur, der Junker wär’ auch dagewesen; mir wird’s allemal bis ins innerste Herz hinein warm, wenn uns der Hauptmann, ohne viele Worte zu machen, so mit glänzenden Augen anschaut und dann wie vorhin dem nächsten besten beide Hände entgegenhält. Ich kann’s nicht recht sagen, aber ich fühl’ es, das will allemal mehr heißen, als die schönsten Reden ausdrücken könnten." "Du hast recht", erwiderte Christen, den Weg abwärts einschlagend, "gefreut hat es ihn an uns mächtig, obschon wir ja nichts anderes hätten tun können; aber doch macht ihm der Vorgang größere Sorge, glaub’ ich, als er will merken lassen. Der Meister ist fort, seine Gesellen sind geblieben, hat er vorhin zu mir gesagt; sie werden uns alles stehlen, nur die Ehre hoffentlich nicht." "Die allweg nicht", meinte der Belper-Fritz zuversichtlich; "übrigens schien er mir kein so bekümmertes Gesicht zu machen, als er mit dir ans Feuer kam – wie bedenklich ihm die Sache auch scheinen mag." "Ich versteh’ dich", sagte der Wachtmeister, "du meinst, ich habe ihm gute Botschaft mitgebracht." "Die aber wieder ein Geheimnis sein wird", entgegnete der Belper-Fritz neckend. "Das nicht; unser gnädiges Fräulein ist wieder heimgekommen und hat mir Grüße an den Hauptmann aufgetragen." "Was du nicht sagst! Hatte wirklich der alte Herr sie irgendwo verborgen gehalten?" "Das nun eben nicht; er wußte selbst nicht, wo sie war." "Na – das wird immer besser; am Ende war sie für den Hauptmann in den Marterturm gekommen." "Wo sie war, warum sie so plötzlich verschwunden und gerade jetzt wieder erschienen ist, weiß ich selbst nicht", erwiderte der Wachtmeister nachdenklich; "nur so viel weiß ich, daß die Geschichte von dem Brieflein, das meine Mutter an jenem Morgen in dem Seidentüchlein vor unserer Türe daheim gefunden haben wollte, ein Märlein war. Das hat sie mir gestanden und gemeint, der Gedanke sei ihr immer schwer auf dem Herzen gelegen, mir zum Abschiede eine Unwahrheit gesagt zu haben. Doch sieh, wie rot der Mond über dem Walde aufsteigt; es muß schon über Mitternacht sein." "Und siehst du auch, daß des Kirchmeyers noch Licht haben?" entgegnete Belper-Fritz, "wir könnten unsern Weg dorthin nehmen." "Wie du willst." Es lag eine atemlose Stille um das Haus herum, in welches die Herannahenden nur mit leisen Schritten zu treten wagten; aber noch bevor sie an dem Garten vorübergekommen, hörten sie schon die Stimme des alten Kirchmeyers, der ernst und eifrig zu sprechen schien. "Wir dürfen sie nicht mehr stören", sagte der Wachtmeister, stehend bleibend, "es ist zu spät, sie halten ihr Nachtgebet." "Du magst recht haben", erwiderte Belper-Fritz, und als auch er stehen blieb, drangen in kurzen Zwischenräumen und in immer feierlicher anschwellendem Tone vernehmlich die Worte heraus: "Das Land steht jämmerlich und verderbt; der Erdboden nimmt ab und verdirbt; die Höchsten des Volkes im Lande nehmen ab – das Land ist entheiliget von seinen Einwohnern; denn sie übergehen das Gesetz und ändern die Gebote und lassen fahren den ewigen Bund –   – darum frisset der Fluch das Land, und die Paläste werden verlassen und die Menge in der Stadt einsam sein, bis so lange über uns ausgegossen werde der Geist aus der Höhe – " "Wehe aber dir, du Zerstörer! Meinst du, du werdest nicht zerstört werden? Und du, Verächter, meinst du, man werde dich nicht verachten? Wenn du das Zerstören vollendet hast, so wirst du auch zerstört werden; wenn du des Verachtens ein Ende gemacht hast, so wird man dich wieder verachten – " "Herr, sei uns gnädig, auf dich harren wir." Die beiden Zuhörer hatten unwillkürlich das Haupt entblößt und traten langsamen, leisen Sehrittes näher heran, um durch das Fenster zu schauen. Drinnen stand mitten in der Stube der alte Kirchmeyer mit der offenen Bibel in der Hand, das ernste bleiche Gesicht von den langen weißen Haaren umquollen und die Augen, in Andacht verloren, nach oben gerichtet; vor ihm knieten zu beiden Seiten der Mutter die zwei Töchter, auf deren niedergebeugten Gesichtern der Lampenschein mit rötlichen Schatten spielte. "Siehst du dort", sagte Belper-Fritz leise, indem er auf drei Sensen deutete, die, an langen Stäben festgenietet, neben einem Feuergewehre an der Wand lehnten, "was hat das zu bedeuten?" "Es ziehen alle vier miteinander aus, wenn der Landsturm ergeht", erwiderte der Wachtmeister, sich abwendend, mit gepreßter Stimme, "sie haben mir’s schon gestern gesagt. Der barmherzige Himmel möge mit den Schwachen sein!" XXIII Dem Sonntage, der dieser Nacht folgte, schienen selbst die Feinde sein altgeheiligtes Recht der Ruhe noch gönnen zu wollen, und beim ersten Morgengrauen kehrten die letzten Patrouillen der Kanoniere nach dem Schloßhofe zurück, um sich, sorglos in ihre Mäntel eingewickelt, an die verglimmenden Feuer hinzustrecken. Aber ein Haus, an dessen Pforte die Hand des Todes klopft, kennt kein durch das Leben geheiligtes Ruherecht, und drum blickte auch Adelaide v. Holligen mit ruheloser Angst in die Dämmerung dieses Sonntagmorgens hinaus. Sie hatte umsonst versucht, dem müden Leib und der müden Seele durch eine Stunde Schlafes neue Kraft zu gewinnen. Sie öffnete die Fenster, um sich an der Morgenluft zu erfrischen; aber draußen zogen durch die Wiesengründe noch feuchte Frühnebel, und aus dem nahen Tannenwalde stiegen graue Wölklein empor, wie von verborgenen Feuerstätten; der Himmel selbst hatte sich mit einer trüben Decke verhüllt, die er weit über die ansteigenden Berge herabfallen ließ; es schien einer jener Tage werden zu wollen, die auch auf dem sorgenfreien Gemüte mit einem unheimlichen Drucke liegen und das schon bange Herz mit noch bangerer Ahnung erfüllen. Adelaide schloß das Fenster, um sich wieder nach dem Gemache ihres Vaters zu begeben. Man konnte nicht mit Gewißheit sagen, ob der Oberst, seit er nach Hause gebracht worden, je einen Augenblick das volle Bewußtsein wieder erlangt habe oder nicht. Der Arzt tröstete – es war der nämliche, der an jenem Gesellschaftsabend die Geschichte von der Entstehung des Schlosses erzählt hatte – die Kugel, die in die rechte Schulter gedrungen, könne keine lebensgefährlichen Folgen haben, und der anscheinend bedenkliche Zustand des Kranken rühre nur vom starken Blutverluste, wohl auch von vorhergegangener heftiger Gemütsaufregung her; vor allem aus sei daher Ruhe, des Körpers sowohl als der Seele, notwendig. Dieser Vorschrift nachzukommen, war für Adelaide weniger eine schwierige, als eine tiefschmerzliche Aufgabe. Wenn der Verwundete in seinen Fiebern lag, irrte seine verwirrte Erinnerung durch alle die Ereignisse der letzten Zeit umher, und Haß, Liebe, Zorn und Schmerz, starre Entschlossenheit und wehmütige Klage fanden in herzerschütternden Worten den Weg über seine Lippen oder spannen sich in phantastische Träume aus. Adelaide hörte mit blutendem Herzen die harten Drohungen, die er gegen sie selbst ausstieß; aber schmerzlicher war ihr die leise Klage, mit der er über den Verlust ihres kindlichen Gehorsams, über seine getäuschte Vaterliebe trauerte, wenn indessen ihr Gewissen auf jede dieser Anklagen eine Verteidigung wußte und ihr Herz entschlossen war, für jede Klage einen Trost zu finden, so konnte sie dagegen andern Äußerungen des Fieberkranken nur mit Tränen Antwort geben. "Haltet ihn, haltet ihn", schrie er mit zorniger Gebärde, "werft ihn nieder, den schändlichen Rebellen, der unser Volk verführt und seine Treue in Trotz verwandelt; warum laßt ihr ihn frei, den schwarzen Betrüger? Rüttelst du an Schloß und Riegel, Adelaide, mein Kind, mein einziges Kind? Wie lange ist es her, daß er dich gestohlen hat in einer finstern Nacht und dich verborgen, wo ich dich nicht mehr finden kann? Ach, nun darf ich’s der Welt nicht sagen, daß er ein Schelm und Dieb ist, denn sieh, sieh, sie nicken ihm zu und beugen sich vor ihm, weil er eine große Kanone im Arme trägt; ich grüße ihn nicht und will ihm die Hand ins Gesicht schlagen, drum richtet er seine Kanone nach mir und ruft dem Volke zu, mich zu verlassen, wenn es nicht mit mir umkommen wolle. Es flieht, es flieht, weh, weh, jetzt hat mich seine Kugel getroffen, Amiel, Amiel, hilf mir, hilf deinem Vater, wenn du gegen den Feind reitest!" Es wäre für Adelaide eine tröstliche Erleichterung gewesen, wenn der Kranke den Namen des Marquis mit in seine Verwünschungen hineingezogen hätte; aber dieser wurde nie anders als mit den rührendsten Ausdrücken des Dankes und der Hoffnung genannt, und es war wohl gewiß, daß von seinem schmählichen Verrate keine Ahnung in die Seele des Obersten gekommen, bevor sie vom Taumel des Feindes ergriffen worden war. Als Adelaide am Sonntagmorgen wieder in das Krankengemach trat, fand sie neben dem alten Ulrich den jungen Herrn v. Dießbach, der ihr ernst die Hand entgegenbot. "Ich komme um dir noch Lebewohl zu sagen, liebe Cousine", sagte er leise, "ich reite diesen Morgen zu meinen Kameraden zurück – der Himmel weiß, ob und wie wir uns wiedersehen werden." "Wir wollen hoffen mit freudigerem Herzen, als wir scheiden", antwortete Adelaide mit einem bekümmerten Blicke auf den Vater, der in unruhigem Schlummer lag; "du siehst bleich und müde aus, Vetter." "Ach", erwiderte er mit leisem Kopfschütteln, "ich bin so fröhlich in den Krieg gezogen, und jetzt möcht’ ich fast deinen armen Vater beneiden, daß er den Jammer nicht mit ansehen muß. Ich bin gestern den ganzen Tag und diese Nacht herumgelaufen, um Kartätschen für unsere wackern Kanoniere zu bekommen; alles vergeblich. Ich weiß nicht, wie ich vor unsern braven Hauptmann treten soll." "Der elende Mädchenräuber!" rief der Oberst. Der Junker fuhr erschrocken auf, und Adelaide eilte, um ihre bekümmerte Verlegenheit zu verbergen, an das Krankenbett. "Er schlummert wieder", flüsterte sie, nachdem sie sich eine Weile über den Vater gebeugt; "ach, Vetter, du hast wenig Ursache, ihn um seine Fieberträume zu beneiden." "Er kämpft mit Träumen", entgegnete der Junker langsam, "die spurlos vorübergehen oder mit dem letzten großen Traume enden; ich bin noch jung und habe es mit einer Wirklichkeit zu tun, die mir die Hoffnung stiehlt und die Lebenslust vergiftet." "Die Ratsglocke, die Ratsglocke", rief der Kranke, "hört Ihr’s, Herr v. Amiel? Sie versammeln sich, um ihren Undank wieder gut zu machen, ich hab’ es wohl gesagt!" Von der Stadt her erklang wirklich durch die Morgendämmerung ein helles Glöcklein, das wie von ungewisser, zagender Hand angezogen zu werden schien. "Beim Himmel, dein Vater hat recht", rief nun auch der Junker, "es ist die Ratsglocke! was soll das an diesem Tage und in dieser Frühstunde!" "Wohl nichts Gutes", erwiderte Adelaide, "der Vater hält die Augen geschlossen, der Klang muß ihm unbewußt in seine Träume hineingedrungen sein." ’’Ob am Ende Friede geschlossen werden soll?" sagte der Junker; "es sind gestern Abgeordnete an den General Brüne nach Freiburg abgegangen. Ich eile schnell nach der Stadt hinein und will dir noch Bericht bringen, bevor ich fortgehe, Cousine." Ohne Antwort abzuwarten, eilte er in den Hof hinunter und galoppierte die Allee hinaus. Gegen die Stadt herangekommen, sah er verworrene Haufen Soldaten und Landsturm sich dem obern Tore zudrängen, die ihm mit einem Male den Weg versperrten. Er hielt an und blickte um sich, ob er nicht auf einem freien Seitenwege der Mauer entlang schneller an sein Ziel gelangen könne, als er hinter sich her raschen Hufschlag vernahm und den Obersten Stettler heranreiten sah. Der alte Herr hielt den Kopf, wie in Gedanken verloren, tief vorwärts gebeugt und schien sich wenig darum zu kümmern, ob die auf der Straße Gehenden seinem Pferde ausweichen mochten, wenigstens gab er sich nicht die Mühe, auf die zornigen Worte, die ihm da und dort nachgerufen wurden, um sich zu blicken, wenn nicht etwa das rasche Emporheben und wieder Sinkenlassen seines Meerrohrstockes als Antwort angesehen werden wollte. Der Junker rief ihn zweimal an, bevor er aufschaute, um dann, langsam sich besinnend, mit der flachen Hand über das schmale hagere Gesicht herabzufahren. "Eine unerwartete Begegnung, Herr Pate", sagte der Junker salutierend, "ich hätte Euch eher bei Laupen oder Neuenegg gesucht." "Ah, du bist es, Fritz", erwiderte der Oberst, aus dessen grauen Augen ein