Johannes Dose Steinbeil und Bronzeschwert l. Die Prähistorie, d. i. die Geschichte der Menschen vor der von Menschenhand geschriebenen Geschichte, ist in Dänemark und Schleswig-Holstein älter, anschaulicher und reicher als in jedem anderen Lande Europas. Aus der Zeit, bevor noch ein Buchstabe von fleißiger Mönchsfeder auf Pergament gemalt, bevor noch eine Rune von harter Wikingerhand in Stein geritzt wurde, haben wir genaue Kunde von dem Werden und Wirken, von dem Leben und Sterben unserer Ururahnen. Die Gräber, die Stein-, Hügel- und Hünengräber, die wir zu Abertausenden in unserem Lande haben, und die Grabfunde, die zu Hunderttausenden sorgfältig gesammelt und gesichtet wurden, sind die ungeschriebene Geschichte unseres Volkes, die uns zuverlässig berichtet, wie unsere Urväter vor vier- und fünftausend Jahren lebten und litten, jagten und fischten, arbeiteten und ackerten, wie sie kämpften und starben und ehrenvoll bestattet wurden. In den Gräbern, die unsere Forscher durchwühlen, leben die Toten auf, die vor Jahrtausenden atmeten und längst Asche geworden sind. Erst neunhundert Jahre nach Christi Geburt sind die ersten Runen unserer schleswigschen Heimat in Stein gehauen worden und geben uns spärliche Nachricht von den Helden und Heldenkämpfen jener Tage, die vor Hethaby und am Dänenwall bei Schleswig tobten, viel reicher als aus diesen mühselig geritzten Runen ist die ungeschriebene Geschichte aus den Gräbern der Stein- und Bronzezeit zu schöpfen, die mehr als zweitausendfünfhundert Jahre vor Christi Geburt zurückreicht, von unseren Urahnen, die den Feuerstein schlugen und schärften, Steinhammer und Steinbeil schwangen und mit jauchzender Freude das erste Kupferschwert schmiedeten, wollen wir reden und reimen, singen und sagen. – Aber noch weiter, mehr als fünf Jahrtausende, geht die Prähistorie Schleswigs zurück. An der ganzen Ostküste unserer cimbrischen Halbinsel vom Kattegat bis zur Kieler Förde, fand man rätselhafte, riesige Muschelhaufen, die der Naturforscher zuerst für seltsame, natürliche Strandbildungen hielt, in denen jedoch der Altertumsforscher die allerälteste Geschichte der nordischen Urzeit fand. Diese gewaltigen Anhäufungen von Schalen enthalten nicht nur Austern- und Schneckenschalen, Herz- und Miesmuscheln, Gräten von Scholle, Dorsch, Aal und Hering, Knochen vom Hirsch, Reh und Wildschwein, sondern auch – und da ist das Kostbare des Fundes – Menschengeräte von Feuerstein, Hirschhorn und Knochen. Hier, wo die Austernschalen und die Küchenabfälle Jahrhundert um Jahrhundert sich häuften, haben unsere Ururväter ihre gemeinsamen Mahlzeiten gehalten, und darum hat man diese Haufen, die oft zweihundert, ja bis zu eintausend Ellen lang und fünfzig bis hundert Ellen breit sind, die Küchenabfallhaufen genannt, die an allen unseren Förden und besonders zahlreich am Kattegat gefunden werden, warum sind sie so spärlich an unserer schleswigschen Küste? War unsere Heimat vor fünftausend Jahren wenig besiedelt? Mit nichten! Eines Tages beobachtete ich den Bagger, der das Fahrwasser der Haderslebener Förde bei der Ziegelei vertiefte. Zu meinem Erstaunen warfen die Eimer nicht Sand und Schlamm, sondern Schalen, nichts als Austernschalen in die Prähme. Tagelang wühlten sie aus der Förde Muschelschalen ans Tageslicht, denn sie waren auf einen Küchenabfallhaufen in der Förde gestoßen, und hier war des Rätsels Lösung. Auch an den stillen, waldumkränzten Förden Schleswig-Holsteins waren unermeßliche, unerschöpfliche Austernbänke. Hier fischten, hausten und schmausten unsere Urväter ein paar Jahrtausende, aber ihre Abfallhaufen liegen jetzt draußen im Wasser, weil die ganze Küste sich gesenkt hat und das Wasser der Ostsee hundert Meter ins Land hineingedrungen ist, was oben am unveränderten Kattegat nicht der Fall war. Unsere Bagger haben die Geräte jener Urschleswiger, die aus Knochen, Hirschhorn und Feuerstein waren, zu Tage gefördert und somit die allerälteste Geschichte unserer Heimat geschrieben. Noch weiter in ferne Äonen zurück geht die Geschichte unseres Landes, die in den Schichten der Erde lapidarisch und ewig steht. Eine ungeheure, entsetzliche Katastrophe brach über das nördliche Europa, das eine Fauna von tropischer Fülle, eine Flora von tropischer Farbenpracht besaß, herein. Gewaltige Gletscher und Eismassen bedeckten alle skandinavischen Länder und brachen bis in das Herz von Deutschland hinein. Alles Leben erstarrte in einem ewigen Winter. Kein Wesen atmete mehr in der Todeskälte. Warum und woher kam dieses ungeheure Sterben über die nördlichen Länder unseres Planeten? Was ist die Ursache der schauerlichen Eiszeit? Hatte die Erdachse urplötzlich sich gedreht? Hatte eine Götterhand, unbekümmert um die ehernen Gesetze des Weltalls, unseren Planeten aus seiner ewigen Bahn geschleudert? Oder war eine alte Sonne, eine herrliche, heiße Sonne, die üppiges Leben erzeugt, am Himmel erloschen? Wir wissen es nicht, wir wissen nur, daß in den Jahrtausenden vor dem grauen Eistode Mammut und Nashorn und Afrikas Getier im Norden wohnte, daß Bäume und Blumen des Südens dort, wo jetzt Schnee und Eis starrt, glühten und blühten. Aber jene strahlende Sonne des Nordens erlosch, das warme Meer wurde zum Eismeer, der Wintertod lag über dem einstigen Tropenlande. Jedoch an einem neuen, herrlichen Schöpfungstage unserer Heimat leuchtete wieder ein Sonnenball am Himmel, der höher und höher gen Norden stieg. Die Eisberge zerschmolzen, die Gletscher vergingen und ließen mächtige Steine und Schmutzmoränen zurück. In der ausgetrockneten Schlammwüste bildete sich eine Vegetation, zunächst eine dürftige Flora, wie in Finnland und Lappland, mit dem matten Grün der Flechten und Moose, die das genügsame Renntier liebt. Gewaltige Renntierherden wanderten aus dem eisfreien Westen Europas ein und ergossen sich über das Moosland Cimbrien. Ihnen folgte der Urmensch, der nur Jäger war und, gleichwie der Löwe den Antilopen- und Zebraherden, den hochgeweihten Renntierscharen nachstellte. Der Hunger war sein stärkster Trieb, die Speise sein Gott, und die volle Sättigung sein höchstes Glück. Und hier war Fleisch die Fülle und das harmlose Tier mit seinem primitiven Jagdgerät leicht zu fangen und zu fällen. Die ersten Jagdgeräte jener Urmenschen, die wir gefunden haben, sind Beinharpunen und gespitzte Knochen für Wurfspeere und Fischstecher. Als das Moosland allmählich, von der warmen Sonne geküßt, sich mit Gräsern und Bäumen bedeckte und zu dem gesegneten Cimbrien, das wir bewohnen, geworden war, hatte der Mensch sich gemehrt im Lande. Nicht mehr durchstreifte der Mann, mit der Steinkeule bewehrt, nur von seinem Weib und seinen Welpen begleitet, nach Wildmannsart die Weiten des Landes, nur auf Beute, auf Fleisch und Fraß bedacht. Jetzo, vor fünf Jahrtausenden, wohnten unsere Urahnen geselliger, gesitteter, in Sippen und kleinen Geschlechtern und Dörfern beieinander an einem still geschützten Orte der vielen ins Land schneidenden Förden. Anno dazumal träumte die Auster, dieser leckere Meerbewohner, in schier zahlloser Menge auf unabsehbaren, unerschöpflichen Bänken der Ostsee und besonders in den stillen Meerbusen mit ihrem untiefen, wenig bewegten Wasser. Hier auf der Waldhöhe über den Bänken war gut zu wohnen und viel zu essen, die leckere Speise war mühelos zu haben und wuchs den Menschen, die wenig Arbeit liebten, in den Mund hinein. An einer reichen Austernbank der Haderslebener Förde hauste unser Ururahn in einem Dorf von vierzig bis fünfzig Hütten, schmauste Austern schockweis und trank dazu aus dem kristallklaren Waldquell. Der Küchenabfallhaufen bei der Ziegelei zeugt von seiner wackeren Eßtätigkeit. Er und sein Nachbar fuhren nicht mehr mit der Steinkeule wie die wilden Tiere aufeinander los, wenn Mann dem Manne begegnete. Gewisse, ungeschriebene Gesetze galten in jeder Gemeinschaft und zwischen den benachbarten Geschlechtern, obgleich noch viel Fehde und Totschlag zwischen den einzelnen Sippen war, sei es um ein besseres Jagdgebiet, eine größere Austernbank oder ein schöneres Weib. Rudel von Rehen, Hirschen, Elchen und Wildschweinen, aber auch Bären, Wölfe, Luchse waren eingewandert und hatten gesehen, daß in Cimbrien gut zu wohnen sei. Die Menschen im Lande waren Jäger und Fischer und hatten meist Nahrung in Hülle und Fülle. Dennoch kamen schwere Notzeiten, eine Scheuheit der Tiere, eine Seuche unter den Rudeln, oder ein langer, harter Winter, wo das Hungergeschrei der Welpen laut kreischte. In einer solchen Notzeit ging unser Urahn an der Haderslebener Förde aus, um Nahrung zu suchen, um alles, was nicht Stein oder Holz und kaubar war, zu kosten und zu verschlingen. Er watete ins Wasser, um mit dem Wurfspeer Fische zu stechen, aber die glatten Schwimmer entschlüpften ihm. Er fluchte und fand statt eines Fisches die erste Auster. Nachdem er aus purer Neugierde mit dem Feuerstein die harte Schale aufgebrochen, kostete er griesgrämig das schleimige Zeug. Ah! Ah! Schlürfend verdrehte er die Augen vor Wonne, als wenn es eine Götterspeise sei, und er sättigte sich an einem Schock der Schaltiere. Die erste Austernbank war gefunden worden. Alle Not des Urvolks schien nun zu Ende, denn zahllose Bänke dehnten sich im seichten Wasser. Hier war endloser Vorrat. – Wohl tobten zwischen den Sippen wütende Kämpfe um die beste Bank, bis schließlich verständige Häuptlinge verhandelten und ein Abkommen trafen, wo jedes Geschlecht seine Bank habe. Wohl hörten die Fehden nicht auf, aber mondelang, jahrelang herrschte Jagd-, Fang- und Fischfriede an allen Förden. Das Volk mehrte sich und fing an, Werke des Friedens, Hammer, Meißel, Messer, Tongefäße und Götterbilder, zu schaffen. Viele Menschengeschlechter lebten und starben neben ihren Küchenabfallhaufen. Ein paar Jahrtausende hatten unsere Urahnen an der Austernbank der Haderslebener Förde gewohnt. In den Schalenhaufen, den der Bagger ans Tageslicht hob, lesen wir ihre Geschichte. II. Es war vor mehr als viertausend Jahren und Frühling an der schönen, blanken Förde, die wie ein Fluß sich schlängelte und in der Sonne wie flüssiges Silber glitzerte. Die Wellen kräuselten sich kaum. Windschutz gab der hohe Hain, der das Wasser umsäumte, und in dem die Fichten, die schwermütig blickenden Urbewohner des Waldes, bereits hart bedrängt wurden von der mächtigen Eiche, die ihr wuchtiges Geäst rücksichtslos breitete. Einzelne Birken, Eschen und Hasel lugten hier und da bescheiden zum Licht empor, und auch die Erlen am Sumpfrande wurden von der großmächtigen Eiche geduldet. Die Windröschen schaukelten sich im sanften Hauch und wiegten nachdenklich ihr Köpfchen hin und her. Ein lustig klarer Waldbach plätscherte den Abhang hinab, wurde unten am Fuß desselben durch einen Erd- und Steinwall eingefangen zum kleinen Weiher und lief durch den Sand in die Förde hinaus. Fünfzig Klafter vom Wasser entfernt lag der sehr lange und fast mannshohe Schalenhaufen der Siedlung. Nach seinem Ausmaß zu schätzen, hatten sechzig bis siebzig Menschengeschlechter hier gesessen und ihr Mahl gehalten und in der gleichen Weise zwei Jahrtausende gelebt. Langhaarige, zottige Hunde wühlten im Haufen, zernagten die Knochen und knurrten sich an. Ringsum waren vom Feuer geschwärzte Steine zu kleinen Herden geschichtet, und auf den Steinherden wurden die Fische gebraten und das Fleisch geschmort. Am sonnigen Abhang unter dem Walde lagen im Halbkreis mehr als fünfzig Hütten, halb in die Erde hineingegraben, mit einem niedrigen Eingang, der nur ein Hineinkriechen gestattete. Die Hütten, die außer dem Türloch ein Loch im Dache hatten, um den Rauch heraus- und Licht hereinzulassen, waren roh und kreisrund aus eingerammten Pfählen gebaut, und ihre Wände waren ein Geflecht von Zweigen, das handbreit mit Lehm beworfen war. Diese Menschenwohnungen ähnelten zwar Hundehütten, schützten aber gegen Regen, Wind und Frost und waren im Winter, wenn hell das Feuer lohte, voll von behaglicher Wärme, aber auch voll von beißendem Rauch. Männer eines jeden Alters, Jünglinge und Knaben schoben mit viel Geschrei die Einbäume – durch Feuer ausgehöhlte, mit Beil und Schaber geglättete Baumstämme – ins Wasser, stießen sie mit den Stangen, die unten breit wie Schaufeln waren, ins Fahrwasser und trieben aufrechtstehend die Boote vorwärts, indem sie sehr geschickt das schwanke Fahrzeug in Gleichgewicht hielten. Alle trugen das gleiche Fellkleid. Ein Schurzfell reichte von den Hüften bis zu den Knien hinab, den Oberkörper bedeckte eine Felljacke mit kurzen Ärmeln, deren einzelne Stücke mit Tiersehnen zusammengenäht waren. Über den Hüften schnürte ein Gürtel die Jacke zusammen und hielt das Schurzfell fest. Vorn auf der Brust und am Halse hatte die Jacke kleine Löcher, durch die ein langer Dorn als Nadel, um sie zusammenzuhalten, gesteckt wurde, während die Knaben barfuß gingen, hatten die Männer die Füße bis über den Knöchel hinaus mit einem Fellstück bewickelt, das durch einen Fellstreifen festgeschnürt war. Felle von Reh, Hirsch und Elch, von Wolf, Otter, Luchs und Bär hatten den sehr haltbaren Stoff fürs Gewand geliefert. In der Sonne freilich wärmte es zu sehr. Darum warfen die Männer ihr Gewand, bis auf den Schurz, bei der Arbeit ab. Allen wallte das schwärzliche, struppige Haar so lang, wie es seit der Geburt gewachsen war, und der Vollbart, der das halbe Antlitz bedeckte, war nie von einem Schermesser berührt worden. – Einige Einbäume fischten mit Netzen aus Bast und mit Körben aus Weidengeflecht, einige suchten mit Beinharpunen und Wurfspeeren, die einen Widerhaken hatten, die Beute zu erhaschen. Andere Boote lagen auf der Austernbank. Jünglinge stießen mit den Stangen die Schaltiere vom Grund los, und die Knaben tauchten und warfen mit vollen Händen die Austern in die Körbe. In dem fischreichen Gewässer und bei dem linden Wetter war der Fang mehr ein fröhliches Spiel als eine beschwerliche Arbeit. Nach zwei Stunden kehrten die Boote mit Lachen und Schwatzen und unter eintönigem Gesang der Ruderer zurück. Die Weiber liefen zum Strande, begrüßten die Fischer, lugten in die Körbe und lachten. In der Kleidung waren die Geschlechter kaum zu unterscheiden, nur das Gesicht der Frauen war glatt und weniger gebräunt, auch das Haar sorgfältig mit dem Beinkamm gestrählt und in viele kleine Flechten geflochten. Alle Männer und Frauen trugen Hals- und Armschmuck, der aus durchlochten Tierzähnen und Bernsteinstücken bestand. Besonders die Bärenzähne waren hoch bewertet und ein Zeichen des Wohlstandes. Diese Urbewohner, nach der Eiszeit eingewandert, waren offenbar keine Germanen. Klein und gedrungen war ihre Gestalt, zu lang die Arme, zu kurz die Beine und die Knie nach vorn geknickt, auch die Backe zu breit und die Stirn zu niedrig, aber zäh war ihr Körper, stark ihre Knochen, straff die Muskeln, katzenartig der Schritt. Im Schwingen der Keule, im Steinschleudern und Speerwerfen leisteten sie Großes, als Schwimmer und Kletterer kam keiner ihnen gleich. Die Sippe hier an der Förde mochte reichlich zweihundert Männer, Weiber und Kinder zählen, und ihre Krieger waren in vier Dutzende geteilt. Nach ihrem Häuptling hießen sie die Finleute. Fin, der Herr und Priester, das geistliche und weltliche Oberhaupt der Sippschaft, war kaum fünfzig Jahre alt, aber sein Haar von der Sonne gebleicht, seine Stirn von den Regierungssorgen tief verrunzelt und sein Auge verschlagen und voll Argwohn. Er traute keinem, und es ging im Dorf das Gerede, daß er wie der Hase mit halboffenen Lidern schlafe. Kein Mensch liebte ihn, aber alle hatten Furcht und Angst vor dem Herrn und gehorchten seinen Befehlen. Seiner Würde gemäß hatte er zwei Hütten, in der einen wohnte er mit Finna, seinem Weib und den drei Kindern aus dieser Ehe, davon zwei wenig ge- und beachtete Mädchen und der Jüngste ein siebenjähriger Knabe und des Vaters verzogener Liebling war. In der kleinen Nachbarhütte hausten Frod und Fred, Finnas erwachsene Söhne aus ihrer ersten Ehe mit dem Häuptling Han, der seit achtzehn Jahren tot und verschollen war. Das nächste Häuschen besaß Run, ein starker und angesehener Mann, der mit seinem Weib und seinen zwölf Welpen in der engen Wohnung kaum einen Schlafplatz für alle fand. Es war ein kinderreiches Völkchen, weniger als vier Bälge hatte kein Bürger des Dorfes. Die Austernbank war groß und gut, und die Fin-Sippe hatte seit achtzehn Jahren ihre reichliche Nahrung im Wald und Wasser gefunden. Der Häuptling rühmte es wie sein Verdienst, daß während seiner Regierung keine Hungerszeit im Dorfe gewesen. Er hatte den Fang besichtigt und sich längelang in den warmen Sand geworfen, wo er ein Sonnenbad nahm und mit seinem Liebling, Klein-Fin, spielte. Der dralle Bursche kroch ihm auf der Brust herum, raufte sein Haar, seinen Bart, und stopfte ihm sogar Sand in die Ohren. Fred und Frod, die Zwillingsbrüder, die einander an Gestalt und Gesicht sehr ähnlich waren, kamen mit ihren Wurfspeeren aus dem Walde. Aber sie unterschieden sich dennoch sehr, Fred lächelte gern und freundlich, hatte gute Augen und eine sanfte Stimme, Frods Miene war immer ernst, sein Blick unruhig und seine Sprache scharf und hart. Jetzt sah man ihm den Verdruß an, und sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr, als Fin den Kopf kehrte und die spöttische Frage hinwarf: »Was gab's? Ein mageres Rehlein? Und ein paar Ratten?« »Nein, nichts, weder vom Baum noch in der Schlinge, nichts haben wir gefangen,« antwortete Fred. Fin, der ein Feinschmecker und Vielesser war und nach Wildbret sich sehnte, schimpfte über die ewigen Schleimtiere, die ihm zum Halse herauskämen. »Nichts habt ihr mitgebracht, ihr Faulen!« Frod brummte: »Die Faulen liegen im Sande und lecken Sonnenschein.« Da fuhr der Häuptling empor und schrie ihn an: »Willst du geziemend mit deinem Vater reden?« »Du bist mit nichten mein Vater...« »Aber dein Herr, ein störrischer Hund muß Hiebe haben.« Er nahm seinen Eichenstab, der als Herrscher-Zepter nicht aus seiner Hand oder Nähe kam, langte aus und schlug. Frod duckte sich schnell, so daß der Hieb über ihn hinwegging, und rollte die Augen – aber sein Bruder zog ihn von dannen mit Hast. In der Hütte hängten sie die Jagdgeräte an die Haken, und Frod zischte wütend: »Ich werde ihm im Schlafe das Gehirn zu Brei zerschmettern.« »Schweig, hier hat jede Wand vier Ohren, alles wird ihm zugetragen. Zuvor würde er dich wie eine Fliege zerquetschen. Wo ist der starke Bor, der einmal im Zorn wider ihn aufstand, geblieben? Seit dem Laubfall verschwunden...« »Ja, er hat ihn meuchlings umgebracht.« »Hüte deine Zunge, damit nicht deine Spur verwischt werde!« Frod erschrak. »Meinst du, daß er einen Zauber hat?« »Er hat die Macht und den gänzlichen Gehorsam der Männer – einer muß Herr sein – und wäre ein anderer besser als er? Wer über die Menschen herrschen will, der wird voll Argwohn, und das Herz in seiner Brust wird hart wie Stein.« »Jung-Bor wächst heran, wird ein baumstarker Bär und wird seinen Vater rächen. Auch ich werde alle Tage stärker, während seine Kraft von Tag zu Tag abnimmt...« »Laß solche Rede nicht über deine Lippen kommen! Fin ist der Gatte unserer Mutter und unser Vater geworden nach dem Gesetz und darum gegen unsere Rache gefeit. Auch ist er ein schlauer Mann, der wie ein Hase schläft und wie ein Luchs schleicht.« – Der eine Bruder warf sich in den Sand, blinzelte in den Himmel hinein und sann stundenlang. Fred, der einen Bienenfleiß und sehr geschickte Hände besaß, ging in seine Werkstatt. Das war eine Hütte, oben im Walddickicht versteckt, wo kein Müßiggänger ihn störte. Er nahm den Behaustein, in dem vier Vertiefungen waren, um dem Daumen und den drei Hauptfingern festeren Halt zu geben, in die Rechte und das fast fertige Steinbeil in die Linke, stützte es leicht und lose auf einen Stein und schlug nun mit erstaunlichem Geschick kleine und immer kleinere, zuletzt ganz winzige Splitter von der Fläche des Feuersteins ab, so daß die Schneide des Beils immer schmäler und schärfer wurde. Als sie fast messerscharf war, lächelte er beglückt. Dann hieb er den Nacken des Beils immer dünner, bis er ihn in das Loch des Holzschaftes hineinpressen konnte. Nach einigem Nachdenken schlug er rings um das Beil einige Fingerbreit unterhalb des Schaftes eine kleine Rinne in den Stein, und diese Rinne umwickelte er mit einem Fellseil, das er mehrfach mit dem Schaft verband und verknotete. Ach, die Schaftung war von jeher der große Mangel und der stete Verdruß beim Steinbeil gewesen, denn urplötzlich, beim friedlichen Holzfällen oder im furchtbaren Männerkampf und immer in dem Augenblick, wo es am verhängnisvollsten war, löste sich das Beil vom Schafte und flog nicht dem Feinde, sondern seinem Herrn oder einem Freunde an Leib oder Schädel. Fred zerrte kräftig am Beilschaft und an der Bindung, die sich nicht lockerte, und lachte fröhlich: »Eia, du wirst halten bei den härtesten Schlägen viele Winter, bis das Seil zerschleißt.« Fertig und vollendet war das vollkommenste Steinbeil, das man bisher an der Förde gehauen hatte. Vollendet? Nein, ach nein! Er, der größte Handwerker seiner Sippe, der nach der höchsten Vollkommenheit trachtete, war noch nicht zufrieden mit seinem Werk. Freilich, mit diesem einfachen Feuerstein-Gerät konnten die tüchtigen Männer des Dorfes Erstaunliches leisten und die stärksten Eichen fällen und behauen. In der Werkstatt hingen und lagen viele Werkzeuge, Amboß, Hammer, Meißel, Schaber, Bohrer und Messer und sogar eine Säge, ein langer, schmaler, unten scharfer Stein, in dessen Schneide spitze Zähne hineingehauen waren, und der auf dem Rücken eine Handhabe von Holz hatte. Daneben Sand- und Grünsteine, Granit und Schiefer und eine große Menge von rohen Feuersteinen, die nach reiflicher Auslese am Strande sein Rohmaterial waren, vor der Hütte lag ein hoher Haufe, eine Schutthalde von Splittern und Abfällen. Fred nahm einen glatten Sandstein in die Hand, um damit die kleinen Furchen, welche die ausgehauenen Splitter hinterließen, zu glätten und die Schneide zu schleifen. Stundenlang saß er bei der Arbeit mit Fleiß und Sorgfalt, und er sah den Erfolg. Die kleinen Vertiefungen verschwanden, und keine noch so winzige Scharte war an der Schneide zu sehen. Freilich, ein paar Wochen lang mußte er mit dem Sandstein an dem einen Beil schleifen und schleifen, aber er und alle Handwerker der Steinzeit besaßen eine unsagbare, unendliche Geduld, und diese Ausdauer im kleinen bei einem Stück war ihre Größe. Ein Beil war die Arbeit von Wochen. Über Freds stilles Gesicht ging ein Leuchten, Er strich die langen Haare zurück, trat aus der Hütte und schrägte die Arme auf der Brust. Hineinblickend in die untergehende Sonne, dankte er dem lichten Gott, der auf der Sonne thront, der Wärme, Licht und Leben, Fisch und Fleisch, Fruchtbarkeit und Fröhlichkeit spendet. Mit einem andächtigen Erstaunen betrachtete er den goldigen Ball, der hinter den Wipfeln versank. Unten am Abfallhaufen lohten viele kleine Feuer. Run, einer der Ältesten, hielt ein Instrument, einen ausgehöhlten Holzkloben, dessen Öffnung oben und unten mit einer dünnen Haut bekleidet war, und er schlug mit dem Holzschlägel auf die Haut, daß es weithin schallte. Die dröhnende Trommel rief alle Insassen zur gemeinsamen Mahlzeit, die zweimal, morgens und abends, gehalten wurde. Unter den kleinen Herden hatte das Feuer gebrannt und die Steine bis zur Rotglut erhitzt. Auf die Steine legten sie die ausgeweideten Fische, Butt und Dorsch, Aale und Makrele, die schnell geschmort wurden. Auch die Austern wurden schockweise auf die Steine geschüttet, öffneten in der Todeshitze die festgekniffenen Schalen und wurden bei lebendigem Leibe in ihrer Schale gebraten. Ringsum hockten Männer, Weiber und Kinder auf den untergeschlagenen Beinen. Die am heißhungrigsten waren, verschlangen ein Dutzend Austern roh, um die erste Gier zu stillen. Dann aßen alle, Jung und Alt, das Geschmorte mit unglaublicher Ausdauer. Nur zweimal am Tage wurde ein Mahl gehalten, aber dann wurde gegessen, ja gegessen, wie nur der Urmensch nach der Eiszeit zu schlingen und zu stopfen vermochte. Sie hatten weiße, kräftige Zähne, die das Kauen verstanden. Nur Gerda, die Alte mit dem gelben Runzelgesicht, hatte kein Gebiß mehr, krauste verdrießlich die lange, spitze Nase und hätte gern einen Fisch verspeist, aber sie kaute mit dem Gaumen und würgte an einem Bissen. Die Nachbarn verhöhnten sie: »Wer zu alt geworden, muß sich begraben lassen... vermache mir deine Haut, die eine gute Fußbinde gäbe!« Die Alte krächzte zornig: »Ja, ich habe achtundachtzig Mittwinter gesehen und den ersten Herrn unseres Geschlechtes noch gekannt, den gewaltigen Jod, der schrecklich schlug und sein erstes und zweites Weib im Zorn tötete. Ja, das war ein Herr, vor dem keiner das Maul aufriß. Fin, du mußt besser schlagen, die Brut heute wird zu frech...« Herr Fin nickte böse: »Ja, ich bin zu gut und zu gnädig... aber hauen werde ich, ja hauen, wenn ich kein Wildbret bekomme, mir wird übel von dem faden Fischzeug.« Trotzdem hatte er drei Dutzend Austern und vier Butt verzehrt. Die Alte würgte an dem Bissen. Da nahm Fred einen fetten Makrel vom Herde und setzte sich neben Gerda, zerschnitt den Fisch, kaute die Stücke mit seinen Zähnen vor und schob die Bissen in den zahnlosen Mund des Weibleins, das sich wie ein Vogel atzen ließ: »Du Braver, der Finstre bleibe fern von dir, und der Lichte segne dich, mein Sohn!« murmelte sie. »Sie flüstern zärtlich miteinander, er wird Gerda freien,« brüllte Frod. Ein schallendes Gelächter folgte. Unbekümmert darum fuhr Fred fort zu atzen, bis sie satt war. Hinter den Schmausenden standen wohl sechzig Hunde mit glühenden Lichtern und warteten auf die Gräten und Abfälle, die ihnen zugeworfen wurden. Der Hund war das einzige Haustier der Fördeleute, aber er war ein wachsamer, treuer und bei der Jagd unentbehrlicher Geselle. Darum sind im Abfallhaufen alle Wildknochen von Hunden abgenagt, aber keine Haustierknochen gefunden worden. Die Stätte wurde leer. Die Menschen verkrochen sich in den Hütten. Dort warfen sie sich auf das Lager von trocknem Laub, darüber ein Hirschfell gebreitet war, ein zweites Fell diente als Decke und ein Stück Holz als Kopfpfühl. Aber jene Urmenschen schliefen in dem Bett gut und fest. Die Hunde wachten in der linden Nacht. Auch zwei Männer mit Beil und Speer hielten auf dem Abhang Wache und Auslug. Nie war man vor einem Überfall sicher in jener Zeit. Obgleich an der Förde Wald- und Wasserfriede, Jagd- und Fangfriede war, bestand zwischen den fünf Sippen an dieser Bucht nur ein gelegentlicher und vorsichtiger Verkehr. Zwei Dörfer, die zu schwach an Zahl und Kriegerkräften, aber voll Argwohn und übler Erfahrung ihre jungen Weiber behüten wollten, schlossen sich schroff ab. Die beiden urewigen, allmächtigen Menschentriebe, der Hunger und die Liebe, waren die stärksten Triebe für alles Tun und Lassen jener Urbewohner und die Ursache all ihrer Fehden. Um die besten Bänke und Jagdgründe waren seit Jahren keine Kriege mehr geführt worden, weil das Abkommen die Grenze setzte, auch die geringe Volksmenge ihre Nahrung fand. Aber um ein junges Weib, von einem anderen Stamm geraubt, ist manchmal auf Tod und Leben gekämpft worden. Darum sperrten einige Sippen sich ab und luden die Nachbarn nicht zum Fest und Feuertanz. Die Gemeinde, die am nächsten ost- und meerwärts am Näs – der vorspringenden Landzunge – wohnte, die nach ihrem Häuptling die Nan-Leute, nach ihrem Wohnort auch die Näs-Leute hieß, hatte je und dann einen seltenen und förmlichen Verkehr gepflogen. Nur die Ältesten, die nicht mehr an Frauenreize dachten, hatten auf Ladung hin den Grenzstein überschritten und zu gemeinsamer Beratung des Dorfes Ring und Ting betreten. Seit kurzem aber hatten die Verhandlungen zu einem gegenseitigen Schutzbündnis geführt, und das war der diplomatische Erfolg des schlauen Fin. Zwei ältere, ergraute Männer, aufrecht, gemessen, würdevoll schreitend, kamen ohne Waffen am Strande entlang, querten zum Gruß die Arme und blieben vor Fin stehen. Frod lag in der Nähe und lauschte, sprang empor, rannte zur Werkstatt und rief: »Die Nan-Leute haben uns zum Frühlingsfest geladen, hoioho.« »Hm–hm, das kann Gutes – oder Böses bringen.« Fred nickte nachdenklich und geistesabwesend. Er war in allerlei Versuche vertieft und ließ sich ungern stören. Ihn ließ das Fest sehr kühl, aber sein Bruder war Feuer und Flamme, rannte zum Tingplatz und übte sich stundenlang mit anderen Jünglingen im Ringen und Schwingen, im Stein- und Speerwurf. Fred saß bei seiner Arbeit, sinnend und suchend. Die Schäftung des Beils vermittelst des Fellseils, das Beil und Schaft fest verband, war unschön und unvollkommen und befriedigte ihn nicht mehr. Mehr als zwanzigmal hatte er versucht, in das Feuersteinbeil ein Schaftloch zu bohren. Mit dem Hammer und dem stärksten Steinbohrer hatte er unermüdlich gearbeitet und auch einen gewissen Fortgang, eine kleine Vertiefung erzielt, aber immer und urplötzlich war der allzu spröde Feuerstein zersprungen und seine Arbeit zerstört. Er seufzte aus tiefster Seele. Ach, es gab keine Lösung, es war schier unmöglich, den Feuerstein zu durchbohren, und der Granit war zu hart, der Sandstein zu weich. Kürzlich jedoch hatte er am Strande einen Feuerstein gefunden, der von Natur ein Loch besaß, das an der einen Seite die rechte Größe hatte, am Ausgang aber zu eng und eckig war. Hochrot vor Aufregung und mit äußerster Vorsicht schlug er kleine Stücke ab, um das Loch zu erweitern – und es gelang ihm. Eia, eia! Das erste Beil mit Schaftloch, das ein Mann der Steinzeit erfand, war fertiggestellt worden! Freilich, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer; die große Frage war nicht gelöst. Ein solcher Fund war nämlich eine große Seltenheit – er hätte jahrelang suchen und scharren müssen, ohne einen ähnlichen Feuerstein zu finden.– – – Die gemeinsame Morgenmahlzeit am Abfallhaufen war beendet und alle voll und satt bis zum Halse; denn gestern war ein Elchtier in der Grube gefangen worden und viel Fleisch im Dorfe. Fin ließ als Oberpriester die Trommel schlagen und seine Untertanen zum Gottesdienst rufen. Die höchstgelegene Hütte, durch eine Zwischenwand in zwei Teile getrennt, war der Tempel der Sippe. Zur Rechten stand der lichte, auf der Sonne thronende Gott, der Leben, Gesundheit, Wild, Fische und alles Gute spendete, zur Linken sein Gegner, der Finstre und Furchtbare, der in der Erdtiefe hauste, Hunger und Seuche, Unheil, Tod und Verderben sandte. Beide waren roh behauene Holzklötze, an denen im Halbdunkel nur der breite Mund und die unförmliche Nase zu erkennen war. Jene Urmenschen beobachteten genau den Gang der Gestirne und den Lauf der Sonne, der großen Lebenspenderin. Fin stand auf der Höhe, beschirmte mit der Hand die Augen, sah nach dem leuchtenden Himmelslicht und sagte feierlich: »Die Sonne wirft ihren ersten Strahl über den Wipfel jener Fichten – der Lenz ist gekommen und der Sieg des Lichts ... heute ist Frühling und Frühlingsfest ... hoioho!« Sie feierten kein Fest, ohne den Göttern zu danken. Einige Männer, wie Run, dessen Lieblingssohn die häßliche Hautflechte hatte, opferten dem Finstren, um ihn zu versöhnen und ein Unglück abzuwenden; die meisten legten ihre Gabe, eine Knochenharpune, eine Speerspitze, ein Bernsteinstück oder ein Tierfell, vor dem lichten Gott hin, dessen Gesicht nicht so grausig wie die Fratze des finstren Fetisch war. Als das Opfer beendet, wandte Fin sich an seinen Stiefsohn Fred und schalt: »Du hast nichts geopfert ...« »Ja, ein Stück Bernstein, ein blankes ...« »Wertloses wirfst du dem Gott hin – opfre ihm das Beil mit dem Schaftloch!« »Nein, nimmermehr! Denn es gibt nur das Eine und Einzige,« antwortete Fred. Sein Bruder Frod raunte: »Oh, der Fuchs! Wo bleiben die Opfergaben, die des Nachts verschwinden? Gib nicht dem Gott, der Fin heißt, das feine Beil, sondern schenke es mir!« »Nein, es ist mein Eigenes und Einziges.«– – Die Sonne stand auf ihrer Mittagshöhe. Nur die Männer bestiegen die Einbäume, um nach dem Näs zu fahren und das Lenzfest zu feiern. Der Häuptling grinste: »Heute fehlt keiner, keiner, aber, wenn es zum Fang geht, drückt man sich gern.« »Ja, einer, Fred, fehlt.« »Ich weiß, wo er steckt,« rief Jung-Bor und lief zur Werkstatt, um ihn zu holen. Der Meister des Dorfs war so völlig in sein Werk vertieft, daß er den Stand der Sonne vergessen hatte. Vor der Hütte brannte ein gelindes Feuer, vor dem er mit gespannter Aufmerksamkeit hockte. Seine Töpfe brannte er heute. Meistens benutzte man als Trinkgefäß die Hände, oder ein ausgehöhltes Stück Holz, doch hatte man in den Förde-Dörfern schon lange Töpfe und Schalen aus schwärzlichem Ton, die oft schief und unschön und immer plump und schmucklos waren, verfertigt. Fred machte aus dem Lehmteich lange Bänder, die er in Spiralen übereinander legte, mit einem flachen Holzstab zusammenpreßte und sorgfältig glättete. Mit peinlicher Genauigkeit, mit einem erstaunlichen Augenmaß vollendete er die äußere Form des Topfes, war diese nach seiner Meinung vollkommen – sonst stampfte er sie in die Breimasse hinein,– nahm er den zackigen Rand der Herzmuschel, den er rings um den Topf unter dem Rande in den weichen Ton hineindrückte, Reihe um Reihe. Zur Abwechslung ergriff er eine regelmäßig geflochtene Schnur, die er um den Topf legte und in die Masse hineinpreßte. Mit Herzmuschel und Schnur arbeitete er reihenweise. Zuletzt kam das Brennen des Topfes, eine schwierige Sache, denn das Feuer durfte nicht zu stark und nicht zu schwach sein, und der richtige Augenblick, wo man den Topf aus der Glut riß, mußte auf die Minute beachtet werden. Fred stand sprungbereit vor dem Feuer und hörte gar nicht Bors Ruf: »Sie warten im Boot– – komm schnell, komm schnell!« Aber auch Bor blieb staunend stehen. Der Töpfer, der ein Fellstück um Arm und Hand gewickelt hatte, griff zu und nahm den Topf aus dem Feuer. Lange, mit liebkosendem Blick betrachtete er sein Werk. Dort stand der Topf, ebenmäßig in gefälliger Rundung, blank und glänzend vom Brennen, und ringsum liefen regelmäßig die hübschen Verzierungen, die er mit den einfachsten Mitteln, einer Herzmuschel und einer Schnur, erreicht hatte. Es war ein schmucker Topf und der erste mit hübschen Ornamenten, der an diesen Förden gemacht worden war. Darum war die Wirkung auf Bor eine so große, daß er sofort die Zierate betasten wollte. Au, au, er hatte sich die Finger verbrannt. Beide ergötzten sich an dem Anblick und vergaßen ganz die Zeit, und daß Herr Fin fluchte. Endlich brachen sie auf. Kein Mann verließ das Dorf, ohne sich zu bewaffnen. Fred hängte das Beil mit dem Schaftloch, das er geglättet und geschäftet hatte, über die Schulter und nahm den noch warmen Topf, den er in Fellstücke wickelte, unter den Arm. Bor blickte ihn verwundert an: »willst du mit dem prächtigen Ding vor den Näsleuten prunken, damit sie aus Neid und Gier uns überfallen und unsere Töpfe und Schätze rauben?« »Kleine Geschenke machen große Freunde ... ich möchte Freundschaft und einen ewigen Frieden haben zwischen allen Sippen der Förde ... wie herrlich wäre es, wenn kein Totschlag mehr wäre auf Erden ...« Bor war für sein Alter verständig und nüchtern. »Du hast seltsame Gedanken – verschlingt nicht ein Fisch den anderen? Frißt nicht der Wolf das Reh und jedes kleine Lebewesen das noch kleinere? Nie war und nie wird ein ewiger Friede sein.« »Ja, Tier bleibt Tier tausend und zehntausend Jahre, aber der Mensch, ist ein höheres Wesen und Wandelt sich zum Besseren und wird, wie meine Töpfe, immer vollkommener werden, und dann wird Friede sein zwischen allen Sippen. Nur der Anfang ist schwer. Ich kann zwei Dutzend Töpfe in sechs Tagen machen, der Ton kostet nichts, ich verschenke sie an die Näsleute, damit wir Freunde an der Förde haben.« Die Einbäume waren schon fortgerudert. Bor und Fred blieben aber nicht zu Hause, sondern liefen am Strande entlang und trabten eilig, um gleichzeitig mit den Genossen das Näs zu erreichen. Es wäre den Schnelläufern gelungen, wenn nicht ein Zwischenfall sie aufgehalten hätte. Als sie aus dem Walde traten und vor sich das sandige Näs und die Dorfhütten, die flach am Strande lagen, erblickten, blieben beide wie auf Befehl stehen, und ihre Ellbogen stießen sich an. Vor ihnen bildete die Förde eine kleine schilflose Bucht, und im klaren Wasser tummelten sich sechs bis sieben junge Mädchen des Dorfes in weithin schimmernder Weiße unter dem schwärzlichen Haar. Die lustigen Dirnen kicherten, tauchten, sprangen und bespritzten sich mit Wasser, ohne eine Ahnung von den stillen Beobachtern ihres Spiels zu haben. Bor wisperte: »Laß uns zum Scherz ihre Kleider rauben und damit in den Wald laufen...ihr Gekreisch und Geflatter möchte ich sehen und hören.« Jedoch der andere wollte nicht den derben Spaß, sondern trat sittsam hinter einen Baum und stieß einen Warnungsruf aus. Die Weiblein schrien laut auf, sprangen wie Fischottern aus dem Wasser und fuhren in Fellrock und Felljacke hinein. Aber Bor und Fred liefen auch, was sie laufen konnten, und hatten die bekleideten Wassernixen erreicht, ehe diese in den Wald entwischen konnten. Drüben ein hastiges Zupfen an der Jacke und ein leises Gekicher, ein verschämtes Niederschlagen der Augen und ein verstohlenes Schielen nach oben, hüben Freds freundlicher Gruß und Bors freche Rede: »Puh, die Sonne wärmt zu gut ... Kinder, zieht doch die Jacke aus!« Dreist wollte er den Dorn, den das schönste Mädchen vorn auf der Brust als Nadel befestigte, herausziehen – da stach sie ihn mit dem Dorn tüchtig in den Finger und sagte: »Schrei doch, mein Junge!« Der Jüngling aber verbiß den Schmerz und die Abfuhr. Sein Genosse schmunzelte in den Bart und beäugte die Mädchen vom Näs. Sie waren einander ähnlich wie eine Krähe der anderen; schwärzlich das grobsträhnige Haar, klein die Augen, breit die Backen, sehr voll die Lippen, tief gebräunt Gesicht und Hals, Arme und Hände, aber groß und weiß die Zähne, wenn sie lachten. Nur die eine, die Große und Stattliche, die mit dem langen Dorn und der spitzen Zunge gestochen hatte, war ganz anders; länglich, viel heller und hübscher ihr Antlitz, groß und braun ihr Auge und ihre leicht gerümpfte Nase nicht plattgedrückt, sondern gerade und von seiner Form. Ein Goldfasan unter all den Krähen! Sie lächelte lustig-freundlich, denn Fred starrte sie an, ohne einen Ton hervorzubringen. »Was guckst du wie ein Laubfrosch mich an?« Der junge Mann antwortete tiefernst: »Du! Ich möchte dich heute und morgen und alle Tage anschauen ... du bist kein Weib von unserer Förde ...« »Ich habe neunzehn Sommer und Winter gesehen, und neunzehn Sommer lebte ich an diesem langweiligen Sandnäs.« »Dann war dein Vater ein Fremdling im Lande ... oder deine Mutter.« »Du bist weiser, als ich wähnte ... ja, ich bin als Säugling vom Himmel gefallen und im Boot gefunden worden.« Fred holte tief Atem und hauchte: »Darum bist du so wunderbar ... du ... du sollst mein Weib werden ...« »Haha! Du heuriges Häslein! Ich warte auf den Königssohn aus dem Südland, der, zwei Haupt höher als du, mit tausend Kriegern kommen und mich zur Königin aller Förden machen wird.« »Ich bin kein Kriegsherr und kein König ... aber ein Waffen- und Werkzeugmeister!« setzte er mit Stolz und mit Nachdruck hinzu. Sie betupfte mit zwei Fingern das Fellpäckchen, das er unter Arm und Jacke hielt, und lachte: »Hast du dein Kindlein mitgenommen zum Fest, du guter Vater?« »Ich bin unbeweibt, aber mein Kind, mein letztes sollst du sehen.« Er wickelte plötzlich den Topf aus der Umhüllung und hielt ihn auf der flachen Hand vor ihr hin. Ei! Sie erstaunte nicht wenig, und ihr Auge ergötzte sich an dem glänzenden Schwarz, der seinen Rundung und den vielen Verzierungen des Topfes. Das war etwas anderes als die plumpen Gefäße, die sie am Näs hatten. »Oh, wie sein ist die blanke, glatte Fläche! Wie schön sind die Schnüre und Zierate! Du bist ein Meister!« Sie streichelte und liebkoste den Topf. »Ich würde dir diese meine beste Halsschnur für den Topf geben.« Sie bezweifelte sehr, daß er auf den Tauschhandel eingehen werde. »Da! Nimm ihn hin!« sprach er. »Ich schenke ihn dir, wenn du mir deinen Namen nennst.« »Ich heiße Funda ... oh, der Topf ist mein, mein! Haha! Was werden Hama und Oda sagen, und Ena wird vor Neid Bauchgrimmen bekommen ... Dank, zwei Stieg Dank dir, du Guter!« Mit beiden Händen den Topf haltend, tanzte sie mit Anmut um ihn herum. Jauchzend lief sie zu den Gefährtinnen, die mit Bor schäkerten, um das wunderbare Geschenk zu zeigen. Funda hüpfte allen voraus nach dem Dorfe am Näs, um allen das Kunstwerk vor Augen zu halten. Aber kein einziger durfte es anfassen. Fred war am Näs ein berühmter Töpfermeister, noch ehe sein Fuß das Dorf betreten hatte. Jene Menschen der Steinzeit hatten einen nicht geringen Schönheitssinn. – Am Grenzstein standen zwei von den Ältesten der Nan-Sippe, begrüßten feierlich die Gäste und bedeuteten ihnen, daß hier die Waffen niedergelegt werden müßten. Kein Mann durfte während des Festes Beil oder Keule, Speer oder Wehr tragen – das war ein uraltes und urweises Gesetz an allen Förden. Das Steinbeil, das durch ein Fellseil mit seinem Schaft verbunden war, und das Bor, der nach Jünglingsart gern wie ein Kriegsmann sich schmückte, heute geliehen hatte, erregte die Aufmerksamkeit der beiden Alten. Ihr Erstaunen nahm zu, als Fred das Beil mit Schaftloch, das er trug, in ihre Treuhände legte. »Heiliger Donnerschlag! Welch ein Beil hast du!« Sie holten damit aus und hieben in einen Baum hinein – wie tief fuhr die Schneide in das Holz! Sie prüften die geschliffene Fläche und die scharfe Schneide und fragten eifrig, wie er das gemacht habe. Aber der Meister lächelte nur und verriet sein Werk-Geheimnis beileibe nicht dem Nachbarvolk. – Fin, kürzlich angekommen, blickte Fred und Bor unfreundlich an: »Seid ihr mit dem Floß gefahren?« »Nein, auf unseren Füßen gelaufen ...« »In einer Stunde! Gut, daß ich so schnellfüßige Leute habe ... in der nächsten Fehde sollt ihr meine Läufer sein.« Die Läufer und die Späher, die des Feindes Stärke und Stellung auskundschafteten, hatten ein gefahrvolles Amt. – Der Häuptling Nan, ein grobschlächtiger Mann, dessen Haar, von einer Bastschnur zusammengehalten, auf dem Rücken hinunterhing, und dessen Gesicht so völlig vom Bart bedeckt war, daß man nur einen Streifen der Stirn und zwei verkniffene Augen sah, lud die Gäste zum Mahl. Sie hockten nach Wildmannsart auf den untergeschlagenen Beinen und kauten, schmausten und schmatzten mit Ausdauer und ohne Tischgespräch. Geröstete Aal, Butt und Makrele, Fleisch von Reh, Elch und Hirsch wurden heiß vom Herde gereicht. Die Frauen hatten aus dem Honig der wilden Bienen, den man in hohlen Waldbäumen fand, ein Gebräu gekocht, das sie in Tongefäßen gären ließen. Nach dem Mahle gingen einige Weiber mit den Töpfen voll Honigtrank und mit einer Holzschale die Reihe entlang, und jeder tauchte die Schale in den Topf, füllte und leerte sie. Fin schmatzte mit den Lippen und lobte: »Ah! Der Trank ist süß und würzig.« »Und macht das Herz heiter und die Seele lustig,« grinste Nan und kniff die Augen ganz zu. Die Sippe Fins kannte das Gesud und das Gären noch nicht. Darum fragte er eifrig, wie dieses Getränk herzustellen sei. Und Nan bewahrte das Geheimnis durchaus nicht, sondern gab genaue Anweisung und grinste in sich hinein. Jetzt kam Funda mit ihrem Topf und einer Holzschale, füllte diese und reichte Fred, dem Meister, den Ehrentrunk. Es ruhte sein Blick in ihrem Auge, während er langsam trank. Aber auch ein anderer betrachtete das junge, anmutige Weib mit Wohlgefallen. Sein Bruder Frod schaute ihr nach mit großen, gierigen Augen. – Fred richtete eine leise Frage an den Näsmann, der neben ihm saß. Ja, Funda sei ein Fremdling, ein Findling ... vor achtzehn Wintern seien sie mit den Booten aus der Förde herausgefahren, um den Hering zu fangen ... nach tagelangem Ostwind sei es gewesen ... draußen vor der Münde sei ein seltsames Wrack angetrieben, ein Schiff aus vielen Hölzern gebaut und dreimal so lang wie ihr Einbaum ... in dem Wrack des Vielbaums habe eine Holztruhe, darin ein Halbjahrskind lag, gestanden. Das Mägdlein sei von Nan als Pflegetochter angenommen und längst sein Liebling geworden. Es sei närrisch, wie sein Vaterherz weit mehr an ihr, als an all den vierzehn Bälgen, die seines Fleisches und Blutes seien, hänge, und rein zum Lachen, wie die verhätschelte Funda dem barschen Gebieter den Bart zupfe und mehr als eine Nase ihm drehe. »Auf zum Feuer! Zum Feuer!« Alle rannten. Aber Fin konnte nicht von dem süßen Honigbier lassen, er und die Alten blieben bei den Töpfen zurück. – An der ganzen Förde brannten die Lenzfeuer zum Preis der siegreichen Sonne, die immer höher steige. Auf dem flachen Näs war ein haushoher Haufen von dürrem Holz, mit Harz getränkt, entzündet worden und lohte gen Himmel. Rings um das Feuer sprangen die Männer und Weiber, Gäste und Gastgeber und stießen wilde Freudenschreie, Jodler und Jauchzer aus, die über das blinkstille Wasser gellten. Hoioho! Juheujeuhe Es war ein grausiges Geheul. Funda hielt sich die Ohrmuscheln zu. Dann wetteiferten die Jünglinge, wer am kräftigsten brüllen könnte. Keiner am Näs siegte in dem edlen Wettstreit, sondern von den Fin-Leuten hatte Frod die stärkste Lunge. Funda lachte ihn an und aus. »Du bist der größte Brüller im Lande.« Von Stund an blieb er an ihrer Seite und redete viel, aber immer karger wurde ihre Antwort. Ging sie ums Feuer, nach rechts oder links, unverfroren folgte er ihr mit seinem Geschwätz, plötzlich war sie verschwunden und wie versunken. Er glotzte nach allen Seiten und bemerkte nicht, wie sie sich hinter der dicken Hama duckte und deckte und dann von Baum zu Baum hüpfte. Während die Jünglinge das Feuer umsprangen, stand Fred weit abseits hinter einer Eiche in so tiefsinnigen Gedanken, daß er Funda erst bemerkte, als sie ihn anstieß und anlachte: »Du Trübsinniger! Wo weilen deine Gedanken?« »Bei dir!« sagte er todernst, »wenn du erst mein Weib bist, will ich dir wunderfeine Töpfe brennen und den schönsten Bernstein, daß du staunen wirst, dir schenken.