Die vier Töchter des Rittmeister Schimmelmann Komischer Soldatenroman aus der guten alten Zeit Adolf von Winterfeld Volksausgabe 1. Hasenbalg in der guten alten Zeit Obgleich Hasenbalg erst im Jahre 1702 funkelnagelneu aufgebaut war, so hatte es in der Zeit, in welcher unsere Geschichte nun bald beginnen wird, doch schon wieder ein altes Gesicht. Jedes einzelne Gebäude sah aus, als säße es schmerzvoll zusammengesunken und mit trübgeweinten, glasigen Augen auf dem Grabe seines Vorgängers, den es nimmer und nimmer vergessen könne. Während eines so langjährigen Seelenkummers geht natürlich die straffe Haltung des Körpers verloren, und so kam es denn auch, daß sämtliche Häuser von Hasenbalg sich müde eines auf das andere lehnten, wie eine Reihe eingeschlafener Menschen, die ihre Köpfe auf des Nachbars Schulter sinken lassen. Bloß an dem großen viereckigen Markt trat diese Erscheinung weniger auffallend zutage, als in den langen, leicht gekrümmten Straßen mit den verbindenden Nebengäßchen. Die Häuser hatten hier vielleicht mehr Selbstbewußtsein und setzten einen gerechten Stolz darein, das Herz der Stadt zu bilden und den berühmten Marktplatz zu garnieren, der nicht allein durch Cannabich verewigt worden ist. Außerdem konnten sie sich nicht so ungestört dem träumerischen Brüten überlassen, wie die anderen Gebäude, denn die Rekrutenunteroffiziere der vier Eskadrons mit den dazugehörigen Gefreiten machten hier den ganzen Tag über einen solchen Höllenspektakel, daß Schwermut und Melancholie nicht dagegen aufkommen konnten. Die Umgegend der Stadt bot auch durchaus keine landschaftlichen Reize. Sonst sieht man doch bei anderen Orten ein Wäldchen, das sich schweigsam ausdehnt, eine stille, blumige Wiese, über die morgens und abends geheimnisvoll die Nebel wallen; einen Hügel, von dem man in die weite Welt schauen kann, einen Bach, der schwatzend durch die Ebene läuft; von dem allen hatte Hasenbalgs Feldmark nichts aufzuweisen; nicht einmal des Kornes bewegte Wogen erblickte man im schönen Halbmond, sondern die weiten Ebenen waren nur mit des Tabaks und der Kartoffel narkotisch duftendem Gewächs bedeckt. Wenn die Fremden nachher im »Deutschen Hause« ihren aufgeschwitzten Kalbsbraten verzehrten, äußerten sie sich gewaltig unzufrieden über den abscheulichen Geruch, der draußen auf der Gegend lag; die eingeborenen Hasenbalger aber lachten dazu und sagten, das wäre ein großer Segen für die Stadt; denn die ältesten Leute könnten sich nicht entsinnen, daß jemals ein hiesiger Bürger oder eine hiesige Bürgerin den Schnupfen oder eine sonstige Verstopfung gehabt habe, welche Krankheiten allein durch die heilsamen Kommunikationsbeförderungen des Tabaks im Keim erstickt würden. Was den Charakter der Hasenbalger Bevölkerung anbetrifft, so harmonierte er mit dem Charakter der Gebäude, den morschen Gehäusen ihres kleinen Lebens. Die Ackerbürger hatten nicht viel zu tun. Wenn im Herbst ihr Feld bestellt war, setzten sie sich in Schlafrock und Pantoffeln ans Fenster und starrten auf die Straße hinaus, und da diese die Phantasie nicht sonderlich anregte, so standen sie von Zeit zu Zeit auf, gingen an das kleine, dunkelbraune Wandspind und gossen sich ein Schnäpschen ein. Davon wurden sie allmählich warm, und wenn sie erst ein halbes Dutzend hinter die Binde gegossen hatten, dann bekamen sie eine rote Nase und wäßrig freundliche Augen. Wenn das aber manch Jährchen so fortgegangen war, kriegten sie das Zittern in den Händen und zuletzt klappten sie den Deckel ihrer Kanne zu, legten sich mit dem Gesicht nach der Wand und verließen diese Welt des Atmens. Die Materialwarenhändler stehen schon auf einer höheren Stufe der gesellschaftlichen Bildung, einige von ihnen sind sogar ressourcenfähig, obgleich sie ihren Hauptverdienst aus dem Schnaps und der Wichse ziehen, die sie an die Soldaten verkaufen. Wie die kleinen Gastwirte, gehen sie den ganzen Tag in Pantoffeln und stehen bei gutem Wetter gelangweilt und verdrossen in der engen Tür ihres fettigen Ladens, und nur wenn ein Dragoner oder ein Dienstmädchen mit einem Sechser zwischen den zarten Fingern kommt, verzieht sich das Sauregurkengesicht des Krämers zu einer Art von Lächeln und er schlendert mit ladenschwenglicher Artigkeit hinter den Tisch und bedient seine Kunden. Wenn aber die Ressourcestunde schlägt, dann zieht er Stiefel und einen anderen Rock an, knüppert sich ein Paar steife Bäffchen um den Hals und geht mit dem Stolz eines spanischen Granden nach dem gelben Rathaus hinauf, in dessen oberen Räumen das Gesellschaftlokal sich befindet. Dort mischen sich Offiziere und Bürger auf die glücklichste Art untereinander. Wer durch seine gesellschaftliche Stellung und unbescholtenen Ruf das Recht erworben hat, diese heiligen Hallen zu betreten, der ist den anderen vollkommen ebenbürtig, ein Mensch den Menschen gegenüber, ein Honoratior den Honoratioren. Zu diesem freundlichen, gegenseitigen Umgange trug natürlich die Länge des Zusammenlebens in so engem Rahmen nicht unwesentlich bei. Man sah sich täglich auf der Straße, man wohnte miteinander in denselben Häusern, die Offiziere heirateten nicht selten Bürgertöchter, manchmal aus Liebe, manchmal aus Langeweile, manchmal auch aus pekuniären Rücksichten. Denn das Offizierkorps war nicht reich; die meisten hatten nur eine bescheidene Zulage, einzelne sogar nicht einen Groschen. Von Luxus war da gar keine Rede; man trug für gewöhnlich Röcke mit so verblichenen Farben, wie sie heute gar nicht mehr denkbar sind; man wohnte in den allereinfachsten Räumen; bei Tische wurde niemals Wein getrunken, nur bei Gelegenheiten; dann aber ordentlich. Auf der Ressource aßen die Unverheirateten Abendbrot, und das Getränk bestand aus Bier und Grog. Außerdem gab es eigentlich keine Vergnügungslokale; man müßte denn die kleine Weinstube von Schleckmann dazu rechnen, welche der alte Oberst von Hollprägel nie anders nannte, wie die Giftbude, und dann das Lokal des Konditor Schlichter, an der Ecke vom Markt, wo einzelne verspätete Leutnants und Fähnrichs den sogenannten »Nachtklub« zelebrierten. Damit hatte aber die Geschichte auch vollständig ein Ende; andere Orte, um Geld auszugeben, gab es neben den laufenden Bedürfnissen nicht. Trotz dieses einfach veranlagten Lebens hatten doch die meisten Offiziere Schulden; der eine mehr, der andere weniger, erhebliche Summen aber niemand. Gehalt und Zulage reichten aber nur für das Allernotwendigste hin, und wenn von den monatlichen zwanzig Talern die verschiedenen Beträge für Kleider-, Witwen-, Musik- und noch andere Kassen in Abzug gebracht wurden, dann blieb für jeden Tag nur herzlich wenig übrig. Im Winter war das Leben allerdings ein wenig teurer als im Sommer; da kamen Schauspieler nach Hasenbalg, bei denen man für fünf Silbergroschen den Abend abonnieren konnte, und dann die Bälle; das kostete allerdings auch immer etwas, obgleich es jeder in der Hand hatte, wieviel er dranwenden wollte. Also ein kleines Leben im engen Rahmen; vom Dienst in die Kneipe, und von der Kneipe wieder in den Dienst; auf dem Markt trampeln fortwährend die Rekruten und in der offenen und geschlossenen Reitbahn geht es den ganzen Tag immer rundum, immer rundum, daß einem ganz dumm und dämlich dabei zumute wird. Und in den Zwischenpausen geht man einmal zu Hause mit heran, holt sich den Schlüssel, bürstet sich vor dem halbblinden Spiegel die Haare, watet über den elastischen Dunghaufen, geht in den Stall zu den schnuppernden Pferden, hebt ihnen die Decken auf, klopft die festen Hinterbacken und macht sich dann sachte wieder auf den Weg zum Dienst oder in die Ressource. Manchmal besucht auch wohl einer den andern, dann wird eine Pfeife oder eine Zigarre angeboten und die gewöhnliche Unterhaltung geführt, manchmal auch gar keine; sondern wenn der Gast seine Pfeife ausgeraucht hat, stellt er sie in eine Ecke, setzt sich die Mütze auf und sagt: »Na, atje!« – »Na, atje!« wiederholt der andere, »komme nicht zu spät auf die Ressource!« – Diese Unterhaltung kam namentlich beim »alten Grafen« vor, der nicht viel sprach, aber der einzige Offizier war, der eine Zeitung hielt, an der er den ganzen Vormittag mit der gespanntesten Aufmerksamkeit studierte. Wenn man ihn nachher fragte, was drinstände, wußte er es allerdings nie, oder er wollte es nicht sagen, was auch eine Möglichkeit ist. – Der Leutnant von Nasewitz wollte zwar gesehen haben, daß der alte Graf oft das Zeitungsblatt verkehrt halte; aber dem konnte man nicht unbedingten Glauben schenken, das war ein arger Spötter, davon konnte der arme Padderow ein Liedchen singen, obgleich er eigentlich sein bester, ja unzertennlicher Freund war. – Herr von Nasewitz meinte es auch durchaues nicht schlecht mit ihm, im Gegenteil, er liebte ihn und konnte nicht ohne ihn leben; aber ebensowenig konnte er es unterlassen, ihn zu necken und ihm oft die schlimmsten Streiche zu spielen; daran fand er nun einmal sein Vergnügen; sowie er den Padderow sah, ging es los, und wenn er ihn nicht sah, dann zerarbeitete er sich den Verstand, um eine neue Marter für seinen Freund zu erfinden. – Wenn Hasenbalg keine Garnison gehabt hätte, würde es das trostloseste Nest gewesen sein, das je die Sonne beschienen; aber die Dragoner brachten doch etwas Leben und Bewegung hinein. – 2. Rittmeister Schimmelmann Eine pechschwarze Novembernacht lag noch in träger Ruhe über Hasenbalg, obgleich das Städtchen schon seit geraumer Zeit begonnen hatte, Tag zu machen. Um fünf Uhr fängt das erste leise Regen an. Da verläßt der Trompeter nicht sein Grab, wie in der nächtlichen Heerschau, sondern die harte Pritsche auf der Hauptwache, blinzelt mit blöd verschlafenem Auge nach seinem Instrument, hüllt sich in den groben Reitermantel, tritt auf den Markt hinaus und bläst mit noch schlaffen Lippen nach allen Richtungen hin, die morgenheiseren, entsetzlichen Töne der Reveille. Dann öffnet der Soldat die Stalltür. Da liegen die Pferde auf der weichen Streu und pusten und stöhnen noch im besten Schlaf, daß es dem Dragoner fast leid tut, sie zu wecken. Jetzt hört er aber im Vorderhause eine Haustür gehen, dann sporenklirrende Tritte und das leise Räuspern des Beritt-Unteroffiziers, und schnell ruckt er die Pferde an den langen Ketten empor, ergreift Striegel und Kartätsche und beginnt mit fanatischem Eifer sein treues Tier zu putzen. Gleich darauf wird die Stalltür von außen geöffnet, ein kalter Luftstrom dringt in den dünstegeschwängerten laulichen Raum, und der Korporal empfängt die Meldung des Dragoners, ob in der Nacht etwas vorgefallen sei. – Wenn die Beritt-Unteroffiziere in dieser Weise ihre sieben bis acht Quartiere durchgegangen sind, begeben sie sich zum Morgenrapport beim Herrn Wachtmeister. Das ist ein wichtiger und gestrenger Mann, die rechte Hand des Rittmeisters, oft von größerem Einfluß als die Offiziere. Er ist noch im Schlafrock, wenn die Korporale eintreten, und empfängt sie im Bewußtsein der ganzen hohen Würde seiner Stellung. Seine Rede ist kurz und gemessen, der Ausdruck in seiner Art gewählt, jede Bewegung zeigt, daß er zum Herrscher geboren. Wenn der Rapport beendet ist, gehen die Unteroffiziere wieder nach Hause. Die verheirateten finden ein Töpfchen heißen Kaffee vor; die unverheirateten trinken wohl lieber einen handlichen Kümmel, der sie schneller erwärmt. – Es ist draußen noch so finster wie ein Sack. Der rauhe Westwind streicht über die Tabaksfelder und pustet deren narkotisches Aroma den alten wackligen Häusern ins Gesicht, daß sie sich schütteln, als wenn sie niesen wollten, und manchmal kommt auch wirklich ein ängstliches Kreischen und Pruschen zum Vorschein. Das sind aber die losen Dachrinnen und die rostigen Wetterfahnen, mit denen der Wind spielt in seiner tollen Laune. Allmählich beginnt es auf den Straßen lebendiger zu werden. Die Bäcker und Materialwarenhändler öffnen ihre Türen, gähnende Dienstmädchen mit Federn in den Haaren, einem warmen Tuch über dem Kopf, und die frierenden Hände unter der Schürze, kaufen ihre Frühstückssemmeln ein, und die ersten Dragoner führen nach der bedeckten Reitbahn. Der müde Kerl hängt noch in den Knien, die ganze Figur ist gesackt, der schwere Tritt dröhnend und schurrend zugleich, während das klügere Pferd mit still gesenktem Kopf leicht und behende neben ihm hergeht und vorsichtig die tiefen Löcher in dem schlechten Straßenpflaster meidet. Mehr und mehr Dragoner ziehen nach der Bahn, und wo einmal ein Pferd laut wiehert oder schnauft, da schlagen auf dem Hof die Hunde an und in dem Hühnerstall fliegt's durcheinander. Dann kommen die Unteroffiziere und Gefreiten, und zuletzt eilt mit emporgeschlagenem Mantelkragen der Leutnant säbelklappernd hinterher, noch ohne Kaffee, weil er die Zeit verschlafen. Die Uhr schlägt sieben auf den Kirchentürmen. Lassen wir jetzt die Dragoner immer rundum reiten in der Bahn, den Unteroffizier kommandieren, die Gefreiten korrigieren und den Leutnant im Stehen wieder einschlafen, und begeben wir uns nach einem alten, baufälligen Hause, nicht weit von dem gelben Rathause, mit dem grünen Türmchen drauf. Die Fenster sind noch alle kohlschwarz, nur hinter den zerbrochenen schmutzigen Scheiben der Soldatenlammer neben dem Stall leuchtet ein trübes, schmutziges Licht, und ab und zu bewegen sich die schattenhaften Formen eines anscheinend menschlichen Wesens durch den kleinen matterhellten Raum. Dann öffnet sich die Tür und ein Mann tritt auf den Hof heraus. Den oberen Teil seines gedrungenen Körpers bedeckt eine warme Unterjacke, die vorn mit weißen Bändern zugebunden ist, um die kurzen kräftigen Beine bläht sich eine steife, bei jeder Bewegung wie ein Schurzfell knatternde Lederhose, und die strumpflosen, merkwürdig großen Füße stecken in einem Paar noch größeren Holzpantoffeln. Soweit wir, bei der mangelhaften Beleuchtung der Öllaterne, den Kopf des besagten Individuums zu erkennen vermögen, besteht derselbe aus einem dicken, runden Schädel, auf dem die ungekämmten, aschblonden Haare wie auf einem Staubbesen emporstehen; die Stirn ist auffallend niedrig, die Augen auffallend klein, die Backen auffallend blau, Mund und Ohren auffallend groß. Der Mann trägt in der linken Hand die bewußte fettige Öllaterne und über dem Arm ein Paar Beinkleider, in denen bereits die Stiefel stecken, und einen Uniform-Überrock, während die Rechte einen Korb voll Torf hält. Nachdem er seine Kammertür sorgsam wieder zugemacht, watet er mit hochgezogenen Beinen über den elastischen Dung, wie ein Storch auf nasser Wiese, klinkt dann eine Tür des Quergebäudes auf, stolpert polternd eine schmale Hintertreppe empor und befindet sich auf einem engen Flur, einer dritten Tür gegenüber. Das Individuum stellt den Korb auf die Erde, holt erst tief Atem, legt dann die rechte Hand ganz leise und vorsichtig auf den Drücker, tritt behutsam in ein dunkles Zimmer, das von kaltem Torfgeruch durchduftet ist, zieht seinen Korb nach sich, schließt die Tür, wirft einen ängstlichen Blick auf eine helle Stelle in dem jetzt dürftig erleuchteten kahlen Zimmer und holt abermals aus tiefster Seele Atem, als wenn ihm wider Erwarten etwas gelungen wäre. Nachdem der Mensch noch eine Weile unbeweglich gestanden, trägt er Korb und Laterne nach einem alten, schiefen, schwarzen Ofen, legt dann Beinkleider und Rock auf einen Stuhl, kniet nieder, packt ein Stück Torf nach dem andern in die dunkle Öffnung, zündet die Kienspäne an seiner Öllaterne an und versetzt auch bald das Heizungsmaterial in Brand. Der Torf glimmt auf, der Ofen beginnt zu bullern. Das Individuum hockt noch immer vor dem Ofenloch, und scheint sich an der warmen Flamme zu ergötzen, die phantastisch auf seinem dicken Angesichte spielt, als ein plumper, knurrender Ton durch das unheimlich kalte Gemach dringt. Der Mensch fährt zusammen, als wenn er einen Schmerz empfunden hätte, und sitzt dann mäuschenstill, als wenn er mit dem ganzen Korper horchte, was nun kommen würde. »Knurr!?« machte jetzt die rauhgekratzte Morgenstimme schon etwas deutlicher. »Zu Befähl, Herr Rittmeister, eben sieben Uhr geschlagen«, stößt der Bursche mit militärischer Genauigkeit heraus, obgleich ihm der Atem stockt vor Angst. Dann erhob er sich aus seiner knienden Stellung und steckte ein halbes Talglicht an, das auf einer alten invaliden Kommode unter einem alten kurzsichtigen Spiegel stand. »Knurr!« krächzte jetzt die Stimme wieder, während eine gebrechliche Bettstelle in ihren Grundfesten knackte. »Zu Befähl, Herr Rittmeister; alles gesund!« stellte sich der Kerl gerade und versuchte die beiden kleinen Finger hinter die nicht mehr vorhandenen roten Biesen seiner steifen, gestickten Hose zu legen. Dann knackte die Bettstelle noch einmal und aus den lichten Kissen richtete sich mühsam und gliedersteif eine Figur empor, deren pechschwarzer Kopf seltsam mit seiner weißen Umgebung im Widerstreit lag. Der Bursche stand wie gebannt unter dem stechenden Basiliskenblick der kleinen Augen unter den struppigen Brauen. »Hat Malwine noch ein dickes Knie?« gurgelte der Gestrenge, nun schon zu menschlichen Worten übergehend. »Zu Befähl, Herr Rittmeister, nein; ich habe ihr bis Mitternacht Umschläge gemacht.« »Knurr! – Auguste nicht wieder den Schwanz gescheuert?« »Zu Befähl, Herr Rittmeister, nein!« »Alle drei gut gefressen?« »Zu Befähl, Herr Rittmeister, ja!« »Knurr! - Wetter?« »Zu Befähl, Herr Rittmeister, räucherig!« »Gut!« Der Bursche machte eine so steife, ungeschickte Rechtsumwendung, daß er aussah, als wenn ein hölzerner Soldat ins Schwanken kommt und umzufallen droht; dann stakste er mit seinen großen Holzpantoffeln und ballernden Lederhosen der Flurtür zu. »Pätel!« knurrte der Machthaber, als jener bereits die Hand nach dem Drücker ausstreckte. Der dicke Bengel bekam einen Schreck und machte jetzt eine so total verunglückte Kehrtwendung, daß er entschieden umgefallen wäre, wenn sein Rücken nicht einen Stützpunkt an der Wand gefunden hätte. »Um neun Uhr die Käthe satteln... knurr!« »Zu Befähl, Herr Rittmeister!« Dann machte er abermals kehrt, verließ das Zimmer und stürzte mit lautem Gepolter die schmale Hintertreppe hinunter. Der Rittmeister Schimmelmann war der älteste Schwadronschef im Hasenbalger Dragonerregiment, dem man seine sechzig Jahre gut und gerne ansah, obgleich er das volle Haupthaar und den übermäßig starken Schnurr- und Backenbart kohlschwarz gefärbt hatte. Das von Pockennarben zerfressene Gesicht mit den kleinen stechenden Augen verriet auch noch nicht den angehenden Greis, aber wenn er auf der Straße ging, dann sah er so krumm, so steif und so stackrig aus, als wenn ihm alle Gelenke verrostet wären, und man wunderte sich eigentlich darüber, daß es nicht kreischte und quietschte, wenn er die Beine voreinander setzte, wie es die alten Wetterhähne auf den Dächern taten. Der Rittmeister Schimmelmann hatte über vierzig Jahre gedient und in dieser langen Frist, trotz der Kriegsjahre, es erst zum Rittmeister erster Klasse gebracht. Das lag damals in den Verhältnissen; es ging einmal nicht schneller; es kam vor, daß man zehn Jahre lang auf einer Stelle stehen blieb, und jetzt nach den Befreiungskämpfen war das Avancement erst recht ins Stocken geraten. Die Premierleutnants hatten alle das fünfundzwanzigjährige Dienstkreuz an dem traurig blauen Bande, das stets an eine verunglückte Hoffnung erinnert. Der Rittmeister Schimmelmann hatte niemals einen Groschen Zulage gehabt und trotzdem schon als Leutnant eine kleine dicke Frau geheiratet, mit welcher er sechs Kinder zeugte, zwei Söhne, welche bereits Offiziere in der Armee waren, und vier Töchter, die er noch zu Hause auf Lager hatte: Alphonsine, Euphrosine, Melusine und Cölestine. Wenn er auch wirklich noch zum Major befördert wurde, wie lange konnte es dauern, dann kam der blaue Brief mit dem Abschied hinterher, und dann saß er da mit »seinen fünf Frauenzimmern«, wie er sich ausdrückte, und allerhöchstens achthundert Talern Pension. Davor fürchtete sich der Rittmeister Schimmelmann; aber er ließ es sich nicht merken, im Gegenteil, er übertünchte dies Gefühl innerer Schwäche durch eine Grobheit und Bärbeißigkeit, sowohl im Dienst, als im Familien- und gesellschaftlichen Leben, daß er dadurch den meisten Leuten, manchmal sogar dem auch gerade nicht höflichen Obersten von Hollprägel, Sand in die Augen streute oder imponierte. Seine Frauenzimmer machten ihm also große Sorge und Unruhe; denn obgleich man sie eher hübsch als häßlich nennen konnte, obgleich sie auch für ihre Zeit und Verhältnisse eine ganz leidliche Erziehung genossen hatten, fingen doch die ältesten bereits an, ein bißchen in die Saat zu schießen, und vor allen Dingen hatten sie nicht einen Groschen zu erwarten, kaum eine dürftige Aussteuer zur Hochzeit. - Wer sollte da wohl anbeißen? Nachdem Pätel, der Bursche, die Hintertreppe hinuntergefallen war, streckte der Rittmeister Schimmelmann erst das rechte Bein aus dem Bett und dann das linke. In militärisch kurzer Zeit war die Toilette beendet und der Rittmeister in voller Uniform, das heißt, in glänzend blankgeputzten Stiefeln mit blinkenden Spornen, einem Paar etwas zu weiter und etwas zu heller Hosen, was eine besondere Eigentümlichkeit seines Anzugs war, und einem engbrüstigen, hochkragigen Oberrock mit zu kurzer Taille, wie die Schwarzwälder Bauern sie tragen. Die aufgeknöpften Epaulettes waren viel zu klein für die Schulterbreite und hingen ein wenig nach vorn, wie ein Paar versengte oder betrübte Amorflügel. Man sah es dem Kostüm des Rittmeisters Schimmelmann deutlich an, daß es nicht in Berlin, bei einem Schneider des Regiments, sondern bei einem billigeren, Halsenbalger Künstler gemacht war, weshalb auch die Farbe der Beinkleider nicht ganz stimmte. Alles war alt, sehr alt; aber durch Schonung erhalten und von einer unübertrefflichen Sauberkeit. Das triefende Talglicht und der rote Feuerschein des bullernden Ofens warfen jetzt unsichere Lichtreflexe durch das kahle, öde Gemach. Ein wüstes ungemachtes Bett mit zwei alten Rohrstühlen davor, ein kiefernes Kleiderspind mit hängender Schulter, eine lahme Kommode unter einem erblindeten Spiegel, das war das ganze Mobiliar der Schlaf= und gleichzeitigen Wohnstube des Rittmeisters Schimmelmann. In der einen Ecke stand ein Säbel, in einer anderen drei schmucklose Pfeifen mit durchgebissenen Spitzen, und neben dem Talglicht ein Tabakkasten und ein Stippfeuerzeug, wie es in früheren Zeiten Mode war. Die Dinger taugten aber so wenig, daß man zwanzigmal stippen mußte, ehe man ein Holz zum Brennen bekam, und dann roch es im Zimmer dergestalt nach Schwefel, daß man vor Husten die Pfeife nicht anrauchen konnte; unterdes ging aber das Feuer wieder aus und die Geschichte sing von vorne an. - Das war die gute, alte Zeit. Der alte Schimmelmann mochte seit ungefähr zehn Minuten seine Toilette beendet haben und saß nun krumm und zusammengesunken auf einem der beiden Stühle vor seinem Bett, als ein Säbel auf dem Hofe klirrte und bald darauf bespornte Tritte die Hintertreppe heraufpolterten. Kaum hatte der Rittmeister diese wohlbekannten Töne vernommen, als es ihn durchzuckte wie ein elektrischer Strahl; dann stand er mit leisem Stöhnen auf, reckte seine Gestalt so hoch empor wie es eben gehen wollte, und stellte sich in die Mitte des Zimmers, die Hände auf dem Rücken, Oberkörper und Kopf vornübergebeugt, den buschigen schwarzen Schnurrbart zu beiden Seiten der Nase in die Höhe gezogen, und die kleinen stechenden Augen fest auf die Flurtüre gerichtet, wie ein Hühnerhund, der vor einem Rebhuhn steht. Gleich darauf ward besagte Tür von außen mit einem militärischen Ruck aufgerissen und ein Soldat trat ein, der mit dem alten Schimmelmann eine gewisse Ähnlichkeit hatte. Er trug Unteroffiziersabzeichen und Portepee und vorn im Kollet eine mächtige rote Brieftasche. Nachdem besagtes Individuum die Tür wieder hinter sich zugemacht hatte, nahm es mit der linken Hand den Säbel auf, streckte dann ebenfalls Kopf und Oberkörper vor und blickte seinen Chef ebenso grimmig an, wie sein Chef ihn anblickte. »Knurr!« machte Schimmelmann. »Urr!« wiederholte der andere, mit dienstlich bescheidener Weglassung des Anfangsbuchstabens. »Morgen, Wachtmeister!« »Guten Morgen, Herr Rittmeister!« »Knurr!« »Urr!« Pause. – »Neues, Wachtmeister? – Hoffentlich doch nichts passiert?« »Nein, Herr Rittmeister ... alles gesund ... nur heftiger, kalter Wind draußen!« »Donnerwetter!!« »Donnerwe...« echote der andere, mit dienstlich bescheidener Weglassung der beiden Endsilben. »Jedesmal hat meine Schwadron die Bahn, wenn es des Morgens windig ist ... da werden mir ja alle Pferde kropfig ... ich muß mich wieder beim Herrn Oberst beklagen. – Heiliges Bomben...« »Element!« setzte der Wachtmeister mit dienstlicher Entrüstung drauf. Der Chef sah seinen Wachtmeister an, als wenn er ihn beißen wollte, wegen der Freiheit, die er sich herausgenommen, und der Wachtmeister versuchte ungefähr dasselbe Gesicht zu machen, um seinen dienstlichen Eifer zu bezeugen. »Wer läßt heute die erste Abteilung reiten?« knurrte dann Schimmelmann weiter. »Leutnant von Padderow, Herr Rittmeister!« »Mir auch nicht angenehm, daß der zu meiner Schwadron versetzt ist.« »von Padderow kommen jetzt immer sehr pünktlich in den Dienst, Herr Rittmeister.« »Weiß ich... ist mir aber doch unangenehm... wegen...« Der Wachtmeister erlaubte sich, seine Beistimmung durch ein fein angelegtes Lächeln auszudrücken. Schimmelmann, der es bemerkte, wurde wütend. »Herr, der Teufel soll Sie beim Kragen kriegen«, schrie er, »und seine dreitausendjährige...« »Großmutter!« setzte der Wachtmeister gewohnheitsmäßig drauf, gleichviel ob auf ihn selbst geschimpft wurde, oder auf einen andern. »Wenn Sie nicht im Augenblick den Mund halten, dann soll Ihnen das höllische...« »Feuer in den Leib fahren!« »Ruhig!« »Rrru...« »Möchte ich mir auch ausbitten... knurr!« »Urr!« Der Rittmeister, welcher, neben vielen anderen Eigentümlichkeiten, auch die hatte, gut zu werden, wenn er grob sein wollte, und grob zu werden, wenn er gut sein wollte, besänftigte infolgedessen auch bald seinen Zorn und blickte den Wachtmeister jetzt nur noch mit der gewöhnlich dienstlichen Grimmigkeit an. »Es ist mir doch unangenehm, daß Herr von Padderow zu meiner Schwadron versetzt ist«, begann er dann den alten Ideengang noch einmal; »nicht wegen dessen... was Sie vielleicht gedacht haben, sondern wegen des Leutnants von Nase...« »witz!« vervollständigte der Wachtmeister den Namen. »Ja!!« schrie ihn Schimmelmann an, »das mag dem Teufel nicht unangenehm sein... dabei kann der königliche Dienst unmöglich seine Ordnung behalten... wenn die ewigen Neckereien des Herrn von Nasewitz sich wenigstens auf das Privatleben beschränken wollten, dann ginge es noch an... aber er kann es ja auch im Dienst nicht lassen, dem Herrn von Padderow Possen zu spielen... neulich, als in der Reitstunde der Herren Offiziere gesprungen werden sollte, hatte von Nasewitz seinem Freunde die Sattelgurte aufgeschnallt; das Pferd hob sich zum Sprung, Herr von Padderow rutschte mit seinem Sattel herunter und saß ganz verwundert auf der Erde, während der Gaul, ohne seinen Reiter, glücklich und wohlbehalten auf der anderen Seite der Barriere anlangte.« »Hähähähä!« lachte der Wachtmeister Klinke. »Ja... so lachten alle anderen auch«, zürnte der alte Schimmelmann; »und solche Streiche kommen öfter vor; das ist doch wirklich um...« »Verrückt zu werden!« beendete Klinke den Satz. Der Rittmeister machte ein wütendes Gesicht, und der Wachtmeister ein fast ebenso wütendes. »Haben Sie sonst noch etwas zu melden?« schrie ersterer dann seinem Untergebenen zu. »Nein, Herr Rittmeister!« rief dieser ebenso laut. »Gut!« »Gut!« »Knurr!« »Urr!« Damit machte der Wachtmeister kehrt, daß die ganze alte Stube wackelte, ging zur Tür hinaus und klapperte mit seinem Säbel die Hintertreppe hinunter. Schimmelmann blieb noch eine ganze Weile stehen und blickte, die Hände auf dem Rücken, Kopf und Oberkörper vornübergebeugt, den Schnurrbart emporgezogen, mit grimmigem Gesicht nach der Tür, durch welche sein Klinke verschwunden war; dann stieß er noch einen knurrenden Ton aus und verließ sein Schlafzimmer, um nun mit der Familie den Kaffee einzunehmen. Nachdem er über einen engen finstern Flur an Küche und Mädchenkammer vorbeigetrampst war, öffnete er eine Tür und stand in einem auf die Straße blickenden Zimmer, in dem es ebenfalls nach Torf roch, das aber doch ein klein wenig behaglicher eingerichtet war, als das vorige. Dies war das gemeinschaftliche Wohnzimmer. Links davon befand sich die sogenannte »gute Stube«, welche eigentlich keinen anderen Zweck hatte, als die besseren Möbel aufzubewahren; und schließlich waren noch zwei kleine Schlafzimmer vorhanden: eins für die Mama, und eins für die vier Töchterlein. Als der Rittmeister Schimmelmann eintrat, saßen seine fünf Damen bereits um den großen runden Sofatisch, auf welchem, inmitten der sechs Tassen, eine mächtige braune Kaffeekanne stand, welche mit dem Glockenschlage acht vom Mädchen hereingebracht werden mußte. Die Mutter, eine kleine, dicke, freundlich blickende Frau, hatte sich auf dem schmalen Sofa breit gemacht, und die vier Töchter saßen in einfachen Morgenkleidern auf Stühlen. Es waren lauter hochgewachsene, schlanke Mädchen mit schwarzem Haar und dunklen feurigen Augen, die schon das Interesse eines Mannes in Anspruch nehmen konnten! Die älteste, welche ein weißes Tuch um den Kopf gebunden hatte, befand sich der Mama am nächsten, die drei anderen folgten dem Alter nach, so daß die jüngste neben dem noch leeren Stuhl des Herrn Papa zu sitzen kam. »Guten Morgen!« knurrte dieser, etwas griesgrämlich, indem er sich langsam auf seinem Platz niederließ. »Guten Morgen!« wiederholte der weibliche Chor, als wenn eine Abteilung Dragoner den Gruß ihres Vorgesetzten erwidert. Der Rittmeister Schimmelmann machte ein zufriedeneres Gesicht, dann heftete er die stechenden Blicke auf seine älteste Tochter, die das Tuch um den Kopf gebunden hatte. »Du hast ja 'ne dicke Trompete, Alphonsine!« brummte er, während die Mutter den Kaffee einschenkte. »Ich muß mich erkältet haben, Papa«, lächelte das Mädchen, ein wenig verlegen; »die linke Backe ist mir angeschwollen, und die Nase auch ein bißchen.« »Ein bißchen?« rührte der Rittmeister in seiner Tasse; »die sieht ja aus wie 'ne Gurke oder ein Kürbis.« »Die arme Alphonsine, nun kann sie heut' nicht singen«, sagte die zweite Schwester, Euphrosine, mit einem bedauernden Blick. »Na, das ist ein wahres Glück«, brummte der Papa; »wenn die ihre hohen Töne losläßt, bekomme ich immer Magenschmerzen; hast du nicht auch einen schlimmen Finger, daß du nicht klimpern kannst?« »Aber, Alter«, schüttelte die kleine, freundliche Mama den runden Kopf, »heute bist du ja wieder ganz besonders schlechter Laune; wenn man nicht wüßte, daß du spaßtest...« »Hat sich 'was zu spaßen... ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht gespaßt«, gurgelte der Rittmeister; »ich kann nun einmal diese brotlosen Künste nicht leiden, namentlich die Musik nicht, die der leibhafte Satan erfunden hat... die einzigen nützlichen Musikanten sind die Signaltrompeter; aber wenn sie anfangen, ihre verdammten Stücke zu blasen, dann wird mir so schwindlig, daß ich vom Pferde fallen könnte. - Wie lange wirst du denn nun nicht singen können, Alphonsine?« »Ja... vier bis fünf Wochen kann es wohl dauern, bis die Geschwulst sich vollständig gelegt hat«, sagte das Mädchen. Der Papa schmunzelte in seinen pechschwarzen, ein klein wenig ins Violette spielenden Schnurrbart. »Wie kann dir das nur Vergnügen machen, den ganzen Tag zu schreien, als wenn du am Speer stecktest, und dabei mit allen zehn Fingern auf dem verdammten Klimperkasten 'rumzutrommeln?« brummte er dann weiter. »Ein Frauenzimmer muß sich auf solche Künste gar nicht einlassen... die gehört in die Wirtschaft und in die Küche... nach dem Gröhlen fragt der Mann nichts, aber ein gutes Essen will er auf dem Tisch haben...« »Es sind aber nicht alle Männer wie du, Alter«, kopfschüttelte die kleine, freundliche Mama; »manche sehen gerade auf gesellige Talente...« »Na, hier in Hasenbalg ist mir der Fall noch nicht vorgekommen, daß einer auf Alphonsinens Talente gesehen hätte«, grollte der Rittmeister; »wir haben doch das Offizierkorps vom ganzen Regiment und außerdem doch eine ganze Masse unverheiratete Zivilisten; aber hat schon einer angebissen? Prost Mahlzeit!« Obgleich die älteste Tochter die rauhe Art und Weise des Vaters kannte, so errötete sie doch ein wenig und schlug die Augen nieder. »Das kommt daher, weil unter den Herren Offizieren gar kein musikalischer Sinn herrscht... überhaupt kein rechtes Verständnis für schöne Künste«, plapperte die jüngste Tochter Melusine dazwischen; »die Herren sind viel zu bequem dazu... sie mögen ja nicht einmal tanzen... wenn Ball ist, lassen sie sich Stellvertreter von der Infanterie aus Plettin kommen...« »Die springen auch weit besser, Jungfer Naseweis«, knurrte der Papa. »Ja, da hast du recht«, bemerkte Cölestine, die dritte Tochter; »ehe man mit dem dicken Padderow einmal herumkommt, wird einem Zeit und Weile lang; er trippelt immer um einen herum, tritt bald aufs Kleid und bald auf die Füße und dabei geht es nicht von der Stelle... so ein Infanterist aber, das fliegt wie der Wind.« Bei der Nennung des Namens Padderow hatte der Rittmeister ein Gesicht gemacht, als wenn er seine ganze Familie beißen wollte. »Und dennoch ist mir der kleine Dicke lieber, als der lange dünne Nasewitz, der gar nicht tanzen kann«, sagte Melusine, die jüngste. Jetzt sprang der alte Schimmelmann auf, als wenn sein Stuhl plötzlich glühend geworden wäre, und machte einige knackschälige Gänge durchs Zimmer, wie ein alter mürrischer Kater, der die Gicht in den Knochen hat. »Mein Gott, was ist dir denn, Alter?« fragte die freundliche Mama; »der Wachtmeister hat dir gewiß wieder etwas Unangenehmes hinterbracht.« »Das Unangenehme braucht er mir gar nicht erst zu hinterbringen... das weiß ich selber«, polterte Schimmelmann; »seitdem der Padderow zu meiner Schwadron versetzt ist, habe ich keine ruhige Stunde mehr... früher hatte ich schon mit dem Nasewitz allein genug zu schaffen; aber seit die beiden zusammengekommen sind, ist es gerade als wenn einen der Teufel holen wollte!« »Herr von Nasewitz ist mir der angenehmste Offizier im ganzen Regiment«, nickte die freundliche Mama mit ihrem runden Kopf. »Jedenfalls ist er der klügste«, sagte Alphonsine ernst. »Maliziös ist er«, fuhr der Rittmeister auf; »was nützt mir alle Klugheit, wenn er sie nicht richtig anwendet... für den Schwadronsdienst hat er gar keine bedeutenden Fähigkeiten... er sieht immer aus, als wenn er sich über alles lustig machte... man weiß nie, wie man mit ihm dran ist, und ob er im Spaß spricht oder im Ernst... für mich ein unangenehmer Mensch!« »Und dennoch glaube ich, daß er ein gutes Herz und einen vortrefflichen Charakter hat«, sagte Alphonsine bestimmt. »Hauptsächlich neckt er doch nur den Herrn von Padderow« warf die zweite Tochter ein; »und weshalb ist der so komisch?« »Mag der Teufel komisch sein«, brummte der Rittmeister; »mir kommt er eher tragisch vor. - Die Geschichte mit seinen Schulden wird sich nicht mehr lange halten können.« »Sind es denn wirklich so viel, Papa?« fragte Euphrosine, die zweite. Der alte Schimmelmann machte eine bezeichnende Geste mit der rechten Hand. »Die Leute laufen mir das Haus ein«, sagte er; »ich habe nichts zu tun, wie zu beschwichtigen und zu beschwichtigen ... aber schließlich werde ich es doch dem Kommandeur sagen müssen, und dann ist es mit Freund Padderow zu Ende... dann kann er leicht zum Abschied eingegeben werden.« - »Gott, der arme, kleine Dicke!« bedauerte Melusine, die jüngste. »Er hat ja doch aber eine reiche Tante, die er beerbt«, sagte die Mutter. »Die lebt aber den Leuten zu lange«, knurrte der Rittmeister; »viel Geld hat hier in Hasenbalg keiner übrig... ja, wenn man ihnen einen bestimmten Termin nennen könnte... aber so... mancher glaubt auch gar nicht mehr an die alte Tante...« »Herr von Padderow müßte eine reiche Partie machen«, bemerkte Alphonsine. »Hab!« fuhr der alte Schimmelmann auf; »ein reiches Mädchen kann sich einen Hübscheren aussuchen ... außerdem hat Padderow eine Abneigung gegen die Ehe... ich glaube, daß er die Hand einer Millionärin ausschlagen würde, selbst wenn er sich dadurch vom Untergang befreien könnte...« »Aber, das ist ja unbegreiflich, Papa; weshalb ist er denn so?« fragte neugierig die kleine Melusine. »Ja... bürgen kann ich nicht für die Wahrheit«, schmunzelte der Rittmeister; »Nasewitz hat die Geschichte herumgebracht, und ganz aus der Luft gegriffen wird sie nicht sein... er will es von einigen Damen gehört haben, die...« »Ach, sei doch ruhig, Alter!« rief die kleine Mama mit krauser Stirn. »Na... mir ist's ja egal«, brummte Schimmelmann; »mit einem Wort, er will nicht.« »Aber Papa, ich begreife gar nicht, weshalb er nicht will«, wurde die kleine Mesuline ganz ärgerlich; »ich kann mir gar keinen vernünftigen Grund denken, der...« »Wirst du gleich still sein, dummes Ding!« drohte ihr die Mama mit dem Teelöffel. Das Mädchen machte ein schmollendes Gesichtchen und ärgerte sich. »Das wäre auch schlimm, wenn du dir den Grund denken könntest«, brummte der Rittmeister in Gedanken weiter; »über so etwas müssen junge Mädchen gar nicht...« Während dieses Satzes hatte die kleine Mama einen ganz roten Kopf bekommen; dann sprang sie von ihrem Sofa auf und zupfte ihren Gemahl am Rockschoß, daß die Nähte knackten. »Was fällt dir denn ein? Wie kannst du denn so etwas reden?« flüsterte sie ihm zu; »nimm doch deine Gedanken zusammen!« Der Rittmeister sah sie erst eine ganze Weile an, als wenn er nicht recht wüßte, was sie wollte; dann befühlte er sorgsam die Naht seines langen Rockschoßes, ob sie nicht an irgendeiner Stelle aufgetrennt wäre. In diesem Moment polterte der schwerfällige Tritt von Pferdehufen über die hölzernen Dielen des Hausflurs und dann klapperten die Eisen auf den Pflastersteinen vor der Tür. »Väterchen... Pätel ist da mit der Käthe«, sagte die Mutter aus dem Fenster blickend. Eine Minute später schlug von den beiden Kirchtürmen die neunte Morgenstunde. »Adieu!« knurrte der Rittmeister seine Familie an; dann stackerte er in sein Zimmer zurück, umgürtete seine starken Hüften mit dem Säbel, setzte sich die Mütze auf und stieg die Treppe hinunter. Als er vor die Haustüre trat, standen seine fünf Frauenzimmer gewohnheitsmäßig an den Fenstern. Pätel, der Bursche, hatte eine alte, dicke, braune Stute am Zaum, die aber wieder eingeschlafen zu sein schien; denn sie senkte den Hals mit der naßausgekämmten Mähne so tief, daß der ungeschickte Kopf beinahe auf die Pflastersteine reichte. Als er den Rittmeister kommen sah, trat Pätel auf die andere Seite, um ihm beim Aufsteigen den Bügel zu halten, dann steckte jener mit der größten Anstrengung den steifen Fuß hinein, wickelte sich die Mähne um den linken Daumen, schwang sich stöhnend empor, hob das rechte Bein über die Kruppe und ließ endlich das Gesäß in den Sattel fallen. In diesem Moment erwachte die dicke Käthe aus ihrem Morgentraum, zuckte zusammen und richtete den Kopf empor. »Donnerwetter, sie überschlägt sich!« rief Schimmelmann, mit beiden Händen in die Mähne fassend, während der rechte Fuß ängstlich nach dem andern Bügel suchte, »halte sie vorne fest, Pätel!« Der Bursche stellte sich in gewohntem Gehorsam vor das Pferd und faßte beide Kandarenzügel. »Sie ist wieder zu mutig... muß sie heute ordentlich abtraben«, grunzte der Rittmeister, nachdem er sich zurechtgesetzt... »so, nun laß sie los... es ist immer noch solche aufgeregte Kanaille!« Dann klopfte er dem alten Gaul mit beiden Waden in die Flanken; aber der alte Gaul stieß bloß einen krächzenden Ton aus und rührte sich nicht. Schimmelmann kitzelte ihn jetzt mit beiden Sporen, ohne ein besseres Resultat zu erreichen, bis endlich Pätel zurücktrat und dem alten Tier einen kräftigen Klaps auf die linke Hinterbacke verabfolgte. Die Käthe brachte einen quietschenden Ton zu Gehör, legte die Ohren an und setzte dann steif ein Bein vor das andere, indem sie mit dem dicken Hinterteil schwerfällig hin- und herwackelte. Der Rittmeister Schimmelmann aber blickte triumphierend um sich, als wenn er eben einen wilden Hengst gebändigt. 