düsteres Feuer blitzte, langsam, "ja, es sucht jetzt mancher den andern am unrechten Orte, da keiner am rechten zu finden ist. Platz da, daß wir durch können!" "Ich glaube, wir täten besser, hier an der Mauer hinabzureiten", sagte der Junker, "wir kämen schneller in die Stadt hinein." "Es ist sonst nicht meine Gewohnheit, Umwege zu machen", entgegnete der Oberst, sein Pferd der angedeuteten Richtung zulenkend, "aber jetzt wird manche alte Gewohnheit abgetan. Hörst du, wie die Bestie heult?" Er riß mit diesen Worten sein Tier zornig wieder herum, um seinen Rohrstock drohend gegen einen Haufen emporzuheben, der, am Torbogen zusammengedrängt, ein wildes Geschrei erhoben hatte. Der Junker konnte nicht verstehen, was die Leute durcheinanderriefen; aber er sah ihre zornigen Gebärden, und es schien ihm, als ob einzelne Gewehrläufe unheildrohend über die Köpfe emporgestreckt würden. "Kommt, kommt, Pate", rief er leise, das Pferd seines Begleiters am Zügel fassend, "es sind Betrunkene, die nicht wissen, was sie tun oder anfangen!" "Es ist zu spät, sie sind nicht betrunken", erwiderte der Oberst mühsam, aber sein Tier ohne Abwehr führen lassend, "ich habe wohl ein paar Halunken erkannt, die zu meiner Division gehören und davongelaufen sind. Die Schmach zu erleben, sie nicht augenblicklich erschießen lassen zu können!" "Aber was führt Euch denn hierher, Pate", fragte der Junker ablenkend, über die Heftigkeit des alten Soldaten beunruhigt, "wißt Ihr vielleicht, was die Ratsglocke zu so ungewöhnlicher Zeit zu bedeuten hat?" Der Oberst nickte ein paarmal langsam mit dem Kopfe. "Eine Komödie, Fritz", sagte er endlich, die Lippen zusammenpressend, "in der ich zu guter Letzt auch noch ein Stücklein Hanswurst mitspielen soll. Drum bin ich hergekommen." Diese Worte waren mit so schneidendem Hohne hervorgestoßen, daß der Junker überrascht und erschreckt auf den alten Herrn schaute. "Ich versteh’ Euch nicht, Pate", sagte er zögernd, "wahrhaftig, ich versteh’ Euch nicht." "Dazu bist du auch noch zu jung, wenn ich dir’s schon erklären wollte", entgegnete der Oberst mit dem gleichen Tone des Ingrimms; "doch komm nur mit, du kannst wenigstens zusehen, wie entartete Knaben ihre toten Väter ermorden. Du guckst mich an und denkst, es sei unrichtig geworden unter meinen alten Schädelknochen." "Ihr ängstigt mich, um des Himmels willen, was soll es denn geben?" "Nichts, Junker v. Dießbach – eine Lappalie. Die Franzosen verlangen, unsere Obrigkeit soll abtreten und einer Jakobinerbande Platz machen; jetzt werden Rät und Burger versammelt, um ihnen den kleinen Gefallen zu tun." "Ihr treibt Euern Spott mit mir", rief der Junker unwillig, "und seht doch, daß ich auch ein Soldatenkleid trage." "Leg es ab, Fritz", erwiderte der Oberst nach kurzem Schweigen mit verändertem, fast wehmütigem Tone, "leg es ab, wenn dir dein alter Pate noch einen Rat geben kann, und schände deinen jungen Leib nicht länger damit. Dein Bruder liegt schon unterm Boden – was willst du dein frisches Leben für Sünden zum Opfer bringen, die du nicht begangen hast? Siehst du dort, wie sich die Haufen zeternd und heulend der Rathaustreppe zudrängen? Unsere neuen Staatsweisen nennen es Volk, dieses launige, zügellose, feige, blutgierige und kopflose Ungeheuer, sie haben es gehätschelt und gepflegt, ihm von seiner Kraft vorgeschwatzt und jeden Trotz, jeden Frevel im kleinen und großen nachgesehen, wie man einem Kinde seine unschädlichen Unarten nachsieht; aber das Kind ist groß geworden, lechzt jetzt nach unserem Blute und schickt sich an, uns in Ketten zu schlagen. Ha!" Der Junker, von diesen Worten des alten Herrn, den er in seinem Leben nie so eifrig hatte sprechen hören, verwirrt und gerührt, wagte keine Einwendung zu machen. Er gedachte bloß zu erwidern, daß sein Pate die Sachen doch vielleicht zu schwarz ansehe und der Große Rat ja unmöglich jetzt einen solchen Beschluß fassen könne, ohne sich selbst das Todesurteil zu sprechen; aber im Augenblicke, als er den Mund öffnen wollte, fiel sein Blick, indem sie über die Kreuzgasse ritten, auf die alte Rathausuhr. Ihr Zeiger stand noch immer auf der sechsten Morgenstunde und mußte also in dem Augenblicke stehen geblieben sein, als das Glöcklein zur Versammlung der obersten Behörde der Republik angeschlagen hatte. "Die Uhr ist abgelaufen", ging es bei diesem Anblicke durch seine Gedanken, "Ihr mögt recht haben, Pate." Die beiden Reiter mußten von den Pferden steigen, um sich durch das Gewühl zu drängen, das in wüstem Gewirre vor dem Rathause auf- und niederwogte. Es war ein unheimlicher, beängstigender Anblick. Greise und Knaben, Weiber und Kinder, wilde, drohende Gebärden neben angstvollen, klagenden Gesichtern. Während die einen den beiden Ankömmlingen ehrerbietig auszuweichen suchten, drängten andere sich ihnen geflissentlich in den Weg, laute Verwünschungen gegen die Aristokraten und Verräter ausstoßend und mit grimmigen Blicken die Waffen schüttelnd, die ihnen eben zur Hand waren. "Was sagst du, Schurke", rief der Oberst plötzlich, einen Soldaten mit eisernem Griffe an der Kehle fassend, "was schreist du von Verrätern, du feiger Wicht!" Aber im Augenblicke war er von drohenden Gestalten und wütendem Geschrei umringt, das nach Gewalt und Totschlag heulte. Der Junker zog ohne langes Besinnen den Degen, um sich den Andringenden entgegenzustellen, doch der Oberst schleuderte den Soldaten gegen die Mauer zurück und sagte kaltblütig: "Steck’ ein, Fritz! unsere Klingen besudeln sich nicht mit dieser desertierten Canaille." Er hob langsam den Rohrstock empor, überfuhr das Gewühl mit blitzenden Augen und rief: "Platz da zum Rathause, wem sein Schädel lieb ist!" Dabei blieb er hoch aufgerichtet stehen, mit dem Stocke nach der breiten Treppe deutend, an deren Fuß die aufgestellten Posten der Stadtwache mit Mühe dem Andrange zu wehren suchten. Und doch war die Gewohnheitsmacht althergebrachten Gehorsams noch nicht gänzlich gebrochen. Es zuckte ein halb zorniges, halb wehmütiges Lächeln um den Mund des alten Soldaten, als er langsam den schmalen Weg durchschritt, der sich vor ihm aufgetan hatte. "Hätten wir die Zügel nie fallen lassen", sagte er, die Rathaustreppe hinansteigend, "so wäre das Tier in der Bahn geblieben – nimm dir das zur Lehre, Fritz." "Wer war denn der Soldat, den Ihr faßtet?" fragte dieser aufatmend – "ich muß ihn schon gesehen haben." "Vor zehn Minuten vielleicht, am oberen Tore", erwiderte der Oberst; "ein degradierter Ädemajor – Wacker, läßt sich der Bursche schelten. Doch komm nur mit in den Saal hinein – er hat Vettern drinnen." Der Jüngling folgte seinem Führer nach der weiten Halle. Wie drunten auf der Straße, wogten auch hier die Meinungen durcheinander, nicht mit so rohen Worten und wilden Gebärden, aber mit nicht geringerer Leidenschaft, mit nicht so dunkel verworrener Planlosigkeit, aber mit dem nämlichen Mangel an freier, hochherzig versöhnender Gesinnung. Wohl wurde von diesem und jenem Munde mit herzerschütternden Worten der Geist der Ahnen herabbeschworen, den Enkeln in der schweren Stunde der Entscheidung beizustehen; aber dieser Geist war von den Hadernden längst entwichen und schien nur noch mit banger Klage um ein Haupt zu schweben, das ernst und stumm vom erhabenen Schultheißenstuhle auf die Versammlung niederschaute. Es ging wie ein dumpfes Dröhnen durch das alte stolze Gebäude, als endlich der Beschluß ausgerufen wurde: "Im Angesicht der bedrohenden Lage des Landes habe die bisherige Regierung der Stadt und Republik Bern abzudanken und eine neue provisorische an ihre Stelle zu treten." Als die verhängnisvollen Worte verhallt waren, erhob sich der Oberst langsam von seinem Sitze. Ebenso langsam und gemessen zog er den Degen aus der Scheide, faßte mit der Linken die Spitze der bloßen Klinge, bog dieselbe zusammen, bis sie mit schrillem Klange mitten entzweisprang, und warf die Stücke klirrend in den Saal hinab. Dann schritt er, ohne ein Wort zu sprechen, zur Türe hinaus. Verwirrt, von Zorn und Schmerz bestürmt, war der Junker nicht imstande, ihm zu folgen. Er hielt seine Augen auf das Antlitz des Schultheißen geheftet, der dem scheidenden Soldaten schweigend nachschaute, bis er durch die Türe verschwunden war. Atemlose Stille legte sich über die Versammlung, als dieser langsam die Rechte emporhob. "Ihr habt getan", rief er, "was Ihr für das Beste des Landes und Volkes für unerläßlich haltet. Ihr glaubt, die Irrtümer einer langen Vergangenheit in einer Stunde gut zu machen, und habt dem Feinde die halbtausendjährige, nie angetastete Würde unserer Republik zu Eurer Rettung preisgegeben; aber retten wird Euch das nicht, und geschäh’ es auch, ich will von dem Vertrage ausgeschlossen sein. Möge der Herr aller Herrscher den neuen Regenten Kraft und Weisheit verleihen; ich gehe, wohin mich Pflicht und Ehre rufen." Unter der Türe warf er noch einen Blick auf die Versammlung zurück, die sich in stummer Ehrfurcht von ihren Sitzen erhoben hatte. Der Junker folgte ihm wie im Traume durch den hallenden Gang der Treppe zu. "Es freut mich, daß du noch da bist, Vetter", sagte der Greis, als er ihn bemerkte; "die Jugend kann nie zu früh das Ende alles Menschlichen sehen. Komm in einer Stunde zu mir; ich weiß, wo dein Hauptmann ist und werde dich zu ihm begleiten." Er machte mit der Rechten eine abwehrende Bewegung gegen den Jüngling und schritt auf die Treppe hinaus. "Nun noch zum Abschiede nach Holligen und dann mit dem Schultheißen den Ehrengang", sagte der Jüngling vor sich hin, dem mutigen Tiere die Zügel lassend; aber kaum war er durch das Zeitglockentor geritten, als er dieselben wieder anzog, um auf ein tobendes Geschrei zu horchen, das ihm vom oberen Tore die Straße herab entgegenkam. "Was gibt es dort droben?" rief er einem Stadtsoldaten zu, "was hat der Lärm zu bedeuten?" "Ich weiß es selbst nicht, Herr", erwiderte der Vorübereilende; "sie sollen einen Offizier erschossen haben." Von unheilvoller Ahnung ergriffen, setzte der Junker dem Pferde die Sporen ein; aber als er am Käfigturme vorbei auf den Bärenplatz gelangte, wälzte sich ihm unter dem wilden Gebrülle: "Nieder mit den Verrätern! Tod den Aristokraten!" ein unabsehbarer, tobender Haufe entgegen. Vor ihm her marschierte ein Mann in Uniform, der auf der Spitze seines Bajonettes einen mit frischem Blute bedeckten Offiziershut wie eine Fahne schwang. Mit Entsetzen erkannte der Junker beim ersten Anblick den Soldaten und sein trauriges Siegeszeichen. Es war der degradierte Ädemajor Wacker, der den Tressenhut des ermordeten Obersten v. Stettler triumphierend durch die Straßen trug. XXIV Zwei kleine Stunden nördlich der Stadt führte die alte Straße von Bern nach Solothurn und der Ostschweiz durch das Grauholz, eine ausgedehnte Waldung, die, von den steileren Abhängen des Gebirges niedersteigend, eine Reihe wellenförmiger Anhöhen mit dunkler Tannennacht bedeckt. In der Nacht des Sonntags, in dessen Frühe der letzte Schultheiß des alten Bern von seinem Stuhle herabgestiegen war, ging ein geschäftiges Leben durch diesen Wald. Es ließ sich kein Lärm hören, kein deutliches Geräusch unterscheiden, nur allerwärts ein dumpfes Summen, wie es vor dem herannahenden Sturme den Wald zu durchziehen pflegt; doch die Lüfte ruhten, und zwischen den träg hängenden Wolken schauten die Sterne auf die schwarzen Tannenwipfel herab. An diese wirbelte da und dort ein heller Schein empor, der bald mit grellen Lichtern um die einzelnen Zweige spielte, bald sich in eine rot aufqualmende Rauchwolke verhüllte. Es war offenbar, daß weit durch den tiefen Waldgrund nächtliche Feuer brannten; aber das dichte Unterholz verbarg sie den Blicken und machte ihren in der Höhe sichtbaren Schein um so geheimnisvoller, als auch diejenigen, welche sie angezündet, unsichtbar blieben. Etwa zweihundert Schritte außerhalb des kleinen Wirtshauses "zum Sand" war eines dieser Feuer nahe an die Straße gerückt und das Gestrüpp rings um dasselbe abgeschnitten. Auf dem erhellten Raume schritten in angelegentlichem, aber leise geführtem Gespräche mehrere Männer auf und nieder, deren Degengefäße, Tressen und Bandeliere kurze glänzende Lichter warfen, wenn sie dem Feuer näher kamen. Vor demselben saßen drei andere der Straße