Johannes Richard zur Megede Félicie Aus den Briefen eines Toren Erstes Kapitel. Den 24. Dezember 189.. Mein lieber Gert! Heilige Nacht – sehr spät – und ich noch auf. Es ist die alte Geschichte: Eines Tages werden meine mißhandelten Nerven gänzlich niederbrechen, und dann ist es hoffentlich mit Deinem alten Sorgenkinde Rolf endgültig aus. Sag nichts dagegen! Ob morgen oder in zwanzig Jahren die Katastrophe eintritt, ob das Ende erbaulich oder schmählich – gleichgültig. Mein Satz steht fest: Kein Leben verdient gelebt zu werden. Das klingt nicht gerade Weihnachtlich, und alle unsre guten Freunde, die noch vor Jahresfrist in einer wohlgezielten Pistolenkugel den vernünftigen Abschluß meines verbummelten Daseins sahen, werden heute behaupten, daß ich mich dem jungen Ruhme und der Mitwelt erhalten müsse. Nicht mal ehrlich gemeinter Blödsinn von den Leuten, denen, wenn ich mich morgen abschösse, der Klatsch über die furchtbare Sünde der willkommenste Nervenreiz wäre... Und was den Ruhm anbelangt – so schwach und schemenhaft der meinige auch noch ist – das habe ich schon los: Er hat auch für die Glücklichsten eine verwünschte Aehnlichkeit mit importierten Zigarren. Man raucht sie teurer und immer teurer, bis einem zu guter Letzt auch die lange »Rothschild« fade schmeckt; dauernden Genuß hat von dem Zeug niemand, höchstens einen gewissen Gaumenkitzel. Wenn aber dann der blasierte Gourmet plötzlich auf die »fröhliche Pfalz« zurückkommen muß – ja dann vermißt er freilich das edle Kraut, dann würde es ihm auch schmecken, wo es unerbittlich vorbei ist damit. Mein Lieber, im besten Falle sticht die Sonne des Ruhms, aber sie wärmt nie. Wozu übrigens diese kühl-bittere Vorrede... Mir ist weit eher weinerlich zu Mute. Weihnachten in einem kahlen, kalten Gasthofszimmer – in der Fremde – an dem kleinen, elenden, italienischen Kamin, in dem der einsame Pinienast so kümmerlich schwelt. Ich ewiger Jude sollte mich doch allgemach daran gewöhnt haben. Jawohl! Springe über deinen eignen Schatten! Dreihundertvierundsechzig Tage im Jahr halt' ich ängstlich mein Heimatgefühl begraben und meine brüderliche Zuneigung wohl auch, aber in der heiligen Nacht stehen die Toten auf, so gern ich sie in die Gruft zurückdrücken möchte. Der Sargdeckel springt. Du trittst zu mir und mit Dir die Heimat. So auch heute. Und unheimlich lebendig stehst Du vor mir, mein Bruder – unheimlich. Bin ich auf einmal hellseherisch veranlagt, oder ist's die lumpige Flasche Sekt? Ich trinke viel, doch wer sah mich je betrunken?... Fünf Jahre haben wir uns nicht von Angesicht, zu Angesicht geschaut, und mein karger Dank für Deine langen Briefe war immer nur der flüchtige Ansichtskartengruß. Du schriebst mir, daß Du grau würdest. Aber der hier neben mir steht, ist weiß, schneeweiß mit einem alten, vergrämten Gesicht, in dem die Falten so merkwürdig zittern. Mensch, das kannst Du doch nicht sein – mit vierzig Jahren ein Greis! Schreib, ist Dir irgend etwas Schreckliches passiert, frißt ein ungeheurer Gram an Deinem Herzen? Thorheit! So kann mein solider Bruder Gert nicht aussehen. Jetzt hat sich auch, Gott sei Dank, Dein Doppelgänger empfohlen. Du übrigens mit den grauen Haaren – das ist auch nicht unbedingt nötig, sie werden sich wohl noch bequem zählen lassen. Auf das in »Ehren ergraute Haupt« hätte ich ein Recht trotz meiner fünf Winter weniger. Die Kriegsjahre zählen doppelt, und ich habe doch mein Leben so toll gelebt wie einer. Aber noch kein Silberschimmer auf dem Scheitel, noch keine verdächtige weiße Spitze im Schnurrbart. Da ist der Kerl wieder! – Du bist es, weiß Gott, Gert!... Ich muß meine ganze Kraft zusammennehmen, um weiter schreiben zu können. Du beugst Dich auf mich... nahe, fast zudringlich. Deine Augen suchen mich krampfhaft, bohren sich in die meinen, lassen sie nicht frei. Deine Augen sind's – Deine guten, klugen Augen. Aber es liegt so viel Fremdes drin, so viel Todesangst bei all der warmen Liebe. Schnürt Dir irgend ein Schurke die Kehle zu –und ich muß thatenlos zusehen? Oder werde ich erdrosselt von unsichtbarer Hand, und Du kannst den Arm nicht rühren und die Zunge, nur Deine weit aufgerissenen Augen können im halben Wahnsinn stehen: Stirb nicht, stirb nicht!? Seltsame Vision!... An Zeichen und Wunder glaub' ich nicht. Ich habe von Religion nur das bißchen Aberglauben hinübergerettet. Der quält mich jetzt. Wenn's doch die Zukunft wäre, die ich geschaut? ... Zu guter Letzt, daß es etwas über uns giebt, das leugnet weder der Dümmste noch der Klügste. Es könnte wirklich ein schweres Unglück uns beiden bevorstehen. Denn was Dich trifft, das trifft auch mich und umgekehrt. Das weiß niemand besser als wir beide, und wehe, wenn wir es je vergaßen!... Nein, wir vergessen es nie: darüber bin ich ganz ruhig. Ich seh' Dich noch immer mit schrecklicher Klarheit. Deine Augen wollen irgend etwas in mir bannen und können es nicht. Langsam beginn' ich zu verstehen. Der Mensch, den Du ansiehst, dem möchtest Du das Leben suggerieren, während ihm der Tod auf dem Gesichte geschrieben steht... Also auf mir wird demnach das Schicksal lasten. Aber was könnte das für ein Schicksal sein?... Krankheit, Mißerfolg, Armut? – Der Plagegeister, die uns in den Tod treiben können, giebt's genug. Aber es muß etwas ganz andres sein! ... Denn warum liegt in Deinen Augen bei aller Angst, aller Qual, bei dem mächtigsten Willen zu meinem Leben etwas Deiner ganzen Natur Fremdes: der Neid? – Mir fehlt die Brücke des Verständnisses. Ist Dein Doppelgänger hier nicht ein höllischer Trug, dann gehe ich an einem Schicksal zu Grunde, vielleicht an einem Gefühl, so groß, daß selbst Du es mir nicht gönnst. Fasse das übrigens, bitte, nicht tragisch auf! Es soll Dir nur ein Zeichen sein, wie intensiv ich an Dich denke. Ich bin eben der Stimmungsmensch par excellence . Zum sogenannten Künstler paßt das ja auch vorzüglich. Nun zu den Realitäten. Das Vierteljahr im Modesanatorium war teuer und nutzlos. Zwei Aeskulapjünger befühlten und beklopften mich eine Stunde und wollten durchaus wissen, ob unsre Großväter sich auf Grund ihrer Sünden oder ihrer Tugenden sehr früh ins Jenseits empfohlen hätten. Dann wurde ich gewogen. Der Oberpriester kam und versicherte mir nach einem Händedruck, daß ewig kalte Extremitäten unnatürlich und dunkelblaue Anzüge luftundurchlässig seien. Ich aber halte die Farbe der Treue (in Tuch) sehr hoch und werde demnach an der edelsten germanischen Charaktereigenschaft zu Grunde gehen. Sehr viele kleine Mädchen könnten bitter lächelnd das Gegenteil beschwören – eine würde dabei sogar herzbrechend schluchzen. Ein Engel, lieber Gert, war ich eben nie. Hier wollt' ich es werden. So stieg ich denn gehorsam von einer Wanne in die andre, badete Luft, Sonne, Sand und ertrug bei der Table d'hôte als gelinden Vorgeschmack des Fegefeuers einen rothaarigen Brillenjuden aus Lodz, der die Gemüse mit dem Messer und das Pfirsichkompott mit dem Zahnstocher aß. Als er ging, ging ich auch; ich hatte mich so hübsch dran gewöhnt, immer gefragt zu werden, ohne je zu antworten. Er mag einen merkwürdigen Begriff von meiner Nation bekommen haben, ich von seiner auch. Kurz und gut, ich war es endlich müde, nur Nr. 2441 in diesem Sanatorium zu sein, was meines Vaters Sohn nie liebte. Als Neurastheniker kam ich und ging ich. Freunden empfehle ich die Kur dessenungeachtet sehr warm. Ich autorisiere Dich, Gert, bei Deinen lieben Gutsnachbarn dasselbe zu thun. Es fiel auch gerade der erste Schnee von einem grauen, trostlosen Novemberhimmel. Während er sich in zähen Schmutz verwandelte, packte ich. Als ich abfuhr, klatschte eine Sündflut auf das Verdeck meiner Gepäckdroschke. Gen Italien! Sonst pflegte ich meine Romfahrt zwei Monate früher anzutreten. Erst wollte ich auch nach der ewigen Stadt selbst, wo ich mein Atelier noch immer beibehalten habe. Rom bleibt Rom – und ein Sonnenuntergang in der Campagna von der Cäcilia Metella aus gesehen – wenn so die Albanerberge violett schimmern und die Stadt in einem Lichtmeere versinkt – und die reine Luft und die einsamen Pinien und die zerbröckelnde alte Welt in dieser uferlosen Ebene. Malen kann's keiner, geschweige denn beschreiben. – Und der Abendwind raunt mir dann immer so uralte Geschichten zu. Schön ist's wohl, einzig – aber mich umspinnt dann auf einmal eine so trostlose Traurigkeit, daß ich mich eile, ins Café Araguo zu kommen, zu dem elektrischen Licht, den Zeitungen und den schwatzenden Römerlingen... Eine große Zeit, ein großes Volk – und was ist geblieben? Wenn man nachdenkt, da legt sich über alles der graue Schleier. Das ist der Fluch meines freien Berufes, daß er die Stimmungen nährt, statt sie zu töten. Ihr seid weit besser dran mit Eurer täglichen Fronarbeit und Euren täglichen Sorgen... Nein, Rom nicht! Ich habe da zu viel gedacht und gearbeitet. Mein letztes Bild entstand ja da, die große Leinwand, die eine halbe Wand deckt. Sie hat mir Nerven gekostet, furchtbar viel Nerven. Und wiederum könnte ich stolz sein auf den Erfolg. Erst fünf Jahre bin ich so eigentlich beim Handwerk, und ich habe bereits ein Bild gemalt, um das mich die ganz Großen beneiden. Ich weiß es auch selbst, daß etwas dran ist – ich unterschätzte mein Talent nie – aber so schnell hätte ich mir den Aufstieg nicht gedacht. Und wo ist die Befriedigung? ... Bei mir jedenfalls nicht. Vielleicht bei Dir, obgleich Du das Original gar nicht kennst und auf die matte Photographie angewiesen warst. Daß ihr strebsamen Ostelbier von euren Rittergütern nicht wegkönnt während der Herbstbestellung, das weiß ich allein. Du mußt Dir also den Genuß zum Sommer aufsparen, wenn die Johannizinsen glücklich zusammengescharrt sind und bestenfalls ein paar blaue Lappen übrig bleiben für die Reise nach Berlin: Lehrter Bahnhof, Ausstellungspalast! – Nein, das Zaudern nehm' ich Dir wahrhaftig nicht übel. Denn Deinen Bruder Rolf anerkannt, ja groß zu sehen, das ist Dir wirklich Genuß. Und wie freundlich wirst Du es meinen agrarischen Freunden unter die Nase reiben... »Mein Bruder Rolf, der das berühmte Bild ›Die Liebe‹ gemalt hat... Sie wissen doch noch, lieber Phili, daß Sie ihm ein ganz andres Ende prophezeit hatten«... u. s. w. Du wirst ganz sicher übertreiben, Gert, und aus den zwanzigtausend Mark, die man mir für die Leinwand bot, deren fünfzigtausend machen. Schadet nichts! Solche Lügen selbstloser Bruderliebe sind dem Herrgott wohlgefällig ... Vielleicht ist auch Deine Frau befriedigt, von den Zeitungskritiken wenigstens. Meine Schwägerin und ich haben uns sehr gern, wenn wir nämlich mehrere tausend Kilometer räumlich getrennt sind. Und sie schrieb mir auch einen sehr netten Brief, wo sie ›Die Liebe‹ sehr interessant findet bis auf die Nacktheit: »Ich hätte ein reineres Empfinden verspürt, wenn die beiden Gestalten bekleidet gewesen wären, mein lieber Schwager« ... Solchen Einwand von englischer Prüderie verstehe ich nicht, namentlich von einer Landfrau aus dem Osten nicht. Nacktheit ist Reinheit. Nacktheit ist das Menschlichste und Göttlichste zugleich. Die Sünde ist nie nackt – immer halb angekleidet oder ganz. Binde der Venus vom Kapitol ein Korsett um, ziehe ihr einen seidenen Strumpf an – und wozu hast Du die Göttin der Schönheit gemacht? ... Verzeih mir den Ausfall! Mir thut's weh, wenn nahestehende Menschen sich so absolut nicht verstehen. Also weiter im Text! – Da Rom mich zu sehr anregt, beschloß ich, mich von irgend einem närrischen Zufall führen zu lassen. Uebrigens mit überschwenglichen Zukunftsphantasien passierte ich nicht gerade den Gotthard. Ich reiste wie gewöhnlich in der Nacht und war bis Arth in meinem Coupé erster allein. Draußen niedrig ziehende Regenwolken, ein blasser Mond. Das Coupé überheizt, mit den gemeinen Polstergerüchen und der stagnierenden Kohlenstaubatmosphäre. Mein Collie saß natürlich neben mir, Kopf auf meinem Knie. Wenn ich mich nicht rühre, das Tier hält's vierundzwanzig Stunden in der Stellung aus. Tip ist mein bester Freund, den ich überallhin mitnehmen muß, weil er bei Fremden verhungern würde. An einen Versuch derart denke ich noch mit Schrecken. Ja, unter den Hunden giebt's noch Charaktere!... Wir waren beide trübsinnig. Er guckte mich an, ich guckte ihn an: Wozu der Unsinn des Reisens? – Ich bin noch nie so ohne einen Schimmer von Illusion gen Süden gefahren. Sonst hatte man doch noch manchmal das Vorgefühl von reizenden Abenteuern, denen man entgegeneilte, von fabelhaften Möglichkeiten in Glück oder Unglück. Tempi passati! ! An diesem 21. November wußte ich ganz genau, daß ich keinem Schicksal entgegenfuhr. Natürlich ausgerechnet gegen elf Uhr, wo ich mich eben zu einem Schlaf zu strecken gedachte, draußen Gezänk zwischen Schaffner und Passagieren, darauf widerwilliges Oeffnen der Coupéthür. Zuerst klettert ein dicker alter Kerl 'rauf, der getupften Nase nach so besserer Spekulant aus den Gründerjahren. »Guten Abend« – »Bon soir« – »Hm!...« Nun die Gattin, Maurerpolierstochter mit gemeinen Füßen. Weiter die Tochter, hübsches Mädchen – höhere Töchterschule, seidene Unterröcke, gute Partie für skrupellose Kavallerieleutnants fern von Berlin. Darauf noch ein alter Kerl, vielleicht Gymnasialprofessor. Als Nachhut eine alte Jungfer mit Goldbrille – die sich mir natürlich gegenübersetzen muß. Noch einige Male »Guten Abend« – konsequentes »Bon soir« meinerseits, also Erbfeind. In die Konversation, die jetzt begann, wurde ich nicht gezogen. Lehne mich blinzelnd in meine Ecke, froh, daß niemand an meiner Hundebegleitung Anstoß zu nehmen wagt, vermutlich aus mangelndem Französisch. Halb im Dusel höre ich noch, wie der Häuserspekulant mit den beiden fremden Coupégenossen irgend ein Kunstgespräch anschneidet – aber glücklos. Jetzt ein halblautes Zwiegespräch zwischen Vater und Tochter: Er: »Nein, liebes Klärchen, ich kann an so was keinen Geschmack finden. Ich verlange was Heiteres oder Erhebendes...« Sie: »Aber Papa, schön war es doch, sehr schön! Und der Professor hat ja auch gesagt...« Ich bin recht müde, bei dem Berliner Jargon nick' ich ein wie nach einem Schlafpulver. Plötzlich fahre ich leicht zusammen, bin ganz wach. »Rolf von den Raben, sonst genannt Freiherr zu North. – So heißt er mit seinem vollen Namen, Klärchen.« Das sagt der Spekulant und diesmal ganz laut für das ganze Coupé. »Ich war doch mit ihm vor drei Jahren in Nizza zusammen – ein unangenehm reservierter Mensch! Schlanke Mittelfigur, sehr brünett und ein häßliches, nichtssagendes Gesicht, auch mit einem ausgesprochen unangenehmen Zuge drin. Die andern Leute wollen jetzt behaupten, es wäre ein Kopf, den man doch nicht leicht vergäße. Na, ich sah ihn auch gleich wieder vor mir, als der Professor uns das Bild erklärte. Mein Geschmack ist, wie gesagt, ›Die Liebe‹ nicht. Und ihn mocht' ich erst recht nicht. So 'n hochmüt'ger Bengel! Und dabei keine Spur von Künstler. Wenn du ihn so siehst oder sprechen hörst – der richt'ge blasierte Leutnant, einer, der mit dem Monocle ins Bett geht. Verrückt ist er auch ein bißchen und reist immer mit so einer großen schwarzen ›Töle‹ – sei froh, daß du ihn nicht kennst! Ich hab' ihn öfters mal ins Gespräch gezogen, damals – er ist ein Laffe, wie er im Buch steht...« »Aber ich möchte ihn doch ganz gern kennen lernen, Papa!« seufzt Klärchen spitz. »Es wäre doch nett, wenn man im Kränzchen erzählen könnte: Ich war einen ganzen Winter an der Riviera mit dem berühmten Baron von den Raben zusammen. Und wie der mir die Cour gemacht hat!...« Der Vater belächelt sein enfant terrible von Tochter, das gar nicht mal so übel ist. Das liebe Kind ahnt nicht, wie nah ihr das Glück. Solche Dialoge machen Scherz – was? Und nicht mal schlecht gezeichnet. Ich kann mich des alten Kerls absolut nicht erinnern! An der Riviera giebt's so viel deutsche Budikerseelen mit und ohne Schnapsnase, daß ich ihn als Nebenmann an der Table d'hôte sehr wohl einmal schlecht behandelt haben könnte. Aber daß mich der Kerl nicht wiedererkennt, wo doch Hund und Monocle so auffällig stimmen. Ich mag ihn wohl durch das bon soir kopfscheu gemacht haben – für lästige Landsleute im Auslande bewährte es sich mir schon oft als probates Mittel. Es kommt übrigens noch »döller«. Wir fahren gerade durch einen Tunnel, wo das Sausen des Zuges das Wort verschlingt und der ins Coupé dringende Qualm die eingenickte Spekulantengattin zum Husten zwingt. Draußen begann das liebe Klärchen wieder: »Meinst du, Papa, ob der Baron sehr glücklich sein mag?... Künstler, berühmt, und außerdem Baron – das denk' ich mir wundervoll! Wer da nicht glücklich sein wollte, der wäre doch sehr undankbar.« »Fatzken sind immer glücklich!« entscheidet knurrend der Alte, der mich entschieden nicht liebt. Da richtet sich plötzlich mein Gegenüber, die alte Jungfer, auf – ihre Brillengläser blinkten mich schon lange feindlich an, so daß ich ein Erkennen fürchtete. Und wie man sich in den Menschen täuscht! Sie sagt ganz aufgeregt: »Nein, der Maler, von dem Sie sprechen, kann nicht glücklich sein!« Darauf der Spekulant bramsig: »Wieso? Ich kenne den Herrn sehr genau.« »Ich kenne ihn nicht, und ich möcht' ihn nicht mal kennen. Aber mag er auch hundertmal so aussehen, wie Sie ihn schildern – innerlich ist er ganz anders. Er ist einer der unglücklichsten Menschen, die leben – das steht mir fest. Kennen Sie sein Bild ›Die Liebe‹ überhaupt genauer? Haben Sie auch nur fünf Minuten einmal den sterbenden Mann angesehen, über den diese wunderbare Frauengestalt lächelnd schreitet? Und da hat Ihnen nicht gegraut?... Nun, mir hat gegraut und vielen mit mir! Wer die Liebe so malen konnte, der muß sie auch einmal so unsagbar schwer empfunden haben wie dieser Sterbende da. Das mag vielleicht lange her sein. Dieser Herr von den Raben mag sich durchgekämpft haben – aber er glücklich? – undenkbar! Ich habe nächtelang nicht schlafen können, weil mich dieser brechende Blick verfolgte – und ich hasse die Frau, die mit diesem Holdseligen Lächeln gerade über diesen Mann schreiten kann. Der Sterbende ist er... und die Frau... ich die Frau...« Es war doch wahrhaftig eine Scene, auf die der Künstler stolz sein könnte. Wenn ein Bild selbst diese hysterische alte Jungfer so mächtig packt. Ich erlebte Aehnliches wohl schon. Ich sah vor meinem Bilde in einem schönen Frauenauge eine große, echte Thräne glänzen – und einen Mann, die Zähne fest zusammengebissen, hinstarren, als wollte er sagen: »Das ist ja mein eigen Schicksal«... Aber daß es mein eigen Schicksal sein sollte? Unbegreiflich! Ich kann nicht einschlafen, wie es die andern um mich her thun. Mich flieht der Schlaf, weil eine brennende Scham mein ewig blasses Gesicht deckt. Ich schäme mich, Gert! Was für ein Schauspieler im innersten Kern meines Wesens muß ich doch sein!... Hier sterbe ich an der Liebe – und ich kannte sie doch nie!... Mit heißen Sinnen und eiskaltem Herzen die Frauen zu bethören und die mich liebten, fast zu Tode zu quälen: in dem Metier stehe ich meinen Mann. Wenn ich merke, daß die Frauen meine Neigung ernst nehmen, stoßen sie mich schon ab. Die Liebe ist mir eine Episode, der flüchtige Augenblicksrausch, nach dem man sich thörichterweise von Zeit zu Zeit wieder sehnt, obgleich das Dauernde dabei nur der Katzenjammer danach ist. Dabei habe ich die Frauen nötig, ich würde verschmachten ohne sie. Tötet die Männer sämtlich (Dich ausgenommen, Gert), aber laßt mir die Frauen! Und dabei – ich schreibe das natürlich nur Dir – ist mir das leichte Genre das begehrenswerteste – das naschende, zwitschernde Volk mit buntem Gefieder, das man die Pflicht hat zu betrügen, weil es einen sonst betrügen würde. Aber gerade bei denen habe ich kein rechtes Glück; die durchschauen mich gleich oder fürchten mich. Die verabscheuen ihresgleichen aus Instinkt, die wollen den Gimpel oder den Verbrecher. Kleine Gefühle betrog ich nie – aber in den echten habe ich gewüstet... die Frauen, denen man Seele und Seligkeit nimmt, langsam, zielbewußt, mit erlogenem Gefühl. Die großen Verführer waren immer herzenskalt. Und die Unglücklichen, die bei mir den Augenblick überdauern wollten, gläubig, selbstlos, – denen sagte ich ein freundliches Aufwiedersehen und kannte sie nicht mehr. Es giebt viele Frauen, die mich hassen, andre lieben mich noch immer, – von zweien weiß ich's gewiß. Das ist eine schreckliche Beichte. Aber wer kann gegen sich selbst? Ich leide ja allein an diesem Genuß ohne Genuß. Wer wünschte sich nicht ein großes Gefühl, an dem er meinetwegen zu Grunde geht, das ihn aber doch wenigstens einmal hoch über das ganze Gesindel hob! Ich habe keine Ahnung, wie so ein Gefühl aussehen mag. Wer sich aus Liebe abmurkst, den muß ich meiner Natur nach für verrückt oder dumm halten... Und wenn Du auch höchst weise dagegen sagst: »Kommst auch noch an die Kost, lieber Rolf!« – so antworte ich Dir: »Niemals! Wer so früh anfing, seine Gefühle zu verzetteln, und darin getreulich fortfuhr, auch bei der Orgie noch ein Weiser, den könnte als kindischen Greis wohl die Liebe überkommen wie eine Alterskrankheit, oder die Phantasie gaukelt dem Ohnmächtigen ein wunderbares Bild vor – aber die große, echte, die immer Verschwendung ist –nein, die nicht!«... Mein lieber frére , dem miserablen Souper dieses Junggesellen hier werden die Frauen sicher nicht fehlen, die Liebe jedoch ganz gewiß. Ich schweife ab, wie ich es in jener schlaflosen Nacht im, Gotthardzuge auch versuchte. Trotzdem der Verständige darüber lachen muß ... mir wurde allmählich klar, warum meine Nerven während des Malens bis zum Zerreißen gespannt waren und jede feinste Berührung mein ganzes Selbst durchzitterte. Das war nicht die Idee, nicht der große Wurf, der mit der Ausführung rang – nein, es war mit dem Moment etwas Fremdes, Feindliches in mein Leben getreten; vielleicht hatte mir die Tiberluft ein Gift zugeweht, das der Körper im Fieber ausstoßen wollte und in vergeblichem Bemühen gerade bis in die kleinsten Blutgefäße trieb ... Nervenkrank war ich wohl schon lange... Aber wie kam gerade ich auf die tolle Idee, die Liebe malen zu wollen, ich, dessen Stärke stets die unheimlich scharfe Charakteristik war, aber niemals das Gefühl? Laß ein wunderbares Geschöpf vor mir hergehen – den geringsten Fehler der Form, die unschöne Linie oder was in der Bewegung nicht paßt, das seh' ich unfehlbar, das Ganze aber nehme ich nur langsam auf, fast widerwillig. ... Wie Du mich ja kennst, Gert, ... den absurdesten Gedanken, der mir anfliegt, setze ich durch mit einem Riesenfleiß, während ich bei einem vernünftigen längst erlahmt wäre. Der Einfall mit dem Sterbenden und der Frau, die über ihn schreitet, auf den kamen schon tausend vor mir ... Ich kam im Vatikan darauf, angesichts der Fresken Pinturicchios. In den Prunkgemächern der Borgias sieht eine geschäftige Phantasie leicht Sterbende... in der Burg des Papsttums weht eine beklemmende Luft auch heute. Und da huscht's mir vorüber: die schöne, blonde Lucrezia, über den Leichnam des Herzogs von Pesaro schreitend. Sie schritt sicher nie darüber, sie tanzte lieber vor ihrem Vater Alexander – aber das Lucrezia-Lächeln dieser Frau, ein Lächeln – süß, jungfräulich, in dem sich die abgrundtiefe Verdorbenheit der Zeit so dämonisch spiegelt, – das war der Clou meines Bildes, das brauchte ich für meine »Liebe« ... Wer das Bild sah, das mir damals noch undeutlich vorschwebte, dem sollte ein Schauder über den Leib laufen, nicht vor dem Sterbenden etwa, sondern vor dem wunderbar seelenlosen Lächeln dieser Glücklichen ... Ich schaffe sehr mühsam. Die Gestalten formen sich mir langsam. Es ist immer ein qualvolles Ringen mit dem Gedanken, bei dem ich hundertmal müde werde und doch stiernackig immer wieder beginne. Das Bild muß vor mir stehen, fest, unverrückbar, wenn ich den Pinsel in die Hand nehme. Klänge freilich genialer, zu sagen: »Wenn ich so in der Campagna 'rumbummele, immer den alten Sankt Peter am Horizonte, so weit man auch sein mag, – da umspielen mich die Ideen wie die Moskitos, und den dicksten greif' ich mir behaglich heraus und mach' ihn andern Tages auf der Leinwand dingfest«... Statt dessen schlendere ich in Wahrheit wochenlang durch die engen Straßen Roms, froh, eine einzige Idee zu haben, und die knet' ich mir zurecht, bis sie Form gewinnt, und hauche ihr Leben ein, bis ich jede kleinste Muskel spielen sehe, das Blut unter der Haut schimmern und das leiseste Zucken der Lippen... Denn für mich heißt mein Handwerk Arbeit, schwere, nervenzerrüttende Arbeit – und wer meine Glätte lobt, die Technik hervorstechend, schon als ich begann, der will meinem Talent ein Kompliment machen und macht's nur meinem heißen Bemühen. Ich galt auch Dir früher sicher als genüßlicher Müßiggänger, bis andre gute Leute auf einmal erkannten, daß ich ein zielbewußter Bummler war, der unheimlich scharf sah und zuweilen auch dachte. Aber während ich die »Liebe« malte, da sah ich nichts außer mir, da hatte ich die Augen nach innen. Wenn ich so bei Aragno im Hinterzimmer meinen punch brulé schlürfte zwischen all den deutschen Zeitungstigern, oder wenn ich ein halbes Dutzend Mal den Korso maß zur Müßiggängerstunde... Ich brauchte das Massengewirr um mich her, das dumpfe Rollen der Karossen, den verschwommenen Stimmenlaut, aber nur um meine Nerven zu kitzeln; ich brauchte auch alles, was meine Augen sahen, zu diesem Nervenreiz, so gut wie Gaumen und Nase... Sieh mal, Gert, ich habe mit der »Liebe« gerungen, verbissen, verzweifelt, wie ich noch nie mit einer Idee rang. Und unbegreiflich! – in der Renaissance sollte mein Bild wurzeln, in einer wunderbar nerven- und gewissenlosen Zeit, wo überall die Dolchklinge durchfunkelt, in den lichten Augen Lucrezias auch... Es wurde aber etwas ganz andres draus! Ich habe die Liebe malen wollen als das, was sie für mich war: eine Blasphemie – und ich habe sie gemalt als das, was sie allen ist. Ich that das als ein Schurke, der mit dem Heiligsten spielt... Ja, ja, mein Lieber, die Leute haben recht: so ist die Liebe, so muß sie sein, so schreitet sie über einen Sterbenden hinweg, sie selbst eine Sterbende. Löse mir das Rätsel, wie ich tastend aus zwanzig Modellen die Liebe zusammensuchte – und sie fand? Sieh Dir das Bild selbst an und wiederhole meine Worte: »Ich weiß ja gar nicht, was die Liebe ist!« Meine Nerven sind 'runter. Das wußte ich auch damals und fragte mich, stutzig geworden, fast geängstigt: Was ist das für ein Widerspiel zwischen Sein und Schein in deiner Kunst? ... Ich war froh, daß die im Coupé schliefen und mich niemand beobachtete als der alte Mond, der über die Bergkolosse des Gotthard mit so fahlem Schimmer dahinglitt, daß die Schneehäupter wie riesige Leichensteine emporstarrten aus tiefen Schatten und das Rauschen der Reuß unten sich zu einem Trauerchoral mit dem stampfenden Dröhnen des Zuges mischte. Es war doch eine wunderbare Stimmung über der Alpenwelt – so dunstig, zitternd, feucht. Der Mond ist ein Totengräber, – aber die schwarzen Schatten des Todes verblassen in seinem milden Lichte. Ich liebe den Mond von Zeit zu Zeit, weil er so eine Kirchhofstimmung über die schlafende Welt gießt... man möchte manchmal glauben, wenn man's nicht schon lange verlernt hätte... In jener Nacht hätte ich beinah wieder damit angefangen – die stummen, starren, weißen Riesen sahen mich so eigen an. Wenn man vielleicht einmal vor ihnen kniete und betete aus gläubigem Herzen – ob man sie wohl versetzen könnte?... Was ist eigentlich das Mächtigere auf dieser Welt? Der Glaube oder die Liebe?... Ich bin jetzt im Fahrwasser, ich könnte den Glauben malen als einen Menschen, der unten im Thal in einer Mondnacht im Staube liegt und fleht, die firnumleuchteten Mächtigen möchten seinem Glauben sich beugen. Pygmäenwunsch! Und doch sollte man über ihn nicht lächeln... Vielleicht erhält er die Welt, dieser Glaube. Vielleicht möchte ich wirklich den Glauben malen... Nein, an einer Blasphemie ist's genug. Ich kenne weder den Glauben noch die Liebe. Du siehst, mein lieber Gert, daß die Religiosität der Sterbenden mich zu umspinnen droht. Ein schlimmes Zeichen? Unsinn! Dieser endlose Brief, den Du mit Recht für ein Wunder halten mußt, ist ein weit schlimmeres. Wenn bei Leuten wie mir sich das sogenannte Gemüt regt... Wie übrigens die Welt ist – schlummerte ich kurz vor der Grenze ein, und die andern erwachten. Chiasso! Zollrevision! – Ich stieg aus mit dem Gefühl eines Jungvermählten, übernächtig, verärgert. Die ganze Welt erschien mir so fade, das Gefühl vorhin so blödsinnig, daß ich als einzige Realitäten nur die schmutzige Bahnhofshalle in dem grauen Lichte eines nebligen Wintermorgens anerkannte und allenfalls noch mich mitten drin unter dem Reisepack mit Monocle und Hund, den charakteristischen Enblemen des alten Adels, also ein sehr überflüssiges Möbel der Schöpfung. In dem muffigen Saale der Dogana führte mich der Zufall neben die alte Jungfer. Ihr Gepäck wurde zuerst gebracht – ich half ihr die Riemen lösen... und sie, vielleicht verwundert über diese selbstverständliche Höflichkeit eines Ausländers, dankte überflüssig warm in gutem Französisch. Da trieb mich der Teufel zu sagen: »Gnädiges Fräulein sind im Irrtum. Ich bin vom Scheitel bis zur Sohle Deutscher, sogar Preuße.« »Ach, Verzeihung...« Dann wechselten wir ein paar Reiseredensarten. »Sie wollen nach Nizza, mein Herr?« »Vielleicht. Und gnädiges Fräulein?« »Es ist ein neuer Kurort an der Riviera di Levante... Ihnen sicher unbekannt.« »O, im Gegenteil. Ich habe sogar im Augenblick an dies Nest gedacht. Es liegt unvergleichlich.« »Merkwürdig... Für Vergnügungsreisende bietet es doch eigentlich gar nichts...« Merkst Du was, Gert? Nicht der Bauspekulant allein hielt mich für einen Fatzken... Da kommt auch noch zum Unglück mein Kofferungetüm. Daß R. v. b. Raben groß und breit darauf gemalt ist – wer denkt daran!... Mir war die Situation scheußlich. Natürlich muß auch im Augenblick die Dame hinsehen, erkennen. Ich drehe mich nach der andern Seite. Aber in solch peinlichen Momenten fühlt man alles. Ich fühle, daß sie langsam einen Schritt von mir wegtritt, mich scheu ansieht. Rot mag sie auch geworden sein. Nach einer in die Länge gezogenen Auseinandersetzung mit meinem Douanier wegen des Handgepäcks schiele ich endlich vorsichtig herüber. Sie geht eben, und mit abgewandtem Kopfe streicht sie noch meinem Collie liebevoll über das lange Fell. Ich werde die alte Jungfer in meinem Leben kaum wiedersehen. Und weißt Du, daß mich diese lächerliche Episode gerührt hat? Meinen Hund streichelt sie verstohlen – und meinte eigentlich mich. So etwas können nur Frauen, wie eben nur Frauen das echte Mitleid kennen und nur weibliche Menschen, wie ich an diesem Morgen, sie verstehen. Sie mochte denken: Du armer Unglücklicher! – Und ich schäme mich wieder. Ich hatte übrigens wirklich dran gedacht, nach dem kleinen Rivierabade zu gehen, das sie nannte. Jetzt werde ich mich hüten. Wir würden in demselben Hotel wohnen, uns täglich sehen, und eines Tages würde sie doch sagen: »Kann ich denn gar nichts für Sie thun, Sie lebendiger Toter?« – Und darauf müßte ich ihr doch ehrlich antworten: »Meine Gnädigste, das Leben ist eine Schaubude und die Kunst eine Farce, die man mit Mehr oder weniger gut ausstaffierten Marionetten vorführt, und einer, der auch mit am Puppendraht zieht, bin ich!« – Das schmerzliche Erröten über diese Wahrheit möchte ich uns beiden ersparen. Hältst Du, mein weiser Bruder, solche Begegnungen für Komödiantentricks des Schicksals, das einem durch so etwas die Marschroute vorschreibt? Als früherer passionierter Weidmann werde ich natürlich stutzig, wenn einem zweimal ein altes Weib über den Weg läuft. In Bezug auf das Schicksal bin ich aber andrer Ansicht als viele. Giebt's eins – was ich an einem Frühmorgen von vornherein bezweifle –, so ist einem das Handwerkszeug zu Glück oder Unglück schon mit in die Wiege gelegt mit der Weisung: Wiss' dich! – Wer wie ich einem alten Weibe aus Gemüt oder Aberglauben ausweicht, der macht nicht allein keinen Umweg, sondern er läuft dem Schicksal nur direkter in den Rachen. Also vogue la galère ! In Genua schimmerte das Meer so grau und trübe, die Brandungswelle schwappte so matt auf den Fels, daß ich dem Süden bedeutend weiter entgegenfuhr. Jetzt bin ich hier, das heißt irgendwo. Die typische Rivierabucht – das typische Rivierahotel... ich habe so ziemlich alle Nester an der Alpen- und an der Apenninenküste abgegrast. Der Unterschied ist nur im Intimen. Sonst ist das Meer überall im Licht blau, und die Küste leuchtet weiß; die Männer schinden Maultiere und Pferde, die Kinder betteln um palankas , die Frauen klatschen oder beten. Ich suche Einsamkeit und Arbeit, um abwechselnd das eine mit dem andern zu töten. Und wie lange ich ohne Menschen aushalte, ahne ich noch nicht. Eigentlich habe ich die Menschen bloß nötig, um sie zu verhöhnen oder um sie zu verachten. Aber nötig habe ich sie leider von Zeit zu Zeit. Hier werde ich sie kaum finden. Es sind alles Engländer mit verschwindenden Ausnahmen – und ich hasse die Sprache und das Volk. Das ist das Erbteil Ostelbiens. Wir vom Lande gravitieren doch alle mehr nach Rußland, selbst wenn man, wie Dein Bruder Rolf, schon manches Jahr ohne Genuß und Ziel die Welt durchstreifte. Den Abscheu vor dem Handel und dem daraus erworbenen Reichtum werden wir uns ewig bewahren. Feudal sind wir Rabens, obgleich wir zu Feudalität gar kein Recht haben, speziell ich. Denn zu Hause bei Euch ärgere ich mich über den engen Horizont meiner soi-disant Standesgenossen: bunter Rock, Judenhetze und zwischen der angestammten Dynastie Hohenzollern und der wild aufgeschossenen Bismarck vorsichtig geteilte Gefühle, je nach den Getreidepreisen oder dem Sohn in der Armee. Draußen ärgere ich mich über den zu weiten Horizont, den internationalen Hauch und das verlorene Prestige. In meinen Gewohnheiten hat sonst Westeuropa schon stark abgefärbt: Ich liebe die englischen Anzüge, die englische Eßstunde. Zusammen mit der Bande esse ich aber hier an der Table d'hôte natürlich nicht. Einem Rolf von den Raben gebührt der kleine Separattisch. Essen war bei mir immer miserabel. Trinken vorzüglich. Und von meiner einsamen Warte sehe ich dann mit diabolischer Freude an der Table d'hôte die Wassergläser sich unaufhörlich leeren und füllen. Die Wirte ertragen's ja, und die Kellner die Trinkgeldlosigkeit auch. Sonst herrscht verständig die Gabel, mit der wunderbarerweise die freien Briten nicht die Suppe essen, sondern nur die Kompottsauce. Dazu eine quakende Einsilbigkeit, die niemand verführt, den Nachtisch lange auszudehnen. – Ich grüße niemanden, weil ich keine Bekanntschaften zu machen wünsche. Am Tage streife ich in den Bergen umher. Schönes Wetter. Wenn so die Sonne auf dem grauen Olivenlaub stumpf glänzt und die Nadeln der Pinien ganz dunkel starren, und tief unten das glitzernde, blaue Meer, an dessen hellem Felsstrand die weiße Schaumschlange munter entlang gleitet... Daß dieses Meer auch zürnen kann, wer ahnt das? – Abends bin ich immer auf meinem Zimmer. Ich möchte Dich gern hier haben, Gert. Wir verstehen uns so gut... Ich würde dann auch weniger sinnieren und weniger Regiezigarren rauchen und weniger parfümierten Asti trinken. Lebte ich lange so intensiv im Zeichen dieses Dreigestirns, so nähm's kein gutes Ende. Darum schreibe ich Dir so ausführlich, als wenn Du sogenannte Malerbriefe später veröffentlichen wolltest. Heb sie darum hübsch auf, – denn von der Sorte giebt's wahrscheinlich nicht viel, und die sentimentale Manie, wie ein altes Weib auf Holzfaserpapier Stimmungen zu fixieren, hält schwerlich an. – Am heiligen Abend hatten sie unten im Salon ein Fest. Beschenkte Kinder – Predigt – Singsang ... Die Weihnachtsgefühle habe ich mir als Andenken besserer Tage noch sehr frisch erhalten, aber in der Fremde machen sie mich zum Einsamen. Ich bekam Heimweh, echtes Heimweh ... Darin bin ich Deutscher durchaus, und vielleicht ist's gut. Die heilige Nacht war hier eine Frühlingsnacht, lau, stumm. Aus dem offenen Salonfenster glitzerte der Tannenbaum. Ich ging mit meiner tunesischen Reisedecke ans Meer. Es ist weit. Das war mir gerade recht. Und endlich war ich mutterseelenallein auf meinem Riff, das zerklüftet und ausgewaschen weit vorspringt in die See. Manchmal schlägt die Brandung schäumend über ihm zusammen. Heute war das Wasser ruhig, schwarz, nur ein unhörbares Nagen am Stein. Am Himmel ein einziger, unsicher flimmernder Stern, in der Ferne der neblige Riesenumriß eines Kaps, sonst die schwere Stille einer mondlosen Nacht. Ich hatte mich in meine Decke gewickelt und träumte. Ich träumte von Deutschland und von Dir. Ich stand in einer schneeleuchtenden Christnacht an dem Fenster Deines Herrenhauses und schaute hinein. Deine kleinen Bälger spielten um den brennenden Baum, das Kaminfeuer prasselte. Deine Frau sah ich auch. Du standest etwas abseits, lächelnd – wehmütig lächelnd. Du dachtest an mich ... Ach, was hab' ich Euch doch von Herzen lieb, mein alter Gert, Dich und die Heimat! Du weißt, warum ich sie meide. Wir hatten uns als Junggesellen das ganz anders ausgemalt ... Ja, das Leben hat mir noch alles gegeben, was ich wünschte – aber immer einen Posttag zu spät. Thut das die Vorsehung mit Absicht, oder liegt das in mir selbst? ... Ich selbst sollte an Wunder glauben. Wie oft stand ich nicht vor einer Felswand und kratzte mir stöhnend die Nägel blutig am nackten Gestein – sie kann sich nicht aufthun! – und sie that sich doch auf, im Augenblick, wo ich's am wenigsten meinte ... Ich war noch nie so weich gestimmt wie heute. Und wie dem Friedländer vor Lützen, so zog mein Leben an mir vorüber. Ich bin ein Undankbarer. Es war doch eine schöne Jugend, und wir hatten gute Eltern. Heute weiß ich's, damals murrte ich nur ... Warum brachte man mich übrigens so früh in die Pension? Um die Jugendsünden zu lernen und das Heimweh? Jedes Kind meiner Art in der Fremde denkt, es sei am unglücklichsten. Aber wenn man auch das Heimweh hatte, man hatte doch auch wenigstens noch die Heimat, das Zuhause. Wenn ich denke, wie ich die Tage zählte und die Stunden, bis der Zug fuhr! Das war doch eigentlich das Schönste von den Ferien, dieses herzklopfende Hoffen. Wenn man erst drin saß im Train, dann dachte man mit Grauen schon an die Pension, an die Schule, an die Ferienarbeiten; die Freude war einem vergällt durch den Gedanken: es ist ja so bald vorüber ... Ich würde meinen Sohn doch anders erziehen ... Die Eltern meinten es ja gewiß gut, daß sie Dir einen Hauslehrer mit der Fuchtel setzten und mich, wegschickten, weil ich bald ein Bengel und bald ein Träumer war. Es wurde ihnen selbst schwer genug. Aber der Landgraf sollte unter allen Umständen hart werden! Er wurde auch hart, das heißt, er wurde verschlossen. Aber die stille Kinderfröhlichkeit ging dabei verloren; er lernte nur in der Zukunft leben, das gab ihm die Gegenwart ohne Genuß. Die Jugendlust war bei mir immer ein unverständlich wilder Ausbruch, dem die Depression nur zu bald folgte ... Nein, glücklich war ich nie! ... Und doch glücklicher als heute. In dem grauen Lebenswege waren wenigstens überall kleine Lichter aufgesteckt, die man immer größer sah, als sie waren, und die einen enttäuschten und erfreuten zugleich ... Erst jammerte ich heimlich nach Dir, Gert, dann prügelten wir uns zum Wiedersehn. Nach meiner Mutter sehnte ich mich kindisch – und doch verbitterte sie mir die Ferien am meisten mit fehlenden Taschentüchern und Schularbeiten und düsteren Prophezeiungen wegen meiner Faulheit. Und im Examen ging ich, der Outsider, doch glatt an dem heißesten Favoriten vorüber durchs Ziel. Wenn es drauf ankam, lag keiner so gut im Rennen unter der Peitsche als ich ... Den Vater kannten wir doch eigentlich wenig; er war wohl die weichere Natur. Und wehmütig bleibt's mir doch, daß er gerade sterben mußte, als er mir bis Berlin entgegenfuhr, um den Sekundaner zum erstenmal in die erlaubte Kneipe zu führen mit dem erlaubten Schnitt Bier und der erlaubten Zigarre. Seitdem habe ich genug getrunken und genug geraucht ... Und das Bier schmeckt mir eigentlich in Italien nur, weil es zwei Franken per Flasche kostet. Der Schnitt Bier damals, der hätte anders geschmeckt ... Aber in den bunten Rock hättet Ihr mich nicht stecken sollen! Der Mutter erschien's eben undenkbar, daß ihr jüngster Sohn ohne Sporen und Säbel durchs Dasein gehen könnte. Jetzt thue ich's mit dem Malkasten, und es geht auch. Nein, Rolf von den Raben, der höchstens unwillig befehlen kann, aber nie willig gehorchen, den hättet Ihr laufen lassen sollen, wie er wollte. Keine Angst vor dem Herabgleiten! Außer Dir sah ich nie einen Menschen als ebenbürtiges Geschöpf an – das ist eine gute Schutzwehr gegen den Sumpf. Trotzdem wäre ich in des Königs Rock verkommen oder verkümmert. Ich mußte 'raus, wenn auch zwangsweise nach einer Riesendummheit. Die Mutter war ja schon lange tot, wenn man will, glücklicherweise. Denn jetzt fingst Du meine Erziehung an, das heißt, Du ließt mich unter die echten Müßiggänger gehn, reisen, verschwenden. Leute meines Alters erzieht man eben nicht mehr. Und was bei allen andern falsch gewesen wäre, bei mir war's richtig. Wer malen will, der muß auch sehen gelernt haben. Das ist niemals verlorene Zeit. Hinter Deinem Rücken wurde freilich weidlich über Deine Verblendung geschimpft. Aber wenn Dir jemand zu sagen gewagt hätte: »Na, hören Sie mal, mit Ihrem Herrn Bruder wird das wohl nicht viel?« Du, der Du sonst aus Anlage auf Formen hältst, wärst ihm direkt ins Gesicht gesprungen: »Herr, sind Sie denn ganz des Deuwels?« Jetzt wären wir so weit, die Leute schweigen, nicht weil ihnen das Talent, sondern weil ihnen die Einnahmen imponieren. Ich habe endlich den Beruf, für den ich geboren, ich bin vielleicht der letzte und vielleicht der einzig Berühmte (?) meines Namens!... Ja, Gert, wer für den Strick geboren ist, der ertrinkt nicht, und wer die Heimatlosigkeit mit in die Wiege bekommen hat, dem ist der Beruf nur eine Betäubung und die Arbeit auch und der Ruhm auch. Ich fresse die drei Dinge in mich hinein wie verständige Leute Morphium. Was fehlt mir? Warum liege ich, dessen Ruhm schwillt wie ein Geschwür, auf einer Klippe im Mittelmeer in der heiligen Nacht und stöhne vor unbestimmtem Weh?... Ich muß doch wieder an die »Liebe« denken. Was ich da gab, ohne es geben zu können, das habe ich bitter nötig: ein großes Gefühl. Doch dieser Krater ist so ausgebrannt, daß nur ein Wunder ihn mit neuen glühenden Lavaströmen füllen könnte. Vielleicht haben wir beide uns zu viel Zuneigung gegeben. Zwischen Dich und Deine Frau stellte immer ich mich. Gert, lieber Gert, ich bin Egoist und betrachte es als mein einziges Glück, daß sich dieses Gefühl zwischen Euch beide stellt. Wo bliebe ich sonst? ... Im Auge habe ich stets das Monocle, und um die Nasenflügel zittert die ungemessene Arroganz. Mein Inneres weiß von beiden wenig. Bei mir sucht niemand die Herzensgüte – und ich habe sie doch. Mein Tip, der vernünftig und still wie immer neben mir sitzt und wartet, ist andrer Ansicht. Du und dieser Hund, ihr kennt mich eben allein! Ich stehe auf, zu gehen. Es weht, die Brandungswelle schwillt, vielleicht morgen schon stürzt sie in wilder Woge über das Riff. Ach Gott, wenn mich doch wirklich einmal ein großes Gefühl so überflutete, tosend, wogend, über mir zusammenschlagend wie der weiße Brandungsgischt! Ich will ja gerne darin umkommen – aber ich will's haben. Es war nach Mitternacht, als ich ins Hotel kam. Alles öde, schlafend. Im Vorraum nur der alte, eingenickte Portier. Vor ihm liegt ein Brief. In vager Neugier studiere ich die Adresse, ehe ich den Schnarchenden wecke: ... Á la duchesse de Lièges née princesse de Bragan. Es ist ein vornehmes, steifes Couvert auch ohne das bunte Wappen mit dem Fürstenhut, das auf der Rückseite eingepreßt ist. Mir gänzlich unbekannte Geschlechter. Wohl Nordfranzosen oder Belgier. Du siehst aber, daß es hier noch vornehmere Gesellschaft giebt als Deinen farbenklecksenden Bruder. Und das wird wohl eine abgebrauchte Pariserin sein mit bewegter Jugend oder eine Degenerierte mit englischen Sommersprossen. Alt, jung, was interessiert es mich? ... Aus den Regionen strömt sicher nicht die Brandungswoge, die über dem Ertrinkenden zusammenstürzt ... Fröhliches Neujahr. N.B. Der Unsinn ist etwa nicht in einer Nacht geschrieben. Es sind die weisen Gedanken einer ganzen Weihnachtswoche. Im übrigen die alte Abmachung: Deiner Frau meine verbindlichsten Empfehlungen, den Brief aber unbedingt nur für Dich ... Lièges-Bragan. Schlag doch mal im »Gothaischen« nach, ob es diese erlauchten Fürstengeschlechter überhaupt giebt. Wenn's nur eine Hochstaplerin wäre? ... Jedenfalls weißt Du nun, wie der Traum meines Herzens heißt. Zweites Kapitel Bemühe Dich nicht wegen des Gothaischen! Die Herzöge von Lièges giebt es, und die Prinzen von Bragan auch. Wir haben nämlich die Frau Herzogin mit unsern sündigen Augen geschaut. Es war beim Frühstück und ich gegen meine Gewohnheit rechtzeitig zur Stelle. Die Engländerinnen wallten in langem Zug vorüber. Eine blonde, kokette Trauerwitwe dabei, auf Stöckelschuhen ein kleiner französischer Fuß, also eine entartete Tochter Albions. Dann Pause. Die Flügelthüren öffnen sich besonders weit. Der Oberkellner, ganz Höfling, neigt das Haupt: »Wenn Durchlaucht die Gnade haben wollen, hier Platz zu nehmen.« – Alle Blicke: »Ah!« Auch die Herzoginnen haben die Höflichkeit der Könige. Es schlägt im Augenblick eins. Ich sehe mich halb um, das Monocle-Auge starr. Sie ist wahrhaftig von Geblüt. Die Gestalt wie biegsam, das Gesicht wie anmutig! Sie ißt natürlich auch allein. Zwei Schritte von mir. Wir verbeugen uns halb voreinander – sie tief, ich tiefer. Wenn ich ein Tasso wäre, diese Eleonore ist eine Sünde wert. Aber ich bin keiner, weder unglücklich noch Dichter. Dennoch begegnet mir hier die erste Frau, bei der ich nur Licht sehe und keinen Schatten. Leichtes Genre, wie ich überzeugt bin. Eben deshalb, ihr persönlicher Adjutant à la suite des Herzens möchte ich schon sein. Wie gewohnt beende ich mein Dejeuner von allen zuerst. In der Abschiedsverbeugung nehme ich all die eckige Eleganz zusammen, die mir der Kasinodrill einst gab. Es ist thöricht, eine reizende Begegnung nicht ganz auszukosten, aber es ist meine Natur so. Ich liebe die aussichtslosen Schwärmereien nicht. Den Nachmittag kletterte ich in den Bergen. Sirokkograuer Himmel. Da steigt sich's schlecht. Als ich beim Rückweg die wunderbare Felsstraße hinauf will zu unserm Hotel, sehe ich am Meer die schwarze Schieferklippe ragen. Das Meer lockt mich immer. Ich schlendre die frisch beschotterte Straße hinab, die auch italienischen Pferden eine Qual sein muß. An die Frau von Mittag kein Gedanke, ich vergesse selbst reizende Weiber so schnell. Da sehe ich dicht am Riff eine Equipage halten. Elegante Viktoria mit hochgezogenen Rassepferden, hellblau livrierte Kutscher und Diener auf dem Bock. Ich denke: welch italienischer Grande mag schon jetzt seinen römischen Winteraufenthalt unterbrochen haben? Interessiert mich aber nicht besonders. Ich trete auf die riesige Felsplatte, die von Trümmern bedeckt ist. Erst jetzt bemerke ich, daß ich nicht allein bin. Eine Dame ist noch da, die sich soeben von ihrem Feldstuhl erhoben. Die Herzogin. Ich grüße, sie dankt mit einer wunderbar leichten Neigung des Kopfes. Charme hat sie, wahrhaftig, fabelhaft viel Charme! Dann schaut sie nach dem Meer, wo weit draußen die weißen Segel der Fischerboote unbeweglich liegen auf der öligen Flut. Sie schaut gespannt, die weiße Hand an der Stirn. Wie sie so dasteht, sehe ich sie erst recht: eine feine, schlanke Gestalt, ein blasses Kameenköpfchen, aber nervös, das blauschwarze, schlichte Haar im griechischen Knoten über einem beängstigend zarten Nacken. Von den Augen sah ich nur die lange, weiche, aufgebogene Wimper unter der schmalen, dunkeln Linie der Brauen schimmern. Ich will gehen, weil der ungebetene Gast stört. Da stößt mein Fuß an Geröll. Sie wendet sich um, merkt die Absicht, kommt rasch auf mich zu und sagt im korrekten Deutsch einer Ausländerin: »Sie stören mich nicht! Und wenn ich Sie störe, sagen Sie es mir ruhig.« »Durchlaucht sind zu gütig!« Darauf lächelt sie und macht eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Warum ›Durchlaucht‹? ... Übrigens ... Gaston, portez un autre pliant, vous en avez deux.« Der Diener auf dem Bock beeilt sich, bringt den Feldstuhl. Ich mache auch keine Einwendungen. Das Tête-á-tête entzückt den alten Viveur. ... Sie hat übrigens auffallend große, opalfarbene Augen, liebe, warme Augen, deren Ausdruck bei jedem Lächeln wechselt. So sitzen wir brüderlich bei einander. Sie nimmt das Gespräch zuerst wieder auf: »Durchlaucht, wozu? Das sagen die Leute. Bei Ihnen in Deutschland hätte ich darauf wohl sowieso kein Recht: regierende Herren waren wir nie. Nennen Sie mich ruhig Herzogin, wie ich's gewohnt bin. Als Mädchen war ich Prinzessin. Das klang meinen Ohren eigentlich angenehmer. Ich würde Sie auch einfach Baron nennen. Also Baron von den Rabén ...« Bei meinem Namen errötet sie auf einmal leicht und beißt sich auf die schmalen Lippen. »Was müssen Sie für einen Begriff von mir bekommen! Ich falle fremde Herren auf der Landstraße an, weil sie mir im Hotel unerreichbar sind. Ich wohne nämlich gar nicht da. Ich habe da nur gefrühstückt, weil ich allein nicht essen kann. Und da man neugierig wird, wenn man immer mit seinem Mann allein ist, habe ich mich nach dem Namen des Herrn erkundigt, der ebensowenig wie ich mit der Allgemeinheit etwas zu thun haben wollte. Neugierig bin ich auch wohl von Natur ...« »Sie entzücken mich durch diese menschliche Schwäche, Herzogin.« Wäre ich Leutnant, würde ich unterthänig gefragt haben, ob ich sie nicht vielleicht Königin nennen dürfte. Das dazu gehörige »meines Herzens«, das ergänzt sich eine verführerische Frau selbst. Und Eitelkeit gedeiht auch unter Kronen. Aber hochmütig, wie ein Raben nun einmal ist, thue ich das nicht, sondern erkläre ihr die Geschichte unsers Freiherrntitels und daß ich ihn keineswegs liebe. Ich verstehe in der That noch heute nicht, wie der Vater von dem schrulligen Onkel diesen Titel gerade für uns beide als Anhängsel des zu erbenden Gutes annehmen konnte. Von den Raben: das klingt nach nichts, ist aber etwas; Freiherr zu North: das klingt nach etwas und ist nichts. Wer die Geschichte solcher koburgischen Nobilitierungen aus den sechziger Jahren kennt – und wer kennt sie nicht? –, der muß sich doch immer versucht fühlen, unsereinen zu fragen: »Wie teuer in Thalern Preußisch Kurant kam doch Ihrem Herrn Onkel diese Nobilitierung?« Nee, ich heiße von den Raben, bloß von den Raben, und kann es leider nicht hindern, daß die Leute auf Briefcouverts mich Baron schimpfen. Was heißt das überhaupt heutzutage noch: so ein angeflogener Titel ohne jedes Verdienst?! Wäre ich als Herr Müller geboren, so wollt' ich Herr Müller bleiben mein Leben lang und im Grunde meines Herzens dennoch denken: ›Ich bin zehnmal vornehmer als ihr allesamt!‹ Die Herzogin versteht vollkommen, ehrt auch meine Gefühle, winkt aber dessenungeachtet mit reizender Naivität ab. »Aber nun sind Sie doch einmal Baron! Lassen wir es doch dabei: Ich weiß nämlich wahrhaftig nicht, wie ich einen Edelmann unter dem Baron anreden sollte.« Ich bin's zufrieden... »Herzogin sind zum erstenmal hier?« »Aber nein! Jedes Jahr um diese Zeit kommen wir und gehen nicht vor April. Sonst leben wir in Brüssel, aber nur wenige Wochen, dann auf unserm Schloß in Flandern. Die ewigen Schlösser langweilen mich schon etwas. Dachten Sie übrigens wirklich, ich logierte hier im Hotel?« »Allerdings, Herzogin. Ich hatte sogar meine Hoffnungen auf Sie gesetzt.« »Ich nicht! Wissen Sie, Baron, daß Sie mir einen direkt unangenehmen Eindruck machten? Nachher sah ich Sie mit Ihrem Hunde weggehen, und wie das Tier mit Inbrunst geradezu nach Ihnen aufsah, da dachte ich, vielleicht thue ich ihm bitter unrecht durch mein vorschnelles Urteil. Ich habe viele, viele Fehler; aber jemand wissentlich unrecht gethan zu haben, das thut mir selbst am wehesten.« »Herzogin beschämen mich wahrhaftig durch so ungewohnte Güte.« »O, das ist die Meinung nicht!... Ich will Ihnen nur erklären, warum ich Sie angesprochen habe.« »Und das Endergebnis?« Ich sehe Frauen bei solchen Gewissensfragen immer scharf an. Sie errötet aber nicht, was ihr einen fast kindlichen Reiz giebt; auch das Auge weicht nicht aus. »Ich weiß noch nicht, Baron, ich weiß wirklich noch nicht!... Aber nun zu etwas anderm. Sehen Sie da drüben, wo diese Riesenbucht so im scharfen Bogen vorspringt, auf der halben Höhe des Berges eine weiße Linie schimmern?« Sie muß ein Auge haben so scharf wie eine Möwe. »Es ist die Straße. Da ist ein großer, grüner Fleck und mitten drin etwas Gelbliches, Verwittertes. Es könnte ein riesiger Felsblock sein, es ist jedoch ein Schloß, ein alter Sarazenenturm, wie sie dutzendweise die Küste entlang aus grauen Olivenwäldern herausschauen oder von unwegsamen Klippen herabdräuen. Das ist unser Schloß. Wir haben es ausgebaut und den einen Flügel drangeklebt. Erst im vorigen Jahr wurde es fertig. O, ich habe eine Mühe gehabt mit dem Architekten! Es sollte etwas besonders Hübsches werden, bizarr und doch nicht aufdringlich. Und es ist wirklich nett geworden. Ich bin stolz darauf, selbst von hier gesehen. Können Sie die schmalen Luken des Turmes erkennen und daneben die ganz große Fensteröffnung? – Das ist unser Speisesaal... Aber Sie können natürlich nichts sehen, mit Ihrem Einglas nun schon ganz gewiß nicht! Das tragen ja die Herren nur der Mode halber oder aus schlechter Gewohnheit.« »Ohne dies Glas, Herzogin, wäre ich auf weite Entfernungen fast blind.« »Na, gut. Ihnen will ich's gestatten, obgleich ich's nicht ausstehen kann ... Sagen Sie, Baron, malen Sie nicht auch?« »Allerdings.« »Zum Vergnügen?« »Nein, das ist mein Beruf.« »Das interessiert mich!... Aber Sie stellen doch nur aus und verkaufen nicht?« »Ich verkaufe an die Meistbietenden, früher für wenig, jetzt nur für schweres Geld.« »Wenn Gott den Schaden besieht, dann sind Sie am Ende ein ganz bekannter Mann und alle meine Fragen nicht nur neugierig, sondern ungezogen... Warten Sie mal!... In Brüssel bin ich immer zu den Ausstellungen gewesen, auch mal bei der Eröffnung des ›Salon‹ in Paris. Soll ich Ihnen noch etwas sagen, Baron, was Ihnen auch den Rest von Sympathie für die Herzogin von Lièges nimmt? Im ›Salon‹ haben mich hauptsächlich die Toiletten interessiert...« »So sind Sie wenigstens ehrlich, Herzogin, während andre heucheln.« »O, sagen Sie das nicht! Andre Frauen haben natürlich ein Rieseninteresse dafür, mir aber fehlt der Sinn. Ich liebe Musik... o ja, Musik! Nichts zu Schweres! Ich muß dabei träumen können... Wenn man eben nicht viel Geschmack hat...« »Hat man das in der That nicht?« Und ich lasse dabei den gewissen ungläubigen Blick über die schlanke Grazie dieser Formen gleiten. Frauen verstehen ihn immer. Er soll heißen: ›Aber Gnädigste, wer so viel Geschmack hat wie Sie!...‹ Und wirklich muß einem hier der Gedanke kommen. Das Kleid schwarz, hoch geschlossen, in der venetianischen Spitzenkrause ein brillantgefaßter Riesentürkis von so krankem Grün, wie ich es selten sah. Es ist die raffinierte Einfachheit, die ich liebe, darüber der Hauch von Welt und naiver Koketterie – Du weißt, daß eine Berliner Freundin sich einst sklavisch nach meinen Angaben in Sachen des Kleidergeschmacks richtete und auf dem Opernhausball Sensation erregte, obgleich sie mehr chic war als schön. Die Herzogin kennt den Blick der Kennerbewunderung wohl und sagt eilig: »O, Mich zieht man leicht an, weil mir alles steht!« Ja, den Deuwel, sie zieht natürlich nur an, was ihr steht. Und jetzt kommt, was sie von der grande dame so reizend unterscheidet. Nicht etwa eine ermutigende Bewegung mit dem Sonnenschirm oder ein Blick, der zu mehr auffordert. Für sie habe ich eben nicht als Mann gesprochen, sondern als Künstler. Das Zuviel der Bewunderung liebt sie nicht. Sie will lieber mehr von meinem Handwerk wissen. Wie lange ich's triebe und wie gern? Ihr ist's verwunderlich, daß ich nach den tollsten Seitensprüngen erst auf meinen Beruf gekommen bin und doch vom Fleck ihn als Künstler und nicht als Amateur übte. Die guten Leute können sich eben schwer vorstellen, daß jede Kunst zum kleinsten Teil Vergnügen und zum größten Arbeit ist. Und allgemach mag der Herzogin auch dieser Mann imponieren. Ich erzähle ja nie schlecht, wenn ich warm werde. Das Gemisch von Ernst und Ironie, das mir eigentümlich, reizt die Frauen; sie möchten gern mehr wissen, weil sie dahinter immer ein Geheimnis wittern, eine magisch treibende Kraft, die vielleicht eine ihres Geschlechtes übte. Wenn die Gute ahnte, daß mir die Frau nie etwas andres war als eine gewisse Anregung, und daß auch sie weiter nichts ist in diesem Augenblick!... »O, ich verstehe Sie sehr gut, Baron! Solch Beruf ist Passion, solch Beruf ist Glück!« »Kaum, Herzogin.« »Wie meinen Sie das?« »Weil Glück Anlage ist, und ich diese Anlage nicht habe.« »Das mag stimmen... Das stimmt ganz gewiß ... Ich glaube, unendlich wenig Menschen haben Anlage zum Glück ... Aber Sie dürfen mir das nicht sagen, Baron, Sie nicht! – Sehen Sie, Sie erzählen so hübsch, mir wird auch warm dabei, und nachher sollt' ich denken: ›der Mensch redet das nur so hin und empfindet die Wärme selbst gar nicht!‹... Ich will Ihnen etwas sehr Schlimmes vorschlagen: Sie dürfen mich ruhig auslachen oder ärgerlich abwinken. – Sie müssen sich unsern Sarazenenturm ansehen; nicht etwa so ein steifer Besuch, wo Sie im Frack und ich in der Empfangstoilette. Den machen Sie später einmal, wenn's durchaus sein muß. Fürs erste sollen Sie nicht uns, sondern unsre Villa besuchen. Ich werde dem Diener sagen, daß er, wenn ein Baron von den Raben kommt, alles ungemeldet und ungestört ansehen lassen soll, was ich nur sehr bevorzugten Landsleuten gestatte. Vielleicht doch, daß Ihr Malerauge da etwas interessiert, daß Sie eine Anregung finden. Es gehen Sagen bei uns um von eingemauerten Christenknaben, und meine Kammerjungfer graut sich während der ganzen Andreasnacht vor einem Türken mit krummem Säbel und rotem Turban, der im Keller umgehen soll. Das sind natürlich Kindereien. Solche Gespenster sah ich nie, es giebt aber andre... Oder Sie verlieben sich in den Park! Den werden Sie sogar ganz gewiß hübsch finden. Er ist nur klein, aber es wachsen so seltene Bäume dort, namentlich uralte Cypressen, und in der Tiefe blaut nirgends an der ganzen Riviera hüben und drüben das Meer so leuchtend klar... Und wenn Sie der Diener doch verraten haben sollte – ich fürchte, er wird es thun –, werden Sie es zudringlich finden, wenn ich mich nach Ihrem Befinden erkundige oder über die Schulter in die angefangene Skizze sehe?« »Aber, Herzogin!« »Nein, keine Liebenswürdigkeiten, die nicht von Herzen kommen! Ist's Ihnen aber nur um die Kunst zu thun, dann führe ich Sie gleich zu meinem Mann. Der versteht was von Gemälden oder glaubt es wenigstens ... Was da für Kuriositäten und bric-à-brac aller Art zusammengetragen sind bei uns... Also, Sie kommen, Baron?« »Herzogin sind zu gnädig...« »Ja oder nein?« »Ich verspreche nie etwas, was ich nicht halten kann.« »Aber wissen Sie, daß das direkt unhöflich ist, Baron?« »Und Sie sagten doch zu Anfang, Herzogin, daß...« »Ach, das sagt man ja nur so!... Uebelnehmen will ich Ihnen auch die Weigerung nicht, aber es thut mir weh.« »Warum eigentlich?« »Das grübeln Sie sich selbst aus.« – Dessenungeachtet bin ich entschlossen, ich will nicht auf dieses Sarazenenschloß. Es ist der Eigensinn eines Kindes, das froh sein sollte, wenn es eine reizende Fee protegiert. Stufflich ist's auch... Bin ich schon jetzt eifersüchtig auf den Duc? Das bin ich nun ganz gewiß nicht! Ich bin wohl eher empfindlich, daß sie von meiner Meisterschaft keine Ahnung hat, eine Meisterschaft, die ja auch nur für hysterische alte Jungfern existiert. Nun schweigen wir uns auf unsern Feldstühlen eine ganze Weile aus. Tip hat sich zwischen uns gepflanzt mit einem Ausdruck im Auge, so scharf und argwöhnisch, als wittere er einen Feind. Die Herzogin lockt ihn mit der Hand; er bleckt als Antwort die spitzen Zähne unter einem leisen Knurren. »Pfui, schäme dich! Bist du tollgeworden, Tip?« Doch die Herzogin sagt nur lächelnd: »Es ist Ihr Hund.« Ich verstehe den Stich. Der Gesellschaftsmensch, der ich einst war, besinnt sich und antwortet ebenfalls lächelnd: »Ich werde kommen, Herzogin.« »Ich wußte das, Baron.« »Können Sie Gedanken lesen?« »Zuweilen.« »Ich leider nicht.« »Soll ich Ihnen etwas sagen? Wir sehen uns zum erstenmal, aber wir kabbeln uns sicher nicht zum letztenmal. Sie sind empfindlich, ich empfindsam. Darum müssen wir uns gegenseitig erziehen ... Aber hat gegenseitiges Erziehen überhaupt einen Sinn?« Die Unterhaltung ruht. Der Herzogin springt ein kranker Zug um den weichen Mund. Wir starren beide aufs Meer. Die Fläche ist schwer, weit, die Sirokkoluft drückt. An dem schwarzen Riff murmelt schläfrig die Welle. Die Fischerboote haben sich zerstreut. Bei mattem Wind kreuzen die einen heim, das schwere Ruder des andern taucht in die dicke Flut. Am uferlosen Horizont verschwimmen Meer und Wolken. Da bricht wie zum Abschied eine elende Sonne aus dem hängenden Dunst, blinzelt über den Wassern. Ich döse vor mich hin und wühle mit dem Stock im dunkeln Geröll. Als ich aufsehe, zittert ein letzter Sonnenstrahl auf einem weißen Segel, das, klein wie ein Punkt, noch weit, weit seewärts liegt. Auch die Herzogin träumt. »Was mag das sein, – ein Segelschiff, eine Jacht...?« frage ich halblaut. Sie zuckt leicht zusammen. »Es ist eine Jacht.« »Herzogin sehen wunderbar scharf!« »Es ist die ›Félicie‹.« »Hübscher Name.« »Mein Name.« »Endlich mal ein Name, der nicht enttäuscht.« »Meinen Sie?« »Félicie heißt so viel wie Glück.« »... Ich weiß es...« Wieder Pause. »Sie erwarten mit der Jacht den Herzog?« »Nein... doch, doch...!« Dann steht sie auf und sagt mit etwas müdem Lächeln: »Die ›Félicie‹ dort hat viel Glück. Zweimal hintereinander in Klubregatten den Großen Preis... Mein Mann ist ein leidenschaftlicher Segler... War jetzt zwei Tage weg, drüben an der andern Küste bei Spezia ... Bei dem Winde kann es noch viele Stunden dauern, bis er herankommt. – Und nun verzeihen Sie, daß ich Sie verabschieden muß. Die Nachtluft bekommt mir nicht. Auf Wiedersehen, Baron!« »Auf Wiedersehen, Herzogin!« Ich trotte meines Weges. Wo die Felsstraße eine Biegung macht, schaue ich noch einmal zurück. Die Herzogin Félicie geht eben nach dem Wagen, sehr vornehm, sehr chic, dennoch jetzt ohne eine Spur der federnden Eleganz ihres Ganges. Aufsehend erblickt sie mich und winkt mit dem Schirm, diesmal die lässige Grazie selbst. Sie, weiß, daß ein Künstlerauge auf ihr ruht... Arme Thörin, die du vielleicht glaubst, schon die erste Begegnung habe mich bezaubert! Erst werde ich deine Reize zergliedern, so lange, bis du mir häßlich bist. Dann vergesse ich dich. Das ist mein Verhängnis bei Frauen, und noch keine entging ihm. Hübsche Larve, was bildest du dir eigentlich ein? Die Lüste, die du weckst, wohnen weit vom Herzen. Ist sie kokett oder natürlich?... Was denke ich über diese Frau nach?... Sie ist die leichte, wetterwendische Art, eitel, hohl... Siehst Du, Gert, was wir Tüncher nicht alles erleben! Das liest sich wie ein hübscher, kleiner Liebesrausch. Gefahrlos! Prinzessinnen halten's mit Adjutanten oder Lakaien. Das ist eine verschwiegene Liebesform, für die ich weder Anlage noch Verständnis besitze. Damit Du aber nicht denkst, daß ich, ein wenig verrückt geworden, unter die Briefschreiber gegangen bin, – mit der Arbeit geht's nämlich absolut nicht. Ich muß einige Wochen aussetzen, aber ganz als Nichtsthuer halte ich's nicht aus. Daher diese Reiseberichte, die Du lesen sollst als das, was sie sind: die leichtfertigen Beichtgeheimnisse eines Dekadenten. * Noch immer ist die Herzogin meine einzige Bekanntschaft, ausgenommen natürlich der Badearzt. Ich bin nämlich wieder reumütig zu meiner absoluten Schlaflosigkeit zurückgekehrt. Die Luft ist hier zu trocken und zu bewegt. Weiß ich allein. Aber nach vier Wochen langweiligen Aufenthaltes wieder in ein andres, noch langweiligeres Rivieranest, wo die Bergformen zur Abwechslung etwas weicher sind, – danke! ... Je eher, desto besser. Du kennst meine Ansichten über das Glück eines langen Lebens. Von der Duchesse sprach ich mit dem bejahrten Medizinmann übrigens auch. Er klagt über die schreckliche Unwissenheit vieler deutscher Aerzte in Bezug auf die klimatischen Winterstationen. Sie machten so wenig Unterschied, weil ihnen die Riviera nur ein Sammelbegriff sei für Wärme, Windstille, Nebellosigkeit! Und ich muß ihm recht geben. War neulich mal in Bordighera und bin von da nach Ospedaletti hinübergebummelt. Ein Katzensprung, aber welch ein Kontrast! In B. nahm mir der Küstenwind den Strohhut vom Kopfe, und hier diese staubgesättigte Treibhausluft ohne Spur von Bewegung. Die Schwindsüchtigen da beneide ich auch nicht gerade... Der alte Herr wurde nach dem Dinerchartreuse etwas geschwätzig... »Ja, Aerzte und Patienten, die wollen eben manchmal nicht sehen! Da ist die Herzogin von Lièges... Sie hat mal hier gegessen, vermutlich nur, weil ein Brief des Prinzbruders nach dem Hotel adressiert war...« – »Ist die Herzogin denn krank?« – »Gewiß ist sie krank; Herz, nicht mal leichte Sache... Wissen Sie, die Frau hat sich fabelhaft jung verheiratet. Vernunftehe. Das bildhübsche, liebenswürdige Geschöpf hätte wohl auch einen Ebenbürtigen für das Herz kriegen können, aber im Augenblick war nur der eine Herzog disponibel. Da nahm sie den denn. Zuweilen rächt sich so etwas, meistens nicht... Es spielen da noch andre Dinge mit, die ich Ihnen nicht näher erörtern kann ... Kurz und gut, nervös und zart war sie immer veranlagt. Dann ist das Herz in Mitleidenschaft gezogen worden. Man soll's nicht laut sagen, aber dieses verwünschte alte blaue Blut mit noch älterem gemischt, das soll eine vernünftige Rassenzüchtung sein und ist heller Wahnsinn. Altes blaues Blut ist vorzüglich, wenn das ganz rote dazu kommt. Bringen Sie das den Leuten bei – unmöglich! ... In dem speziellen Falle kann ich mich auch irren. Die Ehe ist sehr glücklich, ohne irgendwelche Scene, eine beiderseitige Rücksichtnahme zartester Art... Ich bin alter Demokrat und denke mir im stillen: Blutig gezankt und heiß geliebt, das giebt allein gute, lebensfrohe Geschlechter. Werde mich hüten, Herzogen so etwas zu sagen... Ihnen, Baron, kann man solche Weisheitssätze schon vorsetzen. Blaublütig ist Ihre Sorte auch höllisch, aber sie hat immer die verständige Angst vor der zu großen Blaublütigkeit... Also zur Sache bemerkt: die Luft hier und die Höhenlage des Schlosses sind direktes Gift für das Herzleiden der Herzogin. Jedoch des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Und wenn sie vielleicht irgendwo anders alt werden könnte und hier durchaus jung sterben will, so wird sie wohl ihre Gründe dafür haben ... Gute Nacht, Baron, Sie bleiben ja auch hier, obgleich es Ihnen nichts taugt.« Die Frau Herzogin schneiden mich. Was um so peinlicher, als wir uns fast täglich begegnen. Auf der Landstraße – eh bien! – wenn die in Staub gehüllte Equipage mit dem Fuchsgespann vorüberjagt und ein Kameenprofil sich zu förmlichem Gruß senkt, da wäre nicht einmal Zeit, bei dem Fußgänger zu halten. Aber in der Stadt, in den engen Gassen, wo sich die edeln Traber zu unwilligem Schritt bequemen müssen, da könnte sie wohl einmal dem ehrerbietig Grüßenden die feine Hand herüberstrecken und sagen: ›Nun, wie geht's, Baron? Konnten Sie den Weg zu uns immer noch nicht finden?‹ Dann würde ich den Weg ganz gewiß finden, während ich ihn jetzt aus Trotz nicht finde. – Neulich jedoch wieder das erste Wort. Ein Ausweichen war auch nicht möglich. Ich ging gerade zur Frühmesse: ich thue das in Italien zuweilen, aber der Kirche, der Volkstypen und des gewissen katholischen Parfüms wegen, jedoch nicht aus Herzensbedürfnis. Als ich eintrat, hob eben so ein elender Krüppel die Thürdecke zu meinem Empfang, und ein vollkommen verdorrter Arm streckte mir seine Mumienfinger bettelnd entgegen. Mit dem Mitleid packt mich zugleich der Ekel. Ich werfe dem Unglücklichen einen halben Franken zu, die zitternde Hand verfehlt ihn, und das Geldstück klirrt auf den Steinen. Während er sich danach bückt, rauscht die Herzogin an mir vorüber und sagt, ohne mich anzusehen: »Das ist häßlich, das kränkt! Man wirft einem Bettler nicht das Almosen hin, man giebt es ihm, zumal in der Kirche, wo wir doch alle Bettler sind...« Ich hatte nicht Zeit, zu antworten, zu erklären, daß dies keineswegs Hochmut, sondern Nervosität und der feige Wunsch sei, über so traurige Begegnungen schnell hinwegzukommen. In der Kirche hatte ich keine rechte Andacht, nur zuweilen trugen mir die Schallwellen etwas von Fuoco, Fegefeuer, ewiger Höllenpein zu, unter denen das Fischervolk stöhnte. Die Herzogin fesselte mich ganz. Sie kniete hinter der letzten Bank so demütig, wie nur ganz große Damen zu knieen pflegen. Eigentlich doch ein hübscher Tadel, den sie mir zurief vorhin: vielleicht Verräter eines großen, warmen Herzens! Wie sie so kniete, vornehm und doch von beinah jungfräulicher Bescheidenheit, da erinnerte sie mich an irgend jemand. Ich grüble darüber noch jetzt vergebens. Die Sonne fiel gerade durchs bunte Kirchenfenster, und der neblige Lichtstreif ruhte auf dem Haupte einer Heiligen. Ja, einer Heiligen!... Es war nur ein Moment. Eindrücke verwischen sich auch so schnell. Als sie dann zum Wagen ging, leichtfüßig, elegant, frappierte mich wieder der Gegensatz zwischen dem, was ich sehe und was ich gesehen. Ich wollte ihr auch schon nacheilen. Ich unterließ es. Vielleicht wollte sie gerade mir entgehen... * Man selbst entgeht seinem Schicksal doch nicht. Eine Woche später – ich kaufte gerade in einem Filigrangeschäft unnütze Zieraten für Deine Kinder –, da donnerte eine Equipage vor. Die Herzogin tritt herein, kommt auf mich zu, diesmal direkt und mit einem gütigen Lächeln auf dem jungen Gesicht: »Guten Tag, Baron. Wie geht's? – Ich suche Sie... Eine Frage: Sind Sie in der Nacht vom 21. zum 22. November vorigen Jahres über den Gotthard gefahren?« »Allerdings, Herzogin.« »Dann sind Sie mir auch schon längst bekannt und warm empfohlen... Erinnern Sie sich vielleicht einer älteren Dame, die mit Ihnen im Coupé fuhr?« »Ob ich mich erinnere! Ich hatte mit ihr ein für mein Gefühl sehr peinliches Tête-á-tête.« »Das weiß ich auch schon ... Aber damit Sie orientiert sind: die Dame war eine sehr entfernte Verwandte von mir und eine Art mütterlicher Freundin. Da meine beiden Eltern sehr früh starben, hat sie mich eigentlich erzogen. Sie ist eine Deutsche – ein bißchen sonderbar – von ihr habe ich aber so viel Deutsch gehört, daß ich manchmal doch nicht weiß, ob es nicht meine Muttersprache ist. Nun, sie hat mir schon vor einem halben Jahre von einem Bild ›Die Liebe‹ geschrieben, das ich unter allen Umständen sehen müsse. Wir haben uns lange nicht gehabt, und deshalb wollte ich ihr den Gefallen thun und zu diesem Zweck im Sommer nach Berlin gehen, das ich bloß aus einer einzigen Gesellschaft bei einem Botschafter kenne, dessen Tochter mit mir im Kloster war ... Das Bild hatte ich natürlich längst vergessen. Gestern schrieb sie mir noch einmal deshalb und namentlich von einer höchst merkwürdigen Begegnung mit dem Maler selbst. Ihren Namen lesen, Baron, und auf fünf Minuten zur Salzsäule zu erstarren, war eins. Dann habe ich mich wieder kindisch über unser Abenteuer auf der schwarzen Klippe gefreut. Bin ich nicht scharfsinnig? Hab' ich nicht Glück? ... Sie mögen nur gedacht haben: Ist die Dame aber dreist! Innerlich bin ich das aber keineswegs. Sie sollen mich wirklich besser kennen lernen ... Und wie ich Sie verstehe! ... Ach, ich verstehe Sie auf einmal so gut! ... Nein, ich bin Ihnen gar nicht mehr böse, daß Sie nicht kamen. Kommen müssen Sie aber doch ... Sie müssen wieder unter Menschen. Morgen oder übermorgen werden Sie eine gestochene Einladung kriegen, wo der Herzog und die Herzogin von Lièges sich die Ehre geben, den Herrn von den Raben, sonst genannt Freiherrn zu North, zum Geburtstagsdiner der geborenen Prinzessin Félicie von Bragan einzuladen. Besuch vorher unnötig. Sie werden schon kommen, Baron.« Und dabei lächelt der weiche Mund freundlich, die Opalaugen lächeln auch, als wenn sie sagen wollten: ›Wir wissen ja, wie du gelitten hast, und deshalb wollen wir dich unter unsern herzoglichen Schutz nehmen.‹ Mit einer stummen Verbeugung meinerseits trennen wir uns. In begreiflicher Gedankenlosigkeit kaufte ich darauf Deiner jüngsten Tochter eine silberne Streichholzbüchse, was ihr viel Vergnügen machen würde, aber gefüllt in so unnützen Kinderhänden schreckliche Brände auf Deinem Gehöft erzeugen könnte. Du siehst, lieber Gert, daß es Vergnügen und Verdruß zugleich ist, bekannt zu werden. – Natürlich geh' ich zu dem Diner. Verbrannte Flügel kennt Dein Bruder nicht, weil er ein zu weiser Schmetterling ist. Die reizende Herzogin ist doch etwas eitel und kokett und innerlich fest überzeugt, daß ich nach einer Wanderung durch die herzogliche Gemäldegalerie liebestoll zu ihren Füßen niederfalle Und flehe: »Wenn ich Sie malen dürfte, angebetete Félicie, es wäre mein Traum, mein Glück!« Wie hübsch bei unsereinem die Phantasie doch noch arbeitet! Der Maler ist aber auch in diesem Geschreibsel lebendig und gruppiert gar hübsch all die hübschen Kleinigkeiten um eine gar hübsche Frau. Du bist der einzig Leidtragende, denn Du mußt alles lesen. Drittes Kapitel. Le duc et la dichesse de Lièges ... vendredi ... à sept heures ... habit de rigueur ... An einem Freitag segelt freilich kein alter Seemann, der nicht muß. So weit geht mein Aberglaube nicht. Ich mache mit Vergnügen von dem leichtgehenden Coupé Gebrauch, das mir die Frau Herzogin um fünf Uhr nachmittags schickt. Im Hotel gelinde Aufregung. Uebrigens wirklich eine wahre Reise. Ueber das Wasser gesehen kein Granatschuß Entfernung – aber der riesige Bogen, in dem die Küstenstraße sich hinüberschwingt, heißt zwei deutsche Meilen ungefähr. Eine köstliche Fahrt bei flutendem Licht – eine trübselige bei wallenden Wolken und rauschenden Regenmassen. Tief unten eine unsichtbare dumpfe Brandung, hoch oben die grünbewaldeten Bergkämme in Dunst gehüllt. Das Schloß erkannte ich erst aus nächster Nähe – grau, alt, die Lichter unsicher flimmernd. Ein schmiedeeisernes Portal mit einem vergoldeten Herzogshut – eine schmale Rampe. Ein Diener mit geöffnetem Schirm, der, mir am Schlag entgegenkommt. Dann eine Burgtreppe in die Höhe, finster, mit Nischen, unheimlich, als ginge es in ein Verließ – ein schweres, uraltes Fallgatter, das aber geräuschlos zur Seite rollt. Dahinter die Halle, hoch, feierlich; von den gotischen Spitzbogen senken sich verblaßte Paniere, zwischen den engen, gemalten Fenstern starren echte Waffen, rostig, zerfressen; die stumpfe Spitze einer Turnierlanze blinkt. Am großen Kamin ein völlig geharnischter Mann – die wehende Helmzier blauweiß, in den Farben des herzoglichen Hauses. Die Schloßfrau empfängt mich am Gitter. Silberbrokat – am Hals wieder das kranke Grün des Türkisen schimmernd. Ein Phantast könnte wähnen, Ritter luden ihn zu einem Bankett. Der Phantast hier sieht in die lächelnden Opalaugen der Herzogin und ist beruhigt. Sie reicht ihm zum Willkommen die schlanke, kühle Hand, die er nur flüchtig mit den Lippen berührt. »Wie hübsch, daß Sie kommen, Baron! ... Charles, wenn ich bitten darf!« Am prasselnden Kaminfeuer stehen einige Herren und besehen den spiegelnden Lack ihrer Schuhe. Einer löst sich aus dem Kreis: »Du befiehlst, Félicie?« »Gestatten Sie, Baron von den Raben, daß ich Ihnen meinen Mann, den Herzog von Lièges, präsentiere.« »Ich bin entzückt« ... Es ist eine schlanke, sehnige Figur, sehr braun, mit ungewöhnlich mattem Auge (ich hätte mindestens einen Vierziger vermutet, aber gegen dieses etwas fade, junge Gesicht erscheint mein brünettes direkt alt) – sonst weder übermäßig gewandt noch Causeur. Unsre Unterhaltung stockt sofort. »Charles, präsentiere ihm, bitte, die andern Herren.« Dies in dem leichten Französisch der grande dame . Darauf geht die Herzogin weg mit einem freundlichen Kopfnicken noch für den Neuling. Die Herren am Kamin unterbrechen eine schlaff geführte Unterhaltung. »Prinz ... Marquis ... Graf... Baron von den Raben.« Es sind alles Verwandte, ein Onkel, zwei Vettern. Dazu die leicht elegante Verbeugung, die von dem englischen Händedruck begleitet wird. Die Unterhaltung flackert wieder auf – mit Rücksicht auf mich deutsch, ein flüssiges Deutsch, und so charakterlos glatt wie das Diplomatenfranzösisch. »Ballantine hätte die Stute vom Fleck reiten müssen ...« »War Edmonds Hengst eigentlich sehr hoch gewettet?« »Werden Sie im nächsten Monat zu den Regatten nach Nizza kommen, Baron?