Johann Ludwig Tieck Der wiederkehrende griechische Kaiser 1831 Es war in Gent Alles in froher Bewegung. Eine feierliche Messe ward gesungen, eine Prozession der Geistlichen, der sich die Edlen anschlossen, zog über den Markt, durch die größten Straßen der Stadt, um sich in das Schloß zu begeben; die Zünfte folgten, und Musik, Jauchzen, Freudengeschrei ertönte in allen Gassen, wenn auch hie und da ernstere Gemüther, die in die Zukunft schauten, sich banger Besorgnisse nicht erwehren konnten. Ein heiterer Sommertag glänzte über Plätze, Dächer und Häuser herab, und warme Winde spielten im frischen grünen Laube der Bäume, welche die Straßen zierten. Im Schlosse selbst war Alles noch heftiger und lauter zum Feste aufgeregt. Die Dienerschaft lief geschäftig auf den Gängen hin und her, die Hofleute und Aufseher ordneten, die Spielleute zogen mit Musik in den großen Saal, wo die Speisetische schon standen, und im Hofraum wurden Bettlern, Kranken und Fremden Speisen, Wein und Almosen von den Schaffnern ausgetheilt. Und Du? rief der zornige alte Koch aus, indem er aus den innern Gemächern kam, um der Küche wieder zuzueilen, Du, alter Taugenichts, stehst und lungerst hier und allenthalben müßig herum? Keine Hand rührt doch das Abentheuer und denkt weder an Gott und Welt. Was so die hohen Herrschaften dergleichen Grillen hegen und pflegen, und sich mit Leuten und Querköpfen umstellen, die nicht wissen, warum die liebe Sonne scheint, und sich so an den Unwissenden und Dummen ergötzen, da sie doch selber immer thun, als wenn sie das Gras könnten wachsen hören. Diese Worte wurden an ein kleines, altes Geschöpf gerichtet, das in bunter, wunderlicher Tracht im Winkel kauerte und seine Finger bedächtig nachzählte, wobei das kleine verschrumpfte Männchen eine so einfältige Miene machte, als wenn er wirklich die Besorgniß hege, ein Glied könne ihm abhanden gekommen seyn. Zehn und wieder zehn macht zwanzig, nicht wahr, Koch? fragte er endlich, indem er dem großen wohlbeleibten Manne forschend in das rothe Antlitz sah. Zwanzig, mein Knirps, antwortete der Koch; giebst Du Dich in der That mit Rechnen ab? Zwanzig Finger und Zehen hat der vollständige Mensch, antwortete der Kleine: nach zehn und zehn rechnen wir Alles aus; es ist eine große Erfindung, und doch kann sie jedes Kind begreifen. Die zehn Finger des Menschen schieben auch alle Angelegenheiten, Anstalten, Einrichtungen, Übersichten, kurz die ganze Welt, in die Zehn hinein, und es ist dumm und unbequem, daß in der Einrichtung des Jahres, der Monate und bei so vielen Sachen noch die Zwölf daneben und mit läuft, um die verständige Zehn zu stören und uns oft die Uebersicht schwer zu machen. Der Einfaltspinsel, sagte der Koch, will auf seine alten Tage noch zum Philosophen werden. Mit nichten, Herr Phamphilus, fuhr der Kleine fort: aber überlegt es nur selbst, daß es nun auch gerade zwanzig Jahre sind, als unser edler Graf Balduin von hier reisete, sein Kindchen, das nur wenige Wochen alt war, hier ließ; wie er auf seinem Kreuzzuge, gegen aller Menschen Erwarten, Kaiser von Konstantinopel und Griechenland wurde und schon nach einem Jahre eines schmählichen Todes starb. Ich erinnere mich wohl, sagte der Koch, jenes Tages der Abreise. Wir haben seitdem viel erlebt, Unruh, Verdruß, Meuterei, Krieg, Aufstand der Städte und Drangsale aller Art. Ja, ja, sagte der Kleine, Jeder dachte daran, sich zu heben, die Umstände zu nutzen, zu regieren, sich zu bereichern; Alle rechneten zehn und wieder zehn, dann hundert, tausend, immer eine Null angehängt, das kostet ja nichts, und so kann man mit einem Blickchen, auch des kleinsten Auges, in einem Wink in die tausend und tausend Millionen hineinsteigen: – aber dann kommt die täppische, langweilige, unbegreifliche Zwölf immer wieder dazwischen, und hemmt, krümmt, stört, schneidet ab, macht sich und ihre Regel geltend, und Alles fällt zu Boden, oder wird wenigstens so verkürzt, daß die Menschen froh sind, wenn sie statt der Million nur das Hundert gerettet haben. Du bist ein Dummerjahn, sagte der dicke Mann, und sprichst Unsinn. Aber mir doch zu hoch. Ich will's Euch an einem Beispiel deutlich machen, sagte der Buntgekleidete, ohne beleidigt zu werden. Unser Graf, als er sein Flandern verließ, ward durch Venedigs Herzog, seine Krieger, die Umstände, das Glück, Kaiser: verständig war's, wenn auch seltsam. Man dachte Zehn nach Zehn, Null an Null könnte und würde sich reihen; er hätte wohl gar noch abendländischer Kaiser werden mögen. Aber nein, da sind die empörten Griechen, der König der Walachei, die Uneinigkeit unter den Abendländern, schlechte Disciplin, Unzufriedenheit der Geistlichen, – plötzlich heißt's: Nein, nicht nach Zehn, nach Zwölf muß gerechnet werden! Gleich bricht die klare Verwirrung ein, und unser Graf, der Kaiser, muß im Kriege gefangen werden und umkommen. Hatte nicht Graf Conrad hier die Regierung so gut wie in Händen? Der große Adel stand ihm bei, unsere Erbgräfin war ein Kind, er dachte schon für sich und seinen Sohn das Land zu besitzen, es konnte ihm nicht fehlen; Zehn und Null dahinter und wieder Null; das Kind wurde und konnte nicht gefragt werden, und so wie sie größer wurde, mochte sie dem jungen oder alten Grafen anvermählt werden: seht, da nahm sich Bischof und Geistlichkeit der Waise an, da kamen die zwölf Himmelszeichen in das weltliche Zehn, da traten die zwölf Apostel dazwischen, ein anderer Vormund nahm die Stelle ein, so wie die Regierung, die Bürgerschaft jauchzte, und nun geht es denn wieder so weiter und durch einander. Kerl! sagte der Koch, und sprang mit Entsetzen zurück, wahrlich, Du bist ein Ketzer! der Albigenser spricht aus Dir! Ich will keine Gemeinschaft mit Dir haben. Ich sehe Dich noch auf dem Scheiterhaufen brennen. Nein, rief ihm der Kleine nach, ich will Euch ja nur ein Rechnungs-Exempel deutlich machen. Ihr habt ja selbst auch gesehen, wie geistlich und fromm seit einigen Jahren Graf Conrad geworden ist, wie sehr ihn jetzt alle seine weltlichen Verirrungen gereuen. Zur Zwölfe hat er sich bekehrt und die ist viel schwerer in Rechnung zu stellen. Was Ihr mir aber von Ketzerei und Verbrennen sagt, hat gar nicht meinen Beifall. Ihr seid des Feuers mehr gewohnt, lieber dicker Mann: Ihr habt neulich, als Ihr schon betrunken wart, Eure Fasten gebrochen, das weiset direkt auf Ketzerei und Abtrünnigkeit hin. Habt Ihr nicht immer die Brüder Franziskaner verachtet, weil sie betteln? Glaubt Ihr wohl an die Wunder des heiligen Mannes, des Franziskus selbst? Ja, als Ihr neulich den Hasen spicktet, sagtet Ihr – Ihr wart wieder ein wenig betrunken – so eine Kreatur, auch Aal und Krebs sei gleichsam ein Märtyrer. O dicker Bösewicht, das find Grundsätze und Überzeugungen, die Ihr vor keinem rechtgläubigen Bischöfe werdet verantworten können. Immer wieder, sagte der Koch ergrimmt, indem er fortging, läßt man sich verleiten, mit dem Narren ein ernsthaftes Gespräch anzufangen. – Der kleine Mann war in der That nichts anders, als der Narr des gräflichen Hauses. Balduin hatte ihn in heiterer Jugend von einem seiner Verwandten angenommen und ehemals manchen Scherz mit ihm getrieben. Nach der Abreise des Grafen und dessen Tode, während am Hofe und im Lande sich so mancherlei zutrug, war er vernachlässiget, die Räthe waren zu ernst, sich mit ihm einzulassen, doch blieb er im Schlosse und zeigte eine große Liebe für die junge Johanna, die Erbin des Landes. Wie wenig er beschäftigt oder beachtet wurde, so hatte er doch die Einladung benachbarter Großen oder Fürsten nicht angenommen, die ihn verschiedene Male aufgefordert hatten, in andern Schlössern sein Talent wieder geltend zu machen. Johanna, so wie sie in Huld und Schönheit erwuchs, zeigte dem Alten immer mehr Gewogenheit, da sie seine Ergebenheit bemerkte und würdigte, und er war in Preis und Bewunderung ihrer Reize und Gaben so wenig zurückhaltend, so begeistert in seinem Lobe, daß er fast die Sprache eines entzückten Liebenden redete, weshalb ihn oft Diener und Krieger laut verlachten. Nur Einer im Schlosse war ein wahrer Freund des armen, von Allen Verschmähten, ein schöner Jüngling, der nur um wenige Jahre älter als Johanna war. Dieser Jüngling, am Hofe als Edelmann erzogen, dessen Eltern und Heimath aber Niemand kannte, kam jetzt von der Straße roth und freudeglühend, und stellte sich lächelnd vor den Narren hin, der mit einem wehmüthigen Blicke zu ihm emporsah. Nun, wie ist's mit Dir, alter, lieber Ingeram, fragte der junge schöne Mann, der in seinen Festkleidern im Sonnenschein leuchtete. Seid Ihr schon zurück, Ihr Frühlingsblume? murrte Ingeram; seid Ihr froh? glücklich? Wie anders! rief Ferdinand aus: Alles jubelt ja heut, daß nun endlich die edle Johanna mündig gesprochen ist, daß sie selbst regieren soll, daß die lästige Vormundschaft zu Ende ist. Werdet Ihr nun, oder ich regieren? fragte der Narr, und verzog grinsend das Gesicht. Sprich nicht so thöricht, alter Freund, rief Ferdinand halb im Lachen aus; dazu hat uns der Himmel nicht erschaffen. Und warum hat er es nicht? fuhr der kleine Alte fort: wenn sie mich zum Kanzler machten, so würde ich diese Mühe mit Ohren und Schellen, dieses weite bunte gestreifte Wamms, diese rothen und gelben Hosen und grünen Schuh mit einer würdigen, schwarzen Tracht vertauschen und als Regent meine Mienen ein Bischen in Ordnung legen. Ihr nun gar: was ginge Euch zu einem hübschen gekrönten Haupte ab? Ihr seid ja wie ein gebornes Prinzchen, so rein und glatt, wie aus dem Ei geschält; so goldnes Ringelhaar um die freie leuchtende Stirn, solchen fürstlichen Anstand, die geraden feinen und vollen Beine, – ei! sprängt Ihr nur so in einen aufgemachten geräumigen Thron hinein! Und dann neben Euch die herrliche Johanna! Glanz an Glanz! Silber an Gold! Was? Besser wär's, als die dumme halbe Vormundschaft, die nun eintreten wird. Und alles Einfältige und Schlechte, was nun geschieht, alle Unterdrückung und Beraubung fällt jetzt auf das arme Kind, weil man sich einbildet, sie regiere selbst, was bis dahin nur auf den Vormund und die Räthe geschoben wurde. Sagt einmal, Prinzchen, verdrießt Euch denn das nicht am allermeisten? Aber wenn Ihr nun so mit dem goldenen Scepter drein schlagen dürftet und Frieden stiften! Ach, keine größere Freude könnte ich mir für meine arme Person denken, als wenn ich den frommen ehrwürdigen Grafen Conrad und den vortrefflichen moralischen zweiten Vormund Hugo so recht durchwammsen dürfte! Seht, schlechte Kerle zu prügeln kann keine sonderliche Wonne gewähren, aber die Tugendhaften, auf denen das Wohl des ganzen Landes liegt, die so recht dick in Verdiensten und Moral sitzen; das wäre doch noch eine Freude, um die man nach Rom wallfahrten möchte, um sich den Dispens zu holen und den Knittel zu der Verrichtung einweihen zu lassen. Du sprichst heute wieder Alles durch einander, sagte Ferdinand mit beschämter Milde: wenn Dich Andere hören, so verklagen sie Dich wieder, um Dich züchtigen zu lassen. Guter, alter Ingeram, sei doch freundlich und bescheiden. Hatte Jemand vom Adel gehört, was Du eben von mir und den hohen Räthen gesagt hast! Ihr versteht das Ding gar nicht, junger Mensch, antwortete der Alte, denn Ihr kennt die Weltgeschichte zu wenig. Mag Krieg oder Friede seyn, so müssen Bürger und Bauern brav arbeiten, schwitzen, pflügen, ernten, und wenn sie recht müde geworden sind, zur Abkühlung tüchtige Abgaben zahlen. Der Feind quartiert sich ein, nimmt, was er findet, sucht, was er braucht oder wünscht, haut Bäume um, deckt Dächer ab, nimmt das Vieh mit und brennt beim Abschied die Häuser nieder. Das nimmt nachher der Freundestrupp, der das Land beschützt, sehr übel, daß der Bauersmann dergleichen hat geschehen lassen, haut und schlägt, sucht und raubt, was irgend an Röcken, Geräth oder Geldeswerth noch da ist. Der Krieger selbst, wenn er zurückgerufen wird, muß hungern, Frost und Nässe erleiden, Krankheit im Spital, erbärmlichen Tod. Der Ritter und Edle hätte es schon etwas besser, aber ein Geist, oder Gespenst, ein Wort quält, martert, peinigt ihn in der Welt herum. Ehre muß er suchen, haben, schützen: das giebt Kämpfe auf Leben und Tod, im Turnier zerbrochene Rippen, Bosheit auf Alle, die seiner Ehre zu nahe thun. Der Kaufmann läuft, reiset zu Wasser und zu Lande, er gewinnt, bevortheilt, wacht in Nächten, gaunert am Tage: plötzlich wird er von Denen, die ihre Ehre so streng bewachen müssen, beraubt, oder ermordet, weil ein anderer Mann der Ehre, ein Schwager oder Vetter von jenem, von einem herrlichen Ehrenvollen bei einem Gelage, wo Alle trunken waren, ist gekränkt worden, der mit dem Kaufmann in einer und derselben Stadt wohnt. Die Geistlichkeit baut große, herrliche Kirchen und Klöster, und Fürsten, Fromme und Reichbegabte geben ihr Geld und Gut hinein, daß die Aermsten in den großen Gebäuden hungern und dursten müssen. Da sitzt der Gelehrte auf der Universität und grübelt in tiefen Nächten, er schläft nicht, ißt nicht, um Ruhm zu erwerben und in die Tiefen menschlicher und göttlicher Weisheit zu dringen; es gelingt ihm auch; wie um den Bienenweiser schwärmen und summen die jungen Bewunderer und Anbeter um ihn her, saugen die süßen Worte ein und bauen und fabriziren mit dem Honig ihre geistlichen Zellen. Da heißt es, die Welt wird besser, heller, die Wissenschaft blüht, die Menschen und die Nachkommen werden glücklicher. Plötzlich das Geschrei: der Mensch ist ketzerisch, seine Schüler sind verderbt, die Welt geht unter! Seine Einsicht ist groß, aber gefährlich: sein Wissen steigt in die geheimnißreichen Tiefen, aber ist in den Irrthum gerathen: herbei Geistlichkeit, Magistrat, Könige und Fürsten, drein geschlagen, die Henker und Folterknechte zu Hülfe gerufen! Franziskus und Dominikus haben nun den Bettel selbst zur Religion erhoben, ihre Schüler sind zur Verherrlichung des Höchsten in immerwährendem Verhungern begriffen, das ist nun wieder ihre Ehre und Begeisterung. Unter dieses Gewirre hinein kam mein müder Geist denn nun auch auf die unverständige Welt. Zum Handwerker war ich zu schwach, zum Geistlichen zu klein und ohne Erleuchtung, zum Fürsten ohne Geburt und Erbe: gleich wieder fortgehn war mir vom Geschick untersagt, denn ich lebte weiter und hatte mein Gedeihn zu einer Art, die fast mit dem Zwerge Grenznachbar ist. Da war ein kluger Oheim, der sagte: laßt uns das Kind zu einem Narren erziehen, die Waare ist an Höfen unentbehrlich. So geschah's und durch Vorspruch und Gnade kam ich hieher. Spaß mußt' ich machen, mocht' ich an Zahnweh, Bauchgrimmen oder an der menschlichen Schwermuth leiden, die, wenn man nicht von Arbeit müde ist, immer von selbst darüber brütet, warum der Mensch und alles Lebende und sogenannte Leblose denn überall geschaffen sei. Fiel mir kein Spaß ein, hieß es: peitscht ihn mal ab, das wird ihm wohl den Witz schärfen. Ein andermal, beim Trinkgelag, wurde meine Lustigkeit gepriesen und bewundert, ich aufgemuntert; der Herr selbst rief: weiter! scheue dich nicht. Er war glücklich, wenn ich ihm seinen Rath recht in seiner Abgeschmacktheit hinmalen und den Schwätzer mit meinen Einfällen zum Schweigen bringen konnte. Nach acht Tagen, wenn Alles vergessen war, wirft sich der Rath in Demuth auf die Knie. Was giebt's? ruft der Herr. – Eine Gnade! – Warum weinst Du? – Himmel, was ist vorgefallen? – Gewährt, – gewährt; – schluchze nicht so bitterlich, sagte der Graf. – Nun gewährt mir, ruft der Bittende, daß Euer Narr wegen neulich ein bischen gepeitscht werde. – Nichts weiter? lachte der Graf, ich dachte, Du wolltest wieder sechstausend Gulden, oder einen Verurtheilten vom Magistrat losbitten, oder eine reiche Pfründe für Deinen Neffen, diese Deine Bitte soll gleich erfüllt werden. – Ein andermal war ein grobes Lästerwort über den Herrn selbst umgetragen. – Von wem kommt die Bosheit? – Vom Narren. – Ich war so unschuldig, wie das Kind im Mutterleibe. – Peitscht ihn nur tüchtig! So geschah es. – Nachher entdeckte man den Uebelthäter. – Ein Glück, sagte der Graf, daß es nur den Narren getroffen hat, sonst müßte ich auf Schadenersatz denken. So immer, ich mochte traurig, fröhlich, ausgelassen, stumm, krank oder gesund, zu bitter oder zu oberflächlich seyn, immer: peitscht ihn! Dadurch kam ich, obgleich ich kein bürgerliches Gewerbe trieb, kein Bauer oder Soldat, kein Geistlicher oder Gelehrter war, wieder in den Rang zu stehen, der Allen gebührt, und erfüllte meine Bestimmung. Und doch war dieser Graf einer der besten und liebevollsten Herrn. Nun, er hat sein Schicksal denn auch gefunden. Noch denk' ich, vor zwanzig Jahren, des Tages, als der hochgewachsene rüstige Mann von uns Allen Abschied nahm. Wie viel Noth, Drang, Pein und Sorge hat er auf diesem Zuge ausstehn müssen! Und als sie ihn nach dem Sturme und der Eroberung von Konstantinopel zum Kaiser dort wählten – was hat er für Freuden genossen? Qual, Zank, Streit, Empörung umgab ihn von allen Seiten. Jämmerlich dann gefangen, und unter Barbaren auf klägliche Weise verstümmelt und ermordet. – Aber, Freundchen, meine Peitschenhiebe, die ich in allen Stationen meines Lebens habe ertragen müssen, möchte ich gern den übrigen Menschen zurückgeben! Ich träume oft, wie ich eine große, weitumgreifende Maschine erfunden habe, wie ein meilenlanger Webestuhl, wo hunderttausend Peitschen zugleich auf und nieder, rechts und links arbeiten und dreschen, und ganz unschuldige Völkerschaften, Fürsten und Schulknaben, Bischöfe und Bettelmönche hindurch müssen, um von den Millionen Karbatschen bearbeitet zu werden. – Und ist denn die Welt und dieses Leben eigentlich etwas Anderes? Schlage Dir, lieber Ingeram, erwiederte der Jüngling, alles Dieses aus dem Sinne, denn die Zeiten sind jetzt besser und sie lassen Dir mehr Ruhe. Bald gesagt: antwortete jener; aber, Kind, wie war unsere junge Fürstin heut? Warum bist Du nicht hinausgegangen, um sie anzuschauen? antwortete Ferdinand. Kommt der Frühling schon als Braut, im Himmelsglanz, im lachenden Schein von Blumen und im frischen Schimmer der Baumblüthen, so war sie wie der Frühling im Frühling, wie ein Trost aller Welt, wie ein Sonnenschein, der nach der Sturmnacht durch die aufgelösten Wolken bricht. Ihrem süßen Lächeln schmolzen die strengsten Blicke und die finstersten Gesichter. Jammer und Armuth erwärmten sich an dieser Labung und die Klage selbst wurde Jauchzen und Triumph. Die hohe Jungfrauengestalt, mit den rollenden blonden Locken, auf welchen die Krone schimmerte, der Purpurmantel, der die edlen Glieder wie liebkosend umfloß, wie stolz, daß er die Leuchtende umkleiden und sich um den zarten Leib schmiegen durfte: unten das himmelblaue Gewand, und die goldene Busenzier, die mit dem Glanze des marmornen Halses wetteiferte. Aller Augen auf der Straße und dem Platze, aus allen Fenstern, von allen Balkonen, waren auf sie in Freude gerichtet, und das Alter und Greise selbst schienen sich im Anblick dieser überirdischen Klarheit wieder zu verjüngen. Ich Aermster, Verlorner, stand und folgte ganz in der Ferne, ein Strahl ihres leuchtenden Auges streifte an mir vorüber, wie die Morgensonne unter den hohen Bäumen des dichten grünen Waldes auch den kleinen finstern Strauch am Boden auf einen Augenblick erleuchtet. Ja, ja, erwiederte der Narr, mit einem grinsenden Lächeln, es macht sich sehr hübsch, wenn Hals und Haupt so recht frei sich zwischen vollen und glänzenden Schultern herausheben, und oben mit den beiden Lichtern der Kopf anständig schwankt und neigt und unter den Augen und der feinen Nase die rothen Lippen halb lächeln, daß, wie neugierige Kinder, die Zähnchen dahinter hervorblicken, der halbsichtbare Busen dann mit melodischem Wellenschlag die Hülle zu durchstreben und das wiegende Gold und die blitzenden Juwelen mit leichtem Stoß zu necken scheint. Und wie dann den schlanken Leib die vollen Hüften tragen und hegen, und zierliche Füßchen unten bei jedem Schritt aus dem kostbaren, weiten und sich blühenden Gewände hervorlauschen, ob denn auch Augen genug da find, alle die Herrlichkeiten zu sehn, zu würdigen, in Obacht zu nehmen, und Sinn und Geist in den Augen, um das Verhüllte, noch Reizendere in süßer Sehnsucht zu errathen. Ferdinand wendete sich mit einem Seufzer hinweg, eine zarte Rosengluth flog über sein schönes Angesicht, und er wollte dem Alten sein verschämtes Entzücken verbergen. Dieser fuhr ungestört fort: Dagegen nun freilich Unsereins und Alle, die mir ähnlich sehen! Es hat in der That etwas Unedles, ob es sich gleich nicht recht deutlich darthun läßt, weshalb, – wenn Brust und Leib und somit das ganze denkende und fühlende Wesen fast wie ermüdet, um sich nicht nach oben so weiten Weges auszustrecken, oder als in Zerstreuung in die watschelnden, wackelnden Hüften hinuntergerutscht sind. Dazu denn noch, wie sie mir zu Theil wurden, kurze, dicke, unförmliche Beine und platte, gestaltlose Füße, so nimmt sich die Totalfigur und Hülse des unsterblichen Geistes nur aus wie Ente oder mancher Wasservogel, im Verhältniß zum Schwan; als sei das Gestell unten zusammengebrochen und das obere Kunststück auch in den Lehm hineingepreßt und gesunken. Da hilft es nun nichts in der Welt, wenn die schöne Stirne, wie es bei mir wirklich der Fall ist, noch so edle, gedankenreiche Form hat, die Augen darin geistvoll funkeln und blitzen, und das Maul sich im Zickzack und allen künstlichen Wendungen und Tänzerspringen abquält; – die Leute werden immer nur sagen: das ist doch eine recht garstige Kröte! Ihr, Freundchen, seid nun freilich hübscher; aber was hilft es Euch auch sonderlich? Da ist der Sohn des Grafen Conrad, der Wachsmuth. Ein schmuckes Ding, wenn auch nicht ganz so wie Ihr; aber der Bengel hat, außer dem klaren Angesicht, auch noch die vielen Ahnen, seine Vorfahren, von denen in unserer Geschichte steht, wie oft sie Andere geprügelt haben, wie häufig sie sind geprügelt worden, einige sind sogar in Rebellionen und Bürgerkrieg gehängt, manche, was noch mehr sagen will, geköpft, andere haben Heere angeführt, der eine hat drei Städte abgebrannt und dreitausend ziemlich ruhige Bürger niederhauen lassen. Dergleichen könnt Ihr von Euern Eltern, die man gar nicht kennt, nun freilich nicht anführen. Darum thut auch Graf Conrad Alles, dies unserer Johanna recht einleuchtend zu machen. Wer gefällt Euch von den beiden alten Grafen am besten, Conrad oder Hugo? O Du Frager! antwortete etwas unwillig der junge Mann, ich habe Beiden große Verbindlichkeiten. So? erwiederte der Alte; doch etwa bloß, daß Ihr noch lebt; denn was haben sie sonst für Euch gethan? Und wenn Graf Hugo, oder Wachsmuth, der Sohn Conrads, die Blicke bemerken sollten, die Ihr zuweilen auf Johannen werft und allzulange auf dem schönen Antlitze ruhen laßt: glaubt mir nur, das würde Euch nicht sonderlich bekommen. Du bist unerträglich! rief jetzt Ferdinand, und wendete sich hastig von dem Alten; er verhüllte sein Gesicht schnell, um eine stürzende Thräne zu verbergen, und eilte aus dem Saal. Der arme Mensch! seufzte der Alte ihm nach: möchten und könnten sie ihn wenigstens zum Ritter schlagen; wüßte man nur, ob er von ehelicher Abkunft sei, so möchte er draußen und im Kriege sein Heil versuchen, denn hier muß er doch früher oder später zu Grunde gehn. Das vergafft sich, das schwärmt und träumt, der blanke Unsinn ist in so ein Kind hineingefahren, bevor man nur die Hand umkehrt. Indem näherte sich dem Saale großes Geräusch, Waffen klirrten, Tritte dröhnten, mannichfaltige Stimmen ließen sich vernehmen, und die vornehmsten Räthe, an ihrer Spitze die Grafen Hugo und Conrad, zogen durch die weiten, geöffneten Thüren ein, von Bewaffneten und den Angesehensten der Bürgerschaft begleitete Auch Ferdinand war im Gedränge und kehrte zu seiner vorigen Stelle zurück. Alle ordneten sich im großen Saale, indem das Gedränge sich auflösete, und alle Blicke wendeten sich zur Gallerie hinauf, die, auf Säulen ruhend, die Gemächer des Palastes verband. Mit ihren Frauen erschien die junge Gräfin von Flandern, Johanna, oben, verneigte sich huldreich und lächelnd mit einem vorneigenden Gruße zur Versammlung hinab, und begab sich dann in ihre Zimmer. Ferdinand bildete sich ein, ihr freundliches Auge habe sich im Fortgehn noch zu ihm gewendet, und war in diesem Augenblicke glücklich. Die Bürger entfernten sich und die Räthe beurlaubten sich von den beiden Grafen, die mit ihren Söhnen nur und wenigen Befreundeten im Saale zurückblicken. Ingeram zog den gedankenvollen Ferdinand mit sich fort, weil er es unschicklich fand, wenn beide auch vielleicht unbemerkt blieben, an der Gesellschaft der Herren Theil zu nehmen, die sich auf Sesseln und gepolsterten Bänken niedergelassen hatten. Graf Hugo, der jetzt der Regentschaft der nächste war, zeigte seine breite wohlgenährte Gestalt in einem reichgestickten Wamms, um welchen ein kostbarer Mantel floß. Ihm zunächst saß Graf Conrad und betrachtete schweigend und aufmerksam den lächelnden Mann, der ihn erst aus der Vormundschaft und nachher aus der Verwaltung der Geschäfte verdrängt hatte. Conrad war hager, groß und sein blasses ernstes Gesicht ward durch seine einfache schwarze Tracht noch feierlicher. Sein Sohn, Wachsmuth, ein feiner Jüngling, sprach erst leise mit ihm und setzte sich dann auf die Bank, den Rücken an die Wand gelehnt, indessen der Sohn Hugo's, Humberkurt, trotzig noch eine Weile stehen blieb, wie zornig auf Wachsmuth blickte, und sich dann zu dem ältesten Rathsherrn setzte. Die Freunde der beiden vornehmen Männer beobachteten ein feierliches Stillschweigen, in dem sie abwechselnd, unbemerkt, ohne die Augen zu bewegen, mit forschenden Blicken die beiden alten Grafen ansahen, verlegen und gespannt, den Anfang eines Gespräches erwartend, das Allen wichtig seyn mußte. Mit Behaglichkeit und freundlichem Lächeln fing Graf Hugo an, indem er dem ernsten Conrad die Hand reichte: so sind wir denn also wieder Freunde, verehrter Mann, und ich bin von Eurer Tugend und edlen Gesinnung überzeugt, daß Ihr mit derselben Wahrheit und christlichen Frömmigkeit diese wichtige Aussöhnung gefeiert habt, mit der ich Hand und Herz dazu geboten habe. Auf das Sakrament haben wir geschworen, Rath und Volk war Zeuge unseres Eides und Bruderkusses, und so seid Ihr auch von dieser Stunde an wieder, wie ehemals, der Freund meines Herzens, der nächste meiner Liebe und meinem Vertrauen, mein väterlicher Freund, von dem ich in jüngeren Jahren bewundernd lernte und dem ich immer, obgleich sein Alter nur um ein Lustrum dem meinigen vorgerückt ist, als einem hohen Vorbilde nachgestrebt habe. Mein edler Freund, erwiederte Graf Conrad, indem er die dargebotene Hand herzlich drückte und schüttelte, ich habe Euch, Ihr habt mir vergeben, ich hoffe, Bürger und Volk, die wohl zuweilen unter unserer Feindseligkeit litten, haben sich auch mit uns versöhnt, und jeden Widerwillen in ihren Herzen vertilgt, so daß jetzt ein holdseliger, ungestörter Friede diese christlichen Länder beglücken kann. Amen! so sei es, rief Hugo: Ihr wißt am besten, Graf, daß ich Euch persönlich niemals entgegen war. Die Bürgerschaft, Rath und Adel setzten einmal das Vertrauen in mich und wählten meine Person zum Vormund und Reichsverweser. Ich habe der Stimme des Volkes, so wie den Ermahnungen der Geistlichkeit nachgeben müssen. Die allgemeine Stimme ist oft unsere Tyrannin, wie frei wir uns auch wähnen: vielleicht leidet unter diesem Vorurtheile das gemeine Wohl und meine Berufung wird wohl in einigen Jahren ebenso getadelt, wie jetzt über mein Verdienst gerühmt, und der Haß Derer mag mich alsdann verfolgen, deren ungestüme Liebe mir jetzt mein Amt aufgedrängt hat. Lassen wir, sagte Conrad mit feierlichem Tone, alle diese irdischen und weltlichen Dinge fahren und berühren sie nicht weiter, die so viele Jahre hindurch mein Gemüth nur gestört und beunruhigt haben. So lange der Mensch Aufgaben der Welt, der Regierung und Staatskunst zu lösen hat, so lange er sich berufen glaubt, bei diesen Geschäften Hand anzulegen, so lange ist es auch seine Pflicht, die Klugheit, welche ebenfalls ein Geschenk des Himmels ist, anzuwenden, um seine Zwecke durchzusetzen, die ihm löblich erscheinen. Darum sei es fern von mir, es zu tadeln, oder auch nur anders als tugendhaft zu finden, wenn ich es im Gegentheil mit Ruhm erwähne, daß Eure Klugheit sich glänzend, Euer Verstand vielgewandt sich zeigte, um diese Euch günstige Stimmung zu erregen und nachher zu benutzen. Der Wille des Volks, die Meinung und Gunst der Menge sind dem Winde zu vergleichen; der Schiffer ist ohne Zweifel ein Thor, der die Segel diesem nicht entgegenspannen wollte, um ihn wie Roß und Maulthier anzuschirren, wenn er nach dem Hafen zubläst, den der Seemann zu erreichen strebt. So habt Ihr gehandelt, und mit Recht; unterließt Ihr es, wäret Ihr thöricht, und wenn ich es nicht bemerkt hätte, wie jeder erfahrene Mann, so wären wir wohl blödsinnig zu schelten. Bei diesen Worten fuhr der junge Humberkurt zornig von seinem Sitze auf und rief: Wem sagt Ihr dies Alles? Soll der alte Hader wieder beginnen? Ihr werdet uns und unsere Freunde nicht ungerüstet treffen, wenn Ihr streitet; Eure gleißenden Reden aber werden wie bleierne Pfeile von jeder Brust abprallen und ohnmächtig zu Boden fallen. Jetzt erhob sich Hugo auch von seinem Armstuhl, ballte die Faust, und sein freundliches Gesicht plötzlich in Wuth verzerrend, schrie er dem Sohn entgegen: Knabe! Knabe! Wie darfst Du Deine Stimme erheben, wenn Männer sprechen! Der elende Bursch will im Rath der Freunde und der Weisheit krähen? Hinaus unter die Buben und Kinder, wo Du hingehörst, Du mehr als alberner Thor! Ich gehe nicht! sagte Humberkurt sanft, aber bestimmt, und setzte sich wieder zum alten Rathe nieder. So schweig! rief Hugo, und antworte nur, wenn Einer Dich zu fragen würdigt. Ihr seid, Herzensfreund, nahm Conrad wieder das Wort, Eurem jungen Sohne viel zu heftig. Erniedrigt ihn nicht, da er es gut meint, und Eure Würde und Tugend nach seiner beschränkten Einsicht nicht will schmalem lassen. Er ist noch des Krieges und Haders gewohnt und hat für den Augenblick den Frieden und unsere Aussöhnung vergessen. Auch er wird mir in Zukunft nicht weniger mit Liebe, als Ihr selber zugethan seyn. War ich doch selber jung, und habe ebenso in Zorn und Uebermuth durch aufbrausendes Blut gefehlt. Auch diese Leidenschaft kann zur Tugend werden, und was Euer lieber Sohn dieser Anlage zu viel hat, finde ich in meinem Wachsmuth zu wenig, der darüber leicht das Spielwerk eines jeden Raufers werden mag, der sich seines sanften Gemüthes zu bemächtigen weiß. Wachsmuth wurde vor Beschämung roch und sah seinen Vater mit einem Blicke an, in welchem man eben so viel Bitte als sanften Vorwurf lesen konnte. Der Blick des jungen Humberkurt war im Gegentheil stolzer und trotziger geworden und suchte das Auge des verlegenen Jünglings auf. Conrad fuhr nach einer Pause fort: Ich selbst habe so sehr allen weltlichen Gedanken und Gesinnungen entsagt, daß ich schon morgen die Stadt verlassen werde, um auf meinem einsamen Schlosse, im Walde, ganz der Betrachtung zu leben. Wer so, wie ich, seit mehr als dreißig Jahren den Weltlauf beachtet hat, wer so den Kelch von Bitter und Süß nicht bloß gekostet, sondern bis auf die Hefen geleert, Der wird, wenn sich der Geist bei ihm meldet, alles dieses leeren Getreibes satt. Als ich mit meinem Freunde, dem großen Balduin, nach Griechenland als Kreuzritter zog, da lachte mir Jugend, Glück, die unendliche Aussicht auf Abentheuer und große Begebenheiten. Diese Zeit meiner Begeisterung, als goldne Träume dicht und dichter mir um das Haupt schwärmten, war die Blüthenzeit meines Lebens, obgleich ich das Alter des Jünglings schon hinter mir hatte. Welch eine Heldenbahn eröffnete sich mir und meinen Gefährten, vor allen meinem Fürsten, dem herrlichen Balduin. Ihr wißt, wie der Kaiser Alexius unsere Hülfe gegen Verräther begehrte, wie er dann selbst Verräther ward, und wir, nach vielem Unglück und Verlust der edelsten Freunde, die unermeßliche Stadt, die zweite der Welt, Constantinopel eroberten. Die Weisesten, so wie die größten Helden, die aus Europa versammelt waren, wählten mit der Bewilligung der besseren Griechen einstimmig unsern Balduin zum Kaiser. Aber nur für ein Jahr war dieser Heldenschritt gethan. Und welches Jahr! Von allen Seiten mit Kampf umdrängt, von Verrath umlauert; Neid, Bosheit und Haß gegen den Herrlichen gerichtet. Der König der Bulgarei ward unser Feind. In unserm Heere Meuterei und Zwiespalt, welches den Ausgang der Schlacht in Niederlage und Elend verwandelte, statt daß wir auf Sieg und Ehre hoffen durften. Ich half den Rest des Heeres retten, aber unser Kaiser war gefangen, die Getreuesten um ihn niedergemetzelt. Im schmählichen Gefängniß ward unser hoher Fürst von den übermüthigen Barbaren gemißhandelt. Wie lange er dort geschmachtet, ist ungewiß. Aber er starb, wie Mitleidige versichern, erst durch grausamen Hohn der Arme und Beine beraubt, worauf man ihn im Freien, in einen feuchten Graben hingeworfen, hat verschmachten lassen, indem der Unglückliche noch zwei Tage und Nächte seine Qualen duldete. Sein Bruder, Heinrich, hat nachher als Kaiser das Reich noch einige Jahre beschirmt. Endlich sind Alle erlegen. Erlaubt, mein edler Freund, fiel Hugo ein, so viel ich mich erinnern kann, habt Ihr sonst mit genauern Umständen den Tod unsers Balduin erzählt: und daß Ihr selbst die Leiche des Unglückseligen mit Euern Augen sahet. Verehrter Graf, antwortete Conrad, daß ich, selbst schwer, wie es schien, tödtlich verwundet, ihn noch heldenmüthig kämpfen sah, ist gewiß, und dies habe ich nach meiner Rückkunft Euch und Andern erzählt. Ich sah noch, indem ich die letzten Haufen sammelte, um den Kampf zu erneuern, wie unserm Kaiser ein Schwert in seine Schulter drang und er sich der Ueberzahl gefangen ergab. Ich zog mich mit dem geschlagenen Heere zurück und sammelte die zerstreuten Haufen, so viel es die Verwirrung des Tages zuließ. Als ich genesen war, erfuhr ich den Tod Balduins, manche meiner Leute wollten den verstümmelten Leichnam gesehen haben. Ich selbst war damals immer noch in der Pflege des Arztes, und Andere, die als Gesandte zum Regenten der Bulgarei, Johannizza, gegangen waren, behaupteten damals, Balduin sei vor Gram und Schmerz der Seele, aber ohne weitere Verletzung von Seiten der Barbaren, in seinem Gefängnisse verschieden, in welchem sie ihn selbst mit Achtung sollen behandelt haben. Diese verschiedenen Nachrichten, von denen man niemals hat erfahren können, welche die wahre sei, wurden schon damals ausgebreitet. Aber selbst habe ich die Leiche nicht gesehn, würde sie auch nicht erkannt haben, sowie Jene, die den todten Kaiser nach ihrer Meinung gesehen hatten, ihn nach so vielen Monden und so verstümmelt und entstellt nicht mit Sicherheit als ihren Fürsten bezeichnen konnten. Genug, und diese Wahrheit, die so unabweislich auf uns eindrang, daß er todt und verloren sei, war für alle Franken, für uns seine Unterthanen am meisten, schrecklich genug. Die Art des Todes malte sich Jeder mehr oder minder furchtbar aus, wie die Liebe zum Herrn, oder die Angst seine aufgeregte Phantasie anreizte. – Ich als einer der älteren und vertrauteren Freunde kam zurück, vom neuen Kaiser Heinrich mit Aufträgen in das Vaterland gesendet. Alle nahmen mich gütig und mit Vertrauen auf; in meine Hand legte man damals die Verwaltung des Staates. Unermüdet war mein Wirken, mein Streben redlich, aber freilich stand mir das Glück nicht in dem Maaße bei, wie ich es durch meinen Eifer wohl zu verdienen glaubte. Euch lächelte Fortuna mehr, als Ihr Euch den Mühseligkeiten der Regierung unterzogt, und ich trete gern, ja, wie ich schon sagte, mit Freuden zurück. Mich hat eine Stimmung ergriffen und sich aller meiner Kräfte bemeistert, daß mir alle weltlichen Angelegenheiten so grau, farblos und dürftig erscheinen, daß ich keinen Antheil an ihnen nehmen mag, ja selbst nicht könnte, wenn mein Ehrgeiz, oder irgend eine Regung in mir es möchte. Ich fühle nur zu sehr, zu lebendig, daß wir Alle, die wir damals im Taumel der Wuth Constantinopel stürmten und eroberten, uns zu schwer an Kirche, Gott und allem Ueberirdischen versündigt haben. Alles, was damals in Taumel und Wahnsinn gegen die Geistlichkeit geschah, gegen Kirchen und Altäre, gegen die heiligen Gefäße, die Besudelung, Mord, Blutvergießen, das Alles ist schlimm an uns bestraft worden und wird noch an unsern Kindern und Kindeskindern heimgesucht werden. Darum haben uns damals die Barbaren besiegt und unsern verehrten Kaiser ermordet, darum war in Europa und auch in den hiesigen Landen Zwist und Unruhe, daher Empörung, Krankheit und Pest, daher Ketzerei und Zauberkunst und der Untergang von Geschlechtern und Völkern. Aber, stelle man sich auch, wie man will, so lange der Mensch in der Welt mithandelt, ist er der Sünde und dem Irrthume ausgesetzt, das haben wir am glänzenden Richard Löwenherz erfahren, am vorigen König Johann in England, am großen Philipp in Frankreich, an dem Weltherrscher Barbarossa und an allen mächtigen Erscheinungen der Zeit, mochten ihre Entschlüsse noch so fromm, ihre Begeisterung die ächteste seyn, der Weltgeist, der gewonnen werden muß, um handeln zu können, bemächtigt sich unvermerkt des Gemüthes, und das Böse, Schreckliche und Entsetzliche steht plötzlich vor uns da, von unsern besten Kräften geweckt und in das Dasein gerufen. Darum ist für die Seele, die mit Ernst ihr Heil sucht, keine andere Rettung, als sich ganz von der Welt und ihrer Verwirrung zurückzuziehen. Das ist nun auch mein Entschluß, der unerschütterlich steht. Ich will mich in die einsamsten Gegenden begeben, einige Einsiedeleien besuchen, und mein Ohr ganz den Nachrichten aus der Welt, aller Neuigkeit verschließen. Wir leben wahrlich in einer Zeit, in welcher das Herz wohl erweckt werden dürfte, denn Zeichen aller Art geschehn, um uns zu mahnen, daß wir höheren Ursprunges sind und deshalb das Zeitliche nicht zu unserm höchsten Streben und Trachten machen sollen. Wir haben es erlebt, auf wie wundervolle Weise der große Franz von Assisi zur Beschaulichkeit und zu überfrommem Wandel ist begeistert worden: wir haben unter unsern Augen seine Brüderschaft und die des auserwählten Dominikus entstehen sehn. Wie sehr haben diese heiligen Männer die Welt erregt und erbaut und den Ketzereien segensvoll entgegengearbeitet. Ich bin noch tief erschüttert, denn gestern ist mir die Nachricht gekommen, daß der fromme Franziskus gestorben sei, er, der in seiner Einsamkeit uns die unglaublichsten Wunder sichtlich vor Augen stellte. Seine Prophezeiungen, so wie Das, was so viele fromm erregte Gemüther verkündigen, führen uns zu der Ueberzeugung, daß eine große, wichtige Epoche in der Geschichte der Welt im Anzuge ist, daß neue Verwirrung aller Art uns bedroht, daß die Ruhe nur Schein und nicht dauernd ist, und daß Derjenige, der wirklich auf seine Rettung bedacht ist, sich ganz und auf immer der Einsamkeit ergeben muß. Conrad stand nach diesen Worten auf und näherte sich dem Grafen Hugo, welcher sich ebenfalls erhoben hatte. Gönnt mir, sagte Conrad mit Thränen, noch einmal die letzte Umarmung. – Sie hielten sich eng umschlossen. – Und so scheiden wir denn auf ewig: bleibt auch in der Abwesenheit mein Freund, sagte Conrad mit unterdrückter Stimme, indem er schnell den Saal verließ. Wachsmuth folgte ihm, der seine Rührung nicht verbergen konnte. Auch die Räthe gingen stillschweigend fort. Hugo und der Sohn blieben allein im Saal zurück, indem sie sich lange betrachteten. Endlich brach Humberkurt los: So ist der Mensch! Schwach und arm, wie stark er sich auch dünken mag! Ich wollte dem elenden Weichling, dem Wachsmuth nach, um ihn zum Kampf zu fordern, – und nun hat mich der alte pfäffische Ritter so bewegt, daß mir das Wasser in die Augen getreten ist. – Und weshalb – fragte Hugo gelassen und wie im tiefen Nachsinnen – wolltest Du mit dem jungen, ganz unbedeutenden Menschen kämpfen? Weil ich weiß, rief Humberkurt erbittert, daß er immer noch nicht seine Gedanken auf die junge Fürstin Johanna aufgegeben hat. Der Alte hat es ihm damals mit seinen Demonstrationen in den Kopf gesetzt, und seitdem hängt das blonde Gesicht mit feurigen Blicken nur an ihrem Auge. Ich muß ihm diese unnützen Gedanken vertreiben, oder ich will kein Schwert mehr an der Seite tragen. Schweig! sagte der Vater, fiel dann wieder in tiefe Gedanken und fuhr nach einer Weile fort: ich verbiete Dir ein für alle Mal dergleichen Kindereien, Du bist erwachsen, und sollst Dich als ein Mensch betragen, der für Geschäfte und wichtige Dinge brauchbar ist. – Er ging wieder sinnend auf und ab, und sprach dann abgebrochen: – Sich schlagen! Aufsehen machen! – Wohl gar das junge Blut abschlachten! Darauf käme es hier auch an! Es sind wohl andere Dinge unterwegs, und ganz andere Maßregeln müssen ergriffen werden! – Er ging schneller, summte und murmelte einzelne unverständliche Worte in sich hinein, fuhr sich ein paar Mal mit der Hand über die Stirn, die sich in tiefe Falten gelegt hatte, stand dann plötzlich vor seinem Sohne still, richtete sich auf und legte diesem, der ihn an Größe überragte, beide Hände auf die Schultern. Nachdem er den jungen Mann lange fest angesehen hatte, sagte er mit leiser Stimme: Humberkurt! Mein Liebster! Mein einziger Erbe, laß uns auf der Hut seyn! Der Mensch spräche nicht so, wenn er nicht etwas Großes und Wichtiges im Schilde führte. – Sei besonnen, mein Sohn, ernst und Deines Geschlechtes würdig; Du, auf den ich so gern alle Ehren dieser Erde häufen möchte, Du, für den ich einzig wache und sorge. Wie? fragte der Sohn erstaunt; Ihr traut Euerm alten Freunde und Feinde immer noch nicht? Ihr meint, es sei ihm mit allen diesen Reden, die mich erschüttert haben, kein Ernst? Ich traue ihm weniger als je, sagte der Alte; Ernst? Was ist ihm wohl Ernst, als sein Hochmuth und der Gedanke, seinen milchweißen Sohn in die Höhe zu bringen? Glaube mir, Freund, und traue meiner Erfahrung, ein Mensch, der in Staatsgeschäften und im Lügen und Trügen grau geworden ist, der immer Plane des Ehrgeizes und Eigennutzes gesponnen hat, der es gewohnt ist, Andere zu beherrschen und zu seinen Mitteln wie Lastthiere, oder höchstens wie muthige, ausgeschmückte Rosse zu gebrauchen, der tritt nicht so freiwillig zurück, wenn er nicht im Haupt verwirrt worden ist, wenn ihn nicht ein Wahnsinn ergreift. Und nach diesem sieht mir unser gleißender Conrad noch nicht aus, in so fromme Falten er auch seine Worte und Mundwinkel legt. Gewiß, gewiß ist eine große, durchgreifende Bosheit reif. Darum, Sohn, alle Sinne angespannt. Betrage Dich klug, zurückhaltend, bändige diese Deine dumme Hitze, die Dich und mich verderben kann, sei freundlich gegen Alle, besonders gegen Die, die unter uns stehen, damit Du Dir Freunde erwirbst, die Dir bis jetzt noch sehr fehlen. Du setzest Deinen Stolz darin, zu zeigen, wie hochfahrend Du seyn kannst. Dergleichen versuche in Zukunft, im Fall es Dir Freude macht, wenn Deine Regierung erst fest und sicher ist. Vor Allem aber lege Dein rohes Betragen ab, mäßige Deine laute, schreiende Stimme, kleide Dich sorgfältiger und edler, nimm Dir einige der feinen Hofleute zu Mustern, lies die zarten Liebesgesänge der Deutschen und Franzosen, so wie von manchen Brabantern, die sich in der Dichtkunst versucht haben, laß Dich öfter in den Zimmern der Damen und wohlgezogener junger Fräulein finden, damit Dein zu männlicher wilder Ton etwas Liebevolleres, etwas von dem Wesen der Mädchen annehmen möge. Mit einem Worte, sagte Humberkurt unmuthig, und stampfte den Boden, ich soll wie das blasse Gesicht, der Wachsmuth werden! Das kann ich, das will ich nicht! Thor! sagte der Vater aufgebracht; so fruchten denn alle meine Worte, alle meine wiederholten Ermahnungen nichts? Sei, wie Du willst, aber lerne auch scheinen, um Das zu erringen, wodurch es Dir erst möglich wird, wahrhaft zu seyn. Gewinne das Herz der jungen Fürstin, werde durch ihre Liebe und meine Hülfe Graf von Flandern, dann stelle Dich der Welt und den Fürsten gegenüber, und ziehe die Gesichter, die Du für die majestätischen hältst. Ich habe aber gesehn, rief der Sohn, wie gering, wie widerwärtig ihr immer das Wesen des wehmüthigen Wachsmuth erschienen ist; ich habe ja gehört, wie sie die thatkräftigen, kühnen Männer bewundert hat, wenn von ihnen erzählt wurde, was sie den Richard Löwenherz verehrte, dessen Vater, Heinrich den Zweiten, den Heinrich den Guelfen, der so lange gegen Barbarossa kämpfte, und die Mailänder, die mit so großen Anstrengungen ihre Freiheiten vertheidigten. Geht mit aller der Ziererei in die Kammern der Liebessänger und hängt alle die Fratzen an die verwelkten Blumenkränze ihrer klimpernden Lauten. Der Degen macht den Mann, Entschlossenheit, Muth, wenn es seyn muß, Tollkühnheit, den Helden und Fürsten. Stieg doch nur dadurch unser Balduin auch auf den alten Thron der griechischen Kaiser, was ihm kein Wahrsager in seiner Jugend wohl hätte prophezeien können. Dieser Dein Starrsinn, antwortete der Vater, macht mein Elend, und ich sehe es auch im Voraus, an ihm werden meine noch so klugen Plane zerbrechen. – Doch lassen wir dies Alles, denn der hinterlistige Conrad muß jetzt alle unsere Gedanken beschäftigen, ihn müssen wir von Freunden beobachten lassen, und wenn ich Dir trauen dürfte, solltest Du seinem Lauf unter irgend einem Vorwande folgen, um ihm und den Seinigen nahe zu bleiben; aber Dir fehlt es ganz an List, ja selbst alle Klugheit mangelt Dir, und ich müßte fürchten, Du benutztest einen solchen Auftrag nur, um Dich mit Wachsmuth zu schlagen und Deine Bosheit an dem Unschuldigen auszulassen. Man kann auch zu klug seyn, antwortete nicht ohne Stolz der Sohn; ich habe noch nicht gesehen, daß die zu feinen Gewebe lange gehalten haben. Gerade dadurch hat unser Nachbar, der vorige König von Frankreich, der große Philipp, Manches eingebüßt, was er schlichter, derber und einfacher hätte erreichen können. Schweige mir, sagte Graf Hugo, von Politik und Staatssachen, und beurtheile so kluge Herrscher nicht mit Deinem bäurischen Verstande. Ich bin nur ruhig, wenn ich erfahre, daß Graf Conrad auf sein einsames Schloß gezogen ist, daß er Niemand von seinen vorigen Freunden sieht, daß er wirklich die Eremiten besucht und sich einem geistlichen Leben ergiebt. Noch streitend verließen Sie den Saal; so wie sie den Platz und die Gassen betraten, hatte Hugo für Jeden den freundlichsten Gruß und das heiterste Lächeln bereit. Später begab er sich wieder in das Schloß zu Johanna, um mit ihr die Angelegenheiten des Landes zu berathen. * Tief im Walde, wo ein klarer Quell über den grünen Rasen floß und murmelte, saß Ferdinand schon lange im Sinnen verloren. Sein Auge erfreute sich an den Lichtern, die durch das funkelnde Buchenlaub spielten und hin und wieder an den weißen Stämmen zitterten. Die Vögel des Frühlings sangen noch und ein sanfter Wind bewegte sich flüsternd in den vielfach erregten Blättern. Hin und wieder, wo der Wald lichter war, schimmerten Hütten, deren Rauch in der Ferne friedlich in die Höhe stieg, zuweilen rasselte das dürre Buchenlaub und unterbrach den Gesang der Vögel und des Waldes, wenn ein Reh hindurchhüpfte und leicht den Abhang hinauf tanzte. Neben Ferdinand lag ein Blatt, das er jetzt aufnahm, um zu vollenden, was er schon vorher angefangen hatte. Wie der Quell so lieblich klinget Und die zarten Blumen küßt, Wie der Fink im Schatten singet Und das nahe Liebchen grüßt. Wie die Lichter zitternd schweifen Und das Gras sich