« »Bilde dir nichts ein, mein Bürschlein! Ich wollte dir nur melden, daß dein Vater eine Leiche ist, hihi.« »Und du lachst? Sie haben ihn im Streit erschlagen ...?« »Nein, der Honigtrank erschlug ihn.« Fred betrachtete das junge Weib in stummer Bewunderung und fand kein Wort. In ihm war ein tiefes Erstaunen, als wenn er heute, wie bei seinen Arbeiten und Versuchen – die größte Entdeckung gemacht und den glücklichsten Griff getan habe. – Frod hatte die Verschwundene überall gesucht und sah sie schließlich neben seinem Bruder. Da schoß er hinter den Bäumen vor und schlang dreist den Arm um sie. Funda schrie auf, mehr zornig als erschrocken: »Geh, du Arger! Du hast den bösen Blick des Bären, der im Winterschlaf gestört wird.« Die Geschmeidige entwand sich ihm, hüpfte hinter einen Baum und höhnte: »Fifi! Du plumper Petz, nimm die dicke Hama, die für deine Tatzen paßt!« Frod wurde bei dem Spott krebsrot. Aber Fred bat sanft für seinen Bruder: »Zürne nicht dem allzu Kecken! »Er ist mein Zwillingsbruder ... gib ihm ein gutes Wort!« »Wohlan!« sagte sie. »Komm, du rauhbeiniger Bär, und zeige im Wettkampf, was du für ein starker Bamse bist!« Auf der Tingstätte war der Kampfplatz. Je zwei gesetzte Männer aus den beiden Dörfern waren Schiedsrichter. Die Krieger warfen mit den Speeren. In der Eiche war handbreit und -hoch die Borke weggehauen, und diese kleine weiße Fläche mußte getroffen werden, aber so, daß der Speer stecken blieb. Erst wurden fünfundzwanzig, und dreißig, zuletzt vierzig Schritt abgemessen. Groß war die Speerkunst der Männer, die mit der Steinspitze den hellen Fleck trafen, aber je größer die Entfernung, desto seltener der Treffer. Sieger blieb ein Näsmann. Seine Landsleute jauchzten. Die Finleute schwiegen und forderten zum Ringkampf heraus. Nackt rangen die Jünglinge miteinander, wer den Gegner, wie eine Schildkröte, auf den Rücken legte, war Sieger. Zuletzt hatten Frod und Nans ältester Sohn, Rafn, sich gefaßt. Ihr Schweiß strömte, ihre Muskeln sprangen hervor, ihre Knochen knackten. Die beiden rangen bis zur Erschöpfung. Fred, den das Spiel kalt ließ, betrachtete Funda, die ihren Bruder anfeuerte: »Reiß ihn! Rafn, reiß ihn in den Sand!« Gönnte sie dem groben Bären die Niederlage? »Greif unter, greif unter!« rief sie heftig. Und Rafn warf durch geschickten Untergriff den Gegner und lachte: »Du bist die Schildkröte!« Funda kicherte, die Näsleute jauchzten. Die Finleute schwiegen sehr verdrossen. Bor trat an Fred heran und sagte leise: »Du! Die Ehre unserer Sippe muß gerettet werden.« »Rette du sie!« war die kühle Antwort. »Ich liebe nicht das wüste Gebalge.« Das begriff Bor nicht. Der Faustkampf nämlich war das liebste und am höchsten geachtete Kampfspiel bei jenen Völkern. Er ist es durch fünf Jahrtausende und als »Boxen« bei unsren höchst gesitteten Zeitgenossen ein lobesamer Sport geblieben. Das ist ein Kampf, Mann gegen Mann mit den natürlichsten Waffen, den geballten Fäusten. Große Schnelligkeit und Leichtigkeit in allen Bewegungen und dabei die Fähigkeit, im rechten Augenblick wie ein Sturmbock vorzustoßen und sofort wieder zurückzuschnellen, aber auch ein wenig Schauspielerei in Miene, Körperhaltung und Beinbewegung, halb ausgeführte Scheinstöße, und dann der plötzliche furchtbare Angriff – das war und ist die Kunst des Faustkampfes, der viele erlaubte und – unerlaubte Finten gebrauchen kann. Brav und mutig trat Bor in den Ring, wurde in zwei Gängen glatt und platt geschlagen und mehrte die Unehre seiner Sippe. Jetzt spuckte Frod grimmig in die Hände. »Rafn, komm her!« Jener fuhr los wie ein wilder Bulle, aber dieser merkte bald die Lieblingsstöße des Gegners und fing sie ab. Die Hiebe fielen wie Keulenschläge, ein paar Zähne flogen, Blut floß, es war ein hartes Hauen, als wenn's kein Spiel mehr sei. Frod schlug immer rasender – da brüllte Rafn erbost: »Er hat ein Bein gestellt und unter den Bauch gestoßen.« Nach dieser unstatthaften Finte fletschte Rafn die Zähne, und Frod duckte sich wie ein Raubtier. Das Spiel wäre blutiger Ernst und Totschlag geworden, wenn die Schiedsrichter nicht dazwischen gesprungen wären und den Kampf für unentschieden erklärt hätten. Tiefes Schweigen ringsum. Weil es alte Sitte und ein ungeschriebenes Gesetz war, daran die Schiedsrichter erinnerten, tauschten Frod und Rafn einen zögernden, kalten Händedruck. Wo sie sich fortan trafen, grüßten sie sich mit einem lauernden Blick. Das Feuer wurde geschürt. Die jungen Weiber tanzten den Festreigen. Auch Funda warf ihr Gewand – bis auf das Schurzfell – von sich und schwebte um das Feuer mit einer Anmut, die alle Augen auf sich zog. Frod verschlang ihre Gestalt mit gierigem Blick. Plötzlich setzte sie sich mit einem Wehlaut auf einen Baumstumpf – sie war mit dem Fuß in ein Loch getreten und hatte den Knöchel verrenkt. Als sie aufstehen wollte und der Fuß versagte, sprang Frod herbei, und mir nichts dir nichts nahm er das Weiblein auf seine Arme, zärtlich gurrend: »Ich trage dich in deine Hütte, mein Täubchen.« Ein schmetterndes Gelächter erhob sich, denn das Täubchen wurde zur Katze, raufte und riß so kräftig in seinem Bart, daß er vor Schmerz fauchte und das Kätzchen fallen ließ. Frod verschwand im dunklen Hintergrund und fraß die Wut in sich hinein. Ar schielte hinüber und sah, wie sein Bruder, der die Heilkräuter kannte und auch ein tüchtiger Medizinmann seiner Sippe war, bescheiden vortrat und schüchtern fragte: »Darf ich deinen Fuß reiben und wieder einrenken?« »Ja, dir vertrau ich.« Er zögerte. »Es wird ein wenig weh tun ...« »Oh, ich beiße die Zähne zusammen und schreie nicht...« »Auch nicht, wenn dir ein Backenzahn gerissen wird?« »Nein, faß nur den Fuß kräftig an!« Er rieb, drückte und knetete von den Zehen aufwärts und über den Knöchel hinaus. Dann, mit einem jähen Ruck riß er den Knöchel ins Gelenk zurück. Es war ein arger Schmerz, und ihr Körper machte einen förmlichen Satz, aber über ihre Lippen kam kein Laut. Er bewunderte das tapfere Mädchen. »Du hättest schreien müssen.« »Ich schreie nie bei Schmerzen ...« »Was hattest du mit deinen achtzehn Wintern für Schmerzen?« »Oh, viele, viele ... ich möchte wissen, wer die Sonne am Himmel lenkt und wer die Sterne zündet ... ich möchte sehen, welche Menschen hundert Tagreisen weit unten im warmen Südlande wohnen, und ob sie froher und glücklicher sind als wir, ach, wie die Möwe möchte ich fliegen über das Meer hinaus und schauen, wer dort drüben wohnt hinter dem endlosen Wasser. Sehen und wissen möchte ich alles, was ich nicht weiß ... und das macht mir Schmerzen und Sehnen.« Fürwahr, ein seltsames Weib, desgleichen er noch nie gesehen! War nicht das Forschen, Suchen und Versuchen auch seine Lust, und das viele Nichtwissen und Nichtkönnen in allem, was er tat, sein Leid? Als Funda vorsichtig den Fuß ansetzte und ein paar hinkende Schritte machte, nahm sie ohne weiteres seinen Arm, ja, sie legte die Hand auf seine Schulter und lehnte sich auf ihn, während er sie zur Hütte führte. Alles Blut strömte heiß zu seinem Herzen, alle Rede stockte ihm. Nicht nur das Auge seines Bruders war voll Zorn und Neid, sondern auch die jungen Männer des Näs begleiteten das Paar mit unfreundlichen Blicken. Funda flüsterte: »Du stützest mich brav und lind ... ja, dir vertrau ich, denn deine Augen sind gut.« Seine Träumeraugen und ihre großen, glänzenden Lichter ruhten ineinander. Dann hauchte sie die Worte, und ihr Atem küßte seine Wange: »Komm wieder, komm wieder, wenn der Kuckuck ruft, aber ohne den breitrückigen Burschen, dem ich nicht traue!« Fred ging von ihr in einem tiefen Staunen, als wenn er das Neueste und Größte gefunden und das Rätsel des Daseins gelöst habe. Als er das wunderbare Bernsteinstück am Strande liegen sah, hatte sein Herz auch gehämmert, aber dieses Erlebnis heute war noch viel wonniger und wunderbarer. Er hätte über das schlafende Gewässer der Förde einen Jauchzer senden, er hätte drei Schuh hoch springen mögen, so übervoll war ihm das Herz. – Da faßte eine Hand, die hinter der Eiche hervorkam, den Träumer am Arm. Es war Frod, der unwirsch und höhnisch fragte: »Hast du sie geherzt und geküßt? Haha!« »Bist du von Sinnen?« Der Tollkopf fuhr sich mit beiden Fäusten ins Haar und schrie mit kreischender Stimme: »Du Sanftmütiger, ich wette dein und mein Leben! Bevor die Sonne zur Winterwende am tiefsten sich neigt, hole ich mir in einer finstren Nacht das junge Weib aus dem Näsdorf, jaja!« Da schalt Fred mit harten Worten, voll Zorn wie noch nie: »Du elender Wicht! Der Raub eines Weibes bedeutet Todfehde zwischen Nan und Fin. Weil dich nach der fremden Dirne gelüstet, soll Männermord zwischen den Nachbarsippen sein, bis mehr als die Hälfte der Männer erschlagen liegt? Frage morgen Gerda! Die Uralte erzählt es mit ihrem zischenden Munde gern, wie grausig die letzte Weiberfehde endete.« Jetzt lenkte Frod ein: »Ja, es war eine trunkene Rede ... vergiß das törichte Geschwätz!« Von Funda ist nicht mehr gesprochen worden. Dieweil Herr Fin auf dem Rücken lag und mit weit offenem Munde schnarchte, und weil das Honiggetränk ihm zu stark gewesen, nicht wachzurütteln war, rief sein Sohn zur Heimkehr. Vier von seinen getreuen Mannen huben den Gewaltigen wie einen Ledersack auf ihre Schultern und warfen ihn unsanft und ohne Ehrerbietung in den Einbaum hinein. Nan und die Näsleute gaben dem Zuge das Ehrengeleit unter prustendem Gelächter, und sie standen am Strande voll von jener tiefen, stillen Schadenfreude, welche schon dazumal die ungetrübteste von allen Freuden war. Ja, der süße Honigtrank hatte den großmäuligen Nachbarhäuptling besiegt. III. Weiße Nebel woben auf der Wiese und dem stillen Wasser der Förde. Das glühende Auge des Sonnengotts blinzelte durch die grauen Schleier. Das Dorf schlief am Morgen nach dem Feste tiefer und länger als sonst. Nur ein einziger war, seitdem der Tag graute, auf den Beinen und lief als Strandläufer an der Förde entlang. An diesem Morgen störte kein andrer den einsamen, eifrigen Schatzsucher. Auch hatte vor einigen Tagen ein scharfer Ostwind geweht, was günstig war, und die Gewässer hochgetrieben, auch Tang und Sand ans Ufer gespült. Fred hatte leise sich erhoben, den dämmernden Osthimmel angeblickt, die Arme geschrägt und zum Lichtgott gebetet. Bald spürte er einen Juckreiz in der Nase, Er mußte dreimal niesen und lächelte fröhlich. Auf nüchternem Magen dreimal niesen – das bedeutete Glück, wie Gerda behauptete und jedermann glaubte. Gewaltige erratische Blöcke bedeckten das Ufer der Förde, Steinkolosse, die nach der entsetzlichen Eiszeit liegengeblieben waren, als die ungeheuren Gletscher, die berghoch Cimbriens Fluren bedeckten, zerschmolzen, ihre Schmelzgewässer zu Wasserströmen wurden und unsere langen Förden auswühlten. Der Strandläufer wanderte am Ufer auf und ab, schaute hinter jeden Steinblock und scharrte in jedem Tangbüschel. Was suchte er? Alles, was sich gebrauchen ließ. Oha! Dieser Feuerstein, der auf der einen Seite eine natürliche Schneide hatte, war leicht zu behauen und verschwand in seinem Fellsäcklein. Sein scharfes Auge spähte wie ein Fischadler hin und her. Ein paar kleine hübsche Bernsteinstücke ließ er mitgehen. Bernstein wurde an der cimbrischen Küste in großer Menge gefunden. Darum haben jene Urmenschen die Zähne des Wolfs und besonders des Braunbären weit höher geschätzt als den Bernstein, mit Ausnahme der ganz großen und ganz seltenen Stücke. Fred hingegen, in allen Dingen ein Eigner, liebte diese wunderbaren Gebilde des Meeres, die wie bräunlich goldiger Honig glänzen, auf gewisse Gegenstände eine rätselhafte Anziehungskraft ausüben und, wenn sie gerieben und geschliffen werden, einen wunderbaren Glanz und Schmelz haben. Als er den ersten Morgenlärm im Dorfe hörte und heimeilen wollte, stieß er mit den Fußzehen, die er fast wie Finger gebrauchen konnte, tastend und suchend in das Seegras hinein. Oha, oha! Welch ein seltener Fund, wie er in hundert Jahren nicht einmal gemacht wurde! Fred hielt ein Stück Bernstein, größer, breiter als eine Kinderhand, durchsichtiger, goldiger, leuchtender und schmelzhafter als alle Stücke, die er besaß, gegen das Licht. Und sein Erstaunen wuchs – mitten im Bernstein saß eine Spinne gefangen, eine Kreuzspinne mit dem deutlich erkennbaren Kreuz, als wenn sie leibe und lebe. Er besaß bereits ein Stück, in dem eine Schmeißfliege etwas gekrümmt hockte, aber dieses Gebilde hier mit der Spinne war viel schöner und seltsamer. Eilig schob er es in seine Armhöhle hinein, absichtlich tat er es nicht in den Fellsack, für den Fall, daß sein Vater oder Bruder oder andere neugierige Leute seinen Fang zu sehen begehrten. Auf einem Umweg ging er um das Dorf herum und in den Wald hinein. Zehn Speerwürfe hinter seiner Werkstatt stand im Erlengebüsch eine alte Eiche, die er wie ein Eichhörnchen erkletterte. Auf dem dritten Queraste reitend, hielt er Umschau, ob keiner ihn beobachte. Über dem Aste war eine große Aushöhlung im Baum, die seine geheime Schatzkammer war. Darin barg und verbarg er in zwei Fellsäcken seltene Muscheln, Schnecken und Steine und viel Bernstein, lauter ausgesuchte Stücke. Der heutige Tage hatte seine Verheißung erfüllt und Glück gebracht. Lange betrachtete er das wunderbare Stück mit der Kreuzspinne, ehe er es fortlegte. Niemals war ihm der Gedanke gekommen, sich damit zu schmücken. Jetzt aber zog ein Traum über seine Seele ... nur eine war würdig, den Schmuck zu tragen ... wenn das Mädchen am Näs den Bernstein am weichen Halse trüge, wie herrlich würde das helle Gold leuchten unter den schwarzen Haaren und den tiefdunklen Augen! Die Trommel dröhnte und rief zur Mahlzeit, wie hatten die Weiber, welche die Holzkohlen, die noch glommen, aus der Asche kratzten, geblasen, um das Feuer anzufachen. Die Steine fingen an zu glühen, die Austern und Asche an zu schmoren. Herr Fin gähnte, reckte sich und war in verteufelter Laune; denn übel stieg ihm der süßfade Metgeschmack aus dem Magen empor; alle Haare auf seinem Haupte hämmerten, als wenn sie Feuersteine behauten, »Wasser« brüllte der Gebieter. Demütig brachte ein Weib eine volle Holzschale. Er trank gierig und wandte sich an die jungen Männer mit herrischen Worten: »Heute wird gepirscht, daß die Hände und Füße Blut schwitzen.« Ris, ein junger, starker Bursche, murrte und brummte: »Der Tag nach dem Feste war immer ein Ruhe- und Schlaftag.« Der Häuptling glotzte. »Munter will ich dich machen, du schläfriger Hund.« Um seine Herrschermacht zu beweisen, packte er den Burschen, hob ihn empor und setzte ihn so hart auf den Erdboden hin, daß alle Knochen in seinem Leibe knackten. Selbst im Katzenjammer war Herr Fin ein gewaltiger und machtvoller Herr. Das Volk war mäuschenstill, ehrerbietig umschwänzelten ihn die Weiber. Nur sein Jüngster, der verhätschelte und unartige Klein-Fin, durfte sich alles erlauben, kneipte den Gewaltigen ins Sitzfleisch und grinste. Zum Lohn für seine Frechheit hob sein Vater ihn empor und ließ ihn auf seiner Hüfte reiten. Nach einem kurzen, bösen Blick über die Steinherde hin knurrte er: »Welch reiches Mahl! Ich muß wohl selbst jagen und Fallen stellen.« Der magere Hering, den Finna unterwürfig ihm reichte, ballte sich ihm wie ein Kloß im Halse. »Friß!« Er gab dem Knaben den Fisch und schrie nach Wasser. Klein-Fin hatte eine lange Gerte und vergnügte sich damit, jedem, ob Kind, Weib oder Mann, der in seine Reichweite kam, zu schlagen. Das pfiff durch die Luft und schnitt Striemen, der Bengel hielt sich das Bäuchlein vor Lachen, wenn die Getroffenen Au, au schrien und aus seiner Nähe rannten. Der Gewaltige mußte trotz des Haarwehs dröhnend lachen: »Hoho! Hau sie, mein Sohn, hau sie! Du wirst noch gut werden, wenn du noch fünfzehn Jahre von mir angelernt wirst. Mit dem Knüppel kuscht man die Hunde, mit dem Prügel regiert man die Menschen.« Diese Regierungsgrundsätze verstand der Bursche, er schlug nach seiner leiblichen Mutter und traf sie gründlich am Halse. Finna blickte den Schlingel zornig an und wollte zur Strafe sein Haar zausen. Aber der Herr stieß sie fort und sagte: »Der ist von meinem Fleisch und Blut und zum Herrschen geboren, wenn mir nach zwanzig Jahren die Luft ausgeht und mein Leichnam verscharrt wird, dann sollst du als Fin II. Herr und Herrscher des Dorfes sein.« Frod horchte scharf nach der Rede hinüber und hatte einen feuerroten Kopf. Der Knabe überlegte so vor sich hin und rief eifrig-eigensinnig: »Nein, ich will gleich Herr sein, gleich ... Vater, ich schlag dich morgen tot, tot.« Da lächelte Frod höchst behaglich in seinen Bart hinein. Herr Fin I. aber brüllte: »Essen.« Seine Gattin brachte schnell eine geschmorte Auster. Er kostete und schimpfte, das Zeug sei halbroh, und wollte ihr die Schale an den Kopf werfen, traf aber vorbei. Sie war nämlich stets auf der Hut. Gleichwie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Sofort ahmte Klein-Fin das gute Beispiel nach und warf die geleerten Schalen den Weibern und Männern an den Kopf und ins Gesicht. Der Bengel zielte vortrefflich und kreischte vor Lust. – Sein Vater fluchte, aber nicht wider ihn: »Den faden Fraß alle Tage! Nichts als Schleimzeug! Wildbret, Wildbret will ich haben! Schafft Fleisch, Fleisch ins Lager ... oder es geschieht ein Unglück, wenn die Jäger nicht beladen heimkehren.« Seine Frau suchte ihn zu beruhigen: »Hier ist eine warme, feine Auster ...« Den Augenblick benutzte der Bengel, um seiner Mutter eine Schale an die Schläfe zu schleudern. Die traf! Herr Fin lachte über den Wurf und sagte: »Pöh, ich mag den Rotz nicht ... gib ihm die Auster!« Die Frau ließ sich ihre Wut nicht merken, tupfte über die Stirn und wischte das Blut fort, stumm-leidvoll, wie ein verprügeltes Lasttier; jedoch in ihrem Auge glomm ein böses Feuer. In dem Augenblick haßte sie ihr jüngstes Kind. Und sie nahm ihre Rache an dem Buben, den sie für seine Bosheit bestrafen wollte. In demütiger Haltung riß sie eine Auster vom Herde, eine glühend heiße, mit einem Fellzipfel ihre Finger schützend. Sie rief das Kind, dem sie das duftende Gericht dicht vor den Schnabel hielt. Klein-Fin schlang gierig wie ein junger Wolf, verbrannte sich gründlich Mund und Zunge und erhob ein Mordsgebrüll. Sie hatte ihm Schmerz mit Schmerz vergolten. Aber der Gewaltige tobte und raste. »Du Rabenmutter! Aus purer Bosheit hast du dem armen Kinde den kochenden Fraß gereicht, damit es vor meinen Augen verrecke.« Nun heulte der Knabe noch gräßlicher und wälzte sich auf der Erde. »Mein Büblein stirbt mir unter den Händen, mein Augapfel, ... du Höllenhexe! Ich schlag dich tot, ich schlag dich tot.« Mit seinem Regierungszepter – dem Eichenstock – schlug er das Weib, wohin es traf. Er hätte sie vielleicht erschlagen, wenn die Mißhandelte nicht entflohen wäre. Finna hetzte den Abhang hinauf und nach der Werkstatt, um bei ihren Söhnen Schutz zu suchen, die beiden und Bor als Dritter waren dabei, die Beile und Messer zu schärfen. Atemlos sank sie zu ihren Füßen hin. Ihre Augen irrten hin und her, ihre Lippen zuckten. »Der Böse will mich ermorden, will mich tot, mundtot machen ... ich, ich kann zu viel erzählen ... beschirmt eure alte, arme Mutter vor dem Wüterich! Hat er mich umgebracht, wird er euch erschlagen, wie er alle, wie er euren Vater umgebracht hat ... oh, der ungerächt geblieben und dessen Seele keine Ruhe findet! Oft besucht mich seine Seele des Nachts, schilt mich und klagt: Wo ist mein Rächer? Und mein Meuchler ist Herr meines Volkes und meines Weibes Gemahl ... pfui, wie scheußlich. Hana hieß ich als Han's, des Edlen Weib, und Finna – pfui, wie häßlich! – muß ich mich schelten lassen.« »Du redest Wahnsinn ... dein Haupt glüht vor Erregung.« Fred streichelte ihre Wange. Aber sie lachte wild: »Haha! Höre meine Worte, die todtiefen Sinn haben! Frod, du Trotziger, höre sie und räche seine Seele! Er hat deinen Vater erwürgt, er ...« »Mutter, Mutter,« flehte Fred, mit dem Arm sie umschlingend, und preßte die Hand auf ihren zuckenden Mund. »Schweig, schweig ... es ist eine Ausgeburt deiner Angst und Einbildung.« »Nein, Fred, höre mich! Zu zweien gingen sie in den Wald, um den Bären zu jagen. Einer, Fin, kam zurück und jammerte, daß Han vom Bären erdrückt und gefressen sei, gefressen mit Haut und Haaren ... eine höllische Lüge ...« »Oh, schweig, Liebmutter, schweig!« bat Fred. Sein Bruder riß ihn zurück. »Sage alles, was du weißt, alles! Meines Vaters Seele hat keine Rache und Ruhe gefunden!« Finna hob das Antlitz und flüsterte feierlich: »Nachts hat der Unhold arge Träume ... der Wurm frißt an seinem Herzen, der Wurm ... er liegt auf seiner Haut neben mir, stöhnt, ächzt und wälzt sich und murmelt immer dasselbe: Im Walde, wo die Eiche, die drei Männer umspannen, und die hohl ist, in drei Stämme sich spaltet, dort ist die Bärengrube und das Grab des Toten, ich muß Erde darauf schaufeln, Erde, mehr Erde, sonst stößt die Hand heraus. Also ächzt Fin neben mir, und seine Fäuste wühlen im raschelnden Laub des Lagers, als wenn sie Sand schaufeln und über die Untat schütten. Ihr Söhne, suchet die Eiche und das Grab!« Sie verhüllte das Antlitz und schwieg. Da dröhnte die Holztrommel im Dreischlag – das Zeichen, das die Jungmannen rief, um den Tagesbefehl zu empfangen. »Mutter, setze dich in meine Werkstatt, bis sein jacher Grimm verraucht!« Sie stand auf, betrachtete Bor, den schmucken Fant, tief schaute sie ihm ins offene Auge. »Du bist deinem braven Vater aus dem Gesicht geschnitten. Auch Bor, der gerecht war und Widerrede wagte, ist tot – wehe, nicht in der Fehde ruhmvoll fiel er, nicht durch Unheil ertrank er ... Fin hat ihn wie einen Hundewelp im Wasser ersäuft.« Jung-Bor schüttelte ihre Arme und schrie: »Sage alles! Ich bin der Bluträcher meines Vaters.« »Frage die Uralte ... sie hat es mir anvertraut ...« Nun war auch in Bors Seele ein bohrender Giftstachel. Die drei Männer schritten hinab und hatten einen schweren Gang. Fred, der Bedächtige, sagte: »Wir haben von dem Grausigen durchaus noch keine Gewißheit ... vergiß nicht, daß Angst und Argwohn getrübte Augen haben und Gespenster sehen am hellen Tag ... und du, Freund Bor, bedenke, daß die Uralte nicht mehr ihre vollen Sinne hat, daß die Weiber oft ihre dunkle Murmelrede mißdeuten und viel fabeln.« »Ich werde Gewißheit erlangen,« nickte Bor finster. »Und ich werde suchen, bis ich die Eiche gefunden,« sagte Frod. »Im Walde sind vieltausend Eichen ... Freunde! Nichts wollen wir tun, ohne den lichten Gott zu befragen,« mahnte Fred. Hart und hastig erwiderte sein Bruder: »Der Finstre wird den finstren Ort zeigen.« – Der Häuptling hielt den Eichenstab und gab barsche Befehle: »Ihr beiden zieht in den Adlerhorst und bringet einen Kronhirsch heim. Ihr zwei in den Moosgrund, um Fallen zu stellen. Das ekle Schleimzeug und der fade Fisch widern mich an ... Fleisch will ich haben, viel Fleisch. Die drei Brüder suchen nordwärts die Rudel, wehe jedem, der leer heimkehrt ... ich will ihm heimleuchten. Lang ist der Winter, und kein Wildbret, kein Stück haben wir gedörrt und gepökelt. Ihr zwei gehet in die Westgründe, aber nicht in das Jagdgebiet der Bäk-Leute, ich will keinen Krieg.« Jetzt traten Bor und die Stiefsöhne vor. Argwöhnisch schielte Fin über sie hin. »He, wo seid ihr gewesen?« »Wir schärften die Messer und Beile.« »Schaffet Wildbret ... eine Strecke von fünfzig Stück will ich zur Nacht sehen. Nehmt den frommen Träumer mit! Wenn er auch keine Ratte fängt, so kann er ja beten und die Götter um Weidmannsheil bitten. Bringt mir Fleisch! Ich sag's in Güte, sonst sollt ihr mich im Grimm sehen ...« Er fuchtelte mit dem Stabe, und die jungen, starken Männer, alle sechsundzwanzig, kuschten vor ihm. – Die Jäger, die Beile und Messer, Wurfspeere und Wurfsteine und den Hund an der Leine hatten, zerstreuten sich nach allen Richtungen. Die Zwillingsbrüder und ihr Genosse Bor streiften stundenlang durch das endlose Gehege, oft den Wildpfaden folgend, oft durch Urwald-Wildnis kletternd oder kriechend, oder freie Bahn sich hauend. Obgleich sie die Augen und besonders die Ohren weit offen hielten – der Urmensch hat ein erstaunlich feines Gehör, das den leisesten Laut vernimmt und deutet – obgleich sie jede Fährte beachteten, jedem Geräusch nachgingen, hörten sie nur einmal ein flüchtiges Wild, aber ein ruhig äsendes Rudel fanden sich nicht. Frods Eifer erlahmte, und sein Ärger erwachte: »Werfen wir uns ins Gras, um zu warten, bis ein Kronhirsch uns beschnobert oder sein Geweih an unseren Knien fegt.« Sein Bruder trieb ihn an: »Ein rechter Weidmann wird nicht müde noch mürrisch.« Sie pirschten noch eine Stunde. Da fragte Fred: »He, warum guckst du immerzu in die Wipfel der Bäume? Willst du Krähen werfen?« »Ich ... ich suche die hohle Eiche mit den drei Stämmen ...« knurrte Frod. Der Hund sträubte das Nackenhaar und bellte wütend. Sieh da, ein Braunbär stand vor einem Baume aufrecht auf den Hinterpranken und schleckte den Honig der Waldbienen. »Lasset uns ihn mit den Speeren umstellen!« schrie Bor tapfer. Aber dieser Petz war ein feiger Bursche, der sofort sich trollte und im Dickicht verschwand. »Heute gelingt uns kein Wurf,« brummte Bor, »der finstre Gott hat uns den Tag versaut ... wie fein hätten die Bärentatzen geschmeckt ...« »Ja, dem Herrn Fin hätten sie vortrefflich gemundet, wir hätten nur den leckren Bratengeruch bekommen,« sagte Frod spöttisch. Worauf Jung-Bor nachdenklich fragte: »Warum muß der Eine solche Gewalt über uns alle haben? Ist er stärker und klüger als wir?« »Nein, aber frecher! Die grausig große Frechheit macht den Einen zum Herrn und Häuptling, haha!« Frod lachte höhnisch. Worauf Fred mit Sanftmut erwiderte: »Einer muß Herr sein im Dorf.« Der Hund witterte ungestüm und zitterte vor Aufregung. Bor raunte »Achtung!« Auf der Lichtung stand ein kleines Rudel von Rehen, und der Bock äugte argwöhnisch. Die Jäger warfen sich hin und regten kein Glied, auch Pack, der Hund, verkroch sich ohne Geheiß, bis das Rudel beruhigt war und die Waldgräser rupfte. Alle schlichen sich dann im Bogen um die Lichtung herum, bis sie sich gegen den Wind heranpirschen konnten. Bor nahm zwei Wurfsteine aus dem Bastsack, den er trug, die beiden andern hielten den Wurfspeer mit starkem Widerhaken, an dessen Schaftende ein Fellseil hing, in der Rechten, das Seil in der Linken. Jetzt begann das schwierigste Stück dieser Pirsch: Die schlangenartige Vorwärtsbewegung auf Ellbogen und Knien ohne das geringste Geräusch und ein sofortiges Erstarren des Körpers, sobald ein Tier den Kopf hob. Die Jäger der Steinzeit waren Meister in dem lautlosen Beschleichen, hatten den Bock und zwei Ricken in Wurfweite und tauschten einen Blick. In demselben Augenblick sausten zwei Speere und ein Stein durch die Luft. Ein zweiter Stein folgte. Der Hund flog in drei Sätzen durch den Raum und dem Bock, der vom Stein getroffen betäubt hinstürzte, an die Gurgel und biß sich fest, bis sein Herr dem Tiere das Steinmesser ins Herz stieß. Freds Wurfspeer saß im Rücken der Ricke, der Widerhaken hielt, aber er mußte das aufgerollte, gestrammte Seil, das er um die Faust geschlagen hatte, in den Grund gestemmt, mit all seiner Kraft halten, um nicht von dem wild sich bäumenden Reh umgerissen zu werden. Frod sprang hin, tötete es mit einem Beilhieb und wetterte zornig, denn er selbst hielt ein Seil, an dem kein Wild hing. Wohl traf er sein Tier, aber sein Speer saß zu flach, der Widerhaken riß aus. Mit einer tiefen Hautwunde entsprang es, dem Hunde zu flüchtig. Als sein Bruder den Verdruß des ehrgeizigen Weidmanns bemerkte, sagte er gutmütig: »Frod, nimm du mein Rehlein.« »Um es heimzutragen? Ich danke ...« »Nein, als dein Wild ... von mir erwartet der Vater nicht viel.« »Du willst meine Prügel auf deinen Buckel nehmen, du Edler? Nein, ich schmücke mich nicht mit den Federn des Falken, den ich nicht erlegte.« »Pssst!« flüsterte Bor und zeigte mit dem Finger, weit drüben bei den Ebereschen bewegte sich ein Hirschgeweih. Eine volle Stunde pirschten sie gegen den Wind. Es war ein stattliches Rudel Rotwild – und ein Sechzehnender hob das stolze Haupt. Da strafften sich die Muskeln, und die Herzen klopften. Noch eine volle Stunde krochen sie Spanne um Spanne näher heran – nur zwei Schritt noch bis zur deckenden Eiche, wo sie in Wurfweite waren, da schlug der Hochgeweihte mit dem Fuße den Grund, und das Rudel stob durch die brechenden Büsche. Jung-Bor hätte weinen mögen; Frod fluchte und fluchte, glotzte die Eiche an und schrie: »Sie hat drei Stämme, hier ist der Ort.« »Aber wo ist die Höhlung im Stamm?« Ja, die Höhlung fehlte. Es wurde dunkler im Walde, eine Wildtaube gurrte schläfrig. Die Jäger holten ihre Beute, die sie auf einer Stange trugen, und zogen schweigsam heimwärts. Der Häuptling des Dorfes saß mit dem Stockzepter im Arm oben auf dem Stein und starrte immer düstrer in den dunklen Wald hinein. Ihn schwante nichts Gutes. Endlich! Ein Jägertrupp kam mit schleppenden Schritten und blieb mit leerer Stange und leeren Schultern in achtungsvoller Entfernung stehen. Demütig rief der Wortführer: »Der ganze Wald ist wie ausgestorben, alles Wild hat sich aus dem Forst verzogen und wechselte westwärts ... wir haben uns todmüde gelaufen, oh, Herr, was unmöglich, ist unmöglich.« Fin gab einen Grunzton von sich, fuhr mit seinem Stabe auf sie los und schlug nach links und rechts. Die drei kräftigen Männer liefen hinter die deckenden Bäume und ins Dorf hinab. Die Furcht vor dem Despoten saß allen im Blut. Der Häuptling lehnte sich gegen einen Stamm, horchte und harrte. Zwei Jäger schlichen sich langsamleise durch den Erlengrund und wollten ungesehen in ihre Hütte sich stehlen. Die starre Gestalt fuhr plötzlich mit Schimpfworten und Schlägen auf sie los. Die Männer sprangen von dannen und riefen weinerlich: »Wir haben uns den ganzen Tag ehrlich gemüht, unsere Füße sind voll von Blasen ...« »Wie fein ihr auf euren Blasen laufen könnt!« höhnte Fin. Schritte im raschelnden Laub näherten sich, viele Schritte. Er lauschte und lugte argwöhnisch. Drei Jägertrupps, acht Mann, hatten sich aus Vorsicht, weil Einigkeit stark macht, zusammengefunden. Sintemal sie keinen Rattenschwanz erbeutet hatten, wollten sie gemeinsam dem Gewaltigen unter die Augen treten. Die Rechnung war gut. Fin sänftigte sofort seine rauhe Stimme, schob den Eichenstab unter den Arm und hielt eine schmerzliche Rede: »Nichts, nichts, obgleich ihr acht Mann und alte Jäger seid! Schämt euch vor der Gemeinde und vor den Göttern! Kein Stück Wildbret haben wir für den langen Winter. Oh, ich geplagter Herr der Sippe! Mehr als dreihundert Mäuler muß ich alle Tage zweimal sättigen, mich umheulen sie nach Fleisch und Fischen. Mein Herz bricht, wenn ich das weinen der hungernden Weiber und Kinder hören muß ... und ihr helft mir nicht bei meinem sauren Amte, Vater und Versorger von dreihundert Menschen und Mäulern zu sein, wählt zum Winter einen anderen Herrn!« Run brummte in den Bart, es sei leichter einen Häuptling als einen Kettenhund zu bekommen, denn Hund wolle keiner und Häuptling möchten alle sein. Ein anderer entschuldigte den Mißerfolg: »Wir sind kreuz und quer gelaufen, viele Meilen, aber nicht ein Geweih sahen wir, nur einen Fuchs und eine grise Hündin mit vier Welpen, die am Aas eines Schaltieres rissen. Das Reh- und Rotwild ist von einer Seuche ausgerottet worden ... die Götter mögen uns gnädig sein, mir graust vor dem Winter!« Fin ging mit nach dem Dorfe und klagte ein Langes und Lautes, denn das Wort von der Wildseuche erfüllte ihn mit schwerer Sorge. Es war sehr spät, als seine Stiefsöhne kamen. Seine Miene glättete sich ein wenig, als er die Stange sah. »Einen Bock und ein Rehkalb habt ihr ...« »Es ist eine feiste Ricke,« rief Frod. Fin betastete das Wild, nickte befriedigt und erklärte bestimmt: »Den Rücken und die beiden Hinterkeulen des Bocks müßt ihr morgen früh den Göttern opfern.« »Was bleibt dann für uns übrig?« schrie Frod empört. Fin packte seinen Arm. »Wir müssen die Gunst der Götter gewinnen, wenn wir nicht verhungern wollen.« Fred pflichtete ihm bei: »Ja, wir müssen den Beistand des Lichten erflehen.« Als die Brüder nach ihrer Hütte gingen, blies Frod einen Fluch durch die Zähne und zischte: »Essen die Götter? Du Tor! Die Keulen und Rehrücken verspeist der Alte.« »Oh, lästere nicht!« »Du frommes Närrlein! Er hält uns alle zum Narren ... ich hab's gerochen, daß er mittags, wenn alle schlummern, ein Feuer im Tempel zündet und Fleisch schmort, haha! Hätte er mich geschlagen, ich hätte ihm mit dem Beil den Schädel zerspalten, ich bin stärker als er. Wenn Fin nicht mehr ist, bin ich der Herr der Sippe, denn ich bin der Stärkste ... und du sollst dann der Priester der Sippe und der zweithöchste im Dorfe sein.« Frod lugte seinem Zwillingsbruder ins Antlitz. Sollte das der leise Vorschlag eines gewaltsamen Umsturzes und Fürstenmordes sein? Da kam er aber an den Rechten. Der friedsame Fred flammte in heiligem Zorn: »Die allsehende Sonne sähe deine Schandtat, der Lichtgott würde dich mit seinen Feuerpfeilen töten ...« Frod machte einen breiten Rücken und brummte: »Ich habe ein dickes Fell und keine Furcht.« »Auch nicht vor dem Finstren und Furchtbaren? Der die Untat rächt und qualvollen Tod sendet, der mit Siechtum schlägt und das Mark aus den Knochen frißt?« Der dreiste Frod schielte scheu in den finstren Wald. Die Nachtfurcht vor Spuk und Gespenstern, schon dem Kinde eingeimpft, saß ihm und allen zu tief im Blute. Er bat kleinlaut: »Vergiß mein törichtes Geschwätz! Fern liegt mir der Gedanke, Fins Tage zu verkürzen ... eines Mannes Jähzornrede ist eines Kindes Rede.« – – – Obgleich es ein ermüdender Jagdtag gewesen war, erhob sich Fred von seinem Lager, sobald der graue Morgen durch das Rauchloch im First dämmerte. Er wusch sich und ging nach seiner Werkstatt. Im Dorfe war heute noch ein Frühaufsteher. Gegen seine Gewohnheit stand Fin mit der Sonne auf, zerlegte den Bock und opferte die besten Stücke den Göttern, d. i. er briet den Rücken am Spieß und hielt ein langes, leckres Priestermahl, schmausend und schmatzend. Sein Fleischhunger war zu groß, und er schlang im Übermaß nach der langen Fastenzeit. Nach diesem Priester- und Gottesdienst schlief er zwei Stunden, bis die Trommel dröhnte. Weil zu wenig Wildbret für alle Mäuler war, verteilte Fin das Fleisch an die Krieger, deren Kraft erhalten werden müsse. Er selbst nahm den Anteil, der ihm als Herrscher und Heerführer gebührte, und er hat ihn wahrhaftig bewältigt, wenn auch mit Drücken und Würgen. Jedoch, das zwiefache Frühmahl ist ihm übel bekommen. – Fred eilte nach der Werkstatt zurück. Die Töpfe brannten im linden Feuer. Neue Verzierungen zeichnete er im Sande, um eine noch schönere Form zu finden und noch feinere Ornamente. Danach nahm er das Steinbeil zur Hand, um es mit dem Schleifstein zu reiben. Immerzu schürfte Stein auf Stein, in Zwischenräumen goß er Sand und Wasser darüber, um noch rascher und nachdrücklicher zu reiben. Die Schneide war bereits messerscharf und spiegelblank. Aber alle diese winzigen Ecken und Vertiefungen, die durch das feinste Behauen des Feuersteins nicht zu beseitigen waren, wollte er fortschleifen, und es gelang ihm mit Hilfe von Sand und Wasser in tagelanger Arbeit. Vor Freude leuchtete sein Auge, als er das Beil glatt und blank von der Schneide bis zum Nacken in der Hand hielt. Aber der dünne Nacken müßte nicht in das Holz des Schaftes hineingesteckt werden, sondern es müßte anders und umgekehrt und im Stein ein Loch für den Schaft sein. Jedoch der Granit war viel zu hart und ließ sich mit dem Steinbohrer nicht bearbeiten; hinwiederum der Feuerstein war viel zu spröde, zerplatzte und zersprang. Der Sandstein war zwar leicht zu durchbohren, aber viel zu weich, so daß die Schneide sofort stumpf und schartig wurde. Freds unendliche Geduld hörte nicht auf zu sinnen und zu suchen. Er hielt heute einen Grünstein, den er mit seinen Werkzeugen untersuchte. Oh, der war weder zu weich noch zu hart. Er griff eilig nach dem Bohrer. Da drang unten aus dem Dorfe ein Weibergeschrei an sein Ohr – er horchte – es war die Stimme seiner Mutter. Das Geheul wurde gellend. Fred warf den Stein hin und rannte zum Dorfe hinab. Herr Fin ließ den Knaben auf seinem Magen herumtrampeln, um die Fülle zu verteilen – das doppelte Frühmahl war für den Vielesser zu viel gewesen –, aber die Trampelkur vermehrte das Übel. Er stöhnte entsetzlich und brüllte nach Wasser, das sein Weib eilig holte. Nun wurde es aber noch ärger und Fin so sterbenskrank, als wenn ihm die Seele aus dem Leibe fahren wolle und nicht fahren könne. Er würgte und wütete: »Ich sterbe ... du Teufelsweib hast mir eine Giftwurzel in den Trank getan, uh ... uh!« Die Frau rang die Hände. »Der Lichte erbarme sich unser! Du hast zu viel gegessen und zu viel von dem gegorenen Honiggebräu, das sauer und stinkend ist, getrunken, mein lieber Mann.« Er heulte: »Du, du hast schon voreh Schierlingswurzel und Fingerhutblumen gekocht und das Giftgesud mir in die Speise getan, um mich umzubringen.« Der Häuptling war, wie alle Despoten, ewig auf der Hut vor Gift und Meuchelmord. »Bei dem allsehenden Sonnengott schwöre ich ... warum sollte ich dir nach dem Leben trachten?« »Weil du den Toten liebst, weil du den langen Han nicht vergessen ...« Der Wüterich riß und raufte ihr langes Haar. Da kam Fred angelaufen und blieb vor dem Stiefvater stehen. Sein Auge flammte, seine Hand hielt das schwere Beil. Der Rohling ließ von dem Weibe und wandte sich ab. So hatte er den sanften Fred noch nie gesehen. Er hörte die scharfen Worte: »Ich sage dir, du hast meine Mutter zum letzten Male geschlagen. Soll die Unschuldige büßen für deine Völlerei, weil du das Honigbier, das verdorben und ekelhaft ist, in dich füllst?« Fin schwieg. Er hatte die Knaben in den Wald geschickt, um Honig zu suchen, und jeden, der nicht ein Töpflein brachte, mit zwölf Stockschlägen belohnt. Alle Töpfe waren voll von duftendem Honig. Diese süße Menge hatte er genau nach den Anweisungen seines Nachbarn Nan kochen und gären lassen. Aber das Honigbier, das die Weiber schließlich brachten, war ein saures und abscheuliches Gesöff. Der gute Nan hatte die Hauptsache verschwiegen und sein Met-Rezept nicht verraten. Trotzdem hatte Fin, um sein Gemüt zu erheitern, und damit nichts umkomme, von dem greulichen Gebräu tapfer getrunken. Das viele Fleisch und der verdorbene Met waren für den starken Mann und Magen zu viel gewesen. – Fred nahm seine schluchzende Mutter mit nach der Werkstatt. Sie saß in der Hucke und sprach immerzu mit sich selber, in abgerissenen Sätzen. »Ach, Fin ist ein friedloser Mann, ein Fels lastet auf ihm und wird ihn zermalmen ... oh, dein Vater Han war stark und stolz, mannhaft und mannfreundlich, ohne Arg und Falsch vertraute er den Menschen ... auch seinem Freunde Fin ... das wurde sein Verderben, er ging mit ihm auf die Bärenhatz und wurde erschlagen ...« Der Sohn redete hart: »Du hast Argwohn und Ahnungen, aber keinen Beweis und keine Zeugen.« Finna murmelte vor sich hin: »Er stöhnt und redet im Schlaf ... seine wüsten Träume beichteten den Greuel. Ich weiß es aus Hans Mund an seinem letzten Morgen, sie hatten Honig in die Baumhöhlung gelegt, um den mächtigen Petz zu ködern, eine tiefe Grube am Fuß der Eiche ausgeschachtet und sie mit Reisig und Laub bedeckt. Der Bär saß in der Fallgrube mit wilden Lichtern, geiferte und brüllte. Sie stießen ihn mit den langen Speeren, er raste an den hohen Wänden empor und fiel zurück und fauchte. Da stieß Fin seinem Freunde den Speer in den Rücken, daß Han vornüber in die Grube, in die Pranken und Zähne der todwunden Bestie stürzte. Der Bär zerfleischte ihn ... oh, oh, meinen starken Han, den ich liebte! Fin hat das Tier erstochen und die Grube zugeschüttet ... er wühlt mit den Händen im Laub des Lagers und schreit: ›Mehr Erde darauf, mehr Erde!‹ Mein Sohn, soll die Untat in der Bärengrube begraben sein? Soll dein Vater keine Rache und keine Ruhe finden?« Fred warf den Bohrer hin und ging auf und ab in schweren Seelenkämpfen. »Ich muß zuvor die Wahrheit und Gewißheit haben und keine Träume bloß ... ist meines Vaters Leichnam nie bestattet worden?« »Fin kam schreiend ins Dorf gelaufen, der riesige Bär sei hinterrücks gekommen, habe Han zerdrückt und ins Dickicht geschleppt. Haha ... Die Männer haben tagelang gesucht und keinen Knochen von seinem Leibe, keinen Fetzen von seinem Fellkleid gefunden ... er ist in der Bärengrube begraben.« »Ich will die Eiche und die Grube suchen, ich will Beweis und Zeugen haben,« sagte Fred dumpf, »und dann wird der Sohn der Bluträcher des Vaters sein. Mutter! Warum hast du diesen Fin, den du für den Mörder hältst, geehelicht und zu meinem Vater gemacht?« »Meine Söhne, die Erben der Herrschaft, waren unmündig und ich ein machtloses Weib. Er zwang mich zur Ehe, um Herr der Sippe zu sein, er zwingt alle ... du, mein Sohn, hast zuerst das Licht der Welt erblickt und den ersten Schrei getan, und Frod den zweiten, du bist der rechtmäßige Herr und Herrscher.« »Was ist mir die Herrschaft, nach der mein Bruder giert ... ich sage dir, es soll kein Blutvergießen und kein Brudermord im Dorfe sein.« »O du Guter, der lichte Gott wird dich segnen und langes Leben dir geben.« »Ich lege ein Schloß auf deine Lippen, schweige und rede nicht mit Frod und Bor und den anderen von dem, was du mir gebeichtet hast, schweige, bis ich die Grube und Gewißheit gefunden habe!« IV. Es war der Juni, der lichteste, lieblichste Monat des Jahres an diesem Gestade des Bernsteinmeeres. Wald und Wiese trugen ihr Prunkkleid, mit Blumen bestickt, mit Blüten behangen. Die Erde grünte, der Himmel blaute, die Förde glänzte, die Sonne leuchtete den langen Tag, der kein Ende nahm. Spätabends sang die Graudrossel, vor Tag und Tau schmetterte die Nachtigall, und alle Singvögel trugen ihre schönsten Lieder vor; ein Flöten und Trillern, Jauchzen und Jubilieren klang von allen Zweigen, wie ein Lobgesang der wunderschönen Erde. Jedoch der Steinmetz, der oben in seiner Werkstatt pochte, pfiff kein Liedchen. Sein düstres Grübeln galt nicht seinen Töpfen und Beilen. In seiner sanften, friedfertigen Seele war ein Kampf, eine Qual. Bei jenen Urmenschen der Steinzeit war die Blutrache ein von den Vätern überliefertes, urewiges, heiliges Gesetz. Des Erschlagenen Sohn oder der nächste aus seinem Blut war sein Bluträcher, der das Gericht vollstrecken sollte, damit die Seele des Gemordeten Ruhe fände. Wehe dem Manne, der diese heiligste Pflicht vergaß! Verfallen war er dem finstren Gott mit Leib und Seele. Fred war nach den Aussagen seiner Mutter der älteste Sohn und der Bluträcher des Ermordeten. Ein kalter Schauder ging über seinen Rücken am heißen Sommertag. Er war alles andere als ein Feigling, aber ein friedsamer, frommer Mann, dem Hader, Haß und Mord ein Greuel war, und der gern von einer Zeit, wo keine Fehde mehr an allen Förden war, träumte. Die Erfüllung seiner heiligsten Sohnespflicht hatte er von Woche zu Woche hinausgeschoben, weil er Zeugen und Beweise der scheußlichen Neidingstat haben müsse. Aufspringend warf er das Beil hin: »Ich muß die Eiche und die Grube suchen ... wenn ich die Gebeine des Mannes und die Knochen des Bären in dem Grabe finde, dann ... hilf mir, du lichter Gott!« Stundenlang lief Fred durch den Wald, schaute in die Wipfel und blieb vor allen alten Eichen stehen, die in dem ungeheuren Forst unzählig waren an Zahl. Auch ein anderer wollte die Eiche finden, sein Bruder suchte auf allen Pirschgängen den unheimlichen Ort. – Alle Finleute gingen sehr fleißig auf die Jagd und legten auch Schlingen und Fallgruben, obgleich sie in dem bösen Sommer wenig erlegten. Darum waren sie so unermüdlich, weil sie keinen Vorrat hatten und die Furcht vor einem Hungerwinter allen im Blute saß. Gebückt und gedrückt, mit Jagdgerät schwer beladen, zogen die Männer in den Forst, die Schwatzhaften schwiegen, und die Jungmannen lachten nicht. Die Vorahnung einer schweren Notzeit und die Furcht vor dem Winter lastete auf diesen Menschen der Steinzeit, diesen Naturkindern, die sonst allzeit fröhlich und glücklich waren, wenn sie nur ihr reichliches Futter und an Festtagen ihre Spiele und Feuertänze hatten. Wohl gab die Förde Austern und Fische in Fülle, aber Fleisch, leckeres Wildbret war ihre liebste Nahrung. Bei guter, regelrechter Jagd rechnete man drei Pfund pro Mann und Mahlzeit, und außerdem hatte man alljährlich große Mengen Wildfleisch für den Winter in der Sonne gedörrt, mit Salz gepökelt. In den Räucherhütten hing auch nicht eine Keule. Sehr wenig Wild wurde erlegt und mit Heißhunger vertilgt. Was das allerschlimmste war, die paar mageren Böcke und Ricken, die sie mit Stein oder Speer warfen, waren schwerkranke Tiere und eine leichte Beute. Jetzt, wo Not am Mann, zog Herr Fin in höchsteigener Person in den Wald und lief sich die fürstlichen Beine müde und Blasen an die Füße. Das aber muß man ihm lassen, daß er jetzt unermüdlich war, um sein Dorf mit Vorräten zu versorgen. Der Späher meldete einen Elch im Erlenbruch. Sie pirschten sich heran, ihre Freude war groß; denn es war ein gewaltiger Hengst, der dort am Baume ruhig sich rieb. Zu ihrem Befremden blieb er stehen, als sie immer näher kamen, erst zuletzt schlenkerte er, auf den langen Beinen torkelnd, zehn Schritte in die Büsche hinein und blieb dann unbeweglich stehen, als wenn er sich töten lassen wolle. Nach einem Steinwurf fiel der Koloß krachend hin und schlug kaum mit den Läufen, als Fin das Messer ins Blatt stieß. Aus den Nüstern des Tieres floß Schleim und schwärzliches Blut aus der Wunde. Run, der erfahrene Jäger, rief erschrocken: »Es ist totsiech gewesen, wehe uns, die Wildpest hat auch die Elche ergriffen ... alle Tiere, Rehe, Hirsche und Elche, sind von der Seuche befallen.« Die Männer schwiegen tiefbekümmert – das war eine Lebensfrage für die ganze Sippe. Bor brachte eine böse Botschaft: »Hier drüben liegt das stinkende Aas von einem Keiler, den die Füchse angefressen haben, auch die Wildschweine haben die Pest.