3. Von Padderow und von Nasewitz Ungefähr vierundzwanzig Stunden nach den im vorigen Kapitel erzählten Begebenheiten war es in Hasenbalg üblicherweise wieder Morgen geworden. Es hatte eben neun Uhr geschlagen und war daher schon ein ganz Teil heller, als gestern, wo der Rittmeister Schimmelmann auf der dicken Käthe nach der verdeckten Bahn ritt. Lassen wir einmal unsern Blick diese via triumphalis hinunterschweifen. Von dem großen, berühmten Marktplatz ausgehend, kommt also erst zur Linken die gelbe Hauptwache mit dem grünen Türmchen drauf, daneben das alte Gebäude, in dem der Rittmeister Schimmelmann wohnt, und demselben gegenüber eine etwas zurückgebaute Spelunke, an deren Seitenwand ein gebrechliches, verlassenes Nachtwächterhäuschen lehnt. Weshalb das Ding nicht längst fortgeschafft, sondern stehengeblieben ist, gehört zu den vielen Unbegreiflichkeiten dieser rätselvollen Welt. Dann kommt, wieder in die Straßenlinie einspringend, das Haus des Magazinrendanten, vor welchem ein paar hübsche Bäume stehen, und dann die Hasenbalger Apotheke. Der Apotheker war ein stiller Mann, der nur selten auf Ressource kam; aber sein Provisor hatte es für desto mehr hinter den Ohren; der hat manche Nacht durchgesungen beim Konditor Schlichter, bis er ausgeschwefelt wurde, oder bis sie ihn heimbringen mußten in seine Wohnung. Wenn man nun über die Querstraße schreitet, die nach dem Plettiner Tor führt, erblickt man zwei einander gegenüberstehende Häuser, welche unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Das eine, rechter Hand, wo der große knarrende Kessel vor der Tür hängt, ist ein zweistöckiges, langgestrecktes Haus, das in der Mitte höher ist als auf beiden Seiten und das deshalb aussieht, als wenn es traurig die Schultern sinken ließe. Wenn man vor dem geräumigen Torweg vorbeigeht, weht einem der kräftige Hauch vom Düngerhaufen an, und geht man nachher zur Haustür, so strömt ein prickelnder Biergeruch hervor; denn der Eigentümer Branz ist Brauer und hält unten rechts eine Bier- und Frühstücksstube für die niederen Klassen der Hasenbalger Bevölkerung. Oben, rechts neben dem Kessel, wohnt schon seit einigen Jahren der Leutnant von Padderow, der seinen Wirt immer sehr freundlich grüßt, wenn er ihm im Flur oder auf dem Hof begegnet, namentlich in den letzten Tagen des Monats. Wenn aber der Erste vorbei ist, dann dankt Herr Branz gar nicht mehr so freundlich wie sonst, und es tritt zwischen beiden eine gewisse ängstliche Spannung ein. Das Haus gegenüber ist mit dem Giebel nach der Straße herausgebaut und hat in der Beletage zwei Fenster Front und unten neben der Haustür nur eins. Der Flur, der hinten nach dem kleinen Hof ging, war dermaßen eng, daß in früheren Zeiten der Dungwagen nicht an der nach oben führenden Treppe vorbeigeschoben werden konnte, sondern immer vor der Haustür stehenbleiben mußte. Das war natürlich sehr unangenehm und erschwerte die Arbeit furchtbar. Denn anstatt den Wagen auf dem Hof vollzuladen, war man genötigt, jede Forke Dünger durch den Hausflur zu tragen, und das kostete gerade fünfmal so viel Zeit, die ungeheuere Schmutzerei gar nicht einmal gerechnet, die jener umständliche Transport auf dem Flur verursachte. Da kam der Besitzer des Hauses, ein Ackerbürger Knelling, auf die sinnreiche Idee, die Treppe so einrichten zu lassen, daß sie wie eine Zugbrücke in die Höhe gewunden werden konnte, wodurch der Dungwagen dann freie Durchfahrt erhielt. Wegen dieser auffallenden Konstruktion bekam das alte schmale Giebelhaus den Spitznamen der »Veste Knelling«, der ihm wahrscheinlich noch heutigentages anhaftet. Die ersten Jahre, die Herr von Padderow beim Regiment war, wohnte er in der Oberetage eines kleinen Hauses, dieselbe Straße weiter hinauf nach der Post zu. Da fingen aber gar bald seine Schuldenfatalitäten an und nahmen so lawinenartig zu, daß der arme, dicke Leutnant in seinen vier Pfählen aller Ruhe und Behaglichkeit verlustig ging. Namentlich in der Zeit vor dem Ersten war es immer recht schlimm. Wenn da Herr von Padderow manchmal auf seinem alten harten Sofa saß und philosophischen Gedanken nachhing, hörte er einen ungespornten Tritt die Treppe heraufschleichen und dann einen leisen Knöchel an seine Tür klopfen. Das waren immer schlimme Besucher, die nicht kamen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Oder wenn der Herr von Padderow im Fenster lag und ahnungslos an seiner Zigarre lutschte, fuhr er plötzlich in jähem Schreck zurück und taumelte bis in die Mitte des Zimmers, und im nächsten Augenblick trottete ein schäbiger Jude oder irgendein Handwerker vorbei, mit dem unser Leutnant in Geschäftsverbindungen stand. Und dann die Angst, wenn er abends nach Hause kam und das Licht ansteckte, ob nicht ein Brief auf seinem Tische lag. - Zuletzt, als er wirklich keine ruhige Stunde mehr in seinem Stübchen hatte, kam ihm die sinnreiche Einrichtung der Treppe beim Ackerbürger Knelling zu Ohren. Fünf Minuten darauf war er bereits an Ort und Stelle, ließ sich die Maschinerie erklären und nach zehn Minuten weiter hatte er die Oberetage gemietet. Nun bekam der Herr von Padderow wirklich etwas Erleichterung; denn er konnte sicher und wohlbehalten im Fenster liegen, an seiner ewig verstopften Zigarre lutschen und heiteren Sinnes die Straße rechts herauf und die Straße links hinuntersehen; wenn dann am fernen Horizont eine Physiognomie erschien, die ihm nicht ganz koscher vorkam, dann schloß er schleunigst das Fenster, zog die Treppe auf und war so sicher, wie in Abrahams Schoß. Wenn er nicht aus dem Fenster sah, war die Treppe stets heraufgezogen, und wenn dann von Nasewitz oder ein anderer harmloser Freund zu ihm wollte, mußten sie von der Straße herauf irgendein bekanntes Signal geben. So ging die Sache ein paar Jährchen ganz gut, und wenn Herr von Padderow auch viele Straßen gar nicht benutzen konnte, aus Furcht, sich einem darin wohnenden Gläubiger ins Gedächtnis zurückzurufen, so hatte er doch wenigstens in seinem eigenen Hause Ruhe und brauchte nicht bei jedem verdächtigen Geräusch ängstlich die Ohren zu spitzen. Eines schlimmen Tages aber schrieb ihm der Ackerbürger Knelling einen krähenfüßigen Brief, in welchem er ihm die Wohnung kündigte, unter dem Verwände, daß die Treppenwalze durch zu vieles Herauf- und Herunterlassen dermaßen abgenutzt würde, daß bald eine neue erforderlich sein dürfte. Um diese kostspielige Reparatur wenigstens noch möglichst lange hinauszuschieben, sähe er sich daher genötigt, seinem Mieter die Wohnung zu kündigen. Dem armen Herrn von Padderow blieb nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich mit philosophischer Ruhe ins Unvermeidliche zu fügen. Am nächsten Ersten zog er zum Brauer Branz hinüber, der ihn immer so freundlich angesehen hatte, und von Nasewitz nahm die Wohnung in der Veste Knelling, um sich täglich an dem Anblick seines Busenfreundes weiden zu können. So lebten sie nun schon mehrere Jahre einander gegenüber, oft im Frieden, oft im Unfrieden. Es bestand überhaupt ein merkwürdiges Verhältnis zwischen von Nasewitz und von Padderow. Im Grunde genommen waren sie die besten Freunde von der Welt und hätten gar nicht einer ohne den anderen leben können; aber der lange Nasewitz hatte etwas von Mephistopheles in sich und konnte es durchaus nicht lassen, über alles und jedes spöttische Bemerkungen zu machen, oder seinen Mitmenschen einen kleinen Schabernack zu spielen. Am schlimmsten wurde hiervon aber sein bester Freund Padderow betroffen.Sowie er den sah, ging das Necken los und oft blieb er bis spät in die Nacht hinein auf, um sich etwas auszudenken, womit er seinen Freund ärgern konnte. Dessenungeachtet mochte ihn von Padderow am liebsten von allen Kameraden; denn er hatte die feste Überzeugung, daß er es doch im Herzen gut mit ihm meine, und deshalb war auch Nasewitz der einzige, gegen den er sich, bis auf einen kitzlichen Punkt, ganz offen und ehrlich aussprach. Oft kamen sie natürlich so hart aneinander, daß sie sich gegenseitig die Kehlen abschneiden wollten. Ehe diese entsetzliche Katastrophe aber eintrat, vertrugen sie sich immer wieder, denn jeder hatte doch den andern zu lieb, als daß er ihn hätte umbringen können. Zur Entschuldigung von Nasewitz mußte freilich angeführt werden, daß Padderows ganze Persönlichkeit zur Neckerei und zum Aufziehen herausforderte. Es war jedenfalls ein ganz komischer Kerl; denn wer ihn einmal gesehen hatte, vergaß ihn in seinem ganzen Leben nicht! - Eine kleine, dicke Figur, die sich gewöhnlich mit einer spanischen Grandezza bewegte, ein runder, dicker Kopf, um das volle Gesicht herum einen starken, dunklen Backenbart, wahrend der Schnurrbart, unter der etwas nach einer Seite gebogenen Nase, kein rechtes Gedeihen hatte, ihm aber trotzdem beim Essen stets in den Mund kam. Die kleinen, eigentümlich blickenden Augen waren etwas verquollen. Von Nasewitz meinte, das käme vom vielen Trinken; von Padderow selbst aber erklärte es für einen Familienzug. Wenn der dicke Leutnant die Mütze abnahm, sah er plötzlich um zehn Jahre älter aus, weil er einen fast ganz kahlen Kopf hatte, obgleich er kaum dreißig Frühlinge zählte. Deshalb behielt er auch, wo er irgend konnte, die Bedeckung auf, und wenn er sich genötigt sah, sie abzunehmen, war ihm dies beinahe so unangenehm, als wenn er auf der Badeanstalt das Hemd ausziehen mußte. Er tat dies jedesmal, wenn er dachte, daß ihn niemand ansah, und dann wickelte er sich schleunigst in einen weiten Bademantel und sprang mit diesem angetan in die friedlichen Fluten der Hase. Ebenso originell wie der Körper war auch der Geist gebildet. Ohne wirkliche Kenntnisse zu besitzen, erging sich seine Phantasie fortwährend in den ritterlichen Zeiten des Mittelalters, wo man Lanzen brach und süße Minne übte. Deshalb nannte er sich auch immer den »Padderower« und seinen Freund den »Nasewitzer«; das klang seinem romantischen Ohr bedeutend besser. Der kleine Leutnant war außerordentlich beliebt, bei Militär und Zivil, bei Männern und Frauen, obgleich die letzteren immer ganz eigentümlich lächelten, wenn er ihnen in pomphaften Phrasen den Hof machte. Für das schöne Geschlecht empfand Herr von Padderow nämlich eine ganz besonders lebhafte Sympathie. Ohne alle Ausnahme brachte er jedem weiblichen Wesen seine ritterlichen Huldigungen dar, sie mochte alt oder jung, hübsch oder häßlich sein. Wenn jedoch seine glühend bilderreiche Sprache Eindruck zu machen begann, wenn ein schönes Augenpaar sich senkte, und wenn das Herz Miene machte sich zu ergeben, dann nutzte der Padderower niemals den errungenen Vorteil aus, sondern zog sich als großmütiger Sieger zurück, um derselben Festung fortan nicht mehr zu nahen. Nasewitz machte hierüber natürlich seine schnöden Bemerkungen, die auch hier und da Glauben fanden. Aber die Sache blieb doch immerhin ein Rätsel; nur das war eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß der Padderower niemals eine Geliebte gehabt hatte, denn so etwas wird doch bekannt in einer kleinen Stadt wie Hasenbalg. Er liebte nur platonisch; er bewunderte und ließ sich bewundern; aber er wollte das Göttliche nicht mit dem Irdischen vermengen. Andere körperliche Genüsse liebte er allerdings sehr, namentlich kalten Kalbsbraten, Grog, Rotwein und Zigarren. Obgleich kein Mensch behaupten konnte, daß er ihn schon jemals eine rauchen sah, die Luft gehabt hätte. Deshalb lutschte er auch nur daran und manchmal, wenn er dachte, daß sie ausgegangen wäre, pustete er auch wohl hinein, daß er einen ganz roten Kopf bekam vor Anstrengung. Überall, wo von Padderow sich zeigte, sei es in Hasenbalg selbst oder anderswo, hatte er gleich einen Kreis von Leuten um sich, die Interesse für ihn zeigten und sich über ihn amüsierten, obgleich er eigentlich gar nicht einmal recht witzig war, aber er brachte alles so pudelnärrisch heraus, daß man unwillkürlich über ihn lachen mußte. Was von Nasewitz anbetrifft, so ist er, nach dem Vorangegangenen, mit kürzeren Strichen zu zeichnen: eine lange, dürre Figur, eine gebogene Nase, graue lebhafte, fortwährend beobachtende Augen, einen ewig ironischen Zug um den seinen, von einem spärlichen Schnurrbart, wie von einem seidenen Lampenschleier überhangenen Mund, und blonde, scheitellose, stets zu Berge stehende Haare. Diese beiden Persönlichkeiten wohnten also einander gegenüber, von Padderow rechts in dem Hause, wo der Kessel vor der Tür hängt, und von Nasewitz links in der schmalen Veste Knelling. Wie wir wissen, hatte es eben neun Uhr geschlagen. Sehen wir erst einmal zu, was Herr von Nasewitz da drüben macht. Das Vorderzimmer ist noch leer; aber es sieht ganz niedlich drinnen aus. Der Ofen ist bereits zugemacht und strömt eine behagliche Wärme durch den kleinen Raum. An den Wänden hängen in schmalen Goldleisten kolorierte Bilder, mit denen damals die Händler noch in den kleinen Städten umherreisten, weil Buchhandlungen in denselben nicht existierten. Auf einem über dem Sofa angebrachten Büchergestell stand eine kleine Bibliothek von vielleicht fünfzig sauber eingebundenen Büchern, und inmitten des runden Tisches summte eine Kaffeemaschine ihr leises Morgenlied. Eine so behagliche Einrichtung war in jenen Zeiten eine große Seltenheit bei den unbeweibten Söhnen des Mars; teils weil es an Geschmack dafür fehlte, teils weil auch kein Geld dafür vorhanden war. Der Leutnant von Nasewitz aber besaß beides, denn er war kein leidenschaftlicher Soldat, sondern hätte sich weit besser zum Juristen geeignet, und seine pekuniäre Lage war eine durchaus geordnete und auskömmliche. - In demselben Moment, wo wir in das Halbdunkel des nach dem kleinen Hofe gelegenen Schlafzimmers treten, öffnet sich eine andere Tür, und der Bursche mit den Kleidungsstücken des Offiziers kommt vorsichtig herein, gefolgt von einem so häßlichen Hunde, wie ihn kaum die Phantasie zu malen versteht. Der Köter ist der Bastard einer Bulldogge und eines Fuhrmannspitzers, sehr klein, aber unnatürlich lang, von gelbroter Farbe, krummen Beinen, und einem Gesicht, das namentlich durch die gespaltene Nase und die weit vorstehenden Unterkiefer einen bösartigen Ausdruck bekommt. Auch der Bursche zeigt eine auffallende Abweichung von der grobkörnigen, starren, dummdämlichen Physiognomie der übrigen Offiziersbedienten, denn er ist klein und mager und in den blassen Zügen spricht sich eine gewisse Schläue und Pfiffigkeit aus. Nachdem er den Rock über eine Stuhllehne gebreitet und die Beinkleider mit den bereits eingezogenen Stiefeln vor das Bett gestellt, blickt er auf den noch schlafenden von Nasewitz. »Guten Morgen, Herr Leutnant!« sagt er dann mit leiser, schonender Stimme. Der Offizier dehnte sich und öffnete langsam die Augen. »Was ist die Uhr?« fragte er gähnend. »Eben neun geschlagen, Herr Leutnant!« »Dann werde ich aufstehen. - Wann habe ich heute Dienst?« »Vormittag gar nicht, Herr Leutnant .... Ihre Abteilung reitet um halb drei.« In diesem Moment sprang der Hund auf das Bett, wedelte mit dem kurzen Stummel und blickte seinem Herrn ins Gesicht, als wenn er ihm etwas erzählen wollte. »Was machst du denn für ein dummes Gesicht, Joseph?« lächelte von Nasewitz; »du hast wohl Appetit zum Frühstück?« »Ne«, kopfschüttelte der Bursche, »er freut sich bloß.« Der Hund stieß einen eigentümlich gequetschten Bauchton aus und versetzte seinen gelben Stummel in noch heftigere Schwingungen. Von Nasewitz richtete sich im Bett auf und blickte seinen Pagen an. »Wirst du mir nun gefälligst erklären, was los ist?« fragte er mit neugierigem Zwinkern seiner kleinen grauen Augen. Pittelko streckte mit pfiffigem Lächeln seinen linken Daumen nach dem Vorderzimmer hin und begleitete diese Bewegung mit einem Neigen des Kopfes nach derselben Richtung. Von Nasewitz richtete seine Sehorgane ebenfalls dorthin, aber er schien nichts Absonderliches entdecken zu können. Der Hund fletschte vor Vergnügen seine schiefen Zähne und zitterte in höchster Aufregung am ganzen Körper. »Donnerwetter!« rief der Leutnant; »werde ich nun bald erfahren, was es gibt?« »Er sitzt wieder am Fenster«, grieflachte Pittelko mit einer abermaligen Daumenbewegung. »Wer ... der Leutnant von Padderow?« »Ach ... ne ... der Polko.« – Bei der Nennung dieses Namens stieß Joseph ein Geheul aus, das an den Kriegsschrei der Indianer erinnerte. »Ich meinte nur ... wenn der Herr Leutnant vielleicht das Pustrohr probieren wollten ...« lächelte der Bursche, »das sich der Herr Leutnant haben machen lassen ....« Auf dem Gesicht des Herrn von Nasewitz glänzte eine stille Freude und er streckte sein mageres Bein aus dem Bett um aufzustehen. Nachdem er Morgentoilette gemacht und einen hübschen weichen Schlafrock angezogen hatte, holte er hinter einem Spind ein langes Pustrohr hervor, knetete sich eine Lehmkugel zurecht, ließ diese in die Mündung des Rohrs gleiten und ging dann, vorsichtig wie ein Jäger, in die vordere Stube. Joseph folgte ihm mit so zornig gesträubten Haaren, daß er aussah, wie ein Igel, sprang dann mit einem Satz aufs Fensterbrett und starrte mit haßerfüllter Miene nach der Wohnung des Herrn von Padderow. Pittolko, der Bursche, stellte sich in der Verbindungstür auf die Zehe und machte einen langen Hals. Da saß in dem offenen Fensterflügel, welcher dem Kessel zunächst war, ein großer häßlicher Hund und blickte in tiefster Mißstimmung die Straße hinab. Es war eine Buldogge reinster Rasse, ganz weiß, nur um die gespaltene Nase und den vorgestreckten Unterkiefer herum lag ein rosiger Schimmer, wie bei den echten Araberschimmeln. Das Tier saß ganz unbeweglich, und der düstere verärgerte Ausdruck seiner Züge zeigte deutlich, daß eine schwere Melancholie in seiner Seele lag. Das war Polko, der Hund und Freund des Herrn von Padderow und der Erzfeind vom kleinen Joseph, der seinem Herrn die Neckereien abgelernt hatte, doch ohne die Grundlage der Liebe, durch welche jene veredelt wurden. Wo Joseph dem armen Polko einen Streich spielen konnte, tat er es mit jener ausgesuchten Gehässigkeit, und deshalb zitterte er auch jetzt vor grausamem Vergnügen, weil er wußte, daß etwas gegen seinen Feind verübt werden sollte. Was Polko betrifft, so vergalt er eigentlich nie gleiches mit gleichem; aber sein Sinn wurde immer mehr und mehr verdüstert, und das Lächeln schien auf ewig verbannt aus den kummervollen Zügen. Herr von Nasewitz öffnete leicht und geräuschlos einen Fensterflügel, so daß ein kalter Luftzug in das warme Zimmer drang. Drüben hatte das nichts zu sagen, denn Herr von Padderow heizte niemals, weil er an zu großer innerer Wärme litt, und des Morgens machte er sogar stundenlang ein Fenster auf, um Körper und Sinn gehörig auszudunsten in der schneidend frischen Luft. Nachdem von Nasewitz sich eine freie Schußlinie geschaffen, trat er bis in die Mitte des Zimmers zurück, legte das lange Pustrohr an die Lippen und zielte mit äußerster Genauigkeit. Durch Josephs Körper fuhr ein nervöses Zucken, und Pittelko heftete seine neugierigen schadenfrohen Blicke fest und unverwandt auf das ahnungslose Ziel. Jetzt pustete von Nasewitz, ein leiser, eigentümlicher Ton deutete an, daß die Lehmkugel das Rohr verlassen, Joseph stieß einen gurgelnden Laut aus; im nächsten Moment zog Polko eine krause Nase, als wenn ihn etwas gekitzelt habe; dann hörte man einen lauten, aber unverständlichen Fluch, die Bulldogge blickte um sich, und alles war wieder still. »Ich glaube, ich habe ihn nur gestreift«, sagte der Leutnant, das Rohr senkend; »ich werde noch einmal...« In diesem Augenblick sprang aber Polko vom Fensterbrett in das Zimmer und Joseph fuhr mit dem Kopf gegen die Scheiben, als wenn er ihn beißen wollte. »Hm... es ist vorbei«, sagte von Nasewitz; »vielleicht glückt es morgen besser!« Damit übergab er das Pustrohr seinem Burschen, der mit demselben hinausging, und schickte sich an, in Gemeinschaft mit Joseph seinen Morgenkaffee zu verzehren. Aber Joseph hatte keinen Appetit; er kaute an dem Stückchen Milchbrot als wenn er es nicht hinunterbringen könnte; und schnitt dabei so gräßliche Gesichter, daß von Nasewitz unwillkürlich darüber lachen mußte. »Ärgerst du dich, Joseph?« fragte er ihn, anblickend. Der Köter stieß einen bejahend knurrenden Ton aus. »Es ist auch schade«, fuhr der Leutnant fort; »ich hatte mich darauf gefreut, was Polko für einen Schreck bekommen würde... es wäre ein so hübsches Morgenvergnügen gewesen... die Nacht ist mir auch nichts eingefallen, womit ich meinen Freund Padderow ein bißchen erheitern könnte... es wird ein langweiliger Tag werden...« Joseph würgte ein Stück Semmel hinunter, daß ihm die Augen aus dem Kopf traten, und blickte dann mißvergnügt vor sich hin. Was seinen Herrn betrifft, so klärten sich dessen Züge aber während des Kaffeetrinkens auf, um die schmalen Lippen begann das alte spöttische Lächeln zu spielen, und in den kleinen, grauen Augen zwinkerte es, wie eine stille Freude. »Gib acht, Joseph«, sagte er aufstehend; »einen kleinen Spaß wollen wir uns doch machen.« Der Hund war mit einem Satz wieder am Fenster. Nasewitz öffnete den Fensterflügel, den er vorhin wieder geschlossen, noch einmal, lehnte sich hinaus und rief mit lauter Stimme: »Edler von Padderow!« Keine Antwort. »Würdiger Padderower!« schrie Nasewitz noch vernehmlicher. Jetzt hörte man ein Geräusch im Zimmer drüben, und eine Minute darauf erschien das bärtige dicke Gesicht des Leutnants am Fenster und blickte in fast noch schlechterer Laune heraus, wie es vorhin Polko, der Hund, getan. »Ich wünsche Euch einen guten Morgen, edler Ritter von der Tafelrunde!« redete Nasewitz in der bilderreichen Sprache seines Freundes. Dieser öffnete den Mund, um einen Gegengruß zu entbieten, zog dann aber eine wunderbare Grimasse, wie jemand, der eine Gräte in den Hals bekommen hat, brachte es nur zu einem krächzenden Ton und ging dann wieder vom Fenster zurück. »Was ist denn dem Padderower?« kopfschüttelte Nasewitz, nachdem er noch ein Weilchen gewartet; »er sieht ja aus, als wenn er Zahnschmerzen hätte... so habe ich ihn ja in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen...« »Padde...ro... o... w!« schrie er dann mit der vollen Kraft seiner Lunge; »laßt mich doch Euer edles Antlitz noch einmal schauen!« Es dauerte nicht lange, so erschien der Gerufene in seinem roten Schlafrock, die schirmlose Feldmütze auf dem Haupt, lehnte seinen dicken Oberkörper in die Fensterbrüstung und blickte fragend nach der Veste Knelling herüber. Nasewitz nickte ihm freundlich zu. Der Padderow nickte wieder, aber mit einem Gesicht, als wenn er Tinte zum Frühstück getrunken hätte. »Gut geschlafen?« fragte jener. Der dicke Kopf öffnete abermals seinen Mund zum Antworten, machte aber dann wieder dieselbe Bewegung, als wenn er eine Gräte im Gaumen hätte, stieß einen krächzenden Ton aus und schloß die Lippen zum Schweigen. »Das wird heute nichts mit der Unterhaltung«, murmelte Nasewitz... »der edle Kämpe scheint sich beim Kaffeetrinken verschluckt zu haben... ich will ihn 'mal auf andere Weise in Bewegung setzen.« Damit bog er den Kopf und schaute unverwandt nach dem Markt hinauf. Der Padderower machte ihm natürlich die Bewegung nach. Plötzlich schien von Nasewitz seiner Sache sicher geworden zu sein und deutete, seinen Freund bedeutungsvoll anblickend, mit einer schnellen Geste auf einen unbestimmten Punkt. Der dicke Offizier erschrak so heftig darüber, daß er beim schleunigen Zurückfahren mit dem Kopf heftig gegen das Fensterkreuz stieß und mit einem dumpfen Fluch in den Hintergrund des Zimmers taumelte. Als Joseph den Knall hörte, klappte er seine schiefen Zähne zusammen. »Oh... oh!...« dachte von Nasewitz..., »so hatte ich es eigentlich nicht gemeint... wehtun wollte ich dir ja nicht... nun muß ich aber doch wohl hinüber und mich nach seinem Befinden erkundigen.« Nach diesen Worten schloß er das Fenster, begab sich, von dem jetzt boshaft lächelnden Joseph gefolgt, in das Schlafzimmer, vertauschte das Morgenkostüm mit der Uniform, setzte die Mütze auf, brachte den Köter nach dem Stall, damit er sich nicht mit Polko beißen sollte, und schlenderte über die Straße nach dem Hause, wo der Kessel vor der Türe hing. Oben auf dem Treppenabsatz angelangt, klopfte er beim Padderower, weil dieser immer hinter Schloß und Riegel saß, seitdem er die sichere Veste Knelling unfreiwillig verlassen hatte müssen. Keine Antwort. »Ich bin es, edler Burgherr«, klopfte Nasewitz weiter; »gebt mir Einlaß und hegt keinerlei Befürchtung!« Jetzt konnte man einen schweren Tritt durch das Zimmer schlurren hören, dann wurde ein Riegel zurückgeschoben und die Tür geöffnet. Nasewitz trat ein und der Padderower riegelte gleich wieder hinter ihm zu. In der großen, kahlen, mangelhaft möblierten Stube war es unheimlich kalt. Auf dem Tisch vor dem altmodischen Sofa stand noch das Kaffeegeschirr, nämlich ein zerbrochener, einstmals lackiert gewesener Präsentierteller und auf demselben ein ganz kleines Kaffeekännchen, ein noch kleineres Sahnennäpfchen und eine altmodische Tasse, die Ähnlichkeit mit einer Blumenvase hatte und noch zur Hälfte mit einer blaßbraunen Flüssigkeit gefüllt war. In der einen Ecke des Sofas lag Polko, der Hund, und schnitt beim Eintritt des befreundeten Nasewitz jenes merkwürdig verlegen-freundliche Gesicht, das diesen Tieren eigentümlich ist. »Nun sagt mir doch... was ist Euch denn, edle Seele?« fragte der dünne Leutnant, das Fenster schließend und sich an den kalten Ofen setzend; »Ihr macht ja ein Gesicht, wie ein betrübter Lohgerber ... ist Euch ein Milchbrot in die unrechte Kehle gekommen, oder seid Ihr vom Ziegenpeter geplagt ... sprecht und gebt mir Rede, so Ihr mich nicht ernstlich beunruhigen wollt.« Der Padderower, der in seinem roten Schlafrock, die Mütze auf dem Kopf, ohne Halstuch und Unterkleider und mit groben Holzpantoffeln an den Füßen, einem Tintenwischer nicht unähnlich sah, öffnete wiederum die bärtigen Lippen und sprach einige total unverständliche Worte, die wie ein heiseres Räuspern klangen. »Ja, das habe ich nicht verstanden, würdiger Waffengenosse«, schüttelte Nasewitz den Kopf; »könnt Ihr Euch nicht ein bißchen deutlicher ausdrücken?« Padderow sagte wieder etwas, indem er mit dem rechten Zeigefinger nach dem Mund deutete und ein klägliches Gesicht dazu machte. »Wie? ... In den Hals ist Euch 'was geflogen?« klappte Nasewitz sein rechtes Ohr um, damit er besser hören könne. Der Padderower nickte energisch. »Wann ist denn das gewesen, tapferer Ritter?« Der andere deutete nach dem Geschirr auf dem runden Tisch vor dem Sofa. »Beim Kaffeetrinken?« »Hm!« »Was war es denn?« »Karre!« machte von Padderow. »Wie?« »Karr... färr!« »Ein Käfer?« »Hm!« »Was denn für einer... ein Maikäfer?« »Nein... girr... birr... birr!« »Die gibt's nicht mehr, wollt Ihr sagen?« »Hm!« »Also vielleicht ein Mistkäfer?« »Hm! ... Glau... bau... schmeck... na... Le... le... kurr!« »Nach Lehm hat er geschmeckt?« Hm!« »Wo habt Ihr ihn denn gelassen?« »Kurr!« krächzte der Padderower, indem er sich schüttelte. »Runtergeschluckt?« »Hm!« Nasewitz lächelte still vor sich hin. »Armer Freund«, reflektierte er in Gedanken; »das war meine Lehmkugel, die ihre Bestimmung verfehlt hat ... Du tust mir leid; aber es war nicht meine Absicht ...« »Ich will Euch einen guten Rat geben«, fuhr er dann mit lauter Stimme fort; »Ihr habt ja wohl immer einen kleinen Kognak zu Hause, spült damit ein bißchen nach, dann wird Euch die Macht der Rede gleich wiederkommen.« Der Vorschlag schien dem Padderower zu gefallen; denn er nickte freundlich, holte aus dem Aufsatz über seinem alten Schreibspind eine Flasche und ein Glas, schenkte das letztere ganz voll, setzte es an die Lippen und schmiß, wie man sagt, den kratzenden Inhalt mit einem graziösen Heben des kleinen Fingers in die dunkle Tiefe der Kehle hinunter. »Ah!« sagte er, als er wieder absetzte. »Na ... ist's nun besser?« fragte Nasewitz. »Hol' mich der Teufel ... ja«, schüttelte sich Padderow; »wollt Ihr auch einen, Edler von Knelling?« »Danke«, lehnte dieser ab; »Ihr wißt ja, daß ich keinen Schnaps trinke.« »Bedauernswerter Schwächling«, verzog der andere mitleidig den breiten Mund, indem er sich noch einen Halben zulegte und dann Flasche und Glas wieder an ihre Stelle brachte. »Aber eine Zigarre könnt Ihr mir geben«, sagte Nasewitz; »das wärmt doch ein bißchen, und hier ist es kalt wie im Hundestall.« Der dicke Leutnant warf ihm einen zweiten mitleidigen Blick zu, reichte ihm dann eine Zigarre und Feuer und steckte sich ebenfalls etwas zu rauchen an. »Die hat wieder keine Luft«, sog Nasewitz, daß ihm die Backen hohl wurden; »aber es ist vielleicht besser so; denn der Duft dieses Krautes erinnert unwillkürlich an Kohlblätter. »Der edelste Kastilianer raucht keine bessere Zigarre«, richtete sich Padderow stolz empor, indem er an dem kaum glimmenden Stengel zu lutschen begann. Dann setzte er sich neben Polko auf das Sofa und blickte seinen Freund mit einer nervösen Ängstlichkeit an. »Wer war denn vorhin da?« fragte er mit gedämpfter Stimme. »Wo?« sog Nasewitz stillvergnügt an seiner Zigarre. »Na ... auf der Straße draußen.« »Auf welcher Straße, vortrefflicher Hidalgo?« »Als Ihr mir den Wink gabt.« »Ich hätte Euch einen Wink gegeben?« »Euer Gedächtnis fängt an schwach zu werden, Erbherr von Nasewitz ... wißt Ihr denn nicht mehr ... als ich aus dem Fenster zurückfuhr und mir den Kopf stieß.« »Oh ... den Kopf habt Ihr Euch gestoßen ?« bedauerte der andere. »Furchtbar ... daß ich alle Engel im Himmel pfeifen hörte ... ich glaubte, Ihr wolltet mich auf einen Geschäftsfreund aufmerksam machen, der im Anzüge sei ...« »Oh, das tut mir ja aufrichtig leid«, freute sich Nasewitz; »da habt Ihr Euch geirrt, ich wollte Euch nur zeigen, wo heute der Wind herkommt.« Herr von Padderow warf ihm einen eigentümlichen Blick zu. »Das ist wieder einer von Euren unpassenden Späßen«, sagte er, mit dräuenden Wolken auf der Stirn; »nehmt Euch in acht, Nasewitzer, und werdet nicht zu dreist. Wenn Ihr auch schon oft meinem strafenden Arm entgangen seid, so kommt das Maß doch 'mal zum Überlaufen, und meine gute Klinge sitzt Euch zwischen den Rippen, Ihr wißt nicht wie.« »Oh, wie könnt Ihr glauben, daß ich Euch wehtun wollte«, entgegnete der andere; »laßt uns die kleine Unannehmlichkeit vergessen.« Damit reichte er ihm die Hand, in welcher er die Zigarre hielt; der gutmütige Padderower schlug, ohne hinzusehen, ein und verbrannte sich drei Finger. »Heiliges Donnerwetter!« fluchte er, indem er seine Hand aus der des Herrn von Nasewitz zu befreien suchte. Dieser aber ließ nicht los, sondern drückte die Finger seines Freundes wie mit einem eisernen Schraubstock zusammen. »Aber wer wird denn wieder so aufbrausen«, sagte er dabei mit milder Stimme; »Ihr seid beute wieder in Eurer trüben Laune; deshalb muß man Geduld mit Euch haben.« »Bei allen Heiligen Kastiliens, laßt mich los, oder ich renne Euch mein Schwert durch Euren verräterischen Busen!« kämpfte der Padderower noch immer vergeblich um seine Befreiung. Polko, der Hund, der seinem Herrn sehr zugetan war und die Sache anfänglich für Scherz gehalten hatte, fühlte sich jetzt zu einer Vermittlung veranlaßt, indem er sich plötzlich aus der Sofaecke erhob und dem Nasewitzer drohend beide Pfoten auf die Schultern legte. Da dieser bereits den heißen Odem der Dogge in seinem Antlitz fühlte, ließ er natürlich die Hand seines Freundes los und brachte mit einer geschickten Bewegung das noch brennende Ende seiner Zigarre an eine sehr zarte und empfindliche Stelle unterhalb des Schwanzes seines Angreifers. Kaum fühlte dieser den brennenden Schmerz, als er mit lautem Geheul wie wahnsinnig über den Tisch setzte, das Kaffeegeschirr umwarf, dann aufs Fensterbrett sprang und, mit tragikomischen Bewegungen und einem kläglichen Gesichtsausdruck, Versuche anstellte, die brennende Stelle an den kalten Scheiben zu kühlen. Padderow war unterdes aufgestanden und besah sich seine verbrannte Hand, während von Nasewitz stillvergnügt über die Konfusion lächelte, die er angerichtet hatte. Polko war es jetzt endlich gelungen, mit einer höchst gewagten Verdrehung seines dicken Körpers, den beabsichtigten Zweck zu erreichen, als er plötzlich die abgeschnittenen Ohren spitzte und aufmerksam zu horchen schien. »Was ist denn eigentlich dem Hund?« fragte sein Herr, die eigenen Leiden vergessend und nach dem Fenster gehend, um sich zu überzeugen. Er mochte vielleicht noch zwei bis drei Schritte von demselben entfernt sein, als Polko, der mit zunehmender Ängstlichkeit gehorcht, von einem zweiten Schreck gepackt, und als wenn er wiederum hinten gebrannt worden wäre, vom Fensterbrett herunter und dem Padderower mit einer solchen Kraft auf den Leib sprang, daß dieser ins Schwanken geriet und sich mitten in der Stube auf die Dielen setzte. Der Hund war währenddessen unter das Sofa geflüchtet, und von Nasewitz mußte sich die größte Mühe geben, um nicht laut zu lachen. Von draußen her ertönte ein gedämpftes, keifendes Geräusch, als wenn eine alte Frau zankt, oder als wenn ein Hund kläfft. Im Zimmer selbst war augenblicklich ein Zustand der Ruhe eingetreten. Nasewitz hatte ein Bein über das andere geschlagen und blickte, um sich das Lachen zu verhalten, mit zusammengebissenen Zähnen auf Padderow. Von Padderow war durch den letzten Vorfall dermaßen betäubt und verdutzt, daß er ruhig, wie ein im Sande spielender Knabe, auf der Erde saß und sich in stiller Ergebenheit die Hand besah, und Polko, der Hund, lag unter dem Sofa und wandte bei seinem brennenden Leiden die altbewährte Heilmethode des Speichelns an. »Wie kam das eigentlich?« ermannte sich endlich von Nasewitz zu einer Frage, obgleich ihn inwendig noch immer der Bock der Heiterkeit stieß. »Ja, wenn Ihrs nicht wißt, Edler von Knelling«, kopfschüttelte Padderow mit engelgleicher Ergebung; »mir ist es durchaus unerklärlich.« – »Weshalb besehet Ihr Euch denn immer die Finger?« fragte von Nasewitz weiter. »Weil ich sie mir verbrannt habe... an Eurer Zigarre«, entgegnete der andere, mit derselben himmlischen Milde... »aber es war meine Schuld ... denn so etwas tut doch kein Mensch mit Überlegung.« Nasewitz schämte sich jetzt; er fühlte, daß seine unbesiegbare Liebe zum Necken ihn diesmal zu weit geführt habe. »Wenn ich nur wüßte, was mit dem Racker, dem Polko, eigentlich war«, pustete von Padderow jetzt die verbrannte Hand; »er sprang ja wie wahnsinnig auf mich los ... da am Fenster konnte ihm doch niemand etwas getan haben.« Jetzt begann von Nasewitz aufzuhorchen, stand auf und blickte hinaus. Da saß drüben an einem Fenster der Veste Knelling der gelbe Joseph, ganz kraus vor Ärger, Zorn und Wut, und kläffte und bellte, daß ihm die Augen aus dem Kopf traten. Sein Herr klopfte an die Scheiben und drohte ihm, worauf der Hund schnell den Schwanz einzog und verschwand. »Es war Joseph«, wandte sich von Nasewitz um; »wahrscheinlich hat sich Polko vor ihm gefürchtet ... ich hatte ihn in den Stall gebracht, ehe ich ging; aber er muß mit Pittelko wieder heraufgekommen sein. - Aber wollt Ihr nicht aufstehen, vortrefflicher Freund, ich dächte, das müßte ein ziemlich unbequemer Sitz sein.« »Da habt Ihr nicht ganz unrecht, würdiger Recke«, ließ der andere sich auf die Beine helfen; »Ihr könnt überzeugt sein, daß ich ihn nicht freiwillig gewählt habe.« Dann glimmten beide ihre Zigarren wieder an und nahmen die alten Plätze ein. Padderow blickte düster vor sich hin, und Nasewitz schien von Gewissensbissen gequält. Der Hund unter dem Sofa setzte die Heilversuche fort. »Was fehlt Euch, alte Seele?« begann endlich Nasewitz die Unterhaltung; »Ihr schaut so trüb und bleich, daß es einem ordentlich zu Herzen geht.« Der Padderower seufzte tief und schmerzlich auf. »Die Wolken ziehen sich immer dichter über meinem Haupte zusammen«, entgegnete er; »der Wind erhebt sich und treibt mein leckes Schiff mit zunehmender Geschwindigkeit dem Abgrund zu ... es geht mit mir zu Ende, Bruderherz.« »Hm!« machte der andere; »also wieder das schnöde Metall ... nicht wahr?« »So ist es!« nickte von Padderow; »Ihr habt's gesagt ... ich kann den zusammenbrechenden Bau nicht länger stützen. Meine alte Finanzoperation zieht nicht mehr. Ihr wißt doch, wenn früher der Tag kam, an welchem ich eine bare Anleihe zurückerstatten mußte, erhob ich gewöhnlich vierundzwanzig Stunden vorher dieselbe Summe an einer anderen Stelle und trug sie dann während dieser Zeit zu allen meinen Geschäftsfreunden umher, um denselben, mit der mir eigentümlichen Sicherheit und Großzügigkeit, meine Reichtümer zu zeigen. So erhielt ich mich lange bei Kredit, weil ich immer pünktlich zahlte; jetzt haben sie mir aber meine Kniffe abgelernt und glauben mir nicht mehr. Ich kann oft die Termine nicht mehr halten... es summt sich furchtbar auf, und die Wellen werden nächstens über mir zusammenschlagen.« Nasewitz senkte nachdenklich den Kopf. »Hundert Taler.könnte ich Euch schon noch geben ...« sagte er, nachdem er einen Überschlag gemacht. »Ich danke Euch, alte treue Seele«, blickte ihn der dicke Leutnant mit Rührung an; »ich schulde Euch schon beinahe tausend Taler, und die kleine Summe stopft das Loch nicht zu. Für den Padderower gibt es keine Rettung mehr.« »Weshalb seid Ihr denn aber gerade heute so verzagt?« fragte Nasewitz nach einer langen Pause; »habt Ihr denn irgend etwas Beunruhigendes erfahren?« Der andere nickte. »Es haben mich einige meiner Geschäftsfreunde beim alten Schimmelmann angestänkert«, sagte er; »der hat mich so schon lange auf dem Strich und kann mich in den Tod nicht leiden... die Sache steht schlimm... wenn ich mich binnen vier Wochen nicht mit den Kerls abfinde, will er mich dem Obersten melden. Dann ist die Geschichte an der großen Glocke, und ich bin verloren. Schimmelmann könnte meine Gläubiger mit ein paar Worten beruhigen, wenn er wollte... das wäre nicht die leiseste Pflichtverletzung, sondern nur ein Dienst, den er beiden Parteien leistete ... aber er hat einmal eine Pike auf mich und will mir seinen Einfluß nicht zuwenden.« »Hm, hm!« machte Nasewitz, nachdenklich den Kopf hin- und herbewegend. »Was meint Ihr, wenn ich meine Dienste den Türken anböte?« belebte sich von Padderow mit etwas Hoffnung. Der andere blickte auf, und in den kleinen grauen Augen zwinkerte es wieder wie Schalkheit. »Das läßt sich schon hören«, sagte er; »bei Eurem unerschütterlichen Mut und Eurer erprobten Tapferkeit konntet Ihr dem sinkenden Staate erheblich unter die Arme greifen.« Padderow drehte sich an dem dünnen, spärlichen Schnurrbart und machte ein wild verwegenes Gesicht. »Wenn Ihr aber wirklichen Nutzen aus diesem Schritt ziehen wolltet«, blickte ihn Nasewitz mit stiller Freude an, »dann müßtet Ihr zur mohammedanischen Religion übergehen.« »Weshalb denn nicht?« zuckte Padderow die dicken Achseln; »der Glaube ist gar nicht so übel ... dieses Leben nach dem Tode ... die langen Pfeifen ... die hübschen Mädchen ... und alles umsonst..« »Ja«, zog Nasewitz ebenfalls die Schultern empor; »wenn Ihr Euch an der unerläßlichen Zeremonie nicht stoßt...« »An welcher Zeremonie, edle Seele?« »Na«, machte der andere; »es ist dieselbe Geschichte, wie bei den ...« »Nun?« drängte der dicke Leutnant. »Welcher Religion gehören die meisten Eurer Geschäftsfreunde an?« fragte von Nasewitz. Dem Padderower schien ein unangenehmer Gedanke durch den Kopf zu ziehen; dann errötete er ein klein wenig, stand auf und trat ans Fenster. Sein langer Freund sah ihn mit eigentümlichem Lächeln an und um die schmalen Lippen spielte schon wieder etwas vom Mephistopheles. »Ihr könntet aber die Rettung aus Euren Nöten weit bequemer haben«, schmunzelte er dann nach einem Weilchen. »Wieso?« wandte sich der andere um. »Das habe ich Euch schon oft geraten ... nehmt eine reiche Frau ... Ihr braucht nur die Hand auszustrecken, dann habt Ihr an jedem Finger eine hangen.« »Ich weiß es«, sagte der dicke Offizier mit einem Gemisch von Stolz und Verlegenheit; »aber Ihr kennt meine Ansichten über die Frauen ... ich pflücke keine Blumen, weil ich ihnen den schönen Duft nicht rauben will.« »Aha!« machte Nasewitz. »Was meint Ihr, edle Seele?« »Oh... nichts... es war nur ein harmloser Ausruf.« Padderow betrachtete ihn mit einem eigentümlich beobachtenden Blick und begann dann im Zimmer auf- und abzugehen. Sein Antlitz verdüsterte sich wieder auf bedenkliche Weise, während in des Nasewitzers Zügen aufrichtiges Mitleid die Oberhand gewann über jene unabweisbare Schadenfreude, die er in vielen Fällen nicht zu unterdrücken vermochte. »Nein, nein«, schüttelte Padderow endlich mit wirklicher Wehmut den dicken Kopf; »es gibt keine Rettung mehr für mich, und über kurz oder lang werde ich zu meinen ritterlichen Ahnen versammelt.«– »Macht keinen Unsinn«, sagte Nasewitz in verweisendem Ton; »die alte Tante kann doch nicht ewig leben...« »Aber noch lange«, unterbrach ihn der andere; »übrigens laßt sie leben und sich ihres Lebens freuen ... ich wünsche ihr nicht den Tod, wenn auch meine Rettung davon abhängt, wenn sie auch hartherzig mir jede Hilfe verweigert.