Johannes Richard zur Megede Modeste Roman Fräulein Louise Voigt zur Erinnerung an italienische Frühlingstage 1 Schmaleningken! Der kleine Raddampfer bog in den Winterhafen ein. Die Pfeife heulte. Es war die erste deutsche Station am Memelstrom. Wenig zurück, wo hinter sumpfigen Wiesen Kiefernwald zum Wasser heran zog, lag schon das heilige Rußland. Ein Spätnachmittag im September mit milder Sonne und weichen Schatten. An solchen Tagen ist die Ebene so schön. Das Schiff hatte es eilig. Der armselige Flecken hielt es auch nicht lange. Während der graubärtige Kapitän an der Bordverkleidung gähnend lehnte, wurden ein paar leere Schnapsfässer die sandige Uferböschung hinabgerollt; ein riesiger Sack schwankte unter einem grobsträhnigen Litauer Kopfe auf Deck. »Na, nu macht 'n bißchen schnell, Mannchen!« – Das breite Ostpreußisch des Schiffers wurde aber sofort geschmeidig, als ein Herr mit Damen jetzt auf das Landungsbrett trat. – »Guten Tag, Herr Graf – guten Tag, Frau Gräfin – guten Tag, gnädiges Fräulein... Die Herrschaften wollen schon zurück?« »Ja, ja, ja,« erwiderte der Herr etwas nervös, mit einem leichten Griff nach dem Hut. »Warum habt ihr eigentlich immer solche Riesenverspätung hier? Wir sind schon seit zwölf Uhr in dem Nest.« Und er wies nach dem einfachen Gasthof auf der Uferhöhe, wo zwei magere Steppenpferde mit wirrer Mähne und unstetem Auge vor einem schmutzbedeckten Wagen bewegungslos standen. Der Kapitän machte ein pfiffiges Gesicht: »Der Herr Graf wissen ja: auf der russischen Seite regulieren sie den Strom nun einmal nicht ordentlich. Stromaufwärts haben wir darum im Herbst immer zu wenig Wasser. – Man kommt beim besten Willen nicht vorwärts!... Und dann hatten wir auf der Herfahrt auch noch Schimkes an Bord. Das sind die Flößer, Frau Gräfin, die nach Rußland zurückgehen. Das Schiff gestopft voll. – Das ist eine Bande! – schlimmer als das Vieh. Die sollte die Frau Gräfin mal essen sehen. Zehn Kerls brocken sich Zucker und grobes Brot zusammen in einer Schüssel, und dann gießen sie einen Patscheimer mit Memelwasser drauf, und dann fährt alles mit Holzlöffeln rein. Und ein Geschmatz und ein Kreuzgeschlage! Und was sie sonst noch für nicht zahlende Passagiere mitgehen lassen...« Der Kapitän kraute sich in nicht mißzuverstehender Weise sein dickes Haar. Der Graf räusperte sich darauf, die Gräfin sagte: »O Gott!« – Das gnädige Fräulein aber lachte ungeniert. »Nun, alles glücklich an Bord? – Dann ziehen Sie die Brücke weg!« In dem Augenblick kam ein junger Mensch rasch die Böschung herabgeschritten: »Halt, ich will noch mit!« »Na, dann beeilen Sie sich!« Der Ankömmling sprang auf Deck, machte eine hastige Bewegung nach der Ökonomenmütze, als wenn er grüßen wollte, tat's aber im letzten Moment doch nicht, sondern ging leichtfüßig an den andern vorüber ins Vorderschiff. »Na, das scheint auch so ein duschackiger Kerl zu sein!... Hat die ganze Zeit über bei den russischen Pferden gestanden, als wenn er noch nie so was gesehen hätte... Und dann kommt er noch beinahe nicht mit!« sagte der Kapitän ingrimmig. Von den gräflichen Herrschaften hatte nur das gnädige Fräulein dem halblauten Monologe zugehört. Sie sah dem »duschackigen Kerl« nach. Er stand jetzt am Schornstein und schaute wieder zurück nach den Pferden – eine schlanke, sehnige Reitergestalt, sonnenverbrannt, mit krausem, aufgedrehtem Schnurrbart. ›Wahrscheinlich Inspektor,‹ dachte sie. ›Aber hübscher Kerl...‹ Dann begann die Maschine zu arbeiten, das Schiff schwankte und bekam endlich ächzend mäßige Fahrt. Die drei Stunden Verspätung konnte es ja doch nicht mehr einholen. »Modeste! Kaffee – willst du oder willst du nicht?« klang es vom Hinterschiff. Graf und Gräfin hatten es sich dort an einer Glaswand bequem gemacht. Das gnädige Fräulein folgte zögernd dem Ruf. Sie war gar nicht begierig auf den Schiffskaffee und auf die Gesellschaft von Schwager und Schwester noch weniger. In monatelanger Einsamkeit auf einem russischen Gute hatte sie sich mit den beiden fast zu Tode gelangweilt. Es war nicht Mangel an verwandtschaftlichem Gefühl – es war ihre Natur so, daß sie die Legitimität langweilte... Ja die Legitimität! – Wie sie so bei den beiden saß, stumm, geistesabwesend, hatte sie darüber ihre ketzerischen Gedanken. Die Legitimität erschien ihr alt, langweilig, verbraucht – die Illegitimität jung, hübsch, von überschäumender Lebenskraft. Die Legitimität saß neben ihr, war ihre Schwester und hieß jetzt: Erika, Gräfin von Axsil, eine aus der Form gegangene ältere Blondine mit losem Korsett und unvermeidlichem Schildpattlorgnon. Der Gatte, ein mit schwerem Geld gekaufter Edelmann, schlank, brünett, sehr Aristokrat, eine angezüchtete Liebenswürdigkeit im schmalen, feingefältelten Gesicht eines routinierten Vierzigers. Die vor wenigen Jahren erst geschlossene Ehe war leidenschaftslos glücklich. Das Gefühl hatte sogar bis zu einem Sohne gereicht – legitim, temperamentlos wie die Eltern... Die Illegitimität stand noch immer neben dem Dampferschlot, trug eine Ökonomenmütze und zeigte über dem schneeweißen Stehkragen einen kräftigen braunen Nacken. – Der Zufall wollte es, daß Modeste zwischen den beiden saß, der Legitimität näher, der Illegitimität ferner, was auch ihren Gedankenkreisen im Augenblick entsprach. Sie stand unentschlossen zwischen den beiden – sie war ja noch so jung! Modestes Familiengeschichte war nicht übermäßig verwickelt. Sie hießen Lindt und waren eine längst anerkannte Parvenüsfamilie vom Rhein. Der Vater hatte sein Geld in Knochenmehl gemacht – viel Geld – und in gesetzlich nicht anfechtbarem Wucher. Durch beides hatte er intime Beziehungen zur Landwirtschaft gewonnen und auch ein gewisses Interesse für den Stand. Denn dieser Emporkömmling war im Grunde seines Herzens konservativ, ein Freund altadliger Traditionen, dazu von jenem Erwerbsehrgeiz, der da sagt: »In jeder Branche gibt's was zu verdienen.« Er reiste daher lange im Osten umher, zum Vergnügen scheinbar, in Wahrheit, um Güter anzusehen. Und wie alle klugen Leute fand er auch, was er wollte: ein Ordensschloß der Deutschherren, feudaler Besitz, tief drin in Litauen, zwar von Hypotheken überlastet, aber der zeitweilige Schloßherr war sein Geschäftsfreund und Schuldner. Er zog also dem Manne, der auch ohnedies nicht zu retten gewesen wäre, ohne Härte oder Hast die Krawatte zu und erwarb das Gut in der Subhastation zu einem Spottpreise. Das geschah vor zwanzig Jahren. Die Frau – aus guter Familie – und zwei Töchter brachte er mit. Die Jüngste, Modeste, wurde auf dem Schlosse geboren. Sie war also schon durch den Geburtsort die feudalste und der Liebling des Vaters. Die Gegend weigerte sich anfangs, den Mann anzuerkennen, wenigstens das blaue Blut erwiderte zwei seiner Einladungen regelmäßig durch eine einzige. Aber da der Neuling anständig verbohrte Gesinnungen zeigte und seinen Geldbeutel nur den kleinen Mann fühlen ließ, durfte er endlich passieren. Die älteste Tochter wurde zur rechten Zeit auf den Markt gebracht. Baron sollte der Schwiegersohn mindestens sein – aber kein Hungerleider. Dazu war der Alte auch jetzt noch zu sehr Kaufmann. Der Edelleute fanden sich viel – sogar ein Kürassierleutnant aus dem Westen, der aber kläglich Fiasko machte, als es ans Schuldenbeichten ging. Kurz vor Toresschluß tat es der Ältesten ein deutschrussischer Graf an – auch Habenichts, bei dem aber mildernd die Neunzinkige wirkte und ein nebelhafter Erbonkel in Warschau... Die Zweite, Frida, fand nicht einmal den Baron. Das war nicht ihre Schuld. Der Alte war durch die vielen mißlungenen Verlobungen der Ältesten in Mißkredit bei den Heiratskandidaten gekommen... Die Jüngste, der Star, empfand dabei einen häßlichen Triumph. Die Schwestern haßten sich. Bei dieser Schwester waren Modestes Gedanken gerade jetzt. Nein, die Legitimität war doch das einzig Wahre! Schon um diese Schwester zu ärgern, mußte sie ja verständig heiraten. Ob sie den Zukünftigen nun liebte oder nicht – aber vornehm, dreimal vornehm sollte er sein. Und bald, bald! Nicht so töricht lange warten wie die älteren Schwestern, die in aussichtslosen Liaisons Jugend und Gefühle verzettelt hatten. Diese Vorstellung erhitzte sie. Und als hätte der leise Herbstwind, der über das schmutzige Deck strich, ihr Haar verwirrt, holte sie einen Taschenspiegel mit gleichgültiger Bewegung heraus. Sie schaute lange in das Glas. Sie dachte nicht an die Frisur. Sie dachte, daß es ohne Schmeichelei ein kleiner, feiner Kopf war, den sie erblickte. Schmale Lippen, blasse Augen, die runde Stirn von hellblondem, zierlichem Kraushaar überzittert. Und weiß die Haut und weich die Linien. Die Nase war freilich nicht schön – zu klein – aber pikant mit den rosigen, etwas lüsternen Flügeln. Und die paar leichten Sommersprossen – bah! Ein Reiz mehr, wie sie jetzt so wissend lachte, was eine Familieneigentümlichkeit war... Und was das kleine, trübe Glas nicht zeigte, und was ihre scharfen neunzehnjährigen Augen so gut sahen: – die schlanken, vollen Glieder, die graziöse Hüfte, die auch unter dem festesten Korsett sich so anmutig bog. Modeste stand auf, machte einige Schritte vorwärts und hatte ganz das Gefühl, als wenn ihr alle Augen auf dem Schiffe folgten und aufleuchtend sagten: Was ist die doch gut gewachsen, und wie hübsch geht sie auf schmaler Sohle!... Nein, ein solcher Körper mußte ja Karriere machen... Und mit saugender Nüster schaute sie ins Leere, in die Zukunft, wo der Briefverkehr mit ihrer Schwester Frida ein sehr lebhafter sein sollte. Sie sah sogar sehr deutlich die Kuverts: Ihrer Hochgeboren Frau Gräfin von... mit einem verschwimmenden Namenszuge. Und dagegen wieder: Fräulein Frida Lindt Wohlgeboren. Das Wohlgeboren würde sie der Schwester nicht um die ewige Seligkeit erspart haben. – Modeste war in diesem Augenblick kalt legitim auch im Gesicht. Und doch war illegitimer als alles, daß ihr Auge niemals einem Männerblicke auswich. Die schleppende Stimme der Schwester weckte sie aus dem ehrgeizigen Traume. »Willst du nun eigentlich deinen Kaffee austrinken oder nicht, Modeste? Alles fällt voll Fliegen. Nimm sie doch heraus!« Modeste drehte sich herum und erwiderte spitz: »Fliegenkaffee kannst du allein trinken, Erika!« – Und wie sie das Ehepaar jetzt sah, vor der Herbstkühle hinter der Glaswand zusammengekauert – sie mit der Geizfalte um den welken Mund, er an der längst ausgegangenen Zigarre ziehend –, da fiel ihr wieder ein, was sie bei diesem ersten russischen Besuche schon am zweiten Tage trotz aller Ehrfurcht für Grafenkronen gedacht hatte: ›Wenn das die Ehe ist – um Gottes willen! – da muß man ja mit dem ersten besten Stallknecht durchgehen! Und wenn das Elternglück heißt, so eine talgige, blutarme Schlafmütze als Thronfolger zu haben, so einen, den man erst kneifen muß, bis er Leben bekommt und schreit, wie dieser Dagobert Axsil – nein, nein, lieber..‹ Und sie hatte eine ganz unerhörte Konsequenz dabei gezogen. Darauf ging Modeste auf Deck spazieren. Dieser sinkende Herbsttag war doch zu schön, um ihn ganz zu verträumen... Die Ebene und der Strom – sie liebte beide. Lange stand sie über Bord gelehnt. Und die Ebene zog vorüber, so weit, so ruhig – Wiese und Wald und einsame Häuser und weidende Pferde. Mit purpurner Glut lag die untergehende Sonne darüber. Die Kiefernstämme glänzten, das Grün schimmerte hell. Aber das warme Licht trog – es war schon Herbst. Jedoch Modeste ließ sich gern belügen. Es lag so viel köstliche Einsamkeit, so viel schwermütige Trauer über der Flur. Wiesenduft strömte herüber und Harzgeruch und Wasserdunst. Zwischen nickenden Weidengebüschen floß der ruhige gelbe Flachlandstrom. Die Kielwelle rollte auf grauen Sand, Kähne tanzten, ein flachshaariger Junge warf flache Steine nach dem Schiff und schrie ein litauisches Wort. Und die Sonnenlichter wurden breiter und schwerer, und die Schatten zogen nach. Das Ufer erhob sich zu welligen Hügeln. In den Fenstern einer Schneidemühle blitzte die rote Sonne. Riesige Holzflöße lagen im Strom, mit wilden Gestalten am rohen Steuer; die Stämme schaukelten behaglich, ein Hund bellte. Der Kapitän schrie einem Floßführer zu, und der Mann drohte zurück. Das Schiff legte bei. Auf lang streichendem Hügel eine Stadt in Waldgrün gebettet, mit rotschimmerndem Ordensschloß. Es war Ragnit. Ein schweres Boot schwankte heran und brachte einen kurländischen Baron mit einem Schafbock. Aus der Kajüte war jetzt ein dicker Mann heraufgekommen, eine Art Verwalter, und dienerte: »Guten Tag, Herr Baron.« Der Baron tippte nur an seine russische Mütze. Modeste aber, die viel Sinn für das Komische hatte, fand diesen alten hochmütigen Edelmann mit seinem Schafbock äußerst pläsierlich. Sie trat darum auch näher heran, als sich die beiden, Herr und Verwalter, unterhielten. Die Unterhaltung enttäuschte sie etwas, sie galt nur landwirtschaftlichen Maschinen. Der Baron, ein kluges, scharfes Gesicht ohne Güte, paffte dazu ganz kurze russische Zigaretten mit riesigem Mundstück. Wenn er die letzte wegwarf, stand auch schon sein Verwalter mit einem Streichholz bereit. Der Baron aber dankte nie für den Dienst. Wohl eine halbe Stunde lagen sie vor dem Nest. Schmierige Säcke ohne Zahl kamen an Bord. Das war langweilig, der Schafbock eigentlich noch das Interessanteste. Darum ging Modeste auch an den Käfig heran und steckte die Spitze des Sonnenschirmes durch die Holzstäbe nach dem Tier, das in charakteristischem Stumpfsinn dalag. Bei dem Schafbock fand sie auch den »duschackigen Kerl« wieder, der inzwischen unten gewesen sein mußte. Er trat vor der Dame sofort höflich zurück. »Fahren Sie nach Tilsit?« fragte Modeste dreist. »Jawohl.« »Und da bleiben Sie?« »Nein.« »Also Sie wollen noch weiter?« »Jawohl.« »Na, wir haben auch noch verschiedene Stunden Wagenfahrt vor uns.« »Ich auch.« Modeste sagte darauf lächelnd: »Vielleicht wollen Sie am Ende auch nach Barginnen wie wir?« »Jawohl.« »Nach Schloß oder Dorf?« »Schloß.« Modeste sah den hübschen jungen Menschen mit Interesse an. Dann lachte sie hellauf: »Jetzt will ich Ihnen auch sagen, wer Sie sind. Sie sind der neuengagierte Inspektor Romeit von uns. Ich bin das Fräulein vom Schloß.« Inspektor Romeit zog mit eckiger Höflichkeit die Mütze: »Ich dachte mir das gleich, gnädiges Fräulein.« Nun verstand auch Modeste das Zögern vorhin und den Griff nach dem Hut. Der gewisse bäurische Trotz, der in seiner Art lag, und die Scheu vor den Schloßherrschaften – das ärgerte sie und schmeichelte ihr zugleich. Sie war im Begriff gewesen, zu sagen: »Kommen Sie doch hinüber zu uns, wir sitzen da an der Glaswand.« Denn es schien sonst ein Mensch von Manieren zu sein. Schnell überlegte sie sich's anders. ›Inspektoren! Die muß man sich immer etwas vom Leibe halten, sonst werden sie frech. Inspektoren sind Schwefelbande, sagt Papa immer... Schade! Wenn man ihn näher besieht, hat er gar nichts Unfeines, eher das Gegenteil.‹ Und endlich sagte sie mit kurzem Kopfnicken: »Wir werden wohl in Tilsit in demselben Wagen fahren, wenn nicht Papa einen Einspänner für Sie geschickt hat. Adieu!« »Adieu, gnädiges Fräulein!« Und daß Herr Romeit womöglich noch steifer wiedergrüßte, tat ihr eigentlich wohl. Indessen hatten sich die gräflichen Herrschaften mit dem Baron angefreundet. Modeste horchte auf das Gespräch, ohne nahe heranzugehen. Die gewöhnliche Herbstunterhaltung: Hühnerjagd, Landwirtschaft. Das machte eben der gleiche Stand, die gleiche Lebenssphäre der Herren. Aber während der Graf immer wieder auf die Hühnerjagd zurückkam, ohne Eifer, obgleich es seine einzige Passion war, sprach der Baron scharf und angeregt von landwirtschaftlichen Fragen: »Ich arbeite jetzt soviel wie möglich mit Maschinen. Passen Sie auf, die Leute werden uns in Rußland auch noch knapp! Der Zuzug vom Lande nach unsern baltischen Seestädten ist schon jetzt sehr bedeutend. Unsereiner muß die Augen recht groß aufmachen, sonst wachsen ihm die Verhältnisse über den Kopf. Wer garantiert uns, daß der große Weltkrach nie eintritt? Der kleine ist bei der Landwirtschaft ja schon in Permanenz erklärt – in Deutschland, bei uns, ja sogar in Amerika.« – Dagegen ihr Schwager: »Ja, ja... man schränkt sich ja auch ein, wie man kann. Übrigens, was Sie von Rübengütern in Posen vorhin sagten, ist vollkommen richtig – was es da für Hühner gibt! Ich reise im September immer der Jagd wegen zu meinem Schwiegervater nach Deutschland...« – »Ich nicht!« antwortete der Baron trocken. »Wenn zugesät wird, muß ich dabei sein. Es kann einem sonst ganz gut passieren, daß so ein Inspektor allein ganze Schläge unbestellt läßt. Ich bin nur wegen einer Drillmaschine hier, die ich mir bei Verwandten angesehen habe und die ich, weil sie vorzüglich funktioniert, gleich mit nach Kurland nehmen werde.« Von Zeit zu Zeit ging dem Baron im Eifer der Unterhaltung die Zigarette aus. Dann sprang der dicke Verwalter von der andern Seite des Decks mit den Streichhölzern herbei und erntete einen kaum bemerkbaren Dank der kühlen grauen Augen. Zuletzt begann es dem Grafen zu frösteln: »Kalt heute abend! – Ich denke, man verfügt sich langsam in die Kajüte.« »Ja gern,« antwortete der Baron. »Aber wir aus dem Lande der Wölfe sind doch eigentlich lächerlich empfindlich.« Die Herrschaften erhoben sich... Als die Schwester Erika an Modeste vorüberkam, flüsterte die ihr zu: »Weißt du, wer der junge Mann da drüben ist? Unser neuer Inspektor.« »Ach was! Wie hast du denn das rausbekommen?« »Ich habe ihn selber gefragt.« »So! Macht er einen gemeinen Eindruck oder nicht?« »Ja und nein. Etwas Bauer.« »Wenn er nur tüchtig ist! Es war doch recht gut, daß Papa den alten Biesenthal endlich hat abschieben können. So 'n alter Mann mit einer Menge Kinder!... Die Geschichte mit der Buchführung war ja eigentlich nicht der Rede wert – selbstverständlich nur ein Vorwand für Papa. Aber es ist ganz richtig! So 'n alten Krippensetzer kriegt man ja sonst immer wieder aufs Gut. Wo ist er eigentlich jetzt, Modeste?« »Ich weiß nicht. Auf Rosen wird er vermutlich nicht gebettet sein. Aber das geht uns doch nichts an.« Wie die Schwestern so leise miteinander flüsterten, sprang bei beiden der Lindtsche Familienzug scharf hervor: die größten Herzlosigkeiten mit gleichgültigem Lispeln zu sagen. In die Kajüte wollte Modeste nicht mit. Sie haßte die verbrauchte Luft da unten und verstand nicht, wie man an einem Septemberabend schon frieren konnte. Ihrem jungen frischen Blut tat die Kühle wohl. Sie blieb also oben, aber sie setzte sich ein wenig abseits, weil ihr die Füße in den zu schmalen Lackschuhen vom langen Stehen brannten. Die Sonne war gesunken. Mit lastendem Fittichschlage zog die Herbstnacht heran. Stromnebel stiegen empor, milchig weiß. Sie legten sich über das raunende Weidengebüsch längs des Ufers – über die Wiesen – über den Wald. Die Kielwelle rauschte schwer, tückisch blinkte das Wasser. Es wehte kühl und feucht. Modeste machte die Mantelknöpfe auf. Es lag so viel unerbittliche Jugend in der Nachtluft... Der Dampfer fuhr eiliger. Wieder tauchten rechts und links Flöße auf – schwarz, riesig, geheimnisvoll; der Mann am Steuer wie ein graues Gespenst. Auf einigen hatten sie Feuer angemacht. Die rote Lohe schlug durch die Nacht und malte seltsame Bilder auf den stillen, dunkeln Strom, auf die geduckten Weiden... Wenn das Schiff jetzt lautlos auf den Grund sänke? – Es war alles so tief und stumm und lastend ringsumher. Modeste wurde nicht müde, ins Wasser zu starren. Die große Poesie der Ebene ging ihr auf und der Nacht. Die Brust wurde ihr so weit, und sie atmete tief. Was wußte die Legitimität da unten in der Kajüte von Nacht und Jugend und ehrgeizigen Träumen. Modeste hätte die ganze Nacht so weiterfahren können. Ihr tat es fast leid, als hinter dem Waldhügel des Rombinus, wo die alten Litauer ihren Heidengöttern opferten, rosiger Lichtschimmer den Nebel durchdrang. Er kam näher und näher. Türme tauchten auf – erhellte Fenster – zuletzt eine Eisenbahnbrücke, deren schlanke Umrisse in der Luft zu schweben schienen. Tilsit. – Auf der Kajütentreppe hörte sie den leicht schleppenden Tritt ihres Schwagers. Die Schwester ward sichtbar im Schal, vermummt, eine unförmige, fröstelnde Masse... Modeste schüttelte sich ordentlich vor Grauen. Nein, eine solche Legitimität würde sie töten! Lieber jung sein, genießen und hinterher meinetwegen verkommen. Neben dem Schafbockkäfig tauchte eben eine Gestalt auf. Es war der Inspektor Romeit. Auch er hatte die ganze Zeit stumm auf Deck gesessen – und Modeste hatte an ihn gar nicht mehr gedacht. An dem Landungsplatze hielt schon der Lindtsche Wagen – ein altes viersitziges Vehikel mit schweren Federn. Bevor die Schwestern einstiegen, tuschelten sie noch miteinander. »Soll er mit im Wagen sitzen, Erika?« »Ach, Unsinn, Modeste! Auf dem Bock natürlich. Man muß solche Leute erst gar nicht auf Gedanken bringen.« Sie ratterten durch die neblige Stadt. Ein Dragoneroffizier grüßte. Dann rollte der Wagen auf weißer, endloser Chaussee landeinwärts. Der Graf auf seinem Rücksitz allein war in schlechtester Laune. »Konnte euer Vater nicht wenigstens den geschlossenen Landauer schicken? Man friert ja tot in der offenen Karrete!« Und mürrisch wickelte er sich in seinen dicken Offiziersmantel. »So?« fragte die Gräfin gleichgültig zurück. Niemand fand es natürlicher, daß man tags im eleganten Landauer, aber nachts in der ausrangierten Chaise fuhr, selbst wenn man darin fror. Sie war ihres Vaters beste Tochter. Modeste aber schlug verächtlich die Klappen ihres Sportpaletots zurück. Frierende Männer! Das war nie ihr Geschmack gewesen. Der Inspektor da oben auf dem Bock fror nicht; der saß so ruhig und gerade in seinem Lodenjackett, und der weiße Kragen leuchtete über dem schlanken, kräftigen Rücken. Sie beide froren nicht... Der gleichmäßige Trab der Tiere, das Schwanken der Federn machten die Insassen allmählich müde. Die Gräfin gähnte, der Graf sank in sich zusammen. Auch Modeste fing an zu blinzeln. Wie im Traum glitt ihr die Gegend vorüber – gelbe Stoppelfelder, schwarze Brachen, Kartoffelland mit dürrem, herbe duftendem Kraut. Ein schiefer Mond lag darüber. Zuweilen sprang der Umriß eines schlafenden Hauses scharf hervor, ein einsamer Baum schüttelte sich schlaftrunken. Oder eine weidende Kuh hob sich von dem tiefen, grauen Horizont groß und unbestimmt wie ein Schemen ab. Eine Postkutsche kam vorüber mit zwei elenden trottenden Schimmeln und einem nickenden Postillion. Modeste hatte das helle Licht schon lange vor sich herschwanken gesehen und schläfrig gegrübelt, ob es ein Stern oder ein Irrlicht sei. Jetzt, da sie es wußte, schloß sie befriedigt die Augen. Wenn sie aber durch tote Dörfer fuhren – das Rollen des Wagens klang dann hohler zwischen den Gebäuden, und der dumpfe Anschlag von Hofhunden wurde laut –, rieb sie sich das verschlafene Gesicht und suchte die Gegend zu erkennen. Dann war sie auf Augenblicke ganz wach und ihr Blick von häßlicher Nüchternheit. Der Graf war noch tiefer zusammengesunken und fröstelte im Schlaf – aber der schlanke, kräftige Rücken vor ihr auf dem Bock blieb immer gleich gerade und unbeweglich ... Sie kamen durch ein halbes Dutzend Dörfer. Und immer wieder fuhr Modeste auf, und immer wieder sah sie dasselbe Bild: immer zusammengesunkener der eine, immer gerader der andre. Sie war zu träge, um darüber bestimmte Gedanken zu haben, sie fühlte leisen Ekel und matte Bewunderung zugleich ... Warum mußte der eine Graf sein und der andre Inspektor? – Umgekehrt wäre so viel natürlicher gewesen ... Das flog ihr aber nur so vorüber wie im Traum. Die gaukelnden Bilder wollten in einem ruhigen Schlaf verrinnen – da wurden die Pferde plötzlich unruhig und schnaubten. Ein andres Gefährt mußte dicht hinter ihnen sein. Gleich darauf auch ein kurzes Peitschenknallen, um zu avertieren. Der Lindtsche Kutscher ruckte an den Leinen und lenkte nach rechts, den Ungeduldigen vorüberzulassen. Modeste bog sich neugierig aus dem Wagen. – Es war ein ihr wohlbekanntes Gefährt. Hoher grüner Jagdwagen, zwei weitausgreifende Trakehner Rappen davor. Der Herr fuhr selbst. Hinten eine kohlschwarze Livree mit hohem Kokardenhut. Die Arme über der Brust gekreuzt. Sie jagten vorüber – es war nur ein Moment – grußlos der Herr, unbeweglich der Kutscher. Modeste wollte sich über die Unhöflichen ärgern. Ja, das war er – an jedem Bekannten vorbei, Kopf geradeaus, die Peitsche hoch, wie es eben seine Laune war! Aber gerade diese Rücksichtslosigkeit imponierte ihr heimlich. Auch die Gräflichkeiten wurden halb wach. »Wer war das, Erika? – Wohl kein Bekannter von euch? Sonst wäre er doch nicht so unhöflich vorübergerast. Sahst du vielleicht, Modeste? ...« Modeste schwieg, als wenn sie schliefe. Dabei sah sie auf einmal völlig frisch geworden mit leuchtenden Augen ins Weite. Was sie heute während der ganzen Fahrt über ihre Zukunft phantasiert hatte, verdichtete sich hier im Moment zu einem sehr verständigen Entschluß. Wozu in die Ferne schweifen? – Sie hatte in dem unhöflichen Herrn ihren Zukünftigen erkannt. Da war die Legitimität und auch noch Jugend – von beiden genug, um sie glücklich zu machen. Die distinguierteste Livree und die rassigsten Fahrpferde, soweit ihr Landverkehr reichte ... Daß sie an den Mann nie ernstlich gedacht hatte! Freilich, sie kannte von ihm eigentlich nur die langen Nägel und den launenhaften Hochmut. Wer aber kannte eigentlich mehr von ihm? – Niemand. Er war ihnen allen in der Gegend ein Fremder. Jetzt wollte Modeste ihn besser kennen lernen. Und sie murmelte zwischen den zusammengepreßten Zähnen seinen Namen: »Xaver Kajetan Falkner von Öd, Freier Panierherr zu Eyselin!« Sonst hatte es ihr immer unheimlich fremd und vornehm geklungen – es lag am Mann. Jetzt klang es ihr plötzlich so vertraut, als hieße sie selbst schon so. Als das schwere Massiv des Ordensschlosses aus der uferlosen Ebene hervortauchte, winkte sie grüßend mit den Augen hinüber. Sie hatte sich in der ganzen Zeit weder nach Vater noch Mutter noch Schwester gesehnt – aber heute liebte sie die Heimat wirklich, weil die ihr ja das legitime Glück bringen sollte. Der Wagen fuhr in den Schloßhof. Dumpf und feudal dröhnten die alten Mauern den Hufschlag zurück ... Modeste wußte, was sie wollte. Der Inspektor war ihr völlig entschwunden. Sie sah ihn eigentlich erst wieder, als er behende vom Bock herabsprang, den Damen aus dem Wagen zu helfen. Der Graf war ganz steif geworden und fror noch immer. Was interessierten sie die beiden Männer? ... Gar nicht! Sie überlegte jetzt, ob der Auserwählte Dienstag zur Hühnerjagd kommen würde – er war gar nicht Jäger. Oder dann wenigstens zum Diner – eingeladen war er sicher... Noch beim Auskleiden murmelte sie vor sich hin: »Modeste Freifrau von Öd!« Sie tat es sehr vorsichtig. Denn die Schwester Frida beobachtete von ihrem Bett aus argwöhnisch die Jüngere, der die ermüdende Nachtfahrt so frische Wangen und so blanke Augen gemacht hatte. 2 Die Jagdgesellschaft war gleich nach Tisch vorgefahren – vorläufig nur die Jäger mit ihren Hühnerhunden, riesigen Flintenfutteralen und kleinen Koffern zur Dinertoilette. Modeste überließ den Empfang gern den Schwestern. Herr von Falkner hatte auch zugesagt für den Abend. Seiner war man jedoch nie sicher. Der reitende Bote mit der Absage im letzten Augenblick galt als seine Spezialität. Modeste, obgleich sie unerträgliche Migräne gehabt hatte und zur großen Freude ihrer Schwester Frida nicht einmal zum Festessen erwartet wurde, schlich dennoch um vier Uhr aus ihrem Turmzimmer ins Freie hinunter. Der Nachmittag war klar, kühl, die Luft so durchsichtig, daß man den Kirchturm der fernen Kreisstadt deutlich erkennen konnte. Im Park sanken die ersten bunten Blätter leise raschelnd auf die frisch geharkten Kieswege. Von Zeit zu Zeit klangen Schüsse, aber sehr ferne – die Jäger hatten wohl ein dezimiertes Volk bis an die äußerste Gutsgrenze verfolgt. Modeste, noch im Morgenkostüm, mied die breite Lindenallee, wo auf grüner Bank die hellen Sommerblusen ihrer Schwestern leuchteten. Sie gingen hinaus aufs Feld. Was sie während jener Nachtfahrt in Herzensangelegenheiten beschlossen, kam ihr heute kindisch und übereilt vor. Ihre Vorstellung sah den Auserwählten nur unklar. Dennoch erwartete sie sein Kommen mit nervöser Spannung. Schloß Barginnen lag stumm und mittelalterlich im scharfen Herbstlicht. Ein schwerer, alter Backsteinbau mit zwei jäh vorspringenden Flügeln, der linke von einem eckigen Burgfried gekrönt. Hohe Stockwerke, aber häßlich niedrige Fenster. Die Vorfahrt ein tiefes Mauertor, in dem die Steintreppe zur Wohnung emporführte. Ringsum der Park, nicht groß, aber uralte Föhren drin, die bis zum Burgfried emporragten. Auch Rasenplätze mit spärlichen Blumenbeeten, verschlungene Wege – die dunkle Allee mächtiger Linden führte von der nahen Chaussee bis zum Schloß. Die Wirtschaftsgebäude lagen abseits, hinter einem Wäldchen schlanker, weißer Birken versteckt. Unregelmäßige alte Gebäude aus Feldsteinen aufgemauert, mit kleinen Luken und Schindeldach. Aber in unheimlicher Länge und Mächtigkeit dehnten sich die Scheunen aus geflicktem Holz. Noch weiter drüben begannen die Insthäuser – Lehmbaracken, verwahrlost, schmutzig, wie es Litauer Art. Hühner gackerten da, und angepflöckte Schweine grunzten. Modeste kehrte um, weil der Geruch von Jauche und Vieh aufdringlich und gemein heranzog. Am Birkenwäldchen lag auch die Inspektorwohnung – ein kleiner weiß getünchter Bau. Die niedrig gelegenen Fenster des Wohnzimmers waren weit geöffnet. Modeste schaute keck hinein. Herr Romeit war wahrscheinlich nicht zu Hause. Aber wenn auch – sie hatte die naive Herrenüberzeugung, daß Inspektoren doch eine andre Art Menschen seien, deren Negligé ihr nicht einmal peinlich sein konnte. Auf dem plumpen Schreibtisch erblickte sie ein aufgeschlagenes Buch: »Der Tierarzt fürs Land«. Daneben lag ein halb aufgerolltes Bandmaß – in der Pferdegegend ein unbedingt nötiges Requisit. Im Hintergrunde das steinharte Wachstuchsofa und fichtene Stühle – auf einem ein halb geleertes Glas Buttermilch ... Unter solch lastender Balkendecke, in einer Atmosphäre von Kalkdunst und Stiefeltran hausten diese Leute jahrelang. Der Hofmann mit dem klappernden Schlüsselbund der erste Morgengast – dann Knechte, die den Ziehschein wollten, oder klatschende Instweiber – wohl auch ein hübsches Scharwerkmädchen zuweilen, die, wenn sie in die Backen gekniffen wurde, dazu lachte. Und was für Düfte mitzogen von Stall und Schweiß und schmutzigen Körpern! Ob solche Menschen in solcher Umgebung auch einmal die Liebe überfallen konnte – die echte, die immer Verschwendung ist und von der nur die Dichter wissen?... Modeste mußte bei diesem Gedanken lächeln. – Liebe? – Sie hatte ja selbst keine Ahnung von dem Gefühl. Und eigentlich sollte sie das mit neunzehn Jahren doch schon durchgemacht haben. ›Liebe – Liebe‹ ... Und sie dachte an die Sperlinge, die liebestoll in den Dachrinnen piepsten, an die gurrenden Tauben im Wald, an die plumpen Schäkereien in der Küche, die sie zuweilen belauscht hatte. Das verstand sie alles gar wohl. Das waren die Sinne, der Trieb. – Aber das große Gefühl? – Wer besaß es? – Besaß es überhaupt einer? ... Und dabei war sie sich darüber ganz klar, daß Naturen wie die ihre eigentlich nur des Triebes fähig waren und wohl daran taten, wenn sie den in der Konvenienz der Ehe vernünftig verrinnen ließen. Dennoch bäumte sich in ihr etwas gegen diese Konvenienz auf – selbst wenn diese Konvenienz Xaver Kajetan Falkner von Öd hieß und noch Jugend genug besaß zur Liebe... Modeste wurde nachdenklich. Vermochte sie denn überhaupt irgend etwas auf dieser Welt mit dem uneigennützigen, starken Gefühle zu lieben – oder kam das bei ihrer Sorte erst mit dem Kinde?... Sie war weit ins Feld gegangen, während sie so träumte, und ohne es zu wollen, den Jägern nach. Die Herren sah sie wohl. Aber sie waren noch viel zu weit zum Gruß. Sie blickte ihnen nach, wie sie über die Stoppel schritten hinter den wedelnden Hunden. Die Jagd interessierte sie wenig. Dennoch blieb sie stehen... Aber es ereignete sich nichts. Und als sie so die blassen Augen über die uferlose Ebene hinschweifen ließ – nichts als gelbe Stoppel und helle Wiesenflecken und welkendes Rübenkraut, weiter hinten die dunkle Linie der Staatswaldung – da wußte sie, daß sie doch etwas liebte. Das war eben diese uferlose Ebene, wo das Auge müde wurde vom Schauen über fahle, weite Herbstflächen, oder sich ängstlich an jeden Baum klammerte, an jedes kümmerliche Gebüsch. Den Fetzen Eichenwald, der sich im Osten fast heimtückisch heranschob, bis fast ans Gut, begrüßte sie wie eine Oase... Und gerade die Ebene, wie sie jetzt war, so groß, so starr, so schwer, liebte sie. Sie liebte sie mehr als Wald und Schloß, weil sie ihr doch eigentlich Heimat war, Jugend, weil mit jedem einsamen Haus, jedem Baum, jeder Gebüschgruppe sie irgendeine Erinnerung verband, nach der sie sich auch in der Fremde sehnte, wie nach etwas Lebendigem. Das Gefühl war Modeste nicht immer da. Wo Vergnügen winkte, schwand es sofort. Im Winter haßte sie sogar diese tote, riesige Schneefläche, über welche die Raben mit lautem Flügelschlage dahinzogen. Aber heute war es stärker als je, weil sie ihre Erinnerungen in Rußland so lange und so nutzlos entbehrt. Die Jagd kam näher. Ihr scharfes Auge unterschied den einzelnen genau. Die Herren waren wohl schon etwas müde und schritten langsam, die gespannte Flinte unter dem Arm. Den Graf-Schwager vorne sah sie am deutlichsten. Er ging auf so aristokratisch ausgemergelten Beinen, und mißvergnügt ging er auch. Ja, ein Aristokrat war er, aber ein sehr matter!... Zuweilen standen die Hunde – die Herren hielten bewegungslos. Dann ging das Rebhühnervolk in schnarrendem Fluge auf, rasche Schüsse krachten, und schwer flatternde Vögel fielen herunter... »Such!... Apporte! ...« Die Herren waren jetzt so beschäftigt, daß sie Modeste im Eifer gar nicht bemerkten. Nur einer, der ganz hinten ging und scheinbar selten zu Schuß kam, zog die Mütze. Es war Herr Romeit. Er war der frischeste von allen, und Modeste fand seinen federnden Schritt für einen Inspektor fast zu elastisch. Wenn er auch eine andre Menschensorte repräsentierte, etwas war doch dran – der Mann. Auf dem Rückwege begegnete sie in der Lindenallee den Schwestern – die Gräfin faul, Frida pikiert über die gesund gewordene Modeste. Auch sie war der blaßblonde Lindt-Typus, aber die zehn Jahre mehr markierten sich häßlich scharf neben Modestes Jugend. Die Schwestern wußten das beide. »Na, du bist ja schnell wieder gesund geworden, Modeste... Wenn's Vergnügen gibt...« »Ja, wahrscheinlich, Frida! In meinem Alter überwindet man so etwas noch schnell.« »Dummes Ding!« »Was hast du eigentlich, Frida? Bist du zufällig verrückt geworden?...« »Ach, du weißt ganz genau...« Modeste wußte allerdings ganz genau. Die leiseste Anspielung auf das Alter traf da drüben wie ein giftiger Pfeil. Die ältere Schwester zuckte stets dabei zusammen – und eine ganze, lange, traurige Geschichte lag darin, von getäuschter Hoffnung, siechem Ehrgeiz. Seit neben der welkenden die knospende Jugend emporwuchs, brannte dieser heimliche Zwist. Die Jüngere hatte längst und lächelnd begriffen. Und mit der kleinen Grausamkeit ihres Geschlechtes und ihrer Jahre schnellte sie den Pfeil oft und unnötig. Zuweilen tat's ihr leid, sie wollte begütigen, aber gerade dabei bäumte sich der andern Stolz zischend wie eine Natter auf. Modeste zuckte die Achseln. Wenn Frida den Krieg absolut wollte – um so besser... Aus weichem Holz war keine Lindt! Darum hatte sie stets ein herausforderndes Lächeln parat. Auch heut. Es war ein böses Lächeln. So gingen die Frauen schweigend weiter durch den Lindengang bis zur Chaussee. Wo, zwischen gelber Stoppel und welkendem Kartoffelkraut, der schmale Streifen Eichenwald sich herüberreckte wie ein dunkler Arm, lag in der Ferne ein Gut. Ziegeldächer leuchteten, die weiße Front eines Herrenhauses ragte aus herbstlichem Grün. Man sah selten so klar wie heute. Gräfin Erika hob das Stiellorgnon: »Das ist doch Eyselin?« lispelte sie. Die Schwestern nickten. »Wer hat es jetzt eigentlich?« Sie waren alle stehengeblieben und schauten hinüber. »Der Falkner ... Du weißt doch ...« antwortete Frida endlich. Aber der älteren Schwester schien die Gräflichkeit starke Verheerungen im Gehirn angerichtet zu haben. Sie lächelte und schüttelte das schlecht frisierte Haupt... »Falkner – Herr Falkner – das könnt ihr wirklich nicht verlangen!« »Aber Erika – er heißt doch Falkner von Öd, Freier Panierherr zu Eyselin!« »Ach so! ... Ach so!« ... Das gräfliche Gedächtnis stärkte sich rasch. »Ja, natürlich!... Ihr habt mir ja von ihm geschrieben... Wie ist er eigentlich? Erzähle doch lieber von vorn.« Frida berichtete, was sie wußte: früher Gardekavallerist in Potsdam – dann Weltbummler – jetzt Majoratsherr auf Eyselin. Sechsunddreißig Jahre alt, unverheiratet. Besondere Merkmale: hochmütig und unbeliebt. Das klang wie die Personalien eines Reisepasses. Die Gräfin wurde trotzdem warm: »Aber Eyselin ist ein Riesengut, und der alte Baron muß doch viel Privatvermögen hinterlassen haben... Ich habe gar nicht geahnt, daß der noch irgendeinen Verwandten hatte.« »Der Onkel und der Neffe sollen sich auch kindisch geliebt haben!« kommentierte Frida hämisch. »Das ist ja nebensächlich,« fuhr die Gräfin fort... »Aber Kinder, das ist doch 'ne Partie, 'ne großartige Partie!« ... Sie lispelte ganz begeistert. Frida kniff die blassen Augen zusammen. »Hier ist man andrer Ansicht. Er paßt der Gegend nicht!« Modeste, die scheinbar interesselos mit dem Absatz allegorische Figuren in den Chausseestaub gezeichnet hatte, wandte sich jäh um. »Sag lieber: die Gegend paßt ihm nicht!« korrigierte sie scharf. Darauf Schweigen. Die Gräfin-Schwester hob noch einmal das Lorgnon, schaute lange und seufzte leicht. Dann gingen sie alle zurück und plauderten Gleichgültiges. Im Schloßportal zögerte die Gräfin einen Moment, lächelte fein und faßte Frida zärtlich um die Taille: »Komm noch einmal in den Garten! Ich habe dir etwas zu sagen.« Modeste sah ihnen nach. Sie begriff. Und halblaut murmelte sie: »Wenn ihr mich für so dumm haltet!...« – Sie wußte, daß ein Eheprojekt im Werden, und sie hatte nicht übel Lust, den Schwestern nachzurufen: »Der Jakob wird sich für die Lea schönstens bedanken!« – Daß sie die Rahel der Familie, war ihr gewiß. Modeste ging hinauf ins Turmzimmer, um sich anzuziehen. Dort hausten die Schwestern. Ein großer, dumpfiger Raum mit kleinen Fenstern. Es roch nach Mandelkleie und Patschuli, und ein leichter Moderhauch schwebte über allem. Modestes Toilette dauerte nie lange. Der Lackschuh – das Atlaskorsett – die paar leichten Striche mit der Brennschere – das Kostüm rasch übergestreift. Und was sie dann im hohen Stehspiegel sah, war immer hübsch. Es lag an der frischen Jugend, den schlanken Formen... Heute ging es langsam. Sie saß lange vor dem Spiegel. Das tat sie überhaupt gern, sich am eignen Reiz eitel zu sonnen. Auch Gedanken zogen mit... Warum man sie hier oben eigentlich beide zusammenpferchte – sie, die nichts verband? Natürlich der Geiz, weil man im Winter kein unnötiges Zimmer heizen wollte. Töricht! – Für ein Fuder Holz ein Leben voll Qual, Neid, Schadenfreude. Zwei Pferde zusammengespannt, die nicht zusammengehörten – ein junger, schöner Renner neben einem alten, nervösen Gaul. Modeste dachte das Oftgedachte: Warum haßten sie sich eigentlich? Aber Grübeln lag nicht in ihrer Natur. Der Haß war ja auch schon so alt!... Nur das eine fühlte sie heute stärker als sonst: Los! Heraus! Sie sehnte sich aus der dumpfen Enge in frische Weiten. Die Fenster waren geöffnet, müde Sonnenlichter spielten, die Fichtenkronen nickten, der Herbsthauch rieselte ins Gemach mit schwerer Kühle, fauligem Duft. Wie gestern auf dem Strom wollte sie diese Herbststimmung einspinnen, aber ihre Jugend hob sich dagegen. Sie wollte nicht verkommen in diesem ewigen, trostlosen Herbst des Schlosses. Sie stand auf. Frida kam noch immer nicht... Wenn der jetzt Erika das unfehlbare Rezept mitteilte zum Männerfang? ... Ob es überhaupt eins gab? ... Dann lächelte Modeste. Sie ging gerade am Spiegel vorbei. Und halb bekleidet, wie sie war, hob sie lässig die weißen, schlanken Arme, streichelte liebevoll den vollen Hals, den Nacken... Arme Frida! – Wenn ich will – wenn ich ernstlich will, wo bleibst du!... Und die Schwester mit ihrer welken Jugend tat ihr nicht leid. Ein Windhauch zog herein. Das Blondhaar zitterte, über den Nacken rann's kühl. Da wurde sie plötzlich mutlos. Was hat's eigentlich für einen Sinn, mit all dem Reiz der Jugend, suchen zu gehen, statt gesucht zu werden? – Und warum jetzt gerade und diesen hochmütigen Falkner von Öd, den niemand kannte? Was reizte sie an ihm eigentlich? ... So dumm! – Ihr war ganz klar, daß sie nicht einen Schatten von Zuneigung für diesen Fremden empfand – nur kindische Eitelkeit, leerer Hochmut... Und dennoch – sie wollte ihn, sie wollte ihn ganz gewiß! Dabei kroch ihr ein Grauen über den Körper, ein Ahnen, daß mit diesem häßlichen Begehren sich ihr Schicksalsfaden zog – unsichtbar unzerreißbar. Es war ein eigen Gefühl. Im Zimmer unten wurde es laut. Die Jäger zogen sich dort zum Diner um. Modeste lehnte sich neugierig aus dem Fenster, zu horchen. Halblautes Gespräch – das Glitschen der Seife – ein wiehernd belachter Witz. Sie wußte, wie Herren bei der Jagdtoilette sich unterhalten. Einer guckte jetzt heraus und hinauf zu ihr – ein häßlicher Graubart, eine stumpfe Glatze. Modeste fuhr rasch zurück. Er mußte ihre nackten Arme gesehen haben. Das war ihr eine widerliche Empfindung. Frida kam noch immer nicht. Modeste zog sich rasch an – das schwarze, hochgeschlossene Moireekleid. War es ungewisse Scham, ein keusches Fühlen? Oder lehnte sich ihre Jugend auf gegen eine häßliche Schau ihrer Reize, einen unwürdigen Markt, dem sie dennoch entgegenging? Modeste stieg hinunter. Auf der Treppe begegnete sie Frida. Die blieb verwundert stehen und sagte: »Ganz schwarz? Trauerst du um einen verflossenen Liebhaber?« Modeste zuckte geringschätzig die Achsel: »Das tätest besser du, um einen nie vorhandenen.« Und sie lachten beide hell und höhnisch auf. So verkehrten sie immer. Auf dem riesigen Fliesenflur mit dem Kalkdunst und den Prunkschränken liefen geschäftig die Mädchen umher. Die Türen zum Speisesaal standen offen. Eine lange, weiße, nüchterne Tafel, die Stühle steif, die Herbstblumen in der Jardiniere trist. Herr Lindt klapperte mit Weinflaschen, und seine Gattin prüfte, den Kneifer auf der Nase, die Tischkarten und rückte hier und da einen Stuhl zurecht. Modeste schaute neugierig ins Zimmer. Sie hatte Feste gern, sie liebte Glanz, Fröhlichkeit, Wärme. Aber sie wandte sich sofort enttäuscht ab. Barginner Feste! – Über denen lag immer etwas von Kühle und Geschäft. Doch es paßte zu Lindts, vor allem zu den Eltern. Er: ein schlanker, steifer Sechziger, glatt rasiert, ohne Runzeln, mit kleinen stechenden Augen – am Gehrock das Ordensband. Sie: klein, zierlich, ganz grau, mit anmutigen Bewegungen, mit einem ruhigen Lächeln. Sie lebten beide sehr glücklich – zwei magere, würdige Menschen, korrekt, geizig, ohne Herz. Modeste trat zu ihnen, auch kühl, auch lächelnd. Der Vater sah von einer Weinetikette auf und nickte. Die Mutter sagte halblaut: »Leutnant von Häwel führt dich. Es ist dir doch recht, Modeste?« – Sie antwortete rasch: »Aber natürlich, Mama« – und schielte nach Fridas Platz, wo für Herrn von Falkner gedeckt war. Sie waren also auch im Komplott, die Eltern. Dann ging sie wieder. Die Alten sahen ihr nach, wie die schlanke, schöne Gestalt lässig über den dämmerigen Flur schritt zu den Gesellschaftsgemächern hinüber. Es war eine große Flucht weiter, niedriger Räume; die Einrichtung etwas dürftig, mit dem leichten Moderparfüm eines alten Schlosses. Gewissermaßen die gute Stube des Bürgers ins Herrenhaus getragen. Ein glücklicher Einfall. Der Geiz hatte hier die Lindts vor der Protzerei bewahrt. Modeste liebte diese Zimmer nicht – so ohne Eigenart, ohne Gemütlichkeit, nur die Luft schwer und feudal. Im letzten blieb sie. Es war ein Eckgemach, hell, klein; durch die Lindenallee des Parkes schaute die weite, östliche Ebene hinein. Früher Erikas Boudoir, mit roten Plüschsesseln, einer gebrannten Truhe und einem wackligen Mahagonischreibtisch; an der Wand Photographien, auf einem Bücherbrett ungefährliche Klassiker, wie aus Zufall der Grafenkalender dazwischen. Es war die Familienbibel der Lindts. Modeste lächelte und nahm das dicke kleine zerlesene Buch. Diesmal blätterte sie nicht nach Axsils. Der gräfliche Ast der Falkner von Öd interessierte sie mehr. – Ein absterbend Geschlecht mit seltsamen Vornamen, die Töchter Klosterfrauen im Münsterland, der junge Majoratsherr der einzige Mann, aber unvermählt. Darunter die Notiz: Über den älteren Ast siehe im freiherrlichen Kalender 1893... Das freiherrliche Taschenbuch gab's bei Lindts freilich nicht. Modeste fühlte den Hohn. – Es rann ihr warm über den Rücken. Nicht etwa Scham. Von der Lindenallee klang nämlich das Rollen eines herrschaftlichen Wagens. Er! – Und eine trunkene Freude überkam sie plötzlich... Wenn sie nun gefiele ... und wenn ... und wenn ... Modeste Falkner von Öd, Freie Panierherrin zu Eyselin! – Und hier auf demselben Fleck wollte sie stehen mit Erika und Frida und ihnen klarmachen, daß der freiherrliche Ast der Falkner von Oed älter und vornehmer als jeder gräfliche... Das Rollen klang näher. 3 Sie hatte das Gefühl: »er« müsse es sein. Sie stand auf. – Ein Mietswagen mit mageren Kleppern. Der weiße Mützenstreif der 25. Dragoner leuchtete aus dem Fond. Es war wahrlich zum Lachen! – Der dicke Major und Bezirkskommandeur, der grundsätzlich nur zum Schüsseltreiben kam, und von dem Modeste in übermütiger Laune einmal gesagt hatte: sie könne nie begreifen, daß er unverheiratet sei, denn er beanspruche doch überall den Raum einer größeren Familie. In der Tat hatte der Brave nur eine Geliebte, die Uniform seines Regiments – und der war er treu. Modeste ging sofort zum Fauteuil zurück. Wenn Träume in der Wirklichkeit so ausschauen! – Es kamen noch andre Wagen. Sie aber schaute geflissentlich nicht mehr auf, obgleich es nur einer leichten Biegung des hübschen blonden Kopfes bedurft hätte. Sie blieb lieber gedankenlos sitzen, während sich die Gesellschaftszimmer nebenan schon füllten. Sprechen, Lachen, ein klirrender Sporn. Sie wäre am liebsten so den ganzen Abend geblieben – träge, stumm, vergessen. Es war wohl der Herbst, das dumpfe, schwere Rieseln, das sie umfing mit müder Dämmerpoesie. Draußen stieg der Mond auf. Sein Gespensterlicht kroch durchs Zimmer. Sie hielt einen Augenblick die Hände vor die Augen. Sie taten ihr weh. – Als sie die Hände wegnahm, hing der Mondschein gerade weich blinkend auf einem Bild. Eine Photographie, eine verblaßte, alte in einer verlorenen Ecke. Das Bild starrte so tot und doch so hell, daß Modeste es ansehen mußte. Sie kannte es nur zu gut und verachtete es nur zu sehr. Aber es hatte seine Geschichte. An diese Geschichte mußte sie denken... Ein schöner, regelmäßiger Frauenkopf, die roten Lippen weich, wie geöffnet zum Kuß, aber die Augen groß und tief. Ein Bild, bei dem man nach dem Original fragt. Aber die Lindts fragten danach nie. Es war die Schwester ihres Vaters, als junge Frau dem Manne, den Kindern davongegangen, ohne Reue, ohne Scham, der Liebe folgend, die sie bei Nacht und Nebel aus dem Hause trieb – verdorben – gestorben später, man wußte nicht einmal, ob in einem Bett oder auf Stroh. Lindts war diese Frau wie der Fleck auf der Ehr'!... Aber als Modeste so hinstarrte, widerwillig, mit gefalteter Stirn und zusammengekniffenen Augen, da senkte sich der tiefe, leidenschaftliche Blick der Verfemten in den ihren und gleißte in eisiger Verachtung. Und Modeste fühlte, wie diese Augen langsam Macht über sie gewannen, sie zwangen, besiegten... Strahlte ihr da von der Sünde das große einzige Gefühl entgegen, die Liebe, die keine Moral kennt, weil sie die Moral selbst ist? Oder wollten sie diese Augen nur warnen vor einem ganzen Schicksal, das die halben Menschen niemals zu tragen vermögen? – Das Bild verblaßte. Der Mond war höher gestiegen. Modeste stand auf. Sie lächelte hochmütig: »Schicksal? Was ist Schicksal? Man liest davon in Büchern – und es sind allemal Toren.« ... Ein Tor aber war der Stern von Barginnen wahrhaftig nicht... Sie ging sehr ruhig in den Salon hinüber. Das künstliche Licht floß ihr entgegen – ihr Licht. Die Gesellschaft war bereits versammelt. Bis auf die Lindtschen Damen nur Herren. Modeste trat unter sie wie immer, keck, sicher, elegant – freudig empfangen als die junge Königin dieses alten Schlosses. Sie streckte in lässiger Kameradschaft allen die Hand hin. Den alten Herrn, der diese Hand küssen wollte, zwang sie fast aufs Knie und lächelte dazu. »Wird bald gegessen?« fragte sie kurz. »Es wird schon gemeldet werden, liebes Kind!« verwies der alte Lindt würdevoll. Sie sah sich im Kreise um. »Ach, ihr erwartet noch jemand!« »Allerdings, liebes Kind!« »Na, auf den Falkner von Öd könnt ihr noch lange warten, lieber Papa!« »Und werden auch warten, liebes Kind!« »Ich hätte lieber nicht gewartet.« Sie zuckte gleichgültig die Achseln. Dann setzte sie sich auf einen Hocker und zupfte die Fransen der Tischdecke zurecht. Ihr Tischherr, der Leutnant von Häwel, gesellte sich zu ihr. »Ich werde den Vorzug haben, gnädiges Fräulein.« »Ich wünschte, den hätten Sie schon jetzt!« – Als der junge hübsche Herr, den sie noch als großen Jungen kannte und an dem ihr eigentlich nichts interessant war wie ein falscher Augenzahn, der mit zu seiner Offiziersequipierung gehört hatte – sich mit einer liebenswürdigen Eloge tiefer zu ihr beugte, sagte sie gelangweilt: »Ich habe Hunger, reellen Hunger, Herr von Häwel! Den möchte ich mir nicht mit Süßigkeiten vorher verderben.« Herr von Häwel trat darauf steif zurück: »Bitte untertänigst um Verzeihung, gnädiges Fräulein.« Modeste aber zupfte ihre Fransen ruhig weiter. Die Gräfin Axsil spielte unterdessen auf ihrem Sofaplatz mit dem Stiellorgnon, die Mutter Lindt lächelte verbindlich, der alte Knochenmehlhändler aber ging mit der Uhr ungeduldig auf und ab. Frida schielte nach der Tür. Indessen standen die andern Herren im Halbkreis umher – eine lebhafte Debatte, der Graf Axsil mit höflicher Interesselosigkeit folgte. Es waren ungefähr ein halbes Dutzend Herren: der Bezirkskommandeur, dann Herr von Roden, ein alter wackliger Edelmann mit einem töricht gutmütigen Vogelgesicht, bekannt unter dem Spitznamen: die siebenzinkige Ahnensuse. Unzählige törichte Geschichten von ihm kursierten. Vor allem ein Depeschenwechsel mit dem Kreiswundarzt: »Knecht das Bein gebrochen. Was tun?« – Der Arzt depeschierte zurück: »Wo Bein gebrochen?« – Darauf die Ahnensuse prompt: »Direkt hinter dem Schafstall.« – Modeste konnte sich seitdem keinen Schafstall mehr ohne Herrn von Roden vorstellen. Weiter ein adeliger Gutsbesitzer aus dem Mecklenburgischen, sehr behäbig, sehr liebenswürdig, ein früher erfolgreicher Kurmacher der Gräfin Axsil... Außerdem die drei Kletteraffen – Herr von Falkner sollte sie so getauft haben. Der schwarze Barbarossa: vom jüngsten Adel, schöner Mann. – Die »Wühlmaus«, klein und rasch, mit den aufgesträubten Schnurrhaaren und den Augen eines Nagers. – Die »Ziege«, so genannt, weil sie beim Lachen meckerte. Alle drei vorzügliche Landwirte, wohlhabend, ehrgeizig, an der gesellschaftlichen Kletterstange hängend wie die Affen und fest entschlossen, die höchsten Ehren zu erringen. Bei Lindts standen gerade sie im wohlverdienten Ansehen. Der alte Ehrenmann vom Rhein war selbst viel zu sehr Parvenü, um nicht wie sie die willige Wetterfahne für jeden Wind von oben zu sein. Dann ein bekannter Viehzüchter, krummer Riese, gutmütig, von schlechten Manieren; aber selbst durch den dichtesten Weinnebel hindurch sahen diese verschwommenen Trinkeraugen den geringsten Fehler an Kalb oder Stier. Sein Freund, ein Herr Eller, kleiner grauhaariger Gutsbesitzer mit schlauen Augen und beißendem Witz, der in dieser Gesellschaft wohl nur deswegen so wohl gelitten war, weil er so wenig zu ihr gehörte. Modeste kannte ihn von Kind auf und liebte ihn sehr. Ein dicker Referendar und der bürgerliche Bezirksadjutant waren Modeste höchst gleichgültige Zugvögel. »Aber Herr von Roden,« sagte der dicke Referendar eben, »warum in aller Welt sollen denn eigentlich die Reserveoffiziere bei den Leibkürassieren weniger vornehm sein als bei den Königshusaren? Vielleicht weil Bülow da steht? Bülows gibt's wie Sand am Meer!« Der alte Edelmann lächelte. »Rangliste!« Graf Axsil reichte höflich den etwas abgegriffenen Band herüber: »Bitte!« Die siebenzinkige Ahnensuse setzte umständlich den Klemmer auf. »Sehen Sie, Herr Referendarius: von – von – Graf ... selbstverständlich...« Darauf legte er den Klemmer kopfschüttelnd beiseite: »Augen werden wirklich schwach.« Der dicke Referendar bemächtigte sich des Bandes und rief sofort triumphierend: »Aselmeyer steht da, einfach Aselmeyer!« »Ja, stimmt, Aselmeyer, einfach Aselmeyer!« ... bestätigte Herr von Roden. »Aber das ist ja auch ganz nebensächlich, nicht wahr, meine Herren?« Die drei Kletteraffen nickten stumm, der dicke Referendar aber sagte revolutionär: »I wo nebensächlich!« – Da klopfte ihm der alte Eiler freundlich auf die Schulter und sagte im breitesten Litauisch: »Ja, lieber Freund, da kennen Sie unsern Herrn Baron hier ganz richtig. Dem ist das gar nicht egal – im Gegenteil! Der fragt später noch mal im Himmel die sämtlichen Erzengel nach ihrem Stammbaum... Das muß auch so sein!« ... Und zu dem krummen Riesen gewendet: »Nicht wahr, Wagner, du hältst bei deinem Rindvieh doch wahrhaftig auch auf Stammbaum!« Die Herren lachten, lächelten, schwiegen, wandten sich ab. Herr von Roden aber sah sich töricht im Kreise um und lächelte mit. Modeste hatte am lautesten gelacht und am schnellsten aufgehört. Sie liebte die derbe litauische Art sehr. Aber wie sie so über die ganze Gesellschaft hinsah mit dem hellen, scharfen Blick, dem jede Gutmütigkeit fehlte, da zuckte sie plötzlich innerlich zusammen. Sie durfte den Adel nicht verlachen – sie nicht! – Dabei fragte sich der kluge Kopf zugleich: ist das hier nun eigentlich der Adel oder nur sein Phantom? – Nein, das war wahrhaftig der Adel nicht, der dieses Ordensschloß erbaut, der bei Tannenberg bis zum letzten Atemzug geblutet! Das war sein Zerrbild, diese Ahnensuse, ein Hohn auf seine Geschichte... Wenn der letzte Schloßkomtur von Barginnen jetzt hier eingetreten wäre, er hätte laut auflachen müssen über diese Epigonen, deren Blut sich verdünnt bis zur höflichen Gleichgültigkeit der Axsils, dem greisenhaften Dünkel der Rodens! – War alles Schatten geworden, wie diese Tradition selbst? Oder gab's noch das echte adlige Blut, das so gut und so blau war, daß es sich niemals mit dem brennendroten der Lindts mischen konnte? – Und sie schaute unwillkürlich nach der Tür – fast ängstlich. Wenn dieser heiß ersehnte Falkner von Öd jetzt hereintrat, und wenn er dieses blaue Blut besaß, was konnte er jemals ihr sein, was sie ihm? Es waren unklare Gedanken, die ihr da vorüberzogen. Mädchensehnsucht nach dem Unbekannten, Mädchenscheu vor dem Unbekannten. Der Panierherr von Eyselin kam übrigens nicht. Herr Lindt klappte den Deckel der Remontoiruhr vorsichtig zu: »Luise, ich dächte –« »Ja, gewiß, Fritz!« Der als Diener frisierte Gärtner stand zwischen den Portieren der Tür unbeweglich wie eine Pagode. Frau Lindt blinzelte ihm mit den Augen zu, und der bäurische Bursche blinzelte naiv zurück. Modeste lachte, daß ihr die Tränen in die Augen traten. »Strauß, es soll gegessen werden! Sie sollen melden!« rief sie. »Ach, Kinder, es geht doch nichts über wohlgeschulte Dienstboten!« Die Paare ordneten sich. Die Mutter mit Herrn von Roden, die Gräfin mit dem schwarzen Barbarossa und so weiter. Frida sah sich verlegen um. Herr von Häwel zögerte absichtlich. Modeste, die das merkte und sich als star jede graziöse Ungezogenheit gestattete, rief der Schwester zu: »Ehre, wem Ehre gebührt – ich trete dir Herrn von Häwel feierlich ab. Ein kurzer Arm, ein langes Schwert... Du weißt ja.« Und noch ehe jemand diese kecke Diversion hindern konnte, ging sie rasch auf den alten Eller zu: »Kommen Sie, Ellerchen, ich engagiere Sie!... Aber Sie müssen mir dafür auch alle Neuigkeiten erzählen, die in den drei letzten Monaten in der Gegend passiert sind!« Der kleine alte Herr schmunzelte und rieb seinen ruppigen Schnurrbart galant an Modestes Hand. »Alles, gnädiges Fräulein – ja noch mehr, wenn's möglich wäre ... Sie sind doch das reizende Marjellchen geblieben, das Sie immer waren!« Das Essen exquisit, die Stimmung feierlich. Modeste saß sehr weit unten und schien sehr lustig. Der Diener Strauß stieß ein Weintablett um und goß gleich darauf mit verhängnisvoller Sicherheit der Gräfin Axsil die Fischsauce in den Rückenausschnitt. Während die Dame entsetzt aufsprang und die Gesellschaft nicht recht wußte, ob sie lachen oder weinen sollte, klang die Stimme des Mecklenburgers markiert behäbig durch die bange Stille: »Meine gnädigste Frau, ich ziehe unter allen Umständen die Brust dem Beine vor.« Der alte Eller, ein großer Vokativus, flüsterte darauf pfiffig dem krummen Riesen zu: »Nicht wahr, das kommt drauf an, Wagner?« »Na, ob's drauf ankommt, alter Otter!« grinste der. Als die Gräfin etwas leidend wieder erschien, hielt Herr Lindt das Sektglas bereits in der Hand: »Meine Herrschaften, es freut mich sehr, Sie hier alle so frisch und munter begrüßen zu dürfen! Zwar der Landwirtschaft geht's hundeschlecht, aber der Jagd ist's dafür um so besser gegangen. Und ob ich auch selbst nur ein alter Krippensetzer bin, der alles jüngeren Leuten überlassen muß, auf dem Hof wie auf dem Feld, so reichen meine schwachen Augen doch noch so weit, um aus der Schußliste erkennen zu können, daß fünfundneunzig Hühner zur Strecke gebracht sind. Gepudelt hat keiner. Wer den alten Rebhahn 'runtergeholt hat, weiß ich nicht, doch will ich zu des Herrn Referendars und des Herrn Leutnants Jägerehre annehmen, daß ihn der eine von rechts, der andre von links totgeschossen hat. Jagdkönig ist...« Herr Lindt suchte nach seinem Klemmer. »Der Jagdkönig ist nicht da!« rief der Referendar. »Aber er ist wirklich nicht da, Papa,« bemerkte halblaut der Graf. Herr Lindt räusperte sich kräftig: »Jagdkönig ist – mein lieber Schwiegersohn, der Graf Dagobert von Axsil. Horrido!« »Joho!« Die Gläser klangen. Aber Graf Axsil erhob sich gleich darauf und schlug leicht an den Kelch: »Herr Inspektor Romeit ist Erster mit zweiunddreißig Hühnern; erst viel später komme ich mit siebenundzwanzig. Da ich aber den Herrn leider nicht in unserm Kreise erblicke, denke ich in seinem Sinne und dem aller Jagdteilnehmer zu handeln, wenn ich mein Glas leere auf das Wohl der Damen und des Hauses Lindt!« »Na, das sind Leute!« brummte der alte Eller und fuhr sich mit einer komischen Geste über den grauen Kopf. »Laden den Jagdkönig nicht mal ein!«... Modeste, die ein sehr scharfes Ohr hatte, fragte darauf zum Vater herüber: »Warum ist Herr Romeit denn nicht hier, Papa?« »Weil der Inspektor in die Wirtschaft gehört, liebes Kind! Wenn er nachgesehen hat, ob die Pferde auch gut abgefüttert sind und die Ställe abgeleuchtet, wird er schon kommen. Ich hab's ihm wenigstens freigestellt.« »Aber an so 'nem Tag, Herr Lindt!« rief der alte Eller dazwischen. »Die Bullen werden doch nicht gleich krepieren, wenn Ihr Beamter eine halbe Stunde früher Feierabend macht... Junger, einfacher Mensch! Wann hat der denn sonst Gelegenheit zum Jagdkönig und zum Jagddiner?« Darauf antwortete der alte Lindt gewichtig: »Alter Freund, wenn Sie sich Ihre Beamten für die Jagddiners halten, ich halte mir meine für die Wirtschaft.« Der alte Eller schwieg. Die Kletteraffen lächelten verständnisinnig. Der Mecklenburger sagte: »Darf ich Ihnen das Kompott noch einmal reichen, Frau Gräfin?« Der Graf aber hüstelte leicht. »Ich jage sonst nicht mit Inspektoren – aber wenn schon, denn schon!« Darauf nickte Herr Lindt nochmals befriedigt. »Lieber Dagobert, das war alles reiflich überlegt. Zehn Schützen schießen eben mehr wie neun. Kaufmännisch stimmt die Rechnung auf den Punkt. Warum soll ich also den jungen Menschen, der gut schießt, nicht mitgehen lassen? ... Strauß, trippen Sie nicht immer beim Eingießen!« Modeste sah und hörte und wußte nicht, wem recht geben. Daß Herr Romeit schlank und hübsch war, fiel bei ihr ins Gewicht – sonst empfand sie als echte Lindt. Doch ihr Nachbar schien verstimmt. Nach einer Weile sagte der alte Eller wie von ungefähr: »Ich war übrigens auch Inspektor, gnädiges Fräulein, ehe ich die Pachtung vom Baron übernahm...« »Aber, Ellerchen, das ist doch ganz was andres, und dann ist's doch schon so lange her!« »Aber ich war doch Inspektor!« wiederholte er widerhaarig. »Wenn einer im Zuchthaus gesessen hat vor fünf oder fünfzig Jahren, das kommt doch auf eins heraus... Ich schätze Ihren Herrn Vater ungeheuer hoch, aber so was bost mich. Der Mensch kann doch nicht erst beim Baron anfangen!... Wissen Sie, ich habe gewiß was übrig für vornehme Leute. So 'n alter, echter Edelmann – Hut ab!... Aber da macht vorher schon der Roden die Dammeligkeit, kann Aselmeyer auf einmal nicht mehr lesen, weil kein ›von‹ davor steht – und jetzt kommt Ihr gutes Papachen... Äh! Äh!« Er schlug indigniert mit der Hand in die Luft. »Ich bin bei dem alten Baron in Eyselin in der Wirtschaft gewesen als Eleve. Das war doch gewiß 'n vornehmer Mann! 'n Kribbelkopf sonst und ein ›Bos‹ auf den Neffen, der es jetzt hat!... Da muß übrigens was dahintergesteckt haben... Denn sagen Sie selbst: den Sohn von seinem leibhaftigen Bruder, den erklärt man doch nicht schon in der Windel für 'n Taugenichts!... Aber die Brüder sollen immer so stehen bei den Falkners. – Dabei ein Gentleman der ›Alte‹ durch und durch, wie der Junge auch!... Der Alte – das heißt, er war fünf Jahre älter als ich – nannte mich immer Kleinerchen. 'n großer stattlicher Herr übrigens... Und da war der Rendant mal krank, ich mußte die Gelder einkassieren für die Ziegelei – ich, 'n Jung' von achtzehn oder neunzehn Jahren und 'n Leichtfuß obendrein. Und es stimmt und stimmt mit dem Geld immer nicht, weiß der Deiwel! Ich geh' also flugs zum ›Alten‹ und sag': ›Herr Baron, nehmen Sie mir die Ziegelei ab, ich komm' mit dem Geld nicht zu Rand.‹ – Und da sieht er mir erst so scharf ins Gesicht und dann faßt er mich so unters Kinn und sagt: ›Kleinerchen, regen Sie sich deswegen nur nicht auf! Daß es mal nicht stimmt, das kommt in den besten Geschäften vor. Aber was mir die Hauptsache ist, Sie sind ein anständiger Mensch! Und anständige Menschen müssen sich anständig untereinander behandeln. Geben Sie mir die Belege!‹ – Und ratsch, ratsch! die Papiere mitten durchgerissen, nach dem Diener geklingelt: ›Da, Ferdinand, verbrennen Sie das hier auf der Stelle!‹ – Und zu mir: ›Na, Kleinerchen, stimmt nu die Rechnung?‹ – Dabei reißt er mich beim Ohr und sagt: ›Aber 's nächstemal sehen Sie gefälligst weniger auf die hübschen Marjellens und ein bißchen mehr in die Kontobücher!‹ ... Na, wissen Sie, gnädiges Fräulein, für so 'n Prinzipal lass' ich mir 's Fell lebendig abziehen, noch heut!« Modeste hörte ihm lächelnd zu. »Ich höre Sie furchtbar gern erzählen, Ellerchen – und Litauisch sprechen Sie!« »Warum sollt' ich eigentlich nicht? 'n alter litauischer Bauer wie ich.« Modeste sah ihn von der Seite an. »Und der Junge? Ich meine, der jetzige Baron Falkner?« Der alte Eller zuckte die Achseln. »Unsteter Mensch. Mehr weiß ich auch nicht. Jedenfalls fliegen die Groschens nur so! Klug ist aus dem nicht zu werden .... Aber giftig kann der Kret sein! – Ich habe neulich mal zugesehen, wie er auf 'n Knecht losging .... Sonst ein äußerst liebenswürdiger, feiner Herr! Aber stimmen tut da nicht alles. Ob's so 'ne delikate Angelegenheit mit Damen ist – Sie verzeihen schon, gnädiges Fräulein – es mögen auch vielleicht alte Leutnantsschulden sein. Jedenfalls ein ewiges Gejackel nach der Bahn und nach der Post. Und fahren tut er wie der leibhaftige Satan. Die Trakehner Rappen immer weiß vor Schaum, wenn sie in den Stall kommen ...« Er blinzelte Modeste pfiffig an. »Na, wie wär's, gnädiges Fräulein? Die Güter grenzen – alles da. Ja, wenn nich wär'!... Bildhübsche junge Frau, wo er auf Zügel gehen muß ... Tut ihm wahrscheinlich recht not!« Modeste hielt ihm die Hand auf das Sektglas: »Sie sind beschwipst, Ellerchen! Sie kriegen keinen Tropfen mehr. Und wenn ein Mensch das hörte – diesen Wahnsinn!... Auch nicht im Traum...« Sie war doch etwas rot geworden. Der alte Vokativus schlug resigniert mit der Hand in die Luft: »Und wenn's wär', würden Sie mir die Wahrheit erst recht nicht sagen! Ich kenn' doch die Welt... Die Jungen beschwipsen sich an der Phantasie, die Alten am Buddelchen. Ein kleiner Schwips – so oder so – gehört zum Leben von Zeit zu Zeit – es darf nur um Gottes willen kein großer daraus werden. Denn danach gibt's Katzenjammer.« Modeste, der der ganze törichte Eitelkeitstraum wieder auflebte, sah scheinbar interessiert über die Tischgesellschaft weg, die ihr so gleichgültig war. Er ließ ungern in sich hineinsehen, der Stern von Barginnen. Beim Eis entstand leichte Unruhe. Die Gäste sahen nach der Tür, und Herr Lindt erhob sich steif. Zwei Herren traten in kurzen Zwischenräumen ein. Der Inspektor Romeit. Er trug einen Taillenrock und Lackstiefeletten und bewegte sich linkisch wie ein Arbeiter im Sonntagsstaat. Modeste ärgerte sich innerlich, wie der junge Mensch so unentschlossen und mißgelaunt an der Portiere stehenblieb. – Dann ein mittelgroßer, fast stutzerhaft eleganter Herr: verschlossenes Gesicht, fast rasiertes Haar, im starren Dunkelauge das Monokel. Es war Fallner von Öd; in der Erinnerung schwebte er ihr weit hübscher und aristokratischer vor. Er ging an Herrn Lindt, der ihm würdig entgegenkam, mit einem flüchtigen Händedruck vorüber zur Hausfrau, »Verzeihen, Gnädigste – ich komme eben aus Königsberg. Der Zug hatte leider über eine Stunde Verspätung.« Die Dame lächelte und reichte ihm verbindlich die Hand, die er aber nicht küßte. Herr Lindt stellte feierlich vor. »Die übrigen Herrschaften, Herr Baron, kennen Sie ja wohl schon – hier mein Schwiegersohn: Graf Axsil, meine Tochter: Gräfin Axsil... Liebe Erika, es ist unser Gutsnachbar, der Majoratsherr auf Enselin.« Die Gräfin verbeugte sich mit ihrem gewinnendsten Lächeln. Auch der Inspektor war zögernd näher gekommen. »Und hier, meine Herrschaften,« fuhr der Knochenmehlhändler etwas weniger feierlich fort, »Sie kennen ihn ja fast alle: Herr...« – Die Gräfin, die das Lorgnon fallen gelassen hatte und einen besonders lieben Nachbar vermutete, holte zu einem halben Courknix aus. »Herr – Inspektor Romeit!« Da zuckte die Dame sofort zurück und nickte nur ganz von oben herab. Falkner von Öd, der sich sehr höflich vor dem Inspektor verbeugt hatte, fragte gleich darauf: »Wo ist der Jagdkönig? Bei dem möchte ich mich noch vor allem entschuldigen.« »Der da!« rief der alte Eller über die Tafel weg und zeigte nach dem Inspektor. Herr von Falkner reichte dem Herrn die Hand. »Ich gratuliere, Herr Romeit. Selbst bin ich beinah' gar nicht Jäger... Übrigens,« fügte er mit beflissener Liebenswürdigkeit hinzu, »kennen wir uns schon par distance. Ich habe Sie, vorgestern glaube ich, auf dem Felde gesehen. Sie ritten einen Braunen, der vorn nicht mehr recht rauskann, aber Sie nahmen ihn beim Sprunge über den Graben ganz famos zusammen.« »Herr Baron,« lispelte der Alte, »wollen Sie vielleicht die Güte haben, neben dem Grafen Axsil Platz zu nehmen! Es hat sich alles etwas verschoben... Lieber Romeit, suchen Sie sich einen Platz da unten! Der Diener wird gleich noch ein Kuvert einschieben.« Der Inspektor nahm ohne sonderliche Freude nahe bei Modeste Platz, die ihn aber kaum ansah. Er kam ihr so über die Maßen plebejisch vor – auch die dunkel verbrannte Hand unter der weißen, losen Manschette. Sie begann darum mit dem alten Eller Weiterzusprechen, aber oberflächlich, zerstreut. Ihre Gedanken waren bei dem Panierherrn von Eyselin. Er saß so weit von ihr, das stumpfe, harte Profil sagte so wenig. Dabei fiel ihr ein, daß einer gesagt hatte, dieser Falkner von Öd sei ein großer Verführer gewesen, sei es noch jetzt. Der Glaube wurde ihr schwer. Auch als sie ihn sprechen hörte... Die Gräfin Axsil hatte sich seiner nämlich angenommen. »Es gibt auch Grafen von Öd, Baron?« »Zu dienen, Gräfin – mein älterer Bruder, der Chef der Familie.« »Aber das ist ja sehr interessant,« flötete Erika. Die kühle Antwort: »Nein, Gräfin, das ist gar nicht interessant! Er hat fünf Minuten vor mir das Licht der Welt erblickt – das ist sein einziger Vorzug.« »Nicht wahr, Sie sind Westfale?« »Allerdings.« »Sie wären wohl auch lieber in Westfalen geblieben. Baron?« »Kaum, Gräfin. Seit meiner Fähnrichszeit bin ich nicht mehr dort gewesen. Wer aus dem Münsterland ist, der will allerdings meistens nicht heraus – und wer heraus ist, will meistens nicht wieder herein... Übrigens wundervolle Herrensitze. Nur daß leider der Horizont grundsätzlich über diesen Herrensitz nicht hinausgeht!« »Das ist aber sehr merkwürdig!« lispelte die Gräfin. »Es ist wie überall auf dem Lande.« Da mischte sich Frida ein. »Nicht wahr, Sie lieben das Land auch nicht besonders?« »Wenigstens kenne ich keinen Lolalpatriotismus, gnädiges Fräulein. Ich verstehe weder Litauisch noch Ostpreußisch, gnädiges Fräulein. Mich verbindet hier mit dem Lande also nichts, ausgenommen vielleicht einige Nachbarn.« Er nahm den Eislöffel und begann zu essen. Graf Axsil hatte derweilen seinen neuen Nachbar mit augenfälligem Interesse gemustert. Endlich fragte er verbindlich: »Sie lieben den Süden mehr, Baron?« »Den liebe ich allerdings mehr! In dem litauischen Winter friert mich immer nach... Sonne und Süden.« »Sie waren oft dort?« »Sehr oft.« Der Graf lächelte. »Dann glaube ich Sie auch bestimmt wiederzuerkennen, Baron. Sie waren im Winter 95 in Cannes?« »Das kann sein.« »Oh, man beschäftigte sich sehr viel mit Ihnen, Baron!« »Das glaube ich weniger. Ich wüßte wenigstens nicht, warum...« »Und wenn es nun im Zusammenhange mit der sogenannten Löwin der Gesellschaft gewesen wäre?« »Die Sie kennen, Graf?« »Nein, die ich leider nicht kenne, lieber Baron.« Falkner von Öd zuckte darauf die Achseln. »Sie tun mir wirklich viel zu viel Ehre an! Gerade in dem Winter habe ich ganz außerhalb der Gesellschaft gelebt... Aber vielleicht verwechseln Sie mich auch mit meinem älteren Bruder; er ist ein sehr frommer Mann – und wie viele fromme Leute jenseits seines Bischofssprengels zuweilen recht weltlich. Übrigens kann ich ihm auch unrecht tun. Wir haben uns in zwanzig Jahren nur zweimal, und zwar ganz flüchtig gesehen.« Graf Axsil verbeugte sich höflich. »Dann irre ich mich eben... Es war übrigens ein großes Kompliment für Ihren Doppelgänger, dies Gerede!« »Gönnen wir es ihm, lieber Graf,« schloß Herr von Falkner süffisant. Aber der Gatte von Erika Lindt, der in seinem Leben nichts mehr geliebt hatte als die Weiber und die Jagd, dachte vergebens hin und her, in welchem Botschaftspalais, ob in Petersburg oder Paris, er das sprechend ähnliche Medaillonbild dieses Mannes gesehen hatte – und zwar in einem Boudoir und an einem verschwiegenen Platze. Modeste hatte mit bebender Aufmerksamkeit gelauscht. Die große Welt, nach der sie sich so oft gesehnt, stieg ihr wieder auf. War er ein großer Verführer? Die Schwester Frida, die nach dem ersten Anlauf schon das Hoffnungslose erkannt hatte, begann darauf mit dem Leutnant von Häwel zu flüstern und zu kichern. Sie gab sich gern ganz frei und am liebsten vor ganz jungen Herren. Zum Nachtisch wurde noch der kleine Dagobert vorgeführt. Der Gräfinmutter traten die Rührungstränen in die Augen, als der Knabe auf einem Steckenpferd um die Tafel trabte: ganz Graf, wie sie meinte, in Wahrheit aber von den steifeckigen Bewegungen des alten Lindt... Der alte Eller schlug sich mit der Hand auf das Bein und rief lachend: »Vollkommen wie's Großpapachen, Frau Gräfin!« Herr von Falkner fügte ohne Wärme hinzu: »Allerdings sehr Herr Lindt.« Gräfin Axsil, die so neunzinkig fühlte, wie ein Schwarzer mit einem englischen Zylinder weiß, lispelte darauf mit Hauteur dem Kindermädchen zu: »Bringen Sie doch den jungen Grafen zu Bett, Natascha!« – Das Eheprojekt ließ sie endgültig fallen ob solcher Taktlosigkeit. Der Großvater Lindt aber erhob sich, und als frommer Mann, der seinen Sarg und seine Leichenpredigt schon seit Jahrzehnten bestellt hatte, sprach er ein langes Dankgebet. Er hatte vom Himmel sonderbare Vorstellungen, der alte Knochenmehlhändler. Modeste war enttäuscht. Ohne sich viel mit Händedrücken zu befassen, war sie in das kleine Eckzimmer zurückgekehrt, wo jetzt eine einsame Stehlampe brannte. Sie warf sich in den Plüschsessel, die Hände hinter dem Kopf geschlossen, und sah ins Licht. Ein Traum zerflattert. – Träumen wir einen andern!... Aber Träume sind wie der Tod; wenn man sie ruft, kommen sie niemals. Aus dem Salon zirpten ein paar leicht angeschlagene Klaviertakte. Frida würde singen, der Mecklenburger würde sie begleiten. Jetzt wühlte sie wahrscheinlich unter den Noten, ließ sich bitten. Komödie bei beiden. Er sehnte sich nur nach dem Spieltisch, sie nur nach dem neu einstudierten Lied. Wenn ein dreißigjähriges Mädchen vorsingt, will sie immer einen Mann fangen. Dann dachte Modeste wieder an Herrn von Falkner, diesen kühlen, selbstbewußten Menschen, an dem eigentlich nur die Vergangenheit interessant schien. Denn eine Vergangenheit hatte er! ... Ob er wirklich einmal der Geliebte einer ganz großen Dame gewesen war? ... Im Rauchzimmer nebenan sammelten sich die Herren bei den Spieltischen. Herr Eller rief im breitesten Litauisch: »Kinder, nu aber die Karten! Man wird ja ganz dammelig bei der ewigen Sitzerei... Nicht wahr, Herr Baron, die Modeste ist doch ein reizendes Marjellchen? ... Wie wär's denn? ... Junger Herr wie Sie! Die hübschen Weiber halten nicht mehr wie gern still, wenn's keiner sieht. Freilich, wenn so 'n Mamachen zur unrechten Zeit um die Ecke schielt – das Geweimer!« Modeste hörte nicht, was Herr von Falkner antwortete, aber sie fühlte das heiße Rieseln der Scham und lehnte sich weiter im Fauteuil zurück. Nebenan trat jetzt Herr Lindt ein. »'ne Zigarre und 'nen Schnaps, meine Herren!... Ich kann Ihnen die ›Africana‹ sehr empfehlen und den rigaischen Pomeranzen, Herr Baron.« Er rieb sich vergnügt die Hände, ganz jovialer Hausherr. – Leiser meinte er zu Herrn Romeit: »Nehmen Sie aber aus der flachen Kiste – es ist 'ne gute Inspektorenzigarre – und sorgen Sie für Bier! Wenn der Strauß nicht mit dem Einschenken gerät, springen Sie zu!« Herr Romeit murmelte etwas und verschwand ohne die Inspektorenzigarre. Einen Augenblick Stille, wo die Herren ihre Skatplätze auslosten. Man hörte das Glitschen des Kartons auf den Mahagonitischen. Die Kletteraffen fanden sich wie verabredet zusammen mit Herrn Lindt; zu Herrn Eller gesellten sich der krumme Riese und der dicke Referendar. Herr von Falkner hatte refüsiert. Er ging den Läufer des Rauchzimmers langsam auf und ab mit leichtem, leisem Schritt. Modeste sah den Schatten gleiten. Sie hatte dabei das unangenehme Gefühl eines Schuljungen, der beim Lauschen nicht ertappt sein möchte. Das Zimmer zu verlassen war jetzt zu spät. – Das Bier schäumte, der Zigarrenrauch floß in trägen Wolken herüber. In dem Spiegel konnte Modeste einige Spieler erkennen: den alten Eller, der, die Zigarre in der Mundecke, mächtig paffte, den krummen Riesen, der schon stier blickte, den dicken Referendar, der schmunzelnd nach dem Bierglas griff. Zuweilen brummte der Riese, der Referendar schüttelte den Kopf, der alte Eller aber rief lustig: »Was heißt gut spielen? – Karten ist die Hauptsache! – Sehen Sie das Spiel hier! Und wenn die Bank von England geht... Ich will zeitlebens als Pinscher mit abgeschnittenen Ohren 'rumlaufen, wenn ich da nicht Schneider mach'!«... Als er aber durch die List des Referendars verloren, warf er die Karten mißmutig hin: »Ach, Kinder, das ist doch kein Spiel! Nicht ein lumpiges Carreau lassen einen diese Gniefkes gewinnen! Und dann freuen sie sich auch noch wie die Spitzbuben, wenn ein anständiger Mensch verliert. Nicht wahr, Wagner?« Der krumme Riese antwortete phlegmatisch: »Du spielst ja aber auch wie 'n Schwein! Und wenn du das nächstemal so dammelig schabberst, schneide ich dir die Ohren glatt 'runter.« Darauf der alte Eller mit komischer Gottergebenheit: »Na, schneid, schneid, mein Sohn, ich halt' still wie 'n Lämmchen...! Dafür schneide ich dir nachher auf der Heimfahrt die Kehle ab, oder ich gurgle dich so lange an der Krawatt', bis du blau bist und mir all mein Geld freiwillig zurückgibst und dein eignes dazu. Ich geh' jetzt auch unter die Krawattenfabrikanten – ja, ich tu's!