« In den heißen, herrlichen Sommertagen, wo Himmel und Erde lachten, war der schwarze Tod im grünen Walde. Das Wild verkroch sich im Gebüsch, wo der freche Wolf dem gewaltigen Elch an die Gurgel sprang. Nur die Füchse wurden feist, und die grisen Hunde mästeten sich. Wenn die Jäger auf Hirsche stießen, waren es kranke oder krepierte Tiere. Die Rudel wechselten meilenweit südwärts, ihr Instinkt trieb sie zur Flucht aus dem verseuchten Wald, der wildleer wurde. – Aus dem Einbaum stieg ein schmucker Fant mit lebhaften Augen, Jung-Bor, der schon lange der Versorger seiner Mutter und seiner sechs Geschwister gewesen war. Der wackere Bursche trug ein Weidennetz voll von zappelnden Fischen, legte im Tempel den besten Dorsch dem Lichten als Dankopfer hin, besann sich und wählte einen kleinen Breitfisch für den anderen Gott, damit er vor Unglück verschont bleibe. Oben in Freds Werkstatt warf er sich hin, um ein wenig zu rasten und zu reden. Der Steinmetz grüßte freundlich. »Ein feiner Fang! Du bist ein braver Kerl, der acht Mäuler satt macht nach dem Tode seines Vaters ...« »Ja, mein Vater, wo blieb er?« »Auf der Förde draußen ... es frommt nicht zu fragen, wo keine Antwort ...« »Fin war bei ihm im Boote, und ich muß Antwort haben, denn ich bin Bors Sohn ... heilig ist die Blutrache ...« »Aber grausig, über die Maßen grausig, daß Blut immer wieder Blut vergießt.« Bor sagte leise vertraulich: »Ich habe Gerda den besten Aal, den sie mit den Lippen von der Gräte rupfen kann, geschenkt und sie befragt ... die Alte, die oft eigensinnig und schwerhörig ist, murmelte und kicherte: »Zwei im Boot hoben und hißten das schwere Netz ... warum riß er so heftig, daß ihm die Füße hoch in der Luft standen und sein Kopf ins Garn geriet? Hihi! Frage das Wasser und das Netz, frage Herrn Fin und die Götter!« Fred sagte bittend: »Viele Fischer verschlang die Förde schon, dein Vater ertrank durch einen Unglücksfall.« »Nein, nein! Bist du mein Freund, so mußt du den Freundschaftsdienst mir erweisen ... dich liebt die Uralte wie einen Sohn, dir wird sie nichts verschweigen. Du sollst mir die Wahrheit erforschen, die ich wissen muß.« »Oh, erlaß es mir, ich habe genug an meiner Last zu tragen.« »Willst du mein Freund sein? Oder mein Feind? Eins von beiden!« Der Jüngling ertrotzte seinen Willen. Fred nickte bekümmert. »Wohlan, ich will die Uralte befragen, wenn sie eine gesprächige Stunde hat, dir zum Weh und mir zum Leide.« In Freds Seele war neue Gewissensnot. Es war fast unmöglich, unter den vielen Tausend Eichen des Urwaldes die eine herauszufinden, und nicht viel leichter, aus Gerda etwas herauszulocken; denn sie hatte Tage, Wochen, wo sie wie taub und stumm war und keine Frage hörte. Wenn sie von selbst und plötzlich den zahnlosen Mund öffnete, so erzählte sie mit Behagen von dem großen Hungerwinter, der vor drei Stieg Jahren war und die Hälfte aller Fördeleute hinwegraffte. Die Zuhörer grausten sich, und die Weiber heulten. Dann schlug Herr Fin nach ihr mit seinem Stock, daß sie das Maul halte. Aus ihren tiefen, toten Augen schoß ein greller Blitz, aber sofort verstummte ihr Gemurmel, und sie versank in ihren Traumzustand. – Das größte und fröhlichste Fest des Jahres stand vor der Tür, der Mittsommertag. Fin saß im Ting und sagte mit Würde: »Wer Gast war, muß Gastgeber sein, wir müssen die Nachbarsippe zum Feuertanz laden.« Die Ältesten waren alle dagegen. »Wir haben selbst nichts zu braten und zu beißen, nichts als die zwei Elchkeulen, die einen Steinwurf weit riechen. Sollen wir ihnen gemeine Speise, Austern und Breitfische, vorsetzen, damit sie hohnlachen?« Der Gewaltige blieb beharrlich: »Sie werden unser dürftiges Mahl nicht schmähen, weil auch in ihrem Wald der Wildtod ist und alle Dörfer der Förde fasten müssen.« Fin setzte seinen Willen durch und hatte dafür geheime Gründe. Das Honigbier hatte ihm zu gut gefallen trotz der scheußlichen Nachwehen, die er schnell vergessen hatte. Zwei der Ältesten gingen zum Näs und luden zum Fest. Am Mittsommertag rieselte der Regen von der Morgenfrühe an, es rann und rauschte im Walde. Der Sonnengott, den man heute feierte, verhüllte den ganzen Tag sein Antlitz. Die Männer schüttelten das Haupt und die triefenden Haare, die Weiber raunten: Das sei eine ganz böse Vorbedeutung, es werde ein furchtbares Notjahr werden. Gegen Mittag goß es wie mit Eimern. Trotzdem kamen die Näsmänner, wie es Sitte war. Sie schlenkerten das Wasser von sich, wie nasse Hunde. Herrn Fins Begrüßung troff von Freundlichkeit. Rafn, Nans Ältester, und Frod maßen sich mit einem feindseligen Blick und gingen einander aus dem Wege, wie zwei Bulldoggen, von denen keine den ersten Biß wagt. Die Frauen bliesen und schürten das qualmende Feuer. Die Gäste hockten sich nieder zum Mahl, rümpften die Nase und witterten nach den Steinherden, wo die Elchkeulen schmorten, hinüber. Ein durchdringender stinkender Wildgeruch! Dennoch schlangen sie, die lange gefastet hatten, das halbrohe, stark riechende Fleisch in sich, alles vertilgten die Gäste kraft des Gastrechts, nur die Knochen blieben zurück für die Gastgeber. Die Wettspiele und Faustkämpfe wurden ohne Lust erledigt, zu sehr klatschte der kalte Regen auf die nackten Körper. Trübe verlief das verregnete Fest, obgleich Fin sehr liebenswürdig war. Er nahm Nan beiseite und tätschelte seinen Arm. »Freund, genau nach deiner Anweisung habe ich das Honigbier gebraut, aber es wurde kein süßer Met, sondern ein saures, scheußliches Gesöff.« Nan lachte: »Ja, du hast wohl vergessen, den Honig hineinzutun.« »Nein, du hast mich zum Narren gehabt ... sei mein Freund und zeige mir, wie die Gärung und Klärung gemacht wird!« Der andere kniff das lauernde Auge zu. »Was gibst du mir dafür? Dein bestes Beil?« »Es sei! Wenn du mir ehrliche, ausführliche Auskunft gibst, gehört dir das Beil.« Nan beschrieb zweimal das Brauverfahren, wie die Würze nicht fehlen dürfe und das gegorene Gesud zu behandeln sei. Jetzt lachte Fin. »Hättest du mir das nicht verschwiegen, du Schelm, so hätte ich dir heute leckeres Honigbier vorgesetzt ... nun müssen wir Wasser saufen, wie die Hunde.« Fin holte das Feuersteinbeil mit dem natürlichen Loch, das der Steinmetz erweitert und geschaftet hatte, das Beil, das ihm nicht gehörte, und das Fred um keinen Preis missen wollte. Der Häuptling vom Näs prüfte die Schneide, sah sofort die vorzügliche Schaftung und ließ sich sein Entzücken durchaus nicht merken. »Das Ding ist zu gebrauchen... mache mir sechs Beile von der Art, so liefere ich dir zwölf Töpfe voll Honigbier.« Fin lachte lustig. »Ich habe sehr viel Honig, mein Lieber, und werde bald Bier verkaufen.« Da befiel den Näs-Mann eine tiefe bittere Reue, daß er heute das richtige Rezept verraten habe. Rafn mied den einen Bruder, redete aber sehr freundlich mit dem anderen, und Fred gab ihm höfliche Antwort. »Du bist ein großer Töpfermeister, wie ich gesehen habe, doch hörte ich auch, daß du die besten Beile machst.« »Ach, mir ist vieles mißraten.« »Sehr schön ist der Topf, den du meiner Schwester schenktest, seinesgleichen ist nicht in unserem Dorf.« »Ja, Funda... Funda ist deine Halbschwester...« »Du, sie läßt dich grüßen, gern wäre sie gekommen ... daß die Weiber daheim bleiben müssen, das nennt sie eine Ungebühr, eine alte Sitte, haha ... ja, ja, sie hat ihren eigenen Kopf und eine andere Meinung als die anderen Frauen. Gern möchte ich deine Werkstatt und deine Töpfe sehen.« Fred wurde herzlicher und lebhaft. »Meine Werkstatt sollst du schauen.« Das war es just, was der kluge Rafn gewollt hatte. Sie saßen lange oben in der Hütte. Der Gast konnte sich an dem zuletzt gebrannten Topf, der mit frischen Verzierungen förmlich glänzte, gar nicht satt sehen und fand immer neues Lob. Da sagte Fred bescheiden: »Grüße deine Schwester und nimm den Topf mit, ich schenk ihn ihr.« »Ei, mit dir ist gut Handel treiben ... verkaufe mir dieses Beil! Ich gebe dir zwei Bärenzähne, die schönsten an der Förde, dafür.« »Was sollen mir die Zähne?« »Zwei Bärenfelle lege ich dazu.« »Warum willst du zahlen? Betrachte dir das Beil und mache dir nach diesem Muster ein gleiches!« Rafn untersuchte Band, Schaft und Schneide bis ins kleinste, ließ die grellen Augen hin und her laufen und wollte offenbar von dem Meister der Fin-Leute die Kunst erlauschen und seine Kniffe ihm entlocken. Jedoch die Absicht des Gastes mißlang. Fred hatte den Grünstein, den er durchlochte, und seine feinsten Werkzeuge in der Schutthalde versteckt und verriet keinem, am wenigsten einem Nachbardorfe, die Geheimnisse seiner Kunst. Das Festfeuer qualmte, obgleich sehr viel Harz auf den Holz- und Reisighaufen geschüttet wurde, schwarzer Rauch erfüllte die Luft, so daß die Feuertänzer husteten und prusteten und jeder Jauchzer im Rauch erstickte, der Regen rann, das Wasser klatschte von den Zweigen. Keiner hatte Freude am Fest. Man sagte gedämpft zu Fin: »Das bedeutet böse Zeit, der Finstre regiert das Jahr.« Dieser antwortete: »Ja, ich wollte, der Herbst und Winter wäre gewesen.« Die Gäste sprangen in die Einbäume, die Fin-Leute verkrochen sich in ihren Hütten. Am nächsten Morgen leuchtete die helle, herrliche Sonne am tiefblauen Himmel. Fin trieb die Weiber und Kinder in den Wald, um den Honig der Wildbienen zu sammeln. Fleißig summten die Immen. Die Knaben folgten dem Flug der Arbeitsbienen, die mit Nektar schwer beladen heimwärts flogen, kletterten in die Bäume und fanden die Schlupfwinkel. Bald war der Stock ausgeräuchert, das Bienenvolk getötet, die Räuber nahmen die vollen Waben und leckten sich die Finger. Fin schnalzte mit der Zunge beim Anblick der vollen Töpfe und überwachte in höchsteigener Person das Mischen und Sieden des Honigbiers. Mit schmerzlicher Ungeduld, aber auch mit großer Selbstbeherrschung wartete er die vielen Tage, bis die Gärung beendet und das Gebräu wohl geraten war. Fin schmeckte und schmatzte, kostete noch einmal, klatschte sich auf den Schenkel und drehte sich wie ein Kreisel, um durch einen Freudentanz das große Ereignis zu feiern. Als kluger Regent teilte er jedem der Ältesten ein Töpfchen zu, ein weise beschränktes Maß, das keinen Rausch erzeugen konnte. Er selbst freilich trank das Honigbier, um seinen Fleischhunger zu dämpfen, so unmäßig, daß er am Nachmittag betrunken vor seiner Hütte lag. Es war nicht das letzte Mal, daß der Met ihn übermannte. – Nach dem lieblichen Juni kamen die heißen Hundstage. In der Abendschwüle schwärmten die Mücken und stachen arg die Menschen, die bis auf den Schurz nackt gingen. Um sich gegen die Blutsauger zu wehren, hockten sie um ein Feuer herum, das sie mit Reisig unterhielten und rauchen ließen. Kein Schwatzen und Trällern, kein Kichern und Lachen – wie sonst – vernahm man, stumm und stumpf schlugen die Alten und Jungen nach den frechen Mücken. Fred ging abseits an den Strand und vergrub sein Gesicht in den Händen, wenn ich Gerdas Lippen öffne und Gewißheit erlange, dann wird Jung-Bor seine Blutrache vollstrecken und Fin erschlagen ... dann wäre auch der Mord meines Vaters gesühnt und meine Hände rein von Blut. Aber war es ein Mord? Mehr als ein Fördemann ist vom bösen Bären zerrissen worden. In dieser schwachen Hoffnung wurde er durch ein schreckliches Ereignis im August des Jahres bestärkt. Gerdas einziger Enkelsohn, ein schwächlicher Mann von vierzig Jahren, der Hinko hieß, weil er von der Geburt an ein zu kurzes Bein hatte, war ein sehr eifriger Honigsammler, seitdem er durch seine Tätigkeit des Häuptlings Gunst erlangt hatte und bei den Mahlzeiten große Rationen erhielt. Er hatte ein Bienenvolk ausgeräuchert, schöpfte den Honig in ein Gefäß und leckte sich die Finger, als er ein dumpfes Brummen hörte und auf den Tod erschrak. Hinter ihm stand ein riesiger Braunbär, der den Honig des Waldes als sein Eigentum betrachtete, auf den Hinterbeinen. Im Spätsommer, wenn die Bären, die schleckermäulig sind, zu viele Waldbeeren fressen, werden ihre Zähne wund und schmerzhaft, und sie heilen ihr Zahnweh dadurch, daß sie Blut saufen. Dann werden die Tiere, die sonst dem Menschen ausweichen, bösartig und blutdürstig, das wußte Hinko genau, und mit Geistesgegenwart stellte er den Topf voll Honig hin in der Hoffnung, daß Petz seine Schnauze hineinstecken und ihm Zeit zur Flucht lassen werde. Der plumpe Geselle jedoch war sehr behende und packte ihn mit der Tatze. Hinko griff in die Zweige, um den Baum zu erklettern, aber der Bär zerrte ihn herunter und zerriß den Ärmsten. Als die Trauerkunde ins Dorf kam, schrie die ganze Sippe, daß sie Blutrache nehmen wolle für Hinkos Mord. Zwei Dutzend Männer zogen in den Wald, um den Missetäter zu stellen. Die Hunde scheuchten ihn, der ein Mittagsschläfchen hielt, aus dem Dickicht auf, die Jäger kreisten ihn mit ihren Speeren immer enger ein. Faßte der Bär einen Speer, dessen Schaft wie dürres Holz zerbrach, so stießen vier andere ihre Steinspitzen tief in sein Fleisch; wandte er sich gegen diese Feinde, durchbohrten andere seinen Nacken, und die Hunde bissen sich auf seinem Rücken fest. Im Triumph wurde die Beute ins Dorf getragen, und ein gewaltiges Geschmause begann. Unsinnig schlangen sie nach der langen Fastenzeit das Fleisch in sich, und vor dem Abend war keine Faser mehr an den Knochen. Als Gerda den Tod ihres einzigen Enkels erfuhr, kam kein Seufzer über ihre Lippen; viele meinten, sie habe gänzlich den Verstand verloren und die Botschaft nicht verstanden. Aber nach einer Weile redete sie, nicht mit Gemurmel wie sonst, sondern mit gellender Stimme: »Er ist der erste von vielen, die sterben werden. Wohl ihm, denn er fand einen jachen Tod. Aber wehe den vielen, die der Hunger langsam frißt in wochenlanger Qual! Ich sah vor dreimal zwanzig Wintern, wie sie mit leeren Eingeweiden hinsiechten und stückweise starben. Oh, ich sehe Leichen, Leichen allerwegen ... starke Männer, die ihre Hand nicht heben und die Fliege, die auf ihre Nase sticht, nicht erschlagen können ... zwei Stieg Leichen ... ausgemergelte Weiber, wandelnde Leichen ... und Kinder, fahl und blutleer, welche die eigene Mutter erwürgt, weil sie ihr Wimmern nicht mehr zu hören vermag ... Leichen in den Hütten, am Hag und im Walde ... Leichen an allen Förden ...« Jetzt kam Fin, schwang den Stock und schimpfte, aber er wagte nicht, die Greisin zu schlagen. »Willst du das Unken lassen, du Hexe, die du das Volk mir verstörst!« Er schlug nach den vielen Zuhörern, die auseinander stoben, und schrie ihnen nach: »Werdet ihr nicht satt alle Tage, ihr Vielfraße? Sorge ich nicht für euch wie ein Vater?« Fin hatte nicht ganz unrecht; an Nahrungsmangel litt die Sippe nicht, solange die Netze mit Fischen und die Körbe mit Austern sich füllten. – Die Einbäume schwammen auf der Förde. Run, ein alter ausgelernter Fischer, der immer den größten Fang machte und die besten Fischgründe förmlich witterte, warf die Angel aus. Nach dem dritten Wurf hing am Haken ein riesiger Hecht, der wie ein kleiner Haifisch mit dem Schwanze schlug. Sechs Hände griffen zu und zogen langsam, damit Schnur oder Haken nicht zerrissen, den Fisch ins Boot. Hier schnappte er mit den langen Zähnen, bis Run ihm die Ruderstange als Lutscher ins Maul stieß. Sehr fischreich waren die Gewässer, schwere Hechte und armdicke Aale waren keine Seltenheit. Auch wuchsen im Walde Brom- und Himbeeren, Bick- und Moosbeeren in schwerer Menge. Die Weiber und Kinder brachten Weidenkörbe voll von Beeren ins Dorf. Es war durchaus kein Mangel an Speise. Aber jene Menschen der Steinzeit, die kein Getreide kannten und ausschließlich Fischer und Jäger waren, lebten seit Jahrtausenden von dem Ertrag der Fischweid und des Weidwerks. Die Tiere des Waldes hatten ihnen allzeit mehr als die halbe, die liebste und kräftigste Nahrung geliefert. Die Männer wurden mißgestimmt und mürrisch und klagten, daß sie keine Kraft mehr in den Knochen hätten und ihre Muskeln schlaff würden von dem weichlichen Fisch und dem schleimigen Fraß. – In alle Farbenpracht des Herbstes kleidete sich der Wald. In Braun und Rot, in Gold und Purpur prangten die Blätter, der Altweibersommer spann seine flimmernden Fäden; Wald und Wiese, Flur und Förde leuchteten und lachten noch einmal in ihrer vollen Schönheit, ehe der Laubfall und das Wintersterben begann. Sonst war der Herbst des Jahres fröhlichste Zeit gewesen, wo der Weidmann mit voller Stange jauchzend heimkehrte. Und heuer? Die Finleute mochten nicht mehr den Wald betreten, der tot war. Aus jedem Dickicht stieg ihnen ein Aasgeruch in die Nase, wenn sie mal auf eine Ricke oder ein Schmaltier stießen, so war es totsiech und ließ sich willig töten. – Auch die Wildschweine waren verschwunden. Fred und Frod fanden die letzte Sau, eine alte Bache, die schon krepiert war, und vier Frischlinge saugten an der toten Mutter. Frod wollte sie töten und braten. Aber Fred bat sehr: »Laß sie am Leben! Tu mir die Liebe! Laß mir die Frischlinge!« – Sein Bruder zeigte sich großmütig. Fred fing die drolligen Tiere, steckte sie in einen Fellsack, machte neben seiner Werkstatt einen Holzverschlag und fütterte sie mit Fischen und Eicheln. Sie gediehen prächtig, wenn man ihn darum verlachte, sagte er ernsthaft: »Können sie nicht wachsen und sich vermehren und eine Herde werden?« Das war die erste Schweinezüchterei in jener Steinzeit, die kein Haustier, weder Rind noch Schaf, weder Gans noch Huhn, und nur den Hund hatte. Der war schon ein treuer Begleiter des allerersten Wildmenschen, der nach der grausigen Eiszeit den Renntierherden folgte und an dieser Förde eine Erdhöhle grub für sein Weib und seine Welpen. Morgens war Eis auf dem Wasser. Der grimme Winter, der stets ein böser Gast an den Förden war, setzte heuer viel zu früh ein. Schon im Nebelmonat biß der Frost so, daß die Ränder der Förde sich mit Eis bedeckten. Die Männer krochen am Feuer zusammen, wärmten die steifen Finger und klagten: »Wir verderben! Die Austern alle Tage sind uns zum Ekel geworden.« Gerda schlürfte mit Behagen die weiche Speise und kicherte: »Wartet nur ein Weilchen! Die Auster wird noch ein Leckerbissen werden, um den drei Männer sich raufen.« Das Gemurre des Fleischhungers wurde immer lauter. Da gab Fin schweren Herzens den Befehl, die Hunde zu schlachten, jeden Tag zehn Stück. Das tat der Steinzeitmensch nur in der äußersten Not, der Hund war sein treuester Freund, als Wächter und Jagdgehilfe unentbehrlich. Keiner wollte seinen Treu oder Rasch oder Greif zuerst dem Gemeinwohl opfern, alle wollten in dem Stück die letzten sein. Das Los mußte entscheiden. Jung-Bor schlang die Arme um seinen Pack und weinte bitterlich. Dann schlich er sich nach der Werkstatt hinauf, um dem Freunde seine Not zu klagen – er könne es nicht ertragen, daß sein Hund getötet und verspeist werde. Fred hob den Hopf und raunte listig: »Ich habe meine Frischlinge, die viele mit allzu lüsternen Augen betrachteten, in einem feinen Versteck, das keiner findet. Mache daneben eine Hütte für deinen Pack und sage den Leuten, daß der Schlaue den Mordanschlag gewittert habe und verschwunden sei.« Wie er sagte, so geschah es. In einem großen Dornendickicht, das nur einen sehr versteckten Zugang hatte, wurde neben dem Ferkelkoben eine Hundehütte gebaut und Pack hineingetan. »Wenn er nur nicht bellen und seinen Ort verraten wird,« meinte Fred. Nein, Pack war ein zu kluger Hund, um einen Laut von sich zu geben, und schien genau zu wissen, welch ein Schicksal ihn bedrohe. Nachts ließ sein Herr ihn frei umherlaufen, damit er sich Nahrung erjage. Frühmorgens im Dunkeln saß er schon in seinem Versteck, wo er den ganzen Tag schlief oder sinnierte. Bereits drei Wochen vor Mittwinter fing ein heftiger Nordostwind an zu blasen und zu beißen und heulte bis zum zweiten Neumond. Das Eis drang vom Ufer aus immer weiter vor und wollte die ganze Förde in Fesseln legen. Fin erkannte sofort die furchtbare Gefahr, ließ die Trommel donnern und rief alles Männliche bis zum Zehnjahrs-Knaben auf den Kampfplan. Im eisigen Wasser watend, und dann von den Einbäumen aus schlugen sie mit Beilen und Stangen das Eis in Stücke. Jeder Knirps hielt einen Knüppel und hieb die Schollen in Scherben. War die Arbeit getan, warfen sie Netze und Angeln aus, fuhren sie mit den Schrabern über die Austernbank, bis tief in die Nacht hinein beim Schein des Mondes. Eine furchtbare, vielstündige Arbeit. Es mußte sein! Herr Fin befahl es und zeigte in der Not noch einmal seine Herrschergröße; alle gehorchten und gaben ihre Kraft her bis zur Erschöpfung. Bei Tagesanbruch biß der Frost am grimmigsten. An jedem Morgen hatten sich die Schollen und Scherben zusammengeschweißt, und weit hinaus stand hartes, dickes Eis. Fins Stimme überheulte den Sturm. Von neuem begann der Kampf mit Beil und Stange, der immer hoffnungsloser wurde. Alle Augen starrten immer wieder nach der Wetterfahne. Doch der Wind sprang nicht um, sondern wurde zum Nordoststurm, der weithinaus das Wasser in Fesseln schlug. Der Häuptling versuchte jetzt nur noch die Mitte der Förde und die Austernbank zum Teil offen zu halten. In diesen Tagen kam kein Tropfen Honigbier über seine Lippen. Eines Morgens ging Bor in den Wald, um seinen Hund zu begrüßen. Pack sprang mit freudigem Gewedel an ihm empor, ging in die Ecke und legte eine Krähe, die er in der Nacht überfallen hatte, vor seinen Herrn hin. Das kluge und selbstlose Tier wußte, daß sein Herr nach einem Fleischbissen lechzte, und brachte einen Teil seiner Jagdbeute. Der Jüngling machte schnell ein Feuer und briet die gerupfte Krähe, die ein sehr zäher Braten war, aber wie ein Rehrücken mundete. Am Abend holte er seinen Hund, um auf die Pirsch zu gehen. Sie waren genügsam, selbst die Ratte wurde nicht verschmäht. Der Hund führte zum Schlafplatz der Krähen, wo Bor mit dem Wurfstein zwei Stück herunterholte, sprang weiter und hetzte ein Eichhörnchen, das flink in einen Baum hinaufhuschte. Bor blickte ihm nach – stutzte – starrte die Eiche an, die in drei Stämme sich teilte. Seine Hände zitterten, als er in Mannshöhe den Stamm betastete. Hier war die Höhlung! Er zweifelte nicht, daß hier die Eiche sei, die Frod suchte. Hell schien der Mond, ein Irrtum war unmöglich. Meile um Meile hatte Frod den Wald durchsucht, – keine halbe Wegstunde vom Dorf war die Blut-Eiche und der grausige Ort. Jung-Bor lief und klopfte an die Hütte der Zwillingsbrüder. Frod, schon völlig bekleidet, den Speer und die Schlingen in der Hand, trat ins Freie und grüßte erstaunt, Er wollte ein Kleinwild erjagen. Über Bors Lippen stürzten die Worte. Frod warf seine Geräte hin, riß ihn am Arm und rief: »Führe mich an den Ort! Zur Eiche! Halt! Laßt uns Beile, Hammer und Holzschaufeln mitnehmen! Leih mir deine Hilfe! Ich lohn es dir, wenn ich der Herr der Sippe bin.« Frod rannte waldwärts. Die Erde war gefroren und wie Granit, die beiden Männer schlugen mit dem Beil Stücke aus dem Grund und verschnauften keinen Augenblick, obgleich der Schweiß rann. Besonders Frod arbeitete mit einem wütenden Eifer. Sobald sie das gefrorene Erdreich durchstoßen hatten, nahmen sie die Holzschaufeln. Kein Wort fiel, nur das Kratzen und Keuchen war zu hören. In der Tiefe arbeiteten sie vorsichtiger. Dort stießen sie auf Gebeine, die sie bloßlegten. Es war das Gerippe eines Bären. Frod warf sich hin und wühlte mit beiden Händen. Auf der anderen Seite der Grube faßte er einen Knochen – die Knochenfinger eines Menschen! Die Erde wurde vorsichtig entfernt. Bor stieß einen Schrei aus. Dort lag das vollständige Gerippe eines sehr großen, kräftigen Mannes auf dem Rücken, die Hände wie zur Abwehr erhoben. Frods Augen funkelten, ein triumphierender Laut fuhr aus seinem Munde. Um den Knochenhals des Toten hing noch das Halsband, das aus sechsundzwanzig Wolfs-, Luchs- und Bärenzähnen bestand. Frod zählte noch einmal die Schnur: »Ja, zweiundzwanzig und vier Zähne des Bären ... es ist der Schmuck meines Vaters.« »Warum vergaß der schlaue Mörder das Halsband?« fragte Bor. »Weil der finstre Gott seine Gedanken wirr und finster machte, weil die Sonne, die alles ans Licht bringt, wollte, daß wir sechsundzwanzig Zeugen wider den Meuchler hätten.« Die Totengräber kehrten das Gerippe um. »Schau her! wir haben noch mehr Beweise der schändlichen Bluttat.« Im Rückenknochen stak noch die abgebrochene Steinspitze eines Speers. »Der Mörder hat zweimal gemordet, hat von hinten den Ahnungslosen durchbohrt und dann ihn in die Grube des rasenden Tieres gestürzt. Der Elende müßte zweimal sterben, zweimal den Todeskampf erleiden.« Frod legte die Hand wie zum Schwur auf die Knochen seines Vaters. Bor fragte: »Bist du der Bluträcher oder dein Bruder?« Die Antwort war ein barscher Befehl: »Hole schnell meinen Bruder, aber insgeheim vor den Leuten! Sehen soll er die Beweise, die er haben will.« Fred kam angerannt und wurde im Gesicht kreideweiß, als er den Halsschmuck erblickte. Er war so tief erschüttert, daß er sein Antlitz mit den Händen verhüllte. Aber Frod lachte hart und laut: »Was heulst du wie ein Kind? Freue dich mit mir, daß wir Gewißheit haben ... Fin muß mit seinem Blut den Mord bezahlen.« Der weichherzige Fred war wieder ruhiger geworden und sagte mit fester Stimme: »Ja, Fin muß sterben, denn es ist ein ewiges Gesetz: Beule um Beule, Blut um Blut. Aber weder heute noch morgen. Höre meine Gründe! Jetzt, wo der Frost uns bedroht, so daß unsere letzte Nahrung versiegt, jetzt in der höchsten Not, wo der Hungertod vor unserer Tür steht, darf kein Zwist im Dorfe sein. Auch ist Fin ein Herrscher, der Gewalt über alle hat ... er ist der einzige, der die Sippe vom Hungertode erretten kann. Fin muß leben bis zum Lenze, damit das ganze Dorf am Leben bleibe.« »Er muß sterben,« sagte Frod, und seine Zähne knirschten. Da wurde sein sanfter Bruder so hart wie Granit. »Ja, er muß sterben, wenn seine Stunde gekommen ist, von meiner Hand, denn ich bin der Erstgeborene und der Bluträcher ...« Der Breitschultrige bäumte sich auf, ballte die Fäuste und brüllte: »Ha ... du ... du willst Herr sein ...« »Nein, bei dem Auge der Sonne schwöre ich sieben Eide, daß ich nicht die Herrschaft begehre, nicht, niemals und nimmer ... du bist aus dem harten Holz, daraus man Herren schneidet, die Lust und die Last überlasse ich dir. Aber Fin muß Herr sein, bis der furchtbare Frosttod überwunden ist.« »Es sei! Ich will es geloben, wenn du im Tempel sieben Eide mir schwörst.« Fred hatte einen Aufschub erzwungen, weil es sich um Sein oder Nichtsein der ganzen Sippe handelte. Frod nahm den Halsschmuck des Toten an sich, die drei Männer schaufelten die Grube zu. Bor schielte nach den großen Zähnen des Halsbandes und bat: »Gib mir zwei davon, weil ich die Eiche fand!« Zögernd löste Frod die Schnur und reichte ihm einen, den kleinsten Bärenzahn. Sein Bruder sah es und sagte: »Ein großer Fürst muß groß und freigebig sein.« Da bekam Bor den zweiten und zweitkleinsten Bärenzahn. An dem Frühmorgen ging ein Schrei durch das Dorf: »Auf der ganzen Austernbank steht fußdickes Eis!« – Die letzte Nahrungsquelle der Menschen der Steinzeit war versiegt. Starr und stumm stierten alle auf die Förde hinaus, denn alle wußten, was das bedeute. Fin behielt die Fassung und rief seine Befehle. Die Männer stürmten hinaus und hieben mit Wut in das Eis der Bank. Ach, nur hier und da schlugen sie kleine Löcher. Und wenn sie stundenlang vor dem Eisloch knieten, mit Schabern und Netzen, waren ihre Finger und Fußzehen erfroren, und die ganze Ausbeute der entsetzlichen Arbeit war eine Handvoll Austern und zwei fingerlange Dorsche. Der Häuptling zählte nach dem Fang dreiundfünfzig Austern und siebzehn Fischlein, nahm vier Fische und vier Austern als seinen Fürsten- und Löwenanteil und teilte das übrige in winzige, redliche Rationen. Auf drei heißhungrige Mäuler kam eine Auster. Jetzt gierten alle nach der gemeinen Speise. Längst waren die Hunde verspeist, bis auf vier, die ebenso schlau wie Pack das Verhängnis gewittert hatten und plötzlich verschwunden waren. Im Dorfe war eine tiefe, tote Stille, man hörte kaum einen Laut, kein Zorn- oder Wehgeschrei. Seltsam! Die vom Hunger Gequälten zankten und rauften sich nicht um die paar elenden Bissen. Dumpf und stumpf in das unerbittliche Schicksal ergeben, hockten sie am Feuer der Hütte, fest in ihr Fellkleid gewickelt, denn die grimmige Kälte ging ihnen durch Mark und Bein, als wenn das Blut in den Adern gefröre. Grau wurden die Gesichter der Männer und Weiber, tief in den Höhlen lagen die Augen, die allen Glanz verloren und wie erloschen waren, aber die Gesichter der Kinder waren bläulich, dick und gedunsen. Mehrere Säuglinge starben, weil die Mutter keine Milch mehr hatte in der welken Brust. Der grausame Frost und der finstre Gott forderten immer neue Menschenopfer. Die ganz Alten blieben, in Felle gehüllt, auf ihrem Lager, Tag und Nacht, Tage und Nächte – als man sie wecken wollte, waren sie entschlafen ohne Kampf und Klage. Das große Hungersterben hatte an der ganzen Förde begonnen. Es war erstaunlich, wie zählebig die alte Gerda mit ihren mehr als neunzig Wintern war. Obgleich sie seit zehn Tagen keinen Bissen gegessen hatte, war ihr Äußeres unverändert, ihr Blick wurde scharf, ihre Sprache war deutlich, wenn sie mal aus tiefer Versonnenheit auffuhr und die Lippen bewegte. Bor, der sie zum Reden bringen wollte, steckte ihr zerkaute Bissen des zähen Bratens in den Mund und sagte: »Was hast du im Gesicht gesehen?« »Fan und Fana, die beiden Alten, liegen seit zwei Tagen steif in ihrer Hütte ... Leichen sehe ich am Strande, Leichen am Feuer, Leichen im Wald ... hihi, was schaue ich? Auch Herr Fin Großmächtig liegt auf dem Rücken und glotzt gen Himmel, als wolle er die Sterne zählen, offen steht sein großes Maul, aber es schreit und schilt und brüllt nicht mehr ...« Zum Unglück hatte Fin, der hinter einem Baume horchte, diese Worte vernommen. Er stürzte auf Gerda los, schlug sie und schrie: »Du verdammte Vettel! Mit deinem Unken willst du das arme Volk noch mehr ängstigen ... Wenn du dein Maul nicht verschließest, werde ich dich, du Lügenprophetin, für ewig stumm machen.« In Gerdas Augen sprühte ein wilder Haß, dann erlosch ihr Blick, und ihre Gestalt fiel in sich zusammen. Als Jung-Bor im Abenddunkel nach seiner Mutter Haus ging, hockte ein Häuflein auf dem Baumstumpf, der als Hausbank diente, hob die Hand und winkte. »Horche und schweige!« – Gierige Ohren fingen Gerdas Gemurmel auf. »Fin hat immer die tapferen und starken Männer gefürchtet und gehaßt und die feigen Schmeichler geliebt ... dein Vater war ein Stolzer und Starker, der jedem Unrecht im Ting widersprach, darum wurde er stumm gemacht. Zu zweien fuhren sie aufs Wasser hinaus, um zu fischen, als die Morgensterne schienen. Dunkel waren die Gewässer, leer und lautlos die Förde, noch schlief der ewige Zeuge, das allsehende Sonnenauge, nur der finstre Gott wachte und lachte. Aber mein Enkel Hinko watete unweit im Schilf, um die Nester der Wildenten zu plündern, lugte nach dem Boot und rührte sich nicht. Die zwei Fischer taten einen sehr großen Zug. Als der erste fahle Tagschein über das Wasser flutete, hoben und hievten die beiden das schwere Netz in den Einbaum. Es widerstand und wollte nicht. Bor beugte sich weit über den Bootsrand, um mit beiden Händen und mit aller Kraft ins Geflecht zu greifen, – da packte Fin von hinten seine Beine und riß ihn hoch, so daß dein Vater kopfüber ins Netz hineinschoß und wie ein Stein mit dem Netz versank. Fin ließ schnell das Seil fahren, trieb das Boot an den Strand und rannte mit gellendem Geschrei durch das schlafende Dorf. Sein bester Freund, sein einziger Freund sei vom Geflecht gefangen und über Bord gerissen worden. Oh, wie er sich im Sand wälzte, seinen Bart raufte und sein Gesicht blutig kratzte! Oh, der heuchlerische Schurke hat zehn der besten Männer meuchlings umgebracht! Der Schuft hat mich geschlagen, wie einen Hund. Hinko sah die Teufelei mit seinen Augen und ist vor den Göttern dein Blutzeuge. Jung-Bor, tue bald, was du tun mußt! Ich segne dich, mein Sohn.« Des Jünglings Seele war in Aufruhr. Er wälzte sich schlaflos auf seiner Hirschhaut hin und her. In der einen Nacht reifte der Jüngling zum Manne, der weiß, was er will, was er kann und muß, der seine Kräfte und Pflichten, aber auch seine Grenzen erkannt hat. Er sprach mit keinem Menschen darüber, aber immer wieder sagte er zu seiner Seele: »Ich bin Bors ältester Sohn und sein Bluträcher, keinem andern will ich mein Recht und meine Rache lassen.« V. Vier Tage vor Mittwinter. Noch immer blies der böse Nordost. Auf der Förde stand ellendickes Eis. Schon lange war die Austernbank völlig verschlossen und die Hauptnahrungsquelle des Völkchens versiegt. Wohl schlugen sie Löcher ins Eis, hielten mit Mühe die Waken offen und standen geduldig den ganzen Tag davor, um ihre Schnüre auszuwerfen. Aber die Angelfischerei gab allzuwenig – was waren ein paar Dutzend Fische für dreihundert Menschen, die von Kind an unmäßige Esser gewesen waren? Der Tod hielt eine reiche Mittwinter-Ernte. Morgens lagen die Krähen und Amseln steif und starr im Walde, mitten am Tage flatterten Finken und Meisen und fielen zur Erde. Tag und Nacht, Nacht und Tag, besonders im Morgengrauen, starben die Menschen. Wenn der Hausvater die Seinen weckte, rührte ein Kindlein sich nicht, aber die andern brüllten um so lauter und schrien nach Speise. Tag um Tag verscharrte man die Leichen im Abfallhaufen, denn zu matt und stumpf waren die Männer, um den Hügel und das Steingrab zu öffnen. Herr Fin hielt sich fern von den Toten und konnte durchaus nicht vertragen, Leichen zu sehen. Oft ging er voll Schwermut in den Tempel, um die Hilfe der Götter anzurufen, aber getröstet kam er heraus, alle Falten seines Gesichts hatten sich geglättet, und mannfreundlich war seine Miene. Er hatte nämlich im Tempel – außer den Göttern – noch einen Tröster – hinter dem Bild des Lichten standen drei volle Mettöpfe. Um den quälenden Hunger zu dämpfen, trank er fleißig vom Honigbier. Das füllte den leeren Magen und erheiterte seine betrübte Seele. Immer öfter ging Herr Fin zum Beten in den Tempel. Seine Untertanen freuten sich, daß er so fleißig und treu seines Priesteramtes walte, und hatten die Hoffnung, daß der lichte Gott Tauwetter senden würde. Aber der Frost nahm zu an Bosheit und Stärke. Dementsprechend wurden auch Fins Gebete im Tempel immer länger. Einen ganzen Nachmittag blieb er im Heiligtum als Priester. Als er gegen Abend heraustrat, war sein Antlitz rot vom Gebet, er focht mit den Armen und hielt wortreiche und wirre Reden. Die Weiber schrägten andächtig die Arme und sagten voll Ehrfurcht: »Der Geist des Gottes ist in ihm, er weissagt wie ein Prophet ... horchet!« Da kam Frod des Weges, betrachtete seinen Stiefvater von oben bis unten und rief hohnlachend: »Nein, er ist voll von Met, wie dazumal am Näs, er hat sich im Honigbier besoffen.« Die Furcht vor dem Tyrannen schmolz hin, wie Schnee vor der Sonne. Je öfter Fin das heimliche Trankopfer darbrachte im Tempel und in der Hütte seinen Rausch ausschlief, desto schneller schwand sein Ansehen und die Furcht seiner Untertanen. Freilich, sie kuschten noch kraft alter Gewohnheit, gleichwie die Raubtiere vor der Peitsche des Bändigers, wenn er morgens nüchtern war und seine Befehle brüllte. Sahen sie ihn aber, wenn er mit offnem Munde schnarchte und seinen Rausch ausschlief, so ging wiederum ein Stück von dem eingefleischten, hündischen Respekt zum Teufel. Eines Abends stand Jung-Bor über den Schnarcher gebeugt, allein mit dem Mörder seines Vaters. Seine Faust umklammerte den Steindolch, ein Fluch zischte über seine Lippen. »Meines Vaters Seele schreit nach seinem Blut, um Ruhe zu finden. Nur ein Stoß, ein Stich in die behaarte Brust! Nein, nein!« Bor rannte an den Strand. Das Gesetz sagt: Heilig ist der Schlaf. Du sollst ihm dein Racha ins Gesicht schreien, ehe dein Beil schmettert oder dein Dolch bohrt. Der junge Mann setzte sich in der Hütte am Feuer hin, um Angelhaken zu machen. Aus einer starken Muschelschale schlug er ein kreisrundes Stück heraus, und in die Mitte dieses Stückes hieb er ein rundes Loch, das er immer mehr vergrößerte, bis er einen schmalen, gekrümmten Perlmutterstreifen hatte. Diese sichelartig gebogenen Stücke wurden an dem einen Ende gespitzt und geschliffen, an dem anderen und breiteren Ende mit einem Loch versehen, worin die Angelschnur befestigt wurde. Die krumme Spitze war der Haken für den Köder. Eine einfache Herstellung! Aber mit diesem primitiven Angelgerät hat die Steinzeit Jahrtausende lang gefischt und in den allerdings sehr fischreichen Gewässern die größten Fänge gemacht. – Schon die dritte Woche nach Mittwinter heulte der Ostwind und knirschte der Frost. Obgleich die Männer ihre Fellkleider fest um den Leib geschnürt hatten, ging die grausige Kälte durch Naht und Ärmel. Mühselig zerschlugen sie das in der Nacht neu gebildete Eis auf den Waken. Sonnenwärts reckten sich die steifen Hände und schrien zum Sonnengott, ehe sie die Angelschnüre auswarfen. Oft stampften sie auf den erstarrten Füßen. Wehe, wo waren die zahllosen Fische der Förde geblieben? Nur handlange Dorsche, grätige Hornfische bissen an. Still, ohne Wehklage kehrten sie heim. Es war ein abgehärtetes Geschlecht, das in guten Tagen übermäßig zu essen und in bösen Tagen übermenschliche Hungersnot Zu ertragen verstand. Sie sahen, daß der Häuptling voll von Met war und schlief, aber sie hätten nicht gemurrt, wenn nicht Frod mit verächtlichen Gebärden auf den Schläfer gedeutet und aufreizende Worte geredet hätte. »Sollen wir alle verrecken, während der eine sich den leeren Wanst voll Honigbier schlägt, um seinen Hunger zu betäuben?« Diese Worte rissen die Männer aus ihrer Dumpfheit empor. Die erste Unbotmäßigkeit begann, der erste Aufruhr an der Förde. Sie stürmten zum Tempelhause, nahmen einen vollen Honigbiertopf und trugen ihn zum Feuer, wo die Holzschale kreiste und den Inhalt teilte. Allen wurde das schwere Herz erleichtert, keiner fühlte mehr den Heißhunger, der in den Eingeweihten wühlte. Sie holten den zweiten Topf und Tröster. – Fred saß oben in seiner Werkstatt, und das vierte Grünstein-Beil ging seiner Vollendung entgegen. Er wetzte lange und vorsichtig die Schneide, schmunzelte leise und kaute, um seinen Fleiß zu belohnen, an einem Krähenflügel, der aus Haut und Sehnen bestand. Drüben im Walde heulten die ausgehungerten Wölfe mit schauerlichem Gebell, wehe dem Wanderer, den ein Rudel wittert! Rasch kam die Nacht, Fred horchte nach dem heiseren, heulenden U-hu-ui-hu-u hinüber, und ein Schauer lief ihm eiskalt über den Rücken, wenn ein Mensch da draußen wäre. Voll fiel der rote Feuerschein auf sein Antlitz. Knirschten nicht die Steinsplitter vor der Tür? Kam sein Freund Bor? Er kehrte den Kopf – ein ungeheures Erstaunen, als wenn er ein Wunder sehe, ging über seine Züge – ein Weib trat leise in seine Hütte – Funda schlug die Fellkappe zurück. Übergroß blickten ihre schwarzen Augen, todernst und weiß war ihr Antlitz, kein Grübchen, keine Spur mehr von dem schalkhaften Lächeln, das es so lieblich machte. Er sprang auf und griff nach ihrem Arm. »Funda ... du bist es ... du bist durch den Wald des Todes gegangen, wo die grisen Hunde in Rotten jagen ...« »Ich bin bewaffnet,« sagte sie gleichmütig mit einem Blick auf den Speer, den sie trug. »Suche dir das beste von meinen Beilen aus! Ich geleite dich heim durch den Wald in voller Wehr.« Er zeigte und erklärte ihr das Beil, nicht ohne Stolz. »Schau her! Der Schaft sitzt im Stein wie festgemauert, der Krieger, der es schwingt in der Schlacht, weiß beim wuchtigsten Hieb mit sicherer Gewißheit, daß er nie den bloßen Schaft in der Hand behält und wehrlos wird.« »Behalte dein Beil!« erwiderte sie abweisend. »Ihr werdet zur Nacht alle eure Waffen gebrauchen, laßt die Hunde los und die Wachen verstärken!« »Haben nicht die Näs- und die Finleute den Wald- und Wasserfrieden, den Fisch- und Fördefrieden mit heiligen Eiden beschworen?« »Im Frostwinter frißt der Wolf die Wölfin ... was sind Eide, wenn der Hunger in den Eingeweiden brennt?« »Auch wir verderben und sterben Tag für Tag,« sagte er tieftraurig. »In unsrem Dorfe ist nichts zu holen ... was will der Bettler dem Bettler rauben?« Funda nickte. »Die Gier nach Speise macht sie zu grisen Hunden ... die Tingeiche hat gehorcht und mir den Anschlag erzählt ... nach Mitternacht wollen die Wölfe dein Dorf beschleichen ... ich warnte ... du hast ein gutes und liebes Auge, du sollst nicht sterben, nein!« Ihre Augen glühten ihn an. In heißer, hoher Liebe umschlang er das junge Weib, das er mit Ungestüm liebkoste. »Du hast dein Leben im Walde gewagt, um mich zu warnen, du Tapfere, du Traute und Treue.« Sie lag still in seinen Armen, unter seinen Küssen. Plötzlich ein Klagelaut, als bräche ihr Herz. »Oh, ich habe mein Volk verraten ...« Funda schluchzte. »Nein, nicht dein Volk, den schändlichen Verrat und Eidbruch hast du verraten. Segnen wird dich der lichte Gott, du Sonnige, du Lichte und Liebe, du Süßeste und Schönste von allen Weibern. Alles was mein ist, meine Seele, mein Leib, mein Leben, gehört dir. Suche dir das Beste aus von allem, was ich besitze! Oh, ich hab' ein Bernsteinstück, desgleichen du nicht finden wirst an allen Förden, das will ich holen ...« »Nein, nein ... ich bin matt geworden ... gib mir einen Bissen, wenn du ihn hast! Nur einen Bissen!« »Ja, ja, ich hab ein wenig, gepriesen sei der Lichte!« Er lachte, und sein Lachen klang wie ein Lobgesang. Die halbe Krähe hatte er sich aufgespart, Brust und Rücken. Nachdem er Funda auf Felle am Feuer gesetzt hatte, atzte er sie wie ein Vöglein, indem er mit dem Messer kleine Fleischstücke vom Krähenbraten schnitt und in ihren Mund steckte. Das harte Fleisch war ihr viel köstlicher als alle Kleinode der Erde. Funda legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn zärtlich. »Nun weiß ich in Wahrheit, wie groß deine Liebe ist. Wenn ein Mensch, in dem der Hunger wütet, seine letzte Speise hingibt, das ist die größte Liebe.« »Hast du nicht noch mehr getan? Hast du nicht den gefahrvollen Todesweg gemacht um meinetwillen?« Sie lagen Brust an Brust, Auge in Auge, Lippe auf Lippe. In der Ferne jaulten und jammerten die Wölfe. Fred nahm Beil und Langspeer, um ihr das Geleite zu geben. Sie wollte es nicht und bat zärtlich, daß er bleibe. »Ich schleiche heim, bald im Walde, bald auf dem Eis der Förde, ohne daß die grisen Hunde mich wittern.« Aber er folgte ihren Fersen eine Zeitlang, bis plötzlich die Schnellfüßige im Dunkel verschwunden war. Fred rannte zurück und ins Dorf. Fin schnarchte noch lauter. Seine treuen Untertanen waren eifrig am Werk, um den dritten Mettopf zu leeren, schwatzten und lachten, hatten den Magen gefüllt und waren fast fröhlich geworden. Plötzlich stand Fred mitten unter den lustigen Gesellen und stieß, ohne ein Wort zu sagen, mit dem Fuße den Mettopf um. Er sah ein braunes Bächlein, horte ein wütendes Geschrei und rannte weiter, um den Schläfer zu wecken. Alles Rufen und Rütteln fruchtete nichts. Kurz entschlossen nahm der sanfte Fred einen Topf mit eiskaltem Wasser und goß ihn aus über das Haupt des Herrn Fin. Das weckte. Die Metleiche taumelte auf die Füße und glotzte. Als Fin zu begreifen anfing, ließ er sich noch zwei Töpfe Wasser über sein Haupt schütten, und nach zwei Minuten war er nicht nur nüchtern, sondern grob und gewaltig, herrisch und rücksichtslos geworden. Ja, das Lob mußte man dem skrupellosen Tyrannen lassen. In der Not stand er voll und ganz seinen Mann. Noch einmal zeigte er sich in seiner Größe, ein Herr und Feldherr vom Scheitel bis zur Sohle. Er befahl, daß alles ohne Laut, ohne Feuer und Lichtschein geschehen müsse. Die vier Rotten der besten Krieger wurden mit Speer und Schlachtbeil, alle übrigen, die zu alt oder zu jung waren, wurden mit Keule und Wurfsteinen bewaffnet. Frod, Fred und Bor zogen als Horchwache und Vorhut in den Wald gen Osten, nahe der Förde, und hatten Beile mit Schaftloch erhalten, mithin die neueste und beste Waffe, die allen andren Beilen weit überlegen war und nie versagte. Die ältesten Krieger blieben als Rückhalt im Dorfe stehen, durften in den Hütten unterkriechen, aber bei Todesstrafe kein Feuer zünden, kein Auge schließen. Die vier Rotten, die oben auf der Höhe schon zwei Stunden standen, litten entsetzlich unter der Kälte. Darum ließ Fin schwere Baumstücke holen, die sie ohne Geräusch heben und senken mußten, damit ihr Blut sich bewege und nicht erstarre. Großes leisteten die ausgehungerten Männer in Ausdauer und Geduld, aber noch viel Größeres erduldeten die Späher, die bald auf der steinharten Erde krochen, bald mit steifen Gliedern die hohen Bäume erkletterten, um Auslug zu halten. Bor sichtete zuerst den Feind. Wie eine lange schwarze Schlange wanden sie sich durch den Wald, dichtgedrängt zu dreien, allzu sorglos und des guten Ausgangs ihres bösen Vorhabens allzu gewiß. Es konnte nimmer mißlingen, wenn man das Nachbardorf im festen Schlaf überfiel. Der Häuptling Nan raunte mit seinem Ältesten: »Wer sich wehrt, wird mit der Keule abgetan, aber unnütz wird kein Blut vergossen, auch kein Kind getötet. Ihre Fische und ihr Rauchfleisch müssen wir haben, denn wir sterben ... essen, essen müssen wir.« »Auch die Beile, die Fred schleift und schaftet, nehmen wir mit,« sagte sein Sohn Rafn. »Essen, essen wollen wir.« »Essen, essen!« murmelten die Männer vorn und hinten im Haufen. Speise war das einzige Wort, das sie sprachen, der einzige Gedanke, der in ihrem Gehirn kreiste, eine Wolfsgier nach Fraß war der einzige Trieb ihrer Seele. Fin hörte Bors Meldung, lächelte bös und bissig und legte dem heimtückischen Überfall einen listigen Hinterhalt. Eine Rotte kletterte mit Wurfsteinen und Wurfspeeren in die Bäume, zwei Rotten, von Frod und Fred geführt, verkrochen sich rechts und links im Gebüsch, er selbst nahm die vierte und Bor als wegkundigen mit sich, um einen Bogen zu machen und dem Feinde in den Rücken zu fallen. – Die Nachtgänger vom Näs wurden erst stutzig, als ein Hagel von Steinen und Speeren vom Himmel fiel und die Getroffenen schreiend zur Erde stürzten. Der völlig unvermutete Überfall von oben war so übernatürlich und unheimlich, daß der ganze Heerhaufe sofort in kopfloser Panik kehrt machte. Da sprangen zwei Rotten, wie aus dem Boden gewachsen, mit wildem Schlachtgeschrei und hochgeschwungenen Beilen auf sie ein. Wer Fluchtweg fand, raste, rannte, stürzte, stürmte – in die Hände Fins und seiner Schar. Zu zweien oder dreien kämpften sie auf Tod und Leben. Frod stürzte sich wie ein wütender Stier auf Rafn: »Nun sollst du mir büßen mit deinem Blut.