« Der lange Leutnant antwortete nicht. »Ich sehe mein Schicksal klar vor Augen«, sprach Padderow nach einer Weile weiter; »der günstigste Fall für mich ist der, daß ich schuldenhalber zu des Königs blauem Fußvolk versetzt werde ... das ist aber für mich gleichbedeutend mit dem Abschied ....« »Wieso?« fragte Nasewitz. »Könntet Ihr Euch meine ritterliche Figur anders vorstellen als auf einem feurigen Streitroß?« blieb der dicke Offizier mitten im Zimmer stehen; »könnt Ihr Euch diese mannhafte Hüfte anders denken, als umgürtet mit einem klirrenden Schwert? Haltet Ihr es für möglich, daß mein stolzer Fuß unbespornt durchs Leben schritte?« Nasewitz schüttelte den mageren Kopf. »Nun seht Ihr wohl!« fuhr der andere fort; »reißt mich von meinem Schlachtengaul Babieca, brecht mir die Sporen von der ritterlichen Ferse, gebt mir anstatt des leicht gekrümmten Säbels einen Bratspießdegen in die Faust, laßt mich im Staube watscheln vor einem Fähnlein Infanterie, und der stolze Padderower welkt dahin und stirbt wie eine schöne Blume, die in fremder Erde nicht gedeihen konnte.« »Zu versuchen wäre es aber immerhin noch«, wandte Nasewitz ein; »man wirft doch nicht gleich die Flinte in das Korn, wenn ...« »Spart Euch den weiteren Trost«, unterbrach ihn der kleine Dicke mit seiner unnachahmlichen Handbewegung; »man wird mich nicht dem blauen Fußvolk einverleiben... ja, wenn ich etwas weniger Schulden hätte... aber so... mit dieser stolzen Zahl, die ich nicht einmal auszusprechen wage... da denkt man nicht mehr an Versetzung... da schickt man einem ganz einfach den Abschied auf die Stube... und man sinkt aus der schimmernden Uniform ins schale Bürgertum herab... man ist verarmt... vernichtet... ehe ich das erlebe... eher führe ich es zu einem andern Ende.« Nasewitz blickte seinen Freund mit sichtlicher Besorgnis an. »Wißt Ihr... solche Redensarten mag ich nicht von Euch hören«, sagte er dann; »mit dergleichen Dingen treibt man keinen Scherz...« Der andere richtete sich hoch empor in seinem roten Schlafrock, und Miene und Stimme nahmen etwas Feierliches an. »Hört auf das, was ich Euch jetzt sage, Nasewitzer«, sprach er mit erhobener Stimme; »die Welt ist bisher gewohnt gewesen, von der Lippe des Padderowers nur heitere Reden zu vernehmen, sie hat gesehen, wie er sich vergnügt als Lebenskünstler durchs Dasein schlug... sie hat gelächelt über seine Torheit... aber nie soll sie Mitleid empfinden über seinen Fall... über seine Erniedrigung, sondern sie soll sagen: der Padderower hat sich doch einen genialen und würdigen Abgang gemacht!« Dem andern schien diese Wendung in der Unterhaltung peinliche Gefühle hervorzurufen. »Tut mir den einzigen Gefallen und hört nun auf«, sagte er mit erzwungenem Humor; »wenn Ihr die Idee ausführt, gehe ich nicht mehr mit Euch um.« »Das verlange ich auch gar nicht von Euch«, legte der dicke Offizier ihm eine Hand auf die Schulter; »aber bewahrt mir ein freundliches Andenken und sorgt dafür, daß meine Tante alle Schulden zahlt; denn ich würde keine Ruhe im Grabe haben, wenn ich wüßte, daß jemand einen Groschen an mir verloren hätte.« Nasewitz fühlte, daß ihm eine Träne ins Auge steigen wollte aus dem Brunnen seiner Seele, und sprang daher vom Stuhl empor, um die Rührung vor seinem Freunde zu verbergen. »Was ist Euch denn?« blickte dieser ihn an; »Ihr blinkert ja so mit den Wimpern, Ihr werdet doch nicht etwa um mich weinen wollen?« »Na... das fehlte mir noch«, lief der andere im Zimmer auf und ab; »es war mir Rauch ins Auge gekommen... und dann ist es hier so kalt... mich friert... das Weinen würde auch nicht viel helfen; sondern man muß im Gegenteil seinen klaren, ruhigen Verstand anstrengen, wie Ihr aus der Patsche zu befreien seid...« »Das dürfte Euch schwer... unmöglich werden!« schüttelte Padderow den Kopf. »Laßt mich zufrieden und stört mich nicht«, lief Nasewitz auf und nieder; »Unmöglichkeit ist für mich gar kein Begriff... ich trotze der Unmöglichkeit... ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, Euch zu retten, und ich werde Euch retten, trotz allem Ungemach, das über Eurem Haupte schwebt!« Padderow, der seinen Freund noch niemals in solcher Aufregung gesehen, blickte ihn verwundert an und sagte kein Wort. Dieser setzte mit gedankenvoller Miene seine Promenade fort, und manchmal drückte er sich die hohe Stirn, als wenn er eine Idee herauspressen wollte. Er hatte sich früher die Lage seines Busenfreundes nie so recht klar gemacht, hatte sich daran gewöhnt, sie über die leichte Achsel anzusehen und darüber zu scherzen wie die anderen. Jetzt aber trat ihm das ganze Vollgewicht der Lage deutlicher vor Augen; er gewann die Überzeugung, daß der Padderower, wie man sagt, auf dem letzten Loch pfiff, und daß, wenn er auch nicht an einen Selbstmord glaubte, die Geschichte äußerst unangenehm werden konnte. – Doch wie ihn retten, wie den heranbrausenden Sturm beschwichtigen? – Seine Großspurigkeit von vorhin hatte ihn ordentlich ein bißchen aufgerüttelt; und die Kraft arbeitete bereits, aber sie war dem Rettungsmittel noch nicht auf der Spur. – Mit den türkischen Diensten, das war ja Unsinn... und gegen das Heiraten hatte Padderow eine unüberwindliche Abneigung... einen Lotteriegewinnst konnte er auch in der Geschwindigkeit nicht machen, namentlich da er kein Los hatte... die alten Tanten sterben selten zur rechten Zeit... trotzdem war Gefahr im Verzüge... also vorläufig nur hinhalten, sei es durch welches Mittel es wolle... wenn man eine kleine Kriegslist anwenden könnte... allerdings etwas Unschuldiges, wodurch niemand geschädigt würde... was nachher wieder richtigzustellen wäre... wo lag denn überhaupt der Schwerpunkt? – Wenn man ein Übel heben will, muß man die Ursachen desselben zu entfernen suchen. – Welches waren denn aber die Ursachen... hm, hm... und wer konnte am besten... hm, hm... und auf welche Weise war derjenige zu bestimmen, daß er... und wo lag denn wieder dessen schwacher Punkt?... Mit einem Male blieb von Nasewitz stehen und blickte seinen Freund mit glänzenden Augen an. »Habt Ihr etwas gefunden?« fragte dieser. »Ich glaube beinahe, verehrter Padderower.« »Ein Rettungsmittel?« »Das weiß ich selbst noch nicht genau... aber ein Aufschub kann es... wird es werden, wenn jeder seine Rolle richtig spielt und wir nicht polizeiwidriges Pech haben. Zeit gewonnen, alles gewonnen, sagt das Sprichwort; erst nur den Anfang gemacht, dann wird der liebe Gott schon weiter helfen.« »Und darf man wissen, was Ihr tun wollt?« fragte Padderow, schon ordentlich ein bißchen schmunzelnd. »Nein!« entgegnete Nasewitz mit großer Bestimmtheit; »das darf niemand wissen; aber am allerwenigsten Ihr, sonst sänke der ganze schöne Plan sofort in nichts zusammen.« »Es ist also etwas, worauf ich nicht eingehen würde, wenn ich es wüßte?« »Tut mir den einzigen Gefallen und fragt mich jetzt nicht mehr, sondern haltet still und laßt Euch von mir retten«, loderte Nasewitz auf; »habt Ihr Vertrauen zu mir? Ja oder nein!« »Das allerunbedingteste!« »Schön... dann seid überzeugt, daß ich kein Mittel anwenden werde, welches Euch Schaden bringen könnte!« »Ich glaube es Euch, Burgherr von Knelling... doch was habe ich bei der Geschichte zu tun?« »Vorläufig gar nichts, bis ich Euch Instruktion gebe, die aber vielleicht gar nicht zur Anwendung kommen wird. – Nur um eines bitte ich Euch: zweifelt nicht an mir... und wundert Euch über nichts, was auch geschehen möge.« »Ich will mich nicht wundern«, lächelte Padderow, wie ein gläubig vertrauendes Kind. »Hand drauf!« Der dicke Leutnant sah erst nach, ob sein Freund auch nicht wieder die Zigarre zwischen den Fingern hätte; dann schlug er ein. »Hand d'rauf!« In diesem Augenblick kam Padderows Bursche mit einem kleinen Buch herein, das einen fettigen blauen Deckel hatte. »Was willst du, Gründling?« fragte sein Gebieter. »Herr Leutnant, es ist heute Sonnabend«, leckte sich der Kerl an den aufgesprungenen Lippen; »wollen wir vielleicht unsere Rechnung beim Kaufmann bezahlen?« Padderow schien unangenehm berührt, weil er augenblicklich keinen Groschen Geld besaß; dann nahm er sein barsches Wesen an. »Was fällt denn dem Kerl ein!« zürnte er; »sollen wir etwa jeden Sonnabend bezahlen? – Das wird ja langweilig mit der Zeit!« »Der Herr Leutnant werdens nicht übel nehmen«, leckte Grundling verlegen lächelnd weiter; »wir bezahlen aber keinen Sonnabend... Seitdem wir bei diesem Kaufmann sind, weil uns der andere nicht mehr... gefiel, steht noch keine einzige Quittung im Buch.« »Weißt du, Gründling, dann wechseln wir wieder unsern Lieferanten ...« sagte Padderow... »es ist mir lieb, daß es so gekommen ist... der Kaffee schmeckt mir ganz und gar nicht mehr... hole von heute ab alles bei einem andern.« »Ja, Herr Leutnant, das ist recht gut«, rieb der Bursche das fettige Buch an seinen Lederhosen; »ein anderer würde uns schon mit knapper Not noch borgen... aber, wenn ich zu dem alten Kaufmann nicht wiederkomme, rennt er uns das Haus ein, namentlich da er in der Nähe wohnt... da würde ich es doch für besser halten, wenn wir erst bezahlten.« Padderow schien darüber nachzudenken, wie er sich aus der brenzlichen Lage befreien könnte, während Nasewitz ganz heimlich einen Zehntalerschein aus seiner Börse nahm und ihn unbemerkt auf den Tisch legte. »Adieu!« sagte er dann; »ich habe noch zu tun... auf Wiedersehen bei Tische.« »Auf Wiedersehen, Nasewitzer!« nickte der dicke Leutnant dem Scheidenden nach; dann blieb er mit seinem Burschen in der bewußten peinlichen Lage allein. Dieser stand noch an der Tür und zuckte bald aus Verlegenheit die Achseln, bald leckte er die Lippen, bald rieb er den Deckel des blauen Buches an seiner blankgewichsten Stallhose. »Was willst du noch?« herrschte ihn Padderow an; »was stehst du da wie ein Ölgötze?« »Ich habe auch nichts mehr auszulegen, Herr Leutnant«, fing Gründling das alte Thema wieder an; »sonst würde ich natürlich...« »Sei still... die Sache ist abgemacht... nun das Kaffeegeschirr hinaus!« Der Bursche steckte mit einem leisen Seufzer das fettige Buch vorn in seine Jacke und ging dann, behutsam wie auf Eiern, nach dem Tisch vor dem Sofa, um dem Befehl seines Herrn nachzukommen. »Wer hat denn unsere Kanne und unsere Tasse umgeschmissen?« fragte er verwundert; »das schwimmt ja alles...« »Polko ist auf den Tisch gesprungen«, entgegnete Padderow kurz; »mache, daß du fertig wirst.« Gründling begann mit seiner großen Hand die ausgelaufenen Kaffee- und Milchflüssigkeiten von dem Tisch zu wischen, als er plötzlich ein erstauntes und dann ein pfiffiges Gesicht machte. »Worüber freust du dich denn, Kerl?« fragte Padderow, der es bemerkte. Gründling blickte ihn so verschmitzt an, als wenn er damit sagen wollte: »I, du kleiner Schäker du!« »Was soll das heißen?« fuhr der Gebieter fort; »was schneidest du für einfältige Gesichter? - Werde ich Antwort bekommen, oder soll ich dir 'ne Tracht Prügel geben?« »Der Herr Leutnant haben doch wieder einen kleinen Witz gemacht?« zog Gründling sein breites Gesicht so breit, daß es aussah, als wenn er sich mit beiden Mundwinkeln in beide Ohren beißen wollte. »Ich habe einen Witz 'gemacht?« fragte Padderow, etwas erstaunt, »Der Herr Leutnant sind bloß immer so spaßig«, grieflachte der Bursche weiter; »der Herr Leutnant tun bloß immer so, als wenn der Herr Leutnant kein Geld hätten.« Gründling deutete mit seinem dicken, nassen Finger auf den Zehntalerschein, den Nasewitz soeben dorthin gelegt hatte. Padderow trat an den Tisch, erblickte ebenfalls den Schein und machte ein ganz verdutztes Gesicht. »Ach... tun doch der Herr Leutnant nicht so«, setzte Gründling seine Schäkerei fort; »der Herr Leutnant haben ihn ja dahingelegt, ... der Herr Leutnant sind bloß immer so spaßig...« Padderow hatte jetzt seine Selbstbeherrschung vollständig wiedergewonnen. »Fällt mir gar nicht ein, ihn hingelegt zu haben«, sagte er mit stolzer Vornehmheit; »an solche Kleinigkeiten denke ich nicht vorher... aber ich habe ihn vielleicht aus Versehen auf dem Tisch liegen lassen... das kann ja vorkommen... bezahle also den Kerl von Kaufmann und bringe mir den Rest zurück.« »Schön, Herr Leutnant!« »Und nimm den Hund mit hinunter; ich muß in den Dienst.« »Pst... Polko... hier... komm mit!« lockte Gründling, das Kaffeegeschirr auf dem Arm und den Zehntalerschein in der Hand. Die Dogge kroch unter dem Sofa vor und begann dann sogleich, mit merkwürdig dummem Gesicht, jene eigentümliche Schlittenfahrt auf dem Hinterteil, die man bei Hundehämorrhoidariern öfter gewahrt. »Was ist dem Köter eigentlich... weshalb tut er das?« fragte Padderow, dem Manöver zusehend. »Ja, sehen Sie, es juckt ihm ja, Herr Leutnant«, erklärte Gründling mit einer ganz ernsten Professormiene; »das tut er nämlich bloß deshalb, weil es ihm juckt.« »Ich danke dir für deine Belehrung«, sagte Padderow; »nun mach, daß du wegkommst... ich will mich anziehen, um junges Volk in den Waffen zu üben.« Der Bursche bewegte sich, über den neuen Witz pflichtgemäß lächelnd, nach der Tür. »Du, Gründling!« rief ihm Padderow nach. »Herr Leutnant befehlen?« »Und wenn du mit dem Zehntalerschein zum Kaufmann gehst... stecke ihn nicht in die Tasche... weil er dir da gestohlen werden könnte... sondern halte ihn so hoch in der Hand, damit ihn die Leute... damit er trocken wird, denn er ist ein bißchen naß geworden auf dem Tisch.« Der Bursche lächelte wieder auf seine verschmitzte Art. »Verstehe ja schon...« nickte er seinem Herrn zu... »wir sind doch auch nicht so dumm, Herr Leutnant... komm, Polko... unten kannst du dich ins Wasser setzen... willst du wohl gleich!« - Damit verließ er mit dem Hunde das Zimmer seines Gebieters. »Wie komme ich zu dem Zehntalerschein?« sprach dieser gedankenvoll vor sich hin, als er allein war; »ich entsinne mich doch wahrlich nicht, in der ganzen letzten Zeit ein solches Exemplar besessen zu haben... und doch war es keine Täuschung... sollte der Kerl der Gründling?... Bei aller seiner Dummheit ist das die ehrlichste und treueste Seele unter der Sonne... er würde einen Menschen totschlagen, um mir zu helfen... und dabei behandelt er diese Verhältnisse mit einer Zartheit...« In diesem Moment hörte er unten Polko ein ängstliches Gebell ausstoßen. Padderow öffnete das Fenster und schaute hinaus. Da sah er, wie Gründling mit dem Hunde vor der Haustür stand und, auf den Zehntalerschein deutend, freundlich dankbare Blicke nach der Veste Knelling hinüberwarf, hinter deren Scheiben die beiden Köpfe von Nasewitz und Joseph sichtbar waren. Als der lange Leutnant die Absicht des Burschen erriet, warf er den wütenden Joseph vom Fensterbrett und trat selbst zurück in den dunklen Hintergrund des Zimmers. Gründling aber trottete, von Polko gefolgt und den Zehntalerschein wie eine Siegesfahne hoch in der rechten Hand schwenkend, dem augenblicklichen Hoflieferanten seines Gebieters zu. »Der Nasewitzer hat den Schein hingelegt«, murmelte Padderow, das Fenster schließend, vor sich hin; »und der biedere Gründling hat es gewußt und hat wiederum das Zartgefühl besessen, mich glauben zu machen, daß ich mit ihm scherze... sei getrost, Edler von Padderow, wenn man noch ein paar solcher Freunde sein eigen nennt, dann kann man die Stürme des Schicksals mit ruhigem Blut erwarten.« Dann vertauschte er den Schlafrock mit der Uniform, gürtete mit wieder erwachendem Selbstgefühl den langen Säbel um die Hüften, trank noch einen halben Kognak und klirrte die Treppe hinunter. »Guten Morgen, Branzchen!« grüßte er, unten auf dem Hausflur seinen Wirt mit einer freundlichen Handbewegung; »wie geht's Geschäft? – Gut? – Freut mich!« »Danke, danke, lieber Herr Leutnant«, zog der Brauer untertänig sein Käppsel; »es macht sich ja, es macht sich ja!« »Der alte Branz ist guter Laune«, dachte Padderow, die Straße hinunterklappernd; »es wird am Ersten nichts zu sagen haben mit der Miete.« »Der Herr Leutnant scheinen ja außerordentlich lustig«, schmunzelte ihm Branzchen nach; »da zahlt er mir vielleicht am Ersten meine Miete.« 4. Bei Tische In dem abgelegenen Winkel einer langen, stillen Straße, die von der offenen und verdeckten Bahn kommt, steht ein altes, großes, baufälliges Haus, das früher einmal grün gewesen sein mag, jetzt aber nur noch ein verkommen schmutziggraues Kleid zur Schau trägt. Es gebort dem Ackerbürger Strümpel, der früher Offizierbursche war und eine Köchin ehelichte. Dann lieh ihm das Regiment Geld zum Ankauf dieses Hauses, und er konnte in den oberen Räumen seinen Speise- und Ballsaal, mit einigen angrenzenden Zimmern, einrichten. Unten links wohnte die Familie des Wirts und rechts der Graf Plustra. Hinter dessen Wohnung, nach dem überaus unsauberen Hofe hinaus, lag die von stetem dicken Qualm erfüllte Küche. Es ist um die Mittagsstunde herum, das heißt so gegen eins, und die unbeweibten Offiziere aller Grade bewegen sich von ihren dienstlichen Beschäftigungen oder von ihren Wohnungen aus nach dem Speiselokal. Es ist ein langes, niedriges Zimmer von vier Fenstern Front und einem Wandanstrich, dessen Grundfarbe nicht mehr mit Bestimmtheit anzugeben ist. Die Decke ist dunkelgrau von Staub und Tabaksrauch, und die etwas helleren Kurven, welche das Dienstmädchen mit dem Borstwisch zog, beweisen, daß wenigstens die gute Absicht da war, eine Reinigung vorzunehmen. Vor den trüben Fenstern hangen geisterhaft dünne, kurze Gardinen, deren Falten von einer leichten Staubdecke schattiert werden. Die nicht ganz sauberen Dielen haben sich geworfen und gleichen langen, stachen Mulden, zwischen denen breite, dunkle Ritzen gähnen. An der einen Wand steht ein altes, grämliches, schwarzes Sofa, und in der Mitte des Saales ist die Tafel gedeckt, mit verschieden langen, weißen Tüchern belegt, die an der einen Stelle bis auf die Dielen hangen und an einer andern kaum die rohe Platte bedecken. In der Mitte der Tafel sitzen die Fähnriche und jüngeren Offiziere, nach beiden Enden zu werden sie älter, und an dem einen ist der Platz des alten Obersten von Hollprägel, der mit den Offizieren speist, weil er unverheiratet ist. Das geniert freilich ein wenig; aber es ist zuweilen auch eine wohltätige Beschränkung der Unterhaltung, obwohl der Oberst, ein jovialer, alter Herr, gern sein Witzchen macht und gern ein Witzchen hört. So sehr braucht man demnach nicht die Worte auf die Wagschale zu legen. - Die Offiziere versammeln sich mit militärischer Pünktlichkeit. Während der Suppe wird noch nicht viel gesprochen. Ehe der Oberst nicht das Zeichen zur allgemeinen Unterhaltung gegeben hat, flüstert man überhaupt nur miteinander, und niemand wagt eine laute Bemerkung. Als aber die Teller fortgenommen werden, läßt Hollprägel seine Blicke lächelnd über die Tafel schweifen. Es ist ein alter Mann in den Sechzigen, mit fast ganz kahlem Kopf, der nur im Genick und an den Seiten mit spärlichem, schlohweißem Haar umrahmt ist, während ein buschiger Schnurr- und Backenbart, von derselben Farbe, das fröhliche rote Gesicht einrahmt, ungefähr wie das des alten Blücher. »Na, Herr von Paddero. .ow, wie geht's?« rief er, die letzte Silbe unnatürlich verlängernd, mit seiner hohen Diskantstimme, indem er den dicken Offizier freundlich anschmunzelte. »Danke, untertänigst, ganz gut, Herr Oberst!« entgegnete jener, sich geschmeichelt fühlend. Nasewitz, der rechts neben seinem Freunde saß, bekam schon wieder jenes unheimliche Zucken um die Mundwinkel, welches immer den unwiderstehlichen Reiz bekundete, ihm einen Schabernack zu spielen. Es war eben eine Krankheit bei ihm geworden, er konnte nicht anders, und wenn der Padderower im Sterben gelegen, würde er ihn vielleicht noch gekitzelt haben, ebenso wie er sein eigenes Leben eingesetzt hätte, den Freund zu retten. »Was macht das Streitroß?« fuhr der alte Hollprägel fort; »wie heißt es doch? Ich kann den Namen immer nicht behalten.« »Babie...« begann der kleine Leutnant; in diesem Moment kniff ihm aber Nasewitz unter dem Tisch in den Bauch, und der Padderower stieß die zweite Silbe mit einer solchen Kraft und dabei so unverständlich heraus, daß die ganze Tischgesellschaft einen Schreck bekam. »Nun!« krähte der alte Oberst; »was ist Ihnen denn... weshalb schreien Sie denn so... glauben Sie vielleicht, daß ich nicht hören kann?« Padderow warf einen wütenden Blick auf Nasewitz, den dieser mit einer Gleichmutsmiene ertrug, als wenn er gar nicht wüßte, was vorgefallen wäre. »Babie heißt er?« sprach Hollprägel weiter; »ich denke, es kam hinten noch was d'ran... Sie haben wohl seinem Namen den Schwanz abgeschnitten?« »Kennen der Herr Oberst die Geschichte mit dem Windmühlenflügel?« fragte der Premierleutnant von Kreidefleck mit lieblichem Lächeln und einem Ton, als wenn er eine militärische Meldung machte. »Nein«, kopfschüttelte der Kommandeur; »wie war denn das?« »Herr von Padderow ist einmal durch eine gehende Windmühle geritten«, berichtete Kreidefleck in demselben Ton weiter; »und da hat ein Flügel den Babieca hinten gestreift... deshalb dreht er jetzt immer so mit dem Schwänzchen.« Die Geschichte machte keinen Eindruck, weil man den Premierleutnant trotz seiner lieblichen Freundlichkeit nicht leiden konnte, und auch der Oberst wandte sich von ihm ab, ohne ein Wort zu erwidern. »Wollen Sie 'ne Flasche Rotwein mit mir trinken?« fragte gerade in einem Moment allgemeiner Stille der lange blasierte Leutnant von Sponeck in seinem näselnden Ton, den ihm gegenübersitzenden Fähnrich von Klötersdorf. Der semmelblonde, nicht sehr hochbegabte Mensch, der erst kürzlich zum Regiment gekommen war, wurde feuerrot und schätzte es sich zur großen Ehre. Der Wein kam, Sponeck schenkte sich ein, vergaß aber dem Fähnrich denselben Dienst zu leisten; dann nippte er am Glase, schnitt ein Gesicht, als wenn es ihm nicht geschmeckt hätte, und ließ die beinahe volle Flasche stehen, ohne daß der arme Klötersdorf ein einziges Glas bekommen hätte. Bezahlen mußte der natürlich doch seine Hälfte, während die von Sponeck auf Rechnung gesetzt wurde. »Geben Sie mir ein Viertel!« erwachte der »alte Graf«, der gewöhnlich das nachmachte, was ein anderer ihm vortat, aus seinem Traum. »Sie waren ja wohl 'mal in Italien, Graf Schwülenberg?« lenkte der Kommandeur jetzt sein Interesse auf diesen. Der Offizier besann sich eine Weile, als wenn er es nicht mehr recht genau wüßte. »Ja«, erinnerte er sich dann... »in Italien war ich 'mal, Herr Oberst...« »Na, wo denn da?...« fragte jener weiter; »erzählen Sie doch ein bißchen... wie weit sind Sie denn gekommen?« Der alte Graf kratzte sich den Kopf und machte ein Gesicht, als wenn ihm die Geschichte nicht recht klar wäre. »Oh...« fing er dann endlich an... »ich bin da überall 'rumgekommen, Herr Oberst.« »Wissen der Herr Oberst nicht, daß er ein Tagebuch über die Reise geführt hat?« fragte Nasewitz mit einem eigentümlichen Lächeln. »I, sehen Sie 'mal«, krähte Hollprägel; »also Schriftsteller sind Sie auch? - Kann man das Tagebuch vielleicht zu sehen bekommen?« Der alte Graf lächelte still vor sich hin und antwortete nicht. »Die ganzen Reiseerinnerungen stehen auf einer Oktavseite«, ergänzte Nasewitz. »Das ist freilich nicht viel«, meinte Hollprägel; »was hat er denn eigentlich geschrieben?« »Geschrieben hat er gar nichts, Herr Oberst.« »Nun, was hat er denn sonst gemacht?« Der alte Graf lächelte noch seliger vor sich hin, als wenn er in recht süßen Bildern schwelgte. »Das Tagebuch besteht in den Namen der Städte, die er besucht hat«, entgegnete Nasewitz, »und neben diesen Namen stehen Kreuze... wenigstens bei den meisten... oder war es bei allen, Schwülenberg?« »Ach...« schüttelte dieser mißbilligend den Kopf; »bei allen... das wäre ja noch schöner...« »Bei Venedig, glaube ich, stehen drei«, lächelte Nasewitz. »I... nein... sollten es nicht vier gewesen sein?« belebte sich der alte Graf ein bißchen. »Ja,ich begreife aber gar nicht...«, krähte der Oberst. »Oder waren es doch nur drei...«,senkte Schwülenberg den Kopf wieder auf die Brust. Man sah es Nasewitz an, daß er sich an der Situation ergötzte. »Wenn Padderow eine Reise machte, würde er sie ganz anders beschreiben«, blickte er seinen Freund an. »Wieso?« fragte dieser empfindlich. »Du würdest gar keine Kreuze machen, alte Seele.« Alle Augen waren jetzt auf den dicken Offizier gerichtet, der sich in der unbehaglichsten Lage zu befinden schien, als der alte Graf, der wieder vor sich hingeträumt, plötzlich Nasewitzens Bemerkung verstand. »Ne... hahaha... ne... hahaha...« freute er sich, daß er ordentlich wackelte; »der Padderow... ne... hahaha... der Padderow... der würde gar keine...« Hier verstummte aber seine Heiterkeit wieder, wahrscheinlich weil es ihm aus dem Kopf gekommen war, worüber er eben gelacht hatte. Der Oberst schmunzelte, die anderen Offiziere schmunzelten auch, und Padderow warf einen wütenden Blick auf Nasewitz, welcher denselben mit einem Gleichmut hinnahm, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Der Premierleutnant von Kreidefleck dachte über eine Bemerkung nach, die er militärisch melden wollte, aber er fand keine. Herr von Sponeck sah aus, als wenn er an der Unterhaltung gar keinen Anteil genommen, und der Fähnrich von Klötersdorf schielte sehnsüchtig nach der Flasche Rotwein, aus der er sich nicht einzuschenken wagte. Unterdessen wurde Rindfleisch mit Kartoffeln herumgegeben. Es schmeckte aber auch den Offizieren ordentlich; sie hieben ein, daß es eine Lust war, mitanzusehen, die Kinnbacken kauten, Messer und Gabel klapperten, die Mostrichbüchsen wanderten von Hand zu Hand, und als der letzte Bissen hinunter war, hatten alle Wasser in den Augen. Padderow hatte auch Wasser in den Augen; aber er sah noch immer wütend aus. »Ich muß ihn wieder gut machen«, dachte sein langer Freund; »sonst faßt er Mißtrauen zu mir, und das könnte meinem Plane schaden.« »Rieke!« flüsterte er dann dem vorbeigehenden Mädchen zu; »eine Flasche Rotwein und zwei Gläser.« Das Verlangte kam, Nasewitz schenkte die beiden Gläser voll und schob eines dem Padderower hin. Dieser behielt anfangs noch sein barsches, böses Gesicht bei und wendete den Blick sofort von dem Wein ab. Aber es schien ein Magnet in dem Getränk zu liegen, denn so fest er auch sein wollte, so konnte er es doch nicht unterlassen, ab und zu ein wenig hinzublinzeln. Nasewitz hatte Viertelgläser geben lassen, weil er wußte, daß sein dicker Freund die weit lieber hatte als die »lächerlichen« Achtel, wie er sich ausdrückte. Das war ja kaum für den hohlen Zahn, kaum des Anfangens wert, und einmal hatte Padderow aus Scherz einen Bindfaden ans Glas gebunden, damit er es nicht aus Versehen mit hinunterschluckte. So ein Viertelchen schaut einem aus ganz anderen Augen an, wie ein Achtel. Seine dunkle Glut ist viel verlockender, verheißender; es verspricht zu sättigen, anstatt nur zu reizen. Die Pausen, in denen Padderow wieder vom Glase fortblickte, wurden immer kleiner, und zuletzt sogen die Augen sich förmlich fest an der rubinfarbigen Flüssigkeit. Nasewitz sah ihm mit stillem Vergnügen zu. Des dicken Nachbars Antlitz begann sich aufzuheitern, in der ungeschickten Nase zuckte es, als wenn sie die Blume des edlen Weines schlürfen wollte, die durstige Zunge konnte es nicht mehr aushalten in ihrem dunklen Raum und kam hervor und leckte leis die Lippen und den dünnen Bart, dann legte sich die ritterliche Rechte auf den Tisch und kroch langsam immer näher, immer näher. Jetzt war der innere Widerstand gebrochen und Nasewitz verbeugte sich: »Darf ich Euch bitten, einen Humpen mit mir zu leeren, edler Ritter?« fragte er lächelnd, indem er das eigene Glas ergriff. Padderows Widerstand war nun vollständig überwunden; auch er faßte den Humpen, nickte seinem Nachbar würdevoll zu, und goß dann den dunklen Wein bis auf den letzten Tropfen in die dunkle Kehle. Nasewitz folgte natürlich seinem Beispiel. »Na, Gott geb' Gnade!« krähte der alte Hollprägel; »wohl bekomm´s Ihnen, Herr von Paddero...ow!« »Danke sehr, Herr Oberst!« verneigte sich der kleine Offizier, indem er sich den Schnurrbart ableckte. »Sie waren wohl heute noch nicht in der Giftbude bei dem dicken Schleckmann?« »Nein, Herr Oberst!« »Aber in der Lebensversüßungsanstalt beim Konditor Schlichter?« kniff Hollprägel pfiffig das linke Auge zu. Der dicke Premierleutnant von Ströllpitz, ein Mann von fünfzig Jahren, welcher sonst nur selten sprach, glaubte in dieser Bemerkung seines Vorgesetzten einen Witz zu erkennen, den zu belachen er für seine dienstliche Pflicht hielt. »Hähähähä!« legte er daher, gleichsam als Signalangeber für die anderen, los, indem er einen ganz roten Kopf bekam und mit dem Bauche wackelte. »Hahaha... hahaha...hahaha...« lachte der Chor der übrigen Offiziere nach. »Ha... haha... haha!...« kam der Premierleutnant von Kreidefleck allein hinterher, um noch einen ganz besonderen Diensteifer an den Tag zu legen. Obgleich der Oberst ein kluger Mann war, amüsierte ihn die Anerkennung doch, und er machte ein vergnügtes Gesicht. »Haben Sie die neue Nymphe schon wieder erobert, Herr von Padderow?« nickte er weiter. »Er hat ihr mindestens schon zehnmal alle Schätze Arabiens zu Füßen gelegt«, antwortete für den Gefragten der Leutnant von Rührbrägen, ein junger, bartloser Offizier, der stets lustig war und fortwährend sang, wo er nur irgend konnte. Es war nämlich ein Ereignis für Hasenbalg, wenn eine neue Mamsell zum Konditor Schlichter kam; denn in jenem Lokal wurde von verschiedenen Offizieren und Zivilisten nach der Ressource noch der sogenannte Nachtklub gefeiert, dessen Mittel- und Brennpunkt natürlich die Konditoreimamsell war. Man übte an ihr seine Galanterie, und die Fähnriche erhielten durch sie gewöhnlich die ersten unklaren Begriffe und Gefühle der Liebe. »Ich denke, die Schätze Arabiens haben Sie bereits der Johanna Strittmann angeboten, Herr von Paddero...ow?« setzte der Kommandeur die Unterhaltung fort; »Sie sind wohl jetzt ausnehmend gut bei Kasse?« Der dicke Offizier fühlte sich durch die letztere Äußerung sehr unangenehm berührt, weil er nicht klar wußte, ob sie eine zufällige oder eine anspielende sein sollte. »Es ist nur eine galante Phrase von ihm, Herr Oberst«, antwortete wieder der Leutnant von Rührbrägen. »Na ja; er meint es nicht so schlimm ... ich weiß es ja«, lachte Hollprägel; »ist denn diese Johanna Strittmann wirklich solch originelles Frauenzimmer?« »Darüber kann Ihnen der Herr Leutnant von Nasewitz die beste Auskunft geben, Herr Oberst«, erwiderte der Premierleutnant von Kreidefleck; »das ist ihr begünstigter Verehrer.« »Und Sie werden nicht eifersüchtig auf Herrn von Paddero...ow?« fragte Hollprägel den Betreffenden. »Auf Herrn von Padderow ist noch kein Mensch eifersüchtig gewesen«, lachte Herr von Rührbrägen. »Wollen wir eine Flasche Rotwein zusammen trinken, Schwülenberg?« fragte der ewig zerstreute und blasierte Sponeck, der unterdes längst vergessen hatte, daß er bereits mit dem Fähnrich von Klötersdorf engagiert war. Der alte Graf erwachte aus seinem Traum und kratzte sich den Kopf. »Ja«, sagte er, in seiner Erinnerung suchend ... »mir ist eigentlich, als wenn ich schon etwas getrunken hätte ... oder habe ich doch noch nichts getrunken?« Damit versank er wieder in Nachdenken und der lange Sponeck vergaß die ganze Geschichte überhaupt. »Sind Sie auch schon beim Konditor Schlichter gewesen, Fähnrich?« wandte sich der Kommandeur an diesen. Der blonde Klötersdorf, welcher sich nicht durch bedeutende geistige Fähigkeiten auszeichnete, bekam einen solchen Schreck über die unerwartete Anrede des hohen Vorgesetzten, daß er purpurrot im Gesicht wurde und keinen Ton hervorbringen konnte. »Der ist zu blöde, Herr Oberst ... der getraut sich an kein weibliches Wesen heran«, entgegnete Nasewitz. »Na ... und der andere Fähnrich?« blickte Hollprägel auf einen Herrn von Strammin, der mit Klötersdorf zusammen zum Regiment gekommen war. »Der ist ganz ebenso«, sagte Nasewitz; »sie wohnen beide auf einem Flur im weißen Schwan.« »Das ist recht, Kinder«, nickte der Kommandeur; »bleibt nur so... vermeidet die Szylla... und die Charybdis auch... Ihr wißt doch, was die Charybdis ist?« »Hähähähä!« lachte der Premierleutnant von Strollpitz los, weil er sich der Ansicht hinneigte, daß der Oberst einen Witz gemacht habe. Die anderen Offiziere aber lachten nicht nach, weil sie vom Gegenteil überzeugt waren, nur Herr von Kreidefleck glaubte es dienstlich nicht unterlassen zu dürfen, sein »ha...haha... haha« in drei Tempos draufzusetzen. Der Kommandeur schüttelte unwillig den Kopf. »Ich setze voraus, daß Ihr gelernt habt, was die Charybdis war«, sagte er mit einem Seitenblick auf Ströllpitz und Kreidefleck; »ich fragte nur, ob Ihr wüßtet, was ich damit meine.« »Nein, Herr Oberst!« sagten schüchtern die beiden Fähnriche. »Dann will ich es Euch erklären, Kinder... hier wohnt nämlich jenseits unseres Flüßchens eine Frau von Mohrenstolz mit zwei Töchtern, Molly und Charlotte... da geht nicht hin... das ist nichts für junge Leute...« »Ja! da will ich doch 'mal wieder hingehen«, erwachte der alte Graf; »Plinker hat seine Pfeife da stehen ... das ist sehr gut, wenn man seine Pfeife... oder ist es meine Pfeife... ich weiß wirklich nicht, ob es seine Pfeife oder meine Pfeife ist...« Damit kratzte er sich den Kopf und versank wieder in Nachdenken.– »Es werden wohl alle beide Pfeifen sein!« sagte der Oberst vor sich hin. Der Leutnant von Plinker, ein schmaler, stiller Mensch, blickte verlegte auf seinen Teller. Nun wurden Erbsen und Sauerkohl mit Pökelfleisch herumgereicht, ein sehr beliebtes Essen, das die Unterhaltung für zehn Minuten unterbrach. Nachher sprach man noch darüber, ob die Schauspieler wohl diesen Winter kommen würden, die Truppe der kleinen buckligen Frau Popps, welche in dritter Ehe den versoffenen Heldenspieler Kloppey geheiratet hatte. Die ganze Gesellschaft bestand eigentlich nur aus der Familie Popps, das heißt aus der Nachkommenschaft der buckligen Frau von ihren drei Männern, deren verschiedene Namen einige Abwechselung in den Theaterzettel brachten. Die dicke Emilie und die dünne Therese, aus der zweiten Ehe, repräsentieren die tragische und heitere Liebhaberin, und beiden machte der Ritter von Padderow in ehrsamer Minne den Hof. Als der Oberst zeitig aufbrach, was er stets tat, um nicht länger zu genieren, verließen auch die Offiziere, welche Dienst hatten, den Speisesaal; die anderen rückten näher zusammen und steckten sich ihre kurzen Pfeifen oder die damals noch selteneren Zigarren an. Die Unterhaltung kam noch einmal auf die Familie von Möhrenstolz zurück. Die Mutter der beiden bereits genannten Töchter war eine geborene Schnorchert, hatte dann in erster Ehe einen Gutsbesitzer Hitte geheiratet und war, als dieser sich von ihr scheiden ließ, zu ihren Eltern nach Hasenbalg zurückgekehrt, wo selbige eine Lohmühle besaßen. Spater verirrte sich einmal ein bildhübscher, hannöverscher Offizier nach unserm Städtchen, bekam auf einem Ball die Witwe Hitte zu sehen und verliebte sich dermaßen in ihre majestätisch junonische Gestalt, daß er sie heiratete. - Er zog mit ihr in die Lohmühle und man hat ihn seitdem nicht wieder gesehen. - Die Leute sagten, er sei bald darauf krank geworden, weil er die Fülle seines Liebesglückes nicht habe ertragen können ... wer kann das wissen... sicher ist nur, daß sie ihn nach einem Jahr hinausfuhren nach dem stillen Kirchhof vor dem Tor. - Da lag er nun bei dem Beginn unserer Geschichte schon manches Jährchen; seine Witwe war unterdes zu einer Fünfzigerin herangewelkt, obgleich sie noch immer eine schöne Frau genannt werden konnte, und die beiden Töchter aus der ersten Ehe standen im blühenden Alter der Jungfräulichkeit. Molly, die älteste, hatte ebenfalls einen prachtvollen Wuchs, schwarzes Haar, ein feines Gesicht und dunkle, lockende Augen, die sie trefflich zu brauchen wußte. Sie spielte stets das ganz unwissende, naive Mädchen, und hatte es dabei faustdick hinter den Ohren. Die zweite, Charlotte, besaß auch die große, stattliche Figur der Mutter, war aber nicht hübsch und schielte ein wenig. Das war ein gutes, unverdorbenes Mädchen, wenigstens soweit sich dies in ihrer Situation ermöglichen ließ. Der alten Möhrenstolz sagte man schlimme Dinge nach; von Molly wußte man eigentlich nur, daß sie kokett war und um jeden Preis einen Mann haben wollte; Charlotte hätte auch wohl gern geheiratet, wie die meisten Mädchen; aber sie warf keine Netze aus wie ihre Schwester. - Obwohl nun die Familie Möhrenstolz nicht im allerbesten Geruch stand, so gehörte sie doch zu den ball- und gesellschaftsfähigen Honoratioren von Hasenbalg, und unter dem Schutz dieses Rechts lud sie denn auch jeden frisch angekommenen Fähnrich oder Leutnant ein, sie zu besuchen. Dabei verfolgte sie natürlich keinen anderen Zweck, als ihre Töchter unter die Haube zu bringen; mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln, die ihr zu Gebote standen. Da waren schöne, warme, mit Wohlgerüchen geschwängerte Zimmer... beim Souper gab es feurigen Wein... nachher lud die kindliche Molly ein, neben ihr Platz zu nehmen auf dem schwellenden Diwan... und die Mutter wurde abgerufen zu einem häuslichen Geschäft... und Charlotte spielte im Nebenzimmer »die Aufforderung zum Tanz«... und draußen rauschte geheimnisvoll die Hase und knarrten die Wasserräder der Lohmühle... und dennoch und trotz alledem hatte bis jetzt nur der Leutnant von Plinker seine Pfeife dort stehen, von welcher der alte Graf nicht genau wußte, ob es die seine wäre. Vielleicht hatte er früher eine dort stehen gehabt. Weiter waren die intrigante Baronin und die kokette Molly also noch nicht gekommen. Am Anbieten ihrerseits hatte es gewiß nicht gelegen; denn sie waren die liebenswürdigsten Wirtinnen, die man sich denken konnte... aber man hatte vielleicht nicht verstanden... oder nicht verstehen wollen... vielleicht kam es den betreffenden Herren auch nur auf die Unterhaltung oder auf das Abendbrot an... genug, die Jagd war bis jetzt vergeblich gewesen, wurde jedoch mit ungeschwächtem Eifer fortgesetzt. »Du hast vorhin eine recht unpassende Bemerkung gemacht, alter Graf«, sagte Nasewitz. »Wieso?« erwachte jener aus tiefem Sinnen. »Als der Oberst den beiden Fähnrichen riet, nicht zu Möhrenstolz zu gehen, erzähltest du ganz gemütlich, daß du sie auch nächstens wieder besuchen würdest.« »Ja, das werde ich auch tun«, nickte der alte Graf, ohne den Vorwurf verstanden zu haben; »die Molly ist so komisch... neulich erzählte sie mir... neulich erzählte sie mir...« »Na, was erzählte sie denn?« fragte Rührbrägen, ungeduldig und die Augen zukneifend, weil Schwülenberg eine Pause machte, die ewig zu werden drohte. »Sie sagte, mann nennte sie jetzt »die Überflüssigen«, weil sie über dem Flusse wohnen«, beendete dieser seine Geschichte. »Hähähä!« lachte Ströllpitz, der sich einbildete, der Oberst habe den Witz gemacht; dann besann er sich aber eines Besseren, ärgerte sich und blickte grimmig auf den alten Grafen, der schon wieder an ganz etwas anderes dachte. Die Unterhaltung schien darauf ins Stocken geraten zu wollen, als sich die Tür öffnete und der Graf Plustra eintrat, der unten die eine Parterrewohnung innehatte. Besagter Graf behauptete, aus Griechenland zu stammen, obgleich das nicht mit Sicherheit nachzuweisen war; sein Vater und Großvater hatten in preußischen Diensten gestanden, und seine verstorbene Mutter war eine Engländerin gewesen. Mit dem ihm zugefallenen Erbteil der letzteren hatte er einige Jahre lang eine glänzende Rolle bei einem Garde-Kavallerie-Regiment in Berlin gespielt, die jedoch aber leider damit endete, daß er ohne einen Groschen Vermögen zum Hasenbalger Dragoner-Regiment versetzt wurde. Plustra war übrigens nach damaligen Begriffen ein gebildeter Mensch, obgleich er ein bißchen mehr aus sich machen wollte, als eigentlich daran war. Er rühmte sich, fertig Französisch, Englisch und Italienisch zu sprechen, und das wurde auch allgemein geglaubt; als aber eines schönen Tages ein kleiner Savoyard mit einem Murmeltier durch die Straßen von Hasenbalg ging, und Plustra aufgefordert wurde, mit ihm zu sprechen, brachte er nichts heraus als »Como la va?