grüner freut, Wie die Tannen weithin greifen Und die Linde Blüthen streut, – Also ist mein Sein und Leben, Allenthalb ihr süßes Bild, Ihrem Dienste ganz ergeben, Grüßet sie mich sanft und mild. In der Linde süß Gedüfte, In der Tannen Riesellaut, In dem Spiel der Sommerlüfte, Glänzt sie hell als Frühlingsbraut. Wo sie hinblickt, wachsen Blüthen, Wo sie hindenkt, tönt der Wald, Nachtigall will ihr vergüten, Und ihr Liebeslied erschallt. Aber Waldton, Vogelsingen, Duft der Blüthen, haltet ein, Licht verdunkle! nie gelingen Kann es, mit ihr wett zu seyn. Wer den süßen Blick empfunden, Sieht nicht mehr nach Waldesgrün, Denn er freut sich süßer Wunden, Daß im Glück sein Herz so kühn, Daß die Blicke dort ersprießen, Und aufwächst ein Blumenwald, Lieb' und Sehnsucht Wort' ergießen, Wie ein Ton in Himmeln schallt: Selig, wen einst ihr Gemüthe In Gedanken liebend faßt, Der schläft süßer, als in Blüthe, Der ist eines Engels Gast; Wem sie ihren Kuß will gönnen, Der stirbt wohl den schönsten Tod, Spricht, ihr braucht nicht mehr zu brennen, Rosen, bleich ist euer Roth, Hier ist Duft und Farb' und Freude, Ihr nur Schatten, Wiederhall,– Ach! mein Traum entfliegt, zum Leide Dräun die Schatten überall, Und die Nachtigall singt Klage, Und der Wald braust Todtenlied, Finstrer Abend wird's am Tage, Und mein Herz ist abgeblüht. – Ferdinand, nachdem er still das Lied überlesen hatte, konnte es nicht unterlassen, es für sich nach selbsterfundener Melodie zu singen, anfangs leise und nach und nach mit verstärkter Stimme. Er erschrak nicht wenig, als er geendigt hatte, daß er Geräusch hinter sich vernahm, ward aber getröstet, als er den Narren Ingeram erblickte, welcher laut zu lachen anfing. So treffen sich, rief Ingeram aus, die beiden Verliebten in der schönen Einsamkeit des Waldes! Ja, Kind, es ist süß und anmuthig, die Stimme so aus der Brust loszugeben, daß sie auf den Flügeln des Wortes die Wünsche und Gefühle weit hin trage, in das Land der Träume und Ahndungen. Da, weit weg, wo der Hort der Nibelungen liegt und Freund Tristans Rosen wachsen, wo Isot und Sigune sich auf den Wolken der Abendröthe begegnen, kommen nun Eure Seufzer und Gesänge an. Die hohen Herrschaften werden ohne Zweifel das Lied sehr gut aufnehmen, denn sie sind auch einmal jung und verliebt gewesen, und sind sie gerade gnädig und aufgeräumt, so schicken sie mit einem sanften Westwind ein zartes ehemaliges Gefühl ihres Herzens zurück, das Euch dann unter die Nase kräuselt und Euch zu einem neuen Gedichte begeistert: uralte Gedanken, beim Lichte besehn. – Schämt Euch, junger Mann, daß Ihr Eure kostbare Zeit nicht besser anzuwenden wißt. Wenn Du nun einmal gehorcht hast, erwiederte Ferdinand, so laß auch das Tadeln. Du kennst mein Herz und solltest meine Klage verstehn. Ei was! rief der Narr mit einiger Hitze: es ist keinem Menschen, mag er auch fühlen, was er will, benommen, verständig, und keiner wird gehindert, närrisch und kindisch zu seyn. Und das, das seid Ihr. Dichtet, wenn es seyn muß, aber nicht so alberne Klagelieder, die nicht aus noch ein wissen. Und so spricht Der, sagte Ferdinand mit einem Seufzer, der meine ganze Lage kennt? der sich meinen Freund nennt? Arm, ohne Verwandte, mir selbst und allen Menschen unbekannt, der ich nicht einmal weiß, wer ich bin, welche Mutter mich geboren, welcher Vater mich erzeugt hat, ob sie noch leben, ich, der nicht darf auf den Ritterschlag, auf irgend eine Würde Anspruch machen, der so arm ist, wie der elendeste Bettler, wenn die Regentschaft die Hand von mir abzieht. Und dabei dies Gefühl in meinem Busen, diese Leidenschaft für die Herrin des Landes, die mir ferner und unerreichbarer steht, wie der fernste Palast im weit entlegenen Indien, wie der Abendstern über mir: – woher Muth nehmen, Vertrauen fassen, irgend einer Hoffnung Raum geben? Dichte, Kind, antwortete Ingeram in gutmüthigem Tone, singe alles Leid aus Deiner Brust heraus, singe Dich todt, wenn es seyn muß, wie die Sänger erzählen, daß es der Nachtigall wohl in zu heftigem Wetteifer begegne: nur sei frisch und wohlgemuth, und fasse das Leben selbst vertrauend an seinen beiden warmen Händen, und blicke ihm in die muntern, kräftigen Augen; denn, was die Hauptsache ist, Du bist doch da, jung, stark, kräftig, schön, und darfst in diesen grünen, unerfahrnen Tagen Alles hoffen und erwarten, was an Schätzen nur von den Sternen über uns ausgegossen, an Schicksal und Glück um unsere Erde kreiset. Da geschieht es auch wohl, daß ein recht starkmuthiges Herz durch den Zauber seiner inneren, felsenfesten Zuversicht ein Schicksal aus dem unsichtbaren Kreise herunterzieht, und es sichtbar, lebendig und wirklich macht. Das ist ja schon sonst in der Welt vorgekommen. Habt Ihr dann solch recht blank polirtes Schicksal im Arm, und seid was Besonderes in der Welt, nun dann dichtet nachher zur Abwechselung auch so etwas recht Klägliches und Rührendes, das allen zuhörenden Menschen die Thränen in die Augen treibt. Nur jetzt, so lange Ihr im Elende sitzt, seid lustig und guter Dinge. Ohne dies Gefühl meiner Liebe bin ich nichts, erwiederte Ferdinand, sie ist mein Bewußtsein, und so wie ich Johanna, mich und mein Herz fühle, muß ich auch verzweifeln. So ist mein Leben selbst in einen Traum zerronnen, und wohin ich blicke, sehe ich Schatten, Nebel, Dunkelheit und Abgründe. Still davon! rief der Kleine ungeduldig: so leere Worte, Schatz, der Du ein verständiges Kind bist, müssen gar nicht über Deine Zunge kommen. Ich will ja nicht, daß Du Deine Liebe, oder Dein Gefühl unterdrücken, aber gar abtödten sollst. Nein, mein Freund, werde, wenn Du es möglich machen kannst, noch verliebter, noch mehr begeistert, das hilft der Jugend auf und macht sie eigentlich erst flügge. Aber, mein geliebtes Naseweischen, diese Herzensliebe braucht eigentlich keinen Gegenstand zu haben, und darum ist es recht gut, daß die liebe Johanna Dir so unendlich ferne steht. Das Lieben selbst, mein Söhnchen, das tiefbewegte Herz, dies begeisterte Gefühl, das Dich über die Erde und ihre Armseligkeiten so hoch hinaufträgt, daß Dir zu Muth ist, als könntest Du alles Edle, die größten Thaten, die unsterblichsten Heldenunternehmungen, und Fürstentümer, Königreiche und Nachruhm nur so wie Kirschen vom Baume pflücken, daß es Dir bedünkt, als müßten Tod und Gefahr Dir schmeichelnd, wie zahme Hündchen, aus der Hand fressen, dies Gefühl, mein Sohn, ist bei diesem Liebesfieber die Hauptsache. Ueberleg' es nur selbst, und zähl es Dir an Deinen fünf Fingern ab. Wie entzückt Du jetzt auch bist, daß ein Händedruck von ihr, wie gar ein Kuß, Dir Zittern und Ohnmacht zuziehen könnte, Heirath und Besitz Dich auf einige Tage, wenn das Alles nämlich von heut zu morgen käme, verrückt machen möchte: nun aber, setzen wir den Fall, bist Du Fürst und die schöne Johanna Deine Frau: – nach einem halben Jahr oder Jahr – denn wenn die Zeit einmal vorüber ist, ist es doch nur immer wie ein Augenblick gewesen – sitzt Ihr Euch Beide gegenüber, sie hat den Schnupfen und Du hast den Husten, sie ist verdrüßlich, weil sie sich gestern mit Dir über den Anzug gestritten hat oder über ein Hoffräulein, Du fühlst Dich verstimmt, weil ein anderer Graf Conrad Dir Händel macht – Beide habt Ihr Langeweile und wollt es Euch nicht gestehn, so kommt Ihr wohl gar darauf, einander Vorwürfe zu machen, daß Ihr Euch weniger liebt, und im Grunde gesteht sich jeder von Euch, daß es so ist: – nun, was ist es dann mit all den heurigen Thränen, Seufzern, Liedern? Nicht wahr, bei der Vorzeit und Vergangenheit müßt Ihr, mit dem besten Willen, betteln, um nur wieder ein kleines Fünkchen von dem Glanz zurückzulocken, der jetzt Dein Auge blendet? Wie anders, voller, größer, herrlicher, lebst Du jetzt, wenn Du Deinen Vortheil nur irgend verstehst! Deine jetzigen Empfindungen und Stimmungen sind eigentlich die Erfüllung, der Inhalt des Lebens, was die sogenannte Wahrheit immer nur mit einer dürftigen Nachahmung Dir unterschieben könnte, um Dich zu betrügen. Jetzt, mein Freund, bist Du im unsichtbaren, aber innigen Brautstande mit allen weiblichen Geistern der Schönheit und Huld, aus allen Büschen und glänzenden Bergen, aus Morgenroth und Abendschein glänzt Dir ein süßes und schalkhaftes Lächeln der Nymphen, neckt Dich aus dem Quell ein sanft flüsterndes Liebeswort, faßt im lauen Wind, in Frühlingsluft die zarteste Hand und fühlt das Pochen Deines Herzens, aus den Blüthen des Baumes weht Dir ein Kuß von Unsterblichen entgegen und Du fühlst den Hauch und die Wärme des holdseligsten Mundes. Dagegen, Du zartes Angesicht, ist ja alle sogenannte Wirklichkeit nur Stümperei und abgeblaßtes Wesen. Und doch willst Du von diesem Zustande geringe denken, und möchtest den ärmeren gegen den reicheren eintauschen? Mit nichten, mein Freund! Schwatze denn und schwatze, rief der Jüngling erzürnt; – was sollen alle diese Wasserblasen der Thorheit gegen einen ihrer Blicke? Nun freilich, fuhr der Alte fort, ohne sich in seiner Weise stören zu lassen: die Augen sind gewiß schön, und außerdem hell, und außerdem guckt da aus dem Glanze Etwas uns an, das alle Achtung verdient, denn es ist wohl kein alltäglicher Geist; liebt, schmachtet ein solches wunderliches Wesen und giebt sich einem andern so ganz zu eigen, das ebenfalls nicht zur Spreu der Geisterwelt gehört, so ist das immer schon der Mühe werth, daß ein paar Engel, die gerade keinen Heiligen zu beschützen oder einen Sünder zu bekehren haben, eine müßige Stunde daran wenden, und aus dem Himmelsfenster weit übergelehnt herausschauen, um sich an dem Anblick so süßen Liebesbegegnens zu erfreuen: denn es ist fast, als wenn die jungen Katzen mit einander spielen. Späterhin machen freilich, wie schon bemerkt, Kater und Kätzin etwas feierlichere Amtsgesichter, sie haben dann die Erfahrung schon hinter sich und jenes eben so anmuthige als possierliche Liebesspiel überstanden. Jetzt stand Ferdinand auf, um sich zu entfernen, aber Ingeram hielt ihn am Aermel fest, indem er ganz ernsthaft sagte: Wenn Ihr also keinen ehrbaren tiefsinnigen Gedanken ertragen könnt, so laßt uns denn zur erbaulichen Abwechselung auch einmal spaßhaft mit einander reden. Was soll Euer ganzes baares, blankes Lieben, mit dem Ihr Euch das Herz so hochmüthig aufbläht, wenn es eben doch nur dazu hilft, daß Ihr Euch die blonden Haare glatter kämmt, als es die übrigen Menschen thun? Ist das Empfinden dieser Art etwas Großmüthigeres, als der Appetit nach gebratenem Fisch, nun, so zeigt es denn auch in That und Handlung. Die Maus würde nicht leicht sich in der Falle fangen lassen, wenn es der Speck nicht thäte, der von innen lockend herausduftet. Mancher Mensch bliebe, wie so viele, ein alltäglicher Handlanger und Dienstbote der Gewöhnlichkeit, wenn nicht vorn an der Schwelle seiner Jugend die Liebe auf ihn wartete, um ihn zu großen Entschlüssen zu befeuern, ihn bei der Hand zu nehmen und dicht an den Rachen der Gefahr hinanzuleiten. Glaubt Ihr denn, die liebe Johanna werde ein ruhiges Leben führen können, ohne Angst, Sorge, Nachstellung? Meint Ihr, sie habe viele Freunde und redliche Herzen, auf die sie rechnen dürfte? Vormund, Adel, Volk, Geistlichkeit, alte Krieger, neue Diener, Räthe, Alles stellt ihr nach und jagt sie wie das Reh. Darum werdet Ihr, auch selbst wenn sie es nicht merken, wenn sie es auch nicht denken sollte, Ihr Freund und Wächter: erspäht die Unfälle, die unterwegs sind, sucht den Verrath, der aus heimlichen unterirdischen Höhlen gegen sie losgelassen wird, aufzufangen und zu vernichten. Kein Mensch steht so niedrig, daß er nicht auch dem allerhöchsten ein Wohlthäter werden könnte. Dazu soll Euch die Liebe, wenn es Ernst mit ihr ist, Flügel anlegen oder einen Panzer umthun. Schärft Euern Geist, weckt Euere Sinne auf, damit Ihr einmal sagen könnt: Dies und Jenes hat sie mir zu danken. Er sang hierauf mit gellender Stimme so plötzlich und unvorbereitend, daß Ferdinand zusammen fuhr: Harnisch her! durch Moor und Dämpfe Geht mein kühner Lauf dahin, Gebt das Schwert mir, daß ich kämpfe, Denn es brennt mein freier Sinn! Sie nur lieb' ich, sie nur mein' ich, Die die Schönst' in aller Welt, Der ich treu bin, das beschein' ich Auf dem freien Kampfesfeld. Wo sind Frevler, wo sind Drachen, Wo des Löwen Augenblitz? Brüllt Gefahr aus tausend Rachen, Dring' ich hin zum Höllensitz. Denn ihr Blick that mir ein Grüßen, Durch den Gruß bin ich gefeit, Jeder Feind wird weichen müssen, Und nur Sieg ist jeder Streit. Als sie mir die Hand gegeben, Fühlt' ich mehr als Eisenkraft, Spiel nur ist's, den Schild zu heben, Und des Riesen Speeresschaft. Drum heran, wer so verwegen, Wer zum Kampfe nicht verzagt, Bald muß er den Schwertesschlägen Muthig stehn, so lang es tagt. Und er fällt, er muß erliegen, Sei er Roland, Oliver, Ich genug, es zu besiegen, Kam' ein großes Ritterheer. Aber eilt heran zum Streite, Denn schon glüht das Abendroth. Morgen früh erjag' ich Beute Schneller noch dem harten Tod. Denn sie geht mir wohl entgegen, Und giebt mehr als holden Gruß, Ja mir wird so süßer Segen, Von dem Mund ein Liebeskuß. Dann verlach' ich Ries und Recken, Und der Drachen wilde Wuth, Schon mein Blick giebt Tod und Schrecken, Das ist Liebesübermuth. Ferdinand lächelte, und Ingeram sagte: seht, Kindchen, das hat auch einmal vor Zeiten so ein verliebter Wicht gedichtet, dem aber die Faust etwas schneller war, um drein zu schlagen. – Aber hört Ihr nicht Gespräch in unsrer Nähe? Es war schon die Dämmerung im Walde. Wenn man nur meinen schönen Gesang nicht gehört hat, sagte Ingeram ganz leise. – Als sie einem lichteren, aber noch mehr abgelegenen Platz näher kamen, erkannte des Jünglings scharfes Auge die große hagere Gestalt des Grafen Conrad, der mit einem fremden Manne sprach. Das Gespräch wurde aber so leise geführt, daß man hinter den Bäumen nichts verstehn konnte; auch mochten die Beiden nicht näher gehn, um nicht für Lauscher zu gelten. Nach einer Weile entfernten sich Jene, indem jeder eine andere Richtung einschlug, und der kleine Narr sagte nach einer Weile: Wenn mich nicht der Abend zu sehr täuscht, so war der Waldgesell, der mit dem Grafen so eifrig redete, Niemand anders, als der braune Robert, wie ihn alle Menschen wegen seiner Gesichtsfarbe nennen. Er war im heiligen Lande, auch mit dem Kaiser Balduin in Griechenland und Constantinopel, er kam krank und als Bettler vor vielen Jahren aus der Gefangenschaft. Eine Zeitlang galt er am Hofe etwas, denn Hugo und Conrad beschützten ihn, er brachte damals viele Mähren mit, vom Tode des Kaisers, dessen vielen Leiden, wodurch er sich eine Weile bei Vielen wichtig genug machte, denn er vermaß sich, Balduins Vertrauen besessen zu haben, ja er prahlte mit Liebesdiensten, die er dem gefangenen, kranken und sterbenden Kaiser erzeigt hatte. Nachher wurde er weniger beachtet, und man will wissen, er habe sich erst zu den Empörern in Hennegau und endlich gar zu Räubern gesellt. Man sagte ihn todt, dann vernahm, man plötzlich, ein frommer Bruder von Francisci Orden habe ihn recht gründlich bekehrt und er habe sich selbst zu einem strengen und heiligen Eremiten gemacht. Das Landvolk, das oft leichtgläubig genug ist, fabelte sogar, daß er Wunder verrichte, und sie schleppten Kranke und Besessene nach seiner Einsiedelei. Nun haben sich die beiden alten Bekannten hier im Walde wiedergefunden, wo sie doch schwerlich, so heilig sie auch seyn mögen, ein Religionsgespräch geführt haben. Als sie aus dem Walde traten und sich zur großen Straße wendeten, begegnete ihnen ein Zug von Reisenden. Es war der Graf Conrad, dem zur Linken sein Sohn Wachsmuth ritt, zur Rechten der Kaplan seines Hauses, mit welchem der alte Graf ein tiefsinniges Gespräch zu führen schien, denn er bemerkte die beiden Wanderer nicht, als sie vorübergingen und ihn höflich begrüßten. Diener, viele Pferde, noch mehr Maulthiere, mit Gepäck beladen, folgten der Herrschaft. So haben wir ihm doch wohl Unrecht gethan, sagte Ingeram, indem er sich mit dem Jünglinge der Stadt näherte; er war wohl der im Walde nicht: er scheint ja nun auch Ernst zu machen, die Stadt auf immer zu verlassen, denn er schleppt so vielen Hausrath mit sich. Er wendete sich mit der größten Freundlichkeit zu Ferdinand, indem er zugleich dessen Hand fahren ließ und sagte: Aber, Freundchen, seht, nun treten wir gleich in die große Stadt, die Bürgerschaft ist in der warmen Abendluft vor den Thüren, der Adel treibt sich auf den Plätzen um; – schämt Ihr Euch nun auch wirklich nicht, mit dem kleinen Ingeram so allen den prüfenden Blicken vorüberzuwandeln? Wenn es im Mindesten ist, so macht mit mir nur gar keine Umstände, denn ich bin es gewohnt, daß das ehrbare Volk nichts mit mir zu thun haben will. Kleiner Freund, sagte Ferdinand nicht ohne Rührung, Du hast es immer so gut mit mir gemeint, Du warst zu Zeiten mein einziger Trost, ja, ich möchte sagen. Du bist oft wie väterlich mit mir umgegangen, daß es undankbar wäre, wenn ich Deine Rechtschaffenheit und auch Deinen verständigen Sinn nicht immerdar erkennen und Deine Liebe mir ins Gedächtniß rufen wollte. Väterlich! faßte der Alte das Wort auf: seht, da habt Ihr einmal was Hübsches gesagt. Ihr kennt Eure Eltern gar nicht, habt nie etwas von ihnen gehört, – wie, wenn ich nun am Ende doch Euer wahrer Vater wäre? Ferdinand trat wie erschreckt einen Schritt von ihm zurück. Ja, ja, sagte der Alte, weniger heiter, so sind nun einmal die Menschen, – was könntet Ihr denn dafür? Vater ist denn doch Vater. Wenn es nun wäre? Laß uns wieder vernünftig sprechen, brach der junge Mann verlegen ab, und sie traten in die Stadt und deren dämmernde Gassen. Die letzten Worte des alten Ingeram, die dieser wie im Scherz ausgesprochen, hatten auf den jungen Ferdinand einen tiefen Eindruck gemacht, einen tieferen, als er sich wohl selbst gestehen mochte. Oft hatte er im Stillen Träume und Hoffnungen gepflegt, wie plötzlich, von da oder dort, sein Vater, ein angesehener, großer Mann, sich melden und ihn aus seiner Dunkelheit hervorziehen würde, und jenen Makel an ihm tilgen, der ihn so leicht in jeder Gesellschaft verlegen machte. Oder, daß unvermuthet, so ersann er die Geschichte, irgend eine Begebenheit es möglich mache, daß seine Mutter, eine Fürstin, aus ihrer Verborgenheit im Glanz erschiene und ihm Namen, Ländereien und eine hohe Stellung in der Welt zuführte, vor Allem aber die angebetete junge Fürstin Johanna, ohne welche ihm auch der größte Thron nur dürftig vorkam. Schlaflos brachte er jetzt die Nacht zu, indem er seine Gedanken auf und ab trieb, und in allen Richtungen sich vorstellte, welche Wirkung es auf sein Schicksal haben könne, wenn Ingeram wirklich sein Vater sei und dieser Umstand sich vielleicht in Kurzem entdecke. Er versank in diesem Gefühl in die tiefste Mutlosigkeit, ja in eine Stimmung, als wenn er sich selber verachten müsse, zugleich aber machte er sich bittere Vorwürfe, daß er sich auf diese Weise seines Vaters wirklich schäme, als wenn diese Vermuthung oder Furcht schon Wahrheit sei. Er lächelte dann wieder über diese zu weit getriebene oder wenigstens voreilige Gewissenhaftigkeit; wenn er aber nachher sein ganzes Leben überdachte und sich erinnerte, wie der sonderbare Alte ihm von je so viele Freundschaft und Zärtlichkeit bewiesen habe, so bekam der eben erst niedergeschlagene Zweifel neue Kraft und er fühlte sich wiederum fieberhaft erhitzt. Er nahm sich endlich vor, bei einigen älteren Räthen, die sich ihm stets gütig gezeigt hatten, nachzuforschen, ob sie ihm nicht über seine Familie etwas Bestimmtes sagen könnten, oder ihm wenigstens Spuren andeuten, denen er nachgehen möchte. Im schlimmsten Falle nahm er sich vor, fromm und ergeben sein Schicksal zu tragen, dem Alten alsdann wahre kindliche Liebe zu zeigen und in irgend einem Winkel der Erde ein vergessenes Leben zu führen, allen Wünschen und Hoffnungen Lebewohl sagend. Graf Hugo war indessen thätig gewesen. Die Regierung ruhte fast ganz in seinen Händen, denn seine Klugheit hatte sich aller Zügel bemeistert. Durch Freundlichkeit und Schmeicheln bei Einigen, bei Andern durch Drohen und finstern Stolz, bei Jenen durch Herablassung und selbst Spaß, hatte er die Räthe, die ihn hätten beschränken können, nach und nach unthätig gemacht. Johanna, der er sich immer heiter und offen wies, hatte Vertrauen zu ihm gefaßt, und so glaubte er bald seinem großen Entwurfe näher rücken zu können, wenn sein Sohn durch Feinheit und abgemessenes Betragen oder Liebenswürdigkeit ihn nur einigermaßen in seinen Plänen unterstützt hätte, wenn dessen roher Ungestüm ihn nicht von der Prinzessin entfernte, anstatt daß er sich ihr nähern mußte, ihr erst lieb und nach und nach unentbehrlich zu werden. Dagegen war es ihm erfreulich, durch seine klugen Botschafter beruhigende Nachrichten über Graf Conrad zu hören. In vielen Tagen war Hugo, so sehr er sich auch verstellen konnte, über das räthselhafte Betragen und über den Abschied seines alten Gegners so beängstigt gewesen, daß Diejenigen, die ihn näher kannten, durch die erzwungene Heiterkeit hindurch wohl die Unruhe und Verlegenheit des Staatsmannes bemerkten. Wie er aber von mehreren Boten durch Briefe hörte, daß Conrad sich in der That in seine Wälder zurückgezogen habe, daß er nur der Andacht und geistlichen Uebungen lebe, die benachbarten Klöster und Einsiedeleien besuche, sich der Gelage und aller großen weltlichen Gesellschaften enthalte, so wurde seine Heiterkeit, die ihm natürlich war, eine unverstellte. Alles hoffte er beseitigt zu haben und meinte, daß sich Johanna und sein Sohn auch wohl endlich seinen weitaussehenden Plänen fügen würden. Es war nach einigen Tagen, als auf dem Markt der große, starte Rudolf Ademar, der Vorstand der Schlächtergilde, auf seinen Stab gelehnt, eine Heerde von Hammeln überzählte, welche er eben gekauft hatte. Neben ihm war der Zimmermeister Hattrich, der ihn zum Gange auf das Rathhaus abholen wollte. Als nach einigem Streit mit dem Verkäufer Alles berichtiget war und dieser sein Geld empfangen hatte, sagte Hattrich zu den Bürgern, die sich zusammenfanden: Was meint Ihr zu unserer neuen Regierung, wie gefällt es Euch, da nun Johanna Eure Fürstin ist? Ich meine, antwortete Ademar, daß keine Veränderung zu spüren ist, daß das Ding eben so hinschleicht wie vormals, und so kein Leben in Gewerbe, Handlung und Handthierung kommen kann. Hole der Satan Alles, wenn der Friede uns eben so theuer zu stehn kommt wie damals der Krieg! Ihr habt Recht, rief Hattrich schon erzürnt; ist wohl etwas, wie man es uns doch versprach, von den alten Auflagen nachgelassen worden? Und damals sollte doch nur die Noth des Krieges, der Aufruhr vieler Städte, die gar nichts zahlten, den Druck entschuldigen! Ja, ja, antwortete Ademar, traut nur solchen Versprechungen! damit wird der Bürgersmann immer gekirrt, das weiß ich aus allen Zeiten. In der Jugend lief ich Euch mit meinem Bischen Armuth hinzu, und drängte mich dumm und begeistert durch die Leibwächter, ja gab in meinem Narreneifer noch mehr, als damals der selige umgekommene Balduin zu seinem Kreuzzuge gefordert hatte, so war mein Herz durch alle die schönen Redensarten gerührt worden. – Nach einem Jahr steckten sie mich doch ein, weil ich etwas stark über den Adel gescholten hatte, da war meine Aufopferung, wie sie es vorher nannten, völlig vergessen worden. Der kleine dicke Kupferschmied, Anton Pustel, hochroth im ausgelaufnen Gesicht, drängte sich jetzt hervor, schlug mit der Faust auf den Tisch des Metzgers und schrie mit heiserer Stimme: Verflucht alle solche Versprechungen und verflucht die Dummköpfe, die ihnen vertrauen! Ich sage Euch, immer geht es noch im Kriege besser her, als bei diesem dummen, langweiligen Frieden. Denn im Kriege, wo sie selber so oft in Noth sind, haben sie nicht so viel Zeit, Plackereien und Scherereien zu ersinnen, mit denen sie uns die Haut über die Ohren ziehn. Seid's ruhig, Gevattersmänner, rief ein alter Mann in grauem Kittel dazwischen, genießt des Friedens, die Gewerbe blühen, Ihr Alle seid wohlhabend, vielleicht reich; wo es schlimm hergeht, das ist auf dem Lande. Der Bauer ist gedrückt, und wir freien Pächter sind bettelarm. Draußen drückt uns der Adel so sehr, wie Ihr es Euch in den Städten niemals könnt träumen lassen. Meister Firlunger! rief der Kupferschmied, Ihr schwatzt einmal wieder, wie das Kalb vom neuen Thor. Euch Ketzern, Albigensern, die Ihr die Geistlichkeit schmäht und die Kirchen versäumt und verspottet, sollten es die Herren Richter noch ganz anders weisen. Ihr seid von damals noch trotzig, wo Ihr so leichter Dinge vom Verhöre loskamt. Nehmt Euch aber doch vor dem Scheiterhaufen in Acht, es ist noch nicht aller Tage Abend. Verleumderische Kerle! schrien mehrere Bauern, die eben über den Platz gingen: wärt Ihr Schelme nur so gute Christen als unser Veit Firlunger! Das lästerliche Volk! Ist so hochmüthig auf seine Bürgermützen und Wämmser! Die sollte man ihnen ausklopfen, rief ein riesengroßer Bauernknecht und trat mit frecher Miene heran. Darüber entstand ein Geschrei, die Metzger liefen mit Messern und Beilen herzu, die Bürgerschaft rottirte sich und viele kamen mit Degen und Spießen; die Zahl der Bauern vom Markte vermehrte sich ebenfalls, Knittel, rostige Schwerter wurden geschwungen und ein alter ehrwürdiger Geistlicher konnte sich kaum durch das Gedränge Platz machen, und noch länger währte es, ehe er es durch Winken und Geberden dahin brachte, daß es stille genug wurde, um ihn vernehmen zu können. – Was giebt es, sprach er, was habt Ihr vor, Ihr lieben Bürgersleute? Ihr guten Männer vom Lande, was hat Euch unwillig gemacht? Der junge Humberkurt war indessen aus dem Palast getreten. Heftig, wie er war, rannte er gleich in den dichtesten Haufen. Was wird es seyn, sagte er mit seiner tiefen, lauten Stimme, als daß es allem diesem Volke zu gut geht? Sie wissen sich vor Uebermuth nicht zu lassen; der Friede hat ihnen schon zu lange gedauert, und sie haben zu viel Fett angesetzt. Geschröpft müssen sie werden, so gehen ihnen die ungesunden Säfte ab und sie kommen wieder zur Besinnung. Man hatte erst mit Ehrfurcht dem vornehmen jungen Manne, dem Sohne des Regenten, Platz gemacht; aber jetzt schrien plötzlich viele Stimmen durcheinander, indem man sich von allen Seiten dicht an ihn drängte. Bauern und Bürger schienen durch diese Zwischenkunft für den Augenblick vereint zu seyn, denn aus dem allgemeinen Wirrwarr vernahm man einzelne vernehmliche Stimmen: ja, so denkt der Adel! – Der Adel ist unser allgemeiner Feind! – Schlimmer wie Heiden und Ketzer! – Der junge Tyrann hat es schon vom Vater gelernt!– Nieder mit dem trotzigen Bösewicht! Humberkurt, von allen Seiten gedrängt und gestoßen, von höhnenden, trotzigen Gesichtern umgeben, die alle den bösesten Willen ausdrückten, knirrschte, er stieß Alle, die er erreichen konnte, zurück, er fluchte und schalt, aber seine Stimme ward im Tumult und Geschrei, nicht gehört; endlich gelang es ihm durch eine rasche, plötzliche Wendung dennoch sein Schwert zu entblößen – und nun wäre wohl Blut geflossen, wenn nicht ein neuer Tumult und ein höchst wunderbarer Anblick die Aufmerksamkeit aller Gegenwärtigen auf sich gezogen und die ganze Scene verändert hätte. – Es wälzte sich ein großer Volkshaufen von der andern Seite über den Markt, und aus allen Nebengassen strömten Knechte, Bürger, Weiber und Mädchen herbei, die sich den Ersten anschlossen, welche einer sonderbaren Gestalt folgten, die mit seltsamen Geberden ihnen voran durch die Stadt rannte. Eine alte Frau war es, in Grau, fast wie eine Nonne gekleidet, die laut sang und schrie, und in heftiger Bewegung die Arme weit ausstreckte, indeß die grauen langen Haare ihr im Winde nachflatterten. Die schwarzen Augen waren groß aufgerissen, der Mund schäumte und es war schwer, die abgerissenen Reden, die sie mit keuchender Brust herausstieß, zu unterscheiden. Was giebt es? fragten Viele, indem sich der gedrängte Knäul des Volkes auflösete. – Eine Prophetin! Eine göttliche Wahrsagerin! schrie man von der andern Seite. – Die Alte stand jetzt in der Mitte des Marktes still, als wenn sie ruhen wolle, sah mit den brennenden Augen umher, schlug an die Brust und schrie dann von neuem: Thut Buße! Buße! Der Tag der Vergeltung ist nah! – Buße! Buße! rief das Volk ihr nach. Indessen hatten sich Geistliche und Mönche hinzugedrängt. Alle fragten, Alle wollten wissen, woher diese sonderbare Erscheinung komme und was sie zu bedeuten habe. Ein alter Bauer erzählte, daß das Weib in der Gegend von Valenciennes schon seit lange als eine Heilige gewohnt und die Achtung vieler Gemeinen umher genossen habe. Sie wisse das Zukünftige, könne Krankheiten heilen, halte strenge und unbegreiflich wunderbare Fasten, und sei nun nach Flandern, Brabant und Hennegau gesendet, um die sündigen Völker zur Buße zu vermahnen, damit sie jenem Unglück entgehen möchten, welches sie außerdem betreffen würde. – Ihr Gottlosen! schrie die Alte jetzt mit erneuter Kraft; Ihr Ungläubigen, die Ihr Euch auch nicht bekehrt, wenn Ihr Zeichen und Wunder seht! Da trat der große Ademar hervor und neben ihm stand der noch längere Bauernknecht, und Ademar fragte: Was wollt Ihr, Weib, was sollen wir thun? Die Stadt bessern, rief die verwilderte Alte, die Gottlosen nicht unter Euch dulden, Euch zum wahren Glauben wenden! Und welches ist der rechte? fragte Jener, und wodurch beglaubigt Ihr Eure Rede? Und welches sind die Wunderwerke, die Ihr uns verheißt? Beichtet! schrie die Alte, krampfhaft bewegt; fallt auf Eure Knie! Glaubt mir, mir, denn der Herr wahrsagt aus meinem Munde. Die Todten kommen wieder! Die Leichen werden Euch predigen! Aber die Feste, die Tänze, die Trinkstuben müßt Ihr lassen; ernst, traurig muß Euer Leben werden, damit die strenge Züchtigung des Herrn Euch vorüber gehe. Die Todten kommen wieder? rief Ademar, wo, wo sind sie? Bist Du selbst, Du altes, wunderbares Weib, Gespenst oder Leiche? Ich bin sterblich, wie Ihr, antwortete sie, ich lebe wie Ihr und bin noch nicht gestorben. Aber noch nicht wird dieser Mond sich erneut haben, noch wird die Sichel nicht zu Felde in die Frucht gegangen seyn, daß Ihr das Wunder sehn und mit Händen greifen sollt: ja, die Gestorbenen werden wiederkommen, sie werden Euch von den Gottlosen erlösen und eine neue und bessere Zeit herüberbringen. Sie ist toll, sagte Humberkurt, die Stadtdiener sollten sie in den Narrenthurm führen. Dort mag sie sich wieder auf die Vernunft besinnen, oder bleiben, wo dergleichen Wahnwitzige hingehören. Die Diener näherten sich auf einen Wink des Jünglings, und Viele vom Adel, die indessen auch aus ihren Häusern gekommen, andre, die vom Felde mit ihren Dienern zu Pferde wiederkehrten, hatten sich ebenfalls in die zusammengelaufenen Volkshaufen begeben. Führt sie fort! riefen Viele. Aber sogleich umringten die Landleute, die mit der Alten in die Stadt gekommen waren, sie mit Geschrei und Drohen und viele von den Bürgern schlossen sich diesen an. Veit, jener alte Bauer, der mit ihr war, rief: Was? Unsre größte Prophetin, unsre Heilige soll in den Narrenthurm? Ein solcher Rath kommt nur von den Gottlosen. – Von den Gottlosen! schrie der ganze Volkshaufe. Nehmt sie, sprach Humberkurt, mit lauter Stimme; sie stiftet Unruhe, sie ist Empörerin, der Magistrat darf es nicht dulden, Obrigkeit und Adel müssen die Ordnung erhalten. Die Diener der Stadt, einige vom Magistrat, so wie der Adel, drangen jetzt auf die Landleute und ihre Prophetin ein, um sich dieser zu bemächtigen, das Geschrei und Toben war allgemein, und es schien, daß der Adel im Fall der Noth gegen die Bauern Gewalt brauchen würde. Nach einer Weile, in welcher die Bürgerschaft sich dem Anschein nach ruhig und parteilos verhalten hatte, sprang Ademar plötzlich vor und schwang sein Beil hoch in die Luft, indem er mit durchdringender Stimme rief: Hieher, Schlächterzunft! Das soll nimmermehr gesagt werden, daß die Edelleute ohne Urtheil und Recht, durch eignen Ausspruch dergleichen ausführen dürfen! Mag das Weib Prophetin oder Verrückte seyn, jetzt haben die Bauersmänner das gute Recht, und wir streiten mit für die allgemeine Freiheit. Die Schlächter gingen mit ihm zur Partei der Landleute über, und eben so folgten die Kupferschmiede unter ihrem rüstigen Vorsteher. Als die Adligen diesen Erfolg sahen, ritt der Freiherr Tillen, ein Freund des Regenten, durch die Haufen und redete die Mönche und Geistlichen an. Die Bauern, durch ihre Uebergewalt ermuthigt, warfen mit Steinen, schalten, schimpften und schrieen: ja der Adel, die Freiherren, die Großen, das sind eben die Gottlosen, von denen unsre Prophetin geweissagt hat, die wir vertilgen müssen, wenn wir Gott dienen wollen! – Den Adel müssen wir vertilgen! fingen viele von den Bürgern ebenfalls zu rufen an. Humberkurt hatte sich indessen an den alten Abt der Augustiner gewendet, und ihm vorgestellt, daß es seine und seiner Mönche Pflicht sei, das aufgeregte Volk durch Ansehen und Rede wieder zu beschwichtigen und so zur Ruhe und zum Gehorsam zu bringen, daß es sich gefallen lasse, die Prophetin oder Empörerin, die einzig dieses Unheil veranlaßt habe, dem Arm des Gerichtes zu übergeben. Der Abt antwortete aber: Mit Nichten also, mein junger Herr Graf; meine Brüder haben es wohl beobachtet und mir vorgetragen, wie Ihr zuerst durch Eure Uebereilung das Volk aufgeregt und unzufrieden gemacht habt. Auch wissen wir nicht, ob jenes Weib schuldig oder unschuldig sei, und da sie uns so nahe die Erfüllung ihrer Prophezeiung und ein Wunder verkündiget, so wird man versucht, ihr Wesen nicht durchaus sündlich zu glauben, weil der nahe Erfolg sie rechtfertigen oder ihre Thorheit enthüllen muß. Wäre sie ganz Bosheit, sie hätte diese Verheißung nicht hinzugefügt. So ist sie doch wahnsinnig! rief Humberkurt im höchsten Unwillen; und dies ist Grund genug, die Tolle festzunehmen. Wir mindestens, sagte der Abt stolz, sind nicht dazu da, Eure Handlanger oder Schergen zu seyn. Er gab den Mönchen einen Wink und ging mit ihnen in sein Kloster zurück, worauf die übrigen Geistlichen sich auch zerstreuten. Viele vom Adel, vorzüglich die Aelteren, zogen sich nun auch stillschweigend zurück, und als das der aufgebrachte Volkshaufe sah, fing er noch lauter zu toben an, und es wäre wohl nicht ohne Blutvergießen geendigt worden, und wahrscheinlich wäre es Humberkurt und hundert seiner Begleiter, wie sie auch bewaffnet waren, übel ergangen, wenn in diesem Augenblick der Entscheidung nicht Graf Hugo auf den Markt gesprengt wäre, der in großer Eil, ohne Diener und Begleitung unter den dichtesten Haufen ritt. Seine Miene war heiter, selbst fröhlich; unbefangen fragte er die Zunächststehenden: Was giebt es, Kinder? Warum seid Ihr so unruhig? Hat irgend wem von Euch Jemand etwas zu Leide gethan? – Die Arme sanken dem Volke nieder, die Schelt- und Schimpfworte verstummten, der lange Knecht, der eben einen ungeheuern Stein in den Haufen der Gegner hatte schleudern wollen, legte diesen sanft, und, wie er glaubte, unbemerkt, zu seinen Füßen nieder. Der Alte erzählte umständlich, und der Graf ließ sich Alles freundlich gestimmt und mit unermüdlicher Geduld noch genauer auseinandersetzen. Das Volk drängte sich immer dichter und dichter, die Bürger sendeten durch ihre Gesellen ihre Mordgewehre in die Häuser und Buden zurück, Alle wurden mit jeder Minute ruhiger, Manche nahmen eine heitre Miene an, Einige lachten sogar laut über die Fragen und Antworten des Grafen, der noch selten so leutselig, lustig und herablassend gewesen war. Er gab den Gemeinen vom Lande, sowie den Bürgern unbedingt Recht, und schloß endlich mit diesen Worten: glaubt mir, meine guten, ehrlichen Freunde und Ihr braven Bürgersleute, ich werde es meinem Sohne scharf verweisen, daß er sich solche Reden und Eingriffe in Eure Rechte angemaßt hat, denn er ist weder Euer Richter noch Befehlshaber. So lange die Frau sich nicht vergeht, weder Mord noch Brand stiftet, oder Religion, Kirche und ihre Heiligen lästert, ist kein Mensch befugt, Hand an sie zu legen. Ist sie vom Geist getrieben, so ist es gottlos, sie hemmen zu wollen; ist es der Böse, der aus ihr spricht, so werden unsere frommen Geistlichen, Aebte und Bischöfe es bald erkennen; und Ihr selbst, liebe Leute, seid viel zu wacker und rechtlich, um Euch zu Bosheit und schlechten Thaten aufhetzen zu lassen. Die alte ehrwürdige Frau gehe also durch die Stadt, oder wohin es sie gelüstet, und Ihr, thätige Handwerker, werdet Euch an Eure Geschäfte, Ihr, rechtschaffenen Bauersleute, in Eure Heimath begeben. Er grüßte wiederum höflich, indem er den Federhut abnahm und ihn rund herum gegen Alle schwenkte. Das Volk war ganz entwaffnet und die Prophetin sogar verlegen und beschämt. Die Menge zerstreute sich und Ademar, sowie einige der angesehensten Bürger reichten, ehe sie sich entfernten, dem Grafen die Hand, der sie jedem herzlich schüttelte. Als der Platz leer war, nahm Graf Hugo auch höflich von den Edelleuten Abschied, gab dann sein Pferd einem Diener und entfernte sich mit seinem Sohne vor die Stadt, wo er unter Bäumen lange schweigend mit ihm wandelte. Ihr habt mich vor allem Volke beschämt! brach endlich der Sohn heraus; und statt die Meuter zu strafen, lobt Ihr sie, macht Euch Freund mit ihnen, und es fehlt nur noch, daß sie für ihre Bosheit und Tücke bezahlt werden. Bezahlt sollen sie werden, erwiederte der Vater in der finstersten Laune, nur, wenn die Gelegenheit gereift ist, nicht jetzt, nicht heut, wo Du durch Unbesonnenheit, Stolz und heftigen Trotz fast Deinen Tod, beinah das Verderben der Stadt herbeigeführt hättest. Diese Deine finstre unbändige Gemüthsart macht mir mehr als das Volk und alle meine Feinde zu schaffen, sie erregt das Unglück, sie fordert es heraus, und doch sind Dir von der Natur keine Waffen geworden, es zu bekämpfen oder zu vertreiben. Soll es immer so fortwähren, daß ich nur dazu da bin, Deine Uebereilungen wieder gut zu machen? Soll ich sehen, daß Dir in meiner Gegenwart einmal von einem Hufschmiede der Kopf gespalten wird? Wärst Du lieber dem Wachsmuth ähnlich, den zu verachten Du die Miene annimmst, Du würdest meinen Absichten mit dieser sanften und unbestimmten Art nicht so entgegenarbeiten. Und heute muß ich nun die Erfahrung machen, daß der Boden, auf welchem ich mein Gebäude aufführen will, morsch und locker ist, daß eigentlich Alles anders steht, als ich mir eingebildet, daß ich bis jetzt noch wenig, oder nichts gewonnen habe. Wie meint Ihr, Vater? fragte der Sohn. Was ist denn heut geschehen, als was schon oft geschehen ist? daß das Volk hier weder im Frieden noch im Kriege Ruhe halten kann? daß der Pöbel thöricht ist? daß sich Armseligkeiten und Unvernunft zeigen? Immer haben sie den Adel gehaßt, und darum sollten wir eben mehr zusammenhalten, um ihnen die Spitze bieten zu können. Du siehst, mein Sohn, antwortete der Vater, Alles nur sehr oberflächlich. Ich hatte gehofft, das Volk sei endlich mehr beruhigt, der Haß gegen den Adel sei gestillt, der alte Zank der Zünfte, Gewerbe und Familien vergessen. Regen wir selbst ohne Noth und mit armseliger Eitelkeit diese Zwiste und Bosheit wieder auf, so sollten wir uns freilich nicht verwundern. Ich habe aber heute auch gesehen, daß der Adel allerdings nicht zusammenhält, daß Viele und sehr Bedeutende zurückwichen und Dich und die Unsrigen dem Volke preisgaben; das geschah aber nur, als sie sahen, wie die Geistlichkeit so unverholen sich gegen uns und für diese liebe Prophetin erklärte. Alles, begreife ich nun wohl, hängt mehr und inniger zusammen, als Dein seichter Verstand es fassen kann. Auch ohne Dein Hineintappen wäre wohl dieser Tumult entstanden, der mir sehr lehrreich ist. Nicht durch eigne Dummheit und ungefähren Aberwitz rennt dies alte Weib mit ihren tollen Reden durch das Land: sie ist abgerichtet und abgesendet, sie veranlaßt nur, daß das Volk, Geistlichkeit und Adel seine Stimmung zeige; dies ist nur Prolog und Einleitung zu viel wichtigern und größern Ereignissen. Ist dies Weib aber abgesendet, von wem kann dann Alles wohl herrühren, als nur von ihm, meinem alten und unversöhnlichen Feinde, dem listigen Heuchler, der seit einigen Jahren die Larve der Frömmigkeit angelegt hat? Ich glaubte wirklich, so thöricht sicher war ich schon geworden, der verkleidete Pfaffe sei ruhig auf seinen Schlössern, aber ich sehe mit Beschämung meine übereilte Zuversicht und muß nun meine Wachsamkeit verdoppeln. Und leider kann ich noch nichts thun, ich kann nicht in die Luft hinein kämpfen, der Streich muß erst fallen, bevor ich ihn zurückschlagen kann. Der Sohn stand still und betrachtete jetzt verwundert seinen Vater, dessen Antlitz Kummer, Sorge, Mißtrauen, Verdruß und Zorn, alle finstern Leidenschaften auf das Widerwärtigste ausdrückte, von dem jede Spur der Heiterkeit und des frohen offenen Sinnes verschwunden war, wodurch er sonst immer am meisten die Menschen zu täuschen und zu gewinnen pflegte. Endlich sagte Humberkurt: erstaunt nicht, mein Vater, daß ich Euch mit dieser Verwunderung betrachte, als würde ich Eurer zum ersten Male ansichtig, oder als trüget ihr irgend ein seltsames, niegeschautes Merkmal im Angesicht. Ihr mögt mich wohl mit Recht tadeln, daß ich mein Leben zu leichtsinnig und unbesonnen führe, daß ich es bis jetzt zu wenig gelernt habe, als Staatsmann zu handeln und alle meine Launen und Gemüthsbewegungen künstlich weitaussehenden Planen zu opfern; zu lachen, wenn ich weinen, und zu trauern, wenn ich in Freude toben möchte. Es mag nöthig seyn, so traurig es ist! ja selbst der Ehrgeizige möchte sich in manchen kühleren Stunden fragen, ob der Preis und das errungene Ziel wohl aller jener Opfer werth seyn möchten. Aber Ihr, mein Vater, der Weise, der Bedächtige, Ihr seid offenbar in Klügeleien, Angst, Sorge und tiefsinnigen Planen zu Grunde gegangen. Ihr verbindet jetzt das Allerfernste mit dem Allernächsten, in einem vorüberfliegenden Geier seht Ihr, wie die Heiden es thaten, die Vorbedeutung großer Begebenheiten. Ein so krankes Auge, mein Theuerster, wenn ich es mit Recht so nenne, kann auch wohl das Ersprießliche weder finden noch anwenden. Ja, es fragt sich selbst, ob nicht nach vielfältiger Uebung am Ende gar eine Kunst entstehe, die das Zufällige und Gleichgültige in ein planvoll Listiges, das Unbedeutende in etwas höchst Wichtiges verkehrt. Sollten an diesem künstlich erregten Schwindel nicht auch schon Plane gescheitert und verständige Männer und Regenten zu Grunde gegangen seyn? Deine sonst richtige Bemerkung, erwiederte Hugo, trifft hier nicht zum Ziel. So viel ist deutlich, unser Kampf ist noch nicht zu Ende. Von woher der Gegner kommen wird, muß sich bald entscheiden, denn nie wirst Du mich überreden, daß Das, was wir heut erlebten, ein Spiel des Zufalls war. Ich will den Augustinern ein silbernes Crucifix widmen, wenn es sich zeigt, daß mein Freund Conrad nicht diese Maschine in Bewegung gesetzt hat, wenn er in seinem Walde ruhig bleibt. Sollte ich die Nachricht von seinem Tode erhalten, so möchte ich dem kostbaren Kreuze noch Gold und Edelsteine anheften lassen. Als sie zur Stadt zurückgingen, begegnete ihnen der kleine Ingeram. Sieh! rief Graf Hugo, diesem unansehnlichen Knirps hast Du heute eigentlich Dein Leben zu danken. Er brachte mir Nachricht und erzählte mir Alles, als die Sache schon recht schlimm geworden war. Ich beeilte mich auf seinen Rath und kam eben noch zur rechten Zeit. Kleiner Narr! rief der Graf den Thoren herbei: laß Dir vom Haushofmeister Deine Belohnung abreichen. Ja, ja, sagte Ingeram, der sich in possierlichen Sprüngen herbeimachte: ich bin heute Staatsrath geworden, weil ich Euch den trefflichen Rath zur rechten Zeit gegeben habe. Es ist ein großer Vortheil, Graf, wenn man so kleiner Statur ist wie ich. Ich lief ihnen immer zwischen den Beinen durch und hörte Alles mit an, und sie sahen mich nicht einmal. Nachher lief ich eben so fort und zu Euch hin, und Keiner vermißte mich. Wenn Ihr mich also auch nicht zum Staatsrath aufnehmen mögt, so könnt Ihr mich mindestens zum Staatsboten gebrauchen, oder zum unsichtbaren Kundschafter, denn das Gesicht des thurmhohen Bauernlümmels war wenigstens von dem meinigen so weit entfernt, daß ich von unten, aus meinem tiefen Standpunkt, nicht entdecken konnte, ob er eine lange oder kleine Nase haben mochte; sein Blick reichte auch gewiß so tief zu mir nicht hinunter, denn einmal hätte er mich beinah todt getreten, weil er mich nicht sah, er bückte sich, weil er glaubte, da ich ihm am Bein vorbeisprang, es sei ihm am Schuh etwas losgegangen, und ich mußte mich sehr behende davon machen, sonst hätte er mich in die Schuhbänder hineingenestelt. Nachher, als schon Alles anfing besser zu werden, hatte das große Vieh einen Stein in der Hand, mit dem man oben die breite Straße ganz hätte zudecken können, von Haus zu Haus hinübergelegt, den wollte der Bauernriese auf mich packen, und ich hätte dann todt dagelegen wie die Aegyptischen Könige unter ihren Pyramiden, und der Fels hätte als ewiges Denkmal da gestanden. Poetisch angesehen machte die neue Prophetin keinen hübschen Anblick, auch habe ich es noch nie erlebt, daß die Strohmänner in den Erbsen die Krähen oder Sperlinge herbei gescheucht hätten: aber mit den Menschen-Sperlingen hat es freilich eine andere Beschaffenheit. Je mehr eine Creatur ächte Vogelscheuche ist, je mehr sehen sich begeisterte Freunde und Anhänger auf das gräuliche Bild. Sie können den Ewigen, von dem sie reden, nicht im Schönen und Herrlichen erkennen, da müssen sie sich denn bittend und bettelnd an das Grausal wenden, daß es für Geld und gute Worte ihr Gott werden möge. Nicht wahr, meine gnädigen Herren, es bleibt unbegreiflich? Denn wenn es auch nicht Jedem erlaubt ist, nach Corinth zu gehen, so sollte man doch denken, nicht bloß der verlorene Sohn würde sich beim Kalbsbraten im väterlichen Hause besser als bei den Trebern da draußen befinden. Schwatze, mein Sohn, sagte Hugo freundlich, heute mag Dir schon manches unnütze Wort hingehn. Was habt Ihr, antwortete der Kleine, doch immer und immer wieder gegen die unnützen Worte? Wo sind denn die rechten, die nützlichen? Da fallen so oft vom Berg herunter die großen vierkantigen Steine in den Waldstrom und Forellenfluß. Das rennt nun mit den Wellen hinüber und zankt und grollt mit dem Stein, schmeichelt ihm dann wieder, plätschert und lügt ihm vor, wie hübsch er da so niedlich und friedlich läge, keinem Wassertropfen im Wege. Krähen und Nachtigallen setzen sich oben auf, singen und krächzen und lassen beim Weiterfliegen etwas zurück, das der nächste Regen wieder herunterspült. So rollen Wogen und Frühlinge und Jahrhunderte über die Bursche hinweg und der Ururenkel findet nun runde, allerliebste Steinchen, so kuglig und glatt, wie sie der Drechsler nicht schöner aus Elfenbein drehen könnte. Er bringt sie den Kindern zum Spielen mit, und die ganze Familie freut sich am Naturwunder. Ist es denn unbillig, zu verlangen, daß Worte, die das Kind schon über Zähne und Lippen laufen läßt, mindestens so ein achtzig Jahre gewaschen, geklatscht, gewogen, gezwitschert, gestoßen, geklemmt und gehobelt werden müssen von Erziehern, Sprachmeistern, Priestern, Layen, Höflichkeit, Begeisterung, Furcht, Schmeichelei, Zorn und allem geistigen Gethier und moralischen Spülwasser, um aus Unnützem endlich zu Nützlichem zurecht gemeißelt zu werden? Und wenn es nun endlich dahin gekommen ist, so schnappt das Maul auf immer zu, der Geist macht sich aus dem Staube und weder schlechtes noch gutes Wort wird mehr vernommen. – Meint