Ludwig Tieck Tod des Dichters Es war ein heller, freundlicher Morgen, als die edle Gräfin Catharina nachsinnend im Gartensaale saß, indem ihr großes Auge auf den blühenden Granaten ruhte, die neben dem Springbrunnen leuchteten, in dessen Bassin sich die Goldfischchen funkelnd bewegten. Ihre Enkelin, Donna Maria, ordnete Rosen und Nelken in den schön gearbeiteten Gefäßen, welche die Ecken des weiten, kühlen Saales schmückten. Die Matrone wurde aus ihrem Sinnen durch den Ausruf des zwölfjährigen Kindes geweckt: »Da ist er wieder!« »Was hast du?« fragte Donna Catharina, indem sich die große Gestalt aus dem Armsessel erhob. »Immer wieder«, sagte das Fräulein, »wandelt der einäugige Mann hier auf der Landstraße und schaut dann durch das Gitter in unsern Garten. Ich habe ihn nun schon drei Tage hintereinander hier stehen sehn. Er betrachtet sich, wie ich glaube, den Springbrunnen so genau und die Blumenbeete. Er ist ein hübscher alter Mann.« Catharina ging langsam an das Fenster, sah nach dem bezeichneten Wandrer hin und sagte: »Ein Armer, wie so viele. Dieses Erspähen und Lauschen gefällt mir nicht. Man hört so viel von Räubereien und Gewalttaten, und unser kleines Schloß liegt hier ziemlich einsam.« »O Großmutter«, rief die Kleine, »du bist immer so mißtrauisch! Die Menschen sind nicht so schlimm, als du sie schilderst. Man hat ja nur Not über Not, wenn man keinem mehr trauen will.« »Glückliches Kind!« sagte Catharina, indem sie dem schönen Mädchen die weiße Stirn küßte. »Traurig genug, daß diese Unbefangenheit dem Mißtrauen entgegenwächst. So quillt die Blüte im Frühling aus dem Apfelbaum, sie prangt und duftet im frischen Morgenhauch, sie fällt ermüdet und farblos auf den Boden, die Frucht gewinnt Kraft, der Apfel rötet sich und reift der Verwesung zu. – So vergeht alles Schöne und Liebliche.« »Es kommt aber auch wieder«, sagte die Kleine. »Gott wird es nicht müde, die Blumen wieder aufzuwecken, wenn sie gestorben sind. Freilich sind es eigentlich andre als die verwelkten, aber doch auch lieblich. Die Lämmer und kleinen Ziegen im Gebirge dort, wo wir erst wohnten, waren auch alle Jahre neu. Man muß sich mit den frischen Spielkätzchen nun auch wieder bekannt machen. Das ist denn auch bald zustande gebracht.« Wechsel freilich, sagte Catharina für sich, wer sich diesem hingeben kann, ist auf seine Art glücklich. Jetzt sah Catharina selbst neugierig auf die Landstraße hinaus, welche man von diesem Seitenfenster übersehen konnte. Ein lahmer Neger hinkte schnell herbei und begrüßte freundlich, wie es schien, den einäugigen Mann. Sie sprachen lebhaft miteinander, und der schwarze Sklave händigte dem Fremden Geld und ein Paket ein. Der Fremde legte dann dem Sklaven seine Hand vertraulich auf die Schulter, sah ihm in die starren Augen und sagte einige Worte, zu welchen der Neger den krausen Kopf schüttelte. Sie besprachen sich dann heimlich und gingen fort, indem der Fremde, wie ermattet, sich auf den Schwarzen stützte. Catharina sagte: »Der Unbekannte, welcher mein Haus so genau betrachtet, gefällt mir immer weniger. Welche Verabredungen, welche Verbindungen kann er mit diesem unglücklichen Sklaven haben? Soll ich denn immer sorgen? Fast gereut es mich, mein schönes Gebirgstal verlassen zu haben. Der Unmut und die Furcht vor den Menschen folgen mir nach.« »Siehst du, Mütterchen«, rief die Kleine, indem sie recht schalkhaft dazu aussehn wollte, »das habe ich dir wohl vorher gesagt, daß es so kommen würde! Da draußen hast du dich auch vor jedem unschuldigen Schäfersmann gefürchtet. Da hieß es, die Einsamkeit bekäme dir nicht, die große Stadt hier, das herrliche Lissabon, würde alles gutmachen. Nun sind wir seit etlichen Tagen hier – ja, aber worin ist es nun besser? Das Lärmen der Stadt und des Hafens ist dir zuwider; da gehn wir hieher, in dein schönes Gartenhaus, hier ist es still, und dich ängstet jeder Wandersmann. Der Mann, der nur ein Auge hat, sieht so gut aus, hübsch in seiner Art, ich könnte mich gut mit ihm vertragen, wenn er mit mir redete. Der schwarze Mensch gefiel mir auch, er war ja wie ein Spielkamerad von dem Alten, und ich dachte an meinen guten Pudel, der mit dem Zottenkopf so schüttelte, wenn er springen wollte. Der Pudelhund wird bei unsern Gärtnersleuten auch noch oft an mich denken, denn er war gern in Gesellschaft.« So schwatzte das lebhafte Kind, und Catharina schien sich an den unschuldigen Reden des muntern Wesens zu erfreuen. Reiter sprengten vor das Schloß, und bald darauf erschien der alte Marques de Castro, welchen der junge Graf Ferdinand, der Neffe Catharinens, begleitet hatte. Der anmeldende Diener nahm dann die Begleitenden der Herrschaft in Empfang, um sie und ihre Rosse zu versorgen. Der Greis sowohl wie der Jüngling begegneten der hohen Matrone mit einer scheuen Ehrerbietung. »Ist Euch nun besser, teure Gräfin, begann der Alte, »als gestern und vorgestern? Seid Ihr des Hauses, dieses Gartens und der schönen heitern Aussicht schon mehr gewohnt? Hat sich der Schmerz des Hauptes vermindert, der Euch so sichtlich quälte?« »Mir ist recht wohl, Marques«, sagte Catharina mit freundlicher Stimme, »so wohl, wie ich es nur erwarten kann. Das wahre Glück des Menschen ist, nur wenig zu fordern. Der Billige findet nur wenige Ursach zu klagen.« »So klagt Ihr«, antwortete der Alte, »ohne es zu wollen. Sind wir so sehr resigniert wie Ihr, edle Frau, so gibt es freilich sowenig Trauer wie Freude. Ich hoffe aber, Eure Geburtsstadt, die Ihr so lange nicht gesehn, die Bewegung der Welt, der Anblick des Meeres mit seinen Schiffen, diese weite Aussicht von hier in den Himmel und das Gebirge Cintra hinein sowie die Granaten, Orangen und Zitronen hier im Garten werden Euer schönes Gemüt wieder poetisch stimmen.« »Poetisch?« rief Catharina mit einem Tone, welcher fast zürnend klang. »Ich bin zufrieden«, sagte sie dann milder, »und erkenne, was Gottes Güte, ohngeachtet mancher Leiden, für mich getan hat.« Der Greis war einen Augenblick wie verlegen gewesen und faßte die feine weiße Hand der Redenden, indem er ihr lächelnd in das Auge sah. »Ihr könnt mich und mein reines Wohlwollen nicht mißverstehn«, sagte er im weichen Ton. »Gewiß nicht«, antwortete sie, indem sie seine Hand drückte. »Das Vergangene ist vergangen; wir wissen ja, daß wir uns selbst unser Schicksal machen. Ihr wart immer mein edler Freund und seid es geblieben. Wie undankbar wäre ich, wenn ich das jemals vergessen könnte.« Jetzt wendete sich der alte Marques zum muntern Kinde, indem er sagte: »Nun, Maria, bist du zufrieden, mit deiner lieben Mutter hier zu wohnen?« »Gewiß, sehr«, antwortete Marie, »nur wollen mich meine Duennen zu sehr und zu oft putzen, weil sie sagen, Ihr oder der junge Graf könnten plötzlich angeritten kommen. Und wenn man sich anzieht und umzieht, so kann man unterdessen nichts andres denken und betrachten.« »Und du denkst so gern«, sagte der Marques lachend. »Gewiß«, antwortete das Kind sehr ernsthaft, »denn wenn man nicht darüber denkt, so kann man ja auch an den Dingen gar nichts haben: voraus an denen, über welche man sich freut. Das geht und stirbt ja denn so hin, als wenn wir es nicht gehabt, ja nicht einmal gesehn hätten. So habe ich morgens meine Stunde, wo ich an das Bergtal denke, wo wir lebten: an die Weinstöcke, den Gärtner und seine hübsche junge Frau, an das Kindchen an ihrer Brust, an mein Zickelchen, das jetzt groß ist, an den Wasserfall dort und den jungen Hirten, der die Schalmei so hübsch blies, und an alles, alles.« »Du hast es freilich noch nicht nötig«, sagte Catharina, »die Kunst des Vergessens einzuüben. Was sammelt der Mensch nicht alles ein, in dem gutmütigen Wahn, daß alles Glänzende ein Schatz sei: Nachher sehnt sich und strebt die Seele, alle diese Gedanken und Erinnerungen wieder loszuwerden. Nur ein Ringen ist uns vergönnt, einen Besitz finden wir nicht.« »Wenn das wahr ist«, sagte der Neffe, der indes Mariens kleine Hand gefaßt hatte, »so können wir nicht früh genug darauf hinarbeiten, daß uns der Verlust kein Verlieren sei. Gibt es keinen Besitz, so ist die Kraft zu entsagen auch keine Seelenstärke.« »Lassen wir diese trübseligen Grübeleien«, rief der Alte mit etwas errungener Heiterkeit, indem er den mitleidigen Blick, mit welchem er Catharinen betrachtet hatte, auf das lächelnde Kind wendete. »Es ist unsre Aufgabe, das Leben frei und kräftig fortzuleben und in diesem für ein andres Dasein die Fähigkeit zu erwerben. Dazu gibt es gewiß, so viele Anlagen und Neigungen sich finden, sehr verschiedene Wege, und wir wollen keine Bestrebung, kein rüstiges Ankämpfen oder keine Freude verwerfen. Wenn es von so vielen Alten heißt, sie starben alt und lebenssatt, so glaube ich doch, daß diese Sattheit kein Überdruß des Lebens werden soll. Diese starken Männer fühlten wohl nur, sie hätten nun alles genossen, gefühlt, verstanden und verdaut, was ihnen Natur und Geist in ihrem dermaligen Zustande anbieten konnten. Das Gastmahl war mit frischen Sinnen und geistiger Heiterkeit durchgenossen; und auch trübe Erfahrung und Schmerz stehen dann auf der Schicksalstafel als notwendige Ingredienzen des Mahles.« Man ward unterbrochen, indem eine Duenna Marien abholte, um sie zur Mittagstafel anzukleiden. Der Marques sah die Störung gern, indem er sich sogleich mit einem andern Gespräch zur Herrin des Hauses wendete: »Wie wohl wird einem hier in dieser schönen Einsamkeit! Die ganze Stadt ist ein verwirrtes Getöse, und man spricht nur von der Einschiffung und dem Ritterzuge unsers Königs. Hier Freude und Jubel, dort Mißbilligung und Furcht, Prophezeiungen durchkreuzen sich, Handel aller Art werden geschlossen, man rennt, man fragt, man wuchert und macht Schulden, und die jungen Edelleute verkaufen, was sie besitzen, um drüben in der afrikanischen Wüste glänzend aufziehen zu können. Wie viele Hoffnungen knüpfen sich an diesen Feldzug! Krönt er vielleicht dort, was früher die portugiesischen Fürsten und Helden taten, oder vernichtet er durch ein entsetzliches Unglück unsern Ruhm und Staat?« Catharina stand mit der größten Lebhaftigkeit auf und sah den Marques mit den hellen, großen Augen durchdringend an. »Kann diese Lästerung über Eure Lippen kommen?« rief sie aus. »Wir müssen siegen; der Himmel wird seine Streiter nicht verlassen! Unser junger heldenmütiger König wird unser Volk erheben, neue Staaten dort gründen, wie seine Vorfahren den Namen Portugiese in Brasilien, Afrika und den östlichen Indien mit großen, wundervollen Taten unsterblich machten.« »Der Himmel möge es so fügen«, erwiderte der Alte. »Abenteuerlicher als die früheren Unternehmungen, wenn auch nicht heroischer, ist dieser Zug. Der alte Kriegesfürst Alba hat ihn dringend widerraten, die ergrauten Soldaten schütteln den Kopf über die Hitze der unerfahrnen Jugend, und einige Schadenfrohe weissagen mit leichtem und kaltem Sinn den Untergang unsers Vaterlandes, weil sie schon auf Philipp und Spanien hinblicken, dessen Herrschaft sie für die bessere halten, und meinen, unser kleines Reich hätte immer so, von der Natur bestimmt, eine Provinz Spaniens sein müssen.« Catharina ging mit heftigen Schritten durch den Saal, ihre Wange glühte, ihr Auge sprühte Licht. »Solche Verräter dürfen sich an den Tag wagen?« rief sie, als müsse sie die Tränen des Zornes zurückzwängen. »Sind ihrer mehr, sind ihrer viele, so ist freilich das Vaterland schon verloren. Wenn wir um die Sklavenketten buhlen, so mag man uns nur das Brandmal der Verworfenheit aufdrücken. Wenn aber die Geister der großen Ahnen herniederwehen und mit ihrem Feuermut jene kühnen Streiter beseelen und anfachen, so werden diese siegen und dann jene kalten Herzen weit weg von sich verstoßen, welche unmündig sind, dieselbe Luft mit ihnen zu atmen.« Der Marques umarmte wie mit jugendlichem Feuer seine Verwandte, indem er sagte: »Ihr seid, edle Frau, eine Debora, eine Heldin in der Liebe zum Vaterlande. So jugendlich Euer Herz aufflammt bei allem Großen und Schönen, so fühlt und lindert es alle Not, wohin Eure Arme nur reichen können. Wie liebreich nehmt Ihr Euch der Waise einer armen Freundin an und erzieht sie als eine Enkelin und gönnt ihr den Namen des Kindes.« Catharina ließ sich wieder in den Sessel fallen und sagte mit matter Stimme: »Schmeichelt mir nicht, da Ihr ein Lehrer und Vormund sein sollt, Rater und Helfer. Nehmt Ihr Euch des Kindes an, wenn ich nicht mehr bin.« »Wunderliche Muhme«, rief der Greis, »Ihr seid stark, gesund und zwanzig Jahr jünger als ich! Das wird der Himmel nicht zulassen, daß ich Euch überleben sollte. Ich wollte Euch auch melden, daß der Aufbau Eures Palastes in der Stadt, den vor zwei Jahren die Flammen zerstörten, ziemlich vorgeschritten ist. In einem Jahre werdet Ihr ihn bewohnen können, und er wird bequemer und prächtiger, als er war.« »Ach«, seufzte Catharina, »alles dies geschieht für die Verwandten meines verstorbenen Gemahls. Was soll ich in der großen verwirrten Stadt? Hier werde ich wohnen bleiben, wenn ich nicht zu meinem kleinen Hause im einsamen Gebirge zurückkehre.« »Nein«, rief der Marques, »hier in unserm Lisbon müßt Ihr wenigstens bleiben, und wir, denen Ihr es erlaubt, Euch zu sehn, wir Beglückten wollen Euch ja auf den Händen tragen. Ihr dürft uns nicht wieder entschlüpfen. Auch sollt Ihr, wenn Ihr es durchaus befehlt, von den Verwandten Eures Gemahls nicht gestört werden.« »Ich werde sie zuweilen sehn, die Habgierigen«, antwortete Catharina, »aber immer nur in Eurer und meines Neffen Ferdinand Gesellschaft. Sie sollen nicht glauben, daß ich sie fürchte, daß ich wohl gar nötig hätte, mich vor ihnen zu verbergen. Wenn ich die Einsamkeit liebe und suche, so ist es, weil sie mir eine liebe Gespielin, meine Freundin ist. Nicht alle Menschen verstehn es, mit ihr zu leben: die Unwürdigen am wenigsten.« Der Alte küßte ihr mit Zärtlichkeit die weiße Hand, die man noch schön nennen konnte, und entfernte sich, indem er ihr noch in der Tür einen freundlichen, tröstenden Blick zuwarf. Der Neffe Ferdinand setzte sich hierauf zu ihr an den Tisch, indem er ihr Rechnungen und Quittungen vorwies, denn er war es, welcher mit dem Marques die Oberaufsicht über den Bau des Palastes führte. Sie war mit allem zufrieden, was geschah, und versank wieder in ihre trübe Stimmung. »Ich rettete aus dem Brande damals«, sagte der Neffe, »was ich nur erreichen konnte. Die wichtigen Dokumente, die Euer Vermögen betreffen, werde ich Euch, verehrte Tante, in diesen Tagen überbringen, auch den Schmuck, den das Feuer verschonte. Einige Bücher, die Euch vielleicht lieb sind, konnte ich ebenfalls in Sicherheit bringen, doch die alten spanischen und italienischen Rittergeschichten vergönnt Ihr mir wohl zu meiner Erquickung noch auf einige Zeit. Unter Rechnungen, Haushaltbüchern haben sich auch ganz unnütze Schriften und Papiere gefunden, mit denen ich Eure Schränke nicht belästigen will. Sie wurden damals gerettet, weil wir etwas Besseres zu finden glaubten. So geht es oft bei solchen Unglücksfällen: Das Unschätzbare läßt man in der Verwirrung vom Element zerstören und bewahrt sorgfältig Spreu und Fetzen.« »Ein Bild unsers Lebens«, antwortete sie, »ich habe Euch alles unbedingt anvertraut, und Ihr mögt ganz nach Eurem Wohlgefallen handeln.« Auch der Neffe verabschiedete sich, und sie entließ ihn mit großer Freundlichkeit. Als sie allein war, ging sie wieder an das große Fenster, welches auf die Landstraße und den Weg zur Stadt hinausschaute, und blickte hinunter, als wenn sie jemand ängstlich erwartete. Sie ging zurück und näherte sich wieder. »Endlich!« rief sie plötzlich, und ihr schönes, bleiches Antlitz erglühte. Man hörte jemand langsam und mühselig die Stiegen heraufschreiten. Als die Tür sich öffnete, trat ein uralter, greiser Diener herein, der auf den Wink seiner Gebieterin die Tür hinter sich sogleich verriegelte. Sie tat dasselbe mit jener, die zu den innern Gemächern führte. »Setze dich, Domingo, ruhe, alter Mann«, sagte sie freundlich und gerührt, »der Tag ist heiß; erhole dich erst, bevor du sprichst.« Der ergraute Diener setzte sich zitternd in den Sessel, und sie blieb vor ihm stehn. Er sah zu ihr empor und wollte lächeln, als sie ihm die weiße Locke von der Stirne strich, aber eine Träne stahl sich aus dem Auge des Greises. »Gute, liebe, herrliche Frau«, sagte er endlich, »ach, die ich kannte und liebte und wartete, als sie noch ein kleines Kind war – ach, warum kann ich Euch nicht glücklich machen!« »So hast du nichts erfahren?« fragte sie. »Genug«, erwiderte der Greis, »wäre es nur etwas Besseres: Vor zehn Jahren ist er krank aus Indien zurückgekommen, damals, wie das große Sterben hier im Lande war.« »Das weiß ich«, erwiderte sie lebhaft, »weiter!« »Dann haben sich manche um ihn bekümmert«, sagte der Alte, »aber unser König war noch zu jung, beinah noch kindisch. Und viele Feinde hatte er auch, das wißt Ihr ja selbst am besten. Vier Jahre später kam sein Buch heraus, das so sehr schön sein soll, wie sie alle sagen. Nun hatten sie unserm regierenden Kinde, denn der Herr war ja erst sechzehn Jahr alt, schon seinen Wirrwarr und das wilde Afrika und die Märtyrergeschichten in seinen hitzigen Kopf gesetzt ...« »Sprich nicht so!« rief Catharina. »Ich sage nur«, fuhr der Alte mit Rührung fort, »daß man doch lieber vorher erst Mensch sein soll, ehe man sich zum Helden und Erretter von Tausenden erklärt und Religion und die Kreuzesfahne in die heißen Steppen einpflanzen will, die da doch verdorren werden.« »Und was von ihm?« fragte Catharina. »Ja, wie mir viele Menschen und der Buchhändler, der das schöne Buch von ihm hat drucken lassen, gesagt haben, so war denn dieser große heroische Mut die Ursach, daß man einen so begabten Untertan, einen so herrlichen Mann hat verschmachten lassen. Er ist schon vor zwei Jahren im Hospital gestorben.« Catharina wich zurück. Er entfernte sich auf einen stummen Wink. »Voriges Jahr«, sagte sie, als sie allein war, »hätte ich also wohl auch, wie Rodrigo, mein Gemahl, sterben können.« Sie eröffnete mit einem goldenen Schlüssel einen kleinen, zierlichen Schrank. Ein Buch, schön in Gold gebunden und verziert, nahm sie heraus, öffnete es und küßte es inbrünstig. Dann setzte sie sich nieder und weinte von Herzen. In der Vorstadt, welche auf der entgegengesetzten Seite von Lissabon sich erstreckt, hatte sich nach der Siesta eine Gesellschaft von Bürgern versammelt. Im Garten einer Schenke saßen sie unter einer dicht schattenden Weinlaube an einem langen steinernen Tische, der Blick umfaßte von dort eine weite Aussicht über Hügel, Weinberge und einen Teil der Stadt, welche amphitheatralisch emporstieg. In diese einsame und kühle Gartengrotte kamen zuweilen gegen Abend einige befreundete Menschen, um sich bei einem Kruge leichten Weines zu unterhalten, und den Vorsitz führte fast immer Herr Matthias, der sich dem geistlichen Stande gewidmet, aber noch keine Stelle eines Kapellans hatte erhalten können, weil es ihm an einem vornehmen Beschützer fehlte. Ihm zunächst nahm Enrique seinen Platz ein, ein Mann, der sich gern Künstler und Bildhauer nennen hörte, weil er nicht ohne Geschicklichkeit Zierat und selbst zuweilen kleine Figuren in Holz schnitzte. Die übrigen Gäste waren Handwerker oder Männer, die von geringen Renten kümmerlich und eingezogen lebten. Sie vereinigten sich gern in diesem wohlfeilen und still abgelegenen Garten, weil sie hier keine Veranlassung fanden, Geld auszugeben oder von heftigen und schreienden Gesellen gestört zu werden. So hatte der Besitzer, ein Weingärtner, gewissermaßen eine feinere, halbgelehrte Gesellschaft bei sich vereinigen können, der er sich selber, obgleich er der Wirt war, zuweilen gern anschloß, es auch deshalb mit der Bezahlung des Weines, den er selbst baute, nicht immer genau nahm, wenn er sich in freien und anmutigen Gesprächen unterhalten hatte. »Wie ich sage«, fuhr Matthias fort, »wozu hilft es nun, gelehrt zu sein, wenn keiner unserer müßigen Großen meine Talente anerkennen mag? Wenn man mich nicht unterstützt und befördert, um meinem Vaterlande noch mehr Ehre zu machen? Die Übersetzung meiner Eklogen des großen Virgilius ist gut, die Anmerkungen dazu sind vortrefflich: Alle, die eine Stimme haben, kommen darin überein, das ist es aber auch alles. Da lobe ich mir Italien, da findet der große Mann seinen Mäzen. Was haben die erlauchten Medicäer für Künste und Wissenschaften getan, die Päpste Julius, Leo und Clemens, die Kardinäle, Bembo und andere Fürsten der Kirche und weltliche Herrscher. Seit die Herren Jesuiten hier im Lande so vielen Einfluß haben, ist alles, was ihnen nicht dient, vernachlässiget. Darum hinken wir, wenn der Italiener geht und läuft, darum ist, so manchen großen Regenten wir auch besaßen, Portugal immer noch verfinstert und trübe.« »Wohl, wohl!« rief der Bildhauer. »Glaubt mir nur, es fehlt unsern Landesgenossen noch an Auge und Sinn: Wir sind allzumal noch Barbaren. Was könnte auch bei uns geschehn, da es uns gewiß nicht an Kunsttalenten fehlt, wenn der jetzige unglückliche Feldzug, den Gott zum Heil lenken möge, nicht alle unsere Kräfte verschlänge? Man hört nur von Waffen, Kanonen, Harnischen, Schwertern, Rossen und Pulverwagen, Gewehren und Feldschlangen. Der junge Adel ist wie berauscht, und Kinder wollen mit in die brennenden Steppen hinüberziehn, um mitzukämpfen, und Weiber und Mütter folgen, weil sie sich einbilden, dort Wohnungen zu finden, große Städte zu erobern und Kolonien zu gründen. Aber es muß zum Elend ausschlagen. Und hier zu Hause wird unterdessen alles versäumt, und alle verarmen, weil der letzte Crusado nur für Schiffe und Mannschaft verwendet wird.« »Laßt Don Luis nur kommen«, rief Ernesto, ein alter Bürgersmann, »der wird uns die Sache anders auslegen!« »Anders, aber nicht besser, Don Ernesto!« rief Matthias, der Geistliche. »Dieser Luis meint alles zu wissen und zu verstehn; und, erinnert Ihr Euch nicht, wie ich ihn neulich zuschanden machte, als er meine Anmerkung zum sechsten Vers der dritten Virgilischen Ekloge nicht billigen wollte?« »Laßt es gut sein, einsichtsvoller Mann«, erwiderte Ernesto, »gebt nicht dem Sprichwort recht, daß die Gelehrten immerdar aufeinander neidisch sind.« »Ich neidisch?« antwortete Matthias mit einigem Unwillen. »Schon mein Stand verpflichtet mich zur Demut; und wie könnte ich einen Laien, der Soldat war und sich niemals für einen wahren Gelehrten ausgeben kann, für meinesgleichen anerkennen?« »Sacht, mein Herr, sacht!« rief etwas ungestümer ein handfester kleiner Mann dazwischen, welcher ein wohlhabender Krämer war. »Ich, Duarte, kenne auch die Welt und ihre Verhältnisse und bin mit manchem Geistlichen und verehrten Gelehrten, Soldaten und Staatsmann umgegangen, aber ein solcher herrlicher, ausgebreiteter Geist, wie unser Freund Don Luis ist, ist mir noch niemals vorgekommen. Schade, daß er zu seinen Freunden nicht mehr Vertrauen zeigt, er scheint unglücklich und arm und ist zu stolz, einem von uns Verbindlichkeiten haben zu wollen: Er mag wohl früherhin ganz andre Gesellschaft gewohnt gewesen sein, als wir ihm bieten können.« Der zukünftige Priester wurde hochrot vor Zorn, doch mäßigte er sich und sagte nur: »Ihr, Sennor Duarte, seht zu viel in ihm und wollt Euch selbst in Euerm Freunde verherrlichen.« Indem kommt ein Mann von mäßiger Größe, aber edlem Stande zur Gesellschaft: Es war der erwartete Luis. Er begrüßte alle höflich, und eines seiner Augen, welches im braunen Glanze leuchtete, schaute alle seine Bekannten mit Freundlichkeit an; das andre war mit einer schwarzen Binde verhüllt, weil er eine Entzündung fühlte, sonst trug er dies erblindete und von einer Schußwunde zerstörte frei. Seine Mienen und der Ausdruck seines Gesichts war heiter, wenn auch der Menschenkenner einen tiefen, verhaltenen Kummer in diesen lesen konnte. Es war eingeführt, daß man in diesen heitern Abendstunden abwechselnd etwas vorlas, und da jetzt der Wirt des Hauses, ein dickes, freundliches Männchen, sich auch zur Gesellschaft setzte, so fuhr Luis fort, den Ariost vorzutragen, an der Stelle, wo man vor einigen Tagen aufgehört hatte. Die schöne Klage der verlassenen Olympia bewegte alle Herzen, und dasjenige, was dunkel scheinen mochte, da nicht alle Zuhörer des Italienischen gleich kundig sein mochten, erklärte Luis auf verständige Weise. »Der größte Dichter unsrer Zeit!« rief Ernesto aus. »Welche schöne Sprache, welche Wahl der Ausdrücke, welcher Glanz in den Bildern und Gleichnissen! Und diese ewige, unzerstörbare Heiterkeit, dieser Liebreiz in allen Gesinnungen! Es muß Euch freuen, Don Luis, daß dieser Ludovico auch Euern Taufnamen führt.« Luis erhob sein sinnendes Auge vom Buch und sagte: »Schon oft habe ich mich daran ergötzt, denn jede Ähnlichkeit mit einem großen Manne, auch die zufällige, erfreut uns.« »Wäre der feine Schalk«, sagte Matthias, »nur etwas frommer, so könnte er auch den Dienern der Kirche mehr gefallen.« »Der frommen Lieder«, rief Duarte, »haben wir genug und überlei. Mich entzückt dieser Ariost, vollends mit den Erklärungen unsers Freundes. Aber ich muß immerdar tadeln, daß sein Buch weder Anfang noch Ende hat und daß es sich auf den verwirrten, verliebten Orlando des Bajardo lehnt. Die Abenteuer, so mannigfaltig sie auch beim ersten Anblick erscheinen mögen, gleichen sich doch alle mehr oder minder, und ich meine – wie soll ich doch gleich sagen –, als ob dem schönen Werke ein eigentlicher Kern mangelte, ein tieferes Interesse, das uns immer wieder zu jenem Mittelpunkt hinzöge, welchen ich vermisse. Belehrt mich darüber, Don Luis.« »Ich kann, statt zu belehren«, erwiderte der freundliche Einäugige, »nur Eure Meinung und Ansicht bestätigen. Alle diese Gedichte der Italiener, von denen unser Ariost wohl die leuchtende Krone bildet, diese Pulci, der Bajardo und unser geliebter Freund, alle erregen mir, wenn ich ihnen recht ins Herz schauen will, eine tiefe Trauer und innige Wehmut. Nicht, solange ich den immer grünen Scherzen unsers Ariost zuhöre, wenn er mich in seinen süßen Gesang einwiegt und mich die ganze Welt vergessen läßt, sondern wenn ich an jenes Aufzählen von Namen, an die Genealogie des Hauses Ferrara komme, an das Lob, welches ausgespendet wird, auf alles, welches einen Bezug auf diese Fürstenfamilie hat. Dieses, mein Freund, diese trocknen Erörterungen und Aufzählungen von Ahnen sollen jenen echten innern Kern bilden, welchen Ihr mit Recht vermißt. Armes Italien, wie lange ist es nun schon dem Patrioten, dem Begeisterten kein Vaterland mehr! Seit wie lange hat es schon seine wahre Geschichte eingebüßt! Bild, Spiel, Gesang, Bauwerke, Pracht und Luxus müssen die Heiligkeit vertreten, welche vielleicht auf immer verlorengegangen ist.« »Wie meint Ihr das?« fragte Ernesto. »Ihr redet sonst immer so verständlich, und dieser Ausspruch ist mir ganz dunkel, auch scheint mir, daß unsre übrigen Freunde Euch ebensowenig begreifen als ich.« »Es ist ja nur die alte Klage«, fuhr der Geistliche hervor, »die Petrarca schon bis zur Ermüdung geführt hat, die Dantes Erbitterung vielfach austönt: daß Italien keine Einheit bilde, daß es von Fremden abwechselnd beherrscht werde, daß der alte Glanz gesunken, daß man nicht aus noch ein wisse und daß die Fürsten, auch die tugendhaften, nicht genügen, um das Band, welches zerrissen ist, wieder zu knüpfen und herzustellen.« »Zum Teil ist das meine Meinung«, antwortete Luis mit Bescheidenheit. »Früh schon verlor durch ein zersplittertes Interesse, indem jeder kleine Staat etwas anderes wollte, Italien seine Selbständigkeit. In jeder Provinz herrschten wieder Faktionen, und eine jede suchte die andre zu vernichten. So ward jede Stadt und jedes größere und kleinere Land darauf hingewiesen, fremde Kraft zu suchen und dieser zu vertrauen und, was noch schlimmer war, sich an Fremde zu lehnen, um von diesen den Segen und das Gedeihen zu erwarten. Das ist das Traurigste, was einem Lande widerfahren kann, auf diesem Wege geht es allgemach seinem Untergange entgegen. Wir sagen so gewohnterweise: Italien, Italiener; allein wo sind diese zu finden? Nur Städte, Ländchen, Fürsten sind dort, die einander in allen Richtungen widerstreben und abwechselnd die Beute dieses oder jenes Fremdlings werden. Der Papst hat immerdar mit den Staaten Europas zu vermitteln und gewinnt oder verliert, indem sich die oder jene Waagschale senkt, sein Land wird von ihm mehr verwaltet als beherrscht, aber doch hat der Römer etwas von seinem hohen Sinn behalten. Venedig ist kräftig und in sich beschlossen und bewahrt auch seinen Einfluß auf das Ausland; aber das schöne Florenz hat seine Freiheit nicht ertragen können, Sizilien und Neapel werden von Fremden regiert, ebenso abwechselnd Mailand, und der Italiener, welcher sich als Patriot fühlen möchte, könnte nur trauern. Wenn Dante und Petrarca jetzt wiederkehrten, so fänden sie noch ganz andre Ursache zur Wehklage als in ihrem früheren Zeitalter. Woher soll also der große Dichter, wie es Ariost ist, den wahren Mittelpunkt eines so großen Werkes finden, als er in erhabener Laune hat ausführen wollen? Weder Religion noch Vaterland konnten es werden, wenn sein freier Sinn nicht seine Leser und Zuhörer verletzen wollte. Ja, ich fürchte, sich selber konnte er auf diesem Wege nur die größten Schmerzen erschaffen. Darum wirft er sich, als gäbe es keinen festern Boden, in dieses Lustmeer von Scherz und Spott, Witz und Laune und segelt, von singenden Schwänen auf smaragdner Flut dahingezogen, durch den lichtblauen reinen Äther, von scherzenden Göttern umspielt. Die Weisheit der Sterblichen muß ohne Kampf und Groll so viele Güter aufgeben und ihnen entsagen, und so kann auch aus diesen freien kristallenen Gebilden der Weiseste lernen. Es ist auch fromm, sich in die Notwendigkeit finden. Weil also der scheinbare Ernst und das Höchste diesem Gedicht fehlt, möchte ich ihm in dieser Entsagung nicht Mangel an Frömmigkeit vorwerfen. Aber wir Portugiesen, die wir so glücklich sind, ein herrliches, ruhmreiches Vaterland zu besitzen, welches vom Glanz großer Könige, erlauchter und verklärter Frommen, großer Helden und Krieger bestrahlt wird, Männer und Kämpfer, die Taten hier und in fernen, kürzlich noch unbekannten Weltteilen ausübten, wir dürfen auch nicht gescholten werden, wenn wir in patriotischer Begeisterung sogar Verzweiflung in diesem kecken Aufschwung der Lust und Laune wahrnehmen. Der poetische Übermut erklingt wohl so laut, um sich selber zu betäuben, um sich die Angst wegzusingen. – Auf ähnliche Weise, nur nicht so großartig, tönt das Aufgeben des Vaterlandes aus den Liedern des verständigen Horaz, wie aller Römer. Der zärtliche, weiche Virgil wird nur großartig, indem er einmal singt: Wohl mögen uns die Griechen im Bilderschnitzen und in künstlichen Gemälden übertreffen, sie mögen den Vers zierlicher singen, unsre, der Römer Aufgabe ist es, die Welt zu beherrschen, und darin wollen wir Meister sein! – Wollen sie sich anders als Patrioten zeigen, so ist es nur Lob und Schmeichelei ihrer Fürsten. Den großen, erhabenen Tacitus kann der Verständige als einen Dichter lesen: Hier spricht in jeder Zeile das gebrochene römische Herz, welches im Kampf des Todes den großen Verlust ausspricht, ohne ihn mit Namen zu nennen.« »Ihr meint also«, fragte Duarte, »wir Portugaler dürfen auf unser Vaterland und Geschichte stolz sein?« »Ist es denn nicht jeder Lusitanier?« erwiderte Luis. »Fühlt er sich nicht in jeder Ader beglückt und groß, daß er sich einen Lusitanier nennen darf, auch wenn er sich dessen nicht immer in Worten bewußt ist, wenn er nicht in gedankenreichen oder prahlenden Behauptungen sich ausspricht? Sehn wir auf jene Zeit zurück, als unser großer Heinrich, jener Prinz, der Entdecker, seine nächtlichen Studien machte und die Sterne fragte, als er seine Schiffe ausrüstete, die Afrika umsegeln wollten, als wir Ceuta eroberten und die Mohren Afrikas schreckten, als unser Ferdinand, der Standhafte, ein Opfer seines Glaubens und seiner Vaterlandsliebe wurde, als weise Regenten uns beherrschten und schon damals den Namen Portugal groß machten – damals ward durch Bürgerkriege das mächtige Frankreich elend und klein, die Beute eines fremden Eroberers. England, nur kurze Zeit glänzend, ward selbst von Faktionen zerrissen und kam dem Untergang nahe. Das große, weit verbreitete Germanien zerrüttete sich in innern Kriegen und Kämpfen. Das gesittete Italien mühte sich um fremde Interessen bis zur Ohnmacht ab. Unser kleines Land, als das äußerste, als das Haupt und Auge Europas, war durch Weisheit und Kraft regiert: der erste Johann, Eduard, Alphons kräftigten, erweiterten unser Gebiet. Nun hatte sich Spanien endlich vereinigt, das früher stets, wie das übrige Europa, in sich selbst entzweit war. Der große Emanuel sendet den Helden Vasco da Gama aus, und das östliche Indien mit seinen Schätzen und Wundern, von klugen Völkern bewohnt, neigt sich vor dem portugiesischen Mut. Ganz andre, wichtigere Reiche werden uns auf wundersame Art Untertan als jene wilden Horden, die der großmütige Colomb und der gelehrte Florentiner Vespucci entdeckte. Weit mächtigere Schwierigkeiten kämpften uns entgegen. Auch wird im Westen Brasilien unser. Und jetzt sind es noch nicht achtzig Jahr, daß Vasco da Gama jenen märchenhaften Orient, das Land der Wunder, entdeckte. Die beiden großen Albuquerque führten nun dort, in den fernen Zonen, ihr glorreiches Heldenleben und verübten Taten, die die ersonnenen der fabelnden Poeten übertroffen. Pacheco stiftete seinen unsterblichen Ruhm, Soares war nicht minder Held, Almeida regierte dort – und wer kann sie alle in kurzer Zeit nennen und rühmen, die dort kämpften und siegten oder großherzig starben und ihre Namen und Ruhm neben die ewig leuchtenden des Miltiades, Themistokles und Epaminondas einschreiben sahn?« »Und in welchem kurzen Zeitraum«, fuhr Duarte fort, »sind alle diese Großtaten geschehn! Unsre Väter haben noch manchen von diesen unsterblichen Helden gesehn, sie haben die unglaublichen Dinge erlebt, ihnen war es vergönnt, den glücklichen König Don Emanuel anzuschauen, und jeder durfte wähnen, daß ihn ein Tropfen wenigstens von diesen Strömungen des Ruhmes benetze.« »Loben wir diese Helden und Könige«, warf der Geistliche Matthias ein, »es kann sein, daß die hohe Stellung der Fürsten ihnen manche Tugend aus den Augen rückt und unzugänglich macht, die dem geringen Untertan nicht fehlen darf. Ist es aber nicht betrübt zu sehn, wie Talente, Gelehrsamkeit oft betteln gehn und verschmachten, wenn ein Leo der Zehnte Possenreißer reich macht und so mancher Fürst seinen Narren oder einen Tänzer, eine üppige Tänzerin mit Geld überschüttet? Augustus gab doch wenigstens dem Virgil sein Landgut zurück, und er und sein Rat Mäzen ließen den liebenswürdigen Horaz nicht darben. Der Lorenz von Medici, der Prächtige, ermunterte doch Künstler und war ein Freund des Politian und Marsilius Ficinus. Aber hier bei uns mögt Ihr Euch für die Könige begeistern, wie Ihr wollt, was haben sie hier für Wissenschaft, Gelehrte, Malerei oder Dichtkunst getan? Wo sind die großen Männer, die im Tau ihrer Gnade gediehen und aufwuchsen? Ja selbst ihre Entdecker und Helden, die ihnen Weltteile untertänig machten und Millionen Sklaven an die Schwelle ihres Thrones fesselten, wurden mit gallebitterm Undank belohnt. Es ist wohl ein herrliches Schauspiel, wenn der vielduldende Colomb in Ketten nach Spanien zurückgeführt wird, um über schändliche Anklagen seiner niederträchtigen Verleumder verhört zu werden? Ist nicht selbst bei uns der große Held Albuquerque in Armut gestorben? Wurde nicht sein ganzes Verdienst beinahe vergessen? Viel hat auch der einzige Vasco da Gama nicht von seinem Lohn genossen, er starb, als sein Glück anheben sollte. Es ist nicht zu tadeln, wenn dem ruhigen Betrachter, noch mehr dem Gelehrten, der mit tausend Mühsal doch nur bis zur Armut hindurchkämpft, bittre Gefühle gegen diese Großen und Regierenden überschleichen. Und wer wird reich und glücklich? Schmeichler, Toren, Eigennützige oder diejenigen, die die Leidenschaften der Großen zu benutzen wissen. Ist das nicht die Geschichte aller Reiche und Fürsten, ist Schmach, Armut, Verbannung, Verschmachten und Tod nicht die Marterkrönung der meisten großen Staatsmänner, Krieger und Gelehrten?« Die Gesellschaft war durch diese Rede aufgeregt worden, und alle sprachen ziemlich heftig durcheinander. Sie zürnten auf ihre Weise über die so oft wiederkehrende schreiende Undankbarkeit der Völker und Fürsten. Nur Luis blieb ganz ruhig und schaute nachdenkend vor sich nieder. Endlich sagte Duarte: »Ihr, mein würdiger Freund, sagt kein Wort zu dieser Anklage, die ich doch so gerecht finde wie wir alle hier. Wie viele große Geister stehn in der Weltgeschichte da als traurige Bilder dieser Tyrannei und des Leichtsinns, geschmäht, verkannt, oft verdammt, wieviel mehr noch sind wahrscheinlich in Dunkel und Vergessenheit geblieben, die auch groß hätten werden können, wenn sie Ermutigung und Beschützer gefunden hätten.« Luis erwiderte: »Ich habe Euch, teure Freunde, meine Meinung hierüber nicht aufdrängen mögen, weil sie Euch vielleicht zu sonderbar dünken möchte und ich mich fürchte, den Verdacht zu erregen, als könnte ich etwas aussagen, bloß um allem zu widersprechen oder etwas Seltsames zu behaupten.« »Wir werden Euch, edler Freund, gewiß nicht verkennen«, sagte Ernesto, »drum sprecht frei wie zu Eurer eignen Seele, auch wenn Ihr unsre Fürsten noch weit härter tadeln solltet, als wir es schon getan haben.« »Was wir Dank und Undank nennen sollen«, sagte jetzt Luis, »ist schon schwer zu entscheiden, wenn man das Verhältnis und Leben einzelner Menschen betrachtet, wenn wir unsre nächste Umgebung und uns selbst beobachten. Jeder von uns hat, wie er überzeugt ist, schon für Dienste oder Wohltaten Undank eingeerntet, jeder von uns ist nach Gelegenheit schon undankbar gescholten worden. Ein rein erkannter Dank, ein fortlebendes klares Gefühl der Dankbarkeit für erwiesene Wohltat, beziehn sich diese auf weltliche Güter oder Lehre; aufopfernde Freundschaft ist eine Tugend, die ebenso selten sich groß und glänzend zeigt wie alle übrigen Tugenden. Das Laster des Undanks ist dagegen allgemein, wie jeder Fehler der in sich verirrten, von Leidenschaften geängstigten Menschheit. In glücklichen Zeiten drängen sich Tat auf Tat, große Männer folgen eilig aufeinander, Talente erwecken einander und zeigen sich dort und hier: dann ist das Vaterland reich an Geist und Kraft. Wie soll, wie kann einem Miltiades, einem Themistokles gelohnt werden? Ruhe, Zurückgezogenheit, Gleichheit mit seinen Kriegern war selbst eines Timoleon Krone. Das athenische Volk war damals zu reich und groß, sein Glück steigerte sich so schnell, der außerordentlichen Taten, der unsterblichen Verdienste waren zu viel, als daß es nach dem gewöhnlichen Sinne des Wortes hätte dankbar sein können. Das ist eben das Übermenschliche in den Schicksalen großer Helden und Volkslehrer und Wohltäter der Menschen, daß man sie vergißt, wohl verkennt. Und die tiefe Rührung unsers Herzens, das schönste Gefühl unsrer Anbetung aus der Ferne nach tausend Jahren noch, diese Huldigung der Urenkel und spätesten Nachkommen, die jedes Gemüt, welches der Erkenntnis des Großen und Schönen fähig ist, opfert, dieses, was nicht Gold, Ehre noch Lob ist, diese stumme Bewunderung, in der die reinste Verehrung und ein heiliges Mitleid sich wundersam vermischen, ist jener Helden schönster Lohn. So sind sie nicht vergessen, nicht verarmt, vertrieben, gestorben; die Geisterwelt ist ihre Heimat, der Palast, welchen sie bewohnen. Und jede gute Tat, jede schöne Regung, der Glaube an den Adel der Menschennatur wurzelt, wächst und blüht in diesem geweihten Boden.« Alle hörten den Redenden in stiller Aufmerksamkeit an, und dieser fuhr nach einer kleinen Pause fort: »War die Kunst und Poesie der glücklichen Griechen nicht ganz, nicht im Gegensatz gegen das römische Wesen, vom schönsten Patriotismus durchklungen? Städte, Berge, Flüsse, Menschen und Völkerstämme waren schon seit Homer mit den Göttern des Volkes zugleich verherrlicht worden, und wie war immerdar Athen und alles, was sich auf dieses bezog, Sage, Land und Meer, von der attischen Tragödie verschönt und besungen worden? Und doch verließ Äschylus so wie später Euripides sein Vaterland, um in fremder Gegend zu sterben. Wir wissen nicht genau, was ihren Unwillen reizte und ob die großen Männer nicht auch vielleicht zu eigensinnige Forderungen an ihre Mitbürger machten. Denn das wird auch ein jeder von uns erfahren haben, daß ein Guttäter, dem wir auf irgendeine Art verpflichtet sind, wohl unsre unerläßliche Freiheit beschränken möchte und es Undankbarkeit schilt, wenn der wahre Edelmut in uns sich dem widersetzt. Reiht sich ein Bewußtsein an eine Guttat, die der Gelehrte, Künstler oder Dichter dem Lande erwiesen, der Freund dem Freunde, der Reiche dem Armen, der Hochgestellte dem Niedern oder der Untertan seinem Fürsten, und wächst immer starrer und stolzer empor, so verliert die Gabe vieles von ihrer Schönheit. Gern habe ich stets die Regenten entschuldigt, die gegen ihre Helden und die großen Männer des Vaterlandes undankbar erschienen. Sie haben so vieles zu beachten und zu versorgen, alles drängt sich an sie, das Edle und Herrliche erscheint ihnen von ihrer hohen Stellung aus als eine Naturnotwendigkeit, sie fühlen, daß es sich selbst belohnt. Verletzt sie der große Mann nun etwa im Gefühle seiner Kraft und seines Wertes, scheint er, wenn auch nur auf Augenblicke, zu vergessen, daß vom Thron aus ihm seine Bedeutsamkeit wird, sind nun Schwätzer und Verleumder noch obenein gegen ihn geschäftig, so ist es nur menschlich, wenn der Fürst sein Wohlwollen beschränkt, um den starren Sinn jener Tugend wieder zu mildern. Freilich gewinnen nun oft jene Schmarotzer und Schmeichler, jene Ohrenbläser, Schalksnarren und Gaukler und Tänzer die Reichtümer und Güter, die dem Talent und der Tugend zu gehören scheinen. Wenn aber solch armes Volk durch ihre Erniedrigung dies nicht erränge, was wäre dann ihr trübseliges Leben? Fast jedermann mißgönnt ihnen jene Güter, und selbst der Fürst hat nicht das Vermögen, ihnen Achtung zu verschaffen, Bürger und Pöbel schätzt sie geringe, und jedes Auge sieht mit Ehrfurcht auf Verdienst und Größe hin, und um so mehr, wenn sie verkannt oder geschmäht werden. Das hat mich mein Leben gelehrt, daß Verdienst oder Unverdienst hauptsächlich nur durch seine Persönlichkeit jene Güter erringt, die in den Augen der Menschen den höchsten Wert haben. Wer sich anmutig oder gar unentbehrlich zu machen weiß, nach Gelegenheit Vertrauen einflößt, dann wieder gern unbedeutend erscheint, jetzt wieder klagt oder zudringlich wird, zuweilen sogar überlästig, Lob und Spott mit gleicher Miene hinnimmt, niemals den Höheren übersehn will und klüger als dieser erscheinen, kurz, wer nur den Augenblick ergreift und diesem einzig leben mag, ein solcher wird an Höfen willkommen sein und gewiß jene irdischen Güter erkämpfen. Tugend und Talent vermögen es fast nie, ihren Genius so zu verleugnen.« Bei diesen Worten schien Luis gerührt. Die übrigen hatten ihm aufmerksam, einige nicht ohne Verlegenheit zugehört, als Duarte nach einer Pause anfing: »Geehrter Mann, Eure Rede, wenn sie Euch ernst war, macht Eurem Gemüte Ehre; aber Ihr müßt mir verzeihen, wenn ich glaube, daß sie doch ein weniges vom Sophisten an sich trägt. Denn der Regent, indem er so hochgestellt ist, kann sich leichter der kleineren menschlichen Leidenschaften entschlagen als seine Untergebenen: Er kann seiner Laune und seinem Zeitvertreib vieles opfern, er kann selbst jene schmeichelnden Aufdringlinge befriedigen, von denen er vielleicht wähnt, daß sie seine wahren Freunde sind. Das ist aber alles keine Ursach, auch im Drang gebietender Umstände das Verdienst und Talent ganz aus den Augen zu verlieren. Wenn unser Emanuel ein großer Regent war, so schimpft es ihn dennoch, daß der große Albuquerque arm blieb. Es schimpft seine Räte und Vertrauten, daß sie ihn nicht auf seine Pflicht aufmerksam machten. – Ich weiß, Don Luis, wie Ihr den Jünglingshelden, unsern König Sebastian, liebt und verehrt – aber die Zukunft wird es ihm ernst verweisen, daß er, mögen ihn Jesuiten, Beichtiger, Soldaten, Adel und Unadel bestürmen und umdrängen, mag dieser ahndungsvolle Feldzug schon längst alle seine Kräfte in Anspruch nehmen –, es ist ein Makel in seinem Ruhm, daß er unsern Camoens im Hospital hat verschmachten lassen, dessen Gedicht, mögt Ihr auch widerlegen, soviel Ihr mögt, mir lieber ist als Ariost oder was ich sonst kenne. Und jedem Portugiesen sollte es wohl so sein.« Luis' bleiches Antlitz hatte sich rot gefärbt, er schien verlegen und als wenn er nach Worten suchte, um diesen Angriff zu widerlegen. Indem alle darauf gespannt waren, was der Mann, den alle in ihrer Gesellschaft für den gelehrtesten hielten, erwidern möchte, ward die Tür zum Garten mit großer Gewalt aufgerissen, und zwei Soldaten stürmten herein, die einen Greis in ihrer Mitte hatten, der, sowie er die am Tisch sitzende Gesellschaft gewahr ward, sie um Hülfe ansprach. Die beiden wunderlich aufgeputzten Kriegesleute waren von der Schar, welche der Engländer Stuckley dem König Sebastian zugeführt hatte. Der eine war ein Italiener und der zweite ein wilder Deutscher, welcher um so heftiger war, da er sich nicht verständlich machen noch die Reden der andern verstehen konnte. Der Greis, welcher sehr erschrocken schien, erzählte, wie sie ihm draußen zwischen hohen Gartenmauern begegnet seien und nach irgend etwas gefragt hätten, worauf er keinen Bescheid habe geben können, weil er weder Italienisch noch des andern würdigen Herren Sprache verstehe. Es ergab sich, daß sie eine Taverne suchten, welche in der entgegengesetzten Vorstadt lag, und daß sie vom zitternden Alten in der Einsamkeit jener Gegend verlangt hatten, daß er sie dahin geleiten solle. Sie sollten dort ihren Anführer, den berühmten Stuckley antreffen, dem sie wichtige Dinge zu berichten hatten und der ihnen wiederum Ordre geben wollte. Ernesto, welcher jener Gegend ziemlich nahe wohnte, unternahm es, die beiden ungeduldigen Kriegesleute dahin zu führen, nachdem Don Luis die Zürnenden zufriedengestellt und den erschreckten Greis getröstet hatte. Als die Soldaten fortgegangen waren, nahm auch Luis von seinen Befreundeten Abschied, die übrigen zerstreuten sich ebenfalls, und beim alten Domingo blieb nur der Wirt und ein verarmter Buchhändler. Domingo, der sich wieder erheitert hatte, fragte den Wirt: »Wer war das freundliche Männchen mit einem Auge, der sich meiner so herzlich annahm? Er sieht krank und arm aus und ist doch so angenehm und redselig und hat ein Betragen wie ein Edelmann.« »Wir nennen ihn nur«, antwortete der Wirt, »Don Luis. Ich glaube, sein Familienname wird Zunega sein oder auf ähnliche Weise lauten. Er mag wohl Edelmann sein, aber er scheint gelehrt und von einem kleinen Vermögen zu leben.« »So? So?« erwiderte der Alte. »Ich hätte sonst fast glauben können ... ich laufe schon täglich seit drei Tagen herum ... es lebte noch vor vier Jahren in der Stadt der Dichter Camoens ...« Hier richtete sich der Buchdrucker auf und sagte: »Jawohl, alter Herr, aber der ist gestorben, drüben im Hospital St. Lazari, wo sie ihm eine Freistelle geschafft hatten. Der Mann, welcher sein schönes Buch gedruckt hat, wollte ihm in seiner Krankheit Hülfe senden, aber so stolz, wie er war, schlug er Geld und jede andre Unterstützung aus; und von allen Menschen, hoch und niedrig, verlassen, ist er wenig Monate darauf verschieden. Er hat in der letzten Zeit auch keinen mehr sehn oder vor sich lassen mögen. Glaubt mir, dieser Mann war der Herrlichste, der Begabteste aller Menschen, aber auch der Unbändigste im Stolz, so daß er keinem, selbst dem Könige nicht, verpflichtet sein wollte. Man riet ihm, wie der Herausgeber seiner Gedichte, vielerlei Wege, aber er mochte selbst dem Beichtvater des Königs seine Aufwartung nicht machen. – Aber warum weint Ihr, alter Herr?« Domingo konnte sich wirklich der Tränen nicht enthalten. So war es also noch mehr und unwidersprechlich bestätigt, daß jener edle Dichter, den er in dessen Jugend wohl gekannt hatte, nicht mehr sei, daß ihn Elend und Menschenhaß verzehrt hatten. War er so tief erschüttert, wieviel mußte das Herz seiner edlen Gebieterin leiden, wenn er ihr von neuem diesen Untrost mitteilen mußte. Als sie den Garten verließen, wollte der freundliche Wirt vom Geistlichen und Luis keine Bezahlung annehmen. Lächelnd, aber mit stolzer Bewegung drückte Luis dem starken Manne die kleine Münze für den genossenen Wein in die Hand, Matthias aber entfernte sich mit einem stummen Dank. Luis holte die Soldaten noch ein, und indem sie zwischen den weißen hohen Mauern der Gärten dahingingen und Luis mit dem Italiener sprach, begegnete ihnen ein Krüppel, der, seinem Anzüge nach, wie unscheinbar er jetzt war, auch ein Soldat mußte gewesen sein. Er wendete sich an die beiden Übermütigen mit flehender Bitte, diese aber sahen ihn mit Verachtung an und gingen mit kurzen Scheltworten weiter. Nur Luis blieb stehn und zog eine Münze hervor, die er einen Augenblick mit wehmütigem Lächeln betrachtete und die er dann dem Bettler gab, der ihm mit Rührung nachsah. Als er seine Gesellschaft wieder eingeholt hatte, sagte der Italiener hochfahrend zu ihm: »Man sieht es Euch doch gleich an, Sennor, daß Ihr kein Soldat gewesen seid, denn sonst würdet Ihr Euch nicht eines so unnützen Mitleides befleißigen. Jenen Tagedieben, die höchstens einmal beim Gepäck als Knechte gedient haben und die so häufig als Marodebrüder das Handwerk des Soldaten in Verachtung bringen, soll man nicht noch nachher, wenn sie verabschiedet sind, mit Hülfe beispringen. Aber Ihr kennt dieses Gesindel nicht, weil Ihr wohl immer als ein einfacher Bürgersmann so stille vor Euch hin gelebt habt.« »Nein, mein Herr«, antwortete Luis, »ich hatte Erbarmen mit dem Krüppel, so wenig ich ihm auch schenken konnte, weil ich selbst lange Soldat gewesen bin.« »Und wo habt Ihr gedient?« fragte der Italiener. »In verschiedenen Gegenden von Afrika und Ostindien.« »Allen Respekt«, rief hierauf jener, indem er ihm die Hand reichte, »und vollends, wenn Ihr im Felde das eine Auge eingebüßt habt!« »So ist es«, antwortete Luis. Der Deutsche, welcher sah, wie freundlich sein Kamrad gegen den unansehnlichen Mann geworden war, schüttelte ihm hierauf ebenfalls mit Heftigkeit die Hand, indem er im schlechten Italienisch sagte: »Also, Kamerad, Freund und Soldat! Habt aber nicht die vornehme Art; solltet Euch mehr in die Brust werfen. Und verkehrt dort mit dem Bürgerpack und Pfaffen und Schustern und Schneidern.« Der Italiener, welcher aus Florenz war, erzählte nunmehr, wie ihr Anführer, der brave, heldenmütige Engländer Stuckley, eine große Schar in Italien geworben und vom Papst selbst ein Breve zur Führung eines heiligen Krieges bekommen habe. »Wir sollten nämlich«, fuhr er fort, »eine Landung in Irland machen, um die ketzerische Königin Elisabeth zu bekriegen. Empörten wir das ganze Irland, und gelang es uns, dort allgemeine Verwirrung zu erschaffen, so landete wohl auch der spanische Philipp in England selbst, um dies Land zu unterjochen. Und zu solchen gewagten Unternehmungen ist kein Mensch so geeignet als der große, heldenmütige Stuckley, welcher selbst ein Engländer ist und die Gelegenheit und Landesart kennt. Er, der nichts fürchtet, wird, wenn ihm nur die Mittel geboten werden, die Welt in Schrecken setzen. Nun fügt es sich, daß Euer junger König Sebastian einen Heldenzug nach Afrika unternimmt, der beredet unsern Kapitän, ihn zu begleiten, und so werden wir unser Banner denn nächstens dort in den heißen Sandwüsten aufpflanzen, und kehren wir als Sieger zurück, wie es gewiß geschieht, so segeln wir mit neuen Kräften und frischer Mannschaft nach Irland hinüber.« »Ich bin«, sprach der Deutsche, »in der großen, schönen Stadt Nürnberg und eigentlich als ein Lutheraner geboren, was hier in Euren Gegenden und auch in Italien der größte Schimpfname ist. Ich habe auch einige Jahre in den Niederlanden gegen die Spanier gefochten. Dann geriet ich als Gefangner nach Italien und bin jetzt sozusagen ein katholischer Soldat. Das Kriegeshandwerk ist mir so lieb und teuer, daß es mir nicht so sehr, wie ich an tausend andern auch wahrnehme, auf die Religion ankommt. Wes Brot ich esse, des Lied ich singe.« Luis betrachtete ihn ernst und aufmerksam, wendete sich dann ab und sagte: »Ich denke nicht so.« Er nahm hierauf vom Italiener und Ernesto Abschied, welcher es unternommen hatte, die fremden Krieger auf den Weg nach jener Herberge zu bringen, welche sie suchten. »Der stille, freundliche Mann«, fing er Italiener an, »scheint beleidiget. Womit haben wir ihn verletzt? Ist er vielleicht ein Anhänger der neuen Lehre? Dann wundert mich nur, wie er in seinem Lande die Jesuiten und Inquisition nicht fürchtet.« »Nein«, erwiderte Ernesto, »Ihr tut ihm unrecht mit solchem Verdacht. Er schien mir im Gegenteil dadurch verletzt, daß Euer Freund den Glauben und die Religion als etwas Gleichgültiges betrachtet. Denn sooft sich die Gelegenheit bietet, welche er aber mehr vermeidet als sucht, über Religion und Kirche zu sprechen, ist er von Inbrunst und Andacht durchdrungen. Sowenig er andre verwunden oder verfolgen mag, so ist er doch ein echter Katholik.« »Wir in Italien«, erwiderte der Soldat, »denken oft leichter, und viele von uns, besonders die Vornehmern, sind gleichgültiger über diese Gegenstände. Hier mag dies alles anders sein, und ich will es nicht tadeln. Mir scheint aber auch, daß der echte Soldat nicht so kleingläubig und ängstlich sein muß. Ich habe mich darum nie mit den Spaniern gut vertragen können. Doch lebe jeder auf seine Weise und tue seine Pflicht.« »Ich könnte nicht herzhaft in den Streit gehen«, fügte der Deutsche hinzu, »wenn ich zu sehr an mein Gewissen und die Glaubensartikel denken sollte. Die Alten hatten eine eigene Kriegsgöttin, Frau Bellona. Sie ist es, die uns zunächst begeistern muß. Geht das große schöne Weibsbild vor uns her und blitzt uns von Zeit zu Zeit mit ihren hellen Augen an, so brauchen wir vors erste nichts weiter. – Wer ist aber dieser halbblinde Mensch, der so bescheiden und unterwürfig tut und dann mit einem Male wieder eine Miene annimmt, als wenn er ein Graf oder Herzog wäre?« »Wir sehn ihn oft«, erwiderte Ernesto, »aber wir wissen wenig von ihm, weil er von sich und seinen Schicksalen fast niemals spricht. Ich kenne ihn seit Jahren, aber es ist vielleicht nur das zweite oder dritte Mal, daß er, wie heute, seines Soldatenstandes erwähnt. Wir gehn deshalb auch mit ihm mehr wie mit einem Gelehrten um. Er ist nicht wohlhabend, aber, wie ich glaube, von vornehmer Familie. Warum er so zurückhaltend ist, wissen wir alle nicht. Sein Wesen aber, sooft wir ihn sehn, ist so freundlich und anmutig, daß wir nichts vermissen und ganz zufrieden mit ihm sind, so viel oder wenig er sich mitteilen will.« Jetzt waren sie an die Wegscheide gekommen, wo Ernesto sich von den Kriegsleuten trennte, indem er ihnen noch einmal den Weg beschrieb, den sie nun nicht mehr verfehlen konnten. »Das ist eine fatale, langweilige Nation hier, diese Portugiesen«, hub der Deutsche nach einiger Zeit an. »Alle sind so förmlich und zurückhaltend und dabei so überaus höflich, daß man gegen sie nur noch höflicher sein muß.« »Uns Italienern«, antwortete der andre, »können sie auch nicht gefallen; aber ihr Deutschen seid ja mit uns Welschen ebensowenig zufrieden: Wir machen ja auch, wie ihr immer wiederholt, zu viel Umstände und sind zu komplimentenreich und förmlich. Ihr aber erscheint mir als eine wunderliche Nation. Ihr seid offen, frei und herzlich, wie ihr es nennt, gleich seid ihr, auch die fremdesten miteinander, auf einen vertrauten und freundschaftlichen Ton, gleich bei der ersten Zusammenkunft vertraut ihr euch euer Geheimnis und trinkt aus den größten Kelchgläsern unter Küssen und Umarmungen, ja oft mit Tränen Brüderschaft, schwört, euch in Not mit Leib und Leben, mit Blut und Seele beizustehn und keine Gefahr zu scheuen.« »So muß es auch sein, Herr Soldat!« rief der Deutsche. »Das ist unsre echt deutsche Treue, unsre Herzlichkeit, in der wir alle Nationen übertreffen.« »Recht schön«, fuhr jener lächelnd fort, »aber kaum habt ihr mit dem neuen Bruder zwei Gläser getrunken, so erhebt sich über eine nichtsnutzige, fast unsichtbare Kleinigkeit, über ein Wort, eine Miene ein so heftiger Zank, daß die Freunde zu den Schwertern greifen und das Gelag mit Blut und Wunden endigt.« »Das ist unsre deutsche Ehre!« sagte der Deutsche. »Darum haben wir auch Respekt bei allen Nationen. Wo der Deutsche hinkommt, wird er als ein Held angesehn. Los fieros Alemanos, nennt ihr uns ja selbst.« »Der Franzose«, fuhr der zweite fort, »ist beinahe ebenso händelsüchtig, aber höflicher in seinem Zwist und gemessen in allem, was das Point d'honneur betrifft. Ihr Deutschen aber geratet sogleich in eine gewisse Wut, die uns, hier und dort im Süden, unbegreiflich ist, denn die besten Freunde ermorden sich oft im Zank und wissen nachher selber nicht genau, worüber sie sich gestritten haben.« »So muß es sein, Herr Kamrad!« rief der Deutsche mit hochrotem Gesicht. »Ihr wollt mich foppen, meine Nation verlästern! Aber das Donnerwetter soll mich erschlagen, wenn ich Euch diesen Schimpf vergesse! Zieht und legt Euch aus! Hier ist ein hübscher einsamer Platz für solche anmutige Spielerei! Heraus gleich mit der Klinge in des fluchwürdigen Teufels Namen! Wehrt Euch, Kamrad, oder ich haue Euch auf der Stelle nieder.« »Da haben wir die feine Bescherung!« sagte der Italiener, indem er langsam seinen Degen zog und scheu um sich blickte. »Ihr wißt«, fuhr er fort und stellte sich dem Gegner, »wie schwer Stuckley dergleichen Raufereien verpönt hat; der Tod steht unmittelbar darauf, wenn wir betroffen werden.« »Hier wird keiner unser Tänzchen stören«, rief der Deutsche, »nur heran, wenn Ihr keine feige Memme seid! Zum Sterben sind wir einmal, gleichviel ob so oder so, aber die Ehre muß dem echten Soldaten über alles gehn.« Sie kämpften hastig und eifrig. Der Deutsche vertraute seinem Mut, der Italiener aber war geschickter im Fechten, so daß er nach einigen Gängen seinem großen Gegner den Degen so aus der Hand schlug, daß dieser weit weg flog. »Ihr seid jetzt in meiner Gewalt«, sagte der Florentiner, »aber ich will sie nicht benutzen, nehmt Euer Schwert und fechtet weiter, wenn Ihr noch nicht genug habt.« Beschämt ging der Deutsche nach seinem Degen, steckte ihn langsam ein und sagte: »Ich habe genug.« Dann umarmte er seinen Gegner heftig, indem er ausrief: »Kamrad! Ihr seid ein echter Soldat, denn Ihr seid großmütig; so ziemt es dem Helden! Laßt uns Freunde und Brüder sein und bleiben.« Sie setzten hierauf einträchtig und in friedlichen Gesprächen ihren Weg fort. In einer Gegend, welche nur von den niederen und ärmern Volksklassen besucht wurde, lag eine Taverne, welche in der Regel nur diese aufnahm, wenn nicht der Zufall einmal einen Begüterten oder Vornehmen zu dem kleinen Hause führte. Wein, Früchte, manchmal Fleischspeise oder in Öl gebackne Fische wurden hier ausgeboten und für die billigsten Preise gegeben. Ein fröhlicher Kreis hatte sich zusammengefunden, in welchem ein junger Mauleseltreiber eben mit der behenden Tochter des Wirtes zum großen Ergötzen der Zuschauer tanzte. Zwei neugeworbene Soldaten lobten die Wendungen und machten sich herbei, um sich ebenfalls nach dem Schall des Tamburins zu zeigen und Bewundrung einzuernten. Die beleibte Mutter aber, welche für die Gesundheit der Tochter besorgt war, lösete sie ab, um selbst mit den jungen übermütigen Burschen den Reigen aufzuführen. Vielleicht wollte sie auch die Vertraulichkeit dieser Unbekannten mit ihrer Tochter verhindern, und so tanzte und schwang sie sich mit ihrem starken Körper mühsam herum, zuletzt keuchend und ächzend, zum freudigen Ergötzen aller Zusehenden, am meisten jedoch des Wirtes, dessen laut schallendes Gelächter endlich die dünne Musik übertäubte und zum Schweigen brachte. Er verspottete sie, indem sie ermüdet auf einen Schemel niedersank, daß sie die vergessenen Kunststücke ihrer Jugend wieder hervorsuchen und geltend machen wollte. »Freilich paßt es nicht mehr für die Dame«, sagte Fedrigo, einer von den neuen Soldaten. »Es ist unbillig, wenn der Mensch nicht nur sein Brot im Schweiß seines Angesichtes erschaffen, sondern auch noch seinen Zeitvertreib und seinen Spaß so mühselig erringen muß.« Belindo, ein Wasserträger, der sich viel damit wußte, daß er einmal den heiligen Jago von Campostella in Galicien auf einer Pilgerfahrt besucht hatte, rief aus: »Nicht wahr, Freund Kesselflicker, Don Ermindo, wir beiden sind über dergleichen weltliche Freuden hinaus? Eine Wassermelone, etwas Zucker und Wein, damit sitzen wir hier an den alten Feigenbaum gelehnt und haben unsre Lust an tiefsinnigen Gedanken.« »Jawohl«, antwortete der würdige Kesselflicker, »und jetzt ist eine Zeit, wo kein echter, redlicher Portugiese der Freude frönen sollte.« »Was hat es denn schon wieder gegeben?« fragte der Wirt, der sich vergebliche Mühe gab, sein heiteres, breit aufgelaufenes Gesicht in ernsthafte Falten zu legen. »Was es gegeben hat?« fuhr ihn der Kesselflicker an. »Kein hat, es gibt noch und immerdar: unser Zug nach Afrika hinein vom König, dem Adel, der Ritterschaft, so vielen edlen Männern und Frauen – das gibt es.« »Das ist schon einige Monate alt«, sagte der Wirt gleichgültig, »und sind ja noch nicht abgefahren.« »Gottlob noch nicht«, erwiderte der Kesselflicker mit tiefsinniger Miene, »vielleicht fügen es die Heiligen und die Fürbitten aller guten Christen noch so, daß der unglückselige Zug unterbleibt.« »Warum das?« fragte Fedrigo, der Neugeworbene. »Mir wär es freilich lieber, wenn wir mit unserm Irland steuern könnten, aber so, wie es nun beschlossen ist, müßte jeder fromme Christ, meine ich, uns seine andächtigsten Gebete nachsenden, weil dieser Heldenzug des Königes für Gott und seine Kirche geschieht. »Junger Mensch«, erwiderte der Kesselflicker, »Ihr wißt nicht recht, was Ihr sprecht, denn Ihr seid noch unerfahren, Ihr habt die Welt noch nicht gesehn. Habt Ihr schon den heiligen Jakob zu Campostell, so wie ich und Belindo taten, einmal besucht?« »Nein«, antwortete der Soldat. »So schweigt auch ganz stille«, fuhr jener fort, »denn auf die Art könnt Ihr kein Urteil über wichtige Dinge fällen.« »Meinetwegen«, sagte der Jüngling, »ich weiß wenigstens in meiner Bescheidenheit soviel, daß ich keinen Kessel flicken kann.« Die andern jungen Burschen lachten laut, und einer von den Maultiertreibern sagte: »Ich habe schon fünf- oder sechsmal vornehme Herrschaften zum heiligen Jakob in sein Gebirge geführt, aber ich verstehe darum doch nicht, was Ihr meinen könnt.« Der Kesselflicker sah den kecken jungen Mann forschend in das fragende Gesicht, nahm hierauf ein kleines feines Stäbchen und stocherte sich mit wichtiger Miene die Zähne, die groß und schön hinter seinen vollen Lippen hervorglänzten. Aller Augen waren brennend auf den Philosophen gerichtet, und dieser, nachdem er die Erwartung lange genug gespannt hatte, sagte endlich: »Weil dieser Zug, das weiß ich mit Gewißheit, zum Unglücke ausschlagen wird, der König und der Adel, das Heer und die Ritterschaft werden dort in Afrika untergehn, und kaum hundert, wohl nur zehn, kann sein, kaum einer, der von dort nach unserm Lissabon zurückkehren wird.« Eine große Feige lösete sich, durch den sanften Abendwind bewegt, vom Zweige und fiel dem Sprechenden in diesem Augenblick auf die große gekrümmte Nase. »Da haben wir die Bestätigung und die Vorbedeutung!