« - Und als der kleine Savoyard ihm darauf mit blitzenden Augen eine lange Geschichte erzählen wollte, wurde unser Graf sehr verlegen, schenkte ihm einen Silbergroschen und entfernte sich schleunigen Schrittes. Das stand aber jedenfalls fest, ein ausgezeichneter Reiter war er, ein ebenso guter Schütze, ein riesenstarker, aber was das allerbeste war, ein so seelenguter Mensch, wie man ihn nur selten antrifft. Seine Gutmütigkeit artete freilich in Schwäche und Leichtsinn aus, und diesen beiden Eigenschaften ist er auch später zum Opfer gefallen. Obgleich das Hasenbalger Offizierkorps ein sehr wenig bemitteltes war, so war Graf Plustra entschieden der ärmste unter allen; denn das bißchen bare Geld, was er von seinem Gehalt herausbekam, verläpperte er im kleinen Spiel, und wenn eine nötige Ausgabe kam, dann hatte er nichts mehr und mußte borgen, so daß ihn überall der Schuh drückte. Trinken tat er gar nicht und rauchen wenig; es konnte sich niemand entsinnen, jemals gesehen zu haben, daß er sich eine ganze Zigarre angesteckt habe; sondern wenn er in ein Lokal kam, grabbelte er sich aus der Brusttasche seines Uniformrockes einen gewöhnlich kurzen Stummel heraus, steckte ihn an und sog einen furchtbar langen Zug ein, ohne jedoch den Rauch wieder von sich zu blasen. Nach einer Viertelstunde aber begann er dann aus Nase, Ohren und Mund zu dampfen, wie eine chinesische Räuchermaschine. - Mit einem solchen Stummel saß er die ganze Nacht am Spieltisch, und wenn er nach Hause ging, steckte er ihn zum letzten Male an. Seit zwei Jahren hatte sich nun Graf Plustra mit einem ganz armen Mädchen verlobt, Georgina Reiher, deren Vater Arzt in Hasenbalg gewesen und seiner überlebenden Witwe und Tochter nichts hinterlassen hatte als eine Pension von dreihundert Talern, womit selbst in jenen Zeiten und in einem Nest wie Hasenbalg keine Sprünge zu machen waren. Die beiden Frauen bewohnten denn auch ein kleines Quartier und lebten so zurückgezogen, daß man kaum von ihnen sprach, ehe Plustra sich mit der Tochter verlobt hatte.- Diese war eigentlich nicht gerade hübsch zu nennen; aber sie imponierte durch eine große, auffallend schlanke, wenn auch magere Gestalt. Vom Kopf bis auf die Taille hinab floß eine seltene Fülle hellblonden, seidenweichen Haares und aus dem bleichen Antlitz und den blauen Augen sprach etwas so Vergeistigtes, beinahe Überirdisches, daß man das Mädchen gar nicht ansehen konnte, ohne an den Tod zu denken. Wenn sie im weißen Kleide auf dem Ball erschien, mit weißen Rosen im blonden Haar, dann schwankte man, ob man sie für einen Engel halten sollte oder für eine Leiche, die eben dem Sarge entstiegen. Die Mutter, eine ganz einfache Frau, hatte erst die Verlobung nicht zugeben wollen, und das war gewiß sehr vernünftig von ihr; aber die poetische, vergeistigte Georgina liebte die fremdländische Gestalt und den abenteuerlichen Sinn ihres Anbeters... und dann die Aussicht, Gräfin zu werden... die einzige Gräfin in Hasenbalg ... mein Gott, wer will es einem schwachen Mädchenherzen verdenken, wenn es sich dadurch betören und bestricken ließ. Graf Plustra hatte zwei reiche unverheiratete Tanten in Irland, Schwestern seiner verstorbenen Mutter, die er von Rechts wegen hätte beerben müssen; an die wandte er sich mit der Bitte, durch eine jährliche Rente seine Verheiratung zu ermöglichen. Die hocharistokratischen Damen aber, deren Plan es war, ihn eine Engländerin ehelichen zu lassen, widersetzten sich seiner Verbindung mit der kleinbürgerlichen Georgina Reiher auf das hartnäckigste, bis endlich Plustra selbst nach Irland ging und durch seine persönliche Liebenswürdigkeit den alten Damen jährlich sechshundert Taler abdrückte. Von dieser Reise erst vor vier Wochen zurückgekehrt, wurden nun die Vorbereitungen zur Hochzeit emsig betrieben, die bereits binnen kurzem stattfinden sollte. Sechshundert Taler und das knappe Gehalt dazu war natürlich auch nicht viel; aber doch immer noch besser, als wenn man hätte warten müssen, bis Plustra Rittmeister oder, was damals gleichbedeutend damit war, ein alter Mann geworden wäre. Eine Wohnung war bereits gemietet, die Möbel unterwegs, die Aussteuer an Wäsche usw. sauber im Kasten, und man wartete nur noch die Beendigung des dreimaligen Aufgebots ab, um den Tag der Hochzeit festzustellen. Graf Plustra war eine hohe, schlanke Gestalt; aber er hielt sich nicht gerade und hinkte gewöhnlich, weil ihn immer die Stiefel drückten; sein Kopf war südländisch dunkel und vornehm, das schwarze Haar, nicht militärisch kurzgeschnitten, fiel in lockiger Genialität herab, das Auge blickte feurig, und ein voller Schnurr- und Backenbart vervollständigte das interessante Bild unserer neuen Bekanntschaft. Wenn Graf Plustra sich recht elegant gekleidet hätte, würde er eine seltne hübsche Erscheinung gewesen sein; aber das tat er leider nicht; er trug die ältesten Sachen und hatte nur in den ausnahmsweisesten Fällen einen abgebürsteten Rock. Das Eintreten des späten Gastes, der bereits seit längerer Zeit bei seiner künftigen Schwiegermutter zu Mittag und Abend aß, belebte die schon etwas schlaff gewordenen Gemüter. » Guten Tag, Plustra!« rief ihm der romantisch verwandte Padderow entgegen. »Wie geht's; ich dachte eigentlich, man würde Euch zum König von Irland ausrufen, dann hättet Ihr mich mit einer Grafschaft belehnen können.« Der Graf nahm lächelnd Platz, holte einen Zigarrenstummel aus der Brusttasche seines unabgebürsteten Rockes, zündete ihn an, sog eine Masse Rauch ein und legte dann das Fragment neben sich auf den Tisch. »Ich habe Euch dazu vorgeschlagen, Padderow«, entgegnete er dann; »weil Ihr entschieden besser repräsentieren würdet, als ich.« Die lebhafte Phantasie des dicken Offiziers fühlte sich wirklich geschmeichelt durch die neckende Bemerkung des Grafen und er warf sich noch stolzer in die Brust, als er es gewöhnlich schon tat. »Ich empfinde allerdings einen gewissen Beruf in mir, die unterdrückte Urbevölkerung vom Joch der englischen Schachernation zu befreien«, renommierte Padderow; »wenn ich unser Regiment mitnehmen könnte, bin ich überzeugt, daß Irland in wenigen Wochen frei sein würde.« »Da habe ich nämlich in der Zeitung gelesen«, fing der alte Graf an, »daß in Irland bei den Wahlen... da geht es nämlich teufelmäßig bunt her... da kommen sie zum Beispiel... und dann... und dann... es ist wirklich eine tolle Geschichte...« »Hast du das auch gelesen, Ströllpitz?« fragte Nasewitz mit sarkastischem Lächeln. »Nein!« machte dieser ein wütendes Gesicht, »mit solchem Unsinn befasse ich mich nicht... ein guter Soldat soll sich um seinen Dienst kümmern, aber seine Kraft nicht mit Lappalien zersplittern.« Graf Plustra fing jetzt an, aus Augen, Nase und Ohren zu dampfen, was ihm ein außerordentlich angenehmes Gefühl zu sein schien. »Na!« redete ihn Nasewitz an; »wie lange dauert es denn nun noch, bis Hochzeit gemacht wird?« »Vierzehn Tage können wohl noch darüber hingehen«, schmunzelte der Graf; »je näher man ans Ziel kommt, desto länger wird einem die Zeit.« »Kannst wohl gar nicht den Moment erwarten, wo du bloß ein halber Soldat wirst?« blickte der Premierleutnant von Ströllpitz ihn mißbilligend an. »Wieso?« fragte jener. »Weil du dein Herz teilen mußt zwischen dem königlichen Dienst und der Frau«, ereiferte sich der alte Offizier; »zween Herren kann man nicht dienen, im besten Fall werden die beiden Hälften gleich verteilt; dann bist du aber immer nur ein halber Soldat und ein halber Ehemann; weil du aber zuerst Soldat warst, deshalb kann Seine Majestät dich auch ganz verlangen. Gewöhnlich bekommt aber die Frau die größere Hälfte.« »Und damit ist das Frauchen noch nicht einmal zufrieden«, lächelte der Premierleutnant von Kreidefleck in seiner unangenehmen Art. »Verdenke ich ihr auch gar nicht«, fiel Nasewitz ein; »jedes Mädchen kann einen ordentlichen und vollständigen Mann verlangen; nicht wahr Padderow?« Der dicke Offizier sah aus, als wenn er sich ärgerte. - »Wenn sie das verlangen will, dann muß sie einen Zivilisten heiraten, aber nicht einen Soldaten!« brauste Ströllpitz auf; »ein Soldatenliebchen darf nicht zu gefühlvoll sein und muß sich von vornherein an den Gedanken gewöhnen, daß sie ihren Mann nicht für immer gepachtet hat. Wenn der König ruft, muß sie ihn mit Freuden ziehen lassen und ihm nicht das Herz schwer machen mit Tränen und Seufzern. - Ich habe es stets gesagt, und ich bleibe dabei: wer mit Lust und Liebe Soldat sein will, lasse das Heiraten bleiben, denn sein militärischer Wert verliert dadurch.« - »Oder es müßte wenigstens befohlen werden, daß ein Offizier nur ein Offizierstöchterchen heiraten dürfte«, bemerkte Herr von Kreidefleck, »die wachsen in militärischen Verhältnissen auf und finden sich leichter in ihre Lage.« »Seien die Herren überzeugt«, sagte Graf Plustra ernst, »daß ich derselbe bleiben werde, nach wie vor.« Ströllpitz hatte schon einen ganz roten Kopf und ganz glühende Augen vor dienstlicher Passion. »Mag ja sein«, eiferte er weiter; »ich für meine Person kann es mir nicht denken. Für eine einzige Sache kann sich der Mensch nur interessieren und das ist bei mir der königliche Dienst; der steht hoch obenan, nachher kommt erst alles andere.« »Da ist wohl unser Oberst dein Ideal?« fragte der Leutnant von Rührbrägen. »Ja, das ist er allerdings«, schwang sich der alte Offizier zum höchsten Enthusiasmus empor; »das ist ein Soldat, wie er im Buche steht. - Donnerwetter! Wißt Ihr noch, wie wir ihn eben gekriegt hatten und er zum erstenmal vor dem Regiment hielt? - Es war noch ein bißchen unruhig in den Gliedern, und da wurde er gleich bitterböse und schrie mit seiner hohen Stimme: Ich bitte mir Ruhe aus! Kein Herrgott darf donnern lassen, wenn ich »Stillgesessen« kommandiert habe.« »Nachher ließ er aber zufällig doch donnern!« sagte Nasewitz ironisch. »Ja!« erwachte der alte Graf aus seinem Traum, »und da riß sich der Oberst den Tschako vom Kopf... und schmiß ihn an die Erde... und dann... und dann...« »Und dann jagte er wie ein Wahnsinniger nach der Stadt und ließ das Regiment draußen stehen«, brachte ihm Nasewitz seinen Satz zu Ende. Ströllpitz blickte böse vor sich hin, weil er nicht wußte, was er darauf erwidern sollte. »Ein bißchen übertreiben tut er allerdings«, meinte Graf Plustra. »Übertreibung muß aber sein«, begann Ströllpitz von neuem; »etwas nachlassen tut alles, und dann bleibt nachher das Richtige übrig. Nasewitz, dem die Unterhaltung nicht mehr zu gefallen schien, stand auf. »Kommst du mit, Padderow?« wandte er sich an diesen. Der Dicke stimmte zu, und beide verließen den Speisesaal. Als sie schweigend eine Weile nebeneinander gegangen waren, blickte Padderow zu wiederholten Malen auf seinen Freund, als ob er etwas auf dem Herzen hätte, das er gern sagen möchte. »Was ist Euch, edler Ritter?« fragte der andere, es bemerkend; »Ihr seht mich ja so liebevoll an, als wenn Ihr mir einen Kuß geben wolltet.« »So?« verfinsterte Padderow seine Züge; »das war allerdings nicht meine Absicht!« »Ah... solltet Ihr mir böse sein?« »Leider muß ich das manchmal«, grollte der Dicke weiter; »Ihr begeht manchmal Handlungen an mir, die mich an Eurer Aufrichtigkeit zweifeln lassen...« »Oh...oh!...« »Gewiß und wahrhaftig... Ihr redet Euch zwar immer heraus. - Ihr beweist mir auch oft Eure wahre und uneigennützige Freundschaft... aber ich kann mir nicht helfen... manchmal kommt es mir vor, als wenn Ihr boshaft gegen mich wär't.« » Es kommt Euch aber nur so vor, wackerer Kämpe.« - Der dicke Offizier konnte sich noch immer nicht beruhigen. »Nasewitzer!« blickte er nach einer Weile wieder auf; »der Tag, an dem ich Euch falsch erfände, würde ein entsetzliches Ende nehmen.« »Wie könnt Ihr Euch nur mit solchen Gedanken tragen... ich begreife gar nicht...« »Einer von uns beiden müßte blutend zur Erde sinken«, fuhr der dicke Leutnant fort; »ich würde Euch mit größter Seelenruhe niederschießen.« »Nein!...« entgegnete der andere; »so könnte ich nicht gegen Euch sein... bei Gott, das könnte ich nicht... ich würde jedenfalls an Euch vorbeischießen... obgleich das nicht ganz leicht ist.« Des Padderowers Groll schien zu schmelzen; denn seine Züge nahmen einen weicheren Ausdruck an, und nachdem er noch eine Zeitlang vor sich hinsimuliert, legte er plötzlich seinem Freunde die Hand auf den Arm und fragte in bereits sehr gemildertem Vorwurf: »Nasewitzer... seid offen... sagt es mir ganz aufrichtig...« »Was soll ich Euch sagen, Padderow... meine Seele liegt vor Euch wie ein aufgeschlagenes Buch.« »Weshalb habt Ihr mir vorhin in den Bauch gekniffen, Nasewitzer?« – »Ich hätte Euch in den Bauch gekniffen?« entgegnete der andere mit gut gespieltem Staunen; »wann sollte denn das geschehen sein?« »Ach... Ihr wißt es ja... als der Oberst mich fragte, wie mein Pferd hieße...« »Ach, als Ihr so schrieet?« »Ganz richtig!« »Na, weshalb schrieet Ihr denn aber, alte Seele?« »Nun, eben weil Ihr mich in den Bauch knifft... und weil ich das nicht vertragen kann.« »Seht Ihr wohl, so seid Ihr nun«, zog Nasewitz die Schultern empor; »in allem seht Ihr etwas Böses... selbst in den besten Absichten, die man mit Euch hat...« »Die besten Absichten?« machte Padderow ein verwundertes Gesicht. »Nun natürlich... ich wollte Euch aufmerksam machen, daß der Oberst Euch angeredet hatte... Ihr seid immer in so tiefen Gedanken...« »Ich hatte ja aber schon angefangen zu antworten...« »Nun«, lächelte Nasewitz, »es ist doch jedenfalls besser etwas zu spät, als gar nicht.« Padderow schien sich Mühe zu geben, das zu begreifen. »Hm!« machte er nach einer Weile; »weshalb knifft Ihr mich denn aber gerade in den Bauch und nicht anderswo?« »Nun... ganz natürlich... weil Ihr da am empfindlichsten seid...« »Ach so... also Ihr wolltet mir nur einen Wink geben, daß der Oberst mit mir?...« »Gewiß... was hätte ich denn sonst für eine Absicht haben können?« Der dicke Offizier gab sich noch ein Weilchen Mühe, die Geschichte zu verstehen, dann bot er dem Freunde die Hand. »Ich glaube Euch!« sagte er; »nichts für ungut!« »Nie und nimmermehr, biederes Herz !« »Wir sind wieder ganz die Alten... was?« »Und werden es bleiben bis ans Ende!« Unter diesem Gespräch waren sie vor ihren Wohnungen angekommen. »Auf Wiedersehen!« sagte Padderow; »kommt nicht zu spät auf Ressource.« »Ich hole Euch ab.« »Schön... und dann... das... Rettungsmittel... das vergeßt Ihr doch nicht!« »Wie könnt Ihr denken!« »Darf ich denn aber gar nicht wissen?...« »Kein Wort!... Vertrauen... und über nichts wundern... das ist das einzige, was Ihr dabei zu tun habt... alles andere ist meine Sache.« »Gut. – Auf Wiedersehen also!« »Auf Wiedersehen!« Und damit ging der eine in die Veste Knelling, und der andere in das Haus, wo der Kessel vor der Tür hängt. 5. Der Floh im Ohr Als es eben sechs schlug auf dem Rathausturm, stand Nasewitz mitten auf der Straße vor dem Hause mit dem Kessel und rief hinauf: »Padderow!« Alsbald klang ein Fensterflügel und man konnte trotz der Dunkelheit doch einen Kopf unterscheiden. »Seid Ihr es, Edler von Nasewitz?« »So ist es, Gestrenger. - Die Ressource ruft!« »Habt Dank für Eure Meldung... ich komme gleich.« Das Fenster schloß sich wieder, bald darauf polterte ein klirrender Tritt die Treppe herunter und die durch den umgehangenen Mantel noch dicker scheinende Figur des Padderowers trat zu dem langen Nasewitz heran. Sie reichten sich die Hand und dann schritten sie stolz und schweigend nebeneinander hin auf dem holperigen Straßenpflaster, der abendlichen Ressource zu. Padderow war in Gedanken und Nasewitz war auch in Gedanken. Letzterer arbeitete noch immer an seinem Plan. »Hm, hm«, grübelte er; »gebe ich ihm Instruktionen und sage ihm, wie er sich benehmen soll? - Das ist eigentlich riskant... denn erstens ist Padderow ein schlechter Schauspieler und könnte leicht aus der Rolle fallen und sich verraten... dann stände das Gelingen des ganzen Planes auf dem Spiel... auch wäre es eine Möglichkeit, daß er mir selber hinter meine Schliche käme... und wenn nun gar der alte Schimmelmann heute abend nicht da wäre... nein, nein, es ist jedenfalls besser, wenn er keine Komödianterei zu treiben braucht, sondern wenn ich direkt auf die Natur wirke, wie es meine ursprüngliche Absicht war... ist Schimmelmann nicht da, dann schadet es nichts, und ist er da, dann erkläre ich ihm die Symptome, ohne daß Padderow eine Ahnung davon hat...« Mittlerweile waren sie bei der Apotheke angekommen. »Donnerwetter!« sagte Nasewitz. - »Weshalb flucht Ihr, Burgherr von Knelling?« »Ich weiß gar nicht, wie mir ist.« »Wie ist Euch denn, würdiger Hidalgo?« »Ich möchte gerade mal in die Apotheke gehen und einen Bittern trinken.« »Der Gedanke ist nicht übel, das möchte ich eigentlich auch.« Nasewitz stutzte. »Nein«, sagte er dann; »tut das lieber nicht ... Ihr verderbt Euch den Groggeschmack zu heute abend ... und außerdem ist es Euch nicht gesund ...« »Meint Ihr wirklich ... weshalb sollte es nicht?« »Weil Ihr nie bei dem einen bleibt, sondern immer mehrere trinkt ... ich kenne das aus Erfahrung ...« »Wenn ich Euch aber die Versicherung gäbe ...« »Auf keinen Fall ... Ihr wißt, ich interessiere mich für Euer Wohl ...« »Wenn ich Euch einen Schwur leistete, beim Bart des Propheten ...« »Der Schwur paßt am allerwenigsten für Euch; denn der Prophet war ein Muselmann, und Ihr habt nicht das mindeste Talent zu einem Muselmann.« Padderow ärgerte sich, und Nasewitz ging in die Apotheke und kaufte für sechs Pfennige pulverisierten Rhabarber. »Äh!« machte er dann, als er wieder herauskam. »War er gut?« interessierte sich der andere dafür. »Burr«, schüttelte sich Nasewitz. Dann gingen sie weiter der Ressource zu. Wie wir bereits vorausgeschickt haben, befand sich das abendliche Vergnügungslokal für Militär und Zivil in den oberen Räumen des gelben Rathauses; auf der andern Seite hielt der wohlweise Magistrat seine Sitzungen, unter den Kolonnaden war die Hauptwache und die Wohnung des Restaurateurs Zieme, in welcher er auch noch eine Weinstube hielt, und neben dieser ein Material- und Essigladen derselben Firma. Auf dem unteren Flur stand gewöhnlich die Ratstabakswage, an welcher man sich die Knochen zerstieß, wenn man in Gedanken war. Eine breite, dunkle Treppe führte nach oben. Treten wir mit von Padderow und von Nasewitz ein und werfen einen flüchtigen Blick auf die Lokalität. Zuerst kommt man in ein großes, dreifenstriges, schmutziggelbes Zimmer, in dessen Mitte ein altes, fettiges Billard steht, über welchem eine schmierige Öllampe sich allabendlich damit beschäftigt, einen großen schwarzen Fleck gegen die Decke zu blaken. Der Provisor und ein feiner Ackerbürgersohn sind bereits beschäftigt, mit mehr oder minder kühnen Körperverdrehungen die Bälle in die Ecklöcher zu stoßen, denn von französischen Billards hatte man in jener Zeit noch keine Ahnung. Links vom Eingang stand ein schmales, schwarzes Sofa mit einem Tisch davor. Hier nahmen gewöhnlich diejenigen älteren Herren Platz, welche weder Abendbrot essen noch Karten spielen, sondern nur beim Glase Bier oder Grog die Zeit verplaudern wollten. Deshalb setzte sich auch hier der Rittmeister Schimmelmann her, um entweder dem Billardspiel zuzuschauen, oder sich auszuschimpfen wenn es jemand riskierte, sich in seine Nähe zu wagen. Das Sofa war bis jetzt aber noch leer. Den übrigen Raum des großen unheimlichen Zimmers nahmen, außer einem mächtigen Ofen, mehrere Spieltische ein, welche trotz der frühen Stunde schon sämtlich besetzt waren, mit Offizieren und Zivilisten im traulich bunten Gemisch. Da sah man den Schwadronschirurgus Mosse, einen kleinen Kerl, mit einer Brille und einer großen Warze auf der kleinen Nase; dann den Justizrat Schölplin, der stets eine goldene Dose und ein Glas Rotwein neben sich hatte und sich ein Ansehen gab, als wenn er Minister wäre; den Tierarzt Krahl, der so dicke Finger hatte, daß er die Karten nicht halten konnte; die Premierleutnants von Schädell und von Ströllpitz, die wir bereits kennengelernt haben; den Buchdrucker und Theaterrezensenten Kajob, der aussah, als wenn er die Weisheit mit Suppenlöffeln gegessen hätte; den süßlichen Assessor Glutstein, der sich immer erst die Hand abwischte, ehe er sie einem gab und dessen Frau manchmal nächtliche Serenaden gebracht wurden, die aber sonst durchaus weiter keinen Zweck hatten; und schließlich unter anderen noch den kleinen Schwadronsarzt Klaubert, welcher stets so freundlich dreinschaute, wie eine Schwalbe, wenn sie auf ihrem Nest sitzt. Durch einen breiten Mauerausbruch blickt man in ein kleineres, schmaleres Zimmer, durch dessen ganze Länge ein mit Wachstuch beschlagener Tisch gestellt ist, an welchem Abendbrot gegessen, Grog getrunken und nachher geraucht und Unterhaltung gepflogen wird. Hier sitzen in der Regel die Leutnants, selten ein Zivilist unter ihnen. Aus diesem Gemach führte eine Tür mit einem Glasfenster auf die Treppe, welche die Verbindung mit der Küche herstellt. An der langen Wand, dem Mauerausbruch gegenüber, steht die Schenke, auf der man verschieden geformte Gläser und diverse Sorten von Spirituosen in großen wespenähnlichen Flaschen bemerkt. Mit dem Rücken gegen die Schenke gelehnt und nur höchst selten seinen Platz verlassend, steht der alte Zieme, der Vater des jungen Zieme, ein kleiner, dicker Mann mit einem langen, grauen Rock und einem kurzgeschorenen, weißhaarigen Kopf, welcher die auffallendste Ähnlichkeit mit der Physiognomie eines Meerschweinchens hat. Er spricht fast nie, sondern dreht sich nur ab und zu um, wenn er die Anwandlung empfindet, einen kleinen Kümmel zu pfeifen. Der junge Zieme, der vielleicht ebenso aussehen kann wie sein Vater, wenn er ebenso alt ist, geht hin und her und sieht nach Ordnung, und der blasse, verkommene Kellner lehnt elegisch an einem Türpfosten, den Kopf träumend zurückgelehnt und über dem Arm eine Serviette, die nach der nächsten Wäsche schmachtet. Dcr lange Tisch in dem kleinen schmalen Zimmer ist auch schon ziemlich besetzt; obenan, mit dem Rücken gegen das Fenster, erblickt man den alten Grafen, ein dampfendes Glas Grog vor sich, eine lange, dampfende Pfeife im Munde und auf dem alten Gesicht eine tief nachdenkliche Miene. Neben ihm sitzt der Premierleutnant von Ströllpitz, denselben Beschäftigungen hingegeben, mit kirschrotem Kopf und dienstlich ernster Miene, als wenn er über einen wichtigen Punkt der Packinstruktion nachdächte. Diesen beiden reihen sich an der Premierleutnant von Kreidefleck, mit seinem abgeknabberten Schnurrbart und der freundlich boshaften Miene; der kleine Rührbrägen mit den kurzsichtig zugekniffenen Augen; der lange blasierte Sponeck, der anstatt des landesüblichen Grog eine halbe Flasche in den Gauen von Crossen gewachsenen Château-Lafitte schlürft; die Fähnriche von Klötersdorf und von Strammin, denen bei jedem Schluck des ungewohnten Grog die Augen übergehen und die zu jeder Bemerkung der Offiziere in verschämter Bewunderung lächeln; der Leutnant von Plinker, der auf der Lohmühle seine Pfeife stehen hat, und schließlich noch ein Leutnant von Drenkenberg, ein schwatzhafter, ältlicher, verlebter Herr, mit einer kleinen blonden Perücke und einem merkwürdig üppigen Schnurr- und Backenbart, dessen Fülle mit den weichlich schlaffen Zügen des blassen Angesichts im Widerstreit steht. Die Offiziere waren bereits in lebhafter Unterhaltung, als Nasewitz und Padderow eintraten. »Ich entbiete den Herren meinen Gruß«, sagte letzterer mit einer vornehm graziösen Handbewegung. Die Offiziere nickten lächelnd, bis auf den alten Grafen, der nicht aufgepaßt hatte, und die beiden Fähnriche erhoben sich in dienstlich straffer Haltung und drückten auf diese Weise ihre Grüße aus. »Ich bitte die jungen Waffengefährten, Platz zu behalten!« winkte von Padderow abermals, worauf die Fähnriche sich setzten, ihre Pfeifen wieder in den Mund nahmen und den Ausdruck der verschämten Bewunderung auf ihre Züge zurückriefen. Der dicke Offizier wollte nun nach einem leeren Stuhl neben dem Premierleutnant von Ströllpitz gehen, doch Nasewitz, der unterdes von der unteren Ecke des Tisches aus nach dem schmalen schwarzen Sofa im Vorzimmer geäugelt hatte, hielt ihn von diesem Vorhaben ab. »Laßt Eure ehrfurchtgebietende Gestalt an diesem Ende der gastlichen Tafel nieder«, sagte er; »der Plinker raucht so schlechten Tabak; das können Eure edlen Nerven nicht vertragen.« Padderow willfahrte der wohlgefälligen Bitte seines langen Freundes und setzte sich dergestalt auf den ihm hingeschobenen Stuhl, daß er seine volle Vorderfront dem schwarzen Sofa im Vorzimmer zukehrte. »Ein Glas Grog, Kellner; aber ein bißchen stramm ... und meine Pfeife!« gebot der dicke Offizier, nachdem er umständlich Platz genommen. Der wehmütige Kellner erwachte aus seinem Traum, brachte die verlangte Rauchmaschine nebst brennendem Fidibus und schickte sich an, das Getränk aus der Küche zu holen. »Pst! Wilhelm!« machte Nasewitz ganz leise. Der Gerufene blickte sich um. »Schütten Sie den Inhalt dieser Tüte in das Glas des Herrn von Padderow«, flüsterte der Offizier; »es ist Zucker ... Sie brauchen aber von Ihrem deshalb nicht zu sparen.« »Schön!« wisperte der Kellner zurück; »die ganze Tüte voll soll ich also 'reinschütten?« Die Blicke des Herrn von Nasewitz fielen jetzt zufällig auf den alten Zieme, der wie ein menschgewordenes Meerschweinchen vor der Schenke stand und stillvergnügt vor sich hinblickte. »Nein ...« flog ein eigentümliches Lächeln um die schmalen Lippen des langen Offiziers; »ich werde eine Prise herausnehmen.« Der Kellner pellte die Tüte auseinander, Nasewitz griff mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand hinein, dann huschte ersterer die Küchentreppe hinunter, und letzterer quetschte sich hinter dem Stuhl des Padderowers durch, um den Platz neben demselben einzunehmen. »Guten Abend, guten Abend, alter Zieme!« drückte er mit dem rechten Arm den Nichtsahnenden plötzlich an sich, während die Linke unterdes die Prise Rhabarber in das kleine Kümmelgläschen fallen ließ, dessen Inhalt jener vor kurzem ausgetrunken. »Nabend, Nabend, Herr Leutnant!« stöhnte der alte Zieme mit gepreßtem Atem. »Immer noch frisch und munter, alter Zieme?« »Danke, danke, Herr Leutnant.« Dann setzte sich Nasewitz auf seinen Stuhl, und der alte Zieme stellte sich wieder gegen die Schenke und machte ein stillvergnügtes Gesicht. »Na, Ihr kommt ja heute sehr spät«, wendete sich der verlebte Drenkenberg mit der kleinen blonden Perücke und dem üppigen Bart an Padderow; »habt wohl wieder Finanzoperationen gemacht; darin seid Ihr wirklich ein Meister, das muß Euch der Neid lassen ...« Über das bärtige Gesicht des dicken Offiziers flog ein Schatten des Unbehagens, und der lange Nasewitz warf einen schnellen Blick nach dem schwarzen Sofa im Vorzimmer. »Gut, daß Schimmelmann noch nicht da ist!« dachte er; »aber wenn er heute überhaupt nicht käme, das wäre fatal.« Dann suchte er schnell die Unterhaltung von dem mißliebigen Thema abzubringen. »Na, Drenkenberg, was macht die neue Fuchsstute?« redete er den welken Offizier an. Dieser ging sofort mit der ihm eigentümlichen Schwatzhaftigkeit auf den neuen Gegenstand ein. »Das ist ein famoser Gaul, sage ich Euch«, belebte sich das dürre Gestell des alten Leutnants; »ein Gangwerk, wie ich es in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe, und verstehe doch ein Pferd zu beurteilen ... so kommt er vorne 'raus!« begleitete er seine Erzählung, mit entsprechenden Bewegungen der beiden Arme; »und so nimmt er den Schwanz dabei in die Höhe ... purr, purr, purr!« Der alte Zieme glaubte die allgemeine Aufmerksamkeit der Zuhörer benutzen zu können, um sich unbemerkt einen kleinen Kümmel einzuschenken und denselben herunterzuschmeißen. Wenn ihn aber jemand angesehen hätte, als er sich wieder umwendete, würde er bemerkt haben, daß er den linken Mundwinkel und den linken Nasenflügel emporzog, als wenn es nicht ganz nach seinem Geschmack gewesen wäre, und nachher dauerte es eine ganze Weile, ehe er wieder ein stillvergnügtes Gesicht machte. Als Drenkenberg vorher die Töne: purr, purr, purr! ausgestoßen, war der alte Graf aus seinem Traum erwacht und hatte sich verwundert umgesehen. »Donnerwetter ... das war gerade, als wenn hier ein Paar Rebhühner aufflögen«, sagte er. Die beiden Fähnriche wußten nicht, ob sie über diese Bemerkung ihre dienstliche Bewunderung ausdrücken dürften, griffen daher in verlegener Ungewißheit zu ihren Gläsern, verschlückerten sich und wurden nachher ganz rot im Gesicht, weil sie den Reiz in der Luftröhre unterdrücken wollten, ohne zu husten. Der Premierleutnant von Ströllpitz stieß ein kurzes Gelächter aus, das von dem dienstlichen sich dadurch unterschied, daß es einen wiehernden Charakter hatte; Herr von Kreidefleck knabberte maliziös am Schnurrbart; Herr von Sponeck schlürfte einen Schluck Crossener Lafitte und wechselte mit dem Überschlag der Beine; Padderow sah sich ungeduldig nach seinem Grog um, und Nasewitz ließ einen Blick von dem alten Zieme nach dem schwarzen Sofa gleiten, das noch immer unbesetzt war. Der lebhafte Geist des welken Drenkenberg ging sofort von dem vorigen Thema zu dem vom alten Grafen angeregten neuen über. »Habe ich dir schon die Büchsflinte gezeigt, die mir mein Bruder, der Premierleutnant von den Garde-Kürassieren, geschickt hat?« wandte er sich an Schwülenberg; »das ist ein sauberes Ding; mit der Kugel links einen Rehbock ... paff ... mit dem Schrot rechts eine Doublette Rebhühner ... puff! – Aber es gehört natürlich ein Schütze dazu ... Jeder kann das nicht ... was unsereinen anbetrifft, so hat er schon manch Jährchen Übung hinter sich ...« »Äh!« machte der alte Zieme gegen seinen Willen. Sofort drehte sich Drenkenberg nach ihm um. »Nicht wahr, Gevatter Zieme; da könnt Ihr auch ein Wort mitreden?« attackierte er nun diesen; »wißt Ihr noch, wie wir beim Oberförster Horn zur Jagd waren, wo ich die Schwalbe mit der Büchsenkugel schoß ... klatsch ... da lag sie ... was?« »Ach, die ist ja vor Schreck 'runtergefallen«, wieherte Ströllpitz; »nachher ist sie wieder weitergeflogen.« »Ich will doch mal wieder zur Möhrenstolz gehen«, sagte der alte Graf, der an der Unterhaltung gar keinen Anteil genommen hatte, sondern nur seinen eigenen Gedanken nachhing; »die Molly ist doch ein teufelmäßiges Frauenzimmer ... ich möchte bloß wissen, ob es meine Pfeife ist, die da steht, oder ob sie Plinkers ist ...« »Ach ... das ist ja nicht wahr«, genierte sich der letztere; »wie werde ich denn da meine Pfeife stehen haben ...« »Na ja ... dann ist es meine«, lächelte der alte Graf; »ich habe es ja gleich gesagt ... mir fehlt allerdings keine zu Hause ... aber wenn sie nicht Plinkers ist, dann muß es doch meine sein ... der Teufel mag nur wissen, welche ...« Bei der Erwähnung der Möhrenstolz hatte Drenkenberg sofort wieder eine Frontveränderung vorgenommen. »Ja, da hast du recht«, sagte er, indem die matten Augen einen schwachen Versuch zum Strahlen machten; »die Molly ist wirklich ein nettes Mädchen ... unsereiner versteht sich nämlich darauf, trotzdem man ein alter Kerl geworden ist ... aber die Versicherung kann ich Euch geben, Fähnrichs ... ich würde Euch noch 'was zu raten aufgeben. – Habt Ihr auch schon eine kleine Bekanntschaft angeknüpft ... he?« Die beiden, eben aus dem Kadettenkorps entlassenen, noch gänzlich unschuldigen Jünglinge erröteten tief ob dieser verfänglichen Frage und senkten die Blicke auf ihren erkaltenden Grog hinab. »Hier sind ja gar keine Mädchen, für die man sich interessieren könnte«, näselte der blasierte Sponeck; »ich möchte eigentlich ein paar Sardinen essen; aber die gibt's hier auch nicht.« Drenkenberg sah die Fähnriche eine Weile an. »Donnerwetter!« legte er dann wieder los; »ein königlich preußischer Fähnrich und noch keine Geliebte ... ne, so 'was ist noch nicht dagewesen, so lange Garnison in Hasenbalg liegt, unsereiner würde sich geschämt haben, wenn er solches Geständnis hätte machen müssen, nicht wahr, alter Graf?« »Ich werde doch mal zu Hause nachsehen, ob mir eine fehlt«, brummelte dieser vor sich hin; »und wenn eine fehlt, dann steht sie natürlich da ... aber ich weiß dann immer noch nicht, welche ... es ist eine teufelmäßige Geschichte.« – »Äh!« machte der alte Zieme wider seinen Willen. In diesem Moment kam der Kellner mit einem dampfenden Glase Grog und stellte es vor den heute abend sehr schweigsamen Padderow. Um Nasewitzens Mund spielte ein feines Lächeln, und seine Blicke prüften aufmerksam die goldbraune Flüssigkeit, welche sich vollkommen klar und ungetrübt erwies. Padderow nahm den Löffel, rührte sorgfältig in dem Glase herum und sog dann mit seiner kurzen, schiefgebogenen Nase wohlgefällig den Duft ein. »Schönes Grogchen!« nickte Herr von Kreidesteck; »geben Sie mir auch eins, Wilhelm!« »Mir auch!« sagte der alte Graf, der gewöhnlich nachmachte, was ein anderer ihm vortat. »Mir noch 'ne halbe Flasche Lafitte!« gähnte Sponeck, obgleich seine vorige noch dreiviertel voll war. Der kleine Rührbrägen kniff die Augen zusammen und summte ein Liedchen vor sich hin. Padderow hatte unterdes den Löffel weggelegt, das Glas in die ritterliche Rechte genommen, mit seinen dicken Lippen eine Weile gepustet und sich dann zum ersten Schluck entschlossen. Aber es wurde kein großer, wie es sonst seine Gewohnheit war, denn kaum hatte die Zunge gekostet, als er das Glas wieder absetzte und eine Grimasse schnitt. »Es ist wohl zu heiß?« fragte Nasewitz. »Schmeck' du und der Teufel!« schüttelte sich Padderow; »das Zeug ist nicht zu trinken.« »Oh!« machte Kreidefleck; »der Grog ist doch sonst sehr gut.« »Natürlich ist er das«, sagte Padderow; »aber hier muß 'ne Wanze rein'gefallen sein.« In diesem Augenblick trat der Rittmeister Schimmelmann ins Vorzimmer, hing Mantel und Mütze an den Nagel und machte ein Gesicht, als wenn er alle Leute beißen wollte. Nasewitz wurde ängstlich zumute; das brummige Antlitz dort, und hier die empfindlichen Geschmacksnerven seines Freundes; das drohte seinen ganzen Plan umzuwerfen. Im nächsten Moment war er aber wieder Herr der Lage. »Was ist denn das, Wilhelm?« nahm er seinem Freunde das Glas fort, um es dem Kellner zurückzugeben; »bringen Sie einen andern Grog für Herrn von Padderow und mir auch einen.« Dann raunte er ihm leise ins Ohr: »Für Herrn von Padderow dasselbe Glas, bloß von neuem heißgemacht; verstanden?« Über des Kellners bleiche Züge glitt ein wehmütiges Lächeln des Einverständnisses; dann verschwand er durch die Treppentür und kam nach wenigen Minuten mit zwei dampfenden Gläsern zurück. Nasewitz nahm ihm sofort beide aus der Hand. »Vortrefflich!« sagte er, zuerst den früheren Grog seines Freundes kostend und den Abscheu davor glücklich überwindend; »ausgezeichnet!« setzte er nachher hinzu, mit dem zweiten Glase die Lippen benetzend; »da, kostet jetzt einmal!« hielt er dann das erste dem Padderower hin. Dieser tat vertrauensvoll einen kräftigen Schluck. »Pfui!« schüttelte er sich aber gleich darauf; »das ist ja ganz dasselbe verfluchte Zeug.« »Aber, ich begreife Euch nicht«, wunderte sich Nasewitz, ihm dasselbe Glas noch einmal hinreichend; »kostet doch meinen, ob Ihr einen Unterschied findet ... aber einen ordentlichen Zug.« Padderow trank mit abermaligem Vertrauen das halbe Glas aus und schlug dann mit der Faust auf den Tisch. »Na?« fragte Nasewitz; »schmeckt das anders oder ebenso?« »Ebenso!« schudderte der dicke Offizier zusammen; »als wenn des Teufels Großmutter ihn gebraut hätte!« »Das muß heute an Eurem Geschmack liegen«, stellte Nasewitz seinem Freunde dessen ursprünglichen Grog wieder hin, indem er sich das andere Glas nahm. »Der Grog ist ja ausgezeichnet«, stimmten auch die anderen bei. Der Padderower machte ein nachdenkliches Gesicht. »Sollte der Mistkäfer, der mir in den Hals geflogen ist, vielleicht eine Wanze gewesen sein?« wandte er sich dann an seinen Freund. »Hm!« machte dieser; »unmöglich wäre es gerade nicht ... dann müßt Ihr mehr trinken, damit Ihr Euch den Geschmack wegspült.« »Ich möchte lieber Rotwein trinken«, meinte Padderow. »Der würde Euch ebenso schmecken, mannhafter Recke; ich rate Euch entschieden, mit dem Grog fortzufahren.« »Mir wird schlimm danach ...« »Einbildung, tapferer Ritter! ...« »Nein, nein ... es wurmt mir so im Leibe herum ...« »Äh!« machte der alte Zieme wider seinen Willen. »Trinkt ruhig weiter«, stand Nasewitz, sein Glas mitnehmend, auf; »ich will mal ein bißchen zusehen, wie sie Billard spielen. – Auf Wiedersehen!« »Adieu, Kind! ... Au!« »Habe ich Euch getreten?« »Nein ... es hat mich so gestochen.« Nasewitz ging mit seinem Glase und seiner Pfeife in das Vorderzimmer. Lassen wir die Offiziere am langen Tisch ihre Unterhaltung fortsetzen und folgen wir ihm. Als der lange Leutnant die Schwelle überschritten hatte, hörte er, daß Schimmelmann bereits im besten Zuge war, an der ganzen Gesellschaft seine schlechte Laune auszulassen, indem er durchaus keine Rücksicht darauf nahm, ob er das Spiel störte oder nicht. Am giftigsten war er aber auf den kleinen Doktor Klaubert, der bei seiner Schwadron stand. »Sie lernen auch in Ihrem ganzen Leben nicht reiten«, grunzte er den friedlichen Whistspieler an; »die Kassiopeia ist ein wahres Lamm; aber sowie Trab kommandiert wird, torkeln Sie auf ihr 'rum, als wenn Sie betrunken wären ... sehen überhaupt d'rauf aus wie ein Affe auf dem Kamel ... werde Sie nächstens bei den Rekruten mitreiten lassen, wenn Se sich nicht bald mehr Mühe geben ...« »Na, der ist ja heute in 'ner netten Laune!« dachte Nasewitz, während der kleine Doktor ein ganz freundliches Gesicht machte und eben das Trick gewann. »Herr Rittmeister, wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, sich mal mit einem andern zu unterhalten«, knarrte der Justizrat Schölplin, nachdem er mit äußerster Vornehmheit eine Prise aus der goldenen Dose genommen; »Sie bringen dem Doktor Glück; das ist ja gar nicht mehr auszuhalten.« Schimmelmann sah den Justizrat an, als wenn er ihn mit Haut und Haar vertilgen wollte und brummte etwas Unverständliches in den struppigen Bart; dann bestellte er sich ein Glas Grog und blickte sich nach einem neuen Opfer seiner schlechten Laune um. Nasewitz benutzte geschickt diesen günstigen Augenblick und machte ihm eine höfliche Verbeugung, die jener aber nur durch ein Grunzen erwiderte. »Guten Abend, Herr Rittmeister«, wiederholte der lange Offizier den Gruß. »Nabend!« brummte Schimmelmann, seinen Untergebenen von Kopf zu Fuß messend, ob er nicht irgend etwas an ihm auszusetzen finden könnte. Nasewitz machte ein drittes Kompliment und strahlte förmlich vor Vergnügen. »Worüber freuen Sie sich denn eigentlich?« grunzte ihn Schimmelmann an. »Wie befehlen der Herr Rittmeister?« fragte der Leutnant, als ob er nicht verstanden habe, indem er sich mit seiner Pfeife und seinem Grog auf einen der Stühle niederließ, die neben dem schwarzen Sofa standen. Schimmelmann war anfangs ganz verdutzt über diese Dreistigkeit; dann sah er seinen Leutnant an, als wenn er ihm gern recht etwas Empfindliches antun möchte, das er aber augenblicklich noch nicht finden konnte. »Recht hübsches Wetter heute abend!« wagte Nasewitz, in äußerster Liebenswürdigkeit, die Unterhaltung anzubahnen. Die Pockennarben in des Rittmeisters Gesicht färbten sich immer dunkler vor Ärger. »Wird morgen früh wahrscheinlich wieder hübsches Wetter sein«, sprach der lange Offizier weiter. »Herr, was wollen Sie eigentlich!?« fuhr Schimmelmann ihn jetzt an. Nasewitz nahm nicht die geringste Notiz von dem wachsenden Unmut seines Vorgesetzten, sondern rückte mit immer größerer Liebenswürdigkeit seinem Ziele näher. »Wenn Padderow des Morgens zuerst die Bahn hat, ist es regelmäßig gutes Wetter«, fuhr er fort; »aber wenn ich zuerst reiten lasse, ist es immer schlecht.« Bei der Nennung des Namens, der nie einen guten Klang in seinen Ohren gehabt hatte, verfinsterten sich die Züge des alten Schimmelmann noch um ein ganz Bedeutendes, und er warf unwillkürlich einen bösen Blick nach dem kleinen Zimmer, in welchem ihm die volle Vorderansicht des dicken Offiziers zuteil wurde. So sehr es auch seiner Natur widerstrebte, sich eine Unterhaltung aufdrängen zu lassen, so konnte er es auf der anderen Seite trotzdem nicht unterdrücken, seinem Ärger über Padderow ein Ventil zu öffnen. »Der kehrt sich viel ans Wetter«, brummte er; »ob's gut ist oder schlecht, zu spät kommt er doch in den Dienst.« Jetzt war es Nasewitz, der nicht anwortete, um den andern sich noch mehr entwickeln zu lassen. »Nun muß man sich ein ganzes Jahr mit ihm 'rumärgern.« brummte Schimmelmann weiter; »denn eher versetzt ihn der Oberst nicht ... na ... vielleicht dauert's aber doch nicht so lange ... die Geschichte kann unmöglich so weiter gehen ...« Hier unterbrach ihn Nasewitz durch einen tiefen Seufzer. Der Rittmeister blickte ihn verwundert an. »Was machen Sie denn nun wieder?« grunzte er ihn an; »jetzt sehen Sie ja ganz anders aus, wie vorhin!« Der lange Offizier zuckte mit einer tragischen Gebärde die Achseln. »Er tut Ihnen wohl leid?« fragte der Rittmeister. »Furchtbar!« rief Nasewitz, mit einem so plötzlichen und heftigen Gefühlsausdruck, daß Schimmelmann unwillkürlich zurückschreckte. »Dann sollten Sie ihn aber nicht fortwährend necken«, sagte er nach einer Pause. »Sie haben auch ein ganz Teil Schuld daran, daß Padderow sich so verbummelt hat.