« Dann tuschelten die drei zusammen und lachten und zeigten nach dem alten Lindt, der ihnen den Rücken zukehrte ... Modeste kannte das Renommee ihres Vaters nicht. Eben setzte Frida drüben zu einem Jensenschen Lied ein – und Herr von Falkner stand plötzlich vor dem Stern von Barginnen. »Verzeihung, gnädiges Fräulein.« »O bitte!« Sie zeigte nach einem Fauteuil. »Gern. Sie sitzen schon lang hier?« »Ich bin erst im Augenblick gekommen,« log sie. »Durch die Luft?« »Ja, wahrscheinlich durch die Luft!« Sie sprachen beide gedämpft, damit die Spieler es nicht merkten. »Ihre Schwester singt viel?« fragte er höflich. »Ja, leider!« antwortete sie. »Sie singt aber hübsch ...« »Genau so, als wenn man eine Katze in den Schwanz kneift.« »Ich habe noch nie Katzen in den Schwanz gekniffen, gnädiges Fräulein.« »Dann versuchen Sie es einmal, Baron!« Herr von Falkner lächelte: »Sie lieben sich gegenseitig nicht?« »Nein, wir lieben uns gar nicht!« »Das ist schade.« »Das weiß ich nicht mal, Baron... Übrigens lieben Sie ja Ihren älteren Bruder auch nicht!« Er beugte sich zu ihr herüber: »Steht zwischen Ihnen und Ihrer Schwester ein Fideikommiß von mehr als zwanzig Gütern? Und hat Ihre Schwester, als sie mündig wurde und damit schwer reich – an demselben Tage, wo auch Sie einundzwanzig wurden und arm waren wie eine Kirchenmaus, gesagt: »Ich fühle nicht die geringste Verpflichtung, deine Schulden zu bezahlen, obgleich ich's könnte!« »Aber Sie haben Ihre Schulden schließlich doch bezahlt?« sagte Modeste dreist. »Allerdings, gnädiges Fräulein. Aber wenn Sie's durchaus wissen wollen, mit einem Wuchererdarlehen, gegeben auf das Vermögen meines Onkels hier, der mich sicher enterbt hätte, wenn es irgendwie gegangen wäre... Wissen Sie, was Wuchererzinsen sind? – Nun, ich weiß es.« »Aber jetzt sind Sie doch reich, Baron?« Er zuckte nur die Achseln. »Wollen wir uns all unsre Geheimnisse schon am ersten Tage erzählen?« »Warum nicht? Man weiß ja nicht, ob man sich überhaupt zum zweiten Male sieht?« »Ich hoffe es wenigstens.« Er sah das hübsche Mädchen mit seinen kühlen dunkeln Augen lange an. »Wissen Sie, daß ich Sie kaum wiedererkannt hätte, gnädiges Fräulein? Was sind Sie hübsch geworden! – Es klingt banal – aber warum soll ich nicht einmal Ihr Spiegel sein, von dem Sie sich dasselbe doch sonst so gern täglich sagen lassen? ... Als ich ins Zimmer trat, fiel mein erster Blick instinktiv auf Sie... auch später... Sie werden es nicht bemerkt haben. Die Menschen, die ich ansehe, die sehe ich scheinbar gar nicht an – und umgekehrt. Es ist nur Sache der Übung ...« Modeste war rot geworden. Vielleicht witterte sie den großen Verführer, vielleicht ließ nur die Eitelkeit ihre Pulse schneller schlagen. »Ach, sprechen wir doch von etwas anderm, Baron!« »Ihr Ernst? – Glaube ich nicht! – Hübsche Frauen hören immer am liebsten von sich selbst ... Und damit Sie sehen, wie aufmerksam ich Sie beobachtet habe und wie genau ich Sie kenne, obgleich unsre letzte Begegnung Jahre zurückliegt und Sie mich damals gar nicht beschäftigten – Sie sind eine sehr ehrgeizige junge Dame geworden. Sie möchten Karriere machen! Sie haben noch in dieser Stunde daran gedacht.« »Sie reden Unsinn, Baron!« wehrte Modeste hastig. »Nein, ich rede gar keinen Unsinn!... Freilich, ob Sie Karriere machen werden? ... Ich weiß nicht mal... Sie heißen Modeste. Ein hübscher, seltener Name... Sie wissen vielleicht, daß bei dem lippeschen Thronfolgestreit eine Modeste von Unruh eine große Rolle gespielt hat? Sie hat erst lange nach ihrem Tode Karriere gemacht, die Arme! Das heißt, ihre Nachkommen werden auf einem deutschen Throne sitzen, trotzdem der kommandierende General in Münster den kleinen Lippes im Kinderwagen die prinzliche Ehrung von der Hauptwache versagt hatte. Kommandierende Generale gehen – vielleicht ist der schon gegangen. Aber kleine Fürsten bleiben – und zwar die kleinsten am längsten... Nun, ich wünsche Ihnen, meine Gnädigste, daß diese Modeste hier die große Karriere schon bei Lebzeiten macht!« Er verbeugte sich artig. Modeste lachte geschmeichelt. Er aber fuhr fort: »Aber glauben Sie des wegen um Himmeln willen nicht, daß eine große Karriere mit dem Glück irgend etwas zu tun hat! Die sie nicht gemacht haben, behaupten freilich, sie sei das größte Glück; die sie aber gemacht haben, behaupten umgekehrt, »es sei das größte Unglück«. »Ich verstehe Sie nicht, Baron.« Er war aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab mit denselben leichten, leisen Schritten. »Soll ich Ihnen etwas raten, gnädiges Fräulein? Hören Sie nie auf mich!« »Warum sagen Sie mir das eigentlich?« »Weil ich genau weiß, daß Sie dann um so mehr auf mich hören werden.« Modeste kniff die Augen zusammen: »Ich verstehe. Man muß sich vor Ihnen hüten!« »Vor mir?« Er lachte kurz und trocken... »Ja, ich bin allerdings gefährlich, aber leider nur – mir selbst. Und wenn Sie einen größeren Don Quichotte auf dieser Welt frei 'rumlaufen gesehen haben, so lasse ich mich hängen!« Modeste war gleichfalls aufgestanden. Mit der eignen Lindtschen Keckheit fragte sie: »Und dieser Löwin, von der mein Schwager sprach, wären Sie niemals gefährlich gewesen?« Herr von Falkner mochte ein guter Schauspieler sein, aber er verfärbte sich bei den Worten doch, und seine Augen bekamen einen stechenden Glanz. »Diese Dame ist eine Phantasie Ihres guten Schwagers. Aber selbst wenn sie es nicht wäre, so bitte ich Sie dringend, diese Dame nie mehr in unsre Unterhaltung zu mischen... Ich bin ein Narr und war ein Narr, und die Dame könnte es Ihnen vielleicht am besten bezeugen...« Er wechselte wieder zum Konversationston hinüber: »Aber so weit sind wir ja leider noch nicht, daß Phantome etwas bezeugen könnten...« Modeste schwieg. Herr von Falkner sah nach der Uhr. »Verzeihen Sie einen Augenblick! Ihr Herr Romeit nebenan macht Miene aufzubrechen, und ich möchte ihn gern sprechen. Er sieht mir aus, als habe er viel Pferdeverstand. Er soll sich mal meine Fohlen ansehen. Eine Remonte kann ich selbst beurteilen, ein Fohlen nicht... Wenn Sie sich übrigens für Pferde interessieren, ich habe mir Ungarn angeschafft – Vollblutjucker. Ihre litauischen Schinder laufen mir nicht genug – und ich verlange von meinen Kutschpferden zuweilen das Unmögliche.« Er ging zurück in das Rauchzimmer, wo Herr Romeit mit finsterer Miene in einer Ecke saß. Modeste hörte den Baron einfach und liebenswürdig mit dem Manne sprechen – so ganz anders sprechen, als er es mit ihr getan. Nach einer Weile kam Herr von Fallner wieder. »Nun muß ich mich auch von Ihnen verabschieden, gnädiges Fräulein. Bei Ihren Eltern entschuldigen Sie mich wohl. Ich erwarte ein Telegramm zu Hause.« »Ja natürlich, wenn Sie fort müssen,« antwortete Modeste steif. »Ja, ich muß wirklich. Mein Wagen wartet bereits.« Er gab ihr die Hand und wollte gehen. In der Tür blieb er stehen und zeigte auf die verblaßte Photographie. »Wer ist das?« »Irgendeine entfernte Verwandte, die uns aber nichts angeht.« Er nahm das Bild von der Wand und trug es ans Licht. »Eine schöne Frau... Ihnen übrigens nicht die Spur ähnlich... Trotzdem haben Sie einen gemeinsamen Zug...« Und als Modestes Lippen verächtlich zuckten: »Es ist pur sang, gnädiges Fräulein, pur sang!« Noch spät nach Mitternacht schlich Modeste hinunter in das Eckzimmer. Die Gesellschaft war längst gefahren – nur der schale Biergeruch und der ekle Tabaksqualm füllten die dunkeln Zimmer. Sie nahm das Bild noch einmal von der Wand. »Nein – das Schicksal dieser Frau nie – nie!« Dann öffnete sie das Fenster und schaute hinaus in den müden Herbst. Der Moderhauch umwitterte sie, die bange Stille umfing sie. Es war wie ein Alp. Und ohne sich klar zu werden, daß sie doch den tiefinnersten Wunsch ihres Herzens aussprach, murmelte sie: »Ich möchte ein Schicksal, ein ganzes Schicksal.« Sie hatte das Schicksal gewünscht – sie sollte es haben. Hieß es Falkner von Öd? 4 Regentage kamen. Die litauische Ebene schwamm in Nebeln. Das Ordensschloß starrte aus dem Grau wie eine Ruine. Der Graf versuchte auf Jagd zu gehen, aber die Hühner lagen fest in dem feuchten Klee; den Hunden wurde die Nase stumpf beim Suchen. Herrn Romeits brauner Setter, der einst dem Jagdkönig so trefflich vorgestanden hatte, strich wie schuldbewußt hinter seinem Herrn durch die Felder. Der neue Inspektor nahm seine Pflichten unhöflich ernst. Auch als ihn der Graf einmal um den Hund ersuchte, erwiderte sein Besitzer ruhig, daß er seine Juno niemals aus der Hand gebe. Erika fand den Refüs empörend. »Inspektorenfrechheit!« Ihr Gemahl gab Herrn Romeit dagegen recht: »Es ist sein Hund, und ich würde in seinem Falle wahrscheinlich ebenso abgelehnt haben.« – Frida klimperte den ganzen Tag auf dem Klavier und sang mit ihrer passierten Stimme. Modeste langweilte sich. Der Kampf der Schwestern tobte häßlicher als je. Zur Dämmerung fand sich die Familie in dem einfachen Wohnzimmer zusammen. Ein spärliches Kaminfeuer knisterte, der niederströmende Regen draußen gab die Begleitmusik. Die ungleiche Gesellschaft saß um den Tisch herum. Herr Lindt kam aus seinem Arbeitszimmer heraufgestelzt, das genau wie ein Kontor eingerichtet war: ein Schreibtisch, ein Drehstuhl, ein Geldschrank. Der alte Knochenmehlhändler hätte wohl lieber allein dort die Kurse studiert, aber der Gedanke an eine unnötige Lampe trieb ihn herauf. Die Mutter und die Gräfin erschienen spät. Erika hatte das Haus durchstöbert nach allen möglichen und unmöglichen Dingen für den kleinen Dagobert. Die Alte, die sich schwer von den Sachen trennte, war argwöhnisch mitgegangen... Während Herr Lindt mit Schlafrock und Pfeife den Rauch einsog wie ein Patriarch, blätterte Graf Axsil in einem alten Gartenlaubenkalender. Zuweilen stand er auf und klopfte ans Barometer. Dann sagte Modeste hoffnungsvoll: »Morgen wird's sicher schön!« Frida antwortete bissig: »Wahrscheinlich! Falb hat dir wohl persönlich telegraphiert?« »Laßt doch die ewige Zankerei!« lispelte die Gräfin. So ging es den ganzen Abend hin und her mit häßlichen Sticheleien bis zum Abendbrot, das im Gegensatz zu den Prunkdiners äußerst einfach und kärglich war. Zuweilen fühlte Modeste Gewissensbisse wegen der ewigen Szenen, zuweilen nicht. Eine Woche später nach dem Regen, der alle Hoffnungen hinweggeschwemmt hatte, drängte der Graf zur Heimfahrt. Der Star allein brachte die Geschwister nach Tilsit aufs Schiff. Das hübsche Mädchen winkte mit dem Taschentuch, bis die Personen auf Deck auch ihren jungen Augen verschwammen. Dann ging sie seelenvergnügt in eine Konditorei und lud noch einen kleinen Vetter, der sich auf der Quarta des Gymnasiums plagte, zu Schokolade und Kuchen ein. Geizig war sie gar nicht. Das gab ihr manchmal zu denken, denn zu Lindts gehörte der Geiz wie zum Teufel der Pferdefuß. Und während die beiden wie zwei rechte Kinder in Schlagsahne und Baisers schlemmten, bis der Junge beklommen sagte: »Ich glaube, mir ist schon übel,« wunderte sich Modeste innerlich, daß sie so gar keinen Schatten von Sehnsucht nach den Abgereisten empfand. Sie kamen, sie gingen, ein blasses Erinnern blieb zurück. Auch nach Hause sehnte sie sich nicht. Konnte sie sich überhaupt sehnen!... Und doch gab es in diesem Innern warme, ja heiße Regungen – ein dumpfer Trieb nach Liebe, Glück. Das war aber immer draußen, in Barginnen verdorrte alles schnell. Als sie zurückfuhr, fegte ein scharfer Herbstwind die letzten Regenwolken. Modeste lehnte sich aus dem geschlossenen Wagen und wäre am liebsten auf den Bock zum Kutscher geklettert – so sehr zog es sie aus der dumpfen Enge in die freie Weite. Und dieser Zug wurde stärker, immer stärker. Wohl eine Meile vom Schloß stieg sie aus und ließ die alten Pferde allein weitertraben. Der Wind war zum Sturm geworden. Und wie die welken Blätter von den Chausseebäumen im Tanze wirbelten und rauschten, jauchzte sie zu dem tollen Spiel. Ihre Augen glänzten. Sie schaute aus wie die Jugend selbst. Vielleicht war sie doch keine Lindt. 5 Noch einmal lohte purpurn der Herbst. Modeste war früh aufgestanden. Über dem Park lagen noch Morgennebel – die Fichtenkronen schwammen in weichem, flatterndem Gewölk. Die Blutbuchen im matten Tauglanz, der gelbe Kies feucht schimmernd. Von den Bosketts sanken leise raschelnd die welken Blätter. Aber die Astern blühten und leuchteten. Das alte Schloß schaute verschlafen aus warmem, nassem Moderhauch. – Von dem Gutshofe her tönte das Summen der Dreschmaschine. Männer, die Säcke trugen, schwatzende Mädchen. Der Geruch nach Stall und Arbeit. Modeste hatte in dem Park promenieren wollen, aber sie ging in den Hof. Den Hof hatte sie seit Monaten kaum betreten – jetzt in der Morgenstimmung zog das Landkind das Land... Von der Küche schauten sie dem Fräulein nach. Sie trug eine Jockeimütze und gelbe Schuhe. Aus dem alten niedrigen Pferdestall wurden eben die aufgeschirrten Arbeitspferde geführt: »Ho! Ho! Warscht Judsche!« ... Es war der träge, stockende Schritt alter Arbeitstiere. Die Knechte unwirsch, in schmierigen Jacken, trappenden Klotzkorken – Litauer, mit der schwülen Witterung von Fusel und Schweiß. Das Fräulein sah die Tiere und die Menschen vorübergehen – sie kannte den ungelenken Gruß, den scheuen Blick – und dankte hochmütig wie stets. Dennoch heimelte es sie an. Dann trat sie selbst neugierig in den leeren Stall. Ammoniakgeruch, fauliges Stroh, in der Ecke ein altes Pferd mit müdem Kopf, leise zuckender Haut. Modeste schlug dem Tiere vertraulich auf den Rücken. Es rührte sich nicht – nur ein Spatzenschwarm flatterte piepsend aus der Stalltür. Der Hofmann schaute hinein und grüßte. »Wie geht's Eurer Frau, Hofmann?« »Ach, gnädiges Fräulein, da geht's nicht zu best! In der Doktorapotheke haben sie mir gesagt, ich möchte mir nur keine Hoffnungen machen. Die Lungen sind weg ... Sie liegt jetzt immer ganz still, aber sie gahrt genau so wie 'n dämpfiges Pferd. Ich wollt' ja auch schon nichts sagen. – Aber die Marjell hat deswegen den ganzen Sommer nicht in die Arbeit gehen können ... 's war 'ne schöne Ernte. Die Ferkel sind mir auch alle krepiert.« »Wie ist eigentlich der neue Inspektor?« fragte Modeste kurz. Der Mann lächelte breit und kraute sich mit dem Mützenschirm hinterm Ohr: »Bißche scharf. Gibt alles immer selbst raus auf dem Speicher.« »Das wird wohl auch nötig sein, Hofmann!« Sie grüßte leicht und ging weiter. Am Schafstall schaute sie durch die geöffnete Halbtür. Der muffige Wollgeruch schlug ihr entgegen. Zwischen den Hürden drängten sich die stumpfen Tiere und blökten leise. Tauben gurrten oben in dem braunen Holzgebälk. Der Schäfer stand schwatzend mit dem Schmied. Die beiden Männer bemerkten sie nicht. Der Schäfer in alten, schiefgetretenen Hausschuhen, ein grünes Käppchen auf dem Kopf, mit einem Schlächtermesser fuchtelnd, sagte gerade gemütlich: »Wißt Ihr, Schmied, wenn ich am Morgen mein Pfundchen Schnaps nicht haben sollt', da geh' ich gleich lieber direkt in den Hofteich. Morgens 'n Pfundchen und mittags 'n Pfundchen und abends 'n Pfundchen – und wenn mal was drüber ist... 'n guter Kornus schadet nie was!« Modeste rief dazwischen: »Na vielleicht schadet's Euch doch mal was, Schäfer!« Der Schäfer wandte sich bestürzt um – ein fettig-fahles Trinkergesicht, ein struppiger Ziegenbart. Er sprang mit einem dummschlauen Verlegenheitslächeln herzu. »Ach, gnädiges Fräulein, das war ja man so dammelig geredt! Wann trinkt unsereiner mal 'n Schnapschen? – Bei Hochzeiten und bei 'ner guten Leich' ... Die Leich', das ist ja auch ein schönes Vergnügen.« Modeste, die eine kleine Schwäche für den Schäfer hatte, weil er der Spaßvogel des Gutes war und ihr einmal als Kind ein Paar zierliche Klotzkorken geschnitzt hatte, drohte lächelnd mit dem Finger: »Ich rieche ja den Schnaps bis hierher!« Sie wollte nach dem Kuhstall hinüber. Ein Wagen mit Grünfutter stand davor, und die Tiere brüllten dumpf. Als Modeste, gewandt von Stein zu Stein springend, auf dem schlechtgepflasterten Hofe bis zur Tür gekommen war, trat ihr Herr Romeit entgegen. Er trug einen hellgrauen Samtanzug und hohe Reitstiefel, die Plüschmütze tief im Nacken. Mit seiner geschmeidigen Sicherheit sah er fast elegant aus. Er wollte tief grüßend vorübergehen, zugeknöpft und schweigsam wie stets. Modeste war stehengeblieben: »Sind Sie's oder sind Sie's nicht?« fragte sie lachend. »Ich bin's schon, gnädiges Fräulein.« »Und warum so fein?« Er wippte mit dem Reitstock gegen die Fußspitze. »Ich muß nachher hinüberreiten zum Herrn Baron von Fallner.« »Und wohin wollen Sie jetzt?« »Nach dem Vorwerk. Ich habe mir das Pferd dahin bestellt.« Von der Ebene her blies frischer Morgenwind. Modeste überlegte einen Augenblick. »Gut, ich gehe mit.« »Aber ich muß noch einen Umweg machen zu den Pflügern am Eichenwald...« »Da gehe ich eben auch mit! ... Sie meinen, es wäre zu schmutzig?« Sie lachte. »Sie denken wohl überhaupt, ich wär' 'ne zimperliche Stadtjungfer? Ich bin aber genau so vom Land wie Sie... Und wenn meine gelben Chevreauschuhe hier fleckig werden, so habe die Unbequemlichkeit nicht ich, sondern mein Stubenmädchen.« Sie gingen an den Arbeiterwohnungen vorüber mit den blinden kleinen Fenstern, dem eigentümlichen Parfüm von grobem Brot und Torf – dem Leutsgeruch. Aus der Tür starrten schmutzige Kinder. Modeste sah kaum hin. Ein struppiger Hund fuhr heiser bellend hervor. Herr Romeit drohte mit dem Reitstock. – Am Ende des Dorfes lag die Schule, ein behäbiger Backsteinbau mit großen Scheiben, in einem freundlichen Garten. Drinnen plärrten die Kinder, und die undeutliche Gestalt des Lehrers bewegte sich langsam zwischen den Bänken. Diese neue Schule war Lindts ein Ärgernis. Fast zehn Jahre hatte der Kampf mit allen Mitteln zwischen Patron und Schulmeister gewährt. Der Schulmeister war Sieger geblieben – und der alte Knochenmehlhändler, der schon wegen der Steuern gern stöhnte, behauptete, daß der Bau ihn arm gemacht habe und krank. Jetzt ärgerten ihn wieder die Bienenkörbe hinter dem Staketenzaun, und die gelben Strohpuppen schienen ihn herausfordernd anzusehen. Modeste runzelte die Stirn. »Er ist ein alter Sozialist, der Lehrer!« »Mir schien er ein sehr verständiger Mann,« antwortete Herr Romeit ruhig. Modeste ärgerte sich. Denn seit der neuen Schule hatte selbst der Gruß zwischen den Lehrertöchtern und dem Schloßfräulein aufgehört, obgleich sie als Kinder immer miteinander getollt. Die freie Ebene lag jetzt vor ihnen – weit, mächtig, vom Morgentau überhaucht. Gelbe Stoppeln, mißfarbenes Kartoffelkraut hüben – mitten hindurch die weiße Chaussee, um deren Bäume noch der Nebel flatterte. Schwarze stumpfe Brachen neben jungem, grünem Klee drüben. Alles gerahmt von der meilenweiten Linie der fernen Staatsforst und dem leuchtenden Stück Eichenwald. Es duftete schwer, wie es nur im Herbst duftet: nach Erde und Stoppeln. Die Sonne hing rot verschleiert über dem Eichenwald. – Sie gingen einen schmalen Feldweg. Das feuchte Gras näßte Modestes Schuh. Sie merkte es nicht. Sie sog gierig die Herbstluft ein. Es war so ein starker Duft, der von Winter und Tod erzählt, aber auch wieder von Auferstehung und Frühling. Sie schritt leicht neben dem jungen hübschen Menschen, dessen schweigsame Höflichkeit sich immer gleichblieb. Auf Augenblicke schien's, als gehörten die beiden zusammen. »Sind Sie Kavallerist gewesen?« fragte Modeste kameradschaftlich. »Nein, Infanterist.« »Hat's Ihnen gefallen beim Militär?« »Ja und nein. Ich war Einjähriger in Goldap, und der Kompaniechef mochte mich gern leiden. Bis zum Vizefeldwebel hab' ich's auch gebracht. Mehr wollte ich nicht. Für unsereinen, der wahrscheinlich immer Inspektor bleiben wird, hätte der Reserveoffizier gar keinen Sinn. Die meisten Prinzipale nehmen grundsätzlich keine Reserveoffiziere zu Beamten.« »Warum eigentlich?« »Wegen der Übungen, gnädiges Fräulein, und ...« Aber das offene, energische Gesicht glitt ein Schatten. »Und weil die Herren dem ›Herrn Leutnant‹ das nicht sagen dürfen, was sie unsereinem sagen dürfen.« »Gott, so hochmütig!« rief Modeste und schaute mißbilligend auf ihren Begleiter. »Hochmütig nicht! Ich hätte auch gar keinen Grund dazu. Mein Vater ist nur ein kleiner Besitzer, und ihm wurde das Einjährigenjahr schon schwer genug ... Aber wenn man sich abgerackert hat in der Wirtschaft und getan, was man konnte, dann soll man sich auch noch ruhig gefallen lassen, daß einen der Prinzipal vor allen Leuten 'runterreißt ... Es geht, wie gerade die Laune steht... Einmal soll ich sogar gestohlen haben.« Die Zornader schwoll ihm. »Ein Chef hat mir auf dem Felde bei der Ernte vor allen, die es hören wollten, gesagt: »Inspektoren und Hofleute stecken immer unter einer Decke, weil sie Spitzbuben sind« ... Wir waren beide zu Pferde, und die Staker standen ringsum. Da bin ich auf ihn losgeritten und habe geschrien: »Herr, ich reiße Sie vom Gaul und würge Sie ab, wenn Sie noch ein Wort sagen!« Und ich hätte ihn abgewürgt! Aber die Leute warfen sich dazwischen.« Modeste dachte an ähnliche Äußerungen ihres Vaters und verspürte ein gelindes Grauen. Dennoch stieg ihr eine widerwillige Hochachtung auf. Herr Romeit fuhr mit mehr Ruhe fort: »Ich wäre beinah' deswegen ins Gefängnis gekommen – beinahe. Aber der Richter sagte noch zum Schluß, daß solche Prinzipale zu den Ausnahmen gehörten hoffentlich, und Ehre, Ehre sei wie beim Herrn, so beim Knecht... Ich war damals gerade vom Militär gekommen und außer Übung, jetzt bin ich viel phlegmatischer geworden. Wenn's mir gar nicht paßt, schnür' ich mein Bündel und lasse lieber den ganzen Gehalt im Stich ... Es gibt viele Gauner in unserm Stand, aber dafür können doch die andern nicht. Und die Prinzipale sind auch selbst schuld ...« »Dann sind Sie also nicht gern Inspektor?«! »Nein, Inspektor gewiß nicht, gnädiges Fräulein!« Darauf ruhte die Unterhaltung lange. Herr Romeit mochte fühlen, daß er zu offen gesprochen hatte – Modeste, daß sie zuviel angehört. Sie bogen zu dem Eichenwaldfetzen ein. Die Blätter raschelten, ein Hase sprang auf und setzte in sonderbaren Kapriolen durch das feuchte, harte Waldgras. Ein rotes, kaltes Leuchten lohte zwischen den Stämmen. Es war nur ein Moment. Dann sank die Sonne wieder zurück in ihren herbstlichen Dunst... Bei den Pflügern blieben sie stehen. Die schweren Ochsenjoche furchten die fettglänzende Scholle – die mächtige Stirne gesenkt, der Schritt schwankend. Der Mann am Pflug schrie heiser. Dennoch ging alles gemächlich, ohne Hast. Die Tiere zogen an, die Stoppel brach. Wie Brodem stieg der Herbstgeruch auf, dumpf, herb, daß er Modeste fast betäubte. Ein Geruch voll geheimnisvoller innerlicher Kraft, die wohltat wie eine Verheißung. Modeste fühlte diese Kraft und starrte auf die schwarze Erde, der sie entstieg... Aus den Tiefen steigt's! ... Sie gingen wieder weiter, aber stumm. In dem Augenblicke hätte Modeste auch kein Wort gewünscht. Der alte Zwiespalt war ihr wach geworden zwischen Sein und Schein, der unbewußte Kampf, der eigentlich unser ganzes Leben ausmacht. Die Scholle liebte sie, und in die Ferne strebte sie... Sie durchquerten rasch den schmalen Waldgürtel. Als sie heraustraten, hatte die blutige Herbstsonne, die immer wieder aus dem Dunst sich herausrang und immer wieder im Dunst versank, sich endlich ganz frei gemacht. Mit einem tiefen, bösen Leuchten flutete sie über die Ebene, kalt, klar, voll herber Schönheit und Majestät. Die roten Dächer des großen litauischen Dorfes blitzten aus der Ferne, der Kirchturm zeichnete sich scharf am Horizont – die Stoppel ringsum gelbleuchtend, endlos... Und die stumme, gewaltige Purpurwelle rollte weiter. Der Altweibersommer, der die Brachen überspann, schimmerte silbrig, das Kartoffelkraut duckte sich trübselig... Und die Welle rollte weiter und weiter über Wald und Feld, Baum und Haus, die scheue Monotonie der uferlosen Ebene versenkend in ein Meer von Licht... Weit, weit drüben, wo Erde und Himmel ineinander wuchsen, verschwamm sie zu einem schmalen leuchtenden Streif. Das zuckte, gleißte, als vermählten sich die Wogen des Lichts mit den Wogen des Meeres, und die Brandung rauschte Hochzeitsmusik. Die hellen freundlichen Gebäude des Vorwerks tauchten auf in nächster Nähe – ihr Reiseziel. Herr Romeit wollte etwas sagen, aber Modeste schüttelte hastig den Kopf. Dann schaute sie wieder den Lichtwogen nach, wie sie dahinrollten, die Ebene so heiß, so leidenschaftlich umarmend. Aber es war ja Herbst und das Leuchten kalt... Und es ist etwas Wunderbares um die Sonne im Herbst, etwas Tiefernstes, Heiliges – die siechende Natur in der großen, kalten Umarmung schauernd.... Und der Wind hub an – erst raunend, flüsternd, weich singend, wie im Lenz – dann klingend, klagend – bis er endlich mit scharfem Schrei der Lichtwoge nachglitt wie ein Schatten. Die Blätter tanzten, die Gräser duckten sich, sein kalter Hauch erfüllte die große Weite, und aufheulend schien er jetzt die wehrlose alte Natur unerbittlich züchtigen zu wollen, die er einst im Prangen des Sommers so warm gelost... Modeste schaute und schaute. Es war wie damals auf dem Schiff – aber stärker, viel stärker...! Ja, sie liebte sie leidenschaftlich, diese östliche Ebene, ob jung, ob alt. Hier fühlte das flache Weltkind tief, gut war sie selbst. Und das schöne Geschöpf, das nicht Vater, nicht Mutter liebte, nicht die Schwestern, nur sich – hier fühlte sie es fremd, fast beklemmend, wie sie machtlos wurde, Kind, gegenüber der großen, reinen Heimatsliebe, die ihr emporstieg aus dem Brodem der Scholle, die sie umfing mit dem Tosen des Herbstwindes, die ihr wundersam herüberleuchtete auch von dem Purpursaum des Horizonts. Herr Romeit hatte immer nach den Roßgärten hinübergeschielt am Vorwerk. Die jungen Pferde rupften da unwirsch die arme herbstliche Grasnarbe, sahen schweifschlagend auf, weideten weiter... An einer tiefen Stelle, wo noch eine Wasserlache stand, wälzte sich ein großer Sommerrappe mit wild ausgreifenden Hufen, daß der Schmutz ringsum hoch aufspritzte. – Die beiden kamen näher, schauten über den Drahtzaun – die Frau gleichgültig, nur im Vorübergehen, der Mann voll Interesse, die Arme verschränkt... Die Tiere hörten auf zu weiden, schnaubten, jagten heran, stoben davon auf dumpf dröhnendem Boden, neugierig und furchtsam zugleich, wie tollende Kinder. Der Sommerrappe wälzte sich gemächlich weiter. Wie so das Rudel mit stolz gehobenem Kopf und fliegender Mähne dahinglitt, war es ein frisches Bild von überschäumendem Jugendmut, schwellender Kraft. Modeste, die noch unter dem Herbstbann stand, fragte ohne Interesse: »Sind das alles Dreijährige?« »Nein, nur zwei, gnädiges Fräulein, sonst Jährlinge. Es ist nicht viel was. Die Remonten habe ich schon in den Stall genommen... Ho! Ho!« rief er gleich darauf zu dem ausgebleichten Sommerrappen hinüber und wehte mit dem Taschentuch. »Das ist nämlich ein zurückgebliebener Vierjähriger. Die Kommission hat ihn nicht genommen wegen eines Augenfehlers. Ein Jammer... Sie mühten ihn mal austraben sehen.« Er kroch gewandt durch den Drahtzaun. Das Rudel stutzte einen Augenblick, floh dann wiehernd weiter. Auch der Rappe hielt inne, wurde langsam hoch und sah sich verwundert um. »Ja, laufen sollst du!« rief Herr Romeit und wehte stärker mit dem Taschentuch. Das Tier besann sich, fing an zu traben, erst schwer, unlustig, dann flüchtig, federnd, bis endlich sich der schlanke, schöne Körper zu einem weitausgreifenden Galoppsprung streckte. So schoß er an dem Rudel der Jüngeren vorüber, sie im Augenblick überholend. »Haben gnädiges Fräulein gesehen?« fragte Herr Romeit, »das sind Gänge!« Die Augen glänzten ihm, und die Wangen waren ihm heiß, als er wieder durch den Zaun zurückkroch. Modeste sah etwas verwundert auf den Mann, dem jede Bewegung schmiegsam geworden war und sicher, wie dem Ringer beim Kampf: »Haben Sie wirklich so kolossales Interesse für Pferde?« »Ob ich's habe!« Die Zunge war ihm auf einmal gelöst. »Jeder Tag, wo ich nicht auf einem Pferde gesessen habe oder wenigstens ausgefahren bin, kommt mir wie verloren vor. Wenn wir exerzierten und auf demselben Platz die Kavallerie ihre Remonten anritt, war ich immer ganz wild. Ich kam aus dem Tritt, der Hauptmann schimpfte – das war mir aber ganz egal... Ach, gnädiges Fräulein können ja gar nicht wissen, wie das ist! – Ich hätte darum auch nie etwas andres werden wollen als Landwirt, ich hätte es gar nicht können. Ich wäre verrückt geworden hinter dem Ladentisch oder im Bureau... Ich muß Litauen und Pferde haben! ... Und wenn ein Prinzipal auch noch so genörgelt hat, ich gehe zu meinen Remonten und habe alles vergessen...« Modeste war eine Lindt, kühl, skeptisch, trotz ihrer Jugend. Und doch war hier der verwandte Zug – das warme Fühlen, das auch ihr von Zeit zu Zeit das nüchterne Leben vergoldete. »Aber ich verstehe gar nichts von Pferden, Herr Romeit! ... Ich weiß, was ein Trakehner und was ein Litauer ist, und daß unsre Kutschpferde vorn nicht mehr raus können – das weiß ich auch... Aber sonst... Als Mädel bin ich wohl aufs Feld geritten mit dem Gespann, auf dem Nebenpferd beim Knecht, und wenn der Leiterwagen so klapperte, habe ich immer gedacht: ›Wenn du jetzt 'runterfällst, so bist du geliefert unter den schweren Rädern.‹ Vom Felde auf dem vollen Fuder fuhr ich viel lieber zurück. Und da ging's mir allerdings nie schnell genug... Natürlich bin ich stets als Junge geritten und ohne Decke. Es muß zum Totlachen ausgesehen haben, wenn ich so hin und her schwankte... Nachher habe ich's wohl noch einmal mit dem Milchpferde versucht. Mir ist, als wär' es heute, als der alte Rappe vorne stolperte und ich über den Kopf weg in den Chausseegraben flog... Das war, glaube ich, das letztemal... Papa wollte nicht; ich hatte auch keine besondere Lust... Freilich, wenn man Sie hört, sollte man denken, Reiten gehöre so unbedingt zum Leben, wie die schmutzige Nase zum Dorfkinde... Jetzt wär's wohl auch zu spät. – Außerdem – eine alte Mähre will ich nicht, eine gute kriege ich nicht. Wozu soll ich mich also aufregen?« »Über gnädiges Fräulein müssen reiten lernen!« beharrte er. »Ich kann mir schwer denken, daß eine Dame auf dem Lande nicht mit Passion reitet.« »Ich fahre Rad, Herr Romeit, das ist jetzt viel moderner.« »Ach, Rad, gnädiges Fräulein! Das ist so was Städtisches. Kommt man an einen Sandweg oder einen Graben, muß man absitzen – und da fängt auf dem Pferde doch das richtige Reiten erst an... Wenn gnädiges Fräulein wollen,« fuhr er vertraulicher fort, »ich besorge Ihnen schon 'n Pferd. Sehen Sie, der Sommerrappe da hat nur ein ganz winziges Fleckchen auf dem Auge, das gar nichts schadet – aber Verkaufswert hat er eben darum nie... Er hat wohl auch 'n bißchen weichen Rücken. Aber daß gerade das Blutpferd ins Gespann geworfen werden soll und sich totarbeiten für die drei faulen andern, weil es zu edles Blut hat – nein, das möchte ich nicht! ... Ich reit's Ihnen zu – das kann ich schon – Und Sie werden sehen, was das für 'n Vergnügen ist im Sommer! Denn reiten lernt man eins, zwei, drei – und Sie haben, wie alle Damen, eine leichte, weiche Hand, was viel ausmacht, gerade bei jungen Tieren.« Modeste lächelte. »Und inzwischen?« »Nehmen gnädiges Fräulein meinen Inspektorbraunen! Er soll schon früher als Damenpferd gegangen sein, in Bussardshof, sagt der Kämmerer.« »Bussardshof? Das könnte nur Judith von Bussard gewesen sein... Die darf übrigens nicht mehr reiten.« – Sie war kühler geworden: »Also kurz und gut, Herr Romeit, es wäre ganz schön, aber es geht wirklich nicht!« Sie waren derweil in die Nähe des Vorwerks gekommen. Modeste zeigte auf ein gesatteltes Pferd, das ein Knecht im Kreise führte. »Da ist ja schon Ihr Brauner, Herr Romeit.« Schnippisch fügte sie hinzu: »Sie sollten längst fort sein! Der Baron liebt, glaube ich, das Warten nicht. Grüßen Sie ihn von mir! Ich werde hierbleiben und zusehen, wie Sie abreiten... Ist's mit der Reitkunst wirklich so weit her?« »Das habe ich nie behauptet.« Sie ärgerte sich über seine kurze Art. »Doch Pisang!« murmelte sie. Das häßliche Herrengefühl war ihr wieder wach geworden – der Parvenühochmut, der plebejische Bruder des Aristokratenstolzes. »Man soll sich doch mit solchen Leuten nie einlassen!« Der ganze Spaziergang wurde ihr leid. Dennoch blieb sie stehen und sah, wie Herr Romeit langsam aufstieg und langsam durch den Hof trabte, ohne sich umzusehen. Hinter der Scheune kam der schlanke Reiter wieder in Sicht, und im langen Galopp flog der Braune den schnurgeraden Sandweg nach Eyselin entlang. Modeste stand eine lange Weile nachdenklich. Dabei fiel ihr Blick auf den linken Chevreauschuh, der arg beschmutzt war. ›Das wäre so was für Frida!‹ dachte sie, ›den ganzen Tag hörte die Rederei nicht auf wegen meiner Unordnung... Ich bin nicht unordentlich, ich bin nur jung!‹ Und die Herbstsonne strahlte, und der Herbstwind pfiff. Es war kühl – der reine Hauch in Licht und Luft, den das Alter haßt, weil er sein welkes Blut erkältet, und den die Jugend liebt, weil unter ihm das Blut heißer wallt. Modeste wanderte weiter. Das Vorwerk mied sie. Das war auch ein Lindtsches Schmerzenskind. Denn den alten Lindt hatte das Rheuma zum erstenmal gezwickt in jener Nacht, als die vollen Scheuern niederbrannten. Den ganzen Vormittag strich Modeste allein durch die Felder, vor sich hinsingend, träumend. Als sie ein verspätetes Maßliebchen jenseits des Grabenrandes erblickte, sprang sie mit raschem Sprunge hinüber. Darüber versank auch der rechte Fuß im lehmigen Boden. Die Blume vergaß sie. Für wen sollte sie eigentlich auch Maßliebchen zupfen? – Ihr Herz war so ganz frei!... Aber den Schuh betrachtete sie mit philosophischen Gefühlen. »Siehst du, mein Herzchen, so lange hast du dich rein gehalten – jetzt machst du's noch schlimmer wie dein linker Bruder. Was schmutzig werden soll, wird's doch! – Die dumme Frida... Jetzt gehe ich erst zu Papa und bin furchtbar nett mit ihm, und dann mag die alberne Marjell zu Mama klatschen, soviel sie will – recht bekomme ich doch!« ... Sie sah sich nach allen Seiten um. In der Gegend kannte sie sich nicht mehr aus. Zwar dort drüben lag das große Kirchdorf, auch der Schornstein der Barginner Dampfziegelei lugte – aber es war hier alles so viel bäurischer, die breiten Lehmwege zerfahren, die spärlichen Weiden vermorscht. Männer kamen hinter ihr, schwankend, mit blöden Augen, einer schrie und winkte. Die litauischen Fuselgefühle kannte sie vom eignen Gut zur Genüge. Fern leuchtete der weiße Streif der Chaussee wie ein Retter. Auf den ging sie zu. Nicht schnell. Fliehen lag nicht in ihrer Natur. Und ein Mädchen, das läuft, reizt die rohen Sinne erst recht. Modeste erreichte die Chaussee in dem Augenblick, wo sie den heißen Schnapsatem eines Burschen im Nacken fühlte. »Na, was stehst nicht, Marjell, wenn man dir ruft!« Die Stimme lallte, das gedunsene Gesicht leuchtete stier. Modeste drehte sich um: »Was wollt Ihr von mir?« Ihr war nicht wohl zumute. Da ratterten zwei Wagen vorüber – Bauern. Der zweite hielt. Ein vierschrötiger Mann drohte mit der Peitsche. »Was geht dich das Fräulein an? Lorbaß! – Du bist ja besoffen wie 'n Schwein – mach, daß du heimkommst!« Der Bursche lallte zurück »Ich besupe? Na, wart!!...« Aber der Trupp trollte sich doch schimpfend über die Chaussee weg. Modeste dankte. Der Bauer griff an die Mütze und fuhr weiter. – Jetzt wußte sie auch, wo sie war, eine Stunde von Eyselin, anderthalb Stunden von Haus. Der Richtweg schien näher, aber sie blieb vorsichtig auf der Landstraße. Eine litauische Chaussee, gerade, endlos, von tödlicher Monotonie. Wenig Menschen – es war bald Mittag. Ein Trödelwagen mit ausgemergeltem Pferd – der Jude grüßte devot... Der Weg schien dem Stern von Barginnen schrecklich lang. Dieselben dürren Bäume, dieselben gelben Sandhaufen, dieselben weißen Kilometersteine. – »Wenn ich ewig Chaussee gehen sollte, ich würde rettungslos stumpfsinnig!« murrte sie... Endlich tauchte etwas Schwarzes auf. Ein fauchendes Ungetüm – die Dampfwalze. Streckenarbeiter mit Gießkannen, zwei Reiter. Die Pferde tänzelten und schnaubten, wollten offenbar nicht vorüber. Herrn Lindts Braunen erkannte sie sofort. Der Fuchs war ihr fremd. Der Herr mit dem hellen Sattelzeug und den glänzenden Sporen konnte aber nur Herr von Falkner sein. – Sie war ganz nahe herangekommen. Aller Augen hingen an den Reitern. Die Dampfwalze stand, der Führer schaute interessiert heraus. »Herr Baron müssen das Pferd ruhig zurückreiten und dann im leichten Galopp vorbei. Meiner ist sehr bodenscheu. Aber es geht ganz gut. Sehen Sie!« ... Herr Romeit setzte sich im Sattel zurecht, schnalzte mit der Junge. Die Stute sprang zögernd an, stutzte, folgte aber dann willig dem Schenkel. Herr von Falkner rief ihm nach: »Sie haben gut reden! Ihr Brauner ist ein ausgerittener Schinder und mein Fuchs fünfjähriges Vollblut. Aber ich will's auf die Manier versuchen...« Darauf kurz zum Maschinisten: »Pfeifen Sie los!« Er nahm die Schenkel fest, und in den Bügeln stehend, vornübergebeugt wie ein Rennreiter, gab er leicht die Sporen. – Die Dampfpfeife pfiff schrill. Der Fuchs stieg kerzengerade und wollte sich überschlagen. Die Leute schauten ängstlich. Darauf verstummte die Dampfpfeife wieder, das angstvoll schnaubende Pferd kam zum Stehen. – »Sie sollen pfeifen!« rief der Reiter herrisch. »Es ist mein Genick, das ich riskiere, und nicht Ihres!« – Die Maschine fauchte, der Pfiff schrillte. Modeste sah, wie der Fuchs ansprang, mild, kopflos, gleich darauf im rasenden Satze wegbrach und, ausgleitend, den Chausseegraben mit seiner zitternden, zuckenden Masse füllte. – Die Leute schrien auf, auch Modeste stürzte zur Stelle. Aber der Reiter war nicht gestürzt – er mußte noch im letzten Moment die Bügel losbekommen haben – und stand neben dem Tier. Ihn schien nur das Pferd zu kümmern, das, von Schaum und Schmutz bedeckt, angstvoll wiehernd aufzukommen suchte. »Laßt ihn zufrieden!« rief er den Leuten zu, »er wird schon allein hoch...« Einen Moment später stand der Fuchs wirklich, zu Tode erschöpft, den Kopf mit dem zerrissenen Zaumzeug gesenkt, der Körper unter dem verschobenen Sattel bebend, naß. Von den geschundenen Knien sickerte Blut. Herr von Falkner schaute finster. »Führen Sie ihn ein paar Schritte!« Einer der Leute sprang hinzu; langsam, fast kriechend passierte das apathische Tier die Walze. – »Er markiert nirgends,« sagte sein Reiter nach einer Weile. »Bloß Schreck wahrscheinlich. Also wird's wohl auch nicht zum Sterben gehen... Aber bringen Sie ihn nach Eyselin und sagen Sie dem Herrn Oberinspektor, daß nach dem Roßarzt telegraphiert wird, und zwar sofort. Und nun weg!« Er schlug dem Tiere noch einmal leicht auf die Kruppe, dann wandte er sich zu Herrn Romeit, der sofort zurückgaloppiert war und jetzt etwas verdutzt dabeistand. Herr von Falkner lachte gezwungen. »Nicht der Rede wert! Es gibt leider Leute, die nie verständig werden, und zu denen gehöre ich... Nun läßt sich natürlich der Hengst ein gutes Vierteljahr auch nicht mehr mit dem Sattel in die Nähe kommen, ohne mir die Box zu zerteilen... Übrigens, das gebe ich Ihnen schriftlich: von Pferden und was drum und dran hängt, verstehen Sie mehr wie ich! ... Jetzt aber haben Sie wohl die Güte, wieder aufzusitzen und nach Hause zu reiten, sonst schimpft wahrscheinlich der alte Herr in Barginnen. Grüßen Sie den Gentleman – oder grüßen Sie ihn auch lieber nicht! ... Ihnen jedenfalls meinen herzlichsten Dank und daß Sie sich die Proposition noch einmal überlegen!« Herr Romeit verbeugte sich und saß nachdenklich auf. Modeste war in den Hintergrund zurückgetreten, im Schutz der Dampfwalze. Sie hätte sich jetzt am liebsten versteckt. Der Ton, in dem ihres Vaters Name genannt wurde, war gar nicht nach ihrem Geschmack. Aber im letzten Moment sah sich Herr von Falkner noch einmal um und bemerkte sie. »Sie hier, gnädiges Fräulein?« »Ja... ich habe gesehen...« »›Das war kein Meisterstreich, Oktavio‹, dachten Sie gewiß?« »Ich dachte gar nichts...« »Sind Sie ganz allein?« »Allerdings...« »Nun, dann werde ich mit Ihrer Erlaubnis Sie wenigstens bis in die Nähe Ihres Schlosses begleiten.« »Wenn Sie durchaus wollen.« »Durchaus – nicht, gnädiges Fräulein. Aber ich habe vollauf Zeit... Ich lebe ganz englisch. Der Lunch liegt bereits hinter mir, und bis zum Dinner sind's noch sieben Stunden.« Artig fügte er hinzu: »In Litauen gibt's Langeweile und Schmutz die Fülle – aber wenig Geist und noch weniger schöne Frauen... Ich war gestern mal zur Abwechslung in Gumbinnen. Morddragoner, Idiotenchaussee: damit ist alles Interessante in dieser Regierungshauptstadt erledigt. Auch sonst ein merkwürdiges Land, Ihr Litauen, oder unser Litauen, wenn Sie wollen. Pferdeland. Selbst bei den Menschen werden hier die Knochen höher geschätzt als die Gehirnmasse.« Modeste war diesem süffisanten, nachlässigen Konversationston nicht gewachsen und schwieg. Sie kam sich selbst ein wenig litauisch vor mit ihren schmutzigen gelben Schuhen. Ein Stück waren sie schweigend gegangen, als Herr von Falkner stehenblieb. Der Purpurschein der Herbstsonne lag wieder über der weiten Ebene. »Geht's Ihnen vielleicht ebenso wie mir? – Ich muß hier immer an die Wüste denken... Dieses Landschaftsbild hat in der Tat etwas von der Wüste. Nichts, wo das Auge wirklich ausruhen könnte – nur Weite, Weite... Dazu eine eigentümliche Samumsstimmung. – Aber die Wüste liebe ich, Litauen liebe ich gar nicht... Ich ziehe es doch vor, in der Sahara zu verbrennen, als in diesem Osten zu versimpeln ... Es sind nicht meine Leute hier. Sind's Ihre Leute?« Modeste fragte darauf nur kurz: »Waren Sie lange in der Wüste, Baron?« »O ja. Aber die Wüste ist durchaus nicht für jeden, ebensowenig wie Litauen... Ich bin sonst sehr Gesellschaftsmensch – in der Wüste habe ich gelernt, mir selbst die Gesellschaft zu sein... Die beste, wie ich mir einreden möchte, die schlechteste, wie ich aber weiß. Im übrigen steht ja der Satz fest, daß die sogenannte beste Gesellschaft immer die schlechteste ist. Die Männer brutal oder feige, die Frauen konventionell und feige auf jeden Fall. Gesindel! Aber von diesem Gesindel vermag man sich eben nicht zu trennen. Man liebt den Schmutz nicht an den Fingern, aber man verehrt ihn bei den Herzen... Können Sie mir als Frau vielleicht das Rätsel lösen: warum die äußerlich reinsten Menschen so oft innerlich die schmutzigsten sind?« »Das verstehe ich nicht, Herr von Falkner. Ich verstehe Sie überhaupt nicht... Ich will Sie auch gar nicht verstehen.« Er schlug mit der Reitgerte in die Luft: »Dann sind Sie genau in derselben Lage wie ich, meine Gnädigste... Kennen Sie sich?« »Natürlich!« Er lächelte. »Bleiben Sie bei dem Glauben! ... Tut Wunder.« Auf einem Feldwege, aber schon sehr fern, kam Herr Romeit auf seinem Braunen wieder in Sicht. »Gefällt mir gut, der junge Mensch,« meinte Herr von Falkner. »Offen, ehrlich, mit einem Zusatz von Enthusiasmus und Bockbeinigkeit, die ihm beide ganz gut stehen... Sonst Mann, vernünftiger Mann, macht seinen Lebensweg, vielleicht mit Scheuklappen, aber macht ihn ganz gewiß... Das war mein erster Eindruck von ihm neulich bei Ihnen... Ich gebe viel auf erste Eindrücke. Halte ihn auch sonst für tüchtig in seinem Beruf. Habe ihm proponiert, er möchte zu mir kommen. Wer so viel auswärts ist wie ich, braucht anständige Beamte. Mein alter ›Ober‹ wirtschaftet mir, in allen Ehren, doch zu sehr in seine eigne Tasche... Eigentlich wechsle ich ungern, bin zu bequem dazu, zu gutmütig. Alle sogenannte Gutmütigkeit heißt natürlich besser Feigheit. – Ist dann die große oder kleine Szene, mit der so eine Kündigung einsetzt, glücklich vorüber, ist auch mein Interesse für den Mann vorüber... Kurz und gut – es ist eine kleine Gemeinheit, die ich vorhabe. – Bei Ihrem Herrn Vater bekommt Herr Romeit achthundert Mark, ich habe ihm fünfzehnhundert proponiert. Anständige Leute soll man anständig bezahlen... Jedenfalls wäre es für diesen Achtundzwanzigjährigen ein solcher Glücksfall wie für uns der Kohinur. – Aber wenn Sie etwa glauben, daß der Mann freudestrahlend zugesagt hat... Im Gegenteil. Will nicht! ... Und das hat mir eigentlich am besten an der ganzen Affäre gefallen ... das heißt« – er sah Modeste eigentümlich lächelnd ins Gesicht – »wenn nicht eine gewisse junge Dame in einem gewissen Gehirn gewisse Verwirrungen angerichtet haben sollte ...« »Bei einem Inspektor? – Ich danke.« »Aber ich bitte Sie, mein gnädiges Fräulein, können Sie irgendeinen jungen Mann auf der Welt hindern, eine schöne Frau zu lieben? Nehmen Sie an, ich wäre bei Ihnen Inspektor. Meinen Sie ernstlich, ich würde mir dann meine Gefühle vorschreiben lassen?« »Ja Sie!« »Ja ich! ... Meine Gnädigste, da kommen mir wieder auf unsre sogenannte beste Gesellschaft. Den Grafen liebt man nicht – aber man heiratet ihn; den Hauslehrer liebt man – aber man heiratet ihn nicht. Und das nennen Gräfinnen Moral.« »Ach, Herr Baron, reden Sie doch nicht wieder so!« unterbrach Modeste spitz. »Ich werde weder unsern Inspektor lieben noch Sie heiraten.« »Sehr vernünftig!« bestätigte er, »wenigstens was mich anbetrifft... Übrigens« – er zeigte mit der Reitgerte nach dem noch deutlich sichtbaren Reiter – »er reitet ausgezeichnet! Reiten Sie? Ich habe Sie wenigstens noch nie zu Pferde gesehen.« »Ich reite allerdings nicht,« antwortete Modeste ärgerlich. »Aber das sollten Sie! Es gehört beinahe zu Ihrer Figur. Sie müssen sich brillant im Sattel machen... Kennen Sie nicht das arabische Sprichwort: ›Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, in der Gesundheit des Leibes und am Herzen des Weibes?‹... Wenn Sie einen Lehrer brauchen – moi !« »Sie würden ein schöner Lehrer sein, Baron!« scherzte Modeste. »Ja, ein schöner Lehrer.« wiederholte er zerstreut. Er sah nach der Uhr. »Bei Damenreiten fällt mir ein, daß Fräulein von Bussard auch wieder anfangen will... Gut, daß ich daran denke! ... Ich habe mich heute zum Frühnachmittag in Bussardshof angesagt... Leben Sie wohl, mein gnädigstes Fräulein.« »Adieu, Baron, und vielen Dank.« Modeste bog in den Feldweg ein, den Herr Romeit soeben geritten. Die Hufspuren waren noch ganz frisch. Sie hätte sich so gern umgesehen, ob Falkner von Öd ihr vielleicht nachschaue... ›Er gefällt mir doch!‹ dachte sie. ›Er ist so ganz anders als die andern Leute hier. Was er eigentlich meint, das weiß man nie. Und gerade das reizt – ja gerade das! ... Ich möchte für mein Leben gern reiten können... Das wäre hübsch, wir zwei! Frida stürbe, glaube ich, vor Neid... Aber Papa tut's ja doch nicht.‹ – Mit dieser trüben Gewißheit trat sie in den Schloßpark. Frida kam ihr entgegengelaufen, – die matten Augen lachten. »Weißt du das Neuste, Modeste? – Neujahr gehe ich auf ein ganzes Vierteljahr nach Königsberg, darf Gesangstunden nehmen, in einer Pension wohnen.« »Was ist denn eigentlich los?« fragte Modeste kopfschüttelnd zurück. »Ach, du bist ja doch nur neidisch!« »Was los ist, habe ich gefragt, Frida.« »Nun, Papa hat doch in der Lotterie gewonnen! Vor einer Stunde kam die Depesche.« Modeste war entschlossen: jetzt oder nie. Sie ging sofort in Herrn Lindts Arbeitszimmer: »Liebster, bester Papa, nun mußt du mir auch einen Herzenswunsch erfüllen!« Und sie trug ihr Anliegen in sehr beweglichen Worten vor. Herr Lindt verdrehte die Augen und hielt sich instinktiv die Taschen zu. »Ein Pferd für dich allein? Das geht weit über meine Verhältnisse! ... Und wer soll dir das Reiten beibringen?« »Der Inspektor auf seinem Braunen – und die zurückgebliebene Remonte reitet er mir unterdessen zu.« »Die mit dem Augenfehler?« fragte Herr Lindt milder. »Ja die, gerade die, Papa!« Der Augenfehler entschied. »Wir werden sehen, liebes Kind,« lispelte er. Und vielleicht zum ersten Male seit Jahren umarmte die Tochter den Vater voll Dankbarkeit und Glück, bis der Alte, ganz gerührt von der eignen Güte, nur noch flüstern konnte: »Ich kann eben keinem Menschen etwas abschlagen. Ich bin zu gut – viel zu gut!« Seitdem longierte Herr Romeit regelmäßig jeden Tag den Schwarzbraunen an dem Birkenwäldchen. Die lange Peitsche knallte, das schnaubende Tier galoppierte unwillig im Kreis. Modeste stand oft dabei. »Sie werden ihn nicht klein bekommen, Herr Romeit!« »Und ich werde ihn doch klein bekommen, gnädiges Fräulein.« In der Art des Mannes lag eine zielbewußte Sicherheit, der sie nicht immer zu widersprechen wagte. »Er zäumt sich schon ganz nett bei,« fuhr er nach einer Weile fort. »Gnädiges Fräulein dürfen nur nicht ungeduldig werden... Und sehen Sie jetzt, wie er sticht und lang austrabt! – Die Knochen wie Stahl und die Sehnen goldklar...« Er wippte mit der Peitsche. »Und die Sprunggelenke! Es muß ein wahres Vergnügen sein, mit dem Gaul zu springen... Er wird Ihnen jede Jagd neben dem besten Hunter aushalten... Jetzt markiert sich die Sattellage noch etwas scharf – aber wenn er erst mehr auf den Rippen hat... Es wird wirklich ein Staatspferd!« Er sprach sachlich und doch warm und begleitete jedes Wort mit einem leicht surrenden Schwingen der Peitsche. Das Pferd wieherte und versuchte im Sprunge auszubrechen. Da traf es unerbittlich der kurze, strafende Schmiß. – Es war ein hübscher Anblick, wie sich allmählich die Bewegungen rundeten, glatt wurden, regelmäßig, bis endlich der federnde Trab eines Zirkuspferdes herauskam. Modeste sah voll Interesse zu. Diese konsequente Dressur war ihr etwas Neues, regte sie an. Sie begann unter diesem Lehrer erst das Pferd zu verstehen: die guten, die schlechten Linien des Körpers, die Fehler, die Vorzüge des Ganges. Sie bewies auch hier ein nüchternes Auge, einen scharfen Blick. »Ich bin doch nun vom Lande,« meinte sie einmal kameradschaftlich, »und ich versichere Sie, Herr Romeit, ich habe bis jetzt bei einem Pferde höchstens zwischen Schimmel und Rappe unterscheiden können, oder wenn eins auf allen vieren struppiert war... Es ist eigentlich eine Schande, wie dumm und interesselos man durchs wirkliche Leben läuft.« »Gnädiges Fräulein haben an so viel andres zu denken,« entschuldigte er höflich. »Viel andres? – Das wäre eine gemeine Lüge! ... Waren Sie einmal in Rußland, Herr Romeit?« »Nein.« »Na, da können Sie von Glück sagen!« Weiter gingen die Vertraulichkeiten nicht. Der Hofmann kam und bat um den Speicherschlüssel. »Ich komme selbst,« antwortete Herr Romeit kurz. Und zu Modeste gewandt: »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, ich muß noch Hafer herausgeben.« »Sie sind aber höllisch gewissenhaft!« »Das muß man sein.« »Dann werde ich Sie jetzt regelmäßig kontrollieren,« scherzte sie. Ein Knecht führte das Pferd weg. Modeste und Herr Romeit schlenderten zusammen über den Hof. Der Speicher lag etwas zurück im Hofkarree, ein gedrungenes Steinhaus mit vergitterten Luken im ersten Stock. Die Tür unten stand offen. Der lahme Stellmacher hauste da, inmitten eines tollen Gewirrs von alten Rädern, Leiterbäumen und unordentlich geschichtetem Schirrholz. Der blondbärtige Mann, die unvermeidliche Pfeife in der Mundecke, raspelte gerade emsig und ohne aufzusehen über einer neuen Radspeiche. Der feinsäuerliche Geruch nach frisch geschnittenem Eichenholz quoll durch die Moderluft des alten Gerümpels. »Ist der Mensch eigentlich brauchbar?« fragte sie halblaut. »Das sind sie hier alle, wenn man ihnen auf die Finger sieht.« Dann stiegen sie die Speichertreppe hinauf. Das riesige Vorhängeschloß quietschte. Drinnen ein weißgedielter großer Raum – eine staubige Halbdämmerung – und der weich-kräftige Geruch nach reifem Getreide. In sorgsam geglätteten Haufen lagen unzählbar die hellen, rundlichen Körner des Weizens, der graudunkelnde, schmale Roggen; eine Ecke füllte, hochgetürmt, der schlaubige Hafer. Alles zierlich abgeschrägte Vierecke. Auf jedem ein phantastischer Zirkel in die Körnerflut geschrieben. Die plumpe Holzschaufel, die das tat, lehnte noch an der Wand. Modeste beugte sich über den Weizen und ließ eine Handvoll in goldig schimmerndem Bogen zurückrinnen. »Ich war lange nicht hier oben,« sagte sie, »und es ist doch ein starker, schöner Geruch, den ich als Kind so gern mochte.« »Es ist der schönste Geruch für mich, den's gibt, gnädiges Fräulein, noch schöner als der Erdgeruch,« sagte er warm. »Ja, ja,« meinte sie nachdenklich, »das mag schon stimmen. Sie sind ja auch Landwirt...« Dann richtete sie sich langsam auf. »Aber sagen Sie mal, Herr Romeit, genügt Ihnen das? Sehnen Sie sich nicht nach etwas anderm? Nach mehr?« »Nein.« »Sie sind eben noch nicht draußen gewesen, Herr Romeit.« »Nein.« »Es muß doch weit Schöneres geben!« »Ich glaub's nicht recht, gnädiges Fräulein.« Da lachte sie. »So eingekapselt sind Sie also schon?« Er zuckte die Achseln. »Unsereiner hat den ganzen Tag zu tun. Und nach dem Abendbrot bin ich regelmäßig so müde, daß mir sogar die Zeitung aus der Hand fällt.« Er lächelte. »Da kommt man nicht auf ehrgeizige Gedanken.« Modeste blickte an dem Mann vorüber durch die verstaubten Speicherluken ins Freie. Eine rote Sonne glühte kalt über der Ebene. – Sie verstand den Mann doch nicht! Draußen auf der Holztreppe klappten Klotzkorken: der Hofmann und zwei Knechte, die Hafer zu holen kamen. Während die Säcke gefüllt wurden und von der Wage auf krumme Rücken schwankten, sagte das hübsche Mädchen mit einer absichtlichen Gleichgültigkeit: »Sie waren doch neulich in Eyselin, Herr Romeit – wie gefällt Ihnen die Wirtschaft dort?« »Ganz gut, gnädiges Fräulein.« »Versteht der Baron was von Pferden?« »Ja.« »Viel?« Herr Romeit wartete, bis die sackbeladenen Rücken herausgeschwankt waren, und antwortete dann: »Nein.« »Na, das werden Sie ihm auch nicht ins Gesicht gesagt haben!« »Ins Gesicht allerdings nicht, gnädiges Fräulein. Aber ich habe ihm wenigstens gesagt, daß die Fohlen, die er selbst ausgesucht hat, meiner Ansicht nach wenig taugen.« »Da wird er Sie in Zukunft wohl nicht mehr konsultieren!« »Das weiß ich nicht, gnädiges Fräulein. Aber so viel weiß ich, daß er ein Herr ist, der auch Tadel verträgt von unsereinem... Er ist überhaupt ein sehr höflicher Herr und gar nicht stolz – viel weniger als sämtliche bürgerliche Prinzipale, die ich bis jetzt gehabt habe, und auch als die adligen Herren, mit denen ich in der Provinz zusammengekommen bin. Er hat mich zum Glase Sekt eingeladen und mir die beste Zigarre angeboten – unsereiner wird in dem Punkt wahrhaftig nicht verwöhnt! Ich kann auch nur sagen, daß er ein sehr kluger Herr sein muß, der sich unheimlich schnell in unsre Provinzverhältnisse eingelebt hat, obgleich er doch nicht von Hause aus Landwirt ist. Er hat mir so verschiedene Fragen vorgelegt, daß ich dachte: ›Donnerwetter, der weiß doch, worauf es ankommt!‹ Aber...« »Aber?« fragte Modeste scharf. »Ja, gnädiges Fräulein, was soll ich sagen? – Es liegt ihm doch wenig an unsrer Landwirtschaft.« »Mögen Sie ihn sonst?« Herr Romeit zögerte lange mit der Antwort: »Er ist keiner aus unsrer Provinz.« In dem Augenblick fühlte das Schloßfräulein sehr deutlich, daß ihre Neugier zu weit gegangen war. Die hochmütige Solidarität mit der Aristokratie und der großen Welt stieg ihr auf. Sie fragte darum etwas von oben herab: »Sind Sie fertig hier, Herr Romeit?« »Jawohl.« Sie gingen. Unten blieb Modeste eine Weile vor der Schirrkammertür stehen. Durch eine Öffnung im Hofkarree schaute die Ebene herein: weit, klar, in rotes, böses Licht getaucht. Die Wüste fiel ihr ein und was ihr Herr von Falkner davon erzählt. So mochte die Sahara ausschauen, ehe der Samum sich erhebt. Und wieder begann sie magisch die Ferne zu locken und die große Welt. Am nächsten Tage begann die Reitstunde. Es war ein freier Platz bei der Scheune. Im Anfang gefiel der Unterricht Modeste gar nicht. Der Lehrer zeigte eine sehr kurze, energische Art, die von seiner eckigen Höflichkeit sonst bedenklich abstach. »Zügel nicht so krampfhaft fassen, gnädiges Fräulein! – Leicht sitzen! – Lassen Sie ihn doch ruhig austraben! ... So werden Sie nie reiten lernen.« Er verzog dabei keine Miene und war ganz Despot. Wenn er nun aber gar mit der Peitsche knallte und der Braune mit gespitzten Ohren zu einem unregelmäßigen Galopp ansprang, faßte Modeste ängstlich in die Zügel und verspürte eine starke Neigung, den Pferdehals hilfesuchend zu umklammern. Darauf rief Herr Romeit fast ärgerlich: »Kopf hoch, gnädiges Fräulein! Das hilft nichts... Was wollen Sie eigentlich mit der Hand so weit vorn in den Zügeln?« Sie war nicht empfindlich, aber diese kurze, befehlende Art eines Untergebenen schien ihr ein Übergriff. Sie wollte ihm das auch immer sagen. Jedoch wenn sie dann abgestiegen war und einige Minuten mit dem Gefühle herumwankte, als begäben sich die Füße auf ganz eigentümlich selbständige Pfade, von denen der übrige Körper nichts wußte, war sie anfangs wie betäubt in dieser linkischen Unbehilflichkeit, und dann mußte sie regelmäßig lachen über sich selbst. »Ja, nehmen Sie mich nur scharf 'ran, Herr Romeit!« sagte sie in einer plötzlichen Wallung von Dankbarkeit und Erkenntnis. »Ich muß wohl, gnädiges Fräulein, sonst dauert's Ewigkeiten... Und wenn einer, wie ich, beinahe zu Pferde auf die Welt gekommen ist, ist es ihm unbegreiflich, daß es noch Anfänger gibt.« »Meinen Sie, daß ich Angst habe?« fragte sie rasch. »Es scheint wenigstens.« »Nun, so sage ich Ihnen, Herr Romeit, es mag ein unsicheres Gefühl sein – aber richtige Angst auf keinen Fall!« Einmal – es war am Ende der ersten Woche – zeigte sich der Braune stätig und versuchte rückwärts zu treten. »Na nu, das fehlte gerade noch!« rief Herr Romeit unwillig. Die lange Peitsche schwirrte, und das Tier begann zu steigen. Es dauerte nur einen Moment, doch das völlig ratlose Fräulein klammerte sich an die Mähne. »Ja, wenn Sie wirklich jetzt noch Angst haben!« Das Pferd stand. »Ich Angst?« rief sie zurück. Und in derselben Sekunde zuckte die Reitgerte pfeifend auf die Hinterhand. Der Braune tanzte auf dem Fleck. – Ein zweiter Hieb – und das Tier schoß in Karriere davon. Die junge Reiterin schwankte dabei im Sattel wie eine Puppe. Herr Romeit rief durchdringend: »Die Peitsche weg! Die Peitsche weg!« – und stürmte in langen Sätzen hinter dem Durchgänger her. Diesmal lief's noch gut ab. Aber als der Lehrer seine unbotmäßige Schülerin endlich auf sehr tiefgründigem Sturzacker einholte, wo der Braune nicht mehr mittat, war er vollständig atemlos. »Wie konnten Sie nur, gnädiges Fräulein? Wie konnten Sie nur? Es war doch wahrhaftig nicht schlimm gemeint!« Modeste lächelte etwas mühsam. Sie war todblaß. Der Lodenhut war ihr vom scharfen Ritte bis in den Nacken gerutscht. »Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß ich keine Angst habe... Ich mag nicht viel taugen – aber feige – niemals!« Sie sprach die Wahrheit. Das eitle, vielleicht schlechte Geschöpf kannte in der Tat die gemeine Feigheit nicht. Zuweilen sah auch Herr Lindt dem Unterricht zu, sehr steif und kritisch, obgleich er sein Lebtag nie auf andern Gäulen als auf Kontorstühlen geritten hatte. »Verstehen Sie denn wirklich etwas vom Reiten, lieber Romeit?« fragte die ölige Stimme verschiedentlich. »Ich möchte nicht gern, daß gleich zu Anfang alles verpfuscht wird.« »Oh, er versteht schon seine Sache, Papa!« rief Modeste vom Sattel herüber, während Herr Romeit mit einem dunkelroten Schimmer im Nacken sich abwandt«. »Na, das freut mich, lieber Romeit... Aber Sie wissen doch,« lispelte der alte Knochenmehlhändler wieder, »daß unter solchen kleinen Amüsements die Außenwirtschaft nicht leiden darf?« »Ich war heute vormittag zweimal auf dem Vorwerk.« Herr Lindt nickte befriedigt. »Das ist recht. – Im übrigen auch 'ne gute körperliche Übung für so 'nen jungen Menschen, wenn er sich die Beine mal ordentlich austritt... Nachher können Sie mir das Speicherbuch bringen.« Herr Romeit verbeugte sich steif. »Es stimmt doch hoffentlich alles? – Ich kontrolliere Sie ja eigentlich so gut wie nie. Das muß Ihnen ein ganz besonderer Sporn sein... Was Sie zuletzt gesät haben, lieber Romeit, gefällt mir, nebenbei gesagt, gar nicht. Und wie mir der Hofmann eben sagt, frißt das Viehzeug einen ja arm. Romeit, Romeit, wo soll das hin?! Die Pferde sind zum Arbeiten da und nicht zum Mästen – außerdem sind die Tage schon sehr kurz, und damit muß man rechnen. Ziehen Sie auf meine Verantwortung ruhig per Gespann zehn Pfund ab! Die Tiere laufen nicht zu ihrem Privatvergnügen 'rum, die sollen sich ebenso sauer und ehrlich ihr teures Futter verdienen wie ich mir mein kümmerliches Brot auf diesem von allen Inspektoren gleichmäßig schlecht bewirtschafteten Gute. – Da ist einer wie der andre: wo es ihn nichts kostet, wird unsinnig eingepfropft.« Herr Romeit stand in verbissenem Schweigen. »Ist das Wirtschaftsgespräch nun glücklich fertig, Papa?« rief Modeste und ritt im Schritt heran. Herr Lindt nickte wieder sehr würdig: »Jawohl, liebes Kind.« – Darauf ging er ab, langsam und würdevoll, wie's einem Schloßherrn zukommt. Herr Romeit machte zugleich eine Bewegung mit der Peitsche, die höchst unnötig war, wenn sie nicht zufällig in gedanklichem Zusammenhang mit Herrn Lindts Kehrseite stand. Modeste, die alles angehört hatte, wunderte sich über diese Predigten langst nicht mehr. Inspektoren haben ja bekanntlich ein so dickes Fell! Aber die Bewegung mit der Peitsche gab ihr zu denken. – Es mußte wohl auch unter diesen Leuten anständige Menschen geben, Männer mit wirklichem Ehrgefühl, und vielleicht war Herr Romeit einer von denen. Sie schieden heute beide auffällig rasch und ohne die hippologischen Gespräche, die sonst unfehlbar der beendeten Reitstunde gefolgt waren. Er half ihr aus dem Sattel und ging weg, und sie hatte heute besonders herablassend gegen ihn sein wollen. Im übrigen nahm das Reiten auch nach dieser Inspektorlaune seinen ungestörten Fortgang. Am Ende der zweiten Woche kam das sehnsüchtig erwartete Reitkostüm aus Königsberg: schwarzes Kleid und schwarzer Zylinder. Als Modeste sich und den neuen Dreß zum erstenmal neugierig im Stehspiegel des Turmzimmers betrachtete, war es ihr eine eitle Freude, wie vornehm das schmucklose Schwarz ihr zu Gesicht stand. Die schlanken, schönen Glieder so geschmeidig, von dem weichen Stoff mehr markiert als kaschiert. Der Reithut mit dem Schleier saß keck auf dem flimmernden Kraushaar. Als sie durch den Park zum Reiten ging, schauten ihr die Mädchen aus dem Souterrain bewundernd nach, und auf dem Wirtschaftshof starrte sie ein Dorfjunge grußlos an, wie eine Erscheinung. Sie fühlte ihren Reiz selbst, und die biegsame Gestalt hob sich anmutiger. Herr Romeit erwartete sie, das Pferd am Zügel, pünktlich wie immer. Eigentlich hatte sie sich auf seine Bewunderung besonders gefreut, auf die ungelenke Eloge, die sie wirklich verdiente. Aber der Mann blieb stumm. Beim Aufsitzen fragte Modeste darum spitz: »Nun, gefall' ich Ihnen nicht so?« »O gewiß, gnädiges Fräulein.« Mehr sprach er nicht. Er schien zerstreut und sah immer an ihr vorüber. ›Er ist doch ein Bauer!‹ dachte sie. Der Unterricht war überhaupt lascher geworden in den letzten Tagen, und mancher Fehler entging dem Lehrer – heute besonders. Modeste ließ sich absichtlich gehen, und der Braune verfiel unter ihrem heimlichen Sporn in einen argen Dreischlag. Es war ein Kardinalfehler – sie wollte den Mann ärgern. Er sah auch das nicht. Da ward sie des Reitens müde. Als er ihr die Hand zum Abspringen hinhielt, wie gewöhnlich, fühlte sie durch die dünne Sohle des neuen Reitstiefels hindurch, wie diese Hand vibrierte – und es war doch eine braune, sehnige, gar nicht nervöse Hand. Der Mann stand gebückt. Erst als sie aus dem Sattel glitt, hob er den Kopf. In seinem hübschen Gesicht lag etwas eigentümlich Gespanntes, und die grauen Augen schauten fahl, mit einem winzigen flackernden Leuchtpunkt ganz hinten. Er erschien ihr auf einmal fremd. »Was ist Ihnen, Herr Romeit?« »Wie meinten gnädiges Fräulein?« Die Stimme kam aus einer trockenen Kehle. »Was Ihnen ist?« fragte sie lachend laut. »Nichts, gnädiges Fräulein.« Er nahm das Pferd am Zügel, und Modeste ärgerte sich wieder. Sie gingen zusammen nach dem Stall. Da sagte er auf einmal stockend und doch hastig: »Gnädiges Fräulein müssen mir versprechen, niemals wieder Ihr Leben so in Gefahr zu bringen wie neulich, wo der Braune durchging. Sie hätten wirklich stürzen und im Bügel hängen bleiben können... Ich wollte das gnädigem Fräulein schon lange sagen.« Modeste sah ihn groß an. »Sie sind ein merkwürdiger Mensch! – Wenn ich mir den Hals breche, ist es doch nicht Ihr Hals, lieber Herr Romeit.« »Ich meinte auch nur,« antwortete er zögernd. – »Und es wäre doch ein furchtbares Unglück.« »Wir wollen's darauf ankommen lassen, lieber Herr Romeit. Unkraut verdirbt nicht.« Aber sie reichte ihm doch freundlich die Hand. Begriff sie in der Tat, daß auch die größte Eloge über das Reitkleid ihrer Eitelkeit nicht so schmeichelhaft hätte sein können, als diese ungelenke Angst um ihr junges Leben?! 6 In den letzten Tagen des Oktobers hatte Herr Romeit seine Schülerin reif erklärt für einen größeren, selbständigen Ritt. Modeste dachte an einen Nachmittagsbesuch bei Bussards. Freundinnen hatte der Stern von Barginnen eigentlich nicht, nur Bekannte. Es lag das in Modestes Natur. Sie engagierte sich nicht... Und dann war die nächste Umgegend arm an jungen Mädchen ihres Alters und ihrer Ansprüche, erst jenseits der Staatsforst gab es wieder »Familien«. Da saßen die Gadebuschs, die Meyners', die Bussards. Die beiden Fräulein von Gadebusch waren nicht hübsch, nicht häßlich, wahre Kürassiergestalten und rasend hochmütig. Von der schnurrbärtigen Mutter ging die Mär, daß die alte Dame einmal die gute Meile von der Kreisstadt bis zu ihrem Gut zu Fuß gegangen wäre, weil der betrunkene Kutscher es vorgezogen hatte, ohne sie heimzufahren. »Aber gnädigste Frau,« sagte der alte Eller, »warum haben Sie sich nicht von irgendeinem Wagen mitnehmen lassen, die Chaussee ist doch so belebt!« – Die Matrone richtete sich kerzengerade auf und entgegnete eisig: »Der Adel bittet nicht, er gewährt nur.« – Seitdem hieß sie die »Ahnfrau« ... Von den Töchtern Marga und Martha erzählte dagegen ein Artillerieleutnant der aufhorchenden Modeste, daß es im Grunde trotz alles Hochmuts doch echte Landgänse wären mit grauen wollenen Strümpfen, »grauen, wollenen Strümpfen, gnädiges Fräulein, beim Generalsdiner!...« Annie von Meyners war dagegen ganz anders. Bequem, gutmütig, ein wenig dumm – zurzeit Modestes beste Freundin. – Beste Freundin war auch einmal Judith von Bussard gewesen, die, sehr reich und sehr hübsch, der jüngsten Lindt einzige Rivalin schien. Eine rotblonde, schlanke Schönheit, sanft, zart, als einziges Kind angstvoll behütet. Den Winter verbrachte sie meist mit der Mutter im Süden. Für dieses Mädchen hatte Modeste einst eine wirkliche Freundschaft gefühlt. Es ging ein eigenmüder Reiz von dem aristokratischen Geschöpf aus, das im Herzen demütig war und ohne Scheinheiligkeit fromm. Sie log nie – auch wenn sie lächelte. Ein Jahr hatte diese Mädchenfreundschaft gewährt, von Modeste sehnsüchtig gesucht, von Judith liebenswürdig geduldet. Auf dem ersten Ball in der Königshalle kam die Abkühlung. Das Freifräulein wurde vom Adel umschwärmt, Modeste huldigten mehr die bürgerlichen Leutnants. Einen ernsthaften Succès de femme vergab der Stern von Barginnen nie. Das Lesekränzchen, das die fünf jungen Damen zusammen mit einer Frau Murrmann als Protektorin bildeten, blieb zwar bestehen, aber die Interessen schieden sich. Es wurde eine kühle Freundschaft. Und jetzt, wo Modeste monatelang in Rußland gewesen war, hatte sie für das Kränzchen nichts gehabt als einen flüchtigen Ansichtskartengruß... Doch die Zeit eilt, die Zeit heilt. Ein halbes Jahr hatte man sich nicht gesehen, und die Sehnsucht nach all den lieben kleinen Mädchentorheiten erwachte bei Modeste. Heute war eigentlich Kränzchentag. Vielleicht hatten sich die vier Fräuleins versammelt, vielleicht auch nicht – jedenfalls wollte Modeste Menschen sehen, mit dem neuen Reitkleid paradieren und, falls Judith mit der Mutter schon nach dem Süden abgereist sein sollte, wenigstens sich von dem alten Bussard bewundern lassen, der zwar auf einem Gichtbein daherhumpelte, aber hübsche Mädchen sehr schätzte. Bussardshof war weit. Darum wurde der Inspektorbraune gleich nach Tisch und sehr sorgfältig gesattelt. Herr Romeit selbst zog die Gurten fester und blickte stolz auf seine reizende Schülerin. »Also, gnädiges Fräulein, nicht über Feld oder wo Gräben sein könnten! Ich muß die Stute beim Sprunge selbst höllisch zusammennehmen, sonst bleibt sie mir hinten und vorn weg ... Peitsche ist übrigens nicht nötig, der Braune geht schon so...« Doch als er eine kleine scharfe Falte zwischen Modestes Brauen bemerkte, fügte er rasch hinzu: »Aber natürlich ganz, wie gnädiges Fräulein wollen!« »Na, wenn ich nach all den guten Lehren nun nicht 'runterfalle, so fall' ich wohl nie 'runter!« scherzte sie dagegen. »Adieu, Herr Romeit.« Sie schnalzte mit der Zunge, der Braune trabte an. Herr Romeit ging zurück nach der Scheune, wo er die Gegend am besten übersehen konnte. Dort blieb er lange. – Es war ein eisiger Oktobertag. Die Luft trüb, der Himmel lastend. Auf den verödeten Feldern nur noch die welkenden Blätter der Rübe. Zuweilen ein Joch Ochsen, das die Furche brach, ringsum Krähen, flügelschlagend, schnarrend. Die Chaussee glänzte rot von Ebereschen. – Modeste trabte gemächlich die Landstraße entlang, zum erstenmal ganz allein und doch etwas bang, wenn der Braune einmal schärfer schnob oder vor den weißen Wegsteinen stutzte. Wagengerassel im Rücken erklang – ein Knecht, der sich mit seinem Gespann im Dorfkruge verspätet hatte und jetzt peitschenknallend dahinjagte. Der Braune spitzte die Ohren und fiel in Galopp. Erst war's ihr unheimlich – sie versuchte zu parieren – dann erfaßte sie der Ehrgeiz. Der Knecht sollte ihr nicht vorbeifahren! Schließlich freute sie sich, wie rasch die Bäume vorüberflogen und wie sicher sie saß ... Der Wald kam, ein großer einförmiger Wald, hüben und drüben die regelmäßigen Schläge. Die braunen Fichtenstämme wie erstarrt, in den Nadeln ein schläfrig Säuseln. Sie hieß das Pferd Schritt gehen. Zuweilen senkte es den Kopf, haschte nach einem Grashalm am Wege. – »Pfui, schäm dich, Brauner!« Zuweilen starrte es mit großen Augen ins knackende Holz. – »Es ist nichts, es ist wirklich nichts.« Sie unterhielten sich wie ein paar gute Freunde. Wenn die Frauenhand den Hals klopfte, nickte das Tier. – Zuletzt geriet sie ins Träumen. Der schlummernde Wald, die graue Chaussee... Es war, als wenn es ewig so fortgehen müßte. – Da trat aus einer Schneise der Förster, das Gewehr über die Schulter gehängt, den Hund an der Hand. Sie kannte ihn nicht. Aber sie war sofort erwacht und begann scharf zu traben, bis es lichter und lichter wurde ringsum. Die weite litauische Ebene tat sich wieder auf, aber welliger, freundlicher. Keine großen Dörfer und schmutzigen Katen, sondern Güter und aufleuchtende Herrenhausdächer inmitten kahler Parks. Das nächste: Bussardshof. Ein schönes Gut. Langgestreckte, neue Wirtschaftsgebäude, große Roßgärten, auf einem Hügel das kleine Schloß mit freundlich blickenden Fenstern, der helle Giebel aus entblätterten alten Linden lugend. Modeste ritt rasch den breiten, glatten Lehmweg, der sich bis zum Gut zog. Der Braune drängte wiehernd vorwärts, er witterte den Stall. Als er aber über einen Stein stolperte, strafte sie ihn mit der Peitsche, und als ihr eine Bretterbrücke nicht fest genug schien, ritt sie aufs Feld und setzte im Sprunge über den schmalen Wassergraben. Sie hatte die Empfindung, als ruhten viele bewundernde Augen auf ihr. Als sie in den Park einreiten wollte, sprangen plötzlich aus dem Gebüsch leichtfüßige Mädchen. Taschentücher wehten, junge Stimmen lachten. »Verbotener Weg! Verbotener Weg!« Der Braune kniff die Ohren an und machte alle Anstalten zum Durchgehen. Da trat rasch eine junge Dame, mit einer Krone rotblonden Haares, die nicht mit im Gebüsch gewesen war, herzu und rief: »Um Gottes willen, er wirft sie noch 'runter! Laßt doch den Unsinn!« ... Und sie faßte mit der schmalen, durchsichtigen Hand nach dem Zügel. Der Braune besann sich, stand, Modeste glitt aus dem Sattel. Es waren die vier Kränzchenschwestern, die sie herzlich begrüßten. »Na, 'runtergeworfen hätt' er mich auf keinen Fall, Judith,« sagte Modeste lustig. Die jungen Mädchen umringten darauf das Pferd, beklopften es: »Seit wann reitest du denn eigentlich, Modeste?« »Seit vier Wochen, wenn ihr's denn durchaus wissen wollt... Dies ist das Inspektorpferd – dies Fräulein Marga von Gadebusch, Fräulein Martha von Gadebusch, Fräulein von Meyners, Freiin von Bussard –« sie schloß mit einer graziösen Handbewegung die launige Vorstellung. Der Braune nickte verständnisinnig dazu. »Übrigens, ein eignes Pferd habe ich auch, eine vierjährige Stute, die jetzt angeritten wird.« »Pfui, Inspektorpferd!« sagte die älteste Gadebusch lachend, »auf so was setzt' ich mich nie!« »Ich auch nicht.« »Ich auch nicht.« Die Mädchen lachten laut. Nur Judith von Bussard sagte ruhig: »Ich kenne den Braunen jetzt wieder. Es war früher mein Pferd. Ich habe so viel Zucker für ihn gestohlen!... Brauner, kennst du mich auch noch ?« – Der Braune hob die Nüstern nach ihr, sah sie mit glasigen Augen verwundert an und wollte näherkommen. »Seht ihr, so ist er immer, er durchsuchte mir förmlich die Taschen! Ich habe ihn aber auch nie enttäuscht...« Sie griff nach der weichen Nüster und streichelte sie. »Du guter, alter Brauner! Wär's auf mich allein angekommen, ich hätte dich nie verkauft.« Die kleine Meyners rief dazwischen: »Laß das doch, Judith! Das macht mich ganz nervös. Er beißt am Ende.« »Oh, er beißt mich ganz gewiß nicht. – Jedes Tier kennt seine Freunde. – Sieh selbst!« Judith hielt ihm die schlanken, durchsichtigen Finger hin. »Ja, wir sehen schon!« drängte Annie. »Hast du eigentlich Pferde wirklich so gern, Judith?« fragte die jüngste Gadebusch. »Pferde nicht mehr als alle Tiere.« Modeste sah sich derweilen nach einem Menschen um, ihr das Tier abzunehmen. Aber die jungen Mädchen beschlossen, es höchstselbst in den Stall zu führen und dann noch ein wenig durch den Wald zu bummeln, der mit seinen hochstämmigen Fichten sich direkt an den Park anschloß. Judith sagte: »Wenn du Mama gleich begrüßen willst, Modeste, bitte! Tust du's eine halbe Stunde später, so wird sie's dir ganz gewiß auch nicht übelnehmen... Drin spielen sie Skat. – Papa, die Murrmann und der Bezirksadjutant. Du kennst ihn ja auch, er ziert sich so entsetzlich. Frau Murrmann, die ja deine spezielle Freundin ist, mag ich erst recht nicht. Wahrscheinlich tue ich beiden unrecht – aber er ist unnatürlich, und sie ist falsch.« »Weißt du übrigens das Neueste, was sie heute losgelassen hat?« kolportierte eifrig die kleine Meyners. »Damit du orientiert bist, Modeste, sie liest jetzt mit dem Leutnant Byron – denke dir, Byron! ... Also heute war von Wagners die Rede, und Judiths Mutter meinte: es wäre soweit ganz nett, wenn auch etwas gewöhnlich, aber was sie nicht ertragen könne, wäre das gewisse Grogparfüm, das er immer um sich verbreite. Er riecht tatsächlich immer nach Grog! – Und die Murrmann antwortete wörtlich: ›Ja, Frau Baronin, das ist ganz richtig – er riecht pestrant. Übrigens auch sonst mir ein sehr allopathischer Mensch ...‹ Wir starben beinahe vor Lachen hinter ihrem Rücken bis auf Judith, die das unhöflich findet. Weil wir natürlich immer wieder lachen mußten, sind wir rausgegangen. Schließlich hätte sie es doch gemerkt. Sie wurde schon ganz unruhig. Die beiden Fräulein von Gadebusch lachten wieder laut auf: »Ja, allopathisch und pestrant! Uns stehen noch die Tränen in den Augen.« Als sie das Pferd unter Assistenz der Kutscher in den Stall gebracht hatten, sagte Modeste möglichst gleichgültig: »Es lohnt sich eigentlich gar nicht mehr das Absatteln. In einer halben Stunde spätestens muß ich wieder weg. Es wird jetzt so früh dunkel...« Und womöglich noch gleichgültiger fortfahrend: »Ich möchte euch auch nicht gerne stören.« »Wieso?« fragte unbefangen die kleine Meyners. »Ihr fühlt euch ja offenbar viel wohler ohne mich, Kinder. Mir wenigstens hat niemand mitgeteilt, daß das Kränzchen heute bei Judith ist.« Die kleine Meyners dagegen eifrig: »Ach, wir sind ja bloß alle zufällig zusammengekommen.« »Ja, zufällig!« echoten die Gadebuschs. Die Tochter des Hauses aber sagte: »Das ist nicht wahr, Modeste. Ich habe das Kränzchen eingeladen bis auf die Murrmann, die mit dem Bezirksadjutanten zufällig gekommen ist. Dich habe ich absichtlich vergessen, weil du uns ja auch vergessen hast in dem halben Jahre ...« Mit liebenswürdigem Lächeln fügte sie hinzu: »Aber jetzt, wo du freiwillig gekommen bist, bitte ich dich herzlich um Verzeihung. Du weißt, ich tue niemand wissentlich gerne unrecht – und wir waren doch einmal sehr befreundet.« Die jungen Damen schlugen darauf die Augen etwas beschämt nieder, bis auf Modeste, die bei den letzten Worten rot geworden war: »Ich weiß recht gut, daß Judith mich nie ganz für ihresgleichen gehalten hat,« sagte sie scharf. »Wer nicht mindestens ›von‹ ist!