Ihr nun, daß Gebet, Betrachtung und Pfaffheit unsern Grafen Conrad schon aus seiner rauhen Mundart in einen süßen Engelsschall hinübergewaschen und übersetzt haben? Weißt Du vom Grafen Conrad etwas? fragte Hugo hastig. Nichts weiter, als daß ich nichts von ihm weiß, wie das so oft der Fall ist, antwortete der Kleine: aber das ist bei manchen Leuten schon immer ein Vortheil und gutes Gerücht. Wo nichts brennt, ist, Gottlob, nichts zu löschen, von Bremsen spricht man nur und weiß von ihnen, wenn sie stechen. Wenn er sich nicht bloß so duslig anstellt, so ist der Mann wirklich fromm und zu loben: aber bei allen seinen großen und ausgezeichneten Talenten, die ihm die Weltgeschichte nicht absprechen kann, haben doch selbst seine Schmeichler niemals eine Anlage zur Dummheit an ihm entdecken können, und es wäre viel, wenn er noch in seinen alten Tagen so außerordentliche Fortschritte in einer ganz neuen Wissenschaft machen sollte. Auch muß der Mensch wohl zur Dummheit, wie zur Poesie, geboren seyn, sonst wird er es nie weit darin bringen. Darum mein' ich nun, Graf Conrad, so hoch ich ihn auch sonst schätze, werde sich in seiner neuen Laufbahn als wahrer Pfuscher und Stümper beweisen, und ich will ihn dann brav auslachen, weil er mir, ohne innern Beruf, in mein Handwerk greift. Siehe doch, sagte der Vater leiser zum Sohn, spricht nicht selbst der Blödsinn auf seine Weise Dasselbe aus, was ich Dir vorhin sagte? Und Du willst jene Zweifel und Bedenken nicht sehn und finden, die doch so nahe liegen? Erniedrigt Euch nicht selbst so sehr, antwortete unwillig der Sohn, Euch mit Euren Gedanken in denselben Turnierplan zu begeben, in welchem dieser unsinnige Schwätzer herumschwärmt, der wohl sein eignes Kollern nicht versteht. Wer sich selbst nicht versteht, wie soll der Plan oder Geist eines Andern fassen? Der Narr hatte nur die letzten Worte gehört und rief jetzt: Wißt Ihr auch, Junker, was Ihr jetzt gesprochen habt? Sich verstehn! Soll denn der Mensch das? Ist es ihm denn wohl von Freunden zu wünschen, die es gut mit ihm meinen? Denkt nur an den Goldfuchs von neulich! Der war überritten und zu früh und noch heiß in den kühlen Stall gebracht. Am folgenden Tage wolltet Ihr ihn brauchen; ja, seht, da hatte sich das Vieh verstanden, und konnte und wollte sich nicht mehr spazieren reiten lassen. Ei bewahre, wenn man sich erst verstanden hat, so ist es mit dem Lied am Ende, wie mit Dem, dessen Magen nichts mehr verdauen kann. Wir essen auch in Fleisch und Brod und Zugemüse nicht lauter Nahrung hinein, auch Hülse, Futteral und Degenscheide mit: die Verdauung würde auch leiden, wollten wir Alles, was man unnütz nennt, hinwegläutern und sublimiren. Nein, Junker, nur im Irrthum steckt für uns Menschen die Wahrheit, sie scheidet sich, wer sonst nur noch essen kann, wohl von selber aus. Lauter Wahrheit speisen wollen, sich immer verstehen wollen, die eigne, uns so dick und groß nachschleppende Narrheit nicht sehen, die doch der Leib unserer Weisheit ist: – ach! Junker, ich möchte gar nicht so leben, wenn ich auch könnte. Du! sagte Humberkurt, ihn von oben kurz ansehend: schwatze hier den Bäumen vor, und keinem menschlichen Ohr. Er ging mit dem Vater eilig nach der Stadt zurück und Ingeram schüttelte sein weises Haupt, so daß die Schellen an der Mühe erklangen, und sagte: Ja wohl läßt die Weisheit ihre Stimme hören auf den Gassen und Niemand achtet ihrer. * Im Walde bei Valenciennes waren feierliche Wallfahrten herkömmlich, zu welchen viele Menschen strömten, aus allen benachbarten Städten und Dörfern. Es war seit alten Zeiten gewöhnlich, daß man an dem wichtigsten Tage der Prozessionen auch die Einsiedeleien besuchte, die dort gestiftet und von frommen Männern bewohnt wurden. Es mochten wohl schon zehn Jahre verflossen seyn, seit sich ein großer starker Mann in dem einsamsten Theile des Waldes angesiedelt hatte, den die Einwohner jener Gegenden nur den langbärtigen Eremiten zu nennen pflegten, weil der fromme Mann mit einem braunen Barte geschmückt war, der ihm bis über den Gürtel hinunterfloß. Man kannte des verehrten Mannes Vaterland und Schicksale nicht. Er nannte sich Bernhard, und Manche, die mehr von ihm wissen wollten, behaupteten, sein Familiennamen heiße Rais, und er sei in seiner Jugend Bauersmann gewesen, und in der Einsamkeit des Feldes und bei der Landarbeit habe er sich frommen Betrachtungen ergeben, die endlich sein Gemüth so bewegt hätten, daß es sein Beruf geworden sei, sich von der Welt zurückzuziehn. Andere behaupteten, man habe ihn früher als Einwohner von Antwerpen gekannt, wo er im Hause eines Kaufmanns erzogen worden sei, indem er hier als Gehülfe der Untergebenen Dienste geleistet habe. Andere erzählten wieder, der wundersame Mann habe lange im gelobten Lande für den Heiland gestritten und sei dort als vornehmer und sehr ausgezeichneter Kriegsmann geehrt worden. Seit einiger Zeit war in dieser Gegend von der Heiligkeit und den Schicksalen dieses merkwürdigen Mannes mehr als jemals die Rede, und Mißvergnügte, Politiker, oder Menschen, die Alles wissen, oder besser wissen wollten, wie die übrigen, machten, wenn die Rede auf den Heiligen kam, eine geheimnißvolle Miene und gaben zu verstehn, daß dieser Unbekannte, wenn er nur wolle, Wunder thun oder unglaubliche Dinge ausrichten könne. Das Vertrauen und der Glaube zu diesem Einsiedler hatte sich indessen so vermehrt, daß Kranke und Unglückliche aus allen Gegenden zu ihm wallfahrteten, die er heilen, oder denen er durch Gebet und Segen helfen sollte. So geschah es, daß, nachdem die Prozessionen ihren vorzüglichsten Endzweck erfüllt hatten, sie auch den Wald besuchten, in welchem dieser weitberühmte Bernhard in seiner Klause lebte. Es hatten sich in diesem Jahre mehr von der Bürgerschaft, als jemals sonst, angeschlossen; was aber die Züge noch glänzender machte, waren die reichen, prunkenden Gesellschaften der Adeligen, der Barone und Grafen, die Alle, vom Eifer getrieben, zum Wald, zu den Kirchen und Kapellen, so wie zu den Einsiedeleien zogen. Dadurch wurde der Hain, in welchem Bernhard wohnte, so abgelegen von der großen Straße er sich auch befand, so wenig er sonst belebt war, in diesen Tagen des Festes ein Tummelplatz von Reisigen, Rittern und Knappen, im bunten Gewimmel von Bürgern und Bauern, zwischen welchen man auch Geistliche und Aebte wahrnahm, die, gegen die Gewohnheit, ihre nahen oder fernliegenden Klöster und Städte verlassen hatten, um hier ihrer Andacht, auch außer ihrer Ordensregel, Genüge zu thun. Es konnte nicht auffallen, daß auch der fromme Conrad mit seinem Sohne sich eingefunden hatte, um so weniger, da sein Schloß ganz in der Nähe lag. Seine Andacht war für viele andere Großen sehr erbaulich, und es schien, daß frühere Feindschaften und Fehden in dem höheren Gefühl erloschen oder vergessen waren. War der stille Eifer, die edle Weise des alten Grafen erhebend und rührend, so hatte die Art und Weise eines anderen Mannes, der auch in jener Gegend bekannt genug war, fast etwas Furchtbares und Abschreckendes. Dieser Alte, der bei jedem Kreuze im Walde mit so brennender Inbrunst betete, sich auf die Erde warf und dann heftig und wie rasend auf die Brust schlug, wieder niederstürzte und den Boden küßte, war jener Krieger und Bekehrte, den die Landschaft unter dem Namen des braunen Robert kannte. Eben war eine Menge um ihn versammelt, zu der er sprach, als man sich nach der Zelle des Einsiedlers Bernhard hin in Bewegung setzte. Wir Alle, rief Robert, die wir an dem Sturm von Konstantinopel Theil nahmen, wir Alle, Hohe und Geringe, können nicht Buße genug thun, unser Fleisch niemals genug kreuzigen, und niemals andächtige Gebete genug zum Himmel hinaufsenden, damit der Allerbarmende uns alle jene Gräuel und Sünden vergebe, deren wir uns Alle theilhaftig gemacht haben. Graf Conrad ging betend im Zuge und sagte: Wohl, wohl sprecht Ihr die Wahrheit, Ihr mein alter Kriegsgefährte! Aber kann uns die ewige Güte jemals verzeihen? Wie können wir so gar nichts ersehen oder wieder gut machen von allem jenem Unglück und Elend, das wir über so viele Tausende im Taumel des Krieges und Uebermuthes der Gottlosigkeit herniederriefen. Darum leidet auch unser Land, darum haben wir unsern edlen Fürsten einbüßen müssen, darum kehrt die Freude nicht zurück und unser Herz ist immerdar die Beute der Reue und Gewissensqual. Die Menge, die durch den Wald schwärmte, vereinigte sich jetzt dichter und gedrängter auf dem Platze vor einer Zelle, aus welcher der verehrte Bernhard trat. Er war von mehr als gewöhnlicher Größe, stark von Brust und Schultern, sein Haar noch braun, aber schlicht und lang, und ein breiter Bart wallte über Busen und Gürtel hinab, durch welchen er ein wundersames, von allen andern Menschen unterschiedenes Ansehn erhielt. Sein großes Auge leuchtete, in den Händen trug er ein mächtiges Kreuz, das aus zwei rohen Baumstämmen zusammengefügt war. Mit Riesenkraft erhob er die beiden schweren unbehaunen Stämme, indem er mit lauter Stimme ein langes Gebet hersagte. Von der Anstrengung erschwollen die Adern an den Händen und Armen, welche zum Theil entblößt waren, weil sich das weite Gewand zurückgeschoben hatte. Man sah es an den starken, nervigen Händen und ihrer rohen Form, daß der Einsiedler von Jugend auf sich in schweren Arbeiten geübt hatte, und die Gestalt der Finger widersprach fast dem edlen Anstand des Mannes, der freien, aufgerichteten Stellung, so wie der Miene des Antlitzes, dem blitzenden Auge und dem schönen Haupte, welches Alles einen vormaligen Helden und Ritter anzukündigen schien. Der braune Robert, der von den Knieenden dem Einsiedler am nächsten lag, erhob sich jetzt, küßte erst die Füße, hierauf das Kleid des frommen Mannes, faßte dann dessen Hand und drückte seinem Mund an diese, fuhr schnell, wie entsetzt, empor, streifte die Aermel der Kutte noch weiter zurück, so daß auch der Oberarm des Einsiedlers sichtbar wurde, und schrie plötzlich mit weit aufgerissenen Augen, einem Besessenen gleich: Er ist es! Kaiser Balduin! und stürzte von neuem vor ihm nieder. Balduin! schrie die Menge und der bleiche Graf Conrad wurde vor Schreck noch blasser und das baumhohe Kreuz fiel aus den Händen des zitternden Eremiten mit lautem Schall auf den Boden. Indessen war das Wort von Schaar zu Schaar durch den ganzen Wald mit der Schnelligkeit des Blitzes gelaufen, Alles rannte durch einander. Alle schrien: Balduin! Kaiser Balduin! ertönten tausend Stimmen und Jeder sah den Andern an, Jeder erstaunt und Jeder erfreut, dies Wunder erlebt zu haben. Ja, er ist es! schrie Robert, der auf eine Anhöhe gesprungen war: seht, er kann es selbst nicht leugnen, der erhabene Mann, so sehr hat ihn der Schrecken überwältiget, daß er von mir ist erkannt worden. Und kenne ich doch die Narben nur zu gut, jene Wunden, die seine Unerschrockenheit in Griechenland ihm schlug, auch jene Narbe an der Schulter oben, von der Todeswunde, die ihm noch ward, als man ihn an jenem schrecklichen Tage in die Gefangenschaft schleppte. Alles drängte sich herzu, Kleid und Füße des wiedererkannten Fürsten, des längst verlornen Landesvaters zu küssen: Alle knieten und riefen Heil! Alle waren im Taumel begeistert und nur Conrad behielt seine ruhige Haltung und stand aufrecht, fest die Blicke auf den Einsiedler gerichtet, der sich an den nächsten Baum lehnte, laut weinte und Diejenigen, die ihn kniend und verehrend umgaben, aufzurichten bemüht war. Als man sich nach vielem vergeblichen Rufen, Sprechen und Winken etwas mehr beruhigt hatte, trat der Abt Ildefons durch die Haufen zum Grafen Conrad und sagte: Wie nun, verehrter Mann? Ihr seid der Einzige hier, der stumm verharrt? Erkennt Ihr in diesem heiligen Mann unsern rechtmäßigen Fürsten, oder ist es ein Irrwahn jenes frommen Robert, was er uns so begeistert verkündiget hat? Er ist es! schrie Robert, wer hat den Muth, Nein zu sagen? Wer ist so schlecht und ruchlos, unsern großen Balduin zu verleugnen? – Er ist es! er ist es! schrien viele alte Krieger, die vormals den Zug nach Griechenland mitgemacht hatten. Nach einer Pause, als es etwas ruhiger geworden war, sagte Conrad mit vernehmlicher Stimme: Herr Abt! fragt ihn selber, den ehrwürdigen Mann. Wie soll ich nach zwanzig langen Jahren, nach so vielen Schicksalen, einen Helden, den wir gestorben glaubten, wieder erkennen? Woran? Verhüte Gott, daß ein übereiltes Wort von mir das ganze Land in Irrsal stürze! Als der Abt Ildefons sich jetzt zum Eremiten wendete, sagte dieser mit zitternder und sehr bewegter Stimme: Meine Freunde! – dieser Tag – ich konnte heut Morgen noch nicht ahnden, daß mir so Etwas, eben so erschrecklich, als wunderbar, begegnen sollte. Seit lange lebe ich vor der Welt verborgen und suche und finde nur in der Einsamkeit mein Glück. Ich habe die Welt vergessen und der Wunsch meines Herzens ist, daß sie mich ebenfalls und auf immer vergessen möge. Wäre Schwert, Herrschaft, Vermögen und Alles, was die Welt herrlich nennt, mein Wunsch, so trüge ich nicht dieses Kleid der Demuth und lebte nicht in diesem stillen Winkel, zu welchem nur heut Feierlichkeit und Zufall diese eben so lästige als gutmeinende Menge geführt hat. Ich bin nicht Der, für den Ihr mich haltet, ich will kein Rittersmann, kein Mann der Thätigkeit und der Welt seyn, vielweniger ein Fürst; aber mag ich auch gewesen seyn, was es irgend sei, so darf ich wünschen und bitten, daß man mein Geheimniß ehre, denn nur die wichtigsten Ursachen, nur unerläßliche Buße um die Last meiner Sünden haben mich auf immer vermocht, meinem ehemaligen Namen zu entsagen und Verwandte, Freunde und Kinder zu verleugnen. Wenn diese meine Nächsten nichts von mir erfahren haben und erfahren sollen, so mögt Ihr, meine Freunde, Hoch und Niedrig, Geistlich und Weltlich, mir das wohl auch erlassen, und ich denke, meine Bitte und Forderung ist keine unbillige. Der ehrwürdige Alte hatte seine Rede mit fast ungewisser Stimme angefangen, sie aber mit solcher Majestät und Kraft, mit so edelen und doch gebietenden Tone geendiget, daß alle Umstehenden noch inniger überzeugt wurden, ihr herzlichst geliebter Fürst, ihr so lang beweinter Balduin sei wiedergefunden. Ein Sturm von Freudengeschrei erhob sich; der Zudrang ward noch ungestümer, die Geistlichen geboten Ruhe und Ildefons forderte den Grafen Conrad noch einmal auf, zu erklären, ob der Eremit der Kaiser Balduin sei. Conrad erwiederte feierlich: behauptete ich fest und zuversichtlich, dieser edle fromme Mann sei nicht Balduin, so würde ich gegen mein Gewissen reden, denn ich weiß es nicht. Unwahrscheinlich ist es, indessen geschehen in allen Zeitaltern noch weit größere Wunder. Wer setzt mich hier zum Schiedsrichter, und wie darf ich es wagen, mich als einen solchen selber aufzuwerfen? Und wie lange Zeit, wie vertrautes Gespräch gehört mit dem frommen Helden dazu, um alle die Kennzeichen, die Erinnerungen wieder in das Gedächtniß zu rufen, die mich überzeugen möchten? Wenn ich den Ehrwürdigen aber vielleicht so früh als jener Robert für den wahren Balduin, unsern Fürsten, erkannt haben sollte, so handle ich dann am richtigsten, als Unterthan, in seinem Sinne, wenn ich ihn verleugne, denn alsdann ist es meine Pflicht, seine Gründe, wenn sie mir auch unbegreiflich sind, zu ehren, die ihn bestimmen können, sich dem Lande und einer geliebten Tochter zu entziehn. Wir verstehn Euch, sagte der Abt, und Ihr handelt und sprecht ganz Euerm großen und frommen Charakter gemäß. Robert aber, der der Rede mit allen Zeichen des Zornes zugehört hatte, rief jetzt in Wuth aus: Der Graf ist ein Verräther, indem er seinen ächten Landesherrn verleugnet! Unser Balduin kann und darf sich nicht dem bedrängten Lande entziehn, er muß dem Druck und der Tyrannei ein Ende machen! Adel, Bürger und Landvolk wünschen nur seine Hülfe und ihre Errettung durch seine väterliche Hand! Es lebe der große Balduin! Ein ungeheures Geschrei, das sich nicht wieder beschwichtigen ließ, wälzte sich tönend und von allen Seiten wiederhallend durch den ganzen Umfang des Waldes. Man sah Schwerter blitzen und Speere blinken, Rosse waren herbeigeführt und viele Ritter tummelten sich in den lichten Räumen des Forstes. Der Eremit rief jetzt mit lauter Stimme: Friede! Ruhe! Nur keine Gewaltthat! – Diejenigen aber, die sich um den braunen Robert gerottet hatten, achteten auf keinen Befehl, sondern Alle riefen, von ihm aufgemuntert: Hieher! Hieher! wer es mit dem Vaterlande, mit Gott und der Kirche gut meint! Unser Vater, unser Balduin muß uns wieder angehören! Mit diesem Geschrei und Toben drängte man sich näher um Graf Conrad; seine Leute und Diener, die er hatte herbei kommen lassen, wurden gestoßen, man sprach von Verräthern, von undankbaren Freunden, von Bosheit und Tücke, die vorsätzlich die sonnenklare Wahrheit nicht anerkennen wolle. Endlich gelang es dem Grafen, Stille zu erzwingen, indem der Eremit sich mit ihm vereinigte. Hört mich, Freunde, sprach Conrad: nicht uns, dem Regenten des Landes, dem Grafen Hugo kommt es zu, diesen Fall zu schlichten. Dieser alte Krieger, Robert, hat sich in seiner Hitze zur Ungebühr und Empörung verleiten lassen, seine Schmähungen müssen den Regenten nicht minder kränken als mich. Hugo steht jetzt an der Seite unserer Fürstin Johanna als Vorstand des Landes; lebe Balduin oder sei er gestorben, so handelt, mit Bewilligung der Tochter, Hugo in seinem Namen, mag dieser fromme Eremit der Kaiser sehn oder nicht; indem Ihr ihn dafür erkennt, müßt Ihr seinem Willen gehorchen und er verlangt jetzt mit mir, daß dieser Robert, der sich auf jeden Fall wie ein Meuter erwiesen hat, dem Grafen Hugo gesanglich zum Verhör übersendet werde. So darf ich es von Eurer Liebe, rief der Eremit, wenn Ihr mich liebt, verlangen. Ein lautes, dann dumpfes Murren verlor sich endlich, und Robert, so trotzig er sich auch gebehrdete, ward bewaffneten Dienern übergeben, um ihn nach Gent zu führen. Hierauf ließ sich Conrad vor dem Eremiten kniend nieder, küßte dessen Hände und sagte laut weinend: Gebt mir, frommer, hoher Mann, nach diesen Erschütterungen, die heut mein Gemüth so unerwartet hat erdulden müssen. Euern Segen und schließt mich in Euer Gebet ein. Ich gehe jetzt nach meinem Schlosse zurück und erwarte bald von Euch Etwas zu vernehmen. Seid Ihr mein Trost und meine Stärkung, denn meine Kräfte brechen endlich zusammen und alle Hülfe verläßt mich. Der Eremit erhob den Knienden, breitete die Arme aus und drückte den Grafen lange und herzlich an die Brust. Stumm hielten sie sich umarmt, indem ihre Thränen flossen. Die Nahestehenden, die diese Rührung sahen, konnten sich ebenfalls der Thränen nicht erwehren, und mit Bewunderung sah man dem Grafen Conrad nach, der sich jetzt auf sein Roß schwang und, nur von seinem Sohne begleitet, sich nach seiner Wohnung mit feierlichem Schweigen zurückbegab. Der Eremit gab dem erbauten und erschütterten Volke seinen Segen und ging dann ebenfalls in seine Zelle zurück, die er von innen sorgfältig verschloß, ohne noch ein einziges Wort zu sagen. Von selbst folgten Volk und Adel dem Abte Ildefons in die große Kirche der nächsten Gemeinde. Alle waren überzeugt, trotz dem scheinbaren Leugnen des Grafen wie des Eremiten, daß der Einsiedler wirklich und in der That ihr rechtmäßiger Fürst Balduin sei. Alle jene Zweifel, wie er der Gefangenschaft habe entrinnen können, wenn er auch nicht umgekommen sei, warum er sich bei seiner Rückkehr nicht zu erkennen gegeben, sondern so lange verborgen gehalten habe, fielen in dieser aufgeregten Stimmung Keinem bei, oder wurden eilig und mit der Sucht am Geheimnißvollen auf mannigfache Art beantwortet. Als daher der Abt die Kanzel bestieg, um in einer begeisterten Rede zu behaupten, daß jeder Zweifel, ob auch der ächte Balduin wieder erschienen sei, schwere Sünde genannt werden müsse, fand er die lauteste und herzlichste Einstimmung aller seiner Zuhörer. Er bewies ihnen hierauf, daß es ihre Pflicht als Christen und treue Unterthanen sei, den zu frommen Fürsten zu nöthigen, selbst mit Gewalt, wenn jedes andere Mittel unzulänglich sei, sich ihnen und dem so schwer bedrängten Lande zurückzugeben. Balduin sei durch höhere religiöse Rücksichten gezwungen, das Regiment wieder in die Hand zu nehmen, selbst wenn er vielleicht ein Gelübde gethan habe, sich der Welt auf immer zu entziehn. Es sei nichts Geringeres als ein Wunder, daß der alte Robert heut auf der Wallfahrt, da sie alle mit andern Gedanken beschäftigt und Robert selbst dergleichen nicht habe erwarten können, den großen Fürsten plötzlich an seinen Narben erkannt habe. Er erinnerte, wie andere alte Krieger, Edelleute und Bürger nach dem ersten ausgesprochenen Worte ebenfalls alle Züge und Mienen des Kaisers in dessen Antlitz wiedergefunden hätten. Das Betragen des Grafen Conrad könne man ehren, es verpflichte aber keinen Andern, seinem Beispiel zu folgen. Es sei hinreichend, daß man ja deutlich wahrgenommen, wie er ebenfalls im Eremiten den wahren Balduin gesehn habe, und darum müsse man mit vereinter Kraft und wiederholten dringenden Bitten den großen Fürsten seiner ihm unziemenden Einsamkeit entreißen, das Land retten, die Tochter beglücken, und jenen Zustand der allgemeinen Wohlfahrt und des Ruhmes wieder herbeiführen, der Segnungen, deren sich alle Aelteren in der Grafschaft noch wohl erinnern könnten. So aufgeregt und überzeugt Alle schon waren, war es ein Leichtes, sie dahin zu bewegen, daß sie noch an demselben Abend sich in den Wald zurückbegaben und den Eremiten aus seiner Zelle holten. Dieser, da er die Gewalt sah, die ihm ihre Liebe anthat, die Rührung der Menge und ihren brennenden Eifer, da er immer wieder von ihren Bitten bestürmt wurde, und der Abt und einige Mönche ihm seine Pflichten gegen sein Vaterland vorhielten, gab sich endlich zu erkennen und erklärte, er sei der verloren gewähnte Balduin und er dürfe um so eher sein Schweigen brechen, da gerade an diesem Tage die Zeit seines Gelübdes vorüber sei, welches er sich früher, in schweren Drangsalen, aufgelegt habe. Im Triumph ward der wiedergefundene Balduin, der Graf von Flandern und Kaiser von Griechenland, nach Valenciennes geführt, wo ihm ein Palast übergeben ward, indem die ganze Stadt in den Jubel und das Freudengeschrei seiner Begleiter einstimmte. – Wachsmuth war indessen oft vor dem Zimmer seines Vaters gewesen, ohne ihn sprechen zu können, weil dieser sich verschlossen hatte. Am Abend spät ließ der Alte endlich den Jüngling zu sich kommen und sagte zu diesem: Nun, mein Sohn, wie ist Dir nach diesem sonderbaren Tage zu Muthe? So, antwortete jener, daß ich heute am meisten des Rathes meines Vaters und älteren Freundes bedurft hätte. Wie denkt Ihr selbst nur über jenen wunderbaren Vorfall? Wie habt Ihr Euch dabei so beruhigen können? Ist jener seltsame Mann der Kaiser, so hättet Ihr, meine ich, es bestimmt und deutlich aussprechen sollen. Das Volk wird schwerlich wieder in diesem Enthusiasmus sich zusammentreffen. Der Augenblick ist vorüber, und Ihr habt durch Eure Unentschlossenheit dem Fürsten eben so sehr, als dem Lande geschadet. Alles steht, sagte Conrad, in der Hand des Himmels. Ich habe mich durch Gebet vorbereitet, folge Du, mein geliebter, frommer Sohn, meinem Beispiel. Dem Würdigen wird ohne Zweifel der Preis in die Hand fallen, aber von oben her, ohne unser Zuthun. Wenn Du Johannen liebst, wie Du mir so oft versichert hast, und wie es die Thränen bezeugen, die Du seit unserm Aufenthalt hier vergossen hast, so darfst Du wohl noch auf ihren Besitz rechnen, auch wenn kein Balduin wiederkehrt, denn dem Himmel ist nichts unmöglich. Ehe aber Balduin sich selber bestimmter erklärt, ehe er mir nicht deutliche, unumstößliche Beweise gegeben hat, daß er es wirklich ist, darf ich in dieser höchst wundersamen Sache auch nicht den kleinsten Schritt thun, ohne mich zum Meuter und Rebellen zu stempeln und mich an meinem Freunde Hugo zu versündigen, mit dem ich mich wahrhaft als Christ ausgesöhnt habe und den ich als Regenten des Landes erkenne. Ihm und seinen Entschlüssen will ich nicht vorgreifen. – Du willst meinen Rath, so folge mir denn und lerne so von mir, wie man ein wahrer und getreuer Unterthan ist. * Ferdinand war glücklich, denn er war zum Diener in den innern Gemächern des Palastes angenommen worden, eine Stelle, die nur Edelleute erhielten und die ihm oft Zutritt zu Johannen verschaffte. Auf ihre Vorsprache hatte ihn Hugo zu diesem Ehrenamte befördert. Dieser Vorschritt trieb ihn um so mehr zu jenem alten Rathe Berthold hin, bei dem er nach Kunde von seiner Familie forschen wollte. Der greise Mann, der vor Alter schon etwas blödsinnig schien, sann hin und her, ging die Namen aller Familien durch, so wie alle Begebenheiten, die ihm in seinem langen Leben zugestoßen waren, und sagte endlich: nein, mein junger Sohn, ich kann Euern Wunsch in keiner Weise befriedigen, denn so gut auch sonst mein Gedächtniß ist, so kann ich doch, was Euch betrifft, nirgend anknüpfen. Ihr wart schon hier, als Kind, und zwar im Schloß, bevor Balduin nach Jerusalem ging, er nahm sich Eurer an, hat aber Keinem von uns gesagt, wem Ihr zugehört. Ob Ihr also eine Waise oder ein Findelkind seid, oder ein unechter Sohn von ihm oder Einem aus seiner Verwandtschaft, alles Das kann ich wenigstens nicht aufklären, auch hat er uns, als er nach den Morgenländern reisete, nichts darüber zurückgelassen, ob ich gleich damals einen großen Theil an der Regentschaft hatte. Da er mir nichts vertraute, weiß gewiß Graf Conrad, der später aus Griechenland zurückkam, noch weniger davon, und ebenso kann unser Hugo nicht die mindeste Kunde davon haben. Aber, fügte er lächelnd hinzu, wie der Dichter sagt: tlectere si nequeo superos, Acheronta movebo ; da Ihr von mir nichts erforschen mögt, was Eure Eltern anlangt, geht doch zum alten Doktor Wenzesla, der Geister citirt, Horoskope stellt und in Krystalle schaut, vielleicht entdeckt er Euch Etwas durch Hülfe der Unterirdischen. Freilich hat unsere Kirche dergleichen schwer verpönt, indessen habe ich doch auch einmal einem unschuldigen Fürwitz nachgegeben und mir von ihm wahrsagen lassen, und Vieles davon ist eingetroffen. Unwillig verließ Ferdinand den Alten, und ging nach seiner geliebten Stelle im Walde, wo er saß und dichtete: Will Alles mich verlassen? Und nenn' ich gar nichts mein? Nein, keine Hand erfassen Darf ich und freudig seyn: Still wandl' ich durch die Straßen, Hell glänzt der Sonnenschein, Doch Hohn, Verachtung, Hassen Ist all' die Habe mein. Kein Mutteraug' erfreute Sich meines Lächelns je, In aller Fern' und Weite, Wohin ich sehnend späh', Wie ich die Arm' ausbreite, Ist Schmerz nur, Angst und Weh; O sprecht, ihr fremden Leute, Saht Ihr was Aermres je? – Und doch bin ich zufrieden, Tauschte mit Keinem nie: Mir ist das Heil beschieden, Ein Glück, ich weiß nicht wie, Ich fand den Blick hienieden, Wie Glanz der Morgenfrüh', Aus süßen Augenlieden Sah lächelnd auf mich Sie. So blüh' denn, Frühlingsanger, Du blühst doch schöner nie Mit tausend Blumen schwanger Als sie, die Schönste, Sie, Und wird mir bang und banger, Erseh' ich sie, nur sie, Bin ich der Frühlingsanger, Und fühl' und denk' nur Sie. In den Straßen, als er zurückgekehrt war, begegnete ihm Ingeram. Es dunkelte schon und sie standen zufällig vor dem Hause des Doktor Wenzesla. Wollt Ihr mich sprechen? rief Jemand von oben: es war der alte Philosoph, der aus dem Fenster sah. – Komm hinauf! sagte Ferdinand schnell, es ist wohl mein Schicksal, das mich zu ihm ruft! Euer Schicksal? sagte der Kleine, indem sie schon auf dem Vorsaal unten standen. Junger Freund, habt Ihr denn an mir nicht schon als Narren genug, daß Ihr noch diesen hier aufsuchen müßt? Ihr schwelgt in Thorheit, und das wird Euerm geistigen Magen schlecht bekommen. Denkt Ihr denn, Schicksale werden gewirkt wie Teppiche und stehn zu Kauf? So hätte man für mich wohl auch ein anderes Muster und bessere Fäden hinein bestellen sollen, und nicht den groben, kümmerlichen Einschlag, wo die Fasern allenthalben heraushängen. Man muß nicht immer verständig seyn wollen, antwortete ihm Ferdinand kurz, indem sie die Treppe hinaufgingen. Im Saal erwartete sie der alte Mann. Den ganzen Tag, fing er das Gespräch an, war mir im Gemüth, als müsse mich Jemand besuchen, mit dem ich Wichtiges zu verhandeln hätte und der mir sonderbare und erfreuliche Nachrichten bringen würde. So ist der Tag vergangen, endlich, spät am Abend, seh' ich Euch da vor meiner Thür stehen bleiben und meine nun, Ihr seid der erwartete Botschafter. Es steht schlimm, sagte Ferdinand, wenn Ihr von mir Etwas erfahren wollt, denn ich wanderte eben zu Euch, auf Anrathen des alten Herrn Berthold, ob Ihr mich nicht vielleicht in Ansehung der Sache, die mir die wichtigste seyn muß, etwas beruhigen könntet. Der junge Mann trug ihm seinen Wunsch vor, und der Doktor sagte nach einigem Besinnen: Herr Berthold bleibt ein leichtsinniger Mensch, so alt er auch nun nach gerade schon wird, und darum hat er es auch nie im Leben zu Etwas bringen können. Immer war er das Spielzeug des Regenten und anderer Räthe, weil kein Ernst in ihm ist. Ich habe einmal seinen dringenden Bitten nachgegeben und ihm eine astrologische Rechnung gestellt, aber es ist unbesonnen, meinen Namen und meine Kunst so ohne Unterschied Jedem preiszugeben. Wir leben in einer gefährlichen Zeit, wo man so gern Alles, was das Alltägliche verläßt und überschreitet, mit dem Namen der Ketzerei verunglimpft, und Jedermann, der etwas Sonderliches denkt, vor das Gericht der Kirche und Priester zieht, als wenn diese allein das Recht behalten müßten, das Thörichte auszubreiten und die Leichtgläubigen irrezuführen. Außerdem, junger Mann, gehört die Frage, die Ihr mir da vorlegt, zu den allerschwierigsten, und was noch schlimmer ist, ich kann Euer Horoskop nicht ausarbeiten, da Ihr mir nicht den Tag und die Stunde Eurer Geburt anzugeben wüßt. Indessen tretet ein, wir wollen sehen, ob wir durch andere Kunststückchen der Sache vielleicht auf die Spur gerathen können. Aus dem ganz finstern Vorsaal traten sie in ein nur schwach erleuchtetes Zimmer, in welchem eine Ampel von der Decke hing. Hier betrachtete der Doktor seinen jungen Gast genauer und sagte dann: Ich habe Euch wohl schon oft umherwandeln sehn, denn Euer Wesen ist mir nicht unbekannt, und Ihr habt eine angenehme Gesichtsbildung, die auf Glück deutet, sowie auch übrigens einen anmuthigen Leichnam. – Aber, fuhr er fort, indem er Ingeram näher ins Auge faßte, – was ist uns denn hier bescheert? Wahrlich, ich gehe zwar nicht viel aus dem Hause und in das weltliche Gedränge, aber ich möchte schwören, der kleine Gesell sei nicht von der gewöhnlichen Art der Menschen, auch wohl nicht aus den hiesigen Landen. So ist es, sagte Ingeram lachend, ich war im Gefolge der Botschaft, die vor einiger Zeit aus England herkam. Der junge Herr, der sich schön zu seyn dünkte und vom König Heinrich hergeschickt wurde, hatte mich aus Eitelkeit mitgenommen, um gegen mich noch mehr abzustechen. Das ist ihm denn auch so gelungen, daß sich alle Weibsbilder in ihn verliebten. Mir aber, der ich die eigentliche Ursache davon war, hat keine einzige auch nur ein freundliches Wort darüber gesagt, und er selber hat sich auch so undankbar erwiesen, daß ich lieber gleich, als er wieder zu Lande fuhr, hier geblieben bin. Sonderlich achten sie mich hier auch nicht, aber Englands soll mein Gebein wenigstens nicht besitzen. Dünkt Euch das nun unpatriotisch, weiser Herr? Ich meine, mehr als ein ehrwürdiger Mann des Alterthums hat dieselbe Gesinnung geäußert. Kleiner fremder Herr, sagte der Doktor, ich verstehe Euch eben nicht ganz; indessen wollen wir sehn, welchen Rath wir diesem feinen Jüngling ertheilen können. In das Krystall zu schauen, dazu ist keine Zeit, Beschwörungen vorzunehmen ist mißlich, da Ihr mir ganz unbekannt seid, die Hände zu besehen, fruchtet nicht, da sie nur Länge des Lebens und Glück in der Liebe verkündigen. Wir wollen in der Eile das Prophezeien aus dem Staube versuchen. Auch ein artliches Kunststück, wenn es irgend gelingt. Er nahm eine fein gearbeitete silberne, flache Schüssel vom Gesims, wog sie sorgfältig und prüfend auf der Hand und setzte sie dann auf einen kleinen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Auf den Zehen leise schleichend ging er dann zu verschiedenen Schränken, in welchen vielerlei Geräth durcheinander lag. Er nahm seine Pulver, die sorgsam eingewickelt waren, und schüttete sie in die glänzende Schüssel. Erst einen feinen Goldstaub, dann gestoßenes Silber, rothe Farbe, grüne und blaue, dann weißes und schwarzes Pulver. Nachdem ihm die Menge und Mischung hinlänglich schien, holte er aus einem Kasten eine silberne Scheibe, auf welcher Hieroglyphen, Zahlen und allerhand magische Zeichen, Linien, Sterne und Bilder eingegraben waren. Diese paßte er sorgsam auf die Schüssel, daß der Kranz rundum beschlossen war. Murmelnd und leise singend schwang er sich die Schüssel dann um das Haupt, kehrte sie drei Mal um und forderte dann Ferdinand auf, dasselbe zu thun, aber ohne ein Wort zu sprechen und noch weniger vom prophezeienden Farbenstaube etwas zu verschütten. Nach diesen Ceremonien nahm er die vielfach beschriebene Scheibe von der Schüssel, die er wieder auf den Tisch stellte und die Lampe tiefer von der Decke herunterließ, um zu betrachten, welche Figuren und Bildungen sich innerhalb der Schüssel zusammengefügt hatten. Tretet nun näher, sagte er lächelnd, und leset selbst Euer Schicksal, wenn Ihr anders zu lesen versteht. Die beiden Fremden gingen eilig näher und Ingeram sagte: Wahrlich, großer weiser Mann, Ihr gebt uns hier in dieser kleinen Schüssel ein lehrreiches Bild von unserer ganzen Welt oder Erde. Wie da auch die Gebeine aller Jahrhunderte und Völker, aller Länder und Menschen durcheinander gerüttelt werden und zu Staub verfallen, Knechte und Fürsten, Alexander, Perikles und Herodes der Judenkönig, der heilige Augustin, Hieronymus und der Ketzer Abälard, Barbarossa, unser Balduin und die schöne Cleopatra, und aus allem diesen Staube wieder Gras, Blumen und Gemüse farbig emporschießen, oder vielleicht Metalle, Krebse, Corallen und Steine, Vieles wieder neue Menschen genießend in sich nehmen, und sich Alles so fort und fort immer wieder verwandelt und neu gestaltet, und Nebucadnezar kurz nachher, nachdem er als Vieh selbst Gras gefressen, selbst von Vieh als Gras verspeiset wurde: so ist auch hier in dieser Schüssel das große, räthselhafte Verwandlungsfest und die Lauberhüttenfeier des Auszuges aus der Dienstbarkeit sichtbar geworden. Indem Ferdinand die wolkigen, unbestimmten Figuren, die sich bunt und unkenntlich zusammengezogen hatten, schon scharf betrachtete, sagte der Alte, welcher empfindlich schien: ich vermuthe, Herr Zwerg, daß sie Euch vielmehr wegen zu großer Geschwätzigkeit dort aus dem Lande verbannt haben, denn hier wenigstens stört Ihr die nothwendige Ruhe und Aufmerksamkeit. Ingeram sah ernsthaft mit in die Schüssel und sagte dann: seht nur, Herr Doctor, da ist wie grün, blau, roth und goldnes Wolkenwesen, wie ein Nordlicht, das durch einander zittert und funkelt; ist denn aus diesem glänzenden Besenreis, Auskehricht und struppichten, igelförmigen Schicksals-Lineamenten wirklich etwas Ernsthaftes herauszulesen, so buchstabirt uns doch ein wenig vor, daß wir glauben, aus Eurer Saat seien Worte hervorgewachsen. Der Alte hatte noch eine Kerze angezündet, leuchtete aufmerksam in die Schüssel und hielt mit einem silbernen Griffel bald auf diese, bald auf jene Stelle derselben. Wer ungläubig ist, sagte er endlich ungeduldig, der sieht und hört nicht, der vermag auch keinen Gedanken zu fassen. Seht Ihr denn nicht einen Fürsten im rothen Purpurkleide auf seinem goldenen Throne sitzen? Nicht weit davon im himmelblauen Mantel, mit Hermelin verbrämt, ein noch größeres weibliches Gebild, wahrscheinlich seine Gemahlin oder Mutter? Hier steht ein großer Mann, im braunen Mantel, mit langem Bart, der ein Schwert emporhält, auf welchem oben eine goldene Krone schwebt. Im Winkel hier sitzt noch, wie im grünen Grase, eine kleine Figur, die mich auch wie ein König oder Fürst bedünken will. Seht, hier ist ein Kampf zwischen zwei Rittern, und Blut fließt. In der Ecke wird gar eine ganze Stadt mit Sturm eingenommen. Summa, Ihr seid, mein junger Freund, von vornehmem Geschlecht, aber Blut wird fließen, Kampf und Krieg wird es kosten, bevor Euer Wappen kann an das Tageslicht gezogen werden. Der Mann mit dem Schwert hier vorn ist entweder Euer Vater oder mächtiger Gegner. Nun wahrlich, rief Ingeram aus, dagegen sind die Propheten, die mit schlichten Augen die Zukunft voraussehen, oder aus dem Antlitz der Menschen wahrsagen können, doch nur blind zu nennen! Aber könnte ich denn nicht vielleicht der ganz kleine Fürst seyn, der dort, wie Ihr sagt, im Grase kauert? Je mehr ich das kurze Ding betrachte, je mehr finde ich Aehnlichkeit mit meiner Gestalt. Seht nur selbst, wie zärtlich er, mehr mit dem Maul als mit den Augen, nach dem sitzenden Fürsten hinüberschaut? Immer mehr kommt die Vermuthung, guter Ferdinand, näher, die ich neulich schon äußerte, daß Ihr doch mein Sohn seyn möchtet. Ferdinand erhob sich heftig bewegt. Keinen Dank, sagte der Doctor, noch weniger einen Lohn, – aber, – fügte er bittend hinzu, indem er die Hand des Jünglings faßte – wenn Ihr einmal Euerm wahren Stande zurückgegeben seid, so gedenkt meiner in Freundlichkeit. Wie kann Euch, sagte Ingeram, als sie wieder auf der Straße standen, nur so kindischer Aberwitz in diese Bewegung setzen? Eben so gut möchtet Ihr Euch ja aus Morgennebel und Abendwolken Eure Ahnen herauslesen. Wohin kommt es mit Euch, junger Mensch, wenn jedes Spielwerk Euch Euerm Wesen abtrünnig machen kann? Du sprichst eben, antwortete Ferdinand unwillig, wie man so spricht. Soll ich mich nicht ganz fallen lassen, daß es mir völlig gleichgültig ist, wie ich als Knecht und Tagelöhner im Schlamm untergehe, so muß mich Alles quälen, oder in Hoffnung erfreuen. Und ängstige mich nicht mit jenem scherzenden Wort, das Dir dort wieder beim Wahrsager entflogen ist: ich will Dich immer lieben, aber ich mag Dein Sohn nicht seyn. Es ist ja noch die Frage, antwortete Ingeram ganz ernsthaft, ob ich Euch brauchen könnte, denn seht, Ihr habt eine herrliche Anlage zu einem aberwitzigen Liebhaber, aber auch nicht die geringste zu einem, auch nur mittelmäßigen, Sohne. Wir vertrügen uns schwerlich, denn ich würde Euch eine gar andere und strengere Erziehung zukommen lassen, als Ihr bis jetzt genossen habt. – O Balduin! Balduin! Was meinst Du, was willst Du? fragte der Jüngling. Nicht meine ich jetzt, antwortete der Alte, unsern berühmten, umgekommenen griechischen Kaiser: nein, ich dachte an jenen allerersten Grafen von Flandern. Wißt Ihr nicht die Geschichte? Erzähle sie, sagte Ferdinand, ich kenne sie nicht. Weil sie Euch schlecht und unwissend erzogen haben, fuhr jener fort. Versteht: in jenen uralten Zeiten, als hier noch viel Wald und Sumpf und wenig Verstand war, unter einem der Karolinger – war es der Kahle, Dicke, Magre, oder was weiß ich! – lebte ein Flandrer, der seinen großen, starken und schönen Sohn mit Prügel, Peitsche und hartem Wort erzog, wie es sich denn gehört, wenn aus dem Menschen was werden soll. Der junge Balduin fürchtete sich auch gewaltig vor seinem Vater, that deswegen aber doch oft, was jener verboten hatte, er aber durchaus wollte, denn glaubt, die starten Charaktere erwachsen nur und bilden sich durch Widerstand. So gerieth denn, als der Bursche groß genug war, der Balduin an den Hof jenes dicken oder kahlen Karl (vielleicht war er gar, wie es sich oft trifft, alles Beides) nach Paris, als Diener, junger Ritter, angestellter Müßiggänger. Der Bengel gefiel dem Könige und noch mehr dessen jungen, schönen Tochter. Das ist ja das alte Lied, das die Welt immer wieder singt. Nun, es war einmal sein Schicksal. Aber ebenso, daß die schöne Königstochter einem jungen Könige von England vermählt wurde. Was unser Balduin geseufzt, geklagt, geweint, oder in Liedern gesungen, davon steht in den Chroniken nichts aufgezeichnet. Damals war unser wildes Land noch ein Stück von Frankreich, es wurde auch wohl der Forst oder Wald genannt, man setzte Aufseher, Edelleute hieher, die in allen Dingen der Krone gehorchen mußten und dafür das Einkommen des Landes genossen. Zu einem solchen Oberförster wurde denn auch Balduin zur Belohnung seiner treuen Dienste hergeschickt. Nun hätte man denken sollen, da hier in den Wäldern bis zur See dort an den Dünen, auch am Meere selbst, so viel Raum und Platz war, um zu seufzen, daß er seinen Athem nicht würde gespart und sich erst recht auf Klagen und Schluchzen gelegt haben. Aber nichts weniger, der Mann regierte mit Verstand seine Unterthanen, baute mehr und bessere Schiffe, lichtete die dichten Wälder, übte seine Krieger, legte feste Schlösser an und gab gute Gesetze. So kam es denn, was er freilich nicht hatte berechnen können, daß der König von England starb. Der dicke, kahle Monarch ließ mit Pracht, großem Gefolge und schöngeschmückten Schiffen seine königliche Tochter und Wittwe von England herüberholen, um sie einem andern großen regierenden Herrn zu vermählen. Was thut aber nun unser Balduin? Er hatte das Trauern satt, setzt sich auf seine Flotte, nimmt die besten und kühnsten Gesellen mit, lauert in der engen See den Franzosen auf, entert, nimmt mit starkem Arm und Muth seine Geliebte in sein Schiff, und stellt es dem Gefolge frei, auf das Blut zu kämpfen und unterzugehn, oder ihrem Könige in Paris die Geschichte anzusagen. Sie wählen das Letzte und er fährt mit der glücklichen Braut nach Flandern. Der getäuschte, erschreckte Vater überlegt in Zorn und Güte, was zu thun sei, doch behält die Güte (er war wohl mehr dick als kahl) endlich die Oberhand. Das Abentheuer, die Kühnheit gefällt ihm. Er fügt zur Verzeihung seine Liebe hinzu, macht Flandern zur Grafschaft und seinen eingedrungenen Eidam zum ersten Grafen, wodurch auch die Macht und Unabhängigkeit des Landes zuerst begründet wurde. Du wirst mich noch rasend machen! rief Ferdinand aus; was kann ich denn thun? Rasend? Wer will hier rasen? schrie eine Stimme, die sie wohl kannten. Humberkurt war in großer Eil, und da die Dunkelheit die Gestalten verbarg, so heftig an sie gerannt, daß der Kleine zu Boden fiel. Oho! rief dieser, sacht! Wir suchen unsern Verstand hier auf schlichter Erde schon wieder zusammen. Humberkurt aber war schon fortgeeilt, ohne weiter etwas anzuhören, oder Rede zu stehen. Sollte der nicht auch verliebt seyn? sagte Ingeram: oder Jemand entführen wollen? Ihr laßt ihm bei alledem zu sehr den Vorsprung. Indem sie in die Burg zurückkehrten, vernahmen sie, daß Humberkurt verstört und ängstlich zum Grafen Hugo geeilt sei, der etwas unpaß, sich schon zum Schlafen hatte entkleiden wollen. Hugo war fast erschreckt, seinen Sohn in diesem Zustande in sein Zimmer treten zu sehen. Was ist Dir begegnet? war die eilige Frage. – Alles gewonnen oder verloren! rief ihm der Sohn keuchend entgegen: ich höre von einem Vertrauten, der eilig nach der Stadt kam, es sei in der Landschaft das Gerücht, unser Balduin sei wieder erschienen. Balduin? schrie der Graf und fiel wie ohnmächtig auf das Ruhebett; – o Conrad! Conrad! Du spielst ein großes Spiel. Aber, sagte der Sohn, wenn es wäre, könnten wir so nicht Alles gewinnen? Und auf näherem Wege? Und mit mehr Sicherheit? Und sollt' es denn völlig unmöglich seyn? Unmöglich ist es! rief der Vater; der Fürst ist dahin, das leidet auch nicht den mindesten Zweifel. Dahin also, dahin strebte diese Ruhe und der Hang zur Einsamkeit? Nun wohl, wir müssen uns rüsten; denn da er es bis zum Aeußersten treibt, müssen wir freilich auch alle Mittel aufbieten. Der Krieg ist wieder da, und weil die Gerechtigkeit auf unserer Seite steht, so wird uns auch der Sieg krönen. Ein so plumpes Possenspiel kann keinen Verständigen täuschen oder verlocken. Man hörte Pferdegetrappel auf dem Markt, und im Schlosse wurde es unruhig. Humberkurt ging hinaus und begegnete schon auf der Treppe einem Boten, der eben vom Pferde gestiegen war, und keuchend und athemlos einen wichtigen Brief in eigener Person dem Regenten zu überliefern verlangte. Hugo hatte schon die Thür seines Gemaches geöffnet und ließ den erhitzten und erschöpften Boten hereintreten. Seid Ihr es, rief er, mein getreuer Willibald? – Ja, gnädiger Herr, antwortete dieser mit schwacher Stimme, ich bin seit gestern früh nicht von den Pferden gekommen, denn die Botschaft, die Euch Euer edler Freund, Graf Conrad, meldet, ist allzuwichtig. Gut, daß ich Euern Händen noch heut seinen Brief übergeben kann. Es war auch mein gemessenster Auftrag, sein geschärftester Befehl, von dem wunderbaren Ereigniß weder in der Landschaft, noch hier in der Stadt ein Wort verlauten zu lassen. Ich war gehorsam und bedarf jetzt der Ruhe. – Er beurlaubte sich, um zu ruhn und sich zu erquicken. Hugo hatte den Brief mit der größten Spannung gelesen, las ihn wieder, ließ die Hände sinken und sagte dann in einem fast wehmüthigen Tone: nein, diesmal habe ich meinem alten Gegner Unrecht gethan, und er beschämt mich durch seine Großmuth. Jetzt muß ich auch glauben, daß es ihm mit seinem frommen Wandel, mit seiner Bekehrung ein Ernst sei; ja, ich muß es gestehn, er ist besser als ich. Höre denn, mein Sohn, den Brief des Mannes, und freue Dich mit mir, daß wir ohne Noth ihn anklagten. – Er las: »In großer Eil, mein theurer Freund, fertige ich diesen Brief, damit Ihr früh genug ein sonderbares Ereigniß erfahren mögt und als Regent zur rechten Zeit die nöthigen Vorkehrungen dagegen treffen. Ein alter Einsiedler im Wald bei Valenciennes, den die Menschen bisher Bernhard Rais nannten, hat sich plötzlich, indem die Wallfahrten viele Menschen in jene Gegend zogen, für unsern Kaiser Griechenlands, Balduin, ausgegeben. Viele wollen ihn als solchen erkennen, wie die Menge denn nur zu gern jedem Neuen und Wunderbaren mit unverständiger Leidenschaft zuströmt. Leider haben sich manche Edle und Einige von der Geistlichkeit, wohl mehr aus Unzufriedenheit als Ueberzeugung, hinreißen lassen. Alle Umstände lassen mich befürchten, daß Alles nur eine List des Eigennutzes und schlechter Absicht sei, denn ein gewisser brauner Robert, der allen Besseren schon längst verdächtig war, ist es eigentlich, der zuerst mit übertriebenem Eifer und wilder Heftigkeit den Eremiten als Balduin erkannte und sogleich die bethörte Menge zu Aufruhr und Widersetzlichkeit ermunterte. Ein Zufall, indem ich eben von einem Kloster zurückkehrte, führte mich herbei, als dieses Schauspiel sich entwickelte. War ich gleich unbewaffnet und fast ohne Begleitung, so wagte ich es dennoch, diesen Rebellen verhaften zu lassen, damit er Euch als Empörer zu Verhör und Strafe übersendet werde. Auch fruchtete mein Wort und Ansehn, die aufgeregte Menge zu zerstreuen. Die folgende Nacht, nach Empfang dieses Schreibens, wird dieser Robert, der gewiß ein Bösewicht ist, gefesselt bei Euch anlangen. Diese Vorsicht habe ich anwenden wollen, damit nicht, wie es geschieht, zieht er am Tage ein, unnützes Geschwätz die Stadt erfülle. Erfahrt Ihr von ihm, wie ich nicht zweifle, den wahren Zusammenhang der Sache, macht diese bekannt und straft ihn dann öffentlich, so wird dieser Aufruhr sterben, indem er nur hat andeuten können, was seine Absicht war. Ihr mögt denn gebieten, was mit dem täuschenden Eremiten geschehen soll, und so sehr ich auch der Welt und ihren Geschäften entsagt habt, so will ich Euch doch hierin gern dienstlich sehn, um für mein Vaterland etwas Gutes noch zu thun und dessen Ruhe zu befördern.