zugekehrt auf einem gefällten Eichenstamme, ebenfalls im Gespräche vertieft, während aus dem Hintergrunde manchmal das Scharren und Stampfen von Pferden gehört wurde, die dort an den Bäumen festgebunden waren. "Wir haben uns in vielen Dingen schwer geirrt", sagte der eine von den dreien, dem nur hie und da bei einer raschen Bewegung die reichgestickte Uniform unter einem dunklen Reitermantel hervorschimmerte; "wenn unser Hauptmann sagt, wir hätten zu viel rückwärts, statt in die lebendige Gegenwart und vorwärts in die Zukunft geschaut, so hat er wenigstens in einem Punkte vollkommen recht. Wieviel ist von Laupen, Murten und Grandson gesprochen worden, und wie mancher glaubte aufrichtig, in der bloßen Erinnerung an vergangene Heldenzeiten selbst ein Held zu sein!" "Und doch habt Ihr selbst uns aus den letzten Gefechten einzelne Züge erzählt, die sich würdig an die Taten unserer Väter anreihen", entgegnete der neben dem Offizier Sitzende, ein hoher, stattlicher Greis in einem dunkeln, halb bürgerlichen, halb kriegerischen Anzuge; "könnt Ihr das in Abrede stellen, mein lieber General?" "Das ist auch meine Absicht nicht, Euer Gnaden", erwiderte der Gefragte; "was bliebe uns sonst noch zum Troste übrig?" "Ich versteh Euch, General", erwiderte der Greis, "es braucht manchen Sternenblick, um eine Wetterwolke zu erhellen, wie manche schöne Tat, um einen Mord aufzuwiegen. Mord – vor den Toren der Stadt an einem der ersten Führer begangen; wer hätte sich träumen lassen, noch solche Tage erleben zu müssen!" "Erleben, aber nicht lange überleben", murmelte der General. "Nicht überleben?" fuhr der andere fort: "Von der Hand seiner Mitbürger fallen, da der Feind im Angesichte steht – der Gedanke will mir das Herz ersticken." "Ich fürchte, Ihr deutet den Tod des unglücklichen Obersten zu schwarz, Herr Schultheiß", sagte der Jüngste von den dreien; "er ist wohl nicht als Führer von der Hand seiner Untergebenen, er ist als Opfer einer persönlichen Rache gefallen." "Es ist ein schönes Vorrecht der Jugend, das schwache Alter in seinem Leid mit ihrer freundlicheren Ansicht zu trösten", wendete sich der Schultheiß mit wehmütigem Lächeln an seinen Nebenmann zur Linken; "aber geht Ihr in diesem Bestreben nicht vielleicht weiter, lieber Hauptmann, als Euer scharfsichtiges Urteil sonst gestatten würde? Wenn auch persönliche Rache die Hand des Mörders geführt, wie ich wohl annehme, so kann ich mir den ganzen traurigen Vorfall doch unter keinem andern Gesichtspunkte vorstellen, als daß der arme Oberst als Repräsentant seines Standes, als Patrizier, durch den Volkshaß gefallen sei. Jedes seiner Worte, die geringfügigste seiner Handlungen trug jederzeit so scharf den Stempel der Verhältnisse, in denen er geboren und in denen er sein Leben zugebracht, daß alle seine persönlichen Eigenschaften nur als klare Ausprägung seiner Standesansichten erschienen." "Bei dem innigsten Bedauern über das beklagenswerte Ende des Mannes", erwiderte der Hauptmann, "tröstet mich die feste Überzeugung, daß unser Volk den Meuchelmord im tiefsten Grunde seiner Seele haßt und verabscheut." "Der Himmel bewahre meine alten Tage vor dem Unrechte, eine unbegründete Anklage gegen unser Volk zu erheben", sagte der Schultheiß. "Haben wir nicht selbst die Schlange des Verrats am eigenen Busen gehegt und so dem giftigen Samen den Boden gelockert? Wir nennen das Verhängnis so gerne rätselhaft, und doch geht es immer die einfachsten Wege, die schon eine uralte Weisheit angedeutet: Wen der Himmel verderben will, den schlägt er mit Blindheit." "Aber diese Blindheit ist für uns ein Vätererbteil gewesen, das wir glaubten heilig halten zu müssen", sagte der General leise. "Ich habe sie mit dem Feldherrenruhme meiner Ahnen übernommen, der in mir erlöschen wird!" Die wohllautende Stimme erzitterte hörbar bei den letzten Worten, und der Enkel des Siegers von Laupen verhüllte mit dem Mantel das Antlitz, um den Kopf der schmerzlichen Gefühle zu verbergen, die seine Brust bestürmten. Bald folgten rasch erteilte Befehle, warmer Händedruck und kurzes Abschiedswort, und in wenigen Minuten sprengte der größere Teil der bisher am Feuer Versammelten nach verschiedenen Richtungen in die Nacht hinaus. Zwei von ihnen schlugen am Waldrande die Straße linkerhand ein und ritten in scharfem Trabe dem Dorfe Urtenen entgegen. Obwohl Mitternacht nahte, brannte das Licht in allen Häusern, und da und dort schallte der eintönige Gesang von geistlichen Liedern auf die Straße heraus; die beiden Reiter achteten jedoch, jeder in seine Gedanken verloren, wenig auf dieses fromme Tun und bemerkten nicht einmal, daß sich ihnen an einem der letzten Häuser ein dritter anschloß, der nur ein paar Schritte hinter ihnen drein trabte. Er war in einen langen dunkeln Mantel gehüllt, dessen hoher Kragen fast den Kopf überragte, obwohl sein Pferd ermüdet schien, strengte er sich an, mit den beiden andern möglichst Schritt zu halten und in ihrer Nähe zu bleiben. Endlich, als sie bereits dem Walde zuritten, der sich wie eine hohe schwarze Mauer vor ihnen erhob, mußten sie ihn bemerkt haben, und der eine rief ihm ein lautes "Wer da?" entgegen. "Gut Freund, Herr Hauptmann!" antwortete der Unbekannte, sein Tier neben dasjenige des Anrufers vorgehen lassend; "wenn Ihr erlaubt – wir haben eine Strecke den nämlichen Weg vor uns." "Ihr scheint mich zu kennen", erwiderte der Hauptmann, indem er sein Pferd wieder schärfer antraben ließ, "doch könnt’ ich das nämliche von Euch nicht sagen. Die Nacht ist finster, und Ihr habt Euch warm zugedeckt." "Ich kenn’ auch bloß Euern militärischen Grad", entgegnete der Fremde, "und dies selbst erst seit einigen Minuten. Der Lichtschein im Dorfe drinnen ließ mich Euere Uniform unterscheiden." "Da müßt ihr ein scharfes Auge haben", sagte der Hauptmann; "ich dächte, der Mantel würde jedes Unterscheidungszeichen unsichtbar machen." "Er wurde Euch im scharfen Ritte zurückgeweht", entgegnete der andere ruhig, "ich sah die goldene Achselschnur Euch über die Brust herabhängen." Der Hauptmann ließ seine Hand am Mantel niedergleiten und fand diesen bis auf den Sattel herab fest zugeknöpft, so daß er weder über Brust noch Schultern eine Öffnung gelassen haben konnte. "Hört, Freund", sagte er deshalb, als sie den Waldrand erreicht hatten, "die Zeiten verlangen Vorsicht, und Ihr werdet mir daher ohne Umschweife sagen, wer Ihr seid und was Euch noch so spät auf die Straße führt. Der Sprache nach zu schließen, seid Ihr nicht in der Gegend zu Hause." "Nun denn", erwiderte der Fremde, sein Pferd anhaltend, "ich habe einen Auftrag an Euch, Herr Hauptmann." "An mich? Von wem?" "An Euch, aber er ist auch nur für Euch bestimmt, und ich muß Euch daher bitten, mir etwas näher zu kommen, Ihr seht, ich habe keine Waffe zur Hand." Überrascht und neugierig ritt der Hauptmann ein paar Schritte vor und beugte sich vom Sattel zu dem Fremden hinüber. "Hört", begann dieser mit leiser, aber nachdrücklicher Stimme, "Ihr geht auf falschen Wegen, guter Freund; kehrt augenblicklich um und reitet nach Bern, wenn Ihr das Fräulein v. Holligen noch einmal sehen wollt – morgen ist’s zu spät." "Was sagt Ihr da?" rief der Hauptmann, "was wißt Ihr von dem Fräulein? Was für eine Gefahr sollt’ ihr drohen?" "Eine Gefahr, vor der Ihr sie nicht so leicht bewahren werdet", raunte der Unbekannte; "denkt an Amiel!" Mit diesen Worten rutschte er vom Pferde herunter und kugelte, wie ein Igel zusammengerollt, in den Straßengraben. "Was ist das", rief der Hauptmann, überrascht vom Sattel springend und in wenig Sätzen sich auf die dunkle Masse in den Graben stürzend, "wer hat dir von der Gefahr gesagt, Bursche?" "Der Teufel", antwortete es aus dem Gebüsche zurück, "der morgen Euern Schatz holen wird." Die ganze Szene war so rasch vorübergegangen, daß der Begleiter des Hauptmanns, der einige Schritte zurückgeblieben war, eben erst zur Stelle kam, als dieser den leeren Mantel des Unbekannten aus dem Graben zog. Er feuerte ohne langes Besinnen seine Pistole in das Gebüsch, aber der Knall war noch nicht verhallt, als es weit seitwärts rief: "Spart das Pulver, Junker, und folgt meinem Rate, Herr Hauptmann!" Die beiden sahen sich durch die Dunkelheit schweigend und betroffen an, bis der Hauptmann endlich ärgerlich murmelte: "Der Teufel – ich glaube selbst, ein Besserer ist nicht im Spiele, Junker." "Wenn es aber der Höllenfürst selbst gewesen ist", entgegnete der Lieutenant in gleichem Tone, "so wag’ ich zu behaupten, daß seine Majestät sehr schlecht beritten waren; bei meiner Ehre, das Tier steht da wie ein lebensmüder Karrengaul." "Ich denke, bei näherer Betrachtung wird es auch nicht viel anderes sein", sagte der Hauptmann, auf das Roß des Unbekannten, das geduldig stehen geblieben, zutretend; "für einmal sind weder Sattel noch Zügel da, ein einfacher Strick hat den Dienst der letztern versehen." "So wird das Rätsel auch bald gelöst sein", rief der Junker; "der Bursche ist ein Roßdieb, der das Tier während der singenden Andacht der Leute drinnen im Dorfe gestohlen hat, und da sind wir ihm in die Quere gekommen. Laßt sehen, welchen Weg er einschlägt." Er ließ seine Reitpeitsche mit leichtem Schlage auf den Rücken des Rosses niederfallen, das sich in der Tat sofort langsam wendete, um gemächlich nach dem Dorfe zurückzutrotten. Obwohl der Hauptmann von dieser Erklärung wenig befriedigt war, würde es dennoch unnütz gewesen sein, für jetzt eine befriedigendere zu suchen. Der Mensch konnte in Nacht und Wald nicht verfolgt werden, und sein sonderbares Tun gab den Vermutungen so vielen Spielraum, daß vielleicht die unwahrscheinlichste der Wahrheit am nächsten kam. Aber gerade das war es, was den Hauptmann am meisten beunruhigte; der Unbekannte hatte seine Gedanken und Gefühle an der Seite angefaßt, wo sie in diesem Augenblicke am wenigsten Widerstand zu leisten vermochten. So stand er, den linken Fuß in den Bügel gestellt, in Gedanken verloren neben seinem Pferde, bis er sich selbst ein lautes, aber hörbar mit mühsamer Stimme hervorgestoßenes "Vorwärts!" zurief. Er warf den Mantel des Unbekannten hastig hinter sich und begann dann rasch den Wald abwärts zu reiten; aber so schnell er ritt, die quälende Unruhe blieb nicht zurück. Wie, sprach es in ihm, wie hat der Fremde meine geheimsten Gedanken erraten, die mich wie finstere Dämonen verfolgen, seit ich weiß, daß Adelaide wieder im Hause ihres Vaters ist? War er doch vielleicht von ihr geschickt, und werd’ ich diese Furcht nicht los, weil sie auch ihr Herz mit Grauen und Entsetzen erfüllt? Und warum sollte es nicht so sein? Ja, wenn wir unterliegen, wenn der gewissenlose Bösewicht mit dem siegreichen Feinde nach Bern käme – Ordnung und Sicherheit sind dahin – ihre Freunde tot, gefangen, zerstreut und der Vater in dem einsamen Schlosse hilflos darnieder liegend! "Barmherziger Himmel", seufzte er, den Schweiß von der Stirne trocknend, "der Gedanke könnte mich wahnsinnig machen.’’ Es fing an zu schwindeln in seinem Kopfe, und er fühlte, daß sich die immer steigende Angst seiner schreckensvollen Vorstellungen wie ein lähmendes Gift durch seine Glieder ergoß. Am Rande des Waldes angelangt, mußte er sein Pferd anhalten, um das wilde Chaos seines Kummers zur Ruhe zu bringen. Solange er nur die Scheidewand der Geburt und bürgerlichen Stellung zwischen sich und seiner Liebe aufgetürmt gesehen, hatte er sich mit dem Mute der Entsagung in sein Los gefügt, der seine Hoffnung immer noch auf den Wechsel der Dinge stellt; sagte ihm doch das eigene Herz, daß Adelaide aus Liebe zu ihrem Vater ihm wohl entsagen, aber nie die Treue brechen werde. Er hatte keinen Augenblick gezweifelt, daß der stolze Schloßherr sie nur seinetwegen, zur Strafe ihres Anteils an ihrer Befreiung und um jede Verbindung mit ihm unmöglich zu machen, auf so geheimnisvolle Weise aus dem Hause entfernt habe; jetzt war diese Täuschung mit einem Male verschwunden. Die Nachrichten, welche ihm der Wachtmeister gestern über ihre Heimkehr gebracht, hatten ihm deshalb nur kurze Freude gewährt, da er im Augenblicke überdachte, daß sie bei einer unglücklichen Wendung des Krieges nun erst dem Verfolger, vor dem sie geflohen, hilflos in die Hände fallen könnte, doch hatte er gehofft, es werde sich immer noch Zeit und Gelegenheit zu schützenden Vorkehren finden lassen, auch wenn die neu angeknüpften Unterhandlungen zu keinem Frieden führen sollten. Jetzt aber war diese Hoffnung durch den raschen Gang der Dinge vereitelt, seine Befürchtungen durch die Mitteilungen des Schultheißen über die Aussagen des Judenbuben zu peinvoller Unruhe gesteigert, und nun noch diese nächtliche Botschaft, die bei allem verdächtigen Geheimnis, das sie umgab, nur allzu richtig die grauenvolle Gefahr angedeutet hatte! Bin ich nicht ein Tor, mein Leben fruchtlos für eine Sache in die Schanze zu schlagen, die schon Tausende verlassen haben, und dadurch auch sie, die alles für mich gewagt und getan, schutzlos dem Verderben preiszugeben? Ist es nicht meine heiligste und erste Pflicht, sie vor dem Verruchten, an dessen Händen das Blut ihres Verwandten klebt, in Sicherheit zu bringen, bis ihre natürlichen Beschützer ihr wieder beizustehen vermögen? Und am Ende – handelt es sich nicht auch um den Sturz der verwerflichen Verhältnisse, denen wir beide zum Opfer gebracht werden sollten? Diese Gedanken waren mit Blitzesschnelle durch seinen Kopf gefahren, und ohne daß er’s merkte, hatte sich das Pferd umgewendet und einige Schritte nach dem Walde zurückgetan. "Was habt Ihr, Herr Hauptmann", rief der Junker leise, "seht Ihr etwas?" "Ja, den höllischen Versucher", erwiderte Herr Rudolf nach einigem Besinnen; "aber kommt, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren". Er drehte das Pferd um und setzte ihm die Sporen ein, daß es in das Feld hinausschoß. Sie hatten dasselbe noch nicht durchschritten, als sich die Nacht erhellte und unter dem Klange der Sturmglocken rings von den Höhen die roten Feuersäulen der Hochwachten emporstiegen. XXV Als die beiden in scharfem Ritte die Höhe vor Fraubrunnen erreichten, hörten sie im Dorfe Trompeten schmettern; weiter die Straße hinab und zur Rechten gegen Burgdorf hin rollte zwischen dem Sturmgeläute Trommelwirbel. "Ich glaube wahrhaftig", rief der Lieutenant, "unsere Kanoniere blasen zum Aufsitzen; am Ende wären die ohne uns ausgerückt." "Das nun wohl nicht", erwiderte der Hauptmann; "aber ich habe ihnen schon am Abend die Weisung zugehen lassen, die Pferde anzufüttern und sich beim ersten Alarmzeichen in Marschbereitschaft zu setzen." Dieser Befehl war getreulich vollzogen Als die Offiziere in den Schloßhof einritten, saßen die Fuhrleute bereits in den Sätteln, die Mannschaft stand auf ihren Posten neben den Feldstücken, und die Unteroffiziere hielten ihre Rosse an den Zügeln, zum Aufsitzen bereit. In einer Viertelstunde rollte die Batterie zum Dorfe hinaus. Ungefähr tausend Schritte jenseits desselben steigt die Straße eine sanfte Anhöhe hinan, auf welcher, von einer mächtigen Linde überdacht, ein schmuckloser Denkstein steht. Eine alte Inschrift, die er trägt, erzählt, wie im Jahre 1375 vom Elsaß her ein wildes Kriegsvolk, seiner hohen Eisenhüte wegen die Gugler genannt, mit Sengen und Brennen ins Land gekommen sei, aber zur Stelle mit Gotteshilfe in blutiger Schlacht seinen Untergang gefunden habe. Hier befahl der Hauptmann Halt zu machen, während er selbst mit dem Junker die Straße weiter ritt. Die Kanoniere standen in leisen Gesprächen an ihren Stücken und schauten mit klopfendem Herzen in die Landschaft hinaus, durch welche die Hochwachten leuchteten und mit immer wilderem Klange die Sturmglocken erschallten. Vor ihnen und zur Linken streckten sich im Feuerschein dunkle Waldungen dahin, während zur Rechten in der Tiefe ein grauer Duft über der Gegend schwamm, der den gewundenen Talgründen der Emme folgte. Der Wachtmeister lehnte an den Denkstein und blickte lange unverwandt nach dem Hause des Kirchmeyers, das am Rande der Anhöhe lag und mit einem matten Lichtscheine herüberschimmerte; dann streckte er beide Arme aus, murmelte ein leises: "wie Gott es will" und ging langsam hinter den aufgestellten Geschützen herum, den Belper-Fritz aufzusuchen. Dieser saß auf einer Lafette in leisem Gespräche mit Ruedi, der dem Wachtmeister schweigend die Hand entgegenreichte und sich entfernte. "Warum geht er", fragte Christen, "hab’ ich Euch gestört?" "Nein, einfältige Geschichten", erwiderte der Belper-Fritz, mit der Hand über die Augen fahrend, "er hat mir Grüße an Vater und Mutter aufgetragen, und sie sollen nicht trauern um ihn, wenn er nicht mehr heimkehre." "Das kann jeder dem andern auftragen", sagte der Wachtmeister ernst; "aber keiner weiß, wer’s ausrichten wird." "Das denk’ ich auch, aber auf alles Zureden schüttelt er den Kopf und meint, er habe ja lange genug gelebt, um das Sterben nicht zu fürchten." "Wer weiß", sprach der Wachtmeister langsam vor sich hin, "vielleicht wünscht am Abend noch mancher, es hätte ihn statt eines andern getroffen." "Nun, beim Himmel", rief der Belper-Fritz, von der Lafette aufspringend, "jetzt fängst du das nämlich Lied an, das Ruedi gesungen hat. Nichts da – jetzt ist keine Zeit dazu! Aber eins muß ich dir doch sagen", fuhr er nach einem Augenblicke leiser fort, "auch der Hauptmann will mir heute nicht recht gefallen, hast du nicht bemerkt, wie bleich er war, als er mit dem Junker ankam?" "Es kam mir selbst so vor", erwiderte der Wachtmeister; "er ist wohl müde und wird den ganzen Tag und die Nacht wenig vom Sattel gekommen sein." "Nein, das ist es nicht", schüttelte Belper-Fritz den Kopf, "mich wundert’s nur, ob ihm der Junker nicht schlimmere Berichte von seiner schönen Base gebracht hat als du gestern." "Da du gerade darauf kommst", sagte der Wachtmeister nach einigem Besinnen, "so will ich dir noch etwas erzählen, Fritz, obwohl mir die Mutter verboten hat, es jetzt schon zu tun; aber ich weiß ja doch nicht, ob ich’s später noch kann, und am Ende hast du bei der Marterturmgeschichte ebensowenig gefragt, ob es blutige Köpfe für uns absetzen könnte, als ich selbst." "Nun, was werd’ ich hören?" rief der Belper-Fritz neugierig." "Ich habe dir gesagt, ich wisse nicht, wo unser Fräulein die Zeit über gewesen sei und warum es daheim fortgegangen." "Und du weißt es?" Der Wachtmeister nickte bedächtig mit dem Kopfe. "Höre nur", fuhr er fort; "das Fräulein hatte von jeher einen Abscheu vor dem Marquis, es fühlte ihm an, daß er ein Spitzbube sei. Der gnädige Herr aber war anderer Meinung und wollte ihn sogar zum Tochtermann haben, vielleicht bloß um unsern armen Hauptmann aus dem Felde zu schlagen. Gleichviel; am Morgen nach der Nacht, da dieser freigesprochen wurde, kam es im Schlosse zu harten Worten, ich glaube fast zu noch mehr, und der gnädige Herr schwur im Zorne hoch und heilig, daß er nun erst mit der ganzen Macht des väterlichen Ansehens auf die Seite des Marquis treten wolle, bis er seinen Willen erfüllt sehe. Das Fräulein klagte seine Not meiner Mutter, und diese war schnell entschlossen. Sie brachte es in der nächsten Nacht heimlich zu ihrer Schwester, die mit ihrem Manne, dem alten Bannwart, hinterm Gurten droben haust, und dort hat sich das Fräulein die ganze Zeit als Bauernmädchen verkleidet verborgen gehalten, ohne daß eine Seele davon erfahren hätte. " "Na, da seh’ mir einer die Weiber", rief der Belper-Fritz, "und der Hauptmann wußte nichts davon?" "Gerade so viel wie du und ich", sagte der Wachtmeister; "meine Mutter gab das nicht zu, aber wacker hat sie sich doch für das bekümmerte Fräulein bemüht. Den ganzen Tag lief sie um Nachrichten und schickte unsern alten Sepp nach allen Himmelsgegenden unter dem Vorwande, Korn zu kaufen – weißt du, er suchte uns ja ein paarmal selbst in unsern Quartieren auf. Und was sie am Tage erfahren, das trug sie jede Nacht getreulich nach dem Waldhause hinauf. Als am Freitage das erste Gerücht von der Verräterei des Marquis nach Bern kam, nahm sie ein paar Dublonen in die Hand, ging mit denselben frisch aufs Rathaus und hatte die Wahrheit erfahren, noch bevor sie allen Herren vom Regimente selbst bekannt geworden. Das war die froheste Botschaft, die sie auf den Berg bringen konnte, und im Augenblicke war die Rückkehr ins Schloß beschlossen, da nun der falsche Mann, der zum Feinde übergegangen, nicht mehr zu fürchten war. Meine Mutter und das arme Fräulein wußten noch nichts von dem Unfalle, der den gnädigen Herrn betroffen hatte." "Nun, bei meiner Treu", sagte der Belper-Fritz, "jetzt könnt’ ich dem Marquis seinen Schurkenstreich bald nachsehen, da er damit den Frauen einen so guten Dienst geleistet; denn ohne das möchten deine Mutter und das Fräulein doch schwere Not bekommen haben, wenn der Oberst die Geschichte endlich entdeckt hätte." "Das denk’ ich auch’’, erwiderte der Wachtmeister, "aber meine Mutter besinnt sich nicht lange, wenn einmal Not am Mann ist. Ich möcht’ nur, daß der saubere Marquis mir ein wenig zwischen die Finger käme – ich wollt’ die Rechnung ausgleichen." "Oh, der wird sich hüten", rief der Belper-Fritz; "aber horch, was ist das?" "Sie schießen – es ist hinterm Schaluner-Walde; gottlob, daß doch der Morgen da ist." Die Kanoniere horchten unruhig auf das Feuer, das sich abwärts gegen Solothurn von Minute zu Minute lebhafter erhob und die Wälder mit einem dumpfen Tosen erfüllte. Noch standen sie allein auf dem dämmernden Felde, aber zu ihrer Rechten und im Rücken erschallte in kurzen Pausen Trommelwirbel oder auch ein verworrenes Geschrei, und das Feld begann sich allmählich mit Truppen und Landsturmscharen zu bedecken. Doch auch der Lärm des Kampfes kam mit bedenklicher Schnelligkeit näher, und als der Hauptmann und der Lieutenant die Straße heransprengten, ergossen sich bald hinter ihnen aus dem Walde flüchtige Scharen, die wie ein austretender Strom in verschiedenen Richtungen das Feld überschwemmten. Kaum einige Minuten später erschien unter Trommelschlag und lautschallendem Gesange die Spitze der feindlichen Kolonne am Waldrande. Der Wachtmeister warf noch einen ängstlichen Blick nach einer Landsturmschar, die sich vom Hause des Kirchmeyers langsam über das Feld heranbewegte, bückte sich dann auf die erste Piece nieder und horchte mit einer Empfindung süßen Grauens dem krachenden Knalle, der den Boden erschütterte. Der Morgen war mild, und die Lüfte schienen in banger Erwartung sich nicht regen zu dürfen. Dem ersten Kanonenschusse folgte auf allen Seiten das Knattern des Kleingewehrfeuers, dessen Rauch das Feld in kurzer Frist mit einem undurchdringlichen Nebel bedeckte. Da und dort stürzten in denselben dichtgedrängte Haufen, denen ein wildes Geschrei folgte, das vom Handgemenge zusammenprallender Scharen Zeugnis gab; aber das Geschrei verstummte wieder, und aus dem Nebel tauchten nur noch einzelne Gestalten hervor, die rückwärts nach dem Walde oder Dorfe hinliefen. Die Kanoniere selbst brachen sich mit ihren sausenden Kugeln eine lichtere Bahn, auf der sie ihr Ziel zu erkennen vermochten; doch mehr als einmal mußten sie das Feuer einstellen, um nicht die sich vorüberwälzenden Haufen der eigenen Leute niederzuschmettern, und hatten diese den Platz geräumt, so war er auch im Augenblicke von dem herandringenden Feinde eingenommen. "Ich will dich ablösen, Wachtmeister", rief der Hauptmann, der eine Weile nachdenklich das Feld überschaut hatte, indem er vom Sattel sprang; "reite schleunig zu den Schützen hinüber, die dort droben am Walde stehen, und sage ihnen, daß sie sich augenblicklich hier herabziehen, sonst werden wir niedergeritten. Siehst du dort?" Der Wachtmeister warf einen Blick über das Feld hinab, wo sich am lichteren Saume der Rauchwolke ein dunkler Reiterschwarm zusammenzog, und jagte dann in gestrecktem Laufe den Schützen entgegen. Hie und da schlug eine Stückkugel in seiner Nähe ein und überschüttete ihn mit aufgewühlter Erde. "Hoffentlich werden die Unserigen bessere Geschäfte machen und nicht so nutzlos im leeren Felde herumfahren", sagte er, mit unwillkürlichem Wohlgefallen auf die Schläger hörend, die unablässig aus seiner Batterie aufkrachten. Aber noch hatte er den Wald lange nicht erreicht, als ein unerwarteter Anblick seinen Gedanken eine andere Richtung gab. Die Schützen nämlich, die er ins Blachfeld herabholen sollte, zogen sich eilfertig ins Gebüsch zurück, um aus demselben hervor ein lebhaftes Feuer zu eröffnen, und als der Wachtmeister nach der Ursache dieser Bewegung