« Zuweilen hatte der Stern von Barginnen demokratische Anwandlungen, jedoch nur aus gekränkter Eitelkeit. Aber die schlanke Judith sah sie mit den großen, warmen Augen kalt an. »Wenn du mich dessen für fähig hältst, bitte, geh!... Ich halte dich nicht ... Übrigens kenne ich diesen Hochmut gar nicht. Und Gott ist mein Zeuge, ob du nun Modeste Lindt oder ›von‹ Lindt heißt, ob du hübsch oder häßlich bist – ich würde niemals auf den Gedanken gekommen sein, wegen einer Zufälligkeit, für die wir beide doch nicht können, einen Unterschied zu machen, wie das wirklich vornehme Menschen wohl auch nie tun werden... Aber wir verstehen uns nicht, Modeste – wir haben uns vielleicht nie verstanden ...« Trotzdem hielt sie ihr die durchsichtige Hand versöhnlich hin. »Wenn du's noch einmal mit mir versuchen willst – gern. Ich bin nicht hochmütig – sei du's auch nicht!« Es entstand eine schwüle Pause, wo die beiden Kürassierdamen sich fragend ansahen und die kleine Meyners Modeste ermunternd in die Seite stieß. Modeste war keine weiche Natur, aber sie hatte einen sicheren Instinkt für das Gute bei andern Menschen. Sie griff nach der durchsichtigen Hand in dem Augenblick, als sie eben zurückfallen wollte. »Ich glaube, daß du besser bist als wir alle, Judith.« Die beiden Mädchen küßten sich. Die Fräulein von Gadebusch aber waren nicht ganz einverstanden mit dieser Adelsauffassung. Ihrer Ansicht nach kamen adlige Jungfrauen mit mindestens einer fünfzackigen Krone auf diese Welt, unter besonderer Zustimmung des Himmels – und sie gehen am besten aus dieser Welt mit einer neunzackigen Krone und unter noch hörbarem Halleluja der Erzengel. Die kleine Meyners aber, wie alle gutmütigen Törinnen im Grunde sehr friedfertig, wog nicht viel, sondern rief herzlich erfreut: »Gott sei Dank, Kinder! Das wäre ein zu verdorbener Nachmittag gewesen sonst.« Wie um den Frieden zu besiegeln, begab sich darauf das Kränzchen in sämtliche Ställe des Hofes. Der Hof in riesigen Dimensionen, alles Reichtum und Ordnung. Niemand außer Judith ahnte, daß hier eine Frauenhand die Zügel führte. – Im Pferdestall blieben sie am längsten. Die Halfterketten klirrten. Die glatten Tiere schnoben gemächlich in die häckselgefüllten Krippen. Bussardshof hatte die größte Remontezucht. Die jungen Damen verstanden nicht viel von Pferden bis auf die Fräulein von Gadebusch, die überlegen über vornehmes Exterieur und schöne Gänge redeten. Sie hatten eine natürliche Abneigung gegen alles Kleine und Plebejische auch bei Tieren... Dann unterhielt sich das Kränzchen, in dem breiten Mittelgang zwischen den Ständen auf und ab gehend, über Rußland. »Gibt's da wirklich so viel Wölfe?« fragte die kleine Meyners neugierig. »Auch Bären?« forschten die Kürassierdamen. Modeste hatte sich eigentlich vorgenommen, Wundergeschichten von dem Axsilschen Gute zu erzählen, trotzdem sagte sie ehrlich: »Kinder, wenn ihr nach Rußland eingeladen werdet, geht lieber nicht! Wölfe habe ich keinen einzigen gesehen – aber auch sonst nichts. Und in dem Rußland, wenigstens wo ich war, da sprechen die Leute nicht mal Polnisch, sondern ganz gemeines Litauisch. Und wenn sie den Nachbar besuchen, da nehmen sie gleich Nachtzeug mit, so weit liegen die Güter auseinander. Ich gehe jedenfalls freiwillig nie wieder hin.« Während Rußland behandelt wurde, wobei die Kürassierdamen etwas schieläugig bemerkten, daß es mit dem Adel jenseits des Leppohne wohl nicht sehr weit her sei, trat von der andern Seite eine Dame im Reitkostüm in den Stall. Es war Frau von Bussard, Ende der Vierziger, sehr schlank, mit großen grauen Augen von durchdringender Klugheit. Sie sah die Mädchen, hörte und lächelte. Martha von Gadebusch sagte eben: »Axsils meinen wir damit natürlich nicht, Modeste! Axsils sind Grafen, und Grafen sind immer vornehm.« Die kleine Meyners bemerkte dazu enthusiastisch: »Ja, Grafen, Grafen! Gnädige Frau heißt jede, aber Gräfin...« Die Gadebusch hoben ihre Riesengestalten unwillkürlich höher. »Mama war auch Gräfin, und sie hat sich lange nicht gewöhnen können... Das verstehen wir so gut! Marga und ich haben uns darum das Wort gegeben, nicht anders als standesgemäß, absolut standesgemäß zu heiraten. Er braucht nicht gerade Graf zu sein, wie Mama am liebsten wünschte, aber alter Adel. Darum ist uns auch, außer den Kürassieren und allenfalls noch den Allensteiner Dragonern, das Tanzen mit Leutnants gräßlich!« Frau von Bussard kam leichtfüßig und ungesehen näher, klopfte der Sprecherin freundlich auf die Schulter, die erschreckt zusammenzuckte: »Ihr werdet schon billiger werden, Kinder, viel billiger! In fünf Jahren tut's dir und deiner Schwester bereits einer vom Ersten Regiment, und in zehn Jahren seid ihr vielleicht ganz zufrieden, wenn nur noch ein Dreiundvierziger käme... Ihr müßt überhaupt nicht solchen Unsinn sprechen! Wer Körbe austeilen will, muß doch erst Anträge haben, dann ist's ja noch reichlich Zeit... Ihr sitzt für meinen Geschmack viel zu viel zu Hause bei Rangliste und ›Kreuzzeitung‹ und tut sonst absolut nichts... Ja, ja, Marthachen, sieh mich nur nicht so entgeistert an! Ich war immer von etwas herber Ehrlichkeit ... Man versumpft mit solchen Ansichten wie ihr ... Ihr seid doch äußerlich noch recht junge Dinger, ihr solltet's aber auch innerlich sein. Was sind das für Marotten in euern Köpfen! ... Ich habe mir die Gräfin sehr schnell abgewöhnt. – Du weißt, Bussards sind alles andre als Uradel. Und deine Mutter, liebes Kind, wird sich hoffentlich an die Frau von Gadebusch nun allmählich auch gewöhnt haben, obgleich das wirklich Uradel ist... Wenn zum Beispiel heute der junge Graf Sohme um Judiths Hand anhielte – verlaßt euch darauf, ich gäbe sie lieber dem ersten besten Inspektor, als diesem Majoratstrottel!« Das blasse Gesicht war rot geworden beim Sprechen, und die klugen Augen flimmerten in herber Ironie. – Jetzt erst schien sie Modeste zu bemerken: »Endlich wieder zurück? – Du warst recht lange weg! ... Das Reitkleid steht dir übrigens ausgezeichnet. Du bist überhaupt eine kleine, vielleicht eine große Beauté geworden derweilen... Man hat sich in eure Gesichter so eingesehen, daß man wirklich nicht mehr recht weiß...« Modeste knickste mädchenhaft und wollte die Hand küssen. »Um Gottes willen,« wehrte die Dame. »Einen Reithandschuh küssen! Das fehlte noch... Na, überhaupt die ganze Handküsserei!« sie schlug verächtlich mit der Reitgerte in die Luft. »Mit nichts wird mehr gemogelt... Wem ich ehrlich die Hand gebe, der soll sie mir auch ehrlich wiedergeben. Am Druck merke ich dann auch gleich, wes Geistes Kind er ist. Aber dieser billige Handkuß, der in neunundneunzig Fällen eine infame Lüge ist... Dich meine ich natürlich damit nicht, Modeste, aber ich erlasse ihn dir, ich erlasse ihn dir wirklich!« – Die jungen Damen lächelten verlegen. »Und nun, Kinder, verratet mich nicht!« schloß sie lustig. »Ich habe mich heimlich gedrückt. Ich muß unter allen Umständen noch eine Stunde reiten.« – Sie saß rasch noch im Stall auf. Eine Minute später flog die elegante Reiterin im langen Galopp durch die Parkallee hinaus aufs Feld. Die Mädchen blieben zurück. »Du, Judith,« rief die kleine Meyners bewundernd, »deine Mutter sieht doch fabelhaft vornehm aus!« Judith antwortete: »Sie ist aber auch die vornehmste Frau, die ich kenne.« Dann schlenderten sie in den Wald. Voran die Tochter des Hauses mit den Gadebuschschen Damen, dahinter Modeste und Annie Meyners. Modeste horchte auf, als nach der üblichen Chronique scandaleuse der Gegend das kleine Fräulein sagte: »Es wird dich vielleicht nicht interessieren – du kennst ihn wohl kaum –, aber der Falkner von Öd verkehrt jetzt sehr viel bei Bussards, eigentlich ausschließlich... Und bei unserm Sommerfest hättest du dabei sein müssen – er war auch da und hat auch getanzt, aber wieder nur mit Judith. Ich sage dir,« fuhr sie enthusiastisch fort, »ich hätte nie geglaubt, daß Judith so schön aussehen könne. Ja, schön! Es war nur eine Stimme... Und sie tanzte wie eine Königin! Selbst du hättest nicht mitkönnen, Modeste. Weißt du, ich habe dich furchtbar lieb – aber so vornehm kannst du nie aussehen... An dem Abend soll sie drei Körbe ausgeteilt haben – denke dir, drei! ...« Und als gute Freundin tuschelte sie noch dazu: »Die beiden, Marga und Martha, waren so geschmacklos angezogen wie immer. Kein Mensch beachtete sie. Sie waren ganz grün vor Wut. – Als der Leutnant von Häwel sie endlich zu einer Polka aufforderte, da weinten sie beinahe vor Glück.« Modeste machte ein ziemlich gelangweiltes Gesicht. Sie hatte sich sehr in der Gewalt. Nie waren ihre Augen kühler, als wenn ihr Herz heißer pochte. »Warum verloben sich denn die beiden nicht?« »Falkner mit Judith? ... Ich weiß auch nicht, Modeste. – Man wird nicht recht klug. Von ihm glaub' ich bestimmt, daß er gern möchte – von ihr nicht. Sie ist gegen niemand so zurückhaltend wie gegen ihn... Er soll ja auch schon das Denkbarste hinter sich haben! Und Judith denkt sehr streng... Ich weiß nicht... aber solche Männer sind doch eigentlich gerade die interessantesten... Ohne Grund wird man auch nicht so früh grau. Deswegen trägt er auch das Haar kurz, damit man's nicht sieht. Er ist wie alle Männer sehr eitel! ... Übrigens weißt du, daß gerade jetzt weiße Haare modern sind, sogar bei Frauen?« Modeste tat gleichgültig: »Ich finde das alles gar nicht so furchtbar interessant, Annie!« Und einer plötzlichen Eingebung folgend, rief sie zu den andern Mädchen hinüber: »Gehst du dieses Jahr wieder an die Riviera, Judith? – Ich beneide dich immer so um die wundervolle Reise.« Die schlanke, reizende Gestalt wandte sich im Gehen, das Gesicht von einem rosigen Schimmer überhaucht: »Nein, ich gehe nicht – ich gehe ganz bestimmt nicht.« »Auch wenn der Arzt wünscht?« »Auch wenn der Arzt wünscht!« Von da ab hatte die kleine Meyners eine sehr schweigsame Begleiterin. Als die Mädchen nach einer guten Stunde aus dem Walde in den Park zurückkehrten, lockte sie das Borkenhäuschen. Es lag auf einem Hügel und beherrschte die Ebene. Sie standen und schauten. Vor ihnen ein weiches, träges Dunstmeer, am Horizont die blasse Sonne im Versinken. Der Wind fächelte eisig, Blätter raschelten. Über der Weite das dumpfe Schweigen, das Winterahnen. – Es war ein weher Zauber, den auch die Mädchen fühlten... Da tauchte auf dem Landweg, den Modeste geritten, etwas Dunkles auf, ein Wagen – ein Pferd – ein Mensch... Der Herbst trügt mit seinen schattenhaften Umrissen. »Erwartet ihr Besuch?« fragte Martha Gadebusch. »Eigentlich nicht,« antwortete Judith langsam. Aber, als wenn sie sich dieser halben Lüge schämte, fügte sie rasch hinzu: »Es ist Herr von Falkner.« Und sie wandte das Gesicht nach dem Herrenhaus, wo die ersten Lichter aufflammten. Der Wagen kam mit Windeseile näher. »Es sind seine Jucker,« rief die kleine Meyners. »Jetzt erkenne ich ihn auch. Er kutschiert selbst.« »Die Braunen traben wundervoll aus!« bemerkten sachlich die beiden Gadebusch. »Wir könnten ihm entgegengehen,« riet Modeste. »Ich habe die Jucker noch nie ordentlich in der Nähe gesehen. Es ist doch auch nichts dabei. Woher weiß er denn, daß wir ihn schon gesehen haben?« Die Mädchen standen unschlüssig, nur Judith antwortete nervös: »Ich tu's auf keinen Fall.« »Ich tue es aber auf jeden Fall,« beharrte Modeste. Und im Moment war Judith auch schon gegangen, rasch, ohne Gruß. Die andern folgten langsam dem Stern von Barginnen. Aber noch ehe sie den Parkweg erreicht hatten, klang der scharfe Trab ganz nahe. Die Jucker sausten vorüber, Herr von Falkner grüßte mit der Peitsche. – Die Mädchen sahen ihn gerade noch. – Plötzlich parierte er kurz, sprang vom Sitz. Judith trat aus einem Seitengang. Modeste sah, wie das Mädchen ihm lasch die Hand reichte und wie er diese Hand küßte... Die jungen Damen kamen dazu. Er gönnte jeder ein höfliches Wort, den Handkuß keiner mehr. Sie traten in das Haus. Mit diesem Hause verbanden sich für Modeste die schönsten Jugenderinnerungen. Da war alles warm, abgetönt, vornehm. Die ganze Zimmerflucht bewohnt – im Sommer lauschig kühl, im Winter prickelnd gemütlich. Eine freundliche Ordnung, ein lächelnder Reichtum. Überall der Duft nach Heimat, Familie. Oh, Modeste war nicht immer treulos gewesen, berechnend! Sie gedachte so gern eines Geburtstages hier – es war einer ihrer besten Tage im ganzen Leben gewesen. Judith hatte den Keuchhusten gehabt, schien kaum genesen, die andern Kinder mieden das Haus, nur Modeste kam allein, ohne Furcht, das Herz voll Erwartung. Im Kamin flackerten die großen Scheite. Die beiden Mädchen saßen davor und freuten sich, wie die Tannenäpfel zischten, die sie in die Glut warfen. Daneben der Geburtstagstisch mit der Miniaturküche, der Torte. Modeste hielt andächtig eine Riesenpuppe, die fast größer war als sie. Auf dem Teppich ging Frau von Bussard auf und ab, rasch, leise, wie es ihre Art. Damals noch eine sehr hübsche Frau mit warmen Augen... Die Kinder jauchzten, die Puppe schrie Mama. Und schließlich rissen sie der Unglücklichen vor lauter Liebe die blonde Perücke ab, saßen darauf wie versteinert, bis die Mutter, deren Geist wohl in vergangenen Zeiten luftwandeln mochte, endlich lächelnd hinzutrat: »Das schadet gar nichts, Kinder! Verbittert euch nur nicht wegen einer Puppe den schönen Tag.« ... Und sie brachte selbst Himbeerlimonade und Baumkuchen. Dann leimten sie gemeinsam der Puppe den Schopf wieder fest. Sie wurden dabei alle so lustig, daß sie in der Puppenküche noch Mandelkuchen zu backen versuchten und ganz warm davon aßen. – Modeste erinnerte sich niemals mehr so köstlich gegessen zu haben! – Beim Abschied sagte sie dann treuherzig zu Frau von Bussard: »Ach Tante, bei euch möchte ich viel lieber bleiben!« Und Judith umarmte sie und bat auch. – Auf der Rückfahrt in dem geschlossenen Wagen war ihr so weh ums Herz, wie nie, und als die Mauern der Schloßeinfahrt dröhnten, weinte sie bitterlich. Der Tag kehrte den beiden Kindern nicht wieder zurück. Sie wurden eben groß, die beiden Kinder. Was sie früher einte, das schied sie jetzt. Aber auch als sie heute von dem Diener geleitet in die Wohnung traten, wurde Modeste der Unterschied zwischen Barginnen und Bussardshof schmerzlich klar. In allen Zimmern brannten festlich Lampen, die Möbel glänzten warm. Vor dem Kamin war ein Spieltisch aufgestellt. Herr von Bussard, die Murrmann, der Bezirksadjutant spielten ihre Partie. Der Hausherr streckte das umwickelte Gichtbein gegen die Flammen – ein alter, griesgrämiger Mann mit rollenden Augen und emporgesträubter Tolle. Niemand hatte seinerzeit begriffen, daß die reiche, reizende Komteß gerade diesen Mann wählte, ohne zu fragen oder zu sagen. Verlobung und Hochzeit überhasteten sich. Das große Gut verschuldet, der Besitzer ein zänkischer Reaktionär, von dem man sich gern erzählte, daß sein Vater, seligen Angedenkens, im Revolutionsjahr auf den Krugtisch des Dorfes gesprungen war und, kirschrot vor Begeisterung, geschrien hatte: »Wir brauchen keinen König, wir wollen auch keinen König haben!« – Der Sohn sah dem Vater verzweifelt ähnlich, nur daß er lieber Demokraten hängte, als Könige ... Der alte zornmütige Herr, der eben gegen den Leutnant sehr ausfällig gewesen war, machte einen Versuch aufzustehen, als Modeste kam: »Geht nicht, geht wahrhaftig nicht.« Er zog furchtbare Grimassen. Und Frau Murrmann, mit ihren falschen, warmen, braunen Augen, mußte beruhigend sagen: »Aber Herr Baron! Das ist doch nun einmal nicht anders! Sie sind ja bei sich zu Hause. Meinem Mann ist der Pantoffel direkt das Universum.« Die Mädchen zogen sich nach dem »Universum« schleunigst in ein Nebenzimmer zurück, um unter verzweifeltem Gekicher Bildermappen zu besehen. Von Zeit zu Zeit hörte man den Alten knurren: »Wo ist die Lindt geblieben? Bildhübsche Marjell geworden. – Soll bißchen herkommen!« Herr von Falkner promenierte derweilen schweigsam durch die Zimmer. Eine Viertelstunde später kam die Hausfrau, frisch und angeregt vom Ritt, zurück zu den Mädchen. »Habt ihr denn auch alles, Kinder?« Und sie inspizierte die Teetassen. »Falkner von Öd soll ja auch da sein, Judith! ... Du weißt doch, er trinkt keinen Grog.« ... »Ich habe schon Mosel bestellt,« antwortete die Tochter. Im Augenblick trat auch Herr von Falkner in das Zimmer. »Küsse die Hand, Baronin. Bin mit allem versorgt. Die Baronesse ist viel gütiger, als ich verdiene.« Die Hausfrau reichte ihm die Hand und sagte gleich darauf: »Sie können wirklich noch immer keine Hand geben, lieber Falkner. Das ist doch kein ehrlicher Händedruck! ... Wenn ich nicht fest zufasse, fällt Ihre einfach wieder 'runter. – Wissen Sie, daß das ein Charakterzeichen ist?« »Ein gutes, Baronin?« »Im Gegenteil! So geben Leute die Hand, die im Grunde ein sehr kühles Herz haben.« »Vielleicht habe ich das auch.« »Nein, das haben Sie nicht, Baron!« Sie musterte ihn lange. »Wie Sie jetzt so dastehen, erinnern Sie doch frappant an Ihren verstorbenen Onkel. Eine ganz andre Figur, ein ganz andres Gesicht – aber Sie haben den Familienzug.« »Und der wäre?« »Der Mund.« »Nicht etwa ein besonders hübscher Mund!« fügte sie lachend hinzu, »aber ein Mund, von dem man nie weiß, ob er sehr hart ist oder sehr weich.« »Herr von Falkner verbeugte sich mit halbem Lächeln. »Nicht gerade schmeichelhaft für mich, der Vergleich mit meinem Onkel. Denn wenn ich einen Menschen auf Gottes Erdboden nicht habe ausstehen können, so war es dieser alte Griesgram.« Darauf die Frau ernst: »Tun Sie ihm nicht unrecht... Ich kannte ihn ganz gut... Er war eine unglückselige Natur, verbittert vor der Zeit, aber so vornehm im Empfinden wie einer, wenn sie nur die rechte Stelle trafen... Ich möchte sogar glauben: er ist unglücklich geworden nicht dadurch, daß er niedriger, sondern dadurch, daß er höher dachte als alle andern... Ich leide von niemand, auch von Ihnen nicht, Herr von Falkner, daß man diesen Mann so grundfalsch beurteilt. Niemand hat ein Recht dazu, denn niemand kennt ihn wirklich.« Herr von Falkner schwieg mit einem leichten Achselzucken. Der Frau aber flammten die Augen einen Moment heiß und böse. Auch das Nebenzimmer schien der Unterhaltung gelauscht zu haben, denn der Hausherr rief höhnisch: »Jawohl! Verkappter Roter. Kerl mir immer Vomitiv... Ganz Ihrer Ansicht, lieber Falkner. Trink' auf Ihr Wohl, auf Ihr ganz spezielles Wohl!« Darauf sagte die Frau kalt: »Sie haben sich nie leiden mögen. Das hätte auch sonderbar zugehen müssen...« »Bin auch stolz darauf!« rief der Hausherr wieder, »alter arroganter Ekel! Wollte immer was Besonderes sein. Ist ihm aber nicht geglückt, Gott sei Dank... Prosit, lieber Falkner! Tuckst mir zwar im Bein wie verrückt, aber so was muß begossen werden.« Herr von Falkner sah die Frau an und tat nicht Bescheid. Es war eine kleine Szene, wie sie bei dem galligen Temperament des Hausherrn häufiger vorkam. Dennoch mußte sie beiden heute tiefer gehen, denn Frau von Bussard zog sich stillschweigend in ihr Arbeitszimmer zurück, während Herr von Bussard das Spiel kurz abbrach. Er wurde zwar später wieder sehr aufgekratzt, erzählte Jagdgeschichten und kräftige Witze, so daß es Frau Murrmann für diplomatischer hielt, die Burgunderflasche heimlich außer Reichnähe zu schieben – dennoch war der Zwang auch bei ihm augenscheinlich. Die Mädchen fanden sich wieder im Kaminzimmer ein, umringten den Leutnant. Sie wollten Gewißheit haben wegen des Reserveballs. Der Bezirksadjutant, der aus übertriebener Vornehmheit immer langsam sprach und noch langsamer dachte und sich auf die allerhöchste Adjutantur auch äußerlich vorbereitete, indem er das Ohr stets nach rechts neigte, wie um etwaige Ordres hoher Vorgesetzter möglichst dienstlich entgegenzunehmen – versprach, was er versprechen konnte, das heißt nichts. Das Kränzchen aber drängte, forderte Gewißheit. Es entstand ein lustiges Geplänkel. Frau Murrmann schwelgte in Fremdwörtern, Gekicher antwortete. Modeste beteiligte sich nur halb. Herr von Falkner und die Tochter des Hauses waren nicht bei dem fröhlichen Kampfe. Wo waren sie? – Unbemerkt verlor sich darum der Stern von Barginnen gleichfalls in die andern Gemächer, blätterte zum Schein in einem Album des Salons, lugte ins Speisezimmer, wo der Diener gerade eine riesige Fruchtschale behutsam auf die Tafel setzte. Vor Judiths Boudoir, dem letzten der Flucht, deren Zimmer aber weit geöffnet waren, zögerte sie. Gedämpftes Gespräch. In einem Fauteuil Judith, die Hände im Schoß, die Augen niedergeschlagen. Vor ihr auf einem Hocker: Falkner von Öd, zu dem schönen Mädchen gebeugt. Er sprach allein. Das sonore Organ schmiegsam, weich. Zuweilen klang ein Wort deutlicher – nichts Gefährliches, nichts Intimes. Er erzählte von dem Süden. Aber Modeste hatte die Empfindung, daß er dem Mädchen so erzählte, als sei sie für ihn die einzige Frau auf der Welt. Sie glaubte in dem blassen, reizenden Gesichte zu lesen, wie der Ton dieser Männerstimme ihre Nerven sanft streichelte, ihre Seele zärtlich umfing. Sie fühlte beinahe selbst den Reiz, die Gefahr... Es war doch eine köstliche Einsamkeit, so zu zweien! – Sie wußte auch nicht recht, ob der Mann die Frau wirklich liebte, oder ob sich hier nur die Kunst des großen Verführers bewährte, der die Frauen kennt, ihre Herzen öffnet, nach dem Allerheiligsten hascht mit skrupelloser Hand. – Oder ob sie einen Traum träumten, alle beide? ... Sie horchte noch eine Weile. Und dann wußte sie bestimmt, daß die Frau wenigstens den Mann liebte, daß sie nur die Augen niederschlug, weil ihre ganze Seele an seinen Lippen hing, daß sie nur darum die Hände krampfhaft im Schöße hielt, weil jede Fiber sich nach der Umarmung sehnte. – Modeste stand atemlos – zum erstenmal sah sie die Liebe, die ganze, große, reine. Und es ward ihr seltsam ums Herz. Sie spürte den heißen, schönen Hauch – wie fremd war der ihr doch! Sie fühlte den gewaltigen Strom – es war ein uferloser Strom! – Sie sah das Wunder der Liebe. Und sie begriff nicht... In ihr begann es zu wogen, zu drängen – heiße Instinkte, verworrene Gedanken. Die rote Scham trat ihr brennend ins Gesicht. – Sie würde niemals »so« lieben können, niemals – das ward ihr Gewißheit. Mit dieser Gewißheit rang sie, unter dieser Gewißheit stöhnte sie. Und sie fühlte deutlich, wie sie beim Schauen schlechter wurde, wie das Unheilige sie durchbebte beim Allerheiligsten... Und doch lag auch ihr eine unbedingt zwingende Macht in dem Bilde, das sie sah. Sie konnte sich nicht rühren, sie hätte niemals mit einem kühlen Lächeln zu den beiden hineingehen können, wie sie ja eigentlich gewollt, um lächelnd zu sagen: »Verzeihung, wenn ich störe ...« Da rutschte ein Bilderrahmen auf der Etagere. Judith zuckte zusammen, Herr von Falkner sah sich ruhig um, sprach dann weiter. Beide hatten die Lauscherin gesehen. Modeste ging zurück, ertappt, beschämt. Die Debatte im Kaminzimmer hatte derweil ihr Ende erreicht, der Reserveball war gesichert. Später kamen Judith und Herr von Falkner dazu, als wäre nichts geschehen. ›Sie ist auch eine Heuchlerin!‹ dachte Modeste. Das Abendessen war spät. Herr von Falkner führte die Hausfrau. Die Unterhaltung floß spärlich. »Nun, haben Sie sich endlich bei uns eingelebt, lieber Nachbar?« fragte Herr von Bussard. »Das werde ich nie,« klang es kurz zurück. Die Hausfrau lächelte freundlich: »Es ist eben nicht Ihr Land, Baron.« »Nein, es ist ganz gewiß nicht mein Land... Aber ich wüßte auch nicht, was sonst mein Land wäre.« »Arbeiten Sie, lieber Falkner! Die Arbeit hilft über alles hinweg.« »Mir nicht, gnädige Frau. Zur Arbeit gehört Schneid, und den habe ich nicht, habe ihn wenigstens nicht mehr... Mir wird alles leid... Ich habe überall das Gefühl der Halbheit. Das ist Naturanlage, für die man nicht kann... Wen eben der Teufel höchst persönlich gesegnet hat...« »Nicht weiter!« mahnte die Hausfrau. Da lachte er wieder kurz. »Ja, wenn mich der Teufel wenigstens gesegnet hätte! ... Was wollen Sie? Der Teufel ist ein Mann, mit dem sich paktieren läßt. Der Teufel hat noch keinen seiner Schutzbefohlenen im Stich gelassen. Der Kontrakt wird gezeichnet, gehalten... Wir sind die Feiglinge, die ihn immer brechen wollen, nicht er.« »Versündigen Sie sich nicht!« »Also brechen wir ab, gnädigste Frau.« »Das möchte ich nun wiederum nicht,« antwortete sie ruhig. »Sie sind mir ein lieber Bekannter, ein sehr lieber Bekannter. – Sie könnten vom Leben so viel haben, wenn Sie wollten. Aber Sie wollen eben nicht! ... Ich möchte Sie so gern dazu bringen, wenigstens zufrieden zu werden. Aber Sie haben Falknersches Blut. Das ist ein so furchtbar schweres Blut... Ich glaube, noch jeder Falkner hat sich sein Glück höchst eigenhändig verbaut... Sie verlangen vom Leben alles, darum bekommen Sie nichts... Sie vergessen, daß überall mit Wasser gekocht wird.« Er fuhr sich nach dem Kopf. »Um Gottes willen, Baronin, nicht dieses Wort! ... Es stimmt. Gewiß! Es wird überall mit Wasser gekocht, sogar mit schmutzigem. Aber wenn es das Glück des Lebens ausmachen soll, mit derselben trüben Lehmsuppe vorliebzunehmen, mit der alles vorliebnimmt – was hat das Leben dann überhaupt noch für einen Sinn?« »Lieber Falkner: den Lebenskreis auszufüllen, den man ausfüllen muß.« »Gewiß. Nämlich, wenn noch etwas auszufüllen ist.« »Sind Sie wirklich schon so alt, Baron?« »Ja, das bin ich allerdings.« »Aber Sie werden wieder jung werden, Baron!« »Ich werde ganz gewiß nicht wieder jung werden. Ich werde weitervegetieren, immer zwischen Rausch und Katzenjammer, und werde das Schlechteste tun, wo ich das Beste hätte tun können.« »Es ist unser alter Streit,« schloß sie. »Und wird's wohl bleiben.« Die Unterhaltung war leise geführt worden, gesellschaftlich. Zwei Menschen, die sich nicht verraten. Als aufgestanden wurde und Herr von Falkner die Hausfrau in den Salon führte, sagte sie langsam: »Sie haben vielleicht doch recht. Sie können so wenig über sich hinaus, wie Ihr Onkel über sich hinaus konnte. Ihr Vorleben kenne ich nicht, möchte es auch nicht kennen – aber vom Leben haben Sie nie etwas gehabt, werden vielleicht nie etwas haben... Erst heute abend habe ich Sie ganz verstanden: Sie verbluten sich nutzlos für irgendein Phantom. – Das sind die schlechtesten Leute gewiß nicht, und meine guten Wünsche werden Sie stets begleiten... Das ist nicht etwa Phrase! – Ich hasse die Phrase... Glauben Sie vielleicht, daß ich glücklich bin? – Bei Gott, ich bin es nicht! ... Aber ich trage ein selbstgewähltes Schicksal, und hoffentlich trage ich es anständig... Noch eins: es wird mir sehr schwer, es Ihnen zu sagen, aber es muß gesagt sein – muß gesagt sein, nach unsrer Unterhaltung heute bei Tisch. Ich werde stets Ihre mütterliche Freundin bleiben – wie gern wäre ich Ihnen mehr, viel mehr gewesen! – aber ich bitte Sie, unser Haus von heute ab nach Möglichkeit zu meiden, Herr von Falkner.« Er trat befremdet zurück. »Ich verstehe nicht... Sie berauben mich des einzigen Ortes, wo ich wirklich gern gewesen bin...« »Das weiß ich, Herr von Falkner. Aber Sie berauben mich dafür meiner Tochter.« »Gnädige Frau!« »Sie tun es in der Tat! Die Gewißheit war mir allerdings schon lange – aber erst heute weiß ich, daß es nicht sein darf. Judith verdient viel mehr, als Sie ihr je geben könnten.« »Dann bitte ich um eine letzte Aussprache mit Ihrer Tochter.« »Ich gewähre sie Ihnen nicht.« »Sie sind hart!« »Ich bin nur vernünftig.« »Ihr letztes Wort, Baronin?« »Mein letztes... Wir gehen diesmal schon vor Weihnachten nach der Riviera.« »Nach der Riviera?« Er starrte einen Augenblick finster vor sich hin. »Sie haben recht, gnädige Frau... Es ist ein Phantom – aber ich werde niemals von diesem Phantom lassen... Ich danke Ihnen.« Er küßte ihr die Hand. Während er sich niederbeugte, wurde der Frau das Auge feucht. »Leben Sie wohl, Herr von Falkner. Auch ein andrer konnte nicht von seinem Phantom... Und wenn Sie jemals im Nachlasse Ihres Onkels intime Briefe ohne Unterschrift finden sollten – sie sind von mir... Denn auch mein Schicksal hieß: Falkner von Öd.« Es war lustig gewesen nach dem Abendessen. Musik, Tanz. Der Leutnant hatte gespielt, die Mädchen hatten gehüpft. Nur Herr von Falkner schien gar nicht bei Stimmung, er war auch der erste, der den Wagen bestellte. Schon?« fragte Judith leise. »Ja, gnädiges Fräulein.« Die andern vermißten ihn nicht. Seine Art berührte sie immer fremd. Frau von Bussard sagte en passant : »Ich hatte Ihnen eigentlich Modeste mitgeben wollen – ich finde gar nichts dabei – denn allein zurückreiten darf sie natürlich auf keinen Fall.« »O bitte, Baronin. Ich bringe Fräulein Lindt sehr gern nach Haus, vorausgesetzt natürlich, daß sie will.« Modeste wollte sofort. Der Abschied war sehr rasch. Herr von Falkner drängte. Judith war mitgegangen vors Haus. Er schien es nicht zu bemerken. Erst auf dem Jagdwagen, als er schon die Zügel in der Hand hielt, besann er sich: »Verzeihung, Baroneß, ich vergaß...« Er stieg noch einmal ab und küßte dem Mädchen die Hand, ohne sie anzusehen. Dann fuhren sie ab in einem Trab, vor dessen Flüchtigkeit Modeste graute. Draußen Novemberkühle. Ein schleichender Mond. Die Ebene im wallenden Grau. »Es wird heute nacht reifen,« sagte Modeste. »Es hat schon gereift,« erwiderte er. Sie wußte nicht recht, was er meinte. Die Bäume schimmerten doch noch nebelnaß. Es ging den Lehmweg entlang. Die Jucker schnaubten und drängten nach dem Stall. Er ließ ihnen die Zügel. Die Zigarette war ihm ausgegangen. Er saß vornübergebeugt, den Mantelkragen hoch, stumm und unbeweglich, nur zuweilen zuckten die Hände mit den braunen Fahrhandschuhen. Auf der Chaussee parierte er plötzlich zum Schritt: »Können Sie zaubern, gnädiges Fräulein?« ... Sie lachte. »Lachen Sie nicht! Können Sie mir fünf Jahre meines Lebens zurückzaubern, nur fünf?« »Ich wüßte nicht, wie ich das anfangen sollte, Herr von Falkner.« »Ich auch nicht, gnädiges Fräulein.« Sie waren derweil in den Wald gekommen. Hüben und drüben die dunkeln Stämme, starr, nebelverhüllt. Zuweilen schüttelten sich die Fichten wie vor Nässe – es tropfte zögernd. Dann begannen die Nadeln zu singen, verschlafen, leise. Schwere, eisige Luft kroch heran. Modeste fröstelte. Es war so eine hoffnungslose Novembernacht. – Das schöne Mädchen blickte sich nach dem Kutscher um – der hohe Kokardenhut des Schlafenden wackelte. »Er hat die ganze Nacht auf sein müssen,« erklärte Herr von Falkner, »Übrigens versteht er kaum ein Wort Deutsch ... Galizier. Kam zugleich mit den Pferden.« Dann schwieg er wieder und griff nach der Peitsche herüber. In dem Augenblick fragte Modeste leichthin: »Wie gefällt Ihnen Judith?« Er ließ die Peitsche stecken: »Wie gefällt sie Ihnen?« »Ich weiß nicht.« »Ich weiß auch nicht.« »Ist das wahr, Herr von Falkner?« Er drehte sich langsam zu ihr und sah sie an. »Ich weiß nicht, das heißt, ich weiß, daß sie ein edles, großherziges Geschöpf ist, der wahrste Mensch, den ich jemals sah.« »Sie fahren sehr oft hin, Baron?« »Ja.« »Werden Sie bald wieder hinfahren?« »Nein.« Modeste schüttelte den Kopf. »Wer's glaubt, wird selig.« »Dann werden Sie wohl glauben und selig werden müssen, meine Gnädigste.« Zu Vertraulichkeiten neigte Herr von Falkner offenbar nicht. Er pfiff nur leise, die Tiere zogen an, die Peitsche schwirrte leicht. »Haben Sie Angst?« »Wovor?« »Wenn ich die Schinder mal austraben lasse, was sie können.« »Lassen Sie sie ruhig austraben!« »Ich bin gerade so in der Stimmung... Hoffentlich kommt uns kein Fuhrwerk in die Quere, sonst gäb's ein Unglück.« »Dann gibt's eben ein Unglück,« antwortete Modeste ruhig. Er sah sie von der Seite an. »Sie haben Schneid, viel Schneid, meine Gnädigste... Also en avant !"« Der Stern von Barginnen hatte von diesem Augenblick an nur das Gefühl des Schwindels. Die Luft pfiff, die Bäume flogen. Kaum daß die weißen Chausseesteine rasch aufzuckten und wieder verschwanden... Es war eine Angst, es war aber auch eine Lust. So durchs Leben zu fliegen – wer das könnte! Nach einer Viertelstunde waren sie aus dem Wald. Der scharfe Umriß des weißen Eyseliner Herrenhauses zeichnete sich nah – der graue Bergfried von Barginnen verschwamm, fern. Nachtwind war aufgekommen. Die Nebelschwaden wallten zerrissen über die litauische Ebene. Es wehte eisig kühl. Herr von Falkner mäßigte das Tempo. Die Tiere schnaubten und knirschten auf das Gebiß, das Blut war ihnen erregt, der Atem stieg wie Dampf aus den Nüstern. »Fahren Sie immer so, Baron?« »Daß mich Gott bewahre! ... Aber zuweilen überkommt's mich wie eine Art Wut. Ich bilde mir ein, entfliehen zu können.« »Diesem verhaßten Litauen natürlich!« warf sie ein. »Nein, ganz jemand anders, meine Gnädige, er hat vielleicht sogar den Vorzug, neben Ihnen zu sitzen... Diese Einbildung dauert übrigens nie lange. Heute zum Beispiel löst sie der Galgenhumor ab. Ich hätte die größte Lust, noch nach Tilsit zu fahren, mir ein paar Leutnants zusammenzutrommeln und Pommery zu trinken die ganze Nacht – aber goût américain ! Heut brauche ich etwas sehr Herbes und Starkes.« »Tun Sie es doch,« riet Modeste kühl. »Ich bin bald zu Haus.« Darauf verbeugte er sich halb mit einem eigentümlichen Lächeln. »Nein, das tue ich ganz gewiß nicht – hab's auch nie getan ... das wäre so 'n gefundenes Fressen für Ihr Litauen: der Majoratsherr von Eyselin hat in einem Tilsiter Kruge so lange gezecht, bis er auf dem Sofa einschlief! ... Lieber nicht. Ich habe nicht die halbe Welt darum nüchtern bereist, um mich in Tilsit, ausgerechnet in Tilsit, zu betrinken.« Modeste lehnte sich im Sitz zurück. »Sie müssen doch eigentlich viel gesehen haben, Baron!« »Aber ohne Profit.« »Und viel Frauen kennen gelernt haben!« »Auch das.« »Wo sind die Frauen am hübschesten?« Er lächelte. »Sie sind ungefähr die tausendste, gnädiges Fräulein, die das fragt... Aber ich kann Ihnen nicht antworten. Für mich ist immer nur das ›je ne sais quoi‹ , was die Schönheit der Frau macht.« Er kniff die Augen zusammen. »Glauben Sie mir, daß ich die Frauen kenne?« »O ja!« »Und daß ich viele Teufeleien hinter mir habe?« »Ob ich das glaube!« Er zuckte die Achseln. »Sehen Sie, Sie junge Dame von noch nicht zwanzig Jahren! Sie verstehen nichts von dem, was ich da eben gesagt habe – Sie dürfen nichts verstehen, das heißt Sie verstehen alles so gut wie ich... Ich müßte Ihrer Unschuld verächtlich sein, aber ich bin Ihrer Jugend nur interessant... Sie möchten viel mehr hören, viel mehr. In Spanien, tausend und drei! – Das reizt! ... Aber wenn ich Ihnen statt dessen versichern könnte, mein Leben wäre so rein wie diese köstliche Nachtluft – und wenn Sie mir's glauben müßten – ich wäre Ihnen plötzlich der gleichgültigste Mensch von der Welt! Woran liegt das? Ich zerbrach mir schon manchmal den Kopf... Ist's nur Wißbegier? Oder ist's nicht vielmehr die innerliche Sündhaftigkeit unsrer Natur? Wie langsam begreift ein Kind das erste Gebot und wie schnell lernt's den ersten Fluch!« Modeste schwieg. Er lachte. »Ja sehen Sie, meine Gnädigste! Ich sagte Ihnen doch: ›Hüten Sie sich vor mir!‹ – Aber Sie hüten sich gar nicht vor mir.« ... Modeste sah, wie Barginnen näher und näher kam. Es war ihr lieb. Und doch wäre sie auch wiederum noch Meilen gefahren mit ihm. Es war eben etwas in dem Mann, das sie unbedingt abstieß und unbedingt anzog zu gleicher Zeit. An dem Lindenweg hielt er. »Ich sehe, Barginnen ist bereits zu Bett. Nur so was wie ein Korridorlicht brennt noch. Ich möchte nicht stören. Die Eisen dröhnen so auf dem Steinpflaster.« Modeste nickte: »Ja, mir ist's auch lieber so.« Er warf dem Kutscher die Leinen zu, der sie stehend, die Hand am Hute hielt. Modeste sprang leicht hinunter – sie vermied instinktiv seine stützende Hand. Sie gingen durch den Lindengang. Als er einen dunkeln Schatten in der Einfahrt bemerkte, sagte er zurückbleibend: »Sie werden offenbar erwartet. Adieu. Und haben Sie die Güte, alles zu vergessen, was ich gesagt habe. Sie sind eine Dame ohne Nerven – das hat mich gefreut. Andre hätten aufgeschrien bei dem Jagen. Wird man Sie mal bald zu Pferde sehen? Sie sollen's ja schon ganz gut können!« Er gab ihr flüchtig die Hand. Unwillkürlich mußte sie an Frau von Bussard denken, es war kein Druck, es war ein gleichgültiges Hineinlegen. Als sie rasch zu dem Schloßportal ging, trat ihr Herr Romeit grüßend entgegen. »Sie noch auf, Herr Romeit?« »Ja, ich war nochmal im Kutschstall. Es hätte etwas passiert sein können, gnädiges Fräulein.« »Sehen Sie doch nicht Gespenster, Herr Romeit!« wehrte sie. »Es ging alles vorzüglich. Den Braunen bringt der Kutscher morgen in der Frühe.« Sie trennten sich. Auf der Treppe war's ihr, als hörte sie unten einen scharrenden Pferdehuf. »Herr Romeit,« rief sie zurück, »es ist doch nicht etwa jemand zum Besuch?« »Nein, gnädiges Fräulein, ich habe Ihren Sommerrappen da unten.« »Sie wollten mir entgegenreiten?« »Ja, das wollte ich.« »Das wäre mir aber sehr peinlich gewesen,« sagte sie kurz und scharf. Sie hatte dabei eine unangenehme Empfindung. Inspektoren und Ritterdienste – nein! Oben in der Turmstube dachte sie später mit dumpfem Kopf: ›Was liebt denn nun eigentlich Judith an ihm? Ist er ein ganz andrer, als er scheint – oder ist es nur dieser fremde Reiz? Ich weiß nicht recht... ich möchte und ich möchte doch nicht... Ich habe Angst vor diesem Menschen.‹ In der Tat ritt sie auch die nächsten acht Tage nicht. 7 Eines Morgens – es war tief im November – erwachte Modeste von einem Blinken und Flimmern, das ihr die Augen beizte. »Schnee, Schnee!« rief sie und sprang auf. Die Ebene lag ganz weiß, sonnig. Die Fichten des Parkes beugten sich unter der weißen Last. »Aber so mach doch wenigstens die Augen auf, Frida!« Frida drehte sich verschlafen nach der andern Seite. »Laß mich zufrieden!« Heute sollte Kränzchentag sein. Und der Schnee hatte immer etwas Frohes, Frisches. Die Jugend liebt den strahlenden Frost. Der Stern von Barginnen lief freudig in dem ungeheizten Zimmer auf und ab. Das Wasser plätscherte, das Mädchen schüttelte sich unter dem eisigen Naß. Dazwischen lachte sie. »Es ist gräßlich mit dir, Modeste! Du störst mich jeden Morgen.« »Zieh doch aus!« »Ach du!...« Darauf dachte Modeste an das Kränzchen, an Schlittengeläute, an den Reserveball. Das Leben ist doch schön! – Und versöhnlich ging sie an der Schwester Bett. »Warum bist du eigentlich immer so, Frida?« »Weil ich Lust habe...« »Frida, warum ärgern wir uns eigentlich fortgesetzt gegenseitig an? Es ist so dumm!« fügte sie nachdenklich hinzu. »Wollen wir uns versöhnen – aber ganz, weißt du?« »Modeste, laß mich!« Dabei richtete sich Frida halb auf. »Aber wenn du denn durchaus wissen willst, warum ich dich nicht mag – weil du eine schamlose Egoistin bist ...« »Das bist du wohl nicht, Frida?« »Siehst du, mein Kind, die Wahrheit verträgst du nicht. Du bildest dir ja auch natürlich ein, du wärest ganz fix und fertig, müßtest jedem gefallen! ... Aber wart nur ab, liebes Kind: es kommt ganz anders. Du wirst auch schon deine Enttäuschungen erleben. Was du denkst, das ist nicht!« »Was ich denke?« fragte Modeste kopfschüttelnd. »Ach, tu dich nur nicht!« Modeste vollendete schweigend ihre Toilette. Dann sagte sie ruhig, ohne Groll: »Ich mag nichts taugen – gut – aber dann taugen wir Lindts alle nichts! Ich möchte aber was taugen ... Willst du nun, Frida, oder willst du nicht? Ich bitte nicht gern ... Jetzt aber bitte ich dich ernstlich und von Herzen: begraben wir alles! Ich habe schuld, du hast schuld. Also?« Die ältere Schwester schaute mit funkelnden Augen. »Ich begraben? Ich? Liebes Kind, ich werde dir das Jagddiner nicht vergessen. Ich werde dir keine Gemeinheit vergessen – nichts, nichts! ... Ich werde alles tun ... alles ...« Die Stimme versagte ihr. Sie drehte sich nach der Wand zu und sprach kein Wort mehr. Auch Modestes Gesicht wurde eisig. »Gut – ich werde dir ebenfalls nichts vergessen – nichts.« Nachmittags kam das Kränzchen, Frau Murrmann an der Spitze. Als sich die Damen aus dem Pelz wickelten, fragte Modeste verwundert: »Kommt denn Judith nicht?« »Nein,« berichtete Frau Murrmann. »Sie war den Vormittag bei mir. Ihr möchtet entschuldigen, aber sie fühlte sich nicht wohl ...« »Wenn sie bis zu Ihnen fahren konnte!« antwortete Modeste spitz. Die Murrmann nahm sie mütterlich beim Arm. »Aber sie ist doch so zart! – Sie lebt wahrscheinlich nicht lange ... Der Doktor hat mir selbst gesagt, wenn sie sich nicht außerordentlich schonte ... Sie soll zwar keine Tuberkeln haben – aber Sie können sich darauf verlassen – sie hat! Ich kenne das.« Und mit strahlenden Augen begann sie die Krankheitsgeschichte einer Schwägerin zu erzählen, die mit zweiundzwanzig Jahren gestorben war, jung, blühend. »Ach die arme Judith!« Während sie sich mit dem Handschuh eine Träne aus der Augenecke wischte, schloß sie sehr freundschaftlich: »Da hilft eben absolut nichts, liebe Modeste! Ich weiche der Judith darum auch nach Möglichkeit aus, so was überträgt sich leicht ... Und ich habe sie doch so furchtbar lieb, die arme Judith!« Aber Modeste, die viel zu frisch und jung war, um einen andern natürlichen Tod als den alter Leute zu begreifen, verzog nur die Lippen: »Sie überlebt uns noch alle! ... Ich glaube vielmehr, daß sie eine ganz andre Krankheit hat.« »Welche? Erzählen Sie doch, liebes Modestchen! ... Es ist so interessant ...« Frau Murrmann war ganz nahe herangetreten, um auch eine geflüsterte Vertraulichkeit deutlich zu verstehen. Auch die andern jungen Damen engagierten sich. »Denkst du vielleicht an einen Mann?« »Vielleicht gar an Falkner von Öd?« »Er ist aber sechzehn Jahre älter als sie,« mahnte die kleine Meyners. »Er schließt sich übrigens jetzt ganz ab, war seit Wochen nicht in Bussardshof. Es ist also ganz unmöglich, daß Judith ...« »Nichts ist unmöglich,« korrigierte freundlich Frau Murrmann. »Wenn Modeste weiß ...« Aber Modeste schämte sich doch des gemeinen Vertrauensbruches. Das Bild damals in Bussardshof hatte wohl ihre schlechten Instinkte aufgewühlt, aber auch ihre guten. »Ich dachte nur so ... Es kann ja auch ein andrer sein. Was weiß ich!« Darauf schüttelte die jüngere Kürassierdame den Kopf. »Wer so reich ist wie Judith und wer so aussieht! Die könnte in der ganzen Provinz jeden haben, den sie wollte.« »Aber wenn er nun gerade nicht wollte?« antwortete Modeste mit zweideutigem Lächeln. »Klascht nicht, Kinder, klatscht nicht,« mahnte Frau Murrmann. »Aber sagen Sie mir nur ruhig, Modestchen! Sie scheinen doch etwas zu wissen ...« »Ich weiß nichts.« Dann gingen sie in den Salon, der sonst immer kalt, bei Besuch aber regelmäßig überheizt war. Herr Lindt revidierte dann selbst und legte noch eigenhändig große Stücke Holz auf ... Grillparzers »Sappho« sollte mit verteilten Rollen gelesen werden. Wie gewöhnlich blieb's beim Versuch. Das ist Dichterlos im Kränzchen. Man beschwert sich eben lieber den Magen als den Kopf. Nur Frau Murrmann begann von Byron zu schwärmen: »Dieser große Dichter, dieser wahrhaft illustre Geist!« Der Reserveball wurde besprochen, die Toiletten. Die Kürassierdamen taten geheimnisvoll. Modeste beschrieb ihr Kleid. Als das Kränzchen diesmal sofort nach dem Kaffee aufbrach wegen Schneesturmbefürchtungen, nahm Frau Murrmann, von einer schrecklichen Ungewißheit die ganze Zeit über gequält, Modeste noch einmal beiseite. »Sagen Sie mal, Modeste: der Falkner hat Judith die Cour gemacht, nicht auffällig, aber doch immerhin. Könnte er sich vielleicht einen Korb geholt haben? Es wäre sehr interessant.« Modeste antwortete: »Ich verstehe immer ›er‹.« Der Nachmittag war sehr hübsch gewesen, für Modestes Geschmack. Der Stern von Barginnen amüsierte sich immer, wo er als erster strahlte. Der Abschied von den Kränzchenschwestern tat ihr diesmal wirklich leid. Sie selbst war draußen und half die Damen in die Pelzdecken packen. Es wehte eine feuchte Schneeluft, und der Horizont bewölkte sich verdächtig. Da ergriff sie eine abenteuerliche Lust, ein Stück in diese Schneedämmerung mit hineinzufahren. Kam der Schneesturm nicht – gut; kam er – um so besser! »Kinder, ich komme mit!« Und ehe die andern noch recht protestieren konnten, kam sie in Baschlik und hohen Gummischuhen lachend herausgestelzt und schwang sich rasch zu dem Kutscher. »Los, los,« drängte sie und griff selbst in die Leinen. »Aber du mußt doch frieren in deinem dünnen Jackett, Modeste,« meinte die kleine Meyners. »Nein, ich friere nicht, ich friere nie. Euer Kutscher fährt mir nur zu langsam. Ach, was die Schneeluft wohl tut!« Sie hatte nicht einmal Handschuhe und machte während der ganzen Zeit die komischsten Kapriolen mit den Händen, um sich zu erwärmen. Die Sonne versank drüben im Wald, blaß, kraftlos. Die leuchtenden Schneefelder sahen auf einmal stumm, tot. Flocken begannen zu rieseln, groß, wässerig. Jetzt schien auch der Himmel tiefer und tiefer sinken zu wollen. Ein dichtes Flockengewimmel verhüllte auf einmal die Landschaft. Da sprang Modeste vom Bock: »Adieu, adieu!« Und gleich war sie auch in der Dämmerung verschwunden. – Nach einer Weile schaute sie sich um. Die Wagen wie verschluckt vom rieselnden Schnee – fernes Radknirschen – leiser Hufschlag. Auch das verschwamm. Es wollte Modeste bänglich werden. So totenstill alles und sie so mutterseelenallein... Dann aber freute sie sich wieder dieser Schneestimmung, die sie dicht und weich einhüllte. Die Flocken prickelten angenehm. – Modeste schlenderte die Chaussee zurück. »Wenn ich immer so weiter, immer weiter ginge,« sagte sie, »und endlich todmüde in einen Dorfkrug käme – es wäre doch hübsch! Ich möcht's rasend gern... Das wär' doch noch mal was ...« Und während sie sich das ausmalte, kam ihr etwas Dunkles entgegen, was sehr schnell wuchs, ein Mensch, wahrscheinlich ein Mann. Sie wollte schon in den Chausseegraben schlüpfen. Der Gedanke an trunkene Knechte machte ihr Grauen. Aber als der Mann näher kam, trieb ihr der Luftzug seinen Zigarettenrauch entgegen. Sofort erkannte sie auch den Mann: es war der Majoratsherr von Eyselin, der so tief in Gedanken dahinschritt, daß sie ihn fast streifte. Als er vorüber, rief sie ihm lustig nach: »Guten Tag, Herr Baron, und gleichzeitig: gute Nacht!« Er blieb stehen und faßte nach seinem Lodenhut: »Pardon, ich weiß nicht wer?« »Modeste Lindt.« »Ach so!« Sie begrüßten sich. »Ich war mal wieder in schlechter Gesellschaft, das heißt mit meinen Gedanken allein.« »Ich höre, Sie kapseln sich jetzt vollkommen ein, Baron.« »Ich nehme Unterricht in der doppelten Buchführung.« »So wollen Sie sich doch in die Gegend einleben?« »Ich muß. Leider.« »Ich glaube, Sie sind furchtbar hochmütig,« sagte Modeste ehrlich. »Vielleicht. Aber jedenfalls nur für mich. Standeshochmut ist mir unbekannt... Ich begleite Sie selbstverständlich nach Haus.« Er sprach dann weiter, höflich, glatt, ohne Interesse. Dennoch fühlte sie wieder den fremden Reiz. ›Ob er wirklich so abgeblaßt ist?‹ dachte sie. Und als ob er ihre Gedanken erriete, unterbrach er sich plötzlich: »Sie möchten noch immer wissen, mein gnädiges Fräulein, wer ich eigentlich bin? Das möchte ich eigentlich auch wissen...« »Dabei käme vielleicht etwas Unglaubliches heraus,« scherzte Modeste. »Jedenfalls etwas Halbes. Denn ich bin gut und schlecht, ganz nach Bedarf. Als Mann können Sie sich unbedingt auf mich verlassen, und wenn's Ihnen einmal übel gehen sollte, auch – aber als Frau... Ich war merkwürdig neulich – was? Das passiert mir öfters ... Ich habe Sie übrigens noch gar nicht wieder zu Pferde gesehen seit damals. Haben Sie Angst?« »Vor Ihnen?« fragte Modeste verwundert. »Nein, vor sich ... Glauben Sie übrigens, daß ich Sie sehr genau kenne? – Sie sind eine kleine Leichengängerin. – Sie kennen den Ausdruck natürlich – das soll aber beileibe kein Vorwurf sein! Denn alle kräftigen Naturen sind Leichengänger, so oder so ... Das ist nur logisch. Wenn wir nicht den Leuten auf den Rücken steigen, so steigen uns die Leute auf den Rücken ... Sie sind eine Leichengängerin, meine Gnädigste, dennoch rate ich Ihnen Vorsicht. Sie haben nämlich einen großen Fehler.« »Der wäre?« »Sie sind maßlos eitel, und diese Eitelkeit legt sich bei Ihnen wie ein Schleier vor die Augen. Sie würden in jeden Abgrund fallen, weil Sie ihn nicht sehen.« Modeste war stehengeblieben, das Blut schoß ihr nach den Schläfen. »So wollen Sie, Baron, vielleicht behaupten, daß Sie kein Leichengänger sind und nicht maßlos eitel? – Ich kenne Sie auch.« Er lüftete ironisch den Hut. »Die Leichen, über die ich in meinem Leben gegangen bin, waren nichts wert, sie tun mir nicht die Spur leid – aber die letzte anständige Leiche, über die ich gehen werde, die werde ich selbst sein. Verlassen Sie sich darauf!« Die Lichter von Barginnen tauchten umflort aus dem Park auf. »Da wären wir ja glücklich!« rief Modeste, »und die Wahrheit hätten wir uns auch genügend gesagt. Wenn Sie sich nur nicht irren, Baron...« »Warum soll ich mich nicht irren? Ich bin alt genug, um mich irren zu dürfen.« Am Lindenweg trennten sie sich. Er sah ihr dabei lächelnd ins frische, junge Gesicht. »Ich irre mich doch nicht, ich irre mich ganz gewiß nicht... Aber Sie sehen wunderhübsch aus – wunderhübsch!« Sie ertrug seinen Blick, obgleich er sie häßlich prickelte. »Kommen Sie lieber noch auf ein Glas Tee zu uns hinauf!« lachte sie. »Nein, das werde ich ganz bestimmt nicht tun.« Er verbeugte sich höflich und ging. ›Was ist das nun für ein Mensch!‹ dachte Modeste. ›Ich kann ihm nicht so scharf antworten, als ich ihm wohl antworten möchte. Und seine Art mag ich auch nicht, und ihn mag ich erst recht nicht. Und er mag mich auch nicht, mag mich ganz gewiß nicht! ...‹ Und dann dachte sie wieder: ›Ob er wohl zum Reserveball kommen wird und mit mir tanzen? Nm Ende mag er mich doch.‹ Und sofort war ihr ganzes Sein wieder mit dem Reserveball ausgefüllt. Oben klopfte der alte Lindt seine lange Pfeife – die Bismarckpfeife – wie er als Feudaler zu sagen pflegte, bedächtig aus, während Modeste von dem Spaziergang berichtete. »Er ist doch ein sehr tüchtiger Mann, der Baron! Doppelte Buchführung, das imponiert mir... Dem Romeit ist das nicht beizubringen. Sonst zuverlässiger Beamter! ... In Geldangelegenheiten traue ich nun allerdings keinem Inspektor. Wo die Bande Geld sieht, regt sich sofort die schlummernde Bestie. Der Baron läßt ja den alten Oberinspektor Krischkat auch endlich gehen. Allerdings erst, nachdem der sich vollgesogen hat wie 'n Schwamm... Wenn's in der Herrschaftsküche nach Erbsensuppe roch, duftete es im Inspektorhaus nach Lampreten. Ich habe so meine Quellen... Bin neugierig, was für 'n Oberinspektor jetzt dahin kommen wird. Doch eine sehr verantwortliche Stellung! ... Unsrer war heute so widerhaarig. Bildet sich wahrscheinlich ein, weil er die Eyselinschen Stuten hat besehen dürfen, daß die Oberinspektorstelle für ihn gerade gut genug wäre. Die Kerls kriegen mit der Zeit alle den Größenwahn.« »Ja, selbstverständlich!« rief Frida. Modeste drehte sich gereizt um: »Falkner hat ihm die Stelle schon vor einem Monat angeboten, liebe Frida. Du brauchst dich also gar nicht so zu engagieren!« Der Alte nickte beifällig? »So, so! Das beweist mir doch wieder, daß der Baron viel Blick hat... Es wäre mir zwar nicht angenehm – zum Glück hab' ich dem Romeit vom Gehalt auch noch einbehalten – aber da Eyselin jetzt partout die Remontenzucht forcieren will... Soll 'n außerordentlicher Pferdekenner sein, der Romeit... Wie hat sich denn der junge Mann zu der Frage gestellt?« »Ich glaube: glatt nein gesagt, Papa.« Der Alte schüttelte wieder mit dem Kopf, diesmal aber sorgenvoll. »Natürlich steht sich der Kerl dann besser hier, das heißt, er bestiehlt mich hinten und vorn... Da werden wir also nächstens ein sehr ernstes Wort miteinander sprechen müssen, lieber Herr Romeit!« »Tu's lieber nicht!« riet Modeste. »Du meinst, weil er jung und dreist ist? Und sich allerlei rausnehmen könnte? Dafür haben wir ja 's Strafgesetzbuch... hm...« »Nein, Papa, deswegen gar nicht. Ich glaube nur, daß er unbedingt ehrlich ist und auch recht anhänglich. Und daß er darum bleibt.« Der Alte fuhr sich nach dem Kopf. »Um Gottes willen, Kind! Dann ist der Mensch eben ein Phantast... Die kann ich nun schon gar nicht gebrauchen! ... Wenn einer das Doppelte kriegen kann und nimmt's nicht – dann ist er ein unbrauchbarer Mensch. Nicht das Leder wert! ... Was heißt Anhänglichkeit? – Die Groschen sind mir lieber! ... Denkst du vielleicht, liebes Kind, ich habe mein Vermögen mit Anhänglichkeit verdient? Das wäre 'n netter Geschäftsmann! ...« Aber als reputierlicher alter Herr fügte er sehr würdig hinzu: »Natürlich, ein gewisses Maß von Anhänglichkeit muß man von seinen Untergebenen verlangen können. Darauf habe ich stets gehalten.« In dem Augenblicke klopfte es. Herr Romeit trat mit einer wirtschaftlichen Meldung ins Zimmer. Die schlanke, straffe Reitergestalt, die in Modestes Herzen nie, wohl aber in ihren Sinnen eine Rolle gespielt hatte, stand wieder vor ihr. Der alte Lindt lehnte die Bismarckpfeife in die Ecke. »Ich möchte Sie noch sprechen, Romeit,« sagte er im Geschäftstone. »Und ihr, Kinder, habt wohl die Liebenswürdigkeit, ins Nebenzimmer zu gehen.« Im Nebenzimmer – es war das Eckzimmer mit den Plüschmöbeln und dem Grafenkalender – nahmen die Mutter und die ältere Tochter sofort ihre Handarbeit wieder auf, während Modeste auf und ab ging. Anfangs war die Unterhaltung drüben gedämpft. Der alte Lindt predigte salbungsvoll. Aber auf einmal schwoll die junge Männerstimme so an, daß der Mutter die Häkelnadel aus der Hand fiel. »Ich lasse mir das von Ihnen nicht sagen! ... Ich soll unehrlich gewesen sein – ich? Sagen Sie doch lieber gleich, ich hätte Ihren Geldschrank erbrochen... Ich schmeiße Ihnen hiermit die ganze Sache vor die Füße. Ich hab's längst satt!« Die alte Lindt flüsterte derweilen ganz blaß: »Hört ihr nebenan? Dieser gemeine Mensch... Und der engelsgute Papa.« Modeste war stehengeblieben und schaute mit gefalteter Braue nach der Tür, während Frida ihre Mutter streichelte. Darauf nebenan zur Abwechslung die ölige Stimme des Hausherrn – ruhig, würdevoll. »Warum schreien Sie denn eigentlich so, Herr Romeit? – Es sind Damen nebenan – Damen! ... Was habe ich denn nun eigentlich gesagt? – Nichts, absolut nichts! ... Ich warnte Sie nur väterlich, wofür Sie mir hätten dankbar sein sollen... Ich habe ja gar keine Beweise dafür, daß Sie unehrlich sind. Und die müßt' ich doch erst haben! ... Was wollen Sie von dem Geldschrank? – Ich habe die Schlüssel hier in meiner Tasche. Aufbrechen ist nicht... Die jungen Leute heutzutage! Nicht mal von Möglichkeiten darf man sprechen. 's ist alles möglich, lieber Romeit, alles – sage ich Ihnen aus fünfzigjähriger Erfahrung! Ich bin aber viel zu viel Gemütsmensch, viel zu viel! Sie werden sich nach so 'nem Prinzipal noch mal umsehen... So kommt man nicht durch die Welt! Die Ohren ankneifen, junger Mann! Wozu haben Sie überhaupt die Ohren? ... Und wenn Sie gehen wollen, gehen Sie in Gottes Namen... Aber Sie werden damit kontraktbrüchig – Sie! Verstehen Sie? Die Konsequenz können Sie tragen.« Und Herr Lindt schnaubte sich hörbar. Im Nebenzimmer flüsterte die Mutter: »Das hat man nun von seiner Güte! Der Mensch ist so roh und gefühllos, daß er sich an euerm guten Vater vergreifen könnte.« Modeste drehte sich jäh um. »Er ist ein absolut anständiger Mann, absolut!« Drüben begann Herr Romeit wieder, aber die Stimme so heiser und wuterstickt, daß sich der alte Knochenmehlhändler keines guten Endes versah. »Was Sie gesagt haben, Herr Lindt, haben Sie gesagt! Und was ich gesagt habe, das habe ich erst recht gesagt... Ich gehe eben. Mein Gehalt können Sie behalten... Sie brauchen aber nicht etwa Angst zu haben, daß ich schnurstracks zum Baron in Eyselin gehe und mich anbiete. Ich habe einmal nein gesagt – und ich sage nicht urplötzlich ja... Aber von Ihnen will ich die Bescheinigung haben, daß meine Bücher in vollkommener Ordnung sind und daß der Verdacht dieserhalb der Grund meines Austritts ist.« Der alte Lindt schnaubte beharrlich weiter. »Und wenn sich mein Nachfolger das gefallen läßt, was Sie mir eben gesagt haben, so ist er eben der Schuft, der ich nicht bin.« Er ging ohne Gruß. Die alte Lindt nahm die verlorne Masche wieder auf. »Gott sei Dank!« murmelte sie erleichtert. »Er ist weg.« Sie hatte noch ganz andre Aussprachen erlebt früher – und immer hatte der alte Knochenmehlhändler gesiegt. In demselben Augenblick verließ Modeste ohne ein Wort das Zimmer. »Wohin willst du?« »Zu Herrn Romeit!« Die Seelenvorgänge während der Zeit bei Modeste waren dunkel. Aber war es nur der Mann oder das Recht, die sie führten – sie wankte nicht. In der nächsten Minute stand der Stern von Bürginnen im Flur bei dem Inspektor. Der Mann war blaß wie die Wand, aber die Augen funkelten ihm und die Hand bebte. »Herr Romeit,« sagte sie rasch, »Sie werden bleiben!« »Ich werde nicht bleiben!« »Sie müssen!« »Ich kann nicht...« »Aber wenn ich Sie bitte, Herr Romeit? – Ich habe auch nicht eine Sekunde an Ihnen gezweifelt.« Er blickte vor sich auf den Boden. »Nein, ich kann nicht – ich kann nicht!« Er biß die Zähne zusammen und wandte sich zum Gehen. »Sie werden bleiben, Herr Romeit!« rief sie ihm nach. »Sie dürfen mir diese Bitte nicht abschlagen – um Ihrer selbst willen nicht.« Aber Herr Romeit ging. Gleich darauf folgte im Wohnzimmer eine für Barginner Verhältnisse unbegreifliche Szene. Die Mutter: »Du bist von Sinnen, Modeste!« Modeste: »Das seid ihr!« Die Mutter: »Aber Kind, so überlege doch! Ein Inspektor – ein ganz gemeiner Inspektor!« Modeste: »Aber er ist hier so infam behandelt worden... Sagt mir, was ihr wollt, aber ein anständiger Mensch ist und bleibt er!« Frida rief höhnisch dazwischen: »Heirate ihn doch! Trauzeugen: der Hofmann und der Kutscher.« Der alte Lindt, der indessen die Bismarckpfeife wieder in Brand gesetzt hatte, räusperte sich, machte eine großartige Handbewegung, etwa wie Poseidon, wenn er die von kleinen Wassergeistern erregten Wogen glättet. »Nur keine häuslichen Szenen, Kinder! Kommt nie was dabei raus. Weibergezänk – adieu Vernunft! ... Modeste ist seit acht Tagen glücklich zwanzig Jahr – unverdaute Ideen in Menge natürlich! ... Gibt sich, liebes Kind, gibt sich unbedingt... Aber was die Hauptsache ist: die Fehler sind dazu da, daß man sie nach Möglichkeit gutmacht. – Ich habe selbst einen Fehler gemacht, bin zu direkt vorgegangen... Beleidigen kann mich so ein Mensch nicht, ausgeschlossen bei meiner Stellung. Der Bengel ist natürlich schon fest engagiert vom Baron. Mir ganz klar! Die Gelegenheit bei Schopf gefaßt – konnte ihm ja gar nicht günstiger kommen – frech geworden, alles hingeschmissen. Hat ganz geschäftlich gehandelt, der Baron. Erst den Nachfolger engagiert, dann den Vorgänger abgewimmelt... Imponiert mir.... Nur daß sich der alte Lindt nun einmal nicht auf der Nase herumtanzen läßt! Jetzt bestehe ich nämlich auf meinem Schein. Der Kontrakt läuft bis zum ersten Juli... Ich bin Modeste eigentlich gewissermaßen dankbar für das kleine Intermezzo. Ist zu gutherzig, das Kind, wie ich in meiner Jugend auch, hat zu viel Rasse... Wenn also nachher der Mensch mit den Büchern kommt, sage ich nur ganz ruhig: Herr Romeit, hier ist Ihr Kontrakt. Bis zum ersten Juli bleiben wir also noch zusammen. Sie brauchen nichts zu vergessen – ich vergesse sowieso nichts, da verlassen Sie sich schon drauf! ... Und wenn's Ihnen angenehm ist, drüben im Inspektorhaus Ihre Mahlzeiten einzunehmen – bitte – mir ist's auch angenehmer... Weitere Einmischungen verbitte ich mir entschieden, Modeste!« Die Familie beugte sich schweigend vor dieser Logik. Modeste, die vielleicht innerlich den raschen Impuls schon bedauerte, sah in den Schoß. Es war ein ehrlicher Entschluß gewesen, der den Stern von Barginnen wirklich adelte für den Moment. Aber es ist der Fluch solcher Menschen, daß sie sich der guten Regungen doch innerlich schämen... Eine fremde Natur war heut zum erstenmal in Modeste aufgeflammt, stark, mutig – vielleicht ihre eigentliche Natur –, nun schloß sich wieder die kalte Lindtsche Eigenart über der heißen Regung, so daß ihr von dem Frühlingshauch nichts blieb als ein winterliches Frösteln. Der alte Lindt stand auf, in sein Bureau hinabzugehen. In der Tür blieb er aufhorchend stehen. »Da reitet ja einer mit stumpfen Eisen Galopp durch den Park. Hört ihr's nicht glitschen auf dem gefrorenen Boden?« Modeste trat ans Fenster und versuchte durch die beschlagenen Scheiben hinauszusehen. Der Alte lächelte innerlich. »Streng dich nur nicht unnötig an, liebes Kind! Es dürfte dein Herr Romeit sein, dem es beliebt, schon heute sich in Eyselin vorzustellen... Nicht so eilig, mein Sohn! Hast noch über ein halbes Jahr Zeit.« Eine halbe Stunde später saßen Falkner von Öd und der Inspektor Romeit in dem Arbeitszimmer des Besitzers von Eyselin. Der Kamin knisterte, Grog dampfte. »Machen Sie nur Ihren Maitrank recht steif, Herr Romeit! Der Rum ist mein bester. Ich selbst kann leider nur in Mosel mittun... Tut mir leid, daß Sie definitiv ablehnen! – Was haben Sie nur eigentlich an diesem gottverlassenen Barginnen für einen Narren gefressen? Intensiv wirtschaften werden Sie da nie können...« »Ich bleibe auch nicht in Barginnen, Herr Baron.« »Gratuliere.« Herr von Falkner setzte den Weinkelch langsam ab und strich sich den Schnurrbart. »Weswegen gehen Sie nun eigentlich so plötzlich? – Wegen dem jungen, hübschen Mädchen, das mehr wie eine Sünde wert ist – oder wegen dem alten geizigen Schurken!« Herr Romeit schwieg. »Demnach muß es eine sehr scharfe Auseinandersetzung gewesen sein.« »Er hat mich einen Betrüger genannt!« stieß Herr Romeit noch zornbebend hervor. »Natürlich nicht das Wort...« »Und das hat Sie beleidigt?« Herr von Falkner lächelte. »Sie sind doch ein fabelhafter Enthusiast! ... Sich von Herrn Lindt aus Köln beleidigt zu fühlen! ... Und was sagte die Tochter dazu – die hübsche natürlich?« Herr von Falkner stand auf und ging im Zimmer umher. »Hm... Schwer da zu raten... Außerdem gehen Sie gar nicht gern.« »Ich wechsele überhaupt ungern, Herr Baron.« »Na, dann bleiben Sie doch!« Er legte mit lässiger Vertraulichkeit seine Hand auf Herrn Romeits Schulter. »Liebster, Bester! Simson hat sich die Haare von seiner Delila scheren lassen. Andre haben desgleichen getan. Bekam ihnen allen schlecht... Darum rate ich Ihnen freundschaftlich: machen Sie trotzdem, daß Sie fortkommen; – aber gehen Sie weit weg – sehr weit! ... Ich bin keineswegs blind – auch der Schönheit von Fräulein Modeste Lindt gegenüber nicht. Solange die Dinge noch im Werden sind, heilt Entfernung sie leicht; sind sie erst geworden, gibt's kaum ein ätzenderes Gift... Ich glaube, ich bin zehn Jahre älter als Sie. In Wahrheit sind's mehr als hundert. Also gehen Sie!« Herr Romeit war unter der Berührung der fremden Hand leicht zusammengezuckt. Er schwieg noch immer. Falkner von Öd setzte sich wieder, während sein Gast nach der Uhr sah. »Reisende soll man nicht aufhalten... Wegen Ihrer Absage bin ich Ihnen übrigens gar nicht böse... Sie werden also trotzdem in Barginnen bleiben?« »Ich bleibe nicht, Herr Baron.« »Sie werden aber doch bleiben, lieber Romeit – und gerade darum, weil Sie es eben nicht dürften! Das liegt so in unsrer Natur...« Er sah nach dem Schreibtisch hinüber, wo die Einladung zum Reserveball lag. »Interessiert Sie so was?« Herr Romeit antwortete nur: »Damit hat doch ein Inspektor nichts zu tun.« Herr von Falkner zuckte die Achseln. »Sehe ich gar nicht ein! Was ist überhaupt Gesellschaft – zumal solche? – Blague , nur blague ! ... Wenn Sie sich den Scherz aber doch ansehen wollen, lade ich Sie hiermit feierlichst ein. Von Geist wird bei der Gelegenheit zwar nichts verzapft, von Gemüt noch weniger – dennoch kann Ihnen vielleicht gerade diese Einladung von Nutzen sein. Sie ist Ihnen eine Ehrenerklärung, so stark wie kaum eine andre, wenn ich Herrn Lindt richtig beurteile. Sie würden den alten Gentleman damit gehörig ärgern und das junge Mädchen dekolletiert sehen... Es lohnt beides. Verlassen Sie sich darauf.« Herr Romeit lehnte frostig ab und ging gleich darauf. »Ich heb' Ihnen die Einladung auf,« rief ihm Herr von Falkner nach. »Es sind noch gute vierzehn Tage hin. Und vielleicht besinnen Sie sich derweil eines Besseren.« 8 Herr Romeit blieb in der Tat. Ob aus Kontraktrücksichten, ob aus Schwäche – jedenfalls empfand Modeste eine beinahe verächtliche Regung für den Mann. Wer so behandelt wird, der geht doch! Die heiße und die kühle Frauenmoral unterschieden sich noch immer sehr. Im übrigen wurde der Stern von Barginnen von den Ballvorbereitungen vollauf in Anspruch genommen. Eine Königsberger Schneiderin kam, beherrschte Modeste eine Woche absolut und wäre von dem Ordensschlosse dankbaren Herzens geschieden, wenn der alte Lindt nicht bei der Abreise erklärt hätte, daß er die Rückfahrt grundsätzlich nur vierter vergüte. Darauf helle Empörung, eisiges Adieu. Es war nicht das Geld, es war die Zumutung. Gute Schneiderinnen haben noch immer auf Ehre gehalten... Diesmal stand Modeste auf seiten der Schneiderin. Das hellblaue Kleid war wirklich gelungen. In der menschenfreundlichen Stimmung, die solche Tatsache verleiht, schlenderte sie am Vorabend des Balles über den Hof. Herr Romeit schalt gerade mit einem Knecht, daß es nur so schallte. Seit er im Inspektorhause aß, hatte sie ihn kaum wiedergesehen. Als er das Fräulein bemerkte, verstummte er sofort. – Aus einer Stalltür drang leises Hundegewinsel. Modeste horchte auf. »Die Juno hat Junge, gnädiges Fräulein,« erklärte Herr Romeit. Das war dem Fräulein sehr interessant. Sie gingen also gemeinsam in den Remontestall, wo Juno in einer warmen Ecke auf dem Stroh lag. Um sie eine äußerst possierliche braune Gesellschaft mit langen Ohren und törichten Augen, die tolpatschig auf der Alten 'rumkletterte und, dabei ungestüm wedelnd, übertriebene Anforderungen an die mütterliche Langmut stellte. Juno knurrte beim Anblick der Fremden leise, leckte gleich darauf zärtlich die Kleinen und benahm sich wahllos verliebt wie jede junge Mutter. Es war ein warmes, frohes Bild. Modeste schaute fröhlich amüsiert. »Darf man anfassen?« »Ja, aber nicht rausnehmen, sonst beißt die Juno.« Das Fräulein beugte sich zu den Tieren. Während ihre Hand die dicken, samtweichen Körper streichelte und dabei die köstliche Wärme des molligen Nestes spürte, überkam sie ein Anflug von Neid. »Wie gut die's haben! So wundervoll warm... Eigentlich viel besser als wir!« Herr Romeit hob den dicksten braunen Schlingel heraus und präsentierte den ängstlich Zappelnden. »Das ist der Beste!« »Soll ich ihn haben?« fragte Modeste lachend zurück. »Aber ja, gnädiges Fräulein!« »Ich sagte nur so...« »Gnädiges Fräulein würden mir eine große Freude machen.« Modeste betätschelte den Kleinen, während die Mutter mißtrauisch blinzelnd zuschaute. Etwas von der warmen Mütterlichkeit rieselte auch zu dem Mädchen hinüber. »Ich möchte ihn schon nehmen – und gut würde er's auch haben! Tiere mag ich überhaupt gern... Aber wie ihn in das Turmzimmer einschmuggeln? – Denn ein Stallhund ist doch eigentlich kein Hund!« »Nehmen gnädiges Fräulein doch!« bat er ungelenk. »Na gut, ich nehme ihn dankbar an, Herr Romeit. Doch erst nach Weihnachten. Da verreist nämlich Frida. Wenn sie wiederkommt, ist er bereits einquartiert. Und will sie ihn trotzdem rausgraulen, beißt er hoffentlich... Er soll nämlich auch beißen können, ordentlich beißen!« »Ich danke sehr, gnädiges Fräulein.« »Nein, ich habe zu danken, Herr Romeit.« Er ließ den Hund ins Lager zurückfallen. »Haben Sie schon mein neues Ballkleid gesehen?« fragte sie, gewissermaßen zur Belohnung. Im Augenblick hatte sie die feste Überzeugung, daß sich um dieses neue Ballkleid eigentlich das ganze Weltall drehte. »Nein, gnädiges Fräulein.« »Nun, dann kommen Sie morgen nachmittag gleich nach Kaffee in den Flur. Da können Sie mich vor der Abreise noch einmal bewundern – natürlich, wenn Sie es interessiert.« »Es interessiert mich schon, gnädiges Fräulein.« »Können Sie eigentlich tanzen?« »Aber gewiß.« »Es soll ein ganz großartiger Kotillon werden! Ich habe mir auch vorgenommen, so viel zu tanzen wie noch nie in meinem Leben.« Sie maß den jungen, hübschen Menschen keck vom Kopf bis zu Fuß. »Sie müßten eigentlich recht gut tanzen können! Aber ich tanze auch recht gut. Sie sollten mich mal sehen.« Herr Romeit schwieg. Am Ballmittage sagte der alte Lindt sehr würdig: »Herr Romeit wünscht, glaube ich, auch mitkommen zu dürfen. Natürlich nur als Zuschauer. Es ist zwar ein sonderbares Ansinnen... Aber ich möchte dem jungen Menschen nichts in den Weg legen. Der Baron hat ihm nämlich eine Einladungskarte geschickt und will ihn auch in seinem Schlitten abholen... Bißchen zu liberal gedacht für meinen Geschmack! Was soll so 'n Mensch da? ... Aber da der Baron durchaus will...« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Auf dem zweiten Schlitten ist noch ein Bockplatz frei. Da kann er meinetwegen mitfahren. Wenn die Geschichte lange dauert... Der zweite Kutscher säuft sowieso 'n bißchen... Auf zurück fährt dann Herr Romeit. Hoffentlich ist er nüchtern. Ich habe wenigstens noch nichts bemerkt...« »Also Herr von Falkner kommt doch?« fragte Modeste möglichst gleichgültig. »Es scheint wenigstens so, liebes Kind.« Frida verzog die welken Lippen zu einem häßlichen Lächeln. 9 Ein strahlender Nachmittag grüßte. Die Ebene schneeweiß, glitzernd. Von dem Schulhause stieg der Rauch kerzengerade in die Winterluft. Die Krähen im Park krächzten laut und flatterten heftig. Es war schneidend kalt. Nur ein Rabenvater sah bedächtig auf der Spitze der höchsten Fichte und hielt Umschau. Als er mit kurzem Flügelschlag davonstrich, rieselte ein Schneeregen von den schwerbeladenen Ästen. Modeste stand am Fenster des Turmzimmers, freute sich über den Raben, den Schneeregen und empfand dabei wohlig die Wärme des knisternden Ofens. Es war gegen vier. Die beiden Mädchen zogen sich zum Ball an – nicht lachend, plaudernd, wie sonst Schwestern tun, sondern schweigend und mit einem gelegentlichen Seitenblick. Die stichelnde Feindschaft der Schwestern war zum gefrorenen Haß gediehen seit der letzten Aussprache. Im Bösen vergaß auch Modeste nie. Die Ältere stand vor dem Stehspiegel und nestelte an den Taillenhaken. Sie war schon im Staat, das Haar gebrannt, auf den Wangen ein leichter Puderhauch. Das hellgrüne Kostüm machte das blaßblonde Gesicht noch welker. – Modeste hinter ihr, halb angekleidet, Arme und Schultern nackt. Wie sich die beiden Gestalten widerspiegelten – das Blühen und das Welken nebeneinander, wie zum Hohn – trafen sich auch die Augen der Schwestern. Frida runzelte die Stirn, die Hand knöpfelte nervös. Und Modeste in dem Hochgefühl siegender Jugend und Schönheit lächelte fein, bog wie im Spiel den schlanken vollen Körper mit dem koketten Reiz einer Tänzerin. Die Arme leuchteten weiß, über den Hals floß es rosig, die Haut schien zu duften. – Der Älteren riß eine Öse. Modeste lächelte höhnisch. Da wandte sich Frida mit mühsamer Selbstbeherrschung um: »Du bist doch wieder schamlos!« »Nein du, liebe Schwester. Denn du hast nie ertragen können, daß eine andre hübscher ist als du.« »Ach du!« zischte Frida. »Ach du!« echote achselzuckend Modeste. »Ich werde mich unten weiteranziehen.« »Das wollte ich dir eben raten, liebe Frida.« Die ältere Schwester ging. Der fade Puderhauch zog mit ihr. Modeste verbeugte sich graziös im Spiegel und grüßte mit der Hand. »Adieu, adieu!« Frida ließ die Türklinke, die sie schon gefaßt hielt, wieder los und kam zurück. »Du bist schlechter als schlecht!« rief sie mit bebender Stimme. »Aber wenn du dir übrigens einbildest, ich wüßte nicht, auf was du schon seit Monaten spekulierst!« »Auf was spekuliere ich?« fragte Modeste sehr ruhig zurück. Die Schwester trat ganz nahe und zischelte nur noch: »Den Falkner willst du heute einfangen – den Falkner!... Den Xaver Kajetan Falkner von Öd, Freien Panierherrn zu Eyselin. – Das paßte dir so – jawohl! ... Aber der für dich Interesse haben – der? ... Der eine Lindt heiraten – der? ... Das ist kein Graf Axsil! Der braucht kein Geld ... Und dich braucht er noch viel weniger!« Modeste sah die Schwester unverwandt an – sehr blaß, aber die Augen brannten. »Bist du nun fertig? – Du bist ja weiß Gott besser orientiert als ich über mein Inneres! ... Aber das kann ich dir sagen: wenn ich wollte, wenn ich ernstlich wollte ...« Sie hob den schönen nackten Arm. – »Dieser Finger hier genügt, dieser kleine Finger! Ich brauche ihn nur auszustrecken. Heute abend noch – heute abend noch! ... Aber ich strecke ihn nicht aus.« »Weil du ihn dir verbrennen würdest, ihn dir vielleicht schon verbrannt hast! Ha, ha! ...« Sie ging, um noch einmal zurückzukommen und durch die Türspalte böse zu wispern: »Weißt du, wozu du ihm höchstens gut wärst? ... Zu ... zu ... Ja, tu nur möglichst unschuldig! – Es ist ein französisches Wort und fängt mit dem M an. Die Pompadour war auch eine ... Aber ich glaube, du wärst ihm nicht einmal dazu gut genug ...« Modeste tippte nur an die Stirn. Der Pfeil traf wirklich nicht! Sie liebte ja den Namen, nicht den Mann ... Aber während sie sich allein weiteranzog, langsam, sorgfältig, immer den Blick im Spiegel, da hatte sie angesichts der schönen Gestalt, die das weiche Blau so reizend umfloß, das trunken überquellende Siegergefühl, daß heut oder nie ihre Jugend allmächtig sei. Das Stubenmädchen klopfte: »Gnädiges Fräulein, die Herrschaften warten schon!« Modeste hüllte sich rasch in den Pelzmantel und stieg die Treppen hinab, das hübsche Gesicht unverschleiert, wie stets. In der Schloßeinfahrt die Schlitten. Der kleine russische – Frida saß schon tief vermummt drin, neben dem Inspektor im grauen Fahrpelz. Und der schwere geschlossene – die Bombe genannt –, der an Böschungen gern umzukippen pflegte und mit seiner Matratzenluft leicht Seekrankheitsanwandlungen heraufbeschwor. Modeste haßte ihn. Aber sie hatte keine Wahl. Die Eltern saßen bereits im Fond. Der alte Lindt brummte – er war ein ungewöhnlich pünktlicher Mann ... So fuhren sie in die lichte Schneedämmerung hinein. Modeste zählte auf ihrem Rücksitz die Minuten. Dann klang hinter ihnen ungeduldiges Schellengeläute. Als sie vor der Ressource der Kreisstadt hielten, parierte auch ein zweites Gespann. Ein Herr stieg aus, ging grüßend vorüber und sagte aus seinem hochgeschlossenen Pelzkragen, nicht übermäßig verbindlich: »Ihre Litauer haben die ungarische Geduld auf eine harte Probe gestellt, Herr Lindt! Meine Jucker sind kochgar, aber nicht vom Laufen.« Es war Herr von Falkner, in Zivil. Modeste wunderte sich. Sie hatte sich eigentlich auf seine Gardeuniform gefreut. Das Haus war festlich erleuchtet. Schwankende Tannengirlanden, kräftiger Harzgeruch. Auf den ausgetretenen Stiegen ein Gewimmel vermummter Gestalten. Oben an der Treppe empfing der Bezirksadjutant, unendlich höflich mit dienstlich zur Seite geneigtem Ohr. »Guten Tag, Herr Hauptmann ...« »Gnädigste Frau suchen Ihren Herrn Gemahl?« »Bitte, die Damen rechts, die Herren links.« In der Garderobe schälten sich die Damen aus ihren Hüllen. Man drängte sich brummend, erkannte sich dann lachend. Es roch nach feuchter Schneeluft, duftete nach Parfüm. Hier glitt ein weißer Handschuh noch einmal liebevoll tastend über die Haarfrisur. Dort stampfte eine alte Dame zornig mit den Gummischuhen. – In der Herrengarderobe: Sporenklirren, Stiefelknistern. Die Atmosphäre von Stangenpomade, frisch gebügeltem Tuch. Laute Begrüßung. In einer Ecke der leise getuschelte neueste Mikoschwitz, dem wieherndes Gelächter folgte. Seit vier Jahren der erste Reserveball wieder. Es war wahrlich ein Ereignis. Modeste lachte und grüßte nach allen Seiten. Alle Freundinnen waren da, die hübschen, die häßlichen, vor allem die häßlichen. Dazwischen der Stern von Barginnen so übermäßig sicher und jung. Als sie in den Saal traten – der Bezirkskommandeur an der Tür, die Brust voller Orden –, überflog Modeste mit einem hellen Blick die festliche Menge. Ein wirres Durcheinander von Uniformen: Landwehr, Reserve, Linie. Vom Dragoneradjutanten, der bewundernd auf die tadellose Bügelfalte starrte, bis auf den Landwehrhauptmann mit der dicken Stiefelsohle – fast alles ostpreußische Regimenter. In Gruppen, wie natürlich. Die Kavallerie exklusiv, lascher, eleganter – der Adel. Die Infanterie mehr Kommiß, mehr Drill – die Bürgerlichen. Dazwischen versprengt die Artillerie, das leichte Geschütz zu Pferde – Kavallerieschick; die schwere Bombe – bürgerlich, gesetzt. Modeste fand den Ballsaal reizend dekoriert. In den Ecken Tannenarrangements, von künstlichem Schnee glitzernd, die Wandleuchter mit wehenden preußischen Flaggen drapiert. Dazu das prickelnde Parfüm einer großen Gesellschaft, die schwüle Atmosphäre vieler Menschen. Der alte Eller empfing sie zuerst – klein, grau, im altmodischen Frack, mit komisch gewellter Tolle: »Aber gnädiges Fräulein, Sie werden noch alle Männer heut verrückt machen! Die Landesirrenanstalt blüht.« Gleichzeitig fuhr er sich lachend über den Kopf: »Kommen Sie weg von den Kürassieren! Die wollten mich nämlich schon zum Fenster rauswerfen. Ganz freundlich, nicht wahr? Fragt mich da so 'n Rittmeister: ›Ob ich auch Soldat gewesen wär'.‹ – ›Nei,‹ sag' ich. ›Wo werd' ich? Ich bin zu schad' gewesen für den bunten Rock...‹ Aber da hätten Sie man sehen sollen, den Bos! – Ich streifte mich glücklich noch so durch. Den Zylinder hatten sie mir aber schon in aller Eile zerbolzt!