« Hugo beschloß, der jungen Fürstin, um sie nicht zu früh zu betrüben, den Vorfall noch zu verschweigen. Humberkurt sollte am nächsten Abend mit Vertrauten und Bewaffneten selbst dem Zuge entgegenreiten, um in der Finsterniß unbemerkt den Verbrecher in die Stadt zu führen. In den Gefängnissen des Schlosses selbst sollte er dann verwahrt werden, damit dem Pöbel sein Anblick entzogen würde und er ohne alle Verhinderung im Stillen verhört werden möchte. Am folgenden Morgen vernahm Hugo noch einmal den Boten und freute sich über Conrads weises Verfahren, der in der That Alles gethan hatte, um diesen Aufruhr, der von unzufriedenen Parteihäuptern angezettelt schien, in der Geburt zu ersticken. * Graf Conrad lebte auf seinem einsamen Schlosse fast mehr in der Kapelle, als in den Zimmern der Burg. Um die Jagd schien er sich gar nicht kümmern zu wollen, und seinem Sohne Wachsmuth hatte er erklärt, dieser müsse die Geschäfte und Berechnungen mit den Wirthschaftern und Pachtern abmachen, weil er sein beruhigtes Gemüth durch dergleichen irdische Rücksichten und kleinliche Verwickelungen nicht wolle stören lassen. Der Sohn war vom Betragen des Vaters gerührt und erbaut, doch schmerzte es ihn, daß sein eigenes Glück und seine innigsten Wünsche darüber zu wenig berücksichtigt würden. Aber noch am nehmlichen Tage ward die Ruhe des einsamen Schlosses auf eine unerwartete Art gestört. Man sah aus der Umgegend von allen Hügeln sich Schaaren von Landleuten unruhig und mit Geschrei herbeiwälzen. Alle die einzelnen Haufen vereinigten sich und richteten gemeinsam ihren Weg nach dem Schlosse. Als sie näher kamen, unterschied man, daß sich Edle unter ihnen befanden und manche Schaar von würdigen Geistlichen angeführt wurde. Als Alle versammelt waren, riefen die Massen mit großem Geschrei nach dem Grafen Conrad, einige Edelleute näherten sich dem Thore, welches sie verschlossen fanden. Sie klopften heftig, indessen die Menge wieder schrie: Graf Conrad! Hülfe! Seid unser Anführer! Rettet uns, tapferer Held! Wachsmuth zeigte sich am offenen Fenster und fragte, was man verlange, und Friedrich, ein junger Edler, nahm für Alle das Wort: Sagt Euerm verehrten Vater, daß es der Wunsch und die Bitte der ganzen Landschaft sei, daß der verkannte und gekränkte Held sich an unsere Spitze stellen möge, um unsern großen Fürsten, der uns durch ein Wunder wieder geschenkt ist, zu dem angestammten Sitz seiner Ahnen zurückzuführen. – So ist es! So ist es! schrieen Alle einstimmig. – Wo ist der edle, fromme Mann? fragte der Abt. Mein Vater, antwortete der Sohn, ist mit seinem Kaplan in der Kirche, im frommen Gebet vertieft: ich sehe ihn selbst nur wenig, doch will ich ihm melden, daß Ihr da seid, und ich bitte den Herrn Abt, so wie Herrn Friedrich und Einige Eures Zuges, daß Ihr eintreten und ihm selber, was Ihr an ihm sucht, vortragen mögt. Die Uebrigen aber, Ihr Herren, ersucht, daß sie außen und ruhig bleiben, denn unser stilles Haus hätte doch keinen Raum für sie. So sei es, antworteten sie, indem ihnen von Dienern der Eingang geöffnet wurde. Es währte lange, bevor Graf Conrad seinem Sohn die festverschlossene Kapelle eröffnete. Er wollte zürnen und ließ sich nur ungern zum Saale führen, wo die edlen Herren seiner mit Ungeduld warteten. Edler Graf, fing der Abt an, als Conrad nachdenkend eingetreten war. Ihr findet hier viele Freunde des Vaterlandes und treue Unterthanen versammelt, um Euch, selbst gegen Euren Willen, Eurer Einsamkeit und Muße zu entführen, die Euch jetzt bei den großen Dingen, die sich gezeigt haben, nicht mehr geziemt. Soll Alles in Verwirrung untergehn, soll Blut unnütz vergossen werden, sollen die Schlechten den Sieg davontragen und die Lüge herrschen, bloß weil Ihr der Ruhe und der Andacht pflegen möchtet? Dem sei nicht also. Jetzt wartet eine höhere Pflicht auf Euch, als dem Herrn zu dienen, denn dessen Wort eben ruft Euch auf, das Heilige anzuerkennen und zu vertreten. Wir Alle sind überzeugt, daß Balduin uns wieder geschenkt ist, aber Keiner im Lande kann es bekräftigen, als Ihr allein. Keinem wollen wir unbedingt glauben, als Euch allein. So ist es! rief der ungestüme Friedrich, darum zögert nicht, weicht uns nicht aus, denn wir nehmen, weigert Ihr unsere Bitten, Euch mit Gewalt fort, und die versammelten Haufen da unten werden auf keine Einrede sonderlich achten. Der Kaiser hat sich uns schon zu erkennen gegeben, bestätigt Ihr sein Wort, Ihr, dessen Adel, Tugend und Frömmigkeit wir Alle kennen und verehren, so leben und sterben wir für unsern Fürsten. Könnt Ihr uns, nach reifer Prüfung auf Euer Gewissen, versichern, dieser Balduin der Eremit sei nicht unser Fürst, so wollen wir den Einsiedler für einen Betrüger achten und unsern Glauben und unsere Sinne Eurer Ueberzeugung gefangen geben. Graf Conrad zögerte, schien aber nach einiger Zeit dem Wunsche der Besuchenden beizustimmen. Indessen erhob sich vor dem weitverbreiteten Gebäude und auf dem Felde ein gewaltiges Geschrei und Toben der Menge, denn einige von ihnen wollten die Nachricht erhalten haben, daß der Graf sich durchaus nicht ihrem Begehren fügen wolle. Furchtbar tobte das Volk und es gelang den Edelleuten nur nach und nach, den Aufruhr wieder einigermaßen zu stillen. Man sprach schon von Verräthern, die den rechtmäßigen Herrn verleugneten, man machte Anstalten, das Thor mit Gewalt zu erbrechen, doch verwandelte sich das Schelten und Zürnen plötzlich in ein lautes Freudengeschrei, als Graf Conrad ihnen freundlich mit seinen Begleitern entgegentrat. Sie drängten sich um ihn und er sprach laut, damit Viele ihn vernehmen möchten: Ich will mich Euch nicht entziehen, meine theuern Landesgenossen, ich will gern, wenn Ihr mich auffordert, das allgemeine Wohl befördern helfen; aber Freiheit muß mir bleiben, daß ich mich erst überzeuge, daß mir auch der kleinste Zweifel nicht mehr hafte, er sei es wirklich, unser allgeliebter Fürst, damit wir nicht statt des Schlimmen das noch Schlimmere erwählen. Diese Freiheit ist mir von diesen edlen Herren zugesichert worden, und so wie ich mich nur überzeugt habe, werde ich auch keinen Anstand nehmen, die Wahrheit öffentlich zu verkündigen. Der Zug machte sich nun auf den Weg. In der Stadt hatte sich die Bürgerschaft schon mit ihren Schultheißen und Vorstehern versammelt, die Ersten des Adels, so wie die Vornehmsten der Geistlichkeit waren alle im großen Saale des Rathhauses in ihren Festgewanden, auf einem erhöhten Sessel saß der ehrwürdige Eremit, der sich schon mit dem Purpur geschmückt hatte, ein Schwert an der Seite und das Zeichen seiner Würde auf seinem Haupte trug. So sehr seine ganze Tracht verändert war, so hatte er doch seinen übermäßig langen Bart behalten, der das ehrwürdige Ansehn des großen, majestätischen Mannes nur noch erhöhte. Die Stadt war in Bewegung, alle Gewerbe standen still, die Bürger sprachen und rathschlagten auf den Straßen, die Läden waren geschlossen und die Menge wogte in unruhiger Erwartung auf dem Markt und den Plätzen. Die wundersamsten Neuigkeiten wurden erzählt, die seltsamsten Mährchen fanden Glauben, und das gewöhnliche, alltägliche Leben war so völlig aufgelöst, daß jedes Gemüth Wunder und Zauber erwartete, und schon bereit war, Gut und Leben für irgend ein Phantom aufzuopfern, wie vielmehr für den wiedergefundenen Fürsten, der nach so vielen Jahren wie ein Geist aus dem Grabe unter sie getreten war. Als Graf Conrad mit seinem Sohne in dem Saal trat, ging ihm mit edler Geberde Derjenige, den Alle schon Balduin nannten, entgegen. Conrad führte den Fürsten mit allen Zeichen der Ehrerbietung nach seinem Sitze zurück, und nachdem die Versammlung sich beruhigt hatte, sprach Graf Conrad, der einen Sessel zunächst dem Herrn eingenommen hatte, auf folgende Weise: Die Wunder, meine verehrten Freunde, der grauen Vorzeit wiederholen sich, die Gräber geben ihre Todten zurück, Leichname kehren wieder, mit neuem, frischem Leben begabt. Wie glücklich uns die Ueberzeugung, die Gegenwart dieses Wunders machen muß, so ist es doch auch nicht ungeziemlich, zu zweifeln, zu fragen und zu forschen, um uns eben durch edle Ruhe der Wohlthat des Himmels würdig zu machen und keiner Täuschung nachzugehn, die uns vielleicht willkommen seyn möchte, weil sie etwa der Leidenschaft von Diesem oder Jenem schmeichelt. Die Stände, die Geistlichkeit, das Landvolk, so viele von diesen haben mich Unwürdigen ausgewählt, in ihrem Namen zu forschen und zu fragen, um endlich zu entscheiden und dieser meiner Entscheidung alsdann unbedingt zu folgen. Wie mich dies ehrt, so bekümmert es mich auch, denn so soll von meiner Zunge das Schicksal dieses Landes, der Fürstin, unsers Herrn und vieler Tausende abhängig werden, sie soll an dieser Riesenwage den Balken hüben oder drüben entscheidend niederziehen. Darum, Freunde, und Ihr, mein edler Herr (mögt Ihr auch seyn, wer Ihr seid), muß es mir vergönnt seyn, meine Zweifel bis auf die äußerste Grenze, bis über meine eigene Ueberzeugung hinüberzuwerfen, um der Sache genugzuthun, und dies muß meiner Pflicht und meinem Gewissen verziehen werden, weil es nicht geschieht, um Euch, ehrwürdiger Herr, oder irgend wen, zu kränken oder zu beleidigen. Ihr sprecht und handelt hierin nur, antwortete Balduin, wie ein edler, frommer Mann und ächter Patriot, als einen solchen habe ich Euch stets erkannt, und fern sei es, daß ich mich irgend durch ein Wort beleidigt wähnen sollte, nein, ich danke es Euch vielmehr, wenn Ihr nicht Euerm Herzen, oder Euerer Ueberzeugung selbst allzuschnell folgen wollt. Die größte Stille herrschte im Saal und Conrad begann: Wie ist es also nur möglich, daß wir Euch nach so vielen Jahren als unsern Fürsten anerkennen sollen? Welche Wahrscheinlichkeit, welche Möglichkeit ist nur, diesen Vorfall, der stets unglaublich bleiben wird, anzunehmen? Zwar haben Euch einige alte Krieger und Gefährten Eurer Leiden anerkennen wollen; zwar zeigt Ihr die Narben auf, die unserm Fürsten die Feinde schlugen; zwar ist die Aehnlichkeit mit dem Verblichenen, so viel sie sich nach zwanzig Jahren wiederfinden läßt, deutlich genug, und Mancher möchte sie unwidersprechlich nennen: aber alles Dieses wiegt die innern, die näher liegenden Unwahrscheinlichkeiten nicht auf, die sich Jedem, der nicht kindischen Wunderglauben gern nährt, sogleich anbieten müssen. Ich und wir Alle, die wir mit Euch waren, glaubten uns mit Recht überzeugt zu haben, Ihr wärt in Euerm Gefängniß gestorben; die Feinde selbst, die sich doch von Euerm Leben Vortheil versprechen durften, haben jeder wiederholten Gesandtschaft von neuem die Versicherung Eures Todes wiederholt. Ein anderer Kaiser, Euer Bruder, nahm damals ohne Widerspruch den Thron Griechenlands ein, keine Stimme meldete sich, kein Gerücht Eures Lebens erscholl. Sei es, daß Euch sonderbare Schicksale entfernt hielten, daß Aufenthalt unter Fremden es Euch unmöglich machte, Nachrichten hieher, oder selbst nur nach Constantinopel zu senden: aber wie, nachdem Ihr zurückgekehrt seid, nachdem Ihr schon lange, manches Jahr, in unserer Mitte lebt, indem Ihr aus jedem Munde die Drangsale und Noth Eures Landes hört, wie, da Ihr durch ein Wunder gerettet, als Fürst unter uns seid – verstummt Ihr, verbergt Ihr Euch Jahre hindurch? Ist diese Gesinnung, diese Verlarvung eines Fürsten würdig, ja ist sie nur zu denken möglich? Wäret Ihr auch des Sinnes gewesen, Euch von der Welt und der Regierung zurückzuziehen; mußtet Ihr nicht mindestens Euer Dasein melden und die notwendigsten Verordnungen, Euer Vermächtniß den Räthen und Regenten übergeben? Ist dieses Betragen mir schon an einem Fürsten unbegreiflich, was soll ich erst vom Vater sagen? Mußte Euch das Herz nicht zur edeln, schönen Tochter unwiderstehlich hinreißen, die Ihr als ein unmündiges Kind verließet? Ihr Wohl und Weh, ihre Verwaistheit, ihre Leiden waren Euch kein Sporn? Kein Sporn war es Euch, Euch ihr zu offenbaren, und ihr diesen Trost zu geben, ihr dies Entzücken zu gönnen, dem keins auf Erden gleichkommt, einen edlen, tapfern, weltberühmten Vater in die Arme zu schließen, den sie seit zwanzig Jahren fast beweinte? Ihr habt es sogar zugeben können, daß sie als mündig auf den Fürstenstuhl gesetzt wurde, und habt den unbegreiflichen Muth, sie in die traurige Verlegenheit zu setzen, daß sie diesen wieder räumen muß, oder daß Ihr, der Vater, sie in die Versuchung führt, Euch mit offener Gewalt zu widerstehn und einen Kampf zu entzünden zwischen Tochter und Vater, den unnatürlichsten, den die Welt noch gesehen hat? Nein, meine versammelten Freunde, mögen noch mehr Wahrscheinlichkeiten, als sich schon zeigten, für diesen Mann sprechen, unsere Vernunft, unser einfaches, unbestochenes Gefühl muß uns überzeugen, daß er Der nicht seyn kann, für welchen er sich ausgiebt, und zwar so sehr überzeugen, daß eigentlich keine Widerrede stattfindet. Nun fragt sich nur, zu welcher Absicht, auf wessen Anstiften tritt diese Erscheinung auf, den schwer und spät errungenen Frieden unsers Landes von neuem zu stören? Dies zu untersuchen, diesem Unheil vorzubeugen, möchte, nach meiner Meinung, wohl jetzt unsere nächste und heiligste Pflicht seyn. Ein wachsendes Murren ließ sich vernehmen, Friedrich sprach laut von Verdrehern des Rechtes, einige Andere, wie sehr man sich in der lautern Tugend des Grafen geirrt habe; doch Ildefons, der Abt, besänftigte die zürnenden Gemüther wieder, und nachdem sich Alles beruhigt hatte, fing der vormalige Einsiedler also zu reden an: Wie könnt Ihr doch, Ihr versammelten, mir wohlwollenden Freunde, den allergetreuesten Landesherrn in seiner erprüften Redlichkeit nur irgend verkennen? Er spricht und handelt, wie er muß. Ist es denn eine Kleinigkeit, ein Spiel etwa, was Ihr mit mir unternehmt, wozu ich Euch, wie zu einem Maienfeste, anführe? Er hat ja nur in Euerm Namen gesprochen, seine Zweifel müssen ja die Eurigen seyn, wollt Ihr nicht den Vorwurf sündlicher Uebereilung auf Euch laden. Um Euch aber Genüge zu thun, sei es mir erlaubt, meine Geschichte und in ihr die Ursachen zu erzählen und darzulegen, die mich bewegen mochten, mich so lange allen Blicken, selbst den Augen meiner geliebten Tochter zu entziehen. – Graf Conrad, noch einige hier Anwesende und alte Freunde in Gent, Brüssel und Brügge, welche zugegen waren, mögen sich noch mit Reue und Herzensbangigkeit erinnern, unter welchen verhaßten, schauderhaften Umständen damals das unermeßliche Constantinopel erobert wurde. Der getäuschte, erzürnte Krieger kannte keine Schranke, der Christ hatte sogar vergessen, daß er Mensch sei. Was die Geschichte von Greueln nur erzählt, ward hier verübt, und schauderhafter, unmenschlicher als je, so daß die Scheu des Herzens aus Sitte und Erbarmen lieber schweigt, und Gedächtniß und Einbildung gern auf ewig, wenn es nur möglich wäre, diese scheuseligen Thaten vergessen möchten. Wie ich gefangen ward, weiß Graf Conrad, denn er war in der Nähe, fast zugegen, und hätte beinah mein Schicksal getheilt. So bitter wurde der Mangel an Klugheit bestraft, den ich aus mißverstandnem Heldensinn gegen jenen barbarischen Johannizza, den König der Bulgarei, beging. Er wollte sein Lehnsverhältniß zu Griechenland erneuen und mir die Vasallenpflicht leisten: ich wies aber ihn und seinen Beistand ab, weil er unter Alexius ein Stück Land willkührlich und durch Ueberfall dem griechischen Reiche entzogen hatte, das er mir nicht zurückgeben wollte. So gesellte sich der Barbar zu meinen Feinden, die mich schon rings umdrängten, und eine einzige unglückliche Schlacht, die wir unbesonnen schon für Sieg erklärten, vollendete mein Schicksal. In dem entscheidenden Augenblicke, als ich mit Wenigen schon von meinen Kriegern abgeschnitten war, wechselte mein treuer Knappe, mir an Gestalt und Wuchs nicht unähnlich, mit mir Helm und Schild, er nahm die Abzeichen meiner Würde an sich, und kaum daß dies geschehen war, verlor ich unter neuen Wunden Bewußtsein und Freiheit; auch mein Knappe ward schwer verwundet und gefangen. Als ich das Licht wiedersah, hatte man jenen schon als Kaiser erkannt, ich schien ihnen nur ein Knecht zu seyn, und der Redliche bestärkte sie auch mit großmüthigem Sinn in ihrem Irrthum. In wilder Wuth, in trotzigem Hochmuth, gesiegt und den Kaiser selbst gefangen zu haben, verstümmelten sie den Aermsten, der sich mir aufopferte, im Regen lag er, tief im Schlamme vor der Burg im Graben, ohne Arme und Beine, ein schauderhafter Rumpf; aber er klagte nicht, er verrieth nicht das Geheimnis; in den zwei Tagen und Nächten, als er in unaussprechlicher Pein verschmachtete. Einige gefangene Griechen und selbst Franken sahen und sprachen ihn dort, die nachher die Mähr nach Europa brachten, so in Martern sei Balduin verschieden. – Nachher, als der Kaiser Heinrich, mein jetzt auch längst verschiedener Bruder, wieder durch Gesandte Unterhandlungen mit den Bulgaren anknüpfte, gaben sie vor, ich lebe noch, um Vortheile zu erlangen, waren aber selbst vom Gegentheil überzeugt, und mußten nachher eingestehn, Balduin sei langsam und ruhig im Gefängniß gestorben. Dies ist die Ursache und der Zusammenhang der Dinge, weshalb später in Europa von meinem vermeintlichen Untergange so verschiedene Gerüchte im Umlauf waren. – Ich indeß schmachtete unerkannt und vergessen im Kerker, unter Knechten und geringen Menschen. Ich hatte gehofft, mit andern Gefangenen ausgelöset zu werden; aber Das, was mir das Leben gerettet hatte, war jetzt die Ursach, daß man mich nicht achtete und für unbedeutend hielt, indem man mich völlig vernachlässigte, ohne mir doch die Freiheit zu geben. Hier nun, in der dunkeln Einsamkeit des Kerkers, von Allen gemißhandelt, zum Tiefsten der Menschheit erniedrigt, demüthigte ich mich in meiner Schmach vor dem Herrn und erkannte meine Missethat und seine strafende Hand. Gebet, Reue, Thränen, Zerknirschung vor ihm waren meine Speise und mein Labsal. Wie erschien mir jetzt mein Kriegsübermuth, jener Rausch und Wahnsinn, jene Frevel und Schändungen der Kirchen und alles Göttlichen, jenes Vernichten und Verhöhnen aller seiner Gebote, durch welche ich mich, fast mährchenhaft, zu jenem verderblichen Throne hinaufgeschwindelt, der mich nun um so tiefer in den Abgrund unermeßlichen Elendes gestürzt hatte. Nein, wer dergleichen in Frevel wie in Buße, in Erhebung wie in Erniedrigung nicht selber erlebt hat, kann es nicht fassen, sein Gemüth versteht nicht die räthselhafte Umkehrung, völlige Umwandlung des Herzens und aller Wünsche. Wer mich jetzt auf jenen furchtbaren Thron so vieler schändlicher Kaiser und eines völlig entarteten Volkes zurückgeführt hätte, den würde ich als meinen ärgsten Feind verabscheut haben. So that ich denn ein feierliches Gelübde, wenn mir mein Heiland und Gott aus diesem Elend hülfe, auf immer diesem griechischen Thron zu entsagen und auch meinem Lande auf fünf Jahre unbekannt zu bleiben. Das war in einer Nacht feierlich beschworen worden, Gott, dem Heiland und meinem Schutzpatron. Es fügte sich, daß die alte Mutter des Kerkermeisters ein inniges Erbarmen zu mir faßte. Sie beredete den Sohn, mir etwas mehr Freiheit zu gestatten. Dieser löste zwar noch meine Ketten nicht, aber dennoch mußte ich es für ein Glück und eine Gnade des Himmels achten, daß ich, der Kaiser, gefesselt jetzt die Gemächer des Gefängnisses besuchen, den Eingekerkerten ein Diener und den Knechten des Meisters ein Helfershelfer seyn durfte. Da ich ruhig blieb, mich in meine Bestimmung fand und niemals den Wunsch nach Freiheit äußerte, so traute man mir endlich, man gewöhnte sich so völlig an mich, daß ich nach einem Jahre zum Hause und zur Familie ohne weitere Untersuchung gehörte. Die Ketten hatte man mir schon seit Monaten abgenommen. So fügte es sich, daß an einem großen Fest Mutter und Sohn, dessen Frau und Kinder, alle im Hause des Gefangenwärters, indem sie fröhlich und trunken auswanderten, meiner ganz vergaßen; ich verließ im Getümmel das Schloß und die Stadt und wandelte eilend, ohne Nahrungsmittel und Geld, in das nahe Gebirge. Bettelnd gelangte ich in der unbekannten Gegend tief in öde Steppen und fast unbewohnte Fluren. Eine Krankheit überfiel den Hungernden, der an Allem, auch an Kleidern, Mangel litt. So fand mich im Gebirge ein Streifzug von fremden, wilden Kaufleuten, die Menschenhandel trieben. Ich war ihnen als Waare schon fast zu schlecht; auf Gerathewohl und aus einem geringen, thierischen Mitleid luden sie mich auf. Ihr Zug ging nach Syrien. Hier verkauften sie die übrigen Sklaven, und mich, fern ab, in einsamer Gegend, einem unbemittelten Bauer, der mich in seiner Armuth nur um so härter zur Arbeit trieb, um sein weniges Geld nicht zu verlieren, das er für mich ausgegeben hatte. Gefesselt, in einem kleinen Hause Nachts versperrt, sah ich Niemand, als meinen Peiniger. Er lebte dürftig mit einem alten Weibe und ich war sein einziger Knecht. Seht, Freunde, noch jetzt sind diese meine Hände von der allzuharten und mir damals ungewohnten Arbeit geschwollen und rauh. Meine Schwachheit, die ich mit allen gebornen Menschen theile, ließ mich oft Thränen vergießen, und der Stolz, der uns nie ganz verlassen will, schämte sich oft, daß ich als verworfner Sklave so einem Verworfnen die niedrigste Arbeit thun mußte, in elenden Lumpen, bei schlechter Kost, verdorbenem Wasser und verschimmeltem Brot, und wie oft von der Peitsche des mißvergnügten Menschenfeindes heimgesucht, den ich immer nicht verstehen lernte, wenn ich auch schon seit Jahren in seinem Felde arbeitete. Aber auch in dieser trübseligen Einsamkeit suchte mich der Herr heim und überschüttete mich mit seiner Gnade. Ich fühlte seine Nähe und war glücklich. Aber ich empfand auch, daß er für meine Sünden ein größeres Opfer, eine strengere Züchtigung verlange, daß er mich in diese neue Schule gethan habe, um meinen Glauben und meine Reue noch stärker zu erwecken. Fünf Jahre hatte ich ihm nur und meiner Besserung schenken wollen: so genau, so geizig hatte ich mit ihm gehandelt, den ich doch so tief verletzt hatte. Ich erneuerte mein Gelübde, noch feierlicher, noch inbrünstiger, und schwur, möge der Herr mit mir thun, was er wolle, mich in dieser strengen Schule lassen, oder mich lossprechen, zwanzig volle Jahr, vom ersten Auszug aus Gent zum Kreuzzug gerechnet, sein Knecht und elender Bettler zu bleiben, mich Niemand zu offenbaren, kein weltlich Kleid an meinen Leichnam, keine Waffe in meine Hand kommen zu lassen und, bis diese zwanzig Jahre verstrichen, von Almosen zu leben. Die fünf Jahre, die ich dem Herrn früher geschenkt hatte, waren nun gerade verstrichen und acht Jahre war ich schon von meinem hiesigen Vaterlande entfernt. Nichts hatte ich seitdem von Griechenland oder Europa vernommen, in diese Einsamkeit reichte keine Kunde, die Welt stand hier still, und kein Gerücht, nicht Krieg, nicht Frieden berührte diese armselige Hütte. An einem trüben Regentage hörte ich Fußtritte von Pferden. Ich erstaunte und erschrak fast wie vor Gespenstern, denn keine Straße führte dort vorüber, ich hatte in diesen fünf Jahren kein fremdes menschliches Antlitz gesehen. Aber es waren in der That Reisende, und wie ich an ihrer Sprache vernahm, als sie näher kamen, sogar Franken. Was ich fühlte, kann ich nicht in Worten sagen; mein Herz in mir weinte, mein Athem schluchzte, das Licht verfinsterte sich mir und ich glaubte vor unaussprechlicher Freude zu sterben. Sie waren verirrt, sie fragten mich nach dem Wege, da ich der einzige Mensch war, den ihre Augen weit und breit ersahen. Ich faßte mich und bat sie, fränkisch mit mir zu sprechen. Und nun, fuhr ich fort und umfaßte weinend ihre Knie, da mir Gott so gnädig gewesen ist, Euch, wie durch ein Wunder, mir so unerwartet in meine Einöde herzusenden, o so laßt Euch eines armen, verlassenen, höchst unglückseligen Christen erbarmen, nehmt mich aus dieser Knechtschaft, Ihr gütigen, lieben Herren, daß mein Fuß wieder die christliche Erde betreten, daß mein fast blind geweintes Auge wieder eine christliche Kirche, den Altar und Priester schauen möge: o erbarmt Euch, so steht der Unglückseligste, kauft mich Aermsten los von einem eben so armen Herrn, ich will Euer Diener seyn unterwegs, ich will Euch keine Kosten weiter machen, oder, wenn es seyn muß, verkauft mich wieder auf der Reise, nur in einer Gegend, wo Menschen wandeln, wo ich sprechen höre, wo ich hoffen darf, von dort einmal wieder nach christlichen Ländern zu kommen. – Der Himmel hatte mir fromme und liebevolle Reisende zugesendet, reiche Kaufherren, die neben ihren Handelsgeschäften zugleich die heiligen Wallfahrtsörter besuchten. Sie kauften mich los, gaben mir Kleider, nährten mich. Ich reisete mit ihnen bis an die See, dann landeten wir nach manchen Unfällen bei der großen Stadt Neapel. Hier verließ ich sie mit herzlichem Dank. Sie hatten mich nicht ausgeforscht, sie waren zufrieden damit, daß ich ein Krieger des Kreuzheeres gewesen sei. – Jetzt ward meine Reise Wallfahrt, Rom besuchte ich als Pilgrim, sah den heiligen Vater bei den großen Kirchenfesten, versäumte keinen Tempel und keine Feierlichkeit. Dann pilgerte ich durch Welschland, nach Deutschland, den Rhein hinunter, und verehrte in Köln die heiligen drei Könige, die Reliquien, die der große Friedrich Barbarossa nach der Zerstörung von Mailand dorthin gesendet hat. So waren wieder zwei Jahre, und mehr als zehn vergangen, seit ich von Gent Abschied genommen hatte. Sollte ich nun, als ich den Boden meines Landes betrat, mein heiliges Gelübde brechen und meineidig werden? Was hätte mich dazu zwingen sollen? Es waren Unruhen in Stadt und Landschaft; aber hätte ich sie nicht vermehrt, wenn ich mich gezeigt hätte? Würde man meiner Erscheinung geglaubt haben? Kein Fremder hatte sich eingedrängt, keiner suchte meinen Stamm zu stürzen, diesem waren Alle getreu, und die Partheien befehdeten sich nur unter einander mit wechselndem Glück. Mein Glück, mein Heil war jetzt nur, mein Gelübde dem Himmel treu zu bewahren, der mich so gnädig errettet hatte. Und nichts zerreißt den Bund mit Gott, nichts trennt uns so gefährlich vom Himmel, als Weltgeschäfte, Staatskunst und Regentenpflicht. Das haben wohl alle edle Gemüther erfahren, die diesen Kampf und den mit dem Himmel bestanden. Und wie, weshalb sollte ich mich meiner Tochter entdecken und vertrauen? Sie kannte mich nicht, als ich das Land verließ, sie hat ihre Kindheit und Jugend nicht unter meinen Augen verlebt: wie sollte ich ihre Ruhe und ihr Glück stören, da ich in der Ferne sah, daß es ihr wohl erging, da ich, so oft ich nur wollte, von ihrem Wohlbefinden hörte? Ja, auch in der Nähe habe ich sie gesehen, zuerst, schon vor zehn Jahren, als sie noch ein Kind war, in Antwerpen, damals, als ich kaum zuerst mein Land wieder betreten hatte; später in Brügge, in Brüssel, und noch im vorigen Jahre in Gent. So lebte ich, betete und war glücklich in meinem Walde und meiner kleinen Zelle. Schon seit einigen Tagen war die Zeit meines Gelübdes vorüber, aber, Ihr wißt es Alle, ich zögerte noch. Ein Zufall machte, daß jener Robert mich zuerst erkannte, daß des Volkes Andrang mich zu halbem Geständniß zwang, sonst wäre ich wohl noch lange meiner Verborgenheit treu geblieben. Und jetzt, wenn ich auftrete, wie so Viele es von mir fordern, – werde ich den Sitz meiner Vorfahren wieder einnehmen? Ich weiß es noch nicht, und werde mich, wenn es so weit gediehen, erst dann mit dem Himmel berathen. Aber sorgen werde ich, meine geliebte Johanna würdig zu vermählen, damit ich meine Unterthanen glücklich in Zukunft weiß. Bei diesen letzten Worten haftete der Blick des Redners, wie zufällig, auf Wachsmuth, der in seiner Nähe stand. Das Antlitz des Jünglings wurde glühend roth, und er suchte es, höchst verlegen, zu verbergen, aber Keiner hatte seine Erschütterung bemerkt, denn Alle waren in Rührung und Freude aufgelöst. Viele Thränen flossen, viele Hände hoben sich in Dankbarkeit zum Himmel, Manche schluchzten laut, einige Nahestehende warfen sich vor dem Redenden knieend nieder und küßten den Saum seines Gewandes. Nur Conrad behielt in der erschütterten Menge seine ruhige Miene, sein bleiches Gesicht verlor die strengen Züge nicht, sein schwarzes Auge blickte eben so ernst als vorher. Alle scheinen befriedigt, sagte er endlich, und meine vorzüglichsten Einwürfe sind allerdings beantwortet; doch verlangt wieder die Pflicht von mir, noch weiter zu forschen. Es erhob sich ein Murren, aber ohne sich irgend stören zu lassen, fing er jetzt ein langes Gespräch mit dem Fürsten an, erinnerte ihn an längstverflossene Jahre, fragte nach Begebenheiten, bei denen er zugegen gewesen war, und erforschte die allerkleinsten Umstände, die unscheinbarsten Zufälligkeiten; der fremde Mann wußte auf Alles Rede und Antwort, so wie den gründlichsten Bescheid zu geben. Die angefangenen Erzählungen endigte er alle, ja berichtigte manche Dinge, in denen sich, wie es einige der ältesten Zuhörer wohl einsahen, Graf Conrad geirrt, oder die er vergessen hatte. Nachdem diese Fragen, dies Erzählen und Antworten lange gewährt und schon die Unzufriedenheit manches Gegenwärtigen erregt hatten, stand endlich Conrad plötzlich auf, wie in heftiger Bewegung, fiel auf die Knie und küßte die Hand Balduins, indem er unter Vergießung häufiger Thränen laut ausrief: empfangt, huldreichster Kaiser, die Huldigung Eures treuesten Vasallen! Vergebt mein Zögern, ich wollte Alle, so wie mich überzeugen. Kein Sterblicher, als nur Balduin, unser großer Fürst, kann die Umstände wissen, die ich jetzt von Euch erforschte. Im Augenblicke stürzten Alle im Saale nieder, riefen: Balduin! Balduin! und schwuren Treue, Liebe und Gehorsam; Friedrich riß ein Fenster auf, und zehn Trompeten mußten, wie es das verabredete Zeichen war, laut auf die Straße ihre Töne hinausschmettern. Noch lauter wurde der muthige, freudenreiche Zuruf von unten beantwortet. Die Zünfte hatten sich schon mit ihren Fahnen versammelt, die Ritter schaarten sich, die Uebrigen der Obrigkeit, die bis jetzt noch gefehlt hatten, drängten sich in das Haus und den Saal, allenthalben Freudengeschrei, Jauchzen, Musik und Zinken und Trompeten betäubten und ermunterten zu noch lauterem Jubel der Schreienden. Mit Majestät und erhabener Haltung empfing Balduin den Schwur der Landesherren, Ritter, Vasallen und Edeln, so wie der Räthe und obrigkeitlichen Personen. Dann zeigte er sich auf dem Altan der jubelnden Menge, ging dann hinab und zog durch die Straßen der Stadt, sprach mit Allen, lobte und ermunterte ihre Treue. – Man ordnete indeß eine Gesandtschaft an den Regenten und die junge Fürstin, man theilte die Bürger und Edle in Schaaren und gab ihnen Waffen, im Fall Graf Hugo den Fürsten nicht anerkennen sollte, und die ganze Stadt erschien wie ein freudiges Feldlager in Lust um den geliebten Fürsten versammelt. Am Abend dieses tumultvollen Tages, als die Stadt wieder etwas beruhigt war, sagte Wachsmuth zu seinem Vater: Leben wir nicht, wie in einem wunderbaren Gedichte? Oft rufe ich mich an und denke, ich träume nur, und strebe zu erwachen. Welch ein Glück ist uns vom Himmel gefallen, daß ich nun mit sehenden Augen den Helden vor mir erblicke, der meiner Kindheit schon so bedeutsam vorschwebte! Und wie gütig er gegen uns ist, wie freundlich, herablassend und vertraut zu mir! Wie glücklich wird Johanna seyn, den edelsten Vater in die Arme zu schließen: und meine erstorbene Hoffnung schwingt nun wie ein Adler die Mächtigen Flügel. In diesen Tagen schon sehen wir sie wohl wieder, und Alles endigt so selig, groß, erschütternd und lieblich, wie es uns nur neulichst noch kein wahnsinniger Traum vorgaukeln durfte. Conrad betrachtete seinen Sohn mit einem scharfen, prüfenden Blicke. Du meinst also, im Hafen zu seyn? fragte er ihn dann. Wird sie denn den Vater so unbedingt, geradehin anerkennen wollen? Und wenn sie sich drein ergäbe, wird es der schlaue Hugo über sich vermögen? Wie? rief Wachsmuth aus, nach allen diesen Beweisen? Der Ueberzeugung der Landschaft, des Adels, Ritterstandes, so mancher Aebte? Nach Eurer Prüfung und Euerm Ehrenwort? Wer kann dieser Majestät des Fürsten, dieser Würde sich entziehn? Und das eigene Kind, die zarte Johanna sollte ihr Herz so unnatürlich abwenden können? Der Vater sagte unwillig: Du bleibst immerdar ein Neuling in dieser unserer klugen verwickelten Welt! Du bist leichter überzeugt, Du bist gerührt, weil es mit Deinem Vortheil zusammenhängt: Jene, die verlieren, werden sich dem Gefühl und der Wahrheit widersetzen. Kann man denn, rief der Sohn, glauben, was man will? Giebt es keine Wahrheit, keine Tugend? Wie glücklich muß auch Hugo seyn, seinem Fürsten, dem Helden, das Scepter wieder zu übergeben? Und was büßt er ein? Conrad wendete sich, wie unwillig, ab. Die Jugend, sagte er dann, urtheilt so frischweg, wie ihr leicht wallendes Blut eben in Bewegung gesetzt ist. Begleite morgen die Gesandtschaft nach Gent, und Du magst Dich dort selbst überzeugen. Aber erlebe, mein Sohn, indem Du lebst. Wir schelten den Knaben, der nach einer Stunde sein Buch schließt, ohne seine Aufgabe gelernt und begriffen zu haben. Und das große Buch der Erfahrung und Geschichte wird vom Schicksal vor uns aufgeblättert, und wir sehen kaum hinein, und lernen die großen Ziffern und Buchstaben der Welt nicht lesen und verstehn. Wie groß war dieser Philipp von Frankreich! Wie rang er mit und gegen England. Wie bekämpfte er den Usurpator Johann, als die Waise, der junge Arthur, von diesem verdrängt war! Und bald gab er nach, als es sein Vortheil heischte, vergaß, was Ehre und Pflicht forderten, verband sich mit dem Feinde und ließ den Jüngling untergehn. Und dennoch nennt ihn Welt und Geschichte einen großen Herrscher. Sein Sohn, Ludwig, der jetzt regiert, dieser fromme, sanfte Herr, dessen Tugend und Enthaltsamkeit, Adel und Gottesfurcht wie ein Muster der Welt dasteht, widersetzte sich dem hochverehrten Papst, als er glaubte, England mit dem Schwert gewinnen zu können. Recht ist erst Recht, wenn Macht es anerkennt und so bekräftigt: dem Unrecht wachsen, vom Glück begünstigt, Engelschwingen, um sich vor den geblendeten Augen der staunenden Menschensöhne bis in den Himmel verklärt zu erheben. Ist Deine Tugend nicht mit Klugheit gepaart, so bist Du bald auf der Gasse der Spott Derer, die Dich gestern im stillen Zimmer bewunderten. Wachsmuth war von diesen Reden wie betäubt. Er verstand seinen Vater nicht, indem er zu sehr erstaunt war, diese Worte zu vernehmen. Vater und Sohn schieden, jeder verstimmt und unzufrieden mit dem Andern. * Der braune Robert war mit Geheimniß in die Stadt geführt und in das Gefängniß gelegt worden. Graf Hugo hatte ihn gleich am Morgen im Beisein des Sohnes verhört und den alten Krieger starr und unbeweglich in seiner Aussage befunden. Alle Anstalten waren getroffen, daß von der Anwesenheit dieses Meuters nichts verlautbaren konnte, und Hugo hoffte, wenn auch durch peinliche Mittel, noch an diesem Tage ein Geständniß und den Widerruf von Robert zu erzwingen, und so am besten jenem Gerüchte zu begegnen, welches binnen Kurzem nach Gent dringen mußte. Ferdinand befand sich am Morgen im Zimmer der jungen Fürstin, und auch Ingeram, der von dieser gern gesehen wurde, war zugegen. Johanna schien fröhlich und kindlich ausgelassen, denn eine frühere Dienerin, die sich nach einer andern Stadt verheirathet hatte, war, um sie zu besuchen, nach dem Schlosse gekommen. Ferdinand vermochte es nicht, die Augen von ihrer Schönheit abzuwenden, denn so muthwillig hatte er die Fürstin noch niemals gesehen, er folgte jeder ihrer schnellen und zierlichen Bewegungen, er lächelte, ohne es zu wissen, indem sie lächelnd mit der ältern Freundin scherzte. Endlich erinnerte sich Johanna eines ländlichen Tanzes, den sie in der Kindheit mit Brigitten eingeübt hatte, und diese, ob sie gleich jetzt etwas ungelenk war, mußte sich dazu verstehn, ihn mit Johannen rasch zu hüpfen und in allen Wendungen zu wiederholen. Dann setzte sich die schöne Muthwillige wie beschämt auf ihren Sessel und sagte: Ich thue wohl nicht Recht, mich, da meine Diener anwesend sind, in der Fröhlichkeit so zu vergessen; aber mein Beichtvater und der Regent mögen es mir verzeihn, denn mir ist eben darum heute so wohl, weil ich diesen wackern Hugo und seinen breitschultrigen Sohn seit einigen Tagen nicht gesehen habe, weil ich einmal Nichts von Geschäften vernommen, und man mir alle die altklugen langweiligen, verwickelten und unnützen Sachen verschwiegen hat! Ach! wie beschwerlich muß es doch seyn, einen Mann vorzustellen! Der Geist ist bei den Männern eigentlich niemals zu Hause, das Geschäft ist ihre Seele, und wenn das sich einmal zu Ende neigt, so wissen sie nicht mehr, weshalb sie leben. Aber Ihr, junger Ferdinand, habt eigentlich noch wenig gethan oder zu thun in der Welt, darum schaut Ihr auch noch so munter und frisch aus den Augen. Ihr singt recht hübsch, junger Mann, ich war vorhin auf dem Söller und Ihr wart im innern Hof, da spieltet Ihr die Laute und ein anmuthiges Lied ging Euch leise, aber doch vernehmlich, von den Lippen. Singt es jetzt noch einmal. Es wäre recht schön, wenn Ihr Euch zum Minnesänger machtet, deren wir hier zu Lande nur wenige haben. Ferdinand wollte Einwendungen machen und sich entschuldigen, aber Ingeram fuhr dazwischen und rief: was Euch der Fürst, Euer Landesvater, befiehlt, müßt Ihr augenblicks thun; ist dieser Herr noch obendrein ein so wunderschönes junges Fräulein, so ist jeder Widerspruch ein Hochverrath und muß mit dem Leben bestraft werden. Warum könnt Ihr in der Einsamkeit das kindische Singen nicht lassen? Da denkt er, kein Mensch hört ihn, und doch geschieht's zuweilen. Die Fürstin, ohne daß Ihr es verlangtet, hat Euch eben recht hübsch etwas vorgetanzt, als wenn sie ein Bauermädchen wäre, und Ihr wollt ihr nichts vorsingen, da sie es wünscht? So singt denn, als wärt Ihr ein großer Herr oder König, Eure Litanei daher. Ferdinand nahm die Laute von der Wand, stimmte schnell und sang mit leiser, bewegter Stimme: O minniglich süße Gedanken, Wie Blüthen licht an Bäumen Mit allen Frühlingsträumen In Abendlüften schwanken: So ohne Wanken Gedenkt mein Herz der süßen, sinnigen, Der tadelsfreien, reinen, minnigen, Im Traum und Wachen Seh' ich vor mir die rothen Lippen schalkisch lachen – O fort von mir, ihr quälenden Gedanken! – Nun ist es Nacht und still und sternenhelle; O Einsamkeit, wie düster, schwer, Wie ist mein Herz so dumpf und leer: Da klagt und weint des Bächleins Welle: Die grüne Stelle, Wo sonst die bunten Blumen schaukelten, Und Schmetterling' im Grase gaukelten, Ist jetzt so dunkel, Und ernst und zürnend dort der Stern Gefunkel – O kommt zurück, ihr quälenden Gedanken! – Da sind wir! rauscht es aus dem Duft der Linden, Und nieder fallen Sehnsucht, Schmerz, Entzücken, Ich muß erschreckt mich bücken, Da fühl' ich neue Geister, die mich binden; Wir wissen dich zu finden! So lachen um mich her die Scherzenden, Und schütten Wünsche aus, die schmerzenden; Wohin mich retten Vor diesem Wahnsinn, Qual, den Liebesketten? – O fort von mir, ihr quälenden Gedanken! – Und was ist Leben, Leiden, Fühlen? Wenn Liebe nicht regieret, Den goldnen Scepter führet? Nie wird sich Sehnen kühlen; Mögt ihr denn spielen, Ihr süßen Schmerzen, ihr beseelenden, Ihr lichten Freudenblick', ihr quälenden, Als Wohnung bleibe Mein Herz, glaubt nicht, daß ich euch je vertreibe – Nur tödtet mich, ihr liebenden Gedanken! Man schwieg und Johanna sah den Jüngling mit einem sonderbaren Blicke an, in welchem man vielleicht Zärtlichkeit, eine süße Betäubung, unbewußten Unwillen und forschende Neugier lesen mochte. Und diese wunderbare Schöne? sagte sie endlich nach langem Schweigen: dürft Ihr sie nicht nennen? Kenne ich sie vielleicht? Redet, wir sind hier unter uns, und Euer Geständniß soll wahrlich nicht gemißbraucht werden. Ihr befahlt, sagte Ferdinand höchst verlegen, und ich mußte gehorchen: – ich weiß nicht, – o meine Fürstin – Ingeram, der die Angst seines Freundes sah und befürchten mußte, daß in diesem Augenblick etwas Unziemliches, wohl Unheilbringendes geschehen könne, nahm mit lauter Stimme die Antwort auf und sagte: o edles, schönes Fürstenkind, wie könnt Ihr nur Euern armen Diener in diese Pein versetzen! Seht ihn nur an, er weiß Euch wahrlich nichts zu antworten. Ihr wißt noch gar nicht, wie es um dergleichen Dichter steht. Ihr meint, was sie singen und sagen, müsse irgend mit einer Wahrheit in Verbindung seyn. Nicht im mindesten, denn alsdann wären sie keine Dichter, die nichts Anderes thun, als Lügen und Hirngespinnste aus der klaren Luft aufgreifen. Vom Mond und andern unklugen Gestirnen, so aus den dünnsten und feinsten Sommernächten, von den Gebirgen, wo Melusine und ihre Schwestern verzaubert sitzen, so aus den fabelhaften Gegenden, wo der Nilstrom seinen unbekannten Anfang nimmt, aus allen diesen sammeln sich närrische, alberne Dünste, ganz leichte, unsichtbare Wölkchen, Einfälle, Schnurren, Gedanken, winselnde Träumchen und juckende Thränchen, all' dies Gesindelchen rennt nun in der Atmosphäre um die bevölkerte, beschäftigte Erde herum, und möchte so gern durch das menschliche Gehirn zur Geburt, zu einer Art von Bewußtsein und einem gewissen schwachen Leben gelangen; aber das Zeug mag sich kräuseln und schniegeln, wie es will, und dem Gelehrten oder Priester in die Nase prickeln, die haben zu viel zu thun: abgewiesen! der Staatsrath sitzt da, wie mit einem dicken Brett vor dem Kopf, der Soldat hat den Becher wie einen Helm über Mund und Nase gezogen, dem Handwerker und Bauern liegt der irdische Staub dick im Gehirn – da sitzen nun hie und da die Dichter, mit offnem Maule, haben nichts Vernünftiges zu verrichten, und schaun in den Aether, betrachten den Morgenstern, oder den Zug des Mondes, sehn den Schwalben nach, und denken aus Mondschimmer und Abendroth eine himmlische Kaltschale und Weinsuppe zu brauen. Husch! ist das luftige Gesindel in den Kopf des Spekulanten hineingeglitscht und der begeisterte Mensch nieset zur Vorbereitung zwei oder dreimal und setzt sich ehrbar hin, und dichtet das Zeug nun zusammen, was so ganz dünn ihm vorgearbeitet war. Andere Menschen suchen ihre Nahrung und bürgerliche Handthierung, oder verwalten verständig ihre ererbten Güter, nun findet sich da und dort ein gutes, wackres Weibsen, das auch seine schmucken Pfennige und aufgebauschte rothe Backen hat, als wenn unter jeder Wange ein Pfirsichkern zum Aufknacken läge. Das sieht sich denn und gefällt sich, und heirathet sich, und formirt eine verständige Wirtschaft. Nicht aber so der Dichter. Ihr kennt doch wohl die ganz feinen, kaum sichtbaren Fädchen, die so im Frühling und Herbst gedankenlos durch die Lüfte schweben, dies nüchterne Gespinnst, das sie Fadensommer und noch auf mancherlei Art benennen. Erfahrt nun, fürstliches Wunderbild, daß diese läppischen Faden die ganz groben Stricke, unbeschreiblich dicke Taue, oder Riemen, das grob gearbeitete Lederzeug sind, auf welchen die Liebchen, oder Damen dieser Dichterleute durch die Welt dahinfahren. Schon der eigentliche Wagen ist viel zu fein, um den sterblichen Augen sichtbar seyn zu können. Die Rosse des Zuges sind aus den ersten Frühlingsseufzern fünfzehnjähriger Mägdlein entstanden, die Seufzer, die ihr Hochzeitbett in einer Aurikel ausschlugen, in deren Schwanenstaub der braune Blick eines Jungen war hängen geblieben, der an die Schönheit der Genoveva oder Chrimhilde dachte: aus den beiden also sind jene Pferde des Wagens erzeugt. Die Königin oder Fee sitzt nun in der Pracht aller Unsichtbarkeit, die nur der wahnsinnige Dichter schaut und beschreibt, er streut ihr zum Fußteppich den Abendstern und das feinste blaue Milchlicht des Jupiter und Orion, mit Lindenblüthe und Lilien wird, wie mit Sand, der Fuhrplan ausgescheuert und reingemacht, die saubersten Liebesthränen sind kaum zum Waschwasser und Lauge, die edelsten Wünsche und sehnenden Seufzer kaum zu Besenreis gut genug. – Darum klagt denn der Dichterling auch immer, daß er seine Geliebte, das Bild, das ihm vorschwebt, niemals besitzen könne. Natürlich, wie sollten Beide es auch anfangen? Schwätzer! sagte Johanna: so wird es Ferdinand gewiß nicht meinen; denn wenn die Poesie auch die Güter dieser Welt veredelt und Das in Klang und Farbe taucht, was den übrigen Menschen stumm ist, so kann doch aus dem todten Fratzenhaften kein Geist und Leben entstehn. Wenn Euch meine Philosophie und Erklärung der Dichtkunst zuwider ist, sagte der Kleine, so will ich Euch denn lieber selbst Etwas singen. Ihr kennt doch die Geschichte, wie sich einmal die Eule in den Adler verliebt hatte? Ach, gewiß, das war auch recht rührend, und auf diese sonderbare Begebenheit gründet sich nun folgende Klage- oder Trauer-Ode der Nachteule. O Nacht, o süße dunkle Nacht, So bin ich denn vom Tag erwacht? Das Licht verblendet mich nicht mehr, Ich schau umher, Und seh' von ferne den Geliebten fliegen, O weh! O Ju! Mein sehnend Herz muß ihm erliegen, Was bist du denn so groß, du Adler, du! Einst flog ich durch die finstre Stille, Nach Mäusen strebte nur mein Wille, Und ohne daß ich wahr es nahm, Der Mond schnell kam. Da wiegte sich im goldnen Scheine, – O weh! Ju! Ju! Das Riesenthier, das niemals wird das meine, Wie hass' ich dich, du großer Bengel, du! Die Basen alle sticheln nun und necken: Du liebst den himmelstürm'nden Recken? Ich kann nur klagen, was geschah, Und heule Ja! – Er aber sitzt im Neste bis zum Morgen – Weh! Weh! Ju! – Dann stiegt er hin zur Sonne, ohne Sorgen. – Schon vom Gedanken schmerzt mein Auge, Flegel du! So klagt denn, Lieder! singe mit, Schuhu! Erwacht, ihr heul'nden Vettern, all' im Nu, Der Chorgesang weckt auf die stille Ruh, Buhu! Buhu! Der Liebste aber lacht ob dem Geschrei – O weh! Ju! Ju! Er stiegt so hoch, weil ihm sein Herz ist frei – Das bricht mir das Genick, du Flattergeist, du! du! – Er hatte die Zither genommen und sang das alberne Lied mit der ernsthaftesten Miene und mit kreischendem Ton. Dann sagte er: Das, mein Fräulein, war auch einmal sehr denkwürdig, als sich der Frosch in die Nachtigall verliebt hatte, von welchem erschütternden Vorfall eine sehr alte Chronik Meldung thut, die ich drüben in Eurer Büchersammlung gefunden habe. Der arme Leidende singt nun, nachdem aus der Vermählung nichts hat werden können, folgendermaßen: Säng'rin, bist voll Trugs, So laut auch deine Lied schrein, Das hab' ich merket flugs, Nun soll im Herzen Fried seyn, Mein Lohn, daß ich von dir lernt' singen stracks, Hör' zu und schäm' dich dann! koax! koax! Es ist Verdruß hier, Und Sumpf so naßlich, Es ward kein Kuß mir – Gedank! verlaß mich – Eins ich gewann, mein Stimmchen zart wie Wachs, Ich sing' mit dir Duett: koax! koax! Die Ungetreue hört es, Fliegt auf den Baum dort, Mein Ohr bethört es, Mach' dich, du Traum, fort! – Doch schrei' nur mit, ich bin nicht stumm, wie Lachs, Und besser noch, als du, sing' ich: koax! koax! Dies Liebeslied, fuhr Ingeram fort, soll seitdem bei den hauptsächlichsten Colonien der Frösche zum Angedenken aufbewahrt seyn und die heranwachsende Jugend, sagt man, wird darin instruirt, daß sie den schmelzenden Tonfall und den Wohllaut der Sprache früh inne bekommt. Johanna war sehr vergnügt, aber Ferdinand machte ein finsteres Gesicht, weil er sich verspottet glaubte. Brigitte lachte laut, denn sie meinte die Gedichte zu verstehen, und eine Dame, die herzugekommen war, stimmte auch in die Freude ein. Doch Ingeram sagte mit gerührter