« – Der vom Näs war geschmeidiger und schneller, fing die Speerstöße ab und schleuderte sein Beil nach dem Haupt des Gegners – es sauste und schlug das linke Ohr ab. Frod taumelte und wäre des Todes gewesen, wenn sein Bruder nicht mit einem Satz herbeigesprungen wäre und seinen Speer auf Rafns Brust gesetzt hätte. Fred jedoch stieß nicht zu, sondern sah den Gegner an und sagte: »Du bist Fundas Bruder – laufe und lebe!« Als er seine Waffe sinken und Rafn entfliehen ließ, fluchte Frod in Tollwut. »Warum hast du den Hund nicht erstochen? Das zahle ich dir heim, du Schleicher.« »Ist das dein Dank? Nahe war dir der Tod.« Die überfallen wollten, waren überfallen worden und stoben wie Blätter, die der Sturm fegt, hin und her, um der Todesfalle zu entrinnen. Viele liefen wie sinnlos in die vierte Rotte hinein. Aber Fin ließ die meisten laufen, nicht aus Großmut, sondern in der Absicht, seines Reiches Mehrer zu sein und die Nachbarsippe seinem Stockzepter zu unterwerfen. Darum übte er Gnade gegen die vielen. Darum stürzte er sich auf den einen, der seinen Plänen im Wege stand. Nan wehrte sich wacker, Fin war ein großer Kriegsmann, wie in seinen besten Tagen. Zwei ebenbürtige Gegner kämpften auf Tod und Leben, Beil wider Beil. Beide bluteten – wer wird Sieger bleiben? Da sprang Bor, der junge Held, aus dem Gebüsch, rannte mit dem Speer wider den feindlichen Häuptling und spießte ihn durch und durch. Von dem sterbenden Gegner wandte er sich ab und stand vor Fin, und stierte. Düster, drohend war sein Blick und Schaum auf seinen Lippen. »Hab' Dank ... ich lohne dir deine Hilfe ...« keuchte Fin. Dann fing er an zu stottern, ohne ein Wort hervorzubringen ... dem hartgesottenen Kriegsmann grauste vor dem Blick. War der Jüngling zum tollen Berserker geworden? Oder wußte er? Ein Aufschrei quoll in seinem Munde: »B–bor ... Bursche, hast du Blut getrunken?« »Nein, ich lohne dir, ich zahle dir heim den Mord an Bor ... ich muß für meines Vaters Blut dein Blut trinken, wehre dich, Fin! Einer von uns muß sterben.« Fin machte seinen berühmten, schnellen Beilhieb, um das Haupt des Tollen zu zerspalten, aber behende wich der Jüngling aus und rief mit gellender Stimme: »Racha für den meuchlings Ersäuften, Racha!« Da wurde Herr Fin aschfahl im Gesicht und schien seine ganze Fassung und seine große Frechheit verloren zu haben. Matt war seine Abwehr und machtlos seine Waffe. Der junge Berserker reckte sich empor und zerschmetterte sein Haupt. Vollstreckt war die Blutrache. Der Nachtkampf war verstummt, nur hier und da ein Stöhnen und Wimmern. Zwölf Leichen lagen im Walde. Fred kniete neben den Wundsiechen und wusch mit warmem Wasser die furchtbaren Beilwunden und verband sie mit Bastfasern. Dem langen Kris schnürte er den gebrochenen Arm in Holzschienen, nachdem er die Knochen in die richtige Lage gebracht. Run, der mehr als fünfzigjährige, ächzte schwer, und alle meinten, daß er sterben müsse, denn ein Beilhieb hatte ihm die Schädeldecke zertrümmert. Der Wundarzt betastete die Wunde – Knochensplitter waren ins Gehirn gedrungen – hier konnte nur das allerletzte Mittel helfen. Fred entfernte mit seinen feinfühligen Fingerspitzen die Splitter, nahm Messer und Säge und schnitt aus der harten Schädeldecke alles, was zerbrochen war, heraus, so daß ein rundes Loch mit glatten Rändern entstand, das er peinlich reinigte und wusch und sauber verband. Unglaublich mag es klingen, aber vielfach ist die Tatsache durch Schädel, die man in Steingräbern fand, bewiesen worden: Die Menschen der Steinzeit haben mit Steinmesser und Steinsäge die schwersten Schädelbrüche operiert und geheilt, haben vor viertausend Jahren die Kunst der Trepanation gekannt und geübt. Bor brachte einen Mann vom Näs, dem noch die Speerspitze in der Brust saß. Fred, welcher Freund und Feind verband, blickte Bor an und sagte: »Bist du verletzt, mein Freund? Du bist so bleich.« »Nein, ich bin sehr fröhlich. Heute hat die Seele meines Vaters und die Seele deines Vaters endlich ihre Ruhe gefunden. Fin ... ist von meiner Hand im ehrlichen Kampf erschlagen worden ... ich war der Rächer.« »Oh, immer neues Blut! Nun dürstet Fins Seele nach Rache und Ruhe. Wie lange werden die Menschen sich zerfleischen, wie die Tiere des Waldes? Und wer soll Herr der Sippe sein in dieser Notzeit?« »Du bist der Herr und Erbe.« »Nein, nein, ich bin aus zu weichem Holz, um Stock zu sein.« – Tiefes Schweigen im Walde. Die Toten erstarrten im Frost und wurden zu Eis. Einige Männer und Weiber schlichen sich aus den Hütten und huschten wie Schatten zwischen den Baumstämmen. Es darf nicht verschwiegen werden. Die Steinzeitmenschen des Nordens waren durchaus keine Kannibalen. Aber der grausige Hunger und die Gier nach Speise wütete in ihnen ... sie warfen sich über die Leichen der Feinde, schnitten und rissen Stücke heraus und brieten sie ein wenig. Aber die Leichen der Freunde berührten sie nicht, und in scheuer Heimlichkeit rüsteten sie ihr ekles Mahl – ein Zeichen und Zeugnis, daß es ihren Genossen eine Schande und Scheußlichkeit war. Nichts ist grausiger und gewaltiger als der Hunger. Frod war Herr der Sippe geworden, ohne Widerspruch, nachdem sein Bruder vor ihm die Arme verschrägt und sich verneigt hatte: »Du sollst der Erstgeborne sein ... Heil dem neuen Herrn!« Frod rief als Antwort: »Heil dem neuen Priester! Mein Bruder, friedsam und fromm, wird die Götter anrufen und Opfer bringen.« »Heil, Heil!« schrien die Männer und schlugen mit den Beilen gegen die Tingsteine. Bor trat in den Ring und bekannte freimütig: »Ich habe meinen Vater gesühnt und Fin erschlagen ... wer fordert Fins Blut von mir?« Frod antwortete: »Du hast meine Rache mir genommen, Fin sollte fallen von meiner Hand. Fürchte nichts von mir! Aber hüte dich vor Jung-Fin! Er wird ein Mann werden und dein Blut heischen.« Kein Mahl wurde am Morgen gehalten, weil keine Speise war. Der neue Priester trommelte das Volk zum Tempel und hielt einen neuen Gottesdienst. Er lag nicht, heulend und sein Haar raufend, im Staube vor dem finstren Gott, der Seuche, Pest, Frost und Hunger sendet. Nein, das Bild des Lichten ließ er aus dem dumpfdüstren Raum ins freie Taglicht stellen. Die Hände sonnenwärts gereckt zum Tag-Gestirn, das wintermüde leuchtete, rief er über die langsam sterbende Sippe: »Arm, elend und leer kommen wir zu dir, und keine Opfer können wir dir bringen, du höchster und herrlichster Gott, der du mit dem allsehenden Auge unsere Ausrottung siehst. Können die Toten dir danken und deine Größe rühmen? In sieben Tagen ist es aus mit uns allen, tot ist der Wald, und tot ist das Wasser, tot wird die ganze Sippe sein. Errette uns, ehe wir verderben! Leuchte, leuchte, ewige Sonne! Sende deine Strahlen auf die Erde, die Stein, auf die Förde, die Eis geworden! Erbarme dich unser und errette vom Tode! Scheine, scheine! Strahle, strahle! Wärme, wärme! Gebiete dem Sturm, töte den Frost und sende tröstlichen Tauwind!« Alles Volk weinte und warf die Hände zum Himmel empor: »Töte den Frost und sende den tröstlichen Tauwind!« Der Priester redete wie ein Prophet: »Schon wird die Sonne stärker und heißer von Tag zu Tag. Wenden wird sich das Wetter, der Westwind wehen und der Tau tropfen. Heilige Sonne, hilf uns! Laß dein Auge über uns leuchten!« Von allen Lippen hallte es wie brausender Gesang: »Heilige Sonne, errette uns vom Tode!« – Der Nordostwind hatte ausgetobt. Schon in der dritten Nacht sprang er plötzlich nach Südwesten um. Am Morgen träufelte es von allen Bäumen. Nichts Ungemeines war der jähe Wetterumschlag nach dem ungewöhnlich langen und strengen Winter. Wenn seine Zeit gekommen, muß der Tauwind wehen. Aber, was die Menschen sahen, war ein Wunder vor ihren Augen, das der Sonnengott getan und der Priester vermittelt hatte. Die ganze Sippe hatte eine große Zuversicht zu dem neuen Priester. Die Frod-Leute, wie sie fortan hießen, gehorchten dem neuen Herrn, der kein so hartes Regiment wie sein Vorgänger führte, aber seinen Bruder liebten sie von ganzem Herzen. Der Häuptling, der wie alle Tyrannen eifersüchtig auf seine Macht und voll Argwohn war, fühlte mit instinktivem Mißtrauen, daß Fred einen großen Anhang und Einfluß in der Sippe habe, aber er ließ sich nichts merken und bat den Waffenmeister dringend und drängend, möglichst viele von den festgeschafteten Schlachtbeilen, die sich im Nachtkampf bewährt hatten, herzustellen. »Willst du Fehde führen?« fragte Fred erschrocken. »Nein, ich will Friede halten mit allen Nachbarn ... starke Rüstung verhütet den Krieg.« Das leuchtete dem Friedfertigen ein. Oben in der Werkstatt wurden Waffen gehauen und geschliffen, und Bor war sein Gehilfe. Tagelang troff der Regen. Die Weiber und Kinder sprangen mit Jauchzen hin und her und drückten mit Lachen das Wasser aus den triefenden Haaren. Es war ihnen nach dem entsetzlichen Frost eine Freude und ein Fest, sich von dem Regen bis auf die Haut durchnässen zu lassen. »Essen, Essen!« sangen sie. Die Männer zerschlugen das brüchige Eis, warfen ihre Netze aus und machten einen großen Fischzug. Oh, wie lustig brannten die Feuer der Steinherde! Und ein Geschmause begann ... Bor holte seinen Pack aus der Waldhütte. Auch die andern Hunde, die das drohende Verhängnis gewittert und sich versteckt hatten, kamen hervor und winselten fröhlich. Herr Frod klatschte sich auf den Schenkel. »Haha! Fin, wenn er lebte, würde euch verhauen, ich will euch loben für euren Ungehorsam. Es sind drei Hündinnen darunter, die Welpen werfen werden. Über Jahr und Tag wird jeder seinen Köter haben.« Da wurden alle sehr fröhlich. Der Hund war der unentbehrliche Genosse des Menschen. – Länger wurden die Tage und leuchtender die Sonne von Tag zu Tag. Man sah mit jedem neuen Morgen, wie das Licht wuchs. In hohen Ehren, wie noch nie, stand die gemeine Auster, die stiegweise verspeist wurde. Die Menschen schwatzten und lachten wieder, wie die sorglosen Kinder. Bisweilen wehten die Lenzstürme und wühlten die Förde auf, aber nach einer solchen Sturmnacht waren die Netze am vollsten. Als Kan, ein sechs Fuß langer Bursche, in der Abenddämmerung außer Atem aus dem Walde kam und durchs Dorf rannte und rief, er habe fürwahr ein Rehrudel gesehen und zehn Stück gezählt, da wurde des Jubelns kein Ende. Hoioho! Sie tanzten und sprangen, die Alten und die Jungen. Fleisch, Fleisch! riefen die Männer. Feisch, Feisch! stammelten die Kleinsten. Das Hoioho hallte durch die halbe Nacht. Der Wald war nicht tot und das Wild nicht ausgerottet. Die Rudel wechselten in ihre Heimat zurück, nachdem die Pest gewichen und die Luft vom scharfen Frost gereinigt war. Bei jedem Sonnenaufgang rief die Trommel zum Gottesdienst. Mit Staunen hörten sie des Priesters Rede, daß der Gott keine Opfer begehre. »Was könnten wir ihm in unserer Armut geben? Nein, alles gibt uns die heilige Sonne, die Büsche blühen und Beeren reifen, die Kräuter und Gräser den Hirschen und Rehen wachsen läßt und den Laich im Wasser ausbrütet. Schlechthin alles, alles spendet uns der Sonnengott in freigebiger Güte. Nichtigkeiten, ein Fischlein, ein Fell oder Bernsteinstück können wir ihm schenken, dem großen, gütigen Allgeber, aber keine nichtigen Opfer, sondern Lob und Preis der Lippen und heißen Dank der Herzen begehrt der Hohe mit dem Feuerauge. Die Hände sonnenwärts! Ehre und Anbetung dem großen, hohen und hehren Lichtgott!« Alle sangen: »Heil und Anbetung, Ehrfurcht und Ehre dem großen Licht!« Der Priester hatte flammende Augen, und seine Rede klang wie ein feierlicher Schwur: »Lobet und gelobet: Nicht mehr Kinder der Nacht und der Finsternis, sondern Söhne der Sonne wollen wir sein. Hohe und heilige Sonne, segne und schütze und schirme uns!« Es brauste über Wald und Wasser. Alles Volk sang: »Hohe und heilige Sonne, segne, schütze und schirme uns!« – Das Lenzfest wurde gefeiert wie noch nie. Die Freudenfeuer schlugen bis zu den Wipfeln der Bäume empor. Vier Rehe und drei Hirsche waren zerlegt und brieten auf den Steinen. Mit Schmausen und Singen wurde der böse Hungerwinter begraben. Sogar die alte Gerda quiekte vor Lust: »Hihi, so große Fröhlichkeit habe ich noch nie gesehen, unter keinem der sieben Herren, die ich leben und sterben sah.« »Du rechnest schlecht,« rief Frod, »es waren nur sechs, denn ich, der siebente, lebe.« Das Weiblein kicherte: »Hihi, ich habe hundert Winter weniger zwei gesehen ... willst du wetten, daß ich auch dich überlebe? Hihi ...« »Was unkst du, du alte Eule?« Sie schwieg sofort. Ihm blieb eine tiefe Falte zwischen den Brauen stehen. – Eines Tages kam Frod hinauf, um die Werkstatt zu besichtigen. Die fertigen Beile gefielen ihm. Um eine Probe zu machen, versuchte er mit allen Kräften den Schaft vom Beil zu reißen, aber er lockerte ihn nicht um Haaresbreite. »Nimm dir noch mehr Gesellen und schaffe ein Beil für jeden Mann, für alle Rotten! Auch Dolche, lange, spitze und zweischneidige Dolche muß ich haben.« »Warum so viele Waffen ...?« »Weil uns die heimtückischen Hunde in der Nacht überfallen ...« Ganz unerwartet stellte Frod die Frage: »Wer hat dir den Überfall verraten?« Fred beugte sich über das Feuer – wurde sein Gesicht so dunkel vom Feuerschein? – und antwortete stotternd: »Ei – einer vom Näs verriet es, verkaufte es für ein Beil ...« Zu ungeläufig war ihm die Lüge, und argwöhnisch wurde der Herr: »Einer ... oder war es Eine? Hieß sie etwa Funda?« Fred sprang vom Feuer empor: »Funda – was ist dir Funda?« Ein höhnisches Lachen: »Hahahaha! Mir ist sie das schönste Weib, das ich gesehen habe.« Er wandte sich ab und ging. Der Waffenmeister hämmerte fleißig und tieftraurig. Eine düstere Ahnung, daß böses Unheil kommen möge, umschattete ihn. Tage gingen. Die Sonne stieg ihrer Höhe entgegen. Der Himmel lachte, das Wasser leuchtete, das Rohr am Ufer säuselte und sang. Der Wald war ein Meer von Grün, die Halde ein einziges Blumenbeet, die graue Förde ein glänzender Silbersee, die Welt allüberall ein Wunder geworden. An diesem Sonnentage rasselte die Trommel und rief die Männer zum Ting. Fred ging beklommen. Der Häuptling stand auf dem Stein höher als alle und fragte keinen nach seiner Meinung, sondern bestimmte und befahl: »Die Schandtat der Näs-Leute fordert Sühne, das Blut unserer erschlagenen Krieger schreit nach Rache. Aber nicht wie Nachtgänger wollen wir die Schläfer erwürgen, sondern offene Fehde künden wir an, bis die Rechnung beglichen ist. Wenn die Sonne leuchtet, sausen unsere Speere.« Der Priester der Sippe riß seine Felljacke auf und rief entrüstet: »Den furchtbaren Gedanken hat dir der finstre Gott ins Herz gesäet. Wir haben in jener unseligen Nacht für einen von unsren Kriegern drei Feinde getötet, wir haben nichts, keine Niederlage, keinen Tropfen Blut zu rächen.« »Schweigen sollen die Weichmütigen, die beim Anblick von Blut erblassen und feige den Männerkampf fürchten ...« Fred reckte seine Arme empor: »Ich ehre den Kampf für Heimat, Freiheit und Recht, aber ich fürchte den Zorn Gottes, der mutwillige Fehde haßt.« Frod ballte die Faust: »Ich werde allen Schwächlingen das Maul stopfen. Bleibe daheim, mein Bruder, brenne deine Töpfe und bete zu den Göttern! Wir machen den Kampf allein.« »Nein, ich gehe mit meiner Rotte.« – Zwei der Ältesten gingen dicht an das Näsdorf heran, riefen dreimal Rache und schleuderten einen Speer, in dessen Schaft vier Zeichen – die Kriegsrunen – gekerbt waren, hinüber. Das friedliche Dorf wurde wie ein aufgestörter Ameisenhaufe. Rufe gellten. Die Trommel lärmte. Die Männer auf der Austernbank stießen ans Ufer. In der Mittagsstunde marschierten die Frod-Leute mit lautem Schlachtgesang. Die neuen Beile waren an die besten Krieger verteilt. Sie hatten auch den kurzen Dolch und die lange Lanze. Die Jünglinge trugen einen Sack mit Wurfsteinen. Das Dorf, das auf dem flachen Näs lag und auf drei Seiten von der Förde umgeben war, hatte nur einen Zugang. Hier hatte Rafn seine Haufen aufgestellt; die mannshohen Findlinge, die hier lagen, gaben eine vorzügliche Deckung. Der Lärm der Feinde näherte sich. Jetzt! Jedes Auge stiert, jeder Herzschlag stockt. Mit Schlachtgebrüll stürmen die Frod-Leute den Abhang hinunter und über den spritzenden Sand. Dann stehen sie in breiter Phalanx. Ihre Speere zischen. Ihre Jungmänner sind rasche Schleuderer. Hüben und drüben schlägt der Hagel nieder. Die Getroffenen kriechen auf allen Vieren zurück. Eine ganze Weile dauert der Fernkampf und währt dem ungestümen Frod zu lange. Er brüllt sein Auf – auf und springt allen voran als der erste Stößer. Auf Rafn, den Verhaßten, stürzt er sich mit Wucht und Wut. Der weiß die Stiche abzufangen, springt wie eine Katze dem Gegner in die Flanke und stößt zu. Aber er selbst taumelt, von zwei Frod-Leuten angefallen, ein Speer zerreißt ihm die Hüfte, ein Beil saust nieder, Rafns Schädel zersplittert wie Holz. Der Häuptling Frod wankt aus dem Getümmel, wirft am Rain sich hin und verstopft die Wunde mit Gras, das den Blutstrom stillt. Der Priester ist Führer und Feldherr geworden und der Erste im Kampf. Die Rotten folgen ihm. Da laufen die Näs-Leute in langen Sprüngen hinter den Zaun von Holzpalisaden, der die Landzunge absperrt und der letzte Schutz des Dorfes ist. Sie schöpfen Atem und neuen Mut hinter dem Holzwall. Fred läßt ein Feuer zünden und Holz holen. Als die langen Scheite brennen, winkt er mit einem grünen Zweige hinüber und ruft: »Wir werden Holzscheite werfen und in euren Zaun breite Bresche brennen. Wenn wir stürmen, müßt ihr alle sterben. Warum sollen noch mehr Frauen um ihren Gatten und Bruder weinen, noch mehr Freunde um den Freund wehklagen?« Kleinlaute Antwort kommt von drüben: »Ihr habt uns mit Fehde überzogen, wir begehren Frieden mit allen Nachbarn ...« Und zorniger hallt zurück: »Ihr habt uns wie Nachträuber im Schlaf überfallen, dafür sollt ihr Mannbuße zahlen.« »Des weigern wir uns nicht ... Nan und Rafn, die unsere Führer und Verführer waren, sind tot ... billige Mannbuße bieten wir.« »Sendet drei von den ältesten heraus, um Frieden zu finden ... freies Geleit schwören wir.« Frod ließ sich auf einer Bahre von Reisiggeflecht tragen, sobald die Verhandlungen begannen, und sofort hörte man seine mündige Stimme: »Nein, wir befehlen, und ihr gehorcht. Wir fordern, und ihr zahlt ... als Buße heischen wir zwölf der jungen Weiber nach unsrer Auswahl, zwei Dutzend Beile und allen Schmuck der Männer und Frauen.« Das waren unmenschlich harte Bedingungen. Die Ältesten vom Näs warfen sich in den Sand, rauften ihr Haar und heulten vor Verzweiflung. Nach langem Gekreisch, Geschrei und Gefeilsche wurden die Bedingungen ermäßigt, so daß die Frod-Leute zehn junge Weiber und den schönsten Schmuck nach eigner Auswahl erhielten. Die Mädchen vom Näs standen in langer Reihe, wie auf dem Sklavenmarkt; einige verhüllten das Gesicht und weinten, andre zierten sich zum Schein und schielten durch die Finger. Frods Augen liefen die Reihe entlang: »Die Hübschen, die sich sehen lassen können, dürfen die Hände herunternehmen ... Funda, tritt vor! Dich kenne ich am langen, schwarzen Haar, das in der Sonne sprüht. Du bist die erste, die wir erküren ...« Die Gerufene strich das Haar, das sie wie einen Schleier über das Gesicht geworfen hatte, zurück und stand in stolzer Haltung mit starrem Blick. Der Häuptling betrachtete sie mit glühenden Augen, als wenn er ihre Schönheit verzehren wolle, und sagte gütig: »Lächle doch einmal! Du wirst in unsrem Dorfe gute Tage, die beste Hütte, die leckerste Speise, den schönsten Schmuck haben!« Fred wurde blaß und blasser. Funda antwortete kalt: »Ich muß alle Tage um die Toten trauern und klagen.« Der Herr der Förde wandte sich an die jungen Krieger, winkte sie der Reihe nach, wie sie Lob verdient hatten, heran und rief zuerst Bors Namen: »Suche dir von den neunen die beste aus, du junger und kecker Kampfhahn!« Als die Weiber verteilt waren, wurden die Hals- und Armbänder auf den Steinen ausgebreitet. Frod richtete sich auf der Bahre ein wenig auf, verbiß den Schmerz, den die geringste Bewegung ihm bereitete, und sagte freundlich: »Funda, tritt heran! Die besten Stücke gehören mir, dem Herrn. Ich schenke sie dir ... du sollst in meinem Dorfe nicht Magd noch Knechtin, nein, du sollst Herrin sein, Herrintage haben und Herrinschmuck tragen ... suche dir das Schönste aus!« Er sah nicht, daß sein Bruder mit beiden Händen nach dem Hals griff, als wenn er am Ersticken sei. Funda antwortete verächtlich: »Was soll mir der Plunder, den Trauer um Tote nicht trägt? Ich habe ein heiliges Gelübde getan, daß ich einen Sommer und Winter lang um meinen Vater Nan und meinen Bruder Rafn trauern will, ein Jahr muß ich mein Haar scheeren, einsam und freudlos wohnen, ein Jahr darf ich kein Fest feiern und mit keinem Manne reden.« Alle waren sprachlos. Nur Fred holte tief, tief Atem. Das Gesicht Frods verfinsterte sich, und seine Seele entsetzte sich. »Weib, du bist von Sinnen! Dein herrliches Haar scheren? Nimmermehr dulde ich es, das daunenweiche, glänzende Haar!« Obgleich seine Hüftwunde sehr schmerzte und sein Mund stöhnte, faßte seine Hand eine Haarsträhne, die er liebkoste. Das junge Weib riß sich los und redete drohend: »Ich hab's dem Sonnengott geschworen ... wenn mich ein Mann berührt einen Sommer und Winter, so ist es mein oder sein Tod. Höre und behalte es!« Funda kauerte sich nieder in den Sand und zog die Felljacke ums Haupt, als fröre sie am heißen Tag. Frod überschüttete sie mit wütenden Worten: »Deine Schönheit willst du schänden und dich zur Unfreien machen ... wohlan, nun sollst du meine Knechtin sein, ich werde dich zähmen, du Wilde.« Sie blieb taub und stumm. Fred war fröhlicher geworden, aber auch ein Schmerz war in ihm. Er fand Gelegenheit, ihr zuzuflüstern: »Warum willst du ein Jahr lang trauern und mit keinem Manne reden?« Ihr Blick war listig und wurde leuchtend. Da wurde es helle in ihm, er wußte ihre Absicht, und daß sie durch das Schein-Gelübde Zeit und Frist gewinnen wolle. Sein Bruder lag auf dem Wundbett, bohrte den Daumen in die Faust hinein und raste: »Alle Feinde kriechen zu meinen Füßen, aber ein Weiblein widerstehet und trotzet mir, haha! Ich zwinge es zu meinem Willen, ich bin der Herr der Förde ... sie wird kommen und auf den Knien mir danken, wenn ich sie zur Bettgenossin erküre.« Fred trat an die Bahre und sagte: »Du hast Wundfieber ... von neuem blutet die Wunde, ich muß sie verbinden. Dämpfe den Zorn und liege ganz stille, wenn du nicht verbluten willst, mein Bruder.« Frod, der den Wundtod fürchtete, lag fortan ruhig. Ohne Widerspruch hörte er die Worte des Priesters. »Du bist der Mächtigste an der Förde, aber viel mächtiger als alle Fürsten ist der Lichte mit dem Feuerauge droben. Wehe dem, der ihm trotzt! Funda hat dem Sonnengott geschworen, daß sie Sommer und Winter festlos, freudlos, stumm und einsam hausen will. Wehe dem, der sie zwingt, ihr Gelübde zu brechen, der Allsehende wird ihn wie eine kriechende Ameise zertreten. Laß ihr ein Jahr ihren Weg und Willen! Ein Jahr fliegt wie ein Tag dahin.« »Nein, dem Sehnsüchtigen wird jede Stunde zum Jahr.« – Ein neuer Friede war geschlossen zwischen den Frod- und den Näs-Leuten. Beiderseits wurde beschworen, daß keine Fehde mehr sein solle, solange die Sonne scheint und der Mond leuchtet, solange der Wind weht und der Regen regnet, solange das Gras wächst und der Kuckuck ruft. Das ist der ewige Friede, den schon die Stämme und Sippen der Steinzeit schlossen, und der von den Völkern der Erde hundertmal beschworen und hundertmal gebrochen wurde. VI. Die Sonne stand in Majestät über dem sommerschönen Gefilde. Die Toten waren verscharrt und vergessen. Die Verwundeten träumten in süßem Nichtstun, tranken Sonne und genasen. Auf der waldumkränzten Förde lag Mittsommerfriede, so tief und still und traulich, daß man ihn sehen konnte. Es schien unmöglich, daß in diesen Dörfern, wo der Herdrauch steil emporstieg und die Menschen wie lachende Kinder am Strande lagen, jemals grause Not, grimme Rache und mordende Schlacht gewesen sei. Selbst das bißchen Arbeit, das zum Lebensunterhalt geleistet werden mußte, war eine lustige Fischweid und ein fröhliches Gejaid im Walde. Welch ein Friede auf allen Förden! Nur einer war höchst unzufrieden, wollte nicht mehr faul und stille liegen. Frod fluchte: »Ja, du! Du willst mich möglichst lange auf dem Siechbett festbinden ... weiß wohl warum.« Sein Bruder untersuchte die Wunde und sagte ruhig: »Der Riß wird bald vernarben, aber wenn du die Hüfte durch Ruhe nicht hütest, wirst du zeitlebens ein Hinker sein.« Nein, ein armer Hinko wollte der großmächtige Herr nicht werden. Er bezwang seine Unrast, fluchte viel und fragte oft: »Wo ist Funda? Was treibt sie?« Fred antwortete sanft: »Du weißt, daß sie bei der Witwe Runs, der im Kampfe fiel, eine Herberge hat. Kein Laut kommt über ihre Lippen, wenn ein Mann ihr begegnet.« »Sie soll nicht in Runas Flohheim hausen; eine neue Hütte soll ihr gebaut werden, ihr allein.« Schnell ließ Fred den Befehl ausführen. Funda hielt streng ihr Gelübde. Sobald ein Mann – und wenn es nur ein Knabe war – ihr begegnete, zog sie die Fellkapuze über das Haupt. Nur mit den Weibern redete sie ein wenig. Am liebsten saß sie im Schatten vor der Hütte, wo sie den Kindern zeigte, wie man Bast flechte und die Holzdocken bekleide mit Schurz und Jacke. Sobald ein Männerschritt sich nahte, saß sie wie eine Büßerin, die Kapuze über den Kopf gezogen. Als nach Wochen der Herr des Dorfes durch sein Gebiet humpelte, verschwand sie wie ein Wiesel in der Hütte, und als er dreimal ihren Namen rief, kam sie tagelang nicht heraus. Es geschah einmal, daß Fred ihr am Wasserquell begegnete. Wenn sie auch schleunig das Antlitz bedeckte, blieb doch ein Spalt frei für die Augen. Ihr Mund blieb verschlossen, aber die Augen redeten und sagten: Ich lasse dich nicht! Harre nur! In einem Jahr kann alles sich ändern auf Erden. – Die neue Hütte, aus Reisiggeflecht mit Lehmteig beworfen, war fertig. Sie war vom Herrn mit weichen Fellen ausgestattet worden und eine für jene Zeit fürstliche Wohnung. Fred sah es mit neuer Sorge. Auch die Bewohnerin zog freudlos hinein, untersuchte genau die Wände, ob nirgends eine versteckte Tür oder Luke sei, und hängte fünf Felle kreuz und quer vor den Eingang. Frod hatte zum ersten Male seit seiner Verwundung gepirscht und die Fährte eines Bären gefunden. Acht Mann konnten den schweren Burschen auf der Stange kaum tragen. Dem Jäger lachte das Herz. Heute ist mir Weidmannsheil widerfahren ... heute der Tag, wo mir Glück werden mag! In der Nacht schien hell der Mond. Das Wasser plätscherte, die Blätter flüsterten, die Grillen zirpten. Sonst kein Laut. Man hörte nicht den Schritt des Mannes, der, breitschultrig, nur mit einem Schurz bekleidet, vor der neuen Hütte lauschte. Ein Narr, der ein Jahr schmachtet, wenn er stracks seinen Durst löschen kann. Ist nicht mein die Macht? Und mein das Recht der besten Beute? Ja, mein ist das Weib, und mein soll es werden, ehe der Morgen tagt. Frod kroch durch den niedrigen Eingang, lautlos, wie eine Katze. Die Atemzüge der Schläferin waren zu hören. Oh, er verfing sich in den – wie ein Netz – kreuz und quer gespannten Fellen, und stolperte und stürzte in den Raum, der nur in der Mitte, wo das Mondlicht durch das Firstloch fiel, erleuchtet war. Funda sprang vom Fell empor und auf die Füße. Fluchend kam er auf die Beine: »Einen Fallstrick hast du gespannt, du Hexe!« Sie stand mitten im weißen Mondlicht, in ihrem weißen Gesicht glühten groß und grell die schwarzen Augen, »Warum kommst du wie ein Dieb in der Nacht? Oh, ich rede, du, du hast meinen Schwur gebrochen!« »Laß die dummen Eide ... komm und schwöre mir Liebe und Treue!« Er streckte die Arme aus, um sie zu umfangen. Funda riß aus dem Busen einen spitzen Steindolch, dessen Heft sie umklammerte. »Keinen Schritt mehr! Rührst du einen Fuß, so stoße ich mir das Messer in die Brust, und du kannst eine Leiche herzen und küssen.« Der furchtlose Frod fühlte ein Grauen vor der zornig keuschen Größe dieses Weibes, das ein andres und höheres Wesen als die Weiber seiner Sippe mit ihrem Sklavengehorsam war. Er bat kleinmütig: »Lege den Dolch fort! Ich werde gehen ...« »Nein, warte! Ich muß um Vater und Bruder ein Jahr lang trauern und darf mit keinem Manne reden ... schwöre mir, daß du meinen Eid und meinen Frieden nicht stören willst!« »Ich schwöre es bei dem Sonnengott, und ich halte meinen Eid!« »Wenn du ihn nicht hieltest, würde mein Dolch dein Herz durchbohren,« sagte Funda eisig. »Nun gehe!« Mit einer königlichen Handbewegung entließ sie ihn. Ein gedemütigter Mann verschwand hinter den Fellen. Gleichwie ein Feuer, darauf man Wasser schüttet, noch stärker glüht, also wurde seine Leidenschaft durch diesen kalten Wasserguß noch geschürt, ja, ein edleres Gefühl, eine Bewunderung für das stolze und königliche Weib flammte in seinem Herzen empor. Frod hatte die beste Absicht, ihr Gelübde zu ehren. – – – Nie war ein Fürstenhof so klein, daß nicht Ohrenbläser und Speichellecker darin Raum und Gehör gefunden. Auch unter den Hofleuten dieses Häuptlings waren Schmeichler und Zuträger genug. Die Weiber, die ihre spärlichen Reize spielen ließen, um Frods Gunst zu gewinnen, die Fundas Schönheit mit giftigem Neide sahen, raunten ihm ins Ohr: Das sogenannte Gelübde sei ein Ränkespiel der verschlagenen Dirne, die so zimperlich und keusch in ihrer Hütte sitze, aber in der Augensprache um so mehr mit einem gewissen Manne rede. Der Herr wurde ungnädig und grob: »Das ist gelästert und gelogen.« Aber Rist und Rust, seine getreuen Kreaturen, umlauerten die neue Hütte bei Tag und Nacht und beobachteten jeden Schritt, jedes Wort, jeden Blick und jede Miene der Bewohnerin. Willig lieh Frod diesen Schmeichlern sein Ohr, wenn sie katzenbuckelten und König der Förde ihn nannten. »Du bist größer als Fin und Han und Jod der Große und mächtiger als alle Herren des Landes ... du hast deinen Fuß gesetzt auf den Nacken der Näs-Leute, du wirst herrschen über die Sippen im Westen und König der Förde heißen.« Rust, der seinen langen Körper krumm wie eine Sichel bog, rief: »Heil dir! Frod der Sieger wird dein Name sein, solange die Auster gefangen und der Feuerstein geschlagen wird.« Solche Reden gefielen dem unbändigen Ehrgeiz des Mannes. Außer den vier alten bildete er zwei neue Krieger-Rotten. Sogar die Knaben, die über vierzehn Jahre alt waren, mußten im Steinschleudern und Speerwerfen alle Tage sich üben in Angriff und Abwehr. Er befahl, Waffen in solcher Menge anzufertigen, daß für sieben Rotten eine zwiefache Ausrüstung – Speer und Lanze, Beil und Dolch – bereit läge. Diese Rüstungen erregten den tiefen Mißmut seines Bruders. »Wir haben keinen Feind zu fürchten. Warum rüsten wir? Ein trauliches Männerheim ist die Erde, wenn die Kähne mit Singsang fahren, die Hunde das Reh verbellen, die Jäger mit Halali heimkehren und Wald- und Fangfriede waltet im grünen Forst und auf glänzender Förde.« Nichts fruchteten die Worte – Frod lächelte sehr spöttisch. Aber sein Lächeln erstarrte, denn unweit kauerte die uralte Seherin, die seit acht Tagen in sich, versunken, im Geiste abwesend und in andren Welten war, auch in den Tagen weder Speise noch Trank genossen hatte. Männer und Weiber umdrängten sie. Ein Geraune ging: Gerda sieht Gesichte! Auch Frod horchte, und sein Blick wurde starr und düster. Gerda murmelte: »Riesenvögel, größer als das Tempelhaus, mit klafterweiten, weißen Schwingen kommen meerwärts und schwimmen die Förde hinauf ... auf ihrem Rücken stehen Männer, hoch wie Eichen, steil tragen sie den Kopf auf den Schultern und auf dem Haupt noch ein zweites Haupt. In den Händen halten sie Glanz und Glimmer, daß der Strahl mir in die Augen sticht und meiner Seele grauset. Warum bringen die Recken uns den leuchtenden Stein? Schön schillert die Schlange, aber ihr Glanz ist Gift und Gier. Bruderzwist und Blut, Fehde und Fluch tragen die weißen Vögel. Oh, meine Augen sind müde vom vielen Schauen, wollen sich schließen und den Greuel nicht sehen. Wehe euch! Neue Zeit, neue Menschen, neue Götter, neue Herren!« Frods Gesicht verzerrte sich, er riß die Seherin an der Schulter und schrie: »Wache auf, du redest im Wahnsinn.« Gerda kreischte: »Wehe dir, Frod! Die neue Waffe wird den Herrscherstab aus den Händen dir schlagen.« Reglos, totenstill war die Menschenmenge. Der Häuptling ging in sein Haus und stützte das Haupt in die Hände; seine Seele wurde von bösen Ahnungen gequält. Er hörte einen Schritt und hob das Antlitz – der Priester stand vor ihm, machtvoll und mündig: »Ich hörte im Gebet eine Stimme ... der Lichte mit dem leuchtenden Auge sprach: Fluch dem Fürsten, der Frieden bricht und Fehde bringt! Ich will im Mannheim der Erde Friede ausrufen unter allen Sippen und Geschlechtern, Wald- und Feldfriede, Markt- und Tingfriede, Forst- und Fangfriede, solange mein Licht leuchtet und meine Sterne scheinen.« Frod erschauerte, seine Stimme zitterte: »Ja, zu meinen Zeiten soll Friede sein an der Förde.« Und der große Unfriede kam.– – – Lieblich der Tag und lind die Luft. Das Gewässer warf keine Welle und schlief in der Sonne, das Schilf wisperte sich leise seine Geheimnisse zu. Die Lerche hoch oben schmetterte laut. Auch von der Förde her wehten jauchzende Menschentöne durch die Sommerstille. Alles, was männlich war und zwei Hände hatte, war in den Einbäumen. Sie schöpften mit Bastkörben die Fische aus dem Wasser, die Boote lagen tief von der Ladung. Ein Makrelenschwarm stand in der Förde, die silberschuppigen Rücken der fetten Gesellen waren so dicht gestaut, daß die Fische ohne Garn mit dem Korbe sich schaufeln und ins Boot schütten ließen. Warum verstummte plötzlich der Lärm? Alle standen still und starrten die Förde hinauf, die flußgleich geschlängelte. Dort, wo sie gen Norden bog und im Walde verschwand, – dorthin schauten, glotzten alle. Rust schirmte mit der Hand über die Augen und stotterte entsetzt: »Ein Weißes gleitet aus dem Walde und schwimmt auf dem Wasser ... der Riesenvogel Gerdas! Wehe uns!« Zwei Riesenvögel mit grauweißen Schwingen schwammen auf der Förde. Gerdas Gesicht erfüllte sich. Eine abergläubische Angst ergriff alle. Hals über Kopf warfen sie die Geräte ins Boot, mit aller Kraft trieben sie die Einbäume dem Dorfe zu mit dem instinktiven Gefühl, in der Flucht Rettung Zu suchen. Ein paar beherzte Männer blickten zurück und raunten ihren Genossen zu: »Die Riesenvögel haben eine aufrecht stehende Schwinge ... und viele unheimliche Arme, die nach beiden Seiten ins Wasser greifen ... sie fliegen schnell ... braucht die Ruderschaufeln, damit sie uns nicht auf dem Wasser verschlingen, ehe wir unsere Waffen holen!« Ein wahres Grauen vor den Wasserungeheuern, die immer näher kamen und immer riesiger wurden, befiel das Dorf. Die Trommel raste. Die Weiber heulten. Die Kinder brüllten. Die Männer nahmen Beile und Speere und schwere Wurfsteine und stürmten zum Strande, wo sie hinter den Bäumen Deckung suchten. Frod jedoch trieb die Feigen mit dem Stocke vor und stellte alle Rotten am Ufer auf, um die Wasserdrachen mit Waffengewalt zu verscheuchen. Fred bewahrte am meisten die Fassung. »Schauet hin, wie sie ruhig schwimmen und mit den vielen langen Armen vorwärts streben! Könnten es nicht Einbäume von andrer Art, könnten nicht Menschen von andren Förden darauf sein? Wir dürfen keine Feindseligkeit zeigen, bevor wir ihre Absicht, ob gut oder böse, gewiß ergründet haben. Sehet! Schauet! Männer stehen im Bug und winken freundlich.« Diese Worte dämpften etwas die Angst. Das Grauen wurde zu einem Gemisch von Neugierde, Vorsicht und Furcht. Die Schwinge der Riesenvögel – das große Segel – hing schlaff herab und fiel jetzt herunter. Da fiel noch ein Stein vom Herzen der Dorfbewohner. Es waren keine Raubdrachen, sondern Fahrzeuge und Menschen von andren und fernen Förden, und die langen Arme, die ins Wasser griffen, zwölf hölzerne Ruder auf beiden Seiten, die das Schiff rascher vorwärts bewegten als die Ruderschaufeln. Die beiden gewaltigen Einbäume waren nicht aus einem Baumstamm herausgebrannt und gehöhlt, sondern aus vielen Holzstücken und Planken zusammengesetzt. Fred sah es mit Staunen und sagte nachdenklich: »Diese Männer sind uns im Schiffsbau weit überlegen.« Man zählte mindestens fünfzig Männer, wie Waldbäume gewachsen, die an dem Schiffsrand – der Reling – standen. Sie trugen gar seltsame Kleidung und kleine Körbe auf dem Kopfe. Was suchten die Fremdlinge an diesem Gestade? Die Fördeleute riefen in ihrer Sprache die Frage hinüber, und Antwort kam zurück, aber in Lauten, die sie nicht verstanden, die aber sehr friedfertig klangen. Auch schwenkten sie drüben grüne Zweige, zum Zeichen, daß sie Frieden halten wollten. Schnell riß Fred Zweige von den Bäumen, um kräftig die Friedensbeteuerungen zu erwidern. Darauf legten die Männer auf den Schiffen mit deutlicher Absicht ihre Waffen von sich und hoben die Arme empor, zum Zeichen, daß sie unbewehrt seien. Auf Freds Drängen befolgte man das Beispiel. Waffenlos empfing man die Fremdlinge, die jetzt mit kräftigen Ruderschlägen ihre Schiffe auf den Strand hinauftrieben. Drei Männer kletterten vom Bugspriet an einem Seil herunter und standen auf dem Strande. Die Dorfweiber umdrängten sie und starrten sie wie Wundertiere an. Nur die Uralte saß allein oben am Abfallhaufen und murmelte dumpf wie Totenklage: »Was bringen die Riesenvögel? Es glänzt wie die Sonne und ist doch heimliches Gift. Der Bruder wird den Bruder und der Sohn wird den Vater erschlagen um des Glimmers und Giftes willen. Wehe! Die Sippen, die tausend Jahre an der Förde fischten, werden Hunde der fremden Herren sein, alle, die den Mordtag überleben, werden Knechte der Fremdlinge werden. Ich aber will meine Augen schließen zum langen Schlaf, ehe die Ausrottung meines Volkes beginnt.« Gerda rührte von Stund an keinen Bissen und keinen Tropfen mehr an. Von den dreien, die risch und rasch vom Bug heruntersprangen, war der Größte mit der stolzen Haltung und dem dicken Armring, der in der Sonne blitzte, offenbar der Führer und Schiffsherr. Als die Frod-Leute mit ihrer kurzgedrungenen Gestalt neben den Fremdlingen, die Riesen waren, standen, wurden sie von neuer Unruhe befallen – diese Körpergröße und Körperkraft erschreckte sie. Erstaunlich war ihnen auch das helle Haar und das bartlose Gesicht, ganz seltsam war ihnen die Kleidung und besonders der Korb auf dem Kopfe. Der Anführer redete mit beruhigender Handbewegung, nicht in kurzen, scharfen Silben – wie die Fördeleute –, sondern seine Sprache sprudelte in langen Sätzen. Keinen Ton verstand man. »Sie führen nichts Böses im Schilde,« sagte Fred, »wir dürfen ihnen vertrauen.« »Noch nicht,« brummte Frod. Der Schiffsherr, der mit klugen Augen beobachtete und den Häuptling erkannte, drückte herzhaft Frods Hand, nahm aus seinem Busen einen dünnen Spiralring, der ebenfalls in der Sonne leuchtete, und legte ihn um den Arm des Überraschten, der mit den Fingern den leuchtenden Stein betastete und mit großen, gierigen Augen das erste Gold – das seine Augen sahen – betrachtete. Er starrte es an, wie gebannt von einem Zauber. Der Anblick des Verdutzten war zu lächerlich. Einer von den Förde-Leuten schlug eine laute Lache auf. Das steckte an. Ein schallendes Gelächter erhob sich ringsum. Auch die Weiber kicherten und quietschten, als wenn sie gekitzelt würden. Da verzogen auch die Fremdlinge ihre ernste Miene und lächelten. Wo so herzhaft gelacht wird, ist kein Arg im Herzen. Jetzt drängten sich die Kecken, wie Bor, an die Gäste heran und befühlten das sonderbare Gewand und deuteten mit Grinsen auf den kuriosen Kopfkorb. Sofort nahmen jene den Korb – eine von Wolle gewebte, runde, oben zugespitzte, Mütze – herunter. Das wirkte so spaß- und lachhaft, daß die Förde-Leute förmlich wieherten und vor Lachen sich bogen; denn eine Mütze oder Kopfbedeckung hatten sie nie gekannt noch gesehen. Ein dreistes Weiblein, Rusta, befühlte die Jacke des Anführers, was das für ein weiches, wunderliches Fell sei? Nur seine Beine und Füße waren mit Fellbinden umwickelt, oben trug er eine bis zu den Knien reichende Jacke, die von einem Gürtel zusammengehalten wurde. Er erklärte durch Zeichen und Gebärden, daß es kein Fell, sondern aus den Wollhaaren eines Tieres – des Schafs – gemacht sei. Nun begann ein lebhaftes Fragen und Deuten mit den Fingern, durch Mienen und Gebärden, und man verständigte sich immer besser. Die Fremdlinge wurden zu Gast geladen und am Abfallhaufen reichlich bewirtet. Sehr würdevoll, ohne die Nase zu rümpfen, hockten sie sich nieder, die Fische, die Rehkeule und besonders die gemeinen Austern mundeten ihnen vortrefflich, so daß sie sich mit den größten Essern der Förde messen konnten und drei Dutzend Schaltiere mit Andacht als Nachtisch schlürften. Sehr höflich bedankten sie sich für die Atzung, und schleunig reckten und streckten sie die steif gewordenen Glieder, sintemal ihnen das Hocken auf den untergeschlagenen Beinen unbekannt und unbequem war. Behaglich setzten sie sich auf die hohen Steine am Strande, und sehr bereitwillig bemühten sie sich, ihre Herkunft und Heimat, die Länge und den Zweck der Reise zu erklären. Gater nannten sie sich. Der Schiffsherr zeigte auf seine Brust und sprach dreimal und silbenweise seinen Namen: »Go-de-bart«. Indem er seine Hand auf die Schulter seines Zweithöchsten Gefährten, der offenbar Führer des zweiten Schiffes war, legte, sagte er langsam: »Hildebert«. Auch die Namen der beiden Steuerleute, Hadur und Ulfert, erfuhr man, und die Förde-Leute verstanden bald, daß die Gater, die gen Südosten zeigten, viele hundert Meilen weit von hier in jener Himmelsrichtung ihren Wohnsitz hätten, daß sie zwanzig Tagereisen auf dem langen, schmalen Wasser, dem Flusse – wohl der Weichsel oder Oder –, gerudert und dann vierundzwanzig Tage und Nächte an der Meeresküste entlang gesegelt seien aus ihren Schiffen, um in dieser Förde, die ihnen anmutig erschienen sei, zu landen und die Bewohner in Freundschaft zu begrüßen. Frod lächelte argwöhnisch-spöttisch, schielte nach dem Schiffsherrn hinüber und sagte: »So habt ihr eine so grausig lange und gefährliche Vergnügungsfahrt gemacht, um das seine Land und die lieben Leute hier kennenzulernen?« Seine Worte wurden nicht verstanden, wohl aber seine mißtrauische Miene. Godebart erhob sich und deutete mit eifrigen Gesten: »Wir sind nicht aus Neugier über das stürmische Meer gefahren, sondern zu euch gekommen, um Tauschhandel zu treiben, um euch Waren zu bringen, die ihr gebrauchen könnt, und dafür Dinge zu erhalten, die uns begehrenswert erscheinen.« Frod, unter seinem Volk ein kraftstrotzender Mann mit eisernen Muskeln, war mit seiner vierschrötigen Gestalt und dem geduckten Nacken ein Kleinling neben dem Riesen und fast um einen Kopf kleiner als der hochgewachsene Fremdling. Darum war ihm beklommen, und er gab deutlich und derb seine Meinung zu verstehen: »Nicht wie Krämer, die feilschen, sondern wie Krieger, die fechten wollen, seht ihr mir aus.« Godebart riß seine Jacke auf, um zu zeigen, daß er wehrlos sei, und beteuerte: »Bei unsern und euren Göttern! Wir sind in eurer Hand, denn wir sind völlig unbewaffnet und im Vertrauen auf das bei allen Völkern hochheilige Gastrecht gekommen. Ehrlichen Handel und Tausch wollen wir treiben.« Bor mit seinen scharfen Luchsaugen hatte bemerkt, daß unter dem inneren Gewand des Schiffsherrn ein bräunlich blanker Gegenstand, so lang wie ein Steindolch, in einer Falte stak. Ob das nicht eine Waffe sei? Er schwieg aber, um dieses große Ereignis nicht zu stören. Die Gater waren gewitzigte Kaufleute, die für alle Fälle ihren Bronzedolch in die Gewandtasche steckten, ehe sie fremden Barbaren ihr Leben anvertrauten. Herr Frod wollte schlau sein. »Zeigt mit dem Finger, was euch begehrenswert erscheint, was ihr eintauschen wollt!« Wußte er ihre eigentliche Absicht, wollte er schon seine Maßregeln treffen. Der hohe Schiffsherr lächelte fein. »Zeigt uns eure Habe und Schätze, so wollen wir unsere Waren und Güter vorlegen! Wir sehen mit Erstaunen die ungeheuren Haufen von Austernschalen – ihr habt die leckerste Speise in Hülle und Fülle ... Felle von Luchs und Fuchs und Marder, von Otter und Biber besitzt ihr, auch schönen Schmuck, prächtige Zähne von Elch und Bär ... lasset uns schauen, was ihr verkaufen wollt!« Jetzt zeigten die Förde-Leute mit Stolz ihre Habseligkeiten und Herrlichkeiten, die bisweilen in den Augen der Fremdlinge armselige Schätze waren. Das ließen sie sich aber als weitgereiste Weltmänner durchaus nicht merken. Man fuhr mit den Gästen hinaus auf die Austernbank. Die Fremdlinge sperrten ihre – sowieso sehr offenen – Augen weit auf und verwunderten sich über die Masse und Güte der Austern, die sie roh verspeisten, und ihr Erstaunen wuchs, als sie hörten, daß an dieser Förde sieben Bänke seien. Sie wiegten den Kopf und sagten leise in ihrer Sprache zueinander: »Die allzu gutmütigen Götter geben es den trägen Barbaren im Schlaf, ohne Mühe wächst ihnen die Speise ins Maul.« Sehr laut aber lobten sie schlechthin alles. »Ja, euch haben die Götter sehr lieb! Hier haben eure Urenkel noch reichliche Nahrung für tausend Jahre, ohne daß sie zu schwitzen brauchen. Von den Austern kaufen wir gern fünf Stieg für Mann und Maul.