« Dabei zog er Modeste an der Hand fort. »Gnädiges Fräulein, was haben Sie nur für 'n weiches Patschchen! ... Sehen Sie doch mal den Tilsiter Dragoner, den Reserverittmeister! Vor der letzten Übung hat er wahrscheinlich keinen Bauch gehabt, jetzt hat er aber einen. Wie sich das stremmt! ... Kommen Sie rasch weg, gnädiges Fräulein! Der Kerl explodiert uns am Ende noch... Und da der gute Wagner im Frack! Pisang bleibt doch Pisang. Nüchtern ist er schon seit heute vormittag nicht mehr.« Unter solchen Belehrungen ging es durch den Saal, bis sie plötzlich vor Herrn von Falkner standen. Der alte Eller rief: »Na, da haben wir Sie ja endlich, Herr Baron! Der Herr hier, gnädiges Fräulein, sehnt sich nämlich sehr nach Ihnen. Tun Sie ihm doch den Gefallen und gönnen Sie ihm den Kotillon!« Herr von Falkner verbeugte sich etwas steif. »Tanze überhaupt nicht, lieber Eller. – Nicht wahr, das ist auch heute nichts für Zivil, gnädiges Fräulein?« Er zeigte dabei auf seinen eleganten englischen Frack, aus dessen Knopfloch ein gelbes Ordensband leuchtete. »Rettungsmedaille! Das ist doch noch ein Mann!« lobte der alte Eller. Modeste lachte. »Da tanzen Sie eben nicht!« Ein leichter Reif fiel auf ihre Ballstimmung. Er verging bald. Als sie unter den Kronleuchter trat, war sie sofort von Herren umringt. Und immer wieder konnte sie achselzuckend sagen: »Besetzt, besetzt! Vielleicht bekommen Sie später eine Extratour, vielleicht auch nicht.« Und dann sah sie sich kühl im Kreise um nach den Freundinnen, Bekannten, nach den jungen Mädchen, die sie heute herzlich liebte, weil sie häßlicher waren als sie. – Die Polonäse begann. Modeste am Arm des einzigen Gardekürassiers, der auf Jagdurlaub in der Gegend weilte. Sie war so froh, so glücklich! Und an der Wand so viel Mauerblümchen – so viel! ... Ach, das Leben war doch so schön! Einmal nur zuckte leicht ihr Arm in dem ihres Kavaliers. Da war ja auch Judith von Bussard mit ihrer Mutter. Sie standen gleich an der Tür. Judith in weißer Seide, so elfenschlank, so wunderhübsch mit der leuchtenden Haarkrone und der müden Vornehmheit! Sie war wohl im Ballkleid, aber sie tanzte nicht. Und instinktiv suchten Modestes Augen den Falkner von Öd. Er saß an der entgegengesetzten Seite, von einer Säule halb verdeckt, den Blick auf dem Chapeau claque in der Hand. Und wieder dachte sie übermütig: ›Wenn ich wollte, wenn ich wirklich wollte!‹ ... Es war der köstliche Jugendrausch – der köstlichste heut, vielleicht auch der letzte. Nach dem Tanz ging sie zu Bussards. Die Mutter empfing sie freundlich, die Tochter eisig »Ich dachte, Sie wären schon an der Riviera, Frau Baronin.« »Ja, wenn's auf mich angekommen wäre... Aber Judith geht nicht.« »Warum eigentlich, Judith?« »Weil ich nicht will, Modeste.« »Und warum tanzt du denn nicht wenigstens?« »Weil ich auch nicht will, Modeste.« »Aber du bist doch im Ballkleid!« »Ja. Und es ist sogar ein Pariser Ballkleid, auf das ich mich sehr gefreut habe.« Der Ton war so bitter, daß Modeste nur die Mutter ansehen konnte. Frau von Bussard lächelte etwas müde. »Judith ist nicht recht wohl – mir ist auch nicht wohl.« Da ging Modeste. Und während die Musik tönte, die Füße wirbelten und der ganze törichte Ballzauber den Stern von Barginnen mit weicher Woge umfing, blieb Judith von Bussard auf demselben Fleck stehen und sah ins Leere. Es war etwas Suchendes, Flehendes in ihrem Blick. Plötzlich wandte sie sich zur Mutter. »Wir wollen gehen, Mama.« »Ja. Aber tanz der Form halber wenigstens einmal 'rum! Ich werde dir deinen Vetter Mieritz schicken. Du weißt, er hat die Polonäse nur faute de mieux mit Modeste getanzt.« »Ich tanzen, Mama? Ich? Wenn du das überhaupt für möglich hältst nach dieser Begrüßung vorhin!« Die Wangen waren ihr gerötet, und das Auge flackerte. »Ich habe dir alles gesagt, Mama.« »Ich dir auch, mein Kind, das heißt später werde ich dir wirklich einmal alles sagen... Ich verstehe dich nur zu gut. – Aber es geht alles vorüber, alles.« »Mama!« »Judith?« »Du verstehst mich doch nicht, Mama!« Sie gingen beide ohne einen Blick zurück. Wenige Minuten später stand auch Herr von Falkner auf und sagte zu einem aktiven Rittmeister, der ziemlich gelangweilt den Tänzern zuschaute: »Riewes, wir wollen mal denken, wir ständen beide noch in Potsdorf bei Berlin, und Vöros Miska spielte im Kursaal... Erinnern Sie sich noch?« »Ob ich mich erinnere, alter Leichtfuß! Was wir damals mit den Weibern für Pommery getrunken haben – namentlich Sie... Heute will das nicht mehr.« »Aber ich möchte nun einmal trinken, Riewes – viel trinken!« Der Rittmeister zuckte die Achseln. »Sie sind doch der alte Leichtfuß geblieben. Seien Sie nur erst verheiratet! ... Also denn los!« Die Tanzwogen gingen höher. Modeste war glücklich. Sie hatte fast nur mit Adligen getanzt. Der Gardekürassier führte sie auch zu Tisch. Es war ein eleganter, äußerst korrekter junger Herr mit einem etwas gelangweilten Zuge um den Mund. Er gefiel Modeste, er gefiel ihr auch nicht. Als sie mit dem Sektkelch anstießen, fragte sie leichthin: »Wer sah nach Ihrer Ansicht, Herr von Mieritz, heute am besten aus?« »Meinen Sie vorhin oder jetzt?« »Ich meine überhaupt.« Er lächelte verbindlich: »Solange meine Cousine Judith Bussard da war, glaubte ich, sie wäre die Hübscheste heut. Jetzt weiß ich, daß Sie es sind, mein gnädiges Fräulein.« Da gefiel Modeste der Gardekürassier gar nicht mehr. – Dann kam ein Moment, wo Modeste eine leichte Übermüdung fühlte, die ihr gerade die Augen schärfte. Es war nach der großen Pause. Der Ballsaal verlassen, grau, stickig. Die Weingerüche vom Büfett her, die lärmenden Herrenstimmen aus dem Rauchzimmer; über einem geöffneten Fenster die fadenscheinig wallende Draperie. Der Stern von Barginnen stand an derselben Stelle, wo Judith von Bussard gestanden. Schwitzende Diener trugen Tische, hinter einer Säule goß heimlich die Kasinoordonnanz einen Weinrest hinunter. In einer Ecke alte Damen im eifrigen Gespräch: Frau von Gadebusch mit dem Schnurrbart und der Kürassierhaltung, als wenn sie sagen wollte: »Der Adel bittet nicht, er gewährt nur!« Die Töchter hatten wenig getanzt... Das Rauchzimmer lag gerade gegenüber, weit geöffnet, eine ekle Dunsthöhle, aus der nur die Uniformknöpfe hervorblitzten. Der dicke Bezirkskommandeur sagte gerade ölig: »Siebzehn Jahre war ich lanzenschwingender Kosak – aber den Napoleon habe ich noch zu Fuß aus Frankreich rausgejagt.« – Ein sehr geröteter Infanterist schrie überlaut. – Der Dragoneradjutant sah erst mißbilligend auf den Kameraden vom Lande, dann wieder befriedigt auf seine Hosenfalte. An einem Tisch spielten ältere Herren Skat – der alte Eller fuchtelte mit den Karten... Ein Lachen, Lärmen, Gläserklirren! Modeste interessierte das Bild. Wo's lustig zuging, schaute sie gern. – Und dennoch war es die Rückseite der Medaille, die sie hier sah. Sie fühlte das recht gut. Die Stallwitze, der Bierdunst, das behagliche Sichgehenlassen. Zwei Offiziere traten in den Saal. Der eine schlank und hübsch, ihr Tischherr; der andre behäbig, lächelnd, Falkners einstiger Gardekamerad. »Es sind eben die bewaffneten Reservehorden der Provinz.« »Pfui Teufel! Der Linieninfanterist da drin torkelte ja,« sagte der Schlanke laut. Der Behäbige winkte lachend ab: »Ist ja zum Torkeln da, so 'n Tag! Aber sie werden schon genau so, wie Falkner früher war. Verrückter Kerl, der! Tanzt nicht, spricht nicht, sitzt mit 'ner Pulle Pommery allein in einem Zimmer. Natürlich alles nicht fein genug! ... Ich finde es ganz nett. Namentlich die Mächens. Ganz schnittige Dinger, die litauischen Remonten, zum Beispiel die älteste Gadebusch: Gardedukorps, Chargenpferd, Gewichtsträger. – Die Jüngere geht hinten links nicht ganz korrekt. Verstellte Fessel... Aber die Lindt – ich meine natürlich die Remonte und nicht den Krümper – wie die sich beizäumt beim Walzer! Brillanter Halsaufsatz... Wissen Sie, lieber Mieritz, ich taxiere die Weiber auf Bällen immer genau so, wie die Bauern die Pferde auf dem Wehlauer Markt. Kommt damit am weitesten. – Fehler haben sie natürlich alle. Taugt der Rücken was, hapert's mit dem Gangwerk und umgekehrt. Bei Ihrer Cousine Bussard ist beides bißchen fein, bißchen sehr fein, aber sonst gut, soll dafür auf den Lungen pfeifen. Schade, daß sie weg ist! Blut bleibt doch Blut.« »Meine Cousine scheint mit dem Falkner etwas gehabt zu haben?« »I wo, Mieritz! Der liebt und haßt nur par amour. Ehe wäre ihm, glaube ich, greulich ... Ich weiß eigentlich nicht, warum er sich nicht der kleinen Lindt angenommen hat. War eigentlich sonst sein Genre.« »Wohl sehr Parvenüs, die Lindts?« »Wie Falkner sagt, sogar Halsabschneider.« Modeste hatte kein Wort dieser Unterhaltung gehört – aber wie im Anblick des verödeten Tanzsaals ihr das farbenfrohe Bild des Tages verblaßte, stieg ihr wieder das Bild des Mannes auf, der ihr der Typ des blasierten Gesellschaftsaristokraten schien. Wo war er? Sie hatte ihn seit der Polonäse nicht wieder erblickt. – Sie schlenderte ohne bestimmten Wunsch weiter durch den Ballsaal, der sich langsam mit Tänzern füllte – die Toiletten verknüllt, die Gesichter ohne Frische. Das Fest ward ihr fast leid. – Sie streifte dabei Frida, wie eine völlig Fremde, erblickte Herrn Romeit in seinem unmodernen Frack auf der Galerie. Plötzlich befand sie sich in einem kleinen schwach erleuchteten Raum neben dem Damenzimmer. Ein einsamer Herr saß dort an einem Tisch – der gefüllte Sektkelch abgestanden, die Zigarette erloschen. So sehen müde, vom Jahrmarktstreiben des Karnevals angeekelte Gesellschaftsmenschen aus. »Guten Morgen, Herr von Falkner,« rief sie dreist. »Schon ausgeschlafen?« Er drehte sich langsam um: »Ach, Sie sind's, gnädiges Fräulein! Schon ausgetanzt?« »Nein, ich will erst recht tanzen!« »Und wer ist der nächste Glückliche?« »Ja, raten Sie mal! ... Ich will nämlich mit Ihnen tanzen,« rief sie lachend. »Es ist Damenwahl, und wenn ich Sie engagiere, müssen Sie einfach!« Er stand auf und schnippte sich einen Aschenrest vom Ordensband. »Es tut mir unendlich leid, meine Gnädigste.« »Ich habe Sie angeführt!« lachte sie wieder. »Meine Tanzkarte ist übervoll, und bei der Damenwahl wären Sie ganz gewiß der Letzte.« »Das meine ich eigentlich auch, gnädiges Fräulein.« »Haben Sie noch eine Zigarette?« fragte sie. »O gewiß.« Er präsentierte ihr das zierliche Goldetui mit seinem Namenszug in Brillanten. »Das ist wunderhübsch!« rief sie. »Ja, es ist in der Tat wunderhübsch. Ein Großfürst hat's mir geschenkt, als ich einmal in Petersburg zum Ehrendienst befohlen war!« Er hielt ihr das Streichholz, während sie mit graziös gespitztem Munde zog. »Ich bin nämlich gekommen, um mit Ihnen zu plaudern. – Dreist? – Geniert mich aber nicht weiter. Denn das Tanzen habe ich eigentlich satt ... Sagen Sie, Herr von Falkner, ist das nun eigentlich ein Ball?« »Soll wenigstens einer sein.« »Ich kenne ja die Königshallenbälle auch. Aber das sind doch keine eigentlich vornehmen Bälle. Ich meine, sind die Bälle der großen Welt nicht ganz, ganz anders ...? Also sagen Sie schnell!« Er zuckte die Achseln. »Ja, da müßte ich Ihnen einen ganzen Vortrag halten.« »Gut, halten Sie ihn!« Sie ließ sich auf einen Sessel gleiten mit jener koketten Anmut, die stets die Herren entzückt. Er war stehengeblieben. Und als ob er keinen Blick für diesen Jugendreiz hätte, sagte er nur affektiert langsam, wie es Modeste schien: »Große Gesellschaft ist schon an und für sich eine Lüge, ebenso wie gute, denn alle Gesellschaft ist klein und gemein.« »Um Gottes willen, Baron!« »Jede Gesellschaft ist außerdem ein notwendiges Übel.« »Jetzt geh' ich aber wirklich!« Er aber fuhr unbewegt fort: »Und Sie, meine Gnädigste, gehören in diese Gesellschaft mit Haut und Haaren. Das tut nämlich jede hübsche Frau, die sich gern gut anzieht. Pour le monde il n'y a que du monde.« Im Ballsaal setzte der Faustwalzer ein, leicht, prickelnd. Die Schatten der Tänzer glitten unsicher an der Wand. »Ihr Kavalier vom Dienst wartet, gnädiges Fräulein.« »Mag er warten!« Sie blies den Zigarettenhauch in die Luft. Herr von Falkner lauschte den Tönen. »Tanzen Sie überhaupt, Baron?« »Ich habe recht gern getanzt.« »Und warum nun heut auf einmal nicht?« »Weil ich nicht will, meine Gnädigste.« »Und wenn ich nun wollte, Baron?« Er sah an dem hübschen Mädchen mit einem eigentümlich schillernden Blicke vorüber. »Gelüstet es Ihnen so sehr danach? ... Seien Sie vorsichtig! ... Ich habe noch niemand Glück gebracht, am wenigsten Frauen.« »Vielleicht bringen Sie es mir!« Er horchte wieder auf die Musik. Plötzlich wendete er sich zu Modeste: »Sie wollten wissen, was eigentlich an der sogenannten Gesellschaft dran ist? Eh bien – tanzen wir also!« »Aber natürlich nur zum Scherz und einmal 'rum, Baron!« »Nein, den ganzen Tanz –« »Meinetwegen auch den ganzen Tanz ...« Sie traten in den Saal. Falkner von Öd führte elegant, sicher. Und Modeste hatte sich noch nie so weich, so leicht hingleiten gefühlt. Es war ein Triumph – und sie genoß ihn. Als die letzten Töne verklangen, schienen ihm die dunkeln Augen heiß geworden zu sein. Sie ruhten auf ihrem schönen Hals. »Nun, gnädiges Fräulein, wie war's?« »Sie sind der beste Tänzer hier, Herr von Falkner,« antwortete sie enthusiastisch. Sie wollte gehen. Es war ein ungewisser Instinkt. Aber er ließ sie nicht, führte sie wieder zurück in das kleine Zimmer. Dort konversierte er mit ihr, leicht, lustig. Und immer wieder fühlte sie den Blick auf ihrer Schulter. Sie hatte die Zigarette wieder angezündet, aber sie setzte sich nicht mehr. Während des Gesprächs mußte sie immer denken: »Wenn er nun jetzt um mich anhielte? Und dann müßte ich ihn Du und Xaver Kajetan nennen. Xaver Kajetan, wie komisch! Der Name ginge mir nie über die Zunge ... Aber wie sollt' ich ihn sonst nennen?' Herr von Falkner zwang sie jetzt mit liebenswürdiger Beflissenheit auf den Fauteuil zurück. »Sie sind eine kleine Zauberin ...« »Daß ich nicht wüßte, Baron!« Ihr gefiel das heiße Gleißen in seinen Augen nicht. »Sie sind eine kleine Zauberin dennoch,« wiederholte er. »Sie haben mir Lethe gegeben. Wissen Sie, was Lethe ist? – Sie sollen mir noch mehr Lethe geben, viel mehr! ... Hören Sie, viel mehr! ...« »Ich verstehe Sie nicht, Baron.« Aber es rann ihr heiß über Schulter und Gesicht. Dann nahm er ihr Handgelenk. Das Armband klirrte leise. »Sie sind wunderhübsch, Fräulein Modeste, wunderhübsch! ... Es ist keine leere Schmeichelei! ...« Seine Stimme war ganz leise und heiser geworden. »So etwas brauche ich, Modeste ...« Er hatte sich über sie gebeugt, so nah, daß ihr Stirnhaar unter seinem Atem zitterte. Sie schlug die Augen nieder – es mußte ja der große Moment in ihrem Leben sein ... Aber ein seltsames Empfinden durchpulste sie. Rausch, Ekel ... Sie wußte nicht, was stärker. Als er ihr jetzt den Arm hob und küßte, zuckte sie zusammen. »Sie fiebern, Modeste,« flüsterte er. Sie schüttelte nur den Kopf und preßte die Lippen zusammen. »Du fieberst doch, Modeste ... Oh, ich kenne euch – ich kenne dich sehr gut, du kleiner, lieber, blonder Schatz. Ihr wollt nicht, aber ihr müßt – ja, ihr müßt!« Wie im Traum hörte Modeste die Musik herüberklingen ... Sie schloß die Augen, sie fühlte einen Kuß auf ihren Lippen. Noch einen – noch einen ... Da ertrug sie's nicht länger. Sie riß sich los, sprang auf mit leeren Augen und glühenden Wangen. »Modeste, Vorsicht! Es könnte jemand ...« Da begriff sie. »Herr von Falkner, Sie haben ... Sie sind ... Sie haben also gewagt...« Sie hatte es schreien wollen, aber sie konnte es nur zischen. Da fühlte sie wieder seine Hand an ihrem Arm – der Druck kalt, zwingend. Sie taumelte förmlich in den Sessel zurück. »Bleiben Sie sitzen,« befahl er, »kein Wort, kein Laut! Es ist Ihre Ehre, um die es sich handelt, nicht meine ... denn wenn Sie vielleicht wähnen, daß irgend etwas auf der Welt mich zwingen könnte, so irren Sie sich. Ich habe eben etwas getan, was ich natürlich nicht hätte tun sollen. Aber ich hab's nun einmal getan ... Ich habe mich eben geirrt. Meine Geliebte hätten Sie sehr gut sein können – meine Frau: nie! Hören Sie – meine Geliebte! ... Es ist ein häßliches Wort. Aber ich beschönige nichts. Ich kann eben nur eine Geliebte brauchen – nur eine Geliebte. Und wenn vielleicht an diesem Abend heute einem andern anbetungswürdigen Geschöpf das Herz gebrochen ist, so kann ich ihr auch nicht helfen. Ich kann nicht, ich kann nicht! Wenn Sie mich und mein Leben kennen würden, würden Sie mich vielleicht verstehen ... Es ist ein Fluch, der auf mir lastet – aber ich wollte doch nicht leben ohne diesen Fluch. Verstehen Sie mich? – Ich verstehe mich zum Beispiel heute nicht ... Wenn Sie also verständig sind, vergessen Sie diesen unglückseligen Moment, wie ich ihn vergessen werde! Nehmen Sie an, es war temporärer Wahnsinn von mir – vielleicht war er's auch ... Aber wenn Sie irgend mal im Leben einen Freund brauchen, einen wirklichen Freund, so will ich's wettzumachen versuchen ... Um Verzeihung bitte ich Sie nicht. Denn so etwas kann man nicht verzeihen.« Er hatte leise und scharf gesprochen, mit jener Ruhe, die nur große Erregung gibt. Jetzt gab er ihren Arm frei. Modeste stand langsam auf. »Sie sind ein Schurke – und ich vergesse nichts! Lassen Sie mich allein!« 10 Einen Augenblick stand Modeste starr, leblos – nur die Augen brannten. Der Wendepunkt in ihrem Leben ... Da nahten Schritte. Sie nahm den Rest ihrer tödlich verletzten Eitelkeit zusammen: zu lächeln, zu lügen. – Es war Herr Romeit. »Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich wußte nicht ...« Er wollte sich mit steifer Verbeugung wieder zurückziehen. Sie ließ ihn nicht. Er schien ihr der Retter. Mit hastiger, vibrierender Stimme sagt sie leise: »Herr Romeit, mir ist nicht wohl. Ich möchte nach Hause ...« »Um Gottes willen, gnädiges Fräulein! Ich werde sofort jemand rufen. Ein Stabsarzt ist hier ...« »Sie werden niemand rufen, Herr Romeit, niemand! Nur dem Kutscher werden Sie sagen, daß er den kleinen Schlitten anspannt. Ich will weg – und zwar sofort.« Er besann sich rasch. »Erlauben Sie, gnädiges Fräulein, daß ich selbst anspanne und fahre? Dem zweiten Kutscher kann ich Sie nach Mitternacht unmöglich anvertrauen, er torkelte schon um zehn.« Sie machte eine abwehrende Bewegung. »Aber Herr Romeit, es ist wirklich nichts Schlimmes. Ich verderbe Ihnen den Abend.« »Sie verderben mir gar nichts, gnädiges Fräulein. Was hätte ich hier noch, wenn ...« Er sprach nicht zu Ende. »Also gehen Sie! Gehen Sie!« drängte Modeste. Der Tanz begann wieder, die Musik tat ihren Nerven weh. In der Garderobe schrieb sie noch rasch ein paar Zeilen an die Mutter. »Bin nicht wohl. Darum nach Hause gefahren. Aber derangiert Euch meinetwegen nicht! Ich war wohl nur etwas zu fest geschnürt.« Es war eine so plausible Lüge für den Stern von Barginnen! – Dann ging sie, bis an die Augen vermummt, hinunter in die Eiskühle der Winternacht. Es hatte zu schneien angefangen – feiner, sprühender Schnee, der in dem nebligen Laternenlicht glitzerte. Ein paar Neugierige trieben sich vor dem Haus herum und starrten fröstelnd nach den hellen Saalfenstern und dem warmen Menschenwogen. Der Nachtwächter schritt würdig. Aus der Nebengasse glitt rasch und lautlos der kleine russische Schlitten heran. »Sie haben sich sehr gesputet, Herr Romeit.« »Oh, ich kann schon schnell anspannen, und die Pferde können schon schnell laufen! Es sind die jungen aus dem Arbeitsstall. Haben gnädiges Fräulein bemerkt?« »Ja, ja,« antwortete Modeste zerstreut. »Aber nun fort ... Es könnte noch in der letzten Minute jemand kommen.« »Darum habe ich auch die Glocken abgenommen,« meinte er. »Ich danke Ihnen, Herr Romeit. Sie denken an alles.« Als sie durch die toten Gassen der kleinen Landstadt fuhren, Seite an Seite in die dicke Pelzdecke gehüllt, so daß die Jugendwärme von Körper zu Körper strömte, sagte er besorgt: »Ist Ihnen jetzt besser, gnädiges Fräulein?« »Ja, viel besser. Aber sprechen Sie lieber nicht mehr mit mir, Herr Romeit. Mir wird das Antworten schwer.« Darauf lehnte sich Modeste weit zurück und starrte unverwandt in den feinen, rieselnden Schnee, der die Landschaft verhüllte. Es war eine so reine, köstliche Luft. Keine Menschenseele auf der Chaussee. Kein Laut in der Natur. Nur zuweilen das leise Schnauben der flüchtig trabenden Tiere. Hüben und drüben die Schneemauern – weiß, endlos, verschwommen, an den Böschungen zu phantastischen Bogen gewölbt. Der Schlitten glitt weich hindurch. – Modeste wollte aufatmen. Es lag so viel hehre Ruhe über dieser keuschen, weißen, stummen Winternacht – Aber da mußte sie wieder an die Herbstfahrt denken, ihr ehrgeiziges Träumen – und der Alp drückte schwer ... Der Schnee begann lichter zu rieseln, immer lichter, bis zwischen verirrten Flocken Sterne schläfrig aufblinkten. – Ein Reiter glitt vorüber auf flüchtigem Pferde, den Livreemantel hochgeschlagen. Die scharfen Eisen klirrten auf dem gefrorenen Grunde. Modeste sah ihm nach. »Es ist der Groom aus Eyselin,« sagte Herr Romeit ohne aufzusehen und ließ die Pferde schärfer traben. Modeste tat, als wenn sie nichts hörte, und sah gedankenlos auf die Ebene, die sich jetzt scharf zeichnete. Auf weißem, totem Grunde die schneebedeckten Bäume. – Gehöfte, dunkel umrissen, tot – ein Bild starrer Öde. Sie waren wohl eine Stunde gefahren. Modeste wie zerschlagen, müde, mit dem einzigen vagen Wunsch, daß dieser Tag nur ein böser Traum gewesen sein möge. Herr Romeit, in sich gekehrt, unbeweglich, den Kopf auf die Pferde gerichtet. – Da klang fernes Schlittengeläut. Die beiden horchten auf. Es klang vom Rücken her, aber es klang so scharf, so rasch, und näher, immer näher. Dabei gingen die jungen Braunen einen sehr schlanken Trab. »Wer kann das sein?« fragte Modeste. Herr Romeit hob als Antwort nur die Peitsche und wippte dem Leinenpferd einen leichten Schmiß zu. Die Tiere streckten sich. »Wer kann das sein?« fragte Modeste wieder. »Der muß ja Galopp fahren!« Herr Romeit hob wieder die Peitsche, und ein scharfer Hieb pfiff auf die beiden Rücken. »Er wird uns doch überholen, Herr Romeit.« »Er wird uns nicht überholen!« Aber wie scharf auch die Braunen austrabten, das Geläut klang immer näher. »Wer kann das sein?« »Wer kann das sein!« wiederholte Herr Romeit verbissen. »Nur der Baron aus Eyselin. Es sind seine verwünschten ungarischen Jucker, und er fährt selbst. Das höre ich raus. Aber er soll uns nicht vorbeifahren – er soll nicht!« Da zog Modeste den Baschlik übers Gesicht und sagte nichts mehr. Sie saß wie in einer Lethargie. Der fremde Schlitten war ihnen so nahe, daß das Schnauben der Pferde deutlich durch sein Geläut klang. ›Wenn er nur erst vorüber wäre!‹ dachte Modeste. Sie hatte keinen Ehrgeiz mehr. Aber Herr Romeit hielt die Zügel in der Linken, daß die Leinen brummten, und hieb mit der Rechten unbarmherzig auf die Tiere ein ... Einige Minuten schien's, als wenn die Litauer die Pace durchhalten würden. Da rief eine scharfe, befehlende Stimme: »Vorbeilassen oder rascher fahren!« – Herr Romeit schien es nicht zu hören. Die jungen Braunen gingen langen Galopp, und die Schlittenkufen ruckten und stöhnten. »Vorbeilassen!« rief die Herrenstimme heftig. Da sagte Modeste müde, matt: »Lassen Sie ihn vorüber, Herr Romeit! Es nutzt ja doch nichts ...« Herr Romeit parierte. Im Augenblick glitt auch schon der andre Schlitten vorüber, halb auf dem Schneewall hängend. Die Tiere naß, der Kutscher an die Rücklehne geklammert, um nicht abgeschleudert zu werden. »Verzeihung, ich muß vorbei! Ich will den Jagdzug in Gumbinnen erreichen und habe dazu noch knappe fünfzig Minuten Zeit.« Die letzten Worte Falkners von Öd klangen schon verschwommen. Modeste antwortete nicht, Herr Romeit brummte etwas für sich. Das Geläut war bereits sehr fern. Als es verklungen, fragte Modeste wie träumend: »Wie weit ist eigentlich Gumbinnen noch?« »Zwanzig Kilometer.« »Aber dann ist es doch unmöglich...« »Oh, für den Baron ist alles möglich! Es ist ja auch nicht das erste Paar Pferde, das er an einem Tage zuschanden fährt.« Modeste schüttelte verwundert den Kopf. Woher plötzlich diese verschleierte Abneigung auch bei dem? Ahnte er instinktiv? Das war doch seltsam! ... Und sie lehnte sich wieder zurück im Schlitten und starrte wieder auf die Schneemauern, die hüben und drüben vorüberglitten. Und die ganze ekle Szene ward ihr wieder lebendig. Das abgestandene Glas Sekt, der fadenscheinige Fauteuil und sie selbst in den Armen des Mannes. Wieder tönte in ihren Ohren das empörende: »Meine Geliebte, ja – meine Frau nie!« Dazu die Augen, die auf einmal so kalt blitzten... Und die Scham stieg ihr blutrot in die Stirn, und der Haß sengte ihr die Seele. ›Wenn ich doch einen Bruder hätte! ... Wenn ich ihn doch hätte! ... Er müßte ihn erschießen – er müßte! ... Tot möchte ich ihn sehen – tot... So blaß wie der Schnee hier.‹ Diese Vorstellung erfüllte sie mit wilder Freude. – Und dann ebbte die heiße, schwere Woge von Scham und Rache ab. Sie sah das Leben wieder nüchtern, häßlich, wie's von nun an war. Für Modeste Lindt gab es eben keinen Rächer! Und doch sehnte sie sich nach dem Rächer, suchte nach ihm. – Sie war so heiß geworden, daß sie den Baschlik zurückschieben, den Pelz öffnen mußte. Dabei fiel ihr Blick auf den Mann neben ihr mit dem hübschen, energischen Gesicht, der die Leine so sicher hielt und so gut gehorchte, sobald sie befahl ... Wenn er der Rächer wäre – er? Dieser Gedanke beschäftigte sie. Sie blickte lange prüfend auf den Mann. Die Züge schienen ihr lieb, vertraut wie nie. Er war sicher stark, hatte sicher Mut. Wer liebt nicht die Klinge, die einem Todfeind nach dem Herzen zucken soll! – Und wie im Moment der Leidenschaft die Augen rot sehen, aber scharf, so erkannte Modeste Lindt auch in diesem Augenblick den Mann neben ihr erst ganz... ›Aber der liebt dich ja, liebt dich unsinnig!‹... Sie fühlte es, sie wußte es auf einmal. Eine Glut durchrann sie, ein Hochgefühl... Schnell verrann's. ›Nein, so weit wären wir, Gott sei Dank, noch nicht!‹ Als sie ausstiegen, tat ihr der Mann nur leid. Und aus diesem Gefühl heraus drückte sie ihm warm und freundlich die Hand. Modeste ging sofort in das Turmzimmer. Sie wollte sich ausziehen, schlafen. Man verschläft so vieles im Leben. – Das Ballkleid streifte sie ab. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl. Sie konnte ja doch nicht schlafen, wollte auch nicht schlafen... Das Erwachen am Morgen – unmöglich! ... So sah sie fröstelnd in dem kalten Zimmer, die ausgepfiffene Tänzerin. ›Weißt du, wozu du ihm höchstens gut wärst? Zu – zu...‹ Da ertrug sie's nicht länger hier oben. Halb angekleidet, wie sie war, ging sie hinunter in die kühle, muffige Feudalität der wirklichen Schloßräume. Diese vernünftige Nüchternheit tat ihren Nerven auf Augenblicke wohl. Sie sagte laut vor sich hin: »Was ist eigentlich so Besonderes dabei? Ein Kuß, auch zwei... Niemand hat's gesehen... Aber ich habe mich doch noch nie von einem fremden Manne küssen lassen – so küssen! ... Das habe ich meinen Schwestern überlassen. Ich wollte mich nicht beschmutzen wie sie. Nun bin ich beschmutzter als alle... Aber es ist doch nicht meine Schuld! ... Ich bin eine Lindt. Wir sind eine schreckliche Familie – ich weiß es. Kalt; berechnend. Und ich bin die Schlimmste! Nicht mal Sinne, nur Eitelkeit... Ich kann ja überhaupt gar nicht lieben! Wir können ja alle gar nicht lieben.« Und wieder zischelte es ihr ins Ohr: »Es ist ein französisches Wort, Modeste, es fängt mit dem ›M‹ an, und die Pompadour war auch eine.« – »Ich gehe ins Wasser!« murmelte sie, »ich gehe ins Wasser! Ich kann das nicht ertragen...« Und sie wandelte mit dem Licht in der Hand auf und ab. Und sie wußte eigentlich nicht, warum sie wandelte, aber sie fühlte, daß sie immer so wandeln müßte. Da kam sie auch in das Eckzimmer, Erikas Boudoir, mit dem Grafenkalender und dem verblaßten Bilde. Das Zimmer war noch warm – das einzige warme des Hauses überhaupt. Und diese Wärme tat ihr so wohl, hüllte sie freundlich ein. Die Stimmung schlug um. Ein Herz, dem man beichten, eine Brust, an der man sich ausweinen kann! Warum kam ihr die Sehnsucht gerade hier? Und sie konnte nur bitter lächeln. Das Herz, die Brust gab's ja nicht für sie, weder bei Vater, noch bei Mutter, noch bei den Schwestern. Sie war ja so mutterseelenallein! ... Und sie sah die ganze schreckliche Öde ihres Daseins vor sich, sie fühlte, wie arm sie war... Vielleicht hatte das eitle, lieblose Geschöpf nie so schwer gelitten als in der Stunde, wo sie stöhnend die Liebe suchte und nicht fand... Sie wollte weinen; auch die einzige brennend sickernde Träne wäre Befreiung gewesen – aber sie konnte nicht weinen. Das Licht knisterte, tropfte, ein Räuber zuckte gefräßig. Sie sah's gedankenlos, und wie die Reflexe die Tapete entlang gaukelten. Ihre Augen folgten. Und da sah sie wieder das Bild und begriff das Bild... Und sie stand langsam auf und trat vor das Bild, Schritt für Schritt, zurückgezogen und vorwärts gezwungen zugleich durch die zwei Naturen, die in ihr lebten – die kalte, kluge, die allen offenbar war, und die warme, hingebende, die sie selbst nicht kannte. Und in widerwilligem Schauen ward ihr das alte Bild jung, lebendig. Der heiße Hauch einer großen sündigen Liebe, der diese Frau erniedrigt und erhöht hatte dereinst, strömte ihr entgegen. Und doch war es ein reiner, befreiender Hauch! Dem tödlich verwundeten Weltkinde dämmerte die einzige Wahrheit, daß die Höhen und die Tiefen des Lebens nur dazu da sind, daß man sie mißt, und daß nur aus den Saulussen die Paulusse geboren werden. Die Spreu aber, die gute wie die schlimme, verweht der Wind... Und bei der großen Sünderin fand das kleine Weltkind endlich das verstehende Herz und die mitfühlende Brust. Die Träne rann. Modeste weinte lange und bange wie ein Kind. Als sie wieder in das Turmzimmer hinaufstieg, dämmerte der Wintermorgen. Eine rote Sonne hob sich über der weißen Ebene, kalt, funkelnd, in eisiger Majestät. Von den Insthäusern wallte geschäftig der Rauch. Im Hof krähte der Hahn. Auf der Chaussee wand sich die »Bombe« mühsam durch die Schneemauern. Als Frida an das Bett der Schwester kam, schlief die sanft und ruhig. 11 Judith von Bussard ist doch schwindsüchtig, Falkner von Öd doch verrückt, und Modeste Lindt schnürt sich bis zur Unmoral. Das war das Hauptresultat des Festes. Frau Murrmann, die gern gewissenhaft kolportierte, fuhr schleunigst von Gut zu Gut, um mit leuchtenden Augen und intimsten Details jene Vorgänge zu schildern, die sie ja am besten kennen mußte, weil sie schließlich gar nicht auf dem Balle gewesen war. Der Morgen macht nüchtern. Und Modeste verdroß die Schnürgeschichte doch. Die Gegend war ihr vergällt. Vierzehn Tage später wollte sie mit der Schwester Frida nach Königsberg. Bei Gumbinnen brach der Radreifen der Lokomotive. Kein Unglück weiter – nur daß die wenigen Reisenden eine höchst komische Expedition durch knietiefen Schnee bis zur Station durchzumachen hatten. Der Nordexpreß sollte sie von da weiterbringen. In dem Wartesaal erster Klasse zwei Damen, tief verschleiert, offenbar vornehme Ausländerinnen. Die Jüngere ein auffallend schön gewachsenes Geschöpf, die schlanke Hand mit kostbaren Ringen bedeckt. Sie sprach gerade mit dem Gepäckträger. Gutes Deutsch, aber fremder Klang. Der Mann gab schwerfällig Bescheid: »Ja, wenn die gnädigen Herrschaften den Herrn Baron aus Eyselin meinen, den gibt's schon, aber der ist nicht hier. Vor zwei Wochen, so um drei Uhr morgens – es kann auch 'ne Viertelstund' früher gewesen sein, da hab' ich ihn noch gesehen. Er fährt nämlich 'n bißche schnell, der gnäd'ge Herr. Kam gerade, als der Eydtkuhner Zug einlief. Die Pferd', scheene Pferd' – dunkelbraune, und so abgedreht! Ich half ihm noch aus dem Schlitten. Und da schlackert auf einmal das eine Pferd so mit dem Kopf und dann das andre. Und ich weiß auch nicht, wie's kam, da liegt auf einmal das eine Pferd auf dem Pflaster und dann das andre, beide so richtig breitseit, mausetot. Er soll ja auch dreißig Kilometer gejagt sein wie dammlig und verrückt... Das hat 'n aber weiter gar nicht geniert. Ich sprang noch schnell nach 'm Billett. Der gnädige Herr steigt aber gar nicht ein, sondern rennt nur den Zug 'n paarmal auf und ab und ruft so was Russisches oder Berlinsches. Und zu guter Letzt ist er gar nicht mitgefahren... Wenn er noch kommt, soll ich ihm was bestellen?« Die ältere Dame sagt darauf kurz: »Nein.« Die Jüngere wandte verlegen den Kopf. »Es ist schon gut!« Dann fügte sie mitleidig hinzu: »Die armen Pferde!« »Jedenfalls ist er nicht da, liebe Odi – und du hast deine Pflicht getan.« Darauf sprachen die Damen eine Weile leise und beflissen. Der Expreßzug lief ein. Der Kofferträger kam noch einmal gelaufen. »Der Herr Baron soll in Königsberg sein.« – Die beiden Damen erhoben sich und dankten, beide vornehme Gestalten mit aristokratischen Allüren. Im Vorbeigehen hörte Modeste, wie die Ältere sagte: »In Königsberg verlassen wir das Coupé nicht, Odi!« »Aber wenn er nun da ist?« »Dann ist er eben da... Je eher die Geschichte ein Ende hat, desto besser! Wir sind ja auch zu keinem andern Zweck gekommen. Il est fou, parfaitement fou .« Die jüngere Dame verzog das Gesicht wehmütig. »Du sollst ihn aber nicht kränken! ... Wenigstens einen Gruß möcht' ich ihm noch durch den Mann bestellen. Gepäckträger, wenn Herr von Falkner...« Die Ältere unterbrach sie kurz: »Bitte, keinen Gruß! Er konstruiert sich dann wieder wer weiß was zurecht.« Modeste hatte von dieser Unterhaltung eigentlich nur den Namen gehört. Und der tat ihr schon weh. Den Zusammenhang begriff sie nicht. Sie war wieder müde geworden. Der Anblick dieser vornehmen Ausländerinnen war ihr peinlich – sie wußte eigentlich nicht warum. Es war wohl die große Welt, die Welt, nach der sie sich gesehnt. Und eine Angst vor der Welt, der Wüste erfaßte sie. Es war doch ein fremdes, unheimliches Land, die große Welt! – Und wenn vielleicht gar dieser Falkner in Königsberg wäre am Zug – sie grüßte? ... Oh, sie hätte ihn nie wieder grüßen können, auch wenn die Schwester neben ihr ging! – ›In Litauen geht man sich leichter aus dem Weg‹ dachte sie. – Und auf einmal schien ihr die Landeinsamkeit, zu der sie der Winter alljährlich verdammte, als etwas Köstliches, ein Eden. »Mach schnell, Modeste!« drängte Frida. »Ich komme überhaupt nicht mit.« »Was fehlt dir auf einmal?« »Gar nichts. Aber du weißt ja, ich mache mir eigentlich aus Königsberg nichts. Das Billett kann man wieder zurückgeben.« »Na denn in Gottes Namen, bleib! ... Aber wenn ich je solche Launen gehabt hätte, mir würden sie schon ausgetrieben worden sein. Bei dir findest du sie nächstens selbst reizend. Star der Gegend – wer kann da widerstehen?« »Ja, Star!« wiederholte Modeste mit bebenden Lippen. »Du hast 'ne Ahnung!« Der Zug dampfte ab. Frida grüßte noch einmal flüchtig, dann stand der Star von Barginnen auf dem Bahnhof allein. Nachmittag fuhr Modeste zurück. Als die müden Pferde langsam durch die stumpfe Schneewüste trotteten – der Himmel grau, hangend –, da wollte Modeste doch irre werden an ihrem Heimatsgefühl. »Fahren Sie schneller!« rief sie dem Kutscher zu. Der hieb ärgerlich auf die Pferde. Eine Weile klangen die Glocken munter, dann setzte das träge »Bim, bim« wieder ein, das so gut in die mürrische Winterlandschaft paßte. Der Kutscher fuchtelte. Auf einmal drehte er sich vertraulich zu Modeste: »Gnädiges Fräuleinchen, sie können beim besten Willen nicht schärfer; so 'n Huschchen Heu, und das bißchen klammer Hafer!« Das alte Lied. In Barginnen verhungerte über Winter fast das Inventar. Modeste wußte das nur zu gut. Der Schlitten kroch weiter. Plötzlich rief eine Stimme: »Kommen wohl von 'ner Leich', gnädiges Fräulein?« Es war der alte Eller, der am Wege stand in Pelzjacke und hohen Stiefeln, die Buchsflinte unterm Arm. Er lächelte pfiffig. »Ich habe nämlich Ihren Inspektor 'n Stück gebracht. War auf 'n Augenblickchen bei mir. Und dann hätte ich für mein Leben gern noch so 'n aasigen Reineke bedrückt, der in den Kuseln da drüben immer 'rumschnürt. Der Kreth steigt in meinem Hühnerstall aus und ein, als wenn das so sein müßte, 'n paar Schroten hab' ich ihm vorhin allerdings auf den Pelz gebrannt. War wohl zu weit. Schlug so zwei-, dreimal Koppskegel, trabte dann aber so seelenvergnügt ab wie nie. Gegen Abend wird er wohl wieder höflich auf meinem Hofe anfragen, ob nicht 'n größeres Keuchelgeschäft zu machen ist.« »Fahren Sie doch 'n Stück mit, Herr Eller!« bat Modeste, »Sie sind immer so lustig.« »Und ohne eine Spur von Würdigkeit!« Darauf warf er sich in die Brust, und Frau von Gadebusch sehr komisch kopierend, näselte er: »Der Adel bittet nicht, er gewährt nur!« Dann stieg er rasch ein und lehnte sich gemächlich zurück. »Wie geht's sonst, gnädiges Fräulein?« »So so.« »Aber was machen Sie für Geschichten, gnädiges Fräulein! Auch neulich auf dem Ball... Ihr gutes Schwesterchen und Ihre beiden Freundinnen, die Gadebuschens, die konnten ja gar nicht geraten mit Laufen, damit jeder erfuhr, daß Sie sich mit Ihrem Königsberger Korsettfabrikanten veruneinigt hätten.« Modeste hob die Hand: »Ellerchen, Sie werden dreist!« »Aber, gnädiges Fräulein!« besänftigte er. »Alter Krauter. Über sechzig Jahre. Seien Sie mir nur nicht bös! Es war so 'ne dammlige Rederei.« Dann lächelte er wieder: »Überhaupt merkwürdiges Fest. Erst nehmen sie mir die Groschens im Whist ab, dann wird auch noch der lange Lorbaß, der Wagner, rabiat. Der Falkner jagt aus reinem Pläsiervergnügen noch in derselben Nacht seine Vollblutjucker tot. Und dann der Oberlehrer aus Insterburg – ich meine den, der so häßlich ist und alles weiß – scharmierte der aber mit der hübschen Frau von seinem Kollegen! Soll bildschön gewesen sein... Steht also mit der Frau zusammen und sagt: ›Nicht wahr, ist doch eigentlich furchtbar langweilig hier?‹ – ›Ja, wo wird nicht langweilig sein!‹ antwortet die. – Dann sagt er wieder: ›Man mühte sich so 'n bißchen mehr für sich amüsieren‹ – ›Ja, Herr Professor, ich bin sehr dabei!‹ – ›Was meinen gnädige Frau zum Beispiel zu so 'nein kleinen Schritt vom Wege?‹ – Sie klatscht in die Hände: ›Reizend, reizend! Ich brenne drauf – aber nur nicht mit Ihnen, Herr Professor!‹ Eitler Kerl ist er doch, und gewurmt hat's ihn natürlich... Und so gegen fünf Uhr morgens, da sehe ich, wie der Kreth so ganz vollgesogen sich am Büfett lang tappt, so feucht vor sich hinlächelt und bei jedem Schritt sagt: ›Ach, wie reizend und gemütvoll! ...‹ – ›Doktorchen‹ ruf' ich, ›Sie wandeln wohl nacht? ...‹ Und da fährt er aber so zusammen wie 'n Mondsüchtiger und wäre um ein Haar hingeschlagen und hätte auch noch sämtliche Gläser vom Büfett mitgenommen... Eigentlich schad', daß er's nicht tat! ... Jetzt ist er mir natürlich spinnefeind!« Darauf fuhr sich der alte Vokativus mit der Hand nach dem Kopf und rief scheinheilig: »Um Gottes willen, gnädiges Fräulein! Was erzähl' ich denn da für Sachen vom ›Schritt vom Weg‹ und so weiter! ... So was dürfen Sie ja gar nicht hören... Sie haben's doch auch hoffentlich nicht verstanden? – Nicht wahr, Sie haben's doch nicht verstanden, Fräulein Modestchen?« – Und als Modeste, rot geworden, sich abwandte, scherzte er wieder unbedenklich: »Bös? – Das steht Ihnen ja gar nicht, Modestchen! Das dürfen Sie sich nicht erst angewöhnen... Aber jetzt muß ich schleunigst raussteigen, sonst werd' ich rausgestiegen mit 'nem Muzkopf hinterdrein!« Da mußte Modeste lachen. Aber es war nicht das alte Lachen. Herr Eller tippte dem Kutscher auf die Schulter, kletterte aus dem Schlitten und sah prüfend nach Westen. »Es krieselt schon so fein. Möglich, daß wir Stiemwetter kriegen ... Und nun, gnädiges Fräulein, machen Sie, daß Sie nach Haus kommen, und grüßen Sie Ihr Papachen und sagen Sie ihm so beiläufig, daß er 'n bißchen schärfer füttern möcht'.« Leiser fügte er hinzu: »Ihr Romeit geht ja nun doch! Selten tüchtiger Mensch, Ehrenmann durch und durch! Den kriegt Barginnen so leicht nicht wieder ... Ihr Papachen hätte das bedenken sollen ... Heute ließ der junge Mensch nun schon ganz den Kopf hängen. Will überhaupt weg aus Deutschland, womöglich nach Amerika und was so dammlige Ideen von jungen Leuten sind. Aber tüchtig ist er und bleibt er! Und wenn ich für einen die Hand ins Feuer leg', so tu' ich's für den Romeit. – Also adieu. Nächstens komme ich 'rüber zur Partie.« Modeste fuhr weiter. Sie war nachdenklich geworden. Alles drängte doch weg von Barginnen und Lindts ... Schließlich, was ist ein Inspektor? ... Aber er war doch ein andrer gewesen als die andern, auch ihr. Ein Gefühl der Dankbarkeit regte sich, der Gemeinsamkeit. Es dämmerte. Dicker Schnee wirbelte, scharfer Wind blies. Die Pferde schnaubten und kamen nur mühsam vorwärts. Ein weißes Chaos ringsum. »Ich weiß nicht, ob wir durchkommen. Es verweht immer mehr,« sagte der Kutscher. Und Modeste dachte mit geheimem Grauen an eine Nacht im Schnee. Gerade heute sehnte sie sich nach einem warmen Nest. Endlich starrte etwas Graues, Ungewisses. Das Schloß, aber kalt, tot, ohne ein einziges Licht. Die Eltern jedenfalls ausgefahren, das Gesinde wahrscheinlich im Dorf. Modeste ward es bald müde, fröstelnd in der zugigen Durchfahrt zu stehen und an der verschlossenen Tür zu läuten. Vom Dorf her klang verschwommene Musik. Es mochte wohl bei Lehrers sein, die gern lustig waren und gern Feste feierten, unbekümmert um die sauern Gesichter des Patrons. »Die Else hat, glaube ich, heute Geburtstag, und unsre Leute werden unterm Fenster stehen und zusehen, wie der Alte fiedelt...« Sie ging über den Hof. Eine trübe Stallaterne schwankte. Ein dumpfer Knechtsgruß. Aus dem Kuhstall quoll warmer, dicker Dunst. Hinter der geschlossenen Pferdestalltür machten die jungen Hunde täppisch ihre ersten Bellversuche. Zuweilen knurrte die Mutter warnend dazwischen. Modeste blieb stehen und hatte nicht übel Lust, ihren dicken braunen Unhold schon jetzt mitzunehmen, daß er mit seiner Kinderlust und Kinderwärme die einsame Turmstube erhelle. Aber sie dachte an den Kampf mit der Mutter und ließ die Türklinke wieder los... Die beschlagenen Fenster der Dorfhäuser tauchten auf, ein Herd flammte. Das Knarren des Webstuhls, Kindergeschrei, dazu das kopfnickende »Jo, jo« irgendeines alten Weibes. Im Schulhause Musik, Lachen, Gläserklirren. Die beschneiten Bienenkörbe davor standen sehr würdig mit hohen weißen Nachtmützen. Burschen und Mädchen lungerten kichernd umher. Das helle Kreischen der blonden Jungfer klang unverkennbar. Modeste rief ärgerlich hinüber: »Wer vom Schloß da ist, hierherkommen!« – Die Gesellschaft huschte mit leisem Schrei auseinander, die Jungfer kam beflissen durch den hohen Schnee gewatet und sagte verwundert: »Ach, gnädiges Fräulein sind's! ... Ich konnte doch auch nicht wissen – und der Herr Lehrer geigt so wunderschön!« »Ja, ja, gib mir nur den Schlüssel und bleib!« »Den hat, glaube ich, die Mamsell. Ich weiß aber nicht, wo die ist, vielleicht bei Hofmanns.« »Na, dann werde ich wohl bei einem Instmann auf der Lucht logieren dürfen,« meinte Modeste schlecht gelaunt und ging zurück, diesmal auf einem Umweg durch den Park. Sie wußte eigentlich nicht recht wohin... Die alten Bäume starrten so unnahbar, die weiß verwehten Bosketts hoben sich wie Grabhügel aus dem Flockensturm. Hinter dem Birkenwäldchen endlich unsicherer Lichtschimmer. Modeste dachte, daß vielleicht Herr Romeit den Schlüssel habe und sie zu ihm gehen könne. Durch das offene Fenster sah sie ihn genau. Er stand vor dem Sofatisch in einer alten Jagdjoppe, aber schlank und hübsch wie immer, wenn ihn nicht der Gesellschaftsrock beengte. Er schüttete gerade Weizen in ein Messingmaß, die Hand glitt sorglich glättend über die rieselnden Körner. Dann starrte er wieder auf den Boden mit finsterem Gesicht. Modeste trat rasch entschlossen ins Haus und klopfte. »Wer ist da wieder?« klang es zurück. Darauf ein rascher, federnder Männerschritt. »Herr Romeit!« »Gnädiges Fräulein!« Er war zusammengezuckt. Modeste strich sich das anmutig verwirrte Stirnhaar zurecht. Das Gesicht rosig und frisch. »Haben Sie vielleicht den Hausschlüssel?« »Den vom Schloß? – Nein.« Er hatte Modeste einen Stuhl hingeschoben. Auf dem Kanapee lagen die Rechnungsbücher aufgeschlagen. Sie setzte sich. Der braune Kachelofen sprühte. Das Gefühl wohlig stechender Wärme durchrieselte sie. »Sie sind wieder bei der Arbeit?« Er sah ohne Freude auf das große Speicherbuch. »Ja. Aber wo mag denn eigentlich der Schlüssel sein?« Ihr war's ganz heimlich in dem einfachen Zimmer mit der Kalkwand und den Fichtenstühlen. In dem Sofaspiegel sah sie ihr Bild, und das gefiel ihr sehr. »Ich werde mit Ihrer Erlaubnis, Herr Romeit, zehn Minuten warten. Es ist unangenehm kalt draußen. Dann wird sich wohl endlich einer besonnen haben auf den Schlüssel.« »Darf ich gnädigem Fräulein etwas anbieten? Ich weiß zwar nicht...« Sie lachte. »Vielleicht einen Kümmel wie dem Fleischer? – Nein, das können Sie wirklich nicht verlangen!« »Aber vielleicht Tee? – Ich kann ihn schon machen. Ich mach' ihn mir jeden Morgen selbst.« »Tee?« scherzte sie weiter, »das wäre das Schlechteste noch nicht... Und Sie sagen, Sie trinken ihn sogar morgens? Ich weiß eigentlich niemand in der Gegend, der morgens Tee trinkt... Das ist so englisch-amerikanische Sitte. Ich denke, Sie wollen ja auch hin?« »Wer hat das gesagt?« fragte er kurz. »Nun zum Beispiel ich.« »Nein, das kann nur Herr Eller gewesen sein,« sagte er bestimmt. »Er kann auch nichts bei sich behalten!« »Sie sind aber sehr undankbar gegen ihn! Er hat nur nett über Sie gesprochen. Wissen Sie, was er gesagt hat?« »Ich will's gar nicht wissen,« antwortete er nervös. »Was ich kann, weiß ich selbst. – Aber daß er so indiskret sein konnte!« Er war rot geworden und ärgerlich. »Machen Sie mir lieber Tee, Herr Romeit!« sagte sie munter. »Für Sie mit Rum, für mich, bitte, ohne.« Darauf trug er gehorsam die alte Berzeliuslampe aus der Schlafkammer herbei, spülte eine Tasse und ein Glas. Die Spiritusflamme leckte, der Kessel summte. Modeste sah zu und wunderte sich, wie geschickt die braunen Hände hantierten. »Ich hätte das eigentlich selbst machen können, Herr Romeit,« meinte sie, während er den Tee in die Kanne schüttete. »Herren benehmen sich dabei immer so rührend ungeschickt. – Aber Sie benehmen sich gar nicht ungeschickt!« Er sah sie von der Seite an. Witterte er den kühlen Spott der Lindts, den er gar nicht vertrug? »Nein, ich meine es im Ernst, Herr Romeit.« Sie griff nach dem Speicherbuch und blätterte. »Sie schreiben auch eine hübsche Hand. Eine energische Hand. Das mag ich.« »Ich schreibe aber sehr ungern,« erwiderte er. »Gott, ich tue auch manche Arbeit ungern – eigentlich jede, wenn ich ehrlich bin.« »Da sind aber gnädiges Fräulein nicht gut dran.« »Wieso?« fragte sie kühl. Er zuckte mit der Schulter. »Gott, wenn unsereiner nicht die Arbeit hätte!« »Sie haben hier viel zu tun, Herr Romeit?« »Ich habe mein Lebtag viel zu tun gehabt – aber ich habe immer gern gearbeitet.« Mit einem etwas verächtlichen Lippenzucken fügte er hinzu: »Sie sind eine Dame, Sie kennen's nicht anders. – Ich aber brauche die Arbeit. Dumme Ideen bringt man sich nur durch Arbeit weg... Oder denken Sie vielleicht, unsereiner hat nicht auch seine Kämpfe? – Die Empfindungen bei den Herrschaften mögen feiner sein und unsre Ehre stumpfer – aber wir haben beides.« Er hielt inne. Die Stimme bebte ihm leicht. Auch die Hand tastete unsicher, als sie die Flamme zurückschrauben wollte. »Ja, gnädiges Fräulein,« sagte er plötzlich hart, »ich werde allerdings von Barginnen weggehen, aus Preußen überhaupt. Je weiter, je besser. Ich meine, wer jung ist und arbeiten will, der findet überall seinen Platz... Ich habe gar keine Bedürfnisse, ich schlage mich schon durch.« Modeste war aufgestanden und trat zu ihm. »Herr Romeit, ich spreche ganz ehrlich zu Ihnen, wollen Sie mir ebenso ehrlich antworten?« »Ja. Wenigstens soweit ich kann.« »So antworten Sie mir, Herr Romeit! Gehen Sie wegen meines Vaters?« »Nein.« »Wegen der Gutsverhältnisse überhaupt?« »Nein.« »Weswegen denn?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen, gnädiges Fräulein... Ich gehe, weil ich eben gehen will und gehen muß.« »Ja, allerdings dann...« Sie war zurückgegangen zu ihrem Stuhl und blätterte wieder im Speicherbuch. Was ihn forttrieb, wußte sie jetzt wohl. Aber sie begriff doch nur halb. Es war eben die andre Menschenklasse, die doch auch anders fühlen mußte, nach ihrem Gefühl... Und was ihrer Eitelkeit früher vielleicht geschmeichelt hätte dabei, heute schmeichelte es ihr nicht mehr. Gerade die Eitelkeit war damals am schwersten getroffen... Und dann dachte sie wieder an das einsame Schloß, an den einsamen Winter, und daß der Mensch ging, den sie eigentlich immer gerngehabt hatte, wie eine Königin den Pagen. Sie stand ja so hoch über ihm! Das Wasser brodelte. Herr Romeit goß den Tee auf. Später kostete Modeste mißtrauisch. »Er schmeckt gut – sehr gut! Und mit der Bedürfnislosigkeit scheint's doch nicht so weit her. Der Schloßtee ist jedenfalls schlechter.« Und dann saßen sie gemütlich beieinander, tranken Tee, sprachen von den schlechten Schlittenwegen, von dem Frühling und der zurückgebliebenen Remonte. »Ich werde das bißchen Reiten bis dahin ganz verlernt haben,« klagte sie. »Kommt wieder, gnädiges Fräulein, kommt wieder!« »Sie haben gut reden, Herr Romeit! Sie erleben es ja nicht mehr, wenn ich 'runterfalle.« »Das erlebe ich allerdings nicht mehr.« Dann sagte sie, warm geworden vom Tee, wunderlich eingesponnen von der einfachen Gemütlichkeit, die der braune Kachelofen drinnen ausströmte und der weiße Flockentanz draußen: »Was wollen Sie eigentlich jetzt im Winter gehen, Herr Romeit? – Da ist's doch auf allen Gütern gleich. Entweder fußtiefer Schnee oder fußtiefer Schmutz. Und wenn das bißchen Viehzeug nicht wäre und das Dreschen, könnten Sie doch eigentlich ruhig die Wohnung abschließen und drei Monate auf Urlaub gehen!« Er sah finster vor sich hin. »Also bis zum nächsten April, Herr Romeit?« »Nein, gnädiges Fräulein.« »Und wenn ich Sie nun darum bitte? Ich bat schon einmal.« »Nein, gnädiges Fräulein.« »Und wenn ich Ihnen sage, daß Sie mir damit persönlich einen Gefallen tun! Die Menschen,« fuhr sie rasch fort, als wenn sie über sich selbst hinwegeilen wollte, »die Menschen, die mich gernhaben, die kann ich leicht zählen, und die Menschen, die mich nicht gernhaben, die brauche ich gar nicht zu zählen. Es sind ihrer übergenug.« »Aber gnädiges Fräulein wurden doch so bewundert auf dem Ball!« »Ach, sprechen Sie nicht von dem Ball, Herr Romeit!« Das Blut schoß ihr in die Schläfen. »Oder sprechen wir gerade davon!« Sie vergaß sich ganz. »Ich war nicht etwa krank, Herr Romeit... ich habe nur etwas erlebt, was ich nicht zum zweitenmal wieder erleben möchte... Es mag meine Schuld sein – es ist sogar meine Schuld... Trotzdem...« Sie atmete so rasch, daß ihr ganzer Körper zitterte. »Trotzdem – ich hätte nur einen Wunsch: der Falkner läge erschossen hier!« Herr Romeit war langsam aufgestanden, mit einem tückisch-heißen Augengleißen. »Gnädiges Fräulein,« sagte er ganz leise und gepreßt. »Was Sie befehlen, tue ich.« Sie sah ihn entgeistert an. »Herr Romeit!« »Ja, ich tue es, ich tu's...« wiederholte er starrsinnig, den Kopf an ihrem Kopf, wie ein Verschwörer. Bei dem Ton der letzten Worte besann sie sich, sprang verwirrt auf. »Was habe ich denn da gesagt? – Ich bin wohl nicht bei Sinnen... Es ist Unsinn, Unsinn – ein Nichts. Sie würden lächeln darüber. Eine Lappalie...« Aber der seltsam entschlossene Ausdruck des Männergesichts blieb derselbe. »Herr Romeit, es ist ein Unsinn, wiederhole ich Ihnen noch einmal, und wenn Sie sich auch nur in Gedanken einfallen lassen wollten...« Er schwieg. An der Tür klopfte es. Modeste flüsterte, auf einmal sehr nüchtern geworden: »Es darf mich niemand hier sehen! Ich trete rasch ins Nebenzimmer. Und, Herr Romeit,« fügte sie hastig hinzu, »Sie werden vergessen, was ich gesagt habe. Ich habe beinah Angst... Und nicht wahr! Sie werden bleiben?« Sie hielt ihm die Hand hin. Er beugte sich auf die Hand, sie zu küssen. »Nein, nicht so, nicht so! Sie sollen mir nur versprechen, daß Sie schweigen werden und nie etwas tun.« »Ich werde schweigen, und ich werde bleiben, weil's gnädiges Fräulein befehlen.« Modeste verschwand in der Kammer. Die blonde Jungfer kam aufgeregt herein: »Ach Gott, Herr Inspektor, ach Gott! Wo ist denn das gnädige Fräulein? Die Herrschaften sind zurückgekommen – und nun soll ich schuld sein. Die alte Mamsell kriegt ja immer recht... Und Sie sollten mit Leuten und Laternen auf der Stell' kommen... Der Alte hat sich schon ganz heiser geschimpft.« »Ja, ich komme sofort,« antwortete er und knöpfte die Jagdjoppe zu. Als die beiden gegangen, schlüpfte Modeste lautlos in den Park. Nach einer Viertelstunde kam der Stern von Barginnen wie von ungefähr im Schlosse an. »Da ist sie ja,« lispelte der alte Lindt herzlich erfreut. »Da bist du ja, Modeste!« sagte die Mutter gleichmütiger. »Ich wußte...« »Nein, du wußtest gar nichts, Luise!« rief zornig der Alte. »Aber das kommt alles von der Schwefelbande, den Inspektoren, das fährt zum Grog und läßt Gut Gut sein ... Man ist eben viel zu gutherzig, viel zu gutherzig!« Modeste erzählte angesichts dieser Erregung eine schnell erfundene Geschichte, daß sie nämlich im Park herumgegangen sei, dann bei Lehrers am Fenster der Musik zugehört habe. »Ich hatte wirklich keine andre Wahl, Papa.« »Ja, ja, Kindchen,« beruhigte der Alte, »die Hauptsache ist, daß du wieder da bist... Aber der Lehrer,« fuhr er sich erbosend fort, »ist erst recht 'n gemeiner Kerl, ganz wie der Romeit, aufsässig und unzufrieden.« Er fuchtelte währenddem mit einem Brief, der ihm wahrscheinlich größere Qual verursacht hatte als Modestes Verschwinden. »Da hat man nun dem Kerl aus reiner Menschenfreundlichkeit die neue Schule gebaut! – 'n Palais einfach! Aber die Regierung fürchtet sich ja direkt vor diesen Schulmeistern. – Und da beschwert sich der Kerl jetzt wieder wegen des Richtstrohs. Es wäre überhaupt kein Richtstroh und muffig und vom vorigen Jahre. – Dabei habe ich es selbst ausgesucht. – Aber die Gesellschaft steckt ja sämtlich unter einer Decke. Und der Romeit hatte noch vor fünf Minuten die Frechheit, mir zu sagen, daß es gar kein Richtstroh gewesen wäre und er hätte es nur auf meinen besonderen Befehl geschickt...« Der alte Knochenmehlhändler hatte sich ganz atemlos gelispelt. »Und wenn's auch Zehnmal kein Richtstroh gewesen wäre und muffig und vom vorigen Jahr – das weiß ich ebensogut – aber der Schulmeister wird doch nicht mit seinem Patron debattieren dürfen über Recht oder Unrecht! Da hört ja die Weltgeschichte auf... Mag er bei der Regierung klagen, ich lasse mich auf nichts ein – nichts!« Und er faßte instinktiv nach der Westentasche, wo der Geldschrankschlüssel so sicher geborgen war. Die Mutter Lindt, ohne Nerven wie stets, sagte nur: »Ärgere dich doch nicht, lieber Mann, über diese gemeinen Menschen! Es lohnt sich nicht.« Zur Tochter aber wandte sie sich mißbilligend: »Bei Lehrers am Fenster zu stehen und zuzusehen, wie das Geburtstag feiert, das schickt sich nicht! Du Hast überhaupt zuweilen gewöhnliche Passionen, wie Erika ganz richtig schreibt ... Vergiß, liebe Modeste, nie, was du deinem Stande schuldig bist!« Modeste, die heute nicht auf Standesrücksichten gestimmt war, antwortete sehr kühl: »Ja, Mama, dann hätte eben das Haus nicht abgeschlossen sein müssen, worauf ich wirklich nicht vorbereitet war.« »Oder du, liebes Kind, hättest nicht aus Gumbinnen zurückkommen müssen, worauf wir erst recht nicht vorbereitet waren.« Der Alte, dessen Liebling Modeste immer gewesen, antwortete darauf würdig: »Doch besser so, daß du wiedergekommen bist, Modestchen! Königsberg kommt noch später zurecht... Ich habe seit neulich so meine Gedanken. – In der Gegend bleibst du vielleicht gerade, liebes Kind.« »Oder ich bleibe vielleicht gerade nicht, lieber Papa!« »Das wird sich finden. Ich weiß, was ich weiß. Im übrigen übereile ich nie etwas.« Modeste ging früh zu Bett. Schlafen konnte sie nicht. Sie war unzufrieden mit dem Tag und mit sich. Woher eigentlich diese plötzliche Wallung von Vertrauen, Freundschaft? Allen gegenüber hütete sie ihr Herz, log – diesem Mann allein gab sie das Innerste preis, war rücksichtslos wahr. – Hatte die Mutter am Ende doch recht mit ihrer Warnung? ... Und dann war's ihr doch wieder ein heiß prickelndes Gefühl, wenn sie dachte, daß ein Mann bereit war, auf einen Wink von ihr zu töten. Es war ein schauerlich schönes Gefühl. 12 Weihnachten kam, Lindtsche Weihnachten. Die Zimmer ein wenig wärmer, die Lichter ein wenig heller. Unter dem Tannenbaum nüchterne Geschenke, statt des Lieblingswunsches Geld. Herr Romeit war nach Hause gefahren. – Sonst die gewöhnliche Weihnachtsgesellschaft. Axsils mit dem kleinen Dagobert, Frida. Der Graf konferierte den halben heiligen Abend wegen einer Fischotter mit dem Gärtner; die Gräfin revidierte habsüchtig alte Truhen. Frida saß den ganzen Tag am Klavier. Festfreude empfand eigentlich nur der kleine Dagobert, der das ganze Schloß mit dem Knall seiner neuen Peitsche erfüllte. Am heiligen Abend wurde Tee getrunken. Die Gegend passierte Revue. Herr Lindt ging mit dem Lichtlöscher um den Baum, und wenn eine Flamme nach einem Zweig haschte, dämpfte er die Freude. »Ach, laß doch 'n bißchen brennen, Papa,« rief Modeste, »es riecht so weihnachtlich!« »Damit das ganze Haus nächstens absengt!« brummte er ... »Da ist mal wieder mit dem Wachsstock gequast worden ...« »Modeste und ich haben's getan,« sagte der Graf scharf. »Ich dächte, das wäre recht gleichgültig, ob ein bißchen mehr oder 'n bißchen weniger Wachs verbraucht wird an solch einem Tage.« Der Alte senkte das Lichthütchen. »Ich meine ja auch nur so ...« Es gab einen gewissen gräflichen Tonfall bei seinem Schwiegersohn, der den alten Knochenmehlhändler auch unfehlbar dämpfte. Die ewig handarbeitende Mutter sah mit leisem Vorwurf zu Erika auf. »Ich möchte eigentlich morgen allein zu Falkner 'rüberfahren,« sagte der Graf lässig. »Ich habe ihm Grüße zu bringen von einem Petersburger Diplomaten, der die schönste Frau der Welt haben soll, nur wird sie niemals gezeigt, weil sie entweder Migräne hat oder im Auslande weilt. Ständige Frage im Klub, wenn ein Neuer kommt: ›Haben Sie die entzückende Gräfin Soundso schon gesehen?‹ – ›Nein. Sie?‹ – ›Ich leider auch nicht.‹ – Darauf ein wieherndes Gelächter allerseits, in das der gute Ehemann am kräftigsten mit einstimmt. Er hat nämlich seine Frau, glaube ich, auch noch nicht gesehen.« Die Gräfin Axsil verzog darauf lächelnd den Mund und versuchte gleichfalls eine vornehme Geschichte zu erzählen. Jedoch der Gatte, der diese Geschichte zur Genüge kannte, wiegelte ab. »Die Großfürstin später, liebe Erika!« Modeste fuhr sich mit beiden Händen nach den Ohren: »Um Gottes willen nicht nochmal die Großfürstin! Ich weiß noch genau. Du hast sie gegrüßt, und sie hat dich wieder gegrüßt, und dann hat sie ein Taschentuch verloren, und du hast's ihr gebracht, und sie hat gesagt: › Merci, madame! ‹« Darauf befremdliches Schweigen. Nach einer Weile Erika eisig: »Modeste hat sich ja sehr zu ihrem Vorteil verändert.« »Habe ich das? Außerordentlich gnädig!« gab der Stern von Barginnen spitz zurück, stand auf und ging hinaus. Die Familie schaute ihr etwas kopfschüttelnd nach. »Sie hat Manieren, lieber Papa, Manieren! Was habe ich immer gesagt, Mama, Frida?« Darauf der Graf versöhnlich: »Wundert mich allerdings auch. Sie war sonst auf dem Großfürstinohr gar nicht taub. Vielleicht Nerven... Ich mag sie aber sehr gern. Wahrscheinlich, weil sie doch am Ende das besitzt, was wir andern am wenigsten besitzen, nämlich Frische... Sie ist jetzt in dem nihilistischen Alter. Das machen alle jungen Menschen einmal durch... Und Erika, du erzählst die Geschichte mit der Großfürstin wirklich 'n bißchen oft. Du weißt, glaube ich, schon gar nicht mehr... Dagobert, lauf und ruf sie wieder 'rein!« Dagobert, ein sehr gehorsames Kind, ging sofort, aber vergebens. Modeste war hinabgegangen vors Haus. Es war wahrhaftig nicht die Großfürstin allein, es war vielmehr der Name Falkner von Öd, der sie so gereizt hatte. Die Wunde brannte noch immer, tat so weh. – Und wenn ihr Schwager nun morgen hinüberführe und wenn der Öd als echter Lebemann doch wortbrüchig würde, durchschimmern ließe ... Er hatte sie ja tatsächlich in seinen Armen gehalten und mit seinen Küssen bedeckt! – Das »Nachher«, lieber Gott, wer glaubt denn das nach dem »Vorher«?! Es war eine klare, kalte Sternennacht mit dem freudigen Festglitzern, der reinen Winterluft; weihnachtlich auch in ihrer feierlichen Stille. Modeste ging durch den Park. Der Schnee knisterte, ein hungriger Hase sprang aus einem Boskett. Die Fichten so düster, so majestätisch. – Sie ging durch den Hof. Kein Mensch. Nur die bedächtig malmenden Kühe im Stall, die schnaufenden Pferde, die kindisch bellenden jungen Hunde. Weihnachtsfrieden auch hier. Modeste hatte auf einmal die Vorstellung, als kauten die Pferde Weihnachtshafer und wüßten das. – Sie ging durchs Dorf. Helle, freudige Fenster, wie Widerschein des Christfestes. Muntere Menschenstimmen, froher Kinderlaut, in dem Lehrerhause wieder Musik – aber ein geistliches Lied. Sie unterschied deutlich die hellen Stimmen der Mädchen, die einst ihre Jugendgespielinnen gewesen. Es wurde ihr fast weinerlich ums Herz. Hier feierte alles Weihnachten. – Die Herzen waren warm. Warum war ihre eigne Heimat immer so kalt? – Auch nach dem weißen Birkenwäldchen ging sie. Es war wie unbewußt. Und als sie vor das Haus trat mit den verschlossenen Laden, da suchte sie nach einem Lichtstrahl zwischen den Holzritzen. Sie wäre so gern hineingegangen, hätte mit ihm gesprochen von der Kindheit, von Weihnachten, überhaupt von all den schlichten Freuden, die sie eigentlich nie gekannt und die doch hinüberleuchten sollen bis zum Grab. Und einem dunkeln Instinkt folgend sagte sie für sich: »Ich gehöre überall hin, nur nicht in dieses Schloß.« – Sie ging zurück. Als sie wieder an dem Stall vorbeikam mit den schnuppernden Hunden, da blieb sie, einem jähen Impulse folgend, stehen und öffnete die Tür. Die braune Gesellschaft quoll aus dem warmen Nest und sammelte sich wedelnd und bellend um den Eindringling. Die Mutter erhob sich nur langsam. Sie waren schon so groß geworden, die Kinder, und mehr eine Last als eine Freude. – Modeste erkannte sofort ihren Hund. Er war der dickste und frechste und riß ihr am Kleidersaum. Und sie hob ihn zu sich, ob er sich auch knurrend wehrte, und drückte ihn so fest an die Brust, daß er ängstlich jaulte. Dann schloß sie rasch wieder die Stalltür. Die Mutter heulte auf und kratzte an der Tür. Modeste aber eilte davon mit dem Raub. »Du hast noch so viele! Und ich will auch etwas Warmes haben!« Am Abend gab's noch einen großen Kampf wegen des Hundekorbes und der Hundedecke, die das Turmzimmer entweihen sollten. Aber Modeste drückte ihren Pflegling nur um so fester an das Herz: »Es ist mein Weihnachtsgeschenk. Ich behalte ihn, was ihr auch sagt!« »Ich schmeiße die Töle zum Fenster heraus,« drohte Frida. »Ja, versuch's nur! Aber ich will's dir nicht raten ...« Sie ging auch gleich darauf in das Turmzimmer und hüllte den sich wild Sträubenden warm ein. »Ja, sie hat sich doch sehr zu ihrem Nachteil verändert. So was Gewöhnliches! Ich weiß wirklich nicht, ob man sie jemals wieder auffordern kann,« sagte Erika abends im Schlafzimmer zu ihrem Gemahl. Er aber, der doch auch Herzensaristokrat sein konnte, antwortete nur: »Liebes Kind, keine altadligen Airs, wenn's sein kann! ... Gerade, daß sie sich den Hund gegen euch alle erkämpft hat – das imponiert mir. Er ist übrigens von einer tadellosen Mutter. – Und laß, bitte, ein für allemal die Großfürstingeschichte! Sie fällt mir nächstens auch auf die Nerven.« Die Folge dieser Unterredung war, daß Erika sich bewundernd in ihrem Stehspiegel besah und dabei die merkwürdige Entdeckung machte, daß sie doch eigentlich viel mehr Gräfin als er Graf. Die gute Erika! Sie war des alten Knochenmehlhändlers echteste Tochter. 13 Am ersten Feiertage war die Familie frühzeitig nachmittags weggefahren. – Der Graf allein nach Eyselin zu Falkner von Öd, Lindts nach Bussardshof. Modeste hatte Kopfweh vorgeschützt und blieb im Schloß. Sie war so froh des Alleinseins! ... Jetzt erst duftete ihr der Weihnachtsbaum, jetzt erst wärmte sie der Ofen. Der kleine, braune Unhold sprang kautschend umher, nagte an den Sofatroddeln, erboste sich über den eignen Schwanz, bis er endlich todmüde auf dem Teppich einschlief. Modeste saß dabei, die » Christmas Carol « von Dickens in der Hand, die sie sonst herzlich gelangweilt hatte. Der milde Zauber der Weihnachtsbelehrung, der dieses Kinderbuch für Erwachsene so weich umfließt, floß auch in ihr Herz. Sie hatte die dunkle Vorstellung, daß Viktor Scrooge eine verzweifelte Ähnlichkeit mit ihrem Vater haben könne – freilich nur im Bösen... Dann sah sie wieder auf den warmen, weichen braunen Unhold, der, gerade erwachend, sie mit törichten Kinderaugen anblinzelte, und sie sprach rasch: »Aber ich bin keine Scrooge, ich will keine sein!« Und der Hund streckte sich gähnend, und Modeste setzte sich zu ihm auf den Teppich, und sie begannen beide zu spielen wie töricht glückliche Kinder – bis der Unhold plötzlich laut blaffend nach der Zimmertür schoß, aber schon auf halbem Wege sich in einem großen Salto mortale überschlug. Der alte Eller streckte gleich darauf den Kopf herein – er war sehr festtäglich angezogen mit Bratenrock, Begräbniszylinder und Leichenbitterhandschuhen. »Aber so kommen Sie doch 'rein, Ellerchen!« rief Modeste. Er verzog nur pfiffig das Gesicht. »Ich deer' nicht, gnädiges Fräulein! Der Kreth frißt mich am Ende mit Haut und Haaren auf. Um den alten Krippensetzer wär's nicht schad! Aber um den neuen Zylinder. Ich hab' ihn nämlich erst vor zehn Jahren gekauft.« Er trat vorsichtig näher. Der Hund, der inzwischen seine Gesinnung geändert hatte, wollte ihm wedelnd die Stiefel lecken. »Der Kreth frißt wahrhaftig Wichse! Sehen Sie doch, gnädiges Fräulein! So 'n Gourmand – bildet sich ein, 's wär' Kaviar ... Den ich da neulich auf dem Reserveball gegessen habe, der schmeckte akkurat wie Stiefelwichse. Ich sagte das auch mit vollster Anerkennung dem Wirt. War der Kerl da aber boßig! Ich dacht' schon, er wollte mich direkt in 'n Kaviarfäßchen stecken, wie neulich der Königsberger Ingenieur seine Frau in die Blechkist'! ... Ich macht', daß ich fortkam. – Irgend so 'n Engländer haben sie mal in der Weintonne ersäuft ... Der Wirt 'n baumstarker Kerl und ich man so 'n Heemske! Das war 'n Spaß gewesen ...« Dann gab er Modeste die Hand und, tätschelte sie zwischen seinen alten, runzligen Händen: »Aber so 'n warmes, weiches Patschchen! – Und wie warm und gemütlich heut alles bei Ihnen ist! Was haben Sie nur angestellt? Ihr gutes Papachen hält doch für gewöhnlich immer auf Kaltheizen.« »Ellerchen!« drohte sie. Er machte sein heiligstes Gesicht. »I, wo werd' ich! Ihr Vater ist 'n Gentleman durch und durch, fehlt nur noch der Adel.« »Danach drängt sich Papa gar nicht.« »Na, 'ne Gräfin ist schon im Haus!« Dann blinzelte er wieder: »Fehlt nur noch 'n Prinzeßchen. Wie wär's denn, gnädiges Fräulein? Statt der Nachtmütz 'ne Kron' ... Ich möcht' nicht, das sag' ich Ihnen gleich.« »Ich auch nicht, liebes Ellerchen.« Und dann mußten sie beide über diese Vorstellung lachen. Der braune Unhold hatte derweilen die Tischdecke herabzuzerren versucht, jetzt wendete er sich wieder liebevoll zu Herrn Ellers Stiefeln. »Ja, ja, leck, mein Sohn! Gibt nicht alle Tage Kaviar und Reservebälle ... Wenn's dir nur bekommt. Meinen Stiefeln bekommt's ganz gut.« »Pfui, schäm dich,« rief Modeste. »Hierher!« Der Unhold versuchte gerade seine Zähne an einem Stuhlbein. Der alte Eller sah lächelnd zu. »Kindereien! Aber Kindereien gehören eben zum Leben. – Wenn ich so den kleinen Lorbaß hier ansehe, wie er springt und sich seines Lebens freut – und daneben der Weihnachtsbaum, dann denk' ich in meinem Sinn: warum hast du eigentlich den Anschluß verpaßt, Eller? – Erst konntste nicht, und dann hättste können – und dann tatst d' es doch nicht – und so bist du 'n alter Kerl geworden! Was hast du nun eigentlich vom Leben? Bißchen 'rumtreiben bei den Nachbarn, sein Skatchen spielen. Dabei lern' ich den verfluchten Skat nie. Im Grunde doch ein verfehltes Dasein! Und immer vergnügt – nicht wahr? Aber so, wie ich tue, so bin ich gar nicht. Und nun schon gar Weihnachten! Zu Hause halten mich am ersten Feiertage keine zehn Pferde... Ich hab' sonst was gegen Geistliche und Mediziner. Die einen vergraulen einem jedes Vergnügen hier, und die andern zeigen immer nach 'm Himmel. – Und wenn dann wieder so 'n junger Arzt in die Gegend kommt, dann müssen auch gleich die Kirchhöfe erweitert werden... Aber, ›Erst' Feiertag‹ geh' ich immer in die Kirch'! Meistens nachmittags – da sind nicht so viele geputzte Leute da, nur so 'n paar alte taube Mutterchens, die immer stöhnen und nicken – und unsereiner, der doch auch mal wieder zu seinem Herrgott sagen möcht': ›Na, vergib mir wieder auf 'n Jahr meine Sünden! Ändern kann ich mich nicht mehr – dazu bin ich zu alt. Und wenn ich auch unter die Zöllner und Sünder ganz unten gehör', immer besser noch als so 'n feister Pharisäer! ...‹ Dabei wird mir immer ganz weich zumute, ich fang' an zu gransen wie 'n altes Weib und schäm' mich auch gar nicht... Und ich versichere Sie, gnädiges Fräulein, wenn ich aus der Kirch' geh', ich habe das ganz sichere Gefühl, der alte Herrgott hat mir meine Sünden doch wieder vergeben! – Heute wollte ich eigentlich den Vikar hören, nicht den alten ›Rundbrenner‹. Der Vikar – ich weiß nicht, ob Sie ihn schon mal gehört haben, gnädiges Fräulein –, das ist so 'n vernünftiger Mensch. Der predigt immer nur: ›Kindlein, liebet euch untereinander!‹ Und davon spricht er eine geschlagene Stunde und länger, und wie die Liebe hier unten und da oben das Oberste sei, und daß die Welt aufhören müßte, wenn die Liebe aufhörte. Und das ist alles so schön und so einfach gesagt, und wenn man aus der Kirch' kommt, dann sucht man ordentlich nach dem Bettler, dem man fünf Dittchen geben könnt' ... Aber heute wollte es das Unglück, daß der ›Rundbrenner‹ auch den Nachmittag predigte! Sie kennen doch den ›Rundbrenner‹ – den Alten mit der Perück', der immer so salbadert? In Insterburg hat er in jeder Kneip' 'n Buddelchen Rotwein hinter der Gardine stehen, und da macht er seine Rundgänge, bis er seinen inneren Menschen genügend erleuchtet hat. In der Kneip' ist er ganz nett, in der Kirch' kann ich ihn nicht leiden. Und ob er sich nun heut geärgert hatte, daß er zweimal predigen mußte, oder sonst was los war, kurz und gut, er fing auch gleich an zu donnern: die Völlerei und die Trunksucht, und daß die in Litauen zu Haus wär' und die Wurzel von allem Übel. Schlug auf die Kanzel und paukte auf die armen Seelen ein, daß die alten Weiberchen nur so glucksten und immer krümmer wurden und verzagter. Ich kriegt' wahrhaftig selbst 'n Schrecken wegen meiner regelmäßigen Grogstund'! ... Nachher bost' ich mich mächtig. Ich war schon drauf und dran, 'rüberzurufen: ›Na, Pfarrerchen, Sie sind wohl nicht aus Litauen? – Denken Sie lieber an vorige Woch' im Kasino von den Zweihundertsiebenundvierzigern, wie Sie da immer lutschten und lutschten von dem guten Bordeaux!‹ ... Zu Haus wollt' er damals überhaupt nicht, 's war 'ne Heidenzucht. Ich nahm den alten Herrn unter den einen Arm, und ein Leutnant nahm ihn unter den andern, hinten mußte noch 'ne Ordonnanz schieben – und so packten wir ihn glücklich in 'n Schlitten. Ich rief noch dem Kutscher nach: ›Mein Sohnchen, daß du nicht etwa den hochwürdigen Herrn aus der Pelzdeck' verlierst! 's wär' 'n großer Verlust für die Christenheit und für die Weinhändler!‹« Der Alte lachte und freute sich seiner gottlosen Zunge, bis er endlich gutmütig, wie immer, einlenkte: »Ich übertreib' auch immer, gnädiges Fräulein! 's war natürlich nicht halb so schlimm ... Und glauben Sie's mir oder glauben Sie mir's nicht: mir ist selten ein Kirchgang so nahegegangen wie heute! Wie sich nämlich der Mann genügend ausgedonnert hatte, da sah ich mich so in der Kirch' um. Und da, ganz hinten auf einer einsamen Bank, da kniet' das Fräulein aus Bussardshof. Sie ist ja doch man so 'n reizendes Hauchchen – und es war so kalt auf den alten Fliesen! Aber sie kniete und betete so inbrünstig, daß die ganze zarte Gestalt zitterte. Ich weiß nicht, ob sie geweint hat – sie hielt immer den Kopf so ganz tief ... Und es war so ein verzweifeltes Flehen, wie ich's nie gesehen ... Mir wurden die Augen dabei selbst ganz naß, und ich hätte aufstehen mögen und zu ihr hingehen und sagen: ›Gnädiges Fräulein, beruhigen Sie sich doch! Sie sind so ein rührendes Geschöpfchen, jeder Mensch weiß, daß Sie überhaupt gar keiner Sünde fähig sind. Sehen Sie mich alten Sünder an! Dem vergibt der Herrgott alle Weihnachten doch immer wieder ... Und nun gehen Sie getrost heim, es ist viel zu kalt für so 'n zartes Wesen wie Sie!‹ – Auf dem Ball neulich habe ich ihr noch gesagt: ›Gnädige Baroneß, Ihr Haarkranz funkelt wie ein Diadem.‹ Sie lächelte so matt, aber so lieb dazu. ›Verwöhnte Leut',‹ dacht' ich. Und wenn's nicht am Ende schon damals eine Märtyrerkrone war, die sie trug?« Er fuhr trübe fort: »Wer kennt denn die Menschen und ihre Schmerzen? Wir wissen doch eigentlich voneinander so gut wie nichts ... Da ist nun alles, was Glück scheint, beisammen: das reizendste Mädchen, was ich nur überhaupt denken kann, reich, vornehm, herzensgut – ich möchte ihr immer die Händ' und die Füss' küssen, wenn ich sie seh', so was unendlich Liebes hat sie – und alles Schein, Schein! Kein Glück, kein Stern ... Doch ein merkwürdiges Ding um das Glück! Die es nicht suchen, denen fliegt's über Nacht zu, und die es haben, die haben es ganz gewiß nicht.« Auch Modeste war ernst geworden: »Ellerchen, so hab' ich Sie noch nie gesehen!« Der Alte lächelte. »Und damit man nur gar nicht auf den Gedanken kommt, es könnte auch glückliche Menschen geben – es war schon nach der Predigt, und die alten Weiber schnaubten sich die Nas' –, da geht eine Seitentür auf. Ein Herr im Fahrpelz kommt 'rein. Es war der Baron aus Eyselin. Tritt, als wenn er nur allein in der Kirch' wär', vor das alte Marienbild in dem Seitengang, schlägt sein Kreuz, faltet die Hände ... Ich konnte so gerade das Profil sehen. Hochmütig ist er und bleibt er auch vor seinem Gott! Ob er wirklich gebetet hat, weiß ich nicht. Sind sonst Stockkatholiken, die Falkners. Es muß ihm aber doch so nach Beten zu Sinn gewesen sein, sonst wär' er nicht in ein protestantisches Gotteshaus gekommen. Nach fünf Minuten geht er auch schon wieder. ›Herrgott‹, denk' ich, wie ich ihm so in die Augen seh', ›das ist doch ein ganz andrer Mensch, als den du kennst ...! Ein Mensch, der mit seinem Schöpfer hadert und rechtet und mit Gewalt vom Himmel herunterreißen möchte, was der ihm nicht geben will! Und so'n heißer, sündiger Blick!...‹ Da faßte ich mich nachher erst recht an die Stirn und sagte mir: ›Da hast du erst recht falsch taxiert, Eller! Einer, der alle Freuden des Lebens ausgekostet hat und alle Sünden begangen und nun froh ist, mit seinen Erfahrungen allein zu sein, blasiert und kühl und von sich selbst überzogen.‹ Jawohl, Eller! So dachtest du – hier aber siehst du das wahre Gesicht. Das ist ja ein ganz andrer, ein leidenschaftlicher Mensch, der noch lange nicht ausgelebt hat, der sein Leben erst beginnen möchte und vielleicht in der Kirche weiter nichts gewollt hat, als den Satan um eine sichere Hand bitten beim nächsten Duell! ... Denn, gnädiges Fräulein – man jagt Vollblutpferde für achttausend Mark für nichts und wieder nichts nicht zuschanden – da steckt immer'n Weib dahinter! Und wenn die Betreffende verheiratet ist, so möcht' ich dem Ehemann schon raten, sich schleunigst einzuschießen, sonst kommt er zur Strecke. Kein Falkner von Öd ist zu taxieren. Und wenn's um die Weiber geht, da wollen sie alle Blut sehen!« Er hielt inne. »Ich alter Duschack! ... Ich sollte doch dreißig und mehr Jahre noch zurückdenken können! Es war auch in der Kirche und an derselben Stelle, wo der stand, da stand sein ... Ja, gnädiges Fräulein. Ich weiß manches, was mancher nicht weiß. Stirbt mit mir, war beinah' schon gestorben ... Aber manchmal stehen ja auch Tote wieder auf.« Modeste blickte gleichgültig zum Fenster hinaus, obgleich sie innerlich bebte. »Ich glaube, die Falkners taugen überhaupt nicht viel ...« »Oh, oh!« antwortete der Alte, »davon weiß ich gar nichts! 's sind vornehme Leute.« »Ich weiß nicht ...« »Nun, dann lassen Sie sich sagen, gnädiges Fräulein, wenn's mir mal schlecht gehen sollte, ich geh' nicht zu meinem Bruder, auch nicht zum langen Wagner, auch nicht zu Ihrem Vater – zu dem nun schon ganz gewiß nicht! – aber ich gehe zu dem Baron in Eyselin, und wenn der mir helfen kann, hilft er mir. Da ist der Onkel wie der Neffe. Die sind unbändig hochmütig und sehen kein Geschöpf als ihresgleichen an, und wenn's einem gut geht, kennen sie unsereinen schon gar nicht – aber wenn's einem schlecht geht, da helfen sie und geben, was sie können. Aber um Gottes willen keinen Dank! Das ist so Familienverrücktheit ... Nei, nei, gnädiges Fräulein, lassen Sie mir die Falkners zufrieden, sonst werde ich giftig! ... Den jungen Baron kann kein Mensch hier leiden. Hochmütige Bestie! Lebemann und so weiter! Stimmt alles! ... Und trotzdem sage ich Ihnen, wenn Sie mal nicht aus und ein wissen, dann kommen Sie um Gottes willen nicht zu mir, dann gehen Sie zu dem Öd und sagen Sie: ›So und so, Herr Baron – und nun Ihr wahres Gesicht!