« rief er mit einem feierlichen Ton, als er sah, daß seine Zuhörer wieder zum Lachen aufgelegt waren. »Eine Vorbedeutung?« nahm der flinke Maultiertreiber das Wort. »Weil eine Feige patschend Eure Nase daran erinnert, daß sie sich nicht zu hoch in den Himmel hineinstrecken soll? Es bedeutet, daß man die Feige gestern abzubrechen vergessen hat, denn wäre der Stiel nicht schon eingeknickt gewesen, so hätte sie Euch diesen plötzlichen Besuch nicht machen können.« »Also«, fuhr der Kesselflicker fort, »Ihr wart in dem alten Galicien und an jener heiligen Stätte? Gut. So werdet Ihr auch wissen oder Euch vorstellen können, daß an diesem Galicien nach Osten zu wieder andre spanische Provinzen grenzen. Westlich von dort, wie hier, das Meer. So kommt man denn, wenn man nach Osten zieht und allgemach immer weitergeht, die Richtung aber richtig observierend, vorzüglich indem man sich etwas südlich lenkt, unvermerkt nach einiger Zeit in das Königreich Aragonien und in diesem zur alten, weltberühmten Stadt Saragossa.« »Haltet zu Gnaden«, rief der Maultiertreiber, »ich bin auch schon zweimal in Saragossa gewesen, aber Eurer Beschreibung nach würde ich den Weg mein Tage nicht gefunden haben. Ihr beschreibt die Länder und Provinzen so, als wenn sie wie ein Waffeleisen gebaut wären.« »Elender Vergleich!« rief jener aus. »Ich bitte nur, mich zu Worte kommen zu lassen. Also denn, ich traf gestern den Kapuziner, Bruder Melchior, mit welchem ich einen nachdenklichen Spaziergang machte. – Dieser erzählte mir folgendermaßen: Nicht weit von Saragossa, etwa nur eine kleine Tagereise von der Stadt, befindet sich ein Dorf, welches Vilela genannt wird. Im Glockengebäude dieses Orts hängt neben einer andern, gewöhnlichen Glocke eine höchst wundersame, mystische, wie Melchior sie nannte, und mit übernatürlichen Kräften begabte. Seit undenklichen Zeiten hat jedesmal, wenn dem Lande ein großes Unglück bevorsteht, dieses scheinbar unbelebte Metall laut und heftig geläutet und gestürmt. Viele überkluge Vernünftler, welche alles Göttliche immerdar bezweifeln oder begreifen wollen, haben diese Sache verspottet, weil sich die wahrsagende Glocke seit lange nicht hatte vernehmen lassen. Aber plötzlich hat sie seit einigen Wochen, sowie die Einschiffung unsers erlauchten Königs nahe bevorsteht, sich so klagend und abwechselnd stürmisch vernehmen lassen, daß Angst und Grauen jene klugen Zweifler befällt. Am hellen Tage, indem Geistliche und Weltliche, Vornehme und Geringe da vor dem Turme stehn, der nicht hoch ist, setzt sich plötzlich, ohne Menschenhand, die Glocke in Bewegung, der Klöppel schlägt an, langsam, laut, dann schnell, dann dumpf oder, indem die Glocke zu hastig wirbelt, im fürchterlichen schrillenden Ton, welcher das Ohr betäubt. Unten zieht niemand den Strang, oben ist niemand bei der Glocke, der Küster, welcher sonst läutet, steht unten mit Entsetzen, sein Auge starrt hinauf, er kennt seine sonst folgsame, fromme, gehorsame Glocke nicht wieder; aber er, alle fühlen, daß eine Geisterhand sie rührt und die furchtbare Weissagung über die Länder hinaustönt. Und alle deuten es auf den Untergang unsers Königes und Reiches. Andre fügen hinzu, die Glocke wisse schon, daß wir nach diesem Unglück spanische Untertanen werden müßten, weil nach dem Absterben der alten Eminenz, des Kardinals Heinrich, Philipp der nächste Thronerbe Portugals sei.« Alle hatten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit der Erzählung des Kesselflickers zugehört, alle Gesichter waren ernst geworden, alle schwarzen, blitzenden Augen starrten aufgerissen nach seinem Munde, die Tochter des Wirtes weinte. Der junge Maultiertreiber sagte nach einer Pause: »Nein, meine werten Freunde, wenn die Glocke von Vilela wieder geklungen hat, so ist es mit allem Spaß am Ende, so müssen wir höchst traurigen Begebenheiten entgegenschauen, und unser König geht gewiß zugrunde.« Alle seufzten und bekreuzten Brust und Stirne, indem sie Gebete murmelten. Während der Erzählung war ein ziemlich bejahrter Neger, der oft diese Gesellschaft besuchte, um sie mit seinen Scherzreden zu ergötzen, hinzugetreten und hatte ebenso aufmerksam als die übrigen zugehört. Jetzt bemerkten ihn die Maultiertreiber, und der eine von ihnen sagte: »Nun, du schwarzer, hinkender Jao, was sprichst du, Bursche, zu diesem Wunder?« Der alte Neger, welcher hier gern gesehn war, weil er die Sprache der Portugiesen nur unbeholfen sprach, antwortete: »Was sagen? Was kann Mensch von Erde sagen, wenn Zungen von Metall sprechen tun? Rührt sich ein Geist im Erz, gut, begreiflich; wird das Metallding selber Zunge, spricht, schreit, wehklagt, wieder begreiflich, wenn's nur nicht Wort, Spruch, vernünftige Red von sich gibt: Baum nickt, Meerwoge schreit, Brandung schilt und flucht, und Luftgeister musizier oben in Pinien, Zeder und Zypreß. Spricht alles, weissagt, macht Betrachtlichkeit und will zu Vernunft hinausfahre. Kann ein Klock so hantier und ist eiserner Prophet, so braucht kein Mensch sich verwunder und schelte, daß meine Landsleut Furcht und Schreck vor alle Klock hab, und kein Moslem und Türk will solch Propheteneisen in seiner Stadt und Kirche leiden.« »Ungläubiger«, fuhr ihn der Wirt zornig an, »lästere nicht unsre heilige Kirche, am wenigsten diese Wunderglocke!« »Halt!« rief der Neger. »Mann von Wirthaus, reiß nicht dicke Augen auf gegen mir! Bin Christ, wenn auch kein alter, bin getauft als Antonio, fromm geworden, bekehrt, drauß auf Molukken. Und besser so getauft als wie die unverständigen Kind, die nichts davon begreife und nur greine und schnarre und um sich sprudele.« »Also«, sagte ein Neugeworbener, »du bist mit Verstand getauft, du hast damals die Sache begriffen? Wie war dir, Gespenst, denn damals zumute?« »Seht, Herr«, antwortete der Neger, »konnte mir schon lang mit meine Götzenbilder nicht vertrage: Hatte das Kerl nicht ein Schnauz, als wenn er mir auffressen wollt, wenn ich ihm mein Reverenz macht. Hat mir auch nichts geholfe, wenn ich den Granzhans um was höflich ersucht hab, sitzt immer stumm und grob, als wenn das Tier von Holz war, war auch als Holz gebaut, konnte nit anders. Lang schon hatte ein fromm Christenpriester sich mein erbarmt und auf meine gläubige Seel herumgepredigt und hantiert; legte mir alles aus und gab meinem dummen Geist so rechten Stoß und Ruck in das Unbegreifliche 'nein, daß ich's in Brust und Herz und Rippen fühlte. Nun tauft mir der Mann in seiner schönen Kirch, wie meine Lebensgeister darauf präpariert war. Ach! Ach wie das allerheiligst Wasser und Wort mir Gebein und Verstand naß macht, anrührt, durchdringt oder penetriert, seht, wertachtungswürdige Christenherren, da brummt, summt, flammt und grollt es mich so im Herzen, als wenn drei Bienenschwärme darin herumsuselten. Kam in mich Feuerbrand und Zorn, und wieder sanft, sanft, wie weiße Täublein durch blauen Morgenhimmel ziehn in erster Frühe, wenn Tau noch an Blumen weint. Fühlte, daß meine Seele neu war geworden, fühlte, wie gütige lieber Heiland mich in seine zarte Arme nahm und sagte: Arme schwarze Kreatur, Mensche habe dich geschlage und gefoltert und mit Füße getrete, bleib du bei mich, sieh mir in mein Auge, wenn du wieder traurig bist, will dir wie Kind, wie Bruder liebhabe, denn du hast nicht Eltern, nicht Schwester und Bruder. – Ja, meine Gönner, meine Eltern hatten mir ja selbst nach der Fremde hinaus für bißchen Geld verkauft. – So bin ich Christ und glücklich geworden, bin nicht weiß, nicht Portugiese, bin Bettler, schwarz Sklave, kann aber selig werden und bin's schon, wenn an schöne liebe Jesus denke.« »Ich wußte nicht, daß du so fromm warst, Jao«, sagte der Wirt. »Was ist fromm?« erwiderte der Neger. »Als in allerheiligster Taufe mir Wasser mein Gemüt rührte und umtrieb, da brudelten die großen Mühlenräder in mir und mahlten brausend und sausend das feine Getreid für meine ganze Lebenszeit; denn seitdem ist Schwung der Räder in mir still und arbeitet kein Getriebe mehr. Die Speise aber ist da für Winter und Sommer und soll, hoff ich, keine Darbung und Hungersnot einfallen. Wächst in mir still wie ein Lilienbaum die Pflanze von Glauben und gibt seinen Duft und weißen Glanz durch den ganzen Garten am stillen Abend. Und wenn mir mal Welt nicht gefallen will, ich überdrüssig, hinzuhinken und zu wackeln, so richte meine müden Augen auf meinen anmutiglichen Heiland, der als braver Mann sein Wort hält und halten wird.« »Der Kerl«, sagte der Maultiertreiber, »hätte ein Priester werden können, um andre seiner schwarzen Glaubensgenossen zu bekehren.« »Wollte erst«, antwortete der Sklave, »auch meine Herren Geistlichen dachten dasselbe, da kam aber wieder Demut über mir und hörte wie eine Stimme: Knecht sollst du sein, draußen bleiben, Gatter zu und Schloß vor, denn bist nicht würdig, im Weinberg selber zu arbeiten.« »So dächt ich wohl auch«, antwortete der Kesselflicker. »Da hinein gehören keine Narren, und die Herren Geistlichen, wenn die Sache anders wahr ist, liefen auf einem sehr falschen Wege.« »Und was er von der Mühle gesagt hat«, fiel der Wasserträger ein, »ist ganz dumm, denn wie kann einer sich wohl für seine ganze Lebenszeit Korn mahlen lassen? Das Mehl würde auch verderben, und die Würmer dürften wohl hineingeraten. Der Mensch schwatzt immer Zeug durcheinander, nicht gehauen nicht gestochen, ohne Hand und Fuß.« »Hinkend«, sagte der Maultiertreiber, »sind alle seine Gedanken, so wie er selber es ist.« »Weil er so hübsch hinkt«, rief die Tochter aus, »muß uns der Alte wieder einmal etwas tanzen, das hat er schon seit lange nicht getan!« »Ja! Ja! Tanzen soll er«, riefen alle. »Meine Herren«, sagte der Mohr, »Ihr habt vorher alle gemeint, wir dürften nicht mehr so gar lustig sein, weil die Klocke von Vilela so schlimm geklungen hat. Wir sein gesetzt und nachdenklich. Mein Tanz, den ich noch aus Heidentum mitgebracht, ist unchristlich.« »Eben darum«, sagte der Kesselflicker, »weil es kein christlicher Tanz ist, sollst du deine gottlosen Sprünge machen, denn die schaden unserm Glauben und unsrer Trauer nichts. Es braucht ja auch keiner mit dir zu tanzen, wir schauen nur zu, und wenn du uns deine schwarzen Kunststücke vormachst, so tut das unserm Gewissen keinen Eintrag.« Sogleich nahm das Mädchen das Tamburin und schüttelte die Schellen, sie ließ jene einförmige Musik erschallen, die für Tanz und Gesang gemeinhin paßt, und der lahme Schwarze hinkte herbei und drehte sich bald schnell und dann wieder langsamer in possierlichen Stellungen herum. Er wackelte mit dem Kopf, riß die Augen und sperrte den Mund auf, so daß die weißen Zähne in der schwarzen Masse des Gesichtes lächerlich und furchtbar glänzten. Nun ward der Takt schneller, und er sprang hin und her, schleuderte sich mit dem Körper in allen Richtungen, schlug sich über und ging auf den Händen, den Kopf unten und die Beine oben. Alles jubelte und lachte, und als die Freude am lautesten war, konnten erst die jüngeren und dann die älteren Männer nicht widerstehn, sich ebenfalls abgemessen im Kreise zu drehen und mit hüpfenden und springenden Bewegungen abzuwechseln. Auch das Mädchen sprang mit der kleinen Trommel zwischen die Tanzenden, und alles jubelte, sang und stampfte, indem die wohlbeleibte Wirtin eine alte Romanze zum Takte keuchend sang und der Wirt seine Mandoline ergriffen hatte, um mit einem reißenden Federkiel helle und schrillende Töne aus dem gewölbten Instrumente zu ziehn. Das Geklimper und Gesinge brach aber plötzlich durch einen heftigen Schreck ab, welcher alle durchfuhr, denn ein vornehmer Kriegesmann stand im glänzenden Schmucke vor ihnen und beschaute, behaglich lächelnd, die schwärmende Gruppe. Als alles so plötzlich still geworden war, sagte er: »Meine Herren, Ihr solltet Euch nicht so ungeziemlich stören lassen, denn mich freut es, diese unschuldige Lust mit anzusehn, die mich an die Maienspiele meines Vaterlandes erinnert. Der Mohr dort, ob er gleich lahm scheint, ist von besondrer Spring- und Federkraft, das Mädchen hat sich gar anmutig umgeschwungen, und meine jungen Rekruten erfreuen mich durch ihre gewandte Behendigkeit.« Alle verbeugten sich in Ehrfurcht, und die Rekruten drängten sich herbei, dem vornehmen Manne die Schärpe zu küssen. »Ich erwarte hier nur«, fuhr der Anführer fort, »zwei von meinen Offizieren, die mich abholen sollen, weil mein Weg mich hier vorbeiführte. Gebt nun, Herr Wirt, meinen jungen Soldaten und auch diesen andern Herren Wein und Erfrischung.« Er reichte dem Mahne ein Goldstück, und als die beiden Offiziere jetzt, jener Italiener und Deutsche, eintraten, wandte sich der Engländer Stuckley, denn dieser war der geschmückte Mann, mit freundlicher Miene zu diesen und sprach heimlich mit ihnen, im Begriff, sich zu entfernen. Der Neger aber rief plötzlich mit heller Stimme: »Nein, nein! Bascha, Kapitän, Admiral nicht weggehn muß! Hat mir tanzen und springen, hat mir Spaß machen sehn, hat gelacht und sich gefreut, muß nun auch bißchen von seiner Wohltätigkeit, von seinem blanken Silberchen zu sehn kriegen«. Stuckley stand still, betrachtete den Neger, der in einer gebückten und possierlichen Stellung vor ihm kauerte, und sah dann den Wirt an. »Ja«, sagte dieser erläuternd, »der Schwarze kommt oft zu uns und bettelt, er ist lahm, es mag ihn wohl kein Herr mehr brauchen können und ihn der letzte weggejagt haben, so ist er denn oft der Narr und Spaßmacher, um meinen Gästen kleine Geschenke abzulocken, die der Gauner so zu kirren weiß, daß ihm auch der Ärmste etwas mitteilt.« »Kein Gauner«, rief Antonio, »armer Sklav – kein Spaßmacher und Narr, bedürftiger Mensch! Aber die großmütigen Herren Portugiesen wollen lieber einem Toren, Gaukler was mitteilen, als wenn mich für ihren Menschenbruder ausgeben täte.« Stuckley reichte ihm die Hand und sagte: »Steh auf!« Antonio richtete sich empor und legte dann die Hände ineinander, indem er mit dem rührendsten Tone, in der Art der Kinder sagte: »Bitte, bitte, was schenken! nur en bissel!« Der Anführer zog seinen Beutel, nahm zwei Goldstücke heraus und legte sie in die ausgestreckte schwarze Hand. Sowie der Neger das Gold in seiner Hand glänzen sah und die Schwere der Münzen fühlte, warf er sich wieder auf die Knie und küßte den Fuß seines Wohltäters. »Sei nicht so sklavisch, so hündisch«, sagte Stuckley, »bedenke, daß du ein Mensch bist wie ich.« Der Neger ließ sich aber durch diese Ermahnung nicht irremachen, sondern blieb in seiner knienden Stellung und drückte die Goldstücke an den Mund. »O Gold! Gold!« rief er im Entzücken und weinend aus. »Wie lange, wie lange ist es schon, daß ich dein Glanzgesicht nicht gesehn habe! Und mein bist du, mein! Mein Diener, mein Sklave! Mußt mit deiner Glanzseele in meiner schwarzen Hand leuchtend herumspringen. Mußt mir gehorchen, wie ich dir kommandier! Bist Herr der Welt und doch jetzt mein Knecht!« Nun sprang er auf und wendete sich bittend an den Italiener und den Deutschen. »Auch schenken«, flehte er, «auch etwas schenken zum Angedenken: Steckens die lieben weißen Hände, o große Kriegsmänner, da in den Beutel, suchen etwas heraus für armen schwarzen Schelm, der für Eure beiden Schwerter beten wird.« Die beiden Krieger sahen sich mit einiger Verlegenheit an, da aber Stuckley, ihr Anführer, stille schwieg, so konnten sie es nicht unterlassen, so unwillkommen es ihnen auch sein mochte, der Gelegenheit und dem Ungestüm des schwarzen Mahners etwas zu opfern. Jeder, der Italiener sowohl wie der Deutsche drückten dem Schwarzen ein Goldstück in die Hand, welcher sie mit seinen brennenden Augen anschaute. Als er die Gabe empfangen hatte, küßte er fast weinend die Münzen und dann die Hände der Gebenden. »Haben die Engel heut«, sagte er dann, »ein allerliebsten Tag wie große seidene Purpurdecke aus ihrem lichten warmen Himmel heruntergelassen. Mein Ohren vernehmen Beckenklang und Trummelmusik und güldne Schellen von Paradies herüber, und schöne Wohlruch strömen süßlich und anmutig durch Sommerluft. – Nun aber«, indem er sich zur übrigen Gesellschaft wendete, »auch Ihr, geehrte Herren, etwas Kleines ausbeuteln, daß die goldne große Münz Umgang hat und nicht wie fromme Einsiedler in die dunkle Tasch ohne Gesellschaft und Unterhaltung sitze. Lassen sich gern herab, die Goldherrn, spreche und amüsier sich in niedriger Sozietät von klein Silbermünz, allerkleinst Kupferreis, gut und angenehm. Klingelt dann alles so recht hübsch durcheinander und rührt und tanzt gemütiglich und lustig. Helfens zu dem Umtanz und Umschwung, liebe, vortreffliche Christenleut.« »Hast du noch nicht genug?« fragte Stuckley, der sich an dieser Szene zu belustigen schien. »Dieser?« erwiderte der Wirt. »O Exzellenz, niemals, er ist so unersättlich wie die See. Und so milde und ruhig, gewissermaßen fromm der schwarze Mensch ist, so ist er doch ein Tiger und Löwe, wenn sein Geiz, diese furchtbare Leidenschaft, in ihm erwacht. Haben, Besitzen, Sammeln, und immer mehr und mehr, das ist es, was sein Blut in Wallung setzt.« »Haben! Haben!« schrie der Neger auf. »Ja, das ist die Seligkeit dieser Erde, das ist Himmelreich! Und Bettler wie ich, die nichts, gar nichts haben, wir wissen, ja, wir, was Haben bedeutet. In jedes Nachbarn, Menschen Tasche wohnt und klingt unser Besitz, nun kommt die Hand, nimmt, faßt, noch eben war ich, hatt ich nichts, nun ist das Kupferstück, Silbermünzchen mein: So von dir, von dir und dem, und Saat kann in jedem Vorbeiwandler nachwachsen. Ach, die zarten lieben Pfennige, die weißen Metallblättchen, und nun kommen s' zu mir wie Lämmer zum Hirten. Heut nun gar Gold, vier große regierende Sultans. Fehlen noch Untertanchen; beutelns aus, schüttelns her, großmütigste Portugiesen, sein nicht geizig, unmenschlich, werden's mit Segen wiederum empfangen. Will jeden kleinen unansehnlichen Zwerg, alle ohne Unterschied, mit Gebet und Vorbitte empfangen.« Stuckley sagte: »Der Kerl gefällt mir aus der Maßen, weil er eigentlich so ganz rein den Menschen darstellt, der durch Erziehung angelernt noch keine Großmut und Resignation oder Genügsamkeit affektiert.« Er nahm den Wirt beseit und gab ihm lachend noch eine Summe, indem er ihm zugleich auftrug, die ganze Gesellschaft dieser Armen noch reichlicher, als jenes Goldstück es bereiten konnte, heut und morgen zu bewirten, sie aber so zu stimmen, daß sie, wenn auch jeder nur wenig opferte, dem geizigen Neger steuerten. Der fröhliche Wirt ging lachend herum und eröffnete seinen Gästen, was ihnen bevorstände. Alle sahen zum abenteuerlichen Engländer wie zu einem Wunder empor, dessen verschwenderische Großmut ihnen als ein unverständliches Rätsel erschien. Jeder von ihnen, die Rekruten, der Wasserträger, Kesselflicker und alle übrigen suchten größere und kleinere Münzen hervor, und alle beschenkten den jauchzenden Neger nicht ungern, da sie den Schmaus auf heut abend und morgen mittag, und zwar einen reichlichen, vor sich sahen. Als Antonio alles eingesammelt hatte, sagte der Wirt zu ihm: »Nun also, Schwarzer, setze dich, wir wollen gleich auftragen lassen, iß dich einmal recht satt – und morgen mittag, Freund, komm wieder, und du sollst es noch besser finden.« Der Mohr sprang mit beiden Beinen in die Höhe und sagte dann: »Nichts essen, Freude zu groß, komm auch morgen nicht, bin satt, ganz satt.« Der Wirt sah ihn verwundert an, nahm dann aus einer Felsengrotte eine Flasche und sagte: »So nimm denn wenigstens von mir von meinem besten Wein zum Geschenk, wenn du nicht mit den andern Herren hier an der Großmut des Herrn Generals teilnehmen willst.« Noch einmal dankte der Neger halb lachend und halb gerührt allen, vorzüglich dem Engländer, und lief dann mit der Flasche unter dem Arm eiligst davon. Die Nacht hatte indessen die kurze Dämmerung überwunden, und Stuckley ging mit seinen Offizieren und Rekruten nach der Stadt zu, indem sich dieser und die Zurückgebliebenen auf verschiedene Weise über den Neger unterredeten. Alle verwunderten sich, daß der Geizige die Mahlzeiten verschmäht hatte, und die Gesellschaft in der Schenke suchte sich dieses Unerwartete zu erklären, indessen die Soldaten mit ihrem Anführer das Haus der Villa bald erreichten, wo dieser in einem großen, schön geordneten Garten wohnte. Es war eine stille Nacht herabgesunken und hatte sich auf der kühlen Erde gelagert. Die Luft war abgekühlt, ein linder Tau hatte die Bäume und Gesträuche erfrischt. Kein Wind regte sich, das Meer lag still, und leise flüsterte die Woge, anmutig am Ufer spielend. Die Sterne glühten vom dunkeln Himmel, und das erste Viertel des Mondes stand über dem grauen Gebirge Cintra. Einsam wandelte Luis am Ufer hin und her. Er sah nach der Stadt hin, in welcher von Palästen und den großen Häusern die Lichter herüberglänzten und im Widerschein des Meeres spiegelten. Feuerwürmer flogen in lichten Wolken auf, und die tausend leuchtenden Tropfen regneten spielend in die grünen Gebüsche hinein. Ein Fisch sprang von Zeit zu Zeit im Wasser empor und unterbrach die feierliche Stille. Auch kam wohl von fern ein Klang langsam vertönend vom Meere herüber. Luis sah heiter umher, und der Duft vom Meer, die erfrischte Luft, die Lichter, die zitternden, der Glanz der festen Sterne, das Echo des Windes, das sich lispelnd in den Baumblättern meldete, erhob seinen Geist und führte ihm die verlebten Jahre seinem Gedächtnisse wieder vor. Gern wandelte er so wie jetzt in den Sommernächten umher, das Lager und enge Zimmer ängstigte ihn; das Gespräch seines Geistes mit der Natur tröstete und erhob ihn über die Drangsale des Lebens. Ein dunkler Schatten bewegte sich schnell auf ihn zu, und als er näher gekommen, sagte Luis: »Bist du schon da, Antonio? Ich hatte dich nicht so früh erwartet.« »O Glückstag! Glückstag heute!« rief der Neger erfreut. »Mehr heut bekommen als sonst in Monaten! Schaut, Herr, lieber Herr, vier große, schwere Goldmünze und hier noch Silber und kupferne Münzen.« »Treuer Mann«, sagte Luis, »das Glück hat dir wirklich beigestanden.« Er wägte das Geld, welches der Mohr in seine Hand hatte fallen lassen, und sagte dann ruhig: »So kann ich mir endlich ein anständigeres Gewand und einen Mantel anschaffen, und ich darf mich nicht mehr von so vielen Augen als einen Verdächtigen mustern lassen. – Hast du dir genommen, Freund, was du brauchst?« »Weißt ja«, sagte der Neger, »lieber, verehrter, großer Herr, daß Antonio nichts braucht, daß ihm, dem Schwarzen, nichts abgeht. Dir Freude machen, dir alles geben, was ihm Menschen schenken, das sein Glück, sein Lust. – Hier, guter Wein, großer, lieber Herr, hier, eingekauft gute Speisen und Brot.« »Das ist also«, antwortete jener, »eine unerwartete Festnacht, in welcher sich mir alle Güter der Erde entgegendrängen. So wollen wir uns denn nach jenem Gebüsche begeben und unsre späte Mahlzeit halten. – Welchen Tag haben wir heute?« »Donnerstag und den vierten Julius.« Der Sklave legte ein Tuch auf den Rasensitz und stellte auf dieses zwei Becher und die Weinflasche, welche er aus seinem Korbe nahm. Dann legte er auf kleinen Tellern die Fische, das Geflügel und Gebackne aus, das weiße Brot und einige Früchte. Er sah bedenklich nach seinem Herren aus, der indessen nachsinnend auf und nieder wandelte und sich schwermütig vom Mahl entfernte. Kommen denn, sagte Luis zu sich selbst, immer wieder Tränen an diesem Tage? Wohin seid ihr entflohn, ihr schönen Stunden, als ich so glücklich war, an ihrer Seite, beim Glanz der Lichter, ihres lächelnden süßen Mundes diesen Tag zu feiern? Wie viele Jahre liegen zwischen jetzt und ihrem letzten, leuchtenden, tränenvollen Blick! Also heut war sie geboren, heut vor fünfzig Jahren! Wo ruht nun ihr Staub im fernen Gebirge? Und ist meine Form auch zerbrochen, so ist auch das Andenken ihrer Schöne und Hoheit unter den Menschen erloschen. Ich aber fühle sie und ihre Herrlichkeit im Hauch der Nacht, im Glanz der Gestirne, die Erinnerung an sie durchdringt alle meine Lebenskräfte, und so ist es, als wäre es gestern, wie ich sie sprach und liebte. Und welche Kluft dazwischen! Und in dieser wieviel Leiden und Tränen und Kampf! Nur diese Erinnerung an sie ist die Wahrheit meines Lebens, alles andre nur wie Märchen und Lüge. Traum des Lebens, o du herzdurchdringende Wehmut: Wird denn eine Zeit kommen, wo auch das Vergangene wieder Gegenwart wird? Wir streifen nur wie in einem flüchtigen Tanze allen Gegenständen vorüber und berühren sie kaum mit den Händen; was wir anfassen, schwindet und welkt wie die Blume des Feldes; indem wir dem teuern Wesen Auge in Auge sehn, wandelt es wie die helle Wolke, die über dem Meer dahinzieht – und so sind wir plötzlich einsam und fragen uns in träumerischer Angst: War es denn da, was ich lieben und halten wollte? Doch ruhig, du ungeduldiges Herz, mein Freund dort wartet und betrübt sich um mich. Wir wollen ihr Angedenken im Genuß des Irdischen feiern. Er ging schnell zurück und setzte sich neben den Sklaven. Dieser schenkte Wein in einen Becher und reichte ihm diesen, indem er sagte: »Der gute Wirt dort unten hat mir den Wein gegeben.« »Er ist gut«, erwiderte Luis, indem er langsam trank, »er stärkt und löset die ängstlichen Fesseln der Gedanken.« Er blickte in den Himmel und die weite Landschaft hinaus. »Ach, was ich glücklich bin«, fing der Sklave wieder an, »daß ich dir, großer, lieber Herr, einmal Freude habe machen können. Wo ist in ganzer Welt der Knecht, der Schwarze, der so neben seinem Herrn sitzen darf und mit ihm essen und trinken? So mit ihm schwatzen? Und doch nennen dumme Leute dich stolz und hochmütig, weil nicht ihr Narr sein willst.« »Ja, Antonio«, sagte Luis, indem er ihm die Hand reichte, »du bist mein Freund, mein Ernährer, mein Beschützer, der einzige auf Erden, vor dem ich mich nicht scheue, der mir ein Bruder ist und dessen Wohltaten mich nicht quälen.« »Sprich nicht so, großer, göttlicher Mensch«, rief der Sklave, »sonst schnürt so an meinen Hals, daß ich nichts schlucken kann! Hast du mir nicht damals in Ormuz von Tod und Folter loskauft? Und mit deinem ganzen Vermögen? Hast nicht damals mit dem großen Statthalter gezankt, daß er dir auch wollte ins Kerker schmeißen? Sagten nicht Kapitäns, du wärst Rebell, verdientest totgemacht zu werden? Ja, großer Mann, hast mir beigestanden wie Christ und Bruder, wie Heiland – und was bin ich Wurm dir? Leidest mich um dich, liebst den Schwarzen – und du, so klug, gelehrt – und ich dumm, schwarz, nur Vieh gegen dir.« »Nein, mein Antonio«, sagte der edle Portugiese, »wir wollen uns nicht erweichen, wir wollen heiter diese schöne Nacht, dieses ungehoffte Mahl und ich das schönste Andenken aus meinem Leben genießen. Deine Treue macht dich der Freundschaft der Edelsten wert, du hast mich, ich habe dich erkoren.« »Könnt ich dir Reichtum«, rief der Neger, »Haus und Palast schaffen! Dir zum großen Admiral machen! König müßtest sein! Papst!« Luis lachte herzlich. »Du begreifst nicht«, sprach er dann, »wie wohl mir ist in dieser Armut, seit sie eine frei gewählte, nicht mehr eine aufgedrungene ist. O Freund, seit ich mich und die Menschen erkannt habe, ist diese Armut mein Trost und meine Beruhigung. Abgeschieden von aller Welt erwarte und hoffe ich nichts mehr, ruhig sehe ich Vornehme und Geringe mir vorübergehn, in der Nacht empfängt mich meine einsame Zelle, das wenige, welches mein hinfälliger Körper bedarf, verschaffst du mir. Du selbst hast es erfahren, wie wenig der Mensch bedarf, um sein Leben zu fristen. So wohne ich in der Vergangenheit und Erinnerung, es gibt für mich keine Zukunft mehr als jene unsichtbare, unfaßliche, von welcher Glaube und Offenbarung zu uns reden. Als ich noch auf die irdischen Güter hoffen wollte, mit wie törichten Erwartungen gaukelten die Stunden des Tages vor mir hin, wie unzufrieden, bekümmert und zornig war ich in stiller Nacht, daß sich nichts erfüllen wollte. Wie verdunkelte ich selbst nach und nach meine glänzenden Erwartungen, wie nahm ich Kuppel, Gesims, alle hohen Mauern und Fenster von meinem Gebäude ab und meinte nun, die letzte kleine Unscheinbarkeit müsse mir doch gewährt werden, und wie nahe war ich der Verzweiflung, als mir auch dieses befangene, düster eingekerkerte Leben nicht werden sollte. Ging ich zu den Beschützern oder sogenannten Freunden, so kam mir in ihren Blicken schon die Angst entgegen, daß ich fordern, drängen würde. Sie kamen mir mit unverdienten Vorwürfen zuvor, nur damit ich sie ihnen nicht machen dürfte. Der Große erniedrigte mich mit seinen Stirnrunzeln, um meine Bitte und Ansprache schon vor ihrer Geburt zu erwürgen. Wollte ich im Spazierengehn mich einem Befreundeten anschließen, nur um heiter mit ihm zu plaudern, so floh er vor mir wie vor dem Aussätzigen, weil er wähnte, ich spräche ihn um Hülfe und Schutz an oder wollte mich doch mindestens in Klagen ergehn. Jene Minister sprachen nur, wenn ich ihnen meine Ehrerbietung zeigen wollte, von dem Mutwillen, den Unarten meiner Jugend; alle diese Geschichtchen nebst längst widerlegten Verleumdungen hatten sie auswendig gelernt, um mich zu belehren, wie ich teils jedes Lohnes unwürdig oder selbst der Schmied meines Unglücks sei. Nun bin ich vergessen: Wenn ich unter ihnen wandle, erkennen sie mich nicht, so haben die Jahre, Krankheit und Gram mich entstellt. Nun bin ich irdisch so glücklich, als ich es noch werden kann, denn ein Tag geht nach dem andern hin, eine stille Nacht folgt der andern. Mit vernünftigen Bekannten verkehre ich in ruhigen Gesprächen, sie achten mich, sie lieben mich vielleicht sogar. Diese Empfindung kann ich ihnen aber nicht erwidern, ich schenke ihnen weder Vertrauen, noch suche ich Hülfe bei ihnen, um nicht wiederum mich in jene Netze der menschlichen Verhältnisse zu verwickeln, um mich nicht auch von diesen guten Bürgersleuten zurückziehn zu müssen, denn ihre Hülfe, die sie mir jetzt manchmal verdeckt anbieten, würde doch ebenso in nichts zerrinnen wie alles, was ich vormals hoffte, und ich eroberte dann nur jene bittern Empfindungen wieder, die meiner Seele in jenen Tagen so unerträglich fielen.« Antonio hatte essend und schweigend zugehört und sagte nach einer Pause: »Immer schlecht, daß deine Landsleute, großer Herr, dich vergessen haben. So viel reich Volk, so viel Verschwendung, und doch du, der Beste von allen, arm. Und wer ist gut? Der Arme. Das lernt sich im Betteln. Wann ich komm, wird vom Handwerker, kleinen, schmächtigen Herren, Auge schon voraus trübe, sieht mein Hinken mit Bedauern, merkt, worauf Hand hinauswill, wenn sich so ausstreckt, greift und sucht in seiner Tasch. Nicht so der große, blanke, starke Mann, dem Bediente in Gold nachlaufe: sieht mir mit Verachtung an, lacht wohl noch; ebenso dicke, großmächtige Priester, lacht nicht, aber schlägt gleich, wenn ich bitte, sein Auge aus rundem Gesicht nach Himmel hinauf. Ja, wenn der himmlische Herr auch so von alle Bettler und Priester und Grande und Generale wegsehn täte, da käm dürres Elend und Hungersnot auf unsre Erde herab. Nicht um mir, nein, um dir möcht ich oft tausend salzige Trän vergieße, daß Menschenkind so hartherzig ist, der Reiche und Vornehme grausam wie Tiger und Schlange. Begreif, wie zornge Menschen nach Messer und Degen greife und den Leuten Klinge in die Wanst stoße, daß krepier muß, wer kein guter Mensch sein will, oder Haus anstecke, daß sie mit Frau und Kind drin abbrenne, weil kein Mitleid mit dir und keine Verehrung haben.« »Antonio!« rief Luis im Unwillen aus. Sogleich fiel der Sklave auf die Knie und küßte die Hand seines Herrn. »Nicht böse, nicht böse, Don Luis«, flehte er, »bin kein böser, kein rachgieriger Mensch, werde zeitlebens kein ungezogener Mordbrenner werden, bin ja dein Sklav, habe von dir Gutsein gelernt, bist ja milde wie der göttliche Apostel. Rede ja nur so, verstehst, was wohl ein andrer, der mehr Courage als ich hätt, im Ingrimm deintweg tun könnt. Ich ja glücklich bei dir, selig, daß du mein Herr; weiß auch, daß du so was nie willst und nicht kannst haben wollen.« »Also«, sagte Luis freundlich, »weil du mein Freund, mein einziger wahrer Freund bist, muß dir auch nicht einmal ein solcher Gedanke kommen. Laß uns die Flasche dieses angenehmen Weines leeren, dann geh zu Hause in deine Zelle und überlaß mich meiner Wandrung hier und meinen Gedanken!« So geschah es, und als Luis allein war, ging er sinnend weiter und stand wieder nach kurzer Zeit vor jenem Gattertor des Hauses, in welchem die Gräfin Catharina wohnte. Er sah, ob es gleich noch finster war, durch die Eisenstäbe in den Garten und sagte zu sich: Was ist es denn, was mich immer und immer wieder hierher zieht? Bin ich denn ein Kind, das zum ersten Male Blumen und einen Springbrunnen sieht? Die Leute, die hier wohnen, sind mir unbekannt, sie kümmern mich nicht, und doch treff ich mich seit einigen Tagen immer in dieser Gegend und vor diesem Gebäude! Als wenn mir ein großes Leid oder große Freude hier begegnen müßte. Er klinkte an das Schloß des Tores, es gab nach, die Tür war offen. Er konnte nicht widerstehn, er ging hinein. Die schattenden Bäume umgaben ihn, er fühlte den Duft der Blumen, ihn erfreute das Geräusch des Brunnens. Er sah nach dem Hause hinauf, alles war finster, alles war still. Er atmete tief auf und wollte sich eben auf eine Bank niedersetzen, um sich seiner Träumerei hinzugeben, als er Geräusch vernahm. Schnell entfernte er sich. Der Sand knisterte unter seinen Füßen, er stand wieder auf der Landstraße, und das Herz schlug ihm, als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Eine Tür vom Hause her öffnete sich. Domingo, der greise Diener, welchem sein hohes Alter nur wenig Schlaf gönnte, kam in den Garten. Er murrte still vor sich hin: »War mir doch, als wenn ich Geräusch vernahm.« Er näherte sich der Tür und untersuchte das Schloß. »Heiliger Gott! Offen!« rief er bestürzt. »Welche Nachlässigkeit! Wenn sich nun ein Bösewicht hereingeschlichen hätte!« Er verschloß heftig das große Gattertor, wandelte durch den Garten, wie umspähend, und zog sich dann wieder in das Haus zurück. Im Hause, welches Ferdinand, der Neffe Catharinens, bewohnte, war viel Tätigkeit und Unruhe. Zwei dem jungen Manne nah verwandte Vettern waren ausgerüstet, um mit dem Könige Sebastian nach Afrika hinüberzuschiffen. Die Waffen waren herbeigeschafft, die Diener bestimmt, man kam und ging, einiges Gerät wurde schon in die Schiffe getragen, Bestellungen wurden besorgt, und der Eifer der Jünglinge zeigte sich in der Heftigkeit und Unruhe, mit welcher sie dies Geschäft betrieben. Ferdinand saß indessen in seinem großen abgelegenen Zimmer und hörte nur von ferne das Getöse, welches ihn von Zeit zu Zeit im Lesen einiger Blätter störte, denen er die größte Aufmerksamkeit widmete. Als der Lärmen lauter wurde und sich näher wälzte, stand er verdrießlich auf, um zu sehn, was sich ergeben hatte, indem er aber die Tür öffnen wollte, trat ihm schon die edle, hohe Gestalt eines Mannes entgegen, dem die jungen Vettern folgten. »Don Antonio, der Herr Prior, will Euch seinen Besuch machen!« rief ihm der jüngste entgegen. Ferdinand wich bescheiden zurück und stellte selbst dem edlen Manne den Armsessel hin, indem er in Ehrfurcht vor ihm stehenblieb. »Die Gnade und Gunst«, sagte er, »ist mir unerwartet, der Tag soll mir ein Feiertag sein, an welchem mein Haus so hoch gewürdiget wird.« Don Antonio gab ihm die Hand und sagte: »Junger Freund, Eure ungestümen Vettern da klagen über Euch, daß Ihr uns nicht nach Afrika begleiten wollt. Der König, mein Neffe, würde sich freuen, Euch, wackrer Graf, in seinem Gefolge zu sehn. Die Jugend des Landes beeifert sich, diesen Feldzug zu verherrlichen; warum wollt Ihr Euch dem Ruhme entziehn?« »Gnädiger Herr«, antwortete Fernando errötend, »es war vor Wochen mein eifrigster Wunsch, meinem König und Euch in dieses Feld der Ehre folgen zu dürfen, alle meine Anstalten waren schon getroffen, als mein Ohm, der Marques de Castro, dem ich alles verdanke, der nach dem Absterben meiner Eltern mir Vater ist, mich abhielt, indem er mir manche Schwierigkeiten zeigte, die er Unmöglichkeiten nennt. Er ist alt, wie Ihr wißt, er hat seine Kinder verloren, und ich bin sein Erbe. Die Verwaltung seiner Güter und seines Vermögens fällt ihm schwer, er fürchtet zu erkranken, er nennt mich seine einzige Stütze. Zu seinen verwickelten Geschäften hat er seit einem Jahre, als Don Rodrigo starb, noch die Übersicht über das Vermögen und die Güter der Gräfin Catharina übernommen, wobei ich ihm ebenfalls behülflich sein muß, der Aufbau des Palastes ist ganz in meine Hände gelegt. Ich sehe den Marques täglich, und er gesteht, daß er ohne meine Hülfe, da ich alle Rechnungen, Schulden und Lehns- und Dienstverhältnisse der Güter und Untertanen kenne, er ohne meine tätige Beihülfe ohnmächtig und unfähig sein würde. Sofern ein so väterlicher Freund, als dieser Greis mir ist, seine Gewalt ausdehnen mag, hat er mir in der Form von Bitten und Vorstellungen diesen Feldzug eigentlich verboten, und ich würde mich als einen Undankbaren schelten müssen, wenn ich nun eigenmächtig auf seine Wünsche und Befehle keine Rücksicht nehmen wollte.« »Eure Gründe«, sagte Don Antonio, »lassen sich hören, und ich kenne Euch und achte Euch darum, weil Ihr den Umständen nachgebt, nicht weniger.« Er erhob sich freundlich und sagte: »So muß ich mich also mit der Kampflust dieser Wildfänge genügen, die in diesen Krieg wie zu einem Balle hinspringen.« Die Vettern lachten laut, und Don Antonio fuhr fort: »So leichtsinnig, wie Ihr es Euch denkt, Ihr jungen Herrn, wird der Kampf nicht geendet werden können, obgleich ich des Sieges gewiß bin. Aber die ganze Barbarei steht auf, um dem Usurpator beizustehn und unserm Schützling, der bei uns Hülfe gesucht hat, zu widerstreben.« Ferdinand küßte die dargebotne Hand des Priors von Crato, und als dieser sich jetzt zum Weggehn wendete, sagte er zögernd und mit furchtsamem Ton: »Ich wage es, mein gnädiger Prinz, Euch einige Worte zu sagen, wenn Ihr meiner Dreistigkeit, die sich dergleichen unterfängt, nicht zürnen wollt.« »Sprecht, lieber Graf«, sagte Don Antonio mit der größten Freundlichkeit. »Wenn mich dringende Geschäfte in Euren Augen entschuldigen, daß ich diesen Feldzug versäume«, fuhr Fernando fort, »so wäre es vielleicht für Euch, mein Prinz, Pflicht, nicht dem Könige nach Afrika hin zu folgen.« »Wie meint Ihr das?« fragte Don Antonio. »Unser junger König«, sprach Ferdinand, »ist noch unvermählt und ohne Erben. Wenn ein hartes Schicksal über ihn geböte, daß Krankheit oder Krieg ihn dahinrafften, so führt, wie jetzt schon, die Regentschaft der Kardinal Heinrich, der uralte Greis. Ihr, Prinz, einer der Erben, der Rechte auf den Thron hat, seid dann nicht zugegen, und Euer Anrecht wird bestritten, vorzüglich von Spanien, dessen Partei, wie Ihr es selber wißt, sich schon in Portugal und Lissabon vernehmen läßt. Wäret Ihr aber zugegen, wenn das Ungeheure dieses arme Reich treffen sollte, wie stünde dann alles anders. Ihr faßtet in jugendlich kräftiger Hand die Zügel des Staates, die Patrioten versammelten sich in Liebe um Euch, der Besitzende hat den Vorteil vor dem Angreifenden, das Vaterland wäre gestärkt und ...« Der Prior unterbrach den Redenden: »Eure Meinung ist gut, die ich aber nicht hören will und soll, denn« – hier sah er auf die Vettern Fernandos, die einige Bilder im Saal betrachteten – »solche Fälle und Möglichkeiten muß man sich selber nicht, viel weniger andern einräumen. Mein Recht an Portugal ist nach dem Anspruch des Kardinals das beste und gültigste, wenn Philipp gleich nähere Anrechte vorgeben dürfte. Aber unser großer König Johann war ebenfalls ein unechter Sohn der Ahnen, und auf diesen darf ich mich berufen. Doch aller dieser voreiligen und unnützen Sorgen wollen wir uns entschlagen. Unser König Sebastian ist ein Alexander in Heldenmut und Kraft, seine hohe Begeisterung für Religion und Christentum zieht die Besten seines Landes ihm nach und wird den Sieg an seine Fahnen fesseln. Was unsre Könige Duarte, Johann, Alfons und Manuel taten, wird herrlicher und glänzender durch ihn erweckt werden und Portugals Glorie alle Länder überstrahlen und verdunkeln. Und das weiß Spaniens kluger Philipp. Darum widerriet er unserm erlauchten Könige so dringend und mit so vielen scheinbaren Gründen diesen Heldenzug, darum mußte der Krieger Alba seine ganze Redekunst aufbieten, um den jugendkräftigen Sebastian durch alle seine Erfahrungen und trüben Ahndungen zurückzuschrecken. Freilich seid Ihr noch zu jung, um zu wissen, daß man den Rat eines klugen, hinterlistigen Feindes immer im entgegengesetzten Sinne nehmen muß. Nur der Neid sprach aus König Philipp und seinem Feldherrn.« Mit raschen Schritten entfernte sich der Prinz, Ferdinand begleitete ihn, und die jungen Vettern folgten unter frohem Geschwätz und Lachen. Auf der Straße traf Antonio nebst andern Anführern den Engländer Stuckley, welcher kam, um Befehle von ihm einzuholen. Alle Anführer mit ihren Offizieren, unter denen sich Deutsche, Italiener, Engländer und Irländer außer der großen Zahl der Portugiesen befanden, begaben sich zum Palaste des Königes, weil heut der Tag und die Stunde der Einschiffung endlich fest bestimmt werden sollte. Ferdinand kehrte in sein Zimmer zurück und ging sinnend auf und ab, indem er zu sich sagte: Was ist es nur, das meine Brust so sonderbar beengt, daß ich an das Gelingen dieses Ritterzuges nicht glauben kann? Trübe Wolken umlagern mein Gemüt und hemmen alle Aussicht auf Glück und Freude. So war es vor Monaten, noch vor einigen Wochen nicht. Sieht unsre Seele in die Zukunft, oder kann ein Genius, unser Schutzgeist, uns Warnungen zuflüstern? Seit Donna Catharina zurückgekommen ist, liebe ich meinen alten Oheim viel inniger, ich besorge seine Geschäfte mit mehr Fleiß und Aufmerksamkeit: Mir schwebt es vor, als wenn seine Gesellschaft, verbunden mit dem Vertrauen jener edlen Frau dort im schönen Gartenhause, neben dem Geschwätz des holdseligen Kindes, alles dies mir bald unentbehrlich sein würde. Der Alte ist in ihrer Nähe liebenswürdiger, sie regt tausend neue Gedanken in meinem Innern an, meine Bücher, die Wissenschaften, die Natur, alles tritt mir näher und wird mir befreundeter. Ich fühle es, daß es Vertrauen und Freundschaft geben kann von weit höherer Art, als ich bis jetzt suchte und fand. Was kann uns der Umgang mit wilder Jugend bieten, die ohne Gemüt und Erfahrung nur dem Augenblick vertraut und diesen genießen will. – Ja, es ist kein furchtsamer Zweifel, keine bequeme Unlust, die mich vom blutigen Abenteuer zurückhält, es ist tugendhaft, hier bei meinem väterlichen Oheim zu verweilen und sein Schicksal zu teilen, ihm zu helfen und sein Alter zu erheitern. Er darf dies und weit mehr von mir fordern. Auch bringe ich ihm kein Opfer, sondern befriedige nur meine eigne Neigung. – Sonderbar, daß ich es fühle und weiß, wie jetzt eine neue Periode meines Lebens beginnt, und doch weiß ich nicht zu sagen, wodurch diese Umwandlung hervorgebracht ist. Sonst ist es wohl ein neuer Beruf, ein mächtiger, eindringlicher Lehrer, eine religiöse Entzückung, eine tiefe, herzdurchdringende Schmach oder die Verklärung der Liebe, welche den Menschen neu schaffen – mir ist seit kurzem in ungestörter Einsamkeit, unter allen meinen alten Gewohnheiten und Geschäften, ohne alle Begebenheit, die meine Kreise störte, ein andres Herz aufgegangen. Es ist die Sehnsucht nach Wahrheit und Erkenntnis, nach dem Verständnis der Welt und des Menschen, die mich ergriffen hat, und so vernehme ich aus der Natur und vom Meer herüber Laute, die ich zu verstehen meine, die Bücher reden mit einer andern Zunge zu mir, und oft höre ich Weisheit von den Lippen der Menschen, wo ich sonst nur ein gleichgültiges, nüchternes Gespräch vernahm. Er setzte sich wieder an den Tisch und nahm die Blätter wieder vor, welche er eilig beim Eintritte des Priors von Crato unter andere Papiere und Bücher verborgen hatte. Diese Blätter waren alt, gelb geworden, die Schrift darauf war erblaßt; die Zeilen waren zuweilen deutlich und fest, dann wieder waren die Lettern flüchtig gezeichnet: Es mochte lange her sein, als diese Worte geschrieben wurden, die Blätter mochten auch ein Jahr, vielleicht mehr in ihrem Inhalt umfassen. Das wenige, was der Jüngling entziffert hatte, machte ihn auf das übrige begierig, und er strengte sich an, die Papiere ganz zu enträtseln. Sie hatten in einem alten Rechnungsbuche gelegen, welches zu jenem unscheinbaren Hausrate gehörte, den er vor zwei Jahren aus dem brennenden Palaste der Donna Catharina gerettet hatte. Er las Folgendes: Seelen zu künftigen Gedichten Nicht ganz abzuweisen ist der Gedanke, daß die Seelen, seit undenklichen Zeiten erschaffen, im unsichtbaren Element auf die Zeit der irdischen Verkörperung warten, um, wenn sich die Möglichkeit bietet, in einen entstehenden Leib zu schlüpfen. Eine sehr alte Sage will uns belehren, daß beim Anfang der Dinge eine unendliche Schar von Geistern durch einen ungeheuern Abfall verloren und vernichtet worden sei und daß der Schöpfer in den Seelen der Menschen diesen Verlust wieder ersetze. – Andre meinen, jene verlornen Geister fänden, da sie nicht vernichtet, sondern verstoßen seien, durch den Eingang in menschliche Leiber und durch guten Wandel den Rückweg zu Gott. – Spricht man nicht auch in andern Gegenden auf ähnliche Art, die Seelen oder Geister seien früher in einem höchst glückseligen Zustande gewesen, sie würden in unsere Leiber verbannt, um einen unbekannten Frevel abzubüßen, und das Erkennen der Wahrheit hier, die Entzückungen der Andacht, das Anschauen des Schönen seien nur vorübergehende Erinnerungen an jenes frühere verscherzte Glück. – Man kann es sich auch in träumerischen Stunden denken, als sei alle sogenannte Materie nur betäubter Geist und ringe sich, von Wasser, Luft und Licht umspielt und gewiegt, aus dem Stein zur Pflanze und Blume hinein, werde belebt und Tier; oder steige auch wohl aus Lilie und Rose durch die Gegenwart von Liebenden sogleich zur Krone der Schöpfung, der Menschenseele, hinauf. Am Mutterherzen verschlossen, wächst die Knospe nun zum zarten Kinde auseinander. Die Geister begegnen sich in der Liebe, und die Gefühle der Gatten, Kinder, Eltern, Tränen, Dank, Lächeln, Lust, Nahrung, Andacht, Instinkt, Heldenmut, Weinrausch, Entzücken der Liebe und Wollust sind in tausend und tausend wechselnden Gestalten die wiedererzählten Sagen und wahr gewordenen Märchen uralter, jenseit aller Zeiten liegenden Glückseligkeit. Meinetwegen. Was ich träume, ist Traum, aber ich habe ihn doch erlebt, und viele Träume und sonderbare Nächte kann ich sowenig als ein Nichts aus meinem Leben streichen als Tage der Taten und Leiden. Ich will es auch nicht. Ich habe schon Sonette, Madrigale und Kanzonen gedichtet, für künftige will ich mir in dieses Büchlein die ersten Gedanken niederschreiben, daß sie dann Körper, Wort und Reim empfangen. – Möglich ist es, daß viele der edelsten Gefühle und besten Gedanken wie Sommerwolken durch meinen Kopf ziehn und in ein Nichts verschwinden, so mag dann Vers und Gedicht diese ergänzen und neue für jene erschaffen. – Es geschieht auch vielleicht, daß diese Begeisterungen im Verlauf des Gedankens schwach und irdisch werden und, im Gedicht wieder zur Erinnerung gebracht, ihren himmlischen Fittich entfalten. – Es ist auch nicht ohne, daß eine reine Entzückung, ein göttliches Schauen in Wort und Rede gefesselt, sich in irdischen Banden nur qualvoll bewegt und in der Mensur nun büßt, daß es zum menschlichen Gedichte geworden. Damit es sich in Worten faßt, muß es oft seinen himmlischen Ursprung verleugnen. – Auch trifft es wohl zu, daß in unserm fernsten und tiefsten Wesen, wo Bewußtsein und Gedanke nicht hineinreichen, rätselhafte, stumme Ahndungen erwachen, aus dem dunkeln Tode treibt unvermerkt ein Sprosse des Lebens hervor, aus diesen entwickelt sich farbige Blüte, und so verwirklichet und belebt das Gedicht das feinste und unsichtbarste Dasein und hüllt es in leichte, körperliche Gewande. Jedes und alles dieses ergebe sich aus meinen Vorsatz. Schau ich vom Berge über die Flur, die Zitronen- und Olivenhaine und Täler und das weite, schöne Meer hinweg, seh ich die dunkle Bläue des Himmels rein und klar ausgespannt, das Licht über alles streifend, zitternd und Farben und Schimmer erweckend, indem die Sonnenscheibe durch den ihr angewiesenen Raum wandelt und vom Morgen und Abend in vielfarbigen Flammen spielt, so gemahnt es mich, als sei mein Geist so vor mir ausgebreitet, der sich in Liebe dahingießt und liebend mit seinem Licht die Pflanzen, Berge und Fluten, das Grün der Au und des Meeres, das Blau des Äthers und den Purpur des Abends durchdringe, und ich sage oft zu mir: Das bist du selbst! Und mein Entzücken ist das Erkennen des Bräutigams der nicht mehr verschleierten Natur. Die Herrlichkeit der Welt ist in jeder Stunde eine andre. Meiner Umarmung kommt die Lieblichkeit des Elementes in neuer Gestalt entgegen. So sprech ich vieles und mannichfaltiges mit Meer, Himmel und Erde, und immer wird mir neue Antwort und unerwartete Lehre. Immer sagt der Mensch: Heitre, Licht, wenn er das Erfreuliche, Glückselige bezeichnen will. O in dieser Nacht, als ich im Zypressenwäldchen wandelte und dann in der Felsengrotte ruhte, von Dunkel und Finsternis umflossen, wie glücklich, wie selig war ich. Ich sog an der duftenden Blume der Nacht, und himmlische Empfindungen träufelten in meinen Busen und löschten den Durst der Sehnsucht. Meine Liebe verbarg sich in die süße Rose unter den heiligen Blättern und schlürfte die süße Betäubung der Wonne aus dem innersten Kelch. Ist nicht diese Wollust vielleicht in dem, was die Menschen Tod nennen? Ruht das schönste Leben, die seligste Entzückung wohl in jenem dunkeln Unbewußten, vor dem die Seele am Tage so oft schaudern will? Vielleicht nur darum, weil sie vor der Freude zittert, sich dort in innigster Kraft und seligster Genügsamkeit wiederzufinden? In dieser Nacht erschien mir das Leben des Tages matt und unbedeutend. Wenn ich in manchen Stunden des Treiben der Welt betrachte, das mannichfaltige Irrsal, das Durcheinander der Leidenschaften, alle das Schwatzen und unnütze Hantieren erfolgloser Lebhaftigkeit: wie einer dem andern vorrennen und den Platz abgewinnen will, wie jeder sich klüger als der andre dünkt – und ich messe dann das Ameisengewimmel an Tod und Ewigkeit, an die großen Begebenheiten der Vorzeit, an die Drangsale so vieler Helden, durch welche sie das Übermenschliche erreichten – so fällt, wie vom Himmel, eine solche selige Stimmung von Lust und Laune auf mich herab, daß ich im Feuer eines göttlichen Mutes mein Lachen in die lautesten, frohesten Jubelgesänge ausströmen möchte. Fremde, und selbst Freunde, die mich doch mehr kennen sollten, bezüchtigen mich dann eines hochfahrenden Übermutes, der die Menschen und das Beste in ihnen verachtet und verhöhnt. Ich fühle aber gerade in diesem Aufschwung die milde Demut, die dem edlen Menschen geziemt, und aus Menschenliebe lach ich über die menschlichen Torheiten. Das ist nicht Juvenal oder Persius, was aus mir spricht, nicht einmal Horaz, sondern ein süßes Wohlbehagen, daß mein heitres Gefühl durch sich selbst den Mittelpunkt und die Harmonie der Welt gefunden hat. Gelingt es mir, Gedichte aus diesen Seelen in Zukunft zu erschaffen, so möchte ich nebenher auch Seelen entdecken, aus denen mir Glück, Vermögen, Besitz erwüchse. Wenn es mir zu kümmerlich ergeht, gedenke ich an die großen Kämpfe, die unsre lusitanischen Helden in Indien ausgefochten haben. Sind sie groß, weil sie reich waren? Weil sie in großen und sichern Palästen wohnten? Das ist des Zirkels Quadratur: daß ich in allen umschwingenden Kreisen, die Zufall, Leidenschaft, Glück, Laune, Tollheit und Aberwitz oder Heldenmut, Großheit, Religion und Tollkühnheit erregen und in vielfachen Umzirkelungen unsre Phantasie und unser Auge verwirren, daß wir wohl staunen, aber nicht begreifen – den festen Halt von vier sichern Punkten setze, in denen sich die Umschweifung bindet, an das Unerschütterliche festhält und sie allgemach zum regelrechten Viereck werden, das ich verstehn und berechnen kann. Dergleichen pflege ich im Scherz die Quadratur des Zirkels meinen mathematischen Freunden zu nennen. Ich meine es aber im Ernst, wenn auch nicht im mathematischen. Der Dichter, sagen die Menschen, schwebe immer losgebunden über der Erde. Man hält mich für einen solchen. Ich kann aber sowenig fliegen als mich von der Erde losbinden. Mein Gefühl schlingt sich nur um so fester der Erde an und allen irdischen Dingen, um so mehr ich mich poetisch gestimmt fühle. Was sind denn Früchte und Blumen, Wald, Fels und Meer, Tiere und Menschen anders als deutungsvolle Zeichen und Chiffern, in welchen die ewig schaffende Kraft ihre Gedanken geschrieben und in sie niedergelegt hat? Dadurch, daß sie etwas bedeuten, sind sie. Meine Begeisterung ist, daß der Naturgeist in mich niedersteigt, und nun faß ich, seh ich, fühl ich und weiß, was sie sind. Wenn dies den Poeten macht, so bin ich einer. Das Einsteigen in das Irdische, um dort das Überirdische zu finden, scheint mir mein Verkehr und meine Bestimmung. Zeit und Ewigkeit setzen die Religiosen und Theologen immer einander entgegen – und doch ist die Zeit nur die gegliederte Ewigkeit. Sonst hat diese gar keinen Sinn. Und so wird und muß es auch in alle Zukunft hinein bleiben. Ich kann es nicht über mich gewinnen, der Diener eines hoffärtigen Großen zu sein. Ja und nein sagen wie er, fühlen wie dieser, Leidenschaft spielen, wenn er es verlangt, um nach Jahren zum Lohne dieses Eifers und Verleugnens eine Stelle dort oder hier zu erhalten. Wie anders steht und wandelt der freie Soldat! Und kommt er vom Dienst, seiner Schule, in den Krieg, seine Universität – welch Glück, welche Freiheit! Wo Feldherren seine Lehrer und Helden seine Brüder sind! Warum sollen sie unrecht haben, die den Wein das Blut der Erde nennen? In ihm ist die feinste Verkörperung des unendlich schaffenden und mannichfaltigen Naturgeistes. Und die Vereinigung des menschlichen Geistes mit jenem, in zarter Verliebtheit und sanftem Umgang, in seinem ehelichen Verkehr, ohne Zank, Wut und Schlägerei, ist das Artigste und Wunderlichste, was uns der gute Altvater Noah als seinen gläubig trinkenden Enkeln vermacht hat. Sehnen wir uns oft nach dem Unsichtbaren, so sehnt sich der Geist des Weines nach uns, und in der Vereinung wird dann ein liebliches Zweigespräch geführt, von Witz und Laune beseelt, und in der Lust begegnet die Freude in letzter Tiefe jenem ewigen Schmerz, der die Grundlage unsers Lebens ist. Sie wollen dein Angesicht nicht sehn, sie wollen dich nicht kennenlernen, du tiefer, rätselhafter Schmerz, der du, wie die alten Riesen, unten im Dunkel gefesselt liegst. In der Wehmut, den Tränen, dem Grauen und Schrecken geht das Auge des Geistes auf und schaut hin nach dir. Aber allen fehlt der Mut, näher hinzuzutreten. Sie verleugnen dich in nüchterner Freude, das zerstreute Leben nimmt sie auf, und die Wogen der Nichtigkeit schlagen über ihren Häuptern zusammen. Aber ich bin früh schon in deine Nähe getreten, und da erhobst du dich, und ein leuchtender Genius stand vor mir und gab mir seine Bruderhand. Das Leben selbst bist du, der ewige Eros, von dem die Alten sprechen, durch den Psyche endlich in den Kreis der Götter aufgenommen wurde. Seit ich das anerkannte, lächelt mir auch im Unglück ein heitrer Trost. Wie blutet mein menschliches Herz, wenn ich die breiten und tiefen Blutströme rinnen sehe, die fließen mußten, um in den beiden Indien die Fahne des Kreuzes und die große Argo zu tragen, die ihnen den Glauben Christi brachte. Der Mensch entsetzt sich in Zweifel und Angst. Aber wütet, tötet, vernichtet die Liebe nicht, von Angst und Eifersucht entzündet? Der Mensch mit seinem Mitleid verschwindet dann. Ja, dem Mitleid und sich zum Trotz opfert der Liebende nur mehr Blut im Zorn. Verletzt der Geliebte nicht auch ohne Zorn, in Liebesgluten, seine Braut? Das Köstlichste muß teuer erkauft werden. Die umgehende Kelter preßt und zerdrückt die farbigen schönen Trauben, um den Wein des Lebens fließen zu machen. Ihr armen Opfer seid glorreich gefallen, um den Sieg des Glaubens zu fördern. Fragt der Feldherr in siegender Schlacht nach tausend Leichen? Und was ist der schönste Sieg des Helden der Welt gegen jenen geistigen Triumph? So kann vieles nur in Rausch und Leidenschaft geschehn und verstanden werden. Hin rollt der Wagen des Schicksals über Leichen, durch Blut, zertritt Blumen und Frucht; Sturmwind braust und peitscht das Meer und zerknickt die Wälder. Es ist! Es muß! Ist das ungeheure Gebot der unbezwinglichen Notwendigkeit, und die zitternde Liebe wird nicht gefragt und muß als Sklave mit Hand anlegen, wenn sie nicht als Herrscherin den Wagen selber führen will. Und doch fühlte und verstand der begeisterte Gottesprophet den unaussprechbaren Jehova nicht im Erdbeben und Sturm, sondern im sanften, linden Säuseln. – So folgt die stille Andacht der Inbrunst jenen großen Völkerbekehrungen. Die Wogen legen sich, Mitleid, Wehmut, Holdseligkeit ziehen langsam über die stille Flut. Ja, Vaterland, du bist das herrlichste, das ruhmreichste! Was kann sich mit Lusitanien messen? Was unsern Namen zu den Enden der Welt trug, war Heroenkraft, mit keiner andern Menschengröße vergleichbar. O wem es vergönnt wäre, dies Gefühl auszusprechen; wer im Gesänge die Töne fände, die Erhabenheit der Rührung, den Landesgenossen diese Gefühle in lichter, überzeugender Klarheit aufwachsen zu lassen! Hier ist mehr als Virgil nötig und Homer, denn die Aufgabe ist erhabner. Und noch stehn wir nah der großen Zeit, die sich mit purpurner Pracht über unser Land zog; wir fassen noch den Saum des Königmantels, der unsre Erde hier verherrlichte. Mir träumt von euch, ihr Helden, die ihr den edeln Vasco da Gama begleitetet. Ich seh das Meer in Aufruhr, die Stürme dräuen, die Hinterlist Verräternetze knüpfen: alle Götter aufgeregt, und das schönste Gelingen dann vom lichtblauen Himmel steigen, angetan in Götterschmuck. Und meine Brüder, meine Eltern, meine Portugiesen kehren nun zurück und haben errungen, was der klügelnde Zweifler unmöglich nannte. Jedes Wunder, jede große Tat ist unmöglich, aber eben deshalb geschieht es, gerade deshalb wird sie getan. Herz und Lebensgeister jauchzen in mir, daß mein Blut diesen Helden angehört. Könnt ich es auch für mein Vaterland verströmen; möchte die Gottheit und die freundlichste Muse mir das Schloß vom Munde nehmen, zu singen wenigstens, was mir nicht vergönnt war in Taten zu tun. Im angewöhnten Gefühl, den Bildern und der Erinnerung, selbst in sprichwörtlicher Rede leben die alten Fabelgötter noch immer ihr lustiges, poetisches Dasein. Warum sollte man es dem Dichter verkümmern, sie auch im ernsten, großen Gedicht neben den Lehren und der Begeistrung aufzustellen und sie sprechen und handeln zu lassen? Die Allegorie bietet sich von selber dar, und da ein gewisser Glaube an diese Wesen sich in unserm Gemüte nicht vernichten läßt, so sind sie deshalb auch poetisch und wahr. Und ist in unserm Innern nicht jener Gegensatz, der sie im Gedicht rechtfertigen würde? Die Milde und Frommheit des Christen, sein Entzücken in der Andacht und im Glauben an den Heiland – wie steht diesem jener ewige sinnliche poetische Trieb unsrer Phantasie entgegen, der in der Schönheit der Frauen, in der Hingebung in Leidenschaft und Liebe noch immer jene allmächtige Herrschaft der Venus und ihres Sohnes anerkennen möchte? Wie Dante manches aus alter Mythologie zum Grauen und Schrecken beibehalten hat, so kann es ja einem andern auch zur Freude und Heiterkeit beistehn. Wie taumelt in unser Leben oft jener frohlockende Bacchus hinein, der mit seinem jubelnden Zuge von Indien kam. Wer möchte nicht, wie der große Alexander, diesen Taumel nachleben und fühlen können? Und wie er uns verderben möchte, wenn wir ihm nicht widerstehn, wie er jene christliche Demut von Grund aus erschüttert, so läßt sich denken, wie er unserm Vasco da Gama mit allen Kräften entgegenarbeitete, der jetzt mit dem Kreuz und dem Bilde der Maria an jenen großen Küsten der uralten Heimat des Bacchus landete. Wir fühlen die ewigen Kräfte in uns und nennen sie gern, wenn die Begeisterung sie erregt und mächtig kräftigt, Götter. Im Vollgenuß unsrer selbst, in der Harmonie aller Gewalt möchten wir uns selbst Gott nennen. – Und dann kämpft das süße Gefühl der Demut, das edelste der Abhängigkeit, in kleiner, schwacher Gestalt diese himmelstürmenden Riesen zu Boden. Sollen denn diese Seelen sich nicht endlich besinnen? Der Vers wird sie nicht anerkennen. Mein Leben liegt mir näher als mein Gedanke und so mancher Plan, den erst die Folgezeit reifen kann. O ihr Amors und spielenden Götter süßer Lust und Freude! Ich habe sie wiedergesehen, aber sie hat mich nicht bemerkt. Wenn das Schiff in der Nacht segelt, so folgt dem Kiel eine leuchtende Furche lange im Wasser nach. Wo sie durch den Garten wandelte, schimmerten die Blumen schöner, und ein liebliches Düften floß säuselnd durch die Luft. Die Myrthen beugten sich vor, von ihrem Atem zu trinken, und die liebetrunkne Nachtigall vergaß indessen ihres Gesanges. Und ich? – Ich brauchte nichts zu vergessen, denn schon seit lange denke ich nur sie. Als sie am Meer gestanden hatte, lief ich nachher heimlich hin, um im Wasserspiegel noch ihr Bildnis zu sehn und in mein Auge aufzufangen, das Bildnis war noch dort, denn ich sehe es immerdar und allenthalben. Ein Lächeln wurde mir. Ich kenne Menschen, die die Erscheinungen der Natur ergründen wollen, die den Wachstum der Pflanzen, den Bau der Tiere und Fische beobachten, andre, die in den Tiefen der Erde nach den Metallen forschen und sich Tag und Nacht bestreben, die Erscheinungen zu verstehn, den Wandel der Gestaltung zu erklären – und ich! Über dieses zarte, sinnige Lächeln, über die liebliche Bewegung dieser holdseligen Lippen könnte ich jahrelang sinnen, und doch würde mir noch vieles vom Verständnis zu erklügeln übrig bleiben. Wenn der Dichter sagt, daß Amorinen auf diesen rotblühenden Rosen scherzten und lachten oder Netze legten, um die Augen der Sterblichen zu fahn, wenn dieses holdselige Lächeln mit Rosenknospen verglichen wird, die sich auftun, wenn der Strahl des Morgens sie küssend erschließt, so ist dies alles nur allgemein, flach, ein mattes Gemälde. Wie aus den glänzenden Augen dieses Lächeln herabstieg, über die Blumenwangen hüpfte und nun die ganze Liebesseele wie Venus aus dem heitern Meere aus den roten, schalkhaften Lippen auftauchte. Waren die roten Korallen nicht wie ein Lager, in welchem Amor, eben geboren, lallend und jauchzend lag? Gibt es Liebende, die nicht zehn und zwanzig Capitoli über diese Bewegung des Mundes, welches wir so obenhin Lächeln nennen, dichten könnten? Und was hat es mir bedeutet? Oder hat es mir nichts gesagt? Mir schien es, als hätte sie den Gruß meiner Seele verstanden und als gösse ein seliges Erinnern, daß unsre Geister sich schon früh, früh gekannt, den Morgenschein über das Antlitz, aus welchem die Lachblüte sich im Entzücken hob und wie eine Taube, bevor sie sich emporschwingen will, die schneeweißen Flügel prüfte. Der steigt in das Meer, um kostbare Perlen zu fischen, jener fabelt von einem Brunnen, der das Alter verjüngt und die Krankheit erfrischt, er sucht und strebt den Wunderquell zu finden; der sucht den Stein der Weisen und die erhabene Tinktur; in brünstiges Gebet taucht jener unter, um Wunder vom Himmel zu erzwingen; der will nach Campostella oder gar nach Jerusalem pilgern, um das Land der Wunder zu sehn – und ich? In ihren Glanzaugen finde ich die größte Kaiserperl in jedem freundlichen Blick, meine verjüngte Seele steigt frohlockend aus diesem Geisterbrunnen und schüttelt in