« Die freundlichen Fremdlinge hatten ihre klugen Augen überall und rühmten die Bank und das Wasser, den Wald und das Wetter des Landes. Mit keiner Miene verrieten sie, daß sie die Fellkleider für rückständig und roh und die Lehmhütten für Hundelöcher hielten. Als die Frod-Leute neben den hochgewachsenen Recken heimwärts schritten, fühlten sie sich nicht mehr bedrückt von der Körpergröße und dem stolzen Gehaben der Fremdlinge, sondern sie hatten volles Zutrauen gefaßt. Sogar Frods Argwohn schwand dahin. Auch die Gater waren vertrauensvoll und ließen nicht einmal eine Wache auf dem Schiff zurück. Freilich, ein riesiger Hund, ein so gewaltiges Tier, wie es die Förde-Leute nie gesehen hatten, blieb unter einer Ruderbank liegen, blinzelte den Kapitän, der zwei Worte sprach, verständnisvoll an und schlief weiter. Als nach einer Stunde zwei nackte Buben von zehn bis elf Jahren im Wasser wateten und wie Katzen – die mausen wollen – des Schiffes Bugspriet erkletterten, fletschte der Hund die Zähne bös und drohend, so daß sie beim Anblick des Untiers vor Grausen einen Froschsprung ins Wasser machten und schreiend von dannen rannten. Das Schiff hatte seine Schiffswache. Die Gater holten Ledersäcke und Holzkisten aus dem Schiffsraum und stellten sie am Strande hin. Nach dem uralten, ungeschriebenen Gesetz des Handels begannen die Kaufleute das Geschäft damit, daß sie von ihren Waren zunächst die, welche bei ihnen am häufigsten und billigsten waren, und dann die besseren Sachen anboten. Winzige, drollige, gelbe Körner, mit denen die Säcke gefüllt waren, hielten sie auf der flachen Hand hin und ließen sie durch die Finger gleiten, Es war Hirse und Gerste von einem fernen Volk, das schon Ackerbau trieb. Die Förde-Leute, obgleich man ihnen begreiflich zu machen suchte, daß die Körner gesäet, geerntet, zwischen Steinen gerieben würden und dann eine nahrhafte Speise seien, schüttelten die Köpfe und lachten, nahmen Körner in den Mund und kauten daran, schnitten Grimassen und spuckten das harte Zeug aus. Man gab ihnen ein paar Hände voll zur Probe. Aber die Weiber bewarfen sich mit den Körnern, lachten und kreischten. Die Kinder spielten noch nach Tagen mit der Hirse. Der gemessene Godebart verzog nicht die Lippen bei dem kindischen Getue, sondern ließ einen von gequetschter Hirse gekochten und gekühlten Brei zur Probe bringen, rollte mit den Fingern aus dem Brei kleine Klöße, die er behaglich verspeiste. Nach solchem guten Beispiel ließ er die neugierigen Barbaren kosten. Viele nahmen einen allzu großen Breiklumpen und stopften ihn in den Mund, aber sie hatten keine Ahnung, wie man die ungewohnte Speise langsam kauen und schlucken müsse, der Kloß blieb ihnen im Halse stecken, so daß sie zu ersticken meinten. Frod, der einen faustgroßen Klumpen ins Maul schob, wurde krebsrot im Gesicht und mußte viel Wasser trinken, um den Kloß hinunterzuspülen. prustend und fluchend schrie er: »Ihr wollt uns mit eurem Rogen umbringen.« Auch die andern hatten nach der Kostprobe eine Furcht vor dem Hirsebrei und riefen: »Fifi!« Fred war der einzige, der einige Hände voll von dem Getreide in sein Fellsäcklein füllte. Gleichmütig stellten die Gater ihre Säcke beiseite. Diese Barbaren ahnten nicht die ungeheure Bedeutung des kleinen, unscheinbaren Hirsekorns, das der Bringer einer neuen und besseren Zeit war, wo der Jäger und Fischer zum Ackerbauer wurde und auf den Rodungen der weiten Urwälder das gesegnete Getreide wogte. Die Steuerleute Hadur und Ulfert öffneten auf Geheiß ihres Herrn die Kisten. Darin lagen gewebte Stoffe, schlichte und auch schöne mit eingewirkten Gold- und Purpurfäden. »Was sind das für Tiere, die solche Felle tragen?« fragten viele. Es war sehr schwer, den Leuten klarzumachen, daß es kein Fell, sondern die geschorenen und gewebten Wollhaare des Schafs seien. Nachdem Fred Hirschhaare geholt hatte, aus denen die Steinzeitmenschen allerlei Geflecht und Gewebe zu machen verstanden, begriff er die rätselhafte Kunst, obgleich er nie ein Schaf oder Vließ gesehen hatte. Ach, diese Gater waren klüger und erfindungsreicher als sein Volk. Er kaufte für zehn Otterfelle ein Stück vom Gewebe, und Godebart legte eine Elle umsonst zu, um die Kauflust anzuregen. Der Häuptling der Sippe wandte sich ab und sagte höhnisch: »Wozu dieses mürbe Zeug teuer kaufen, wo unser Fellkleid stark und warm und unverschleißlich ist? Tauscher sind Trüger.« Trotz der Warnung holten viele ihre Felle herbei und handelten unter viel Gefeilsche und Geschrei für Biber und Zobel ein Stück Wollstoff ein. Besonders die Stücke mit Gold- und Purpurfäden stachen den Weibern in die Augen. Aber Godebart forderte sehr hohen Preis für einen drei Hand breiten Streifen. Funda stand unter den Zuschauern in der hintersten Reihe, stumm, still und treu ihrem Gelübde, aber ein Seufzer entschlüpfte ihr, als wenn ihr Herz von Sehnsucht nach dem Golddurchwirkten verzehrt würde. Da trat Fred heran und kaufte ein ellenlanges Stück von dem kostbaren Gewebe, das er behutsam nach seiner Hütte trug. Auf dem Wege begegnete ihm sein Bruder, und sagte: »Was soll der Tand dir? Willst du es als Priesterschmuck tragen? Oder willst du es verschenken? Du Narr des schlauen Krämers!« »Ja, sie sind geschickter als wir – darum möchte ich erforschen, wie es gewirkt wird.« Die Ware fand viele Liebhaber, besonders unter den Weibern, die ihre besten Felle, sogar von der eignen Lagerstatt, holten. War doch jetzt warmer Sommer, und bis zum Winter konnte man neues Rauchwerk erbeuten. Godebart schmunzelte ein wenig und maß mit dem Holzstabe die Stücke ab. Die Felle waren sehr schön, der Gewinn sehr groß. Gegen Abend gingen die Gater auf ihre Schiffe. Vom Bord wehten seltsame Töne über das Ufer und zum Dorf hinauf, und die Frod-Leute lauschten. Das klang nicht rauh, hart und heulend, wie das Gerassel der Trommel, sondern weich, lind und lieblich, wie das Gezwitscher der Singvögel in Lenz und Laub. Fred wollte das melodische Rätsel lösen, kletterte am Bug empor und steckte den Kopf über die Reling. Die wunderbaren Töne erzeugte ein Mann mit seinen bloßen Fingern, die über einige Darmsaiten, die über einen Holzrahmen gespannt waren, hin und her glitten. Ein plötzliche Wehmut beschlich ihn, den Meister seiner Sippe, er fühlte schmerzlich: Ich bin ein Stümper neben diesen stolzen Fremdlingen, die in allen Dingen viel weiter und weiser sind, ich bin ein Lehrling geworden, der lernen muß. Als die Sommernacht dämmerte, horchte er hinter Fundas Hütte herum. Schnell kroch er durch den niedrigen Eingang, die Atemzüge sagten ihm, wo die Schläferin lag. Ohne in dem finstren Raum ihr Antlitz sehen zu können, legte er das Stück Gewebe auf ihre Brust. Sittsam und schleunig, als wenn er sich schäme, verschwand er wieder. Als Funda am Morgen erwachte und das Geschenk der Nacht sah, jubelte sie laut, und ihre Finger liebkosten die Goldfäden. Eine Stunde lang legte sie das Gewebe um ihre Schultern, wand sie es um ihr Haupt, schmückte sie sich in jeder möglichen Weise und lachte glückselig wie ein Kind. Oh, der Einzige und Beste hatte in ihren Augen den heißen Wunsch gelesen und sofort erfüllt. Als Kopfbinde – wenn sie es wie ein Diadem um Stirn und Haar schlang – gefiel es ihr am besten, – ihre Haltung wurde königlich, und ihr verhaltenes Lachen kicherte: »Funda, die Fürstin aller Förden!« Sie war aber viel zu vorsichtig und verständig, um draußen im Dorfe den Prunk zu zeigen. Es hätte Frods Argwohn und Eifersucht entfesselt. Nur in der Hütte holte sie das Spielzeug hervor, um sich daran zu ergötzen und törichte Träume zu spinnen. Dann konnte mitten im Lachen ihr Fuß zornig stampfen: Fred ist der rechtmäßige Fürst und Herr! – Die Gater hatten längst bemerkt, welches das höchste Gut dieser Barbaren sei, und daß die Männer und Weiber als Hals- und Armschmuck Zähne vom Wolf, Elch und Bären, und dazwischen – als Ersatz und zum Füllen – blankgeriebene, durchlochte Bernsteinstücke trugen. Am ganzen Strande wurde Bernstein in kleineren Stücken massenweise gefunden, nur die großen Stücke waren seltener, je größer und schöner sie waren. In den Kulturländern jener Stein- und Urzeit vor drei bis vier Jahrtausenden, von Ägypten bis Ninive und Babylon, wurde Bernstein als hochwertiger Schmuck von den schwarzhaarigen Schönen eines Ramses, Nebukadnezar und Sanherib mit Vorliebe getragen, denn das helle Goldgelb des Steins hob sich von ihrer bräunlichen Haut vorzüglich ab. Auch ein Jahrtausend später in Griechenland und Rom und noch Jahrhunderte nach Christi Geburt war Bernstein ein hochbegehrter Schmuck der reichsten und schönsten Frauen; die größten und glänzendsten Stücke wurden wie Edelsteine bewertet und bezahlt. Die Fördeleute schätzten die Zähne von Wolf und Bär, die nur mit Gefahr gewonnen wurden und von Mannesmut zeugten, weit höher als den mühelos gefundenen Bernstein, mit dem ihre Kinder spielten, und sie hatten keine blasse Ahnung von den Schmuck- und Wertgegenständen jener fernen Welt des Orients, keine Ahnung von den großen Schätzen, die an ihren Strand – den Strand des Bernsteinmeers, wie die Römer Jahrhunderte später die Ostsee nannten – nach jedem Sturm gespült wurden. Nur der Klügste von allen Frod-Leuten, Fred, witterte instinktiv, was die Fremdlinge eigentlich begehrten und schlau zu verschleiern suchten. Godebart warf zufällig sein Auge auf Bors Halsband, tupfte mit dem Finger auf die weißen Zähne und fragte beiläufig: »Willst du sie verkaufen für einen mäßigen Preis?« Der Jüngling löste zögernd den Schmuck, zeigte ihn und sagte: »Das ist meine teuerste Habe, die nicht für Tand, sondern nur für das Allerbeste zu verkaufen ist.« Da viele Männer herandrängten, um zu sehen, wie dieser Tauschhandel ablaufe, erklärte Godebart freimütig: »Diese Teile« – er zeigte auf die Bernsteinstücke – »kannst du meinetwegen behalten und nur die Zähne mir lassen. Gold ist das Allerbeste und Allerköstlichste in aller Welt, Gold will ich dir dafür geben.« Er streifte einen spiralförmig gewundenen, grellblitzenden, aber sehr dünnen Reif vom Arm und bot ein Stück davon, von der Länge eines Daumens, als Kaufpreis an. »Bei den Göttern! Das ist echtes, edles Gold, mein Sohn, und das allerwertvollste Gut der Erde, das ich dir für deine Zähne gebe.« Es war Gold, aber äußerst dünn geklopftes Goldblech. Bor war auch nicht auf den Kopf gefallen. »Die Stücke kannst du auch behalten, davon kann ich im Tang genug finden, aber den ganzen Ring will ich haben.« Der Gater lächelte nachsichtig: »Mein Sohn, warum forderst du nicht mein Schiff, das nicht arg viel mehr wert ist, als mein Armring, oder gar beide Schiffe für deine Wolfszähne? Soviel lege ich zu.« Nach langem Feilschen erhielt Bor einen drei Finger langen Golddraht, den Godebart um sein Handgelenk bog und festdrückte, wie stolz war der Jüngling auf seinen neuen Schmuck, den er jedem zeigte. Die Neugierde wurde zur Gier. Die Fördeleute betrachteten mit immer heißerem Verlangen das herrlich schimmernde Gold, dieses kostbarste Gut der fernen Erdbewohner. Obgleich sie noch nie zuvor Gold gesehen hatten, konnten sie den Blick nicht losreißen von dem blitzenden Reif, von dem ein Bann und Zauber auszugehen schien. Das rotglänzende Metall blendete ihr Auge, erregte ihre Seele und weckte in ihnen ein instinktives, ungeheures Verlangen, es zu besitzen. Ist die Sucht nach dem Golde dem Naturmenschen eingepflanzt und angeboren? Sie griffen danach, wie die Kinder nach dem schimmernden Spielzeug. Eifrig wurde gehandelt und gedungen. Alle, alle wollten ein Stück Golddraht einkaufen. Sogar der Häuptling kam und sagte hochmütig zu dem Schiffsherrn: »Zähne wie meine Bärenzähne gibt es an der Förde nicht ... gleich um gleich, ganz für ganz! Für meinen Halsschmuck deinen ganzen Armring!« An der Schnur war gar kein Bernstein-Ersatz. Der Gater warf den Kopf in den Nacken und wies mit stolzer Handbewegung das Angebot zurück. Fred hatte eine Weile den Handel beobachtet und seine Schlüsse gezogen. Jetzt hielt er dem Kaufmann seine Schnur hin, an der große Bernsteinstücke und kleine blanke Zähne hübsch miteinander wechselten. Godebart prüfte das geschmackvolle Stück und war bereit, drei Fingerlängen Golddraht zu zahlen. Fred streifte die Schnur ab, schüttete die Zähne in die rechte und die Bernsteine in die linke Hand, hielt dem Käufer die volle Rechte hin und sagte mit einem feinen, vielsagenden Lächeln: »Nimm diese für deinen Preis und laß mir die Bernsteine, die für dich wertlos sind!« Da wurde der höfliche Fremdling ärgerlich und rief unwillig: »Nein, alles oder nichts!« Er brach das Geschäft ab, war aber nach wenigen Minuten wiederum der zuvorkommende Weltmann, der für morgen die Fördeleute zum Mahl am Strande einlud. »Ihr sollt mal unsere Gerichte kosten.« – Am Ufer unterhalb der Schiffe hatten die Knechte der Gater große Feuer angezündet. Kessel, von rotbrauner Farbe und nicht von Ton, standen auf der Glut und brodelten. An dem andern Feuer drehten zwei Knechte ständig den Bratspieß. Die Männer der Förde, die auf glühenden Steinen rösteten und diese Art des Bratens nicht kannten, betrachteten sehr aufmerksam den Bratspieß und haben von nun an oft dieses einfache Bratverfahren nachgeahmt. Auch die sonderbaren Töpfe auf dem Feuer erregten ihr Interesse; sie fragten, aus welchem Gestein sie gehauen seien. Hildebert, der zweite Schiffsführer, erklärte, daß sie aus Kupfer, welches im Feuer erhitzt und erweicht sei, gehämmert und geformt seien. Er holte einen Barren vom Schiff und zeigte ihnen das braunrote Metall. Auch Kupfer, mit ein wenig Zinn vermischt und verschmolzen, welches noch viel schöner und die goldig schimmernde Bronze sei, legte er vor ihnen hin. Fred wog den Kupfer- und den Bronzebarren in seinen Händen, prüfte sie und kratzte mit seinem Messer daran. Er hatte nur Sinn und Auge für dieses Metall und stellte sehr viele Fragen, als wenn sein Geist die ungeheure Bedeutung der Bronze ahnend erkannt habe. Höflich wurden die fellgekleideten Gäste, als wären sie hohe Herren, von den Gatern zum Essen genötigt. Die Frod-Leute taten ihre volle Schuldigkeit, die Gerichte mundeten ihnen trefflich, sowohl das Pökelfleisch, das im Kessel kochte, und das von einem unbekannten Tier, dem Hausrind, herrührte, als auch die Schafkeulen am Bratspieße. Die Landesbewohner kamen aus dem Erstaunen nicht heraus, als ihnen durch Zeichensprache erklärt wurde, daß diese zahmen Tiere in Herden zu Hunderten auf der Waldweide gehalten und gegen Wölfe durch Hirten und Hunde beschützt würden. In dem einen Kessel brodelte ein Hirsebrei, den die Fremdlinge voll Behagen mit den Fingern aus kleinen Tonschalen löffelten. Einige Gäste kosteten davon, aber das klebrige Zeug blieb ihnen zwischen den Zähnen oder im Halse stecken. Sie würgten und würgten so komisch, daß die ernsten Gater unbändig lachten. Ihr Gelächter sollte noch lauter werden. Der Salzgehalt des Pökelfleisches nämlich erregte einen heftigen Durst; um ihn zu löschen, wurden große Schalen mit einem angenehmen Getränk fleißig gereicht und immerzu geleert und gefüllt. Nach einer Stunde wurden die Fördeleute überaus lustig, lachten und sangen; ja, sie tanzten und tollten wie die Kinder, so daß die gemessenen und würdevollen Gater sich vor Lachen bogen. Nach einer Weile fingen die Gäste an zu schwanken und über ihre eigenen Beine zu stolpern. Die Männer der Förde hatten von dem angenehm unschuldigen Hirsebier einen Mordsrausch bekommen. War das die Absicht der Gastgeber gewesen? Einige jedoch waren nüchtern geblieben. Fred ging mit dem Schiffsherrn an Bord, um die Barren zu besichtigen. Mitten im Boot lagen wohl zwei Dutzend Stangen, um den Kiel zu beschweren. Fred lächelte leise, näherte sich dem Ohr Godebarts und flüsterte plötzlich diskret-vertraulich: »Lasset uns aufrichtig sein, es sind nicht die Zähne, es ist der Bernstein, den ihr begehrt ... sagt es offen, so können wir zwei einen großen Handel machen, denn ich besitze die größten und schönsten Stücke.« Der Schiffsherr furchte die Stirn – das war ein Strich durch seine Rechnung –, faßte sich aber schnell und nickte. »Wohlan, komme morgen in der Tagfrühe und bringe deine besten Stücke mit! So wollen wir einen ehrlichen Handel machen.« Die meisten Männer der Förde schliefen in der Nacht wie die Toten. Hatten die schlauen Bernsteinkäufer das gewollt und damit gerechnet? In der Nacht leuchtete der Vollmond, das lange Ufer lag im hellen Licht. Da kletterten dunkle Gestalten am Bugspriet und Ankertau der Schiffe herunter, huschten am Strande entlang, bückten sich oft, um im Tang zu wühlen, und suchten eifrig. Aber die nächtlichen Bernsteinsucher wurden bemerkt. Der Häuptling hatte auf den Rat seines Bruders hin zwei Wachen ausgestellt, die laut Befehl im Gebüsch versteckt lagen und den ganzen Strand überblickten. Nach Mitternacht meldete der eine in Frods Hütte: »Die Gater suchen das ganze Ufer ab.« Selbst das kleinste Stück, das kein Einwohner aufhob, verschmähten sie nicht. Frod lief mit hochrotem Kopf aus der Hütte, besann sich aber auf den Rat seines besonnenen Bruders, sprang auf den Abfallhaufen hinauf und brüllte durch die tiefstille Mondnacht: »He! Ho! He! Es darf ein Fremder nichts fangen noch fischen an unserem Strand.« – Der riesige Hund im Schiff schlug wütend an und heulte. Flugs verschwanden die Sucher am Strande, flink verkrochen sie sich im Schiff. Am Morgen erwachten viele Frod-Leute mit einem schweren Jammer, und jedes Haar auf ihrem Haupte – sie hatten im mächtig dicken Schopf Haare ohne Zahl – jedwedes Haar tat ihnen schauerlich weh. Sie stürzten zum Wasser und tranken den Weiher fast leer. Godebart begrüßte sie gleichmütig, als wäre in der Nacht gar nichts vorgefallen, und sagte dann kaltblütig: »Als ihr trunken waret, hätten wir eure Habe und euch selbst hinwegführen können ... ihr seht, daß wir gute Leute sind, die ehrlich tauschen. Wenn ihr brav und billig mit uns handelt, werden wir gut zahlen, auch im nächsten Sommer wiederkommen und wertvolle Ware bringen ... sammelt fleißig die großen Stücke!« Die kühnen Kaufleute der Gater hatten das gesuchte Bernsteinland gefunden und beabsichtigten, hier am Bernsteinmeer eine Handelsniederlassung zu gründen. Bei Sonnenaufgang kletterte Fred von seiner geheimen Schatzkammer in der hohlen Eiche herunter, hatte ein Fellsäcklein unter dem Wamse versteckt und blieb vor dem Tempelhause stehen, um zu beten. Er hatte fast die ganze Nacht gegrübelt, seine Seele war bis in ihre Tiefe bewegt und erregt worden durch den Besuch der klugen und selbstsicheren Fremdlinge, die wie Menschen aus einer ganz anderen Welt, ja wie höhere Wesen im Fluge gekommen und seinem Volke in vielen Dingen und Fertigkeiten weit überlegen waren. Das erfreute ihn, weil er viel von den Gatern lernen, seinen Gesichtskreis erweitern und unbekannte Güter eintauschen konnte. Dennoch betrübte ihn eine gewisse Furcht, daß sein Volk durch den Besuch Großes, vielleicht sich selbst und sein Bestes verlieren könne, und ihn quälte die Frage, ob nicht diese höheren Menschen seinem armen Volk viel Unheil bringen würden. Darum betete er lange zum Gott des Lichts, als die goldenen Strahlen in den Blättern spielten und über die Lichtung hüpften. Straff war seine Haltung, als er am Strande den Herrn Godebart, der auf ihn gewartet hatte, begrüßte. Er hatte als gelehriger Kaufmann beileibe nicht seine besten Bernsteine oder gar seine zwei Seltenheiten mitgebracht, sondern er holte aus dem Sack fünf mittelgroße, schöne, hellgoldige Stücke hervor. Dem Gater stand der Atem still, ihm war zumute wie einem Perlenhändler, dem ein nackter Nigger eine Perle von Taubeneigröße unter die Nase hält. Aber Godebart fragte kühl, wieviel Golddraht für alle fünf Stücke gefordert werde. Fred steckte vier Stück in den Beutel und verlangte für ein Stück den ganzen Reif. Godebart mußte sich auf eine Kiste setzen, mußte lachen: »Du weißt zu verlangen.« »Das lernte ich von dir,« erwiderte der Fördemann, steckte auch den fünften Bernstein in den Sack und zeigte auf den Dolch, den jener heute im Gürtel trug, und zog ihn, als Godebart nickte, aus der Scheide heraus. Es war eine wundervolle, spitze und scharfe Waffe und dabei wunderbar schön wie ein Schmuck-Kleinod, denn der Dolch war von schimmernder Bronze mit eingepunzten Zieraten. »Nimm ihn für die fünf Bernsteine!« sagte Godebart. »Nein, für das beste Stück von den fünf will ich ihn haben.« Und der beharrliche Fred hat ihn schließlich für einen Bernstein bekommen. Der Gater überlegte, was wohl die schwarzäugige Königin von Euphrat für Augen machen und für den schönen Bernstein bieten werde, und er bot für das zweite Stück zwei Spirale von seinem Goldreif. Als aber dieser Barbar eigensinnig blieb und nichts abließ, warf er den ganzen Armring für das eine elende Stück Bernstein hin. Fred lächelte leise, barg den Ring unten im Fellsack und äußerte den Wunsch, das Schiff zu besichtigen. Nachdem er mit seinen Genossen geflüstert und den Hund am Mast festgebunden hatte, ließ der Schiffsherr ihn an Bord. In einer Holztruhe lagen noch ein Dutzend Ringe von Goldblech. Der Fördemann musterte sie flüchtig und hatte andere Absichten. Er zeigte auf die Kupferbarren und noch lebhafter auf die Bronzestangen. Wie daraus Dolche und andere Waffen gemacht würden? Godebart antwortete nicht, sondern zeigte ihm Schwerter, Lanzenspitzen, Messer und Meißel, Bohrer und Zangen, alles aus Kupfer oder Bronze. Das Schauen und Staunen des Barbaren ergötzte ihn. Fred blickte in eine ganz neue Welt hinein und war zunächst ganz befangen von den Gedanken, die auf ihn einstürmten. Dann aber prüfte er sehr genau die erstaunliche Härte und Schärfe des wunderbaren Metalls. Am längsten betrachtete er die Schwerter, die sehr lange, zweischneidige Dolche mit einem Holzgriff für die Faust waren. Oh, diese Gaterwaffen machten tiefe, tödliche Wunden und waren eine dem spröden Feuerstein weit überlegene Wehr, die im Kampf zwischen Stein und Bronze Sieger bleiben mußte. Noch eindringlicher erkundigte er sich, wie diese Bronze behauen und bearbeitet werde. Godebart kniff das eine Auge zu. »Was zahlst du mir als Lehrgeld, wenn ich dir die große Kunst zeige? Von euren Weibern das schönste?« Fred blickte düster, denn er hatte gestern bemerkt, daß der lange Gater Funda mit Wohlgefallen betrachtet hatte, und er sagte hart und mit Hohn: »Verkauft ihr eure Jungfrauen für das viele Gold, das ihr habt? Nein, das nicht ... aber diesen Bernstein gebe ich als Lehrgeld.« Lachend steckte der Schiffsherr das schöne Stück ein, das er so wohlfeil bekam; und er gab dem Steuermann Ulfert, der auch Schiffsschmied war, einen kurzen Befehl. Ulfert zündete auf der Esse ein starkes Feuer, schürte es und legte eine Bronzestange hinein. Freds Auge brannte, und sein Herz pochte, als wenn ihm eine Offenbarung werde, als er sah, wie die steinharte Bronze im Feuer rot und weich wurde, wie der Schmied sie mit der Zange faßte und mit der Rechten den Hammer schwang, wie er durch flinkes Hin- und Herwenden und stetes Hämmern nach mehrfacher Erhitzung der weichen Masse die gewünschte Form gab. Aus dem Stück Bronze war im Handumdrehen ein Dolchblatt geworden. Das war ein scheinbar einfaches Verfahren und doch wie ein Mirakel vor den Augen des Zuschauers. Der schlaue Godebart bemerkte, wie das Schmieden des Metalls dem Barbaren imponierte, erwartete ein Angebot und antwortete, als Fred eine Bronzestange in der Hand wog, kaltblütig: »Die ist nicht zu kaufen, es sein denn, daß du mir deinen ganzen Bernstein-Vorrat dafür gibst.« Darauf grüßte Fred sehr kühl, indem er nach der Weise der Gater den Kopf auf die Brust sinken ließ, und ging schnell von Bord. Unterhalb des Schiffes aber blieb er stehen, denn ein höchst merkwürdiger Vorgang erregte von neuem seine Aufmerksamkeit. Alle diese Tage hatten die Frod-Leute darüber sich gewundert, daß die Gater, die doch hohe, kräftige Männer und keine Weiber waren, ein ganz glattes, bartloses Gesicht und, wie die Kinder und Frauen, auf Kinn und Wange keine Haare hatten, und sie hatten gemeint, daß im fernen Südosten ein von Natur bartloses Menschengeschlecht wohne. Jetzt sah Fred mit Lachen des Rätsels Lösung. Auf einer Holzkiste saß der Steuermann Hadur, auf dessen Wange kurze Bartstoppeln standen, und ein langer Schiffsknecht rieb immerzu sein Gesicht mit warmem Wasser und Bimsstein. Wollte er das grimsige, von Wind, Seeluft und Sonne gebeizte Schiffergesicht rein und weiß waschen? O nein, er nahm ein kleines, fast wie eine Sichel gekrümmtes Bronzemesser in die Hand und zog damit langsam-behutsam über Wange und Kinn hin, die Bartkeime wegschabend. Das war für Fred ein so kurioser Anblick, daß er laut lachen mußte, besonders, wenn der geschabte Hadur schreckliche Grimassen schnitt, als wenn er Bauchgrimmen habe. Närrische Menschen waren diese Gater, die den Bart, des Mannes Zier, im Keime abkratzten, trotz all ihrer Klugheit und Kunst. Freds Seele war so voll von dem Geschauten, daß er seinem Bruder von den vortrefflichen Waffen, denen ihr Steinbeil nicht gewachsen sei, sehr viel erzählte. Frod wurde sehr nachdenklich, verkniff die lauernden Augen, grübelte und sinnierte ein ganze Weile und raunte seinem Bruder ins Ohr: »Warum wollen sie ihre Bronze nicht verkaufen? Siehst du den Untergang, der uns droht? Es sind zu gefährliche Gäste, und sie gieren nach unsrem Bernstein. Wohlan ... wir wollen sie mitten in der Nacht beschleichen, überfallen und erschlagen und ihre Waffen nehmen, ehe sie uns töten und unsere Weiber hinwegführen ...« Fred fuhr empor und ihn mit harten Worten an: »Das verhüte der lichte Gott! Heilig, heilig ist der Gast ... nur der allerniedrigste Neiding bricht das heilige Gastrecht. Auch würde der schändliche Überfall uns Übel geraten, der Riesenhund würde sofort anschlagen und uns zerfleischen, und ihre besseren Waffen würden uns besiegen ... laß ab von dem wahnwitzigen Gedanken!« Frod gab seinem Bruder recht, weil er selbst schwere Bedenken und eine Furcht vor den reckenhaften Gatern und ihren rätselhaften Waffen hatte, aber der heimtückische Gedanke bohrte weiter in seinem Gehirn. VII. Zu Rüste ging der Tag, leise dämmerte der linde Abend. Frod strich fünf-, sechsmal um Fundas Hütte herum, das rauhe Herz voll weichmütiger Minnesehnsucht. Nein, er durfte die Schwelle nicht betreten, wer konnte es ihm aber verwehren, an die Wand zu klopfen und, wenn sie heraustrat, seine Gabe zu überreichen? Der dreiste Mann tat es nicht, denn er fürchtete sich vor ihrem Zorn, wenn ihre Augen sprühten. Darum rüttelte er die alte Runa wach: »Nimm diesen Goldreif und bring ihn Funda ... der Herrin meines Herzens von dem Herrn der Förde!« Das junge Mädchen nahm die Überraschung und die Gabe mit großer Gemütsruhe, fragte gar nicht, wer der Geber, sondern nur, ob es gutes, echtes Gater-Gold sei. Als sie sich davon überzeugt hatte, legte sie den Reif um ihren Unterarm und liebäugelte damit, bis sie des Spieles müde wurde. Ihr Mund verzog sich ins Spöttische. Nur einmal um den Arm gebogen, dünn und dürftig ist er ... ach, wenn seine Liebe groß und nicht so klein und knauserig wäre, so hätte er mir den Reif des Gaters, der siebenmal um den Arm gewunden ist, gekauft. Trotzdem blieb der Ring an ihrem Arm die ganze Nacht. Als der Morgen graute, kroch eine Gestalt durch die niedrige Tür und in die Hütte hinein, legte lautlos einen siebenmal gewundenen Ring auf die Felldecke und verschwand wie ein Geist. Funda hatte süße Träume gehabt: Sie war Königin im fernen Märchenlande gewesen und jedes ihrer Glieder mit Gold behängt. Als sie erwachte, war der Traum Wirklichkeit geworden; eine Fee war nachts in der Hütte gewesen und hatte den siebenfachen Goldreif hinterlassen. Da riß sie die verschlafenen Augen auf und sofort den elenden Ring vom Arme, um ihn verächtlich hinzuschleudern und stolz den siebenfachen um den Arm zu winden. Also geschmückt lachte und jauchzte und tanzte sie eine Stunde lang. Funda wollte den dünnen und dürftigen Reif mit einem spöttischen Dankeschön zurücksenden, aber bis Mittag hatte sie sich besonnen und eingesehen, daß auch dieser Ring gutes, lautres Gold sei, und sie legte ihn um ihren linken Arm. Ohne Bedenken und ohne Arg im Herzen, wie ein harmloses Kind trug sie beide Ringe, jedoch nur in der Heimlichkeit der Hütte. Ehe sie in die Öffentlichkeit hinaustrat, versteckte sie beide – den einen vor Frods, und den andern vor Freds eifersüchtigen Augen – in der Hüttenwand, wo sie ihr Geheimfach hatte. Ein Lehmstück konnte sie aus der Wand herausnehmen und wieder einsetzen, und die Höhlung dahinter war ihre Schmuckkammer, die kein Unbefugter fand. Am Vormittag ging sie an den Strand, um zu sehen und gesehen zu werden. Unterwegs erzählten ihr die Weiber, in der Nacht sei Gerda wirklich eingeschlafen, richtig und für immer gestorben. Sechs Wochen war sie wie eine lebende Leiche gewesen. Woche für Woche hatte das uralte Weiblein mit geschlossenen Augen in seiner Hütte gesessen, ohne Speise und Trank zu nehmen, weil es sterben und den Untergang nicht sehen wollte. Die Prophetin war nach drei Tagen vergessen und ihre Prophezeiung auch. – Von der Morgenfrühe an wurde am Strande Tauschhandel getrieben, eifriger als je. Die Fördeleute rissen den Bernstein aus allen ihren Schnüren heraus, um Golddraht zu bekommen. Nach allen andren Waren der Gater, die ihnen sehr nützlich gewesen wären, hatten sie gar kein Verlangen, nur das Rote, Glänzende und Grelle begehrten sie, obgleich es dünner Draht und leichtes Goldblech war. Als Bernstein auf die Neige ging, brachten sie Wildbret, schöne Felle, und was sie hatten, wie leichtsinnige Verschwender, die heute ihr Gut verschleudern und morgen darben müssen. Das Gold wirkte auf diese Naturmenschen, die es zum ersten Male sahen, wie ein unheimlicher Zauber. Sie waren wie besessen in ihrer Gier nach dem roten Gestein, wie sie es nannten. War es wie eine Massen-Suggestion in unsren Tagen? War es eine seelische Sucht und Seuche, die im Nu alle diese großen Kinder befiel? Das rote, leuchtende Gestein wirkte mit magnetischer Kraft. Die schlauen Kaufleute lachten sich ins Fäustchen und machten glänzende Geschäfte. Herr Godebart war sehr zufrieden und konnte eine Großmut sich erlauben und ein Geschenk machen. Oder war es ein Lockmittel? Oft hatte er unter den vielen Weibern eine Zuschauerin, die sich durch ihre Eigenart und Schönheit auszeichnete; beobachtet; und da er einen guten Geschmack hatte, sagte er sich bald, daß diese schwarzhaarige Barbarin, wenn sie in Wolle und Seide gehüllt werde, leicht mit den Frauen seiner Heimat an Anmut und Lieblichkeit sich messen könne. Auch heute schielte er ein paarmal nach ihr hinüber. Fürwahr, ein herrliches Weib, ein wilde, voll aufgesprungene Heckenrose! Da nahm er aus der Kiste eine blitzblanke, ovale Bronzetafel – es war ein blank geschliffener Bronzespiegel. Er trat vor Funda hin und hielt ihr plötzlich den Spiegel vor die Augen. Sie errötete und erschrak, als sie zum ersten Male ihr Gesicht, das sie bis jetzt nur im Wasser gespiegelt hatte, leibhaftig erblickte. Bald jedoch betrachtete sie sich selbst mit Entzücken in dem blanken Metall, ja instinktiv, wie ein Kind, griff sie nach dem köstlichen Spiegel und Spielzeug. Lachend legte Godebart ihn in ihre Hand und sagte durch Gebärden, »Behalte ihn, er ist dein.« Glückselig drehte und wendete sie den Spiegel nach allen Seiten, dann aber seufzte ihr Mund, und ihre traurige Miene fragte: »Was kostet er?« »Nichts, ich schenke ihn dir, er ist ein Andenken von mir.« Godebart machte deutliche Zeichen. Da tänzelte sie in ausgelassener Lust, und immerzu betrachtete sie ihr Gesicht von allen Seiten. Frod war gekommen und beobachtete den Vorgang mit höchst unwirscher Miene. Auch sein Bruder zog die Brauen zusammen, das Gater-Geschenk mißfiel ihm sehr. Das beachtete Godebart nicht im geringsten, vielmehr holte er allerlei Schmuck, Goldreife und kleine Goldperlen, auf eine Schnur gereiht, hervor, um sie dem Mädchen zu zeigen und ihr Gelüst zu erregen. Aber er schenkte ihr nicht ein Stück, obgleich Fundas Augen vor Verlangen funkelten. Er versuchte durch Blicke und Mienen mit ihr zu scherzen und schien sogar durch dreiste Gebärden anzudeuten: Das alles könne sie als Eigentum haben, wenn ... wenn ... Funda wollte die Sprache seines frechen Blicks nicht verstehen, aber Frod hatte sie zu gut verstanden, wurde zornrot und brüllte sie an: »Scher dich in deine Hütte! Hier ist kein Ort für dich und all die unnützen Weiber, packt euch!« – – – Am nächsten Tage äußerte der Herr der Gater zu Fred: »Wir müssen an die Heimkehr und die Meerfahrt, die weit ist, denken, übers Jahr kommen wir wieder.« »Ja, nachdem du den guten Bernstein spottbillig gekauft hast, willst du Abschied nehmen ... mögen deine Götter dir günstigen Wind geben! Doch ich hätte vielleicht noch ein paar Stücke, die recht schön sind.« »Du Schelm! Bringe sie sofort!« Fred holte große, goldklare Stücke, aber sein größter Schatz, die beiden Seltenheiten, blieben als letzter Trumpf im Versteck. Draht und Gewebe wies er zurück, Waffen wollte er haben. Die Gater jedoch wollten gerade ihre Waffen nicht in die Hände der Barbaren kommen lassen. Dennoch gelang es ihm, ein Schwert und eine Lanzenspitze durch Tausch zu erwerben. Godebart hielt den Bernstein-Vorrat für erschöpft, schätzte seinen Besitz an Bernstein auf eine Tonne Gold und berechnete mit Schmunzeln, daß er nach seiner Heimkehr ein schwerreicher Mann und reicher als der König der Gater sei. Er sagte herzlich: »Hab Dank für Gastfreiheit und ehrlichen Handel! Wir kommen wieder und wollen hundert Jahre lang gute Freunde bleiben. Morgen werden wir den Göttern opfern und die Segel setzen ... wollt ihr uns helfen, die Schiffe ins Wasser zu bringen?« »Mein Bruder wird gern Hilfe gewähren, bittet ihn!« Herr Frod wünschte zwar den langen Godebart zur Hölle, wußte aber, was sich geziemte, und ließ die Fremdlinge zum Abschiedsmahl laden. Sie schmausten um die Wette. Sogar Bärentatzen, ein Hochgenuß für Leckermäuler, wurden gereicht, aber nur den Häuptlingen. Die Gater wollten die Freundlichkeit erwidern und ließen nach dem Mahl dickbäuchige Gefäße voll von Hirsebier bringen. Viele wurden sehr fröhlich, Gater und Frod-Leute herzten und küßten einander. Andere griffen nach den kreischenden Weibern. Godebart trank tüchtig, war in übermütiger Laune und warf ab und zu ein Auge auf eine von den Zuschauerinnen. Der Schiffsherr hielt in der Hand einen goldenen Halsring, der nicht von Draht, sondern schwerer war, und spielte mit ihm. Jetzt stand er auf, stand neben Funda, dreist ihren Körper umfassend. Das war kein Verbrechen im Fördedorf. Wie eine Schlange entwand sie sich ihm. Er flüsterte: »Wie schön du bist! Komm mit ins Gaterland! Ich werde dich wie eine Königin kleiden und mit Gold schmücken ... nimm diesen Halsring als Handgeld!« Er legte den Reif um ihren Hals. Funda duldete es – sprang scheu hinter den nächsten Baum und griff nach dem Ring – aber ihre Hände fielen herab – sie ließ ihn liegen. Das Gold hatte sie in seinen Zauberbann getan, wenn sie auch das freche Angebot des Gaters nur zum Teil verstand, so las sie doch in seinen Augen seine Absicht, und ihr Antlitz war schamrot geworden – aber den Reif warf sie ihm nicht vor die Füße. Standen doch alle unter demselben unseligen Bann. Selbst der Ärmste im Dorfe hatte für seine Felle ein fingerlanges Stück gekauft, das er sich an einer Bastschnur um den Hals hing. Frauen hatten sogar ihre für den Winter unentbehrlichen, warmen Bettfelle verkauft, um Golddraht zu kaufen. Fred, der nüchtern blieb, hatte Godebarts dreiste Verliebtheit mit Mißfallen beobachtet, trat an ihn heran und sagte gedämpft: »Soll ich dir zeigen, was du noch nicht gesehen hast? Laß uns zum Strande gehen!« Sie gingen, Fred holte plötzlich den Bernstein, in dem die dicke Schmeißfliege mit ihren Flügeln und Füßen eingemauert war, hervor und hielt ihn dem Gater unter die Augen. Godebart, der bei dem Anblick die Sprache verlor, schwieg lange und starrte den Bernstein an. Er hatte keine Weiber mehr im Kopfe. Fred lächelte: »Ich sehe, daß du dich sofort in dieses seltene Stück, desgleichen es nicht gibt, verliebt hast ... es ist zu kaufen.« »Ja, es ist dir feil für einen unverschämten Preis, und einen hohen will ich zahlen ... was forderst du?« »Das Allerköstlichste und Allerbeste, das du im Schiffe hast.« »Alle Ringe, die ich noch habe ...« »Nein, deinen Draht begehr ich nicht, sondern deine Waffen.« »Alles, nur nicht das! Unmöglich, denn unsere Waffen müssen wir behalten, wenn wir die Heimat lebendig erreichen wollen.« »Das Allerkostbarste in deinem Boot will ich haben für die Bernsteinfliege.« »Komm mit! Mein Teuerstes, dafür du dir ein Land, größer als diese Förde, kaufen könntest, will ich dir zeigen.« Aus einem Versteck zwischen den Planken holte Godebart eine Stange, die ihre achtzehn Pfund wog, hervor und hielt sie auf beiden Händen. Es war ein Goldbarren, nicht dünn gehämmertes Goldblech, sondern lautres, massives Fein- und Vollgold, das ein Fürstentum wert war. Fred nickte in kühler Überlegung und sagte dann bestimmt: »Behalte den Barren! Es ist zu wenig für einen Bernstein, den du hundert Sommer lang vergebens suchen wirst. Ich will dein höchstes Gut oder nichts.« »Gold ist das Höchste in aller Welt!« Godebart riß in Erregung sein Gewand auf, öffnete alle Truhen und Luken, um freien Einblick zu gestatten, und reckte die Arme wie zum Schwure himmelwärts. Droben leuchtete die heilige Sonne. Der Priester des Dorfes wurde stutzig und fragte leise: »Betest du auch zum lichten Gott?« »Ich bete zu allen Göttern, die mir helfen können, dich zu überzeugen.« »Bleibe mein Freund und komme wieder, wenn der Kuckuck ruft! Ich werde die schönsten Steine für dich suchen.« Fred sprach es und kletterte über die Reling. In dem Schiffsherrn keuchte und kämpfte es. Winkend beugte er sich über den Schiffsbord. »Komm zurück, alles Gold, das ich habe, will ich dir geben.« Fred folgte ihm in den Schiffsraum, wo Godebart noch einen Barren von fünfzehn Pfund hervorholte. Dann sagte er wie erschöpft: »Nimm all mein Feingold für deinen Bernstein! Suche überall, was du noch findest, soll dir geschenkt sein.« Der Fördemann legte das merkwürdige Stück hin und nahm beide Barren auf die Schulter. Der Schiffshund knurrte bös, als wenn er dem Fremdling grolle. Der Schiffsherr seufzte tief und still: »Oh, diese fellgekleideten Barbaren, die in vier Tagen die Kaufmannskunst, darin ich vier Jahre ein Lehrling war, erlernen.« Aber die wunderbare Fliege im Bernstein tröstete ihn in seiner Betrübnis. Eine Pharaonin in Ägypten, die Königin der Hethiter oder das Weib des phönizischen Millionärs würde für das seltsame Schaustück jeden Preis zahlen. Er versteckte es vor den Augen seiner Genossen. Die Gater, die das Bernsteinland entdeckt hatten, machten ihre Schiffe klar, gruben vor dem Kiel eine Rinne in den Sand und brachten mit vielen Händen ihre Boote ins Wasser. In der Frühe wollten sie Segel setzen. Frod und seine Krieger schliefen nach dem überreichlichen Genuß von Hirsebier sehr fest. Aber Fred wachte, denn er saß in seiner Werkstatt vor dem Feuer und versuchte in der Glut das Kupfer zu erweichen. Es gelang ihm über Erwarten. Unten auf den Schiffen war nicht einmal der Schritt einer Wache zu hören. Dennoch saß ein Mann auf dem Ankertau und horchte nach dem Dorf hinüber. Godebart hatte seit Jahr und Tag kein Weib gesehen, denn die Frauen dieser Felleute waren in seinen Augen häßliche Meerkatzen. Aber hier hatte sein durstiges Herz eine schwarzäugige Schöne erblickt – Funda hatte sofort alle seine Sinne erregt. Sie war auch in der plumpen Felljacke ein herrliches Weib. Die verständige Überlegung des nüchternen Kaufmanns wurde von unsinniger Leidenschaft erstickt. Ob sie wohl seinem Werben widerstehen werde? Mit Gold war alles auf Erden, auch Frauengunst, zu kaufen; kein Weiblein widerstand dem roten, blitzenden Gestein. Er steckte Armringe unter sein Wams, für die Hunde nahm er Fleischstücke mit. Letzteres war nicht nötig. Die Dorfhunde kannten und ehrten den Gast und schlugen nicht an. Godebart stand hinter Fundas Hütte, mit dem Finger an die Wand klopfend, leise, dann lauter. Drinnen regte sich nichts. Funda war wach und gedachte ihres Gelübdes. Der Mann draußen klopfte mit dem Fuße, kratzte ungestümer. Welches Hündlein ist da draußen, haha? Das Mädchen erhob sich vom Lager, warf die Jacke um und lächelte zärtlich. Es war ihr Fred, den die Sehnsucht bezwungen hatte, und der sie einmal sehen mußte. In der Nacht sah es keiner. Einmal ist keinmal. Ein Flüstern an der Wand: »Ich komme für einen Augenblick.« Als Funda durch die niedrige Tür huschte und hochsprang, stand der lange Gater vor ihr, höflich das Haupt neigend und in der Hand einen siebenfachen Ring hinhaltend. Sie unterdrückte einen Schrei und sagte zornig: »Was willst du in der Nacht?« »Ich will dir nur diesen letzten Gruß bringen.« Das Gold leuchtete und lockte, wie ein Kind griff sie schnell und ohne zimperliche Bedenken zu. Der Reif saß auf ihrem Arm. »Hab Dank und gute Fahrt, gehab dich wohl, haha!« Sie lachte, den freigebigen Tor lachte sie aus. Godebart nickte wohlwollend. »Ich habe noch viel Schöneres auf dem Schiffe, das zeige ich dir unten auf dem Strande ... komm mit!« »Nein, ich bleibe hier ... bring es her!« »Ach, begleite mich um der Hunde willen, die mich fressen wollen! Bringe mich durchs Dorf zum Strande! Ich berühre dich mit keinem Finger.« »Oh, ich fürchte mich nicht.« Sie zog den Steindolch, den sie stets bei sich trug, aus dem Busen und hielt ihn in der Hand. »Würdest du mich berühren, so würde ich tief stechen ... laßt uns gehen!« – Sehr gespannt, was er ihr zeigen wolle, folgte sie ihm, ohne eine Gefahr oder eine Falle zu ahnen. Unter dem Heck des Schiffes, wo eine Bastleine herabhing, sagte Godebart: »Du kannst ja klettern wie eine Katze, soll ich dir helfen?« »Nein, ich bleibe hier, bring es herunter!« Weil der Mann so väterlich-verständig und ruhig blieb und auf alle ihre Wünsche einging, wurde Funda zu vertrauensselig. »Ja, ich hole es ... willst du diese Ringe und meinen Mantel so lange halten, damit ich rascher klettern kann?« Sie erfüllte seine Bitte, ohne eine Arglist zu ahnen, sie steckte ihren Dolch ein, um mit der rechten Hand seine Ringe zu nehmen, und streckte die Linke aus, um den Wurfmantel zu halten. Ein Schrei gellte durch die Nacht. Im Nu hatte der Gater seinen Mantel um Funda geschlungen, mit dem Mantel sie gefesselt, und er hielt sie mit seinen starken Armen so festgeschnürt, daß sie kein Glied rühren, keinen Ton hervorbringen konnte. Oben in der Werkstatt aber war der Schrei gehört worden – eines Weibes gellende Stimme, die Fred unter tausenden kannte. Er taumelte auf die Füße, riß das neue Bronzeschwert an sich und rannte. Er glaubte, daß sein Bruder, der am Abend trunken war, Funda in ihrer Hütte überfallen habe. Nein, die Hütte schlief. Er stürmte weiter. Der Gater hatte inzwischen das festgeschnürte, lebendige Bündel über die Schulter geworfen, um das Schiff zu ersteigen. Auf der Strickleiter mußte er sich mit der einen Hand festhalten, und nur der rechte Arm hielt die Last. Da fing Funda an zu zerren und zu reißen, und es gelang ihr, die Fessel zu sprengen. Sie und die Ringe und der Dolch fielen in den Sand. Godebart fluchte und ließ die Beute nicht fahren. Mit seiner brutalen Kraft warf er sich auf das schmächtige Weib. Sie rangen im ungleichen Kampf. Wenn auch Funda sich wehrte, biß und kratzte, er hatte sie wieder umklammert, wollte mit seinem Raub die Leiter ersteigen und war seinem Ziele nahe. Das Weib schrie noch einmal in Todesängsten. Ein Mann mit gezücktem Schwert rannte, flog über den Sand, brüllte: »Laß ab, du Räuber! Oder du stirbst.« Godebart ließ die Beute fahren und fallen und riß die Strickleiter hoch, um den Weg an Bord zu versperren. Er hatte Angst vor dem Rächer und den Folgen seiner Untat. – Fred, von einer anderen Angst und Sorge erfüllt, beugte sich hinunter, hob Funda auf seine Arme und trug sie hinweg. Erst weinend dann lachend lag sie an seiner Brust. Als sie sich erholt, küßte und herzte sie den Geliebten mit großer Inbrunst. Oft, unsinnig oft fragte sein Mund: »Hast du mich gern?« um immer wieder die nie ermüdende Antwort zu hören: »Ich habe dich lieb, du Liebster von allen.« Zwei junge Menschenkinder hauchten vor fünftausend Jahren dieselben Koseworte, die jetzt und immerdar und nach Jahrtausenden noch in stiller Nacht geflüstert werden. Erst als der Morgen graute, fand der verständige Fred verständige Worte. »Mein Bruder soll nichts erfahren von dieser Nacht, die Godebarts Niedertracht uns schenkte ... er würde werden wie ein toller Hund.« »Nein, nein!« Einmal, keinmal hatte Funda ihren Schwur gebrochen. Sie flog von dannen. Von Schritten knirschte der Sand. Einige Weiber trugen ihren Männern die Netze und Weidenkörbe in die Einbäume. Die vorderste von den Frauen, die Gattin jenes Rust, der ein Höfling und Schmeichler des Häuptlings war, hatte eine fliehende Gestalt bemerkt, grüßte Fred und grinste frech. Er ging eine Strecke neben ihr, als wenn er zum Strande wolle, und fragte: »Warum lachtest du, Rusta?« »Ich sah wohl die Schweigsame, die am Tage taubstumm und nachts eine Schwätzerin ist, haha ... ich kann auch Schweigsamkeit geloben, wenn es sich lohnt.« »Gelobe es mir und sei stumm, so will ich dir dieses Stück vom Goldreif geben.« Er schlug vom Armring eine Spirale ab, die Rusta ihm hastig aus der Hand riß und mit Gier betrachtete. – »Ich schwör' es bei dem Lichtgott!« Sie versprach es und hatte auch den ehrlichen Willen, ihren Mund zu halten. Die Fischer riefen: »He, was ist das?« Leer war der Strand, die Schiffe verschwunden! Die Gater hatten ohne Geräusch ihre Schiffe ins tiefe Wasser gebracht und in der windstillen Nacht wacker die Ruder gebraucht, um schleunig und ohne Abschied die Förde zu verlassen. Als die plötzliche Abreise im Dorfe ausgerufen wurde, war Frod sehr aufgeregt und seine erste Frage: »Wo ist Funda?« Dieser Argwohn war unbegründet, denn Runa kam von der Hütte zurück und meldete: »Sie schläft noch fest auf ihrer Haut.« Nichts fehlte am Strande und im Dorfe, kein Beil und kein Boot, nichts war geraubt worden. Frod konnte das rätselhafte Gebahren der Gater und ihr heimliches Verschwinden sich nicht erklären. Jedoch vor Abend ging ihm ein Licht auf. Rusta, die von ihrem Manne sehr knapp gehalten wurde, war in ihren Goldreif närrisch verliebt und prunkte damit vor allen ihren Freundinnen, die sie im Vertrauen bat, nichts davon verlauten zu lassen. Pünktlich, als Rust vom Fang heimkehrte, standen die zwei besten Freundinnen seiner Gattin am Ufer und empfingen ihn mit Lob: »Ei, du bist ein trefflicher Ehemann, der seinem Weibe einen feinen Blinker schenkt ... heirate mich! Du kannst mich von meinem Manne wohlfeil kaufen.« »Wer dich kennt, der kauft dich nicht,« antwortete er grob. Aber seine Gattin wollte er sich kaufen. Er fuhr auf sie los, riß ihr die Jacke vom Arm und brüllte: »Mit wem hast du so gründlich gebuhlt, daß er es mit einem solchen Goldring bezahlte?