« Die Herren ziehen mich sofort zuvorkommend ins Gespräch. »Ich denke, die ›Félicie‹ hat auch diesmal Chancen« ... Also auch Segelfatzken sind dabei. Es ist eben die Unterhaltung von Leuten mit einem kleinen, scharfbegrenzten Gesichtskreis, einem wohl ausgefüllten Nichtsthuerdasein. Wie oft hörte ich nicht in Berlin dieselben Unterhaltungen und machte sie mit, ebenso wie ich sie hier mitmache! Die schnelle Orientierungsgabe kommt mir zu nutze, die eine scharfgelebte Bummlervergangenheit verleiht. Wie schnell ist man über die Rennangelegenheiten au fait , sogar unter den Pferden findet man noch alte Bekannte, unter den Jockeys selbstverständlich. Sogar ein deutsches Pferd wird nächstens in Nizza über die Bahn gehen unter lächerlichem Gewicht, ohne Chance, aber immerhin doch ein deutsches Pferd. – Bei der Segelei ist das Mitkommen schon schwieriger. Wassergigerl war ich nie. Aber man sah so viele Regatten, griff ein paar Handwerksausdrücke auf, die man jetzt wieder anwendet. – Warum ist nicht einer Radmensch? Wir sind außer dem Herzog ja unsrer vier. Rad und Tennis sind höchster Modesport, aber die Radrennbahn gilt als etwas gemein. Ja, man hat sich doch höllisch geändert, alter Gert! Das wird mir hier zu Gemüte geführt. Ich liebe Sport, Gesellschaft, große Welt – ich könnte ohne eins davon dauernd kaum existieren – aber ich liebe sie als Satiriker. Die sinkende Welt tanzt mir da ihren Totentanz; im Prunk, im rauschenden Fest schwebt er vorüber. Und wo die andern alles im Licht sehen, im Glanz und schönen Gewändern – da sehen wir nur das welkende Fleisch und die schleichende Krankheit. Wir sehen es mit dem mitleidlosen Blick des Vivisektors, dem das Zucken zerreißender Nervenbündel nur ein Symptom, das stumme Stöhnen auch, der langsame Tod aber eine Thatsache. Die andern hören das Rauschen der Freude, wo wir das Klappern der Knochen vernehmen. Solche Auffassung ist weder schön noch macht sie glücklich – aber reiß Dich von ihr los, wenn Dir jedes Vergnügen nur eine hüpfende Welle und nur der tiefe Strom der Arbeit der Bezwinger trübseligster Gedanken ist. Gewiß giebt's auch Oasen in der grauen Wüste des Lebens, grüne, wonnige Oasen, wo die klugen Thoren es sich lange wohl sein lassen. Wir haben manche Oase hinter uns – aber des Bleibens war auf keiner. Wir stampfen stiernackig weiter durch den glühenden Wüstensand, und wen der mitleidige Samum nicht begräbt, der kühlt wohl am rettenden Brunnen die lechzende Zunge und pflückt die goldene Oasenfrucht von Zeit zu Zeit. Genuß ist's ihm nicht. Er will nur die Kraft daraus saugen zum Weiterwandern, bis er gar nichts mehr vor sich sieht, als den unendlichen Sonnenbrand und die schweigende Wüste. Dann thut der Kluge sich resigniert nieder zum Verenden, die Narren aber schleppen sich weiter ... weiter ... Das Diner nahmen wir im Zimmer der Herzogin. Eine Laune von ihr, die Sinn für das Intime hat. Der Raum ist klein, lauschig-grüner Plüsch mit hellem, englischem Holze. Ein runder Eßtisch. Die Diener rücken die Stühle zurecht. Das weiche Acetylenlicht gleitet über weiche Formen, weiche Farben. Ich habe ein Gefühl von Gemütlichkeit, Wärme. Das dauert bei mir aber nie lange. Wenn ich unter Menschen bin, muß die Lippe in kaltem Hohn zucken. Ich sehe mir meine Leute an. Wir sind ein ganz kleiner Kreis, eine beinahe illustre Gesellschaft, die sich giebt wie sie ist – frei, distinguiert, sicher. Keine Standesunterschiede. – Neben mir der Prinzonkel: weißer Schnurrbart, rotes, gesundes Gesicht, ein Seemann aus Neigung, nicht aus Beruf. Dann der Marquis: jung, elegant, blonder Franzose, durch die Rennpassion von der steifen, englischen Art etwas angekränkelt. Dann der Duc: ich beschrieb ihn schon. Mir der interessanteste ist der Graf – vielleicht Ungar – mit gelblichem Teint, tief brünett – ohne Passionen – aber in dem zerstreuten Blick der beinahe weibischen Sammetaugen liegt für mich etwas Schreckliches. Ich wundere mich nicht, wenn er liebenswürdig lächelnd heute in Monte Carlo eine Million verspielt und morgen ebenso lächelnd bei einem scheußlichen Verbrechen ertappt wird. Es ist der Vetter des Herzogs – der vielleicht degenerierte Typ, wo Gleichgültigkeit und Laster sich mischen und im Grunde beide recht haben, die da sagen: ›Der harmlose Mensch – oder das Scheusal –‹ Wenn diese Leute ihr Geld mit der Arbeit verdienen sollen – o weh! ... Die bösartige Kritik habe ich mir bewahrt. Ja, warum ging ich unter die Arbeiter? Wenn die Gesellschaft meine Gedanken ahnte! ... Denn auch die soziale Frage kam aufs Tapet – nur getippt natürlich, ohne Aufregung oder Verständnis. »... Was verlangen diese Arbeiter eigentlich noch?« »Nachher werden die anständigen Leute hungern müssen...« »Die anständigen Leute?« frage ich. »Wir alle. Aber die Ueberhebung dieser Leute wird schon bestraft werden, zu spät werden sie erkennen, wo ihr wahrer Vorteil liegt. Wenn die Völker erst die Könige verachten und Gott verhöhnen, – sogar Gott ...« Und da werden alle die Gesichter ernst, demütig. Es sind wirklich fromme Leute – sie fürchten Gott und thun nichts. Was sie sagen, ist objektiv gewiß richtig – aber subjektiv aus solchem Munde, wie dumm und hoffärtig! »Dennoch ...« Hier ist der Moment, wo die Schläfen mir plötzlich glühen und die Augen unangenehm flackern. Ich habe eine unglaubliche Malice auf der Zunge – ich schlucke sie hinunter, weil die Herzogin mich ängstlich ansieht. – Der Sozialist wird lebendig. Mein lieber Gert, trotz allen Hochmutes, trotz aller Feudalität sind wir Rabens doch Revolutionäre. Ich könnte ein Fräulein Müller nie anders lieben als par amour , und wenn sie ein Engel an Schönheit und Güte wäre – in dieser Gesellschaft aber trage ich die Jakobinermütze. Ich gehöre plötzlich zu denen da unten, ich fühle, ich leide, ich grolle mit ihnen. Sie sind meine Brüder – freilich nur solange ich's will, und wehe, wenn sie's von mir verlangen wollten! Das ist die Arbeit, die gleich macht. Du verstehst mich, wenn ich sage: mir thun die großen Summen direkt weh, die sie jetzt für meine Bilder zahlen; ich muß dabei immer an die Armen und Elenden denken, die schweißtriefend mit der Arbeit eines ganzen Lebens das nie verdienen können. Früher, als ich nichts that, nur verschwendete, kamen mir solche Gedanken nie. Die Arbeit ist demokratisch – uns wenigstens macht sie dazu ... Und wenn heute die Revolution käme, wer würde an dem nächsten Pinienast baumeln? – Ich! – Und wenn ein Mitleidiger mich nachträglich abschnitte, mich der Reaktion zu bewahren, wen würde die zuerst füsilieren? – Mich! – Nein, solche Leute gehören trotz aller weltmännischen Allüren nicht in die Welt. Sie sind die unglücklichen Modernen, die Girondisten dieses Jahrhunderts, bereit, Könige zu stürzen, wenn sie allmächtig sind, und ebenso bereit, sie zu schützen, wenn sie rettungslos verloren ... Problematische Naturen – wenn einer, so bin ich's! Dieser Widerspruch meines Wesens quälte mich während des ganzen Diners. Die Granden merkten davon freilich nichts. Der Schweigsame berührt ja immer sympathisch. Die Herzogin sprach auch nicht viel, sie streifte mich manchmal nur mit einem hellen, klugen Blicke. Nach Tisch schlenderten wir durch das Schloß. Ich habe Zeiten, wo meine Sinne stumpf. Das passierte mir unglücklicherweise gerade heute. Uebrigens schöne Räume, alte Möbel. Wer die Phantastik liebt, der mag sich an den Antiquitäten freuen, die überall wahllos hingestreut sind. Auf den Kaminsimsen venetianische Gläser – in einer Fensternische tiefdunkle, geschnitzte Chorstühle aus Urbino. Vergilbte Elfenbeinfiguren neben zerfetzten Gobelins. An den Wänden nachgedunkelte Heilige, mythische Darstellungen, Schäferspiele. Ausgegrabene Marmorstatuen, verstümmelt oder ungeschickt restauriert, neben einem Renaissancekruzifix von geradezu wundervoller Reinheit. Und das Zimmer auf Zimmer, so daß man nichts mehr unterscheidet und als Spieltisch ansieht, was Betpult ist. Selbst in dem engen, hohen, gotischen Korridor gruppieren sich um die lange Reihe erlauchter Ahnen diese Kunsttrümmer, zuweilen frappierend wertvoll, zuweilen traurig wertlos. – Bric-à-brac – die Herzogin hat's getroffen. Es ist ja Mode heute, die Leute finden's stilvoll. Mich ödet's an. Ich halte Museen und Galerien mit ihrer historischen Anordnung für ein notwendiges Uebel, das den Kopf mit fremden Vorstellungen belastet, aber den eignen Geist tötet. Künstliche Rumpelkammern sind weit schlimmer. Wo die Tradition, das Altehrwürdige einen Sinn haben soll, muß es aus dem Einzelnen herauswachsen und über dem Ganzen wie die seine Patina echter Bronzen schimmern. Dann fühlt man historisch, der Geist des Vergangenen umspinnt uns und führt uns sänftiglich zurück in sogenannte bessere Zeiten. – Nein, teurer Duc, deine Kostbarkeiten gefallen mir gar nicht! Sie sind sogar beleidigend für den Künstler, dessen Werk du in falsche Rahmen hineinzwingst. Vielleicht, daß es bei Tage besser aussieht und die lichten Punkte wirklicher Schönheit heller aus diesem Chaos leuchten. Ich habe keine Ahnung, was du für Bilder hast – eins von mir aber würde ich hierher um keinen Preis verkaufen. Die »Liebe« neben einer ramponierten Antike? – Nein! Sollen wir uns da sinnlos bekämpfen, die ganz Alten und die ganz Modernen? Groß war Deines Bruders Beredsamkeit nicht, als er mittrollte, ein Gelangweilter unter Gelangweilten. Kaum das unumgängliche: »Sehr hübsch!... Antik?... Wie haben Sie nur all die Sachen sammeln können?« Der Herzog mit seinen matten Augen, der neben mir den Cicerone spielt, ist beglückt von dieser faden Bewunderung. Aber hinter mir hörte ich deutlich ein Zwiegespräch – »Un grand artiste?« – »Je crois bien« – »C'est drôle« ... Eine hübschere Charakteristik giebt's gar nicht. Gott sei Dank, als alles endlich vorüber. Die Herzogin war auch mitgegangen, etwas verlegen lächelnd – sie kennt mich doch am besten. Den Kaffee nehmen wir im Stehen. »Spielen Sie Karten, Baron?« »Ein wenig.« »Auch Whist?« »Keine Ahnung!« »Sehr schade!« Ich finde es dagegen reizend, daß ich so vortrefflich lügen kann. Herrgott ja – ich und nicht spielen! Der alte brave Jener Rolf, der mit so viel Glück pointierte, bis er eines Tages so schwer niederbrach. Wenn ich noch denke, wie ich zu Dir kam als Beichtender! Du dachtest immer, es handle sich nur um blaue Lappen – und es handelte sich doch um braune, viele, viele braune. Uns beiden standen die Haare ein wenig zu Berge – Dir mehr... Du – nee, nee! – wenn man als alter Kerl sich sagen muß: ›Du hast nichts gethan und wirst nichts thun, und eine Strychninlösung ist das Vernünftigste.‹ ... Schön ist die Erinnerung nicht! Aber es hatte doch das Gute, daß dieser schwerste Peitschenhieb des Schicksals mir das Vollblut endlich weckte. Von dem Augenblick datiert die Arbeitsära ... Wir beide jammerten freilich, obgleich mir gar nichts Besseres passieren konnte. Denn so allein war es noch möglich, ins Rennen zu kommen. Der Diener macht einen Spieltisch zurecht in der Ahnengalerie, dicht unter einem finster blickenden Marquis von Lièges. Indessen wandere ich mit der Herzogin auf und ab. Als die Partie zusammengetreten, führt mich die reizende Frau in das anschließende Gemach. Eine Art Verandazimmer. Weiße, niedrige Möbel mit Strohgeflecht. Aus den Ecken drängen sich wuchernde Schlinggewächse, aus der Majolikaschale auf dem Tisch quillt ein riesiger Blumenstrauß. Darüber eine seegrüne Ampel, die leise schwankt. Hier ist Siestastimmung – verschwiegenes Licht – wohlige Dämmerung. Der feine Mimosenduft wallt fast betäubend durch das Zimmer. Das Saftgrün des Blattwerks blinkt traulich. Die Frau Herzogin liebt am meisten dieses Zimmer, das mir vorher nicht gezeigt ward. Ich muß mich neben sie setzen auf ein zierliches Sofa. Und während die weiße Hand mit dem Rokokofächer spielt, schweift das Opalauge ernst, träumend durch die weit geöffnete Thür in die Ahnengalerie, wo die Whistpartie lautlos tagt. Ich schiele zu der reizenden Frau hinüber – das reine Profil reizt den Künstler. Sie mag die Bewunderung fühlen. Denn vom Hals steigt langsam helles Rot zu den feingeäderten Schläfen. Nach einer Weile wendet sie mir graziös den Kopf zu. »Nun, wie gefällt Ihnen das Schloß, Baron?« »Sehr kostbare Einrichtung, Herzogin.« »Ist das alles?« »Pardon...« »Also gefällt's Ihnen auch nicht?... Keine Ausflüchte! Was fürchten Sie? Ich bin auf Ihrer Seite... Kostbar: das stimmt... Weniger wäre mehr. Es sieht auch so aus, als wenn wir furchtbar reich wären, was wir aber gar nicht sind. Wir haben eben unsre Revenuen und keine Schulden. Sie dachten natürlich auch, wir wären furchtbar reich?... Ach, natürlich!... Und ich möchte es nicht mal sein. Was sollte ich mit hundert Millionen anfangen? Läßt sich das Glück vielleicht kaufen?...« »Kaufen freilich nicht!...« »Ach, Sie werden sentimental, Baron – und ich werde undankbar. Ich habe zum Beispiel einen Bruder, den ich leidenschaftlich liebe. Er ist verlobt, wird bald heiraten... Eigentlich ist es doch schon ein großes Glück, wenn man jemand hat, den man so lächerlich liebt, daß man ihm alles opfern könnte – alles – auch sich selbst.« »Da sind Frau Herzogin in einer ähnlichen Lage wie ich. Mein Bruder Gert...« »Erzählen Sie mir von diesem Bruder!« unterbricht sie eifrig. »Ich streite mich nämlich ernstlich mit Leuten, die da behaupten, nur die gleichen Geschlechter zögen sich an bei Geschwistern. Ich habe eine jüngere Schwester, die mag ich gar nicht. Es ist mir eine fremde Rasse, schwerblütig, düster. In manchen dumpfen Kirchen hat man so ein Gefühl... Also, Ihr Bruder, Baron?« Ich hätte so viele hübsche Züge von Dir, Gert, parat. Du, der Du mein bester Mentor und nachsichtsvollster Freund immer gewesen bist. Hier kann ich nicht sagen, was ich möchte. Der berühmte Pfropfen steckt mir in der Kehle. Als wenn dies feudale Schloß unsre kleinen brüderlichen Leiden und Freuden nicht verstehen könnte, als wenn's Entweihung wäre vor dieser fremden Dame, Das ist die falsche Gêne – der Kopf giebt nur, wo das Herz geben sollte. So erzähl' ich denn nur, daß Du früher sehr hübsch, sehr elegant warst (ganz das Gegenteil von mir auch noch heut), und daß Du mit Deinem hellen, scharfen Verstände, Deinem ungutmütigen Witz, eigentlich für die große Welt bestimmt, dennoch ganz früh unter die Krautjunker gegangen seist, einem sentimentalen Zuge unsers Wesens folgend, – was Dir das Glück zwar nicht brachte, dafür die gesunde Sorge für Heimatscholle und Kinder. Und sie, erst verwundert, daß ich an solchen Aeußerlichkeiten klebe, sieht mich klug an – und versteht doch. »Sie wollen nicht, Baron! Sie denken: was will diese Frau von uns, die wir gar nicht kennen?... Ich will unvorsichtiger sein, weil ich Sie schon sehr lange zu kennen glaube. Mein Bruder ist ganz mein Ebenbild, natürlich Mann, sogar ein leichtfertiger Mann, dem's aber gar nicht schlecht gehen kann, weil er bald unten ist, bald oben, bald traurig, bald vergnügt, das letzte viel häufiger. Er lächelt lange nicht so oft als ich. Trotzdem bin ich immer viel länger unten, viel länger!... Ich kann gar nicht erwarten, bis er verheiratet ist. Sie ist zwar nur Marquise, aber vom besten französischen Adel aus dem Faubourg St. Germain. So treue Royalistin, daß es Ihnen passieren könnte, in einem Gespräch über den großen Napoleon die Antwort zu hören: ›Ich kenne den Mann nicht! ...‹ Etwas verbohrt? Aber mokieren Sie sich nicht! ... Wenn Sie meine Schwägerin sehen würden, so jung, so frisch, so lustig! Sie haben in Deutschland ein komisches Wort: herzig – und das ist sie! ... Außerdem dürfen die Bragans unter keinen Umständen aussterben. Ich werde meine Nichten und Neffen kindisch lieb haben, ich werde für sie sparen, mein Schloß in Flandern vererbe ich ihnen ganz gewiß! Und die Mädchen sollen so aussehen, wie meine schöne Mutter ...« »Sie war Ihnen ähnlich, Herzogin?« »Man sagt..,« »Dann allerdings...« »O, Sie Schmeichler!... Pour l'amour la mort! Ist das nicht ein wunderhübscher Wappenspruch? Das Geschlecht Bragan hat ihn immer hoch gehalten. Bragan, das hat Klang. Lièges, das klingt so weich und weibisch. Obgleich ich den Namen trage, liebe ich ihn nicht. War's Irrtum oder Malice, daß Sie in der Adresse é geschrieben haben? Liéges heißt Kork, Lièges Lüttich. Liéges ist aber richtig. Die Herren von Lièges bestreiten das zwar und heißen doch so und führen eine Korkeiche im Schilde seit Olims Zeiten. Ich finde nichts dabei, ich finde es aber auch weder hübsch noch ritterlich. Vielleicht trieben sie wie Kork auf den Wogen des Lebens und wählten sich selbst das Emblem. Ziehen Sie aber daraus keine Schlüsse, Baron! Die Lièges hier, Mann und Frau, treiben nicht so leicht auf den Wogen... Der Herzog allerdings...« Sie spricht nicht weiter. Wieder derselbe ernstträumende Blick die Ahnengalerie entlang, wieder das nervöse Zucken der feinen Nasenflügel... Lieben sich die beiden Leutchen nicht? Es ist eine Konvenienzehe, und die geflickten Töpfe halten ja am längsten. Dann sagt die Herzogin noch einmal langsam: »Pour l'amour la mort« – und bewegt langsam den geschlossenen Fächer dazu. Es ist, als wenn etwas häßlich Kühles durch das Zimmer wehte. »Pour l'amour la mort,« wiederhole auch ich leise. Es klingt wirklich hübsch. Das feine Ohr der Herzogin hat es erfaßt... »Ja, das war einmal... Eigentlich doch glückliche Menschen, die das zur Wahrheit machen konnten, Wir, glaube ich, können's nicht mehr...« »Nein, wir nicht mehr...« Da suchen mich ihre Augen ungläubig fragend. »Sie auch nicht, Baron?« »Ich auch nicht, Herzogin.« »Und Ihr Bild?« »Haben Sie es gesehen?« »Sie haben recht. Aber man schrieb mir doch...« »Man schrieb Ihnen Thörichtes, Herzogin. Ich will Ihnen etwas sagen: Ich stehe noch heut als ein Fremder vor meinem Machwerk. Ich habe niemals geliebt – niemals! – Heute sind meine Fähigkeiten der Art wohl schon erschöpft – ich erschöpfte sie im kleinen Krieg... Ich habe viel gelebt, viel genossen und werde darin fortfahren, so gut es geht. Für den Künstler ein Glück. Denn wer das eine erlebte, der erlebt nie etwas mehr!... Hätte ich bei meinem Bilde das gefühlt, was ich malte – es wäre mein letztes Bild. Ich käme über den einen Eindruck nie hinweg...« »Und wenn Sie das Unmögliche doch noch einmal an sich erlebten?« »So würde es mich überfluten wie ein Strom – und ich würde daran zu Grunde gehen...« Woher weiß ich das alles? Warum sage ich es gerade dieser Frau? ... Wir könnten das Thema weiter fortsetzen – Félicie mag aber nicht. Sie sagt nur mit feiner Anerkennung: »Als Sie von der ›Liebe‹ sprachen, sprachen Sie leise – Sie flüsterten beinahe. So hab' ich's gern... Ich möchte Ihr Bild doch sehen...« »Nein, Herzogin, in meinem Bilde liegt etwas ganz andres als Sie denken. Das ist ein stummer Verzweiflungsschrei, der doch bis ins Mark dringt.« »Dann weiß ich doch nicht, ob ich's gern haben könnte... vielleicht bewundern... Die Liebe flüstert – das verstehe ich ... Aber wir wollen von etwas anderm sprechen – von Ihrer Kunst überhaupt. Künstler stehen mir immer auf einem Postament, zu dem die Sterblichen interessiert hinaufschauen.« »Kunst ist Arbeit, Herzogin.« Sie lächelt. »Nicht so hart, Baron! Sie sollen leise sprechen wie vorhin. Das steht Ihrem Organ am besten.« Zum Scherz flüstre ich kaum hörbar etwas Fades. In dem Augenblick dreht sich von den Spielenden einer nach uns um – es ist der Herzog. »Neigt der Herr Gemahl zur Eifersucht?« frage ich mokant. »Vielleicht – vielleicht auch nicht. Flüstern dürfen wir Ewigkeiten – aber wehe, wenn ich ein einziges Mal hell auflachte!« »Der Herzog liebt die große Welt?« »Sie wollen sagen: er kennt sie schlecht? Er kennt sie in der That schlecht!« »Herzogin, ich bin weit entfernt...« »Die Wahrheit einzugestehen. Und Sie sollen doch ehrlich zu mir sein, so ehrlich, wie ich es sein will... Sie sollten sich übrigens zu Ihrem Scharfblick gratulieren. Mein Mann wird die Welt nie kennen, und wenn er tausend Galabälle mitgemacht hätte. Das liegt in seiner Natur ...« »Und lieben Sie dies Genre sonst?« »Ich muß wohl. Denn sonst hätte ich meinen Mann nicht geheiratet.« Ich ging viel zu weit, um diese Zurechtweisung nicht ruhig zu ertragen. »Gefällt Ihnen übrigens mein Mann, Baron?« Da reitet mich der Teufel, etwas Unglaubliches zu sagen: »Nein.« »Warum?« »Nur, weil es Ihr Mann ist, Herzogin.« »Danke. Ich habe Sie doch richtig taxiert.« »Wollen die Frau Herzogin die Gnade haben, mir das zu erklären?« »Später vielleicht – jetzt wollen wir noch etwas lustwandeln.« Ich erhebe mich gehorsam. Wir schlendern nach der Ahnengalerie. Wenn sie mir die Bemerkung übelgenommen – meinetwegen! Bei den Spielern bleibt sie stehen. Sie sieht dem Herzog in die Karten, die Hand leicht auf seine Schulter gelegt. »Hast du Glück, Charles?« – »Wenn du hineinsiehst, stets, Félicie.« – Die alte, galante Phrase! Dennoch lächelt die reizende Frau, ein verlegen liebenswürdiges Lächeln, wie ein Kind, das genascht hat und das nicht wahr haben möchte. Wir gehen weiter durch die ganze Zimmerflucht – zwei Träumer, den Blick ins Leere. Mich drücken die Räume, so hoch sie sind. Nicht etwa, weil ich mich vielleicht unsicher fühlte oder nicht unter meinesgleichen! Und wäre es eine Versammlung königlicher Prinzen – auf meinem Wappenschild steht: ›Flieh! Der Rabe!‹ (siehe Ivanhoe – gare le corbeau) – Nein, so dumm es klingt – ich fühle das Schicksal. Das Unglück schleicht um mich herum, hat vielleicht schon die Hand an meiner Kehle. Vielleicht mag ein Bube aus Wahnsinn oder gemeinem Zerstörungstrieb die »Liebe« zerfetzt haben, und im Hotel finde ich nachher das Telegramm. Irgend jemand oder irgend etwas thut mir etwas Schreckliches – den Gedanken werde ich nicht los. Von den Kostbarkeiten um mich her sehe ich jetzt gar nichts. Ich höre nur das leise Rauschen des Seidenrocks der Frau neben mir. Auch das berührt meine Nerven unangenehm. Ich Narr! Die Frau ist höchstens mein guter Geist, aber nicht mein schlechter. Sie haben da irgendwo in einer Ecke auf einer Staffelei eine sehr gute Kopie von Tizians »himmlischer und irdischer Liebe«. Vor dem Bilde zögert die Herzogin. Es ist die holdeste Offenbarung der Kunst – es liegt ein Duft darüber, ein Zauber, den wir lieben und hassen zugleich. Das können wir nicht mehr. Bei uns ist alles gewollt. Die Herzogin weiß das vielleicht auch. Und mit dem gänzlichen Mangel an Prüderie, der die ganz große Dame so angenehm von der Kanzleiratstochter unterscheidet, tippt sie auf die nackte Gestalt. »Lächelt Ihre ›Liebe‹ auch so rein?« Ich kann nur lächeln. Meine »Liebe« ist so ganz anders. Und wie sich die unsinnigsten Gedanken in nervösen Hirnen kreuzen, so fällt mir vor dem Bilde gerade das Lucrezialächeln ein, das ich einst malen wollte – und wie eine andre vorhin lächelte, die feine Hand auf ihres Mannes Schulter. Meine Herzensfrage ist empörend: »Wann lächeln die Frauen am keuschesten?« Die Antwort vielleicht ebenso empörend: »Wenn sie verraten, Baron.« Ich stehe eben vor dem reizendsten Rätsel, das einem in Frauengestalt erscheinen kann. Rätselraten halte ich sonst für die kindische Beschäftigung geistig Armer – aber solche Rätsel! – ... Ja, Bauer, das ist ganz was andres... Und habe die Güte, Gert, nicht zu moralisieren, indem Du erklärst: ›die Frau giebt dir gleich viel zu viel, als daß sie es dir allein geben könnte –‹ Und wenn ich nun doch der Auserwählte wäre, ganz allein bestimmt, in ein großes, krankes Herz zu schauen? Die Gesellschaft dauerte viel länger, als bei der aristokratischen Langweile anzunehmen. Ueber die Herren war nämlich beim Whist eine leichtfertige Stimmung hereingebrochen. Sie kamen uns nachgetrollt, den Herzog an der Tête. Unter Tizians »himmlischer und irdischer Liebe« wurde zum Schluß noch gejeut. Eine regelrechte Bank, die der Prinzonkel legte. Diese Verbrecher – was? Beruhige Dich! Und wenn wir bis zum jüngsten Tage gejeut hätten, ein Hundertfrankenschein war auch beim größten Pech nicht zu verjubeln. Ein Spiel um zusammengeklebte italienische Lirelappen – philisterhaft, reizlos für Deinen Bruder, der höchstens noch die tollen Umdrehungen des Glücksrades liebt, wo die Psychologie einheimst, was der Beutel hergeben mußte. Zum Hazard gehören glasige Augen, zuckende Lippen, erlogene Ruhe. Doch selbst bei diesem zahmen Baccarat machte ich meine Studien. – Der Prinzonkel knurrt nämlich, sobald ein Fünfer sich empfohlen, bei zehn Franken nagt er verbissen die Lippen – beim zwölften beobachtet er sogar mit bemitleidigendem Mißtrauen den Bankhalter beim Mischen. Ich mußte darob lächeln. Der Graf verstand und lächelte auch. Das ist mein Mann. Einer, der immer doublieren möchte, nie nachzählt, dabei immer ruhig, elegant, die Sammetaugen vom weichsten Glanz. Den möchte ich in Monte Carlo sehen! – Bei Spielern trügt mein Scharfblick nie. Er ist ein Verlorener, der nicht aufhören kann und aus der wildesten Glückshausse doch nackt und bloß entfliehen müßte – trotzdem ruhig, lächelnd wie ein Idiot. Der Herzog pinxert, berechnet Chancen, trennt sich aber von seinem Gelde wie von Spielmarken. Anders der Marquis – abgekühlter Franzose, uninteressiert, Gesellschaftsmensch, der mitthut, was andre nicht lassen können. Die schärfsten Pointeure sind die Herzogin und ich. Ich aus Scherz, ein gelassener Verschwender, dem es weit eher um die Gesichter zu thun ist als um das lächerliche Geld. Aber die Herzogin! Eine Jeuratze scheinbar, wie sie im Buche steht, fiebernd und doch naiv, unerfahren, erpicht aufs Gewinnen wie alle Frauen, und dann wieder von Gewissenskrupeln geplagt gegenüber den Verlierenden. Dennoch – sie ist mir rätselhaft – bei aller Passion, allem Leichtsinn ist die Grenze unverrückbar. Unsummen gewinnen – wohl möglich! Unsummen verlieren – undenkbar! Sie würde sich immer klug sagen: ›So viel kannst du verjeuen, aber darüber hinaus keinen roten Dreier mehr.‹ Hier war die Probe darauf natürlich nicht möglich – doch sehe ich viel zu scharf, um nicht Spieler von Spieler zu scheiden – die tollkühnen und die wagenden. Bis zu dem einen Punkte riskiert sie alles – nachher keinen Sou. – Darin liegt ein Charakterzug, der mich über das fernere Schicksal dieser Frau überhaupt beruhigen könnte. Sag, bin ich in sie verliebt? Wie Du mir zugeben mußt: nein! Trotzdem empfand ich eine gewisse Enttäuschung über diese vernünftige Tollheit. Das blasse Gesichtchen ist hellrot, die Opalaugen funkeln beinahe, die nervös zitternde Hand vergißt den Gewinn einzuziehen. Ich bemerke das einmal, zweimal, und mache mir den Scherz, ihren Gewinn für mich einzustreichen. Sie muß den Betrug erst von meinem spitzbübisch lächelnden Gesicht ablesen. Dann lacht sie hell auf: »Sie sind gefährlich, Baron!« – Dagegen ich: »Allerdings, Herzogin – aber das würde wahrscheinlich jeder sein, der neben Ihnen beim Spiel pointiert. Sie haben das Zeug, in Monte Carlo die Bank zu sprengen – aber ein andrer nimmt das Geld.« Die matten Augen des Herzogs ruhen in diesem Augenblick prüfend, fast argwöhnisch auf mir und ihr. Das helle Lachen that's ihm an – der Narr! Die reizende Frau und ich waren uns niemals ferner als in diesem Moment, wo der fremde Zug ihres Wesens hervorspringt: das sparsame Verschwenden. Nein, ich liebe diese Frau ganz sicher nicht! Setzt da vielleicht auch bei diesem holden Geschöpf die Degeneration unsers alten Blutes ein? Ist da der tiefversteckte, aber unverrückbare Pol ihres Könnens, so daß eine dürre Vernunft das üppig grünende Gefühl unfehlbar dann meistert, wo es noch nicht einmal die Blüte treiben konnte, geschweige denn die Frucht? Ich thue der Frau sicher unrecht – jedoch für mich ist das Spiel plötzlich vorbei. Die andern mögen's als Langweile deuten, Blasiertheit, daß ich austrete. Grundfalsch! Der einzige Mensch in dieser Gesellschaft, zu dem ich mich hingezogen fühle, stößt mich ab, wird mir fremd. Man läßt mich – man läßt ja Künstler immer gewähren, weil man für interessante Laune hält, was vielleicht nur mimosenhafte Empfindlichkeit ist. Ich gehe in das Nebenzimmer, wo die Importenkisten auf einem Mosaiktische thronen. Ich sehne mich jetzt nicht nach dem edeln Gift, an dem ich mich arbeitend immer berauschen muß. Die parfümierte Zigarette paßt heute besser. Boudoirluft wird pikant durch den feinen Rauch. Vielleicht hat diese rätselhafte Frau im Grunde auch nur Boudoirgefühle – spielend, nichtig und doch so gefährlich. Ich möchte darum in ihrem Verandazimmer vor dem Weggehen noch ein wenig träumen. In dem Raum muß ja ihre Eigenart wurzeln, weil sie ihn am meisten liebt. In der Ahnengalerie sehe ich mir vorbeigehend noch einmal die Herren von Lièges genauer an. Katholische Köpfe darunter, Mönche in Stahlhemd oder Sturmhaube – ein fanatisch gläubiger Zug allen gemein. Bis zum siebzehnten Jahrhundert noch scharfe, herzlose Augen trotz der Gläubigkeit. Dann werden die Augen matter und matter. Die Degeneration tritt wohl ein. Sieht das der Epigonenherzog nicht, der mit den mattesten Augen selbst zu seinen Ahnen täglich aufschaut? Matte Augen sind ein Glück. Der eine sieht durch den Dunstschleier kaum, der andre verbirgt heimtückisch darunter, was er geschaut. Zu welcher von den beiden Kategorien gehörst du, Duc Charles? Was doch so ein Zug Zigarette in einem Frauengemach nicht thut! Als ob man selbst nicht der Übelthäter – als ob ein andrer verschwiegener Galan es eben verlassen!... Vorhin mit der Herzogin beschäftigte mich die reizende Frau zu sehr. Da interessierte mich nur die Stimmung des Zimmers, jetzt interessieren mich die Gegenstände. Ob sie einen Galan hat? Bei halben Französinnen hat man stets den Soupçon... Nun bin ich allein und mit einem Inquisitorenblick begabt. Eigentliche Neugierde liegt mir sonst fern, hier packt sie mich plötzlich. Und da eine Kartenschale nicht vorhanden, wühle ich einen Stoß kostbarer Photographiealben auseinander. Das ist ja erlaubt. Und wie ich so blättere. – Ansichten von ihrem flandrischen Schloß, Bilder aus Ägypten, von der Riviera, langweiliges Zeug eigentlich, weil so wenig persönlich – da beginne ich zu träumen. Die schwankenden Schatten der Ampel schläfern den Stehenden ein. Ich träume natürlich von der Herzogin. Aber ich sehe sie nur in dem scharfen, häßlichen Lichte der Spieltischaufregung. Meine Bewunderung ist ein wenig kühl geworden. Der tiefe Gegensatz unsers Wesens wird mir klar: einer, der nichts wagt und dann alles – ich; eine, die alles wagt und nachher nichts – sie. Warum ist mir das holde Bild von vorhin zerflattert? Ein liebes, junges, ehrliches Geschöpf, das die Tiefen seiner Seele noch gar nicht kennt und darum in reizender Naivität verschwenderisch ausstreut, wo Flache klug bewahren. – Und jetzt muß ich die Grenzen dieses Wesens scharf und nüchtern sehen. Hinter dem Gefühl lauert ihr stets die Vernunft. Ein guter Wächter wohl – allein ich liebe ihn bei Frauen nicht allzusehr. – Kann die Herzogin Félicie einmal einem alles geben – oder giebt sie allen etwas, so daß keiner befriedigt ist, nicht einmal sie? Und dösend blättere ich weiter, Album um Album. Auch in der Wahl der Bilder guter Geschmack, feiner Fraueninstinkt, ein Gefühl für das Warme, Helle, für die schöngeschwungene Linie, die keine häßliche Realität stört. Oberfläche – oder Charakter? – Ich grüble... Und das letzte kleine Album will ich gerade – doch ein wenig enttäuscht – auf die Etagere zurückschieben. Da drehe ich noch mechanisch das nächste Blatt um und da – ist eine Realität, eine häßliche Realität sogar! Ein Kind... Ihr Kind?... An ein Kind gemahnt nichts in diesem Hause. Dennoch... es ist ein mir unheimliches Kind von vielleicht drei Jahren – ganz blöde Augen, ein rhachitischer Körper, armselig auch in dem reichen Kinderkleid ... aber in dem feinen Kinn, in der schmalen, schönen Stirn ist der Typ der Herzogin lebendig. Ich kann mich auch irren. Es ist ein fahl gewordenes Bild, als wenn die Thränen einer unglücklichen Mutter darüber geflossen wären... »Nun, kleiner Duc,« sage ich halblaut, »vegetierst du noch, oder war dein blaues, dünnes Blut zu adlig für diese plebejische Welt?« – Ein widerlicher Monolog! – In dem Augenblicke fahre ich auch schon zusammen. Hinter mir knistert etwas, der Schatten eines Menschen tanzt vor mir auf der Wand. Ich drehe mich um – es ist die Herzogin, die vielleicht schon lange hinter mir gestanden. Sie sagt kein Wort, sie lächelt nur ein ödes, starres Lächeln. In der Verwirrung frage ich: »Was ist das für ein Kind?« »Mein Kind.« »Lebt es noch?« »Nein.« Wir stehen uns gegenüber, verlegen, lange. Welch krankes, wehes Kinderlächeln selbst diese Frau doch lächelt! Und sie hat mir auf einmal so kranke, schmale, weiße Kinderhände! – Aus dem Lächeln und aus der Hand lese ich ein schweres Schicksal. Sie hat auch ein krankes, wehes Herz, die arme Frau... Ja, arme Félicie! Die Gesellschaft folgte, wir sprachen noch ein paar gleichgültige Worte. Und dann fuhr ich weg. Auf halbem Wege schickte ich den Wagen zurück. Ich wollte noch gehen, grübeln. Wenn auch der aufgeweichte Kalk der Landstraße neue Lackschuhe unfehlbar ruiniert – um solche Kleinigkeit bekümmerte ich mich nie. Es regnet nicht mehr. Die scharfe Mittelmeerbrandung kreischt herauf, ein heller Horizont hebt sich über silberblinkendem Wasser. Ich selbst mache an mir eine merkwürdige Entdeckung – Ich liebte sonst kranke Frauen nie, nur gesunde. – Jetzt muß ich immer an diese kranke Hand und dieses kranke Lächeln denken. Sie üben beinahe eine Macht auf mich ... Kranke, schmale, weiße Frauenhände ... Wenn ich Tip bei mir hätte, würde dieser Hund, der ein seltener Gedankenleser ist, mich die ganze Zeitlang leise wedelnd angeschaut haben. Was mir ans Herz geht, errät er stets – und will mich trösten. Der Weg ist lang, und ich komme über Stimmungen schnell hinaus. So auch damals. Vor dem Hotel hatte ich nur noch Sehnsucht nach Dir, Gert. Und ich bin auch gar nicht sicher, ob ich nicht in dieser Woche meine Sachen packe und als seltener Gast zu Euch in den Osten komme. Viertes Kapitel. Wird es Dir genügen, Rolf, nur eine hübsche Erinnerung auf dem überladenen Nipptisch einer belgischen Herzogin zu sein?' – Was soll das nun eigentlich heißen, Gert? Du scheinst wahrhaftig zu denken, ich sei bis über die Ohren verliebt! Ganz so weit sind wir noch nicht. Auf der andern Seite halte ich es für viel wahrscheinlicher, daß die reizende Félicie eine Erinnerung auf meinem Nipptisch sein wird. Ihr nehmt mich noch immer für ein Kind, das die große Kinderkrankheit der Liebe doch noch einmal durchmachen muß. Wenn erwachsene Menschen wie ich Kinderkrankheiten bekommen, sterben sie unfehlbar daran. Du siehst, wie pessimistisch ich die Liebe betrachte. Weil ich Euern rauhen Osten nun doch nicht beehre, sondern thatenlos an der Riviera herumstrolche, wähnt Ihr, ein schweres Scharlachfieber tobe schon durch meine Adern. Ihr möchtet mich schleunigst ins Bett bringen, damit der Ausschlag herauskommt und nicht, gewaltsam zurückgepreßt, sich auf edle Teile werfe, als da sind: Herz und Nieren. Ein Nesselfieber habe ich allerdings, ein angenehmes, erwartungsvolles Prickeln über den ganzen Körper. Unschuldiger Reiz! Manche Leute bekommen nach Erdbeergenuß diese Erscheinungen, und ich habe noch nie gehört, daß einer daran gestorben wäre. Auf deutsch: Ich stehe ein wenig unter dem Zauber dieser reizenden Frau! Ich treibe in einem warmen, wohligen Strome, wo ich überall Grund finde zum Stehen, sobald ich will. Eben weil ich dies letztere so genau weiß, lass' ich mich behaglich treiben, neugierig, wie lange der Scherz dauert. Denn eines Tages krieche ich doch ans Land, schüttle mich, strecke mich ins sonnenbeschienene Gras und sage: ›Hübsch war's, hübscher noch jetzt, da es vorbei...‹ Seid doch nicht so schwerfällig, Ihr Ostelbier! Weil ein wehes Frauenlächeln und eine kranke Frauenhand mir das schöne echte Mitleid für ein paar Tage weckten, bin ich selbst doch noch kein Kranker. Mein Lieber: Die Herzogin ist jung, die Herzogin ist reizend, sie lächelt so träumerisch süß, wie ich noch nie eine Frau lächeln sah. Laß also dem Künstler, was des Künstlers ist!... Der Mann ist eben ein Blinder, die Frau liebt den Flirt. Ich habe neulich meinen Anstandsbesuch im Schloß gemacht. Félicie war allein und nahm mich an. Eine volle, nicht ganz gesellschaftsmäßige Stunde einer entzückend leichten Konversation. Dazu die Sonne und das Lächeln und das Boudoirparfüm... Es lebe der Leichtsinn! Mir schwerblütigem Burschen wird die Reaktion bald genug kommen.– Ich habe übrigens dieser Antiquitätensammlung im Schloß unrecht gethan. Es kommt eben nur darauf an, wer einen führt. Ist's der langweilige Duc – langweilig; ist's die reizende Herzogin – reizend. Und die Frau hat Geschmack, Blick, sie hat's in den Fingerspitzen, schmalen, kühlen, feinen Fingerspitzen, die ich erst ein einziges Mal im Kusse berühren durfte. Auf den schweren englischen Händedruck verzichte ich jetzt freiwillig zu Gunsten meines Mundes. Und wie einem die Frau Gemälde zeigt, auf Antiquitäten tippt! Sie hält's nicht immer mit dem Kostbaren, sie hält's mit dem Hübschen, Zierlichen. Das ist ja auch der natürliche Rapport zwischen ihr und den Dingen. Eine zierliche Sèvresfigur in dieser Hand gesehen, geradezu ein Genuß! Sie weiß das natürlich wie alle Frauen, sie kennt auch ihren Zauber über mich so ganz genau. Der bezauberte Künstler macht ihr Spaß, der, auf große antike Kameen scheinbar interessiert gebeugt plötzlich aufsieht zu ihr und langsam den feinen Profilriß studiert, kopfschüttelnd zuletzt, als wollte er sagen: ›Was sind das doch alles für Lächerlichkeiten, die schönste Kamee der ganzen Sammlung bist du ja, Herzogin Félicie!‹ Sie versteht, sie ist sicher kokett, aber in einer so naiv kindlichen Art, mit einem so holden Erröten, daß ich den Brummbär von Duc nicht verstehen kann, der tagelang in den Bergen herumsteigt oder mit seiner Jacht auf See liegt. Es that mir ehrlich leid, als ich die ins Endlose gedehnte Visite abbrechen mußte. »Kommen Sie noch manchmal auf die Klippe, Baron Raben?« »Selten, Herzogin.« »Aber es ist doch so hübsch da und einsam.« »Gehen Frau Herzogin auch noch manchmal hin?« »Vormittags. Aber da dürfen Sie natürlich nicht kommen. Ich meinte das vorhin auch nur so.« Lieber Gott, ich bin doch keineswegs ein Narr und werde von jetzt ab jeden Vormittag auf der Klippe lauern. Die ersten Tage mißglückte es. Vielleicht genierte sich die reizende Félicie, vielleicht war es ihr auch ernst mit der Mahnung an mich. Aber ich blieb halsstarrig – und wurde belohnt. Eines Sonntags nach der Frühmesse ein leichtes Wagenrollen, das mir die Ohren spitzt. Ich liege, in meine Decke gehüllt, auf dem Fels und blinzle teilnahmlos ins Wasser. Schauspielerei! Ich höre einen leichten Schritt auf dem Geröll, der aber meine Nerven vibrieren macht. Dann eine liebliche, klangvolle Stimme: »So früh am Tage schon Siesta, Baron?« Ich springe auf. »Ah, Herzogin kamen doch!« »Ja, aber nur auf fünf Minuten. Was sollen denn sonst Kutscher und Diener denken! Aber es ist hübsch hier, reizend. Sie haben sich auch die sonnigste Stelle ausgesucht. Ach, die Rivierasonne, nicht wahr? Mir thut sie so gut! Mein nervöses Herz schlägt sofort ruhiger und freudiger zugleich, wenn sie scheint.« Ich biete der Herzogin natürlich meine Decke an; ich verstehe sie zu einem Ruhepolster zusammenzulegen, so weich, wie es auch die verwöhnteste Odaliske nicht zurückweisen würde. Die Herzogin aber weist es lächelnd zurück. »Wo denken Sie hin, Baron? Mein Mann kommt zu Fuß gleich hinterher; seine Demut verbietet ihm nämlich, zur Messe zu fahren ... Wenn er uns nun hier zusammen sieht...« »Ja, was soll er dabei finden, Herzogin?« »Sie sind gefährlich, Baron! Weil Sie es so wollen, finden Sie es richtig. Zuletzt glaube ich es Ihnen auch. Aber sagen Sie ehrlich: Ist es nicht furchtbar unpassend?... Ueber unsre erste Begegnung habe ich mir nämlich schon große Vorwürfe gemacht. Ich bin zuweilen so unvorsichtig und kindisch!« Ich beruhige sie, so gut ich kann. »Was wäre am Ende dabei, wenn uns der Herzog bei solchem Rendezvous überrascht!« Aber der Herzog kommt nicht. Er hat sich wie durch ein Wunder in irgend ein Seitenthal der Küstenberge verloren. Da acceptiert seine Gattin endlich das Polster. – Ein wunderbarer Sonntag. Eine lachende blaue See, tief und ruhig in der Bucht, während weit draußen im offenen Meer die Schaumkämme hüpfen. Knappe zwei Minuten interessiert uns auch das Bild, das heißt von Anfang an interessierten mich die Opalaugen der Herzogin mehr. Es war ein reizendes halbes Stündchen, das wir, vom lauen Seewind befächelt, hier verplauderten. Wir haben uns sogar gestritten, ein sehr unschuldiger Streit trotz des sehr heiklen Themas. Diese Herzogin aus Flandern ist nämlich heimliche Antideutsche. Preußen sind ihr Räuber, Lothringer Heilige. Sie lieben uns doch alle nicht im Auslande. Deutschland ist der große Parvenü unter den europäischen Völkern. Nicht mal Bismarck gilt dieser reizenden Legitimistin. »Monsieur de Bismarck, oh non, non, non...« Im Eifer spricht sie französisch und will sich auf keine andern Weiterungen einlassen als: »Er hat dem Papst seinen Kirchenstaat genommen, er hat die Katholiken Deutschtands geknechtet.« – Ich bin auch einer von ihnen, aber der große Mann wird mir durch die Maigesetze nicht wesentlich kleiner. – Die Herzogin kämpft nicht etwa mit der sprühenden Deutschenfeindschaft der Vollplutpariserin, sie thut es mit der liebenswürdigen, lächelnden Naivität, die ihre zierliche Gestalt wie ein Zauber umfließt. Diese Deutschenhasserin empört mich gar nicht!... Kennst Du hier den verbissenen preußischen Chauvinisten wieder, der jeden niederschlagen möchte, der unsre große Nation anzuzweifeln wagt? – So schlanke Frauenhände gängeln gar geschickt, haben gerade in ihrer Kraftlosigkeit so viel unbegreifliche Kraft. Dennoch wage ich scherzend zu bemerken: »Da ich bis zum letzten Blutstropfen Deutscher, nur Deutscher bin; wie können Sie eigentlich den Erbfeind auch nur fünf Minuten ertragen, Herzogin?« Sie macht eine wegwerfende Bewegung mit dem helllila Sonnenschirm. »Ach Sie, Baron!... Sie können meinetwegen Chinese, Mongole sein – Heide sind Sie so wie so – Sie sind eben Sie!... Werden Sie auch nicht eitel werden, wenn ich Ihnen das sage, oder denken: ›Welch merkwürdige Avancen macht mir Félicie von Lièges?‹ Das letztere dürfen Sie auf keinen Fall, denn dann würden Sie mich völlig mißverstehen. Ich wollte Ihnen damit wohl etwas Nettes sagen, aber nichts, woraus Sie ein Recht auf mehr herleiten könnten... Ich habe überhaupt ein wenig Angst vor Ihnen. Sie wissen so genau wie ich, was gesellschaftlich ist, Sie sind in gewissem Grade viel zugeknöpfter und steifer, als ich, dennoch können Sie, welche Gesellschaft es auch sei, und wem gegenüber es auch sei, urplötzlich etwas so Unglaubliches sagen, daß Sie alles ansieht...« »Auch Ihnen gegenüber, Herzogin?« Sie bewegt zweifelnd das Köpfchen. »Mir gegenüber vielleicht nicht. Wenigstens nicht, wenn ich Sie ansehe, denn dann glaube ich Sie immer in Schach halten zu können. Aber allen andern gegenüber unfehlbar!... Zum Beispiel neulich an meinem Geburtstag. Es wurde gerade die soziale Frage leise gestreift. – Ah, ich konnte damals schon so gut in Ihrem Gesicht lesen! – Ich liebe übrigens unsre Aristokratie gar nicht übermäßig, sie ist teilweise flach, hat wenig gelernt, aber ich gehöre doch nun einmal zu ihr. Und Sie waren neulich im Begriff, meinem Onkel, dem Prinzen, eine so scharfe, vielleicht ungerechte Antwort zu geben, daß Schweigen die einzige Kritik gewesen wäre. Da sah ich Sie zur rechten Zeit bittend an. Sie verstanden mich. Denn sonst... Habe ich recht?« »Ich leugne es nicht, Herzogin.« Sie lächelt wieder, unendlich liebenswürdig. »Sie sind mir doch nicht etwa böse, Baron? Ich dachte nur als Hausfrau: ›Hier muß beruhigt werden!‹ Und wenn Sie selbst das wegwerfende Zucken Ihrer Nasenflügel in solchen Augenblicken beobachten könnten!« »Aber Herzogin, üben Sie doch Gnade! Ich lasse mich so gern erziehen...« Ja, glaub's oder glaub's nicht, Gert. Sie erzieht mich. Ich bin seitdem viel gleichmäßiger, liebenswürdiger, während doch sonst meine sehr ausgesprochene Individualität nur von der absoluten Gleichgültigkeit zur bissigen Verachtung hinüberwechselt. Das hat die reizende Person mit ihrem Lächeln auf einmal geändert. Damit gebe ich Dir zu, es ist die einzige Frau, die mich reizt, die ich vielleicht vermissen könnte... ja sehnen. Trotzdem denke ich sehr kühl über das baldige Ende unsrer Beziehungen. Ja, wo zum Kuckuck liegt dieser besondere Reiz? Daß sie eine eminent weiche, weibliche Natur ist?... Eine weibliche Natur ist ja jeder Künstler auch mit seiner Aufnahmefähigkeit für allerlei Eindrücke. Und doch soll sich gerade das Ungleiche anziehen im Leben der Geschlechter... Wenn's nur die uralte unausrottbare Neigung des Deutschen für das Fremde wäre? Denn zuweilen entschlüpft ihr ein französisches Wort, sie verwechselt die Fälle – natürlich äußerst selten. Dann wird mir erst klar, daß sie eine Ausländerin ist, und das unrichtige Wort, von diesem weichen Organ gesprochen, hat für mich einen so prickelnden Reiz, daß ich es in den Nerven fühle. Ich markiere ihr die Fehler immer durch ein mokantes Lippenzucken, worauf sie in liebenswürdiger Verlegenheit sagt: »Sprach ich denn wieder französisch?«... Nein, nein, das alles ist es nicht! Ich bin jetzt au fait . Es ist die Frau, die eigentlich alles weiß und wissen darf, aber die gefährliche Wissenschaft mit einem so hübschen Schleier kindlicher Naivität umgiebt. Darin bin ich eben Franzose wie alle etwas verlebten Weltreisenden. Mir thut's nie ein Mädchen an, mir muß es die Frau sein, wo man nicht mehr zu belehren braucht oder zu verderben, wo man nur antippt mit einem Wort, einem Lächeln – und all die verbotenen Thüren offen findet, die bei der Jungfrau unbedingt verschlossen sind. Die Franzosen sind doch große Psychologen. Gefährlich sind nur die Frauen, weil sie uns kennen und unsre Achillesfersen. * Die Klippe, ja die Klippe. Schiffe zerschellen an Klippen. Der alte Badearzt im Hotel erinnert mich doch etwas an Dich, Gert. Denn als ich neulich mit ihm eine halbe Nacht zusammensaß im ernsten Gespräch über das Herz überhaupt, das Thema Herzogin aber unberührt, sah er mich plötzlich scharf an. »Wollen Sie mir etwas nicht übelnehmen, Baron?« »Wenn's nicht zu toll kommt, nein.« »Packen Sie noch heut abend Ihre Siebensachen! Ich beobachte Sie nämlich scharf bei Tisch: Sie essen nichts mehr, trinken nur. Der Grund liegt zwei Meilen von hier auf der halben Höhe des Kaps. Die Herzogin und Sie sind nämlich das Stadtgespräch... Obgleich Sie mich auslachen werden: Gehen Sie, solange Sie noch können! Der Landsmann steht mir in diesem Falle näher als die Patientin. Die Ehe da drüben ist nicht glücklich, aber solche Leute halten auch ohne Glück sehr gut aus. Die Herzogin wird ihrem Gemahl nie durchgehen, obgleich ich als Arzt es, weiß Gott, nicht verstehe. Ueberlassen Sie also die schöne Frau ihrem Schicksal, das wohl erst sehr viel später kurz und schmerzlos mit einem Herzschlag beendet sein wird. Es giebt aber schwerere Herzkrankheiten, Leiden, wo der Arzt nichts mehr helfen kann, nur der Tod. Ich fürchte, Sie könnten zu den Leuten gehören, die prädestiniert sind zu solcher Krankheit. Und ich sage Ihnen: Kein lächelnder Frauenmund verdient, daß ein bedeutender Mensch vielleicht armselig an ihm zu Grunde geht.« Der Mann meint es gewiß gut. Trotzdem gab ich ihm eine sehr ungezogene Antwort... Haltet ihr klugen alten Leute mich denn alle für ein Kind? Die Herzogin ist die hübscheste Episode in meinem Leben, weiter nichts. Auf der Klippe treffen wir uns jetzt täglich, Zufall natürlich, mathematisch berechneter Zufall. Wir sind jetzt in der Periode der kleinen Reibereien. Sie hatte keine Ahnung, was Malen heißt, und dabei doch ein reizend naives Interesse für mein Handwerk. Da hab' ich ihr denn den Gefallen gethan. Ich mit Aquarellkasten und allem Krimskrams vorne auf dem Fels, sie hinter mir voller Neugierde. Sie geniert mich gar nicht. Sie kann so gut schweigen, so verständig, und ein Lächeln von ihr sagt dann mehr als das blödsinnige: »Sehr interessant!... Ach wie stimmungsvoll!« andrer. Die Skizze war ein Stück See, ein weiß umbrandetes Kap, ein paar unmögliche Wolken dahinter. Schön ist ganz anders! Landschaft war ja auch nie meine Force. Aber das Ganze doch immerhin von einem Malerauge gesehen, von einer Malerhand gemalt. Die Herzogin war entzückt und wollte es gleich mitnehmen. Ich schlug's ihr ab, weil ich zu Hause noch ein paar Striche ändern wollte, damit es nicht zu geschmiert aussah. Am andern Tag war ich damit zur Stelle, ein kühn geschnörkeltes »Raben« prangte in der linken Ecke. Die Herzogin etwas gedrückt, verlegen. Als ich ihr das Blatt geben will, zögert sie. »Nein, Baron, ich habe mir's heute nacht überlegt, es ist doch nicht passend...« »Wieso?« frage ich verwundert. Da lächelt sie ganz entzückend. »Es wäre ein zu kostbares Geschenk. Und eigentlich ist es doch nur eine Hotelbekanntschaft, die wir haben.« Das empörte mich direkt, weil eine gewisse Feigheit drin lag, die ich ihr gar nicht zutraute. »Dann nicht, Herzogin... Aber das hätten Sie mir ebensogut gestern schon sagen können.« »Ja, ich weiß... ich weiß...« Und ich wollte mit einer kurzen Verbeugung mich empfehlen. Die Herzogin hielt mich zurück. »Aber so bleiben Sie doch, Baron! Ich will Ihnen auch sagen, wie's wirklich ist. Mir ist's nur so peinlich... Gestern abend tippte ich nämlich bei meinem Mann deswegen an, daß Sie eine Skizze vollendet hätten und die mir vielleicht als Andenken schenken würden. Da fuhr er auf: ›Was bildest du dir für Thorheiten ein, Félicie! Das wäre einfach unpassend. Der Mann hat dir nichts zu schenken – und denkt auch nicht daran.‹ Sofort war mir die Freude natürlich vergällt.« Ich erwidere kühl: »Warum sagten Sie nicht gleich die Wahrheit, Herzogin? Ich dränge mich niemand auf. Und wenn der Herzog von Lièges sich einbildet, ich sei auch nur einen Augenblick weniger als er, so machen Sie ihm, bitte, bei Gelegenheit klar, daß ich in meinem Leben noch niemand für mehr gehalten hätte, den Herzog Charles zuletzt.« Es war eine Kleinigkeit. Sie that alles Erdenkbare, mich zu versöhnen. Dennoch wurmte es mich tagelang. Nicht Eitelkeit, bei Gott nicht! Aber daß sie mich so nasführen wollte, mich! Ich bin leicht ungerecht. Ich fragte mich damals sofort: ›Langt's bei der Frau je zu einem großen Gefühl? Und langt's wirklich dazu, langt's denn auch zu einer großen That?‹... Ich bin eben ein Sonderling. Am Ende verstehe ich sie wirklich nicht und nehme für feige Zaghaftigkeit, was nur übergroße Feinfühligkeit ist. Sie ist eben kein Mann. Jetzt sind wir wieder nach einer Verknurrung von zwei Tagen auf der Klippe zusammen. Sie hat nämlich das ganze italienische Nest von Fischern zu einer Bettlerhorde gemacht. Sobald die herausbekommen hatte, wo die herzogliche Siesta jetzt stattfindet, waren wir von soldoheischenden Kindern umringt. Sie liebt Kinder so sehr, sie hat eine mütterliche Zärtlichkeit sogar für diese schmutzstarrenden, undankbaren Geschöpfe. Und wie sie da verschwendet! Die unzähligen Soldis langen nie. Es ist mir ein beinah wehmütiges Vergnügen, diese schmalen, weißen Kinderhände das Geld ausstreuen zu sehen. Die Hände sind wieder so krank, und das Lächeln ist so weh! Ich bitte ihr alles ab, was ich je gegen sie gesagt, gedacht oder geschrieben. Den im Grunde Guten zieht's zur Guten. Denn sie ist gut. Und das ist vielleicht das stärkste Band zwischen uns. Sie ahnt, weiß möglicherweise, daß auch ich nicht glücklich bin, und jedes Lächeln, das sie mir schenkt, jedes freundliche Wort ist auch nur das Almosen eines guten Herzens. Die Kinder schreien und purzeln übereinander, und wer einen Soldo erwischt, steckt ihn flugs in die Tasche und hebt mit verschmitzter Heuchelei gleich wieder ganz verzweifelt die kleine braune Faust. Ich bin vielleicht auch nicht besser als diese bettelnden Kinder, ich will immer mehr von der Guten... Und doch ist mir der Vergleich mit dem Almosen gar nicht recht. Wer nimmt gern die Almosen einer reizenden Frau?... Wenn ich eines Tages viel mehr wollte, ja alles, könnte oder wollte sie dann geben? Lieber Gert, der Mensch ist eine komplizierte Maschine äußerlich und innerlich noch viel mehr. Ja, wenn sie es mir dann nicht geben könnte, weil sie eben nur Almosen zu geben gewohnt ist... Das sind so Tage, wo auch ich irre an mir werde, Angst bekomme für mich wie Du. Das nennt man eben Wallungen, über die man immer mit einem schlechten Witz hinwegkommt. Und dann habe ich auch manchmal urplötzlich das Gefühl, als wenn der Strom, in dem ich schwimme, breiter und breiter werde, reißend, tief, ohne Möglichkeit, daß der Fuß den bodenlosen Grund erreichte. Aber die Ufer sehe ich noch immer, und ich bin ein vorzüglicher Schwimmer ... Wenn eines Tages mir auch die Ufer verschwänden und der Strom, der mich kosend jetzt noch auf seiner Oberfläche schaukelt, ebenso erbarmungslos hinabrisse in die Tiefe? ... Was schadete dem Verlorenen das auch!... Fünftes Kapitel. Die Herzogin war wochenlang unpäßlich. Ich fürchtete schon Schlimmeres. Aber sie schrieb mir, daß ihr Herz ein kleiner Eigensinn sei, den urplötzlich Streikgelüste anwandelten, wenn es am wenigsten im Recht. ›Ich habe mein Herz gerade in letzter Zeit so gut und schonend behandelt, nun versteht es die Güte nicht, ist undankbar... Beunruhigen Sie sich nicht, Baron! Ich werde leider ein sehr hohes Alter erreichen. Montag Wiedersehen auf der Klippe. Ich werde ein ganzes Picknick zur Stelle haben, um den doch etwas pikierten Halbgott einigermaßen durch die gute Absicht zu entschädigen ...‹ Dennoch beunruhige ich mich. Ich fürchte immer, dies kleine, gute Herz könnte eines Tages zu pochen aufhören, und etwas so Reizendes wie sie leidend, vielleicht sterbend zu wissen, ist schon vom rein menschlichen Standpunkt etwas unendlich Trauriges. Da muß denn in der Zwischenzeit der Duc herhalten. Ich liebe ihn nicht. Ich liebe niemals die Männer verführerischer Frauen. Aber der Brave ist so bequem, so hübsch blind, er hält jedes Kompliment über seine Frau für ein Kompliment an sich. Das ist weise von ihm und hat ihm wohl schon manche genußreiche Stunde eingetragen; denn daß es der Herzogin je an Bewunderern gefehlt haben sollte, ist nicht denkbar. Mich hält er für ein im Grunde gutmütiges, aber schwer zu behandelndes wildes Tier. In seinem Kopf sind Herzöge und Freiherren zwei grundverschiedene Menschenrassen, ungefähr so weit auseinander wie Kaukasier und Papua. * Der große Bergsteiger Charles hatte mich zu einer etwas schwierigeren Gipfelbezwingung eingeladen. Ich kraxle gern, jedoch mit Maß, dem schweifenden Malerauge darf der müde Fuß den Genuß nicht verkümmern. Er ist Bergfex, sturer Steiger, dem das ferne Ziel den Blick engt. Der Feind war heute der Monte X. Wir brachen früh auf. Erst eine Wagenfahrt auf wunderbarer Felsstraße, die an tiefen Abgründen ohne Brustwehr vorbei sich ins Gebirge hinaufwindet. Die Sonne war gerade im Aufgehen. Das sonst mitleidlose italienische Licht schimmert noch grau, dunstig über starren, braunen, rissigen Gipfeln von so wilder Form, wie ich sie selten sah. Ueber den ausgewaschenen Steilhängen lagen die Dämmerungsschatten. Auf der Höhe hie und da Gestrüpp; tiefer einsam kümmernde Pinien, düster, leblos; dann die graue säuselnde Olive auf künstlichen Terrassen gezogen. Bis in die Tiefe dieser trostlose, monotone Wald zerklüfteter, rissiger Stämme, Felstrümmer dazwischen gestreut. Ganz unten an der schmalen Sohle ein paar emporstarrende Cypressen von totem Schwarz – die Kirchhofstimmung, die sie mir immer aushauchen, wehte bis zu uns hinauf. Neben ihnen ein steiniges Flußbett, eingerissen, tief; ein blinkender Wasserfaden suchte sich lautlos einen kümmerlichen Pfad. Weit im Westen über einer nadelscharfen Spitze entfloh der blasse Mond. Wir fuhren wechselnd Trab und Galopp. Die elenden italienischen Mietspferde mühten sich mit gekrümmtem Rücken ab. Was ihnen an Hafer fehlt, ersetzt die Peitsche. Geborene Tierschinder, diese Kutscher; das in der Jugend schon verbrauchte Material hält aber noch denkwürdig lange aus. Wie schnell eure Trakehner uns in den Abgrund schmettern würden bei so roher Behandlung! In Italien droht da keine Gefahr. Es geht zwar immer hart längs der Gründe, aber den stumpfen Pferden ist der thörichte Wille zum Leben immer noch zu mächtig. Die Dörfer an der Gebirgsstraße liegen weit: schlafende, weiße Landhäuser mit geschlossenen Jalousien und duftende Gärten dazwischen, wo der italienische Nobile seinen Sommer verbummelt mitten unter dem darbenden, frondenden Bergvolk. Italien ist nicht umsonst das klassische Land des Anarchismus. Der Wagen hält. Wir sind vor einem in den Fels gewühlten, braunen, fensterlosen Häuserhaufen. In den engen Straßen liegt's dumpf und kalt. Zerlumpte Weiber an den Thüren, ein Maultierzug mit breiten, flachen Eisen trottet klappernd seines Weges. Von dem Tragsattel hangen zu beiden Seiten die seltsam geformten Weinfässer. Die großen zurückgelegten Maultierohren zucken kaum, wenn die Peitsche des Treibers knallt. Ich sehe dem Zug nach. Mit diesen trottenden, stetigen Mischlingen, die ihr saures Tagewerk ohne Hast oder Freude thun, hat der Durchschnittsmensch doch weit mehr Aehnlichkeit als mit dem edeln, im Sprung scheuenden Pferde. Noch ein fernet branca in dumpfiger Osteria, wo die dicke Wirtin die trüben Schnapsgläser mit der Schürze auswischt. Dann steigen wir. Von dem Glockenturm der weißen, prunkenden Kirche bimmelt's gerade zur Frühmesse. Ein harter Aufstieg vom Fleck. Enge Gasse – Olivenwald – armselige Pinien – wucherndes Buschwerk, knospende, duftende Erikasträucher dazwischen. Kein Vogellaut – kein schnürender Fuchs – wenn hier ein Hase aufspringen sollte, wäre es ein Wunder. Auf tauschlüpfrigem Stein gleitet der Fuß. Vor mir wandelt der Herzog – den Vorzug gönn' ich ihm gern. Wie er so langsam und sicher emporsteigt nach Bergfexbrauch – eine sehnige, schlanke Gestalt, elastisch und jung in der Bewegung, ein Dreißiger kaum, dem Aussehen nach jünger –, frage ich mich kopfschüttelnd: Was trennt Mann und Frau? Körperliches kaum. Ich kann knapp mit ihm Schritt halten – und ich stehe doch wahrhaftig zu Fuß wie im Sattel meinen Mann. Es ist eine aristokratisch gewandte Männerfigur, der der Training des Liebhabersports die Muskeln straffte. Und dagegen sehe ich plötzlich das blöde, fast idiotenhafte Kinderauge des toten Sprößlings ... Gab doch am Ende die schöne Mutter dem Erben das mattere Blut mit?... Wer weiß... Dennoch glaube ich es nicht. Ich steige schwer – bald zu schnell, bald zu langsam, wie dies auch sonst meiner Natur entspricht. Der Duc dreht sich zuweilen um – ein freundliches Wort, ein witzig sein sollendes Lächeln – er pausiert nie. Die Sonne funkelt auf Stein und Busch. Jetzt ist es die scharfe italienische Sonne, die brennend auch auf dem kahlen, stumpfen Gipfel über uns liegt. Ich bin schweißgebadet. Ich bleibe eine gute Strecke zurück – die ich im Notfall auch noch laufend schaffen könnte. Der Duc steigt unentwegt weiter. Jetzt ärgert mich der Mann, weil er mir so entschieden über ist. Die ererbte Jägerzähigkeit alter Geschlechter bewährt sich – da kann ich nicht mit. Bin ich nicht, wenn überhaupt ein Vollblut, ein andres Vollblut, das auf der Flachbahn niedergaloppiert oder niedergaloppiert wird, sicher aber galoppierend verendet? Vielleicht ist der ganze Lebenskampf einer solchen Bergbesteigung sehr ähnlich – nur die Stumpfen erreichen den Gipfel unangefochten, weil kein Augenreiz ihren Fuß beeinflußt und keine Nervenspannung den Schritt überhastet. Am Ende hat auch solche Sorte mehr Glück bei den Frauen, nicht etwa, weil sie mehr geliebt wird, sondern weil sie bequemer ist. Es war, wie gesagt, kein sonderliches Vergnügen. Der Herzog machte sogar noch einen Umweg. Wir benutzten einen Schmugglerpfad, der zu einer Einsattlung rechts sich hinzog. Da lugt ein weißes Kirchlein aus dem Gestrüpp, alter Bau. Sie steigen dem Herrgott nächstens direkt bis in den Himmel mit ihren Gotteshäusern. Der fromme Brauch des Betens lenkte uns also ab. Während der Herzog demütig in dem kleinen, düsteren Kapellenraum seine Morgenandacht verrichtete, stand ich draußen. Der Berg fällt hier steil zu Thal. Puppenhaft klein lag's unter mir, die heiligen Cypressen wie dunkle Punkte, die säuselnden Oliven wie ein grauer Hauch. Mein Malerauge war noch etwas verschleiert. Ich mußte immer an den betenden Mann in der Kapelle denken. Ist so etwas Gewohnheit oder Heuchelei oder echte Frömmigkeit, das ihn bei jedem Gotteshaus auf die Kniee zwingt? Vielleicht ist es alles drei innig gemischt. Einsame Menschen wie ich verstehen dies Betbedürfnis zu bestimmten Tageszeiten kaum. Wenn's uns wirklich mal ankommt als wehmütige Erinnerung der Kinderzeit, da wollen wir allein sein, ganz allein, und der kleine Vogel, der still neben uns im Gezweig hockt, scheint beinah ein Neugieriger. Ich weiß nicht, ob meine Sorte schlechter ist als die Gewohnheitsbeter, selbst wenn wir nie die Kraft zu brünftigem Gebet fänden. Ich glaube immer, daß die Gläubigen die Last ihrer Thaten- und Gedankensünden weniger drückt. Eine einzige ehrliche Beichte macht sie ja vor ihrem Gewissen frei. Sie mögen manchmal zur Kirche schleichen, das Herz zentnerschwer belastet, und ewig grau scheint ihnen die Welt – das geflüsterte »Absolvo te« des Priesters giebt ihnen stets das gesunde Leben wieder und den Dingen umher das Licht. Der Herzog ist kein langweiliger Christ. Wir steigen schon wieder. Diesmal ich voran. Der bröckelnde Fels knackt, auf feuchtem Moos gleitet der Fuß. Mir starrt zur Linken die Tiefe, wo der losgerissene Stein hell klirrend durch das elende Buschwerk bricht. Ich leide an Schwindel. Heute will ich ihn nicht kennen! Mir ist, als sei dieses letzte Wegstück ein wirklicher Wettlauf zwischen uns Männern. Wer den Gipfel zuerst erreicht, ist Sieger auch sonst. – Ich habe ihn zuerst erreicht – schweißtriefend, atemlos. Der scharfe Höhenwind kühlt mir die brennenden Schläfen. Im Herzen bin ich dem Duc jetzt doch wohl dankbar, der mich zu dieser Expedition verführte. Vor uns ein wunderbares Bild. Das Meer tief, blau, uferlos – in verschwimmender Ferne Korsika, ein grauer, dunstiger Fels, klein wie Capri bei Sirokkoluft, vom Posilipp aus gesehen. Ein riesiger Dampfer zieht qualmend durch die Flut – auf der Höhe kein Segel. Rechts und links dehnen sich die Küstengebirge, zackige, rissige Gipfel, in steiler Wand in die See stürzend, trotzige Kaps, wild und starr ins Meer hinausgestemmt, wie steinerne Glieder des Gebirges, an denen die Brandungswelle weiß gischtend emporzuckt und gleich darauf im Sprühregen wie eine Kaskade niederfällt. Dazwischen weiten sich die Buchten – hell schimmernde Häuser, Kirchen, gebettet in Grün, das die schmalen Thäler in dunkler Linie landeinwärts weiterzieht. Ueberall, wo der Fels das blaue Meer gürtet, hoch emporschlagende Wellen, starke, kühle Wellen, trotz des Sonnenglanzes, der sie durchglitzert. Am sandigen Gestade aber die ans Land gezogenen Segelschiffe, auf den Wellen schaukelnde Boote, und die weiße Schaumschlange munter spielend, warm,, vergoldet von Licht. Kap auf Kap, Bucht auf Bucht – ein köstlicher, gewaltiger Kampf zwischen dem lebendigen Meer und dem toten Gestein. Ich muß einen scharfen Krimstecher zum Genießen hier haben – ein häßlicher Notbehelf, da das unbewaffnete Auge die Bilder wohl größer und wärmer fassen muß. Der Herzog, eine Karte in der Hand, sucht die Namen der Felsen, die Ortschaften längs des Gestades, das unästhetische Vergnügen aller Kraxler, das mir diese Gesellschaft fast immer verleidet. Das Auge soll schwelgen, der nüchterne Verstand ruhen. Von einer Sünde der Art bin ich aber auch nicht frei. Das Schloß habe ich lange gesucht und endlich gefunden, ganz klein, ganz grau, scheinbar unten in der Tiefe, während es doch so hoch liegt. Dort leidet die Herzogin jetzt. Leidet – oder träumt? Es ist so weit, so weit – und doch scheint mir das süße Geschöpf jetzt näher in diesem winzigen Haus... Ich kann auf solchen Touren nichts essen unterwegs, höchstens einen Schluck aus der Cognacflasche, aber das ist mehr Vorsichtsmaßregel gegen den eisigen Wind, der uns fast umbläst. Das Gebirge hinter uns ein braunes Chaos seltsamer Formen, – starrende Spitzen, gemächlich gekrümmte Buckel, wild gezackte Hörner. Und dazwischen Thäler, tief eingerissen, mit ihren grauen, toten Steinklumpen von Dörfern, um die zaghaftes Grün schimmert. Es ist eine so wilde Unnahbarkeit in dem vielgestaltigen Bilde, das aus der berstenden Erdrinde sich einst krachend hob – und, starrer und starrer werdend, jetzt mit seinen Schneegipfeln im Hintergrund weit eher ein Zeichen scheint eines sterbenden Alls als eines lebenden... Wenn selbst mich das mächtig packt, mich, der ich Fernsichten nie sehr liebte, weil sie so wenig intim, so muß an jenem Januarmorgen eine hehre Schönheit über dieser Hochgebirgslandschaft gelegen haben. Der Duc war begeistert, soweit es solchen Leuten möglich ist... »Monte ... Monte ... Monte...« Er findet immer wieder Spitzen, immer neue Spitzen, die er wie alte Freunde begrüßt. Dann, nachdem er mit behaglichem Genuß einige Sandwiches verzehrt, dränge ich zum Abstieg. Der gute Mann war sehr zufrieden mit mir, weil ich beharrlich geschwiegen. Absteigen ist immer eine schmerzliche Gymnastik der Kniekehlen, obgleich's diesmal nicht so schlimm. Erst ein Saumpfad über den Grat, dann auf der Meerseite allmählich herab. Schwindeln darf einen nicht. Es war schön, wie so der Wogenlaut dumpf grollend zu uns empordrang und der Gischt brodelte. Erika umduftet uns, Steineichengestrüpp zwängt sich in den brennenden Fels. – Ja, unser deutscher Wald ist freilich anders; er hat so was Mildes, Warmes, auch schon in der Linie – er hat seinesgleichen nicht. Doch hier ist die Natur fesselloser, ursprünglicher, unnahbar in ihrer rissigen Wildheit, die jedes Kulturversuches spottet. Die Collazione war nach dem Küstendorf unten bestellt, ebenso der herzogliche Wagen. Du kennst die Küstennester nicht und die Osterien. Eine dumpfe Armut, die aber das in der Sonne lungernde Gesindel gar nicht empfindet – die Bewohner Fischer, fleißige Tagediebe, die dem kargen Meer auch noch die Brut stehlen. Die Kneipe von der feuchtkühlen Atmosphäre eines Kellers. Weindunst – Fliegen – auf unglaublich schmutzigen Strohstühlen ein paar malerisch sich flegelnde Männer, die zerlumpte Jacke halb umgeworfen wie unsern Attila, Hut im Nacken, das pechschwarze Haar in der Stirn. Dazu rauchen sie ihre schwarzgrünen Toskaner Zigarren paffend, spuckend, zuweilen vom verbotenen Moraspiel berauscht, vom Wein aus diesen plumpen Wassergläsern nie. Der Wirt von karger Höflichkeit – in diesem nicht verseuchten Orte noch kein lächelnder Betrüger. Wir lassen die Fenster öffnen. Draußen sammelt sich die Jugend, die das Betteln hier nicht kennt. Es gab eine ganz gute kalte Mahlzeit aus der herzoglichen Speisekammer, zu der der goldhelle Küstenwein trefflich mundete. Was ich mit dem Duc bei solchen Gelegenheiten sprechen soll, weiß ich nicht. Er hat eine witzelnde Art, die ich nicht liebe. Uebrigens habe ich Glück auf dieser Italienreise Numero acht. Plötzlich » buon giorno, padrone .« » Buon giorno, signore .« Es scheint ein wohlbekannter Gast hier. An dem matten R erkenne ich sofort den Deutschen. Ohne Frage Künstler, nicht mehr jung, von der Sorte, die sich nicht gern wäscht, aber in dem bärtigen Gesicht kluge, graue Augen und ein energischer Mund. Er sieht uns halb an, rückt am Künstlerhut und flegelt sich ganz italienisch in die fernste Ecke. Ich kenne ihn sicher nicht. Doch der Herzog, der trotz seines matten Auges sehr scharf sieht, murmelt: »Den kenne ich!« Er grübelt fünf Minuten angestrengt. Dann: »Ich hab's ... Erkennen Sie ihn auch, Baron?« »Keine Spur!« »Aber es ist ein ganz berühmter Mann!« Der Herzog wundert sich über mich. Meine Künstlerqualitäten standen ihm wohl nie sehr hoch ... »Ich habe übrigens Bilder von ihm.« Es ist ein Dir ganz unbekannter Name, Gert – mir aber sehr wohlbekannt. Ein Sonderling, für viele der einzige Meister. Der Herzog, der sonst gar nicht zuthulich ist, erhebt sich, geht zu ihm. »Kennen Sie mich nicht mehr, Herr X.?« Darauf ein sonores: »Warum nicht! Aber ich dachte, die Herren wollten ungestört bleiben.« »Ganz im Gegenteil. Mein Bekannter dort ist sogar ein Kollege von Ihnen.« »Kenne ihn nicht.« – Darauf ein geflüsterter Name. – »Ah, das ändert die Sache, Herr Herzog!« Da kommt der Mann auch gleich mit linkischer Höflichkeit auf mich zu. »Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen, Herr Baron! Sie haben sich einen schönen Namen gemacht in fabelhaft kurzer Zeit. Haben Sie vor der ›Liebe‹ schon größere Sachen ausgestellt? Jedenfalls kenne ich nichts andres von Ihnen... Aber da allerhand Hochachtung vor Ihnen!... Da ist ein Gedanke drin, da ist Farbe, da ist eine Energie der Auffassung, die man sehr selten findet. Trotzdem krankes Bild – krank – ganz krank!... Sie mißbrauchen Ihre Nerven unglaublich, Baron. – Das mindert natürlich die Hochachtung nicht. Aber wir sollen uns doch vor allem Kranken in der Kunst hüten. Da ist gleich die Figur: die Liebe selbst...« Ich verbeuge mich zur Antwort, nur stumm lächelnd. Er versteht ohne Pikiertheit. »Sie lieben Gespräche über Ihre eignen Sachen nicht allzusehr? Mein Fall... Aber wenn wir ein paar Liter von diesem ungeschmierten bianco zusammen getrunken haben sollten, werden wir vielleicht wärmer. Wir beide müssen uns noch klar werden über gewisse Ziele unsrer Kunst – und da Sie der typische Vorfechter einer gewissen Richtung sind... Na prost, Herr Baron! Das übrige vielleicht nachher.« Ich sage Dir, Gert, man muß auch solche Leute wie den Herzog erst warm werden lassen – Fünf Stunden in dem Nest – in der Osteria, wo der spottwohlfeile bianco wahrhaftig nicht gespart wurde! Die Kosten der Unterhaltung trugen die beiden, ich hatte als Zuhörer, wenn Du willst, den Gewinn. Thema: Kunst – Geschichte – Sammeln überhaupt. Als wenn sich der gute Duc hätte rechtfertigen wollen wegen seiner Rumpelkammer von Schloß. Ich hielt ihn für einen Nichtswisser, einen Sammler aus Langeweile, der ohne irgend welchen Sport auch in seinen vier Pfählen nicht auskommen kann. Ganz falsch! Ein Mensch von stupendem Wissen, der ganze Kunstgeschichten auswendig gelernt haben muß und in der Zahl niemals irrt. Ich bin doch vom Fach. Die Geschichte unsers Handwerks gibt sich uns malend ganz von selbst. In der Theorie bin ich gegen ihn ein Stümper, der nichts weiß; selbst mein berühmter Kollege mit den schmutzigen Nägeln muß kuschen, und der scheint doch ein Mensch, der so leicht vor nichts kuscht. Diese Unterhaltung interessiert mich beinah – ich lerne mit. Aber nur für den Augenblick bin ich frappiert. Solche Wissenschaft wie die des Herzogs ist etwas Lebloses, Aeußerliches, denn wessen Geschmack die Kunstlehren so schlecht in die Wirklichkeit übersetzt, der hat trotz allem nur die Schale erfaßt, nicht den Kern. Es ist die Wissenschaft eines Mnemotechnikers, der wie Mezzofanti Sprachen beherrscht wie kein zweiter und doch in die Seele des Volkes nie eindrang. Darum imponiert im Grunde auch dem Duc die schmutzstarrende Künstlerschaft mehr, die Fettflecke am Rock sind ihm genialisch, die schlecht gekämmten Haare wallen über dem Hirn eines Auserwählten. Zufällig stimmt das mal bei meinem berühmten Kollegen hier. Aber gehört's denn unumgänglich zu uns? – Es ist ein Zopf, so alt und unberechtigt wie der Schnurrbart unter der Nase im Heineschen Sommermärchen. Haßt meinetwegen die zimperliche Ordnung, seid salopp – aber seid nicht schmutzig! Denn das ist unter allen Umständen häßlich. Der Herzog mag sich wie ich über solche Leute hinter dem Rücken mokieren, doch wird er sich nie von der thörichten Vorstellung losmachen, daß alles vom freien Beruf Zigeuner sein muß und nicht Gentleman. An mich glaubt er darum nicht, ich bin ihm zu sehr seinesgleichen, und erst diese schmutzige Berühmtheit muß ihm klar machen, daß auch das Monocle sehen und die peinlich gepflegte Hand schaffen kann. Er verschließt sich jetzt auch der Thatsache keineswegs thöricht, sie paßt ihm nur nicht in den Kram, kollidiert mit seinen eingesogenen Auffassungen von dem selbstverständlichen Schmutz aller Arbeit überhaupt. Ich bin ihm bestenfalls ein Renegat, ein Dekadent, an dessen aristokratisches Hirn eine unbegreifliche Vorsehung thöricht verschwendete, was einem plebejischen von Rechts wegen zukam. Da steht er gar nicht vereinzelt. Schmutz und Genialität: wieviel thörichte Pinsel profitierten nicht schon davon!... Wenn wir nicht eine besondere Rasse sind auch äußerlich, dann gelten wir nicht für vollwertig. Vielleicht stecken wir alle noch ein wenig in diesem Vorurteil. Ein Leutnant in Lackstiefeln hat stets die Qualitäten zum Feldmarschall – ein Maler ebenso equipiert verschnupft allgemein schon durch die freche Erhebung über sein Handwerk. Für jeden Stand stehen eben jedem besondere Anschauungen fest. Ein Akademiekollege, der sein illustratives Talent schwer teuer verkaufte, wurde in seinem Heimatsdorf allen Ernstes gefragt, wieviel Gesellen er beschäftige, und ob das Stubenmalen denn wirklich eine so lukrative Sache geworden sei. Diese bäuerliche und die herzogliche Auffassung unterscheiden sich für meinen Geschmack nur wenig. Werdet ihr Alten denn endlich einmal dahin kommen, zu begreifen, daß Aristokrat und Künstler äußerlich wie innerlich dasselbe sein können, ja sein müssen? Als ich anfing zu pinseln, da tuschelte es sicher allgemein hinter mir: ›Das ist doch kein Beruf, das ist eine Liebhaberei.‹ Jeder Nichtskönner, der zum Vergnügen malt, hat an Tanten und Freunden zahllose Bewunderer. Kann er wirklich etwas, werden gerade die seine Feinde. Ich bin bissig und langweilig zugleich, Gert, Aber sage selbst: Fünf Stunden zuhören, das weckt auch eigne Gedanken. Von aller Kunstwissenschaft halte ich für den Schaffenden selbst nichts, sie legt Fesseln an, während sie frei machen sollte. Und wir sollten doch vor allem frei sein! Wer eine Individualität besitzt, der lasse sie wuchern! – Gebt uns in den Akademien die Grundzüge des Handwerks, führt uns in den Galerien vor die alten und die neuen Meister. Das Zeichnenlernen und das Sehenlernen: das ist Sache der Schule. Dann kommt der eigne Weg, das heißt die Natur und wir selbst. Wer zum begabten Kopisten geboren, der beschließe sein Leben in Museen und trete frei auf fremden Schultern 'rum. Wem aber eine Eigenart gegeben – und aus der allein strömt's – der hüte sie argwöhnisch, baue sie aus, mache sie frei! Es ist viel besser, daß tausend Sonderlinge ungekannt verkommen, weil das Talent vielleicht nicht langte, das Glück dem Genius die Weihe nicht gab, als daß das Heer der begabten Handwerker ins Bodenlose vermehrt werde und die Technik blühe auf Kosten des Genies. Du wirst vielleicht bald begreifen, Gert, warum ich diese Weisheiten auftische und mit dem Eigenlob wenig spare. Es war beinah dämmerig, als wir ans Bezahlen dachten. Der Herzog wollte den ganzen Ramsch übernehmen, was der berühmte Kollege selbstverständlich fand. Das ist mir wider die Natur. Andre freihalten – ein Vergnügen für meines Vaters Sohn; von andern liebe ich es nicht. Der Duc und ich kamen darüber in eine kleine freundschaftliche Auseinandersetzung, bei der ich obsiegte. Die edeln Pferde, die die ganze Zeit unter Decken frei gestanden hatten, waren sehr unruhig geworden, – es war die Viktoria mit dem schmalen Rücksitz. Der Herzog steigt zuerst ein – bei den bäumenden, schnaubenden Gäulen keine Unhöflichkeit, nur Zeitersparnis, weil er am nächsten stand. Dann der berühmte Kollege, der sich selbstverständlich in den Fond lümmelt – nicht etwa Anmaßung. Ich zögere mit gekniffener Lippe, obgleich das Leinenpferd sich überschlagen will. In dem eignen Wagen gehört der Duc auf den Rücksitz – nicht ich. Endlich begreift er und wechselt den Platz. Wir beide waren dabei ein wenig rot geworden. Notabene: Das Ziel ist diesmal nicht etwa das Hotel, sondern das Sarazenenschloß. Wir waren sehr warm eingeladen – wenigstens der andre. Ich that mit, obgleich ich es sofort bedauerte. Das Diner zieht mich wahrlich nicht. Die Herzogin soll aber wieder gesund sein ... Soll ich Dir ehrlich gestehn: Ich habe eine lächerliche Sehnsucht bekommen nach ihr, die ich fünf Tage nicht sah. Ich bange für sie, ich möchte mich selbst von der Grundlosigkeit der Angst überzeugen. Es ist doch keine Liebe – es ist Mitleid. Diese herzkranke Frau hat's mir in gewissem Sinne angethan, indem sie mich ahnungslos an die weichste Stelle meines Herzens faßte. Laßt Alte, Kranke sterben – laßt aber die Jungen, Reizenden nicht leiden, ihr Götter! ... Dies Gefühl war diesmal stärker als ich... Ich hätte doch nicht fahren sollen... Du magst Dich wundern, daß von meinem alten, treuen Reisegenossen Tip so wenig die Rede. Er ist unbotmäßig und dies dauernd – zeigt auf der Klippe leise knurrend der Herzogin die Zähne, sobald sie ihm wie allen in ihrer gütigen Art etwas Liebes sagen will. Tip ist feindlich, sitzt immer zwischen uns mit einem tückischen Ausdruck der Augen, als wenn er sagen wollte: »Nur über meine Leiche bekommst du ihn»... Zur Strafe ist er, der weite Touren so liebt, in einem Holzstall eingesperrt und verzehrt sich in stummer Sehnsucht nach seinem Herrn. Ich sagte Dir ja: er ist ein Charakter. Die Rückfahrt wieder wundervoll. Erst durch die Berge bei sinkendem Licht im schärfsten Trab... Es giebt hier Überall so große Lichter und so große Schatten zur Dämmerstunde. Auf den Höhen schimmert's noch goldig – ein warmer brauner Ton zuckt über die Steilhänge herunter, ein Ton, der sich weiter zum Violett abstumpft. In der Tiefe kühles Grau. Eiskalt steigt's herauf. Wo die Kunststraße sich zur Küste hinabbiegt, sehe ich mich noch einmal um. In den Thälern hinten ein starres, schweigendes Düster – auf der Höhe verglimmendes Licht. Die Feierglocke bimmelt. Arbeiter ziehen heim. Krüppel strecken die Hand nach dem rasch rollenden Wagen aus – ein unverständliches Gemurmel, wenn der geworfene Soldo in den Straßenstaub sinkt. Kinder laufen uns klagend nach – eine rothaarige Fischerdirne steht und lacht. Auf dem Meer noch ein warmer, blaßblauer Dunst. Weiße Segel, eine kreischende Möwe. Die Uferberge rosig überhaucht. Frieden und Ruhe – die hellen Häuser längs der Küste leuchten weich. Schnell kommt die Nacht – erfrischend, klar. Am Himmel ziehen lichte Wölkchen. Drüben taucht der reine Horizont lautlos ins schlummernde Meer. – Die Fahrt ist lang. Wir schweigen alle. Mich überkommt plötzlich ein Gefühl der Unruhe. Mein Malerauge irrt unstet. Ich will die gleitenden Bilder noch schnell fassen. Vielleicht ist es das letzte Mal in meinem Leben, daß ich den zur Rüste gehenden italienischen Tag, sehe, wie er ist – klar, stumm, schön. Noch vermag ich zu sehen und zu genießen – aber nur mit starker Nervenanspannung... Morgen vielleicht schon ... Gert, wenn Du in jener Stunde an mich gedacht hast, so hättest Du, der Du glaubst, beten sollen, daß die englischen Pferde aufscheuend uns über die niedrige Brustwehr hinweg in das murmelnde Meer tief unten schleuderten. Alle hätten durch ein Wunder mit dem Leben davonkommen sollen – nicht ich!... Hättest Du das frevle Gebet doch gebetet, Gert... Ich will ehrlich sein. Ich weiß so genau, wie zweimal zwei vier ist, daß ich meinem Schicksal entgegenrolle – und weiß ebenso gewiß, daß es elend sein wird... ... Gert, bete doch, bete!... Es wäre jetzt zu spät. Sechstes Kapitel. Auf weichem Seekies knirschen die Räder durchs Portal. Es ist wiederum Nacht – diesmal kein großer Empfang. Die Wendeltreppe düster – das Fallgatter quietscht. In der Halle ein einziger Lichtarm, der sich machtlos in die Dämmerung reckt. Der Diener nimmt uns die Sachen ab – genau so wie zu Hause bei uns früher... Der berühmte Kollege tritt an den schwarzen Kamin und reibt sich ungeniert die Hände: »War doch verflucht kalt die letzte Meile!« – Ich zucke gedankenlos die Achseln. Ich möchte fort – und ich kann doch wiederum nicht. Wir essen im großen Speisesaal, der, rein gotisch und künstlich alt, auch durch Lichtmeere nicht erhellt werden könnte. Die Herzogin empfängt uns bereits an der Tafel sitzend. Sie sieht etwas welk aus, leidend – der Arzt hat ihr bis morgen jede unnötige Bewegung verboten. Dem Gatten streckt sie matt die weiße Hand entgegen, die er küßt – sie zuckt dabei leicht zusammen, die Opalaugen sind tot. »Wie geht's, Félicie?