Entzückung ihre mächtigen Schwingen, und jeder Glanztropfen, der niederfällt, klingt Wonne: In diesem Blick ist das Wunderland und die Erlösung von Schmerz und Sünde. Hat sie mich sanft und mit freundlichem Strahl angeblickt, so ist mein Geist so geläutert, daß er in der Schar der reinsten Engel stehn könnte, und jeder Seraph würde in der Klarheit den Bruder umarmen. Der Vater schilt sie um den Mutwillen. Sie sei zu goß, zu edel gebaut und nicht mehr Kind. Wäre sein Auge nicht im Weltgeschäft erblindet und von Leidenschaft zerstört, er würde an diesem Mutwillen Weisheit lernen und Unschuld in ihm erkennen. Sie spielte mit ihrer kleinen Nichte und verbarg sich im Garten hinter der Säule. Das Kind weinte und klagte. Nun trat sie mit dem hellen, lachenden Angesichte vor und schloß die Kleine zärtlich in die Arme, die nun die kleinen Ärmchen um den blendenden Nacken schlug und im Entzücken jauchzte. Ist dies vielleicht ein Bild von unserm Leben? Hat sich unser höchstes Glück, so lange wir Menschen sind, auch so hinter der Säule verborgen und lächelt über unser kindisches Winseln? Springt es im Tode so auf uns zu und drückt uns an die bekannte, vertraute Brust? Mir mindestens stand bis jetzt die steinerne Säule verdunkelnd vor meinem Blick, mein Leben war nur ein wehklagendes Suchen. Gefunden habe ich es, was mir mangelt, ihr Blick, ihr Wort ist meine Seligkeit, empfinde ich sie, so mangelt mir nichts. Höre ich nur von ferne ihr Gewand über den Boden säuseln, so kenne ich den Laut, und entzückender kann dem armen zum Tode Verdammten der Herold nicht sein, der ihm Leben und Freiheit verkündigt, als mir jenes Rauschen, wenn ich im Kreis der Menschen sitze und der Garten von vielfachen unnützen Reden tönt. Sie saß auf dem Rasenhügel, und ich stand vor ihr. Die Turteltauben girrten, die Wasserstrahlen perleten hoch herab in das Marmorbecken und plauderten so süß und heimlich. Ein Vogel fern im Schatten sang ein Liebeslied, und sie sah so nachdenkend holdselig auf den Boden, als wenn ihren Blicken gleich Blumen entgegensprießen müßten. Ich wagte nicht zu reden, denn auch ihr Schweigen ist mir die lieblichste Musik: Ich könnte sie immerdar so sehn und mich in das Anschauen ihres sinnenden Anschauens vertiefen. Da erhob sie plötzlich das große Auge und sah mit einem schnellen Blick in meine tiefste Seele. Ich erschrak so sehr, daß ich zitterte. Da gab sie mir lächelnd die Hand. Was zagst du? sprach sie. Ich war auf deinen Blick nicht vorbereitet, antwortete ich, er überwältigte mich mit seiner Holdseligkeit zu plötzlich, wie wenn ein unbewaffneter Landmann von einem ganz in Stahl geharnischten Ritter zu Pferde angefallen wird. – Da lachte sie laut, und wir gingen wieder zu der Gesellschaft und den Blumen. Schallte in diesem Lachen nicht mein Todesurteil? War es das Feldgeschrei der Schmerzen, die wie ein Heer schon in Scharen stehn und meiner warten? – Auch der Nachtigallenton kann es sein, der ermattend im Liede die Nähe des Tages und der Sonne verkündigt. Mein Leben war ein süßer Traum und schläft noch brünstiger und fester in den holdseligsten Wahnsinn hinein. Weckt mich nicht, ihr Freunde oder Feinde, Glück oder Elend, Pflicht oder Verbrechen, daß ich nicht verzweifle. Noch ruht mein Herz in Sabbatstille in der Feier des Heiligsten. Alle Engel knien dienend vor der Wiege des höchsten Glücks, in welcher schlummert, was mein Erlöser war. Emporgewachsen ist das Göttliche und hat im freundlichen Scherz das Wasser meines Lebens in berauschenden Wein verwandelt. Werde ich, einst ernüchtert, die Wände des Hauses, den Tisch, der das Wunder trug, noch schauen mögen? – Doch still! Stört, ihr dürren Zweifel, nicht dieser Stunde gegenwärtige Freude. Die Seelen kennen sich früher, als sich die Augen erschauen. Sie wohnte längst in meinem Herzen. Auch vor dem Frühlinge sind die Blumen unsichtbar im Garten. Sehnsuchtschwanger, liebesschwanger war längst meine Seele, und wohin ich blickte, las ich Liebe. Da kommt der Lenz mit Licht und Tau und Wärme, er bringt Gesang und Duft und Farbe. Er wandelt durch den Wald, ganz in Kränzen umkleidet, umschwebt von Blumenketten, in das Haar Violen geflochten: Kaum noch erkennt man die Gestalt, so ist er mit Grün und flatternden Farben dicht umhüllt. Nun fühlt die trunkne Erde und Wald und Garten seine beglückende Nähe, die Geister der Natur streben ihm entgegen, und in seliger Ohnmacht läßt alles Gebüsch die quellenden Rosen los, und der Garten ist duftende Röte, die Lilie öffnet ihren Glanz, die Blüte der Bäume schwebt in der Sonnenluft, und alle Natur gaukelt Wundertraum. – So war dem Jüngling bang vor unbewußtem Glück, und die Träne entfiel in Wollust seinem Auge: Da erschien sie, und sein Glück hatte Namen und Wesen. Ist es aus dem Geheimnis der Geister zum Sein getreten, um dem Tode entgegenzublühn? Als ich sie gefunden, haben die Geister sich in Blicken besprochen, aus den Blicken erwuchs das Wort. Das Ungeborne sehnt sich zum Licht und Dasein hin: Dieser Puls schlägt durch die ganze Welt, und in der Liebe ist die Verkörperung des Geistes die schönste. Ja, in der Liebe ist im Erschaffen des Daseins auch wohl eigentümliche Kraft und mehr als die Erinnerung eines früheren Seins. Dem flüchtigen Hauche, dem nackten Geiste wird, wie er zum Kind und Jüngling erwächst, die unsterbliche Götterrüstung angelegt, daß er alle Angriffe des Verderbens bekämpfe und seinen göttlichen Sitz im Olympus erstreite. Nun nimmt die geharnischte und siegende Liebe alles Vergängliche mit in den ewigen Himmel. Kein Seufzen, kein Lächeln ist verloren: Unter dem Purpurmantel des Imperators schmiegt sich schüchtern und vertrauensvoll jede kindliche Freude und Ahndung, das süße Hoffen, der rasch vorübergehende Groll, der schlaue Wink des Auges und das allen unbemerkte Zeichen der bebenden Lippe. Alle Träume gehn mit und sitzen in Gesellschaft der befreundeten Göttergestalten. Zweifel und das Unmögliche sind vernichtet, und jeder Wunsch findet seine Erfüllung. Blick ich nach den fernen Gebirgen und über das weite, unermeßliche Meer, erhebe ich das scharfe Auge zu Mond und Gestirnen, und schweift es durch alle diese weitgestreckten Regionen, so stellt sich mir das Bild der Ewigkeit erhaben gegenüber. Ich verliere mich im Weltall, und meine Seele schwindelt – doch größer als das Größeste, unermeßlicher, wundervoller und ewiger ist mir dann der süße, nahe, befreundete Blick deines Auges in der nächsten Gegenwart; und noch zitternder schwindelt mein Geist in dieser nächsten Nähe, aufgelöset in Wonne und Entzücken. Dich fühl ich, du bin ich, wenn ich die Ewigkeit und die fernen Räume nur ahnde und Meer und Gestirn nur mit dem äußern Auge wahrnehme. Ist sie schöner, wenn sie mutwillig ist oder wenn sie schweigend und gerührt ganz in Gefühl sich löst? Ihre Tränen sind unwiderstehlich, aber ihr schalkhaftes Lachen siegt noch gewisser. Sie war sehr ernst, als wir von der Vergänglichkeit der Schönheit und alles Lebens sprachen: Alles dient nur dem Tode, sagte sie gerührt, und alles Schöne strebt nur aus dem Dunkel leuchtend empor, um der Verwesung entgegenzureifen. Der schönste Pfirsich glänzte rötlich in seiner samtnen Pracht am Spalier. Sie brach ihn herunter und reichte ihn mir. Es kommt mir häßlich und roh vor, sagte ich, die Frucht mit meinen Augen prüfend, ein so liebliches Kind des Sommers tierisch zu verzehren. Plötzlich lachte sie und nahm den saftigen Apfel aus meiner Hand. Sie sah mich schalkhaft mit den glänzenden, großen Augen an. Darauf biß sie mit den weißen Zähnchen in den Flaum der Frucht und sog den weißen, gewürzigen Saft. Siehst du, rief sie dann, für diesen Augenblick war der zierliche Apfel geformt und von der Sonne erzogen, er hat im lieblichen Geschmack mir alles verraten, was er von seinem Dasein weiß. Nimm! Mit bebendem Entzücken nahm ich die Frucht aus den schönen Fingern. Die Spur der Zähne war dem blendendweißen Fleische eingedrückt. Ich kostete von der Stelle, an der sie genascht hatte. So dünkte mich, ich schlürfe der Venus sinnberauschenden Wein. Schnell nahm sie mir den Pfirsich wieder weg, setzte noch einmal den wunderschönen Mund an, kostete und warf dann die Frucht weit weg, unter grüne Gewächse und Sträuche hinein. Dort mag er nun sterben und verwesen: Du hast einen Kuß von mir und ich von dir empfangen. Ist sein Leben nicht ein schönes gewesen? Und so ist auch die Gegenwart und der vorübereilende Moment. Wenn wir jahrelang sein gedenken, ist er kein flüchtiger. Warum mußte die lustige Gesellschaft schon zurückkehren, indem wir noch so sprachen? Der Pfirsich, wo ich ihn wahrnehme, ist mir ein Bild des Glücks. Bote des Kusses, stummer, verschwiegner Vermittler der nach Küsse sehnsüchtigen Lippen, nenn ich ihn. So nennt mir Baum und Pflanze ihren Namen, und die glühende Granate ruft mir ihn zu, die Lilie flüstert ihn leiser. Wohin ich blicke, höre und sinne, nur Gespräch von ihr. Wohin mich retten? Die Kinder putzten sie auf. Kleine Rosen hefteten sie als Kranz in ihre braun glänzenden Locken, darauf stellten sie zwei Lilien schief, die sich über der Stirn berührten und aneinanderlehnten. Sie war das Bild der Diana. Ein fremder Blick leuchtete aus den geheimnisreichen Blumen hervor. Als wenn der schön gefiederte Vogel Indiens aus grüner Waldlaube hervorfliegt und seinen bezaubernden Gesang anhebt, so war ihr Strahlenblick. Ich kannte sie in diesem Putz nicht wieder. – Und ist sie mir nicht ewig neu in jedem neuen Kleide, im Schleier, in dem sie wandelt oder ruht? Im Garten oder im hellen Saal? Wenn sie spricht oder singt? Sie sang ein altes Lied vom Macias, unserm Liebesdichter. Dann las sie einige spanische Verse aus der Diana des Montemayor. Sterben für sie in solchem Augenblicke wäre nichts Sonderliches: Tu ich nicht mehr? Überlebe ich nicht die Stunden und Tage des Zweifels, der Angst? Wenn sie sich bald zu mir neigt, bald abwendet? Es kann sein, daß diese Liebe, wie ich sie fühle, uns Sterblichen nicht vergönnt ist. Vielleicht ist es Sünde, sich ganz von diesen feinen, himmlischen Gefühlen durchdringen zu lassen und einzig ihnen zu leben. In allen Blumen, im Rauschen der Waldung, in den kühlen unterirdischen Brunnen lauern vielleicht schon die bösen Geister, die das Übermenschliche hassen und strafen. Tantalus ward von der Tafel der Götter in den Abgrund gestürzt, und der glänzende Luzifer erkrankte wohl an dem Verbrechen, das mich jetzt beseligt. Ich bin zu glücklich, als daß mein Glück dauern könnte. Und warum soll es das? Mit Worten, den süßesten, hat sie mich oft geküßt. Ihr Geständnis der Liebe, ihr Händedruck hat mir das Herz durchdrungen, daß es schmerzlich in Wonne erzitterte. Nun bat ich sie flehend um den ersten Kuß. Tor! sagte sie. Vergissest du so schnell, was du neulich vom Pfirsich sagtest? Ist die Ahndung nicht mehr als die Wirklichkeit? Sind die Lippen zum Küssen geschaffen? Erstickt nicht im Kusse dann vielleicht die geistigste Sehnsucht? Nein, rief ich, himmlischere entsprießt im süßen Kuß: In ihm werde ich mich, dich und mein Glück erst ganz kennenlernen. Also ist es dir noch immer fremd? sprach sie lachend. Wir standen im Schatten der Laube. Plötzlich umfaßte sie mich, küßte mich auf den Mund und sprang mit Gelächter hinweg. Ich wußte nicht, wie mir geschehn war, ja ich konnte nicht sagen, ob ich glücklich war oder nicht. Wieder Streit. Nein, rief ich in Tränen, so hat dich denn die Liebe noch nicht bezwungen, der goldne Pfeil ist nur durch deine braunen Locken, die Stirn vorbei, geflogen und hat dein Gewand gestreift; ins Herz ist er dir nicht gedrungen: Das war nicht ein erster Kuß, wie ihn der Liebende sich wünscht, er neckte nur, er küßte nicht. Auf diesen hastigen, fortrauschenden Druck waren die Geister des Lebens nicht vorbereitet, um in Sabbatstille und Andacht das Entzücken dieses Augenblicks zu feiern. – Warum sollen sich alle Küsse gleich sehn? erwiderte sie. Ich habe mich diesen nicht gereuen lassen und ihn an dich gewendet, aber du hast unrecht, ein Geschenk der Liebe zu taxieren. Jungfräulich errötend und scheu saß sie in dunkler Abendlaube neben mir. Unsre Hände ruhten ineinander, und alles war still. Da umfaßte ich sie, sie drückte sich an meine Brust, unsre Lippen begegneten sich freiwillig, und ein langer, andächtiger, einwurzelnder Kuß ward ein Siegel unsers Bundes. Heiße Tränen gerührter Freude stürzten aus meinen Augen, und wie war ich erschüttert, als große Tropfen aus ihren klaren Augen fielen. Die Geister der Liebe feierten ihren Triumph, ein heiliges Gebet, ein Schauer der Andacht und Wonne rieselte durch mein Gebein. – Vielleicht, so seufzt mein Genius, habe ich den schönsten Moment meines Lebens genossen, und jene Tränen waren das Grabgeläut meines Glücks. Warum neigt sich mein Geist immerdar den Schmerzen zu und sucht sie, fast ängstlich, auf? Ist der Augenblick und die Gegenwart alles, so mag ihnen auch ihr Recht geschehn. Ach! Heiligste! Süßeste! Wenn ich nur dich nicht verletze! Nein, mein Glück ist das ihrige, und ist die Liebe ein Rausch, so sorgen wir, daß wir so spät als möglich ernüchtert erwachen. Wer setzt der Freude und Wonne ein Ziel? Wer darf sich erkühnen, die Grenzen der Liebe zu zeichnen? Nur Unschuld und Scherz, nur fromme Kinder sind im Gefolge des Eros, so mutwillig sie auch toben und lachen. Aber gar nicht will Cypria herrschen, wenn noch ein Wunsch, eine Furcht, eine Überlegung sich ihrem Zepter entzieht. Wer lieben will, der kann nur lieben. Meine Hingebung in dein Glück, sagte sie, ist mein freier Wille, wenn man dies Gefühl noch Wille nennen kann. Ich gebe dir nicht mehr nach als meinem eignen Herzen. Die Alten sangen vom Zwang der Liebesgöttin, das verstehe ich jetzt, und indem ich dein bin, bin ich auch am eigensten und innigsten mein. – Das tönte mir wie Offenbarung und heiliger Spruch. Da ist die Ehe, die gottgeweihte, der Seelen. Warum muß unsre Liebe ein Geheimnis sein? Das edelste Gefühl, die natürlichste Begebenheit, das notwendigste Ereignis? Der Himmel kennt sie, und die Natur und alle jene Geister kennen sie, die in den Elementen und Blumen weben, und alle haben es längst dem großen Jupiter ausgeplaudert, der behaglich darüber lächelte. O sein Lächeln war kein Spott und Tadel, keine Schalkheit: Nein, es war das Lächeln der Freude, daß zwei seiner Kreaturen das nächste und doch fernste, das natürlichste und doch seltenste Glück dieses Erdenlebens gefunden haben, und sein Lächeln war Erinnerung an seine eigne Seligkeit. Wie soll ich ihm seinen Himmel neiden, was soll ich ihm noch einen Wunsch vortragen? Mir ward alles, höchstens um Tod im Kuß, der unsre Seelen ineinanderschmilzt, könnt ich ihn bitten. Ein Blitzstrahl müßte uns zugleich verzehren, daß wir dort im selben Moment die verklärten Augen aufschlügen und im selben trunknen Blick nach keiner andern Seligkeit forschten. Wenn an der Göttertafel eine Stille entsteht und Apollon verdrüßlich ist, die Leier zu schlagen, so lauschen die Seligen entzückt auf die Melodien herab, die aus den Herzen beglückter Liebenden tönen, und der Himmelssaal schimmert heller. Es ist nicht wahr, daß es Unglück gibt, wenn man liebt. Fühle sich der Nüchterne elend, der Zweifler, der niemals ein Himmelsauge mit Gegenliebe begrüßt hat. Wird man in der Wonne der Liebe gesättigt? Fern also von mir, ihr wesenlosen Nachtgespenster, die ihr um jene Sterblichen flattert, die ein kümmerliches, inhaltleeres Dasein schleppen und nicht wissen, was sie am Morgen oder in der Nacht erhoffen sollen. Sie glänzt mir jede Nacht, sie leuchtet mir jeden frischen Morgen, denn immer, wie Abend- und Morgenstern, ist es dieselbe Liebliche, die mir Abend und Morgen verkündet. Wir stritten heftig, wer von uns den andern am meisten liebt. Da erschien uns Venus noch glanzreicher, so purpurglänzend, so goldschimmernd sie sich uns auch schon gewiesen hatte. Die Wollust dieser Versöhnung, die Entzückungen dieses Streites, dieser süßeste Tod im höchsten Leben, dies hatten wir noch nicht empfunden. Die Ewigkeit in jedem Kuß, den Himmel in jeder Berührung, das Weltall, Vergangenheit und Zukunft im Umarmen. So dräue denn, zürnende Gottheit, in unser Glück hinein, schleudre den Blitz, donnre, wenn Donnern dir Freude macht. O du Nichtiger! Wer bist du in deiner Macht, in deinem Reichtum? Mein ist sie in jedem Tropfen ihres Bluts, in jedem Gedanken, in jeder Ahndung ihres Gefühles mein! – So von Seligkeit und Wonne ummauert, im Harnisch dieses Gefühls, in dieser Götterrüstung trotze ich den Menschen und allen Dämonen! Und sie fühlt und lebt ebenso. Wer bist du, daß du nur drohen darfst? Ja, wohl gibt es Unglück . . . Der junge Graf Ferdinand sah noch lange mit starren Augen auf diese alten Blätter, nachdem er sie geendigt hatte. Viele Zeilen, die fast erloschen waren, hatte er nur mit großer Anstrengung lesen können, alle Worte hatten ihn tief ergriffen, und indem er nun am meisten gespannt war, das Nähere der Geschichte, welche sich aus diesen poetischen Andeutungen nur erraten ließ, zu erfahren, brach alles ab und endigte ohne Schluß. Vergeblich suchte er in den beschriebenen und gedruckten Büchern nach dem Rest dieser Erzählung. Wer war es, der diese Blätter schrieb? fragte er sich selber. Wie kommen sie in jenes vernichtete Haus? Den Gedanken, daß sie wohl gar vom verstorbenen Gemahl seiner Tante herrühren könnten, mußte er sogleich als unmöglich abweisen. Er dachte nach, wen er fragen könne, um etwas heller in dieser Sache zu sehn, welche ihm wichtig geworden war. Doch fiel ihm ein, indem er sann, daß, wenn hier ein Geheimnis verborgen liege, er nicht von diesen Blättern sprechen dürfe, die er, ohne die Erlaubnis zu haben, eigenmächtig gelesen. Wenn ich mein Leben überdenke, sagte er zu sich selber, wie es sich seit kurzem gestaltet hat, so begreife ich mein jetziges Treiben nicht, wenn ich es meinem früheren vergleiche. Die Geschäfte für jene ehrwürdige Verwandte fesseln mich so, daß ich mir keine andre Beschäftigung wünsche: Am wohlsten ist mir in ihrer Gesellschaft, und wenn sie jünger wäre, würde ich mir einbilden können, daß ich sie liebe. Denke ich meines früheren Lebens, als es mir schien, daß ich nur als Soldat glücklich sein könnte, so fasse ich es nicht, was diese Umwandlung in mir hervorgebracht hat. Für meine Sucht nach Seltsamkeit, meine Freude an Wundern wäre dieser jetzige Feldzug geeignet gewesen, dem ich mich jetzt, gestehe ich es mir nur, mit Freuden entziehe. Nicht Furcht vor Gefahren fesselt mich hier, sosehr auch mein Oheim und viele Alten der Unternehmung einen heillosen Ausgang wahrsagen. Mir dünkt, mein Genius steht an der Schwelle meiner Zukunft, winkt mir zurückzugehn und verheißt mir hier Glück und Freude. Ob diese Blätter von einem Dichter herrühren mögen oder von einem Manne, der sich nachher unter uns bekannt gemacht hat? Der junge Mann wurde in diesen Betrachtungen durch ein lautes Getümmel unterbrochen, welches sich im Hofe erhob. Man hatte das Tor des Hauses gewaltsam geöffnet, und mit Geschrei und vielfachem Lärm stürzte ein Menschenhaufen in den Raum des Hofes, andre eilten die Treppen herauf. Als Ferdinand an das Fenster ging, sah er, daß man einen verwundeten Krieger unten niederlegte, indem ein Diener schnell nach einem Wundarzt rannte, um die Wunde des halb Ohnmächtigen, welcher schon viel Blut verloren hatte, zu verbinden. Ferdinand eilte hinaus, um selber Befehle zu geben, damit dem Verletzten, wenn noch Rettung war, auf die beste Art geholfen werden könne. Unten war alles verwirrt und tobte und schrie durcheinander: der verwundete Offizier, welchen Ferdinand unten in ein Zimmer auf ein Bett hatte legen lassen, kam wieder zum Bewußtsein und dankte dem Herrn des Hauses für seine Sorgfalt und Freundlichkeit. Der Wundarzt kam und erklärte nach dem Verbande die Wunden für gefährlich, wenn auch nicht tödlich. Als Ferdinand Ruhe gestiftet und der Haufe des gemeinen Volkes sich wieder verlaufen, als der junge Mann alles für die Pflege des Offiziers angeordnet hatte, begab er sich wieder zu den obern Zimmern, und einige der altern Diener folgten ihm sowie ein deutscher Hauptmann, ein Freund des Verwundeten, der ihm für seinen Kameraden Dank sagte. »Wie ist es nur möglich«, fragte Ferdinand, »daß in einer ruhigen, friedlichen Stadt am offnen Tage und auf der Gasse eine solche Gewalttat hat verübt werden können?« »Vor dem Hause«, sagte der Kammerdiener, »hatte sich plötzlich eine große Masse des Pöbels zusammenrottiert, die ein großes Geschrei verführte und auf kein Zureden und Ermahnen achtete. Der große, riesenhafte Mensch Minotti, den die Wasserträger und Handlanger wie ihren Kapitän oder Fürsten achten, war an ihrer Spitze, und alles Gesindel war bewaffnet, mit Knütteln, alten Spießen und verrosteten Degen.« »Ja«, setzte der Hauptmann die Erzählung in gebrochenem, unrichtigem Portugiesisch fort, »der Riesenkerl schwang wie Herr Goliath einen ungeheuern Weberbaum, und kein Mensch hatte den Mut, das Volk zu bändigen oder anzugreifen.« »Was aber hatte sie vereinigt und zu dem Tumult veranlaßt?« fragte Ferdinand. »Erlaubt«, fing der Kammerdiener wieder an, »sie hatten vor, als Gesandtschaft nach dem Palast unsers allergnädigsten Königs zu laufen, um ihm insgesamt die Bitte vor seine erlauchten Füße zu legen, von diesem unglücklichen Feldzuge nach Afrika abzustehn, weil er und das ganze große Heer dort im Lande zugrunde gehen müsse.» »Ja«, fiel der Offizier wieder heftig ein, »sie hatten da eine lange unvernünftige Geschichte von einer Glocke und Kapuzinern und Einsiedlern und daß uns die bösen Geister zerreißen würden.« »Erlaubt, gnädiger Herr Offizier«, unterbrach ihn der Kammerdiener, »daß ich meinem Herrn Grafen den eigentlichen Verlauf mitteilen kann. Jener Kapuziner, Melchior, den viele im Volk für einen Heiligen halten, war wirklich mitten im Gedränge. Er sprach und prophezeite und erzählte, und die Angesichter seiner Zuhörer wurden immer röter und glühender. Er trug ihnen wieder jenes Wunder der Glocke von Vilela vor, welches wir alle schon erfahren haben, wie unermüdet sie an manchem Tage ihre Unheilstöne habe vernehmen lassen. Einige Wasserträger und Maultiertreiber sprachen ebenfalls in Begeisterung von den Zeichen der Zeit. Das Gedränge vermehrte sich. Da erschienen diese beiden Herren, und dieser Herr Offizier fand sich durch die Reden und das Geschrei des Haufens beleidigt.« »Mit Recht«, rief der deutsche Hauptmann, »denn das Gesindel sprach über den Feldzug und die Armee mit einer unverschämten Dummheit!« »Nur schade«, sagte der Kammerdiener, »daß das Volk den würdigen Herrn und seine Sprache nicht verstand. Sie meinten, er höhnte sie aus und schelte und verfluche sie, wie es denn im Grunde auch nicht viel besser war. Denn alles lautete noch schlimmer, als er es vielleicht meinte.« »Ich hätte sie alle massakrieren mögen«, schrie der Deutsche, »da die ganze Kanaille von Miliz und Ordonnanz nichts verstand.« »Darüber kam es nun zum Handgemenge«, sagte der Diener, »und alle brüllten laut, als dieser Herr den Degen zog und sich unter das Volk stürzen wollte. Der andere Offizier, der Verwundete, wollte mit guten Worten und mit Gewalt seinen Kameraden zurückhalten, aber der Herr ließ sich in seinem Eifer nicht bedeuten. Schläge fielen, und seine blanke Klinge war mitten im Haufen. Nun konnte der zweite Herr nicht mehr zurückbleiben, er half redlich, aber der Widersacher waren zu viel, und so liegt er nun unten mit drei schweren Blessuren auf dem Bette.« »Ja, und mich«, rief der Deutsche, »hätte der Teufel wohl ganz und gar geholt, so verpicht war das Gesindel auf meinen Untergang. Ich empfahl meine Seele auch schon der Barmherzigkeit Gottes, denn es war an kein Entrinnen zu denken, und der große Riese holte mit seinem Weberbaum schon aus, als ein mäßig großes Männlein, hübsch angezogen, sich mit seinem Degen mitten in das schreiende Gewühl stürzte und dem Herrn Goliath einen solchen Schlag vor die Brust gab, daß der Unflat matt zurücktaumelte. Alle erschraken, und nun sprach das Männel, wovon ich aber das wenigste verstand, so hübsch und vernünftig, daß alle ruhig wurden und ich für dasmal salviert war.« »Wer war der Mann?« fragte Ferdinand. »Ich kannte ihn nicht«, sagte der Diener, »er hat sich auch, als die Gefahr vorüber war, sogleich wieder entfernt.« »Ein stilles Kerlchen ist es«, sagte der Deutsche, »ich habe ihn schon neulich mal kennenlernen. Er hat nur ein Auge, ist aber sonst handlich und sauber und erzählte uns, daß er auch einmal Soldat gewesen sei. Das muß wohl sein, weil er sich heut der Soldateska so tüchtig angenommen hat.« Ferdinand ging mit dem deutschen Hauptmann zum Verwundeten, welches jener Florentiner war, wieder hinunter. Sie fanden das Zimmer mit Soldaten angefüllt, welche alle den Bettlägrigen beklagten. Der Engländer Stuckley war selber gekommen, um den Vorfall zu untersuchen. Er dankte dem jungen Grafen für die Sorgfalt, die er für seinen Kapitän bewiesen habe, und sagte, daß er ihn sogleich in das Lazarett wolle bringen lassen. »Erweiset mir«, sagte Ferdinand, »die Freundschaft, Herr General, auch bis zur völligen Genesung Euern Hauptmann meiner Pflege zu vertrauen, denn ich gebe Euch mein Wort, daß es ihm in meinem Hause an keiner Hülfe fehlen soll.» Stuckley dankte mit Herzlichkeit und sagte dann: »Freund Amerigo, so werden wir nun ohne Euch hinübersegeln müssen, denn es steht nicht zu erwarten, daß Eure Wunden so bald genesen werden. So verliere ich hier schon einen meiner einsichtsvollsten und tapfersten Freunde. Kommt uns nach, sobald als möglich.« Der Deutsche faßte die Hand des Italieners und sagte: »Frischauf, Kamerad! Haltet Euch, so gut Ihr könnt, das Fieber, den Schmerz und Tod vom Leibe, so hoffe ich, könnt Ihr immer noch in der nächsten Aktion mit zugegen sein, denn die Geschichte wird gewiß nicht mit etlichen Schlachten entschieden sein. Wärt Ihr nicht mit mir aus Freundschaft gegangen, und wäre ich nicht so ein Tollkopf, worüber Ihr mich immer reprimantiert habt, so wäre freilich das ganze Unglück nicht vorgefallen. Nicht wahr, Herr General, es wäre eigentlich besser gewesen, er hätte mich von der wütigen Kanaille totschlagen lassen, als daß er nun hier wie ein armer kranker Hund liegen muß! Er konnte Euch mit seinen Einsichten mehr nützen als ich Einfaltspinsel, der ich nur mit dem Schwert dreinzuschlagen verstehe.« Stuckley gab ihm die Hand und sagte: »Ihr seid ebenfalls ein braver Soldat, und ich sowohl wie König Sebastian muß über jeden tüchtigen Mann klagen, den wir einbüßen sollen.« Unter wiederholten Danksagungen und Freundschaftsbezeugungen verließ Stuckley mit seinem Gefolge das Zimmer, und Ferdinand suchte den Verwundeten zu trösten und zu beruhigen, worauf er diesen der Ruhe überließ, die der Kranke wohl jetzt am meisten nötig hatte. In dem Landhause der Donna Catharina war die Ruhe indessen auch einigermaßen gestört worden, denn sie hatte einige Seitenzimmer einrichten lassen, in welchen ein alter Verwandter, der zwar nur in weiter Entfernung zu ihrer Familie gehörte, wohnen sollte. Sie erkannte diese ferne Verwandtschaft um so lieber, weil der Greis, welchen sie erwartete, arm war und sie es wußte, daß er gern diese Gastfreundschaft annehmen und ihr dankbar sein würde, indem sie ihm dadurch viele Ausgaben ersparte. Dieser Alte war lange in Ostindien gewesen und hatte mancherlei Staatsdienste verwaltet, auch hatte er als Soldat gedient, aber er hatte es nicht verstanden, in diesen Verhältnissen sein Vermögen zu verbessern oder gar, wie so mancher andre, Schätze zu sammeln. Catharina aber war um so mehr erfreut, diesen würdigen Mann wiederzusehn, den sie nur in ihrer frühesten Jugend gekannt hatte. Sie hatte alles zu seinem Empfange bereiten lassen und erwartete nur den letzten Brief, welcher ihr bestimmt den Tag der Ankunft des würdigen Vetters melden sollte, wenn er vielleicht noch schrieb. Sie war im Saal, dessen hohe Fenster auf den Garten und die Landstraße niedersahen, und der Marques de Castro sowie der junge Graf Ferdinand waren zugegen. Dieser hatte eben erzählt, auf welche sonderbare Weise er zu einem Gaste gekommen sei, welchen er jetzt in seinem Hause verpflege, als Catharina, welche zerstreut schien, plötzlich fragte: »Wie heißt der Mann?« »Er ist ein feiner, gebildeter Florentiner«, sagte Ferdinand, »Amerigo Castelvatro, mit dem ich mich schon viel über die Literatur seines Vaterlandes, welche er genau kennt, habe unterhalten können.« »Den meine ich nicht«, sagte sie etwas verdrossen, »sondern jenen Mann, welcher den deutschen Kapitän aus dem Getümmel rettete.« »Diesen Portugiesen«, antwortete Ferdinand, »kannte keiner meiner Diener.« »Schade«, rief sie aus, »denn er hätte, falls er arm sein sollte, wohl eine Belohnung verdient!« »Der ungestüme Deutsche schien ihn zu kennen«, sagte Ferdinand, »aber nach dessen Schilderung scheint dieser wackre Mann im Wohlstande zu leben, wenigstens nicht arm zu sein.« »Willst du gern wissen, Mütterchen«, rief plötzlich die kleine fröhliche Marie dazwischen, »wer die Heldentat ausgeübt und dem großen ungezogenen Mann den Stoß vor die Brust gegeben hat?« »Kannst du es mir denn sagen?« fragte Catharina. »Gewiß!« sagte das Kind und nickte sehr bedeutsam mit dem Kopfe. »Komm zu mir, Mutwillen«, rief der alte Marques, »springe nicht so im Zimmer herum und sei einmal ernsthaft. « Er nahm sie auf den Schoß und strich ihr die langen, schwarzen Locken von der hohen Stirn. »Jetzt sprich!« sagte der Marques, indem er einen strengen Ton annahm. »Und nun will ich gerade nicht!« rief die Kleine, indem sie die fliegenden Locken wieder über das ganze Gesicht zog und hin und her schüttelte. Der Marques konnte sich über den Trotz der Kleinen des Lachens nicht enthalten, indem er rief: »Jetzt siehst du wie ein Löwe aus!« Sie aber sagte schmollend: »Gibt es denn auch schwarze Löwen? Ich denke, sie sind alle gelb oder bräunlich.« Ferdinand stand auf und sagte, indem er die Kleine vom Schoße des Marques herunterhob und sie wieder laufen ließ: »Laßt mir, lieber Oheim, mein Bräutchen in Frieden: Wenn sie es mir nur recht macht, so hat kein andrer zu schelten.« »Bräutchen?« sagte Maria schnippisch. »Habe ich denn schon meine Einwilligung gegeben? Kennst du denn meine Gedanken? Wenn mir nun ein andrer besser gefiele!« »Kind!« rief Catharina aus, indem sie sich vom Sessel erhob. »Du bist mir heut ganz fremd – was ist dir angewandelt?« »O Mutter!« sagte die Kleine und schmiegte sich an sie. »Wenn mir einmal wohl ist, das ist dir fremd? Muß ich denn so traurig sein wie du, wenn du mich liebhaben sollst? Wenn ich erst älter bin, werde ich auch schon Trauer und Not genug erfahren, jetzt ist mir noch oft, als wenn die allerkleinsten und lustigsten Engel zu mir herunterkämen und mir recht Lust machten, mit ihnen und allen Tierchen und Blumen und allen Dingen und Kreaturen von Herzen zu lachen. ›Die Sonne lacht, die Blumen lache‹, steht ja auch in manchen Versen. So laß mich nur noch ein Weilchen auch so leben wie Sonne und Blumen oder wie die Dichter und solche Kreaturen, die an morgen nicht denken mögen.« Catharina sah ihr Pflegekind mit einem tiefsinnigen, forschenden Blicke an, dann wendete sie sich wieder seufzend zu ihrem Sessel und sagte, als sie sich niedergelassen: »Nun, ob du gleich unartig bist, so sage mir doch, wer der Portugiese war und woher du Kenntnis von ihm hast.« Die Kleine kam zu ihr, reichte ihr Händchen hin und sprach: »Ja! Du mußt mir aber erst die Hand daraufgeben, daß du mir verzeihen willst, denn ich bin heute vormittag noch viel unartiger gewesen.« Die hohe Frau mußte über das Wesen des Kindes lächeln. Ihre trübe Miene erheiterte sich, sie schlug mit ihrer Hand in die dargebotene kleine und sagte: »Ja, ich verspreche dir, alles sei verziehen, was du auch getan haben magst.« »Ihr seid Zeuge, Herr Marques, und der junge Herr, der sich meinen Bräutigam nennt!« rief Maria. »Nun also, ich muß mich recht über euch verwundern, daß ihr es alle nicht gleich bei der Erzählung begriffen habt, daß der rüstige liebe Mann derselbe ist, der hier so oft vorübergeht. Der da in der Schlägerei hatte ja auch nur ein Auge, so wie mein guter Freund, der geradeso aussieht, als wenn er lauter Gutes und Liebes den Leuten und seinen Freunden täte.« »Es ist möglich«, antwortete Catharina, und Ferdinand sagte: »Wenn er wieder vorbeigehn sollte, mußt du deine Mutter oder mich, wenn ich hier bin, aufmerksam machen.« »Mutter kann den lieben Mann nicht leiden«, sagt Maria, »sie denkt gar – Gott und die Heiligen behüten uns! –, er könnte ein Räuber und Mörder sein. Wenn man aber den besten Menschen so begegnet, was soll man erst mit den Schlechten anfangen?« Als Catharina nachdenkend vor sich niedersah, kam die Kleine wieder zu ihr und sagte ernsthaft: »Du fragst ja aber nun gar nicht nach meiner eigentlichen Ungezogenheit?« »Nun, so sprich, Kind.« »Aber du hast noch nicht vergessen, daß wir darüber schon unsern Frieden gemacht haben? – Ich war heut vormittag, so sehr du es auch verboten hast, wieder unten im Garten. Meine Duennen hatten mich nicht beachtet, denn sie dachten, ich wäre bei dir, und so war ich ihnen weggelaufen. Du denkst immer, ich werde in den Springbrunnen fallen oder mich von der Sonne verbrennen lassen, oder was du nun sonst für Ängsten hast. Aber ich tue nichts, als daß ich mir die Vögelchen, die Fische, die Blumen und Bäume recht genau betrachte, gar anders mit Verstand als von hier oben. Unten kann ich mit allen sprechen, es ist, als wenn sie antworten. Man kann sich in die Augen sehn, und man bleibt sich nicht so fremd. Sonst ist es, als wäre alles nur gemalt oder wie Tapete. Drum ist ja mit Sonne, Mond und Sternen so wenig anzufangen.« »Schwätzerin!« drohte Catharina. »Der alte Herr hört mir gern zu«, erwiderte fröhlich das Kind, »der hat die Kinder lieb, und wenn der Graf da will mein Bräutigam werden, so muß ich ihn auch noch erst recht genau kennenlernen. – Wie ich nun aber da unten war, sah ich wieder meinen lieben Einäugigen von der Stadt herkommen. Ei, jetzt war er aber einmal recht schmuck, er hatte einen hübschen Mantel und trug auch wieder einen Degen, wie es sich für solchen Mann gehört.« »Wieder?«'fragte Ferdinand. »Hast du ihn denn schon früher mit einem Degen gesehn?« »Eigentlich nicht«, schwatzte Maria, »hier auf der Erde nicht – aber weil mir der Mann so sehr gefällt, müssen es die Engel wohl zugelassen haben, daß mir, vor drei Tagen etwa, recht schön von ihm träumte. Da war ich an einem Meerufer, weit, weit hinunter war nichts als Meer und Luft und Himmel. Aber das Meer war recht schön grün und blau, recht freundlich und gut, nicht so erbost, daß es mit seinen großen Wellen tobte und Lärm machte und schalt. Wie ich in das Weite hinaussehe, wird unten was lebendig, wie ein Täubchen, und wie es näher zieht, ist es wie ein Schwan, der mit krummen Flügeln und dem schlängelnden Hals so herumschwimmt, als wenn er selber nicht wüßte, daß er sich mit Schwimmen abgibt. Nun war es aber ein Schiff mit weißen Segeln, was ich für einen Schwan gehalten hatte. Und wie es näher kam, floß auf den Wellen auch eine wunderschöne Musik mit zu mir heran. Die Musik ging wie ein gehorsamer Bedienter mit den süßen Worten seinem Herrn voran, und als das Schiff nun ganz groß geworden war und vor mir stand, da hatten sie es schon mit purpurroten und golddurchwirkten Decken und Teppichen belegt, wie man es macht, wenn der Fronleichnam gefeiert und das Hochwürdigste vorbeigetragen wird. Nun kamen auch schon die geputzten Leute, die sich alle im Schiff befanden, und halfen mit großer Reverenz einem ältlichen, aber schönen, schönen Mann heraus, daß er ans Ufer zu mir herübersteigen konnte. Ach, ich mußte weinen, als der liebe Mann sich umdrehte, daß er nur ein Auge hatte. Aber wie herrlich war er! Dazumal trug er nun den Degen mit einem schönen goldnen, glänzenden Griff. Ein roter Mantel war um seine Schulter, ein silberner Harnisch auf seiner Brust. In den Haaren leuchtete ein Goldring durch einen allerliebsten grünen Kranz, der ihm so hübsch ließ und in den auch etliche Blumen geflochten waren. Sowie er mich sah, grüßte er mich recht freundlich und kam nun so hübsch lächelnd ans Land. Mit einem Male hatte er eine Leier, die fing er an so schön zu schlagen, daß es mir das Herz erfreute. Und wie ich mich umsah, war das Wasser voll Schwäne und Delphine, die nach der Melodie des Gesanges schwammen und hüpften. Auf dem grünen Rasen tanzten und sprangen tausend hellweiße Lämmchen, und rote und grüne Papageien flogen in der Luft. Der Mann sagte zu mir: ›Willkommen!‹, gab mir die Hand und drückte meinen Finger drauf so stark, daß es mir weh tat. Da mußte ich schreien und aufwachen.« Alle sahen das erzählende Kind mit Erstaunen an, und Catharina schien bewegt. Ferdinand nahm die Hand der Kleinen und drückte sie zärtlich. »Gott! Herr Graf«, rief sie schmollend aus, »du machst mir wieder Schmerz! – Nun muß ich aber doch weitererzählen, daß ich auch gewiß sein kann, daß man mir vollständig vergeben hat. Ich sah also meinen guten, einäugigen Mann wieder die Straße herunterkommen, und er stand wieder, wie er schon oft getan hat, vor dem eisernen Gittertor still und schaute in unsern Garten hinein. Nun könnt ich den guten Mann recht in der Nähe betrachten. Wie ich ihm so zusah, war es mir mit einemmal, als wenn ich ihn schon seit Jahren gekannt hätte, als hätte er schon da draußen im Gebirge mit mir gespielt, und weil er nun so schmuck angezogen war, so faßte ich mir ein Herz und sagte mit einem Male: ›Geht es Euch gut, Sennor?‹ Ich hätte eigentlich am liebsten du zu ihm gesagt, aber ich weiß ja, daß sich das nicht mehr für mich schickt, seitdem ich groß geworden bin. Da sagte er zu mir ...«, sie stockte. Catharina fragte: »Nun, warum fährst du nicht fort?« »Ich weiß nicht«, antwortete die Kleine, »ob es sich schickt. Doch, ich will mir ein Herz fassen. Er sagte also zu mir: ›Ach, mein allerliebstes Fräulein, was seid Ihr für ein schönes Kind!‹ – ›Ein Kind!‹ rief ich aus. ›Ich bin schon aus den Jahren und ziemlich groß: Meine Duennen sagen, ich würde bald gar nicht mehr wachsen.‹ Da lachte der liebe Mann so herzlich und freundlich, daß er mir noch hübscher vorkam. ›Was lacht Ihr, lieber Herr?‹ fragte ich wieder. ›Habe ich etwas Einfältiges gesagt?‹ – ›Nein, mein holder Engel‹, sagte er wieder, ›man lacht ja auch wohl einmal, wenn man sich freut‹ – Da mußte ich nun auch lachen und klatschte dazu vor Freuden in die Hände, was ich auch nicht mehr tun soll, weil ich schon zu groß bin. ›Nun seht‹; rief ich, ›nun freue ich mich wieder über Euch und muß dazu lachen!‹ – ›Nicht wahr?‹ sagte er und lachte wieder, und so standen wir da an den beiden Seiten vom Gitter und sahen uns an und lachten wie die Narren. ›Ich bin ganz jung geworden‹, sagte der Herzensmann nach einer Weile, ›reicht mir doch durch die Gitterstäbe Euer liebes Händchen.‹ – Da steckte ich meine rechte Hand durch das Gitter, er nahm sie zwischen seine Hände und betrachtete sie recht genau; er war wieder ganz ernsthaft geworden, er hatte einen finstern, traurigen Blick, und nun – werdet ihr es wohl glauben? – drückte er auf meine Hand einen langen, langen Kuß. Das ist mir bis jetzt noch in meinem ganzen Leben nicht begegnet – das war also der erste Kuß auf meine Hand ... Und nun, wie er den Kopf wieder aufhob, fielen ihm große Tränen aus seinem Auge. Da mußte ich nun auch weinen, denn mit einemmal war alle Lustigkeit weggeflogen, und ich sagte: ›Fehlt dir was, lieber Mann?‹ – Aber ich erschrak, daß ich ihn du genannt hatte, ich war rot geworden und dachte, er müßte das übelnehmen. ›Nein, mein Kind‹, sagte er ganz freundlich und lächelte wieder, ›in deiner Gegenwart, ich weiß nicht, warum, fühle ich mich ganz glücklich.‹ Nun schämte ich mich noch weit mehr, daß er, der nicht mein Oheim oder Vetter oder Bruder ist, mich du nannte, was doch ganz unschicklich sein soll, wie alle Menschen sagen – und doch gefiel es mir so wohl, daß er keine Umstände mit mir machte. Jetzt kam der lahme Neger, sein Sklave, und der liebe Herr grüßte mich noch einmal recht freundlich und nahm seinen Hut ab, er bückte sich auch tief und ging nun mit dem Schwarzen fort. Es war mir nicht ganz recht, daß er sich so vor mir bückte. – Nun sieh, liebe Mutter, das ist denn meine Geschichte und meine Unart, die du mir schon im voraus vergeben hast.« Die Pflegemutter sagte: »Du hast eigentlich keine Unart begangen, es ist aber doch besser, wenn du dich künftig der Unterhaltungen mit fremden Unbekannten entschlägst.« »Er ist aber kein Fremder und kein Unbekannter«, erwiderte das Kind, «denn er steht täglich vor unserm Tor, manchen Tag ist er schon zweimal dagewesen. Ich weiß nicht, wer er ist, aber ich kenne ihn schon ganz genau.« »Aber wozu sollen solche sonderbare Bekanntschaften führen?« fragte Catharina. »Das habe ich auch schon zu mir gesagt«, antwortete Maria, »als ich nachher so ganz allein im Garten auf und nieder ging. Da stand ich vor dem Drahthause an der andern Ecke, wo die vielen bunten schönen Vögel drin sitzen und springen. Meine Amme hatte mir einmal, als ich noch ein kleines Kind war, von einem herrlichen Vögelchen erzählt, das eigentlich ein vornehmer Prinz und der nun in ein Vogelwesen durch Zauberei geraten war. Ein wunderschönes Frauenzimmer mußte ihn nun durch ihre Liebe wieder zurück in einen Prinzen und König verwandeln. Da dacht ich denn so hin und her: Es könnte ja sein, so fiel mir ein, mein Freund von da draußen sei ein großer, großer Held, ein weltberühmter Eroberer oder Kriegesfürst, er komme von Brasilien oder Indien herüber, er sei am Ende gar ein mächtiger König. Närrisch genug, wenn er nun durch wunderbare Schicksale in Verfinstrung geraten wäre oder Armut, oder er dürfe sich hier bei uns Portugiesen nicht zu erkennen geben, denn solche unglückliche Helden und Monarchen sind ja auch schon dagewesen, und wäre es vorbestimmt, daß er nur durch mich, so klein ich jetzt auch noch bin, wieder zu Glanz und Herrlichkeit und allen seinen Würden gelangen könne. Wäre ich dann groß und dürfte ihm meine Liebe erklären, so bestiegen wir beide an einem bestimmten Tage den Thron, und alle Vornehme und Ritter huldigten ihm. – Da schrien die Vögel in ihrem Drahthause so stark, daß ich mir die schöne Geschichte nicht weiter ausdenken konnte. Der freundliche Mann ist wohl viel, viel älter als ich, aber ich weiß es, wie ich ihm doch von Herzen gut sein könnte. Und wenn er nun ein verkappter Held oder ein verzauberter Prinz wäre, so wäre das doch ein Wunder, und das tut wohl auch viel dazu, daß man einen Gemahl oder auch einen Bekannten recht außerordentlich lieb und wert hält. Denn so, wie ich mir die Welt und das Leben denke, so ist es doch das Alltägliche und Gleichgültige, alles das, wo gar nichts Schönes und Erstaunliches zum Vorschein kommt, was langweilig und widerwärtig ist.« »Wohin geraten wir?« sagte Catharina plötzlich, als wenn sie aus einem Traum aufführe. »Wie entwickelt sich in dem Kinde schon das ganze Naturell des Weibes. Geh, du liebes Wesen, jetzt zu deinen Dienerinnen, ein andermal sollst du mir mehr erzählen.« Auf einen Wink trat eine Dienerin herein. Maria ging ernsthaft zum Grafen Ferdinand und sagte fast feierlich: »Du nennst mich so oft deine Braut und lachst dazu. Ich habe dir so was immer erzählen wollen, daß du siehst, wie ich auch über dergleichen nachdenke und was für Schwierigkeiten und Hindernisse eintreten könnten.« Als sie allein waren, sagte der junge Graf: »Ich bedaure oft, wenn es die Erwachsenen hindern, daß Kinder so recht ihr ganzes Gemüt und alle die Traumgestalten, welche in ihnen aufsteigen, entfalten und erzählen. Bleibt es unschuldig, wird es nicht zur Ziererei und Lüge gesteigert, so spricht sich in diesem Fabeln und Faseln der ganze Mensch aus. Welch eine Schönheit wird sich gewiß in diesem Kinde entwickeln! Und welch reiches, poetisches Gemüt scheint in diesem weichen Herzen zu schlummern! Ich muß meine Schwäche eingestehn, daß sie mich schon für ihren Unbekannten eingenommen hat. Ich werde die Gelegenheit finden, ihn aufzusuchen und seine Bekanntschaft zu machen.« Catharina sagte: »Weissagt in diesem Lallen der Phantasie nicht schon alles Gute und Böse der Zukunft? Kann diese Unschuld nicht einst verderbliche Gefallsucht werden? Hörten wir nicht das Stammeln der Leidenschaft oder das Unglück eines dräuenden Schicksals? Ist es nicht zuweilen das Schönste unsers Gemütes, welches sich mit der Lüge verschwistert? Jenes Gleichgültige, Alltägliche und Langweilige, das alles Wunders entbehrt und von welchem schon jetzt das Kind mit Verachtung sprach, ist denn doch eigentlich nur das Sichre und Gefahrlose. Wie die Anschauung des Schönen und Edlen in uns lebendig wird, so stehn oft auch schadenfrohe böse Geister schon nahe, um uns dem Elend und der Verzweiflung preiszugeben. – Allein, verzeiht, wohin verirrt sich das Geschwätz der Unerfahrenheit sowie des Alters? Sagt mir jetzt, teuerster, verehrter Ohm, was Ihr mir mitteilen wolltet: den Wunsch, dem ich mich, wie Ihr begehrt, nicht zu heftig widersetzen sollte.« Der Marques sagte hierauf: »Verzeiht, meine verehrte Freundin, wenn ich Euch ersuche, einen Wunsch zu erfüllen, den ich Euch hiemit vortrage. Euch ist, ich weiß es, in der Einsamkeit am wohlsten, aber dennoch ist jetzt eine Veranlassung, die Euch dringend anmahnt, diese auf einige Stunden zu verlassen. In wenigen Tagen ist die Einschiffung des Königes und Heeres, eine Begebenheit und eine so hochwichtige Stunde, aufweiche das ganze Land, vorzüglich aber unsre Stadt, mit der größten Spannung hinblickt. Euer Palast, der die Aussicht auf den Hafen hat, ist fast vollendet, die großen Säle und Zimmer, die mit dem Altan in Verbindung stehn, sind geschmückt und mit Tapeten behängt. Es will sich nicht geziemen, daß Ihr Euch an diesem Tage der Nation dem Könige und Adel entzieht. Wenn alle Häuser umher von Menschen wimmeln, allenthalben Glückwünsche tönen, darf Euer Palast an diesem Tage nicht leer und einsam sein. Man würde Euch verkennen und selbst der König vielleicht diese Zurückgezogenheit in einem ganz verkehrten Sinne auslegen. Ihr müßt also Freunde und Bekannte Eures Hauses einladen, und wenn die Zimmer und Altane von Gästen wimmeln, darf die Wirtin des Hauses nicht fehlen. Zwingt Euer Herz, teuerste Frau, und gebt Euch den Bitten Eures Freundes gefangen.« »Ihr kennt mich genug«, erwiderte sie, »um zu wissen, daß ich Euch etwas so Vernünftiges weder abschlagen will noch kann. Ich weiß es aber auch, daß es für mich ein harter Tag sein wird, alle jene Menschen wieder einmal vor mir zu sehn, die mit boshaftem Herzen nur auf meinen Tod lauern und jede Minute meines kranken Daseins zählen; denn die habsüchtigen Verwandten meines Gemahls sind es, die vorzüglich an jenem Tage eingeladen werden müssen.« »So ist es«, erwiderte der Marques, »erlaubt mir demnach, daß ich und mein Neffe Ferdinand alles das besorgen, was wir für nötig erachten. Und daß wir uns bestreben werden, Euch so wenige Beschwer als möglich zu machen, seid Ihr von unserer Freundschaft und Ergebenheit versichert.« Als sich die Freunde entfernt hatten, verschloß sich Catharina in ihrem Zimmer, um ungestört einige Stunden zu lesen und zu sinnen. Es war ihre Art, sich dem Genuß eines Buches, welches sie ehrte, nur hinzugeben, wenn sie darauf rechnen konnte, in ihrer Beschäftigung nicht unterbrochen zu werden. Von Jugend auf hatte sie das am meisten gehaßt, was die Mehrzahl der Menschen als Zerstreuung oder Zeitvertreib benennt und mit Eifer und Leidenschaft selbst diese Abwesenheiten des bessern Geistes aufsucht. Dieser schon in das Leben eintretende Tod, pflegte sie zu sagen, erscheint mir furchtbar und gottlos. Ist es nicht an den Schmerzen und Leiden genug, die den Sterblichen quälen, ist es nicht die Trauer des Daseins, daß alles Schöne und Große verschwindet und uns nur als vorüberziehende Gäste begrüßt, müssen wir auch noch einen künstlichen Selbstmord erfinden, um unsre Seele in das Nichtige und Verächtliche einzutauchen? Und doch leben wir nur, um uns unsrer Kräfte mit jedem Tage klarer bewußt zu werden, um mit jeder Erkenntnis des Echten jene Fesseln des Irdischen mehr und mehr abzustreifen, die uns ja schon, so sehr wir kämpfen, täglich und stündlich drücken und ängstigen. Der edle Mensch hat nichts so Kostbares zu verlieren als eben diese Zeit, welcher der Nüchterne entfliehen möchte. Als sie die Tür ihres Zimmers wieder öffnete, trat ihr der alte Domingo, welcher nur auf dieses Zeichen gewartet hatte, entgegen und rief: »Wißt Ihr es schon, Donna Catharina – aber Ihr könnt es noch nicht erfahren haben –, daß vor einigen Stunden Don Christoforo, Euer Vetter, in den Hafen eingelaufen ist? Sie haben die Flut erwartet, um seine Sachen und ihn an das Land zu schaffen, und sogleich werden die Diener und er selber erscheinen!« Catharina gab die nötigen Befehle ihrem Haushofmeister, und nachdem sie einige Zeit im Garten verweilt hatte, erschien der Greis vor den Toren des Hauses mit seiner Begleitung. Da er unvermögend war und an der Gicht litt, so hatte er sich in einer Sänfte nach dem Gartenhause tragen lassen. Mühsam ward er die Stiege hinaufgeführt, er begrüßte zärtlich die Verwandte und war gerührt, als er seine Zimmer betrat und sah, wie zierlich und schön alles eingerichtet war, welchen Reichtum und welche Bequemlichkeiten man zu seinem Gebrauch gestellt hatte. Nachdem er ein Stündchen geruht und auf seine Bitte Donna Catharina wieder in sein Zimmer kam, küßte der alte Mann vielmals die Hände seiner Verwandten und sagte mit gerührter Stimme: »Jetzt sind es nun vierzig Jahr, teuerste Frau, daß ich Abschied von Euch nahm, um nach Indien zu gehn. Damals wart Ihr ein sehr schönes junges Mädchen, und ich war noch frisch und rüstig. Nun sind wir beide alt und haben wohl beide des Leidens und der Schmerzen genug erfahren, wenigstens könnte ich, wenn ich zu klagen aufgelegt wäre, viel davon erzählen. O mein liebes Mühmchen, ich kann dir nicht aussprechen, was ich fühlte, als ich mein geliebtes Vaterland, meine Geburtsstadt, die Gebirge dort, alle die Tempel und Paläste wiedersah. Arm komme ich zurück, denn das Glück hat mir niemals gelächelt, oder, daß ich wahrer spreche, ich habe verschmäht, es so zu suchen, wie es jetzt, so scheint es, einzig gesucht wird. Ich habe es vorgezogen, im Sinne unsrer großen Vorfahren zu leben. Von den meisten jetzt wird deren Tugend, ihre Entsagung, ihre Tapferkeit und ihre Verachtung der Reichtümer nur verlacht. Durch Schande erkaufen sie ihre Schätze, und freilich kniet vor dem Reichen auch der Bessere und betet den glänzenden Metallgott an, ohne zu fragen, auf welche Weise der Verehrte in den Besitz des Götzen und seiner Perlen und Juwelen gekommen ist. – Doch ich wollte ja nicht klagen und noch weniger schelten. Es gibt noch Männer, die so denken wie ich. Es ist natürlich, daß sie verborgen bleiben und daß man sie nicht kennt. Mein kleines Vermögen, statt es zu vermehren, habe ich vermindert, meine Laufbahn ist zu Ende, mir bleibt nichts, als in Ruhe meinen Tod zu erwarten. – Aber, Liebste, nicht sagen kann ich dir, wie es mich gerührt hat, als ich nur vorläufig anfragen ließ, ob irgend auf einem deiner Güter ein Bauerhäuschen sei, wo ich ruhen könnte, daß du mir gleich antworten ließest, du wolltest mich selbst in deinem eignen Hause aufnehmen. Nun bin ich da; aber wodurch habe ich irgend verdient, daß du mein Lager so ausgestattet hast, als wenn ich ein Herzog wäre. Das ist das erstemal in meinem Leben, daß ich so wohne. Und wird denn die schlimme Laune eines kranken armen Greises nicht Verdruß erregen? Wirst du, deine Freunde und Dienerschaft Geduld mit mir haben können?« »Lieber alter Freund«, sagte Catharina, »wir wollen uns gegenseitig trösten und ertragen. Ich wünschte, Eure letzten Jahre zu erheitern.« »Dank dir, redliches Gemüt«, sagte der Alte. »Ich habe lange herumgedacht, wohin ich mich wohl wenden könnte, als mir mein Leben draußen in Indien unerträglich wurde, als ein verzehrendes Heimweh mir Tag und Nacht keine Ruhe mehr ließ. Aber von manchem Verwandten, den ich nicht nennen will, war mir schon eine abschlägige Antwort zugekommen. Ach, sie waren alle so beschäftigt, sie hatten alles selbst so sehr für sich und ihre Familie nötig, oder sie fürchteten den Hof und die Ungnade des Königes, wohl gar seines Beichtvaters, wenn sie sich eines Alten annähmen, der dort oben nicht sonderlich gut angeschrieben stand, weil er zeitlebens gegen Unterdrückung, Plündrung und Lüge geeifert hat. Auch ist jetzt der Adel und das ganze Land wie im Kampf und denkt nur jenes unseligen Ritterzuges nach Afrika, da bleibt den Helden keine Kraft zu andern Guttaten übrig. Und nun kommt mir die allerentfernteste Verwandte so freundlich entgegen und bietet mir eine Freistätte an! Denn das weißt du doch, Mühmchen, daß wir uns nur so eben noch Vetter und Base nennen dürfen?« Catharina erfreute sich an der geschwätzigen Redlichkeit des Alten, indem sie fühlte, daß sie die Wohltat, die sie einem Fremden erweisen wollte, wahrscheinlich einem künftigen Freunde zugewendet habe. »Hätte ich nur nicht«, fing der Alte wieder an, »sowie ich ans Land steige, eine so traurige und unerwartete Nachricht erhalten, die mir die Freude über meine glückliche Ankunft um vieles verkümmert hat.« »Und was war es?« fragte Catharina. »Ach!« seufzte der Greis und sagte: »Einen Freund, einen echten Mann hoffte ich wieder zu umarmen, einen unglücklichen Edlen, mit dem ich gern den Rest meines kleinen Vermögens geteilt hätte. Vielmals habe ich ihn in Indien wiedergesehn, da und dort, den redlichsten aller Menschen. Er würde auch deine Freundschaft erlangt haben, denn er verdiente sie. Ach, mein guter, lieber Camoens, der große, herrliche Dichter, er ist ja schon vor zwei oder drei Jahren hier in Lissabon, und zwar im Elende gestorben.« Catharina fuhr zurück und suchte ihre tiefe Rührung zu verbergen. »Es werden nun beinah zwanzig Jahre sein, achtzehn gewiß«, fuhr der Alte fort, »als er sich von mir und einigen Freunden trennte. Gegen die Verfolgungen seiner Feinde war es uns gelungen, ihn so auszustatten, daß er nach Europa reisen konnte. Er fuhr mit den besten Hoffnungen hieher. Wie oft hatte er mir aus seinem göttlichen Gedichte vorgelesen! So etwas, Frau, gibt es in keiner Sprache. Für uns Portugiesen besonders muß es das Höchste und Begeisterndste sein, solange nur noch in uns und unsern Enkeln ein redlicher Blutstropfe glüht. Er schrieb mir dann nach zwölf oder dreizehn Jahren und schickte mir das gedruckte Buch ›Die Lusitanischen Großtaten‹. Das Werk ist seitdem nicht von mir gekommen; seht, hier habe ich ihm, sowie ich einzog, seinen Platz angewiesen. Nun hatte ich seit fünf, sechs Jahren nichts von ihm gehört; ich freute mich, als wenn ich einen Sohn nach langer, langer Zeit wiedersehn sollte. Und alle am Ufer, Vornehme und Geringe, fahren mir mit den Worten ins Herz: Er ist seit zweien Jahren gestorben.« »Ich liebe sein Gedicht wie Ihr«, sagte Catharina mit schwacher Stimme, »und bald sollt Ihr mir recht viel von dem Unglücklichen erzählen, von dem ich nur wenig weiß.« Sie entfernte sich schnell, um ihren Kummer zu verbergen. Alles war indessen bereitet worden, um die Einschiffung des Königes, dessen Ungeduld mit der Verzögerung wuchs, möglich zu machen. Die Pferde sowie die Artillerie waren an Bord der Galeeren gebracht, deren einige im Tajo lagen, nicht weit vom königlichen Palast. Das Heer der Deutschen, welche Wilhelm von Oranien, sowie die Spanier, welche Philipp gesendet hatte, waren bereit und des Kampfes ungeduldig; die Italiener, welche Thomas Stuckley, der abenteuernde Engländer führte, sehnten sich nach der Beendigung des Krieges, um so bald wie möglich ihren Zug nach Irland beginnen zu können. Alle die verschiedenen Einschiffungen, das Ankommen, das Abgehn der Fahrzeuge, Botschaften, Kriegesübungen, Aufzüge und Audienzen beim Könige, alles dies Getreibe hatte die Stadt in den letzten Tagen zu einem Tummelplatz aller Verwirrung, des Geräusches und der vielfältigsten Bewegungen gemacht. Donna Catharina gab nur ungern der Notwendigkeit nach, ihre schöne Ruhe zu verlassen und sich in dieses Getümmel zu begeben. Aus ihrem neuerbauten Palast hatte man auch die Aussicht auf den Hafen, und alle eingeladenen Verwandten waren in den Sälen und auf den lang hingestreckten Altanen versammelt, um von hier die Abreise des Königes zu sehn. Sie begab sich mit ihrem Gefolge und ihrer Dienerschaft nach der bewegten Stadt, doch war Don Christoforo, der von Gichtschmerzen gequält wurde, in dem einsamen, ruhigen Gartenhause zurückgeblieben. Maria, die dergleichen zum erstenmal in ihrem Leben sah, war abwechselnd über das Getümmel entzückt und von dem Lärmen und Toben erschreckt. Catharina begrüßte mit anmutiger Höflichkeit alle ihre Verwandte, die die Bewillkommnung mehr oder minder freundlich erwiderten, so, wie Haß oder Wohlwollen sie stimmten. Die nächsten Anverwandten des verstorbenen Grafen, ein Bruder desselben und dessen Söhne, waren am kältesten, und man sah, daß sie sich Gewalt antun mußten, um gegen die Verwandte nicht unartig zu werden. Der König und sein Gefolge hörten die Messe, welche der Bischof von Coimbra las, der sich ebenfalls mit dem Bischöfe von Porto dem Kriegeszuge anschloß. Nach dem Gottesdienste setzte sich der Zug, nachdem der König von seinem Oheim, dem alten Kardinal Heinrich, Abschied genommen hatte, in Bewegung. Auf dem Platze vor dem Palast, von welchem man den Hafen und Fluß übersah, der so breit hinaus sich dehnte, daß er wie das Meer selbst erschien, versammelten sich um den König die Vornehmsten des Reichs, teils um von ihm noch einmal Abschied zu nehmen, teils ihn zu begleiten. Er hielt den achtjährigen Sohn des Herzogs von Braganza an der Hand. »Wer ist das liebe Kind?« fragte Maria den Grafen Ferdinand, der neben ihr stand. »Ein junger Held«, antwortete Ferdinand, »der Herzog von Braganza, der sich nicht hat zurückhalten lassen, sondern der diesen Feldzug auch mitmachen will.« »Ach Gott!« sagte die Kleine. »Er will gegen die großen, ungeschlachten Muselmänner und Türken fechten! Mit den kleinen zarten Händchen! Ihr solltet ihn bitten, daß er hier bei uns bliebe.« »Selbst der König«, sagte Ferdinand, »hat ihm abgeraten, aber er hat gegen ihn und alle Verwandte es mit Bitten und Tränen durchgesetzt, daß er dem Feldlager folgen darf.« »Recht schön«, erwiderte Maria, »aber was hilft der allerkühnste Heldenmut, wenn die Kräfte zu schwach sind? Freilich muß Gott vielleicht bei allen Dingen das Beste tun: aber man soll ihn auch nicht in Versuchung führen, wenn wir doch selber zu ihm beten, daß er uns nicht versuchen möge.« Ferdinand sah das verständige Kind mit ernster Miene an, und die Kleine rief aus: »Bitte, nicht böse sein, wenn ich etwas Unrechtes gesagt habe!« Jetzt erdröhnten Kanonenschüsse, und die Glocken läuteten. Als der Donner des Geschützes aufgehört hatte, sagte der junge König zu den Umstehenden: »So ziehn wir denn mit dem Segen der Kirche als Streiter Gottes in die Landschaft der Ungläubigen hinüber, um einen Usurpator vom Throne zu stoßen und unserm Freund und Bundesgenossen zu seinem Recht zu verhelfen. Ich fühle in mir die Kraft, in die Fußtapfen meiner großen Vorfahren, jener Helden zu treten, die für Christus und den Nachruhm die größten und fast unglaubliche Taten verrichteten. Beschämen wird unser Heldenhaufe jene Kleinmütigen und Zagenden, die es weissagen, daß aus der Begeisterung, die mich ergriffen hat, unserm Vaterlande nur Unheil erwachsen könne. Was tun, was unternehmen wir, Freunde? Weit weniger als jener Alexander, der größte der heidnischen Helden und Könige, der mit einem kleinen Heer von Makedoniern und Griechen das ungeheure Reich der Perser und den größten Thron der Erde niederstürzte. Wir ziehn gegen schwache, unbedeutende wilde Horden, bleiben unserm Vaterlande nahe und kämpfen in jenen Gefilden, die schon seit einem Jahrhunderte vor dem Namen der Lusitanier zittern. Unser Bundesgenosse, zwar ungläubig selbst, kann uns die starke Hülfe seiner Landsleute und der Araber zusagen. Unsre Macht ist groß, unsre Sache die beste, Gott ist mit uns, der Segen der Kirche begleitet uns, und so ist unsre Furcht nicht die, besiegt zu werden und zu unterliegen, nein, wir fürchten, daß dieser Krieg zu schnell mit der Niederlage unsrer Feinde endigen werde, daß in diesem nur kurzen Kampfe die Ohnmacht und Mutlosigkeit unsrer Gegner uns nur zu geringe Ehre erwerben kann.« »Ja, mein König«, rief ein junger Herzog aus, der Vertraute und Günstling Sebastians, »Ihr denkt und sprecht selbst wie Alexander! Eure Fahnen führen den Sieg nach Afrika hinüber, und wo wäre der Zage, der aus Eurem Heldenauge nicht Kampfeslust und Verachtung des Todes trinken könnte!« Jetzt setzte sich der Zug in Bewegung, das Volk und die Bürger drängten sich näher hinzu, vielen Augen, indem sie jetzt den jungen, schönen König betrachteten, entstürzten Tränen. Einige riefen ihm ein Lebehoch nach, andre segneten ihn, aber die Masse der Zuschauer, welche im dichten Gedränge auf dem großen, weiten Platze standen, war still und ruhig, wie von einer schwermütigen Vorahndung betroffen. »Ach, was ist das für ein schöner König!« rief Maria jauchzend aus. »Ihn wird, ihn muß Gott beschützen! Könnten die Ungläubigen, und der Tod selbst, eine so herrliche Form zerbrechen?« »Das Geläute«, sagte, im Saale neben Donna Gatharina sitzend, Don Stefano, der Bruder ihres verstorbenen Gemahles, »klingt wie Totenfeier.« »Und seht«, rief Gabriel, dessen ältester Sohn, »eine dunkle Wolke senkt sich herab und verdeckt das Meer und den Fluß, und die Schiffe, die mit allen Flaggen und Wimpeln salutieren, liegen im schwarzen Schatten da, wie unter einem großen Baldachin von Krepp und Trauerflor.« »Die Natur selbst«, fuhr der zweite Sohn, der Abt, fort, »trauert um den Fall unsers Reiches und so vieler Edlen, die, wie von einem Wahnsinn ergriffen und geblendet, ihrem bösen Verhängnis entgegenstürzen.« Donna Catharina sah den Geistlichen mit einem durchbohrenden Blicke an. »Ich weiß es«, sagte sie, »aber begreife es nicht, daß viele Diener der Kirche diesen Zug unsers Heldenköniges mißbilligen, daß sie Unglück prophezeien, ja sogar meinen, dieser Krieg sei so unbesonnen und leichtsinnig, daß nur ein König wie der von Spanien in Zukunft den Schaden wieder heilen könne.