« Kräftig fielen seine Schläge. Rusta wimmerte und heulte: »Fred gab ihn mir.« »Ich schlage den scheinheiligen Priester tot.« Da sagte sie ihm die reine, volle Wahrheit. »Ah, Fred und Funda ... sehr gut!« Der Wüterich wurde glatt wie ein Hofmann; als sein Weib reuig büßen und den Ring zurückbringen wollte, – obgleich es ihr das Herz brach – streichelte Rust die Reuige: »Um der Götter willen, nur das nicht, mein Weiblein! Behalte den Reif! Du hast ihn nicht gestohlen, sondern geschenkt bekommen.« – Mit einer Zärtlichkeit, wie in ihren ersten Ehetagen, küßte sie ihren Mann. Rust zog die Stirn in Falten, um in Staatsangelegenheiten zu seinem Herrn und Gebieter zu gehen. Immer waren seine Geheimberichte belohnt worden. Tyrannen müssen tausend Ohren und Augen und überall ihre Späher und Zuträger haben. Der Häuptling war nach dem Rausche sowieso in schlechtester Laune. Die Galle lief ihm über und ins Blut, sobald er den fürchterlichen Bericht verstanden hatte. Frod wurde wie von Sinnen, die Augen quollen ihm aus den Höhlen, und Schaum stand auf seinen Lippen. Er raste hin und her, riß das Beil von der Wand und rannte wie ein Berserker von dannen. Dem Hofmann wurde angst und bange um seine Belohnung. Oben in der Werkstatt stand Fred vor dem Feuer und Steinamboß, voll Eifer das neue Metall erprobend. Dieses wunderbare Gestein, das Kupfer und Bronze hieß, das sich erweichen und hämmern und dann wieder erhärten ließ, war für seinen Forschergeist etwas so Neues, Großes, ja Gewaltiges, daß es seine Seele ganz erfüllte. Hier lag ein unendlicher, ungeheurer Fortschritt, den er ahnend erkannte, hier die Zukunft der Kriegswaffen und Friedensgeräte. Das schön gepunzte Bronzeschwert, das er vom Gater gekauft hatte, hing als Muster und Modell, oft betrachtet, vor ihm an der Wand. Ein passendes Stück des Bronzebarrens hatte er immer wieder erhitzt, erweicht und gehämmert, und jetzt nach manchen Fehlschlägen lag es in der rohen Form als Schwert ohne Heft und Griff im Feuer, um noch besser geformt und gefeilt zu werden. War das ein Wahnwitziger, der plötzlich hinter ihm stand, die Augen rollte und vor Wut schäumte? »Du hast mit Funda, die ihren Schwur brach, die ganze Nacht gebuhlt, du hast mich betrogen und zum Hansnarren gemacht ... Oh, zu zweien habt ihr über mich gelacht und gekichert ... lüge nicht! Du Heuchelpriester sollst sterben, wie ein Hund.« Er riß das Steinbeil von der Schulter und schwang es hoch empor, um das Haupt seines Bruders zu zerschmettern. Warum fiel der Schlag nicht? Ohne mit der Wimper zu zucken, fest und starr blickte Fred den Mörder an; die großen aufrichtigen Augen bändigten und bannten das Raubtier im Menschen. »Bist du ein Feigling und Neiding, der wehrlosen Mann mordet?« Frod schrie: »So nimm deine Waffe und wehre dich, du Heuchler!« Sein Bruder legte die Hand auf das Bronzeschwert an der Wand und sagte hoheitsvoll: »Es wäre ein zu ungleicher Kampf wenn ich meine Wehr nehme ... dein Steinbeil würde dem Schwert unterliegen ... ja, gekommen ist die Zeit, wo das Bronzeschwert das Steinbeil zerbrechen wird an allen Förden. Höre die Wahrheit, die volle Wahrheit sage und schwöre ich: Godebart hat mit seinem Goldzauber Funda aus dem Hause gelockt und wollte sie gewaltsam entführen, was der lichte Gott durch mich verhütete. Darum ist der Gater wie ein Dieb in der Nacht verschwunden, weil er ein Dieb war und ein Weib rauben wollte.« Frod erstickte an einer neuen Wut und keuchte: »Der Frauenräuber muß sterben, ich werde dem Gater den langen Schädel zerschmettern ...« »Wir hängen keinen Räuber, wir hätten ihn denn.« »Oh, wir jagen ihnen nach mit unseren Einbäumen, die Gater erschlagen wir, all ihr Gold und ihre Waffen sind unsere Beute.« »Ja, ein feiner Plan und eine schöne Beute, wenn ihre trefflichen Waffen nicht wären, welche diese Riesen mit ihrer großen Kraft wider uns gebrauchen. Betrachte dieses Schwert! Sie würden mit ihren spitzen Lanzen und scharfen Schwertern unsere elenden Steinbeile niedermähen, wie die Sichel das Rohr, ehe wir zum Schlage ausholen.« Der Häuptling prüfte lange die Spitze und Doppelschneide und Härte des Schwertes, machte einige zischende Lufthiebe und blickte finster ins Leere, dann sagte er lauernd: Eine große und ungemeine Waffe, die alles vermag, stechen wie eine Lanze, schlagen wie ein Beil und schneiden wie ein Messer ... schenke sie mir!« »Nein, um keinen Preis! Nicht dieses Schwert, das mein Meister bei der Arbeit ist ... aber seinesgleichen dort, sobald es vollendet ist, sollst du haben.« »Was soll mir die bräunliche Kupferstange?« »Sie wird in zwei Tagen ein zweischneidiges und gutes Schwert sein.« Frod stampfte mit dem Fuß. »Das Gaterschwert will ich haben ... ich bin der Herr der Sippe.« »Ja, ja, du bist der Herr, der zu überwachen hat, daß die Gesetze unserer Väter gehalten werden. Das erste Gesetz sagt: Was ein Mann erbt oder zu eigen erwirbt, soll sein Eigen bleiben; wer es ihm nimmt, ist ein Räuber, der mit Ohr oder Hand oder beiden Gliedern büßen soll.« Frod ging zornig knurrend auf und ab, blieb steil vor seinem Bruder stehen und rief: »Fordere gleich deinen höchsten Preis, du Wucherer!« »Da ist kein Gold so grell, kein Preis so hoch, daß ich das Schwert dafür hingebe.« Der Häuptling fluchte und wetterte eine Weile; plötzlich stellte er die lauernde Frage: »Gibt es keinen Preis, den du dafür nähmest? Oho, mein Lieber ... alles auf Erden ist käuflich, was, Funda? Wenn ich sie dir ...« Fred preßte beide Hände auf die Brust, um sein Herz, das wild hämmerte, zu dämpfen, der Atem ging ihm aus. Oh, wenn das möglich und ein Weg aus allem Zwiespalt, aus aller Herzensnot wäre! Es war ja ein allgemeines Herkommen und eine uralte Sitte bei allen Sippen, daß die Weiber gekauft wurden, warum nicht einen rechtsgültigen Kauf machen? Und das Mädchen vom Näs, das Kriegsbeute war, vom Häuptling erwerben? Der Priester stammelte: »Ist das ein aufrichtiges Angebot? Soll es ein ehrlicher Handel sein, mein Bruder? Mir Funda und dir das Schwert?« »Ja-a-.« »Aber das Schwert wird Godebart nicht besiegen, die Gater haben vierzig Lanzen und Schwerter.« »Keine Sorge! Wo die Macht am Ende ist, muß die List anfangen.« Frod lächelte höhnisch und fragte rauh: »Willst du den Tauschhandel?« »Ob ich es möchte! Das Näs-Mädchen ist mir lieber als meine Werkstatt, meine Fertigkeit und Kunst, lieber als Bronze, Gold und jedes Erdengut ...« Frod lauerte: »Weißt du, ob Funda will?« »Ich glaube, sie hat mich gern ...« Der andere horchte auf, und sein Gesicht zuckte und verzerrte sich. »Mach schnell, soll ich das Schwert haben?« »Ja, das Schwert ist dein, wenn du mir beim Sonnengott schwörst, daß Funda mein Weib und Eigentum sein soll.« Frod schaute finster, lachte plötzlich schrill und sagte: »Machen wir den Handel! Ich schwöre, daß Funda dein Eigentum sein soll, her mit dem Stecher!« Er nahm das Schwert, lief aus der Werkstatt und lachte unbändig – ein schallendes, schändliches, scheußliches Gelächter. »Warum lachst du so häßlich?« rief Fred ihm nach. »Ist eine Hinterlist ein Handel?« Frod kehrte sich um, sein Gesicht war voll von Heimtücke und Hohn. »Der Handel steht! Ja, Funda soll dein Weib sein, nachdem sie vorher einen Sommer und Winter meine Tag- und Nachtgenossin gewesen ist. Ich schwöre es noch einmal, haha!« Fred wurde kreideweiß und stand ganz fassungslos, dann packte ihn der jähe, weiße Grimm, der just die sanften Naturen wie ein Wirbelsturm fortreißt. Der Heimtücker, der mit höllischem Vorbehalt ihn betrogen und mit blutigem Hohn ihn beschimpft hatte, sollte büßen mit seinem Blut. Er, der gleich flink beide Hände gebrauchen konnte, nahm mit der Linken das unfertige Schwert, mit der Rechten das Steinbeil und stürmte dem Elenden nach. Auf der Waldlichtung fiel ihm plötzlich die helle Sonne ins Gesicht. Sein Fuß stockte. Ihm war, als wenn der Lichtgott ihn anblicke, als wenn der höchste Gott ihm ins Auge schaue. »Oh, warum blickt dein glühendes Auge mich an? Weil ich vom ruchlosen Beginnen, vom Brudermord ablassen soll!« Ganz still ging Fred zurück, setzte sich auf den Amboß, stützte das Haupt und weinte Tränen, die sein tiefes Weh lösten, linderten. In seiner Seelenqual kam es über ihn wie eine Zuversicht, eine Gewißheit: Funda wird dennoch mein Weib werden. – Er glühte und hämmerte und schliff das Schwert. In der Nacht schlief er gut und hörte gar nicht, daß die Männer im Dorfe hin und her gingen und Eile hatten. In der Frühe war er sehr überrascht, als die Weiber ihm erzählten, daß der Herr mit drei Rotten auf vier Booten die Förde hinabgefahren sei. Frod hatte seinen Rachezug ins Werk gesetzt und jagte den Gatern nach. Leicht kann die tollkühne Fahrt den Tod ihm bringen ... wenn mein Bruder sein Leben verlöre durch das Schwert der Gater ... oh, dann wäre Funda, unberührt und unbefleckt von eines Mannes Hand, meine Gespielin und Gesellin, Sommer und Winter, und ich wäre der unbestrittene Herr meiner Sippe, kraft meines Rechts. »Allsehendes Sonnenauge, erforsche meine Gedanken! Wünsche ich seinen Tod? Wehe mir, wenn mein Gebet der Mörder meines Bruders wäre!« Fred eilte zum Tempel, wo er für die glückliche Heimkehr des Häuptlings und der Rotten betete und einen Goldring, den er um den Arm des Bildes wand, opferte. Dann ging er an den Strand, um Bernstein zu suchen, aber er fand kein gutes Stück, weil sein Auge flüchtig über den Grund schweifte und an der Kimmung suchte, ob nicht Boote zu sichten seien. Er war überzeugt, daß die Einbäume am Ende der Förde, wo das endlose Wasser beginnt, umkehren würden. Aber der Häuptling war mit seinen Schiffen längst aus der Förde heraus, weil kein starker Wind das Meer aufwühlte, schreckte sein Grimm nicht vor dem sonst gefürchteten Wagnis, mit seinen flachen Booten an der Meeresküste entlang zu fahren, zurück. – Früh am Abend schlief das Dorf. Das Bächlein des Weihers plätscherte, die Grillen zirpten, die Mücken surrten, die Fledermäuse huschten leise pfeifend durch die Luft. Sonst kein Laut. Fred saß und lauschte in die Stille hinein; eine weiche Sehnsucht zitterte über seine Seele. Hastig und entschlossen sprang er empor. »Genug der Wehleidigkeit! Will mein Bruder durch Hinterlist den Handel hintertreiben, so ist es mein gutes Recht, mit Funda zu bereden, wie wir seine Bosheit verhindern.« Er ging nach ihrer Hütte und klopfte an die Wand. Sie hatte bis Mittag geschlafen und dann in ihren vier Wänden mit den Goldringen ihre Arme geschmückt, in dem Bronzespiegel ihre anmutige Gestalt und ihr feines Gesicht von allen Seiten betrachtet; sie hatte ihre dicke Felljacke in Falten gelegt und an den Körper geschmiegt, solange mit viel Geduld, bis sie an ihrer Gestalt Gefallen fand. Dann nahm sie den Beinkamm, der nur vier große Zähne hatte, und strählte ihr schwarzglänzendes Haar. Dabei trällerte und tänzelte sie, in der Hand die blanke Bronze. Es war ihr eine Lust, ihre Lippen und ihr Lächeln und jeden Zug des Gesichts im Spiegel zu beschauen. Oh, welche Fratze hatte sie früher im Wasserspiegel gesehen, so daß sie sich selbst für eine häßliche Eule gehalten hatte; aber die Bronze warf ihr wirkliches Abbild zurück. Sie wußte, daß sie schön sei, jetzt wußte sie es ganz gewiß. Darum ergötzte sie sich damit, festzustellen, wie fein ihre Nase, wie zierlich ihr Kinn, wie klein ihr Mund, wie groß ihre Augen seien. Im Übermut streckte sie auch vor dem Spiegel die spitze Zunge aus, oder sie schnitt die drolligsten Grimassen, um laut aufzulachen, wie ein überlustiges Kind. Zuletzt nahm Funda das golddurchwirkte Gewebe, das Fred ihr gebracht hatte, und das sie bald um Hals und Schultern, bald um die Hüften schlang; schließlich aber legte sie es als Kopfbinde wie ein Diadem um ihr Haar. Es pochte draußen. Sofort wußte sie, wer es sei. Schnell huschte sie durch das Türloch mit leisem Gekicher: »Der kratzbürstige Kater ist auf Reisen gegangen, die armen Mäuslein können ruhig spielen.« Draußen war die helle Sommernacht. Funda hing an seinem Halse. Der umarmte Mann vergaß den Gruß und verlor die Sprache vor Erstaunen; denn ihre Schönheit, noch gehoben durch den Schmuck, war berückend und machte sein Herz beklommen. Sie lachte hell und hoch, lieblich und lustig: »Haha! Was sagst du von meinen Armringen und dem Stirnband?« »Wer ... wer gab dir die Ringe ...?« Dem braven Fred wurde schwül ums Herz. In Unschuld und Unverfrorenheit lächelte sie: »Das schenkte mir der lange Tölpel, und diesen kargen Reif brachte Herr Frod, der Tropf. Ei, wie ich gelacht habe über die Toren!« Das recht lange Gesicht des Mannes wurde kürzer, seine düstere Miene erhellte sich noch mehr, als sie mit drolligem Ernst erzählte: »Ich schlummerte schon, und mir träumte soeben, daß ich auf einer Blumenwiese als Königin mit einem goldenen Stirnband stünde, und alle huldigten mir mit verschränkten Armen und verneigten sich bis zur Erde ...« Fred küßte sie zärtlich: »Ja, du bist meine Königin.« »Gefall' ich dir?« »So viel Schönheit berauscht ...« Funda flötete verschmitzt: »Haha! Bin ich schön? Werde ich allen Männern gefallen, so daß alle sich vor mir verneigen?« Jetzt wurde sein sonnenhelles Gesicht stockfinster. »Ja, allen wirst du gefallen, allen ... das ist mein Gram und mein Grauen, daß mein Bruder dich begehrt und um mein Eigentum, mein höchstes Gut mich betrügen will.« Ihre Augen blitzten: »Er weiß, wenn er mich berührt, so stoße ich ihm meinen Dolch in die Brust ... dir gehöre ich, dein Eigentum bin ich.« »Oh, mein Glück und höchstes Gut will er mir rauben, und er wird es tun mit roher Gewalt oder listiger Tücke. Seine Gier geht über meine Leiche hinweg. Wenn zweimal der Vollmond zur schmalen Sichel geworden, ist die Galgenfrist, die deine Trauer uns gewann, verstrichen. Dann bist du seine Genossin und ich ... ein toter Mann.« »Niemals, niemals! Töte ihn, um nicht getötet zu werden! Dann bist du der Herr und ich die Herrin!« »Nein, das niemals! Lieber würde ich den Dolch in die Brust mir stoßen, als durch den Brudermord den lichten Gott ergrimmen und in die Hände des Furchtbaren fallen.« »Setze dich dort und laß mich sinnen!« Sie legte den Kopf an seine Brust und ließ ihren lebhaften Geist allerlei Pläne schmieden. »Weit, weit im Süden, wo die Gater leben, wohnen auch Menschen, die klüger und in allen Dingen weiter sind als wir. Lasset uns zu zweien gen Süden ziehen und fliehen. Den roten Stein, den sie Gold nennen und höher als alles schätzen, nehmen wir mit; auch Bernstein, den sie noch heißer begehren, so viel wir raffen können, legen wir ins Boot, samt Speise und Wasser, dann fahren wir in einer stillen Nacht ohne Gehabdichwohl.« »Ach, Frod würde uns mit den Booten verfolgen und vor Abend einholen, denn wir haben zwei, und sie haben zwölf und mehr Ruder in jedem Einbaum.« Funda lächelte und streichelte seine bärtige Wange. »Du lieber Tropf! Wir schlagen ein Loch in die Einbäume, so daß sie sich füllen und im seichten Wasser versinken. Ehe sie die Boote gehoben und gedichtet haben, sind wir mit unseren zwei Ruderstangen weit, weit gekommen. Auch meine ich ... wie die Wasservögel der Gater Schwingen hatten, so könnten wir unsrem Einbaum einen Fittich aus Fell oder Bast machen ... Dann würden wir mühelos vom Winde getrieben.« »Ja, wir können es machen! Du hast das Wort gesprochen, das in mir schlummert.« Die Schiffe der Gater mit ihren Rippen und Planken und besonders ihre Segelschwinge hatte seit Tagen seinen Geist beschäftigt. Ein Ausweg aus aller Not schien gefunden. Funda strich über seine Stirn und glättete die Furchen. Ein Flüstern hauchte durch die Nacht, bis der Morgen graute. – VIII. Die Männer und noch mehr die Frauen im Dorfe trieben mit dem Golddraht einen regen und lebhaften Tauschhandel. Da sie keinen Einheitswert und keine Münze kannten, hatten sie seit tausend Jahren, solange ihre Vorfahren an der Austernbank saßen, jedwede Ware durch Tausch umgesetzt. Aber die Zähne von Elch und Bär hatten plötzlich ihren hohen Wert verloren; kein Mensch im Dorfe gab noch ein gutes Fell, geschweige denn sechs Felle, wie früher, für einen Bärenzahn. Felle freilich wurden gern gekauft und gut bezahlt, sintemal so viele ihre Bett- und Kleiderfelle, die unentbehrlichen, für blanken Draht hingegeben hatten. Viele Männer gingen fleißig auf die Jagd, um für den bösen Winter die nötigen Felle zu bekommen, wenn sie aber mit Beute heimkehrten, machte ein schlauer Nachbar ein gutes Angebot, und die Gier nach Gold war so groß, daß sie sehr oft die Felle, bevor noch die Tiere enthäutet waren, für ein Stück Goldblech verkauft hatten. Alle im Dorfe handelten um Draht. Um ein kleines Endchen Goldblech schrien und zankten sie stundenlang, und die Weiber feilschten am heftigsten und rauften sich nicht selten die Haare, wenn es hieß: »Du hast mich betrogen, du Besenreiterin.« Zuletzt traten die Männer dazwischen, um mit ein paar kräftigen Maulschellen den Streit zu schlichten. – Es war schon in der Steinzeit ein altes Gerede, daß die Hexen auf dem Strauchbesen ritten. Jedesmal, wenn Rista am Hause ihrer Nachbarin, die einst ihre Busenfreundin gewesen war, vorüberging, stellte diese den Besen vor die Tür und fragte mit freundlichem Gekicher: »Willst du ihn leihen, um einen kleinen Ritt zu machen?« Ristas Quallenaugen traten aus dem Kopfe, und ihr Dorschmund spie eine Flut von Schimpfwörtern. Dreimal am Tage, wenn Rists Weib Wasser holte, trieb die Nachbarin den Schabernack mit dem Besen. Der Bosheit wurde zu viel. Rista nahm ihren eigenen Besen in die Faust, drang in die Nachbarhütte hinein und schlug die Nachbarin mit dem Eichenholzstiel windelweich. Heulend rannte diese zum Priester, der des Herrn Stellvertreter war, zeigte die Striemen an ihrem Leibe und klagte auf Buße. Fred wiegte weise sein Haupt. »Ja, Buße muß sie zahlen ... das unselige Gold war die erste Ursache des Zankes, darum soll sie mit Gold büßen, die drei Stücke Blech, die Rista an ihrem Halse trägt, soll sie dir geben.« Oh, das war ein Pflaster, ein Balsam, die Besenstriemen taten nicht mehr weh; die Nachbarin biß sich auf den Daumen, um nicht zu lachen. Rista aber wollte vor Wut platzen und sich das Leben nehmen; sie ist aber nicht ins Wasser, sondern in die Nacht hinausgegangen, um ihren Verlust zu ersetzen und ihren leeren Hals zu schmücken. – Seitdem Frod seine Fahrt angetreten, waren drei Tage verstrichen, ohne daß die Einbäume zurückgekehrt oder ein Bote gekommen wäre. Die Fördeleute aber vermißten nicht ihren Herrn und hatten alle ihre Gedanken und Sinne auf Goldschmuck und Goldschacher gerichtet. Zugleich mit dem Golde war auch viel Neid und Betrug, viel Zank und Streit ins Dorf gekommen. Nur Fred allein liebte nicht das rote Gestein, daß seines Volkes Gier und Unglück wurde, und war auch in Sorge um die Krieger und ihre tollkühne Fahrt. Leicht konnte die Verfolgung mit dem Untergang aller enden, denn die Einbäume waren klägliche Zwerge neben den riesigen Schiffen der Gater. Freilich würde ein so furchtbares Ende für ihn die Lösung aller Rätsel, das Ende aller Not bedeuten – dennoch grauste ihm vor dem entsetzlichen Ausgang, so daß er jeden Morgen einen Bitt-Gottesdienst hielt und den lichten Gott um glückliche Heimkehr der Krieger und des Kriegsherrn anflehte. Es schmerzte ihn, daß nur drei alte Frauen zum Gottesdienst gekommen waren. Alles Gute, auch die Gottesfurcht, verdrängt die Gier nach dem blitzenden Tand. Ruht nicht ein Fluch auf dem roten Gestein der Gater? Haben sie es zu uns gebracht als einen bösen Zauberbann, der uns verderben soll? Da kam Rusta weinend angelaufen, raufte ihr struppiges Haar und rief: »Hoher Herr, hilf mir! Der Reif, den du selbst mir schenktest, um meinen Mund zu verschließen – der Reif – uh – uh, den ich auch nachts am Handgelenk trug, ist verschwunden – uh – ujeh – ich sterbe vor Gram – ist in der Nacht mir vom Arm gestohlen worden. Schaffe ihn mir und strafe den Dieb!« Fred war tief erschüttert, ein Diebstahl war, so lange er lebte, viel seltener gewesen als ein Totschlag. In jener Zeit nämlich, wo man nichts fest verschließen konnte, galt jedes Eigentumsvergehen als ein schändliches, gemeines Verbrechen, das sehr hart und in schweren Fällen mit dem Tod am Galgen bestraft wurde. Der Priester blickte tiefernst. »Wenn ich den Dieb hätte, sollte er vor Abend sein Urteil empfangen.« Die Klägerin rief: »Ich weiß, wer meinen Reif gestohlen hat. Rista, die ihren Schmuck als Buße zahlen mußte, hat meinen Ring gestohlen, hat ihn in drei Stücke gehauen, die sie frech an ihrem schmutzigen Halse trägt.« Der Richter untersuchte die Sache gründlich, vernahm die Nachbarn, fragte hin und her und ließ die Beschuldigte kommen. Rista war unverfroren und beteuerte dreist, daß sie zwar ihren Schmuck einer gewissen Hexe habe geben müssen, daß sie aber, wie ihrem Manne und anderen bekannt sei, noch einen Goldreif besessen habe, den sie jetzt in drei Stücken am Halse trage. Die andern zuckten die Achseln und wußten nichts Genaues. Nur ihr Mann bestätigte es und wollte schwören. Aber der Richter wies den Schwur zurück und ließ einen Greis in den Ring treten. Dieser erklärte ruhig: Nach seinem Dafürhalten sei der Armring gar nicht gestohlen worden, sondern Rust, der den Reif mit Mißtrauen betrachtet und sein Weib der Buhlerei beschuldigt habe, werde ihn nachts vom Arm gestreift und in Verwahrung genommen haben. Rust und seine Rusta schrien dagegen und forderten mit Ungestüm ihr Recht. Aber der Richter sprach die Beschuldigte frei, weil zwingende Beweise fehlten. Da das ganze Volk neugierig die Tingstätte umlagerte, hielt Fred eine sehr ernste und eindringliche Rede: »Ruhe im Ring und Ting! Horchet alle! Soll das verruchte Gold, das die Gater wie eine Seuche in unser Land brachten, unsere ganze Sippe verderben? Welchen wahren Wert hat das glänzende Blech? Kann es einen Menschen satt machen im Hungerwinter? Kann es wärmen im klingenden Frost? Ob einer vom Scheitel bis zur Sohle mit Gold bekleidet wäre, müßte er elend verhungern. Oh, ihr Narren! War nicht der goldklare Bernstein ein viel schönerer Schmuck? Hütet euch vor dem Gold der Gater, denn es ist ein Gift, das unstillbare Durstgier erzeugt. Und ein Fluch ruhet darauf. Unheil und Verderben haben uns die Fremdlinge gebracht ... oh, ich möchte allen Golddraht im Dorfe sammeln und draußen im Wasser, wo die Förde am tiefsten ist, versenken.« Ach, er hatte tauben Ohren gepredigt. Diesen ganzen Tag nach seiner Rede wurde gehandelt, gefeilscht und geflucht, hitziger als je. Als am Abend die Wasserjäger heimkehrten, wurden die Otter- und Biberfelle verschachert, ehe sie vom Kadaver abgezogen waren. Sogar am Strande war oft Gezänk und Geschrei, wenn zwei sich um ein Stück Bernstein balgten, das jeder von beiden zuerst gesehen haben wollte. Männer und Frauen, die seit Jahren gutfreund gewesen, wurden sich spinnefeind in diesen Tagen und gingen grollend, ohne Gruß aneinander vorbei. Viel Zwist und Hader, ein stetes Mißtrauen und eine gräßliche Mißgunst fraß immer weiter um sich im Dorfe. Fred war in schwerer Sorge um sein Volk und in Unruhe um die Kriegsrotten, die seit sieben Tagen auf dem Wikingerzuge waren. Die Einbäume waren dem Sturm- und Wogenprall des Meeres nicht gewachsen, mußten an der Küste entlang schleichen, bei starkem Wind aufs Lands gezogen werden und ruhiges Wetter abwarten. Der Schwertfeger saß bei seiner Arbeit, aber seine Gedanken störten ihn. Das Schwert war stark, scharf und hart, wie das gekaufte, nur die Gravierung nicht so fein und vollendet. Auch ein zweites Schwert war geschmiedet und wurde geschärft – er hätte große Freude gehabt an seinem Werk, wenn nicht der unerfreuliche Gedanke, daß dieses lange, scharfe, spitze Bronzestück ein Mordgerät sei, ihn gestört hätte. Fast zuwider wurde ihm seine Schwertarbeit, die er fortlegte. Von den Gatern hatte er erfahren, daß auch das Gold im Feuer erweicht und dann mit Werkzeugen geformt werden könne. Ein neuer Gedanke blitzte durch sein Gehirn – sofort ging er nach seiner geheimen Schatzkammer, um den einen Goldbarren zu holen und neue Versuche zu machen. Lange betrachtete er die Goldstange, ehe er sie in die Glut legte. Ja, ein wunderbar leuchtendes, wunderschönes Gestein war dieses Gold, das die Menschen weit draußen in der Welt am höchsten bewerten von all ihrem Gut. Was soll ich schmieden? Eine Mordwaffe? Nein, nimmermehr! Oder Arm- und Halsringe? Damit das törichte Volk noch närrischer nach Goldschmuck giere? Nein, noch viel weniger! Oder ein goldenes Stirnband für Funda? ... Wie würde es strahlen auf ihrem Haar. Nein, nein! Zu sehr hängt ihr Herz an dem Tand ... zu oft und zu eitel betrachtet sie ihr Antlitz in der blanken Bronze. Ist nicht Gold das Höchste? So will ich es dem höchsten Gott weihen! Ja, aus dem strahlenden, glänzenden Gestein will ich von dem lichten, leuchtenden Gott ein Bild und Gleichnis machen. Ein großer Gedanke hatte plötzlich den Meister, der auch Priester des Sonnengotts war, erfüllt und erleuchtet. An die Stelle des Holzklotzes im Tempel mit seinen klotzigen Armen und der greulichen Fratze wollte er ein goldenes Bild der Sonne setzen. Eine große Idee war in seinem Geiste geboren, sein Auge sah, wie der Barren zum Sonnenball mit langen, funkelnden Strahlen wurde. Es war eine gewaltige Aufgabe, die er seinem sinnenden Haupt und seinen flinken Händen stellte, und eine lange, mühselige, vielleicht mißlingende Geduldsarbeit, die er aber sofort in Angriff nahm und bis in die Nacht hinein beim hellen Schein des starken Feuers fortsetzte. In den nächsten Tagen beherrschte ihn sein Werk so völlig, daß er die Werkstatt nicht verließ, sondern seine Mutter brachte ihm täglich zweimal Fisch und Fleisch, und oft schob sie ihm die einzelnen Bissen in den Mund. In der Werkstatt schlief er auch einige Stunden, wenn sein Körper allzu müde wurde. Nur gegen Abend ging er auf die Höhe hinauf, um Auslug zu halten und die Förde zu überblicken. Aber kein Einbaum schwamm auf dem Wasser, kein Boot und keine Botschaft kam von seinem Bruder. Neben seiner großen Arbeit schmiedete er einen feinen Bronzedolch für Funda, den er ihr als Ersatz für den Steindolch, den die Gater mitgenommen hatten, schenken wollte. In einer Nacht fielen ihm plötzlich die Lider zu, der übermüde Mann glitt neben dem Feuer hin, und sein Haupt lag auf dem Arm. Nach einer Stunde schreckte er empor, von einem gräßlichen Traum gequält, durchnäßt von Schweiß. Funda rannte mit flatterndem Haar über den Abfallhaufen, über die Wiese und in das Röhricht der Förde hinein, und Frod mit dem Schwert in der Faust war hinter ihr. Das war sein Traum, aber noch nach dem Erwachen grauste ihm, denn er sah noch immer das tierisch wilde, wutverzerrte Gesicht seines Bruders. War es ein Vorspuk, eine Warnung gewesen? In einer jähen Angst lief er, nachdem er den seinen Dolch unter dem Wams versteckt hatte, hin und pochte an Fundas Hüttenwand. Hellhörig war ihr Schlummer. Im Nu schlüpfte sie in ein Gewand und aus der Tür. Halb lachend und halb weinend hing sie an seinem Halse. »Du Treuloser! Drei Tage und drei Nächte hast du meiner vergessen ... du Böser!« Bald aber hieß es: »Du Bester, du Liebster, du Herrlichster von allen!« Als er ihr nämlich den zierlichen, nadelspitzen Bronzedolch zeigte und schenkte! Lange bewunderte sie ihn mit Kennermiene, dann sagte sie toternst: »Wer ist wohl der Erste, den diese feine Waffe töten wird? ... Es könnte geschehen, daß sie zuerst mein Herz durchbohren müßte ...« Fred hielt ihr mit der Hand den Mund zu: »Spiele nicht mit dem Entsetzlichen! Schauerlich ist das Sterben ...« »Oh, ich scherze nicht! Ich weiß genau, wo mein Herz hämmert ... hier ... wenn, wenn ... oh, ich folge dir im süßen Leben und im bittren Sterben ...« Tausendmal wurde die urewige Frage: »Hast du mich lieb?« mit heißem Atem gestellt, und tausendmal die Antwort mit Küssen beschworen. Zum Dank für den Dolch reichte sie ihm als Gabe einen kleinen Donnerstein, mit regelmäßigen Kreisen und Strichen, wie von Menschenhand gehauen. »Er ist vom Himmel gefallen und gestern von mir gefunden worden ... trage ihn stets an deiner Brust, denn er ist ein kräftiger Zauber, der gegen Siechtum und Seuche hilft, gegen Unglück und Übel, gegen Nachtgänger und Neidinge dich feit.« Fred bat: »Behalte du den Stein, du wirst eines Beschirmers bedürfen ...« »Mich beschützt mein Dolch.« Beide verstummten und horchten. Was war da unten auf dem nachtstillen Wasser? Jetzt schlugen die Hunde an. »Ich höre das Stoßen der Ruderstangen, kehren die Boote zurück?« »Oder kommen Feinde zu nächtlichem Überfall?« sagte Fred. In Hast rannte er hin, um die Trommel zu schlagen, um das Dorf zu wecken. Dann eilte er zum Ufer hinunter. Ja, die Einbäume kamen zurück und stießen auf den Strand. Frod sprang zuerst vom Bug und aufs Land; seine Begrüßung war ein Schwall von mißtrauischen Fragen: »Warum wachst du? Woher kommst du so schnell? Wo ist Funda?« »Ich arbeitete in meiner Werkstatt, wo noch das Feuer scheint ... Funda wird höchstwahrscheinlich auf ihrer Hirschhaut liegen. Haben die Götter gute Fahrt, Heil und Sieg euch gegeben?« »Ja, den Räubern haben wir den Raub genommen, aber bessere Fahrt hätten wir haben können, und bessere Götter könnten wir gebrauchen.« Der Häuptling war offenbar unzufrieden und in übler Laune. Fred begrüßte die Männer, die aus den Einbäumen stiegen. »Wo sind Gerd...und Per...und Kan... und Jung-Run und?«...Ihm wurde ganz beklommen ...ihm schwante, warum sie fehlten. Wig, der graubärtige Steuermann wischte sich über die Augen und sagte stockend: »Ja, zwölf Männer sind geblieben...und im Sande von Warnäs verscharrt ...auch mein Sohn Mir...der brave, bärenstarke Bursche...auch mein Jüngster...was sollte die wahnsinnige Fahrt, die der Sonnengott nicht gewollt hat? Die Gater hatten uns keinen Fischschwanz geraubt.« In seinem Schmerz und Zorn sprach der alte Steuermann immer lauter. Der Häuptling schnurrte herum wie ein sausender Kreisel und stieß mit dem Schwertknauf hart gegen Wigs Brust. »Was die tolle Fahrt sollte? Haben wir nicht die Gater besiegt und Waffen und Waren, Gold und Bernstein erbeutet? Liegen nicht ihre nackten Leiber den Füchsen zum Fraß? Fin hätte dir für deine freche Rede die Zähne ins Maul geschlagen.« – Frod sprach an den folgenden Tagen höchst ungern von dem Kriegszug, von dem nicht viel zu rühmen war. Aber man erfuhr nach und nach von den Leuten, wie unerfreulich die Fahrt gewesen. Draußen vor der Förde, wo das offene Meer wogt, hatten sie gen Abend die Flügel der Riesenvögel gesichtet und, im Schilf der kleinen Insel versteckt, beobachtet, wie die Gater an Land gingen und Feuer zündeten. Einen offenen Angriff jedoch hatte Frod nicht gewagt, sondern, wie Luchse den mächtigen Elch in sicherer Entfernung umwittern, schlichen seine flachen Boote gleich harmlosen Fischerkähnen hinter den hochbordigen Schiffen her, die sie Tag und Nacht im Auge behielten. Zweimal gingen die Gater an Land, um zu rasten und Wasser zu holen, aber sie stellten Wachen aus, auch der riesige Hund war gelöst und umkreiste das Lager, so daß ein Überfall unmöglich war. Am fünften Tage erreichten sie die Landzunge Warnäs, die letzte Landmarke, welche die Fördeleute kannten. Dahinter lag das wilde unwegsame, das unbekannte, unheimliche Meer. Die Angst vor dem ungeheuren Gewässer, das kein Ende habe, ließ sie wagen zu murren und schleunige Heimkehr zu heischen. Der Häuptling Frod, der selbst unsicher war, fluchte unwirsch. »Wohlan, noch einen Sonnenlauf wollen wir ihnen nachrennen ...ich befehle die Heimkehr, wenn auch morgen, am sechsten Tage, der Finstre waltet.« Aber am sechsten Tage half der Finstre. Das eine Gaterschiff blieb hinter dem andern zurück und wurde auf den Strand gesetzt. Frods Späher, die durchs Gebüsch auf dem Bauche krochen, kamen zurück und meldeten: Das Schiff sei leck gesprungen, die Gater seien mit Eifer dabei, das Leck zu dichten...kein Hund habe angeschlagen, so daß man auf Pfeilschußweite herangekommen sei. Das hob den tief gesunkenen Mut; vor der Riesenbestie hatten sich Frods Krieger am meisten gefürchtet. Als es dunkelte, schritten sie leise durch den Wald, um die Gater im Schlaf zu morden. Sie hatten nicht mit der Vorsicht der vielgereisten Fremdlinge gerechnet. Zwei Wächter hockten im Buschwerk versteckt, machten rechtzeitig lauten Anschrei und weckten ihre Genossen, die mit den Waffen im Arm schlummerten und sofort kampfbereit vor dem Lager standen. Eine kurze, mörderische Schlacht tobte. Das Bronzeschwert war dem Steinbeil im Handgemenge weit überlegen; ehe das schwerfällige Beil weit ausholen und niederschmettern konnte, hatte das blitzschnelle Schwert die Brust durchbohrt. Auch waren die hochgewachsenen Fremdlinge stärker als die kurzgedrungenen Fördeleute. Wohl war Frod ein Tapferer, der seinen Kriegern voranschritt, mit seinem Bronzeschwert den Steuermann durchbohrte und noch fünf andere Feinde niederstieß. Aber zu viele von seinen Kriegern fielen von den Stichen der Lanzen und Schwerter, ehe sie ihr Beil gebrauchen konnten. Fechtend zogen sich die Gater zurück, stießen ihr Schiff vom Strande, kletterten flink an Bord und gewannen das Wasser, von wo aus sie die Angreifer mit einem Hagel von Pfeilen, mit einem Schwall von Schimpfreden überschütteten. »Nachtgänger, stinkende Schakale, Eidbrüchige und Affen, Tiere und keine Menschen seid ihr! Unsere Sklaven und Hunde sollt ihr sein! Wartet nur ein Jahr!« Auf der Walstatt lagen sieben Gater tot oder totsiech, aber zwölf von Frods Kriegern hatten in der Brust die Todeswunde, und ihre starre Faust umklammerte noch das Beil. Laute Wehklage heulte die ganze Nacht; der Häuptling brütete finster, bis die Sonne aufging. Die Leichen der Gater wurden nackt ausgezogen, die Waffen von Bronze aufgelesen – das war die ganze Beute, mit allzu hohem Blutpreis bezahlt. Was Frod von Gold und Gut gefabelt hatte, war eitel Prahlerei gewesen, die Frod-Leute nahmen die starren Leiber der gefallenen Genossen mit sich und ruderten nach dem Takt der dumpfen Totenklage heimwärts. Die Frauen, die ihren Gatten oder Sohn verloren hatten, saßen neben dem Toten, ließen ihre gelösten Haare wild flattern, bestreuten sich mit Erde, schrien und heulten in schauerlich gellenden Tönen, so daß es Förde auf und ab eine Meile weit zu hören war, nach der Sitte und Regel der Steinzeitvölker; je lauter das Gekreisch, desto größer der Schmerz. Nur ein junges Weib, das seinen Mann innig lieb hatte, weinte bang und bitterlich, weinte leise und ohne Lärm. – Der Priester brachte dem lichten Gott Dankopfer für die Überlebenden und forderte eindringlich die Heimgekehrten und alle, die ihnen anverwandt seien, auf: »Nehmet die Hände vom Rücken, tretet heran und bringet den Göttern das Beste, das ihr habt, Gold und Golddraht! Denn ich wollte, daß alles Gold der Gater Eigentum des lichten Gottes würde.« Nur sehr wenige brachen ein winziges Stück von ihrem Ringe ab und gaben es unfreudig und zögernd. Fred blickte traurig zur Allgeberin, der Sonne, empor. – Die toten Krieger wurden in dem mächtigen Steingrabe, in dem die Helden der Sippe seit Menschengedenken beigesetzt wurden, feierlich bestattet. Von dem Erdhügel wurde die Erde vor dem Eingang fortgeschaufelt und der schwere Türstein, der den niedrig schmalen Eingang zur Gruft verschloß, beiseite gewälzt. Jede Leiche war sauber gewaschen und in neue Felle gehüllt. Nur auf allen Vieren kriechend, konnten die Leichenträger in die lange Steinhöhle, die aus großen Findlingen errichtet und mit Findlingen gedeckt war, hineingelangen. Nachdem sie die Gebeine, die dort von den seit Jahrhunderten bestatteten Helden in Menge lagen, in den Hinterraum gekehrt und Platz gemacht hatten, schleiften sie die Toten in die Grabkammer hinein, wo alle Krieger hinter- und nebeneinander gebettet wurden. Jedem wurde ein Topf mit Speise zu Häupten hingestellt, damit er Nahrung habe auf der weiten Fahrt ins Totenreich, auch wurden ihm Waffen, Beil und Dolch, und ein Schmuckstück mitgegeben in die Gruft. Die Hinterbliebenen allerdings wählten aus Sparsamkeitsgründen sehr oft ein Beil, das verbraucht, eine Waffe, die voll von Scharten war; auch war es meistens nicht der beste Schmuck, den man dem Toten um den Hals hing, wieder wurde der Stein vor den Eingang geschoben und der Erdhügel zugeschüttet. Von Stund an verstummte die Totenklage. Die Leidtragenden und die Klageweiber setzten sich am Abfallhaufen hin und verzehrten ein reichliches Totenmahl, um ihren Leib zu stärken und ihre Seele zu trösten. Die Menschen der Steinzeit liebten das Leben und vergaßen die Toten. Nach der Bestattung stellte Fred seinen Bruder freimütig zur Rede: »Was hat uns die unselige Fahrt gebracht?« »Siehst du nicht die Bronzewaffen, die du selbst mir rühmst?« »Ich sah und zählte auch die Toten im Steingrabe. Der Sonnengott hat die Fahrt nicht gesegnet, denn er haßt mutwillige Fehde, Trug und Treubruch, Hinterlist und Heimtücke.« Frod schnitt ihm die Rede ab. »Ich habe den Fremdlingen Gastfreiheit gewährt und Freundschaft gehalten, zum Lohne hat der Gater durch Frauenraub das Gastrecht gebrochen und Todwürdiges getan ... oh, ich weiß wohl, warum du scheinheiliger Priester von Trug und Treubruch mir predigst, warum du mit den Göttern mich kuschen willst ... haha, hast fein ausgerechnet, daß Fundas Trauerjahr um ihren Vater nach dreißig Tagen beendet ist. Ich will sie freien, sobald sie frei ist vom Gelübde! Das wirst du durch fromme Schliche nicht verhindern noch verzögern.« »Und du wirst es durch Treubruch und Tücke nimmer erreichen, das sagt der Lichte, der alle Bosheit richtet. Durch Kaufrecht ist Funda mein Eigentum, mit deinem Schwert habe ich sie erworben ...« »So nimm dein Schwert wieder, du Tropf!« Frod schleuderte es ihm vor die Füße und brüllte: »Von der Kriegsbeute gehört mir, dem Herrn, das beste Stück, kraft meines Rechts nahm ich das Weib ... es ist von mir eine große Gunst und Güte, daß ich nach einem Jahr die Schöne dir lassen will.« »Ich begehre keine Blume, die ein anderer brach, ich fordere mein Recht!« »Nimm dein Dreckschwert wieder!« »Behalte es, du wirst es gebrauchen, mein Bruder, ja, du müßtest hunderte von Schwertern haben ...« Der Priester mit dem bleichen Antlitz blickte zur Sonne empor und redete düster und dumpf wie ein Prophet, der Zukünftiges schaut: »Sieben Gaterleichen liegen am Strande von Warnäs ... ihre Genossen werden auf zehn, zwölf Riesenvögeln kommen, werden ihre Gebeine bestatten und Blutrache nehmen an Frod und allen Frod-Leuten. Wehe uns! Ich sehe ein großes Gatervolk vom Süden her sich wälzen und am Bernsteinmeer entlang rudern, um allen Bernstein, den der Meerschaum bildet, zu raffen und zu rauben ... riesige Männer, hart und zahlreich wie die Steine am Strande, hohe Frauen mit hellen Haaren und seltsame Tiere ... wie Wölfe stürzen sie sich über unsere Dörfer ... wehe uns! Ihr Schwert wird an allen unseren Förden heeren und herrschen, alle unsere Sippen werden im eigenen Lande Sklaven der Fremdlinge sein. Behalte dein Schwert, du wirst es gebrauchen, mein Bruder, du müßtest hunderte haben.« »Was soll dein Unken und Eulen und Heulen? Lasset uns alle Sippen der Förde aufrufen zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind! Wir wollen die Gater mit tausend Beilen empfangen, die Frechsten erschlagen und die Feigen, die um Gnade flehen, zu Sklaven machen.« Frod redete sehr mutig, obgleich seine Seele sehr unruhig und von bösen Ahnungen bedrückt war. »Wann sind die Sippen der Förde jemals einig gewesen? Immer haben sie sich in wahnsinnigen Fehden zerfleischt! Die Gater sind klüger als wir und sehr schlau, sie werden mit Goldblech die Näs-Leute kaufen und eine Sippe auf die andere hetzen. Lachende Zuschauer unserer Kämpfe werden sie sein und zuletzt Herren aller Bernsteingewässer, nachdem eine Sippe die andere erschlagen hat.« Heftig erschrak der Häuptling, der die Völkchen der Förde mit ihrer kleinlichen Zwietracht und ihrem ewigen Kleinkrieg nur zu gut kannte. »Was sollen wir tun? Können wir nicht mit List ein Loch und Leck in ihre Schiffe schlagen? Dein erfindungsreicher Kopf muß Rettung finden.« »Ich will tun, was ich vermag, ich will Tag und Nacht arbeiten und aus der Bronze, die ich habe, harte, scharfe Waffen schmieden ... aber es stehet in der Hand und Hilfe des Sonnengottes.« – – – Fred stand in seiner Werkstatt vor der Feuerglut und hämmerte von Morgen bis Abend, daß der Schweiß von seinem Leibe strömte. Nach Feierabend rastete er nicht, sondern seine Erholung und Freude war die Arbeit an dem goldenen Sonnenbilde, das er aus seinem Geiste schuf. Eines Morgens, als er zum Tempel kam und die Tür öffnete, prallte er zurück. Am Arm der Holzfigur schimmerte kein Gold – der fünfmal gewundene Ring war verschwunden, war gestohlen worden. Oh, ein Verbrechen, furchtbar wie Vatermord, ein Sakrileg ohne gleichen war begangen worden. Fred klagte unter Tränen, daß Grausiges geschehen sei. Der Herr fluchte, fuchtelte mit seinem Stock und ließ das Ting zusammenrufen. Das Dorf war wie ein aufgestörter Ameisenhaufe. Stundenlang saßen die Männer auf den Tingsteinen. Die schändliche Tat mußte geahndet, der Unhold gefaßt und am Halse aufgehängt werden. Viele wurden des Diebstahls verdächtigt, viele scharf verhört und mit dem Stock bedroht. Besonders die gute Rusta, die man für eine diebische Elster hielt, mußte trotz ihrer Unschuld in diesem Falle viel leiden. Alles war umsonst, der Tempelschänder wurde nicht entdeckt. Eine tiefe Trauer, eine große Furcht vor dem Zorn der Götter lastete auf allen Gemütern drei Tage lang. Am vierten Tage, als Fred an dem Schwert einen Holzgriff befestigte, kamen zwei Mägdlein und ein Knabe zu ihm in die Werkstatt und stotterten: »W–wir w–wissen, wer den Armring gestohlen und damit gespielt hat.« Klein-Fin war der Dieb und Missetäter, dieses Früchtchen, das nicht weit vom Stamme fiel. Er hatte den blanken Reif geklaut und sein hübsches Spielzeug im Walde versteckt. Der Bengel rohrte wie ein Brunsthirsch, als er vor das Ting geschleppt wurde; er hoffte durch sein entsetzliches Geheul die Herzen zu rühren und die Strafe zu mildern. Aber Frod war fuchswild über das ungeheuerliche Sakrileg und wollte den Knaben am Halse aufhängen. »Der diebische Balg soll zwanzig Stockschläge empfangen und dann am Halse erhöht werden.« Klein-Finn warf sich hin, weinte und winselte: »U– u–uh–! Bitte, bitte, keine Hiebe – gleich hängen und erhöhen.« Vor den Prügeln fürchtete er sich weit mehr als vor der Erhöhung am Galgen. Die Ältesten des Dorfes dämpften Frods Jähzorn und sagten verständig, daß man ein unmündiges Kind nicht mit dem Tode, sondern mit Schlägen bestrafe. Nach langer Verhandlung lautete das Urteil: Der Schlingel soll fünf Tage lang fasten und nur eine Mahlzeit täglich bekommen, auch an jedem Tage zehn kräftige Hiebe empfangen ... dann aber solle er einem harten und scharfen Manne in Erziehung und Zucht gegeben werden. Fred bat bescheiden, ob man ihm nicht Klein-Fin, seinen Stiefbruder, anvertrauen möge: worauf viele lachten und grinsten: »Behalte den Bengel, den keiner dir neiden wird! Soll er etwa zum Priester angelernt werden, weil er so fein zu klauen versteht? Hihi.« Fred sprach sehr ernste Worte im Ting: »Es ist zum Weinen und nicht zum Lachen! Etwas Unerhörtes, Entsetzliches ist ein Diebstahl in unserem Dorfe ... solange ich erinnern kann, ist nur ein Dieb im Dorfe gewesen, aber das scheußlichste von allen Verbrechen, ein Tempelraub, ist seit Menschengedenken eine Unmöglichkeit gewesen. Oh, das blanke, böse Gold verdirbt, verseucht uns. In dem roten Gestein der Gater ist ein finstrer Zauberbann, der die Seele vergiftet und unstillbare Gier entzündet. Schon im unmündigen Kinde erzeuget das Gold den bösen Golddurst. Lug und Trug, Bosheit und Raub, Schändung der Götter und jedwede Scheußlichkeit gebar das unselige Gold. Lasset uns hinwegtun den roten Bann, der unserem Volke denn Untergang bereitet! Hinweg mit der neuen Goldpest! Frod, mein Bruder, du bist unser Herr ... als Herr und Herrscher gib schleunigen Befehl, daß alles Gold im Dorfe, jedes Stück Golddraht und Goldblech auf einen Haufen geworfen und den Göttern als Sühnopfer gegeben und ins tiefe Meer geschleudert werde. Ich habe weit mehr Gold als irgendeiner, und ich will alles opfern.« Frod belächelte den kindischen Vorschlag. »Sollen wir etwa auch allen Bernstein, der im Gaterlande Goldwert hat, und den das Meer freigebig uns spendet, sammeln und in der tiefen Ostsee draußen versenken? Es wäre ein unsinniges Opfer und eine nutzlose Arbeit, sintemal das Meer alles wieder an unseren Strand spülen würde.« Alle, alle behielten ihr Gold. Ja, ein jeder suchte durch ehrlichen Tausch oder durch trügerische List noch mehr zu erlangen. So sehr stieg das blanke Metall im Preise, daß sechs weiche Biberfelle für ein Endchen dünnes Goldblech gegeben wurden. Gold und Bernstein waren die Wertgegenstände und die Wertmesser der Steinzeitmenschen geworden. Aber der Reichste von allen verbarg seine Schätze, nicht wie der Geizhals, der heimlich seiner Gier frönt, sondern um Waffen und Fluchtpläne zu schmieden. Jeden Morgen schnitt er eine Kerbe in seinen Jahresstab, um genaue Zeitrechnung zu halten, Oh, ... nach zwanzig Tagen und Nächten war die Stunde da, vor der ihm grauste. Nur zwei Gedanken fanden Raum und machten große Unruhe in seinem Geiste, diese häßliche Rechnung und das holde Bild der Heißgeliebten. Aber, um die Grübeleien zu verjagen, arbeitete Fred vom ersten bis zum letzten Tageslicht. Bor war sein ständiger und tüchtiger Gehilfe, der die rohe Schwertform schmiedete. Der Meister selbst gab der Waffe Schärfe, Schliff und Schönheit. Niemals sah er Funda. Nur aus dem Geschwätz der Weiber entnahm er, daß sie brav in ihrem Hause bleibe und an ihrem Spiegel und Tand sich ergötze. Dann seufzte seine Seele. Auch einen Lehrling hatte er in seiner Werkstatt. Der kleine Golddieb, den er in Erziehung genommen, war ein anstelliger und gar nicht übler Bursche, nachdem er durch einige Maulschellen den Ernst des Lebens erfahren, aber auch in vielen kleinen Dingen die Güte seines neuen Vaters gespürt hatte. Klein-Fin wurde ein nützliches Mitglied seiner Sippe und der steinzeitmenschlichen Gesellschaft. Bald hatte er an dem lustigen Feuer und den vielen Werkgeräten eine helle Freude, und nach einer Woche sprang der Lehrling flink hin und her, um die Glut anzublasen und schnelle Handreichung zu tun. Leider nahmen bei so fleißiger Arbeit die Bronzebarren rasch ab, aber, als sie das letzte Stück schmiedeten, waren fünfzehn Schwerter und zehn Lanzen fertiggestellt. Der Waffenschmied war mit seinem Vorrat an Kupfer und Bronze zu Ende, und das bedrückte sein Herz, das von schweren Vorwürfen gequält wurde. »Warum habe ich nicht mehr Schwert-Bronze gekauft, statt der unnützen Goldbarren?