‹ Und wenn überhaupt einer den Nagel auf den Kopf treffen kann, so trifft der ihn ... Aber wie gesagt, es muß Ihnen schlecht, sehr schlecht gehen.« »Ich werde ganz bestimmt zu ihm gehen, ganz bestimmt, Ellerchen,« antwortete sie höhnisch. »Und vielleicht gehen Sie doch einmal, gnädiges Fräulein; das Leben ist lang, und Sie sind jung.« Sie stand auf. »Da sei Gott davor!« »Aber Fräulein Modeste, was haben Sie auf einmal gegen den Falkner? Das ist doch verdächtig!« Da zwang sie sich zu einem halben Lachen: »Nichts, Ellerchen, nichts! Ich wollte Sie bloß etwas ärgern.« Das Mädchen brachte den Kaffee. Der Christkuchen duftete. Der braune Unhold hob interessiert die Nase. Der alte Eller trank etwas zerstreut, während Modeste lustig scherzte. »Was haben Sie nur eigentlich, Ellerchen?« Er fuhr sich übers Gesicht. »I, ich weiß nicht! Ich muß immer wieder an die Kirche denken... Der eine geht in die Predigt einmal im Jahr, wischt sich 'n Tränchen aus 'm Gesicht und verspricht – ich verspreche immer, ich halt' nur nicht – und geht kreuzfidel wieder raus. Und der andre betet und kasteit sich Tag und Nacht und hat eigentlich gar nichts auf dem Gewissen und geht aus der Kirche trauriger als er 'reingekommen ist. Ob das nun an den Nerven liegt oder an der sogenannten Lebensauffassung? – Ich bin ein alter Bauer, was weiß ich von Nerven und Lebensauffassung und so modernen Sachen ... Wenn ich aber verheiratet wäre und 'n Bengel oder 'ne Marjell hätt', das allerdings würde ich ihnen mit dem Kantschu einbleuen: ›Guck nicht immer in 'n Himmel, damit du nicht auf der Erde auf die Nase fällst! Und horch nicht immer nach rechts und nach links, damit du selber denken lernst! Und wenn dir einer oder eine wirklich lieb ist, da frag nicht erst lange deine Eltern!‹ ... Denn die Eltern, die denken immer nur an den warmen Ofen im Alter. Ich mein' aber, daß es besser ist für die Menschheit, wenn's ein junger Mensch recht warm hat, mag er dann im Alter frieren. Denn ich habe nun einmal etwas gegen die sogenannte Vernunfts- oder Verstandesehe. Was kommt denn dabei raus? Labbriges, blutarmes Zeug! ... Aber wenn ich so 'n Paar frische, junge Menschen sehe, die so recht verliebt sind, das ist mir 'ne Freud', da werd' ich selbst warm. Das gibt doch ganz andre Rasse! ... Wenn ich aber so nach Königsberg komme, Paradeplatz – die Marjellens da, eine senkrückige, bleichsüchtige Gesellschaft, wenn man ihnen so nachsieht. Da hat die Mutter vielleicht 'n Buckel gehabt und 'n Million drauf, und der Vater ist dafür Graf gewesen und 'n ausgemergelter Kerl ... Was tue ich mit dem Geld und dem Namen allein? Mitnehmen kann ich beide nicht.« »Sie haben eigentlich viel gedacht, Ellerchen!« Er schlug mit der Hand in die Luft. »Mit dem Mund, gnädiges Fräulein, mit dem Mund! Taten sind nicht.« Der braune Unhold hatte sich wieder über eine dicke Lehnstuhlquaste hergemacht und riß und riß mit aller Kraft. Der Gast saß interessiert und lächelte für sich. Endlich eine letzte Anstrengung – ein wehmütiges Knarren – der Unhold schwang seelenvergnügt die braune Quaste im Maul. Modeste rief ärgerlich: »Du bist ja ein gräßlicher Hund!« Und wollte ihm die Quaste entreißen. Doch der braune Unhold sprang unter den Weihnachtstisch und kaute behaglich. Der alte Eller lachte: »I, lassen Sie ihm doch den Spaß, gnädiges Fräulein! Heut ist Erst-Feiertag!« »Auf keinen Fall tue ich das.« Und sie zog auch gleich darauf die greulich zerfetzte Quaste unter dem Tisch vor. Der Alte schüttelte den Kopf. »Sehen Sie, gnädiges Fräulein, wegen einer Quaste, die schon vorher nichts wert war, ärgern Sie sich und sind auch noch dem armen Tier gram ...! Ich mein' vielmehr, in dem Köter steckt 'n Philosoph, aber 'n praktischer, ohne Brill'! Da können Sie was lernen ... Der reißt und reißt an der Quaste, bis er sie glücklich los hat. War ganz unbändig glücklich damit! Des Menschen Wille ist ja sein Himmelreich ... Er wollt' Ihnen aber eigentlich nur aus lauter Dankbarkeit zeigen, der Hund, wie man das Leben anfassen muß: ›Nicht nachlassen!‹ – Da steckt Weisheit drin. – Aber wir zotteln 'n bißchen an der Quast' und an der Quast' und verzotteln unsre Kräfte und kriegen schließlich nicht die kleinste los... An einer Quaste reißen, an einer einzigen, bis man sie los hat: das ist's!« Modeste lachte, während sie die Quaste mit einer Stecknadel wieder am Stuhl zu befestigen suchte. »Sie sind doch ein Philosoph!« »Aber ein vierbeiniger, mit langen Ohren und einem dicken, grauen Fell,« wehrte er. Das Mädchen kam und fragte, ob sie die Lampen bringen sollte. Es war schon ganz dunkel. Der alte Eller wollte aufbrechen. Modeste aber ließ ihn nicht. »Ausreißen ist nicht! Sie haben mich so wie so schon so kompromittiert durch Ihren ganzen Besuch – jetzt müssen Sie warten, bis Papa kommt, und in aller Form um mich anhalten.« Der Alte schmunzelte und faßte schmeichelnd nach der Mädchenhand: »Ich möcht' schon, ich möcht' schon! ... Aber da würden Sie doch höllisch den Unterschied merken zwischen Theorie und Praxis. In der Liebe gibt's nun einmal nur die Praxis.« »Dann warten Sie wenigstens auf Ihre Skatpartie und den Grog!« »Das ändert die Geschicht'! Für die Karten und den Grog wird man nie zu alt.« Die beiden Schlitten kamen für Modestes Weihnachtsgefühle viel zu früh zurück. Zuerst der Graf, sehr befriedigt. »Doch kolossal vornehmer Zuschnitt in Eyselin! Alte, schöne Sachen, alter, gutgeschulter Diener, englische Tischzeit. Überhaupt ganz andre Atmosphäre... Meines Auftraggebers erinnerte er sich nur flüchtig. Erinnert sich wahrscheinlich immer nur an Auftraggeberinnen... Reist übrigens noch heute abend. Koffer wie ein Fürst. Weiß noch nicht, ob Ägypten oder Algier... Muß es doch dazu haben... Möchte auch ganz gerne... Doch sehr grand seigneur , der Falkner, liebenswürdig, international... Es gab sich ganz von selbst, daß wir Französisch sprachen... Ich kann's ihm allerdings nicht verdenken, liebe Modeste, wenn er in dieser Gegend nicht aushält. Sonst ist er 'n bißchen sehr reserviert. Aber das wird man immer auf Reisen.« Der alte Lebemann sprach aus ihm, der sich gern vergangener Zeiten erinnerte. Es war so ein ganz andrer Ton. Modeste erkannte den einsilbigen Schwager kaum wieder. Der alte Eller aber sagte harmlos blinzelnd: »Ja, ja, Herr Graf, wenn ein Graf und ein Baron so zusammen gewesen sind, dann hört man das noch tagelang am Tonfall.« Der Graf wandte sich lächelnd um. »Ja, lieber Herr Eller, ich weiß schon, was Sie meinen. Von Ihrem Standpunkt aus ganz richtig! Für mich aber finde ich es ganz gut, daß man den andern Tonfall wenigstens zuweilen wiederfindet.« Er wollte weitersprechen. Aber im Nebenzimmer klangen Stimmen. »Ich glaube, Herr Lindt...« »Ja, was Sie glauben und was ich will, ist meistens was höllisch Verschiedenes, lieber Herr Romeit! Der Hofmannsfrau ist eben nicht zu helfen. Der Arzt kann da gar nichts tun. Aber anstatt daß sich die Leute ins Unvermeidliche schicken, kommen sie ewig gelaufen, haben Wünsche... Der Arzt ist für sie natürlich 'ne angenehme Unterbrechung, namentlich wenn er noch Portwein verschreibt... Ja, für wen sind denn eigentlich die Pferde da? Für meine Leute oder für mich? – Ich kann Ihnen nur sagen, ich würde als Inspektor meine Pflichten gegen den Prinzipal ganz anders aufgefaßt haben! Aber die Herren Inspektoren sind ja stets auf seiten der Leute... Übrigens, Sie kriegen wieder Ihren roten Kopf, Herr Romeit – ich habe nichts, gar nichts gegen Sie gesagt! Sie suchen wieder in den harmlosesten Bemerkungen eine Spitze. Die Pferde sind weg, der Doktor wird kommen, da ist ja gar nichts mehr zu redressieren... Es sind die unverschämten Forderungen der Leute, gegen die ich Front mache, nicht gegen Sie, lieber Romeit.« Indessen boten die unfreiwilligen Zuhörer im Weihnachtszimmer ein sehr verschiedenes Bild. Der Graf besah mit einem eigentümlichen Lächeln seine Nägel. Modeste saß mit gefalteter Stirn, der alte Eller aber schlug sich mit einem Falzbein, das er vom Schreibtisch entwendet hatte, ärgerlich aufs Knie: »Es ist auch nicht mehr zu hausen mit dem Volk! Ich kann's keinem Besitzer verdenken.« Der Stern von Barginnen warf einen grünlich schillernden Blick auf die beiden Herren und dachte: ›Ihr seid doch feige, feige wie alle Männer!‹ Die Tür wurde geöffnet. Herr Lindt trat würdig ein, hinter ihm Herr Romeit, im schwarzen Sonntagsrock. Der Sonntagsrock wandte Modeste den Sinn. Er sah wieder so unausstehlich hölzern aus, der junge hübsche Mensch! Dann kamen die Mutter und die Schwestern. Die Kartentische wurden aufgestellt im Nebenzimmer, Herr Romeit spielte mit als ziemlich gedankenloser vierter Mann. Modeste war's recht, daß sie ihn nicht sah. Sie hörte lieber zu, wie die Schwestern von Bussardshof erzählten; daß Judith langweilig, die Mutter zerstreut und der Vater mit seinem Gichtbein doch eigentlich sehr beklagenswert sei. Der alte Egoist stand ihnen natürlich am nächsten. Das Herzblut aber, das stumm und schwer aus zwei siechen Frauenherzen sickerte, was wissen davon Lindts!? Als Modeste den braunen Unhold zur Nacht in seinen Korb gebettet hatte, sah sie noch einmal aus dem Turmzimmer hinab in die Winternacht. Der Mond so bleich, der Schnee so leichenhaft. Sie mußte an die arme Judith denken und ihr heißes Gebet. Und sie sagte finster: »Ich bin doch schlecht!« – An dem Lindengang ging ein Mann. Sie erkannte den langen Sonntagsrock, über den sie nicht hatte hinwegkommen können, und sie sagte mit ehrlicher Verachtung: »Ich bin nicht nur schlecht, ich bin auch feige und undankbar. Was soll einmal aus mir werden?« Sie konnte sich von den quälenden Gedanken gar nicht losmachen. Der alte Eller fiel ihr ein und der Hund mit der Quaste. Sie ging noch gegen Mitternacht hinunter in das Eckzimmer mit dem Grafenkalender und dem Bild. Und wieder sah sie das schöne leidenschaftliche Gesicht und konnte nicht von ihm los. Und wieder ward ihr die Armut, die Öde hier und der Reichtum, die Wärme dort schrecklich offenbar. Und sie fragte sich: »Was muß in mein Leben kommen – was – die Liebe?« Lange fand sie keine Antwort. Aber als sie die Augen wieder zu dem Bilde hob, da schien es zu strahlen. Eine Stimme, wie aus weiter Ferne, flüsterte ihr: »Die Sünde, die große, göttliche Sünde.« 14 Die Gräflichkeiten waren nach Rußland zurückgekehrt, Frida wohnte in Königsberg. Der alte Lindt rechnete meist in seinem Arbeitszimmer. Wenn die Industriepapiere gestiegen, lispelte er salbungsvoll: »Es ist doch ein großer Segen um die ehrliche Arbeit, mein Kind!« Und wenn die Industriepapiere fielen, knurrte er giftig: »Lach nicht, Modeste, es ist eine Tränenwelt, weiter nichts als eine Tränenwelt!« – Modeste war's weder zum Weinen noch zum Lachen – nur langweilig. Keine Gesellschaften, keine Besuche. Die Gadebuschens, neuerdings »Elefantenkeuchel« genannt, beim Onkel General in Danzig zum Besuch – sie waren schon billiger geworden und interessierten sich für Artillerie. Die kleine Meyners mit einer Freundin sogar in Montreux – sie schrieb überschwengliche Briefe voll französischer Brocken. Bussards nahmen überhaupt niemand mehr an. Frau Murrmann sah sich darum auch genötigt, ihren Schatz falscher Fremdwörter anderswo hinzutragen, und verkehrte mehr in der Insterburger Gegend... Im Dorfe zu allem noch Scharlach. Es war höchst komisch gewesen, wie die drei Kletteraffen auf die Nachricht davon vom Barginner Whisttisch geflohen waren, um nur den alten Eller zurückzulassen, der aber auch heimlich nach der Uhr schielte. Er hatte für gewöhnlich keine übertriebenen Anschauungen von den Freuden des Paradieses. Selbst Erika verbat sich vorläufig alle elterlichen Briefe aus Angst für den kleinen Dagobert. Und Frida badete ihre Hände in Karbolwasser, ehe sie die Barginner Korrespondenz öffnete – sie war sehr besorgt für ihre Stimme. Modeste kam das alles lächerlich vor. Sie hatte keine Spur von Angst. Sie war überhaupt viel zu lebensfrisch und gesund, um sich den eignen Tod vorstellen zu können... Erst hatte sie der Gedanke an einen ganz einsamen Winter doch erschreckt, dann gewöhnte sie sich daran, zuletzt wurde ihr die Einsamkeit fast lieb. Es war schön, so durch die Winterlandschaft zu streifen, den braunen Unhold hinter sich, der auf der harten, knisternden Frostdecke seltsame Purzelbäume schoß und in den aufgewehten Schneewellen immer hilflos versank. Zuweilen wurde er müde, setzte sich, blinzelte die Herrin gähnend an. Sie nahm ihn dann auf den Arm, während er als echter Mann sich empört gegen diese weibliche Bevormundung wehrte, bis er sanft selig einschlief. Er war so groß geworden und so schwer, sie schleppte ihn nur mühsam. Aber die Egoistin freute sich der Last, dachte gar nicht an sich, nur an ihn. – Weite Touren hielt er noch nicht aus. Dann ging sie allein, rasch, elastisch, mit roten Wangen, voll Jugendlust durch die große, stumme Natur, die sich endlos überall weitete, die Schneewogen auf und ab wallend wie das Meer. Kein freudig Bild, nur ehrfurchtheischende Öde. Die Menschen auf der Chaussee wie schwarze Ameisen, der Klang der Schlittenglocken verhallend in der uferlosen Stille... Dann empfand sie wohl zuweilen die gewaltige Einsamkeit lastend, sehnte sich nach Leben, Wärme. Sie eilte, in den Eichenwald zu kommen, wo der scharfe Schlag der Axt dröhnte. Die Knechte fluchten, die Gespanne dampften. Der alte Knochenmehlhändler hatte nämlich um Weihnachten die stärksten Eichen hauen lassen. Damals hatte Modeste nur der Preis interessiert, um den man die Riesen totschlug nach endlosen Verhandlungen mit einem Königsberger Unternehmer. Jetzt tat ihr die wüste Blöße weh. Die Stämme, die so viel erzählen konnten von alten Zeiten, verstümmelt, gemordet, reihenweise hingestreckt – großen weißen Särgen gleich, die letzten Kämpen eines Riesengeschlechtes hier aufgebahrt. Rings grinsten die bleichen Stümpfe, Raben zogen über das Blachfeld ... dazwischen die Instleute in ihren Schafspelzen, das Vlies nach innen, und die langen Holzwagen mit ihren klobigen Rädern. Die Hebelade krachte, die Männer keuchten, langsam hob sich der Riesensarg. Herr Romeit stand dabei mit Zollstock und Notizbuch. Neben ihm der jüdische Kaufmann, von Kopf bis zu Fuß eingehüllt in einen langen grauen Schuppenpelz, fuchtelte mit der Hand, schüttelte mit dem Kopf. Hinter seinem Rücken lachten breit die Knechte über den kleinen, beweglichen Mann. Die mageren Gespanne standen abseits, stumpfsinnig, kopfhängend – zuweilen senkte sich eine Nüster futtersuchend auf den Schnee... Das erstemal war Modeste in einem großen Bogen vorbeigegangen, von einer Gene erfaßt, die sie sonst nicht kannte. – Das nächstemal blieb sie in Hörweite stehen. Der Händler zeterte. Herr Romeit antwortete achselzuckend: »Wenn's Ihnen nicht schnell genug geht, verhandeln Sie doch mit dem Herrn! Sehen Sie sich die Kracken an und ob ich mehr laden kann... Wenn er befiehlt – gut. Freiwillig schinde ich aber die Gespanne nicht!« Dann trat Modeste wie zufällig heran. Die Herren grüßten, der Händler begann ein Gespräch. Herr Romeit stand finster dabei und sagte kein Wort. Das Fräulein ärgerte sich darüber, antwortete kurz und begriff nicht, was sie zu einer so unerhörten Vertraulichkeit jemals hatte veranlassen können. »Wenn der Mensch nur ginge! Wenn er doch heute schon ginge! Ich will ihn nicht mehr sehen...« Der Eichwald war ihr verleidet. Sie ging jetzt lieber Chaussee nach Eyselin zu – am liebsten bei dickem, nebligem Licht, so daß sie das weiße Herrenhaus nicht sehen konnte. Herr von Falkner war nicht zu Haus, aber alles, was mit ihm zusammenhing, erfüllte sie mit unerträglichem Widerwillen. Wenn Eyseliner Leute vorüberfuhren, wandte sie den Kopf weg, um nicht wieder grüßen zu müssen... Dann fühlte sie sich auf einmal eingehegt, eine Gefangene inmitten dieser großen, freien Natur. Nur die Gegend nach dem Ellerschen Hofe blieb ihr. Bauerngegend, kleine Gehöfte, am verschwimmenden Horizont ein stadtähnliches Dorf. Sie mochte diese litauischen Bauern nicht mit ihren steifen Nacken, mit ihrer kargen Höflichkeit, die roten Gesichter brutal, dummpfiffig .... Einmal – es war ein Nachmittag, träge, grau, von feuchter Schneeluft durchrieselt – krachten da drüben Schüsse. Treiber klapperten und schrien. Sie sah die Schützen ganz fern, schwarze, komische Punkte auf dem Schnee. Da kam plötzlich ein Hase über den gefrorenen Acker gehumpelt, gerade auf sie zu, schwer angeschossen, sie glaubte die blutige Spur auf der weißen Decke zu erkennen. Nach drei Sprüngen setzte er sich, humpelte dann weiter, setzte sich wieder. Drüben klapperten die Knarren lauter, die schwarzen Punkte wuchsen. Modeste ging auf den Hasen zu in dem unbestimmten Gefühl, ihn zu schützen, ihn zu retten. Das Tier war im Verenden, konnte nicht weiter, ließ sich anfassen, die Augen verglast, das Todeszittern in den Gliedern. Dies Todeszittern ging ihr durch und durch. Sie nahm den Sterbenden auf wie sonst den braunen Unhold, wollte ihn mit nach Hause nehmen. Die barmherzige Schwester war in ihr lebendig geworden, die hingebende Mutter. Sie wußte selbst nicht, warum sie auf einmal lief mit dem Tier, das sie in ihren Armen deutlich erstarren fühlte – aber sie mußte laufen, mußte. Endlich blieb sie keuchend stehen. Das Tier war tot. Sie ließ es auf den Schnee gleiten, sah es wehmütig an – und fühlte zum erstenmal vielleicht deutlich, daß sie doch keine Lindt war. Beim Abendbrot erzählte sie das kleine Erlebnis, aber kühl, spöttisch, wie vor sich selbst geniert. Der alte Lindt, der von Jagd ungefähr so viel verstand wie ein Gorilla von analytischer Geometrie, aber aristokratische Vergnügungen bedingungslos hochschätzte, setzte sich langsam in Positur: »Liebes Kind, die Hasen sind zum Abgeschossenwerden da. Und wenn ein krankgeschossener Lampe verloren geht, so ist das natürlich sehr ärgerlich für den Jagdgeber. Denn erstens mal ist die Strecke kleiner, und zweitens frißt den Krankgeschossenen unfehlbar der Fuchs, der ihn aber nicht fressen soll... Leute, die nicht weit her sind, empfinden dabei sogenanntes Mitleid. Aber gewöhnliche Leute flennen ja, wie du selbst weißt, bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit.« Die handarbeitende Mutter nickte freundlich. Aber Modeste, die den braunen Unhold wegen gewisser freier Gewohnheiten auf Salonteppichen im Turmzimmer hüten mußte, dachte an ihren Hund und wenn er auch einmal so krankgeschossen und todesmatt über den Schnee humpeln müßte. »Aber bei welcher Gelegenheit soll nur unsereiner Mitleid empfinden, Papa?« fragte sie achselzuckend. »Liebes Kind, das kommt ganz auf die Umstände an. Vor allem nicht unnötig! Denn im allgemeinen liegt jeder so, wie er sich bettet. Ich habe in meinem Leben keinem Bettler einen Pfennig gegeben, obgleich mir manchmal das Herz blutete, weil ich mir eben verständig sagte, daß das einfach Unfug ist. Der Groschen wandelt in die Schnapskneipe, und der Vagabund verendet doch hinterm Zaun.« Modeste stand hastig auf. »Wir denken vielleicht so. Aber wenn alle Welt so denken wollte .... Das Leben ist sowieso schon so entsetzlich leer!« Er fuhr belehrend fort: »Ja, wenn nur alle Menschen so denken wollten! Es gäbe dann weniger Lumpen, aber mehr wohlhabende Leute. Im übrigen, liebes Kind, ist das Leben so reich, so ausgefüllt!« Er hatte allerdings ehrlich gewuchert mit seinen Pfunden, der alte Knochenmehlhändler. Jedoch Modeste war heute nicht für diese bequeme Moral zu haben. Sie schwieg. Es war ja doch nutzlos .... Und wie der Schiffer in der Nebelnacht fiebernd nach dem Leuchtturm sucht, damit sein Fahrzeug nicht zerschelle, so hing sich Modeste eigensinnig an das komische Gleichnis des alten Eller von dem braunen Unhold und der alten Lehnstuhlquaste: »Herr Gott, zeig mir die Quaste, zeig sie mir! Ich will auch mit allen Kräften daran ziehen, bis ich sie loshabe .... Aber gib mir die Quaste, ich muß ja sonst verkommen!« Es war keine Szene gewesen etwa. Kurzes Aufflammen bei ihr, ruhige Belehrung bei ihm. Und doch hatte das Schicksal bereits die Axt gehoben, das morsche Tau zu kappen, das den Stern von Barginnen mit dem Schloß Barginnen noch verband. Das Wetter hatte sich gewandelt. In den Chausseegräben schmutziger Schnee, auf den Feldwegen knietiefer Schlamm. Ein kalter Regen sickerte. Die Holzfuhren vom Eichwald versanken bis an die Achsen. Herr Romeit stampfte mit kotbedeckten Wasserstiefeln auf dem Hof umher. Alles trübe, grau, hoffnungslos. – Aber als Modeste das Fenster im Turmzimmer öffnete, strömte ihr der Hauch der Scholle entgegen, der schwere, dumpfe, verheißungsvolle Hauch, der den Frühling birgt. Und Modeste sog den Hauch ein wie etwas Köstliches. Er war wieder so herbe, so stark! Unter diesem Hauche weitete sich ihr die Brust. Frühling – Glück .... Sie sah den Lenz schon hinter den Wolken lächeln. Eine unsinnige Sehnsucht durchzitterte sie – ein Hoffen, Wogen .... Die Spatzen piepsten in den Dächern, der Park duftete. – Das Große, Unbekannte, das aus der Erde quillt, in den Lüften raunt – die heiligen Mutterwehen der Erde. Modeste mußte hinaus! Die Weltfreude regte sich. Sie eilte frohgemut die Chaussee entlang und begriff den häßlichen Schmutz an ihren Füßen nicht, den grobkörnigen Schnee an den Böschungen. Aber den Frühlingswind verstand sie, der die dürren Äste zauste, die Fenster des Turmzimmers wild rüttelte. Wie war es köstlich, dies Wallen und Wogen in der Luft, das bis zum Sturm stieg, zum Orkan! ... Die alte Scheune stöhnte kläglich, aber aus den Ställen drang lenzwitternd das helle Wiehern der Fohlen, das dumpfe Aufbrüllen der Rinder. Wenn sie in den Kutschstall trat, bäumte der Sommerrappe in seiner Box auf, schlug mit dröhnenden Hufen gegen die zitternden Holzwände. Der Schäfer stand pfeifend auf dem Hof und schnitzte Klotzkorken, und hinter ihm drängten die Lämmer ihre dummen Köpfe schnuppernd durch die Latten der Hürdentür. – Modeste war drüben bei Herrn Eller gewesen und wunderte sich, daß der alte Herr in einem dicken Schlafrock und in einer überheizten Stube saß. Er krächzte mißmutig über einem scharfen Grog. Modeste wollte sofort wieder hinauslaufen: »Sie haben ja noch vollkommen Winter hier, und draußen ist es doch schon Frühling!« »Ja, Frühling, Frühling!« echote er verdrießlich. »Bei Ihnen vielleicht – bei mir nicht! Vor vier Wochen kann noch keine Ochsenzoch aufs Feld.« Sie ging bis Eyselin, freute sich über den Wind und das trügerische Sonnenblinzeln. Der böse Zauber schien von ihrer Seele gewichen. Ein Kuß im Winter – was ist er?! ... Aber ein Kuß im Frühling, ein Frühlingskuß! ... Sie war auf der Eichenblöße, wo die Gespanne sich vergebens mühten, die letzten der hohen Stämme hinauszuziehen. Die Peitsche knallte, der Knechtsfluch dröhnte. Herr Romeit stand dabei und rief schließlich ärgerlich: »Wenn's eben nicht geht, dann geht's eben nicht, Leute!« Und seltsamerweise taten Modeste heute die keuchenden Tiere nicht leid, sie dachte nicht mehr an den toten Hasen – sie freute sich, wie der braune Unhold – jetzt groß und ungeschlacht geworden – hinter einer lahmen Krähe herjagte und sie beinahe erwischte. Die junge Lebensfreude, die sie in sich und um sich spürte, strömte wie eine Woge über das kleine Mitleid hinweg. – Herr Romeit war zu Pferde auf die Blöße gekommen. Sie erkannte nur mühsam unter dem Sattelzeug und dem Winterhaar den Sommerrappen wieder, ihren Rappen. Sein Reiter hielt ihn am Zügel und strafte ihn von Zeit zu Zeit mit einem leichten Reitgertenschmiß, wenn er Frühlingskapriolen machte. – Modeste sprach leicht und vertraut mit dem hübschen Menschen, der aber nur scheu und widerwillig zu antworten schien. »Wie macht sich denn die Vierjährige, Herr Romeit?« »Sie werden sie im Mai schon selbst reiten können, gnädiges Fräulein.« Modeste ging zu dem Tier, klopfte es. »Sie mühen sich meinetwegen ab, Herr Romeit.« »Ich reite sehr gern junge, rohe Pferde.« »So reiten Sie mir etwas vor!« Er zögerte. »Aber Sie sollen reiten, Herr Romeit!« Da stieg er langsam auf. Der Rappe knirschte ins Gebiß und wollte davonrasen, aber der Reiter ließ es nicht und ritt ihn mit festem Schenkel um einen Eichenstumpf in weitem Bogen herum. »Sie sind doch sehr nett, Herr Romeit!« Sie streckte ihm die Hand aufs Pferd. »Nun steigen Sie ab und erzählen Sie mir etwas!« »Ich erzählen, gnädiges Fräulein?... Höchstens, daß ich die Stämme über Winter doch nicht alle rausgekriegt habe. Und sonst...« Ein Windstoß fuhr über die Blöße. Der schmale Streifen Stangenholz, der sie rückwärts säumte, begann sich zu neigen, zu wiegen. Die schlanken Kiefern schwankten wie Halme, knarrten leise. Zuweilen erhob sich ein klagender Ton, ein wehmütiges Singen. »Was ist das?« fragte Modeste. »Es sind die beiden Bäume, gnädiges Fräulein, die so nah zusammenstehen. Seit Herbst haben sie sich förmlich umschlungen. Bei leichtem Winde singen sie – und wenn's stürmt, seufzen sie... Es klingt manchmal ganz sonderbar!« »Das ist sehr interessant!« rief Modeste. »Ja, ich hab's auch gern und möchte nicht, daß sie wieder auseinandergingen im Frühling. Sie haben mir die ganze Zeit über Freude gemacht. Sie wanken und schwanken und singen genau, als wenn sie lebendig wären...« »Das ist merkwürdig...« »Ja, das ist merkwürdig.« »Die toten Bäume...« »Ja, die toten Bäume.« Sie gingen näher. Es waren zwei hohe schlanke Kiefern, deren Stämme wie zusammengewachsen standen. Modeste legte das Ohr an den einen Stamm und sah dann auf. »Ob die sich liebhaben am Ende?« »Ja, ich habe auch schon so gedacht, gnädiges Fräulein. Vielleicht haben sie sich lieb...« Da lachte sie wieder. »Sie sind doch auch ein Phantast, Herr Romeit!« Aber Herr Romeit antwortete nicht. Sie gingen zurück. Das Pferd, das Herr Romeit führte, begann zu tänzeln und zu schnauben. »Es wird sich noch losreißen! ... Steigen Sie nur getrost wieder auf!« »Gnädiges Fräulein, ich muß. Auf dem Vorwerk wartet ein Händler.« Als das Pferd im wiehernden Galopp ansprang, rief sie ihm nach. »Wir müssen das Reiten wieder anfangen!« »Es ist doch noch so schmutzig, gnädiges Fräulein.« »Aber ich will, Herr Romeit, ich will!« »Wenn gnädiges Fräulein befehlen.« Seitdem begann das Reiten wieder, aber im Gelände. Modeste auf dem Inspektorbraunen, den sie erst immer in Galopp peitschen mußte – Herr Romeit auf dem Sommerrappen, der sich nur mühsam zügeln ließ. Aber es war doch für Modeste eine Lust, auf den Feldwegen dahinzujagen, während der Lehm hoch aufspritzte! ... Der Frühlingswind kraute die ersten Weidenkätzchen, aus den Abzugsgräben schimmerte es hellgrün, über die Saaten flog ein lichter Hauch. Nur das braune Eichenlaub raschelte noch trübsinnig wie im Winter. »Gnädiges Fräulein reiten schon sehr gut!« »Ich habe keine Angst, das ist das ganze Geheimnis – ich habe nie Angst!« »Gnädiges Fräulein werden den Sommerrappen bald reiten können...« »Ich möcht' schon! Der Braune ist alt und geht schwer.« »Es war aber einmal ein sehr gutes Pferd.« »Ja, war einmal, Herr Romeit! ... War einmal... Ich halte nichts von der Vergangenheit. Das tut man im Winter – aber im Frühling, da will man nur Zukunft.« »Das glaube ich gern, gnädiges Fräulein.« »Ich habe übrigens alles vergessen, alles... Sie haben hoffentlich auch alles vergessen, alles... Verstehen Sie?« Er schwieg. Eine leichte Röte stieg ihm ins braune Gesicht. Sie ritten weiter. Ein trüber Graben kam. Der Braune refüsierte, und die zacklige Remonte scheute zur Seite vor dem trüben Wasserglanz. Sie hielten. Ein mildes Sonnenlächeln koste gerade die helle Wintersaat. Die Ebene uferlos – aber von einer freien, fröhlichen Weite. Ein Vogelzug rauschte hoch in den Lüften. Auch Modeste wurde das Herz ganz frei... Der Sommerrappe drängte schnuppernd zu dem Kameraden. Nach einer Weile sagte sie: »Sie denken wahrscheinlich, ich sei wankelmütig wie alle hübschen Mädchen und kühl wie alle Lindts? ... Ich mag's früher einmal gewesen sein, aber ich bin's nicht mehr! ... Sehen Sie, ich liebe diese litauische Ebene zärtlich. Im Augenblicke könnte ich weinen – ich weiß nicht warum, aber ich könnte wahrhaftig weinen! ... Es ist dumm, nicht wahr? – Aber bis jetzt waren mir immer die schönsten Stunden, wenn ich töricht, so recht von Herzen töricht war... Und dann möchte ich auch wieder hinaus, ganz weit weg, in ganz andre Verhältnisse, zu ganz andern Menschen! Weggehen oder hierbleiben – was ist das Rechte nun?« »Da kann ich gnädigem Fräulein wirklich nicht raten. – Aber für mich wäre es besser gewesen, ich wäre schon im Herbst gegangen,« schloß er hart. »Ja, das Weggehen würde auch für mich das Richtige sein,« sagte sie träumerisch. »Es ist wohl überhaupt das Beste für jeden Menschen. Raus aus Barginnen, raus aus Ostpreußen! ... Und dann denke ich wieder an den Frühling und wenn alles ringsum grünt und blüht – und sage mir: ›Du willst ja gar nicht weg – du wirst auch nie wegkommen, nie, nie!‹ – Es ist so eine dunkle Ahnung ... Und doch sage ich Ihnen, es wäre ein großes, großes Unglück für mich, wenn ich nie wegkäme ... Sie kennen mein Inneres gar nicht – ich kenn's auch nur halb – aber glauben Sie mir, ich bin über Winter eine ganz andre geworden. Mir selbst kommt's ganz wunderlich vor. – Ich sag's offen: ich hab' innerlich einen Ruck bekommen, einen ganz großen Ruck! ... Ob's vorhält, das weiß ich noch nicht. Bei mir hat noch nie etwas andres vorgehalten als die Eitelkeit ... Aber wenn's vorhält, dann bin ich eines Tages plötzlich weg, gegangen vielleicht in Nacht und Nebel. Und wenn ich einmal gegangen bin – in dem Punkte bin ich eine echte Lindt – dann bin ich auch endgültig gegangen – komme nie wieder zurück. – Ist's eben aus, dann ist's eben aus. Bedauern, Reue – nie! Denn im Grunde ist mein Charakter doch wohl hart. Ich wüßte auch nicht, wie er anders sein sollte.« Sie wandte das Pferd nach der Richtung, wo Barginnen lag, und blickte lange auf das alte graue Ordensschloß, das die freie Ebene einst geknechtet hatte und auch jetzt noch mit seiner steinernen Feudalität zu beherrschen schien. – Dann ritten sie im Schritt nach der Chaussee ab. Ein geschlossenes Coupé kam ihnen in scharfem Trab entgegen. Der Kutscher grüßte nicht. Es bog auf die Grandschüttung nach Eyselin ab. Falkner von Öd war also wieder daheim. Als Modeste am Kutschstall abstieg, meinte sie finster: »Ich reise doch im nächsten Monat – und zwar nach Rußland.« Als Herr Romeit sie von der Seite ansah, fügte sie rasch hinzu: »Gehen Sie auch! ... Es war eine Kinderei, daß ich Sie damals zum Bleiben zwang.« Die nächsten Tage ging der Schloßherr brummend einher. »Es ist und bleibt doch ein undankbares Gesindel. Wie die Knechte ... Keine Anhänglichkeit, keine Dankbarkeit! Da futtert man so was den Winter durch, macht kostbare Weihnachtsgeschenke aus reiner, dummer Gutmütigkeit ... Das Gut verwahrlost, die Pferde abgetrieben. Nicht mal die paar lumpigen Stämme aus dem Walde hat er weggefahren. Bestohlen bin ich selbstverständlich... Und dabei ein Größenwahn, eine Empfindlichkeit! Da kommt so was zu mir und kündigt, weil der Frühling seine Nase ins Land steckt und weil die Faulenzerei aufhören muß und weil ihn der Winterhafer sticht ... Pfui, und abermals pfui!... Ich behalte ihm selbstverständlich vom Gehalt ein. – Das kommt aber alles von den verdammten Liberalen mit ihren neuen Schulen und ihren Freizügigkeitsgesetzen.« Die häkelnde Schloßherrin antwortete darauf freundlich: »Inspektoren sind Schwefelbande... Im übrigen ist's mir ganz recht. So gemeine Umgebung macht selbst gemein. – Und Modeste, du wirst verständig sein! Das Zusammenreiten hört auf... Du kannst es ja schon sehr hübsch, wie ich vom Fenster aus gesehen habe; du brauchst also gar keine Rücksicht mehr zu nehmen... Wann geht eigentlich der Mensch, lieber Mann?« »Den ersten Juli, Luise, wenn ich ihn nicht vorher rausschmeiße.« Modeste saß dabei, als kümmere sie die ganze Unterhaltung nicht. Sie sah mit kühlen, hellen Augen bald auf den lispelnden Vater, der im Zorn auf und ab ging, bald auf die gemütlich häkelnde Mutter. Was kümmerten sie diese beiden Eltern? – Nichts! Und so morsch war das Gefüge dieser Familie, daß Modeste solche Wahrheit nicht einmal wehe tat. Sie war aufgestanden. »Wo willst du hin?« fragte die Mutter. »Reiten.« »Hoffentlich allein.« Modeste zuckte die Achseln und nahm die Türklinke. Sie ritt heute nicht, sie strich nur gedankenlos durch den Wald. 15 Nun war er endlich da, der volle litauische Frühling! Über Nacht war er gekommen. Die braunen Kastanienknospen gebrochen, das Birkengezweig lichtgrün flimmernd. Das Gras glitzerte von Tau; die Luft nur ein weicher Hauch. Die Lindenallee wie ein großer, dichter, schwatzender Starenschwarm. Und der Himmel so hoch und hell, die weißen Wölkchen wie Möwen auf blauender See. – Er kommt so rasch, der ostpreußische Frühling, so stark! Er hat etwas von der jungen Offenbarung. Was gestern noch traurig herniederhing im schweren Wintertraum, das hebt morgen schon das lichte Antlitz zum holden Frühlingserwachen. Modeste ging nach dem Stall. Sie schien mißmutig. Die Schwester Frida aus Königsberg war wiedergekommen. Der alte Streit würde wieder beginnen, der Streit, in dem Frida schließlich glänzend gesiegt hatte. Der braune Unhold zottelte neben der Herrin, so recht tolpatschig und voller Streiche, wie ein Bengel in den Flegeljahren. Sobald ein unglückliches Huhn aufgackerte, stürzte er wie ein Rasender davon, erwischte das Huhn zwar nicht, aber schlug selbst einen Purzelbaum. Später wollte er dem Sommerrappen im Stall zu Leibe, der aber die Ohren ankniff und auskeilte. »Du sollst doch artig sein!« rief Modeste. Er aber sah seine Herrin nur schalkhaft blinzelnd an und begann sofort hinter der Futterliste nach Mäusen zu schnüffeln. – Der zweite Kutscher trug eben eine Häckselschwinge herbei. »Wo ist der Inspektorbraune, Fried?« »Der Herr Inspektor hat schnell nach dem Vorwerk ´rüber müssen ... Aber gnädiges Fräulein möchten auf keinen Fall den Sommerrappen nehmen! Er hat zwei Tage gestanden und keilt sich mit allen Pferden.« Modeste ging enttäuscht hinaus. Aber sie kehrte gleich darauf zurück. »Satteln Sie ihn doch auf!« Der Kutscher kraute sich hinter dem Ohr. »Ich deer' nicht, gnädiges Fräulein.« »Aber Sie sollen! Ich befehle es.« Sie stampfte mit dem Fuß. Innerlich dachte sie: ›Wirft er mich ab, so wirft er mich eben ab. Aber nur raus, raus!‹ Doch es ging besser, als sie gefürchtet hatte. Der braune Unhold keifte zwar wütend, und der Sommerrappe scheute im weiten Bogen zur Seite – aber sie vermochte doch den Sattel zu halten. Wenige Minuten später ging's im schlanken ruhigen Trab den Feldweg am Schulhause entlang. Der Unhold trottete gemütlich hinterher, mit gelegentlichen Seitenblicken auf die Kiebitze, die hell kreischend sich über die schwarzen Brachen schwangen. Die Sonne stach, der Boden duftete. Der erste, volle Frühlingstag! Aus den Wassergraben gluckste es fein, aus dem verwitterten Stamme der Kopfweiden quoll es grün. Das Schilf im Sumpfloch hob seine lichten Spitzen... Das Keimen, Sprossen, die ganze Urkraft der neugeborenen Natur rang empor, füllte das All mit frohen Hoffnungsfarben, keuschen Kinderlauten. Und wie aus der jungen Knospe die junge Blüte drängt, so heischt das junge Leben die junge Liebe... Als wenn das ganze All nur dieser eine Trieb hoffnungsfreudig durchbebte! – Der göttliche Trieb, der einzige, weil er allein Leben zu Leben schafft – so durchrieselte Modeste Lindt auch das Dunkle, Ahnungsvolle, Köstliche... Lenz und Liebe, holdlächelnde Kinder des Glücks! Der Sommerrappe fiel von selbst in Schritt und senkte die Nüstern nach dem frischen Grasduft, der Unhold setzte sich nachdenklich an das Sumpfloch, sah die Blasen aufsteigen, hörte das Schilf flüstern, wie ein echtes Kind, das das Werden nur zu ahnen vermag. Dann betrachtete er erbost den Storch, der so schulmeisterlich durch die Saat stolzierte, und die Raben, die krächzend mit den Flügeln schlugen. Modeste schaute träumerisch. Es war ein verzaubertes Land ringsumher. So viel Hoffen, so viel Leben, so viel Glück! Sie sog die schwere, süße Luft ein wie eine Dürstende. »Ich will auch leben, auch lieben!« rief sie. Sie ließ das Tier zum Galopp anspringen, schwang die Peitsche, jauchzte, der Rappe konnte sich gar nicht genug strecken... Und dabei diese prickelnde Sonne, dieses dumpfe Sehnen, dieser Lebenstrieb, der die ganze Natur durchpulste! Aus dem Sumpfwasser stieg es, aus den Lüften zischelte es, mit dem Kiebitz schrie es. Die ganze Ebene überhaucht von dem goldigen, duftenden Brautschleier des Frühlings... Sie hatte kein Ziel, sie wußte kaum, wohin sie ritt – es ging ja dem Leben entgegen, dem Zauberwald, den die Klugen mit offenen Augen langsam durchreiten – und sie sehen ihn nicht; und den die Toren mit blöden Augen frohlächelnd schon von ferne grüßen – sie sehen ihn. Plötzlich war Modeste auf der Eichenblöße. Der Sommerrappe trabte vorsichtig zwischen den Stümpfen. Die singenden Bäume hielten sich noch immer fest umschlungen, aber sie sangen leise, ganz leise. Es war ein Frühlingslied, ein köstliches, heimliches, das sie nur sich selbst sangen. – Das Mädchen stieg ab, band das Pferd an einen Baum. Sie selbst aber trat näher, um zu lauschen. Sie legte das Ohr an die Stämme und fühlte, wie sie bebten, raunten; ihr Lied war nur ein Hauch. Aber ist nun jeder erste Frühlingstag ein Wunder, oder jedes schöne Kind eine Fee – auf einmal erkannte Modeste, daß die beiden jungen, schlanken Stämme sich in Liebe umschlangen und daß einst diese Liebessaat die ganze tote Lichtung wieder erfüllen würde mit lachenden, liebenden Kindern. Es war noch kühl im Wald, winterlich kühl. Aber Modeste sah hinauf zu den hell beleuchteten Fichtenwipfeln und wähnte, es müsse warm sein. Sie setzte sich auf einen Eichenstumpf und wollte Leberblumen pflücken. Bald vergaß sie das Pflücken, träumte ... Plötzlich hob der Sommerrappe zu wiehern an, und drüben im Holz wieherte es zurück. Modeste spähte aufmerksam. Sie sah bald darauf Herrn Romeit, der, träumend wie sie, vom Vorwerk herüberritt. Als er das Fräulein sah, sprang er vom Pferde und kam grüßend näher. Modeste war es eine Enttäuschung. Träume sind immer so viel schöner als die Wirklichkeit. Dann schämte sie sich dieser Wallung. Sie hielt ihm die Hand hin. »Gut Heil, Herr Romeit... Ich kam eigentlich wegen der singenden Bäume hierher... Am Ende lieben sie sich doch.« Er sagte nur: »Gnädiges Fräulein reisen bald?« »Ach so, weil meine Schwester gekommen ist? – Ja, ich werde wohl reisen...« Dann besann sie sich. »Nein, ich reise doch nicht, Herr Romeit! Es ist heute ein Frühlingstag – der erste Frühlingstag. Ich bin wie berauscht. Nächstens sehe ich Elfen oder so was Gutes... Können Sie das verstehen?« »Verstehen – gewiß. Ich habe mich selbst so gefreut auf den Frühling.« »Aber Sie sehen keineswegs sehr erfreut aus, Herr Romeit.« Er faltete die Stirn: »Ich hatte eben wieder eine Unterredung mit Ihrem Herrn Vater...« Sie hielt die Hände an die Ohren. »Ich weiß, ich weiß! ... Sie haben recht. Aber sagen Sie es nicht!... Oder sagen Sie es doch!... Oder ich will's Ihnen selbst lieber sagen... Bei uns kann eben kein anständiger Mensch aushalten.« Sie machte ein bitterböses Gesicht. »Und mag nun werden, was da will – ich halt's auch nicht mehr lange aus. Der ganze schöne Tag ist mir vergällt, wenn ich an zu Hause denke... Wir trennen uns ja jetzt sehr bald – und werden uns auch sehr bald vergessen.« Er schüttelte den Kopf. »Sie mich also nicht? – Nun, ich Sie vielleicht auch nicht.« Sie trat ganz dicht zu ihm heran. »Ich habe Ihnen einmal etwas gesagt, was ich keinem Menschen sonst gesagt hätte.« »Und ich, gnädiges Fräulein, habe Ihnen etwas geantwortet, was ich sonst nie einem Menschen geantwortet hätte...« »Es ist hoffentlich vergessen, Herr Romeit?« »Nein, es ist nicht vergessen. Es wird nie vergessen werden – nie!« Modeste wurde es unheimlich, wie der Mann so dumpf, stockend sprach. Sie hätte zu ihrem Pferde zurückgehen mögen, aber sie ging doch nicht. Irgend etwas hielt sie innerlich fest. – Sie sah scheinbar gleichgültig an dem Manne vorüber. Und als wenn es ein letzter Tag wäre heut, ein Tag, der die Lippen löst und die Herzen öffnet, fuhr er erregt fort: »Sie mögen vielleicht auch denken nachher, wer immer redet und nie handelt, an dem ist doch schließlich nichts dran... Sonst hab' ich's mein Lebtag umgekehrt gemacht. Der Prinzipal damals verendete fast unter meinen Händen – und eigentlich tat's mir leid, daß er nicht verendet ist... Ich bin nicht roh. Aber wenn mir jemand mal wirklich an die Ehre faßt, so vergeb' ich's ihm weder hier noch drüben.« In tiefster Empörung fuhr er fort: »Und nun gar hier! Kein Tag vergeht ohne die häßlichsten Anspielungen. Man kann sich nicht mal wehren. Im Augenblick wird die Sache umgedreht – ich allein bin der übelnehmsche Patron... Ich wundre mich nicht, wenn man schließlich hinter meinem Rücken die Koffer durchsucht – ich wundre mich in Barginnen überhaupt nicht mehr – ich wundre mich nur, daß ich solch ein Feigling geworden bin... Habe ich eigentlich noch eine Ehre? – Ja, ich habe sie – ich habe sie ganz gewiß! Mehr vielleicht als...« Er hielt jäh inne. Modeste war es dunkel den Nacken emporgestiegen. Das war zu viel. Das durfte sie nicht anhören. Ihres Vaters Tochter war sie schließlich doch! – Und sie antwortete sehr kühl: »Ja, dann hätten Sie allerdings keine Minute länger in dem Hause bleiben dürfen, das Sie so verurteilen...« »Ja, ich hätte allerdings nicht bleiben dürfen!« Er sprach erbittert, voll Hohn. »Aber Sie, gnädiges Fräulein, hätten mir das nicht sagen sollen. – Sie nicht! ... Sie nicht...« wiederholte er leise mit zuckender Lippe. »Adieu.« Modeste sah auf. War's der Ton, war's der Mann, so durfte er nicht gehen! – Sie eilte ihm nach. »Herr Romeit!« Er blieb stehen. »Herr Romeit, Sie haben recht, und ich habe unrecht. Ich habe Sie gehalten – und gerade ich hätte Sie nicht halten dürfen! Ich bin nicht blind ...« Er war zusammengezuckt. »Gnädiges Fräulein...« Sie aber unterbrach ihn rasch. »Es ist unser Abschied also. Doch Sie sollen nicht denken, daß ich die bin, die ich scheine. Die bin ich nicht – die bin ich ganz gewiß nicht! Sie sind mir ein Freund gewesen, ein so guter Freund... Und wie mein Vater auch von Ihnen scheiden mag – ich scheide von Ihnen mit dankbarem Herzen... Ich werde nicht vergessen, denn ich will nicht vergessen! Den Mann, der das Äußerste zu wagen bereit war, ohne zu fragen warum – den Mann vergißt man nicht. Nein, auch eine Modeste Lindt vergißt ihn nicht, Herr Romeit!« Und getrieben von einem Strom, dessen Quelle sie nicht kannte, dessen Macht sie aber spürte, fuhr sie leidenschaftlich fort: »Ich will Ihnen alles sagen. Auf dem Balle, in dem Zimmer, wo Sie mich trafen, da hat mich der Schurke aus Eyselin geküßt, nicht einmal – nein, viele Male! – ich weiß nicht wie oft. Ich weiß nur, daß ich ihn nicht wiedergeküßt habe, nicht wieder küssen konnte. Aber ich ertrug es willig – ich meinte, es wäre der Verlobungskuß. Er war's nicht – er war etwas Scheußliches! Und dieser Schurke hat's mir noch mit dürren Worten ins Gesicht gesagt: seine Geliebte sollte ich sein. – Seine Geliebte? – Noch jetzt bebt in mir alles vor Empörung, und noch jetzt wünschte ich den Menschen tot zu meinen Füßen hier... Seine Geliebte – und dabei hab' ich ihn doch nie geliebt!« Sie schwieg. Der ganze, junge, schöne Körper bebte. »Und doch bin ich allein schuld! Ich bin eine Lindt... Wir Lindts können ja gar nicht lieben – wir sind ja so bettelarm in all unserm Reichtum... Gehen Sie, Herr Romeit, gehen Sie! Ich bitte Sie herzlich darum.« Der Stern von Barginnen setzte sich auf einen Eichenstumpf und begann zu schluchzen wie ein Kind. – Es ist ein wundersamer Reiz um eine im lachenden Frühling weinende Frau! – Die singenden Bäume stimmten wieder ihren Liebesgesang an – aber er klang voller, wilder, wie schwüles Frühlingssehnen, wie heißes Liebesgewähren... Und auf einmal fühlte sich Modeste emporgehoben, geküßt, gepreßt, in tödlich starker Umarmung. Sie wollte schreien – die Stimme erstarb. Sie wollte sich losreißen – die Muskeln versagten. Es war ein so dürstender Männermund, so fiebernde Augen, so stammelnde Laute... Sie wollte die weichen Lippen voll Abscheu schließen und öffnete sie doch voll Verlangen. Die Augenlider sanken ihr. Das große, das uferlose Gefühl strömte zu ihr hinüber, zwang sie. Sie küßte wieder – sie mußte. Aber die Frauen küssen bei der ersten Liebessünde – halb Scham, halb Lust. Sie hörte, sie sah nichts mehr – nur die purpurwipflichen Bäume und ihr wild klagendes Liebeslied glitten vor ihren heiß verschleierten Sinnen. Es war eine tiefe köstliche Ohnmacht, deren Dauer man nicht kennt, deren Nervenzittern man nur nachspürt. Als sie erwachte, war sie allein. Das Pferd wieherte hell – aber die Singbäume waren verstummt. Im Holz der verschwimmende Umriß eines Reiters... Modeste stand auf wie im Traum, band das Pferd los wie im Traum. Eine Stunde später fand Frida, die auf ihre Art einen Frühlingsspaziergang gemacht hatte, mit Sehnsuchtsgefühlen nach dem Königsberger Paradeplatz und den Gesangsstunden – die Schwester Modeste auf einem Grabenrand im Felde sitzen. Sie hielt den losen Zügel in der Hand, und der verwunderte Sommerrappe zog zuweilen unwillig daran, ohne daß sie es merkte. »Guten Morgen, Modeste. Schläfst wohl bereits!« Modeste sah mit eigentümlich leeren Augen auf und fragte wie im Traum: »Was ist eigentlich Liebe, Frida?« Frida lachte laut auf. »Du bist verrückt, liebes Kind!« Aber Modeste stand langsam auf, schüttelte den Kopf und ging, das Pferd am Zügel nachziehend, weiter. 16 Modeste erwachte am nächsten Morgen mit dumpfem Kopf. Der erste klare Gedanke: ›Ich kann ihn doch nicht heiraten! ... Wenn er nur schon fort wäre! ...‹ Bei dem Gedanken atmete sie wie befreit auf. – ›Und wenn er nun schon fort wäre?‹ Da fühlte sie wieder einen stechenden Schmerz. Sie wühlte sich von neuem in die Kissen ein, den Kopf nach der Wand, einem Traume nachzuhängen, der kein Traum war. Als sie am späten Vormittag wiederum erwachte, stand Frida vor ihrem Bette. »Die Schwadron ist schon längst da!« Modeste reckte sich träge. »Welche Schwadron?« »Ach Gott, tu doch nur nicht so! Es sind die vom Distanzritt.« »Ich dachte, die kämen erst nächste Woche ...« »Wo bist du denn eigentlich mit deinen Gedanken gewesen die ganze Zeit über?« »Wo ich gewesen bin?« wiederholte Modeste und drehte sich, um weiterzuschlafen. Sie schlief aber nicht weiter. Sie überlegte nur, ob sie überhaupt hinuntergehen sollte zu den frühstückenden Offizieren. Am Ende entschloß sie sich doch. Das quälende Alleinsein, die Gene vor sich selbst – lieber nicht! – Sie suchte lange unter den Kleidern. Endlich wählte sie ein weißes, sommerliches, wie es die trunken piepsenden Spatzen vorschlugen und die hellfunkelnde Sonne. Als sie vor dem Stehspiegel sich noch einmal beschaute – sie sah wunderhübsch aus – schüttelte sie den Kopf und wollte sich wieder ausziehen. Unten im Eßzimmer saßen die Herren schon bei der Zigarre. Der Importgeruch wallte. Es waren: ein sehr eleganter Rittmeister mit einer Flötenstimme und ein sehr häßlicher Leutnant mit einem verbundenen Finger. Dabei die Familie Lindt, lächelnd, liebenswürdig, mit einem halben Blick auf die reichen Reste der Tafel, als frühstücke man in Barginnen grundsätzlich nur Hummern. Der Alte konnte sich heute nicht entschließen, die prahlerische Leibbinde der langen Afrikana abzustreifen, bis ihm der brenzliche Geruch des verbrannten Papiers warnend in die Nase stieg. Da trat Modeste ein. Die Offiziere starrten in angenehmster Überraschung. Der unausstehlich feine und gemessene Rittmeister, der persönlicher Adjutant eines königlichen Prinzen gewesen war und von dem Kommando bei Seiner Königlichen Hoheit nichts mitgebracht hatte als die königliche Schwäche für tadellose Hosenfalten und brühend heiße Bäder, sagte gerade: »Hier in der Gegend muß auch der Öd sein Majorat haben. Wir sind kurze Zeit in einer Brigade gewesen. Vergangenen Winter traf ich ihn noch in Berlin. Merkwürdiger Mensch! Alle Öds sind merkwürdig – mal sehr verbindlich, mal sehr brüsk – mit einem kleinen Anflug von Jakobinermütze, wenigstens nach Liebesmahlen. Hätte ihn ganz gern aufgesucht. Fragte ihn früher mal nach Ostpreußen, wo ich gerade hinversetzt war. Er antwortete darauf sehr despektierlich: ›Baden sich ungern da, die Leute – genau wie der kleine Prinz von den Papsthusaren, den wir immer erst unter die Pumpe schicken mußten.‹ Na, nun kenne ich zwar Öd und seine absprechende Art gerade zur Genüge – aber die Herrschaften mögen's mir nun glauben oder nicht – im vorigen Manöver hatten wir Notquartiere. – Ich lag mit meinem eignen Fähnrich zusammen in einer entsetzlichen Bauernkate ... lasse mir von meinem Burschen die beste Uniform rauslegen, namentlich die erste Garnitur Lackstiefeln – Königliche Hoheit pflegte immer zu sagen: ›Je gemeiner das Quartier, je feiner der Lackstiefel, der daraus hervorgehen muß‹ – betete das auch dem Fähnrich vor... War ja allerdings 'n bißchen spät in der Nacht, und die Leute sehr pauvre , aber wie ich mir persönlich ein warmes Bad bestellen will – haben Sie Worte? – die Leute hatten in ihrem ganzen Leben überhaupt noch keine Badestube gesehen! Doch unglaublich – 'n Haus ohne Badestube, wenn sie auch noch so primitiv ist... Mußte damals sehr lebhaft an meinen guten alten Öd denken!« Die Lindts schwiegen etwas betroffen, indem sie der Pelzhosen gedachten, welche die litauischen Bauern im Winter von der linken und im Sommer von der rechten Seite tragen und deren dazugehörige Beine niemals durch Wassergebrauch entheiligt werden. Schließlich lächelte der Alte aber doch zustimmend – er war ein äußerlich sehr properer Mann. Der Leutnant aber flüsterte Modeste zu: »Der Rittmeister hat 'ne Ahnung von unserm Lande! Tut sich überhaupt so... Wenn er einen Sattelappell angesetzt hat, tippt er mit dem tadellosen Handschuhfinger ausgerechnet immer auf die Schlaufen, die noch nie ein Dragoner gereinigt hat, solange Dragoner existieren. Und dann fährt er jedem Karl so ganz langsam und vornehm mit derselben Fingerspitze unter der Nase weg: ›Schwein! Morgen zum Strafrapport‹ ... Hat sich so angefeinert, der gute Mann.« Modeste fand das zwar auch, aber sie war nicht recht bei Laune. Irgend etwas in der dialektlosen Art des eleganten Rittmeisters erinnerte sie an Falkner von Öd. Sie spürte schmerzlich den verächtlichen Hochmut des Aristokraten und mußte dabei immer an Herrn Romeit denken mit seinem abgeschabten Wirtschaftsanzug und seiner tiefgebräunten Reiterhand. »Ja, ja,« wiederholte der alte Lindt noch einmal würdig, »wir sind hier etwas sehr östlich, Herr Rittmeister! Aber der königstreue Geist namentlich bei den größeren Besitzern muß Ihnen doch wohltun. – Ich war früher am Rhein bei kaufmännischen Unternehmungen beteiligt und natürlich im jugendlichen Unverstand Freihändler. Jetzt, wo ich fest auf meiner Scholle sitze, wie ja auch meine Vorfahren auf ihrer Scholle gesessen haben, denke ich vernünftiger und bin schon aus reinem Patriotismus für die höchsten Schutzzölle.« Der würdige Mann gedachte in letzter Zeit besonders gern seiner Ahnen, die allerdings im Kleveschen gesessen hatten, aber als Hörige, woran er nicht gern gedachte... »Im übrigen haben Sie nur zu sehr recht! Die Bauern hier sind echte Meineidsbauern und die Inspektoren wie überall Schwefelbande.« »Wer Ihrer doch nicht!« rief der häßliche Leutnant. »Ich traf ihn vorhin bei den Pferden. Macht 'nen famosen Eindruck. Ich habe ihn sogar zum Überfluß Herr Kamerad genannt, weil ich der Überzeugung war, er müsse Reserveoffizier sein. Scheint sehr viel von Pferden zu verstehen.« Der Alte bewegte geheimnisvoll den Kopf, als wenn eine besonders fatale Geschichte dahinterstecke. »Ja, ja... Man sagt nichts... Man ist eben zu anständig...« Modeste wurde rot und wollte heftig entgegnen. Der Alte sah's und machte eine besonders würdige Handbewegung. »Jedenfalls nicht mein Geschmack, der junge Mensch. Andre, wie zum Beispiel mein lieber Nachbar Falkner, haben direkt einen Narren an ihm gefressen. – Ich aber gebe ihn billig ab, ganz billig!« Das Stubenmädchen kam herein und flüsterte dem Schloßherrn etwas ins Ohr. »Soll warten!« »Will aber nicht warten, gnädiger Herr.« »Na, dann meinetwegen.« Er erhob sich steifbeinig. »Ja, da sehen Sie's schon selbst, meine Herren! Mein Inspektor kommandiert mich und nicht umgekehrt.« Im Eßzimmer entstand eine Pause, während sich im Salon gegenüber ein gedämpftes Gespräch entwickelte. Der Schloßherr kam langsam zurück, dabei ernst und feierlich nickend: »Vater von Herrn Romeit gestorben,« lispelte er salbungsvoll. »Tut mir von Herzen leid. Tod doch immer sehr ernste Sache. Menetekel auch für unsereinen. War, glaub' ich, im gleichen Alter...« Danach schenkte er sich etwas zittrig das Portweinglas voll und schlürfte umständlich den braungoldigen Trank. Und da war's auch glücklich vorbei mit der Rührung, die das sonst so schön gefältelte Moralgesicht auf einen Augenblick entstellt hatte. »Merkwürdig! So was fällt immer in die Saat oder in die Erntezeit, wenn's Arbeit gibt. Genau wie bei den Dienstmädchen. Denen sterben die Tanten auch regelmäßig 'nen Tag vor der großen Wäsche.« Die Herren verzogen etwas säuerlich den Mund. Modeste aber war todblaß geworden, so daß die Schwester argwöhnisch herübersah. »Ich habe mein Taschentuch, glaube ich, vergessen ...« Sie stand auf. »Hast du es wirklich vergessen?« rief Frida ihr nach. Modeste hörte es nicht mehr. Sie war, so schnell sie konnte, hinabgeeilt in den Hof, ihn vielleicht noch zu sehen, zu sprechen, bevor er abfuhr. Aber als sie zum Lindengang einbog, dröhnte gerade der Wagen dumpf auf der Chaussee. Es war Herr Romeit. Am Nachmittag ritt die Schwadron ab. Falkner von Öd, der noch im letzten Augenblick zum Diner eingeladen worden war, des Rittmeisters wegen, hatte sich mit Unpäßlichkeit entschuldigen lassen. Die Familie sah noch lange befriedigt den Dragonern nach, wie die hellblauen Röcke zwischen dem Frühlingsgrün durchschimmerten. Bis auf das letzte ersterbende Pferdegetrappel horchten sie. Dann ging Frida trällernd ins Turmzimmer, Modeste aber wandelte nachdenklich durch den Park. Der braune Unhold bummelte mit, das dumm-pfiffige Jagdhundsgesicht in argwöhnischen Falten – er hatte noch nicht vergessen, wie treulos ihn die Herrin gestern allein gelassen hatte bei ihrem leichtsinnigen Ritt. Das Fichtenharz duftete heiß in der Sonne, die Hyazinthen auf den Rabatten hoben sich bunt. Modeste hatte heut gar kein Frühlingssehnen. Sie wiederholte sich nur immer wieder: »Lieb' ich ihn denn? Lieb' ich ihn denn wirklich? – Oder war's nur der Frühling?« Sie konnte sich darüber nicht klar werden. Aber als sie an die Ehe dachte, zuckte sie förmlich zusammen. »Niemals!« ... Dennoch empfand sie weder Bedauern, noch Reue... Und wenn's nun doch der Kuß gewesen wäre, der das Herz öffnet, wie der Lenzhauch die Knospe? ... Später ließ sie sich den Vierjährigen satteln und ritt durch die Felder im matten Trab. Der braune Unhold, der leidenschaftlich der Froschjagd oblag, war sehr zufrieden mit der Herrin. Erst als sie beinahe auf einen Reiter stieß, erwachte sie. Und auch der Reiter zuckte zusammen, als habe er gleichfalls tief geträumt. Er grüßte. Sie aber gab als Antwort dem Pferde nur einen Schlag mit der Reitgerte, um rasch davonzukommen. Es war Falkner von Öd gewesen und Eyselinsche Feldmark. »Du bist ja doch an allem schuld, du!« Nun kamen auch wieder Besuche. Die »schöne« Frau Murrmann, die beiden Gadebusch. Aber weder der Danziger Ballwinter noch die falschen Fremdwörter interessierten Modeste sonderlich. »Was hat sie nur eigentlich?« fragte die Frau Murrmann bei der Nachhausefahrt. »Ja – was hat sie nur?« wiederholten die Mädchen. »Vielleicht ist sie heimlich verlobt.« »Oh, so sieht sie nicht aus, Kinder!« rief triumphierend Frau Murrmann, »darin täusch' ich mich nie. Dazu war mir ihr Kleid lange nicht eklatant genug! Verliebte und Verlobte ziehen sich besonders gut an. Ja, nicht eklatant genug, liebe Marga!« Die Schwestern zwinkerten sich darauf gegenseitig zu und mußten plötzlich über einen Chausseestein furchtbar lachen. Die kleine Meyners hatte ihre Zeit besser ausgenutzt. Sie hatte sich in Montreux tatsächlich verlobt. Er hieß Pescatore, auf gut deutsch Fischer, und schien ein arger Windikus. Doch die kleine Meyners hing mit allen Fasern an ihm und stellte kurz entschlossen denen zu Hause die Wahl zwischen einer todunglücklichen Jungfrau tief unten im Genfer See und einer überglücklichen Frau hoch oben in Ostpreußen. Danach hielt die Mutter Meyners es für angemessen, bei sämtlichen Nachbarn vorzufahren und mit gewissen Daten zu belegen, daß die Pescatore eigentlich päpstliche Grafen und den Hohenzollern mindestens ebenbürtig seien. Man gäbe nur nichts auf Titel im sonnigen Italien. – Die Tochter aber gestand in einer vertraulichen Unterredung, daß das mit dem Marquisat eitel Einbildung sei, der Mann ihr aber lieber als ein Königssohn. Die Kürassierdamen räusperten sich hierauf verlegen und starrten nachdenklich auf ihre grauwollenen Strümpfe. Die Jüngste hatte sich beinahe in einen Leutnant Müller verliebt und machte sich nachträglich wegen dieser Gottlosigkeit bittere Vorwürfe. Und seltsam, auch Modeste rückte innerlich etwas von der kleinen Freundin weg. Die lächelnde Verstandeskühle senkte sich überhaupt wieder auf Modestes Herz wie häßlicher Meltau. Herr Romeit war schon fast acht Tage weg. Wär's ihm so heiß ums Herz gewesen, er wäre früher zurückgekehrt. Bei ihm waren's eben nur die Sinne, bei ihr nur der Frühling. Der Stern von Barginnen machte sich das sehr vernünftig klar und beschloß darum, zu vergessen. Er vergaß auch. Am nächsten Vormittag beim Frühstück kam ein Telegramm, das der Alte brummend beiseitelegte. »Na, endlich! Ich werde übrigens die Gelegenheit benutzen und auf zwei Tage nach Königsberg fahren. Der Wagen bleibt dann gleich in der Stadt und wartet auf den Inspektor. – Da gehe ich auch dem Geburtstage von dem alten Eller aus dem Wege. Allein ist mir der Mann ja ganz lieb – aber an so einem Tage kommt natürlich Krethi und Plethi, um sich voll zu essen und voll zu trinken.« Modeste zitterte doch die Hand ein wenig, als sie das Telegramm las. »Komme mit dem Sechsuhrzuge abends. Bitte Fuhrwerk. Romeit.« Den ganzen Tag scheuchte sie eine quälende Unruhe. Wenn der Mann nun nicht vornehm vergessen konnte? Oder wenn er vielleicht vornehm schon vergessen hätte? ... Noch vor Kaffee lieh sie den Sommerrappen satteln, ritt ohne Freude durch das sprossende, duftende Grün. Die Luft schwer, die Sonne heiß. Hinter dem Eichenwald ballte sich graues Gewölk. Ein Unwetter lag in der Luft. Und wider Willen dachte Modeste an eine Jahrmarktsprophezeiung, die sehr poetisch gelautet hatte: »Wenn des Himmels Donner hallen, Deines Schicksals Lose fallen – Denn ein Blitz scheucht in den Arm Dir ein Lieb einst, jung und warm.« Das war Jahre her, und Modeste hatte eigentlich längst aufgehört, von Gewittern etwas Besonderes zu erwarten. Fliegen schwärmten zudringlich, das junge Pferd biß und teilte nach den Quälgeistern. Es war ein unruhiges Reiten. »Na, dann lauf, was du kannst!« sagte sie endlich ärgerlich, als der Rappe schnaubend vorwärts drängte. Er streckte sich willig zu einem langen Galopp, und wieder blieb der braune Unhold winselnd zurück. Das Ellersche Gut tauchte auf – klein, gemütlich. Schindeldächer, ein niedriges Herrenhaus. Modeste gedachte dem alten Herrn wenigstens »Guten Tag« zu sagen an seinem Geburtstag. Als sie über den Hof ritt: eine schwankende Ehrenpforte aus Tannengirlanden, vor dem Stalle fremde Wagen, Kutscher in weißen, groben Hemdärmeln. Ellers stets etwas angeheiterter Stallbursche half ihr vom Pferde. »Aber nicht absatteln, nur führen!« rief sie zurück. – Dann ging sie zum Wohnhaus, das halb im Grünen lag, den Blick auf einen kleinen Hofteich. Fliedergebüsch spiegelte sich in der trüben Flut. Ein schnatternder Erpel hob sich mit sehnsüchtigem Flügelschlag. – Die Fenster waren weit geöffnet. Herrenstimmen, Herrenlachen. Modeste stand halb neugierig, halb unentschlossen still. Sie konnte den alten Eller genau erkennen, wie er sich zwischen den Stühlen durchwand und im breitesten Litauisch rief: »Na, Kinder, ihr sauft ja das Zeug wie Sprindwasser!« Dabei schmunzelte er und fuhr sich nach dem Kopf. »Ihr sauft mich arm! Denn das ist nicht etwa Fusel – das ist echter Jamaika von Königsberg aus dem ›Blutgericht‹...« Er hob lachend die Flasche. »Auf der Etikette wenigstens steht's – aber der Deiwel trau'! ... Die ganzen Städter lügen ja wie gedruckt.« Der dicke Referendar dankte darauf etwas eingeschüchtert. Da rief der alte Eller strafend: »Na, da hört doch wahrhaftig die Weltgeschicht' auf! Kommt aufs Land nach Litauen und geniert sich. Junger Mann wie Sie! Die ganze Flasch' müßt' der auf einmal auslutschen und gleich nach der zweiten verlangen.« Der Referendar lachte und trank. »Na, warum geht's denn jetzt? Das war brav! ...« Er klopfte dem Referendar auf die Schulter. »Sie sind mein Mann, Staatsgewalt. Schießt gut, trinkt gut, spielt auch gut... Wo sind die Karten?« »Wo sind die Karten?« wiederholte dumpf aus seiner Sofaecke der krumme Riese. »Ach, laßt doch die dummen Karten zu Haus!« rief ein andrer, im Zigarrenrauch Unsichtbarer. »Erzähl lieber 'nen lustigen Schwank aus deinem Leben, Eller... Wie war's doch mit der hübschen Französin aus Eyselin? – Verstehen tatet ihr über Tag kein Wort voneinander – aber wenn der Eller so gegen elf Uhr abends ans Fenster klopfte, da verstanden sie sich auf einmal ganz gut.« Die Herren lachten schallend, und Modeste erkannte verwundert in dem Sprecher den sehr wohlerzogenen Gatten der Frau Murrmann. – Er fuhr auch sogleich satt lächelnd fort: »Ich war neulich in Königsberg. Schneidige Weiber. Namentlich eins – direkt Jötterweib!« Er schnalzte begehrlich mit der Zunge. Der alte Eller schlug jetzt mit dem Zeigefinger warnend auf den Tisch: »Gräbt der aber alte Geschichten aus, der Kreth! ... Aber wart, wart, du dicker Kujon! Ich lass' auf der Stell' anspannen und die schöne Frau Murrmann holen. Und dann sag' ich: ›Gnädige Frau, hören Sie sich nur einmal den Lunterus an, wie er renommiert!‹ – Jötterweib! Zu Hause ist der Kreth so duckmäuserisch und scheinheilig und geht wie ein Schudelchen gehorsam an der Stripp' – aber wenn die Bestie losgelassen ist, da wiehert sie und keilt aus wie ein Zweijähriger, wenn er zum ersten Male wieder in den Roßgarten kommt.« Er hob sein Grogglas, trank aber, mäßig wie immer, nur einen Schluck. Dann legte er dem Gatten der schönen Frau Murrmann väterlich die Hand um den Hals. »Dicker, wenn ich so denk'! Waren doch schöne Zeiten... Die Französin – es war ja eigentlich 'ne Schweizerin – aber Feuer! So 'ne echte Südländerin! ... Du warst auch ein höllischer Durchgänger, Dicker! ... Aber alles vorbei... Jetzt ist unser Murrmann so 'n echter Pomuchelskopf geworden – nur manchmal noch schlackert er mit dem Schwänzchen wie ein fetter Karpfen im Netz, den man eben gegriffen hat! ... Ist ja auch besser so – das heißt: Nei!« Er lächelte pfiffig. »Was sind das überhaupt für junge Leute heutzutage! Keine Jugend mehr, kein Mark in den Knochen... Da ist zum Beispiel da drüben der Duschack, der Romeit! 'n Mensch zum Gernhaben, tüchtig, gescheit und ein Pferdekenner – da sind wir alle Waisenknaben dagegen! Dabei 'n auffallend hübscher, adretter Mensch, gar nicht so wie gewöhnliche Inspektoren. Aber spielt nicht, trinkt nicht, raucht nur immer Zigarren... So einen mögen doch die Marjellens. Braucht bloß zuzugreifen. Ich sag' auch immer: ›Romeit, Sie werden's noch bereuen! Sie gehen mit Scheuklappen durchs Leben... Die Modestchen, die ist so allein und langweilt sich so... Trösten Sie sie doch 'n bißchen!‹ – Ich sag' Ihnen, wird da aber der Kreth falsch. ›Was ich von ihr dächt' und von ihm dächt'!‹... Ich schlackere dann nur so mit der Hand: ›Lieber Romeit, Sie sind jung und sie ist jung. Und ob sie nun auch 'n gnädiges Fräulein ist und am liebsten 'nen Prinzen heiraten möcht', und Sie sind nur so 'n einfacher Inspektor – was heißt das? – Jugend ist Jugend! Da gibt's keinen Rang und keinen Stand ... Die Modeste ist gewiß 'n anständiges Mädchen – aber wenn man ihr so ordentlich in die Augen sieht... Ich möcht', ich wär' dreißig Jahr jünger! Da wollt' ich Ihnen allen mal zeigen, was 'ne Harke ist‹ Aber der Kreth ist und bleibt dammlig!« »Na, der Baron drüben soll ja Absichten haben,« knurrte der krumme Riese. »Ja, Absichten! Hat sich was ... Der küßt die Marjellens ab und läßt sie stehen. – Aber heiraten? Da kennen Sie Öds schlecht! Vornehme Leute – und einen Riesennagel! ... Außerdem hat der bereits sein Teil. Lungert nicht umsonst den ganzen Winter an der Riviera 'rum!« »Bis es mal zu Ende ist mit den Moneten,« brummte der krumme Riese. »Ja, wo wird's nicht mal zu Ende gehen!« rief der Alte fröhlich. »Neulich hat er so 'n paar Berliner Lebemänner bei sich gehabt zum Schnepfenzug. Da soll der Pommery in Strömen geflossen sein ... Und wenn die Majoratsherren schon solche Sektfrühstücks geben, dann seh' ich mich immer heimlich um, ob nicht vielleicht der Sequester gerad' in den Gutsweg einbiegt. – Einmal ist der Öd mit seinem Vermögen schon fertig geworden. Warum soll er nicht das zweitemal mit seinem Vermögen fertig werden? Die besten Absichten hat er. – Ja, Kinder, das Geld ist dazu da, daß es rollt, und die hübschen Mädchen, daß man sie abknutscht!« Wieder antwortete das wiehernde Gelächter. Das war doch etwas zu viel Grogparfüm. Modeste wollte sich leise zurückziehen. Da erblickte sie noch der alte Eller, der gerade ans Fenster trat. »Guten Tag, gnädiges Fräulein!« rief er lustig. »Je später der Abend, je schöner die Leute.« Rasch kam er heraus. »Ich gratuliere herzlich,« sagte Modeste, aber ohne besondere Wärme. »Ach, gratulieren Sie nicht!« scherzte er, »wieder 'n Jahr älter und nicht klüger. Ich bin schon ganz wie gewisse Jungfern – ich sag' gar nicht mehr, wie alt ich bin.« – Modeste wollte nicht mit ins Zimmer, er aber zwang sie sänftlich: »Ich lass' Ihre Hand nicht eher los als in der Stub'!« Kaum war Modeste in das niedere, altmodische Zimmer getreten, mit dem Groggeruch, dem Tabaksrauch, den litauischen Gesichtern, die abenteuerlich genug in dieser künstlichen Dämmerung ausschauten, da tönte Hufschlag – leicht, scharf. Der alte Eller spitzte die Ohren. »Das ist der Baron! Der wird schon keinen Geburtstag vorübergehen lassen, ohne zu gratulieren! Ja, der alte Adel, der weiß... Nicht wahr, Fräulein Modeste?« Aber der Stern von Barginnen war im Augenblick wieder aufgestanden. »Ich vergaß vollkommen... Es ist die allerhöchste Zeit!« »Aber gnädiges Fräulein, da geht ja die Sonn' aus dem Zimmer!« schmeichelte der alte Vokativus. Modeste jedoch grüßte nur lächelnd und flüchtig nach allen Seiten. Als sie in der Tür Herrn von Falkner begegnete, vermochte sie es nicht über sich, den hübschen Kopf zu neigen. – Im Weitergehen hörte sie noch, wie der Baron in seinem dialektlosen Deutsch sagte: »Herr Eller, ich komme nur auf fünf Minuten, ich erwarte Besuch« – und wie der alte Eller mit komischem Pathos erwiderte: »Der Adel bittet nicht, er gewährt nur! Und nun lassen Sie den Fuchs absatteln, Herr Baron...« Der Stern von Barginnen ritt im trägen Schritt bis zur Gartenhecke, dann aber flog der Rappe. Das hübsche Mädchen sah wieder finster vor sich hin und murmelte: »Ach, wäre er doch tot – wäre er doch tot!« – Auf der Chaussee beruhigte sie sich etwas. Fuhrwerke ratterten, Leute grüßten. Ein auffallend städtisch angezogenes Mädchen bog vor ihr in einen Feldweg ab. Sie sah ihr sehr bekannt aus, die feine schlanke Gestalt. Modeste wollte weiterreiten. Da leuchtete es rot unter dem Strohhut der Fremden auf. Es war das Fräulein aus Bussardshof. »Judith, Judith!« rief Modeste durch die hohle Hand hinüber. Die Dame schritt nur schneller weiter. »Judith!« rief Modeste noch einmal, so hell sie konnte. Dann nahm sie das Pferd zum Grabensprung zurück und hielt eine Minute später neben der Kränzchenfreundin. »Guten Tag. Wie geht's dir?« »Oh, ganz gut. Es ist ja Gott sei Dank endlich Frühling.« »Du bist so sonderbar. Judith!« »Ich bin nur eilig, Modeste. – Ich möchte dem alten Eller noch gratulieren, auch in Mamas Namen. Sie kennt ihn so lang' und mag ihn so gern! Sie selbst konnte nicht. Sie hat in Eyselin zu tun und wird mich dort an der Chaussee wieder erwarten... Adieu.« »Adieu.« Modeste wußte nicht recht, was tun. Endlich sagte sie im Weiterreiten: »Es ist so dumm – einer zu Pferd und einer zu Fuß! Ich steige 'runter.« »Aber warum denn?« »Weil ich will, Judith.« Sie schritten eine Weile stumm nebeneinander – die schöne, junge Gestalt mit allem Reiz von Kraft und Frische, und die anmutige Zarte, den kranken Rosenhauch auf den Wangen. »Warum bist du eigentlich so, Judith?« »Frag lieber nicht, Modeste!« »Dann frag' ich erst recht!« »Ach, Modeste, wir verstehen uns nicht, wir werden uns nie verstehen...« »Weil du eine Baronesse bist und deine Mutter Gräfin war, und ich Fräulein Lindt und mein Vater früher Kaufmann... Aber so seid ihr im Grunde alle!« »Das sagtest du schon einmal bei uns. Mich traf's damals nicht – mich trifft's auch heut nicht. Aber wenn du meine gute, kluge, vornehme Mutter angreifst, so sage ich dir: wirf sie lieber nicht mit der alten Gadebusch zusammen!... Und wenn du unter Adel nur albernen Hochmut verstehst – meine Mutter jedenfalls weiß nur von adligen Herzen.« »Und ich habe doch recht!« fuhr Modeste erbittert fort. »Ob ihr nun Bussard heißt oder Gadebusch oder gar Falkner von Öd ...« »Was hat der damit zu tun?« unterbrach Judith eisig. »Ich denke, er hätte genug mit euch zu tun – wenigstens gehabt.« »Modeste!« »Judith!« »Herr von Falkner ist...« »Ein Schurke! Damit du's weißt.« Beide Mädchen waren dunkelrot geworden und standen sich mit blitzenden Augen gegenüber. »Was wagst du?« Es war Judith von Bussard, die zuerst das Wort fand. »Herr von Falkner ist ein Gentleman – hörst du? – ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. – Aber du bist keine Lady – nein, du bist keine Lady!« Sie war vor Aufregung zitternd auf Modeste zugetreten, die unwillkürlich zurückwich. »Du bist keine Lady,« wiederholte sie noch einmal. »Du bist eine Lindt.« Modeste hatte die Reitgerte erhoben, als wenn sie den Schimpf mit einem Hiebe rächen wollte. »Ja, schlag nur, schlag! Du bist so viel stärker wie ich. – Aber ich werde nicht einen Zoll zurückweichen, ich werde nicht schreien.« Modeste senkte die Reitgerte. »Du bist krank, Judith,« sagte sie achselzuckend. »Du tust mir leid.« »Ich bin allerdings krank, sehr krank! Aber ich glaube nicht, daß das irgendeine von euch jemals beunruhigt hätte ... Ich liebe die Menschen sonst – ich möchte sie wenigstens lieben –, aber in diesem einsamen Winter habe ich erkennen gelernt, daß es für mich nur zwei Menschen gibt: meine Mutter –« »Und Falkner von Öd,« ergänzte Modeste kalt. »Ja, allerdings Falkner von Öd! – Ihr wißt's wahrscheinlich längst, wißt's wahrscheinlich früher als ich ... Ich müßte lügen, schreien: ›Nein, es ist nicht wahr!‹ – weil es hoffnungslos ist ... Aber ich lüge nicht, ich lüge nie ... Ihr könnt mich übrigens auch nicht verstehen – du zuletzt! – Ja, ich kenne ihn schon sehr lange. Ich erinnere mich seiner, als er mir einmal Muscheln schenkte, wie ich am Strand saß! Damals war ich ein Kind, und er kannte mich nicht. – Ich erinnere mich seiner, als er an demselben Strande entlang ging, im ganz leisen Gespräch mit einer wunderschönen Frau. Dabei wurde mir kalt ... Damals war ich kein Kind mehr! – Ich erinnere mich seiner, als er uns den ersten Besuch hier machte. Und seitdem liebe ich ihn, und seitdem hasse ich die andre Frau! ... Ja, ich hasse sie! Ich habe sie heimlich vielleicht immer gehaßt, weil sie mir nahm, was mir schon gehörte ... Ich bin krank, sehr krank, ich werde bald sterben – ich möchte bald sterben, obgleich meine unglückliche Mutter dann ganz einsam steht ... Ich kann nicht anders ... Aber für ihn hätte ich leben mögen, ewig leben! Und er hätte mich auch gesund gemacht, ganz gesund – er allein... Ich habe gekämpft, gerungen, ich hab's dem Himmel abzwingen wollen – ich hab's nicht gekonnt... Und er hat's auch nicht gekonnt... Und wenn du vielleicht denkst, daß ich dich vielleicht haßte, weil du schon bei uns mit ihm kokettiert hast und weil du die einzige gewesen bist, mit der er getanzt hat damals! Ich hätte mein Herzblut um diesen einen Tanz gegeben – um dieses einen Tanzes willen war ich da! – Es war mein letztes Gebet... Aber es wäre ein andrer Tanz gewesen auch für ihn, darauf verlaß dich! ... Er hat diesen Tanz nicht mit mir getanzt, durfte ihn nicht mit mir tanzen. Dazu dachte er zu hoch, fühlte zu echt. – Ich beneide dich wahrhaftig nicht um diesen Tanz! Ein Tanz mit dir? – Du lieber Gott... Die Sinne haben ihn betrogen. Und du wirst noch vieler Männer Sinne betrügen... Ich bemitleide dich aber auch nicht etwa, wenn er dir die häßlichste Seite seines Wesens gezeigt hat, wie du ja selbst sagst! Er ist auch nur ein Mann – und wer sich einem Manne so entgegenträgt...« Modeste wollte erwidern, aber Judith von Bussard rief: »Sprich nicht! Schlag mich lieber! Ich kann dein Organ nicht ertragen. Es widert mich an. Du zeigst mir mit jedem Wort nur schrecklich, wie wenig wert wir Frauen sind... Vielleicht möcht' ich auch sein wie du: kalt, berechnend, verlogen. – Und wenn du einmal ehrlich sündigen solltest, so wirst du mit den Sinnen sündigen, aber nie mit dem Herzen, du Glückliche! ... Ich hätte mit ihm gesündigt – ja, ich hätte mit ihm gesündigt! Ich hätte alles getan – das Schlechteste... Aber ich hätte es mit dem Herzen getan! Und Gott sieht nur die Herzen an... Ich mag dir tiefer stehen nach solchem Geständnis – mir steh' ich nur höher... Denn die Liebe muß jedes Opfer bringen, am freudigsten sich selbst. – Du aber wirst niemals etwas von dir opfern können, geschweige denn dich selbst – du wirst niemals das Hochgefühl empfinden können, das schon der Gedanke an dieses heißeste Opfer in uns schafft... du wirft glücklich werden auf deine Manier. – Aber ich tauschen mit dir? Ich? – Ich tausche mit niemand! Ich bin in meinem Unglück doch glücklicher als ihr alle. Und wenn auch sein Herz einer andern gehört – kann ich's ändern? – ich werde ihm doch treu bleiben, und meine Liebe soll erst verlöschen mit mir.« Der Atem verging ihr. Sie winkte Modeste zu gehen. Aber Modeste blieb kalt stehen und sah ohne Mitleid, wie dieser leidenschaftliche Ausbruch alle Lebenskraft da drüben verschlungen zu haben schien. »Ich bitte dich, Modeste, geh!« bat Judith von Bussard noch einmal. Und die unzerstörbare Güte der reinen Frau fügte mit wehem Lächeln hinzu: »Vergiß! Tu mir's zum Gefallen! Ich habe jetzt Fieber – ich rede dann sonderbar... Ich wollte dir ja nicht so wehe tun... Aber ich habe den ganzen Winter über so schwer gelitten. Sei doch froh, daß du noch nicht weißt, was leiden heißt!« Da ging Modeste zögernd, mit zusammengepreßten Lippen, ohne Gruß. – Und so ging sie immer weiter, das Pferd am Zügel, ohne an ein Aufsitzen überhaupt zu denken. Aus einem gelben Rapsfeld sprang ihr der braune Unhold entgegen. Die Herrin hatte ihn wieder treulos verlassen, er aber war ihren Spuren gefolgt und begrüßte sie mit winselndem Freudengeheul. Sie streichelte ihn, den Blick ins Leere. »Gib mir die Quaste! Gib mir die Quaste!« sagte sie vor sich hin. Dann blieb sie wieder stehen: »Hab' ich wirklich nur Sinne? – Bin ich wirklich nur schlecht? ... Sie hat nicht recht! ... Aber wenn sie recht hätte? – Und sie darf nicht recht haben, sie darf nicht! ... Such' ich nicht auch? Leid' ich nicht auch? – Ja, ich bin schlecht – gewiß! Aber wenn ich einmal gut sein will, da steh' ich allein, so mutterseelenallein – ich muß einen Hund an mein Herz nehmen, um etwas Warmes zu fühlen... Sie haben alle gut reden! – Wenn ich empfinden will wie sie, muß ich über Barginnen hinaus, über meine Eltern hinaus, über mich selbst... Was kann ich schließlich dafür, daß ich eine Lindt bin? ... Sie sind alle Pharisäer, alle, alle!« ... Dann sagte sie wieder erbittert: »Ich kenne die Liebe nicht – ich kenne sie nicht! – Die Sinne verstand ich immer. Die Sinne versteh' ich jetzt auch – aber die Liebe?