« »Vergönnt, liebe Schwägerin«, nahm der alte Stefano das Wort, »die Ursach dieser Mißbilligung so vieler weisen und frommen Männer liegt doch nahe genug und ist leicht aufzufinden. Jenes Recht des maurischen Königes, welches Portugal vertreten und mit seinem Blute wiederherstellen soll, ist nach dem Urteil sachkundiger Männer gar nicht so erwiesen, als so viele vom jugendlichen Übermute Betörte zu glauben scheinen. Dann behandelt unser junger König etwas voreilig diesen Krieg als einen Kreuzzug; wie zu einem heiligen Kriege hat Adel und Geistlichkeit mit großen, unverhältnismäßigen Beiträgen dazusteuern müssen. Dies haben viele nur ungern geleistet, weil der Zweck eines echten Kreuzzuges nicht sein könnte, einen maurischen König, der sich hat vertreiben lassen, wieder einzusetzen. Zwar hat man die Hoffnung, dort Land und Städte für uns zu gewinnen und sie mit Christen zu besetzen und durch diese regieren zu lassen; sehn wir aber, daß der König selbst, ein unerfahrner Jüngling, der noch kein Feldlager sah, einzig und allein nach seinem Gutdünken diesen mißlichen Zug regiert, daß er in einem fremden, wüsten Lande, das er nicht kennt, schlagen und siegen will, daß nur seine Schmeichler, noch junge Leute, seine Ratgeber sind, daß er älteren, erfahrenen Soldaten sein Ohr verschließt und jeden Widerspruch weiser Generale für eine persönliche Beleidigung hält, so kann man schwerlich von diesem Heldenzuge ersprießliche Folgen erwarten. Es ist wahr, tapfre, greise Männer, selber zwei Bischöfe begleiten ihn; sein Vetter, der Prior von Crato, ein Kriegesheld, will die Gefahr mit ihm teilen, aber auch Kinder laufen mit, wie zu einem Fastnachtspiel, Weiber der Soldaten und andre Weibsgebilde und Mädchen, die niemand angehören und die nur Unzucht und Schändlichkeit im Lager verbreiten. Ist dies ein Gefolge, wie es einem frommen christlichen Heere geziemt? Edle, fromme Portugiesen zieren durch ihre Nachfolge seine Fahnen: auch Philipp, der weise König, hat ihm echt katholische Spanier gesendet; aber wer sind denn diese Deutschen, die ihm der Erzketzer Wilhelm von Oranien überschickt hat? Ziemen diese lutherischen Bösewichter einem Christenheere, das einen Kreuzzug darstellen will? Dann diese Italiener, die der Abenteurer Stuckley führt, diese Atheisten, die unsre Landsleute mit ihren Gesinnungen vergiften werden! Zwar diese bezahlt der König Philipp wenigstens aus seinem Schatze, aber welche Verschwendung unsers uns abgepreßten Geldes, wenn wir diesen glänzend aufgeputzten Haushalt unsers Königes sehn! Alle diese unbärtigen Jünglinge, die in Gold, Silber und Seide prunken, in Atlas und Samt, um dort die Steppen mit Juwelen und Kostbarkeiten zu besäen. Diese Schlachtrosse unsers Herrn mit ihren purpurnen und grünen Samtdecken, seine leuchtenden Rüstungen, von Gold und Silber schwer, und ebenso die seiner Lieblinge. Als wenn es gälte, eine schöne lustige Maskerade aufzuführen. So folgt Verschwendung, Leichtsinn, Prunk und Übermut diesem Heere, und noch niemals hat es die Geschichte erwiesen, daß Sieg und Erfolg einer solchen Trunkenheit die Hand reichten, die wir doch ja nicht Begeisterung nennen wollen. Würde nur der Heldenjüngling Alexander bei dieser Schwärmerei nicht genannt. Sein großer Weltverstand war eins mit seiner Heldenbegeistrung, er kannte die Umstände und wußte sie zu nützen; als erfahrner Krieger, so jung er war, als gefürchteter Sieger betrat er Asien. Er würdigte den Rat des Alters und durfte sich vertrauen und auch den guten Rat verwerfen, weil er der Klügste wie der Tapferste seines Heeres war. – Doch warum mich ereifern? Der Erfolg wird meine Worte und Befürchtungen nur zu sehr bestätigen und meiner schlimmen Vorahndung recht geben.« »Und wenn nun«, fuhr Gabriel fort, »dieses Heer verloren sein sollte, für welches, um es auszurüsten, der Reichtum des Landes aufgeopfert ist, wo Geld und Schätze hernehmen, um ein neues zu errichten, um im Kriege dem mächtigen Könige von Spanien und seinen Soldaten, welche die besten in der Welt sind, Widerstand zu leisten? Und hat Philipp nicht den nächsten Anspruch an den Thron, wenn Sebastian verschieden ist?« »Himmel«, rief Catharina mit Entsetzen aus, »Ihr sprecht das Gräßlichste so mit Gelassenheit, als wenn es nur nicht möglich, sondern sogar schon wahrscheinlich sei, ja, als wenn sich Eure Seele schon in solch furchtbares Verhängnis gefunden hätte!« »Eben weil es so steht«, fing Don Stefano wieder mit großer Ruhe an, »mußte unser König Sebastian diesen doch wenigstens unnützen Krieg nicht jetzt unternehmen. War er vermählt, hinterließ er Söhne, deren Thronrecht ein unbestreitbares war, so konnte er dann eher für irgendein Phantom in späterer Zeit sein Leben wagen. Jetzt aber setzt er nicht nur sich selbst, sondern auch unser Vaterland und dessen Unabhängigkeit auf das Spiel.« »Seht«, rief Catharina aus, »da naht uns der echte Erbe Portugals, wenn der Kardinal sterben und unser heldenmütiger König untergehn sollte!« Der Prinz und Malteser, der Prior von Crato, der rüstige Antonio trat in den Saal, um sich von der Dame des Hauses und dem Marques de Castro zu beurlauben. Diese Aufmerksamkeit rührte die Frau des Hauses sowie den Greis, und Ferdinand kam ebenfalls herbei, um ihm mit Ergebenheit zu danken und ihm Heil und Segen zu wünschen. »Wir kehren bald«, rief Antonio, »mit Sieg gekrönt in unser teures Vaterland zurück. Dieser leichte Krieg wird bald geendigt sein, um alle jene lauen Herzen zu beschämen, die zweifeln können, ob der Herr mit seinen Heerscharen sein und unsre Waffen segnen werde. Jene alten Zeiten und Großtaten unsrer Vorfahren wollen wir dort in Afrika wiedererwecken, um der Welt und den Nachkommen zu zeigen, daß wir noch nicht entartet sind.« Die Vornehmsten der Gesellschaft hatten sich um den Prinzen gedrängt, um ihm ihre Verehrung zu bezeigen, und wie er jetzt mit höflichem Gruß von allen Abschied genommen und sich entfernt hatte, sagte Stefano, als sich die Gesellschaft wieder an die Fenster gestellt hatte: »Der Herr, so wie die meisten dieser Ritter es tun, nimmt die Sache gewiß zu leicht, und diese Sicherheit ist vielleicht ihr gefährlichster Feind. Man soll niemals den Feind geringe achten, selbst wenn er es wäre. Dieser aber ist es nicht, sondern ein kluger, höchst gefährlicher Gegner, der gewiß alle Mittel aufbietet, weil er weiß, daß es um alles gilt. Unser Unglück aber ist, daß dieser Prinz, der doch nur ein unechter ist, Rechte auf den portugiesischen Thron zu haben meint. So sehn wir, wenn dieser Krieg das Mark unsers Landes verzehrt und den Kern der Ritterschaft verschlungen hat, einem unselgen Bürgerkriege entgegen, der uns noch mehr erniedrigen und als ganz Vernichtete an Spanien überliefern wird. Darum wären wir immer noch glücklicher, wenn gar keine nähere oder fernere, wirkliche oder scheinbare Erben unsers Thrones da wären, weil dann wenigstens nicht Streit, Kampf und Verfolgung und Haß der Bürger gegen Bürger das Land verwüsten würde. Und nur einem Bürgerkriege zu entgehn, sollte der wahre Patriot kein Opfer scheuen.« »Auch nicht Verrat und Ehrlosigkeit?« sagte Catharina mit scharfem Ton, indem sie sich erhob, um sich zu ihrer Pflegetochter Maria zu begeben, die eben mit dem Grafen Ferdinand ein lebhaftes Gespräch führte. »Dort, dort kniet er«, rief die Kleine im höchsten Eifer, »dort am Ufer, er breitet die Arme nach dem Könige aus, der mit seinem roten Mantel aufrecht im Schiffe steht!« Ferdinand richtete sein Auge dahin und bemerkte die kniende Gestalt, die abseits vom Getümmel, an einen Felsen gelehnt, für den abreisenden König inbrünstig zu beten schien. »Von wem sprichst du, Maria?« fragte Catharina. »Ich habe nur immer«, antwortete sie, »meinen lieben fremden Mann beobachtet. Seit unser König vorüberging, habe ich es wohl gesehn, wie gern er sich nah und näher heranmachte, um den schönen Monarchen noch einmal recht genau zu sehn und ins Auge zu fassen, es kam ihm nicht darauf an, daß der schöne große König ihn sehn sollte. Nun ist unser König schon fort, und nun steht der fremde liebe Mann auf und trocknet sich die Augen. Nicht wahr, lieber Graf, der Mann ist ein echter Patriot? So nennt Ihr ja wohl die Leute, die es gut mit uns allen meinen?« Catharina hatte stille dem Plaudern zugehört, aber der Graf sagte: »Jetzt, so denke ich, kenne ich den Mann und werde ihn aufsuchen.« Als man sich erhoben hatte, als viele schon Abschied genommen, trat jetzt noch ein Offizier in den Saal und wendete sich sogleich an Ferdinand: »Nehmt es mir nicht übel«, sagte er treuherzig, »ich sah Euch eben noch auf dem Altan und komme, Abschied von Euch zu nehmen und Euch noch einmal meinen Kameraden, den Italiener, zu empfehlen oder vielmehr, Euch zu danken, daß Ihr Euch des verwundeten Mannes so väterlich angenommen habt. Jetzt bitte ich Euch, mich nur noch auf wenige Augenblicke gefälligst anzuhören.« Mit seinem treuherzigen Wesen bewegte den jungen Grafen der Offizier, ihm in einen andern Saal, welcher einsam war, zu folgen. Es war jener jähzornige Deutsche, durch dessen unvorsichtiges Benehmen sein italienischer Freund war verwundet worden. Als Ferdinand den Mann neugierig ansah, sagte dieser, indem er ein Büchelchen aus seiner Tasche hervorzog: »Herr Graf, ich habe es wohl beobachtet, daß Ihr ein wahrer Menschenfreund seid. Ihr seid anders wie die meisten übrigen Leute, und wenn ich Euch also noch einmal meinen Freund anempfehlen wollte, so war es gar nicht so gemeint, wie Ihr es etwa denken mögt. Seht, der Mann ist ein guter Mann, wenn er auch jetzt etwas scharf blessiert ist, was er sich aber selber durch seinen Zorn und seine Hitze, und weil er die Umstände nicht gehörig bedenkt, zugezogen hat. Das muß er sich abgewöhnen, und dazu könnt Ihr vielleicht mithelfen, da er jetzt überdem viel Blut verloren hat, wodurch er gewiß zahmer geworden ist. Sein zweiter kleiner Fehler aber ist der, daß er, wie die meisten Italiener, gar keinen Gott glaubt. Darüber haben wir oft Streit gehabt. Denn bin ich auch nicht ganz so rechtgläubig, wie es manche unbillige Priester verlangen, so kehre ich doch immer wieder nach allen Verirrungen zu meinem Heilande zurück. Wozu wäre der langmütig, wenn er mir nicht immer wieder von neuem meinen Unglauben verzeihen könnte? Davon will aber der böse Italiener nichts wissen: Er folgt bloß seiner Vernunft, wie er seine Dummheit nennt. Da habe ich nun das Büchelchen, das ihn erbauen und auf den rechten Weg zurückführen kann, wenn es auch deutsch geschrieben ist. Schon seit vielen Jahren ist es mein Trost in vielen Fährlichkeiten gewesen, und weil ich es zweimal besitze, will ich ihm das eine Exemplar zum Angedenken meiner und zu seiner Erbauung zurücklassen. Wenn es auch deutsch geschrieben ist, wird er es doch wohl verstehn, sobald er nur will; muß ich doch auch die lateinische Messe mit beten, von der ich kein Wort begreife. So ist aller Ton und Laut, alles Zeichen und jeder Musikton eine Andacht und Überzeugung und kann zur Bekehrung führen, wenn ich nur den rechten Glauben dazu bringe.« Ferdinand nahm das kleine Büchelchen und erstaunte nicht wenig, als er beim Aufschlagen las, daß es Lutheri Katechismus war. »Lieber Mann«, sagte er, »ich will Euch das Büchlein abnehmen, rate Euch aber, die Dublette, welche Ihr noch besitzt, gleich beim Einschiffen in das fließende Wasser, hier in den Tajo zu werfen; denn sonst, wenn es bei Euch gefunden würde, könnte es Euch auf den Holzstoß liefern. Dergleichen Bücher lieset man bei uns nicht.« Der Kapitän sah den Grafen mit großen Augen an. »Warum nur?« fragte er dann ganz unbefangen. »Ich besitze das Büchel seit meiner frühen Jugend und habe es immer bei mir getragen. Was ist denn so groß Böses an den kleinen grauen Blättern? Ihr sagtet Holzstoß; das ist doch für einen Soldaten und gläubigen Christen ein hartes Wort.« »Warum?« erwiderte der junge Graf. »Weil es in bündiger Kürze alle Lehren und Gottlosigkeiten jenes Erzketzers, des weltberüchtigten Luther, enthält. Ihr könntet besser den Alkoran oder das Buch von den dreien Betrügern als diesen Katechismus bei Euch führen.« »Seht einmal«, sagte der Deutsche, »so kann oft das Allerböseste so ganz arglos aussehn. Ihr mögt mir aber sagen, was Ihr wollt, so werde ich doch mein Büchel weder in ein fließendes noch in ein stillstehendes Wasser werfen, denn dazu, daß es jetzt so kläglich ersaufen sollte, hat es mir zu lange zum Trost und Heil gereicht; ja noch mehr, es hat mich oft in meinem anbrüchigen katholischen Glauben befestigt, und wenn der Florentiner diesen Katechismus nicht lesen soll, so gebt mir das andre Dingelchen nur auch wieder her und haltet übrigens reinen Mund, wie es sich für einen Kavalier und honetten Mann geziemt.« Lächelnd lieferte ihm der Graf seinen Katechismus wieder aus, indem er ihn noch einmal warnte, sich keinem andern mit dieser verpönten Ware zu entdecken. »Seht«, fing der Deutsche wieder an, »in meiner Jugend gab man mir das Ding da in die Hände, und ich habe alle meine Gottesfurcht und Konduite daraus gelernt. Den Titel habe ich niemals wieder angesehn, sondern habe geglaubt, das Buch sei so ein Gottesgewächs, wie es schon seit uralten Zeiten in der Welt sich umgetrieben habe. Ich war, wenn wir auf den wahren Grund gehn, eigentlich als Lutheraner, von sehr frommen lutherischen Eltern stammend, geboren. Nachher bin ich umgeschlagen, fast ohne zu wissen, wie: wie das Bier beim Gewitter, wie der Wein einen Stich bekommt oder kanig wird. Man hat im Soldatenstande mehr zu tun, als daß man täglich mit seinem Gewissen so genaue Hausrechnung halten könnte. Das Büchel war mein Erbstück, und es hat mich niemals gegen die Pfaffen oder die Kirche verhetzt, sondern ist mir immer als ein leutseliger Freund zur Seite gestanden. Darum behalte ich es auch, denn ich lese nur Gutes und nichts Böses heraus. Grüßt meinen Freund, und jeder bleibe bei seinem Glauben, wenn er ihn für den rechten hält.« So entfernte sich der ungestüme Mann, indem schon die meisten die Säle verlassen hatten. Ferdinand und der Marques begaben sich jetzt zu Donna Catharina, die sich mit allen Zeichen der Trauer in einen Sessel niedergelassen hatte. Der Graf Stefano stand in ihrer Nähe, und es schien, als wolle sie, ohne es zu vermögen, dessen Gespräch vermeiden. »Ich kann Euch, edle Donna Catharina, nicht genug meinen Dank dafür ausdrücken«, so fing Don Stefano wieder an, »wie schön und vortrefflich Ihr dieses Haus auf Jahrhunderte habt gründen und ausführen lassen. Um so edler, da Ihr es nur wenig gebrauchen werdet, ich also annehmen darf, daß es für meine Familie und Nachkommen auferbaut sei.« »Ihr wißt es«, antwortete Catharina, »daß es der Palast meines Gemahles war, und von seinem Vermögen, welches das meinige bei weitem überstieg, ist auch das neue Gebäude vorzüglich hergerichtet worden: Ich sage vorzüglich, denn um die Arbeiten nur zu beeilen, habe ich nicht genau gerechnet, ob auch mein Gut mit dazu verwendet wurde.« »Ihr denkt in allen Dingen groß«, erwiderte Stefano, »wem ist das nicht bekannt? Darum darf man auch eine Frage an Euch richten, die bei jeder andern Dame ungeziemend wäre. Ihr habt von meinem verstorbenen Bruder, dem Grafen, keine Kinder und Erben: Habt Ihr schon an ein Testament gedacht? Und wenn es noch nicht aufgesetzt ist, so tut Ihr wohl bald dazu, und da Ihr, soviel mir bekannt, keine nahen Erben habt, auch unser im Vermächtnis gedenkt, um den Glanz der Familie und des Namens Eures seligen Gemahles zu erhöhen.« »Graf, mein Herr – mein Schwager«, sagte Catharina stammelnd und tiefbewegt, »ich weiß mir diese Fragen und dieses Andringen auf keine Weise zu erklären. Ich werde nichts verfügen, das seid versichert, ohne Rat und Billigung meines verehrten Ohms, des Marques – übrigens halte ich mich für frei und wünsche, daß man meine Ruhe achtet und meine künftigen Entschlüsse abwartet.« Sie stand auf und faßte den Arm des Greises, um sich zu entfernen. Der Marques sah seinen Verwandten Stefano scharf an und wollte mit einer stummen Verbeugung den Saal verlassen, als Stefano wieder anhub: »Nur noch ein Wort, verehrte Frau! Ihr liebt die Einsamkeit, so wie mein Bruder sie liebte, der Euch in so vielen Dingen ähnlich war. Das habt Ihr bewiesen, daß Ihr mit ihm so lange draußen in dem Gebirge, der Estrella, habt hausen können. Ihr bliebt auch nach seinem Tode dort und wohnt jetzt wieder in einem abgelegenen Gartenhause. Gewiß werdet Ihr Euren Aufenthalt niemals in diesem Hause nehmen, wo die Nähe des königlichen Palastes, das Gewühl des Platzes, das Ankommen und Abgehen so vieler Schiffe, das Lärmen der Matrosen und Bootsknechte, der Blick auf den weiten, breiten Fluß, der sich von hier wie Meer gestaltet – alle diese Unruhe hier würde Euch selber nur unruhig machen. Ich muß jetzt meinem ältesten Sohn sein Vermögen übergeben, gern überließe ich ihm auch meinen Palast, weil ich fürchten muß, daß zwei große Haushaltungen sich stören würden und viel Unbequemes veranlassen. Ich wollte Euch darum ersuchen, das Haus hier, welches eine Familie und viele Dienerschaft gut aufnehmen kann, schnell zu beendigen und es mir schon jetzt, noch bei Euren Lebzeiten, abzutreten.« »Herr Graf«, nahm der Marques das Wort, »dergleichen Verhandlungen lassen sich nicht bei einem zufälligen Besuche abmachen. Wendet Euch in allem, was die Familie betrifft, von jetzt an nur an mich oder meinen Neffen Ferdinand: Unsre verehrte Freundin bedarf bei ihrer schwachen Gesundheit der Ruhe und Heiterkeit, sie hat uns, was Ihr eigentlich schon wißt, die Geschäftsführung ihres Vermögens unbedingt übergeben. Doch muß ich Euch schon jetzt im voraus gestehn, daß ich nicht einsehe, wie etwas das Abkommen, welches Ihr einleiten wollt, auf irgendeine Art notwendig oder nur wünschenswert machte. Ereignisse, dem heutigen ähnlich, können meine Muhme veranlassen, das Haus wieder zu betreten, was ihr wohl nur als ein derzeitiges Eigentum einen Wert haben kann. Euer Herr Sohn mag sich für jetzt mit Euch oder in einem andern Hause einrichten.« Nach diesen Worten verließen sie den Saal, indem der Marques seine Nichte zum Wagen führte. Auf einen stummen Wink von ihr bestieg sie diesen nur mit dem Marques, und Ferdinand, Maria und zwei Duennen folgten ihr in der zweiten Kutsche. Als in dem verhängten Fuhrwerk sich Catharina, nur in Gesellschaft des vertrauten Freundes, von der Welt verschlossen sah, hielt sie ihren Schmerz und ihre Tränen nicht länger zurück, sondern sie ließ den heißen Strom ausbrechen und lehnte sich schluchzend und wie ohnmächtig an die Brust des greisen Freundes. Der Freund wollte sie trösten und beruhigen, aber sie schüttelte bei seinen freundlichen Worten das Haupt, und als sie etwas mehr gefaßt war und Worte finden konnte, sagte sie im Ausdruck des heftigsten Schmerzes: »O teurer, teuerster Mann, Ihr mißversteht mich und mein Gefühl. Glaubt Ihr, es kümmerte mich, es regte mich nur an, daß diese schlechten und rohen Menschen ihren Eigennutz so vor mir zeigen? So unverhohlen es eingestehn, wie ich ihnen zu lange lebe und sie meinen Tod nicht erwarten können? Wie gleichgültig sind mir diese aufgehäuften Steine, diese Säle und Zimmer! Was kümmert es mich, wer sie bewohnt? ... Daß sie aber heut, in dieser Stunde, in welcher mein Gemüt schon zerstört und mein ganzes Herz umgewendet war, daß sie an dem Tage, wo unser Geist und die Seelenwünsche nur dort die Segel jener Schiffe, die unser Vaterland tragen, begleiten, so klein und unwürdig sich zeigen könnten, das hat mich so über alles Maß erschüttert. O mein Freund, o mein teurer Oheim, wenn sie recht hätten, wenn Elend, Verderben, Untergang unserm geliebten Könige folgten! Wenn nun das Heil unsers Landes, unser Name, unser alles jenen schwimmenden Brettern anvertraut ist – und sie kehren nicht wieder! Der König ohne Erben, das Reich ohne Kraft, der Kardinal, der dann König wird, ein Greis! Und wie lange kann er die wankende Krone tragen? Und dann stürmt der wilde, der gemütlose Spanier heran, mit dem kein echter Portugiese leben mag; unser schönes, ruhmwürdiges Land wird dann eine Provinz des fremden Tyrannen! Unser Reich, das blühte und berühmt und mächtig war, in fernen Zonen gekannt, von Helden und großen Monarchen verherrlicht, als jenes Spanien noch in sich entzweit den Mohren fürchtete und an innern Kriegen seine Kräfte lähmte!« »Das Schicksal«, antwortete der Alte, »fügt alles besser, als es unsre Sorge voraussieht.« »Und jene und so viele«, rief Catharina wieder aus, »können sich auf das Grauen dieser trostlosen Zukunft freuen! Sie stehn wohl jetzt schon mit Spaniens Hof in Verbindung und erfeilschen im voraus für die Schande ihres Vaterlandes Gold und Ehrenstellen. Ist es noch zu verwundern, wenn Fürsten im Drang der Umstände Tyrannen werden? Ich wenigstens, wäre ich Königin, ich könnte diese Feinde ihres Volkes, diese ganz verwerflich Elenden, weil sie so ihre Mutter, das Land ihrer Geburt, zerfleischen, unter Martern hinrichten lassen!« Der Greis gab ihr die Hand und sagte milde lächelnd: »Du tätest es doch nicht, fasse dich, geliebtes Wesen! Suche nicht selbst allen Untrost auf, sei nicht in Schmerz und Verzweiflung verliebt. Wir Freunde stehn zusammen, wenn Gott auch das Schlimmste verhängt haben sollte.« »Das weiß ich«, erwiderte Catharina, »wäre es auch sonst der Mühe wert, nur einen Tag noch fort zu leben? Aber weil Ihr so ganz mein Freund seid, im edelsten Sinne des Worts, so müßt Ihr auch mich und mein Schicksal ganz kennenlernen, damit Ihr es wißt und erfahrt, ob ich denn diese Eure Liebe verdiene und ob Ihr sie mir bewahren mögt.« Der Marques sagte auf diese sonderbaren Worte viel Freundliches, aber Catharina hört nur wenig auf diese beteuernden Versicherungen, sondern antwortete mit einer Kälte und Gemessenheit, welche gegen ihre vorige leidenschaftliche Aufregung sehr abstach: »Glaubt mir nur, alles im Leben des Menschen ist Schicksal, wir haben unsre Empfindungen für Freunde und Geliebte sowenig in unsrer Gewalt wie unsre Gesundheit; sah ich doch, daß Freunde sich entzweiten und Feinde sich versöhnten, aus Ursachen und Veranlassungen, die ich niemals begreifen konnte. Möglich, daß eine solche Ansteckung nach Art der Pest auch Euer Gefühl gegen mich auf ewig verfeindet. Indessen, ich muß es darauf wagen. Ist unser ganzes Leben doch nur ein Spiel mit unbegreiflichen Zufälligkeiten.« Es ward bestimmt, daß in wenigen Tagen der Marques seine Nichte an einem Morgen besuchen sollte, und in diesen Stunden wollte sie ihm bei verschlossenen Türen die Begebenheiten ihres Lebens erzählen, von denen er nur wenig und ohne Zusammenhang wußte. Sie stiegen aus, und der alte Freund fuhr nach einem zärtlichen Abschiede in derselben Kutsche nach seiner Wohnung zurück. Catharina traf ihren alten gichtkranken Vetter vergnügt auf seinem Zimmer. Er begrüßte sie auf das herzlichste und dankte ihr wieder von neuem für ihre Güte und Freundschaft. Sie erzählte ihm kurz, was sie von der Einschiffung des Königes, der Edlen und des Heeres gesehn hatte, und er erwiderte in seiner launenhaften Art: »So habt Ihr also, Muhme, etwas gesehn, was auf jeden Fall höchst trübselig war. Ich aber wohne in Eurem Hause fröhlich und glücklich.« »Und womit habt Ihr Euch beschäftigt?« »Ich lese immer wieder«, erwiderte er, indem er ein Buch zumachte, »in dem göttlichen Gedichte meines großen Freundes, des einzigen, unvergleichlichen Camoens. Irr ich oder ist es wahr, daß ich es bei noch so oft wiederholter Lesung besser verstehe, aber gewiß ist es, das himmlische Werk wächst mit jedem Jahre mehr auseinander, der Frühling breitet sich immer grüner und blumigter aus, und ich schelte mich selber einen unwissenden Toren, daß ich dieselben Schönheiten, die ich anbeten muß, nicht schon längst gefunden habe.« Catharina sagte ihm einige freundliche Worte und ging dann ihrem Pflegekinde Maria und dem Neffen Ferdinand entgegen. Der Marques de Castro und dessen Neffe Ferdinand waren auf einige Wochen verreiset, um die Rechnungen und Zahlungen zu berichtigen und mit einem neuen Verwalter alles Nötige auszuführen, der eins der Güter der Gräfin Catharina übernommen hatte, welches nicht fern von der Hauptstadt lag. Sie war daher fest überzeugt, daß sie in dieser Zeit nicht gestört werden könne, da ihre Diener die Anweisung hatten, alle Besuche gleichgültiger oder zudringlicher Fremden abzuweisen. So beschloß sie, ganz in der Gesellschaft ihres alten Verwandten, des redlichen Christoforo, zu leben, um sich von seinen Schicksalen und denen seines Freundes erzählen zu lassen. Der verständige Alte war selber geneigt, ihr einiges aus dem Leben seines geliebten und verehrten Camoens mitzuteilen, da er sah, wie sehr diese jüngere Freundin mit dem Gedichte von den lusitanischen Begebnissen bekannt war, welches er in seiner leidenschaftlichen Vorliebe für das erste Gedicht in der Welt erklärte. Als sie in der Morgenstunde allein nebeneinandersaßen, indessen Maria mit ihren Duennen im Garten wandelte, fing Don Christoforo an: »Ihr werdet es Euch kaum, teure Muhme, erinnern können, wie und wann ich Euch gesehn habe, da Ihr noch ein Kind wart: Ihr hattet ohngefähr zehn Jahr erreicht, als ich Abschied von Euch nahm, um nach Indien zu gehn. Ich war Soldat und diente als Offizier, solange es mir meine Gesundheit erlaubte, die Waffen zu tragen. Als ich aber schon früh von der Gicht heimgesucht wurde, die Folge vielfacher Erkältungen und böser Nächte auf dem Schiff sowie an den Ufern, mußte ich allen meinen Jugendträumen Abschied geben und mich nach einer bürgerlichen Bedienung umsehn. So war ich bald hier, bald dort und konnte lange Zeit meine Melancholie nicht bezwingen, denn mit dem weggelegten Degen schien mir auch alles Glück entschwunden. O meine Freundin, Ihr als Frau könnt keinen Begriff davon haben, wie bitter dem Manne das Gefühl ist, wenn er sich sagen muß: Ich gebe jetzt den Beruf meines Lebens auf. Es ist schlimmer, als auf einer öden, einsamen Klippe zu stranden, um dort nach einem Schiffbruch einsam zu stehn, der einzige Gerettete, indem Gefährten und Freunde von der wilden See verschlungen wurden. Dies hatte ich erlebt, aber dazumal blieb mir noch die Hoffnung, daß ein vorbeisegelndes Schiff mich retten könnte, wie es auch geschah, und ein andres Regiment, ein neuer Befehlshaber nahm mich auf. Aber jetzt mußte ich auch die Hoffnung aufgeben, jemals wieder als Mann für mein teures Vaterland zu handeln, daß mein Name genannt würde so wie jener vielen portugiesischen Kämpfer, die sich in Asien und Indien berühmt gemacht hatten. Nun mußt ich mich krümmen und Befehle einholen über Dinge, die ich nicht verstand, ich sollte in Sachen Einrichtungen treffen, die ich selbst erst lernen mußte, mich in Beschäftigungen einüben, die ich bis dahin als muntrer Jüngling und kräftiger Mann tief verachtet hatte. Nach der Gemütsart meiner Vorgesetzten mußte ich mich richten und ihre Launen erforschen. Man verlangte, daß ich schmeicheln und alles, auch ihre Untaten, bewundern, mindestens gutheißen oder doch allerwenigstens nicht bemerken sollte. O teure Freundin, da fühlte ich in allen meinen Geisteskräften, in meinem ganzen Menschen, welch ein Fluch die Armut sei. Auch darüber hatte ich oft gelacht, wenn meine Kameraden dies so vielfältig behauptet hatten. Diese Abhängigkeit, in welche uns dieser Mangel stürzt, ist weit schlimmer als die eines Sklaven. Werden doch so viele Menschen, die ursprünglich von der Natur gut ausgestattet waren, auf diesem Wege sogar schlecht und niederträchtig, die früher Redlichkeit und Wahrheit liebten. Wer zum Soldaten geboren ist, und dieser Gemüter gibt es viele, ist nachher in jeder andern Lage ein verkümmertes Wesen. Elend bin ich geworden, durch und durch, aber in keinem Augenblicke meines Lebens schlecht, und das will viel sagen, da es der Versuchungen so viele, ja unendliche gab. Ich sah ja die Wege, die Hunderte von meinen Bekannten wandelten. Ich merkte, wie man ihnen die Leitern hinstellte, auf denen sie von Staffel zu Staffel emporklimmten und bald von oben auf mich, den Kameraden, der immer unten und arm blieb, mit Verachtung herabsahen. Viele fanden sich mit Religion und Tugend gleichsam ab, wie der Bankrotteur mit seinem Gläubiger, der oft mit dem Fünfzigteil der Schuldsumme sich zufriedenstellen muß! Sie sagten: Ich will schmeicheln, heucheln und lügen, ich will mit vollem Bewußtsein niederträchtig sein, bis ich dieser Schufte von Vorgesetzten nicht mehr bedarf, bis ich selber reich und mächtig bin; dann aber will ich der Welt zeigen, daß ich aus einem ganz andern Holze geschnitzt bin, dann will ich tugendhaft sein und alles wiedergutmachen. Aber der Gewinn, die Erpressungen, das Schinden der Menschen, die Bestechungen, die Käuflichkeit ihrer Protektion, alles dies schmeckte ihnen so süß, daß sie jetzt in ihrem hohen Posten zehnmal schlimmer wurden als in jenem niedern, denn durch die ihnen verliehene Macht konnten sie jetzt viel leichter die Schändlichkeiten durchsetzen, die ihnen früher noch Mühe gemacht, zu denen sie doch Hülfe bedurft hatten. O Donna Catharina, der Mensch ist eine böse Kreatur. Und ist erst alles recht ins Geleise gebracht, weiß er in fester Stellung oben mit Sitte, Gewohnheit, Form und Gesetz recht umzugehn, weiß er, was er seinen Untergebenen bieten darf, vertraut er dem Eigennutz der meisten, so kann er mit aller Sanftmut und Stille, selbst mit anscheinender Freundlichkeit das Abscheulichste verüben, und die arme gedrückte Menge, das gemißhandelte Volk kommt oft nicht einmal zum Bewußtsein, daß ihre Qual, ihr Zertreten von dem blankgeschmückten Herrn herrührt, dem sie in ihrer bittersten Not noch alles Gute gönnen und den sie für tugendhaft halten. So sind Asien und Indien die Schaubühnen für das Verruchteste geworden, was der Mensch sehn und erdulden kann: Plündrung, Folter, Mord und Grausamkeit sind als die Früchte aus jenem Samen aufgegangen, den jene hochherzigen Helden, jene unsterblichen Lusitanier säeten. Und wehe dem armen Redlichen, der im Blödsinn der Tugend, im Aberwitz eines religiösen Gefühls sein Herz nicht bezwingen kann und über diese ungeheure Verkettung der schmählichsten Tyrannei spricht oder gar wähnt, er könne und müsse dagegenhandeln. Alle die tausendfältigen Glieder und Arme des weltzerstörenden Riesen richten sich gegen den Ärmsten, und er ist auf alle Weise verloren. Glücklich, wenn er nicht der Inquisition überliefert wird, daß diese ihn im Namen unsers Gottes mordet, oder wenn er als Hochverräter den sinnreichsten Folterqualen oder dem schimpflichsten Tode entgeht. Ja, glücklich zu preisen ist er, wenn er im dumpfen Kerker verschmachtet und auf ewig vergessen wird. Ein Ausgezeichneter unter Millionen ist aber der, der sich und sein Leben in kümmerlicher Armut hinschleppen darf, verstoßen und verachtet und von der Verleumdung gebrandmarkt. So ist das Schicksal meines redlichen, lieben Camoens gewesen, des Edelsten unter den Menschen. Er konnte nicht schweigen und wurde drum aus diesem Verbündnis der reichen Plünderer gestoßen, und er mußte noch danken, daß sie ihm das nackte Leben ließen.« »Ich habe es nicht gewußt und geglaubt«, sagte Gatharina, »daß jener Weltteil und die Verwaltung dort einen so schwermütigen Anblick darbietet. Wenn es so ist, wie ich es Eurer langen Erfahrung und Wahrheitsliebe glauben muß, so ist wohl die ganze Geschichte des Menschengeschlechtes eine höchst trübselige.« »Gewiß«, antwortete Christoforo, »wenn Tat und Volk sich so ins Unermeßne ausbreiten, wenn jene Schranken fallen, innerhalb deren es dem Menschen noch leichtfällt, tugendhaft zu bleiben. Die kleine, enge schöne Zeit, als unser Portugal sich zu besinnen anfing, ist die Zeit der Kraft und Aufopferung. Große Helden, deren Name ewig glänzen muß, schlugen in Begeistrung das große Weltbuch auf, von dem man bis dahin nur kindlicherweise die ersten Anfangsblätter kannte, und nun mußte mit der höchsten Heldenanstrengung auch die rückhaltlose unermeßne Bosheit der Menschen durch die weiten Regionen mit neuen Herrschermaximen dahinströmen. Und so hat sich seit der Entdeckung jener neuen Welten unsre sowohl als die spanische Nation verwandelt. Die ehemalige Kraft und Tugend dünkt uns zu geringe, das vormalige Leben zu arm und früherer Reichtum und Erwerb nur armselig. Das Leben ist zum Glücksspiel geworden, und große Summen werden im Rausch eingesetzt, um größere zu gewinnen. So ist der Reichtum das Maß geworden, nach welchem nicht nur Glück, sondern selbst Tugend gemessen wird, und derjenige, der sich von diesem wirbelnden Taumel nicht ergreifen läßt, wird mit kalter Sicherheit ein Tor gescholten, weil selbst der Glaube an den Adel des Menschen erloschen ist.» »Haltet ein«, rief Catharina, »wenn Ihr irgend die Wahrheit sprecht, so wäre es besser, nicht zu leben. Woran soll unsre Schwachheit und der zagende Zweifel sich dann noch emporranken?« »O werte Freundin«, fuhr der Alte fort, »Gott läßt in manchen Zeiten dergleichen Verwirrungen zu, damit die Stämme der Menschen geprüft und dann wieder geläutert werden. Um so heller glänzt in der Finsternis der Stern der Tugend, um so größer ist im allgemeinen Taumel der einzelne, der die Sinnenbetäubung nicht teilt. In solchen, die verlacht und geschmäht werden, die sich in Armut einsam verzehren, die ohne Freunde und Bewunderer und Schmeichler sich verbergen und an den Gott in ihrem Innern glauben, an solchen Verachteten und Vergessenen bewährt sich dann um so herrlicher die himmlische Natur des Menschen. – Doch still, denn ich bin auch ein solcher Verlassener, und es könnte gar scheinen, wenn eine so billige Freundin mir nicht zuhörte, als wollte ich meine eigene Tugend preisen. Nein, ich dachte an ihn, meinen verklärten Freund, diesen hochbegabten Camoens, der sich uns entzogen hat, von allen vergessen, von keinem unterstützt, von keinem Großen aufgemuntert; er, der tugendhafteste Mann, der echte Freund seines Vaterlandes, das er so brennend liebte, wie es für Fabel und Gedicht erscheinen könnte und doch nur die lauterste Wahrheit ist. Ja, er gehört, ob es ihm gleich nicht vergönnt war, wie ein Pacheco oder Albuquerque Heldentaten zu tun, dennoch zu den größten Helden der Portugiesen, indem er entbehrte, duldete und die Güter dieser Welt von sich wies, wenn sie nur auf schnöden Wegen zu erringen waren. Unsere Nachkommen werden einst wissen, welchen Mann diese törichte Zeit von sich ausgestoßen hat.« Catharina war durch die Worte des Alten tiefbewegt. »So können wir ihn also nur noch«, erwiderte sie zögernd, »in unserm Angedenken ehren. Wir wenigen, die nicht bloß der Gegenwart und ihrer stürmenden Bewegung leben wollen. Jedes edle Herz sollte einen stillen Raum in sich bewahren und ihn zur Kapelle weihen, in welcher das Bild des großen Mannes wohnte, der uns gelehrt hat, wie süß unsre Sprache sei und welche Liebe und Sehnsucht, welcher Heldensinn, welche Vergötterung unserer Geschichte und der edlen Geister sich in ihr für alle Zeiten aussprechen lasse, für alle künftigen portugiesischen, ja menschlichen Geschlechter, wenn eine wiederkehrende Barbarei nicht Vergessenheit und Nichtwissen auf den Thron erhebt.« »Wir verstehn uns, Geliebte«, sagte der Alte, indem er ihr die Hand reichte. »Wie uns die Kraft der Griechen und Römer noch berührt, so wird das Wort unsers Freundes auch in die ferne Zukunft hinübertönen, und wenn der Italiener seinen Ariost nennt, Rom seinen Virgil und Athen seine ewigen Dichter, so darf Portugal dann ihnen gegenüber den Namen Camoens aussprechen. Und was kann Spanien oder Frankreich diesem Laut entgegensetzen? Oder gar das wüste Deutschland? Ronsard wird gerühmt – ich kenne ihn nicht.« »Wir wollen also an diesem Glauben halten und die zu trüben Gedanken fahrenlassen«, sagte Catharina. »Das Leben läßt nicht jede Blüte zur Frucht reifen, und doch ist es nur Schein, wenn wir geängstigt wähnen, alles Leben werde nur dem Tode geboren.« »Es gibt keinen Tod!« rief Christoforo aus. »Diese Umwandlung, die wir menschlich so nennen, ist nur ein Wechsel der Kleider, Übergang in andre Melodie, Umstimmung des Instrumentes. Aus dem starren Fels auf den hohen Bergen sehn wir Moos und Blümchen keimen, aus Erde, die Luft, Wind und Regen erst im unerbittlichen, ungastlichen Stein geschaffen haben; Würmchen und Schmetterlinge umflattern auch da oben in höchster Region das kindische Pflänzchen, das, selbst kaum lebend, schon jene nähren muß. Die Wasser suchen ihre Bahn und führen Stein und Samen der Kräuter und Sträuche in starre Klippen. In der Tiefe der Meere hausen die stummen Geschlechter, vielfach gestaltet. Unterirdisch lebt es in nie besuchten Klüften. Wohin der Gedanke denkt, kann er nur Leben finden und denken. Und nun, das Wunder der Welt und Schöpfung, der sinnbegabte, vernunftreiche Mensch als Gebieter und König in der Mitte aller Wandelnden, Kriechenden, der Gefieder, Fische und Blumen, der Wasser, des Äthers und des stummen Steines: er, durch dessen Dasein alles Geschaffene ein heiliges Geheimnis wird, das sich nur im Bewußtsein dieses Geheimnisses erklärt; er, der Stellvertreter Gottes, aus dessen Auge Segen auf die Kreatur fließt, durch dessen Blicke die törichten Umherstehenden erst Bedeutung erhalten. Wie glücklich ist das bloße Dasein, wenn der Mensch immerdar seinen Beruf erkennt, mit der Ewigkeit und dem All Gespräch zu führen. Was ist Unglück, Leiden, Krankheit, Tod, wenn er seine Bestimmung so erfüllt?« Catharina sah den Greis forschend an, der so, da er auf sein Lieblingsthema gekommen war, rasch fortfuhr: »Und so wird, so muß es fortgehn in alle Ewigkeit. Was kümmert es uns, daß wir auf unsrer Erde, auf Golgatha und Schädelstätte, wandern? Wohin wir treten und graben, ist Gerippe, Verwesung, jedes Blümchen schöpft seinen Odem und Duft aus früherem Tode. Ungeheure Vorräte von Riesen, Tieren, Menschen, Elefanten und furchtbaren Fischen mögen seit Jahrtausenden unter der Erde und dem Meer aufgeschichtet liegen. Was sind sie anders als die Maskenkleider und Larven von uralten Festen des Lebens, wohl schon vor Jahrtausenden gefeiert! Können die tiefbegründeten, ewig scheinenden Felsen nicht auch Fleisch und Gebein noch älterer Vorzeit, uralten Lebens sein? – Und so wie Metalle sich ausscheiden und zuzeiten eins in das andre übergeht, wie aus Pflanzensaft und Gärung sich unser Wein erzeugt und die Natur keinen Tropfen und Stein verlorengibt, so wird sich auch unser rätselhaftes Leben scheiden, ausklären und, das Edelste hinübernehmend, in neuer Gestaltung auftreten, unter neuer Form, in neuer Beschränkung neue Freiheit finden und unser Geist immer mehr schauen, sehn und lernen und in diesem Anwachsen das finden und genießen, was die schwachen Menschen stammelnd Seligkeit nennen.« Catharina war erstaunt, sah nieder und sagte dann zögernd: »So bedürft Ihr, Freund, der Tröstungen der Religion also nicht? So ist für Euch das Gute und Göttliche überall? Mir wird bange, wenn ich Euch auf diese Weise reden höre.« »Das sollte nicht sein«, erwiderte lächelnd der Greis. »Ihr seht nur, wie sehr ich Euch vertraue, daß ich so schwatze. Seit vielen Jahren hat sich in Indiens großer und mannigfaltiger Natur dieser Glaube mir von selbst aufgedrängt, und ich habe mich wohl gehütet, gegen unsre Priester etwas davon verlauten zu lassen. Mit meinem geliebten Camoens habe ich oft in den Nächten disputiert, er konnte auch nichts von dieser Meinung brauchen. Dafür war er Dichter, der alles, auch seine christliche Religion, die herrliche, liebevolle, liebte und anbetete. Wer möchte sie nicht ehren, der sie nur etwas kennt? Welche Sehnsucht und innigste Liebe spricht sich in ihr, im Leben des Heilandes und in seinen Lehren aus! Aber auch der Fortgang der Zeit und die Kirche haben so schöne Wunder, so ergreifende Gedanken und süße Legenden hineingedichtet, daß ein brünstiger Geist, wie der unsers Camoens, nur die Erfüllung aller Weissagung und die Vollendung der Zeiten in diesem reichen Gewebe sehn konnte. Jeder auf seine Weise. Dadurch wird der unendliche Geist am meisten verherrlicht. Er herrschte schon in den Seelen der wahren Menschen als Jehova und Zeus oder Jupiter: In allen Zeiten verkörpert die Sehnsucht der Liebe das ewige Geheimnis und will es sichtlich vor sich schaun und erfassen. Leicht vergafft sich die Liebe in den Anschauungen, die der Mensch aus dem ewigen, unendlichen Himmel herunterzieht, um sie menschlich, kindlich oder kindisch vor sich wandeln zu sehn. Der Verehrer Jehovas zürnt der Verirrung, der Anbeter des Zeus beachtet sie nicht, und die vielduldende, alles in Liebe wandelnde christliche Kirche hat diese Haus- und Schutzgötter, diese Palladien und Laren, Garten- und Hainverwalter mit allen ihren Kräften und Wundern in den poetischen Kultus aufgenommen. Sind sie doch auch die allgegenwärtigen Kräfte der Natur.« »Ei, Freund Christoforo«, sagte Catharina mit einem sonderbaren Lächeln, »bemüht Euch nicht, mich zur Ketzerin zu machen, denn ich sage es Euch vorher, es wird Euch niemals gelingen.« »Wozu«, antwortete der Alte, »sollte ich darauf ausgehen? Und was könnte ich dabei gewinnen? Diese Liebe zu Eurer Kirche, diese Überzeugungen und Begriffe, das heilige Mysterium sind so in Euer Leben verwachsen, daß sie Euer Leben selbst geworden sind. Jeder Aufschlag Eurer Augen ist Andacht und Dank. Gott steigt in diesen Gedanken und Gefühlen in Euern Geist und teilt sich Euch mit. Meine ich doch im Innersten eben dasselbe und gebrauche nur andre Formen. Wir beide verstehn uns gewiß, so wie sich meine Seele auch immerdar mit der des Camoens umarmte, ob wir gleich über diese Anschauungen immerdar in Streit lagen. Viele Geister können nur so in einem nahen Bilde, im Rührenden und Lieblichen sich ihrer Liebe bewußt werden: Wie göttlich, daß die christliche Kirche selbst im Allernächsten im scheinbar Unwürdigsten, in Speise und Trank den Gott niedersteigen läßt, so die dunkle Welt verklärt und das Tote auf immer in Liebe tötet. Hier ist im Symbol mein Glaube auf das Tiefsinnigste ausgeprägt, wenn mein Geist und meine Ruhe auch dieses Symbols nicht bedürfen.« »Soll ich Euch gestehn«, unterbrach ihn Catharina, »daß Ihr mich ängstet? Ich verstehe Euch nur halb, vielleicht gar nicht, aber diese Meinungen sind mir so neu und unerhört, daß ich sie in meinem Geiste weder beherbergen mag noch kann. Seid Ihr denn vielleicht zu der ketzerischen Sekte der Lutheraner übergetreten?« Christoforo lächelte. »Nein, verehrte Muhme«, rief er aus, »diese Leute, wenn sie von meinem Glauben etwas erfahren könnten, würden mich wohl ebensosehr als meine katholischen Landsleute verdammen! Sollen Fremde an meinen Irrtümern Schuld haben, so tragen einige alte weise Brahminen wohl diese am ersten. Nicht daß ich mit diesen wäre einig geworden, sondern daß ich mir ihre sonderbaren Lehrsätze und Erzählungen in meinem eignen Sinne ausdeutete. Meine Ketzerei ist wohl so alt wie die Welt selbst und die Religion. Ich leide nur an der Krankheit, daß ich mir meinen Glauben auslegen und ihn mit der ganzen Natur in Übereinstimmung bringen will. Doch, wie gesagt, ich will Euch nicht ängstigen, ich bitte nur, mich und meinen Eigensinn zu dulden. Der Allvater wird wissen, was er aus meiner Seele künftig entwickeln will und unter welchen Bedingungen ich meine Existenz führen darf. Die Seelenwandrung der Indier ist auch ein Symbol für meine Meinung, nur zu irdisch und geringe ausgesprochen. Das Elysium der Heiden ist trübselig, wenigstens nicht erfreulich: ihr Lethe aber wieder ein schönes Bild. Der Himmel der Christen ist am unbestimmtesten und ohne Inhalt. Hier kann Deutung und Auslegung fast gar nicht einen Sinn oder eine Aussicht gewinnen. Die Phantasie ist hier im Erfinden zu schüchtern gewesen und hat sich umgekehrt an den Greueln der Hölle und den Charakteren der Teufel erschöpft. Bedeutsam genug, um das Wesen unsrer Phantasie näher kennenzulernen.« »Kehren wir zur Erde«, sagte Catharina, »zur Geschichte und zu Camoens zurück: Hier wird mir in Eurer Gesellschaft wieder wohl werden.« »Ich ging früh«, begann Don Christoforo, »noch unter der Regierung des Großvaters unsers Königes als Soldat nach Indien. Ich habe Euch gesagt, wie meine Kränklichkeit mich zwang, den Dienst zu verlassen und irgendeine dürftige Anstellung zu suchen. Bald da, bald dorthin wurde ich gesendet, und da ich ruhig und still war, fand ich nur selten Gegner und Feinde, da ich aber nicht schmeicheln konnte und mich zu Ungerechtigkeiten nicht wollte gebrauchen lassen, so erwarb ich mir auch keine mächtige Gönner und Beschützer. Ich widmete bei meinen Geschäften mein Leben der Betrachtung und kam mir oft wie ein weltlicher Mönch vor, besonders da ich soviel Unrecht gutzumachen suchte, als mir in meiner beschränkten Lage möglich war. Es gibt ein eignes stilles Glück in der Zurückgezogenheit, wenn man von wenigen gekannt und von keinem beachtet und noch weniger beneidet wird. Indem man keinem in seinen Weg tritt, den er sich zu beschreiten vorsetzt, wird man für unschuldig und unschädlich gehalten. In den innern Gegenden Indiens schien ich mir von Europa und der Welt verbannt, und ich erfreute mich, diese alte schöne Sprache des dortigen Himmels kennenzulernen, mit einigen Priestern und Gelehrten umzugehn und so wie ein Einsiedler mir mein eignes stilles Glück aufzubauen. Da ich allen Gebräuchen meiner Kirche folgte, so gelang es mir, den Argwohn unsrer portugiesischen Priester und der Inquisition nicht zu wecken, und wie andre kühne Wagende auf Schiffen neue Inseln und Erdteile entdecken und sich in der Ferne und Fremde, unter Wilden oder Völkern, deren Sitten ganz abweichend sind, glücklich fühlen: so war es meine Lust, diese sonderbaren Meinungen der indischen Religiösen oder ihre Philosophie kennenzulernen. Dieses Durchschiffen und Durchirren mir bis dahin ganz fremder Ansichten und Gedanken, der Anblick dieser Fabeln und Allegorien, vor mir die seltsame Welt und Natur, alles dies gab meinem Herzen eine Weihe, daß ich nach und nach den Degen vergessen und mich mit Behaglichkeit ganz resignieren konnte. Ich war schon im männlichen Alter und dachte meiner Jugend nicht mehr, als ich in Goa einen Mann kennenlernte, in der Kraft seiner Jahre, nachdem ich schon zehn Jahr in Indien und Asien gelebt hatte, der mir, dem Vierzigjährigen, durch seine bloße Gegenwart die früheste und süßeste Jugend wieder erneute. Tränen vergoß ich nun auf meinem nächtlichen Lager, daß ich den vielgeliebten Degen nicht mehr führen konnte und sollte, denn durch die Worte dieses Mannes erschien mir jeder andre Beruf als ein armseliger und niedriger. Gegen seine Feuerseele war das Gefühl meiner Jugend nur schwach und kalt gewesen, und ich erfuhr nun, wodurch Helden oder Anführer der Völker so große Gewalt über den Menschen ausgeübt hatten. Dieser Mann war der Soldat und Dichter Camoens, welcher im bittersten Gefühl sein Vaterland, welches er doch so brennend liebte, kürzlich verlassen hatte. Nun war ich wieder mit ganzem Herzen Portugiese und hätte wieder unter den Fahnen meines Landes gefochten, wenn meine Schmerzen und die Lähmung meines Armes es erlaubt hätten. Ich war des begeisterten Mannes Schüler, sosehr ich der ältere war, außer in einer sehr wichtigen Angelegenheit, in welcher er mich niemals, so sehr er sich beeiferte, auf meinen früheren Standpunkt zurückführen konnte. Ich konnte nicht so wie er mit Inbrunst das umfassen, was er das Christentum nannte, und als wir lange, oft und heftig gestritten hatten, ließen wir den Disput ganz fahren, und jeder sprach dem Freunde seine Überzeugung aus, ohne ihn bekehren zu wollen. Ein portugiesischer Offizier hatte mir schon vor der Ankunft meines Freundes von ihm gesprochen, aber nur obenhin im leeren Geschwätz, und ich hatte nicht darauf geachtet. Es war von einer Liebe die Rede, die ihn unglücklich gemacht und um welche er vorzüglich sein Vaterland verlassen habe. So vertraut wir wurden, sooft wir uns unsre geheimsten Gedanken entdeckten, hat er mir doch, der Edelste, über dieses Verhältnis nie das kleinste Wort gesagt, und da ich wohl ahndete, wie heilig ihm diese Begebenheit seiner Jugend war, hat ihn auch niemals eine vorwitzige Frage von mir gequält. Aber wie sehr er die Schönheit der Frauen anbetete, wie sehr ihn das Gefühl der Liebe durchglüht hatte, sah ich aus einigen herrlichen Gedichten, welche er mir mitteilte. Mit derselben Glut sang er Kampf und Waffen und Heldengröße. O meine Freundin, was ist es doch für ein Glück, auf seinem Lebenswege einen solchen Freund zu finden! Ich ward durch ihn wie neugeboren: ganz unbekannte Kräfte erwachten in meinem Geiste und erwuchsen wie zum Wunder in seiner Nähe. Ich kannte mich selbst nicht wieder und erstaunte über den entdeckten Reichtum meines Gemütes. Wundertäter und Propheten sucht der Abergläubische auf und wünscht, diese von Angesicht zu Angesicht zu sehn und sie zu berühren; nach weltberühmten Stellen der Geschichte oder nach geweihten Stätten wandern viele, um ihre Seele zu erheben und ihr Dasein zu erneuern, und sie ahnden es nicht, daß die Nähe eines solchen Genius mehr ist, als was sie in allen Weltfernen erstreben können. Ja, Teuerste, es gibt eine Magie, und die höchste ist, die Geister seiner Freunde und Geliebten zu entbinden, ihnen die Ketten abzunehmen, die sie hier und dort an Torheit, Dumpfheit und Gleichgültigkeit fesseln. Nun führte ich erst mit ihm ein wahres Leben in Scherz und Ernst. Wir reiseten miteinander zu Meer und Lande, wir wohnten in demselben Hause, Nächte entschwanden uns wie Stunden in tiefsinnigen Gesprächen oder wenn ich seinen Phantasien zuhörte. Und, glaubt Ihr es wohl, daß mir oft dünkt, seitdem wir uns getrennt haben, als wenn ich lange nicht genug seinen Umgang genossen, nur allzuwenig von ihm gelernt hätte; als wenn ich, wie oft, die Zeit verschleudert, ihn nicht beachtet oder in träger Dumpfheit seinem Geiste nicht entgegengekommen wäre. Wie oft habe ich mich seitdem gescholten, daß mir dieser hohe Geist in manchen Stunden doch nur ein gewöhnlicher, daß er für mich tot war, daß ich ihn verkannte, weil ich in mir schlief und mein geistiges Ohr träge verschlossen hielt. Wie beeilte ich meine Rückreise, wie entzückten mich die Ufer meines Vaterlandes, als sie auf dem Meere auftauchten, daß ich ihn, den Geliebten, den ich seit langen sechzehn Jahren nicht gesehn hatte, wieder umarmen sollte ... Und nun – schon seit zwei, drei Jahren ist er tot, von aller Welt vergessen, keiner weiß sein Grab nachzuweisen.« Er schwieg in Rührung, und Catharina sah vor sich nieder. Nach einer Weile hub der Alte wieder an: »Könnte man wissen, daß man einen solchen Freund auf immer, wie die Menschen zu sagen pflegen, verlöre, so würde man mit jeder Minute seiner Gegenwart geizen, und das müßte ihm denn doch sehr lästig fallen, weil sich dadurch alle Unbefangenheit des Umgangs verlieren würde. Mit den kostbarsten Gaben des Schicksals gehn wir in der Regel am leichtsinnigsten um, und nur das Geringfügige, Unbedeutende halten wir schwerfällig fest, oft sogar das, was nur zu unsrer Qual dient; und wir nennen es dann wohl noch unsre Tugend, wenn wir nicht den Mut haben, diese Klötze abzuschütteln. Es mag also denn sein, weil es immer so war und also wohl nicht anders sein kann. Soviel vertraute mir Camoens damals, daß er höchst ungerecht auf eine Zeitlang aus Lissabon nach Santarem sei verbannt worden. Als sein Bann geendigt, habe er, in der Meinung, sich auszuzeichnen und um Portugal verdient zu machen, als Soldat Dienste genommen. Er focht gegen Marokko auf den Schiffen, die gegen diesen Staat ausgesendet wurden. Hier schilderte er mir nun, wie er als Jüngling nichts so sehr gewünscht habe, als große Gefahren zu bestehn und sich berühmt zu machen. Er suchte als Tollkühner die Gefahr, seine Gefährten beneideten ihn, indem ihm keiner folgte. Er sprach, als wenn es eine Göttin gäbe, die den Krieger in die Wagnis reiße und ihn als Sieger unbeschädigt zurückführe. Dieses Spiel mit dem Tode, mit furchtbaren Wunden, mit dem übermächtigen Feinde, das Hineinstürzen, wo der Untergang gewiß, Rettung unmöglich schien, war nach seiner Schilderung das größte Glück, die Wonne des Soldaten. Die Gefahr ist keine, sagte er wohl, denn wenn ich sie nicht fürchte, so übertrotze ich ihre Macht, und sie weicht zurück; daß ich aber in jedem Augenblicke an der Schwelle stehe, die Tod und Leben trennt, ist das Erfreuliche dieses Scherzes: Wenn der Untergang im Handgemenge aus tausend Röhren springt, so bin ich nur vor seinem Verderben sicher, wenn ich diesen Regen für nichts achte und Tod und Leben mit gleichem festem Auge anschaue. Wie in der Umarmung der Geliebten Schmerz und Freude dasselbe ist, in der höchstens Wollust ein leichtes Grauen durch die Nerven schleicht, so, sprach er, ist es mit dem Tode in der Schlacht: Wer in diesen Wogen, in diesem Wellenschlage der Gefahr nicht jauchzen und sich selbst für ein Nichts achten kann, der ist kein Soldat. So hatte er denn auch mit Tod und Leben gespielt; er hatte sich selbst ganz vergessen, und nur der Kampf, als ein Ganzes, als ein lebendes Wesen, war ihm gegenwärtig gewesen, gleichsam wie ein großes brüllendes Ungetüm, von welchem er nur ein kleines Glied ausmachte. In der Wollust des Streites war er ohnmächtig niedergestürzt, scheinbar tot, denn eine Flintenkugel hatte seine Stirn getroffen. Als er erwachte, sah er sich vom Kampf entfernt, im Raum des Schiffes. Sein Geschwader hatte gesiegt. Aber sein rechtes Auge war zerstört. Er litt unsägliche Schmerzen, abgerechnet das Gefühl, daß ein schöner, liebenswürdiger Jüngling sich von jetzt an als einen Verstümmelten denken sollte. Ein Krieger, der in frischer Jugend Hand oder Fuß verliert, findet nur schwachen Trost darin, daß diese Verkrüppelung ihm als Ehrenzeichen und Bestätigung seiner Tapferkeit dienen könne, denn andere, welche sich feige zurückgezogen, kann derselbe Unfall treffen. Aber die Kraft, den Geist des Auges einzubüßen, ist weit mehr, es ist, als wenn mit diesem nicht bloß der Körper, sondern selbst der Geist verstümmelt würde. Vor Ceuta, der Stadt, dem uralten Denkmal der portugiesischen Tapferkeit und großer Siege, hatte er die halbe Sehkraft eingebüßt. Aber noch war sein Herz ganz, und er kehrte nach Lissabon, als er nach schmerzhaften Monden geheilt war, mit der Hoffnung zurück, daß man seinen Mut erkennen, seine Tat nicht verachten würde. Aber nur Hohn und Spott empfing hier den tapfern Streiter, er wurde nicht gehört, schmachvoll abgewiesen, indes so manches Glückskind, das den Kampf nicht gesehn hatte, mit Ehre, Reichtum und Würden überhäuft ward. Dergleichen, was doch nur alltäglich ist, hatte er nicht für möglich gehalten. Er sprach, und zwar zu laut und dreist: und jetzt ward es nicht geachtet, wenn auch sein Leben aus dreißig Wunden geblutet hätte. Als er sich nicht beruhigen wollte, drohte man ihm, ihn als einen Aufrührer vor ein Kriegsgericht zu stellen. Warum nicht, sagte er, steht der tapfere Soldat nicht immer im Kriege vor diesem? Nicht die Kugeln, diese Worte haben mein Herz zerschmettert. So wandte er sich, vernichtet, verhöhnt, ein Verstümmelter, jeder Hoffnung, allem Glück abgestorben, von seinem Vaterlande ab und suchte in großmütiger Verzweiflung im östlichen Indien die Anerkennung seines Wertes oder ein ruhmvolles Grab. – Er fand keines von diesen.« Nach einer Pause, in welcher der Alte von seiner Rührung sich erholt hatte, fuhr er in seiner Erzählung fort: »Diese Stille des Gemütes, die ich mir früh angeeignet hatte, konnte mein Freund nicht finden, wenigstens in jungen Jahren nicht, in welchen ich mit ihm lebte. Er konnte sich nicht davon überzeugen, daß Ungerechtigkeit und Grausamkeit in der Natur des Menschen ebenso gegründet sei wie Güte und Großmut. Er verstand den Sinn der Welt nicht und trauerte zürnend, daß jene Ungeheuern Heldentaten der großherzigen Portugiesen so in Raub, Plünderung und Unterdrückung der Armen sowie in Bereicherung der Raubsüchtigen endigen sollen. Er faßte es nicht, daß Kirche und Priester, wenigstens stillschweigend, diese Verletzung aller Rechte, diesen höhnenden Frevel billige. Er war des Gefühls, jeder fühlende Mensch sei vom Schicksal aufgerufen, gegen diese Untaten zu handeln, darein zu reden, die Tugend zu verteidigen und ihr wieder Raum zu machen. Ich lief im Tajo, sagte er in seinem Eifer, mit verschiedenen Fahrzeugen aus: Stürme verfolgten uns, wir waren wie oft in Not und Lebensgefahr. Die übrigen Schiffe sind in diesen Stürmen zerschellt und zugrunde gegangen, nur das, welches mich trug, wurde wie durch ein Wunder erhalten, so sehr es auch litt, so oft es schon zu sinken drohte. So schlingt sich mein Leben immerdar durch Stürme, und ich darf nicht schweigen und müßig sein. Ich muß dichten und mit dem Schwerte kämpfen und freimütig sprechen, sowie die Gelegenheit mich auffordert und die Begeisterung mich besucht. Ja, wohl hätte er recht gehabt, wenn er eine höhere Stellung gefunden, wenn er in einer andern Zeit gelebt, wenn mächtige Freunde, große Gönner ihm beigestanden hätten. Ach, der Arme! In allen seinen Hoffnungen wurde er hintergangen. Er mochte fast mit Sicherheit darauf rechnen, in der Armee oder bei der Verwaltung einen ehrenvollen und auch einträglichen Platz einzunehmen, denn es fehlte ihm nicht an guten Empfehlungen von würdigen Männern, und er sah es ja, wie auch ohne diese ganz unbedeutende Menschen in gute Stellen hineingeschoben und versorgt wurden, die, jung und unerfahren, sich noch gar keine Verdienste erworben hatten. Er war als Dichter nicht unbekannt, er war von guter, edler Familie, er hatte große Beweise von seiner Tapferkeit gegeben, es mangelten auch nicht die Männer dort, die alles das erkannten. Aber so sanft der Mann war, so war ein Stolz in seinem Wesen ausgeprägt, der, ohne daß er es wußte und wollte, viele, besonders die Unwürdigen verletzte. Er konnte nicht rückhalten, er vertraute sich selbst, sein Geist, der immer die höchsten Gedanken suchte und faßte, war im alltäglichen Gespräch oft wie abwesend. Das nahmen jene, die der sklavischen Huldigungen gewöhnt waren, für unziemlichen Übermut, der seinem freien, aber sanften Herzen ganz fremd war. Am meisten schadeten ihm aber die Briefe seiner Feinde, die auch schon dorthin gekommen waren und ihn als einen gefährlichen Menschen schilderten, der seine Vorgesetzten verachte und verspotte, der nur auflauere, wo er Schwächen gewahr werden könne, die er dann in beißenden Versen als Bosheiten und Verbrechen abschildere. So war er schon verdammt, bevor er nur etwas getan hatte, welches das Mißtrauen als zweideutig hätte auslegen können. Seine Bewerbungen wurden also abgewiesen, und als er dringender ward, mußte er Hohn erfahren. Sein hoher Geist aber ward nicht erniedrigt, und um zu zeigen, daß er es verdiene, befördert zu werden, nahm er nach einiger Zeit wieder Dienste als Soldat. Man gab ihm eine Fähndrichsstelle unter den Truppen, welche Portugal dem Könige von Cochin gegen dessen Feinde sendete. Eigentlich trat er als Freiwilliger ein, wie sich denn viele diesem Hülfskorps als solche anschlössen. Aber bevor er noch mit dem Zuge abgehen konnte, geriet er in Goa in Lebensgefahr. Auf dem Sklavenmarkt hatte er sich einen jungen Neger ausgewählt, der ihm zu seinen Diensten passend schien. Das Wesen des Burschen hatte ihm gefallen, und er war bald über den Kaufpreis einig geworden. Der anstellige Bursche war froh, von seinem vorigen Herrn auf diese Weise loszukommen, welcher ihn mißhandelte und, wie manche schlechte Menschen, mit Schadenfreude seine Sklaven quälte. Es ist in Goa Sitte, daß die Sklaven, was sie erwerben, wenn der Herr sie nicht braucht, dem Herrn zustellen müssen, und viele Reiche, die eine Menge von Sklaven halten, schämen sich nicht, diesen kleinen Erwerb, den die Armen mit großer Mühe oft verdienen, aus den schwarzen und schwieligen Händen anzunehmen. Wie nun der Neger, er hieß Jao, oder Antonio mit anderm Namen, die freundliche Gemütsart seines neuen Herrn kennenlernte, erzählt er diesem von den Untaten seines vorigen Gebieters und schnitzt in der Freude seines Herzens ein Vogelhäuschen, welches er am folgenden Morgen zum Verkauf ausstellt. Der zierlich bemalte Käfig war von einem Kinde, das mit der Duenna vorbeiging, gekauft, und der Neger hatte von dem reichen Mädchen mehr erhalten, als er zu fordern wagte. Wie war der Schwarze erstaunt, als unser Freund Camoens die kleine Summe nicht annehmen wollte, sondern sie ganz und unverkürzt dem Sklaven überließ. Der erzählt die Großmut seines neuen und nicht reichen Herrn, das Volk lobt die Tat und wünscht ihm zu seinem Gebieter Glück, als der vorige Übermütige über den Markt geht und sich sehr verwundert, daß es der Pöbel wagt, ihn zu verspotten und mit lautem Lachen zu begrüßen. Diese angesehene Gerichtsperson, denn er stand in einem vornehmen Amte, empfindet diese ungewohnte Behandlung höchst übel. Er erfährt den Zusammenhang der Geschichte, und sein erstes ist, den Sklaven Antonio zu reklamieren, um an diesem seine ganze Rache zu üben. Der Neger, welcher wohl wußte, daß, so unschuldig er war, Mißhandlungen und Folterqualen seiner warteten, umfaßte mit Tränen und Schluchzen die Knie des Camoens, damit ihn dieser schützen und ihn vor den furchtbarsten Qualen, wohl gar vor dem Tode bewahren möchte. Hier schien es nun unserm Freunde, als wenn dieser einer jener Fälle wäre, wo das Schicksal ihn selber aufrufe, die Unschuld zu vertreten. Sosehr ich ihn warnte, konnte er doch seine aufgereizte Heftigkeit nicht ganz bezähmen, als er mit dem nichtsnutzigen Don Alonso zusammentraf, um mit ihm wegen des Sklaven einen gütlichen Vergleich zu treffen. Ich war zugegen, und anfangs war das Gespräch noch ziemlich gelassen, bis Don Alonso behauptete, beim Verkauf des Schwarzen, obgleich die Summe schon erlegt war, seien nicht alle nötigen Förmlichkeiten beobachtet und der Sklave sei also noch immer sein Eigentum. Der oberste Richter, welcher zugegen und ein Verwandter des Don Alonso war, gab seinem Neffen recht und ließ von seinen Schreibern verschiedene Bücher aufschlagen, um seinen Ausspruch als richtig darzustellen. Er drang also in Camoens, ihm den Neger wieder auszuliefern, für welchen er, dem Rechte gemäß, seine erlegte Kaufsumme dann wieder zurückerhalten solle. Wenn etwas vergessen ist, sagte Camoens, was ich als Fremdling mit den hiesigen Rechten nicht beachtet habe, so bin ich erbötig, Euch, geehrter Herr, noch etwas nachzuzahlen, um nur den Burschen in meinem Dienst zu behalten, weil er mir zusagt. Ich bin reich genug, antwortete ihm der Übermütige, um eines solchen Nachschusses nicht zu bedürfen, ich will die Person des mir widerrechtlich genommenen trotzigen Negers selbst! Wenn Ihr Euch nicht gütlich vergleichen könnt, entschied der Richter, so seid Ihr, Herr Camoens, gehalten, den Diener wieder auszuliefern, da wir Euch bewiesen haben, daß der Handel ungültig ist. Ich, der ich schon seit vielen Jahren an alle Härten und Unbilligkeiten der Regierenden gewöhnt war, erstaunte doch über diese Frechheit, denn der Sklave war ganz auf jene Art und Weise gekauft worden, wie es täglich dort geschieht, und der Fall, daß ein so abgeschlossener Handel wieder rückgehn sollte, war noch niemals eingetreten. Als ich aber diese Behauptung bescheiden vortrug und als ein beim Kauf Gegenwärtiger mein Zeugnis ablegte, wurde ich mit den Gegenreden aller Anwesenden überschrien, wenn auch nicht überführt, und jene Geldstolzen ließen mich meine Armut und das Unbedeutende meiner kleinen Stelle bitter empfinden. Ich mußte schweigen, wenn ich den Handel meines Freundes nicht verschlimmern wollte. Dieser aber fragte jetzt mit scheinbarer Mäßigung, weshalb Herr Alonso den Sklaven so bestimmt zurückverlange, da er ihn doch selbst aus freiem Entschluß habe verkaufen lassen. Wozu anders, rief der Unverschämte, als ihn zu züchtigen, blutig zu strafen und dann hinzurichten? Soll es so weit kommen, daß unsre eignen, erkauften Leibeignen, der Wegwurf der Menschheit, das Volk gegen uns, die Herren und Regierenden, aufhetzen? Daß wir selbst vor diesem Abschaum unsers Lebens nicht mehr sicher sind? Hier verlor Camoens seine Fassung und sagte seinen angeblichen Richtern harte Worte. Ich suchte zu beschwichtigen, ich erzählte, wie der Sklave ganz unschuldig sei, wie er sich bei seiner Erzählung nichts Böses gedacht, aber alles war umsonst. Auch war es zu spät, denn unsern Freund ergriff eine solche Begeisterung des Zorns, daß er jene Elenden mit aller der Verachtung behandelte, die sie im vollen Maß verdienten, wodurch er sich selber aber eine schwere Verantwortung zuzog. Ihr alle seid Zeugen, rief Don Alonso in Wut, wie dieser übermütige Soldat selber Rebell und Verräter ist, und es ist glaublich, daß er den Sklaven angestiftet hat, den Pöbel zur Empörung aufzureizen! Nichts half es, daß Camoens sich auf seinen Adel, auf das Alter seiner Familie berief, daß ich mich als Bürgen für ihn stellen wollte, er ward als Verbrecher in das gemeine Gefängnis geführt und in Fesseln gelegt. Denkt Euch, liebe