« Gewohnheitsphrase. Er will oder kann die Krankheit seiner Frau nicht verstehen. – Mit dem Kollegen wechselt sie einige freundliche Worte; er war vor Jahren schon einmal hier länger Gast. – Als wir uns die Hand drücken, errötet sie leicht, und mir ist, als wenn die Finger nervös zitterten. Die Unterhaltung schleicht. Zum Nachtisch werden Importen gereicht, was sonst verpönt. Die Herzogin, die sich dieser Schwäche des berühmten Kollegen noch von früher liebenswürdig erinnert, hat's so befohlen. Der grüne Chartreuse gluckst in spitze, alte Gläser, der starke Kaffee dampft. Der Kollege, der zuerst etwas genickt hatte, wird wieder aufgelegt. »Na, noch mal prost, Herr Baron!... Ein vernünftiges Wort habe ich heute aus Ihnen noch nicht herausbekommen...« Endlich muß auch »Die Liebe« dran glauben. Der sie kritisiert, ist ein bedeutender Mensch, nicht wegen seiner schmutzigen Fingernägel, sondern trotz... »Ich mag das Bild nicht!« sagt er kurz. »Trotzdem bewundere ich es. Farbe – Zeichnung: kein Tadel. Der das malte, wußte, was er wollte, und ging auch in dem sonnenhellen Hintergrunde seinen eignen Weg ... Dennoch... das Bild empört mich! Wenn ich mir den vorne liegenden Kerl ansehe – der Torso eines Theseus, eine muskelstrotzende Brust und ein Kopf, so rein und klar in der Linie, so bedeutend bei aller Häßlichkeit, daß er imponieren muß ... Und wenn ich mir dagegen das Weib ansehe, das auf ihn tritt – ein so feiner, schmaler, durchsichtiger Fuß, wie er gerade nur diese schlanke, zarte Gestalt zu tragen vermag. Sie ist ohne Muskel, blutlos, gewollte Glätte – ein wunderschönes großes Kind in Wahrheit, das nur das Lächeln gelernt hat. Krank ist sie auch. Sehen Sie nur diese zarten, grauen Linien am Hals, den leicht gebogenen Nacken, als wenn sie die lächerliche Last dieses unendlich zarten Kopfes schon drücke. In diesem fast schemenhaft aufgefaßten Weibe herrscht für mich nur die kranke Linie, das körperliche und seelische Weh ... Nein, zum Kuckuck noch eins! – Ueber diesen ganzen Mann, der sterbend daliegt mit zusammengebissenen Zähnen, aber einer geöffneten Faust, mit dem glasigen, gebrochenen Blick der Verzweiflung – über den darf diese Liebe nicht schreiten, er darf nicht zu Grunde gehen an dem wunderbar wehen Kinderlächeln, um das ich Sie beneide! Sollte er denn am Ende auch krank sein von Geburt auf wie sie?... Nein, über den muß eine andre Liebe schreiten. Die Gestalt, die auf ihn tritt, muß es mit einem heißen Siegerlächeln thun, eine Frau, so schön und so kraftvoll, so egoistisch und so selbstlos wie jedes große Gefühl überhaupt. Unter der Liebe mag er zusammenbrechen, weil sie stärker ist als er und gesünder... Verteidigen Sie sich nicht unnötig, Herr Baron!... Das ist ja nicht Manier bei Ihnen, das ist ureigne Auffassung, das ist der wunderbare, kranke Idealismus, der grausig über dem Ganzen liegt. Ein großer Künstler sind Sie deswegen doch – vielleicht gerade darum. Aber Sie werden ein Einsamer bleiben wie ich – kein glücklicher Einsamer wie ich... Aber nur keine Lügen in der Kunst! Ich mag sie nicht... Sehen Sie mal: wenn Sie so ein ganzer Idealist wären, ein Mensch, der alles durch die goldene Brille sieht, dem ist wohl, dem vergolden sich von selbst die Ideale, eben weil sie golden sind für ihn... Aber Sie sind sonst ein harter Realist, ein Mann mit einem Auge, das alles sieht – und darum legt sich bei Ihnen der kranke Idealismus, von dem Sie nicht loskönnen, grau und grausig wie ein erstarrender Hauch über das Bild ... Die Leute, die es sehen, haben sicherlich das Gefühl: ›Hier ist ein Maler, der sich selbst rückhaltslos giebt, vielleicht sein eigen Schicksal.‹ Darum treten Sie den Menschen so nah!... Und wenn das Ihr eigen Schicksal sein sollte, das Sie erlitten, noch ehe Sie's erlitten – so denken Sie an mich: Die Frau, die über Sie hinschreitet, verdient's nicht. Der stumpf verzweifelte Zug im Gesicht des Mannes ist wohl echt – aber die Frau ist's nicht. Sie ist ein gutes, holdes, krankes Kind, das nichts gelernt hat als Lächeln, und an dem Lächeln sicherlich nicht stirbt ... Der Mann thut mir leid, und ich beneide ihn auch wieder, weil er ein so großes Gefühl in ein Weib zu legen vermag – sein eigen Gefühl ... Wer daran stirbt, der stirbt doch nicht umsonst ...« Der berühmte Kollege hatte sich bei dem Vortrage so aufgeregt, daß er feuchte Augen bekam und gegen die Rührung einen ganzen Chartreuse hinter die Binde gießen mußte. – Dem Herzog, der gegen eigne Gedanken einen soupçon zu haben scheint, war es unklar, ob der berühmte Mann nicht leicht angeheitert sei. Das matte Auge beobachtete argwöhnisch die das Schnapsglas haltende Malerhand – sie war aber so ruhig wie der Trinkende nach dem Ausbruch selbst. – Nun wurde ich der Mittelpunkt des Gespräches, das Ziel der Blicke. Die Herrschaften wollten durchaus wissen, was mich zu diesem Bilde begeistert, wie lange es noch ausgestellt sei. Zu meiner Schande muß ich gestehen: den einst gewandten Causeur verläßt dies Talent seit geraumer Zeit. Ich bin zuweilen zu lebhaft, zuweilen zu stumm. Ich weiche deshalb nur mit ein paar lächelnden Phrasen aus. Aber der Herzog fühlt sich auf einmal als Freund, als Protektor meiner höchst persönlichen Kunst. Er wird vertraulicher, fragt, ob ich hier an der französisch-italienischen Riviera öfter Stoff sammle, und ob die nicht zu abgegrast sei. – Ich wollte meine Armut nicht gestehen, meine zeitweilige Unfähigkeit, etwas andres zu thun, als schlechte Skizzen schmieren und lange Briefe schreiben. Zuletzt schob ich es auf den Mangel eines Ateliers, auf das Hotel selbst, das mit seinen ewig wechselnden Engländern kein Platz zu ruhiger Arbeit sei. Der Kollege wollte auch eine Randbemerkung machen, verkniff sich aber den angefangenen Satz und zwinkerte nur dem Duc vertraulich zu. Er ist und bleibt ein Rauhbein bei aller Berühmtheit! – Die Herzogin sprach wenig, doch ruhte ihr großes Opalauge mit einem eigentümlich leuchtenden Blick unablässig auf mir. Nach dem Essen verkrümelten wir uns in den Zimmern. Ich hielt mich allein, grundlos niedergedrückt. Aber noch lange hörte ich die laute Stimme des Kollegen hallen, der Antiquitäten herbe tadelte und einen herzoglichen Ahn mit haarsträubenden Beiwörtern belegte. Im Billardzimmer fand ich endlich Ruhe. Es ist gleichzeitig die Bücherei – und mit den grünverhangenen Riesenschränken an den Wänden, dem großen englischen Kugelbrett in der Mitte der einzige Raum, wo Antiquitäten nicht anzubringen, weil sie unfehlbar umgeworfen würden. Der Herzog spielt hier, sofern er nicht in Nizza oder in Sportangelegenheiten abwesend, allabendlich eine Solopartie. Sie sieht zu. Ob die beiden wohl ein herzliches Wort da miteinander sprechen mögen, oder ob das monotone Klacks der zusammenstoßenden Bälle und das harte Kicks des abgleitenden Fehlstoßes die einzigen Laute sind, die dieses hohe Gemach wiedergiebt? ... ... Warum kam ich überhaupt heute abend hierher? – Warum ging ich überhaupt in diesem Jahr in diese Nizzanähe und vergrub mich nicht lieber in das einsame Sestri Levante, das die alte Jungfer mir verleidete? ... Gert, ich beginne jetzt an ein Schicksal zu glauben – an ein blindes oder böses, das mit eurem Vorsehungsglauben nichts gemein... Ich möchte wenigstens in diesem Zimmer hier allein bleiben, vergessen werden von den andern, dann unbemerkt mich trollen. Ich will die Herzogin nie mehr sehen!... Herrgott, warum schickst du mir sie jetzt gerade – lächelnd, liebenswürdig und doch mit dem wehen Zuge des Leidens in dem weichen Gesicht, der mich selbst so krank und elend macht, viel kränker und elender als sie? – Warum muß sie lustig sein, plaudern?... Ich selbst interessiere mich für mein Bild gar nicht mehr. Was thun's andre für mich? – Wenn wir allein sind, nennt sie mich nicht mehr Baron, sondern immer Herr von den Raben, weil sie so feinfühlig ist und selbst diese lächerliche Abneigung ehrt... »Kann man ›die Liebe‹ denn gar nicht sehen? Wenn ich nach Berlin komme, ist sie sicher verkauft oder nicht mehr da ... Und ich möchte Sie doch so brennend gern gerade aus diesem Bilde erkennen, Ihre Eigenart verstehn! Ich bin oft eine kleine Ketzerin, traue meinem eignen Urteil nicht recht zuerst. Wäre ich nicht so zaghaft, ich hätte Ihnen schon längst gesagt: ›Sie sind ein bedeutender Maler – ich fühle das, weiß das, obgleich ich nur eine einzige Skizze von Ihnen kenne...‹ Und nun muß mir dieser Fremde zuvorkommen! Das ärgert mich. Morgen bildet sich mein Mann wohl schon ein, er habe Sie eigentlich entdeckt. – Und ich habe Sie doch viel, viel eher entdeckt! Nicht wahr?...« Ich gebe das lächelnd zu. Ich weiß auch keinen Ausweg. Die Herzogin zögert – sieht mich forschend an... »Wenn wir das Bild hierher holten? ... Aber nein! – Das wäre viel zu viel verlangt.« »Es wäre auch die Transportkosten nicht wert, Herzogin.« »Aber wäre es wenigstens möglich? – Ach, sagen Sie doch, daß es möglich ist!... Oder ist es vielleicht doch schon verkauft?« »Nein, ich zaudere noch, gewissermaßen aus gemeinen Geschäftsrücksichten, um den Preis zu treiben.« »Dann kaufen wir es, Herr von den Raben!« »Wir? – Sie und der Herzog?...« »Nein, ich – ich allein!« »Ich würde Ihnen nie ein Bild verkaufen, Herzogin!« »O, das ist häßlich, Herr von den Raben! Sie denken immer noch an den kleinen Streit wegen der Skizze. Ich konnte doch nichts dafür! Ich leide ja am meisten darunter, weil ich sie so rasend gern gehabt hätte!« »Und doch haben mich wenig Dinge im Leben so gewurmt!« Sie schmollt und lächelt dann wieder. »Wenn ich Sie nun aber de- und wehmütig um Verzeihung bitte?... Entscheiden Sie sich schnell – ich habe den Ehrgeiz, sobald die Herren ins Zimmer hier treten, meinem Mann zu sagen: ›Nächstens wird man in diesem Schloß »die Liebe« ausstellen. Morgen ist die reizende Person schon unterwegs.‹« Ich zögere, weil ich schwach bin – und zögere doch nur zum Schein. Es ist eine unerhörte Idee, die mir ein kleines Vermögen kosten wird, diese Ausstellung. Was versteht die Herzogin von geschäftlichen Dingen? – Sie will – ich gehorche. Nenne mich den Einfaltspinsel, der ich bin!... Vielleicht, wenn Du sie selber kennen würdest ... – Sie war entzückt wie ein Kind über den Sieg und jubilierte, bis sie plötzlich, bleich geworden, sich niedersetzen mußte. »Was ist, um Gottes willen, Herzogin?« »Nichts, nichts ... Das Herz will mal wieder nicht. ... Jetzt ist's auch schon vorüber ...« Sie atmet tief auf. Dann kamen die beiden Herren gemächlich von der Ahnengalerie hergebummelt ... »Wir suchen Sie,« sagt der Herzog. »Zum Billardspiel – jawohl!« unterbricht Félicie. »Das auch, liebes Kind. Vorher aber noch etwas Wichtigeres.« »O nein, Charles, zuerst meine Neuigkeit! – Wir brauchen gar nicht nach dem häßlichen Berlin. ›Die Liebe‹ wird uns selbst ihre Aufwartung machen.« »Du scherzest, Félicie.« »Thu' ich das dir gegenüber so häufig, Charles?« »Leider nein.« Dann wendet er sich zu mir. »Wenn ich recht verstehe, Baron, wollen Sie einen thörichten Wunsch meiner Frau erfüllen?« »Warum nicht! – Ich bin der Liebenswürdigkeit dieses Schlosses so sehr verpflichtet, daß ein kleiner Gegendienst wohl kaum in Frage kommt...« Ich sage das so gleichgültig höflich – und das matte Auge des Herzogs sucht vergebens in mein Inneres zu dringen, was ja niemals leicht war. Er scheint befriedigt. Trotzdem überlegt er noch. Nach einer Verlegenheitspause endlich: »Die Liebenswürdigkeit, die Sie meiner Frau erweisen wollen, ist eine große, beinah unerhörte, wie ich wohl weiß. Vielleicht kann ich mich schwächlich revanchieren. Mr. X. hier brachte mich eben auf die Idee, ob Sie nicht einen Atelierraum bei uns acceptieren wollten...« »Um zu porträtieren? Da müßte ich unendlich bedauern. Porträt war nie meine Stärke ...« Hält dieser Duc mich für einen x-beliebigen Maler auf Bestellung, so soll er sich schwer irren. Uebrigens thue ich ihm unrecht. Er wiegelt sofort ab. »Um Gottes willen, Baron, kein Gedanke lag mir ferner!... Bloß weil wir einen sehr passenden, unbenutzten Raum derart zur Verfügung haben, wo Ihr Kollege auch schon gemalt hat. Sie würden ganz ungeniert sein, Wagen und Boot stets zur Disposition haben, und Sie brauchten Ihre Hotelwohnung nicht aufzugeben.« Ich antworte nicht sofort und frage mich nur verwundert: ›Muß man die Leute denn immer erst schlecht und hochmütig behandeln, ehe sie liebenswürdig werden? Oder ist der Künstler als Mann in dem Augenblick ungefährlich geworden, wo er für diesen Narren auf ein Ruhmespiedestal stieg?‹ – Auch geht mir diese nie geahnte Möglichkeit wie ein heißer Stich durchs Herz, während ich doch aufjubeln sollte, der reizenden Frau wohl auf lange so nahe zu sein. – Mein Schweigen mißfällt niemand. Es ist ja nur das höfliche Besinnen, die Komödiantenpause, die der gesellschaftliche Takt auferlegt. Wer jetzt zunächst sprechen muß, ist die Herzogin. Auch sie schweigt. Ich verstehe es. Erst ein: »Félicie, schließt du dich meiner Bitte nicht an?« – das der Herzog etwas verlegen sagt, muß sie an ihre Pflichten erinnern. – Meine Nerven zittern. Mein Herz kann ja nicht mehr thun, was der Verstand hier heischt. O, wenn sie es doch für mich thäte! – Wenn sie ganz schwiege! – Oder wenn sie hell auflachte, entzückt über das Tête-á-tête mit ihrem Künstler! Der eine Ton schon würde dem Duc die Besinnung wiedergeben, den Argwohn wecken. Morgen schon hätte ich den Brief, daß er unendlich bedaure, weil unaufschiebbare Pflichten sie beide nach Flandern oder sonst wohin riefen. – Félicie sieht ihren Mann scheu an und sagt gepreßt, unsicher: »Wollten wir nicht nächsten Monat nach Paris? Es ist nicht allein wegen der Toiletten, wir hatten doch Edmond fest versprochen...« Sie gehört eben zu den passiven Naturen, die immer erst zu spät merken, was sie vielleicht angerichtet, und die niemals weder das bedingungslose Ja des großen Herzens noch das kühle Nein des Verstandes zur rechten Zeit finden. Der Herzog versteht jedoch nicht, was ich so gut verstehe. »Félicie, das läßt sich doch aufschieben! Edmond ist ja noch in Nizza und erwartet sogar noch seine Schwester...« Schweig jetzt wenigstens, Weib! Die Herzogin ist aber keiner Unliebenswürdigkeit fähig. »Ich meinte auch nur so, Charles, weil dann der Baron eine eventuelle Abwesenheit von uns entschuldigen müßte... Möchten Sie sich wirklich ein Atelier bei uns einrichten, Herr von den Raben?« – Sie ist dabei blaß, lächelt mühsam. Mir würgt das befreiende Nein die Kehle – und ich wage doch nur leise zu sagen: »Unendlich gütig, Herzogin. Dazu gehört Bedenkzeit... Ich gedachte, noch viel weiter südlich zu gehen, nach Sizilien, Nordafrika... Aber wie gesagt...« Ach, wenn ich nicht ein so feiger Sklave dieser kranken weißen Frauenhände wäre! Sie sind so viel stärker als ich. Und führen mich doch nicht mitleidig in meine Wüste zurück. Zum Glück führen sie mich ja auch nicht – sie wollen das vielleicht nicht einmal. Endlich erbarmt sich der Kollege meiner. »Machen Sie doch keine Geschichten, Herr Baron! So was wird Ihnen nicht immer geboten. Wenn's der Herzog mir heute proponiert hätte – mit beiden Händen, sage ich Ihnen, hätte ich zugegriffen. Aber der neue aufgehende Stern sind eben Sie.« Wir lachen alle über das geniale Rauhbein – sehr laut und sehr unehrlich. Später zum Dämpfen der Gefühle eine Karambolepartie. Ich sage Dir, Gert, es ist ein Tag voller Nichtigkeiten – und jede dieser Nichtigkeiten ein schweres Glied mehr in der Schicksalskette, die schon den Gefangenen umklirrt. – Ich sehe den Raum vor mir kahl und kalt und nüchtern. Die Herzogin auf einem Stuhl weitab. Es ist ein großes, grünes, abgespieltes Tuch, wo die Elfenbeinbälle rollen. Ich bin ein nervöser Spieler, der die Bälle nicht zu halten weiß, aber sicher im Stoß und um einen Ausweg nie verlegen. Ich müßte naturgemäß jämmerlich spielen heut, weil meine Gedanken ganz wo anders sind – und ich spiele gut, sehr gut. Der Stoß ist so weich, das Effet so präzis, als wenn das Schicksal mir selbst die Hand lenkte, bei jedem gelungenen Ball freundlich murmelnd: ›Sieh doch nicht hin! Ich handle ja für dich. – Keine Angst auch in der Zukunft!‹ – Es ist eigentlich ein blödes Vergnügen, solch ein Spiel! – Kaum ein Wort, höchstens ein leicht auf den Boden gestoßenes Queue. Dann der surrende Ton der gleitenden Kugeln – das weiche Zusammenschlagen – das matte Gleißen des Elfenbeins. Dazwischen das monotone Zählen der Spieler: »Eins... zwei... drei...« – als wenn es nicht Menschen thäten, sondern Automaten. Ich will die Herzogin nicht sehen – und ich sehe sie doch immer. Unsre Augen treffen sich nie. Sie sitzt bewegungslos, stumm, die weichen Züge geschärft, das Opalgrau von stechendem, feindlichem Glanz. Sie sieht dem Herzog nach – wenn er sich über das Billard beugt, wenn er kreidet, wenn er kickst – unablässig, starr. So mag sie jeden Abend hier sitzen und zuschauen. Dieselben Gedanken mögen durch das feine Hirn ziehen – derselbe Haß. Denn sie haßt ihn – tief, unerbittlich. An diesem Abend weiß ich, daß es nie Gleichgültigkeit war. Zwischen den beiden Menschen liegt eine Welt. Wär' einer tot, jedem wär' wohler. Sie hoffen's, ersehnen's vielleicht, die beiden – und bleiben doch bei einander. Ich kenne den Grund des Hasses nicht, ich ahne ihn nicht einmal. Ist's nur noch das eherne Band der ehelichen Lüge, das sie zusammenhält? Die Furcht vor dem Skandal, die besser kittet als Liebe? – Was es auch sei, ich verstehe sie nicht. Zwei Menschen Bett an Bett, Kopf an Kopf, und das durch Tage, Jahre – zwei Menschen, die sich hassen! – Ob das matte Auge auch zu hassen vermag? Vielleicht thue ich ihm unrecht, wenn ich's glaube. Die Frau haßt sicher. – Häßliche Bilder fliegen mir vorüber. Wenn sie so aus nervösem Schlummer erwachen mag am grauen nüchternen Frühmorgen – da gilt der erste Blick dem schlafenden Mann neben ihr, der erste Gedanke fragt: ›Ist's vielleicht der ewige Schlaf?‹ – Und dann möchte sie aufjauchzen. Das ist das Gefühl, mit dem sie ihm gute Nacht sagt, die Herzensantwort auf den Gewohnheitskuß des Morgens, der ihre weichen Lippen zur Verachtung kraust oder zum Ekel erschlafft. Dasselbe Gefühl täglich, stündlich, durch Jahre. Das mordet Nerven – und doch hält sie's aus. Soll ich bewundern – soll ich beklagen? Ich bin ganz unsicher in meinem Gefühl. Und während ich darüber grüble, schleicht etwas andres mit, etwas Häßliches, die Unterströmung, die den Schlamm aufwühlt, ohne daß ich es will: ›Hier ist ein Galan nötig – sei du's!...‹ Aber ich – erkenne daraus, Gert, wie schwer meine Krankheit ist! – schüttle mit Ekel den Gedanken ab wie ein scheußliches Reptil, das an mir emporkriechen möchte... Nun nehme ich mir meine ganze kühle Vernunft zusammen und denke nüchtern: ›Gewohnheit und Schwäche, die so oft das häßliche Band solcher Ehe knüpfen, bewähren sich auch hier. Ein bißchen Kühle dazu gerechnet und ein bißchen Hochmut – Bleib also ruhig, Rolf, weil du es erkannt hast, studiere den Fall, der vielleicht in seinen Einzelheiten interessant ist, und lächle darum auch fürder das kühle Lächeln, mit dem du immer die Gesellschaft und ihr ureigenstes Produkt, die Frau, abgethan hast!‹ – Ich möchte es so gern – ich kann nicht! Das andre ist ja viel mächtiger, das Gute in mir, das Niegeahnte. Es ist auch nicht das höchste, menschliche Mitleid allein, es ist weit mehr, es ist das große einzige Gefühl, das mir das Lächeln dieser Frau so traurig vergoldet – ein Gefühl, das sie weich umfassen möchte wie ein unendlich geliebtes Kind, dessen kranke Schwäche seine höchste Kraft, dessen tiefes Unglück seine höchste Schönheit ist... Sie ist rein, sie ist gut. Darf ich sie ungeschirmt dahinsiechen lassen in einer gesellschaftlichen Lüge, die ihr das Herz verzehrt, das Gemüt verdorrt? Sie ist jung, sie ist reizend. Und ich soll gehen, um eines Tages doch zu erfahren, daß ein ganz kleines, wertloses Gefühl eines Laffen mühelos das nahm, was nur ein großes Gefühl nehmen darf – weil eben dieser Laffe der Erste und Kecke war, sich zu offenbaren? Frauen wie Félicie, die müssen ja fallen, und wenn man sie in einem ehernen Turm behütete – wohl körperlich nicht, aber geistig, was viel schlimmer. Ich bin kein Heuchler, der da lügt: ›Ich will sie nur halten, schützen, den Weg ebnen einer nie gebrochenen Pflicht.‹ – Nein! Ich habe ein großes Gefühl, selbstisch wie alle großen Gefühle – und möchte auch ihr dies große Gefühl einhauchen, das noch zu besitzen für den einzelnen vielleicht ein Verhängnis ist, für die Menschheit sicher ein Glück ... Werde ich finden, was ich suche? Wird sie verstehen, wenn ich einst sagen sollte: ›Jede Pflicht ist hinfällig, sobald sie rein äußerlich geworben ist. Retten Sie sich aus dieser Pflicht, die Sie doch täglich in Gedanken brechen, und die kein Recht mehr hat, weil sie nur noch inhaltlose Form?! Treten Sie die vielen kleinen Gefühle zu Boden, wenn's auch weh thut, solange Sie noch können, auf daß ein großes Gefühl blühe und Sie frei mache und gesund!?‹ ... Ist's noch Zeit bei ihr? Ach, Gert, ich mache mir gar keine Illusionen. Es ist nur das ganze Vollblut, das jedes Hindernis nimmt, und nur die ganze Frau, die bewußt in eine andre Welt tritt. Die Gesellschaft ist so feige und so grausam, so verlogen und so hart – sie wird sich schon von Jugend auf in Gestalt von Tanten und Freundinnen und Brüdern an diese weiche Natur festgesogen haben, um ihr die Persönlichkeit zu nehmen, den eignen Entschluß. Denn das Elendeste von allen, die Tradition, ist immer noch das Stärkste, und alle schauen ängstlich zurück, wo sie mutig vorwärts schauen sollten. Die Väter und Mütter aller Zeiten werden mit beschwörend gerungenen Händen dieser Frau zuraunen: ›Beuge dich unter das Schicksal!‹ – und die freien und hellen Geister aller Zeiten werden schmetternd rufen: ›Brich's!‹ ... Akademische Plauderei – die mir aber tiefer geht, als Du ahnst, weil von ihr mein Schicksal abhängig ist. Lächle nicht! Diese kleinen, kranken, weißen Frauenhände halten mein Schicksal – und flehe Du zu Gott, daß sie mich stark und gütig führen. Es ist die uralte Krankheit der Menschheit, die mich überkommen hat, stark wie der Tod und licht wie der Tag. – Ich werde mein Wanderzelt in diesem Schlosse aufschlagen, ich muß es, Gert! Denn thät' ich's nicht, dann würde ich immer meiner Schwachheit grollen, mich einen Feigling schelten, der einem großen Gefühl entfloh, weil's seinem kleinen Herzen zu mächtig. Verkomme ich, werde ich enttäuscht, betrogen, sollte ich auf leichten Sand bauen, wo ich auf Fels zu bauen gedachte, – auch gut! Das Verkommen wird zwar schrecklich sein – ein langsamer Tod, den ich einem Todfeind gönne. Aber wenn es eine Vorsehung giebt – und es giebt eine – so gab sie mir dies große Gefühl als letztes, bestes Pfund, mit dem ich wuchern soll zu meinem und der Menschheit Glück. Mein Schicksal ist entschieden – und ich freue mich, daß ich trotz aller Kleinheit, allem Zweifel es selbst entschied. Mag jemand in dem Billardzimmer die Gedanken ahnen, die hinter dieser blassen Stirn fluten, während die unheimlich sichere Hand die Kugel rollen läßt, wohin sie befiehlt? Niemand ahnt's – auch die Herzogin nicht. »Hundert!« – Der Herzog machte den letzten Ball. Die Partie ist aus. Ich bin der Sieger. Die Bierreste werden ausgetrunken – eine Pause – die Herzogin erhebt sich. Es ist Zeit zum Gehen. Wir schlendern nach der Halle – die Frau und ich die letzten. Wir schweigen beklommen. In der Ahnengalerie steht sie plötzlich still: »Werden Sie kommen, Herr von den Raben?«... »Soll ich, Herzogin?«... »Ich weiß nicht...« »Warum?« »Ich weiß nicht, ob es Ihnen gut thun wird.«... »Und Ihnen?« »Ich weiß auch nicht...« »Dann lassen wir es also beim alten.« Da zuckt sie zusammen. »Nein!« Und indem sie starr dem Herzog nachsieht, der eben in die Halle verschwindet – ihm nachsieht mit einem fatalistischen Zug um den Mund, als wenn sie sagen wollte: ›Wenn du keine Augen hast, Mann, verdienst du's nicht besser!‹ – faltet sie die dunkle, schmale Braue, sagt kurz: »Sie werden bei uns wohnen, Baron – ich will es!« Der Herzog weiß sein Glück noch nicht. Als wir abfuhren, sah ich vom Coupé zurück – der Wagen rollte gerade unter dem goldenen Herzogshute durch. Die Frau stand oben am Fenster – ein zarter Schatten, der sich nicht zum Abschiedsgruß neigte. Träumte sie in dem Moment, so war es auch ein ernster Traum. Die lange Rückfahrt grau, schleierhaft. Ich saß zusammengesunken in der Ecke. Mich fror; die Schläfen waren kalt. Der Kollege zeigte sich desto besser aufgelegt. Wie ja immer einer schwatzen muß, wenn der andre schweigen möchte. Mir ist nur noch weniges gegenwärtig. »Ja, wir Maler erleben doch noch was!... Der reizendste Punkt von der ganzen Ponente – und da ungestört schaffen können ... Sie haben doch Glück, Herr Baron!... Und die Frau... erst daheim lernt man sie schätzen ... Etwas verliebt sich jeder in sie – aber das ist so ein unschuldiger Rausch! Man genießt, geht – hat die Erinnerung...« Dann kramt der Maler noch ungefragt Weibergeschichten aus, wie sie zu seinem wüsten Bart und seinen Fingernägeln passen – immer nur die niedere Sorte gefährlich... Merkwürdiges Volk, die Menschen! Jeder hält im Grunde seines Herzens den Nächsten für einen Pinsel. Ich hätte Lust, dem guten Mann lächelnd auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: ›Rolf von den Raben betrog weit mehr Frauen, bessere, hübschere – er kennt das Handwerk wie einer. Lassen Sie also das Geschwätz!‹ Kenne ich dies Handwerk wirklich besser? Kennt's überhaupt einer? – Keiner kennt's, so wenig er sich selbst kennt! Es war eine große Thorheit, Gert, von verzettelten Gefühlen früher zu reden. Was sind verzettelte Gefühle? Sie sind wie der dichte summende Mückenschwarm, der uns umtanzt, der uns vielleicht reizt, peinigt – verschwindet. Er ist etwas so Aeußerliches, Ungefährliches. Wer sogenannte Gefühle verzettelt, verzettelt au fond nur fremde Gefühle. Das eigne große weckt der Mückenstich nie! Das ist ein ganz andrer scharfer Stich – schwer und tief bis ins wirkliche Herz. Wenige fühlen ihn. Und diese wenigen sind fast immer verloren. Am Hotel setzte mich der berühmte Kollege ab. Ich vergaß wohl, ihm gute Nacht zu wünschen. In dieser Nacht noch schrieb ich den Brief an den Duc. Das Gasthofszimmer ist kalt, kahl, unfreundlich. Und doch habe ich die Empfindung eines Kindes, das die Heimat verläßt, verlassen muß, unsicher, ob die Zukunft grau oder rosig. Ich komme zum Schluß. Warum soll ich das Wort nicht aussprechen, das schon, seit ich sie sah, mir auf den Lippen lag: »Ich liebe sie!?« –Ich schreibe es sicher das erste Mal im Leben – ich sprach es noch nie. Was ich all den kleinen Mädchen vorgeredet: »Ich hab' dich gern – du süßes Ding – Hast du mich auch lieb?« – das war durchsichtige Lüge, die wohl jede von meinem kühl lächelnden Gesicht ablas. Mein Herz wußte nie etwas davon. Jetzt rächen sich vielleicht all die hübschen Dinger. Mögen sie! – Innerlich fühlte ich mich in allem Sumpf doch rein. Ich fühle mich auch heute rein. Mit der Liebe hat mein Gefühl nie Mißbrauch getrieben – sie war mir heilig – ich habe sie nie entweiht. Heute ist mir das klar. Was auch kommen möge, Gert, glaube es mir! Und ich komme vielleicht nie zu dem Punkte, auf dem mein Brief schon steht. Die Herzogin wird zurückweichen schon beim ersten Wort. Thut sie's nicht, dann wird mich wohl geraume Zeit ein Nebel umgeben, bald grau, bald goldig – und so sehr ich auch meine Vernunft anspanne, ich werde ihn nicht durchdringen. Ist er vorbei – dann ist's auch mit mir vorbei. Schreibe mir, bitte, nicht! Dir zu schreiben, wird mir auch weiter ein Bedürfnis sein. Ich brauche einen Vertrauten – keinen Warner. Etwaige Geschäftsbriefe dirigiere nach Nizza an mein altes Hotel. Auf die kritzele meinetwegen den brüderlichen Gruß ... Verbrenne meine Briefe nicht! Vielleicht verlange ich sie noch einmal nach Jahren zurück, diese Beichte eines Thoren zu lesen. Lächle ich dabei matt und sage: »Thörichter Traum!« – Dann lächle Du nicht mit! Ich habe in diesem thörichten Traum mein Bestes gegeben... Leb Wohl!... Siebentes Kapitel. Carpe diem! – ein holder Schleier soll sich über meine Augen legen – nachher meinetwegen die Nacht. Carpe diem! Der alte Horaz war ein Epikureer, und er hatte recht. Der Sinnspruch walle von jetzt ab als Panier über diesem Sarazenenschlosse. Das erste Erwachen war köstlich. Einleitung – ein verwundertes Augenreiben, dann ein blinzelndes Gähnen. Auf dieser Welt wären wir noch, Rolf, obgleich wir es nur langsam begreifen. Ein sehr großes Gemach – ganz nach dem Geschmack des Puritaners, der ich ja bei der Arbeit bin. Die einzige Schlemmerei eine wunderbar weiche Ottomane und auf dem großen Marmortisch ein wilder Strauß blühender Kamelien als Gruß der Herzogin. Und die Sonne flutet durchs weite Bogenfenster – ein Lichtmeer, warm, wohlig, das mich von dem breiten, niedrigen französischen Bett aufscheucht. Draußen glitzert das Meer mit spöttischem Wellengekräusel. Cypressen rauschen so dicht, daß ich sie greifen könnte. Es ist neun Uhr, sonst meine beste Schlafenszeit. Hier jedoch will ich ein andrer sein, ein kluger Genießender, der sich selbst lieber die Stunde stiehlt als dem wonnigen Tag. Meine Toilette wie immer: viel Wasser, viel Wäsche, viel Unordnung. Den ich mir darauf im Spiegel besehe, ist der alte – und auch wiederum nicht. Salopp und soigniert, half and half – wie's meine Natur. Aber die Augen sind die eines Glücklichen. Der Diener klopft und fragt, wohin ich das Frühstück befehle. Auf Geratewohl sage ich: »In die Halle.« – Aber vor dem Weggehen hauche ich noch einen Kuß auf eine Kamelie. Es ist der schüchterne Morgengruß, der eigentlich dir gilt, angebetete Félicie. Herrgott, was habe ich die Frau doch lieb!... Ahnt sie, wie meine Nerven zittern nach dem ersten Blick, dem ersten Wort, dem ersten Rauschen ihres Kleides an diesem jungen lenzesfrohen Morgen? In der Halle steht das Frühstück bereit. Stärkster Kaffee, mit dem ich mich systematisch ruiniere; auf silberner Schale die ägyptische Zigarette, deren blauer, kräuselnder Rauch so angenehm stimuliert in der Frühe. Die Herzogin muß alles selbst bestimmt haben. Sie errät kleine Schwächen so gern, dient ihnen so liebenswürdig. Wenn sie ahnte, daß ich im Grunde keine kleinen Schwächen mehr besitze, nur eine einzige große – sie!... Ich bin wie ein Schuljunge am ersten Ferientag. Ich streichle das feine Porzellan der kleinen Tasse, liebkose den Mokkalöffel, an dem das Bragansche Wappen prangt. Pour l'amour la mort! – Der Spruch steht nicht darauf. Und doch ist es mir, als wenn er das erste Willkommen riefe. Ich könnte ihn auch von heut im Wappen führen – ich ganz gewiß! Und dann sehe ich mich wieder argwöhnisch um, ob niemand hinter dem Fallgatter der Thür lauscht, oder ob nicht der neugierige Diener um die Ecke der Ahnengalerie guckt. Ich bin ganz allein. Nur der geharnischte Mann am Kamin schaut mich unverwandt aus den Löchern seines Stechhelms an – und die blauweißen Federn wogen leise dazu. Ich erhebe mich und gehe auf ihn zu und sage höhnisch: »Wollen wir eins stechen? – Denn ich bin dein Feind, ein Lehnsmann des fürstlichen Hauses Bragan, und reite gegen jeden, der die herzoglichen Farben zu führen wagt.« – Gert, man liebt nur einmal, ist nur einmal ein Thor. – Auch trotzige Gedanken überkommen mich. Ich schlage auf einen Schwertknauf, bis die blinkende Klinge wankt – und eine rostige Saufeder daneben muß klirren. In der dämmerigen gotischen Halle fühle ich mich beinahe als fahrender Ritter, der nur ins Schloß gekommen, dem Schloßherrn den Fehdehandschuh lächelnd vor die Füße zu werfen. »Du oder ich«... Mit der edeln Ritterei ist's ja doch lange vorbei" Was sich von ihr noch in dieser Halle gerettet, das sind verblaßte Paniere, die zu keinem Stegreifritt mehr wallen; das sind die eingelegten Rüstungen, die jeder Büchsenschuß durchdringt, und die Stachelsporen, die den flämischen Rittergaul nie mehr zum Lanzenbrechen unter Rittergewicht treiben werden. Diese Halle ist eine Spielerei, eine aufgeschminkte Thorheit. Jeder, der sie durchwandelt, weiß es und freut sich harmlos an dem gelungenen Bild. Ich fühle vielleicht allein mit diesen Zeiten – ein Maler und ein Romantiker zugleich, der Gefühle fühlt, die das sinkende Jahrhundert lächelnd verlernt hat. Da höre ich hinter mir einen leisen, elastischen Schritt, ein weiches Rauschen. Ich könnte blind sein und taub, und würde doch den Schritt in den Nerven spüren und das Rauschen, und würde sie doch vor mir sehen, jung und reizend, wie sie mir ewig sein wird – die Herzogin Félicie! Sie kommt aus dem Garten, will mich beschleichen wie ein Wild, und es fehlte wenig, daß sie in holder Naivität die weißen, kühlen Hände auf meine Augen legte und scherzend fragte: ›Wer bin ich? Raten Sie!‹ – Ich würde unfehlbar antworten: ›Eine Fee!‹ – So weit bin ich nämlich in der Narrheit. Und ist es nicht doch schön, daß man noch so jung sein kann, daß man aus den wüsten Erfahrungen des Lebens, aus der heißen Orgie, dem eklen Rausch das höchste Menschliche unbefleckt hinübergerettet hat – das einzige Gefühl, das Wert hat, weil es die Welt schuf: die Liebe. Die Frau Herzogin sehen wieder etwas welk aus, aber die Frau Herzogin lächeln dabei glücklich wie ein Kind. Ich küsse die Hand. – Wie gern ich sie küsse!... Ob von meinen Lippen nicht doch der feine Strom herüberdringt, der die Herzen schneller schlagen macht und heißer? ... Natürlich weiß sie alles, weiß, daß ich sie anbete, sie sonnt sich vielleicht an dem leuchtenden Blick, mit dem ich ihre ganze zierliche Gestalt umfasse. Es thut allen Frauen wohl, so geliebt zu sein. Erst da empfinden sie ganz die eigne Macht, die eigne Güte... Das erste Gespräch ist ein Gespräch über nichts, eine Tändelei, wenn Du willst, wo sie die leichten Bewegungen des Windspiels zeigt und ich die täppischen des Jagdhundes. »Wie haben Sie geschlafen, Herr von den Raben? ... Sie müssen gut schlafen bei uns! Oder ich werde Sie hypnotisieren, Ihnen einen Schlaf von mindestens vier Monaten suggerieren.« »Herzogin, das ist aber gar nicht mehr nötig. Ich schlief einen so tiefen, traumlosen Schlaf...« »Traumlos?« Und die Opalaugen suchen mich spöttisch zu durchdringen. »Wirklich traumlos, mein Herr? – Ganz traumlos?« »Nein, Frau Herzogin, um die Wahrheit zu sagen –« »Lügen Sie, lügen Siel – O, Sie haben ganz sicher nicht geträumt, und Sie werden auch nie träumen hier!« »Aber ich träumte ganz sicher – ich träumte etwas Wunderhübsches.« Da ist sie wiederum gefangen, weil sie die Wahrheit fühlt. »Also erzählen Sie schnell!« – Und sie setzt sich zu mir an den Kaffeetisch, folgsam wie ein junges Mädchen und wieder mit jener mütterlichen Sorge, die auch die jüngste Hausfrau dem gern gesehenen Gast gönnt. – Gert, ich versichere Dir, ich habe wirklich von Félicie geträumt – in den wenigen Stunden meines Schlafes träume ich immer von ihr. Und doch schäme ich mich beinahe, es zu sagen. Sie war bei mir, sie saß auf dem niedrigen französischen Bett und lächelte und streckte mir ihre weiße Hand entgegen. Und wie's im Traum geht – ich wollte diese geliebte Hand erfassen und die Frau zu mir ziehen, ganz leise, ganz sacht, um die süßen kranken Lippen zu küssen. Aber konnte ich's? Ich lag schweißgebadet, die Nerven waren unsinnig gespannt, und doch vermochte ich den gelähmten Arm nicht zu rühren – nicht einen Zoll, nicht eine Linie. Es war ein so qualvoller Moment! Ich vermochte nur den kranken Riesentürkis am Hals anzuschauen wie das Prisma des Magnetiseurs, bis endlich die Frauenhand matt herabsinkt, das Lächeln weh wird, und wie im grauen Nebel die Nixengestalt mählich zerfließt – schemenhaft, wesenlos zuletzt. Und aus dem verschwimmenden Grau vermag ich nichts mehr zu unterscheiden als das böse grüne Auge des edeln Kiesels... Ich hätte der Herzogin den Traum so hübsch erzählen können – einen ersten Traum im fremden Haus, der immer ein wenig prophetisch sein soll. Statt dessen erzähle ich dürr, trocken, starre jetzt auch wieder den Riesentürkis an, bis sie mich befremdet unterbricht: »Gefällt er Ihnen nicht mehr? Und ich habe ihn doch gerade Ihretwegen angelegt, weil ich erraten zu haben glaubte, daß Sie diesen Stein an mir besonders lieben. Erkennen Sie denn auch das Kleid nicht mehr? Es ist dasselbe, das ich damals – Sie wissen schon – auf der Klippe trug.« Ob ich das Kleid erkenne! Ich bilde mich ja an dieser Frau ungewollt zum Kostümmaler aus, unterscheide die kleinste Nuance der Spitze, den andern Volant. – Und bei dem Unwesentlichsten von allen, dem Kleid, gewinne ich endlich meine kühle Sicherheit wieder, schmeichle, bewundere, ein Kenner scheinbar und doch nur der verliebte Primaner, dem auch diese Kleiderfrage eine Herzensfrage ist. Die Herzogin hört gern zu. Die Wollen des Weihrauchs umwallen sie so angenehm, so schmeichelnd, sie glaubt den Maler sprechen zu hören und horcht dem verliebten Thoren. Sind Männer denn so ganz anders geartet als Frauen? Gehören Kleider, Schmuck zu diesen wie etwas Körperliches, Untrennbares? Empfinden sie jede Bewunderung derart als eine Huldigung für sie selbst, für die Schönheit, für den Geist? – Das soll kein Vorwurf der Flachheit sein. Denn wahrscheinlich ist der Wert aller Dinge ein relativer, anerzogener, ererbter – und was bei uns der Verstand, die Energie, das ist bei ihnen das gut sitzende Kleid, der graziös beschuhte Fuß. Und wirklich versteht sich die Herzogin anzuziehen wie keine! Das Niezuviel, das die Intimität des Kostüms ausmacht, bewunderte ich noch stets an ihr. Sie ist auch darin eine kleine Zauberin. Immer schwarz, immer distinguiert und immer jene lächelnde Anmut darüber, jenes Persönliche, als sei jeder Stoff für sie allein gewoben und jeder Schnitt für sie allein erfunden. Das ist gar nichts Aeußerliches mehr, das ist etwas Innerliches, jenes seltene Gleichmaß, das das Wesen der Anmut ausmacht, das vom Schein zum Wesen hinüberleitet wie eine goldene Schale zum goldenen Kern... Du wirst gleich sagen, Gert: ›Weil sie äußerlich krank ist, ist sie's auch innerlich. Der zauberische Reiz, den sie auf dich ausübt, liegt auf einem kranken Gebiet des Empfindens, und sie tippt unbewußt nicht auf die vielen gesunden Stellen deines Herzens, sie tippt auf die einzige wehe.‹ – Ganz fehlgeschossen, mein Bruder! Dieser erste Tag, den ich in diesem Schloß verlebe, soll zum Beweis dafür vorüberziehen wie ein Wandelbild – von dem Moment ab, wo das heimliche Rauschen ihres Seidenrocks meine Nerven prickelnd durchströmte, bis zu dem geflüsterten »gute Nacht«, das mich für heute so reich macht und vielleicht für später so arm. Sie hat sich wieder erhoben. Mir erlaubt sie's nicht. »Erst austrinken, mein Herr! Dann ein Zug Zigarette... Die Herren lieben das ja, ehe sie ins Freie gehen. Denn nachher müssen Sie mit in den Garten. – Mein Mann läßt sich entschuldigen. Er ist wie alle Sportsleute ein Frühaufsteher und manövriert schon stundenlang mit der ›Félicie‹, die in Nizza wieder Chancen haben soll... Ich sagte Ihnen schon: Mein Patenkind hat Glück.« Dann fügte sie leiser hinzu: »Warum erkundigten Sie sich noch nicht nach meinem Mann? Eigentlich hätte es doch die erste Frage sein sollen an mich...« »Das wäre leere Phrase gewesen, Herzogin. Ich liebe den Herzog gar nicht besonders – ich liebe im allgemeinen Männer nicht. Und an der Riviera scheinen sie mir nur dazu da zu sein, unsereinen zu ärgern, zu erbittern, den häßlichen Gedanken wachzurufen: ›Wie schön könnte die Welt sein ohne euch!‹« »Das klingt nicht hübsch!« »Dafür ist es ehrlich. Ich thue nur, was Sie befehlen, Herzogin,« Aber diese Ehrlichkeit stößt sie wohl ab. Immer zu! Heut bin ich mutig. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Die reizende Frau nimmt darauf ein lilaseidenes Tuch, das ihr über den Arm hing, um die zarte Schulter und sagt leichthin: »Wie gefiel Ihnen der Maler neulich?« »Genial, aber schmutzig, Herzogin.« »Pfui! Ich bin ganz entgegengesetzter Ansicht.« »Da hätten wir ja den ersten Streit, Herzogin.« »Sie vielleicht – ich nicht! Ich will überhaupt nicht mit Ihnen streiten, ich hab' an dem einen Mal genug... Aber Sie sind und bleiben ein Undankbarer. Sie werden nie zufrieden sein. Und statt froh zu sein, daß Ihnen dieser Maler ein so hübsches Atelier besorgt hat, sprechen Sie schlecht über ihn... Soll ich vielleicht auch lieber früh morgens mit aufs Meer, obgleich's mir der Arzt verboten hat?« »Herzogin!« »Um Gottes willen, jetzt kommt der elegische Ton!... Schnell, schnell in den Garten, in die freie Luft! Sie haben wieder etwas Unglaubliches auf der Zunge.« Der Garten, Gert, sage ich Dir, ist ein Bijou. Ein Stück Fels, wenn Du willst, das man unterminiert hat, ausgehöhlt. Nirgends die weiten Flächen eurer englischen Parks, das Saftgrün der Wiesen und die ruhigen Linien der Baumgruppen! Hier ist alles Kunst – eine Kunst ohne Künstelei, die die fiebernde Mittelmeersonne so heiß vergoldet. Regen und Licht haben jahrtausendelang gegen den steinernen Fels gekämpft. Das Wasser hat ihn zermorscht, die Wärme zerbröckelte ihn, und aus den Fugen des verwitterten Gesteins brach eine bunte, lustige Welt von Blumen und Gräsern. Vögel trugen den Samen der Bäume hin – die Steineiche hob schützend ihre stachelichten Blätter, und die graue Olive zwängte ihren wunderlichen, zerklüfteten Stamm in den Fels. Ein Kampf ums Dasein, wenn man scharf sieht – denn immer wieder versucht die neidische Sonne ihre eignen Kinder zu versengen. Aber die sind auch halsstarrig, sie lassen sich wohl mit dem weißen Staub bedecken, vom Brand scheinbar aussaugen und bewahren sich dabei doch tief innen die Lebenskraft wie alle harten Emporkömmlinge ... Und dann wurde den Menschen der Sinn für Fels und Meer wach, sie sehnten sich aus ihren dumpfen Städten in diese Welt von Licht, wo der Vernichtungskampf der Natur genau so erbarmungslos tobt, aber ein so anmutig lächelndes Gesicht zeigt. Und sie trieben ihre Kunststraßen in den Fels, bauten ihre weißen Villen, nahmen die Zwingburgen des Meeres, die Sarazenentürme und Kastelle als Ruine oder hübsch restauriertes Schloß in den Rahmen dieses neuen Kulturbildes auf. Sie bedeckten den Fels mit fruchtbringender Erde, pflanzten die hohen, düstern Cypressen, die goldenen Orangen, den wuchernden Bambus. Der Mandelbaum blühte, die Feige öffnete ihr Fingerblatt. An der Zisterne aber trabte der unglückliche Esel mit verbundenen Augen im Kreis, und die Schöpfräder hoben das Wasser empor, das in kleinen Rinnsalen den verschmachtenden Boden tränkte... Ihr da oben denkt immer, Italien sei das Land des freiwilligen Ueberflusses, der verschwendenden Natur, während es das Land der heißen, erbarmungslosen Sonne und der schweren Fronarbeit ist. Was wußte ich übrigens davon an jenem Morgen? – Die reizendste Frau führt ja. Es sind verschlungene Pfade, mühsam in den Fels gesprengt. Graugrüne Agaven erheben ihre stachlichten Häupter, Kakteen wuchern in den brennenden Ritzen. Insekten summen, Eidechsen huschen über den Stein. Von einem überhängenden Ast löst die weiße Hand selbst die kühlende Orange und reicht sie mir. »Es ist nur ein Scherz, Sie sollen sie nicht etwa gleich essen!« – Ich wandle wohl in dem Zaubergarten von »Tausend und eine Nacht«, vor mir die Fee, leichtfüßig, lächelnd. Vielleicht sauge ich all diese Eindrücke zu gierig auf. Es ist ungesund, zu viel... Und wenn sie plötzlich verschwände, herniedertauchte ins Feenreich, dem sie entstiegen? – Wie grau und tot wäre mir der Fels, wie mitleidlos brennend das Licht! – Denn sie ist ja im Grunde der Edelstein, der all die Farben, die Lichter mir reflektiert – bunt, bethörend... Es sind so enge, schwindelnde Pfade, auf denen sie sich arglos bückt, mir eine seltene Blume zu zeigen, oder sie hascht nach einem Schmetterling. Ich hebe immer schützend den Arm. Sie lacht dazu, sie ist lustig, sie eilt wie eine Gazelle, und keine Spur von Schwindel, keine Angst, daß das fleischige Agavenblatt vielleicht nachgeben, der Fels vielleicht rutschen und sie selbst in die Tiefe des Meeres unten ziehen könnte. Sie weiß, daß ich für sie bange. Und vielleicht deshalb biegt sie sich immer kecker vor auf graziös wippendem Fuß, hinabzuschauen nach der donnernden Brandung, die in scharf gegipfelten, gläsernen Bergen heranrollt und im funkelnden Gischt wutschnaubend zerstiebt. »Aber Herzogin, Vorsicht! Haben Sie Mitleid wenigstens mit mir!« Und da rutscht wirklich ein Stein, rollt in die Tiefe, so daß ich blaß werde. Sie aber lächelt fatalistisch. »Und wär' ich's wirklich – was schadete das? Ich hänge so wenig am Leben.« »Herzogin, sagen Sie das nicht! Sie dürfen das nicht sagen!« »Weil ich Ihnen gefalle, Baron? Sie sind ein schlimmer Egoist! Mir wäre da unten viel wohler... Ich habe keine Furcht vor dem Tode. Was kann er mir Schlimmes bringen? Ruhe und Vergessen – wie Sie glauben, – den Himmel, wie ich glaube... Etwas Fegefeuer werde ich wohl doch durchmachen müssen. Ein Mann hat sich mal meinetwegen erschießen wollen – aber er hat sich nicht erschossen. Er ist sogar recht glücklich geworden und dankt Gott, daß er nun eine gesunde Frau hat statt einer kranken wie mich... Ach, das Herz, das dumme Herz! Es macht mir immer zu schaffen – so oder so. Es quält mich, es raubt mir den Schlaf und mahnt mich täglich, daß ich sterben muß. Das letztere ist eigentlich noch das netteste von ihm. Ich will jung sterben! Heute – morgen – es gilt mir ganz gleich. Nur keine langen Qualen! Ich leide ja so schon genug, ich will nicht noch mehr leiden ... Und wenn ich's dennoch muß – das Leiden macht so schnell alt, häßlich. Häßlich möchte ich nicht werden! – Ich möchte nicht in jeder Gesellschaft flüstern hören: ›Die sah mal ganz passabel aus! Aber jetzt – scharfe Züge, graues Haar!‹...Ja, wenn ich Kinder hätte!... Mein lieber, kleiner René ist schon seit Jahren tot – eigentlich ein Glück für das Kind ... Und ich habe es doch so lächerlich lieb gehabt und hab's mit solchen Seelenqualen wieder hergegeben! – Sie sehen mich immer lächeln, Herr von den Raben, und ahnen doch nicht, daß ich so unglücklich sein kann, so dumpf verzweifelt... Nein, kommen Sie, wir wollen von ganz etwas anderm sprechen!« Sie führt mich auf eine kleine Steinbank am Weg – der graue Olivenhang fällt da steil zu Meer. Es ist ein schöner freier Punkt, das Meer so weit. Ich liebe die uferlose Wasserwüste. Nirgends hat man sonst das Gefühl der fremden Größe und der eignen Kleinheit so niederziehend. Nirgends empfindet man so das Lächerliche alles Irdischen. – Wie ich Dir das schreibe, bin ich ein Weiser und demütig. An jenem Morgen war ich sicher ein ganz andrer. Wenn eine grenzenlos geliebte Frau neben einem sitzt – man berührt ihr Kleid, fast ihre Hand, man fühlt den Hauch ihres Mundes – und wenn diese Frau noch träumerisch lächelt!... Was ist das uferlose Meer da draußen gegen das uferlosere Meer des eignen Gefühls? Dies Meer ist so viel klarer, so viel tiefer – und doch sieht man den silbrigen Grund schimmern und wähnt, daß nur kostbare Perlen da unten ruhen können – nie aber die Ungeheuer der Tiefe... Ich hätte beinahe Lust, der reizenden Herzogin die abgeschmackte Redensart zu sagen: ›Königin, das Leben ist doch schön.‹ – Und Gert, es ist schön – es ist schön! Man darf nur nicht rückwärts schauen und nicht vorwärts, man muß genießen wie ein Kind, das am sonnigen Strande spielt und die Wolken nicht sieht und den Sturm, der unfehlbar kommen muß... – Die Herzogin bohrt derweil den Sonnenschirm in den Fels – ein thöricht Vergnügen – aber so sind die Frauen... Und wieder wie beim ersten Male seh' ich ein Segel auftauchen – weiß, winzig und doch die schwere Wolke meines Glücks. Ich werde mich hüten, der Herzogin das Schiff zu verraten. Die Wolke da bannt auch das Lächeln auf ihren Lippen. Dennoch hat sie's erblickt und erkannt. Sie sagt gelassen: »Wieder die ›Félicie!‹ ... Wir haben schlechten Wind. Sie werden wieder lange kreuzen müssen ... Aber mögen sie! – Charles ist's ein Vergnügen. Er vermißte wohl lieber mich als die Jacht... Das ist natürlich Unsinn!... Lieben Sie Sport, Baron?« »Ja – und nein, Herzogin. Ich ritt mal ganz gern und ganz gut...« »Und warum nicht mehr?« »Ich überlasse das jüngeren Leuten...« »Sie thun auch wie ein Greis...« »Und doch war ich es in keinem Augenblicke meines Lebens weniger.« Sie überhört das wohl absichtlich und fährt fort: »Ich liebte Sport auch einmal – ich segelte sogar leidenschaftlich gern. Das ist jetzt vorbei, ganz vorbei. Erstens mal taugt's mir nicht – und seitdem ich bei Charcot war ...« – Pause – Dann fügt sie fast leidenschaftlich hinzu: »Seitdem hasse ich den Sport beinahe. Ich kann den Lebenszweck nicht mehr fassen, den so viele meinesgleichen daraus machen.« »Das klingt hart, Herzogin.« »So ist's auch gemeint... Kommen Sie! Ich störe Sie nun schon wieder auf – die Sonne meint's aber zu gut!« Wir gehen – ich noch mit einem argwöhnischen Blick auf das Segel, sie nicht. Es ist ein andrer Weg – weniger verschlungen, weniger gefährlich; zwischen Seepinien hindurch glitzert das Meer, die Brandung grollt unsichtbar. Wir sind bald wieder am Schloß. Es ist wirklich heiß geworden, und die feuchte Kühle, die der steinerne Turm aushaucht, muß wohlthun danach. Tip kommt mir wedelnd entgegen. Der mißratene Köter zeigt der reizenden Frau, die ihn in unbesieglicher Liebenswürdigkeit wieder streicheln will, knurrend die Zähne. Tip ist auch eine Dame – und Damen lieben sich selten. Dessenungeachtet schlage ich ihn mit dem Stock, daß er aufheult. Die Herzogin sieht mich groß an. »Warum das, Baron? Das Tier hat nun einmal eine Abneigung gegen mich. – Lassen Sie ihm sein Recht!... Härte liebe ich in keiner Form.« Sie ist mir deswegen nicht etwa dauernd böse. Denn auf der Wendeltreppe noch fragte sie mich schelmisch: »War's nicht ein schöner Morgen, Herr von den Raben?« »Der schönste meines Lebens, Herzogin.« Das scheint ihr zu viel des Weihrauchs. »So etwas könnten Sie vielleicht dem Herzog sagen, der glaubt Ihnen, Sie meinten wirklich den Morgen...« »Und was glauben Sie, Herzogin?« »Ich glaube, daß ich wie immer sehr thöricht bin – und daß man sich vor Ihnen hüten muß.« Es ist zwölf Uhr. Ich wollte mich noch auf die weiche Ottomane strecken und träumen die Stunde bis zum Dejeuner. Aber das Licht floß zu aufdringlich hinein, und die Fliegen summten zu gemächlich von der Hand auf die Stirn, von der Stirn auf die Hand. Ich hatte ja auch viel mehr Sehnsucht nach einem kühlen, dämmerigen Raum, wo das Licht durch die Jalousieritzen kriecht, und wo man wirklich träumen kann... träumen. Im Schloß mittägliche Stille. Nur vom Souterrain herauf zuweilen ein diskretes Tellerklappern, unterdrücktes Kichern. Die Jungfer schäkert da mit dem Diener. – In der Bücherei vernahm man auch davon nichts mehr. Ich schnellte mit der Hand ein paar Billardbälle über das Tuch, aber das weiche Zusammenschlagen klang jetzt wie ein fremder, störender Laut. Dann setzte ich mich auf den Armstuhl, wo die Herzogin neulich geweilt. Eine lauschige, erwartungsvolle Siestastimmung lag über dem halbdunklen Raum. – Das Rauschen der Meeresbrandung drang einförmig herauf. Wer ihr lange lauscht, schlummert rettungslos ein. Mir wäre es auch so gegangen – und der alte Marc Aurel, der von hoher Konsole ernst auf mich herabsah, hätte nichts dagegen gehabt, noch weniger die verhangenen Bücherschränke, deren mattes Glas auch die vorübersummende Mücke als geheimnisvollen Schemen reflektierte. Ich selbst sah mich deutlich in diesem improvisierten Spiegel – auch etwas gespenstisch grau, jedoch ganz scharf... Mollige Einsamkeit! Draußen schwankte ein Stechpalmenzweig gegen den geschlossenen Laden, und unsichere Blätterschatten zogen über das weiße Fensterbrett. Ich war wirklich dem Schlaf nahe – da, von der Ahnengalerie her, das leise Oeffnen einer Thür – eine gedämpfte Lakaienstimme, die sich französisch gegen einen Vorwurf verteidigt. Eine Frauenstimme auch – weich, jedoch sehr bestimmt im Klang. »Wenn er schlafen sollte – nicht wecken!« Dies französisch... Darauf ein elastischer Schritt über den knarrenden Stabeichenboden des gotischen Korridors – ein leises, träumerisches Singen. Es ist die Herzogin – die ich außerdem in meinem Spiegel sofort erkenne. Sie geht in meiner Richtung. Ich rühre mich nicht, sitze so tief im dunkeln Hintergrund. Ich bin neugierig. – Jetzt betritt sie das Zimmer, geht, ohne sich umzusehen, auf einen Bücherschrank zu, den entferntesten von mir. Sie wählt lange, wie gelangweilte Frauen stets. Doch sie schleudert nicht etwa nach Mädchenmanier die Juchtenbände enttäuscht zurück, sondern setzt sie wieder achtsam ins Fach. Sie findet nichts. Wie sie die verhangene Glasthüre schließt, sieht sie ihr eigen Bild. Sie sieht's träumerisch, mit einem halben Lächeln. Es gefällt ihr und gefällt ihr nicht. Sie schüttelt den Kameenkopf, glättet eine schwarze Strähne, die sich gelockert. Dann kräuselt sich auch der Mund. – Mir macht's Scherz. Ich muß den Atem anhalten, um mich nicht zu verraten. Das halb enttäuschte, halb befriedigte Mienenspiel der Belauschten ist so reizend!... Sie kritisiert auch undankbar, wo sie rückhaltlos bewundern könnte... Zuletzt streicht sie über eine Falte – eine ganz entzückende, kleine Falte am Opalauge. Und als die nicht sofort weichen will, macht sie eine ärgerliche Bewegung mit der Hand, die wohl sagen soll: ›Warum muß das Alter bei mir mit fünfundzwanzig Jahren schon kommen? – Häßlich bin ich beinah.‹ Da sage ich ohne aufzusehen, ruhig und hart wie ein Automat: »Und doch ist es die reizendste Frau, die Sie sehen!« Die Herzogin fährt mit einem leisen Schrei zusammen. Dann lachen wir beide – ich ironisch, sie verlegen. »Sie haben mich auf den Tod erschreckt, Herr von den Raben!... Und warum müssen Sie noch dazu höhnen?« »Ich spreche Ihnen gegenüber nur die reinste Wahrheit, Herzogin.« »Wollen wir nicht lieber einen Laden aufmachen, Baron? Es ist fast zu dämmerig hier.« »Wie Sie befehlen, Herzogin.« »Ach, befehlen thue ich Ihnen nichts. Lassen wir es also ... Ich ärgere mich nur, daß ich Ihnen gar nicht böse sein kann – Sie sagen alles so direkt ...« »Ist Ihnen das so etwas Schreckliches?« frage ich. »Nein, nein, das nicht!... Daß ich hübsch bin, weiß ich allein, und ich hör's auch, wie jede Frau, gern, wenn's hinter dem Rücken gewispert wird, oder wenn's die Augen sagen – aber von Ihnen – ich weiß nicht – Sie sind Maler, kennen die halbe Welt und haben gewiß so vielen Frauen schon dasselbe gesagt! Ja, wär's in Paris, Brüssel oder in Ihrem geliebten Berlin bei einem großen Fest, wo die hübschesten Köpfe Ihr Künstlerauge nicht so fesseln wie ich – dann würde ich vielleicht äußerlich sehr empört sein über die Schmeichelei und mich innerlich doch rasend freuen ... Aber hier, hier – auf Meilen in die Runde giebt's nichts Hübsches; und Italienerinnen sind ja schon mit zwanzig Jahren verblüht oder verziert. Hier bin ich die einzige passabel hübsche Frau. Und weil keine andre da, sagen Sie das liebenswürdig mir, was Sie sonst unfehlbar der andern gesagt hätten...« »Und wenn ich dasselbe überall sagen würde, Herzogin – auf jedem Erdteil, in jeder Gesellschaft, in jeder Stunde – und wenn diese Ansicht unwandelbar durch mein ganzes Leben bestehen würde?... Ja, wenn ich Ihnen das sagen müßte, immer wieder sagen müßte auf die Gefahr hin ...« Ich sage das abgebrochen, nüchtern – und doch zittert meine Hand dabei so, daß sie die Elfenbeinkugel fallen lassen muß, die sie gerade hielt. Die Herzogin sieht mich unsicher an und murmelt leise: »... Dann hätten Sie vielleicht nie hierher kommen sollen...« »Und Sie wußten das nicht? ... Wußten das nicht schon lange?« Sie zittert etwas. Ein kaum gehauchtes: »Vielleicht.« ... Dann sieht sie mich ängstlich an. »Habe ich etwas Häßliches gethan, wenn ich's wußte? Sagen Sie!« Ich trete näher auf die Frau zu. Sie weicht zaghaft zurück; ich aber denke: Jetzt oder nie! Und: »Muß ich es Ihnen denn wirklich noch sagen, Herzogin, daß ich Sie wahnsinnig liebe?« Sie bedeckt blitzschnell das hold errötete Gesicht mit beiden Händen und fleht: »Sagen Sie das nicht, Herr von den Raben – sagen Sie das nicht!... Daß Sie mich lieb haben, weiß ich. Aber warum so lieb?... Das ist ein Unglück, das darf nicht sein!... Gestehen Sie es, es war ein Scherz, ein schlechter Scherz, mit dem Sie mich versuchen wollten, häßlich versuchen wollten!« Ich gehe jetzt mit langen Schritten am Billard auf und ab, von kurzem Atem und schwerem Puls. Endlich würgt sich's heraus: »Es mußte einmal gesagt sein, Herzogin!« »Warum? Ich fühl's ja auch so!...« »Weil ich wissen will, ob nur das Mitleid, die Güte gegen den Einsamen aus Ihren angebeteten Augen mir entgegenlächelt. Weil ich wissen muß – noch in dieser Stunde – ob ich wenigstens von dem winzigsten Hoffnungsschimmer leben darf... Ich verlange nicht viel – ich verlange etwas – beinahe nichts ... Aber nicht etwa großherziges Mitleid! Von dem kann und will ich nicht leben ... Sondern den leisesten Lichtschimmer der Liebe, und sei er auch noch so fern!... Herzogin, ich will Liebe!...« Es ist die Thorheit, die jeder redet. Man verlangt beinah nichts und verlangt damit mehr wie alles – das weiß jede Frau. – Die Herzogin hält noch immer das Gesicht bedeckt – bis ich endlich frage: »Soll ich gehen?« »Lassen Sie mich doch!« murmelt Félicie. »Der Weg vom Herzen zu den Lippen ist so weit... Ich wähnte einmal, er wäre kurz – und blieb erschöpft auf staubiger Straße liegen ...« Dann nimmt sie plötzlich die Hände von dem dunkelroten Gesicht, die Augen fiebern. Sie sagt hastig: »Ja, ja!... Aber verlangen Sie nie mehr von mir!« ... Dann wieder die blitzschnelle Bewegung der Hände nach den Augen, die sie schließt und bedeckt ... »Ich bin schlecht – sehr schlecht!...« Sie ist wohl keine Natur, die leicht weint, so weich sie scheint. Vielleicht ist sie eine Natur von langem oder eigensinnigem Entschluß. Ich weiß es nicht recht, ich verstehe sie nicht ganz. Mein Kopf ist so leer und mein Herz so voll. – Träumte ich's oder sagte sie wirklich: »Nicht wahr, wir berühren den Punkt nie mehr? – Unser Zusammensein soll uns doch eine hübsche Erinnerung sein, die wir lieb haben, die wir gern hervorholen, die uns tröstet, wenn das Herz weh. Aber keine häßliche, vor der wir erröten, deren wir uns schämen müssen, weil sie unsrer nicht würdig ist?« Eine Erinnerung? Ja, lieber Gott, wenn das mir von der Liebe bleiben soll – meiner Liebe? ... Ich habe wohl die Frauen nie recht verstanden – und was mein fieberndes Herz hier von einer fordert, das fordert nur ein nie zufriedener Sinn? – Die Liebe – eine Erinnerung? Eine Erinnerung vielleicht, an der man zeitlebens krankt, an der man rettungslos stirbt...Aber eine liebe Erinnerung? – Nie! – Ich gehöre nun einmal nicht zu den Menschen, die von solchen Erinnerungen leben können. – Von solchem Haß könnte ich vielleicht leben – an solcher Liebe müßte ich sterben... Ich bin nicht etwa enttäuscht, die Frau wird mir nicht kleiner durch dieses letzte Wort, mit dem sie sich vielleicht vernünftig belügt, weil ihr vor dem Versinken graut, dem Verkommen. Dennoch läuft's mir eisig über den Rücken. Verstanden wir beide uns denn vorhin nicht? Verstehen wir beide uns vielleicht nie?... Das Glück ist schon rein, wenn man es nur nicht selber thöricht beschmutzte. Dann mußte ich den Fensterladen doch noch aufmachen. Es war die gebotene Komödie, denn jeden Augenblick konnte der Diener kommen, die Frau Herzogin zum Frühstück zu rufen. Wir standen dessen gewärtig vor dem wieder geöffneten Bücherschrank, und Gleichgültiges wurde gesprochen. Die Frau Herzogin empfahl mir ein Buch, dessen Lektüre das beste Schlafmittel. Als der Diener endlich erschien, fand er zwei verständige Leute, die einen Fensterladen geöffnet hatten – sonst weiter nichts... Auch darin bin ich nicht mehr der alte. Wer so oft und so kühl mit fremden Gefühlen spielte, ein Meister des gleichgültigen Wortes zu rechter Zeit, der sollte doch nicht beinah vor einem glattrasierten Domestikengesicht erröten. Ich mußte meinen ganzen Verstand zusammennehmen, sonst hätte ich in dem Augenblick etwas unsagbar Dummes gestammelt. Ein Narr selbst, der andre so oft zum Narren machte! Lächle nicht, Gert, lächle nicht! Das Frühstück zu zweien war beinah peinlich. Wir sprachen wenig – nur der gewisse schuldbewußte Blick, das verlegene Lächeln. Félicie mußte mir nach Tisch sagen, daß ich mich besser zusammennehmen sollte. Ich werde es. Es ist ja nur eine Sache der Gewöhnung. Nachmittags kam der Duc. Ich blieb unsichtbar – abends auch. Ich sei bei der Arbeit, hieß es. Armselige Lüge! Ich hatte eine vor Monaten begonnene Skizze auf den Tisch gelegt. Vor der döste ich stier, ohne sie anzusehen. – Abends hörte ich im Nebenzimmer noch ihre Stimme, leise, gedämpft – seine auch. Es ist wohl ihr Toilettenzimmer – doch weiß ich's nicht genau. Er mußte ihr etwas sehr Spaßiges erzählt haben, denn sie lachte einmal hell... Wie kann man lachen an so einem Tag? Ich habe das Buch, das sie mir empfahl, nicht gelesen. Ich ging erst mit dem grauenden Morgen zu Bett. Ich kämpfte immer mit der Flucht. – Ich kann noch fliehen, Gert – nach dem Lachen kann ich noch fliehen!... Ich bin aber eigensinnig, will nicht. Ich muß aus der Frau klug werden und aus mir. So gegen zwei Uhr bekam ich auch vernünftigere Gefühle. Ich bin undankbar. Ich sollte mich dieses Tages freuen – ich freue mich auch ... Die geliebteste Frau, denk mal, Gert, die einem sagt: ›Ja, ich liebe dich etwas!‹ – Daran will ich mich klammern, damit will ich all die thörichten Gedanken fortscheuchen. Es war eine wunderbare, kühle Nacht. Ich sog, im offenen Fenster liegend, den starken Duft eines Rivieraparks ein. Moskitos umtanzten mich freundlich. Es ist mir auch, als wenn ich einen Vogellaut gehört hätte – das war wohl sehr fern... Die beiden Riesencypressen gerade gegenüber meinem Zimmer starrten so düster, daß mich wieder die Kirchhofstimmung überkam. – Erinnerungen und Kirchhöfe! Ich habe mir damals erst klar gemacht, daß zwischen den beiden eigentlich so eine intime Beziehung ist. Vielleicht lege ich mir auch mal so einen Kirchhof voller Erinnerungen an und bin ganz glücklich zwischen seinen toten Cypressen. – Die Sonne blinzelt schon violett über einer eiskalten, stahlgrauen See. Zeit zum Schlafengehen für unsereinen. – Ich bin aber doch ein Undankbarer. – Und ich küßte noch demütig das gleichgültige Buch, nur weil es ihre weiße Hand berührt. – Schlaf wohl, Félicie! Achtes Kapitel. ›Die Frau mag schon viele Männer unglücklich gemacht haben!‹ Das war mein Gedanke beim Erwachen aus einem elenden Fieberschlaf. Ich fühlte mich zerschlagen, matt. Dennoch stand ich auf – ich mußte zum Frühstück in der Halle sein. Da sitze ich nun wieder und schlürfe den starken Kaffee. Die aufgehende Sonne hat gelogen. Es ist scheußliches Wetter, regnerisch, kalt. Im Kamin verglüht das Feuer. Die Schloßhalle ist grau, mürrisch. Sie interessiert mich nicht mehr. Ich bin schon bei der Zigarette. Noch kein leiser Schritt, kein Seidenrauschen. Ich erwarte es nicht einmal – wenigstens bilde ich mir das ein. Dennoch horche ich gespannt. Wenn ein verbrannter Ast im Kamin zusammenrutscht, fahre ich in die Höhe... Wenn ich nie mehr das Rauschen hörte?... Man darf nicht denken, Gert, man darf nicht denken! Wer sein ganzes Leben durch das Denken zu Hause läßt, ist der wahre Weise. Gedanken thun immer weh, Phantasien enttäuschen immer. Aber sie kommt doch! Im Augenblick, wo ich aufsehe, ein heimliches Huschen, ein rasches Knistern in der Ahnengalerie. Félicie! – Sie kommt auf mich zugeeilt, streckt mir hastig die Hand entgegen. »Guten Morgen! Ich konnte nicht eher... Wie haben Sie geschlafen?« »Ich danke, Herzogin. Wie – Sie?« Ein flüchtiger, kühler Kuß auf eine kühle Hand. Sie sieht mich an. »Was haben Sie?« »Nichts, Herzogin.« »Lügen Sie nicht! Sie haben etwas. Mißfiel Ihnen schon gestern etwas oder erst heut? – Mein Mann bleibt zu Hause. Wir finden vielleicht keine ungestörte Minute mehr. Wir müssen überhaupt sehr vorsichtig sein... Also schnell!« »Nichts, Herzogin, nichts.« Sie schüttelt den Kopf. »Soll die Kühle von heute die Fortsetzung von gestern sein? ... Ach, jetzt hab' ich's! Sie sollten sich schämen, Sie Argwöhnischer, nie Zufriedener!... Weil ich gestern in meinem Toilettezimmer gelacht habe, nicht wahr? – Es war ja so eine durchsichtige Lüge – er erzählte mir etwas sehr Lächerliches – ich mußte dazu lachen, mußte durchaus lachen. Ich hätte in mich hineinlachen können. Sie hätten keinen Ton zu hören brauchen von uns. Und ich habe laut gelacht, hell, daß Sie es hören mußten. Ich dachte, das soll ihm ein Trost sein: ›Ich bin bei ihm, denke an ihn.‹... War das hübsch oder häßlich, sagen Sie?« Und ich, wieder bezaubert von dieser Feinfühligkeit, diesem unnennbaren Reiz, der auch ihre Thorheiten umfließt, bedecke wortlos ihre Hand mit Küssen. Endlich: »Félicie – angebetete Félicie... Darf ich so sagen? Herzogin klingt so albern für mein Gefühl.« »Aber ja!« Dabei entzieht sie mir rasch die weiße Hand. »Ich nehme Ihnen ja nichts übel! – Nur nicht so stürmisch, nicht so laut!... Ich gehe jetzt. Man soll uns nicht zusammen sehen... Werden Sie auch nicht vergessen, daß es eine hübsche Erinnerung sein soll? Ich werde alles thun, Sie bei guter Laune zu erhalten – dafür müssen Sie mich auch nicht quälen, wie Sie schon vorhin beabsichtigten.« Wieder die Erinnerung – die verwünschte Erinnerung! Trotzdem hat Félicie recht. Wenn sie schon jetzt alles giebt, was bleibt dann für später? Haushalten mit den Gefühlen, das ist die Weisheit. Man kann doch immer von Frauen lernen. – Nachher kam der Duc. Ich bin gar nicht verlegen, ich plaudere liebenswürdig. Auch die Herzogin wurde gestreift – leicht, höflich. Ich sprach von ihr in derselben banalen Weise wie von der Jacht – er hat beide wohl gleich gern. Das Sündergefühl hat doch seinen Reiz... Leiden kann ich den Kerl aber nicht! Er ist ein gefährliches Gemisch von Bescheidenheit und Anmaßung, das hinter einem nichtssagenden Lächeln die ungemessenste Hoffart birgt. Wir wandeln in der Ahnengalerie auf und ab. Tödlich langweilig! Bei jedem Fenster Halt: »Scheußliches Wetter, Baron.« – »Scheußliches Wetter, Herzog.« – Das ist nun freilich richtig. Die Riviera, die noch gestern so aufgeschminkt, ist heute ein mißfarbenes Chaos von Fels und Wolken und trauernden Oliven. Und das Meer – eine so schwere, graugrüne, ölige Flut, die ihre Wogen breit und mißmutig wälzt, ohne Schaumkämme, mit einem dumpf knurrenden Laut. Dazu schüttelt der Park sich unter einem kalten, dünnen Regen, der die Farbe nimmt und alle Umrisse starr und nüchtern macht. Wir haben bereits die üblichen Gespräche durchgehaspelt. ›Ob die Riviera nicht von Jahr zu Jahr kälter würde. Ob der Fels von Monte Carlo, den man bei klarem Wetter allerdings nur durchs Glas sehen kann, ein Segen für das Land sei oder ein Fluch. Und ob das erlauchte Haus Grimaldi von Monaco in seinen jetzigen Sprossen regierende Gentlemen gezeitigt habe oder das Gegenteil. – Die letzte Frage schnitt ich an. Der Duc kniff die matten Augen zusammen und schwieg anfangs. Er hält hohes Hasard für eine Sünde und die Spielbankkonzession für eine Gemeinheit – auch die geborene Heine auf einem Fürstenthron paßt ihm nicht. Damit versöhnte ihn aber wieder der Fürst, der aus dem Blutgelde kostbare Gotteshäuser baut, und der Mentone an das geliebte Frankreich verkauft hat. Diese Ansichten habe ich ihm sehr mühsam herausgepreßt. Denn über Kunst will und kann ich mich nicht mit ihm unterhalten – er hat die Wissenschaft eines Archäologen, und ich habe die Ansichten eines Malers ... Die drei Stunden bis zum Mittag totzuschlagen mit ihm – mir graute schon. Ich schlug darum ein hohes Ecarté vor, das Leutnantsspiel, das mir nie gefährlich, weil zu dumm. Er redete von Whist und L'hombre und andern Unmöglichkeiten. Endlich ein Lichtblick! »Wenn wir mit dem Tesching schössen?« – Ich kenne wohl schönere Vergnügungen – aber man tau!... Mit Flobert in einer Ahnengalerie schießen – dazu bin ich ungefähr zehn Jahre zu alt. Aber was die Langeweile in Rivieraschlössern nicht zeitigt! – Die Herzogin lockte der helle kurze Knall auch herbei. Sie fand das Spiel erst befremdlich, dann komisch. Sie schoß sogar mit. Anfangs zitternd, mit nervöser Hand – um ein Haar hätte sie einen edeln Ahn durchlöchert. Das gab sich aber bald. Die Kugel schlug dann so glatt ins Herzaß, daß der Herzog und ich uns zusammennehmen mußten, um nicht geschlagen zurückzufallen. Das war ein Eifer, eine Lustigkeit, ein Lachen, von dem ich beinahe angesteckt wurde! Die Ahnen schauten dem alten Adel etwas kühl, hochmütig zu bei seinem Vergnügen. Sie verachteten uns wohl ein wenig. Mit Unrecht nicht! Wenn sich der ritterliche Geist bis zum Teschingschießen verflüchtigt ... Du wirst darüber dein weises Haupt schütteln, Gert. Ich schüttelte das meine auch im Geiste. Ich schaute mit gelindem Mißtrauen den graziösen Bewegungen der matten Félicie zu, Bewegungen, die immer zielbewußter wurden, je länger das Spiel währte. Soll ich das als Omen nehmen? Ich habe kein Recht dazu. Mir war ja auch bei dem Billardspiel neulich die Hand so wunderbar leicht und sicher. – Und wäre Félicie so seicht und oberflächlich wie dieser Langweilsport, sie hätte mich währenddem vergessen. Und doch traf mich immer wieder der warm schillernde Blick, das schalkhafte Kinderlächeln, das da sagt: ›Unsinn, alles Unsinn, lieber Freund! Ich denke an Sie, ich fühle mit Ihnen in jeder Sekunde...‹ Ach, wenn sie doch eine kalte Kokette wäre, deren Seele man nicht zu kennen braucht, weil sie keine hat!... Aber Félicie liegt jede Berechnung fern. Sie kennt ihre Reize, ihre Macht, sie läßt beides wirken – aber so naiv reizend, so unberechnend, fast unbewußt, daß ich wiederum doch nicht verstehe, was mir am ersten Tage schon klar, daß nämlich die Duchesse die Zügel der Schloßregierung in den schmalen Händen hält und nicht der Duc in seinen kräftigen, sonnenverbrannten. Es ist so wunderhübsch und so sehr gefährlich, eine geliebte Frau verstohlen zu beobachten, an jeder Bewegung sich zu freuen, an jedem Lächeln sich zu sonnen. Man wird dabei blinder, wo man sehender werden wollte. Das ist vielleicht das höchste Glück der Liebe, diese Blindheit – der vergoldende Hauch, der mit der Frau kommt, aber nicht mit ihr schwindet. Sage mir, wes Geistes Kind ist diese weh- und süßlächelnde Zauberin Félicie! – Sage mir, sie sei ein echtes Weib, stark und doch schwach, klug und doch thöricht!... Ach, diese Schwäche und diese Thorheit lieben wir ja am meisten – Doch sage nicht: sie sei vernünftig!... Dann schwände mir der holde Traum, ich müßte sie beinahe hassen, die ich doch so heiß liebe – O, sage lieber gar nichts, Gert!... Mit dieser Frau kommt die Illusion, geht die Vernunft. So muß es sein, so wird es sein immer. Und wenn ich dazwischen meine weisen Briefbetrachtungen streue, das Gift des Argwohns geflissentlich säe, so ist das nur das verzweifelte Zucken des ratlosen Skeptikers, der mich griesgrämig von einem Zauber befreien möchte, dem ich so gern unterliege. Es regnet diese ganze Woche. Der Duc bewacht uns wie ein Pascha seine Lieblingsodalisken. Mag er! Wir schlagen ihm doch ein Schnippchen. Wir thun so heilig und sind so unheilig ... Wenn ich denke, wie es mich durchrieselt, sobald sie mir beim Kaffee die Zuckerschale herüberreicht und ich dabei heimlich die kühlen, schlanken Finger berühre! Sie durchrieselt's auch – ich fühl' es. Und ich werde nicht etwa verwöhnt, ich darf die Finger eigentlich nie berühren, wenn ich es am leidenschaftlichsten möchte. Es ist das kein Quälen von ihr – dazu ist sie viel zu gut! – Es ist das pochende Herz, das schlagende Gewissen, das sie zaghaft zurückhält, wo sie am liebsten sündigen möchte... Gert, sind wir denn eigentlich so furchtbare Sünder? Es ist ja nur ein Blick oder ein leises Berühren der Hände! – Diese kleinen Sünden hinterlassen uns nur ein wehes Gefühl des Bedauerns, daß wir so feige sind, daß wir nicht öfter sündigen. Ich zum Beispiel habe gar kein Reuegefühl, das Gewissen peinigt mich gar nicht. Sie liebt den Mann ja nicht – eben darum darf sie sich doch von mir lieben lassen. Die Sünde ist so schön, wenn man fühlt, daß man eigentlich ein gutes Recht zu ihr hat... Und wenn ich zuweilen stutzig werde, ernst – ich verstehe es doch nicht ganz, daß sie so gleichmäßig gegen ihn sein kann, so unentwegt gütig! Das ist eben die schlechte Scheidemünze der Gesellschaft, die man beileibe nicht höher werten darf, als sie wert ist. Und mir giebt ja Félicie das Gold ihres echten Gefühls. Würde es doch immer von Frauen so weise verschwendet!... Und wenn ich doch stutzig werde, mich frage: ›Versteht dich die Frau auch ganz, ahnt sie, daß sie mit jedem Lächeln einem Glücklichen das Herzblut aussaugt, einem Glücklichen, der so unsagbar unglücklich würde, sobald es verschwendetes Herzblut wäre?‹ – so brauche ich nur das süße Gesicht anzusehen. Ihr Herz kann wohl schwach sein, aber es kann nimmermehr lügen. Es weiß ganz genau, daß ein so großes Gefühl nicht mit einem sentimentalen Adieu abgelehnt werden darf. Thäte das Félicie dennoch – so wäre sie eine große Sünderin, und feige wäre sie auch... Und wenn sie doch wäre – nicht etwa eine kalte Kokette, an deren Reizen man sich vielleicht berauscht, aber todsicher wieder an dem Katzenjammer dieses Rausches gesundet – wenn sie eine von den naiven Sünderinnen wäre, die alles nehmen, alles geben, nur sich nicht selbst, die mit einem, kleinen, elenden Gewissenszucken ein großes Gefühl abthun, weil sie es nicht verstehen, nicht verstehen können... Die Sorte ist freilich die gefährlichste. Sie mordet freundlich lächelnd, wo andre nur leicht verwunden ... Die Vorsehung soll uns ja wunderbar verschlungene Pfade führen. Sie wird einem so großen Gefühl nicht ein so kleines, schwächliches bescheren, das für schweres Gold nur dünne Scheidemünze zu geben vermag, weil es nichts andres besitzt. – Die Sorte, die sich auf die Kniee wirft und nichts thut, sich aber getröstet erhebt und sagt: ›Herr, ich fühle mich rein – denn ich versprach nichts!‹... Als wenn Frauenaugen und Frauenlippen nicht immer weit mehr versprächen, als sie halten können! Es ist doch auch nicht das Wort, das allein bindet. Jedoch es giebt auch solche Frauen – und möge mir Gott beizeiten die Erleuchtung geben! – die nur halten, was sie in Worten versprachen. Die kämpfen vielleicht lange – aber sie werden unfehlbar mit einem liebenswürdigen ›Vergiß!