« ... Sie starrte eine Weile so finster vor sich hin, daß sie sich vor ihrem Spiegelbild entsetzt hätte. Dann stampfte sie mit dem Fuß auf: »Meinetwegen – dann bleibe ich eben, was ich bin! ... Habe ich kein Herz? – Auch gut! Ich bin des Suchens danach herzlich satt... Und wenn ich gestorben bin fast an dem Kuß von dem einen Mann und der Kuß von dem andern mir noch jetzt köstlich durch alle Fibern zittert – es ist Sinnlichkeit, es ist Sünde! – aber soll ich noch länger mich sperren gegen mich selbst? ... Das Schicksal von meinen Schwestern möchte ich nicht – das von Judith Bussard erst recht nicht! – Denn der Mann, den ich gern mag, der muß mich auch wieder mögen, oder ich mag ihn nicht mehr... Mir bleibt eben nur die Sünde – und ich reite ihr jetzt schnurstracks entgegen!« Sie saß rasch auf und ritt in schnellem Trabe weiter. Grau-düsteres Gewölk hatte sich hüben und drüben zusammengezogen, säumte den Horizont wie mit einer Riesenmauer. Die Natur verstummt. Die Saaten fahl, das Rapsfeld blaß, von den Wiesen leises Insektengezirp. Kein Blatt schwankte, kein Vogel sang. Die Wagen auf der Landstraße fuhren rascher. Nach Eyselin zu strebte im Galopp ein Reiter. An der Chaussee nach Tilsit zögerte Modeste, sich umschauend. Die Wolkenwand reckte sich dunkel und schwer. Ein lauer Windhauch ging durch die Ebereschen. Es mochte gegen sechs Uhr sein, aber es dämmerte schon. In der Ferne dumpfes Grollen, zuckendes Schwefellicht – die Klugen kehren zurück, die Toren reiten weiter. – Der Sommerrappe streckte schnuppernd den Hals seitwärts, wo Barginnen im trüben Dunst verschwand. Aber Modeste nahm die Zügel des Tieres kurz und wandte ihm den Kopf nach Tilsit. Die Chaussee menschenleer – ein einziger zerlumpter Handwerksbursche, der in der Eile, den nächsten Krug zu erreichen, das Betteln vergaß. Der Rappe trabte scharf auf dem weichen Sommerwege. Dann wallte Staub auf. Die Zweige der Chausseebäume begannen sich zu neigen – die Äste zu klagen ... ein Sausen ging hoch durch die Lüfte. Von Westen die düstere Riesenwolke zog heran wie ein Gespensterschiff. Ein Blitz zuckte stechend daraus auf, schwer hallte der Donnersalut. – Der Sommerrappe spitzte die Ohren und schnaubte ängstlich. Modeste setzte sich im Sattel zurück und gab die Hilfen zum Galopp. Aber das Gespensterschiff glitt ihr nach – tief und unheimlich, gerade über ihrem Kopf. Seine ganzen Breitseiten lohten im Gespensterlicht. Die Ebene gab's im tückisch gleißenden Reflex zurück. – Das Pferd zitterte, wollte nicht vorwärts und nicht zurück. Modeste gab ihm die Peitsche. Wieder ging's weiter im ängstlich schnaubenden Galopp. – Da krachte ein Schlag, so nah, so schwer, daß die Baumstämme erzitterten und die Äste sich duckten. Der Sommerrappe stutzte, prallte zur Seite – raste dann in der Karriere davon. Modeste griff vor in die Zügel, den Durchgänger zu halten – sie vermochte es nicht... Es war ein Augenblick, wo auch einem Manne das Herz gepocht hätte. Aber das Mädchen fühlte weder Angst noch Beklemmung. Ihr war, als wenn bei diesem wilden Jagen sich in ihr etwas freudig straffte. – Sie vermochte zu denken: ›Warum findet dich die wirkliche Gefahr immer so viel stärker, als du gedacht? ...‹ Um sie brauste es, seufzte es, ein mißfarbener Staubnebel hüllte sie ein. Da klang ganz von fern ein klägliches Aufheulen durch die Dämmernacht. Es war der braune Unhold und sein kindischer Verzweiflungsschrei. – Sie riß an den Zügeln, und das Tier, dem die tolle Jagd wohl auch zuviel geworden war, stand. Sie rief: »Flock! Flock!« Keine Antwort. – Erst nach Minuten ein klägliches Gewinsel, verschlungen von den Regenströmen, die jetzt in dicken Strahlen niederklatschten. Modeste fühlte die häßliche Kühle durch die Taille auf die Haut rieseln. Auch der Rappe schüttelte sich und drängte vorwärts. Endlich kam der braune Unhold angaloppiert, winzelnd, jaulend, gänzlich verzweifelt und als verwöhntes Kind fest entschlossen, erst auf Modestes Schoß sich zu beruhigen. Modeste lächelte, wie er sich wieder und wieder schüttelte und sich dann jappend auf die Chaussee setzte, als wollte er sagen: »Weiter geh' ich nicht!« – Aber die Herrin rief: »Komm, komm, mein Hundchen! Bis zum nächsten Krug mußt du schon noch aushalten!« Ganz durchnäßt langten alle drei in dem Kruge an. Es war ein großer einsamer Krug, wo die Frachtfuhrleute Rast machten. Draußen verregnete, kopfhängende Pferde vor leeren Krippen, drinnen wüste Männergesichter beim Schnaps. Modeste wurde ins Herrenstübchen geführt, mit einem geblümten Kanapee und dicker Stickluft. An der Wand ein verräuchertes Kaiserbild voll Fliegenschmutz, ihm gegenüber ein Buntdruck unter Glas: breitlächelnde Bauern um einen festgeketteten Pumpenschwengel. Die Aufschrift: »Hier wird nicht gepumpt!« Litauischer Kneipenhumor... Die schlampige Wirtin wollte Modeste ein Kleid borgen, aber dem Fräulein graute schon bei dem Gedanken. Sie bestellte für ihren Hund einen Teller Suppe und für sich eine Tasse Kaffee. – Sie fühlte sich gar nicht unglücklich in dieser häßlichen Umgebung. So war eben das Land. – Die Zichorienbrühe dampfte, der Hund schnalzte – Modeste aber dachte zurück an den Ritt und fragte sich wieder: ›Warum kenne ich eigentlich die körperliche Feigheit so gar nicht – und warum bin ich innerlich doch so feige?‹ Die Tür zum Krugzimmer stand weit offen. Der Wirt schlurfte breitspurig auf ausgetretenen Pantoffeln, die Wirtin wischte ein Schnapsglas mit der blauen Schürze aus. Vor der Tombank ein junger Knecht, der mißtrauisch den schwanken Stiel einer neuen Peitsche prüfte. – Draußen Wagenrollen. Der braune Unhold wedelte, als witterte er etwas Heimatliches... Modeste horchte auf: »Ob er halten wird? – Nein, er hält nicht! ... Es ist auch besser so...« Aber in demselben Augenblicke hatte sie auch schon das verquollene Fenster aufgerissen und rief: »Kutscher, halten!« Der trunkene Mann auf dem Bock lallte, ruckte an den Leinen, und der schwere Landauer hielt vor dem Kruge. Aus dem Innern eine ärgerliche Stimme: »Was ist das nun wieder? Ihr habt gerade genug getrunken! Vorwärts – hier wird nicht gehalten.« Da klopfte Modeste an das Wagenfenster. »Ich bin's, Herr Romeit! Ich bin hier nämlich eingeregnet.« Herr Romeit stieg rasch heraus. »Ach, gnädiges Fräulein! Verzeihung...« »Ich will mitfahren, Herr Romeit, aber nur unter der Bedingung, daß der Wagen abgeklappt wird.« »Sofort, gnädiges Fräulein!« Und er griff selbst zu mit der braunen, sehnigen Hand, die leicht zitterte, als das Verdeck endlich knarrend zurückfiel. »Wollen gnädiges Fräulein einsteigen?« »Aber ich habe den Sommerrappen hier. Ich glaube, er markiert vorne links etwas.« »Ich lasse ihn morgen ganz früh holen,« beruhigte er. Da zauderte sie wieder. »Ich könnte ihn eigentlich selbst im Schritt zurückreiten.« Sie sah dabei in die klare, kühle Frühlingsnacht hinaus, die von der wilden Empörung der wilden Elemente vorhin nichts mehr wußte. Nur die Bäume tropften noch. »Also, Sie lassen ihn ganz bestimmt holen, Herr Romeit?« Dann stieg sie in den Wagen, dessen Rücksitz der braune Unhold bereits belegt hatte, um die Kutscherlivree wedelnd zu beriechen. »Taugt er eigentlich etwas, gnädiges Fräulein?« fragte Herr Romeit, auf den Hund zeigend. »Vorläufig zernagt er noch alles. Aber ich habe ihn gern.« Als sie abfuhren, sah die Wirtin kopfschüttelnd nach: »Is ja gelogen! Lahmt ja gar nicht, der Kreth!« Dann wischte sie sich mit der blauen Schürze die Nase und trat gähnend in den Krug zurück. Lichter Dunst stieg von den Saaten auf, die Wiesen dufteten feucht. Die Luft rein, köstlich. Kein Laut – nur das stumme Wachsen und Sprossen, das Geheimnis des Werdens, das die Frühlingsnacht wie ein Zauber umspinnt. – Die beiden saßen eine Weile stumm. Der Zauber umspann auch sie. Endlich sagte Modeste etwas nüchtern: »Sie haben Ihren Vater verloren, Herr Romeit? Es tut mir herzlich leid.« »Danke, gnädiges Fräulein.« »Sie haben Ihren Vater sehr liebgehabt?« »Aber natürlich, gnädiges Fräulein.« »Sie sind lange fortgeblieben...« »Ich mußte.« »Und wahrscheinlich auch gern.« »Gern!« wiederholte er leise. Ihre Augen trafen sich, glitten aneinander vorüber. »Gern? Ich habe die ganze Zeit nur an Barginnen gedacht.« »Das sollten Sie aber nicht!« »Ich mußte...« Dann schwiegen sie wieder. Der Kutscher auf dem Bock wankte und schwankte, indes die Braunen ihren müden Trott gingen. Modeste sah die östliche Ebene vorübergleiten – so stumm, so nebliglicht, wie in köstlicher Erschlaffung dem Morgen entgegendämmernd. »Sind gnädiges Fräulein mir böse?« fragte er. »Nein.« »Gnädiges Fräulein ahnen ja gar nicht...!« »Ich weiß, ich weiß, Herr Romeit...« Wieder Schweigen. Modeste war die Kehle wie zugeschnürt. Aus einem Rapsfeld lugte ein Reh, das große sanfte Auge ohne Scheu... Das gleißende Gelb, die dampfenden Saaten – der feuchte Wiesenduft. Wie ein Traum zog alles vor den Sinnen des schönen Mädchens vorüber, sie zu fangen, zu ketten mit den holden Armen der Frühlingsnacht. – Als sie in den Lindenweg einbogen, fuhr der Wagen mit jähem Ruck auf den Prellstein, hielt, der Kutscher sah sich blöde um. »Ich will hier schon aussteigen,« sagte sie. Sie gingen ein paar Schritt. »Gute Nacht, Herr Romeit.« »Gnädiges Fräulein, darf ich nicht noch einmal Ihre Hand küssen?« flüsterte er. »Ja – aber um Gottes willen nicht hier! ... In dem Seitenweg da.« Dort ließ sie ihm die Hand, den Kopf abgewendet. Aber sie fühlte den heißen Kuß durch den Handschuh durch. Sie begann zu zittern... Dann trat sie auf einmal mit ganz blassen Augen auf den Mann zu, so daß beider Atem sich mischte. »Küssen Sie mich! Küssen Sie mich, wie Sie mich damals geküßt haben...« Er umfing sie leidenschaftlich. Sie schloß die Augen. »Mehr – mehr!« hauchte sie. Er küßte sie zum Ersticken. Da riß sie sich schweratmend los, trat zurück, schaute ihn an mit einem bösen, heißen Blick. – Dann sagte sie seltsam ruhig: »Ich will dir geben, was du willst – ... Aber nimm's, wie ich's dir gebe, ohne zu fragen, ohne zu sagen... Es ist eine Sünde! – Aber ich will sündigen...« Nach einer Weile fuhr sie wie im Selbstgespräch fort: »Denn ob ich dich liebe, wirklich liebe – das weiß ich noch nicht... Du bleibst ja nur noch zwei Monate hier. Dann ist's aus... Ich wünschte, es wäre erst aus!« Darauf ging sie von dannen, ohne sich noch einmal umzusehen. Und der Mann trat wieder zurück ans Gebüsch und murmelte glückselig: »Modeste! Modeste – ich habe dich ja so schrecklich lieb.« Er wartete, bis das Licht im Turmzimmer aufflammte, dann grüßte er noch einmal mit Hand und Mund. – Und wenn auch seine Mutter heute noch gestorben wäre, er hätte doch nicht anders können, als jauchzen vor Glück. 17 Es war ein Sündenglück – heimlich, heiß. Der kurze ostpreußische Sommer hielt seine Glutfittiche schützend darüber. Die beiden hatten ihre gemeinsamen Ritte wieder aufgenommen – aber verstohlen, bewußte Sünder. Nie ritten sie zugleich vom Hof. Sie trafen sich immer wie zufällig, einmal bei den singenden Bäumen oder beim alten Eller oder auf dem neuen Vorwerk. Sobald das Ordensschloß ihren Augen versank, stieg das Glück ihren Herzen auf. Sie pflegten jetzt ganz langsam zu reiten, ganz dicht, daß die Kleider sich berührten und die prickelnde Glut von Körper zu Körper rann. Dabei sprachen sie wenig – die Kehle wie verdorrt, den argwöhnischen Blick suchend über der weiten Ebene. Und um sie blühte und leuchtete der Sommer. Der Hafer dunkelgrün, hoch wie Schilf, die Gerste silbrig, weich wiegend, die roten Blütenköpfe des Klees heimlich nickend, süß duftend, überwogt von tändelnden, naschenden Schmetterlingen, emsig summenden Bienen. Dann hielten die beiden wohl, dem Leben zu lauschen, den Duft zu atmen, an dem Sommerbild von Licht und Liebe sich zu berauschen. Bis sie endlich weitertrabten durch die grüne heiße Pracht, die wollüstig zu schlummern schien in der Mittagsglut oder matt flimmernd aufwallte im Nachmittagswind. Der Blütenstaub des Roggens wie eine Dunstwolke über den Ähren. Gegen Abend im kosenden Abschiedslicht der Sonne flüsterte der Lufthauch nur noch ein Schlaflied, sanft einlullend die tauschweren Halme... Wenn aber der Eichenwald die beiden aufnahm in seinen kosenden Blätterschatten oder die Tannen ihren starken Harzgeruch ausströmten – dann sprang der Mann rasch vom Pferde, hob auch Modeste aus dem Sattel, trunken, selig, die schöne Gestalt schon in der Luft an sich pressend, um sie dann behutsam niederzulassen, wie ein überzartes Kind. Er stammelte Törichtes, und sie hing an seinem Hals lasch, mit geschlossenen Augen und geöffneten Lippen. Und sie hörte wie im Traum das leise Rauschen der jungen Eichenblätter, das feine Singen der Tannennadeln. Und um sie her so viel keusche Poesie, so viel heiße Luft! ... Ihr schien's in solchen Augenblicken nicht Sünde, sondern Bestimmung – die Blüte endlich erschlossen dem Liebeshauch. Sie küßte, mußte küssen... Einmal machte sie sich urplötzlich aus seinen Armen los, wischte den Mund mit dem Taschentuch ab, als spüre sie ätzendes Gift. »Laß mich! ... Es ist alles nicht wahr... Ich liebe dich doch nicht.« Er stand verwundert. »Aber warum küßt du mich dann? Wenn du mich nicht lieb hättest, würdest du mich doch nicht küssen!« Sie schwieg und starrte finster vor sich hin. »Aber Modeste – geliebte Modeste,« bat er und suchte ihre Hand. Sie riß sie heftig zurück. Eine einzige, schwere, große Träne rollte ihr aus dem Auge. »Ich bin schlecht... Ich bin schmutzig... Und ich selbst habe mich beschmutzt... Ich werde dich nie heiraten – nie!« Er stritt heftig dagegen. »Es ist nicht wahr! Du bist nicht schlecht! – Du bist gut! Du könntest dich ja gar nicht beschmutzen, selbst wenn du wolltest... Du bist ja viel besser, als du ahnst... Oder sei auch meinetwegen schlecht, sei wie du willst – aber hab mich lieb! ... Ich kann mich nicht so ausdrücken – aber wenn ich die Wahl hätte zwischen dem Himmel ohne dich und der Hölle mit dir, ich nähme unbedenklich die Hölle.« Da lächelte sie wieder. Die Träne verdorrte. »Sieh mal, Otto – du bist doch eigentlich ein großes Kind. Du empfindest auch so. Ich habe immer gedacht, du müßtest ganz anders empfinden als wir... Aber du empfindest so fein! ... Ich schäme mich manchmal vor dir – ja, ich schäme mich vor dir! ... Welches Recht hat denn nun eigentlich unser Hochmut? – Du bist der Bessere, du gibst mir viel zu viel – nicht etwa ich, die ich immer nur viel zu viel zu geben glaube... Ich sehe ganz klar. Und doch komme ich nicht über mich hinweg. Ich weiß das nur zu genau! ... Wenn ich heute zu meinem Vater ginge und ihm sagte: ›Ich will den Inspektor Romeit heiraten‹ – und wenn mein Vater mich als Antwort darauf verfluchte – ich wäre ein anständiges Mädchen... Aber ich tu's nie! ... Ja, so sind wir Lindts. Hier küsse ich dich, vor der Welt verleugne ich dich. – Oh, es ist etwas Häßliches, Gemeines – ich weiß es nur zu gut!« Er schloß ihr den Mund mit der Hand und sagte merkwürdig ernst: »Modeste, sprich nicht weiter! ... Ich sehe doch auch. – Ich habe auch meine Gedanken – nur daß ich sie mit aller Kraft zurückdränge... Ich bin sonst ein ganz vernünftiger, sogar schwerblütiger Mensch, wo es sich nicht um dich handelt... Aber bei dir will ich gar nicht vernünftig sein – ich will träumen! Das ist gewiß schlapp. Und eigentlich bin ich gar nicht schlapp... Aber wenn man in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Traum geträumt hat, so soll man ihn träumen, so lange man irgend kann... Mein Vater ist gestorben. Was hat's mir schließlich gemacht? – Gar nichts! Meine Mutter könnte heute sterben. Was würde es mir machen? – Nichts, gar nichts! ... Und ich schäme mich nicht. – Wie's später zwischen uns werden wird, das weiß ich nicht. Das heißt, ich weiß ganz genau, daß es bald zu Ende sein wird... Aber ich möchte doch später und stets denken, daß du mir das Liebste und Beste auf der Erde gewesen bist. Und sieh mal, Modeste – wenn ich erst von dem Glauben lassen muß, dann muß ich auch von mir selbst lassen!« Modeste sah ihm lange in die Augen. »Habe ich dich lieb?« fragte sie wie träumend. – »Ja, ich habe dich lieb! – Aber ob's vorhält? – Oh, du kennst uns nicht! ... Wir sind alle harte, kalte Egoisten. Und ich habe eine Angst vor dieser Kälte, dieser Leere, ich bin von ihr zu dir geflohen vielleicht. Aber ich bin doch eine Lindt! Und diese Lindt muß erst in mir erwürgt, die letzte Faser von ihr herausgerissen sein, bis ich die bin, die ich wirklich bin... Das kommt aber nie.« Einen Augenblick stand sie schweigend, sah sich um mit leeren Augen. Es war ganz still im Wald. Nur ein leises Klagen in den Tannenkronen. Die singenden Bäume hatten die Umarmung gelöst, sangen nicht mehr... Die Pferde steckten die gesenkten Köpfe zueinander, nickten schnuppernd, schüttelten sich dann wieder, als pflögen sie heimlich Gespräch. Der braune Unhold, der tödlich gelangweilt dabeisaß, hob die Nase. In den Tannen drüben knackte es. Sie lauschten. »Es werden die Schindeljuden sein,« beruhigte er. »Nein, ich sehe etwas Helles,« flüsterte sie. »Um Gottes willen! Es sind mein Vater und meine Schwester... Kusch, Flock!« – Aber Flock sprang mit feindlichem Gebell gegen den alten Knochenmehlhändler, in dem sein Hundeinstinkt den zweifelhaften Gentleman witterte. »Ist hier jemand?« fragte laut eine ölige Stimme. Modeste winkte Herrn Romeit: »Kein Wort!« Sie saß gewandt auf und ritt im Schritt weiter durchs Holz. »Ach du!« sagte der Alte, als er den Stern von Barginnen erblickte. »Wir wollten eben zu dem Platz, wo die Juden die Schindeln machen.« »Aber da war doch noch jemand,« lispelte Frida mißtrauisch. »Zu den Schindeljuden geh' ich gern mit,« rief Modeste laut. Der Alte ging weiter. »Aber da ist doch ein großer Schatten – ein Pferd oder ein...« beharrte Frida, zurücksehend. »Es werden Rehe sein,« meinte der Alte wieder. »Man schont noch viel zu viel. Die Felder leiden sichtlich. Ich werde dem Jäger sagen, daß er ein halbes Dutzend Ricken abschießt. Modeste schwieg und streifte mit der Reitgerte eine Bremse vom Pferdehals. Im selben Augenblick äugte Frida über die Eichenlichtung, auf die sie jetzt traten. Ein sehr flüchtiger Reiter tauchte drüben auf, verschwand. »Das war ja Herr Romeit, Modeste!« »Ja, warum soll es nicht Herr Romeit sein, liebe Frida?« »Du, am Ende...?« Sie waren bald darauf zu den Schindeljuden gekommen, die tiefer drinnen in dem Fichtenwalde arbeiteten. Die Axt klang hell und scharf. Das Holz seufzte in ohnmächtiger Klage. – Eine kleine Blöße inmitten ehrwürdiger Fichten – eine offene Hütte mit Holzspänen gedeckt. Darinnen fünf biblische Männergesichter und ein Schlagen und Raspeln wie in einer Fabrik. Ein alter graubärtiger Jude spaltete die schweren Scheite ganz gleich, durch dreißigjährige Übung selbst zur Maschine geworden. Zwei jüngere griffen die schmalen, regelmäßigen Stücke, glätteten sie hastend, schnell – der vierte raspelte die Rinne –, ein halbwüchsiger Junge trug dann die fertigen Schindeln zu den kunstgerecht geschichteten Haufen; zuweilen schaute er auch nach dem Deckel des rußigen Topfes, wo Milch unter züngelnder Flamme brodelte. Es waren russische Juden von der Tilsiter Grenze, Frühlingsanfang gekommen, Ende Herbst wollten sie wieder gehen. Und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, in Regen oder Sturm, bei gutem und bei schlechtem Wetter die gleiche harte, tötende Arbeit, die gleichen scharfen, habsüchtigen Gesichter an demselben Fleck. Und wahrscheinlich durch all diese Jahre hindurch überall derselbe brodelnde Milchtopf, derselbe salzig riechende Hering, dieselben trockenen Kartoffeln. Niemals Fleisch, weil sie dem Schächter in der Kreisstadt mißtrauten. Nur die Zigarette dampfte unaufhörlich. Heute wollten sie früher aufhören mit Arbeiten, weil sie morgen in die Heimat zu reisen gedachten, das jüdische Wochenfest daheim zu feiern, wie's der Ritus vorschrieb. – Die Lindts sahen interessiert zu. Wer kennt nicht emsig schachernde Juden? Aber wer hat je schwer arbeitende gesehen? – Die ganze unzerstörbare Zähigkeit und Gewinnsucht der Rasse lag in diesen fünf Schindeljuden ausgeprägt, die wie der Erzväter einer mit Kindern und Kindeskindern ausschauten. – Auf einem Baumstumpf lag eine halb beschriebene Postkarte. Die beiden Mädchen schauten neugierig auf die hebräischen Buchstaben. Der alte Jude ließ einen Augenblick die Axt ruhen und spuckte in die Späne. »Es ist die Schrift Moses,« sagte er mit hartem Gaumentone. »Die älteste Religion der Erde ist so geschrieben...« Dann lachte er wieder und fuhr sich nach dem fettigen Käppchen. »Ja, die Herrschaften denken immer, 'n Jud kann nicht schwer arbeiten. Oh, 'n Jud kann schon schwer arbeiten. Die Knechte auf dem Hof, die arbeiten nicht halb so viel wie wir.« Der halbwüchsige Junge blinzelte pfiffig zu Modeste hinüber: »Warum ist das Fräulein jetzt so allein?« Modeste zuckte die Achseln. »Ich bin doch gar nicht allein!« »Ich meine nur, warum nicht mitgekommen ist auf seinem Pferd der Herr Inspektor, wie sonst? Er ist ein guter Herr, aber auch ein strenger Herr, der Herr Romeit, der uns nicht arbeiten lassen will am Sonntag. Der Vater möchte sich darum wenden an den gnädigen Herrn selbst... Feiern wir doch schon unsern Sabbat. Was sollen wir noch feiern Ihren Sonntag!« »Du bist frech, Bengel!« sagte Modeste leise und fühlte das Rot in ihre Wangen steigen. »Was soll ich gewesen sein, frech?« erwiderte der Junge beleidigt. »Habe ich doch nur gesagt, was ich gesehen habe! Bei den Eichen, die unser Herr Wendel ja auch gekauft hat im Winter, haben gestanden vorhin zwei Pferde dicht nebeneinander. Das eine Pferd war der Rappe hier.« Modeste schwieg. Aber der alte Jude half ihr unbewußt. »Was red'st de da eigentlich, Schlaume? Willst schweigen endlich! Was hast de zu reden, wenn du nicht bist gefragt? – Es ist nämlich 'n Tochtersohn von mir, gnädiges Fräulein,« erklärte er. »Lungert am liebsten 'rum. Er paßt nicht bei die Schindeln. Ich muß ihn wahrscheinlich tun in ein andres Geschäft... Wollen Sie nicht einlegen ein gutes Wort, gnädiges Fräulein, bei dem Herrn, daß wir arbeiten dürfen auch am Sonntag? ... Dürfen wir arbeiten am nächsten Sonntag, gnädiger Herr?« rief er gleich darauf hinüber. Der alte Lindt stöckerte gerade mit der Stockzwinge zwischen den liegenden Fichtenstämmen herum. »Euer Herr Wendel hat mich doch übers Ohr gehauen. Das ist ja ein Spottpreis für den Festmeter.« »Ob wir am Sonntag arbeiten dürfen?« gurgelte der Jude wieder. »Arbeiten? Warum denn eigentlich nicht? – Ich arbeite den ganzen Sonntag.« Sie gingen. Der alte Jude hatte höflich mit dem Käppchen gegrüßt, während der halbwüchsige Bursche die Dohlenaugen verdrehte. Dann scholl wieder der scharfe Altklang durch den Wald... Modeste führte jetzt ihr Pferd und ging neben der Schwester. Frida schwieg beharrlich. Und dieses Schweigen war immer beunruhigend ... Zuweilen blieb der Alte stehen. »Aber seht doch, Kinder, wie das wächst! Der Hafer wie eine Mauer! Der Winterroggen macht sich auch ganz gut. Wenn die Preise irgend annehmbar sind, wird es ein gesegnetes Jahr. Auch der Romeit recht tüchtig. An das Holzgeschäft mit dem Wendel wollte er erst nicht 'ran – so Sentimentalitäten, als wenn schlagbarer Wald zum Vergnügen da wäre. Aber dann hat er das Geschäft ganz gut abgewickelt. Wollte den Juden vorhin auch nur etwas dämpfen. Diesmal hab' ich ihn 'reingelegt; das nächstemal legt er mich natürlich 'rein.« Als Modeste das Pferd selbst in den Stall führte, war Herr Romeit bereits da. »Du bist im Felde gewesen, verstehst du? – Hast mich überhaupt nicht gesehen!« flüsterte sie. »Frida ahnt was ... Und heut abend, wenn ich den Hund 'runterbringe, sei im Park! Ich pfeife zweimal ...« Das Abendrendezvous war sehr flüchtig. »Ich habe lange über diesen Tag nachgedacht,« sagte er zum Schluß langsam. »Daß du mich nicht heiraten kannst, das weiß ich. Aber wenn du mich auch nicht liebhättest einmal ...« »Was fällt dir ein, Otto? Ich habe dir gesagt ... Übrigens, ich habe Angst vor Frida. Es war auch dumm! ... Wir müssen sehr vorsichtig sein das nächstemal. – Das heißt, wenn wir uns überhaupt noch mal treffen können. Adieu!« Sie hielt ihm die Hand hin. Er aber machte keinen Versuch, das schöne Mädchen zu halten. Er blickte ihr nur lange kopfschüttelnd nach. Herr Lindt war derweilen steifbeinig zum Wohnzimmer hinaufgestiegen. Frau Luise erwartete ihn bereits. »Ein Expreßbrief da, lieber Mann – aus Königsberg, soweit ich entziffern konnte. Kirchensiegel ... Ahnst du?« Der Alte nahm würdig nickend den Brief und ließ ihn uneröffnet in die Brusttasche gleiten. »Ich ahne nicht nur, liebe Luise, ich weiß sogar genau ... Übrigens, was ich dir noch sagen wollte – ich sehe es ganz gern, wenn Axsils diesmal etwas früher kämen, vielleicht schon Anfang September. Man möchte doch seine Kinder um sich haben. Fünfundsechzig Jahre – man weiß ja nie ... Aber mach dir deswegen um Gottes willen keine Gedanken!« lispelte er freundlich. »Ich fühle mich im Gegenteil recht wohl, so innerlich ausgeglichen. Es haben zwar alle Menschen an mir 'rumzunörgeln – ihr aber werdet hoffentlich einmal einsehen, daß für meine Familie mir nie ein Opfer zu groß gewesen ist.« »Du tust so geheimnisvoll, Karl!« »Ich tue nichts, gar nichts, liebe Luise. Aber, daß du mir an Axsils schreibst! ... Und Modeste soll nächsten Winter nach Berlin, um 'n bißchen was mitzumachen. Außer dem Baron in Eyselin sind die standesgemäßen Partien hier doch absolut zu zählen. Ich für meine Person wenigstens wäre nicht geneigt, einen Herrn Pescatore alias ›Guten Morgen, Herr Fischer‹, in unsrer Familie willkommen zu heißen.« »Du guter, lieber Mann!« Und Herr Lindt stieg steifbeinig wieder hinunter ins Kontor, da seinen Brief allein zu lesen. Nach dem Essen aber beschied er Herrn Romeit ins Schloß hinüber. »Ich habe mich da vergaloppiert mit den Schindeljuden heute. Sonntag wird nicht gearbeitet! Ich halte streng auf die Einhaltung aller kirchlichen Feiertage. Und das gilt für alle unumstößlich!« Milder fügte er hinzu: »Lieber Romeit, Sie sind ja sonst 'n verständiger Mann. Und wenn in der Kleeernte vielleicht mal einen Sonntag eingefahren werden muß, so wird eben selbstverständlich eingefahren. – Aber dann sollen Sie mich nicht erst groß darum fragen – da handelt ein tüchtiger Wirtschaftsbeamter ganz auf seine eigne Kappe... Verstanden?« »Jawohl.« Trotzdem behandelte Herr Romeit christliche und jüdische Feiertage mit derselben Gleichgültigkeit. Denn am nächsten Sonntag klang zwar der Axtschlag der Schindeljuden hell durch den Wald, aber die Heukäpsen des Gutes blieben auf dem Felde, obgleich Landregen drohte. 18 Modeste hatte sich fast wochenlang nicht aus dem Hause gerührt. Als sie eines Montags wie von ungefähr den Sommerrappen satteln ließ, ritt sie fast in die Eyselinsche Feldmark hinein, ehe sie sich überhaupt umschaute. Aber weit und breit kein Reiter zu sehen. Das wunderte sie zwar, war ihr aber vielleicht auch recht. Sie wandte das Pferd und trabte langsam zurück. Wollte oder konnte er nicht kommen, nachdem er sie doch abreiten gesehen? Endlich erblickte sie Herrn Romeit an der Grenze. Er stand an einem Baum und sah über das fremde Feld. Er war allein. Sie hob sich höher im Sattel, damit er sie sehen solle. Er aber rührte sich nicht. Da ritt sie zögernd näher. Er grüßte sie sehr tief wie immer – aber das Gesicht war übernächtig und grau. Sie glitt vom Pferde. »Du hast mich doch fortreiten gesehen, Otto?« »Gewiß.« »Und kamst nicht nach?« »Nein.« »Und warum, wenn ich fragen darf?« »Weil's dir ja doch ganz gleichgültig ist, Modeste.« Sie schlug mit der Peitsche nervös in die Luft. »Quäl du mich nicht auch noch! Ich quäle mich schon gerade selbst genug.« »Es hört ja auch bald auf, Modeste...« »Ja, Gott sei Dank! Aber ich bin heute nur deinetwegen weggeritten, nur deinetwegen, damit du's weißt!« »Und ich stehe hier nur deinetwegen, damit du's weißt.« »Also?« fragte sie scharf. »Ich wollte dir nur noch wegen neulich sagen. Dich geniert's allmählich... Wir wollen uns auch nicht mehr allein treffen oder sprechen...« »Jetzt auf einmal?« »Ja, jetzt auf einmal...« Er hatte sich immer noch nicht gerührt und schaute jetzt wieder auf das fremde Feld. »Sieh nicht dahin!« sagte sie erregt, »das macht mich nervös. Es ist Eyselinsches Feld – und du weißt...« Er haschte nach einer Ähre. »Es ist ein sehr gutes Roggenfeld.« »Es ist sein Feld!« rief sie. Er ließ die Ähre wieder durch die Hand zurückgleiten. »Ich glaube, er hat's mit mir recht gut gemeint.« »Wie meinst du das?« fragte sie eisig. Er antwortete ganz ruhig. »Er hat mir gesagt, daß die Gegend hier für mich nichts tauge und daß ich weit fortgehen möchte, je eher, je besser.« »Ich verstehe dich nicht, Otto.« »Er hat aber doch recht gehabt! ... Ich bin auch dumm, war's vielleicht immer. Aber zum Spielzeug, das man aufhebt und wegwirft ganz nach Belieben, dazu bin ich doch zu gut.« »Ja, wenn du das meinst...« Sie faßte den Trensenzügel des Pferdes fester. »Vielleicht hast du auch recht.« Dann zuckte sie die Achseln. »Ich habe dir nie etwas versprochen, nie die geringste Hoffnung gemacht. Aber wenn du mir von der Seite kommst... Gut, ich habe mit dir gespielt! Aber daß ich mich zu diesem Zwecke doch erst wegwerfen mußte, das zählt wohl nicht?« Er zuckte zusammen, faßte sich aber rasch. »Sag das nicht noch einmal – tu's nicht! Ich rat's dir um deinetwillen... Aber so wahr es einen Gott im Himmel gibt – niemand ist reiner geliebt worden als du, niemand, hörst du! ... Du magst einen Grafen, vielleicht einen Fürsten heiraten später. Aber wenn du mir zu sagen wagst, du hättest dich weggeworfen, so sage ich dir jetzt: ich habe mich weggeworfen – ich allein!« Sie ordnete pedantisch langsam die Zügel, doch mit bebenden Händen. »Sie helfen mir vielleicht noch aufs Pferd, Herr Romeit.« Er schien es nicht zu verstehen. »Nun, dann muß ich wohl allein hinauf.« Erst da besann er sich und bot ihr Knie und Hand wie ein Automat. »Los!« Sie trieb das Pferd mit einem pfeifenden Hiebe zum Galopp an, ohne an eine Richtung überhaupt zu denken. Das aufgeregte Tier brach im Sprunge durch das hochragende Korn, hüben und drüben die Halme wie entsetzt zurückwogend. Erst als keuchend und schnaubend der große Schlag durchmessen, ward Modeste bewußt, daß sie Eyselinsches Korn niedergeritten. Die Lippen zuckten ihr noch von der häßlichen Szene. Dann wurde sie auf einmal nüchtern, kalt. Sie dachte: ›Dieses Ende ist schließlich das beste... Ein Ende mußte es doch einmal haben! Ich habe niemals auch nur geträumt, daß...‹ Sie ritt weiter, diesmal auf dem Wege und im Schritt. Der Horizont hing voller Wolken, die Ebene schimmerte grau. Die Regenstimmung war gekommen, ohne daß Modeste es merkte. Als der erste Tropfen ihr durch die dünne Seidenbluse schlug, fuhr sie aus schwerem Traum. Sie sah auf den bleifarbenen Himmel und sagte für sich: »Ich werde klatschnaß bis nach Hause.« Der Ritt an dem Gewitterabend fiel ihr ein. Da zuckte eigenwillig die Lippe. »Nun reit' ich gerade weiter! Mag ich naß werden – ich habe eine recht kalte Dusche nötig.« Der Regen rieselte jetzt weich und warm. Das reifende Korn duftete, die staubigen Blumen am Weg atmeten auf. »Es sind nur noch acht Tage bis zum Ersten – Gott sei Dank! Ich werde ihn bis dahin freiwillig nicht mehr sehen. Und wenn er mir etwa Adieu sagen kommt, so soll er an mein Adieu denken! ...« Sie trabte auf die Chaussee. An dem nächsten Baum lehnte ein halbwüchsiger Bursch im schmutzigen Arbeitsanzug. Der rechte Jackenärmel baumelte leer. Das verbrannte, trotzige Gesicht war Modeste fremd. Der junge Krüppel wollte ihr leid tun – sie nickte leicht – aber seine Hand hob sich nicht dankbar nach der Mütze, sondern das graue Auge nur stach trotzig zurück. Da tat er ihr nicht mehr leid. Im Rücken das sehr rasche Rollen eines Wagens. Wahrscheinlich Eyseliner Fuhrwerk. Der Sommerrappe wurde unruhig, versuchte anzugaloppieren, sie zwang ihn zum Schritt. Heute floh sie nicht vor Falkner von Öd – heute nicht! ... Nur der Mund murmelte gehässig: »Du bist doch an allem schuld, du! Schurke!« Da war auf einmal das Wagenrollen verstummt, Herr von Falkner mußte abgebogen sein. Floh er sie vielleicht jetzt zur Abwechslung? Modeste wandte sich im Sattel. Der Jagdwagen stand. Der Baron war abgestiegen und sprach mit dem halbwüchsigen Burschen, während der Kutscher hochmütig zusah. – Sie ritt nachdenklich weiter. Der alte Eller hatte vielleicht recht. »Die Armen und Elenden, die liebte er, die kamen zu ihm.« – »Und wenn ich auch einmal arm und elend wäre? – Ich ginge lieber zum Teufel als zu ihm!« – Es stieg ihr heiß den Nacken empor. Und als im Augenblick das Wagenrollen hinter ihr wieder erklang, ließ sie dem Tier die Zügel und freute sich über den flüchtigen Galoppsprung ihres schnaubenden Renners und den verhallenden Hufschlag der Pferde hinter ihr. »Du sollst mir nie mehr vorbeifahren, wenn ich nicht will – nie mehr!« – Dem schönen Mädchen war es wie ein Triumph. Aber als sie völlig durchnäßt in das Turmzimmer zurückgekehrt war, zu dem braunen Unhold, der ihr jubelnd entgegensprang, wurde ihr weinerlich zumute... »Ich habe mich doch weggeworfen – ich! ... Und ich habe auch nicht mit ihm gespielt... Ich habe ihn liebgehabt... Was ist denn in der Zwischenzeit eigentlich passiert? Am Ende hat er doch gewähnt...« Sie sprang auf: »Nein, das kann er nicht geglaubt haben! ... Frau Inspektor Romeit – niemals!... Ich will lieber alle Todsünden begehen! – Es dürfte es nur keiner wissen...« Diesem Gedanken hing sie mit leuchtenden Augen nach. – Und plötzlich fing sie an zu weinen. War's Empörung, Enttäuschung, das Gefühl der wirklichen Verlassenheit, das ihr Herz vielleicht zum erstenmal empfand? – Aber sie mußte weinen. – Gegen Abend kam Frida. Modeste saß noch immer in ihrer nassen Seidenbluse, die auszuziehen sie vollkommen vergessen hatte. Sie sah auch nicht auf, weil ihr die rotgeweinten Augen brannten. »Du bist wohl sehr traurig, meine liebe Schwester?« höhnte Frida. »Ich wüßte wahrhaftig nicht warum... Übrigens laß mich, bitte, ich habe Augenschmerzen!« »Armes Kind! Und dabei habe ich dir eine sehr traurige Mitteilung zu machen. Dein Busenfreund, der Inspektor Romeit, geht nämlich nicht am ersten Juli, sondern er geht bereits morgen ganz in der Frühe. Diesmal war's denn doch zuviel! Er hatte sich zwar, wie du vielleicht am besten wissen wirst, die ganzen dreiviertel Jahre nicht viel um die Wirtschaft gekümmert, aber heute zog er es sogar vor, sich vierundzwanzig Stunden gar nicht drum zu kümmern. Da ließ ihm denn Papa durch den Hofmann sagen, daß er seiner Dienste wirklich nicht mehr bedürfte und den Vormittagszug morgen für die beste Reisegelegenheit halte. Auf Abschied würde gleichfalls verzichtet.– Und diesmal war's nicht etwa Papa, der den Ausschlag gab, sondern Mama. Denn wir brauchen wirklich keinen – wirklich keinen...« »Ja, was braucht ihr denn wirklich nicht?« fragte Modeste müde zurück. »Einen Inspektorschwager brauchen wir wirklich nicht...« Modeste fuhr wie gestochen auf. »Unverschämtes Frauenzimmer!« Aber Frida hatte bereits die Türklinke gefaßt. »Ja, Inspektorschwager! Inspektorschwager!« höhnte sie noch einmal. Darauf wechselte Modeste die Toilette sehr langsam und sehr sorglich, ehe sie zum Abendbrot hinunterging. Sie merkte recht gut, daß die Blicke von Mutter und Schwester argwöhnisch auf ihr ruhten. – Selbst der alte Knochenmehlhändler räusperte sich mißtrauisch... Aber der Stern von Barginnen war kein schlechter Komödiant, wo es galt! Sie blieb darum auch noch horchend an der Tür stehen, als sich die Eltern zu einer kleinen Besprechung in das Zimmer mit dem Grafenkalender zurückgezogen hatten. »Lieber Mann, Frida sagte mir schon neulich, als der kleine Judenjunge...« »Laß mich mit dem Judenjungen!« knurrte der Alte. »Lieber Mann, du siehst auf Modeste wie in einen goldenen Spiegel.« »Ich halte es eben für ganz undenkbar, Luise...« »Ich ja auch eigentlich, lieber Mann.« Die Stimmen wurden leiser. »Aber bedenke doch, in deiner eignen Familie...« »Luise, erinnere mich nicht!« Modeste glaubte ihres Vaters Stimme noch nie so heiser und spröde klingen gehört zu haben. »Denn in diesem Falle würde für mich auch das liebste Kind tot sein, mausetot...« In solchen Fällen war der alte Knochenmehlhändler tatsächlich ein Mann von Wort. Modeste wußte das und empfand gar keine Lust, mit dem Schicksal zu spielen. Dennoch blieb sie bis spät in die Nacht unten im Wohnzimmer. Sie dachte, »er« müsse noch kommen, unter irgendeinem Vorwand sich verabschieden, wenigstens von ihr. Sie wünschte diesen Abschied eigentlich nicht, sie fürchtete ihn vielleicht. – Aber daß er gehen könne ohne Abschied, das wollte ihr nicht in den Sinn. Endlich mußte sie es glauben. Aber noch vom Turmzimmer spähte sie hinunter in die feuchtwarme Sommernacht, irgendeine träumerisch wandelnde Gestalt zu erblicken, in den Parkbosketts, dem Lindengang. Es regte sich aber nichts. Nur die Blätter schüttelten sich vor Regen, und die ersten Lindenblüten schickten weiche Düfte. »Ich bin eine Närrin!« – Sie war fertig mit dem Mann, dem sie doch niemals hätte angehören können. Ein Frühlingsstrom verrauscht, versiegt... Dennoch sehnte sie sich nach einem letzten Händedruck, einem letzten Wort, vielleicht nur, um beides kaltlächelnd zu refüsieren. – Sie schlief auch nicht, sie lag mit offenen Augen. Als der Hund gegen Morgen kratzte, nahm sie es als Omen, kleidete sich leise an und schlich hinunter. Graue Dämmerung, feuchte Kühle, im Osten ein safranroter Lichtstreif. Modeste fröstelte, daß ihr die Zähne zusammenschlugen. Trotzdem blieb sie lange. Ging den Lindenweg auf und ab, horchte, stand lauschend an dem Seitenweg, wo sie ihn geküßt. Kein Laut, kein Mensch. – Als die Melkerinnen mit ihren Holzpantoffeln über den Hof trappten, schlich sie ins Turmzimmer zurück: »Na, dann nicht!« Und mit jeder Stufe, die sie emporstieg, verhärtete sie ihr Herz. 19 Das Kränzchen hatte sich für den Sommer in einen Reitklub verwandelt – Frau Murrmann präsidierte. Jedoch die eigentliche Königin war Modeste... In Barginnen ein reges Kommen und Gehen: der junge Pescatore, der auf Herrn Ellers Gut die Landwirtschaft lernen sollte, doch nach seines neuen Chefs Ansicht gänzlich unfähig, eine Kuh von einem Pferde zu unterscheiden, aber mit einem unfehlbar sicheren Blick für die »Marjellens« auf dem Speicher begabt war. – Weiterhin Herr von Häwel, der regelmäßig seinen Sommerurlaub bei den Gadebuschschen Damen zu verbringen pflegte, »ostpreußischer Linientrottel«, wie Herr von Falkner kühl entschieden hatte, ohne jemals ein Wort mit dem guten dummen Jungen gewechselt zu haben. – Und zuletzt – geradezu das Ereignis der Gegend – Herr von Mieritz, Modestes Ballherr von einst, der urplötzlich zu den Insterkosaken versetzt worden war, um das Grenzregiment mit seinen Gardekürassierallüren zu veredeln. Zurzeit weilte er in Bussardshof, wo der vereinsamte Gutsherr über Frau und Tochter knurrte, die beide wegen Judiths ernstlich angegriffener Gesundheit nach Honnef am Rhein gegangen waren. Die Unterhaltung zwischen den beiden Herren begann auch regelmäßig in demselben Stil: »Und mein Gichtbein? – Kein Mensch bekümmert sich drum... Heirate nicht, Fritze! – Macht nur im allerersten Anfang Spaß – dann aber wird man abgetan, wie der Mohr im ›Othello‹ oder im ›Fiesko‹... weiß der Deiwel, ob's der Schiller oder der Shakespeare verbrochen hat... Nee, lieber Junge – wir sind ja unter uns Jungfrauen – so 'ne janz kleine oder meinetwegen auch 'ne janz jroße Amour mit 'nem hübschen ›Mächen‹ lohnt entschieden mehr! Werde uns mal die kleine Modeste einladen mit dem ollen Schweinehund als Appendix... Hat übrigens Jroschens, die Jöhre, kolossale Jroschens! Verliebter Racker nebenbei... Und wenn's denn durchaus sein muß, heirate sie auch meinetwegen – das heißt, wenn die Manichäergesellschaft durchaus nicht länger prolongiert. Denn Reichsjräfinnen mit Zechinen gehen jrundsätzlich nich nach Insterburg.« Der alte Bussard lachte darauf sehr befriedigt, während sein Neffe Mieritz lächelte, jedoch viel weniger befriedigt. »Schließlich, Onkel...« Aber der Alte winkte ab: »Nee, lieber nich: ›schließlich‹! Weiß, worauf du raus willst, mein Junge. Judith, nich wahr?« »Aber Onkel!« »Lieber Junge, Hab dich nich! Wegen deiner vorzüglichen Wirtschaftsführung bist d' nicht nach Insterburg versetzt worden – und von wegen meiner schönen Augen bist d' nicht nach Bussardshof auf Urlaub jekommen...« Darauf beschloß Herr von Mieritz, sich Modeste Lindt doch etwas näher anzusehen. Die junge Dame war hübsch, elegant; sie ritt für eine Anfängerin fabelhaft schneidig – Eigenschaften, über die der Gardekürassier noch vor Jahresfrist sehr kühl gedacht hatte, mit denen aber der Insterkosak zu rechnen gezwungen war. Modeste empfing diesen Löwen keineswegs kalt. Sie hatte unter der Vergangenheit gelitten, weit mehr, als sie vor sich selbst wahr haben mochte. Jetzt war das abgetan. Keine Liebestorheiten, keine Mädchenphantasien mehr – sondern vernünftig das Lindtsche Schicksal gewählt, dem sie ja doch nicht entging! Und je eher, je besser! Nur nicht denken, nur nicht grübeln – viel besser lustig ein Leben leben, das nur lustig ein Leben ist! Darum schwamm der Stern von Barginnen leichter und sicherer als je in dem seichten Fluß, für den er bestimmt schien. Und es war auch eine Lust zu leben in dem schönen, klaren litauischen Sommer, der bereits das Korn gereift hatte und jetzt den Weizen bleichte – durch Feld und Wald zu streifen als kecke Führerin einer jungen Mädchenschar, die kindlich wähnte, ihre kleine Welt sei die Welt überhaupt. Einmal – der Sommerrappe streckte sich im Galoppsprung so mächtig, daß nur Herrn von Mieritz' geübte Reitkunst neben ihm aushielt – hätte sie beinahe das »Glück« erhascht. »Wer hat Ihnen eigentlich das kolossal schneidige Reiten beigebracht, gnädiges Fräulein?« fragte er. »Irgend jemand,« scherzte sie. »Irgendein Inspektor, glaube ich... Das ist ja auch so gleichgültig!« »Aber warum reiten Sie denn auf einmal Karriere? – Mein Brauner tut nächstens auch nicht mehr mit... Und haben Sie die Gnade, sich einmal umzusehen! Das Feld galoppiert ja vollkommen zerrissen. Die Stute von Fräulein von Gadebusch roart bis hierher.« »Dann bleiben Sie doch zurück, Herr von Mieritz! ... Wenn Ihr Herz bei Martha so engagiert ist...« spottete sie. »Aber es ist ja gar nicht dort engagiert – im Gegenteil... Ich habe durchaus nicht die Absicht, dem guten Häwel ins Handwerk zu pfuschen. – Ich reite mit Ihnen allein am liebsten, gnädiges Fräulein.« Da lächelte sie kokett: »Meinen Sie das wirklich so, Herr von Mieritz?« »Aber warum eigentlich nicht? ... Ich kann Ihnen sogar versichern, gnädiges Fräulein...« Er hatte sein Pferd so nahe herangedrängt, daß sie seinen Atem auf der Wange spürte. Da parierte sie plötzlich zum Trab durch: »Dort kommt gleich eine Brücke, Herr von Mieritz. Wir müssen vorsichtig reiten.« »Sie denken in der Tat, gnädiges Fräulein ...« »Nein, ich denke gar nichts,« antwortete sie mit veränderter Stimme. »Aber es ist eine Knüppelbrücke und sehr morsch. Die Pferde könnten leicht durchtreten.« Herr von Mieritz sah seine Dame von der Seite an: »Sie sind unbegreiflich, gnädiges Fräulein.« Modeste zuckte die Achseln: »Ich meinte sonst immer, daß gerade dies Unbegreifliche die Herren der Schöpfung besonders interessierte.« »Bis zu einem gewissen Grade ja,« pflichtete er bei. »Aber bei Ihnen weiß man nie, wie man daran ist ... Erst denkt man ...« Darauf hielt sie sich lachend die Augen zu: »Denken Sie nicht! Tun Sie mir den einzigen Gefallen! ... Machen Sie es lieber wie ich: wenn ein Gedanke kommt, dann stecke ich rasch den Kopf in den Sand wie der gute Vogel Strauß – und weg ist er! ... Da kommen übrigens die andern ... Glauben Sie wirklich, daß Herr von Häwel seine Riesencousine anbetet?« Herr von Mieritz schien pikiert. »Ich glaube gar nichts, mein gnädiges Fräulein.« Sie lachte wieder. »Dann tun Sie genau dasselbe wie ich auch, Herr von Mieritz! ... Übrigens, sind Sie mir böse?« »Das kann ich leider gar nicht sein. Aber Sie haben so 'ne merkwürdige Art ...« Da reichte sie ihm, noch immer lächelnd, die Hand herüber: »Nicht böse sein, nicht böse sein!« Und zugleich rief sie über ihre Schulter weg den nachfolgenden Reiterinnen zu: »Reitet doch nicht so schrecklich langsam! ... Es hätte beinah' ein Unglück gegeben.« Die kleine Meyners, die mit ihrem Bräutigam die nächste heran war, nahm sofort Modeste beiseite: »Du, ihr habt euch vorhin die Hand gegeben ... Ihr dachtet natürlich, ihr wäret allein ... Seid ihr ...? – Es würde mich furchtbar freuen.« »Ja, es würde mich auch furchtbar freuen – furchtbar, liebe Annie!« Modeste wollte noch weiterhöhnen, da kam auch schon das Gros gesprengt. Der Federhut der Frau Murrmann nickte. Die kluge Dame, deren alter Wallach nicht mehr auf jugendliche Reitkünste eingerichtet war, fragte zornig: »Wo sind wir eigentlich?« »In Litauen,« gab Modeste schnippisch zurück. »Es scheint mir auch so,« pflichtete Herr von Mieritz bei. Das war dem wippenden Federhut zu viel. »Dieses unvernünftige Gejage! Ich bin sowieso katarrhalisch affektiert ... Das ist überhaupt kein Samowarvivre, meine Herrschaften!« Darauf blieb der Kavalkade natürlich nichts weiter übrig, als in ein ersticktes Gelächter auszubrechen, in das Frau Murrmann zu guter Letzt selbst mit einstimmte. Sie hatte zuweilen lichte Augenblicke, wo sie sich ihrer unseligen Leidenschaft für falsche Fremdwörter bewußt ward; aber sie konnte ebensowenig davon los wie ein Trunkenbold von der Schnapsflasche. Über das Vorwerk ging's heim nach Barginnen, wo das gemütliche Abendbrot genommen werden sollte. Herr von Mieritz und Modeste Lindt ritten wieder beieinander – diesmal aber schweigsam und mit laschem Zügel. Bedauerten sie beide, den Tag nicht besser genützt zu haben? ... Nächste Woche kehrte der »Insterkosak wider Willen« zum Regiment zurück; acht Tage später verschwand auch der junge Häwel. Damit zerfiel naturgemäß der Klub, und das alte einsame Leben begann wieder. Und jetzt fragte sich Modeste, verwundert über sich selbst, warum sie dem Mann das entscheidende Wort immer so jäh abgeschnitten hatte. Eigentlich mochte sie ihn gern. Er war sehr gewandt, sehr korrekt, haßte Litauen und galt allen als ein Falkner von Öd im kleinen, freilich ohne den gewissen geheimnisvollen Reiz, der den Panierherrn von Eyselin noch immer umfloß. An einem Tümpel am Weg scheute der Sommerrappe plötzlich, wollte durchgehen – aber Modeste ließ sich die Zügel nicht nehmen. Gleichzeitig erhob sich aus den Binsen der alte Eller in wahrhaft räuberischem Jagdkostüm, den Lodenhut verschwitzt, die Leinenbluse verschlissen. »Machen Sie mir die Enten doch nicht scheu, gnädiges Fräulein!« rief er langsam näher kommend. »Da sitzt man und sitzt man stundenlang ...« Im Schilf schwirrte es, eine Ente strich knarrend ab. »Sehen Sie, da fliegt mein Sonntagsbraten! ... Aber schad' nischt!« Und er begrüßte mit komischer Devotion den Trupp. »Reiten Sie nur so 'n armen alten Bauern nicht gleich in 'n Dreck wie im Mittelalter!« Und zu dem jungen Häwel gewendet, der mit einem Riesenmonokel prunkte, meinte er blinzelnd: »Sagen Sie mal, Herr Leutnant» sind Sie eigentlich mit dem Glasaug' auf die Welt gekommen? – Ah so! Das ist ja 'n Monokel! Können Sie denn auch schon niesen damit? Voriges Jahr, denke ich, trugen Sie's auf dem andern Aug'? ...« Die Damen lachten, und der Leutnant schaute etwas finster drein. Darauf beschäftigte sich der alte Litauer eingehend mit Modestes Pferd. »Edler Gaul geworden ... Und eine Reiterin! Ich glaub' wohl, daß dem Duschack, dem Romeit, die Reitstunden Spaß gemacht haben ... So 'ne Schülerin kriegt man nicht jeden Tag zwischen die Finger.« Er drohte lächelnd. »Haben Sie auch immer gut gehorcht, gnädiges Fräulein? – Ich denk' ja. Ritten immer so hübsch nah' beieinander ... Nu kommt jetzt zur feineren Ausbildung der Herr Leutnant von der Garde! – Löst eben immer im Leben einer den andern ab.« Jedoch Modeste antwortete auffallend feindlich: »Lassen Sie diese Scherze.« »So bös' auf einmal?« lamentierte er. »Ach Gott, am End' krieg' ich auf meine alten Tage noch Haue mit der Kardätsch'!« Und er tauchte wieder in das Schilf zurück. Von da rief er den Abreitenden nach: »Sagen Sie Ihrem Papachen, Fräulein Modeste, daß die Fohlen morgen früh von der Bahn abzuholen sind! ... Er soll doch den Inspektor schicken ... Oder kommen Sie lieber selbst – aber kommen Sie wirklich!« Als die Kavalkade vor dem Barginner Schloßportal abgestiegen war, sagte Herr von Mieritz zu der sehr finster dreinschauenden Modeste: »Gnädiges Fräulein, Ihnen bekommt das wilde Reiten am Ende doch nicht.« »Daß ich nicht wüßte! ... Im Gegenteil ...« Sie wurde im Augenblick sehr lustig. »Sie dürfen mich sogar zu Tisch führen, Herr von Mieritz.« Das Abendessen war denn auch sehr amüsant und Modeste von überschäumendem Lebensmut. Der frühere Gardekürassier wagte aber keinen zweiten Vorstoß mehr, was den Stern von Barginnen schier verwunderte. »Gefalle ich Ihnen so besser, Herr von Mieritz?« »Ja und nein, meine Gnädigste. Als ich meine ersten tausend Taler glücklich verjeut hatte, war ich ungefähr in derselben Stimmung wie Sie heut.« Indessen erging sich der alte Knochenmehlhändler an der Spitze der Tafel in hippologischen Plaudereien. Er hatte zuweilen einen trockenen Humor, den niemand bei ihm vermutete, und der deshalb um so mehr die Lachmuskeln reizte. »Übrigens, Modeste,« rief er zu der Jugend herüber, »der alte Pisang hat also gesagt, daß die Fohlen schon morgen ankämen? – Da könntet ihr mitfahren, Kinder. Kleiner idyllischer Bahnhof. Und da du inzwischen ja eine große Reiterin geworden bist, wie ich allgemein höre, so wird dich so ein Fohlentransport schließlich auch interessieren ... Verschiedene größere Güter verladen da. Bin selbst neugierig ... Aber zu dem Zweck müssen wir natürlich höllisch früh raus ... Wollen Sie mitkommen, Herr von Mieritz?« Der frühere Gardekürassier ließ die Frage offen. Er war kein Mensch, der sich unnötig engagierte. Heute gefiel ihm aus Instinkt Modeste gar nicht. Als die Gesellschaft früh wieder abgeritten war, nahm der alte Lindt in einer Anwandlung von Stolz und Zärtlichkeit den blonden Kopf seiner jüngsten Tochter zwischen beide Hände. »Ja ... nein ... ich weiß nicht recht, Papa.« »Kurz und gut, wenn er dir gefällt, brauchst du nicht erst besonders Mama oder mich zu fragen. Er hat in Berlin 'ne Dummheit gemacht, und es sollte ihm mal ad oculos demonstriert werden, daß der Garde doch schließlich nicht alles durchgeht. Im übrigen ist es, wie ich genau weiß durch Öd, eine sehr vornehme, freiherrliche Familie. Geldmajorat und so weiter, der betreffende Onkel Rückenmärker, also doch in greifbarer Nähe alles ...« Modeste machte ein etwas gelangweiltes Gesicht. »Gott, Papa, vorläufig hat er ja noch gar nicht angehalten. Und ich habe auch gar keine Eile ...« »Sollst du auch gar nicht!« meinte er versöhnlich und gab ihr den Kopf frei. »Ich hatte nur so bei Tisch den Eindruck, als wenn ihr beiden euch recht gut miteinander behagtet ... Ich will auch nicht immer als Tyrann und Geizhals verschrien sein, weil ich's in der Tat nicht bin ... Ich möchte im Gegenteil die Meinen glücklich machen, und dich ganz besonders, mein blonder Liebling. Und eben darum sollst du wählen, wie dir's ums Herz ist.« Er küßte sie väterlich aufs Haar. »Papa, du bist heute so merkwürdig milde.« »Bin ich immer, liebes Kind. Werde leider nur oft verkannt ... Und nun geh zu Bett, mein Liebling! Und wenn du einmal in den nächsten Tagen als eine ganz andre aufwachen solltest, so wundere dich weiter nicht!« Modeste wiegte verwundert ihr Haupt. »Andre? Aufwachen? ... Was meinst du eigentlich? ...« »Das wird die Zukunft schon ausweisen.« Modeste aber ging noch einmal hinunter in den Stall, nach dem Pferde zu sehen, das sie sehr liebte. Der braune Unhold war jetzt bei einem Förster in Dressur – zuweilen bangte sie sich auch nach dem Tier. Nachdem sie den Sommerrappen in seiner Box genügend gestreichelt und mit Schmeichelnamen belegt hatte, ging sie nachdenklich zurück in das Turmzimmer. Während des Gehens sagte sie wie geistesabwesend: »Ich bin heut zum letztenmal geritten.« Und gleich darauf tippte sie sich erwachend auf die Stirn. »Ich bin verrückt, reell verrückt! ...« 20 Der kleine Bahnhof, auf dem die Fohlen ankommen sollten, lag wohl drei Meilen weit von Barginnen. Darum hielt schon morgens um sechs Uhr der Jagdwagen vor dem Schloß. Die jungen Braunen knirschten ins Gebiß, der neue Kutscher mit seinem Tressenhut saß steif und hochmütig, die Peitsche kerzengerade auf dem Schenkel. – Seit einigen Wochen schien nämlich ein Geist der Verschwendung über Barginnen gekommen. Zur Verwunderung von Mutter und Töchtern war dem Alten nichts mehr feudal genug. »Es ist nun einmal der Zug der Zeit, gegen den ich mich lang genug gesträubt habe,« pflegte er zu sagen. »Und wer der Zeit dient, der dient bekanntlich ehrlich, Kinder!« Er gestattete auch heute nicht, daß sich Modeste auf den schmalen Rücksitz setzte, um Vater und Schwester den bequemen Fond zu lassen, wie natürlich. »Nein, Modestchen, da laß mich hin! Damen gehören immer in den Fond,« belehrte er lispelnd. »Ich habe neulich gesehen, wie der alte Graf Tramburg bei geschlossenem Landauer in einem wahren Hundewetter neben dem Kutscher auf dem Bock saß, weil sonst wahrscheinlich die Kindergärtnerin das etwas feuchte Vergnügen hätte haben müssen... Wenn man gewissermaßen zum Adel gehört...« Die Schwestern sahen sich verwundert an – »Das heißt natürlich seiner königstreuen Gesinnung und den Familientraditionen überhaupt nach,« verbesserte er sich voll Würde und stieg steifbeinig ein. Im letzten Moment jedoch sprang Modeste schnellfüßig zum Kutscher auf den Bock und rief: »Fort, fort! Ich markiere heute zur Abwechslung den alten Grafen Tramburg – und der Papa zur Abwechslung die siebzehnjährige Kindergärtnerin.« Darauf ließ sich der Alte freundlich knurrend im Fond nieder. »Ist doch 'ne nette Marjell – 'ne nette Marjell! ... Immer lustig, immer schick! – Du dagegen, Frida, immer muffig! Kann das nicht leiden. Strahlender Sommermorgen und solch gekniffenes Gesicht...« »Ich wollte ja auch gar nicht mit,« erwiderte Frida achselzuckend. »Jetzt bist du aber mit – und nun mach auch gefälligst das Gesicht danach!« Es war in der Tat ein strahlender Sommermorgen. Die Sonne hell und heiß am hohen Himmel, über der lachenden Flur der frische Tauduft, das feuchte Windfächeln. Soweit das Auge reichte – Leben, Licht. Das Korn stand in Hocken – gelb, dicht, ein erdrückender Erntesegen. Unter surrender Sense sank der ährenschwere Weizenwald. Und der Hafer zischelte froh, und die Gerste wogte weich. – Es war fast derselbe Weg, den Modeste im Herbst mit Herrn Romeit gegangen: der Sommer hatte gehalten, was der Herbst einst versprochen... Und wieder mischte sich mit dem süß-starken Geruch der reifenden Frucht der dumpf-schwere Brodem der Brachen. Es war wie ein Memento. – Und Modeste starrte finster vor sich hin. Das Leben war doch eigentlich nichts als eine einzige große Treulosigkeit und Lüge. Sie dachte an den Ritt gestern mit Herrn von Mieritz, an ihre seltsam wechselnden Stimmungen. Ein Wunsch, kaum gewünscht – und schon bebte sie vor der Erfüllung. – Auch Herrn von Mieritz liebte sie ganz gewiß nicht! Wo der Eichenwald wie eine dunkle Zunge in die Fruchtebene hineinleckte, kamen schwerschwankende Erntefuder angetrabt. Staub wallte über goldigem Flimmer. »So 'ne Ernte tut dem Herzen wohl!« lispelte der Alte, und Frida, die das Land nun einmal nicht liebte, nickte gleichgültig dazu. Aber Modestes Blick suchte zwischen den Waldbäumen hindurch nach der großen Blöße mit ihren singenden Stämmen. Ob sie sich noch so fest umschlungen hielten wie damals im Frühling? – Und sie mußte selbst über ihre Kinderei lächeln. Bei den Roßgärten am Vorwerk ließ der alte Lindt halten. Die Jährlinge rupften emsig die mager gewordene Weide. »Ja, heute möchte ich den Romeit so bei der Hand haben!« brummte er. »Hat zwar die Absatzsohlen nicht gekauft, aber weiß Gott, ob sie was taugen. Ist und bleibt doch Schwefelbande, die Kerls!« Modeste wandte sich wie gelangweilt weg: »Warum halten wir eigentlich hier? Wegen dieses miserabeln Jahrgangs, den dir der Händler angeschmiert hat und von dem die Hälfte hustet?« Der Alte winkte resigniert dem Kutscher, weiterzufahren. Aber gerade jetzt schaute das schöne Mädchen heimlich zurück nach den Roßgärten – und wie diesmal eine Zweijährige aus der weidenden Schar sich löste und hellwiehernd mit gehobenem Schweife den Drahtzaun entlang nachgaloppierte... Dies Bild hielt sie am längsten. Und das Mädchenträumen, das sie doch so klug begraben, kam in törichten Wellen über sie... Wenn »Er« zurückkäme – aber nicht als Inspektor, sondern als vornehmer Mann, meinetwegen sogar als Königssohn, der so lange Verstecken gespielt wie im Märchen, nur um die Angebetete zu erproben... Und wenn dann der Alte mit öligem Lispeln zu ihr sagte, diesmal aber sehr freundlich: ›Liebe Modeste, Herr Romeit, alias Graf Tramburg von der märkischen Linie, bittet um deine Hand...‹ – Modeste, der diese Phantasie sehr lebendig geworden, war sich ganz klar, daß sie trotz des feindlichen Abschieds den Verlornen warm, sehr warm an ihr Herz drücken würde – und nicht nur, weil es ein wirklicher Graf! Aber als sie über ein Stück Steinpflaster auf dem neuen Vorwerk rasselten, erwachte sie aus ihrem Traum. Sie erkannte sehr wohl die Stelle, wo Herr Romeit damals aufgestiegen war – doch es wurde ihr nüchtern zu Sinne. Und als der Alte, auf einen Reiter zeigend, der sich scharf von dem Horizonte abzeichnete, mit Respekt sagte: »Das ist der Baron aus Eyselin! Hat sich allerdings ganz eingekapselt und verkehrt nur noch mit Berliner Kameraden – aber das muß ihm der Neid lassen: was er anfaßt, das geht. Kolossalen Blick, der Mensch, auch in der Landwirtschaft!« – Da schaute Modeste fast höhnisch drein, und ein häßliches Wort schwebte ihr auf der Zunge. Der gute Traum verflog dem Stern von Barginnen immer gar rasch vor der bösen Wirklichkeit. Dann kam ein sandiger Weg. Die Sonne fing an zu brennen. Während die Räder mahlten und die Pferde prusteten, überkam Modeste ein Gefühl tödlicher Müdigkeit. Wie durch einen Dunstschleier glitten hüben und drüben die Felder vorüber. Korn und wieder Korn, die langen Hockenreihen einförmig, endlos – dann Weizen, aber dürftig, von Kornblumen ganz blau – zuletzt Lupinen mit dem süßlichen Duft. »Halten Sie einen Augenblick, Friedrich!« mahnte der Alte. »Es sind teure Pferde.« Modeste erwachte aus ihrem Halbschlummer, sah sich verwundert um. Ihr erster Blick fiel auf den Vater mit den beiden tief eingegrabenen Geizfalten und die Schwester mit den blassen Augen und dem mürrrischen Mund. Weiter die schwer keuchenden Pferde und das armselige Lupinenfeld – alles getaucht in Glut und Schweigen. Und da überkam sie eine Angst vor der Zukunft, vor sich selbst, daß sie wie verstört murmelte: »Herr Gott, laß mich doch nicht in dieser Einöde verkommen!« Der Alte sagte gerade freundlich: »Schlaf nur ruhig weiter, Modeste! Es ist nicht mehr weit.« Aber Modeste schlief nicht mehr. Sie schaute unverwandt nach dem dunkeln Waldstreifen, der das Ziel sein sollte und der schemenhaft an dem weißlich zitternden Hundstagshorizonte aufstieg. Endlich! – Noch ein lehmiger Hohlweg, ein Aufstöhnen der Federn in den ziegelharten Geleisen. Dann blitzten Schienenstränge, eine Rangiermaschine dampfte schwerfällig. Zwischen hellen Kiefernstämmen tauchte das rote Dach der Station auf. Es war ein verlorener Posten offenbar. Ein verwaschenes Bahnhofsgebäude – ein brauner Güterschuppen. Gegenüber der schmierige Krug, hinter dem Plankenzaun des Hofes grunzende Schweine. Sonst nur schwüler Kiefernwald und dürstende Ebene. Am Güterschuppen standen die Fohlenwaggons. Die Hufe dröhnten, das Wiehern hallte. Auf der Holzrampe davor schwitzende Arbeiter, dazwischen eine fettige Uniformmütze. Durch den hellen Laut der geängstigten Tiere der dumpfe Knechtsfluch. – Etwas abseits hielten zwei Reiter, von den Waggons halb gedeckt. Ein Fuchs und ein Rappe, beide unruhig schnaubend, vom schwirrenden Ungeziefer gepeinigt. Plötzlich teilte der Fuchs hoch aus, und der Rappe scheute im Sprunge zur Seite. »Ja, bleiben Sie nur in respektvoller Entfernung, Herr Romeit!« sagte eine Herrenstimme. »Weiß der Teufel, was mit dem Schinder los ist! Er hat mir gestern nacht schon die ganze Box zerteilt.« »Er verträgt die Bremsen nicht, Herr Baron,« antwortete Herr Romeit. »Aber das ist noch ein Waisenknabe gegen den Rapphengst hier, den ich nicht mal mit Sporen reiten kann, so kitzlich ist er. Heute hab ich's allerdings zum erstenmal wieder versucht. Lernen muß er es schließlich doch.« Dabei berührte das linke Sporenrad tastend die Weiche; das Tier begann auf der Stelle zu steigen. Aber sein Reiter lachte hart. »Entweder du oder ich! Wir werden ja sehen.« In dem Augenblick fuhr der Barginner Wagen vorüber. Modeste empfand eine Anwandlung von Schwindel. Eine Begegnung mit den beiden Männern – unmöglich! ... Dann dachte sie wieder an Fridas hämisches Lächeln und sagte für sich: »Ich werde es ertragen – ich will's sogar!« Sie saß auf einmal kerzengerade, die Augen kalt, die Lippen geschlossen. Als sie zu dem Bahnhofsbüfett gingen – eine Schale mit Soleiern, ein Teller mit Flundern, neben den Schnapsflaschen der einzige Luxus –, tauchte der alte Eller seelenvergnügt aus dem schalen Bierdunst auf. »Ah, sieh da! Das Schloßfräulein. Die Gradlauker Haltestelle wird Mittelpunkt der eleganten Welt.« Er fuchtelte mit einem Tischmesser. »Daher auch die schönen Flundern! ... Ich sitz' hier schon seit Uhre sieben und verschling' immer einen Fisch nach dem andern, und immer gewissenhaft auf jedes Flunderchen ein Tulpchen gesetzt. – Die tüchtigen Landwirte wie der Eyseliner und der Romeit, die laden in der Zwischenzeit ihre Füllen aus. Ich hoff', sie werden bei der Gelegenheit meine paar Dingerchens auch mitnehmen... Nur immer langsam voran! Der Romeit hat sich schon glücklich die Kehle heiser geschrien, und der Baron ist infolgedessen womöglich noch um einige Grad vornehmer geworden. – Hören Sie doch nur! Diesmal aber schreit zur Abwechslung der Baron.« Der kleine bewegliche Herr öffnete auch gleich das Fenster und rief über die Schienen weg nach dem Güterschuppen zu: »Romeit, Mensch, lassen Sie doch dem Kreth, dem Rappen Luft! Er schmeißt sich sonst hintenüber.« »Das hab' ich ihm auch gesagt,« hallte Herrn von Falkners Stimme zurück. »Er will aber nicht nachgeben, und wenn er sich den Hals dabei brechen sollte.« »Na, die Geschicht' wird gut!« rief der alte Eller wieder. »Sind Sie lebensüberdrüssig, Romeit?« Doch der Reiter antwortete nur mit einem verbissenen Fluch. Unwillkürlich hatten sich alle vier zum Fenster gedrängt, das aufregende Schauspiel zu sehen. Herr Romeit hielt auf der Holzrampe dicht vor den Waggons, tief aus dem Sattel gebeugt, ein Fohlen am Halftergurt zerrend, das wie wahnsinnig schnob und bäumte. Und der junge Rapphengst, unruhig von dem dumpfen Hallen der Hufe auf dem Holz, von dem Wiehern und Schreien in den Waggons, begann zu steigen, zu schlagen; und je mehr das Fohlen sich mühte, loszukommen, um so fester umklammerte der Schenkel des Reiters das eigne Pferd. – Der erste scharfe Sporendruck, vielleicht ungewollt – und der Hengst stand kerzengerade... Eine Bewegung noch – und er begrub, sich überschlagend, den störrischen Reiter... Modeste stand das Herz still. »Das Fohlen loslassen!« »Dem Gaul mehr Luft!« Aber Herr Romeit wartete weder den wohlgemeinten Zuruf des alten Eller noch die Warnung Herrn von Falkners ab, sondern auf die Gefahr hin, in der nächsten Sekunde ein verstümmelter Leichnam zu sein, stieß er jetzt dem Tier die Sporen tief in die Weichen. – Ein Moment des Stutzens, der Modeste den letzten Blutstropfen aus den Wangen trieb – dann schoß das Pferd in langem Sprunge davon. Von der Rampe auf die Schienen, wo dem fast erwürgten Fohlen das Halfter riß – über die Schienen weg, auf den Plankenzaun des Kruges zu... Der Reiter, der seine Geschicklichkeit und seine Vernunft wiedergefunden zu haben schien, versuchte zu parieren. Vergebens! »Er geht dir aus der Hand – er geht dir aus der Hand!« rief in dem Augenblick Modestes Stimme. Die Antwort: das schwere Krachen von Holz – ein dumpfer Fall... »Um Gottes willen, er ist tot!...« Modeste schrie es fast. Einen Augenblick später aber galoppierte der Durchgänger drüben auf der Waldwiese weiter, blutend, das Zaumzeug zerrissen, sein Reiter noch im Sattel, aber schwankend, ohne Bügel... Beide verschwanden im dichten Stangenholz. Modeste tanzten die Lichter vor den Augen... Sie mußte sich setzen, um nicht ohnmächtig zu werden; auch die andern standen wie versteinert. – Nur Herr von Falkner war ruhig drüben halten geblieben und klopfte seinem Fuchs den Hals. »Warum reiten Sie ihm nicht nach, Herr Baron?« rief der alte Eller, empört über diese Gleichgültigkeit. »Weil es alte Reiterregel ist, mein lieber Herr Eller: niemals nachreiten! ... Oder soll ich ihm den Schinder noch verrückter machen, daß er sich und ihm den Schädel unbedingt einrennt in dem Stangenholz?« Zugleich zu den Leuten: »Jetzt fangt mir erst das Fohlen ein, Kerls, was davongelaufen ist!« Er selbst aber ritt gemächlich in der Richtung des Waldes weiter. Indessen war im Wartesaal die schwüle Stimmung etwas gewichen. »Ich denk', es wird nicht so schlimm sein!« meinte der alte Eller besänftigend. Herr Lindt pflichtete bei: »Ich dachte im ersten Augenblick, der Gaul würde uns direkt hier ins Fenster gelaufen kommen... Das wär' 'ne nette Geschichte gewesen!« »Siehst du, das kommt von Landpartien!« meinte Frida schnippisch. Aber Modeste fragte, immer noch auf dem Stuhle sitzend, wie geistesverwirrt: »Sagen Sie, Herr Eller, ist er tot oder nur schwerverwundet?« Der alte Eller lehnte sich darauf weit aus dem Fenster und machte ein tiefbekümmertes Gesicht, als er zurückkehrte: »Tot! Mausetot!« – Modeste biß die Zähne zusammen – der alte Vokativus aber fuhr pfiffig blinzelnd fort: »Das heißt: dahinten kommt er gerade angewankt – zwar nicht mehr hoch zu Roß und etwas schwankend, aber sonst ganz kreuzfidel... Der Baron hat ihn sich doch noch gegriffen. – Und jetzt, wo alles so glatt abgegangen ist, muß der Kreth auf der Stell' 'ne Bowle stiften! Hatt' nämlich behauptet, daß ihn kein Schinder in seinem Leben unterkriegen würde. Ja, ja... Hochmut kommt vor dem Fall...« »Oder besser: Unkraut verdirbt nicht,« korrigierte der alte Knochenmehlhändler. Modeste war aufgestanden. »Wo ist er? Ich möchte...« Da besann sie sich zur rechten Zeit und machte ein verdrießliches Gesicht. »Es ist alles diese gräßliche Hitze... Geben Sie mir doch ein Glas Selters!« – Sie vermochte aber nur in ganz kleinen Schlucken zu trinken. Während sie so scheinbar gleichgültig dasaß, horchte sie doch auf, als der alte Eller erzählte, daß Herr von Falkner dem Romeit die Stelle bei dem Grafen Tramburg persönlich besorgt habe. »Kriegt ungefähr das Doppelte wie bei Ihnen, Herr Lindt! – Daran können Sie übrigens die echten Edelleute erkennen. Wenn die auf einen was halten, dann tun sie auch was für ihn – und zwar ganz ungebeten. Denn der Tramburger Graf hat sich den Romeit geholt, und nicht der Romeit den Grafen.« Später kam Herr von Falkner selbst in den Speisesaal, begrüßte flüchtig die Damen und nahm sich den alten Eller vertraulich in eine Ecke. »Also, liebster, bester Herr Eller, ich habe mir einen kleinen Übergriff gestattet und über Ihren Wagen auf eine Stunde disponiert. Der Romeit nämlich wollte durchaus auf dem total lahmen Gaul noch nach Hause reiten – das wäre aber Tierquälerei gewesen für beide Teile – und da habe ich den guten Mann in Ihren Wagen gepackt. Es ist ja nur ein Katzensprung bis nach der Tramburg. Entweder kommt er nun mit einem heilen Anzug zurück, was aber Blödsinn wäre, denn seine Leute werden mit den paar Fohlen schon allein fertig – oder er legt sich einige Stunden aufs Ohr, was ihm bei dem Sturz nichts schaden könnte... Sagen Sie mal: was war dem Kerl eigentlich auf einmal? Wie von der Tarantel gestochen!.... Sonst so 'n vernünftiger, ruhiger Reiter, um den 's jammerschade ist, daß er nicht Kavallerist geworden.« Der alte Eller dienerte und schmunzelte. »Aber Herr Baron, gibt ja für mich gar keine größere Ehr', als wenn Sie über meinen Wagen verfügen! Und was den Kreth, den Romeit, anbetrifft – der ist und bleibt dammlig!« Die Herrschaften wandelten später noch gemeinsam nach dem Kruge hinüber, wo der alte Eller, der trotzdem der erste auf dem Platze gewesen war, seine und die Lindtschen Fohlen bereits eingestellt hatte. »Hab' ihnen noch ein Huschchen Klee geben lassen. Drei Meilen Landweg, und dann die Sehnsucht nach der Mutter... So'n Pferdsmarkt ist doch eigentlich 'ne Grausamkeit! Das verzweifelte Gewieher von der kleinen Gesellschaft und das Halftergereiße von den Stuten... Eh!« Dann wandte er sich zu Modeste: »So still heut, gnädiges Fräulein? ... Ja, die Damen haben eben alle Nerven! Das gab's zu unsrer Zeit nicht. Das sind so neumodische Erfindungen, wie das Telephon und der Telegraph und die ›Elektrische‹. Ich in meinem Bauernverstand mein' immer: früher, wo die Leut' in der Postkutsch' bei jedem Lehmloch sich gleich umzech um den Hals fielen, da gab's weniger Nerven, aber mehr Verlobungen. Nicht wahr, Herr Lindt? Sie sind doch auch noch aus der Postlutschenzeit? Oder haben Sie es vielleicht vorgezogen, als G'noss' Ihr Reisebündel zu Fuß spazierenzuführen, wie mein Onkel selig, als der ausgerechnet in Zinten oder Drengfurt den Großhandel erlernen wollte? ...« Solche Anspielungen auf seinen früheren Stand waren Herrn Lindt von Herzen zuwider, wenn er mit einem Edelmann zusammen war. Er ging gerade im Stall zwischen den Fohlen umher, hier und da ein Tier mit dem Stock berührend, mäkelnd. Er hatte ein instinktives Mißtrauen gegen jeden Handel, den er nicht vollkommen beherrschte. Und auch später sah er nur mit widerwilliger Anerkennung die Eyseliner Jährlinge auf der Rampe des Güterbahnhofs stehen. »Haben Sie gekauft, Herr Baron?« »Nein. Herr Romeit. Der billigste kostet aber auch fünfhundert Mark.« Der alte Lindt schüttelte darauf den Kopf. »Ja, Sie können forsch 'reingehen, Herr Baron! Aber unsereiner – so 'n armer Schächer...« Da zuckte Herr von Falkner nur die Achsel und wandte sich gleichgültig weg. Während sie so hin und her gingen – von der Station zum Kruge, vom Kruge zum Güterschuppen – eigentlich gelangweilt, bloß um die Zeit totzuschlagen, hatte Modeste unauffällig gefragt, wie weit die Tramburg und ob der Ellersche Wagen schon zurück sei. Als darauf der alte Herr Eller zur Antwort auf seine Pferde zeigte, die eben abgesträngt wurden, blieb der Stern von Barginnen nachdenklich stehen. »Ellerchen, sagen Sie doch den andern, daß ich in den Krug gegangen wäre, um wegen des Mittagessens nachzusehen und auch mich ein Viertelstündchen vorher hinzulegen! Es war doch ein bißchen heiß. Und dann die Fahrt, und der Vorfall mit dem Pferde. Schließlich ein Mensch, den man wenigstens gekannt hat...« Der alte Eller faßte schmeichelnd ihre Hand. »Und Sie sind und bleiben die Beste, gnädiges Fräulein! ... Denn wenn's auch nur einer von der Schwefelband', den Inspektoren, war, wie Ihr gutes Väterchen immer so treffend bemerkt, 'n Mensch war's doch – sogar ein hervorragend anständiger Mensch.« Er richtete auch Modestes Entschuldigung umständlich aus, allen bis auf Herrn von Falkner, der gleich weggeritten war. »Ja, sie ist doch nervös,« brummte der alte Lindt. »Auch 'n Zug der Zeit. Gehört gewissermaßen zum guten Ton heutzutage ... Und viel zu gutherzig gegen solche Leute! ...« Modeste hatte derweilen alle Müdigkeit abgestreift. Sie saß in einer schrecklichen Kammer voll dumpfiger Bett- und Kleidergerüche und schrieb. Die verrostete Feder kratzte, das gelbe Konzeptpapier schlug durch. Doch der Stern von Barginnen achtete dieser Warner nicht. »Lieber Otto! Ich weiß erst seit heute, wo Du zurzeit bist ... Ich muß Dich noch einmal sprechen – ich muß! Was auch zwischen uns liegt, so kann ich nicht von Dir scheiden fürs Leben. Ich mag undankbar sein, schlecht – wahrscheinlich, ja, sicher bin ich beides! – aber mir ist in den Minuten der Todesangst, die ich heute um Dich ausgestanden, ja eigentlich ausstehe, weil ich nichts Sicheres weiß über Deinen Zustand, dennoch klar geworden, daß ich Dich wirklich liebgehabt habe und Dich noch liebhabe ... Glaube mir das wenigstens! Natürlich könnten wir uns nur treffen in Königsberg oder in der Nähe von Barginnen. Ich habe Dir viel zu sagen – so viel! Ich habe überhaupt so schreckliche Sehnsucht nach Dir. Dabei muß ich mich aufs äußerste zusammennehmen, um mich nicht zu verraten. Frida paßt auf, Mutter paßt auf, Papa wird nächstens auch mißtrauisch werden. Und dieser gräßliche Falkner sah mich vorhin, als Dein Name genannt wurde, so eigentümlich an, als wenn er alles wüßte ... Vielleicht hast Du ihm auch erzählt, oder er hat Dich gewarnt. – Wenn Du erzählt hättest – es wäre einfach schändlich! Ich müßte Dich geradezu verachten ... Aber sei es, wie es sei, Du mußt kommen – Du mußt! Vielleicht kannst Du ein großes Unglück verhindern. Ich weiß zwar nicht wie – aber ich habe so eine unbestimmte Ahnung. Ach, warum bist Du nicht Rittergutsbesitzer oder hießest wenigstens: von – oder ich wäre Kindergärtnerin oder Mamsell?! ... Wir brauchten dann niemand zu fragen. Es wäre gewiß besser ... Jedenfalls komm und schreibe mir genau! Ich muß schließen. Ich höre bereits unten Fridas Stimme. Sie war immer meine schlimmste Feindin, wie Du ja auch weißt ... Jetzt muß ich mich noch schnell auf dieses schrecklich karierte Bauernbett legen und der Wirtin auch noch etwas vorloben, damit sie alle denken, ich hätte wundervoll geschlafen ... Lügen und wieder Lügen! Ich komme nun einmal beim besten Willen nicht raus aus dem Lügen ... Wie stets Deine M... P.S. Laß Dir die Adresse von irgend jemand anders schreiben. Vergiß es nicht! Frida würde sich auch nicht einen Moment genieren, einen Brief von Dir zu erbrechen. Viele, viele Küsse!« Die List gelang. Als Modeste kurz vor der Abfahrt wie von ungefähr nach dem Briefkasten schlenderte, eine »Postkarte an ihre Königsberger Schneiderin« einzustecken, argwöhnte selbst Frida nichts. Die Hundstagssonne war im Sinken – da erst fuhren Lindts. Es war derselbe Weg. Modeste schien er ein andrer. Sie fühlte sich freier, leichter. Und darum duftete ihr auch das reife Korn würziger, die Lupine süßer. Und über die weite Ebene floh ein rotes weiches Schimmern – der Abendhauch von Frieden, Ruhe. Es war ein schönes, großes Bild: der Sommertag sich stumm neigend. Im Schloßhof empfing sie die Mutter. »Die Fohlen sind schon längst da. – Herr von Mieritz kam auch auf eine kurze Kaffeevisite. Läßt sich dir besonders empfehlen, Modeste. Glaubte, ihr wäret bei der Hitze doch nicht gefahren ...« Der Alte fragte dazwischen: »Nichts Besondres mit der Post?« »Ach ja, lieber Mann, wieder ein Einschreibebrief. Diesmal aber aus Berlin. Was wollen die Leute nur immer von dir?« Der Alte lächelte darauf mit Humor. »Ja, was ihr Frauenzimmer doch durch die Bank neugierig seid! ... Was sie wollen? – Vielleicht bin ich zum Ökonomierat vorgeschlagen oder so was Ähnliches.« »Nein, um Gottes willen!« Frau Lindt bekreuzte sich beinahe. »Frau Ökonomierätin. Das wäre ein furchtbarer Titel!« Auch die Töchter machten instinktiv eine Gebärde des Abscheus. »War ja nur ein Scherz, Kinder!« lispelte der Alte freundlich. Zum Abendessen aber erschien Herr Lindt auf einmal feierlich im Bratenrock, das Band zum roten »Adler« im Knopfloch. »Was ist dir, Papa?« fragte Modeste verwundert. »Ja, das möchten Sie wohl gern wissen, mein liebes Fräulein Lindt von Barginnen!« lächelte er. »Lindt von Barginnen: so möcht' ich schon lieber heißen als einfach: Lindt.« »Und so heißt du auch von heute ab, mein liebes Kind! Der Himmel erhört offenbar deine Lieblingswünsche auf der Stelle ...« Dabei entfaltete er langsam einen knitternden Foliobogen und las wie folgt: »Des Königs Majestät haben allergnädigst geruht, den Rittergutsbesitzer Karl Friedrich August Lindt auf Schloß Barginnen mit seiner gesamten Deszendenz in den erblichen Adelstand zu erheben unter dem Namen: Lindt von Barginnen.« Darauf küßte er feierlich Frau und Töchter, denen echte Rührungstränen über die Wangen rannen, während der Gärtner Strauß, der definitiv zum Livreediener avanciert war, sämtliche Bierflaschen vor Erstaunen fallen ließ. Der Alte, der in seinem Freudenrausch nichts tragisch nehmen wollte, lispelte nur ölig: »Baldiger Polterabend! Akzeptieren wir das Omen!« Darauf sah die Mutter natürlich Modeste freundlich prüfend an, während der Vater wohlwollend nickte. Frida starrte auf das Tischtuch mit geheimnisvollem Lächeln. Aber der Stern von Barginnen tat so unbefangen, als könne ihn überhaupt kein Mann jemals angehen. Als die Schwestern am späten Abend gemeinsam zum Turmzimmer hinaufstiegen, sagte die ältere mit höhnischem Nachdruck: »Er geht dir aus der Hand! Er geht dir aus der Hand!« »Und wer soll das gesagt oder gerufen haben, liebe Frida?« »Du, liebe Modeste – du!« »Und daraus folgt?« »Daß die meisten Leute weniger gut hören als ich – und daß du mit dem Inspektor Romeit intimer gestanden haben mußt, als andre Leute annehmen.