Muhme, meinen Schmerz, meine Angst um den Teuersten aller Menschen. Ich durfte nicht zu ihm, und ich hörte, daß das Gericht auf Zeugnis des Richters und seiner Schreiber ihn zum Tode verdammen wollte. Ich entsetzte mich, ich suchte alle meine Freunde zu bewegen, und wir brachten es endlich dahin, daß man den ganzen Prozeß niederschlagen und alles vergessen wollte, wenn Camoens nur den Sklaven ausliefern und dessen Versteck entdecken wolle. Dazu war unser Freund nicht zu bewegen, er forderte sein Todesurteil und verachtete das Leben, wenn dergleichen der Vizekönig, das Vaterland und dessen Beherrscher erdulden können. Das Reden in der Stadt, die Bewegung, die dieser Vorfall veranlaßte, machten den Richter und seinen Neffen etwas stutzig. Sie versuchten noch einmal durch Androhung eines schimpflichen Todes den Dichter zu erschüttern, da sie ihn aber standhaft fanden, daß er den Sklaven als sein Eigentum betrachte und ihn niemals ausliefern oder seinen Versteck anzeigen würde, so gaben die Elenden nach, auf eine Weise, wie es Elende tun. Don Alonso ließ sich die schon empfangene Summe noch zweimal bezahlen, ein so großes Kapital, daß es alles verschlang, was der arme Camoens aus Lissabon mitgebracht hatte, alles, was er jetzt zu seiner Ausrüstung für den Feldzug brauchte, so daß ich meine schwachen Mittel und die meiner wenig wohlhabenden Freunde anstrengen mußte, um nur seinen Abgang zum Feldzuge möglich zu machen. Der Sklave war nun sicher und unserm Freunde mit wundersamer, unwandelbarer Treue ergeben, so daß er ihm wiederum mehr wie einmal das Leben gerettet hat. Von jenem unglücklichen Zuge, auf welchem das ungesunde Klima und Entbehrungen aller Art die Truppen durch Krankheit aufrieben, war Camoens unter den wenigen, welche nach Goa zurückkamen. Wir und unsre Bundesgenossen hatten gesiegt, aber für Camoens gab es keine Belohnung, er kam ebenso arm zurück, als er ausgezogen war, und selbst ärmer, denn ihn drückte die Schuld, die er seinen Freunden nicht zurückzahlen konnte. Wir alle beruhigten ihn über diese Sache, und es war ein Glück, daß keiner so ganz verarmt war, um auf die Rückzahlung dringen zu müssen. Camoens fühlte, wie verhaßt er dem Gerichte und durch die Richter den meisten vornehmen Familien in der Stadt war, er sehnte sich fort, ihn lüstete nach Tätigkeit, Kampf und Ruhm. Schon seit langer Zeit hatte er sein großes Gedicht begonnen, und immer deutlicher ward ihm der Begriff des Ganzen. Es traf sich, daß man mir eine bessere Stelle auf Ormuz anbot, ich nahm sie um so lieber an, weil mein Freund mich begleiten konnte. Wir bekämpften die Seeräuber, die den Handel auf dem Roten Meer beunruhigten, und er nahm wieder Dienste gegen diese. Diese Kämpfe und die Abenteuer zur See und zu Lande beschäftigten ihn sehr, er erlebte viel Wunderbares und zeichnete sich als Soldat immerdar durch Tapferkeit und Gegenwart des Geistes aus. Sein teuer erkaufter Neger begleitete ihn in alle Fährlichkeiten und teilte seine Schicksale. Das sonderbarste Verhältnis hatte sich zwischen diesen beiden Menschen gestaltet. Die feste Treue und Dankbarkeit des Sklaven, das Mitleid des Herrn mit diesem hatte in Camoens' edler Brust ein Gefühl entzündet, daß er mit dem rohen, ungebildeten Menschen ganz wie mit einem Freunde und Bruder umging und ihm ein solches Vertrauen schenkte, daß ich oft eifersüchtig wurde, weil ich mich zurückgesetzt wähnte. Ich sah dann wohl, wenn meine Empfindlichkeit mich verlassen hatte, daß ich meinem Freunde unrecht tat, denn es gibt sowenig eine unbedingte Freundschaft wie eine unbedingte Liebe, es gibt viele und sehr unterschiedene Grade und Arten des Vertrauens und der Zuneigung. Was verstand dieser Schwarze von den schönen Versen seines Gedichtes? Aber als Diener, der ihm täglich half, der im Felde alle Unbequemlichkeiten mit ihm geteilt und oft seine Entbehrungen erleichtert, seinen Verdruß erheitert hatte, war er ihm auf eine andre, eine eigne Weise lieb, er konnte ihm dies und jenes mitteilen, was er mir verschwieg, und da der Dichter sah, daß dieser ihm untergeordnete Mensch in allen Dingen redlich blieb und wahrhaft, daß er sich aufopfern konnte, daß er den Herrn mit allen Kräften liebte, so hob das großmütige Herz des Gebieters allen Unterschied auf und forderte auch von mir und wenigen vertrauteren Freunden, daß wir diesen Jao, oder Antonio, auch so behandeln und den Sklaven in ihm vergessen sollten. Glücklich lebten wir miteinander, als der Krieg gegen die Seeräuber geendigt war. Wir schifften und reiseten und betrachteten die Wunder jener großen Natur. Wir gedachten der uralten Geschichten dieses Weltteils und was unsre Vorfahren getan hatten. Da wir uns täglich sahn und ich jeden Vers seines Gedichtes oft hörte und jede Verbesserung mit ihm besprach, war es mir, als wenn ich selbst an dem herrlichen Werke schriebe. Welche seligen, hoch erhebenden Empfindungen haben in der Brust des Sterblichen Platz! Welcher Gottesgeist weht in der echten Poesie, die alles Geheimnis in uns entriegelt, alles Zagen in Mut verwandelt, jedes Dunkel erhellt! Oft fühlte ich mich so glücklich, daß nur Tränen mich wieder erleichtern konnten. Wie natürlich ist es, daß die Alten sich eine Muse dachten, die zum Menschen persönlich niedersteigt und ihm den Schleier von der Zukunft zieht und die goldnen, beflügelten Worte auf seine Zunge legt. Oft war er dann auch selbst so überschwenglich glücklich, daß er sich der erste aller Menschen dünkte. Und mit Recht, denn diese großen Bilder und Gesinnungen waren noch in keinem Geiste aufgegangen. Wenn er dann in schöner Begeisterung des Leichtsinnes uns seine Pläne vortrug, wie er zu leben und was er zu leisten gedachte, so waren alle vertrauteren Freunde dieses kleinen Kreises hingerissen und von der Größe seiner Natur entzückt. Dann schilderte er uns auch wohl mit überschwenglichem Witz die Verirrung der Welt und die Erbärmlichkeit der Menschen, die fast nie, wenn sie die großen Angelegenheiten des Staates, die Begebenheiten der Welt verstehn und lenken sollen, Mittel, Verstand und Fähigkeiten zu der großen Aufgabe mitbringen. So war es dann sehr ergötzlich, wie er es schilderte, auf welche Weise sich die wichtige Aufgabe nach der Kleinheit der Verwalter fügen müsse und wie dann jedesmal von der Drehscheibe des anmaßlichen Künstlers, der ein Wunderwerk zustande bringen wolle, ein gemeiner Topf hervorgebracht werde. Dieser Übermut war so edel und unschuldig, nur leider waren die Schilderungen, wenn er gleich nicht bitter sein wollte, doch allzu wahr. Die Erbärmlichkeit der Menschen, die entweder selbst regierten oder den Einfluß der Regierenden mißbrauchten, war so groß, daß kein Dichter etwas noch zu erfinden hatte, um das Tolle und Aberwitzige aller Verkehrtheit, die sich für Vernunft und Trefflichkeit ausgeben wollte, abzuschildern. Wenn ihn seine Laune aber einmal ergriff, indem Unverständige zugegen waren, so zügelte er sie alsdann freilich auch zu wenig, und die Albernheit trug dann seine verständige Reden oder witzige Einfälle in die breite Alltagswelt hinaus, und in dem frostigen Element gefror das Feingeistige zu Eis, und das Unschuldige, Heitere wurde gallenbitter und boshaft. Denn nur das Schlechte, Hämische können die meisten Menschen fassen, und nur das tödlich Verletzende erscheint ihnen witzig und geistreich. So wurde aus manchem Funken ein Feuer, und von einem Feuer wurden viele angeschürt. In jener Zeit wurde mir, so wenig ich mich darum bemüht hatte, ein höherer Posten anvertraut, in welchem ich zugleich für die Krieger des Landes zu sorgen hatte. Ich benutzte meinen Einfluß, um die Schulden meines Freundes zu tilgen, der das Geschenk gern von mir annahm. Ich entdeckte aber bald, daß diese meine Beförderung mir nur Gewinn bringen könne, wenn ich, so wie die meisten dort, der Habsucht Raum gäbe und Recht und Unrecht nicht durch zu bestimmte Grenze trennte. Ich blieb also arm, und der Vizekönig sowie alle Großen überhäuften mich nur mit Vorwürfen, wenn es mir wieder einmal einfiel zu klagen, da sie mir ja alle Wege eröffnet und alle Mittel an die Hand gegeben hätten, um reich zu werden. Mehr, als für mich geschehn sei, das waren sie alle eingeständig, geschähe für keinen: Wer also das Instrument, was man ihm in die Hand gebe, nicht brauchen könne, um die goldnen Früchte von dem Baume zu brechen, der dürfe nur seine eigne Einfalt anklagen. Mein Erbarmen mit den Menschen nannten sie weibisch. Jetzt freilich tat mein Freund etwas, das ich auch tadeln mußte, so wie jeder, der die Umstände kannte. Er schrieb in der Bewegung seines Herzens ein satirisches Gedicht, welches alle die Verkehrtheiten mit treffenden Zügen und kräftigen Farben schilderte, die dort in Indien an jedem Tage vorfielen. Jeder Vers sprach ein reines, großes Gemüt aus und den echten Patrioten. So einsam, wie er lebte, kannte er nur wenige Menschen und ihre Verhältnisse, er war durchaus nicht von den Kabalen unterrichtet – und konnte es nicht sein –, die diesen stürzten oder jenen hoben. Aber kaum war das Gedicht bekannt geworden, als sich in allen Provinzen und Städten dort der größte Lärmen erhob. Von allen Seiten meldeten sich Männer, die in dieser oder jener Schilderung sich genau abgezeichnet fanden. Von den meisten dieser hatte der unschuldige Camoens selbst niemals reden hören, er wußte nicht, daß sie lebten. Seine Entschuldigungen und Widerreden wurden nicht gehört oder für ungültig erklärt, und der Vizekönig selbst, welcher sich ebenfalls beleidigt glaubte, zögerte nicht, dem zu leichtsinnigen und gutmütigen Dichter seine Ungnade zu erkennen zu geben. Jetzt waren wir wenige, seine Freunde, sehr um ihn besorgt, am meisten ich, der ich ihn wie einen Sohn und Bruder liebte. In guten Stunden lachten wir wohl auch über die Seltsamkeit, wie verkehrte oder schlechte Menschen sich mit einer gewissen Eitelkeit und sonderbarem Stolz beeifern, allgemeine poetische Gemälde auf sich zu deuten, und in ihrem Dünkel es sehr übel empfinden, wenn andre sie von ihrem Irrtum überführen wollen. Camoens behauptete sogar in seinem Übermut, jeder wahre Poet sei zugleich ein echter Prophet, und wenn er darauf ausginge, etwas ganz Tolles und Unerhörtes zu ersinnen und darzustellen, so lebte vielleicht das Original zu dieser Schilderung, ihm unbewußt, schon irgendwo, sollte das aber nicht der Fall sein, so mache doch gewiß ein Sterblicher schon als Kind oder Jüngling die Studien, um in wenigen Jahren als ein solcher leibhaftig in der Welt dazustehn, wie der Dichter ihn in trunkner Begeisterung gesehn und etwas geschaffen habe, was die nüchternen Menschen nicht nur für übertrieben, sondern selbst für unmöglich erklären. Er meinte, dasselbe sei mit Geschichten, Anstalten und Meinungen der Fall: die Zukunft wachse immer in das hinein, was die Phantasie des echten Dichters erfinde und weissage. Wie liebenswürdig war mein Freund in diesen Stunden der Lust und des Scherzes. Aber doch mußten wir für ihn zittern, denn die Großen sind nicht geneigt, zu vergeben oder gar zu vergessen, wenn ein stechender Witz sie getroffen hat, auch wenn sie selbst willkürlich den Kommentar zum Text geliefert haben sollten. In der Windstille aber schien sich ein plötzliches Glück für den Freund zu offenbaren, um endlich ihm mit irdischen Gütern und dem Lohn seines Talentes entgegenzukommen. Camoens war nicht mehr nach dem Verluste des Auges ein schöner Mann zu nennen, er war auch nicht mehr jung, aber jedermann mußte ihn für wohlgebildet gelten lassen, und im Umgange war er der liebenswürdigste und anmutigste der Menschen. Den edlern Sinn mußte seine himmlische Begeisterung ergreifen, und jedem, dem die Musen nicht ganz abgesagt hatten, mußte wenigstens wohl werden in seiner Nähe. Er besuchte zuweilen diese und jene Familie, besonders der reichen und unabhängigen Kaufleute, die weniger mit den Regierenden in Verbindung standen. Ein sehr reiches Mädchen, die Herr ihres ganzen Vermögens war, weil ihre Eltern gestorben und der vernünftige Vormund ihr Freund war, warf ihre Neigung auf den edlen Dichter, die bald zur heftigen Leidenschaft anwuchs. Er war gefällig, heiter in ihrer Nähe und schien dem Wohlwollen des verständigen Wesens entgegenzukommen. Sie glaubte, mit ihm einverstanden zu sein, und machte mich zu ihrem Vertrauten. Sah ich die beiden liebenswürdigen Wesen beisammen, er, so freundlich um sie bemüht, und sie in seiner Nähe in aller Schöne aufblühend, so schien es mir, daß der Himmel sie beide für einander bestimmt habe und daß sich auf diesem Wege sein trübes Schicksal endlich erhellen müsse. Sie erwartete nur seine endliche Erklärung, denn ihr Vormund war schon vorbereitet und mit allem einverstanden. Unbegreiflich erschien mir sein Zaudern, und auf einen leisen Wink der Jungfrau sprach ich mit ihm in stiller Nacht, als wir ganz allein waren, von meinen und den Wünschen des Mädchens. Ich, ein Ehemann! rief er lachend aus. Ich in diese Fesseln der Familie geschlagen! Von Kindern, von Verwandten umringt! Den Musen ungetreu als ein langweiliger Hausvater dasitzend! Nein, mein Freund, verschone mich mit dergleichen Erbärmlichkeiten! Ich begriff sein Lachen und seine schreiende Lustigkeit nicht, die mir übertrieben und unnatürlich schienen. Da ich sein Vertrauen einmal mit Gewalt bestürmt hatte, so drang ich eifriger in ihn, mir eine ernsthafte Antwort zu geben. Plötzlich ward er ernst und feierlich und sagte: So sei es denn, ich will mich dir als meinem Freunde ganz eröffnen, es ist das erstemal in meinem Leben, laß es aber auch das letztemal sein, wenn du mich liebst und meinen Sinn begreifst. Das Fräulein, welches mir ihre Huld gewährt, verdient durch ihre Schönheit und ihren edlen Charakter ganz glücklich zu sein. Dies Glück kann ich ihr auf keine Weise gewähren. Konnte ich denken, daß ein junges schönes Wesen mich wahrhaft lieben könne, so hätte ich längst diesen Kreis der Menschen vermieden. Wisse denn, mein Freund, ich halte mich nicht für frei, sondern für vermählt: Das edelste, liebendste Herz hat sich einst meinem Herzen ergeben und meine Jugend zum seligsten Bewußtsein erhöht. Forsche nicht nach ihrem Namen; er wird mit mir sterben. Als ich von meiner Verbannung zurückkam, hatte man sie an einen reichen und vornehmen Gatten geschmiedet und ihr Herz gebrochen. Ich sah sie nicht wieder. Nachher, schon hier in Indien, vernahm ich, sie sei gestorben. Aber lebe sie als Vermählte, sei sie tot, so bin und bleibe ich doch unabwendlich auf ewig der Ihrige, ich bin ihr Gatte, und ich darf keine andre zur Gattin wählen: Wie schändlich, wenn Reichtum mich blenden könnte, daß ich ohne Liebe und Treue eine edle Kreatur elend machen könnte! Noch niemals hatte ich den edlen Mann so tief und innerlichst bewegt gesehn als nach diesen Worten. Er weinte so heftig, daß er sich lange Zeit nicht wieder fassen konnte, und als er sich etwas beruhigt hatte, beschwor er mich, diesen Gegenstand niemals wieder zu berühren. – O teure Muhme, Euch und jedermann muß diese Treue rühren.« Catharina stand plötzlich auf und ging an das Fenster. Unten im Garten war Geräusch, und man hörte die Stimme des Kindes, welches laut jubelte und von unten zu seiner Pflegemutter hinaufrief. Catharina sendete den alten Domingo zum Garten hinab, um die Kleine zu beruhigen und ihr anzudeuten, daß sie in dieser Stunde nicht gestört sein wollte. Sie blieb mit abgewendetem Antlitz noch eine Weile am Fenster stehn, und Christoforo glaubte zu bemerken, daß sie ihre Tränen trockne. Sie kehrte dann zu ihrem Sitz zurück und ersuchte mit weicher Stimme den Alten, seine Erzählung fortzusetzen. »Jetzt kam«, fing Christoforo wieder an, »die Zeit in meinem Leben, in der ich scheinbar belohnt wurde, eine Stelle ward mir nämlich, die die meisten andern Menschen meines Standes für eine Bestrafung würden gehalten haben. Gouvernador von Macao wurde ich nämlich, einer Felsenstadt, die an der letzten äußersten Grenze von Ostindien liegt und unmittelbar auf einer Erdzunge mit China grenzt. An diesem fernen, wüsten Fleck war noch alles im Werden: Häuser, Kirchen, Warenlager entstanden erst oder wurden noch ausgebaut, und wenige nur würden den Aufenthalt hier einen erfreulichen genannt haben. Mir aber war er es allerdings, denn ich kam aus dem Bereich jener Menschen, die mich haßten und die ich nicht achten konnte, und mein Glück war vollendet, als zur selben Zeit mein Camoens dorthin vom Vizekönig verbannt wurde. Das war seine Strafe für jenes satirische Gedicht, von dem ich vorhin gesprochen habe. Wir machten miteinander die Reise, und ich tröstete ihn über dieses neue Unglück. Jetzt, ganz unbeschäftigt, wie er war, widmete er alle seine Zeit und Gedanken seinem vaterländischen großen Gedichte. Oben auf einer Felsenbank, von wo man das enge Land und die weit verbreiteten Meere, Felsen, Luft, Wasser überschauen kann, saßen wir oft im vertraulichen Gespräch. Hier dichtete er viel, hier blieb er oft in den Nächten und sann: Es steigt an solchen Stellen die Begeisterung auch wohl auf ungeweihte Menschen nieder – wie mehr auf die hochbegabten. Nach einiger Zeit reisete ich in seiner Gesellschaft nach den Molukken, und als wir nach Macao zurückkehrten, gab ich ihm, ohne meine höheren Vorgesetzten darum zu fragen, ein kleines Amt, was ihm freilich nur wenig eintrug, ihm aber genügte, weil er wenig brauchte; denn ganz lebte er jetzt seiner Dichtung und träumte oft, wenn ihm Stellen gelungen waren, von dem Ruhm, den ihm dies Werk in seinem Vaterlande machen, von der Begeisterung, die es entzünden müsse. War es vollendet, so wollte er nach Lissabon zurückkehren, um es durch den Druck bekannt zu machen. Ach, es waren schöne Stunden, wenn ich ihm seine Zukunft ausbauen half, wenn ich ihm so ganz meine Liebe und Bewunderung unverhohlen zeigen durfte. Von mir, weil er mein ganzes Gemüt kannte, duldete er es gern, ja es erfreute ihn das, wodurch ihn ein Fremder beleidigt haben würde: Er konnte mich wohl selbst auf die einzelnen gelungenen Stanzen aufmerksam machen und mich zum Lobe auffordern; denn der echte Dichter fühlt es ja immerdar, daß es ein höheres Wesen ist, welches ihm die bezaubernden Töne auf die Zunge legt. Nach einer Anzahl von Jahren trat ein neuer Vizekönig in Indien seine Herrschaft an, und dieser hob die Verbannung auf und erlaubte dem Dichter, nach Goa zurückzukommen. Derselbe Herr, der gütiger als sein Vorfahr dachte, nahm mir auch meine Stelle wieder ab, weil ich mich ohne meinen Freund auf diesem fernsten Winkel der Erde sehr unglücklich würde gefühlt haben. Ich erhielt in Goa selbst eine andre Bedienung und reisete in Gesellschaft des geliebten Dichters hin. Aber auch jetzt verfolgte ihn das Unglück, und ich ward sein Leidensgefährte. Unser Schiff scheiterte, und das, was ich seit Jahren gesammelt hatte, ging in diesem Schiffbruch verloren: Geld, Gut, nichts blieb mir und meinem Freunde übrig, der auch seine Habe ganz verlor und kaum noch schwimmend die Papiere retten konnte, auf denen sein Gedicht geschrieben war. Einige Bretter trieben uns aus dem stürmischen Wasser an das Land. Als Bettler trieben wir uns um, und ohne des Negers Hülfe, der unermüdlich war, Nahrung aufzutreiben, waren wir verloren. Als wir endlich Bekannte trafen, gelangten wir durch deren Unterstützung mühselig nach Goa. Die wenigen Freunde, die wir hier noch fanden, nahmen uns liebreich auf und erleichterten uns unsre Armut. Jener Alonso, von dem ich Euch als einem giftigen Feinde unsers Dichters erzählt habe, hatte indessen, so groß er sich in seinem Adel dünkte, jenes reiche Fräulein geheiratet, er war jetzt Erbe ihrer Schätze, da sie nach einigen Jahren, als sie ihm das dritte Kind geboren, gestorben war. Welch Schicksal sie in die Arme dieses Nichtswürdigen geführt hatte, da sie doch in Leidenschaft dem edelsten der Menschen früher zugetan war, weiß ich nicht, ob Eitelkeit, ob die Kunst der Überredung, ob Verstellung und Heuchelei von seiner Seite, aber sie war, wie das Gerücht aussagte, mit dem Übermütigen nicht glücklich gewesen. Sei es nun, daß sie es nicht unterlassen konnte, von Camoens und dessen Gedichten, denn sie besaß einige, mit Lobpreisungen zu reden, hatte sie vielleicht in ihren Ehestreitigkeiten mit jenem, der ihre Liebe nicht annehmen konnte, einen tadelnden Vergleich des Gemahles gemacht; oder war die Ursache, daß der schlechte Mensch keine Ursache bedarf, um den Tugendhaften zu hassen und zu verfolgen genug, dieser Alonso zeigte sich sogleich, als wir kaum angekommen waren, als unsern grimmigsten Feind, und da er mir nichts anhaben konnte, so wendete sich seine ganze Rache auf den armen Camoens. Es konnte auch sich zugetragen haben, daß schadenfrohe Schwätzer den eitlen, elenden Menschen dadurch aufgereizt hatten, daß sie ihm jenes freundschaftliche Verhältnis des Dichters mit seiner Gattin in einem ganz andern Lichte gezeigt hatten. Dieser Vornehme hatte das Ohr des Vizeköniges und war deshalb um so gefährlicher. Was nutzt es in dieser Welt dem Redlichen so oft, daß er sich seiner Unschuld bewußt ist, wenn freche Anklage der Mächtigen ihn niederdrücken will? Wir hatten uns kaum etwas eingerichtet, ich hatte Geld aufnehmen müssen, als man meinen Freund in den Kerker warf. Macao ist der letzte Stapelplatz der Portugiesen. Des Handels wegen kommt mancher dorthin, und bei plötzlichen Todesfällen, die in jenem Klima nicht ungewöhnlich sind, muß jemand den Nachlaß des Verstorbenen nach sich nehmen, um ihn den Erben zu berechnen, wenn sie sich aus Indien oder Europa melden, um zurückzuerstatten. Das Amt ist klein und trägt nicht viel, macht zuzeiten auch wenig Beschwerde und Arbeit, erfordert aber einen gewissenhaften Mann. Darum hatte ich diese Stelle meinem Freunde gegeben. So kam denn plötzlich die Anklage, Camoens habe viel Geld und Gut veruntreut und untergeschlagen und er müsse, bis zur Zurückerstattung oder Bestrafung, vorerst im Gefängnis dort in Goa bleiben. Noch nie hatte ich meinen Freund so ganz entmutigt und niedergeschlagen gefunden als jetzt, da ich ihn in seinem Gefängnis besuchte. Er, der niemals das Geld geachtet, es verschmäht hatte, sich Vermögen auf rechtmäßigem Wege zu gewinnen, er, der sein kleines Eigentum im Dienst des Staates fechtend und sein Leben preisgebend zugesetzt hatte, sollte jetzt plötzlich im Alter als Betrüger, als Dieb vor seinen Landsleuten dastehn und gebrandmarkt werden. Und angeklagt des niedrigen Verbrechens von jenen, die in ihrer hohen Stellung kein Mittel, auch das entehrende nicht, verschmähten, um Schätze zusammenzuscharren, durch Geiz, Erpressungen und Druck, wodurch Tausende im Unglück verschmachteten. Ich erlebte jetzt, daß es Leiden gibt, an welche der Trost nicht reicht. Die Kränkung griff zu tief in den Unschuldigen hinein, eben weil er so ganz unschuldig war – derjenige, der weniger redlich ist, auch wenn er das Verbrechen nicht begangen hat, kann durch dergleichen Anklage nicht so tödlich verletzt werden. Ich wollte mich für ihn verbürgen, aber mein Anerbieten wurde nicht angenommen. Mein langes Gespräch mit dem Vizekönige, meine Schilderung, mein Lob des Verfolgten, hatte keine Wirkung: Der hochgestellte Mann war jetzt schon zu sehr gegen den Unterdrückten eingenommen, er hatte nun auch von seinem Leichtsinn, von seiner bösen Zunge sich vorsprechen lassen, und jenes unglückselige Gedicht mit den allerschlimmsten Ausdeutungen kam nun wieder zum Vorschein. So wie Camoens im tiefsten Überdruß, im Zorn gegen sein Vaterland vor vielen Jahren dieses verlassen hatte, um im fernen Indien sich auszuzeichnen und hier die Anerkennung zu finden, die ihm Portugal versagte, so brannte sein Herz und Eingeweide jetzt, nach Portugal nur bald, bald zurückzukehren. Er glaubte jetzt, Verrat und Betrug, Eigennutz und Schändlichkeit würge und wuchre nur hier in Asien, wo die Leidenschaften aller Art auf diese fremden Völker losgelassen würden, um sie zu erdrücken und auszusaugen. Im schönen Glanz der Kindheit trat sein Geburtsland und seine dort verlebte Jugend ihm wieder vor die Seele: In diesem Lande hoffte er jetzt Biederkeit und Unschuld und die Ehrfurcht vor Tugend und Talent zu finden. In dieser drängenden Angst war er selber wieder jung geworden, und selbst mein ermahnendes Wort galt seinem Ungestüm nichts. Man hatte mit einem abgehenden Schiffe Befehle nach Macao gesendet, und es traf sich, daß ein zurückkehrendes in kurzer Zeit die Antwort von dort und die unwiderleglichen Beweise von Camoens' Unschuld zurückbrachte. Der Dichter hatte alle seine Papiere, die seine Geschäfte betrafen, in der größten Ordnung beim Magistrat zu Macao zurückgelassen. Die Empfangscheine und genauen Register der übernommenen Gelder und Güter, die Quittungen der Erben, denen das Vermögen ausgeliefert war, es fehlte auch nicht das Geringste, um die Redlichkeit des verfolgten Mannes so klar zu machen, wie der Tag scheint. Diese Briefe und Papiere bewiesen selbst noch mehr, daß er nämlich zu verschiedenen Zeiten Geschenke, welche ihm begüterte Erben machen wollten, zurückgewiesen hatte, um auch den Schein der Bestechlichkeit nicht auf sich zu laden. Was half ihm aber diese Tugend? Er ward freigelassen, konnte aber keine Genugtuung erlangen; selbst seine Freunde wagten es nicht, die Schritte, die gegen ihn so unrechtmäßig geschehen waren, laut zu mißbilligen, da der Vizekönig selbst seinen Haß gegen den Armen ausgesprochen hatte und jeder die Schläge des mächtigen Armes fürchten mußte. So dachte er nun an seine Abreise und machte, von jugendlicher Hoffnung beflügelt, alle Vorkehrungen. Er war überzeugt, sein Gedicht, das jetzt vollendet war, müsse ihm Ruhm, Ehre und eine anständige Versorgung verschaffen, um seine letzten Jahre frei und ohne Sorge in seinem Vaterlande verleben zu können. Ein neuer, unerwarteter Schlag warf ihn aber wieder in das Gefängnis zurück, aus dem er kaum war erlöst worden. Der neidische Don Alonso, der dem Armen selbst dieses kleine Glück nicht gönnte, wenn man es noch so nennen will, hatte durch seine Helfershelfer den Gläubigern des Dichters alle Schulden, die dieser hatte machen müssen, abkaufen lassen. Er hatte manchem Kaufmann die kleinen Summen, die er schon vor seiner Verbannung nach Macao aufgenommen hatte, noch nicht zurückzahlen können, sein Schiffbruch und der Verlust seiner ganzen Habe hatte ihn neuerdings wieder gezwungen, Hülfe bei Fremden zu suchen. Seine Verhaftung, wie früher seine Verbannung, hatten die Menschen argwöhnisch gemacht, und mancher mochte ihn wohl für böse halten, weil das Wort des Vornehmen und Mächtigen immer Eingang findet. Einige Gutmütige, die aber schwach waren, hatte man damit gewonnen, daß man ihnen mehr gab, als sie zu fordern hatten. Plötzlich traten einige Menschen auf, die jetzt im Besitz aller Verschreibungen waren, und verlangten ihr Geld. Ich war selbst verschuldet, schleunige Hülfe war nicht zu erschaffen, weil man bald erfuhr, daß der mächtige Alonso der Veranlasser dieser Handlung sei und kein Reicher, wenn er auch sonst geneigt gewesen wäre, es wagen würde, sogleich öffentlich diesem Boshaften entgegenzutreten, um meinen Freund zu retten. Geld ist freilich, das habe ich nur zu oft erfahren, der Dämon, der auch Freundschaft erkältet und auflöst, er macht auf der Lippe die herzlichen Worte und Beteuerungen erfrieren und erstarren, die sich eben noch aussprechen wollten. Das starre, tote Metall übt einen magischen Zwang aus, und der ist ihm in der Regel auch am meisten Untertan, der die größte Masse davon besitzt. Und so schmachtete der Ärmste denn wieder im Gefängnis, und er fühlte sein Leiden um so bittrer, weil er sich von aller Welt verlassen glaubte. Der erste Sturm des Hasses mußte vorübergehen, wenn ich mich von den mächtigen Feinden nicht selbst wollte verderben lassen. Als aber Alonso verreiset und der Vizekönig selbst auf einige Zeit abwesend war, benutzte ich den wenigen Einfluß, den ich hatte, sowie das Vermögen der Freunde, die mir übriggeblieben waren, um die nötigen Summen herbeizuschaffen, die ihn befreien und zugleich in den Stand setzen konnten, nach Europa hinüberzuschiffen. Ich eilte um so mehr mit den Anstalten und wünschte ihn nur erst auf dem Schiffe zu sehn, bevor Alonso zurückkehren oder ein anderes unversehenes Unheil plötzlich wieder hereinbrechen könne. Es gelang mir, ob ich gleich damals krank und schwach war und meinen Gläubigern binnen kurzem absterben konnte, durch meinen Kredit und zum Teil als Vorschuß für mein Einkommen das Nötige zu erringen, um den Edelsten und Unglücklichsten aller Menschen für seine Reise, nachdem er frei war, so auszustatten, wie es ihm ziemte, seine Überfahrt ihm so bequem zu machen, als möglich war, und es zugleich einzurichten, daß er nicht ganz arm das vaterländische Ufer betrat. – Ich aber mußte die Hoffnung, ihn zu begleiten, ganz fahrenlassen, denn ich war damals krank, auch hatte ich mich so tief in Schulden gestürzt, daß ich noch einige Jahre meinen Dienst verwalten mußte, um mein Vermögen wieder etwas herzustellen. Einige Freunde, die des großen Mannes Gedicht bewunderten, hatten mir redlich geholfen, aber sie waren selber nicht reich, und ihr Wohlwollen war größer als ihr Vermögen. Jetzt nun werden es ohngefähr zehn Jahre sein, daß wir unter unzähligen Tränen voneinander Abschied nahmen. Wir dachten es nicht, daß wir uns nicht wiedersehen würden, denn wir rechneten als auf des Lebens höchste Freude unser gewisses Zusammentreffen, wenn auch nach Jahren. O mein Geliebter, rief der große, der herrliche Mann, wenn ich dich nicht gefunden hätte, wäre ich längst untergegangen und auf immerdar vergessen worden. Du wirst des Augenblicks noch gedenken, als ich mit ungebrochner Kraft, frisch und hoffnungsvoll, wohl gar übermütig diese Ufer und diese Länder betrat, die die Geschichte, alle Wunder und die Bildung der Welt geboren haben, um später von uns Portugiesen wiederentdeckt und neu erschaffen zu werden, bekriegt und bekehrt zu sein und um sich als Bühne zu zeigen, auf welcher das größte heroische Heldenspiel aufgeführt wurde, welches die Zeiten jemals gesehen haben. Selbst wähnte ich damals, Held zu werden, wie ich Dichter zu sein glaubte. Besungen habe ich die Großtaten unsers Volks, als Sänger wird mich die Nachwelt ehren. Aber Heldenruhm hat mir das strenge Schicksal versagt – ja es hat mir alles übrige versagt und entrissen, was der Mensch sonst sein Glück nennt: Ehre, Vermögen, Weib und Kind und Haus. Der als rüstiger Mann damals zu dir trat, von Hoffnungen umgaukelt, der Eigentum und Einfluß durch Tugend und Kampf hier gewiß zu finden glaubte, scheidet jetzt als verachteter, verhöhnter Bettler von dir – denn ich weiß, daß du für mich, den Ärmsten, hast sammeln müssen –, von keinem gekannt und gewürdigt, verhöhnt von denen, die ihn kennen, verlacht von seinen Feinden, bemitleidet von Schwachen; dich Liebsten, Treusten ausgenommen – und dort meinen schwarzen Lebenskameraden, der so unerschütterlich neben mir steht wie jener Felsen dort im Meer. Glaubte ich nun nicht fest, mit Sicherheit, allen Verhängnissen ins Angesicht, daß mein Vaterland jetzt als liebend, versöhnt dem verlornen Sohn entgegentreten und ihn liebkosend in seine Arme fassen wird, vertraute ich nicht der Gunst der Musen, daß dieses mein Gedicht die Herzen und Gemüter eröffnen, alle wahren Portugiesen entzücken und zur Nacheiferung der großen Taten der Ahnen begeistern wird, daß man nicht endlich für den Dichter, der sein Vaterland so geliebt und verherrlicht hat, etwas tun, ihn lösen wird von der Sklavenkette schimpflicher Armut, ihn achten und wie einen echten Stein, der sich verlor, aus dem Staube nehmen, damit ihn nicht die Unwissenheit der Schlechtesten mit Füßen träte – glaubte ich nicht alles dies mit felsenfester Zuversicht, so ließe ich dir als dem einzigen, der meinen Wert gewürdigt hat, mein Gedicht zum Andenken und als schwachen Lohn deiner Liebe zurück – und flehte zu Gott und allen Heiligen, daß sie das Schiff, das mich zurücktragen soll, in den tiefsten Abgrund versenkten; haben mich doch immer zur See schon die heftigsten Stürme verfolgt und zu vernichten gestrebt. Wie war ich erschüttert, da ich meinen großen Freund so tiefbewegt sah. Fasse dich, liebster aller Menschen, tröste dich, so war ohngefahr meine Antwort. Nicht bloß der ist Held, der Schlachten schlägt und den Feind besiegt. Du hast mit dem edelsten Gleichmut einem Schicksal gestanden, das dich, wie oft, zu vernichten strebte. Ein reiner Mensch, ein großes Herz, bist du hervorgegangen aus allen den Strudeln, die dich hinunterwälzen wollten. Nie hast du deine Feder in Galle getaucht, nie hast du dein Talent gebraucht, um deinen Feinden, die sich alles gegen dich, auch das Verruchte, erlaubten, zu schaden: nicht einmal bitter, menschenfeindlich ist dein Gemüt geworden, der mildeste der Menschen bist du geblieben, freundlich und dienstfertig jedem, auch dem Beleidiger, wenn er deine Hülfe in Anspruch nimmt. Immer nur großer Gedanken voll, begeistert vom Göttlichen, hörtest, merktest du es oft gar nicht einmal, wenn man dich kränken wollte. So dem Himmel ergeben, hat dich das Irdische verlassen, weil du es selber verschmähtest. So standest du bis jetzt, vom Unglück in deiner innersten Kraft unberührt, in deiner Ruhe und Seelenstille erhaben, wenn deine Feinde gering, dein verfolgender Dämon armselig erschien. So warst du ein echter Held und einer der größten, den die Welt sah. Und jetzt – warum willst du dich jetzt so erdrücken, umwerfen lassen? Du bleibst du selbst und bist als Dichter, als Mensch, als Leidender, als ein sich Opfernder, in Demut, Verleugnung, Menschenliebe und innerm, ungestörtem Seelenfrieden ein Vorbild und Muster für alle Nachkommen, die von dir hören, die dich bewundern werden und müssen. Das war ein seliger, seelenvoller, unsterblicher Blick, mit dem mich jetzt sein lebendes, gesundes Auge anschaute. Das tote, das im Kampf für sein Vaterland erloschen war, stand schon wie ein Grabmal seiner Größe in dem schönen Haupte.« Hier wurde Christoforo in seiner Rede unterbrochen, weil er selber heftig weinen mußte. Nach einer Weile begann Christoforo wieder: »So reisete er ab, und ich sah ihn nicht wieder. Ich zweifelte nicht, daß, sowie er in Lissabon angekommen sei, er einen Gönner finden müsse, welcher in Bewunderung für sein Gedicht alles für meinen Freund täte, ihn dem Hofe und dem Könige bekannt machte, und daß sein Ruhm und sein Glück nun ebenso beneidet würden, wie er bis jetzt nur ein Gegenstand des Mitleides gewesen war. Wie erschüttert war ich, ja vernichtet, als sein erster Brief von Lissabon mir von allem diesen das Gegenteil meldete und so mit einem Schlage alle meine großen und gewissen Hoffnungen vernichtete. Er hatte die Hauptstadt und das ganze Land in der größten Trauer, ja in Verzweiflung gefunden, denn eine Pest, an welcher Tausende schnell hingerafft wurden, wütete in allen Provinzen. König Sebastian war noch ein Kind und wurde ganz von seinem Beichtvater, einem Jesuiten, regiert, der nur seine Religion und den Einfluß seines Ordens im Auge hatte, der nichts von Kunst und Poesie verstand. Der ganze Hof war bigott, und so fromm der Dichter war, so tadelte er doch diese Geistesdürre, die die Gemüter tyrannisierte. Es war ihm auch nicht gelungen, die Freundschaft eines der Großen und Mächtigen zu gewinnen, denn niemand kümmerte sich um Gedichte, niemand sprach von Büchern, alles ertönte von Theologie, alles war Streit über theologische Fragen: eine Leidenschaft ohne Inbrunst und Liebe hatte die Menschen unterjocht. Der junge, noch unmündige König nahm es aber an, daß ihm in einigen schönen Versen das Gedicht gewidmet wurde; auch geschah auf milde, vielleicht geistliche Vorsprache etwas für den bejahrten Dichter, ein Jahrgeld ward ihm ausgesetzt, ein Jahrgeld, das, wenn es nicht von einem edlen König herrührte, für Hohn und Spott gelten konnte. Nein, gemißbraucht, falsch gelenkt ward die königliche Güte: Man warf ihm nämlich ein Jährliches aus, wofür er sich auch noch nicht ein geringes, anständiges Gewand anschaffen konnte. Die Stelle, die ich ihm in Macao dahinten aus eigner Willkür übertragen hatte, trug ihm in einer Woche mehr, als er jetzt im ganzen Jahre empfing, von einem Staate empfing, dem er so gedient hatte! O Schmach dir, Portugal, wehe über euch, ihr Großen und Reichen, daß ihr so euern größten Genius habt verschmachten lassen, diesen, der alle Geister Italiens und Frankreichs überglänzt. Ich verzweifelte – an mir, an der Zeit, an dem Schicksal. In ihm hatte sich mein Leben so schön abgespiegelt, und sein Glanz war nun, das Licht des Dichters, auf immer verdunkelt. Die Mutlosigkeit seines Briefes hatte auch mir allen Lebensmut geraubt: Es schien mir ziemlich, jetzt zu sterben und die Rechnung zu schließen. Wie könnt ich ihn nun noch trösten, da der letzte Anker, dem wir unser ganzes Glück anvertraut hatten, auch zerbrochen war. Ich schrieb ihm, aber mein Brief muß sehr bitter gewesen sein, weil er in seiner Antwort mich zu beruhigen strebte. Er meldete mir, daß er sein Werk dem Drucker übergeben habe und daß es vielleicht durch die Wirkung, die es auf das Volk und das Ausland machen, auch die Mächtigen der Portugiesen aus ihrem Schlummer erwecken dürfe. Nun floß die Zeit so hin, in Jammer und Verdruß von meiner Seite. In seinen Briefen – auch kein Wort der Klage, der Trauer ließ sich mehr vernehmen. Das kannte ich an ihm. Er war nun völlig resigniert und abgeschlossen, und dieses Stillschweigen schmerzte mich inniger, als wenn er gezürnt und getobt hätte. Noch nicht zwei Jahr war er von mir getrennt, als er mir sein großes Gedicht gedruckt übersendete. Er schrieb mir dabei, daß dieses schon die zweite Auflage sei, weil der Buchdrucker die erste schnell verkauft habe. Nur, so meldete er mir, zöge er keinen Vorteil aus diesem raschen Absatz, doch richte er sich ein, und ich möchte ja unterlassen, ihm wieder Geld zu senden, weil er es nicht vergesse, wie viel ich schon an ihm verloren habe, das er mir nie zurückzuzahlen imstande sei. Ich solle, wenn ich auch nie eigennützig werden könne, doch wenigstens aufhören, großmütig zu sein, und an mein Alter und meine Krankheit denken. Auch würde ihn meine Gabe und mein Brief nicht treffen, weil er entschlossen sei, sich in die Gebirge hinter Coimbra zu wenden und dort in der Einsamkeit, von aller Welt vergessen, seine Tage zu beschließen. O teuerste, liebste Muhme! War ich erfreut und entzückt, wenn ich auf das schöne Buch blickte, welches er mir übersendet hatte, so versetzte mich dieser sein letzter Brief doch in trostlose Verzweiflung. Sein letzter Brief, denn ich habe niemals wieder eine Zeile von ihm gesehn. Aber in diesem Briefe las ich nur zu deutlich, daß er mir und aller Welt entsage. Er wollte von mir nichts mehr annehmen, weil er freilich wußte, daß ich selber nur arm sei, daß ich seinetwegen mich in ängstigende Schulden verwickelt hatte. Er aber wollte von dem wenigen leben, was er besitze? Ich wußte ja, daß er gar nichts hatte, denn sein kleines Vermögen hatte er als Soldat, im Kriege, als Freiwilliger zugesetzt, den allerletzten Rest, und was er in Macao ersparte, hatte ihm der Schiffbruch geraubt. Er hatte mir also hiemit seine Freundschaft aufgesagt, sich mir wenigstens auf immer entzogen. Ich sollte ihm nicht mehr helfen, ihn nicht trösten – wozu nützte noch mein Leben? Hätte meine Krankheit es mir erlaubt, hätten meine Gläubiger, die ich erst befriedigen mußte, es mir nicht unmöglich gemacht, so hätte ich mich sogleich nach Europa eingeschifft, um den teuersten aller Menschen aufzusuchen. Seht, liebste Muhme, das war die Geschichte seines Schicksals und unsrer Freundschaft. So entschwindet uns das Schönste auf Erden, ohne eine Spur zurückzulassen. Doch mit ihm, dem großen Dichter, ist das freilich nicht der Fall. Sein Nachruf an die Welt ertönt für alle Zeiten. Und wir Portugiesen haben in der Dichtung ohne ihn wenig, und sollte jetzt, wie manche fürchten, unsre Unabhängigkeit verlorengehn und wir eine Provinz Spaniens werden, so ist dieses Gedicht von den lusitanischen Großtaten das einzige, an welchem sich künftig die echten Portugiesen wiedererkennen mögen.« »Wie viel habt Ihr mir erzählt«, erwiderte Catharina, »und wie vielen Dank bin ich Euch dafür schuldig! O mein Freund, Ihr seid mir durch diese Bekenntnisse noch lieber geworden. Ihr seid es ja eigentlich einzig und allein, der von den großen Summen des Dankes, die das Vaterland dem Camoens schuldig ist, etwas abgezahlt hat, ja der, von der edelsten Freundschaft angetrieben, über sein Vermögen tat. Portugal und alle guten Menschen unsers Landes sind Euch nun wieder verschuldet. Und wenn ich, Eure Verwandte, Euer Alter nun mit Liebe pflege und so, wie es der Reiche kann, so ersetze ich Euch nur unendlich wenig von dem vielen, was Ihr für uns alle an Camoens getan habt. Denn es ist wohl möglich, daß ohne Eure Freundschaft und Hülfe, ohne Eure tröstende Aufmunterung unser Dichter sein großes Werk nicht vollendet hätte. Die Kraft seiner Schwingen wäre ohne Euch doch vielleicht erlahmt. Ein solcher Freund, wie Ihr es seid, ist eine seltne Erscheinung, und war Camoens sonst unglücklich, so hat er durch Eure ungefälschte Liebe wieder eines großen Glückes genossen.« »Ich muß fürchten«, antwortete der Alte, »daß ich mich unverschämt und sogar auf Unkosten meines Freundes gelobt habe, denn durch seine Liebe und Talent ist mein Leben erst zum Leben geworden, so daß er mir nichts, ich ihm aber alles zu danken habe.« »Nein, mein Teuerster«, antwortete sie; »der Freundschaft, der echten, sind nur wenige Menschen fähig. Das Wohlwollen rührt manche, der Achtung können sich sehr viele nicht erwehren, fröhliche, geistreiche Unterhaltung verbindet gar manche: aber ganz im Freunde und ihm leben, nie an ihm irrewerden, auch seine Schwächen und Launen mit derselben Liebe tragen, wie diese seinen Tugenden folgt, ihm unerschütterlich treu sein gegen Verleumdung, ihn nie verkennen, auch wenn der Anschein gegen ihn ist, niemals den schönen Glauben und die Verehrung verlieren, o geliebter Don Christoforo, diese Freundesproben besteht unter Millionen kaum einer. Aber unter Millionen verdient auch nicht einer diese Liebe so wie unser Camoens. Ihr seid mir also vom freundlichen und doch gegen den besten Mann harten Geschick als sein Erbe, als ein Teil seiner Seele übergeben worden, und kann ich Euch etwas Liebes erzeigen, so geschieht es auch ihm. Wenn man bedenkt, wie ein Großer und Reicher so oft nur die Laune eines Tages aufopfern dürfte – den Ankauf eines Juwels oder unnützen Möbels, den törichten Bau eines überflüssigen Hauses, ja ein abgeschmacktes Fest, das er verleumdenden Schmarotzern und boshaften Heuchlern gibt, die er alle kennt und verachtet –, um einen Genius wie Camoens von der Sorge los und ihn glücklich zu machen, so möchte man sich entsetzen, daß es nicht geschieht. Und doch – nicht wahr, mein Freund? – umzieht diese Armut und dies Verkennen, das ihm die reiche Welt widerfahren läßt, dennoch das geliebteste Haupt wie mit einer Glorie und einem Heiligenschein? Ist unsre Liebe nicht da am göttlichsten, wo sich auch das himmlische Mitleid einmischt?« In diesem Augenblick ward das Getümmel unten wieder laut, und man hörte auch Domingos Stimme und die tönenden verwirrten Reden der übrigen Dienerschaft. Catharina stand auf, öffnete das Fenster und sah in den Garten hinab, von wo der Jubel tönte. Alles ward still, als man die Herrin bemerkte, und sie winkte Maria herauf, die mit ihren leuchtenden Augen zu ihr emporblickte. »Was gibt es denn«, fragte sie das hereinspringende Kind, die sich ihr gleich mit dem Ausdruck der ausgelassenen Freude an den Busen warf. »Ich wollte es dir schon vorher sagen«, rief die Kleine, »aber du wolltest mich nicht anhören. Mein lieber fremder Mann ging vorher dem Garten wieder vorbei und erzählte mir und meiner Theresie und Margarite, daß unser schöner König Sebastian dort in Afrika einen großen und glänzenden Sieg über die wilden Heiden erfochten habe. Ach, du hättest es nur sehen sollen, mit welcher Freude mir mein Freund von dieser gewonnenen Schlacht erzählte! All der traurige Ausdruck, der sonst seinem Gesichte so gut steht, war heut völlig und ganz verschwunden. Sein Antlitz leuchtete, wie wenn die Abendsonne rot auf den hohen Bergen glänzt. Er sprach Worte, so süß und so lebhaft, als wenn ein heiliger Lobgesang in der ausgeschmückten Kirche am heiligen Osterfeste erklingt. Die schönen Hände erhob er dann nach dem blauen, hellen Himmel und dankte Gott und Christus und der heiligen Jungfrau Maria. O Mutter, sein Entzücken über das Glück und den Heldenruhm unsers Königs war so himmlisch, daß er selber wie ein Held und doch zugleich wie ein Heiliger aussah. – Heute hatte er nun freilich nicht Zeit, mir etwas Schönes zu sagen oder mich zu loben, aber ich kann es ihm, wenn er mit so großen Gedanken umgeht, nicht übelnehmen. Ich wollte dich vorher schon herunterrufen, daß du dir selber alles erzählen ließest, aber da ließest du uns sagen, wir sollten uns alle stille, ganz stille halten; das wurde uns freilich sehr schwer, aber wir mußten uns dareinfinden, und der liebe Mann ging auch wieder fort. Nun kam aber unser Martin aus der Stadt und erzählte uns auch dasselbe, nur viel konfuser und dummer. Und wie die Menschen nun sind, da die große Schlacht nun recht aussah, als wenn sie ganz unvernünftig wäre, Millionen umgebracht, ganz Afrika schon erobert, die Könige, die heidnischen, alle schon in Vogelbauer gesteckt, da ließ sich denn der Jubel nicht mehr unterdrücken. Und, siehst du, so hat sich die Geschichte und der Lärmen zugetragen.« Man hörte den Hufschlag eines Pferdes, und wenige Augenblicke nachher trat der junge Graf Ferdinand, erhitzt und mit leuchtenden Augen, in das Zimmer. »Habt Ihr die Nachricht schon vernommen?« rief er freudig aus. »Zwei große Gefechte sind geschlagen, und wir haben schnelle und bedeutende Siege errungen. Wo die portugiesischen Fahnen sich nur blicken lassen, entfliehen die Feinde. Die alten Zeiten kehren wieder, und die Weissagungen der Zweifler werden zuschanden.« Alle waren erfreut und kamen mit lautem Jubel dem Marques de Castro entgegen, welcher jetzt in das Zimmer trat. »Ich kenne«, sagte dieser, »die glücklichen Ereignisse, die man gemeldet hat. Aber woher schreibt sich die Nachricht? Wer hat sie überbracht?« Als man etwas ruhiger geworden, sagte Ferdinand: »Eine Fregatte, die zurückgekehrt ist, hat diese frohe Begebenheit gemeldet. Die Feinde haben sich der Ausschiffung der Portugiesen nicht widersetzt. Man rückte vor, und unzählige Geschwader von leichten Reitern flogen unserer Kavallerie, die nicht stark ist, entgegen. Man glaubte diese umzingelt von der Menge und verloren, doch nach kurzem Kampf zerstreuten sich diese Massen, und eine Kohorte soll sich ganz aufgelöst haben. So scheint das Land nun frei und keine große Kraft, uns entgegenzukämpfen.« Der Marques ging unruhig auf und ab, Christoforo spähte unruhig nach seinen Augen, Ferdinand aber war so erfreut, daß er diese Zeichen des Unmuts, die am Oheim sichtbar waren, nicht bemerkte. Er hatte sich zu Catharina gesetzt, um an deren Freude die seinige zu erhöhen. Maria war zum alten Christoforo getreten, dessen Hände sie mit den ihrigen drückte und ihm lächelnd in sein altes Angesicht schaute; er erwiderte in diesem Augenblick aber ihre Freundlichkeit nicht, weil ihn das sichtbare Unbehagen des Marques beunruhigte. »Ich muß meine Meinung und Furcht aussprechen. Die Flotte ist an einer Stelle gelandet, wo es der Feind wohl nicht wichtig fand, die Ausschiffung zu verhindern, er rechnet wohl auf seine geordneten und bedeutenden Streitkräfte. Diese leichte Reiterei der Mauren ist mir nicht unbekannt, sie meinen es selten mit diesen stürmischen Angriffen ernsthaft, sie fliegen herbei und wieder zurück, fast mehr, um den Feind in Augenschein zu nehmen, als um ihn zu bekämpfen. Diese kehren, so flüchtig sie sind, in verschiedenen Richtungen zum Hauptheer zurück. Nach meiner Meinung sind also diese Siege unsrer Landsleute von sehr zweideutiger Natur. Ob der kluge Feind es nicht verhindern wird, daß die Scharen der Araber aus den Bergen, auf welche unser König so sicher rechnet, zu uns stoßen können, ist sehr die Frage. Das Traurigste aber – und was ich von den Überbringern jener Siegesnachrichten als ausgemachte Gewißheit erfahren habe – ist, daß unser junger kriegeslustiger König ganz unbedingt das Kommando des Heeres übernommen hat: Er hat den Platz der Landung bestimmt und ausgewählt, er hat nachher jeden Rat und Einwurf der altern kriegserfahrnen Männer abgewiesen. Diese wollten, daß wir am Ufer hinzögen, einige feste Plätze nähmen und mit der Flotte in Verbindung blieben, teils um im Fall eines Unglücks diese Zuflucht zu besitzen, dann aber auch, um durch die Schiffe der Zufuhr an Lebensmitteln gewiß zu sein. Wunderbar genug, und ich möchte es Verblendung nennen, hat der König befohlen, sich von der See und Flotte zu trennen und mit dem ganzen Heere nach der Mitte des Landes vorzudringen. Diese scheinbaren Siege werden seinen Mut nur noch höher steigern, er dringt in der Wüste vor, und ohne den Besitz fester Plätze wird er vielleicht sogar von seinen Schiffen abgeschnitten. Darum kann ich die Freude mit Euch und dem ganzen Volke nicht teilen, denn es ist nicht selten, daß einem großen Unglück ein scheinbares Glück vorangeht.« Ferdinand hatte sich dem Oheim genähert und ihm aufmerksam zugehört. Da seine Rede ruhig und verständig war, so hatte des Jünglings freudige Miene sich auffallend verändert, und auch die Blicke der übrigen waren plötzlich trübe geworden und drückten Furcht und Besorgnis aus. Maria sagte leise zu Christoforo: »So ist es doch immer in der Welt; wenn man sich recht über etwas freut, so kommt so ein weiser Mann und beweiset uns, daß an dem Dinge nichts sei und daß wir unverständig sind, uns zu freuen.« »Wer war es«, fragte Ferdinand, »der mit Euch so weitläufig sprach und so entschieden sich mitteilte?« »Ein reicher, widerwärtiger, streitsüchtiger Mensch, mit dem ich in einen Prozeß verwickelt bin«, antwortete der Marques. »Weil er Gelder vorgeschossen hatte und sich überhaupt mit diesem Zuge, der ihn gewiß noch reicher macht, eingelassen, so war er mit der Flotte nach Afrika geschifft, um über seine Gelder die Aufsicht zu führen. Jener reiche Indier, Alonso, ist es, der sich rühmen will, mit uns verwandt zu sein, obgleich sein fabelhafter Stammbaum es nicht ausweisen kann. Der Alte wird mir noch durch seinen Eigennutz und seine Rabulistenkünste vielen Verdruß machen, denn nächst dem Geiz ist die Streitsucht seine größte Leidenschaft. Kann er einen Prozeß anspinnen oder ihn ohne Not verlängern, so ist er glücklich.« »Ich sah ihn«, antwortete Ferdinand, »im vorigen Jahre auf Euerm Landgute, wo er ebenfalls Forderungen an Euch machte.« »Das ist unser Prozeß und Streit«, erwiderte der Marques. »Noch von seinem Schwiegervater her, der schon längst gestorben ist und der vor dreißig Jahren unser Bankier und Geschäftsträger war, leitete er seine Ansprüche her, und ich habe immer noch jene Papiere und Quittungen nicht wiederauffinden können, die seine Forderungen unbedingt zurückweisen. Sind sie doch auch vielleicht verloren. – Ich bin überhaupt heut verdrüßlich und verstimmt, teils darüber, daß ich die Täuschung der guten Stadt Lissabon nicht teilen kann, teils über meine Heftigkeit und meinen Jähzorn, der sich nun doch wohl endlich in meinen Jahren hätte sänftigen können. – Aber denkt nur, Freunde, dieselbe Pöbelmasse, von dem riesenhaften Taugenichts angeführt, die sich neulich ungezogen in den Palast unsers Königs drängte, um ihn mit ungeziemenden Redensarten von seinem Zuge abzuraten, ist nun plötzlich durch die jetzige Nachricht in eine Schar von unbesiegbaren Helden verwandelt. Sie verlangen Rüstung, Munition und Schiffe, um auch als Patrioten an den großen Anstrengungen unsers Königes teilzunehmen. Der Regent wird Mühe genug haben, das rohe Gesindel wieder von sich zu entfernen.« »Und wie«, fragte Christoforo, »die ganze Stadt hat die Siegesnachricht mit Freuden empfangen?« »Gewiß«, antwortete der Marques, »so traurig die allgemeine Stimmung war, als unser Herr sich einschiffte, so gleichgültig das Volk damals schien, so stürmisch, ungebändigt ist jetzt die Freude. Lissabon ist in einen Tummelplatz von Lust und freudiger Verwirrung verwandelt, alle Geschäfte stocken oder werden nur eilig und verwirrt abgemacht, so daß man sieht, nicht Mangel an Liebe zu König und Vaterland war es, was jene Stille damals hervorbrachte, sondern Bangigkeit vor dem Ausgange, Zweifel erregten jene dumpfe Schwüle, die der König selbst mit Betroffenheit hätte bemerken müssen, wäre er von seinem nahe geträumten Siegesglück nicht allzu trunken gewesen. Den meisten Lärmen erregen aber jene Nichtsnutzigen, jenes Volk, das weder Soldat noch Bürger ist, sondern ein Bettelgesindel, das sich lieber durch Gaunerei und Schelmstreiche, Lügen und Trug als einfachen Bettel ernährt. Diese schwingen rostige Piken und drohen mit Aufstand, Raub und Empörung, wenn man ihnen nicht Mittel schafft, ihre tapfre Streitlust in Afrika zu büßen. Sie plündern und rauben schon im Geist und möchten lieber die Seidenladen und Silbergewölbe unsrer Goldschmiede oder die vollen Kassen unsrer Kaufleute hier für das zu besiegende Afrika ansprechen. Der Prophet unter ihnen ist jener riesenhafte Minotti, dem sie, aber keinem andern, zu gehorchen schwören.» »Aber noch ein ander Ding, teurer Ohm«, fing Ferdinand wieder mit freundlicher Stimme an, »liegt Euch im Sinne, was Eure Laune, wie Ihr selber sagtet, verändert hat. Ist es kein Geheimnis, und dürft Ihr es uns mitteilen?« »Eine Kleinigkeit, würden die meisten Menschen sagen, die nicht der Rede wert ist«, antwortete der Marques, »aber mir ist es wichtiger, und besonders am heutigen Tage. Schon verdrüßlich über mein Gespräch mit Alonso, traurig über die Verblendung der Stadt, zornig über die Anmaßungen des Pöbels, geriet ich auf dem Markt in ein Volksgedränge. Jeder Stand benutzt die Stimmung der Zeiten, wie sie wechseln, und die Klugen sinnen darauf, von Glück oder Unglück Vorteil zu ziehn. So fielen mich denn auch gleich eine Menge von Bettlern an, die die Vorübergehenden aufforderten, der großen Siege wegen heut ein übriges zu tun. Ich habe mir schon oft über meine Schwachheit Vorwürfe gemacht, daß ich es nicht unterlassen kann, persönlich bald diesem, bald jenem etwas zu geben, und da mich das Bettelvolk von dieser Seite schon kennt, so verfolgen sie mich oft hartnäckig. So waren sie denn auch jetzt sehr zutunlich um mich her, der mit Jammer, jener mit Trotz, dieser mit Winseln, ein andrer mit Heiterkeit. Ich gab verschiedenen, auch einem Neger, den ich schon kenne. Er wollte sich eben entfernen, als ein wunderlicher Kauz mit einer possierlichen Wendung im Betteln mich veranlaßte, ihm ein größeres Silberstück hinzuwerfen. Da wendete sich jener lahme Neger mit leidenschaftlicher Heftigkeit wieder zurück und bat mich dringend, ihn nicht zurückzusetzen, ihm auch am frohen Tage, der doch die Großen und Reichen im Lande am glücklichsten machen müsse, ein solches großes Stück zu gönnen. Meine Diener waren nicht bei mir, ich hatte mich schon ausgegeben und nur noch große Goldstücke in meiner Tasche. Ich eilte fort, der hinkende Neger mit Unverschämtheit, unerschöpflich in Bitten und Vorstellungen in einer abscheulich entstellten Sprache, mir nach. Der ist der unverschämteste Geizteufel, rief ein Alter, dieser Schwarze hat nie genug, wenn Ihr ihm auch alles gebt. Ja, schrie ein andrer, der Kerl verdirbt uns den ganzen Bettel in der Stadt, denn wo er mit seiner Frechheit sich hindrängt, da erhält kein andrer Notleidender etwas. – Mein Schritt war gehemmt: der Schwarze, immer dicht an meinem Ellenbogen und immer um Geld kreischend, in hundert neuen Wendungen und Sprecharten, und ich zwischen dem Volke wie ein fremdes Wunder.« Der Marques hielt inne und ging wieder unmutig auf und ab. Catharina sah ihn forschend an, und nach einer Weile sagte er, wie in Verlegenheit und Zorn lachend: »Nein, geliebte Muhme, ich habe den Kerl nicht umgebracht, wie Euer Auge mich wohl zu fragen scheint – nein, aber der Zorn übermannte mich so, daß ich ihm plötzlich mit meinem Stabe einen starken Hieb über den Rücken und einen zweiten über den Kopf gab. Alle fuhren zurück, ich dachte, sie würden schadenfroh lachen, aber ihr Blick auf mich gerichtet und ihr Stillschweigen sagte mir, daß ich zu viel getan habe. Ich sah wieder nach ihm, dem Schwarzen, hin. Er wendete ein ruhiges, demütiges Auge auf mich, das aber nichts Gemeines, Sklavisches aussagte, nahm die kleine Silbermünze, die ich ihm erst gegeben, küßte sie und wandte sich dann hinweg. Seit ich nun aus der Stadt bin, schwebt mir in der Einsamkeit immer der Blick des Menschen vor. Er mag arm sein, es bedürfen, hat vielleicht Kinder. Wäre er dagewesen, ich hätte ihm zur Buße drei, vier Goldstücke gegeben, ja dem Elenden eine Abbitte getan. – Man bleibt doch immer, auch im Alter noch, schlecht!« Er nahm den Stab, den er in Händen hielt, quer vor die Brust und zerbrach ihn mit dem Ausdruck des heftigsten Zornes in viele Stücke. Dann öffnete er das Fenster und warf die Splitter in den Garten. Alle hatten ihm mit Erstaunen zugesehn, als ein wildes Getöse sie alle erschreckte und ihr Ohr gefangennahm. Sie gingen in den Saal, dessen Fenster zugleich auf die Landstraße führte. Ein großer Volkszug wälzte sich lärmend, schreiend und singend von der Stadt her. Sie trugen eine Fahne in ihrer Mitte, und der große, breite Minotti schritt ihnen trotzig voran. Man vernahm, daß der Regent des Landes schwach genug gewesen war, der Bande ein ansehnliches Geschenk reichen zu lassen: Sie nannten sich jetzt die Soldaten des Vaterlandes, die Kämpfer für die Religion und das Christentum und marschierten nach einer heiligen Kirche, einem Wallfahrtsort, der eine Meile entfernt war, um dort ihre Fahne von den Priestern weihen zu lassen. Der kranke italienische Hauptmann, der im Hause des Grafen Ferdinand verpflegt wurde, war durch einen geschickten Arzt von seiner Wunde fast genesen. Der junge Graf hatte den fein gebildeten Florentiner liebgewonnen, und so hatte der Zufall diese beiden Männer, die sich vorher nicht kannten, zu Freunden gemacht. Da unter ihnen oft von Literatur und Poesie die Rede gewesen war, so erfreuten sie sich gegenseitig ihrer Kenntnisse und übereinstimmenden Urteile, denn der junge Portugiese war mit den Dichtern Italiens vertraut. Der Florentiner war entzückt, durch seinen neuen Freund die Schönheiten der portugiesischen Sprache und Poesie kennenzulernen, und Ferdinand übergab ihm mit einem Gefühl des Stolzes die große Dichtung des Camoens in die Hände. Er las ihm vor, er erklärte ihm die schwierigen Stellen, erläuterte ihm die geschichtlichen Begebenheiten, aufweiche der Dichter nur kurz anspielt, und setzte ihn so in die Verfassung, die sinnreiche und verständige Erfindung zu würdigen. In diesen schönen Stunden, in welchen sich beide glücklich fühlten, vergaß der Kranke seiner Schmerzen, und der Jüngling, der hier als Lehrer auftrat, mußte den ältern Mann ehren, der, indem er lernte, ihm wieder so viel Einsicht und verständiges Urteil über die Schönheiten des Gedichtes und dessen Einrichtung zurückgab, so daß keiner wissen konnte, wer Lehrer oder wer Schüler war. »Wie selten«, sagte Ferdinand an einem Abend, »mag ein solches Verhältnis eingetreten sein, welches ich zu den schönsten rechnen muß, die der Mensch nur ersinnen oder wünschen kann. Sich auf diese Weise beschäftigen und sich mitteilen, was wir gelernt haben oder die Begeisterung uns eben zuführt, ist eine Vermählung der Geister, in welcher die feinste Wollust die Gemüter durchdringt.« »Erklärt mir nur«, sagte der Florentiner, »das Wunder oder wie es möglich ist, daß ihr Portugiesen nicht von diesem wahrhaft göttlichen Werke eures Dichters mehr durchdrungen seid, daß ihr nicht immerdar und bei jeder Gelegenheit davon sprecht. Wo ist ein Nationaldenkmal, das sich diesem vergleichen dürfte? Ist euer Volk denn wirklich so stumpf, es nicht zu fühlen, was es an diesem Werke besitzt, in welchem die Begeisterung und ein großes Gemüt aus jedem Verse spricht; oder ist euer Vaterland schon untergegangen, noch mehr wie unser Italien scheint, daß diese Vaterlandsliebe in keiner Brust einen Widerklang findet?« »Wohl beides nicht«, antwortete Ferdinand mit einiger Beschämung. »Daß das Werk gelesen ist und Beifall gefunden hat, beweisen die zwei Editionen, die schnell hintereinander ausgegeben wurden; aber freilich scheinen die Völker und Länder manchmal wie in einen Schlummer gefesselt, daß sie erst später die ganze Größe und Bedeutsamkeit eines Weisen oder Dichters erkennen. Vielleicht müssen wir erst recht elend und von einem Fremden unterjocht werden, um es recht in allen Kräften zu empfinden, welche Erhebung, welcher Trost, welche Aufmunterung zu großen Taten uns aus den süßen Reimen unsers Camoens entgegenquillt. Pest, Druck, Leiden, eine schwache Regierung, Bigotterie, Übermut des Reichtumes, alles dies und wieviel kleinere Ursachen noch haben zusammenwirken müssen, daß dieser große Genius nicht gleich in einen Zauberbund alle Gemüter seiner Landsleute durch die begeisternde Rede fesselte. – Es ist auch möglich, daß die Größe Eures mächtigen Dante nicht unmittelbar, als er noch lebte, oder bald nach seinem Tode allenthalben in Italien erkannt wurde.