um sich blickte, sah er mit Schrecken am jenseitigen Waldrande die Spitze einer feindlichen Kolonne heraufmarschieren. "Wir werden umgangen", rief er erschrocken, in dem er das Roß wieder herumwarf, "und die Schützen dort sind verloren für uns!" Aber auch hinter ihm schien sich die Szene in der kurzen Zeit bedenklich verändert zu haben. In der Taltiefe jenseits der Batterie, welche die Luft noch fortwährend mit Donner und Blitz erschütterte, zog sich der Rauch und Lärm des Kleingewehrfeuers bereits in langen Streifen nach dem Dorfe hin – zum sicheren Zeichen, daß das bernische Fußvolk dort zurückgedrängt worden sei; diesseits standen nur noch einzelne Landsturmhaufen, die in unsicheren Bewegungen hin und wieder zogen. Während der Wachtmeister mit klopfendem Herzen nach einem dieser Haufen blickte, an dessen Spitze ein alter Mann in dunkler Kleidung marschierte, bewegte sich durch die Rauchwolke ein langer Schatten heran, zuerst verworren und undeutlich, aber in wenigen Augenblicken klarer und bestimmter, wie eine in Bewegung geratene finstere Mauer, über die ein hellrotes Dach hinweglief. Es waren die schwarzen Husaren des Feindes mit den roten Roßschweifen an den Helmen, die jetzt mit der Schnelligkeit einer jagenden Meute gegen die Landsturmhaufen heransprengten. "Vater – Anna!" schrie der Wachtmeister mit bebender Stimme und, ohne klar zu wissen, was er wollte oder tat, drückte er seinem Rosse die Sporen in die Flanken, daß es mit stäubenden Hufen den feindlichen Reitern entgegenstürzte. Christen war später nicht imstande, zu erzählen, was ihm von diesem Augenblicke an im einzelnen begegnet war – es schien, als ob die Erinnerung an einen Gegenstand das Gedächtnis für die anderen Vorgänge ausgelöscht habe. Es schwebte ihm nur noch dunkel vor, daß die ersten Feinde, auf die er stieß, vor der Wucht seines Anpralles auseinanderstoben oder von den Rossen sanken und er sich plötzlich im dichtesten Getümmel befand, das sich um einen mit blutigem Todesmute kämpfenden Landsturmhaufen zusammengedrängt hatte. Da rief ihm eine durchdringende Stimme: "Christian, Christian!" und als er mit den Blicken dem Rufe folgte, sah er Anna mit hochgeschwungener Waffe im wildesten Gewühle stehen; ihr Gesicht war bleich, aber ihre sonst so milden Augen funkelten, und das gelbe Haar rollte in aufgelösten Wellen auf die Schultern herab. "Anna, ich komme", schrie der Wachtmeister zurück, und der nächste Franzose, der den Säbel nach ihm schwang, sank taumelnd vom Sattel hinab; aber jetzt war auch die Tochter des Kirchmeyers dem Blicke verschwunden, und als Christen mit der Anstrengung eines Verzweifelten zur Stelle gelangte, wo sie gestanden, lehnte sie, das blutige Haupt zur Seite geneigt, über zwei Leichen hingesunken, die hart nebeneinander am Boden lagen. Es waren Vater und Schwester, die der Sterbenden vorangegangen. Der Wachtmeister stieß einen wilden Schrei des Entsetzens aus, und im nämlichen Augenblicke fiel ein Schlag über seinen Kopf, der ihn mit schwindelnden Sinnen vom Pferde stürzte, es wurde Nacht vor seinen Augen, und es war ihm, als ob sich das wilde Getöse um ihn in weite dämmernde Fernen verlöre. Doch noch einmal, bevor es ganz stille ward, drang ein scharfes, schrilles Klingen an sein Ohr. Dann sank er, von einem dumpfschmerzlichen Stoße geschoben, langsam über einen jähen Abhang in nächtliche, bodenlose Tiefe nieder. Er kam mit so hartem Falle zu Boden, daß er meinte, der Kopf müsse ihm zerschmettert sein, und hastig versuchen wollte, den brennenden Schmerz mit der Hand zusammenzupressen, aber er war nicht imstande, dieselbe emporzuheben, und es kam ihm vor, sie werde mit Gewalt festgehalten. Er strengte sich an, die Augen zu öffnen, vor denen rötliche Schatten auf- und niederschwammen, mit hellen, stechenden Lichtern heranfuhren und dann langsam in eine dunkle Gestalt zusammenflossen, aus der endlich das besorgte Gesicht des Belper-Fritz hervorschaute. "Was ist das?" fragte der Wachtmeister aufatmend, als er bemerkte, daß seine Hand von seinem Kameraden festgehalten wurde – "wo bin ich, Fritz?" "Gottlob, daß dich das wieder wunder nimmt", rief sein Begleiter; "ich fürchtete bald, du werdest gar nie mehr darnach fragen. Sei nur ruhig, du sitzest festgebunden auf einem Protzwagen; aber wie ist’s dir denn – bist du schwach?" "Der Kopf brennt mich", erwiderte der Wachtmeister langsam, "aber um Gottes willen – wo sind wir, das dort ist doch nicht Fraubrunnen?" "Nein", sagte Belper-Fritz ernst; "es ist Urtenen." "Wir sind auf dem Rückzuge?" Fritz nickte mit dem Kopfe und deutete mit der Hand schweigend über die Straße zurück, auf der zerstreute Haufen heraneilten und zu beiden Seiten über das Feld dahinliefen. Weiter rückwärts krachten Kanonenschüsse, und der Wachtmeister sah, wie eine Schar seiner Kameraden sich vor zwei Feldstücke gespannt hatten, welche andere mitten im Marsche luden und mit einem augenblicklichen Halte losfeuerten. Er wollte bei diesem Anblicke bestürzt von seinem Sitze herabspringen; aber vor seinen Augen begannen wieder dunkle Schatten hin und her zu spielen, zwischen denen plötzlich das todbleiche Antlitz Annas von Fraubrunnen hervorschwebte. Er sank zurück, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, während er mit bebender Stimme rief: "Nun weiß ich’s wieder – sie ist tot, ich bin zu spät gekommen." Er saß eine Weile schweigend, ohne auf die tröstenden Worte seines Kameraden zu achten, bis er endlich die Hände von den Augen sinken ließ und leise fragte: "Hast du sie gesehen, Fritz?" "Du mußt dich trösten", antwortete der Gefragte mit trübem Blicke; "sie sind mit vielen anderen den gleichen Weg gegangen; es wird mancher fehlen beim nächsten Appell." "Sie sind tot – und ich, wie komm’ ich hieher?" "Davon magst du freilich wenig wissen", erwiderte der Belper-Fritz, "am besten wird dir’s der Hauptmann erzählen können. Nachdem uns zwei Stücke in einem Augenblicke zusammengeschossen wurden und wir von allen Seiten verlassen waren, befahl er den Rückzug, sprengte aber plötzlich das Feld hinab, einem Haufen Husaren entgegen. Ich und Ruedi ritten ihm nach und kamen gerade noch dazu, um zu sehen, wie er einem der Roßschweife, der noch zuletzt standhalten wollte, vom Sattel half. Der steigt nicht wieder in den Bügel – sieh, er ritt den Schimmel, der neben dir angebunden geht; dich aber fanden wir in der Nähe unter deinem Braunen liegend, der auch kein neues Eisen mehr nötig hat. Wenn wir nur bald am Grauholz wären – hörst du, wie sie dort draußen schon wieder über Verräterei schreien?" Der Wachtmeister hörte den wilden Lärm und fragte dann ängstlich nach dem Hauptmann und Ruedi, die er nirgends erblicken könne. "Der Hauptmann ist mit dem Junker dort hinten an der letzten Kanone", erwiderte Fritz; "du vermagst ihn vielleicht nicht zu erkennen, weil er seinen Hut nicht trägt – sieh, der ist’s, der ein weißes Tuch um den Kopf gebunden hat." "Ist er verwundet?" "Nicht bedeutend – behauptet er; ein Husarenhieb." "Und Ruedi?" Belper-Fritz fuhr mit der Hand über das Gesicht und hob sie dann langsam in die Höhe. "Er ist zu Mädeli gegangen, wie er schon lange erwartet hat. Was ist’s weiter – bei Fraubrunnen liegen an den verlorenen Geschützen bei zwanzig von unseren Kameraden; aber lebendig ist den Franzosen keiner in die Hände gefallen." "Halt den Wagen an, Fritz!" sagte der Wachtmeister, "ich will in den Sattel steigen und bis ans Grauholz vorausreiten – ich könnte jetzt den Knall der Geschütze noch nicht in der Nähe ertragen, ohne daß mir schwindlig würde. Es wird besser werden, wenn ich einen Augenblick niederliegen kann. Am Rande des Waldes will ich warten auf Euch – grüße den Hauptmann und die Kameraden; auf Wiedersehen!" Der Belper-Fritz, über die unruhige Hast, mit der diese Worte gesprochen waren, mißtrauisch, wollte Einwendungen machen, aber Christen deutete mit der Hand schweigend nach den Kanonen zurück, die ihr Feuer hartnäckig fortsetzten, bestieg mühsam den französischen Schimmel und begann durch das Getümmel vorwärts zu reiten. XXVI Als der Wachtmeister durch das Gewirre und Gedränge der Flüchtigen gegen das Grauholz herankam, sah er die Straße am Eingang des Waldes zu beiden Seiten von einem Verhaue geschützt, hinter dem die Mündungen einiger Feldstücke hervorblickten. Weiter rückwärts waren Truppen und Landsturmhaufen in geordneten Reihen aufgestellt, den letzten Kampf zu wagen, der dem Falle des einst so siegesstolzen Bern vorangehen sollte. Der todmüde Reiter wendete sich dem Waldrande entlang zur Seite, um in dem ersten menschenleeren Gebüsche, das er erreichte, ermattet vom Sattel zu sinken. Er fühlte weder Schmerz noch Furcht, und sein einziger Wunsch war, die Augen schließen zu können, um sie nie wieder öffnen zu müssen. Der ferne Lärm wurde vor seinen Ohren immer schwächer und schwächer, und endlich kam es ihm vor, es sei nur das Rauschen des Mühlbaches, der an seinem Kämmerlein auf die stillstehenden Räder niederfalle. Das Gesicht in das feuchtkalte Moos gedrückt, versank er in einen Schlaf, der auch den letzten seiner Wünsche erfüllen zu wollen schien. Das erste, was der Schläfer wieder empfand, war ein dumpfer Druck, als läge eine schwere Last auf seiner Brust, die ihm den Atem zu benehmen drohte. Noch schlaftrunken wollte er sich auf die Seite wenden, aber der Druck von oben hinderte ihn daran, und als er mit Mühe die schweren Lider aufschlug, sah er hart vor seinen Augen sich eine dunkle Gestalt bewegen. Er strich mit der Hand über das Gesicht, um das Traumbild wegzuwischen, aber es wollte ihm nicht gelingen, und die Gestalt trat nur um so deutlicher hervor, je heller des Erwachenden Blicke wurden. Es war ein großer Bursche in einem schmutzig blauen und mannigfach geflickten Soldatenrocke, der, rittlings auf dem Wachtmeister sitzend, seinem Gesichte den Rücken zukehrte. Dabei war er eifrig bemüht, mit beiden Händen in den Taschen des am Boden Liegenden herumzuwühlen, und jetzt stieß er ein fröhliches, unverständliches Gemurmel aus, als er einen Geldbeutel hervorzog, den er mit behaglicher Zufriedenheit von einer Hand in die andere fallen ließ, um sein Gewicht zu prüfen oder sich an dem hellen Klange seines Inhaltes zu ergötzen. "Ein Franzose", fuhr es durch Christens Gedanken, der sich plötzlich mit schreckhafter Deutlichkeit erinnerte, wie er hierher gekommen, und zugleich auf den verworrenen Lärm horchte, der weiter rückwärts durch den Wald erscholl, "ein Franzose, der dich ausplündert und vielleicht für tot hält." Er blickte zur Seite, wo er seinen Schimmel angebunden hatte; aber der war verschwunden, und an dem jungen Tannenstämmchen hing nur noch ein kleines Stück des Lederriemens – der Entführer schien sich nicht die Mühe genommen zu haben, ihn loszubinden, und hatte den Knoten mit dem Degen gelöst. Mit um so langsamerer Behaglichkeit setzte der Bursche sein Geschäft fort, der sich den Wachtmeister selbst zum Sitze gewählt, und eben begann er, mit den Fingern auf die Schäfte der kurzen Reitstiefel zu klopfen, offenbar um ihre Solidität zu prüfen, als er unversehens durch das Gebüsch geschleudert wurde, daß die Zweige knackten. Von der Wucht des Stoßes getrieben, kollerte er über das Bord des Markgrabens, der den Wald vom Felde schied, ins Freie, wo er mit dem ersten Atem, den er wieder gewann, ein gellendes Hilfsgeschrei erhob. Es möchte ihm jedoch wenig geholfen haben, wenn die Aufmerksamkeit seines so unerwartet vom Tode erstandenen Verfolgers nicht plötzlich eine andere Richtung genommen hätte. Als dieser am Waldrande erschien, um den weiter, als beabsichtigt war, fortgeschnellten Plünderer wieder einzufangen, sah er kaum zwanzig Schritte vor sich einen Haufen wild und zerlumpt aussehender Gesellen, die mit dem Ausziehen einiger zusammengeschleppter Toter oder Verwundeter beschäftigt waren; daneben stand ein Mann in Offiziersuniform, bei dessen Anblick sich das Gesicht des Wachtmeisters mit dunkler Glut bedeckte. Er ließ sein Opfer unbeachtet am Boden weiter rutschen und starrte unbeweglich auf die Erscheinung, als wäre ihm ein Gespenst erschienen, bis seinem Munde mit bebender Stimme der Ausruf "Amiel" entfuhr. "Es scheint Euch Freude zu machen, mich so unerwartet hier zu