‹ abthun, was sie nie hätten wecken sollen. Gert, man soll den Leuten ihren Himmel nicht nehmen – nehme mir der Himmel auch nicht den Glauben an diese Frau! Und doch wünschte ich von Herzen, dieser graue Himmel und diese graue Woche wären vorüber! Man versumpft unter dem Grau im Verstande wie im Gefühl. Und die Sünde wird auch etwas Alltägliches; Graues. Man tritt die Moral nicht mehr mit Füßen aus Verachtung, sondern gedankenlos. Man soll mit dem empörten Herzen sündigen, nicht mit den aufs Vergnügen dressierten Sinnen. – Dieses Schloß und dieser Duc – mich töten sie beinahe. Wer lange unter dem Bann der beiden aushält, verdient's nicht besser. Er wird am Ende doch nicht sterben, aber er mumifiziert sich unfehlbar. Essen – Schlafen – Teschingschießen – Billardspielen... Das Schlafen spielt hier nämlich eine große Rolle – und ich schlafe so schlecht! Das Frühstück in der Halle – das leise Rauschen des Kleides: Wie lange dauert's noch, daß sie mir etwas Alltägliches werden – ein hübsches Vergnügen? ... Dann, aber erst dann, Gert, nenne mich einen Schurken, einen gewöhnlichen Sünder! Sonne – Wärme – die angebetete Frau allein: wenn ich das Dreigestirn doch wieder hätte!... Schon diese Mahlzeiten und diese Gespräche!... Gutes Essen – guter Wein – guter Appetit – gute Laune... Ja, den Deuwel auch, was verlange ich von den Menschen noch mehr? – Ich verlange freilich viel mehr. Ich kann mich in dieses lautlos treibende Räderwerk nicht fügen, welches dieses Schloß in dieser Woche nun einmal für mich repräsentiert. Es ist freilich eine Macht, eine große Macht, die die Menschen abschleift, bis sie glatt, bis sie nichts. Und vor dieser drohenden Glätte, diesem drohenden Nichts möchte ich uns beide behüten – sie und mich. Es ist ein wunderbar kleiner Horizont, den solche Gesellschaft besitzt – eine Gesellschaft, die eigentlich nichts liebt als sich selbst. Dieser Horizont ist so klein und so reich – sie bringen wer weiß was in ihm unter: Gott und Königtum, Staat und Gesellschaft. Und die Leute sind dabei nicht dumm, sie sind gewissermaßen frei in ihrem Urteil. Aber ihr Glauben hat keine Freudigkeit, er hat etwas Dumpfes, Schweres, einen Gruftgeruch, von dessen Kälte mir schaudert. Ihr Königtum ist das Königtum der letzten Bourbonen, ein Absolutismus ohne Härte, aber auch ohne Kraft, ein laisser aller von Gottes Gnaden, das wahllos Kluges und Dummes, Gutes und Schlechtes thun darf, und gegen das die Massen sich nur deshalb nicht empören dürfen, weil es die von Gott eingesetzte Obrigkeit ist. Nimm da mal unser wirklich modernes Königtum dagegen, das sich klug nur auf seine Armeen stützt und trotzdem vom blaublütigsten Junkertum zum rotesten Sozialismus hin und her schwankt, weil es schlechterdings nicht anders kann, weil es in dem Moment umgestürzt würde, wo es sich thatenlos auf sein Gottesgnadenpiedestal zurückzöge. Der Staat hat den Leuten hier nur darum ein Recht, weil er zufällig noch zu Recht besteht – und die Gesellschaft auch nur, weil sie dieses »zu Recht« wenigstens behauptet. – Das ist der Horizont – er ist so scharf begrenzt, so geheiligt – und wer hinter diese mit Brettern vernagelte Welt zu schauen suchte, wäre ein Lästerer oder ein Narr. Das ist die graue Tradition, die verständige Trägheit dieser Leute, die, wenn sie zu Gott beten, bitten, daß er die Welt rückwärts gehen lassen möge. Und das ist nicht etwa Eigennutz oder Heuchelei – es wäre das Glück eben dieser Gesellschaft und damit doch auch das Glück der Welt... Mache diesem Duc klar, daß die Erde nur ein winziger, durch die Sphären unaufhaltsam rollender Ball ist – mache ihm klar, daß der Kampf zwischen Trägheit und Bewegung das Lebenschaffende und Rettende ist – mache ihm klar, daß der Kampf in Wahrheit der Vater aller Dinge ist, und daß jede Tradition nur so lange ein Recht hat, als sie kämpft, blutet, und daß sie in dem Augenblick von einer jüngeren, lebenskräftigeren überholt ist, wo sie sich kühl auf sich selbst zurückzieht wie hier!... Er wird nicht unwillig werden, er wird nur lächeln und dir ganz klar entwickeln, daß alles Bestehende gut sei, weil es bestehe; und daß man zurückblicken müsse wie die Geschichte, nicht vorwärts wie die Sozialwissenschaft. Und in diesem Kreis leben und weben diese Menschen, sind glücklich, in ihrer Weise gut und ahnen gar nicht, daß sie unbewußt an sich selbst das Verhängnis der Degeneration vollziehen helfen, das die erschlafften Enkel zu Alltäglingen macht und die Epigonen zu Idioten. Gert, seitdem ich die Arbeit kenne, kenne ich auch den Kampf. Alles andre ist vielleicht Unsinn. Es giebt nicht Tugenden und Laster, es giebt nicht Gute und Schlechte, es giebt vor einer unbarmherzigen Naturmoral vielleicht nur Starke und Schwache – Geschlechter, die sich den Boden kämpfend erwerben, wo jeder vergossene Blutstropfen segnend befruchtet, und Geschlechter, die ruhmlos dahinsinken müssen, weil der klaffende Hieb nicht mehr den roten Strahl zischen läßt, sondern nur das welke, blutarme Fleisch aufreißt. Das ist nicht etwa »sie«, die ich damit treffen will! Das ist »er«, das ist seine Gesellschaft, die er so klassisch repräsentiert. – Die Gerechtigkeit war nie meine Stärke. Dazu bin ich zu impulsiv. Ich kann den Mann, der mir nichts gethan hat, dessen Gastfreundschaft ich genieße, nun einmal nicht ausstehen – Und der Moment, wo ihn der neidische Unglückliche noch haßt, ist sicher nicht fern. – Gleichgültig! – Was kommt's auf dieser Erde auf einen Antiquitäten sammelnden Duc mehr oder weniger an? – Und wenn ich ihn selbst hinüber beförderte einmal? – Auch gleichgültig! – Wer nicht ehrlich hassen kann, der kann auch nicht ehrlich lieben. Und wir Rabens kranken so wie so leicht an der kleinen Moral, die uns die große verdirbt... Was heißt überhaupt Moral? – Wir schössen noch alle mit dem Flitzbogen und führen in Eibenbaumkanoes, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die bewußt die Gesetze mit Füßen traten, die Moral verachteten und kühn ihre eigne freie Persönlichkeit dahin stellten, wo sonst eine Vogelscheuche den Gelüsten kleiner Geister leicht gewehrt hatte. Es ist dies eine Philosophie, die ich sonst nüchtern nicht unterschreiben würde und vielleicht schon morgen nicht mehr unterschreibe, weil sie wohl nur der leidenschaftliche Protest eines großen, heißen Herzens gegen die kleine Moral dieser Gesellschaft ist, die hier welk und siech in jeder wertlosen Antiquität die große Moral narrt. – Ich will mich selbst nicht verlieren in dieser kleinen Moral, die so schnell angenommen, weil sie so bequem ist. Ich will mir auch in der Sünde die Größe des Gefühls bewahren! Darum strahle du wieder, ungetreue, heiße Rivierasonne, gleite du wieder zierlich über die blauen Wogen, Jacht Félicie, sicher geführt von deinem herzoglichen Piloten! – Ich muß mit der Frau allein sein, bald allein sein! – Und ist sie so wertlos wie ihre Gesellschaft, dann sind die kleinen Sünden zwischen uns nur der selbstverständliche Tribut, den ein kleines Gefühl einem großen zollt – und die Vorsehung wird über sie wie ich mit einem kühlen Lächeln hinweggehen. Ist aber die Frau pur sang , so wird sie eines Tages dieser Gesellschaft unbekümmert den Fehdehandschuh hinwerfen – und ihre Sünde wird eine That sein, die der Menschheit frommt. Denn sieh, Gert, ich habe die Hoffnung, daß ich diese reizende Seele viel mehr lieben werde als diesen reizenden Körper, und daß diese Seele mir dankbar sein wird, weil ich sie vor dem Schicksal einer verstaubenden Antiquität oder vor noch etwas Schlimmerem bewahrte ... Das, was Félicie jetzt von ihrer Seele giebt, das ist wie der schüchterne Hauch eines Gefangenen, der zu lange gefangen war, als daß er das Licht der Freiheit plötzlich begreifen könnte. Und darum glaube ich sie so gut zu verstehen. Sie ist eine geheime Feindin ihres Gemahls – keine offene. Der kleine Nadelstich, der durch ihre unendliche Liebenswürdigkeit doch zuweilen durchzuckt, ätzt vielleicht auch ... Denn wenn wir bei Tisch oder nach dem Billard von Politik sprechen, von Litteratur, nimmt sie immer die Partei der Unzufriedenen, Verfemten, weil sie selbst eine ist. Sie thut's nie verletzend, sie haßt das häßliche Wort – das ist die Konsequenz der Erziehung, die natürliche Vorliebe der vornehmen Frau für die vornehme Form – aber sie sagt's doch ganz ehrlich: »Du bist im Irrtum, Charles – du denkst, daß die Erde sich nicht dreht – und sie dreht sich doch! – Ich glaube auch gar nicht, daß unser Glaube dem Herrgott so viel wohlgefälliger ist als der halbe Fetischglaube der armen Küstenfischer – nur weil uns das leichte Wohlthun so viel leichter und das schwere Sündigen so viel schwer gemacht ist ...« Wenn sie dann weiter sprechen will, ereifert sie sich, wird rot, und nur die jetzt dunkel leuchtenden Opalaugen vollenden den ketzerischen Schlußsatz, den die höfliche Zunge verschluckte. Der Duc läßt sie stets gewähren, lächelt liebenswürdig mokant mit mattem Auge – zuweilen streift auch mich sein Blick, als wenn er sagen wollte: ›Ja, lieber Freund, das thut sie doch nur für Sie, um einer etwaigen Unglaublichkeit zu begegnen, die ich selbst weder bemerken noch viel weniger bekämpfen würde, weil ich vom Volksredner genau so weit entfernt bin wie vom Dandy ... Das schönste und sicherste Stück meiner Sammlung bleibt nämlich doch die Félicie.‹ Ehrlich gesagt, manchmal habe ich auch den Soupçon, als wenn die Herzogin nur glätten, beruhigen möchte – und sich dabei doch arglos selbst belügt. – Ich täusche mich ... Wenn ich mich doch nicht täuschte – wenn sie zu den Frauen gehörte, die die Form zu sehr lieben, als daß sie die je dem Inhalt opfern könnten? ... Das ist die graue Woche, das sind die Einflüsterungen dieses Schlosses, dessen Tradition so fest gefügt ist wie seine Mauern. Und während ich ihnen willig lausche – ein kluger Mann, der den Kern der Dinge zu durchdringen sucht – bin ich vielleicht erst recht ein Thor, ein unglücklicher Fisch, der in seinem Netz verzweifelt zappelt und dann weiter nichts erreicht, als daß die Kiemen sich im Maschengewirr rettungslos verfangen... Schickt einem solche Intervalle der Teufel, oder schickt sie Gott? Ich weiß nicht, ich weiß nur, daß alles Grübeln nichts hilft, daß es bloß unklar macht, die schöne naive Sicherheit nimmt, mit der allein man den Menschen und Dingen siegreich gegenübertritt... Ich hatte sie einst – ich habe sie nicht mehr. Ich will die Seele dieser Frau kennen, ich sehne mich nach ihr, wie der Zweifler nach der Offenbarung. Und ich will doch nur die eine Offenbarung: die große Seele! Und finde ich die nicht, so sage ich nicht mit kluger Resignation: ›Suche nicht länger, wo nichts zu finden‹ –, sondern ich suche und suche weiter und werde finden, weil ich finden will. Dies Findenwollen ist eine fixe Idee. Da setzt der kranke Idealismus eines großen Gefühls ein, daher weht der vergoldende Hauch, der verflogen mich töten muß – Er wird verfliegen, Gert! Der Skeptiker wenigstens bleibt mir getreu ... Aber was nachher kommt?... Wer sein Ideal so langsam, qualvoll sich formt, der wird es zwar stiernackig zu verteidigen wissen, aber doch auf der letzten Schanze die Flinte ruhmlos ins Korn werfen und sagen: ›Warum kämpfe ich eigentlich für ein Phantom – und warum kämpfe ich gegen mich selbst?‹ – Aber bis man dahin kommt, Gert – bis man dahin kommt! Mit der Arbeit habe ich's auch wieder versucht. Unmöglich! – Das Toilettenzimmer nebenan läßt mich nicht. – Wie eine riesige Gefängniszelle nimmt sich das Atelier jetzt aus bei dem grauen Licht. Das ist mir schon recht, Wir sind ja alle Gefangene und wissen's nur nicht. – Aber wenn ich einmal den Stift in die Hand nehme, den Pinsel ansetze, schweift mein Blick sofort wie gezogen nach der dicken Portiere, die mich von dem geheiligten Raum trennt. Es ist mir dann, als ob diese unbewegliche Portiere wallte. Ich muß aufstehen – ich muß! – Hinter der Portiere ist niemand. Trotzdem bleibe ich, lausche, bis der Fuß mich schmerzt, der angehaltene Atem mich betäubt. Nichts – kein Laut in dem leeren Gemache, das ich nicht kenne, und das mir meine Phantasie doch so deutlich malt: weich, luxuriös, mit leisen Wohlgerüchen, die aus lang herabwallenden, kohlschwarzen Haaren strömen und um eine reizende Gestalt wogen. Ich sehe die Herzogin im seidenen Morgenrock, wie sie sich träumerisch im Spiegel belächelt – ich sehe, wie sie den Maroquinschuh über den schmalen Fuß streift – ich sehe jede Falte des Kleides – ich sehe das schneeige Weiß des zarten Armes schimmern. Ich sehe sie sich von Zeit zu Zeit umdrehen, horchen, weil sie den Lauscher, den Späher ahnt – und dann wieder lächeln: ›Warum soll er nicht? Er hat ja sonst nichts vom Leben, der arme Kerl!‹ – Meine Vorstellung ist da so mächtig, meine Sinne sind so erregt, daß ich mich nicht zu rühren wage und ohne Unterlaß nach diesem trostlos leeren Raum hinüberhorche, den sie erst spät in der Nacht aufsucht. Und wenn sie wirklich kommt – ich höre den weichen Schritt so deutlich auf dem weichen Teppich und fühle, wie sie sachte, mit verhaltenem Atem näher kommt an meine Thür ... Gert, uns trennt weiter nichts als diese lächerliche Thür, zu der wir den Schlüssel nicht besitzen, und die wir doch nicht öffnen würden trotz des Schlüssels – Was braucht's des Schlüssels? Es braucht nur den Willen! Ein Druck meiner Schultern – und die Schranke fällt krachend. Aengstige dich nicht! Sie fällt nicht, sie fällt nie... Dafür schleicht die Herzogin wieder vorsichtig zurück. Der weiche Sessel federt leise, wie sie sich zur Nachttoilette niederläßt. Meine Nerven sind zum Tollwerden gespannt. Jeder Laut – wie der Schildpattkamm durch das schwarze Haar gleitet, das elektrische Knistern der Strähne unter dem Bürstenstrich, wie eine Haarnadel zu Boden fällt, das geräuschlose Flechten des Zopfes mit anmutig vorgebogenem Halse – ich sehe mit den Ohren, die Phantasie übersetzt meinen Augen alles. Zuweilen kommt auch der Duc. Ein höflich knarrender Männerschritt – der Hauch einer Zigarette, den ich sofort spüre... Sie unterhalten sich flüsternd aus Rücksicht auf mich. O, wie ich an solchen Abenden dies glatte Französisch hasse, das ich nur am Tonfall erkenne! Als wenn zwei Verschwörer raunten, zwei Verschwörer gegen mein Glück. Die Unterhaltung dauert nie lange. Es ist Gewohnheit oder Konventionalität. Gleichviel! Mir locht das Blut. Ich hasse den Duc, wie man nur seinen Todfeind zu hassen vermag. Es ist ein Gleichgültiger, eine Null im Gefühl, die Frau liebt ihn sicher nicht! Und das ist vielleicht das Quälendste, daß dieser Mensch ungewünscht und ungenossen das besitzen darf, wofür ich meine Seligkeit verkaufte... Wenn ein großes Gefühl auch dieses trockene Herz durchzitterte – ich trüge es leichter!... Jedoch dieses Ringen mit dem Leblosen, gewissermaßen mit der stumpfen Materie, mit der Tradition ohne Recht und Macht – Nein, nein!... Ich weiß nicht, wann ich mehr fiebere – sobald sie kommen, oder sobald sie gehen... Das leise Zuklinken der Thür – der verhallende Schritt... und dann die Leere, die schreckliche Leere!... Ich wünsche dem Mann nur den Tod – ich kann nicht anders!... Gert, jeden Abend wird mir klar, daß der Kampf mit mir eine Thorheit ist, daß ich die Seele dieser Frau gar nicht kennen lernen will, und daß es nur die wilde Sehnsucht nach ihrem eignen Besitz ist, die sie verkleinert, verleumdet, weil ich eben nicht begreifen kann, daß andre in der Bahn des Gewohnten ruhig fortgleiten können, aus der ich so weit geschleudert bin... Die ganze Psychologie ist grüner Tisch. Welche Seele ich auch bei dieser Frau finden werde – das Rauschen des Kleides, der Blick, der Druck der Hand sind schon jetzt so starke Mächte, daß ich mich nicht nach noch stärkeren zu sehnen brauche... Daß das mal endigen muß, weiß ich. Aber ich bin schon so feige geworden, daß ich nur um Aufschub flehe. Neuntes Kapitel. Endlich! – 6° – wie's in Kursbüchern steht. Ich bereits auf. Der Duc soll wissen, daß er einen selbstlosen Gastfreund zurückläßt. Anfangs glaubte der gute Mann einen Geist zu sehen und wollte ein Kreuz schlagen, als ich Schlag sechs in der Halle erschien. Dann war er gerührt, ich bestrickend. Ja, Gert, das Unglück macht gemein, und verbotene Liebe erzieht Heuchler. Wir treten in den Frühmorgen hinaus, die Zigarette in der schlaffen Mundecke. Es ist ein Frühmorgen frisch und tauig – der scharfe Seewind vertreibt die letzten Schlafkobolde. Wir steigen zum Meer hinunter – nicht übermäßig gesprächig, wie immer. Die Kamelien erwachten gerade, die Agaven schimmerten naß. Aber der Lorbeer säuselte schon freundlich, und die dunkeln Magnolienblätter blinkten traulich. Es schwebte ein starker Seehauch durch die reine Luft – als zweifelhafter Bote guten Wetters. Die Sonne lag hell blinzelnd über dem gelbgrünen Meer, hinter einer Wolkenwand halb versteckt. Die gute Dame war sich noch nicht ganz klar, ob sie ihr rundes Gesicht in freundliche oder griesgrämige Falten legen sollte. Die Brandung schrie hell. Schaumkronen hüpften lustig, und die Schaluppe unten am Fels schaukelte sich auf der leicht bewegten Flut. Der Herzog schritt rüstig, die Nase voll Salzluft und das Herz voll Thatendrang. »Wird wunderbarer Tag, Baron! Es ist doch rührend, daß Sie so früh aufgestanden sind ... Meine Frau wollte auch noch kommen... na...« Und er lächelt wieder sein liebenswürdig mokantes Lächeln: »Sie kommt ja doch nicht!« An dem winzigen Bootshafen steht bereits der Diener mit Mantel und Decken. Es ist ein undurchdringliches Dienergesicht, das Geheimnisse klug bewahrt oder teuer verkauft. Weiter draußen in See wiegt die »Félicie« anmutig ihren weißen Leib; die blauweiße Flagge flattert, der Bootsmann an Bord salutiert herüber. Der Herzog gab dem Diener noch einige französische Befehle – Ein kräftiger Händedruck: »Heute abend, spätestens morgen auf Wiedersehen, Baron.« – Dann sprang er ins Boot. Die Ruder zogen an – aber eine kecke Welle schleuderte den schwanken Kahn erst noch einmal bis zu der Felsplatte zurück, auf der wir stehen. Der Herzog lachte. Dann ging's mit langen Ruderschlägen der »Félicie« zu – im Kielwasser ein hellgrüner brodelnder Streif. Und wenn der Brave direkt in den unverdienten Höllenrachen führe – ich habe noch niemals mit so ungeteilten Gefühlen jemand den Hut zum Abschied geschwenkt. Jetzt legt das Boot backbord bei. Der Herzog erhebt sich – in dem Moment hoch über uns eine weiche, helle Stimme: » Bon voyage, bon voyage! « – ein wehendes Taschentuch – und zwischen den Blättern einer Riesenagave gleich darauf die Herzogin, weit vorgebeugt, den Kameenkopf rosig überhaucht vom eiligen Gehen, die großen Opalaugen leuchtend. Der Duc scheint sich einen Augenblick zu besinnen, ob die unbequeme Rückfahrt den flüchtigen Abschiedskuß wert sei. Verführerisch genug sieht sein junges Weib wahrhaftig aus!... Wär' ich der Mann – und wenn ein Ozean von Tod und Gefahren zwischen uns läge – ich müßte zurück, ich müßte sie noch einmal küssen – Ehehelden denken meistens anders, wollen pädagogisch wirken... Die Narren! Wem solch geliebter Mund zulächelt... Daß doch keiner die Perle zu schätzen weiß, die ihm ein blindes Glück in den gleichgültigen Schoß warf! Der Duc ist an Bord geklettert und ruft noch durch die hohle Hand ein paar französische Worte zurück, die eine mitleidige Brandung verschlingt. Wie ich es doch heute liebe, dies glatte Französisch der beiden! Das ist nichts Intimes – das ist Konventionalität, auf welche sich die beiden so hübsch spät heut besannen... Zum Ueberfluß kommt jetzt die Herzogin den Schlangenweg hinunter gewandelt – ohne Hast, mit einem freudig federnden Schritt. »Guten Morgen, Herzogin.« »Guten Morgen, Baron. Es ist frisch heute – und ich war noch nie im Leben so früh auf!« Sie schüttelt sich dabei leicht fröstelnd unter ihrem langen Silberfuchsmantel. Dann neigt sie sich über die Felsplatte, wo die gedämpfte Brandung weißen Schaum heraufspritzt. Das Wasser netzt lüstern die weiße Hand. »Das ist auch frisch – aber angenehmer...« Indes werden auf der »Félicie« die Segel gelöst. Der Schiffskörper stampft unmutig auf den hellgrünen Wogen, und der leuchtende Kiel taucht zuweilen bis an die Bordlinie ins Meer. Jetzt dreht sie sich langsam, bekommt Fahrt. Wir sehen interessiert zu, wie sie so anmutig nickend davongleitet. Der Herzog lehnt am Kajüteneingang, die Hand grüßend zur Kapitänsmütze erhoben. Ich räuspere mich. Félicie streift mich in einem hellen Blick. Mir dauert der Abschied zu lange. Sie aber bleibt und winkt, bis der Herzog ganz klein, ganz fern. Dann erst wendet sie sich zu mir: »Warum so ungeduldig auf einmal?« »Herzogin, ich bin ja glücklich, wenn ich in Ihrer Nähe bleiben darf.« »...Und trotzdem immer eifersüchtig und anspruchsvoll!... Sie werden mal einen so unbequemen Ehemann abgeben, dessen Hauptvergnügen noch dazu sein wird, die unglückliche Frau zu quälen...« »Ich heirate nie.« Sie thut, als wenn sie nicht verstände. »Ich will Sie nämlich vor dem Schicksal eines griesgrämigen Junggesellen bewahren, dem jede Rivierabucht und jede Riviera-Table d'hôte gleich langweilig ist... Freilich, ob ich Sie gerade einer Frau empfehlen könnte?« »Eine ungeliebte würde ich zu Tode quälen.« »Ja, das würden Sie allerdings!« »Und eine geliebte?« »Haben Sie in Ihrem Leben die Frau je anders betrachtet als – als Lieblingssklavin, hübschen Zeitvertreib, Baron? ... Aber das schadet nichts! Wenn Sie nämlich Kinder hätten – und ich bin ganz sicher, daß Sie Kinder haben würden –« »Ich habe nichts für Kinder übrig, Herzogin. Ich würde ihnen freilich nie etwas Böses thun – ich würde sie höchstens als das betrachten, was sie sind: nämlich schutzbedürftige Würmer, die man bald zu sehr verhätschelt, bald zu sehr prügelt, weil man sich in den kleinen Ideengang nicht hineinversetzen will oder vielleicht auch nicht kann. Es gäbe allerdings eine Möglichkeit...« Doch die Herzogin läßt mich die reizende Möglichkeit nicht ausspinnen. »Ach, Sie reden, wie Sie's verstehen! Weil Sie keine eignen Kinder haben, verstehen Sie fremde nicht und haben sie natürlich auch nicht lieb. Warten Sie doch erst die geliebte Frau ab! – Das andre findet sich dann ganz von selbst... Sehen Sie, man sagt uns sogenannten Weltdamen – und ich bin noch dazu drei Viertel Französin – doch in Wort und Schrift nach, daß wir nichts so haßten als das Muttersein wegen der Figur, der Toilette, der vielen Unbequemlichkeiten, und daß diese unnatürlichen Mütter dann ihre Unglückskinder sofort an Ammen und Wärterinnen ganz bedingungslos und herzenskalt überlieferten, und daß das ganze mütterliche Gefühl in nichts bestehe als in einer gewissen Eitelkeit, wo Babyspitzenkleider und frühreifes Geplapper das Höchste... Mich trifft so etwas nicht. Ich habe meinen kleinen René nie verschmerzt und werde ihn nie verschmerzen. Ich habe sein Bild unter einem Albumberg begraben, weil es mir so viel Thränen gekostet hat und noch kostet. Und ich hole es doch jeden Tag wieder hervor und streichle es und bedecke es mit denselben Küssen und denselben Thränen. Ich hadere mit der Vorsehung, daß sie mir ihn und damit eigentlich alles, alles nahm ... Ich bin nicht glücklich verheiratet – Ihnen brauche ich das wahrhaftig nicht zu sagen! – wär ich's, dann wäre ich schlechter als schlecht. In meiner Ehe kenne ich eigentlich nur eine schöne Zeit: als ich René erwartete. Da war ich so glücklich und liebte auch meinen Mann... Das war aber alles schon lange vor dem Tode wieder vorbei. René hätte nicht leben können – oder höchstens als meine Qual, als ein lebendiger Leichnam. Dennoch denke ich oft: ›Hätte ich dich nur noch, ich wollte dich ja so lieb, so lieb haben!‹... Denn die Mutter ist in mir so stark, daß ich auch einen Idioten heiß, unendlich lieben würde... Dann ständen Sie auch nicht hier – dann hätten Sie mir nie das sagen dürfen, was Sie mir neulich im Billardzimmer sagten! Das Kind wäre mir ein sicherer Schutz gewesen gegen jede Versuchung... Sie denken nach dem allem vielleicht, daß ich mich eines Tages von meinem Mann trennen könnte? Das thu' ich nie. Ich hebe mir nur diese Möglichkeit als äußersten Trost auf – Ich bin meinem Mann treu, soweit ich es ihm überhaupt sein kann. Mich hat noch nie ein andrer geküßt, ich habe noch niemals einem das erwidert, was ich Ihnen neulich erwiderte. Darüber hinaus giebt's aber auch nichts!... Sie denken wohl, ich sei sehr oberflächlich – und ich kann doch so tief fühlen. Trotzdem komme ich nie zu dem Punkte andrer Frauen: ›Da, nimm mich!‹ Ich würde auch an der Scham zu Grunde gehen...« »Und halten Sie diese mißverstandene Pflichterfüllung für besser, Félicie?« Sie antwortet nicht. Sie beugt sich tief herab auf den tauschweren Blütenkelch einer roten Tulpe. Sie thut's mit schwerem Atem und abgewandtem Gesicht. Später lächelt sie mich mit feuchten Augen an: »Lassen Sie alles Ueberzeugenwollen. Bei mir führt es zu nichts. – Und nun zu ganz etwas anderm! Ich habe in der letzten Woche viel über Sie nachgedacht. Ich möchte Sie glücklich sehen!« Ich lache rauh aus. Sie fährt ruhig fort: »Sie müssen bald weg von uns – in Ihre Heimat – da werden Sie schon ein nettes Mädchen finden, das Sie auch verdient. Ich kann nämlich auch selbstlos sein.« »Zu selbstlos, Herzogin!« »Aber wirklich! Ich bete täglich für Ihr Glück.« Darauf sage ich höhnisch: »Und wenn ich meine Verlobungsanzeige schon in der Tasche hätte? Bin ich nun einmal Schurke, dann bin ich's auch ganz!« »Wie meinen Sie das, Baron?« »Nun, daß ich tatsächlich verlobt bin.« »Nein...« Und da sehe ich doch einen feinen Blitz des Argwohns in den Opalaugen aufzucken. »Ja, allerdings dann...« »Ja, allerdings dann!« wiederhole ich zwischen den Zähnen – bis ich endlich doch, nicht mehr Herr meiner selbst, gepreßt weiter sage: »Warum reden Sie das alles?... Warum quälen Sie mich so, Herzogin?« Der Ton traf sie doch. – Wir wandeln den Felsweg nun wieder in die Höhe. Der Diener ist schon weit vor uns, hoch oben auf der letzten Terrasse – er geht mit einem diskreten Rücken und einem so gebogenen Kopfe, als wenn er zwischen dem Arm hindurch nach hinten schielen möchte. Wir aber folgen sehr langsam. Die Herzogin überlegt. Sie hat etwas auf dem Herzen – und hat's auch wieder nicht. Die unregelmäßigen Schwingungen des geschlossenen Sonnenschirms deuten das an. Sollten sie meine letzten Worte vielleicht gerührt haben? Und sie, die allen Gutes thun möchte, weil's ihre Natur so heischt, weil sie den Samariterberuf des Weibes erfaßt hat wie keine – möchte mir wohl etwas Liebes sagen. Ihr wird das immer so schwer. Das ist die Feinfühligkeit, die reizende Gêne, die einen gütigen Mund verschließt, bis ihn das gütigere Herz öffnet. – Wir sind jetzt gerade an der Steinbank seligen Angedenkens. Der Morgenwind rauscht, die See blinkt. Wir bleiben beide stehen – unwillkürlich – die Erinnerung des unvergeßlichen Vormittags neulich grüßt auch aus dem toten, taufeuchten Stein. Aber heute hüten wir uns beide, in die Weite zu schauen, wo die »Félicie« jetzt mit ausgebreiteten Fittichen vor dem Winde dahinfliegen muß. Die Herzogin sieht mich lange und warm an. »Wissen Sie, warum ich heute so früh aufstand? – Weswegen ich in diesem saloppen Morgenrock herabeilte? – Sehen Sie ihn, bitte, nicht an! Der graue Pelzmantel ist noch mein einziger Schutz, denn er verhüllt die schrecklich derangierte Toilette – Wissen Sie, weswegen ich dann so thöricht gelaufen bin, was meinem Herzen gar nicht gut thut – und weswegen ich dennoch wie ein Dieb hinter der Riesenagave dort versteckt stand, bis ›er‹ abgefahren war? – Schämen Sie sich mal wieder, Sie Undankbarer! Es geschah Ihretwegen – nur Ihretwegen... Das ist ja das Wunderbare, daß ich immer im voraus weiß, was Sie thun werden, ja, was Sie gerade denken ... Ich wollte Ihnen das heute nicht sagen – es ist Ihnen gar nicht gut! – und ich sag's Ihnen doch! Habe ich Sie gequält, so will ich Sie auch wieder trösten.« Das sagt die angebetete Frau so leise, so reizend! Die Güte dieses Herzens würde eine Todsünde vergolden ... Und ich? Gert, ich kenne mich selbst nicht mehr. Die hübsche Phrase flieht mich gänzlich. Ich finde nicht einmal die einfache Antwort des Herzens – als wenn diese Liebe auch um meine Geisteskräfte wie ein rosiger Nebel wallte. Ich kann das liebe, liebe Geschöpf nur ansehen und sagen: »Wie sind Sie doch heute wieder schön und gut, Félicie« – Es klingt so hölzern, so gesucht... Und ich möchte doch eine teuflische Beredsamkeit dafür haben oder den unfehlbaren Blick für die Schwäche der Frau, wo man ihr das eigne große Gefühl einflößen könnte wie einen Zaubertrank. Jetzt rächt das heiße Herz alles, was das kalte einst verbrochen ... Ja, kalt sündigen, kalt sündigen – wer das noch könnte! Man verstand's doch mal, man wußte die Frauen so gut die schräge Straße sanft herabzuführen... Führe ich überhaupt – oder werde ich geführt? Wir gehen jetzt dicht nebeneinander – ein schmaler Steg, auf dem wir uns berühren müssen. Wir wissen's, wir fühlen's, wir wandeln stumm. Ist das einer von den entscheidenden Momenten im Leben, wo die Herzen sich ängstlich zusammenziehen und dann qualvoll schlagen, weil sie in der bangen Stunde den Sturmesfittich fühlen, der auf sie herniederbrausen muß – schwer, mächtig? Ich fühle ihn schon lange. Fühlt sie ihn auch? – Wird sie sich feige ducken vor dem Brausen, das die großen Gefühle weckt und die kleinen scheucht? Nein, sie soll sich nicht ducken, mit angstvoll geschlossenen Augen zu Boden schauen, bis der Sturm vorüber, der dem Feigen nur eine ewig graue, entgötterte Alltagswelt zurückläßt! Sie soll auch nicht kämpfen gegen ihn – dazu bin ich da – sie soll sich nur an mich klammern, weil sie mir vertraut, weil das holdeste Geheimnis alles Lebens, die Liebe, unser Talisman geworden! Wir wollen ihn kämpfend erwerben oder kämpfend verderben ... Vorsehung, die du mir das große Gefühl gabst, laß es nicht jetzt im ewig Leeren verrinnen!...Es verrinnt auch nicht – ich fühl's. Gert, ich werde wieder langweilig. – Die Wirklichkeit mit ihrem vernünftigen Wechsel von Licht und Schatten, von verschlungenen Pfaden und breiten Landstraßen führt auch uns sänftiglich auf den Hauptweg zurück, und wir, die wir so eng bei einander gewandelt auf dem schmalen Felspfade, wir wandeln jetzt sehr weit voneinander auf der breiten Straße. Wir wissen jetzt auf einmal, was wir vorhin nicht wußten: daß wir zwei Sünder sind. Wir wissen auf einmal, was der Anstand fordert und welch neugierige Augen die Fenster dieses Sarazenenschlosses unter Umständen sein können. Auf der breiten Straße des Lebens kommt man wohl immer auseinander. Der Diener mit dem diskreten Rücken erwartet uns an dem Treppenportal. Wir hatten beide noch nicht gefrühstückt – auch nicht an das Frühstück gedacht. Jetzt gab uns die Domestikenfrage, wo wir den Kaffee serviert beföhlen, die Vernunft und die Feigheit zurück. Sie wünscht ihn in das grüne Boudoir – ich in meine Halle. Voilà le monde! Dieser gleichgültige Lakai, den ich wie alle Domestiken immer etwas als leblose Sache betrachte, trennt uns beide Zusammengehörigen sofort und definitiv. Es ist zwar nur ein Mensch, der an unsern Handlungen nicht einmal etwas finden darf, der es aber doch finden könnte – und darum finden wir auch etwas dabei. Das ist die kleine Moral, an der wir alle kranken. Das war das erste Frühstück tout seul . Ich hatte ein Buch mitgenommen: Maupassants »Notre cœ« , Dein Lieblingsbuch. »Er« könnte ich wohl sein – aber »sie« ist ganz anders. Zu Ende habe ich's noch nicht. Wenn man selbst einen Roman erlebt – wozu fremde Gedanken nachdenken? In der Halle verbrachte ich den halben Vormittag lesend, träumend. Ich wartete ja doch ... Mein ganzes Leben wird vielleicht ein solches Warten sein, ein hoffnungsloses Sehnen nach dem Rauschen, dem Blick, der Hand. Wie ich's aushalte – das weiß Gott allein! Wenn man nur bis zum Dejeuner zu warten hat – sechs lächerliche Stunden – und schon alle Gefühle des Ertrinkenden durchmacht ...Dabei meinte es der Tag so gut! Er zog so leuchtend herauf – erst mit violettem Schimmern, das auf den alten Waffen gleißte, über den Halsberg des Geharnischten zuckte – dann ein rotes, gieriges Funkeln, als habe alles Metall Leben bekommen – endlich die helle, heiße Flut, die fessellos in die gotische Halle strömte. Sie macht alles lebendig. Die tief braungebeizten Eichenmöbel beginnen zu glänzen, das blasse, eingewobene Gold der Paniere blinzelt erwachend, die Staubatome tanzen – nur die schwarze Riesenöffnung des Kamins bleibt rußig, kalt, tot ... An dem Licht allein mich zu freuen – ich vermag's nicht mehr. Es höhnt die Liebeskranken. Auch das Billardzimmer meide ich. Von Erinnerungen mögen andre leben, mich quälen sie nur. Im Atelier endlich Ruhe, Dämmerung, das allmähliche Absterben der erregten Gefühle auf der weichen Ottomane. Es ist, glaube ich, eine Art Selbsthypnose, die man so übt. Ich schlummerte nicht, ich war nur matt, Traumbilder zogen wie fahle Schemen vorüber. Da – ein leises Klopfen. Narrt mich der Teufel wieder einmal? Es kommt von dem Toilettenzimmer her. Meine Phantasie hörte es schon oft ... Wieder der Ton – aber ungeduldiger. Ich erhebe mich leise, schleiche zur Portiere. Es pocht wirklich jemand. Ich räuspere mich diskret. Jetzt eine verschleierte, vorsichtige Stimme: »Sind Sie es?« »Ja. Félicie.« »Wollen Sie auf den Balkon kommen? – Aber Sie sind wahrscheinlich zu müde?... Nein, Sie sind ganz gewiß zu müde! Adieu ...« »Félicie – nur eine Sekunde!« Da höre ich an einem Rascheln, daß sie gar nicht weggegangen, daß sie das feine Ohr an die Thür gepreßt hält. »Ich komme sofort, Félicie ... Ich bin selig.« »Nein, kommen Sie nicht sofort! Erst nach einer Viertelstunde. Es ist der Leute wegen. Diener und Jäger habe ich in den Ort hinuntergeschickt. Sie sollen frei haben bis vier Uhr, dann wird nämlich erst gegessen heut. Ist's Ihnen zu spät? – Jetzt will ich auch noch die Jungfer weg haben. Sie soll zum Fischer an den Strand gehen, nach Langusten fragen. Dann ist das Schloß bis auf die Küche leer. Ich möchte mal einen Nachmittag allein sein mit Ihnen ... Nun, quäle ich Sie noch immer? Oder bin ich nicht viel zu gut?« »Félicie – angebetete Félicie!« – Ich bin sicher etwas von Sinnen. Diese Viertelstunde des Wartens! Wenn ich je in meinem Leben glücklich gewesen, so war's diese elende Spanne Zeit. Es ist ein Prickeln – ein Rausch – eine Sehnsucht, die verbotene Paradiesesfrucht zu pflücken! Ich stand mit der Uhr in der Hand auf einem Fleck. Wie träge doch der Sekundenzeiger hüpfte, wie die Minuten schlichen! ... Dreizehn ... vierzehn ... Der Atem ging mir aus. In dieser kurzen Minute, die noch fehlt, konnte der Duc zurückgekommen sein, oder ein Herzschlag konnte sie gerührt haben. Was heißt fliehende Zeit? Wenn in einer endlosen Minute das Glück sich zehnmal abwenden kann, das man geträumt. Punkt drei viertel zwölf knarrt meine Thürklinke. Ich schlendere gemächlich durch die Ahnengalerie, sehe mir einen von den gottverdammten Lièges noch ganz genau an. Es ist die Komödie der Gleichgültigkeit, die man sich geflissentlich selbst vorspielt, während man doch ohne Schwingen fliegen könnte, bloß getragen von dem göttlich sündigen Glücksgefühl. Dieser sogenannte Balkon ist eine durchbrochene Eisengalerie, die auf der Seeseite den ganzen Sarazenenturm entlang läuft. Vom Verandazimmer tritt man hinaus. Ich bin überzeugt: sie ist noch nicht da, wird nie kommen, weil ich nur träumte ... Aber sie ist da. Sie sitzt an einem kleinen, eingelegten Tisch, fast versteckt unter der tief herabgelassenen Markise. Félicie trägt ein seegrünes Foulardkleid, das um ihre anmutigen Glieder sich weich wie ein Nixengewand legt. Sie lächelt. Sie reicht mir die schmale Hand zum Gruße hin. Als ich mich niederbeuge, sie zu küssen, zuckt sie ein wenig zurück. Ich sehe Félicie an. Sie beißt sich auf die Unterlippe, aber die Braue ist spöttisch gekraust. Dann tippt sie mit dem Finger auf das Kleid. »Für mich?« frage ich leise. »Für Sie!« tönt's leiser zurück. »Es ist das erste Mal seit Renés Tode, daß ich nicht in Trauer bin. Und Grün lieben Sie ja so – Sie sagten's neulich einmal. Gefalle ich Ihnen?« »Ich bin unaussprechlich glücklich, Félicie.« »Endlich – einmal!« – Dann wechselt sie den Ton und sagt lustig: »Ich hab's mir überlegt – es ist so thöricht, wenn man den Tag nicht genießt. Er ist so kurz, kehrt vielleicht nie wieder. Heute in einem Jahr – wo sind Sie, wo bin ich? ... Das sollten wir immer im Leben bedenken – und genießen, genießen ... Die kurze Zeit hindurch will ich Ihnen so viel Sonnenschein geben, wie ich kann! Ich thue ja etwas Gutes damit. Ich gebe ihn einer Kunst, die ihn braucht, und einem Menschen, der ihn verdient. Nachher büße ich – und Sie vergessen ... Ach, sagen Sie nichts dagegen! Denken Sie nicht! Grübeln Sie vor allem nicht! ... Sehen Sie, der Tag ist so schön, und die Sonne meint's so gut – und ich gehöre Ihnen die kurze Stunde so ganz, – weil ich will ... Wir wollen an nichts denken, als daß wir uns gehören, und daß uns die Welt gehört. – Das Leben ist sonst so häßlich, und die Menschen sind so flach! Es ist beinahe Pflicht, sich in das Traumland zu flüchten. Wir sind also in einem Zaubergarten, wir sind mutterseelenallein und dürfen uns der köstlichen Gegenwart freuen ...« Sie ist wahrhaftig eine Zauberin – eine Hexe, die man verbrennen sollte, weil sie das gefährlichste Elixir zu mischen versteht: Güte und Charme. Außer uns beiden existiert nun nichts mehr. Die Menschheit versank – ich opferte Dich gedankenlos mit, Gert. So bin ich, so ist das Glück. Ich vergaß Dich, Du warst nie! Ich könnte ohne Euch alle noch tausend Jahre leben ohne Wunsch, ohne Bedauern – mein Glück heischt nur »sie« ... Ich bin ja verzaubert! ... Der Wind hat ausgesäuselt, der Park duftet. So schauen Böcklinsche Bilder aus. Ein Stück Meer in der Mittagsglut – tief, blau, leuchtend; am brennenden Fels schläfrig auf und ab gleitender Schaum; darüber die Landstraße – weiß, stumm, brütend; in den verstaubten Oliven kein Hauch. Nur Sonne, Fels, Meer ... Die wundervolle Oede lockt wohl die Geschöpfe der Tiefe herauf. Die Nixen sonnen ihren Schuppenschwanz auf seebespültem Stein – ein bärtig Ungetüm treibt tückisch lächelnd im wohligen Naß – und weit drüben am Kap stürmen die weißmähnigen Wogenrosse Poseidons hochaufbäumend die steile Klippe ... Das ist der Süden, das ist das Licht! Und wir beide auf unserm Zaubereiland schauen das Bild, saugen's ein, vielleicht selbst berauscht von Sonne und Glut. – Und ich, den die Liebe zum Thoren gemacht, erzähle den lauschenden Opalaugen Thörichtes, wie's die Frauen lieben und das Glück. Ich erzähle ihr die Kindergeschichte von der wüsten Insel im uferlosen Ozean, wohin uns beide ein mitleidiger Orkan verschlagen, und wie sie dort einsam und arm mich lieben müsse, weil kein andrer da ... Sie lauscht und lächelt. »Warum eine wüste Insel – warum wir beide allein? Eine Insel – gut! – aber eine schöne Insel mit vielen Menschen, wo Sie gerade mich finden, weil Sie gerade mich suchen ...« »Würden Sie mit mir glücklich werden, Félicie?« Die hellrote Flut steigt ihr in die weißen Schläfen. Sie zittert nervös – und antwortet nicht. »Sprechen Sie doch, Félicie!« Da endlich: »Ja, ja – sehr glücklich! ... Aber fragen Sie nicht immer!« Sie hat mir noch nie das Wort: ›Ich liebe dich‹ gesagt. Sie könnte auch mal aussprechen, was meine Lippen und meine Augen ihr so oft sagen! Sie ist eben so feinfühlig, mimosenhaft, sie hat Angst vor dem bannenden Wort – weil ja alles nur ein Traum sein soll – eine Episode, eine Erinnerung ... Warum muß es das nur sein – warum muß es das nur sein. Gert? Und bei diesem Gedanken, den ich so oft denke, und den ihr feiner Instinkt stets verrät, werde ich traurig, sentimental. Sie jedoch bleibt fest. »Nein, nicht das, was Sie denken – nie!... Sie wollen immer mehr, immer mehr. Begreifen Sie denn gar nicht, daß ich Ihnen so viel gebe, zu viel gebe? ... Oder wähnen Sie, ich spräche mit allen Männern so? – Bei Gott nicht! – Und so genießen Sie doch unser kurzes Glück, anstatt es auch mir zu verkümmern! Seien Sie doch froh, daß Sie überhaupt noch so fühlen können!... Soll ich Ihnen etwas sagen, was Ihnen sicher Freude macht? – Ich verstand mich noch mit keinem Menschen innerlich so wie mit Ihnen!« Ja, das So-gut-verstehen – das ist's eben! Wenn ich bei ihr doch die flache Stelle fände, die Untiefe des Herzens, die ich bei jeder Frau fand und, sofort abgekühlt, noch bei keiner einzigen dachte wie hier: ›Du einziges Geschöpf!‹ Sie ist eben so anders wie andre. Sie ist gerade so weit große Dame, wie ich's liebe – in der Geschichte aller gesellschaftlichen Thorheiten genug bewandert, um mit einem Lächeln, einem Blick, einem Lippenzucken anzudeuten: Ich kenne die häßliche Wahrheit – aber ich mag sie nicht.‹ Und dann wieder Weib genug, um zu verstehen, zu entschuldigen, vielleicht gerührt zu sein, wo Eure Ostelbierinnen ungehört verdammen würden. Schliff die Gesellschaft hier einen Stein glatt, so schliff sie einen edeln Stein. Kein Klatsch – keine Pikanterie – und doch eine Frau, mit der man sich nie langweilt, weil sie die höchste Gesellschaftskunst beherrscht: gütig zuzuhören und klug zu begreifen... Es passierte mir noch nie – wir sitzen fast vier Stunden hier, wir haben Kluges und Thörichtes geredet wie natürlich, und doch hat auch nicht einen Augenblick der Gähnreiz unsre Gesichter fade gemacht und lang. Die Kammerjungfer stört uns. Langusten sind nicht aufzutreiben. Die nicht mehr junge Französin macht dazu das spitzbübisch-dumme Dienstbotengesicht. Sie ist wohl keine Vertraute – aber sie hat Augen. Félicie verständigt mich darüber durch einen Blick. Der Traum ist aus. Wir bleiben zwar noch einige Minuten. »Fabelhaft, wie der Wind abgeflaut hat! Sie werden noch lange nicht in Nizza sein...« »Kann der Herzog heute noch zurückkommen? Vielleicht per Bahn?« »O nein! Vielleicht übermorgen. In diesem Punkte binden wir uns gegenseitig nie.« »Käme er doch nimmermehr zurück!« murmele ich ingrimmig. »Die ganze Welt soll versinken, die ganze Menschheit umkommen ... Wozu giebt's eigentlich die schönen Riviera-Erdbeben?« Sie sieht mich fest an. »Ja, so sind Sie! Weich gegen sich und die Sie lieben – hart gegen alle andern.« Wie gut sie mich erkannt hat! Mich beschämt die Wahrheit nicht. Uferlose Nächstenliebe mögen die Alten üben, die Schwachen, die Geschlechtslosen – denen gehört auch der andre Himmel! Doch eine junge Leidenschaft muß selbstisch sein – denn dann erst ist sie groß. ... Ob wir bis zum Abend solch Zusammensein fortsetzen können, macht Félicie Skrupel. Beim Essen sind wir krampfhaft lustig. Kaum aber hat sich die Thür hinter der Livree geschlossen – da werde ich traurig und sie stumm. Eine lange Pause, wo das Knacken der Mandelschalen der einzige Laut. Dann fragt sie mit leisem Vorwurf: »Was ist Ihnen?« »Ich weiß nicht.« »Habe ich wieder etwas verbrochen?« »Ich weiß nicht!« wiederhole ich nervös. Ich kann's nicht über die Lippen bringen, was noch in dieser zwölften Stunde Pflicht: ›Giebt's für uns beide noch eine Hoffnung – oder bleibt's bei der Episode? – Wenn letzteres – dann adieu für immer.‹... Ich soll übrigens heute nicht mehr in der Halle warten; es könne sehr lange dauern und sie sei so müde... »Sie versuchen's mal wieder mit dem Quälen, mein Freund. Sie wollen das eine Wort herauspressen – und ich sag's doch nicht!... Ihnen gegenüber haben weder meine Augen noch meine Liebenswürdigkeit je gelogen – und werden's auch nie. Meine Gefühle sind unwandelbar. Das sollte Ihnen eigentlich mehr wert sein als das thörichte Wort.« Das Resultat war, daß ich bis zur Dämmerung in der Halle saß – ich, der ich das Warten nie verstand, warte jetzt auf sie wie ein Hund – und daß ich mit dem geharnischten Manne Zwiegespräche pflog: ›Wie sie so schön und gut – und ich dagegen so undankbar und häßlich!‹ Wahre Liebe macht uns doch bescheiden. Wenn die schwachen Frauen wüßten, wie bedingungslose Sklaven wir starke Männer sein können, sie würden uns ein wenig verachten. Vielleicht verachten sie uns auch ein wenig – und das ist der Liebe bester Kitt... Und Félicie kommt doch! Sie murrte sicher innerlich, sie wollte nicht. Aber ein großes Gefühl ist auch ein Bann, dem sich so leicht keine entzieht. Sie ist wieder der Reiz, die Liebenswürdigkeit selbst. Ich hatte sie früher gebeten, sie möge mir etwas vorspielen auf dem Klavier. Der Duc bat auch. Sie schlug's jedoch uns beiden kurz ab. Heute wünscht sie mich selbst in das Musikzimmer, setzt sich gleich ans Instrument. Erst will's nicht – ein paar Takte: zu zaghaft oder zu hart. Sie fürchtet meine Kritik, wähnt, ein Künstler möchte eine Virtuosin hören. Aber es ist so verschwiegen dämmerig in dem Rokokogemach, daß unter den suchenden Fingern sich allmählich ein schwermütiger Chopin entwickeln kann, ein Notturno, wie's zur Stimmung paßt und zum Tag. Sie hat einen weichen Anschlag, ein weiches Spiel. Ich möchte sagen, sie spielt sich selbst. Anmutig, verschleiert, das Gefühl durchgleißend wie fernes Leuchten, aber in der Tiefe der Leidenschaft findet die zarte Hand wohl den dumpfen Laut – nicht den mächtigen Ton ... Sie spielt wie jemand, der sich selbst sucht. – Ich klatsche nur leise. Die glatte Technik bestach mich nie. Félicie will aufstehen. Ich lasse sie nicht: »Noch mehr – noch mehr – noch mehr von Ihnen selbst!« Sie hat nämlich mal früher komponiert, wie mir der Duc verriet. »Ach, warum diese alten Thorheiten wecken?« wehrt sie. »Sagen Sie das nicht!... Es wird wohl dasselbe sein wie bei uns. Unsre ersten ernsten Malversuche belacht man vielleicht selbst, weil sie gekünstelt, anempfunden – doch ihre gewisse Naivität erreichen wir später nie mehr.« Sie will nicht, sträubt sich, sieht mich ängstlich an. »Aber wenn ich Sie doch so sehr bitte, Félicie!« Da spielt sie. Es sind sehr kurze Stücke, eine Art Lieder ohne Worte – schwermütig wie ihr eigen Los – viel Gefühl... Sie spielt mehrere. Die weiche Form frappiert überall. Alles so maßvoll, so wunderhübsch gerahmt! – Und fast ängstlich sucht mein Herz nach dem verhaltenen Grollen, dem heißen Blitz der Leidenschaft. Manchmal sehe ich ein fernes Wetterleuchten – aber wie gespannt ich auch horche: Kein Donner!... Ich bin glücklich, daß es bei dem ungewissen Leuchten bleibt. Ich bin auf einmal so wahnsinnig eifersüchtig geworden auf den einen, den längst Vergessenen, der dies Herz aber doch schon traf. War er – was doch sehr natürlich! –, so müßte ich ihn hassen, obgleich er's nicht verdient, und sie beargwöhnen, obgleich sie's erst recht nicht verdient. Aber er war noch nie! Gott sei Dank... Vielen mag sie den leichten Sinnenreiz zurückgegeben haben, den sie selbst weckte. Auf der traurigen Suche nach dem Gleichgestimmten mag sie thörichte Träume geträumt, heiße Sünden gedacht haben, um sich am Ende doch enttäuscht abzuwenden. ›Nein, der nicht – der nicht –. es fehlt etwas!‹ Und wie sie jetzt weiter spielt – ein Motiv variierend, das ich nicht kenne – wird auch der Ton freier, voller – ich sehe das Wetterleuchten stärker, ich höre wirklich das ferne Grollen – Und plötzlich steht sie auf nach einem banalen Schluß ohne Kraft. »Ich kann nicht mehr!« Ihr bangt vor dem großen Gefühle, das kommen wird, kommen muß... Es kommt – es kommt! Ach Gott, ich bin so glücklich! Das war freilich eine andre Nacht als die erste in diesem Schloß. Eine warme, schwüle Nacht mit verschlafenem Flüstern und geheimnisvollem Raunen. Die Elfen dieses Parks ziehen um die dunkeln Bosketts ihren Zauberreihen bei Ungewissem Sternenflimmer, sie neigen sich lächelnd. Sie neigen sich lächelnd auch mir. Auf dem Ballon stand noch spät in der Nacht eine zarte Gestalt und winkte mir freundlich ... Heute murmelte ich zum erstenmal nicht das Schlaf-Vaterunser, wie's alte Kindergewohnheit. Wozu den Himmel erflehen, den man schon hat? Ein gütiger Gott wird es mir gern vergeben. * Am nächsten Tage ein etwas geniertes Wiedersehen. Der Duc hatte zum Ueberfluß telegraphiert, daß er erst am Morgen Nizza erreicht, und daß die »Félicie« beim Einlaufen leichte Havarie erlitten habe. Die müsse in seinem Beisein ausgebessert werden. Die Gattin möge kommen oder bleiben – ganz nach Wunsch. Ich wurde bei dieser Proposition nicht weiter erwähnt, weil ich ein Maler und doch eigentlich kein Mensch bin. – Félicie weiß nicht recht, was thun. Solche Reparaturen dauerten erfahrungsgemäß mehrere Tage – und das sei so lang – und Charles in Nizza mit dem Prinzonkel, dem Marquis, dem Grafen so traurig allein. Sie hat Gewissensbedenken oder will mich quälen. Auch der mitleidigsten Frauennatur fehlt der grausame Zug nicht. Bei Félicie ist das ein Reiz mehr! Mich wirklich zu quälen, das brächte sie doch nicht fertig. Aber den Glücklichen ein klein wenig zappeln zu lassen – ein ganz klein wenig, um zu sehen, wie groß zuerst die Trauer und wie groß nachher das Glück. Ich kann bei solchen Gelegenheiten nicht bitten. Ich kann höchstens das Entgegengesetzte von dem sagen, was ich meine: »Ja, da müssen Sie wohl reisen, Herzogin...« »Ja, das muß ich wohl...« Wir steigen die Wendeltreppe hinab. Auf der letzten Stufe erträgt Félicie meine Qual nicht länger und sagt weich: »Ach, glauben Sie doch das dumme Zeug nicht, ich bleibe natürlich!« Gert, diese vier Tage, aus denen sogar fünf wurden! Warum hat der Glückstag bloß vierundzwanzig Stunden? – Aber genossen haben wir ihn – genossen! – Und leichtfertig sind wir geworden – leichtfertig! Sie beinah noch mehr als ich. – Und draußen eine Sonne und eine Klarheit! Alles ruft uns zu: ›Freut euch, weil ihr euch liebt.‹ Wir sind eben auf einer Oase – und ich ein weiser Thor. Ich denke nicht an das Morgen, Félicie denkt auch nicht. Sie soll sich nicht Rechenschaft geben, sondern nippen, immer stärker nippen am goldenen Becher der Freude, bis sie endlich in vollen, durstigen Zügen den edeln Trank trinken muß. Es ist ein edler Trank, Gert – es ist das Beste, was sich zwei Menschen geben können – ein großes Gefühl! Wir haben übrigens eine strenge Zeiteinteilung. Spätestens um neun Uhr morgens die Halle. Dann der duftende Park. Die Siesta auf dem Balkon. Nachmittags eine Tour ins Freie, wo ich Malkasten und so weiter höchst eigenhändig trage – und nicht der Diener, wie Félicie anfangs wünschte. Abends nach dem Diner jeder für sich. Höchstens, daß ich nach stundenlangem Fenstergucken noch das freundliche Neigen eines geliebten Hauptes vom Balkon erwische. Um den Abend habe ich wie ein Verzweifelter gekämpft. Er ward nicht gewährt. Am Abend hat sie Angst vor mir – vielleicht auch ein wenig Angst vor sich selbst, was sie nicht eingestehen will. Erreichen werde ich's vielleicht doch – am letzten Tag als letzte Tröstung für den aus dem Paradiese Gestoßenen. Denn ganz zuerst sollte es bei dem Morgenspaziergang bleiben. Darauf wurde die Balkonsiesta erschlichen – ›Ein einziges Mal ... ganz sicher nur ein einziges Mal!‹ – Der Nachmittagsbummel jenseits des Portals mit dem goldenen Herzogshut – undenkbar! Jedoch ich habe so lange gefleht, bis sie weich wurde: »Wenn ich Sie wirklich damit glücklich mache!«–Und dazu das süße Lächeln dieses geliebten Mundes! ... Ich fasse mich ungefähr zehnmal täglich an die Nase, um zu konstatieren, daß ich nicht träume. Als wir das erste Mal aus dem Portal zogen, war Félicie doch stark geniert. Ich will auch nicht die verständnisinnigen Dienstbotenaugen sehen, die von den Fenstern des Souterrains sich in unsre Rücken bohrten – den Kommentar dazu will ich auch nicht hören. Zu guter Letzt, was sind Dienstboten? Tiere, Sachen ... Das denke ich. Ihr vornehmes Gefühl würde solche Auffassung empören. Wir beide sind jetzt auf der staubigen, menschenleeren Chaussee allein. Ich habe das Gefühl eines vor Liebesglück wahnsinnig gewordenen Hochzeitsreisenden. Wir wandeln sehr sittsam, sprechen von Wetter und Wind, bis die letzte Zinne des Sarazenenturmes hinter einer Felsecke verschwindet. Da sehe ich sie glückselig an – sie lächelt auch. »Nun, sind Sie zufrieden, mein Herr? Ich gebe Ihnen weit mehr, als ich geben darf. Aber ich gebe es gern.« »Félicie, was habe ich Sie doch lieb!« Sie sagt so was nicht, aber sie hört's gern von mir. Ich bin Sklave – ich will's sein ... Erst sollte nur eine Viertelstunde Weg zurückgelegt werden. Darauf fünf Minuten Ruhe unter einer überhängenden Olive, sie auf meinem Malerstuhl, ich stehend. Und dann sofort zurück in die Zwingburg. Es wurde aber ganz anders. Ein uraltes, staubiges Vehikel mit einem lahmen Schimmel trottete daher. Der italienische Kutscher quälte uns nach Landesart. Und da der Mann gebrechlich aussah, und da Félicie überall die holde Fee sein muß, fuhren wir so bis nach meinem Küstennest. Das heißt, wir stiegen etwas früher aus. In dieser herzoglichen Prunkkutsche einzuziehen, das wäre doch etwas zu idyllisch gewesen, und unsre Gemeinschaft auch. Wir besehen Läden, kaufen eine Kleinigkeit, sprechen mit dem alten Badearzt, der die Duchesse im Verdacht einer Zweimeilentour zu Fuß hatte. In den engen, dumpfen Straßen der charakteristische Geruch nach verfaulenden Orangen und Schmutz. Ein Schweif dunkeläugiger Fischerkinder folgt uns als Ehreneskorte. Die Frauen in den Hausthüren grüßen, die Kinder schreien: » La duchessa – La duchessa !« Sobald Félicie den Ort betritt, ist sie die Königin, der man huldigt. Die Männer schauen ihr nach, verhungerte Hunde kommen wedelnd. Schön und gut ist sie! – Und dabei keine Spur von Hochmut! Nur die lächelnde Liebenswürdigkeit, die verschwenderisch Süßigkeiten ausstreut, die sie selbst als Frau merkwürdigerweise nicht liebt. Sie freut sich der wilden, heuchlerischen Infantenhorde, spricht in fließendem Italienisch mit Frauen, die ihr die Säuglinge entgegentragen, als wenn sie die segnen sollte. Ungezählte Soldi fliegen durch die Luft, was an Nickel vorhanden, folgt, etwas sparsamer. Mir selbst macht das Schauspiel Spaß. Die Bengels bekommen nie genug! Ich suche im leeren Portemonnaie und will endlich ein paar Lirelappen opfern. Dieser Verschwendung wehrt Félicie vernünftig. »Das ist zu viel – das hat keinen Sinn! Sie kennen die Leute hier nicht. Man will doch nur den Kindern eine Freude machen. Den Liraschein aber schleppen die nach Haus, und dann faulenzt eine ganze Fischerfamilie davon zwei Tage. Das will ich nicht. Die Leute können arbeiten und sollen's auch!... Es ist viel besser, wir gehen diesen unglücklichen Hunden Brot kaufen.« – Auch die werden gelabt, obgleich italienische Tierliebe sie immer mit Fußtritten von uns abhalten will. Endlich gehen wir. Ein fremder dreister Bettler kroch nämlich immer winselnd um mich und schrie: » Misericordia, signore ducca, signore ducca! « Der Herzogin stieg dabei ein verlegenes Rot in die Wangen. Sie sagte rasch: »Geben Sie dem Manne eine Lira – aber dann fort!... Wir vergessen ganz, daß Sie noch etwas malen wollen.« Ich bin gehorsam. – Die Horde bleibt auch auf ein Winken der weißen Hand zurück. – Wir gehen nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen. Sie, die sonst so eilig und von Fels zu Fels springen kann wie eine Gemse, schreitet matt, langsam... Erst ein rasselnder Wagen, dem wir ausweichen müssen, rüttelt uns aus gefährlichem Nachdenken. Es sind die leidigen Rivieratouristen. Der Kutscher grüßt ehrerbietig die Herzogin, wie hier alles Volk vor dieser Heiligen kniet zehn Meilen in der Runde. Wir sehen dem vollen Break nach. Die Fremden thun ein Gleiches mit uns, während der Kutscher über die Schulter weg ihnen Aufklärungen giebt. Ich sehe noch die bewundernden und neidischen Gesichter. ›Eine Herzogin – und so reizend!... Und dieser Glückspilz daneben!‹ – Ich weiß ganz genau, daß ich ein Glückspilz bin. Ich bin auch vielleicht stolz auf jeden Blick, den Félicies Reize anziehen. Gehörte mir aber Félicie ganz – ich würde kein bequemer Ehegatte sein: stark eifersüchtig und leicht gekränkt. Und doch würde sie mir diese Unarten leichten Sinnes vergeben, weil ihr gutes Herz genau weiß, welche unendliche Zärtlichkeit sich dahinter versteckt. Aus dem Malen wurde diesmal nichts. Wir setzten uns auf der schwarzen Klippe fest, um zu träumen. Das thaten wir eine Weile. Wir können aber auch sehr verständig sprechen – über die Kunst, das Leben, über uns selbst. Félicie liebt die Arbeit bei Männern, haßt deren Müßiggang. Mir gegenüber ist und bleibt sie ein wenig pessimistisch. Sie will mir nicht glauben, daß ich sehr scharf arbeiten kann, und meint, wenn ich mein Talent nicht noch rechtzeitig entdeckt hätte, so wäre ich eines schönen Tages ausgegangen mit einer geladenen Pistole und aufgefunden worden mit einer abgeschossenen, weil ich die gleichmäßige Fronarbeit des Lebens doch nie ertragen hätte... Du siehst, alter Gert, sie kritisiert bei aller Güte scharf und richtig... Aber sie läßt sich auch gern belehren, hört klug zu, wie ich über unsre Kunst und mein Verhältnis dazu spreche. Wie ich im Leben doch nie ganz hätte verkommen können, weil ich eigentlich immer ein weiser Verschwender gewesen sei, selbst im wüstesten Bacchanal der scharfe Beobachter, der die schönen und die häßlichen Linien aller Dinge sehr klar unterschied. Und wie dieser geschärfte Blick, weil er alle Tiefen des Lebens selbst gemessen, mir auch künstlerisch der gute Leiter gewesen sei... »Denn Leute meines Genres, liebe Félicie, müssen sogar bummeln und faulenzen können von Zeit zu Zeit, weil sie unbewußt aufnehmen und bewußt schaffen sollen. Sie sollten mich mal in meinem Atelier sehen, verbissen in irgend eine Idee! Da arbeite ich immens – allerdings ruckweise, aber mit ganzer Kraft – da bin ich nervös, geärgert und mache mir das Leben absichtlich so schwer, wie sich's andre Leute leicht machen. Denn ich treibe mein Handwerk so ehrlich wie einer – und schone mich wahrhaftig nicht! Die Götter haben vor die Unsterblichkeit den Schweiß gesetzt. Wenn's darauf allein ankäme, so hätte ich auch ein kleines Anrecht darauf!«... Ich spreche lange und warm – ich male vielleicht in Worten ein Bild. Das ist langweilig für den Laien, der jedes Gemälde nur im Prunkrahmen für fertig hält. Félicie ist ganz anders. Sie hört mit einem hellen und doch nach innen gewandten Blicke zu. Sie sieht, begreift, arbeitet mit. Es ist mir ein Genuß, wie ich das in dem schillernden Opal beobachten kann. Und sie sagt in ihrer zuweilen etwas träumerischen Art: »Wäre ich Ihre Frau, ich würde immer dabei sitzen – ganz still, ganz Auge. Und ich würde glücklich dabei sein ... Vielleicht würden Sie das selbst gar nicht wollen – das würde mich kränken. Und wenn Sie mich schlecht behandelten, was ich Ihnen schon zutraue, – so würde ich Ihnen doch nicht davonlaufen. Wen ich lieb habe, dem bin ich von ganzem Herzen treu und verstehe ihn so gut!« Da antworte ich: »Ja, Félicie, wenn ich Sie ganz hätte – was könnte ich da leisten! Denn es giebt eigentlich nichts, was ein Mann nicht kann, wenn zwei so geliebte Frauenaugen ihn bitten... Und Sie würden mir endlich die Sonne geben, die ich brauche, und die nur Sie mir geben können.« »O, die würde ich Ihnen so gern geben! Ich würde maßlos stolz sein auf jeden Erfolg von Ihnen – ich würde mich so freuen...« »Und warum müssen denn wir beide als Fremde, getrennt durch dieses Leben wandern?« »Ja, warum müssen wir... Aber das ist und wird sein. Zu ändern ist nichts. Ich denke, sobald ich allein bin und nachts, so viel an Sie, mein Freund. Im Grunde sind wir beide wohl gut, nur die Verhältnisse machen uns schlecht... Wie hätten wir beide uns zum Guten erziehen können! ... Aber kein trauriges Gesicht, mein Freund, wenn ich bitten darf! Die Sonne geht sehr bald unter. Bedenken Sie, wie kurz der Tag ist! ... Und glauben Sie mir immer, daß ich in Gedanken bei Ihnen sein werde, so oft Ihre Gedanken mich wünschen. Jeder Erfolg von Ihnen wird mich auch kindisch freuen... Sie müssen glücklich werden! Ich denke ja so viel an Ihr Glück...« Ja, Gert, da werde ich wieder weich und traurig. Ich habe auch jetzt beim Schreiben sicher einen feuchten Schimmer in der Augenecke. Was ist die Frau doch gut!... Und was nutzt's mir schließlich?! Wir kamen gerade so knapp nach Hause, daß wir Dinertoilette machen konnten. Wie die Zeit flieht! An der Seite dieser Frau muß ja das Leben des Glücklichen nur ein einziger, kurzer Sonnentag sein ... Und wenn ich denke, wie lang mein kurzes Leben mal sein wird und wie ohne Sonne! * Wir haben jetzt den vierten Paradiestag. Wenn das Ungetüm morgen wirklich schon käme!... Briefe schreiben sich übrigens die beiden nicht. Sie wechseln täglich Depeschen. Denen vertraut man weder Geheimnisse noch Intimitäten an. Und wenn sie sich mal aus Jux die landesüblichen Eheergüsse leisten würden – ich glaube, in den Briefen stände noch weniger als in den Telegrammen. * Der Duc kommt erst übermorgen. Der Aufschub nutzt mir gar nichts. Félicie hat gemessenen Befehl, ausgerechnet morgen eine Tantenmarquise zu besuchen, die sich irgendwo in einer Rivieravilla langweilt,.. Ein Tag also noch – aber ein verlorener Tag!... Félicie kam noch um zehn Uhr abends in das Billardzimmer, wo ich heute als Solospieler den abwesenden Herzog markierte. Der Abend allein stimmt mich doch immer traurig. Darum fliehe ich dann entweder zu Dir oder zu dieser geistlosen Zerstreuung. Félicie ist sehr niedergeschlagen. »Ich muß weg – sogar schon früh. Abtelegraphieren, das hieße uns verraten... Ach Gott, mein Freund, ich lasse Sie so ungern einsam! Dieser eine Tag, vielleicht der letzte, der uns überhaupt noch gehört im Leben – und den müssen wir auch noch hergeben.« »Ich habe kein Glück, Félicie – ich habe kein Glück.« Félicie überlegt... »Ich könnte um neun zurück sein ... Sie würden mir dann bei meinem verspäteten Diner Gesellschaft leisten. Was ich Ihnen von diesem letzten Abend geben kann, das soll Ihnen gehören.« Das ist wahrlich ein schwacher Trost! Diese eine elende Stunde – und noch dazu unter dem Späherauge einer Livree. Félicie fühlt das auch, Félicie schmerzt's auch. »Kommen Sie, wir wollen an irgend einen von den Bücherschränken gehen! Ich hole mir hier abends noch oft etwas Lektüre. Da kann ich Sie ja zufällig getroffen haben... Ich habe meinen Leuten sonst nie Grund zum Argwohn gegeben – jetzt regt er sich stark, wie ich merke... Suchen Sie mir ein englisches Buch!... Sie liegen ganz unten.« Während ich dienstfertig niederkniee – sie steht dicht neben mir – und ihr ein gleichgültiges Buch nach dem andern präsentiere, fühle ich plötzlich an ihrer kühlen Hand, daß mich das Opalauge sucht. Ich sehe sie an. »Sie holde Félicie!« Und da packt es mich wie ein Krampf, ich nehme die weiße Hand, die sie mir diesmal nicht entzieht, und drücke sie gierig an meinen Mund und bedecke sie mit fiebernden Küssen. So viel erlaubte sie mir noch nie. Und diese willenlos mir überlassene Hand soll zeigen, daß ich ihr lieb, daß sie mit mir trauert... Ach, diese duftenden, kühlen Hände, deren kranke Schönheit nie ein Goldreif stört!... Freilich die Lippen – die Lippen... Ich habe die Lippen dieser Frau noch nicht berührt. Zehntes Kapitel. Mein Schlaf bleibt miserabel. Man träumt ja auch wachend so schön! ... Die letzte Nacht natürlich – die Nacht eines zu Henkenden. Ich war schon mit dem Morgengrauen auf, gescheucht von der bebenden Angst, ich könnte den Abschiedsgruß Félicies verschlafen – und damit das letzte Sonnenlächeln des Glücks. Im Toilettenzimmer kein Laut. Sie nimmt sich Zeit... Drinnen halte ich es nicht mehr aus und beginne auf der Landstraße zu promenieren. Die Luft kühl, herrlich, der weiße Staub noch schwer vom Tau. Wenn sie abfährt, muß ich ihr unbedingt begegnen. Dennoch wage ich mich nicht um die nächste Felsecke. So wandern wilde Tiere in ihren Käfigen auf und ab – ruhelos, mit brennenden Augen. Die armen gefangenen Bestien thaten mir immer so leid. Sieben – acht – neun – ich müßte hundemüde sein von dem zwecklosen Gehen, und ich bin nur nervös. Der Zug nach Savona geht um halb zehn – eine Stunde Wagenfahrt dazugerechnet. Wenn das Coupé nicht durch die Lüfte geflogen ist, kommt die Herzogin zu spät... Da fällt mir das Boot ein. Wenn sie mich morgens vergebens im Schlosse gesucht hätte und dann, um abzukürzen, über die Bucht gerudert wäre... Ich habe eben kein Glück!... Mir ist, als hätte ich die Frau schon heute endgültig verloren. Ich schlendere stumpfsinnig zurück durch das Portal, an der Remise bleibe ich stehen. Der Kutscher wäscht dort die Wagen ab. Er ist ein vorzüglicher Stallmann, Engländer durchaus, der mich auch nur mißvergnügt grüßt. Ich könnte bei ihm fragen, warum die Herzogin per Boot gefahren sei. Ich thue es nicht – ich bin so matt!... Ich stehe wohl über eine Stunde bei dem Mann, höre das Wasser rauschen, die Räder surren, der scharfe Geruch von Pferden und Stroh und Wagenlack quillt heraus. Ich könnte wähnen, ich wäre bei uns zu Hause – ich liebte solche Gerüche mal sehr. Was ist mir das Zuhause, die Heimat? – Ich habe keine mehr! Mein Englishman mag denken: ›Dieser schweigende Zuschauer will mich kontrollieren‹ Ich spreche ja auch sonst mit den Leuten nie. Der Mann aber glättet das helle Riemenzeug mit einem verbissenen Lächeln und putzt unwirsch die hellen Silberschnallen am Kopfstück. Vom Souterrain her ruft jemand, der mich nicht sieht, ein französisches Wort – eine englische Antwort knurrt zurück. Ich erwache aus meiner Trägheit, weil ich merke, daß ich hier doch wohl etwas zu lange gestanden. Als ich die düstere Burgtreppe langsam emporsteige, höre ich einen leisen Schritt. Ich zucke zusammen. Da steht auch schon Félicie vor mir. Sie ist sehr blaß: »Wo sind Sie gewesen?« fragt sie hastig. »Ich suche bereits im Schlosse eine Stunde – ich habe sogar dreimal an Ihrem Zimmer geklopft, was sehr unvorsichtig. Jetzt wollte ich nach Ihnen im Garten suchen – Ich fürchtete schon. Sie hätten etwas Unglaubliches gethan – diesmal an sich.« ... Ich kann im Moment nicht antworten. Ich kann sie nur ansehen. »Aber ich reise jetzt gar nicht weg – erst spät abends. Alles ist umgeändert.« Ich zittere beinahe – mich durchrieselt ein solches Gefühl von Glück, von wonniger Urkraft... Hast Du das jemals gefühlt, Gert?... Und wenn der Tod auf der nächsten Stufe lauerte – es ist so schön! – »Angebetete Félicie!« sage ich endlich. Da lächelt sie auch. Sie hatte wohl vorher für mich gebangt und bei meinem Anblick sich ein wenig geärgert über ihre grundlose Angst. Jetzt fühlt auch sie die Macht meines großen Gefühls... Ja, ich habe eine Macht über sie. Aber sie fürchtet diese Macht, sucht sie immer schnell abzuschütteln. Darum sagt sie hastig: »Den ganzen Vormittag können wir hier unmöglich stehen bleiben! Ihr Frühstück wartet. Ich werde Ihnen sogar Gesellschaft leisten. Kommen Sie schnell!... Es ist unvorsichtig, es ist thöricht – was thut's? Ein Augenblick gelebt im Paradiese ...« Ja, wenn's nur mit dem Tod erkauft wäre! Ich fürchte mich vor dem knochigen Herrn wahrhaftig nicht. Es soll mit einem Male vorbei sein – meinetwegen in dem Moment, wo die herzogliche Jacht einläuft. Leben heißt büßen – sterben nie! In der Halle muß ich trinken, essen, rauchen. Sie ist eine strenge Hausfrau für ihre Gäste, die Herzogin. Ich soll meine Nerven konservieren und meinen Magen. »Sie müssen blind gehorchen, mein Herr! ... Was machen Sie nachher mit einem kranken Körper? Gewissensbisse möchte ich Ihretwegen nicht haben – dazu denke ich viel zu sehr an Ihr Glück...« Und Glück habe ich doch! Der Duc kommt noch einen Tag später, die Schiffszimmerleute in Nizza scheinen mit uns im Bunde. Die Marquise ist heute in Genua, wünscht aber bei ihrer abendlichen Rückkunft die reizende Nichte unbedingt vorzufinden. Ich grolle mit dieser widerwärtigen Tante. Félicie tröstet mich: »Ich kann dann schon mit dem Nachmittagszuge zurück sein. Es ist zwar ein furchtbarer Zug, der überall anhält. In der ersten Klasse kein Mensch, nicht einmal einer von den entsetzlich spuckenden Italienern...»Eine wahre Tortur in diesen ausgefahrenen Wagen! Dafür haben Sie mich drei Stunden früher.« Die letzten Worte höre ich kaum noch. Ich bin zerstreut. Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: »Bis zu welcher Eisenbahnstation bringt Sie morgen der Marquisenlandau?« »Bis Alassio. Es ist eine wunderbare, meilenweite Fahrt längs der Küste, auf die ich mich sonst allein freuen würde, die mir aber morgen allein wehe thun wird. Sie sehen, mein Freund, daß auch ich leide... Es giebt freilich noch eine nähere Station – kleines Fischernest – aber da halten die Schnellzüge nicht.« »Und der Omnibuszug?« »Der allerdings.« »Und wenn ich Sie nun fußfällig bitten würde, Mine, gerade in diesem Fischernest einzusteigen?« »Und was haben Sie davon?« »Weil ich Sie dort erwarten will, Félicie.« Sie sieht mich groß an und spricht wie immer in der Bestürzung französisch: » Mais vous êtes fou, mon ami – c'est impossible! « »Das sehe ich nicht ein.« »Aber ich! Meine Leute hier würden es merken, der Diener dort würde es merken... Das geht nicht – das wäre das Ende! ... Sie sprechen da auch einen Gedanken aus, den ich nicht mal nachzudenken wage.« Félicie ist sehr entschlossen. Da lege ich mich aufs Betteln: »Seien Sie doch barmherzig, Félicie... Es geht – es geht ganz gewiß! Ich fahre ganz einfach morgen vormittag mit irgend einem Mietwagen die ganze Küste lang bis nach dem Fischernest. Es können bergauf bergab fünfzig Kilometer sein. Lassen Sie es hundert und mehr Kilometer sein – Und wenn ich ein halbes Dutzend von den erbärmlichen italienischen Kracken kaput jagen sollte – um zehn Uhr fahre ich ab, um fünf bin ich zur Stelle. Auf dem kleinen Bahnhof dort bin ich x-beliebiger Tourist, den niemand kennt. Sie kennen mich auch nicht, falls der Diener Sie bis ans Coupé bringen sollte.« »Aber wenn es jemand merkt, Herr von den Raben?« »Aber es merkt es niemand!« Félicie überlegt lange. Zuweilen sieht sie mich forschend an, dann starrt sie ins Leere. »Es geht nicht, mein Freund!« »Es geht, Félicie!« »Es geht unter keinen, keinen Umständen.« »Wer schon so viel gewagt hat für mich, der zaudert bei dieser Kleinigkeit nur aus lächerlicher Angst vor den Leuten?... Nun gut – es mag uns jemand sehen – selbst der Duc – ich kann doch zu guter Letzt in jeden Zug und in jedes Coupé steigen. Nicht einmal Sie, Herzogin, könnten mich daran hindern... Sagen Sie nachher: ich sei zudringlich gewesen – oder erzählen Sie's direkt als amüsanten Zufall Ihrem Mann... Aber diese Angst vor den Lästermäulern...« Sie unterbricht mich nervös: »Es sind nicht die Leute, es ist nicht Menschenfurcht – es ist etwas ganz andres!« »Und?« »Fragen Sie nicht! Gestehe ich Ihnen den wahren Grund, so mache ich Ihnen vielleicht eine Freude damit – und ich darf Ihnen nicht einmal diese Freude machen!« »Félicie, dann wenigstens diese Freude!« »Nun gut– wissen Sie's! Ich habe Angst vor mir selbst! Hier im Schloß und auf der Landstraße bin ich meiner bis zu einem gewissen Punkte absolut sicher. Es bleibt bei Worten, beim, Handkuß... Aber da draußen – ich weiß nicht – da draußen ist es etwas ganz andres ... Diese Fahrt ist eine so verbotene Sache, daß Sie sicher etwas ebenso Verbotenes versuchen würden zu thun. Thäten Sie's, so könnte ich Ihnen nie wieder ins Gesicht sehen, Sie müßten auf der Stelle abreisen ... Wie ich für Sie fühle, wissen Sie genau – doch wegwerfen will ich mich nicht!« Natürlich habe ich ketzerische Gedanken, und ebenso natürlich lüge ich: »Sie sollen mir ja während dieser Fahrt weiter nichts überlassen als Ihre angebetete weiße Hand, Félicie!« »Gut! Aber schwören Sie mir, daß Sie nie auch nur den leisesten Versuch machen werden, mehr...« Da werde ich wieder ehrlich: »Das kann ich nicht versprechen, Félicie!... Wer so anbetet wie ich, der ist nicht immer Herr seiner selbst.« »Also, sehen Sie!« antwortet sie leicht gekränkt. »Aber es liegt doch in Ihrer Hand, Félicie!... Seien Sie vernünftig für mich...« »Ich möchte schon.« »Also ich darf kommen?« »Nein, nein, Sie dürfen nicht!« »Félicie?« »Ach Gott, quälen Sie doch nicht!... Die Vernunft – die dumme Vernunft!... Ich habe ja noch viel mehr Angst vor mir als vor Ihnen! – Und das soll man nicht mißbrauchen bei einer Frau!« Was heißt mißbrauchen, Gert? – Kuß heißt Gewalt. Ein erster Kuß wird immer geraubt. Und im Grunde ihres Herzens lassen sich die Frauen doch gerade den so gern rauben!... Du hältst so etwas für sündig. Was heißt sündigen, wenn man liebt?... Ich will ja gern mein ganzes Leben lang für die Frau betteln gehen – betteln gehen für einen einzigen Kuß! Gebettelt und gefleht bei ihr selbst – das habe ich genug. Durchgesetzt habe ich's auch, das heißt holen darf ich sie, küssen darf ich sie nicht... Und ich werde sie doch küssen! * Am Abend frostiger Abschied – die Dienstboten beobachten uns. Den Wagen befiehlt Félicie morgen erst zum Courierzuge an die Bahn. Hat sie unsre Verabredung absichtlich vergessen? Ein letzter verstohlener Blick von der Treppe her beruhigt mich darüber. Bis Mitternacht schrieb ich an Dich. Schätze meine brüderliche Liebe nicht zu hoch! Indem ich fieberhaft schreibend mich selbst gebe, suche ich mir selbst zu entgehen. Später habe ich etwas Unglaubliches gethan. Ich bin in ihrem Toilettenzimmer gewesen. Ich schlich wie ein Spitzbube über den Korridor – nicht etwa gemeine Neugier oder noch was Schlimmeres! Ich sehnte mich nur so kindisch nach der Frau – und weil sie fern – wollte ich doch irgend etwas von ihr, wenigstens den Duft des schwarzen Haares, der in dem Gemach vielleicht zurückgeblieben. Er war auch mitleidig zurückgeblieben. Ich spürte so deutlich den feinen, weichen Duft, als ich nachtwandelnd wie Lady Macbeth, das schwankende Licht in der Hand, zum Toilettentisch ging. Das zierlich arrangierte Empiretischchen einer vornehmen Frau mit dem funkelnden Krystall der geschliffenen Flacons und dem gleißenden Silber der Wappenmonogramme. Ein leiser Hauch von Kölnisch-Wasser schwebte darüber. Kein Puder, keine Schminke! – Diese Virtuosin der Natürlichkeit verachtet die häßliche Kosmetik. Alles steht an seinem Platz in jener reizenden Ordnung, die keine bezahlte Kammerjungfer schaffen kann. Vor dem großen Stehspiegel eine lächerlich kleine japanische Vase – ein halbverwelkter Erikablütenzweig darin. Es ist so rührend – ich pflückte ihn ihr neulich in den Bergen – und sie hält Andenken so heilig!... Ich liebkose die Vase. Aufblickend sehe ich mich selbst in dem blitzenden Glas. Ich bin doch einigermaßen erschreckt. Meine Liebe macht nicht gerade jung. Das kann ich Dir versichern, Gert!... Einen Schritt weiter – und ich wäre im Schlafzimmer gewesen. Aber nein – das nicht! Ich kenne nur aus den Erzählungen des Duc diese uralten geschnitzten Prunkbetten, in denen seit Jahrhunderten die gefürsteten Edeln von Lièges mattlächelnd geboren wurden und mattlächelnd starben. Wunderbare historische Goldbrokatdecken sollen sich über die weichen Polster legen ... Ich sehe das alles im Geiste sehr genau – und möchte dem Schicksal fluchen... Giebt es überhaupt noch einen gütigen Gott? Den nächsten Vormittag spielte ich den Gelangweilten, interviewte den französischen Diener nach lohnenden Partien. Er gab mir sehr höflich eine erlesene Auswahl. Schon vor neun Uhr trollte ich mich, ohne das Dejeuner abzubestellen. Ich ging in die Berge, das heißt, ich schlenderte unnatürlich langsam bis zur nächsten Felsecke, um dann zu laufen wie ein Flüchtling. Ich hatte wieder Glück. Nach zehn Minuten begegnete mir ein leerer Mietswagen, der von Cannes zurückkam. Eleganter, etwas müder Zweispänner, der noch bis Savona will. Ich engagierte ihn nur für eine kurze Strecke, weil ich mir vorgenommen hatte, die Tour in wenigstens vier Etappen zu machen. Wie die Fahrt war? ... Sie gilt für eine der schönsten an der Riviera an einem Sonnentag. Und der Tag ist so klar und so sonnig, das Meer so blau, die zackigen Felshäupter so scharf umrissen wie nur je am Vorabend eines Sturmes. Mein Malerauge sonnt sich nicht daran. Es ist ein fieberndes Vorübergleiten an verstaubten Oliven, weißen Häusern, stummen Parks. Die Ponente hat beinahe Sommer. Von den grauen Mauern wuchern die blauen Glycinien, Palmen rascheln, Cypressen starren, blühende Obstbäume recken sich wie weiße Riesensträuße heraus – zuweilen schwankt auch ein schlanker, blattloser Blütenzweig in dem zarten Hellviolett des echten Frühlings. Viele Wagen mit Vergnügungsreisenden begegnen mir, oder ich überhole sie. An den Schlägen glänzen die aufdringlichen Namen großer Hotels. Die Leute lehnen im Fond, das trunkene Auge starr auf das blauende Meer gerichtet, auf dem ein kleiner Küstendampfer träge dahin zieht; andre plaudern glückselig. Ich höre helle Frauenstimmen, sehe helle Kleider. Die Jugend schwelgt in Lust und Frühling – nur ein bildhübsches, blasses Mädchen träumt. Was interessiert's mich?! ... Ich sehne mich nach einem seegrünen Kleid, nach kranken Lippen, einem kranken Lächeln. Darum zieht mir alles andre vorüber, verschwommen wie ein Traum – die Eindrücke, die Gedanken – im schläfrigen Aufblinken. Auch meine Sinne haben nur noch Kraft für die eine. – Von den Ortschaften kommen Kinder gelaufen, nackte Füße trippeln, armselige Aermchen mit Veilchensträußen und wilden Rosen strecken sich flehentlich zu mir. Betteln – klagen – gierige Dunkelaugen. Der italienische Kutscher läßt gleichmäßig die Peitsche auf die mageren Pferderücken fallen. Mitleid kennen hier nur die Fremden. Ich kenne es auch nicht mehr. Ich sehe nach der Uhr – es ist noch so früh. Ich könnte Stunden verschwenden mit vollem Recht und halte doch die eine verlorene Sekunde, die der Wechsel von Veilchenstrauß und Soustück beansprucht, für einen Frevel. Ich habe nicht mal Zeit, den Beutel zu ziehen. Nur immer vorwärts! Die Peitsche knallt, die Pferde traben schärfer. Hinter uns jammern die Enttäuschten. Ich kann heute nicht mitleidig sein, ich darf es nicht einmal – ich habe ein Ziel. Wenn die Pferde unterwegs niederbrächen, wenn eine Steinbrücke zusammengestürzt wäre oder ein Schieferberg über die Straße gerutscht! Meine Phantasie sieht alle diese Möglichkeiten. Ich berechne, ob ich dann noch laufend das Nest erreichen könnte. Indessen rollt der Wagen weiter – bergab mit quietschender Bremse und stolpernden Pferden, dann quält sich's bergauf, die Pferderücken gekrümmt, die Last schwer ... Blaue Buchten ... Wilde Kaps – Rauschende Pinien oben – rauschendes Meer unten. Es ist so einzig schön! Die Empfindung dafür entfliegt mir rasch. – Es geht durch die elenden Küstenorte mit ihren dumpfen Gassen, ihren schattigen Bogengängen, ihrer schweren Atmosphäre von Schmutz und Alter und finsterem Glauben. Die losen Eisen klappern auf dem harten Pflaster. Dann wieder ein schmaler Durchblick – eine flimmernde, dunstige küstliche Bläue: die See. Morsche Kähne sind auf den Sand gezogen, Burschen spielen, die Bocciakugel rollt, der Geruch von salzigem Wasser und faulenden Fischen dringt herüber... Es geht durch die großen Kurorte, wo das hohlwangige Schwindsuchtsgeschlecht auf Ruhestühlen an den Promenaden liegt, das müde Gesicht nach der Sonne, die Lungen rasselnd in dem aufwirbelnden Staub. Und dicht daneben eine schlendernde, lässige, elegante Welt, die sich amüsiert, flirtet. Ich sehe Toiletten, so chic oder so gesucht wie bei einer Nachmittagsrundfahrt im Bois de Boulogne. Elegante Läden mit Riviera-Erinnerungen: den fremden Muscheln, den matten Spitzen, den bunten Seidentüchern, den bemalten Spielereien aus braunem Olivenholz. – Ach, sie hat zwei so verschiedene Gesichter, die goldene Riviera! Ein hübsches, lächelndes, oberflächliches – und ein krankes, müdes, elendes. Ich fahre durch das alles mitten hindurch, mich interessiert nichts. Ich bin ja so jung, so glücklich, der Himmel liegt vor mir, ich fahre ihm fiebernd entgegen, und die leuchtende Natur lächelt mir Beifall. Und vielleicht bin ich selbst ein Kranker, der Kränkste von allen, einer von den wirklich Unglücklichen, deren Weh keine Sonne mehr zu vergolden vermag, bis es endlich die eigne Kugel endigt ... Wozu die thörichten Gedanken? Ich fahre ja dem Glück entgegen... dem Glück! Ich habe bereits dreimal den Wagen gewechselt, die italienischen Kutscher angetrieben, daß sie die ausgemergelten Gäule bis aufs Blut quälten. Ich liebe Tiere, galt im Regiment als Pferdenarr – und heute könnte ich selbst die verendenden Pferde wieder aufpeitschen, die frischen zu Schanden jagen, ohne einen Schimmer des Mitleids – nur mit dem verbissenen Blick nach meinem Ziel. Das Glück ist hartherzig, Gert... Da drüben hinter jener schmalen Bucht schimmert das Nest endlich vor. Es ist drei Uhr. Ich habe eine wahre Gewaltfahrt hinter mir, an die die Tiere noch lange denken werden. Jetzt sind die neuen gute, ausgeruhte Pferde, die mich spielend ans Land bringen müssen. Da geht das Glücksfieber – der Zweifel kommt... ›Ob sie überhaupt kommen wird? – Sie wird sicher nicht kommen!... Ob sie mich wirklich lieb hat? – Sie spielt nur mit mir!‹ ... Ich, der ich doch so vieles hinter mir habe, kann auf einmal nicht begreifen, daß einen häßlichen Kerl eine schöne Frau doch lieb haben kann. Und jetzt geht's mir beinahe zu rasch. Die letzten Strecken im Leben sind wohl immer furchtbar kurz oder furchtbar lang... Wir sind wahrhaftig schon in der Stadt! Eine alte Jungfer mit einem Malkasten und emanzipiert geschnittenem Haar tritt ausweichend zur Seite und sieht dabei feindselig nach dem gehaßten Mann. Sie ist von unangenehmer Häßlichkeit – hat also ein gutes Recht auf Emanzipation und Männerhaß. Ich muß lächeln. – Ihr andern aber, ihr hübschen Mädchen und hübschen Frauen, seid ihr wirklich so thöricht, in eurem gleichen Recht das Heil zu erblicken? Seid ihr erst uns gleich geworden – ohne Schwäche und ohne Korsett – was seid ihr dann noch? Eure Schwäche ist eure Macht – sie ist uns heilig. Und ihr wollt thöricht das hergeben, was euch zu den Despoten unsrer Herzen und Sinne macht? Félicie liebt die Emanzipation sicher nicht. Sie gängelt mich mit einer weißen, kranken Hand – und gängelt mich so gut!... Der Kutscher beugt sich zu mir herüber: » Alla stazione, Signore? « » Si, alla stazione. » Kaum hab' ich's gesagt, da thut's mir auch schon leid. Wenn der Wagen jetzt nicht in diese kleine Seitengasse abböge, wenn ich immer weiter und weiter führe, immer die Pferde wechselte, eigensinnig und doch ohne irgend ein Ziel, bis ich zusammenbräche in tödlicher Ermattung? Der Schlaf danach wäre mir vielleicht Heilung... Denn es ist kein Spiel, keine Episode, keine Erinnerung, wie Félicie wähnen mag – ich will mehr, ich will alles, ich will sie selbst, ich will das Glück!... Du darfst mir schreiben, Gert, wenn Du mir helfen kannst. Sag, hat mein Glück große Opalaugen und eine kranke Hand und wartet auf mich in einem seegrünen Kleid? – Die Vorsehung narrt uns nur zu gerne, hüllt auch das Verhängnis in lockende Gewänder unter lockenden Formen – und wir eilen diesem Verhängnis nach mit lechzenden Lippen und fiebernden Sinnen ... Und wenn's das Verhängnis wäre, Gert – und wenn ich's genau wüßte: ich kann nicht mehr entfliehen, ich will's auch nicht mehr. Ich rufe noch einmal dem Kutscher zu: » Alla stazione! « – Ich rufe es bewußt – denn ich fahre bewußt dem Verhängnis entgegen. Der Bahnhof ein steinerner Kasten mit schmutzigen Wartesälen und faulenzenden Facchini. Sonst keine Menschenseele. Auf den Perron darf man erst in der letzten Minute – und es fehlt noch eine gute Stunde bis zum fälligen Zug. Die ruhelose Wanderung der Menageriebestie beginnt wieder. Die Station liegt hoch, hat eine einzige Zugangsstraße. Wenn der Duc auch auf Besuchsgedanken gekommen ist und ich plötzlich den Marquisenlandau erblicke – im Fond die beiden vereint – ich könnte nicht mal entfliehen. Ich müßte in den Gepäckschuppen oder auf die Treppe zur Vorsteherwohnung retirieren, aus welchen zweifelhaften Zufluchtsorten mich ein lächerlicher Zufall vertreiben könnte. Die Lächerlichkeit galt mir stets als das Schlimmste. Auf jeden Fall aber wäre dann unsre Beziehung entdeckt. Denn ich könnte dem Duc doch unmöglich weismachen, ich sei aus purer Marotte die sechzig Kilometer und mehr abwechselnd Galopp und Trab gefahren, bloß um ausgerechnet in diesem ganz uninteressanten Fischernest wieder in einen Bummelzug zur Rückkehr zu steigen. Und Félicie? – Ich fühle, daß auch der leiseste Verdacht auf sie mir furchtbarer ist als eine eigne entsetzliche Tortur. Allmählich wird's auch lebhafter. Ein paar elende Droschken kommen den Berg hinaufgekrochen und versuchen mit mir: »Mousiu... caballo ...