« Modeste sagte eisig kühl: »Und wenn das der Fall gewesen wäre – wen geht das nichts an? ... Im übrigen richtet sich diese Lügengeschichte ganz von selbst, liebe Frida ...« 21 Wenige Tage später trafen Axsils in Barginnen ein. Überhaupt drängten sich jetzt die Besuche bei Lindts – teils Neugierde, teils Neid. Die lieben Nachbarn sind nun einmal so geartet auf der ganzen Welt. Selbst unsre besten Freunde, die unsre Erniedrigung so ehrlich mitbeklagt haben, ertragen unsre Erhöhung nur stöhnend. Und so ging es auch Modeste mit den »Elefantenkeucheln«, mit Frau Murrmann, selbst ein wenig mit der kleinen Meyners. Nur mit dem Unterschied, daß die fremdwortfrohe Dame nach einer geradezu überschwenglichen Gratulation in Barginnen – bei welcher Gelegenheit beinahe der Gärtner Strauß noch einen Rührungskuß mit abbekommen hätte – auf der Heimfahrt zu den Gadebuschschen Mädchen schadenfroh bemerkte: »Wer oder was mag ihnen das wohl verschafft haben? – Vermutlich die Frömmigkeit! Mit der Frömmigkeit erreicht man viel ... Dabei hat der alte Lindt sicherlich noch selbst Heringe gebändigt – ich weiß noch Schlimmeres ganz genau ... Ja, wenn man so bedenkt! ... Heutzutage ist offenbar kein Mensch mehr vor dem Adel sicher! Und ich wundere mich keinen Moment, wenn eines Tages der bewußte Märchenprinz auf der Bildfläche erschiene, um eure Freundin Modeste wegen ihres Geldes zu ehelichen!« Die Kürassierdamen wehrten sich standesgemäß dagegen. »Freundin? – Durchaus nicht! ... Mama findet solche Nobilitierungen im höchsten Grade plebejisch.« Da fand es Frau Murrmann denn doch für nötig, die Elefantenkeuchel etwas zu dämpfen. »Aber, Kinder, einmal seid ihr doch auch bürgerlich gewesen!« »Wieso?« sagten die Kürassierdamen, sich hoch aufrichtend. So weit reichte ihr litauisches Begriffsvermögen nämlich nicht. Dagegen hatte die kleine Meyners auf der gleichen Fahrt etwas wehmütig zu ihrem Bräutigam gesagt: »Siehst du, Schatz, die haben, denen wird immer noch mehr gegeben! Modeste ist hübscher als wir alle und reicher als wir alle – nun heißt sie auch noch: Lindt von Barginnen – was nach viel mehr klingt als: von Meyners ...« Als darauf der junge Windbeutel geistreich nichts erwiderte, fiel sie ihm gutherzig um den Hals: »Dafür hab' ich aber dich! Und glücklicher als ich kann doch eigentlich keine gut sein ...« Gegenüber der winterlichen Klosterstille gab es jetzt so viel bei Lindts an Ereignissen, daß alles Frühere verblaßte. Es galt zu erwägen, ob die neuen Visitenkarten mit oder ohne Krone, ob die Livreeknöpfe erlaubt fünfzinkig oder unerlaubt siebenzinkig herzustellen seien. Selbst die Wäschestickerei, die das kleine »v« unmöglich länger entbehren konnte, war ein Gegenstand eifrigster Debatte. Schließlich entbehrte sie aber doch des kleinen »v«, weil die Schwestern sich diesmal genau erinnerten, daß Falkner von Od einmal erklärt hatte, die wirklich vornehmen Damen bedienten sich neuerdings des kleinen Bindewortes absolut nicht mehr, am wenigsten bei Briefunterschriften und Monogrammen – ja, eine Gräfin, die in intimer Korrespondenz als solche zeichne, sei sicher eben erst gegraft. Standesunterschiede auf Papier und Leinwand hielte er überhaupt für ridikül. Alle diese Erwägungen waren im Grunde ridikül, aber sie wurden in Barginnen doch höchst ernsthaft genommen. Die Gräfin Axsil setzte sofort einen längeren Bericht an die Redaktion des Gothaischen Kalenders auf, zu dem der alte Eller höchst ernsthaft bemerkte: »Verzeihen Sie meine Unbildung, Frau Gräfin – aber wäre es nicht am End' praktischer, wenn gleich die Kron' oder das Wappen bei den adligen Herrschaften irgendwo eingebrannt würde, wie zum Beispiel bei den Trakehnern das Hirschgeweih ... Da bestände doch gar kein Zweifel! – Nun hören Sie nur folgende Geschichte: Neulich sah ich in Königsberg so 'n Majoratstrottel – na, höchstens Kalkulator hätt' ich ihn geschätzt – wenn der nu vorn oder hinten seine Grafenkron', wie sich's gehört, eingebrannt gehabt hätte, was für 'n Glück für das Lumpengesindel wie mich wäre das gewesen! ... 'nem dummen Menschen muß doch das klargemacht werden!... Ich hätt' gleich den Buckel krumm gemacht und gesagt: ›Herr Graf, geben Sie mir doch eins mit der Hetzpeitsch', damit ich weiß, wie unsereinem so um die Bauernkriege 'rum zumute war!‹ – So aber faßt' ich ihn am obersten Rockknopf – es war in der Junkerstraß' – und sagte: ›Mannchen, Sie haben mir so 'ne vertrauenerweckende Nas' – wo trinkt man jetzt eigentlich den besten Grog in Königsberg?‹ – Da wollt' sich der Kreth schief lachen ... Nachher begegnet' ich 'm wieder mit dem Baron aus Eyselin. Da wußt' ich natürlich, was die Glock' geschlagen hatte.« Die Gräfin Erika, die eigentlich nur noch Schlafrockfigur war, drehte sich entrüstet um; der alte Lindt räusperte sich sehr würdig: »Wenn des Königs Majestät geruht hat ...« Modeste aber brach in ein unbesiegliches Jugendlachen aus: »Ellerchen, Sie haben ja so recht! Kenne ihn von der Königshalle, den Majoratstrottel – höchstens Kalkulator – höchstens!« Graf Axsil, der nur halb hingehört hatte, sah sich etwas verwundert um, stimmte aber dann in das Lachen seiner Schwägerin herzlich ein. »Wo hast du übrigens deinen Hund, Modeste?« »Er ist beim Förster in der ›Benehme‹.« »Magst du ihn denn nicht mehr?« »O doch ... Gewiß ... Aber was mir viel mehr leid tut, mein Sommerrappe ist schulterlahm. Ich muß ihm neulich die falschen Hilfen gegeben haben, als es so im Renngalopp um die Ecke ging ... Übrigens, da kommt unten der Kutscher mit der Posttasche!« Leichtfüßig sprang sie die Treppen hinunter. Sie wachte die letzten Wochen argwöhnisch über dieser Posttasche. Aber irgendeine Nachricht von Herrn Romeit war nicht gekommen. Eigentlich kein Wunder, nachdem sie damals so sang- und klanglos geschieden! Modeste verwunderte es dennoch. Sie hatte geschrieben, wie sie gefühlt – und er kam nicht sofort mit glückselig lachenden Augen? ... Erst tat es ihr weh – dann ärgerte sie sich – jetzt war es ihr allgemach gleichgültig geworden. Nur die Angst vor Frida ließ sie immer noch auf die Posttasche lauern. Herr von Mieritz, dem der Urlaub verlängert, war jetzt fast täglicher Gast in Barginnen – immer gewandt, immer elegant. Er galt als Modestes ausgesprochener Courmacher. Und das schöne Mädchen, das ihn mochte und nicht mochte, wie das so in der Lindtschen Natur zu liegen schien, wo nur Vernunft oder Sinne sich engagierten – hatte das dunkle Gefühl, daß sie eines Tages als Freifrau von Mieritz aufwachen würde, entweder in Insterburg bei den Kosaken oder in Berlin bei der Garde, nachdem der Onkel mit dem Geldmajorat das Zeitliche glücklich gesegnet hatte. Wer entgeht schließlich seinem Schicksal? – Niemand. – Sie hätte ja ganz gern ein andres Ende gewollt – etwas mehr Wärme, etwas mehr Poesie, dazu etwas Kampf, wie es in Romanen steht. Aber um Gottes willen keine allzu schweren Proben! ... Sie nahm, was das Schicksal eben beschlossen ... Und jetzt, wo die letzte reine Liebesregung nutzlos verglommen, fühlte sie nur den Wunsch, endgültig die Vergangenheit zu vergessen. Der Ulan heiratete sie nicht aus Liebe, sie heiratete ihn nicht aus Liebe – aber sie mochten sich, würden sich mehr und mehr mögen als kluge, kühle Gesellschaftsmenschen, denen der Lebensweg immer glatt und gefahrlos, weil sie die plane Landstraße nie verlassen ... Es geschah ja auch besser so. – Die einzelnen Etappen dieser Verlobung kannte sie so ziemlich genau. Es war eigentlich nur noch eine. Morgen war des alten Lindt Geburtstag. Sie würde Herrn von Mieritz' Tischdame sein – wie natürlich; sie würden etwas länger an der Tafel sitzen, etwas mehr Sekt nippen, etwas leiser sprechen. Und dann entweder im Park die letzte Rose und das entscheidende Wort – vielleicht auch im Stall bei dem Sommerrappen, den sie doch nicht mehr hatte reiten können. Sie beide liebten Pferde und Reiten. Warum also nicht einmal eine Verlobung im Stall? Das wäre wenigstens originell. Aber während sie das alles sich so vorstellte, ohne Poesie, aber bequem und nett – mußte sie auch an das »Nachher« denken. Vor dem Kuß – vor dem Kuß zitterte sie innerlich doch! ... Es war gewiß töricht und einer Lindt ganz unwürdig, aber bei der Lüge dieses ersten Kusses bäumte sich in ihr etwas auf. Trotzdem hatte sie das sichere Gefühl, daß morgen oder nie sich Großes ereignen müsse. Das lag so in der Luft. Zum Geburtstag des neuen Edelmanns war nicht offiziell eingeladen worden. Man hatte nur sanft gewinkt von Barginnen. Es sollte auch nicht das landesübliche Abendessen sein, zu dem man in Litauen auf dem Lande bereits um fünf Uhr nachmittags erscheint, sich durch unendliche Grogs und Schinkenbrote auf das Eßereignis des Abends vorzubereiten – sondern ein Déjeuner dînatoire, das mittags Punkt ein Uhr beginnt und alle Delikatessen der Saison umfaßt. Noblesse obligé. Der alte Knochenmehlhändler hatte dabei die Gefühle eines Schützenkönigs, dem die neue Würde zwar sehr behagt, der aber die Kosten des Schützengelages noch Jahrzehnte später bebrummt. Von zwölf Uhr ab rollten ohne Unterlaß die Wagen vor das Schloß. Zuerst kam der alte Eller, der als Freund des Hauses sich nicht an die Zeit band. – Dann der Reihe nach: der krumme Riese, der dicke Bezirksoffizier mit dem leuchtend weißen Dragonerkragen, die Kletteraffen. Selbst der alte Baron Bussard humpelte, auf die Schulter des Neffen gestützt, mit seinem Gichtbein die Treppen hinauf. Die letzten waren die Kürassierdamen mit ihrer Mutter und dem sicheren Überlegenheitsgefühle des alten Adels gerade heute. Herr von Falkner wurde, wie gewöhnlich, vergebens erwartet. Der alte Lindt glänzte vor eitel Freude, drückte hier wohlwollend die Hand, dienerte dort untertänig. Die Gräfin Axsil unterstützte ihn besonders bei dem Empfang, jedoch erst, nachdem sie sich versichert, daß Inspektoren auf keinen Fall zu erwarten seien. Sie hatte sehr die Airs der großen Dame, behandelte den alten Eller mit flüchtiger Herablassung, während sie dagegen Frau von Gadebusch gerührt auf beide Wangen küßte, wie das bei gekrönten Häuptern schon lange Brauch. Der alte Eller rächte sich sofort, indem er Modeste vor dem Volke besonders nahm und sie mit gottlosen Glossen überschüttete. »Sehen Sie doch nur, gnädiges Fräulein, wie der junge Regierungsrat dasteht! Vollkommen wie bedammelt. Überlegt gerade seine Red'. Wird sich schon was Rechtes zusammenstottern... Und Ihr Papachen? – Ganz wie 'n Prälat ... Und Ihr verehrtes Mamachen, so beweglich und freundlich nach allen Seiten! ... Aber nu gar erst die Schwester Gräfin! Ach Gott, ach Gott ... wie sie mir vorhin die Hand gab – anderthalb Finger waren's ungefähr – da wurd' mir mit einem Male so ganz merkwürdig im Kopf. Als wenn der Papst den Gläubigen seine Babuschen zum Kusse hinreckt: so war mir ungefähr ... Ich will nicht schänden – aber sagen Sie selbst, gnädiges Fräulein: Ist's nicht 'ne Dammligkeit, wegen so 'nem lumpigen ›von‹ so ein Aufhebens zu machen? ... Als wenn Sie Lindts vorher unehrliche Leut' gewesen wären und mit dem Adel überhaupt erst anständige Menschen geworden ... Das ist ja geradezu beleidigend!« Er warf sich mit komischem Ernst in die Brust: »Wenn der König mich alten Pisang adeln möcht', ich schlackerte man so mit der Hand und sagte: ›Adlig bin ich schon längst – wenigstens in meinen Augen!‹ Und wer das noch nicht gemerkt hat, der kann mir eben leid tun.« Modeste, die auf dem Adelsohr durchaus nicht taub war, drohte ihm lachend: »Neid, Ellerchen, Neid! Im Grunde gönnen Sie uns das ›von‹ auch nicht.« Er schüttelte darauf bedächtig den grauen Kopf; »Nicht gönnen? – Der Spaß ist gut! ... Ich gönn' Ihnen 'ne Fürstenkron', so daß Sie zeitlebens keinen Menschen als Gottes Geschöpf ansehen außer sich ... Aber,« fuhr er, Modestes Hand fassend, vertraulich fort, »aber eben, weil ich Sie gernhabe, Modestchen, und weil ich ganz genau weiß, daß in Ihnen mehr steckt als 'ne Modepupp' und 'ne Weltdam', möcht' ich Sie auch bewahrt haben vor all dem leeren Schein, der der ganzen Sippschaft hier doch allein den Kopf verdreht ... Sie sind nicht wie die andre Schwefelbande hier – und Sie sollen's auch nicht werden!« ... Dann kicherte er wieder schelmisch in sich hinein. »Und nun nehmen Sie mich gefälligst beim Ohr, mein gnädiges Fräulein Lindt von Barginnen, und sagen Sie: ›Eller, jetzt hast mal wieder so kreuzdammlig geschabbert, wie 'n halbes Hundert Apen zusammen!‹ ... Da kommt übrigens der Herr Leutnant, den sie von der Garde weggejagt haben! ... Darf man gratulieren?« Modeste zuckte die Achseln: »Es ist ein sehr netter Mensch! ... Aber muß man sich denn gleich immer verloben?« »Man muß nicht, gnädiges Fräulein – aber man tut's.« Der Stern von Barginnen hatte sich sofort verwandelt, als Herr von Mieritz in seiner Galauniform auftauchte. »So spät?« »Allerdings, gnädiges Fräulein. Ich hätte eigentlich gar nicht kommen dürfen. – Mein Onkel ist gestorben. »Der Erbonkel?« meinte Modeste unbefangen. »Da müßten Sie doch eigentlich erst recht froh sein!« Herr von Mieritz lächelte etwas gezwungen: »Er hat mir zwar meine Versetzung nach hier indirekt besorgt – und eine Träne weine ich ihm auch nicht nach – aber er war doch schließlich mein Onkel. Ein vornehmer alter Herr, der mich auf seine Weise bekehren wollte... Vielleicht hab' ich mich auch bekehrt – freilich auf meine Weise...« Die beiden jungen, hübschen, eleganten Menschen sahen sich dabei ins Gesicht. Es war in der großen Halle des Schlosses, die etwas Vornehm-Ritterliches aushauchte, namentlich heut. Die Sonne brach gerade mit gedämpftem Schimmer in den immer gruftkühlen Raum. Sie beide standen allein im Licht. Unwillkürlich hatte sich ein neugieriger Kreis gebildet; die Unterhaltung verstummte. Man erwartete täglich die Verlobung... Das Geldmajorat bei ihm, der Adel bei ihr: wenn je ein Lebensweg klar lag, so war das hier. – Aber man hält gern noch einmal Umschau, ehe man zu dem sicheren Gipfel emporsteigt... Es blieb ja auch nur noch ein Frage- und Antwortspiel übrig, dessen Ausgang nicht zweifelhaft. Das wußten die beiden sehr gut. Das Tamtam ertönte. Das Dejeuner begann. Es war in dem festlich geschmückten Speisesaal, der einst der Kapitelsaal der Deutschherren gewesen war. Die angenehme Woge frohen Feierns umfing Modeste so weich, daß sie gern darin versank. Aber ein intimes Wort war nicht zu sprechen. Rechts lauschte freundschaftlich interessiert die kleine Meyners, die immerfort ihren Bräutigam anstieß; links horchten die Elefantenkeuchel, bereit, jede verdächtige Bewegung Frau Murrmann mit den Augen hinüberzutelegraphieren. ›Es bleibt tatsächlich nur der Pferdestall,‹ dachte Modeste mit ihrem sicheren Blick für unfreiwillige Komik. Auf einmal kam ihr die ganze Geschichte: das Verloben, wie das Heiraten überhaupt, so komisch vor! Sie wollte einen vornehmen Mann, er eine reiche Frau – sie hätten so genügend Gelegenheit gehabt, das erlösende Wort zu sprechen, und hatten sich immer feige daran vorbeigedrückt, als mißtrauten sie dem Glück. »War's Instinkt, richtiger Instinkt – die innerliche Kluft, die die beiden Menschen trennte und die der beste Wille nicht überbrückt? – Und gerade jetzt, wo er ihrer nicht mehr bedurfte, weil er auch reich geworden war – und sie seiner nicht mehr bedurfte, weil sie auch vornehm geworden war: schien beiden dieses Gefühl stärker geworden, dieses innerliche Bangen, ihr Leben mit einem einzigen Wort in alle Ewigkeit zu ketten. Als der Champagner in die Kelche perlte – diesmal ein schwerer, vornehmer Grand Imperial, wie es der Feier ziemte, gedachte Herr von Mieritz endlich den komischen Bann zu brechen. Aber da entstand auch schon eine feierliche Totenstille. Der alte Lindt hatte sich steifbeinig erhoben. »Meine verehrten Gäste! Es ist heute mein fünfundsechzigster Geburtstag. Ich sehe auf ein Leben zurück voll Arbeit, aber auch voll Segen. Und wenn des Königs Majestät in Gnaden geruht hat, meinen Lebensabend durch die Verleihung des erblichen Adels zu verschönen, so war das ein Akt wahrhaft königlicher Dankbarkeit für das bescheidene Scherflein von echter Untertanentreue und unerschütterlichem Gottvertrauen, das am Altar des Vaterlandes niederzulegen ich zeitlebens bemüht gewesen bin. Und, meine Herrschaften, daß ich Sie alle an meinem Ehrentage so vollzählig hier versammelt sehe, gibt mir die frohe Gewißheit, daß meine Familie auch fest gewurzelt ist in diesem Lande Litauen, als ein junges Reis, gepfropft auf einen alten Stamm. – Barginnen ist ein Adelsschloß, und die alten Weißmäntel haben es ritterlich gehalten gegen manchen Polensturm – und ich gedenke es ebenso ritterlich zu halten gegen die vergifteten Pfeile einer neuen Zeit. – Ein Sohn ist mir versagt. Damit aber das Geschlecht der Lindts nicht binnen weniger Jahre fortgeweht werde von diesem Grund wie die Spreu von dem Wind, so beabsichtige ich ein Fideikommiß zu gründen, wonach dieses Gut nie geteilt werden darf, sondern immer der jüngsten Tochter der Familie zufällt mit der ausdrücklichen Bedingung, daß ihr Gatte von adliger Herkunft sein soll und den Namen Lindt von Barginnen neben seinem eignen zu führen hat. Wie das juristisch gehen wird, weiß ich noch nicht... Und, meine Herrschaften, daß Sie mir bei dieser neuen Grundsteinlegung des alten Schlosses gewissermaßen als Eideshelfer beigestanden haben – dafür meinen tiefgefühlten Dank. Die Gäste von Barginnen, sie leben hoch!« Der alte Knochenmehlhändler hatte sich mit Fleiß so tief in die Rührung hineingeredet, daß ihm die Stimme beim »Hoch« überschnappte, und Modeste, die ihn vor allen umarmte, gar nicht begriff, daß sie ihren herzensguten Vater je mißkannt. – Niemand war auf diese Wendung vorbereitet gewesen, die beiden älteren Schwestern zuletzt. Aber die tiefe Enttäuschung ihrer Herzen wurde sänftiglich hinweggespült durch die Begeisterungswoge, die jedem guten Toast nun einmal folgt. Als sie verrauscht, sprach der junge Regierungsrat – stockend, langweilig, wie es der alte Eller vorhergesagt. Dann erhob sich der krumme Riese, der auf die litauischen Damen toasten wollte, dabei aber Modestes blaue Augen besonders aufs Korn nahm und schließlich auf die Bläue überhaupt zu reden kam, bis er über blaue Meerbusen und blaue Schweinestallfenster humorvoll hinwegirrend das blaue Tuch der Insterkosaken statt der Damen leben ließ, worauf der alte Eller ihn mit einem hörbaren Ruck an den Frackschößen auf den Stuhl zurückzwang. Zuletzt sprach der alte Eller selbst, wie immer ein Gemisch von Bosheit und Güte. »Meine Herren und Damen! Wenn ein alter Bauer, wie ich, in einer so ausgewählten Gesellschaft überhaupt den Mund aufzumachen wagt, so tut er es aus dem einfachen Grunde, weil er ihn vor Erstaunen überhaupt noch nicht zubekommen hat. – Es freut mich zwar sehr, daß mein alter Gönner Lindt auf einmal ›von Lindt‹ geworden ist – denn so eine fünfzinkige Krone, gut auf dem Kopfe arrangiert, sieht natürlich reputierlicher aus als meine alte Pelzmütz' aus Marderfell, die neuerdings noch die Mäuse angenagt haben. Aber so recht klar bin ich mir doch noch nicht geworden, ob mit so 'ner Adelei eigentlich auch der ganze Mensch anders geworden ist. – Ich hoff': nei'! ... Denn wenn unser alter, guter Freund Lindt, der, weiß Gott, ein neunmal gesiebter Schlauberger ist, damit ein richtiger Majoratstrottel geworden wäre – und wenn unser Fräulein Modeste, die immer die hübscheste und frischeste Marjell in ganz Litauen gewesen ist, sich jetzt nachträglich zu einer dummen und hochmütigen Pute wüchse: so hebe ich meine Hände auf und sage: Gott bewahre uns in Gnaden vor der fünfzinkigen Krone! Und da bin ich denn glücklich bei dem eigentlichen Thema angelangt – nämlich unsrer Modeste. Früher hatte ich immer so gedacht: das arme Mädel, die das Land so lieb hat und so gut aufs Land paßt, wird als Jüngste sicher einmal dazu verdammt sein, in irgendeiner Stadtwohnung zu verkümmern. – Und da war ich schon immer drauf und dran, zum Rechtsanwalt zu gehen und ihr mein Gütchen zu vermachen, damit sie wenigstens einen Unterschlupf hat, wenn die großmäuligen Berliner sie halb totgeschwatzt haben ... Weil aber der Herr Lindt von Barginnen und eine weise Vorsehung anders beschlossen haben, so erhebe ich das Glas und rufe: Unsre Modeste von Lindt soll unsre Modeste Lindt bleiben – und als echtes Edelfräulein nie vergessen, daß unser Herrgott durch all den bunten Flitter hindurch ins Herz sieht. Und dieses Herz eben soll leben!« Es war der gelungenste Toast des Tages. Die Sektkelche klangen hell, während der alte Vokativus lachend die Tafel entlang ging. »Können ihr das Gut trotzdem vermachen!« rief der neugebackene Edelmann in angenehmer Weinlaune dem Vorübergehenden nach. »Sie sind und bleiben doch ein Filou, Ellerchen!« drohte Modeste übermütig. »Jetzt, wo ich ein Schloß bekomme und ich Sie gar nicht beim Wort nehmen kann...« Er tätschelte ihr darauf freundschaftlich die weiße Hand: »Gnädiges Fräulein, die Hauptsach' ist, daß Sie glücklich werden! In meiner Strohkabach' froh, ist besser als in dem feudalen Kasten hier traurig.« Der Stern von Barginnen, der jetzt wirklich im Zenit strahlte, lächelte liebenswürdig nach allen Seiten, hörte aber kaum hin. Modeste hatte vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben die angenehme Empfindung eines leichten Schwebens. Sie fühlte sich wie getragen von der trügerischen Glückswelle, auf der nur der Kork zeitlebens schwimmt. Die Diener präsentierten Liköre und Zigarren. Die erste Riesenimporte glühte auf. – Eine satte Dinerstimmung begann den Raum zu füllen. Herr von Mieritz stand auf, lautlos, gewandt: »Verzeihen Sie! Ich muß meinen Onkel nach Hause geleiten. Die Gicht zwickt ihn furchtbar. Er schneidet mir bereits seit einer halben Stunde die fürchterlichsten Grimassen... Und wenn ich vielleicht morgen früh noch einmal zu Pferde vorsprechen darf... Sie wissen, Fräulein Modeste, wie sehr ich mich nach einem ungestörten Augenblick mit Ihnen sehne ...« Er küßte Modeste darauf wie verstohlen die Hand, worüber Frau Murrmann sofort mit einem Aufleuchten ihrer klätschigen braunen Augen quittierte. Modeste aber lehnte sich im Stuhl zurück wie im Traum. »Das ist also das Glück – das! ...« murmelte sie immer wieder. In den Halbtraum klang plötzlich Fridas Stimme: »Hier ist ein Expreßbrief für dich! ... Die Hand kommt mir bekannt vor ... Außerdem gratuliere ich herzlich. – Übrigens dein Hund ist auch zurück vom Förster – er soll nicht viel taugen. Jedenfalls jault er wie verrückt im Stall.« Modeste sah gleichgültig auf die Adresse, zuckte aber innerlich zusammen. Es war ein Brief von Herrn Romeit. »Bin um vier Uhr nachmittags an den ›Bäumen‹ und werde dort eine Stunde warten. Otto.« Modeste las die wenigen Zeilen mit geteilten Gefühlen: halb Gene, halb Bedauern. Die Zeit der Gefühlsduseleien war vorüber. Sie zerriß den Brief langsam in kleine Stücke und reichte sie dem Diener zum Verbrennen. Die Freundinnen schauten ihr verwundert zu. Dann horchte sie auf das dumpfe Rollen des Wagens, der gerade die beiden Herren aus Bussardshof entführte. »Armer Kerl!« Sie zuckte die Achseln. »Armer Kerl ... Wen meinst du?« fragte die kleine Meyners. Modeste lächelte kühl: »Ich habe offenbar laut gedacht. – Ich meinte den Jagdhund. Er wird wohl recht mager geworden sein, der arme Kerl.« Und sie begann lustig von ihren Wintertouren mit dem Hunde zu erzählen – so lustig, daß die kluge Frau Murrmann stutzig wurde und der schnurrbärtigen Mutter der Elefantenkeuchel flüsternd ganz ungeheuerliche Dinge berichtete, von der Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit der Lindtschen Töchter überhaupt und Modestes insbesondere. »Meine liebe Frau von Gadebusch, trotz allen Geldes – es ist eine merkwürdige Gesellschaft, und den, der das Lindt von Barginnen hinter seinen anständigen Namen bekommt, beneide ich keineswegs... Wenn ich dagegen Ihre Fräulein Töchter ansehe – so etwas innerlich Gefestigtes, Reifes trotz ihrer Jugend. Oder die liebliche Judith, die lebendig aus Honnef nicht zurückkommen wird... Und wenn die Leute wahr sprechen – zwanzigtausend Mark soll er für den Kirchenbaufonds gezeichnet haben, und dafür haben sie ihn geadelt – warum auch nicht! – aber daß das Geld höchstwahrscheinlich armen Leuten abgenommen ist, darüber wird mit wahrhaft christlicher Nächstenliebe hinweggegangen.« Der alten Gadebusch sträubte sich ob solcher Schändlichkeiten der Schnurrbart. »Ein Gadebusch war mal Schloßkomtur von Barginnen – und jetzt diese Leute! ... Überhaupt wenn man so bedenkt. – Verlassen Sie sich drauf, in zwanzig Jahren gilt so was als Uradel, der Sohn wird Kürassier und so weiter... Die Kürassiere sind ja jetzt schon verseucht – Lehmann und Schulz, die sich haben umtaufen lassen...« Frau Murrmann lächelte etwas überlegen. »Gnädige Frau, vorläufig ist die Verlobung ja noch gar nicht proklamiert, und wir sind bereits bei den erwachsenen Söhnen unsrer lieben Modeste.« »Na, Sie werden ja das alles noch erleben – ich, Gott sei Dank, nicht, meine liebe Frau Murrmann!« Die Wagen fuhren langsam vor. Gadebuschs, die zuletzt gekommen waren, verabschiedeten sich zuerst. Nur einige Skattische blieben zurück, in dicken Tabaksqualm gehüllt. Der krumme Riese erzählte, an seiner Zigarre kauend, gerade furchtbare Geschichten, und der Gatte von Frau Murrmann wieherte dazu. Die Lindtschen Damen hatten sich in dem Salon niedergelassen, abgespannt von der Feier. Modeste ging sinnend den Teppich auf und ab. Plötzlich klinkte sie die Flügeltür auf. »Wohin des Wegs?« fragte die Mutter freundlich. »Aufs Feld. Ich möchte dem Hund doch ein Vergnügen machen.« Wenige Minuten später schlenderte sie langsam, unschlüssig dem Eichenwald zu, während der Hund wohlerzogen hinterher trottete. Zuweilen warf der Stern von Barginnen einen vorsichtigen Blick zurück. Es ging zwar zu einem Abschied auf Nimmerwiedersehen – aber zuweilen spielt das Schicksal gerade in der zwölften Stunde seltsam. – Doch ringsumher nichts als gelbe Stoppeln, dürstendes Grün und der starre Umriß des alten Schlosses, unter einem rotglühenden, lastenden Horizont. Der Sommer war im Scheiden. Am Eichenwald trat ihr Herr Romeit entgegen, in demselben grauen Reitanzug, den er bei jenem ersten Spaziergang damals getragen. »Gnädiges Fräulein haben gewünscht...« »Ja, Herr Romeit,« antwortete sie zögernd – hielt inne – fuhr dann aber rasch fort: »Nein, das ›Sie‹ ist Unsinn!... Nenne mich meinetwegen morgen so, wenn ›jemand‹ bei meinem Vater gewesen ist. Aber heute – nein! ... Warum hast du mir erst so spät geantwortet? Ich wäre beinahe nicht gekommen.« »Dann hätte ich eben die Stunde auf Sie gewartet und wäre wieder fortgeritten...« »Ich will das ›Sie‹ nicht!« sagte sie herrisch. »Und was hätte das ›Du‹ für einen Sinn noch? – Ich weiß ganz genau, daß Sie mit dem Ulanenoffizier aus Insterburg so gut wie verlobt sind. Ich hätte mich keinen Augenblick gewundert, wenn Sie nicht gekommen wären – im Gegenteil...« Sie zuckte die Achsel. »Ich bin nicht verlobt.« »Aber so gut wie verlobt...« Einen Augenblick stand Modeste finster sinnend. »Laß den Unsinn zwischen uns, Otto! Ich will's! ... Ich bin hierher gekommen, um dir ein letztes Adieu zu sagen – aus gutem Herzen, wie du mir schon glauben kannst... Im übrigen hast du recht: ich bin so gut wie verlobt. Aber daß ich gerade überglücklich wäre in dem Bewußtsein, das wäre infam gelogen! ... Wär' ich's, dann wär' ich sicher nicht gekommen – Mit ihm spiele ich – es ist nun einmal meine Natur so; mit dir habe ich nie gespielt – nie.« Darauf sprach er leise, verbissen: »Du spielst mit jedem Mann. Du kannst gar nicht anders ...« »Aus dir kommt diese Weisheit nicht!« gab sie fast verächtlich zurück. »Das hat dir der Schurke, der Falkner, eingeblasen.« »Den ich für den Tod nicht ausstehen kann, obgleich er's gewiß gut mit mir meint. – Ich hätte beinahe meine neue Stelle wieder gekündigt, weil ich hörte, daß er mich empfohlen hat ... Er hat mir auch weiter nichts gesagt, als: ›Hüten Sie sich!‹ – Und das lange vor Weihnachten, ehe du an mich überhaupt dachtest ... Aber ich selbst habe mir später klargemacht, daß das alles ein Ende haben müsse, und je eher, je besser. Ich bin nicht immer blind! – Du kannst Männer wie mich leicht verrückt machen vor Liebe – aber hast du sie glücklich so weit, dann ist's dir genug. Du stießest sie am liebsten mit den Füßen weg. Ja, so bist du! – Und dem Baron da drüben bist du nur gram, weil er es zu machen wagte wie du ... Wenn ich gemein empfände, würde mich das nachträglich freuen. Aber ich bin nicht gemein! Mir ist er heut noch verhaßt, weil er dir einmal wehe getan hat ... Darf ich jetzt gehen?« Sie ging langsam auf und ab, den Kopf zur Erde. »Ja, geh! ... Nein, bleib! ... Glaubst du mir, daß ich dich geliebt habe?« »Auf deine Art vielleicht ...« »Nein, nicht auf meine Art! Das wäre so unwahr wie etwas ... Ich mag alle Welt belogen haben – dich habe ich nie belogen. Ich mag mit aller Welt gespielt haben – mit dir hab' ich nie gespielt. Das ist ja eben das Unbegreifliche, daß ich dir gegenüber ehrlich sein muß, selbst wenn ich's nicht will ... Ich habe nicht an dich schreiben wollen – aber ich mußte einfach an dich schreiben; ich habe heute nicht kommen wollen – aber ich mußte einfach kommen ... Ich rede mir künstlich ein: du tätest mir leid, du wärst nur eine unbedeutende Episode in meinem Leben, eine unbegreifliche Verirrung meinetwegen auch. Alles, was oberflächlich und egoistisch in mir, eilt mir zu Hilfe, steht mir bei. Trotzdem kann ich von dir nicht los! Ich kann es so wenig, daß mir jetzt wieder der Gedanke an den Mieritz unerträglich ist ... Und glaube dabei nicht etwa, das wäre eine ›gemachte‹ Sache! Er mag mich, ich mag ihn auch. Ich weiß genau, daß ich das Glück, was ich eigentlich wünsche, an seiner Seite sicher finden werde. Dennoch bin ich stets froher gewesen, wenn er ging, als wenn er kam ... Und daran bist du schuld – du ganz allein! ... Ich weiß nicht, welche Macht du über mich hast – aber du hast sie tatsächlich!« Er tastete darauf beinahe schüchtern nach ihrer Hand. »Ich glaub's dir ja auch, Modeste ... ich bin dir so dankbar dafür ... Aber einmal muß doch geschieden sein ...« Jedoch sie warf sich an seinen Hals und schluchzte. »Nein, du darfst nicht so gehen – du darfst nicht! ... Im Grunde liebe ich dich ja viel mehr, als du ahnst, als ich ahne... Es schwebt ein Verhängnis über uns...« »Modeste, liebe Modeste...« Er streichelte ihr das Haar, die Wangen. Sie aber schluchzte nur noch leidenschaftlicher. »Nein, sprich nicht in dem Ton zu mir! Als wenn schon alles vorbei wäre, als wenn du mir nur den Abschied leicht machen wolltest... Ich liebe diesen Mieritz nicht, ich kann ihn nicht lieben! ... Warum bist du nun nicht Offizier und heißt von Romeit? Es gibt von Romeits – ich hab's in der Rangliste gelesen... Wir könnten heiraten, später in Barginnen wohnen...« Sie unterbrach sich jäh: »Nein, in Barginnen nicht! Barginnen bedeutet nichts Gutes... Und warum muß denn alles so ganz anders sein, als man's möchte?!« »Ja, warum?!« wiederholte er bitter. Und Modeste hing an seinem Halse und küßte ihn und weinte dazu – und er küßte sie wieder. »Wisch mir die Tränen ab!« sagte sie mit wehem Spott. »Morgen tut's vielleicht ein andrer...« Sie reichte ihm lächelnd das kleine Batisttaschentuch. Der braune Unhold, der sehr gesittet der Szene zugeschaut hatte, hob die Nase und knurrte leise. Auch Herrn Romeits Pferd wandte die Nüstern. Der Mann horchte: »Es ist jemand in der Nähe« – wollte sich losmachen. Aber Modeste ließ ihn nicht. »Und wenn's jemand wäre – was tut's!? ... Ich habe keine Spur von Angst. Ich will keine haben! ... Siehst du, wenn ich dich immer so lieb hätte wie in diesem Augenblick – ich fragte niemand – niemand...« Der Hund beruhigte sich. Das Pferd zupfte weiter an den Eichenzweigen. »Es war wohl auch nichts,« sagte er. »Aber ich denke an damals. Du ändertest im Handumdrehen deine Stimmung... Ich kam auf Gedanken...« »Aber heute ändere ich sie nicht, Otto!« schwor sie. »Die eine kümmerliche Stunde, die wir vielleicht noch haben im ganzen Leben, die wollen wir doch nutzen! ... Die Stunde ist so kurz – das Leben hinterher wahrscheinlich so schrecklich lang... Und nun erzähl mir von deinem Unfall neulich! Warst du von Sinnen oder das Pferd?« »Ich, Modeste, ich ganz allein!« beichtete er. »Wie ich dich so an dem Wartesaalfenster sah, lächelnd, lachend – ja, du hast gelacht! – Und der Baron neben mir – dieser Kerl! ... Und das Getrampel von den Fohlen und das Bremsengeschmeiß über den kitzligen Hengst her... Ich war schließlich meiner Nerven nicht mehr Herr und verwünschte euch alle miteinander – dich zuerst, Modeste! ... Du weißt ja nicht, was ich für Zeiten durchgemacht habe...« »Aber nachher, als du meinen Brief bekamst? Hast du dich denn da nicht gefreut? – Ein bißchen? – Sag!« »Ich habe ihn zerrissen, Modeste. Und dann habe ich ihn mir wieder zusammengesetzt, kümmerlich, und schließlich die Fetzen doch weggeworfen und geschworen, daß ich nie kommen würde... Sei mir nicht böse! Aber ich kenne dich doch nicht... Du versprichst wohl – aber ob du auch hältst?« Modeste sah ihm gerade ins Gesicht. »Ich habe dich lieb! ... Und wenn ich anders wäre, als ich bin – wäre ich keine Lindt! Ich wüßte genau...« »Aber du bist und bleibst eine Lindt,« sagte er ernst. »Leider...« »Nein, ich bin keine Lindt – ich bin keine!« Und wieder umschlang sie ihn und drückte ihn an ihr heißpochendes Herz. »Otto, Otto – ich habe dich ja so lieb!« In dem Augenblicke fuhr der braune Unhold wahnsinnig bellend aus dem Gebüsch. Keine drei Schritt von dem Paare ging eine Gestalt vorüber, langsam und mit abgewandtem Gesicht. Es war Frida Lindt. Da stieß Modeste den Geliebten von sich und schaute mit verglasten Augen der Schwester nach. »Sie hat alles gesehen... Reit sofort weg! ... Ich schreibe dir... Ich will allein sein.« 22 Modeste mußte in der Tat allein sein! Sie schaute auch nicht nach rechts und nicht nach links, als sie den nächsten Feldweg aufs Geratewohl dahinschritt. Wer am Wendepunkt seines Lebens steht – am unbedingten Wendepunkt – der hat die Augen nach innen. Lange hatten sie miteinander gespielt: das schöne Mädchen und das Schicksal. Jetzt waren sie beide im Grunde des Spieles satt, wollten die Tat sehen, ihr eignes Gesicht. – Der blonden Sünderin wurde es erschrecklich klar, daß nur zwischen zwei Entscheidungen die Wahl: der feige, kleine Rückzug, den sich kein ganzer Mensch jemals vergibt – oder das hart entschlossene: »Ich gehe meinen eignen Weg!« – wovor wieder jeder Halbe zittert... Und während sie mit einem Entschluß rang, verwirrten sich ihre Gedanken. Wer nie bis zum Kern seines innersten Wesens vorgedrungen ist, der sucht im Dunkel vergebens sich selbst. Und doch sehnte das innerlich unklare Geschöpf sich gerade in dieser Stunde leidenschaftlich nach sich selbst. Sie ahnte das Bessere in sich, das Beste vielleicht... Doch bei dem Ahnen blieb es. Es war einer jener Momente im Leben, wo man draußen suchen muß, was man drinnen noch nicht finden kann. Ein Berater, ein Freund! – Modeste ging die Liste ihrer Bekannten vergebens durch. Niemand hatte sie gegeben, niemand hatte ihr gegeben. Die tiefe Lebensweisheit in wunderlichem Kern, die ihr der alte Eller sonst wohl geboten, genügte hier nicht. Keine Winkelzüge des Alters, keine Seitensprünge des Humors, sondern eine harte Hand, die sie auf den Weg stieß, der ihr Weg war! Das brauchte sie... Dabei dachte sie an ihre Freundinnen, an die Gadebusch, Murrmann, Meyners. Sie mußte selber lächeln. Zur Not vielleicht Judith von Bussard, die nie zur Seite schielte, weil sie instinktiv tat, was rein und gut. Aber sie war ja so weit – und von ihr wollte sie auch keine Hilfe, von ihr zuletzt! Modeste war bis zur Chaussee gekommen. Ein Klapperwagen fuhr vorüber. Sie las mechanisch auf dem weißen Holzschild: »Falkner von Öd zu Eyselin.« Ein Gedanke zuckte blitzschnell ihr durch den Kopf. Ehe sie ihn noch zu Ende gedacht, rief sie schon dem Knecht zu: »Fahren Sie nach Eyselin?« »Jo.« »Wollen Sie mich mitnehmen?« »Mientweje.« Der junge blöde Mensch, der sie offenbar nicht kannte, schob den Häckselsack, auf dem er saß, etwas beiseite: »Hucke Se da!« Modeste stieg auf. Bis zu dem Eyselinschen Gutsweg fuhren sie stumm. Da spuckte der Knecht in die Hände. »Fahrn Se zur Mamsell?« »Nein, zum Baron.« Er sah das hübsche Mädchen breitschmunzelnd von der Seite an. »Zum Baron? – Se sind wohl aus Königsberg? Wie der gnädige Herr neulich die Offizier' zum Besuch hatte, da waren auch so zwei mit – die waren aber aus Berlin.« Modeste erriet dunkel. Es war doch bei Herr wie bei Knecht ... Schon wollte sie aussteigen, da dachte sie wieder an den Ball: »Wenn Sie einen Freund brauchen, einen wirklichen Freund, dann kommen Sie zu mir! Ich will es gutzumachen versuchen ...« Und wenn einer der Mann war, ihr zu helfen, so war er es. Denn nur wer das Leben bis in seine tiefsten Tiefen kennt, kann raten; das fühlte sie instinktiv. Es war wieder ein Augenblicksentschluß gewesen. Jedoch wo sie lange grübelte, entglitt ihr immer die goldene Frucht – und erst im raschen Impulse fand sie dann wieder sich selbst, blieb Siegerin über sich selbst. Dennoch wurde es Modeste bange und unheimlich, als die weiten Wirtschaftsgebäude von Eyselin aufstiegen; dahinter das weiße, vornehme Herrenhaus im tiefen, schattigen Baumgrün, stumm und geheimnisvoll. Schon zu Lebzeiten des alten Herrn von Falkner hatten die stets geschlossenen grünen Jalousien im Sommer dem Kinde etwas Verhextes gehabt. Modeste stieg im Hofe ab. Der Knecht nickte vertraulich. Als sie an die Auffahrt kamen, sah sie den einarmigen Burschen von damals, wie er in einer Art Gärtnerlivree Pflanzen begoß. Er starrte ihr nach mit dem eigentümlich stechenden trotzigen Blick. – Auch als sie in das Vestibül des Herrenhauses trat, empfing sie eine tote Schwüle. Auf dem Tisch ein Stock und ein Jagdhut. Sonst kein Mensch, kein Laut. Sie empfand eine Art von Gespensterfurcht, wollte heimlich wieder fortschleichen. Da kam endlich der Diener – ein alter Diener im Frack, der sich altmodisch verbeugte. »Ist der Baron von Falkner zu sprechen?« Sie fühlte, wie ihr die Stimme versagen wollte. »Der Herr Baron wird sehr bedauern.« »Ist er zu Haus?« »Herr Baron empfängt heut niemand.« Modeste dachte an das breite Lächeln des Knechtes und ging. Während ihr der alte Diener respektvoll die Glastür öffnete, sagte er entschuldigend: »Gnädiges Fräulein müssen schon verzeihen! Aber es ist der siebzehnte August heute, und den verbringen der Herr Baron stets allein in seinen Gemächern. Vor drei Jahren kam ein ganzer Wagen voll Offiziere aus Berlin und mußte auch wieder abfahren.« »Also, er ist bestimmt allein?« »Aber gewiß, gnädiges Fräulein.« Da änderte sie den Entschluß. »So sagen Sie ihm, bitte, daß Modeste Lindt ihn sprechen müßte – hören Siel – sprechen müßte.« Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Ich will's versuchen, aber ich glaube nicht...« Es mochte eine Viertelstunde vergangen sein, als der Diener zurückkehrte. »Herr Baron lassen bitten...« Er führte sie durch eine lange Reihe vornehmer, etwas altertümlicher Zimmer, die Luft abgestanden, wie in einem Mausoleum. In dem letzten der Flucht hielt er inne. »Wollen gnädiges Fräulein hier Platz nehmen?« Dann verschwand er und schloß lautlos die Tür. Es war ein großer, düsterer Raum, eingerichtet wie ein englisches Klubzimmer mit schweren Saffianstuhlen, einem riesigen Diplomatenschreibtisch; an den Wänden zwischen mächtigen Elchgeweihen alte Kupferstiche in Rosenholzrahmen. Darüber eine Atmosphäre von Zigarettenrauch und Kölnischwasser. Auf einem Seitentisch eine große Photographie, die aber wohl für kein fremdes Auge bestimmt war, denn ein flüchtig darüber hingeworfenes Seidentuch bedeckte sie fast ganz. Modeste wollte aufstehen, das Bild ansehen – der Instinkt aller Frauen. Aber ein Gefühl der Gene hielt sie ab. Es war eine so ungewöhnliche Situation, ein so ungewöhnlicher Mensch – und sie wollte nicht kleiner scheinen, als sie war. Sie hatte nur wenige Minuten stehend gewartet, als Herr von Falkner erschien. Er trug einen eleganten Jagdanzug, aber das Monokel fehlte. Das harte, graue Gesicht erschien ihr darum fremd. »Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, wenn ich Sie so lange warten ließ. Ich nehme sonst tatsächlich an diesem Tage niemand an, sei es, wer es sei. Es war mir auch heute geradezu ein Entschluß. Aber da Sie es sind – und da Sie sicher nicht wegen einer Lappalie kommen... Also bitte!« Modeste hatte sich in einen der weichen Lederfauteuils gleiten lassen; sie wollte sprechen, brachte aber kein Wort über die Lippen. »Gnädiges Fräulein, ich warte sehr gern. Sammeln Sie sich – ich habe mich auch erst sammeln müssen vorhin.« Er sprach gegen seine Gewohnheit warm und weich. Sie schien nicht zu hören. Aber plötzlich sprang sie auf. »Ich kann nicht! ... Zu Ihnen nicht!« ... »Und warum sind Sie dann zu mir gekommen, meine Gnädigste?« fragte er ruhig zurück. »Ich weiß auch nicht...« sagte sie, erregt auf und ab gehend. »Ich muß so was wie wahnsinnig gewesen sein...« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Kaum. Der Wahnsinn ist keine Lindtsche Krankheit. Sie wissen alle so genau, was sie wollen! Und wenn Sie zu mir gekommen sind...« Bei dieser kühlen Art fand Modeste sich wieder. »Sie bleiben, der Sie sind, Herr von Falkner. Lassen Sie mich auch die bleiben, die ich bin! Adieu.« Er vertrat ihr den Weg. »Fräulein Lindt, oder, wenn Sie es lieber hören, von Lindt, sagen Sie mir ruhig, was Sie hierhergeführt – und ich werde tun, was in meiner Kraft steht... Ich möchte gern eine Schuld tilgen... Vielleicht lohnt diese Aussprache auch für uns beide – und wir sehen verwundert, wie arm oder wie reich wir in Wirklichkeit sind.« Sie schlug mit der Hand in die Luft. »Es hat ja doch keinen Sinn... Sie halten mich für eine Lindt – und die Lindt bin ich eben nicht, sonst wär' ich nicht zu Ihnen gekommen.« Sie hielt die Hände vor die Augen. »Ich will keine Lindt sein!« sagte sie heftig. »Um so besser! Denn dann werden wir uns ganz sicher verstehen. Ich mag alle Laster eines Edelmannes haben – aber ich habe auch das Herz eines Edelmannes.« Modeste sah ihn durchdringend an. Sie mochte ahnen, daß hier oder nirgends die Rettung aus dem Labyrinth. Sie ging wieder zu ihrem Fauteuil zurück. »Gut, ich will... Aber sehen Sie mich nicht an dabei! ... Also, ich habe mit Herrn Romeit ein Liebesverhältnis gehabt – ich habe es noch. Ich sage mit Absicht das häßlichste Wort, weil ich mich gewissermaßen vor meiner eignen Feigheit fürchte... Er hat diese Beziehungen einmal abgebrochen – und mir war's nur recht. Heute hab' ich sie wieder aufgenommen – und meine Schwester Frida traf uns im Wald. Sie weiß alles. Ich komme direkt aus dem Wald.« Er sah das schöne Mädchen etwas verwundert an. »Da braucht man doch nicht zu raten. Die Verzeihung Ihrer Eltern wird sich gewiß erlangen lassen, und das Schweigen Ihrer Schwester vielleicht auch... Ich wiederhole es noch einmal: Sie sind eine Lindt.« Modeste war aufgesprungen. »Eine Lindt! Allerdings eine Lindt... Und das ist eben mein Fluch! Aber diese Lindt kann ich nicht hinweg, weder im Guten, noch im Bösen. Unter dieser Lindt stöhne ich, unter dieser Lindt verkomme ich! ... Wozu kam ich eigentlich hierher? Wozu? – Um mir sagen zu lassen, was ich längst weiß?« Er wollte sie unterbrechen, aber sie wehrte ihm mit der Hand. »Ich weiß, was Sie mir sagen, womit Sie mich trösten wollen: ich bin eine Lindt und doch keine Lindt – ein erbärmliches Zwittergeschöpf, das vergebens nach sich selber sucht! ... Daher der Kampf, der bei einer andern schon längst entschieden wäre; daher die Flucht zu Ihnen – zu Ihnen! ... Fühlen Sie nicht selbst diesen bitteren Hohn? Und doch hatte ich den Instinkt, daß Sie allein mir helfen könnten, helfen müßten... Sie wollen mich jetzt fragen: ›Lieben Sie denn den Mann – lieben Sie ihn auch wirklich?‹ – Und ich kann Ihnen nur antworten: ›Ich weiß es nicht!‹ Es ist der einzige Mann, der je auf mich einen tieferen Eindruck gemacht hat und zu dem ich immer zurückgekehrt bin, wie zu meinem besseren Selbst... Wenn er bei mir ist, weiß ich, daß ich ihn liebe... Vor einer Stunde wußt' ich's noch so genau! – Aber jetzt? – Ich weiß es nicht mehr – ich weiß vor allem nicht, ob ich ihn lieben können würde durch ein ganzes Leben hindurch bis ins tiefste Elend hinein... Bis ins tiefste Elend hinein!« Sie lächelte bitter. »Denn wie ich meine Eltern kenne – so reich sie sind – in dem Moment bin ich enterbt, ausgestoßen, wo ich Herrn Romeit zum Manne will... Da hilft auch kein Flehen – dafür sind sie Lindts... Und ich flehe auch nicht – dafür bin ich eine Lindt.« Sie hielt schweratmend inne. Herr von Falkner ging derweil im Zimmer auf und ab, die Lippen zusammengebissen, den Kopf zur Erde. Als er ihn hob, rann ein Blutstropfen langsam über sein Kinn. Er war vor dem kleinen Tisch stehengeblieben, auf dem die Photographie lag, und hob mit leicht bebender Hand das Seidentuch auf, das sie bedeckte. »Haben Sie je ein anmutigeres Geschöpf gesehen?« Modeste war zu ihm getreten: ein seines, süßes Gesicht mit Madonnencharme, der wallende Brautschleier leuchtend wie ein Heiligenschein. Ihr dämmerte ein flüchtiges Erkennen: »Ich habe sie schon einmal gesehen, Baron, in Gumbinnen oder Königsberg ... nein, in Gumbinnen. Es war eine sehr vornehme Dame.« Herr von Falkner zuckte die Achseln. »Allerdings ist sie das. Aber was tut das zum Menschen? – Nichts, als daß man eine Kette mehr mit sich herumschleppt... Wäre diese Frau nichts gewesen als sie selbst – sie wäre glücklicher geworden und ein andrer auch!« Er breitete wieder das Seidentuch über das Bild und nahm wieder seine Promenade auf, so daß ihm Modeste verwundert nachsah. Und im Gehen und ohne aufzusehen sagte er: »Setzen Sie sich, bitte, gnädiges Fräulein! Ich will Ihnen derweilen eine kurze Geschichte erzählen. Vielleicht kann sie Ihnen nützen. Außer mir und ihr kennt sie niemand... Ich war einmal vor Jahren in Cannes oder irgendwo anders. Da habe ich diese Frau kennen gelernt, die alle Lebemänner aufs äußerste interessierte, weil von ihr die Sage ging, daß sie ihren Mann hasse und ihm doch unbedingt treu sei. In der großen Welt klingt das wie ein Märchen, dem jeder lauscht, an das niemand glaubt. Ich weiß nicht, warum gerade ich, der Verdorbensten einer, an dieses Märchen von Anfang an geglaubt habe... Ich glaube vielleicht noch heute daran... Kurz und gut, wir lernten uns im Laufe eines Rivierawinters nahe kennen – sehr nahe..., Ich bin auch niemals mehr innerlich von ihr losgekommen – niemals mehr... Sie mögen nun denken: ›Welch läppische Geschichte!‹ ... Aber diese Frau war mir ein kurzer Segen und ein langer Fluch. Und ob ich nun die Einsamkeit suche oder die Orgie – sie steht immer hinter mir. Sie hat auch damals hinter mir gestanden an jenem Balltage... Sie wissen schon. Und auf die vage Möglichkeit hin, sie zu sehen, fuhr ich in derselben Nacht meine besten Pferde tot... Heut ist ihr Namenstag, den ich immer einsam verbringe vor diesem Bilde wie ein Gläubiger vor der Madonna... Dieser Tag ist mir immer eine namenlose Qual. Er reißt die eiternde Wunde wieder auf. Und dennoch freue ich mich des Blutes, der Schmerzen, weil ich fühle, wie in mir das Gute, das Beste immer wieder von neuem geboren wird... Ich knie wieder in meinem Herzen vor der Frau, ich bete sie an wie einst. Und der Dolch bohrt sich wieder langsam und tödlich in meine Brust. Ich will's nun einmal so... Und dann stehe ich langsam auf und frage mich, was ich mich täglich frage: ›Hat dich die Frau je geliebt? Weiß solche Frau überhaupt, was Liebe ist? – Oder ist sie weiter nichts als ein schwächliches Produkt ängstlicher Konventionalität, dessen Reinheit nur Angst vor dem Skandal?‹ ... Ich grüble und grüble und kann mir nicht klar werden, ob ich eine Heilige inbrünstig weiter verehren darf oder einen elenden Schwächling endlich mit dem Fuße wegstoßen muß... Ich werde auch wahrscheinlich niemals hinter die Wahrheit kommen, weil ich die Frau viel zu leidenschaftlich geliebt habe, immer lieben werde. Ich kann nicht über mich selbst... Diese Frau ist nach wie vor ihrem Manne treu – immer schön, immer lächelnd, immer rein. Ich stehe wie vor einem Wunder... Und derweilen entflieht die Zeit. Ich werde alt, ich werde komisch; mein Leben ist verpfuscht wie eins... Es ist alles so sinnlos! – Um mich die schönsten Blumen – ich könnte sie pflücken, ich möchte es – und lasse sie dennoch welken... Ich muß immer wieder zu der Frau zurück – ich pilgere zu ihr wie der Sünder zum Gnadenbild...« Modeste war aufgestanden. »Es war sehr schön erzählt, Baron. Das sind Ihre Kreise, Ihre Moral. Was nützt sie mir? ... Ich würde diese Frau nicht mal verachten – Sie lieben sie erst recht...« Da wechselte er den Ton. »So habe ich Ihnen doch nicht umsonst erzählt! ... Sie sind noch jung, mein gnädiges Fräulein, Sie sind noch stark. Sie schauen vorwärts, anstatt zurück. Solange wir das noch können, ist uns der Weg zum Glücke nicht verbaut... Jene Frau ist vielleicht eine Heilige, ich aber bin ganz sicher ein Narr. Und wir beide, die Frau wie ich, taugen für das Jenseits und für die Gruft, aber nicht für das blühende Leben. Wir sind Entartete vielleicht schon vor unsrer Geburt... Aber jetzt sage ich Ihnen: wenn Sie das sind, was Sie sein möchten, dann gehen Sie getrost ins Elend, das heißt, heiraten Sie den Mann, den Sie lieben! Sie werden stärker werden, glücklicher. Sie werden begreifen, daß erst der Kampf Glück schafft und daß der erst ein Mensch ist, der der Menschheit ins Gesicht zu spucken wagt... Mein Lebensweg war ein Zickzackweg, ist's wohl noch. Unsereiner stirbt rettungslos auf der öden Landstraße, ohne ein Ziel überhaupt je geschaut zu haben. Die Schwäche hat ja bekanntlich nie ein Ziel.« Er nahm wieder das Bild und hielt es Modeste vor das Gesicht. »Ihnen soll dieses süße Geschöpf nur sagen, wie man's im Leben nicht machen soll! ... Wen hat diese Frau glücklich gemacht mit ihrer Reinheit, ihrem Reiz? – Ihren Mann vielleicht, den kurzsichtigen Trottel? – Oder vielleicht sich? – Oder vielleicht gar mich? – Oder irgendeinen andern Menschen? ... Nein, Fräulein Lindt,« fuhr er leidenschaftlich erregt fort, »ahmen Sie der nicht nach! ... Sind Sie freilich Ihres Vaters echte Tochter, dann gehen Sie auf Umwegen zu ihm, sagen pater peccavi und heiraten diesen Mieritz und fühlen sich zeitlebens rein und sind doch nur unsagbar schmutzig. – Oder Sie sind nicht Ihres Vaters Tochter, dann gehen Sie erst recht geradeswegs nach Haus und sagen: ›Den Mann liebe ich, und den Mann will ich – und wenn ihr ihn mir nicht gebt, so nehm' ich ihn mir, ich habe ihn mir schon genommen...‹ Und wenn Sie dann mit allen Flüchen der Heuchlermoral beladen in die Verbannung wandern, dann erst werden Sie fühlen, wie mit jedem Schritte aus dem Gefängnis die Luft freier wird, der Blick klarer; Sie werden auf einmal begreifen, daß das Glück nur in uns selbst liegt und daß man nur durch den brennenden Wüstensand zu der Oase gelangt... Aber es gehört Mut dazu, viel Mut – und Glauben, viel Glauben... Denn wenn Sie einmal auf Ihrem Wege rückwärts schielen – dann adieu!« Modeste hatte mit gefalteten Augenbrauen finster dagestanden. »Ich werd's mir überlegen,« sagte sie nach einer langen Pause. Seine Augen verschleierten sich wieder. »Auf deutsch – Sie werden sich von der Welle tragen lassen, wohin die Welle will. Schade. Einen Augenblick hatte ich das Gefühl, Sie wären mehr. – Aber das ist ja schließlich auch Ihre Sache... Vergessen Sie, bitte, meine Worte – vergessen Sie vor allem die Frau!« Der Stern von Barginnen zuckte die Achseln. »Sie war das Produkt ihrer Umgebung wie ich.« Herr von Falkner lächelte darauf hochmütig. »Ich kann keine Ähnlichkeit konstruieren zwischen Ihnen beiden, weder innerlich noch äußerlich. Vielleicht, daß sie auch überlegte...« Dann fuhr er gemessen fort: »Es gibt Dinge und Momente, wo die große Moral nie überlegt, sondern blindlings handelt. Sie standen vor diesem Moment... Aber Sie haben sich ja bereits entschieden.« Modeste errötete. »Sie trauen mir also wenig zu?« »Gar nichts in meinem Sinn. Sie sind feige wie alle Frauen.« »Das ist Ihr letztes Wort, Baron?« »Mein letztes... Ich habe die höfliche Komödie auch satt.« Es war so dämmerig geworden, daß die beiden Gestalten wie Schatten hin und her schwankten. »Vielleicht haben Sie, Baron, mit Ihren letzten Worten den einzigen Punkt getroffen, den Sie treffen mußten. Feige bin ich trotz alledem nicht und will's Ihnen beweisen.« Er lächelte ungläubig. »Darf ich Ihnen nicht den Wagen anspannen lassen? Coupé oder Jagdwagen – was befehlen Sie?« »Weder das eine noch das andre. Ich werde zu Fuß gehen. Ich komme schon zur Zeit.« 23 In Barginnen waren die letzten Skatspieler abgefahren. Der alte Lindt promenierte gutgelaunt vor der Schloßeinfahrt hin und her und sah mit dem Behagen eines braven Hausvaters, wie drüben die letzten Haferfuder in den Hof schwankten. Der Tag ging zur Rüste. Im Salon oben tagte derweilen kleiner Familienrat. Die neugebackene Edelfrau mit ihren beiden älteren Töchtern; Graf Axsil auf einem Schaukelstuhle abseits. Seine Zigarre leuchtete wie ein Glühwurm durch die Dämmerung. »Aber Frida, es ist unmöglich!« »Liebe Mama, ich habe keine drei Schritt davon gestanden. Ich könnte dir Wort für Wort erzählen.« »Sie hat immer gemeine Passionen gehabt,« lispelte die Gräfin. »Mir wird ganz unwohl bei dem Gedanken. Ein Mensch; der wahrscheinlich riecht und sich die Hände nur Sonntags wäscht... Und sich mit so etwas abzuküssen!« Die alte Lindt rang nur immer die Hände. »Und das heute – heute! Den Papa rührt der Schlag.« Graf Axsil, den die halb geflüsterten Lamentationen nur mäßig interessierten, fragte bei dem letzten Ausruf der Gattin scherzend hinüber: »Ich höre immer: Modeste und Küssen. Ist das mit dem Mieritz denn schon so weit? ... Nun, dann seid doch froh! ... Für eine Verlobung ohne herzhafte Liebkosungen würde sich Modeste auch wohl schönstens bedanken.« Die Schwestern sahen sich als Antwort nur grünäugig an. Endlich sagte die Mutter mit mühsamer Fassung: »Es ist etwas Schreckliches vorgegangen – etwas Schreckliches! ... Du kannst ja gar nicht ahnen, Dagobert... Papa muß erst kommen... er weiß überall Rat, er wird auch hier den besten Ausweg wissen... Aber ob er es freilich überlebt...« Graf Axsil, der viel zu aristokratisch gelassen war, um über irgend etwas zu erstaunen, erwiderte darauf gleichmütig: »Wenn es etwas so Ungeheuerliches ist, wäre es doch besser, Mama, wir verhandelten in dem kleinen roten Eckzimmer. Hier kann der Diener zuhören und jeder, der sonst noch Lust hat... Und ich habe eine Ahnung, als ob es ein etwas heißes Gefecht werden dürfte.« Einige Zeit später erschien, von Fräulein Frida geführt, der neue Edelmann. Er hatte am wenigsten solchen Ausgang erwartet, aber er hatte am ehesten begriffen. Und während Frida zungenfertig mit allerlei Details erzählte, schien der Alte von einer steinernen Ruhe. Nur wenn die Frauenstimme etwas spitz klang, winkte er nervös. »Schmutzige Wäsche wäscht man nicht außer dem Hause, liebes Kind!... Und wenn meine mißratene Tochter nachher kommt – bitte, kein Wort! ... Ihr könnt meinetwegen dabei sein – ihr sollt's sogar – aber reden werde ich allein.« Darauf erhob er sich steifbeinig und gemessen wie immer, ging selbst der Familie voran nach dem roten Zimmer, steckte selbst die Lampe an, und seine Hand zitterte nicht, als er die Glocke behutsam wieder aufsetzte. So sahen sie wohl eine Stunde in dumpfem, stumpfem Schweigen. Als Modeste ins Zimmer trat, schaute niemand auf. Es war wie die heilige Feme. »Modeste...« sagte endlich die Mutter. Der Alte räusperte sich. »Ich habe doch gebeten...« Darauf zur Tochter: »Habe die Güte, Platz zu nehmen!« Modeste sah sich im Kreise um und blieb stehen, obgleich ihr der Schwager, verbindlich wie immer, einen Fauteuil hinschob. »Ich weiß, was kommt. Ich kann auch so hören.« Der Alte runzelte leicht die Stirn. »Ganz wie du wünschst...« Darauf begann er fast geschäftsmäßig: »Also du hast ein Liebesverhältnis mit dem Romeit... Beschönigen wir nichts! Verhältnis – schlechtweg Verhältnis... Du wirst, wie ich dich kenne, auch nicht den törichten Versuch machen, zu leugnen, da du von deiner eignen Schwester gesehen worden bist. Deine Mutter hatte längst den Verdacht, dein Vater aber war wie gewöhnlich der gutmütige Dumme... Ich will darum auch nicht viel Worte verlieren. Skandal – cochonnerie : Schluß!... Es war gerade nicht nötig, daß du das deinem alten Vater antun mußtest, der wahrhaftig weiße Westen ohne Flecken liebt! ... Ich will auch keine schmutzigen Details wissen. Nicht mal Vorwürfe werde ich dir machen, weil es sinnlos ist, über Dinge zu zetern, die nun einmal nicht mehr zu ändern sind.« Er hielt scheinbar erschöpft inne. »Daß du den Schubbejack in deinem Leben nicht mehr sehen darfst, ist selbstverständlich... Aber du wirst ihm schreiben, und zwar sofort und vor unsern Augen hier: nämlich, daß du das Geschehene aufs tiefste bedauertest und daß deine Familie – Inspektoren sind unter allen Umständen Schwefelbande – bereit wäre, sein Stillschweigen zu erkaufen.« Bis zu dem Augenblicke hatte Modeste unbeweglich dagestanden, das Gesicht so kalt und verschlossen wie ihr Vater. Bei dem letzten Wort aber zuckte sie zusammen, wie von einem giftigen Insekt gestochen. »Das ist unmöglich,« sagte sie leise. »Es wäre eine bodenlose Gemeinheit, wenn ich ihm das zumuten sollte.« Der Alte machte eine verächtliche Bewegung mit der Hand. »Blödsinn! ... Geld hat mit Gemeinheit nicht das geringste zu tun. Geld ist einer von den wenigen wirklichen positiven Werten... Wer mir eine Mark in die Hand drückt, der beleidigt mich allerdings; wer mir aber zehntausend Mark vermacht, den halte ich zeitlebens für meinen Wohltäter. Es kommt im Leben immer nur auf die Summe an. Wenn ich arm wie eine Kirchenmaus wäre, schmisse mir niemand den Adel nach trotz aller Tugend; bin ich aber reich, trägt man mir das Diplom auf einem silbernen Präsentierbrette entgegen – ich darf nur nicht gerade im Zuchthause gesessen haben... Du schneidest zu meinen Worten allerlei Grimassen – habe aber lieber die Güte, vernünftig zuzuhören!... Ich werde diesem sogenannten Herrn Romeit weder eine Mark noch zehntausend schenken. Ich werde ihm aber eine kleine Pachtung besorgen, im Westen vielleicht, die Kaution für ihn stellen, natürlich mit der Bedingung, daß er in dem Augenblick erledigt ist, wo er zugibt, meine Tochter Modeste überhaupt je gekannt zu haben. – Und das wirst du ihm schreiben, und er wird akzeptieren!... Und dann werde ich dich in die Französische Schweiz schicken auf ein Jahr, und dann wirst du zurückkommen. Das übrige wird sich schon finden... Ich glaube kaum, daß andre Väter so väterlich handeln würden in meinem Fall...« Modeste schwieg. »Du hast mir nichts darauf zu erwidern?« »Nichts, absolut nichts.« Der Alte erhob sich halb im Sessel. »Das ist ein Ton und eine Art... Mädchen, ich sage dir –!« Da sprach sie trotzig: »Mit dem, was du da eben vorgeschlagen hast, entehrst du nicht etwa mich allein – du entehrst dich, euch alle ... Was ich auch getan haben mag, ich bin kein Mädchen von der Straße. Ihr aber macht mich dazu!... Und wenn ihr euch vielleicht einbildet, daß er so etwas annimmt, daß für ihn auch nur die Möglichkeit existiert...« »Das überlasse mir!« unterbrach der Alte kurz. »Ich habe schon ganz andre Vögel gezähmt als dich und den Menschen, der ein gewöhnlicher Patron ist und bleibt. Das sage ich dir!« Und seine Hand fiel schwer auf den Tisch. Modeste sah sich instinktiv im Kreise um. Kalte oder feindselige oder gleichgültige Augen überall. Nur der Graf hielt den Blick in vornehmer Scham gesenkt... Geschah ihr in diesem Anblick, wie es nur ganzen Naturen geschieht, die erst im schwersten Kampf ihre Vollkraft spüren? – Ihre Gestalt wuchs. »Und wenn ich ihn nun heiraten will – ihn und keinen andern...?« Dem Alten blieb der Mund offen. Die Gräfin lispelte unartikuliert: »O du bodenlos ordinäres Geschöpf, du! Heiraten, heiraten... das setzt allem die Krone auf!... Dagobert, besorge mir doch ein Glas Wasser...« Der Graf aber zischte nur heiser zurück: »Keine Attitüden! Das ist schon alles ekelhaft genug... Mir tut allein das arme Mädel leid...« Die Schloßfrau begann wie geistesverwirrt an ihrer Stickerei zu sticheln, so hastig, als könne sie dadurch allein dem Verhängnis entrinnen. Aber der alte Knochenmehlhändler war langsam aufgestanden. »Heiraten –? sagst du – heiraten?« Seine Stimme klang leis und spröde wie aus weiter Ferne. »Sag's noch einmal, und du schläfst nicht eine Nacht mehr in deinem Leben unter diesem Dach!... Ich will so tun, als hätte ich nichts gehört – und ich frage dich jetzt: wenn Herr von Mieritz morgen kommen wird, um deine Hand anzuhalten, was wirst du ihm antworten?« Einen Augenblick zögerte Modeste, und ihre Hand klammerte sich instinktiv an den Tischrand. Dann antwortete sie stockend, aber sicher: »Ich werde ihm sagen, was ich ihm schon längst hätte sagen sollen: daß ich bedauerte, weil ich einen andern liebte und...« »Weiter – weiter!« Es klang wie fernes Grollen. »Und daß ich Herrn Romeit heiraten würde.« Der Alte holte tief Atem. »Noch spricht dein Vater zu dir, Modeste... Überlege!... Du wirst Herrn von Mieritz antworten...?« Vater und Tochter sahen sich regungslos an. Kein Blick wich. Es war im Grunde dasselbe eisenharte Metall, das aus dem Wust von Lüge und Verstellung jetzt rein durchblitzte bei beiden. »Ich werde Romeit und keinen andern heiraten! Tut, was ihr wollt...« Dem Alten schwollen die Adern an den Schläfen zum Springen. Es war ein schreckliches Bild, wie er so dastand, die Fäuste geballt, die Lippen lallend. Der Mutter war die Stickerei aus der Hand gesunken; Erika tastete wie in einer Ohnmacht mit beiden Händen nach der Stirn; Frida hatte die Augen zusammengekniffen, daß nur die blonde Wimperlinie sich abzeichnete – der Graf aber, der das Äußerste kommen sah, war aufgesprungen. »Kinder, das geht nicht! Ihr wißt alle nicht mehr, was ihr sagt – du auch, Papa... Sie mag getan haben, was sie will – aber wir sind doch schließlich anständige Leute, die nicht dulden dürfen, daß es so weit kommt... Das Mädchen ist wehrlos! Vergiß das nicht als Gentleman...« Darauf winkte der Alte nur ingrimmig mit der Faust. »Ich werde mir wohl von euch vorschreiben lassen, was sich gehört!... Skandal hin, Skandal her... Wenn das Frauenzimmer auf die Straße gehört, so will ich wenigstens der erste sein, der sie auch dahin befördert ... Und ich will den sehen, der mir in den aufgehobenen Arm zu fallen wagt!« Er wandte sich wieder zu Modeste. »Stier mir nicht so frech auf das Bild da, entartetes Geschöpf... Oder starr auch meinetwegen gerade hin!« Er trat zwei Schritte vor und riß die Photographie mit einem Ruck von der Wand, so daß der Kalk rieselte. Und die Lippen bebend, fuhr er fort: »Es ist das Bild von deiner lieben Tante, meiner leiblichen Schwester, wenn du es noch nicht wissen solltest!« Die Augen blitzten ihm höhnisch. »Das war auch so 'n Frauenzimmer! Die hatte Kinder und 'n Mann und lebte in geordneten Verhältnissen. Und da kam so ein junger Schnüffel, der ihr besser gefiel, und mit dem lief sie davon. Sie war eben eine Dirne vom Scheitel bis zur Sohle ... Und ob sie mir auch alles mögliche vorgewimmert hat, daß sie ihren ersten Mann nie geliebt hätte und daß wir sie zur Ehe gezwungen hätten indirekt... Sie ging, Gott sei Dank, freiwillig, sonst hätte ich sie auch rausbefördert. – Und gegangen ist es ihr auch danach ...« Er hob das Bild, es auf den Boden zu schleudern. »Pfui Teufel!« Da fiel ihm Modeste in den Arm. Sie war todblaß, aber ihre Augen glänzten entschlossen. »Du wirst das Bild nicht unter die Füße treten – du wirst es nicht!... Sie ist die Beste von euch, die einzige, die mich getröstet hat in meiner Not. Sie hat mich nicht feige verlassen – ich will sie auch nicht feige verlassen... Und wenn sie euch eine Dirne heißt, so will ich euch auch gern Dirne heißen... Und wenn sie ins Elend gegangen ist für den Mann, den sie liebte...« Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das Mädchen redet irre. Schafft sie ins Bett, bis sie vernünftig geworden ist!... Ich möchte mich nicht an einer temporär Geisteskranken vergreifen.« Der Graf faßte Modestes Hand. »Geh, Modeste, schlaf! Es wird sich schon ein Ausweg finden ...« Auch die Mutter wollte beruhigen. Selbst Frida machte einen lauen Versöhnungsversuch. »Du sollst ja weiter nichts versprechen, als daß du den Menschen nie wiedersehen willst.« Jedoch Modeste sah alle nur ruhig der Reihe nach an. »Bemüht euch nicht unnötig. – Ich bin nicht verrückt, ich bin nicht mal übermäßig erregt... Ich kann euch nur wiederholen: ich liebe den Mann und werde ihn heiraten. – Nachsagen könnt ihr ihm nichts – höchstens, daß er arm ist...« Und mit gehobener Stimme fuhr sie fort: »Aber auch wenn ihr ihm etwas nachsagen könntet – ich liebe ihn, ich will ihn für mein ganzes Leben lieben. Das löscht alles aus... Im übrigen kommt alles, wie es kommen muß, das fühle ich jetzt so klar... Und ich danke dem von Herzen, der mir riet, den geraden Weg zu gehen, wohin er auch führt... Ich überlege nicht – ich will nicht überlegen!... Aber ich frage dich, Papa, noch einmal, ob du mir den Mann geben willst oder nicht?« Wählend einer Minute lastende tödliche Stille, wo jeder sein eigen Herz pochen hörte. Der alte Lindt stand unbeweglich, wie aus Erz gegossen, die Augen ins Leere... Er schien wie erstarrt. – Dann kam das Leben wieder zurück, die Backenmuskeln zuckten; er sah Modeste an mit dem halben, tückischen, gefrorenen Blick: »Du kannst gehen, wohin es dir beliebt... Du bist ausgestrichen aus unserm Buch. Und Gott soll mich strafen, wenn du noch einmal mit meinem Willen in dieses Haus zurückkehrst.« Ein entsetzter Aufschrei: »Papa!« – »Um Gottes willen!« – »Modeste, bitte doch!« – Die Mutter saß sprachlos. Aber ein einziger Blick des alten Mannes lähmte die feigen Egoistenherzen wieder. Modeste schien zu zögern. Das war das letzte Wort, der letzte Hieb – eine Rückkehr gab es danach nicht mehr... Und dabei durchzuckte die Ausgestoßene der seltsame Gedanke, als müsse sie die Ihrigen eigentlich noch einmal zum Abschied küssen. Es war nur ein Moment. Er ging vorüber. Auch ihr Gesicht war unbeweglich geworden, kalt. »Wird's bald? – Oder soll ich vielleicht den Diener rufen?« »Das ist nicht nötig. Ich gehe schon allein... Und wenn ich dieses Haus je wieder betrete, so will ich verwünscht sein.« Ehe Modeste die Tür nach dem Korridor öffnen konnte, kam ihr Graf Axsil nachgeeilt und nahm ihren Arm. Er führte sie die Treppen hinunter, half ihr den Sportpaletot anziehen, ohne Gedanken, ein höflicher Automat. Erst in dem Schloßportal fand er sich wieder. »Modeste, so kannst du unmöglich gehen! Es ist Nacht. Du weißt nicht einmal wohin... Du hast nichts bei dir.« Da schien auch Modeste erst zu erwachen. Sie sah auf ihre Hand, die das Bild der Verfemten noch immer krampfhaft hielt, und mußte unwillkürlich lächeln. »Ich habe meine Schutzheilige mitgenommen, wie ihr Katholiken sagt. Ist das nicht genug?« »Bleib hier!« bat er. »Du hast gewiß nicht recht gehandelt – aber dein Vater nun schon ganz gewiß nicht... So etwas kann nicht so endigen!« »Und wenn es doch so endigt, mein lieber Schwager Dagobert? – Ich jedenfalls kehre freiwillig nach Barginnen nie mehr zurück... Es muß eben alles ein Ende haben. – Und nun adieu und vergiß mich! ... Das ist mir schon das Liebste und dir später auch.« Und ohne auf die Bitten des Schwagers oder die erstaunten Gesichter der Dienstboten zu achten, ging sie in die Nacht hinaus: wohin, war ihr selbst ganz unklar. – Aber sie hatte Falkner von Öd endlich begriffen: für den, der vorwärts will, darf es kein Zurück geben. 24 Als Modeste durch das schlummernde Dorf ging – hier und da brannte noch ein trübes Licht –, empfand sie weder ein Gefühl der Freude noch der Trauer. Die Riesenspannung der Nerven wich allmählich einer dumpfen Gleichgültigkeit. Sie wanderte die Kreuz und die Quer – über das tote Stoppelfeld – den jungen Klee entlang – bis zum Wald, wo die verschlungenen Bäume leise im Nachtwind knarrten, zusammengesunken, müde des Fliehens. Ringsumher der lichte, weite Sommerhorizont, das dämmernde Schweigen. Wohin? – Der Gedanke kam, ging, brachte keinen Entschluß. – Plötzlich hob sich aus dem braunen Brachschlag etwas Lebendiges. Ein Hase, ein Reh, vielleicht der sagenhafte russische Wolf, der noch jedes Jahr von ängstlichen Dorfkindern gesehen worden war? – In der Nacht wachsen die Schatten so gespenstisch... Aber als das Ungeheuer näher kam, erwies es sich als ihr freundlich wedelnder Jagdhund, der den ersten Abend der Freiheit zu einem verbotenen Jagdausfluge benutzt haben mochte... Bei seinem Anblick wurde die blonde Sünderin weich. Sie klopfte zärtlich den Unhold, dachte an den Sommerrappen, den sie auch liebgehabt hatte. Auch an das Elternhaus dachte sie, aber mit jener stirnrunzelnden Erbitterung, die nichts vergibt, nichts vergißt. Und derweilen zerrann für immer der Schleier von Egoismus und Eitelkeit, der ihre Augen getrübt hatte. Sie fühlte, daß sie schuldig war – aber schuldig der Feigheit, nicht der Liebe. Und indem sie alles hinter sich warf: Stand, Reichtum – indem ihr das Elternhaus versank, die Jugend –, begriff sie auch, daß der Gott da oben ganz rettet oder gar nicht und daß eine alte Welt erst krachend in Trümmer sinken muß, wenn die neue aus ihrem Schutt erstehen soll. Und derselbe Augenblicksinstinkt, der sie vor der Katastrophe zu dem einzigen Berater geführt hatte, führte sie nach der Katastrophe zu dem einzigen Freund. Es war gegen zehn Uhr nachts, als sie auf dem kleinen Gute des alten Eller ankam. Der Nachtwächter, den gelben Hofhund an der Kette, schritt zwischen den Ställen mürrisch umher und sah dem unerwarteten Ankömmling knurrend nach. In dem Wohnhause brannte noch Licht. Der alte Litauer saß in einer gestrickten Jagdweste und riesigen Filzpantoffeln auf dem Sofa, die Hartungsche Zeitung ausgebreitet vor sich. Zuweilen nickte der graue Kopf mit dem auf die Nasenspitze gerutschten Klemmer schlaftrunken nach vorn, und der alte stichelhaarige Pointerbastard blinzelte von seinem Ofenplatz verständnisinnig dazu. Die Läden des niedrigen Erdgeschosses waren wie immer jedem Neugierigen vertrauensvoll geöffnet. – Es war in der Tat eine sehr gemütliche Räuberhöhle, in die Modeste jetzt blickte. Ein riesiger Gewehrschrank – eine etwas sittenlose Danae in Öl – auf dem alten Mahagonischreibtisch pedantisch ordentlich die Kreisblätter geschichtet, daneben ein wilder Haufen von Schrotpatronen jeder Größe und Zahl. Über allem ein anmutender Pfeifendampf. Modeste klopfte ans Fenster. Der alte Eller ruckte zusammen und legte den Klemmer vorsichtig beiseite. »Na, die Geschicht' is gut! Jetzt wird die Bestie von Hofmann schon gemütlich und spart sich lieber den Umweg bis zur Stubentür ...« brummte er, durchs Zimmer schlurfend. »Aber das sag' ich euch, Kerls!« Und er hob den Fensterriegel. Als er Modeste erkannte, wurde er sofort milder. »Aber, gnädiges Fräulein, was plagt Sie eigentlich, bei Nacht und nächtlicher Weile 'n alten Junggesellen aufzusuchen?!... Heut is überhaupt 'n ganz verrückter Tag – vor zwei Stunden ungefähr war der Romeit hier, trinkt 'n halbes Dutzend Schnäpse, sagt kein Wort und reitet weiter... Wenn nicht morgen die Hühnerjagd aufginge und ich mir nicht noch 'n paar Dutzend Patronen gemacht hätte – ich läg' längst in den Federn.« Im Zimmer tätschelte er nachher wieder listig lächelnd Modestes weiße Hand. »Ich pfeif' auf die Rebhühner morgen – das Rebhühnchen hier ist mir lieber ... Und nu, nachdem ich 'ne Stunde dammlig geschabbert habe, reden Sie mal fünf Minuten vernünftig!« Modeste, die abwesend vor sich hingebrütet hatte, sagte, zur Wirklichkeit erwacht, fast hart: »Können Sie mir Geld geben und einen Wagen anspannen lassen? Um ein oder zwei Uhr geht noch ein Zug nach Königsberg. Ich möchte ihn auf alle Fälle benutzen.« Der alte Eller kramte kopfschüttelnd den Kommodenschlüssel aus der Westentasche, verschwand im Nebenzimmer und kehrte mit einer abgegriffenen Geldschwinge zurück. »Das ist alles, was ich im Haus hab'! Es mögen so gegen vierhundert Mark sein ... Wenn ich Ihnen damit dienen kann, gnädiges Fräulein? ... Morgen schick' ich Roggen nach der Stadt – da können Sie mehr haben ...« Darauf lächelte der Stern von Barginnen etwas mühsam. »Aber wenn ich's Ihnen nun niemals zurückgeben kann?« Er wehrte mit beiden Händen. »Wer denkt denn überhaupt an Wiedergeben? – Sie mit Ihrem frischen Gesichtchen haben mir viel mehr Freud' gemacht, als ich in meinem ganzen Leben je bezahlen kann – und wenn ich die ganze Klitsch' hier verkaufte und mich als Zugab' dazu!« ... Zugleich hing er sich mit komischem Eifer an den altmodischen Klingelzug, so daß das ganze Haus gellte. »Die Krethen hören nämlich sonst nicht!« erklärte er. Als dann die alte Haushälterin, in Filzschuhen wie er, aufgeregt durch den Flur geschlürft kam, rief der alte Litauer zur Tür hinaus: »Der Fried Blunk soll sich fertig machen mit der Kalesch' und Futter mitnehmen! ... Und Sie, Mamsellchen, gleich heiß Wasser und Tee und belegte Brote – aber nich so unbändig dick geschnitten, wie ich sonst ess'!« Er schlug die Tür wieder zu, machte ein über die Maßen fröhliches Gesicht. »Und jetzt, Fräulein Modestchen, setzen Sie sich aufs Sofa und erzählen Sie einen lustigen Schwank aus Ihrem Leben! ... Aber sehen Sie mir dabei um Gottes willen nicht auf die Pantoffeln! Ich bin wie 'n Pfau und kann das nicht vertragen.« Derweilen waren die Jagdhunde, die sich erst neugierig bewedelt hatten, mit gesträubtem Rückenhaar zu knurrender Feindseligkeit übergegangen. Der alte Eller sah mit halbem Lächeln auf die Tiere. »Ihrer wird gut, gnädiges Fräulein! ... Sagen Sie mal, ist das eigentlich der Köter mit der Sofaquaste damals? – Ich freu' mich noch immer, wie der Kreth würgte und würgte ... Endlich hat er's ja auch geschafft!« Modeste hatte den alten Freund immer verwundert angesehen. »Natürlich ist er's! ... Aber sagen Sie mal, Ellerchen, warum fragen Sie nach allem andern, als wonach Sie eigentlich fragen müßten?« Darauf stellte sich der alte Litauer etwas breitbeinig vor sie hin. »Weil ich nun einmal nicht neugierig bin, mein gnädiges Fräulein! ... Und weil ich so 'ne dunkle Ahnung hab', daß die sechs Schnäpse von dem Romeit vorhin und die vierhundert Mark hier auf dem Tisch in irgendeiner intimen Beziehung stehen müssen ... Stimmt's?« »Ja, es stimmt, Herr Eller!« Und sie erzählte die ganze Liebesgeschichte, wie sie war, ohne Schminke und ohne Bedauern. »Denn ich hab' ihn lieb – ich hab' ihn lieb!« schloß sie leidenschaftlich. »Ist ja auch 'n netter, anständiger Mensch,« pflichtete er bei. »Als Reichsgraf fällt eben nicht jeder durch den Schornstein.« So sprechend ging er, die Hände in die Hosentaschen vergraben, unschlüssig auf und ab. »Aber, wenn Sie nu am End' Ihrem Vaterchen 'n bißchen mehr um den Bart gegangen wären! – Väter wollen umschmeichelt sein ... Dann geht alles.« »Um den Bart gegangen wären?« wiederholte sie mit bitterem Lächeln. »Sie kennen mich schlecht – und meinen Vater noch viel, viel schlechter.« »Wollen doch die Sache lieber mit Dampf betreiben!« meinte er nach einer Weile gemütlich. »'ne vernünftige Pfeif' hat manchmal in manchen Schädel mehr Klugheit gebracht als zwanzig Bände Philosophie.« Darauf begann er hastig zu paffen und trat das glimmende Streichholz mit dem Filzschuh aus. »Und nu werden Sie mir nich gleich gram über das, was kommt! – Ich setz' mich jetzt nämlich in die Kalesch' und fahr' zu Ihrem Vaterchen. Und da sollt' es doch mit dem leibhaftigen Satan zugehen, wenn ich den alten Herrn nicht zur Räson krieg'!« Er kraute sich nachdenklich den Kopf. »Ist freilich 'ne harte Nuß! ... So 'n Edelmann, dem sie mir nichts dir nichts dreißig und mehr Ahnen aufgebrummt haben, der macht mit 'nem alten litauischen Bauern wahrscheinlich verflucht wenig Federlesens und setzt mich durch ein halb Dutzend Livreebediente an die Luft.« Dann lachte er wieder vor sich hin. »Wird's schon nicht riskieren! Hat sonst den ganzen Kreis auf dem Halse ... Ich fahr' also, gnädiges Fräulein!« Modestes Augen bekamen einen eisiglühlen Glanz. »Wenn Sie fahren wollen – gut. Ich kann's nicht hindern. Aber mitfahren – niemals!« »Dann also nicht!« meinte er gleichgültig. »Ich jedenfalls fahr'! Und Sie können ja hier ein Stündchen drusseln – und dann werd' ich wohl zurück sein, und wir können's noch mal bereden ... Passen Sie auf: die Karre geht! ... Sie sind beide ein paar harte, eigenwillige Köpfe – das Vaterchen so gut wie das Töchterchen. Aber lassen Sie mich nur machen! Übers Jahr sind Sie Frau Romeit ... Ob Sie freilich das Schloß kriegen, dafür kann ich Ihnen nicht garantieren.« Modeste war aufgestanden. »Fahren Sie nicht, Herr Eller!« bat sie ernst. »Barginnen und ich waren uns fremd und werden uns fremd bleiben ... Es ist aus mit uns – und es soll aus sein! Ich will's auch nicht anders.