sehen, Herr Wachtmeister", rief ihm der Offizier entgegen; "möge es von langer Dauer sein!" Damit zog er eine Pistole aus der Halfter, hielt sie an die Wange, und als der Schuß krachte, folgte dem Knalle ein höhnisches Gelächter nach. Die hohe Gestalt des Wachtmeisters hatte sich auf den Boden vorgebeugt und schien unsicher hin und her zu schwanken, als ob sie nicht mehr die Kraft habe, sich emporzurichten, aber noch bevor der Franzose durch den sich langsam verziehenden Rauch den Ausgang deutlich erkannte, bäumte sich sein Roß wiehernd empor und riß ihn sich überwälzend zur Erde nieder. "Schade", rief der Wachtmeister, der, ohne eine andere Waffe als seine kurze Klinge, einen mächtigen Stein geschleudert hatte, "doch ein Schurke, wie du, wird seinen Lohn immer noch finden." Damit hob er seinen Hut auf, den ihm die Pistolenkugel vom Kopfe geworfen, und sprang in das Gebüsch zurück. Die ganze Szene war ebenso rasch vorübergegangen, als sie unerwartet gekommen war, und die Marodeure begannen ihre Schüsse dem Gegner erst nachzusenden, als er bereits wieder den Waldgraben übersprungen hatte. Aber zu einer ernsten Verfolgung durch das Dickicht schienen sie keine Lust zu halben und kehrten deshalb bald wieder zurück, um ihrem Herrn unter dem gestürzten Pferde hervorzuhelfen. Unterdessen lief der Wachtmeister mit immer hastigeren Schritten den Wald aufwärts, auch nachdem der Lärm seiner Verfolger weit hinter ihm geblieben und endlich gänzlich verstummt war. Er fühlte infolge der genossenen Ruhe seine Glieder von neuer Kraft durchströmt, aber mit jedem Schritte, den er vorwärts tat, kam eine schwere Bangigkeit über seine Seele. Das ungestörte Treiben der Marodeure am Eingange des Waldes war ein hinlänglicher Beweis, daß die feindliche Hauptmacht siegreich vorgedrungen, und in der Tat schien sich der Kampf bereits jenseits ins Freie hinausgezogen zu haben, obgleich die Wipfel junger Tannen von der Erschütterung einzelner Kanonenschüsse sich noch unablässig hin und her bewegten. "Wo wird mein Hauptmann, wo werden meine Kameraden sein", rief der Wachtmeister vor sich hin, "und was müssen sie von dir halten, wenn sie dich nach überstandener Gefahr wieder frisch und gesund antreffen werden?" Er blieb bei dieser Vorstellung einen Augenblick stille stehen und fühlte, daß ihm eine heiße Glut in die Wangen stieg; "aber nein, nein", schüttelte er den Kopf, seinen Lauf wieder fortsetzend, "ich erinnere mich noch deutlich, daß ich kaum mehr imstande war, das Roß anzubinden, bevor ich auf das Moos niederfiel, es wäre doch nicht gegangen; arme Anna!" Der Name war kaum ausgesprochen, als der Eilfertige stolperte und vor sich niederschauend die Leiche eines Mädchens erblickte, die blutbedeckt vor seinen Füßen lag. Mit einem leisen Ausruf des Schreckens bückte er sich nieder, um ihr in das Antlitz zu schauen, die Züge waren ihm unbekannt, aber die hellblauen Augen, die unbeweglich und starr zwischen den halbgeöffneten Lidern lagen, schienen ihn mit so tiefer Trauer anzublicken, daß sich seine eigenen Augen unmerklich mit Tränen füllten. So blieb er eine lange Weile über die Tote hingebeugt, bis er sich endlich wieder erhob und laut ausrief: "Jung gestorben ist wohl gestorben; es ist noch nicht Abend, Christen!" Als er sich von der Mitte des Waldes an mehr der Straße näherte, lagen die Toten bald so dicht wie Garben auf dem Erntefeld, bunt durcheinander Männer und Frauen, Freund und Feind, wie sie der blutige Zufall eben zusammengebettet. Es ging dem Wachtmeister ein kaltes Grauen über das Herz in dieser stummen Gesellschaft der Waldeinsamkeit, durch die nur da oder dort eine gebückte Gestalt wankte, als suche sie etwas, das sie zu finden fürchtete. Christen selbst eilte, ohne weiter um sich zu blicken, vorwärts und nur auf kurze Augenblicke hielt er an, um auf den immer schwächer werdenden Lärm des Kampfes zu horchen. "Ich komme zu spät", rief er, als er sich dem Rande des Waldes näherte, "unsere Zwölfpfünder schweigen schon lange, und das Kleingewehrfeuer kann nur von einzelnen zerstreuten Haufen herrühren." Seine Befürchtung war nur zu wohl begründet. Ins Freie gelangt, sah er die feindlichen Massen in ungestörtem Aufmarsche die Straße nach der kleinen Talsenkung hinabziehen, während dunkle Tirailleurschwärme und leichte Reitergeschwader bereits die jenseitige Anhöhe hinanjagten und die vereinzelten Haufen der zersprengten Bernertruppen vor sich her trieben. "Mein Hauptmann, meine Kameraden", klagte Christen, die wirren Knäuel der Flucht und Verfolgung durchforschend, "soll ich Euch nicht mehr finden oder muß ich Euch hinter den Gebüschen suchen?" Er blickte zweifelhaft um sich, ob er vorwärts gehen oder umkehren solle, als wie zur Antwort auf seine Frage eine Stimme seinen Namen rief und ihm am Waldrande herauf ein Mann in der Uniform seiner Kompagnie entgegenlief. Es war ein Trompeter, der fröhlichste Bursche unter seinen Kameraden, der den Mund fast nur zu einem Scherze oder lustigen Liede öffnete; aber jetzt war sein Gesicht von Pulverdampf geschwärzt, und seine Stimme zitterte, als er, dem Wachtmeister beide Hände entgegenstreckend sagte: "Dem Himmel sei Dank! wir alle glaubten, dich heute früh zum letztenmal gesehen zu haben; der Belper-Fritz konnte sich nicht trösten, daß er dich allein fortreiten ließ." "Wo ist er", rief der Wachtmeister erfreut und zugleich über das Aussehen seines Kameraden erschreckt, "wo sind die andern und der Hauptmann?" "Wenn wir den Weg da links um die Papiermühle gehen und uns die verdammten Rotschwänze nicht zuvorkommen, so werden wir sie wohl antreffen", entgegnete der Trompeter; "sie marschieren alle miteinander Muri zu." "So komm, komm", sagte Christen, indem er rasch zu gehen anfing, "aber warum bist du nicht bei ihnen geblieben?" "Es hat mir einer gesagt, mein Vater liege da droben im Walde", lautete die leise Antwort, "und bin ich hingegangen, ihn zu suchen." "Und hast du ihn gefunden?" Der Trompeter nickte langsam mit dem Kopfe. "Nicht weit von da, er hat jetzt überwunden." Der Wachtmeister hielt, von dem dumpfen Schmerze ergriffen, der in diesen Worten lag, die Schritte an und sagte: "Armer Jörg, du mußt dich drein fügen wie wohl noch viele andere; aber komm zurück, wir wollen die Leiche holen und sie dort in das Haus hinabtragen. Die Deinigen können sie dann morgen holen, es wird ein Trost für sie sein, wenn auch ein trauriger." "Nein, nein, komm nur vorwärts", erwiderte der Trompeter, dem große Tränen aus den Augen schossen, "er liegt wohl da droben. Er hat meinen jüngern Bruder, den kleinen Heinrich, im Arm, der auf Ostern fünfzehn Jahre alt geworden wäre." Christen nahm seinen Kameraden bei der Hand, ohne eine Antwort zu geben. So schritten sie lange schweigend den von einsamen Häusern und Hecken unterbrochenen Abhang hinunter, um auf der andern Seite wieder aufwärtssteigend die Hochfläche zu gewinnen, die sich in breiter Ebene links und rechts bis an die steilen Aarufer hindehnt. Von feindlicher Verfolgung blieben sie unbelästigt. Die Franzosen zogen im Schnellschritte die Heerstraße und entsandten ihre Plänkler und leichten Husaren nach beiden Seiten nur so weit, als zur Deckung des Marsches nötig war. Es galt ihnen vor allem, den Rathausplatz von Bern zu erreichen, den noch nie ein Feindesfuß betreten hatte. Als die beiden Flüchtigen die schmale Taltiefe erreicht hatten und nun etwas langsamer die Anhöhe hinanstiegen, fragte der Wachtmeister, auf das Grauholz zurückdeutend, leise: "Ist mancher von unsern Kameraden da drüben zurückgeblieben?" "Genau kann ich’s nicht sagen", erwiderte der Trompeter, "doch mögen immer noch siebenzig Mann bei dem Hauptmann sein; aber unsere schönen Pfeifen sind alle dahin!" "Alle?" rief der Wachtmeister; "um Gotteswillen, wie ist das hergegangen?" "Wie soll ich’s dir erzählen?" sagte der Trompeter, "es geht mir noch alles wie ein Wirbelwind im Kopfe herum. Als wir ins Grauholz kamen, hatten wir noch zwei Kanonen, mit denen wir an der ersten Biegung des Weges außerhalb des Wirtshauses Posten faßten; indessen traf bald Befehl ein, daß eines der Stücke sich links ab am Waldrande aufstellen solle, um das Moos gegen Jegenstorf hin zu bestreichen. Der Hauptmann tat es ungern, doch gab er nach, und die Hälfte von uns zog mit dem Junker und dem Belper-Fritz auf die Wiese hinab, ich war mit dabei. Eine Weile ging es ganz prächtig, die Husaren hatten Respekt vor uns und wagten sich nicht auf das Moos herein; aber plötzlich waren wir von einem Schwarm Grenadiere umringt, die durch das Gebüsch herabschleichend unsere Bedeckung umgangen hatten. Den Augenblick wird keiner vergessen, denk’ ich, und wenn er hundert Jahre alt würde. Ein Offizier faßte den Junker, der eben das Geschütz richtete, am Arme und schrie ihm zu: "Ihr seid gefangen"; aber er hatte das Wort noch kaum ausgesprochen, als ihn der Belper-Fritz schon hoch überm Kopfe schwang und wie einen leichten Spreuersack auf die Köpfe seiner Grenadiere zurückschleuderte. Jetzt begann ein Hosenlupf, wie ihn noch kein Ostermontag auf der Schanze in Bern gesehen hat. Glücklicherweise waren wir so dicht aneinander, daß die Franzosen weder von Gewehr noch Bajonett Gebrauch machen konnten, und von den unsern hat, glaub’ ich, keiner den Säbel gezogen. Herrgott, ich selbst schlug drein, wie sich’s eben traf, und doch mußt’ ich dabei immer auf den Belper-Fritz schauen. Unterm linken Arm trug er den Junker, den ein Stoß besinnungslos niedergeworfen hatte, während die rechte Faust auf- und niederfuhr wie der Hammer in einer Hammerschmiede und bei jedem Schlage einem der Weißhosen das Blut aus Mund und Nase schoß. So kamen wir durch; aber die Kanone war verloren. Es waren ihrer wenigstens zehn gegen einen von uns." "Und der Junker", fragte der Wachtmeister mit einem leisen Seufzer, der mehr dem Verluste seines Anteiles an dem Strauße als der verlorenen Kanone galt, "steht es gefährlich mit ihm?" "Ich glaub’ es nicht", erwiderte der Trompeter, "der Belper-Fritz hielt ihn im Arme wie die Mutter ein krankes Kind, und als er endlich die Augen wieder aufschlug, fing Fritz an zu jauchzen und lachen wie närrisch, während ihm doch die hellen Tränen in den Augen standen." "Braver Kamerad", sagte der Wachtmeister nachdenklich vor sich hin, "aber wie ging’s unterdessen bei der Kanone des Hauptmanns?" "Als wir zurückkamen", fuhr der Trompeter fort, "pfiff sie noch lustig über die Straße hin und fegte weg, was sich um die Ecke herumwagen wollte; aber unsere Leute waren schon auf beiden Seiten zurückgedrängt, und fast im nämlichen Augenblick flog unser Munitionswagen in die Luft, und die Lafette wurde von einer Kugel zerschmettert. Da wälzte der Hauptmann die Röhre in den Straßengraben und rief uns zu: "Nun können wir gehn, Kameraden, unsere Arbeit ist hier getan." Unter dieser Erzählung hatten die beiden die Ebene erreicht, hinter deren Rande die Türme und Häuser der Stadt aufstiegen. Landstürmer und Soldaten flohen nach allen Richtungen auseinander. Jeder, wie es schien, auf sich bedacht, ohne sich um den Nachbar zu bekümmern, da und dort knallten hinter Bäumen und Hecken noch vereinzelte Schüsse hervor, aber von geordnetem Zusammenhalten war nirgends eine Spur mehr zu erblicken. Der Trompeter hielt einen Augenblick an, die trostlose Verwirrung überblickend; dann rief er, mit der Hand das Feld aufwärts deutend, "Sieh dort! das sind die Unserigen – daß Gott erbarm, noch die einzige Schar, die zusammenhält!" "Du hast recht", entgegnete der Wachtmeister, bei dem Anblicke von Stolz und Schmerz zugleich ergriffen; "aber was mögen sie dort machen? sie halten an dem Hause und ziehen einen Wagen aus der Scheune." "Vermutlich für den Schultheißen", sagte der Trompeter; "denn der Junker ist schon vor unserm Abmarsche nach der Stadt zurückgebracht worden." "Für den Schultheißen, sagst du", rief der Wachtmeister, "ist der beim Hauptmann?" "Ach ja, das weißt du nicht", erwiderte der Trompeter; "der alte Herr stand nicht weit hinter unserer Kanone auf einem Baumstamme, von aller Welt verlassen und von Kugeln umsaust. Der Hauptmann rief ihm zu, herabzukommen, aber er schüttelte den Kopf mit den langen weißen Haaren und deutete auf den Boden, als ob er warten wolle, bis