Stimme: So geht es dem Unglück doch immer, daß es Andern zum Spott und Gelächter dienen muß. Und das hat mich unter andern, so viel es möglich war, abgehalten, mich selbst zu verlieben, weil die Schadenfreude gewiß nicht unterlassen hätte, mir mein sogenanntes Aeußere vorzurücken, das nicht zum Minneverkehr passen soll. Als wenn der Geist nicht dabei die Hauptsache wäre! – Diese Freude und der Scherz wurden plötzlich, unvermuthet und auf die störendste Weise unterbrochen. Ein ungeheures Geschrei tönte durch die Gassen, man hörte Waffen klirren, man tobte selbst im Schloß, auf den Stiegen lief es hin und her, und indem der Andrang und das Lärmen sich vermehrte, und sich Alle im Saale befremdend anschauten, stürzte Graf Hugo bleich und verstört herein, indem er eilig sprach: Der böse Feind ist los, sonst könnte das Gesindel die Sache nicht so schnell erfahren haben. Alle meine Anstalten sind vergeblich gewesen. Sie wollen das Gefängniß aufbrechen, um den Märtyrer, wie sie ihn nennen, zu befreien. Aber was ist es? fragte Johanna; was ist vorgefallen? Setzt Euch, Fürstin, antwortete Hugo, etwas gefaßter, und erlaubt mir, daß ich mich ebenfalls niederlasse, denn der Schreck hat meine Kräfte erschöpft. Ein Meuter, der eine Empörung anstiften wollte, war eingefangen und geheim bewacht; Keiner sollte von ihm wissen. Wie er vom zweiten Verhör zurückgeführt wird, seh' ich schon das Volk auf den Straßen in Unruhe. Man flüstert, spricht lauter, sie gehn, Andere kommen, und plötzlich stehn die Zünfte und Gewerke unten vor dem Schloß versammelt und wollen den Rebellen haben, oder mit Gewalt das Gefängniß stürmen und ihn befreien. Und Ihr könnt ihn nicht frei geben? fragte Johanna. Die Sache ist zu wichtig, antwortete Hugo, denn mit einem Wort (was hilft es, Euch noch die Geschichte verschweigen zu wollen), ein Eremit, ein Betrüger ist in der Gegend von Valenciennes aufgestanden, der sich für Euern Vater, den großen Balduin, ausgiebt, und ich fürchte, wir gehn einem Bürgerkriege entgegen. Alle fuhren wie entsetzt auf, Johanna ward todtenbleich, dann eben so plötzlich mit Purpur übergossen, sie stammelte zitternd: mein Vater – er könnte leben – Gott, wäre es möglich? Der allergröbste Betrug! Bei Gott! rief Graf Hugo: darüber seid ganz beruhigt. Aber dennoch! rief das Fräulein: – o Himmel, welch neues Schicksal breitet sich vor mir aus; welche Welt von ungeahndetem Gefühl, welch Heer von neuen Gedanken bestürmt mich! O Graf wenn – mein Vater, – ich seine Tochter – er wiedergekehrt! – Nein! nein! schrie Hugo: seid kein Kind, Theure, und laßt Euch nicht von einem Gaukelspiel stören, das nur erfunden ist, um den unwissenden Pöbel zu blenden. Indem rannte Humberkurt erhitzt und mit rothem Angesicht herein. Sie lassen sich nicht mehr bändigen! rief er: kommt selbst, mein Vater! Hugo ging mit seinem Sohn, und Johanna begab sich in die innern Gemächer, erschreckt und von schweren Gedanken gequält. So! so! sagte Ingeram, als er mit Ferdinand allein zurückblieb. Da kriegen wir also ein neues Kapitel im Buch der Richter oder Maccabäer, und ich denke, Ihr werdet nun, junger Mensch, auf eine Zeit die Klagelieder bei Seite thun können. Welche ungeheure Begebenheit! rief Ferdinand; er selbst zurückgekehrt! Balduin! Er nimmt das Regiment wieder in die Hand, er wird sich meiner erinnern, meine Eltern werden erscheinen – Seid kein Gimpel, mein guter Hänfling, sagte Jener: – welcher Aetna hätte uns denn diesen längst verweseten Balduin wieder ausgeworfen? Laßt Euch die Sache zum Aufwecker dienen, das sind Chicanen und Spitzbübereien, und nun wird es Prügel aller Art und von allen Seiten setzen. So sehr Euch Humberkurt im Wege ist, müßt Ihr es jetzt doch steif und fest mit Hugo halten, denn dessen eigener Vortheil ist es, Johanna's Rechte zu vertreten. Aber, wenn es nun doch wahr wäre, – fiel Ferdinand ein – mein Herz sagt mir – Bindet dem das dumme Maul zu, unterbrach Ingeram, und seid kein kleines Kind: wenn Johanna etwas sagt, so ist es der zu verzeihen, aber Ihr müßt Vernunft annehmen. Nicht wahr, die Vogelscheuche, die sie da draußen aufgegabelt haben, um den Balduin vorzustellen und Unruhen anzustiften, wird nun nichts Eiligeres zu thun haben, als Euch, den Unbekannten, der ohne Namen, ohne Verbindung, ohne Vermögen ist, an seine Brust zu drücken und Euch Hennegau und seine vorgebliche Tochter zu schenken? Auch im Gedichte wäre das dumm. Jetzt wurde das Getümmel so laut, daß ihre Rede übertäubt wurde. Sie gingen hinaus und fanden im Hofe und auf dem Platze Alles dicht gedrängt voll von tobenden und schreienden Menschen. Graf Hugo, so sehr er sich anstrengte, konnte nicht zu Worte kommen, Humberkurt wüthete, aber vergeblich, die Empörer achteten auf ihn so wenig, wie auf den Vater. Viele von den Gemeinsten waren schon damit beschäftigt, das große Thor und die eisernen Schlösser zu zerbrechen, die zu den unterirdischen Gefängnissen führten. Die Leibwache stand draußen und war vom innern Hofe durch den Andrang der bewaffneten Menge und durch die Bürgerschaaren abgeschnitten, auch waren sie unschlüssig und unthätig, weil sie keine Befehle empfangen hatten. Dazu hatte das Wort, das auch sie erreicht hatte, alle ihre Kräfte gelähmt, Balduin, ihr Herr sei wieder da. Die Frechsten im Volke zauderten nicht, Hugo selbst einen Verräther zu nennen, der aus Bosheit seinen eigenen Herrn nicht anerkennen wolle. Jetzt fiel die Thür unter den wiederholten Schlägen der Aexte, Balken und schweren Steine, Viele stürzten hinunter. Alles war gespannt und bald darauf trat Robert, der braune, aus dem Kerker an das Licht empor und Alles jubelte. Sie breiteten die Arme nach ihm aus, trugen ihn fort und schrieen: Ja! ja! Dieser ist es, er hat unsern Herrn, unsern Balduin zuerst wieder erkannt! Die Prophezeiung der Seherin ist erfüllt! Die Todten sind wieder da, der große Fürst ist wieder in unser Land gekommen! Als Robert hinausgeführt war, erhob sich auf dem Platz ein noch größeres Getümmel; die Gewerke, die Zünfte, die Landleute, die zur Stadt gekommen waren, schienen alle schon von der Begebenheit unterrichtet. Man führte den Befreiten wie im Triumph durch die ganze Stadt, Alles war Fest und Jubel, und Hugo, der mit seinem Sohne verlegen zurückgeblieben war, ordnete die Schaar der Trabanten, sprach zu ihnen und sendete zu seinen Freunden, den Edeln in der Gegend umher, wie in Gent selbst, um mit ihnen bei dieser peinlichen Lage der Dinge einen durchgreifenden Entschluß zu fassen. Sie versammelten sich nach und nach, und man kam überein, daß es nothwendig sei, sich zu bewaffnen, Zünfte und Gewerke aufzurufen, Krieger zu besolden und sich auf die gefährlichsten Unternehmungen gefaßt zu halten. Ferdinand war mehr als Alle erschüttert. Er bot sich dem Regenten freiwillig an, ihm in alle Weise, wie er gebieten würde, zu dienen. Die Unruhe in der Stadt war auf das Höchste gestiegen, alle Verhältnisse waren schnell aufgelöst, Keiner wollte sich den Befehlen fügen, und in der Vorstadt, wo das Volk sich versammelt hatte, sprach man dreist von bewaffnetem Widerstände. Als am Nachmittage die Ritter, die besendet waren, von ihren Schlössern mit ihrem Gefolge anlangten, fing Alles an, eine bessere Gestalt zu gewinnen. Herolde hatten Ruhe befohlen, man hatte ausgerufen, daß der Regent das wunderbare Ereigniß, welches das Land in Bewegung setze, ruhig und unparteiisch untersuchen wolle; man warnte, sich nicht vorschnell und übereilt zur Meuterei aufregen zu lassen, man erinnerte an die frühere Geschichte, wie die Städte sich so oft zu ihrem eigenen Verderben von unruhigen Bürgern und Rebellen haben aufreizen lassen. Die älteren und vernünftigeren der Handwerker gingen bald mit ihren Waffen wieder nach Hause, einige Gilden löseten sich auf, manche vom Landvolke begaben sich in die Heimath. Alle diese wollten es der Zeit überlassen und ruhig abwarten, wie sich die Sache entwickeln würde, aber die Fleischer und Kupferschmiede, von ihren Vorgesetzten aufgemuntert, blieben mit ihren Panieren auf dem Platze halten, sie hatten den braunen Robert in ihre Mitte genommen und drohten mit Brand und Mord, wenn man diesem theuern Manne nur ein Haar kränken wolle. Es war schon Abend geworden, als sich Trompeten vor dem Thor der Stadt und dann in den Gassen vernehmen ließen. Die Gesandtschaft Balduins und des Grafen Conrad ritt feierlich ein und Hugo versammelte schnell den Staatsrath in der Burg, um zu hören, was sie anbringen würden. In der Stadt schien die Ruhe wieder ziemlich hergestellt, ein dumpfes Schweigen war bemerkbar, welches die Gemüther mehr ängstete, als daß es die Wiederkehr der Ordnung bewiesen hätte, weil man fürchten mußte, daß das Unheil in jedem Augenblick losbrechen würde. Als man sich im großen Saal des Schlosses versammelt hatte, ward die Fürstin Johanna aus ihren Gemächern gerufen, die, von einigen Frauen und Dienern begleitet, erschien und sich auf dem fürstlichen Thronsessel unter dem Baldachin niederließ. Man sah, daß sie geweint und überhaupt jene ruhige Haltung der Heiterkeit völlig verloren hatte, die sonst ihre Gestalt so edel und erfreulich hervorhob. Hugo saß neben ihrem Sessel, gespannt und unruhig, sein großes Auge hervorgetrieben und leuchtend nach allen Seiten blickend, sein Angesicht war noch röther als gewöhnlich. Humberkurt stand, zornig in sich gedrungen, ohne aufzusehn. Die Räthe, die umhersaßen, waren verlegen, der alte Berthold lächelte vor sich hin, als wollte er zu verstehn geben, er habe diese Begebenheit und noch viel Schlimmeres längst vorhergesehn. Unter den Angekommenen zeichnete sich der Abt Ildefons durch seine Ruhe und Würde am meisten aus, er war der Sprecher der Gesandtschaft, und Wachsmuth drängte sich vor, so sehr es nur schicklich war, um sein Auge an der Schönheit Johannens zu werden. Humberkurt sah diesen zuweilen verstohlen an, fast ohne den Blick zu erheben. Ildefons erzählte die Begebenheit, wie sich Alles zugetragen hatte, wie der Kaiser plötzlich sei erkannt worden, an welchen Zeichen, nach welchen Beweisen, wie ungern er dem Dringen des Volkes und nur aus Zwang nachgegeben habe, und wie sehr Einige, am meisten aber Graf Conrad die Wahrheit der Sache bezweifelt. Graf Conrad sei endlich ebenfalls nur durch Gewalt zu bewegen gewesen, sein Schloß und die Einsamkeit zu verlassen, um in Gegenwart von vielen edeln Zeugen die Erzählung des Eremiten und alle Umstände genau zu prüfen. Dieses habe der Graf gethan, und zwar so unparteiisch, ja selbst mit so vorsätzlich erregten Zweifeln, daß alle Gegenwärtigen dadurch wären beleidigt worden. Um so heller aber sei dadurch die Wahrheit erschienen, die sich nun auch Jedermann so klar darstelle, daß nur Derjenige sie leugnen möchte (wie man aber von keinem Freunde des Vaterlandes glauben könne), der sie vorsätzlich nicht erblicken wolle. Dadurch sei auch Graf Conrad selbst, so ungern er zu weltlichen Händeln zurückkehre, bewogen worden, laut und öffentlich zu erklären, der Eremit sei der wahre Balduin. Da dieser Mann, der ungern seine Andacht aufgebe, sich thätig für die Wahrheit erklärt habe, so sei es um so mehr die Pflicht des Regenten, diesem Beispiel zu folgen, und die Regierung, die er bisher so löblich, zur Freude und Erhaltung des Landes geführt habe, in die Hände des Kaisers niederzulegen und dadurch seinen Patriotismus zu krönen. Wie mehr aber müsse sich die eigene, einzige Tochter freuen, einem Vater sich zu ergeben, der ihr mit Liebe entgegentrete: Gehorsam, Dankbarkeit, Hingebung und alle Pflichten des Kindes, sowie ihre Verbindlichkeit zum Staat forderten sie laut und dringend auf, alle unnützen Zweifel oder Einflüsterungen zu beseitigen und sich dem Vater mit unbedingter Liebe in die Arme zu werfen. Johanna sah abwechselnd den Redner und den Grafen Hugo an, auf dessen Gesicht der Ausdruck des Zornes unverkennbar war. Dieser erhob sich jetzt und sprach mit lauter Stimme: Wahrlich! ein unendlich klug angelegter Plan, ein weitumfassendes Gespinnst, das der Listige loben müßte, wenn es nicht in sich selbst, durch seine eigene Last zerrisse. Wir sollen jetzt, nach zwanzig Jahren, plötzlich auf das Wort eines Abenteurers und eines unzufriedenen vornehmen Ränkespinners glauben, Balduin lebe noch. Auf diese Lüge hin, die sich als solche jedem Unbefangenen sogleich verkünden muß, sollen wir Waffen, Schätze, Schlösser, Städte, Unterthanen und den Stuhl des Reiches, ja unsere erlauchte Fürstin selbst dem hergelaufenen, unbekannten Rebellen in die Arme schleudern, daß er nach Willkühr mit Allem verfahren könne. Und mir, da es meine heilige Pflicht ist, alles Dies zu beschützen, den echten edeln Sprossen aber des großen Hauses gegen Unheil zu wahren eben zumeist mir obliegt, mir will man etwas zur Gewissenssache, zur unerläßlichen Schuldigkeit machen, mich diesem groben Betrug zu fügen. Daß der listige, heuchelnde Conrad an der Spitze der Verschwörung steht, erklärt den Verständigen am besten, wie es damit gemeint sei. Er, der immer nur den Eingebungen seines Hochmuthes und der Herrschsucht folgte, er, der es nicht vergeben konnte, daß Adel, Rath und Volk mir die Regentschaft übertrug, er hat dies Gespinnst gewoben, um das Letzte, das Verderblichste zu seinem Vortheil zu versuchen. O ja, der Hinterlistige, er hat sich zwingen lassen, er hat dem Aufruhr widerstanden, er hat nur der Gewalt nachgegeben. Diesen Zeitpunkt hat er klug erwählt, als die jugendliche Herrin selber die Zügel der Regierung ergriffen hat, im Wahn, sie würde mir ihr Vertrauen entziehn und in unerfahrener Jugend, fürchtend, geschreckt, den Verräthern nachgeben. Aber er irrt, sie kennt, sie vertraut meiner Tugend und unerschütterlichen Redlichkeit, alle Guten im Lande, alle Tapfern werden auf unsere Seite treten und der Arglistige wird in seiner eigenen Schlinge hängen bleiben. Wäre es möglich gewesen, wäre es nur denkbar, daß unser Balduin noch auf Erden wandle, daß er in sein Land zurückgekehrt sei, – wie, im Walde, an der Grenze des Gebietes würde er seit fast zehn Jahren unbekannt, unbesucht gelebt haben? Nicht der Staat, die Unterthanen, die Liebe zur Tochter hätten ihn hiehergeführt? Dort, in der Entfernung hätte er sich zu erkennen gegeben? Warum nicht, auch nach so langer Verzögerung, hier, in seinem geliebten Gent? Nicht zu mir, seinem Freunde, wäre er (und warum nicht mit dem Grafen Conrad) hergeeilt, um alle Zeichen, alle Umstände, daß er es sei, wahrhaftig zu machen? Hier, wo seine Tochter, ich, der Rath und Alle aus dem Archiv, aus früheren Briefen und Verordnungen, aus alten Erinnerungen und Denkmälern, ja aus jedem Sessel und Fenster dieser Zimmer die Wirklichkeit erkennen mochten? Wie schlau hat er diese Prüfung vermieden, weil es der Verschwörung nur darum zu thun ist, nicht das Land zu beglücken, sondern Conrad und seinem Anhang zur Regierung zu verhelfen, die Prinzessin zu verrathen und sich in den Raub der Güter und der Herrschaft zu theilen. Ein lautes Murren erhob sich unter den Fremden. Es ward still, als Johanna aufstand und sagte: So jung, so unerfahren ich bin, so wenig fähig, mich in diesem Augenblicke zu sammeln, so erwartet man doch hier einige Worte aus meinem Munde, und ich will versuchen, meine Gedanken zu ordnen und meine Gefühle zu beherrschen. Denke sich Jeder, der einen Vater hatte oder früh verlor, in meine Lage, und er wird meine Verwirrung begreifen und entschuldigen. Ohne Vorbereitung, unerwartet, wie ein Donner aus heiterm Himmel, ist dieses Ereigniß vor mir niedergestürzt. Ich bin in der entsetzlichen Lage, wenn ich leichtgläubig bin oder nur zu rasch meinem Herzen folge, das seit meinem erwachten Bewußtsein einen geliebten Vater sucht, mich einem Abenteurer, einem Lügner mit meiner ganzen Liebe hinzugeben, dessen Betrug um so abscheulicher ist, weil er mein Herz und mit ihm das Heiligste in der Natur täuscht und mißbraucht, die Liebe, das Vertrauen des Kindes. Aller andere Raub der Güter und der Ehrenstellen ist gegen diesen Diebstahl verzeihlich zu nennen. Oder, eben so schrecklich! er ist mein wahrer Vater, und ich sein Kind – so ist jeder Widerstand Frevel, der seine Seele zerschneidet, und diese wenigen Worte, die ich eben sprach, sind schon die abscheulichste Sünde. Was also thun? Wie mich regieren? Ich erinnere mich, daß weise Männer mir oftmals erzählten, wie sehr mein Vater in seiner Jugend dem großen Könige Frankreichs, Philipp, verbunden war, obwohl sie auch zuweilen stritten und entzweit waren. Aber meinen ältern Räthen ist es bekannt, daß, als Balduin, mein Vater, sich zu jenem verderblichen Kreuzzuge rüstete, er vorher lange und oft mit Philipp von Frankreich vertraute Gespräche bei verschlossenen Thüren führte. Ich hörte sonst wohl, daß Balduin damals, als wenn er sich zum Tode bereitete, dem Könige sein ganzes Herz eröffnet habe. Philipp ist zwar verschieden, aber noch lebt sein Sohn, so krank und hinfällig er auch ist, der achte Ludwig. Laßt uns, meine Freunde, von dieser wie von jener Partei, die zugegen sind, diesem Könige die Sache übergeben, daß seine Weisheit sie entscheide, denn wahrscheinlich hat der Sterbende dem Zurückgebliebenen doch Manches und wohl auch hierüber Etwas vertraut. Benutzen wir noch diese Zeit, da der kranke König vielleicht auch bald seinem Volke genommen wird, und Rath wie Hülfe uns alsdann noch ferner liegen. Hugo sah im Kreise umher und erwiederte dann mit mehr Fassung, als seine erste Rede gezeigt hatte: Vergönnt mir, erhabene Fürstin, so sehr ich die Klugheit dieser Jugend, den reifen, frühen Verstand bewundern muß, über diesen wichtigen Punkt, der den ganzen Staat betrifft, anderer Meinung zu seyn. Es ist nicht unbekannt, wie gefährlich es wird, den Nachbar, der schon mächtiger ist, in die inneren Interessen zu ziehn. Immer hat Frankreich die Oberhoheit, die es vor alten Zeiten ausübte, auf Flandern wieder geltend machen wollen. Der schlaue König, der eben so listig als fromm ist, würde dieses Richteramt sogleich benutzen, wahrer Regent und Herrscher zu werden. Diese Verhältnisse, diese Furcht waren es ja, die uns schon so oft zum Bündniß mit dem unbeständigen England trieben. Und dann – sehn wir es denn nicht, daß viele Herren von der Geistlichkeit diesen neuerfundenen Balduin beschirmen? Wird er nicht schon aus dieser Ursache ihn leichter, als er sollte, für den wahren Balduin erkennen? Der Abt erwiederte zornig, den Regenten unterbrechend: Auch wir, Herr, lehnen diese Entscheidung und Vermittlung ab, denn das hieße eingestehen, daß wir an unserm sonnenklaren Rechte noch zweifelten. Dem umsichtigen Könige, wenn er einmal gewinnen wollte und die Verwirrung benutzen, dürfte es wohl vortheilhafter dünken, einen weisen, tapfern Regenten, den die ganze Welt als Helden rühmt, verdächtig zu machen und ihn wo möglich von der Herrschaft zu entfernen, als dem großen, entschlossenen Manne den Stab wieder in die Hand zu geben. Gewinnen kann er nur, wenn er Euch bestätigt, da es ihm und Euch alsdann wohl leichter wird, ein junges, unerfahrnes Fräulein zu beherrschen und zu verwirren. Johanna ward vor Scham und Verdruß roth und sagte dann: So folgt einem zweiten Gedanken, den ich Euch jetzt vorlegen will. Allerdings kann jener Mann, der sich Balduin nennt, nur hier in Gent auf das genügendste ausweisen, ob er Namen und Macht in Anspruch nehmen dürfe. Hier können meine Räthe, mit Hülfe aller Briefschaften und Beweise, die Sache am besten erörtern. Er selbst muß diesen Ausweg wünschen, weil er hier im Schlosse Briefe, Bücher, bei vielen Greisen Erinnerungen findet, die sein Recht deutlich und klar bestätigen werden. So ist es, fuhr Hugo fort, er komme ruhig und ohne bewaffnete Freunde und entziehe sich einer friedlichen Untersuchung nicht. Jetzt trat Friedrich, der junge heftige Ritter, hervor, und rief mit lauter Stimme: Und in die Hände seiner Verräther und Mörder, sollte sich der wundersam gerettete Fürst geben, nur um hier, in seinem Hause um so gewisser den Untergang zu finden? Hugo sprang von seinem Sitze auf, aber der Abt trat ihm ruhig entgegen: So ist es, sagte er feierlich, habt Ihr doch schon deutlich genug ausgesprochen, daß Ihr uns und unseren erhabenen Fürsten für Verräther haltet. Was hättet Ihr noch zu schonen, wenn der edle Mann erst in Eurer Gewalt wäre? Und müßte er sich nicht schämen, sein Leben und seine Ansprüche von Euerm neidischen Urtheil abhängig zu machen? Erlaubt mir, meine Freunde, rief Wachsmuth, der sich nicht länger zurückhalten konnte, so jung ich bin, auch einige Worte. Wie nur ist es möglich, daß sich nicht alle Stimmen dahin vereinigen, unsere edle Fürstin, deren Jugend jetzt so wenig durch Rath unterstützt wird, dahin zu stimmen, ihren Vater anzuerkennen? Ist dies nicht ihre erste und nächste Pflicht? Jeder, scheint es, vergißt über sich selbst das Allgemeine und Höchste. Aber Euer Herz, schönste Johanna, sollte erwachen und alle jene Plane der Eigennützigen verwerfen und durchreißen, die Euerm wahren Glück entgegentreten. Würdigt uns, Verehrteste, in unserer Gesellschaft zu Euerm Vater zu reisen, und Alles löst sich so auf die gelindeste und freundlichste Weise. Zu Eurem Vortheil! schrie jetzt Humberkurt, der seinen Zorn nicht länger bemeistern konnte. Wir kennen ja auch die Abreden, Plane und nichtsnutzigen Verhandlungen. Der arme Bettelbruder wird Euch gern die Braut, die ihm gleichgültig seyn kann, zuwerfen, um die Grafschaft zu besitzen, oder sich diese nachher, so theuer als es ihm gefällt, von Euch und Euerm herrlichen Vater abkaufen zu lassen. Nichtswürdiger! rief der empörte und verletzte Wachsmuth, seiner nicht mehr mächtig; diese schändliche Lüge hat Euch zum Tode gezeichnet und mein Schwert soll dieses Wort in Eure Brust zurückstoßen. Bekannt ist es ja, was Euer Vater, Hugo, thut und schon gethan hat, um die Schönste und Unglücklichste ihres Landes Euch geneigt zu machen. Himmel und Erde! schrie Humberkurt; Bube! Nichtsnutziger! da liegt mein Handschuh, wenn Du es wagst, ihn aufzunehmen, das Pfand, das Siegel, das Dich dem Tode verzeichnet! Wachsmuth wollte erwiedern, doch Hugo's donnernde Stimme fuhr dazwischen, erst den Sohn und noch stärker Wachsmuth scheltend. Aber Johanna erhob sich, vom edelsten Zorn verschönert, und sagte mit zitternder Stimme: Zu diesem widerwärtigen Gezänk gemeiner Leidenschaften bin ich herberufen worden? Jeder sagt, daß er mich ehre und liebe, und ich werde von Jedem beschimpft! Bin ich ein Spielball, den man nur hin und wieder werfen darf? Bin ich ein Raub, über dessen Besitz die Räuber sich entzweien? So tief bin ich noch nicht gesunken, und wenn Graf Hugo meine Würde nicht vertreten kann, wenn jene Widersacher, die in meines Vaters und meinem Namen zu handeln vorgeben, mir nicht mehr Achtung zuwenden mögen, so muß ich anderswo Hülfe suchen. Ohne irgend Jemand zu grüßen, entfernte sie sich schnell mit edelm Anstande. Hugo, der diese Wendung nicht erwartet hatte, war verwirrt, Wachsmuth hatte im Zorne schon den Saal verlassen und Humberkurt wollte ihm eben folgen, als der Vater ihn mit starkem Arm zurückriß. Als sich Alles, ohne Absicht, wie es schien, im Saal durcheinander bewegte, trat Ferdinand bescheiden zu Hugo und sagte: Warum, verehrter Herr Graf, habt Ihr den Vorschlag der Fürstin so unbedingt von der Hand gewiesen, die große Sache in die Hand des Königs von Frankreich zu legen? Mir schien dieses die weiseste, wenn nicht die einzige Auskunft. Sendet Boten zu diesem einsichtsvollen Herrn, bevor das ganze Land durch Unruhe, Krieg und Zwiespalt zu Grunde geht. Junger, unbekannter Daniel, sagte Hugo höhnisch, putzt lieber das Gefäß Eures kleinen Degens in müssigen Stunden, wenn Ihr doch Arbeit wünscht und Euern Geist gern anstrengen mögt. Humberkurt lachte, aber Ferdinand sah Beide mit festem und ruhigem Auge an: Herr Regent, sagte er männlich, es ist jetzt ein Zwiespalt, wo jeder Dienst, auch des Geringsten, mit Dank angenommen werden sollte. Es ist Zeit, die Klinge des Schwertes zu schleifen, und für die gute Sache der Fürstin werde ich es am heißesten Tage gebrauchen, ohne weiter an diese Eure unpassende Rede zu denken. Er verließ mit vielen Andern den Saal. Doch Hugo sagte, zu seinem Sohne gewendet: er hat nicht Unrecht, der Bursche. Der Krieg ist da. Aber daß Du so unnütz einsprachst, so unbesonnen, werde ich Dir nicht vergessen. Die Unmündigen haben heute im Rath überhaupt das Feld behauptet, wir wollen sehen, ob es im Kampf und der Feldschlacht eben so seyn wird. Dir aber verbiete ich bei meinem Zorn, bei meinem Fluch, diesen Wachsmuth jetzt aufzusuchen. Die Zeit wird sich finden, ihm dies nebst andern Dingen zugleich zu vergelten. Jetzt sind aber viel wichtigere Sachen zu bedenken. So war der feierlich versammelte Rath, ohne irgend Etwas zu entscheiden, aus einandergegangen. Die Gesandtschaft reisete zurück und Balduin und seinem Gefolge entgegen. Noch mehr Edle und Bürger aus der Stadt vermehrten den Zug. Der braune Robert ward mitgeführt und als der Entdecker des großen Fürsten von Allen geehrt. Hugo berieth sich mit seinem Freunde Tillen. Er sammelte den Adel der Stadt und des Landes um sich her, die Männer, die immer zu seiner Partei gehalten hatten und Feinde Conrads waren. Seine Kundschafter ermittelten Viele in der Bürgerschaft, die sich aus Haß gegen die Geistlichen ihm gern anschlossen, und selbst Landleute, die von den Priestern oft waren Ketzer und Albigenser gescholten worden, zeigten sich willig, seiner Fahne zu folgen. Die Stadt Gent schien indeß, nach dem Abzug der Aufwiegler, ruhig. * Als die Gesandtschaft, ohne Etwas bewirkt zu haben, zu Balduin und Conrad zurückkam, ward alsbald beschlossen, mit der Anzahl von Kriegern, die sich schon versammelt hatten, vorzurücken, den Grund des Kampfes, die Ansprüche und Schicksale des alten Fürsten bekannt zu machen, und sich allenthalben, durch Güte oder Gewalt, der Besten und Städte zu bemächtigen. Es gelang über Erwarten, denn fast allenthalben kamen ihnen die Einwohner freiwillig entgegen und das Heer, in welchem Viele ohne Sold dienten, vermehrte sich mit jeder Stunde. So zogen sie weiter, um sich so bald wie möglich der großen Stadt Gent zu nähern, in der sich, wie sie glaubten, der Erfolg der Unternehmung entscheiden mußte. Graf Conrad, so wie andere Große und einige reiche Klöster, Abt Ildefons und manche Geistliche gaben ihre Schätze zu diesem Kriege, den Viele schon fast für geendigt hielten. Hugo und die Seinigen rüsteten sich indessen auch. Täglich rückten Edle mit ihrem Gefolge in die Stadt ein. Manche alte Ritter, die lange auf ihren Schlössern gehauset hatten, suchten die alten Speere und Waffenstücke wieder hervor, man warb Krieger, verstärkte die Leibwache und Humberkurt vorzüglich war Tag und Nacht unermüdet thätig. Durch die Uebungen der Söldner und neueingetretenen Krieger, durch die Lust der jungen Adligen, die zu Roß sich tummelten und die Waffen brauchten, durch die Aufzüge Derer von der Bürgerschaft, die sich dem Regenten angeschlossen hatten, gewann die Stadt das Ansehn, als wäre sie belagert oder schon vom Feinde erobert worden. Die Fürstin war in tiefer Trauer. Sie hatte durch diesen seltsamen Vorfall die Erfahrung gemacht, daß ihr eigentlich kein einziger treuer Freund zur Seite stehe, sie hatte gesehn, wie Jedermann, von dem sie Hülfe und Rath erwarten konnte, nur seine eigennützigen Plane im Auge habe. Bis dahin hatte sie in unbefangener Jugend die Menschen noch niemals beobachtet; jetzt empfand sie mit Bitterkeit, daß diese Epoche das Schicksal ihres ganzen Lebens entscheiden und daß sie Kräfte in sich aufregen oder erschaffen müsse, an deren Nothwendigkeit sie vorher nie gedacht hatte. Kurz, ihr war, als wenn die schöne Jugend schon so früh für sie beschlossen und geendigt sei. Mit Bewußtsein jeden Tag ableben müssen, sich nie unbefangen der Gegenwart und ihren Eindrücken hingeben zu dürfen, zu fühlen, wie nothwendig es sei, sich selbst und Andere immer zu beobachten, Allen zu mißtrauen und jedes Wort zu bewachen, schien ihr eine höchst unglückselige Bestimmung. Nun erfuhr sie, wie wahr es sei, was sie sonst wohl belächelt hatte, daß der Stand der Fürsten ein unerfreulicher sei. Eben so gewaltsam und plötzlich hatte sich das Leben des jungen Ferdinand verwandelt. Er träumte nur Krieg und Schlacht, und alle die großen Thaten, die er für die geheime Geliebte seines Herzens thun wollte. Ingeram war ebenfalls ernster als gewöhnlich, und so fühlten Alle, daß Jedermann, bis zum Niedrigsten hinab, in einer ängstlichen Spannung war, und daß sich die quälende Gewitterschwüle bald in zündenden Blitzen entladen müsse. Nun? sagte Ingeram zum sinnenden Ferdinand: ist es nicht noch schlimmer und besser gekommen, als ich es Euch vorhergesagt habe? Nun ist unsere Johanna in einer noch bösern Lage als Ihr, weil sie einen Vater hat, der ihr bis dahin fehlte: darum strebt nicht so sehr darnach, den Euern zu finden. Vielleicht möchte sie Euch den ihrigen gern um ein Billiges abtreten. Dieser Vater drängt sich auf, ohne gesucht zu werden, Ihr möchtet den Eurigen aus Bäumen und Felsen herausklopfen. Wie kannst Du in dieser furchtbaren Zeit noch scherzen? antwortete der aufgeregte Ferdinand; jetzt, wo Alles, ihr Wohl, vielleicht ihr Leben auf dem Spiele steht? Ich spaße gar nicht, erwiederte Ingeram: wenn Ihr nur jetzt wenigstens Ritter wärt, junger Mensch, so müßtet Ihr Euch von Eurer eingebildeten Liebsten den Befehl geben lassen und schnell nach Frankreich rennen, um in größter Eil den König Ludwig herbeizuholen. Ohne daß das junge Kind sich mit viel Staatsweisheit abgequält hat, war sie doch Diejenige, die diesen klugen, ersprießlichen Einfall gehabt hat, der einzige vernünftige, der bei dem unklugen Hader vernommen wurde. Jetzt ist es zuerst noth zu kämpfen, antwortete Ferdinand. Dieses Herbeirufen eines Mächtigen könnte ja wirklich die schlimmsten Folgen nach sich ziehn. Dergleichen Hülfe möchte vielleicht zu theuer erkauft werden. Und doch wird es das Ende vom Liede seyn müssen, sagte Jener, wenn irgend ein vernünftiger Schluß oder Gesangesweise herauskommen soll. Freilich fürchtet das junge Blut, der Herr möchte auch gleich einen neuen Freiersmann mitbringen, der vielleicht weniger widerwärtig, als dieser Humberkurt, ins Auge fiele. Aber laßt solche Grillen, und habt nur ihr Wohl in Gedanken, wenn Ihr sie wirklich liebt. Frisch auf! rief jetzt Humberkurt, der hereinstürmte: ist es Euch Ernst, so könnt Ihr es zeigen, denn die Rebellen stehn nur noch wenige Meilen von der Stadt. Alle Landschaften fast sind ihnen zugefallen und ihr Heer ist ansehnlich. Gerühmte Namen und tapfere Ritter schämen sich nicht, sich zu ihnen zu gesellen und ihre schlechte Sache zu adeln. Hugo kam mit großem Gefolge, gerüstet, und Ferdinand, der schon täglich alle Uebungen mitgemacht hatte, ward über eine Schaar von Reisigen gesetzt, die meist aus Bürgern der Stadt bestand, die freiwillig zum Streit auszogen. Der alte Freiherr Tillen führte den Oberbefehl, Humberkurt und einige Ritter waren ihm zunächst untergeordnet. Als die Schaaren auszogen, sah man an dem Hohn und der Erbitterung der zurückbleibenden Bürger, wie die Stimmung der Stadt war. Ademar, der Metzgermeister, stand vor seiner Thür und lachte laut, von dem Platze kam eben Pustel, der Kupferschmied, mit seinen Gesellen, stellte sich, mit untergeschlagenen Armen, in die Mitte der Gasse, schien die Krieger zu überzählen und sagte dann höhnisch: Diese werden dem großen Balduin noch keinen Finger krümmen, denn der hat das Streiten wohl gelernt; und was wollen ihm diese Anfänger thun? Der Zimmermeister Hattrich gesellte sich zu den Beiden, und als Ferdinand mit seiner Schaar vorüberzog, rief er aus: Ja, nun ist freilich Graf Conrad verloren, nun ihm solche Helden entgegenziehn! Ei, wo ist denn der kleine neckische Ingeram mit seinen Recken? Hat man die Beiden doch so viel zusammengesehn, sie sollten sich auch nicht in diesem großen Feldzuge trennen. Hugo, der Alles hörte, war jetzt nicht stark genug, um dergleichen zu rügen, er behielt nur wenige der Reisigen und Trabanten zurück, um die Stadt zu beschützen. Das Heer Balduins war größer, als dieses, und mehr der alten versuchten Krieger befanden sich in ihm. Dies wußte der alte erfahrne Tillen und war wegen des Ausgangs des Treffens mit Recht besorgt. Balduin zeigte den Seinigen, daß er ein Krieger sei, dem die Erfahrung zur Seite stehe. Conrad hatte ihn sogleich ersucht, die Führung des ganzen Zuges zu übernehmen, und seine Anordnungen warm verständig und Jedermann erfreute sich ihrer. In allen Dingen war er rasch, seine Beschlüsse schnell, seine Ursachen verständig, wenn er sie darlegte. Alle bewunderten ihn, daß seine so lange Ruhe und Einsamkeit, seine Entfernung vom Kriege und Waffenhandwerk sein Feuer nicht vermindert und seine Einsicht als Feldherr nicht verdunkelt hatte. So waren Alle im Heere voll Zuversicht und hofften einen entscheidenden Sieg. Als die beiden Parteien sich auf der Ebene trafen, wollte keine Schaar mehr von Unterhandlung hören, sondern jede drang auf den Ausspruch der Waffen. Als man sich gegenseitig geordnet hatte, geschah der Angriff mit großem Feuer, Alle kämpften mit Sicherheit und Eifer, lange sah man keine Schaar weichen, und die jungen Ritter Wachsmuth und Friedrich zeigten sich so tapfer, wie man von ihren Jahren nicht vermuthet hatte. Balduin und Conrad waren allenthalben, kämpfend und befehlend. Humberkurt war mit seiner Schaar, als die Parteien sich im Kampf vermischt hatten, gegen den Befehl des Freiherrn Tillen zu weit vorgedrungen. Seine Wuth hatte ihn fortgerissen, als er Wachsmuth und dessen Panier war ansichtig geworden. Die beiden jungen Feinde trafen bald auf einander und es erzeugte sich ein heftiger und hartnäckiger Streit. Die Nebenbuhler hatten sich im Felde abgesondert, und ließen nicht von einander, bis Wachsmuth mit einer schweren Wunde auf den Boden stürzte. Als Humberkurt wieder umwendete, um sich mit seinem Heere zu vereinigen, fand er sich abgeschnitten. Er sah hinter sich Verwirrung und viele Paniere der Schaaren seines Vaters schon auf der Flucht nach der Stadt. Er war umzingelt und gab sich verloren, so tapfer die Seinigen auch stritten. Viele von diesen waren schon gefallen und Friedrich forderte ihn auf, sich zu ergeben, als er plötzlich fühlte, wie sein Rücken wieder frei wurde. Es war Ferdinand, der, seine Noth erspähend, sich bis zu ihm durchgeschlagen hatte. Auch er war mit einigen Schaaren, die ebenfalls von jungen Rittern angeführt waren, im Verfolgen der flüchtigen Feinde zu weit vorgeeilt und hatte sich schnell, seinen Irrthum bemerkend, auf den Haupttheil des Heeres zurückziehen wollen. Jetzt vereinigte sich, wieder freigemacht, die Schaar Humberkurts mit den Kriegern, die Ferdinand gefolgt waren, und nun galt es, die Feindlichen zu durchbrechen und sich mit der Stadt und Denen, die ihr zueilten, in Verbindung zu setzen. Am tapfersten kämpften Humberkurt und Ferdinand, es gelang ihnen, durch die verwirrten Massen der Feinde zu dringen und sich mit Tillen und seinen noch feststehenden Kriegern zu vereinigen. Als dies gelungen war, zog man sich in Ordnung nach der Stadt zurück. Graf Hugo war durch die erste flüchtige Schaar sehr erschreckt worden. Er war mit großem Gefolge dem zurückziehenden Heere entgegengegangen, jetzt kehrte er mit diesem um, und es schien ihm am nothwendigsten, die große Stadt selbst zu vertheidigen, die, bei ihrer Festigkeit, es wohl auf eine Belagerung der Rebellen durfte ankommen lassen. Die Thore wurden sogleich geschlossen und die Wälle bewacht, alle Thürme untersucht und Wurfmaschinen und Verteidigungswaffen mit der nöthigen Mannschaft hinaufgeführt. Doch war Hugo sehr unzufrieden, sowohl über seinen Sohn, der sich durch zu große Tollkühnheit gewagt und einen Theil des Heeres fast ins Verderben geführt hatte, wie über Ferdinand, obgleich durch diesen Humberkurt war befreit, ja wohl vom Tode errettet worden. Denn der erfahrene Tillen so wie andere Ritter wurden es nicht müde, das Lob des Jünglings zu verkündigen und ihm hauptsächlich die Rettung jener Schaaren zuzuschreiben, die der Feind schon abgeschnitten und fast gefangen hatte. Man pries Ferdinands Tapferkeit nicht weniger wie seine Klugheit, und Viele drangen in Hugo, in diesem Kriege, der noch lange nicht geendigt schien, dem jungen Manne, der so viel schon gethan hatte, einen wichtigen Posten zu vertrauen. Humberkurt aber zürnte dem Jünglinge noch heftiger, denn sein Hochmuth erlaubte ihm nicht, sich diesem Unbekannten, der bisher in der Stadt und in jeder Gesellschaft so unbedeutend erschienen war, verpflichtet zu fühlen. Sein Knappe Dietrich hetzte ihn noch mehr und schalt den jungen Ferdinand einen Nichtswürdigen. Als das Getümmel sich am wildesten verwickelt hatte und Ferdinand gegen die Uebermacht kämpfte, sah er, wie dieser Knappe sich feige aus dem Kampfgedränge entfernen und so seinen Herrn, der in Lebensgefahr war, verlassen wollte. Ferdinand, erhitzt und von Kampfbegier begeistert, trieb den Feigen, ihn heftig mit der Fläche des Schwertes schlagend, in das Gefecht zurück. Manche der Krieger waren Zeugen dieses Schauspiels gewesen und hatten den Knappen laut verlacht, ihn aber noch mehr verspottet, als sie in die Stadt zurückgekehrt waren. Johanna konnte sich durch keinen Gedanken erheitern. Es war ihr lieb, daß sie den verständigen Ingeram im Saale traf, als sie zum Garten gehen wollte. Seine Scherze zerstreuten sie und sie glaubte auf Augenblicke ihre unglückliche Lage vergessen zu können. Jetzt trat auch Ferdinand herein, dessen Lob sie schon von einigen Rittern vernommen hatte. Sie bewillkommte ihn freundlich, und dem Jüngling war, als wenn er ihr in diesem Augenblicke Vieles zu sagen habe. – Was wird aus mir werden? sagte Johanna endlich: erst jetzt ist es mir deutlich geworden, ich bin durch diese erschütternde Begebenheit wie aus einem betäubenden Schlafe erweckt worden, der alle meine Sinne gefesselt hielt; ja, jetzt ist es mir deutlich, daß ich schon seit meiner Kindheit eine Gefangene war. Von meinem Glücke, vom Wohlsein meines Landes, von der Treue und Ergebenheit meiner Unterthanen war eigentlich niemals die Rede. Nur die verschiedenen Parteien zankten um Besitz und Ehre; und mein Name war der Vorwand, um ihre eigennützigen Ansprüche zu rechtfertigen. Mag siegen, wer will, ich habe immer nur verloren. Jenen Herrschsüchtigen ist es erwünscht, wenn meine Unterthanen verführt werden und sich in entgegenstehende Meuterrotten vereinigen. Ihnen ist es nicht unlieb, wenn immer wieder neue Parteien, neuer Zwiespalt sich erzeugen. Was verlieren sie? Sie können immer nur gewinnen, und beim schlimmsten Spiel kann ein Zufall Alles wieder zu ihrem Vortheil wenden. Ich sehe, daß ich die Beute werden soll, und wie eine entführte Taube habe ich im Neste des Habichts geschlummert. Ist es denn so, daß Macht, Ehre und Güter den Menschen nur schlecht und eigennützig machen? Alles empfingen diese Ungetreuen von meinem Vater und dessen Vorfahren, und seht nur, wie sie es gegen mich wenden! Kann denn wirklich nur der Arme tugendhaft seyn? Ja, Ferdinand, Ihr bleibt mir treu, wenn Alle von mir fallen; Ihr habt mit jenen Elenden nichts gemein. Ferdinand war erschüttert, sein Herz hob sich, als wenn es ihn erdrücken wollte. Nein, Fräulein, bei Gott! ich bin Euer getreuer Diener. O könnte ich nur etwas, etwas Großes, etwas Entscheidendes für Euch thun! Seid wachsam, sagte sie mit gedämpfter Stimme, und zog sich halb in die Wölbung eines Fensters zurück. Ein wahrer Freund kann jetzt viel für mich thun, und wahrlich, mir ist fast, als wärt Ihr dieser Einzige hier. Verlaßt mich nicht, wankt nicht, und es kommt wohl noch eine bessere Zeit, in der ich Euch vergelten kann. – Nehmt, hier ist ein Brief, den ich in dieser Nacht an König Ludwig von Frankreich geschrieben habe. Ich lege diese große Sache und ihre Entscheidung völlig in seine Hand. Es sind kaum sieben Jahre, als ich ihn in Mons sähe. Er ist gut, großgesinnt, König, er kann und wird niemals in die gemeine Weise dieser übermüthigen Vasallen eingehn. Die Klugheit, List, selbst die Treulosigkeit eines großgesinnten Monarchen ist auf anderer Wage, als die Schlechtigkeit der Diener gewogen. Er wird mit edler Rücksicht meine Lage ermessen und mich niemals so geradehin verrathen. Hält er den Balduin, wenn er ihn geprüft hat, für einen Abenteurer, so wird er mich ihm nicht ausliefern, und dieser, wenn er ein Lügner ist, wie ich glauben muß, wird in des Königs Gegenwart weniger frech seyn. Sei es wie es sei, ich bin dann von Jemand geschützt, dem es nicht um einen nächsten Besitz, um eine Gemeinheit zu thun ist, und der um Nichtiges sein königliches Wort nicht entweihen und die Frömmigkeit wird schmähen wollen, die seine Feinde Aberglauben taufen. – Entfernt Euch also heimlich, so bald Ihr könnt, denn öffentlich würde Euch Hugo nicht reisen lassen. Unterstützt, wenn Ihr das Glück habt, den edeln König zu sprechen, mit feurigen Bitten und Vorstellungen mein armes Gesuch, dringt in den Monarchen, der seit lange schon an Krankheit leidet, uns Alle in irgend eine seiner Städte oder der meinigen, welche er will, zu bescheiden, damit nur dieser unselige Krieg geendigt werde. Dies ist es, was meine Vertheidiger hier am meisten fürchten, denn sie möchten mich am liebsten in solche Drangsal bringen, daß ich aus Verzweiflung thue und eingehe, was sie mir vorschlagen. Um aber ihre Pläne durchzusetzen, darf nicht Friede und Ruhe seyn, weil sonst ihr Eigennutz die Nachbarn oder andere Theilnehmer ihrer eigenen Partei empören würde. Laßt Euch aber auch, junger Freund, gegen Niemand hier in der Stadt von diesem meinem geheimen Auftrage etwas merken, denn ich traue keinem Auge und keiner Zunge mehr. Schlimm genug, daß ich so einen einsamen Mann, ohne Begleitung, an den großen König als Gesandtschaft senden muß. Vielleicht bin ich auch jetzt zu mißtrauisch, wie ich früher zu leicht und gern vertraute: denn das ist das Unglück, daß wir oft zu unbedacht, nachher zu argwöhnisch werden. Doch besser zu viel fürchten, als zu wenig. Ferdinand konnte anfangs keine Worte finden, um seinen Dank und seine Gefühle auszusprechen. Er rief begeistert aus: Nein! daß ich einst von Euch so hoch geehrt werden sollte, hat mir auch mein kühnster Traum nicht vorher gesagt. Nehmt mein Leben, das sich ganz Euerm treuen Dienste widmet. Ja, ich bin treu und unwandelbar, so wenig ich bin. Ich diene Euch, und sterbe Euch, ich bin der Eurige, ohne Erwartung des Lohns. – Ach! und dennoch! Wie schwach, wie ohnmächtig sind wir Alle! Ich fühle es ja doch, wie es keine reine, unbedingte Ergebung in Euch und Euern Willen ist, denn meine Seele ist ja von der Eurigen nicht getrennt, ich kann nicht anders fühlen, mir ist keine Wahl gelassen, und darum muß ich mit Erschrecken das Geständniß thun, keiner wohl aller Eurer Diener ist so habsüchtig, so eigennützig, als ich! Ein Blick Eurer Augen, ein Wort, ein lächeln Eures Mundes sind mir ja mehr als des Orients Schätze. Darf ich mich also wohl Euern Getreuen nennen, Euern wahren Freund? Ist mein Beginnen denn nicht eben so schlecht, als thöricht? Darf ein Rasender hoffen, daß er Euch je wahrhaft dienen und helfen kann? Diese übereilten Worte sagte Ferdinand in der tiefsten Erschütterung aller seine Kräfte, er wußte kaum, daß er sie sprach, eine plötzliche Gluth führte sie ihm über die zitternden Lippen. Mit den letzten Worten war er vor dem schönen Bilde niedergesunken, er ergriff die Hand des Fräuleins und küßte sie inbrünstig. Sie entzog sie dem Jünglinge nicht, sie legte die andere auf sein blond gelocktes Haupt und sagte mit leiser Stimme: Ich weiß ja, was Ihr mir seid. Euer Gefühl ist mir kein Geheimniß, nur erlaßt mir jede Antwort. Das ist mein Unglück und die Bestimmung meines traurigen Lebens, daß mein Mund nichts von meinem Herzen wissen darf. Wie in Euerm Leben Alles Geheimniß ist, so muß auch, aus anderer Ursache, Alles in meinem Leben seyn, dunkel, ungewiß, trauervoll immer. Sei Euch das Glück auf allen Wegen hold. Euer liebes Bild wird immer in meinem Herzen bleiben. Habe ich doch die Jugend einmal gekannt, ist mir doch einmal ein sehnender Blick Eures Auges erschienen, und hat, wie mit Magie, einen Frühling in meinem Innern angezündet. Betäubt und entzückt erhob sich Ferdinand. Ein Weltall schwebte ihm in diesen räthselhaften und vieldeutsamen Worten. Wie er jetzt vor ihr stand, begegneten sich ihre Blicke. Der ihrige war so mild, so von süßer Rührung glänzend, so im zarten Ausdruck schwimmend, daß er Alles vergaß. Ein Kuß war geschehn: ob genommen, ob gegeben, wußte er nicht, er fühlte auch nicht, ob sie zürne, oder nur vor Ueberraschung und Scham erröthe. Lange standen sie noch nahe aneinander, er hielt noch ihre Hand in der seinigen, als sie zufällig die Augen aufschlugen und jetzt erst wahrnahmen, daß Hugo mit dem Sohne zugegen sei, die schon seit einiger Zeit eingetreten waren. Ingeram saß schon lange in einer fernen Ecke zusammengekrümmt, er hatte beim Eintritt des Grafen genieset und gehustet, aber Johanna so wenig wie Ferdinand hatten irgend Etwas vernommen, das um sie her vorging, so waren sie ganz in ihrem Innern. Mit vielem Gleichmuth ging Johanna dem Grafen entgegen, Ferdinand aber war so verwandelt und unfähig, sich zu sammeln, daß er kaum die Eingetretenen durch eine Verbeugung begrüßte und mit taumelnden Schritten sogleich auf sein Zimmer eilte. Als am Abend Hugo mit seinem Sohne im Schlosse allein war, nachdem Beide die Wachten besucht und alle Vorkehrungen für die Nacht getroffen hatten, sagte der Vater zu Humberkurt: Immer mehr drängt es, entscheidende Schritte zu thun, Viele von unsern ehemaligen Freunden, zu denen ich mich deß am wenigsten versehn hätte, sind von uns abgefallen; Manche, die noch auf unserer Seite stehn, sind zweideutig, der nächste Zufallswind schüttelt sie auch wie dürre Blätter vom Baum. Ausdauern nur müssen wir, so schadet mit der Zeit Jenen Dasselbe, was uns jetzt nachtheilig ist, denn die Strömung des Glücks muß, wenn wir diesen Krieg nur für ein Jahr aufrecht erhalten können, bald hiehin, bald dorthin gehn. Nur Johanna muß nicht in die Hände der Feinde gerathen, das ist unser wichtigstes Augenmerk. Aber – sie ist bei weitem weniger nachgebend und fügsam, als ich früher von ihr hoffte. Jeder Tag macht sie starrer und fester. Als ich ihr vorher deutlich machen wollte, wie gut es sei, ja wie nothwendig, den Entschluß zu fassen, Dir ihre Hand zu geben, damit ihr Gatte, ein Landesfürst, alle jene elenden Plane des Betrugs kräftig durchreißen, daß ich dann, als ihr wahrer Vater, Alles leichter ordnen könne, schlug sie bestimmter als je, mit größerem Widerwillen, als ich sonst an ihr wahrgenommen habe, diesen Antrag aus. Sie konnte sich selbst nicht so bezwingen, daß ich nicht eine gewisse Verachtung im Zorn ihres Gesichtes sollte wahrgenommen haben. Und ist nicht zu fürchten, daß jener unbekannte Bastard, jener Armselige, mit dem wir sie erst in so unziemlich vertraulicher Stellung fanden, durch sein listiges, verführerisches Wesen uns am Ende die schönsten Früchte unseres Sieges entreißen kann? Um diesen seid unbesorgt, unterbrach ihn Humberkurt, mit ihm will ich und mein Dietrich schon Maßregeln treffen, daß er uns nicht lange mehr hinderlich seyn soll. Johanna ist jung und unerfahren, es ist Einigen gelungen, ihr ein Mißtrauen gegen unsere Familie und gegen die Redlichkeit unserer Absichten beizubringen. Die Fürstin ist wohl gar schwach genug, bei so unruhiger Zeit sich in ein