« Jedoch er mit der Ruhe des Alters winkte nur gutmütig-beschwichtigend. »Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder ... Könnte doch auch mal umgekehrt kommen. Ihr Mutterchen mischt sich sonst nirgends ein. Vielleicht spricht sie aber hier das erlösende Wort... Da kommt auch schon die Marjell mit dem Tee!« Er ging, sich umzuziehen. Eine Viertelstunde später rasselte die Kalesche eilig über das Hofpflaster. Es war weit über Mitternacht, als der alte Litauer zurückkehrte. Der Wagen blieb vor dem Hause halten. Herr Eller trat im Mantel in das Zimmer, ein Paket unter dem Arm. Er war ganz dunkelrot, und seine Augen flackerten. »Es ist aus auch mit uns – und gut, daß es aus ist ... Ich habe gebettelt, ich habe gedroht. Ich habe gesagt: ›Lindt, wenn das Ihr letztes Wort ist, so werden Sie keine ruhige Minute mehr in Ihrem Leben haben!‹« – Er spuckte mit einem Fluch ins Zimmer. »Ob das fein ist oder nicht – das ist mir ganz egal! Ich pfeif' überhaupt auf die ganze Feinheit. – Ach, die sind ja härter als Kieselsteine, die Leut'! ... Ich betret' das Haus mit meinem Fuß nicht mehr ...« Er legte das Paket auf den Tisch. »Das ist, glaub' ich, Ihr Nachtzeug, gnädiges Fräulein. So das Nötigste, was der Graf und die Jungfer zusammengerafft haben. Anständiger Mensch, der Graf! – aber auch 'n Waschlappen ... Geld wird Ihnen angewiesen werden bei dem Rechtsanwalt von Ihrem Herrn Vater in Königsberg. Wieviel ist, weiß ich nicht. Aber Sie sollen einen Revers unterschreiben, daß Sie sich mit der Summe endgültig abgefunden erklären ... Ging sehr geschäftsmäßig zu: das muß man Ihren Leuten lassen!« Er goß sich einen Kümmel in ein Weinglas und trank ihn auf einen Zug hinunter. »Heiraten können Sie, wen Sie wollen!« lachte er heiser. – »Und nun machen Sie sich fertig, gnädiges Fräulein! Ich fahr' mit bis Königsberg. Ich denk', wir zwingen's noch. Es sind nämlich die Falknerschen Kutschpferde ... Ich machte extra 'n Umweg deswegen über Eyselin. Meine Schinder hättens doch nicht mehr geschafft. Und dann wollt' ich auch noch so 'n bißchen nachhören, wie der Baron denkt. Läßt Sie übrigens herzlich grüßen. Und er stände Ihnen zur Verfügung, wo und wie Sie wollten. – Das nenn' ich noch 'n Edelmann! ... Aber das Kroppzeug von Ihnen da ...« Er sah Modeste forschend an. »Oder möchten Sie am Ende doch lieber zurück? – Es ist ein ganzes Leben, gnädiges Fräulein, das noch vor Ihnen liegt! – Und auf Daunen schläft's sich nun einmal weicher als auf Stroh.« »Ich gehe unbedingt,« antwortete Modeste fest. »Na, denn in Gottes Namen!« Auf der Türschwelle blickte der alte Litauer noch einmal überlegend zurück. »Ich hab' glücklich meinen Tobak vergessen – und Sie Ihr Geld ... Ohne dem geht's nun aber einmal nicht! ... Und, gnädiges Fräulein, nehmen Sie das Geld von dem Rechtsanwalt nicht, solange Sie nicht unbedingt müssen. Es ist auch 'ne Falle! ... Wenn ich mal die Augen zutue – für Sie ist gesorgt.« Darauf küßte Modeste in einer ehrlichen Herzenswallung dem alten warmherzigen Manne die Hand. »Aber was machen Sie eigentlich für Geschichten, gnädiges Fräulein!« schalt er mit seinem unverwüstlichen Humor. »Wenn Sie die Sach' umdrehen, dann dreh' ich sie am End' auch um und küsse Sie – aber auf den Mund.« Da schlug Modeste den Schleier hoch, den sie eben zur Nachtfahrt umgebunden hatte. »Hier!« Und sie hielt ihm die jungen Lippen hin. Er aber küßte sie schmunzelnd und murmelte hinterher schuldbewußt: »Ich bin und bleib' doch 'n alter Sünder!« – Auf der Station trafen sie Frau Murrmann, die höchlichst erstaunt die Hände über dem Kopf zusammenschlug. »Welche Sitüaktion, welche Sitüaktion! Das sieht ja beinahe aus wie eine Entführung aus dem Serail ...« »Ja, es ist eine seltsame Sitüaktion!« antwortete der alte Eller, von der Begegnung wenig erbaut. Die gesprächige Dame fuhr unbekümmert fort: »Ich reise nach Berlin, um meinen zweiten Jungen im Kadettenkorps anzumelden. Der Älteste ist ja schon da – nun müssen sie auch den Minderwertigen nehmen.« Sie meinte »minderjährig«, die gute Frau! ... »Und dann möchte ich auch unsre Judith wiedersehen, die bei einem Spezialarzt in Berlin ist ... Es soll ihr viel, viel besser gehen. Das heißt, wer's glaubt! Ich bin überzeugt, daß sie lebend nicht mehr zurückkehrt. Darum möchte ich sie so gern noch einmal sehen. Es ist so interessant!« »Ja, so interessant!« wiederholte der alte Eller und machte einen so höflich-satirischen Kratzfuß, daß die fremdwortfrohe Dame sich beleidigt abwandle. Und der alte Eller sah ihr wehmütig nach. »Laß sie reisen zum Deiwel! Da gehört sie hin.« Modeste lächelte gleichgültig. Und mit diesem gleichgültigen Lächeln versank dem Stern von Barginnen die alte Welt. 25 Jahre waren vergangen. Über die Stoppeln pfiff der Septemberwind. Unter der Pflugschar quoll der moderige Erdgeruch empor. Hier und da lohte schon ein lustiges Kartoffelfeuer. Zwei Damen ritten im Schritt durch das Feld. Die größere: schlank, elegant, alt geworden. Es war Frau von Bussard. Die kleinere: blond, etwas dicklich. Es war Frau Pescatore, Modestes Freundin von einst. »Die Gegend verändert sich doch sehr,« meinte die ältere. »Die alte Lindt gestorben – Gott habe sie nicht selig! ... Die Frida in Berlin doch an den Mann gebracht – je später der Abend, je schöner die Leute ... Wahrscheinlich bekommen die Russen doch Barginnen und züchten hier einen gräflich Axsilschen Stamm, aufgefrischt mit Lindtschem Blut ... Von Modeste weiß ich nichts. Meine Tochter hat an sie sofort nach der Skandalgeschichte einen langen Brief geschrieben. Vielleicht ging er verloren, vielleicht auch nicht. Beantwortet wurde er jedenfalls niemals ... Die jetzige Frau Romeit war kein Engel, aber jedenfalls die weitaus Beste von der Familie ... Mir war die übrige Gesellschaft immer degoutant: den Alten an der Spitze. Und was hat ihnen Modestes Ausstoßung genutzt? – Alles hat sich zurückgezogen, was innerlich vornehm fühlt. Der alte Eller, der wohl eine sehr herbe Aussprache mit dem alten Biedermann gehabt haben muß, stand im Hotel in Insterburg einfach vom Tisch auf, als Herr von Lindt eintrat ... Der Eyseliner verreiste ausgerechnet an dem Tage von Fridas Hochzeit. Und Sie wissen ja, liebe Annie, wie gern sie sich gerade mit ihm drapiert hätten! ... Die Gardekavallerie hätte ja auf diesem Wege mein Neffe Mieritz glücklich wieder geschafft – er ist mir aber seitdem ein wenig zu vernünftig für meinen Geschmack. Dieses abgeblühte Geschöpf nur wegen der Millionen!« Die jüngere ließ die Trensenzügel unschlüssig durch die Hand gleiten. »Ja, ja – nun ist auch der alte gute Eller tot ... Man erzählt sich, Modeste sollte das Gut erben.« »Das würde mich sehr, sehr freuen!« rief Frau von Bussard lebhaft. »Aber dann würde ja Modeste wieder in die Gegend kommen.« »Das glaube ich nicht, liebe Annie ...« »Aber ich weiß es!« beharrte Frau Pescatore. »Das Gut darf nämlich nicht veräußert werden, wie ausdrücklich im Testament steht. Es soll eine Infamie von dem Eller sein gegen den alten Lindt ... Und,« fuhr sie vertraulich fort, »ich habe ja Modeste gewiß sehr liebgehabt und habe sie auch noch jetzt lieb – aber Romeits sind doch nun einmal nicht ›Klasse‹. Mein Mann würde mir, glaube ich, den Umgang direkt verbieten. Er verkehrt nur mit ›Klasse‹ ... Und darum möchte ich so gern Ihren Rat hören, Frau von Bussard, und wie Sie es zu halten gedenken ... Gadebuschens verkehren auf keinen Fall.« Darauf wiederholte Frau von Bussard gleichgültig: »Herr Pescatore verkehrt nur mit ›Klasse‹ – demnach scheint Herr Lindt von Barginnen auch ›Klasse‹ zu sein, was ich bis jetzt noch nicht wußte ... Fräulein von Gadebuschs verkehren auf keinen Fall – dafür wird man der Mutter nächstens das Gut subhastieren ... Also, liebe Annie, verkehren Sie auch auf keinen Fall! – da jedenfalls Frau Murrmann auch auf keinen Fall verkehren wird ... Ich werde auf jeden Fall verkehren!« Die junge Frau antwortete beinahe schmollend: »Ja, Sie und Judith! – Sie können alles tun, was Sie wollen – und alle werden es reizend finden. Wenn Judith morgen einen Gespannknecht heiratete, würde die ganze Gegend sich zur Hochzeit drängen ... Sie, gnädige Frau, Judith und Falkner von Öd ...« »Und warum, meine liebe Annie?« fragte Frau von Bussard, sich im Sattel wendend. »Weil wir drei uns nie herbeigelassen haben, die Leute zu fragen, was den Leuten richtig scheint oder nicht. Wir taten und tun, was uns richtig scheint ... Übrigens,« fügte sie mit einem schmerzlichen Lächeln hinzu, »Judith dürfte wohl nach dieser Richtung hin kaum noch ein Ärgernis geben. Sie erlebt das Frühjahr wahrscheinlich nicht mehr, wie mir der Arzt bestimmt gesagt hat. Wir gehen darum den Winter auch nicht nach Davos. Sie soll daheim sterben.« Frau Pescatore, die ihr warmes Mädchenherz von Zeit zu Zeit wiederfand, wurde mit einemmal sehr weich. »Aber, gnädige Frau, das dürfen Sie nicht sagen – das dürfen Sie nicht! ... Judith sterben ... Vor fünf Jahren, als sie zwanzig war, haben es schon die Ärzte behauptet – und sie ist doch nicht gestorben ... Denken Sie doch: wie viel Gutes sie in der Zwischenzeit getan hat, und wie sie eigentlich schon auf Erden hier ein Engel ist, den jeder arme oder unglückliche Mensch im ganzen Kreise kennt ... Es klingt ja sonderbar – aber wir und alle haben sie im Grunde unsers Herzens von Jugend auf beneidet, weil sie so gut und so wahr ist und immer das tat, was wir andern hätten tun sollen ... Nicht wahr, Frau von Bussard, es ist doch nicht so schlimm?« Und sie griff in der Aufregung der Dame nach den Zügeln. Die warf einen langen umflorten Blick über die weite herbstliche Ebene, die sich wieder zum Totenschlaf des Winters rüstete. Geboren werden, sterben: des Lebens Los ... Die Natur predigt jahraus, jahrein den alten Spruch – nur daß an dem Wintergrab schon wieder das Morgenrot des Frühlings weichflammend in der Ferne aufsteigt. Wir Menschen aber begraben – und die Auferstehung ist nicht allen der liebe Hoffnungstraum. Als Antwort sagte Frau von Bussard nur: »Wir waren wieder so lange am Rhein ... Am Ende ist Modeste schon hier.« »Sie soll,« murmelte die junge Frau kleinlaut. »Ich weiß es aber nicht genau.« Da trieb Frau von Bussard ihr Pferd zum Galoppsprung an. »Kommen Sie, Annie, wir wollen zu mir nach Haus reiten und es Judith sagen ... Sie kommt gewiß gern mit! Und auch ich möchte das junge Paar freudiger empfangen, als es hinausgeleitet ist.« Und die kleine Frau Pescatore vergaß ganz ihre »Klasse« und rief wie in den frohen Mädchenjahren: »Ich komme mit, Tante, ich komme mit!« Indessen ging Modeste Romeit in dem neuen Heim nachdenklich von Zimmer zu Zimmer. Seit zwei Tagen waren sie auf dem Ellerschen Gut – jedoch die junge Frau hatte sich noch nicht entschließen können, den Hofraum zu überschreiten. Modeste war allein – eine blonde, schöne Frau; die Formen voller, der Blick klarer. Zwei Kinder trollten ihr ungeschickt nach: ein Knabe und ein Mädchen. Der Knabe mit den blassen Augen der Mutter und ihrem Pfirsichteint, das Mädchen mit der dunkeln Haut des Vaters und dickem, weichem Kraushaar ... Die Kinder fanden es köstlich in dieser neuen Welt. Es roch so wundervoll altväterisch in den niederen Zimmern – nach Tabakrauch und wurmstichigem Mahagoni! Überall dieselbe sorglose Unordnung, die dem alten Junggesellen zum Bedürfnis geworden war. Modeste betrachtete alles mit herzlicher Pietät. Aber fast wehmütig berührte es sie, daß außer den wenigen einfachen Zimmern, die der lustige Einsame bewohnt hatte, es noch ein verschlossenes Paradies gab, mit nie gebrauchten Möbeln und steifen Prunkbetten und hochgeschichteten Leinwandbergen aus einer längst vergangenen Zeit. Vielleicht daß der Junggeselle doch einmal heimlich zur Brautschau ausgefahren war; vielleicht auch, daß die Hoffnung auf ein spätes Glück erst mit ihm selbst sanft entschlummert war ... Modeste grübelte darüber nicht. Aber sie schickte die Kinder hinaus in die Küche, wo die alte Wirtin gerade Waffeln zum Nachmittag buk. Und sie setzte sich auf einen der quietschenden Polsterstühle in diese dicke, staubige, alte Luft, wo das Holz geheimnisvoll knackte und eine Motte zuweilen lautlos aufflatterte. Ihr war, als säße sie bei einer alten Zeit zu Gaste, und Schatten wallten und Stimmen flüsterten ... Der Hauch des Gewesenen umfing sie mit leichter Beklemmung. Man sucht die Vergangenheit, man sehnt sich nach ihr – und weiß doch, daß sie eigentlich zu nichts weiter taugt als zum trübseligen Sinnieren. – Und wie Modeste nach einer Weile den Kopf hob und auf den trüben Hofteich hinaussah und den verwitterten Schafstall, die auch ausschauten wie etwas Vergangenes – da drängte sich weit drüben der Bergfried von Barginnen tot und grau aus seinen grünen Fichten. Sie glaubte fast das Turmfenster blinken zu sehen, aus dem so viel ehrgeizige Träume hinausgeflattert waren in das Litauer Land ... Auch Vergangenheit – überstanden, vergessen ... vergeben vielleicht auch. Der alte Lindt wohnte seit Jahren in Königsberg, und das Gut, hieß es, sollte verkauft werden. Und da begannen die letzten fünf Jahre an Modeste vorüberzuziehen – langsam, schattenhaft, bald licht, bald dunkel ... Die Hochzeit in der kleinen Stadt: einfach, ärmlich. Der alte Eller und der Barginner Kantor die beiden Trauzeugen und die beiden Gäste auch. Kein Telegramm, weder von Eltern noch von Freunden – nur ein kostbares Blumenarrangement aus Berlin von Herrn von Falkner, der eben bloß die »große Welt« kannte. Trotzdem ein frohes Fest, wo zwei junge, hübsche, tatkräftige Menschen gelobten, zusammenzuhalten in Freud und in Leid. – Sie hatten beide ehrlich Wort gehalten. Dabei war es ein schweres Los. Arbeit und Armut die Paten des ersten Kindes ... Er hatte eine Inspektorstelle angenommen, aber im äußersten Westen, wohl aus Zartgefühl für sie, welcher der Osten vergällt war. Während er sich abrackerte und abhetzte unter neuen Verhältnissen, neuen Menschen – fremd in allem, wie der schwerblütige Ackergaul der Ardennen der feingliedrigen flüchtigen Remonte seiner Heimat –, wohnte Modeste aufs äußerste eingeschränkt in Köln. Sie hätte nach Frauenart mit dem Schicksal hadern können, das ihr einst so viel versprochen und jetzt so wenig gehalten hatte. Aber sie, die ihr Schicksal sich selbst gemacht, selbst in der Hand hielt, schaute nicht weinerlich zurück, sondern mutig nach vorwärts. Und sie wurde stärker in dem Kampf, jünger, schöner. Die Großstädter sahen oft bewundernd der schlanken, schönen Gestalt nach, die sich immer einfach, aber gut trug – auch äußerlich viel zu sehr sie selbst, um in der Menge zu verschwinden. – Nicht eine Zeile war zwischen ihr und Barginnen gewechselt worden. Darin war sie eine Lindt geblieben. Aber an der Wiege ihres Knaben, der ihr so ähnlich war, wie nur je einer Mutter das Kind, kniete sie doch in mancher Nacht, heimlich, wie geniert vor sich selbst, und betete: »Herr Gott, bewahr ihn vor dem harten Lindtschen Herzen!« – Sie hatte in sich hineingesehen und den Kern ihres Wesens erkannt. Aber das Leben, das dem alten Knochenmehlhändler das Herz schon ganz früh zur mißfarbenen Schlacke verkohlt hatte, schliff das ihre zu einem guten Kristall. Dann kam der Tod der Mutter – der Prozeß mit dem Vater. Vater und Kind rangen um die paar tausend Mark des Nachlasses, die Modeste alles bedeuteten, ihm nichts – mit einer Hartnäckigkeit, die erbarmungslos alles aufsog, was noch an verborgenem Gefühl bei Vater und Tochter geblieben. Modeste unterlag. Es war das definitive Ende ... Als ein Jahr später der Tod auch dem alten Eller die Augen schloß und Modeste unter Tränen endlich wieder aufatmen konnte, gerade da entbrannte seltsamerweise zwischen den beiden Ehegatten der erste, erbitterte Streit. – Er war der Feinfühligere, Weichere, wollte nicht zurück – ihretwegen. Sie aber die Härtere, Leidenschaftlichere, wollte zurück – seinetwegen. In dem großen Kampf, wo sie schließlich doch Siegerin geblieben war, wollte sie sich auch des Triumphes freuen ... Und wie jetzt der alte Bergfried grämlich zu ihr herüberschaute, da überkam sie keine schwächliche Sehnsucht nach dem Gewesenen, kein dumpfes Grauen vor dem Kommenden, sondern sie winkte nur höhnend zurück: »Ja, mahne mich nur, du widerwärtiger Geselle! ... Aber wenn ich mich nun nicht mahnen lasse – euch allen ins Gesicht lache? – Wer zuletzt lacht, lacht doch am besten ... Und ich lache doch zuletzt!« Die Kinder kamen aus der Küche zurückgestolpert und kletterten auf den knarrenden Möbeln herum und versuchten den längst stehengebliebenen Regulator wieder in Gang zubringen. Modeste wehrte den ungeschickten Händen, fest, aber liebevoll, wie es ihre Art daheim. Und während sie in echter mütterlicher Zärtlichkeit die kleine Gesellschaft mit den Lippen schalt und doch im Herzen liebkoste, wurde es ihr bange innerlich ... Wie würde sie es dieser weichen, törichten Jugend einst klarmachen können, daß da drüben einst ihr Vater – und doch nicht ihr Vater; daß da drüben einst ihre Heimat – und doch nicht ihre Heimat ... Man zerstört mit einem einzigen Worte so viel! ... Und dann all die Nadelstiche, die Nackenschläge... Es war doch ein tolles Wagnis gewesen, diese Rückkehr! ... Wie so oft der Bogen allzu straff gespannt, die Konsequenz allzu hart gezogen ... Aber dieses Bangen galt nicht etwa ihr. Sie wuchs höher im Kampf – das wußte sie. Aber die andern, die das Leben beginnen und es gleich mit dem bitteren Nachgeschmack beginnen sollten? ... Und Modeste wollte schon klein werden, feige wie einst ... Aber dann dachte sie wieder, daß ja überall die Sehne klingen muß, wenn der Pfeil ins Ziel schwirren soll ... Auch dieser Kampf mußte durchgekämpft werden! Da kletterten die Kinder plötzlich an der Fensterbank in die Höhe und riefen: »Da, da, Mutter!« Modeste sah sich ohne Interesse um. Eine Dame zu Pferde trabte rasch vorüber, dann etwas zögernd eine zweite. Sie erkannte die beiden Reiterinnen nicht. Erst als die ältere geschmeidig aus dem Sattel glitt und die jüngere sich verlegen nach Hilfe umsah – wußte sie. Mit der kühlen Sicherheit, die ihr geblieben, stand sie auf, Frau von Bussard und Frau Pescatore zu empfangen. »Frau Baronin ...« Aber Frau von Bussard fiel Modeste sofort ins Wort: »Liebe Modeste – Annie und ich kommen doch zu Ihnen als alte Freunde. Wir kamen zur Unzeit. Das sehe ich. Schadet aber nichts – im Gegenteil! Wir wollten ja auch die ersten sein, Sie in Litauen zu begrüßen ...« Und ehrlich fuhr sie fort: »Früher, Modeste, hab' ich Sie nie recht gemocht. Sie waren mir ... wahrscheinlich zu sehr ›Lindt‹. Jetzt, wo Sie getan haben, was mancher hätte tun sollen, freue ich mich von Herzen, Sie in der Heimat wiederzusehen.« Die Augen waren der vornehmen Frau feucht geworden, während sie so herzlich sprach. Und Modeste wollte ihr zum Dank die Hand küssen, wie so oft als Kind. Jedoch Frau von Bussard wehrte lächelnd, aber bestimmt. »Keine Dienstbotenküsse unter Erwachsenen! Sie sind slawisch und sklavisch. Ich mag sie nun einmal nicht ... Aber mit Annie küßt euch auf den Mund, wie ihr es als Mädchen gewohnt gewesen seid!« Dann scherzte sie mit den Kindern, die etwas linkisch dabeistanden. »Du, Junge, bist ganz die Mutter – und du, Mädchen, wirst wahrscheinlich ganz der Vater sein!« Dabei flog ein wehmütiger Zug um den festen, geschlossenen Mund. »Wie geht's Judith?« fragte Modeste. »Nicht besonders. Sonst wäre sie sicher mitgekommen. Sie läßt Sie herzlich grüßen und sagen: Sie möchten doch recht bald einmal kommen, Modeste!« Darauf wollte Frau Pescatore, die den alten Ton noch immer nicht gefunden hatte angesichts dieses kleinen Wohnhauses, wieder weinerlich werden. »Ach, Frau von Bussard, es ist so schrecklich! ...« Die vornehme Dame antwortete darauf fast heiter: »Kinder, was wollt ihr eigentlich? ... Was wäre denn unser ganzer Glaube wert, wenn wir über jeden Schicksalsschlag, den Gott schickt, immer nur weinen und klagen wollten! ... Gott wird doch wissen, warum er uns prüft ... Und er will keine unnützen Klagen, er heischt mutige Gläubige, die ihn am freudigsten bekennen, wenn ihnen am schwersten ums Herz ist ... Meint ihr denn, Judith wisse nicht, daß sie so bald sterben muß? – Und sie hätte nach ihrem armseligen Schicksal vielleicht mehr Recht zu klagen als wir alle. Aber sie hört nicht auf, Gutes zu tun, wo sie nur kann, und Tränen zu trocknen und zu helfen, zu trösten ... Sie hat mir selbst einmal, als ich klein und feige geworden war wegen ihres Leidens, das richtige Wort gesagt: ›Mama, wir sind für die Lebenden da und nicht für die Toten. Ich bin doch noch nicht tot ...‹ Seitdem tue ich wieder freudig meine Arbeit, führe die Bücher, revidiere die Ställe und galoppiere jeden Tag meine zwei Stunden herunter, weil ich mir doch die Spannkraft bewahren muß für sie ...« In des alten Eller Zimmer wurde der Kaffee getrunken. Die frischen Waffeln dufteten einladend, die Kinder leckten sich heimlich die Hände, und der Tabaksgeruch, der dem alten Junggesellenheim seit fünfzig Jahren die Eigenart gegeben, kroch wieder neugierig aus Möbeln und Wänden. Dann gingen sie in den Park, der eigentlich ein verunglückter Bauerngarten war, mit leuchtenden Sonnenrosen und steifen Georginen. Die Kinder wälzten sich auf dem schlecht gepflegten Rasen und versuchten bei der Gelegenheit, einen philosophierenden Truthahn zu streicheln, der aber sofort feindlich knurrend ein Rad schlug. Herr Romeit kam und wurde vorgestellt – noch immer die schlanke, elegante Reiterfigur, die einst Modestes Herz milder gestimmt hatte gegen die Schwefelbande der Inspektoren. Aber auch heute zog sich der jungen Frau Stirn kritisch, weil er für gut befunden hatte, im Gehrock den hohen Besuch zu empfangen. »Sieht er nicht schrecklich aus in dem Kostüm?« scherzte sie. »Das liegt offenbar bei Romeits so drin. Des Jungen heißester Wunsch sind gleichfalls lange Hosen ...« Herr Romeit wollte sich verteidigen. Er hatte tatsächlich eine Schwäche für steife Hüte und lange Hosen. Jedoch Frau von Bussard sagte freundlich: »Sie sollen ein brillanter Reiter sein, wie mir schon vor sechs Jahren eine sehr kompetente Persönlichkeit versichert hat – und zum Reiter gehört hier im Osten der hohe Stiefel. Man soll im Leben immer auch scheinen, was man ist ... Denken Sie mal die Verlegenheit, wenn ich jetzt wünschte, Sie sollten mir auf der Stelle dies oder jenes Pferd vorreiten! Abschlagen könnten Sie es mir als Kavalier nicht gut – aber Sie würden in den Bügeln gerade so aussehen wie der Sonntagsreiter aus den ›Fliegenden Blättern‹, der Sie eben gerade nicht sind.« Modeste stimmte schadenfroh lachend bei. Aber als sie die Wolke auf seiner Stirn sah, strich sie ihm besänftigend über das dichte Kraushaar. »Aber das ist noch lange kein Scheidungsgrund – nicht wahr, Otto?« Da wurde er wieder gesprächig, zeigte den Damen die Roßgärten hinter dem Hof. Zwei Jährlinge weideten dort, und ein Fohlen wälzte sich, so daß der Staub aufwirbelte. »Die beiden Jährlinge, Frau Baronin, die taugen gar nichts. Er hat schon keinen Blick mehr gehabt, die letzten Jahre, der alte Herr. Aber das Fohlen, das wird mindestens Gardeulan, Chargenpferd!« Und er kroch durch den Drahtzaun und wehte mit dem Taschentuch, bis das Tier erschreckt davonjagte. – Es war fast dasselbe Bild wie damals – und doch so ein ander Bild! Beide fühlten es, sahen sich an, drückten sich heimlich die Hand. Und der alte Bergfried von Barginnen schaute finster zu. Sie waren noch bei den Roßgärten, als ein Scharwerksmädchen ihnen nachgeeilt kam. »Es ist ein reitender Bote gekommen aus ...« Den Namen hatte sie aber längst wieder vergessen. Die kleine Frau Pescatore zuckte schuldbewußt zusammen. »Wenn am Ende mein Mann ... Es ist auch unverantwortlich von mir! ... Ich muß gleich reiten.« »Liebe Annie, das muß ich auch,« meinte Frau von Bussard ruhig. »Sie haben es übrigens bedeutend näher, wenn Sie direkt über Eyselin reiten.« – Aber auf dem Hofe erkannte sie sofort ihren Reitknecht auf ihrem zweiten Pferde. »Er bringt sicher nichts Gutes,« murmelte sie erblassend. Sie las den flüchtigen Kartenbrief, der ihr gereicht wurde. »Ja, liebe Modeste, ich muß wirklich gleich reiten ...« Sie sprach mit etwas gezwungener Ruhe. »Heinrich, satteln Sie mir auf! Der Kutscher hier kennt sich mit Damensätteln wahrscheinlich nicht aus ... Adieu, Modeste ... Adieu, Herr Romeit – es hat mich sehr gefreut ... Aber der Arzt schreibt selbst. Es ist niemand da. Mein Mann kommt erst übermorgen aus Salzschlirf zurück ... Und Sie, Frau Pescatore, beeilen Sie sich meinetwegen nicht unnötig! Ich werde eine Pace vorlegen müssen, die Ihr Brauner doch nicht durchhält.« Aber der Freundin Annie schlug auf einmal das »Klassengewissen« so lebhaft, daß sie unter allen Umständen mitreiten wollte. Es ging überhaupt alles zum Abschied so hastig, daß weder Romeits noch ihre Gäste den rechten Ton beim Adieu fanden. Und als die Reiterinnen noch einmal zurückwinkten, war es ein ganz flüchtiger Gruß. »Du hast ja ganz vergessen, die Baronesse grüßen zu lassen,« sagte er. »Ja, allerdings, Otto. Ich bin doch etwas weltfremd geworden, wie ich merke. Es wird wohl nicht so schlimm stehen. Und was macht sie sich schließlich aus einem Gruße von mir? ... Der Baronin bin ich ja sehr dankbar für den Besuch – man merkt doch die urvornehme Frau –, aber Annie suchte es so ängstlich zu vermeiden, mit uns allein zu sein, daß ich es nur natürlich fände, wenn dieser erste Besuch auch ihr letzter wäre. Wir sind den Leuten nicht dekorativ genug ...« »Siehst du – so bist du, Mo!« tadelte er. »Ein Nadelstich genügt.« »Meinst du?« fragte sie bitter zurück. »Wenn ich mich umsehe: lauter Nadelstiche! ... Der Besuch hat vieles in mir aufgewühlt, was ich schon tot glaubte.« »Deswegen habe ich auch nicht mehr hierher zurückgewollt, lieber Schatz.« »Weiß ich, Otto. Aber ich habe es nun einmal gewollt. Und wer schließlich am meisten leidet darunter, das bin doch ich.« »Aber du sollst nicht darunter leiden!« rief er zärtlich. »Du warst immer der Bessere,« sagte sie nachdenklich. »Du bist's auch jetzt.« »Ach, red doch keinen Unsinn!« wehrte er. Sie waren bis zu der kleinen offenen Holzveranda gekommen vor dem Haus, wo der alte Eller so manchen Sommernachmittag gesessen hatte mit der Jagdpfeife und der Zeitung. Der braune Unhold erwartete sie dort wedelnd. »Siehst du, Modeste, den hast du auch überall mit dir herumgeschleppt, obgleich du ihn teuer hättest verkaufen können ...« »Ja, Tiere, Otto! – Tiere habe ich immer gern gemocht. – Aber Menschen ...« »Wart nur ab! Du mußt immer einen Ruck bekommen ...« Der Herbstwind blies jetzt aus vollen Backen und wehte ein Blatt Papier bis zu der Holzveranda. Herr Romeit hob es auf. »Es sieht so neu aus!« Und er begann die wenigen Zeilen zu lesen, die es enthielt. Dann reichte er es Modeste, die finster vor sich hingestarrt hatte. »Lies und schäme dich!« Es war der Kartenbrief an Frau von Bussard und lautete: »Gnädigste Baronin! Die Baronesse wird voraussichtlich die Nacht nicht überleben. Es war ein Zufall, daß ich bei Ihnen vorsprach. – Kommen Sie sofort! ... Ich selbst muß leider weiterfahren. Doktor X. X.« »Nun?« »Ich werde selbstverständlich sofort nach Bussardshof fahren, Otto! ... Judith war die einzige, die an mich geschrieben, mir Hilfe angeboten hat, als es uns schlecht ging ... Ich mag keine Almosen – du kennst mich –, darum habe ich ihr auch nie geantwortet ... Jetzt fällt mir das schwer aufs Herz. Wenn sie nun sterben sollte mit dem bitteren Gefühl ... Die Leute, die es gut mit mir meinten, die hab' ich immer von mir gestoßen. – Ach Gott, wenn ich sie doch nur noch am Leben träfe!« 26 Es dämmerte bereits, als Modeste vom Hof fuhr – das müde Herbstdämmern, wo alles langsam verschwimmt, verrinnt in einem trüben, kalten Grau. Es waren kleine krumme Klepper, die den altmodischen Halbwagen prustend und kopfschüttelnd über die holprige Lehmstraße zogen. Ein Zug Wildgänse strich fittichrauschend über ihren Häuptern; von den Kartoffelfeldern wehte der scharfe Krautgeruch. Überall fliehendes Leben, rieselnde Kühle, nahender Tod. – Die junge Frau wollte frösteln. Es war der Odem der alten, kalten Heimat – und sie hatte die warme, neue gesucht. Als sie in die Chaussee einbogen, richtete sich Modeste unwillkürlich straffer auf. Hüben in der Ferne das dumpfe, graue Ordensschloß – drüben in der Ferne die weiße Herrenhausfront. Aber in Barginnen entzündeten sich allgemach die Lichter, viele Lichter, so daß der ganze Bau wie illuminiert strahlte; in Eyselin dagegen kein Licht, kein Leben, alles wie erstarrt, erstorben. Und Modeste starrte lange auf das alte Heim. Sie mußten ein Fest feiern dort, ein großes Fest. Sie sehnte sich nicht mehr nach Barginner Festen. Aber die unnatürliche Entfremdung zwischen Kind und Haus ward ihr eisig klar, tat ihr brennend weh ... So scheiden Lindts – so müssen sie scheiden! Der morsche Steg zerbrochen, in der Tiefe zerschellt ... Und keine Hand, die sich hebt, den Zurückbleibenden wehmütig zu grüßen. – Dann sah sie wieder finster auf das verlassene weiße Herrenhaus von Eyselin. Auch verträumt, auch vergessen – der kindische Ehrgeiz in denselben Abgrund versenkt, in dem auch die Lindtsche Eitelkeit ruhte ... Nun fuhr sie zu der einzigen, die ihr geblieben – und erst der Schatten des Todes mußte sie daran mahnen, daß diese Sterbende auch die einzige gewesen war, die sie einmal geliebt hatte. Und während der erloschene »Stern von Barginnen« dachte und wog und mitleidslos von der Wage herabstieß, was sich leicht erwiesen und klein – zogen links und rechts die Wiesen vorüber, die Brachen, die Felder, überwogt von dem weichen weißen Nebel, der die Strahlen des Neumondes aufsog, so daß es hier wie ein Elfenreigen wogte, dort wie ein Silberweiher sich glättete. – Modeste merkte es kaum. – Und der Wald tat sich auf, die langen düsteren Linien mit ihrem Verwesungshauch, die graue Chaussee einhegend, wie die Mauern eines Gefängnisses. Dazwischen leuchteten Stämme gespenstisch, Nadeln zischelten leis. Wunderliche Töne, die der wispernde Nachtwind weckte; wunderliche Gestalten, die der blasse Neumond zeichnete. Die Pferde spitzten die Ohren, schnaubten ... Es war wie ein Gespensterbann. Modeste fühlte ihn nicht. Erst als in der Ferne die Lichter eines Gutshofes auftauchten – es war Bussardshof –, faltete sie die Hände und sagte leise: »Laß sie doch nicht sterben, Gott! ... Ich bin so schlecht – und du gibst mir ungebeten doch das Glück ... Sie ist so gut – und ihr erstes und letztes Glück sollte der Tod sein? ...« Und Modeste schaute unverwandt auf den Lichtschein. Und wie er größer und immer größer wurde, wuchs auch ihr die Hoffnung. Kaum wiedergeboren, stärker, besser – begriff sie den Todesengel doch nicht, der seinen Ölzweig bereits über ein Sterbelager hob. Sie gehörte dem neuen Leben, das sie endlich errungen, mit allen Fasern, mit allen Wünschen ihres Seins. Sie wollte, sie mußte leben – sich, den Ihrigen, der ganzen Welt zu zeigen, daß die einzige grüne Frucht, die der Schicksalssturm einst von dem ins Mark vertrockneten Baume der Lindts gerissen, auch den Samen des Lebens allein in ihrem Schoße getragen hatte. Der Wagen fuhr vor. Der Diener öffnete den Schlag, rasch, leise, wie einem, den man schon lange erwartet hat. »Die Frau Baronin lassen sofort bitten!« Modeste war verwundert. Die Gesellschaftsmaschine, so glatt, so sicher funktionierend auch angesichts des Todes! In dem Flur trat ihr Frau von Bussard schon entgegen. »Endlich – endlich!« – dann schrak sie zusammen. »Ach, Sie sind es, Frau Romeit!« Sie konnte oder wollte ihre herbe Enttäuschung nicht verbergen. »Ich kann auch wieder gehen, Frau Baronin ... Sie haben diesen Zettel bei uns verloren ...« Frau von Bussard griff hastig nach dem Papier. »Ach ja ... ich habe ihn gesucht ... Ich verstehe jetzt auch ... Sie sind sehr gütig!« Dann öffnete sie behutsam die Tür zum Salon, in dem nur ein Kaminfeuer flackerte. »Leise! ... Sie schläft ...« Die beiden Frauen schlichen lautlos durch die Flucht der Zimmer, die in ihrem Dämmerlicht so warm und gemütlich dalagen. – Das traute Heim, um das der Wintersturm vergebens heult! Vor einem Gemach mit herabgelassenen Portieren hielten sie lauschend inne. Es war Judiths Boudoir – mit der Krankenlampe, Krankenstille. Derselbe Raum, an dem der Stern von Barginnen einst feige gelauscht. Zerflossen der heiße Liebestraum, den hier ein keusches Herz geträumt, verflogen der Duft von Jugend und Poesie, der einst um ein süßes Mädchenhaupt gewallt ... Nur noch die kurzen, hastigen Atemzüge einer Fiebernden. Plötzlich knisterten die Kissen, als ob sich jemand aufrichtet, horcht. Eine leise Stimme fragte: »Mama?« Frau von Bussard schlug die Portieren zur Seite und trat an die Chaiselongue, wo Judith wie ihr eigner matter Schatten auf schnell zusammengerafften Betten lag – verblaßt, verblüht, nur die Strahlenkrone des roten Haares noch leuchtend und die großen Augen, die im Fieberglanz unruhig flackerten. »Es kam doch eben ein Wagen, Mama? ... Oder träumt ich's nur? ... Dabei ist mir alles so klar heute, ich glaube, ich könnte durch alle Wände sehen ... Weit ... Weit ... So weit ich überhaupt wollte ...« Dann sank sie wieder in die Kissen zurück. »Es war Modeste, liebes Kind,« antwortete die Mutter, sich auf die Tochter beugend. »Willst du sie sehen?« Die Kranke lächelte. »Ja, gewiß will ich sie sehen ... Modeste!« Modeste kam herein, linkisch, verlegen. Ihr Herz pochte, wie bei einer schweren Schuld. »Judith, sei mir nicht böse ...« Sie konnte kein Wort weiter hervorbringen, als die Mädchenentschuldigung aus vergangener Zeit. »Setz dich doch, Modeste! ... Und nun erzähl mir, wie es dir gegangen ist! ... Du hast Kinder – nicht wahr? – Ich möchte sie gern mal sehen! ... Und lieb habt ihr euch auch – sehr lieb? ...« Dabei streichelten ihre heißen, mageren Hände Modeste zärtlich. Sie mußte einhalten damit – das Herz schlug ihr so zittrig schnell, daß die Spitzen des Hemdes sich bewegten ... »Und wie schön du geworden bist, Modeste! ... So schön und jung! ... Du warst niemals früher so jung – niemals ...« Sie winkte der Mutter und zeigte nach dem elfenbeinernen Handspiegel auf dem Schreibtisch. Dann schaute sie lange und ernst in das Glas. »Was bin ich doch alt geworden – noch nicht sechsundzwanzig Jahre – und schon so alt! ... Und die häßlichen roten Flecken auf den Backen und der magere graue Hals! ... Früher war gerade der Hals mein Stolz – er war so weich und so weiß und bog sich so hübsch, wie ich mir einbildete ...« Sie ließ den Spiegel auf das Bett gleiten und starrte in die Höhe. »Ich war auch mal eitel – sehr eitel ... Dafür werde ich jetzt gestraft ... Aber damals hatt' ich auch ein Recht ... Ich war ja nicht eitel für mich ... Ich wollte nur hübsch aussehen – sehr hübsch ... Und ich sah auch hübsch aus – sehr hübsch! ... Nicht wahr, Mama?« Beide Frauen vermochten nur zu nicken. Die Mutter hatte die Zähne zusammengebissen und atmete wie röchelnd; Modeste rann eine große, salzige Träne langsam über die Wangen. Die Kranke schloß die Augen, der Kopf sank ihr zur Seite. Es war nur ein Augenblick der Schwäche. Dann richtete sie sich wieder mühsam auf, der Mutter wehrend, die ihr helfen wollte. »Ich bin gar nicht so schwach, wie du denkst, Mama ... Es war nur wieder das dumme Nasenbluten, das gar nicht aufhören wollte ... Und jetzt, Mama, laß mich mit Modeste ein paar Minuten allein!« Als die Mutter gegangen, sagte die Kranke hastig: »Ich weiß, daß ich sterben muß ... Und sterben ist gar nicht so schwer – das bildet ihr Gesunden euch nur ein ... Aber Mama darf es nicht wissen! ... Sie ist ihr Leben lang so wenig glücklich gewesen – nun soll sie auch noch das einzige verlieren, was sie so sehr geliebt hat ...« »Sprich nicht so!« sagte Modeste mit tränenerstickter Stimme, die ihr selbst fremd klang. Da legte Judith ihre beiden zarten Kinderarme um Modestes Kals und küßte sie. »Ach, das liegt ja alles schon so weit hinter mir, was ihr Leben und Glück nennt! Du weißt's ja auch – aber du hast's erreicht ... Aber sieh mal – es klingt nicht hübsch – ich habe ihn sogar lieber gehabt als meine Mutter, viel lieber ... Und das quält mich so, weil es so undankbar ist ... Und es sind doch schon Jahre und Jahre vorbei, daß ich ihn überhaupt sah! ...« Ihre Augen begannen unruhig hin und her zu gleiten. »Ob er wohl heute kommen wird? ... Ich weiß nichts. Aber ich habe so ein Gefühl ... Ich habe mich auch darum hier unten hinbetten lassen. – Ich war einmal so glücklich hier ... so glücklich ... Weißt du noch? ... Aber er konnte doch nicht anders. Er hat auch kein Glück ...« Der Atem ging ihr jetzt schnell und fiebernd. »Modeste, ihr haltet mich immer für so gut – aber ich bin's nicht, ich bin's gar nicht ... Sieh mal, ich weiß genau, daß ich sterben muß, und bring's doch nicht über mich, ihm die andre zu wünschen, die er liebt. Er liebt sie noch immer, obgleich sie mit so viel andern scharmiert ... Ich hab' ihr nachgespürt ... Und sag mal: ist das alles nicht ein kleiner, elender Egoismus? ... Aber ich hab' ihn nun einmal so lieb! ... Und wir sind doch zur Liebe geboren – nicht wahr?« Modeste strich der Kranken über die feuchte Stirn: »Über was du dir nicht alles Gedanken machst! Du bist zu gut, Judith, viel zu gut.« Die Kranke lächelte wehe. »Das sagen mir die Leute im Dorf, das sagt mir meine Mutter ... ich glaub's nächstens selbst ... Aber sieh mal, wenn man fühlt, daß es zu Ende geht, da belügt man sich nicht mehr. – Ihr nennt's Güte, aber es ist Schwäche, erbärmliche Schwäche ... Ich weiß ... ich weiß ...« Ihre Augen irrten wieder ängstlich durch das Zimmer. »Es sieht so unordentlich aus, es riecht auch gewiß nach der Krankenstube ... Dort drüben auf der Kommode steht ›Rivieraveilchen‹. Schütte die ganze Flasche auf den Teppich, auf mein Bett! ... Er liebt den Geruch so ... Warum muß er gerade das Parfüm lieben? ... Oh, ich weiß auch ...!« Modeste tat schnell und leise ihre Barmherzigeschwesterpflicht. Der Wohlgeruch strömte durchs Zimmer, stark, fast betäubend, als wenn der Süden hineinwogte mit seiner Jugendkraft. Draußen zauste der Herbstwind die Parklinden. Die Kranke sah mit leuchtenden Augen zu. »Der Teppich ist dort ein wenig umgeschlagen. ›Er‹ könnte darüber fallen ...« Dann erblich wieder der zärtliche Schimmer. »Ruf mir die Mutter, Modeste! ... Ich weiß ja doch, daß er nicht kommt. – Und wenn er käme, er würde nur an die Riviera denken und nicht an mich.« Frau von Bussard war wie ein freundlicher Schatten in das Zimmer gehuscht. »Aber erzählt euch doch weiter, Kinder! ... Morgen wird übrigens ein wunderschöner Tag. Wir werden zusammen reiten, Modeste, und Judith kutschiert in ihrem kleinen Dogcart nebenher.« Sie log so mutig, die unglückliche Frau, während ihr das Herz fast brach vor Weh! Aber die Kranke schüttelte den Kopf. »Erzähl du lieber, Mama! ... Und wie wir Modeste eigentlich immer unrecht getan haben bis auf den heutigen Tag ... Aber vor den Leuten haben wir sie doch immer sehr in Schutz genommen – nicht wahr? ... Und daß sie gar nicht anders hat handeln können und daß wir das einsehen – nicht wahr? ... Und darum ist sie auch über uns hinausgewachsen, weil sie gut war und stark ... Gut und stark: das ist's ...« Modeste hob beide Hände: »Das ist nicht wahr, Judith! ... Ich war immer ein so ekles, selbstisches Geschöpf, wie du gar nie begreifen kannst ... Das Beste an mir war die Sünde! ... Ihr alle hier empfindet so rein, so vornehm – und ich bin so schmutzig! ... Gnädige Frau!« rief sie leidenschaftlich, »es war die Sünde, die mich geführt hat, und wiederum die Sünde, die mir Kraft gegeben hat ... Ich habe so viel gelogen in meinem Leben – hier aber will und kann ich nicht lügen. Ich war und ich bin schlecht!« Da winkte ihr die Kranke mit den Augen, sich zu ihr zu beugen in die Kissen – und Modestes Haupt umfangend, sagte sie ganz leise: »Und wenn dich die Sünde doch zum Guten geführt hat, so danke der Sünde! ... Und wenn du's doch noch nicht bist, so werde es: gut und stark! ... Denn das zu werden sind wir auch alle auf die Welt gekommen. Und Gott fragt niemand nach dem Wege, wenn er das Ziel nur erreicht ...« Die Worte klangen wie aus weiter, weiter Ferne – feierlich, weltentrückt. Und Modeste begann auf den Knien liegend zu schluchzen wie gepeitscht. Und sie suchte immer wieder den kranken Mund zu küssen, mit ihren frischen, jungen Lippen der Sterbenden das Leben einzuhauchen, das mit jedem Pulsschlag müder kreiste. – Und dabei merkte sie nicht, wie der sieche Körper unter diesem wilden Weh zusammensank, erstickt von dem Lebensodem, der ihn umwogte. – Aber die Mutter sah das brechende Auge, den herabsinkenden Mund. Sie fühlte die unendliche Leere, die ihr die Brust erdrückte mit ihrem Grufthauch. Und in der Todesangst, die allen die Maske vom Gesicht riß, rief sie instinktiv, als wäre es der letzte Zauberspruch: »Judith, er kommt – er kommt!« Modeste war zurückgetaumelt bei dem Schrei. Aber die Sterbende murmelte kaum hörbar: »Grüß ihn ... Und er soll glücklich werden mit ihr – glücklich! ...« Draußen klang das dumpfe Rollen eines Wagens. Frau von Bussard horchte. Sie konnte sich nicht losreißen von ihrem sterbenden Kinde und ersehnte doch wiederum den fremden Mann wie eine letzte Rettung. Es dauerte zwei schrecklich lange Minuten, bis sich die Portieren leise und zögernd öffneten. Es war Falkner von Öd. Als er ans Bett trat, entfloh der Sterbenden der letzte Seufzer. Die beiden Frauen wichen vor ihm – es war das richtige Gefühl –, der letzte Hauch hatte dem Manne gegolten, den sie geliebt. Und Falkner von Öd fand kein Wort. Er kniete langsam nieder vor dem Bett, schlug ein Kreuz und betete. Dann drückte er einen Kuß auf die wachsbleiche Hand der Toten – stand langsam wieder auf, das Gesicht alt, die Muskeln erstarrt. Frau von Bussard hielt ihm beide Hände hin – wie verzeihend. Er aber schüttelte nur den Kopf. Modeste verstand den Mann nicht. Draußen im Korridor Schritte, Flüstern. Es waren die Leute vom Gut, die Dienstboten aus dem Haus – alle mit ihrem echten oder erheuchelten Mitleid. Ihnen starb nicht das Fräulein vom Schloß – ihnen starb der gute Geist, die Liebe selbst ... Und sie begannen zu glucksen und zu schluchzen – der laute Theaterschmerz, der merkwürdigerweise gerade uns Theaterleute des Lebens abstößt. Und in dieser lärmenden Leutetrauer, die durch die geschlossenen Türen drang und seltsam mit der dumpfen Stille drinnen kontrastierte, fand sich die Mutter zuerst. »Sie kommen spät, Herr von Falkner – sehr spät! ...« »Sehen Sie meine Pferde an – und dann sagen Sie noch einmal: ich hätte gespart! ... Ich habe in meinem Leben leider nie gespart ...« Dann lachte er laut und kurz auf, daß die Frauen ihn erschreckt ansahen, wie einen Tollhäusler. – Er hielt Frau von Bussard einen offenen Brief hin. Sie las die wenigen Zeilen und reichte das Papier achselzuckend zurück. »Ich verstehe ... Es gibt merkwürdige Leute ... Was sagt' ich Ihnen damals? – Phantom! ... Wollen Sie auch jetzt dem noch weiter nachjagen? ...« Und gleich darauf begann ihre ganze Gestalt zu zittern wie im Krampf. Sie hob die gefalteten Hände wie beschwörend empor und sagte unartikuliert, heiser: »Sehen Sie sich das unglückliche Geschöpf doch noch einmal an! Und sagen sie mir: mußte das sein? – Mußte so viel reinste Herzensgüte, so viel Jugend, so viel echte Leidenschaft elend zugrunde gehen für eine Dirne, der es plötzlich einfällt, moralisch zu sein? – Denn sie war eine Dirne im tiefsten Kern – eine, die beim Sündigen betet ... Warum konnten Sie das nicht fünf Jahre früher begreifen, Sie kluger Mann? Oder beteten Sie diese Dirne nur darum an, weil sie eine Dirne war?« Er zuckte die Achseln. »Gnädige Frau, für mich bedurfte es dieses Briefes nicht mehr ... Aber ich wollte mir wenigstens selbst treu sein. – Und so bin ich denn die Mumie geworden, die ich bin – verdorben und verdorrt, wie es die Gesellschaftsmoral heischt ... Da fängt man nicht wieder von vorne an – nicht mal zu lügen... Ich habe als alter Roulettspieler auf Zéro gesetzt und bin auch mit Zéro herausgekommen.« Er lachte wieder. »Die Leute nennen es Schicksal – ich nenn's gar nicht ... So weit bin ich endlich ... Darf ich jetzt gehen?« Die Frau schüttelt das Haupt. »Nein, Falkner, so nicht! ... Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, ehe wir für immer auseinandergehen ... Auch Sie können ruhig zuhören, Modeste ... Mir ist, als stände der verstorbene Falkner von Öd hier. Sie sind genau wie er – und darum hat er Sie auch so leidenschaftlich gehaßt. Das soll kein Makel sein ... Er hat ebenso unsinnig treu gefühlt wie Sie, und ist ebenso verdorrt wie Sie ... Und wenn nun sein Verhängnis Ihre eigne Mutter gewesen wäre? – auch strenge Katholikin, auch nüchternste Moral – die es vorzog, den Majoratsherrn zu heiraten, obgleich sie den zweiten Bruder liebte? ... Verstehen Sie nun seinen Haß – und daß er trotzdem von der Frau nie loskonnte, obgleich er sie bis in alle Höllen verwünschte? ... Er war kein schlechterer Mann wie Sie – wahrhaftig nicht! ... Und wenn dabei eine Siebzehnjährige Feuer fing und nicht von ihm wollte, bis er sie von sich stieß – eben weil er eine vornehme Natur war –, so wundern Sie sich nicht! Sie war jung, sie war hübsch, sie war reich – sie hatte alles. Und als sie endlich begriff, daß sie in ihrem Reichtum erst recht arm war, da tat sie den Schritt, den nur ganz junge und nur ganz verzweifelte Menschen tun, sie heiratete den Mann, der sie nicht liebte, und den sie nicht liebte. Sie ist ihm treu gewesen, sie hat ihre Pflicht getan – und niemand kann einen Stein werfen auf sie. – Und heute steht sie an dem Totenbette ihres einzigen Kindes und wirft den ersten Stein auf sich! ... Wir sollen lieben oder hassen im Leben – aber wir sollen uns nicht verkaufen – auch nicht der Moral ... Es gibt nur eine Pflicht – und das ist die lebendige Pflicht ... Hier liegt mein totes Kind ... Und jetzt beginnt für mich die tote Pflicht, die keine Pflicht mehr ist ... Und nun lassen Sie mich! Ich will mein Kind wenigstens im Tode noch einmal ganz allein besitzen – denn ich habe sie doch ganz allein geliebt ... Leben Sie wohl!« Während die Wagen angespannt wurden, standen Falkner von Öd und Modeste Romeit in der geöffneten Haustür. Mitternacht war längst vorüber. Am weißen Himmel frostglitzernde Sterne. Die Blumenbosketts des Gartens sandten den letzten weichlichen Resedageruch. Es war wie ein Kirchhofshauch. »Diesmal hat's doch gereift,« sagte er gleichgültig. Modeste sah ihn nur wortlos an. Noch immer dieselbe stutzerhafte Eleganz, dasselbe unbewegliche Monokel. Aber das Gesicht war verwittert derweil. Er rieb sich die Hände. »Kalt ... Eisig kalt! ...« Die junge Frau zuckte die Achseln. »Ja, meine gnädige Frau, man wird alt, denkt nur noch an sich.« »Aber ich bitte Sie, Herr von Falkner, in solcher Stunde!« antwortete sie nervös. »Weil jemand gegangen ist, noch ehe er die letzte Enttäuschung erlebte? – Das sollte uns neidisch machen, aber nicht traurig ...« »Hat das Judith um Sie verdient?« fragte Modeste bitter. Er lächelte kühl. »Nachdem ich meine besten Jahre einer Illusion geopfert habe, soll ich da gleich wieder von vorne anfangen? ... Ich weiß sehr wohl, daß ein reines, edles Geschöpf gestorben ist, dem ich niemals wert gewesen wäre, die Schuhriemen zu lösen,« fuhr er ernst fort ... »Aber was hat mir das schließlich genutzt? – Und im Grunde unsers Herzens sind wir alle Egoisten – Sie zu allererst, meine gnädige Frau! ... Nur mit dem Unterschied, daß Sie den Egoismus an der vernünftigen Stelle haben, wo er Sinn hat, wo er Leben schafft ... Ich bin fertig, so fertig, daß ich nicht einmal einer vornehmen Wallung mehr fähig bin. – Oder können Sie verlangen von einem verbrauchten Menschen, daß er die ekle Schlackenkruste mit einem Ruck sprengt, wieder er selbst wird – während er in Wahrheit doch nur noch Schlacke ist? ... Wähnen Sie nicht etwa, daß ich scheunigst gehe, die einzige vernünftige Konsequenz meines Lebens endlich zu ziehen! ... Im Gegenteil – ich werde noch lange leben, ungefähr wie ein vermorschter Erlenstumpf im Sumpf. Man hält ihn schon längst für tot, und er vegetiert immer noch ... Ich habe auch gar keine Ambitionen auf den Himmel, wie andre gute Menschen und reuige Sünder. Der Himmel ist mir ein degoutanter Aufenthalt mit all seinen Moralfatzken und tugendhaften Gänsen. – Nein – in diesem Punkte bin ich wie mein Onkel, der sich die Predigt verbat und den Grabschmuck! Ich will ein ruhiges Grab, aus dem mich auch das Jüngste Gericht nicht scheucht ... Man hat so Lieblingsvorstellungen. Meine ist seit einiger Zeit: an der See zu schlafen mit dem gleichmäßigen Auf und Ab der Brandung, und der Dünensand über und um einen unaufhörlich rinnend, ohne Ziel, ohne Zeit ... Ich bin eben ein alter Mann.« Darauf starrten sie beide hinaus auf die litauische Ebene, die so tot und stumm sich streckte wie die Wüste. Der Neumond sank, sein Gespensterlicht verblich ... Die Wagen fuhren langsam vor. Aber die Romeitschen Braunen wieherten froh, während die Falknerschen Füchse abgetrieben den Kopf senkten. Falkner von Öd reichte Modeste die Hand zum Abschiede. Schon auf dem Tritt, während er die Fahrhandschuhe zuknöpfte, rief er noch einmal hinüber zu dem andern Wagen: »Da haben Sie ja das beste Exempel – meine und Ihre Pferde ... Allerdings bin ich von Insterburg durchgetrabt. Die Welt dreht sich eben. Und vielleicht ist es gut, daß sie sich dreht.« Modeste wurde es ganz dumm im Kopf, während sie so dahinfuhren. Vorn der Eyseliner Jagdwagen, die abgejagten Tiere im müden Trab – dahinter ihr eignes Gespann, das nach Hause drängte. – Aber wenn die Füchse in Schritt fielen, parierte auch der Ellersche Kutscher sofort zum Schritt durch. Es war die Hochachtung vor dem Baron und dem Herrenhaus, die den Leuten nun einmal angeboren. Wo der Weg nach Eyselin abging, hielt Herr von Falkner und stieg aus. »Warum sind wir eigentlich nicht in einem Wagen gefahren?« fragte er mit spöttischer Verwunderung. »Es wäre wahrscheinlich pläsierlicher gewesen ...« Dann zeigte er nach Barginnen hinüber, wo noch alle Lichter flammten. »Die haben offenbar noch nicht ausgefeiert! ... Möchten Sie zurück?« »Nie!« »Das ist recht, meine Gnädige ... Ich möchte auch nicht mehr zurück ... Aber die Siegerin sind Sie! Wir andern alle sind Besiegte ...« Er nahm denselben weißen Karton aus der Tasche, den er auch Frau von Bussard gereicht. »Lesen Sie ruhig und denken Sie Ihr Teil! ... Behalten können Sie das Dokument auch ... Sie sollen mich nicht etwa verstehen. – Ich verstehe mich ja selbst nicht mehr. – Aber wenn einmal Liebhabertheater gespielt werden sollte in Ihrem Hause – dann können Sie den Wisch nutzbringend verwenden ... Nun bin ich auch endlich dieses Andenken los ... Adieu.« Er schritt müde zu seinem Wagen zurück – sie aber fuhr weiter nach der neuen Heimat. Unterwegs entfaltete sie ohne Neugierde mechanisch das Papier. – Es war eine kurze französische Geburtsanzeige. Darunter ein Name, schwindelnd vornehm, aber von ganz fremdem Klang. – In einer Ecke von Frauenhand gekritzelt: »O mein Freund, was bin ich doch glücklich! ... Das Schicksal hat alles so wunderbar gefügt. Den ich einst haßte, bete ich jetzt an ... Oh, es war doch sehr gut, sehr gut! ... Wissen Sie noch? – Ich fahre manchmal entsetzt aus dem Schlummer ... Wenn, wenn ... Es wäre ja gewiß schön gewesen – aber so ist es doch besser ... Was hab' ich Angst ausgestanden, daß Sie mir doch noch einmal schreiben könnten und er den Brief finden! ... Sie sind natürlich längst glücklich mit einer andern ... Sie haben das leichte Blut, das vergißt. – Ich vergesse nicht – niemals ... Aber schicken Sie mir unter allen Umständen meine Briefe zurück! ... Das Heiligenbild aber, wie Sie es nannten, behalten Sie zum Andenken an einen reizenden Rivierafrühling ... Ich liebe übrigens ›Veilchen‹ nicht mehr ... Das Parfüm hat so was Gretchenhaftes – und ein Gretchen, mein lieber Freund, bin ich eben nicht mehr ... ›Er‹ wird bestimmt Botschafter in Petersburg – und ich hoffe zur Saison wieder ganz au fait zu sein ... Beantworten Sie diesen Brief, bitte, nicht! ... Und empfangen Sie einen letzten freundschaftlichen Händedruck von Ihrer überglücklichen Marguérite.« Modeste sank die Hand. Das also war das Gnadenbild, zu dem der Sünder immer reuig zurückkehrte! Und sie wandte instinktiv den Kopf zurück, wo Eyselin und Barginnen immer kleiner wurden, schemenhaft – verrinnend wie ein Spiel der Phantasie. Aber als sie wieder vorwärts blickte, da erkannte sie so deutlich das kleine Wohnhaus, und ein einsames Licht leuchtete ihr entgegen – und immer wärmer und heller, je näher sie kamen ... Und es berührte sie wunderbar, wie alles, was ihr einst groß geschienen, auf einmal so klein wurde, zusammenschrumpfte – tot, lichtlos, zerrinnend ins Nichts. Aber das Kleine wuchs und wuchs und strahlte hell und licht, als zeige es ihr den neuen Lebenspfad. Und als sie auf den Hof fuhren, sprangen froh wiehernd die kleinen krummen Klepper – und als sie vor dem Wohnhaus abstieg, stand Herr Romeit auf der wackligen Holzveranda und sagte: »Endlich! Ich wollte schon nach Bussardshof reiten ... Guten Morgen, Schatz!« Und drinnen in dem warmen gemütlichen Zimmer dampfte die alte Berzeliuslampe, auf welcher der Inspektor Romeit dem Fräulein vom Schloß einst Tee gekocht. Und der Duft von alter Heimat und junger Liebe füllte den Raum. Modeste erzählte von dem rührenden Tod und der öden Fahrt. Und sie wollte weinerlich werden über das Stück glückloser Menschheit, das wie ein langer banger Schatten heute an ihr vorübergezogen war. – Und sie konnte nicht weinen, so schwer ihr auch das Herz. Jung und stark, wie sie war, glitten Tod und Schicksal doch nur wie Gespenster an ihr vorüber, die man nur anzurufen braucht, und sie zerflattern in nichts. Und dann küßten sich und freuten sich die beiden jungen, liebenden Menschen und freuten sich angesichts des Todes wie törichte Kinder. Und das Leben gab ihnen recht! »Übrigens ist ja noch ein Brief für dich da – ein Geschäftsbrief. Er sieht wenigstens so aus ...« Modeste hielt das Kuvert mißtrauisch gegen das Licht. »Morgen, Schatz, morgen! Es ist ganz gewiß kein Liebesbrief.« 27 Es war in der Tat kein Liebesbrief! Ein Rechtsanwalt aus Königsberg teilte mit, daß ein Herr Lindt von Barginnen auf Barginnen die Errichtung eines Fideikommisses beschlossen habe, dergestalt, daß das Gut und gleichnamige Schloß nach seinem Ableben als Majorat auf seinen Enkel Grafen Dagobert von Axsil übergehen solle mit der Bestimmung, daß der jedesmalige Besitzer den Namen Lindt von Barginnen vor dem eignen zu führen habe. Den beiden älteren Töchtern des Erblassers: Erika, Gräfin Axsil, und Frida, Freifrau von Mieritz, sei die entsprechende Summe in Wertpapieren und mündelsicheren Hypotheken ausgesetzt, während der jüngsten Tochter Modeste, verehelichten Romeit, die in offenbarer Auflehnung gegen die väterliche Gewalt dauernd gehandelt habe, nur ein Pflichtteil zustehe in der Höhe von siebenundzwanzigtausend Mark, welche Summe der Erblasser freiwillig auf dreißigtausend Mark abgerundet habe, jedoch mit der ausdrücklichen Klausel, daß etwaige Ansprüche an das großmütterliche Erbe als ein für allemal erledigt erklärt werden müßten. Die Originalurkunde des Testaments sei während eines Monats bei dem Unterzeichneten täglich in den Bureaustunden einzusehen. Justizrat X. X. Der alte harte, eitle Schurke starrte aus den Zeilen. Überall die Klausel, die Hintertür – der gemeine Geschäftssinn des Wucherers mit der lächerlichen Blindheit des Parvenüs gepaart. Modeste hatte nie etwas andres erwartet. Dennoch sank ihr die Hand. Ihr Gatte stand verlegen dabei. »Also darum all die hellen Fenster gestern,« sagte Modeste leise, »darum ... Man feiert das neue Fideikommiß ... Eingefädelt hast du die Sache ganz gewiß nicht, mein lieber Schwager Axsil – dafür bist du doch zu vornehm! ... Dazu hast du ja auch eine Frau – eine sehr gute Frau! ... Aber daß du es doch für deinen Sohn nahmst, weil sie dich drängten, das war nicht schön, das hätte ich dir nie zugetraut!« Ein harter, höhnischer Zug flog dabei um ihren Mund. »Du willst wieder klagen,« erwiderte Herr Romeit etwas nervös. »Ich seh's dir an ... Gewiß – aber mir ist's gräßlich! ... Warum wühlt der alte Mann uns wieder alle häßlichen Gefühle auf? – Solange wir nichts hatten – manchmal weniger als nichts –, sind wir glücklich gewesen. Du auch, Modeste – du erst recht! ... Jetzt fängt die alte Leier wieder an ... Aber recht hast du schließlich, Modeste! Es ist ja auch wegen der Kinder und allem. Und wenn du auch die Ausgestoßene bist – du bist's doch nur wegen mir ... und im Grunde deines Herzens bist du doch besser als die ganze Gesellschaft!« Er warf den Brief zornig auf den Tisch. »Ich möchte, weiß Gott, es regnete mal wieder Pech und Schwefel!« Modeste schien ihn kaum gehört zu haben. Sie sah sich scheinbar interesselos in dem Zimmer um, wo die Kinder spielten, wo der Jagdhund philosophisch am kalten Ofen lag, wo die ganze schlichte, ehrliche Einfachheit des alten Eller noch jetzt die Luft erfüllte mit einem warmen, altväterischen Hauch. – Dann ging sie langsam auf und ab, die Augen auf dem Boden. »Ich möchte schon prozessieren! ... Denn arm sind wir schließlich heute noch – wenigstens wenn man an die Kinder denkt, und daß man auch früh sterben könnte ... Denn die dreißigtausend Mark – und wenn ich sie so nötig brauchte wie das Leben – die kann und will ich nicht nehmen! Das hieße feige kuschen, sich selbst unehrlich machen ... Und kuschen tue ich nicht, auch für meine Kinder nicht! ... Wie ich nun einmal bin, sagt' ich ihnen doch lieber: das ist euer Großvater, und das sind eure Tanten – und man soll sein eignes Fleisch und Blut achten und ehren, solange man kann –, ich aber wünsche, daß ihr lieber betteln geht, als daß ihr von jenen nehmt, und daß sie euch lieber verwünschen, als daß sie euch segnen in euerm Leben! ... Und das wäre richtig, und das wäre konsequent – und anständig verhungert ist noch immer vornehmer gewesen als unanständig geschlemmt ... Aber zu guter Letzt bin ich doch ich, schiele nach dem Gelde, nach der Vergangenheit ...« »Dann laß doch den ganzen Krempel zum Teufel gehen!« rief er. »Und sieh mal, Modeste – wir sind ja noch so jung, wir können arbeiten ... Ich jedenfalls bin es nie anders gewöhnt, und du bist's ja auch gewöhnt! ... Das andre Geld ist schmutzig, schmutzig – sage ich dir!« – Sie nickte wie geistesabwesend. »Schmutzig – schmutzig ... Gewiß! – Aber schmutzig ist schließlich alles Geld. Und wer fragt heute noch danach?« Sie streichelte die beiden Kinder, die verständnislos vom Spiel aufsahen. »Warum sollt ihr denn durchaus die räudigen Schafe sein? – Und ihr seid doch gewiß Kinder der Liebe im besten Sinne! ... Und der talgige Dagobert Axsil durchaus der große Herr? – Und es ist doch kein Saft und keine Kraft gerade in dieser erbärmlichen Vernunftehe!« ... Dann schüttelte sie wieder den Kopf. »Ich weiß nicht: soll ich nun den Prozeß riskieren und vielleicht verlieren – für mich? – Oder soll ich das Geld nehmen – für meine Kinder? ... Mütter haben sich schon ganz anders gedemütigt ...« Da zuckte sie aber auch schon zusammen wie bei einer ekeln Berührung: »Nein, das Gnadengeld, das nehm' ich nicht! Und was ich auch den andern hinter meinem Rücken heißen mag, vor mir selbst wenigstens will ich nicht feil sein!« Sie sah wunderschön aus, wie sie so dastand, die Hand geballt, die Augen blitzend. Herr Romeit trat zu ihr und küßte ihr den Nacken mit dem blonden Flaum. »Es tut mir immer weh, Modeste. Aber du bist doch zu mir herabgestiegen! ... Da draußen hab' ich es weniger gespürt – hier fühl' ich's wieder sehr stark! Ich bin doch der Klotz an deinem Fuß ...« Da wandte sie sich jäh um und umarmte ihn leidenschaftlich fest. »Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr! Sondern ich bin zu dir emporgestiegen ... Aber die Lindt ist noch nicht tot in mir – und die muß erst sterben – sie muß!« Darauf begann sie leidenschaftlich zu schluchzen. Er aber küßte sie und streichelte sie. Und die Kinder kamen mit ihrer ungeschickten Rührung. Auch der alternde Unhold erhob sich schnuppernd von seinem Ofenplatz. »Du mußt's beschlafen, Schatz!« tröstete der Mann. »Und wozu du dich dann entschließt, das wird auch das Richtige sein! ... Ich kenne dich doch! Ich mache vielleicht den Skandal, werde wild – aber die es durchreißt schließlich, das warst noch immer du!« Da lächelte Modeste wieder. »Du bist doch ein Phantast! Ich hab's immer gesagt ...« »Bin ich auch!« lachte er. »Denn wenn man das Leben in das traurige Rechenexempel auflöste, wie es in Barginnen Mode ist ... Nein, so elend und so nüchtern ist das Leben, Gott sei Dank, doch nicht!« Da richtete Modeste sich von seiner Schulter auf. »Und soll's auch nicht werden! ... Jetzt aber, Schatz, wollen wir von etwas ganz anderm sprechen ... Du wolltest doch immer nach Tilsit auf den Pferdemarkt ... Brennst ja drauf! Und ich seh' dich doch noch als großen Remontezüchter sterben ... Da aber jemand doch noch mal an den Rhein muß, so will ich dieser Jemand sein. So lange hat ja die andre Angelegenheit Zeit. Und vielleicht kommt guter Rat wirklich einmal über Nacht.« Die Geschäfte am Rhein hatten viel länger gewährt, als Modeste geglaubt. Jetzt war sie auf der Rückfahrt. Endlich! Sie sehnte sich nach der Heimat. Bei Wiesbaden hatte noch ein milder Spätsommer ins Coupé gelächelt, doch nach Berlin kroch bereits ein eisiger Herbst durch die Fensterritzen. – Es war der Nachtkurierzug. – Modeste, von der langen Fahrt auf harten Bänken mißgestimmt, fröstelnd, erhob sich, durch den Außengang zu wandeln. Die Herren, die da noch rauchend und träumend lehnten, schauten ihr alle nach. Sie aber schlenderte gleichgültig den ganzen Zug entlang bis zu dem Erstklassewaggon mit seiner weichen, staubigen Matratzenluft. Die Vorhänge bereits geschlossen, dahinter gedämpftes Licht, Ungewisse Schatten. ›Hier ist es doch besser als »dritter«!‹ dachte sie mit dem Neid der Müden. ›Aber ob sie so viel glücklicher sind?‹ ... Da wurde dicht an dem Fenster, wo Modeste stand, ein Coupévorhang weggezogen, die Schiebetür stöhnte. Zwei Damen traten heraus, in kostbaren Pelzmänteln, die Gesichter verschleiert. Fremde, vornehme Damen. Dennoch kamen sie Modeste merkwürdig bekannt vor. Die ältere holte ein verknittertes Zeitungsblatt aus der Kuriertasche und reichte es der jüngeren: »Lies! Ich kaufte es schon in Frankfurt. – Jedenfalls nimm dich zusammen! ... Es ist ein Unglück – und zugleich ein Glück. Ich hab's dir ja immer gesagt: ›Un fou, un grand fou – pas plus, pas moins ...‹« Dann zischelte sie auf französisch weiter mit einem halben hochmütigen Blick nach Modeste hin. Die jüngere nahm das Zeitungsblatt, las, las, indes ihr die Hand zitterte. Sie schob den Schleier hoch, nach den feuchtschimmernden Augen zu tasten – schönen, heiligen Augen. Der Moment genügte. Modeste hatte die Dame erkannt, die Falkner von Öds törichte Träume so lange erfüllt. Sie wollte ihr fast leid tun, die Frau, die bei aller Schönheit, bei allem Glanz vielleicht viel ärmer war als sie. Wer kannte denn dieses Schicksal? Und hatten sie nicht am Ende ihr beide unrecht getan damals – sowohl Falkner von Öd als Frau von Bussard? Da stöhnte die Schiebetür noch einmal. Der Kopf eines großen, kurzsichtigen, aber offenbar vornehmen Mannes tauchte auf – ein gutmütig-törichter Kopf. Die Dame, die nicht Zeit gehabt hatte, den Schleier wieder herabzuziehen, lächelte aus feuchten Augen so liebenswürdig glücklich zurück, daß Modeste angesichts dieser Wandlung graute. »Il fait froid, là dehors,« sagte der Mann. »Tu as raison, mon ami,« antwortete die Dame wieder mit einem dankbaren Kinderlächeln, während die Zeitung in ihre Tasche glitt. Die Tür schloß sich. Modeste starrte ihr mit bösen Augen nach. »Und du bist doch eine Dirne!« Dann ging sie langsam zurück in ihre dritte Klasse und dachte, in ihren Mantel gehüllt, über all die seltsamen Zufälle nach, die unser sogenanntes Leben ausmachen. Alles so verlogen, feige! Wo einmal ein heißes Gefühl aufzuckt, immer gleich der nüchterne Wasserstrahl hinterher ... Bei dem Grübeln begann die Müde einzuschlummern, fest, tief, wie nur junge, gesunde Menschen. Sie erwachte erst über den Stimmen von zwei neuen Reisenden, die einander »Guten Morgen« wünschten – breite, behäbige Litauer mit wetterharten Bauerngesichtern. »Was doch die Sonn' jetzt spät aufgeht!« sagte der Dicke und paffte sich eine Zigarre an. Der andre sah nach der Uhr. »Fünf Minuten vor sechs. Gereift hat's auch wieder die Nacht.« Und er sah auf die Ebene, wo träge Morgennebel wallten. »Wo kommen Sie eigentlich her, Batschat?« Der Dicke stemmte den Stock auf. »Aus Eyselin. Das heißt, gestern. Ich hatte nämlich 'nen ›Kleinen‹ genommen und war in den falschen Zug gestiegen. Da mußt' ich schließlich die Nacht in Korschen bleiben.« »Aus Eyselin? – Da ist doch der dammlige Baron?« Der Dicke spuckte breitspurig aus. »War, Männchen, war!« »I, was Sie sagen!« Der Dicke tat einen noch tieferen Zug aus der Zigarre. »Na, lesen Sie denn die Zeitung nicht, Mannchen? Stand doch 'ne ganze Seit' davon!« »Ich war auf 'em Pferdskauf. Fand aber nichts Rechts ...« Der Dicke schnob verächtlich. »Taugen 'en Dreck was, die Füllen heutzutage! ... Aber um auf Eyselin zu kommen: mein Ohm war da früher Oberinspektor. Hat sich gut angemastet auf der Stell'! ... Also vorigte Woch' Donnerstag, paar Tag' darauf, wo das gnädige Fräulein aus Bussardshof begraben wurde, da hatte sich der dammlige Baron so 'n paar Berliner eingeladen zur Jagd – sie mögen auch von selbst gekommen sein. Und hübsche Marjellens dabei, auch aus Berlin. Also – Vorred' gibt keine Nachred' – da haben sie zuerst ein feines Diner gehabt, und dann haben sie gespielt, die Dausende man immer hin und her! Und die Marjellens haben Sekt getrunken und vor Vergnügen immer gequietscht dazu. Ich hab' was gehört von fünfzigtausend Talern, die der Baron verloren haben soll ... Blieb aber immer vergnügt, bis plötzlich eine Marjell nach Selterwasser schreit. – Da sagt der Baron zum Diener – es soll so 'n neuer und 'n Windikus mit einem Arm gewesen sein, den er von der Straß' aufgelesen hat, aber horchen tat er dem Baron wie ein Hund –: ›Bringen Sie mir doch gleich aus meiner Schlafstub' die Rhabarbertinktur mit! Sie steht auf der Kommod'! Es ist nur eine Flasche – und Sie können sich gar nicht irren...‹ Und die Marjell trinkt ihr Selterwasser, und der Baron trinkt seine Medizin. Und wie er fertig ist, da sagt er: ›Donnerwetter, schmeckt das Zeug aber bitter! Das ist ja zum Katzen und Hunde vergiften! ...‹ Und da kommt auch schon der andre, der alte Diener gelaufen, den sein Onkel selig noch gehabt haben soll, und schreit: ›Um Gottes willen, Herr Baron, das war ja das Strychnin für die Füchse!‹ – Und da lacht der Kreth, der Baron, nur und fragt: ›Für wieviel Füchse?‹ – ›Ich glaub' für hundert!‹ – Und da meint der Baron wieder, aber ohne mit der Wimper zu zucken: ›Na, da wird's wohl hoffentlich auch für mich langen!‹ ... Da haben sie ihm denn nachher noch Milch eingegeben und nach 'm Arzt geschickt. Der Arzt kam auch, aber wie gewöhnlich so die Ärzte kommen – 'ne Stund' zu spät ... Dagegen munkelt man, daß die Baronin aus Bussardshof noch im Morgengrauen gekommen wär' und ihm die Augen zugedrückt hätt'. Verlangt haben nach ihr soll er aber nicht! ... Bis hierher hört sich die Geschichte ja ganz hübsch an, aber nun kommt die Dammligkeit: er hat nämlich nie was am Magen gehabt, der Baron, und die Magentropfen sind überhaupt nie im Haus gewesen!« Der Dicke faßte sich nach der Stirn: »Vollkommen dammlig, der Kreth! – Dann haben sie noch nach seinem Bruder telegraphiert, der das Gut erbt und da beinahe in Frankreich leben soll. Der ist sogar Graf ... Kurz und gut, auch die Doktors sind sich einig geworden, daß der Baron reell verrückt gewesen ist! ... Und das ist nicht etwa so hingeschabbert, sondern ich hab's von der alten Mamsell selbst, die zugehört hat, wie er dem Einarm noch diktiert hat: ›Mein bewegliches Vermögen, über das noch nicht verfügt ist, vermache ich den vier Damen, die mir heute die Ehre gaben. Für den, der mein Leben kennt, ist auch dieser mein letzter Wille nur zu verständlich!‹« – Darauf spuckte der Dicke wiederum aus, diesmal aber mit ehrlicher bäuerischer Verachtung. »Das schöne Geld – und den Frauenzimmern!« Modeste aber, der kein Wort dieser Unterhaltung entgangen war, ging hinüber nach dem Speisewagen, weil sie den stumpfen Anblick dieser beiden Bauern nicht mehr ertragen konnte. Im Speisewagen saß sie aus Zufall neben den beiden Damen und dem Herrn aus der »ersten Klasse«, die wie sie ihr Frühstück hier nahmen. Es war Mann, Frau und Schwägerin, wie sie aus der Unterhaltung heraushörte. Und angeekelt im tiefsten Innern, wie sie war, wäre sie am liebsten aufgestanden und hätte zu der lächelnden Heiligen gesagt: »Die Dirne, an welcher der Mann gestorben ist, warst du!« Und der Zug eilte weiter durch die östliche Ebene. Modeste altvertraute Bilder zogen vorüber: die Koppeln mit den weidenden Pferden, die einsamen Gehöfte, der monotone Wald, an ihn gelehnt die verlorenen Holzkabachen der litauischen Kossäten. Und darüber gespannt der weite, weite Himmel mit dem trostlos fernen Horizont. – Und doch war's die Heimat und ihr herber Hauch der Heimatlosen von Herzen lieb. In Insterburg mußte sie umsteigen. Der Bahnhof sehr belebt – meist vornehme Leute. Fremde prunkende Uniform, spiegelnde Lackstiefel. Neben dem Adlerhelm des Gardedukorps der ehrwürdige Landzylinder. Es war, als wenn eine Fürstlichkeit mit dem nächsten Zuge passierte. »Ist der Kaiser in Rominten?« fragte Modeste unwillkürlich den Gepäckträger. »Ach, Sie meinen von wegen die vielen Menschen! ... Die warten alle auf den Zug nach Tilsit. Der Herr Baron aus Eyselin wird heute begraben.« Da konnte Modeste nur bitter lächeln. ›Wie viel Menschen um einen Menschen, der sich nie aus den Menschen etwas gemacht hat!‹ – Den Lebenden hatte keiner recht leiden mögen; den Toten hätten sie am liebsten alle zur Gruft getragen. Es war eben der exklusive, vornehme Mann, den gekannt zu haben gewissermaßen zum guten Ton gehörte. Und da erkannte Modeste auch schon gar manchen: die Murrmanns, die Gadebuschs, welche die Vorübergehende eisig anstarrten – die kleine Frau Pescatore, die sich hinter ihren Mann versteckte. Weiter ihren Schwager Mieritz, der den Gardehelm wieder trug und den Stern von Barginnen wohl längst vergessen hatte. Modeste blieb kalt und gleichgültig zwischen den Menschen stehen, zu denen sie einst gehört hatte und doch nicht gehört hatte. Sie sah sich auch nicht um, wie der alte Lindt jetzt näherkam, noch immer ungebeugt und würdig, und einem großen Kreise ehrfürchtig Lauschender seine Ansichten über Agrarpolitik entwickelte. Sie wollte ihn nicht sehen! – Aber unwillkürlich schielte sie doch beiseite, ob sie in dem vornehmen lispelnden Feudalen den Vater wieder erkennen könnte, dem sie doch einmal Tochter gewesen war. Es war ihr seltsam ums Herz ... Aber nur ein hartes, kaltes Auge starrte zurück, und eine eisige Stimme sagte: »Es gibt, wie gesagt, räudige Schafe in allen guten Herden sowohl wie in allen guten Familien – aber mit diesen räudigen Schafen muß eben aufgeräumt werden.« Es war unsicher, wem dieser Ausspruch galt, aber Modeste wandte sich wie zur Antwort jäh um, so daß Vater und Tochter Aug' in Auge standen. Sie, welche die Feigheit der Nerven nie gekannt hatte, kannte auch die Feigheit des Herzens nicht mehr. Sie hatte gesiegt, sie brauchte diese Menschen nicht, war sie selbst geworden. Unwillkürlich schlug der Alte das Auge nieder vor ihr. Und als jetzt der junge Herr von Häwel, der immer harmlos gewesen war, die Hand nach dem Helmschirm hob, wandte sie sich grußlos ab. – Sie wollte auch diese Erinnerungen nicht mehr. Und dabei fühlte sie deutlich, wie die neugierigen Blicke und die geschwätzigen Zungen ringsum stachen und wie all diese alten guten Freunde nur auf den Zug warteten, um, die Köpfe zusammengesteckt, von dem Stern von Barginnen zu erzählen, der schon so jäh und so lange erloschen war. Und sonderbar! Unter dieser Woge von feiger und dummer Verachtung fühlte sich Modeste größer werden, stärker, schöner, gewissermaßen emporgewachsen über all diese blendenden Nichtigkeiten des Lebens umher. – Und auch die andern mochten spüren, daß erst jetzt die schöne Sünderin sich zur vollen Blüte entfaltet hatte, während sie selbst schon vertrocknet waren im Trieb. Als der Zug eben abfuhr, kam eine schwarz verschleierte Dame auf den Perron. Die Leute aus dem Zuge grüßten und winkten. Es war Frau von Bussard, die aber nicht mitfuhr. Sie bemerkte Modeste und fragte verwundert: »Sie hier?« »Ich komme vom Rhein. Ich wußte nicht ...« »Ja, ja, Falkner ist tot ... Fragen Sie mich nicht nach den Einzelheiten! Es ist alles wahr ... Wenn's nur nicht gerade nach dem Begräbnistage von Judith gewesen wäre ... Aber schließlich verstehe ich es auch. Wenn der Ekel allmächtig wird ... Er hat gelebt wie ein Narr und ist gestorben wie ein Narr. Warum sind wir eigentlich alle Narren? ...« Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Ich bin mit Absicht zu spät gekommen. Ich wollte nicht mit zum Begräbnis. Ich fahre später mal allein hin ... Er wird übrigens am Haff begraben, irgendwo ganz allein und ohne Kranz, ohne Leichenrede ... Das war außer ein paar Legaten sein Testament ... Wollen Sie übrigens Judiths Grab sehen? – Es ist hier nahebei in einem Dorf, wo meine Familie mütterlicherseits ein Erbbegräbnis hat schon seit der Ordenszeit. Noch gerade zwei Plätze waren übriggeblieben – für Judith und für mich später einmal. Da stört uns keiner, und wir stören keinen.« Wie sie so sprach, war sie wieder die ruhig-vornehme Dame, der das Leben keine Rätsel mehr aufgibt, weil es keine mehr hat für sie. Die Damen fuhren darauf nach dem Kirchhof. Es war ein kleiner Kirchhof mit einem altersgrauen Mausoleum in der Mitte. Sie sprachen beide kniend ein Gebet vor dem blumenbedeckten Katafalk. Aber während die Mutter sich tiefer und tiefer beugte unter der harten Hand der Vorsehung – demütig, wie der dumpfrieselnde Gruftgeruch von Erbbegräbnissen es vorschreibt, war Modeste aufgestanden, aus der Enge des Todes in die Weite des Lebens zu flüchten. Es war ihre Natur so ... Und derweilen sie zwischen den ärmlichen Dorfgräbern hin und her schritt, dachte sie an die Tote hier, an den Toten dort und das Gaukelspiel des Lebens, welches das Liebste vom Liebsten reißt, ohne Zweck, ohne Ziel, nur um es einsam zu betten ... Die goldenen Körner sind eben schwer, darum sinken sie so rasch wieder zur Erde zurück; doch die Spreu des Lebens tollt lustig über den großen Kirchhof des Lebens und fragt nicht und sagt nicht und wird gar sänftiglich von dem leichten Winde getragen und gar freundlich von der milden Sonne gekost, und ob solchen auch nie das Schicksal aus dem Tiefinnern herausquillt, sondern ihnen nur von außen anweht wie ein moderndes Blatt – so deckt schließlich das goldene Korn und die wertlose Spreu zugleich dieselbe Erde und dasselbe Vergessen. Und Modeste blieb stehen und dachte ernsthaft: ›Bist du auch Spreu, nur Spreu?‹ Und vor ihr tat sich wieder die litauische Ebene auf, die weite, mächtige, vom scharfen Herbstwind gezüchtigt, von der roten Herbstsonne überflammt. Und alles schaute kalt und unerbittlich aus wie das Gericht Gottes. Da schob sich ein Arm unter Modestes Arm – es war Frau von Bussard –, und sie sagte: »Grübeln Sie nicht, mein Kind! Das Leben hat recht, immer recht. Und das Leben kennt kein Laster und keine Tugend – es kennt nur sich selbst, es kennt nur die Kraft ... Trauern Sie nicht, Modeste, da Sie zu Ihrer lebendigen Pflicht zurückkehren! Sie sind die einzig Glückliche unter uns, weil Sie die einzig Starke gewesen sind. Sie sind frei geworden, weil Sie mutig das hinter sich warfen, das Sie hinter sich werfen mußten. Sie sind stark geworden, weil Sie das geliebt, was Sie lieben mußten. Und wenn auch ein glatter Pharisäer sagt: ›Aber das stammt ja alles aus der Sünde!‹ – so antworten Sie ihm hohnlachend: ›Gott segne mir diese Sünde! Sie allein hat mich glücklich, hat mich frei gemacht!‹« Modeste starrte eine Weile vor sich hin, als wenn sie doch nicht ganz begriffe: Dann aber nestelte sie mit bebender Hand einen Brief aus der Tasche und zerriß ihn Stück für Stück, daß die Fetzen im Winde tanzten. Und sie sagte: »Teilt euch in den Raub! Ich aber will keine Gemeinschaft mehr mit euch, weder hüben noch drüben ...« Sie reichte Frau von Bussard die Hand. »Jetzt, gnädige Frau, bin ich endlich ganz frei.« Zu Hause aber stand zur selben Zeit Herr Romeit und schnitt Kerzen zurecht zu einer Illumination. Und die Kinder jauchzten, und der Unhold wedelte, als die ersten Lichter aufflammten. Modeste aber standen die Tränen in den Augen – die guten warmen Tränen –, als sie eintrat in das lichte, neue Heim. Und dabei sprach sie vor sich hin wie beschwörend: »Stark und gut ... Vielleicht, Judith, werde ich das doch einmal sein.«