« gutes »caballo« zu accordieren. In den Güterschuppen schleppen Blusenmänner Apfelsinenkörbe, und der unrasierte, würdige Stationsvorsteher sieht zu. Die Sonne funkelt. Der hoch ummauerte Park eines italienischen Nobile grüßt mich jenseits der Geleise mit rauschenden Palmen und fruchtbeladenen Orangenbäumen. Ich verstehe heute die glückselig lächelnde Natur doch nicht recht. Ich würde auch keinen Glücklichen verstehen, weil es doch für alle nur das eine Glück geben kann – und das erwartet mich doch allein. Ueber einen Unglücklichen würde ich wiederum die Achseln zucken, weil doch eigentlich niemand auf dieser Erde unglücklich sein kann, weil mir selbst das Glück winkt. Dann werde ich wieder kleinmütig. Wenn sie Gewissenszucken bekommen hätte, nicht käme? ... Und ich erwarte sie doch so sehnsüchtig und habe sie doch so unsinnig lieb! ... Wieder ein keuchender Droschkengaul, Leute, die mit dem Zuge weg wollen. Der Billetschalter drin wird geöffnet. Sie kommt doch nicht... Mir wird so trostlos zu Mute wie einem verlassenen Betteljungen... Ich Kleinmütiger – mir winkt ja schon das Glück! Der scharfe Trab herrschaftlicher Pferde – ein hoher, gelber Jagdwagen – ein seegrüner Hut und ein seegrünes Kleid, der helle Sonnenschirm leuchtet. Sie ist es wirklich! Ich trete in das Bahnhofsgebäude, höre, wie draußen der Kutscher tadellos pariert. Der Diener springt vom Bock ... ein paar helle, italienische Worte von einer geliebten Stimme: »No, no, grazie!« Der Wagen wendet langsam. Wieder der scharfe Trab, diesmal bergab. Félicie tritt schnell in den Bahnhof. Ich gehe auf sie zu: »Félicie, angebetete é...« »Guten Tag... so seien Sie doch vernünftig!« Ihre Angst ist unnötig, auf dieser verlassenen Station stört kein verdächtiges Gesicht. »Sehen Sie, ich bin doch gekommen, mein Freund! Was ich verspreche, halte ich stets.« Wie ich mir jetzt das Billet nehme, bebt die Hand, die die Lirescheine aufzählt. Félicie sieht das. Sie ist ein wenig verlegen, unsicher in dieser ganz ungewohnten Situation. Sie möchte mir gar nichts erlauben. Ich darf ihr nicht einmal die Hand küssen. »Nein, nein – ich habe Angst vor Ihnen! Sie werden doch etwas Schlimmes thun.« Und da werde ich sicher vor freudiger Aufregung: »Félicie, was werde ich Ihnen denn thun, als Ihre kleine Hand küssen und wieder küssen und Ihnen sagen und wieder sagen: ,›Sie angebetetste der Frauen!...‹« Ich werde ja nichts Besseres wissen, weil es doch das Beste sein muß für dieses kleine Ohr. Sie wehrt sich. »Ich fahre Damencoupé – oder wo noch andre Menschen sind!« »Félicie!« »O, Sie haben so etwas gewiß schon oft hinter sich! Ihnen ist das Verbotene eine häßliche Freude!... Ich fühle mich hier so gewöhnlich, beinahe erniedrigt. Ich bin schlecht – ganz gewiß schlecht!... Und daran sind Sie schuld, mein Herr.« Ich aber fühle mich ganz rein, weil es kein gemeines Sündigen ist, weil ich nur das große Gefühl für diese Frau fühle. Die Wartesäle werden geöffnet, wir gehen rasch hinaus auf den Perron, Mit argwöhnischem Blick jeden anständigen Anzug musternd. Auch hier giebt's keine Verräter oder Feinde. Félicie, die vor Angst zittert, merkt das wohl auch – der Zug läuft ein. Es ist ein schwerfällig schwankender Zug, mit gefüllten dritten Klassen und einem einzigen Waggon erster. Kein Mensch drin. Mein Glück! Denn die großen Opalaugen der geliebten Frau suchen ängstlich nach diesem einen Reisenden wie nach einem rettenden Engel. Beim Einsteigen drücke ich dem Kondukteur einen Doppelfranken in die Hand. Die Thür klappt zu. Félicie sieht mich feindlich an: »Wozu das Trinkgeld? Ich hab' es wohl gesehen!« »Weil wir doch allein sein wollen.« Da schreitet sie rasch nach der andern Seite des Coupés und beugt sich mit ihrem schmiegsamen Körper so weit heraus, daß ich rufe: »Um Gottes willen!« »Ich stürze mich hinaus – ich stürze mich ganz gewiß hinaus!« Félicie ist so nervös und aufgeregt, daß ich in diesem ängstlichen Mädchen die tadellos sichere Dame der großen Welt kaum wiedererkenne. Und so, wie sie jetzt ist, ist sie ja noch viel reizender – das Gesichtchen rosig, die großen Opalaugen in flimmernder Angst – und dabei so warme, schöne Augen! So warme Augen sah ich nie bei einer andern Frau. – Der Zug rasselt ab. Vom Park drüben blinzelt zum Abschied eine goldene Orange. Und jetzt, wo wir im Freien sind, wird Félicie ruhiger. Wir haben noch zwei Stunden Fahrt vor uns. Ich sollte die Gewissensflut ruhig abebben lassen. Ich kann es nicht. Ich fiebere ja selbst so sehr! Ich habe bei jeder schwerfälligen Drehung der Räder das Gefühl: wieder eine unwiederbringliche Minute ungenutzt verstrichen! – Félicie ist im Polster zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen, und atmet schwer. Das schwarze, schlichte Haar flattert ein wenig verwirrt. Nach einer Weile sehe ich sie lächelnd an. Sie lächelt wieder. Ein ganz leises sündiges Verstehen liegt in unser beider Blick. Es sieht beinahe aus, als wenn wir auf der Hochzeitsreise wären ... Ja, eine Hochzeitsreise mit ihr – eine Hochzeitsreise, die nie kommt! ... Warum kommt sie nie? ... Liebt Félicie mich auch nur den hundertsten Teil so stark wie ich sie, dann ist sie eines großen Entschlusses fähig, dann ist sie frei... Heute reichen meine Gedanken so weit. Während der Fahrt war ich schon glücklich, als ich endlich neben ihr sitzen durfte und ihre weiße Hand fassen und sie mit Küssen bedecken. Ich spreche leise zu ihr. Es ist das thörichte Stammeln der Leidenschaft, das sie von ihrem korrekten Duc nie gehört haben mag. Man findet nie das richtige Wort und wird doch immer verstanden. Ich möchte uns beide in den Traum wiegen, daß wir auf unsrer wirklichen Hochzeitsreise sind, daß wir uns von Rechts wegen gehören, daß die Sonne nur für uns lächelt, die See nur für uns blaut. Sie lauscht, betäubt sich, schweigt. Endlich sagt sie, auch gefangen von dem holden Wahn: »Eh bien, mon ami, nous sommes mariés pour deux heures, mais nous sommes mariés.« Sie hat mir das schon einmal gesagt, als wir ein heikles Thema berührten – aber das war im Schloß, im Bann der Tradition. Hier klingt es so anders, so bethörend! ... Ich muß sie küssen. Ich habe die Hand um ihre lächerlich schlanke Taille gelegt. Sie zittert nervös, beide Hände krampfhaft vor dem Gesicht, und murmelt kaum hörbar: »Ich springe zum Fenster heraus, ich springe heraus!« – Aber sie springt nicht. Ich küsse die Finger, fiebernd, toll – ich will ihr die Hände wegziehen vom Gesicht. Ich kämpfe, ich brauche Gewalt. »Nie, nie, nie!« Die Schwache ist jetzt so stark, obgleich ihr die Finger beben. »Félicie, angebetete Félicie.« Bis sie endlich matt geworden flüstert: »Thun Sie es nicht! Uns kann das nicht gut sein – Ihnen ganz gewiß nicht!« Die kleine, praktische Vernunft! Gewiß ist es uns beiden nicht gut! Aber wer immer danach fragen wollte im Leben? – Ich muß sie küssen – und sollten wir beide an diesem einen Kusse sterben. Ich bin eben von Sinnen. Da pfeift es kurz. Ein Tunnel kommt. Der dicke Lokomotivenqualm schlägt durch das geöffnete Fenster ins Coupé. Félicie springt geängstigt auf: »Nein, nicht hier, nicht hier! Es ist so häßlich.« Und in diesem Tunnel und in diesem Qualm habe ich sie geküßt. Es war nur das blitzschnelle Berühren eines sofort Zurückgestoßenen – aber es waren dennoch ihre süßen, kranken Lippen, die sich im Kampf aufeinander gepreßt hatten. Dann eine Station. Der Perron gedrängt mit gewöhnlichem Volk. Wir sind wieder verständig, rücken weit voneinander weg. Sie ordnet sich das entzückende, wirr gewordene schwarze Haar, steckt den grünen Strohhut mit der Nadel zurecht... »Wenn jetzt jemand hereinkäme!... Mein Gott, ich schäme mich so sehr...« Doch es kommt niemand. Der Zug gleitet wieder stampfend durch ein schmutziges Nest mit verwahrlosten Gärten und wehenden Wäschefetzen auf den rostigen Balkons. Félicie sagt nur: »Aber thun Sie es nie wieder – nie wieder!« »Aber Félicie, sei doch barmherzig, ich kann ja nicht anders, ich habe dich ja so lieb!« Und wieder der Kampf und die Abwehr – und der flüchtige, glühende, geraubte Kuß. Es ist zum Ersticken heiß im Coupé; unsre Gesichter sind heißer. Félicie schämt sich, schmollt. Ich bin ihr ein häßlicher Barbar – und doch haben die Frauen solche Barbaren gern. Ich habe ihr doch wohl den Zaubertrank des großen Gefühls eingeflößt, den ihre dürstenden Lippen immer wieder verzweifelt wegstießen, dann aber tranken – so widerwillig und so gern! Drei Viertel des Weges haben wir hinter uns, sie sind dahingesaust wie ein Meteor in diesem elenden Bummelzuge... Liebt mich Félicie? Warum murmelt sie denn immer wieder: »Wird Ihnen das auch gut sein? Muß das nicht schrecklich enden für uns beide?« Ihre holden Lippen könnten auch einmal das »Du« der Liebe flüstern in schönem Selbstvergessen. Sie flüstern es nicht. »Verlangen Sie von mir, was Sie wollen, aber das kann ich nicht!... Ich schäme mich ja so!« Ich habe gebettelt und gefleht um dieses letzte Almosen. Ich selbst darf das »Du« sagen, weil das »Sie« lächerlich wäre einer Frau gegenüber, die man küßt, so küßt! – Gert, sie ist gut und schön, und was sie sündigt, das sündigt ein großes, unbefriedigtes Herz. Sie hat vor mir noch keinen fremden Mann geküßt – kein Fehltritt – kein Flecken – nur der tötende Gewohnheitskuß des eignen Mannes, der sie nicht versteht, vielleicht nicht mal liebt... Sag mir, liebt sie mich, Gert? – Oder ist's nur das Neue, Große, das sie für den Augenblick betäubt, weil es so mächtig? ... Wenn sie mir nur Sonnenschein sein will für die kurze Zeit – solcher Sonnenschein ist im Grunde doch Mitleid, und das habe ich nicht verlangt. Den Tod nach dem Genuß will ich gern – doch die Finsternis eines ganzen Lebens hinterher ertrage ich nicht... Begreift sie denn, was ein Mann giebt, der alles giebt, der gern für sie leiden, bluten, sterben will – der in dem Wirbelsturm der Sinne sich aber nicht selbst verlieren darf, sondern sich selbst finden? Eine Sünde kann ganz gut groß sein, wenn sie sich zur großen That auswächst. Sie bleibt klein und erbärmlich, wo es bei der Episode bleibt, dem Augenblicksrausch. Es kommen nur noch zwei Stationen. Man soll die Zeit nützen im Guten wie im Schlimmen. Félicie soll mich einmal küssen – nur einmal! Und sie hat mich geküßt – rasch, heiß, ein fiebernd Sündigen, das die Lippen zu den Lippen zwingt und sie jäh voneinander reißt: »Aber das ist ganz gewiß nicht gut – das ganz gewiß nicht!« Darüber kann sie scheinbar nicht hinaus. Der Zug pfeift wieder. Während er langsam einfährt, sagt Félicie, die aufgestanden ist, mit ihrer reizenden Vernunft: »Jetzt müssen wir wirklich verständig sein, mein Freund – wir wollen nämlich hier aussteigen, die letzte Strecke zu Fuß gehen. Das habe ich mir ausgedacht. Der letzte Tag gehört Ihnen ganz. Darum habe ich auch den Wagen erst zum Kurierzuge bestellt... Morgen ist alles zu Ende – alles!« Diese Station ist noch neu– eine aufschießende Rivalin der großen Modebäder. Die aristokratischen Bekanntschaften der Herzogin verirren sich ebensowenig hierher wie meine Leute. Auf dem Perron bleibt Félicie in schwermütiger Träumerei stehen. Sie schaut einem Kinde nach, das von der jungen Mutter in ein Coupé dritter Klasse gehoben wird. Ein gelähmter Körper, ein krankes Gesicht mit müden, weichen Braunaugen. Félicie denkt an ihr eignes Kind. Darum thun ihr die Leiden dieses fremden weh... Wie sie im Augenblick dasteht, so schlank, so zierlich, mit der unendlichen Güte im umflorten Blick – da ist sie Weib, Mutter mit siechem Herzen... Wir sprachen nie davon – aber jetzt weiß ich's, daß sich der tote René allnächtlich wie ein Gespenst zwischen den beiden Prunkbetten des Schlosses aufrichtet. Dieser Tote scheidet mit seinem sterbenden Kinderauge unerbittlich eine Ehe, die aus Schwäche, Gewohnheit oder mißverstandenem Martyrium sicher nie geschieden wird. Sonst hätte es Félicie bei dem Duc nicht so lange ausgehalten... Glaube mir, Gert, das Elendeste von allem, die morsche Tradition, ist auch hier stärker als unsre mächtigsten Gefühle!... Und doch, gerade im Anschauen dieses kranken, fremden Kindes begreife ich das nie Begriffene: welch hohes Glück es doch sein muß, ein geliebtes Kind zu haben von einer geliebten Frau. Mag es krank sein, ein Sorgenkind – es ist aber ein Kind der Liebe. Wir finden uns in ihm sicher wieder – unser eignes großes Glück, unser eignes großes Weh. Die Liebe schafft Wunder. Daß ich so fühle, ist eins davon... Ein geliebtes Kind – eine geliebte Frau... Ich habe Félicie auch davon gesprochen. Sie versteht mich ohne Erröten, weil sie thörichte Prüderie verachtet. Sie lächelt: »Ach ja, ein Kind – ein geliebtes Kind!... Aber sprechen wir nicht davon! Es wird nie sein, es kann nie sein ...« Manchmal verstehe ich die Frau doch nicht ganz. Sie bleibt vernünftig auch im thörichten Traum. Die ganze Sache war bald vorüber – als rosige Wolke am Horizonte aufgestiegen, als graue spurlos im Meer versunken. Félicie hat das richtige Gefühl, daß man an solchen Tagen nicht grübeln darf. Es war ja auch ein so wunderschöner langer Weg am Meer. Die Felsbrandung rollte fast zu unsern Füßen. Sie peitschte in kleinen, weißen Springstrahlen den Stein, Wo sie gischtend, lüstern den Flachstrand hinauflief, hatte beim Zurückfluten das Knirschen der winzigen Sandkörner einen fast musikalischen Klang. Wir blieben oft stehen und freuten uns an dem Laut. Und sahen dann wieder in den schwarzen Felslöchern den Schaum stockig rieseln... »Wir wollen heute lustig sein, mein Freund, wir wollen genießen!« Und wir genießen. Wir finden uns endlich ungewollt auf der alten Klippe wieder, wo mich die Vorahnung des großen Gefühls überkommen in der heiligen Nacht, mit dem heimlichen Nagen der Brandung am Fels, und wo die Brandung dann als zierliche Schaumschlange um die Klippe gespielt und größer und größer geworden ... Die Fischer prophezeien für morgen spätestens Sturm. Wenn dann die schaumgekrönten Wellenberge sich brüllend über die Klippe stürzen, sie überfluten, erschüttern, wegreißen wollen in unverständlicher Wut? – Die leblose Klippe hat's gut. Auch die stärkste Brandung kommt und geht und entreißt ihr höchstens ein winziges Stück: Ich bin weit schlimmer dran. Die Brandung eines großen Gefühls hat mich erfaßt und läßt mich nimmer. Und kommt erst der Sturm, dann vermag nur ein Wunder den verlorenen Schwimmer lebendig auf die rettende Küste zu heben. – Es giebt keine Wunder, Gert! Auch im Zenit meines Glückes heute weiß ich das genau. Ich will auch nicht mehr betteln bei der Vorsehung. Wenn sie dem ehrlich Ringenden nicht doch giebt, was er will, dann mag sie's behalten! Andre schmettert solche Welle unkenntlich in Splittern an den Stein – mich aber wird sie als Wrack anspülen, als lebendigen Toten. Félicie bleibt fröhlich, weil sie es sein will. Sie hat für morgen auch Sturm prophezeit – und sieht doch mit leuchtendem Blick ins Weite, wo eine fahl gewordene Sonne tückisch blinzelnd ins Meer kriecht. Auf der See kein Segel! – Sie fürchten alle den Orkan. – Nur wir zwei beide bleiben auf der schwarzen Klippe... Elftes Kapitel. Sturm... Nach Sonnenuntergang wurde es schon so merkwürdig schwül. Wir erstickten beinahe in dem atlasausgeschlagenen Coupé, das auch ich zur Rückfahrt benutzte. Félicie wünschte die gemeinsame Fahrt durchaus: »Die Leute mögen munkeln oder nicht ... mag es eine Verabredung sein! Aber heute kein Verstecken spielen, heute nicht! – – Morgen – morgen – ich habe ein Grauen vor dem Morgen.« Weit drüben über Monte Carlo ein schwefliges Wetterleuchten. Unsre Rassepferde gingen in unruhigem Trab. Als wir in den Schloßhof einfuhren, lag der Park düster, stumm, mit schweren, heißen Düften. – Das Diner – eine einsilbig schleichende Unterhaltung bei fast unberührten Speisen. Wenn ein Teller klirrt, fährt die Herzogin nervös zusammen. Der Diener hinter dem Stuhl lächelt diskret. Wir stehen sehr bald auf. Félicie reicht mir matt die Hand. Sie spricht französisch: »Verzeihen Sie, Baron, wenn ich mich schon jetzt zurückziehe. Der Besuch und die Fahrt haben mich doch sehr angestrengt. Ich merke das jetzt erst. Mein Herz verträgt große Strapazen wohl nicht mehr.«... Bei den letzten Worten schillert das große, müde Opalauge noch einmal licht... Ein Blitz zuckt durch das gotische Riesenfenster, so daß die bunte Glasmalerei Leben bekommt. Es ist eine Scene aus der Legende – ein Apostelkopf bewegt sich, ein Heiligenschein leuchtet fahl... Ganz fern der Donner wie ein dumpfes Knurren. »Gute Nacht, Baron.« »Gute Nacht, Herzogin.« Ich gehe auch sofort in mein Zimmer – auf meinen Lauscherposten an der Portiere. Félicie kommt gegen alle Gewohnheit bald. In der schwülen Stille höre ich jeden Ton. Sie geht auf dem weichen Teppich auf und ab – bald schleppender, bald schneller Schritt. Sie hält sehr lange aus – ich verstehe sie nicht. Dann bleibt sie stehen. Das Seidenkleid knittert, als wenn sie niederkniete – ein fremder Laut, als wenn jemand, das Gesicht auf ein Kissen gepreßt, leise schluchzte. – Jetzt verstehe ich sie – Ich könnte auch weinen. Ich rühre mich nicht, bis sie wieder aufgestanden. Die Thür zum Schlafzimmer knarrt kaum hörbar – ich bin allein. Vielleicht heut zum erstenmal ist es mir recht. Auch ihre Nähe war mir Qual... Mir ist ums Herz so weh... Die verwünschte Gewitterluft drückt wohl auf meine Nerven. – Eine halbe Stunde, wo ich mit brennenden, trockenen Augen in das knisternde Licht auf dem Marmortisch starre. Auf der hellen Wand gegenüber spielt der Schatten. Ein paarmal überflutet ihn die Helle eines Blitzreflexes. Ich horche nach dem Donner, als brächte er Befreiung – aber wieder nur das ferne, drohende Knurren... Ich öffne das Fenster, weil ich die Atmosphäre nicht mehr aushalten kann. Die Cypressen starren wie umflorte Fahnenmasten bei einem Begräbnis. In den Mimosenblüten säuselt's, der Zweig einer Steineiche nickt. Nachtgetier schwirrt, von der Helle gelockt, ins Zimmer – ein großer Falter flattert mit. Ich sehe ihm nach, er flattert geblendet gleich ins Licht und taumelt mit versengten Flügeln auf den Leuchter. Die sammetnen Fühler zappeln verzweifelt, während er sich rücklings quält. Ekkehard fällt mir ein – und die Herzogin Hadwig – und der arme Falter, der ein Mönch war... Ich ein Mönch!... Ich möchte über diese thörichte Vorstellung lachen... ich vermag es nicht mehr. Das Säuseln draußen wird stärker – auch die Cypressen klagen leise. Ich war noch im Park. Es trieb mich. Ich mußte den Felsweg noch einmal gehen, den ich am ersten Morgen mit ihr gegangen. Ein schwüler Wind fächelt die brennende Stirn ... Ich sah die schwefligen Blitze über dem Meer ruhelos aufzucken – die Umrisse von Baum und Busch zeichneten sich scharf in dem gespenstischen Licht. Dann gähnte unter mir der Abgrund – der Fels häßlich gelb, die See tückisch grau. Das Unwetter hing schwer lastend über Nizza. Der ganze Horizont ein schwarzer Qualm... Jetzt zuckt's unaufhörlich. Die Felslinien des Ufers in fahler Helle leuchtend – dabei das Gestein tot und starr wie auf einem Wüstenbilde. Der Sturm sammelt wohl Kraft für morgen... Mir schwindelt auf dem Felspfad heute nicht. Auch unten am Wasser war ich und stand auf der Felsplatte am Bootshafen, von wo der Duc sich vor sechs Tagen eingeschifft. Eine lächerliche Spanne Zeit – und was birgt sie? – Das Schicksal eines Menschen ganz gewiß – vielleicht das von dreien sogar. Ich starre in das schwarze Meer. Es ist kaum bewegt; nur bei den leuchtenden Blitzen sieht man das feine Wellengekräusel. Die Brandung ein schmaler, weißer Streif, aber unheimlich. Sie gischtet so leise und so hohl... Auf der Felsplatte an dem dunkeln, tiefen Wasser kamen mir böse Gedanken. Sie kommen wohl jedem einmal ... Warum kündet sich eigentlich der Sturm so lange an? Warum kommt er nicht morgen ohne warnende Wetterboten – urplötzlich? Die Jacht in See – der Duc am Steuer – die schwarzgrünen Wogenberge – der zersplitterte Mast – die vor Angst verzerrten Gesichter – die paar verzweifelten Schreie – endlich ein angespülter Leichnam, der mich über das Schicksal eines Mannes beruhigt... Scheußliche Gedanken!... Verdammt mich meinetwegen! Oder ich selbst will am Steuer sitzen, es soll meine Leiche sein. Und wenn die habgierige Flut mich nicht herausgiebt – auch gut. An einem ehrenvollen Begräbnis liegt mir nichts. Es hieße höchstens ein Memento für sie – ein Stein, nach dem eine heimlich pilgert, das Gruseln einer sentimentalen Erinnerung, die dennoch wohlthut... Darin bin ich doch ganz anders als die Frau. Für sentimentale Erinnerungen habe ich zu heiß gefühlt... Ich bin sicherlich nicht schlecht! Aber was mir der Himmel nicht geben will, das nehme ich gern von der Hölle... Lieber Gert, ich ventilierte in dieser Nacht sehr ernstlich den Gedanken, ob ich mich nicht durch einen Sprung frei machen sollte. Es wäre ja nur ein unglücklicher Zufall. Die Frau würde vielleicht auch aufatmen. Aber die Welt ist lächerlich. Etwas Lächerliches durchkreuzte auch meinen Entschluß. Ich bin ein allzu guter Schwimmer, ich könnte am Ende doch ans Land kriechen wie eine gebadete Maus und hätte nichts davon als einen Schnupfen und den Ekel vor der eignen Jämmerlichkeit. Wir Nervenmenschen haben viel Anlage, feige zu werden. Und meine eigne Feigheit würde mir noch weher thun als eine andre... Durch dieses Resume bin ich eigentlich schon feige, und im Zenit des Glücks an Selbstmord zu denken, ist vielleicht die größte Feigheit. Wir denken alle zu viel und vergessen darüber die rettende That – Die That, ob gut oder schlecht, gilt allein! Ich glaube, daß uns. ein Gott nur nach den Thaten richten wird. Und da oben werden keine mutigen Thatsünden, sondern nur feige Unterlassungssünden gebüßt. Schon hier – mit dem kleinen Finger, den ich einem Ertrinkenden reiche, thue ich etwas Besseres, als mit dem größten Gedanken für eine ertrinkende Menschheit. Die That, und nochmals die That! Und dabei gelten die meisten Guten nur für gut, weil, sie aus Schwäche keine Sünde ganz thaten. Schöne Heilige die! Ich steige den Berg, ganz artig wieder hinauf. Da ist wieder der Bann dieses Schlosses, der mich erst peinigt und dann ernüchtert. Jeder unterliegt ihm auf die Dauer – Félicie auch – Weit da draußen die frei atmende Brust, das ganze Gefühl, die ganze Sünde; hier drinnen sofort das beengte Herz, die kleine Verantwortlichkeit, der weinerliche Bankrott. Die Tradition umgiebt uns eben mit so viel kleinen Gefühlen, daß das große lächerlich oder lästig wird ... Entfliehen? – Non, mon cher frere. Jetzt müßte ich schon mir selbst entfliehen, und das geht bekanntlich nicht anders als durch den Tod. Ich muß übrigens sehr lange in der Schwüle gewandelt sein, denn ich hörte im Schlosse eine Uhr Mitternacht schlagen. Als ich oben auf der Terrasse noch einmal zurücksah, war der Horizont drüben nur ein tiefschwarz umrissenes Feuermeer, das sich unheimlich genug in dem bodenlosen Wasser spiegelte. Zuweilen grollt dumpfer Donner. Es beginnt stärker zu wehen in lang ausholenden Stößen. Die Büsche beugen sich, die Cypressen knarren. Die Brandung geht hohler. Wie ich die Treppe hinaufschlich, um niemand zu stören, auf Zehen, sah ich von der Ahnengalerie her einen blassen Lichtschein. Ich dachte sofort an Diebe. Und so wenig mir der Herzog genehm, gegen Einbrecher will ich ihn gern schützen. Ich war aber grundlos mutig. Der Lichtschein kam aus dem offenen Musikzimmer. In der Ahnengalerie lehnte eine schwarze Gestalt am Fensterkreuz. Und die reizenden Linien dieser zierlichen Gestalt würde ich wohl in der ewigen Finsternis noch erkennen! Bei einem Knarren der Diele fährt sie leicht zusammen. »Félicie!« sage ich leise. »Ach, Sie!« Ich fasse eine fiebernde Hand. Und sehe in ein furchtbar blasses Gesicht: »Was ist dir? Bist du krank? Oder bist du mir böse wegen heut nachmittag?« Sie schüttelt den Kopf: »O nein! Ich könnte doch höchstens mir böse sein. Und ich bin auch mir nicht böse...« »Hast du auf mich gewartet?« »Nein. Ich habe Sie wohl gesehen vorhin auf der Terrasse. Ich starre schon über eine Stunde hier hinaus in die Blitze. Ich war todmüde – und konnte doch kein Auge zuthun... Ich bin so verzweifelt!« »Du bereust doch, Félicie?« »Nein!« antwortet sie fast empört. »Sie suchen bei mir ein tiefes Gefühl, und ich gebe es Ihnen. Mehr kann ich nicht!« – – Sie sieht mich lange an mit großen, dunkeln, fiebernden Augen ... »Seien Sie einen Augenblick ganz still!... Es ist niemand da ... Nun kommen Sie schnell!« Dann nimmt sie mich hastig bei der Hand und führt mich ins Musikzimmer... »Küssen Sie mich noch einmal, aber schnell!« – Dann umarmt sie mich rasch mit ihren weißen, weichen Armen. »Machen Sie die Augen zu!« Sie küßt mir hastig Mund und Augen. Als ich ein Gleiches thun will, tritt sie zurück. »Lassen Sie! Es ist genug ... Ich habe Sie wirklich lieb! – Glauben Sie es mir jetzt endlich?« Ihre geliebten Angen sehen mich dabei fest an, als wenn sie sagen wollten: ,Nun, du Kleingläubiger, bin ich kleinlich?' Nein, bei Gott, kleinlich ist sie nicht! Wo sie sich auf sich selbst besinnt, da ist sie groß. Wenn nur nicht die lähmende Tradition dieses verwünschten Schlosses wäre! Ach, Gert, ich bin doch so glücklich, so dankbar!... Wir blieben nicht lange. Sie trieb zum Gehen. Als ich bereits über eine Stunde wieder in meinem Zimmer, klopft's hinter der Portiere, und eine liebe, weiche Stimme sagt: »Gute Nacht!« »Gute Nacht!« Es wohnt ein böser und ein holder Zauber in diesem Schlosse. Welcher ist mächtiger? Gegen Morgen kam das Wetter herauf – so schwer, wie ich noch nie eins erlebte. Mein Zimmer war ohn' Unterlaß in das blaue, zuckende Licht getaucht, so daß mir die Augen schmerzten. Der Donner rollte tief und schwer. Die dicken Mauern des Sarazenenschlosses erbebten davon. Aber nur ein einziger, prasselnder, betäubender Schlag – er zerriß den Patriarchen des Parks, eine hellrindige Seepinie, in zwei Stücke. Das gelbe Holz war schwarz gesengt, der Felsboden ringsum aufgerissen. Der Mond sah gemächlich zu. Er hatte sich verspätet und hing als umflorte Scheibe über einem Kap ... Wohl kein Bewohner des Schlosses vermochte diese Nacht ruhig zu schlafen. Ich selbst ging schon um sieben in die Halle, die Dienerschaft war da versammelt, aufgeregt, mit bleichen Gesichtern. Das Wetter zieht endlich ab, im schwarzen Qualm, wie es gekommen, seine Nachhut das unheimliche, schweflige Leuchten. Die Atmosphäre ist dick, staubgesättigt. Es fiel kein Tropfen Regen. Dafür peitscht ein Orkan mit wilden Böen Küste und Meer. Die Brandung rast. Von der Halle sieht man deutlich die ungeheuerlichen Schaumberge... Der Diener vergaß, mich nach meinen Kaffeewünschen zu fragen. Die Leute fürchten ein Erdbeben. Das letzte ist noch manchen in schrecklicher Erinnerung. Es sind alles strengläubige Katholiken in der Gefahr, sonst kaum Gewohnheitsbeter. Selbst die Finger der sehr gerissenen Kammerjungfer vibrieren angstvoll, als tasteten sie alle Kugeln eines Rosenkranzes ab. Sie sind wie die Neapolitaner, die auch nur für ihre Sünden fürchten, wenn sich die rosige Wolke über dem Vesuv zu der riesigen, dunkeln Pinienkrone verdichtet, oder wenn der Zerstörer von Pompeji plötzlich Unheil kündend verstummt. Ich fürchte nicht für meine Sünden! Die Herzogin war in ihrem Zimmer geblieben. Gegen neun kam ein Telegraphenbote von der zwei Meilen entfernten Station. Er erzählte, daß dies wohl das letzte Telegramm sei für einige Zeit, weil der Sturm überall die Leitung unterbrochen. An der Levante-Riviera sähe es noch weit schlimmer aus. Der Bahndamm unterspült oder überflutet, ein ganzer Zug von den Geleisen gerissen ... Kaum war der Mann weg, da schrillte die elektrische Glocke. Die Herzogin befahl mich ins Verandazimmer. Sie ist blaß, welk, nur die fiebernden Augen leuchten. »Da!« Sie reicht mir das Telegramm: »Ein Wetter im Anzuge – meine Bootsleute streikten beinahe – ich gehe trotzdem in See. Edmond wettete gegen. Auf Wiedersehen, Charles.« Ich reiche es ihr stumm zurück. – Wir sind ganz allein, wir könnten uns mit Gemütsruhe küssen. Es ist aber der berühmte »Morgen« nach dem »Gestern«, wo man es nicht thut, weil man sich geniert. »Rauchen Sie übrigens ruhig Ihre Zigarette, Baron!« Ich knipse gehorsam das edelsteinbesetzte Goldetui auf – eines von den unglaublich-thörichten Andenken an Berlin nach einem glücklichen Hoppegartener Renntage. Félicie liebt es nicht, weil ihr feiner Geschmack alles Aufdringliche haßt. – Die Unterhaltung will nicht. Wir haben zu denken. Bei ihr sind's wohl reuige, bei mir finstere Gedanken. In dem Zimmer ist noch der Pflanzenduft, die trockene Schwüle des Tages vorher. Lange ertragen überreizte Nerven solche Luft nicht. Ich empfinde das Zimmer wie ein Gefängnis, das Schloß wie eine Zwingburg. Félicie, die brütend vor sich hinstarrt, empört sich zuerst gegen den Bann. »Ich muß 'raus – ins Freie – in den Sturm. Klingeln Sie, bitte!... Sie sollen auch mitkommen ...Der Kutscher wird gleich anspannen, die Viktoria natürlich, das Coupé ertrüg' ich heute nicht. Der Diener mag zu Hause bleiben. Er und die Kammerjungfer sind wie alle brutalen und zugleich hinterlistigen Mensch auch bei dem Schatten einer Gefahr schon in Todesangst. Wir wollen die Küste entlang fahren, dann in einem Hotel frühstücken ... Hier im Schlosse – selbst mit Ihnen, mein Freund – ich halt's nicht aus! Es mag eine Art Krisis sein. Gleichviel! Eine Nacht wie die gestrige noch einmal erträgt mein Herz nicht...« Dann sagt sie zu sich selbst: Wenn ich doch jemand hätte, der mir raten könnte!‹... Als ich sie ansehe, fügt sie nervös hinzu: »Sie dürfen mir nicht raten – Sie nicht!... Ich habe Gott um eine Erleuchtung gefleht... Er zürnt... Er schickt mir keine...« Es ist vielleicht der entscheidende Moment in meinem und in ihrem Leben. Wer die Schwankende gewaltig an sich zieht, dem gehört sie für immer. Ich kann's nicht. Zwar weder der Gedanke noch der Mut würden mir fehlen. Wenn ich ohne ein Wort jetzt die Glasthür nach dem sogenannten Balkon öffne, hinaustrete – (der Fels stürzt an dieser einzigen Stelle fast senkrecht in die Tiefe) dann der ahnungslos Zuschauenden nur der eine Blick: ›Tot oder lebendig? Wähle!‹... Und welche Frau wankte da nicht mit einem heiseren Schrei auf den Mann zu, wie irr nachher stammelnd: ›Thue mit mir, was du willst, aber thu mir das nicht an!‹... Bei mir wäre das nicht einmal Komödie. Doch die Phrase jeder Art, auch die tötende, widerstrebt jetzt meinem Empfinden. Ein Theatercoup rächt sich stets. Ist die Frau, was sie scheint, dann habe ich es auch nicht nötig, dann findet diese tiefe Natur doch noch einmal selbst blindtastend den einzigen Ausweg aus dem Labyrinth. Sonst... Ich will mir mein Heiligenbild nicht freventlich selbst zertrümmern. Es war eine wilde Fahrt in dem Sturm – wild und schön. Im Sturm finden wir Nordländer uns doch erst wieder. Er leiht uns etwas von seiner Kraft... Heute habe ich zum erstenmal Oliven im Sturm gesehen. Schön! Die Straße lang dies grauschimmernde, wogende Blättermeer, das eine heulende Bö unbarmherzig züchtigt, bis die zerklüfteten Stämme, zur Erde gebogen, wie die Kinder klagen. Demgegenüber rauschen die Pinien fast stolz. – Es ging zuweilen scharf bergab. Die Pferde schnaubten ängstlich, wie sie der Sturm gegen den Fels drücken wollte, die offene Viktoria knarrte und legte sich einen Augenblick bedenklich auf die Seite. Uns beiden ging der Atem aus. Die Tiere waren fast im Durchgehen, als dann ein abgerissener Pinienast über ihre Köpfe weg in den Abgrund geschleudert wurde. Der englische Kutscher that seine Pflicht und hielt die Wildbäumenden mit eiserner Faust. Endlich sind wir unten an der Küste. Es war doch das Schönste. Der Weg biegt sich da. Das Gespann trabte ruhiger, weil der abgelenkte Wind es nicht so scharf fassen konnte. Zwischen himmelansteigender Wand und tobendem Meer geht's dann wie durch ein Defilé. Das Meer ist wirklich rasend. Tiefgrün, Wogenberg auf Wogenberg heranrollend – in dumpfem Laut draußen, wo die Schaumkämme sich überstürzen, mit einem erschütternden Gebrüll neben uns, wo die Wellen am Felsstrand haushoch emporschlagen, das Meer weithin bedeckend mit gischtendem Schaum. Dazu das fahle Licht, die schwüle Staubluft, der schwere Orkan, der den scharfen Salzhauch der See herträgt, so daß die trockenen Lippen brennen. Die Pferde werden wieder unruhig, drängen schnaubend gegen den Fels. Die Brandung hat die Brustwehr der Straße über Nacht zerschmettert und wühlt jetzt dumpf heulend in den Trümmern. Der weiße Strahl zuckt wie eine Riesenfontäne empor. Spritzwellen übergießen von Zeit zu Zeit die Straße, und das Wasser rieselt gierig. Unter der Peitsche mit klatschenden Hufen jagen die Tiere durch. Wir sprechen kein Wort. Uns bangt auch nicht. Die wilde Schönheit des Bildes nimmt uns gefangen – dieser wilde Kampf der Elemente, der selbst den Fels über uns erschüttert, so daß kleine Steine herunterrollen. Ein großer Block zur rechten Zeit wäre vielleicht besser, als diese von Absatz zu Absatz hüpfenden Brocken, die zuletzt mit einem hellen Klacks in den Staub fallen. Ich fürchte den Block nicht, ich wünsche ihn auch nicht, denn ich habe so ein Gefühl von trotziger Kraft, die sich ihr Schicksal selbst machen möchte. Das ist der Sturm. Wie wunderbar er doch die Nerven peitscht! Wir sind jetzt an der schwarzen Klippe. Ist sie eigentlich noch? Die grünen Wogenberge sind über sie hergefallen, hüllen sie in tobenden Gischt, umbäumen sie mit Geheul, als wenn die thörichte See den Stein züchtigen wollte. Und der schwarze Fels erbebt thatsächlich unter ihr... Zwei Tage später? – Dann hebt sich die schwarze Klippe wieder über kosenden blauen Wellen, so unversehrt und so leblos wie je. Ich nehme übrigens das Omen an! So will ich selbst den Sturm auch bestehen... Und ein schlechtes Omen ist's wiederum doch. Was nutzt's schließlich, wenn ich zurückbleibe als etwas ebenso Düsteres, Starres? Wir lassen den Wagen nicht halten an der geheiligten Stelle. Félicie blickt jetzt unverwandt nach vorwärts, ich blicke unverwandt zurück. Die schwarze Klippe!... Was mir heute urwüchsige Kraft, das scheint der Frau neben mir vielleicht gottloser Frevel. Was mir im Sturm die Nerven strafft, das Herz stärkt, bei dem zieht sich vielleicht das andre Herz mimosenhaft zusammen, der Nerv erschlafft. Das ist ihm alles zu wild, zu häßlich! Félicie wünscht vielleicht gar nicht diese Empörung zu verstehen in ihrer wunderbaren Kraft und wunderbaren Nacktheit. Es gilt ihr vielleicht als göttlich Zeichen, reuig zurückzukehren zu der Tradition, der Ordnung. Wer kennt die Frauen? Ihr Mut, ihre Nerven sind vielleicht ganz anders als die unsern. Die mutige Frau lockt oft das stumme Martyrium, wo uns der Heldentod frommt... Vielleicht, vielleicht... Das sind so Reflexionen. Es wäre auch in dem Getöse gar keine Möglichkeit gewesen zu längerem Gedankenaustausch, höchstens mal ein leidenschaftlich geflüstertes: Je t'adore , das diese feine Ohrmuschel doch erfaßt, und das die Augen mit einem lieben Lächeln zurückgeben. Wo nach dem Küstenort zu das Vorland sich weitet, rollten die Wogen mit gleichmäßigem, dumpfem Donnern auf den breiten Sandstrand, sie rollten bis zum Eisenbahndamm, den sie unterwühlten, überspülten. Ein Zug versuchte gerade vergeblich noch durchzukommen – die Wagen unsicher schwankend hinter der keuchenden Lokomotive. Schließlich bohrten sich die Räder nur noch tiefer in den nassen Sand. Die Kraft des Sturmes ist noch lange nicht gebrochen. Ein Wunder giebt's auch noch. Wir fuhren direkt nach dem Hotel durch fast menschenleere Straßen. Die Gaffer und die Aengstlichen waren vollzählig bei dem einsinkenden Eisenbahnzug versammelt, oder sie standen am Hafen. Die Stupiden und die Alten hüteten das Haus, weil auch der Orkan sie nicht aus ihrem Phlegma zu rütteln vermochte. Das Dejeuner in der Glashalle des Hotels war schlecht. Der observierende Oberkellner, ein paar Schwindsüchtige: das war die Gesellschaft. Die Thatkräftigen sind ausgeflogen. Uns hielt's auch nicht allzu lange. Schon der gewisse Zwang... die thörichten Gedanken... Mich fieberte bei der Vorstellung, daß der Duc jetzt auf See – im Orkan – im rettungslos verlorenen Schiff. Bei derselben Vorstellung fröstelte sie. Im Grunde unsers Herzens glauben wir aber beide an das herzogliche Wagnis gar nicht. Wir sehen über die empörte See hinweg, deren weiße Schaumkämme aus tückischem Graugrün bis hier heraufleuchten. Wir haben die Augen nach innen. Der Sturm rüttelt heulend an den Fenstern, dazu brüllt der dumpfe Wogenlaut wie ferner Geschützdonner. Es war jenes wache Träumen, wo man sieht, ohne zu sehen, und hört, ohne zu hören. Als wir langsam aufstanden, langsam gingen, schaute uns der Oberkellner kopfschüttelnd nach. Die Schwindsüchtigen tuschelten. Hotelklatsch! Die Leute müssen doch ihr Vergnügen haben. Draußen sieht mich Félicie scheu an: »Wohin?« »An den Strand, denke ich, wenn's dir recht ist.« »Aber die vielen fremden Leute?« »Ach, die Leute!« »Also kommen Sie!« »Aber ich bitte dich, Félicie, wenn du wo anders hin willst?« »Nein, kommen Siel« »Aber Félicie!« »Nein, kommen Sie!« Sie ist sehr selten eigensinnig. Und vielleicht kann sie gerade in diesem seltenen Eigensinn einmal etwas thun, wovon die große Güte nichts weiß. Sie hat übrigens recht mit ihrer Abneigung gegen die Strandpromenade. Zuweilen wäre ein Blick in die Zukunft auch gut. Ich will mich kurz fassen. – Der Strand am Hafen, mit Menschen gespickt – Kurgäste, Fischer, angstvoll die einen, neugierig die andern. Seit Menschengedenken erlebte die Riviera nicht solchen Sturm. Die paar Segelschoner auf der unsicheren Reede sind von der Mannschaft verlassen, ein Spiel der Wogen; die ans Land gezogenen Fischkutter laufen Gefahr, von der Brandung zerschmettert zu werden. So weit das Auge reicht, ist die See ein grünweißer Hexenkessel. Ganz auf der Höhe ein einziges Schiff ... es ist wieder die verwünschte »Félicie«, die diesmal mit dem sicheren Verderben zu ringen scheint. Das übrige erlaß mir, Gert... Wir haben stundenlang auf einem Fleck gestanden, das Ziel der hämischen oder verwunderten Blicke. Sie kennen wohl alle die todgeweihte Jacht da draußen – und kennen auch wohl alle uns. Wir haben kaum ein Wort gesprochen. Ich habe um den Untergang gebetet, sie um die Rettung. Ich bin ein Mann, und sie ist ein Weib. Ich kann die Weltordnung auch nicht umkehren ... Die Jacht rang so schwer und so mutig wie nur je ein Schiff. Ich hätte selbst drauf sein mögen. Schade! – denn dann wäre sie sicher untergegangen, während sie so sicher davonkam. Nur ein Wunder konnte sie retten. Sprang der Sturm auf Ost, war sie geborgen – blieb er auf West, war sie verloren. Er sprang um vier Uhr nachmittags auf Ost... Wozu giebt's Wunder? Ha! ... Aber wozu geschehen sie andern? Mein böses Gebet war doch sicherlich stark, und ihr gutes Gebet war sicherlich schwach. Ich hätte das zierliche Schiff mit schrecklicher Gemütsruhe auf den Klippen zerschellen sehen. Als die Jacht endlich gerettet in die hohe See hinaustrieb, sah ihr eine zitternde, todblasse Frau nach. Das war der Augenblick, wo ein Mann ein wahnsinnig geliebtes Weib beinah haßte... Aber ich bin ungerecht, die andern rechnen auf den Himmel da oben, ich will ihn schon auf Erden. Die See raste wohl noch lange weiter, und Schiffstrümmer trieben noch wochenlang an die Küste. Félicie fuhr nach dem Schloß. Ich sollte durchaus mit. Die Opalaugen sagten noch immer: ›ich habe dich lieb‹ – aber es war in diesem Leuchten mehr gütiges Mitleid als sündige Kraft. Ich blieb fest. Ich mußte die zwei Meilen gehen. Der Weg that mir gut, das heißt, er gab mir die schwäche des Hoffens wieder... ›Augenblicksreue eines guten Herzens,‹ dachte ich von vorhin.– ›Sonnenwende des Glücks‹: wäre richtiger gewesen... Ich schreibe Dir wie ein Mann – und bin es doch nicht mehr. Ich bin ein hoffender Thor – weiter nichts. Den Abend waren wir nicht zusammen. Ich grollte mit mir und mit ihr. Dir feige Groll, der nie That wird!... Sie war gütiger, und ich hörte noch durch die Portiere ein weich geflüstertes: »Gute Nacht« ... Nein, Gert, kleinlich ist sie wahrhaftig nicht! Sie ist wie alle gütigen Frauen auch wieder peinlich gerecht und hält blind, was sie versprochen. Sie hat einmal gesagt: ›Ich liebe dich‹ – daran wird sie treu festhalten, bis das letzte Atom des Gefühls geschwunden ... Trotzdem hat der Sturm, der im Wunder die Jacht rettete, auch diese Ehe gerettet. Die Frau nimmt's als ein Zeichen von oben, als die Erleuchtung, um die sie nächtlich gefleht. Damit hat sie den festen Punkt... Auf diesen Punkt wird sie sich retten – ich werde an diesem Punkt zerschellen. Warum gab mir denn eigentlich die Vorsehung das große Gefühl? – Nur um an einer unsagbar wehen Erinnerung lebenslang zu siechen – oder um mit leichterem Herzen zu sterben? * Die Nacht?... Ein berühmter Afrikareisender behauptete mir einmal, der Mensch hielte viel mehr aus als eine Katze. Ich nahm's als die berufsmäßige Aufschneiderei aller Afrikareisenden. Der Mann hat aber nur zu recht. Die ganze Nacht heulte die Brandung mit ohrenzerreißender Wut. Meinen »Schlaf« störte sie nicht. Am Morgen eine unschuldig lächelnde Sonne, ein frischer Wind. Der festlich glänzende Park rauschte. Und durch das muntere Gezweig hindurch sah ich unten die blauschimmernden Wogenberge lang und majestätisch heranziehen und im weißglitzernden Sturz sich brechen am Fels. Die Luft von jener kühlen, jungfräulichen Reinheit wie nur nach einem großen Sturm. Ich hatte den Kaffee bei mir im Zimmer genommen. Das weiche Rauschen des Kleides und der weiche Morgengruß hätten mich heute getötet. Erst gegen Mittag ging ich hinunter. Die Leute hatten die letzten Spuren des verheerenden Orkans beseitigt – die Kieswege waren säuberlich geharkt, die verwüsteten Bosketts geordnet. Von der zerspellten Seepinie zeugte allein noch das schwarze Loch im dürren Fels. Es duftete alles nach Frühling, ein thörichter Vogel zwitscherte auch. Ich ging später den Schlängelweg entlang hinunter nach dem Meer. Die »Félicie« war geborgen. Sie wiegte sich mit zerrissener Flagge und eingezogenen Segeln, fest verankert, anmutig und schlank auf der blauen Krystallflut. Die Sturmfahrt, der Sturm selbst erschienen mir jetzt wie ein müßiger Traum. Vom kleinen Bootshafen ruderte eben ein Matrose nach der Jacht zurück. Auf halbem Wege kam mir das herzogliche Paar entgegen. Arm in Arm – sie sind ja verheiratet, und der schmale Pfad ist gefährlich. Félicie wieder sehr blaß, ihr Blick mied mich. Die Todesangst um den Mann, die lange Trennung – es war so selbstverständlich und so rührend, das Leiden, bei dieser herzkranken Frau! Der Duc, angeregt, federnden Schritts, mit jenem feinen Siegerlächeln nach einer mutig überstandenen Gefahr. Wir begrüßten uns mit einem sehr höflichen Händedruck. »Na, haben Sie das Haus auch gut behütet, Baron?« »Ich hoffe, Herzog, obgleich es bei der Gelegenheit ums Haar eine Trauerfeier gegeben hätte...« »Wie meinen Sie das?« »Sie waren doch gestern an Todesenden mit Ihrem Schiff! – Aber Sie haben Glück ... Wen nur ein Wunder retten kann – und wen dies Wunder rettet...« »Ach so. Sie meinen den Sturm! – So schlimm war das übrigens doch nicht. Eine Stunde dachte ich allerdings auch: ›Ade, schöne Welt!« – Die Mannschaft hat sich ganz vorzüglich gehalten. Mut ist eben Gewohnheit... Ich gedenke heut nacht einen sehr langen Schlaf zu thun. In den zwei letzten Nächten war davon nicht die Rede.« Aber es eilt ihm nicht. Der Herzog hat so viel bessere Nerven als ich. Er interessiert sich auch noch vorläufig so sehr für den Park und den Sturmschaden, den der erlitten. Er will alles sehen, begutachten. Ich muß, schon aus Anstand, mit. Mir ist aber dabei genau so zu Mute, als wenn ich die Leidensstationen eines Kalvarienberges durchzumachen hätte. – Er hat in seiner Frau und mir zwei recht stumme Begleiter, dieser wiedergekehrte Hausherr. Aber kein Mißtrauen, keine verwunderte Frage! »Siehst du, Félicie, da hat auch ein schöner Mimosenast dran glauben müssen?... Und die Agaven – schade!... Die Herrschaften scheinen doch nicht das liebevolle Auge zu haben... Ich hab's nun einmal. Ich sehe überhaupt alles, alles.« Der Narr! Es wäre lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre. Und wir lächeln stumm dazu, wie wir zu dem größten Unsinn stumm lächeln würden. Der Herzog ist unermüdlich. »Und nun zu der blitzerschlagenen Pinie! Es ist ein Jammer – der schönste Baum auf der schönsten Stelle... Was doch das gleich für ein Unterschied ist! Unser mächtiger Bergfried, auf den wir so stolz waren – nicht wahr, Félicie? Der dumme Blitz!« Dann wird er gefühlvoll, wie das die heimgekehrten Männer schöner Frauen so zu überkommen pflegt. Er klopft der Herzogin die Hand. »Bin eigentlich undankbar! Dich hätte der Blitz ebenso gut treffen können, Félicie, und dann besähe ich das schönste Juwel meines Schlosses heute nicht mehr.« Bei den letzten Worten entzieht sie ihm mit einem matten Lächeln die Hand. Die Lüge solcher Ehe ist trotz aller Tradition zuweilen widerlich. Das Beben des Ekels fühlt der Narr natürlich auch nicht. Er hält's alles nur für Frauenlaune, die man witzelnd gewähren lassen soll ... »Ach, ich verstehe! Ich bin dir zu galant in Gegenwart eines Dritten. Du liebtest das nie ... Aber da hinauf müssen wir doch noch, meine Herrschaften! Wunderbare Aussicht! Es ist gerade was für Maler. Und Sie waren natürlich noch nie oben, Baron? Félicie vielleicht vor zwei Jahren das letzte Mal.« Wir steigen im Gänsemarsch den halsbrechenden, steinigen Ziegenpfad hinan, ich der letzte. Es geht so wunderbar steil überall in die Tiefe. Wo ist der Schwindel? Ich kenne ihn nicht mehr. Das Leben ist eine Dummheit, der Tod ist eine Dummheit – und ich bin den Pfad hier schon zweimal gewandert, was gestern im Sturm wirklich keine Kleinigkeit war ... Oben beugt sich der Duc wißbegierig in den aufgerissenen Fels. Er thut's harmlos, den Rücken haarscharf an der rettenden Tiefe. Wir beide stehen vor ihm. Und wie der Mann so kniet, da kommt mir ein scheußlicher Gedanke. Ein leiser, freundschaftlicher Stoß beim Aufstehen – ein höfliches: ›Nehmen Sie sich doch in acht, Herzog!‹, von einer unmerklich schnellenden Bewegung des Armes begleitet, und ein Körper rollte rücklings im Schwunge über den steilen Hang, rettungslos zerschmettert von den Felsklippen drunten... Nenne es die Bestie im Menschen, die in mir jäh erwacht! Ich sehe auf. Meine und Félicies Augen treffen sich. Ein heißer Strahl bei mir, ein angstvolles Leuchten bei ihr. Ach, sie haßt den Mann doch nicht, wie sie mich nicht liebt! Wir beide werden immer zu feige oder zu gut sein zu einer That. Es war ja nur ein Moment, den wir aber hätten nutzen sollen. Mörder! ... Unnötige Aufregung. Das Gewissen saldiert sich... Der Herzog steht jetzt wieder vor uns, die schlanke, sehnige Gestalt, mit der ich mich im offenen Ringkampf sicherlich nicht messen könnte. Beim Abstieg er wieder voran. Félicie wendet sich einmal zurück nach mir. Ein schönes Lächeln, das mir danken soll, weil ich ein Schwächling gewesen. Ich lächle wieder. Ich thue ja alles, was sie will – ich stehe unter ihrem Zauber. Aber wie jetzt die kleinen Kiesel, vom Fuß gelöst, den Abhang niederrollen, faßt's mich wie Wut. Was sind wir doch für schlappe Kerls im neunzehnten Jahrhundert! – Ueber Deine Leiche, Gert, könnte ich schreiten – so groß ist mein Gefühl für diese Frau! Und über die Leiche dieses Gleichgültigen schreite ich nicht! Heißt das Gewissen, oder heißt das Schwäche?... Der Gedanke an die ungethane That ließ mich stundenlang nicht. Wenn ich mir da Renaissancemenschen vorstelle, auf demselben Fleck, in demselben Fall – so einen Cesare Borgia und eine Lucrezia neben ihm – und das heiße, heischende, alles verstehende, alles verzeihende Lächeln! Die Frau hätte dem Zaudernden Kraft geliehen, weil sie Kraft hatte. Und hätte er es doch nicht gethan, so hätte sie ihn verachtet. Die Menschen hatten eben keine Nerven, und darum hatten sie kein Gewissen, und eben darum war es eine schöne, kraftvolle Menschheit, die die kleine Moral nicht kannte. – Die kleine Moral der Gesellschaft von heute heißt: ›Thue das Böse heimlich und das Gute öffentlich! Aber thu keins von beiden ganz, denn das ist lächerlich oder schändlich.‹– Aber die große Moral aller Zeiten heißt: ›Was du thust, ob gut oder schlecht, das thue ganz!‹ Dazu langt's bei uns nicht mehr. Wir sind eine Dekadentengesellschaft, wo die Guten Gott danken, daß sie eine Sünde nicht thaten, und die Bösen dem Teufel danken, daß niemand von ihrer Sünde etwas merkte. Was heißt Gewissen? – Nerven. Was heißt Mord? – That... Wer ein großes Gefühl hat, erwirbt damit ein gutes Recht, über kleine Leichen zu schreiten, wie ein großer Fürst das gute Recht, seine Herde zu scheren... Sieh, Gert, das war so einer von den wenigen Augenblicken, wo der herüberzuckende Funke zeugen soll, ob das eigne große Feuer in dem andern nur einen Kienspan entfacht hat oder eine tiefe Glut! – Ich rege mich auf, ich empöre mich, ich denke die scheußlichsten Gedanken und wandle doch gehorsam hinter meinem Todfeind her wie die ohnmächtige Revolution hinter einer allmächtigen Tradition. Ich habe mit dem Manne nachher noch gemütlich gefrühstückt, seinen Wein getrunken, seine Zigarren geraucht und feige hinter seinem Rücken um einen Blick gefleht, der mir auch mitleidig gewährt wurde. Ich habe dem Manne ruhig zugehört, wie er in seiner witzelnden Art den Heldenkampf seines Schiffes erzählte, so daß es kaum mehr erschien als ein gelungenes Segelmanöver. Ich habe mit ihm Billard gespielt – und mich von ihm schlagen lassen. Ich verdiene es nicht besser!... Ich habe den Tod im Herzen und kann lächeln. Ich bin weit feiger als mein schottischer Schäferhund, der trotz alles Prügelns die Herzogin doch heimlich anknurrt... Es kommt übrigens noch schlimmer – es kommt noch viel schlimmer! Die Herzogin hatte sich früh zurückgezogen. Ich klammerte mich wie gesagt in unbegreiflicher Feigheit an den Herzog. Im Augenblick that mir dieser glückliche Blinde weder leid, noch haßte ich ihn. Hatte ich nur Angst vor dem Alleinsein – oder fürchtete ich das Toilettenzimmer neben mir? – Heute der weiche, müde Schritt, vielleicht ein weiches, müdes »Gute Nacht« – nein!... Der Duc hielt tapfer aus, bis der Gähnreiz die Höflichkeit übermannte. Als ich später in mein ödes, kaltes, riesiges Atelier kam, wo nichts an meine warme Kunst gemahnt, da schlich ich doch wieder feige an die Portiere. Aber lein Laut – Gott sei Dank! – Dann that mir diese Oede wieder so weh. Die Nacht klar und kühl, die Brandung hell. Ich stand am offenen Fenster und dachte an nichts. Es dauerte eine lange Weile, dies stumpfe Sinnen. Daß der Körper doch immer wieder Kraft zu längeren Leiden sammeln muß, statt sich im Leiden rascher zu verzehren! Leiden ist wohl der Training der Seele, wo die Vorsehung unsre Vollblutqualitäten vorsichtig prüft. Wer bei der »Arbeit« niederbricht, der wird mit unheilbarem Sehnenklapp als Droschkengaul verauktioniert, wer's aber durchhält, kommt ins Gestüt. Die Rasse braucht ihn. – Mein Geschmack wäre beides nicht. Ich möchte weit lieber beim Rennen eingehen ... Weise Gedanken – was? Da störten meine Netzhaut irgendwelche Schatten, die sich bewegten. Ich sehe hin. Auf der äußersten Balkonecke links stehen zwei Gestalten. Ich brauche mein Monocle nicht, um sie zu erkennen. Der flimmernde Sternenhimmel giebt dem ehelichen Wiedersehen ja so viel Helle! – Es sind die beiden. Sie schauen wohl noch träumerisch hinaus vor dem Zurruhegehen. Er hat die Hand um ihre Taille gelegt, den Kopf sehr nahe an ihrem Kopf. Er flüstert – sie sieht vor sich hin. Geküßt wurde auch. Es ist das Wiedersehen. – Für ihre schönen Lippen mußte es eine Qual sein, denn sie öffneten sich nicht, sie küßten nicht, sie ertrugen nur den Kuß. Das ist die Tradition, das Recht!... Ich bin vorsichtig zurückgetreten, daß er mich nicht sieht. So mögen Mörder im Hinterhalt stehen, mit brennend kalten Augen, in der nächsten Sekunde kracht der tödliche Schuß. Ich schieße nicht, obgleich der geladene Revolver stets auf meinem Nachttisch liegt. Ich schieße ganz gut, ich würde meiner Hand vielleicht heute sicherer sein als je – aber ich schieße nicht. Ich bin ja kein Mörder, nur ein Feigling... Darum warte ich ganz geduldig, bis die starr und stumm gewordenen Schatten sich wieder rühren, verschwinden. Die Glasthür klirrt ein wenig, und ein Frauenkopf schaut noch einmal scheu zurück nach meinem Fenster. Ich habe das Licht ausgeblasen vorhin wegen der Moskitos – Ich bin also wahrscheinlich nicht in meinem Zimmer. Ich vegetiere wohl irgendwo am Billard oder in der Halle... Dann schließe ich leise das Fenster. Es soll ganz still sein. Ich will lauschen. Ich weiß genau, was jetzt kommt... Ein unhörbarer Frauenschritt, ein leicht knarrender andrer daneben: »St!« – Sie sind so rücksichtsvoll, sie nehmen sich so sehr in acht, obgleich ich doch gar nicht in meinem Zimmer bin. Sie blieben lange. Er wollte wohl dabei sein bei der Toilette seiner schönen Frau – und weiße, nervöse Hände vermochten heute durchaus nicht fertig zu werden mit der tiefschwarzen, duftenden Haarflut. Der Spiegel gab sicher ein welkes Frauengesicht zurück und tote Opalaugen. Sie sprachen nicht, aber ich hörte einen heimlichen Kuß. Ich fühlte ihn. Es war auf einen zarten Nacken, der darunter erschauderte. Warum läßt sie's – warum? Und dann wieder die leise knarrende Thür zum Schlafzimmer. – Ich werde verrückt! Ach Gott – sei mir gnädig! Diese Nacht war vielleicht die furchtbarste meines Lebens. Der Zenit ist vorbei. Jetzt bewege ich mich auf absteigender Bahn. Der Sonnenwagen, den ich mit so heißem Bemühen auf die Sonnenhöhe gezogen, rollt als alltäglicher Karren von selbst wieder hinab. Ich weiß es, ich mache mir keine einzige Illusion mehr... Noch rollt der Karren gemächlich – größere Thoren merkten den Abstieg kaum. Ich müßte herunterspringen, wo es noch möglich, herunterspringen mit zerrissenen Kleidern, mit blutendem Herzen. Was thut's? Man flickt sorgfältig die Kleider, man verbindet sorgfältig das wunde Herz und wandelt als hochmütiger Bettler wieder seine eigne, einsame Straße. Aber seit gestern habe ich den Hochmut nicht mehr, weil ich die Kraft nicht mehr habe. Ich, der ich fliehen müßte in dieser Nacht, in dieser Stunde, ohne Koffer, ohne Mantel – aber fliehen – fliehen! ... Denn der Aufenthalt in diesem Schlosse ist für mich von jetzt ab höchstens eine russische Rutschbahn, wo es bergauf und bergab geht, bald langsamer, bald schneller, luftig oder traurig, wie es die Lüge des Lebens gerade malt – aber es geht unaufhaltsam der oasenlosen Wüste unten und dem ruhmlosen Ende zu. Ein Ruck – der Wagen hält – die Station ist da – der todsieche Bettler steigt aus. Er hat nun seine alte Wüste wieder erreicht, über einen hohen Zauberberg hinweg erreicht, genau an der Stelle, wo der Wüstenpfad auch einmündet, dem er entrinnen wollte. Er ist wieder der alte – nur daß die beste Kraft vergeudet ist indes. Und er stampft doch weiter, stumpf, dumpf. Rettende Brunnen giebt's nicht mehr. Was sollten die ihm auch nutzen? ... So kommt's einmal, Gert, dessen bin ich ganz sicher. Der Feigling verdient auch kein besseres Schicksal. Ich sitze in meinem Lehnstuhl, die Fäuste in die Augen gepreßt, und ringe vergebens nach der dumpfen Verzweiflung, die den letzten Entschluß doch giebt. Ich finde nur die stöhnende Verzweiflung, das empörte Herz, das mit letzter Kraft sich an das entfliehende Glück krallt. Das große Gefühl will nicht so jählings sterben. Es ist noch lange nicht gebrochen, es ruft jetzt alle bösen Geister, baß sie ihm helfen – ich will das Glück, ich will's! Es ist wie das verbissene Hoffen eines Kämpfers, der seine Fahne wanken, fallen sieht und plötzlich den Fahnenstock umklammert, stöhnend, verzweifelnd, während der übermächtige Feind hohnlächelnd das seidene Tuch abreißt und das Holz dem Thoren denn doch großmütig läßt, es später zu holen, wenn der an seinen unverbundenen Wunden verblichen. Ja, ich rufe alle bösen Geister! Sie sollen mir helfen!... Und die salzige Thräne rinnt mir zwischen den Fingern durch. Mein Hund kommt und leckt mir traurig die Hand. Ich stoße das treue Tier weg, das ich schon lange schlecht behandelte und das doch unentwegt sich gleich bleibt in seiner Liebe zu mir und in seinem Haß gegen die Herzogin. Ich mag den Hund nicht mehr... Ich mag Dich auch nicht mehr, Gert!... Wenn ich das Glück durch den Tod meiner beiden einzigen Freunde erkaufen kann, ich kauf' es ohne Wimpernzucken ... Adieu. Grüß mir auch noch die Heimat herzlich, die ich nicht mehr habe. Zwölftes Kapitel. Die Herzogin war über eine Woche krank – das arme, kleine Herz! – Ich habe es noch immer so unendlich lieb, ich habe es vielleicht lieber als je. Warum leidet das holde Geschöpf? – Es soll nicht leiden!».. Meine Herzkrankheit ist sicher schwerer, mein Schmerz brennender. Aber bei allem eignen Weh bleibt mir doch das vornehme Empfinden, daß diese kleine, weiche Heilige nicht auch unglücklich sein darf. Gert, so dumm es nach dem Erlebten klingen mag, sie bleibt mir doch eine Heilige, deren Sünden keine Sünden, weil es die Sünden eines großen, guten Herzens sind. Wir können nun einmal nicht über uns selbst hinaus. Daß mein Gefühl heiß und ihres nur warm, was kann sie dafür? Sie giebt der Tradition, was sie der Tradition zu geben für Pflicht hält, und sie giebt mir, was sie mir geben darf nach ihrer Ansicht. Der letzte Blick – der letzte Händedruck – beides wird so echt sein wie die heimliche Thräne danach auch. Dann lebt sie von der Erinnerung, solange die vorhält... Und dann wird ihr ein andrer vernünftig klar machen, daß sie eine gutmütige Thörin und ich ein frecher Narr. Der andre hat auch recht. Wenn man überlegt – die Ehe ist bekanntlich die Ordnung, und die Liebe ist der Exceß. In der Kalthaustemperatur welken zarte Pflanzen sehr langsam, unter brennender Glut verdorren sie sofort. Es hätte ebensogut ganz anders sein können. Etwas Bitterkeit gegen die Vorsehung wird mir ewig zurückbleiben. In dieser Woche sah ich die Herzogin nicht. Ich hörte nur zuweilen den weichen Schritt nebenan. Einmal sprach sie mit der Kammerjungfer laut – mit der Französin deutsch! Es galt mir, es war der Liebe Gruß. Und jetzt, wo der Laut ihrer Stimme das Höchsterreichbare ist, fühle ich, daß ich mich auch mit dem Laut dieser Stimme begnügen könnte, wie ein Gefangener mit dem schüchternen Sonnenstrahl der Freiheit draußen, der durch die vergitterte Luke fällt. Ich verlange auf der einen Seite so viel und bin auf der andern wieder so bescheiden... Der Tag der Genesung brachte Besuch – der Prinz, der Marquis, der Graf. Sie sehnten sich schon lange nach ihrem Sportfreunde, dem bequemen Duc, dessen Frau ein Reiz und dessen Jacht auch. Ich werde als guter Freund begrüßt, dessen bescheidenes Schweigen noch in bestem Gedächtnis... Rudern, Segeln, Tennisspielen – das feudale Sarazenenschloß hat sich zu einer prächtigen Vergnügungsvilla herausgemausert. Sogar nach Möwen wird auf dem Meer geknallt, weil das faire Taubenschießen hier nicht möglich. Die Herzogin hielt sich anfangs sehr zurück. Sie sollte das wegen des Herzens. Und ihrem andern Herzen wurde es auch nicht schwer. Später fand sich der Lebens- und Leidensmut ein wenig wieder. Die Weltdame, die so lange geschlummert, wurde bei den jetzt unumgänglichen Herzoginnenpflichten wach. Das ist der Training der Gesellschaft, der Erziehung, der, von Geschlecht zu Geschlecht geübt, mit seinem dürren Gewohnheitsrecht schließlich doch der ruhende Pol bleibt gegenüber der Gefühle Flucht. Zuletzt war Félicie die Vergnügungssüchtigste, Ausgelassenste von allen. Nenne es vernünftige Selbstbetäubung, die überreizten Nerven sehr wohlthut! Manchmal that mir's weh. Ich wollte bitter werden, ärgerlich, in mein Atelier zurückgezogen den Beleidigten spielen – schüchterne Versuche, bei denen es blieb. Dann mußte ich sie doch wieder so bewundern, wie sie anmutig im Ruderboot am Steuer saß, wie sie zum Langustenfang hinauszog und mit reizendem Abscheu die gefangenen Ungetüme betrachtete. Ich ließ sie nicht einen Augenblick allein, ich war ja viel zu eifersüchtig. Und sie gab mir wahrhaftig keinen Grund! – Bei aller lächelnden Liebenswürdigkeit, die sie gleichmäßig verschwendend allen gab, weil ihre Natur so, wußte ich doch, daß das große Opalauge wirklich warm immer nur auf mir ruhte, baß es den Verspäteten unruhig suchte. Die Anmut ist ihr eben Anlage, die Liebenswürdigkeit Charakter. Sie geizt nicht mit diesen hohen Gaben des Glückes, deren verderbliche Kraft sie kaum ahnt... Und dann im unbeobachteten Moment der verstohlene Lippengruß oder das wehe Lächeln, oder das heimlich geflüsterte Wort. Sie sucht mich jeden Morgen in der Halle, um so früher, je später sich die Gesellschaft getrennt, als ob sie sich zugleich entschuldigen wollte und mich erfreuen. Ach, sie ist so herzensgut und so feinfühlig! Eines Tages waren wir mit der Jacht weit hinaus, gesegelt, weil der Wind gut, aber die See matt. Der Duc mußte zum zwanzigstenmal die Sturmfahrt erzählen. Mir ist die Erzählung immer etwas Nervenmordendes, weil sie tatsächlich mein Schicksal entschied. Félicie, die sonst nur oberflächlich zugehört hatte, wurde dieses Mal warm, das Opalauge leuchtete im Stolz auf den Mann, der so tapfer gerungen und so ohne Anmaßung erzählte. Sie, die so Empfindsame, kränkt mich, den Empfindlichen, wissentlich nie. Das Beben des Stolzes aber, das ihr durch die Nerven rieselt, kriecht mir als Ekel am Leben scheußlich über den Rücken. – Ich schlich unauffällig in die Kajüte hinunter und hörte stöhnend, den Kopf in ein Diwanpolster vergraben, das Sprechen und das Lachen an Deck über mir. Ich bin und bleibe eben ein Narr meiner Liebe... Ich war noch keine halbe Stunde unten, da kam sie – ein wenig besorgt, ein wenig geärgert ... »Warum sind Sie denn hier unten? ... Oben ist's so wunderschön! Und Sie wissen doch, daß ich Sie vermisse... Verstecken Sie sich, um mich zu quälen?« »Gehen Sie!« Und sie geht wirklich mit zornigem Schritt. Ich fühle den eisigen Stich durchs Herz, als die Kajütenthür hinter ihr zuklappte. – Und zehn Minuten später wieder der weiche Laut eines Frauenfußes die Kajütentreppe hinab. Ich sehe nicht auf. Jemand beugt sich dicht zu meinem Gesicht. »Sind Sie mir noch immer böse, mein Freund?« »Lassen Sie mich, Félicie!« Und eine ganz weiche, aber feste Stimme sagt: »Ich lasse Sie nicht, mein Freund, weil ich Sie lieb habe!... Und wenn Sie mir das häßliche Wort noch einmal sagen, so haben Sie mich eben nie geliebt... Die auf Deck haben sich über mich lustig gemacht und Dummheiten gezischelt, weil ich mit einem Male so nachdenklich und blaß geworden. Ich liebe die Lächerlichkeit gewiß nicht und möchte noch weniger, daß irgend jemand unsre Beziehungen ahnt. Dennoch bin ich gekommen. Ich weiß, was Sie verletzte, ich kenne Sie so genau, daß ich Ihre geheimsten Gedanken immer lesen werden Und giebt man sich vielleicht Mühe mit den Gedanken von Leuten, die einem gleichgültig sind?... Daß ich einmal im Leben meinen Mann bewunderte, das that Ihnen weh. Aber, mein Freund, das darf Ihnen nicht weh thun; es darf Ihnen um meinetwillen nicht weh thun! Sehen Sie, wenn es nicht ab und zu einen lichten Moment in dieser Ehe gäbe, ich ertrüg's nicht mehr, ich müßte den Tod suchen, was von meinem religiösen Standpunkt das schlimmste Verbrechen ist. Mein Freund, meine Gefühle sind unwandelbar! Wie oft soll ich Ihnen das wiederholen?« Sie spricht mit mir so ernst und so liebevoll wie die beste Frau mit dem besten Mann ... »Und dann – ich wollte schon lange mit Ihnen darüber sprechen – wenn ich lustig bin, wenn ich lache, so ist das Komödie, eine Komödie, ohne die ich nicht leben könnte, weil sie mich über eine trostlos graue Wirklichkeit hinwegtäuscht. Ich bin so oft traurig, so oft dem Zusammenbrechen nahe – aber ich nehme mich zusammen. Ich will's nicht!... Ich will's auch Ihretwegen nicht. Wir müssen beide wieder ruhiger werden, weil uns am Ende doch nichts übrig bleibt, als sich zu schicken. Sentimentalität jetzt vor diesen Leuten – wie lächerlich, wie gefährlich! ... Oder wünschen Sie den Eklat? – Ich wünsche ihn nicht, weil ich ihn nicht ertrüge. Also, thun Sie wie ich, die ich an der Seite eines ungeliebten Mannes Folterqualen erleide: Lachen Sie am Tage, wo es alle sehen, und weinen Sie in der Nacht, wo es niemand steht... Sie haben mich so lieb – und ich will Ihnen gewiß nie weh thun. Mein erstes Gebet ist und bleibt immer Ihr Glück... Und nun seien Sie verständig und kommen Sie hinauf!« Mein Glück – und das sagt sie, Gert! – Was mag sie sich wohl unter meinem Glück denken? Ich bin zu feige, zu fragen, weil ich zu feige bin. die Antwort zu ertragen... Und schließlich, es ist das Eigentümliche jeder Gesellschaft, daß sie den Ausharrenden unfehlbar in ihren enggezogenen Kreis zwingt, weil sie mit ihrer hübschen Form und ihrer hübschen Glätte uns das Auge so angenehm blendet, den ernsten Kern der Dinge einhüllend in dünnes Blattgold. Man lächelt, wo man weinen, man schwatzt, wo man schweigen sollte, und vice versa ; man preist den reizenden Schuh und sollte sich über den reizenden Fuß orientieren; man bewundert die Haarfrisur und sollte sich über das vorzügliche Haarfärbemittel mokieren; man wird flach, unklar und hütet die gute Form beinahe ängstlicher als das böse Geheimnis. Ich habe, wie Du siehst, Gert, meine sehr lichten Intervalle. Nur nützen sie mir gar nichts. Sie zeigen mir nur einen Mann, der, wieder schwimmfähig geworden, in einen schmutzigen Strom steigt, statt anständig in der reinen Tiefe seines Meeres niederzutauchen auf Nimmerwiedersehen. Ich bin in dem Stadium, wo ich mir lächerlich vorkomme mit meinem großen Gefühl, und altmodisch auch, und hölzern auch, und dumm auch. Die Gesellschaft nimmt mich eben in ihrer Welle mit. Ich rudere, segele, fische – ich bin einer der Tollsten. Ich finde Félicies vom Tennisspielen hochgerötete Wangen natürlich und frage mich nur, warum sie, die schönste Juwelen besitzt, noch immer den kranken Riesentürkis über dem schwarzen Trauerkleide trägt. Ich bin auf dem Punkte, wo ein kleiner Schritt genügt, das herb große Gefühl in ein lächelndes vive la joie ausklingen zu lassen. Félicie würde dieser elende Bankerott unendlich weh thun, sie würde sich beleidigt, erniedrigt, beschmutzt fühlen, sie hätte recht gehabt mit ihrer beinahe unverständlichen Angst vor dem Zuvielgeben an eignem Empfinden. – Aber sie hat nicht recht! Um meine Seligkeit könnte ich den lächerlich kleinen Schritt herab nicht thun. Der lächelnde Judas an mir selbst – nie! Wenn's sein muß – will ich doch lieber ehrlich elend werden. Meine Liebe eine hübsche Episode, eine matte Erinnerung – pfui! ... Ich werde weiter lachen, weiter scherzen, weiter Komödie spielen, weil das auch zu dem Herabgleiten des Karrens auf meiner Rutschbahn gehört, aber ein Edelmann will ich bleiben. Meinetwegen ein thörichter Bettler, aber kein schwachherziger Selbstbetrüger ... Gesellschaftlich lügen – ja! Gesellschaftlich fühlen – nein! Die meisten stürzen in diesen unüberbrückbaren Zwiespalt. Was thut's zuletzt? – Gehe ich an einer elenden Tradition zu Grunde, so rächt mich schon vielleicht der nächste, dem ich die Bresche schlug, an dieser elenden Tradition... * Für die nächsten Tage ist »Die Liebe« annonciert. Ich bin neugierig. Die andern auch. Das eigne Machwerk ist beim Wiedersehen immer besser oder schlechter als in der Erinnerung. Ich setze gewisse Hoffnungen auf das Bild. Die Rutschbahn geht eben gerade eine Strecke bergauf... »Die Liebe« ist da! Ein ganzer Maultierzug vor den Wagen gespannt brachte sie ins Schloß. Sie scheren hier Pferde und Maultiere bis zum Vorarm, so daß diese Lastträger aussehen, als hätten sie beständig bis zum Bauch im Wasser gestanden. Ein ganz riesiges Maultier, weiß, plump, mit Riesenohren, eskortierte vor allen »Die Liebe«. Es schaute so bösartig aus wie das Geschick. Und ich, der ich so weit herabgekommen, daß ich beinahe Maßliebchen zupfe, nehme alles Begegnende als gutes oder böses Vorzeichen, feige und abergläubisch wie ein Fetischdiener. Das weiße Maultier gefällt mir gar nicht! – Aufgestellt ist das Bild noch nicht. Die gotische Halle ist zwar schon lange zu meiner Ruhmeshalle ausersehen, aber man erwartet bei der feierlichen Einweihung noch die mütterliche Freundin Félicies, meine Coupégenossin im Gotthardzuge. Aus taktischen Gründen hatte ihr die schönste der Frauen meinen Schloßbesuch gar nicht mitgeteilt, was sie aber aus Güte jetzt doch thut. Die alte Jungfer ist deutsche Reichsgräfin und verläßt mir zuliebe auf der Stelle ihre einsame Levante-Riviera. * Der große Tag! Seit Morgengrauen habe ich unter Assistenz von Kutscher und Diener die Kiste aufgehämmert. Das Bild steht nun glücklich vor der schwarzen Riesenöffnung des Kamins, auf ein plüschverkleidetes Podium gehoben. Der massige Prunkrahmen eignen Entwurfs hebt sich wirkungsvoll von dem düsterroten Untergrunde ab. Der geharnischte Mann dräut zur Rechten. – Die Kammerjungfer, die gar nichts dabei zu thun hatte, schlich immer unmotiviert geschäftig durch die Halle, sie sah und lächelte, wo die Männer grinsten. Diese Klasse hat eben die rohe, aber gesunde Freude am völlig Nackten, wo eine andre Gesellschaft nur den heimlich sündigen Kitzel am Halbbekleideten kennt. Um zehn Uhr ein mächtiges Tamtamschlagen! Ich werfe noch einen letzten Blick auf meine Separatausstellung – Eintrittsgeld nach Belieben (das letztere ein hübscher Einfall der Herzogin, die für die armen Fischer sammelt). – Es ist doch ein großes Bild – und ein großer Gedanke – und ich verstehe mich jetzt selbst so gut!... Dann kamen die Herrschaften vollzählig durch die Ahnengalerie gepilgert, die Herren im schwarzen Gesellschaftsanzuge, Félicie in großer Salontoilette, nur meine deutsche Landsmännin im grauen Reisekleid, die Prätensionslosigkeit selbst. Jetzt stehen sie vor meinem Heiligtum. – Erst feierliche Stille... »Hm, hm« – der Prinzonkel; ein Kennerlächeln – der Herzog; der Marquis – die kühlste Bewunderung selbst; der Graf klemmt das Einglas ein und versucht unter Kopfschütteln die Unterschrift zu entziffern; die deutsche Comtesse – eine schwermütige Träumerin. Félicie so schön wie je... Fünf Minuten kein Wort. Es ist die kritische Pause, die unbedingt notwendig, selbst wenn man sich längst sattgesehen. Sie erwarten vielleicht auch meine Erklärungen – die ich aber nicht zu geben habe. Ich bin kein Schaubudendirektor ... Es scheint auch niemand etwas aufzufallen. – Wie wenig Menschen doch Augen haben! – Wie »Die Liebe« hier, lächelt doch nur eine einzige Frau. – Und bedrückend ist das Schweigen keineswegs. Félicie bricht es zuerst ... »Die Frau ist reizend, ganz reizend! Es ist die Liebe, wie ich sie mir vorstelle. Und daß der Mann an der Liebe fast zu Grunde geht, das verstehe ich wohl. Er hat sie so heiß geliebt! – Und sie liebt ihn gewiß auch! Aber sie liebt ihn anders, sie verstanden sich nicht... Ich weiß mich nicht so recht auszudrücken ... Aber für mein Gefühl ist das Bild mehr traurig als tragisch. Es sieht eben jeder in jedem Bilde, was er selbst hineinlegt. Traurig ist weich, tragisch ist hart. Ich liebe das Weiche nun einmal mehr. Mir thut's wohl, daß der Mann noch ringt, noch lange nicht gestorben ist. Ich stelle mir vor, daß er am Ende überhaupt nicht stirbt, daß er durch ein Wunder gerettet wird, und daß die beiden sich doch noch verstehen. Oder er findet eine andre. Männer finden immer eine andre, Frauen resignieren. Ihr Geschlecht, Baron, leidet heftiger, unsers leidet länger. Sie trösten sich zuletzt immer mit einer weniger geliebten Frau, wo wir einer lieben Erinnerung treu bleiben – ein ganzes Leben lang...« »Und was hat der Mann davon?« frage ich kühn. »Ja, ja, ich verstehe, Baron! Männer müssen eben immer besitzen.« Man nimmt's ihr gar nicht übel, daß sie bei der Replik etwas hastig wird, errötet. Sie hat ihren Frauenstandpunkt so wunderbar fein präzisiert, daß der Duc heute stolz sein könnte auf dies vornehm abgetönte Empfinden. Aber der Duc lächelt nur, er hat vorhin gar nicht zugehört, weil er das Bild in eine Kunstrubrik pressen wollte und keine fand, zuletzt erwischte dieser Kenner nur die höfliche Phrase: »Sehr groß in der Linie, hypermodern in der Auffassung.« Das könnte ich mir auch bei dem seligen Lübke zusammenbuchstabieren. ... Dann das andre Publikum... Ich sage Dir, Gert, ein Publikum!...Ein höflicher Händedruck – ein anerkennendes Wort – » Magnifique, vraimemt magnifique! « Die Mehrzahl erinnert sich auf einmal, daß Französisch die Sprache der Eleganz und der Kritik ist. Wenn ich nicht so sehr helle Augen hätte, ich würde für bewundernd Verständnis nehmen, was nur billige Phrase. Am nettesten war doch wohl die alte Jungfer. Sie drückte mir stumm und lange die Hand und duldete nicht, daß ich die ihre küßte, was ich herzlich gern gethan hätte. Vielleicht versteht im Gebiet der Idee der Deutsche nur den Deutschen. Später ging's in den Gärten. Beim Hinausschlendern kam mir der Graf mit den Sammetaugen nach. »Ich hab's jetzt! Der Titel des Bildes trifft den Kern nicht. Es hätte ›Le rire‹ oder ›Das Lächeln‹ heißen sollen, denn der Mann geht doch am Lächeln dieser Frau zu Grunde. – Sie scheinen ein Romantiker zu sein, Baron, mit sehr starken fin de siècle-Gefühlen. Die Extreme berühren sich ja immer.« – Das sagte er mir in der Thür. Ich drehte mich darum noch einmal um nach der Leinwand, auf der ich noch gerade den Kopf des Sterbenden erhaschen konnte. Im Moment wußte auch ich einen besseren Titel: »Der Zusammenbruch einer Weltanschauung«. – Ich sprach's aber nicht aus, weil ich nicht vor mir und andern lächerlich werden wollte. Zu meinen Ehren und als Kompliment für deutsche Gewohnheiten gab's heute um ein Uhr ein Prunkdiner. Ein witzelnder Toast des Herzogs – ein tiefes Leuchten der großen Opalaugen, als unsre Sektkelche zitternd zusammenklangen. Diese Augen lügen nie – das ist vielleicht das Schönste an ihnen ... Ich saß neben der deutschen Gräfin, wie es die Herzogin selbst bestimmt hatte. Es war wieder dieser eigenste Zug von Güte und Selbstlosigkeit, aus der heraus sie der mütterlichen Freundin großherzig gab, was sie ihr so lange vorenthalten. Die Unterhaltung der andern wurde in einem sehr lebhaften Französisch geführt, wo das glatte Bonmot das immer etwas lästige Bewundern von vorhin ablöste. Ich wollte in derselben Art etwas über die »Liebe« spötteln und über Gefühle überhaupt. Es gehört beinahe zur Sektlaune und zum Prunkdiner. Die alte Jungfer aber ließ es nicht. »Sprechen Sie mir nicht über das Herz weg, Herr von den Raben! Die Ironie ist wie der Meltau – sie verflacht die besten Gefühle. Sie gehört freilich zum Leben, zum Geist, zur Welt, sie war von jeher ein Vorrecht der Geistesaristokraten – aber sie ist trotzdem so trostlos dürr wie der spitze Witz unsrer Berliner. Ich habe mir von Ihnen, mein Herr, ein ganz andres Bild zurecht gemacht, das Sie gar nicht zerstören könnten, wenn Sie es auch wollten. Lassen Sie also den Geistesaristokraten – davon giebt's eine ganze Masse! Seien Sie der Aristokrat des Herzens – davon giebt's sehr wenige!... Sehen Sie, ich war einmal ganz hübsch, was Sie mir beim besten Willen nicht mehr ansehen können, und ich habe lange in der ganz großen Welt gelebt, was auch nicht gerade auf meinem Reisekleide gedruckt steht. Ich habe beides hinter mir und sehne mich nach beidem nicht mehr... Die ganz große Welt ist übrigens noch nicht die schlechteste. Sie ist verdorben bis ins Mark, egoistisch bis zum Exceß – aber sie ist auch wieder revolutionär bis zum kühlsten Königsmord. Gerade da finden Sie noch am ehesten die Frauen und die Männer, die ohne Besinnen mit gleichen Füßen über die Barriere springen, wenn sie ein großes Gefühl packt. – Daher aber stammt Ihre Liebe nicht! Sie stammt auch nicht aus dem Volke – so sylphisch gebaut ist kein Fabrikmädchen, so aristokratisch lächelt auch nicht die hübscheste Bourgeoise... Sie sagten vorhin, Sie hätten sich Ihr Original aus zwanzig Modellen zusammengestellt, wie es Ihnen vorschwebte – und doch glaube ich auch das lebende Original zu kennen: ›es stammt aus der kleinen großen Welt, die wir hier vielleicht zur Not repräsentieren könnten.‹ Wir müßten dazu allerdings mehr verheiratet sein, uns täglich sehen, unsern Familienklatsch haben. Unter solcher Gesellschaft giebt's vielleicht einmal eine Frau, die schön ist und auch groß fühlen kann. Aber mehr – undenkbar! Denn da käme gleich die Angst, daß die Religion, der Beichtvater, die guten und die schlechten Freunde, ohne die man nun einmal nicht existieren kann, etwas dagegen hätten. Sie sind alle so gut erzogen, daß sie zu jeder Gedankensünde fähig sind und zu keiner Thatsünde... Wissen Sie, ich hasse aus tiefster Seele Ihre ›Liebe‹! – Und wo ich mal ein sehr schönes Geschöpf sehe oder ein sehr schönes Geschöpf aus der Erinnerung ausgrabe, da sage ich mir doch immer: ›nein, die hätten's anders gemacht.