« »Ich werde ihn niemals mehr necken«, wiegte Nasewitz langsam und ernst das blasse Haupt; »nie mehr, seitdem ich weiß ...« »Seitdem Sie was wissen?« »Und Sie, Herr Rittmeister«, fuhr der Offizier fort, ohne jene Frage zu beantworten; »Sie sollten doch ebenfalls etwas duldsamer gegen ihn sein, seitdem Sie wissen ...« »Seitdem ich was weiß?« polterte Schimmelmann heraus. »Der Mensch ist doch am Ende ein Mensch, Herr Rittmeister«, versuchte Nasewitz ein wehmütiges Lächeln. »Herr, ich verstehe Sie nicht!« »Und man war doch eher Mensch, ehe man Soldat wurde ...« »Wollen Sie mir nun gefälligst sagen? ...« »Selbst Sie, Herr Rittmeister, waren zuvor Mensch, ehe Sie Soldat wurden ...« »Donnerwetter und kein Ende!« »Deshalb sollten Sie sich auch zuweilen daran erinnern, daß Sie ein Herz in Ihrem Busen tragen ...« »Halten Sie den Mund, Herr!« schrie Schimmelmann, dem sich förmlich die Haare sträubten, vor Ärger. Nasewitz ließ sich aber dadurch nicht im mindesten irre machen. »Und bedenken«, fuhr er, zu einem milden Ernst übergehend fort, »daß Sie doch eigentlich, wenn auch nicht direkt, so doch unzweifelhaft indirekt, die Veranlassung gegeben haben zu des armen Padderow Zerstreutheit und etwas unregelmäßiger Lebensweise ...« »Nun wird's mir aber, hol' mich der Satan, zu arg!« schrie Schimmelmann mit wutheiserer Stimme; »ich soll die Veranlassung seiner Verbummelung sein!?« »Ganz gewiß!« nickte Nasewitz; »denn ehe er bei Ihrer Schwadron stand, war es lange nicht so schlimm ...« »Herr, Sie sind plötzlich verrückt geworden oder betrunken!« rief der Rittmeister, außer sich vor Wut; »gehen Sie nach Hause ... morgen werden wir uns weiter sprechen.« Des Leutnants Züge nahmen plötzlich einen fast strahlenden Ausdruck an. »Ach, das ist schön von Ihnen«, streichelte er leise Schimmelmanns Arm; »Sie wollen es sich überlegen ... Sie wollen Ihr Herz nicht mehr verschließen ... Sie wollen ihm wenigstens Hoffnung machen ...« Da Schimmelmann nichts mehr zu sagen wußte, trommelte er vor Wut mit beiden Fäusten auf den Knien herum, und blickte seinen Quälgeist an, als wenn er ihn verschlingen wollte. »Wie dankbar er Ihnen sein wird!« nickte Nasewitz ihm freundlich zu. Der Rittmeister stieß einen hohlen Ton aus. »Und sie vielleicht auch ...« »Wer?!« »Sie!« »Ich?« »Nein ... sie ...« »Mich rührt der Schlag«, heulte Schimmelmann; »ich kann's nicht mehr aushalten ... uh ... hu ... ich kann es nicht verstehen ... wen meinen Sie denn, ins Drei Teufels Namen, wenn Sie mich nicht meinen?« »Nun ...« machte Nasewitz, etwas verwundert, aber mit einer fast heiligen Unschuldsmiene ... »Ihr Fräulein Tochter.« Jetzt schien den alten Schimmelmann wirklich der Schlag gerührt zu haben; denn er saß plötzlich, als wenn er versteinert wäre, und starrte seinen Leutnant mit weit aufgerissenen Augen und offenem Munde an. »Nun ... wer sollte Ihnen denn sonst noch dankbar sein, als sie?« fragte Nasewitz mit glaubwürdigster Einfalt. »Was haben Sie eben gesagt, Mensch?« fragte der Rittmeister nach einer geraumen Weile, mit leisem, fast verstorbenem Organ. »Was ich gesagt habe?« wiederholte der Leutnant; »daß Ihr Fräulein Tochter Ihnen vielleicht auch dankbar sein wird, wenn Sie den armen Padderow nicht von jedem Annäherungsversuch zurückschrecken ... denn es ist doch möglich, daß sie seine stille Liebe bemerkt hat ... daß sie dieselbe vielleicht erwidert ...« Schimmelmann blickte seinen Leutnant mit einem unbeschreiblich merkwürdigen Gesicht an; dann fuhr er sich durch das Haar, zupfte sich am Schnurrbart und drückte sich mit beiden Händen den Vorderkopf. »Erzählen Sie mir die Geschichte noch mal!« sagte er dann mit gedämpftem Ton. »Aber, Herr Rittmeister, sollten Sie denn das wirklich nicht bemerkt haben?« lächelte Nasewitz. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort ... keine Idee!« »Diese stille ... fast anbetende Liebe wäre Ihnen entgangen?« »Vollständig! – Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort; vollständig!« »Er steht ja die ganze Nacht unter dem Fenster Ihrer Fräulein Tochter ...« »Unter dem Fenster steht er ... na, so 'was lebt in der Welt nicht mehr!« »Da ist es wohl verzeihlich, wenn er manchmal etwas zu spät in den Dienst kommt ...« »Nein, das müßte er dennoch nicht tun! ...« »Und wenn er zerstreut ist ...« »Heiliger Ruppsack; was muß ich hören!« »Wenn er durch Hoffnungslosigkeit fast bis zur Verzweiflung getrieben, sich zu betäuben sucht ... in Schulden gerät ...« »Wissen Sie, lieber Nasewitz, mir tut das Gehirn weh«, sagte Schimmelmann, sich wieder den Vorderkopf drückend. »Freuen Sie sich denn aber nicht darüber, Herr Rittmeister?« »Na, was werde ich mich denn nicht freuen«, ging der Alte bereits zu einem Schmunzeln über, das man selten an ihm wahrnahm; »jeder Vater verheiratet doch am Ende gern eine Tochter, namentlich wenn er mit vieren gesegnet ist ... ich kann es mir nur immer noch nicht recht denken ... gerade Padderow, von dem man sagt ... daran würde ich mich allerdings nicht stoßen ... und für das Mädchen ist es auch nicht so schlimm ... was man nicht kennt, das entbehrt man auch nicht ... vielleicht ist es auch gar nicht 'mal wahr ... nein, sagen Sie bloß, lieber, guter Nasewitz ... ist es denn die Menschenmöglichkeit? – Es will mir immer noch nicht in den alten Schädel, daß dieser dicke Padderow in meine ... nein, so etwas hätte ich mir nicht träumen lassen.« »Aber, Herr Rittmeister; das sieht man doch auf den ersten Blick, daß der bis über die Ohren verliebt ist«, flüsterte der lange Leutnant; »beobachten Sie ihn doch einmal, wie still und in sich gekehrt er dasitzt ... wie er vor sich hinstarrt ... wie blaß er ist ...« »Ja«, nickte Schimmelmann; »wenn man's weiß, kann man sich's wohl denken ... aber wenn man es nicht weiß ... dann würde ich gesagt haben, dem Padderow ist unwohl ...« »Haben Sie gesehen, wie es eben in seinem Gesicht zuckte ...« »Allerdings ... es scheint ihm was weh' zu tun ...« »Das ist ja die Verzweiflung ... die gewaltsam unterdrückte Leidenschaft ...« »Das ist die Möglichkeit!« »Da! ... sahen Sie, wie er eben mit der Hand krampfhaft nach dem Herzen griff?« »Ja freilich ... ich dachte nur, es wäre nach dem Bauch gewesen ...« »Oh! ... die Entfernung täuscht ... und dann sank ihm auch gleich die schlaffe Hand herunter ... er leidet jetzt die schrecklichsten Seelenqualen ...« »So? Wenn ich's nicht wüßte, würde ich sagen, er hätte Leibschmerzen.« »Und dann trinkt er auch nicht ... sein Glas ist noch halb voll und er rührt es nicht an ... das ist doch gewiß auffallend ...« »Ja; das ist freilich auffallend.« »Ist der alte Zieme vielleicht auch verliebt?« fragte Schimmelmann, seine Beobachtungen weiter ausdehnend. »Wieso, Herr Rittmeister?« »Er faßt sich auch immer mit der Hand dahin und schneidet ganz wunderbare Gesichter dabei.« – Nasewitz mußte unwillkürlich lächeln. »Bei dem wird es wohl andere Ursachen haben«, sagte er; »bitte, sehen Sie jetzt aber nicht so viel nach Padderow; die Herren an den Spieltischen werden schon aufmerksam, und die Sache muß doch vorläufig wohl noch geheim gehalten werden ... es ist doch immer noch nicht gewiß, ob Gegenliebe bei Ihrer Fräulein Tochter vorhanden ist ...« »Sagen Sie, bester Nasewitz«, legte ihm der Rittmeister vertraulich die Hand auf den Arm ... »in welche ist er denn eigentlich verliebt?« Der lange Offizier geriet ein wenig in Verlegenheit, weil er erstens die Namen der vier Töchter nicht mit Zuverlässigkeit im Gedächtnis hatte, und weil er zweitens auch nicht wußte, welcher er das trügerische Glück angedeihen lassen sollte. »Na?« drängte Schimmelmann. »Die jüngste, Herr Rittmeister.« »Die Melusine?« Nasewitz nickte. Das Schmunzeln verschwand plötzlich von des alten Rittmeisters Zügen und er schüttelte ernst und bedenklich den Kopf. »Hm!« machte er; »das ist ein Unglück ...« »Wieso?« fragte Nasewitz. »Dann kann aus der Geschichte nichts werden ... so leid es mir tut ... ich wäre ja herzlich gern eine losgeworden ... weshalb verliebt er sich nun aber auch gerade in die jüngste?« »Ja ... das finde ich eigentlich ganz natürlich«, meinte Nasewitz. »Wenn Herr von Padderow Kreisrichter wäre ... und ich Apotheker ... dann hätten Sie freilich recht«, knurrte Schimmelmann etwas mißmutig ... »aber er ist Leutnant ... und ich bin Rittmeister ... vom soldatischen Standpunkt aus müssen wir die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Altersfolge aufrechterhalten ... der älteste Premierleutnant wird zuerst Rittmeister; dann kommt der zweite, dann der dritte, und zuletzt der vierte. Ganz ebenso ist es mit den Soldatentöchtern; erst heiratet die älteste, dann die zweite, dann die dritte, und zuletzt die vierte. – Der jüngsten aber zuerst die Haube aufzusetzen, das wäre eine schreiende Beleidigung und Ungerechtigkeit gegen die andern, eine Zurücksetzung, eine Übergehung ... ein übergangener Offizier muß den Abschied nehmen ... eine übergangene Tochter bleibt sitzen und wird 'ne alte Jungfer.« »Aber, Herr Rittmeister«, wandte Nasewitz ein; »das ist doch unmöglich Ihr Ernst ...« »Mein heiliger, unabänderlicher Wille«, sagte Schimmelmann fest; »es tut mir leid, aber es geht nicht anders!« Dem langen Leutnant war das sehr unangenehm. – Die Sache hatte sich bis jetzt so hübsch angelassen ... Alles war fast über Erwarten geglückt und nun sollte der ganze Plan scheitern an dem Eigensinn des alten, eingefleischten Soldaten; das durfte auf keinen Fall sein ... Nasewitz senkte nachdenkend den Kopf; dann hob er ihn schnell nach einem Weilchen wieder empor. »Hm ... der arme Padderow«, sagte er; »vielleicht auch Fräulein Alphonsine ...« Schimmelmann sah ihn leicht verwundert an. »Melusine«, verbesserte er. »Alphonsine«, wiederholte Nasewitz. »Sie sagten doch aber erst Melusine ...« »Bitte um Entschuldigung, ich sagte Alphonsine.« Der Rittmeister fuhr sich mit beiden Zeigefingern in die Ohren und stellte Bohrversuche damit an. »Sollte ich mich denn so verhört haben?« sagte er. »Ohne Zweifel ... die Namen klingen alle so ähnlich ...« »Das ist eine Idee von meiner Frau ... ich habe ihr gleich gesagt, das gibt einmal Konfusionen; aber sie wollte ja nicht hören ... drei endigen sich auf ›sine‹ und eine auf ›tine‹, die vierte ›sine‹ konnte sie nicht finden, sie hätte denn Apfelsine wählen müssen ... das ist doch kein christlicher Name für ein Mädchen ...« »Na, sehen Sie wohl«, lächelte Nasewitz; »Sie sehen doch jetzt ein, daß Sie sich verhört haben?« »Hm ... möglich ist es schon«, brummte der Rittmeister; »aber Sie sprachen doch auch von der Jüngsten ...« »Bitte sehr, Sie sprachen von der Jüngsten ...« »Ganz richtig; aber Sie gingen darauf ein und bestärkten mich in meinem Irrtum ...« »Bitte sehr ... Sie waren es, der mich in meinem Irrtum bestärkte ... wenn der eigene Vater sich in der Reihenfolge seiner Töchter irrt ...« »Das ist 'ne tolle Geschichte!« schmunzelte Schimmelmann wieder. »Und dann kenne ich auch Ihre Fräulein Töchter so wenig«, vollendete Nasewitz seinen Sieg; »man sieht sie fast nie ... in keiner Gesellschaft ... jeden Winter einmal auf dem Ball ... sie leben ja wie im Nonnenkloster ... und dann sehen sie sich auch alle so ähnlich ...« »Da haben Sie ganz recht«, nickte der Rittmeister. »Wer?« »Sie!« »Die Töchter?« »Unsinn! – Das ist ja dieselbe Geschichte, wie vorhin mit Ihnen.« »Ach so ... Sie meinten mich?« »Nun, natürlich!« »Die Sache ist also nun aufgeklärt.« – Der Rittmeister blickte seinen Leutnant an. »Hören Sie 'mal ... damit nicht wieder ein Mißverständnis entsteht«, sagte er; »Herr von Padderow liebt also die Al.. phon.. si..ne.. die älteste!« »Al.. phon.. si.. ne die Älteste!« bestätigte Nasewitz. »Na«, machte Schimmelmann zufrieden; »die Sache läßt sich schon eher hören ... aber wie will er sie denn heiraten ... er sitzt ja bis über die Ohren voll Schulden ...« »Gott ... die jungen Leute warten ein bißchen«, meinte Nasewitz; »die Tante kann doch nicht ewig leben, und dann ist Padderow in guten Verhältnissen!« »Hm!« machte der Rittmeister einverstanden. Der lange Leutnant trank aus Zufriedenheit mit sich selber einen Schluck Grog. »Sagen Sie 'mal«, fing der Alte nach einem Weilchen wieder an; »seit wann ist denn Padderow eigentlich so verliebt in die Al.. phon.. si.. ne..?« »Ach ... das ist schon 'ne ganze Zeit!« nickte Nasewitz. »Geht er auch am Tage vorbei, oder steht er bloß des Nachts?« fragte der Rittmeister mit einem eigentümlichen Lächeln. »Oh ... er geht auch am Tage vorbei ... oft ... sehr oft ...« »Hm!« machte der Alte vor sich hinschmunzelnd. – Nasewitz steckte sich die ausgegangene Pfeife wieder an. »Hören Sie 'mal ...« knurrte Schimmelmann da von neuem los; »dann will ich Ihnen aber 'mal was sagen ... worauf Sie den Padderow aufmerksam machen können ...« »Sehr gern, Herr Rittmeister ...« »Wenn er meine Al.. phon.. sine gern hat, dann muß er sich jetzt aber vor allen Dingen an die Trompete gewöhnen ...« Nasewitz sah ihn verwundert an. »An die Trompete?« wiederholte er. »Ja ... an die dicke ... die kennt er noch nicht!« lächelte Schimmelmann. Der lange Leutnant machte ein nachdenkliches Gesicht. »Was will er denn damit sagen?« reflektierte er; »an die dicke Trompete soll sich Padderow gewöhnen, wenn er die Alphonsine gern hat ... was meint er denn mit der dicken Trompete? – Wahrscheinlich die Baßtuba ... die kennt er noch nicht, sagte der Alte ... die kann er noch nicht, hat er wohl sagen wollen ... dieser Mensch spricht überall ein Deutsch zusammen ... wie soll denn Padderow dazu kommen, die Bußtuba blasen zu können? Und zu welchem Zweck? – Aha! Weil die Alphonsine musikalisch ist ... da soll er sie wahrscheinlich begleiten ... aber man begleitet doch ein Klavier nicht mit der Baßtuba ... diese alten Kavalleristen haben einen merkwürdigen Kunstgeschmack ... vielleicht hat er aber auch bloß damit ausdrücken wollen, daß Padderow sich ein bißchen musikalischen Sinn aneignen soll ... andere wie Blechinstrumente erkennt ja solch' alter Zentaur nicht an ... na, jedenfalls werden wir am richtigsten handeln, wenn wir den Auftrag wörtlich ausrichten ...« »Also an die dicke Trompete soll sich Padderow gewöhnen?« fragte er dann noch einmal laut. »Hm!« machte der Rittmeister, indem er sich beide Fäuste an die Nase hielt; »so dick.« »Er meint wirklich die Tuba!« reflektierte Nasewitz; »die Sache hat ihre Richtigkeit.« »Vier Wochen kann's noch dauern!« nickte Schimmelmann. »Na«, dachte Nasewitz; »wenn er das Blasen meint, dann zweifle ich daran, daß Padderow es in so kurzer Zeit lernt ... aber wahrscheinlich meint er bloß, er soll sich an die Musik überhaupt gewöhnen ... das geht schon leichter zu machen ...« Bald nachher sah Schimmelmann nach der Uhr. »Es ist zehne durch«, sagte er; »das ist meine Stunde zum Schlafengehen; gute Nacht, lieber Nasewitz.« Der Leutnant erwiderte den ersten Händedruck seines Vorgesetzten und half ihm dann den Mantel um. » Gute Nacht, meine Herren!« wandte sich Schimmelmann dann an die ganze Gesellschaft. »Gute Nacht, gute Nacht, Herr Rittmeister!« »Gute Nacht, Doktorchen!« nickte dieser dann noch dem kleinen Klaubert zu, den er vorhin so ausgezankt hatte. »Gute Nacht, Herr Rittmeister!« wunderte sich dieser, indem er so freundlich aussah, wie eine Schwalbe, die auf dem Nest sitzt. Dann drückte Schimmelmann, den man noch niemals so guter Laune gesehen hatte, noch einmal seinem neuen Freunde die Hand, setzte die Mütze auf und stackerte knieknickrig aus dem Lokal. »Das ist eine mordmäßige Geschichte!« schmunzelte er vor sich hin;» das hätte ich mir in meinem ganzen Leben nicht träumen lassen, daß dieser dicke Padderow noch einmal mein Schwiegersohn ... was wird die Alphonsine dazu sagen ... sie hat natürlich noch nichts gemerkt, deshalb muß man auch im höchsten Grade vorsichtig sein ... so etwas muß nicht vorher verraten werden ... da bringt man sie ja um die Überraschung ... es ist aber doch besser, sie setzt sich jetzt nicht so oft ans Fenster mit der Trompete ... es könnte dem Padderow wieder leid werden, und das wäre schade ... ich werde ihr sagen, es zög am Fenster, und das wäre gefährlich für ihren Zustand ... nein, es ist wirklich 'ne mordmäßige Geschichte ... dieser dicke Padderow... wenn nur die Geschichte mit seinen Schulden nicht zum Klappen kommt ... na, man muß die Leute ein bißchen zu trösten suchen ... sie verlieren ja ihr Geld nicht ... die alte Tante kann doch nicht ewig leben, wie dieser übrigens sehr angenehme Mensch, der Nasewitz, vorhin sehr richtig bemerkte ... kommt Zeit, kommt Rat ... der liebe Gott wird ja ein so gutes Werk nicht im Stich lassen.« Unter diesem Selbstgespräch war er an seinem Hause angekommen, fand die ganze weibliche Familie oben schon schlafen gegangen, und folgte alsobald ihrem Beispiel. – Lassen wir ihn sich in angenehme Träume wiegen und kehren wir noch einen Augenblick auf die Ressource zurück. An den Spieltischen unterhielt man sich noch über die ganz unerklärliche gute Laune des Rittmeisters Schimmelmann; aber an dem langen Tisch in der kleinen Stube war es schon etwas still geworden; nur der Leutnant von Drenkenberg erzählte immer eine Geschichte über die andere, jedoch ohne seine Zuhörer ordentlich zu fesseln. »Kommst du mit nach Hause; ich bin müde?« fragte Nasewitz beim Eintreten in das kleine Zimmer. »Ja«, antwortete Padderow mit einem schmerzlichen Dehnen des Körpers; »wir wollen gehen ... mir ist nicht ganz wohl ...« »Wollt Ihr nicht Euren Grog erst austrinken?« Der dicke Offizier schüttelte sich im heftigsten Unbehagen. »Nein!« sagte er, mit einer merkwürdigen Entschiedenheit; »das tue ich auf keinen Fall.« Dann stand er auf und reckte sich gerade. »Schreiben Sie an, Wilhelm!« wandte er sich an den Kellner; »obgleich ich den verfluchten Grog eigentlich gar nicht zu bezahlen brauchte ... was geht mich das an, wenn er anderen schmeckt ... mir soll er schmecken ... und das hat er nicht getan. – Den Herren sei eine gute Nacht gewünscht!« sagte er dann mit seiner unnachahmlich graziösen Handbewegung ... »der Padderower entbietet Ihnen seinen Gruß!« »Gute Nacht, gute Nacht!« riefen die Offiziere durcheinander. Die beiden Fähnriche standen auf und wackelten hin und her, weil sie schon zu müde waren. »Gute Nacht, meine Herren!« stand auch der alte Graf auf, der gewöhnlich alles nachahmte, was ein anderer ihm vortat. Die übrigen brachen dann auch bald auf, weil sie Drenkenbergs Geschichten nicht mehr vertragen konnten. – »Na!« blickte Padderow seinen Freund an, als beide auf der Straße waren; »du hast ja heute den ganzen Abend beim Alten gesessen ... hast wohl an deinem Plan gearbeitet ... wie!« »Hm!« machte Nasewitz. »Gut abgelaufen?« »Sehr!« »Weiß du ... laß uns ein bißchen schneller gehen ... so lange ich saß, hatte es weniger zu sagen ... aber jetzt ...« »Recht gern; mir ist es gleich.« »Also du hast mit dem Alten über mich gesprochen?« »Nun natürlich!« »Sei still ... das geht dich gar nichts an!« »Aber ich kann mich beruhigen?« »Völlig!« »Weißt du, laß uns noch ein bißchen schneller gehen ... Donnerwetter nicht nochmal!« »Weshalb flucht Ihr denn so furchtbar, erlauchter Freund?« Padderow antwortete nicht, sondern biß die Zähne zusammen und setzte seine kleinen dicken Beine so schnell, daß Nasewitz Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben. »Eine Instruktion habe ich Euch aber zu geben«, sagte der letztere. »Welche denn? - Beeilt Euch etwas!« »Ihr sollt Euch an die Baßtuba gewöhnen.« »An was für ein Ding?« preßte Padderow, der jetzt ganz andere Absichten zu haben schien, ängstlich hervor. »An die Baßtuba!« wiederholte Nasewitz; »an die große dicke Trompete, aus der die brummigen Töne kommen.« »Macht keinen Unsinn«, ächzte Padderow; »ich bin jetzt durchaus nicht zum Scherzen aufgelegt ... können wir nicht noch ein bißchen schneller gehen?« »Es ist mein heiliger Ernst, Blume der Ritterschaft«, trabte Nasewitz neben ihm her; »Ihr werdet dadurch dem Alten äußerst wohlgefällig erscheinen ...« »Wenn ich mich ... Donnerwetter ... an die dicke Trompete ... gewöhne?« »So ist es, mannhafter Ritter!« »Wie soll ich denn das aber ... schneller doch ... wie soll ich denn das aber machen?« »Das kann ich Euch nicht sagen ... das überlasse ich Eurem eigenen Scharfsinn ...« »Da soll der Teufel ... au ... d'raus klug werden ... äh ...« Unter diesem Gespräch waren die beiden Freunde vor ihren Wohnungen angelangt. »Wollen wir noch ein bißchen auf- und niedergeben?« fragte Nasewitz, des anderen Arm in den seinen ziehend; »es ist so schöne reine Luft.« »Gott soll mich bewahren!« machte sich Padderow von ihm los; »ich habe die höchste Eile ... gute Nacht ... Edler von ... Schockschwerenot! ...« Damit machte er einen gewaltigen Satz über den tiefeingeschnittenen Rinnstein, fuhr sofort mit dem Hausschlüssel ins Loch und drehte zweimal herum. »Vergeßt nicht die Baßtuba!« rief Nasewitz ihm noch nach. »Danke... werd's besorgen!« stöhnte Padderow; dann fiel die Tür hinter ihm zu und man hörte ihn nur noch in rasender Hast die Treppe hinaufpoltern. »Er steckt nicht einmal Licht an«, lächelte Nasewitz, noch eine Weile nach den Fenstern schauend; »es ist ein putziger Kerl.« Dann ging er über die Straße und verschwand in der Veste Knelling. »Die Saat wäre gesäet«, sprach er beim Entkleiden vor sich hin; »die Intrigue geschürzt ... Padderow ist für den Augenblick gerettet ... Zeit gewonnen, Alles gewonnen ... Schimmelmann wird die Gläubiger beruhigen ... das ist die Hauptsache ... wenn er nun aber dahinterkommt, daß die Liebesgeschichte nicht wahr ist ... Donnerwetter, das war doch wohl ein Leichtsinn von mir? ... Ach was ... es kann ihm ja wieder leid geworden sein ... außerdem haben wir ja immer Zeit, bis die Tante stirbt ... eher könnte ja doch nichts daraus werden ... vielleicht will ihn auch die Alphonsine gar nicht ... na, und wenn alle Stränge reißen, dann muß er sie heiraten ... wenn ich ihn aus der Patsche gezogen habe, dann wird er mich doch nicht darin sitzen lassen ... eine Gefälligkeit ist am Ende der andern wert ... ach, dummes Zeug ... zerbrechen wir uns nicht vorher unnütz den Kopf ... angefangen haben wir; der liebe Gott wird schon weiter sorgen. In diesem Moment erhellten sich drüben neben dem Kessel die Fenster. »Padderow!« schrie Nasewitz, einen Flügel öffnend, hinüber. »Was wollt Ihr denn noch?« fragte Padderow, dasselbe tuend. »Ist Euch noch immer schlecht?« »Nein ... jetzt ist mir besser!« »Das freut mich!« »Mich auch!« »Kann ich mir lebhaft denken!« »Ich noch lebhafter!« »Gute Nacht also, ruhet sanft!« »Ihr ebenfalls, würdiger Nasewitz.« Dann schlossen sich die beiden Fenster fast gleichzeitig und es wurde dunkel in der Veste Knelling sowie in dem Hause, wo der Kessel vor der Türe hängt. 6. Reaktionen Als der Rittmeister Schimmelmann seine steifgerittenen Knochen in der schmalen, knarrenden Bettstelle zurechtgelegt hatte, konnte er, seiner sonstigen Gewohnheit zuwider, nicht gleich einschlafen. Der Floh, den ihm Nasewitz ins Ohr gesetzt hatte, war bis ins Gehirn vorgedrungen und wirtschaftete dort dermaßen zwischen den Gedanken herum, daß diese ganz wild und aufgeregt wurden. Der Rittmeister Schimmelmann legte sich auf die andere Seite, ob es dort besser mit dem Einschlafen gehen werde, aber dort ging es noch schlechter. Die Geschichte mit dem dicken Padderow wollte ihn durchaus nicht ruhen lassen. Mein Gott, weshalb sollte sich denn nicht jemand in seine Töchter verlieben? ... Daran war nichts Verwunderliches ... das waren ja alle vier lauter hübsche, vortreffliche, gebildete und wohlerzogene Kinder, mit recht weiblichem Gemüt und bescheiden häuslichem Sinn, die bei naher Bekanntschaft nur gewinnen konnten und die jeden Mann glücklich gemacht hätten ... darüber wunderte er sich auch gar nicht ... darüber freute er sich nur ... aber weshalb es gerade der dicke Padderow sein mußte und nicht irgendein anderer ... Padderow war zwar dafür bekannt, daß er allen Damen, ohne Ausnahme, Süßigkeiten und Schmeicheleien sagte; aber daß er jemals ans Heiraten denken würde, das war selbst dem leichtgläubigsten Menschen noch nicht in den Sinn gekommen ... vielleicht war es auch bloß eine fixe Idee von ihm ... bei Leuten mit lebhafter Phantasie, namentlich bei solchen, die gern ein Gläschen trinken, kommt das vor ... hm; das wäre doch eine unangenehme Geschichte, bei welcher die arme Alphonsine noch bloßgestellt werden konnte ... da mußte man sich doch jedenfalls in acht nehmen ... vielleicht war der dicke Padderow auch plötzlich verrückt geworden ... Donnerwetter, der Fall war gar nicht so ganz unmöglich ... ob man den Doktor Klaubert 'mal darauf aufmerksam machte ... der konnte das doch am Ende beurteilen ... dafür hatte er ja Pflasterkasten studiert ... und dem Wachtmeister Klinke konnte man es ebenfalls sagen ... der Mann hatte einen scharfen Blick und einen gesunden Menschenverstand ... aber nein, nein ... das ging ja doch nicht ... mit solchen Sachen kann man nicht vorsichtig genug umgehen ... und Nasewitz war doch auch ein vernünftiger Mann, der seinen Freund seit Jahren beobachtet hatte ... dem mußte eine solche Veränderung doch aufgefallen sein ... Unsinn, Unsinn ... solche Gedanken darf man sich gar nicht in den Kopf kommen lassen ... Ist das aber hier 'ne Hitze im Bett ... und die Augen werden mir immer munterer anstatt müder ... hm ... also die ganzen Nächte steht er unter ihrem Fenster ... närrischer Kerl ... was er nur davon hat ... aber die Verliebten sind manchmal so ... als ich meiner Alten die Cour machte, ritt ich alle Tage vier Meilen, um sie eine Viertelstunde zu sehen ... immer durch dick und dünn, daß mir der Dreck um die Ohren spritzte ... damals war sie aber auch nicht so dick ... und ich hatte noch nicht so steife Beine ... du lieber Gott, wo ist die Zeit geblieben, und was hat man in der langen Zeit erworben und geschafft? - Vierzehnhundert Taler Gehalt nur seit vier Jahren ... bis dahin war es nur die Hälfte ... und davon sieben Kinder großgezogen ... die Söhne sind versorgt, Gott sei Dank ... die brauchen nichts mehr ... aber die armen Frauenzimmer ... wie lange wird's dauern, dann geben sie einem den Abschied, mit siebenhundert Taler Pension ... und wenn man einmal die Augen zugemacht, dann sitzt die Alte da mit den vier Töchtern und saugt Hungerpfoten an dreihundert Talern Witwenkasse ... mein Gott, ist das 'ne Hitze in dem Bett ... Hier unterbrach sich der Rittmeister Schimmelmann durch ein lautes mißbilligendes Knurren und legte sich wieder auf die rechte Seite. »Pfui!« setzte er dann in ganz verändertem,Tone seine Betrachtungen fort; »da fange ich am Ende an zu klagen und zu jammern wie ein altes Weib ... das fehlte mir bloß noch, daß meine Umgebung so etwas an mir erlebte ... dann wäre ich verloren für immer ... ich schäme mich ordentlich vor mir selber ... äh ... das kommt davon, wenn ein Soldat heiratet ... der Ströllpitz hat ganz recht, das muß man nicht ... wenn es aber einmal geschehen ist, dann darf der königliche Dienst nicht durch den Familienjammer beeinträchtigt werden ... der königliche Dienst ist die Hauptsache, das andere wird nebenher besorgt ... Heiliges Donnerwetter nicht nochmal; ich war auf dem besten Wege ein alter Plöter zu werden ... Kreuzbombenelement nicht nochmal ... freuen kann man sich; das kann einem keiner verwehren ... aber jammern soll man nicht ... sonst ist man nicht wert, des Königs Rock zu tragen ... es ist aber wirklich eine ganz verdammte Hitze hier im Bett ... und von Schlafen scheint keine Rede zu sein ... das hat man alles dem dicken Padderow zu verdanken ... na, ich sage ... hätte man so etwas für möglich gehalten ... verliebt sich in die Alphonsine und steht die ganzen Nächte ... jetzt steht er natürlich wieder ... und die Alphonsine liegt mit ihrer dicken Trompete ganz ruhig im Bett und hat nicht die leiseste Ahnung davon ... und der dicke Padderow steht da unten in dem kalten Wind und friert, und sieht nach den Fenstern herauf, wie der Mops nach dem Mond ... wahrscheinlich seufzt er auch dabei und schneidet Gesichter, wie heute abend auf Ressource ... puh, ist das 'ne Hitze ... mit dem Schlafen wird es vorläufig noch nichts ... es ist ein ekliger Zustand ... ich möchte gerade auf eine halbe Stunde herauskriechen und das Bett ein bißchen auskühlen lassen ... wahrhaftig, das will ich tun ... und dann könnte ich mir ja auch gleichzeitig den dicken Padderow ansehen, wie er da unten im Winde steht ... hahaha ... er muß zu närrisch anzuschauen sein ...« Nachdem der Rittmeister Schimmelmann bis zum Fassen dieses Entschlusses gekommen war, kletterte er steifbeinig und umständlich aus dem Bett, zog Rock und Hosen an und krabbelte darauf nach dem Stippfeuerzeug, um Licht anzuzünden. »Nein ... das geht ja nicht«, unterbrach er sich selbst bei dieser Beschäftigung; »das würde ja furchtbar auffallen, wenn sich mitten in der Nacht meine Fenster erhellten ... und wenn mich Padderow erkennte, würde er einen Schreck bekommen, der schädliche Folgen haben könnte ... oder er möchte mich vielleicht gar für die Alphonsine halten ... die Liebe soll ja blind sein ... das wär' das Allerschlimmste ... wenn er dächte, meine Tochter schaute nach ihm, wie er nach ihr ... heiliger Ruppsack, das wäre eine schöne Geschichte!« Damit tappte der Rittmeister Schimmelmann mit sorgsam vorgehaltenen Händen durch das stockfinstere Zimmer nach der Korridortüre. Endlich hatte er den Drücker gefaßt, öffnete leise und vorsichtig und fühlte sich dann den engen Flur entlang nach vorn. Er kam sich beinahe vor, als wenn er auf unrechten Wegen sei und als wenn er sich in acht nehmen müsse, daß ihn niemand bemerkte. Nun war er im gemeinschaftlichen Wohnzimmer angelangt. Wie ganz anders sah das aus als bei Tage ... die alten bekannten Räume kamen ihm fast fremdartig vor ... fast unheimlich ... als ob die Stube gestorben sei, oder als ob sie schliefe, und er wagte nicht den Fuß weiter zu setzen und hielt den Atem an, wie man es wohl tut bei einer Leiche oder einem Schlummernden. Als er sich in einigen Minuten an die Lage gewöhnt, tappste er, mit einem Versuch, auf den Zehen zu gehen, weiter, als wenn er sich fürchtete, jemand zu stören, was doch gar nicht der Fall sein konnte; aber zu so seiltänzerischen Künsten waren die steifen Gelenke des Rittmeisters nicht mehr geeignet; denn kaum hatte er drei Schritte in dieser Weise gemacht, als er ins Torkeln kam und jedenfalls gefallen wäre, wenn er nicht noch rechtzeitig eine Stuhllehne in die Hand bekommen hätte, an der er sich halten konnte. »Oho!« sagte Schimmelmann; »immer sachte... zum Seiltanzen scheinen wir kein Talent zu haben... je mehr man sich in acht nimmt, desto mehr Lärm wird gemacht...« Während dieses kurzen Selbstgespräches war er bis auf einen Schritt am Fenster angelangt und reckte den Hals, um einen Blick auf die Straße zu werfen. Das ging aber nicht; soviel Mühe er sich auch gab, reichten seine Blicke doch höchstens bis zur Hälfte des Dammes; alles andere lag im toten Winkel. »Hm!« sagte er; »bis jetzt sehe ich nichts... es ist aber auch ein schlechter Beobachtungsposten... ich glaube, ich kann näher herantreten... die Fenster sind schwarz wie ein Sack; da kann man von außen nicht das geringste hinter den Scheiben sehen...« Er führte seinen Vorsatz aus und gewann nun ein größeres Gesichtsfeld. Es war recht dunkel auf der Straße. Dicke, vom Westwind getriebene Wolkenmassen jagten gespenstisch über Hasenbalg dahin, und nur wenn ab und zu ein Loch in ihren weiten Mantel gerissen wurde, erschien die frostig-bleiche Mondsichel und warf ein flüchtig mattes Licht auf die schlummernde Erde. Die Wetterhähne kreischten manchmal schmerzlich auf, wenn der Wind sie schnell um die rostige Stange drehte; losgerissene Ziegel polterten von den Dächern; die Blechgossen klapperten vor Frost, und durch die ganze Stadt tönte ein ängstliches Stöhnen und Wimmern, als wenn ruhelose Geister von den strafenden Erinnyen gehetzt würden. Schimmelmann zog sich den Rock fester über der Brust zusammen und lehnte seine Stirne beinahe an die kalten grünen Fensterscheiben. Das Haus vom Magazinrendanten drüben hatte die Augen geschlossen und schlief so fest und ruhig, als wenn es gar nicht wieder erwachen wollte; die beiden Bäume vor demselben waren bereits ganz kahl geworden, und nur hier und da hing noch ein vergessenes Blättchen an einem frostzitternden Zweig wie eine sterbende Erinnerung an bessere Zeiten. Die Apotheke war in noch tieferes Dunkel gehüllt; aber wie ein pechschwarzer Schlund erschien die zurückgebaute Spelunke, an deren Seitenwand das schiefe, verlassene Nachtwächterhäuschen sich lehnt. »Hm!« machte Schimmelmann; »ich sehe keinen Padderow ... es ist freilich sehr dunkel; aber wenn das Auge sich erst gewöhnt hat, müßte man ihn doch so gut unterscheiden können, wie die Bäume beim Magazinrendanten... da drüben freilich ist es rabenfinster... da könnte er vielleicht... aha, nun kommt der Mond vor... jetzt sehe ich deutlich den ganzen Raum... kein Padderow... oder sollte er in meinem eigenen Hause unter dem Torweg stehen, direkt unter der Schlafstube meiner Frauenzimmer... das wär' der Teufel... wenn die Mädchen eine Ahnung davon hätten... hurrje, wie würden sie aus ihren Betten springen... ich möchte mich doch wirklich überzeugen...« Damit bastelte er mit den alten, klapprigen Haken herum, mit denen die Fenster zugekettet waren, und öffnete einen Flügel. Eben machte er aber Anstalt, sich weit hinauszubiegen, als plötzlich ein heftiger Windstoß denselben zurück- und so heftig dem Rittmeister an den Kopf warf, daß dieser einen Augenblick ganz betäubt von dem Schlag wurde. »Daß dich die Pestilenz!« rieb er nach einer Weile den alten Schädel; »das war ein anständiger Knuff... nur gut, daß die Scheibe nicht entzweigegangen ist, das Geklirr hätte mich verraten können... es hat so schon 'nen Knall gegeben... wollen doch ein bißchen warten, ehe wir den zweiten Versuch machen.« - Nach einer Weile öffnete er den Fensterflügel noch einmal, brauchte jedoch die Vorsicht, ihn mit starkem Arm festzuhalten, und erst dann lehnte er den ganzen Oberkörper so weit hinaus, daß es beinahe aussah, als wenn er einen Kopfsprung auf die Straße machen wollte. Der Wind zerzauste dem alten Schimmelmann Haar und Bart, daß er zuletzt der leibhaftige Struwelpeter war. »Da ist er auch nicht«, stöhnte der alte Mann, dem das Blut in den Kopf geschossen war und der sich den Unterleib gedrückt hatte; »er ist heute nicht da... wenigstens kann ich ihn nicht entdecken... man erkältet sich am Ende noch... der alte Dötz brummt mir auch noch von dem Knuff... wir wollen wieder zu Bett gehen... vielleicht schlafen wir jetzt besser ein.« Und damit fühlte sich der Rittmeister Schimmelmann durch den dunklen Flur zurück nach der torfduftenden Schlafstube, entkleidete sich und legte die kaltgewordenen steifen Glieder in das kaltgewordene, stöhnende Bett. Nach einer Viertelstunde war er wirklich sanft entschlummert.   Die beiden Fähnriche von Klötersdorf und von Strammin, die erst vor kurzem aus dem Kadettenkorps zum Regiment gekommen waren, hatten zusammen die Oberetage im Gasthof zum weißen Schwan gemietet und sich dieselbe geteilt, so daß jeder eine zweifenstrige Wohnstube und eine einfenstrige Schlafstufe hatte. Klötersdorf und Strammin hatten beide recht wohlhabende Eltern, die ihnen eine gute Zulage gaben und sogar, für damalige Zeiten ein selten vorkommender Luxes, den Söhnen eigene Möbel gekauft hatten. Mahagoni war es freilich nicht; aber es war recht geädertes, glänzend poliertes Birkenholz, was auch recht hübsch aussah, und die Sofas waren gar nicht mehr so schmal und steiflehnig wie die meisten in Hasenbalg, sondern sie hatten ordentlich schon ein bißchen gefällige Form, und wenn man sich draufsetzte, fühlte man doch wenigstens, ohne daß man hinsah, den Unterschied mit einem Rohrstuhl. Der lange, semmelblonde Klötersdorf, der immer ein feuerrotes Gesicht hatte, war zu den Hasenbalger Dragonern gegangen, weil ein Onkel von ihm in der Nachbarschaft ein Gut besaß, und Strammin, der eigentlich nach Sachsen gehörte, hatte sich nicht von seinem Kadettenfreunde trennen können und war mitgegangen. - Am Morgen nach dem im vorigen Kapitel beschriebenen Ressourceabend finden wir die beiden Freunde, nachdem sie schon um sechs Uhr ihre Beritte revidiert und dem Wachtmeister gemeldet hatten, beim gemeinschaftlichen Frühstück in dem Wohnzimmer von Klötersdorf. Sie hatten, als sie aus dem Dienst gekommen, einen weichen Schlafrock über die rauhe, gewichste Lederhose gezogen und saßen nun, jeder eine lange Pfeife rauchend, auf dem Sofa hinter dem Kaffeetisch und fühlten sich behaglich. »Es war gestern wieder reizend auf Ressource«, dehnte sich der lange Klötersdorf; »diese interessante Unterhaltung... wenn wir nur erst Offiziere wären, daß wir besser daran teilnehmen könnten.« »Du hast ganz recht«, stimmte Strammin bei; »so ein Fähnrich ist eigentlich ein unglücklicher Mensch... man weiß nie, was man für ein Gesicht machen, und wie man sich benehmen soll... der eine sagt so, der andere so...« »Nun eben«, bemerkte Klotersdorf; »entweder wird man gerüffelt, oder sie machen sich über einen lustig...« »Es ist aber doch schön!« sagte Strammin. »Na; das will ich meinen!« setzte Klötersdorf aus vollster Überzeugung drauf. - Dann entstand eine Pause, die von beiden Seiten durch bedeutend stärkeres Rauchen ausgefüllt wurde. »Weißt du«, begann Klötersdorf dann wieder; »das war recht unangenehm, was uns der Oberst gestern bei Tische sagte.« »Ach so... daß wir nicht zur Baronin Möhrenstolz gehen sollten?« »Natürlich.« »Und vor dem Konditor Schlichter schien er uns auch zu warnen...« »Wo doch alle Offiziere hingehen... weshalb soll sich denn das für uns nicht passen, was nach drei Monaten, wo wir die Epauletten haben, erlaubt ist?...« »An den Oberst muß man sich eigentlich gar nicht kehren«, sagte Strammin; »dessen Pflicht ist es natürlich, auf Ordnung zu halten und uns zum Guten zu ermahnen... aber wenn wir uns zu strenge danach richten, machen wir uns lächerlich vor den Offizieren und werden zum Stichblatt ihres Witzes... das klebt einem nachher lange an und kann sehr unangenehm werden...« »Na, ja... wie zum Beispiel gestern abend, als uns der Leutnant von Drenkenberg aufzog; ich hätte in die Erde sinken können vor Scham... ein königlich preußischer Fähnrich und noch keine Geliebte, so etwas ist noch nicht dagewesen, so lange in Hasenbalg Garnison liegt...« »Und nachher fragte er den Grafen Schwülenberg: unsereiner würde sich geschämt haben, wenn er ein solches Geständnis hätte machen müssen; nicht wahr?« »Es ist auch eigentlich wirklich zu toll«, sagte er dann. »Und wenn die Offiziere nun erst wüßten, daß wir noch ganz und gar unschuldig sind...« »Herrje; würde das ein'Genecke geben!« In unserer modernen Zeit würde man allerdings zwei ähnliche Beispiele, wie die beiden Freunde, vergeblich suchen; damals aber war es durchaus nichts so seltenes. »Man müßte sich doch eigentlich an den Umgang mit Damen gewöhnen«, fuhr Klötersdorf fort; »wenn ich einem weiblichen Wesen gegenüberstehe, schießt mir alles Blut in den Kopf, und ich werde so verlegen, daß ich nicht ein Wort hervorbringen kann...« »Mir geht es nicht viel besser«, meinte der andere; »aber ich habe doch wenigstens tanzen gelernt; das ersetzt auf Bällen etwas den Mangel an Unterhaltungsgabe...« »Weißt du, das ist ein schreckliches Unglück, daß ich das nicht kann«, fiel Klötersdorf ein; ich »bekomme schon jetzt Gänsehaut, wenn ich daran denke, daß die Bälle nun bald anfangen werden... drücken kann man sich ja gar nicht davon...« »Ich werde dir Unterricht geben«, sagte Strammin; »weshalb hast du im Kadettenkorps immer die Tanzstunden geschwänzt; nun rächt es sich.« »Leider«, meinte der andere; »ehe ich tanzen lerne, muß ich aber erst die unüberwindliche Scheu vor dem weiblichen Geschlecht wenigstens etwas gemildert haben, und dazu wäre es eine ganz gute Vorschule, wenn wir zum Konditor Schlichter gingen; da sind doch immer mehrere, die einem die Lage erleichtern helfen.« »Und dann machen wir auch bei der Baronin Möhrenstolz Besuch«, meinte Strammin. »Weißt du, die Sache ist schon bedenklicher, alter Freund; ich habe Blut und Wasser geschwitzt, als ich bei den Offizierdamen meine pflichtschuldigen Besuche machte... da sitzt man ganz allein oder mehreren Frauen gegenüber und sagt immer eine Dummheit über die andere, wenn man überhaupt etwas sagt; bloß bei den Schimmelmannschen Damen ist es mir weniger schwer geworden... die sind so natürlich... die flößen einem Vertrauen ein...