Abenteuer mit diesem Bastard eines Unbekannten einzulassen. Daß Wachsmuth, fuhr Hugo fort, fürs Erste durch Dich hat vom Schauplatz abtreten müssen, ist immer ein Gewinn für uns. Wenn er stirbt, hat das Unternehmen Conrads seine eigentlichste Kraft und Absicht verloren. Indessen gut es jetzt vorzüglich, thätig und aufmerksam zu seyn, damit die Feinde nicht durch unsere Nachlässigkeit gewinnen. Sie gingen, um die nöthigen Anstalten zu treffen. Ferdinand indessen war in die wundersamsten Träume versenkt; er war plötzlich so glücklich geworden, daß er sich dieses zu große Glück noch gar nicht anzueignen wußte. So im Sinnen, indem er sich die ganze Scene noch einmal zu vergegenwärtigen, sie zu begreifen strebte, traf ihn Ingeram. Wie ist Euch? fing dieser an, – und da er die seltsame Stimmung des Jünglings bemerkte, fuhr er fort: nun ja! da haben wir das vollständige Elend des zu großen Glücks. Armer Mensch! Eigentlich ist es mit Euerm Lebenslauf nun schon zu Ende. Denn was erst nach Jahren, nach hundert wichtigen Diensten hätte eintreffen, oder Euch noch immer wie eine Unmöglichkeit in weiter Ferne vorschweben sollen, ist Euch nun schon, wie eine überreife Frucht vom Baume, plötzlich in den Schooß gefallen. Nicht wahr? Nun müßt Ihr doch selbst einsehn, daß Sehnsucht mehr ist, als Erfüllung? Wenn Ihr aufrichtig seyn wollt, so müßt Ihr gestehn, daß Ihr aus allen Euern blanken Himmeln herausgestürzt seid. Ihr seid ausgepfändet, und alle Eure Kleinodien, und glänzenden Schränke und Sessel, und goldenen Tische sind auf dem Trödelmarkt, und die vier kahlen Wände der Wohnung sehn Euch nun trübselig an und bedauern Euch. Ferdinand wendete sich um, und umarmte seinen kleinen Freund so herzlich, daß dieser rief: Haltet! Ihr zerdrückt mir den Leichnam. Das ist das erste Mal, daß Ihr mir eine solche Gunst erweiset, laßt es aber auch das letzte seyn, denn meine gebrechliche Maschine ist für dergleichen Liebkosungen nicht eingerichtet. Und überhaupt, guter Jüngling, reißt Euch aus diesen Träumereien. Es giebt viel zu thun, und die Feinde werden nicht so müßig seyn, wie Ihr. Glaubt mir nur, so viel ich habe beobachten können, ist den Bürgern der Stadt gar nicht zu trauen. Die stärksten Gewerbe sind auf Conrads Seite, und wenn sie sich jetzt ruhig verhalten, so ist es nur zum Schein und um die Gelegenheit abzuwarten. Ferdinand entfernte sich, um die Schaar zu besuchen, deren Anführung ihm war anvertraut worden. Er fand auf den dunkeln Gassen viele Menschen, Gemurmel auf den Plätzen, Alles lief hin und wieder. Er bestieg einen Thurm der Mauer und sah in das Feld hinaus. Die Feinde schienen sich ganz ruhig zu verhalten und waren um ihre Wachtfeuer gelagert. Als er auf einem Umwege nach dem Schlosse zurückging, war der Tumult in den Straßen schon angewachsen. Alle Häuser auf dem Markt, viele in den vornehmsten Gassen waren ungewöhnlich stark erleuchtet, und als er um eine Ecke bog, trat ihm eine große Gestalt entgegen und fragte ihn: Ist es bald an der Zeit? – Was? fuhr Ferdinand ihn an und ergriff die Hand des starken Mannes. – Nichts für ungut, sagte dieser ruhig, indem er sich loszumachen strebte. So gingen sie einige Schritt, und Ferdinand erkannte jetzt den Vorsteher der Schlächterzunft, den hochstämmigen Ademar. So laßt mich doch los! rief dieser endlich. – Nicht, antwortete der junge Krieger, bis Ihr mir erklärt, was Ihr mit jener Frage gemeint habt. – Nun, sagte Jener, ob es denn nicht Zeit sei, einen Ausfall zu wagen? Ob wir denn hier so müßig wollen sitzen bleiben? Der Regent, dachte ich, würde uns Alle aufbieten, dem Feinde draußen einen nächtlichen Besuch zu machen. – Jetzt trat Hattrich, der Zimmermeister, herzu, dem viele Bürger folgten, und da sich Ferdinand immer noch nicht begnügen wollte, rissen sie ihren Gefährten mit Gewalt los, und Ferdinand, der wohl den bösen Willen Aller sah, mußte, ohne weitern Bescheid zu erhalten, nach dem Schlosse gehn. Er nahm sich vor, Alles dem Regenten vorzutragen. Indem er unten an der Küche vorüberging, hörte er darin ein lautes Geschrei und Zanken, und er meinte die Stimme Ingerams unterscheiden zu können. Als er hineintrat, war Alles im größten Aufruhr, denn Dietrich, der Knappe, tobte in unbändigem Zorn gegen alle Küchendiener und schlug den kleinen Ingeram mit einem schweren Stecken unbarmherzig. Ferdinand fiel dem Knappen in den Arm, entriß ihm den Stock, und warf den Burschen so heftig gegen die Mauer, daß ihm Kopf und Glieder erkrachten. Der ist geliefert! sagte Pamphilus, der dicke Koch: wenn er nicht vielleicht die Scherben seiner Gliedmaßen vom Töpfer wieder zusammenleimen läßt. Ferdinand fragte, was der Aufruhr zu bedeuten habe, und Alle schrien laut durcheinander. Jetzt hatte sich aber Dietrich wieder besonnen, und schwur, er wolle seinem gnädigen Herrn Humberkurt die Sache melden, der wohl seine Unschuld gegen diesen jungen Ohnebart vertheidigen werde. Ja, Herr Unbekannt, schrie der Knappe in Wuth, der Ihr hier so unberufen den Gebieter spielt, der Schlag und Stoß soll für Euch schwer ins Gewicht fallen. Er ging trotzig fort, und als es etwas ruhiger war, erzählte Ingeram, daß er ihn in einem heimlichen Gespräch mit Pamphilus betroffen, und gesehn, wie er diesem ein Pulver zugesteckt, das der Koch auch in die Schüssel gethan, welche für Ferdinand als Abendmahlszeit bestimmt gewesen. Ferdinand faßte den Koch ins Auge, der mit den heiligsten Schwüren und Betheuerungen das Gegentheil versicherte, die Sache völlig leugnete und den kleinen Ingeram einen Bösewicht und tückischen, lügenhaften Angeber schalt. Die Diener der Küche vereinigten sich gegen den armen Kleinen, alle schalten und lärmten von neuem, bis Ferdinand Stille gebot und rief: Wozu des Streites und der Anklage? Die Zeit drängt zu wichtigern Dingen, und es ist thöricht, sie über solch Gezänk zu verlieren. Ich gehe sogleich auf meinen Posten und werde gar nicht zu Nacht speisen. Hat Ingeram eine Thorheit und Schlechtigkeit ersonnen, um Euch und Dietrich zu schaden, so eßt Ihr, Freund Pamphilus, sowie Eure Helfershelfer sogleich von Dem, was für mich bestimmt war. Wenn Ihr das thut, will ich selbst, sowie es die Zeit nur vergönnt, Eure Klage gegen Ingeram führen. Das kann ich wohl, sagte Pamphilus trotzig und blies sein rothes aufgeschwollenes Gesicht noch stärker auf. Er nahm die Schüssel vom Feuer und winkte einige Diener herbei. Indem er sich aber diesen näherte, fiel ihm der Hafen aus der Hand und zertrümmerte auf dem Boden. Ungeschickter Bengel! fuhr Pamphilus einen der Küchenjungen an: stößt mich so aus Freßbegier an den Ellenbogen, daß ich das liebe Gut auf die Steine des Fußbodens verschütten muß. Gesindel! sagte Ferdinand kurz und entfernte sich, indem ihm Ingeram folgte. Als sie auf dem Schloßhofe standen, sagte der Kleine: Habt Ihr Eure berittenen Reisigen in der Nähe? – Sie halten, antwortete Ferdinand, gleich vor dem Schlosse, ich sprach sie vorher und habe sie um Mitternacht dahin beordert, weil es wohl einen Ausfall gilt. – Könnt Ihr ihnen trauen? – Unbedingt. – So will ich ihnen melden, daß sie auf Euern Befehl hieher in den innern Hof kommen sollen. Ein Damenpferd steht im Stalle schon gesattelt. – Was hast Du vor? – Ich habe für Euch gedacht, gehandelt und beobachtet, da Ihr keine Zeit und Stimmung dazu hattet, antwortete der Kleine. Es ist kein Augenblick zu verlieren, denn diese Nacht ist zu etwas Großem bestimmt. Ein Theil der Besatzung ist mit den Feinden einverstanden, sie werden sogleich den Versuch machen, sich der Stadt zu bemächtigen. Die Zunftmeister Ademar, Hattrich und Pustel haben es heimlich veranstaltet, indessen Alles auf den Wällen und in der Stadt kämpft, sich des Schlosses zu bemächtigen, um die Fürstin gefangen zu nehmen und sie auf jeden Fall dem vorgeblichen Balduin auszuliefern. Ich habe heimlich alle Gemächer und Thüren geöffnet (die Fürstin weiß darum), die die Nebentreppen herunter in diesen innern Hof führen; auch der Garten ist aufgeschlossen, durch diesen müßt Ihr, Freund, wenn das Getümmel es Euch möglich macht, entfliehen und Euch auf Nebenwegen nach Mons mit der Geretteten begeben. Ist sie dort in Sicherheit, dann schnell und unbemerkt mit Euerm geheimen Briefe zum Könige von Frankreich, denn sonst ist die Fürstin und Alles verloren; hat Conrad sie in seiner Gewalt, wie es nach den Umständen kaum fehlen kann, so ist es nachher fast nicht möglich, ihm die Macht wieder zu entreißen. Ferdinand wollte vielerlei antworten und einwenden, aber Ingeram lief und holte eine Anzahl der berittenen Reisigen in den innern Hof, und als Ferdinand auf den Platz hinaustrat, hörte er Geschrei, Waffengetümmel, Reiter und Fußvolk liefen durcheinander; sie haben die Stadt, die Rebellen! riefen Viele; oder: Verrath! Verrath! Fackeln leuchteten und der Tumult wälzte sich näher. Plötzlich war der Schloßplatz von bewaffneten Bürgern angefüllt, die mit Geschrei nach der Burg sich wendeten. Sieg! Balduin! Graf Conrad hoch! schrie Ademar mit mächtiger Stimme und die übrigen Bürger wiederholten den Ruf. Indem Ferdinand noch überlegte, fühlte er sich am Gewande gezogen. Es war Ingeram, der ihm winkte und bedeutete. Er führte ihn die verborgenen Treppen zum kleinen Gang hinan, Johanna kam ihm bleich und zitternd schon entgegen. Das Frauenroß stand unten, sie schwang sich hinauf, den Ställen vorüber, durch den innersten Zwinger und Garten ritten sie eilig: und da sie durch die kleinen Straßen zogen, hörten sie in der Ferne den verwirrten Lärm. Als sie die Stadt hinter sich hatten und einen Augenblick umwendeten, sahen sie im Wiederschein der Lichter kämpfende Gestalten auf dem entgegengesetzten Wall, die Glocken der Thürme läuteten, ein Geschrei ertönte von allen Seiten und ein Theil des Schlosses leuchtete im Brande auf. Als Ademar, Hattrich und Pustel die Fürstin nirgend, auch in ihrem Schlafzimmer nicht fanden, bemächtigte sich ihrer eine ungeheure Wuth, daß sie dem Grafen Conrad ihr Wort nicht halten konnten, ihm und dem Kaiser Balduin Johanna auszuliefern. Sie durchliefen tobend alle Räume und schleuderten in die Betten und Schränke erbost ihre brennenden Fackeln, so daß bald dieser Theil des Schlosses in Flammen stand. In den Gassen, den Thoren, am Wall hatte unterdessen Kampf und Schlacht gewüthet. Es war den Feinden gelungen, Viele der Ihrigen unbemerkt in die Stadt zu lassen, denn die Bürger, die an den Mauern und dem Walle wohnten, hatten ihnen ihre Häuser geöffnet und selbst die Wachen erschlagen, die Graf Hugo zur Vertheidigung in diese gelegt hatte. Der Regent war durch diesen Verrath überrascht worden, er hatte den Einwohnern Gents zu viel vertraut, die Gegenwehr war ungenügend, die Anstalten fehlten und die Zeit war jetzt zu kurz, passende Befehle zu geben und sie auszuführen. Die wenigsten seiner Krieger waren gerüstet, nur Humberkurt und die Seinigen waren völlig zum Streit gewaffnet. Man widerstand und Mancher von den eindringenden Feinden ward erlegt, aber Hugo mußte sich zurückziehen, und als er in die Nähe des Schlosses kam, sah er, daß es von den rebellischen Bürgern schon erobert war und daß ihre Schaaren mit dem Geschrei: Balduin! ebenfalls auf ihn eindrangen. Allenthalben Verwirrung, Mord, Rufen, Fragen, Schelten, und keine Ordnung, keine Haltung, kein Befehl. Um nicht gefangen zu werden, floh Hugo nach langem vergeblichen Kampf mit den Seinigen durch Haupt- und Nebengassen, von den Feinden verfolgt. Die Dunkelheit rettete den Grafen und seinen Sohn, und als Tillen und andere Anführer Alles verloren sahn, benutzten sie auch die Nacht und die Verwirrung, sich zu retten, so gut sie es vermochten. Keiner sah hinter sich und so vereinigten sich die Flüchtigen erst am Morgen wieder, indem sie schon einige Meilen von der Stadt entfernt waren. Man hielt, man erwartete die Zurückgebliebenen. Nacht, Gefahr und Verwirrung hatten, so viel es möglich war, Plan und Ordnung ersetzen müssen. Hugo erfreute sich über jeden Ritter, der ihm noch geblieben war und mit der Helle des Tages sich wieder zu ihm fand. Man beschloß, sich nach dem festen Mons zu ziehn, wo der Graf die treusten Freunde zu finden hoffte. Am meisten schmerzte ihn, daß Johanna, wie er glaubte, nun in den Händen seiner Feinde sei, wodurch sein Einfluß und Ansehn noch tiefer sinken mußten. So hatten Balduin und Conrad sich mit nur geringem Verluste der großen Stadt Gent bemächtigt, der vorzüglichsten und vornehmsten in Flandern, wo sie Waffen, Geld und Menschen im Ueberfluß fanden, um ihre Absichten durchzusetzen. Nur Johanna war ihnen, sie konnten nicht fassen wie, entronnen, da die Anstalten seit lange schon so gut getroffen waren. * In Gent war in wenigen Tagen Alles beruhigt. Balduin gab den Zünften alte Freiheiten und Vorrechte wieder, die sie schon vor vielen Jahren in den Zeiten der Unruhen eingebüßt hatten. Sie durften ihre Vorsteher selber wählen, die zugleich Mitglieder des kleinern Rathes wurden: fünf, die diese Räthe selber ernannten, waren dann auch im höhern Rath der Edeln zugegen, wenn es Sachen zu entscheiden galt, die die Bürger betrafen. Als dem Fürsten Balduin gehuldigt wurde, war die Stadt in der freudigsten Bewegung, der alte Fürst konnte sich nirgend der Verehrung und der Liebe seiner Unterthanen entziehn, die sich heftig und schwärmerisch äußerte. In einigen Tagen war es nicht möglich, die Bürgerschaft aus diesem Taumel zu wecken, und wo man den Kaiser nur erblickte, entstand ein Auflauf, Jeder wollte im Gedränge seine Hände küssen, wenigstens sein Kleid berühren, und dem gemeinen Volke war Balduin wie eine wundervolle Erscheinung, die den großen Helden und Heiligen zugleich darstellte. Man erzählte sich die seltsamsten Dinge von seinen großen Thaten in Griechenland, von seiner wundervollen Rettung, seinen Reisen, ja selbst von seinem Eremitenleben, und keine so ausschweifende Legende von seiner Buße, seiner Heilkraft, seinen Visionen konnte ersonnen werden, die das Volk nicht beschworen hätte. Auch die Geistlichkeit war erfreut, den großen Mann, von dem sie mehr Schutz und Hülfe erwartete, wieder als Herrn des Landes zu sehen, sie drang heftig auf die Abstellung vieler Mißbräuche, die sich eingeschlichen, auf viele Vorrechte und Besitzungen, die ihr von den Regenten, ja schon früher von Balduin selbst waren entzogen worden. Hier widersprach aber schon der Adel, mit dessen Vortheil sich diese Wiederherstellungen nicht einigen ließen, und Balduin sah bald, wie schwierig es sei, die Zufriedenheit Aller zu erhalten, da Jeder bei diesem sonderbaren Umschwung der Dinge mit den ungemessensten Erwartungen zu ihm kam und selbst das Unmögliche für leicht auszuführen hielt. Er betrug sich aber so würdig und weise, daß Jedermann, in seiner Verehrung bestärkt, von ihm ging, und selbst Diejenigen, die Ursach hatten, unzufrieden zu seyn, ihre Bewunderung laut aussprachen. Conrad war ernster und tiefsinniger noch, als man ihn sonst schon kannte. Sein Verdruß war groß, daß Johanna, auf eine ihm unbegreifliche Weise, hatte entfliehen können. Er war viel bei seinem kranken Sohne, den man sogleich, nachdem die Ruhe hergestellt und der Brand gelöscht war, in das Schloß eingelegt hatte. Dessen Wunden waren bedeutend, und die Aerzte konnten und wollten keine bestimmte Versicherung seiner Genesung geben. O Geliebtester, sagte der Vater mit Thränen zu ihm, wie muß mich denn dieses harte Schicksal so unvermuthet treffen? Warum konntest Du Deinem Zorn nicht gebieten, daß Du die Wuth dieses rohen Humberkurt erregtest? Sollte denn Alles, Alles, was ich wünschte und sann, nun für Dich und mich verloren seyn? Alle im Lande sollten gewinnen, nur ich allein müßte so schmerzlich Alles einbüßen? Was kann mir Deinen Verlust ersehen, wenn der Himmel ihn beschlossen hätte? Das Gefühl, antwortete der kranke Sohn, Recht gethan zu haben, der große Gedanke, daß es Euch gelungen ist, auf so denkwürdige und kluge Weise dem Lande seinen rechtmäßigen Fürsten wiedergegeben zu haben. Die nähere Möglichkeit, die Unterthanen zu beglücken, die gekränkte Geistlichkeit wieder in ihre Rechte herzustellen, den Aebten wiederzugeben, was ihnen entzogen wurde, das Volk wieder zu Ehren zu bringen und den Adel, der so oft geschmäht wurde, von neuem mit seinem alten Glanze zu bekleiden. Und dazu ist Euch die Würde des Stellvertreters des Regenten, des Kanzlers vom Herrn übertragen worden. Du hättest sehr Recht, antwortete der Vater, wenn die Menschen nur einigermaßen so wären, wie sie seyn sollten. Aber schon vergißt Jeder das allgemeine Wohl, und kaum von der Noth erlöst, die sie Alle bedrückte, denkt Jeder mit übereiltem Eigennutz nur an sich selbst und seine kleinen Vortheile. Es ist wahr, die Geistlichkeit hat uns sehr geholfen, das Volk zu stimmen und diese Entwicklung herbeizuführen; aber dafür verlangt sie nun auch so viel, und so ohne alle Rücksicht, als wenn es nur Priester und Mönche in der Welt geben sollte. Sie werden, wenn sie sich nicht mäßigen können, den Adel und auch den Bürgerstand neuerdings gegen sich empören, denn jedes Recht, sei es wohlbegründet, wenn es sich unbedingt ausbreiten und mit allen seinen nur möglichen Folgerungen herrschen will, wird zur Tyrannei. Der Bürger ist trunken, wild, ihm ist das Tolle, Seltsame willkommen, und er verlangt, daß das Schicksal Becher auf Becher noch seinem wahnsinnigen Rausche nachgießen soll. Erwacht das Volk nun, wie es doch geschehn muß, da nicht immer von neuem die wunderlichen Begebenheiten und Entdeckungen eintreten können, so wird seine Nüchternheit um so widerwärtiger seyn: und wo dann den nächsten Rausch finden, wenn nicht in Kampf und Zorn gegen uns, die es jetzt anbetet? Der Adel meint wieder, er kann nur gedeihen, wenn die anderen Stände gekränkt werden, und so liegt mir und dem Kaiser Sorge und Noth nahe genug. Und Balduin selbst, der Alles in eigner Person sehen, schlichten und abthun will, der seiner Einsicht wie Tapferkeit unbedingt vertraut, – wird er immer dankbar bleiben? Zwar bin ich ihm jetzt der Nächste, er hat mir feierlich für Dich seine Tochter versprochen und so wirst Du, wenn Gott Dich erhält, in Zukunft einst der Fürst dieses Landes. Aber, wenn Du nun dahingehst – auch, wenn Du mir bleibst und Alles sich zum Guten kehrt, wird Balduin niemals auf meine Verleumder hören? Werden die Menschen, denen ich verhaßt bin, nicht in Zukunft Einfluß auf ihn gewinnen? Und wenn uns nur Johanna nicht entrissen wäre! So lange der schändliche Hugo diese mit sich führt, so lange wird er auch noch Anhang im Lande finden. Wäre sie gefunden, so könnte sich Alles, so krank Du bist, sicherer und freudiger beschließen. Man muß nicht gar zu viel denken und sorgen, sagte der erschöpfte Wachsmuth, Ihr müßt dem Glück und Zufall auch Etwas überlassen; und haben sie doch schon so viel für Euch gethan. Wenn ich Johanna noch einmal hätte sehen können, ich glaube, ich wäre ruhiger gestorben. Meine früheren Wünsche stehen jetzt freilich blaß wie Nebel in weiter Ferne von mir weg. Wo mag sie aber seyn? Keiner hat von ihr gehört und Keiner sie gesehn. Der Vater verließ den Kranken mit schweren Seufzern und fand Balduin sehr verstimmt darüber, daß man die Tochter hatte entfliehen lassen. Die Dienerschaft wurde verhört, aber keiner wußte etwas Bestimmtes zu sagen: wer ist die kleine, mißgestalte Figur dort? fragte endlich der Kaiser im Unwillen. O Majestät! schrie Ingeram und kroch herbei, um den Mantel zu küssen: so ganz bin ich von meinem gnädigsten Fürsten vergessen worden? O welches Unglück, daß sich mein Beschützer, Ernährer, Wohlthäter, der mich so gütig hat erziehen und unterrichten lassen, meiner nicht mehr erinnern kann und will! Jetzt kenne ich Dich, sagte der Kaiser mit huldreicher Miene: komm hervor, armer Mann, und sage uns, was Du von meiner Tochter wissen kannst. – Dein Name? Er ist mir entfallen, denn wir haben uns lange nicht gesehen. Ingeram, antwortete Jener: ach! als Ihr noch Spaß und Lustigkeit brauchen konntet, damals, in Eurer frohen Jugend, ehe Ihr Euch noch mit Kaisertümern und Wallachen und Mamelucken abgabet und in den sauern Reichsapfel bißt, damals habe ich Euch manche vergnügte Stunde verkürzt und gemacht, und Ihr ließet Euch oft herab, über und mit Euerm niedrigsten Diener zu lachen. Die Zeiten, lieber, guter Narr, mögen auch vielleicht noch wiederkommen, denn auch das Alter ist gern froh. Hätte ich nur Gelegenheit gehabt, antwortete Ingeram, Eurer Majestät einen neuen jungen Narren zuzuziehen und abzurichten, der mir dann in meinen überreifen, baufälligen Jahren mein mühseliges Geschäft hätte erleichtern können. Aber wir haben seit langer Zeit immer so scharfe Nord-Ostwinde gehabt, daß die seine Narrheit in der zarten Blüthe jedesmal, selbst um Pfingsten noch, erfroren ist, und so werdet Ihr Wunder sehen, wie Euer Reich hier ein so ganz anderes geworden ist, als Ihr es verlassen habt; nichts als Tugend, meine hohe Majestät, Weisheit und Vernunft, so weit Eure huldreichen Blicke nur reichen. Da findet Ihr doch nirgend etwa thörichten Eigennutz oder Dünkel, Habsucht, Unvernunft, Altklugheit, Aberwitz, Aberglaube, oder Hochmuth und Betrug, – seht, majestätischer Herr, Ihr müßt Euch dermalen nun schon ohne alle diese leichten und anmuthigen Zerstreuungen behelfen lernen, wenn Ihr nicht aus Griechenland etwa solche Kunden mitgebracht habt; doch da Ihr lange Eremit wart und mit Euch selber nur umgegangen seid, so habt Ihr auch aus der Fremde nichts eingeführt, und die Moralität wird so überhand nehmen, daß neben diesem Unkraut kein anderes Wurzel fassen kann. Jetzt genug, erwiederte der Kaiser, verspare die Thorheit auf eine andre Stunde, denn Jedes findet seine Zeit. Kannst Du mir aber Nachricht von meiner Tochter geben, so sei einer Belohnung gewiß. Pamphilus, der Koch, rief: Kaiserlicher Herr, der tückische Bursche weiß gewiß etwas von ihr, denn er war immer am meisten um die Prinzessin; aber er wird gewiß nichts aussagen, wenn man ihm nicht die Daumenschrauben anlegt. Gnädiger Herr, rief Ingeram, ich bin das unschuldigste Blut, das nur je eine Narrenkappe getragen hat. Ich habe daran Leiden genug, ein Narr zu seyn, und brauche nicht auch noch schlecht zu werden. Wollt Ihr aber gar aus dem Narren einen Märtyrer machen, so bringt Ihr Euch nur selbst ohne Noth in schlechten Ruf. Viele Diener können mir bezeugen, daß, als der große Lärmen Eures glorreichen Einzuges hier losging, ich schon in halb entkleidetem Zustande aus meinem Bette kam, ich suchte Ruhe und Erholung vom Schreck, und allenthalben sprang mir Unruhe, Lebensgefahr und Drangsal entgegen und lief mir in die Arme. Drüben auf der andern Seite des Schlosses fing es gar an zu brennen, was man kaum hat löschen können, und doch liegt nun jener Theil der Burg in Asche. Da habe ich mit den Andern allenthalben in Angst und Noth die Prinzessin gesucht und nirgend gefunden. Verbrannt wird sie hoffentlich nicht seyn, denn in dem Falle hätte man doch wohl ihre holden Ueberreste angetroffen. Es ist etwas Dauerndes, Unvergängliches in uns, Majestät, was die Schlächterzunft Knochen nennt, und das widersteht selbst einem gelinden Feuer. Führt den Schwätzer fort! rief Balduin. Aber Ingeram ließ sich nicht so leicht irre machen, sondern fuhr fort: und Pamphilus, mein gnädigster Herr, dieser dicke, aufgelaufene Feueranbeter, hat gar kein Recht, irgend von mir Böses zu reden, denn er selber hat eine schlimme Sache auf dem Kerbholz. Gestern, vor Euerm Regierungsantritt, hat der Wurstmenger mich, den allerunnützesten Menschen, der gewiß Keinem im Wege steht, aus dem Wege räumen wollen, durch ein gewisses feines Pulver, das man im bürgerlichen Leben Ratzengift heißt. Hauptsächlich war es auf einen intimen Freund von mir, den jungen Ferdinand, abgesehen, den Eure Majestät auch hat erziehen lassen, damit er Euch in Zukunft Ehre und Spaß hätte machen können. Lauter Lügen! rief Pamphilus; ich erbot mich, von dem Gerichte selbst zu essen, wenn es mir ein ungeschickter Küchenjunge nicht aus der Hand gestoßen hätte. Das Schlimme ist nur, sagte Ingeram ganz ruhig, daß ein sichrer Hund, der größte und übrigens verständigste im ganzen Schloß, der noch obenein beim Streit und ganzen Zank zugegen gewesen und Alles selbst mit angehört hatte, sich aus Gier beikommen ließ (wie die Leidenschaften denn immer verblenden), das so verschüttete Fleischgericht zu verzehren, und auch bald nachher, mit Erlaubniß zu sagen, seinen Geist aufgegeben hat, oder schlechthin krepirt ist. Und daß der Regent Hugo, oder wenigstens dessen Sohn Humberkurt, oder zum allerwenigsten dessen Schildknappe Dietrich mit im Spiele ist, kann ich beschwören, denn von diesem Dietrich hat Pamphilus das Pulver erhalten. Das habe ich mit meinen eignen Augen gesehen. Die letzte Nachricht war dem Kaiser wichtig genug, um sich näher nach dem Zusammenhange zu erkundigen. Der Knappe Dietrich fand sich unter den Schwerverwundeten, die in der Stadt hatten zurückbleiben müssen. Als Conrad ihn in das Verhör nahm, erfuhr er von ihm, daß Humberkurt auf den jungen Ferdinand schon lange einen Haß geworfen habe, weil er, nach seiner Meinung, mit der Fürstin Johanna zu vertraut und ihr zu dienstfertig gewesen sei. Als Conrad ihm sein Leben und Verzeihung zusicherte, bekannte er, daß der junge Humberkurt ihm allerdings Gift gegeben, um durch dieses den Diener der Fürstin, jenen Ferdinand, der sich im Kriege ausgezeichnet habe, zu tödten. Diese Aussage ließen Balduin und Conrad öffentlich bekannt machen, damit Hugo und dessen Sohn und Anhang noch verhaßter werden möchten. Wo mag aber dieser Ferdinand geblieben seyn? sagte Graf Conrad alsdann; so sehr wir nach ihm geforscht haben, so wenig will sich irgendwo eine Spur von ihm zeigen. Niemand weiß auch, woher er stammt, wer seine Verwandte sind und ob sie irgendwo leben. Ingeram, der ebenfalls hinzugekommen war, sagte: Das ist der größte Jammer, daß der junge Mensch fortgelaufen ist und doch wohl den Aufrührern und dem Zuge des Grafen Hugo sich angeschlossen hat, obgleich sie ihn haben so unbescheiden fortschaffen wollen. Das arme junge Blut war immer so unglücklich, weinte wie oft, daß er von seinen Eltern so gar nichts wußte. Die kaiserliche Majestät, so sagten Viele, hat ihn selbst hieher gebracht und in der Kindheit ernähren und versorgen lassen. Aber der edle Balduin hat damals keinem Menschen vertraut, zu welchem Thiergeschlecht oder Wappen, oder zu welcher Zunft das unmündige Knäblein gehörte! »Ach! wenn der große Balduin nur noch lebte!« das war täglich und stündlich seine Litanei: »so könnt' ich doch wohl noch Ritter werden!« Nun thut er im Kriege gegen seinen eigenen Landesherrn Dienste, ficht für Die, die ihn umbringen wollen, und – statt sich seinem erlauchten Beschützer zu Füßen zu werfen, von ihm zu hören, wer er eigentlich ist – rennt er davon und gesellt sich zu den Feinden seines allerhöchsten Wohlthäters. Die Leute wollen immer sagen, der Mensch sei mit Vernunft begabt, diese Sache ist aber offenbar mehr als einfältig. Ich kann mich des Knaben nicht mehr genau erinnern, sagte Balduin; doch weiß ich, daß ich im empörten Hennegau damals mich verschiedener Kinder erbarmte, deren Eltern bei dem Untergang einiger Städte umgekommen waren. Der Jüngling wird eines von diesen seyn. Ich habe immer für meine Wohlthaten ebenso wenig Gedächtniß, wie für die Beleidigungen meiner Feinde gehabt. – Bei der feierlichen Huldigung erhielt der Abt Ildefons für sein Kloster alle Freiheiten und Güter wieder, die ihm waren entzogen worden. Conrad ward mit einer großen, reichen Herrschaft belehnt, der braune Robert ward zum Ritter geschlagen und ihm Schloß und Feld eines der Gebliebenen als Eigenthum übergeben. Das alte Weib, das an jenem Tage als Prophetin eine so große Rolle gespielt hatte, ward von den Landleuten wieder in die Stadt geführt, und auf dem Rathhause, wo ein großer Bürgerschmaus gegeben wurde, saß sie neben dem redseligen Zunftmeister Ademar. Dieser, so wie Hattrich und Pustel hatten vielerlei Gespräch mit dem Grafen Conrad, und der Bürgerschaft wurde Vieles erlaubt, was bis dahin unerhört war; Aufzüge und Feste wurden ihr gestattet, deren Zulassung sie aus den alten Büchern der Stadt zu beweisen suchte; auch setzte sie es durch, in Gegenwart der Edeln sich ganz als Ebenbürtige dieser betragen zu dürfen. Viele vom Adel, die eifrig gewesen und zuerst sich dem Kaiser angeschlossen hatten, wurden mit den Gütern mancher Erschlagenen belehnt; oft auch nahm man die Güter Derer, die im Gefolge Hugo's waren. Alle diese wurden von Balduin in den Bann gethan und geächtet. Der Abt Ildefons warnte, so wie die älteren Geistlichen der Stadt, weil ihrem vorsichtigen Blick die meisten dieser Neuerungen und Vergabungen zu hastig erschienen. Doch beugten sie sich vor der höheren Weisheit des alten erfahrenen Kaisers, dessen majestätische Haltung und kluges Wort jedem Klagenden die Beharrlichkeit nahm und jede Einwendung, die auch gegründet schien, mit Verstand abwies. Wie sehr auch Manche in der Einsamkeit oder in Gegenwart vertrauter Freunde ihre Unzufriedenheit äußern mochten, so kamen alle Parteien darin laut und öffentlich überein, daß der Schlag, der den braunen Robert zum Edeln und Ritter gemacht hatte, durchaus verschwendet sei, denn dieser Mensch zeigte unmittelbar nach seiner Erhebung den rohesten Hochmuth eines gemeinen Gemüthes und so schlechte Sitte, daß der Adel wie der Bürgerstand ihn vermieden. Als Conrad ihm einige erinnernde Worte freundlich sagen wollte, um ihn auf seinen Beruf und Stand aufmerksam zu machen, war er in seiner trunknen wilden Laune auch gegen diesen unverschämt und behandelte ihn in Gegenwart anderer Ritter so übermüthig, als wenn Conrad von ihm abhängig sei und seiner Gnade bedürfe. Als die Edeln hierauf sahen, daß selbst der Kaiser diesen entarteten rohen Vasallen nicht bändigen könne oder wolle, zeigte sich ein lautes allgemeines Mißvergnügen, und seltsame Gerüchte und Vermuthungen theilte Einer im Geheim dem Andern mit. Als die Stadt beruhigt und die nöthigsten Einrichtungen getroffen waren, Balduin auch die Huldigung der meisten übrigen Städte seines Landes angenommen, Hugo und seinen Anhang für geächtet erklärt, und seine Ansprüche, seine Geschichte, so wie die Aufforderung an seine Tochter noch einmal bekannt gemacht hatte, rüstete man sich mit einem großen und muthigen Heere zum Aufbruch. Es schien jetzt den Meisten etwas Leichtes, diesen Krieg endigen zu können. Man zog mit den frohesten Erwartungen wohlgemuth aus, und nur Conrad war ernst und finster, weil er seinen kranken Sohn Wachsmuth in Gent zurücklassen mußte. Der braune Robert war einer der vornehmsten Befehlshaber, und eine große Schaar, in dieser auch mancher vom Adel, stand unter ihm. Ingeram, der auch zurückgeblieben war, besuchte fleißig den kranken Wachsmuth. Dieser sprach mit begeistertem Entzücken von Balduin und dessen wunderbarer Geschichte, und welche seltsame Fügung des Schicksals gerade in dieser Zeit diese Begebenheiten so gelenkt und so wichtige Entdeckungen ans Licht gebracht habe. Ja wohl, sagte Ingeram, ist es eine denkwürdige Geschichte, an der noch unsere Nachkommen in müßigen Stunden sich werden verwundern können. Daß ein Vater, ein Fürst wieder zu Lande kommt, daß man Einen todt sagt, der noch lebt, ist nichts Besonderes, wohl aber, daß unser Herr so Kaiser wird, als wenn man nur einen Grafen von Flandern über die Grenze bringen dürfte, um ihn als griechischen Kaiser verwandelt zurückzuerhalten. Nun hat er Krieg und Tod überstanden, die Knechtschaft beim Bauer und wird Eremit. Verholzt sitzt er in seiner Zelle und wir Alle lassen uns davon nichts träumen, da kommt der braune Robert, der früher manchen Reisenden aus seinen Kleidern geschält hat, und klopft uns mit einem Schlage aus einem verdorrten Einsiedler einen frischen berühmten Landesfürsten und Vater heraus. Unser Balduin selbst findet sich gleich wieder so ins Regieren hinein, als wenn er sich im Walde auf nichts Anderes geübt hätte. Aber vom Kriegführen, Todesnoth, Beten und allen Zermarterungen ist ihm doch das liebe Gedächtniß ein bischen schwach geworden. Kannte er mich doch nicht einmal wieder, denselben Freund, den er ehemals so oft hat peitschen lassen. Konnte sich auf meinen jungen Ferdinand gar nicht besinnen, den er doch damals in die Kost, wenn auch nicht in die Welt gesetzt hat. Lassen alle Leute, die nach Griechenland gehen, ihr Gedächtniß dort, so ist es kein Wunder, wenn die Griechen mehr Verstand als die übrigen Völker haben. Wenn wir nun auch unterdeß zurückgekommen wären, und uns aus Schwachheit auf unsern Balduin nicht mehr hätten besinnen können! Wie nun, wenn sich morgen oder übermorgen der majestätische Mann Eures Vaters nicht mehr erinnern kann? Oder was er so in verschiedenen Stunden gesprochen hat? – Hugo war mit seinem Zuge durch die Landschaft, indessen nicht ohne Schwierigkeit, vorgerückt. In manchen Gegenden fand er offenen Widerstand und mußte sich mit Gewalt Platz machen; in vielen Oertern wagte er nur mit großer Behutsamkeit zu ruhen und dann weiter zu gehn. Hier und da wurde er auch wieder als Freund aufgenommen, und manche Ritter wie Unedle schaarten sich zu ihm, da jetzt der offene Krieg erklärt war und Jedermann glaubte, Partei nehmen zu müssen. Gewann er manche Freunde und Theilnehmer, so schadete es ihm wieder, als Conrad und Balduin jene Vergiftung Ferdinands bekannt machten, eine Nachricht, die fast allenthalben Glauben fand. So rückte er langsam vor, bald fechtend, bald freundlich aufgenommen, und Alle warteten nur auf den Tag, an welchem ein zweites Treffen das Schicksal des Landes entscheiden würde. Am meisten war Hugo darüber erzürnt, daß es ihm nicht gelungen war, Johannen mit sich zu führen. Er mußte vom eignen Sohne viele Vorwürfe darüber hören, daß er zu wenig Vorsicht angewendet habe, und daß nur seine Unachtsamkeit jenen nächtlichen Ueberfall des Feindes habe gelingen lassen. Auch Tillen war fast mit seinem Freunde entzweit, und Hugo hatte bei seinem Anhange durch diese Begebenheit Vieles von seinem frühern Ansehn eingebüßt. Langsam näherte man sich dem festen Mons. Hugo glaubte nicht eine andere Stellung nehmen zu können, um dem übermächtigen Feinde irgend die Stirne zu bieten. Das wohlbewahrte Schloß, die Stadt mit allen Anstalten der Verteidigung versehen, die treuergebnen Unterthanen, und die Provinz selbst, die sich ganz gegen Balduin erklärt hatte, Alles zusammengenommen bestimmte ihn und seine Freunde im Rath, hieher sich zu wenden und von diesem Punkt aus ihr Recht mit aller Anstrengung gegen ihre Gegner zu vertheidigen. – Noch größere Schwierigkeiten fand Johanna auf ihrer Flucht. Im Anfang gelang es Ferdinand, sich auf Nebenwegen mit seiner kleinen Anzahl durch Wälder und kleine Dörfer zu schleichen. Sie brauchten weniger Vorsicht, da man in diesen Gegenden in den ersten Tagen von den großen Vorfällen in Gent noch nichts erfahren hatte. Aber bald war der Ruf von der Eroberung der Stadt, von der Abwesenheit der Fürstin durch das Land erschollen, die Einwohner waren aufmerksam und aufgeregt, und es gehörte Klugheit und List dazu, sich jeder Frage zu entziehen, oder sie zu beantworten und die Reise fortzusetzen. Der Zug, so Wenige und so gut beritten sie auch waren, konnte sich wegen Johanna's Schwäche und Zartheit nur langsam bewegen. Sie war unvorbereitet und plötzlich in dieses Schicksal geworfen, sie fürchtete jede Stunde von den eigenen Unterthanen als Gefangene gewaltthätig behandelt zu werden, dann mußte sie zittern, ob sie nicht von einer streifenden Partei, die Conrad aussenden möchte, eingeholt würde. Wieder fiel es ihr ein, wie selbst diese Flucht ihrem Rufe schaden und von Bösgesinnten eine üble Auslegung erleiden könnte. In der stillen Nacht kamen ihr auch wohl Zweifel, ob nicht Balduin dennoch der wahre, und ihr Vater sei. So von Gedanken bestürmt und von Empfindungen aller Art, fühlte sie sich wohl am Abend so matt und krank, daß sie glaubte, am Morgen nicht weiter reisen zu können. Aber die Notwendigkeit, der Drang der Umstände gaben ihr wieder neue Kraft, um Alles, was ihr entgegenstand, mit Heldenmuth zu besiegen, so daß ihre Begleiter sie bewundern mußten, daß sie ohne Pflege, ohne weibliche Bedienung, wohl bei schlechtem Regenwetter, so freien Muth, ein so freundliches Auge und allen Glanz der Schönheit frisch behielt, ohne zu zagen und sich von allen diesen Mühseligkeiten beugen zu lassen. Ferdinand verehrte seine angebetete Heldin wie eine Erscheinung aus einer höhern Welt. Er war auf diesem Zuge in allen seinen Sinnen trunken, da er sich bewußt war, daß sie ihm ihre Rettung zu danken hatte, da ihr sonderbares Verhältniß sie so nahe verbunden, da er sie immer sah, sie stets bediente, mit ihr Rath pflog, von ihr unzertrennlich war, und dieses sein höchstes Glück zugleich Pflicht und Tugend sich nennen durfte. Ihre Empfindung zu ihm war sonderbar gespannt und ihr Betragen ungleich, selbst widersprechend. Seit jener wunderlichen Scene, in welcher sie sich gegenseitig fast ohne Worte erklärt und verstanden, hatte sich eine ängstigende Unruhe ihres Herzens bemächtigt. Sie konnte nicht begreifen, wie sie zu jener Hinneigung sich hatte bewegen lassen, sie konnte sich selbst nicht deutlich erinnern, was geschehen sei und welche Worte gesprochen wurden; sie fühlte aber, daß jener Augenblick ihr tiefstes Dasein aufgeregt und erschüttert hatte; daß von ihm eine neue Epoche ihres Lebens beginne. Gern hätte sie jenen Vorfall vernichtet und von neuem erlebt, um ihn besonnener zu richten, das Passende zu sprechen und das Unziemliche zu vermeiden. Sie hatte sich vorgenommen, fremd gegen Ferdinand zu thun, sobald sie ihn wiedersehn würde, um in ihm, wo möglich, die Erinnerung dieses Begegnens auszulöschen, als sie ihm plötzlich so vertraut nahe geführt wurde, daß sie ihm Rettung und Freiheit zu danken hatte. Sein zärtliches Bemühn, seine Sorgfalt um sie, sein freundliches und tröstendes Gespräch machten, daß sie ihren Vorsatz vergaß und mit der heitersten Lieblichkeit sein Vertrauen erwiederte. Dann wieder fiel ihr plötzlich das Seltsame und Abentheuerliche ihrer Lage ein, und sie erzwang ein fremdes Betragen, eine spröde Zurückgezogenheit und kaltes, gleichgültiges Gespräch. Sah sie dann Ferdinands Trauer, so fühlte sie, wie sehr sie ihm Unrecht that, und war schnell wieder mit jugendlicher Unbefangenheit freundlicher als je. An einem Abend, als sie in die Herberge gekommen waren, sagte Ferdinand: wie wird mir seyn, wenn ich wieder ohne Euch leben muß? Wenn Ihr wieder in Hugo's Gesellschaft seid, und ich nur dann und wann einen flüchtigen Blick Eures Auges gewinne? Und was wird in Zukunft Euer, was wird mein Schicksal sehn? Welche Leiden stehen Euch vielleicht bevor, welches Verderben wartet vielleicht meiner? Mein Freund, mein einziger Freund, wie ich wohl sagen darf, erwiederte sie, ich weiß nicht, wie ich zu Euch sprechen, wie ich von mir selbst denken soll. Alle Wahrheit, alle durch mein ganzes Leben hindurch angewöhnte Ueberzeugung ist mir entschwunden, das Unglaublichste ist mir ganz nahe getreten und mein inneres Herz ist in sich selbst entzweit. Denn entweder bin ich eine frevelnde Tochter, die ihrem höchsten Glück und ihren heiligsten Gefühlen, abentheuernd, eigenwillig entflieht; oder ich bin von verrätherischen Netzen umzogen, die mich noch schlimmer verwickeln, die mich vielleicht erwürgen mögen. Die Landschaft, die Edeln und Priester laufen alsdann einem frechen Lügner zu, mein Wohl und meine Gefühle, ihre eigenen Pflichten mit Füßen tretend. Und kann ich wissen, was der listige Hugo noch spinnt, was sein frecher Sohn noch unternehmen wird? Oft, wenn wir durch den Morgennebel zogen, dachte ich es mir als ein Glück, wenn ich eine Bäuerin wäre, die jetzt zu Markte ritte, nur von den nächsten Pflichten, den natürlichsten zum Wirken, zur Dankbarkeit, zur Liebe aufgefordert. Von armen Eltern gepflegt, deren Alter ich tröstete, mit Garten, Feld und Vieh bekannt, Getreide, Kohl und Blumen erziehend, die kleine Habe bewachend, am Sonntage geputzt in der Kirche betend, und so eng umzäunt, daß so wenig großes Glück wie Elend mich treffen konnte. Welche liebliche Bestimmung, wenn der Himmel sie mir beschieden hätte! Ferdinand seufzte und sagte dann bewegt: Immer ist mir in diesen Tagen die Geschichte des ersten Balduin im Sinne gewesen; jener kecke Krieger, der so frohen Muthes die Tochter des Königs von Frankreich raubte. Er wagte damals weit mehr, als wenn wir jetzt, für diese Zeit von allen Verhältnissen abgetrennt, ein stilles Thal im fernen Gebirge suchten, um, die ganze Welt vergessend, mehr als Das zu besitzen, was Ihr eben so lieblich schildertet. Und mein Land? antwortete sie; dann noch mehr dem Raub und der Bosheit preisgegeben? Und ich stets bereuend, daß ich meinen hohen Beruf, den der Himmel mir auferlegte, so wenig erkannte? Täuschen wir uns nicht, treuer Freund, über unsere Herzen. Ich würde immerdar unglücklich seyn, wie es Jeder ist, der seinen Beruf verkennt und sich ihm gewaltsam entzieht. Und wie würdet Ihr Euch erscheinen, wenn Ihr Euch sagen müßtet, daß Ihr zunächst mein und das Unglück meines Landes verschuldet hättet? Ihr seid viel zu gut und treu, viel zu edel, um einem einzigen Gefühl, einem schwärmendem Traum Alles ganz opfern zu dürfen, was Euch die Verhängnisse noch vorbehalten haben. Wohl mögt Ihr noch Unglück erleben, aber mir dünkt, auch Thaten warten Eurer, mir scheint, Ihr sollt noch Großes ausrichten. Und Einiges ist Euch schon zugefallen, Ihr seid so glücklich gewesen, Begebenheiten auf edle Art zu lenken und auszuführen, wie Ihr es noch vor einigen Wochen nicht denken durftet. Hätte Euch nun damals schon irgend ein Bürgermädchen, eine junge Dirne auf dem Lande oder am Hofe so gefesselt, daß Ihr Euch nicht von ihrer Seite hättet erheben mögen, wie stünde es dann um mich, und wie wäre Euch selbst zu Muth? Aber wie es auch komme, Freund, Theuerster, Bild meiner Jugend, was ich künftig leiden mag, wie ich mich vielleicht opfern muß, zu Euch will ich immerdar mit dieser dankbaren Liebe aufschauen, die mich jetzt in Eurer Gegenwart beglückt. Dies Andenken, Euer Blick und Wort wird künftig den Inhalt meines Lebens ausmachen. Außer Allem, was ich Euch zu danken habe, ist noch ein süßes, ewig lebendes Gefühl im Heiligsten meines Herzens für Euch, das sich niemals verdunkeln wird. Seid Ihr denn nicht eben so glücklich wie ich, wenn Ihr es wißt, daß Eure Seele ganz der meinigen gehört? Ferdinand sah sie lange an. Ja! rief er ans, welch ein Elender wäre ich, wenn ich Euch nicht verstände, und süßen, himmlischen Worte sich nicht wie Seligkeit mir um Geist und Seele legten? So werden weinende Kinder von der liebenden Mutter zum Schlaf eingesungen, wie alle Wünsche dieses Lebens vor Euren Tönen so einnicken, wie die Blumen zur Nacht ihre Kelche schließen. Ist aber nicht alle Himmelsseligkeit, auch diese Entzückung des Gemüthes, Alles nur Traum, Schatten, so lange wir als Sterbliche in dieser Dämmerung wandeln, wir selbst nur verkörperte Schatten? Ach! was will Sehnen und Hoffnung, Wunsch und Liebe? Nein, das Irdische, Vergängliche nicht; aber eben so wenig das Unsichtbare, Unvergängliche. Dorthin dringt der süße Ton der Liebe nicht mehr, von jener unersteiglichen Mauer wird auch der zarteste Seufzer, der innigste Blick, der lieblichste Reim hinweggewiesen. Dort kennen sich die Lichter der stillbrennenden Augen nicht länger, da gilt kein Gleichniß mehr, kein Bild, die ernste Wahrheit ohne Farbe und Gewand schaut sich nun klar und ewig unermüdet an, und wir fassen, wir wünschen diesen Zustand nicht: am wenigsten der Liebende, der es ja am innigsten fühlt, wie hier sich irdisch lieblicher Trug und Wahrheit, Schatten und Licht, kosender Scherz und heiliger Ernst, alle unbegreiflichen Widersprüche so innig binden und sich durchdringen, daß es Lästerung wäre, sagen zu wollen: hier ist Erde und hier beginnt der Himmel. O Johanna, kann denn die Liebe etwas anders seyn, als irdisch, zeitlich? Sie wäre ja sonst nicht ewig, wenigstens hätten wir kein Unterpfand für dieses unverstandne Wort, wenn wir es nicht im Blick, im Händedruck, in jeder Nähe, in der leisesten Berührung des geliebten Wesens lesen könnten. Ja, Theure, der Himmel ist in die Erde gedrungen, und der aufblühende Frühling dieser beiden Welten ist die Liebe, und in ihrem Duft und Glanz siegprangt der Himmel in den Kräften der Erde, das Ewige könnte sich ohne das Zeitliche, das Licht nicht ohne den Schatten offenbaren. Und Ihr wollt doch glauben, das Eine sei geringer als das Andere, oder gar verderblicher Natur? Ja, Liebster, antwortete sie, daß das Leben nur Wehmuth sei, ohne echte Gegenwart und nur Traum der Vergangenheit und Schatten der Zukunft, und daß wir uns auch in der Liebe nie ganz besitzen und finden, hat mir immer schon wie eine trübe Wolke vorgeschwebt. Aber was wollen zuletzt diese träumenden Gedanken von uns? Süßestes Bild, sagte Ferdinand scheu erröthend, wenn Ihr mir Eure schöne Hand reicht und ich ihren Druck empfinde, so sind es nicht zwei Gerippe, die zehn Stäbe in einander flechten, die unsichtbare Ewigkeit durchzuckt mich und webt in meiner Seele. Was neulich geschah, war nur ein unbewußtes Wunder, aber, wenn Ihr dem Armen als reichste Gabe ein Almosen spenden wollt, das ihn auf Lebenszeit beglückt, so erlaubt mir jetzt noch einen, den ersten und letzten Kuß. Dies Andenken sei alsdann der unerschöpfliche Schatz meines Daseins. Sie antwortete nicht, aber ihre Lippen berührten sich wieder, blieben lange aufeinandergepreßt, und als sie jetzt den liebevollsten Kuß auflöseten, warf er sich in einen Sessel, indem Thränenströme seinen Augen entflossen und ein krampfhaftes Schluchzen seine Brust so heftige bewegte, als wenn es sie zerbrechen wollte. Gerührt, wie sie schon war, theilte sich ihr diese schmerzvolle Stimmung mit und sie weinte ebenfalls. So geschieht uns nun, sagte sie, als Beide wieder mehr beruhigt waren, daß wir das Seltsamste und Abentheuerlichste erleben müssen, Empfindungen, von denen die wenigsten Menschen wohl nur eine Vorstellung haben mögen. Und so tritt in unsere Flucht und Rettung, in diesen gefahrvollen und mühseligen Zug wie von selbst das Gedicht eines alten Sängers herein, und Mährchen und Wahrheit, Wunder und Gewöhnliches verbinden sich so, daß wir diese Tage niemals vergessen können. – Aber ist Euch nicht auch beigefallen, daß wir vielleicht besser für uns sorgten, wenn wir sogleich das französische Gebiet zu erreichen strebten? Wenn ich selbst persönlich Hülfe beim König Ludwig suchte? der Zug ist freilich weiter, vielleicht noch gefahrvoller. Kann ich aber von Hugo, so wie sich Alles gestaltet, Glück und liebevolle Aufnahme erwarten? Wird er nicht immerdar mehr an sich selber, als an mein Wohl denken? In der Nähe von Mons, erwiederte Ferdinand, wollen wir uns entschließen. Sind wir erst dort, so können wir leicht fränkisches Land erreichen. Wenn Ihr aber auch nicht selbst nach Paris geht (was Euch zu lange aufhalten, und wenn Euer Zug bekannt würde, wie er dann doch müßte, Euern Feinden Gelegenheit gäbe, Eure Absicht zu vereiteln), so kann ich, wenn Ihr in Mons bleibt, um so schneller zum Könige eilen und Euch um so früher die erwünschte Hülfe bringen. – So bewegte sich der Zug der Grenze immer näher, und es gelang ihnen wirklich, allen Nachstellungen zu entgehen. Die Bauern in den Dörfern, wo sie rasten mußten, hielten Johanna für eine reisende Dame, die ihren Gemahl in Frankreich aufsuchen wolle. Die streifenden