er dahin gelegt werde. Es war die höchste Zeit, daß wir hinliefen und ihn mit Gewalt fortführten, denn kaum hatte ihn der Hauptmann am Arme gefaßt, als hinter dem Gebüsch hervor ein Franzose ansprengte, der sich auf ihn werfen wollte. Den haben wir aber gepackt – er wird auch dort droben mitmarschieren." "Komm", sagte der Wachtmeister bewegt, "ich möchte den Herrn auch noch sehen." Als die beiden in eiligem Laufe ihre Kameraden erreichten, hatte der Schultheiß bereits das offene Wägelein bestiegen, und so mischte sich die Freude des unerwarteten Wiedersehens mit der Wehmut eines seltsamen Scheidens, das mehr als alle Worte den mächtigen Wechsel der Zeiten und menschlicher Schicksale vor Augen stellte. "Die Wege sind schwer zu wandeln, die das Lehen mich alten Mann noch führen will", sagte der Schultheiß, mit feuchten Augen auf seine Begleiter schauend; "aber Euer Anblick gibt mir Kraft, das Schwerste zu tragen und den Rest meiner Tage, den Ihr dem Tode entrissen, mit neuem Mute dem Dienste unseres Vaterlandes zu weihen. Vor wenigen Wochen standet Ihr mir als Übertreter des Gesetzes gegenüber und heute habt Ihr mein Leben mit Euern Leibern gedeckt und seid die letzten, die auf dem Schlachtfelde zusammenstehen." Bei diesen Worten richtete sich der Greis höher empor und rief, beide Hände gegen die ferne Stadt erhebend: "Und du, mein geliebtes Bern, einst nein Stolz und jetzt mein Kummer, lebe wohl; der Herr der Heerscharen halte seine Hand über dir!" Er sank auf seinen Sitz zurück und beugte das Haupt tief auf die Brust herab, um die Tränen zu verbergen. Zwei Kanoniere, die in der obern Gegend zu Hause waren, stiegen schweigend auf den Vordersitz, und das Wägelein rollte, von zwei kräftigen Pferden gezogen, in das Feld hinaus. Die Kanoniere schauten ihm mit entblößten Häuptern nach, bis es um die Ecke des nahen Wäldchens verschwunden war, dann schlugen sie, in Reih und Glied marschierend und den gefangenen Franzosen in der Mitte führend, den Weg nach dem nahen Dorfe Muri ein, um hier eine kurze Rast zu halten. Es lag im Plane der bernischen Führer, nach dem Verluste der Hauptstadt sich in das leicht zu verteidigende Oberland zurückzuziehen, wohin schon früher die zu einem verzweifelten Gebirgskriege nötigen Mittel und Vorräte geschafft worden waren. Dahin hatte sich vom Grauholze aus der Obergeneral auf den Weg gemacht, und dahin waren auch die Kanoniere im Begriffe, dem Schultheißen nachzufolgen; aber kaum hatten sie Muri erreicht, als die Schreckenskunde anlangte daß der General in Münsingen, zwei kleine Stunden weiter aufwärts, von wütenden Soldaten und Landstürmern ermordet und sein Gefolge zerstreut worden sei. XXVII Mit der Ermordung des Generals war der letzte Hoffnungsschimmer auf Fortsetzung des Kampfes in blutige Nacht versunken, und es blieb dem Hauptmann nichts mehr übrig, als seine Getreuen zu entlassen, damit jeder wenigstens das eigene Haus vor der Unbill des fremden Kriegsvolkes schützen möge. Aber ein schwerer Abschied war es, als die Kameraden, einer nach dem andern, herankamen, dem Hauptmann die Hand zu reichen, und keiner sich viele Mühe gab, die Tränen zu verbergen, die in den Augen blinken wollten! Bald war von der ganzen Schar nur noch der Hauptmann mit dem Wachtmeister und dem Belper-Fritz zurückgeblieben, denen nach kurzer Frist zahlreiche Flüchtlinge von der Stadt her Berichte brachten über Gewalttaten und Mißhandlungen, die von herumstreifenden Franzosen an einzelnen Soldaten und Offizieren begangen würden. Es war ein Trost für sie, daß der Heimweg all ihre Kameraden nach den obern Gegenden führte, die noch von keinem Feinde gefährdet waren, aber für den Hauptmann und den Wachtmeister wäre es unter diesen Umständen nutzlose Verwegenheit gewesen, auf der unsichern Heerstraße nach der Stadt oder nach Holligen zurückkehren zu wollen, und sie beschlossen daher, zuerst den Belper-Fritz über die Aare heim zu begleiten, um dann am Abend auf der andern Seite des Flusses nach Hause zu gelangen. Der Hauptmann hatte nun noch über den gefangenen Franzosen zu verfügen, der bei der Ankunft in einem besondern Gemache des Wirtshauses eingeschlossen worden war. Ihn länger der Freiheit zu berauben, konnte von keinem Nutzen sein, aber grausam wäre es gewesen, ihn auf die von kampferhitzten Soldaten und flüchtenden Landsturmhaufen angefüllte Straße zu stellen, zumal der Fremde keines deutschen Wortes mächtig schien. Herr Rudolf gab ihm daher den schön gearbeiteten Degen mit dem Rate zurück, seiner eigenen Sicherheit wegen in dem Gemache abzuwarten, bis seine Landsleute anlangen und ihn von jeder gefährlichen Begegnung erlösen würden. Der Gefangene, ein stattlicher Mann, mit großen, schwarzglänzenden Augen, die seinem Gesichte einen kühnen und zugleich klugen Ausdruck verliehen, dankte in herzlichen Worten für die erwiesene Vorsorglichkeit und begleitete diesen Dank mit dem Wunsche, daß dem Hauptmann ein fröhliches Wiedersehen all seiner Lieben beschieden sein möge. Er sprach diese Worte mit einem so eigentümlichen Anklange der Stimme, daß Herr Rudolf ihm unwillkürlich und betroffen ins Gesicht schauen mußte, es war ihm, als hätte er den Ton dieser Stimme schon einmal gehört, als wäre ihm dieselbe schon einmal mit bedenklichen Worten so nahe getreten; aber nein, er hatte diese Züge noch nie gesehen, und die traumhafte Erinnerung verlor sich in ein verworrenes Sinnen über das seltsame Abenteuer, das ihm die vergangene Nacht im Walde hinter Urtenen begegnet war. Er befahl dem Wirte, für die Sicherheit des Gefangenen Sorge zu tragen, und machte sich dann mit seinen Kameraden auf den Weg, durch den Wald der Aare zu. Der milde Märznachmittag neigte sich bereits gegen Abend, als die drei das einsame Moos durchschritten, über das ein Fußweg von der Aare nach Belp, der Heimat Fritzens, hinanführte. Die Gegend lag still und freundlich, in die ins Tal fallenden Schatten gehüllt, als wären diese Wälder und Felsen nicht erst vor wenigen Stunden noch von dem Echo des Schlachtgetöses erfüllt gewesen; aber für den Krieg bildet ein Strom, über den der Nachen in den Tagen des Friedens mit so behaglichem Schaukeln trägt, rasch eine scharfe Grenzscheide, und so hatte auch der Fährmann erzählt, daß sich auf dieser Seite des Flusses noch kein Franzose gezeigt habe. Das war eine gute Botschaft, die wohl hoffen ließ, daß der Hauptmann und der Wachtmeister unter dem Schutze der Nacht ungefährdet nach Hause gelangen könnten. Gleichwohl blieb der erstere düster und schweigsam und schien mit dem näher kommenden Abend von einer immer steigenden Unruhe vorwärts getrieben zu werden. Im elterlichen Hause des Belper-Fritz vermochte ihn kein Zureden und Bitten länger zu halten, als bis die erste Dämmerung niedersank, wie ungerne er auch die Freude der guten Mutter störte, die nun betrübt an den brodelnden Töpfen stand, welche sie, glücklich über die Heimkehr des Sohnes und zu Ehren seiner Gäste, ans Feuer gestellt hatte. Mit dem Versprechen, sich sogleich nach seiner Ankunft in der Stadt um das Befinden des Junker Lieutenants zu erkundigen und dem wackern Gefährten darüber Nachricht zu geben, schritt er mit dem Wachtmeister in die dunkelnde Nacht hinaus. Es war ein stiller, einsamer Weg, den die beiden zu gehen hatten. Zur Linken der im Abendwinde wachwerdende Wald mit seinem geheimnisvollen Rauschen, zur Rechten in der Tiefe das weite, öde Moos mit dem Flusse, über dem sich leichte Nebel auf- und niederbewegten. Von der Höhe des jenseitigen Ufers erklang aus weiter Ferne ein halbverlorener Trommelschlag wie eine müde Erinnerung an den in Nacht versinkenden Kampftag; sonst war es still weitum, und bald schritten auch die beiden Wanderer schweigend nebeneinander her, in tiefes Sinnen verloren. Den Wachtmeister führten seine Erinnerungen hinüber nach Fraubrunnen an dem einsamen Hause des Kirchmeyers vorbei auf das Feld hinaus, wo drei Leichen starr und bewegungslos sich umschlungen hielten, während die Gedanken des Hauptmanns mit wachsender Bangigkeit am Schloßturm schweiften, der aus den Wiesengründen von Holligen emporsteigt. Manchmal blieb er einen Augenblick stehen, um den kalten Schweiß von der Stirne zu trocknen, ohne zu bemerken, daß sich mit demselben auch das Blut seiner Wunde vermischte, deren Verband von der starken Bewegung lose geworden war. Er ging dann einige Schritte langsamer und suchte, seine Gedanken sammelnd, die dumpfe Angst der Seele zur Ruhe zu bringen; aber unwillkürlich begannen die Füße allmählich rascher auszuschreiten, und in wenigen Minuten eilte er wieder so schnell dahin, daß der Wachtmeister nur mühsam mit ihm Schritt zu halten vermochte. So langten sie in ununterbrochenem Laufe zur Stelle, wo am Fuße des Gurtenberges die Straße nach der Stadt sich rechtsab in die Tiefe senkt, während ein Fahrweg der Höhe entlang in mancherlei Krümmungen zwischen zerstreut liegenden Häusern und hohen Hecken nach Holligen hinüberführt. Vom Münster klang eben die neunte Stunde herab, und die Stadt schimmerte noch mit tausend Lichtern über das Rauschen des Flusses in die Nacht herüber, alles lag so still und friedsam, als wäre der Kampf des Tages nur ein bereits vergessenes Schreckbild gewesen. Auch dem Fahrwege entlang herrschte tiefe Stille, und als sie endlich die Höhe von Holligen erreichten, standen Schloß und Mühle vor ihnen, wie vom ruhevollen Feierabend umfangen. Aus dem Fenster Adelaidens brach ein Lichtschimmer zwischen den Zweigen der Bäume hervor, um die Giebel des Turmes spielte bleicher Sternenschein, und aus der Tiefe seitwärts murmelten die Wasser des Mühlebaches ihre nächtlichen Zwiegespräche – sonst kein Geräusch, kein Laut, so weit das Ohr zu reichen vermochte. Sie setzten sich, von dem raschen Laufe erhitzt, auf einen großen Feldstein, um auszuruhen. "Es ist seltsam" – sagte der Hauptmann nach langem Schweigen, "und du mußt mir verzeihen, daß ich dich zu solcher Eile angetrieben habe – sie wäre wohl nicht nötig gewesen. Die Franzosen haben, wie es scheint, noch nicht gewagt, in diesen zerstreuten Häusern außerhalb der Stadt Nachtquartier zu nehmen, mich wundert’s nur, ob sie im Laufe des Nachmittags nicht hier schon Besuche abgestattet haben. Aber gleichviel, ich glaube, die Angst hätte mich wahnsinnig gemacht, wenn ich diese Nacht nicht hätte hierherkommen können." "Ich weiß selbst nicht", erwiderte der Wachtmeister, "es wird mir nun erst jetzt sonderbar zu Mute; ich möchte statt dieser Stille fast lieber lauten Lärm vernehmen." "Du hast recht", sagte der Hauptmann nachdenklich, "es ist etwas Unheimliches, Schwüles in dieser Ruhe, aber wie waren doch die Burschen gekleidet, die du bei dem Marquis am Grauholz gesehen hast?" "Genau könnt’ ich’s nicht einmal sagen", antwortete der Wachtmeister nach einigem Besinnen, "die ganze Geschichte ging mir zu schnell vorüber. Ich meine, sie trugen Röcke von verschiedener Farbe, alt und unsauber; aber alle hatten runde schwarze Hüte mit einem schwarzen Busche darauf." "Dann paßten sie zu seiner Gesellschaft", sagte Herr Rudolf bitter, "es waren Leute von der Légion noire, von der Schreckenslegion – ein zusammengelaufenes Diebs- und Raubgesindel, das die französische Armee zu ihrer Schande mitziehen läßt. Aber komm, wir wollen zu deiner braven Mutter hinüber, sie wird wohl auch in großer Sorge um dich sein." Sie erhoben sich, um langsam an der Hofmauer des Schlosses hinabzugehen, über welche eine Flucht jungen Nadelholzes sein Gezweige deckte und das Licht im Schlosse wie mit einem schwarzen Schleier einhüllte. "Mir ist’s bange, wie es dem gnädigen Herrn gehen mag", flüsterte der Wachtmeister. "Meine Mutter hat gesagt, als ich ihn nach Hause brachte, der alte Ulrich habe die Waise sich kündigen hören, und das bedeutet immer ein schweres Unglück im Herrenhause." "Die Waise?" fragte der Hauptmann, "hast du sie denn auch schon gehört?" Der Wachtmeister blieb stehen, als dürfte die Antwort nicht laut gesagt werden, die er geben wollte; aber im nämlichen Augenblicke fuhr er mit einem Ausrufe des Entsetzens zurück, mit starren Blicken und weit ausgestreckter Hand nach dem Schloßturme deutend. Von dort herab erklang ein so schreckhaft banges, gellendes Läuten, daß ringsum die Lüfte zu erzittern