« Nebenher zur Erholung und als Feiertagsarbeit hatte er das Bild und Gleichnis des Sonnengottes vollendet, und das tröstete sein Gewissen ein wenig. Es war ein strahlender Morgen, als die Trommel zum Gottesdienst vor der Fischweid rief. Fred hatte das Sonnenbildnis auf einem Holzgestell draußen vor dem Tempel aufgestellt. Die ganze Sippe strömte herbei und stand in lautloser Stille, die Arme auf die Brust gepreßt, die Augen geblendet, in atemloser, tiefer Ergriffenheit. Das Gleichnis des Gottes war eine kreisrunde Scheibe von lautrem Gold mit vielen langen Goldstrahlen. Sie leuchtete, glänzte und funkelte, von der Morgensonne bestrahlt, wie das große Gestirn des Tages. Alle wähnten, daß sie den Sonnengott, den erhabenen Licht- und Lebensspender, leibhaftig in ihrer Mitte sähen. Die Vordersten vertrugen den feurigen Anblick nicht und schlossen die Augen. Viele Weiber zitterten und schluchzten. Eine so tiefe Andacht und Gottesahnung hatte noch nie zuvor die Herzen der armen Fördeleute erfüllt und erschüttert. Reichlicher fielen die Opfer als je. Aber ach, nur zwei Frauen brachten ein Stückchen Golddraht. »Ich habe meinen Goldbarren, der mehr wiegt und wertet als alles Dünngold und alle Drahtringe im Dorfe, dem Erhabenen, der Odem und alles schenkt, gegeben ... und ihr wollt nicht ein wenig Goldblech als Dankopfer ihm bringen? Soll er euch segnen und schirmen vor dem Verhängnis des Finstren, so müßt ihr all euer Gold ihm geben, der alles uns gab und gibt!« Sehr wenige traten zögernd vor und opferten ein sehr kleines Endchen von ihrem Armreif. Andere gaben sich einen Ruck und griffen nach ihrem Ring, aber ihre Hand sank herab, hastig kehrten sie dem Bilde den Rücken zu. Vergebens wartete und winkte der Priester. Alle, alle blieben unter dem Bann des Goldes. Da verhüllte Fred sein Haupt mit den Händen, um seine Tränen zu verbergen. Die Holzklötze der Götterbilder, die sie Jahrzehnte lang verehrt hatten und jetzt verachteten, warfen sie sofort aus dem Tempel heraus. Fortan wurde das leuchtende Sonnenbild von der ganzen Sippe angebetet. Als Fred vom Tempel ging, gewahrte er, daß Funda mit dem Topfe, den er ihr bei der ersten Begegnung geschenkt hatte, Wasser schöpfte; er hemmte den Schritt, um einmal in ihren Augen zu lesen. Sie huschte an ihm vorüber, ein inniger Blick küßte ihn, und er hörte ihr hastiges, leises Geflüster: »Fliehen ... in der siebenten Nacht vor dem Tag!« Fundas Entschluß war gefaßt und unabänderlich, seitdem der Häuptling ihr gestern durch die alte Runa mitgeteilt hatte: Nach fünfzehn Tagen möge sie gerüstet sein für ihre Vermählung mit dem Herrn, alles, was sie wünsche, solle sie ihn wissen lassen. Aber Funda hatte keine Wünsche zu melden und betrachtete lange den scharfen, spitzen Bronzedolch, den ihr Fred gegeben. Der war ihr Schutz und ihre letzte Zuflucht. Lieber wollte sie sterben, als das Weib, nein, die Dirne des Unholds sein. Frod belästigte sie sonst nie, weder durch Besuche noch Botschaften, nein, er wartete ohne Ungeduld und Eile, gleichwie ein Schlemmer, der absichtlich den ganzen Tag fastet, um beim Abendschmaus um so gieriger schlemmen zu können. Fred hatte die Flucht vorzubereiten, an einem geheimen Ort Lebensmittel und Waffen zu sammeln und seine Gold- und Bernsteinschätze so im Fellsack zu verpacken, daß sie schnell ergriffen und leicht getragen werden konnten. Waffen waren genug vorhanden; dieser Schwertfeger des Nordens suchte unter seinen fünfzehn Schwertern das beste sich aus. Um den Glanz und die Schönheit desselben zu erhöhen, putzte und punzte und feilte er an seinem Meisterwerk herum. IX. Zu hunderten hielten die Störche auf der Waldwiese ihre große Heerschau, und wehe den Schwächlingen, welche die Flugprobe nicht bestanden und die weite Südlandsreise nicht machen konnten! Die altbewährten, gravitätisch stelzenden Heerführer sprachen unbarmherzig das Todesurteil, das sofort vollstreckt wurde. Die Verurteilten empfingen mit Stoizismus die Todeshiebe. Nur ein kondemniertes Störchlein floh, klappernd vor Angst, und flog in seiner Todesnot in die Nähe der Menschen. Vor der Werkstatt fiel es todmüde nieder. Klein-Fin trug es in die Hütte, aber er quälte es nicht in kindisch grausamem Spiel, sondern er hegte, pflegte und fütterte es mit feisten Fröschen. Da lobte ihn sein Meister: »Wie gut, daß wir dich nicht hängten ... Du wirst noch ein wackrer Mann werden. Morgen zeige ich dir, wie man einen feinen Topf macht.« – Das Kneten und Formen des weichen Tons dünkte dem Knaben ein lustiges Spiel. Die Schwalben flogen südwärts. Tiefer stand die Sonne am Südhimmel. Von jeher, seit Cimbriens Gletscher schmolzen, und so lange Menschen an diesen Förden wohnen, blickten sie mit Sehnsucht gen Süden, wenn die Nächte länger wurden. Weit, weit dort unten, – so träumten sie – sei immer wohlige Wärme und lachender Sonnenschein, Fisch, Fleisch und Frucht in Hülle und Fülle und niemals böse Winternot; weit dort unten sei das Wonne- und Wunderland voll Freude und Glück, voll Schönheit und Sonne. Selbst in dem fellgekleideten Urvolk schlummerte die Ahnung von einem Eden auf Erden, das sonnenwärts liegt. Da ist aus dem Süden, wo der Sonnschein und das Schöne wohnt, das jähe, finstre Unwetter und das furchtbare Ragnarok des Urvolkes gekommen. Die Völker wanderten und waren im Fluß, solange Menschen auf Erden hausen und eine noch bessere Heimat suchen. – Nach der kühlen Nacht kam ein sehr schöner und warmer Tag. Die Kinder wühlten im Sande und im Tang, ob sie nicht ein Bröcklein Bernstein fanden. Die Kleinsten wußten, wie begehrt es sei, und daß die Mutter auch ein geringes Stück mit einer Handvoll Honiggeschleck oder Beerenmus bezahle; die Größeren konnten den Wert eines jeden Bernsteinfundes genau bestimmen. Die Männer hängten die Bastnetze zum Trocknen auf oder schaufelten die Austern aus den Einbäumen in große Körbe. Der Aufseher machte bei jedem Korb einen Strich im Sande, schrieb die elf Striche gerade und den Zwölften quer und zählte schon das achte Dutzend. Über sein bärtiges Gesicht lief ein Schmunzeln: »Es wird ein harter, aber kein Hungerwinter werden ... wir haben wie die Hamster Wintervorrat gesammelt.« Die Kinder riefen plötzlich: »Schaut, schaut!« Alle Hände ließen die Arbeit ruhen, alle Augen starrten auf die Förde und nach dem Südufer hinüber. Dort war endloser Wald und wohnte keine Menschensippe. Drüben am Ufer war eine Menschengestalt mit einem langen, eiligen Froschsprung, wie ein Fliehender, vom Feind Verfolgter, ins Wasser gehüpft. Gar seltsam! Noch nie waren Menschen von drüben gekommen. Es war ein vorzüglicher Schwimmer, der trotz des schweren Fellkleides schnell durchs Wasser schnitt. Jetzt sahen sie, daß ein Fremdling, aber fellgekleidet, breitbackig, mit schwarzem Haargestrüpp und ihnen stammverwandt durch die Förde zu ihnen schwamm. Triefend, jappend stieg er ans Land, unwirsch wies er alle Fragen kurz ab, nur dem Herrn wollte er Meldung machen. Es war ein Eil- und Unheilsbote, der auf dem kürzesten Wege kam und Unglaubliches, Fabelhaftes, Furchtbares dem Häuptling meldete. Aus dem Süden seien sie auf schwimmenden Riesenvögeln gekommen, aber auch auf dem Lande, an der Küste entlang wälzten sie sich heran, zahllos wie Bienenschwärme, Männer mit schrecklichen, blitzenden Waffen, auch Weiber und Kinder in Menge, und mit sich führten sie ganz wunderbares Getier, das in großen Rudeln getrieben werde. Tausende von ihren Tieren seien mit ihren langen Hörnern und dem wilden Gebrüll viel größer als Hirsche und greulich anzuschauen, viele andere seien kleiner und wie ein zahlloses Rudel von schwärzlichen, häßlichen Rehen. Aber das Schauerlichste sei, daß diese Fremdlinge auch Menschenungeheuer bei sich hätten, gar grausige Wesen, die oben ganz wie ein Mensch, unten aber riesiger als ein Elchhengst seien und vier Beine hätten. Auf, diesen vier Beinen flögen sie wie ein Sturmwind daher und würfen alles vor sich nieder, so daß kein Krieger den Kampf mit diesen Elchmenschen und Ungeheuern bestehen könne. Man meinte zuerst, daß der Bote närrisch im Kopfe und das meiste in seiner Meldung eine Lügenmär sei. Frod fuhr ihn an: »Einen Riesenbären willst du uns aufbinden ... du bist gewiß ein Dieb, der am Baume hängen sollte und seiner Sippe entflohen ist ... « Aber sein Bruder, der sehr nachdenklich geworden war, ließ dem erschöpften Mann Speise und Trank reichen und nahm ihn dann mit ruhigen und klugen Fragen in ein scharfes Verhör. Der Bote hatte nicht gelogen, wenngleich seine Angst das Ungemeine der Eindringlinge ins Übermenschliche und Ungeheure steigerte. Fred erkannte bald aus dem Bericht, daß eine entsetzliche Katastrophe urplötzlich über ihre Nachbarn durch Einbruch fremder Kriegsvölker, die Weib und Kind, Hund und Haustier mit sich führten, gekommen sei. Der Flüchtling, der dem Untergang seines Volks – der War-Sippe, die am Meer hinter Warnäs wohnte – entronnen war, warf sich vor dem Herrn auf die Erde hin und bat flehentlich um Aufnahme in die Sippe Frods. Als die Bitte gewährt und das Leben ihm gesichert war, wurde er sehr gesprächig. Allen, die seine grausige Mär hörten, stand das Haar zu Berge. Hoch und breit wie Riesen seien die Männer, die mit ihren Langschilden unverwundbar seien und mit ihren zehn Ellen langen Lanzen alles niederstießen, ehe man ihnen die Haut nur geritzt. Sehr wenige seien von der Wurfkeule und den Schleudersteinen getroffen worden, und diese hätten sich den Schädel nur gekraut, aber auch nicht einer sei erschlagen worden. Die Ungeheuer und Elchmenschen seien wie ein Gewitterbraus mit Gedonner dahergestürmt, hätten die stärksten War-Krieger niedergerannt und wie Mistkäfer zertreten. »Können Knaben mit Männern, und Männer mit Ungeheuern kämpfen? Wir alle waren wie Zwerge, welche die Elchmenschen mit ihren vier Füßen zerstampften. Ihre Fäuste schlugen wie Bärentatzen ... sie schwangen kurze Stangen, die hart wie Stein und schärfer als Messer waren, die wie Feuer funkelten und zischten und mit einem Hiebe zwei Häupter vom Rumpfe trennten. Bei den Göttern, ich lüge nicht! Ihr gräßliches Schlachtgeheul ist das Gebrüll von tausend Bären.« Die Männer Frods waren still und blaß geworden. Die Weiber des Dorfes kreischten und heulten vor Entsetzen: Uh–u–u–hu! Runa und Rusta fragten unter Schluchzen und Schniefen den Fremdling, ob auch die Frauen und Kinder der War-Sippe getötet seien. »Sie wurden in Rudeln von dannen getrieben und die, welche in den Wald fliehen wollten, mit Bast gebunden... ich weiß nicht, ob sie ihren Göttern geschlachtet oder ob sie Leibeigene und Kebsweiber der Elchmänner wurden. Sie alle haben eine ungeheure Gier nach unsrem Bernstein ...« »Oh, die Gater, die unsere Förden auskundschafteten und unseren Reichtum an Bernstein sahen, sind ihre Späher gewesen.« Frod fluchte wütend: »Die verd– Gater, die unsere Gäste waren, haben die Ungeheuer auf uns gehetzt.« Fred sagte kalt: »Nein, die Gater wollten durch ehrlichen Handel Bernstein holen und gaben uns gute waren, nur das Gold war ein Übel und Unglück für uns. Jetzt aber, weil wir durch den argen Überfall ihre Todfeinde wurden, wollen sie Blutrache haben für ihre Brüder, wollen sie beides, unsren Bernstein und unser Blut. Darum haben sie den Riesen den Weg zum Bernsteinlande gezeigt.« Der Häuptling konnte darauf kein Wort erwidern und fühlte mit Angst, daß ein ungeheures Verhängnis sich wie ein Unwetter vom Süden heranwälze, um ihm und seinem Volke den Untergang zu bereiten. Lange blickte er düster vor sich hin. Dann sprach er, die Arme kreuzend, in dem starren Fatalismus, mit dem die Urmenschen alle Erdkatastrophen und jedes noch so entsetzliche Schicksal ertrugen: »Wenn alle anderen Sippen erschlagen oder Knechte werden, müssen auch wir sterben, wenn unsere Stunde schlägt. Lasset uns leben und essen, bis unser Tag und Tod kommt.« Die Weiber rauften ihre Haare und erhoben ein Jammergeschrei: »Uh–u–uha–u! wir müssen alle sterben ... sterben.« Mannhafter als der Herr war der Priester, der mit einem harten Blick das Geschrei dämpfte und mutig sprach: »Männer heulen nicht wie Memmen und kreuzen nicht die Arme wie Sklaven, Männer nehmen die Keulen und kämpfen bis zum letzten Atemzug für ihre Weiber und Kinder. Etliche von uns meinen und äußern, daß wir mit unserem ganzen Volke in die nördlichen Länder gehen und fliehen müßten ... dort wohnen Sippen, denen wir in blutiger Fehde ihre Fischgründe und Austernbänke entreißen müßten ... es wäre ein Unrecht, ein Neidingswerk, das der lichte Gott nimmer segnen würde. Nein, nein, wir wollen unsere Waffen schärfen und unsere Körper stählen zum Kampf für Heimat und Herd, für das goldne Sonnenbild und die heiligsten Güter ... gut und heilig ist der Kampf, der lichte Gott ist unser Schirmherr, der unsere Waffen segnen und Sieg uns geben kann über alle Riesen und Ungeheuer.« Als die rasselnde Trommel zum Gottesdienst rief, strömten alle zum Bilde der Sonne. Es wurde geopfert wie nie zuvor, darunter nicht wenig Gold. Sogar viele Weiber schnitten – mit einem tiefen Seufzer freilich – ein Stück von ihrem Armring ab. Die Not lehrt beten, und die Angst lehrt opfern. Was kam um die neunte Tagstunde die Förde hinaufgeschwommen? Vier Einbäume, stark bemannt. Sind es Feinde und Vorboten der Fremdlinge? Alle Frod-Leute liefen, schwer bewaffnet, zum Strande. In den flachen Booten standen und lagen Männer und Frauen, die mit kläglichen Gebärden um Gastfreiheit bettelten. »Wir sind von der großen Sun-Sippe an der offnen Förde und vor den furchtbaren Feinden geflohen. Die bösen Leute am Näs haben uns mit Speerwürfen verjagt. Seit fünf Tagen haben wir kein Feuer gezündet, keinen Bissen genossen ... gestattet uns, daß wir unser Garn werfen und ein paar Fischlein fangen.« »Wir haben Mäuler genug,« brummte Frod. Aber sein Bruder sagte: »Kann nicht das gleiche Los uns treffen? Zieht nicht das greuliche Gewitter, das diese erschlug, nordwärts? Wir wollen uns ihrer erbarmen, damit der Lichte uns gnädig sei. Wahrlich, jetzt ist sein Beistand vonnöten. Du bist ein kluger Rechner, mein Bruder, darum rechne, ob nicht zwanzig Krieger und Keulen uns dienlich sind im kommenden Kampf!« Die Sun-Leute durften landen und ans Feuer sich setzen zum gemeinsamen Mahl. Sobald ihr Heißhunger gestillt war, berichteten sie gräßliche Dinge von der Riesenmenge und Riesengröße der Feinde, von der grimmigen Kampfwut der grausigen Tiermenschen. »Und wenn wir tausend Kriegerrotten hätten, wir würden von den Ungeheuern wie Fliegen zerquetscht, wir sind alle dem Tode geweiht, wenn wir nicht schleunig fahren und nordwärts fliehen.« Haarklein und haarsträubend waren ihre Berichte, obgleich sie selbst wenig gesehen, sondern schnell die Einbäume bestiegen und sich in Sicherheit gebracht hatten. Die Zuhörer wurden ganz blaß und stumm, aber die Weiber kreischten, und die Kinder, um mitzutun, brüllten aus vollem Halse. Auf dem sorglosen, heitren Fördedorf lag fortan eine dumpfe Not, ein drohendes Schrecknis und die düstre Ahnung des nahen Unterganges. Aber die Eßlust der Leute nahm nicht ab trotz der Angst und Verzweiflung. Wenn die Frühtrommel zum Mahle rief, gab es ein Wettrennen aller zum Abfallhaufen, es fehlte kein Maul oder Mäulchen. Dröhnte die Trommel zum zweiten Male, zum Gottesdienst und Gebet, war meistens die Eile gering und der Haufe klein gewesen. Jetzt jedoch kamen alle, alle, die Alten und die Jungen, um das Sonnenbildnis anzubeten und die Angst der Seele zu dämpfen. Jetzt wurde Golddraht geopfert, wie nie zuvor. Je elender es den Menschen geht, um so geehrter werden die Götter. Zum dritten Male rasselte die Trommel mit drei langen und zwei kurzen Schlägen. Zum Ting, zum Ting! Fs tagte heute, Stunde um Stunde, den ganzen langen Tag, bis die Sonne hinter die Baumwipfel sank; denn es ging um Tod oder Leben des ganzen Volkes. Im Kreisrund saßen sie auf den Steinen, ernst und unbeweglich, nur wenn einer aufstand und redete, rührte er die Lippen, dann die Mienen, zuletzt, wenn seine Worte warm wurden, die Glieder. Die Jungen forderten ungestüm, was sie für die Rettung erachteten. Die Alten aber hielten Kopf und Körper steif und sprachen wenige, gewichtige Worte, was sie vorschlugen, beschloß das Ting. Zum ersten: Alles, was männlich ist und mehr als sechzehn und weniger als sechzig Winter gesehen hat, wird eingereiht in die Kriegerrotten. Zum zweiten: Die Waffen werden gerüstet, die Schwerter geschärft, die Beile fest geschaftet. Zum dritten und letzten: Zwölf Stunden am Tage soll jede Rotte mit den Waffen sich üben in Angriff und Abwehr. Fred hatte große Gedanken und Pläne und erhielt das Wort. »Ein zahlloses Feindvolk wälzt sich wie ein Wespenschwarm heran, will uns und allen Völkern Heimat und Haus, Wald und Wild, Fischweid und Austernbank rauben ... alle Völker an diesen Förden bedroht die gleiche, gemeinsame, ungeheure Not und Gefahr, darum müssen alle ein Volk, ein Haufe, ein Heer sein, jedes einzelne Volk ist dem Verderben geweiht. Die Unmenge der Fremdlinge will eine Sippe nach der anderen mühelos zertreten ... das muß verhütet und verhindert werden. Alle Sippen und Rotten an unseren Förden müssen ein Volk und ein Heer werden und in einer Schlacht die Masse der Feinde erschlagen; gesammelt und geeint werden wir siegen ... aber wehe uns, wenn wir zwiespältig und zersplittert bleiben! Jede einzelne Sippe wird verderben und sterben bis zum letzten Mann.« Der Häuptling stand auf. »Gut war meines Bruders Rede, die ihm der Gott ins Herz gegeben, wir wollen stracks Boten senden zu allen anderen Sippen, daß wir alle einen Schutz- und Trutzbund schließen, alle unsere Rotten zu einem gewaltigen Heer versammeln und in einer großen Schlacht wider die Tiermenschen stürmen und die Landräuber ausrotten bis zum letzten Mann und Elchmenschen. Lasset uns Boten senden!« Mit einem bitteren Lächeln freilich setzte er hinzu: »Wann sind unsere Sippen jemals einig gewesen?« Fred erhielt das Wort: »Ja, es kann eine Sippe in törichter Selbstsucht zum Verräter werden, es können die furchtbaren Feinde unsere Förde besetzen, unser Dorf verbrennen – der Lichte verhüte es! Unser Dorf liegt ganz offen und unbeschützt, wenn wir den letzten Kampf kämpfen müssen ... das hat mir schwere Sorge gemacht. Wir müssen schleunig rings um das Dorf einen klafterhohen Holzwall errichten, damit wir eine Zufluchtsstätte für die Weiber und Kinder und eine Feste für die Krieger haben im letzten Kampf.« Auch das wurde vom Ting einstimmig beschlossen. Vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne übten die Rotten bald auf dem Lande und Strande, bald zu Wasser auf den Einbäumen. Die fünfzehn Bronzeschwerter und die zwölf Bronzelanzen waren den stärksten und tapfersten Kriegern, die in der Schlacht die vorderste Rotte – den verlorenen Haufen – bildeten, verliehen worden. Die Greise und die Weiber fällten Bäume und gruben Löcher, um den Palisadenwall zu machen. Fred, der erste Schwertfeger des Nordens, der Kupfer und Bronze schmiedete, arbeitete sechzehn Stunden, um die Waffen noch schärfer und spitzer zu feilen, nahm mit einem tiefen Seufzer, weil sein Bronzevorrat erschöpft war, den Grünstein und den Haustein in die Hand, um Steinbeile und -dolche zu hauen. Sein Geselle bohrte unermüdlich mit dem Meißel die Schaftlöcher. Immer hörte man das Schaben und Scharren des Schleifsteins, mit dem der Lehrling über Sand und Wasser wetzte. Oft kam der Herr der Sippe zur Besichtigung und lobte den flinken Fin und die wackren Waffenmeister, aber nur, um Unmögliches zu fordern. »Zwanzig Dutzend Schafte will ich schlagen und schaben lassen, aber die dazu gehörigen Beile müßt ihr schaffen. Die Näs-Leute nämlich antworteten mir, daß sie schlecht bewaffnet sind und der Beile bedürfen.« »Und wir bedürfen eines sechsstündigen Schlafs,« antwortete Fred. »Keiner kann in vier Stunden so schnell und fleißig schlafen, daß er eine sechsstündige Ruhe hat.« Die Eilboten waren in alle Windrichtungen gelaufen und zum Teil zurückgekehrt. Die nächsten Nachbarn, die Näs- und Bäk-Leute und die anderen Dörfer an dieser Förde, merkten mit Grausen, daß es um Sein und Nichtsein gehe und entweder die Landesbewohner oder die Landräuber von der Erde vertilgt würden. Darum waren alle bereit, das Schutz- und Trutzbündnis zu schließen und durch die Ältesten zu beschwören. Aber alle, besonders die Näs-Leute, erklärten, daß sie der Waffen dringend bedürften. Der schlaue Rafn, dessen Schädel geheilt war, kannte Freds Beile; das Gerücht von der vielen Kupferbronze der Frod-Leute, dem wunderbaren Gestein, das sich erweichen und härten lasse, war an der Förde auf und ab gelaufen und hatte die heftigste Begierde der Nachbarn, die nichts als Goldblech von den Gatern gekauft hatten, erregt. Der sanftmütige Fred fluchte heute: »Weil sie träge auf der Haut lagen, als wir schwitzten, müssen sie jetzt betteln gehen. Senden wir ihnen die ältesten Beile, die wir entbehren können!« Als Herr Rafn, der ein schönes Bronzeschwert erwartet hatte, die Gabe der Bundesgenossen, mäßig geschaftete, etwas schartige Feuersteinbeile, erblickte, fuhr ein neuer Neid-Haß in das Herz des Häuptlings, der schon lange eine alte Rechnung mit Frod zu begleichen hatte. Nach etlichen Tagen sandten auch die Sippen, die weiter östlich am Meer und an der offnen Förde wohnten, mit den Eilboten Antwort zurück. »Wir schwören euch Beistand und Bundestreue in der gemeinsamen Not und Gefahr, einer für alle und alle für einen zu stehen, bis der letzte Fremdling erschlagen oder geflohen ist. Wir aber sind die hart bedrängten, die heute vom Tode bedroht und morgen zertreten werden. Darum müßt ihr in Einbäumen und mit allen Kriegern herbeieilen, damit wir hier alle zu einem Heer vereinigt, den Entscheidungskampf wagen und gewinnen.« Besonders der Herr der Sun-Leute – die also noch nicht überwältigt waren – ließ sehr schmeichelhaft sagen: »Ohne Frod und seine Krieger können wir den Sieg nicht gewinnen ... eilet, eilet mit allen Rotten herbei ... lieber tot als Sklav'!« Das waren berechtigte Forderungen. Im Ting, das Frod zusammentrommeln ließ, wurde beschlossen, mit allen Rotten sofort zu den bedrängten Stammesgenossen an der offnen Förde zu fahren und durch eine große Entscheidungsschlacht das furchtbare Verhängnis abzuwenden. Der Häuptling allerdings hatte einige Bedenken und Befürchtungen. »Noch nie, solange der wind weht, der Fisch zieht und die Auster gefangen wird, sind alle Sippen eines Sinnes gewesen ... wird keine von allen Verrat üben?« »Nein, noch niemals waren sie einig,« erwiderte Fred, »aber noch nie hat der gewisse Untergang alle bedroht.« Das Ting beschloß, am zweiten Morgen von heute an die Heerfahrt zu beginnen. Alle Rüstungen wurden beschleunigt. Einige wetzten die Waffen, andere trugen Fleisch und Fische und Wasserschläuche in die Boote, die andre mit Bast und Harz dichteten. Warum trieb der Häuptling die Männer nicht an nach seiner Gewohnheit? Er saß trübsinnig in seiner Hütte und brütete düster. Jetzt sprang er auf in Erregung, um laut aufstöhnend im engen Raum von Wand zu Wand zu stampfen und durch die Zähne zu zischen. Sein Blut war in Gährung und Glut, als wenn er Fieber habe; aber er wußte sehr wohl, warum ihm so warm und wirr im Haupt sei, als wenn er den Verstand verlieren müsse. Oh, nach zwei Nächten und einem Tag begann die Meer- und Heerfahrt. Er stöhnte in Seelenqual. »Sehr viele werden fallen in dem mörderischen Kampf, der keinem Gnade gewährt und jeden Gegner tötet. Zweimal hatte ich einen bösen Traum, Blut, Blut strömte über meine Brust, meinen Schurz, meine Knie herab. Totsiech werde ich auf der Walstatt liegen, mir schwant, daß ich sterben und nimmer die Förde, das Dorf, die Heimat wiedersehen werde. Du leuchtender Gott, soll ich scheiden vom Sonnenlicht, ehe ich meinen heißesten Wunsch erfüllt gesehen, ehe ich das höchste Glück genossen? Nein, Funda muß mein Weib werden, ehe ich von hinnen fahre. Einen Tag und eine Nacht soll sie in meinen Armen ruhen und meine Lippen küssen, ehe das Ende und die ewige Nacht hereinbricht. Oh, wie der finstre Gott die Menschen neckt und narrt, verlacht und verhöhnt! Nach ein paar Tagen ist das Jahr der Trauer verstrichen und Funda frei von ihrem törichten Gelübde, nach ein paar Tagen wäre sie meine Genossin und Gemahlin geworden, oh, Tücke des Finstren!« »Aber ich spotte seiner, bricht nicht die Not jedwedes Gebot? Wie vielmehr muß die ungeheure Völkernot der Förden das kindische Gelübde brechen! Ich, der Herr der Förde, bestimme und befehle, daß diese Tage gestrichen und gelöscht werden und nicht mehr sind, daß morgen das Jahr der Trauer zu Ende ist. Ja, morgen ist der große Fest- und Wonnetag meines Lebens, bevor ich hinfahre und nicht mehr bin.« Sofort sandte er die Witwe Runa in Fundas Hütte: Morgen sei die Vermählung, Funda möge in der Nacht alle Vorbereitungen treffen und alles, was sie begehre und wünsche, ihn wissen lassen. Funda wurde sehr bestürzt und hatte keine Erwiderung, keine Wünsche. Aber nur einen Augenblick. Bald handelte sie mit jener Geistesgegenwart, um die mancher Mann sie beneiden konnte. Schnell hatte sie Bronzespiegel, Stirnband und alle ihre Wertsachen in einer Basttasche verpackt, den Dolch barg sie unter der Felljacke, dann horchte sie an der Hüttenwand, ob es draußen still würde. Weiber gingen vorbei und schwatzten von der großen Neuigkeit des Dorfes: Morgen wolle der Herr mit der hergelaufenen Dirne, die nicht von hier und nicht einmal ein richtiges Näs-Weib sei, sich vermählen. Gegen Mitternacht huschte Funda in den Wald und zur Werkstatt hinauf, wo der Waffenschmied ein Beil schaftete. Als sie auf der Schwelle stand und mit der Hand winkte, schleuderte Fred das Beil auf die Erde, stürmte hinaus, riß sie in seine Arme und eine Strecke in den Wald hinein. »Du Liebste! Ist ein Unheil geschehen?« »Nein, aber vor der Tür! Hast du nichts gehört von dem Machtspruch deines Bruders, der sich morgen früh mit mir vermählen will ... wir beide müssen fliehen, noch in dieser Nacht, sofort ... ist alles bereit zur Flucht?« Fred erschrak und sagte schmerzlich: »Wehe uns! Funda, darf ich fliehen und mein Volk, das vom Untergang bedroht ist, und das Heer, das in die Todesschlacht zieht, feige verlassen in dieser Stunde? Oh, ich kann, ich darf es nicht.« Sie sah ihn fest an und sagte eisig: »Du willst, daß ich morgen das Weib deines Bruders werde? Wohlan, ich gehorche.« »Nein, nein,« schrie er in Angst, »lieber will ich deinen und meinen Tod.« »Still, still!« Sie streichelte seine Wange, seine Stirn. »Warum sterben, mein Geliebter, wo wir leben und lieben wollen? Sind wir des Todes würdig? Oder hat der Unhold, der seine Macht mißbraucht und ein Weib vergewaltigen will, den Tod verdient? Nimm diesen Dolch, ziele ruhig und richtig und stoße ihn dem Bösewicht ins Herz. Dann bist du jetzt zur Mitternacht der Herr, und morgen in der Frühe bin ich dein Weib. Frod muß sterben!« In Seelenqual rang er die Hände: »Oh, fordere nicht das Entsetzliche, das Ungeheure von mir, ich kann nicht ein Meuchler sein und meines Bruders Blut vergießen, bei dem Allsehenden, ich kann es nicht! Eher wollte ich den Dolch in meine Brust stoßen.« »Wenn du zu furchtsam bist, um das Todesurteil an ihm zu vollstrecken, so müssen wir in dieser Nacht fliehen. Entweder – oder, einen dritten Weg weiß ich nicht. Rüste alles zur Flucht! Eile, eile!« »Funda, wohin? Wohin sollen wir fliehen?« »Zu einer der vielen Sippen, die uns Bürgerrecht geben wird, denn du kommst mit geschickten und nicht mit leeren Händen.« »Bei den Sippen, die mit Frod einen Schutzbund schließen, ihm willfährig sind und ihm ein Dutzend Weiber ausliefern würden, willst du Zuflucht suchen?« Sie biß sich auf die Lippen, sie stampfte mit dem Fuße: »Ich weiß es! Wir müssen andere Fluchtwege wählen, denn fliehen müssen wir in dieser Stunde, wenn Frod die Nacht überlebt. Er selbst hat gesagt: Not bricht jedes Gebot. Ja, ja! Wir gehorchen dem höchsten Gebot und Gesetz der Menschen, daß wir leben und lieben wollen ... du, mein Liebster! Folge mir, wohin ich führe!« »Wohin, wohin?« »In unserer äußersten Not fliehen wir zu den Fremdlingen, denen wir gute Dienste leisten können, und die uns Leben und Freiheit verbürgen werden. Folge mir, mein Geliebter!« Sie liebkoste seine Wange, preßte sich an seine Brust, schmeichelte und bat mit vollen Lippen: »Küsse mich und komm!« Fred stöhnte, als wenn sein Herz in zwei Stücke zerrissen und todwund wäre. »Fliehen zu den Feinden und Räubern, die unser Volk ausrotten wollen ... das heißt, mein Volk verkaufen und verraten. Oh, du könntest es nicht reden noch mir raten, wenn du Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blute wärest. Ach, du bist im fernen, fremden Land geboren, darum kannst du zu den Fremdlingen gehen, denn du bist nicht Volk von unserem Volk, nicht Leib von unserem Leib; aber mir graust davor, mein Volk in seinem Untergang zu verraten. Funda, ich kann nicht fliehen, ich kann es nicht, ich muß kämpfen und, wenn es sein muß, sterben mit meinem Volk und meiner Sippe.« Das junge Weib erstarrte und sagte schrill und schneidend: »Ich kann auch nicht, ich kann nicht und ich will nicht die Dirne des Elenden sein ... ich weiß keinen anderen Weg, keinen ... ich muß fliehen, allein und ohne dich. Erzeige mir eine letzte Liebe, gib mir eine gute Lanze!« Er schwankte wie betäubt auf seinen Füßen und holte seine beste Lanze. Noch einmal warf sie sich an seine Brust und bedeckte sein Gesicht mit heißen Küssen und heißen Tränen. Sie war plötzlich im Walde verschwunden. Fred taumelte, fiel schwer auf die Schutthalde hin und hielt sein Haupt mit den Händen. Ihm war, als wenn sein Verstand sich verwirre in dem Wirbelsturm seiner Verzweiflung. Auf der Halde saß er lange, wie ein vom Alter verfallener oder von der Sorge zerrissener Mann. Aber dieser kraftlose Mann hatte heute in dem furchtbarsten Kampf seines Lebens den Sieg gewonnen und sein höchstes, heiliges Glück um seines Vaterlandes und Volkes, um des Gewissens und der Treue willen hingegeben und dem Lichtgott geopfert. – – Funda holte aus ihrer Hütte die Basttasche mit den Kostbarkeiten, auch einen Fellsack mit Austern und anderer Speise hängte sie sich über die Schulter, die kurze Lanze diente ihr als Stab. Als sie durch das Dorf huschte, blieb sie vor des Häuptlings Hütte stehen, um zu horchen. Ein Ekel überkam sie, als sie sein rasselndes, rohes Schnarchen hörte. Frod schlief ausgezeichnet, denn morgen sollte seine verzehrende Sehnsucht Erfüllung werden. Mit einem Griff umfaßte sie ihren Dolch, den zweischneidigen und nadelspitzen. Wenn ich ihm die Spitze ins Herz stoße, flieht seine häßliche Seele ohne einen Laut, ohne einen Zeugen aus dem Leibe. In der Frühe wird sein Wanst ins Steingrab geworfen, Fred ist Herr der Sippe, und ich die Herrin. »All mein Herzeleid wäre in Herzfreude verwandelt durch einen Stoß und Stich. Aber nein ... nein ... wenn ich der Meuchler seines Bruders wäre, würde Fred mich hassen, und ich muß sterben ohne seine Liebe und unter seinem Haß. Nein, nicht durch Mord kann ich mein Schicksal retten.« Das junge Weib, das eine nicht geringe Körperkraft und eine noch größere Seelenstärke besaß, betrat ohne Furcht den gefahrvollen Fluchtweg. Nur weit, weit fort von dem Gewalttätigen und der schändlichen Zwangsehe! Aber sie verhehlte sich nicht, daß sie, wenn sie bei dem fremden Volke Zuflucht suche, in arge und noch ärgere Hände geraten könne ... dann war ihr Dolch die letzte Rettung. Der kleinste Einbaum, der am Strande lag, wurde ins Wasser gestoßen. Dann trieb Funda mit raschen Ruderstößen die Förde hinunter; immer horchend, ob nicht ein Boot hinter ihr wäre. Sie raste mit der Ruderstange, so daß der Schweiß von ihrem Leibe troff, obgleich sie nur den Schurz trug und die Felljacke hingeworfen hatte. Es war eine sehr schnelle Fahrt. Von Fünen drüben kam der neue Tag, seine fahle Morgendämmerung glitt über das graue Wasser des Belts, als sie die Mündung erreichte und aus Furcht vor dem hellen Tag ihr Boot im hohen Schilfrohr versteckte. Auf der Höhe oben war ein feiner Luginsland. Im Südosten glitzerte in der Morgensonne das endlose, gewaltige, unheimliche Meer, zur Rechten stand die gelbe Küste mit ihren Steinblöcken, und dahinter der Urwald wie eine düstere Mauer. Funda war eine Recke und Tapfere, aber doch nicht tollkühn genug, um mit ihrem zerbrechlichen Fahrzeug das offene Meer zu befahren. Sie wanderte am Strande entlang über Sand und Steine, in tiefer Einsamkeit, als wenn sie der einzige Mensch auf Erden wäre, Stunde um Stunde, bis sie todmüde im Schatten des Waldes in tiefen Schlaf fiel. Alle Nächte wanderte das junge Weib südwärts, die Gestirne waren ihre Wegweiser, am Tage ruhte sie im Gebüsch, in der Abenddämmerung pflückte sie Beeren, die in Hülle und Fülle wuchsen. In ihr war keine Furcht mehr vor dem rasenden Frod und seiner Verfolgung, wohl aber eine weise Vorsicht, um nicht in die Hände einer einheimischen Sippe zu geraten. Sobald sie in der Ferne Hundegekläff vernahm, umging sie in dunkler Nacht jede menschliche Niederlassung. Am fünften Abend stand sie am Gestade der offenen Förde, die breit und tief ins Festland hineinbuchtet und nur in mehreren Tagesmärschen zu umschreiten ist. Weil Windstille war, schlich sie sich an den Strand der hier wohnenden Loit-Leute, um einen Einbaum zu lösen, um den Weg zu verkürzen. Es war ihr gelungen, über die Förde zu setzen, und der Weg nach War-Näs nicht mehr weit. An dem Morgen betete Funda innig und lange zum Sonnengott, der sein leuchtendes Auge aufschlug; denn sie fühlte und wußte, daß jetzt das große Wagnis kommen und die Entscheidung über Freiheit und Leben fallen werde. Ihr Schritt wurde langsam und leise, ihr Auge spähte, ihr Ohr horchte nach allen Seiten. Gegen Mittag hörte sie ein merkwürdiges Klirren und Schnaufen. Sofort war sie wie ein Eichhörnchen in eine hohe Eiche hinaufgeklettert, wo sie sich im Laube versteckte und einen weiten Ausblick hatte. Was erblickte ihr Auge mit bänglichem Erstaunen? Zehn, zwölf Riesenvögel schwammen zur Linken auf dem blauen Meere, große Schiffe, die nahe der Küste am Anker lagen und im sanften Ostwind sich wiegten. Noch viel erstaunlicher und erschrecklicher war das Bild auf dem Lande. Dort unten hinter dem Walde breitete sich eine große Strandwiese, und darauf wimmelten wohl tausend Elchmenschen durcheinander, und ihre Stimme, ihr Geschrei war ein gräßliches Gewieher. Das waren keine Elche, die oben in einem Manneskörper endeten, sondern ganz andere Tiere. Die tapfere Funda erblaßte, erschrak bis ins Herz – die Ungeheuer mit den Menschenkörpern oben und den vier langen Beinen unten erregten ihr Grauen. Immer rätselhafter wurde es. Zwei von den Unmenschen hielten lange Hörner vor den Mund wie zum Trinken, aber, wenn sie tranken, gab es ein gellendes Getöse, das durch Mark und Bein drang. Oh, wie die Ungeheuer jetzt hin und her sprangen, wild mit den Füßen stampften und mit dem Maule wieherten! Die Zuschauerin riß die erschrockenen Augen weit auf. Was war dort unten auf der Wiese geschehen? Die Elchmenschen hatten sich in zwei Teile aufgelöst! Hochgewachsene Männer, richtige Menschen, standen auf ihren zwei Beinen neben ihren vierbeinigen Tieren, die kein Geweih, sondern eine flatternde Mähne und einen langen Schweif hatten. Es waren Reiter, die ihren Rossen Zaum und Sattel abnahmen und sie auf dem Rasen werden ließen. Das gräßliche Rätsel war gelöst. Funda mußte jetzt laut auflachen, denn es war ein zu drolliger Anblick, wie die Ungeheuer in zwei Teile sich lösten und Mensch und Tier wurden. Alles Unmenschliche, das natürlich sich erklärt, wird lächerlich. Fundas große Spannung platzte plötzlich, platzte los in einer herzhaften Lache. Ach, das allzu laute Hahahihi verriet ihren Horchposten. Sechs Reiter zu Fuß standen unter der Eiche mit drohenden Gebärden. »Komm herunter, du spähender Hund!« Als das Eichhörnchen den Erdboden erreichte, sahen die Reiter, daß es ein Weib und noch dazu ein sehr junges und höchst anmutiges Weiblein sei, und fingen an zu schmunzeln, und einer grinste: »Was bist du für eine Wildtaube und von wannen hergeflogen?« Das bärtig braune Gesicht des einen und älteren Mannes kam ihr so bekannt vor, sie blickte ihn forschend an und rief in plötzlicher Erkenntnis: »Ei, du bist Hadur, ein Steuermann Godebarts.« »Ja, Hadur ist mein Name, und du ... du gehörst zur Sippe des verfehmten Frod, den wir lebendig fangen wollen; er soll Godebarts Leibsklave sein und die Mahlsteine drehen. Du bist der Vogel, den wir uns lange gewünscht haben.« Funda ließ sich nicht merken, wie ihr Herz zitterte. Ging sie nicht in die Höhle des Bären, wenn Godebart hier war? Sie sagte kurz und keck: »Führe mich zu dem Herrn der Sippe!« »Der Sippe? Haha! Es ist ein großes Volk, das keiner zählen kann, mit mehr als hundert Kriegerrotten als Vorhut bloß; fünfhundert Rotten folgen später nach.« »Ich höre deine Rede und glaube, was ich will. Wo ist dein Herr?« »Godebart ist mit seinem Schiff nach dem Gaterland gefahren.« Da wurde ihr Herz leicht und ihre Zunge gelöst, weil sie sich mit Hadur einigermaßen verständigen konnte, fragte sie sehr viel, und sie erfuhr mancherlei, das sehr nützlich zu wissen war. Die Eindringlinge, den Gatern nach Abstammung und Sprache verwandt, waren von einem fremden Volk, das wie ein Heuschreckenschwarm aus den östlichen Steppen kam, vertrieben worden und drangen jetzt immer weiter in dem Meerlande vor, das die Gater als fisch- und wildreich beschrieben und als das gesuchte Bernsteinland gepriesen hatten. Seit altersher nannten sie sich die Himber, was sie fast wie Chimber aussprachen. Der Herr und Fürst der Himber, zu dem er Funda führen wolle, heiße Herulf und sei ein hoher Herrscher, den man mit tiefer Verneigung des Körpers begrüße, nur ein Barbar schräge die Arme auf der Brust. Die junge und hübsche Barbarin beherzigte die Anstandslehre, verneigte sich vor dem alten Seebären und erkundigte sich nach diesem und jenem. Ob Herulf ein junger Mann sei und ein Weib habe? Der Steuermann grinste: »Du wirst ihn nicht bestricken mit deiner Lieblichkeit, mein Täubchen. Er ist höher und stattlicher als alle, ein König vom Scheitel bis zur Sohle, rank und stark wie ein Mann von vierzig Jahren, obgleich fünfundsiebzig Winter seine Haare schneeweiß färbten.« Die Auskunft gefiel ihr sehr, furchtlos wurde ihr Herz. Am Waldrande stand ein Zelt aus dickem Gewebe. Daraus trat ein Mann hervor, um ein Haupt höher als Hadur, breitbrüstig, stark und steil wie eine Eiche, frisch und blühend das gebräunte Gesicht, aber schneeweiß wallte das dichte Haar auf die Schultern herab. Ein geborener Herrscher, und jeder Zoll an ihm ein König, ein Greis in voller Manneskraft, der auf den ersten Blick Ehrfurcht, aber auch Vertrauen erweckte – das war Herulf, der Himberfürst. Die Fellgekleidete trat freimütig vor mit der richtigen Verneigung. Seine scharfen, blauen Augen warfen einen schnellen, hochfahrenden Blick über das häßlich plumpe Fellkleid der Barbarin, blieben an dem seltsam feinen Antlitz, das gar nicht zu der Gestalt zu gehören schien, aufmerksam haften, wurden hell und freundlich. Ein hübsches Gesicht ist eine gute Empfehlung. Darum winkte er einem gefangenen War-Mann, der ihm als Dolmetscher diente. Funda beugte schnell ein Knie vor dem Fürsten, schaute wie ein bittendes Kind zu dem Gewaltigen empor und antwortete ohne Scheu, aufrichtig und wahrhaftig auf alle Fragen. Nicht als gestäupte Dirne oder Diebin, um schwerer Strafe zu entrinnen, sei sie aus Heimat und Sippschaft entflohen, nein, der größten Schändlichkeit und Schande, die einem Weibe widerfahren könne, sei sie entronnen – ihr Gesicht wurde glutrot, ihre Stimme wurde leise – der Herr ihres Dorfes habe sie mit roher Gewalt zwingen wollen zur Ehe. Funda beugte beide Knie, hob beide Hände flehend empor und bat: »Großer König, eine fremde, freundlose Frau bittet um deinen großmächtigen Schutz.« Herulf hob sie mit drei Fingern empor voll Wohlwollen und Wohlgefallen. »Dein Mund lügt nicht, dein Gesicht ist ohne Falsch ... du stehst als freier Fremdling unter meinem allerhöchsten Schutz. Dein Dorfherr wird sich hüten, dich zu heischen oder hier zu holen; keiner von meinen Mannen wird ein Haar von deinem Haupte reißen oder ein schandbares Wort dir sagen. Du bleibst in meinem Gefolge. Wohlschmeckender ist mir jede Speise, die von zarter Frauenhand gereicht wird ... kannst du bei Tisch aufwarten, fein, flink und leise?« »Ich werde jeden Wunsch in deinen Augen lesen. Hoher Fürst, nimm meinen kleinen, armen Dank für deine große, königliche Gnade!« Herulf, der an der klugen und hübschen Barbarin ein väterliches Gefallen gefunden hatte, betrachtete sie von oben bis unten und lächelte lustig-listig. »Aber beileibe nicht in der abscheulichen Felljacke wirst du mir an der Tafel die Speise reichen, ein neues und nettes Gewand soll man dir bringen, auch wird dir ein Bad am Strande wohltun vor dem Gewandwechsel.« – Sehr lange hielt Funda ihren Bronzespiegel hin und her, nach rechts und links, als sie nach dem Bade das neue, weiche Wollkleid angelegt hatte. Vorne fehlte nicht der blanke, bronzene Schmuck-Schild, der ihr die größte Freude bereitete, immerzu zupfte sie an dem buntfarbigen Gürtel und den köstlichen Bügelnadeln, ihre Hand streichelte und liebkoste das ganze Gewand, das an ihre Glieder sich schmiegte, ihres Körpers Anmut nicht verbarg und vom Halse bis zu den Knöcheln reichte. Aber würdevoll wurde ihr Gang, weil jede hastige Bewegung gefährlich und der lange Rock ihren Füßen zum Fallstrick wurde. Herulf und seine Hauptleute schmausten Wildbret, Brot und Brei, danach Austern stiegweise, denn den leckren Meerbewohner hatten sie hier oben kennen und lieben gelernt. Funda wartete auf an dem Tische, wo Herulf und seine vier höchsten Gauherren saßen, und reichte jedes Gericht mit einem Anstand, als wenn sie jahrelang bei Hofe gedient und gedienert habe. Als sie gegen Ande des Mahls zum Herde hinauslief, ein Dutzend Austern röstete und dem Fürsten kredenzte, mundete ihm dieses neue Gericht so vortrefflich, daß er sie laut lobte und mit einer silbernen Gewandnadel belohnte. In jener Zeit, die noch keine Knöpfe kannte, hielt man das Kleid und den Mantel mit Bügelnadeln zusammen. Nach dem Mahle war Herulf in bester Laune und hatte eine lange, leutselige Unterredung mit der fremden Frau, die schnell seine Gunst gewonnen hatte. Funda hat wahr und aufrichtig geantwortet und gar nichts verhehlt und weit mehr erzählt, als ihrem Fred und seinem Dorfe und allen Sippen der Förde gut und dienlich war. Sie konnte hier nichts verschweigen, hier, wo sie in ihrer Not Zuflucht und Freunde gefunden hatte. Der Fürst lächelte gütig-fröhlich und fragte noch viel mehr, während seine Gauherren steif und ernst auf ihrer Bank saßen und mit beiden Ohren horchten. Funda, die mit viel Anstand das schmiegsame Wollkleid, auf dem Haupte die Stirnbinde und an den Armen die goldenen Ringe trug, wäre für eine schöne und vornehme Himberfrau gehalten worden, wenn sie nicht die schwarzen Haare und die tiefdunklen Augen gehabt hätte. Die Krieger im Lager warfen begehrliche Blicke auf diese befremdliche Erscheinung; aber keiner wagte, nur mit einem dreisten Wort ihr nahe zu treten, weil sie unter dem Schutz des Fürsten stand. Mit keinem, nur mit dem War-Mann und Dolmetscher sprach sie, so oft sich ein Anlaß fand. Vieles erfuhr sie von ihm, soweit denn sein Wissen reichte. Die Himber hatten, solange der Wind weht und der Wald grünt, mehr als hundert Tagreisen im Südosten gewohnt. Aber unzählige Schwärme von Reitern mit Schlitzaugen waren plötzlich wie Heuschrecken aus den Oststeppen gekommen, hatten den großen Fluß durchschwommen und die Dörfer verbrannt. Wenn die Himber ihr Heer gesammelt und Tausende von diesen Affenmenschen erschlagen hätten, so wären neue Horden und Zehntausende gekommen, dieses Menschen-Ungeziefer sei gar nicht zu zählen, noch auszurotten. Darum verließen die Himber ihre Wohnsitze und wanderten nordwestwärts mit Weibern und Kindern, Ahnen und Enkeln, mit ihren Herden und Hunden, ihrem Gut und ihren Göttern. Seit drei Jahren waren sie auf der Suche nach einer neuen Heimat. Ihre zehn Schiffe waren den Fluß hinab und an der Meeresküste entlang gefahren und zufällig den Schiffen der heimkehrenden Gater-Kaufleute begegnet. Godebart habe viel von dem Bernsteinlande erzählt und mit den Himbern einen Vertrag geschlossen, daß die Gater ihnen den Weg in jene Förden hinein weisen, auch Waffengeleit geben und dafür als Lohn den dritten Teil des gewonnenen Bernsteins erhalten sollten. Der schlaue Gater, dem der Heerzug der Himber höchst gelegen kam, wollte zweierlei, den hinterlistigen Überfall und das Blut seiner Brüder rächen und gleichzeitig ein glänzendes Geschäft machen. »Ist Godebart hier im Lager?« fragte Funda zum zweiten Male ängstlich, denn sie hatte ein Grauen vor dem langen Gater. »Nein, er ist gen Süden gefahren, um all seinen Bernstein zu verkaufen und Waffen zu holen, und wird erst in vier, fünf Wochen zurück sein ... was fürchtest du? Weder Godebart, noch der erste Gauherr wird wagen, dir einen Kuß zu rauben, solange du unter dem Schutze des Fürsten stehst, denn Herulf ist furchtbar im Grimm, alle gehorchen einem Wink seiner Hand und zittern vor dem Blitz seiner Augen. Der Gewaltige hat achttausend Krieger, hier siehst du mehr als eintausend Reiter, die den Vortrupp bilden ... dahinter lagert das unzählige Himbervolk. Wir, die War-Leute, sind seine Knechte geworden, und klug wären alle Sippen der Förden, wenn sie um Frieden bäten und gehorsam ihm würden.