‹ Jede wäre vielleicht auch über ein großes Gefühl geschritten, herzenskühler die eine, gemeiner die andre – aber das große Gefühl wäre an keiner von ihnen zu Schanden geworden, es hätte sich wieder aufgerafft und von da ab alles verachtet... Aber Ihre ›Liebe‹ ist eine von uns – ich lasse es mir nicht nehmen– eine von uns, wo alles lau, alles vorgeschrieben. Meine Nichte, die Herzogin Félicie, findet das Bild traurig, mir macht's Grauen. Wenn die großen Gefühle zu weiter nichts auf der Welt sein sollen, als daß man weh lächelnd auf ihnen herumtritt? ... Das klingt prosaisch, aber das Leben ist nun einmal so! – Das Leben ist empörend, und das Bild ist es auch, weil es das Leben giebt! Die Frau lächelt so wunderbar wie eine Heilige, aber wenn man nachdenkt, heißt das Lächeln doch nichts andres als: ›Verzeiht ihr, daß ich nackt bin, verzeihe du, daß du an mir stirbst!‹ – Sie sollte den Finger rühren, sich niederbeugen, mit einem thränenüberströmten Gesicht sagen: ›Du darfst nicht sterben, du darfst nicht!‹ Und er würde leben. Aber er stirbt so sicher, wie sie lebt. Und dabei ist er der Gesunde und sie die Kranke. Ach, mich macht das Bild selbst krank!... »Sagen Sie, Herr von den Raben, haben Sie es am Ende nicht doch selbst erlebt? – O, dann säßen Sie ja nicht hier! – Wer Gott bewahre Sie auch in Zukunft davor! Und ich habe jetzt immer Angst, jeder könnte das einmal erleben, und da, wo er sein Bestes gegeben hat, könnte ihm eine antworten: ›Ja, daß das so tragisch enden könnte, wer ahnt das! Ich habe ihn gewiß geliebt –und ich habe auch gerungen, aber ich konnte doch nicht anders. Gott weiß es!‹ ... Sprechen wir nicht mehr davon! Mir wird heiß und kalt. Ich hoffe, das Diner ist bald beendet.« Du siehst, Gert, wie verschieden sich die Liebe in den verschiedenen Köpfen spiegelt. Wer hat recht: der Heißsporn wie ich – oder die Güte wie Félicie? ... Zu guter Letzt ist es ja nur ein Bild. Das Leben ist vielleicht auch nur ein Bild. Und die alte Jungfer würde angesichts des Originals wohl genau so denken wie ihre Gesellschaft: ›Zuerst die Tradition! Sie ist das eidlich Gelobte, und darum ist sie gut‹... Das, worüber die größten Gefühle im Leben stolpern, ist immer die kleine Wirklichkeit. Den Dinerkaffee nahmen wir auf der Felsterrasse des Schlosses. Die andern saßen in mattem Gespräch, wie die Herren, oder in intimem, wie die beiden Frauen. Nur der Graf mit den Sammetaugen und ich wandelten. Ich – in der begreiflichen Unruhe meines Zustandes – ließ den Kies knirschen, er schritt gelassen auf der niedrigen Steinbrüstung. Seine halsbrecherische Promenade, die niemand weiter auffiel, weil man sie schon lange kannte, machte mich ganz nervös. Einmal stockte uns beiden zufällig an derselben Stelle der Schritt. Der Graf sah vor sich hinab in die Tiefe mit einem fast liebevollen Augenleuchten. »Sehen Sie sich vor, Graf!« sage ich. Er dreht sich lächelnd um. »Ich sagte mir dasselbe in demselben Augenblicke. Aber ich gehe nun einmal so gern an Abgründen. Man thut ja doch niemals den einen Schritt vorwärts, nur immer den einen Schritt zurück. Diese Beobachtung interessiert mich stets von neuem, sie ist so charakteristisch. Und ich gehöre nicht einmal zu den Leuten, die das Leben übermäßig freut ... Apropos, wann hat Ihnen meine Cousine Akt gestanden?« »Sie sind toll, Graf!« Ich sage das leise und heiser. Er lächelt darauf, weil es ihn kühl läßt. »Nicht wahr, wenn ich noch ein Wort sage, stoßen Sie mich hinab? Thun Sie es, bitte! Mir thun Sie damit einen Gefallen, und Sie kommen ins Zuchthaus.« Da lächele ich auch. Er fährt ruhig fort: »Ich habe mit der Bemerkung vorhin gar nichts Beleidigendes beabsichtigt. Wenn eine Frau so schlank und anmutig gebaut ist wie meine Cousine, dann darf sie doch von der Prüderie weniger hübscher, wenigstens Ihrer heiligen Kunst gegenüber, frei sein. Ich weiß ja auch nichts Bestimmtes. Es war, wie gesagt, nur so eine Redensart. Daß Sie beide sich schon weit länger kennen, obgleich mein Vetter von der Freude, die damit seiner Frau zu teil wurde, nichts ahnt – glaubte ich schon bei meinem letzten Hiersein bestimmt.. »Wenn niemand gesehen hat, wem Ihre ›Liebe‹ ein gewisses Lächeln gestohlen, so hab' ich es gesehen.« Wir stehen jetzt dicht nebeneinander und sprechen ganz leise: »Nun, glauben Sie das, Graf! Ich werde also ruhig abwarten, bis Sie von der Brüstung heruntergestiegen sind, und bis wir ganz allein sind, und spätestens übermorgen dürften wir eine etwas kompliziertere Begegnung haben.« »Er hört mir ohne eine Spur von Erregung höflich zu. – »Die Gesetze über das Duell sind hier zu Lande sehr streng. Ich habe keine Angst vor Ihnen, Baron. Aber ich versichere Ihnen auf die Gefahr hin, ein Feigling zu scheinen, daß ich weder Sie noch die Frau beleidigen wollte. Lassen wir also den Skandal! – Denn der Skandal wäre den meisten Leuten doch nur ein Beweis, daß ich mit meiner Vermutung recht gehabt.« Er hat recht. Ich schweige also verbissen. Die Pseudomoral der Gesellschaft hat eben etwas so Perfides, daß man sich nicht einmal mehr für die Ehre der reinsten und angebetetsten Frau schießen darf, weil man sie dadurch erst recht beschmutzen würde. Der Graf springt ganz ruhig zur Erde und sägt: »Sie sind ein Künstler von Welt, ich bin ein Nichtsthuer von Welt. Sagen Sie, ist der Verdacht so entwürdigend, in intimen Beziehungen zur reizenden Frau eines andern gestanden zu haben? Sie sollten sich vielmehr über den Verdacht freuen – er ist ein Kompliment... Oder sind Sie im Grunde Ihres Herzens doch ein Idealist, was ich in Ihrem eignen Interesse nicht hoffe? Das wäre nämlich sehr thöricht. Man darf nie die Absicht haben, mit einer Frau durchzugehen, sondern nur den Wunsch, sich mit ihr zu amüsieren. Meinem Vetter scheinen die Eigenschaften zum legitimen Amüsement zu fehlen, also muß es ein andrer für ihn thun. Das Institut der Ehe erschien mir niemals lächerlicher, als wenn ich die beiden Leutchen miteinander stehen sah – aber die Heiligkeit des Institutes steht trotzdem für mich und für sie fest. Diese Heiligkeit scheint vor allem meiner Cousine festzustehen. Man kann ihr nämlich nicht das geringste nachsagen – sie ist wohl eine von den außerordentlich seltenen Frauen der Gesellschaft, die ein tiefes und, wenn Sie wollen, auch keusches Empfinden mitbekam und den Instinkt der Treue außerdem. Ihre Ehe brachte sie in eine Zwitterstellung. Sie suchte einen entsprechenden Mann und fand nur einen eifrigen Antiquitätensammler. Nun kämpft illegitimes Empfinden vielleicht schon lange mit der legitimen Treue. Ich bin neugierig auf das Resultat. Ich fürchte nur, daß sich das eine an dem andern aufbrauchen wird. Beides ist stark, wo eins stärker sein sollte. Mein Vetter selbst kommt nie auf den naheliegenden Gedanken, auf den seine Umgebung sofort kommt. Vielleicht ist er auch der Wissendere. – Die Treue ist angezüchteter Instinkt, das Gefühl angeborener. Mein Vetter steht auf seiten des angezüchteten. Helfen Sie also dem angeborenen zum Sieg, und Sie thun damit wahrscheinlich ein gutes Werk!... Es ist paradox, was ich jetzt sage: ›Springt meine Cousine einmal öffentlich über die sogenannte Schranke, so weiß ich noch nicht, ob ich sie weiterhin grüßen werde, hochachten werde ich sie dann unter allen Umständen.‹ Es kommt nämlich noch sehr darauf an, ob ihr im Leben an dem Gruß oder an der Achtung mehr gelegen ist. Ich fürchte, an dem Gruß.« Ich vermag darauf nichts zu erwidern, so sehr es mich empört. Es ist alles so klar und so geistreich gesagt, die Lebensauffassung beinahe jeder Gesellschaft so lächelnd anerkannt und so lächelnd verachtet, daß man eigentlich selbst nur lächeln kann. – Stelle Dir, Gert, diese Unterhaltung vor – an einem leichtbewölkten, warmen Rivieratage, auf einer Schloßterrasse, fünf Schritte von der Gesellschaft, über deren traurige Ehemoral man damit den Stab bricht. Der Duc brauchte nur sein seines Jägergehör etwas anzustrengen, die Herzogin ihre intime Unterhaltung einen Augenblick ruhen zu lassen – und dann, ja dann... Aber keine Befürchtungen! Niemand hört's. Wen die Götter begnaden wollen, den schützen sie eben nicht mit Blindheit allein, sondern auch mit Taubheit... Denke Dir nur das Wunderbare, Gert, daß der Herzog einen einzigen Satz erhaschte, mir mißtraute, nach einigen Tagen den kleinen Wortwechsel herbeiführte, nach dem die Vertreter zweier Weltanschauungen durch ein Gottesurteil (auch eine gesellschaftliche Thorheit, von der man nicht los kann) ausmachen, wer ein Recht auf Leben und Glück hat und wer nicht!...So geht wohl manchmal der Tod oder das Verbrechen stumm an uns vorüber, ohne daß wir es ahnen. Die Verbrechen sind übrigens viel älter als die Gesetze, welche sie ahnden wollen. Das gäbe auch zu denken Über die unbewußte, große Moral aller Triebe und die kleine, künstliche aller gesellschaftlichen Abdämmungen. Vielleicht gäb's auf der Welt weniger Grund zum Verbrechen, wenn's weniger Gesetze gäbe zum Ueberschreiten. * Der Besuch blieb Wochen. Ich hatte mich so vor diesen Fremden gefürchtet, vor dem ewigen Sport und der höflichen Langweile. (Die drei Yachtmen können so bleiben. Sie werden sich um Frauen nur kümmern, wenn kein Segelboot in Sehnähe.) Dafür verhilft mir die alte Jungfer unwissentlich zu Rendezvous, wo sie der Bärenführer. Sie liebt die Adoptivnichte leidenschaftlich, aber mit jener kritiklosen Tantenliebe, für die unschuldige Mädchen niemals zu alles wissenden Frauen sich auswachsen. Darum sieht die Gute auch sehr seelenruhig, sogar mit Behagen meine Courmacherei, die sie an eigne Tanzstunden erinnern mag und Backfischbälle. Außerdem bin ich ja Idealist – der Maler der »Liebe«, der alles nur in seinen Künstler-Phantasien erlebt oder alles längst hinter sich hat. Und daß wir beide dagegen schon weit – so weit sind! Sie würde weinen über das Schreckliche. Das ist ja eben so urkomisch. Vor einem Bilde das tief innere Erschauern, du heilige Zorn, in jeder ernsten Unterhaltung das Urteil einer Frau von Herz und Verstand – und in der Wirklichkeit wäre sie vielleicht die erste, die Félicie steinigte, wenn sie ihr eines Tages erklären sollte: »Ich liebe einen andern, weil ich meinen Mann nicht lieben kann!« Man könnte wiederum bitter lächeln über dieses Mißverhältnis von Theorie und Praxis, von Wort und That im gesellschaftlichen Leben. Auch der freieste Geist wird dürrer Philister, wenn die gewohnte Tabakspfeife nicht ziehen will. – Ich möchte ganz gern so nüchtern denken. In dieser Beziehung ist mir der Graf der beste Freund. Er hebt von allen Dingen lächelnd den Schleier. Wenn die Welt wirklich so trostlos nüchtern wäre, wie sie dieser mit krankhafter Manie an Abgründen wandelnde Dandy auffaßt? Danach hätte ja weiter nichts mehr Kraft, als die Gewohnheit und allenfalls noch der Tod. Und mich reißt diese Philosophie nicht mit, zu der ich doch auch neige! Das große Gefühl erhebt sich wild dagegen. Es ist wie der tierische Egoismus alles Lebendigen, das sich auch kein Stück seiner starken Daseinsfreude freiwillig entreißen läßt... Je schneller der Karren herabgleitet, je verbissener klammere ich mich an ihn. Ich glaube, weil ich glauben will! Und aller Vernunftschlüsse spottend, sagt das große Gefühl: »Halt fest! Es giebt noch Götter, und darum giebt's auch noch Wunder.« Wie ein Kind in seiner gläubigen Herzensangst, so bete ich manchmal zu Gott. Ich schäme mich des Gebets, weil es eigentlich so feige ist, aber ich bete doch. Ich bete unklar, verbissen. Ich bete nicht um den Tod, sondern um das Leben ... Und indessen rollt der Karren immer schneller seiner Wüste zu. Dreizehntes Kapitel. Noch einmal der holde Schleier! Heute empfahl sich der Besuch sämtlich. Sie wollen mit dem Herzog zu den Regatten nach Nizza. Wir waren alle auf der Bahn. Als das Break unter dem goldenen Herzogshute durchbog, sah der Graf mit den Sammetaugen vielsagend empor zu der blinkenden Wappenzier. »Das Gold verwäscht sich, Charles. Der altehrwürdige Glanzhut bekommt schwarze Flecke. Und er ist doch nicht mal so uralt.« Der Herzog runzelte die Stirn. »Du hast recht, Edmond, aber ich sehe es erst jetzt. Und ich habe doch so scharfe Augen!« »Scharfe Augen? – Ach was!« Félicie und ich sahen bei dem ironischen »Ach was!« aneinander vorüber ins Weite. Der Graf weiß alles – aber er ist keine Kammerdienernatur. Einen Moment glaubt' ich sogar den tückischen Blitz des Mißtrauens in gewissen matten Augen aufflammen zu sehen. Ich irrte mich. Vielleicht hat's der Duc auch gar nicht nötig. Nun ist alles glücklich vorüber: der falsche Händedruck – der konventionelle Kuß – das letzte Wölkchen der Lokomotive in dem Olivenhang dort... Félicie und ich sind allein zurückgeblieben. Es gilt eine letzte Galgenfrist von acht Tagen, die uns das Schicksal in unbegreiflicher Großmut gewährt. Wir stehen noch auf dem Perron, obgleich der Rauch längst verflogen. Wir finden keine Worte. Wir sehen uns nur an. – Sie war doch ein furchtbarer Zwang, diese Besuchsära, wohlthätig auch, weil sich der Gesellschaftsmensch wohl oder übel finden mußte. Jetzt erst spüre ich die Abspannung, die Mattigkeit. Ich hätte eine rasende Lust, Félicie zu bitten, sich einen Augenblick auf die alte Holzbank da zu setzen. Ich möchte vor ihr knieen, mein Kopf sollte auf ihrem Schoß ruhen, und sie müßte die kühlen, weißen Hände um meine Schläfen legen. – Ich bin nämlich sehr 'runter im Gemüt, Gert! Félicie ist trotz aller Schwäche doch viel stärker als ich. »Kommen Sie, Mein Freund! Denken Sie, es wäre alles wie früher. Wir wollen den alten Weg auch noch einmal gehen ... Der Himmel meint's doch gut mit uns. Ich habe bis zum letzten Augenblick eine bebende Angst gehabt, er könne zurückbleiben oder uns die Tante als garde d'honneur lassen... Sie wissen, mein Freund, daß wir spätestens in vierzehn Tagen reisen? – So haben wir uns wenigstens noch einmal... Nein, wir wollen nicht an den Abschied denken! Man denkt ja auch nicht immer an den Tod, der auch unabänderlich ist. Kommen Sie, seien Sie froh! Ich habe Sie ja noch immer so lieb, mein Freund!« »Sag: ich habe dich noch immer so lieb.« Sie kraust die schmale Braue. Dann flüstert sie doch: »Ich habe dich ja so lieb, Rolf!« Sie errötet dabei und schämt sich wie ein junges Mädchen. Sie enteilt mir sogar. An der Ausgangspforte steht der Stationsvorsteher. Sie spricht italienisch mit ihm und lächelt ihm zu wie einem alten Bekannten. Sie ist wieder so jung, so anmutig!... Dann gehen wir unsre Küstenstraße. Wir kennen all die lieben Punkte noch sehr gut und suchen sie auf. Wo alte Fischerboote auf den Strand gezogen liegen, bleibt Félicie stehen und sieht mich an. Es sind so schrecklich alte, morsche Boote, und der Seesand ist hier so grob und tief und der Seegeruch so faulig – aber hier war es gerade, wo sie mir ein erstes Mal die Hand zum Kusse ließ, weil ich sie darum bat. Zwischen Handschuh und Armband küßte ich die. Ich sehe noch die Stelle auf dem weichen Gelenk, ich fühle die duftende Haut – und wie mir diese geliebte Hand in plötzlicher Scham entrissen wurde. Ach, wir erinnern uns an alles so gern! ... Wir plaudern, wir lachen, wir halten uns schadlos für die grauen Wochen der Trennung. Zuweilen schauen wir uns um wie zwei Verbrecher. Aber der schwielige Esel, der vor seinem Karren auf der weißen Küstenstraße trottet, verrät so wenig etwas, wie der singende Fuhrmann... Auch auf der Klippe waren wir. Wir saßen auf dem Geröll und sahen die Brandung spielen und das lichtblaue Meer im Sonnenglanz funkeln. Der Klippe hat der große Sturm wenig, gethan. Heut reicht mir Félicie freiwillig die Hand. Ich darf den Handschuh zurückstreifen und die kühle Handfläche küssen. Es ist wunderhübsch, so in der heißen Rivierasonne zu ruhen, die eine frische Brise angenehm kühlt... Alle Wege an Félicies Seite sind mir immer kurz und sonnig. Fast zwei Meilen– ein Spazierweg, der selbst dem rüstigen Fußgänger lang wird. Félicie ist wohl etwas abgespannt, ich aber könnte so bis zum Abend wandern, und auch der Todmüde würde immer ganz erfrischt sein durch einen Kuß auf diese weiße Hand. Im Schloß war's still. Vom Pferdestall klirrten leise die Halfterketten. Félicie ging rasch die Burgtreppe voran. Es war überall so dumpf kühl, so einladend zur Rast, namentlich die gotische Halle. Aber die geliebte Frau blieb nicht, wie ich hoffte. Sie schritt weiter durch die Ahnengalerie, achtlos an den matten Lièges vorüber; und ich war gehorsam. Erst vor dem Toilettenzimmer hält sie, horcht gespannt. Dann winkt sie mir. Die Thür öffnet sich geräuschlos – die Thür schließt sich. Ich sauge begierig den weichen Duft dieses heiligen Raumes ein. »Aber bitte, nicht weiter, mein Freund!« Dabei wirft sie den Hut mit einer raschen Bewegung auf den Tisch. Und plötzlich umarmt sie mich so fest und so süß – ein langer, weicher Kuß von ängstlich zitternden Lippen... »Jetzt gehen Sie wieder! – Ich bin verloren, wenn uns jemand auch nur ahnt.« Beim Frühstück sind wir allein – der Diener ist beurlaubt. Félicie trägt wieder das seegrüne Kleid und den seegrünen Strohhut. Es ist wieder der Traum – die Zauberinsel – die Fee. Den Nachmittag auf dem Balkon dehnen wir bis zur Abendkühle aus. Es ist gefährlich für das Herz, thöricht gegenüber den Dienstboten. Aber Félicie will nun einmal nach so vielen Entbehrungen mich wieder ganz glücklich sehen, in meinen leuchtenden Augen lesen, daß sie noch immer die Königin. Tip ist auch dabei – er knurrt nicht mehr, er hat sich ergeben, er sieht uns nur melancholisch einen nach dem andern an, als wollte er sagen: ›Wie soll das nun eigentlich enden zwischen euch beiden? Ihr thut, als wenn es der Sonnenaufgang des Glückes wäre. Und es ist doch der Sonnenuntergang!‹ »Félicie streichelt ihn: »Bist du endlich bekehrt, mein Tier? Begreifst du jetzt, daß ich deinen Herrn nicht, unglücklich, sondern glücklich machen will? – Du wirst mich einmal verteidigen, wenn er undankbar die Abwesende beleidigen, verachten sollte – nicht wahr?« Sie glaubt's wohl selbst, daß solch warmer Sonnenuntergang mich glücklich machen muß ... Dann gingen wir noch mit dem sinkenden Tage in den Park, wo der Lorbeer geheimnisvoll raunte und die roten Tulpen heller leuchteten im scheidenden Licht... »Ich fühle mich heute gar nicht sündig, mein Freund! Ich gebe Ihnen, was der andre gar nicht entbehrt, und erkaufe ganz bewußt einen kurzen Sonnenblick mit einer langen Nacht. Ich weiß es ja nur zu gut, daß es in vierzehn Tagen vorüber ist! ... Thut Ihnen die Sonne aber auch gut, mein Freund?... Ich habe ganz die Empfindung, daß ich mich von traurigen Gedanken nicht übermannen lassen darf, daß unser Abschied die hellste und weheste Erinnerung unsers Lebens sein muß.« Wir sitzen auf der Felsbank und sehen die Sonne verglühen. Das scharfe italienische Licht vorn, und hinten die tiefen Schatten. Wie rosiger Dunst wallt's über den Wassern. Die Natur ist ein keusches Wunder. Der Himmel könnte sich aufthun im Augenblick und auch mir das Wunderbare bescheren. – Er beschert's nicht. – Ich will weich werden und schwermütig, wie so alles mählich in den Dunst versinkt und mein Liebestraum mit. Aber Félicie läßt es nicht. »Und nicht wahr. Sie werden auch etwas für Ihre Kunst aus diesem Park, aus diesem Schloß mitnehmen?« »Wenn mir einmal wieder die Flügel wachsen.« »Aber sie werden Ihnen wachsen! Ich habe gar keine Angst... In einem Jahr bin ich vergessen.« »Félicie!« – Die geliebte Frau weiß so gut wie ich, daß dies niemals geschehen kann, daß ich höchstens einmal verzweifelt von einem ganz großen zu einem ganz kleinen Gefühle flüchten könnte, wie es so manche thun, deren Ekel wir nicht kennen, deren Resignation wir nicht ahnen. Manche mögen dann glauben, das sei das echte Glück – man selbst glaubt's vielleicht auch ... Vielleicht zeigt mir der Spiegel auch mal nach Jahren so einen Glücklichen, wie er vor der Trauung die weiße Binde über dem Frackhemd pedantisch knüpft. Ich denke gerade in diesem Augenblicke an diese Möglichkeit und sehe genau die schlaffe Falte um meine herabgezogenen Mundwinkel zittern. – Nein! Es soll ein hochmütiger Mund sein, mit einem scharfen Zucken, der das Leben endlich nimmt, wie es ist – eine beißende Satire auf jedes große Gefühl. Und Félicie sieht die Wolken und verscheucht sie. »Sie dürfen nicht traurig sein, mein Freund!« – Sie lächelt, sie schmeichelt. Ihr thut der arme Falter so leid, der ins Licht geflogen. » Mais nous sommes mariés, mariés, mon ami! « Und bei dem Lächeln und bei dem weichen Laut dieser geliebten Stimme schwindet die Traurigkeit, schwinden die Gedanken. Ich träume, weil mir nichts andres übrig bleibt, sie träumt, weil sie will. – Die Gute, Kluge ist sie – der unklare Thor ich ... Ich hoffe noch immer auf das Wunder, weil ein großes Gefühl doch ein Recht auf das Wunder haben muß. Mir ist, als wollte ich nach einem fernen, schönen Lande segeln. Sie aber steuert. Sie läßt mich in meinem Traum und segelt doch dem Hafen zu, dem Hafen, den sie noch sehr wohl sieht. Es ist der Hafen der Tradition, aus dem wir ausgefahren. Aber sie möchte mir wiederum für kein Gut die schöne, ruhige Fahrt dahin auf klaren Wogen verkümmern ... Seit der Sturmnacht haben sich die Zeiten geändert. Bis dahin steuerte mein großes Gefühl und riß die Widerwillige mit... Und jetzt? – Félicie wird mir auf dieser Fahrt alles geben, was ich nur wünschen kann, ja sie wird vielleicht großherzig viel mehr thun, als ihr Gewissen nötig hat. Sie weiß, daß der Hafen nah, und daß wir uns bald trennen. Und während ich noch wähne, ein großes Gefühl reißt sie doch in eine große, ungewisse Zukunft, fühlt uns schon ein milder West unaufhaltsam in die kleine Bucht zurück. * So sind die Gedanken des Tages – da bannt der Zauber. Jetzt kommen die Gedanken der Nacht, nachdem der letzte Gruß hinter der Portiere verklungen. Da werde ich mutlos, verzweifelt, weil mich die Tradition wieder mit den dicken, grauen Mauern des Sarazenenschlosses in meinem Atelier umstarrt. Oder der Groll kommt, die Empörung über das blödsinnige Schicksal, das mir eine Paradiesesfrucht nur schenkt, um sie mir zu nehmen. Dann werde ich ungerecht auch gegen meine Heilige, nenne sie schwach, eitel, unfähig, ein großes Gefühl zu begreifen. Und vielleicht ringt sie auch, stärker, stummer – und zeigt mir das lächelnde Gesicht nur, um mich nicht durch das verzweifelte zu betrüben. Das ist das Auf- und Niederwogen der Gefühle, ohne das eine heiße Liebe nun einmal nicht denkbar. – Ich weiß doch, daß Félicie gut ist, daß sie mich versteht wie keine, daß sie mit mir leidet. Dennoch bleibt mir nach einem lächerlich kurzen Fieberschlaf am Morgen nur der bittere Nachgeschmack genossener Freuden. Ich verstehe mich selbst nicht. – Ich stehe spät auf, ich meide die Halle, ich sitze bis zum Frühstück in meinem Atelier, den Kopf in die Hand gestützt, stier dieselben bösen Gedanken denkend. Ich weiß, daß eine geliebte Frau unruhig auf mich wartet, daß meine Laune ihr Herz kränkt, ihr reines Gefühl beschmutzt. Ich weiß, daß mit jeder Sekunde des Grams zugleich eine Sekunde des Glücks enteilt. Aber ich bleibe starrsinnig – ich will die Gute quälen... Quäle ich sie wirklich nur aus Eigensinn und um nichts? – Ich quäle mich doch viel mehr mit meiner unverständlichen Laune. Es klopft hinter der Portiere. – Ich antworte nicht. Es klopft an der Thür – ich rühre mich nicht. Es klopft erst leise, dann nervös, dann zornig, dann verzweifelt. Ich liege auf der Ottomane und beiße die Lippen zusammen, weil mir der unedle Kampf mit der Güte einer Frau zu viel Weh macht. Und ich denke wohl: »wenn sie mich liebt, hat sie auch Mut, und wenn sie Mut hat, kommt sie auch herein.« – Aber sie kommt nicht herein, der müde, weiche Fuß schleicht wieder weg. Die letzte Schranke des Anstandes – nie!... Und sie kommt doch wieder, klopft wieder. Ich höre es diesem Klopfen an, daß es aus großherziger Angst auch diese letzte Schranke zu überspringen fähig ist... Und da springe ich endlich selbst auf. Nein, nein, nicht das! Sie soll sich nicht erniedrigen, um mich dafür zu hassen und sich zu verachten. Sie soll das reine, edle Geschöpf bleiben, das sie, was auch kommen mag, innerlich doch immer ist. Wie ich heraustrete, sagt sie hastig und leise: »Warum kamen Sie nicht?« »Ich mag nicht, Félicie!« »Sind Sie krank?« »Nein.« »Sind Sie unglücklich?« »Ja.« »Das bin ich auch... Kommen Siel Quälen Sie mich doch nicht länger!« »Ich kann nicht, Félicie!« »Gut, dann haben Sie mich eben nie geliebt! Ich gehe.« Sie macht zwei Schritte. Dann kommt sie zurück. »Kommen Sie doch! Ich habe Sie ja so lieb!... Ich habe dich ja so lieb!... Sie wissen doch, wie schwer mir das Bitten wird, und wie der Weg vom Herzen zu den Lippen bei mir so weit ist!...« »Und wenn ich komme, Félicie, was hat's für einen Sinn? Es ist ja viel besser, wenn es so aufhört!« Das empört sie. »Also kommen Sie nicht! Aber ich könnte auch einmal etwas thun, was Sie nicht verantworten könnten.« Da muß ich die Entfliehende mit Gewalt zurückhalten. »Félicie, um Gottes willen keine Thorheiten! Sie wissen, wie ich leide, Sie wissen aber auch, daß das Glück eines so geliebten Geschöpfes unendlich wertvoller ist als das eigne.« Sie weiß das selbst so gut, aber sie lächelt jetzt nur mühsam. Von solchem Ringen bleibt doch der Stachel zurück: er will mich nur quälen. Ich komme natürlich... Aber erkläre Du mir, Gert, den psychologischen Zusammenhang! Ich, der ich mich nach dieser Frau sehne wie der Verdürstende nach der Quelle, vervollständige doch nur langsam meine Toilette, promeniere im Zimmer auf und ab, kämpfe bis zum letzten Augenblick mit dem Bleiben. Ich will bei Gott die Gute nicht quälen, ich will ihr kein Zugeständnis entreißen, was sie mir nicht freiwillig macht – ich empfinde aber unklar, daß ich jede Sonnenstunde mehr mit vielen Tagen der Finsternis dereinst büßen muß. – Sie hat mich auf eine Bank im Park bestellt. Ich sehe von meinem Fenster aus die anmutigen Bewegungen der Gehenden. Und zwischen dunkeln Laubgängen schimmert der helle Sonnenschirm, schwebt reizend der seegrüne Strohhut. Und mit der Liebe zur angebeteten Frau steigt mir die heimliche Wut gegen das Schicksal würgend in die Kehle. Und jetzt eile ich mich auch. Das Sarazenenschloß scheint ausgestorben, das heißt die Domestikenaugen spähen an allen Fenstern und horchen an allen Thüren. Félicie fürchtet das feige Klatschen des Souterrains mit Recht mehr, als die Eifersucht des eignen Mannes. Ich schlendere zuerst dahin, wie ein unentschlossener Nichtsthuer – eine kindliche Komödie, die niemand mehr täuscht, die ich aber doch noch fortführen muß. Endlich bin ich in einem Laubgang verschwunden. Der Sand knirscht unter dem eilenden Fuß. Jetzt die verschwiegene Bank. Das Nixengewand aus der Ferne leuchtend. Félicie erhebt sich, weil sie meine Nähe fühlt, und kommt auf mich zu. Sie ist nervös, ärgerlich. Das große Opalauge schimmert grün. »Endlich! – Warum müssen Sie immer so sein? Warum verbittern Sie mir alle Freuden? Ich verbittere Ihnen keine einzige... Mein Herz verträgt's nicht, ich bin krank... Eine andre, weniger Gütige hätte Sie hier nicht mehr erwartet!... Wollen Sie mir nun wenigstens den wahren Grund sagen? Was that ich Ihnen? Was nahmen Sie wieder übel?« »Ihnen nichts, Félicie!« »Wem sonst?« »Ich rechte mit Gott, mit den Menschen, mit der Riviera, ich rechte vor allem mit mir selbst! Es war doch der perfideste Schurkenstreich des Schicksals, der mich hierher brachte.« »Und das ist die Antwort auf alles, was ich Ihnen gegeben, geopfert, mein Herr? Ich schlafe jämmerlich. Ich darf keinem Menschen mehr ohne Scham ins Gesicht sehen.« Jetzt lächelt sie nicht, weil sie sich gekränkt fühlt. Und ich komme mir so eigensinnig und so albern vor. Ich müßte es doch sagen – und dann erscheint es mir wieder wie Roheit, sie endlich einmal vor die Alternative zu stellen: ›Gehörst du mir oder gehörst du ihm?‹ Das ist eben das Lähmende unklarer Verhältnisse, die Tyrannei der Gesellschaft, die über der Form den Inhalt vergißt ... Darum wiederhole ich nur: »Ich rechte ja nicht mit Ihnen, Félicie! Sie sind immer gut – Sie sind vielleicht zu gut!« »Ja, das scheint mir manchmal selbst,« antwortet sie gekränkt. Da sag' ich zum ersten Male: »Ja, warum bleibe ich? – Warum bin ich nicht schon längst gegangen? ...« Wir wandeln dabei langsam über den knirschenden Kies. Félicie schweigt lange. Mir ist, als wenn der weiche Zug sich härtete. »Nun gut – ich sehe auch ein, daß Sie recht haben. Es war ein Wahnsinn ... Ich taxierte allerdings immer die Männer falsch, ich glaubte auch von Ihnen, daß Sie einmal ruhig verzichten können, weil verzichtet werden muß ... Gehen Sie!« »Gehen jetzt – wo es viel zu spät ist?« »Dann geh' ich! Ich telegraphiere noch heute an meinen Mann ... Wenn ich, die ich Ihnen nur das Glück bringen wollte, nur das Unglück bringe! ... Da ist ja jede Sekunde Todsünde, die wir uns gegenseitig noch geben.« »Das hätten Sie lange wissen können, Félicie!« »Vielleicht hab' ich's gewußt oder wenigstens gefürchtet, mein Freund, und immer nur gezögert, weil ich Ihnen keine einzige Sekunde Sonnenschein rauben wollte. Ich habe damit etwas Thörichtes gethan. – Also gut, ich gehe ...« Und da sehe ich neben einer kleinen, eigensinnig entschlossenen Falte einen merkwürdig müden Zug um ihre Lippen schleichen. Sie kann auch nicht mehr; sie ist auch am Ende. Ich sollte sie aus Barmherzigkeit gehen lassen oder selbst gehen, aber ich kann nicht! Ich kann nicht im offenen Groll von dieser Frau scheiden, wenn es auch weit gesünder wäre für mein Gefühl, als die eigne, große Empfindung viel später da drüben matt verrinnen zu sehen. Ist das erst Thatsache – dann werde ich wohl den Mut finden zum Groll, wo es keinen Sinn mehr hat. Und ich sage nur feige: »Genießen wir den Tag – er ist ja bald zu Ende!... Es ist eben die Henkersmahlzeit, die ich genieße, und ohne die ich nicht sterben kann... Ich habe dich so geliebt, Félicie, wie du noch nie geliebt worden bist und nie geliebt werden wirst. Das ist mein Verhängnis.« »Ja, ja, mein Freund ...« und sie findet keine andre Antwort, sie will keine finden. Sie fürchtet gerade jetzt den Strom des Gefühls, der für ihr Empfinden immer etwas Häßliches, Abstoßendes hat, weil er zu heiß ist, zu ungebändigt. Er könnte sie am Ende doch noch aus ihrer Bucht herausreißen, hinausspülen ins uferlose Meer. Es ist ihre Natur so. Im Gründe versteht sie den wahnwitzigen Segler doch nicht, der immer wieder hinaus will, obgleich der Wind entgegen und der Hafen so sicher. Sie ist eben bei aller Güte, aller großherzigen Verschwendung weit klarer und zielbewußter als ich. Das liegt vielleicht in der Frau, in der andern Rasse, in der Tradition selbst. Ich freilich liebe die Schlachten nicht, wo man nach keckem Vorstoß in die Verteidigungsstellung zurückgeht, weil sie sicher. Der kleine Rückzug nach einem großen Kampf, das will mir nicht! Meine Sorte von Gefühl hält auf der Walstatt aus, solange sie noch einen einzigen Atemzug hat. – Ich werde einmal einen feigen Rückzug antreten, nachdem der Atem nutzlos verbraucht ist. Mir wird immer klarer, daß die Tradition viele Gefühle, und diese alle nur bis zu einem gewissen Grade verständig züchtet. Zu hoch oder zu einseitig zu züchten, so daß ein größeres Gefühl die großen überwuchert, das hieße Empörung eben gegen diese Tradition. An dem einen Gefühl hat die Tradition nie ein Interesse. Im eignen Hause den Empörer – nein, mein Freund! Der Herdeninstinkt leidet das nicht. Die sich gegen ihn auflehnen, gehen ja auch regelmäßig zu Grunde. Félicie ist sich über diese Gedankenkreise gewiß nicht klar. Sie hat dafür den Instinkt des Kommenden feiner als alle Frauen, die ich kenne. Und großherzig, wie sie doch ist, giebt sie gerade darum in diesem Abschied mir das Beste, was sie hat. Sie, die tastende, zagende Natur, giebt's ohne Besinnen ... Und der Thor hofft noch immer. Er hofft auf das Wunder. Die Bucht ist heute still, blau, tief – die Brandung kleine, silbrige Schaumperlen. Der Himmel lacht. Wir lassen uns von einem alten Fischer hinüberrudern, in einem alten Boot. Wir sehen uns an, und wir lächeln. Die Laune ist vorüber, die Qual auch. Wir genießen wieder einmal das Glück, dessen Schatten wir heut nicht sehen wollen. Félicie schlug gerade diese poetische Bootfahrt vor, weil sie mich glücklich machen will, weil sie glückliche Gesichter liebt. Es muß doch ein wundersames Gefühl sein bei Frauen, wenn sie so ihre Zauberkraft sehen!... Ob Frauen wie Félicie überhaupt wissen, daß sie zaubern können?... Ich habe ihr beim Hinabsteigen zum Strand klar gemacht, daß ich nie mehr kleinlich sein will, nie mehr launenhaft, daß ich sie nie mehr betrüben werde, weil man Menschen, die man liebt, nicht betrüben soll. Sie freut sich des Versprechens ... Das Traumland taucht uns wieder auf, und das Traumbild, sanft vergoldet von dem wehmütigen Schimmer, der Menschen und Dingen eigen vor dem grauen Adieu auf Nimmerwiedersehen. Wir wandeln durch das alte Grenznest, saugen den dumpfen Modergeruch der engen Straßen ein, wie eine liebe Erinnerung. Wir verschwenden Soldis, füttern verhungerte Hunde. Ich habe meine Cerini vergessen und das Portemonnaie auch. Die Herzogin selbst kauft mir in dem kleinen Tabaksladen ein Kästchen von den dünnen Zündfäden. Auf der Schachtel ist ein Hampelmann abgebildet. Das ist ein komischer Zufall, über den wir lächeln müssen, weil sie Hampelmänner doch gar nicht liebt. Wir lachen heute das lautlose Lachen, weil uns das laute vielleicht wehe thun würde. Wir geizen verständig mit der köstlichen Zeit – und sie entflieht doch! Alles weich, liebevoll, hellschimmernd, wie dieser Sonnentag mit seinem leisen Säuseln. Wir sind vielleicht so glücklich wie nie, weil wir gewiß sind, es bald nicht mehr zu sein. Das ist die wohlige Ruhe nach dem Sturm, die sanfte Urkraft, wo man sich nur Liebes thun möchte, weil man's als Erinnerung aufbewahren will für ein ganzes Leben. Ich glaube wohl selbst an diese schöne, weiche Erinnerung, wie ich auch wohl glaube, daß alles Geschehene einmal sanft und freundlich verblassen, versinken wird in einem schönen Vergessen. Es ist eben ein warmer, freundlicher Zauber, der uns umschlingt. – Wir stehen am Strand im Sand und sehen uns lächelnd an. Die Erinnerung so vieler schöner Tage geht über uns hin wie ein Traum, wir haben das Gefühl, als wenn wir selbst schon eine liebe Erinnerung wären. »Soll ich dir wieder das Nette sage«, Rolf? – Ich hab' dich lieb!« »Angebetete Félicie!« Sie errötet bei dem eignen Wort leicht und reizend wie immer. Es ist ein glückliches Erröten, weil mir das kleine Wort immer noch so wohlthut. Und meine Lippen zittern wie immer beim Flüstern des geliebten Namens ... Wir thun gut an dem allen. Die Sonne des Abschieds soll ja nicht stechen, sondern wärmen. In einem uralten, italienischen Mietswagen fahren wir zurück auf das Schloß. Es ist noch lange Zeit bis zum Diner. Wir gehen ins Musikzimmer. Félicie spielt mir ungebeten meinen Lieblings-Chopin, sie spielt so weich, so rein – es ist, als wenn die Töne fein und metallisch durch den Raum zitterten. Ich will ihr zum Dank die Hand küssen. Sie beut mir den Mund. Sie küßt mich – ich küsse sie. Wir sündigen anders wie sonst. Es ist alles so viel reiner, weicher in unserm Empfinden. Es ist wirklich etwas Schönes und auch etwas Sündloses, solch kluges Abschiednehmen vor der Zeit ... Ich küsse das tiefschwarze Haar, dessen Duft ich so liebe. Ich küsse den feinen Nacken, ich küsse die geschlossenen Augen, ich küsse die Wangen. Sie duldet's schalkhaft lächelnd. Sie sagt noch schelmisch: »Den Augenkuß hab' ich erfunden ... Erinnerst du dich noch an Alassio und die Eisenbahnfahrt?« »Ob ich mich erinnere, Félicie! Es war doch das Schönste.« »Ja, es war wohl das Schönste. – Aber wir hätten's noch klüger genießen sollen, mein Freund. Jetzt thut's mir fast leid, daß ich Ihnen so wenig gab, und das Wenige so zögernd. Ach, es war eine schöne Thorheit damals!... War es eigentlich Sünde? – Heute ist mir so, als hätten wir beiden nie gesündigt, als hätte das so sein müssen.« Ich möchte niederknieen, den geliebten Fuß zu küssen. Aber ich darf nicht knieen. Die Thür nach der Ahnengalerie steht ja aus Vorsicht offen, und wir müssen scharf passen auf den schleichenden Schritt des herzoglichen Kammerdieners... Die kleine Moral! – Zu guter Letzt entscheidet sie ja doch. Das sind die unwiederbringlich letzten Tage des Glücks. Der Tag eine einzige, warme Sonne – die Nacht das stumpfe Brüten... Ich hoffe noch immer auf das Wunder. Ich will mir nun einmal nicht klar machen, daß eigentlich nichts hoffnungsloser, als solch liebes Abschiednehmen. Uebermorgen ist auch das vorüber. Der Duc kommt. Er gönnt uns diesmal keine Gnadenfrist mehr. Vierzehntes Kapitel. Als das Telegramm kam – es war beim Diner, und die französische Unterhaltung floß gerade leicht, als könnte uns nie etwas trennen, weil uns nie etwas verband – zitterte Félicies Hand so stark, daß sie das Papier ungeöffnet neben den Teller legte. Nervenschwäche vor Dienstboten ist uns beiden gleich verhaßt. Erst beim Dinerkaffee, wo wir allein, las sie. »Er kommt schon morgen,« sagt sie tonlos. »Einmal muß er doch kommen!« antworte ich brüsk. Dann schweigen wir. Wir sehen auf einmal die drei letzten Wochen in einem scharfen Licht wie eine Komödie des Glücks, wo ich der Schwache und sie die Großherzige. Vorüber! – Zu meiner Schande sei's gesagt, ich bin beinah froh, daß es vorüber ist. Durch Félicies Herz fliegt ein stechender Schmerz. »Einmal im Leben hatte man das Glück ... nun ist das auch dahin... das Leben ist hoffentlich auch bald zu Ende.« Ich lache kurz auf. Sie fährt ruhig fort: »Ich bete täglich um den Tod, um die Erlösung. Was hab' ich denn vom Dasein? Es ist eine Lüge, eine häßliche Lüge, wo ich lächeln muß, wo ich weinen müßte... Und wenn man noch lange lebte? – O, ich will nicht leben!«... »Dann bete auch um meinen Tod, Félicie! Es wäre nur Barmherzigkeit. – Mein Gebet wird ja doch nicht erhört. Vielleicht ist deins stärker.« »Lästern Sie nicht, mein Freund!« »Lästere du nicht, Félicie!« Wir schweigen wieder. Das weiche Acetylenlicht gießt seinen Dämmerglanz über den Saal, die heiligen Glasmalereien gleißen. Ich sehe stumm ins Leere – ihre großen Augen irren ängstlich. Wir suchen wohl beide nach einem Ausweg. Aber wir gehen beide an der einzigen Pforte vorbei. Wir wissen nicht, ob sie verschlossen; wir tippen nicht einmal mit ängstlichem Finger auf den Drücker. Im Leben giebt's hauptsächlich verschlossene Thüren, die der Mutige sprengt, an denen der Feige vorbeischleicht. Ich kann nun einmal der Frau nicht sagen: ›Entflieh! Es soll nicht mit mir sein, nicht zu mir – aber entflieh! Mach dich frei mit List oder mit Gewalt!‹ Ich weiß genau, daß sie, die mit diesem Entschluß schon oft im Leben gerungen haben muß, mir doch unfehlbar antworten würde: ›Ich kann nicht, ich darf nicht, ich habe Pflichten!‹... Ihre Gründe dafür sind sicher stärker und mehr. Man hat eben nur einen einzigen Grund zur That. Zur Unterlassung findet jeder mehr und bessere, als der Meeressand Körner hat. Der Gedanke an die Flucht liegt doch schon zwischen uns, solange wir uns wirklich kennen, er schwebt vor uns, hinter uns, über uns – meinetwegen ein Schreckgespenst für den einen – für den andern eine Lichtgestalt. Aber er muß uns doch unaufhörlich umlauern, wenn wir nicht sündig spielende Kinder waren oder herzenskalte Genüßlinge des Augenblicks. So etwas wird nicht gesagt, weil es nicht gesagt zu werden braucht. Angetippt habe ich genug. Das Wort muß sie sagen, die so unvergleichlich viel mehr aufs Spiel setzt, und deren Gefühle die Kette der Tradition so schwer umklirrt. Und auch jetzt in dem Augenblick schwebt die Flucht mit dem dünnen Rauch der Zigarette zwischen uns. Und spräche ich das Wort, so würde sich das andre Herz gekränkt zusammenziehen, wehe Lippen würden flüstern: ›Ja, wenn du das von mir verlangst, so verstanden wir uns eben nie. Ich gebe dir doch das Menschenmögliche, ja das Unmögliche.‹ – Ich kann mich ja irren, ich schätze sie sicher nicht so hoch, als sie's verdient. Dennoch bringe ich's nicht über die Lippen. Soll ich abziehen wie ein begossener Pudel? – Denke dir, wenn sie es überhaupt nicht versteht, daß es Momente giebt, wo der gebrochene Eid Pflicht gegen sich, und der gehaltene Verbrechen auch gegen andre! Der Sturm liegt eben leider Gottes hinter uns. Es war vielleicht für mich nur der Sturm und für ihr Schiff der rettende Wind. Sie hat mir so oft gesagt, ich würde einmal die Frau verachten, die mir zu viel gab. Und wenn ich einmal die Frau dafür verachten müßte, daß sie mir zu wenig gab? ... Verachten, das ist ja Unsinn! Der eine sieht eben sein Heil im Vorwärtsstürmen, der andre im Rückzug. Die meisten Leute werden eben nie begreifen, daß seit Urzeiten unabänderlich Tradition und Revolution sich ablösen müssen, und daß alle Heiligen nicht das Martyrium des alten Glaubens, sondern das des neuen Glaubens trugen. Es kommt nur auf die bergeversetzende Kraft des Glaubens an, die siegende Größe des Gefühls. Wer sich aber sein Leben lang zwischen ein großes Gefühl und viele kleine Gefühle spannt, der ist kein Märtyrer, sondern der wird mit Recht gevierteilt ... Ich kenne bei allem Liebeswahn die Frau doch wohl besser, als sie selbst ahnt! Ihre Kraft liegt im Beharren. Und selbst, wenn sie mein großes Gefühl losrisse von dem Felsen der Tradition, so würde sie es mir nicht danken. Sie will gut sein, aber nicht stark!... Das Beharrende ist die Tradition. Und ich vermag noch immer auf das Wunder zu hoffen, weil ich mir sage: ›es kann weder der Wunsch noch das Interesse der Vorsehung sein, unser Bestes im Kampf ohne Resultat zu verbrauchen.‹ Ich habe mich in den Gedanken verbissen, der mich zuletzt sehr glücklich oder sehr unglücklich machen muß. Denn ich habe gar keine Lust, die Schar der Mittelmäßigen zu vermehren, die sich mit dem Kleinen begnügten, weil sie das Große nicht erlangen konnten. Man geht doch deswegen auf zwei Beinen, daß der Kopf nach oben schauen soll und nicht nach unten, wie bei den vierbeinigen Kollegen. An dieser Thatsache ändern alle Demut predigenden Religionen nichts. – Und ich werde unentwegt zu meiner Heiligen aufsehen, von ihren schönen Gliedern die Flecken waschen – die Flecken, die nur ich an ihr finde, weil ich ein Kleinmütiger, der auf jeder Lichtgestalt nun einmal die Schatten aus alter Gewohnheit sucht... Aber besser ein gläubiger Narr, als ein vernünftiger Feigling. Wir hatten uns bei dem Dinerkaffee über die Gebühr verspätet. Der Diener guckte zweimal verstohlen durch die Thür mit jener dreisten Dienstbotenfrage im Auge und der feigen Geschmeidigkeit in der Bewegung. Es sollte wohl so viel heißen: »Pardon, ich störe die Herrschaften! – Aber sind Sie nicht ein wenig unvorsichtig?' Wir stehen langsam auf. Félicie sagt müde lächelnd: »Sehen Sie, so ist unser letzter Abend, kein Glück, kein Stern! Draußen ist's auch grau. Es kann ja nicht anders sein ... Aber ich möchte Ihnen doch noch danken, mein Freund, für diese letzten Tage. Sie waren so gut, so liebenswürdig! Sie haben Wort gehalten und mich nicht mehr mit Ihren Stimmungen gequält. Jetzt kann ich es Ihnen auch ehrlich sagen: ich hätte es nicht länger ausgehalten ... Wenn man's so gut mit jemand meint und so leicht mißverstanden wird! Im Großen verstanden wir uns doch immer, nicht wahr? – Wir werden uns auch weiter so verstehen, wenn wir nichts mehr voneinander hören, als was die Zeitungen mir über Ihre neuen Bilder bringen und was Ihnen ein herzlicher Geburtstagswunsch sagt. Wir werden uns nicht vergessen, dessen bin ich sicher, wir haben ja die liebe, liebe Erinnerung. Die dürfen Sie mir nicht freventlich stören, mein Freund! Ich will ja nur Ihr Glück, nur Ihr Glück! ... Ich bin zum Leiden geboren und werde weiter leiden ... Nun schlafen Sie wohl – schlafen Sie wirklich mal eine Nacht, weil ich es möchte!« Ich küsse ihr die Hand – ich bin so stumpf. Ich gehe, sie bleibt. In der Thür noch ein letzter Blick von mir, ein wehmütiges Lächeln von ihr. Dann schrillt die elektrische Glocke. Ich höre noch, wie sie dem Diener einen gleichgültigen französischen Befehl giebt. Die Dame von Welt kennt ihre Pflichten. Das ist die Tradition, das Schloß. Nie in meinem Leben wurde mir die furchtbare Lüge unsrer Gesellschaft schmerzlicher klar, als in diesem gleichgültigen französischen Befehl. In meinem Zimmer breche ich zusammen. Es giebt ganz gewiß keine Wunder, Gert! Und ich flehe noch immer um das Wunder. So verwirrt eine einzige Frau auch den klarsten Köpfen den Sinn. Es mag so gegen halb elf gewesen sein – sobald ich allein bin, hab' ich kein Gefühl für die Zeit. Die bleierne Minute birgt mir dieselbe Qual als eine stumpfe Ewigkeit, so unterschiedlos reiht sich eines an das andre... Ich bin krank, ich bin sehr krank! – Also es klopfte. Ich dachte an das andre Klopfen. Und es durchzuckte mich weh. Dann aber stand ich ganz ruhig auf. Es kam ja von der andern Thür. Der Kammerdiener brachte mir einen Auftrag: »Die Frau Herzogin lassen den Herrn Baron in die Halle bitten zum Thee. Falls der Herr Baron aber müde, so bäte die Frau Herzogin, sich auf keinen Fall zu genieren.« »Ich danke. Ich komme sofort.« Diese abendliche Zusammenkunft ist eine Ungeheuerlichkeit. Stammt sie aus einem gütigen oder aus einem starken Entschluß? – Ich trete in die Halle. Ein einziger Kandelaber steht auf dem Tisch. Neben ihm dampft die japanische Theekanne. Félicie empfängt mich mit einem beinahe verlegenen Lächeln. »Félicie!« sage ich leise. Da wird sie nervös: »Sprechen Sie doch ruhig laut! Es ist weit besser, wenn man das Schlimmste hört, als wenn man das Schlimmste vermutet. Uebrigens ist der Diener im Souterrain. Heute horcht, er nicht. Zuweilen können meine Leute vor mir zittern, obgleich ich nie ein böses Wort sage. – Setzen Sie sich, mein Freund!... Ich habe lange mit mir gekämpft. Sie selbst finden diese Zusammenkunft vielleicht sonderbar. Aber der letzte Abend soll Ihnen noch einmal gehören. Meinem Mann werde ich es auch erzählen. Mag er etwas dabei finden oder nicht – ich will mir nicht den Vorwurf machen, Ihnen kleinlich etwas entzogen zu haben, was ich Ihnen großherzig doch geben konnte. – Aber Sie müssen heute so gut und liebenswürdig sein wie in den letzten Tagen!« – Sie schenkt mir mit matter Anmut Thee ein, hält das Streichholz zur Zigarette. – »Plaudern wir! Erzählen Sie mir etwas von Ihrem neuesten Bilde! Es muß unbedingt etwas Gutes werden, das Beste, was Sie je gemalt haben, weil ich Sie dazu inspiriert. Sie sind mir das gewissermaßen schuldig... Sie sprachen gestern auf der Bank etwas, wie Sie das Glück malen wollten. Wir kamen nicht weit. Erzählen Sie jetzt weiter! Ich höre Sie so gern erzählen ... Denken Sie noch an unsre erste Begegnung auf der Klippe? Da fiel's mir gleich auf, welch warmen Ton Sie in gewissen Momenten haben können. Wenn Sie spotten, liebe ich Sie noch heut nicht. Man möchte dann denken, Sie hätten nur Hochmut und kein Herz. Und ich weiß doch sehr genau, daß Sie bescheiden sein können und daß Sie tief und rein empfinden ... Also ...« Ich muß die Tasse hinsetzen, weil mir die Hand greisenhaft bebt. Ich beiße die Zähne zusammen und atme schwer. – Ich bin wahrhaftig kein Mann mehr, Gert! Ich spüre ein unendlich wehes Zucken in allen Gliedern, und während ich weit vornübergebeugt auf den Boden starre, kann ich nur den Kopf schütteln. Ich fühle die brennende Thräne in meinem Auge zittern – die schwere, große Thräne, gegen die jedes Mannes Scham verzweifelt ringt bis zur Grenze der Kraft. Félicie steht die Thräne und wird blaß. Sie leidet mit mir. Und doch mag wohl jede Frau zugleich den pathologischen Reiz solcher Erniedrigung vor ihrem Zauber empfinden. Sie wissen ja alle erst im letzten Moment, daß das Leben zuweilen auch bei uns eine Tragödie ist, wo die blutige Thräne aus dem Herzen quillt und nicht von den angenehm irritierten Nerven rieselt. Sie finden vielleicht alle solche Thränen schön und gut– und sie sollten doch selbst weinen, weinen über sich... Und ich presse zwischen den Zähnen durch: »Ich kann nicht, kann nicht. Malen – ich? – Das war einmal... Ich kann nicht mehr.« Darauf antwortet die Güte der Frau weich: »Mein Freund, ich leide ja auch – ich ringe ja auch – ich kann nur niemals das ganz sagen, was ich denke und fühle, wie andre Frauen. Ich darf's nicht – ich darf's wirklich nicht – ich darf's um Ihretwillen nicht! Und dann schäme ich mich so sehr... Seien Sie doch ruhig, mein Freund!... Kommen Sie, küssen Sie mich – küsse mich! Ich will dich wieder küssen, so oft du es verlangst. Es ist nicht etwa Güte oder Mitleid, wie Sie immer denken – ich thu's ja so gern, ich hab' dich ja so lieb!... Sie haben mir einmal gesagt: ein Kuß von mir sei die beste Arznei für Ihr Leiden...« Aber heute hat der Kuß nicht die bannende Kraft von sonst. Es ist auch ein andrer Kuß. Ich weiß nicht, wie's kommt: er ist brennend und kühl, lang und flüchtig zugleich. Wenn mir in dieser Stunde Félicie doch beim besten Willen nicht mehr zu geben vermag als das große, schöne Mitleid der Frau, das ich nicht will, das mich entehrt? – Ich will ihre heiße Liebe, nicht ihr warmes Mitleid. Herrgott, der Verschmachtende braucht doch den langen, köstlichen Trank, nicht den brennenden Tropfen! Was giebt sie mir heut mit ihren Lippen? – Ich fühle nur den brennenden Tropfen. Ich sehe in den großen Opalaugen bloß das ängstliche Flimmern, die ratlose Angst der Frau, die eine leichte Pfeilwunde gern heilt, aber bei dem Lanzenstich des Schwerverwundeten nur mit heimlichem Grauen das strömende Herzblut sieht und verzweifelt denkt: ›Das habe ich nicht gewollt, das habe ich nicht gewollt! Gott, warum machst du mich zur großen Sünderin, die ich eine freundliche Heilige sein wollte? Ich fühle ja so ganz anders als er. Der Mann verlangt, was ich ihm nie geben wollte, weil ich's doch nicht geben kann – mich selbst!‹ So stehen wohl immer die Frauen mit angstvoll gefalteten Händen vor einem großen Gefühl, das sie weckten. Ich klage ja auch die großherzige Thörin nicht an! Sie täuschte sich nur edel über ihr Gefühl für mich, weil das »Ueber den Durchschnitt« in unsrer Gesellschaft bei Männern nun einmal nicht gezüchtet wird. Und weil auch die besten unsrer Frauen sich gern herabwürdigen zum reizenden Spielzeug des Mannes. Die Frauen wissen's nicht anders. Sie betrügen oder werden betrogen. Und ängstlich hüten darum die Besten das zuckende Herz vor dem schweren Schlagen einer großen Leidenschaft. Sind denn solche Frauen so ganz anders geartet? Müssen sie alle erst zehnmal an sich selbst verzweifeln, ehe sie einen Mann begreifen, der um ihretwillen ein für allemal an allem verzweifelt? Und die Thräne rinnt mir über das Gesicht – die Thräne, deren sich der Mann doch schämt und deren sich der Mensch nicht schämen sollte. Ich wußte, daß dieser Ausbruch des Gefühls einmal kommen würde, aber ich hoffte immer, ich würde mich im einsamen Zimmer schweigend verbluten. Solche Ausbrüche sind nie ästhetisch. Die Frauen, die sie sehen, die werden entweder von der Flut mit fortgerissen oder sie weichen ernüchtert der schmutzigen Woge aus, damit das herbe Naß nicht ihren Fuß netzt. Wer solch überströmendem Gefühl vernünftig zusieht, der erkennt darin nur die Symptome des Wahnsinns. Und ich sage mit ineinander gekrampften Händen: »Was soll denn aus mir werden ohne dich, Félicie? Was nutzt die Komödie der guten Erziehung, der gemäßigten Gefühle? Was nutzt mir schließlich der Kuß, die Liebe, die Treue, wenn ein andrer, der deine Seele nicht besitzt, deinen Körper besitzt? – Ich kann nicht von Erinnerungen leben! Sie sind mir eine endlose Qual, ein ätzendes Gift, eine ewig eiternde Wunde. Für mich giebt es nur eine einzige, bittere Medizin: die Verachtung. Und ich ziehe das langsame Sterben doch dieser eklen Medizin vor. – Du sprichst mir von Glück, und daß du für mich betest und mir alles Gute wünschest, hier und im Jenseits. Begreifst du denn nicht, Weib, daß solch Gebet eine Beleidigung für dich ist, ein Hohn auf alles, was ich dir je gesagt oder je gedacht habe? – Das Glück bist du – du allein! Und wenn du gehst, so geht eben das Glück... Und wenn du einmal für deinen Tod betest, so bete zehnmal um meinen! Das ist keine Lästerung. Da steht denn Gott doch zu hoch, als daß er bei einer schweren Heimsuchung kleinlich abwöge. Und ich bange vor der Vergeltung da oben nicht. Wer die Last aufbürdet, nicht wer sie trägt, hat die Kraft des Lasttieres zu schätzen. Ihr nennt von eurem religiösen Standpunkt aus den Gedanken an Selbstmord feig. Ihr habt allerdings ein Recht dazu, denn ihr habt nie die echte Verzweiflung gewittert. Ihr habt noch immer so viel kleine Gefühle und kleine Tröstungen, daß ihr immer hoffärtig den über die Achsel anseht, der an einem großen Gefühl zu Grunde ging – an einem Gefühl, dessen ihr gar nicht fähig seid, weil ihr dessen nicht fähig sein wollt. Die großen Gefühle sind heiß, sie brennen. Darum zieht ihr die kleinen vor, die behaglich wärmen. Ihr habt eine schreckliche Angst vor dem eignen großen Gefühle, weil große Gefühle nie bequem sind, weil sie schmerzen. Ihr liebt sie auch bei andern nur im ersten, leichten Aufflackern und zieht euch entsetzt zurück, sobald ihr die Glut spürt. Euer Gefühl empfindet solche Glut wie eine Beleidigung. Darum könnt ihr im Leben auch nie verbrennen, ihr könnt höchstens erfrieren. Und wer euch die Wahrheit sagt, von dem wendet ihr euch gekränkt ab, er ist euch ein Undankbarer, der euch nie verstand«... Ich habe damals sicher viel mehr gesagt und zugleich viel weniger, wie es der Strom gerade gab. Jetzt ist er versiegt. Er verleugnete seine vulkanische Natur nicht. Eine nutzlose Eruption – eine nutzlose Quälerei für uns beide... Wenn der Don Quichotte die wütendsten Lufthiebe schlägt, während ein andrer von fern zusieht... Der Kampf hat nur Sinn, wo Schlag auf Schlag dröhnt. So wie ich ihn führte, mag er eine verzweifelte Aehnlichkeit haben mit einem vernünftigen Rasen, das irgend etwas erpressen will. – Ich will nichts erpressen! Ich sehe jetzt wieder auf den Boden. Ich bin dabei vielleicht unnatürlich ruhig. Ich sehe ja so deutlich den andern Kampf auf einem feinen Frauengesicht sich spiegeln. Ich thue dieser Frau herzlich leid, weil ich so schwer leide, ich mache ihr Qual, weil sie sich schuldig wähnt. Und wiederum war der Ausbruch so unmotiviert, der Strom so häßlich! Ihre harmonische Natur liebt temperierte Gefühle, nicht ungezähmte Instinkte, Sie hat die Abneigung der Aristokratin gegen dieses plebejische Zuviel und zugleich den Abscheu seinen Empfindens gegen ungewogene Worte. Sie möchte beleidigt aufstehen und sagen: ›Ich gehe ohne Verteidigung, mein Herr, weil ich sie nicht nötig habe.‹ Aber diese Frau, die mich stets verstand, die leiseste Herzensregung feinsinnig spürend, die große klug umgehend oder liebevoll eindämmend, hat mich noch zu lieb, als daß sie die Beleidigung tief, die Kränkung schwer nähme. Sie weiß auch, daß nur für Augenblicke ihr Zauber gehemmt war, und daß er in dem Moment wieder allmächtig, wo der häßliche Strom verflossen, der sie nicht erreichte. Sie will ja von mir im Frieden scheiden und nicht im Zorn. Sie will vor allem um keinen Preis noch einmal den Strom, dessen unreine Quelle sie doch in den Nerven sucht, wo sie die reine im Herzen suchen sollte... Ich sehe den Kampf der Gefühle, ich sehe auch die Ohnmacht des eignen Gefühls vor diesen Gefühlen. Das war alles einmal! Der Sturm ist vorbei, sie ist im Hafen. Und doch könnte sie noch jetzt großherzig sterben für mich. Aber leben für mich? – Nein, nein, da ist die Grenze. Das Opalauge zuckt noch einmal feindlich grün – dann wird es traurig. »Sie kränken mich, mein Freund, Sie beleidigen mich, Sie erniedrigen mich zu etwas, was ich wahrhaftig nicht bin. Sprechen Sie meinetwegen so zu einer Vollblutpariserin, deren Metier das Kokettieren und Verführen, oder zu einem Mädchen von der Straße, das es in ihrer Art auch nicht schlimmer weiß! Ich bin keine von beiden; ich bin – ich. Darum will ich nicht gekränkt sein, wo ich es doch sein dürfte. Ich verstehe Sie, mein Freund, weil ich Sie kenne... Ich hatte freilich gehofft, daß es einer solchen Auseinandersetzung zwischen uns nicht mehr brauchte. Ich liebe solche Auseinandersetzungen nicht, sie sind häßlich – und dennoch hab' ich sie vielleicht verschuldet... Wenn Sie mich am Ende doch nicht so verstehen, mein Freund, wie ich Sie verstehe? ... Ich sage Ihnen noch einmal: ›ich habe Sie lieb, ich bin Ihnen treu, ich werde Sie nicht vergessen!‹ – Das sollten Sie mir glauben, und damit sollten Sie zufrieden sein! Dafür beschimpfen Sie mich!... Aber ich nehme es Ihnen nicht übel. Ich leide – Sie leiden. Ueber das Mehr wollen wir nicht rechten. Besser von einem lieben Menschen Unrecht leiden, als einem lieben Menschen Unrecht thun!... Denken Sie noch daran, wie ich Ihnen vor Wochen einmal gesagt habe: ›Ich habe mich noch nie mit einem Mann innerlich so gut verstanden? – Das war keine Phrase! Denken Sie auch daran, wie Sie mir einmal sagten: ›Niemals hat eine Frau so den Künstler verstanden, so die geheimsten Neigungen des Menschen erraten?‹ – Das war auch ehrlich!... Wir haben überhaupt beide immer vornehm empfunden, und es ist sehr traurig, daß das Leben uns keine Gelegenheit gab, es in die That zu übersetzen. Wir hätten uns nur zum Guten erzogen! Davon bin ich noch heut überzeugt. Und ich muß wohl meine schweren Gründe haben, wenn ich Ihnen mit wehem Herzen sage: ›Dieser Traum ist in acht Tagen ausgeträumt.‹ – Ich gehöre Ihnen auch dann noch weiter, wenn ich Ihnen nicht mehr gehöre ... Sie mögen wähnen, ich hätte nie nachgesonnen, gezweifelt, gerungen. Ich hab's immer gethan, ich thu's vielleicht noch ... Aber es geht nicht, mein Freund, es geht nicht! – Hoffentlich kommen wir beide über die Trennung hinweg und sind uns dankbar, daß wir ein großes Gefühl nicht zu groß wachsen ließen. Von Ihnen bin ich es gewiß, von mir weiß ich es noch nicht... Sie haben mir heute am letzten Tage in bösen Worten gesagt, daß Sie ein Verschwender des Gefühls sind. Darauf antworte ich Ihnen: ›Sie verschwenden nicht!‹ Wer so wie Sie Liebe sucht, der wird auch so wie Sie Liebe finden. Ich habe Ihnen die Liebe so warm und so rein zurückgegeben, wie Sie sie mir gaben. Daß ich aber immer vor dem Zuviel gebangt habe, was Sie heimlich feige oder schwach nennen, das müssen Sie auch verstehen. Ich habe noch andre Pflichten als gegen mich selbst, und denen muß ich mich bewahren. – Ich hatte bis zu dem Augenblick gehofft. Sie könnten auch verzichten. Daß Sie das nicht können wollen, thut mir weh. Die Liebe muß auch verzichten können. Im Verzicht ist sie vielleicht am größten... Wenn Sie alles, was Sie vorhin gesagt haben, zusammenziehen, so heißt es ungefähr: ›Ich hätte mit einem großen Gefühle freventlich gespielt, und dafür müßten Sie mich eigentlich verachten.‹ Wenn Sie das Verachten glücklich macht – verachten Sie mich! Ich kann auch die Last noch tragen... Bitte, verteidigen Sie sich nicht, mein Freund!... Vielleicht haben Sie darin recht, daß ich Sie anders liebe, als Sie mich lieben. Worin der Unterschied bestehen soll, ist mir freilich nicht klar. Jedoch existiert er, so können wir beide nur unserm Gott danken, der uns jetzt mit Schmerzen wieder auseinanderführt. – Aber an dem letzten unsrer lieben, unvergeßlichen Tage, wo Sie mich durch Ihr Mißtrauen aufs tiefste kränken wollen, will gerade ich Ihnen den höchsten Beweis meines Vertrauens geben. »Sehen Sie noch einmal in der Ahnengalerie nach, ob niemand lauscht! ... »So, jetzt passen Sie genau auf!... Es ist eine lange, traurige Geschichte, die Sie über manches aufklären wird. Mir wird sie namenlos schwer. Aber gerade das soll Ihnen ein Beweis sein, was Sie mir sind... Ich habe nicht aus übermäßiger Liebe geheiratet. Das gehört ja weder in unsrer halbfranzöstschen noch in Ihrer ganz deutschen Gesellschaft unbedingt zur glücklichen Ehe. Aber ich war damals jung, reich, auffallend hübsch und natürlich sehr gefeiert. Ich habe wohl den oder jenen vorher ganz gern gehabt, auch von Unmöglichem geträumt. Ich habe wohl auch mit Männern gespielt: ein junges und hübsches Mädchen ist immer etwas kokett, aber ich hatte nicht einmal eine gewisse naive Freude an fremden Liebesqualen. Diese Qualen schauen ja meistens viel schlimmer aus als sie sind. O, meine Anbeter haben sich alle schon lange und beschämend schnell getröstet! Männer der Gesellschaft sterben nun einmal nicht an der Liebe, wie Sie ja auch wissen... So hab' ich also den Herzog von Lièges genommen – nicht etwa, weil er ein Herzog und reich, und der andre vielleicht nur Graf und wohlhabend – nein, er war passabel hübsch, passabel jung und unser Schloßnachbar. Sagen Sie auch meinetwegen: ›ich liebte ihn wirklich, weil er mich zu lieben schien‹. Das thut bei gleichen gegenseitigen Verhältnissen sehr viel, und die Ehen derart, die ich kenne, sind die glücklichsten... Allerdings, als der Siebzehnjährigen der Verlobungsring übergestreift wurde, und als dann die ersten Gratulationsequipagen auf die Rampe rollten, hatte ich zuweilen das unbehagliche Gefühl eines Vogels im goldenen Bauer. Den ersten Kuß hatte ich mir auch etwas anders vorgestellt. Der erste Kuß entscheidet für feiner Empfindende manchmal über das ganze Lebensglück. Es war ein konventioneller Kuß – und mein Mann küßt mich noch heutzutage ebenso – ich erwartete aber mehr... Ich hatte auch niemand zum Raten, das heißt alle rieten mir lebhaft zu. Und er hat mich geheiratet, wie er eine andre Frau auch geheiratet hätte... Das waren so meine schwankenden Gefühle in den Flitterwochen. Aber ich besitze nun einmal den Instinkt der Treue – ich kann stumm entsagen, ich kann auch lächelnd leiden. Ich wartete auf das Kind – ich wartete mit einer leidenschaftlichen Hoffnung auf das Kind... Das Kind kam auch... Ich sagte Ihnen schon einmal, in jener Zeit bis zu Renés Geburt hätte ich meinen Mann beinahe geliebt. Wer liebt nicht den Vater seines ersten Sohnes? – René war ein schwächliches, elendes Kind, das ich vielleicht gerade darum abgöttisch liebte. Ich hoffte – aber das Kind wurde nur älter und elender, es hatte selbst für die Mutter zuweilen etwas Fremdes, das mich stutzig machte. Es weinte nie und schlief immer. Und wenn es einmal die Augen aufmachte, so sah ich wohl meine eignen Augen mir schwermütig entgegenlächeln – schwermütig und etwas vorwurfsvoll auch, als wollten sie sagen: ›Wozu ruft ihr mich in eine Welt, in die ich nicht gehöre?‹... Ich fragte mich immer argwöhnisch: ›Wo hat das Kind die Schwäche her?‹ Ich machte mir bittere Vorwürfe, weil ich in der Zeit zu viel Gesellschaften mitgemacht. Ich sagte das auch meinem Mann, der mir lächelnd recht gab. Ich quälte mich, wie nur je eine Mutter – aber das Kind wurde dadurch nicht gesünder. Es konnte eigentlich nichts als schwermütig lächeln, was mir ins Herz schnitt. Die Aerzte untersuchten es, schüttelten den Kopf und redeten von rhachitischer Anlage. Wir hatten Ammen über Ammen – ich war wirklich nicht mehr Weltdame, sondern nur Mutter... Da sagte mir eines Tages unser alter Hausarzt: ›Fahren Sie doch einmal mit dem Kinde zu Charcot nach Paris, Frau Herzogin! Es handelt sich meiner Ansicht nach um schwere Nervenstörungen, aus denen ich nicht klug werde. Charcot ist der größte Spezialist derart.‹ – Darauf antwortete ich, von einem plötzlichen Mißtrauen ergriffen: ›Sie müssen mir aber vorher auf Ihr Wort versprechen, nicht an Charcot zu schreiben, mein Herr. Ich will ihn ganz inkognito konsultieren. Mich erkennt er auch sicher nicht mehr, denn er hat mich nur ein einziges Mal als Kind gestreichelt, als er kurz vor dem Tode meines Vaters bei uns in Brüssel war‹... Mein Mann war einverstanden. Er wunderte sich jetzt, daß wir diese Berühmtheit nicht eigentlich schon lange befragt hätten. Ich fuhr also nach Paris mit allem Hofstaat der besorgten Mutter: Jungfer, Diener, Kindermädchen. Aber in die Sprechstunde ging ich allein, das Kind auf dem Arm, wie eine kleine Bürgerfrau und auch ebenso angezogen. Ich hatte gar keine Angst vor den Seheraugen des großen Diagnostikers. – René hatte die Reise erfrischt, und er lächelte im Wartezimmer einem andern Kinde zu, das sehr gesund aussah, aber sehr krank sein sollte. So freundeten sich die Kinder von weitem an und streckten sich die Aermchen entgegen. Das andre war sicher ein gewöhnliches Kind, es machte mir ganz den Eindruck, als hätte es keinen Vater, nur eine geputzte Mutter. Aber ich habe ja den gemeinen Standeshochmut nie gekannt. Ich stand also mit meinem Kinde auf und ging hinüber zu dem fremden. Ich sprach auch freundlich mit der Mutter. Aber das that ich wohl mehr, weil es mich so kindisch freute, wie sich die Kleinen gegenseitig betasteten und neugierig anstarrten, und wie René vielleicht das erste Mal in seinem Leben einen Laut ausstieß, der an ein fröhliches Kinderlachen erinnerte. Und dann that es mir wieder weh, als die Frau mich fragte, wie alt René sei. Ich schämte mich fast zu sagen: ›über zwei Jahre‹ – weil der Junge noch so klein und jämmerlich und eigentlich ein lebendiger Vorwurf für die Mutter war, die ihm so wenig Kraft mitgegeben, obgleich sie ihn so sehr liebte... Die Erinnerung schmerzt mich unsagbar, mein Freund. Sie langweilt sie vielleicht. Aber ich muß Ihnen alles ganz genau erzählen, damit wir uns auch ganz verstehen. »Ich hatte mich auf stundenlanges Warten gefaßt gemacht. Aber ich kam bald an die Reihe, sogar vor der andern Frau, die mir das etwas übelnahm, da sie doch eher gekommen. Der Diener hatte doch wohl seinen Blick für die wirkliche Dame im einfachen Kleid und für die sogenannte Dame in der großen Robe. Als mich der berühmte Mann freundlich begrüßte – dabei ruhte sein Auge scharf musternd auf meiner ganzen Gestalt –, wurde mir doch etwas bänglich zu Mute. Ich ahnte irgend etwas... Der Arzt fragte mich nach dem Namen. Ich sagte einfach: »Lièges'. Kork kann doch schließlich jeder heißen. Dann untersuchte er das Kind genau, schüttelte erst leicht den Kopf – untersuchte weiter und schüttelte wieder. Er hatte dabei eine väterliche Art, die dem Kinde wohlthat. Er fragte mich dazwischen auch nach allen möglichen und unmöglichen Dingen, deren Notwendigkeit ich nicht begriff. Aber ich beantwortete alle Fragen – einfach und ehrlich. Jedoch manche waren so, daß sie mich fast kränkten. Ich haßte schon damals falsche Prüderie, wie ich jetzt bewußte Unzartheit hasse. Charcot untersuchte sogar mich, erkundigte sich, welche Krankheiten ich durchgemacht, wann und woran meine Eltern gestorben. Die Untersuchung meines eignen Körpers war mir beschämend, weil sie von häßlichem Argwohn oder beleidigendem Mißtrauen diktiert schien. Als sie abgeschlossen, meinte er freundlich: ›Machen Sie sich nicht etwa Gedanken, Madame! Sie sind zart, aber gesund!‹ Dann kam die Reihe an meinen Mann. Charcot hätte ihn selbst gern gesehen. Dafür wurde ich ausgefragt, wie von einem Untersuchungsrichter. Ich sage Ihnen, mein Freund, schreckliche Fragen darunter, die selbst dem Arzt zu beantworten ich mich schämte... Darauf schwieg Charcot eine ganze Weile. Ich sah auf seinem Gesichte die herbe Wahrheit mit einer barmherzigen Lüge kämpfend. Da sagte ich ihm: ›Mein Herr, sagen Sie mir alles! Ich kann alles vertragen, nur nicht die Ungewißheit, die mich töten würde. Es steht sehr schlecht mit dem Kinde?‹ – Da sah er mich fest an: ›Wenn Sie es durchaus wünschen, Madame – es steht allerdings sehr schlecht mit diesem Kinde.‹ – ›Muß es sterben?‹ – ›Einmal müssen wir ja alle sterben.‹ – ›Nein, ob es bald sterben muß oder ob es durch ein Wunder gesund werden kann?‹ – ›Madame, Sie stellen mich vor eine schwere Frage"‹ – ›Die ich aber ehrlich beantwortet haben will, mein Herr!‹– ›Nun, dann bitten Sie Gott, daß er dies Kind bald nimmt!‹ – Ich war einer Ohnmacht nahe, aber ich nahm alle meine Kräfte zusammen und sagte: ›Dann müssen Sie mir wenigstens erklären, warum gerade ich so etwas Entsetzliches wünschen soll.‹ – ›Weil Sie die Mutter sind, und weil Sie Ihr Kind lieb haben, und weil das Kind mit jedem Tage nur zu seiner und zu Ihrer Qual weiterleben kann. Es hat völlig degeneriertes Blut in den Adern... Es ist wahrlich eine Sünde, wenn solche Väter heiraten!‹... Da schluchzte ich selbst wie ein Kind, weil die Wahrheit zu furchtbar war. Der Arzt gab mir dann noch Verhaltungsmaßregeln und versuchte mich schließlich mit der Bemerkung zu trösten: die Wissenschaft sei ja keineswegs allwissend. Beim Weggehen legte ich ihm ein Hundertfrankbillet zusammengeknifft auf den Schreibtisch. Auf der Treppe holte mich der Diener noch einmal zurück. Der berühmte Mann vermutete, ich hätte mich in meiner Herzensangst in der Summe geirrt. – ›Nein, mein Herr, ich habe mich nicht geirrt!‹ – ›Pardon, Madame... ich verstand doch vorhin richtig: Lièges? Sollten Sie vielleicht mit den Herzögen von Lièges verwandt sein?‹ – ›Ich bin die Herzogin selbst.‹ – ›Ah so! Da kenne ich Sie schon sehr lange, Frau Herzogin. Ihr Gesicht kam mir gleich bekannt vor. Und ich erinnere mich jetzt genau eines bildschönen Kindes, das ich einmal in Brüssel beim Prinzen von Bragan sah. Das können nur Sie gewesen sein. Ich las dann später die Vermählung einer Bragan mit dem letzten Herzog von Lièges in einer Zeitung und gratulierte in Gedanken dem Herzog zu einer so schönen Frau ... Wenn ich das alles vorhin gewußt hätte – so war meine Diagnose doch wohl etwas zu hart und zu ehrlich. Es thut mir, wie gesagt, leid. Die Lièges brauchen nötig einen Erben. – Aber nein, nein! Es ist doch besser so. Ich durfte es Ihnen nicht ersparen. Ich muß Ihnen sogar hinzufügen: Hüten Sie sich vor einem zweiten Kinde! Es würde unbedingt das Schicksal des ersten teilen. Ihr Gatte, der Herzog, hätte nie heiraten sollen. Sie sagten mir zwar vorhin: er sei hübsch und jung, ein leidenschaftlicher Sportsman und habe keine Ahnung von dem Verhängnis – er hat aber doch das degenerierte Blut absterbender Geschlechter in seinen Adern. Ich kann Ihnen also nur wiederholen: Bitten Sie Gott, daß dieses Kind bald stirbt, und hüten Sie sich vor einem zweiten, Frau Herzogin. Wenn der Herzog mich vor seiner Ehe konsultiert hätte, würde ich ihm gesagt haben: Sie sind im Begriff, eine Sünde gegen den heiligen Geist zu begehen, und Sie sind auch im Begriff, eine Frau unglücklich zu machen... Ich fürchte, Frau Herzogin, daß Sie dieses alles Ihrem Gemahl nicht sagen werden oder nur andeutungsweise. Das mag zartfühlend sein, aber ich weiß nicht, ob es klug ist. Schon vorher lag mir ein sehr häßlicher Rat auf der Zunge... Aber solche Ehen sind wider die Natur, und Sie selbst werden in Zukunft schwer darunter leiden. Nerven und Herz verbessern solche Ehen nicht!‹... Er hat mir noch manches gesagt. Ich weiß es aber nicht mehr oder will es nicht mehr wissen. Ich habe im Augenblick nur das schreckliche Mitleid mit meinem armen Kinde... Aber ich will nicht lügen, damals fühlte ich vielleicht etwas andres viel stärker: den Widerwillen, ja den Haß gegen meinen Mann. »Auf der Straße unten erwarteten mich Jungfer und Mädchen. Ich schickte sie weg. Ich bin dann mit meinem Kinde ziellos durch Paris gelaufen. Erst auf den Boulevards, wo die Leute mich für verrückt gehalten haben mögen, dann im Bois de Boulogne, wo ich endlich todmatt auf einer einsamen Bank niedersank. Da habe ich geweint wie gepeitscht und dazwischen wie unsinnig das Kind geküßt. Ach, welche bittere Thränenflut das Taschentuch damals eingesogen hat! Ich war ja so unglücklich, so maßlos unglücklich ... Ich blieb noch Wochen in Paris bei meiner besten Freundin und jetzigen Schwägerin, der Marquise. Sie ist so gut und klug, und ich mußte jemand haben, ihm mein Herz auszuschütten. Sie hat mich auch getröstet und beschworen, in der Verzweiflung keinen thörichten Schritt zu thun, den ich doch bereuen würde. Ich hätte Pflichten den Bragans gegenüber und auch Pflichten gegenüber den Lièges, und der Himmel billige es nie, wenn sich zwei Menschen trennten, die er zusammengeführt. Der Priester sagte mir das auch. Und sie hatten ja so recht, die beiden!... Man darf nicht immer an sich selbst denken. Mein Bruder kam auf ein Telegramm hin nach Paris – mein Bruder, den ich so leidenschaftlich liebe. Die beiden waren damals noch nicht verlobt, aber sie hatten sich schon gern... Wie es weiterging, will ich nicht mehr erzählen. Ich kann auch nicht. Ich ging zu meinem Mann auf unser Schloß zurück. Ich habe ihm auch nicht alles gesagt, ich schämte mich – es war so häßlich – und er konnte doch auch nichts dafür. Er glaubt es noch heute nicht, daß sein Blut so degeneriert und alt. Seitdem leben wir beide nebeneinander her. Er hat nichts von mir. Aber ich kann ihm keine Untreue vorwerfen. Er liebt nach wie vor in mir, was er in mir geliebt hat: die Herzogin, die weiß, was sie der Gesellschaft schuldig ist, und die liebenswürdige Frau, die ihn nicht quält... Aber nun verstehen Sie auch, mein Freund, daß ich nur äußerlich meinem Mann treu sein kann und auch treu sein will. Die Abneigung besteht nach wie vor. Er wünscht sich auch gar nichts andres, als eine bequeme Ehe ohne Skandal. Ich bin den ganzen Winter über nur deshalb auf diesem Rivieraschlosse, weil ich dann wenigstens die Tage allein bin, wo er mit seiner Jacht manövriert. Er möchte mich schon mithaben auf See, aber ich will's nicht, und ich darf's auch nicht – ich habe mich hinter den Arzt gesteckt, der mein Herzleiden für gar nicht unbedenklich hält... Wer so etwas wie ich durchgemacht hat, der soll wohl nicht herzleidend werden!... »Nun hören Sie weiter! Ich habe mir in meinem Leben viel die Cour machen lassen, weniger aus Freude an Eroberungen als aus heimlichem Haß gegen meinen Mann. Ich habe bei der Gelegenheit viel nette Menschen gefunden, sogar sehr nette. Nichtwissende halten mich darum für leichtfertig oder oberflächlich, was ich aber nicht bin. Ich bin vielleicht nur eigensinnig. Und was ich einmal versprochen, das sehe ich trotz aller Anfechtung durch. Sie können ganz ruhig sein, mein Freund! Ich habe nie etwas Gemeines gethan, nicht mal gedacht. Und was ich zum Beispiel Ihnen an Gefühl gebe, das hat er gar nicht zu verlangen. Ich halte bei ihm aus, ich leide unter seiner Nähe, weil ich den Skandal scheue, und weil ich ihn nicht unglücklich machen will durch die Trennung. Das bin ich ihm und mir schuldig. Wenn er auch meine Krankheit bespöttelt, ist er doch die Rücksicht selbst. Er überläßt mir alles, erfüllt mir jeden Wunsch, quält mich nie mit Eifersuchtsanwandlungen, womit Sie auch die geliebteste Frau unfehlbar quälen würden. Dafür beuge ich mich unter den äußeren Zwang. Aber das ist ja nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist mein Bruder, die Familie, die Pflicht überhaupt, die man zu erfüllen hat. »Mein Freund, Sie müssen das verstehen. Sie müssen es!... Ich habe ja so gerungen – und ringe noch. Ich habe ja so viel hin und her gedacht – und denke noch... Ach Gott, wenn Sie ahnten, welch thörichte, unmögliche Träume ich Ihretwegen geträumt habe, mein Freund! Ich habe Sie auch noch immer lieb – ich träume noch immer... Und eigentlich bleibt mir doch nur die Hoffnung auf den Tod, um den ich sündig in jeder Frühmesse flehe...« (Sie sollte nicht um den Tod bitten, sondern um einen Entschluß, Gert! Wer wie sie zu lange und zu gewissenhaft abwägt, der verliert zu guter Letzt erst recht die Schätzung. Und wer immer erst sich und andre fragt, ob er über eine kleine Mauer springen darf, der wird auch über die kleinste nicht springen. Er will's vielleicht nicht mal. Er sieht ja in Wirklichkeit während seines ganzen Lebens immer nur zurück und fragt das anständige Gesindel, ob er springen darf – das anständige Gesindel, das das Gros jeder Gesellschaft ausmacht, und das gewiß nachts und heimlich über die höchsten Mauern klettert, aber beim Frühmorgen ebenso heimlich zurückkriecht. Wenn man die im Leben immer mit angstvollen Augen fragt und sich selbst auch noch mit denselben Bedenken, so wird man unfehlbar die Antwort bekommen: ›Brich gleich vom Start weg! Die Hindernisbahn ist nichts für dich. Galoppiere auf der Flachbahn weiter, sie ist nun einmal die vorgeschriebene, und es galoppiert sich da weit bequemer, obgleich das Geläuf bei Trockenheit zu hart und nach Regengüssen zu sumpfig, und obgleich es auch da gefährliche Maulwurfshaufen für todmüde Fesseln giebt.‹ Und der so Beratene geht seinen müden Galopp willig weiter, ohne sich eigentlich je ernstlich gefragt zu haben, ob das trainierte Sprunggelenk nicht doch zum großen Mauersprung gelangt hätte... Es langt auch nicht, Gert! Wer nun einmal der Märtyrer seiner eignen Schwäche bleiben will, den soll man nicht quälen.) Félicie soll selbst weiter sprechen. Gerade jetzt springt der eigensinnig entschlossene Zug um den weichen, edeln Mund auf: »Mein Freund, ich kann nicht weglaufen wie ein Bürgermädchen, von meinem Mann, aus diesem Schloß, aus der Gesellschaft – ich darf mich doch nicht selbst aufgeben! Meinem Mann würd' ich ein schweres Unrecht thun. – Er würde gar nicht mal den Grund dieses offenen Bruches begreifen. Und die Gesellschaft könnte dann mit Recht über mich die Achseln zucken. – – Aber gut – das will ich auf mich nehmen! Ich kenne die Gesellschaft denn doch zu gut, um nicht ohne ihre Achtung auskommen zu können, und das Unrecht an meinem Mann würde ich auch verwinden. Doch nun kommt mein Bruder! Schon seinetwegen darf mir der Gedanke an eine Flucht gar nicht kommen. Ich müßte es auf einen Prozeß ankommen lassen, auf einen schrecklichen Skandal, der jedes Zartgefühl tödlich verwunden muß. Und ein Prozeß – schrecklich! Nie, nie! Ich ertrüge ihn einfach nicht. Mein Bruder müßte mich auch verachten, wenn ich die Schmach eines solchen Skandals dem Braganschen Namen aufbürdete, statt würdig mein Schicksal zu tragen. Meine Schwägerin, die Marquise, würde mich nicht mehr ansehen und meinem Bruder umgehend den Absagebrief schicken, weil die beste Familie des Quartier St. Germain nun einmal die Fahnenflucht der Herzogin von Lièges nicht dulden darf. Ich würde zwei geliebte Menschen, die füreinander bestimmt sind, unfehlbar unglücklich machen mit meinem Egoismus. Und hätte ich das alles durchgesetzt und ginge mit Haß, Schmach, Verachtung beladen in irgend ein einsames Dorf – könnte ich dann je wieder froh werden? Die Reue, die Scham würden mich weit eher sterben lassen, als ich jetzt sterbe. Aber es wäre ein schrecklicher Tod, während so mein Tod ruhig sein wird. Ja, mein Freund, das habe ich mir alles in schlaflosen Nächten klar gemacht. – Und ich mußte doch alles, was ich an Glauben, Geschwisterliebe, Vernunft besitze, krampfhaft zusammennehmen, um nicht in feiger Verzweiflung aufzuspringen! ›Ich trage die Lüge dieser Ehe nicht mehr!