schienen und die kahlen Bäume wie von einem plötzlichen Windstoße geschüttelt aufrauschten, während ein Schwarm aufgescheuchter Mauerfalken und Turmeulen mit ängstlichem Gekreische über die Hofmauer ins Freie schwirrten. Den Hauptmann selbst faßte ein kaltes Grauen bei diesen wilden und zugleich klagenden Klängen, und wie sein Begleiter schaute er bestürzt nach dem Turme hinüber; aber mit einem Male schrie er laut auf: "Hörst du, das war ein Hilferuf – mir nach, Kamerad!" und in fliegender Eile stürzte er der Mauer entlang dem Hoftor entgegen. Von dem Schrecken verwirrt, der auch die Seele des Mutigen in der Nähe des Unerklärlichen, Geisterhaften ergreift, taumelte der Wachtmeister ihm nach, ohne zu wissen, was geschehen solle, bis er drinnen auf dem Hofe Waffengeklirr vernahm und, mit raschem Sprunge an das Tor gelangt, den Hauptmann bereits mit zwei Gesellen im Handgemenge erblickte. Jetzt atmete er wieder leichter auf, da er einen Feind von Fleisch und Blut vor sich stehen sah, und im Augenblicke stürzte auch einer der Schwarzhüte von seiner Faust getroffen auf das Pflaster nieder. Der Hauptmann hatte den anderen ebenfalls bemeistert und begann ihm eilfertig die Hände mit der Säbelkoppel auf dem Rücken festzuschnüren. "Mach es wie ich", rief er dem Wachtmeister zu, "schleppe die Spitzbuben dort in den Winkel und bewache sie, bis ich wieder zurückkomme, sieh, da liegen die Gewehre – ich muß den Meister suchen." Mit diesen Worten sprang Herr Rudolf in den Hausflur, die dunkle Treppe hinan, über die ihm lautes Hilfsgeschrei entgegenschallte. Es drang aus dem Gemache des Obersten, der mit herzzerreißendem Jammer nach seinem Kinde rief; vor der halb geöffneten Türe lag der alte Ulrich hingestreckt, die Augen geschlossen und mit lallender Zunge einige unverständliche Worte murmelnd. Der Hauptmann flog an ihm vorbei nach der zweiten Treppe, die zu Adelaidens Gemache hinführte, aber als er atemlos in dasselbe hineinstürzte, wankte er mit einem leisen Aufschrei des Schmerzes augenblicklich wieder gegen die Türe zurück. Ein Dolchstoß war durch seinen linken Oberarm gegangen, und vor ihm stand mit wild verzerrtem Gesichte sein Todfeind, der Verräter Amiel. Wut und Verzweiflung überwanden Schmerz und Schwäche, und nun begann einer jener ergrimmten, stummen Kämpfe, die der Mensch dem wilden Tiere abgelernt hat und bei denen der Siegespreis nicht in der Rettung des eigenen Lebens, sondern nur in der Vernichtung des Gegners gesucht wird. Die beiden Feinde umschlangen sich Brust an Brust, die flammenden Blicke einander in die Augen bohrend und jeder mit krampfhafter Gewalt die letzte Faser anspannend, um den anderen niederzuwerfen und ihm erbarmungslos den Fuß auf den Nacken zu setzen. Aber der Franzose wußte die Vorteile zu nützen, die ihm die gelähmte Linke seines Gegners darbot, und schon fühlte Herr Rudolf seine Kräfte ermatten, als er, in dem tödlichen Wirbel sich drehend, eine Frauengestalt erblickte, die mit schwarzverhülltem Gesichte halb sitzend, halb liegend in einem Winkel der Türe lehnte. "Verfluchtes Ungeheuer", schrie er bei diesem Anblicke, "du hast sie ermordet!" und mit der ganzen Wucht des Schmerzes und der Verzweiflung den Gegner von neuem packend, drängte er denselben mit plötzlichem Stoße dem Fenster zu. Die Scheiben fielen klirrend zu Boden, und der Marquis stürzte rücklings über das niedrige Gesimse in die Nacht hinaus. Noch ein kurzer Aufschrei, dem ein dumpfer Fall nachfolgte – dann ward es stille, und als der Hauptmann aufatmend sich über die Brüstung beugte, sah er in dem niedersinkenden Lichtscheine nur einen dunklen, zusammengerollten Schatten, der regungslos am Fuße des Turmes lag. Von kaltem Grauen angeweht, wendete er sich ab und wankte mit schwindelnden Sinnen auf Adelaide zu, die noch immer ohne ein Lebenszeichnen zusammengeknickt hinter der Türe lehnte; aber als er näher kam, sah er erst, daß die schwarze Hülle vor ihrem Antlitze eine festschließende Maske war, wie er sie einst selbst getragen, während ihr die Hände, kreuzweis übereinandergelegt, mit einem zerrissenen Schleier zusammengebunden waren. Von Angst und Hoffnung bestürmt, löste er mit zitternder Hand die Maske und sank, als die langen geschlossenen Wimpern dem Lichte leise entgegenzuckten, mit dem Ausrufe "sie lebt!" an Adelaidens Seite nieder. Nachdem das Fräulein das Bewußtsein wieder erlangt hatte, hielt der Hauptmann mit Christian vor dem Schlosse Wache, bis die Nacht vorüber war, und begab sich dann unverweilt in das französische Generalquartier, um selbst von dem nächtlichen Vorfalle Anzeige zu machen. Der Tod des Marquis konnte schwere Folgen für ihn haben, da ein französisches Kriegsgericht voraussichtlich wenig Neigung zeigen mochte, in solchen Fällen zugunsten eines Einheimischen mildernde Umstände geltend zu machen und dadurch möglicherweise die Sicherheit der eigenen Truppen weiterer Gefährde auszusetzen. Herr Rudolf war daher angenehm überrascht, als er in demjenigen, dem er zur Abnahme seiner Angaben zugeführt wurde, seinen gestrigen Gefangenen erkannte. Der Franzose hörte nach artiger Begrüßung die Erzählung schweigend an und sagte dann: "Das ist eine fatale Geschichte, die Ihr Euch erspart haben würdet, Herr Kapitän, wenn Ihr meinen Rat befolgt hättet; ich konnte mir denken, daß so etwas kommen würde. Da hab’ ich mir gestern Eure Meinung besser zu Nutze gemacht, sonst würde ich heute schwerlich hier sitzen. Aber gleichviel – ich bin Euch zu Dank verpflichtet und will sehen, wie ich diese Verpflichtung lösen kann." Er hatte diese Worte deutsch gesprochen, und Herr Rudolf erkannte nun im Augenblicke, daß er den Geheimnisvollen vom Urtener Walde vor sich habe. Diese Entdeckung rief ein eigentümliches Gefühl von Mißbehagen und Mißtrauen bei ihm hervor, und er antwortete daher kalt: "Es freut mich, wenn mein Rat Euch zum Vorteile gereicht hat, aber schwerlich würdet Ihr ihn befolgt haben, wenn ich Euch denselben in so sonderbarer Weise erteilt hätte, wie Ihr es mir getan. Immerhin scheint Ihr zu meiner Verwunderung von meinen Verhältnissen ebensogut unterrichtet zu sein als von denjenigen des toten Marquis von Amiel." "Nicht ganz so gut", erwiderte der Franzose, indem ein leichtes, spöttisches Lächeln über seine Züge flog, "doch vielleicht besser, als Ihr denkt, und das werdet Ihr schwerlich zu beklagen haben. Sicher könnt Ihr darauf zählen, daß ich Euch in drei Wochen, die Ihr als Opfer der Aristokratie im Marterturme verbracht habt, bei dieser Gelegenheit in Rechnung bringen will. Ich entlass’ Euch, Herr Kapitän, unter der Bedingung, bis auf weiteres die Stadt nicht zu verlassen. Solltet Ihr meiner irgendwie bedürfen, so fragt nach dem Bürger Olivier – ich werde vorderhand stets im Hauptquartier zu treffen sein." Herr Rudolf hatte glücklicherweise keine Veranlassung, von diesem Anerbieten Gebrauch zu machen, da sich um den Tod des Marquis keine Seele weiter zu kümmern schien. Der Elende hatte seine Dienste getan, und man war vielleicht froh, ihn nun los zu sein. Länger als dessen Landsleute war Herr Rudolf selbst genötigt, täglich die Erinnerung an den Toten aufzufrischen, da der Dolchstich, den er von ihm empfangen, wenn auch nicht gefährliche, doch langwierige Folgen nach sich zog. Der Frühling war längst ins Land gezogen, als der Verwundete zum ersten Male wieder das Krankengemach verlassen durfte; aber nicht nur Wald und Wiese traten seinem Auge in neuem Glanze entgegen, auch noch manches andere war neu geworden, seit er das letzte Mal durch die Straßen gewandelt. Auf öffentlichen Plätzen und vor den Toren der Stadt, wo sonst das Standbild des Bären seine trotzige Tatze erhoben, ragten jetzt mächtige Freiheitsbäume, und als der Genesende auf seinem langsamen Gange von der Holliger Mühle nach dem Schlosse hinüberging, blinkte ihm vom Portale, auf dem ehemals das behelmte Familienwappen des Obersten in Stein ausgehauen geprangt, eine große grüne Tafel entgegen, auf der mit goldener Schrift die Worte: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" zu lesen waren. "Der gnädige Herr hätt’ es trotz aller Drohungen der Regierung nicht getan", sagte der Wachtmeister, "es mußte ein eigens abgeschickter Kommissär kommen, um das schöne Brett da unter großem Zulaufe annageln zu lassen." Im Schlosse selbst war es still, und Fenster und Türen lagen in festen Angeln zugeschlossen. Schon vor mehreren Wochen war der Oberst mit seinem kleinen Haushalte an den Genfersee gezogen, um dort in der stillen Zurückgezogenheit eines Landaufenthaltes und unter dem Einfluß milderer Lüfte seine erschütterte Gesundheit zu pflegen. Der Hauptmann setzte sieh auf eine kleine Ruhebank, die Adelaidens Fenster gegenüber vor einem Springbrunnen stand, und versank, von säuselndem Lindenduft und plätscherndem Wellenspiel umweht, in die Erinnerung an vergangene Tage, bis das Geräusch herannahender Schritte ihn aus seinen Träumen weckte. Es war die Müllerin, die ihm ein zierlich gefaltetes Blatt überreichte. "Wie sich’s schickt, Herr Hauptmann, daß Ihr gerade hier außen seid", sagte sie lächelnd, "ich hätt’ sonst noch heut abend in die Stadt schicken müssen. Der Sepp, der der gnädigen Herrschaft Hausrat ins Welschland nachführen mußte, ist eben heimgekommen und hat dieses Brieflein mitgebracht." Herr Rudolf drückte die Lippen auf die feinen Schriftzüge und las dann, im Schatten der Gebüsche auf und nieder wandelnd: "Du erinnerst Dich jenes Abends (er sollte der erste einer langen Trauerreihe werden!), an dem der Doktor die Entstehungsgeschichte unseres Schlosses und die Sage von der Waise erzählte, deren Schloß ihm und uns allen unbekannt geblieben, bis Du ihn dahin ergänztest, daß das geisterhafte Läuten nicht zur Ruhe kommen könne, bis es in den Ohren des Schloßherrn ebenso gellend erklungen, wie es sonst in denjenigen der Dienstleute geschehen. Ich sehe meinen armen Vater noch immer vor mir, wie er die Sage, an der Du mit so warmem Ernste hingest, lachend als Ammenmärchen erklärte, aber ich sehe auch noch seinen zornigen Blick, als Du derselben rückhaltlos eine Deutung liehst, die Deinen Feinden willkommenen Stoff zu neuer Anklage gegen Dich in die Hände geben mußte. Albert ist nun tot und wird in einem höhern Lichte erkennen, was uns nur zu ahnen vergönnt ist, Deine Feinde haben ihre Schuld gebüßt, und meinem Vater sind in der Nacht, da das Schreckensgeläute in seinen Ohren erklang, die Schuppen des Irrtums und Wahnes von den Augen gesunken, der sich wie ein böses Verhängnis zwischen ihn und unser Glück gestellt. Und ich, warum sollt’ ich ungläubig zweifeln, daß eine unsichtbare Hand die Glocken geläutet, die Dich zu meiner Rettung vor Schande und Tod herbeigerufen? Drum komm, mein Geliebter, und eile, damit das Verhängnis erfüllt werde und die armen Seelen, die unter dem Fluche lieblosen Übermutes im Schlosse umgehen, durch den Bund unsere Liebe erlöst, zur Ruhe gelangen." "Amen", rief Herr Rudolf, das Blatt zusammenfaltend. "Liebe löst jedes Lebensrätsel, und Treue vermag den schwersten Zauberbann zu brechen. Möge unser Glück dem ganzen Volke zum fröhlichen Vorzeichen werden!" Die Linden am Schlosse standen noch in voller Blätterzier und warfen ihre Schatten auf eine Schar kräftiger Männer, die fröhlich und wohlgemut an langen Tischen saßen. Es waren die Kanoniere der Kompagnie König, welche der Herr v. Holligen bei seiner Rückkehr aus dem Welschlande zur Begrüßung ihres Hauptmanns und zur Nachfeier der Vermählung seiner Tochter versammelt hatte. Der alte Herr saß zwischen dem Wachtmeister und dem Belper-Fritz, die ihm von ihrem Sturm auf den Marterturm erzählten und dabei mit wehmütiger Dankbarkeit des greisen Schultheißen gedachten, während die Müllerin in ruhiger Würde neben Adelaide thronte, deren Schönheit der Glanz seligen Glückes umfloß. "Nun glaub’ ich selbst, wird die Waise erlöst zum Lichte eingehen", sagte Herr Rudolf lächelnd zu ihr, indem er auf den Obersten deutete, dessen Glas fröhlich mit denjenigen seiner Nachbarn zusammenklang; "denn sieh, dort sinkt die letzte Schranke, die bisher wackere Menschen, mit dem nämlichen Gottesadel, wenn auch unter verschiedenen Wappen, ausgestattet, als zweierlei Geschöpfe voneinander geschieden hat."