« »Erlaubt«, erwiderte der Italiener, »wenn ich Euch widersprechend bemerke, daß die Umstände ganz verschieden sind. Damals konnte in Ermangelung der Druckerei ein Werk, wenn es auch alle interessierte, nicht so schnell verbreitet werden. Italien ist und war immer in seinen verschiedenen Provinzen sehr ungleich gestimmt und gebildet. Waren manche Gegenden fast nur von geistreichen, verständigen und gelehrten Männern bewohnt, so gab es viele Distrikte, in denen eine unverkennbare Barbarei vorherrschte. So ist es noch jetzt. Und doch, wie früh erfüllte des Dichters Ruhm das ganze Land, so daß sein Name fast göttlich verehrt wurde und die besten Männer sein Werk wie das tiefsinnigste, wunderbarste, ja wie ein inspiriertes ansahen und demgemäß auszulegen strebten. Dann aber, so national Dante ist, so strebte ihm doch eine große Partei in allen Provinzen entgegen und war ihm feindlich gesinnt, selbst Papst und Hierarchie waren dem Ghibellinen nicht günstig. In jedem Distrikte herrschte ein andres politisches Interesse, und so äußert der verbannte, verfolgte Dichter seine Liebe zum Vaterlande fast mehr in großartigem Schmerz oder erhabenem Zorn als in Liebe und Bewunderung. Wie rückt auch die Größe der Tugendhaften und echten Patrioten in den Schatten bei diesen sich durchkreuzenden Faktionen, stets wiederkehrenden Empörungen, Untaten und Gewalt und Tyrannei aller Art. Auch ist nicht das Vaterland und dessen Größe der eigentliche Mittelpunkt des Gedichtes, sondern die mystische Lehre von der Liebe, der Gottheit und dem Geheimnisse der christlichen Anschauung. Alles ist Vision, Traum, Offenbarung eines der Welt Entrückten, und die Welt entschwindet uns endlich ganz in prophetischer Erklärung der Geheimnisse. – Aber ihr Portugiesen, ihr beglückten Glücklichen, früh in Gesinnung, Sprache, Sitten und Religion vereinigt: siegend gegen die Mohren und selbst Spanier; beherrscht von einer Reihe großer Regenten, mächtig und berühmt und um so größer, da das Land nur klein ist, in euren Anstrengungen um so herrlicher und wunderbarer! Ihr umschifft zuerst Afrika, entdeckt dann den Weg zu den fernen Indien, und diese Helden, die das sicher und klar unternehmen, denen gelingt, was die Welt unmöglich nannte. Diese sind die Helden des Dichters. An diese große Wunderbegebenheit knüpft er zugleich Vergangenheit und Zukunft, keine Begebenheit, die dem Portugiesen wichtig sein muß, die er nicht in diesem verschönernden Spiegel fände, kein Mann, der dem Vaterlande wert ist, der groß handelte, der hier nicht genannt und verherrlicht würde. Denke ich zurück, was ein solches Werk bedeutet, so mußten gerade so günstige Umstände, wie ihr erlebtet, zusammenkommen, um einen so großen Dichter noch in der Gegenwart anrühren, um diese Wundererscheinung möglich zu machen. Ja, auch der süße Virgil ist Patriot, das Schönste in seinem Werk gehört diesem Gefühl: Und wie konnte ein Römer, dem die Welt gehorchte, nicht stolz sein auf die Größe der ewigen Stadt? Aber die Herrlichkeit der eben verschwundenen Republik darf nicht mehr hereintönen, der zärtliche Autor ist schon Hofdichter, und die Verherrlichung grenzt schon an nichtige Schmeichelei. – Wie nüchtern ist unser schläfriger Trissino! Wer wußte auch, wer kümmerte sich auch um die Herrschaft der Goten und ihrer Vertreibung! Das Gegenbild, was sich vielleicht hätte ausmalen lassen, konnte der schwache Erfinder nicht hineinzudichten wagen, und den Haß gegen die beständigen Feinde des wahren italischen Roms kannte der Gelehrte nicht, sowenig die Fremden wie die Eingebornen. Italien liegt seit lange, seit der Kaiserzeit, Manfred und Ezelin, und noch früher, unter dem Fluch und kann nicht zur Einheit, Freiheit und Größe erwachen. – Darum war schon unser großer Petrarca abgewendet. Liebe sang er und Religion: Sein Haß blitzt auf gegen die Schänder der Freiheit, aber es sind nur wenige, vorüberfahrende Blitze. Einzelne große Männer unter den Regenten besitzen wir, aber keine große Geschichte; einzelne Großtaten, aber ohne Erfolg und Zusammenhang. In der Kunst und Poesie können wir auf unsterbliche, einzige Talente stolz sein und dürfen die übrigen Völker Barbaren oder unsre Schüler nennen. In dieser Verklärung der Malerei, Skulptur, Baukunst, Musik und Poesie entsteht gleichsam wieder ein geistiges Vaterland – und hat nicht Philosophie und Wissenschaft durch ihre Forscher auch Großes geleistet? Aber, so groß man uns in diesen Dingen preisen mag, nichts wurzelt in einem wahren vaterländischen Boden. Die Fremden werden deshalb von unsrer Anstrengung mehr Nutzen haben als die Italiener selbst. Denn es ist nicht zu verkennen, daß neben dem Großen und Herrlichen sich ein kleinlicher Geist des Neides, der Verfolgung, des Dünkels und der Eitelkeit entwickelt, der schon jetzt bedrückend und armselig wirkt und in Zukunft, wenn nicht neue, große Geister aufstehn, sich ganz in das Kümmerliche und Unbedeutende verlieren kann. Darum entstand auch bei uns jene sonderbare Ritterpoesie von seltsamen und unmöglichen Abenteuern, alles ganz aus der Luft gegriffen und sich schon früh dem Witz und dem Lächerlichen preisgebend. Die Krone dieser Abenteuerlichkeit ist unser unsterblicher Ariost. Wer darf in Schalkheit, Witz, Heiterkeit und Gefühl und frischer Malerei sich mit ihm messen? Aber wie dürftig und klein schrumpft dieser große Geist zusammen, wenn er nun Ferrara, sein Geburtsland, verherrlichen will und sich in der Genealogie des Hauses Este ergeht? Alles nichtige Schmeichelei, Dürrheit, wo alle Erfindung und Begeisterung ihn verläßt. So sind wir seit Jahrhunderten, wir Italiener, die Ausgestoßenen, nur und einzig auf Wissenschaft und Kunst, Witz und Poesie hinaus Verbannten, nur diesen Gefühlen und Bestrebungen einzig lebend, die Gunst der Großen und Eigenmächtigen erschmeichelnd, Beute des Ehrgeizes, der Kabalen und der fremden Mächte, die einzelnen Familien abwechselnd Sklaven und Tyrannen, und alles, ähnlich dem zerstreuten Judenvolk, auf Pinsel und Feder, Klugheit und Gewinn angewiesen, und sind nur deshalb, wie wir so oft hören und lesen müssen, in Talenten das erste der Völker, um in Taten, Kraft und Wahrheit das letzte von allen zu sein!« »Ich habe Euch so noch nicht gekannt«, sagte Ferdinand, ihn mit gespanntem Mitleid betrachtend. »Und so sind wir denn auch Soldaten«, fuhr der Florentiner in seiner zürnenden Klage fort. »Was kümmert mich denn Irland und der Aufstand der Katholiken dort gegen die englische Königin? Aber jener wunderliche Stuckley, der auch das Leben nur wie ein Abenteuer betrachtet, warb mich und viele meiner Landsleute, weil wir im Vaterlande nichts zu tun und keine Bestimmung fanden. Wir landen hier und lassen uns auch sogleich bereden, eurem jugendlichen Könige nach Afrika zu folgen. Nochmals sage ich: Ihr Glücklichen! Ihr Beneidenswerten daß ihr ein Vaterland habt, ein schönes, rühmliches! Von großen Taten, Verteidigungskriegen, Siegen gegen mächtigere Nachbarn sind die Blätter eurer Chroniken gedrängt voll geschrieben, von wunderbaren Reisen, Kriegen in fernen Zonen, weisen Fürsten und Gesetzgebern. Eine Sprache, Sitte, ein Interesse verbindet euch innigst: Ihr mögt und könnt eure wahren Vorteile niemals verkennen. Und so wie Ariost der Glanzpunkt und leuchtende Kranz jener lustigen Fabeln ist, die nur in der Phantasie und nie auf Erden einen Wohnplatz finden können, so ist euer Camoens und sein unsterbliches Gedicht der Zauberkranz, in allen Farben spielend, in welchem am lieblichsten dieser Sinn für Vaterland, Ruhm, Heldentat, Aufopferung glänzt, und jeder Portugiese findet sich und seine schönsten Wünsche, sein edelstes Streben in jedem Verse wieder: Und alles ist Wahrheit, nicht Fabel; Geschichte, nicht Erfindung, das Erlebte, was nun so leuchtend wie die wirkliche Natur mit Meer und Gebirge aus der Nacht in den Glanz des Morgenrotes, schöner wie ein Traum, in das verklärende Licht der erwachenden Natur hineintritt. O Freund, wie seid ihr zu beneiden!« Ein Diener trat herein und meldete den Bildhauer Enriko, welcher schon seit einiger Zeit die Befehle des Grafen im Vorzimmer erwartete. Ferdinand sendete den Anfragenden fort mit dem Bescheide, daß er bald den Künstler wolle rufen lassen. »Diese Arbeiter«, sagte er dann, »können uns zur Verzweiflung bringen, wenn einmal etwas schnell gefördert werden soll. Unsre arbeitenden Handwerker klagen fast immer, daß sie nicht genug beschäftigt werden, daß ihr Gewinn allzu geringe sei, und doch können sie sich an eine festgesetzte, regelmäßige Tätigkeit nicht gewöhnen.« »Ich vermute«, sagte der Florentiner, »daß das Verhältnis von Spanien und Portugal zu den beiden Indien bis auf die niedrigsten Volksklassen, und nicht vorteilhaft, eingewirkt hat. Gewinn und Erwerb sind zu sehr ein Glücksspiel geworden, das Leben so vieler Menschen hat sich in ein wunderliches Abenteuer verwandelt, und Wohlhabenheit durch Arbeit, ein täglicher kleiner und sicherer Gewinn ist vielen zu geringe geworden, wenn sie die Silbermassen erwägen, die jährlich nach Europa herüberströmen und dort so leicht und spielend zu erringen scheinen. Die geprägte Münze selbst hat weniger Wert als ehedem, und ein Schwanken tritt ein, das sich wohl erst später ausgleichen wird.« »Doch«, rief Ferdinand aus, »unser Gedicht, welches wir über diese Störung vergessen haben. Viele wollen die Vermischung der alten griechischen Mythologie mit dem Christentum tadeln, daß Bacchus und Venus persönlich auftreten, ein Rat der Götter sich versammelt und dennoch das Christentum als solches mit seinen Wundern und als echte Gottesverehrung gelehrt und gefeiert wird. Mir ist es nicht anstößig, und doch weiß ich denen nicht zu antworten, welche es unrecht finden.« »Und mir«, rief der Italiener aus, »ist gerade diese Vermischung des Christlichen und Heidnischen als eine der größten Schönheiten dieses wunderbaren Werkes erschienen! Seit unserm großen Dante ist es noch keinem gelungen, die Allegorie recht bedeutsam und tiefsinnig darzustellen, sie so zu behandeln, daß wir an sie glauben und als Wahrheit und Wirklichkeit betrachten können. Nur der portugiesische Camoens darf sich hier neben unsern erhabenen Florentiner stellen. Wir sind gewohnt, so fern uns auch die Zeit der Griechen liegt, der Venus eine Macht auf das Gemüt zuzuschreiben, der Trieb, der die Schönheit erkennt und zu besitzen wünscht, die Herrschaft dieser süßen Leidenschaft, die Sehnsucht, die sich an sie knüpft, die Trunkenheit, die sie hervorbringt, alle diese Wirkungen gestalten sich uns leicht in die holde Bildung der Venus hinein: der Ausdruck der Gewalt, die Venus, Amor, Cupido ausüben, ist uns Europäern schon genug sprichwörtlich geworden. Mit dem Bacchus ist es im Scherz und Ernst der nämliche Fall. Hier nun will Bacchus aus Eifersucht die Portugiesen von Indien abhalten und sie verderben, er tritt in verschiedenen Gestalten auf: Er braucht darum kein böser Geist zu sein, kein gefallener, rebellischer Engel – der Raum, in welchem er wohnt und wirkt, ist ganz poetisch und unbestimmt gelassen. Venus beschützt und liebt die lusitanischen Helden. Sie sind liebenswert, schön und edel und ihr verwandt. Die Götter nehmen diese und jene Partei. Das ungeheure Reich der Wasser wird lebendig, auch hier, wie in der Luft, wie auf der Erde, zeigen sich die übermenschlichen Kräfte, die Glück und Unglück darstellen und hervorbringen. Bis ins Innerste sind alle diese Bildungen von Wahrheit und dem Geist des Dichters durchdrungen. Aber dies genügt ihm nicht: Auch das südlichste Vorgebirge Afrikas, bis dahin das Grauen, der Wall, an welchem Stürme und Schiffbrüche die Kühnsten mit Schrecken zurückwiesen, tritt als Riesenfigur warnend, zürnend und prophezeiend auf. Die Furchtbarkeit der Natur, das Wunder, das belebte Wesen, alles eins und mit wahrhafter Schöpferkraft dargestellt, eine Dichtung, die ich mit nichts, auch mit dem Erhabensten, was ich irgend in der Poesie kenne, vergleichen möchte. Wie der Dichter diese Erscheinungen angesehn wissen will, wie Phantasie und Wirklichkeit, allegorischer Begriff und Wahrheit, Person und Gedanke als eins und dasselbe zu betrachten sind, lehrt er uns selber durch die Landung an jener Insel, die die Portugiesen auf der Rückkehr, nachdem sie alle Mühsal überstanden und ihren Zweck erreicht haben, finden, wo in Gestalt der Nymphen ihnen Schönheit und Wollust dient und sie belohnt. Diese üppige Darstellung, die auch vielleicht alles Ähnliche der frühern Dichter überbietet und übertrifft – indem unsere Phantasie noch mit an jenen Tafeln schwelgt –, auf einmal verschwindet alles, und der Dichter selbst sagt uns, es sei nur Allegorie, Figur des Nachruhms, der innern Genugtuung, einen großen, unmöglich scheinenden Zweck auf eine große Weise erreicht zu haben. Wie wahr und poetisch: Ruhm, Ehre, Heldengefühl, sind sie denn greifliche, roh irdische Wesen? Entzückende Gedanken sind sie, Geister, die sich nur dem Begeisterten wie körperlich darstellen und auch diesem wieder verschwinden. Und doch sind diese unsichtbaren Gedanken und Gefühle für den Edlen das Herrlichste und Belohnendste, ihm in der Unsichtbarkeit das Nächste und Genügendste: die Göttinnen sind es, um deren Gunst er wagt, handelt, leidet und stirbt. – O wahrlich, mein Freund, es ist ein Schicksal, daß ich hier zurückgehalten wurde, um dieses von Himmelskraft, von echter Poesie durchdrungene Werk kennenzulernen. Es ist die zweite göttliche Komödie, nur eine heroische, in welcher das Vaterland und dessen Verherrlichung, die Großtaten der portugiesischen Helden den Grund bilden, auf welchem alle übrige Zier eingewirkt ist. Darum ist die Erzählung aus der Vorzeit so notwendig. Und warum soll es mich stören, daß Vasco sie seinem Indier vorträgt, welcher sie nicht ganz verstehen wird. Ich, der Fremdling, habe sie auch nur so aus dem Munde des Dichters empfangen. Ebenso schön ist die Prophezeiung, die uns schon die künftigen Taten eines Pacheco und Albuquerque meldet. Seh ich nun den verhältnismäßig kleinen Umfang dieses Gedichtes, diese zehn Gesänge, und erwäge, daß sie Geschichte der Vorzeit und Zukunft, die Beschreibung des Zuges, die Einwirkung der Götter und der Naturkräfte enthalten, so erscheint mir das Werk um so mehr als Wunder, da ihm noch für Episoden Raum bleibt wie jene rührende Liebestragödie vom Tode der Ines de Castro. Wohl, wohl kann uns der echte Poet zum Olymp, in die Versammlung der Götter entrücken.« Ferdinand war hocherfreut, so das Werk eines geliebten Landsmannes von einem verständigen Manne preisen zu hören. Der Hauptmann begann wieder: »Sonderbar ist die Betrachtung, wie die Geister, ohne voneinander zu wissen, sich begegnen können. Ich lernte vor einigen Jahren in Florenz einen jungen Mann, auch einen wahren Poeten, kennen, der mir in vertraulichen Stunden sein Werk, das gewissermaßen schon vollendet war, mitteilte. Er heißt Torquato Tasso und ist der Sohn eines berühmten Poeten, Bernardo Tasso. Soweit ich urteilen darf, steht sein Gedicht, ob es gleich weit mehr Umfang hat, obgleich es viele und große Schönheiten aufweisen kann, tief unter dieser heroischen, göttlichen Komödie des Camoens. Er hat aber ebenfalls einen ernstern Inhalt als Ariost gesucht, er singt die Eroberung der heiligen Stadt Jerusalem durch Gottfried von Bouillon und seine Helden. Er nun läßt die heiligen Kräfte mit denen des Abgrunds kämpfen, er zeigt uns den Neid und Haß jener bösen, gefallenen Geister, von denen unsre christlichen Sagen erzählen. Schon durch diesen so bestimmt ausgesprochenen Gegensatz muß das Werk der heroischen Heiterkeit entbehren, die mich Eurem Camoens so innigst befreundet. Und dann, Jerusalem statt des Vaterlandes, welches der arme Torquato freilich nicht hat. So muß nun Glaube und Christentum, die Erinnerung an die heilige Stätte, Wunder, Großtat der Helden für ein fernes Land und in fremder Gegend den weniger lebendigen und rührenden Grundstoff des Gedichtes liefern. Das Schwächste des Werkes ist, daß Ferrara, Lob und Anspielung auf dessen Herzog, der den Dichter beschützt und belohnt, in der Figur des Rinaldo widerklingen soll. Diese kleinlichen Beziehungen eines Hofpoeten müssen das Vaterland und den Enthusiasmus für dieses ersetzen. – Aber demohngeachtet haben mich viele Stellen, die bald süß und lieblich, bald großartig sind, entzückt. Vorzüglich sind ihm einige schöne weibliche Gestalten gelungen, und das Gedicht wird in Italien, wenn es erscheint, großes Aufsehn erregen.« »Ist nicht der Bernardo Tasso«, fragte der Graf, »sein Vater, der unsern Amadis, das heißt viele Begebenheiten desselben, in hundert Gesängen vorgetragen hat?« »Derselbe«, antwortete der Hauptmann, »und Torquato hat schon ein kleines Werk, ›Rinaldo‹, herausgegeben, das seinen Namen bekannt gemacht hat. Aber ganz Italien wartet mit Sehnsucht auf sein Befreites Jerusalem, mit dessen Herausgabe er vielleicht zu lange zögert, da so viele schon das Gedicht kennen. Diesen Torquato sah ich erst kürzlich in Ferrara wieder, wo ich, um Abschied zu nehmen, einen Verwandten besuchte. Ich fand den jungen Mann sehr verändert, aufgereizt und eigensinnig, melancholisch: Er hat dort am Hofe viele Gegner und hetzt sich mit ihnen, argwöhnisch und ehrgeizig, wie er ist, vielfach herum. Zuweilen ist das Talent dem Menschen nur mitgeteilt, um sein Leben zu zerstören und ihn unglücklich zu machen. Vielleicht, wenn Charakter und Genius nicht zur Reife gelangen. Der wahre, große Dichter muß aber wohl; mag sein irdisches Schicksal sein, welches es will, ein durchaus glücklicher und beseligter Mensch sein. Und so denke ich mir Euren Camoens. Wie würde ich mich freuen, wenn er noch lebte und ich den Außerordentlichen persönlich kennenlernte! Er ist, wie Ihr mir sagt, in der Vergessenheit verschmachtet. Das ist ein Flecken, der immerdar auf Eurem Vaterlande haften wird, das er mit allen seinen Kräften verherrlicht.« »Geschieht für manche glückbegünstigte Menschen«, antwortete Ferdinand, »zuweilen das Unglaubliche, so gehört es zu den Wundern, daß dieser Mann, nachdem er sein Gedicht schon bekannt gemacht hatte, uns so hat verlorengehn können. Aber gewiß, glücklich, wie Ihr sagt, muß er dennoch, auch in seiner Armut gewesen sein, die ihn nicht erniedrigen konnte. Jetzt wünschen mit mir viele, daß er noch unter uns wandelte, wir würden ihm, wenn er sie nicht verschmähte, unsre Gaben entgegentragen. Reich und geehrt müßte er werden, den Edelsten und Höchsten hier zur Seite sitzen, denn so wie ich vergöttern ihn meine Tante und mein Onkel und noch viele der Vornehmsten im Lande, die ich kenne.« Jetzt ließ der Graf mit der Erlaubnis des kranken Freundes den Handwerker oder Bildhauer, welcher schon lange im Vorzimmer gewartet hatte, hereintreten. Der Mann verbeugte sich höflich und sagte dann mit einigem Unwillen: »Exzellenz, es ist nicht mehr zu leben, und die Zeiten werden immer verwirrter, weil keine Ordnung mehr im Lande herrscht. Ich habe wortbrüchig werden müssen an Euch und der vornehmen Gräfin und dem gnädigen Herrn Marques, die Zimmer, die durch ein Schnitzwerk geziert werden sollten, sind noch nicht fertig geworden, weil ich von Lumpengesindel abhängig bin, welches mir nun zu guter Letzt gar toll geworden ist.« »Wie meint Ihr das?« fragte der Graf erstaunt. »Meine Gesellen«, sagte jener, »muß ich leider anklagen und den Herrn Regenten und die vornehmen Staatsräte, so wenig sich auch dergleichen für mich schickt. Der große Bengel Minotti hat sie rebellisch gemacht, sie wollen nach Afrika, und da der Herr Regent ihnen neulich, wie Ihr wissen werdet, ein Geschenk hat geben lassen, eine ansehnliche Summe, so wollen sie nun jetzt dergleichen alle Tage haben und nicht mehr arbeiten, sondern nur schreien und mit ihrer geweihten Fahne durch die Straßen ziehn. Erlaubt, daß ich den einen Gesellen, Barnaba, der mit mir gekommen ist, Euch selber vorführe.« Er ging hinaus und kam mit einem breitschultrigen Menschen in den Saal zurück. »Er sieht ganz verwildert und ungeschlacht aus«, fing Enriko wieder an, »seitdem er sich des Patriotismus angenommen hat: Er hat alle Reputation verabschiedet und will nun Heidenbekehrer werden.« »Ja, mein Herr Graf«, sprach der Geselle mit heiserer Stimme, »ein Menschenfreund, wie Ihr es seid, wird gewiß meinem Glücke nicht im Wege stehn wollen. Die obere Hälfte von dem reichen Afrika ist nun schon bezwungen, und der heldenmütige Minotti will uns hinüberführen, uns nun auch das andere Land, welches eigentlich das reichste ist, untertänig zu machen. Gold und Edelgesteine empfängt dann ein jeder Sieger, so viel er nur haben mag. Die Priester, die unsere Fahne neulich geweiht haben, sagen, der Sieg könne uns gar nicht fehlen. Was soll ich nun hier um ein kümmerlich Tagelohn arbeiten, wenn ich dort schnell reich werden und meiner Religion dabei noch einen großen Gefallen tun kann? Uns fehlen nur noch die Schiffe. Bis diese ankommen, um uns überzusetzen, wird uns die Regentschaft, wie sie auch schon angefangen hat, nach unsern Verdiensten besolden.« Ferdinand lachte, der Bürger aber sagte im Eifer: »Ja, ja, Exzellenz kann zur Not wohl lachen, aber wir armen Bürgersleute, wir Künstler! Der Mensch schneidet mir nun nicht mehr das Holz aus dem Groben zurecht, daß ich meine Zieraten dann künstlich schnitzeln kann, die andern sind mir ganz weggelaufen, soviel gute Worte ich ihnen auch gebe. Das hat uns alles unser guter, verständiger Freund Luis vorhergesagt und schön auseinandergesetzt. Einen solchen edlen Mann sollte der dumme Pöbel nur anhören, der versteht die Sache aus dem Grunde und besser als unsre Herren Geistlichen, von denen viele das Volk nur noch dümmer machen, als es von Natur schon ist.« »Wer ist dieser Luis?« fragte Ferdinand. »Exzellenz«, erwiderte der Bürger, »wir kommen so, einige geschickte Männer, mehr oder minder oft in einem Garten zusammen und sprechen über Kunst und Wissenschaft, Politik und Religion, wie es nun fällt. Ein geistlicher Herr gehört zu unsrer Zunft und mancher gute Kopf, aber der edelste, bravste und verständigste, vor dem wir alle die größte Hochachtung haben, ist ein Mann, den wir aus Höflichkeit Don Luis nennen, dessen Familiennamen und Stand wir weiter nicht wissen. Er sprach neulich schön, als er uns wieder das Gedicht des Ariost erklärte, so verständig über den neulichen Auflauf, er sagte uns alles, was sich aus dieser Schwäche der Regentschaft entwickeln müßte, daß wir ihm mit Staunen und Verwunderung zuhörten.« »Er erklärte Euch den Ariost?« fragte der Hauptmann. »Er lieset uns oft etwas vor«, sagte der Bürger, »und versteht das Italienische gründlich.« »So führt den Mann«, sagte der Graf, »den Ihr so außerordentlich lobt, doch einmal hieher, in mein Haus.« «Das wird schwerlich geschehn können«, erwiderte Enriko, «denn der Mann lebt ganz einsam und vermeidet allen Umgang. Noch keiner von uns allen kann sich rühmen, daß er jemals über seine Schwelle geschritten ist, so dringend wir auch alle, ehe wir seine Eigenheiten kannten, ihn eingeladen haben. Zu Vornehmen, soviel ich mir denke, wird er noch weniger gehen wollen, ob er wohl gleich selber von vornehmem Stande sein mag.» »Also ein Sonderling!« sagte der junge Graf. «So täte es wohl not, ich suchte den gelehrten Mann in Eurem Kreise auf.» »Nur«, sagte der Bürger, «müßtet Ihr dann ganz schlicht und nicht als Graf zu uns kommen, und das werdet Ihr nicht wollen. Ein Sonderling ist aber der liebe Mann gewiß auf keine Weise, denn er ist so lieb und gut – nur scheut er die Menschen, besonders diejenigen, die er nicht schon lange kennt. Er mag wohl harte und traurige Schicksale erlebt haben.» »Um aber«, sagte der Graf, «wieder auf unsre Arbeiten zu kommen: Wie soll es denn mit diesen werden?» »Bis die Schiffe uns abholen«, sagte Barnaba trocken, «um Afrika zu erobern, muß ich, wenn ich bis dahin arbeiten soll, durchaus den doppelten Tagelohn haben. Und noch dann tu ich's ungern.» Enriko sah den Sprechenden mit großen Augen an und schüttelte mit dem Kopfe. Ferdinand aber sagte: «Meister, ich bewillige den, denn die Arbeiten im Palast dort müssen vorrücken und bald geendigt werden. Es ist schlimm für uns, wenn wir so große Helden zu Gesellen annehmen müssen, Euren Roland und Oliver bezahlt man natürlich teurer als einen gemeinen Arbeiter.» »Es rückt doch nur langsam vor«, erwiderte der Bürger, «denn wir sind zu wenig.» »Ich will«, fing Barnaba wieder an, »noch Gil und Valentin anwerben, die Euch auch aus der Werkstatt fortgelaufen sind. Die sind gute und billige Menschen, und wenn ich ihnen etwas zurede, lassen sie sich auch beschwatzen, für den doppelten Lohn noch ein bißchen zu arbeiten.« Der Graf bewilligte auch dies, obgleich der Bürger zu diesem Handel nur eine traurige Miene machte, weil er fürchtete, daß, so aufgemuntert, die Forderungen des gemeinen Volkes mit jedem Tage steigen würden. Die Handwerker entfernten sich, und auch Ferdinand ging in den Saal, um einen lästigen Besuch dort, der ihm war gemeldet worden, allein zu empfangen. Eine lange, hagre Gestalt mit leichenblassem Gesicht trat herein, ein schlichtes dunkelbraunes, fast schwarzes Haar legte sich sparsam dicht an die glänzendweiße Stirn, der Zwickelbart und Bart des Kinnes war auch schwarz und hob sich durch sein Dunkel grell von dem bleichen Gesichte ab. Dieser widerwärtige Mann war jener Alonso, von dem der Marques gesprochen hatte, und er kam jetzt zum Neffen seines Gegners, um ihm Vorschläge zu tun, die vielleicht zu einem Vergleich jenes Streites führen könnten. Ferdinand ließ sich die Papiere ausliefern, um sie seinem Oheim abzugeben, und nach einigen unbedeutenden Gesprächen entfernte sich jene gespenstige Figur, das Sinnbild des Geizes und der Habsucht, wieder, und Ferdinand eilte nach dem Palast, um die Arbeiter, die ihm noch geblieben waren, anzufeuern. Die Gräfin Catharina hatte sich indessen mit ihrem Oheim, dem Marques, eingeschlossen, um ungestört eine vertraute Unterredung mit ihm zu haben, welche ihr außerordentlich wichtig war. Der Marques war auch in einer feierlichen Stimmung, denn ihm bangte vor den nächsten Nachrichten, welche er aus Afrika erhalten möchte. Der erste Taumel, welchen die Siegesnachrichten veranlaßt hatten, war jetzt auch in der Stadt mehr und mehr verschwunden, eine ängstlich dumpfe Erwartung hatte sich aller Gemüter bemächtigt, und nur der Pöbel lärmte noch und jauchzte und schrie im wilden Übermut bald hier, bald dort vor den Palästen der Großen, daß man ihn nach Afrika hinüberschiffen solle. »Sprecht nun«, fing der Greis an, »vertraut mir alles, geliebte Muhme, was Euer Herz beängstigt: Ihr kennt meine Gesinnung und wie sehr ich Euch liebe, von mir dürft Ihr Euch alle die Hülfe mit Sicherheit versprechen, die ich Euch irgend leisten kann.« »Daß mein Leben, meine Ehe nicht glücklich waren«, fing Catharina an, »ist Euch wahrscheinlich bewußt. Der Charakter meines Gemahles war dem meinigen zu ungleich, ich war so verstimmt, daß ich gegen ihn nicht billig sein konnte, und so stellten wir ein Leben dar, wie die Welt es nur allzuoft zeigt, das Gemälde eines nüchternen Daseins, welches sich ohne Genuß und Hoffnung, ohne Plan und Kraft, ohne Glück oder Unglück von einem Tage zum andern, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr, fast unbewußt, so still, wie im Karren des Todes eingespannt, stumm hinschleppt. Aber meine Jugend, von der Ihr wohl schwerlich etwas wissen könnt als durch das allgemeine Gerücht, war anders. Mein Vater liebte mich, meine Mutter war mir früh, als ich noch ein Kind war, gestorben. Ich wuchs schnell auf, alle meine Freundinnen verwunderten sich, wie groß und stark ich war, als ich kaum die Schwelle der Kindheit verlassen hatte. O mein teurer Freund, wie schön, wie zauberreich, wie ahndungsvoll ist die Zeit der ersten Jugend. Die wenigsten Kinder sammeln sich genug, um etwas zu denken und zu bemerken, sie träumen mehr, und in ihren Schlummerstunden steigen oft Geister und Engel in ihre kindische Phantasie, um ihnen das Reich der Wunder und des Himmels aufzuschließen. So war es mir wenigstens gewesen. Was ich gelernt und begriffen hatte, war mir eigen geworden, konnte ich doch nicht sagen, wie. Drüben in jener Vorstand, wo hinter dem Palast meines Vaters ein großer Garten sich erstreckt, war ich aufgequollen, schnell, wie die Blume voll wird, von der Kraft des Frühlings getrieben. Nun war ich in die Jugend getreten, und alle Menschen behandelten mich, so jung ich auch noch war, meiner Größe wegen wie eine verständige, ausgebildete Jungfrau. Ja, es fehlte mir auch an sogenannten Liebhabern nicht. Die Torheiten dieser und das Treiben der albernen Welt gaben nun meinem übermütigen Geiste eine ununterbrochene und höchst angenehme Beschäftigung. Es ist nicht auszusagen, welche Freude einem jungen, unschuldigen Mädchen aus diesem rastlosen Spiel, aus dem Vordrängen der Torheiten und kleinen Leidenschaften erwächst, die man in seiner Unbefangenheit, eben indem man nicht begreift, wohin alles zielt, wie fremdes Getier und Wundererscheinung aus der Pflanzenwelt oder der Luftgefieder oder als etwas ganz Phantastisches ansehn kann. Mein Vater, der sonst schwach war, ließ mir alle Freiheit, ergötzte sich an meinem Übermut, lachte über meine Tollheiten und ließ mich gewähren. Ich versichere Euch, in so vielen Stunden kam mir die Erde mit allen ihren Geschöpfen, die Menschen mit allem ihren verschiedenen Treiben nur wie eine große Komödie, wie ein törichtes, verwickeltes Possenspiel vor, daß ich auch das verlachen konnte, was den meisten Menschen, auch meinem Vater, als sehr ernsthaft erschien. Gab es doch Stunden, wo mir schon diese Trennung, daß man das Possierliche nur von dem Ernsten absondern wollte, als höchst belachenswert erschien. Der gesunde, gute Mensch durchlebt eigentlich in den verschiedenen Zeiträumen seines Lebens mannigfache Paradiese; wir sind so unbillig, jene Zustände, die wir wohl selige nennen können, zu früh zu vergessen. So ist die unbewußte Kindheit mit ihren Traumwundern; nun stand ich mit beiden Füßen hüpfend auf der Erde, im Gefühl meiner Gesundheit, Jugend und Schönheit. Bald lief ich und haschte ich mit meinen Gespielinnen und freute mich, vor allen die schnellste und behendeste zu sein, wie ich die größte und schlankste war; bald sangen wir heitre und mutwillige Lieder, und meine klare Stimme übertönte die ihrige. Nun verkleideten wir uns in possierliche Masken und überraschten oder erschreckten so meinen Vater und andre alte und ehrbare Herren. Am meisten gefiel es mir aber, diejenigen, die sich für meine Liebhaber ausgaben, mit tausendfältigem Mutwillen zu necken. Sie merkten nicht, daß noch das ganze Kind mit allen seinen Unarten in mir steckte und aus der klugscheinenden Jungfrau seinen Schabernack trieb. Konnte ich einen von diesen sonderbaren Herren zum Weinen bringen oder daß er in seinem Verdruß oder seiner Verzweiflung etwas recht Tolles und Abgeschmacktes sagte, so war ich überglücklich. Oft mußten die Gespielinnen dem, der recht eifrig verliebt schien, dies und jenes Bekenntnis hinterbringen, um seine Leidenschaft noch zu erhöhn – die Schalkinnen horchten dann versteckt, wenn er mir sein Feuer, seine Wünsche, sein Unglück kniend gestand und ich ihm mit Hohn und Lachen erwiderte. So spielte mein kindischer Übermut mit Amors Geschoß, ich prüfte dessen Schärfe hie und da und ließ mir nicht beikommen, daß ich mich irgend einmal verwunden könnte. Ja, mein Freund, gerne träume ich mich in diese glückseligen Tage meiner heitern Unschuld zurück. Ich glaubte damals, daß mir alles, was ich nur wünschen könne, erfüllt sei. Jeden Abend legte ich mich in Hoffnung auf neue Scherze des kommenden Morgens nieder. Einsamkeit und Gesellschaft, die Stadt und mein Garten, Besuch von Männern und Frauen, meine Gespielinnen und unbekannte vornehme Damen, meine Lehrer und Duennen, alles, was nur in meine Nähe trat, machte mir Spaß und Freude. So vergingen einige Jahre, und mein Vater selbst verwunderte sich darüber, daß mein Mutwille immer der nämliche blieb. Vor allem ergötzte uns jetzt ein Spiel der Jagd, welches wir ersonnen hatten und das wir in den Gängen des großen Gartens trieben. In der Regel war ich Diana, andre Mädchen meine Nymphen, und junge Männer und Liebhaber liefen als Wild und Hunde mit uns oder vor uns her. Der Gefangene ward gebunden oder mußte sich gefallen lassen, die Maske eines Wolfes oder anderen Tieres auf einige Zeit zu tragen. Dann führten wir wieder als Amazonen Krieg gegen die Männer und freuten uns, wenn wir sie überwanden. Oft geriet ich bei diesen Übungen in einen solchen Taumel wilder Begeisterung, daß mein Vater für meine Gesundheit besorgt werden mußte. In Stunden, die ich in meiner Einbildung für ernsthafte hielt, wünschte ich wirklich, zeitlebens so als Jägerin oder Amazone zu leben, ganz von den Männern entfernt oder sie bekämpfend, wenn ich sie nicht mit ihren Torheiten necken sollte. Denn wirklich begann mein Vater jetzt, mir zuweilen Vorwürfe zu machen. Er begriff es nicht, wie diese Lebensweise mir auf so lange Vergnügen machen könne. –Ja, mein Freund, ich habe eine recht glückliche Jugend genossen, und das können nicht alle, vielleicht nur wenige Menschen von sich aussagen. Aber freilich stand die Stunde, der Tag und Augenblick nicht mehr fern, wo mir das Herz größer und schwerer werden sollte. Amor auch erschien mir als der freundlichste und heiterste Gott, der lange Zeit alle seine Tücken unter so kindlich froher Miene verbergen konnte, daß ich ihm unbedingt vertraute. Mein Vater hatte schon oft davon gesprochen, daß ich mich jeden Tag vermählen könne – ich hatte darauf nicht geachtet –, er wünschte aber, daß ich vor der Verheiratung, da er nicht reich war, eine Zeitlang die auszeichnende Stelle einer Palastdame bekleiden sollte. Ich sagte nicht ja, nicht nein, weil ich nur an meine Spiele dachte und mir die Gedanken an Ehe oder das Leben am Hofe schnell aus meinem Kopf wieder verjagte. Ein junger Mann, von Adel zwar, aber nicht den größten Familien verwandt, war kürzlich von der Universität Coimbra zurückgekommen. Eine meiner Gespielinnen führte ihn bei uns ein, und mein Vater nahm den schönen, geistreichen jungen Mann sehr freundlich, wie seine Art war, und zuvorkommend auf. Auch war etwas in des Jünglings Wesen, was ihm Zutrauen erwarb und ihm jeden Sinn geneigt machte, und so – denn was soll ich ihn noch schildern? –, so war er uns vertraut, er, den Ihr ja auch kennt und liebt, er, dessen Geist Euch immerdar begleitet – ja, mein Oheim, er, unser großer Dichter Camoens, seine freundliche Gestalt trat jetzt in unsern Mädchenzirkel. Ich fühlte wohl, daß diese Erscheinung eine andre war als jene, die uns bisher unterhalten hatten; aber ich wußte ihn noch nicht zu würdigen; selbst langweilig kam er mir in manchen Augenblicken vor, weil ich alles lebende und tote Wesen nur darauf ansehn und gebrauchen wollte, daß es mir die Zeit vertreiben müsse. Desto mehr beschäftigte sich in dieser ersten Zeit mein Vater mit ihm, der ein großer Freund der Dichtkunst war, und Camoens hatte schon in Coimbra Verse geschrieben, welche von allen gelobt wurden. Als ich zum erstenmal gewürdigt wurde, diesen gelehrten Sitzungen beizuwohnen, kamen mir der alte sowohl wie der junge Mann ziemlich possierlich vor: denn da wurde gestritten, ob dieses Beiwort ein glückliches, ob jene Vergleichung eine passende sei. Nur fiel es mir auf, daß der Jüngling über meinen Vater immer den Sieg davontrug, und zwar in Streitsachen, in welchen mein Vater sonst keinem nachzugeben pflegte. Dadurch bekam ich Achtung vor dem jungen Manne, und nach und nach erschienen mir auch seine Gedichte sowie die Kunst der Verse wichtiger. Ich las aufmerksamer, und mir gefiel diese schön gebildete Sprache, mich rührten endlich diese lieblichen Reime und die anmutig verflochtenen Worte. So entstand für mich ein neues Spiel, welches jene ablöste, die ich bisher getrieben hatte. Camoens zeigte mir, wie ein Sonett, ein Madrigal, eine Kanzone oder Sestine zusammengesetzt würden, welchen Regeln sie unterworfen wären: Er las mit mir einige italienische Gedichte und erklärte mir die schwierigen Stellen, und ich zögerte nicht, selbst Versuche zu machen – mit Vorsatz ganz alberne, denn es ergötzte mich, wenn ich ein Sonett ganz ehrbar und mit Pracht begann, wie Camoens die Gedanken und Wortstellung lobte und er dann erschrak, wenn die letzten Verse mit einer ganz unpassenden Torheit beschlossen. Bald aber ließ ich dies Spiel wieder, eben weil es nur Spiel war. Ich merkte auch, daß es meinen Freund kränkte, wenn ich die Poesie, der er sich schon damals ganz gewidmet hatte, als Torheit betrieb. Alles im Leben fing an, mir ernster, bedeutsamer zu erscheinen, welches mich so überraschte, daß ich in manchen Augenblicken von der Furcht befallen wurde, mir möchte eine schwere Krankheit bevorstehn. Nun dachte ich den Wünschen meines Vaters nach, und ich glaubte, jene leichtsinnige Jugend sei jetzt vorüber, deren Entschwinden er mir so oft vorhergesagt hatte. An diesem Scheidewege des Daseins ergriff mich zuweilen eine ungeheure Bangigkeit: Ach, es war nur Vorgefühl alles des Elendes, welches mein Leben und das des geliebtesten Wesens vergiften sollte! Warum, mein Freund, bin ich so umständlich, Euch diese Zustände meiner frühen, längst entschwundenen Jugend zu entwickeln? Die schönste Zeit meines Daseins brach jetzt wie ein zauberreicher, plötzlicher Frühling über mich herein: die Liebe, welche mich bezwang, so sehr ich auch im Anfang ihrer süßen Gewalt widerstrebte. Ich war in meinem Herzen schon glücklich, bevor ich mir dieses Glück noch gestanden hatte, ja ehe es noch in mein Bewußtsein gedrungen war. Am meisten beseligte es mich, daß ich an meinem Freunde mit jedem Tage einen neuen Vorzug entdeckte, daß sich mir eine neue schöne Seite seines Charakters zeigte und sich der Reichtum seines Geistes immer deutlicher entfaltete. Alle Menschen waren mir bis zu dieser Zeit bald alltäglich geworden, ich wußte, was sie sprechen würden, im voraus, ich kannte alle ihre Gedanken. An jedem Tage war mir Camoens eine neue Erscheinung, und doch war mir sein Wesen so vertraut, sein Inneres mir wie mein eignes Gemüt, und doch mußte ich plötzlich wieder fast erschrecken, wenn eine Flut großer Gedanken und Gefühle mir deutlich machte, daß ich ihn noch zu wenig gekannt und gewürdigt hatte. Alles aber versiegte bald im Geständnis und dem Bewußtsein unsrer Liebe. Diese seligen Tage wurden mir von einem freundlichen Schicksal gegönnt, und dieses war das schönste, aber das letzte Paradies meines Lebens. Schon damals sprach er glühend von dem Entwurf zu seinem großen Gedicht. Er schrieb Lieder, die ich ihm sang, und fast immer lebten wir in jenem Garten, der jetzt der Familie Susa gehört, welcher ihn mein Vater nachher verkaufte. Unsre Verbindung schien mein Vater gern zu sehn, und da ich ihm meine Liebe nicht leugnete, so gab er bedingungsweise seine Zustimmung, denn er meinte, da er selber nicht reich sei, müsse sein Schwiegersohn, der kein Vermögen besitze, eine Stelle im Staate erwerben, was ihm bei seinen Talenten und Kenntnissen nicht schwerfallen würde, vorzüglich wenn er ihn durch den Einfluß seiner Familie und Verwandten unterstütze. Ach, damals war mein Vater so liebreich, so gut, ich war in meinem Glücke so sicher und ruhig und wähnte, daß alles mit jeder Woche schöner werden müsse. Camoens war trunken in seiner Freude. Soldat zu werden war neben meiner Liebe sein heißester Wunsch, als Held für sein Vaterland zu kämpfen. Er zweifelte nicht, daß das Glück ihn begünstigen, daß er Gelegenheit finden würde, sich auszuzeichnen. Auch mein Vater ging in seinen heitern Stunden in diese Träume ein, und wenn ihn manchmal die Sorge beschleichen wollte, daß es nicht gelingen möchte, oder wenn es seinem Stolze beifiel, Camoens, wenn auch Edelmann, sei aus keinem der großen und namhaften Häuser, er sei obendrein arm und es sei zweifelhaft, ob der Stolz des Jünglings die Wege finden und suchen würde, sich mächtige Beschützer zu erwerben, so schmeichelten meine Liebkosungen alle diese Grillen, wie ich sie nannte, von der Stirn meines sorgenden Vaters hinweg. Aber freilich kamen bald andre Zeiten, und es war uns vorbehalten, die Schwäche meines Vaters ganz kennenzulernen. Ich war nun zur Palastdame ernannt, ich war gezwungen, viele Tage am Hofe zuzubringen. So unglücklich ich mich fühlte, so freudig war mein Vater, denn sein Stolz war befriedigt. Am Hofe war es, wo Rodrigo, einer der reichsten und mächtigsten Kavaliere, mich kennenlernte. Auf seinen Reichtum sich stützend, auf seinen Namen stolz, zögerte er nicht lange, mir mit ruhigem Anstände seine Wünsche zu erkennen zu geben. Verlegen, beängstigt wich ich ihm aus, und nun wendete er sich an meinen Vater. Dieser, von dem künftigen Glanz seines Hauses, von dem unerwarteten Glück seiner einzigen Tochter geblendet, vergaß aller Hoffnungen, die er bestätigt, aller Versprechungen, die er uns gegeben hatte. Entehrend schien ihm jetzt ein Eidam ohne Rang und Vermögen, er schämte sich des Jünglings, den er bis dahin mit so vieler Liebe in seinem Hause aufgenommen, den er vor allen Reichern und Vornehmern ausgezeichnet hatte. Wir hatten bis zu jenen Stunden nur das Himmlische der Leidenschaft genossen und kennengelernt; jetzt taten sich in unserm Gemüt die Schrecklichkeiten derselben auf und die höllischen Kräfte. Seine Eifersucht war furchtbar, sein Zorn so unermeßlich wie seine liebe. Ich zitterte vor dem Mann, der bis jetzt nur als ein holdseliger Engel an meiner Seite gestanden hatte. Verwirrung, Unruhe, Angst, Verzweiflung war jetzt mein Leben. Der Tod schien mir erwünscht. Und wieder, in guter Stunde, wenn ich den Geliebtesten wieder vor mir sah, in meinen Armen fühlte, war auf Augenblicke das Trostlose unserer Lage vergessen. Jetzt durften wir uns nicht mehr öffentlich sehn. Das Geheimnis erregte Angst, erhöhte aber auch den Zauber unsrer verbotenen Zusammenkünfte. Wir hatten das Gefühl, als sei die ganze Welt uns feind und wir beide allein und ohne andern Schutz oder Hülfe auf uns beschränkt. So lange das Glück uns hold war, war Lachen, Scherz oder Rührung und Tränen in süßer Abwechselung unser Geschäft und Geleit, er war zufrieden, demütig und befriedigt, und ein Kuß war sein höchstes Glück. Ist die Liebe doch immer nur Unschuld und auch die innigste Vereinigung Weihe und Tugend. Und jetzt, in dieser Bedrängnis, da er ganz als mein Gatte sprach und flehte, da wir uns vor Gott schon vereinigt glaubten, war ich zu schwach, seinen Wünschen noch irgend etwas zu versagen. Ihr, mein edler Ohm, werdet mich nach diesem Geständnis nicht geringer achten.« Der Alte stand auf und umarmte sie, dann sagte er gerührt: »Bin ich nicht jung gewesen? Habe ich in meiner Jugend nicht die Allmacht der Liebe kennenlernen? Ihr wart durch heilige Bande verknüpft, der Vater war Euch untreu geworden, und Verzweiflung und Trauer erringen denn wohl in verfinsterten Augenblicken die Krone, die nur der Freude und der lichten Heiterkeit gebührt. Seit ich Euch kenne, habe ich Euch verehrt, und Wesen wie Catharina und Camoens sind keine geringen und gewöhnlichen.« »Gebüßt habe ich wenigstens für diesen Moment«, antwortete sie, »und viele Jahre hindurch währte meine Buße. Ich war elend, wäre es aber auch ohne diesen entscheidenden Augenblick gewesen. Unausweichbar war mein Unglück; so hatte das Schicksal mir die Kette aus dem Schönsten und Edelsten geflochten, dem ich mich so arglos, so sicher vertraute. Ja, mein Freund, alles Schöne und Große, alles, was uns von dieser rohen Erde emporhebt, bereitet uns das, was wir im rätselhaften Zustand unsers dermaligen Daseins Unglück nennen müssen. Der ebne Pfad ist der einzig sichre; der Alltäglichkeit sollen wir leben, der Nüchternheit uns ergeben – wehe dem, dem die Schönheit, die Wahrheit, der Glanz der Ewigkeit erschienen ist. Sie dulden es nicht, jene unsichtbaren Mächte, wenn, von der Erscheinung begeistert, unser Dünkel sich ihnen gleichstellen will: im Staub soll unsre Heimat sein, dem Tier, der Pflanze nahe gerückt, sollen wir kriechen und zagen und nicht begreifen und wünschen. Diese, die sich dort unten zurechtfinden, sind die Tugendhaften, die Glücklichen. Und kann denn der Mensch, der nur in einem einzigen Augenblick das Unsterbliche erschaut hat, kann er denn jene im Dunkel Kriechenden beneiden, kann er sich nur als ihresgleichen wünschen? – Darf er es?« Sie stand auf, heftig erschüttert, und wandelte laut weinend im Zimmer auf und ab. Der Greis erhob sich und ging ihr nach. Er faßte zärtlich die Hand der Zitternden und sagte weich: »So habe ich Euch noch nie gesehn; faßt Euch, geliebtestes Wesen. Wie kann, wie mag ich Euch Trost geben?« Sie stand still, trocknete ihre Tränen und suchte ihre Fassung wiederzugewinnen. »Ich bin zu bitter«, fing sie ruhiger an, »auf diese Weise wäre ewiges, furchtbares Elend unser Los, wohin wir uns auch wenden möchten. Ist doch in jedem seligen Augenblick, den ich erlebt habe, auch die Ewigkeit: In der Erinnerung soll ihn der Sabbat des Herzens immer wieder von neuem begehn. Darum gibt es kein Untergehn und keinen Tod, und jedes Entzücken reicht in die Himmel hinein und erwartet uns dort, bis wir es und alle Gefühle und erlebten Gedanken, von allen verschwundenen Freuden umkränzt, wiederfinden. Der Übergang des Todes ist die Einweihung zu diesen Mysterien.« Sie setzte sich wieder und fuhr dann fort: »Ihr betrachtet mich mit so liebevollen Blicken, daß ich Euch vertrauenvoller den Schluß meiner trüben Geschichte erzählen kann, den Ihr erwartet, den Schluß, der mich bewogen hat, Euch um diese Stunde zu ersuchen. – Ich ward gedrängt, mich zu entscheiden, mein sonst so weicher und unentschlossener Vater steigerte sich bis zum Grimm und zur Grausamkeit. Da, in der höchsten Angst, Todesnot und Verzweiflung gestand ich, daß Camoens mein Gatte sei, daß unser Bündnis in aller Ewigkeit und durch keine Menschenkraft wieder gelöset werden könne. Erschreckt und vom Zorne erschöpft, ward mein Vater ohnmächtig. Er entfernte sich dann schweigend, und ich glaubte den bittersten Augenblick meines Lebens überstanden zu haben. Mir schien, er müsse jetzt nachgeben und sich der Notwendigkeit fügen. Nach einigen Tagen sah ich ihn wieder, in einer Gestalt, daß ich ihn kaum wiedererkannte. Der Grimm hatte sein sonst edles Antlitz völlig entstellt, er war kalt und ruhig, aber diese Kälte war schrecklicher, als früher seine Wut erschien. Er kündigte mir mit der größten Bestimmtheit an, daß dieser Augenblick entscheiden müsse, ob ich sein Kind bleiben wolle oder nicht. Entschlösse ich mich, nach einiger Zeit dem Grafen Rodrigo meine Hand zu reichen, so habe er mir jetzt schon alles verziehn, er selbst wolle dafür sorgen, daß meine Schande verborgen bleibe, er würde mich auf sein Landgut im innern Gebirge entfernen – dort solle ich meine Niederkunft erwarten, er erlaube, daß ich selbst nach einigen Jahren das Kind sehn und zu mir nehmen dürfe. Weigre ich mich aber, so schwöre er mir, daß er selbst meine Schande weltkundig mache, daß er mich öffentlich verstoße und nicht mehr für seine Tochter anerkenne, daß er durch ein gültiges, deutliches Testament mir jeden Anspruch auf den kleinsten Teil seines Vermögens vernichte; so möge ich denn umirren, betteln und verschmachten, aber gewiß nicht in der Gesellschaft meines vorgeblichen Gatten, weil er diesen vor dem Kriminalgericht als hinterlistigen, bösartigen Verführer einer Tochter vornehmen Geschlechtes anklagen wolle. Fügte ich mich, so sei das Leben meinem Geliebten geschenkt, dieser frei und vor der Verfolgung sicher. Dies war die fürchterliche Wahl, die mir gestellt wurde. Und so versprach ich, mich nach einigen Jahren dem Grafen Rodrigo zu vermählen.« Der alte Domingo fragte jetzt von außen, ob es der Donna Maria erlaubt sei, hereinzutreten. Catharina beschied ihr, daß sie sich gedulden solle. »O dieses Kind, teuerster Mann«, begann sie jetzt wieder, »erinnert mich daran, daß es Zeit ist, meinen traurigen Bericht zu beschließen. Mein Vater reisete mit mir auf ein einsames kleines Gut im Gebirge: Hier lebte ich, von wenigen Vertrauten umgeben, unter einem fremden Namen. Ich genas nach einiger Zeit einer Tochter, die Ihr gekannt habt, weil sie auch nachher in meinem Hause lebte. Dunkel nur vernahm ich, als ich nach der Stadt zurückkehrte, Camoens habe mit meinem künftigen Gemahl Rodrigo Streit gehabt und in blinder Wut den Degen auf ihn gezogen. Er sei dann verbannt und verwiesen worden und habe als Freiwilliger späterhin Dienste genommen. Ich hatte meine vorige Dienerschaft, der ich vertrauen durfte, verloren und mußte auch meinen Dienst im Palaste wieder antreten. So ward ich ihm vermählt, dem Manne, den meine Hand nicht beglücken konnte, der aber auch ein solches Glück nicht forderte oder erwartete. Mein Vater sorgte dafür, daß ich den Namen meines unglücklichen Geliebten nicht wieder nennen hörte. Ich wagte auch nicht, nach ihm zu forschen, ich kannte niemand, der mir Bericht von ihm hätte geben können. Domingo, dem ich mich vertraut hatte, war auf das fernste Gut an der Grenze von Galicien verbannt. Nach einigen Jahren wurde meine Tochter mit einem fremden Namen als arme Waise und ferne Verwandte in mein Haus geführt. Ich hatte von meinem Gemahl keine Kinder, mein Herz brannte, diesem teuern Wesen alle meine Liebe zu zeigen, aber ich mußte meine heiligsten Gefühle in meinem Busen verschließen. Wie oft, teuerster Oheim, wolltet Ihr mich trösten und erheitern und konntet die Ursache meines tiefen Grames nicht fassen. Nach einiger Zeit starb mein Vater. Er war, nach jener Epoche seiner Wut, wieder freundlich und zärtlich geworden. Seine letzten Jahre verflossen in Melancholie, denn er sah mein unheilbares Unglück. Sein Stolz war nur halb befriedigt, denn keine Erben von mir erwuchsen für den Reichtum und Titel meines Gemahls. Mein Gemahl, dem die große Welt nicht behagte, weil ihm keine Talente verliehen waren, sich in ihr auszuzeichnen, sehnte sich nach der Einsamkeit. Wir bezogen unsre Güter in der Estrella, dem Gebirge, und Bücher und die schöne Natur konnten mir in der Gesellschaft meiner lieben Tochter manchen Trost gewähren. Als mein Kind erwachsen war, empfand ein junger Mann aus der Nachbarschaft Liebe für sie. Er war Soldat und lernte sie kennen, als er seine Eltern, die im hohen Gebirge wohnten, besuchte. Diese waren von jenen armen Edelleuten, die von geringem Vermögen in knapper Beschränkung leben müssen. Ich steuerte sie aus von meinem Gut, und mein Gemahl war großmütig genug, da er meine Liebe zum Kinde seit so vielen Jahren gesehen hatte, eine bedeutende Summe hinzuzufügen. Sie zogen bald nach Coimbra, wo das Standquartier des jungen Kriegers war. So war ich nun ganz der Einsamkeit hingegeben. Alles, was ich liebte, hatte ich verloren, und mein Herz selbst hatte sich seit Jahren der Liebe und Wahrheit entwöhnen müssen. Ich hatte mein Kind erzogen und es doch niemals als Tochter behandeln, ihm niemals sagen dürfen, was ich ihm sei. Und doch mußte diese fortgesetzte Lüge das Glück meines Lebens bilden. Jetzt erst erlebte ich, wie viel ich eingebüßt hatte. Meinem Gemahl, der sich der Jagd ergab, konnte ich kaum eine alltägliche Gesellschafterin und Wirtin seines Hauses sein. Die Geistlichen, welche er oft sah, vermied ich, soviel es nur der Anstand erlaubte: sie schnürten seinen schon beschränkten Geist in noch engere Bande. Alles, was ich für das Wahre und Gute erkannte, durfte ich im Gespräche nicht berühren, Bücher hatte ich nur wenige, Menschen, die mich irgend verstanden hätten, fand ich gar nicht. Ich begriff nicht, warum ich nicht starb: aber vielleicht, daß. ein solches untätiges, völlig gedankenloses Leben das in uns hervorbringt, was so viele Menschen Gesundheit nennen. Eine große Erschütterung stand mir zwar bevor, indem ich an dergleichen Vorstellungen haftete. Nach wenigen Jahren war mein Eidam in einem Gefecht geblieben, und fast um dieselbe Zeit war meine Tochter an einer schweren Entbindung gestorben. Als Kind, indem man lesen lernt, lieset man wohl mit Anstrengung und Qual ganze Seiten hinab und Bogen hindurch, ohne auch nur das mindeste dabei zu denken oder zu fühlen, zerstreut ist man aber auch nicht, weil die Buchstaben unsre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen: So, auf diese Weise, habe ich manche Wochen, Monden und Jahre meines Lebens hindurch gelebt. Ganz und völlig ausgehöhlt kann der Mensch, so vegetierend, werden, und ich fragte mich wohl, ob sich nicht die Seele, in diesen Wegen schleichend, vernichten und die ihr angeborne Unsterblichkeit zerstören könne. Mein Großkind, eine Tochter, ward von den Eltern meines Eidams nach dem Gebirge abgeholt. Ich konnte mich lange nicht entschließen, sie zu sehn, ich mochte kein Gefühl in mir wieder aufkommen lassen. Mir dünkte zuweilen, mein erstorbnes Herz sei keiner Empfindung mehr fähig. Die stete Einsamkeit machte mich so verwirrt und elend, daß mir zuweilen einfiel, jedes Gefühl sei ein Unrecht und jeder Gedanke eine hoffärtige Anmaßung. Damals kämet Ihr auf einer Reise zu uns, vielgeliebter Ohm, und wäret sehr betrübt, mich in einem solchen Zustande wiederzufinden. Mein Mann hatte zu Eurem höchsten Erstaunen gar nicht bemerkt, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen war. Ihr brachtet mir Bücher, Instrumente, Musik, Ihr machtet einige kleine Reisen mit mir, und so besuchten wir auf der kalten Höhe die Eltern meines Eidams. Gedanken, Schmerzen, Leiden stiegen wieder in mir auf, und ich fühlte mich in dieser Wehmut, in Tränen, die sich wieder häufig ergossen, beglückt. Ich sah das Kind, die kleine Maria. Ihr erinnert Euch wohl noch, daß es uns wie eine Wundererscheinung entgegenkam. Wie ein schwerer Vorhang fiel es plötzlich in meinem Innern nieder, als ich zum erstenmal in die schönen Augen des Kindes blickte. Ihr verstandet meine Verwunderung, meinen Schmerz, meine unendliche Freude nicht, und ich merkte Euch wohl an, daß Ihr damals glaubtet, mein Verstand möge gelitten haben. Ach! Ihr tatet mir auch nicht unrecht: denn in dumpfen Blödsinn war meine Seele hinein erstarrt. Ich selbst schien mir in dem Kinde mich wieder umzuwandeln: So mußte ich in diesen ersten Traumjahren gewesen sein. Dieser liebe Mutwille, der noch nicht ahndet, wozu das Leben erwächst, dieser klare, tiefsinnige Blick, der alles anstaunt und sich über nichts verwundert: diese Seligkeit im Kindischen rührten mich wieder, beglückten mich wieder nach langer Zeit. Ihr halfet mir damals die schon bejahrten Eltern dahin stimmen, mir das Kind zur Erziehung anzuvertrauen, indem ich dem lieben Wesen einen Teil meines Vermögens zusicherte. Arm, wie sie waren, fanden sie sich gern in die Vorschläge, besonders da sie auch eine Unterstützung erhielten, und besuchten uns nachher, so lange sie lebten, in den Sommermonaten. Auch mein Gemahl war über das Kind erfreut, als wir es ihm zuführten. Je mehr es sich entwickelte, je mehr wuchs der Geliebte meiner Jugend aus dem zarten Wesen heraus. So war sein Blick, sein plötzliches, freundliches Lachen, wenn er eben ernst gewesen war, ebenso erfaßte er meine Hand und sah mir mit dem zärtlichen, mit dem süßen Blick ins Auge, ein Blick, der sich nicht beschreiben läßt, in welchem aber ewige Treue, Zuverlässigkeit und himmlische Unschuld glänzten. O seht diesem Kinde einmal recht tief in die Augen, wenn sie im Vertrauen holdselig bittend zu Euch tritt, so könnt Ihr jenen Blick empfinden, den er vor so vielen, vielen Jahren mir in die tiefste Seele warf. Als Ihr damals das Gebirge wieder verließet, war die Pflege dieses Kindes meine ganze Sorge und Beschäftigung. Rodrigo verwunderte sich nicht, daß dadurch ein neues Leben in mir begann. Ich war auch viel dreister und unbefangener, diesem Wesen meine ganze Liebe zu zeigen als der eignen Tochter. Mit dem Kinde war ich wieder verjüngt. Jetzt werden es sechs Jahre sein, als Ihr mir einmal mit andern Büchern zugleich das neuerschienene Gedicht des Camoens überschicktet. Ihr hattet es noch nicht gelesen, wie Ihr mir schriebt, eine Gesandtschaft von Wichtigkeit rief Euch in jenem Jahr aus Euerm Vaterlande fort. Welche Schmerzen, welche Wonnen, welchen süßen Wahnsinn Ihr mir mit diesem herrlichen Buche in mein einsames Schloß schicktet, konntet Ihr freilich nicht wissen. Das war ein Osterfest, eine Auferstehung aus dem Grabe, als ich dieses Werk las, wieder las, und immer wieder, am Tage und in den stillen Nächten, zu ihm zurückkehrte. Diese Tränen, die Gefühle, diese schmerzliche Wollust, diese überirdische Entzückung, alles das, was ich in allen Fibern des Daseins sterbend erlebte, läßt sich niemals in irdische Worte fassen. So war er denn doch der gewesen, als den ich ihn geliebt hatte, ja er war mehr, er war ein Übermenschlicher, und sein Gefühl war das rechte, uns, die wir ihn nicht erkannten, mit wehmütigem Todeslächeln zu verlassen. Von meinem greisen Vetter Christoforo habe ich erfahren, wie meine Liebe sein Unglück auch im fernen Indien war, denn seine Feinde und meine Verwandten ermüdeten nicht, ihn zu verfolgen. Durch welche Mühsal, durch wieviel kränkende Bedrängnisse mußte der große Mann sich winden, bevor er eine unverfolgte Armut, das ungestörte Verschmachten fand, welches uns Portugiesen, die wir so glücklich waren, ihn den Unsern zu nennen, ein unauslöschliches Brandmal aufdrückt. So kennt Ihr nun diese Maria, der Ihr schon so viel Liebe bewiesen habt, und wißt, wer sie ist. Seit meines Gemahls Tode, seit ich hier wieder in der Stadt lebe, habt Ihr mir so vielfältige, so schöne Beweise Eurer Liebe gegeben, daß ich es wage, diese in noch höherm Maß in Anspruch zu nehmen. Nehmt, edler Freund, das arme, liebe Kind in Euren unmittelbaren Schutz: verteidigt sie durch Euer Ansehn und Euren Einfluß. Sie soll nichts von den Gütern meines Gemahls erben, fern sei der Gedanke, aber mein Vermögen und alles das, was mir seitdem gegen mein Verhoffen durch Erbschaft von Verwandten meiner Mutter zugefallen ist, möchte ich ihr zurücklassen, damit sie reich und bedeutend sei und im vielfachen Unglück des Lebens wenigstens dem der Armut entgehe. Sie wird schön und gut, der Geist ihres Großvaters regt sich in ihr, und sie wird es verdienen, wenn Ihr Euch väterlich ihrer annehmt. – Seht, das ist die Bitte, die ich Euch vortragen wollte und die meine vielen, vielleicht beschwerlichen Worte einleiten sollten.« Der Greis stand auf, nahm die tief Bewegte in seine Arme und sagte feierlich: »Da ich nun weiß, von wem dieses edle Kind stammt, von Euch, die ich innigst verehre, und ihm, dem Manne, den ich über jeden Ausdruck liebe, möcht ich doch sagen, vergöttre, so sei Donna Maria mein Kind, ich will sie adoptieren, und niemand wird es wagen, ihr die Güter, welche Ihr Marien schenken wollt, streitig zu machen. Ich bin überzeugt, der Regent und des Königs Majestät werden diese meine Adoption bestätigen. Auch werde ich dieser Eurer Tochter von meinem großen Vermögen zulegen, um sie zu einer reichen Erbin zu machen. Über diesen Punkt, liebe Nichte, könnt Ihr Euch also völlig beruhigen.« Catharina dankte, und der Marques fuhr fort: »Auch den Grafen Fernando sehe ich für meinen Sohn an, und da ich keine Erben habe, indem mir der Himmel keine Kinder verlieh, will ich ihn in den Besitz meiner vielen Güter setzen, da seine Vorfahren den größten Teil ihres Vermögens einbüßten. Aber nun, da Ihr mir alles vertraut habt, vernehmt auch meine Gedanken. Schon jetzt zeigt der junge Graf eine Zärtlichkeit für das holdselige Wesen, ich seh es voraus, aus diesem Gefühl kann und wird Liebe werden; sie wird in wenigen Jahren den hohen Wert des schönen Jünglings erkennen, und so sollen sie ein Glück bauen und gründen, wie Ihr es auch hättet finden sollen. Diese Ehen sind oft glücklich, und ich lernte ebenso meine Gattin kennen, als sie noch ein Kind war. Erlaubt mir nur, und Ihr müßt es mir nicht abschlagen, meinem Pflegesohn das mitzuteilen, was Ihr mir anvertraut habt. Ihr achtet ihn, ich weiß es, aber Ihr kennt ihn noch zu wenig, um zu wissen, wie sehr er jede Liebe verdient. Seht den trefflichen Jüngling schon jetzt als Euren Sohn an: Keine Vorstellung reicht dahin, mit welcher enthusiastischen Liebe er unsern großen Dichter umfängt. Erfahrt er, was ich ihm sagen will, so umstrahlt in seinen Augen eine heilige Weihe das schöne, liebe Kind, und er wird den Gedanken, der in ihm vielleicht auch schon keimt, als einen Herold des Himmels begrüßen.« Da sich Catharina ganz der Leitung des Marques überließ, so gab sie nach einigem Bedenken ihre Zustimmung und sagte endlich: »Nun habe ich also meinen innigsten Wunsch erlangt und sollte fröhlich sein; aber nach unserm Gespräch bin ich in einer ernstlichen, feierlichen Stimmung. Die Last des Lebens liegt heut schwerer auf mir als sonst, und ich kann Euch, edelster Mann, nur mit stummen Gefühlen für Eure überschwengliche Liebe zu uns und den Meinigen danken. Kann sein, daß wir noch Freude erleben, wie sie dem Menschen nur irgend gegönnt ist.« Jetzt öffnete Catharina die Türe, um nach Marien zu senden. Als diese erschien, fragte die Mutter: »Wolltest du etwas, Kind, daß Domingo dich anmelden mußte?« »Nein«, sagte Marie, »aber als ich unten war, liebste Mutter, ward mir mit einem Male so angst, so unendlich angst, ich kann nicht sagen wie. Draußen im Gebirge, als wir in dem grünen, engen Tal spazierengingen, war es einmal so. Die Sonne schien so schön, und alles funkelte wie lauter Freude und Lust, und tausend Vögelchen sangen: Mit einem Male war der Himmel dunkel, schwarz und das Tal so finster wie im Keller. Wir konnten die Wolken und das Gewitter zwischen den engen, hohen Wänden nicht kommen sehn. So war mir heute unten. Ich dachte, du lebtest nicht mehr, du wolltest eben sterben, ach, ich mußte weinen, bis dann mein lieber Graf Ferdinand kam und mich wieder so schön tröstete, daß ich lachen mußte. Nicht wahr, die Kinder und die Menschen können recht albern sein?« Ferdinand, der mit ihr zugleich eingetreten war, sagte: »Ja, mein liebes Bräutchen war ganz ausgelassen in seinem unartigen Schmerz; sie wollte nicht hören und sehen und drohte mir sogar, mich gar nicht mehr liebzuhaben. Diese Bosheit hat sie mir aber nachher mit einem Kusse wieder abgebeten.« Der Marques war sowenig wie Catharina in der Stimmung, um in diese kindlichen Scherze einzugehn, sondern die Mutter faßte das schöne Kind zärtlich in ihre Arme, drückte es oft an ihre Brust und weinte herzlich. »O mein liebstes, liebstes Kind«, sagte sie dann schluchzend, »wie unendlich liebe ich dich!« Auch der Greis konnte sich der Tränen nicht enthalten, er umarmte die Kleine, die ihn mit Verwunderung ansah. »Ja«, rief der Alte in Bewegung, »auch mein Kind, auch meine Tochter sollst du sein, auch ich will teil an dir haben, und ich will deinen Dank verdienen!« Ferdinand betrachtete beide, zwar mit Bescheidenheit, aber doch mit Erstaunen: Er sah wohl, daß irgend etwas Bedeutendes geschehen war, aber er wollte nicht fragen. Doch Maria entwand sich endlich mit dem Ausdruck der größten Verwunderung den Umarmungen und rief aus: »Es ist recht schön, wenn ihr mich beide liebhaben wollt, aber ich habe heute noch nichts Artiges und Besonderes getan, daß ich es so sehr verdienen sollte. Ich war, wie gesagt, verdrießlich und traurig, da habe ich meine Duennen sehr angefahren und war auch gegen meinen Grafen Ferdinand, meinen Bräutigam, wie er sich immer nennt, ungezogen. Mutter, das kommt wirklich dem Menschen manchmal, er weiß selbst nicht wie. Die böse Laune will aber auch manchmal ihr Recht haben, so wie die gute.« »Mein geliebtes Kind«, sagte der Greis, »du sollst meine Tochter werden, so gut wie Ferdinand mein Sohn ist, und wie ich das meine, werde ich diesem heute noch erklären, wenn er mir zur Stunde folgen will.« Die beiden Männer nahmen Abschied, und Catharina blieb mit ihrem Kinde zurück, im beglückenden Gefühl, daß sie von edlen Gemütern nicht verkannt werde. Die Stadt Lissabon war seit einigen Tagen durch eine große und auffallende Naturerscheinung in der größten Bewegung und Aufregung. Ein furchtbarer Komet, dessen drohender Schein sich in jeder Nacht vergrößerte, hatte sich am Himmel gezeigt. Man ging an den Strom, auf die Hügel, in das Feld, um ihn zu beobachten, und alle freien Plätze waren von Menschen erfüllt, deren Blicke zu den Sternen gerichtet waren und die Unheil oder Glück aus dieser wunderbaren Erscheinung vorhersagten. In den ersten Tagen des August war es, als nach großer Hitze das Volk sich am Abend wieder auf dem großen Platz versammelte, von wo man den Strom und den Himmel weit hinaus übersah. Man hörte Summen, Sprechen, Streiten, und das sich drängende Volk wogte im dunkeln Gewimmel hin und her, Bekannte fanden und trennten sich wieder, und das Reden der einzelnen, das Schreien mancher tönte seltsam in das dumpfe Brausen des Stromes, den kühle Abendwinde aufregten. Eine große Gestalt drängte sich hindurch und rief: »Mir nach, Gesellen! Seht ihr, daß es jetzt Zeit ist, mit Gewalt jene Schiffe zu fordern, die uns versprochen sind?« »Nein, Minotti«, sagte ein Maultiertreiber, »es ist ein Glück, edler Freund, daß wir noch nicht hinausgeschifft sind, denn dieser furchtbare Komet bedeutet uns und unserm Königreich das allergrößte Unglück, er bedeutet, so wie er mit dem langen, gräßlichen Strahl nach Afrika hinüber weiset, daß unser König und unsre ganze Armee schon untergegangen sind. So hat es uns auch gestern der Freund Melchior, der fromme Mann, ausgelegt.« »O mit Eurem Melchior«, rief Barnaba, der Holzarbeiter, ihm entgegen, »der heut so und morgen wieder anders spricht! Und wo Ihr die Augen habt, begreife ich gar nicht. Afrika, Freund, das liegt, wenn Ihr hier so gegen den Tajo steht, begreift mich, so links weg, etwas hinter unserm Rücken, da, dort so um die Ecke, und der lange, lange Finger des Unglücks- oder Glückssternes weiset ja gerade auf uns hieher, ganz genau auf die Spitze vom königlichen Schloß.