Parteien stießen auf die Reisenden nicht, oft aber, wenn Ferdinand von ihnen hörte, wußte er ihnen mit großer Klugheit auszuweichen. Nur selten gestört oder gehemmt kamen sie so in die Nähe des festen Mons. Hier war die Landschaft allenthalben in Feindschaft gegen Conrad entbrannt, Alle waren eifrig für Hugo, und Balduin galt Jedem nur für einen frechen Betrüger. Indem sie gegen Abend aus einem dichten Walde traten, durch dessen verwickelte Fußpfade sie sich gearbeitet hatten, kam ihnen eine Reiterschaar, weit zahlreicher, als die ihrige, entgegen. Es war unmöglich, umzukehren, mit entblößten Schwertern, auf Alles gefaßt, ritten sie Jenen entgegen, die rasch auf sie zusprengten. An ihrer Spitze war bald Humberkurt zu erkennen, und er seinerseits hatte die Gestalt der Johanna auch schnell unterschieden. Ohne zu grüßen, zu fragen, ohne irgend eine Bezeigung der Höflichkeit stürzte er gleich auf Ferdinand zu, indem er mit rauher Stimme schrie: Ha! Jungfrauenräuber! treffen wir uns endlich hier? – Der bin ich nicht! rief ihm Ferdinand entgegen; ich überliefere Euch hier die Fürstin, die ohne mich sich in der Gewalt Conrads befinden würde. Johanna wollte sprechen, aber der Wüthende vernahm in seinem Zorn nichts: Du lügst! rief er; auf, Leute, herbei, nehmt ihn gefangen oder haut ihn nieder! – Er stürzte mit dem Schwerte auf Ferdinand ein, so heftig und in solcher Eil, daß der Jüngling sich kaum vor diesem unvermutheten Angriff schirmen konnte. Sie kämpften heftig, doch plötzlich entfiel dem schäumenden Humberkurt das Schwert, weil Ferdinand ihn am Arm verwundet hatte. Humberkurt wich zurück, und ohne Johanna zu beachten, rief er seinem Gefolge von neuem, doch die Reisigen Ferdinands setzten sich zur Wehr, den einen Angreifenden stieß der Jüngling vom Rosse, dann schwenkte er noch einmal grüßend die Hand nach Johanna, gab seinem Pferde die Sporen und verschwand im nahgelegenen Walde. Seine Begleiter blieben auf dem Felde zurück. Jetzt erst ward es der Fürstin möglich, sich mit den Wüthenden zu verständigen. Daß ich Euch freiwillig entgegen ging, und daß diese meine Gefährten der Reise sich so ruhig halten, beweiset, daß wir als Freunde nahen, sagte sie. Ohne Ferdinand wäre ich nicht aus Gent gekommen, so war das Schloß von allen Seiten bestürmt. Aber Humberkurt antwortete: Wenn er Euch auch, wie Ihr behauptet, errettet hat, so ist er doch zugleich Euer Entführer! Warum nicht erfuhren wir längst, daß Ihr zu uns kommen wolltet? Und wo ist er jetzt hin, der Bösewicht? Wenn er ein gutes Gewissen hatte, so konnte er bleiben und sich meinem Vater zeigen. Hugo kam ihnen aus der Stadt entgegen und war höchlichst erfreut, die Fürstin wiederzusehen und in seinem Schutze zu haben. Er ließ sich ihre wunderbare Rettung, ihre Reise und Alles, was Ferdinand für sie gethan hatte, erzählen. Er lobte den kleinen Ingeram, der so klug und vorsorglich Alles eingerichtet hatte, tadelte aber wieder bitter diesen, so wie Ferdinand, ja Johannen selber, daß keiner ihm von den Anstalten der Bürger und der nahen Gefahr Anzeige gemacht habe. In der Stadt war beim Einzuge der jungen Fürstin ein allgemeines Frohlocken. Die versammelten Krieger, so wie die Bürger waren in lauter Freude, Musik erklang, Lieder wurden gesungen, die ganze Nacht hindurch ward unter Jubel und Tanz, Gesang und Trinkgelagen hingebracht. Hugo sagte zum Sohn: Immer bist Du rasch und unbesonnen! Nie verständig, nie Deine Plane im Auge! Wie bitter hat Dich der Knecht Dietrich in Gent verklagt! – Daß aber Ferdinand, so brav er war, und Dich rettete, doch gegen uns nichts Gutes im Sinne hat, daß wir Johanna weniger vertrauen dürfen als je, daß der junge, abentheuernde Laffe ihr Herz gewonnen hat, von allen diesen Dingen bin ich jetzt fest überzeugt. * Balduin hatte sich indessen mit seiner Macht in die Nähe von Mons gezogen. Ein großer Theil des Landes hatte ihn schon anerkannt, nur fürchtete er, daß Viele eben so leicht wieder zum Feinde übergehen könnten, als sie sich ihm in schnellem Eifer, ohne sonderliche Prüfung ergeben hatten. Er zürnte auf den braunen Robert, der so manche der Edeln durch seine rohe Art gegen ihn empörte, so daß viele ihre Unzufriedenheit über diesen Mitkämpfer bei jeder Gelegenheit aussprachen. Einige der Aeltern vom Adel hatten sich unter dem Vorwande, daß der Krieg eigentlich geendigt sei, schon auf ihre Güter zurückgezogen, und Conrad wagte nicht, sie mit Ernst als Vasallen ihres Fürsten aufzufordern, damit nicht eine laut gegebene Erklärung auch Andre wankend machen möchte. Sein Sohn Wachsmuth, der sich ein wenig gebessert hatte, war ihm nachgereist und wurde in einem nahen Schlosse, in welchem Balduin seinen Sitz aufgeschlagen hatte, verpflegt. Die Schwäche des Sohnes, die nicht weichen wollte, und ihn immer wieder an die Schwelle des Grabes warf, verstimmte den Vater und machte ihn mit jedem Tage finsterer und weniger zum Umgang mit Andern geneigt. Im Schlosse kam jetzt Balduin zu Conrad und klagte über ihn selbst: Mein treuester Freund, fing er an, ich erkenne an Euch den vorigen Diensteifer nicht mehr, der mir früher alle meine getreuen Unterthanen zurückgeführt hat. Ihr überlaßt Euch der Schwermuth zu sehr, und der Ueberdruß des Lebens wirkt auch auf Eure Geschäfte und Regierung ein. Ich muß fürchten, daß das Hinschwinden Eures Sohnes, und mit seinem Verlust der Untergang aller Eurer Hoffnungen für ihn, dies Zagen, diese Unentschlossenheit in Euch hervorrufen. Sollte die Liebe zu Euerm Fürsten und Euerm Vaterlande nicht stark genug seyn, Eure Kraft aufrecht zu halten? Freilich kann Wachsmuth, wenn ihn der Himmel zu sich nimmt, nicht mein Eidam werden, aber dennoch bleibt Ihr mein nächster und vertrautester Freund. Ich habe Euch meine Dankbarkeit schon bewiesen, und Ihr seid jetzt reicher, als Ihr es jemals waret; aber noch öfter, bei jeder Gelegenheit will ich Euch zeigen, wie sehr ich Eure Dienste anerkenne und zu belohnen suche. Wenn Ihr fordert, sollt Ihr früher im Begehren als ich im Zusagen ermüden. Mein gnädigster Herr, erwiederte Conrad, wahr ist es, das Verschmachten meines Sohnes und das Erlöschen meines Stammes in ihm nimmt mir allen Muth, in die Zukunft hineinzuschauen, aber an meiner Treue und Ergebenheit wird diese rechtmäßige Trauer nichts vermindern. Auch ist meine Stimmung, wie Ihr wißt, der Stille und Religion zugewendet, so daß Euer unvermuthetes Erscheinen es nur vermochte, mich der Einsamkeit zu entziehn und den Händeln der Welt zurückzugeben. So wie ich den Frieden begründet und Euch Euren rechtmäßigen Thron ohne allen Widerspruch einnehmen sehe, werde ich mich wieder, wie es meinem Alter wohl am besten ziemt, in meine Wälder verkriechen. Und der Dienst für Euern Fürsten, sagte Balduin, Euer weiser Rath, meine Bitten, das Flehn des Landes, sie sollten nachher nichts über Euch vermögen? Seh' ich doch, antwortete der Graf, daß Eure Weisheit Allem genügt. Mein mürrischer Sinn, meine Trauer dürften Euch mehr stören und hemmen, als daß Euch meine Einsicht noch Hülfe bringen könnte. – In der Stadt Mons hatten sich indessen auch viele Freunde und Helfer um Hugo vereinigt. Tillen war unermüdet gewesen, Ritter und Edle zu überreden und für seine Sache zu gewinnen. Sein redlicher Eifer hatte manchen überzeugt, und sein ehrenvoller, tadelloser Name schien Vielen eine Bürgschaft, daß er und Hugo für die Wahrheit kämpften. Einigen Edeln, die Hugo's Ruf gefolgt waren, hatte sich auch Ingeram angeschlossen, und dieser durfte wieder, ganz wie ehemals, frei und ungehindert die Zimmer der Fürstin besuchen. Als ihn Hugo zum ersten Male traf, übernahm ihn der Zorn dergestalt, daß er den Kleinen auf unbillige Weise mit Scheltworten überhäufte. Ingeram sagte, als der Graf sich entfernt hatte: Ich kann nicht begreifen, was der alte Ingrimm an mir Aermsten für Händel sucht. Freilich habe ich die Schändlichkeit des Dietrich entdeckt, und ohne meine Aufmerksamkeit lebte Ferdinand vielleicht nicht mehr. Aber eben darum: leben und leben lassen. Ich werde doch nicht in das Lager zum Balduin hinüberlaufen, und ihn ebenfalls für den wahren Herrn erklären; und, wenn ich es selbst thäte, was könnte das Land dabei verlieren, oder Balduin gewinnen? Oder denkt er, irgend ein anderer Graf Conrad wird mich selbst zum regierenden Herrn machen wollen? Ich sehe, wie wenig Freude bei der Sache ist, und sehne mich nicht nach solcher Beförderung. Als jetzt Graf Hugo erzürnt wieder hereintrat, bat Johanna selbst, daß sich Ingeram sogleich entfernen und dem Grafen allenthalben aus dem Wege gehen möchte. Hugo schien feierlicher noch und ernster als gewöhnlich. Ich will mit Euch, Gräfin, fing er an, zum letzten Mal über einen Gegenstand sprechen, dem Ihr jederzeit mit mehr oder minder Widerwillen und Entschiedenheit auswichet. Aber, wenn Ihr nicht ganz verblendet seid, Euch nicht vorsätzlich aller Vernunft verhärtet, so müßt Ihr selber einsehen, wie sehr die Umstände, die Noth des Landes, die Drangsale des Krieges und Eure eigene Gefahr den Entschluß und Schritt nothwendig machen, gegen den Ihr Euch so unbillig sträubt. Weigert Ihr Euch länger, verkennt Ihr länger Eure und die allgemeine Wohlfahrt, nun so möge Euch alsdann alles das Elend treffen, das Ihr selber auf Euch herbeizieht. Ihr müßt durchaus einen Gemahl wählen, diese Forderung des ganzen Landes dürft Ihr nicht überhören. Dann ist Ruhe, Kraft, Einheit da, und Eure Feinde schmelzen dahin, wie der Schnee bei der Frühlingswärme. Ein Gemahl, ein Fürst darf mit Euch vereinigt, auf Euer unbezweifeltes Recht gestützt, ganz anders herrschen, als Ihr, die junge, unerfahrene Fürstin und Euer Stellvertreter. Ihm gegenüber würde der Betrüger zitternd verschwinden und Adel und Bürger von selbst in ihre Schranken zurücktreten. Wenn Ihr denn Recht hättet, antwortete Johanna, so laßt mir Zeit und knüpft selbst Unterhandlung mit irgend einem jungen Fürsten des Auslandes oder der Nachbarschaft an. Ihr wißt es recht gut, antwortete Hugo, wie viel lieber der Unterthan sich von einem eingebornen Landsmann regieren läßt. Unsere Rechte und Freiheiten in Flandern, die besondere Verfassung dieses gesegneten Landes werden nicht leicht einem Ausländer deutlich, und es hat sich immer bewiesen, wie schwer ein solcher, wie ungern er sich in der Ausübung seiner Macht beschränken läßt, da unsere alten Satzungen dem Adel, dem Bürger und den Städten viel größere Freiheiten zugestehn, als es in andern Ländern geschieht. Dann sucht der gekränkte Herrscher bei seinen auswärtigen Freunden und Verwandten Hülfe gegen seine eignen Unterthanen, und muß am Ende den Fremden weit größere Opfer bringen, als die Einheimischen je von ihm fordern mochten. Krieg, Zerstückelung des Landes, Einmischen in fremde Kriege, welches die Kräfte unseres Landes verzehrt, ist zu fürchten. Wählt Ihr aber einen der Ersten Eures Landes, aus einer mächtigen, alten und angesehenen Familie, so seid Ihr aller jener Sorgen überhoben. Und immer wieder, fing Johanna erröthend an, zwingt Ihr mich, Das zu wiederholen, was ich Euch schon so oft geantwortet habe. Seht doch nur, fuhr Hugo mit scheinbarer Ruhe fort, wie Alles schon auf der Spitze steht. Die entscheidende Schlacht muß morgen, muß übermorgen geschlagen werden. Ich, mein Sohn und unsere Freunde sind, nebst dieser Stadt und wenigen Schlössern Das, was Ihr noch von Euerm Lande besitzt. Werden wir geschlagen, gezwungen, von Euch zu weichen, so seid Ihr völlig verloren und fallt der Willkühr und den Launen eines niedrig gebornen Betrügers anheim, dem Ihr alsdann, als einem anmaßlichen Vater, unbedingten Gehorsam schenken müßt. Der vermählt Euch dann vielleicht, ohne Euch nur zu fragen, an seinen braunen Robert oder irgend einen hergelaufenen Gesellen, der in andern Provinzen dem Galgen entronnen ist. Haltet ein! rief Johanna, mäßigt Euern Ungestüm und mildert diese unziemenden Reden, Worte, die ich nicht hören würde, wenn Ihr in Eurem Herzen irgend noch Achtung für mich hättet. Ihr vergeßt ganz, daß ich Eure Fürstin bin, ein Rang, den kein Unglück, den der Abfall aller meiner Vasallen mir nicht rauben kann. Ihr habt nicht Unrecht, erwiederte Hugo, und könnt vielleicht bald von Euerm Stolz und Eurer Seelenstärke Gebrauch machen. Eine Hoffnung bleibt mir noch. Ich will morgen, ehe eine entscheidende Schlacht vielleicht Alles verliert, mit meinen Freunden und Getreuen zu dem Betrüger in sein Lager hinaus. Er soll meinen Blick, meine Rede aushalten; die Seinigen, Diejenigen, welche nur getäuscht, nicht boshaft sind, werden von ihm abfallen. Er wird es nicht wagen, seine unverschämte Lüge fortzusetzen, denn er weiß wohl, daß er mich niemals betrügen kann. Beschämen will ich ihn, daß seine Getreuen, seine Helden und Verfechter das Stammeln und Zittern des Armseligen merken und von ihm weichen sollen. Steht er dann in seiner Blöße da, bringe ich Euch die Vasallen, die ihm zufielen, reuig zurück, so habt Ihr nachher auch diese Wohlthat dem Manne zu danken, dem Ihr bis jetzt nur mit bitterm Hasse lohntet. Wenn ich Euch bisher undankbar erschienen, antwortete Johanna, so vergebt meiner Unerfahrenheit, die vielleicht nicht genug einsah, wo und wie Ihr mir gedient habt. Mir scheint, der Verlust von Gent und mit ihm des größten Theiles meines Landes kommt nicht unbillig auf Rechnung Eurer Unachtsamkeit zu stehn. Und wenn Ihr die Macht habt, Euch die Kräfte zutraut, mit einem Blick und einer Rede Diesen, den Ihr Rebellen nennt, zu beschämen und zu entwaffnen, so hättet Ihr wohl früher von dieser Gabe Gebrauch machen sollen, bevor es zum Kriege kam. Ich bin überrascht worden, wie Ihr selbst sagt, erwiederte Hugo, indem er seinen auflodernden Zorn zu unterdrücken strebte. Auf den ungeheuern Betrug, so wie auf den Verrath der Bürger von Gent war ich nicht vorbereitet. Aber seitdem habe ich Beweise, Nachrichten und Zeugen gesammelt, die jedem Unbefangenen diesen frechen Lügner entlarven und ihn selbst beschämen müssen. Bleibt er roh und starr in seinem Frevel, so werden wenigstens gewiß die besten und mächtigsten seiner Freunde zu uns übertreten, und wagt er dann noch die Schlacht, so ist er und sein heimtückischer Anstifter Conrad verloren. Aber dann, wenn ich mit diesem doppelten Siege zurückkehre, werdet Ihr mein Gesuch, meine Bitte und meinen liebsten Wunsch nicht mehr so schnöde zurückweisen, Ihr werdet nicht länger das Herz meines tapfern Sohnes verwerfen und zerbrechen, der sich in Sehnsucht nach Euch verzehrt. Ihr müßt ja doch fühlen, wie Euer Vortheil hier mit dem unsrigen geht, und endlich jenen Eigensinn überwinden, der einer Regentin nicht geziemt und zu sehr nach den früheren Tagen Eurer Kindheit schmeckt. Graf Hugo! rief Johanna nicht ohne Erbitterung aus, verschont mich einmal für allemal mit diesen Forderungen, wie mit diesen ungeziemenden Verweisen. Daß ich kein Kind mehr bin, fühle ich Euch gegenüber am allerdeutlichsten. Ihm, Euerm rohen, ungezogenen Sohne, der mich mit jedem Blicke und Worte beleidigt und verletzt, ihm sollt' ich mich aufopfern? Und dies sollt' ich noch für mein Glück erkennen? Ja für eine Pflicht der Dankbarkeit? – Wie geringe denkt Ihr von einer wohlerzogenen Jungfrau, von einer gebornen Fürstin! Mein Weigern soll die Kinderstube verrathen? Nein, daß Ihr weder das Herz des Menschen, noch meine Gesinnungen kennt und zu würdigen wißt, daß Ihr so plump mir den gröbsten und rohesten der Männer aufdringen wollt, das verräth, erlaubt mir, Euch selbst nachzuahmen, einen sehr geringen Verstand, der sich wohl nicht dazu eignet, ein ganzes Land zu regieren. Meint Ihr? meint Ihr? rief Hugo ihr entgegen, indem er mit großen Schritten im Saale auf und ab ging, dann still stand und sie lange mit einem feurigen, prüfenden Blicke anstarrte. Also, sagte er nach einer Weile, ist dies Eure letzte, entscheidende Antwort? Ja, sagte Johanna kurz; eben so gern als Euern Humberkurt, würde ich jenen braunen Robert mir zum Manne aufdringen lassen. Dabei könnte ich nicht verlieren. – Kaum hatte sie die Worte schnell und tonlos gesagt, als sie sie auch schon bereute und sich der Leidenschaft und des Zornes schämte, von denen ihr Herz zu sehr war überwältigt worden. Sie erschrak daher, als Hugo laut zu lachen anfing, ihr den Rücken wendete und sie dann, wie verachtend, von Kopf bis zu Füßen betrachtete. Freilich wohl, sagte er dann, die Zähne auf einander beißend, auch Robert wohl; warum denn nicht? Ist ein unbekannter Bastard nicht zu schlecht, daß man ihn liebkost, mit ihm durch Feld und Wald streift, einsam und vertraulich mit ihm lustwandelt, so möchte Humberkurt am Ende denn doch Bedenken tragen müssen, dieses allzudemüthige Herz anzunehmen, das sich nur zu gern erniedrigt. Wissen wir ja doch die Ursache, woher Eure Weigerung rührt, ist sie doch auch dem Lande kein Geheimniß mehr. Und um welches Verbrechens, boshaften Planes oder Verrathes wegen ist denn dieser junge Landstreicher immer noch abwesend? Wenn er kommt, soll die Folter von ihm erpressen, was er mit Euch, oder gegen Euch mit auswärtigen Feinden verabredet hat. Ein entsetzliches Gefühl bemächtigte sich der Jungfrau. Mit einem feurigen Blicke, die Augen weit aufreißend, als wollte sie sie dem Gegner ins Angesicht schleudern, rief sie: Giftmischer! komm mir nie wieder vor die Augen! der Geringste soll fortan lieber mein Rath seyn. Zum Beispiel der gute Herr Ingeram, höhnte Hugo und verließ das Gemach. Sie aber warf sich erschöpft auf das Lager; jener Blick, den sie dem Erzürnten gegeben hatte, schmerzte sie tief in Auge und Gehirn hinein, daß sie glaubte, blind zu werden, denn Alles schwebte nur in ungewissen Umrissen vor ihr. Sie dachte zu sterben, so zerbrochen fühlte sie alle ihre Kräfte, so ganz ihr Leben entwichen. Als sie nach einer Stunde unbeschreiblicher Schmerzen weinen konnte, ward ihr in Scham und Reue wohler. Sie begriff nicht, wie sie zu diesem Auftritt gekommen, wie sie ihn nur irgend habe befördern können, sie erschrak vor sich selber und vor jenem ungeheuern Zorn, der in ihrer Seele aufgestiegen war. Nie hätte sie geglaubt, oder nur geahndet, daß ihr Wesen einer solchen sich ganz vergessenden Heftigkeit fähig sei. Sie erschien sich jetzt so elend und verächtlich, das Leben selbst kam ihr so arm und unerfreulich vor, daß sie mit ihrem schweifenden Blicke auf keinem Punkt, auf keiner Erinnerung weilen mochte. Wie aus einer tiefen Dämmerung trat ein tröstendes bleiches Gefühl endlich in ihre Brust, dieses, daß sie diese Leidenschaft für Ferdinand geäußert habe, für den verfolgten treuesten Freund, und Scham und Reue, wie alle Schmerzen schienen bei dieser Vorstellung sich zu mindern. – Im Lager Balduins war am folgenden Tage Alles in der größten Erwartung und Bewegung. Es war bekannt geworden, daß eine Gesandtschaft zu einer wichtigen Unterredung, an ihrer Spitze Hugo, der Regent selbst, erscheinen würde, um sich mit dem Kaiser und den Seinigen über einige wichtige Punkte zu vereinigen. Hugo zog mit seinem Sohne, dem getreuen einsichtsvollen Tillen, dem bejahrten Ritter, so wie vielen andern seiner Vertrautesten aus der Stadt. Im Lager Balduins war keiner auf den Erfolg dieser Gesandtschaft und Unterredung so gespannt, als Conrad, der nicht begriff, weshalb Hugo diese Zusammenkunft gesucht, oder Balduin sie bewilligt hatte, da es doch völlig unmöglich war, daß die Parteien sich irgend einigen konnten. Balduin saß auf einem Thron, ganz im kaiserlichen Schmuck, mit dem kostbaren Mantel bekleidet. Neben ihm, auf niedrigern Sesseln, Conrad und der bleiche Wachsmuth, der heut zum erstenmal sein Zimmer verlassen hatte. Umher standen und saßen einige ältere Räthe, auch Abt Ildefons, nahe am Thron. In einiger Entfernung sah man Friedrich und andere junge Ritter. Als Hugo in das große prächtige Gezelt trat, warf er einen sonderbaren eiligen Blick auf Conrad und betrachtete dann Balduin, der in majestätischer Haltung auf ihn herniedersah. Hugo, der straff und mit aufrechtem Gange eingetreten war, schien, vom Blick des Kaisers getroffen, verlegen zu werden, denn er verneigte sich tiefer und demüthiger, als er sich vorgesetzt haben mochte, oder als es die Absicht dieses Besuches gestattete. Auf einen Wink Balduins, indem Conrad und die Uebrigen aufgestanden waren, wurden dem Grafen Hugo, dem Freiherrn Tillen und noch Einigen seines Gefolges Sessel gereicht, und nach einer langen Stille begann Balduin: Was suchst Du, Graf Hugo, hier im Feldlager vor meinem Thron? Du, der größte unter meinen Feinden, Du, mein Vasall, der Du mir hier Mons, meine gute Stadt versperrst, und meine Bürger und so viele Edle von Namen gegen mich in die Waffen rufst? Hugo erhob sich, blickte dreist empor und antwortete dann mit festem Ton: Du fragst mich, Du, der Du Dich Balduin nennst? Mich, der ich nur darum zu Dir gekommen, um Dir Frageartikel zu stellen? Und nicht spreche ich zu Dir aus eigener Willkühr oder aus Uebermuth eines Einzelnen, sondern die Fürstin, die Stimme des gesammten Landes spricht aus meinem Munde. Wie? Du wagst es, Verwegner, Dich Balduin, Fürst von Flandern, Kaiser zu nennen? Der rechtmäßigen, edeln Fürstin, ohne Beweise, ohne Grund und Anspruch ihr Land zu entreißen und gegen sie selbst ihre treuen Unterthanen zu empören? Ich bin jetzt gekommen, und mit mir dieser edle Freiherr, dessen Tugend selbst die Verläumdung nicht zu schmähen wagt, alle diese jungen und alten Ritter sind mit mir erschienen, Dich feierlich und im Namen Gottes hier zu fragen: ob Du nicht endlich, von der Noth des Landes gerührt, von Deinem Gewissen bewegt, diese Deine frevle Lüge von Dir thun, zur Wahrheit zurückkehren und bekennen willst, daß Du die Theilnehmer Deines Abenteuers nur hintergangen, daß Du kein Fürst, Landesherr, nicht Balduin bist, sondern ein Schwärmer und Thor, der von eitler Hoffnung erregt, von Wahnsinn begeistert, das Panier des Aufruhrs blutig durch die Länder schwingt, um Die zu verderben, die Du Deine Unterthanen nennst, und Diejenige elend zu machen, die Du als Tochter zu lieben vorgiebst. Bekennst Du Dich schuldig, so soll dieses Dein bereuendes Geständniß Dir als Grund der Verzeihung, als die erste Stufe der Besserung dienen. Gebete, Einsamkeit, Wallfahrten und Buße mögen Dir dann auch von jenem Richter Verzeihung erwerben, dessen gerechtes, unparteiisches Auge über uns alle waltet und unsere innersten Gedanken prüft. Darum entkleide Dich hier vor unsern Augen, vor den Blicken dieser Männer, die sich von keinem Blendwerk täuschen lassen, Deines angemaßten Ansehens, denn nicht diese Krone, das Scepter, dieser erhabene Stuhl und die würdige Haltung genügen uns, um Deinem Mährchen zu glauben, dies kann Jeden, auch den Niedrigsten schmücken, Jeder kann dies spielen und nachahmen, aber Wahrheit und Recht, Tugend und die Liebe des Vaterlandes werden nicht vor diesem Schaugepränge die Knie beugen. Alle sahen sich verwundert an. Ein Murmeln des Beifalls ließ sich in dem Gefolge Hugo's hören, dagegen der junge Friedrich und viele seiner Freunde ein lautes Mißfallen äußerten, Alle waren bewegt, nur der Kaiser, ohne die Mienen zu wandeln, nachdem er mit ruhigem Blick im Kreise umhergeschaut hatte, sagte dann mit tönender Stimme und majestätischer, aber freundlicher Haltung: Hugo, die Worte, die Du eben sprachst, kränken mich nicht, ich klage nicht, daß Du so redest, denn ein treuer Unterthan muß so sprechen, ich klage nur darüber, daß Du sie mich nicht viel früher hast vernehmen lassen. Dünkt Dir meine wunderbare Geschichte, meine höchst seltsame Errettung, und Alles, was mir zugestoßen ist, nur ein Mährchen, von List und Trug erfunden, so verzeihe ich Dir auch dies, wie jedem Andern, der mir nicht glauben will, denn mein Schicksal ist allerdings so einzig, so allen andern seltsamen Begebenheiten unähnlich, daß, wer mich sonst nicht kennt und anerkennt, schwerlich jener Schrift und Erzählung, die ich habe in die Lande ausgehn lassen, an sich selbst Glauben zustellen kann. Ich frage Dich nur im Vorbeigehn, ob Du nicht meinst, List und Trug hätten, um leichter zu täuschen, eine bessere Erfindung ersinnen können, der der Glaube der Menschen leichter entgegen käme? Aber das, mein Hugo, tadle ich an Dir, daß, wenn Du zweifeltest, Du nicht schon längst zu mir kamst, um Dir alles Das erklären zu lassen, was Dir unbegreiflich dünkt. Denn ich scheue ja nicht die Untersuchung meiner Sache, ich wünsche sie vielmehr, weil ich und die Wahrheit nur dabei gewinnen können. Und sind die Fragenden edle Männer, alte Freunde, Vertraute (und alles Dieses, mein Hugo, bist Du), so wird es mir um so leichter, mich zu rechtfertigen. Hättest Du mich auch in diesen neuesten Verwirrungen der Zeit beleidigt, so würde selbst die größte Kränkung nicht die Dankbarkeit in meiner Brust ertödten können, die ich Dir für mein ganzes Leben schuldig bin. Ich kann nie die Dienste vergessen, die Du mir leistetest, bevor ich nach Griechenland ging, nie kommt jene Zeit und unser vertrauter Umgang, unsere rührende Freundschaft aus meinem Gedächtniß. Nachher halfst Du mein armes verwaistes Land beschützen, und, so viel Du konntest, vor Unordnung und Bürgerzwist bewahren. Darum dachte ich eben, als ich meinen vaterländischen Boden wieder betrat: dein Hugo wird Einer der Ersten seyn, der dir mit den Freudenthränen des Freundes entgegenkommt. Um so mehr, weil Du meiner einzigen geliebtesten Tochter so lange Schutz und Pfleger gewesen warst: so sehr war ich von Deinem Entgegenkommen überzeugt, daß ich schon auf Dank sann, wie ich Deine erprobte Treue vergelten, wie ich Dich mit nähern Banden, als nur des Danks und der Belohnung, an mein Herz heften möchte. Denn Du mußt es ja doch wissen und fühlen, was ein Vater für sein Kind, dem man Gutes thut, zu zahlen im Stande ist, da Dir selbst ein hoffnungsvoller, wohlgerathener Sohn zur Seite steht: ein Jüngling, der zwar an mir und den Meinigen gezeigt hat, wie tapfer er sei, indessen nur von demselben Irrthum geblendet, der auch Deine Sinne gefesselt hielt. Kehre also, alter Freund meiner Jugend, als Stütze meines Alters zu Deiner Pflicht zurück, und ich will Dir selbst für alle Kränkung danken und Deinen Eifer königlich belohnen, denn Alles, was Du thatest, thatest Du, wie sehr Du irrtest, nur aus Liebe zu mir und Deinem Lande, ebenso redlicher Freund wie Vasall, ebenso tapfer als ergeben, und nur darin fehlend, daß Du nicht mit diesem Besuch begannst, wie Du jetzt mit ihm endest. Alle sahen sich an und waren erschüttert, der alte Freiherr Tillen weinte und machte eine Bewegung, als wenn er sich der edlen Gestalt des Kaisers zu Füßen werfen wollte, aber Hugo hinderte ihn durch eine heftige Bewegung und nahm das Wort von neuem: Alles, was Du bis jetzt gesprochen hast, beweiset mir nur Deinen Verstand und Deine Kunst zu täuschen. Bist Du der Listige, für den ich Dich halte; so war diese Deine Rede die zweckmäßigste. Doch, wie beweiset sie irgend, daß Du der wirkliche Balduin seist? Woran soll ich, der Hugo, den Du Deinen Jugendfreund nennst, Dich erkennen? Kannst Du mir nicht Beweise geben, die mir so klar und unwidersprechlich erscheinen, so wirklich, wie die Teppiche dieses Zeltes, wie dieser Fußboden unter mir, so muß ich immer Dein Feind bleiben, und jeden Tugendhaften und Vaterlandsfreund mit aller Kraft auffordern, das Schwert gegen Dich und die Deinigen zu kehren. An diesem starren, unbeugsamen Sinne, erwiederte Balduin mit milder Stimme, erkenne ich ganz meinen Hugo. So verzeih Du mir denn und dieser würdige Kreis, wenn ich Dich an Dinge und Vorfälle erinnere, die, wärst Du weniger unbeugsam, der Würde dieser Zusammenkunft nicht geziemen würden. Weißt Du noch, als wir Beide zugleich zu Rittern geschlagen wurden, wie wir nach jenem für uns entzückenden Tage uns am Abend dort bei Antwerpen einsam, Beide mit uns allein, in den duftenden, frisch blühenden Garten verloren? Wie ich Dir Alles vertraute, das Glück meiner Liebe, die heimliche Verabredung mit meiner Braut, deren Eltern und Verwandte meiner Vermählung entgegen waren? Thöricht ergötzten wir uns Beide an jener alten Sage vom ersten flandrischen Balduin, der seine Geliebte, als sie von England zurückkam, entführte. Ich beschloß, mit Deiner Hülfe ein ähnliches Abenteuer zu unternehmen. Damals gelobte ich, einen Freundschaftsorden zu stiften, eine Verbindung, wo kein Freund im Bunde dem andern auch nur einen Gedanken verschweigen dürfe. Hast Du denn noch den Goldring mit dem Rubin, den ich Dir damals zum Andenken dieser Stunde und als das Zeichen unsrer Brüderschaft gab? Damals nun, als erster Eingeweihter, vertrautest Du mir – o wie ist man in diesen Jünglingsjahren so thörichter und besser, als in den spätem Jahren der Klugheit – vergebt mir, Freunde, die Rührung, deren ich mich im Erinnern jener Tage nicht erwehren kann – ja, weißt Du noch, mein Hugo, wie Du mir nun unter Thränen gestandest, Du habest die Absicht, mit Deiner Geliebten, der Du schon verlobt warst, zu brechen? Jene Adelheid, die Verführerin, die bald nachher ein schmachvolles Ende nahm, hatte Dein Herz umgewendet. Ich bat, ich flehte, weinte, zeigte Dir, wie Du die edle Braut zerstören, welchen Unwillen des Fürsten und der Verwandtschaft Du auf Dich herbeiziehen würdest – und als Du – so bethört hatte Dich die Zauberin – dennoch starr und unerschütterlich auf Deinem Fehler beharrtest – beging ich nicht, nur um Dich zu retten, die höchst unritterliche Schwachheit, Dir zu vertrauen, wie Adelheid mich ebenfalls begünstigt, nannte ich Dir nicht das Mahl an ihrem Körper – doch genug! wenn Du noch zweifeln kannst, so mag ich kein Wort mehr verschwenden, und auch diese gereuen mich alsdann, denn sie waren an einen Unwürdigen gerichtet. Nein! nein! rief Hugo, heftig bewegt, indem er sich vor dem Kaiser niederwarf und laut weinend dessen Knie umarmte: nein, Du bist es selbst, mein hoher Herr, – ach! von jener Stunde konnte kein anderer Erdgeborner etwas wissen. So komm in meine Arme, Du Treuer, Lieber, Wiederkehrender! rief Balduin, indem er den Knienden erhob, aufstand und ihn herzlich an seine Brust schloß. Ein allgemeines Getümmel, Rufen, Fragen, Drängen war im Gezelt. Der alte Freiherr Tillen war der Erste, der seinem wiedererkannten Herrn den Eid der Treue leistete. Der Kaiser selbst führte seinen Hugo dem bleichen Conrad entgegen, und Beide mußten sich umarmen, um ihre alte Freundschaft zu erneuern. Humberkurt war mehr bestürzt als gerührt, und als sich jetzt Wachsmuth erhob, um auf einen Diener gestützt, das Zelt zu verlassen, ging der wilde Jüngling auf die andere Seite, als wenn er ihn nicht bemerkt hätte. Conrad folgte tief bewegt dem halb ohnmächtigen Sohne. Der Kaiser ritt mit Hugo nach dem Schlosse, um in Vertrauen und in der Stille den neugewonnenen Freund noch zärtlicher zu empfangen. Hugo ritt mit Humberkurt an Balduins Seite, und das Gefolge, das mit ihm aus der Stadt gekommen, war in Freude, den Zwist auf diese Weise geendigt zu sehn. – – Als Johanna sich etwas von ihren Schmerzen erholt hatte, hörte sie wieder gern auf die Reden und Scherze des alten Ingeram, und es fiel ihr ein, wie wenig Graf Hugo fehlgesprochen, wenn er ihr gerathen habe, diesen redlichen, einfachen Menschen zu ihrem Rathe zu machen. Schlimmer, dachte sie, hätte es mir nicht ergehen können; was habe ich also gewonnen, daß Diejenigen, die man gemeinhin die Verständigen nennt, bis jetzt meine Geschäfte geführt haben? So enthält doch jede Bosheit oder Albernheit eine Prophezeiung, und wer kann sagen, in welcher Gegend das eigentlich Verkehrte oder Alberne wohnt? Ingeram war so bei guter Laune, daß es ihm endlich gelang, die Fürstin einigermaßen zu erheitern. Was denkst Du, fragte sie ihn unter andern Reden, von einer Fürstin? Was ist ihr Beruf? Wie muß sie sich betragen? Ihr Beruf ist, antwortete Ingeram, sich regieren zu lassen, damit sie andere beherrschen lerne; denn nie kann ich das einem Andern lehren, was ich nicht selbst erst gelernt habe. Und da man, um nur ein Beispiel zu geben, nicht diejenigen erfahrenen Leute, die selbst gehängt worden sind, zu Henkern machen kann, so sollte man wenigstens die recht geübten Henker, wenn sie einige Jahre ihr Handwerk mit Beifall ausgeübt haben, nachher an ihren eigenthümlichen Galgen zum aufmunternden Andenken selbst anknüpfen. Der bekehrte Sünder bekehrt ebenso am besten andere Uebertreter, und so dreht sich Alles schön im Kreise herum. Ihr, schönes Fräulein, braucht aber auch nicht einmal einen brutalen Mann, um Gehorsam zu lernen, denn Eure Vormünder haben Euch in dieser Tugend fast über die Gebühr unterrichtet und eingeübt. Es giebt aber noch einen Gehorsam, der freilich für diese massive Erde, die eigentlich aus den Splittern früherer und besserer Welten zusammengeknetet ward, zu fein ist, dessen Erlernung ich einem so ausbündigen Wesen wohl gönnen möchte, wenn dergleichen überhaupt für einen Regierenden paßte. Ich muß Euch nehmlich sagen, in jenen früheren Welten, die eben deshalb zerbrachen, weil sie zu gut und superfein waren (dergleichen ist immer baufällig, ist es doch mit unsern besten Gefühlen auch so, die gleichfalls zu gar nichts zu gebrauchen sind), ging es nicht so hausbacken und alltäglich zu wie auf der jetzigen harten Erdkruste, die verbrannt, elend, kohlig und zahnausbrechend ist, und die über einer Krume steht, die gar nicht einmal aufgegangen, sondern teigig, klitschig, wässrig, oder wie man es nennen will, kurz, nichtsnutzig und unverdaulich blieb. In jenem feinen Semmelmehl von Erd-Salzkuchen herrschte aber im Gegentheil, dazu noch lange vor unserer bekannten Zeitrechnung, eine so zarte und edle Sentimentalität vor, daß die damaligen Menschen, selbst wenn sie in Fieber phantasirten, sich keinen Erdbürger vorbilden oder denken konnten, der etwa bei Gelegenheit gestohlen hätte, oder einen Statthalter, der seinem Mündel seinen ungeschlachten Sohn zum Mann aufdrängen wollte. Das war also dazumal, bei allen Gebrechen der Zeitlichkeit, eigentlich eine ziemlich gute Zeit. Damals gab es auch, wenn Jemand den Andern liebte, einen so artigen Gehorsam, ein so sauberes Nachgeben im Leben, Wirken und Wollen des Einen im Andern, daß Keiner von den Beiden, die nach unserer groben irdischen Bauernmundart Liebende genannt würden, wußte, ob er befahl oder gehorchte. Eine eigene Compagnie von superfeinen Engeln exercirte die Leutchen Tag und Nacht darauf ein, die sich beim Hauptmann einschreiben ließen, wenn sie als derlei Liebende dienen wollten. »Ich will« – »Du sollst« – hieß in damaliger (natürlich untergegangener) Mundart nur: ach! mit welcher Sehnsucht wünschest Du, Einziger, daß ich denselben Wunsch haben möchte wie Du! Und sieh! zu gleicher Zeit ist mir dieses Denken im Herzen aufgestiegen! – Wenn Einer dazumal im Zorn: »Himmeltausendsakkerment!« sagen wollte, so konnte er es nur in vorparadiesischen Worten etwa so ausdrücken: Ach! wie selig ist mir! Ist es Dir, Süßeste, auch so? Nein, Du bist so viel edler, daß alle meine ahndenden Kräfte nicht die Wonne sich vorbilden können, die jetzt durch Deine Seele schauert. – Ihr seht, Alles, was wir jetzt beten, flehen, träumen, fluchen oder dichten, ist nur eine grobe lakonische Abbreviatur jener poetischen Zeichensprache, die schon früh mit jener Welt selbst in Trümmer fiel und in Vergessenheit gerieth. Es war ein Pfingstmontag (wenn ich mich nicht im Datum irre), als auf der Kirmes (die bei uns im Herbst meistentheils gefeiert wird) sich auf dem Dorfplatz eine Schaar Engel, die gar nicht einmal in der Nachmittagspredigt gewesen war, versammelte. Es galt ein Kegelspiel, und ein paar renommirte Bursche wollten sich vor den andern mit ihrer Kraft und Geschicklichkeit sehen lassen. Da wurde Sirius, Orion, Aldebaran, der Morgenstern hergekugelt und die Sache lief immer glücklich ab. Alle Neun! rief plötzlich der bekannte Lucifer (der auch nachher um alles gute Renommé gekommen ist) und packt da mit seinen zarten Händen jene allerliebste zarte Weltkugel: bauz! schmeißt sie der unbesonnene Knecht Ruprecht weit hinaus auf die Bahn, und, siehe da! die neun Kegel fallen, wie er geprahlt hatte, richtig um, er gewinnt die Wette und den Stamm – aber (er hätte gern noch ein paar Wetten zugelegt, wenn er die Sache hätte ungeschehen machen können) – die Kugel selbst zersprang vom zu heftigen Anstoß in hunderttausend Millionen Splitter. Der aufsetzende Kegeljunge dachte erst, es sei ein sanfter Mairegen, der ihm den Blüthenstaub über Haar und Ohren streute. Nun war guter Rath theuer. Der große Werkmeister, dem eigentlich die ganze Kegelbahn gehörte, hatte immer eine besondere Vorliebe für diese seine Weltkugel geäußert. Es konnte Nachfrage nach ihr geschehn; andere Geister, die schon das Kegelspiel, vollends an Feiertagen, nicht leiden mochten, gaben vielleicht die Sache an. Da rennt der arme geängstete Lucifer umher, sucht Scherben, Glas, Splitter von Flaschen, Lehm und Sand zusammen, und bäckt in der Verzweiflung so eine neue Weltkugel, nimmt einen Besen, einen frischen Maienbaum, und fegt, was sich von der zersplitterten Welt noch erwischen läßt, zusammen, und klebt Alles noch eilig in jene Surrogat- oder Supernumerationskugel hinein, auf der wir zur Zeit hausen und hanthieren. So hat sich noch Einiges aus jener bessern Zeit hinein verläppert, und die Sache ist so beschaffen, daß wer, wie Ihr, mein Fräulein, an diese süßen Flecke geräth oder jene Trüffeln heraus schmausen kann, noch ziemlich leidlich davonkömmt; ich aber, der ganz in die Spreu und Kleie gerathen, bin um so mehr zu beklagen. Sie wurden durch Geschrei, Trompeten und verwirrtes Getöse unterbrochen, das aus den Gassen betäubend herauftönte. Ein Diener meldete, daß fast alle Krieger zur Stadt hinauszögen, weil der große Graf Hugo mit allen seinen Begleitern den Kaiser Balduin als echt anerkannt und ihm gehuldigt habe. Bei dieser unerwarteten Nachricht sank Johanna wie ohnmächtig auf ihr Ruhebett zurück. Welche Welt! rief sie schmerzlich weinend aus; welche Menschen! Woher Rath, woher Hülfe nehmen? O weh mir! Zu welchem Elende bin ich aufgewachsen! Wohin ich blicke, eine unendliche Trostlosigkeit. – Und wäre es möglich? – Sollte jener Fremde, an den ich nicht ohne Schaudern denken kann, wirklich mein Vater seyn? – Von entgegenstrebenden Schmerzen werde ich hin und her geworfen. – O ja, jetzt trifft mich Hugo's Rache. – Wohl Dem, der früh und unschuldig sterben kann. Möchte man doch glauben, das Leben selbst sei schon ein Verbrechen. Ingeram tröstete wieder und sagte unter manchen andern Reden: Holdseliges Kind, Ihr lernt jetzt eigentlich zum erstenmale im Leben die Menschen kennen, was man so Menschen nennt. Dies Gefüllsel von Haut, Knochen, Fleisch und Eingeweiden, mit etwas Blut angefärbt, und oben mit dem weißen Klebeschaum im Kopf, in dem der Geist am liebsten herumplätschern soll, ist eben nur ein Hackemack von Erbärmlichkeit, Hunger, Neid, Bosheit und schuftischem Wesen aller Art. Das ist eben auch gar nichts, wenn es nicht schlecht seyn darf; ihm dies verbieten, hieße ihm das Dasein überall untersagen. Ihr habt so hingeträumt, Liebste, wie die Töne auf der Laute schwingen und klingen, wenn ein Frühlingswind durch die Saiten schwirrt, oder eine Kinderhand sie berührt: Ihr habt diese Angesichter mit den schwarzen und blauen Augen für lebendig gehalten; dem aber ist nicht so, den Larven, grob angestrichen, muß man kein Gefühl und verständiges Wort abfragen wollen. Da haben fromme Gemüther die ganze Religion auf das Gewissen gebaut. O Himmel! hätten sie Gewissen und Religion, könnten sie aus denen nicht ebenfalls machen, was sie wollten, der ganze Stand der Prediger wäre überflüssig, denn Jedermann trüge seine Hauscapelle in seiner eigenen Brust. Das paßt aber auf diese Puppen mit beweglichen Gliedern nicht. Der Falke, wißt Ihr, wird abgerichtet, indem man in die Augen von ausgestopften Hasen die Atzung thut. Die nascht er, ebenso lehr- als fraßbegierig, heraus. Nachher gelingt es ihm mit den wirklichen Hasen auch, die, blind gespeist, dem Jäger nicht entlaufen können. Soll man dem Falken anmuthen, subtile Unterschiede zwischen wahren lebendigen Hasen und ausgestopften zu machen? Sollen Hugo und seines Gleichen etwas anders wollen als Fressen, und immer nur wieder Fressen? Alles, was sie sehn und denken können, ist ihnen nur Balg. Seele, Gemüth, Unsterblichkeit, Liebe, Großmuth, Ehre – ei, welche Fabelei! denkt jeder dieses Gelichters und speist fröhlich, auf seinen Bauch niederschauend. Man vernahm durch Diener, daß fast Alle, die mit Hugo zum Kriege gekommen waren, die Stadt verlassen hatten, um sich Balduin zu ergeben. Der Diener erzählte, wie die Stadt ganz von Mannschaft entblößt sei, und daß, wenn Jene draußen jetzt Sturm oder Ueberfall versuchen wollten, man sich nicht würde vertheidigen können. Ich bin in des Himmels Hand, sagte Johanna; aber werde ich mich nun meinen Feinden ergeben müssen, unter denen jetzt Hugo mein ärgster ist, der mich noch gestern zu beschützen vorgab? Soll ich, kann ich noch entfliehen? Darf ich noch widersprechen, wenn Alle, Alle sich vereinigen, jenen Balduin anzuerkennen? Verzweifelt nicht, sagte Ingeram: vielleicht ist der König von Frankreich und Ferdinand schon unterwegs. Oft kommt die Hülfe von daher, von wo wir sie am wenigsten erwarten. Vielleicht hat Euch der Himmel um so lieber, weil er Euch so schwere Prüfungen zusendet; er erzieht Euch zu Euerm großen Beruf. Verliert nicht das Vertrauen zu ihm und zu Euch selber, denn wer sich selbst verläßt, der ist am schlimmsten verlassen. Seht, wie uns wenigstens noch solche treffliche Sprüche und Sentenzen zu Gebot stehn, wenn uns Alles im Stich läßt. Johanna schlief in dieser trübseligen Nacht nur wenig. Sie erhob sich schon wieder, als kaum der Morgen dämmerte, denn eine noch lautere Bewegung und stärkeres Getümmel erregte die Stadt. Sie mußte glauben, Mons sei schon erobert, und als sie sich ängstlich erkundigte, erfuhr sie, daß mit vieler Begleitung Graf Conrad eingezogen sei und dringend wünsche, sie zu sprechen, sobald sie es ihm nur erlauben wolle: er komme als Freund, und bitte, um wichtiger Ursachen willen, vorgelassen zu werden. Als die Fürstin sich angekleidet hatte, begab sie sich in den Saal, wo Conrad mit einigen vornehmen Rittern schon ihrer wartete. Sowie sie eintrat, ließ er sich auf ein Knie vor ihr nieder, und sagte mit feierlicher Stimme: ich weiß noch nicht, wie ich zu meiner gnädigen Fürstin, zur schwer Gekränkten, Beleidigten und Erzürnten mein Auge erheben soll. Kann sie mir nicht vergeben, verwirft sie meinen Dienst, meine treue Ergebenheit, meinen herzlichen Eifer, wodurch ich doch einigermaßen wieder vergüten möchte, was ich gefehlt habe, so bin ich ein ganz verlorner Mann, der sich mit sich selbst nie wieder versöhnen wird. Nimmt aber der Himmel unsere Reue und Buße an, den wir durch unser sündliches Thun am schwersten verletzen, so lassen sich edle Menschen auch vielleicht durch reumüthige Thränen der Versöhnung näher bringen. Wohl habt Ihr mich gekränkt und unglücklich gemacht, erwiederte Johanna: und wie kömmt es, daß Ihr erst jetzt zu dieser Einsicht gelangt? Zum Fehlen, antwortete Conrad, ist der Mensch geboren: wozu Gebet, Versöhnung, Reue, wenn wir niemals irrten? Kennt Ihr die seltsame Geschichte der nächst vergangenen Tage, so wißt Ihr auch, daß ich mich nicht leichtsinnig, voreilig diesem Fremden ergab, man zwang mich zu ihm, ich prüfte, so viel mir nur Einsicht verliehen war, seine Sache, und die Wahrscheinlichkeit, das Zusammentreffen vieler Umstände, vorzüglich aber seine Kunst und Heuchelei hintergingen mich Armen, Unerfahrnen, der für solche Bosheit keine Waffen hat. Aber schon seit Tagen war ich dem Betruge auf der Spur, und der freche Betrüger sah und fühlte mein verändertes Betragen zu ihm. So komme ich reumüthig zu Euch mit der demüthigen Bitte, daß Ihr mir vergeben und meine Dienste annehmen möget. Und wenn ich Euch vergebe, fragte sie, wenn ich Euch wieder zu den Meinigen zähle, darf ich es glauben, daß jener Balduin ein Betrüger sei? Irrt Ihr Euch jetzt nun wirklich nicht noch schlimmer, als vorher? Nein, Fürstin, sagte Conrad, ich habe ihn zu scharf beobachtet und seine Larve ist gefallen. Nein, Euer hoher Vater ist längst gestorben. Mein Schwachmuth, mein Hang zum Wunderbaren und manche irdische Leidenschaften verblendeten mich; ich wollte, ich gestehe es, dieses sonderbare Ereigniß für irdische Zwecke und Vortheile benutzen. Aber mein inneres wie äußeres Auge ist jetzt erhellt. Nehmt meine Dienste und die der Meinigen sowie der Freunde an, denn sie waren Euch noch niemals so noth. Der wilde Hugo und sein wilderer Sohn sind zu Euerem Feinde mit allen Kriegern übergegangen, Ihr seid ganz verlassen und der Willkür preisgegeben. Denn nichts Geringeres als Eure Hand soll dem rohen Humberkurt und seinem Vater diesen Uebertritt bezahlen. Vergönnt mir also, daß ich Alle, die mir zu Gebot gestanden, zu Euerm Schutz in die Stadt rufe, und ich mag wohl sagen, Ihr seid alsdann stärker, als Ihr zuvor wart, und könnt der Anmaßung des Hugo lachen. Johanna verzieh ihm und nahm ihn wieder zu ihrem Diener, Rathgeber und Feldherrn an. Conrad sendete sogleich einige seiner Vertrauten zum Lager hinaus, um die Schaaren, die noch draußen geblieben waren, ebenfalls in die Stadt zu rufen. Dann besuchte er seinen kranken Sohn, der schon mit ihm eingezogen war. Wachsmuth weinte, als der Vater an sein Bett trat. Dieser setzte sich zu ihm und der Sohn sagte: ach! Vater! Wenn mein Leben sich doch jetzt löste und alle Bande desselben nachließen! Nie hätte ich gedacht, daß ich solche Erfahrungen machen sollte. Wenn ich auch wieder gesund werden könnte, wird sich mein Geist doch niemals wieder von dieser Krankheit erholen. Ihr, mein Vater, den ich ehre und liebe, Ihr habt diesen ungeheuern Betrug unterstützt, wohl veranlaßt? Alle Fugen meines Wesens und meiner Seele wollen auseinanderreißen, so oft ich mir nur den Gedanken wiederhole. Ich finde Vertrauen und Wahrheit niemals wieder, und fürchte, wenn ich diese Erschütterung überstehen kann, daß das Innerste meiner Seele, der Quell meines Lebens selbst zur Lüge werde. Mir ist, als sei alles Dasein und alle Schöpfung nur ein gaukelndes Mährchen. Mein Sohn, sagte der Alte, und faßte die Hand des Kranken: nur eine Wahrheit ist, der Glaube, die Liebe des Schöpfers und unsere heilige Religion. Hier sollen wir niemals wanken, zweifeln oder irren. Alles, was irdisch heißt, ist mit den Leidenschaften vermischt, diese erzeugen und verwirren es, und kein Mensch kann sich ihrem Einfluß entziehn, mag er es gestehen oder suche er es zu leugnen! Ist die Liebe zum Kinde nicht vom Himmel entsprossen? Und doch war es diese zu innige, zu herzliche Liebe zu Dir, die mich auf diesen Irrweg führte, den mir der Himmel vergeben wolle. Könntest Du nur jetzt gesunden, so wären wir durch diese Bosheit Hugo's unserm Glück wohl näher als jemals. Und kann ich jemals wieder hoffen, lieben, die Schönheit in der Schöpfung sehn und empfinden? erwiederte der Sohn. Ist denn nicht Alles ausgebrannte Schlacke, Schatten und Rauch? Aber herrschen kannst Du, entgegnete der Alte. Deinen Stamm berühmt machen und emporbringen. Die Freude an diesem Besitz erlischt nie: im Gefühl zu herrschen sind alle Genüsse und Leidenschaften vereinigt. – Als immer neue Krieger, Ritter und Reisige in die Stadt zogen, die Wälle und das Schloß besetzten, und unter Conrads Anordnung neues Leben und Kriegeslust die Fremden wie die Einheimischen in muntere Bewegung setzte, sagte Ingeram zu Johanna, die aus einem Fenster alle diese Zurüstungen und