« Stolz wies sie die Rede zurück: »Nein, feige ist es, durch Knechtschaft das Leben zu kaufen.« Funda ging frei im Lager umher und erstaunte immer wieder. Nicht bloß durch Größe und Stärke des Körpers überragten diese Männer die Bewohner des Landes, sondern in allen Dingen waren die Himber weit überlegen und neben den armen Fördeleuten gleichwie Halbgötter. Alles, was man von Elchmenschen und Ungeheuern erzählt hatte, war unsinnige Fabel gewesen. Die Pferde waren struppige, schnellfüßige, ausdauernde und zahme Tiere, die friedlich auf der Wiese grasten und mit der Hand sich streicheln ließen, wenn aber die Krieger im Sattel saßen und wie eine Windsbraut daherstürmten, dann würden alle Beilrotten Frods wie Blätter des Herbstes gewirbelt und in den Dreck gestampft. Wäre nicht eine freiwillige Unterwerfung besser als der todsichere Untergang? Funda sann oft hin und her und hatte große Gedanken und verwegene Träume: Wenn sie ihrem Dorf an der Förde, und besonders ihrem Fred, Leben und Freiheit verbürgen und eine ehrenvolle Untertänigkeit erwirken könne, wenn sie die Retterin ihres Volkes würde ... Zunächst tat sie alles, was ein behendes und schlaues Weiblein ersinnen kann, um des Fürsten Gunst zu mehren. Sie war in kleinen Aufmerksamkeiten und Dienstleistungen erfinderisch, reichte ihm die Schüssel, die er wünschte, ehe er ein Wort gesagt, und schichtete und schüttelte die Felle und Decken seines Lagers so geschickt, daß er am Morgen rühmte, wie gut er geschlafen. Greise Herren lassen sich gern von zarter Frauenhand hegen, und Herr Herulf fand immer mehr Wohlgefallen an der neuen Dienerin, die ihm Bequemlichkeit und Behagen zu verschaffen verstand. – X. Noch war dunkle Nacht. Herr Frod schlief seit der dritten Morgenstunde nicht mehr, lag still und schwelgte im Vorgenuß seines Liebesglücks. Da klangen schwere Schritte, von draußen rief eine rauhe Stimme: »Unser Einbaum ist verschwunden.« Frod brüllte zurück: »Sucht ihn! Er ist abgetrieben, weil er schlecht festgebunden war.« Die Stimme draußen brummte höhnisch: »Auch Funda ist verschwunden, weil sie schlecht angebunden war.« Von drinnen kam ein Aufschrei, der zum wilden Geheul wurde. Der Häuptling, nur mit dem Schurz bekleidet, rannte, raste durchs Dorf, schlug wild die Trommel und brüllte wie ein Tier. Plötzlich stand sein Bruder, sehr blaß und müde, neben ihm. Frod packte und schüttelte ihn, würgte ihn am Halse und wütete: »Wo ist Funda? Schaff sie herbei! Oder du stirbst!« Da gebrauchte Fred seine Fäuste, um sich von dem Wüterich zu befreien, und sagte herrisch: »Genug des Wahnsinns! Sie ist entwichen, weil du sie zwingen wolltest. Suche sie!« Der Häuptling ließ alle Einbäume bemannen, ließ alle Boote um die Wette rudern und versprach all sein Gold und seine höchste Gunst den Leuten, die den Flüchtling einfingen. Sein eigenes Boot war allen voraus, denn er tobte und schlug die Ruderer blutig mit dem Stock. Oben vor dem Bildnis der Sonne stand der Priester und betete: »Du lichter, leuchtender Gott, hilf mir heute und erhöre mein Gebet! Blende mit deinen Strahlen ihre Augen, daß sie die Fliehende nicht finden noch fangen!« Sie haben nicht einmal das im Schilf versteckte Boot, geschweige denn eine Fußspur des Weibes gefunden. Die Höflinge Rust und Rist versuchten ihren Herrn zu trösten: »Sie ist ins endlose Meer, das kein Mensch befahren kann, hinausgerudert, denn sie war kein Mensch, sondern eine Meerjungfer, und trotz ihrer Schönheit ein scheußlicher Zauberbalg, den die Wasser an unseren Strand spien, und den das Meer wieder verschlungen hat.« Diese Trostworte hatten keine abschreckende, sondern die entgegengesetzte Wirkung. Frod schrie: »Ja, die Meerhexe hat mich verzaubert ... vorwärts! Wir fahren auf das ungeheure Meer hinaus, bis wir sie fahen oder den Tod finden. Ich sterbe ohne das Weib!« Das war der helle Wahnwitz. Darum hielten alle Männer auf einmal die Ruderstangen still, keiner gehorchte dem Häuptling, wie sehr er auch tobte und schlug. Sie ließen sich wie Hunde verprügeln, aber sie ruderten rückwärts in die Förde hinein. Die Erregung des rasenden Mannes wurde schließlich zur Erschöpfung. Er warf sich auf den Boden des Einbaumes hin und fiel in einen tiefen Schlaf. Er schlief den Abend, die Nacht und bis in den hellen Morgen hinein. Fred rüttelte ihn. »Die Boote sind bereit, alle zehn Rotten stehen am Strande, nur der Heerführer fehlt. Wir müssen eilen.« Der Häuptling stand langsam auf und sagte düster: »Du kannst dir Zeit lassen, denn du bleibst hier, du sollst der Hüter des Dorfes und der Weibel der alten Weiber sein.« Trotz der Bosheit wurde Fred gar nicht zornig, sondern sagte ganz ruhig: »Nein, ich will nicht Weiberhüter sein, sondern kämpfen mit unseren Kriegern ...« »Ich, der Herr, befehle es dir.« »Ach, du weißt nicht, was du redest. Wer soll die Waffen, die im Kampf zerbrechen oder schartig werden, neu schmieden und schärfen? Es geht um Tod oder Leben des ganzen Volks, laß den törichten Trotz fahren!« Fred ging mit dem Heer. Alle Boote konnten ihre allzu schwere, lebende und tote Last kaum tragen und lagen allzu tief im Wasser. Darum sprangen vier Einbäume leck und mußten bei der Münde auf den Strand gesetzt werden. Eine üble Vorbedeutung und eine schlimme Sache! Hier mußte das kleine Heer sich teilen! Die übrigen Fahrzeuge fuhren an der Küste entlang unter Frods Befehl. Die andern Männer mußten schwer beladen auf dem Lande marschieren und murrten laut, warum nicht das Los geworfen sei, warum sie die viel größere Mühsal leiden, die größere Gefahr laufen müßten. Fred wartete den Befehl seines Bruders nicht ab, sondern erbot sich, das Fußvolk zu führen; und er tröstete die Mißmutigen und Müden, die einen wunden Rücken und wehe Füße bekamen: »Schauet zur Sonne empor! Was der finstre Gott wollte, kann der lichte zum Heile uns wenden.« Er trug als Führer genau so viel Last wie der gemeine Mann und ermutigte durch sein Beispiel alle, so daß sie den ganzen Tag und die halbe Nacht marschierten, um den Booten zu folgen. Am Abend lugten sie vor der Bar-Insel, wo die Bar-Leute wohnten, aufs Meer hinaus und sahen mit Verdruß, daß Frod, der die Ruderer alle Stunden wechseln ließ, weit voraus war. Erst nach Mitternacht warfen sie sich im Walde zur Nachtruhe hin. Bald wurden sie durch schreckliches Getöse und Geschrei emporgeschreckt. Oh, ihre Brüder auf dem Meer waren in Kampfnot, und sie konnten ihnen keinen Finger reichen. Sie hörten nur das Schlachtgeheul in der Dunkelheit. Die Riesenvögel der Feinde hatten hinter der Insel auf der Lauer gelegen, stießen wie Seeadler hervor und stürmten wider die niedrigen Einbäume, die sie mit ausgeworfenen Haken entern und, wenn das mißlang, mit dem Vordersteven rammen wollten. Bei Tagesanbruch trieben zehn Einbäume auf den Strand, die andern waren zerschellt oder gekapert. Fünf Rotten und der Häuptling entrannen dem Verderben. Beim Aufruf fehlten dreißig Krieger. Frod saß auf einem gestürzten Baum, starr und finster, ohne ein Wort zu sprechen. Sein Bruder wollte ihn trösten mit dem Sprichwort: »Je übler der Anfang, desto besser das Ende.« Frod antwortete mit düstrem Fatalismus: Ja, das Ende ist gekommen, der Furchtbare waltet ... lasset uns ziehen in den Kampf und den Tod!« »Wir mußten auf dem Lande marschieren ... was wir für ein Übel und Unglück hielten, hat der Lichte uns zum Heil gewendet.« Fred blickte sonnenwärts, um zu danken. – – An der Nordseite der offenen Förde versammelten sich die kleinen Heere und Haufen der Frod- und Sun-, der Bar-, Bäk- und Näs-Leute und der vielen verbündeten Sippen. Alle Rotten hatten sich zu einem Heer von zweitausend Kriegern vereinigt. Das war für jene Zeit eine ungeheure Menge und gab große Siegeszuversicht. Alle forderten, daß ein Heerführer gewählt werden müsse. Aber sofort erhob sich ein heftiger Streit, denn jeder Häuptling wollte Feldherr des ganzen Heeres sein. Es wurde stundenlang gezankt und gezetert; eine Wahl war unmöglich, weil die drei hitzigsten Bewerber um keinen Preis verzichten wollten. Da fehlte wenig, daß das Schutzbündnis zur blutigen Fehde geworden wäre, und es gab zuletzt keinen anderen Ausweg, als diese drei Starrköpfe zu Feldherren zu wählen, so daß die Häuptlinge der Sun- und der Bäk-Leute den linken beziehungsweise den rechten Flügel führten und Frod die Mitte des Heeres befehligte. Alle Krieger waren kecken Muts und der festen Meinung, daß ihre große Menge großen Sieg verbürge, und viele verteilten schon in Gedanken und Träumen die Riesenbeute. Was ihnen am gräßlichsten gewesen, alle Furcht vor den Elchmenschen war verweht, denn es war inzwischen bekannt und immer fester beglaubigt worden, daß es keine Ungeheuer, sondern Männer wären, die auf langmähnigen Tieren rittlings säßen. Das Grauen vor dem Übernatürlichen wurde zum Gespött, und die Angst zur großmäuligen Selbstüberschätzung, besonders als Flüchtlinge der unterworfenen War-Leute neue Mär brachten: »Der Kampf mit den Himbern ist nicht schwer, wenn ihr die rechte Kriegskunst kennt ... stecht nach den Augen der Pferde, dann stürzen sie wie Steine hin und zerdrücken die Reiter, die wie Fische im Garn zappeln.« Nach einem großen Geschmause marschierte das Heer um die Förde herum, zweitausend Beile und fünfzehn Bronzeschwerter stark, in hundertneunzig Rotten und drei Haufen geteilt. Die Schlachtlosung lautete: Erst die Rosse schlagen, und dann die Reiter, und keinem Himber das Leben lassen. Aber sie brauchten sich nicht um die Förde herumzubemühen. Herulf war ein freundlicher Herr, der stets seinen Feinden entgegenkam und auf der Heide, die im Westen der Förde zwischen Wäldern und Mooren lag, sie begrüßen wollte. Schnell hatte er sein Fußvolk herangeholt und in keilförmiger Schlachtordnung aufgestellt, seine Reiterei aber im Walde wohl versteckt. Oben auf einem hohen Hünen- und Steingrab, wo er die weite Heide überschauen konnte, hielt er als Feldherr hoch zu Roß. Die Rotten der Fellgekleideten wälzten sich heran wie eine breite, tiefe Menschenmauer, alle voll Mut und Wut. Von ihrem Gestampf bebte der Grund, von ihrem Schlachtgebrüll zitterte die Luft. Sie heulten: »Haiahahai! Die Elchmenschen wagen sich nicht hervor, statt der Rosse sollen unsere Beile die Schädel der Räuber zerschmettern, jeder Himberhund muß sterben.« Drüben unter dem Hünengrabe bliesen die Hörner. Ohne Geschimpf und Geschrei, mit festen Tritten und finsteren Gesichtern rückte Herulfs Phalanx heran, von den Gauherren geführt. Godebart war gestern von seiner Reise zurückgekehrt, hatte seinen Bernstein an Händler aus Ninive und Ägypten für Gold verkauft und glänzende Geschäfte gemacht, wollte den ausbedungenen Anteil an der Bernsteinbeute einheimsen und die andere Hälfte von den Himbern für billigen Preis erwerben. Er war ein großer Kaufherr, aber auch ein tapferer Kriegsmann, der nicht im Lager bleiben konnte, wenn die Schlachthörner gellten. Er ging sogar mit dem vordersten Haufen, der die Spitze des Keils bildete und zuerst mit der Mitte des Feindes zusammenstieß, mit den Rotten, die Frod befehligte, und bei denen sein Bruder Fred als Unterhauptmann stand. Die Barbaren waren sehr geschickte Schleuderer. Viele Wurfsteine trafen Kopf und Schulter der Himber, die aber einen sehr harten Schädel hatten, die Geschosse abschüttelten und durch die Beulen und Blutschrammen in die rechte Kampfwut gerieten. Alles stachen und schlugen sie nieder, nichts widerstand den Recken, wenn sie Berserker wurden. Wo ihre Lanzen von den Beilen zerschmettert wurden, zischten ihre Schwerter wie lohende Blitze; ihr Stoß oder Hieb traf, ehe das weit ausholende Steinbeil niederkrachte. Manchem Fördemann entglitt das Beil mitten im Schwung, weil ihm ein Blutquell aus Brust oder Gurgel sprang und seine Füße unter ihm brachen. Fred stand im zweiten Treffen, sah die Genossen wie knickende Halme fallen und erkannte mit Grausen: Nicht das Beil, nur das schnelle Schwert ist dem Schwert ebenbürtig, ach, nutzlos wird unser Blut verschüttet, nur die Flucht kann uns retten. Nein, ein Feigling flieht. Da hob er sein Auge zur Sonne empor, mit flehendem Blick. Er sah über das Feld und über die Unmenge Feinde, und drüben auf dem Hügelgrab hinter dem Reiter ein großes Gefolge, und neben den hohen Männern eine kleine, seltsame, zarte Gestalt, auf deren Gesicht jetzt die volle Sonne fiel. Ein Antlitz, das er eine Meile weit und unter Tausenden erkannt hätte! Wehe, es war Funda, die das lange Gewand der fremden Frauen trug, die das Weib eines Himbers geworden war. Jetzt war der sanfte Fred in wilde Kampfwut geraten, wie ein Berserker sprang er in das vorderste Treffen, um zu töten oder getötet zu werden. Hier war es kein Schlachten der weit überlegenen Waffe. Die Schwerter, die er geschmiedet, waren dem Himberschwert gewachsen. Mn wüstes Morden begann, keine Gnade dem Gegner; Todwunde wälzten sich im Heidekraut und würgten einander. Der keuchende Frod sah ein ihm bekanntes Gesicht – ja, es war der lange Gater, den er am grimmigsten haßte. Da rollten seine Augen im Kopfe, er rief: »Steh, du geiler Hund! Du feiger Nachtdieb!« Godebart stand in seiner ganzen Länge und Kraft und spreizte die Beine. Ihre Schwerter sausten, klirrten, krachten hart auf hart, Schlag auf Schlag, Scharte um Scharte. Der Gater, ein geübter Fechter in Hieb und Stich, stach einmal, dreimal vergebens. Aber Hadurs Lanze flog über seine Schulter hinweg, verfing sich einen Augenblick in dem schwärzlichen Haarwulst da drüben und fiel über Frods Gesicht herab, ohne zu verwunden. Nur einen Atemhauch lang zuckten Frods Augen, aber in dem Hauch fuhr Godebarts Schwert ihm tief in die Brust hinein. Als Fred seinen Bruder hintenüber stürzen sah, brüllte er vor Schmerz, doch er rächte auch das strömende Blut. Ohne zu achten, daß der Gater sein Schwert herausriß und es ihm in die Schulter hineinschlug, rannte er sein Schwert von unten in den Leib des langen Gaters hinein, so wildgewaltsam, daß die Hälfte abbrach und er den Stumpf in der Faust behielt. Viele Feinde stachen nach ihm. Der waffenlose Mann, der stark blutete, sprang in seine Rotte zurück. Herr Herulf winkte. Die Hörner bliesen. Aus dem Walde brachen die Reiter hervor und brausten heran wie ein Hagelsturm. Fred übernahm den Oberbefehl über die Mitte des Heeres und rief mit Donnerstimme: »Hauet die Pferde auf die Stirn, stehen, stehen! Hauen, hauen! Stechen, stechen!« Die Mauer der Fördeleute wankte noch nicht. Da kam ein Geschrei vom linken Flügel her und lähmte die Herzen auch der tapfersten Männer: »Verrat, Verrat! Die Sun-Leute haben ihre Waffen wider uns gewandt und fallen über ihre verbündeten Brüder her ... die Heimtücker haben einen Bund mit den Feinden geschlossen und uns in diese Falle gelockt, wir sind verloren.« Zu gleicher Zeit stürmten die Reitergeschwader daher und stampften alles nieder; die Rosse bäumten sich hoch auf, halfen ihren Herren und hieben mit den Hufen die Feinde in den Grund, ehe diese ausholen und hauen konnten. Fred, vom Blutverlust ermattet, war niedergekniet, um seine Wunde mit Bastfasern zu verbinden, sprang auf und bedrohte die Fliehenden mit dem Schwertstumpf. Aber die Mauer zerriß. Ganze Rotten fingen an zu rennen. Eine kopflose, sinnlose Angst warf und wirbelte die Masse. Die Heide war purpurrot von Blutlachen; die Walstatt ein wirrer Knäuel von Menschen und Tieren, von Lebenden und Leichen, von stürzenden, sterbenden, laufenden, heulenden Kriegern. Im Wahnsinn der Flucht hielt Fred zwei Rotten zusammen. Trotz der Wunde rief er knirschend: »Nicht die Gater, die Sun-Leute sind unsere Todfeinde, tötet, tötet die Verräter! Jeden, der eine Giftschlange zertritt, wird der lichte Gott segnen.« Die Fliehenden fielen über die treulosen Brüder her und erschlugen viele. Fred hatte einen guten Fluchtplan und befahl: »Zu den Booten der Sun-Leute, die unsere einzigste Rettung sind!« An der Förde lag das Dorf der Sippe. Nachdem sie mit Stöcken und Steinen die Hunde, Weiber und Kinder vom Strande verjagt hatten, nahmen sie so viele Einbäume, wie sie bedurften, auch Speise, Netze und was ihnen nützlich war. Sie haben ihre Förde und Heimat erreicht und wurden von den Frauen und Greisen, die inzwischen den Holzwall vollendet hatten, mit wilder Wehklage empfangen. »Wo ist mein Mann? Mein Vater? Wo sind meine drei Söhne? Wo habt ihr meinen Liebsten gelassen?« In den nächsten acht Tagen kamen noch einige versprengte Flüchtlinge krank und kraftlos, von Dornen zerrissen, vom Hunger ausgehöhlt, ins Dorf gehinkt. Sie wurden mit Freudentränen empfangen und nach den vielen anderen gefragt, schüttelten nur den Kopf, als wenn sie vor Grausen die Sprache verloren hätten, und verschlangen die Speise, die man ihnen brachte. Mit allen Nachzüglern waren nur vier von allen Rotten, die siegesfroh auszogen, in die Heimat zurückgekehrt. Fred war Herr einer kleinen, unmächtigen Sippe. Aber jeder, der mehr als sechzehn und weniger als sechzig Jahre zählte, mußte im Waffengebrauch sich üben und war ein wehrhafter Mann. Die Trommel rasselte und rief zur Mahlzeit wie früher, die Menschen aßen wie einst, aßen übermäßig viel; denn es war überreichliche Speise für die wenigen Mäuler und morgen das Ende gekommen. Die meisten erwarteten in stumpfer Ergebung das nahende Verhängnis, viele warfen die Werkzeuge hin und wollten keine Hand rühren, weil alles umsonst und der Tod gewiß sei. Obgleich Fred in düstrer Untergangsahnung fühlte, daß sein Volk todgeweiht sei, zeigte er, der stille Mann des Friedens, gerade jetzt in der höchsten Not, seine Seelenkraft und Seelengröße. Trotzdem er mit seinen Augen gesehen hatte, daß seine Funda ihr Volk verlassen, ihre Liebe verraten habe und eine Himberfrau sei, trotzdem das Leben ihm verhaßt und ein rascher Heldentod sein höchster Wunsch war, saß er nicht tatenlos in Trübsinn versunken. Nein, er war wie im Feuer gehärtet und ein Häuptling geworden, der herrische Befehle rief und den Stock schwang, um die Müßigen zu treiben. Vor dem Holzwall ließ er einen tiefen Graben auswerfen, jeder Mann mußte schaufeln, jedes Weib und Kind mußte Erde tragen. So wurden die Holzpalisaden unten durch einen Erdwall gesichert und der Waldbach in den Graben hineingeleitet. Das Dorf war eine Feste geworden, die den Waffen der Zeit widerstehen konnte. Bei günstigem Wetter wurde gefischt und gepirscht, und große Vorräte wurden gesammelt. Fred glaubte selbst nicht, daß der Wall den Untergang abwenden könne, denn die Übermacht war zu ungeheuer. »Ich will mit meinem Volk ehrenvoll sterben; furchtbare Zeit wird kommen, wo der finstre Gott waltet auf Erden und die Sonne erlöschen wird.« Ganz anders aber redete er im Ting, wo er den Männern neuen Mut ins Herz goß. »Mögen sie wider Graben und Wall anstürmen, ihre Reiter setzen nicht darüber hinweg, ihre Schwerter und Lanzen können uns nicht erreichen, aber unsere Wurfsteine werden fliegen und viele töten. Auch können sie uns nicht aushungern, oder ausdursten, denn wir haben Speise bis zum Lenz, und der Bach hat Wasser für tausend Jahre. Wartet nur! Wenn der Frost beißt, werden sie mißmütig-müde der nutzlosen Umlagerung ... und wenn sie mürbe sind, sollen sie Freiheit und Eigentum, Dorf, Wald und Austernbank durch Geißeln uns verbürgen.« Er glaubte es selber nicht. Aber die Männer hofften und regten die Hände und sammelten Wurfsteine, die zu Bergen geschichtet wurden. Der Häuptling sah das Ragnarok seines Volkes kommen und hatte keinen Glauben mehr an Menschenliebe und Menschentreue, keinen Glauben mehr an die Allmacht und Allgüte der leuchtenden Sonne, die den Greuel geschehen und sein Volt ausrotten ließ. In der Nacht nahm er das goldene Sonnenbildnis vom Holzgestell herunter und vergrub es im Walde hinter der Eiche, die seine Schätze barg. Sein größtes und liebstes Werk sollte nicht in die Hände der Feinde fallen. Oh, das rote Gestein, das die Gater uns brachten, ist der Anfang und die Ursache all unseres Jammers geworden! – – Zwischen den dampfenden Blutlachen der Heide, um die Leichen herum ging ein Weib mit tieftraurig suchenden Augen. Funda blickte ohne Schauder in die verzerrten Gesichter und die offenen, stieren Augen, aber in ihrem Herzen zitterte die Angst, daß sie Freds toten oder todwunden Leib finden werde. Im Arm trug sie einen Topf mit Wasser, um Verschmachtende, die in Durstqual schrien, zu erquicken. Hier lag ein reckenhafter Mann, stumm und starr – nach dem Gewand ein Gater – es war Godebart. Schon hatten Sun-Leute oder andere Räuber, die über das Schlachtfeld schlichen, seinen Rock aufgerissen und ihn ausgeplündert, was nützen ihm nun all sein Gold und die Bernsteinschätze, die er erbeutet hat? Nichts wird er behalten von seinem Reichtum; nur ein enges Grab im Erdhügel werden seine Genossen ihm geben. Unweit lag ein Todwunder im Fellkleid und wimmerte nach Wasser. Das barmherzige Weib kniete neben ihm nieder und hielt den Topf an seine brennenden Lippen. Es war ein Sterbender, der die Brustwunde mit Gras verstopft hatte und nicht mehr den Kopf heben konnte. Darum legte sie den Arm unter sein Haupt und labte ihn. Er flüsterte: »Fun–da ...« so daß sie erschrocken das von Schmutz und Blut entstellte Antlitz genau betrachtete. Es war Frod, den sie von allen Menschen am meisten gehaßt! Sie hatte aber keinen Haß und keinen Abscheu mehr vor dem Manne, der in den letzten Zügen lag, sondern hilfreich und lind legte sie ihm eine Felljacke unter das Haupt, gab ihm zu trinken und hauchte an seinem Ohr: »Ist dein Bruder gefallen? Wo liegt er?« Ihr Herz stand ganz still, bis Laute über die blutleeren Lippen kamen: »Fr–ed ge–flohen ...« Da streichelte sie den Sterbenden, dessen brechende Augen wie im letzten Abendsonnenglanz aufleuchteten, als wenn ihm ein letztes Glück geworden. Funda erquickte viele, bis der Topf leer war, und lief eilends ins Lager zurück, ihr Antlitz verhüllend. Es kamen nämlich die Säuberer des Schlachtfeldes, Himberkrieger, von Sklaven begleitet, die allen Todwunden den Gnadenstoß gaben, alle leichter verletzten, ob Freund oder Feind, verbanden und auf Reisigbahren forttrugen. Auch die Barbaren wurden gut gepflegt, bis sie genasen. Dann freilich schor man ihnen das Haar, und sie wurden als Leibeigene unter die Krieger Herulfs durch das Los verteilt. Am nächsten Tage war die Totenfeier. Alle Kriegsgeräte der Wahlstatt, die zerbrochen oder beschädigt waren, wurden auf einen Haufen gelesen, im nahen Moor versenkt und den Göttern geweiht. Nach dreitausend Jahren gruben die Torfgräber unserer Zeit und fanden, ohne zu suchen, Lanzenspitzen, Stücke von Schwertern und Beile in Menge; die Forscher kamen schleunig herbei und machten den großen Moorfund, der im Museum gezeigt wird. Die Himber trugen die Leiber ihrer gefallenen Helden auf einen Haufen, bestatteten sie in einem riesigen Steingrab und schütteten einen hohen Erdhügel darüber; denn zweitausend Krieger hatten einen Tag lang Erde herbeigetragen, um die Toten zu ehren. Das gewaltige Hünengrab steht noch auf nordschleswigscher Heide, und viel tausendmal winkte im Lenz das Windröschen auf seiner Höhe und blühte im Herbst die Erika an seinem Fuß, während hundert Menschengeschlechter kamen und gingen. XI. Die Schiffe der Himber ruderten bei Windstille den Belt hinauf und in die Förde hinein. Der Vortrupp des Landheeres wich dem Urwald aus und zog in langsamen Märschen an der Küste entlang. Funda wußte und wies den Weg, den sie einmal auf wunden Füßen gegangen war. Jetzt saß sie wie eine Herrin auf einem ruhig schreitenden Rößlein; denn sie wurde nicht wie eine Dienerin gehalten und war noch höher in der Gunst des Fürsten gestiegen. Die Mündung der Förde war erreicht. Funda sah ihre Heimat wieder, das sandgelbe Näs, das flußgleiche, freundliche Gewässer, von grünen Wäldern umsäumt. Feucht schimmerte ihr Auge, ihr Herz war voll heißer Sehnsucht. Bei Sonnenaufgang ging sie abseits, um ins Morgenrot zu schauen und zum lichten Gott zu beten. »Fülle Freds Herz mit Friedensgedanken, führe ihn in unser Lager, um Frieden zu suchen, oh, führe ihn in meine Arme und an mein banges Herz zurück!« Da sah sie einen Einbaum unten an den Strand stoßen. »Er kommt, er kommt!« Jubelnd flog sie von der Höhe herab. Es war aber keine Erhörung, sondern eine bittere Enttäuschung. Näs-Leute stiegen aus dem Boot. Rafn und zwei von den Ältesten schwenkten grüne Zweige, wurden ins Zelt geführt und wollten sich einschmeicheln. »Heil dir, König Herulf! Du bist der größte Feldherr und der Fürst aller Förden. Wir möchten deine Vasallen sein und Heeresfolge dir leisten. Unsere Nachbarn, die Frod-Leute, sind von jeher unsere Erb- und Erzfeinde gewesen. Gib sie in unsere Hand, Herr König! So wollen wir ihr Dorf stürmen und alle, so am Leben bleiben, werden deine Sklaven sein.« Die Dolmetscherin zog die Stirn in Falten und sprach mit Herulf in der Himber-Sprache. Da es lange dauerte, zupfte Rafn sie am Gewand und wisperte falsch-freundlich, an die nahe Verwandtschaft erinnernd: »Lieb Schwester, ich schenk' dir einen Goldreif, rede ...« Messerscharf schnitt sie ihm die Worte vom Munde ab: »Ich bin nicht am Näs geboren und nie deine Schwester gewesen, nein, fremd und feind bin ich dir und allen Verrätern.« Rafn duckte sich vor dem Fürsten. Herulf schaute auf den kleinen, kurznackigen Häuptling herab und sagte hochfahrend: »Deine Bitte ist bewilligt ... Ihr sollt nach eurem Wunsch der verlorene Haufe sein und das Dorf stürmen. Ich lohne einen jeden nach Verdienst und Würdigkeit.« Der verschlagene Rafn machte ein sehr langes und dummes Gesicht. Die Näs-Leute bildeten die Vorhut und waren die Stürmer. Fred, der alle Tage seine Kundschafter aussandte, war genau von allen Bewegungen der Feinde unterrichtet, erfuhr den schändlichen Verrat der verbündeten Nachbarsippe und lachte hart-höhnisch: »Nichts wundert mich mehr; alle, auch Funda, haben mich verraten. Ich will kein Sklave sein, sondern mit meinem Volke ehrenvoll untergehen.« Er hatte nicht nur die Greise und Knaben zu Kriegern gemacht, sondern auch die jungen und kräftigen Weiber im Schleudern der Wurfsteine unterrichtet und geübt. Die Trommel rief alle. Der Häuptling redete gewaltig: »Die Stunde des Sterbens ist gekommen, die Überzahl ist zu groß, wenn wir zweihundert erschlagen, werden vierhundert wider uns rennen, und wenn wir sie töten, stampfen achthundert heran. Aber jeder von uns nimmt zehn Feinde mit ins dunkle Erdgrab. Stehen, stehen! Werfen, werfen! Stechen, stechen! Den Weibern überlasse ich die elenden Kläffer vom Näs, erschlaget sie mit Steinen, gleich wie Hunde!« In der Nacht bellten die Hunde immer wütender, denn sie witterten die Feinde. Auf dem Rundgang, der in halber Höhe um den Holzwall lief, standen Frauen und wachten, und Frauen sind listig. Sie waren ganz still und hielten den Hunden die Schnauze zu. Rafn und seine Leute wollten das Dorf im Schlaf überrumpeln, schlichen sich heran, warfen Reisigbündel in den Wassergraben und wollten Leitern ansetzen. Niemand störte sie. Sie waren fertig, gingen leise über die Reisigbrücke und erkletterten die Leitern, plötzlich, furchtbar knatterte ein Hagelwetter von oben, die Schlossen waren kopfgroße Steine, die wie Keulenschläge wirkten. Viele Näs-Leute stürzten, wie Rinder vom Beilhieb des Schlächters, ohnmächtig hin. Ihre Genossen schleppten sie nicht fort, sondern sprangen in den Wald, um Deckung zu suchen. Die Frauen erhoben ein Freudengeheul, schleuderten Feuerbrände auf die Bewußtlosen im Graben und gossen flüssiges Harz und trockenes Schilf darüber, so daß die Unglücklichen jämmerlich verbrannten. In der ersten Morgenfrühe stand Fred auf dem Rundgang und sagte zu seiner Seele: »Heute ist der Todestag meines Volkes, in aller Welt muß der Schwache dem Starken unterliegen; weiser und stärker als wir sind die Gater, und mächtiger als die Sonne sind die fremden Götter. Lebe wohl, meine Förde, mein Wald, lebt wohl, ihr Vögel im Baum, ihr Fischlein im Wasser!« In der Fahrrinne schwammen die Riesenvögel, unten am Strande stand ein Heer, in vier Haufen geteilt. Hoch zu Roß hielt ein Recke mit schneeweißem Haar. Zwei Schritt hinter ihm saß auf einem Schecken eine Frau im langen Wollkleid, mit Gürtel und Bronzebuckel und Goldreif. Ganz in der Nähe sah Fred seine Funda wieder, ganz genau sah er das feine, süße Gesicht, und sie war das Weib des Weißhaarigen oder eines hohen Himbern geworden. In seinem Herzen aber war kein Zorn, kein Haß, er gab ihr keine Schuld. »Ich, ich habe gewählt zwischen ihr und meinem Volk, darum sterbe ich mit meinem Volk.« Vom Wall aus sah er, wie Rafn vortrat und mit gekrümmtem Rücken vor dem Herrn Herulf herumkroch. Dieser fuhr ihn ungnädig an: »Ihr wolltet das Dorf stürmen und eine alte Rache nehmen, und ihr seid wie heulende Hunde weggelaufen vor den Steinwürfen der Kinder. Ich sage euch ... vor dem Abend sollt ihr den elenden Holzwall nehmen oder eure Leiber im Graben liegen lassen. Ihr habt's gewollt, ans Werk! Geh du als Führer voran!« Die Leute Rafns liefen über die Brücke von Reisigbündeln, setzten die Leitern an und kletterten, den Dolch im Munde, den Speer in der Rechten. Die nicht von den Steinen der Weiber geworfen wurden, sind von den Lanzen der Männer gestochen und gestürzt worden. Auch nicht einer hat die höchste Sprosse erreicht. Der verschmitzte Rafn hatte keine List mehr im Kopfe, keine Kraft mehr in den Knochen, warf sich vor Herulf auf die Knie nieder, streute Erde auf sein Haar und weinte wie ein Weib. »Schenke mir und dem kleinen Rest meiner Sippe das nackte Leben, nur das Leben, wir wollen deine Knechte sein!« Der greise Fürst sah über ihn hinweg und sagte: »Legt die Waffen fort, die nur ein Freier tragen darf, und lasset das Haar euch scheren! Knechte seid ihr.« Er ritt zu einem Gauherrn hin und gab ihm kurzen Befehl: »Die störrischen Barbaren sollen nicht länger trotzen ... Teutobald, bringe das Dorf und den Dreckwall vor dem Abend in meine Gewalt! Töte aber nicht die Weiber und Kinder, auch nicht, die wund sind und wehrlose Hände bittend erheben!« »Das Dorf wird dein sein, ehe die Sonne untergeht,« antwortete Teutobald und nahm vierhundert Krieger, denen er befahl, Baumstämme zu fällen. Funda hörte alle diese Worte und erschrak bis ins Herz; denn einer würde nicht flehende Hände erheben, nein, Fred würde mit dem Schwerte in der Hand wie ein Held kämpfen und die Todeswunde empfangen. Schnell sprang sie vom Schecken herunter, um einen Imbiß von gerösteten Austern zu bereiten und dem Herrn zu bringen. Aufmerksamer als je wieselte sie um Herulf herum, ihre Augen hingen an seinem Antlitz, um einen günstigen Augenblick und für ihr Anliegen Gehör zu finden. Teutobald ließ die Baumstämme über den Graben gegen den Holzwall werfen. Immer mehr schleppten seine Krieger heran, immer breiter und höher wurde die schräge Brücke, die ein bequemer Sturmweg und breit genug für dreißig Krieger werden sollte. Wohl schleuderten Freds Leute Steine und Speere, um den Bau zu verhindern; aber die Himber deckten sich mit großen Schilden gegen die Würfe und erhoben ein Hohngelächter, wenn der Steinhagel mit viel Lärm und ohne Schaden niederprasselte. Herulf hatte sich nach dem Mahle am Abhang niedergelegt, um ein Schläfchen zu machen. Funda hockte hinter ihm und hielt mit einem Farren-Wedel die lästigen Fliegen fern, aber ihre Augen betrachteten immer ängstlicher den Holzbau der Belagerer, der jetzt fast die Höhe des Holzwalls erreichte. Oh, die Sturmbrücke war fertig. Teutobalds Krieger erhoben ihr Kampfgeschrei: U–ra–u–ra! Funda ließ absichtlich den Wedel ruhen, eine dicke Schmeißfliege surrte um des Schläfers Gesicht, setzte sich auf seine Nase und kitzelte. Herulf schlug die Augen auf, hatte wohl geruht und lächelte freundlich. »Wie eine Mutter ihr Wiegenkind, hast du mich mit Eiapopeia in Schlaf gesungen. Hast du einen Wunsch, mein Kind? Deine Augen bitten ...« »Ach, ich bitte und flehe: Bevor der Sturm beginnt und sehr viel Blut vergossen wird, laß mich im Mannskleid der Himber-Gesandten hinübergehen und Frieden anbieten. Mir bricht es das Herz, denn es sind Menschen meines Volkes ...« »Um so eher werden sie dich als einen Überläufer umbringen; nein, ich sende Hadur, der die Sprache radebrecht ...« »Ich fürchte mich nicht ... sende mich! Der Häuptling der Sippe ist ein handflinker Meister und ein großer Schwertfeger, der dir gute Waffen schmieden kann, auch ... auch ist er mir lieb, sehr lieb ... er darf nicht sterben ...« Eine tiefe schamhafte Röte bedeckte ihr Gesicht, Tränen hingen an ihren langen Wimpern. »Oh, sende mich als deinen Gesandten!« Herulf lachte in sich hinein. »Ei, nun weiß ich dein Geheimnis ... Du magst gehen auf eigne Gefahr. Wenn sie dir ein Leid antun, soll keine Menschenseele drüben am Leben bleiben.« Funda trug das Gewand eines knabenhaften Knappen, aber das lange Schwert hing an ihrer Hüfte; die Kapuze des Mantels zog sie von hinten über das Haupt und das halbe Gesicht. In der Hand einen grünen Eichenzweig schwenkend, ging sie allein die Sturmbrücke hinauf. Als der kleine, kühne Knappe oben auf dem Holzwall stand und trotz der drohenden Steinwürfe mutig stehen blieb, und mit mündiger Stimme rief: »Legt die Waffen nieder und setzt von innen eine Leiter an! Ich, der Sendbote des Fürsten Herulf, komme, um mit eurem Herrn Sprach zu halten und Frieden zu finden, führet mich sofort zu ihm!« – Da ließen alle die Steine und Speere sinken und wunderten sich über alle Maßen, daß der Himber-Knappe so gut ihre Sprache rede. Fred stand wie versteinert und stotterte in den Bart: »Die Stim–me, die–se Stim–me ...« Herulfs Knappe, der sehr schmächtig und alles andere als ein Recke war, sprang geschwind die Leiter hinab und blieb vor dem Häuptling stehen. Dieser starrte und stierte. »Wer ... bist du? O, diese Augen... diese Augen ...« Funda schlug die Kapuze zurück. »Fred, ich bin's!« »Funda! warum vermummst du dich als Mann, wo du die Frau oder Buhlin eines Himbers bist? Weiche schnell von hinnen, damit ich nicht wahnsinnig werde bei deinem Anblick und mit dem Schwert dich und mich ersteche!« Ihre Stimme wurde leise, süß und schluchzend, wie eines weinenden Kindes. »Ach, so würde ich in deinen Armen sterben, was will ich mehr? Aber eins sollst du hören, wissen und glauben, ich schwöre es bei dem ansehenden Sonnengott: Ich bin die Dienerin des greisen Fürsten, aber noch nie eines Mannes Genossin gewesen. Der Finster-Furchtbare soll Siechtum und Seuche mir senden und meinen Leib mit fauligem Aussatz zerfressen, wenn meine Lippen Lug reden, wenn mein Mund je andere als deine Lippen geküßt hat. Mein Fred, ich bin und bleibe dein Weib ... willst du uns töten, so will ich mein Herz entblößen und mich still an deine Brust legen.« »Oh, Funda, ich habe dich immer geliebt und gesegnet, auch wenn ich in Zorn und Scheinhaß dir fluchte.« Fr streckte die Arme aus, um die Geliebte an sich zu reißen – aber seine Arme sanken schlaff herab. Seine Augen bohrten sich in ihr Gesicht, seine Stimme keuchte gequält: »Nein, ich darf nicht, denn du ... du hast mein Volk an die Himber verraten ...« Sie wurde blaß, da sie wohl wußte, daß sie dem klug fragenden Herulf allzu viel Antwort gegeben habe. Aber sie hielt seinem durchbohrenden Blicke stand, ihr Antlitz war so süß unschuldig, so bang bittend. »Nein, nein, die Brüder deines Volks, die Sun-Leute und die Elenden am Näs haben euch an Herulf verkauft, aber, haha, ich kenne den Fürsten, der falschen Neidingen Katzengold zahlt. Bei dem Allschauenden! Ich bin keine Verräterin gewesen.« Funda blickte empor zum Sonnengott, der die kleine Notlüge einer sehr großen Liebe nimmer heimsucht. Da nahm Fred den Gesandten des Feindes in seine Arme und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Als er endlich Worte fand, sagte er tiefernst: »Du bist zu mir zurückgekehrt in der Todesstunde deines Volks, um mit uns zu sterben.« »Nein, nein, wir wollen nicht sterben, sondern leben und uns lieb haben, du Liebster von allen.« Sie lächelte lustig-listig, wie in alten Tagen, reckte sich hoch auf und redete voll Würde, Hoheit und Salbung: »Ich, der Gesandte Herulfs, des Königs der Himber, biete dir Frieden und Freundschaftsbund. Im Namen des Fürsten verbürge ich dir und deiner Sippe Leib und Leben, Frieden und volle Freiheit und ungeschmälerten Besitz eurer Wälder und Wiesen, eurer Bänke und Fischgründe von heute und bis ins hundertste Geschlecht. Aber ihr sollt ihm Bund und Treue schwören für ewige Zeiten, daß ihr nimmer Fehde führet wider ihn und seine Nachfahren, und dieweil er Herr und König all dieser Länder und Förden geworden ist, sollt ihr ihm huldigen als eurem Schirmherrn, sollt ihr ihm als Zeichen seiner Hoheit alle Jahre hundert Pfund Bernstein in großen und guten Stücken zahlen. Welche Antwort soll ich meinem Fürsten bringen?« Die Sippe, die hinter ihrem Häuptling staunend stand, fing an die Arme zu werfen und zu schreien: »Heil dir, Funda! Hilf uns! Du bist Volk von unserem Volk, und Fleisch von unserem Fleisch.« Die Weiber weinten vor Freude und griffen nach dem Gewand des Knappen, um es zu küssen. Freds Stimme zitterte vor Rührung, als er laute Antwort gab: »Du bist dennoch Fleisch von unserem Fleisch, und Blut von unserem Blut! Du bist keine Verräterin, sondern die Retterin deines Volks geworden! wir wollen dem Fürsten der Himber huldigen und Urfehde, Friede und Treubund ihm schwören, bis ins hundertste Geschlecht ... Auch wollen wir zum Zeichen und Zeugnis seiner Oberhoheit alle Jahre hundert Pfund Bernstein ihm bringen, die heilige Sonne ist unser Schwurzeuge.« Frohgemut kletterte der Knappe über die Brücke von Baumstämmen und kam ins Lager zurück, wo er mit Herulf eine lange Zwiesprache hatte. Kein Wurfstein sauste, kein Speer zischte. Die Fred-Leute standen oben auf dem Wall, schwenkten grüne Zweige und jauchzten ihr: »Hoioho«. Da machte sich Rafn, der ihr Geschrei und ihr Gebahren mißdeutete, schnell an den Fürsten heran und meldete: »Die Barbaren wollen sich ergeben ... sollen wir die schmutzigen Schweine schnell abstechen? Sie haben viel Bernstein und Gold, deine Beute wird groß sein.« Herulf sah über ihn hinweg und sagte kalt: »Wer heute seinen Bruder verrät, wird übermorgen mich verkaufen. Hinweg, du hündischer Knecht! Die Rafn- und die Sun-Leute sollen Sklaven der Himber sein, sollen unsere Mahlsteine drehen und unsere Felder hacken. Aber die Sippe Freds steht unter meinem höchsten Schutz, ihr Herr ist mein freier Lehnsmann geworden.« Es wurde Winter und Frühling im Bernsteinlande, an der langen, stillen Förde mit den lenzgrünen Ufern herrschte wieder Wald- und Wasserfriede, Fisch- und Fangfriede. Die Fred-Leute fingen Austern, Aal und Butt und pirschten im wildreichen Forst wie seit tausend Jahren. Aber sie fingen weit mehr, denn ihre Fang- und Jagdgeräte waren zum Teil aus Bronze geschmiedet und viel vollkommener geworden. Den Lehnstribut dieses Jahres hatten sie schon gesammelt, und sie merkten kaum, daß sie einen Oberherren hatten. Alle andern Sippen waren zwar Hörige der Himber geworden, wurden aber wenig bedrückt von den Frondiensten, die sie leisten, von der Steuer, die sie zahlen mußten an den Fürsten, der oben an der nördlichen Förde saß und eine Holzburg sich baute. Fred führte als Herr seiner Sippe ein mildes, gerechtes und festes Regiment, so daß alle aufs Wort ihm gehorchten. Im Hause freilich regierte sein Weib, dem er in allen Dingen seinen oft eignen Willen ließ, denn die große Liebe ist immer eine Dienerin des andern. Er war ein heitrer Mann ohne Sorgen und Schmerzen, es sei denn, daß eine kleine Eifersucht ohne Grund und Ursache ihn stach. Auch umdüsterte ihn, besonders im ersten Jahr, bisweilen der Gedanke, daß ein fremdes Volk seine Heimat genommen habe und er trotz der Scheinfreiheit ein Vasall und Knecht geworden war. Dann streichelte Funda die Wolken von seiner Stirn hinweg und bewies ihm, wie vieles gut und besser geworden sei in der neuen Zeit, und er nickte: »Ja, die Himber sind viel weiser und viel weiter als wir und haben uns großen Fortschritt gebracht. Ihre Waffen und Werkzeuge aus Bronze haben unsere plumpen Steinbeile und Hammer überwunden. Auch ihr Gewand aus gewebten Wollhaaren ist weicher und wärmer als unser armes, hartes Fellkleid. Ach, wir sind kleine Kriecher neben diesen hochgebauten Halbgöttern. Sogar die Tiere haben sie sich dienstbar gemacht, so daß sie Schafe und Rinder in Rudeln züchten und auf dem Rücken der störrischen Rosse reiten. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, wenn ich ihre Werke sehe. Mit der Hacke hauen sie den Erdboden auf und streuen Hirse hinein, und aus einem Korn sind zwanzig geworden, wunderbar!« Funda hing an seinem Halse und lachte: »Dennoch bist du kleiner Kriecher mir lieber als alle diese großen und schönen Riesen. Ihre Wunder kannst du auch tun, denn dein Geist ist rege, und deine Hände sind geschickt, geh ans Werk, mein Liebster!« Fred hat bei den Fremdlingen gelernt, hat für Gold und Bernstein Bronzebarren gekauft und seinem Dorfe die neue Zeit mit ihren gewaltigen Neuerungen gebracht. Seine Männer wühlten auf der Lichtung mit Holzhacken, die einen scharfen Bronzebeschlag hatten, den Boden auf, streuten Gerste und Hirse hinein und schnitten nach drei Monaten mit Bronzesicheln die Halme. Seine Weiber lernten mit der Spindel die Wolle zu spinnen und den Wollfaden auf dem Rahmen zu weben. Alles Gold und allen Bernstein gab er den Himbern, um Schafe und Rinder, Korn und Metall zu kaufen. Seine Schatzkammer oben in der Eiche war völlig leer geworden, aber das Sonnenbild aus lauterem Gold, das er am Fuß des Baumes vergraben hatte, blieb unberührt liegen, denn er sagte sich: Es soll verborgen bleiben vor allen goldgierigen Augen und mir eine Nothilfe sein, wenn Herulf stirbt und ein neuer Fürst mehr Bernstein fordert, als ich zu finden vermag. Oh, ist nicht das rote Gold und der braune Bernstein der Fluch und das Ende meines Volkes geworden? Dennoch hatte es dem Ostseelande auch Neues, Gutes und Großes gebracht. Freds Augen leuchteten, wenn sie überall das Bessere und Vollkommenere werden und wachsen sahen. Die paar Schafe und Rinder, die er eingetauscht hatte, gediehen auf den üppig grünen Waldwiesen und wurden zu kleinen Herden. Er hatte sich statt der elenden Lehmhütte ein Holzhaus gebaut, und man lernte von den Himbern, die Eichen mit Säge und Beil in Balken und Planken zu zerschneiden und statt der schwanken, schwerfälligen Einbäume schnelle Boote zu bauen, wo die Bäume gestanden hatten, wurde die Waldrodung mit der Hacke gelockert, das Getreide gestreut, und ein Gerstenfeld wuchs empor und wogte im Winde. Die Kinder spielten nicht mehr mit den goldenen Körnern; die Fördeleute wußten, wie man sie zwischen Steinen zerquetsche, hatten am Hirsebrei und den Gerstenfladen Wohlgeschmack gefunden und keine Furcht mehr vor dem furchtbaren Hungerwinter. Fred sah die vielen Wunder der neuen Zeit, und es gingen noch sechzig Winter und Sommer über sein Haupt hin, ehe seine Kraft abnahm und sein Haar schneeweiß wurde. Man fand ihn eines Morgens in seiner Werkstatt, wo er neben dem Amboß still und friedlich im Todesschlaf lag. Bei seinen Lebzeiten hatte er fünfhundert Bronzeschwerter, die von den Himbern hoch bezahlt wurden, geschmiedet und mit Verzierungen geschmückt. Das war seine Lust und liebste Arbeit gewesen, obgleich ihm Krieg und Fehde verhaßt waren, und er war ein Meister in seinem Fach geworden. Die Schwerter, die seine Handmarke trugen, wurden im Lande berühmt, und noch Jahrhunderte nach seinem Tode ist er der große Schwertfeger des Nordens genannt worden, so daß seine besten Schwerter Namen bekamen und von den Helden der Saga getragen wurden. Keinem Menschen, nicht einmal seinem Weibe hatte er bei Lebzeiten verraten, wo er das goldne Sonnenbild vergraben habe. Es lag verborgen im Schoß der Erde, im Waldesdunkel hundert und aber hundert Jahre; wer wird es wecken aus seinem tiefen Schlaf? Bei seinen Lebzeiten war Fred ein tributpflichtiger, aber freier Herr seiner Sippe geblieben; aber ein Jahrhundert nach seinem Tode war sein Volk nicht mehr. Die kräftigen und tüchtigen Jünglinge hatten die kleinen, breitbackigen Weiber ihres Stammes verachtet und hohe, hellhaarige Himberfrauen geheiratet, hatten schnell die Sprache und Sitte ihres Volkes verlernt und verloren und waren Himber geworden. Die Schwächlinge waren faul und schläfrig, verkauften ihre Habe und wurden schließlich Knechte der Fremdlinge, um nicht zu verhungern. Die jungen Fördefrauen liefen den stattlichen Recken nach und wurden Kebsweiber der Himberherren. Ihre Kinder folgten der schlechteren Hand und wurden Knechte. Nach kaum zwei Jahrhunderten war das Volk der Urbewohner nicht ausgerottet worden und dennoch völlig verschwunden von der Erde, vermischt und verschmolzen mit dem eingedrungenen und stärkeren Volk. Das Land zwischen den beiden Meeren hatte, ohne es zu wissen, einen unendlichen Reichtum besessen, eine Fülle von schönem Bernstein, der wie Gold begehrt und bezahlt wurde. Der Bernstein wurde der Schatz und der Segen Cimbriens, denn dieses feine Geschenk des Meeres hat in jener Urzeit dem barbarischen Volk der Halbinsel die volle Kultur und alle Güter des Ostens und Südens vermittelt. Wagemutige Kaufleute aus dem Orient drangen über Berge und durch Urwälder, auf Flüssen und Meeren, Tod und tausend Gefahren verachtend, bis in den Norden vor, bis sie das gesuchte Bernsteinland – das Kalifornien und Eldorado der Urzeit – erreichten. Diese kühnen Kaufleute haben Kupfer und Bronze, Silber und Gold und alle wertvollen Metalle, die auf der Halbinsel nicht gefunden werden, nach dem Norden gebracht. Darum sind unsere Urväter so früh in der Geschichte ein Kulturvolk, das Ackerbau und Viehzucht trieb und mit Bronzewaffen sein Herrenrecht wahrte, geworden. Dem Bernstein allein verdanken wir es, daß aus Cimbrien Helden und Heldenheere hervorbrachen, vor denen das ewige Rom in seinen Grundfesten zitterte. Aber wehe, das rote, falsch glänzende Gold, das sie in Menge erwarben oder raubten, ist, wie den edlen Nibelungen, so allen Germanenstämmen und Germanenhelden zum Fluch und Verderben geworden. –