‹ – Ich muß sie tragen, tragen solange ich kann. Das Aeußerste bleibt mir ja noch immer unbenommen. Und darum, mein Freund, hätten Sie, anstatt mich zu quälen, mich irre zu machen an Ihren Gefühlen, lieber vornehm sagen sollen: ›Sie leidet – sie leidet noch viel mehr als du. Darum will ich gern leiden... Wir haben ja noch immer die Erinnerung!‹... Habe ich nicht recht? – Ich bin die Unglücklichere, weil ich die Gefangene bin... Jetzt werden Sie ganz verstehen, warum ich mich vor dem überwuchernden Gefühl hüten muß, das uns beide nur unglücklich machen könnte... Ich fürchte das Gefühl noch immer. In jener Sturmnacht hätte es mich beinah bezwungen. Das wird Ihnen wohlthun, mein Freund, weil es Ihnen beweist, daß Sie kein Verschwender waren. Vielleicht verschwendete im Gegenteil ich – und Sie wollen es nur nicht verstehen – und ich bereue es noch bitter... Ich weiß manchmal doch nicht... Sind Sie zufrieden mit meiner Beichte?« »Ja, Félicie.« Ich würde dies »Ja« auch heute wiederholen. – Sie hat recht, ganz recht. – Ich habe recht, ganz recht. Es sind zwei Weltanschauungen. Weiter nichts... Ja, mon cher , weiter nichts! Ich könnte das Lachen Lears lachen, weiter nichts!... Wenn einem auf einmal klar wird, daß der ganze Kampf thöricht war. Von vornherein verloren für mich. Wir haben in Wirklichkeit nie miteinander oder füreinander gekämpft. Die Frau sagt: ›Die Gefühle haben recht.‹ Ich sage: ›Das Gefühl hat recht.‹ – Das eine ist vernünftige Ueberlieferung, das andre unvernünftige Empörung. – Wenn von zehn guten und edeln Gefühlen eins obstinat wird, da zwingen's die andern neune schon ganz von selbst. Diese Anlage ist Félicies Glück. – Aber wenn man nur ein Gefühl hat, ein einziges Gefühl? Und wenn man nicht anders kann? – Dann ist das ein Unglück, und man selbst ist ein Narr. Jetzt weißt Du, wie die Schlacht steht. Die Beichte hatte lange gedauert und das peinliche Schweigen hinterher auch. Wir wollten uns freundlich anlächeln – und es kam bloß ein wehmütiges Lächeln heraus... Vor dem Kamin steht noch immer »Die Liebe« auf ihrem rotsammetnen Postament. Der Kandelaber malt fahle, flackernde Lichter auf das Bild. Wir schauen nachdenklich zu. Es liegt doch eine furchtbare Wahrheit drin. Die Liebe, lächelnd über einen Sterbenden schreitend! – Ich kenne den Mann längst. Félicie kennt ihn auch. Aber es ist ja nur ein Bild – und sie ist darauf so schön – und lächelt so weh – und ist auch eine Sterbende... So sah ich's bis heut auch. Aber wie jetzt die Schatten und die Lichter über die Leinwand hinzittern, in dieser alten Halle, in dieser Mitternachtsstunde, nach dieser Beichte, da bekommen die Gestalten merkwürdiges Leben. Der Sterbende atmet schwerer, und die Frau lächelt weher... Ich sehe, wie Félicie plötzlich das seidene Tuch um die fröstelnde Schulter zusammenzieht – mir wird auch kalt. Unsre beiden Körper berührte in dem Augenblick etwas Graues, Eisiges: der Tod. Und der Tod starrt mich jetzt auch unverwandt aus den wunderbar lächelnden Frauenaugen an, in die ich einst die ganze Kraft meines Könnens gelegt hatte, ohne zu ahnen, daß die Augen den Tod für mich bedeuteten. Ich hätte das Bild doch le rire nennen sollen. – Aber an dem Lächeln dieser Augen sterbe nur ich. Fünfzehntes Kapitel. Der Herzog ist da. Er brachte mir herzliche Grüße vom Grafen. Sonst hat Freund Charles eine starke Pike auf diesen Vetter, der neulich mit lächelnder Ruhe ein großes Vermögen am Spieltisch gelassen hat – nicht etwa in einer Nacht, sondern in einer Stunde, mit so wahnsinnigen Sätzen pointierte er. Heut ist Mittwoch. Abreise: Sonntag oder Montag. Félicie hofft noch immer auf einen Aufschub – ich nicht mehr. Die Reise soll bis Barcelona auf der Jacht vor sich gehen. Von da gedenkt man auf interessanten Umwegen Biarritz zu erreichen. Zurzeit weilt dort die Braut-Marquise, deren Mutter in der Nähe dieses Modebades eine wundervolle Villa im Burgstil besitzt. Félicie kennt diese Villa und liebt sie wie alles, was mit dem Prinz-Bruder in irgend einem Zusammenhang sein könnte. Dort und nicht in Paris soll auch die demnächst zu feiernde Hochzeit sein. Die angebetete Frau freut sich seit vielen Monaten auf diesen großen Moment, wo » pour l'amour la mort « wieder zu Ehren kommt in dieser Liebesehe. Die Art, wie der Duc den ganzen Reiseplan besprach, machte mir sehr klar, daß ich zur Stellung eines Hausgenossen avanciert bin, der anspruchslos und bequem, weil er mit einer Haut begabt ist, aus der man ohne Schaden Reitpeitschen und Spazierstöcke schneiden kann. – Aber ich bleibe trotzdem. Ich will nun einmal – wie ich auch freiwillig nie aus meinem Karren an der Endstation aussteigen werde, sondern erst energisch herauskomplimentiert werden muß. Félicie, die gerade in letzter Zeit mich auffällig schnitt in des Ducs Gegenwart, weil sie dann das Gewissen quält, und weil diese Ehe zu dreien für solches Feingefühl nachgerade etwas Entsetzliches wird – sucht mich jetzt immer. Sie ist melancholisch, gedrückt, die großen Opalaugen schimmern feucht, was ihnen einen neuen Zauber verleiht. Sie ist in Wahrheit noch immer ratlos und kämpft noch immer. Sie möchte mir um keinen Preis weh thun und wiederum dem Duc keinen plumpen Argwohn wecken. Sie sieht die lieben Tage des Glücks jetzt in einem schwermütigen Lichte. Sie möchte die Tage nicht missen, weil sie doch eine Art Heiligtum sind, an dem man nicht rühren darf. Sie wünscht, die Tage des Glücks gingen weiter – und wünscht, sie gingen zu Ende. Und doch hat sie dabei dumpfe Momente wie ich, wo sie das Niegewesen wünscht oder das Vergessen wenigstens. Sie will weg – und will nicht weg. Sie denkt an mich und denkt an ihren Bruder. Ihr bangt vor dem Abschied, und sie freut sich auf das Wiedersehen. Sie fürchtet sich, dem Prinzen von Bragan ins Auge zu schauen, weil der die Schuld herauslesen könnte; sie fürchtet eine ironische Frage nach mir, ein verächtliches Urteil über mich. Sie kämpft eben, sie ringt. Sie fühlt bald so rot wie die schlimmste Revolution und wieder so blau wie die beste Tradition. Sie haßt ihren Mann – und wird sich doch nie frei machen!... Sie wird wehmütig lächelnd doch eines Tages zur Tradition zurückkehren, weil die das Bessere. Heut kämpft sie noch verzweifelt gegen etwas, für das sie sich innerlich längst entschieden. Ich vermute das, weil ich ein Pessimist bin. Und dabei liebe ich sie noch immer, aber ich liebe sie hoffnungslos. Ich weiß genau, daß trotz aller Gefühlswärme, allen Edelmuts, aller Herzensreinheit sie doch herzlich froh sein wird, wenn ihr der Bruder eines Tages sagt: ›Du hast etwas vor, Félicie! Ich ahne sogar, um wen es sich handelt. Aber bitte, keine Tollheiten, liebes Kind! Und wenn du wünschest, daß ich dich eines Tages nicht mehr kenne, so trenne dich nur von deinem Mann. In unsern Familien giebt's so was einfach nicht! Und das bitte ich zu bedenken.‹ – Sie wird empört sein, sie wird vielleicht weinen und sich innerlich so zermartern wie eine – und dann wird sie doch thun, was die Gesellschaft und was die Tradition befiehlt. – Félicie ist noch lange nicht so weit. Der schwerste Kampf kommt erst nach der Trennung – aber sie kommt so weit!... Und vielleicht wird es eines Tages sie selbst sein, die mich durch eine Tragikomik des Schicksals aus meinem Karren freundlich herauskomplimentiert auf meinen Wüstenpfad... Sie wird sagen oder schreiben: ›Ich habe Sie glücklich machen wollen, mein Freund – ich vermochte es nicht. Werden Sie darum wieder, was Sie waren! – Mir wird's furchtbar schwer, es Ihnen zu sagen: vergessen Sie mich mit allen Mitteln und unter allen Umständen.‹... Das Vergessen ist ja in dem Fall so furchtbar leicht, Gert! Ich war stets ein jammervoller Prophet, Gert – und wer leidet, mißtraut. Aber ich möchte doch solches Wort oder solchen Brief lieber einmal an mich, den Toten, gerichtet haben, als an mich, den Lebenden. Ich habe eine kindische Angst vor der ungeheuren Bitterkeit, die mir da aufsteigen würde – und ich hoffe für diese Frau, daß sie nie so tief unter sich selbst hinabsteigen möge. Es sind ja nicht die bewußten, es sind die unbewußten Herzlosigkeiten einer Frau, die am tiefsten verwunden. Und ich bleibe, Gert – ich bleibe. Ich belauschte neulich absichtslos eine Unterhaltung zwischen ihr und dem Duc. »Was hast du eigentlich, Félicie? Du scheinst schlechter Laune, liebes Kind – und ich habe dir doch nichts gethan.« Sie antwortet nervös: »Nein, du hast mir gar nichts gethan!« »Wirklich nichts, Félicie?« »Weniger als nichts, Charles!« »Ich verstehe dich nicht, mein Kind.« »Ja, ja – aber laß mich!« Ueber dieses »Laß mich!« wird sie nie hinauskommen. Menschen, die nie im Leben stark verletzen können, die können auch nie im Leben stark wohlthun. Halte in einer Lüge eine gewisse Zeit aus – und seist du auch der Beste, du wirst selbst zur Lüge. Es sind im Grunde doch die goldenen Rücksichtslosigkeiten, die das Leben verlangt, und die allein die Menschheit vorwärts stoßen. Und wenn einer immer aufpassen wollte, ob der zielbewußte Fuß keinen Käfer zertritt – der wird nicht weit kommen. Und wer immer auf einen fremden Arm gestützt, ängstlich geht, der wird nicht mehr für möglich halten, daß er allein und viel besser gehen kann... Ich mache sie schlecht, diese Frau, die ich so unendlich liebe. Ich beschimpfe eine liebe Heilige – aber ich kann nicht anders... * Ich bin wieder stumpf. Das wechselt so. Mir scheint, daß die Vorsehung mit allen Mitteln dem Leben und dem Glück mich erhalten möchte. Félicie ist auch stumpf. An einem Spätvormittage – es war Sonntag und sie eben von der Frühmesse zurückgekehrt. – Ich saß auf dem Balkon, das Buch in der Hand, das man nie liest, und sah den grauen, müden Tag über den stummen Park schleichen, auf der bleiernen, unbewegten See lasten. Eine Rivierastimmung ohne Kraft und ohne Wärme – aber auch eine häufige Rivierastimmung. Dazu von hüben und drüben die bimmelnden Glocken, deren Ton in der trägen Luft einschlief. Alles so schwermütig, ohne Hoffen – Das drückt. Félicie kam durch das Verandazimmer müden Schritts, im schwarzen Hut mit Gebetbuch und Rosenkranz. Der Duc ist noch unten im Ort, weil er demütig an Sonntagen die Equipage verschmäht. – Es ist doch der letzte Tag, und die letzte Stunde allein, und wir sollten sie froh genießen, aber wir begrüßen uns nur leise, verlegen. »Bleibst du einen Augenblick, Félicie?« »Ja, einen Augenblick und auch länger, bis er kommt.« Das Gesichtchen ist müde, die Opalaugen weich... »Ich muß es Ihnen doch wohl gleich sagen: Wir reisen morgen.« »Das wußte ich. Ich habe eben kein Glück.« »Ich habe auch kein Glück.« ... Félicie ist stehengeblieben, sie lehnt an der Brüstung und sieht mich ängstlich an: »Werden Sie mit nach Nizza kommen?« »Ich weiß noch nicht.« »Nicht mal zum Abschied, mein Freund?« Ich fühle gar keine Verzweiflung, nur das dumpfe, wehe Ziehen in den Nerven. Die Unabänderliche Thatsache trifft uns immer am wenigsten schwer. Ich wundere mich aber doch darüber, ich verstehe die feige Resignation nicht ganz. »Nicht einmal zum Abschied?« wiederholt Félicie ein wenig bitter. »Weil ich nicht weiß, ob ich's ertragen werde, mein Kind.« »Auch mir zuliebe nicht?« »Ich bin mit meinen Nerven fertig. Ich könnte da als Ritter von der traurigen Gestalt erscheinen, was uns beiden peinlich wäre. Dir sicher noch mehr als mir.« »Ja; vielleicht ist's auch besser, Sie kommen nicht mit,« stimmt sie bei. Ich weiß nicht, ob das nur Mitleid mit mir ist, oder ein vernünftiges Resumé. Wieder Schweigen. Félicie läßt den Rosenkranz nervös durch den dunkeln Handschuh gleiten. Sie schaut mich von Zeit zu Zeit ängstlich an. Ihr Herz quält etwas schwer... »Und was werden Sie thun, mein Freund, wenn ich weg bin?« »Hier bleiben – oder wo anders hingehen... Es ist ja auch völlig einerlei.« »Werden Sie mich nicht später einmal in meinem flandrischen Schlosse besuchen? – Es würde mich sehr freuen!« »Nein, Félicie.« »Warum nicht? – Es darf ja nicht bald sein – nach einem Jahr oder später, wenn Sie über die Trennung hinaus sind ... Sie müssen mir natürlich in der Zwischenzeit schreiben – ich werde Ihnen auch antworten. Aber es darf nicht zu oft sein!... Das wäre uns nicht gut – mir sicher nicht... Aber schreiben auf alle Fälle! Damit wir wissen, ob wir noch am Leben, ob wir uns noch erinnern. Das denke ich mir so schön!... Aber es darf unter keinen Umständen eine gefährliche Korrespondenz werden... Ich glaube, wir beide werden nie den Mut finden, sie einmal ganz abzubrechen. – Aber schreiben müssen Sie mir unter allen Umständen und sofort – nicht wahr?« »Ich weiß noch nicht, Félicie.« Da wird sie nervös. »Was soll das wieder heißen? Sie sagen, Sie lieben mich – und Sie wollen mich weder wiedersehen noch mir eine Nachricht geben.« »Weil's keinen Sinn hat – weder das eine noch das andre...« »Aber sprechen wir doch verständig, mein Freund! Ich will Sie ja nicht etwa quälen – ich sage nur nie ganz das, was ich fühle, aus Angst vor mir selbst. Und heute – wenn man's am schmerzlichsten fühlt, kann man es am schlechtesten ausdrücken... Also Sie dürfen nicht länger an der Riviera bleiben! Zu Ihrem Bruder wollen Sie nicht, obgleich das das beste wäre. Aber Sie müssen irgendwohin, wo Sie nicht mit sich allein sind. Sie sprachen von Indien, einer Seefahrt, die mit ihren neuen Eindrücken Sie auf andre Gedanken bringen würde... Vielleicht thut's Ihnen wirklich gut... Aber ich muß unter allen Umständen wissen, wo Sie sind, wo Sie ein Telegramm, ein Brief erreichen kann. Ich sorge mich so sehr um Ihre Zukunft. Ich würde eine schreckliche Gewissenspein durchmachen, wenn ich in jedem Augenblick denken müßte: ›vielleicht ist er todelend irgendwo allein – oder er ist schon tot‹ – Und ich könnte in Ihrer Todesstunde lächeln, weil ich sie nicht ahne. Wenn ich an Sie denke – und ich werde viel an Sie denken, sehr viel, mein Freund! –, will ich wissen, wo und wie ich an Sie denken darf in dem Augenblick ... Das beste wäre doch, Sie gingen zu Ihrem Bruder. Sie sagen, er wäre ein sehr scharf denkender Mensch, und nach Ihren Erzählungen ist es mir ganz so. als ob ich ihn genau kennte. Er wird Ihnen verständig raten und auch mich verstehen. Vor allem verstehen, daß dieser Roman kein andres Ende haben konnte... Also wohin wollen Sie gehen?« »Nirgendwohin, Félicie.« »Das dürfen Sie mir nicht antworten! Es enthält die schwerste Beleidigung für mein Gefühl.« »Aber es ist doch so egal, wohin ich gehe, Félicie!« »Wollen Sie mich denn wieder quälen?« »Nein –« und ich fühle wieder das schrecklichwehe Ziehen in den Nerven. – »Es ist ja so egal, wohin ich gehe, Félicie, weil es doch nicht lange und nicht weit sein wird.« »Das heißt, Sie wollen...« »Ich will gar nichts, Félicie. Das ist eben das Schlimme bei meinem Zustand.« »Und doch weiß ich, was Sie wollen!« »Nun gut – wissen Sie es!« Da tritt sie mit bebenden Lippen und zusammengezogener Braue auf mich zu: »Sie sind fähig, mir das Aeußerste anzuthun?« »Fähig vielleicht, Félicie, aber noch nicht entschlossen.« »O ja, fähig sind Sie dazu, anstatt das Leben zu tragen, es wegzuwerfen! Aber dann wären Sie feige und rachsüchtig zugleich... Sie könnten mir also diese Gewissensqual aufbürden? Das habe ich nicht um Sie verdient! Ich habe Ihnen von Anfang an gesagt: den äußersten Schritt thue ich nur im äußersten Falle, und der tritt nie ein!« »Sie träfe ja in keinem Falle eine Schuld, Félicie! Ich hätte auch sonst dasselbe wahrscheinlich einmal gethan, weil mir am Leben wirklich nichts liegt, und weil mir nichts daran liegen kann.« Darauf sagte ihre liebe, weiche Stimme zitternd: »Sie werden es doch nicht thun, mein Freund. Ich kenne Sie besser... Sie wissen doch, daß ich Sie lieb habe, daß ich Ihnen das gab, was ich noch keinem Mann gab. Ist das noch nicht genug? Wollen Sie denn noch mehr? Der Selbstmord ist und bleibt Feigheit! – Ich, die ich zu einem gehaßten Mann zurückkehre, leide ja viel, viel mehr. Und wenn Sie allein sind, Ihrem Schmerz den ungehemmten Lauf lassen können, da muß ich stumm verzweifeln in seiner Gegenwart, vor seinen Augen. Ich muß leiden – und muß lächeln dazu... ja, lächeln dazu!... Mein Freund, versprechen Sie mir, daß, wenn Ihnen dieser Gedanke kommt, Sie an mich denken werden! Und wenn Sie an mich denken werden, dann werden Sie auch weiter leben, eben weil Sie mich lieb haben, und weil ich Sie lieb habe.« Und ich antworte auf diese rührende Beschwörung nur verbissen: »Ich kann dir das nicht versprechen, Félicie. Und wenn du noch immer Herr deiner Sinne bist, so bin ich nicht immer Herr meiner Sinne ... Und wenn ich es doch verspräche, der Tod bricht jeden Eid.« »Mein Freund,« versucht sie es noch einmal, »ich kann Ihnen nur wiederholen: was ich sage, ist immer weniger als ich denke und viel weniger als ich fühle, aber Sie müssen doch selbst fühlen, daß ich grundehrlich bin, daß ich die Phrase hasse, und wenn ich mich sehr um Sie zu sorgen scheine, ich mich in Wahrheit noch viel mehr sorge. Also versprechen Sie mir?« »Ich kann Ihnen nichts versprechen, ich kann nicht.« Ich bin wieder einmal dem Zusammenbruch nahe. Und jetzt – sieh daraus, Gert, wie schlecht ich doch diese Frau kenne, und wie sie thatsächlich immer mehr giebt, als sie zu geben scheint, – jetzt tritt sie mit zitternder Hand, aber rasch und entschlossen an die äußerste Ecke des Balkons, wo die Mauer des Sarazenenschlosses im jähen Absturz zum Meere fällt. Das Geländer ist so niedrig, der Sprung so leicht! Félicie biegt den geschmeidigen Körper ein wenig vor und sagt leise: »Da Sie mir nicht versprechen wollen, um meinetwillen weiter zu leben, so liegt Ihnen dann doch auch an meinem Leben nicht viel. Ich sagte Ihnen vorhin, ich hielte den Selbstmord für eine Todsünde. Aber ich thu's doch!« Es ist das von ihr keine müßige Drohung, es ist der plötzliche Entschluß. Die ganze Scene beanspruchte nur Sekunden. Aber wie sie so dastand, die Opalaugen finster leuchtend, die weiche Lippe zitternd, die weiße Hand um den Metallknopf der Brüstung gekrampft, so eigensinnig entschlossen wie je – da schoß mir der Gedanke durch den Kopf: ›rühr dich nicht, sag kein Wort! – Aber in dem Moment, wo der schöne Körper im dumpfen Fall von Fels zu Fels taumelnd in der blauen Tiefe verschwindet, da springe du auch ohne Besinnen nach! Es wäre das beste. Ihr habt ja beide mit dem Leben nichts zu verlieren.‹ – Félicie ist keine Komödiantin, sie springt. – Nenne es meinetwegen Eigensinn! Es ist kein schlechter Eigensinn. Es ist die Natur dieser Frau so, die nur im Augenblicksentschluß das Beste, das Eigne giebt und im Nachdenken fremder Gedanken so schrecklich vernünftig sich selbst aufgiebt. Aber ich soll Félicie sehenden Auges in diesen Abgrund springen lassen – ich sie? – Du lieber Gott! Dies weiche, edle Geschöpf gewissermaßen seiner eignen Marotte zu opfern? Dann soll sie doch lieber an einer That des edeln Eigensinns zu Grunde gehen, die sie nicht beschmutzt, wie die hier. Ich springe – sie springt – daraus würden ja die Leute herauslesen, was nie war. Der Duc würde auf einmal der Heilige und sie die Verbrecherin. Das will ich nicht – der Gedanke ist mir schrecklich!... Und dann – eigentlich lächerlich – die ästhetische Unmöglichkeit! Ich bin kein Barbar, ich bin ein Künstler. Ihr Leichnam da unten an der Klippe zerschmettert, unkenntlich, eine zuckende Masse. So viel Anmut, so viel Reiz, so viel weher Zauber in weniger als einer Sekunde zu etwas unsagbar Häßlichem entstellt! Das brächte ich nie übers Herz. Sie soll, sie darf nicht sterben. Der Gedanke an ihren Tod macht mich fast rasend. Es ist etwas in dieser Frau, was sie mir so himmelhoch über andre Frauen stellt, daß ich sie vielleicht nur wahnsinnig lieben oder wahnsinnig hassen kann. Das ist gar nicht modern – und Félicie liebt alles schön und maßvoll... Trotz alledem, Gert, will ich verzichten, verzichten in der zwölften Stunde. Ich verzichte damit auf das Glück, ich verzichte auf mich selbst. Ich werde mich vielleicht einmal schrecklich wiederfinden und das verfluchen, was ich segnen sollte. Aber ist es diese schläfrig-kühle Rivieraluft heute – ich fühle, daß mir nichts andres übrig bleibt. Ich thue nur damit freiwillig, was ich sonst unfreiwillig thun müßte. Hoffentlich halten's die Nerven aus, hoffentlich auch das Herz... Aber Félicie tot, meinetwegen tot, das ertrage ich nicht!... So bin eben ich, so ist ein Narr. Kennst du in dem entarteten Weichling deinen rücksichtslosen Bruder wieder, der, was er haben wollte, sich noch immer vom Geschick erzwang – und nicht zu seinem Heil?... Gert, was kann sie dafür, daß sie so reizend ist, und so gut und so eigensinnig? Ich modele sie nicht um, ich gewiß nicht!... Sie geht zu ihrem Herzog zurück, weil ihr Pflicht scheint, was bei andern abgrundtiefe Unmoral wäre. Sie ist ein Produkt der Gesellschaft, der kleinen großen Welt, der sie mit allen Fibern doch angehört. Was sie fühlt, das fühlt sie selbst – und was sie thut, das thun andre. Sie will den ungeheuern Widerspruch in ihrem Wesen gar nicht verstehen, an dem sie krankt, an dem sie zu Grunde geht. Alles, was sie im Affekt thut, dem schönen Impuls des Augenblicks gehorchend, das ist sie selbst, das ist gut – und scheint ihr schlecht. Und alles, was sie durch langes Raisonnement erst gewonnen, das ist Fremdes, und der Eigensinn verleiht ihr da höchstens die Kraft zu einem kurzsichtigen Beharren – und ihr scheint edel, was häßlich ist. Sie ist ein Produkt der Erziehung, der Verhältnisse und geht rettungslos an der Tradition zu Grunde, der sie entfliehen sollte. Ich kenne ihr Schicksal nicht, ich weiß auch nicht, ob nicht gerade sie eines Tages, wenn sie der große Sturm packt, alles beiseite wirft und sich dem rettenden Orkan anvertraut. Wer, wie sie, schon vor dem Luftzug flüchtet in die Treibhausluft, der findet sich nie selbst – und gerade sie sollte mit gieriger Nüster auf den Orkan hoffen. Ihre Ehe ist eine Lüge, eine Unmoral, ein Verbrechen gegen sie selbst – dennoch hält sie aus. Wer eben nur tadellos angezogen, unter starker Bedeckung, unter dem Beifall der Menge fliehen will, der flieht nie. Und wer, statt das eigne, warme Herz allein zu fragen, nur die kühlen andern Herzen fragt, der siecht in der Dämmerung, wo er in der Sonne leben könnte. Sag ihr das, Gert, und sie wird unter dem Druck der Persönlichkeit antworten: ›Sie haben nicht recht, mein Freund, weil Sie mich nicht verstehen, aber Sie meinen es gut, weil Sie mich lieben.‹ Schreib ihr das, und sie wird der rauhen Wahrheit auf glattem Papier antworten: ›Sie kränken mich – aber ich will nicht mit Ihnen rechten!‹ ... Es hat eben noch niemand sich ganz in seinem eignen Spiegel geschaut. Bei der ganzen Scene war keine Spur von Effekthascherei, weder bei mir noch bei ihr. Den Effekt lieben wir beide nicht. Und ich fühle jetzt wieder auch beim Schreiben die dumpfe Mattigkeit wie damals. Ich habe ihr versprochen, was sie wollte. »Wenn du das thust, Félicie...« »Aber ich thue es.« So haben wir uns dann geeinigt. »Sie versprechen mir also, mein Freund, nie Hand an sich selbst zu legen?« »Ich verspreche es unter einer Bedingung.« »Welche?« »Ich habe das Recht, Félicie, mit mir zu thun, was ich will, von dem Moment ab, wo Sie selbst sagen: ›Ich bin wieder glücklich.‹« Sie zögert einen Augenblick, weil sie einen Hinterhalt fürchtet. Dann reicht sie mir die Hand: »Also Sie versprechen mir das hier bei allem, was Ihnen heilig ist? ... Haben Sie keine Angst, daß ich im Leben je glücklich werde!« Dann kam der Herzog. Er ließ uns aber bald wieder allein. Den Rest des Tages war Félicie schwermütig und sah mich immer an mit ihren großen Opalaugen. Am Ende nehme ich's doch leichter als sie. Der letzte Kuß? – Er brennt mir noch... Aber ich weiß nicht mal mehr, Gert. Es war im Musikzimmer, und ich that ihr so leid. Und ich hatte wieder eine Gemütsdepression, die sie für quälende Laune hält. Es überstürzte sich alles. Erst wollte ich gar keinen Kuß mehr – und dann wollte ich doch einen ... Dieser letzte Kuß sollte ein langer, schöner Kuß sein, wo sie mir alles noch einmal geben wollte, was das angebetetste Weib in einem Kuß an Güte, Glut und Weh zu geben vermag. Es sollte ein sündenloser Kuß sein und wiederum so sündig! Aber es war nur ein kurzer, leidenschaftlicher Kuß, wo das Opalauge so tief glänzte, daß es fast böse aussah. Die Kammerjungfer scheuchte uns voneinander. Wir mußten wieder Gleichgültiges reden. Das ging so fort bis zum Abend. Wir mußten auch lächeln, weil nun einmal Lächeln zur heimlichen Henkersmahlzeit gehört. Gert, ich weiß, daß ich erst vor dem Zusammenbruch stehe. Aber ich darf noch nicht zusammenbrechen, Gert, darum schreibe ich an Dich, darum schreibe ich so konfus. Ich muß es! Denn wenn ich eine Stunde allein bliebe mit meinen Gedanken, dann passierte das Aeußerste doch trotz allem Versprechen. – Ich muß etwas thun, etwas thun mit der wildesten Anspannung meiner Kraft. Und wenn es die größte Nervenfolter, der hellste Wahnsinn ist! Mensch, wenn Du ahntest, was mich diese Briefe kosten! – Was ich an Nerven hier in vier Monaten verbraucht habe, davon leben andre hundert Jahre herrlich und in Freuden... Beneide mich nicht um das große Gefühl! ... Ob ich mich noch mal wiederfinde im Leben? Vielleicht als alter, abgeblaßter Kerl, wo man kein Recht mehr hat aufs Wiederfinden, und wo man sich nur herzlich bedauern müßte, weil man sich noch einmal wiederfinden konnte... Käme ich über das alles noch einmal ganz hinweg, empfände ich noch einmal ein ganzes Glück – dann müßte ich über den Wert aller großen Gefühle lachen... Was ich Dir schreibe, das ist ja nur der hundertste Teil von dem, was ich innerlich erlebte, es ist noch dazu zurechtgemachtes Zeug, weil der Rabensche Hochmut nicht einmal im Tode wahr haben möchte, daß er tot. Ich vergaß Dir übrigens zu schreiben, daß wir abgemacht haben, daß ich den Herrschaften, die noch Besorgungen haben, in zwei Tagen nachkommen will. Ich werde Félicie das letzte Lebewohl doch noch sagen. Dann kehre ich einen Tag zurück in das verödete Schloß – und fahre nach Indien oder irgendwohin. Ich war in Nizza. Ich war auch auf der Jacht – ich habe auch noch flüchtig die Hand geküßt. Ich sehe noch das lila Taschentuch, das mir winkt... Und dann sehe ich nichts mehr. Ich bete nur, daß ich die hundert Schritte bis zum nächsten Restaurant nicht zusammenbreche, denn ich muß trinken, Gert, trinken bis zur Besinnungslosigkeit. Sechzehntes Kapitel. Dieser Roman will noch immer nicht enden – er endet wohl erst mit meinem Leben. Ich war noch einen letzten Tag allein im Schloß. Eine unnötige Tortur!... Aber ich wollte doch noch Abschied nehmen von dem alten Sarazenenturm, wo ich in der Liebe mich selbst fand und mich selbst verlor. Ich war ganz früh herübergefahren von Nizza – von Nizza, dessen Strand, dessen Quai, dessen Hafen ich hasse, weil ich sie wohl nie mehr anders werde sehen können, als in dem herzlos schönen Lichte jenes Abschiedstages. Wie kann nur der Wind so köstlich fächeln, das Meer so tiefblau flimmern, wenn das Glück auf seinen Wogen unwiederbringlich entflieht! Die Welt hat keine Seele. – Andre in meinem Fall würden denken: ›Attendre et espérer.‹ Ich möchte das auch. Aber keine weiße Hand winkte mir das beim Scheiden zu. Heute ist wieder so ein grausam schöner Tag. Ich mag während der Fahrt nicht auf die See hinaussehen, die unter den Coupéfenstern in weißen Katzenköpfchen gischtet – dieselben weißen Gischtflocken säumten neulich die Kielwelle der »Félicie«; ich mag auch nicht die stickige Erdluft der Tunnels einatmen – in diesem Brodem habe ich sie ja zum erstenmal geküßt. Alles macht mir Weh – der wolkenlose Himmel und das strahlende Licht, die lauschenden Palmen und die säuselnden Oliven, selbst das alte, morsche Fischerboot dort am einsamen Strand. Um alles, alles weht noch ihr Zauber.– Ich habe die Frau zu sehr geliebt – das ist nie gut! Auf der Bahnstation erwartet mich das Coupé. Félicie hat bestimmt, daß bis zu meiner Abreise alles genau so bleiben soll wie vorher.– Aus den blauen Atlaskissen weht mich der feine heimliche Duft an, der allem eigen, das die weißen Hände je berührten. Ich fahre die Felsstraße bis zum Schloß – an der Klippe vorbei, die schwarz und leblos starrt aus funkelndem Blau – an den Oliven vorbei, die einst im Sturm gestöhnt – an der Felsecke vorbei, wo auf ketzerischen Spaziergängen uns immer das alte Schloß entschwand und das junge Glück emportauchte. Jetzt biegt der Wagen knirschend durchs Portal. Der goldene Herzogshut leuchtet noch immer. Dieser traditionelle Hut entschied doch wohl mein Geschick ... Dann die Burgtreppe. Die gotische Halle. Wir haben fast Mai, eine erbarmungslose Helle wogt durch den sonst so dämmerigen Raum; die Waffen gleißen, die Banner starren, der geharnischte Mann am Kamin sieht aus den Löchern seines Stechhelms mich noch immer mißtrauisch an. Auf dem dunkeln Eichentisch das Sèvresservice, der duftende Kaffee, die gewohnte Zigarette in silberner Schale. Es ist noch nichts vergessen, was die Schloßherrin befahl. Ich brauche auch nicht eine Minute zu warten. Die junge Italienerin, die mir statt des nachgereisten Kammerdieners serviert, ist eine Augenweide mit ihren weißen Zähnen und ihrem roten Mund. Es ist alles wie sonst – nur »sie« fehlt. Sie ist nicht tot, ihr guter Schatten umschwebt den Verlassenen nicht mitleidig; sie ist nur auf ewig fort, und ihre Seele schwankt, ob sie traurig rückwärts blicken darf zu mir oder hoffnungsfreudig in die Zukunft... Ich sitze so lange. Die Erinnerung ist noch allmächtig. Erinnerungen sind so schön, wenn man träumend mit ihnen wandelt; sie sind so traurig, wenn sie nur als Schemen geschwundenen Glücks vorüberwallen. Und es ist doch dasselbe Schloß, dieselbe Halle, nicht drei Tage stehen zwischen einst und jetzt – aber in der Zeit versank mir eine Welt. Ich rauche Zigarette auf Zigarette. Der feine Dampf umwallt mich, berauscht mich. Ich möchte dankbar sein – und bin undankbar. Ich weiß, daß ich nie mehr das feine Rauschen eines Seidenrocks vernehmen werde – und ich lausche doch in thörichter Sehnsucht nach dem Ton. Ich weiß, daß keine kranke Frauenhand duftend kühl in meiner fiebernden je mehr ruhen wird – und ich strecke doch unbewußt meine Hand aus, um die andre zu fassen. Ich weiß, daß nie mehr eine liebe Stimme mir das Guten Morgen flüstern wird – und ich sage doch wie im Traume: ›Guten Morgen, Herzogin!‹ Es sind Thorheiten, schmerzliche Thorheiten, aber wer entzieht sich diesem edeln Schmerz, wer möchte sich ihm entziehen?! Und wie ich so sitze und immer an sie denke, weil ich nur an sie denken kann, da mache ich mir Vorwürfe, als hätte ich die Abwesende erst wirklich geliebt, als hätte ich ihr früher nicht oft genug gesagt, wie sehr ich sie liebe – und ich hab's doch viel zu oft gesagt! Ich wähne, ich habe sie absichtlich gequält, ihr absichtlich wehe gethan – und that mir selbst doch am wehesten und konnte doch nicht anders! Ich quäle mich, ob die Gute nicht mehr leidet jetzt – und sie kann doch nie mehr leiden als ich!... Was ich auch je gesprochen, gesagt, gedacht – giebt's eigentlich einen tieferen Kniefall vor der Seele einer Frau, als wenn man sie so liebt, wie ich sie geliebt habe? Es war nicht der Körper, der Reiz, die Anmut – es war doch nur ihre Seele, die ich liebte. Ich weiß das jetzt ganz genau. Ich spür's deutlicher jetzt, wo ich allein, wie ich weher spüre, was ich an ihr verloren. – Sie hätte im Leben ein klein wenig mehr sie selbst sein sollen! An diesem Kleinwenig, vielleicht an einer Aeußerlichkeit, krankt, ohne daß sie es ahnt, vielleicht ihr ganzes Geschick. Sie würde mich vielleicht steinigen, wenn ich ihr sagte: ›Du bist ein unglückliches Gemisch von Verstand und Gefühl, weil beides zu fein ausgebildet ist, um kraftvoll zu sein.‹ Darum die Angst vor dem großen Gefühl, das du zwingst mit einer kleinen, eigensinnigen Falte auf der schönen, faltenlosen Stirn. Und doch, welch holder Zauber muß dich umfließen, angebetete Frau, daß du dem Manne dennoch alles warst und daß er dich nie vergessen kann, so gern du es möchtest, so gern er es möchte!... Ich sehe deine Schatten schärfer, als sie sind, und verbrenne doch in dem Licht, das diese Schatten wirft. Ich bin weder von heute noch von gestern – und wollte dir den Zaubertrank einflößen, und du flößtest ihn mir ein. Welche Frau kann so wie du von sich sagen: ›Ich kann zaubern, ich zaubere auch. Aber nachher thun mir die Verzauberten immer leid.‹ Das ist auch dein Verhängnis, Fee, daß dir am Ende die Verzauberten nur leid thun können. Weiter langt's nicht. Und damit schaffst du dir selbst so viel Weh... Dein Zauber reicht ja so weit, so weit! Er hat selbst meinen Hund bezwungen, der sich im Interesse seines Herrn so ehrlich dagegen wehrte. Tip verzehrt sich wie ich in Sehnsucht nach der Zauberin. Er sitzt neben mir und denkt vielleicht: ›Konntest du nicht wenigstens bei den Verzauberten bleiben!‹ Er ist treu und versteht nicht, daß du treulos bist nach seiner Ansicht. Nicht mal der Hund will von der Erinnerung allein leben. Und doch ist die Erinnerung heute bei allem Weh schön. In diesem Schlosse ist noch so viel von der Zauberin zurückgeblieben, was die vernünftige Trauer bannt, die thörichte Hoffnung weckt. Wir beide, der Hund und ich, gehen durch das Schloß auf den Spuren deines weichen Fußes – vielleicht küsse ich auch eine Stelle, wo er geweilt. Wir sind beide weiche Idealisten, wo wir harte Realisten sein sollten ... Ich gehe in das Rokokozimmer, wo durch eine Unachtsamkeit der Domestiken das Klavier noch offen steht, und schlage das Heft auf, wo du deine kleinen, reizenden Lieder komponiert hast. Die Lieder haben so viel von deinem schwermütigen Reiz, und wenn ich denke, wie du sie mir zum erstenmal spieltest, so thust auch du mir leid. Das trifft auch mich. Man sollte im Leben mehr Kraft haben und weniger Feingefühl... Ich sitze auf dem Balkon, wo wir so oft gesessen, und streichle kindisch die Seitenlehne des Stuhls, die deine weiße Hand berührt. Ich streichle auch den Marmortisch, wo deine nie beendete Spitze so oft gelegen – es war ein originelles Muster – und so reizend – und blieb so unvollendet wie du... Ich will deinem Andenken damit nicht wehe thun. Der Sonnenschein, den du mir gabst, war doch so warm! – Ich sitze lange auf dem Balkon. Der Park duftet wie einst – aber es ist ein andrer Duft; das Meer blaut – aber es ist ein andres Meer. Du fehlst! Ich habe vielleicht in meinem ganzen Leben nur mit dir genossen – weil ich jedes Bild erst im warmen Spiegel deiner guten, großen Augen wirklich sah. Ich gehe auf die Terrasse, wo wir so viel Gedanken getauscht, gute und böse, viel Ketzereien darunter, von denen niemand ahnen darf, daß gerade sie uns verbanden. Und wie oft, wenn ich wieder etwas Unglaubliches gesagt hatte und mich entschuldigen wollte, hat deine weiße Hand mir hastig gewinkt, und deine schönen Lippen haben geflüstert: » Mais nous sommes mariés, mon ami, nous sommes mariés « ... Und wieder eilen wie einst die Stunden, weil dein Zauber die Zaudernden noch immer scheucht. Die Sonne ist im Untergehen. Ich sehe sie jetzt wirklich zum letztenmal, im letzten Hoffnungsschimmer. Sie taucht so ruhig, so klar ins Meer, die Reflexe zucken über die leicht bewegten Wasser. Und wieder fließt das rosige Licht wie damals über die Küstenberge, und die Töne der Feierglocke zittern herüber. – Die Tageskönigin ist versunken. Am klaren Horizont nur noch der helle, gelbliche Schein, bei dem man sich immer erst des Rivieralichtes recht bewußt wird, weil in diesem klaren, weichen Abendschimmer jeder Palmenwedel so deutlich zittert und jedes Mimosenblatt so heimlich bebt. Die Fischerboote mit ihren weißen Segeln ziehen im Abendwind in langer Linie wie eine Flottille heim. Es zeichnet sich alles so rein, so scharf! Und jetzt – ganz fern drüben wie damals: ein winziger, leuchtender Punkt. ES könnte die »Félicie« sein, die zurückkehrt. Das Glück kehrt nie zurück, Gert! – Aber in dieser weichen Feierabendstimmung der Natur macht es mir ein wehes Vergnügen, einen thörichten Traum zu träumen, als wäre es wirklich die Jacht, als käme sie näher, als könnte ein liebendes Auge schon eine liebe Gestalt erkennen. Das Glück eilt ja immer so schnell! Ich schließe auf Minuten gläubig die Augen. Ich rede mir dabei vor, daß, wenn ich sie wieder aufthue, Félicie neben mir sitzt und lächelnd sagt: ›Da bin ich, mein Freund – ich bin schon so langte wieder da und habe mich so auf dein verwundertes Erwachen gefreut!‹... Und jetzt öffne ich wirklich die Augen. Da ist der helle Abendschimmer schon im Schwinden. Das fremde Segel ist weg, versunken, so sehr ich auch schaue. Und ich fühle eine Kühle, eine Einsamkeit – ich starre melancholisch wie mein Hund auf die graue, leblose See. Es war Zeit zum Hineingehen. Neun Uhr. Man hatte mich nicht stören wollen. Vielleicht that selbst diesen Leuten der Verlassene leid. Aber Mitleid – danke!... Ich hatte diese kleine Anregung meines Hochmuts bitter nötig. Das Diner war in dem hellgrünen Boudoir serviert. Mit dem Zimmer verbinden mich wenig Erinnerungen – und das war gut. Den Abend verbrachte ich in der Halle. Es war dämmerig und warm da, und wieder flackerte ein einziger Kandelaber. Die bitterwehen Gefühle wollten mich überkommen – aber sie wichen. Ich hatte ganz bestimmt die Empfindung, daß sie auf Stunden mit ihrer ganzen Seele bei mir war. Das that so wohl! – Ich fühlte beinahe ihre körperliche Nähe, die mir die hellsten Tage meines Lebens gegeben; ich fühlte, daß sie mit mir litt. Vielleicht weinte sie die bittere, bittere Thräne einer Gefangenen, oder sie saß schwermütig auf Deck und schaute unverwandt zurück und grüßte mich mit feuchten Augen. Die Empfindung ihrer Seelennähe habe ich später nie so intensiv mehr gehabt. Das mag an mir gelegen haben – oder auch an ihr. Nur heiße Gefühle steigert die Zeit, die Entfernung, während die andern allmählich darunter verblassen. Ein Jahr später erscheint der Frau vielleicht der thörichte Traum nur noch thöricht. Und dann müßte sie mir leid thun... Wenn sie doch nur das schöne, kranke, spielende Kind wäre?... Aber sie ist es ganz gewiß nicht! So habe ich gesessen und geträumt mit ihr bis Mitternacht. Und denke, Gert – mich, den Schlaflosen, überfällt auf einmal der Schlaf. Es war ein wohlthuender Halbschlummer... Und dann – es kann keine halbe Stunde gedauert haben – ich höre ein leises Knistern, spüre den weichen Hauch eines geliebten Mundes, etwas duftend Kühles berührt mich. Es war ganz sicher ihre weiße Hand. Durch meinen ganzen Körper geht ein wohliges Rieseln, davon ich erwache. Wo bin ich? – Ach ja – in der Halle.– Ich will mich umdrehen nach ihr, die doch bei mir sein muß. Sie ist nicht da. – Und während meine schlaftrunkenen Sinne sie noch thöricht suchen, erwache ich langsam zur Wirklichkeit. Die schwarze, tote Riesenöffnung des Kamins starrt mich an. Ich begreife alles. Es war ein schreckliches Erwachen... Ich bin allein – nicht mal der Hund ist bei mir. Und da spüre ich eine Einsamkeit, eine Leere, eine Oede, so trostlos lastend, wie nie in meinem grauen Leben. Ueber den ganzen Körper legt sich eine tödliche Mattigkeit. Ich überwinde sie mit der äußersten Anspannung meiner Kräfte. –Dafür packt mich ein so rasendes Heimweh nach ihr, daß ich aufspringen möchte und laufen, bis ich sie finde oder bis ich röchelnd niederbreche. – Und ich thue etwas unsagbar Thörichtes. Ich wandere durch alle Zimmer und suche sie wie ein Hund, und Tip sucht auch und winselt leise. Aber es ist nichts, nichts mehr von ihr in diesem Schlosse. Es ist alles vorüber. In dem Toilettezimmer wird mir das klar. Der venetianische Spiegel ist weg und die reizenden Intimitäten des Empiretisches – nur noch die häßliche Unordnung, die zerstreuten Möbel, die herabgerissenen Vorhänge. Und was ich fiebernd suche – den Duft ihres tiefschwarzen Haares – auch er ist verflossen... Ich gehe in das Schlafzimmer nebenan. Die riesigen, geschnitzten Prunkbetten mit ihrem schimmernden Brokat sind unberührt; die Ordnung herrscht da, die Stickluft der Tradition. Ich stehe vor den Prunkbetten. ›Hier ruhten sie – hier ruhten sie seit Jahren – hier werden sie noch Jahre ruhen!‹... Eine grenzenlose Empörung gegen alles Bestehende möchte mir aufquellen, die Hand möchte die unschätzbaren Brokatdecken sinnlos zerfetzen aus dumpfem, tierischem Haß ... Meine Hände zerfetzen nichts. Nur der Revolutionär bricht vor der Tradition zusammen. – Der Herzog wird die Frau nie verlieren, die er nie besaß. Die Tradition hat gesiegt. Sie mußte siegen. Auch das geht vorüber, wie im Leben alles vorübergeht. Ich sitze wieder am Kamin und schaue in die schwarze, tote Höhle. Das ist eigentlich der Schluß des Romans – und die Konsequenz – und der Hohn. Wo »Die Liebe« im Prunkrahmen, auf plüschverhangenem Postament gestanden, gähnt jetzt das Nichts. Die geharnischte Puppe bewacht das Nichts – diese dürre, trostlose Wirklichkeit, weil eben die nur ein Recht hat... Also zu solchem Ende sind die großen Gefühle bestimmt? – Na, auch gut! Lacht ihr andern, lächle auch du, Herzogin! ... Es muß auch Narren geben auf dieser Welt, großherzige Narren – und vielleicht wäre die Welt bettelarm ohne sie. Ja, Gert, ich will das Malen wieder anfangen, die vernünftige Arbeit, die man doch eigentlich nur für andre thut. Ich werde wieder ich selbst werden – und das wird Félicie so freuen! Du lieber Gott, bilden sich eigentlich alle Frauen ein, daß sie ein Martyrium tragen, wenn sie beharren? Martyrium der Schwäche, wie hübsch drapieren dich doch deine Kreuzträgerinnen! ... Und bin ich selbst etwa stärker? Im Gegenteil! Man weiß nur besser, wie schwach man ist... Sag mal: Wer liest den Don Quichotte des unvergänglichen Humors wegen? Alle. Und wer liest ihn wegen der Idee? Keiner. Und doch ist der unverwüstliche Idealismus das Beste am ganzen Don Quichotte. Gegen Morgen ging ich auf mein Zimmer, um zu packen. Ich packte mit der peinlichen Ordnung, die einem nur der Stumpfsinn giebt. Ich habe auch die kleinen Andenken eingepackt, die ich von ihr besitze. Es sind rührende Andenken darunter, wie sie eigentlich nur große Kinder aufbewahren. Und doch möchte ich mich von ihnen nie trennen. Ich werde sie auch später irgendwohin tief unten verpacken, ich werde genau wissen, wo sie liegen. Und wenn ich sie durch einen Zufall finde, wird mir ein weher Stich durchs Herz gehen, auch viel, viel später noch. Und wenn ich sie nie mehr ansehen sollte aus Angst vor meiner Schwäche, das Gefühl bleibt doch, daß sie etwas Heiliges sind, daß ich in ihnen etwas von ihr besitze, das nur sie selbst mir wieder nehmen kann. Darum habe ich wohl auch die tiefdunkle Haarlocke geküßt, mit dem blauen Seidenband, das sie selbst darum wand, weil sie den thörichten Wunsch des verliebten Thoren so feinfühlig ehrte. Ich hatte meine Augen geschlossen, während ich das Haar küßte – da war trotzdem wieder der seine Duft und der Traum und das Weh. Um fünf Uhr kam das Mädchen, mich zu wecken, ich hatte gerade das Packen beendet. Um sechs Uhr fuhr ich ab. Ein Sirokkotag. Ich habe nicht mal mehr zurückgeschaut nach dem Schlosse. * Ich wollte eigentlich nach Nizza zurück und dann über Marseilles und Paris nach Dieppe, wo mir das Seebad in reizender Erinnerung sein könnte. Aber ich machte mir unterwegs bereits klar, daß ich Länder französischer Zunge meiden muß. Denn schon unter den wenigen französischen Worten, die ich mit dem Schaffner des Luxuszuges wechselte, litt ich selbst unsäglich. Mein Empfinden ist zu blödsinnig fein organisiert. Wenn ich denke – wieder Nizza – Französisch – und das verwünschte Mittelländische Meer immer zur Seite, wo jedes auftauchende Segel mir unfehlbar den Gedanken an die zurückkehrende »Félicie« wecken muß ... Nein, nein!... Es ist feige, aber ich vermag's nun einmal nicht zu ertragen. Ich möchte auch nicht den Leuten hier herum das Vergnügen machen, irgendwo tobsüchtig angehalten zu werden oder schwermütig niederzubrechen. Vielleicht bleibt mir auch das nicht erspart. Mir bleibt ja im Leben doch nichts mehr erspart – davon bin ich überzeugt. Darum wähle ich den Zug nach Genua. Das ist wenigstens die andre Richtung, da muß ich mich beruhigen, weil schlechterdings kein Segel die »Félicie« sein kann. Aber auch diese Fahrt war schrecklich. Und dabei war es doch ein Sirokkotag, der Himmel lastend, die See grau... Ich weiß nicht, wie ich die Zukunft ertragen werde, aber ich weiß, daß ich sie ertragen muß. Ein halbes Jahr jünger – oder hundert Jahr älter... Was gäbe ich drum!... Ich bin albern, ich bin lächerlich, ich seufze einer Frau nach, die das gar nicht liebt – und was das Schlimmste: ich hoffe noch immer. Wahrscheinlich werde ich aus meinem Karren überhaupt nicht herauszukomplimentieren sein, und wenn sie mich mit ihm umwerfen, werde ich mich noch an den umgeworfenen klammern. Und sie wird das selbst thun – sie selbst! ...Herrgott, ich, der ich immer gefleht habe, ich möchte nur nicht feige werden in meinem Leben, bin jetzt beinahe verächtlich ... Warum werfe ich nicht eigentlich alles hinter mich uns pfeife auf jedes Versprechen? – Ein Recht habe ich dazu. Als ich in Genua ausstieg und die Schaffner gerade wieder ihr: »Einsteigen nach Ventimiglia!« riefen, kroch mir der Ekel am Leben scheußlich wie ein Reptil über den Rücken. Hast Du ihn jemals gespürt? – Ich kann ein Lied davon singen! Er ist grau, lähmend, aber er tötet nicht. In Genua blieb ich den ganzen Tag. Ich will erst in der Nacht über den Gotthard. Was ist Genua? – Ein häßliches, winkliges Nest. Was sind die Genuesen? – Betrüger ... Und die Paläste, das Campo santo ? – Ich habe gar keinen Sinn mehr für Schönheit. Ich bin nur froh, wenn nicht hinter irgend einer Straßenecke das Meer vorleuchtet! Ich schreibe an Dich in einer Bierstube der Galleria Mazzini. Ich schreibe mit zittriger Hand, die auch Ströme von Hennessy nicht festigen können. Und ich sitze dicht am Fenster, weil es mir völlig gleichgültig ist, ob ein Mensch sieht, daß ich mit feuchten Augen schreibe. Sie können ja wähnen, ich habe an der Riviera eine Frau oder ein Kind an Tuberkulose verloren. Ich verlor ja auch thatsächlich eine Frau – nur daß sie nicht tot ist und nie schwindsüchtig war. Als ich gerade das Couvert schließen will, tippt ein Stöckchen ans Fenster: » Bon jour! « – Es ist der Graf mit den Sammetaugen. Er kommt auch ohne viele Weitläufigkeiten herein, weil er als alter Spieler durchaus kein dégout gegen mittlere Lokale hat, zumal wenn da ein anständiger Mensch sitzt. Darauf plaudern wir sarkastisch und witzeln häßlich. Es geht merkwürdigerweise ganz gut, als wenn der Geist nur ein Räderwert wäre, das man aufzieht, und das abschnurrt. Das ist gut, sehr gut – und der fine Champagne ist dabei stark beteiligt! Von der Herzogin die erste Stunde kein Wort. Der Graf war zwar am Abfahrtstag in Nizza, aber viel zu bequem, um noch an Bord zu gehen. Er weiß genau, wie's mit mir steht, er lächelt vielleicht innerlich über mich, aber er hat den Takt und das Feingefühl des vornehmen Mannes. Erst beinah zum Abschiede – er will schon mit dem Ein-Uhr-Zuge zurück –, als ich aus einer Art Zerstreutheit den Brief an Dich noch siegeln will, sagt er lächelnd: »Soll ich Ihnen den Brief besorgen, Baron?« – »Danke, ich bringe ihn selbst auf die Bahn.« – »Nein, ich meinte es anders. Sie sollen mir den Brief zum Verbrennen geben und keinen oder einen neuen schreiben. Schreiben Sie, daß Sie im Begriff sind, sich aus dem Zweifel in die Orgie zu stürzen, was Alfred de Musset stets für das Vernünftigste erklärt hat. Es ist tatsächlich das Einzige – auch für Sie... Nehmen Sie's mir, bitte, nicht übel, Baron!... Sie erinnern sich meines Spaziergangs auf einer Terrassenbrüstung, der Sie ganz nervös machte – und Sie erinnern sich unfehlbar der Unterhaltung bei dieser Gelegenheit. Inzwischen hat sich irgend eine für den höflichen Gruß entschieden, während sie sich für die schweigende Hochachtung hätte entscheiden können. Irgend jemand leidet darunter. Aber ich versichere Sie, daß diese Frau irgend jemand nie geliebt hat – sonst wäre sie vielleicht gegangen, aber sicher nicht mit ihrem angetrauten Mann. Es thut mir herzlich leid um diese Frau. Sie wird sich mit dem sogenannten Pflichtgefühl belogen haben... Wäre ich meine Cousine – Ah! – Dann würde ich's wahrscheinlich ebenso machen wie die Frau, aber ich würde weniger an die Pflicht denken und mehr an das Vergnügen. Pflicht? – Ich bitte Sie, unter Leuten von Welt!... Daß man in solchen Situationen aushält, kann ich zur Not verstehen – daß man aber reuig zu ihnen zurückkehrt und darin die Pflicht erblickt, das vermag ich beim besten Willen nicht zu verstehen... Werden Sie um Gottes willen nicht böse, Baron! Ich meine es gut, auch mit der Frau. Sie ist hundertmal mehr wert als viele Frauen – sie ist eine gute, kluge, anständige Frau, die aber, seltsam genug, die Pflicht auf dem falschen Ende sucht. Sie fühlt sich wohl auch wohler dabei... Also schreiben Sie in dem neuen Brief: vive la joie Als ich Sie vorhin hier sah, wollte ich schon vorbeigehen, aber mir sagte irgend ein Instinkt, daß Sie gerade in dem Moment im Begriff waren, das Wandeln an Abgründen zu versuchen. Das ist nichts für Sie! Das paßt viel besser für meine Cousine und mich, die wir stets den einen Schritt rückwärts, aber nie den einen Schritt vorwärts thun. Und wenn Sie nun diesen Schritt vorwärts thäten, so dankt es Ihnen niemand, am wenigsten die Frau, für die Sie ihn doch thun...« Das Gespräch drehte sich um diesen Punkt geraume Zeit. Der Graf will mir partout beweisen, daß selbst bei einer Frau wie Félicie nur die Gewohnheit und die Angst vor dem Skandal allmächtig seien. Alles Dazwischenliegende sei nur Episode... Der Mann kennt das Leben, er kennt die Frauen – aber er kennt seine Cousine Félicie ganz gewiß nicht! Solange er da war, ließ ich mich unterhalten und widersprach nicht viel. Ich behandelte die ganze Angelegenheit als Marotte eines Blasierten und nebenbei als interessante Auseinandersetzung über die Frau überhaupt. Ich war auch, ehrlich gesagt, nicht in Kampfesstimmung – ich wollte nicht verteidigen. Es erschien mir viel wohlthätiger, zwei Stunden thatsächlich zu glauben, daß diese Frau genau so wie andre Frauen – nur anmutiger und darum gefährlicher... Glaube ich das wirklich? – Werde ich das jemals glauben? – Ich werde es niemals glauben! Niemals, niemals, niemals!... Und das sage ich nicht etwa von ungefähr. Wer wie ich in jeder dritten Minute eine geliebte Frau leidenschaftlich anklagt, eben weil er sie liebt, und weil er unglücklich ist – und wer trotz alledem Immer wieder unfehlbar zu dem Satze zurückkommt: Sie ist doch ein edles, großherziges Geschöpf – der will eben nur die Gesellschaftsmoral kränken, aber nie sie selbst... Als der Zug nach Ventimiglia längst über alle Berge war, wäre ich am liebsten dem Grafen nachgesetzt und hätte ihm gesagt: ›Die Frau macht sich und mich unglücklich, nicht weil sie schlecht, sondern weil sie gut ist.‹ Und wie man das Widersprechendste immer an sich selbst erleben muß – ich traf auch noch die deutsche Reichsgräfin, und zwar mit dem berühmten Maler. Es war eigentlich für mich ein recht unerwünschtes Wiedersehen. Sie wollen übrigens beide heute noch nach Rom – sie Erster, er Dritter. Meine Landsmännin hat nun einmal eine Schwäche für berühmte Leute. Wir haben natürlich zusammen diniert. Das Gespräch drehte sich hier ausschließlich um Félicie. Die gute Reichsgräfin ist ahnungslos. Aber es war mir trotzdem ein weher Genuß, aus dem Munde der mütterlichen Freundin zu vernehmen, wie gut und schön die Herzogin schon als Kind gewesen sei. Und der Maler stimmte ein – und ich stimmte ein. Ich that es so gern, ich empfand Reue wegen vorhin. Die Reichsgräfin ging gleich nach Tisch – sie hätte noch eine Menge Besorgungen. Aber als der schmutzige, berühmte Mann das Thema »Félicie« auf eigne Faust fortsetzen wollte, da wurde es mir zu viel. So etwas ist Entweihung – »Sprechen Sie mir, bitte, von allem – aber sprechen Sie mir nicht von dieser Frau!«... Und das geniale Rauhbein begriff nicht mal. Es wurde im Gegenteil pikiert und ging. Mag er gehen – mögen sie alle gehen auf dieser Welt, alle, wie sie da sind, und mich allein lassen mit meinem dumpfen Schmerz! Ja, ja, das ist das schreckliche Auf und Nieder der Stimmung. Um zehn Uhr nachts war ich in Mailand. Da auf dem Bahnhof habe ich auch noch meinen Hund verloren. Du brauchst Dich nicht aufzuregen wegen der Herzlosigkeit, Gert! Daß es mein treuester Freund war, weiß ich allein. Aber auch dieser Verlust ist mir gleichgültig. Man hat mir das schöne Tier wohl weggefangen, und es stirbt bei seinem neuen Herrn an Heimweh oder erduldet alle Qualen des Viviseziertisches. Vielleicht ist er auch weggelaufen, zurück an die Riviera, verzweifelt, winselnd nach ihr, vergiftet von demselben Zauber wie ich. Ich hätte in Mailand bleiben sollen, zu suchen, Belohnungen auszuschreiben. Das Tier war mir doch immer so viel mehr wert als ein Mensch. Aber ich kann nicht, Gert, ich kann beim besten Willen nicht! Ich muß weg – Da faucht der Schlafwagenzug nach Basilea auch schon. Ich habe kaum Zeit, mir das Billet zu lösen... Armer Tip! – Ich bin doch ein Mensch und kann auch nichts andres thun als verkommen!... Aber jetzt im Augenblick nur fort, fort! Zu diesem thörichten Triebe langt's gerade noch. Ich hatte die zwei Kabinenplätze Erster belegt, um die Nacht ganz allein zu sein. Ich lege mich trotzdem nicht hin. Ich lasse die Nachtluft durch das offene Fenster strömen. – Wenn doch der Gebirgshauch bald käme! Er soll ja das Herz frei machen und leicht – und ich habe ihn so nötig für meinen lastenden Alp ... Und endlich kommt der frische, kühle Hauch von den Schneegipfeln gezogen. Es war ein Wahn – er macht doch nicht frei!... Es ist wieder Vollmond wie damals bei der Herfahrt. Auch ein Hohn. Es sollte düstere Nacht sein ... Ich sitze auf meinem Bett und zähle mit der Uhr in der Hand die Minuten. Ich weiß nicht warum – aber ich muß etwas thun. Und ich rufe dem Zuge zu: ›Weiter, weiter!‹ – Ich muß vorwärts sehen, ich darf nicht zurückdenken, sonst werde ich rettungslos verrückt. Wir fahren über den Gotthard. Weder die Stickluft der Tunnel und das schwere Prusten der Lokomotive. Es geht alles so mühselig im Leben, wenn man nur die Augen aufmacht... Und hüben und drüben die firnbedeckten Bergriesen, starr, stumm; dazwischen, weich umrissen, silbriggrau der Fels. Und da – ich weiß nicht, wie es kam – werfe ich mich auf die Kniee und bete und bete mit bergeversetzendem Glauben um das Wunder. Ich thue es sicher das letzte Mal in meinem Leben. – Unser Zug gleitet vorüber an den Bergen – und sie rühren sich nicht – und mein Herz wird auch nicht leichter. – Da stehe ich langsam auf. Es ist alles Unsinn. – Ein Gefühl vermagst Du vielleicht im Gebet zu zwingen – Gefühle zwingst Du mit keinem Gebet... Bei dem Beten verlor ich dich erst ganz, Félicie, – dich und den Glauben. NB. Ich habe in Frankfurt die Route geändert und fahre nach Hamburg weiter. Ich kann Belgien nicht passieren. Es ist mir unmöglich. Hoffentlich finde ich auch in Hamburg ein Schiff, das einen belgischen Hafen nicht anläuft. Siebzehntes Kapitel. Forcieren à tout prix! « – Weißt Du, wo dies gut gemeinte Telegramm mich erreicht hat? – In Kairo, nach vielen Irrfahrten sicherlich und jetzt fein säuberlich in ein Briefcouvert eingeschlossen. Genau vier Wochen nach seiner dringlichen Absendung ... Es war zu spät, viel zu spät. Aber ich hätte auch sonst deinen klugen Rat nicht befolgt. Nur keine Reiterstückchen gegenüber so feinfühlenden Frauen! Hat sie mich von Herzen lieb gehabt, dann stärkt, wie bei mir, die Entfernung das Gefühl. War's nur eine Episode des Herzens, dann hält kein Gott die fliehende Empfindung. Also ich bin in Kairo – und nicht in Indien. Der unbegreifliche Umweg über Deutschland war ja für beide Reiseziele nur eine Kateridee. Ich hielt's nur bis Suez auf dem Schiffe aus. Noch vier Wochen und länger, immer die flimmernde Hitze über einem wunderbar leuchtenden Meer. – Dazu sind die Wunden noch zu frisch, schmerzen noch zu brennend. Aber hauptsächlich vertrieb mich eine Frau – Deutsche und sehr Dame–, die mit ihrer Kammerjungfer eine Weltreise macht. Wir sahen uns allmorgendlich auf Deck, das heißt, sie suchte meine Bekanntschaft mehr, wohl weil ich etwas leidend aussah und sie von meinem Metier gehört hatte. Die noch junge, elegante Frau trug alles auf Seide gearbeitet wie Félicie – und allein das Knistern dieser Seide an jedem Morgen versetzte meine Nerven in peinlichste Schwingungen. Den ganzen Rest des Tages dann wieder das Meer von Schwermut wegen dieses einzigen Tones... Aegypten jetzt ist ein Wahnsinn. Wüstenglut und ekler Staub. Ich will auch bald zurück in irgend ein deutsches Seebad. Auch Schwäche. Eine eventuelle Nachricht von ihr braucht bis Kairo zu viel Zeit. Indessen treibe ich mich mit einem Fellachenjungen und einem Esel in der Wüste 'rum oder inspiziere die gigantischen Trümmer einer glücklicheren, weil längst vergangenen Zeit. Die Wüste ist so köstlich stumm – ich bin ja auch von Geburt für die Wüste bestimmt. Bei den Ruinen muß ich an unsern Vater denken, der sagte doch immer, er würde sicher nicht eher sterben, als bis er die Pyramiden von Gizeh noch einmal gesehen hätte. Er starb, und der Glaube nutzte ihm nichts. Ich werde auch sterben, ohne Félicie noch einmal gesehen zu haben. Ich male wieder, das heißt ich stümpere – und ich, der ich immer die düsteren Seiten des Lebens krankhaft bevorzugte, finde mich bei sentimentalen Vorwürfen wieder. So färbt man ab. Der Briefwechsel zwischen mir und Félicie ist im Gange. Sie schreibt nach Hamburg, wie verabredet, und erst Wochen später bin ich im Besitz der geliebten Zeilen. Sie ist so gut, sie sorgt sich so um meine Gesundheit – aber sie gehört zu den Frauen, wo man das andre zwischen den Zeilen lesen muß. Das ist ein sehr unsicheres Kalkül, weil man bald zu viel, bald zu wenig herausliest, je nach der Stimmung. Auch der Herzog und ich wechselten höfliche französische Schreiben. Sie sind bereits in Biarritz und die Hochzeitsvorbereitungen im Gange. Der Prinzbruder kommt schicklicherweise erst im letzten Moment, und das ist sehr viel später... Nach dem allen könntest Du vielleicht annehmen, das Schlimmste sei bei mir vorüber. Leider nicht. Der Karren bewegt sich längst nicht mehr, weil die Rutschbahn zu Ende – aber ich sitze noch immer drin. Ich lebe thatsächlich von dem Wunder, um das ich nicht mehr bete, und an das ich nicht mehr glaube. So kommt man 'runter. Aber ich kann nun einmal kein Ende machen, weder im Guten noch im Schlimmen. Ich bin einmal in meinem Leben mit meinem Gefühl weit über mich selbst hinausgegangen – darum bin ich der Sklave meines Gefühls. Ich habe das alles auch wohl Félicie geschrieben, aber cachiert, gemildert. Die Kabinettsfrage wie Du denkst – geht nicht! Ich fühle, daß meine Position in dem Augenblicke ganz verloren ist, wo ich dringend werde oder mich so schwach gebe, wie ich in Wahrheit bin. * Heute ein Brief von ihr. Ich wartete schon lange sehnsüchtig auf ihn. Nun lag er im Hotel mitten auf dem Flurtisch wie die andern Briefe von den paar übrig gebliebenen Touristen auch – Engländern, die ich nicht kenne. – Ein Brief von ihr zwischen andern Briefen! Jeder x-beliebige Krämer darf ihn anfassen, die Adresse lesen, ihn ärgerlich wieder auf den Tisch werfen, weil er nicht für ihn bestimmt, als wenn diese etwas glatte Handschrift einer viel korrespondierenden Dame von Welt nicht etwas ganz, ganz andres wäre. Ein Brief von ihr – ich bitte Dich!... Ich nehme mir nicht mal Zeit, mit ihm auf mein Zimmer zu gehen. Ich öffne ihn auf der Stelle mit fiebernder Hand. Ein nervöser Brief, ein oberflächlicher Brief, ein Brief, wer weiß wo geschrieben, ein Brief, der mich eigentlich empört. Ich wollte gerade zum Diner gehen und verlor sofort das letzte Atom von Appetit... Ich möchte einen Brief von ihr, wo sie sich wenigstens in einem Worte selbst giebt! – Dafür nur diese etwas müde Liebenswürdigkeit, die sich ängstlich hütet vor dem Zuviel!... Diese charakteristische Angst vor dem Zuviel!... Vermögen überhaupt die Frauen zu lieben, die niemals großherzig das Zuviel geben? Wer immer bangt, ob er nicht thörichte Hoffnungen weckt, der hat nie selbst thöricht gehofft. Und solche Menschen sind doch arm! Ich beantwortete den Brief auf der Stelle. Ich schrieb kalt, sarkastisch, ich wollte die Frau treffen. Ich habe ein Recht auf ein ganzes Gefühl oder auf gar keins. Das sollte die Feinfühlige doch begreifen! Sonst lieber der unheilbare Bruch, das Adieu für immer. Wenn sie immer nach rechts und nach links sieht und nie mutig geradeaus, so vermag sie nur sich und andre unglücklich zu machen... Ich bin ungerecht gegen sie – aber ich will's sein! Ich lese meinen Brief noch nicht mal durch – ich weiß auch so, daß er eine einzige blutige Thräne ist... Solche Ausbrüche des Grolls sind gut, weil sie ehrlich sind und wie reinigende Gewitter auch frei machen. Ich fühlte mich danach matter, aber ich fühlte mich auch freier als lange. Uebermorgen gehe ich nach Europa zurück. – Ich fühle auch keine Reue wegen des Briefes am Abend. Am Morgen kommt sie. Das ist die verwünschte Schwäche. P.S. In dem Augenblick, als ich abfahren will und noch gerade die letzte Post durchstöbere – ein Brief von ihr. Ein ganz andrer Brief! Sie hat auf der Stelle gefühlt, daß der letzte falsch aufgefaßt werden könne. Sie schreibt rührend, reizend, ich thue ihr leid in meiner Einsamkeit. Aber kein Wort von Liebe, auch kein Wort über ihren Mann – aber trotzdem der Brief eines guten Herzens, eines Herzens, das ringt. Der eine Schritt vorwärts natürlich nie! Aber wenigstens der warme Trost für den Verlassenen... Ist die Frau nur gut? – Ich weiß doch nicht, ob sie mir Mitleid gab oder Liebe. Sie selbst ist sich darüber wohl nicht klar. – Mir thut's leid, daß ich den verletzenden Brief geschrieben. Aber sie muß ihn verstehen, sie wird ihn verstehen, weil er vielleicht mehr wie die vorhergegangenen ein Brief der Liebe ist. Mit meiner Reiserolle unter dem Arm schrieb ich ihr noch ein paar flüchtige Zeilen, worin ich sie um Verzeihung bitte für alles, alles. Das ist nicht klug, wie ich sehr wohl weiß. – Ich sollte die Wirkung des bösen Briefes abwarten. Vielleicht heißt sie: ›Komme sofort! Nimm mich! Meine Natur braucht nun einmal den Zwang. Wenn ich den Herzenskampf allein auskämpfe, siegt doch die Tradition – ich; und die Revolution soll siegen – Du‹... Zum Forcieren schlimmster Art, Gert, hätte ich momentan nicht mal das Geld. Ich könnte es selbstverständlich haben, ich kann ja haben, was ich will, aber ich will's aus einem ganz bestimmten Grunde nicht, den ich selbst Dir nicht mitteilen kann. * Also ich fahre zurück nach Europa – und zwar mit ihrem letzten Brief am Herzen. Lache nur über den Talisman! Aber alles, was von ihr kommt, wird mir immer einen bösen oder guten Zauber bedeuten. Davon mache ich mich nie los. Die Fahrt war schön und schwermütig. Ich las den Brief wohl hundertmal und küßte heimlich das Papier wie ein sentimentaler Tertianer. Und wie ich so die vielen Stunden auf Deck saß, ganz allein mit ihr, ob auch hundert Menschen mich umdrängten, war mir das Herz bald leicht, bald beklommen. Ich denke, wie lebensmüde sie selbst nach ihrem letzten Brief sein muß, wie stumpf, und wie das wieder wechselt mit Bitterkeit und Empörung. Beneidenswert ist diese freiwillige Gefangene der Tradition wahrhaftig nicht! Und wenn sie nun in der grausten Stimmung meinen Brief von neulich bekommt und nur die Kränkungen herausliest und nicht das Weh, dann begeht sie vielleicht eine ihrer eigensinnigen Thorheiten, weil ihr die Sonne nicht mehr lieb. Sie könnte dem kranken Herzen das Unmögliche zumuten, bloß damit es voll selbst aufhört mit seinem zitternden Schlag. – Nein, nur das nicht! – Ich merke, wie bei der Vorstellung das funkelnde Licht fahl wird und über das glitzernde Meer ein tückisches Grau fließt. Ich fühle, daß ich sie unendlich viel mehr liebe als mich selbst – Und wenn sie wiederum einmal glücklich, ganz glücklich wird mit ihrem Mann oder mit einem andern – auch das ist etwas Tötendes ... Reinige Deine Gefühle von sündigen Schlacken, wenn Du stark liebst – ich kann's nicht! So verging mir die Fahrt: hochherzige Selbstlosigkeit mit heißem Egoismus innig gemischt... Der Kapitän hatte mir gesagt, daß ganz weit da drüben auf gleicher Höhe Biarritz läge – aber auch dem bewaffneten Auge säumt nur die See den Horizont. Wie weit mag der Kampf jetzt da drüben sein hinter jenen feinen Windwolken? Ich werde noch ein paar Tage nach Hamburg gehen. Ich habe da oberflächliche Bekannte von meinen Reisen, denen aber mein Besuch Freude machen würde. Ich muß doch nach andern Eindrücken suchen, nach Oberflächlichkeit oder Betäubung. Denn ich bin trotz meines sehr gelebten Lebens noch immer nicht alt genug und kann vielleicht von der vagsten Hoffnung leben, aber nicht von der schönsten Erinnerung. In letzterem sollen die Frauen Meister sein. Etwas Abgeblaßtes bleibt solch thränenfeuchtes Rückwärtsschauen doch. ´ * Ich war über eine Woche in Hamburg und habe mich gut amüsiert. Man ißt und trinkt nirgends besser auf der Welt. Aber die Frauen – und seien es die schönsten – taugen mir nur noch zum leichtesten Sinnenreiz oder zum verächtlichen Genuß. Sie sind mir höchstens ein Spielzeug, das man aufnimmt, um es wegzuwerfen. Der Ekel folgt dem Vergnügen auf den Hacken. Die Aerzte raten mir von Nordseebädern dringend ab. Sie sind zu stark und züchten bei Nervösen meines Genres bedingungslose Schlaflosigkeit. Dann also die Ostsee! Wasser muß ich haben. – Nimm mir's nicht übel, Gert, daß ich so nahe bin und doch nicht zu Euch komme oder vielmehr zu Dir! Dich hebe ich mir als Letztes auf. Und so weit bin ich noch nicht. Ich traf neulich einen alten Regimentskameraden von Dir, der nicht begreifen kann, daß Du nicht geblieben bist. Mit mir ist das was andres. Vorgesetzte auf die Dauer – nein! Das gab mir Dein Freund auch lächelnd zu – und da das Hervorstechendste in meinem Charakter doch die Eitelkeit ist und der bescheidene Weihrauchskitzel, mache ich ja so auch meinen Weg viel rascher. Ich möchte aber ungern zu dem Punkte kommen, wo ich arbeite, weil ich arbeiten muß, wie ich jetzt schreibe, weil ich schreiben muß. Wenn ich erst die Arbeit brauche, um mich vor der äußersten Konsequenz meiner Lebensanschauung zu schützen, dann bin ich zu sehr ich selbst. * Miserabler Prophet – ich! Ein Brief von ihr. Die gute Antwort auf eine böse Frage. – Was thu' ich der Frau doch immer unrecht! – Sie ist so tief und so rein und so gut!... Ach, es war ein Brief, wie wohl nur sie ihn schreiben kann – einfach und schön. Es war aber auch eine Antwort mit wendender Post, ohne kühles Besinnen, ohne kleinliches Abwägen, die Antwort eines großen Herzens, das nicht verkannt sein will. Heute ist sie endlich mal sie – ganz sie. Bei allen Zerstreuungen des Modebades, den neuen Eindrücken, der neuen Umgebung hätte ein oberflächliches Herz, rasch befreit, aufgeatmet – und vergessen. Und dieses tiefe, gute Herz hat schwer schlagend sich da erst recht selbst begriffen. Das, was vorüber, das waren auch ihm in Wahrheit die besten Tage des Glücks. Ich soll's wissen, wie ich wissen soll, daß sie nicht vergessen kann, nicht vergessen will, daß, wenn sie mich je geliebt hat, sie mich gerade jetzt liebt. – ›Lebe für mich – ich lebe für Dich! Auch ewig getrennt gehören wir uns doch ewig!‹... Das ist Musik, das thut wohl. Und wie damals am letzten Tag im Schlosse fühle ich beim eignen fieberhaften Schlag meines Herzens das ängstliche Pochen eines andern geliebten Herzens neben mir. Sie ist wieder bei mir. Der Raum scheidet uns nicht... Es ist nicht etwa ein Brief, der überschwengliche Hoffnungen weckt – kein Fanfarenstoß der siegenden Revolution – aber der Kampf liegt drin, das Ringen, der Wunsch, ganz frei zu sein, wenigstens im Gefühl. Ach Gott, wie oft habe ich nicht diesen Brief gelesen – diesen lieben Brief, der mir alles Glück und alles Weh vergangener Tage zurückbrachte! Als er kam, da zögerte ich, ihn zu öffnen – ich fürchtete die gekränkte Antwort der Verkannten, das Mimosenhafte Erschauern der allzu Feinfühlenden. Und als ich ihn las – zum erstenmal das mutige geschriebene »Du«, was sie auch im Gespräch so ängstlich mied – zum erstenmal das warme: ›Ich habe Dich ja so lieb!‹, das sie vielleicht unter den Augen des Herzogs schrieb... Das war doch einer der wärmsten Tage meines Lebens. Ich glaubte an Gott, ich glaubte an das Wunder. Und aus diesem Gefühle heraus habe ich auch geantwortet. Freilich zwischen Brief und Brief liegen uns immer fast Wochen. Natürlich kindisches Zeug, beileibe nicht für vernünftige Augen! – Ich gebe mich ganz, ich gebe mich in meiner Schwäche, was Männer nie thun sollen. Ich hoffe ja auch nur auf den Himmel, weil uns den die Erde doch nicht giebt. Wenn nicht anders – dann wenigstens da oben mit ihr! Aber so oder so will ich sie besitzen, weil ich sie doch einmal besitzen muß. Und der Himmel, an den ich nur in der Not glaube, wird sich mir nicht verschließen, wenn sie für mich bittet. – Thöricht, das alles! Ich weiß es. Aber wenn irgend etwas von oben kommt, so sind's doch die großen Gefühle und die Vorsehung wird doch ihre eignen verlorenen Kinder nicht zurückweisen, wenn sie, müde des Irdischen, zu ihr kommen, die sie einst hinunterschickte. Wenn man eine Frau gücklos liebte hier – so darf man doch wenigstens auf den Himmel hoffen mit ihr. Seitdem sind Wochen vergangen. Vielleicht ging auch gerade dieser Unglücksbrief verloren. Der kurze Brief an Dich blieb unbeendet liegen. Ich wollte ihn nicht abschicken, weil ich ihn zu hoffnungsfreudig stilisierte und Dich damit nicht enttäuschen will. Ich warte fieberhaft auf Félicies Antwort, die aber nicht kommt. Also, bitte, keine Hoffnungen! – Ich habe sie ja auch nicht mehr. Mir liegt im Gegenteil eine schwere Enttäuschung irgend welcher Art in den Gliedern. Die Frau wartet, überlegt. Wahrscheinlich hat der Kampf da drüben in Biarritz sich zu einem verständigen Frieden mit dem Bestehenden gewandelt. Es wird wohl so sein. Wenn sie mich wenigstens in meinem Karren sitzen läßt! ... An verlorene Briefe glaube ich nicht! * Oublier a tout prix et en tout cas ! – Da hast Du der Herzogin wohlerwogene Antwort. Mein Brief wird demnach wohl kein Diplomatenbrief gewesen sein ... »Ja, Gert, wenn einem so eine Freudenbotschaft dienstfertig noch bei der Table d'hôte überreicht wird, weil man die Post ja nie erwarten kann – und wenn man das Couvert mit nervöser Hand aufreißt und zu lesen beginnt, und wenn man dann noch wenigstens die Selbstbeherrschung besitzt, zwischen den blutlosen Lippen zu murmeln: »Pardon, meine Herrschaften. Diese dummen Geschäftsbriefe! Den hier muß ich auf der Stelle beantworten« ... Bei mir langte es grade so weit – Aber dann die Stunden im Zimmer bei verriegelter Thür, auf der Bettkante, mit dem mechanisch immer wiederholten: ›Herrgott, wie ertrag ich's!‹ Und man erträgt alles, alles, alles! Man ist selbst zu schlapp zum Krepieren. – Eine Frau quittiert ganz vernünftig über unser Schicksal! Wie gefällt Dir das, Gert? ... Ich weiß nicht, was in Biarritz während der letzten vier Wochen vorgegangen ist, welche Kämpfe sie hinter sich hat, welchem Druck sie erlegen ist. Sie schreibt auch davon kein Wort – Gut – sie mag müde sein des doch vergeblichen Ringens gegen einen Strom, dessen anerkannte Stärke ihr erst jetzt klar wird; sie mag dumpf verzweifelt zusammengebrochen sein; sie mag einen Kampf gegen sich und andre gekämpft haben, wie keine andre vor ihr ... ich lasse ihr alles, alles, was sie entschuldigen kann – Und dann sollte gerade diese Frau nur das Banale: ›Vergiß mich!‹ aller Frauen gefunden haben? Den härtesten Ton des Herzens – den würde ich verstehen; das ruhige Wort der Vernunft – das verstehe ich nach allem, was gewesen, nicht. Sobald in die Liebe die Vernunft kommt, dann heißt sie besser Ehe, und dann ist sie das Grab der Gefühle. Und erst, wenn man das Grab gut zugeschaufelt und mit Epheu bepflanzt hat, entschließt man sich zu dem bequemen Oublier – das immer aus dem Kopfe kommt und nicht vom Herzen. Die Vernunft hat gesiegt – eh bien ! Die Tradition hat ihr verirrtes, bestes Kind wieder ... Aber warum denn nur dieser Brief vorher, diese beiden Briefe vorher? – Ist es so edel, aus einer blutenden Wunde eine eiternde zu machen? ... Das kann ich nicht verstehen, weil ich's nicht verstehen will. Wo ist selbst das großherzige Mitleid dieser Frau geblieben bei dem ganz unmotivierten: ›Vergiß mich!‹? – Mein Brief gefiel ihr nicht – wer will ihr das verargen? Es war ein Brief des Gefühls an das Gefühl, der Brief eines Unglücklichen an eine Unglückliche. Es sollte beileibe keine Erpressung sein ... Wenn sie allerdings erst jetzt ganz begriffen hat, wie ich sie liebte, und wenn ihr das zu viel ist, wenn sie das jetzt als Last Empfundene um jeden Preis abschütteln will und sich dabei weismacht, sie opfere sich großherzig für mich – dann allerdings hat nicht der Gläubige recht, sondern der Zweifler. Ich lese den Brief durch und lese ihn wieder durch und sage mir: ›Etwas mehr warst du doch wert!‹ – Ich gehöre sonst wahrhaftig nicht zu den Leuten, die über ein Komma stolpern, ich verstehe auch zwischen den Zeilen zu lesen, oder ich verstand es, oder ich glaubte es wenigstens zu verstehen – aber daß sie jetzt auf einmal fast beleidigt sagen kann: ›Ich wollte Ihnen nur Sonnenschein geben und weiter nichts, weil Ihr Leben so düster und inhaltlos vorher.‹ – Hat sie denn alles Feingefühl absichtlich verloren? Versteht sie die ungeheure Demütigung nicht, wenn eine Frau selbst sagt, daß sie nur Almosen einem Armen geben wollte? Gerade das hat sie doch früher so leidenschaftlich bestritten! – Gut, ich bin und war arm. Aber habe ich sie um Almosen gebeten? – Daß ich selbst manchmal wußte, daß ich welche nahm – bon ! Aber daß sie es mir selbst sagen muß, gewissermaßen um mich in die Schranke zurückzuweisen? Sie will eben das Ende um jeden Preis ... Sie braucht aber nicht so zu drängen. Sie braucht keine Angst zu haben, daß ich urplötzlich als ungeladener Gast in Biarritz zur Hochzeit erscheine oder in ihrem flandrischen Schlosse zur Billardpartie. Bin ich, der Edelmann, denn über Nacht ein zudringlicher Plebejer geworden? Es scheint! – Es scheint auch, daß sie die Befürchtung hat, ich könne sie einmal droben in ihrem Prinzessinnenhimmel anreden. Ich habe ihr das nie zugetraut ... Jetzt auf einmal: ›Vergiß mich à tout prix !‹ Und das nicht mal verbissen, hart, wo man geflissentlich nach dem gefühllosesten Wort sucht, daß es die brennend sickernde Thräne decke – sondern das gefühlvoll vernünftige Wort, das die Wahrheit endlich gepackt hat und sie eigensinnig festhält ... Was nutzt mir nach der Vorrede, daß ihre Gefühle noch immer ungewandelt? – Wer mit der Aeußerung des Gefühls so haushält, der weiß nicht nur, daß es bald zu Ende ist damit, der möchte, daß es zu Ende wäre endlich. Und ich mache noch kein Ende, Gert! Ich kann meinen Karren nun einmal nicht verlassen, aus dem man mich mit Vernunft und Liebenswürdigkeit hinauskomplimentieren will... Ich werde mir vierundzwanzig Stunden später doch wieder sagen: ›Thust du ihr nicht bitter unrecht? – Und was liegt zwischen dem letzten und dem vorletzten Brief an Kämpfen und Entschlüssen, die sie mir nicht sagen darf?‹... Du würdest mir natürlich raten: zu warten oder auch ganz zu schweigen, und wenn sie auch schweigt, zu denken: ›Das ist Antwort genug.‹ – Warten werde ich. Aber schreiben werde ich doch. Wie's nun auch zusammenhängt: ich will sie nicht fallen lassen, wie sie mich vielleicht fallen läßt... Gert, das sind seelische Vorgänge, über die wir uns nur persönlich auseinandersetzen könnten. Und wenn bei der Gelegenheit ich auch Dir zudringlich und dumm erscheine, so denke, bitte, daß auf Erden weder die Vernunft noch die Bescheidenheit eine genügende Folie hätten ohne Narrheit oder Frechheit. – Vielleicht schreibt sie auch selbst und findet sich selbst wieder, wie sie sich selbst verloren. Den Glauben an diese Frau tötest Du doch nur mit mir selbst. Wäre sie nicht ganz anders als andre Frauen, so liebte ich sie doch nicht so ganz anders als andre Frauen! Die Medizin, die mich heilt, muß noch bitterer sein – und diese Heilung heißt dann Tod. NB . Bin ich eigentlich so überschwenglich, daß ich eine Frau abstoßen muß? – Ober thue ich einer herzkranken Frau etwas Böses, daß ich sie von einer Lebensanschauung abzubringen suche, die ihr Heil ist? – ›Vergessen Sie mich!‹ – Das werde ich nicht los. Wenn ich nur wüßte, ob das Herz zu dieser eigensinnigen Vernunft taktmäßig schlägt, während die weiße Hand das niederschreibt!... Freilich dann... Dann hätten wir uns eben geirrt, mein lieber Bruder – Ich bin Egoist. Ich will mich nicht geirrt haben. Sie soll mir bleiben, was sie mir war, auch wenn sie nicht will. * Ich habe gewartet – ich habe geschrieben. Ich habe gebettelt – ich habe Almosen bekommen... Was in meinem Brief stand? – Sicherlich sehr viel oder sehr wenig, je nachdem man es mit einem matten oder leuchtenden Auge liest. Ich habe ihr wohl noch einmal gesagt, wie sehr ich sie geliebt habe, und wie unsinnig schwer darum das Vergessen sei. Auch daß ich innerlich mich doch nie von ihr losmachen könnte. Das ist auch nur die Wahrheit. Aber schreiben solle sie mir nicht mehr, weil ich den definitiven Bruch doch nicht ertrüge, und weil ich weiterleben müsse und doch nur von ihr leben könne... Im Grunde weiter nichts als eine gemeine Bettelei um Liebe. Es ist dumm, es ist deplaciert, und auf dem Punkte, wo die Herzogin jetzt angekommen, facht Bettelei derart das erloschene Gefühl höchstens zum großherzigen Mitleid an. Aber Ekel und Abneigung folgen diesem Mitleid auf den Fersen. Und ich weiß das sehr wohl. Man schreibt mit solchem Brief sich selbst das Todesurteil in den Augen einer Frau. Vielleicht habe ich auch nichts andres gewollt. Ich habe auch die Antwort bekommen. »Ein unbedingt letzter Brief« – ihr eigner Satz. Ein Brief genau wie der vorige, derselbe Sinn in andern Worten. Vornehm bleibt Félicie auch da. Sie schickt mir ein letztes Andenken: ein kleines, kleines Pastellgemälde von ihr, René auf dem Arm, fein wie ein Meissonier, den man mit einer Hand bequem bedeckt. Sie ist so reizend darauf, ganz der holde Zauber, der sie im Leben umfließt. Vielleicht darum kann ich's nicht lang ansehen – der Traum war zu schön! – Solch ein Bild giebt man nicht jedem, das reißt man sich vom Herzen los, das soll heißen: »Ich habe dich mal lieb gehabt!