« »Ach, wer wird sich denn fürchten?« ermannte sich der andere; »heute abend wird der Nachtklub beim Konditor Schlichter besucht... was?« »Ja!« nickte Klötersdorf; »ich komme mit.« »Und morgen machen wir Visite bei der Baronin.« »Nein... dazu habe ich noch keinen Mut«, kopfschüttelte der andere. »Feigling... ein junger Mensch muß Abenteuer suchen... wollen wir?« Klötersdorf besann sich eine Weile. »Ich werde erst einmal vorbeigehen«, sagte er; »und dann noch ein paarmal... dann gewöhnt man sich allmählich daran.« »Na... wie du willst... anders muß es jetzt aber mit uns beiden werden; Hand darauf!«   Begeben wir uns jetzt nach der offenen Bahn oder dem sogenannten Reitplatz, auf dem in früheren Zeiten das Kloster stand. Jetzt ist es spurlos verschwunden; die dunklen Gänge, in denen dickbäuchige Mönche schlurrten, sind hinweggeweht vom frischen Hauch der neuen Zeit, und anstatt der plärrenden lateinischen Gesänge hört man jetzt die Kommandoworte der Ober- und Unteroffiziere. Die Leute, die am Reitplatz wohnten, mußten sich wohl daran gewöhnt haben; ebenso wie an das sinnverwirrende Durcheinanderschreien von morgens früh bis abends spät, namentlich wenn die Rekruten in sechzehn kleinen Abteilungen ritten. Der Reitplatz, der mit der einen Seite an die Stadtmauer stieß, war ein großes Quadrat, von einer niedrigen Barriere und von schönen schattigen Bäumen umgeben. Ringsherum lief ein breiter Gang, auf dem die nächstherankommenden Abteilungen warteten. In der Mitte des Reitplatzes stand ein großer hölzerner Pfahl, der erstens den Zweck hatte, das mathematische Zentrum zu bezeichnen und zweitens dem träumerischen Rekrutenoffizier als Stützpunkt und Rücklehne zu dienen; denn es ist wahrhaftig keine Kleinigkeit, zwei Stunden das wüste Schreien mit anzuhören und die fortwährende zottelnde Kreisbewegung um sich herumgehen zu lassen. Davon kann der Mensch schon müde und schwindlig werden. Wenn es eine Weile geregnet hat, verwandelt sich der Reitplatz in einen tiefen Sumpf, und jeder Hufschlag der Pferde wird dann von einem eigentümlichen Quatschen begleitet, ähnlich als wenn man mit dem Stempel in ein Butterfaß stößt. Der arme Rekrutenoffizier kann dann den Pfahl mit keinem Schritt verlassen, und obgleich man derbes Schuhzeug in Hasenbalg trägt, so würde doch ein zweistündiges Stehen im tiefen Morast die Nässe unfehlbar durchkommen lassen. Um diesem Übelstande abzuhelfen, verfiel vor einigen Jahrzehnten ein intelligenter und wohlwollender Regimentskommandeur auf die Idee, ein Paar starklederne, mit Eisen garnierte Überschuhe am Pfahl des Reitplatzes zu stationieren, in die dann der jedesmalige Rekrutenoffizier hineinkroch und in ihnen stehen blieb, bis sein Dienst zu Ende war. In der modernen Zeit soll diese segensreiche Einrichtung aber abgekommen sein. Es ist gleich zehn Uhr morgens, und der lange Leutnant von Nasewitz wartet, tief in den Mantel gehüllt, daß es schlagen und die Abteilung ablösen möge. Seine eigenen Leute haben sich in dem umgebenden Gange aufgestellt und sehen dem Reiten ihrer Kameraden zu; die Pferde senken teils träumerisch die Köpfe, teils knabbern sie an den hölzernen Pfosten der Barriere. Da kommt der Rittmeister Schimmelmann mit seinem Wachtmeister Klinke die Straße herunter, beide in Mäntel gehüllt, beide die struppigen Schnurrbärte bis dicht unter die Nase geschoben, beide aussehend wie ein paar Menschenfresser, die sich nach frischem Blut sehnen. Als Nasewitz seines hohen Vorgesetzten ansichtig wird, geht er ihm einige Schritte entgegen und meldet, an die Kopfbedeckung fassend: »Fünfundzwanzig Mann der ersten Reitklasse!« »Danke!« brummt der Rittmeister, an den Mützenschirm tippend. »Was ist denn das?« denkt Nasewitz; »der Alte ist ja heute morgen furchtbar schlechter Laune... und gestern abend war er doch..« In diesem Augenblick schlug es zehn vom Rathausturm. »Bitte aufzuhören, Leutnant von Ströllpitz!« schreit bei dem ersten Ton der Rittmeister Schimmelmann dem Offizier auf dem Reitplatz zu; »es schlägt zehn; da gehen mir mindestens wieder zehn Minuten verloren.« Der Leutnant von Ströllpitz gibt in seinem heiligen Diensteifer nicht sofort das Kommando zum Aufmarschieren. »Muß dringend ersuchen zu schließen, Leutnant von Ströllpitz«, schreit Schimmelmann, noch ehe es ausgeschlagen, wie ein Zahnbrecher; »der Platz gehört jetzt meiner Schwadron... Himmeldonner...« »Wetter!« setzt der Wachtmeister Klinke drauf. Dann sehen beide wütend einander an, als wenn sie sich mit Stumpf und Stiel vertilgen wollten. Der Leutnant von Ströllpitz flucht ebenfalls in seinen ergrauten Bart, läßt aber aufmarschieren, absitzen und abführen. »Knurr!« macht Schimmelmann, als er unwirsch grüßend an ihm vorbeigeht. »Urr!« macht der Wachtmeister, wie ein grollendes Echo. Der Leutnant von Nasewitz läßt seine Abteilung auf den Platz führen, sieht jede Schnalle und jeden Knopf nach, obgleich ihm das gar kein Vergnügen macht, und beginnt seinen Reitunterricht mit größerem Eifer als gewöhnlich, um den Alten womöglich besserer Laune zu machen; aber der Alte bleibt wie er ist und schimpft und brummt dazwischen, daß sich die Sperlinge auf den Bäumen fürchten. Endlich schlägt es elf, Nasewitz fragt um Erlaubnis, ob er aufhören dürfe, und läßt absitzen und abführen. Der Platz bleibt jetzt eine Viertelstunde leer, weil nachher der Adjutant die Trompeter reiten läßt. Der Wachtmeister Klinke verabschiedet sich und der alte Schimmelmann bleibt mit seinem Offizier allein. Nasewitz, der sich sonst auch empfohlen hätte, zögerte noch, weil er abwarten möchte, ob der Alte denn gar nicht mit ihm reden wird; dieser aber scheint seinerseits zu wünschen, daß jener mit Sprechen beginnen möge. So stehen sie wohl zehn Minuten, und die ersten Trompeter kommen schon mit ihren Pferden und ihren Instrumenten. »Guten Morgen, Herr Rittmeister«, faßt Nasewitz, der die Sache nicht auffällig machen will, an die Kopfbedeckung. Schimmelmann wirft einen unwirschen Blick auf ihn und knurrt bloß. »Wie befehlen der Herr Rittmeister?« fragte der Leutnant, bleibend und sofort anknüpfend. »Ich sagte gar nichts«, brummte jener, aber man sieht ihm an, daß er gern etwas sagen möchte. »Herr von Padderow ist heute wieder ganz melancholisch«, wagt Nasewitz zu äußern, obgleich er seinen Freund noch nicht gesehen. »Hm!« macht Schimmelmann; »wüßte nicht, daß er Ursache dazu hätte.« »Wie meinen der Herr Rittmeister?« wird Nasewitz neugierig.- Schimmelmann scheint einen kurzen, inneren Kampf zu kämpfen, dann wendet er sich mit schnellem Entschluß an seinen Offizier. »War ja diese Nacht gar nicht da!« knurrt er ihn an. Nasewitz bekommt einen Schreck. » Wie?« sagt er: » Padderow war nicht...« »Ich konnte zufällig nicht schlafen«, brummt der Rittmeister weiter; »der verdammte Grog hatte mir solche Hitze gemacht... ging ein bißchen in die Vorderstube und setzte mich ans Fenster... von Padderow war keine Spur zu sehen...« Nasewitz bekam noch einen Schreck. »Ach, du gerechter Gott, er paßt auf«, schoß es ihm durch den Kopf; »na, das ist eine schöne Geschichte... wenn er die Beschäftigung fortsetzt, sieht er natürlich meinen edlen Freund niemals... was ist da zu machen? - Dem Padderower kann ich es doch nicht sagen, sonst ist es mit meinem Plan vorbei... ich müßte mich also selbst hinstellen... aber das geht nicht... das merkt er... ich bin zu lang und zu dünn... das ist ja eine verfluchte...« »Wie hängt denn das mit Ihrer Rede zusammen?« unterbrach Schimmelmann die eingetretene Pause. »Oh...«, log Nasewitz, seine Fassung wiedergewinnend; »der Herr Rittmeister haben wohl nicht genau gesehen... Padderow hat mir ja heute selbst gesagt, daß er die ganze Nacht dort war und geseufzt habe...« »Er hat es Ihnen selbst gesagt... hm... na, wo stand er denn aber?« »In dem alten Nachtwächterhäuschen«, log Nasewitz weiter; »da sieht er immer durch das runde Loch...« »Ach so... ja, da kann man ihn freilich nicht sehen.., also ist er doch dagewesen... knurr... haben Sie ihm das auch gesagt, daß er...« »Was denn, Herr Rittmeister?« »Sich an die dicke Trompete gewöhnen muß...« »Alles besorgt, Herr Rittmeister!« In diesem Augenblick kam der Adjutant heran, der die Trompeter reiten lassen wollte. Er begrüßte die beiden Herren, wechselte einige Worte mit ihnen und ließ dann seine Tonkünstler auf den Platz führen, um nach den verschiedenen Gangarten Parademärsche blasen zu lassen. Das muß nämlich immer der Adjutant tun, ob er musikalisch ist oder nicht, darauf kommt es nicht an. Schimmelmann und Nasewitz blieben noch ein bißchen stehen, weil sie nachher doch gleich beide zum Appell mußten. Als die Trompeter, einer hinter dem andern, an den Wänden entlang im vollen Reiten waren, kam mit einemmal Padderow mit fliegendem Bart auf dem Babieca angesprengt, der den Schweif fortwährend herumdrehte, wie einen Windmühlenflügel. Der Rittmeister machte große Augen, und Nasewitz wunderte sich darüber, daß sein Freund im Spätherbst sein Schlachtroß bestieg, was er sonst niemals tat. Padderow sprengte an den beiden Herren vorbei, grüßte dieselben mit soldatischer Würde und trabte dann an der Trompeterlinie entlang. Die beiden anderen sahen ihm neugierig zu, während der Adjutant es nicht beachtete. Die Trompeter bliesen einen Marsch, daß es nur so schmetterte, und pusteten in ihre Instrumente, daß ihnen die Augen aus dem Kopfe traten und sie ganz rote Gesichter bekamen. Padderow eilte anscheinend gleichgültig wieder an der Reihe entlang, besah sich aber mit verstohlenem Seitenblick jedes einzelne Instrument ganz genau. Endlich schien er das richtige gefunden zu haben; denn er hielt sich von nun an dicht neben einem schwarzbärtigen Trompeter, der auf seinem Pferde zusammengesunken war und melancholisch in seine große Baß-Tuba pustete, daß sie lautdröhnende Töne von sich gab. Schimmelmann machte ein etwas verwundertes Gesicht, und Nasewitz lächelte. Padderow warf erst einen freundlichen Blick auf den Trompeter, als wenn er ihm Vertrauen einstoßen wollte, und dann schielte er nach dem Rittmeister, ob dieser acht auf ihn hätte. Als er sah, daß dies der Fall, ritt er noch eine Weile neben dem zusammengesunkenen Trompeter her und neigte dann leicht den Kopf nach dem weiten Schalloch der Tuba hin. Schimmelmanns Gesicht wurde immer erstaunter, und Nasewitz lächelte immer zufriedener. Padderow, der nun den ersteren im Auge hatte, glaubte Mangel an Zufriedenheit in seinen Zügen zu lesen und neigte den Kopf etwas stärker nach dem dunklen Schlund der dröhnenden Tuba. Des Rittmeisters Miene wurde deshalb um nichts wohlgefälliger. »Da wollen wir's noch besser machen«, dachte der dicke Offizier und neigte den Kopf so stark rechtsabwärts, daß sein Ohr dicht über dem Schalloch schwebte. In diesem Moment blies der zusammengesunkene Trompeter seinen tiefsten Ton mit einer so markigen Kraft, daß die Luftvibration dem dicken Leutnant durch das Ohr kitzelnd durch den ganzen Körper drang. Mit einer schnellen Bewegung richtete er sich wieder im Sattel empor und schüttelte sich, als wenn er Fieberfrost hätte. Schimmelmanns Miene wurde immer erstaunter, und Nasewitz hätte beinahe laut losgepruscht. »Was ist denn dem Padderow eigentlich?« fragte der erstere. »Ja; ich weiß es auch nicht«, verkniff der letztere sich das Lachen. »Er scheint eine Mücke oder einen Käfer ins Ohr bekommen zu haben«, brummte der Rittmeister. Padderow hatte unterdes bemerkt, daß er wieder kein günstiges Resultat erzielt. »Na, was ist denn das?« dachte er; »ich gebe mir doch die größte Mühe, mich daran zu gewöhnen... aber das kann der Teufel aushalten ... man muß sich doch erst abhärten...« Damit war er eben im Begriff, das Experiment zu wiederholen, als der Adjutant den Marsch aufhören ließ und überhaupt die Übung für heute beendete. »Scheint wirklich nicht recht richtig mit ihm zu sein«, dachte Schimmelmann; »er hat Raupen im Kopf... hm, hm... wenn das nur ein gutes Ende nimmt.« Dann sagte er Nasewitz Adieu und knieknickerte von bannen, um sich allmählich zum Appell zu begeben. Als der Alte um die Ecke der Montierungskammer verschwunden war, kam Padderow auf dem Babieca zu seinem Freunde herangeritten. »Na«, sagte er; »habe ich mir nicht genug Mühe gegeben?« »Das habt Ihr, gestrenger Herr!« »Es scheint ihm aber nicht gefallen zu haben.« »Die Bemerkung habe ich ebenfalls gemacht...« »Woran liegt das?« »Kann ich Euch leider nicht sagen... Ihr dürft deshalb in Euren Bestrebungen nicht nachlassen.« »Habt Ihr mir vielleicht wieder einen Schabernack gespielt?« »Wie würde ich das wagen, Eurem Zorn gegenüber!« »Er würde Euch vernichten, wenn dem so wäre.« »Ich weiß es, huldvoller Freund; aber glaubt mir, ich bin Euch zugetan mit Leib und Seele.« Nasewitz, den die Situation außerordentlich zu ergötzen schien, hatte während des letzten Gespräches unbemerkt einen noch ziemlich steifen Strohhalm von der Erde aufgenommen und steckte denselben, in diesem Moment, so schnell und mit solcher Geschicklichkeit Padderows Gaul in eine Öffnung dicht unter dem kreisenden Schwanz, daß der Reiter durchaus keine Notiz davon nehmen konnte. Kaum fühlte Babieca aber den wahnsinnigen Kitzel, als er wie rasend dreimal hintereinander ausschlug und dann mit dem bügellos gewordenen und sich in der Mähne haltenden Padderower, den Strohhalm immer noch hintendrin, vom Reitplatz wegrannte, als wenn alle Schrecken der Hölle hinter ihm wären. »Hoho... Herr von Padder.. ow!« rief der alte Oberst Hollprägel, der auf der Straße beinahe von ihm umgeritten wäre; »wo wollen Sie denn hin! - So halten Sie doch still, Herr von Padder...ow!« Aber wer nicht hielt, das war der dicke Leutnant. Obgleich der Strohhalm bald herausgefallen war, empfand Babieca doch noch immer den Nachkitzel und lief, mit dem Schweif gewaltige Reifen schlagend und als wenn ihm der Kopf brennte, dem Hause zu, wo der Kessel vor der Tür hing. Unaufhaltsam ging es durch den offenen Torweg; als Babieca aber auf den Hof sprengte, erwachte Polko, der auf dem Mist eingeschlafen war, aus einem angenehmen Traum und sprang, das Pferd im Augenblick nicht kennend, demselben nach Bulldoggsart an die Nase. Babieca, aufs neue irritiert, scheute sich mit schneller Wendung, der dicke Padderow kollerte von seinem Schlachtroß auf den weichen Dung, und dieses rannte mit wilden Sätzen in den Stall. »Ach, Herr Jesus, Herr Leutnant«, kam Gründling, der Bursche, ganz erschrocken heraus, »wie ist denn das zugegangen... was ist uns denn passiert?« Aber der Padderower würdigte seinen Knappen keines Blickes, sondern schritt, die ganze Kehrseite voll Stroh und Schmutz, aber dennoch mit echt kastilianischer Würde der hinteren Haustür zu, in deren Dunkel er alsobald verschwand. Eine gute Viertelstunde nachher versammelte sich die Schwadron auf dem Marktplatz zum Appell, wo der Dienst abgemacht und manches Wichtige besprochen wird. Diese halbe Stunde war eigentlich dem Rittmeister Schimmelmann die liebste am ganzen Tage; denn da schimpfte er sich so weit aus, wie es seiner Gesundheit zuträglich war, und so lange, bis er Appetit zum Mittagsbrot bekam. Wenn auch gar keine Veranlassung war, er fand schon eine, und namentlich mußten der Doktor und die Fähnriche herhalten, die er durchaus nicht leiden konnte. Durch Grobheit machte sich eigentlich der Rittmeister Schimmelmann nur noch möglich, und selbst der ebenfalls nicht feine Oberst von Hollprägel hatte einen gewissen Respekt vor den überwiegenden Anlagen seines Untergebenen auf diesem Felde. Er grüßte die Offiziere, die vor der Front standen, wobei er einen eigentümlichen Blick auf den wieder abgebürsteten Padderow warf, und ließ dann vom Wachtmeister den Dienst abmachen. Das war heute schnell geschehen, und da der merkwürdig wortkarge Schimmelmann nichts mehr hinzuzusetzen hatte, ließ er die Schwadron auseinandergehen und knickerte selbst seiner torfduftenden Wohnung zu. »Wenn der Padderow noch lange in diesem Liebesfieber bleibt, riskiert er, verrückt zu werden, und was soll ich denn mit einem verrückten Schwiegersohn anfangen? Hm, hm! - Wenn nur Alphonsinens Trompete erst dünner wäre, dann... hm, hm... das ist wirklich 'ne recht fatale Geschichte.« »Weshalb rittet Ihr denn vorhin so schnell nach Hause, mannhafter Ritter?« fragte Nasewitz seinen Freund Padderow. Dieser antwortete erst nicht. »Es war wirklich ein brillantes Reiterstückchen«, schmeichelte der andere weiter; »Ihr saht gewiß und wahrhaftig aus, wie der stolze Cid, wenn er zum Kampf sprengte.« Padderow warf einen beobachtenden Seitenblick auf Nasewitz, um zu ermitteln, ob dieser scherze oder im Ernst spreche. »So etwas macht Euch keiner nach«, fuhr der lange Leutnant mit schöngespielter Bewunderung fort; »das war beinahe ebenso imposant, wie der Ritt durch die brausenden Windmühlenflügel.« Padderow lächelte jetzt schon geschmeichelt. »Habt Ihr nicht gehört, wie der Oberst Hollprägel Euch Bravo zurief?« »Nein?« schüttelte der dicke Offizier den Kopf. »Er stand ja nachher mindestens fünf Minuten ganz starr vor Bewunderung.« »Ach... tat er das wirklich?« »Wie ich Euch sage, erlauchter Herr.« Die beiden Freunde waren unter diesem Gespräch eben um die Ecke des Rathauses gebogen, um vor dem Essen noch einmal in ihre Stuben zu gehen, als ein junges, hübsches, aber etwas keck aussehendes Mädchen, im einfachsten Kleidchen, die Straße heraufkam und ihnen gerade vor den Fenstern des Rittmeisters Schimmelmann begegnete. »Das ist ja Johanna Strittmann«, sagte Nasewitz. Padderow, dem durch das falsche Lob seines Freundes wieder gewaltig der Kamm geschwollen war, warf sich sofort in die Brust, kniff auf verliebte Art mit den kleinen verschwollenen Augen und machte mit der Rechten die ihm eigentümliche graziöse Begrüßungsgeste. »Soll ich deine Farben tragen, holde Fee«, redete er die Stehenbleibende an; »soll ich zum Preise deiner Schönheit eine Lanze brechen?« In diesem Moment trat ihm Nasewitz mit einer solchen Heftigkeit auf den Fuß, daß der arme Padderow es nicht unterlassen konnte, einen Schmerzensschrei auszustoßen. »Adieu, mein Kind, auf Wiedersehen«, klopfte der lange Leutnant dem erstaunten Mädchen die Backen; »wir haben keinen Augenblick mehr Zeit.« Er faßte seinen Freund unter dem Arm und zog den Hinkenden gewaltsam mit sich fort. »Was ficht Euch denn an... weshalb habt Ihr mir denn auf den Fuß getreten?« fragte Padderow ungehalten. »Weil Ihr nicht mit der Johanna schäkern solltet...« »Na, weshalb sollte ich denn nicht...?« »Weil der Alte oben am Fenster stand...« »Was schadet denn das?« - Ihr habt doch nachher selbst...« »Das ist etwas ganz anderes mit mir... Ihr dürft jetzt niemals einem Mädchen den Hof machen, wenn der Alte es sieht...« »Ich begreife aber gar nicht...« »Ihr sollt auch gar nicht begreifen... Geduld, Vertrauen und über nichts wundern... nun geht nach Hause und fahrt fort, Euch an die Tuba zu gewohnen...« »Ja; aber eine andere Art gibt es doch nicht, werter Kampfgenosse...« »Geht mich nichts an«, drückte ihm Nasewitz zum Abschied die Hand; »lebt wohl; wenn es Zeit zu Tisch ist, werde ich Euch das Signal geben.« Damit wandte er sich der Veste Knelling zu, während Padderow dem Hause zuwatschelte, wo der Kessel vor der Tür hing. - »Wenn ich bloß wüßte, wie das eigentlich gemeint ist mit der Tuba«, sinnierte der letztere; »wie ich es gemacht habe, hat es dem Alten entschieden nicht gefallen.« »Wenn ich bloß wüßte, wie der Alte das gemeint hat mit der Tuba«, dachte auch der erstere; »wie es Padderow gemacht hat, ist es ihm nicht recht gewesen... na, die Zeit wird es vielleicht lehren und der Zufall, der oft geniale Helfer in der Not. Und wen stelle ich denn heute abend ins Nachtwächterhäuschen? Du lieber Himmel; ich habe schöne Verpflichtungen auf meine arme Seele geladen!«   Lassen wir nun die Offiziere speisen; lassen wir sie nachmittags ihren Dienst tun, abends, wie gewöhnlich, die Ressource besuchen, und nehmen wir den Faden der Begebenheiten wieder auf, wenn der Nachtklub beim Konditor Schlichter beginnt. Das ist so zwischen zehn und elf, und die Besucher desselben sind größtenteils jüngere Mitglieder der Ressource, denen es noch zu früh ist, ins Bett zu steigen, und auch noch andere Jünglinge des Bürgerstandes, welche den Tag über beschäftigt sind und dann spät abends die Blume der Konditorei umflattern, nämlich die Konditoreimamsell. Diese war also die Blume, welche von den verliebten Hasenbalger Jünglingen umflattert wurde und welche dieselben in die Konditorei zog; denn ohne diesen Mangel würde es keinem Menschen eingefallen sein, dort irgend etwas zu sich zu nehmen. Die Kuchen, welche der biedere Schlichter alle vierzehn Tage eigenhändig buk, traten in der letzten Woche in das Stadium völliger Ungenießbarkeit; denn erstens wurden sie steinhart, und zweitens bekamen sie alle einen schwarzen Überguß, den die zahllosen Fliegen auf ihnen zurückließen, nachdem sie den weißen Zuckerüberguß verzehrt hatten. Die Getränke, welche gefordert wurden, bestanden hauptsächlich in schmutzigem, dickgrundigem Kaffee und einem trüben, melancholischen Grog, in dem immer etwas Schwarzes schwamm. Die jungen Ackerbürgersöhne tranken manchmal, um den Feinen zu spielen, Rotwein, den der Konditor Schlichter aus Sprit, Blaubeeren und Wasser selber bereitete. Wenn der Wein jung war, hatte er eine Ähnlichkeit mit verdünntem Kirschschnaps, gar bald bekam er aber einen dunklen Bodensatz und oben eine weißliche pilzige Decke, und wenn man den Pfropfen löste, gab es einen Knall und nachher dampfte es eine ganze Weile aus dem Flaschenhals. Der Konditor Schlichter meinte dann, nun wäre es mousseur, und die jungen Ackerbürgersöhne glaubten es auch und ließen sich Spitzgläser dazu geben. Das Erscheinen einer neuen Konditormamsell war ein Ereignis für Hasenbalg. Die Stammgäste des Nachtklubs strömten dann sofort herbei, um das holde Frauenbild zu schauen, und die Fähnriche schlichen schüchtern an dem Hause vorbei und schielten nach den Fenstern, und wenn sie eine bleiche Wange oder eine schwarze Locke erschauten, stieg ihnen das Blut ins Antlitz und dann klopfte ihnen das Herz, als wollte es die junge Brust zersprengen. Die jetzige Mamsell, Fräulein Hulda, war auch erst ganz kurze Zeit in Hasenbalg und deshalb der Besuch der Schlichterschen Lebensversüßungsanstalt noch ein sehr reger. Treten wir jetzt in das Lokal selbst, das die eine Hälfte eines großen sauberen Eckhauses am Markt einnimmt. Oben wohnt der Assessor Glutstein, der sich immer erst die Hand abwischt, ehe er sie einem geben will, und dessen Frau manchmal nächtliche Serenaden gebracht werden, ohne daß es weiter irgendwelchen Zweck hat. Wenn man vom Flur aus die erste Tür öffnet, tritt man in den großen Laden, welcher zwei Fenster nach dem Markt und ein Fenster nach der Straße hat. An der längsten Wand befindet sich ein großes Gestell, auf dessen Brettern große Gläser mit gebrannten Mandeln, Schokoladenplätzchen, Zuckersachen und Pomeranzenschalen stehen. Viele dieser Gefäße sind aber bereits leer, um nie wieder gefüllt zu werden, weil durchaus keine Frage nach diesen Dingen ist, und in den anderen Gläsern befindet sich auch nur noch ein kleiner, verstaubter Bodensatz von Süßigkeiten. Vor dem hohen und breiten Gestell steht der lange Ladentisch, auf welchem die bereits vorhin charakterisierten Kuchen sich immer mehr und mehr in Mumien verwandeln. Schreiten wir durch den dunkeln und unheimlich kalten Laden und öffnen wir die zweite Tür, welche in das Allerheiligste führt. Licht und behagliche Wärme strömen uns entgegen und machen einen angenehmen Eindruck. Auf einem Stuhl neben dem großen braunen Ofen ist der Konditor Schlichter ein bißchen eingenickt. Er trägt eine graue kurze Jacke, graue kurze Hosen und Pantoffeln, und der auf die Brust gesunkene Kopf erinnert mit seiner eigentümlichen Frisur, der übermäßig langen und schlaffen Nase und dem breiten Mund mit den wulstigen Lippen, lebhaft an das Aussehen eines Ameisenbären. An einem Nebentisch trinken zwei junge Ackerbürgersöhne eine Flasche Rotwein, die noch nicht in das Stadium des Mousseur getreten ist, rauchen Zigarren, die noch schlechter brennen als sie riechen, und werfen sehnsüchtig verliebte Blicke nach der Nymphe des Lokals, welche hinter der Lampe auf dem alten fleckigen Sofa sitzt. Es ist eine ganz hübsche Erscheinung, schlank emporgewachsen, schöne, wenn auch etwas karge Büste, feine, blasse Züge, dunkles Haar und ausdrucksvolle Augen, die sie wohl zu brauchen weiß. Sie hat sich auf ihrem harten Sitz zurückgelehnt und hüllt den Oberkörper in ein dünnes, weiches Tuch, als wenn sie Frost empfände. Neben ihr auf dem Sofa sitzt der Eskadronchirurgus Mosse, mit der großen Warze auf seiner kleinen Nase, und blickt durch die schimmernden Brillengläser bald unmutig auf die beiden rotweintrinkenden Störenfriede, bald auf das bleiche Blumengesicht seiner schönen Nachbarin. Die Bürgersöhne wagen nicht zu sprechen, und der Doktor will nicht sprechen, weil er nicht allein ist. – Da tönt plötzlich die Klingel an der Ladentür, klirrende Tritte kommen durch das Vorzimmer, die zweite Tür wird geöffnet und die beiden Freunde, Padderow und Nasewitz, betreten das Allerheiligste. Der Konditor schreckt aus seinem Schlaf empor, stoßt mit dem Kopf gegen den Ofen und blickt die Eintretenden mit blöden, wäßrigfreundlichen Augen an; die Bürgersöhne fühlen sich unangenehm berührt, der Doktor steht respektvoll auf, und die Offiziere legen Mütze und Mantel ab. »Ich lege dir irgendeinen Weltteil zu Füßen, holde Hebe«, setzt sich Padderow auf des Doktors Platz, indem er die Hand des Mädchens aus dem Tuch wickelt und einen Kuß auf dieselbe drückt; »ein Gläschen Grog, Herr Schlichter; aber ein bißchen steif... Sie wissen ja, wie ich ihn liebe.« »Mir auch eins!« sagt Nasewitz, sich an den Tisch setzend und der Mamsell freundlich zunickend. Diese bekommt augenblicklich mehr Leben und richtet sich empor; der Konditor geht, um den Grog zu bereiten, und der Doktor nimmt sich mißmutig einen Stuhl. Padderow fährt fort, in der blumenreichen Sprache des Orients der Mamsell Schmeicheleien zu sagen; der Konditor bringt den dampfenden Grog, in dem einige Kohlenfragmente schwimmen, und setzt sich dann wieder auf seinen Ruheposten am Ofen. Nasewitz wirft ab und zu einen feindseligen Blick auf die Ackerbürger-Jünglinge und senkt dann wieder das Haupt, als wenn wichtige Gedanken sein Hirn beschwerten. Der Doktor macht von Zeit zu Zeit eine Bemerkung, die nicht ganz frei von Bosheit ist. Auf diese Weise mögen vielleicht zwanzig Minuten vergangen sein, als die Ladentür noch einmal klingt. Die Anwesenden horchen auf und warten eine Weile; aber es kommt niemand herein. »Was ist denn das!« sagt Padderow. »Mein Gott, es werden doch nicht Diebe sein«, fürchtet sich die Mamsell. »Was sollten sie denn da vorne stehlen?« verzieht der Doktor die kleine Nase mit der großen Warze. »Vielleicht einige Raubritter, die dich entführen wollen, süßer Abendstern«, macht der dicke Offizier ein grimmiges Gesicht; »aber sei unbesorgt, des Padderowers fürchterliches Schwert wird dich zu schützen wissen.« »Ich will doch einmal nachsehen«, steht Nasewitz auf und öffnet die Tür; »wer ist denn da?« Keine Antwort. »Herein... in drei Teufels Namen!« erhebt nun auch Padderow seine Stimme. Statt des Bescheides hört man leise Tritte, als wenn jemand auf den Zehen schliche; dann klingt die Tür noch einmal und wird behutsam wieder zugemacht. Nasewitz eilt schnell nach und kommt gerade noch zu rechter Zeit, um zwei dunkle Gestalten auf dem dunklen Flur zu treffen, die bei seinem Erscheinen sich ängstlich an die Wand drücken. »Wer ist da?« fragte er noch einmal. »Ich!« »Wir!« antworteten zwei schüchterne Stimmen. »Unsinn! - Namen angeben.« »Klötersdorf!« »Strammin!« »Na, weshalb kommt Ihr denn nicht herein? - Weshalb geht Ihr denn wieder weg?« Die beiden Fähnriche schämen sich und schweigen. »Ihr fürchtet Euch wohl?« lachte der lange Offizier; »das sieht Euch ähnlich... nun wieder kehrtgemacht und eingetreten!« Die schüchternen Josefs gehorchen und folgen dem Herrn von Nasewitz durch den dunklen Laden in das Allerheiligste. »Liebe Hulda, ich stelle Ihnen hier unsere beiden Fähnriche vor«, wandte sich der letztere dann an die Ladennymphe; »sie haben sich vor Ihnen gefürchtet und wollten wieder auskneifen... sie sind noch zu blöde... ganz das Gegenteil von Herrn von Padderow, der die Festungen immer gleich mit Sturm nimmt.« Das Mädchen lächelte, der dicke Offizier warf Nasewitz einen unwilligen Blick zu; der Doktor machte ein maliziöses Gesicht, die beiden Fähnriche erglühten wie die Rosen, und Klötersdorf trat schließlich, als er ablegen wollte, dem Konditor Schlichter auf die Beine, der aus dem Schlaf emporschreckte und mit dem Kopf gegen den Ofen stieß. »Nehmt Euch Stühle und setzt Euch an den Tisch«, nahm Nasewitz auch wieder seinen Platz ein: »Herr Schlichter, noch zwei Gläser Grog!« Der Konditor lächelte mit blöd-wässerigen Augen, ging hinaus, kam bald mit dem Verlangten zurück und setzte sich wieder an den Ofen. Die Fähnriche saßen mit mädchenhafter Schüchternheit am Tisch und wagten nicht aufzusehen, weil sie die Blicke der Nymphe auf sich ruhen fühlten. »Nun, wie gefallen dir unsere jüngsten Waffenbrüder, Fee des Nachtklubs?« fragte Padderow. »Ausgezeichnet«, entgegnete diese; »das sind zwei Herzen, die noch wahrhaft lieben können... Ihr anderen seid ja schon viel zu verderbt.« Den Fähnrichen wurde es brühheiß und um ihre Verlegenheit zu verbergen, tranken sie fast gleichzeitig von ihrem Grog, verschlückerten sich, bekamen Tränen in die Augen und fingen an zu husten. Die beiden Ackerbürgersöhne am Nebentisch kicherten, und Nasewitz warf ihnen einen unwilligen Blick zu. Konditor Schlichter am Ofen begann ängstlich klingende Schnarchtöne auszustoßen. »Weshalb schlagt Ihr denn fortwährend die Augen nieder«, fuhr Padderow, zu den jungen Menschen gewandt, fort: »Was sagt der Jäger in Wallensteins Lager: Einer Dirne schön Gesicht Muß allgemein sein wie's Sonnenlicht.« Wallensteins Lager war nämlich das einzige, was Padderow von der gesamten Literatur kannte; dafür hatte er es aber auch auswendig gelernt und brachte mit großer Vorliebe Zitate daraus an. »Nun aufgeschaut, Junkers... blickt dem Mädchen doch einmal ins Auge; das ist ja eine Beleidigung, wenn Ihr sie gar nicht anseht ... da muß sie ja denken, daß Ihr sie häßlich findet.« Die beiden Fähnriche gehorchten und ihre Blicke begegneten denen der dunkeläugigen Nymphe; das war aber zu viel für dir unschuldigen Gemüter; das Blut schoß ihnen siedendheiß zu Kopf und Herzen, und Strammin seufzte tief auf, während Klötersdorf die vorhin angezündete Zigarre verkehrt in den Mund steckte und so sich die Zunge verbrannte. Die Ackerbürgersöhne am Nebentisch kicherten, und Nasewitz warf ihnen einen unwilligen Blick zu. »Wenn es eine Blase gibt, kommen Sie morgen zu mir«, flüsterte der Doktor dem Fähnrich von Klötersdorf zu; »ich werde sie Ihnen aufstechen.« Der junge Mann wollte antworten, aber er hatte noch den Mund voll Asche, was ihn an seinem Vorhaben hinderte. »Gott... solches Kurmachen finde ich zu schön«, wiegte Hulda ihren dunklen Kopf; »das ist so schmachtend und so sanft... die beiden Herren könnten gewiß eine ganze Nacht unter den Fenstern ihrer Geliebten stehen und schwärmen.« Nasewitz, der bisher sehr schweigsam und gedankenvoll gewesen war, hob plötzlich das bleiche Haupt und maß erst Klötersdorf und Strammin mit den Blicken; bei letzterem hielt er sich aber bedeutend länger auf, und dann sah er auf Padderow, dann wieder auf Strammin, und dann noch einmal auf Padderow und dann abermals auf Strammin. »Was schaut Ihr mich denn so an, Burgherr von Knelling?« fragte der dicke Offizier, als er es bemerkte. »Ihr gefallt mir«, nickte Nasewitz ihm freundlich zu; »ich bin Euch gut.« »Wer sollte dem wohl nicht gut sein?« lächelte die Ladennymphe; »dem sind ja alle Menschen gut... aber die beiden Fähnriche finde ich romantischer... ich habe ein Echo für sie in meiner Brust.« Der Konditor Schlichter am Ofen gab erst einen ganz tiefen und dann einen ganz hohen Schnarchton zum besten. Die Ackerbürgersöhne am Nebentisch kicherten. Nasewitz wandte wiederum den Kopf nach ihnen und um seine schmalen Lippen spielte etwas Mephistophelisches. »Die beiden Kerls sind mir hier unbequem«, zog es durch seine Gedanken; »ich werde sie ausräuchern.« Dann holte er langsam und umständlich eine Zigarre aus seinem Etui, kniff die Spitze ab und sah sich auf dem großen runden Tisch vor dem Sofa nach einem Streichholz um. Klötersdorf, der es bemerkte, wollte diensteifrig aufspringen, um das Gesuchte zu holen; aber Nasewitz hielt ihn mit kräftigem Druck auf seinem Stuhl zurück, stand dann selber langsam auf und trat mit seinen langen Beinen an den Tisch, wo die beiden Ackerbürgersöhne saßen und auf welchem eine große Schachtel mit Streichhölzern stand. »Die Herren erlauben wohl«, sagte der Offizier mit spöttelnder Höflichkeit; dann zog er ein Hölzchen heraus, rieb an der Wand der Schachtel und kam absichtlich mit dem blaubrodelnden Ende der Zündmasse eines andern zu nahe. Gleichzeitig sprühte eine breite Feuersäule empor; dann füllte sich die ganze Stube mit einem dicken, weißlichen Rauch, der einen ekelhaften Schwefel« und Phosphorgeruch mit sich führte. – Die Ackerbürgersöhne waren erschreckt aufgesprungen; die Nymphe kreischte und hielt sich das Tuch vors Gesicht; Padderow und der Doktor lachten, die Fähnriche schielten durch den verdeckenden Rauch nach ihrem holden vis-à-vis , und der Konditor, der gerade den Mund offen gehabt hatte, fing fürchterlich an zu husten. »Nehmen es die Herren nicht übel«, verbeugte sich Nasewitz gegen die jungen Ackerbürger; »ich werde es gleich wieder gutmachen.« »Feuer! Feuer!« schrie der noch schlaftrunkene Schlichter. »Seien Sie ruhig!« drückte ihm Nasewitz die Kinnbacken zusammen; »es sind bloß ein paar Streichhölzer in Brand geraten.« Dann öffnete er zwei Fensterflügel und stieß die Läden auf, so daß ein eisigkalter Luftstrom ins Zimmer kam. Die beiden jungen Zivilisten, die weniger abgehärtet waren, legten den Betrag für ihren Wein auf den Tisch und machten sich schleunigst aus dem Staube; der Konditor Schlichter hielt sich die Brust und hustete, als wenn er einen Igel heruntergeschluckt hätte, und das Mädchen hüllte sich fröstelnd in das weiche Tuch. »Sie sind weg... ich konnte die Bengels nicht mehr ertragen«, sagte Nasewitz; »noch eine Minute Geduld, dann ist der Rauch heraus, und ich schließe das Fenster.« So geschah es denn auch, aber es war doch kalt geworden; die Unterhaltung wollte ohnehin nicht recht in Zug kommen; die Nymphe wurde blaß vor Müdigkeit und selbst Padderow bekam schon kleine Augen. Nasewitz hatte ja überhaupt die jungen Ackerbürger nicht ausgeräuchert, um nachher noch lange zu sitzen, sondern er wollte sie aus einem anderen Grunde forthaben. »Geben Sie mir mal ein Licht, Schlichter!« sagte Nasewitz, als die Fenster wieder geschlossen waren. Der noch immer hustende Konditor ging mit tränenden Augen und wackelnder Nase hinaus und kam dann mit einem brennenden Licht und einem großen Schlüssel wieder, welche beide Gegenstände er verlegen lächelnd dem Leutnant von Nasewitz überreichte. Dieser warf erst einen verwunderten Blick auf den Schlüssel; dann aber, als ihm des Konditors Mißverstehen klar wurde, machte er eine zufrieden schmunzelnde Miene und dachte bei sich: »Gut... das fällt noch weniger auf.« Dann wandte er sich zum Gehen. Die Nymphe rümpfte ein wenig das Näschen, der Konditor Schlichter rieb sich verlegen die Hände an den Hosen, die Fähnriche schämten sich, und der Doktor lächelte boshaft. »Das hätte ich Euch nicht zugetraut, Burgherr von Knelling«, blickte ihn Padderow mit tiefster Mißbilligung an. Nasewitz kehrte sich an nichts, sondern näherte sich langsam der Tür. »Sind Sie schon dagewesen?« tuschelte der Konditor verlegen, hinter ihm hertrippelnd; »oder soll ich mitkommen und es Ihnen ..« Der lange Offizier streckte verbietend seinen Arm gegen ihn aus und verließ dann das Zimmer. Anstatt aber anderswohin zu geben, schlich er leise in die Küche, setzte das Licht auf den Herd, riß ein Blatt Papier aus seinem Taschenbuch, dachte eine Weile nach, schrieb einige Zeilen, faltete es künstlich zusammen, steckte es ein, und trat den Rückweg an. Im Zimmer herrschte das tiefste Schweigen und eine gekniffene Stimmung. Nasewitz lieferte Licht und Schlüssel wieder ab und mahnte nach einem Weilchen zum Aufbruch, ein Vorschlag, der Anklang zu finden schien. Die Fähnriche standen sofort gehorsam auf, Padderow rezitierte der Nymphe den Schillerschen Vers, daß »ein Kuß frei sei«, der Doktor sah der Szene sauer lächelnd zu, und Nasewitz überblickte das Ganze mit der Miene eines Feldherrn. »Kommt, Padderow, wir gehen zusammen!« rief er, sich den Mantel um die Schultern werfend. Jener hatte eben einen flüchtigen Streifkuß erhascht und suchte nun ebenfalls nach Mantel und Mütze. Während die Aufmerksamkeit der anderen abgelenkt war, näherte sich Nasewitz dem Mädchen und flüsterte ihr ins Ohr: »Willst du mir einen Gefallen tun, Hulda?« »Ach, gehen Sie doch!« sagte das Mädchen noch immer beleidigt. »Ich habe nicht viel Worte zu machen«, tuschelte Nasewitz weiter; »ich war draußen, um dies Billet zu schreiben... sei so gut und drücke es unbemerkt dem Fähnrich von Strammin in die Hand.« »Was steht denn darin?« »Wer wird so neugierig sein! - Willst du mir den Gefallen tun oder nicht?« »Welches ist denn der Fähnrich von Strammin?« »Der kleine untersetzte, mit dem dummen Gesicht...« »Ach so... na, dann geben Sie her.« Nasewitz drückte ihr schnell den Zettel in die Hand und trat dann von ihr fort. »Gute Nacht, süßes Bild meiner Träume«, spitzte Padderow die dicken bartüberhangenen Lippen und warf dem Mädchen eine Kußhand zu; »mögen Seraphsfittiche dich in sanften Schlummer fächeln!« »Ach, machen Sie doch keinen Unsinn!« sagte das Mädchen, mit einem Versuch, sich dem bezeichneten Fähnrich zu nähern. Nasewitz schob Klötersdorf und den Doktor aus der Stube in den Laden, nahm dann Padderow unter den Arm, um ihnen zu folgen, und ließ Strammin als Letzten zurück. Kaum hatte die Konditormamsell das Manöver bemerkt, als sie schnell zu dem untersetzten Fähnrich herantrat und ihm Nasewitzens Zettel in die Hand drückte. Strammin blickte sich erstaunt um, und auf seinen Lippen schien eine Frage zu schweben, als das Mädchen mit einem vielsagenden Blick den Finger auf den Mund legte und ihm Schweigen gebot. Der Fähnrich folgte den anderen nach, der Konditor Schlichter blies das Licht aus und schraubte die Lampe niedriger; das Fräulein gähnte, und draußen klang die Tür, zum Zeichen, daß die kleine Gesellschaft das Lokal verließ. Die Haustür war noch offen und man trat in die kalte Nachtluft hinaus. Der Doktor und die Fähnriche verabschiedeten sich und gingen nach verschiedenen Richtungen über den Markt; Nasewitz blieb mit seinem Freunde noch einige Minuten stehen und blickte den jungen Leuten nach, bis sie um eine Ecke verschwanden. Begleiten wir sie für kurze Dauer in ihre Wohnung. Gesprochen hatten sie unterwegs keine Silbe; als Strammin aber oben in seiner Stube ankam, machte er hastig Licht, faltete den Zettel auseinander und las mit brennender Wange und klopfendem Herzen: »Mein schöner Herr! O, weshalb mußten Sie es gerade sein? - Ich habe Ihre glühenden Blicke verstanden, und wenn mein Verstand sich auch dagegen sträubt, mein Herz muß widerstandslos Ihren Wunsch erfüllen. - Aber Sie müssen sich die Mühe nicht verdrießen lassen; ich bin streng bewacht und selten Herrin meiner Zeit; erwarten Sie mich daher acht Tage hintereinander im kleinen Nachtwächterhäuschen gegenüber dem Rittmeister Schimmelmann, von zwölf bis zwei Uhr nachts; in dieser Zeit werde ich eine halbe Stunde finden, um zu Ihnen zu kommen. - Böser Mann; weshalb haben Sie es mir angetan?« Als Strammin den Zettel zu Ende gelesen hatte, befand er sich in einem förmlich fieberhaften Zustand. »Ist es denn möglich!« drückte er sich die heiße Stirn; »sie hat meine Blicke verstanden... ich habe sie doch aber kaum angesehen.. sie will meinen Wunsch erfüllen... ich hatte ja aber eigentlich gar keinen... aber, es ist egal... ich hatte wohl einen... er war mir nur noch nicht klar... dies himmlische Mädchen hat ihn aber dennoch auf dem Grund meiner Seele gelesen... sie liebt mich... ich liebe sie wieder... ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne!« Nach diesen Gedankenworten stürzte er hinüber zu Klötersdorf und gab dem ganz Erstaunten einen siedendheißen Kuß. »Mein Gott!« rief der andere; »was ist dir? – Bist du betrunken?« »Ja!