die einziehenden Truppen sah: Bemerkt nur, Fräulein, wie die Stadt nun kriegerischer aussieht als jemals. Jetzt dürft Ihr Euch nicht mehr vor diesem Hugo und seiner Bosheit fürchten, so völlig hat eine einzige Nacht Alles umgekehrt. In der That, die Herren führen das Kinderspiel »Verwechselt die Plätzchen« auf: läuft Dieser fort, kommt Jener. Ihr dürftet Euch nur den Spaß machen, dem trotzigen Humberkurt wieder einige Hoffnung auf Eure Hand zu geben, so zöge der fromme Conrad wieder hinaus und der edle Hugo käme uns zurück. Wenn Ihr dazu Zeit hättet, könntet Ihr täglich so abwechseln, und vom Hin- und Wiedergehn würden die Herren am Ende aufgerieben und zerscheuert. Wie treffliche Menschen aber sind Die, die jenen Windfahnen immer wieder nachfolgen und jede Bewegung mitmachen! – Im Lager herrschte Verwirrung und Niedergeschlagenheit. Balduin wie Hugo hatten es nicht erwartet, daß Conrad so plötzlich einen so gewalttätigen und entscheidenden Schritt wagen würde. Ein großer Theil und der beste ihrer Krieger war ihnen dadurch entzogen worden; auch konnten sie wohl voraussehn, welche Wirkung dieser Abfall und die Erklärung des so hochgeehrten Conrad in den Provinzen und Städten hervorbringen würde. Die Folgen zeigten sich auch unmittelbar. Denn viele Krieger und Edle, durch diese Begebenheit erschreckt und an der Sache, die sie bis dahin vertheidigt hatten, irre gemacht, zogen sich still, und ohne Abschied zu nehmen, auf ihre Schlösser zurück, und dasselbe Lager, das bis dahin so glänzend erschienen, so gedrängt von Schaaren der Krieger und Ritter, von Rüstungen und prächtigen Wappenkleidern schimmernd war, stand jetzt fast verödet, und die Angesichter Derer, die bei den Fahnen blieben, verriethen nicht mehr, wie sonst, die trotzige Zuversicht und das Vertrauen auf einen gewissen Sieg. Es ist schon Gewinn für uns, sagte Hugo, um Balduin zu beruhigen, wenn wir den Krieg nur in die Länge ziehn. Es werden wieder günstige Zufälle eintreten, die unsere Sache befördern. Das Volk gewöhnt sich an den Krieg und Derjenige, welcher ausdauert, wird den Sieg davontragen. Hugo hatte richtig vorhergesehn; da er in der Stadt Mons und in der ganzen Provinz sehr geliebt war, schaarten sich jetzt Viele, die den Grafen Conrad haßten, zu ihm, so daß aus der Stadt und der nächsten Gegend sein Heer wieder bedeutend vermehrt wurde, nachdem Alle die erste Erschütterung und den Schreck über diese plötzliche Veränderung der Dinge überstanden hatten. Andere, die dem Grafen Conrad gefolgt waren, besannen sich ebenfalls, und verschüchtert, an Allem zweifelnd, gingen Viele in ihre Heimath zurück, so daß binnen wenigen Tagen sich das Gleichgewicht zwischen beiden Parteien wiederhergestellt hatte. Weil aber die Kraft beider jetzt so gleichgemessen schien, so wagte es Keiner, die Entscheidung auf den Ausgang einer Schlacht zu stellen, sondern sie bewachten sich gegenseitig mit argwöhnischer Aufmerksamkeit und beschäftigten und übten sich in kleinen Gefechten, die keine Folgen haben konnten. – Als nach mehreren Tagen Hugo, sein Sohn und einige Ritter vor der Stadt hin und her zogen, um zu beobachten, ob alle Posten richtig vertheilt und wachsam wären, bemerkten sie einen Reiter, der sich hastig der Festung zu nähern suchte. Sie zogen sich dem Wege vor, so daß er ihnen nicht entgehen konnte, und als er näher kam, erkannte Humberkurt von Allen zuerst den jungen Ferdinand. Sogleich rannte ihn der Wilde an, nannte ihn Verräther und verlangte, daß der Reisende sich ihrer Gnade gefangen ergeben sollte. Ferdinand begehrte, in die Stadt eingelassen zu werden, doch jener riß das Schwert aus der Scheide und rief: jetzt sollst Du mir, Bösewicht, die Wunde von neulich mit Deinem Leben bezahlen! Wo kommst Du her, verrätherischer Landstreicher? – Als sich Ferdinand so angefallen sah, entblößte er seinen Degen, um sich zu vertheidigen; aber noch bevor er sich gehörig zur Gegenwehr rüsten konnte, hatte ihm Humberkurt mit einem gewaltigen Hiebe den Helm vom Haupte geschlagen. Erschreckt holte Ferdinand weit aus, und traf mit so heftigem Schlage seinem Feinde in die Schulter, daß dieser sogleich vom Pferde stürzte. Jetzt war Hugo mit dem Gefolge herzugekommen, Alle umringten den Jüngling, der sich ihnen gefangen ergeben mußte. Humberkurt, der an seiner Wunde zu verbluten schien, wurde eilig verbunden und schnell nach dem Lager geschafft. Ferdinand verlangte, als ein Diener der Fürstin Johanna, in die Stadt gelassen zu werden, aber Hugo ließ ihn in Fesseln schlagen, ohne auf seine Einrede Rücksicht zu nehmen. Ferdinand wollte nicht sagen, von wo er komme, was er ausgerichtet und welche Botschaft er der jungen Fürstin bringe, und auf dieses Weigern ließen ihn Balduin und Hugo in einen Kerker werfen, um ihm als Empörer, Meineidigen, Mörder des Grafen Humberkurt und Verläumder, der Jenen fälschlich der Giftmischerei beschuldigt habe, den Prozeß zu machen. Johanna erfuhr nicht, daß Ferdinand zurückgekehrt sei. * Das Land schien dieser Parteien, des kleinen Krieges, der Auflösung der Ordnung und aller jener Uebel, die eine ohnmächtige und gestörte Regierung herbeiführt, schon gewohnt zu werden, und so sehr die Verständigen diese Uebel beklagten, so war doch keine Hoffnung, daß Hülfe und Abstellung dieser Noth bald eintreten könne, als plötzlich ein Vorfall alle Gemüther von neuem spannte und die Aussicht auf einen dauernden Frieden wieder erweckte. Es erschien nehmlich vor Mons mit aller Pracht und Feierlichkeit und mit großem glänzenden Gefolge ein französischer Herold, welcher mit öffentlichem Ausruf den sich so nennenden Balduin, Grafen von Flandern und Kaiser von Griechenland, so wie Johanna, regierende Gräfin von Flandern, vor einen Gerichtshof citirte, den der König Ludwig der Achte von Frankreich in eigener Person im offenen Felde vor Mons, in Gegenwart der Grafen Conrad und Hugo, halten wolle, um, von der jungen Fürstin dazu aufgefordert, zu entscheiden, ob jener sich so nennende Balduin ihr Vater sei oder nicht. Der König habe um so lieber diesem Aufruf Folge geleistet, als dadurch am sichersten dem landverderblichen Kriege ein Ende gemacht werde. Anbei gebe Ludwig sein königliches Wort, daß Balduin so wie jedem Betheiligten freies Geleit und Sicherheit zugesagt werde, der sonderbare Rechtshandel möge sich entscheiden, wie er wolle. Balduin und Hugo berathschlagten erst, ob sie sich dieser königlichen Entscheidung unterwerfen sollten; da aber alle ihre Räthe und Tillen, wie die übrigen Ritter darauf drangen, und sie einsahen, daß jede Weigerung nur ihre Sache verschlimmern könne, so gaben sie mit Dank ihre Zustimmung. Als der Herold nach Mons kam, erschrak erst Graf Conrad über diese Berufung, konnte ihr aber, da sie von Johanna selbst ausgegangen war, ebenfalls nicht widersprechen. Ferdinand hatte den kranken König in Paris gefunden. Er war so glücklich gewesen, sogleich vorgelassen zu werden. Ludwig war über die bedrängte Lage Johannens sehr bekümmert, er erzählte, wie er sie einige Mal besucht und das schöne Kind immer geliebt habe. Dann sprach er von Balduin, und ließ sich die Begebenheit, von der er schon gehört hatte, genau vortragen. Ich bin erfreut, sagte hierauf der gütige König, noch in meinen letzten Tagen für ein gutes Volk und geliebte Freunde etwas Nützliches thun zu können; denn allerdings glaube ich im Stande zu seyn, den wahren Balduin, wenn er es ist, wieder zu erkennen. Was Ferdinand rührte und in Verlegenheit setzte, war, daß der König einen besondern Antheil an ihm und seinen Schicksalen zu nehmen schien. Er erkundigte sich genau nach seinen Eltern, seiner Erziehung, allen seinen Bekanntschaften, und als ihm Ferdinand offen seine Klage mitgetheilt hatte, wie verwaist und unglücklich er sich fühle, weil er Niemand angehöre, versprach ihm Ludwig, bei dieser Gelegenheit zu ermitteln, wer seine Eltern gewesen. – So kam Ferdinand erfreut und von Hoffnungen begeistert zurück, als er, ohne gehört zu werden, in das Gefängniß geworfen ward. Er hatte es verschwiegen, daß Johanna ihn zum Könige gesendet habe, und als Hugo es jetzt errieth, hielt dieser es nicht für nöthig oder nützlich, weitere Kenntniß davon zu nehmen, weil ihm zuviel daran lag, seiner Rache genugzuthun, und er glaubte, der König selbst werde sich, wenn er zugegen sei, um einen einzelnen gemeinen Boten nicht sonderlich kümmern. Der kranke König ließ sich in einer Senfte tragen, und konnte nur kurze Tagereisen machen. Der eilfjährige Dauphin, von welchem sich der König nicht gern trennte, so wie Blanka, seine Gemahlin, begleiteten ihn. Im Gefolge war auch der alte und fromme Bischof von Beauvais, der lange das Vertrauen Philipps von Frankreich genossen und der Balduin persönlich gekannt und vielerlei mit ihm verhandelt hatte. Auf der Wiese vor der Stadt wurde für die Zusammenkunft ein prächtiges großes Zelt aufgeschlagen. Der König kam an, und bewohnte in Mons das Schloß, wo ihm Johanna mit Demuth ihre Dienste widmete. Sie war entzückt, ihren Beschützer endlich zu sehn, dessen heiterer Blick und edles Antlitz sie schon im voraus sicher stellten, daß sie keinem kleinlichen Eigennutz und ähnlichen Planen, wie ihre Widersacher sie gesponnen hatten, erliegen würde. Die edle Königin Blanka tröstete und beruhigte Johannen völlig, die mit Erstaunen und Freude den Dauphin, den kleinen Ludwig, betrachtete, der wie eine überirdische Erscheinung in rührender Schönheit das Auge entzückte. Man trennte sich, um am andern Tage die große Streitfrage, die das ganze Land in Bewegung gesetzt hatte, entschieden zu sehn. Die Glocken wurden geläutet, unter dem Gesänge religiöser Hymnen zog die Prozession aus der Stadt. Die geistlichen Brüderschaften, die Aebte und singenden Schüler begleiteten den ehrwürdigen Bischof von Beauvais, Johanna war im fürstlichen Schmuck so groß und schön, daß sie, als sie die Straße betrat, Alle in Erstaunen setzte; der edle, fromme König war schlicht und einfach gekleidet, nur sein Mantel zeigte seine Würde; der Dauphin war ein so liebliches Kind, daß Alle, die ihn erblickten, Heil und Segen über ihn riefen. Blanka ging mit Johanna und tröstete sie erheiternd, die vor dem Gedanken zitterte, nun Den mit ihren Augen anschaun zu müssen, der sich ihren Vater nannte. Die Ritterschaft in der Stadt begleitete den König und die des Lagers ging ihm ehrfurchtsvoll entgegen. Als Hugo und Conrad sich im Felde begegneten, wechselten sie seltsame Blicke. Im Zelte nahm König Ludwig seinen Sitz ein, zu seinen Füßen nahm der Dauphin Platz, Johanna und Blanka saßen nebeneinander. Jetzt erschien, indem das Zelt weit geöffnet wurde, mit einem glänzenden Zuge Balduin, in aller Pracht des orientalischen Gebieters. Der weite Kaisermantel floß um seine Schultern, er trug die Krone auf dem Haupt und das Scepter in seiner Hand. Ludwig stand auf, indem er eintrat, Balduin verneigte sich vor ihm und bestieg dann ruhig und mit edelm Anstande die Stufen, um sich auf dem Sessel niederzulassen, der ihm, dem Könige gegenüber, war bereitet worden. Das feierliche Schweigen unterbrach hierauf Ludwig und sagte: Den sonderbarsten Rechtshandel zu entscheiden, bin ich als Richter herbeigerufen worden. Balduin, unser alter Freund, zeigt sich wieder und wird von vielen Kampfgenossen erkannt, indem sich Andere ihm widersetzen, das ganze Land erklärt sich einstimmig für ihn, nur nicht die Tochter, deren erfahrene Räthe den Vater Lügner und Betrüger nennen. Sie muß fliehen, und der Gewalt, der sie nicht widerstehen kann, Schlösser und Städte, alle Provinzen wider ihren Willen übergeben. Plötzlich erkennt Hugo, der stärkste Widersacher, ebenfalls den wiedererstandenen Kaiser, und es scheint, Johanna muß sich endlich allen Stimmen und Forderungen gefangen geben – siehe, da verläßt Conrad, Er, der zuerst den Kaiser im Eremiten wiederfand, ihn mit aller seiner Macht und seinen Schätzen unterstützte, der sein vertrautester Rathgeber war, diesen siegreichen, anerkannten Balduin, und nennt ihn Betrüger und sich selbst getäuscht, hintergangen. Dadurch schilt er sich aber auch unwahr, lügend und gegen seine rechtmäßige Fürstin und sein Land verrätherisch. Welcher Faden soll aus diesem Labyrinthe führen? War Hugo früher ein Verräther, oder ist er es jetzt? Machte Conrad boshafte Entwürfe, oder ist er jetzt seinem Fürsten und seiner Ehre treulos? Wodurch soll dieser Balduin sich unwidersprechlich als der wahre und echte Fürst dieses Landes darstellen, wenn seine ältesten und vertrautesten Freunde an ihm irre werden, ihn erst verleugnen und dann anerkennen, ihm anfangs mit feierlichen Schwüren huldigen und dann ihn mit derselben Zunge als einen frechen Betrüger brandmarken? Sind wir, die wir vor Jahren den edeln, tapfern Mann kannten und liebten, schon von diesem sonderbaren Räthsel tief ergriffen, wie muß nicht diese furchtbaren Wochen hindurch die arme geängstete Tochter sich abgehärmt haben, in dem unentschiedenen Gefühl, ob sie von Bösewichtern verderbt oder an einem großen Vater zur Sünderin werde. Bei diesen Worten verbarg Johanna ihr weinendes Angesicht. Blanka, die Königin, faßte ihre Hand und trocknete ihr zärtlich die Augen. Johanna schaute dann wieder nach jener großen, ehrwürdigen Gestalt hin, der sie, wenn nicht Alles Lüge war, die innigste Liebe bezeigen mußte. Jetzt nahm Balduin das Wort und sprach mit fester Stimme: Mein edler Vetter, berühmter König von Frankreich! es ist schon eine geraume Zeit, daß wir Euer theures Angesicht nicht gesehen haben, damals waret Ihr kräftig, gesund und ritterlich, und so sehr ich meinem Heiland danke, daß er es mir vergönnt hat, noch einmal in das Auge des allerchristlichsten Königs, meines Freundes, zu schauen, so schmerzt es mich doch, ihn krank und nicht mit den Kräften ausgerüstet zu erblicken, die wir und alle Guten ihm wünschen. Daß mein Schicksal ein wundervolles, mein Verhältniß zum Lande und zu meinen Freunden hier ein räthselhaftes ist, kann nicht geleugnet werden. Wie unnatürlich, daß mein geliebtes Kind, um welches meine alten Augen so viele Thränen vergossen haben, mir dort fern sitzt, mißtrauisch gegen mich aufgeregt und in Krieg. Es ist bekannt, daß ich mich nicht vordrängte, nicht Städte und Märkte durchzog, sondern in stiller Klause ein unbekanntes Leben führte, namenlos, freundlos, nur der Betrachtung überirdischer Dinge und dem Gebete hingegeben. Man riß mich gewaltsam aus meiner Zelle, nachdem man mich zufällig erkannt hatte, man zwang mich, meinen Titel und meine Würden wieder anzunehmen. Wenn es erlaubt ist, den Finger Gottes in den weltlichen Begebenheiten anzuerkennen, so ist das unbegreifliche Glück, welches mir, nach nur geringem Kampfe, alle meine Länder wieder zuwarf, wohl als eine Bestätigung des Himmels anzusehn, daß meine Sache eine gerechte sei. Viele Ritterschaft und Geistlichkeit war Zeuge, wie genau mich Graf Conrad damals befragte und prüfte, wie ungern er nur der Ueberzeugung Raum gab, endlich aber laut und mit Eiden bekennen mußte, ich sei Balduin. Ist dieser Mann jetzt schwach und thöricht genug, Alles zu leugnen, seine Eide wieder abzuschwören, so muß ich wohl mit Recht fragen: was kann ich für diese seine Leidenschaft und Treulosigkeit? War er damals überzeugt, ich sei wahrhaft sein Fürst und Gebieter, und hatte er, wie die Zeugen jener Erkennung, Gründe dafür: nun, so muß er diese erst entkräften und ungültig machen, und kein baares Nein, von der Leidenschaft und dem Eigennutz eingegeben, kann mir Würde, Namen und Fürstenthum rauben. War er aber schon gleich im Beginn des Glaubens, ich wolle ihn und die Welt bethören, und er benutzte diesen Glauben nur, um seine selbstischen Plane mit meiner Hülse durchzusetzen, so muß ich wieder fragen: was hat mein gutes Recht mit der Zweideutigkeit dieses Mannes zu schaffen, wie kann es nur im mindesten auf seine Aussage hin in Zweifel gestellt werden? Log er schon damals, freiwillig, ungezwungen und schwur feierliche Eide gegen sein Gewissen: wie kann, wie mag man ihm denn jetzt trauen? Suchte er in mir nur den Betrüger, der ihm helfen sollte, so stellte ihm das ernste Schicksal seinen wirklichen Herrn entgegen, an dem er sich jetzt, der Verblendete, schwer versündigt hat. Auch Hugo war verblendet, und ist jetzt zurückgekehrt; wohl möglich, daß dies allein den neidischen Conrad bewog, mir wieder den Rücken zuzuwenden. Alle diese, hoch und niedrig, treu und zweideutig, sind meine Vasallen, und es ist nicht zu verargen, wenn Mancher glaubt, sie dienen mir, um Vortheil zu haben, sie widersetzen sich mir aus Bosheit und eigennütziger Rücksicht; darum war es ein weiser Gedanke meiner guten Tochter und ganz einer Regentin würdig, die Sache in die Hände Eurer Majestät, meines geliebten Vetters, auf den Ausspruch eines großen Monarchen, eines Unparteiischen zu legen, der durch mich weder verlieren noch gewinnen kann, und dessen hohen Adel und ungefälschte Frömmigkeit alle Fürsten Europas kennen und verehren. O Himmel! sagte Johanna leise, zur Königin Blanka gewendet: so kann nur der wahre Balduin, so kann nur mein Vater sprechen. Erlaubt mir, daß ich ihm zu Füßen stürze und meine schwere Sünde gegen ihn mit brennenden Thränen abbüße. Mäßige Dich, sagte Königin Blanka leise, liebes gutes Kind, denn die Sache ist noch nicht entschieden. Was Ihr gesagt, antwortete Ludwig, würde Euch mein und jedes Herz gewinnen, denn so spricht der Fürst und Landesherr; käme nicht so Großes in Sprache, so möchte ich Euch meine Ueberzeugung nicht verweigern: aber eben wenn Ihr Balduin seid, müßt Ihr diese meine Zweifel rechtfertigen. Würdet Ihr doch selbst nicht anders verfahren, wenn Ihr in ähnlicher Sache zu meinem Amte aufgerufen wärt. Der würdige Bischof von Beauvais ist hier zugegen, der Euch oft und in vielen Verhältnissen sah, als noch mein Vater Philipp lebte. Er wird Euch einige Fragen vorlegen, durch welche, wenn Ihr mit der richtigen Antwort nicht zögert, Eure Aussage und Rechte bestätiget werden. Ich habe schon, sagte Balduin, mit Freuden den frommen Herrn in Euerm Zuge gesehn, und wenn ich nicht Jeden einzeln begrüße, so ist es nur der Zeit, den Umständen und nicht der Nachlässigkeit oder Unkenntniß zuzuschreiben. Dem Bischofe wurde ein großes Buch gebracht, welches an Philipps Hofe vor Jahren ein erfahrner Mann verfaßt, in welchem er alle Denkwürdigkeiten, die Reisen des Königs, die Vorfälle am Hofe, Besuche der Fremden eingetragen und genau verzeichnet hatte. Ein Geistlicher schlug es vor dem Bischofe auf, der die Stellen heraussuchte, die schon angedeutet waren. Die Fragen betrafen, wann und unter welchen Umständen, mit welchen Edeln zugleich Balduin zum Ritter geschlagen sei, wer dabei zugegen gewesen, wer ihm Schwerdt und Schild gereicht, den Helm aufgesetzt und die Sporen angelegt habe; wer bei seiner Vermählung Zeuge gewesen, welcher Geistliche den Segen gesprochen, was sich am Hofe an diesem Tage ereignet habe. Dieses hatte jener Chronist in früheren Tagen verzeichnet, und noch einige andere Umstände, die Balduin betrafen, kleine Begebenheiten am Hofe zu Gent, wie in Paris, die der Graf von Flandern in seiner Jugend erlebt hatte, wurden ihm jetzt in die Erinnerung gebracht, und der Bischof von Beauvais, der auch damals als junger Mann Zeuge der meisten jener Vorfälle gewesen und Balduins Vertrauen genossen hatte, war, durch jene Chronik unterstützt, am besten geeignet, die Richtigkeit der Antworten zu prüfen. Balduin sah den König und den alten Geistlichen forschend an und sagte: diese und ähnliche Dinge muß freilich Niemand so genau wissen, als ich; bedenkt Ihr aber, Ihr verständigen Herren, daß seitdem so viele Jahre verflossen sind, was ich nachher erfahren und erduldet habe, so ist es wohl begreiflich, daß mir Manches, besonders von den geringfügigern Umständen, mag entfallen seyn. Doch gefragt, erwiederte er, nach kurzem Besinnen, auf Alles, was ihm vorgelegt wurde; er nannte Zeit und Ort, die Männer und Frauen, die zugegen gewesen, und erzählte Einiges mit so großer Umständlichkeit, daß der Bischof selbst sich erst jetzt wieder einiger Nebensachen erinnerte, die ihm entfallen waren und die auch jenes Buch nicht meldete. Viele der Gegenwärtigen, die mit Zweifeln in diese Versammlung getreten waren, erstaunten, Ludwig und der Bischof schienen geneigt, den Ausspruch zu thun, daß Balduin der ächte, der Kaiser Griechenlands seyn müsse, und die zitternde Johanna wollte sich erheben, um sich ihm weinend und stehend zu Füßen zu werfen; sie sprach zur Königin: in welchem ungeheuern Irrthum sind wir Alle befangen gewesen! Wie schändlich haben mich meine eigennützigen Räthe hintergangen! Kann mir der Vater, kann mir die Welt meine Härte jemals vergeben? – Die Königin Blanka tröstete sie wieder und rieth, sie möge sich ruhig verhalten, bis Ludwig die Untersuchung für geschlossen erklärt. Graf Conrad erhob sich rasch, sah nach Hugo hinüber und warf einen drohenden Blick auf den Kaiser. Es schien, als ob er sprechen wolle, aber das verweisende Auge des Königs, das dem seinigen begegnete, erstickte seine Rede. Ludwig sagte hierauf: Es scheint, daß wir Euch werden nachgeben müssen, so gewaltig, beredt, wahrhaft edel und kundig zugleich erweiset Ihr Euch in allen Dingen. Es bleibt mir nur noch ein Ding zu erforschen übrig, und wenn Ihr mich dessen eben so bescheiden könnt, so darf ich nicht länger zweifeln, daß Ihr unser verlorner Balduin seid. Hugo warf einen triumphirenden Blick in die Versammlung und Conrad biß die schmalen Lippen. Balduin sah jetzt mit festem Auge zur bleichen Johanna herüber und alle seine Anhänger, die das Zelt erfüllten, erhoben mit stolzem Bewußtsein des Rechts ihre Häupter. Der Bischof von Beauvais ließ durch einen Geistlichen die Chronik wieder wegnehmen, und es hatte den Anschein, daß Alle die Unterredung und das Verhör für geendigt hielten. Der Dauphin, der kleine schöne Knabe Ludwig, erhob sich jetzt, trat zum Vater und sprach halblaut zu ihm: Erlaube mir jetzt, theurer Vater, daß ich zu jenem großen Mann hineile, damit dieser Balduin mich an seine Heldenbrust drücke. Ich möchte weinen, wenn ich seine Thaten erwäge und was er hat erleiden müssen. Immer ist mein Herz bewegt, wenn ich nur einen Pilgrim sehe, der Jerusalem und die heiligen Oerter besucht hat, noch mehr, wenn ich einen Krieger erblicke, der an dem Kreuzzuge Theil genommen hat. Etwas Göttliches scheint mir dann auf Erden zu wandeln. Wie mehr aber, wenn ich diesen Mann so nahe vor mir schaue, der das Wundervollste gethan und erduldet hat! Der König liebkosete dem schönen Kinde und Aller Augen waren auf die Erscheinung hingerichtet, denn Alle glaubten in dem wunderbaren Knaben eine große Zukunft zu lesen. Sie suchten sich an dieser Hoffnung zu trösten, um so mehr sie die Krankheit des Königs, der noch kein hohes Alter erreicht hatte, und sein nahes Ende bekümmerte. Dieser sprach, nachdem der Dauphin sich wieder gesetzt hatte: Doch, ehe ich meine letzte Frage thue, wie kommt es, daß ich den jungen Ferdinand hier vermisse, der uns auch in der Stadt seine Dienste nicht entboten hat? Graf Hugo nahm das Wort: Mein hoher König und Herr! viel Gnade, daß Ihr nach diesem Unwürdigen zu fragen geruht; er liegt nahe bei im Gefängniß. Und was hat er begangen? fragte König Ludwig. Wir müssen ihn für einen Verräther halten, erwiederte der Graf, denn er hat sich mit unwürdiger Frechheit in das Vertrauen unserer jungen Fürstin gedrängt, hat dieselbe, statt sie mir bei dem Rückzug aus Gent zu übergeben, heimlich und auf unedle Weise hiehergeführt, bezüchtigt mich und meinen Sohn der Giftmischerei und hat diesen, als er wieder erschien, auf den Tod verwundet. Der König schwieg lange, indem er den Grafen mit festem Blicke betrachtete, es schien, als schwebe ihm eine harte Rede auf der Zunge, aber er unterdrückte den Zorn, indem eine leichte Röthe über das blasse Angesicht zog; zu Balduin gewendet, fragte er: Und Ihr seid auch von der Bosheit des Jünglings so überzeugt, daß Ihr Eure Einwilligung gabt, ihn in Fesseln zu legen? Ich kenne ihn nicht, antwortete der Kaiser, Hugo ließ ihn neulich in meiner Gegenwart verhaften, weil der Sohn tückisch von ihm verwundet wurde. Ludwig sah den Bischof Beauvais an, ohne gleich Etwas zu erwiedern, dann sagte er: Laßt meinen Wunsch vorläufig gelten, diesen Jüngling hier zu sehn, wir wollen dann auch seine Sache entscheiden. Er kam zu mir als eiliger Gesandter seiner Fürstin, der Gräfin Johanna. Aus dieser Reise, Graf Hugo, wenn sie Euch gleich verschwiegen wurde, werdet Ihr ihm doch kein Verbrechen machen oder sie Verrath gegen seine Herrin und Euch nennen wollen? Er ist hauptsächlich Ursache, daß Ihr mich hier seht; ich konnte, so schwach ich mich fühlte, seinen dringenden Bitten und der Kunst seiner Ueberredung nicht widerstehn. Da ich Freude an diesem Jüngling hatte und mich sein Schicksal rührte, so versprach ich ihm auch, ihm seine Eltern und Verwandte finden zu helfen. Hugo, der erschreckt schien, sandte schnell einen Ritter, um Ferdinand aus seinem Gefängniß in die Versammlung zu führen. Der König fuhr dann fort: Ihr mögt indeß erfahren, Herr Balduin, daß Margarethe, Eure Muhme, die portugiesische Prinzessin, in einem Kloster in Lyon kürzlich verschieden ist, nachdem sie viele Jahre hindurch allen Nonnen als ein Muster der Tugend und Frömmigkeit vorgeleuchtet hat. Ihr erinnert Euch doch der merkwürdigen Geschichte ihres Lebens und ihrer traurigen Schicksale? Wohl sind sie mir nicht fremd, antwortete Balduin, obgleich ich von ihr seit lange nichts vernommen habe. Natürlich, antwortete der König, denn da Ihr selbst der Einsamkeit lebtet und die Fürstin sich in ein Kloster verschlossen hatte, so könnt Ihr erst jetzt durch mich ihr Hinscheiden erfahren. Dagegen kennt Ihr um so genauer die Geschichte ihrer Jugend und müßt es mit mir schmerzlich beklagen, daß sie uns nun gerade entwichen ist, da sie endlich die Ihrigen wiedersehn und anerkennen durfte, da nach Jahren möglich ward, was mein Vater Philipp so sehnlich wünschte, als Ihr ihm damals, bevor Ihr nach Griechenland zoget, das Geheimniß entdecktet und ihn beschwuret, für Margaretha und die Frucht ihrer Ehe Sorge zu tragen. Ihr erinnert Euch doch aller Umstände noch genau? O gewiß, denn da Euch weder die Zeugen Eures Ritterschlages noch Eurer Vermählung, die Reden und Scherze bei beiden Festen, die Sieger und Besiegten im Turnier entfallen sind, so wird Euer Gedächtniß auch das Kleinste dieser höchst wichtigen Begebenheit aufbehalten haben. Alle sahen gespannt auf Balduin hin, der seiner Fassung Gewalt anthat, um seine Verlegenheit zu verbergen. Er sagte mit unterdrückter Stimme: Erlaubt mir, großer König, mich zu sammeln, denn wie wichtig und schmerzhaft mir auch dieser Theil meines Lebens ist, so wie Alles, was sich an jene Zeiten knüpft, so ist es mir doch zu peinlich, hier in diesem großen Kreise, vor so vielen fremden, vielleicht feindlichen Männern, diese quälenden Erinnerungen mir wiederholen, von jener bedauernswerten Fürstin so laut sprechen zu müssen. Euer Wink, antwortete der König milde, trifft zum Ziel, und ich will Euch nur noch fragen, da mir das Nähere der Begebenheit auch entfallen ist: ob jenes Kind ein Sohn oder eine Tochter war, und was aus ihm geworden ist? Eine Tochter, antwortete der Kaiser mit fester Stimme, und sie ist auch schon früh in der Pflege einer frommen Aebtissin verschieden. Mich freut es, sagte Ludwig, dies von Euch zu erfahren, denn dieser Umstand war mir gänzlich verborgen. Doch ändert dies die Sache völlig und die Rücksichten schwinden, die diese Begebenheit bis jetzt als Geheimniß versiegeln mußten, und so können wir auch öffentlich und freundlich uns darüber besprechen, und es muß Euch nicht unlieb seyn, wenn auch Euer Schmerz dadurch erneuert wird, Euch Eurer Jugendjahre wieder zu erinnern. Der Ritter trat jetzt mit Ferdinand ein, der sich vor dem Könige, der ihn freundlich begrüßte, auf ein Knie niederließ. Auf einen Wink Ludwigs erhob sich der Jüngling und unvermuthet traf sein Auge die schöne Johanna, die ihn, die ganze Versammlung in diesem Moment vergessend, hold anlächelte. Er stellte sich dann in die Ferne zu den jungen Rittern und vermied es, den Blicken Hugo's oder Conrads mit den seinigen zu begegnen. Ihr wißt also, begann Ludwig wieder, mein freundlicher Balduin, daß Euer nächster Vetter und Blutsfreund drei Jahre vor Euerm Zuge sich mit der portugiesischen Prinzessin Margaretha verlobte, Beide in inniger Liebe zu einander entbrannt. Doch der König, die Verwandten und der Adel war gegen diese Verbindung. Ein Priester wagte es, den Liebenden im Namen der Kirche den Segen zu geben und sie zur rechtmäßigen Ehe zu verbinden. Ihr wart damals, so sehr Ihr abriethet, der Vertraute ihrer Schmerzen und Freuden. Doch bald darauf starb Euer Freund, der tapfere Anton, im Kriege, und sie, die Aermste, guter Hoffnung, wie die Welt es nennt, aber trostlos und von aller Welt verlassen, pilgerte nach dem heiligen Jakob von Compostella, und von dort, mit Bewilligung der königlichen Familie, nach unserm Reiche, wo mein Vater Philipp ihr Schutz und Trost gewährte. Sie kam nieder und Euch wurde die Tochter zur Erziehung übergeben; die Prinzessin Margaretha ging, wie ich schon sagte, in das Kloster zu Lyon, wo sie in diesen Tagen starb, eben, als auch in Portugal alle Hindernisse gehoben sind, um sich öffentlich die Mutter einer hoffnungsvollen Fürstin nennen zu dürfen. Doch, da diese, wie Ihr mir eben gemeldet habt, ebenfalls nicht mehr lebt, so ist freilich diese ganze Begebenheit mit allen ihren Folgen völlig aus dem Gedächtniß der Menschen verschwunden, und billig sollte ich auch diese meine Erzählung bereuen, die vielleicht hätte unterbleiben mögen. – Tretet indessen heran, Ihr armer Ferdinand, fuhr der König mit erhöhter Stimme fort, Ihr liebenswerther Jüngling, für den ich, meinem Versprechen gemäß, gern etwas thun möchte. Schon früher, edler Kaiser, wie man mir gesagt hat, habt Ihr erklärt, daß Ihr Euch nicht erinnern könnt, welchen Eltern er angehört; aus einem Kriege, einer geplünderten Stadt, wie Ihr meint, habt Ihr ihn mit Euch geführt und in Gent an Euerm Hofe erziehen lassen. So ist es, erwiederte Balduin; und wie soll ich, nach Jahren, der ich damals, und wie viel mehr seitdem, so große Dinge zu bedenken hatte, noch genau den Ursprung der Waise kennen? – Jetzt hört mich, rief der König, so laut er es vermochte, seid still und aufmerksam! – So sage ich denn, Du, der sich Balduin nennet, bist der größte Schalk und der frechste Betrüger dieser Erde! – Alle wurden von dieser plötzlichen Wendung wie mit einem ungeheuern Schreck erfaßt. Balduin fiel todtenbleich in seinen Lehnsessel zurück und zitterte heftig am ganzen Körper, seine Knie schlugen aneinander und der kostbare Scepter fiel aus seiner Hand und schlug klirrend auf den Boden. Ja, fuhr Ludwig mit laut tönender Stimme fort, wärst Du, frevler Sünder, Der, für den Du Dich ausgiebst, so würdest Du diesen Jüngling, diesen von Dir verfolgten Ferdinand, theurer wie den Apfel Deines Auges bewahren, denn er, er ist der heimlich erzeugte und geborne Sohn jener Ehe. Anton, der Vetter Balduins, war sein Vater und Margaretha von Portugal seine Mutter, dies bestätige ich hier laut mit meinem königlichen Worte. Mein Vater Philipp wußte das Geheimniß und dieser, mein frommer Bischof hier; als Balduin nach Griechenland zog, empfahl er diesen Ferdinand in einem Briefe noch einmal meinem Vater, dieser Brief ist hier und alle Großen mögen ihn einsehen: er wünscht in diesem Schreiben, daß, wenn seine Tochter Johanna in reifen mündigen Jahren von keiner andern Neigung gehindert werde, sie diesen seinen Vetter Ferdinand zum ehelichen Gemahl annehmen möge. Johanna war einer Ohnmacht nahe und lag weinend am Busen der Königin Blanka. Dem erschütterten Ferdinand dünkte, die Welt drehe sich rund um ihn, er wußte eine Zeitlang nicht, ob er träume oder wache. Er küßte kniend des Königs Hand, warf sich vor der Königin Blanka nieder, drückte in taumelndem Entzücken einen Kuß auf die Wangen des kleinen Dauphin und setzte sich dann, auf Befehl der Königin, neben Johanna, die von Allem, was geschehen war, wie betäubt, aber zugleich in Entzücken aufgelöst war. Ein allgemeiner Tumult war im Zelt; Freude, Schreck, Erstaunen, Ueberraschung, Zorn, Wuth, Verlegenheit, Scham und Reue hatte Jeden erfaßt, und der Dauphin sagte zu seiner Mutter: Ach, Mutter, was sind die Menschen? Kann es solchen Betrug geben? Duldet Gottes Langmuth dergleichen? So eben, erwiederte die Königin, hat er durch seinen Stellvertreter die Frevler zu Schanden gemacht. Tritt hervor, rief jetzt der Herold mit donnernder Stimme, die alles Geräusch wieder in Stille verwandelte, Du Bernhard Rais, der sich Balduin von Flandern nannte, und bitte zu den Füßen des Königs um Gnade. Der König sagte in wiederbesänftigtem Ton: Bernhard, tritt zu mir und bekenne Dein Verbrechen, so sollst Du begnadigt werden. Ich habe Dir außerdem freies Geleit zugesagt, und ich will mein Königswort aufrecht erhalten, daß Du weder am Leibe noch an Freiheit beschädigt werdest, wenn Du bereuest und Deine Bosheit bekennst. Thue den Mantel von Dir und nehmt ihm die Krone vom Haupt, die an ihm ihre Würde verloren haben. Der falsche Kaiser ward entkleidet und Bernhard Rais, wie er sich jetzt nannte, warf sich gedemüthigt, zitternd, aller Haltung beraubt, vor dem Thron des Königs nieder. Er gestand, daß er schon seit lange mit dem braunen Robert, und durch diesen mit dem Grafen Conrad in Verbindung gestanden. Diese haben ihm in seiner Einsiedelei alle Nachrichten verschafft, um sich zu der Rolle vorzubereiten, die er nachher mit mehr Glück, als er selbst erwartet, gespielt. In früher Jugend sei er Bauernknecht, nachher Handlanger in einem Kaufmannshause in Antwerpen gewesen. Dann sei es ihm gelungen, einer von den Waffenträgern des Grafen Balduin zu werden; er sei selbst bei dem Ritterschlage und der Vermählung des nachherigen Kaisers zugegen gewesen, und darum habe auch sein Gedächtniß alle Vorfälle jener Tage so genau behalten. Schon damals habe die Dienerschaft ihn oft damit verspottet, daß er dem Landesherrn so ähnlich sehe. Er habe auch die Reise nach Griechenland mitgemacht, sei aber früh wieder umgekehrt, worauf er in Deutschland und Frankreich als Schildknappe einiger Ritter in Diensten gestanden. Nachher sei er zum Schirmvogt eines Klosters in Brabant gekommen, hier sei er von den Geistlichen geliebt und unterrichtet worden, und durch sie habe er jene Einsiedelei im Walde bei Valenciennes erhalten. Hier habe er sich stets im würdigen Betragen geübt, sich Balduins lebhaft erinnert und ihm nachzuahmen gesucht. Schon vor Jahren habe ihn der braune Robert, als dieser mit einer Räuberbande umherzog, wiedererkannt und ihn aufgefordert, den Kaiser zu spielen und so Beute zu machen; er habe aber den Versucher damals mit Ernst von sich gewiesen, bis er späterhin mit Graf Conrad in geheime Verbindung gerathen sei. Als man Gent erobert habe und das ganze Land ihnen zugefallen sei, habe sich Conrad allgemach von ihm zurückgezogen, weil dessen Sohn Wachsmuth sich in Krankheit verzehrt. Da Conrad also die Ehe des Sohnes mit der Fürstin Johanna, die immer sein größter Wunsch gewesen sei, nicht mehr für möglich gehalten habe, sei er selbst in seinem Eifer lau geworden, um so mehr, da er, der vorgebliche Balduin, Jenem nicht die Regierung so unbedingt überlassen habe, als Conrad es gefordert. Dies habe er nicht gekonnt, um die Vasallen nicht aus ihrer Täuschung zu erwecken. Um aber das letzte Hinderniß fortzuräumen, habe er nun selbst mit Hugo Unterhandlungen angeknüpft, und der Regent sei ihm eilig entgegengekommen. Ein neues Schauspiel der Prüfung, von der die Fragen und Antworten wieder verabredet waren, habe man den Freunden gezeigt. Conrad, eben so wie Hugo, wollten sich entschuldigen, sie seien selber getäuscht worden, aber ihre Worte fanden keinen Glauben, und selbst ihre bisherigen Freunde und Diener entfernten sich mit Verachtung und Hohn von ihnen. Ferdinand und Johanna wurden nun feierlich miteinander verlobt. Alle Vasallen und Ritter aus Flandern huldigten ihnen. Conrad und Hugo wurden jeder auf eins ihrer Schlösser verbannt, ihre übrigen Güter fielen zur Strafe ihres Verraths an den Landesherrn zurück. Sie entfernten sich Beide, gedemüthigt und beschämt, ihnen folgte Bernhard Rais, der bisher die Person des Kaisers Balduin dargestellt hatte. Der braune Robert hatte sich schon früher aus der Versammlung geschlichen, als er sah, welche Wendung die Untersuchung nahm. * Der König von Frankreich begleitete mit seinem ganzen Zuge die Neuverlobten, um die Hochzeit, die in Gent gefeiert werden sollte, durch seine Gegenwart um so glänzender zu machen. Fast eben so glücklich als die Liebenden fühlte sich der alte Ingeram, den Ferdinand, wenn sie allein waren, mit der vormaligen Freundschaft behandelte. Auch Johanna zeigte ihm das reinste Wohlwollen, und Beide versprachen, sein Alter so heiter und glücklich zu machen, daß er die Noth der früheren Jahre vergessen könne. Ritter, Edle und Krieger folgten dem Zuge. Der Abt Ildefons, so wie andere Geistliche, die mehr oder minder sich der Verschwörung angeschlossen oder sie heimlich oder öffentlich befördert hatten, erhielten Verzeihung. Die Bürgerschaften unterwarfen sich wieder der früheren Ordnung und das ganze Land war in wenigen Tagen beruhigt. So wie der Zug sich entfernt hatte, um sich der Hauptstadt zu nähern, vernahm man, daß in der Gegend von Lille und in dieser Stadt selbst von neuem Unruhe, Zusammenlauf und Rottirung der Bürger und Bauern stattfand. Der freche Bernhard Rais, zornig, daß Alles, was er gewonnen hatte, ihm in einem Augenblick wieder war entrissen worden, benutzte die Unzufriedenheit und Verzweiflung einiger Rebellen, um zu versuchen, ob er den Krieg nicht dennoch von neuem entzünden könne. So unwahrscheinlich es war, daß er wieder so mächtigen Anhang finden werde, so riß ihn im verblendeten Wahnsinn sein Schicksal dennoch in diese Unternehmung. Zuerst schloß sich ihm der wilde Rudolf Ademar an, der Vorstand der Schlächterzunft, welcher überzeugt war, daß er wegen seines Verrathes und wegen des Brandes des Schlosses, als er wüthend das Feuer in die Zimmer warf, keine Verzeihung erhalten würde. Ihm folgte der Zimmermeister Hattrich und der Kupferschmied Anton Pustel, die der Haß gegen die Fürstin und den neuen Regenten mit den Rebellen verband. Der verwegene Bauer behauptete gegen seinen Anhang von neuem, er sei der wahre Balduin. Der König von Frankreich habe mit diesem Ferdinand, der dem Lande nur als Fürst aufgedrängt sei, schon in Paris Alles verabredet, was seine unglückliche Tochter in Verblendung mit diesem ihrem Geliebten schon seit lange beschlossen. Die Feigheit des Adels und die Bosheit der Geistlichkeit habe ihn, da sie von der Verbindung mit Frankreich und einem jungen verliebten Abentheurer größere Vortheile erwarteten, aufgeopfert und preisgegeben. Als sich vieles Gesindel, Bösewichter und Räuber zu ihm geschlagen hatte, machte er bekannt, daß er als Vater des Landes und rechtmäßiger Fürst gekommen sei, dem armen, unterdrückten Landmann zu helfen, die Bauern vorzüglich gegen die Bosheit der Geistlichen zu schützen, von denen sie unter allerhand Vorwänden, und neuerdings so oft unter dem der Ketzerei verfolgt und gedrückt würden. Es währte nicht lange, so fand er Schwärmer und erhitzte Köpfe um sich versammelt; auch der alte Landmann, der in Gent schon am ersten Aufstand Theil genommen, Veit Firlinger, führte ihm eine Schaar von Bauern zu, die eine neue Lehre und Abänderungen im Gottesdienste verlangten. Jener große Bauernknecht begleitete ihn ebenfalls, in der Absicht die Kirche zu reformiren. Es währte nicht lange, so waren die Rotten dem Lande von neuem gefährlich, und da sie jetzt nichts schonten und nicht von bedeutenden Männern angeführt wurden, so zeigten sie sich viel grausamer und mordsüchtiger. Um sein Heer in Athem und frischem Muth zu erhalten, mußte der vorgebliche Balduin erlauben, daß einige Klöster beraubt und angezündet wurden, wodurch sie den Anfang machen wollten, die kirchliche Verfassung zu verbessern. Hugo war höchst überrascht, als an einem Morgen Graf Conrad ihn auf seiner einsamen Burg besuchte. Erstaunt nicht, fing dieser an, wenn ich Euch meine Hand zur Versöhnung biete. Daß wir alte Freunde uns aus Ehrgeiz entzweiten, war der größte Mißverstand unseres Lebens, der uns Beide zugleich gestürzt hat. Wir haben Alles verloren, und der empfindlichste Schmerz ist es, daß wir nun auch ohne Kinder im Alter einsam dastehn. Ja, ich kann mich als den Mörder meines Wachsmuth anklagen, denn wohl wäre er noch von seiner Wunde und Schwachheit genesen, wenn ihn nicht der Schmerz über die Entdeckung, daß der Fürst nicht der wahre sei, hingerichtet hätte. Nun stehen wir da, arm, verschmäht und noch mehr verkannt, weil Jeder die Fehler des Unglücklichen vergrößert. Ihr habt nicht Unrecht, erwiederte Hugo; aber was kann geschehn? Was können wir thun, um unsern Zustand zu verbessern? Blutet Euch denn nicht das Herz, fuhr Conrad fort, den zerrütteten Zustand unseres Vaterlandes zu sehn? Diese wilden Horden, die es zerfleischen, den jämmerlichen Betrüger, der uns so schändlich hintergangen hat und von neuem unter dem Namen des Kaisers umherzieht? Jene Gottlosen, die der Bösewicht mit Vorspiegelungen an sich gezogen und die nun unsere heilige Kirche lästern? Vereinigt Euch mit mir, daß unsere Diener, Söldner, alle Männer, die uns noch zugehören, oder die unserm Aufruf folgen mögen, sich zur Kriegsschaar bilden, um diese Meuter zu strafen, zu fangen, zu vernichten. So zeigen wir, daß wir nicht ganz die verwerflichen Männer sind, für die man uns, da wir unser Spiel verloren haben, jetzt ausgeben möchte. Hugo war mit diesem Vorschlage einverstanden, und bald sammelte sich um die beiden Grafen eine beträchtliche Schaar. Viele der Landleute, die von dem Gesindel waren beschädigt worden, wollten gern unter ihren Fahnen streiten, viele der Uebertreter kehrten, so wie ihre Anführer, zurück, um wieder Ehre und guten Ruf zu erwerben. Der braune Robert, der schon vorher einiges verwegene Volk um sich gesammelt hatte, um als Räuber wieder seinen Unterhalt zu suchen, war Einer der Ersten, der seine Dienste seinem ehemaligen Beschützer anbot. So gerüstet zogen die Grafen aus. Balduin vermied das Gefecht nicht. Der Streit war hartnäckig und von beiden Seiten wurde mit großer Tapferkeit gekämpft. Im verwirrten Handgemenge stießen Balduin und der braune Robert auf einander, und der anmaßliche Fürst fiel von der Hand seines alten Gefährten, der ihm, als er schon auf dem Boden lag, das Schwert durch die Brust stieß. Ademar ward getödtet mit vielen Andern seiner Schaar, Firlinger und so Mancher entfloh, Viele, unter diesen Hattrich und Pustel, wurden gefangen. Lille erklärte sich sogleich nach dieser Niederlage reuig und flehend für den echten Fürsten des Landes. Hugo und Conrad zogen mit ihren Gefangenen nach Gent. Sie lieferten sie dem Hauptmann der Stadt ab und wünschten persönlich den Fürsten und dessen Gemahlin zu sprechen. Noch war der König zugegen, und Turnier und Fest, die Hochzeit glänzend zu feiern, erfreuten die Stadt. Der alte Tillen, so wie einige andere Ritter, die den Verbannten begegneten, waren über den dreisten Muth erstaunt, mit dem sie sich wieder am Hofe zu zeigen wagten. Alle entfernten sich von ihnen, scheu, oder verachtend, und Dieselben, die vormals das Land regiert hatten, mußten jetzt froh sehn, daß sie endlich im Garten den Koch Pamphilus fanden, der ihnen Rede stand. Ja, ja, meine Herren, sagte dieser auf ihre Erkundigungen, unser ehemaliger guter lieber Hof hier ist so verwandelt, daß kein Mensch ihn wieder erkennen kann. Alle ehemalige Würde, der nothwendige Unterschied der Stände, die Disciplin in der Küche, Alles ist dahin! Ich darf nicht mehr hineinkommen, denn ich bin meines Amtes entsetzt, das ist noch die Folge von jenem dummen Gerücht, daß ich unsern jetzigen Fürsten habe vergiften wollen. Ist wohl Menschenverstand in der Sache? So wandere ich denn noch manchmal in der Nähe der Küche hin und her und ziehe den Duft ein und vernehme das Geräusch und Geklapper von drinnen. Das tröstet mich noch einigermaßen. O und wie weit schlimmer wäre es mir ergangen, liebe Männer, wenn da der kleine Herr Ingeram nicht wäre. Es ist wahr, der Mensch bleibt zeitlebens ein Dummkopf und spricht immerdar aberwitziges Zeug, so brachte er denn auch bei der Gelegenheit die alte Fabel wieder auf, als ob ich ein Ketzer wäre und dergleichen mehr; ich sei aber das Feuer schon so gewohnt, daß bei mir das Verbrennen nicht anschlagen würde, man sollte mich lieber ins Wasser thun; weil ich aber zu dick sei, so würde ich auf dem Strome doch nur, wie die echten Hexen, oben schwimmen, drum sei es wohl am gerathensten, man nöthige mich, den Strom in mich hineinzuschlucken, daß ich ein zehn oder zwanzig oder mehr Jahre so recht tüchtig Wasser trinken müsse. Der Vorschlag ging denn durch und ich trinke meinen Wein nur heimlich. Seht, Herren, das nennt man jetzt regieren und Rathschläge geben und einen Criminalprozeß, denn das kann ich Euch sagen, das kleine Ding von Mensch da, das wie eine graue Ente aussieht, ist Alles in Allem. Er schlägt Räthe vor und setzt sie ab, und so ist der alte Berthold, der doch gewiß keinem Menschen was zu Leide gethan und niemals ein Wort gesprochen hat, das sich Einer hätte zu Gemüthe ziehen können, ebenfalls zur Ruhe verwiesen; dagegen hat man einen unklugen Zeichendeuter, den Wenzesla, reich beschenkt, und wie? mit vielen Pfunden von Goldstaub. Das hat auch der Twatsche angegeben. – Wenn Ihr wollt, will ich den rufen, denn umgänglich ist die kleine Kröte immer noch. Die Grafen nahmen den Vorschlag an und nach einiger Zeit kam Ingeram zu ihnen und sie gingen in einem anmuthigen Gange des Gartens auf und ab. Conrad sowohl wie Hugo waren verlegen, so höflich und freundlich sie sich auch gegen Ingeram betrugen. Dieser war ganz in seiner alten Laune und erwiederte auf ihre Bitte, daß er die Fürsten durch seinen Einfluß dahin vermögen solle, sie persönlich anzuhören: Ich will Euch gern darin behülflich seyn, und ich glaube auch, daß sie meinen Vorstellungen Gehör geben werden, und es ist ja am besten, Alles zu vergessen und zu vergeben, was uns Kummer gemacht hat. Sie dankten ihm und beugten sich tief, um ihn zu umarmen. Er erwiederte ihnen: Ihr rührt mich, werthe Herren, und ich gehe sogleich, Euer Gesuch durchzusehen. Ihr glaubt nicht, was mir das bequem und anmuthig dünkt, daß ich jetzt nur ein Narr zu seyn brauche, wenn mich der eigne Genius dazu treibt. Und wieder bin ich auch darin glücklicher, wie alle Räthe, Priester und Lehrer des ganzen Landes, daß ich eben so wenig auf Commando vernünftig und weise seyn muß; auch nach meinem Gutdünken seh' ich mir die klugen Stunden, oder lasse sie so von selbst kommen. Ihr habt, edle Herren, die Sache zu weise und klug beginnen wollen, mit Feinheit und Tiefsinn aller Art, und darüber ist sie Euch unter den Händen zerbrochen. Er bat die beiden glücklichen Neuvermählten und sprach so possierlich und eindringend, daß man die Flehenden in den Saal kommen ließ, als eben auch der König Ludwig und sein Hof zugegen war. Ferdinand und Johanna dankten ihnen für ihre Dienste und gaben ihnen die eingezogenen Güter wieder, den Gefangenen wurde verziehen und Alles kehrte friedlich in die alte Ordnung zurück. Lange regierten in Glück Ferdinand und Johanna.