«... Warum muß sie mir dazu schreiben, daß sie sich erst nach langen Kämpfen dazu entschlossen habe, weil sie nicht wisse, ob es mir gut sei? – Das heißt einer Blume den Duft nehmen... Sie hätte doch ebensogut in diesem »letzten Brief« schreiben können: »Ich schicke Dir das Beste, was ich habe, freiwillig, gern, weil ich Dich noch immer liebe, wenn's auch für ewig vorbei ist!«... Wozu der Skrupel auf Papier fixiert – wozu durchaus dem Bettler das Almosen? – Sie hat eben den Kampf hinter sich und das Gefühl auch. Sie ist der Tradition so treu wie je... Und mein Brief hat sie natürlich nur gekränkt. Die Gründe kenne ich nicht; sie läßt sich auf Einzelheiten nicht ein. Sie wird eben über ein Komma gestolpert sein, weil sie über ein Komma stolpern wollte. Das ist das Ende des Verständnisses, der Schluß überhaupt. Ich bin der Frau lästig geworden – und ich fühle, daß ich ihr lästig werden mußte. Ich könnte hierauf einen freundlichen Dankesbrief schreiben – oder ich könnte auch nicht schreiben. Ich könnte auch wieder warten, wie Du mir immer rätst. Trotzdem muß ich auf der Stelle schreiben. Es besteht nämlich noch etwas andres zwischen uns – oder es war im Begriff zu bestehen. Etwas, das nur zwischen zwei Menschen bestehen darf, die sich bedingungslos lieb haben, vollständig verstehen – und dann ist es köstlich. Sonst ist es eine Erniedrigung für den Mann, ein häßlicher Stachel für die Frau – nach einem »unbedingt letzten Brief« ganz undenkbar! Ich müßte auch das, letzte Atom von Ehre nicht mehr besitzen – und ich bin schon beinah ehrlos, daß sie das in einem »unbedingt letzten Brief« überhaupt erwähnen kann. Ich kann Dir nicht sagen, was es ist, Gert, aber ich kann Dir sagen, daß es in der Form die schlimmste Demütigung heißt, die eine Frau einem Mann anthun kann! Sie denkt sich sicher nichts Böses dabei, aber eben weil sie sich nichts dabei denkt, ist es um so schlimmer... Vielleicht meint sie es auch gerade durch diesen Passus gut mit mir. Sie will mir die Möglichkeit eines anständigen Rückzugs lassen. Und ich trete diesen Rückzug ohne Besinnen an – ,Die Frau, die mir das im »unbedingt letzten Brief« zumutet, die hat mich freilich nie geliebt'... Mag sie gekränkt sein – aber auch ich bin am Ende meiner Kraft. Die Briefe, die wir vielleicht noch im Leben wechseln, die sind Form und nicht Inhalt fürderhin. Sie will's so – und mir ist's recht... Ich habe Dir vorausgesagt, daß ich das Schlachtfeld als Flüchtling verlassen würde, nachdem der letzte Atemzug sinnlos vergeudet. Ich verlasse das Schlachtfeld jetzt... Ich werde wieder ich selbst sein – und das wird sie so freuen! Uebrigens, der Prinzbruder ist glücklicher Ehemann. Ich hätte gratulieren sollen, wenigstens Félicie gratulieren sollen, deren Herzenswunsch damit erfüllt ist. Ich kann's nicht. Ob unhöflich oder nicht, ob herzlos oder nicht – ich kann bei solchem fremden Glück nur den bitteren, bitteren Geschmack des eignen Unglücks empfinden. Zu der greisenhaften Selbstlosigkeit habe ich mich noch nicht durchgerungen. Und sage mir, was Du willst: Die Liebe, die im Verzicht das Höchste sieht, die ist nicht mehr Liebe zwischen Mann und Weib, die ist die entsagungsvolle Freundschaft Geschlechtsloser ... Der Graf ist in den Seealpen neulich abgestürzt. Ich las nur die Zeitungsnotiz. Hat er bewußt den einen Schritt vorwärts gethan, weil ihm der ewige Schritt rückwärts zu langweilig wurde – oder ist's wirklich nur ein Unglücksfall? Auch Spielschulden oder so etwas könnten ihn in den Tod getrieben haben. Er war fraglos eine pathologische Erscheinung, aber trotzdem oder vielleicht grade deshalb der klarste und vornehmste aller dieser Köpfe. Den Mann beneide ich wirklich – aber nur, weil er tot ist. Wir haben jetzt bereits August. Auch die kriechende Zeit kommt zum Ziel. Und ich bin noch immer in dem kleinen Ostseebade... Wie's in mir aussieht, kannst Du Dir ungefähr vorstellen. Vor der Arbeit habe ich einen positiven Ekel, den ich aber doch überwinden muß. Rate Du mir, wo ich hingehen soll? – Ich bin des Reifens so müde und möchte mich auch wiederum nirgends festsetzen. Ich wollte, ich hätte Félicie das damals nicht versprochen; und ich hoffe zu Gott, daß sie bald glücklich wird ... Warum soll sie's schließlich auch nicht werden? Der Gedanke an mich kann ihr nicht hinderlich sein. Ihre Versprechen hat sie ja peinlich bis zum letzten Moment gehalten – und wie wenige Frauen thun das! ... Wir hatten übrigens mal ernsthaft untereinander abgemacht, wenn der letzte Funke des Gefühls für mich (Mitleid oder Güte natürlich ausgeschlossen) geschwunden, würde sie mir das unauffällig mitteilen. Sie wird es aber wohl nicht thun, eben aus dieser Güte heraus, die ich von ihr nicht verlangt habe. Sie kann's ruhig thun. Viel unglücklicher wird sie mich dadurch auch nicht machen. Geschrieben hat sie mir nicht mehr und wird mir auch nicht mehr schreiben. Sie ist aufs tiefste beleidigt. Ich kann ihr nicht helfen. Von Anfang bis zu Ende habe ich im Bösen und im Guten der Frau gegeben, was ein Mann auf Erden einer Frau geben kann. Der Verschwender war ich doch! Sie wird das Gegenteil behaupten. – Sie ist mich endgültig los, los auf eine Weise, daß sie von ihrem Standpunkt aus mit Recht sagen kann: ihre besten Absichten seien nicht verstanden worden. Das ist eben die andre Weltanschauung. Und wenn sie noch zuweilen an mich denkt, so thut das ein mitleidig bedauerndes oder, wenn Du willst, auch ein die herbste Kränkung groß verzeihendes Herz – aber das Herz, das sich um einen Menschen sorgt, nicht um einen Mann. Sie würde darum ehrlich glücklich sein, wenn ich mich heute glücklich verheiratete ... Sie hat das Weh der Revolution an sich erfahren und weiß jetzt die Segnungen der Tradition zu schätzen. Dabei hat sie doch ein großes, gutes Herz – aber es ist die andre Anschauung von Pflicht und Gefühl. Wir verstanden uns nur so lange, als wir uns sahen. Nachher brach sie selbst die Brücke des Verständnisses ab... Ja, zuweilen habe ich ganz bestimmt das häßliche Gefühl, als ob ich jetzt, ohne es zu wollen, ihr nicht allein lästig, sondern auch lächerlich geworden wäre. Komische Figuren, auch im Gefühl, sind weder meine noch ihre Lieblinge; man bemitleidet sie nicht, sie können einem nur leid thun. Ich bin also wieder wohlbehalten in meiner Wüste angelangt. Ich trinke wie sonst, esse wie sonst, schlafe wie sonst. Ich danke für die drei Genüsse. – Zuweilen aber ist's mir, als wenn ich meinen Karren von den Schienen gehoben und schweißtriefend durch den grundlosen Sand schiebe, weil ich nun einmal ohne den Karren nicht leben kann. Es war ja auch einmal ein Sonnenwagen. – Ich lebe äußerlich, wie ich immer lebte. Ich bin wieder lustig, ich mache die Cour – es sind hübsche Mädchen da und Frauen, die gar nicht so zimperlich, wenn man's drauf anlegte. Es giebt Augenblicke, wo ich leichtfertig denke: »I, Unsinn! Frau bleibt Frau. Und wenn sich ein hübscher Mund nach dem Küssen sehnt, so soll man ihm auch den Gefallen thun.« – Aber ich thue ihm den Gefallen nicht. Ich sinke immer direkt vom Rausch solcher Wünsche in meinen Stumpfsinn zurück und bin stundenlang in einen Fauteuil vergraben, für niemand zu sprechen. Andre Frauen sind andre Frauen. Mein Gefühl bleibt der Herzogin treu, ich bin noch immer ihr Vasall, obgleich ich selbst frei sein möchte, obgleich auch sie nichts sehnlicher wünscht... Dann gehe ich zum Portier und frage nach der Post. Ich denke doch noch immer an einen Brief von ihr und weiß doch so genau, daß er nie kommt. Es ist ein alter Satz, daß wenn Frauen dem Mann das zähneknirschende »Adieu für immer« schweigend beantworten, sie über ihre Gefühle klar sind, das heißt fertig Mit dem Mann. Verglommene Glut facht sich nie wieder an – es ist zu viel Asche da... Es ist bei mir der sehr seltene Fall eingetreten, daß eine gute Frau Gott von Herzen bittet, ein Mann, den sie nicht gern hatte, möge sie vergessen, während doch sonst die Frauen beten, der Mann möge sie nie vergessen. Félicie wünscht mir ja das große, große Glück – und ich kann dazu nur lächeln. Gegen Sonnenuntergang bin ich immer allein oder mit den andern auf der Düne. Es ist mir noch immer ein Reiz, die blutige Kugel ins Meer sinken zu sehen. Es ist zwar eine andre Sonne und ein andres Meer, und es sind andre Gefühle wie damals – aber es soll auch etwas andres sein. Das leuchtende Mittelmeer ertrüge ich noch immer nicht. – Der Strandhafer knirscht, und der Sand rieselt – und wenn ich die Vorsehung genug gelästert habe, dann frage ich mich allabendlich angesichts der sinkenden Sonne: »Was ist nun eigentlich Glück? Ich sage nicht mehr wie früher: es ist Anlage – ich sage: es ist Oberflächlichkeit, weiter nichts. Die es ernst nehmen mit dem Glück, die merken nach manch thörichtem Versuch, daß es wie das Schlaraffenland drei Meilen hinter Weihnachten liegt. In solcher Leben giebt es vielleicht sehr kleine, sehr helle Punkte, die verlorenen Inseln in einem grauen oder schwarzen Meer von Schatten – aber mehr nicht!«... Die Sonne ist hinunter. Es weht kühl, in den Gräsern beginnt's zu säuseln. Wieder ein Tag vorbei: doch wenigstens etwas ... Dann lachen wir wieder und scherzen wir wieder. Manchmal bin ich auch zur Abwechslung wieder stundenlang stumpfsinnig. Das letztere halten die guten Leute bei meinem Schmiertalent für sehr undankbar gegen ein gütiges Schicksal. Neulich, als ich eines Sonnabends mit einem großen Schwarm landeinwärts spazieren ging – über dem silbrigen Korn ballten sich gerade frühe Abendnebel wie Qualm –, da flog eine verspätete Schwalbe immer unermüdlich dicht an meinem Kopf vorbei. Es war wirklich sonderbar. Als wenn der kleine Luftsegler mir Nachricht bringen wollte von irgend wem. Die andern lachten. Aber ein junges Mädchen erklärte mir, daß so etwas selten sei, aber sicher Glück bringe. Irgend jemand, dem ich lieb, müsse sehr intensiv an mich denken öder ihm müsse etwas zugestoßen sein. – Vielleicht... Warum auch nicht! Ich denke jede Stunde des Tages und der Nacht an Félicie; sie könnte doch diese eine Stunde intensiv an mich gedacht haben. Gut ist und bleibt sie! Ich ging bald nach Haus. Auf meinem Zimmer lag ein Brief – ein ganz gleichgültiger Brief. Ich habe die Arbeit wieder angefangen. Ich mußte. Das quälende Auf und Nieder der Stimmungen läßt sich bei mir nur mit Nikotin und Arbeit zwingen. Ich arbeite sehr scharf, fast unsinnig. Brecht doch zusammen, ihr Nerven, wenn ihr's nicht aushalten könnt! Mir ist's recht... Aber sie ertragen's, um sich kleinlich später zu rächen. Das Malen geht wirklich wieder. Aber wenn ich jemand sagen würde, daß diese schöne Arbeit mich nur vor dem Aeußersten rettet, daß sie mir nicht die geringste Befriedigung gewährt, so würde er mich für einen Lügner oder einen Narren halten. – »Die Liebe« habe ich neulich für schweres Geld nach Amerika verkauft. Ich habe sie nicht mal mehr gesehen. Ich hatte mir wieder ein großes Ziel gesetzt und machte gerade Vorstudien zu einem Bilde »Glück«, wozu mich Félicie einmal inspiriert. Es hätte etwas ganz Großes werden können, aber nur unter ihren Augen. Die Opalaugen mit den aufgebogenen schwarzen Wimpern brauchte ich unbedingt zum »Glück«. Darum habe ich den Gedanken nach vergeblichem Bemühen wieder fallen lassen. Ich habe etwas andres vor. – Auch in dem neuen Bild soll »sie« die Hauptfigur sein, aber in einem ganz andern scharfen Lichte gesehen. Ich will in diesem Bilde die Gesellschaft mit Skorpionen züchtigen. Vielleicht gelingt's. Es gelingt, Gert, und es gelingt nicht. Ich kann Dir das technisch nicht recht klar machen. Jedes Bild wächst im guten oder schlechten Sinn über uns hinaus oder bleibt hinter uns zurück. Die Idee verhält sich zur Ausführung höchstens wie das Original zur Kopie. Auch die genialste Kopie wird dem Original nie völlig gerecht. – Jedes Bild ist ein Kampf zwischen Idee und Ausführung, zumal mein neues Bild, wo ich eine Frau verherrlichen möchte, und in dieser Frau doch wiederum die Gesellschaft aufs empfindlichste treffen. Nach dieser Richtung hin entgleitet mir entschieden der Stoff. Du kannst das begreifen. Ich möchte der Hauptgestalt die schärfsten, härtesten Dürer-Linien geben, die Charakteristik poussieren auf Kosten der Schönheit – weil die Gesellschaft meine Todfeindin geworden ist; und ich möchte der Frau andrerseits in Farbe und Licht all die weiche, große Poesie verleihen, die den Verzauberten noch immer bannt. Verbinde so etwas glücklich, wenn Du's vermagst! Verwünsche die Gesellschaft und bete die Frau an in demselben Bilde, in derselben Gestalt! Ich ringe ehrlich nach Objektivität und weiß doch, daß gerade die sprühende ungerechte Subjektivität den Hauptreiz solchen Bildes ausmachen muß. – Meine Arbeit jetzt ist das qualvollste Aufreißen eiternder Wunden und das empörte Zusammenpressen brandiger Wundränder zugleich... Ein Mord der Nerven. Was thut das? – Und vielleicht vermag ich mich auch nur malend mit der Frau endgültig auseinanderzusetzen; vielleicht ist auch dieser bald brennende, bald dumpfe Schmerz, den ich mir bewußt bereite, mit seinen mitleidlosen Qualen die einzige Lebensmöglichkeit für eine gewisse Zeit. Ich verwünsche die Frau und hasse sie – und seufze doch nach ihr und spreche sie heilig. Das geht so ohn' Unterlaß seit ihrem letzten Lebenszeichen... Wenn sie aber nun schon tot wäre oder schwer krank? – Ich lese wenig Zeitungen, und deutsche Zeitungen kümmern sich nicht um eine halbfranzösische Herzogin. Denk, Gert: sie ist tot! – Sie – verlieren! Sie, die ich als Tote vielleicht mehr besitze wie als Lebende. Aber wer sie besitzt und verliert – schrecklich! Wär' ich der Herzog, und liebte ich sie auch nicht, über den Verlust eines solchen Geschöpfes käme ich doch nie, nie hinweg. Es ist gut, daß sie so etwas nicht liest, um dabei Mitleid zu empfinden, was ich nicht will, oder Gewissensskrupel, die sie nicht nötig hat, oder um zu denken: »Ja, ja, das ist alles recht schön! Aber wo nichts mehr ist, da hat selbst der Kaiser sein Recht verloren, und das müßte der Mensch eigentlich längst begriffen haben« – Nein, Gert, wir haben uns gegenseitig weder etwas vorzuwerfen noch etwas zu verzeihen... Und trotz alledem arbeite ich unsinnig, mit einem unheimlichen Verbrauch von Nikotin, nur, weil ich mich vor den Bettelanwandlungen meines Herzens fürchte, und weil ich nicht um eine Welt noch einmal betteln möchte... So viel ist mir allerdings klar geworden bei der Arbeit, daß der höchste Reiz einer Frau weder im Geist, noch im Gemüt, noch im Körper liegt, sondern daß er der ganzen Persönlichkeit eigen, sie umströmend wie ein Fluidum, das nur ein Einziger voll empfinden kann. – Und klar geworden ist mir wiederum an dieser Frau, daß unbedingt nur die That Sinn auf Erden hat, baß alles wirklich Schaffende gut – ganz gleichgültig, ob gut oder böse. Nur die That macht frei und nur die Arbeit glücklich. Lange kann mein Seelenzustand nicht dauern. Dazu ist er zu intensiv. Meine Hoffnung besteht darin, daß sich so etwas rasch aufbrauchen muß oder urplötzlich aufhört. Ich kann doch nicht mehr zu Ende malen. Die Nerven streiken kleinlich. Ich gehe auf den Rat meines Berliner Arztes in ein Sanatorium – aber aus Opposition in das Modesanatorium vorigen Jahres, das er gar nicht liebt. Ich bin also hier bis zu Weihnachten geblieben, und habe auch dieselbe Betrachtung über luftundurchlässige blaue Anzüge hören müssen. Die Farbe der Treue! Erinnerst Du Dich noch meiner albernen Witzelei, daß ich nur in Tuch treu zu sein vermöchte? Jetzt trage ich gehorsam helle Anzüge. Aber die unerwünschte Treue für diese Frau bewahre ich ... Genutzt hat mir die Kur wenig. Ich werde wieder nach dem Süden gehen, diesmal an die andre Riviera. Das Opfer möchte in thörichter Verblendung wenigstens seinen Schafottplatz bei klarem Wetter jenseits des blauen Meeres zu Füßen der weißen Seealpen schimmern sehen. Ich bin in einem kleinen Nest untergekrochen, und habe da ganz unerwartet einige nette Menschen gefunden, sogar liebenswürdige und vorurteilsfreie Frauen der besten Gesellschaft, die ich aus alter Gewohnheit und ihrer Formen wegen noch immer vorziehe. Ich bin sogar wochenlang mit der liebenswürdigsten Frau zusammen gewesen, die mir je begegnet. Auch eine Frau von Herz, auch reizend. Sie täuschte mich beinahe über die »verlorene Félicie« hinweg. Ich habe sogar mit ihr über Félicie gesprochen, wie man über eine schöne Freundin spricht, die nur den Künstler reizte. Und doch wurde ich wohl ein wenig durchschaut und darum besonders gütig behandelt. Jetzt bin ich wieder allein. Es waren doch angenehme Wochen. – Ich fühle wohl darum meine Einsamkeit stärker. Félicie ist keineswegs tot! – Das wäre ein Wahn gewesen ... Ich müßte mich ja auch selbst verachten, wenn sie meinem Herzen je sterben könnte. Die Nervendepression ist zurückgekehrt und zwar schlimmer als je! Ich kann das blaue Meer und die balsamische Rivieraluft absolut nicht mehr ertragen. Gerade was Félicie mir so herzlichst wünscht: das Vergessen – und was ich in den letzten Wochen beinahe fertig gebracht hätte, ist nicht durchzusetzen. Die Nerven sammelten wohl auch nur Kraft zur neuen Attacke. Jetzt komme ich wirklich zu Dir. Ich bin so weit ... Ich reise aber über den Brenner und Wien ... Ich darf die alte Straße nicht mehr benutzen ... Ich telegraphiere noch. Auf Wiedersehen! Achtzehntes Kapitel. Deutschland – der fernste Osten. Eine kleine Station an einer kleinen Bahn, Bis zur Ankunft des Zuges noch geraume Zeit. Auf dem menschenleeren Perron stand ein einziger Herr – nicht mehr jung, schneeweiß, eine Figur, die früher sicher sehr elegant gewesen, und ein dunkles Auge, das sicher einmal sehr scharf gefunkelt hatte. Jetzt die Gestalt müde, das Auge unruhig. Der dicke Stationsvorsteher war nun auch aus dem Stationsgebäude getreten. Eine neue rote Mühe über einem behäbig-schmierigen Uniformrock. Er sah erst nach dem Wetter und dann nach dem Zug, den eine winzige Rauchwolke zwischen jungem Kiefernwalde ankündete. Darauf trat er zu dem einsamen Herrn: »Guten Morgen, Herr Baron!« »Guten Morgen.« An der kurzen Bewegung des Kopfes, wie er sich umdrehte, erkannte man zur Not den früheren Offizier. »Wollen Sie nach K...berg, Herr Baron?« »Nein. Ich erwarte meinen Bruder.« »Ach was! Den Baron Rolf? – Der muß aber schon über zehn Jahre nicht in der Gegend gewesen sein.« »Wohl möglich.« »Bleibt er lange?« »Ich weiß noch nicht.« Dann wurde die auf der einen Seite neugierige, auf der andern widerwillige Unterhaltung durch den Pfiff der Lokomotive unterbrochen. Der Zug lief ein. Die alten, kleinen Waggons einer auf Verstaatlichung wartenden Gesellschaft. Aus dem selten besetzten Coupé Erster stieg ein Passagier mit dem eleganten Handgepäck eines verwöhnten Reisenden. Er sah sich kaum um und rief nur dem Billetknipser am Eingang zu: »Ist Rabensches Fuhrwerk da?« In dem Augenblick fühlte er auch schon eine Hand auf seiner Schulter: »Na, guten Tag, Rolf!« »Guten Tag, Gert.« Die Brüder schüttelten sich flüchtig die Hand. Zwei grundverschiedene Gesichter. Der jüngere brünett, häßlich – der ältere noch immer ein feines, kluges Gesicht. Nur um die Augen sprang ein verwandter, weicher Zug. Sie gingen in verlegenem Schweigen bis zu dem Wagen, der an der Station hielt. Ein unmoderner kleiner Jagdwagen, aber edle Pferde. »Willst du kutschieren, Rolf?« »Nein, ich danke wirklich, Gert.« Da nahm der Ältere die Leinen, die der junge Kutscher auf dem Rücksitz stehend hielt. Sie fuhren im schlanken Trab, über holperiges Pflaster. Es war der erste Mai heute, ein heller, kalter Frühlingstag des Ostens, mit zähem Schmutz und unangenehmem Wind. In der ersten Viertelstunde sprachen die beiden kein Wort, als wenn sie sich geniert fühlten. Endlich räusperte sich der Ältere und sagte mit einem flüchtigen, warmen Blick nach dem Bruder: »Du siehst aber nicht schlecht aus, Rolf.« »Nicht schlecht!« »Ich verstehe, verstehe. Wir Rabens haben nun einmal keine Anlagen zum Schlechtaussehen.« Sie schwiegen wieder. Auf bodenlosem Sandweg schwankte jetzt das leichte Gefährt nur mühsam vorwärts, die Braunen prusteten, der Kot spritzte. – Der Jüngere sah immer stumpf geradeaus. Es war die östliche Ebene, noch kahl, winterlich, mit schwarzen Brachen und braunen Wiesen. Die kalte Sonne funkelte über schüchternen Saaten und melancholischen Föhrenwäldern. Der Frühlingswind spielte in dem toten Gezweig der Bäume am Weg. Nur die seinen Spitzen vereinzelter Birken schimmerten rot und lenzverheißend. Der Wagen stöhnte an einem elenden Kirchhof vorüber – mitten drin in der trostlosen Landschaft von roher Feldsteinmauer umfriedet, die Grabkreuze windschief oder alt. Der Jüngere sah noch lange zurück, als könne er sich von dem Kirchhof nicht trennen. Später kam ein Dorf mit häßlichen Katen und einem Kruge an der Landstraße. Der strohblonde Wirt stand vor der Thür in plumpen Holzschuhen; er grüßte kaum. Es war Litauen, wo die ostpreußische Höflichkeit nicht wild wächst. »Das wäre also die Heimat! – Ein halbes Dutzend anständige Güter – drum 'rum litauische Gehöfte, und was für welche! ... Schmutz – Unhöflichkeit – Suff ... Ich gehöre ganz entschieden nicht mehr hierher.« Das sagte der Jüngere vor sich hin wie im verächtlichen Traum. »Und doch wäre es besser gewesen, ich hätte diese sogenannte Heimat nie verlassen.« »Ich weiß doch nicht, Rolf...« Der Ältere war sehr niedergedrückt. Vor ihnen lag jetzt auf einer Bodenwelle das Gut, aus kleinem Park das kleine Herrenhaus weiß und freundlich schimmernd. Dahinter dehnte sich das Gehöft – gewaltige Stallgebäude und Scheunen, winzige Insthäuser. Für Tiere und Korn die fast cyklopischen Mauern, das rote Ziegeldach, für die Menschen der bröckelnde Lehm und die verwitterte Schindel. Der verstorbene Freiherr zu North hatte das mit Fleiß so gebaut als großer Viehzüchter und kleiner Leuteschinder. Der neue Herr hatte entgegengesetzte Ansichten, die ihm aber das schmutzige Volk nie dankte. – Da war also wieder die Heimat! Der Jüngere sah aber nur flüchtig hinüber, um gleich in den zähen Kot der Landstraße zu starren dem die Achsen versanken. »Bauernweg – und die thun natürlich nie etwas dafür! Außerdem war es ein ganz abnormer Winter, fast ohne Frost und Schnee.« Aber der Jüngere lächelte nur geistesabwesend über diese Erklärung. Erst als die edeln Pferde auf harter Kiesschüttung trabten, riß er sich gewaltsam aus seiner schlaffen Haltung zusammen. Sie fuhren über den riesigen Hof. Es war Mittag und der Hof menschenleer. Vor der Auffahrt am Herrenhaus stand ein Stubenmädchen mit weißer Schürze und knickste. Ein alter Jagdhund reckte sich wedelnd. »Und deine Frau und die Kinder, Gert?« »Sie sind bis Pfingsten noch bei meinen Schwiegereltern. Klara wünschte durchaus den Grund der Verbannung zu wissen, ich bin jetzt aber ein sehr schwieriger Ehemann geworden und behandle alles gleichmäßig schlecht. Es ist doch auch besser, wenn wir die eren Wochen allein sind.« »Ich danke dir, Gert.« Sie stiegen aus. »Kein Brief für mich da?« fragte nervös der Jüngere noch in der Hausthür. Der Aeltere fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte mit scheuem Blick: »Nein, Rolf, ich hätte ihn dir sonst zum Zuge mitgebracht... Komm nur gleich in mein Zimmer!« Dort sah er den Bruder wehmütig an: »Armer Junge!... Warte doch nicht mehr auf den dummen Brief!... Ich hätte mir das Wiedersehen früher auch freudiger vorgestellt... Willst du auf die kalte Fahrt einen Cognac? Er ist gut. Ich habe ihn mir seit einiger Zeit angewöhnt.«... Als er die Gläser voll schenkte, zitterte die Hand, und ein Tropfen rollte auf den Tisch. Dann gingen sie zum Essen. Der junge Inspektor aß mit am Herrentisch. Er war bescheiden und sprach ungefragt kein Wort. Es war ein kurzes Mahl – die Speisen kaum berührt. Nach dem Kaffee schlenderten die Brüder mit der Zigarre durch die Wohnzimmer. Es war noch zum großen Teil die alte Einrichtung des Elternhauses – nachgedunkeltes Mahagoni mit geschweiften Beinen, die Stühle steif, die Sessel bequem. – Aber es war kein wehmütiges Aufzucken in den gleichgültigen Augen des Jüngeren zu spüren. Zuweilen sah es aus, als würden seine Nerven durch die Erinnerung nur irritiert. Er pfiff leise vor sich hin. Vor einem Bücherbrett blieb er stehen – Klassiker mit verblaßten Goldrücken, vielleicht Andenken aus seiner Gymnasialzeit. Er tippte auf einen Band Goethe und sagte mit zuckendem Mund: »Wahlverwandtschaften!« »Ja, Wahlverwandtschaften.« Auch um den andern Mund zuckte es, aber hart und feindlich. – »Ich habe auch öfters an das Buch denken müssen, Rolf, und es gerade jetzt noch einmal gelesen. Die Pflicht liegt durchaus nicht immer rückwärts – sie liegt ebenso oft vorn. Aber schlapp sind wir alle – du auch... Doch sprechen wir von etwas anderm«!« Aber sie blieben bei dem Thema Wahlverwandtschaften. Der Bruder merkte jetzt, daß dem Jüngeren die Unterhaltung über die Frau ein Bedürfnis war, ja, daß er eigentlich deswegen gekommen in diese vergessene Heimat. Diese Frau war ihm beinahe eine fixe Idee. Er erzählte und erzählte – all die kleinen, anmutigen Züge ihres Wesens, die er so liebte und die ihn so unglücklich machten, weil der große Zug fehlte. Der Aeltere war ein geduldiger Zuhörer und sagte wenig. Aber zuweilen zuckte es in seinen Augen böse. Den Nachmittag gingen die Brüder in die Wirtschaft. Am längsten fesselte sie der Kutschstall. Sie hatten beide die starke Vorliebe des Ostens für Pferde einmal besonders stark besessen. Der Aeltere besaß sie vielleicht noch. Er wurde allmählich warm und gesprächig im Ammoniakgeruch des Stalles. Er gab die Geschichte der einzelnen Tiere, weil er glaubte, sie müsse den Bruder interessieren. Er klagte wie alle Landwirte dabei, aber ohne Nergelei. »Mit den Remonten geht's absolut nicht mehr! Die Kommission schmeißt mir immer aus dem Dutzend sechs 'raus. Die andern sechs bezahlt sie mir hoch. Aber wo ist dabei der Nutzen?... Es ist hier oben mit nichts mehr Geld zu machen. Ich habe die Viehherde forciert und überzüchtet. Alles, was du sehen wirst von Kühen, hat Tuberkulose. Mit Pferden, das heißt Kaltblütern, hatte ich auch kein Glück. Aus Verzweiflung habe ich sogar zwei Jahre den Vollblutzüchter gespielt, aber eingesehen, daß dazu andre Mittel gehören, als wir sogenannten Rittergutsbesitzer auftreiben können. Rittergutsbesitzer – klingt gut! Fronarbeiter unsrer Hypothekengläubiger – ist aber der wahre Titel!... Uebrigens eine ganz edle Vollblutstute steht noch bei mir. Ich werde sie nicht los. Was ich will, das geben mir die Coupscheller nicht – und für ein Butterbrot das Pferd – o nein!« – Er rief dem zweiten Kutscher zu, der den Jagdwagen wusch: »Bring doch mal aus dem Losstall die ›Desdemona‹ her!« Auch in den Augen des Jüngeren schien ein Schimmer von Interesse aufzuleuchen, als das Tier vorgeführt wurde – ein etwas hochbeiniger Lehmfuchs mit abgeschlagener Kruppe. »Da hast du das letzte meines Renngestüts, Rolf. Sieh mal, dran ist immer noch was... Sehr viel Hals – zäumt sich sehr vornehm bei – unter dem Reiter überhaupt ein Blender erster Güte... Die Vorhand darfst du natürlich nicht kritisieren. Viel zu fein! Aber ein wundervolles Sprunggelenk. Ueberhaupt Nerv in dem Gaul!... Und nervös, nervös! Ich darf die Stute als Familienvater nicht besteigen. Sie setzte mich auch gleich am ersten Tage hier auf dem Hofe in einem Riesenschwunge aufs Pflaster. Geräusche und sumpfiges Terrain – da gnade jedem Gott, denn der Fuchs wird wahnsinnig. Du hättest sie früher vielleicht mal klein kriegen können mit deinem eisernen Schenkel. Jetzt würde ich dir direkt abraten... Aber Gänge hat der Gaul, Gänge!... Blut bleibt doch Blut, auch mit tausend Fehlern.« Während die hell wiehernde Stute auf und ab geführt wurde, vermochte der Jüngere kaum einen Gähnreiz zu unterdrücken. Er sah nur auf das Pferd, um den Bruder nicht zu kränken, der auch wohl gern die eingeschlafene Passion beim andern wieder wecken wollte... Ein rasches Aufblicken zeigte ihm das Vergebliche. Dabei wich die Wärme aus dem Auge. »Das interessiert dich auch nicht mehr, Rolf?« »Nein, Gert.« »Ja, was interessiert dich denn überhaupt noch?« »Sie.« »Ach sie!« »Gert!« »Rolf!« Und eine dicke Falte zeichnete sich zwischen den buschigen Brauen. Er wollte etwas Verächtliches sagen. Aber er bezwang sich zur rechten Zeit... »Komm, wir wollen 'raus auf die Felder wandern! Kannst du wohl noch Roggen- und Weizensaat auf den ersten Blick unterscheiden?« »Ich weiß nicht, Gert. Es ist mir außerdem völlig gleichgültig.« Darauf sagte der Aeltere leise, warm, wie zu einem kranken Kinde: »Was kann ich denn überhaupt für dich thun, mein armer Junge?« »Nichts.« »Aber es muß etwas gethan werden, Rolf!... Wenn dir das Zuhause und ich wirklich gar nichts mehr bedeuten... Sei doch vernünftig! Wenn eine Frau so schreibt: ›Vergiß!‹; – dann hat sie nie wirklich geliebt. Das ist eine verzweifelte Medizin, aber es ist die einzige, an der du gesunden kannst.« »Mach mich nicht toll, Gert! Ich sage dir, ich bin schon lange auf einem Punkte, wo ich nur das Atom – das Atom Ekel brauche, um so oder so zu gesunden. Zwing du mir das letzte wenigstens nicht hinein!... Es giebt auch Kranke, die sterben müssen, sobald sie gesund sind ... Vielleicht giebt sie mir das Atom selbst...« »Vielleicht! Und du küßt ihr noch demütig wie ein Hund die Hand für den coup de grâce , der auch nur Gnade ist!«... Dann trat er dicht zu dem Bruder. »Gut! – Du bist krank, du kommst vielleicht nicht durch. Mich träfe es doch am schwersten, schwerer als sie, die immer nur an sich gedacht hat. Sie wünscht ja auch nichts sehnlicher, als dich nie wiederzusehen... Ich will in dem Ton nicht weiterreden. Die Abrechnung zwischen uns, kommt auch noch mal. Aber wenn du nun einmal nicht leben kannst ohne das Phantom deines Herzens, dann geh wenigstens anständig vor die Hunde und nicht als weinerlicher Kerl, der du heute bist... Du bist der Rücksichtslosere von uns beiden dein Leben lang gewesen und gingst verbissen deine Wege, auf denen man dich beileibe nicht stören durfte. Bleib der rücksichtslose Mensch auch im Tode!... Du wirst und mußt dich wiederfinden – und sei's auch im allerletzten Moment. Ich sage dir: ›Landgraf, werde hart!‹ – gerade jetzt, wo du vielleicht zum erstenmal in deinem Leben ein gutes Recht dazu hast. Keine Sentimentalitäten, wo sie nicht hingehören! ... Wie wir eben das Pferd besahen, da fiel mir eine alte Geschichte ein. Erinnerst du dich noch, als wir hier öfters hetzten – du ein junger und unbeliebter Dachs? Du rittest damals einen Sonderling von Pferd, das nur aus dem Trabe sprang. Und einmal behauptetest du ohne Notwendigkeit beim Jagddiner, daß du den Gaul zwingen würdest, aus dem Galopp zu springen – und zwar gleich bei der nächsten Hetze... Der Tag steht deutlich vor mir. Es war lange Halali geblasen, und wir wollten eben wieder nach Hause reiten. Da kamst du, den wir verloren hatten, auf einmal ganz weit hinten über die Brache gepacet. Und die Leute lachten und witzelten, weil du es doch nicht durchgesetzt hättest mit deiner Großmäuligkeit. – Und da kamst du näher, der Gaul ganz naß und ausgepumpt. Mir war es beinahe blamable, weil wir jenseits einer Hecke hielten und die andern sich schon diebisch freuten, dich zum Trab durchparieren zu sehen. Ich müßte sehr schlechte Ohren gehabt haben, die ich nie hatte, wenn nicht ein alter Ekel halblaut murmelte: ›Der kann ja natürlich alles!‹; Und die andern steckten kichernd die Köpfe zusammen. Das boste mich mächtig. – Und da kamst du im scharfen Galopp an, und der Gaul ging nervös – und mir schlug das Herz bis zum Halse... Zwanzig Schritte vor der Hecke – ich sehe schon in Gedanken, wie du feige durchparierst ... Aber mit nichten! – Der Gaul, der wohl gemerkt hat, daß heute mit dir nicht zu spaßen, will lieber wegbrechen und legt sich schon auf die Seite ... Aber da – Peitsche hoch, Sporen rin ... Ich denke mir: ›Brich dir's Genick, aber hinter der Hecke!‹ ... Und aus dem fliegenden Galopp springt der Gaul wie unsinnig. Er überschlug sich allerdings, und du bliebst besinnungslos liegen – aber die Hecke hattest du doch aus dem Galopp genommen ... Seitdem kenne ich sehr genau einen gewissen brutalen Zug um deinen Mund, wenn du va banque spielst – aber der Zug hat mir immer wohlgethan. Er hat auch später mir und andern gezeigt, daß ein Raben kann, was er will ... Also wenn's sein muß, brich 's Genick, aber hinter der Hecke!« ... Die Brüder sahen sich an. Einen Augenblick dasselbe tückische Leuchten in beider Augen. Der Jüngere war sehr blaß geworden, und als er endlich antwortete, da that er's mühsam, denn der Atem ging schwer. »Ich habe einen Schwur gethan, Gert, daß ich nie mehr betteln will – auch nicht beim lieben Gott ... Ich brach viele Versprechen – das breche ich hoffentlich nicht: ich werde mal anständig sterben.« An dem Abend ging's mit der Stimmung. Sie saßen lange und tranken viel. Am andern Morgen kam die Depression wieder – das stumpfsinnige Brüten und das ruhelose Wandern durch die Zimmer. Es war wirklich wie eine fixe Idee – die Liebe zu dieser Frau ... Der Aeltere hätte den Bruder gern zerstreut, Besuche bei den Nachbarn gemacht, die das auch erwarteten. Aber, nur ein »Um Gottes willen!« war die Antwort. Der echte Frühling kam langsam. In den schwarzen Moorlöchern sproß das helle Grün. Die Kiebitze kreischten und flogen den Pflügern um den Kopf. Die Wintersaat hob sich, über die Sommerfelder zog ein grünlicher Hauch. Die Brüder wanderten meilenweit, weit über die Grenzen des Gutes. Der Weg war dem Jüngeren nie zu lang, wenn er von »ihr« erzählen konnte. Die frische, scharfe Luft der Heimat that seinen Nerven wohl – aber sofort nach der Rückkehr wieder das Zusammensinken, das monotone: »Wär's doch zu Ende! Ich will ja weiter nichts als den Tod ...« Das waren schlimme Wochen. Der Aeltere begriff erst jetzt ganz, wie lange und schreckliche Verheerungen die großen Gefühle anrichten. Und dennoch gab es Momente, wo er dem Bruder den heiligen Schmerz neidete. Als nach einer warmen Nacht die Kastanienbäume hinter dem Haus knospend aufbrachen und der echte Lenz schwer und schläfrig allen in den Gliedern lag, wünschte der Jüngere, dem der Frühling mit seinem Hoffen nur weh that, die Briefe noch einmal zu lesen, die er vor einem Jahr und länger geschrieben. Es las darin die halbe Nacht. Der Bruder, der unten schlief, konnte deutlich unterscheiden, wie über ihm im Mansardenzimmer das ruhelose Wandern und das stumpfe Brüten sich in schrecklicher Regelmäßigkeit bis zum Morgen ablösten. Die Brüder sahen sich andern Tags erst nach Tisch, weil der Gutsherr als Schöffe in der Stadt gewesen. Es war in Gerts Zimmer, wo Rolf in einem Lehnstuhl saß, die ausgegangene Zigarre noch in der Hand, den letzten Brief der traurigen Kollektion vor sich. »Na, Rolf?« »Na, Gert?« Die Brüder reichten sich lässig die Hand. Dabei glitt der letzte Brief zur Erde. »Bist du fertig, Rolf?« »Schon heute morgen, Gert. Ich las einiges eben noch einmal. Ich begreife doch nicht ganz, daß ich damals überhaupt noch schreiben, so schreiben konnte. Das letzte von meinem malerischen Können ist jedenfalls in den Briefen ... Sag übrigens, Gert, als du das erste halbe Dutzend von der Sorte bekommen hattest und doch wissen mußtest, daß eine tödliche Krisis im Anzuge – warum hast du dich nicht aufgesetzt und mich geholt à tout prix ?« »Weil du doch nicht gekommen wärst, Rolf, und weil ich es längst aufgegeben habe, irgendwo die Vorsehung spielen zu wollen. Du, mein Lieber, hast ja nie fremden Rat befolgt, und das Resultat hat dir fast immer recht gegeben. Auf dem Sprunge zu reisen war ich oft. Aber ich blieb, und zwar auch aus der bequemen Motivierung: ›Wer weiß, wozu die Krankheit gut ist‹ ... Diese Unterlassung bedaure ich jetzt sehr. Ich hätte dich in einem Sanitätswagen holen müssen ... Doch lassen wir das beiseite! – Ich kann deine Briefe fast auswendig und sage noch heute: ›Zu bereuen hast du nichts!‹ Mögen andre bereuen. Man kann schon schwer gegen kleine Gefühle ankämpfen – und gegen ein so großes? Sei darum in andrer Augen lächerlich, ein Thor. Schadet nichts! Vielleicht sind die edeln Sünden des Herzens Gott am wohlgefälligsten ... Du liebtest die Frau – und hast sie verloren ... Freilich, wozu das alles notwendig? Ich begreife in dem Falle die Vorsehung nicht, ich habe mit ihr schwer gemurrt, obgleich ich ein gläubiger Christ bin, allerdings kein Mucker ... Also erzähle mir, wenn du willst, weiter von deiner Félicie! Ich höre es gern, weil ich das Beste von dir gewissermaßen dann in dieser Frau wiederfinde ... Aber verlange niemals eine Kritik über diese Frau selbst! Sie ist gallebitter, und sie muß gallebitter sein nach meiner Lebensanschauung.« Der Jüngere fuhr sich langsam über die Stirn. »Aber einmal müssen wir uns doch auch in dem Punkte aussprechen, Gert! – Nächste Woche kommen deine Angehörigen, und das Komödiespielen fängt wieder an ... Ich muß dir übrigens nach der Lektüre hier sagen: Gert, die Frau hier konnte gar nicht anders! – Auch die beiden letzten Briefe beginne ich zu verstehen. Sie sind allerdings so gut wie ein Bankerott, ein häßlicher Bankerott eines großen Gefühls zu Gunsten einer kleinen Vernunft. Aber ich habe den Bankerott ja gewissermaßen vorausgesehen. Die sogenannte anständige Gesellschaft kennt doch auch nur diese Konfliktslösungen. Die Frau hat eben immer gesellschaftlich gefühlt, und ich habe nie gesellschaftlich gefühlt. Da liegt der Zwiespalt. Sie hat mich gewiß herzlich gern gehabt und hat auch tief empfunden – und nicht einen Augenblick mit mir gespielt. Aber zu einer Konsequenz nach vorn langte das Gefühl bei ihr von Anfang an nicht. Sie wünschte das auch gar nicht, sie hatte im Gegenteil Angst davor ... Und dann kam der Abschied, der wehmütige Abschied, und mit ihm die Empfindung, daß sie doch mit ihrem guten Herzen viel tiefer in eine andre Welt der Anschauungen hineingekommen war, als ihr gut. Nach der Trennung hat sie mich sicher sehr lieb gehabt und sich nach meinem großen Gefühl gesehnt. Und sie hätte mich auch weiter lieb gehabt, wenn ich nicht den unglücklichen, überschwenglichen Brief geschrieben hätte. Da gingen ihr erst eigentlich die Augen auf, da bekam sie Angst, da wog sie ab und sagte sich nach langem Hin und Her der Gefühle ehrlich wie immer: ›Nein, mein Freund, wenn du damit nicht zufrieden sein willst – mehr kann und will ich nicht geben!‹... Gefühlvolle Männer stoßen gefühlvolle Frauen auf die Dauer rettungslos ab – wir begeben uns ja auch damit der besten Waffe unsrer Männlichkeit, der Härte, zumal wenn auf dem Papier steht, was nur Mund und Augen selbst geben dürfen. Sie empfand den Brief unangenehm, peinlich, sie, die instinktiv die Gefühle von sich abwehrte auch früher schon... Aber das war nicht das Ausschlaggebende. Sobald die Frau wieder allein mit der Tradition, der Gesellschaft, dem Mann war, ertrug sie diese geistige Doppelehe nicht mehr. Das war durchaus anständiges Empfinden, dem ich in dem Fall unterliegen mußte. Darum das: ›Nur Schluß, Schluß! Ich darf mich nicht verlieren!‹... Sie hat sicher ehrlich gekämpft, meinen Schmerz nicht leicht genommen – aber sie sagte sich, einmal zur Erkenntnis gekommen, ohne Eigensinn, jedoch fest: ›Es ist gut für uns beide, wenn es jetzt aufhört!‹... Und dabei blieb sie trotz aller Güte unerbittlich. Das sind eben die starken, schwachen Frauen. Sie geben viel, aber sie geben niemals alles... Nett war der Schluß nicht – das gebe ich gern zu. Aber er war doch das einzig Vernünftige, für diese Frau gewissermaßen vorgeschrieben... Daher die Form, die etwas dürre Form des letzten Briefes, der sich um keinen Preis auf Weiterungen einlassen wollte. ›Ich habe Dich sehr gern – aber darum mach' ich ein Ende.‹... Es sind sicher die besten Kinder der Tradition, die aus ihrem Gewissen heraus und selbst gar nicht glücklich zu dem Bestehenden zurückkehren. Sie thun's mit bitteren Thränen, sie thun es mit den heißesten Wünschen für das Glück des andern Mannes, ohne sich über die rasende Ironie solchen Wunsches klar zu werden – aber sie thun es ganz gewiß!... Das alles, Gert, hätte ich voraussehen müssen, und die Frau, die mir so viel gab, hat mich nie in thörichte Hoffnungen eingewiegt. Trotzdem stand ich vor dem jähen Schluß starr. Ich kam nicht drüber weg. Ich bin auch heute noch nicht drüber weg ... Sieh mal, Gert, ich kritisiere die Frau scharf, fast unerbittlich – und wer die Briefe oberflächlich liest, der könnte mich der kleinlichen Auffassung dieses Herzens anklagen. Und das ist wahrhaftig nicht wahr! Mit der Frau geht's mir wie Lessing mit den großen Dichtern. So scharf kritisiert man nur unendlich geliebte Menschen, denen man ganz etwas anders zutraut als dem andern Gesindel ... Auch heute – was muß ich doch eigentlich in diese Frau hineingelegt haben, und ein wie kostbarer Schrein meines eignen großen Gefühls muß sie mir noch immer sein, daß trotz aller Vernunft der Zauber dieser Frau so ungebrochen besteht wie jemals! Ich will den Zauber nicht – sie will den Zauber erst recht nicht – und der Zauber besteht doch ... Es kann mir heute, wo das alles vorbei ist, nur noch leid thun, daß eine Frau wie sie zu nichts anderm bestimmt war als zu einem köstlichen Stück Tradition ... Nenne mir die andre Frau auf Erden, die mir das noch sein könnte, nachdem das gewesen! – Es giebt keine.« Der ältere Bruder war indes mit langen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen, den dünnen Reitstock in der Hand, mit dem er eben vom Hofe hereingekommen, und an dessen Hirschhornkrücke er immer nervös zu spielen pflegte. »Ja, ja, Rolf – das ist schon wahr! Sie ist sicher keine gewöhnliche Frau. Ich habe sie auch stets mit anderm Maße gemessen. Keine Frau hat je einen so warmen Freund gehabt wie mich.« ... Er hielt einen Moment inne. – »Aber auch keine Frau hat einen so bittern Feind wie mich jetzt ... Ja, Rolf«, – er war jäh im Zimmer stehen geblieben, und die feinen Aristokratenhände bebten – »ja, Rolf, ich hasse die Frau, ich hasse sie für dich, der du das aus Schwäche oder Verblendung nicht mehr vermagst.« Da fuhr auch der andre auf. »Dazu hast du kein Recht, Gert! Das habe ich nicht von dir gewünscht. Die Frau gehört noch immer mir allein! ...« »Kein Recht? – Und wenn ich's doch hätte!« – Er machte zwei kurze Schritte nach dem Bruder hin, und die Stimme ward ihm hoch und heiser, als er weiter sprach: »Ich habe allerdings ein Recht auf diese Frau. Ich habe auch durch sie gelitten, und die weißen Haare statt der ergrauenden verdanke ich ein wenig reichlich der Herzogin von Lièges ... Einmal mußte das zur Sprache kommen. Und ich sage dir: die Frau hat doch nur frivol mit dir gespielt und hat dich nie ein Atom geliebt.« Die heiße Thräne des Zornes zischte ihm ins Auge. Er wehrte ihr nicht. Und einem leidenschaftlichen Impulse des Augenblickes nachgebend, packte er das dünne Rohr des Stockes mit beiden Händen und brach es mit einem Ruck auseinander. Dann warf er die dürren Stücke auf die Erde. »Das bist du, Rolf! Das hat die Frau aus dir gemacht! Hast du Lust, die beaux restes noch irgend jemand Anständigem anzubieten? ... Nein und abermals nein! Da bin ich vom alten Bund und sage: Aug' um Auge, Zahn um Zahn. Und was sie verbrochen, das soll sie dereinst büßen.« Der Jüngere sah ihn, in dem Lehnstuhl liegend, mit zusammengekniffenen Wimpern an: »Also, bitte!« Aber der scharfe Ton machte drüben keinen Eindruck, denn der Bruder fuhr erregt fort: »Ich habe die Frau sehr gut verstanden, ich habe, wenn du willst, mit ihr gezweifelt, gerungen, die Skrupel, die Qualen durchgemacht, in denen so feines Empfinden mit einer groben Wirklichkeit sich auseinandersetzt. Ich habe mich oft geärgert, wenn du ihr unrecht thatest – du thatest das manches Mal! – weil der Mann in deinem Fall die sehr berechtigten Gefühle der Frau nicht verstehen kann und nicht verstehen will. Ich habe noch weniger Hoffnungen gehabt als du und sagte mir doch immer: Laß sie! Sie ist eine feine, vornehme Natur, deren Gefühlsleben man nicht hart anfassen soll, weil es leicht zerbricht. Gerade sie wird in der letzten Stunde irgend einen hochherzigen Entschluß finden, vielleicht das maßlos verächtliche Lippenzucken, mit dem zuweilen die Frau der Gesellschaft urplötzlich im Angesicht der Tradition und der kleinen Moral, wenn's sein muß, mitten im Ballsaal all den eiteln Schimmer, die falsche Gêne wegwirft und mit hochmütigem Augenblitzen sagt: ›Hier, seht mich in meiner königlichen Nacktheit! – Bin ich nicht schön?‹ ... O mein Lieber, ich habe immer gefunden, daß die vornehme Frau mehr Mut hat als der vornehme Mann, nur daß sie vielleicht länger braucht bis zum unwiderruflichen Entschluß! ... Ich hab's weder dir noch jemand früher erzählt – jetzt ist sie auch längst verkommen in einer ›moralischen‹ Ehe. Ich war mal als Ordonnanzoffizier im Manöver einen Tag zu einer Prinzessin kommandiert, die sich den Scherz ansehen wollte. Geblüt, königliches Geblüt – ganz andre Klasse als deine Herzogin! Sie hatte kein sehr hübsches Gesicht, aber sie war jung und jedenfalls die eleganteste Reiterin, die ich je im Sattel gesehen. Ich wußte aus Zufall, daß sie eine schwere Herzensangelegenheit mit jemand hatte, den ich recht gut kannte. Er zitterte vor der letzten Konsequenz – sie nicht. Ich dachte aber, das wäre schon alles ausgestanden. Als sie nun mich und sich zu halsbrecherischem Galopp auf einem scheußlichen Gelände zwang, da merkte ich, daß es innerlich noch keineswegs überstanden sei. Sie sprach nicht gerade viel mit mir. Kurze, hochmütige Frage – streng dienstliche Antwort. Es machte mir aber doch Vergnügen, weil sie so viel Schneid hatte. Wir hatten uns bei den äußersten Vorposten 'rumgetrieben, als sie plötzlich auf irgend einen Punkt zeigte, sehr weit drüben. Ich sage mein: ›Zu Befehl!‹ Wir reiten los im scharfen Galopp. Und auf einmal schimmert so ein tückischer Sumpfbach vor, gemein zum Absprung und noch gemeiner zum Landen. Ich erkenne das sofort und rufe: ›Um Gottes willen, Hoheit!‹ – Aber sie rührt sich nicht mal im Sattel und ruft nur zurück: ›Ach was! Dann bleiben Sie meinetwegen zurück, Herr Leutnant.‹ Das that ich natürlich nicht. Aber ich mußte mein olles Chargenpferd mächtig zusammennehmen und schaffte es doch sehr knapp. Ihr Vollblut aber blieb drüben mit gebrochenen Fesseln liegen, und sie selbst verletzte sich schwer am Knie. Sie hat nicht mal geseufzt bei dem Schmerz. Das Leben war ihr wahrscheinlich sehr gleichgültig ... Wie gesagt, da war er der Schlappier ... »Also weiter im Text! Ich verstehe die Herzogin Félicie, wie sie kämpft, lange kämpft und zu keinem Entschluß kommt. – Wer verdenkt's ihr? Hätte sie's schneller gemacht, wäre sie eine oberflächliche Frau. Ich verstehe sie, wie aus müder Hand das helllila Taschentuch zum letztenmal von der Jacht winkt. – Es bedeutete doch noch immer ein warmes: Auf Wiedersehen! Ich verstehe Biarritz, die Hochzeitsfreude, den Strom des Neuen, der auf flachem Kahn sie lustig hinschaukelt über die schlimmsten Riffe für einige Zeit. – Aber das Leben ist eine Rundfahrt, und die schlimmsten Riffe kommen immer wieder. Ich verstehe auch, daß sie sich nicht für dich entschied, was wir beide ja nicht erwarteten, weil zaghafte Naturen nun einmal das Gewaltsame nicht leiden mögen. Die Empfindung für dich brauchte darum nicht kleiner zu sein ... Aber daß sie bei dem Mann blieb, ruhig blieb, ohne den leisesten Versuch, frei oder allein durch die Welt zu gehen: das verstehe ich nicht und will's auch nicht verstehen. Wenn das Herz unter dem historischen Brokat der Prunkbetten ruhiger wird, statt empört zu springen – dann ist das Prunkbett der Herzogin von Lièges der traurige Katafalk ihres besten Gefühls! Das heißt, es kann mit dem Gefühl wohl nicht sehr weit her gewesen sein. Was sie dir an Liebe nicht geben konnte, das mußte sie wenigstens an Haß dem Mann geben. Das ist die uralte Rache starken Empfindens ... Nein, Rolf, sie hat dich nie wirklich geliebt; sonst wäre sie eines Tages dem andern doch davongegangen. Aber wer in die ungesunde Stickluft solcher Tradition geduldig zurückkehrt, der thut's, weil ihm da allein wohl ist – und man soll ihn weder beklagen noch ein Heldentum wittern ... Ich könnte mir sehr wohl denken, daß sie an ihren Lieblingsbruder, ganz in dem Stil wie du an mich, auch eine Herzensbeichte geschrieben – und das gäbe wiederum ein ganz andres Bild. Ich will das andre Bild aber gar nicht! Es könnte doch nur eine Geschichte der Gefühle sein, und die ist immer matt neben einer Geschichte des Gefühls. Ich will ebensowenig wissen, wie sie zu dem letzten Entschluß gekommen ist. Es giebt pflichtvergessene Beichtväter genug, und gute Freunde genug – und beide kommen vor lauter Angst und Selbstsucht gar nicht auf den Gedanken, daß ein Herz in solcher Ehe doch nur elend verkommen kann, natürlich, wenn etwas dran ist an diesem Herzen ... Aber das Herz verkommt da nicht, das Herz nicht! Die Ratgeber hatten nur zu recht ... Ich denke streng über die Ehe, obgleich ich nur ein mäßiges Glück in ihr fand. Aber ich bin zufrieden, denn kein starkes andres Gefühl scheuchte mich aus dem bequemen Sorgenstuhl. Ich bin Christ, sogar gläubiger Katholik – aber ich hatte meine eignen Gedanken über unsre Ehe schon lange vor deiner Affaire. Die Ehen werden leider nicht im Himmel geschlossen! Und der alte Gott hätte viel zu thun, wenn er all das Pack persönlich zusammenbringen wollte, das sich heute wegen des Geldes, oder wegen des Namens, oder weil sie nichts gegeneinander hatten, freit. Die Ehe ist allerdings auch ein Sakrament – aber die ganz andre Ehe! ... Die Mehrzahl von unsern Ehen geht aber so vor sich: daß sich die Leute nur verbinden, weil sie nichts trennt, und sich später nicht trennen, weil sie nichts verbindet. Das klingt wie ein hübsches Wortspiel. Es paßt aber auf deine Herzogin – wenn auch nur zum Teil ... Ich sage mir, die Ehe im allgemeinen ist eine menschliche, rein äußerliche Satzung, ein praktisches Institut, das ein Band sein soll, aber keine Fessel. Und wer nur die Fessel fühlt und ein gutes Recht hat, nur sie zu fühlen, wie diese Frau, der soll sich dieser Fessel entledigen, solange er noch kann ... Und vom Standpunkt des Sakraments sage ich wiederum: Es giebt keine größere Todsünde, als die heilige Ehe zur frivolen oder bequemen Lüge zu machen. Und man thut Gott wahrlich keinen Gefallen damit ... Aber zu solcher Klarheit muß man selber kommen – das Herz muß es uns sagen und darf nicht stille werden, so sehr die Vernunft dagegen spricht ... Nein, Rolf, mit dem Augenblick, wo sich die Frau wieder geduldig ins Joch der Lüge spannt, hat sie ihre Vollblutqualitäten in meinen Augen verloren ... Ich wünsche gar nicht gerecht zu sein in ihrem Sinne und peinlich das Für und Wider abzuwägen – denn dabei wird man kleinlich und sagt zu allem ja, was einmal gewesen. Wir fassen ja alles auf, wie die Regeln der lateinischen Grammatik, wo die Ausnahme nur die Norm bestätigt. Wir sollten uns im Leben viel öfter fragen, was uns innerlich frommt und nicht, was den andern äußerlich recht scheint. Wir thäten dann wahrscheinlich uns Besseres und den andern weniger Schlechtes. Die Pflicht gegen sich selbst! – Wir sollten unsre Gefühle zu allererst zu dieser Pflicht trainieren und erst viel später zu der Pflicht gegen andre... Ich werde weitschweifig, weil ich hundertmal mir selbst wiedergekäutes Zeug gebe, das aber doch mal 'raus muß. Und ich habe mir vorgenommen, meine Kinder zum Hammer zu erziehen und nicht zum Amboß. Wär' ich im Leben immer Hammer gewesen, du wärst jetzt auch nicht in die Verlegenheit gekommen, Amboß zu sein... »Noch einmal zu deiner Herzogin! Wenn sie doch ein starkes Empfinden für dich gehabt hätte, aber aus Gründen, die wir nicht kennen, die sie aber nur ehren, zum Bestehenden zurückgekehrt wäre – dann hätte sie dein großes Empfinden, dich nicht mit so liebenswürdiger Vernunft abthun können, wie sie's zuletzt that. – Sie würde dir alles gesagt, alles erklärt haben, und das kühle: ›Vergiß mich!‹ wäre ihr sicher nicht in die Feder geflossen – dies ›Vergiß mich!‹, das ein Schlag ist mitten ins Gesicht! Sie ist wahrscheinlich heilfroh, daß sie dich los ist – und nur die Schwäche verhilft dir noch zu dem Andenken. Ein Pastellbild mit der Almosenwidmung? – Ich danke!... Und sie ist sicher ganz zufrieden, daß sie sich jetzt sagen kann: ›Ich war die Verschwenderin und er der Undankbare. Und ich kann Gott danken, daß er mich zur rechten Zeit erleuchtete!‹... Wer aus Liebesbriefen deiner Sorte nur die Kränkung herausliest, der will nur die Kränkung herauslesen. Und wer auf den empörten Brief des Herzens so resigniert schweigt, der schweigt gern und aus klugem Eigensinn. Sie mag sich dabei wie eine Heilige vorkommen, die Märtyrerin einer schweren Pflicht und eines viel zu guten Herzens ... Aber Rolf, ich muß dich frei machen von dieser Heiligen – und sei's auch durch deinen Tod. »Du mußt dich wiederfinden, wie du dich verloren hast. Den Gefallen wenigstens thu' ihr. Sei wieder du selbst! Komme zu dem Punkte, wo du begreifst, daß eine geliebte Frau, der man schreibt: ›Wenn ich dich auf Erden nicht besitzen kann, dann wenigstens im Himmel!‹ und die darauf kühl schweigt, vielleicht vom Ekel dieser Vorstellung überrieselt, die ist mit dir fertig, ganz fertig! Sie möchte wohl auch gar nicht mit dir in denselben Himmel kommen – Ein so weit gehendes Gefühl ist ja auch lästig ... Halte du übrigens, mein Lieber, es mit diesem Himmel, wie du willst – ich aber will mit der Frau gar nicht in denselben Himmel. Sie hat sich die kleine, sentimentale Thräne doch allzu rasch getrocknet, wo die große echte ungehemmt über ein andres, verzweifeltes Gesicht rollte. Und wenn sie am jüngsten Tage in all ihrer Schönheit und all ihrer Güte vor Gottes Thron niedersinkt, so wird er sie fragen, wie uns: ›Hast du gewuchert mit den anvertrauten Pfunden?‹ – Und sie wird antworten: ›Herr, ich gab allen.‹ – Und der Herr wird sie lange ansehen und sagen: ›Ich kenne dich nicht!‹ ... »Und, Rolf, wenn sie deine Briefe läse, und wenn sie uns hörte, so würde sie nur die kleinliche Kränkung herauslesen wollen und nicht das große Gefühl, und nur die Beleidigung heraushören und nicht die Empörung ... Sie würde sagen: ›Pfui, wie gemein.‹ – Oder sie würde flüstern: ›Herr, sie wissen nicht, was sie thun‹ – Oder sie würde großherzig denken: ›Ich verzeihe den Verblendeten doch!‹«... Der ganze Körper bebte dem Mann, während er zu Ende sprach: »Sie soll dich hassen, sie soll dich verwünschen – aber sie soll dir nicht verzeihen! Und Gott soll sie in ihrer letzten Stunde allein lassen, wie sie dich allein gelassen hat in deiner Not!«... Ein schweres Schweigen. Der Jüngere lag noch immer unbeweglich im Sorgenstuhl zurückgelehnt, aber beim Zuhören war ihm das Monocle aus dem Auge geglitten, ohne daß er es bemerkt hatte. Er war weder gekränkt noch beleidigt. Dazu fühlte er die brüderliche Zuneigung auch aus einem ungerechten Verdammen zu warm. Der andre, so hart, so unerbittlich – und er so weich, so wenig Mann! Was dem einen die Muskel straffte, das schlaffte sie dem andern. Er hätte lächeln können über dies matte Zusammensinken, diesen endgültigen Bankerott seiner impulsiven Natur. Ihn überkam erst jetzt die volle Erkenntnis dieses Bankerotts – ihn, der eigentlich nur in die Heimat gekommen war, um zu sterben, getrieben von dem Instinkt des Endes, das auch das Wildtier in die Dickung zurückscheucht. Denn ob er nun hier lang oder kurz noch vegetierte – er starb doch schon lebend. Und wie solche Klarheit gerade Nervenmenschen urplötzlich wie eine Erleuchtung überkommt, so begriff er auf einmal, daß alles mit erbarmungsloser Notwendigkeit so kommen mußte. Er war sein Lebtag eine problematische Natur gewesen – und alle problematischen Naturen gehen an sich selbst zu Grunde. Er hatte weder die Lebensfreude noch den Segen der Arbeit je gekannt. Im Impuls, den ein starrer Eigenwille zum Ziele peitschte, hatte er darum sein Bestes gegeben, als Künstler wie als Mensch. Und eben darum ging er an der Unfähigkeit, zu verzichten, zu Grunde. Er wollte die Frau – er errang sie nicht – das war das Ende ... Er empfand das ohne Bedauern, weil dieser scheinbar unedelste Kampf seines Lebens der edelste gewesen. Er war unterlegen in dem Kampf, aber es fiel ihm nicht ein, zur Alltäglichkeit zurückzukehren. Er wollte sich das einzig große Gefühl seines Lebens, den Glauben an diese Frau, bis zum Tode bewahren. Das war nicht Eigensinn, sondern eine Art Idealismus – und an diesem Idealismus mußte er unfehlbar sterben. – Er glaubte mit ganzer Seele an diese Frau! Das war eine lange Gedankenfolge. Darum erwiderte er nach langem Schweigen erst: »Warum eine Rose entblättern, Gert? Wer Zeit genug hat, zuzusehen, dem entblättert sich schließlich jede Rose von selbst – aber dann ist's keine Rose mehr. Laß mir meine Rose, Gert, so frisch und so schön wie sie ist! Ich will's nun mal ... Weißt du, ich habe wohl früher behauptet, es sei für die Menschheit wichtiger, daß sie an einen Himmel glaubt, als daß dieser Himmel existiert ... So ist es auch für mich besser, daß ich an diese Frau glaube, als daß sie existiert ... Und sie existiert doch genau so, wie ich an sie glaube! ... Sie ist und bleibt meine Heilige. Und wen man unendlich geliebt hat, der muß wohl auch unendlich viel wert gewesen sein ... Fürchte darum keine Schwachheiten, Gert! Ich werde in meinem Leben nie wieder betteln, selbst wenn ich bettelnd die Frau erringen könnte. Ich werde auch hoffentlich nicht die Geschmacklosigkeit begehen, mich selbst abzuthun offiziell – es müßte denn ein Anfall von Geisteskrankheit sein, wo unheilbare Melancholie oder Tobsucht meinen Gemütsdefekt genügend kaschieren würden. Aber eingestandenermaßen um eine Frau zu sterben – nein! So etwas thun Ladenjünglinge oder Phantasten und verdienen dafür nur das Achselzucken ... Und dann wär's auch herzlos gegen die Frau selbst, die doch für meine Ueberspanntheit nichts kann ... Ich hoffe jedenfalls, daß ich nie so weit komme, aber ich weiß es nicht. Im übrigen sagte ich dir schon neulich: ›Ich brauche zum Gesunden nur das Atom – das Atom Ekel ... Wird mir das verständig verabreicht, so finde ich mich entweder schrecklich wieder, und du kannst dir zu diesem absoluten Weltverächter von Bruder gratulieren, oder – es ereignet sich ein Unfall...‹« Das Mädchen kam herein und brachte eine Depesche. Der Bruder las sie und hob dann die zerbrochenen Enden des Reitstockes auf und legte sie auf das Fensterbrett. Eine Stunde später fuhren die Brüder im Break nach der Bahn, um Frau Klara und die Kinder abzuholen. – Es war ein wortreiches Wiedersehen. Frau Klara, eine noch sehr gut aussehende Blondine, deren liebenswürdige Herzenskühle ihr Teint und Figur am besten konserviert hatte, stellte dem Schwager die Kinder vor, die noch nicht in der Pension waren, und die jetzt den Onkel sofort wegen mitgebrachter Schokolade interpellierten. Als das erledigt war, sagte Frau Klara zum Schwager: »Und wie gut du aussiehst, Rolf! Wenn ich denke, wie mein Mann in dem letzten Jahr alt geworden ist ... Na, du genießest ja auch das Leben, hast keine Sorgen ... Dürfen wir nicht nächstens doch auf eine Schwägerin rechnen?« Der Gatte räusperte sich unwillig. »Daß ihr Frauen doch immer dasselbe thörichte Zeug reden müßt!« Frau Klara wandte sich pikiert wieder zum Schwager: »Ja, sieh mal, so behandelt dein berühmt liebenswürdiger Bruder uns seit Jahresfrist täglich ... Na, das wird sich hoffentlich durch deinen Besuch mildern, denn er vermißt doch eigentlich nur dich! ... Geschrieben hast du gegen deine Gewohnheit sehr häufig ... Aber wenn du vielleicht denkst, daß mir Gert auch nur eine Zeile gezeigt hat, so irrst du dich. Heimlichkeiten werden's wohl nicht gewesen sein – aber Briefe von dir sind Heiligtümer, die kein andres Auge entweihen darf, und die im Geldschrank aufbewahrt werden müssen.« Die Brüder sahen sich dabei an und schwiegen. Eine glückliche Ehe war das auch nicht gerade. Es war jetzt in wenigen Tagen voller Frühling geworden. Die Wege trocken, über den Bäumen des Parks ein grüner Hauch, und auf den Feldern das silbrige Grau der sprossenden Saaten ... Nachbarn kamen zu Besuch und fanden, daß der jüngere Raben noch zugeknöpfter und hochmütiger geworden sei, seitdem man von seinen Erfolgen nichts mehr hörte. Man fuhr fleißig auf die andern Güter. Aber Rolf, den früher die Landwirtschaft interessiert hatte, fand jetzt den Osten trostlos und seine Menschen öde. Eigentlich freuten sich nur die Kinder an dem Onkel, weil er ihnen etwas Neues war. Der kurze Sommer kam, die Ernte, und gleich auf brennende Hitze ein kühler, langer Herbst. Als die Lokomobile auf dem Vorwerk das Verkaufsgetreide ausdrosch und das Summen und Pfeifen bis zum Herrenhaus drang, kam eines Morgens unter vielen Briefen auch ein Brief mit einer belgischen Marke. Frau Klara brachte ihn dem Schwager selbst. »Na, na, eine Damenhand!« Rolf zuckte zusammen und wurde blaß. Er blieb fast den ganzen Vormittag auf seinem Zimmer eingeschlossen. Erst gegen Mittag kam er herunter und setzte sich auf eine Bank im Lindengang des Parkes. Von dort sah er träumend nach dem Stück gelber Stoppel, das vom Feld herüberleuchtete. Der Herbstwind fegte darüber. – Er saß sehr lange. Absatzfohlen waren mit der Bahn gekommen, und der Gutsherr hatte sie selbst, wie immer, von der Station geholt. Darum verspätete sich das Essen. Jetzt schritt er eilig durch den Park, pfeifend, angeregt durch seine Pferdepassion. Als er den Bruder sah, setzte er sich zu ihm und klopfte ihm auf das Knie: »Du, der Jude hat mir doch schöne Füchse besorgt – prachtvolle Knochen und viel Figur. Manchmal macht die Landwirtschaft auch wirklich Spaß.« Dann schielte er nach dem Brief, den der andre noch gedankenlos in der Hand hielt. Er erkannte die Marke und fragte zögernd: »Von ihr?« – Seit der großen Auseinandersetzung waren sich die Brüder etwas aus dem Wege gegangen, aber nicht aus Erkältung, sondern aus Gêne. Der Jüngere antwortete ruhig, fast weich: »Wenigstens ist in dem Brief viel von ›ihr‹ die Rede. Er ist von der deutschen Reichsgräfin – du erinnerst dich wohl noch der alten Jungfer?... Sie wundert sich, daß man von neuen Bildern nichts mehr hört... Du, Gert – dabei fällt mir ein – wir haben von ›ihr‹ so lange nicht gesprochen. Ich habe sie doch sehr, sehr lieb gehabt – ich hätte sie auch gern noch mal im Leben wiedergesehen...« »Denkst du an's Sterben, Rolf?« »Im Gegenteil. Mir ist heute erst wohl: das macht der Brief.« Der Aeltere sah dem Jüngeren scharf ins Gesicht. »Aber du bist merkwürdig blaß heute, Rolf, und du hast in den Augen so einen... so einen fatalistischen Ausdruck...« »Das kann allerdings stimmen. Ich, der alte Fatalist, werde mich doch nicht auf meine letzten Tage ändern. Ich bin's heute stärker als je... Darum also in dem Sinne weiter! Wenn ich mal tot bin – vergiß, bitte, nicht, daß die Frau mir eine liebe Heilige gewesen ist, die mir nur Gutes thun wollte.« »Ach Rolf, das klingt wie ein Trauerchoral!« »Das ist aber gar nicht beabsichtigt.« »Dann komme zum Essen! Nach Tisch zeige ich dir die Fohlen, daß du auf andre Gedanken kommst.« Bei Tisch herrschte gute Laune. Namentlich die Kinder waren sehr angeregt, weil die Fohlen auf ihrem Tummelplatz im Hof schmerzlich nach den Müttern wieherten. Von der Tafel konnte man genau sehen, wie die hübschen Tiere sehnsüchtig die feinen Köpfe durch die Eisenstangen der Umfriedung steckten. Einmal pfiff auch die Lokomobile vom Vorwerk, schrill, heiser. Die Kinder lachten. Bei dem Pfiff blitzte es in Rolfs Augen auf wie eine Eingebung. Es sah's niemand. Die Augen wurden auch sofort wieder matt, nur das Monocleglas blinkte. Viel später sagte er nachlässig: »Du, Gert, ich möchte mich mal wieder auf einen Gaul setzen...« »Aber selbstverständlich, Rolf! Laß dir meinen Reitbraunen gleich nach Kaffee satteln. Er springt absolut sicher, und man sitzt beim Trab wie in einer Wiege.« Der Jüngere erwiderte lächelnd: »Das habe ich nun eigentlich nie so sehr geliebt. Etwas durchgeschüttelt muß ich werden... Hast du nicht noch einen andern Gaul?... Aber wozu hast du eigentlich die Vollblutstute?« »Wo denkst du hin, Rolf! Das kannst du zur Not riskieren in vier Wochen, wenn du dich eingelebt hast auf dem Sattel. Aber selbst dann noch...« »Ich bitte dich, Gert! Ich reite jedes Pferd. Ich habe doch noch immer die ganz weiche Hand.« »Ja, ja, Rolf! – Aber höre mir lieber ...« »Ich habe nun einmal Lust, heut, Gert. Morgen habe ich die Lust sicher nicht mehr.« »Nein, Rolf, den Fuchs gebe ich dir nicht!« »Dann nehm' ich ihn mir,« antwortete der Jüngere lächelnd. »Was willst du dagegen thun? Du kannst doch nicht den Leuten sagen: ›Wenn mein Bruder die Stute zu satteln befiehlt, dann thut's nicht!‹« »Allerdings, Rolf. Aber ich bitte dich dessenungeachtet.« Da mischte sich Frau Klara ins Gespräch. Sie liebte den Schneid mehr als den Schwager. »Es ist wieder deine Nervosität, lieber Mann! ... Du hast doch selbst neulich zu mir gesagt, Rolf wäre zwar niemals ein besonders eleganter, aber immer ein unbedingt sicherer Reiter gewesen. Und du wolltest noch heute das Pferd sehen, das ihn aus dem Sattel brächte, ohne sich selbst mit zu überschlagen.« Rolf, der neben der Schwägerin saß, reichte ihr scherzend die Hand und sagte: »Du bist doch meine beste Freundin, Klara. Wie konnten wir beide uns eigentlich so lang verkennen?« Der Hausherr schüttelte darauf den Kopf, etwas pikiert durch diese neue Allianz. »Wenn ihr beide es durchaus wollt – meinetwegen! Aber ich bitte dich wenigstens, Rolf: ohne Sporen und Peitsche. Auch keine Kandare – der Fuchs ist zu weich. Es ist, ehrlich gesagt, eine dumme Marotte, diese ganze Reiterei. Jetzt, wo die Lokomobile immer pfeift, ist der Gaul nun schon gar nicht zu taxieren und wird dir durchgehen. Ich garantiere überhaupt für nichts.« Frau Klara, die sich für diesen Ritt engagiert hatte, blinzelte dem Schwager nur ermutigend zu. Die Tafel wurde mit einer leichten Verstimmung aufgehoben. Der Hausherr ging sofort in sein Zimmer. Aber er lugte doch hinter der Gardine vor, als eine Stunde später drüben am Kutschstall das Vollblut herausgeführt wurde. Frau Klara stand dabei, auch die Kinder, die sich einen Onkel gar nicht zu Pferde vorstellen konnten. Er wollte schon hinausgehen, weil er deutlich die Kandarenkette blinken sah. Auch trug der Bruder Sporen, und die schwere Rennpeitsche steckte im hohen Lackstiefel. Aber zu guter Letzt ging der gute Gert doch nicht. Er hatte sich über die beiden geärgert. Dann setzte er sich auf den Sorgenstuhl, wie jemand, der mit der Welt nichts zu thun zu haben wünscht. – Daß sich die beiden auf einmal zusammenfanden! Er hatte immer blind gegen seine Frau zum Bruder gehalten in allen Dingen. Zum Dank wurde ihm der bei einer Bagatelle untreu. Gerade die Bagatelle wurmte ihn am meisten. Er konnte, wie alle feinfühligen Menschen, auch kleinlich sein. Er saß noch nicht lange mit seinem Groll allein, da wurde von draußen an die Scheibe geklopft. Es war der Bruder auf dem Fuchs, dessen Hufschlag der weiche Sand der Vorfahrt nicht verraten hatte. Rolf winkte mit der Reitpeitsche. Aber nur zögernd öffnete der Aeltere das Fenster. Der Bruder beugte sich tief aus dem Sattel und streckte ihm die Hand hin. »Sei nicht giftig, alter Gert!« »Nimm dich wenigstens in acht, Rolf!« »Ach was! Was passieren muß, passiert doch. Ich bin heute Fatalist. – Aber mir passiert sicher nichts.« Und dabei drückte er die andre Hand mit einem eigentümlich flüchtigen Druck. »Gott befohlen, Gert!« Er wandte rasch den Kopf ab. Im Moment sprang der Fuchs auch schon zum kurzen Galopp an. Gert sah dem Reiter nach. Es war noch immer der sichere Sitz und der feste Schenkel, die ihn beruhigen konnten. Trotzdem beruhigte er sich nicht. Eine plötzliche Unruhe, eine unerklärliche Angst faßte ihn, sobald der helle Schweif der Stute hinter der Scheune verschwunden war. Es war eine Unruhe, die aus dem Herzen, nicht aus dem Kopf kam. Und er ging rasch hinauf in den ersten Stock, wo man vom Frontispice die Ebene weithin überschauen konnte. Er sah den Reiter nicht. Aber er fragte sich besorgt: »Warum reitet er durchaus heut? Und warum durchaus dies subtile Tier?« Und von diesem vagen Angstgefühl getrieben, suchte er auch noch das Mansardenzimmer des Bruders, das nach dem Park hinauslag. Es war gar nicht seine Art, in fremde Zimmer zu gehen in Abwesenheit ihrer Bewohner – er wußte auch, daß der unordentliche Rolf das selbst von Frau Klara gar nicht liebte. Aber er ging doch hinein! ... In dem kleinen Raum das wenig malerische Durcheinander, die Zigarettenatmosphäre – nur der Schreibtisch peinlich geordnet. Auf dem grünen Tuch der Platte lag sorgfältig zusammengefaltet der Brief aus Belgien. Gert nahm ihn – es war, als wenn's ein fremder Wille für ihn thäte – und sah flüchtig hinein, trotz der Indiskretion. Eine Stelle fiel ihm sofort auf: »Die Prinzessin Bragan hat, was Sie interessieren wird, Baron, einen Sohn. Und die gute, gute Félicie, die ein wenig schwermütig ist, freute sich darüber doch so, daß sie mir gestand, dieses Kind ihrer Schwägerin habe sie so glücklich gemacht, als sie überhaupt noch glücklich sein könne... Sie kennen meine reizende Nichte ja auch so gut – und das wehe Lächeln, das sie jetzt ausschließlich lächelt, müßte einen Künstler wie Sie geradezu bezaubern. Sie lächelt zuweilen genau so wie »Die Liebe« auf Ihrem schönen Gemälde ... Aber Félicie ist doch so ganz, ganz anders! Wer über das Glück andrer glücklich sein kann wie sie, der besitzt doch die schönste Selbstlosigkeit.« Er las nicht weiter – aber er suchte in dem Schreibtischaufsatz mit nervöser Hand herum. Er wußte jetzt, daß er sich nicht grundlos geängstigt und daß der merkwürdig fatalistische Ausdruck in seines Bruders Augen heute seine Geschichte hatte. Endlich fand er, fast versteckt unter Büchern, ein kleines Paket, gesiegelt wie ein Wertbrief und an den Herrn Gert von den Raben adressiert: »Nach meinem Tode zu öffnen.« Die Tinte war schon etwas verblaßt, weil die Adresse vor geraumer Zeit geschrieben. Gert riß das Siegel auf, obgleich es die schlimmste Indiskretion gegenüber einem Lebenden war. Es waren nur Andenken von »ihr« und Briefe von »ihr«. Er kramte zwischen ihnen ohne Neugier, aber ein wehes Gefühl schlich ihm ums Herz. Es waren eigentlich rührend kindliche Andenken – ein Lorbeerblatt, ein welkes Veilchen, ein rosa Seidenband ... und die feine, feine schwarze Haarsträhne. Wie oft mochte die der Bruder wohl geküßt haben früher! ... Erst ganz unten ein Zettel: »Alles sofort zu verbrennen!« Erst wie er den las, fiel es Gert ein, daß die Indiskretion unsinnig, weil diese letzte Willensbestimmung zu weit zurücklag. Er wollte das Paket wieder siegeln, ein wenig beschämt doch und froh, daß er nicht auch die Briefe von »ihr« durchstöbert hatte. Aber als er das Licht anzündete, zitterte ihm die Hand zu sehr. Der Kopf war ihm mit einemmal so leer geworden, er mußte sich setzen. Er war so matt, so unfähig irgend eines Entschlusses! Er sah nur immer wieder das Paket an, und das Schicksal des Bruders erschien ihm so grau, so traurig, nicht einmal vergoldet von der kleinen Tragik, die auch mit dem herbsten Schicksal sonst versöhnt. Wenn der nun wirklich bei dem Ritt heute verunglückte, starb – so war es am Ende doch das beste. Es lag ja alles in Gottes Hand! ... Und wenn er jetzt den Bruder suchte, ihn zum Weiterleben gewissermaßen zwang, so war das doch der kleine Egoismus und nicht die großherzige Bruderliebe ... Darüber wurde er sich vor diesem Paket mit den Andenken klar. Aber er nahm doch das Paket, um es bei sich unten einzuschließen, und ging doch hinaus, den Bruder zu suchen. Es war mehr der Trieb, irgend etwas zu thun, als der Wunsch, dem Schicksal in den Arm zu fallen. Als er hinaustrat in den kühlen, hellen Herbsttag mit dem scharfen Wind und den zackigen Wolken, sah er gerade wieder den Bruder vom Hof reiten. Er ritt im Schritt – aber die Stute war ganz naß und trat sehr unruhig. Gert wollte ihm zurufen – aber er rief nicht. Er wartete, bis der Bruder sich im Sattel drehte – aber der drehte sich nicht im Sattel ... Dann kam der Inspektor herbei in angenehmer Aufregung und erzählte: »Herr Baron – er hat den Fuchs doch klein gekriegt. Ihr Herr Bruder! Bei der Lokomobile war er auch – der Fuchs tanzte wie wahnsinnig, aber er bekam ihn nicht 'runter ... Der Herr Baron reitet doch sehr gut.« Er hörte dem Mann zu und kam sich jetzt ein wenig lächerlich vor mit seiner Angst. Aber er brach doch schnell das Gespräch ab und sagte nur kurz: »Ich danke« – was sonst gar nicht seine Art war. Dann ging er über den Hof ins Freie. Auf dem Feld sah er die Lokomobile rauchen, und wie die Leute in Gruppen um die Strohberge standen und gestikulierten. Er sah auch, wie jetzt der Bruder den Fuchs auf dem schnurgeraden, weichen Feldwege zum Galopp zusammennahm. Es war gar nicht weit – er hätte noch rufen können. Aber er bezwang sich, er fühlte, daß, was auch kommen mochte, Schweigen die bessere Menschenpflicht, die größere Selbstlosigkeit war. Wenn Rolf heute wirklich den Tod suchte, so wußte der auch sicher, warum ... Er blieb hinter der Scheune stehen und stützte sich auf seinen Stock. Er wollte wegsehen – und sah doch unverwandt nach dem Reiter, der jetzt im ruhigen, schönen Kanter die anderthalb Kilometer bis zur Lokomobile maß. Eine so sichere Hand, ein so fester Schenkel! ... Nein, es war doch wohl die wiedererwachende Kraft, die sich am Pferde üben wollte ... Und da auf einmal der schrille, heisere Pfiff – Rolf mußte das wohl mit dem Maschinenführer so abgemacht haben. Die Leute am Strohberg stoben auseinander, die Mädchen kreischten. Und jetzt ein bäumendes, schäumendes, vor Aufregung, halb wahnsinniges Tier. Das kurze, blitzschnelle Drehen – der rasende Seitensprung – der scheinbar verzweifelte Kampf zwischen Mann und Pferd. Aber mit seinem scharfen Auge sah der Gutsherr sofort, daß sein Bruder spielend den Sattel halten konnte – Die Angst war vorüber. Ja, das Zuschauen beim Kampf war ihm Genuß ... Und eine Sekunde später der Fuchs ruhig, zum Sprung gesammelt – und in der nächsten Sekunde der fliegende Galopp eines durchgehenden Pferdes über die schier endlose Stoppel. Gert lachte vor sich hin: »Da wirst du bald müde werden, mein Pferdchen!« ...Aber wie er den Bruder so dahinfliegen sah über das weite, weite Feld, da kam ihm der Ritt wieder fast lächerlich vor. Das Vergnügen paßte nicht mehr zu seinem Bruder ... Also der war doch zur Alltäglichkeit zurückgekehrt – der Fatalist, der immer anders gewesen als die andern. Das Unglaubliche – ja! Das Alltägliche – nie! ... Und der bekehrte sich nun auch. Gert von den Raben ging langsam zurück nach dem Hof. Da schrillte der Lokomobilenpfiff noch einmal. Er drehte sich um, weil ihn der Unfug zu ärgern begann. Er wollte eine Verwünschung murmeln – er murmelte sie nicht. Wo drüben sumpfige Wiesen die Stoppel säumten, galoppierte jetzt der Durchgänger. War's der Pfiff – war's der Zügel, der das Vollblut jetzt in ganz andrer Richtung trieb? ... Es ging in langen, gezogenen Sprüngen über den weichen Grund und geradewegs auf einen alten, riesigen Plankenzaun zu, der Rest einer längst aufgegebenen Koppel. Ein Sprung – war hier Wahnsinn ... Und auf einmal begriff Gert alles. – Ein stutzendes Pferd – eine hoch erhobene Peitschenhand, die niedersaust – eine krachende Planke – ein im ausgleitenden Sprung sich überschlagender Pferdekörper, der Reiter mit ... Und dann Gerts eigner, heiserer, verhallender Schrei. Einige Minuten vermochte er sich nicht zu rühren. Dann aber ging er hinüber nach den Wiesen – es war nicht allzu weit. Er winkte die Leute zurück, die von der Lokomobile herbeieilten. Er wußte genau, was geschehen war. Auf dem grünen Rasen hinter dem zerbrochenen Zaun lag der Fuchs mit glasigen Augen – verendet. Unter ihm, die Brust eingedrückt, sein Bruder – auch verendet. Gert beugte sich über den Toten. Das Gesicht war nicht entstellt, aber um die geschlossenen Lippen lag der gewisse brutal entschlossene Zug. Er hatte wieder einmal das Unglaubliche versucht, der Mann – und diesmal hatte er gesiegt ... Dem Ueberlebenden war das Ende auch recht, er neidete es beinahe dem Toten ... Darauf winkte er die Leute herbei, die neugierig von fern standen. Er selbst ging weg. Er schämte sich ein wenig der Thräne, die in sein Auge getreten war ... Im Park kam ihm seine kleine Tochter entgegengelaufen. »Papa, wo ist der Onkel mit dem Fuchs?« Da erst rann ihm der heiße Strom über das Gesicht. Und während er dem verwunderten Kinde das Haar zitternd streichelte, sagte er weich: »Er ist verreist auf immer. Aber das darf dir nicht leid thun. Ihm ist endlich wohl, mein Kind!« ... * Am Abend desselben Tages war großes Feuerwerk auf einem belgischen Schlosse. Man feierte mit Gepränge die Taufe des jungen Prinzen von Bragan. Die Illuminationslämpchen an der mächtigen Schloßfront flackerten, das bengalische Licht flammte. Es war eine helle Sternennacht. Im alten Park wandelten der Herzog und die Herzogin von Lièges Arm in Arm. Das Bragansche Wappen, sinnig aus bunten Lichtern gefügt, leuchtete über dem Portal. Man las deutlich den Wappenspruch: » Pour l'amour la mort .« Die Herzogin war müde vom Trubel heut – aber der schöne Spruch freute sie doch. Sie blieb stehen, träumend nach ihm zu schauen ... Dabei dachte sie an einen andern, der nicht hier war. Sie hatte ihn nicht vergessen, obwohl sie es leicht gekonnt. Sie wollte es nicht – sie hatte ihn einst geliebt. Und gerade jetzt flog ihr ein Stich durchs Herz. Sie dachte, wie oft sie der andre gekränkt und wie wenig er sie verstanden – das that ihr weh. Und wie sie doch treu geblieben war im Erinnern und Versprechen – das that ihr wohl. Aber das Herz schlug ihr schwer, das andre Herz. Sie war ja auch so krank! Der Herzog, der höflich stumm auf das Weitergehen gewartet hatte, fragte jetzt spöttelnd: »An wen denkst du so intensiv, Félicie?« Sie zeigte auf den leuchtenden Wappenspruch drüben, der sich wie glückverheißend über den dunkeln Parkbäumen hob. Und sie lächelte ebenso weh und ebenso süß wie einst. Sie wandelten weiter. Die Herzogin drehte sich noch einmal um. Pour l'amour la mort ! – schimmerte ein letztes Mal. » Pour l'amour la mort !« wiederholt sie träumerisch. Sie wußte ja nicht, daß es inzwischen der Wappenspruch eines adligeren Geschlechtes geworden war.