« jubelte Strammin, trunken vor Wonne; ... »ich liebe ... ich bin geliebt ... ich habe ein Stelldichein ...« »Ist es möglich ... mit wem denn?« »Mit der reizenden Hulda!« tuschelte ihm der Glückliche ins Ohr. »Mit Hulda ... aber wie hast du denn dies angefangen ... ich habe ja gar nichts bemerkt.« »Ja ... das ist eben die Sache!« prahlte Strammin; »Adieu, nun muß ich gehen ... wenn sie vor mir da wäre ... o Gott!« Klötersdorf hätte gern noch mehr gefragt, aber der andere stürmte fort, als wenn er sein Glück gar nicht mehr erwarten könnte. »Der Mensch hat ein Stelldichein!« staunte Klötersdorf, als er allein war, »der hat ein wunderbares Geschick in solchen Dingen ... wer hätte ihm das zugetraut ... nun komme ich mir neben ihm vor wie ein blöder Schulknabe ... aber ich darf mich nicht in den Schatten stellen lassen ... morgen mache ich Besuch bei der Baronin Möhrenstolz!« Als Nasewitz den beiden Fähnrichen eine Weile nachgesehen hatte, zog ihn Padderow am Arm. »Es ist ja verdammt kalt hier«, sagte er; »komm nach Hause.« Und damit wollte er ihn nach links fortziehen, auf dem nächsten Wege bei der Hauptwache und dem Rittmeister Schimmelmann vorbei. »Nein, laßt uns heute einmal rechts gehen«, widersprach Nasewitz, die entgegengesetzte Richtung anstrebend. »Fällt mir gar nicht ein; das ist ja furchtbar um.« »Deshalb eben ... die frische Luft wird uns wohltun nach dem Grog und dem Schwefelqualm.« »Meint Ihr, edle Seele?« »Ihr wißt doch, daß ich Euch immer gute Ratschläge gebe.« Padderow war davon überzeugt und ließ sich nun, die gefahrvolle Passage beim Rittmeister Schimmelmann vermeidend, wie ein gehorsames Kind von seinem Freund nach Hause führen. Dort angekommen sagten sie sich herzlich »gute Nacht« und darauf verschwand der eine in dem Hause mit dem Kessel, und der andere in der Veste Knelling. Kaum aber war die Haustür hinter Padderow zugefallen, als Nasewitz wieder zum Vorschein kam und, im tiefsten Schatten dicht an den Häusern heranschleichend, den Weg nach dem Marktplatz einschlug. Mit unendlicher Vorsicht gelangte er in einen Torweg, von dem aus er einen freien Blick auf das Nachtwächterhäuschen hatte. »Richtig... Da steht er!« murmelte er nach einem Weilchen zufrieden vor sich hin. – Dann trat er behutsam seinen Rückweg an, überschritt bei der Apotheke die Straße, verkroch sich hinter der Außentreppe des Magazinrendanten und schielte nach den Fenstern des Rittmeisters Schimmelmann. »Er ist da... er hat ihn gesehen!« schmunzelte er vergnügt. Dann erreichte er unbemerkt die Veste Knelling und begab sich alsobald zu Bett. »Dem Übelstande wäre abgeholfen; acht Tage und noch länger steht mein Strammin wie ein Pfahl... so lange hält der alte Schimmelmann gar nicht auf seinem Beobachtungsposten aus... nach vier Nächten ist er vollständig von der Tatsache überzeugt... das Verhältnis zwischen Hulda und dem Fähnrich wird dann leicht zu lösen sein... darüber wollen wir uns heute abend den Kopf noch nicht zerbrechen.« Und das tat er auch nicht, sondern er zog sich das Deckbett über die Ohren und schlief gleich darauf ein. 7. Eine Hofgeschichte Es war am nächsten Morgen, so zwischen acht und neun. Der ständige Westwind, der die ganze letzte Zeit kalt über die Felder gestrichen war, schien sich noch nicht aus seinem Bett in der fernen Himmelsgegend erhoben zu haben. Das ewige Klappern, Knarren und Kreischen von den Dächern herab, an das die Hasenbalger so gewohnt waren, wie die Amsterdamer an ihr Glockengebimmel, war verstummt. Die Leute, welche die Straße entlang gingen, wunderten sich ordentlich, daß es so still war, und machten ängstliche Gesichter, ob das auch nicht ein Unglück zu bedeuten habe. Je näher es gegen neun kam, desto größer wurden die blauen Flecken in den weißen Wolkenmänteln, und zuletzt schaute die liebe Sonne mit ihrem Strahlenantlitz hindurch, als wenn ihr warmes Herz Freude über die ganze Erde verbreiten wollte. Auf dem Hofe des Brauers Branz, wo der Kessel vorne vor der Tür hängt, schien die Sonne auch schon recht warm und schön. Der Eigentümer selbst, in seinem groben Rock, das schwarze Käpsel schief auf dem linken Ohr, hatte eben alle Stalltüren geöffnet, damit das liebe Vieh auch etwas haben sollte vom warmen Sonnenschein, und die verschiedenen Tiere fingen auch gleich an, ihm dafür zu danken, in ihren verschiedenen Sprachen. Nur der faule Polko hatte sich die wärmste Stelle auf dem Mist ausgesucht und lag nun auf der Seite, alle Viere von sich gestreckt, die Augen geschlossen, und im Schlaf ein dümmeres Gesicht machend als im Wachen. Der Brauer Branz war wieder ins Haus gegangen, um nachzusehen, ob vielleicht jemand in der Wirtsstube sei, der einen kleinen Kümmel pfeifen wollte. Die dicke Magd saß breitbeinig auf einem Schemel hinter einer Kuh, die ihr manchmal mit dem Schwanze ins Gesicht schlug, und strullte ihr mit wunderbarer Geschicklichkeit die Milch aus dem vollen Euter. Gründling, der Bursche, stand hinter ihr und sah ihr lächelnd zu und tappschte ihr von Zeit zu Zeit mit seiner harten Hand auf die volle, dralle Schulter. Drüben aber vor der Tür der Veste Knelling saß Joseph, der Hund, und zog die Nase und kniff und blinkte mit den Augen, weil ihm die Sonne ins Gesicht schien. Er sah aus, als wenn er eigentlich an gar nichts dächte; denn seine häßlichen Züge waren leidenschaftslos und das rötlichgelbe Haar schmiegte sich so friedlich an seinen langen unschönen Leib, als wenn alle Leidenschaften in demselben erstorben wären. Da kam aus dem Nachbarhause ein sauberes Kätzchen mit schiefgeschlitzten grauen Augen und krummem Schwanz und schlich mit seinen weichen Sammetpfoten lautlos über die Straße zum Brauer Branz hinüber. Was den Hunden manchmal an Gehör abgeht, das haben sie dafür desto reichlicher im Geruch; namentlich Katzen wittern sie in ihrer durch nichts begründeten Todfeindschaft in weiter Ferne. Schon als die schlaue Miez in nichtsahnender Gedankenversenkung aus der Tür des Nachbarhauses getreten war, hatte Josephs linker Nasenflügel eigentümlich gezuckt, als wenn er mit einem unsichtbaren elektrischen Draht in Verbindung stände; als seine Feindin auf der Mitte des Srraßendammes anlangte, geriet die ganze gespaltene Schnauze schon in fieberhafte Erregung, plötzlich aber öffneten sich die müdblinzelnden Augen, die Züge nahmen den Ausdruck tiefsten Hasses an, das rotgelbe Haar sträubte sich wie bei einem Igel empor, dann stürzte er in langen Sätzen und mit wildem, heiserem Wutgeschrei auf die Katze. Diese hatte aber rechtzeitig und instinktiv die Nähe der Gefahr geahnt; denn kaum hörte sie den Schlachtruf ihres Feindes, als sich ihr ebenfalls das glatte Haar zu Berge sträubte und sie, schnell und lautlos, in dem weiten Torweg beim Brauer Branz verschwand. In ihrer Eile hatte sie aber den schlafenden Polko nicht gesehen, sondern sprang über ihn hinweg und kitzelte dabei mit ihrem langen Schwanz das dünne Barthaar der gespaltenen Schnauze. Kaum fühlte diese das feine Kitzeln und den verhaßten Geruch, als er sofort mit dem schiefen Gebiß zuschnappte, dann, als hätte ihn eine Tarantel gestochen, auf die Beine sprang, und der Katze nachraste in den Stall, wo Babieca stand. Das dicke Tier bekam einen Schreck, stieß einen rülpsenden Ton aus und machte eine schwache Drehung mit dem Schwanz; und eine Sekunde später saß die Katze oben in der Raufe und blickte mit ihren unheimlich funkelnden grünen Augen hinab, und unten, rechts und links von dem breiten Hinterteil des faulen Babieca hockten Polko und Joseph und blickten wütend und zähnefletschend zu ihr empor. Im ersten Augenblick hatte der eine Hund die Anwesenheit des andern nicht bemerkt; als sie sich aber gegenseitig gewahr wurden, schwoll Joseph förmlich an vor maßlosem Doppelhaß, und Polko zitterte auf der einen Seite vor Kampfeswut, der Katze gegenüber und vor dem Furchtgefühl, das ihm sein Erbfeind, der gelbe Joseph, einflößte. Babieca stand zwischen den dreien und sah bald rechts und sah bald links und drehte verlegen mit dem kurzen Stummel. Wenn zwei einander feindlich gesinnte Hunde einer Katze gegenüberstehen, so ist der Haß auf letztere dermaßen überwiegend, daß sie festgebannt sitzen, wie unter dem Einfluß des Basiliskenblickes, und solange dieser seine Wirkung übt, gegen sich selber nichts Feindliches unternehmen. Die beiden Hunde saßen regungslos wie Statuen, höchstens vier Schritte voneinander entfernt, und blickten mit blutunterlaufenen Augen zu der Katze empor, und wenn diese ab und zu prutschte, dann stießen sie einen häßlichen, quietschenden Ton aus und Babieca drehte verlegen mit dem Stummel. Da trat Herr von Padderow aus der Hintertür des Hauses. Er war schon fertig angezogen und trug ein altes Röckchen mit verblichenen Farben, den ehemals steifen Kragen umgebogen und die Ärmel unten blank und fettig vom vielen Liegen auf dem Kneipentisch. Sein würdiges Haupt bedeckte eine alte Feldmütze ohne Schirm, und das bärtige, dicke Gesicht lächelte so recht froh in den heiteren Morgen hinein. Nachdem er sich ein Weilchen freundlich umgeblickt und den aromatischen Duft der offenen Ställe eingesogen hatte, setzte er langsam ein dickes Beinchen vor das andere und bewegte sich dem Stalle zu, wo seine Rosse standen. Als er eintrat, wagte Babieca nicht wie sonst zu wiehern, sondern sah sich nur gekniffen um und drehte etwas mit dem kurzen Stummel. Polko, der seinen Herrn ebenfalls erkannt hatte, äußerte seine Freude nur dadurch, daß er mit seinem kurzen Schwanzfragment die feuchten Dielen klopfte. Joseph schnitt dem dicken Leutnant ein Gesicht. »Was ist denn hier los?« brummte Padderow vor sich hin; »aha ... da sitzt 'ne Katze oben in der Raufe ... na wart', dich will ich ...« Und damit nahm er den Stallbesen, ging zu Babieca in den Stand und stöckerte mit großer Anstrengung in den Sparren herum. »He, Katz ... he, Katz!« rief er dabei, indem er ein ganz rotes Gesicht bekam. Die beiden Hunde stießen einen gemeinschaftlichen Wutschrei aus und fletschten mit den Zähnen. »Wollt Ihr wohl ruhig sein, Köters«, stöckerte Padderow, auf den Zehen stehend, weiter; »wie kommst du überhaupt hierher, Ungetüm von Joseph! ... He, Katz ... wirst du gleich!« Jetzt hatte er das geängstigte Tier mit einem scharfen Besenreis empfindlich getroffen, denn es stieß einen wehmütigen Schmerzensschrei aus und lief die ganze Raufe entlang bis in das äußerste Ende des Stalles. Die beiden Hunde wie ein Wetter hinterher; dann Padderow, allmählich in Schweiß geratend, mit seinem Besen. »He, Katz ... husch, Katz!« Und damit kletterte er auf den Futterkasten, um seinen Angriff aus näherer Entfernung kräftiger wirken lassen zu können. Jetzt wußte das geängstigte hart bedrohte Tier nicht mehr ein noch aus, und wagte einen kühnen, langen Sprung dicht über des dicken Leutnants Kopf hinweg, bis mitten in den Stall hinein. »Daß dich der Teufel!« fluchte Padderow. Die Hunde machten beide zu gleicher Zeit kehrt und rasten der Katze nach; auf dem Mist aber rannten sie zusammen und da jeder in seinem wutblinden Eifer den andern für die Katze halten mochte, so fielen sie wie die Rasenden übereinander her und bissen und zausten sich, daß die Haare nur so flogen. »Ihr verfluchte Bande!« schimpfte Padderow, als er aus dem Stall trat; »wollt Ihr gleich auseinander ...!« Und damit ergriff er den wutschäumenden Joseph am Schwanz und zog und zog, aber wer nicht losließ, das war eben Joseph. »Warte, du Bestie, ich werde dich schon kriegen!« prügelte der Leutnant mit dem Besenstiel auf des Hundes Rücken; »willst du gleich ... willst du noch nicht ... ih, dir soll ja die Pestilenz in deinen Kadaver fahren!« Padderow schlug jetzt so stark, daß es dem dickfelligen Köter doch endlich zuviel wurde; denn er ließ plötzlich seinen Gegner los, kniff den Leutnant mit seinem schiefen Gebiß ziemlich derb in die fleischige Wade und ergriff dann mit eingeklemmtem Schwanz die Flucht. Polko trottete wie ein betrübter Lohgerber dem Kuhstall zu, um dort seine Wunden zu lecken; Padderow aber, den der Biß schmerzte, humpelte mit hochgeschwungenem Besen seinem Widersacher nach. »Buh!« machten die Kühe, die verwundert dem Kampfe zugeschaut. »Böh!« machten die dummen Hammel und die Schafe. Der Hahn lief mit langen Schritten einer schüchternen Henne nach, und die verjagten Sperlinge flogen auf den Mist zurück und äußerten sich in wunderbarer Zungenfertigkeit über das störende Zwischenspiel. Als Joseph aus dem Torweg floh, lief er gerade der steifen Käthe zwischen die Beine, auf welcher Schimmelmann eben auf dem Wege nach der offenen Reitbahn war. Der Rittmeister, der eben freundlich nach Nasewitzens Fenstern emporgesehen hatte, kam durch den ungeschickten Seitensprung des alten Gauls aus dem Sitz, verlor einen Bügel und griff schnell mit der linken Hand nach der Mähne. In diesem Moment kam Padderow, die Feldmütze tief im Genick, das Antlitz rot und schweißig, mit hochgeschwungenem Besen aus dem Torweg gerade auf Schimmelmann zugerast. »Nanu ... was fällt Ihnen denn ein?« schrie dieser, mit dem rechten Fuß nach dem verlorenen Bügel angelnd; »wo wollen Sie denn hin? – Halt doch! – Die Käthe überschlägt sich ja!« Aber Padderow hörte und sah nicht, sondern eilte an seinem Schwadronschef vorüber und verschwand dann in der engen Haustür der Veste Knelling. »Gott sei mir gnädig!« grunzte Schimmelmann vor sich hin, als er wieder sicher im Sattel saß; »der schnappt wirklich noch über vor Liebe... na, wenn das die Alphonsine wüßte... Herr du meines Lebens!« Dann klopfte er der dicken faulen Käthe beruhigend den quabbligen Speckhals und setzte seinen Weg nach der Reitbahn fort. – Nasewitz, der am Fenster gestanden hatte, machte ein ganz verwundertes Gesicht über die Szene, die in der Schnelligkeit ihres Vorübergehens wie aus der Erde hervorgezaubert schien. »Nanu!« lächelte er dann; »was soll denn das bedeuten? – Der Padderow wird mir doch nicht mit dem Besen zu Leibe wollen, weil er vielleicht meinen Plan entdeckt hat!?« – Jetzt hörte er aber seinen Busenfreund mit dröhnenden Tritten über die hohlen Dielen des Hausflurs eilen. »Aha!« dachte Nasewitz; »er läuft nach dem Hof... was will er da? – Muß doch mal ans Hinterfenster treten.« Padderow hatte unterdes den unglücklichen Joseph bis in den Stall verfolgt, ihn dort in eine Ecke gedrückt und so lange geprügelt, wie er den Arm rühren konnte. Joseph schrie, als wenn er am Speer steckte, und Nasewitzens langer Schimmel, der ein bißchen nervös war, blickte sich unwillig nach dem unwillkommenen Ruhestörer um. »Puh!« machte der dicke Padderow, indem er sich schweißtriefend mit seinem Besen in die Stalltür stellte; dem habe ich es gut gegeben... der wird eine Weile an mich denken!« Diesen glücklichen Moment, wo der Leutnant, ihm den Rücken kehrend, gerade hinter ihm stand, benutzte aber der nervöse Schimmel und schlug, um sich zu rächen, mit beiden Hinterbeinen so geschickt aus, daß er seinen Feind auf dessen weichste Stelle traf, so daß dieser mit weit vorgestreckten Händen von der Schwelle der Stalltür bis mitten auf den Mist flog, wo er auf den Bauch fiel und wie eine tote Padde liegen blieb. Auf Josephs häßlichem Gesicht glänzte eine teuflische Freude und er leckte nachher dem Schimmel aus Dankbarkeit die Vorderhufe. »Guten Morgen, erlauchter Herr!« rief jetzt Nasewitz freundlich aus dem geöffneten Hinterfenster. Padderow antwortete nicht. »Weshalb machtet Ihr denn eben den Hechtsprung aus meinem Stall heraus?« »Unsinn!« knurrte Padderow so leise, daß der andere es nicht hören konnte. »Sollte Euch in Euren jungen Jahren schon der Schlag gerührt haben?« fragte Nasewitz weiter; »da muß man sofort Wiederbelebungsversuche anstellen.« »Verrückt!« brummte Padderow, dem alle Knochen dröhnten von dem Schlag. Nach einer Minute kam Nasewitz mit einer vollen Wasserkaraffe ans Fenster zurück, faßte dieselbe mit beiden Händen, zielte lange und bedächtig, und schleuderte dann den Wasserinhalt in hohem Bogen so geschickt, daß derselbe auf Padderows Kopf niederklatschte. »Donnerwetter! Wer ist das gewesen?« sprang jetzt der Leutnant auf die Beine. »Ich!« nickte Nasewitz freundlich; »der Himmel sei gepriesen, daß Ihr lebt.« »Dafür ziehe ich Euch zur Rechenschaft, verräterischer Waffenbruder!« hob Padderow drohend seinen Stallbesen. »Wofür? – Daß ich Euch das Leben rettete?« fragte der andere mit sanftem Ton. »Unsinn! – Ich war ja gar nicht tot!« »Ja ... das hättet Ihr mir doch früher sagen sollen, anstatt mir jetzt Vorwürfe zu machen für meine gute Absicht.« Padderow machte schon wieder ein gutmütiges Gesicht. »Kommt herauf zu mir«, sagte Nasewitz; »im trockene Euch ab und dann trinken wir einen Bittern zusammen.« Padderow lächelte. »Und dann erzählt Ihr mir, weshalb Ihr aus meiner Stalltür den Hechtsprung gemacht habt.« »Meinetwegen!« Und als er nach einer guten Stunde Padderow den Nasewitz verließ, trennten sie sich wie immer als die besten Freunde der Welt. »Gute, ehrliche Seele!« dachte der dicke Leutnant beim Nachhausegehen; »der ging für mich durchs Feuer ... und ich für ihn.« »Der alte Schimmelmann sah so freundlich herauf«, schmunzelte Nasewitz, als er allein war; »er hatte also nichts gemerkt von dem untergeschobenen Anbeter ... er ist diese Nacht zufrieden gewesen. – Gott gebe ein ferneres gutes Gedeihen!« 8. Noch ein Josef, aber kein feuriger Derselbe Morgen, an welchem die in vorigem Kapitel erzählte Hundebeißerei stattgehabt hatte, fand die beiden Freunde Klötersdorf und Strammin wieder am gemeinschaftlichen Kaffeetisch. Strammin, der die halbe Nacht vergeblich im Nachtwächterhäuschen gewartet und dann um halb sechs Uhr schon wieder seinen Beritt revidiert hatte, sah etwas blaß und hohläugig aus und blinkerte immerzu mit den müden Augenlidern, während Klötersdorf ihn voll geduldiger Neugier ansah. Sie waren eben erst vom Rapport beim Wachtmeister nach Hause gekommen und hatten bis jetzt so gut wie gar nichts miteinander gesprochen. »Nun?« fragte endlich der lange Klötersdorf, der das Schweigen nicht mehr aushalten konnte. »Was denn?« machte Strammin die übermüden Augen auf. »Na ... wie war es denn gestern? – Hast du sie getroffen?« Die Frage war dem anderen sehr unangenehm. Die schöne Hulda hatte ihm zwar geschrieben, er solle sie acht Tage hintereinander erwarten; er konnte sich also gar nicht darüber wundern, daß sie nicht gleich das erste Mal erschienen war; er fühlte sich aber dennoch ein wenig gedrückt und abgekühlt nach dem mächtigen Aufglühen von gestern abend, und wenn er Klötersdorf die Wahrheit sagte, so würde dieser die Nase gerümpft und sein Abenteuer belächelt haben. Es war also viel besser, wenn er log, namentlich da die Lüge spätestens binnen acht Tage Freisprechung und Billigung erhielt. »Nun, natürlich habe ich sie getroffen!« beantwortete der Klötersdorfs Frage. Dieser dachte, es würde noch mehr herauskommen; da dies jedoch nicht der Fall war, mußte seine Wißbegier sich zu einem anderen Angriff entschließen. »Wie lange warst du denn mit ihr zusammen?« fragte er also weiter. »Drei Stunden!« unterdrückte Strammin ein Gähnen. Wieder Pause. Klötersdorfs Kopf wurde ganz rot und sein Herz klopfte gewaltsam vor Aufregung. Es ist aber nichts angreifender und schrecklicher, als wenn ein Draufgänger aus einem Phlegmatiker gern etwas heraushaben möchte und die interessante Mitteilung, in wenige dürftige Stückchen zerrissen, selber zutage fördern muß. »Drei Stunden ...« wiederholte mit benommenem Atem, nach einer Weile, der unruhige Klötersdorf; »wo hattet Ihr denn das Stelldichein?« »Wie kannst du so fragen?« schlief Strammin beinahe ein. »Du hast recht«, sagte der andere; »so etwas enthüllt man nicht ... aber es war schön, nicht wahr?« – »Sehr schön!« unterdrückte Strammin ein abermaliges Gähnen. Klötersdorf klopfte das Herz fast hörbar, und er konnte eine Weile gar nicht sprechen, weil er fühlte, daß ihm der Atem fehlen würde. Aber er blickte dafür seinen Kameraden mit einer beinahe neidischen Teilnahme an. Diese glücklichen Lippen hatten den Mund eines Mädchens geküßt, diese noch in süßer Erinnerung schwelgenden Augen hatten sich geweidet an ihrer Schönheit, dieser Arm hatte ihre Hüften umschlungen ... Hier konnte Klötersdorf nicht weiter denken, sondern holte tief Atem und schloß die Augen. Strammin, der unterdes eingeduselt war, gähnte jetzt, daß es ordentlich schaurig klang. »Mein Gott, wie er seufzt«, dachte der andere; »er sehnt sich wohl ... der Glückliche ... der Beneidenswerte ... und was bin ich dagegen? – Ein blöder, schüchterner Schulknabe, über den sich bald das ganze Regiment lustig machen wird ... so etwas vergißt sich dann nie wieder ... sie werden mir einen Spitznamen geben, der mir anhaftet bis an meinen Tod ... das geht nicht länger so ... das muß geändert werden ... ich darf auf keinen Fall hinter Strammin zurückstehen ... wer hätte das von ihm gedacht ... ich muß ihm zu imponieren suchen.« »Wann siehst du sie wieder?« wandte er sich dann laut an seinen Freund. »Was?« fragte dieser, mit einem mißlungenen Versuch, die schweren Augenlider zu heben. »Wann du sie wiedersiehst?« »Acht Tage ... hintereinander«, dehnte sich Strammin. »Mein Gott!« betete Klötersdorf; »das ist ja der reine Don Juan ... und ich ... und ich ...!« Da schlug die Schwarzwälder Uhr an der Wand mit lautem Summen neun. »Wir müssen zu den Rekruten auf den Markt«, stand Klötersdorf auf; »um ein Viertel auf zehn wird angetreten.« Dies Wort rüttelte Strammin aus seinem Schlummer empor, er erhob sich ebenfalls und trat vor den Spiegel, um sich am Anblick seines eigenen Ich zu weiden. »Der Geck!« dachte sein neidischer Freund. »Du möchtest wohl an meiner Stelle sein?« blickte dieser ihn mit einer gewissen Überhebung an. Da schwoll Klötersdorfs Selbstgefühl. »Weshalb denn?« entgegnete er mit gut gespielter Gleichgültigkeit; »ich mache heute Besuch bei der Baronin Möhrenstolz ... ich hatte es mir schon gestern vorgenommen.« Dem andern schien das wirklich imponiert zu haben. »I, sich einmal den Klötersdorf an«, dachte er; »das hätte ich ihm nicht zugetraut ... es ist mir aber doch lieb, daß ich nicht als blöder Schäfer neben ihm erscheine.« Dann schnallten sich beide die Säbel um, hüllten sich in die langen Mäntel und schlenderten die Straße hinab dem Marktplatz zu. Das ist ein ganz hübscher Weg, bloß der dicke Padderow konnte ihn nicht leiden. Im Winter passierte er die Straße nie, weil er es nicht brauchte; aber im Sommer wurde immer aus diesem Tor zum Exerzieren geritten, und dann würde er weiß was darum gegeben haben, wenn er sich hätte unsichtbar machen können; denn jedesmal wenn die Schwadronsmusik spielte, dann trat erst das bleiche Gesicht des Weinhändlers Schleckmann ans Fenster und heftete seine vorwurfsvoll mahnenden Blicke so fest und bedeutsam auf den armen dicken Leutnant, daß dieser auf dem faulen Babieca unwillkürlich die Beine emporzog, um sich ein bißchen kleiner zu machen. Und ein paar Häuser davon stand wieder Mosis Mosner mit seinem verschmitzten Judengesicht vor der Tür, und obgleich Padderow gar nicht hinsah, fühlte er dennoch, daß die Blicke ihm durch das hellblaue Kollet bis in die bange Seele drangen. Den beiden Fähnrichen war das egal, denn sie hatten keine Schulden, aber dafür andere Unvollkommenheiten. Mosis Mosner stand auch wieder in seinem Laden und ärgerte sich darüber, daß die beiden wohlhabenden jungen Menschen keine Geschäfte mit ihm machten; aber Schleckmann war nicht an seinem Fenster zu sehen. Das war damals die einzige Weinstube in Hasenbalg, und der alte Oberst Hollprägel nannte sie immer die Giftbude. Als die beiden Fähnriche auf dem großen Marktplatz ankamen, sammelten sich schon die Rekruten von zwei Schwadronen zum Fußexerzieren, während die beiden anderen Eskadrons in der offenen und verdeckten Bahn Reitunterricht hatten. Es war hübsch hell und windstill auf dem Markt, und die alten gichtbrüchigen Häuser machten ordentlich freundliche Gesichter, als wenn ihnen einmal wieder warm ums Herz würde, wie in den Zeiten ihrer Jugend. Da schlägt die Rathausuhr halb, die Unteroffiziere kommandieren »Stillgestanden!« und der Leutnant von Ströllpitz tritt auf den Glockenschlag mit seinem besten Dienstgesicht um die Ecke und geht an der Front seiner Abteilung herunter, um mit heiligstem Ernst den Anzug zu mustern. Einige Minuten später kommt auch der Offizier der anderen Abteilung, Graf Plustra, aus dem kleinen schmalen Giebelhäuschen, in dessen erster Etage seine Braut und seine künftige Schwiegermutter wohnen. Er hat einen sehr alten Mantel um seine Schultern gehangen, sein langes, ganz unsoldatisches Künstlerhaar wallt unter der verbogenen Mütze hervor und aus Mund, Nase und Ohren strömt in leichter Bläue der Rauch, den er vor einer Viertelstunde eingesogen. Obgleich es heute ein ausnahmsweise schöner Tag ist, sieht der Graf doch blaß und frostig aus, und seine etwas geknickte Figur gleicht einer schönen, exotischen Pflanze, die, in nordischen Boden gebracht, langsam dahinkränkelt in dem kalten, ungewohnten Klima. Oben an dem kleinen, niedrigen Fenster steht seine Braut, die unheimlich bleiche Georgina, eine Lilie unter den Frauengestalten, und blickt ihm nach, und als er jenseits des Rinnsteins sich umwendet und hinaufnickt, da spielt ein leises, kaltes Lächeln um ihre farblosen Lippen, als wenn der Tod ihr einen Kuß gegeben habe. Graf Plustra sieht sich ebenfalls seine Rekruten an, jedoch mit weit geringerem Interesse als der Premierleutnant von Ströllpitz, dann beginnt das Exerzieren mit den halben und ganzen Wendungen. Zuletzt kommen auch noch die Rittmeister dazu; dann erhält der Diensteifer neues Feuer, die Unteroffiziere stellen sich an, als wenn sie sich und alles andere zerreißen wollten, und schließlich gibt es ein Geschrei, als wenn ganz Hasenbalg in Flammen stände. Für einen Menschen von Phantasie ist es eine Vorbereitung zur Hölle des Dante. Mein Gott, diese Langeweile, Tag für Tag, einen ganzen langen Winter hindurch! - Man sucht ein bißchen Abwechselung um jeden Preis; man zählt sämtliche Fensterscheiben am Markt; man zählt die vorübergehenden Bürger; man berechnet auf den Silbergroschen, wieviel Schulden man hat, man träumt auch vielleicht von irgendeinem Mädchen, dessen Blüte unsere Vergangenheit oder Gegenwart durchduftete. Das Letztere tut z. B. der Fähnrich von Strammin, der zwischen zwei vierschrötigen Dragonern hindurch nach der Lebensversüßungsanstalt an der Ecke des Marktes blickte, wo an einem Fenster das unklare Bild der schönen Hulda sichtbar ward. »Arme Gefangene ... konntest du dich gestern nicht deinen Fesseln entreißen? – Wirst du heute kommen, zum süßen Stelldichein der Liebe? – Siehst du mich wohl, wie ich dich sehe, und hast du dieselben Gedanken und fühlst dasselbe Sehnen?« »Fähnrich von Strammin!« schrie in diesem Moment der Premierleutnant von Ströllpitz; »stehen Sie nicht da und schlafen, sondern machen Sie sich nützlich hinter der Front!« Der arme Junge bekam einen Schreck, daß er ganz blaß wurde, und faßte dann von hinten einen Rekruten bei beiden Schultern, um ihm eine bessere Haltung zu geben. Endlich schlug die Erlösungsstunde; die Rekruten wurden entlassen und gingen jeder seinem warmen Stalle zu, die Unteroffiziere gewichtig hinterher in ihren langen dunklen Reitermänteln; der Leutnant von Ströllpitz, förmlich angeschwollen vor Diensteifer, um sich ein Käsebrötchen und einen Kümmel zu spendieren; die beiden Fähnriche schritten wieder ihren Behausungen zu, und Graf Plustra hinkte krumm und zusammengesunken nach dem schmalen Giebelhäuschen neben der Hauptwache, gab erst seiner bleichen Braut einen Kuß und dann steckte er sich den Zigarrenstummel wieder an und verschluckte mit dem sichtbarsten Behagen eine bedeutende Quantität des aromatischen Blätterrauches. Als die beiden Fähnriche nach Hause kamen, vertauschte Klötersdorf, der nachmittags keinen Dienst mehr hatte, den groben Kommißanzug mit der feinen, eigenen Uniform, um seinen Entschluß, bei der Baronin Besuch zu machen, ins Leben treten zu lassen. »Du willst wohl zur Möhrenstolz?« fragte Strammin, in sein Zimmer tretend. »Natürlich!« sagte Klötersdorf, Mantel und Mütze nehmend. »Na, viel Vergnügen!« »Danke, Danke!« Und damit verließ er die Stube und machte sich auf den Weg. Er schritt ganz stolz die Straße hinunter und heizte seinen Mut durch ein leises Selbstgespräch, das er mit sich führte. »Dieser Strammin! der denkt wohl gar, daß er etwas vor mir voraus hat ... hm ... das wäre ja noch schöner ... tut so, als wenn ihm alle Mädchen an den Hals flögen ... bah ... eine Konditormamsell ... das ist auch etwas rechtes ... da ist es doch jedenfalls vornehmer zur Baronin zu gehen ... und weshalb sollte ich mich denn nicht benehmen können ... das ist mir bloß noch ein bißchen ungewohnt ... aber wenn ich einmal da bin, dann wird sich die Sache ganz von selbst machen ... sind Frauen nicht etwa auch Menschen ... und werden sie mir etwas tun ... hm ... was könnten sie mir denn tun? ... es ist ja Unsinn!« Als er beim Konditor Schlichter vorbeikam, stand die schöne Hulda am Fenster. Klötersdorf reckte sich noch stolzer empor und grüßte sie auf eine unbefangene, vertrauliche Art; leider machte er dabei aber einen falschen Tritt auf dem schlechten Pflaster und zerriß sich mit dem Spornrad den einen Stiefel. Die Konditornymphe lachte und dem Fähnrich schoß siedendheiß das Blut in den Kopf. Der Riß ging zwar nicht durch bis auf den Strumpf, aber es war doch immer ein Riß. Im Anfang achtete Klötersdorf nicht sonderlich darauf, sondern war froh, als er aus dem Beobachtungskreis der Nymphe kam. »Was schadet das!« richtete er sich wieder auf; »das passiert gewöhnlich, wenn man neue Stiefel an hat ... außerdem merkt es niemand ... die Damen werden einem doch nicht auf die Füße sehen ... dadurch wird man sich doch nicht etwa abhalten lassen, den Besuch zu machen ... das wäre ja noch hübscher ...« Und er schritt weiter die lange, sanftgebogene Straße hinab, welche die ganze Stadt in der Richtung von Norden nach Süden durchschneidet. Aber je weiter er kam, desto langsamer wurde unwillkürlich sein Gang. »Ich bin zu schnell gelaufen«, sagte er sich selber; »ich komme ja ganz erhitzt dort an ... das macht einen schlechten Eindruck ... wir wollen uns wieder ein bißchen abkühlen.« Als er an die Ecke der kleinen Querstraße kam, die zum Mühlentor führt, schlich er schon so matt, daß die Leute stehenblieben und ihn mitleidig ansahen, weil sie dachten, er wäre krank. Klötersdorf merkte es und gab sich wieder einen geistigen Sporenstoß. »Mut!« rief er sich zu; »ich werde mich doch nicht fürchten ... wovor sollte ich mich denn überhaupt fürchten?« Er durchschritt das dunkle verfallene Tor und befand sich nun außerhalb der morschen Stadtmauer, die der ständige Westwind schon ganz schief geblasen hatte. Da verwandelte sich das Bild plötzlich wie mit einem Zauberschlage. Anstatt der engen Straße mit den kläglichen Kabachen und dem halsbrecherischen Pflaster, anstatt des Blickes auf dumpfige Flure, durch erblindete Scheiben in übelriechende Zimmer, nun mit einem Male die ganze Pracht der schönen Gottesnatur, die Körper und Seele erfrischt mit ihrem kräftig gesunden Hauch. Gleich hinter dem Tor fließt die liebliche Hase. Ihr Wasser ist zwar nicht blau und klar, sondern schmutziggelb und etwas übelriechend; aber dafür kann das Flüßchen nicht, das ist die Schuld der Lohmühle, die ihm all' ihren Schmutz zuführt, und deshalb wächst an den flachen Ufern auch kein fröhlicher Grashalm und kein muntres Gänseblümchen, sondern es ist alles tot und kahl, wie in der verbrannten Umgegend einer Fabrik. Über den unreinlich schläfrigen Fluß führt eine elende Brücke von fauligem Holz, und hinter dieser dehnt sich dann die Landschaft in all' ihrer Lieblichkeit und Frische aus. Rechts die Lohmühle selbst, ein friedlich idyllisches Anwesen. Zuerst ein kleines, bescheidenes Häuschen, in welchem die bejahrten Eltern der Baronin wohnen, die alten Schnorcherts, einfache, ehrliche Leute, klein und zusammengetrocknet, denen man es gar nicht zutrauen sollte, daß sie eine solche Semiramis von Tochter bekommen hatten. Aber die Natur spielt oft wunderbar. Dicht an dies kleine Häuschen stoßend, anfangs in derselben Front, dann mit einem Flügel rechts um die Ecke biegend, liegt das Wohnhaus der Frau Baronin Möhrenstolz, geborenen Schnorchert. Die Fenster sind von innen üppig verhangen und vor der Haustür steht eine Laube, die im Sommer lauschig und verschwiegen ist; jetzt sind aber die meisten ihrer grünen Blätter schon abgefallen und nur noch wenige derselben haben es nicht gemerkt, daß sie längst gestorben sind und klammern sich noch an die trockenen Ranken, und wenn der Westwind über das Feld kommt, dann rascheln sie leise und gespenstig, als murmelten sie im tiefen Schlaf von ihrer frohen Jugendzeit. Dem rechts um die Ecke springenden Flügel gegenüber fließt die hier stark gebogene Hase vorbei, welche das gewaltige Rad der eigentlichen Lohmühle treibt. Dann kommen noch einige wüst aussehende Schuppen und unbedeutende Hintergebäude. Das ganze friedliche Idyll ist garniert mit drei großen unpoetischen Pappeln, von denen die höchste jenseits der Hase, zwischen dem Rade der Lohmühle steht, gerade gegenüber den beiden Giebelfenstern, welche so kindlich und keusch aus Mollys Schlafzimmer in die herrliche Landschaft blicken. Natürlich sind die ebenen, am Horizont nur sanft ansteigenden Felder jetzt kahl und ihres grünen sommerlichen Schmuckes beraubt. Das Gras auf der torfigen Wiese ist beinahe schwarz geworden vom nächtlichen Frieren. Die lieblichen Butterblumen sind längst verwelkt, und wenn der Westwind weht, führt er auf seinem luftigen Fittich nicht mehr den aromatischen Hauch der Tabaksfelder mit sich fort, sondern er bläst nur, als Ersatz, den kräftigen Geruch der gelben Lohe in die an fragwürdige Dünste gewöhnte Stadt. Alles öde, alles kahl und frostig, nirgends eine alte Weide, an der die Phantasie sich erwärmen könnte; aber in dieser trostlosen Eintönigkeit doch eine gewisse Erhabenheit, welche den Gedanken der Unendlichkeit in uns vorbereitet. Der Fähnrich von Klötersdorf schien auch den ganzen Zauber des vor ihm ausgebreiteten landwirtschaftlichen Reizes zu empfinden; denn er stand auf der kleinen Brücke still und ließ den entzückten Blick hinausschweifen über die idyllische Lohmühle und ihre romantische Umgebung. Die Natur in ihrer ursprünglichen Allgewalt übt immer einen mächtigen Eindruck auf den beschauenden Menschen aus: auf der einen Seite erhebt sich Seele und Phantasie zu den Sternen empor, auf der anderen überzeugt sie uns mit schlagender Deutlichkeit von unserer Kleinheit, unserm Nichts. Diesen letzteren Eindruck schien Klötersdorf zu empfinden; denn, nachdem er eine Weile geschaut, senkten sich seine Blicke zum Staub hernieder, dem er entstammte, und schwächlich kleinmütige Gefühle zogen dabei durch seinen roten Kopf. »Der Riß geht zwar nicht durch; aber es ist doch immer ein Riß«, kleideten sich seine Gedanken in leise und gehauchte Worte; »was sollen die Damen von mir denken, wenn ich so Besuch machte?... Ein Kavallerist, der sich mit dem Sporn die Stiefel zerreißt... das ist ja geradezu lächerlich... nein, nein... kehren wir um... morgen ist auch noch ein Tag.« - Und er trat den Rückzug an durch die bekannten Gegenden; aber als er in die lange Straße kam, an deren Ende die Speiseanstalt der Offiziere sich befindet, fiel ihm ein schrecklicher Gedanke in die Brust. »Strammin!« – Wie würde dieser ihn verspotten, wenn er ihm sagte, daß er nicht dagewesen sei ... die Geschichte mit dem zerrissenen Stiefel hätte ja keiner gelten lassen ... an solchen Kleinigkeiten kehrt man sich doch in Hasenbalg nicht ... was tun ... was tun? Dem armen Klötersdorf wurde der Kopf noch viel röter, und seine Gedanken begannen wild durcheinander zu stürmen. In diesem Moment schweißtreibender Verlegenheit legte sich ihm von hinten eine Hand auf die Schulter. »Na ... gut abgelaufen?« fragte gleichzeitig die etwas näselnde Stimme des anderen Fähnrichs. »O ja«, log Klötersdorf unwillkürlich; »weshalb sollte es denn nicht gut abgelaufen sein?« »Alle Damen zu Hause?« »Alle Damen zu Hause.« – »Frau Baronin sehr liebenswürdig gewesen oder ein bißchen ablaufen lassen?« »Ablaufen lassen?« wiederholte Klötersdorf mit empörtem Stolz; »im Gegenteil, sie hat mich gleich heute zum Abendessen eingeladen.« Strammin bekam ordentlich ein langes Gesicht. »Das ist ja ein Teufelskerl!« dachte er; »gleich zum Souper ... und meine Angebetete ist gestern gar nicht einmal gekommen ...« Klötersdorf bekam den Tod in die Waden, als er die großsprecherische Lüge heraus hatte. »Gott sei mir gnädig!« dachte er; »nun muß ich aber auf jeden Fall morgen vormittag Besuch machen ... denn wenn das herauskommt ...« »Na, wenn ich das heute abend auf Ressource erzähle«, sagte Strammin; »die Herren Offiziere werden sich mal wundern ...« Der andere machte eine Bewegung, als wenn er bitten wollte: »Ach nein, tu' das lieber nicht!« Aber sogleich machte er eine Geste, um diesen Gedanken aufzugeben. Was hätte Strammin denken müssen ... er wäre ja vernichtet gewesen ... unmöglich geworden ... »Nun werden sie dich nicht mehr necken, das ist dir doch angenehm?« fragte der befreundete Junker. »Furchtbar!« schwitzte Klötersdorf. Unter diesem kurzen Gespräch hatten sie den Eingang ihres Speiselokals erreicht und schritten über den mit Küchenrauch angefüllten Flur der alten knarrenden Treppe zu. »Gott steh' mir bei!« betete der lange Fähnrich; »jetzt muß ich ja heute abend hin ... und wenn sie mich nun einladen? – Das kommt von dem verdammten Lügen her; jetzt bin ich in 'ner niedlichen Patsche!« Bei Tische hatte er sehr wenig Appetit; aber er freute sich, als der blasierte Sponeck ihn fragte, ob er eine Flasche Rotwein mit ihm zusammen trinken wollte. Er wußte allerdings recht gut, daß er nicht viel bekommen würde; aber selbst ein Glas wäre ihm bei seinem Nervenzustande eine Wohltat gewesen. Der Wein kam, aber diesmal vergaß Sponeck das Einschenken ganz und gar und die Flasche blieb unberührt stehen. Nach dem Essen ging Klötersdorf allein zu Hause, weil Strammin Dienst hatte, zündete sich eine lange Pfeife an, legte sich lang auf das Sofa und versenkte sein ganzes Wesen in unklare Betrachtungen. So lag er bis es dunkel wurde. Dann rief er seinen Burschen, ließ Licht anzünden, zog andere Stiefel an, besah sich die Nägel, bürstete sein semmelblondes Haar glatt, stieß einen furchtbar tiefen Seufzer aus und nahm dann Mantel und Mütze. »Es geht nicht anders ... es muß geschehen!« sagte er zu sich selbst; dann fühlte er sich die Treppe hinunter und machte den Weg im Dunkeln noch einmal. Als er vor das Mühlentor trat, war eben der Westwind wieder erwacht und blies ihm den berauschenden, sinnbetäubenden Lohegeruch entgegen. Klotersdorf klopften die Pulse, als wollten sie ihre Adern zerreißen, und die Lohmühle tanzte vor seinen erregten Blicken, als wenn sie Leben bekommen hätte. »Vorwärts!« ermannte sich der Fähnrich; »Mut; es ist unabänderlich!« Und er schritt über den Rubicon und alsdann richtig an dem Hause der alten Schnorcherts vorbei bis vor die Wohnung der Frau Baronin. In dem Vorderzimmer brannte gar kein Licht; das ängstigte ihn. – »Wenn sie nicht zu Hause wären; wie unangenehm!« »Ob er auf den dunklen Flur treten und klingeln sollte?« »Besser war es wohl, wenn er einmal um die Ecke guckte, ob die anderen Fenster auch dunkel wären; das war doch immer ein Anhalt.« Und er schlich leise auf den Zehen, damit die klirrenden Tritte ihn nicht verraten sollten, an der Vorderfront entlang der Ecke zu. Aber von dort aus konnte er auch nichts sehen. Das war eine schlimme Geschichte; das Wasser der Hase ging dicht bis ans Haus heran; wo sollte er denn da eine Aufstellung nehmen? – Aha ... das Rad ... jaja, das ging ... ein langer Schritt, dann trat man auf eine breite Schaufel und konnte ganz bequem nach den Fenstern des Flügels blicken. – Das wollen wir machen ... hier erst festhalten ... so ... nun den rechten Fuß lang ausgestreckt ... da berührt die Stiefelspitze ja schon den Rand der Schaufel ... nur ein kräftiger Ruck ... den anderen Fuß nachgezogen ... schwups! ... In demselben Moment aber, wo die Last seines Körpers auf der Schaufel ruhte, senkte sich das leicht bewegliche Rad, tauchte halb unter das Wasser, machte, dem Gesetz der Schwere folgend, eine halbe Umdrehung und blieb dann wieder stehen. »Hilfe! Rettung!« rief Klötersdorf, als ihm das Wasser kühl bis ans Herz hinan stieg. Einige Sekunden später befand er sich aber ganz wohlbehalten auf der andern Seite des Rades, nur mit dem Unterschiede gegen vorhin, daß er sich den Kopf gestoßen und Stiefel und Hose voll Wasser gefüllt hatte. »Gott sei Dank!