« »Nein«, schrie ein andrer, »Ihr wißt nicht, was Ihr redet, und versteht den Henker von Kometen! Afrika liegt ganz geradeaus, hinter uns, wenn Ihr Euch nur in die Weltgegenden hineindenken wollt, denn Süden bleibt auf jeden Fall Süden, und wir stehn hier mit der Nase ziemlich gegen Norden, also zeigt der grausige Feuerschweif des Kometen freilich nach Afrika hin. Aber es gilt ja den Mohren und nicht uns, soviel ist doch wohl jedem Menschenverstande klar und einleuchtend. Warum käme überhaupt der ganze Komet, und gerade jetzt, wenn er nicht den Untergang der afrikanischen Reiche bedeutete? Unser König und seine Feldherren und die großen Bischöfe, die mit ihm gegangen sind, und die Verständigen alle und die Menge von Bagage und Lebensmitteln und Marketendern und die geistlichen Herren und die Kavallerie, das, begreift, wird nicht so weggeblasen oder in Stücke gehauen, wie Ihr etwa Nüsse aufknackt.« »Mag sein, wie es will«, schrie Minotti, »wir wollen nach Afrika! Wir wollen am Siege und an der Beute auch unsern Anteil haben!« »Nach Afrika!« brüllte der Haufe des Pöbels, der ihn umgab, und viele schrien aus Begeisterung mit, die gar nicht begriffen, wovon die Rede sein könne. Von allen Seiten lief das Volk zusammen, man tobte, fragte, unterredete, rief hinüber, antwortete herüber, und keiner fast wußte, was gerufen wurde, und die fern Stehenden konnten gar nicht begreifen, was sich ereignet haben möchte. Indem hörten, die dem Ufer nahe waren, den Ruderschlag eines Bootes, sie richteten ihre Augen dahin, und ein langer, hagrer Mann stieg an das Land, welcher sich nach der Ursache des Getümmels erkundigte. »Es ist halt nur«, sagte ein Bürgersmann, »der Komet dort, welcher die Menschen so rasend macht; wenn sie werden ausgeschlafen haben, wird sich auch das bißchen Vernunft wiederfinden, das sie jetzt verloren haben.« »Ich komme vom Regenten«, sagte die Gestalt, »der sich dort unten auf dem Kriegsschiffe befindet. Er erwartet nur noch ein Fahrzeug von der afrikanischen Küste, welches in diesen Tagen anlanden muß, um die geehrten Patrioten dem großen Heere des Königs nachzusenden.« Jetzt war das Gedränge noch größer. »Hoch, der Regent, hoch!« schrien viele. »Afrika!« tobten andre, und der hagre, alte Alonso, welcher diese Nachricht vom Schiffe gebracht hatte, wurde vom Volke in diesem patriotischen Taumel ergriffen, und indem ihn einige mit Gewalt auf ihre Schultern setzten, unterstützten ihn andre, daß er nicht fallen möchte, und die immer anwachsende Menge trug ihn so schreiend und jubelnd über den großen Platz, indessen er mit Wort und Gebärden die Begeisterten zu beruhigen suchte und bat, daß man ihn nach seiner Wohnung möchte gehen lassen. Im Dämmerlichte konnte man sich kaum in der Nähe erkennen, und als jetzt der tobende Haufe vor einem großen Palaste stand, benutzte der beängstigte Alonso einen Augenblick der Ruhe, um die Dienerschaft, die vor dem Hause neugierig versammelt war, um Beistand anzurufen. »Ich kenne euren gnädigen Herrn«, rief er ängstlich, »den Marques de Castro! Bitte, nehmt mich in das Haus, daß ich mit ihm reden kann.« »Don Alonso«, sagte der Haushofmeister, »beliebt nur erst von den Schultern der geehrten Herren herabzusteigen, so wollen wir auch das Haus alsbald eröffnen.« »Don Alonso, hoch!« rief der wilde Haufe, da jetzt die Menge den Namen vernommen hatte. «Alonso, der Patriot, soll leben! Wir geben den herrlichen Mann nicht wieder heraus! Alonso lebe!« Da das Geschrei sich immer tobender vernehmen ließ, so erschien der alte Marques selber auf dem Altan seines Hauses, um zu sehn, was sich zugetragen haben möge. »Was habt ihr, meine guten Landsleute?« fragte der Greis. »Nach Afrika! Nach Afrika!« schrien alle. »Gebt uns Schiffe! Schiffe!« »O heiliger Andreas, stehe mir bei!« rief Don Alonso im kläglichen Ton. »Der Regent hat sie ihnen schon versprochen, und als ich ihnen das zufällig meldete, haben sie mich ergriffen und schleppen mich so umher. Laßt mich ein in Euren Palast, verehrter Herr, ich habe mit Euch zu sprechen.« »Bitte«, rief der Marques von oben, »meine lieben Freunde und Landsleute, laßt den alten Mann von euren Schultern herunter und zu mir kommen. Jeder Portugiese und Patriot wird vor Alter und Schwäche Ehrfurcht haben.« »Ja, Herr Marques«, riefen die Männer, »wir sind edle Portugiesen, und so wollen wir Euch auch das Männchen abliefern, weil es sich so sehr vor uns fürchtet.« Schnell stand er auf dem Boden, die Türe ward geöffnet, und er schlüpfte eilig in das Haus, indem sich das Volk mit lautem Gelächter vom Palast entfernte. »Ich weiß nicht«, sagte Alonso zum Marques, »welcher böse Geist es mir eingegeben hatte, dem rohen Pöbel mitzuteilen, daß ich vom Regenten komme, der dort das Kriegsschiff in Augenschein nimmt, und daß er ihnen allerdings die Überfahrt versprochen hat. – Ich muß eilig nach meinem Hause, große Summen liegen dort, und ich war eben beim Regenten, ihm meine Anforderungen, die noch im Rest sind, klarzumachen. Bitte, da der Platz jetzt mehr beruhigt scheint, laßt mich von einigen Eurer Leute begleiten, damit ich sicher nach meinem Hause gelangen könne.« Der Marques gab Befehle. Sechs von der Dienerschaft sollten dem Don Alonso folgen. »Und damit Ihr noch sicherer seid«, fügte der Marques hinzu, »will ich selber mit Euch gehn. Mich kennt das Volk und bezeigt mir Achtung, und so kann Euch, selbst im äußersten Falle, nichts gefährden.« »Plündrung«, erwiderte Alonso, »ist es, was ich am meisten fürchte: denn diese Patrioten fallen leicht auf den Ausweg, sich ihren Kriegssold und die Beute schon im voraus wegzunehmen, da, wo sie es am sichersten zu finden glauben.« So begleitet, schritt Alonso durch die Massen des Volks. Einige erkannten ihn wieder und begrüßten ihn als ihren Beschützer, der ihnen beim Regenten die Überfahrt ausmachen würde, andre lachten über ihn, indem sie sich seiner Angst erinnerten, doch verhinderte es die Gesellschaft des alten, von allen hochgeehrten Marques, daß sie ihrer Laune von neuem nachgaben. Als Alonso sein sicheres Haus erreicht und seinem Begleiter seinen Dank abgestattet hatte, entließ dieser seine Dienerschaft, weil es ihn ergötzte, einsam noch die Straßen und Plätze zu durchstreifen und auf die mannigfaltigen Reden des Volkes zu hören. Die Nacht war schwül, und als er wieder auf den großen Platz am Flusse hinaustrat, überraschte ihn bis zum Erschrecken das sonderbare Licht des Kometen, welches durch einen Teil des Himmels mit rotem Glanze schimmerte. »Wie ein ausgelöschter großer Stern«, sagte ein Bürger, »dräut das grimme Feuerwesen herunter. Es ist möglich, daß einmal alle unsre Sterne so auseinanderbrechen und durch den Himmel toll und verwirrt hinrennen.« »Es ist kein Stern«, rief ein anderer, «am wenigsten ein ausgelöschter. Was die Gespenster auf Erden sind, wie sie zu den Menschen stehn und sie erschrecken, so verhält es sich mit solchen Kometen zu den ordinären vernünftigen Gestirnen. Und darum bedeuten sie auch jedesmal Unheil.« »Es ist und kann nicht anders sein«, sagte ein eisgrauer alter Handwerksmann, »denn seht, Leute, am Himmel wie auf Erden ist eigentlich alles Ordnung, darin besteht die Schöpfung und die Vorsehung. Das Kometengestirn ist aber der Geist der Unordnung selber; nun rennt die Konfusion und die uralte Verwirrung, die da war, bevor Gott der Herr alle Elemente vernünftig sonderte, von oben durch den Himmel, der Aufruhr steckt an, eins sieht's vom andern, Feuer will Wasser, Luft will Erde werden, so steigt es denn zu unsrer Welt und unserm Lande herab, und, wie man im Sprichwort tiefsinnig und ganz mit Recht zu sagen pflegt, der Teufel ist los! So ist er auch hier die Hauptsache. Denn darin besteht alle Konfusion, Unheil, Empörung, Dummheit und das politische Elend der Welt, daß der alte Satansgeist, der widerwärtige Patron, das Scheusal, das keiner Vernunft fähig ist, wieder auf kurze Zeit von seiner Kette losgemacht ist. Der Kerl hat gewiß schon immer nicht unsern frommen König Sebastian leiden können und steckt nun den dummen Kometen da wie einen zottigen Efeukranz, wie eine alte plundrige Rute, baumelnd als vor einer schlechten Schenke, vom Himmel heraus, um kundzutun, daß recht elender, saurer Wein dermalen verzapft wird. Und, Landsleute, denkt an mich, das versauerte Gesöff werden wir nun verschlucken müssen.» »Sprecht nicht«, rief ein andrer, «so despektierlich vom Satan, den wir alle fürchten sollen und müssen. Das ist die rechte Höhe, wenn das, wovor wir Ehrfurcht haben sollen, uns lächerlich gemacht wird.» Als sie noch so hin und her stritten, ließ sich eine kreischende Stimme vernehmen: «Großmütige Portugiesen, schauts, verehrteste Männer, wie das liebe Kometchen da oben so ermahnend und mit Winken abwärts deutet: Sieht das liebe Ding am Himmel nicht aus wie ein Geldbeutelchen, woraus Goldmünze und Silber und Kupfer herausfallen? Heißt, in Landssprache übersetzt: Gebt, teilt mit an Armut, auch an miserable, schwarze Negersmann, der's braucht, der nichts hat als sein Gesicht, schwarz wie die Nacht. Wie die Stern dunkel Nachtphysiognomie erhellen, lauter schöne goldne Taler, Zechin, Dublon, Crusados, Dukat, so gebt nur Dreierchen, Pfennige meine schwarze, dunkle, arm, hungrig Gesicht.» »Wie doch jeder«, sagte einer im Haufen, «von dem Stern seine Nutzanwendung zieht! Komm, alter Geizhals, nimm!« Er gab ihm eine Kleinigkeit, und einige der Bürger folgten seinem Beispiel. »Der Kerl«, sagte ein zweiter, «besitzt eine ganz aparte Kunst im Betteln. Er ist aber dabei eine gute Haut und, so lahm er ist, einer der vorzüglichsten Tänzer.« Der Marques war neugierig hinzugetreten, und da es ihm schien, der Neger sei derselbe, von dem er neulich gesprochen und der ihn durch seine Aufdringlichkeit erzürnt hatte, so winkte er dem Schwarzen, ihm nach einer einsamen Stelle, nach dem Flusse hin zu folgen. Antonio, welcher den Greis auch sogleich wiedererkannte, folgte zaudernd und in Furcht; doch als er sah, daß der Marques keine Diener bei sich hatte, so wurde er etwas zuversichtlicher. Als sie das Gedränge verlassen hatten, stand der Marques stille, betrachtete den Schwarzen aufmerksam und sagte endlich: »Warst du es nicht, Mann, den ich neulich mit meinem Stabe geschlagen habe?« Antonio warf sich nieder und hob die Hände flehend empor. »Exzellenz«, winselte er, »war nichtnutzig, wollte zu viel, bekenne, bitte ab, nicht mehr tun, mir vergeben! Ist schlimm Handwerk, das Betteln, der Mensch wird geldgierig: denkt man, zwei ist mehr wie eins und drei mehr wie zwei, und drüber wurd ich unzufrieden und hätte nur danken sollen.« »Steh auf«, sagte der Greis, »ich zürne dir nicht, du hast von mir nichts zu besorgen, ich hatte unrecht, mich zu erhitzen, und weil ich dir unrecht tat, so nimm dies zur Vergütigung und mache dir und den Deinigen etliche frohe Tage.» Der Neger warf sich im Entzücken vor dem Marques nieder, denn er hatte im Griff schon sechs große Goldstücke schnell fühlend gezählt, und war so außer sich vor Freude, daß er in langer Zeit die Worte nicht finden konnte. »Ach! Komet, Komet«, rief er endlich, »hab's dir gleich angesehn, wie rote Weinnase aus Wolkengardine herausstecktest, daß mir ein gutes Jahr bedeutet. Weinernte ist schon gekommen, Traubenlese und Keltrung! Ach! Exzellenz! Was kann große, reiche Mann arme Bestie, niedrige Tier für himmlische Freude machen! Bloß um so was möcht ich mal Exzellenz und Graf sein. – Und wie, herrlicher Mann, soll ich danken? Könnt ich doch gleich was tun! Müßt aber was so extra sein! Mir Euch zulieb foltern lassen!« »Sei ruhig, Mensch«, sagte der Greis, »erniedrige dich nicht selbst. Hast du Kinder und eine Frau?« Antonio stand verlegen da und wühlte mit den Fingern in den dichten krausen Haaren. Er schlug die Augen nieder und legte einen Fuß über den andern, dann biß er sich auf die Nägel, und nach geraumer Zeit, als der Marques ihn zu antworten ermunterte, sagte er: »Großherrliche Exzellenz, ich schlechte Figur denke eben nach, ob recht tüchtig lügen und ja sagen soll: Könnte ja, wie mancher Arme, sieben oder acht Kinder haben. Ist aber nicht wahr, und kann nicht schändlich und Bestie gegen Wohltäter sein – nein, habe keine einz'ge Frau und kein einz'ges Kind.« »Nun gut«, sagte der Marques, »du bist herrenlos und denkst wohl auf deine alten Tage einzusammeln, denn ein Gewerbe hast du wohl niemals getrieben und gelernt. Ist dein Herr gestorben? Hat er dich verabschiedet und frei laufenlassen, ohne für dich zu sorgen? Wenn du mir treu und ehrlich dienen willst, will ich dich unter meine Leute aufnehmen.« »Gnade«, rief der Neger bekümmert und verwirrt, »allzuviel Gnade! Verdiene die liebreiche Barmherzigkeit nicht! Kann große, menschenfreundliche Güte nicht annehmen, bin zu schlecht, in solchen Palast zu treten. Muß lieber und immer Bettler bleiben und gebettelt Brot essen.« Der Marques ward neugieriger und drang mehr in den verlegenen Neger, indem er sagte: »Wenn du aber verlassen und herrenlos bist, solltest du mein Anerbieten nicht so geradehin abschlagen, denn ich meine es gut mit dir. Ich traue es dir zu, daß du kein Dieb oder Mörder bist, und so sehr du dich auch an das müßige Herumlaufen magst gewöhnt haben, so könntest du es doch auf einige Zeit in meinem Hause versuchen. Gib mir Antwort.« Den Neger befiel ein heftiges Zittern, er sah bald den Boden, bald den nächtlichen Himmel an, und endlich stotterte er mit zitternder Stimme: »Ach, wie gut haben's Menschen, die hübsch lügen könne, genießen alle Seelenruhe, könne alle Mensche so grad und dreist ins Angesicht schaue. Arme Jao, arme Antonio, bist dumm, bist unglücklich, immer arme, ehrliche Bestie gebliebe; ach, Exzellenz, ich tauge nix und weiß nix zu sagen. Bin schon gefoltert, wie ich mir erst wünschen tat.« »Aber, Mensch«, sagte der verwunderte Marques, »ich verlange ja nichts Unbilliges von dir! Gib mir bloß einen Grund an, warum du nicht in meine Dienste treten willst.« Antonio weinte bitterlich und sagte dann schluchzend: »Weil ich Herren habe, besten, schönsten von der Welt, ihn nie, nie verlassen werde, liebe ihn, mehr, als mir selber – ist der herrlichste Mann, den Sonne bescheint.« Der Marques trat vor Erstaunen einen Schritt zurück und sagte dann im Ton des gelinden Vorwurfs: »Und schämst du dich nicht, Mensch, wenn du einem gütigen, edlen Herrn dienst, mit dieser Gier als Bettler den Wandelnden anzufallen und dich zum allerniedrigsten Gesindel zu gesellen? Dich Schlägen und Mißhandlungen auszusetzen? Ja, deinen eignen Herrn zu beschimpfen! Denn wenn er dich nun einmal in diesem Volksdrang, unter diesem Pöbel als Bettler fände, wenn er von einem Bekannten deine Geldgier erfahren sollte! Wie könntest du ihm Rede stehn? Müßtest du nicht die härteste Bestrafung erwarten und dir selber sagen, daß du sie verdienst?« Der Neger sah unverwandt auf den Boden, trocknete sich die Tränen und nickte verstummt bei jedem Worte des Greises wie beifällig mit dem Kopfe. »Darum«, fuhr der Marques im ernsteren Tone fort, »gib diese schimpfliche Lebensart und Angewöhnung auf und hüte dich, daß ich dich wieder so betreffe, deinen Herrn und dich beschimpfend.« »Nicht mehr betteln? Nichts mehr bekommen? Mir strafen, wenn ich was suchen?« rief jetzt der Neger wie außer sich. »O Gold! Gold! Wie zwingst mir mit deiner Schönheit, alles zu sagen, zu bekennen, ach! Gold! Bist zu gewaltig für mein Herz. – Nein, Exzellenz, hoher, höchster Herr, bleibt gnädig gegen mir, nicht zürnen! Ich alles, alles meinem liebsten, schönsten Herrn gebe, der mir liebt, den ich anbeten möchte, der mir Gott ist, der ärmer als ich, der nur einzig mir, mir ganz allein auf dieser Erde hat, keinen andern Freund, kein ander Gut, kein ander Vermögen als mir hier, armen, nichtsnutzigen schwarzen Mann und Bettler, dem ich mit Herzensfreude alles ausliefern tu.« Der Marques war vor Schreck blaß geworden. »Wie«, rief er aus, »für deinen Herrn sammelst und bettelst du, der Sklav? Und nennst ihn gut, freundlich und edel? Um des Himmels willen, nenne ihn mir! Kann ein Edler im Christentum, in unserm Land, hier in unsrer edlen Stadt, zu diesem entsetzlichen Elend hinabsinken? Mensch, nimm, da hast du noch mehr Gold, aber nenne mir den Mann, bringe ihn zu mir, ich will ihm helfen, ihn wieder aus dem Staube heben und dich für deine treue Liebe belohnen.« Jetzt warf sich in der größten Erschütterung der Sklave nieder und küßte die Füße des Greises. »Nein, nein, hochmächtige Herr! Nur nicht nennen! Ist mir zu scharf verboten. Ach! Ja Glück genug, daß so viel geschenkt bekommen. Darf ihn aber nicht verraten. Unglück, daß so viel ausgeplaudert. Ist sonst niemals, niemals geschehn. Nein, göttliche Exzellenz, mir um Christi willen nicht zum Verräter machen: kein Judas Ischariot will werden; nicht verführt mir dazu, müßte mir auch gleich in Verzweiflung aufhängen.« Wie verzweifelnd wand sich Antonio auf dem Boden, doch der Marques richtete ihn auf, indem er sagte: »Beruhige dich, mein Sohn, ich will dich nicht unglücklich machen, aber folge mir nach meinem Hause, ich will meinen Leuten befehlen, daß sie dir wöchentlich, oder sooft du erscheinst, etwas in meinem Namen verabreichen.« Zitternd ging Antonio hinter seinem Wohltäter bis zu dessen Palast. Dem Türhüter und Haushofmeister ward befohlen, den Neger, sooft er komme, einzulassen und ihm ein namhaftes Geschenk zu reichen. Antonio ging freudig fort, aber auch tief bekümmert, daß man ihn verleitet hatte, so viel von seinem Herrn auszusagen, dessen melancholische Empfindlichkeit er fürchtete. Der Marques de Castro fühlte sich erschüttert. Ist es möglich? sagte er zu sich selbst, indem er im Saale auf und nieder ging, kann es dahin kommen? Ein treuer Sklave muß einen Edlen, einen freien Mann, der von gutem Hause sein mag, der vielleicht seinem Vaterlande gedient hat, bettelnd ernähren? Ja, dieses Chaos, das uns Reichtum, Verfolgung, Plündrung, Stolz und Egoismus so fürchterlich aufbauen! Wer mag der Unglückliche sein? Von welchem Stamm? Was mag ihn so weit getrieben haben, alle übrigen Menschen aufzugeben? Er nahm sich vor, den Sklaven von seinen Leuten im stillen beobachten zu lassen, um womöglich den Aufenthalt des Herrn zu entdecken. Er ging nur spät in sein Schlafzimmer und konnte dort den Schlummer nicht finden, weil seinem erschütterten Gemüt immerdar das drohende Bild dieser furchtbaren Armut und eines so tief erniedrigten edlen Mannes vorschwebte. Auch Graf Ferdinand hatte sein Haus verlassen, um die Erscheinung des Kometen und die Bewegung des Volkes zu beobachten. Er begab sich nach einem andern großen Platz in einem entgegengesetzten Teile der Stadt, und hier, wo sich die stilleren Bürger versammelt hatten, war weniger Geschrei und Unruhe. Alle oder doch die meisten kamen darin überein, daß die Himmelserscheinung dem Könige und dessen Heer in Afrika Unheil, wohl gar den Untergang vorbedeute. Die Stimmung war eine schwermütige, und diese trauernden Menschen schienen auf alles gefaßt. Fernando nahm teil an ihren Gesprächen, und da sie ihn nicht kannten, begehrten sie seinen Rat und daß er ihnen sagen solle, wie er über die Angelegenheiten des Reiches und diese Naturerscheinung denke, welche allgemeines Schrecken verbreite. »Ich hoffe«, sagte der junge Graf zu einem ehrsamen Bürger, «daß der Himmel uns und unsre gute Sache nicht verlassen wird. Warum sollte ein mutiges Heer, größer und stärker ausgerüstet als jemals eins nach Afrika hinüberschiffte, nicht so glücklich sein, dieselben Großtaten dort zu verrichten, welche schon sonst viel kleineren Scharen zum Ruhm des portugiesischen Namens gelangen?« »Diese Hoffnung müssen wir festhalten«, sagte ein Mann von feinem Ansehn, welcher zu ihnen getreten war. »Außerdem findet unser König dort mächtige Bundesgenossen, und wir können uns der Aussicht erfreuen, daß die Christen und unsre Landsleute, wenn sie einige Siege errungen haben, nach und nach ein großes christliches Reich an jenen Ufern stiften und wiederherstellen können. Waren diese gesegneten Küsten dort schon einmal ein mächtiger Christenstaat, so war es wohl unserm heldenmütigen Sebastian vorbehalten, auch hier ein mächtiges Reich zu gründen, wie wir solche im östlichen und westlichen Indien besitzen. Dieses Himmelszeichen leuchtet nun den Streitenden auch dort, und wenn es dem Menschen erlaubt ist, die wunderbaren, unverständlichen Äußerungen der Natur, die irrenden Himmelskörper mit dem menschlichen Tun und Schicksal zu vereinigen, so brennt dieser gefürchtete Komet vielleicht als Siegesfackel, als Freudenfeuer, um uns hier, schneller als Schwalben oder Tauben fliegen können, anzusagen, daß dort in Afrika das Wichtigste, das Entscheidendste schon geschehen, der größte Kampf schon errungen sei.« Alle erfreuten sich dieser tröstlichen Rede, und Ferdinand, dem die gut gesagten Worte des Mannes, noch mehr aber der Wohllaut gefallen hatte, mit welchem sie waren gesprochen worden, sah ihm nach, wie er sich entfernte, und war noch unschlüssig, ob er ihm nicht folgen und das Gespräch mit ihm fortsetzen sollte, denn das Wesen des Unbekannten hatte ihn wundersam angezogen. Indem er zögerte, gewahrte er den Bildhauer oder Holzschnitzer Enriko im Haufen und wendete sich an diesen: »Kennt Ihr den Mann«, fragte er ihn, »der eben redete?« »Jawohl, Herr Graf«, antwortete der Künstler, »dieser ist der nämliche, von welchem ich Euch neulich sprach, von dem wir alle nichts Näheres wissen und den wir nur Don Luis nennen.« Fernando folgte in dem dämmernden Licht der Gestalt, bis beide zu einem einsamen Spaziergang gelangt waren, dessen Orangenbäume einen angenehmen Duft in der warmen Nacht ausstreuten. »Verzeiht«, fing der Graf an, »ich bin Euch nachgefolgt, weil Eure Rede mir sehr wohl gefiel. Sie spricht meine Gesinnung aus – wäre dies aber auch nicht ganz so Eure Überzeugung, so war es auf jeden Fall sehr klug getan, das Volk durch diese verständigen Worte zu beruhigen.« »Die ehrsamen Bürgersleute«, antwortete der Unbekannte, »sind ruhig, von ihnen ist kein Aufruhr wie vom Pöbel zu besorgen, es müßte denn der Fall eintreten, daß es Große und Vornehme für zweckmäßig hielten, auch diese betriebsame, gesetzte Klasse aufzuregen, um irgend politische Zwecke auszuführen. Außerdem aber ist, was ich äußerte, meine Überzeugung und feste Hoffnung. Ein neues Gestirn, ein glanzreiches, ist dem Vaterlande in unserm heldenmütigen Sebastian aufgegangen, die Länder, über die er jetzt sein leuchtendes Schwert hinstreckt, werden uns dienstbar werden, auch diese Meere werden unserm Gesetz gehorchen und vor dem Bilde Christi und seiner Mutter niederknien. Ein neues Morgenrot geht auch dort im Süden auf, und dort, wo der heilige Augustin geboren ward und als Fürst der Kirche regierte, wo unser Prinz Fernando als Geisel und Märtyrer verschmachtete, wo Alfons und Duarte siegreich kämpften, wird aus dem verströmten Christenblut sich ein Heldenreich erheben, um neue, frische Blätter in unsern Siegeskranz zu flechten.« »Eure Hoffnung ist schön«, sagte der junge Graf, indem er den Redenden mit Erstaunen betrachtete. »Ihr gehört nicht jenen Bürgern an, unter welchen ich Euch traf und die mir schon früher viel Rühmliches von Euch erzählt haben. Darf ich nach Eurem Stand und Namen fragen? Denn es würde mich beglücken, wenn Ihr mir Eure nähere Bekanntschaft gönnen wolltet.» Luis trat einige Schritte zurück und betrachtete nicht ohne Stolz im Ausdruck den, der sich ihm etwas eigenmächtig, wie es ihm schien, als Bekannter aufdringen wollte. «Ich habe noch nicht«, erwiderte er trocken, «Eurem Namen und Stande nachgefragt, Ihr seid mir fremd wie ich Euch, wir wandeln hier in der Nacht, welches Interesse könnt Ihr darin finden, mehr von mir zu wissen?» »Das Interesse«, antwortete Fernando, «welches uns jeder edle Mann einflößt, dessen Bildung und feiner Sinn sich in jedem ausgesprochenen Worte ankündigt. Warum wollt Ihr Euch spröde und rauh zurückziehn, wenn Euer Wesen mich, möcht ich doch sagen, zu Euch reißt? Ich bin noch jung und bedarf der verständigeren Freunde, solcher Menschen, die besser sind als ich, die mehr Erfahrungen gemacht haben und das Leben besser kennen.» Er nannte dem Fremden hierauf seinen Stand und Namen und beschrieb ihm seine Wohnung, indem er ihn zugleich mit freundlicher Höflichkeit ersuchte, ihm in den nächsten Tagen seinen Besuch zu gönnen und mit ihm zu essen. Luis antwortete: «Verzeiht, wenn ich Euch zweifelnd, kalt und mißtrauisch erscheine: Ich habe viel Unglück erfahren, längst schon hatte ich meine Rechnung mit dem Leben und allen Hoffnungen völlig abgeschlossen. So habe ich denn die Menschen und ihren Umgang vermieden, am meisten aber – verzeiht dies Geständnis und mißversteht mich nicht – die große und vornehme Welt. Es ist mir neu, wieder Bekanntschaften zu machen, und gerade mit einem Jüngling aus einem hohen Hause, denn ein Kreis von harmlosen, gutdenkenden Bürgern genügte mir, deren Wohlwollen mir gut tat, mit denen ich las, sprach und unbefangen stritt und sie und ihre Gesinnungen anhörte. Ihr sagt, daß mein Wesen Euch anzieht, und ich muß Euch gestehn, ich empfinde eine ähnliche Zuneigung zu Euch. Wir wollen es also miteinander wagen, und fügen es die Götter nur, daß uns beiderseitig dieser Schritt nicht gereue. Nach vielen Jahren unternehme ich also wieder die Irrfahrt, ein echtes, menschliches Herz zu finden. Nur versprecht mir, nicht weiter in mich zu dringen, um meine Verhältnisse zu erforschen, und führt mich, wenn ich in Euer Haus trete, nicht in den Schwarm andrer Menschen, am wenigsten den Eures Standes. Wenn Ihr diese meine Menschenscheu anerkennen wollt, so bin ich zu Mittage an dem festgesetzten Tage in Eurem Hause.« »So sei es«, antwortete Fernando lächelnd, »der seltsame Vertrag sei hiermit geschlossen. Ihr sollt ganz allein mit mir speisen, ungestört und unbelästigt und nur in Gesellschaft eines kranken florentinischen Hauptmanns, der Euch keinen Zwang auferlegen wird.« So schieden sie, und Fernando eilte nach seinem Hause, in einer seltsamen frohen Stimmung, denn das Abenteuerliche und Geheimnisvolle dieser neugestifteten Freundschaft gefiel seinem jugendlichen Gemüte. Luis verließ die Stadt, um sich nach seiner fern liegenden Nachtherberge zu begeben. An einer einsamen Stelle, zwischen Gartenmauern, traf er seinen Neger. Sie gingen schweigend nebeneinander, und nach einer Weile sagte Luis: »Was ist dir, Antonio? Du bist so still? Mich dünkt, du zitterst; ängstigt dich dieser Komet auch ebenso wie viele jener Menschen dort in der Stadt?« »Nein«, antwortete der Schwarze, »Komet da oben ist gut Freund mit mich, hat gut, fruchtbares Jahr bedeutet, macht Beutel los und Herzen warm, und doch ... Ach, liebster Herr, weiß meine dumme Zunge nicht, wie Euch das alles durcheinander erzählen soll, was meinem Maul auf seinem Herzen liegt.« »Sprich, guter Mann«, sagte ermunternd sein Herr, »weiß ich ja doch, daß du nichts Unrechtes begangen haben kannst.« »Doch, doch!« sagte Antonio, sehr eifrig. »Aber alles kommt davon, daß letzt mir ein großer Herr nach seinem Wohlgefallen geprügelt hat.« »Wie?« sagte Luis. »Dich Armen? Ja, diese Vornehmen! Es wird ihnen so schwer, Menschen zu sein.« »Nein, nein«, rief der Neger, »hatte ganz recht, der ansehnliche Mann, daß er mir über Buckel und Gesicht mit dem Stocke schlug. Hatte mich schon Silberling geschenkt, wollte mehr haben, war gierig nach großem Stück, wie er an den Musikanten gab. Gab ein Wort das andre, und aus meinem letzten Wort kamen die Schläge heraus. Da war mein Nasenweisheit aus, und ich ging weg, schämte mir, war gegen den alten Herrn grob und unbändig gewesen. Nun sieht mir heut, wie oben Komet über uns sein Kunststück macht, das alte liebe Herrchen wieder da auf großem Wasserplatz, wo du auch manchmal gern bist, lieber Mann. Denke, wird noch im Stock was zurückbehalten haben, und Prügelei wird bei Kometenschein weitermusizieren, wo sie bei Tageslicht zu Ende mit sein Lied war. Geh also sacht, sacht weg. Der mir in seine neue Stiefel nach, immer nach. Fragt mir, ob ich der und der von der Prügelei war. Ja. Und nun – ach, lieber Gott, legt sich alt Exzellenz auf Abbitt, als wenn ich Mensch wär wie er, und will es wiedergutmache und schenkt mir sechs große Goldstück und nachher noch mehr und macht großes Ding aus mir und schleppt mir nach sein Palast, sagt Dienstbot, sollen mir einlassen, wenn ich komm, und sollen mir gut Freund sein und sich räsonabel gegen mir betragen und jedesmal, zweimal in der Woche, groß Stück Geld schenk. So lieb hat mir weißbärtige Exzellenz gewonne und hat mir Ehrenerklärung getan und hat gesagt, wolle nicht mehr tun, nicht mehr prügeln.« Der Sklave überantwortete zitternd die große Summe seinem erstaunten Herrn. Als dieser ihn schweigend ansah, fuhr der Neger fort: »Ist aber nicht aus so, kommt schlimm. Wie wir uns so was erzählt und vornehme Graubart beinah weinte, wie er erst 'n bissel geschimpft hatte, ach, so sagt ich ihm im Vertraun, ich möchte wohl lügen können, wie ich mir schon oftmals gewünscht habe – und so dacht ich wieder, und Exzellenz, die alte, meinte ebenso, Lügen sei schlecht, und kein Mensch kann klug lügen, wenn Herz und Brust bibbert und bebbert und heiße Tränen in Augen brennen und große, große Geist wie in das Tränenwasser steigt und drein regiert. So ist Lüge tot und nichts in Gegenwart Gottes, und so fuhr mir aus mein dummes Maul heraus, daß ich kein Kinder hätt, aber Herrn, dem ich alles geben tät, was mir mildtätige Herrn und so ausbündige Exzellenz zuwenden täte.« Luis erschrak. »Und du hast ihm auch gesagt, wo ich wohne, wie ich heiße?« fragte er schnell. »Davon nichts«, sagte Antonio, »nichts als das! Aber bitte, bitte, mir vergeben, mir dummen Mensch. Verdien nicht in solcher Sozietät und Kamradschaft zu sein. Würdet aber vielleicht selbst alles gestehn, großer, lieber Herr, wenn dein Herz mal so zerknirscht wäre.« »Und wie heißt dieser alte Mann?« fragte Luis. »Heißt der Marques de Castro«, erwiderte der Sklave. »Ha! de Castro!« rief Luis laut aus. »Sieh, Antonio, ich vergebe dir alles, Bruder: Ich glaube, daß diese ansehnlichen, unerwarteten Geschenke, die Milde des großen Herrn dich so gerührt haben, daß du deine Fassung verlorst. Ich verlange aber, daß du nicht zum Palast dieses Mannes gehst, daß du auch ihn selbst vermeidest, sowie du ihn gewahr wirst. Nein, diesen Familien, die sich meinen schlimmsten Feinden damals verbunden haben, die mich verfolgten, will ich fortan nichts verdanken, mich ihnen niemals nähern.« Dieser also! sagte er zu sich selbst. Taten alle diese Verbündeten nicht alles, mich zu zerstören? War ihr Durst nach Rache nicht unersättlich? Er, ihr Oheim, ist gewiß mit den Nichtswürdigen im Bunde gewesen, die mich noch durch Verleumdung verfolgten, als ihre Ketten und Dolche mich nicht mehr erreichen konnten. Nun sendet er mir, ohne mich zu kennen, diese Summe, die mir ein Schatz ist, und ich muß sie behalten, um mich vor dem Verschmachten zu erretten und diesen schwarzen Bruder zu ernähren. Unter diesen Betrachtungen wandelte der Leidende nach seinem trübseligen Asyl. Der Marques de Castro fand es gut und notwendig, seinem Neffen, dem Grafen Fernando, das Wesentlichste von der Geschichte Catharinens mitzuteilen, und da sie ihm nach einigem Zaudern die Erlaubnis gab, so erzählte er dem jungen Manne die Begebenheiten, die ihn selber tief gerührt hatten. Der Neffe nahm diese Mitteilung ganz so auf, wie es der Oheim von ihm erwartet hatte. Das Leben seiner Tante, ihre Trauer und Schwermut, ihr ganzes Wesen schien ihm jetzt von einem höhern und poetischen Glänze umleuchtet. Ihre traurigen Erfahrungen schmerzten ihn, aber er fühlte sich ihr durch ihre Verbindung mit dem vielgeliebten Dichter geistig näher verwandt. Die Aussicht, die ihm der Oheim eröffnete, nach wenigen Jahren der Gatte der liebenswürdigen Maria zu werden, erschien ihm höchst reizend, denn durch diese Verbindung glaubte er ebenfalls ein Sohn jenes Camoens zu werden, der schon längst seine Seele und sein Herz mündig gemacht und sein Geist immerdar Vater genannt hatte. Indem beide Männer mit erhöhter Vaterliebe das sonderbare Kind beobachteten, glaubten sie jetzt in jedem Ausdruck und jeder vorüberschwindenden Laune das dichterische Gemüt zu bemerken, das sich in der Enkelin vielleicht bestimmter abspiegelte, als es in der Tochter selber erschienen sein mochte. Der Marques hatte alle Vorbereitungen getroffen, daß Maria gerichtlich als sein Kind anerkannt werden sollte, und der Regent hatte sein Gesuch schon bewilligt, so wie es der Kardinal Heinrich auch bestätigte. Das Volk hatte sich wieder beruhigt, und man konnte an jedem Tage, in jeder Stunde Nachrichten aus Afrika und Bestätigung jener Siege erwarten. Diese Vorfälle mußten größere und entscheidende Schlachten herbeiführen, und die Parteien des Adels sowohl die Patrioten wie jene, die ihre Augen nach Spanien wendeten, waren in der höchsten Spannung. Ein jeder beobachtete den andern, und jeder traf auf jeden Fall seine Vorkehrungen. Die Freunde Spaniens waren nach den letzten Siegesnachrichten viel ruhiger und vorsichtiger geworden, denn sie mußten fürchten, daß die Patrioten das Volk von neuem aufregen, und dessen Haß gegen diese Faktion treiben könne. An einer krankhaften Aufspannung litt vorzüglich die hochgestimmte Catharina. Es half nur wenig, wenn der Marques sie beruhigen oder zerstreuen wollte, wenn der alte, treuherzige Christoforo ihr von Indien und den sonderbaren Sitten und Begebenheiten jener fernen Länder erzählte; sie konnte ihre Gedanken von Afrika nicht zurückwenden, und sie horchte immerdar auf ihre innern Ahndungen, die ihr die Schlachtgefilde und Glück oder Unglück abwechselnd vorspiegelten. Christoforo fing an, seine Leiden mehr zu überwinden, es besserte sich sichtlich mit seiner Gesundheit. Er fühlte sich schon um so vieles stärker, daß er sich von den Dienern in den Garten konnte hinunterführen lassen, wo er dann in der Laube ruhte oder unter den Granaten- und Orangenbäumen langsam wandelte. Dann setzte sich auch Catharina zu ihm, und das mutwillige Kind hüpfte und scherzte um sie her. An dem Tage, an welchem der Graf Ferdinand seinen ungekannten Gast erwarten durfte, trat dieser in saubrer Kleidung in dessen Zimmer. Der Graf ward, da er am hellen Tageslicht seine neue Bekanntschaft genauer betrachten konnte, von dem schlichten Ansehn und dem natürlichen Adel dieser Erscheinung überrascht. Statt sich ihm mit Herablassung zu nähern, fühlte er sich im Gegenteil durch die Nähe des Mannes in Verlegenheit gesetzt. Der Fremde ging höflich auf ihn zu, und Ferdinand reichte ihm mit der größten Freundlichkeit die Hand, um sogleich ein vertrauteres Verhältnis einzuleiten. »Ihr seht«, sagte er mit Heiterkeit, »wir werden wie zwei Einsiedler miteinander speisen, und nur mein florentinischer Freund wird uns Gesellschaft leisten, der jetzt in Afrika unter unserm Könige kämpfte, wenn ihn nicht eine plötzliche Verwundung in mein Haus geführt hätte. So fügt der Zufall, oft sogar der schlimme, wohl etwas Erfreuliches herbei, denn dieser Hauptmann ist mein Freund geworden, vielleicht gelingt es mir ebenso mit Euch.« Der Gast antwortete mit höflichen und verbindlichen Redensarten, wie einer, dem die Gesellschaft der Gebildeten nicht fremd ist. Als der Hauptmann zu ihnen trat, setzten sich die drei Männer zu Tische, heitere Gespräche wechselnd. Der Florentiner blickte den fremden Gast scharf an und sagte endlich: »Ist mir doch, mein Herr, als wenn ich Euch schon sonst wo gesehn haben müßte; wart Ihr niemals in Italien?« »Niemals«, antwortete Luis, »mein Schicksal verschlug mich nach fernen Weltgegenden, aber dieses schöne Land habe ich niemals betreten. Doch sind wir uns neulich hier in Lisboa begegnet.« »Die Ähnlichkeit der Menschengesichter«, sagte der Graf, »ist insofern etwas Wunderbares, weil jedes Auge sie anders sieht, jedermann eine andre findet, die der Nachbar nicht bemerkte, so daß jedes verständige Antlitz einem magischen Spiegel gleicht, der, so oder so gewendet, die verschiedensten Bildnisse darstellt. Oft ist es aber auch ein bestimmter Ausdruck von Edelmut, Gutmütigkeit, Verstand oder Scharfsinn, der uns beim ersten Anblick sogleich als etwas längst Bekanntes überrascht und unser Vertrauen erweckt. So geht es mir mit dem Sennor Luis, der mir auch als ein längst Gekannter erscheint. Man kann es ein Glück, eine Gabe des Himmels nennen, so erschaffen zu sein, und wahrhaft zu beklagen sind die Menschen, deren Anblick zurückscheucht, in deren Nähe sich unser Herz verschließt und kein Wort des Vertrauens über die Lippen geht. Diese Menschen sind oft nicht die schlimmsten, und ihr stechender Blick, ihre lauernde Miene, ihr geistloser oder roher Mund sind nicht immer das Zifferblatt für Bosheit oder gemeine Gesinnung.« »Es gibt eine Häßlichkeit«, sagte Luis, »die den edlen Ausdruck gewiß nicht ausschließt, selbst das Kranke, Entstellte und Krüppelhafte kann liebenswert erscheinen. Wir sind von der Natur angewiesen, unserm Instinkt zu folgen, denn auch er ist Gabe, die uns leitet und warnt. Niemand wird, wenn er noch Wahl hat, die Speise genießen, die ihm einen bestimmten Ekel erregt. Warnt uns nun unser Genius deutlich vor einer Physiognomie, so sollten wir auch hier wohl dem verständlichen Gefühle folgen und einen solchen Menschen vermeiden, wenn wir bis dahin auch noch nichts Schlimmes von ihm wissen. Wir sollen wenigstens empfinden und uns dieses Gefühl eingestehn, daß dieser und jener nicht zu unserm Umgang passen. Dagegen verstoßen wir zu oft und bereiten uns dadurch große Leiden und vielen Verdruß. Nicht selten, daß wir irren: daß wir gut mit solchem Bekannten fahren, daß er uns späterhin lieb wird, aber die Mienen und der Ausdruck können sich aber auch geändert haben, jene früheren Anzeichen deuteten vielleicht auf eine Seelenkrankheit, die jener Mann, den wir jetzt anders ansehn, in dessen Gegenwart uns jetzt wohler ist, seitdem überstanden hat. Nur scheint es mir tadelnswert, daß wir aus falscher Tugendansicht jenem Instinkt, wenn er uns warnen will, zu vorsätzlich widerstreben, denn die Menschenliebe, die uns Christus und die Moral befehlen, braucht dadurch nicht ausgeschlossen oder nur vermindert zu werden.« »Jawohl«, sagte der Florentiner, »denn eine Verstimmung des Gemütes, eine Art von Wahnsinn oder Irrsinn kann uns mit Fug ebenso verletzen und erschrecken, als wo wir Lug, Heuchelei und Bosheit in der Physiognomie wahrzunehmen glauben. So sprach ich Euch neulich, Herr Graf, von dem echten Dichter Torquato Tasso, den ich in Florenz kennenlernte und ihn kürzlich in Ferrara wiedersah. Das Wesen dieses Mannes ist so unruhig und hin und her fahrend, sein Auge so mißtrauisch und ungewiß, seine Miene so schnell und erschreckend von Heiterkeit zum finstern Ernste wechselnd, daß er, sosehr man ihn achten muß, kein Vertrauen erwecken kann. Es scheint in ihm sich eine Krankheit vorzubereiten und auszubilden, die er vielleicht erst überstehen muß, um dann als eine ganz verschiedene Erscheinung aufzutreten. Wird ein schon reizbares Gemüt durch steten Verdruß, Neid und Mißgunst geneckt, so kann auf lange in seinem Auge und Blick ein scheues Lauern, eine heimliche Tücke sichtbar werden, wie sie uns an manchen wilden Tieren widerwärtig auffällt. Jene Verfolgten, die durch ihre harten Schicksale auf eine Zeitlang irre werden, haben meistens diesen Blick.« »Im Auge«, sagte Luis, »ist eigentlich das ganze Wesen des Menschen, wer es zu lesen versteht. Blick und Auge scheinen mir so deutlich und verständlich, daß wir uns eigentlich, wenn wir diesen Spiegel des Geistes beschauen, niemals an einem Menschen irren sollten. Darum sind auch die Blinden so unglücklich, weil dieses Kennzeichen in ihnen ausgelöscht ist – und schon der ist zu beklagen, dem das Auge verwundet ward oder der die Hälfte seines Sehvermögens einbüßte.« Die Zuhörenden waren still und fast verlegen, denn das tote Auge neben dem schönen lebenden des fremden Mannes machte einen sonderbaren und wehmütigen Eindruck. Der Hauptmann, um die Stille zu unterbrechen, fragte: »Bei welcher Gelegenheit, edler Herr, hat Euch das Unglück betroffen?« Der Graf sah ängstlich auf, weil der Florentiner den Vertrag gebrochen hatte, doch Luis blieb ruhig und sagte fest und kalt: »Verzeiht, wenn ich darauf nicht antworte, ein Gelübde zwingt mich schon seit manchem Jahr, alles das nie zu berühren, was ich selber erlebt habe. Ihr könnt mir aber glauben, daß ich dieses Auge nicht auf unrühmliche Weise verloren habe.« »Nehmen wir unser voriges Gespräch wieder auf«, begann der Graf. »Es ist nach den vorigen Bemerkungen nicht unnatürlich und auch nicht ganz zu tadeln, wenn fremde Volksstämme, Menschen aus andern Regionen oder gar solche, die unserm Vaterlande immerdar feindlich gesinnt waren, uns Mißtrauen einflößen und ein unangenehmes Gefühl erregen. Dies ausgebildet oder als Tugend geachtet, bildet dann jenen Nationalhaß, dessen schreckliche Wirkungen wir oft in der Geschichte mit Widerwillen wahrnehmen. Und doch soll jeder, vorzüglich in Zeiten der Not, fest und entschlossen beim Landsmann stehn und den Fremden, wenn er uns Elend und Unterjochung entgegenträgt, mit vollem Herzen hassen.« »Wir können, so scheint es«, sagte Luis, »diese Gefühle und Vorurteile nicht so scharf und sicher beobachten und feststellen, daß wir sagen könnten, in welchem Grade oder unter welchen Umständen sie unbedingt Laster oder Tugend werden können. Aber der Jude, der Türke und Muselmann, der Chinese und Indier werden uns immerdar ein Gefühl erregen, als ob wir etwas Unheimliches in ihrer Nähe empfänden, eine gewisse Ängstlichkeit, so daß es schwer dünkt, mit allen diesen Menschen vertraut umzugehn oder gar mit ihnen Freundschaft zu schließen.« »Wie nun vollends wird uns das Gefühl dieses Fremdseins deutlich«, fuhr der Italiener fort, »wenn wir auf jene schwarzen Negerstämme sehen, die recht eigentlich die Auswürflinge der Menschheit zu sein scheinen: sozusagen zur Knechtschaft geboren und der Freiheit und aller edlen Triebe unfähig, welche die kultivierten Nationen charakterisieren. Ihre Körpergestalt – wie abweichend von allen andern Völkerstämmen; ihre schreckende Farbe, die unter keinem Klima, wenn sie nicht mit Weißen Kinder zeugen, gemildert wird. Diese Riesenkraft, dieser sonderbare Schädel, alle diese Züge, die mit dem übrigen Menschengeschlecht kaum noch etwas Gemeinsames haben. Hier zeigt sich diese Entfremdung, von der wir sprachen, wohl am deutlichsten, und selbst der Leichtsinnigste wird es nicht über sich gewinnen können, eine solche Kreatur wie einen weißen Nebenmenschen zu behandeln.« »Darum ist es auch fast begreiflich«, setzte der junge Graf die Betrachtung fort, »daß manche Philosophen und Beobachter der Natur auf den Gedanken gekommen sind, diese dunkeln Wesen möchten von einem andern Stammvater als das übrige Menschengeschlecht herrühren. Andere wollen sie zu Nachkommen Kains machen, die der Sintflut entronnen wären, und finden es deshalb nicht unbillig, wenn sie in Amerika und vielen Ländern als leibeigene Sklaven gebraucht werden, weil dadurch der Fluch nur, den Gott auf Kain gelegt oder Noah auf den Bösewicht Ham, in Erfüllung gehe. Wenn das auch Träume sind, so fühlt doch jeder von uns, daß sie tief unter den übrigen Menschen stehen, und dies Gefühl läßt sich auf keine Weise vernichten. Allein ... Was ist Euch, Herr Luis? – Verzeiht, wenn ich besorgt bin. – Ihr scheint gerührt, erschüttert ... ist Euch nicht wohl? – O redet, teurer Mann, und befreit mich von dieser Angst um Euch!« Luis hatte die Farbe verändert, er schien mit einer außerordentlichen Bewegung zu kämpfen, welche er verbergen wollte. Er gewann endlich die Fassung wieder und sagte nach einer Pause: »Meine verehrten Herren, es schmerzt mich, daß ich mich wieder habe verleiten lassen, was mir im Leben schon oft begegnet ist, Dinge zu behaupten, die immer nur mit schwachen Fasern in unserm Innern wurzeln können, denn die letzte Schilderung, zu welcher unser Gespräch führte, hat mich aus dem Schlummer geweckt, in welchen uns Worte nur zu oft einschläfern. Unsre Bemerkungen über die unglücklichen Neger haben mich tief erschüttert, denn von hier aus sah ich zurück, daß ich auch wohl in allem vorigen geirrt – und schlimm geirrt haben könnte. Erlaubt mir, Euch vorzutragen, was ich selbst erlebt habe, wovon ich Zeuge war, und das ist das mindeste, was ich zur Verteidigung dieser armen Schwarzen tun kann.« Die Freunde baten ihn, das zu erzählen, was ihm selber merkwürdig schien, und Luis, nachdem er eine Weile still vor sich niedergesehen hatte, begann also: »Einem Freunde von mir, welcher lange in Ostindien lebte und dort Kriegesdienste tat, ist Folgendes begegnet, welches er mir selber mitgeteilt hat. In einem Kampfe mit jenen wilden Horden, die bald von uns Portugiesen besiegt werden und sich unterwerfen, bald wieder die Waffen ergreifen und oft als tapfere Krieger kämpfen, noch häufiger als Räuber uns überfallen – in einem von jenen nie endenden Kriegen war mein Freund in einem scharfen Gefecht schwer verwundet worden. Er ward zurückgeführt, und sein Neger trug ihn schnell in eine Felsenhöhle und verband in Eile, so gut er es vermochte, seine Wunden. Das Gefecht ging indessen fort und wendete sich sehr zum Nachteil der Portugiesen. Mein Freund bemerkte die Gefahr aus seiner Höhle und schloß sich, so erschöpft er auch war, dem Trupp, welcher sich zurückziehen mußte, wieder an. Bald ward der Rückzug übereilte Flucht, und indem die Feinde die Mehrzahl des Truppes verfolgten, blieb er mit wenigen in der Wüste zurück. Wir waren, das wußte er, von unsrer Station durch den siegreichen Feind abgeschnitten, sonst aber war er der Gegend ganz unkundig und seine Lage um so trostloser, da nirgends ein Baum, Strauch, Wasser oder Frucht zu entdecken war, um nur eine augenblickliche Erquickung zu gewinnen. Alle irrten klagend umher, in der Furcht, von streifenden Feinden angetroffen und erschlagen zu werden. Das Elend steigerte sich aber am folgenden Tage schon so, daß bei manchem diese Furcht sich in Wunsch verwandelte, um des Jammers nur auf einmal loszuwerden: denn der fürchterlichste Durst quälte alle, vor Hunger waren alle erschöpft und sterbend, die heiße Sonne stach herab und quälte unerträglich; die Nacht war ebenso verderblich kalt. Mein Freund, der sein Leben aufgegeben hatte, lag mit dem Haupte unter einem Stein, der ihn einigermaßen vor den Sonnenstrahlen schützte, er konnte nicht mehr gehn, und der Blutverlust hatte ihn so geschwächt, daß er oft selbst das Ächzen und Verzweifeln seiner Leidensgefährten nicht mehr vernahm, die bald winselnd, bald ihr Schicksal verwünschend, hin und wider irrten. Einige, die noch die stärkern waren, hatten vordringen wollen, um einen Ort zu entdecken, der ihnen Trost oder Linderung gewähren möchte. Nach ihren Reden erstreckte sich die Wüste, so weit nur das Auge reichte, und so verwirrt, wie alle waren, konnten sie sich nicht einmal erinnern, nach welcher Richtung die Stadt liegen mochte, aus der sie den unbesonnenen Streifzug unternommen hatten. Denn nun rächte sich die törichte Kühnheit eines jugendlichen Anführers, der, unbedacht, da er anfangs keinen Widerstand traf, sich zu weit vorgewagt, dann den bedeutenden Trupp in lauter kleine Korps zerstreut und sich hernach ohne Kenntnis des Landes in die Wüste zu fern hinausgewagt hatte, eines leichten und schnellen Sieges gewiß. Die Feinde hatten die einzelnen Truppen aus dem Hinterhalte überfallen, sie umgangen und dann mit Vorbedacht in die Wüste hinausgetrieben, um ihnen den Rückweg unmöglich zu machen. Alle diese Vorstellungen und Überzeugungen, die noch am vorigen Tage meinen Freund geängstigt hatten, entschwanden ihm jetzt oder waren ihm gleichgültig. In seinem Verschmachten, welches er bald mit unsäglichen Schmerzen fühlte, bald wieder im dumpfen Hinstarren vergaß, quälte ihn die Vorstellung einzig noch, daß sein treuer Neger, der ihm schon einigemal das Leben gerettet hatte, ihn verlassen habe oder schon umgekommen sei. So erschien der dritte Tag, und wenn mein Ohr erwachte, so erzählte mein Freund, horchte ich nach meinen Gefährten und erriet aus einzelnen Silben eines, der nicht weit von mir lag, daß die übrigen schon ihren Tod gefunden haben müßten und dieser letzte auch im Sterben sei. Nur der Wunsch, bald ihnen zu folgen, blieb als einzige und letzte Spur des Lebens in mir zurück. Wie lange ich schon das Bewußtsein verloren hatte, kann ich nicht sagen, als – ich spreche im Namen des Freundes, wie er mir die Begebenheit vortrug – ich plötzlich eine Kühlung, ein mildes Anwehn, ein sanftes Hauchen fühlte und zugleich eine schmerzliche Klage vernahm. Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, konnte auch den Ton nicht unterscheiden, und wie dem Kranken, dem Sterbenden in den Sinnen zuerst wieder Gefühl und Bewußtsein erwacht, so waren es meine geborstenen Lippen, die sich zusammenzogen, weil eine Kühlung, ein Saft, eine Süßigkeit sie benetzte. Unwillkürlich versuchte ich diesen Tau zu schlucken, der die Scherben meines Mundes erweichte, und wie dies einigemal gelungen war, konnte ich die Augen, als wenn von ihren Decken eine Last genommen würde, wieder aufschlagen. Ein dunkel schwarzes Gesicht mit seinen brennenden Augen stand dicht vor dem meinigen, es war mein treuer Neger, der mir Beeren auf den Mund drückte und mir einige, als ich dessen erst fähig war, zu essen gab. Er verband dann meine Wunden von neuem, so gut es sich tun ließ, und als ich mich noch mehr besonnen hatte und er glaubte, der Genuß würde mir nicht mehr schaden, gab er mir noch viele, die er sorgsam in ein reines Tuch gewickelt hatte. Zum neuen Leben erwacht, konnte ich es jetzt erst fühlen, wie schwach ich sei: Es war, als sei in allen meinen Gliedmaßen die Willenskraft, sie zu regen, auf immer erloschen. Ich forderte den treuen Sklaven auf, meinen Kameraden einiges von seiner erquickenden Frucht mitzuteilen, er erzählte mir aber, daß er alle, wie er angekommen sei, schon als Tote gefunden habe, dabei seine unbeschreibliche Angst um mich und seine unendliche Freude, wie er noch einen Funken des Lebens in mir wahrgenommen. Verzweifelnd um seinen Herrn war er in die Wüste hinausgerannt: Er, in einem ähnlichen Himmelsstrich geboren, hatte die Spuren genau beobachtet, die ihn den Keimen des Lebens näher bringen möchten. So traf er nach vielen Meilen Umirren auf einen Fleck, wo an niedern Zweigen, unter Stein und Kies, eine Frucht wuchs, den Brombeeren oder ähnlichem Dorngewächs nicht unähnlich. Mühsam sammelte er sie und mußte dann rückwärts die weite Reise machen, um seinen Herrn mit dieser geringen Hülfe zu laben und zu erwecken. Aber, so fuhr mein Freund fort, ich war doch verloren, wenn ich an dieser fürchterlichen Stelle verharren mußte, wo der Tod selbst auf der erstarrten Natur zu thronen schien. Gehn konnte ich unmöglich. Der treue Diener lud mich also auf seine Schultern und trug mich mit aller Anstrengung seiner Kraft von diesem Fleck der Verzweiflung. Oft, da er selber krank und ermattet war, mußte er mich wieder auf den Boden legen, um auszuruhn, dann erquickte er mich mit den Beeren, die jetzt dem Schmachtenden als das herrlichste Labsal erschienen. Aber keine Überredung, kein Befehl vermochten es über den Neger, daß er selbst von der Frucht, auch nur ein einziges Korn, genossen hätte, denn er behauptete, der Vorrat würde kaum hinreichen, um mich lebend an jene Stelle zu schaffen. So zeigte es sich auch, denn wir brauchten zwei Tage und zwei Nächte, ehe wir dorthin gelangten, denn er ließ es sich nicht nehmen, mich auch des Nachts fortzutragen, soviel es seine Kräfte, die mit jeder Stunde mehr abnahmen, nur irgend erlaubten. So kamen wir endlich dorthin, wohin sein Eifer strebte, ich todesmatt, er, so schien es, im Sterben. Er machte mir sogleich ein Lager in einer kleinen Höhle zurecht, die er sich schon damals gemerkt hatte, er bedeckte mich mit seiner Kleidung gegen die Kälte der Nacht, er ging, wie eine sorgsame Amme, sogleich aus, um mir wieder Beeren zu suchen, mit denen er mich noch vor meinem Schlaf erfrischte, und nur erst, als er mit übermenschlicher Anstrengung alles getan hatte, was man unmöglich nennen möchte, setzte er sich mit seligem Behagen zu meinen Füßen nieder und genoß nach vier, fast fünf Tagen zum erstenmal wieder sparsam und kärglich von seinen mühsam gesammelten Früchten, denn noch immer behielt er nur mich im Auge und mein Wohl. Am folgenden Tage, als ich mich etwas besser nach einer ruhig durchschlafenen Nacht befand, suchte ich in Worten ihm meinen Dank auszusprechen. Er war ebenso verwundert als betrübt darüber, denn er meinte, er habe nichts als seine Pflicht getan, und meine Liebe, und wie ich ihm ehemals geholfen, seien mehr, als er mir jemals erwidern könne. Mit ihm kam ein Weißer, auch der Diener eines Offiziers, der sich gerettet und unvermerkt den Schritten meines Negers gefolgt war, in der Hoffnung, einen Weg aus der Wüste zu finden. Dieser setzte sich zu mir, als mein Neger wieder ausgegangen war, um Früchte zu sammeln. ›O mein Herr‹, fing er an, ›was habt Ihr für einen Sklaven: dergleichen, wenn ich es nicht mit angesehn hätte, würde ich keiner Erzählung glauben. Wir rannten hieher, und der Schwarze, als wir nach zwei Tagen diesen Fleck gefunden hatten, schrie und sprang vor Freude, so verhungert und verdurstet er auch war. Wie ein Tiger fiel er über die Früchte her, sowie sie entdeckt waren, und sammelte sie in ein Tuch. Er wollte mich keine genießen lassen und drohte mir den Tod, wenn ich die abrisse, die seine Augen entdeckten. Als ich ihm seine unmenschliche Gier vorwarf und ihn schelten wollte, sagte er mir, daß er alles nur für seinen kranken Herrn einernte, und er riet mir, es ebenso zu machen, ohne ihn zu stören. Ich konnte ihn nicht begreifen, da er schalt, als ich selbst genoß, was ich Kümmerliches fand, denn ich war dem Verschmachten ganz nahe, wie Ihr selbst denken könnt. Er aber, der ebensolange gefastet hatte als ich, nahm keine einzige der Beeren in seinen lechzenden Mund, weil er alles, wie er sagte, seinem lieben Herrn bringen müsse. Wäre unsre Not nicht so fürchterlich gewesen, so hätte ich lachen mögen. Wirst du ihn noch lebend antreffen? sagte ich. Es ist unwahrscheinlich, er wird schon längst dort, so gut wie mein Herr, verschmachtet sein. Wenn du nun hinkommst, wirst du dort, oder schon vorher, ebenfalls sterben, und es ist noch sehr die Frage, ob du die vermaledeite Stelle nur wiederfindest. Dann, sagte er, möge er auch nicht mehr leben, wenn sein lieber Herr gestorben sei. So, ohne eine einzige Frucht zu kosten, ohne sich einen einzigen Augenblick Ruhe zu gönnen, ist er nun, wie ein Wahnsinniger, zurückgerannt und hat Euch, er, der Verhungerte, sogar noch auf seinen Schultern hergetragen.‹ Mein Freund, als er mir nach Jahren diese Geschichte erzählte, konnte sie nur mit der größten Rührung vortragen, er bemerkte hierauf: Wie die Erschütterung der Seele wohl manchmal den Gesunden töten oder ihn krank machen kann, so half die Bewegung meines Herzens, das bei allen diesen Umständen so groß wurde, als wenn es brechen wollte, mir jetzt zu einer Art von Gesundheit, und gewiß kann unsre Seele durch so erhabene Erschütterungen ihren Körper vernichten oder den gebrechlichen wieder stärken. Ich konnte etwas gehn, und so folgte ich ihm, indem er mich wieder fast immerdar trug, zu einem kleinen Wasserbehälter, den er entdeckt hatte. Was ist ein Trunk Wassers dem Elenden, der diese frischende Woge seit manchem Tage entbehrt hat. Nur dem es so mangelte, der es so wiederfand, kann wissen, welche Wollust und Wonne der Schöpfer dem Ermattenden in einem hohlen Steine zubereitet hat und wie das Herz dann die Güte Gottes erkennt und sie mit Tränen des Dankes genießt um etwas, das selbst unser Bettler hier in seiner höchsten Not kaum des Anblicks würdiget. – Kurz, der Neger half so seinem Herrn und Freunde, sorgend, liebend, unermüdlich, pflegsam, tröstend, ihn leitend, führend, ihn speisend und tränkend, mehr vielleicht ausübend, als die Mutter für den geliebten Säugling tun würde, so unersättlich sich aufopfernd, daß er nach zehn vollen Wochen der ungeheuersten Anstrengung seinen Herrn wieder einigen Landsleuten in einem kleinen Orte übergeben konnte, zu welchem sie endlich nach der mühseligsten Wanderung gelangten. – Jener weiße Diener hatte sich schon viel früher von uns entfernt, und mein Freund hat ihn niemals wiedergesehn, wahrscheinlich ist er doch, so wie sein Herr, in dieser heißen Wüste verschmachtet. Auf diese wunderbare Weise ward mein Freund damals gerettet, und er war der einzige, der von jenem ausgesendeten Truppenkorps jemals wieder zur Stadt zurückkehrte, alle übrigen waren untergegangen. Und ohne seinen Sklaven ging er auch dort in der Wüste verloren.« Der Kammerdiener meldete jetzt, daß Don Alonso oben im Zimmer des Grafen warte und dringend um ein Gehör ersuche. »Hast du gesagt«, rief der Graf, »daß wir noch bei Tische seien?« »Wohl«, erwiderte der Diener, »er wünscht auch nur wenige Minuten.« »Er möge sich gefallen lassen«, sagte Fernando, »oben sich etwas niederzulassen, ich würde ihm binnen kurzem meine Aufwartung machen. – Der Lästigste aller Menschen«, fuhr Fernando fort, als sie wieder allein waren, »der es nicht müde wird, zu drängen und zu sollizitieren: Ist es eine Verschreibung, die übermorgen zahlbar ist, so kommt er schon heute, gibt es eine Verhandlung oder Streitfrage, die das Gericht entscheiden muß, so plackt und quält er vorher den Teilnehmer des Prozesses, bringt so vielfältige Fragen und Möglichkeiten herbei, daß, wenn man ihn geduldig anhört, die klarste Sache zur verwirrtesten wird und kein Gespräch mit ihm das Ende findet. Er mag darum etwas warten, denn ich bin nicht gesonnen, mir gleich meine heitre Laune verderben zu lassen.« »Was Ihr uns vortrugt, Sennor«, fing jetzt der Hauptmann an, »ist höchst merkwürdig. Die Treue dieses Schwarzen ist fast eine beispiellose zu nennen, und freilich müssen wir mit Beschämung alle unsre vorigen Behauptungen zurücknehmen. Ich meine aber, jener Gerettete, wenn er irgend die Mittel dazu hatte, wird sich auch gegen diesen Sklaven dankbar erwiesen und seine Treue auf ungewöhnliche Art belohnt haben.« Luis verfärbte sich. »Gewiß«, sagte er dann, »ungewöhnlich genug, meine Herren. Es fügte sich nämlich, daß nach vielen Jahren, in welchen jener Freund aller Bitterkeiten des ihm feindlichen Glückes getrunken und den Kelch bis auf die Hefen ausgeleert zu haben meinte, er endlich wieder in sein Vaterland und in eine große Stadt desselben zurückkehrte. Seine Wünsche waren bescheiden, denn er war nicht mehr jung. Für alle Mühsal und Kränkung ward ihm aber nichts erwidert, und als er nun jede Hoffnung aufgeben mußte und nahe daran war, unter seinen Landsleuten, den Reichen, Vornehmen, Kaufleuten und Krämern, auf ähnliche Art zu verschmachten wie dort in der Wüste, da erhielt ihn, nährte und kleidete ihn dieser treue Sklave wiederum, indem er für seinen Herrn bettelte und ebenso keinen Pfennig für sich zurückbehielt, wie er damals keine Beere zur eignen Rettung genießen wollte. Und nun, um solcher Tugend wenigstens einigen Lohn oder etwas Ehre zu verschaffen, sollte ich diesen hochherzigen Sklaven wohl nennen, wenn ich es nicht meinem armen Freunde gelobt hätte, ihn und seinen Diener niemals kenntlich zu machen. – Und so verzeiht, edle Herren, daß ich Euch überall mit einer so traurigen Geschichte behelliget habe, die für kein frohes Gastmahl geeignet ist. Wenigstens schäme ich mich meiner Bitterkeit, die mich nach Jahren heut zuerst wieder überschlichen hat, was in einer so vorzüglichen Gesellschaft am wenigsten hätte geschehen sollen.« Man war verlegen, was man erwidern sollte, da der Gast diese Worte mit sichtbarer Bewegung gesprochen hatte. Sonderbare Gedanken stiegen im Geiste des jungen Grafen auf, denen er aber jetzt nicht Raum geben mochte, da sie ihn doch zu keiner Gewißheit führen konnten, denn es wäre unschicklich gewesen, nach diesen Reden auf eine nähere Erklärung zu dringen. Nur konnte der Hauptmann nicht unterlassen zu sagen: »Es scheint also, daß Undankbarkeit gegen verdiente Männer wohl hier in Portugal nicht weniger der Inhalt alltäglicher Klagen ist wie in andern Reichen.« »Es kann wohl nicht anders sein«, fuhr Luis in einem milden und heitern Tone fort, »wenn man billig sein und alle Umstände gehörig erwägen will. Der Staat, so künstlich zusammengesetzt, wie er ist, bedarf unendlich vieler Kräfte; sollte, was sich anstrengt, immerdar belohnt und bezahlt werden, so möchte die Ausgabe des Gutes die Einnahme des Nutzens übersteigen. Vergessen wir auch niemals, daß, wenn die großen und reichen Familien immerdar zuerst bedacht werden, sie, indem sie sich dem Staat hingeben, auch ihre Macht, ihren Einfluß, Namen und Reichtum ihm mitbringen. Mögen die einzelnen uneigennützig sein, von selbst fallen die kleineren Flüsse in den größeren Strom, und daß sie ihren Reichtum erhalten und vermehren, kommt doch auf vielfache, wenn auch oft unsichtbare Weise dem Volke wieder zugut. Unser Staat, der, so klein er ist, durch Politik und Heroenmut ein Weltstaat geworden ist, dem in fernen Zonen unbekannte Völker huldigen und dienen, kann nur seine ungeheure Kraft erhalten und vermehren, wenn nichts vom Vermögen des Staates versplittert wird. In den beiden Indien ist für abenteuernde Streiter, für glücksuchende und unternehmende Geister ein ungeheures Feld eröffnet. Wer Mut besitzt, Kenntnisse mitbringt, die Welt und Menschen versteht, dem kann dort Fortuna in tausendfacher Gestalt erscheinen. Und hat sie nicht viele Tausende, seit wir in jenen fernen Zonen herrschen, erhoben und gekrönt? Vielen mißglückt die Wagnis, durch eigne Schuld oder Mangel an Geschick. Doch an diesen einzelnen, die in dem Ungeheuern Spiel untergehn, ist nichts gelegen, und unser Staat verliert an ihnen nichts. Durch diese Gesinnung, indem Macht und Adel zugleich mit den Abenteurern zum Kampfe hinausschifften, daß Vasco, Pacheco, Albuquerque sowenig wie unsre Könige den einzelnen achteten, haben wir uns diese ungeheuren Indien unterworfen und werden sie noch mehr bezwingen, wenn nicht etwa die kurzsichtige Mittelmäßigkeit sich des Regimentes bemeistert.« »Edler, milder Mann«, erwiderte der Graf, »Ihr führt, ohne es zu wollen, die Sprache der Tyrannen.« Luis lächelte und betrachtete den jungen Mann mit einem prüfenden Blick. »Sonderbar ist es«, sagte er dann, »daß es noch keinen großen Regenten gegeben hat, den viele seiner Zeitgenossen nicht einen Tyrannen gescholten hätten, dem sie nicht Geiz, Grausamkeit, Untreue, Brechen seines Wortes sowie Undankbarkeit gegen Freunde und treffliche Diener vorrücken mochten. Es ist aber unrecht, ich wiederhole es, wenn eine ungemessene Liebe zum Vaterland und Fürsten, eine unbedingte Aufopferung, auch ungemessene Belohnung fordert oder erwartet. Die Zeiten des wildesten Elendes, des Untergangs der Staaten werden oft durch anscheinende Gutmütigkeit und dadurch herbeigeführt, daß man das Überflüssige und Unnütze wuchern läßt und nirgend hemmt und jätet. Aus diesem Unkraut erwächst dann das Verderbliche, die Giftpflanzen, die Bäume und Getreide und Wein ersticken. In vielfacher Gestaltung tritt dieser Aberwitz hervor, anfangs in gelinder Gestalt, oft sogar in der Maske der Tugend. In alten Zeiten wurde der Adel, der Leib und Leben für den anführenden König wagte, mit Recht belohnt, edle Unabhängigkeit, Vermögen, Einfluß wurden ihm zugesichert. Es war nur billig und recht, daß das unwissende Volk, welches kein Eigentum verwalten und sich zu großen Gedanken nicht erheben konnte, ihm unbedingt gehorchte. Wie es nun aber im Verlauf der Zeiten dahin gedieh, daß der Adel, immer mächtiger geworden, nur sein angestammtes unveräußerliches Recht zu schützen glaubte, wenn er gegen die Krone kämpfte und sie zu erniedrigen suchte, da war es notwendig geworden, daß der Fürst Schutz und Hülfe beim Volke suchte, gegen den Adel. Blicken wir umher, so ist dies fast die Geschichte der neueren Reiche. In Frankreich ist der Kampf zwischen Adel und Krone, zwischen Krone und Volk und des Volkes gegen den Adel noch nicht entschieden. Wie mußte der siebente Heinrich in England nach seinen Erfahrungen denselben Adel fürchten, durch welchen ein dritter Eduard so mächtig geworden war. Mit Recht hielt er Geld und Gut zurück und ließ sich lieber geizig schelten, als daß er sich durch Mangel vom Volk oder seinen Großen so abhängig gemacht hätte wie der unglückliche sechste Heinrich. Ein Regent, den alle Welt großmütig nennt, wird von den Klügern nur mit Verdacht angesehn. Hält er die Hand fest, so hat seine Gabe um so größern Wert. Ähnlich war es mit dem Ferdinand von Castilien. Seine Sparsamkeit ward gescholten, und seine Klugheit, mit der er die Willkür der Gemeinden und Korporationen beschränkte, Tyrannei geschimpft. Und doch bedarf die Welt zuzeiten der harten und klugen Gemüter. Die Völker selbst, Bürger und Bauern sind froh, wenn ein starker Geist den Unfug des Adels dämpft und selbst mit Grausamkeit jenen starren, grausamen Sinn der Ritter, Grafen und Herzöge beugt, der so oft den gemeinen Mann geringer als das Lasttier schätzt und behandelt. Und geht denn diese Tyrannei nur von Fürsten und Adel aus? Als die milde Regierung der Medici in Florenz vertrieben war, mit welcher Tyrannei schaltete eine Zeitlang das Volk und der begeisterte Savonarola, die sich Befreier, Retter und Vernichter der Tyrannen nannten.« »Ihr kennt die Geschichten, auch meines Vaterlandes«, sagte der Florentiner. »Ich muß Euch nur bemerken, daß Ihr, um zu entschuldigen, in der Verteidigung etwas zu viel sagt, wie es wohl zu geschehen pflegt, daß der Mensch, um einer gehässigen Anklage zu erwidern, die freundliche Entschuldigung zu weit treibt. In allem Maß halten, war die Weisheit der alten Griechen.« Ein Brief, den der Marques schickte, ward dem jungen Grafen überreicht. Er enthielt eine alte Handschrift, welche auf den Prozeß, in welchen auch Alonso verwickelt war, Beziehung hatte. Der Graf warf das unleserliche Blatt mit Unwillen von sich, indem er ausrief: »Es ist eine Plage, sich mit solcher stotternder Schrift befassen zu müssen, die, wie mir mein Oheim schreibt, sein Advokat selbst nicht habe entziffern können.« Luis bat um die Erlaubnis, das Blatt ansehn zu dürfen, und las es zum Erstaunen des Grafen, fast ohne zu zögern, ihm vor. Als der Graf seine Verwunderung ausdrückte, erklärte ihm Luis, wie er sich von Jugend auf mit Lust darin geübt habe, die rätselhaftesten Handschriften zu entwirren, und wie er eine Zeitlang in einem Amt gewesen sei, zu dessen Aufgaben gehört, alle Arten von Händen, die rohesten, kindischen sowie die eiligsten und undeutlichsten, lesen zu können. »Teuerster Mann«, rief der Graf mit Lebhaftigkeit aus, »so möchte ich Euch wohl bitten, mir einmal einige Stunden Eurer Zeit zu schenken. Durch Erbschaft sind mir einige merkwürdige Schriften zuteil geworden, die ich sehr hochhalte. Manche Blätter habe ich verstanden, es finden sich aber einige, die mir ein Rätsel bleiben. Wolltet Ihr mir so freundschaftlich helfen, so diktiertet Ihr mir diese Schriften, damit ich sie als reine Abschrift erhielte. Gewiß könnt Ihr manche Abbreviaturen lesen und das Ganze in seine richtige Folge herstellen.« Luis sagte seine Dienste zu, und man bestimmte einen Tag in der dritten Woche, an welchem Luis den Grafen wieder besuchen und den ganzen Tag bei ihm bleiben sollte. Zwar schien es, als wenn, sowie sie gegeben war, den Fremden diese Zusage wieder gereue, da aber der Graf mit jugendlicher Heftigkeit in ihn drang, so erneuerte er sein Versprechen. Man hatte sich vom Tische erhoben, und der Florentiner blätterte in einem schön gebundenen Buche, in welchem er eine Stelle zu suchen schien. »Ich glaube nun, nach vielfältigem Studium«, sagte er, »das Werk gründlich zu kennen, und bin doch beschämt, wenn ich eine meiner liebsten Stanzen nicht gleich im Aufschlagen sicher finde. – Ihr kennt doch«, wendete er sich zu Luis, »das göttliche Gedicht des Camoens?« »Nein«, sagte der Fremde, stark errötend und in Verlegenheit. Der Hauptmann trat einen Schritt zurück und sah den Gast erstaunend mit seinen dunkeln Augen an: »Mann«, sagte er nach einer langen Pause, »verständiger, gebildeter Mann, der so spricht und so vieles kennt – und Ihr, Ihr ein Portugiese, Ihr wißt dieses Werk des Camoens nicht auswendig? Wozu geht Euch denn die Sonne auf und unter, wenn Ihr so das Allerwichtigste verschlafen könnt? Nein, Freund, laßt das Euer dringendstes, Euer erstes Geschäft sein: sowie Ihr zu Hause kommt, setzt Euch nieder und leset von Anfang bis zu Ende dies Gedicht mit Eurem klaren Sinn durch, und Ihr werdet es einem Fremden danken, daß er Euch dieses zur Pflicht gemacht hat. – Doch, vergebt meiner Heftigkeit«, setzte er nun ruhiger hinzu, da er sah, in welcher Verlegenheit sich der Fremde befand, »ich bin beschämt, so mit Euch gesprochen zu haben! Wißt Ihr, Graf Ferdinand«, fuhr er fort, indem er sich an diesen wendete, »welche Vergleichung mir noch in dieser Nacht beigekommen ist, als mich der schöne Mondschein nicht schlafen ließ? Ich war, eben als ich jetzt mein Vaterland verließ und Ferrara besucht hatte, auch in Modena und Parma. Rom und Florenz sprechen immerdar von ihrem Raffael und Buonarroti, die Venezianer fast nur vom Tizian – und dort in Modena und den Kirchen von Parma fand ich so vollendete poetische Gemälde eines Antonio Allegri, den man nach italienischer Art nur Correggio, nach seinem Geburtsort, nannte, daß ich in diesen Werken das Höchste zu sehn glaubte, was die Kunst auf diesem Wege erschwingen kann. Wie ich nun immerdar über das Gedicht des Camoens denke, so kamen mir auch diese verklärten Bilder wieder in den Sinn. Auf ähnliche Art vergöttert Euer Camoens Lust und Freude und stellt uns das lieblichste Licht als das Gute, Göttliche selber hin, im Gegensatze oder Kampf mit dem Schatten, der Nacht oder dem Bösen. Aber dieser Schatten wird besiegt oder verherrlicht durch den Gegensatz, die göttliche Natur des Lichtes. Die Begeisterung des Malers hat sich, so wie ich es begriffen habe, mit dem Tiefsinn verbunden: gerade wie Euer heitrer Dichter, dessen Lust und Freude so unbegrenzt ist, weil sie mit dem Ernst und der Trauer eins und dasselbe wird. Indem ich die große Kuppel des Domes in Parma sowie die in St. Giovanni, seine Nacht sowie seinen heiligen Georg oder Sebastian, die ich in Modena betrachtete, mir in die Phantasie zurückrief, schien mir der große Camoens innigst mit diesem göttlichen Genius der Malerei verbunden, ja verschwistert. Es scheint wohl, auch darin sind sie sich ähnlich, daß der Maler wie der Dichter des Ruhmes nicht genießen, welchen sie verdienen.« Indem man im Saale hin und her ging, schlug der Hauptmann eine Stelle auf und sagte, indem er auf einige Verse deutete: »Meine Herren, ich meinte lange Zeit, Ariost habe den Preis in der Verskunst errungen, und hier in dem Gedicht Eures Camoens finde ich Sprache und Vers, wenn Gefühl, Pracht und Süßigkeit der Liebe reden will, weit schöner und abgewogener. Schalkheit und Witz freilich trägt unser Ludwig so vor wie kein anderer Sterblicher.« »Die Verskunst selbst«, fing Luis an, »mag wohl eine schwere und geheimnisvolle sein, denn selten sind die Kenner, wie ich es wohl sonst erfahren habe, in ihren Aussprüchen einig. Man hat ja oft bei den Italienern selbst darüber gestritten, welches Versmaß sich für das erzählende Gedicht am meisten eigne.« »Der epische Vers der Römer und Griechen«, sagte der Hauptmann, »eignet uns nicht. Der wundersame, unergründliche Dante hat sich die Terzine ausgewählt, die seither fast mehr zu leichten Episteln von uns ist gebraucht worden. Dantes großes Werk ist aber auch kein episches, was man gemeinhin so nennt, ebensowenig ein schilderndes oder ein satirisches, man kann auch nicht unbedingt sagen, es sei bloß religiös oder dargestellte Mystik, sondern es ist darum so einzig, weil es alles dies enthält und in einer Sprache redet, die eben so wundersam und unnachahmlich ist. Denn zuweilen ist sie im Schelten bitter, dann donnernd, sie verschmäht selbst die gemeinsten Ausdrücke nicht und nennt alles, wie das Volk, bei seinem alltäglichen Namen; dann schwingt sie sich wieder prophetisch empor und klingt wie eines Psalmes Begeisterung; jetzt gibt sie sich dem lieblich Holden hin, spricht von Natur, Luft und Wasser so einfach und malend, daß wir alles sehen, alles fühlen. Scholastisch und dialektisch wird sie dann und spricht, wenn sie alles Grausen der Hölle erschöpft hat, in unbegreiflichen Worten von den Seligkeiten des Himmels. Ebenso wandelbar und ungleich ist der Vers. Bald sublim, bald gering, jetzt altertümlich wie manches Volksliedchen, jetzt in Pracht erklingend. Homers altertümlichen, schlichten Ton hat schon Virgil als ihm unbrauchbar verworfen. In Homers Gesängen vergessen wir immerdar den Verfasser, sie sind wie aus einer uralten Zeit herübergeschwommen, wie die Natur selbst. Nennen wir Virgil einen Dichter, so kommen wir fast in die Versuchung, dem alten Homer diesen Titel zu nehmen: und doch ist er der reichere und größere. Aber im Lateinischen wäre diese Einfalt schwach, dem Thron des Augustus gegenüber albern geworden, und so schlägt der Römer seine Leier voller an, Schmuck der Rede, Glanz der Bilder, Auswahl des Ausdrucks, Adel und Würde müssen harmonisch das Ganze durchklingen, und manche Verse Homers würden in diesen Rhythmen, wörtlich übersetzt und eingeschaltet, Lachen erregen. Ganz Redner, aber großartiger Wortkünstler wird Lucan. Statius ist geschraubt und krampfhaft. Dantes Art und Weise hat keiner wieder angerührt, weil alle vor dem Banne zurückschreckten, mit welchem der alte Magier sein Werk versiegelt hat. Schon Boccacz wählte die Ottave rime für die Erzählung. Aber seinen Ton, so wie den des Pulci, selbst des Bajardo, haben die Freunde der Dichtkunst zu matt und prosaisch erfunden. Man will Schmuck und Erhebung, Schwung und ausgewählte, geblümte Rede. Der sonderbare, schläfrige, ganz prosaische Ton des Trissino konnte sich darum keines Beifalls erfreuen, weil er den Reim wieder ganz wegwarf und nur in dürren Hendekasyllaben, fast ohne alle Redekunst, trocken, einige wahre und ersonnene Begebenheiten alter Zeit erzählte, oft so dünn und anspruchslos, daß ein eifernder Hirt oder Bauer mehr Bild und Kunst aufwenden wird. Bei ihm zeigte sich der Mißverstand am deutlichsten, des Altertums schlichte Einfalt einführen zu wollen. So hat der begeisterte Camoens, nach meiner Einsicht, den schönsten und edelsten Ton aus seinem tiefen Gemüte gefunden, ganz anders, als es vor einigen Jahren dem edlen Ercilla, dem Spanier, gelang, der etliche Gesänge seiner Araukanischen Kriege herausgegeben hat, obgleich vieles in diesem Gedichte zu loben sein mag.« Der Kammerdiener trat herein und meldete, daß sich der alte Herr oben im Studierzimmer durchaus nicht mehr wolle festhalten lassen, denn sein Anliegen sei gar zu dringend, und er müsse durchaus in dieser Viertelstunde noch abgefertigt werden. Der Graf sendete zurück, um ihn jetzt anzunehmen, und Luis beurlaubte sich von seinem neuen Beschützer. Als er dem freien Gefilde zueilte, nahm er sich, höchlich verstimmt, vor, alle diese Bekanntschaften wieder aufzugeben und wie sonst der Einsamkeit und jenem kleinen Kreise der beschränkteren Bürger getreu zu bleiben. Und wozu, sagte er zu sich selber, zu diesen Menschen wieder wie aus der Tiefe des Meeres auftauchen? Ein neues Ringen mit ihnen, um wiederum Beschämung einzukaufen? Wie leicht, daß ich in die Gesellschaft meiner alten Feinde geriete? Wie möglich, daß ich mich einmal vergesse, daß die Entdeckung plötzlich in die Mitte der Herzlosen springt, daß der längst tot Gewähnte noch ein Lebender sei? Im Taumel des Gespräches, in der weinerhitzten Rede konnte mir fast heut mein lang bewahrtes Geheimnis entschlüpfen. Ich muß zu meiner lieben Nacht und ihren verhüllenden Schatten zurückkehren. Zum Erstaunen Ferdinands – und noch mehr des Florentiners – trat mit dem alten Alonso zugleich jener deutsche Hauptmann in das Zimmer. Er war von der Straße gekommen und drang, ohne sich um die Diener und ihre Fragen zu kümmern, jetzt mit Alonso, welcher von oben die Stiege langsam herunter schritt, zu den beiden Freunden vor, indem er. mit einem bedeutenden Augenwink den Finger auf den Mund legte, als Zeichen, daß sie schweigen und in Gegenwart eines Dritten ihr Staunen mäßigen möchten. Obwohl beide Freunde vor Begier brannten, zu erfahren, was den Soldaten von Afrika so unerwartet zurückgeführt habe, so bezwangen sie sich doch, und Ferdinand wendete sich sogleich zu Alonso, indem er die Verzögerung mit Höflichkeit entschuldigte. Alonso schien erhitzt und so beleidigt, daß man ihn so lange hatte warten lassen, daß er im Anfang auf alle Artigkeiten des Grafen nicht antworten konnte oder wollte. Er hielt viele Papiere in seinen zitternden Händen und sagte: «Ich bin eilig, weil viel auf dem Spiele steht. Der Regent, der mit allen seinen Zahlungen rückständig ist, hat mir eine Anweisung auf den Marques, Euern Oheim, gegeben, dieser hat sie anerkannt und unterzeichnet und sendet mich mit dieser zu Euch als demjenigen, der sie mir sogleich im Augenblick auszahlen würde. Und freilich muß ich darauf dringen, denn ich muß selbst Zahlungen leisten.« Fernando prüfte die Papiere, indem er erwiderte: »Die Summen, welche Ihr hier fordert, werden vorrätig sein, nur wundert es mich, daß sich mein edler Ohm unter den jetzigen Umständen gleichsam zum Zahlmeister des Regenten macht und ihm auf eine unbestimmte Zeit ein so bedeutendes Kapital vorschießt.« »Ihr wißt ja«, rief Alonso, »wie große Summen ich von Eurem Ohme noch zu fordern habe. Wäre jener unselige Prozeß nur erst entschieden, der mir durch so viele künstliche Rechtsverdrehungen das Meinige vorenthält!« »Mein Ohm«, sagte Fernando empfindlich, »wird Euch gewiß nichts vorenthalten, was Euch zukommt, und ich muß mich nur verwundern, wie ein Mann von Verdrehungen sprechen kann, der mit so vielen seiner Behauptungen schon abgewiesen ist, weil sie als unwahr sind erfunden worden.« »Streiten wir nicht«, sagte Alonso, »händigt mir jetzt nur aus, was unbezweifelt mein ist.« »Wo ist Euer Diener«, sagte der Graf, »die Summe Goldes zu tragen?« »Ich nehme sie selber hier unter meinen großen Mantel«, antwortete der Erbitterte, «den ich eigen deswegen umgetan habe. Ich werde keinem Fremden eine so große Summe anvertrauen, auch muß es keiner wissen und erfahren, daß so vieles Geld in mein Haus einkehrt, und darum will ich es lieber mit Schweiß und Not selber dahin schleppen.« Fernando öffnete einen großen festen Schrein und nahm die versiegelten Beutel heraus, und indem er sie auf den Tisch stellte, setzte sich Alonso nieder, um die Quittung zu schreiben. Dann stand er seufzend auf, überzählte die Beutel und Rollen des Goldes, rechnete schnell nach und öffnete dann den Mantel, um das viele Gold an seinem Körper unterzubringen. Er schielte, indem er alles einsackte und zwei Beutel unter den Arm nahm, in das noch offen daliegende Buch und sagte dann mit bitterm Lachen: »Befaßt Ihr Euch hier mit den schlechten Versen jenes Bettlers und Vagabunden?« »Von wem sprecht Ihr?« fragte der Graf mit großer Lebhaftigkeit, indem er die einzelnen Goldstücke auf den Tisch warf, welche noch der Summe fehlten. »Von dem abgeschmackten Camoens rede ich«, erwiderte Alonso mit krächzendem Ton, »von jenem Lumpen, der in Indien mit mir und allen seinen Vorgesetzten Händel anfing, der aus bösem Herzen auch die edelsten Häupter verleumdete, dessen Übermut nach großer Würde strebte und der im Dünkel glaubte, alle Menschen verachten zu dürfen. Ich denke aber, wir haben es ihm damals heimgegeben, dem armen Schlucker. Er mußte endlich Gott und uns allen danken, daß er nicht eines schimpflichen Todes starb.« Fernando hielt mit Zählen inne und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß das Gold tanzend emporfuhr. »Wer seid Ihr«, rief er laut, »daß Ihr Euch so zu sprechen unterfangt? Er ist gestorben, der Ärmste, aber erfahrt, daß Ihr einen zu lästern wagt, den ich verehre, den ich wie einen Bruder liebe.« »Als Dichter«, sagte der Florentiner, »muß ihn jeder Verständige bewundern.« Der Deutsche, da er sah, daß sein Kamrad auch sein Wort im Streite abgab, rief jetzt im schlechten Portugiesisch: »Ja, das weiß Gott und die Welt, daß das berühmte Kerlchen jetzt der größte und erbaulichste Poet in der ganzen Welt ist meinen Katechismus und einen gewissen Schuster in meiner Vaterstadt ausgenommen. Habt Ihr, einfältiger Mann, denn niemals etwas von den Camönen vernommen? Die kommen ja schön in der Grammatik und Syntaris vor, und schon als Kind ward mir in der Schule die Herrlichkeit dieser Camönen eingebleut. Wir sollten hier nur das Exerzitium und den Unterricht mit Euch wiederholen, denn die verhärteten Gemüter schlagen nur in sich, wenn von außen etwas nachgeholfen wird.« Alonso sah von seinem Golde mit einem schielenden Blick und einem grinsenden Lächeln auf und sagte: »Ich glaubte nicht den großen Helden so gelehrt: Man muß alt werden, um recht viel Wunderbares zu erfahren.« Jetzt war die Summe vollzählig, seine spitzen Finger ergriffen die letzten Goldstücke, die er in eine seidene Börse rollen ließ, und er entfernte sich keuchend unter der Last, nachdem er sich vor dem Grafen höflich verbeugt hatte, den roten Tuchmantel weit um den Körper schlagend, damit es keiner gewahr werde, wie sehr er mit Gold belastet sei. Als der verdrüßliche Mann sich entfernt hatte, stürzte der Florentiner, der sich nur mit der größten Mühe bis dahin hatte zurückhalten können, auf den Deutschen zu und fragte mit der größten Lebhaftigkeit: »Um des Himmels willen! Wie, wo kommt Ihr her? Was hat das zu bedeuten, daß ich Euch hier in Lissabon sehe, und jetzt!« Der Graf sah ihn mit der größten Erwartung an und rief: »Mir sagt der Genius, ein großes Unglück ist geschehn. Redet, Mann!« Der Deutsche sah sich behutsam um, ob auch niemand lauschen könne, und sagte dann: »Ich glaube es selbst, doch weiß ich noch nichts Gewisses zu erzählen. Auf sonderbare Weise bin ich zurückgekommen, und wie es auch dort noch sich ausweisen mag, gut geht es gewiß nicht, denn alle Anzeichen sind dagegen.« »Ist eine Schlacht geschlagen?« fragte der Graf. »Sammelt Euch, Freund«, sagte der Florentiner, »daß Ihr uns wenigstens das berichten könnt, was Ihr selbst gesehn und erfahren habt.« »Zweimal«, sagte der Deutsche, »trug unsere Kavallerie gegen die weit überzählige Reiterei der Feinde einen Sieg davon, den wir nur mit wenigen Toten erkauften. Das machte unserm Heere um so mehr Mut, und wir hielten die Feinde für elende Feiglinge, die fliehen würden, sobald sie uns nur in Schlachtordnung anrücken sähen. Das war bald nachher, als wir die Landung vorgenommen hatten. Warum wir vorrückten und nicht erst einige feste Plätze an der Küste nahmen, um mit der Flotte in Verbindung zu bleiben, begriff keiner von uns; auch tadelten es manche, daß zu viele Truppen auf den Schiffen selbst zurückgelassen waren. So rückten wir vor und bezogen ein Lager in einer weiten Ebene, wo das Auge, so weit es schauen konnte, keinen Baum oder Strauch erblickte. Es währte nicht lange, so sahen wir auch das Heer der Feinde, welches sich uns gegenüber zusammenzog. Es schien weit größer, als wir es vermutet hatten, aber unser Mut blieb demohnerachtet frisch, und der junge König ritt in seinem prächtigen Schmuck, goldenem Helm und auf gold und grün geschmücktem arabischen Rosse wie ein junger Kriegesheld durch unsere Reihen. Es war ein Komet erschienen, und nun wurden eine Menge Wahrsagungen im Lager verbreitet. Am Sonntage, im Anfang August, schien es, als müßte es zur Schlacht kommen. Alle Anführer glaubten es, und der König zeigte sich in Glanz und Schönheit und sprach allen seinen tapfern Mut ein. Wir mußten schlagen und siegen oder gerieten in die größte Not, denn ein Gerücht lief durch alle Scharen, daß alle Lebensmittel schon aufgezehrt wären und daß, wenn nicht Hülfe geschafft würde, wir auf diesem Wege in die größte Gefahr gerieten. An diesem Sonntage aber kam es dennoch nicht zur Schlacht. Aber in der Nacht, als es finster geworden war, sah man den Kometen am weiten Himmel und über das leere, ausgestreckte Blachfeld in seiner ganzen sonderbaren Schrecklichkeit. Da sah ich die Beherztesten erblassen, so sehr wir auch hin und her laut sprachen, daß er den Untergang unserer Feinde anzeige. In dieser Nacht versammelte unser Stuckley uns in sein Zelt, und die Reden fielen dann dorthin und dahin. Ein Italiener wollte sich sehr mutig und frech anstellen und meinte, die Sterne am Himmel ständen da glänzend wie blinkende angefüllte Weingläser, aus welchen Geister und Engel unsre Gesundheit und unser Wohlergehen tränken, und der Komet wäre ein auslaufendes Glas, das ein angehender, ungeschickter Engel umgestoßen hätte. Aber Stuckley, der sonst ein freimütiger Mann war, fand diesen Scherz in dieser wichtigen, vorbedeutenden Nacht ungeziemlich. Unsern Trupp führte Stuckley, der war aber auf dem rechten Flügel dem Prinzen Antonio, dem Prior von Crato, untergeben. Stuckley wollte es als gewiß erfahren haben, daß im Heere des Feindes selbst die größte Uneinigkeit herrsche und daß, wenn es erst zum Treffen käme, Tausende zu uns übergehen würden. Er meinte aber auch, wenn wir zögerten, müßten wir verschmachten, da wir uns vorsätzlich selbst von der Küste entfernt und sozusagen abgeschnitten hätten. Am folgenden Tage, am Montage, sah nun wohl jeder, daß es zu einer Schlacht, und einer entscheidenden, kommen werde und müsse. Der König Sebastian erschien noch herrlicher geschmückt als an den vorigen Tagen. Weithin strahlten im Sonnenscheine die Edelsteine an Helm, Harnisch und dem Pferdegeschirre. Das lustige Roß sprang unter ihm, als wenn der Sieg schon erstritten wäre. Es war große Hitze an dem Tage, und die Schlacht begann erst nach der Mittagszeit. Es schien anfangs, wenigstens auf unserem Flügel, gut zu gehen, denn wir rückten weit vor, und die Feinde wichen. Nach einer Stunde etwa schien es, als wenn wir umzingelt wären. Es ward ein furchtbarer, mörderischer Kampf. Der Prinz Antonio, der zum Soldaten und Feldherrn geboren ist, sprengte jetzt zu uns heran und in das dichteste Gewimmel. Er ordnete, Stuckley befahl und rief, aber die Übermacht der Feinde war zu groß, und ich konnte abnehmen, daß wir die vielen Schritte, die wir siegend vorgedrungen waren, wieder mit vielem Verlust zurückmessen müßten. Der Prinz sendete mich zu einer andern Kolonne, um sie heranzuführen. Unter Kampf, Schuß, Geschrei und Verwirrung kamen wir aus diesem fürchterlichen Gedränge, aber ich sah in der Ferne Stuckley stürzen, seine Mannschaft war dünn geworden, Tausende lagen tot oder verwundet auf dem Schlachtfelde. Als wir uns durchgehauen hatten, verlor ich bald darauf den Prinzen aus dem Gesichte, und bald dort, bald hier ward ich von einzelnen Reitern angerennt, die ich herunterhauen mußte, bevor ich zu dem Trupp gelangen konnte, zu welchem mich Antonio hatte schicken wollen. Auch hier war alles in der großen Verwirrung. Der Anführer war schon gefallen, ich meldete dem Sterbenden den Befehl. Aber es war nicht mehr möglich, die Regimenter dorthin zu bringen, denn es schien, daß wir von allen Seiten umzingelt waren. Er ließ den Rest seines Heeres sich zurückziehen, um dem Könige zu Hülfe zu kommen, der schon in der größten Bedrängnis sein mußte. Ich fand den König und gab dem jungen Helden soviel Nachricht, als ich imstande war. Er sendete mich rückwärts, um dem Bischof von Coimbra etwas einzuhändigen. Als ich diesen in seinem Zelte traf, fand ich ihn in brünstigem Gebet; er gab mir einen geschriebenen Zettel, um damit die Seeküste und den Kapitän einer Fregatte aufzusuchen. Einige Mannschaft ward mir mitgegeben, im Fall es Kämpfen galt. Dessen fanden wir denn auch reichlich in dem fremden, wilden Lande. Mancher meiner Kameraden, die mir mitgegeben waren, mußte noch vom Pferde stürzen. Ich hatte mir wohl ohngefähr die Weltgegend merken können, nach welcher ich reiten mußte, aber kein Kennzeichen, keine Nachweisung war zu entdecken. Immer schwächer und schwächer hallte uns das Getöse der Schlacht nach, indem wir uns entfernten; nun fing es schon an finster zu werden, und wir hätten bald gar nichts mehr gesehen, wenn uns der fürchterliche Komet, der nun wieder aufging, nicht sein sonderbares Licht geschenkt hätte. Entsetzlich und grauenhaft war es mir, so in dieser greulichen, verhängnisvollen Nacht umzuirren, von unsrer Armee getrennt, mein braver General erschlagen, der König in Gefahr und wir wenigen auf weiter, dunkler Heide dem Zufalle preisgegeben, ermattet, ohne Nahrung, die Pferde schon schwach, kein Haus, keine Stadt, nur das rote Kometenlicht über uns. Als die Morgenkühle wehte, merkten wir, daß wir in der Nähe des Meeres sein müßten. Da jagte uns, wie rasend, ein Schwerverwundeter nach, der sagte aus, mit Sonnenuntergang sei der König und alle mit ihm erschlagen oder gefangen. Er sprach aber im Fieber, stürzte nieder und starb mit seinem Rosse zugleich. Es war mühselig, unsre Pferde noch in Trab zu setzen, wir trafen auf einige Reisende, die uns Speise gaben, und mit dem Abend kamen wir an das Seeufer. Da holten wir einen Trupp ein, der auf Rossen einige Kisten führte. Auf Befragen waren es Leute des Bischofs von Coimbra; er hatte schon zwei Tage zuvor seine besten Habseligkeiten diesen Leuten übergeben, um sie dem Schiffskapitän zuzuführen, dem ich ebenfalls ein Schreiben brachte. Mit diesen Dienstleuten und Soldaten, die noch von gar nichts wußten, ritten wir weiter und gelangten mit ihnen auf die Fregatte. Der Kapitän empfing uns mit Verwunderung. Er sagte, daß er nicht unter dem Befehlshaber der Flotte stehe, sondern nur den Befehlen des Bischofes zu gehorchen habe. Da nun meine Kameraden schwatzten und vielerlei erzählten, nahm er von allen Eid und Ehrenwort, daß im Schiffe nichts von allem über ihre Lippen kommen solle. Ich wollte, da ich meinen Auftrag ausgerichtet, zum Heere zurück; denn, mochte es stehn, wie es wollte, dies schien meine Pflicht als Soldat. Der Kapitän schien auf meine Reden nicht zu achten, und als ich nach einiger Zeit wieder das Verdeck bestieg, sah ich mich schon in offner See, denn er hatte die Anker gelichtet. So sei es ihm, antwortete er mir auf meine Frage, vom Bischof in jenem Schreiben befohlen worden, und es sei seine Pflicht, die Güter des geistlichen Herrn in Sicherheit zu bringen. Als wir uns dem Lande näherten, nahm er noch einmal jeden in Eid und Pflicht, von den Gerüchten nichts in der Stadt verlauten zu lassen, die, wenn sie wahr sein sollten, ihren Weg nur allzuschnell hieher finden würden. Mit einem Boote bin ich gelandet; er liegt noch entfernt von der Stadt, weil er es wohl bedenklich finden mag, sich mit seiner Fregatte der Stadt zu zeigen. So bin ich, sozusagen durch ein Wunder, hieher zu Euch gekommen und vertraue Euch nur einzig und allein meine Nachrichten an. Das größte Unglück ist noch nicht gewiß, aber wahrscheinlich. Seht nun, wie Ihr meine Mitteilung brauchen könnt, wem von den Freunden Ihr Euch anvertrauen wollt, welche Vorkehrungen zu treffen sind, was etwa der alte Kardinal, der zukünftige König, einrichten möchte. Kurz, handelt nach Euren Einsichten und vergönnt mir, großmütiger Herr, bei meinem Freunde hier einige Tage verweilen zu dürfen.« Der Graf Fernando war von diesem Berichte tief erschüttert. Das Nötigste schien ihm, seinem Ohm, dem Marques, alles zu vertrauen, was er vernommen hatte. Er ließ dem deutschen Hauptmann ein Zimmer in der Nähe des Florentiners einräumen und beschwor beide, von diesen Neuigkeiten oder ihren Vermutungen noch nichts verlauten zu lassen, welches die Soldaten ihm bei ihrer Ehre verhießen. Begreiflich ist, mit welcher Trauer der alte Marques diese unseligen Neuigkeiten aufnahm. »Das Schlimmste«, sagte er, »hat sich nun also ereignet, und gerade so, wie ich es immer für wahrscheinlich hielt, und doch habe ich mir das Einschlagen dieses Wetterstrahls immer noch ableugnen wollen, immer noch beherbergte ich eine ungewisse Hoffnung. O mein Neffe, unser Land, alle Patrioten, alle wahren Portugiesen gehen einer traurigen Zukunft entgegen. Es könnte noch etwas Heilsames geschehen, wenn der alte Greis, der Kardinal, nicht unser König würde, er, der niemals etwas anders als Priester war. Schlimm und elend für uns, wenn er nur wenige Zeit, und noch schlimmer, wenn er lange regieren sollte: denn er wird alle Kräfte abschwächen und vergeuden, alle Parteien in seinem kalten Mißtrauen, welches er für Klugheit hält, von sich entfernen und so die Mittel lähmen und vernichten, die uns vielleicht noch retten könnten. Wäre er nicht da, so bräche gewiß sogleich ein Krieg mit dem übermächtigen Spanien los. Wir sind völlig geschwächt, aber doch wäre dies Unheil noch besser als jenes langsame, alle Kräfte wegzehrende Elend, welches uns jetzt bevorsteht.« In der Stadt waren alle Stände in der größten Spannung und Aufregung, da es nun schon ziemlich lange war, daß man keine Neuigkeiten aus Afrika erhalten hatte. So vorsichtig der Kapitän des Schiffes gehandelt zu haben glaubte, so konnte er es doch nicht verhindern, daß einige von seinen Leuten das Land betraten; die Diener aber des Bischofs schafften die kostbaren Geräte an das Ufer, und Gerüchte verbreiteten sich, und Erzählungen von der widersprechendsten Art wurden vorgetragen, wiederholt, übertrieben, und wie seltsame Märchen flogen die Berichte durch alle Viertel der großen Stadt. Der Marques hatte der Regentschaft vorgetragen, was er vernommen hatte, und der Kardinal Heinrich, der das Unglück nicht unwahrscheinlich fand, traf alle Anstalten, um, wenn der ungeheure Schlag wirklich gefallen sein sollte, den verlassenen Thron des Königreichs einzunehmen. Der Tag war sehr heiß gewesen, und als die sanfte Kühle des Abends sich auf die großen Plätze der Stadt gelagert hatte und ein sanfter Wind vom breiten murmelnden Flusse herüberwehte, hörte man vor dem Palaste des Königs viel Geräusch, denn Volk und Pöbel fingen an sich dort zu versammeln. Man murmelte von Verrätern, bösen Räten, erkauften Verleumdern, die für den König von Spanien sprächen, um durch falsche Gerüchte und erlogene Geschichten die Stadt und das Land unglücklich zu machen. Es fehlte nur an irgendeiner unbedeutenden Veranlassung, um diese Funken zur hellen Flamme aufzublasen. Ein Jubelgeschrei entstand, als jetzt der riesengroße Minotti aus einer Gasse trat, von einem Schwarm des Pöbels begleitet. Sie trugen wieder die geweihte Fahne, und Minotti rief: »Wie lange, ihr edlen Freunde, ihr Bürger der Vorstadt, ihr Tagelöhner, die es am besten mit dem Vaterlande meinen, wie lange soll eure zähe Geduld noch zusammenhalten, ohne zu zerreißen? Unsre giftigen Feinde verbreiten schlimme Nachrichten und predigen von Unglück, um nur unser patriotisches Bestreben zu hindern und unmöglich zu machen. Warum werden uns immer noch die versprochenen Schiffe vorenthalten? Sind es nicht die bestochenen Bösewichter, die erkauften Verräter, die uns von unserm edlen Könige, dem großen portugiesischen Helden, zurückhalten? Ginge es nach ihrem Wunsche, so wäre freilich unsre afrikanische Heeresmacht schon vernichtet, damit sie nur ihr Glück auf den Trümmern unsers Vaterlandes erbauen könnten. Dulden wir denn, wie gescheuchte Rehe, alles dieses und nennen uns Männer und wollen Portugiesen heißen?« »Nein! Nein!« brüllte der Haufen. »Wir wollen Rache, Rache nehmen!« Aus dem Palast der Regentschaft trat jetzt Alonso heraus, der verstimmt und erzürnt schien. Seine Augen funkelten rot in seinem bleichen Angesichte, sein Gang war ungewiß, und seine Hände zitterten. Die Regentschaft hatte es ihm abgeschlagen, seine letzten Rechnungen zu bezahlen, bis man aus Afrika erst nähere Kunde erhalten habe. Der Vorschuß, der ihm vor einiger Zeit verheißen war, um Proviant und Waffen dem Heere nachzusenden, war ihm geradezu verweigert worden, und auf sein ungestümes, fast unverschämtes Andringen und Mahnen hatte er verdrüßliche und kränkende Worte vernehmen müssen. In Angst um sein Geld, getäuscht in der Hoffnung eines reichen Gewinnes, trat er jetzt in grimmiger Stimmung in den aufgeregten Haufen, in welchem ihn viele wiedererkannten und ihn mit Lachen und Freude begrüßten. »Da kommt unser echter Patriot«, rief der Holzarbeiter Barnaba, »er kommt von dem Regenten! Er wird uns die Wahrheit sagen können!« »Freilich! Freilich!« schrie Minotti. »Er muß uns verkündigen, wie es steht! Wir wollen uns nicht länger am Narrenseile führen lassen!« Alle nahmen den vor Wut und Furcht zitternden Alonso in die Mitte, und er sagte stotternd: »Verehrte Freunde, hochedle Mitbürger, die Patrioten, die sich aufopfern, wie ich es getan habe, werden verkannt und sind unglücklich. Man lügt, man schmiedet die tollsten Erfindungen, um uns, die freien Männer, in die Ketten der Sklaverei zu werfen. Fremdlinge, müßiges Gesindel, hergelaufene Menschen lassen sich dazu gebrauchen, euch, ihr hochachtbaren Bürger, durch Lügenkünste elend zu machen und die schönsten Bestrebungen schon in der Geburt zu ersticken. Ich sehe es wohl, daß ich aufgeopfert werden soll, daß man es so gekartet hat, daß euer flammender Kriegesmut unserem bedrängten, aber siegenden Könige nicht zu Hülfe ziehen soll.« »Wir wollen! Wir wollen!« schrien alle Haufen, und der große Platz ward immer mehr mit Menschen angefüllt, welche die Neugier aus den benachbarten Gassen herbeizog. Da der Tumult so angewachsen war, kam auch von seinem Spaziergange der Graf Fernando herbei, vom Italiener, der fast genesen war, und dem deutschen Hauptmann begleitet. Er wollte nach dem Hause seines Oheims, des Marques, und mußte sich, um dahin zu gelangen, durch die stets anwachsende Menge drängend hindurcharbeiten. Jetzt waren sie schon in die Nähe der Fahne und des großen, schreienden Minotti gelangt, als der ergrimmte Alonso rief: »Seht, meine edlen Mitbürger, hier ist der Verräter, dieser ungeschlachte deutsche Hauptmann, welcher die Lüge vom Untergange unsers Königs verbreitet hat!« »Bösewicht! Mörder!« schrie der Haufe. »Auf ihn zu!« riefen andere. »Schlagt ihn nieder, den Schurken!« brüllte es von dort, und zugleich waren Degen gezogen und Knittel und Piken geschwungen, und alles drang auf Fernando und dessen Begleiter ein. Der Graf sprach und rief, um den aufgeregten Pöbel zu beruhigen. Einige wichen und machten Platz, manche, die ihn von Person kannten und ehrten, stellten sich auf seine Seite und riefen ihren Bekannten zu, sich zu mäßigen. Doch Alonso, vom Geschrei des Haufens begeistert und ihren Armen vertrauend, rief: «Nieder mit ihnen!« und zog den Degen. »Recht«, schrie das Volk, »haut sie alle nieder, diese Fremden, diesen verruchten Adel!« Fernando, so nahe bedroht, zog, ungern zwar, der deutsche Hauptmann stellte sich mit seinem Schwert voran, indem er sagte: »Gegen diese Kanaille ist zwar keine Ehre zu erwerben, aber Not kennt kein Gebot, und das Fechten ist auf alle Fälle etwas Schönes!« Auch der Italiener hatte schon den Degen entblößt; doch Fernando, welcher besonnen blieb, rief mit lauter Stimme: »Don Alonso! Was treibt Ihr? Welcher böse Geist drängt Euch in dieses Getümmel? Besinnt Euch, alter Mann!« Alonso wich zurück und machte Miene, sein Schwert wieder einzustecken, als der große Minotti ihn stark am Arm ergriff und schrie: »Wie? Ein Renegat, Don Alonso? Der Volksfreund feige? Die Schande werdet Ihr uns doch nicht antun?« Alonso zog den Degen wieder zurück und schwang ihn gegen den Deutschen. Plötzlich fielen Schläge und Hiebe, und Alonso stieß nach der Brust des Hauptmanns. Dieser aber wandte geschickt den Stoß ab und stach sein Schwert bis an das Heft in die Brust des aufschreienden Alonso. Der Alte stürzte hin, und ein großer Blutstrom floß aus der Wunde. Alles wich, und Fernando hatte sich indessen schon durch Hülfe des Florentiners Raum gemacht. Alonso war tot, und ein plötzlicher Schreck über diesen Vorfall hatte alle, welche nahe standen, ergriffen. Dadurch gelang es dem Grafen, mit seinen beiden Begleitern so viel Raum und Zeit zu gewinnen, daß er den Palast seines Oheims erreichen konnte. Die Dienerschaft des Marques war vom Getümmel schon herbeigerufen worden und nahm den Grafen, den Florentiner und den Deutschen, die sich jetzt fechtend und zum Frieden ermahnend zurückzogen, in ihre Mitte, und so gelangten sie endlich unbeschädigt in den Palast. Der alte Oheim ging seinem Neffen entgegen und begab sich dann zum Volke, das ihm allenthalben, durch seine Rede und ehrwürdige Gestalt gebändigt, Raum machte. Es hörte seine Ermahnungen an, und nach und nach zerstreute sich die Masse. Die Diener Alonsos trugen den Leichnam nach dessen Hause. »So hat der Geizige seinen Untergang gefunden«, sagte der Marques, als er in den Saal zurückkam, »wie viele Drangsal hat der Mann in seinem Leben allen denen angetan, die von ihm abhingen oder ihm untergeben waren.« »Es war Notwehr«, sagte der Deutsche, »sonst war an dem blassen Mann nicht viel zu erschlagen, ein Kind hätte ihn umhauen können. Darum mußte er sich nicht in den Krieg und Kampf begeben, da er so wenig Stahl und Eisen bei sich hatte.« »Ich hoffe«, sagte der Greis, »in diesen unruhigen Zeiten und da es in einem Auflauf geschehen ist, wird um diesen Totschlag nicht viele Nachfrage geschehen: Indessen wird es doch nötig sein, Maßregeln zu treffen. Oder zieht Ihr es vielleicht vor, mit dem segelfertigen Schiffe nach Italien abzureisen?« »Gewiß«, rief der Deutsche hocherfreut, »wenn ich hoffen darf, da ich alles eingebüßt habe, daß mir die Regierung dahin verhilft. Ich möchte wohl mein altes Vaterland und das ehrbare, liebe Nürnberg einmal wiedersehen. Vielleicht leben meine Verwandten noch, vielleicht ist mir sogar eine Erbschaft zugefallen; kann auch sein, daß ich irgend in dem Heere meines deutschen Kaisers eine vorteilhafte Anstellung finde, denn wackre Kriegesleute sind doch immerdar und allenthalben zu brauchen.« »Nein, tapfrer Freund«, sagte der Marques mit gütigem Tone, »Ihr sollt wenigstens bequem und sicher nach Eurem Vaterlande gelangen, denn das sind wir dem Manne schuldig, der unserm unglücklichen Könige so redlich geholfen, der seinen Anführer Stuckley verloren und unserer Großmut vertraut hat.« Er sprach mit dem Neffen, und sie statteten den Hauptmann so reichlich aus, daß er, der dergleichen niemals hatte hoffen dürfen, von diesem Edelmute tief gerührt war. Der Italiener blieb im Hause des jungen Grafen Fernando auf dessen dringende Bitten, denn der Jüngling hatte sich an den Umgang des Florentiners so gewöhnt und eine solche Freundschaft zu ihm gefaßt, daß er sich jetzt unmöglich von ihm, und zwar so plötzlich, trennen konnte. Als der Deutsche abgereiset war, bemerkte der Marques gegen seinen Neffen, wie er überzeugt sei, daß durch den Tod Alonsos die langwierigen und verdrüßlichen Prozesse gewiß schnell beendigt würden, denn die weitläuftigen Verwandten und Erben würden sich gewiß zu billigen Vergleichen bereitwillig finden und jene Summen, die Alonso ganz widerrechtlich gefordert habe, schwinden lassen. Indessen verschwanden alle diese Betrachtungen, aller Gewinn und Verlust bald für die Vaterlandsfreunde gänzlich, als das Ungeheure, was bis dahin nur Furcht und Wahrscheinlichkeit gewesen war, sich in Gewißheit und Überzeugung verwandelte. Die Schiffe, welche bis dahin an der Küste von Afrika vor Anker gelegen hatten, kehrten zurück. Mit ihnen einige Krieger, die sich aus der Gefangenschaft gelöset hatten, andre, die ihren Wächtern entflohen waren. Der Prinz Antonio, Prior von Crato, hatte wie durch ein Wunder das Mittel gefunden, sich um einen geringen Preis von seinen Ketten loszukaufen, es war ihm gelungen, seinen Hütern die Meinung beizubringen, er sei nur von geringem Stande und besitze kein Vermögen, und kein Portugiese von denen, welche mit ihm gefangen waren, hatte ihn verraten. Nun erfuhr man mit allen Umständen, daß jenes Gefilde am Alcagar ein ungeheures Lager des Todes geworden war, auf welchem der Adel Portugals, seine Jugend und Kraft, alle seine Hoffnung erschlagen lag. Und glücklich mochte man die nennen, die kämpfend hier gefallen waren. Viele Tausende schmachteten als Gefangene und Sklaven in dunkeln Kerkern, in unzugänglichen Wüsten und erlagen der Arbeit und Geißel. Noch nie, seit Portugal seine Geschichte kannte, hatte ein so ungeheures Unglück das weinende, verwaisete Land geschlagen. Kein Stand, keine Familie, die nicht Tote oder Verlorene bejammerte. Manche Stämme des Adels waren ganz ausgestorben, andere verarmten völlig, um die großen Lösegelder aufzubringen, die die Afrikaner für die Gefangenen forderten: und glücklich noch diejenigen, die Bruder, Vater oder Sohn mit dem Verlust ihrer Habe zurückkaufen konnten. Nur wenige Stunden hatte die Schlacht gewährt, und die ungeheure Niederlage war entschieden. Bald war aller Zusammenhang gelöset und jeder Plan unmöglich. Widerspruch und Mißverstand kreuzten, störten und vernichteten jede Anordnung. Nur um das Leben war noch der Streit, und die Portugiesen und ihre Hülfssoldaten suchten nur noch ihren Tod zu rächen und ihr Blut den Ungläubigen zu verkaufen, an Rettung dachte keiner mehr. Ein Teil des Heeres war abgeschnitten und wurde von den siegenden Feinden und ihrer Übermacht verfolgt, die Christen flohen kämpfend, ohne zu wissen wohin. Alles ward noch vor der Nacht gefangen und erschlagen. Am längsten hielt sich die Schlacht in der Nähe des heldenmütigen Königes. Er tat als Soldat Wunder der Tapferkeit. Fast allein stand er endlich im Leichengefilde. Da, als er die Unmöglichkeit der Rettung sah, band er ein weißes Tuch auf die Spitze einer Lanze, in der Absicht, sich zu ergeben, doch die rohsten Horden, die hier stritten und plünderten, verstanden dies Zeichen des Friedens nicht oder wollten es nicht verstehn, der kostbare Waffenschmuck des jungen Helden, die Edelgesteine, das Gold reizten diese wilden Barbar ren, und im gedrängten Haufen erschlugen sie den königlichen Jüngling, dessen tapfre Hand noch manchen in der letzten Todesverzweiflung niederschlug. Dann ward der Leichnam beraubt, und es war den trostlosen Freunden nach einigen Stunden schwer, im nackten, mit Wunden bedeckten Körper, im gespaltenen und entstellten Haupt den schönen Sebastian wiederzuerkennen. Alle diese Nachrichten wurden noch furchtbarer bestätigt, als die Leiche des Königs in Lissabon vom Schiffe gehoben ward. Durch alle reichen Ebenen des Landes, in den fernen Tälern, auf den hohen Bergen war alles eine Wehklage, und wer nicht weinte, war in stummer Verzweiflung. Nirgend Rat, Hülfe oder Trost. In diesem dunkeln Elende griffen viele Gemüter zum Wunderbaren und Phantastischen, um sich, wie trunken von Schmerz, an Wolkenbildern wenigstens zu erlaben. Sie meinten; die Überzeugung fassen zu können, dieser unkenntliche Leichnam sei nicht der ihres geliebten Königes, dieser habe sich gerettet und lebe irgendwo unerkannt, wenn auch jetzt in der Gefangenschaft: zur rechten Zeit aber würde er, wenn auch spät, wieder erscheinen, um alle die Wunden zu heilen, die seine übereilte Kriegeslust dem Lande geschlagen hatte. Dieser Wunderglaube, dies Hoffen auf einen Helden und Erretter, der sich nur verbirgt, um mit Kraft wieder aufzutreten, meldet sich in allen Jahrhunderten, wenn allgemeines Elend die Völker betäubt und in ihren Grundlagen erschüttert. Der alte Kardinal hatte den Thron eingenommen. Niemand widersprach, und keiner konnte sich seinen gerechten Ansprüchen widersetzen. Aber die allgemeine Trauer ließ auch nicht einmal einen Anschein von Freude aufleben; der verständige Patriot konnte sich über die Unfähigkeit des ergrauten Priesters nicht täuschen, der im kirchlichen Amte, unter Ausübung geistlicher Funktionen, in engen Kreisen lebend, ein Greis geworden war. Auch in glücklichen und ruhigen Zeiten wäre er zu schwach und unbeholfen gewesen, um seinem großen Berufe vorzustehn. In diesen Zeiten der Not warteten alle Parteien nur auf sein Hinscheiden, welches binnen kurzem erfolgen mußte, und jedermann glaubte, nur mit seinem Tode könne die Hoffnung wieder in das verwaisete Vaterland treten. Heinrich selbst aber, der vormalige Kardinal, meinte, die Kunst der Regierung sei eine leichte, und die Geistlichen und Schmeichler, die ihn umgaben, stärkten ihn in diesem Wahn. Es war in diesem Kreise sogar schon die Rede davon gewesen, den alten, schwachen Greis zu vermählen, um Erben zu erzeugen, die den Anspruch Spaniens vernichten sollten. Der König aber hatte selbst, nach einiger Überlegung, diesen Vorschlag als unstatthaft abgewiesen. Der Pöbel, welcher noch vor wenigen Wochen so übermütig und heldenkühn tobte, schalt jetzt den Feldzug töricht und den verstorbenen König unbesonnen und tollkühn. Alle hatten es jetzt vorhergesehn, wie der Erfolg sein werde und sein müsse, doch habe die Partei des Adels und der Priester allein dieses abenteuerliche Unternehmen zum Verderben des Volkes in den Gang gebracht, indem keiner der Anführer jemals verständigen Rat habe anhören wollen. Es ist zu ermessen, was die Freunde, der Marques, dessen Neffe und die hochgesinnte Catharina, bei der Katastrophe dieser Tragödie gelitten hatten. Sie verstanden sich auch ohne Wort und Rede, auch wird edlen Seelen das Unglück gleichsam entweiht, wenn vieles darüber gesprochen wird, was doch zu keinem Ziele führen kann. Der junge Mann, dessen Leben noch im Frühling stand, suchte seine Verwandten durch Erzählung, Gedicht und freundschaftliches Gespräch zu erheitern und zu zerstreuen. Der alte Christoforo, der seitdem fast gesund geworden, sprach von Indien und zeigte ihnen in munteren und lebendigen Darstellungen die Sitten jener Völker, die wunderbare Art jener Landschaft und Natur. Zuweilen besuchte sie der Prinz Antonio, der gern alle die Patrioten vereinigen wollte, die sich in Zukunft ihm gegen Spanien anschließen könnten. Die Freunde aber erstaunten nicht wenig, als der Prior von Crato ihnen ankündigte, daß er sie und Lissabon binnen kurzem, und zwar auf eine unbestimmte Zeit, verlassen würde. Als alle über diesen Schluß erstaunten und ihn nicht begreifen konnten, sagte der Prinz mit bitterem Lächeln: »Ja, meine Freunde, ich werde mich freiwillig verbannen, um nicht abzuwarten, daß ich gezwungen und auf Befehl die Stadt verlasse. Ist es nicht sonderbar, daß der alte König auf mich eifersüchtig ist? Er fürchtet und haßt Philipp von Spanien, ihn graut vor dem Gedanken, daß unser Vaterland seine Selbständigkeit einbüßen dürfte, und doch läßt er alle meine Schritte bewachen und fürchtet meine Verbindung mit den Patrioten. Es ängstigt ihn der Gedanke, daß sich eine Anzahl Wohlmeinender schon jetzt an mich anschließen und ihre Hoffnungen an meinen Anspruch binden möchten. Und doch weiß er, daß ich es allein bin, der in Zukunft im Namen Portugals mich den Spaniern entgegensetzen kann, er wünscht und billigt es auch, nur soll ich jetzt seine Autorität nicht trüben und seine Regierung hemmen. So berauscht sich dieser Greis noch am Grabe und sterbend in der Leidenschaft des Herrschers und träumt von Macht und Kraft seiner Majestät. So aber ist das eitle Herz der Menschen, und so lähmt er lieber das, was in Zukunft, vielleicht bald, geschehn kann, um nur für jetzt nicht an Ansehen einzubüßen.« Fernando war mehr als jemals in dem Gartenhause der Donna Catharina. Er beschäftigte sich stundenlang mit Maria, dem wundersamen Kinde, und wenn er ihre Eigenheiten beobachtete und an den Plan dachte, den er mit dem Oheim verabredet hatte, wenn er sie als Gattin sah und sein künftiges Glück an ihrer Seite, so trat wohl das Unglück seines Vaterlandes in den Hintergrund seiner Seele zurück. Catharina sowie der Marques litten immerdar, weil keine Hoffnung sie aufheiterte, doch waren sie jetzt so völlig resigniert, daß nur eine stille Wehmut ein Zeichen ihres Schmerzes war. Fernando ward überrascht, als an einem Tage Luis in seine Wohnung trat. Er hatte in dieser bewegten, schrecklichen Zeit jene Bestellung und Abrede vergessen und war um so mehr erfreut, den feinen Mann, den er hatte liebgewinnen müssen, ohne daß er ihn erwartet hatte, eintreten zu sehn. Er ging ihm mit der größten Freundlichkeit entgegen, reichte ihm die Hand und sagte: »Willkommen, liebster Mann, unserm trauernden Hause und einer klagenden Familie. Ich gestehe es, ich hatte unsre Verabredung ganz vergessen, und darum verzeiht Ihr mir, wenn ich Euch bitte, mich heut zu begleiten, daß wir in einem Landhause unsern Abend zubringen. Ich darf einer sehr lieben Verwandtin, die mich erwartet, mein Wort nicht brechen.« »Aufrichtig, Herr Graf«, erwiderte Luis, »ich hatte mir fest vorgenommen, Euer Haus und Euch, den ich liebe und achte, nicht wiederzusehn, denn mich erfaßte die Reue, daß ich mich wieder Menschen, wenn auch wohlwollenden, hingegeben hatte. Aber unser gemeinschaftliches großes Unglück löscht so alle kleineren Rücksichten aus, daß mir das als höchst gleichgültig erscheint, was mir noch vor einigen Wochen übermäßig wichtig war.« »Recht so«, sagte der Graf, »alle Guten und Edlen müssen sich jetzt inniger als je verbinden und Launen, Vorurteile und Leidenschaften aufgeben. Wir haben das Ungeheure erlebt und gehn schweren Zeiten entgegen. Ich verstehe es wohl, daß, wenn unser Herz vom furchtbarsten Schlage getroffen ist, wir das kleinere Leiden fast scherzend aufnehmen können. Und so scheint Ihr mir, trefflicher Mann, viel heiterer als damals, da Ihr mich beehrtet: Euer Auge ist lebhafter, Eure Farbe gesunder und der Ausdruck Eures Gesichtes lächelnder.« »Gewiß«, antwortete Luis, indem eine leichte Röte über das blasse Antlitz flog: sein Mund war schmerzhaft bewegt, und die Lippen zitterten. »Mein Genius hat mich neulich in der Nacht geküßt«, sagte er mit leiser Stimme, »und seitdem bin ich vom Traum des Lebens erwacht.« »Wie meint Ihr das?« fragte Fernando. »Seht Ihr es nicht«, antwortete Luis, »daß es der Tod ist, der aus meinem Auge leuchtet? Daß die Erlösung da ist, die Überzeugung lächelt von meinen Lippen. Mein Leben ist aus der Brustwunde unsers Königs dahingeflossen, der heiße Staub dort hat mein Blut getrunken. Noch wenige Stunden zittert dies mein Gebein als schwache Hülle des lebensmüden Geistes. Führt mich, geehrter Herr, wohin Ihr wollt.« »In der Stimmung«, sagte Ferdinand, »darf ich wohl kaum meine Bitte wiederholen, mir bei Entzifferung einiger unleserlicher Manuskripte behilflich zu sein?« »Warum«, antwortete Luis, »sollte ich Euch diesen kleinen Dienst nicht leisten? Gebietet über mich.« Ferdinand nahm Mantel und Degen und ließ den Hauptmann rufen, welcher ihn ebenfalls zum Landhause Catharinens begleiten sollte, wo er schon vorgestellt worden war und freundliche Aufnahme gefunden hatte. Sie gingen schweigend durch die Stadt, und als sie sich im Freien befanden, sahen sie einen Neger, welchem Luis einen Wink gab. Der Schwarze folgte ihnen, von den andern beiden unbemerkt, in einiger Entfernung. Luis schien bewegt, als man sich nach der einsamen Straße wendete, die zwischen Gärten und Mauern zum Landsitze Catharinas führte. Jetzt ward der Palast und der freundliche Garten sichtbar, und Luis sagte mit zitternder Stimme: »Wohin führt mich der Freund? Hieher? Zu diesen Lauben, zu diesem Springbrunnen? Hier, wo ein Engel schon mit mir redete? O Himmel! Ist es nicht, als wenn alle Jugendträume lebendig werden wollten?« Fernando stand still. »Seid Ihr denn etwa«, sagte er, indem er seinen Begleiter scharf ansah, »der fremde Mann, der oft vor diesem Garten verweilte, von dem mein kleines Mühmchen so viel Schönes erzählte, derselbe, dem Maria soviel vorgeschwatzt hat?« »So ist es«, sagte Luis kaum hörbar, mit unterdrückter Stimme. »So gehört Euch auch«, fuhr der Graf fort, »jener Neger an, der uns schon seit lange nachfolgt?« »Ja«, sagte Luis. Das Tor ward geöffnet, und der florentinische Hauptmann ging die Stiege hinauf, Donna Catharina, den Marques und Maria zu begrüßen. Der Graf lud seinen Gast in den untern kühlen Gartensaal, wo er ihm einen Lehnstuhl anbot und ein zierliches Tischchen vor ihn stellte. »Habt die Güte«, sagte er dann, »diese mir teuern Blätter unterdessen anzusehn, die ich mir dann, mit Euerm Beistande, abschreiben will, um sie als ein kostbares Gut zu bewahren. Ich verlasse Euch auf kurze Zeit, um meiner würdigen Muhme Euern Besuch zu melden.« Er ging die Stiege hinauf und ließ in Luis' Händen ein sorgfältig eingeschlagenes und vielfach versiegeltes Paket. Der Fremde, der sich so unvermutet in diesem Garten sah, öffnete es mit zitternden Händen. Indem er die Siegel lösete, fielen ihm jene alten Blätter sogleich in die Augen, welche Gedanken zu künftigen Gedichten enthalten. Er erhob sich mit einem Ausruf vom Sessel und sank dann starr und leblos zurück. Eine tiefe Ohnmacht hielt alle seine Glieder gebunden. In den obern Zimmern bemühten sich alle, Catharina durch Gespräche zu erheitern. Ferdinand, der erst jetzt hereingetreten war, sagte, nachdem er die Frau des Hauses und den Oheim begrüßt hatte: »Nun, meine liebe, sonderbare, unzufriedene Maria, wirst du mit mir zufrieden sein, denn ich selbst habe nun jenen Fremden, den du so liebgehabt, in den Garten und das Haus geführt, und ich hoffe, er soll, so wie der Herr Italiener, zu unsern nähern Freunden in Zukunft gehören. Auch hat er sein scheues Wesen schon mehr abgelegt, er ist freundlicher und gesprächiger. Du wirst den Menschenscheuen ganz bekehren.« Maria rief freudig aus: »Habe ich es denn nicht immer gesagt, daß der liebe Mann eigentlich zu uns gehört? O bring ihn herauf, Graf, daß die Mutter auch einmal etwas Neues erlebt.« »Dessen«, sagte Catharina seufzend, »haben wir seither, meine ich, nur zu viel gehabt. Wo ist mein Vetter, Don Christoforo?« »Er wandelt unten im Garten«, antwortete der Marques. »Der Alte ist munter und gesund, und das hat er Euch zu danken, teure Muhme.« »Nein«, antwortete sie, »mir vergönnt dies das Schicksal, mir wird es in meinen letzten Tagen noch so gut, daß ich für einen edlen Mann, für einen Verwandten, etwas tun kann, der meiner Seele eng verbunden ist, wie es nur Bruder und Schwester sein können: mir selber tu ich am meisten gut, indem ich sein Alter erleichtere.« Mit Geschrei stürzte jetzt der alte Domingo herein. Alle fuhren empor. »Unten im Gartensaale«, rief er laut, »liegt eine Leiche!« Fernando rannte schnell hinab, fast ebenso eilig Maria, der Kapitän folgte, und der Marques führte die erschreckte Catharina. Man wandte alle Hülfe bei dem Ohnmächtigen an, welcher sich endlich von seiner Betäubung erholte. Er blickte um sich und schien verwundert, so viele Gestalten vor sich zu sehn, die sich alle teilnehmend um ihn bemühten. Er suchte seine Besinnung wieder zu sammeln, sein Blick fiel auf Maria, die heftig weinend seine kalte Hand ergriffen hatte. Er lächelte wehmütig, sah in den Garten und wendete sich dann wieder zurück nach dem Tische. »Das war es!« rief er mit so schmerzlichem, durchdringendem Tone, daß alle Gegenwärtigen erblaßten. »Nach der Mahnung dieser Blätter, nachdem ich dies noch erlebte, ist es Zeit zu endigen!« Er warf sich mit beiden Armen über den Tisch, verhüllte sein Haupt und weinte so heftig, daß Maria meinte, die Brust müsse ihm zerspringen. Er redete nicht, seine Tränen flossen immerdar, und Seufzen und Schluchzen wechselte mit den schmerzhaftesten Tönen und Ausrufungen, daß alle, von gewaltiger Rührung ergriffen, weinend in seine Wehklage stimmten. Endlich schien er erschöpft, er hob das tränennasse Antlitz empor, schaute dem jungen Grafen in das Angesicht und rief dann mit Todesakzenten: »Was nutzt jetzt noch die Lüge? Diese alten, stummberedten Blätter sind Worte meiner Jugend, ich bin der arme, unglückliche Camoens!« Ein lauter Ausruf entfuhr allen, und Catharina sank betäubt in die Arme ihres Oheims. In diesem Augenblick war Christoforo über die Schwelle getreten, er hatte den Ruf des Freundes vernommen und stürzte jetzt zitternd, schreiend vor dem Dichter kniend hin: »Luis, mein Luis!« rief er und faßte das bleiche Antlitz in seine beiden Hände. Luis sah ihn an, küßte den Alten und antwortete: »O wie gütig, Himmel, daß ich den Treuen im Tode wiedersehe.« Catharina erwachte wieder, und der Graf führte Maria und den Kapitän nach dem Garten, auch Christoforo erhob sich und folgte dem Winke Fernandos. »Wenn man Wunder erlebt«, sagte der Marques, als die drei allein waren, »so ziemt es sich auch, sie würdig und im Glauben aufzunehmen. Luis Camoens, großer, unglücklicher Mann, erkenne deine Freundin, deine Gattin, Catharina de Otaz da in diesem edlen Bilde wieder und wisse, daß jenes liebliche Kind deine Enkelin, die Tochter deiner Tochter ist.« Die beiden so lange Getrennten blickten sich an, umarmten sich und waren im seligen Entzücken, im wehmütigen, überirdischen Schreck totenbleich geworden. »O meine Catharina!« schluchzte Camoens. »O Luis«, rief sie, »was habe ich um dich gelitten!« »Und Freunden, Geliebten«, sagte er, »lebte ich so nahe und wußte es nicht! Floh die Menschen, die mich getröstet hätten!« »Wie nur«, sagte der Marques, indem er den Dichter mit herzlicher Liebe umarmte, »lebtet Ihr so einsam? Entdecktet Euch keinem Freunde? Wie glücklich, wie selig hätten wir miteinander leben können!« »Das ist mein Schicksal«, antwortete Camoens, »ich hatte allzu Bittres erfahren, und mein Vertrauen war zerbrochen. Ich bedurfte fast nichts, weil ich als Bettler lebte. In San Lazaro, dem Hospital, fand ich des Nachts ein Obdach, welches mir freundliche Geistliche bewilligt hatten, für meine Nahrung und Kleidung sorgte mein Neger, Antonio. O laßt ihn rufen, er weilt draußen, der treuste Freund, daß ich auch seine dunkeln Augen noch einmal sehe.» Der alte Marques weinte heftig, indem sich Catharina und Camoens umschlungen hielten. »Ich verstehe«, sagte der Greis, »das ist mein Neger, den ich kenne. Nein, es gibt keine Worte für den Schmerz, für die Wunden, für das Entsetzen, die alle wechselnd unsre Brust, von seliger Wehmut abgelöst, durchschneiden. O Luis, Bruder, edler Mann – was können wir für dich tun, wir Armen?« »Ich sterbe in der Nähe der Freunde, der Geliebten«, sagte der Dichter, »das ist mehr, als ich jemals hoffen konnte.« Man rief die Entfernten zurück, und auf einen Wink des Dichters stürzte sich Maria in die Arme des überglücklichen Mannes. Auch der Neger Antonio war hereingedrungen sowie Domingo, der alte Vertraute. Alles war Freude und Traum, Schmerz und Entzückung: Jeder betrachtete den wiedergefundenen Dichter als ein übermenschliches Wesen, jeder wollte ihm seine Liebe und Verehrung beweisen, und Camoens, die Augen bald auf Catharina mit seligem Entzücken werfend, dann Maria mit Wonne betrachtend, nun dem braven Christoforo zärtlich die Hände drückend, seinen guten Neger herzlich umarmend und wieder Catharina betrachtend, war im Schwindel des Erkennens, der Freude, und er fühlte, wie des Menschen Kraft zu geringe sei, dergleichen zu ertragen. »Nicht umsonst habe ich gelebt«, sagte er endlich, »meine Liebe ist erkannt, sie wird auch nach meinem Tode wirken.« »Ja«, rief der Marques, »solange es der Portugiese verdient, diesen Namen zu führen. Unser König ist verloren, unsre Freiheit untergegangen, aber wenn einst der stolze Spanier unser Vaterland unterjochen wird, so ertönt aus Euerm Gedicht Freiheit und Patriotismus und muß neue Kräfte wecken und erschaffen. Dies Buch, dieses Werk wird vielleicht bald nur noch Portugal sein, in ihm lebt Mut und Vaterland, Liebe und Kraft, und wie nur dem Frühling, muß stets Schönheit und Frucht diesen Versen entquellen. Ihr sterbt niemals, Luis, denn jeder Nachkomme muß aus Euch lernen, was das Würdigste sei und was ihm obliegt.« »Wäret Ihr Prophet, edler Mann!« rief Camoens. »Doch für mich ist wenigstens jetzt meine Laufbahn zu Ende. Die Schätze meines Lebens, Freundschaft und Liebe, habe ich noch einmal wiedergesehn, Achtung ist mir geworden, jetzt ruft mich die Liebe des Heilandes.« Keiner der Gegenwärtigen konnte es sich verhehlen, daß der Dichter im Sterben sei, die Gefühle aller waren aber so wunderbar gesteigert, daß man nicht sagen konnte, sie trauerten über seinen Hingang. Nur sorgte man, daß der fromme Christ nicht ohne Beichte und Sakrament verscheide, nur war man verlegen, wo schnell, bei der Ferne von der Stadt, ein Priester zu finden sein möchte. Da vernahm man Posaunentöne und lauten Kirchengesang von Geistlichen und nachfolgendem Volke. Es war eine zahlreiche Prozession, die einen Umzug hielt, um nach einem Kloster und wundertätigen Marienbilde zu wallen. Es war ein Trauerfest, den verlornen König mit Gott und zugleich das leidende Vaterland zu sühnen. Der Marques ging selbst hinaus, um den Zug zu begrüßen. Der Prinz Antonio, Prior von Grato, und ein Bischof, welcher mit dem Hochwürdigen eintrat, erschienen vor dem Kranken. »Der große Camoens lebt, um jetzt zu sterben!« rief der Prinz. »Einen solchen Portugiesen zu ehren, sollte der König selber erscheinen.« Man ließ den Sterbenden mit dem Bischof allein, der aus Ehrfurcht vor dem Beichtenden keinem andern Geistlichen die heilige Zeremonie überlassen wollte. So ehrte man im Sterben den, den alle, solange er lebte, vernachlässigten und vergaßen. Als der Kranke die Sakramente empfangen, traten alle Freunde wieder zu ihm, und er nahm mit verklärtem Blick Abschied von allen. Die edle Catharina zeigte eine würdige Fassung, ihr Glück und Unglück war zu groß, um sich in Schmerz oder Worte ergießen zu können. Ganz außer sich war die zärtliche Maria, obgleich sie nicht wußte, mit wie nahen Banden des Blutes der Sterbende ihr verwandt sei. Der Marques und der Graf zeigten ihre Freundschaft, und der italienische Hauptmann drückte in Worten und Gebärden fast eine Vergötterung aus, da er beschämt war, daß er den großen Mann früher so verkannt hatte. Christoforo sagte: »Habe ich dich doch wiedergesehn, Edelster, Treuster aller Menschen! Auch dafür, wenn es auch nur ein einziger Blick war, danke ich meinem Gott.« Am wehmütigsten war der Abschied des guten Negers von seinem Herrn. Camoens segnete ihn und sagte: »Deine beispiellose Treue und Liebe kann der Himmel nicht unbelohnt lassen.« »War ich nicht belohnt genug«, sagte Antonio, »daß ich dir angehörte, dein Freund war?« Auch dem alten Domingo reichte Camoens die Hand. Alle schwiegen, und in Gegenwart der edelsten Menschen schlief der Dichter beruhigt und beseligt ein. Catharina folgte ihm bald. Der gute schwarze Sklave ward im Hause des Marques aufgenommen und nicht als Diener behandelt, sondern der Greis und der junge Graf schenkten ihm das Vertrauen, welches er verdiente, und gingen mit ihm wie mit einem alten Freunde um. Nach dem Tode des alten Königs Heinrich bemächtigte sich Alba für seinen Herrn Philipp des Reiches. Lange widerstand ihm der Prinz Antonio, mußte aber der Übermacht weichen. Ferdinand vermählte sich mit Maria. Die Familie hatte sich mit Antonio zwar verbunden und ihm Beistand geleistet, aber Philipp verzieh aus Klugheit, da es gefährlich war, alle Patrioten zu bestrafen. Und so lebte diese Familie so glücklich, als es Edlen möglich ist, die zurückgezogen von der Welt um ihr unterjochtes Vaterland trauern müssen.