« stöhnte der Fähnrich; »die Geschichte ist noch gut genug abgegangen; ich hätte den Tod davon haben können.« Man soll aber den Tag nie vor dem Abend loben. Kaum hatte nämlich der bereits eingeschlafene Hofhund den Hilferuf gehört, als dieser aufsprang und nach dem Ort der Gefahr eilte. Als er die dunkle Gestalt Klötersdorfs auf einer Schaufel des Triebrades erblickte, wurde er rasend vor Wut, bellte, daß ihm zuletzt der Atem glühte, und machte Versuche, über das Wasser hinweg auf das Rad zu springen. »Ich bin verloren!« stöhnte der unglückliche Mensch; »wenn der Köter hier herüber kommt, reißt er mich in Stücke und schmeißt mich dann in die Hase.« In diesem Moment nahm der Hund förmlich einen Anlauf, um die Befürchtungen Klötersdorfs wahrzumachen. Dieser warf einen verstörten Blick um sich, ob nicht irgendwo noch eine Rettung sei ... die hohe Pappel ... wenn er die erreichen konnte ... ein Sprung nach dem andern Ufer ... ob er wohl glücken könnte? .... Da hörte er einen lauten Klatsch im Wasser, und als er sich erschreckt umsah, gewahrte er den großen Hund, wie er mit hochgerecktem Hals zu ihm hinüberschwamm. Die Gefahr gibt oft wunderbare Kräfte. Kaum hatte Klötersdorf die entsetzliche Entdeckung gemacht, als er sich einen kräftigen Abstoß gab und glücklich das andere Ufer erreichte. Aber der wütende Köter war ihm dicht auf den Fersen; er sah ihn nicht; aber er hörte ihn mit seinen scharfen Tatzen die Holzwand der Uferbrüstung emporklimmen. »Was nun tun! – Aha! – der Baum.« – Klötersdorf war im Kadettenkorps ein guter Kletterer gewesen ... er umfaßte mit beiden Armen den dicken Stamm der Pappel. Da fühlte er den heißen Atem des Hundes an seiner Wade, und im nächsten Augenblick machte er einen Satz, ungefähr wie ein Frosch, wenn er in die Luft springt, und klomm dann mit einer Geschicklichkeit, die ihm die Verzweiflung eingab, den Stamm hinan, bis er oben in den starken Ästen einen sicheren Halt gewann. Der wütende Köter machte ebenfalls einen Satz, um den Baum zu erklimmen, sprang auch weit am Stamm empor, fiel dann aber zurück, schlug sich den Hinterkopf und blieb betäubt und ohnmächtig am Fuß des Baumes liegen. »Noch einmal gerettet!« dachte Klötersdorf; »nun ist das Vieh glücklicherweise still; aber er sitzt unten und bewacht mich ... da kann ich die ganze Nacht auf meiner Pappel zubringen ... und der Strammin denkt, ich schwelge jetzt .... die Beine sind mir so kalt wie Eis ... und die Hosen habe ich mir auch zerrissen ... Herr Gott, und da geht der Mond noch auf ... wenn es wenigstens dunkel geblieben wäre ... nun müssen sie mich ja hier oben in der Luft entdecken.« »Was ist denn das für ein Lärm?« fragte eine weibliche Stimme aus einem geöffneten Fenster; »der Hund bellt ja furchtbar.« – »Ach, wahrscheinlich eine Katze oder eine Krähe, gnädige Frau« antwortete eine männliche Stimme vom Hofe her; »jetzt ist ja alles still.« Das Fenster wurde wieder geschlossen. »Na, wie Gott will«, dachte Klötersdorf; »wir halten still. Licht ist in den Fenstern am Seitenflügel; bis zu dieser Wahrnehmung bin ich wenigstens gelangt ... aber es kann mir nun nichts mehr nützen.« Dann setzte er sich so bequem wie möglich auf einen starken Ast, umschlang mit dem rechten Arm den Stamm und baumelte mit den langen, triefenden Beinen, um sie durch die Bewegung ein wenig zu erwärmen. – Überlassen wir ihn nun ein wenig seinem Schicksal und treten wir in das Haus der Baronin Möhrenstolz. Auf dem Hausflur ist es dunkel, aber wir wissen Bescheid, tappen uns entlang und grabbeln hinten links nach einem Drücker, öffnen eine Tür und treten unangemeldet ein. Das Zimmer ist für die damalige Zeit und für die Verhältnisse des kleinen Ortes sehr geschmackvoll eingerichtet. Auf den dunkelrot gestrichenen,Wänden, denn Tapeten fand man damals noch nicht, heben sich Ölgemälde in dicken, goldenen Rahmen sehr wirksam ab; der Fußboden ist mit einem weichen Teppich belegt, vor den neugierigen Augen der Fenster hängen dichte, weiße Schleier. Sofa und Sessel zeigen moderne Form und Polsterung, und eine auf dem Tische stehende große Astrallampe gießt ein mattweißes Licht durch den wollüstig duftenden Raum des mittelgroßen Zimmers. Hier hielt sich die Familie gewöhnlich auf. Nach vornehinaus befand sich das Staatsgemach, und an das vorige grenzend noch ein Salon, in welchem das Klavier stand. Die Mutter saß mit Molly auf dem Sofa, während Charlotte in einem Lehnstuhl Platz genommen hatte. Betrachten wir die Damen ein wenig aufmerksamer. Die Baronin Möhrenstolz ist trotz ihrer fünfundvierzig Jahre noch eine auffallende Schönheit und eine so stolze Figur, wie man sie selten antrifft. Von männlicher Größe und starkem, aber vom schönsten Ebenmaß geadelten Körperbau, erinnert sie an die Vorstellung, die unsere Phantasie sich wohl von der Semiramis macht, oder an die Bilder, die wir von Katharina II. von Rußland kennen. Das Gesicht, in dessen etwas zu starke, männliche Züge die Zeit erst mit ganz leichten Strichen ihre Runenschrift begonnen, hat nichts Sympathisches, und in den grauen Augen flimmert die innere Glut einer Messaline. Ob sie im Leben als eine solche sich bewahrheitete, wollen wir nicht verraten, weil wir es nicht mit Sicherheit verbürgen können. Die Hasenbalger natürlich erzählten sich die wunderbarsten Geschichten, die aber in unseren Roman nicht gehören, weil sie weder harmlos noch komisch sind. Links neben ihr auf dem breiten schwellenden Diwan lehnte die ältere Tochter, Molly, zu damaliger Zeit vierundzwanzig Jahre alt. Obgleich nicht so groß wie die Mutter, ist sie doch im vollendetsten Ebenmaß schlank und schön emporgewachsen; das von tiefschwarzem Haar umrahmte Antlitz erinnert an den Vater, der Baronin ersten Mann. Die Züge sind fein und edel, und in dem dunklen Auge schillert ein so seltsames Gemisch von Wahrheit und Dichtung, daß ein langer Umgang dazu gehört, die richtigen Unterscheidungen zu machen. Neben einem wahrhaft flammensprühenden Feuer lächelt es in diesen dunklen Sternen gewöhnlich wie ein heiter naives Kind, von einer Unschuld, die man einem vierzehnjährigen Pensionsmädchen nicht mehr zutrauen würde. Obschon die schöne Molly auf der einen Seite recht klug war, besaß sie auf der andern aber auch die merkwürdige Dummheit, sich allen Ernstes einzubilden, daß man ihre wunderbaren Naivitäten für bare Münze nähme. Auf der Straße trug sie im Sommer gewöhnlich ein unschuldig weißes Kleidchen und breiten Schäferhut, und einen wahrhaft rührenden Eindruck machte es, wenn die Mutter, an jeder Hand eine Tochter, wie beim: En avant les Dames , auf der Mitte des Hasenbalger Steinpflasters dahinschritt. – Und erst auf dem Ball mußte man die schöne Molly sehen; doch wir finden vielleicht im Verlauf dieses Buches noch Gelegenheit dazu. Charlotte, die um zwei Jahre jüngere Tochter, war auch groß und stark, aber etwas zu knochig und wie aus Holz geschnitten. Das Haar war blond, das Antlitz stets unnatürlich gerötet und auf dem einen Auge hatte sie einen schiefen Blick. Das war aber eine Ungerechtigkeit der Natur, denn es war ein gutes und vortreffliches Mädchen, welches verdient hätte, in einer anderen Familie geboren zu werden. Sie hat später auch das elterliche Haus verlassen und eine bescheidene Stelle als Wirtschafterin angenommen. Die drei Frauen sprachen keine Silbe; die Mutter und Molly starrten träumend in das gedämpfte Licht der Lampe, und Charlotte hatte die Augen auf eine Handarbeit gesenkt. »Ist Mamachen wieder traurig?« begann Molly endlich die Unterhaltung, indem sie den schönen Kopf ein wenig seitwärts wandte. Die Baronin machte eine Bewegung, als wenn sie aus tiefem Sinnen erwachte. »Ja!« sagte sie; »es ist zu einsam hier ... wenn man Zerstreuung ... Hoffnung hätte ... aber nun wieder der lange Winter ... der Wind streicht über die Felder, und man sitzt und sitzt immer allein, immer allein...« Charlotte blickte die Mutter an, als wenn sie noch den Ausdruck anderer Besorgnisse erwartete, die schlimmer waren als die Einsamkeit. Und eigentlich hatte die Baronin auch hauptsächlich an jene gedacht. Ihre Vermögensverhältnisse wurden schlechter und schlechter; die Lohmühle war furchtbar verschuldet, der Betrieb des Geschäftes vernachlässigte sich von Jahr zu Jahr; die Kraft zum Emporraffen fehlte; das wenige Geld, das übrig blieb, ward verwandt, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen und sich selbst die Hoffnung zu erhalten, daß Molly noch eine gute Partie machen könnte. Eine gute Partie! Eigentlich konnten sie wohl selbst daran nicht glauben; aber es war doch immerhin eine Möglichkeit, daß ein Offizier oder Fähnrich eine Anwandlung bekam ... oder in eine geschickt gelegte Falle ging... das Fleisch ist ja schwach, und die Langeweile die Mutter der allerseltsamsten Gedanken. Auf das Mittel, wie es gemacht werden konnte, kam es jedenfalls der Baronin und Molly durchaus nicht an. »Langweilt sich denn Mamachen mit uns?« fragte Molly nach der vorigen Äußerung der Mutter. »Das will ich nicht sagen, liebes Kind«, streichelte ihr die Baronin das glänzend schwarze Haar; »aber ich möchte noch etwas mehr Gesellschaft haben... einen Verlobten... einen angehenden Schwiegersohn...« Molly seufzte und blickte träumend in ihren Schoß. »Die Männer sind so schlecht«, schmollte sie dann wie ein Kind, das seine Puppe verloren hat; »was kümmert es sie, wenn sie ein Mädchenherz brechen.« Charlotte sah ihre Schwester mit einem, teilnahmsvollen Mitleid an, als wenn sie sie betrauerte ob dieser Äußerung. »Wie viele Hoffnungen sind schon zu Grabe getragen worden«, nickte die Baronin mit dem ernsten Kopf, »einmal glaubte man an den Leutnant von Kreidesteck...« »Der meint es ja mit keinem Menschen ehrlich«, sagte Molly; »an seine süßen Redensarten darf man sich nicht kehren.« Charlotte mußte jetzt unwillkürlich lachen. »Weißt du noch, Mama,« kicherte sie; »als dir Herr von Kreidesteck einmal in den Wagen half und dann mit seinem süßen Gesicht fragte: Gnädig Frauchen, haben Sie sich auch nicht das Kniechen gestoßen?« Die Baronin lächelte ebenfalls, und zwar in einer Weise, als wenn sie der Anekdote noch etwas hinzuzufügen hätte. »Und Herr von Plinker kommt auch gar nicht mehr«, paute Molly. »Ach«, bewegte die Mutter wegwerfend den Kopf; »Herrn von Plinker war es hauptsächlich um das Abendbrot zu tun. Ernstliche Absichten hatte er nicht und konnte er auch nicht haben, weil er kein Geld hat zum Heiraten. – Der Mann hat uns viel Schaden getan, durch die Familiarität, mit der er sich hier einnistete. – Seine Pfeife hierher zu stellen, wie auf der Abendressource bei Zieme; es ist wirklich empörend!« »Wollen wir sie ihm nicht hinschicken, Mama?« fragte Charlotte. »Nein, das geht nicht«, meinte die Baronin; »das würde nur neues Gerede machen.« »Vielleicht holt er sie sich selbst ab«, blickte Molly auf. »Die neuen Fähnriche kennen wir noch gar nicht«, sprach die Mutter weiter; »mit den jungen Leuten ist gar nichts mehr anzufangen; sie machen nicht einmal Besuch in Häusern, wo Damen sind.« Wenn sie gewußt hätten, wie nahe ihnen Klötersdorf war und in wie guter Absicht, sie würden ihn hereingeholt und gesalbt haben mit köstlichen Ölen, wie die schöne Hero es getan, als Leander zu ihr durch den Hellespont geschwommen war. Der arme Fähnrich saß noch immer draußen auf seinem schwanken Ast, der ihn bereits empfindlich zu drücken begann. Seine nassen Beine erstarrten immer mehr und mehr, und der volle Mond stieg höher und höher am Himmel empor und machte ein ganz verwundertes Gesicht, als er den Herrn von Klötersdorf auf der alten Pappel bei der Lohmühle sitzen sah. »I«, dachte er, »so etwas bin ich wohl in Frankreich und Spanien gewohnt; aber in dem ehrlichen Hasenbalg ... das hätte ich wirklich nicht geglaubt.« »Es sollen reiche junge Leute sein«, sagte Molly. »Vielleicht kann man sie heranziehen«, meinte die Mama; »wenn nur erst die Tanzvergnügungen und Bälle anfingen; da machen sich die Bekanntschaften am besten.« »Aber sie hören auch wieder auf«, seufzte Molly; »wenn ich an den Grafen Schwülenberg denke ... wie oft habe ich mit dem getanzt ... dann hat er uns auch besucht ... und nun ist er verschwunden, wie mancher andere.« »Er hat es vergessen«, lächelte die Baronin ironisch; »er wird jetzt mit jedem Jahr gedankenloser und zerstreuter...« »Weißt du wohl, Mama«, lachte Charlotte wieder; »eines Abends rauchte er aus der Pfeife des Herrn von Plinker und dachte, es wäre seine eigene.« »Schade«, nickte die Mutter; »das wäre schon ein Mann für Molly gewesen... so zerstreut... und ein Graf... und zwanzigtausend Taler Vermögen hat er auch...« »Und solchen wunderschönen schwarzen Bart, Mama«, lachte Molly, wie ein kleines Mädchen, das sich über einen Hampelmann freut. »Was ist denn das?« horchte die Baronin plötzlich auf. »Was denn, Mama?« »Hört Ihr nichts?« Die Mädchen machten nun auch aufmerksame Gesichter. »Geht da nicht jemand auf dem Flur?« »Ja, ja... es grabbelt an der Tür... es klappert am Schloß...« »Mein Gott, wenn es Räuber wären, flunkerte Molly; »ich fürchte mich so sehr vor Räubern.« In diesem Moment klopfte es. »Räuber klopfen nicht«, sagte die Mutter; dann rief sie mit lauter Stimme: »Herein!« Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür, und der alte Graf mit seinem gutmütig, ehrlich bärtigen Gesicht trat ins Zimmer. In der ersten Minute waren die Damen sprachlos vor Staunen. »Ja«, lächelte der alte Graf auf seine eigentümlich zerstreute Weise, nachdem er Mantel und Mütze auf einen Stuhl gelegt; »ich wollte doch 'mal wieder herkommen...« »Sehr willkommen, Graf Schwülenberg«, verneigte sich die Baronin; »wollen Sie nicht bei uns Platz nehmen?« »Wir sprachen eben von Ihnen«, nickte Molly, indem sie einen Sessel für den neuen Gast hinschob. »So? - Ja...« ließ der alte Graf seine gichtischen Glieder in das weiche Polster sinken; »ich sagte neulich Abend schon auf der Ressource... oder war es beim Mittagstisch... aber irgendwo war es... ich will doch auch 'mal wieder 'rausgehen, sagte ich... die Molly ist wirklich ein teufelmäßig nettes Frauenzimmer...« Und dabei lächelte das alte bärtige Gesicht so ehrlich, als wenn er seine innerste Überzeugung ausgesprochen hätte. »Sie sind zu gütig, Herr Graf«, verneigte sich Molly mit einem koketten Blick ihrer tiefschwarzen Augen. »O, bitte...« machte dieser; »es ist wirklich wahr... hol' mich der Teufel... und da wollte ich doch 'mal wieder 'rauskommen...« Dann kratzte er sich den Kopf, als wenn er darüber nachdächte, ob er nicht auch noch etwas anderes gewollt habe. »Ja, richtig«, begann er dann wieder, indem seine Augen in den Ecken umhersuchten... »und dann wollte ich auch eine Sache zur Sprache bringen, die mir schon teufelmäßig im Kopf herumgegangen ist...« Die Baronin und Molly blickten ihn aufmerksam an, während Charlotte ruhig weiterhäkelte. »Ja«, fuhr jener dann fort, nachdem er den Faden schon wieder einmal verloren hatte... »ich will gerade nicht mit Bestimmtheit sagen, daß mir zu Hause... eine fehlt... aber es ist mir doch manchmal so, als wenn mir eine fehlte...« Die Mutter warf einen bedeutungsvollen Blick auf die Tochter, dann sahen beide wieder den alten Graf an. »Das kommt natürlich davon, weil es schon so lange her ist«, fuhr dieser mit ehrlichstem Lächeln fort; »und weil ich in der letzten Zeit nicht hergekommen bin...« Molly bewegte wehmütig das schöne Haupt. »Aber... was man einmal besessen hat... das will man doch nicht gern verlieren«, verfolgte Schwülenberg seinen Gedankengang weiter; »man will doch wenigstens wissen, woran man ist...« In der Baronin und Mollys Augen leuchtete es auf und auch in Charlottens Zügen zeigte sich Verständnis für die Situation. »Deshalb bin ich nun eben hergekommen«, beschloß Schwülenberg seine Mitteilung. »Und Sie sollen den Weg nicht umsonst gemacht haben«, sah ihn die Baronin mit einem verheißenden Blick an, während Molly verschämt die Augen niederschlug. »Na, das ist mir lieb«, lächelte der alte Graf; »wie gesagt, man will doch wissen, woran man ist... einem von uns beiden muß sie doch gehören... entweder gehört sie Plinker...« »Wie können Sie glauben?« unterbrach ihn die Baronin. »Na; dann gehört sie natürlich keinem andern als mir«, schlug sich der alte Graf auf das dürre, gichtische Bein. »O, von ganzem Herzen!« rief Molly, wie eine Rose erglühend. »Na... das ist mir sehr angenehm... nun wird mir doch zu Hause nichts mehr fehlen«, nickte der alte Graf; »dann kann ich sie mir auch wohl bald mitnehmen... wie?« Die Baronin sah ihn mit einem zärtlich mütterlichen Blick an; dann machte sie Charlotte ein Zeichen, aufzustehen, das diese befolgte. Schwülenberg erhob sich ebenfalls. »Ich wußte ja gar nicht mehr, wie sie aussieht«, trat er zur Baronin heran; »nun will ich sie aber gleich ordentlich genießen...« »Graf... mäßigen Sie sich... ich beschwöre Sie!« unterbrach ihn die Baronin mit leiser Stimme... »Sie sind eine wilde, leidenschaftliche Natur, die gezügelt werden muß.« Schwülenberg sah sie mit einem Gesicht an, als wenn er sie nicht verstanden hätte. »Ach so«, lächelte er dann gutmütig; »Sie denken wohl, es konnte zuviel werden... ach nein, seien Sie unbesorgt... das schad't mir nicht... das bin ich gewöhnt.« »Still, Graf... Sie werden begreifen, daß ich solche Worte nicht hören darf«, sagte die Mutter wie vorhin. Schwülenberg machte eine tief nachdenkliche Miene. »Ach so«, dachte er dann; »sie meint, hier in dem guten Zimmer paßte sich das nicht... na, natürlich, da hat sie auch ganz recht...« »Sie haben mich falsch verstanden, Frau Baronin«, setzte er dann laut hinzu; »es versteht sich von selbst, daß ich erst anfange, wenn ich zu Hause...« »Ich danke Ihnen, Graf... ich hielt es auch nicht anders für möglich. »Nun natürlich«, nickte Schwülenberg... nun mochte ich sie aber eigentlich... bald allein...« Die Baronin verstand und trat schnell zu ihrer Tochter Molly. »Er will mit dir allein sein«, flüsterte sie ihr zu; »er will dich um deine Hand bitten... wir dürfen das Feuer nicht erkalten lassen.« »Ich vergehe vor Angst«, spielte Molly selber mit ihrer Mutter Komödie. Diese ließ sich jedoch durch die Bemerkung durchaus nicht beirren, sondern ging nun zu ihrer andern Tochter. »Setze dich ans Klavier und spiele den Sehnsuchtswalzer«, raunte sie ihr zu; »aber recht gefühlvoll und pianissimo.« Charlotte gehorchte und ging in den Salon, dessen Tür sie hinter sich zumachte. »Auf Wiedersehen, Graf«, verneigte sich dann die Baronin mit einem vielsagenden Blick vor ihrem Gast. »Empfehl' mich Ihnen, Frau Baronin!« nickte dieser gutmütig. Die Wirtin rauschte hinaus, und aus dem Salon tönten die gedämpften Klänge des Sehnsuchtswalzers. Und draußen auf der dürren Pappel saß noch immer der unglückliche Fähnrich von Klötersdorf und klapperte vor Frost mit den Zähnen, und der Mond schwamm höher am tiefblauen Himmel empor, und sein dickes Gesicht wurde immer freundlicher. Als die Baronin mit ihrer Tochter Charlotte das Zimmer verlassen hatte, schien Schwülenberg unschlüssig, ob er sich bis zur Rückkehr der ersteren noch einmal setzen oder gleich marschbereit bleiben solle. Aber Molly half ihm über die Verlegenheit hinweg. »Kommen Sie hierher an meine Seite...« deutete sie mit ihrer schmalen weißen Hand auf den leergewordenen Sofaplatz. Der alte Graf leistete wohl oder übel dem Verlangen Folge, ließ sich stöhnend nieder und machte dann ein Gesicht, als wenn ihm die körperliche Übung schwer geworden sei. Molly saß neben ihm, blickte lächelnd in ihren Schoß und schien sehnsüchtig darauf zu warten, daß ihr Anbeter seine zarte Verlegenheit überwinden und jene süße Rede beginnen werde, in der man gewöhnlich stecken bleibt, die fast nie zu Ende gesprochen wird, die aber dennoch eine so große Wirkung ausübt. Aber der alte Graf überwand seine Verlegenheit nicht und begann deshalb auch nicht die süße Rede. Molly seufzte. »Tut Ihnen 'was weh?« wandte sich Schwülenberg aus seinem Traum erwachend, zu ihr um. Das Mädchen nickte und legte die rechte Hand unter die Rundung ihres junonischen Busens, dessen reine Formen zu verbergen das leichte Kleid sich ohne Erfolg bemühte. »Ach so«, blickte der alte Graf aufmerksamer hin; »Herzklopfen.. da müssen Sie ein Glas Sodawasser trinken, das beruhigt.« Molly schien im Ernst nicht zu wissen, in welchem Sinne sie die Äußerung nehmen sollte; Schwülenberg ließ sich aber auf keine weitere Erklärung ein, sondern versank, nachdem er genug gesehen, wieder in seine sogenannten Gedanken. »Nun... was ist denn das?« wunderte sich das Mädchen im stillen; »erst drückt er sich beinahe zu deutlich aus und nun hat er vollständig den Faden verloren... er vergißt mich vielleicht noch einmal... dazu soll es nicht wieder kommen... er darf nicht von hinnen gehen, ohne sich erklärt zu haben... ich muß alle Hilfsmittel benutzen, um über seine Teilnahmlosigkeit siegreich zu werden... erst muß man ihn wohl wieder auf die rechte Spur bringen, damit er sich weiter findet.« »Graf!« berührte sie dann leise seinen Arm... Schwülenberg wandte sich um. »Weshalb heiratet eigentlich ein Mann ein Mädchen?« blickte sie ihn mit dem unschuldigsten Kindergesichtchen an. »Na...« schmunzelte Schwülenberg; »weil er ihr gut ist...« Molly schloß die Augen und ließ ein künstliches Zittern durch ihren Körper laufen. »Nanu«, sagte der Graf; »was ist denn das wieder?« »Mich überlief's... wie dem Gretchen«, hauchte das schöne Weib. Schwülenberg sah erst nach der Decke, ob es vielleicht durchregnete, dann glaubte er, es sei ein Insekt gewesen, und zuletzt dachte er an gar nichts mehr. Molly begann schon ungeduldig zu werden. »Also ein Mann heiratet ein Mädchen immer, wenn er ihr gut ist«, knüpfte sie dann wieder an... »nicht wahr, dann wohnen sie bloß beieinander... und gehen zusammen spazieren... und geben sich manchmal einen Kuß... und weiter tun sie nichts.« »Ja...« lächelte Schwülenberg; »sie bilden doch vor allen Dingen eine Familie...« »Wie machen sie denn das, wenn sie eine Familie bilden?« fragte Molly mit naiv kindlicher Neugier. Der alte Graf kratzte sich verlegen den schwarzbehaarten Kopf. »Wissen Sie das nicht?« rückte ihm das Mädchen ein klein wenig näher. Schwülenberg schien nicht zu wissen, wie er sich hier aus der Klemme ziehen sollte. »Dann können Sie ja auch nicht heiraten.« Der Graf grübelte noch immer. »Und Sie wollen doch gern heiraten.« »Hm... warum denn nicht?« schmunzelte Schwülenberg. Molly rückte noch ein wenig näher und ihre Augen hefteten sich erwartungsvoll an seine bärtigen Lippen; aber die bärtigen Lippen machten nicht mehr den gewünschten Zusatz. »Gott, welch ein Mann!« dachte das vor Aufregung zitternde Mädchen; »er vergißt immer wieder was er will... man müßte ihn mit Sturm erobern...« Und sie rückte abermals näher, jetzt schon so nahe, daß ihre Schulter sich an die des Grafen lehnte, daß ihre zarte Wange die äußersten Spitzen seines langen Schnurrbarts berührte. Schwülenberg machte ein Gesicht, als wenn ihm das behaglich wäre. Molly legte jetzt ihre Hand der seinen so nahe, daß er nur die leiseste Bewegung zu machen brauchte, um sie zu fassen. Schwülenberg machte diese Bewegung nicht, aber er neigte dafür den Kopf unwillkürlich ein klein wenig mehr nach links, damit das Kitzeln an seinem Schnurrbart etwas nachhaltiger würde. Aber die schöne Molly zog aus dem kleinsten Umstande ihren Nutzen; denn kaum hatte sie die unbedeutende Annäherung bemerkt, als sie einen lauten Schrei ausstieß, sich die Hände vor das Antlitz hielt und scheu in ihre Sofaecke flüchtete. Schwülenberg fuhr mit einem Schreck aus seiner angenehmen Situation empor. »Mein Gott; was ist Ihnen denn?« fragte er; »haben Sie sich gestochen...?« Molly kreischte noch lauter auf. »Weshalb schreien Sie denn aber so?« wurde der Graf förmlich ängstlich... »so sprechen Sie doch wenigstens...« »Lassen Sie mich... ich beschwöre Sie... lassen Sie mich!« »Aber ich tue Ihnen ja gar nichts, wertes Fräulein...« »Sie haben mir aber etwas getan...« »Ich habe Ihnen etwas getan... was denn?« »Sie haben mich geküßt... und das durften Sie noch nicht!« Schwülenberg machte ein Gesicht, als wenn die Katze donnern hört. »Ich habe Sie geküßt?« fragte er; »davon müßte ich doch etwas gemerkt haben; erlauben Sie also...« »Nein, nein... nicht noch einmal... lassen Sie mich...« sprang Molly auf und floh in eine Zimmerecke. »Aber, so nehmen Sie doch Vernunft an«, erhob sich auch Schwülenberg; »wie können Sie behaupten...?« Molly floh kreischend in eine andere Ecke. »Ich beschwöre Sie«, folgte ihr der alte Graf; »machen Sie doch kein Aufsehen... wenn das die Leute hören...« »Ich fürchte mich vor Ihnen... lassen Sie mich hinaus...« zeterte das Mädchen weiter. Schwülenberg wurde so entrüstet, wie man ihn selten gesehen hatte, und Molly bemerkte es mit glänzenden Blicken. »Jetzt oder nie!« dachte sie; »es ist ihm wieder leid geworden; aber er soll mich jetzt bloßstellen; dann kann er nicht mehr zurück.« Und dann floh sie nach der Flurtür, um hinauszueilen. Charlotte spielte ihren Sehnsuchtswalzer ruhig weiter; die alte Baronin blickte durch das Schlüsselloch. »Ich lasse Sie nicht... bleiben Sie... Sie sollen nicht das ganze Haus in Aufruhr bringen«, wollte Schwülenberg ihren Arm fassen. »Hilfe! Rettung!« wich Molly seiner Berührung aus; öffnete mit schnellem Griff die Flurtür und eilte immer noch schreiend die Treppe hinauf, die zu ihrem Schlafzimmer führte. Schwülenberg machte ihr einige Schritte nach, bis er gegen das Treppengeländer rannte und mit einem ächzenden Klagelaut stehen blieb. Charlotte spielte immer noch ihren Sehnsuchtswalzer. Was Molly betrifft, so eilte sie mit der Schnelligkeit einer Gazelle die bekannten Stufen empor, flog in ihr Schlafzimmer, ließ die Tür offen und steckte Licht an. Dann horchte sie. Schwülenberg, der sich unten auf dem dunklen Flur nicht zurechtfinden konnte, polterte am Treppengeländer herum. Molly begann wieder nach Hilfe zu rufen. »Er kommt!« dachte sie; »wenn er hier in meinem Zimmer gesehen wird, kann er nicht mehr zurück.« Und einem schnellen, gewagten Entschluß folgend, begann sie das Tuch zu lüften, das sie über ihrem Kleide trug, und warf sich dann in nachlässiger Stellung in die Sofaecke. Und draußen auf der dürren Pappel saß noch immer der unglückliche Klötersdorf und drückte sich Hühneraugen, wo sie eigentlich gar nicht hingehören, und klapperte mit den Zähnen vor Frost und Unbehagen. Als er das Kreischen einer weiblichen Stimme gehört, war er aus der Seelenqual des allmählichen Erfrierens aufgerüttelt worden und hatte die matten Ohren zu spitzen versucht. Da stammte ein Lichtschein in dem Giebelfenster auf. Er sah ein bildschönes Weib ins Zimmer stürzen; er sah ein dunkles Tuch sich verschieben... er sah... Und das erkaltete Blut begann plötzlich ihm wieder wärmer durch die Adern zu laufen; und als das schöne Weib auf das Sofa sank und den oberen Teil ihres Körpers dadurch seinen Blicken entzog, da bekam er auch wieder Leben in die erstarrten Beine und führte eine lebensgefährliche Kletterei aus, um einen tieferen Blick in das Zimmer zu bekommen. Und der gute, verschwiegene Mond, der sich ebenfalls für solche Sachen interessiert, blickte ihm über die Schultern hinweg und machte dann ein förmlich verschmitztes Gesicht, als wenn er etwas gesehen hätte. Als die schöne Molly eine Weile mit geschlossenen Augen in dieser verführerischen Stellung gelegen hatte, begann ihr die Sache langweilig zu werden. »Was ist denn das?« dachte sie, »er kommt ja nicht... wo kann er geblieben sein? - Auf der Treppe alles still... sollte er gegangen sein, ohne... oh, das wäre ja abscheulich!« - Sie hob etwas den Oberkörper und horchte. Kein Laut; alles war still im Hause. »Ich möchte wohl wissen, ob Charlotte noch Klavier spielt«, stand Molly dann vom Sofa auf... »wenn er gegangen wäre, würde sie doch aufgehört haben... ich will einmal das Fenster öffnen und horchen...« Sie nahm ein Tuch um, kettelte einen Flügel auf und lehnte sich hinaus. Charlotte hatte richtig aufgehört zu spielen. »Er ist fort«, dachte Molly; »abscheulich... ab...« Hier unterbrach sie sich aber plötzlich und stieß einen leisen Schrei der Überraschung aus. »Da sitzt er auf dem Baum!... sonderbarer Mann... er hätte es doch viel bequemer haben können... wie er nur da hinaufgekommen ist mit seinen gichtischen Beinen... es war also nur Schüchternheit ... seine Seele glüht, aber er bringt die Erklärung nicht heraus... aber gleichviel, diese Situation ist ebensogut wie ein Anhalten um meine Hand... er darf nicht merken, daß ich ihn gesehen habe, damit er noch ein bißchen sitzen bleibt...« Nach diesem Entschluß verharrte sie noch ein Weilchen in dem geöffneten Fenster; dann schloß sie dasselbe wieder und löschte das Licht, damit ihr Anbeter glauben solle, sie sei zu Bett gegangen. »Gott sei Dank!« dachte Herr von Klötersdorf auf seiner Pappel; »sie hat mich nicht gesehen... das wäre ja auch eine gräßliche Geschichte geworden... wenn ich nur wüßte, ob der Köter noch unten säße... da ist gerade solch' tiefer Schatten... vielleicht ist er schon weg... ich kann es wahrhaftig nicht mehr länger aushalten.« »Donnerwetter!« schmunzelte der Mond; »das ist ein hübsches Mädchen; wenn ich die Beine hätte, wie der dumme Kerl da auf dem Baum, ich wäre ins Fenster geklettert.« Nachdem Molly das Licht gelöscht, eilte sie schnell die Treppe hinunter, um ihrer Mama und ihrer Schwester zu zeigen, zu welch' gefährlichem Abenteuer die Liebe ihren Anbeter verleitet habe. Mit schnellem Griff riß sie unten die Tür auf, erstarrte aber vor Staunen, als sie den alten Grafen ganz gemütlich bei ihrer Mutter auf dem Sofa sitzen sah. »Wie kommen Sie denn hierher?« fragte sie, nachdem sie sich von dem ersten Schreck erholt. »Wie ich hierherkomme?« wiederholte Schwülenberg ruhig; »draußen wurde es mir zu kalt, und da bin ich in die Stube zurückgegangen.« »Der Graf hat fortwährend nach dir gefragt... er wollte nicht ohne dich gehen«, lächelte die Baronin etwas gekniffen. Schwülenberg machte ein verwundertes Gesicht und schien darüber nachzudenken, ob er das wirklich getan hätte. Molly hörte gar nicht darauf. »Während ich die Treppe hinuntereilte... in kaum einer Minute... haben Sie den weiten, beschwerlichen Weg gemacht?« blickte sie den Grafen starr und verwundert an. Dieser, der die vorige Aufgabe noch nicht gelöst hatte, begann über die letzte nachzudenken. »Das ist doch kein beschwerlicher Weg«, sagte er dann mit mattem Lächeln; »ich war ja auch schon zehn Minuten vor Ihnen hier.« Mollys Züge nahmen jetzt deutlich den Ausdruck des Schreckens an. »Das geht nicht mit rechten Dingen zu!« rief sie; »vor zwei Minuten saßen Sie noch auf dem Baum und jetzt sitzen Sie hier schon auf dem Sofa!?« »Wo habe ich zuerst gesessen?« fragte Schwülenberg, der nicht recht gehört zu haben glaubte. »Auf der Pappel draußen!« »Auf der Pappel?« wiederholte der alte Graf; »wo ist denn 'ne Pappel?« , »Du phantasierst, Kind«, lächelte die Mama; »die Liebe hat dir dein Köpfchen verdreht... und unserm trefflichen Freunde hier auch...« »Er sitzt also wirklich schon seit zehn Minuten auf dem Sofa?« »Ganz gewiß!« Molly stürzte durch das Zimmer nach dem Fenster, riß es auf und stieß einen abermaligen Schrei der Überraschung aus. »Mein Gott! was ist dir?« erhob sich die Mama. »Da sitzt ein anderer auf der Pappel!« »Ein anderer?« trat die Baronin ans Fenster. »Das ist ja eine teufelmäßige Geschichte!« erhob sich der alte Graf und blickte ebenfalls hinaus. Dem armen Klötersdorf wurde jetzt furchtbar unheimlich zumute. »Das ist ja ein Dragoner«, sagte Schwülenberg; »Sie da... was wollen Sie denn da? - Kommen Sie 'mal gleich 'runter!« Mutter und Tochter gaben sich die größte Mühe, den verwegenen Beobachter zu erkennen. »Sie da... Dragoner!« schrie der alte Graf; »haben Sie nicht gehört?... augenblicklich steigen Sie vom Baum und kommen hierher!« Klötersdorf bekam eine fürchterliche Angst; was sollte er sagen, wenn er erkannt wurde... womit sollte er sich rechtfertigen... die Geschichte konnte die allerschlimmsten Folgen für ihn haben... »Rettung!« dachte er... »um jeden Preis... schlimmer kann es nicht werden!...« Und mit einer schnellen Bewegung ließ er sein Gesäß von dem Ast gleiten, klammerte sich gleichzeitig mit beiden Händen an einen andern, hing einen Augenblick in der Schwebe und ließ sich dann auf gut Glück niederfallen. In demselben Moment ertönte ein furchtbares Geheul, und der betäubt gewesene Hund, dem der Fähnrich auf den Leib gesprungen war, rannte mit eingeklemmtem Schwanz, entsetzliche Klagetöne ausstoßend, der Lohmühle zu. »I«, dachte der Mond; »ich muß doch einmal sehen, wer der närrische Kerl eigentlich ist«, und damit blickte er ihm voll ins bleiche Angesicht. »Herrje; der sieht ja aus, wie unser Fähnrich Klötersdorf«, sagte der alte Graf; »na, so etwas lebt nicht mehr. - Fähnrich! Fähnrich!« Der unglückliche Mensch bekam einen solchen Schreck, daß er beinahe ins Wasser gefallen wäre; dann aber hauchte ihm die Verzweiflung neue Kräfte ein, und er lief wie ein gehetzter Hirsch immer die Straße hinunter nach dem Mühlentore zu; der Mond aber, der ihn ohne seinen Willen verraten, wollte es wenigstens dadurch wieder gutmachen, daß er ihm seinen Weg erleuchtete, bis er schweißtriefend und keuchend seine Wohnung im weißen Schwan erreichte. Die Gruppe am Fenster blieb eine ganze Weile sprachlos. »Na, so was lebt in der Welt nicht mehr!« brach endlich Schwülenberg das lange Schweigen. Mutter und Tochter schienen sich noch nicht klar, wie sie sich dazu benehmen sollten. »Sie dachten also, ich säße da draußen auf der Pappel?« lachte der alte Graf; »na, das sollte mir einfallen...« Die beiden Damen standen noch immer wie die Salzsäulen. »Na... nun will ich mich aber empfehlen«, begann Schwülenberg zum drittenmal; »gnädige Frau, wollen Sie nun wohl die Güte haben, sie mir zu geben?« Mutter und Tochter sahen sich mit neuer Hoffnung bedeutungsvoll an. »Oh... von Herzen gern, Graf...« lächelte die Baronin, Mollys rechte Hand nehmend und ihm dieselbe hinhaltend: »sie ist die Ihre.« »Das weiß ich wohl, daß sie meine ist«, sagte Schwülenberg, ohne die ihm dargebotene Hand zu bemerken; »aber ich möchte sie nun doch gleich mitnehmen... deshalb bin ich ja hauptsächlich hergekommen...« »Aber, Graf!« sagte die Baronin, während Molly die Augen niederschlug. »Mein Gott, da ist ja nichts dabei«, lächelte dieser; »es ist ja dunkel... wer sieht's denn... was soll ich da morgen erst meinen Burschen schicken!« »Graf!« machte die Mutter noch einmal; »man muß Ihnen schon verzeihen, um Ihrer Leidenschaft willen... aber mitnehmen können Sie sie heute noch nicht... in vier Wochen allerfrühestens.« »Hm!« schüttelte Schwülenberg den Kopf; »ich hatte mich so d'rauf gefreut... Sie haben wohl 'was d'ran entzwei gemacht, was Sie erst wollen ausbessern lassen?« Mutter und Tochter wurden noch einmal starr vor Staunen. »Ja... dann hilft's nichts«, sagte der Graf; »dann muß ich mir morgen wieder meine alte nehmen.« »Ihre alte?« fragten die beiden Damen, wie aus einem Munde. Schwülenberg nickte gutmütig. »Die neue wäre mir freilich lieber gewesen«, sagte er; »und dann hätte man auch immer ein bißchen abwechseln können... aber was nicht ist, das ist nicht...« »Haben Sie denn zwei Bräute?« fragte die Baronin ganz empört. »Was?« machte Schwülenberg verwundert; »was soll ich haben ... zwei Bräute?« »Gewiß!« »Keine einzige habe ich.« »Aber Sie sprachen doch fortwährend davon.« »Von Bräuten... fällt mir gar nicht ein... von Pfeifen habe ich fortwährend gesprochen... Sie wollen sich wohl 'nen kleinen Spaß mit mir machen?« »Von Pfeifen?« wiederholte die Baronin, mit langem Gesicht. »Nun natürlich... ich sagte Ihnen ja gleich, daß mir zu Hause eine fehlte... und daß ich deshalb glaubte, sie stände hier...« Den beiden Frauen stieg die Zornesröte ins Antlitz. »Na... und da Sie mir selbst sagten, daß sie nicht Plinker gehörte, so mußte es doch notwendigerweise meine sein«, beschloß der alte Graf seine Auseinandersetzung. »Dann tut es mir leid, daß Sie sich vergeblich herbemüht haben«, entgegnete mit flammenden Augen die Baronin; »weder Sie noch Herr von Plinker haben Ihre Pfeife hier stehen lassen.« »I, das wär' der Teufel...« kratzte sich Schwülenberg den Kopf; dann muß sie mir mein Bursche gemaust haben.« Die beiden Damen antworteten ihm nicht mehr. »Na... dann nehmen Sie's nur nicht übel, Frau Baronin«, entschuldigte sich der Graf; »dann habe ich mich geirrt... ich empfehle mich Ihnen gehorsamst.« Die Damen machten eine steife Verbeugung. Schwülenberg nahm Mantel und Mütze und verließ das Zimmer. »Das war ein abscheuliches Mißverständnis«, sagte die Baronin, als der Graf gegangen war. »Glücklicherweise ist ihm die Sache nicht ganz klar geworden«, meinte Molly mißlaunig. »Halten wir uns jetzt jedenfalls an den andern«, entschied die Mama; »die Situation muß ausgenutzt werden... doch nun wollen wir zu Bett gehen... ich bin müde und angegriffen... wo ist denn Charlotte?« Die ältere Schwester nahm die Lampe und leuchtete in den Salon. »Sie ist bei ihrem Sehnsuchtswalzer eingeschlafen«, sagte sie mit spöttischem Lächeln; »wache auf, Lottchen, und komm zu Bett.« Die Lampe wurde ausgedreht, die Töchter sagten der Mutter gute Nacht und gingen dann in ihr Schlafzimmer hinauf, während die Baronin unten blieb. Als der Mond sah, daß die Fenster sich erleuchteten, die ihm vorhin so viel Vergnügen gemacht hatten, machte er wieder sein altes, verschmitztes Gesicht und blickte neugierig hinein. Aber ehe die Mädchen einen Haken geöffnet oder eine Nadel gelöst hatten, rollten schnurr... schnurr, die beiden weißen Vorhänge herunter. »Pfui Teufel!« sagte der Mond, »das war abgeblitzt!« - Als der alte Graf das Haus der Baronin Möhrenstolz verlassen hatte, wandelte er langsam und in Gedanken wieder dem Städtchen zu. »Das war eigentlich 'ne komische Geschichte heute abend«, brummelte er in seinen langen, schwarzen Schnurrbart; »ein teufelmäßiges Frauenzimmer ist aber die Molly... ich gehe nicht wieder hin... und dieser Klötersdorf... der blöde Schäfer... wer hätte das von ihm gedacht... oder war es vielleicht der Strammin...« Indem er hierüber noch tief nachdachte, kam er beim Rittmeister Schimmelmann vorbei, um über den Markt nach seiner Wohnung zu gehen. »Donnerwetter! was grabbelt denn da bei dem alten Nachtwächterhause 'rum? ih... das ist ja der Strammin... da muß doch der andere der Klötersdorf gewesen sein... na, wir haben ein paar nette Fähnriche... das sind ja teufelmäßige Bengels.« 9. Wachtparade und Herzensparade Am nächsten Morgen treffen wir die beiden Fähnriche an demselben Kaffeetisch, wo wir sie schon einmal gefunden haben. Strammin war ein bißchen nachdenklich, und Klötersdorf sah blasser aus als sonst, hatte Wasser in den Augen und eine stark gerötete Nase. Die jungen Leute hatten sich gestern abend nicht mehr gesehen und waren diesen Morgen eben erst zusammengekommen. »Hat... schi!« eröffnete Klötersdorf die Unterhaltung. »Zur Gesundheit!« nickte Strammin. »Danke!« krächzte Klötersdorf. »Du bist ja furchtbar heiser.« »Muß mich wohl ein bißchen erkältet haben.« »Wann bist du denn nach Hause gekommen?« »Es konnte wohl zehn sein.« »So früh?« »Hat... schi!« »Zur Gesundheit!« »Danke! - Und du?« »Es mochte wohl zwei sein.« »So lange seid Ihr zusammen gewesen?« »Natürlich!« log Strammin, der wieder vergeblich gewartet hatte. »Der Glückliche!« dachte Klötersdorf. »Hast du dich gut amüsiert?« fragte der andere. »Prachtvoll!« »Gutes Souper?« »Delikat.« »Der Glückliche!« dachte Strammin. Der arme Klötersdorf hatte sich nicht bloß furchtbar erkältet, sondern durch seine Seele zogen auch aschgraue Befürchtungen. Er war vom Grafen Schwülenberg erkannt worden, zwei Damen hatten mit ihm am Fenster gestanden: wie sollte die unglückselige Geschichte also wohl geheim bleiben? - Das war ja gar nicht möglich. - Und womit sollte er die seltsame Situation begründen, in der man ihn gesehen? Man mußte ihn unfehlbar für einen der sittenlosesten Menschen halten, und da tat man ihm doch bitteres Unrecht. - Der Oberst hatte ihn noch ganz vor kurzem gewarnt... und dennoch... und gleich nachher übertrat er das Verbot in der allerschlimmsten Weise. - Eine schwache Hoffnung gab es noch... Graf Schwülenberg war sehr zerstreut... wenn er es vergäße... doch dann wußten es ja immer noch die Möhrenstolzens... nein, nein... die Geschichte konnte nicht verborgen bleiben... »Wir müssen uns wohl zur Parade anziehen«, sagte endlich Strammin. »Hat...« »Wie?« »Schi!« »Ach so... pros't!« »Danke!« »Ich hole dich ab, Klötersdorf.« »Gut!« »Und nachher wollen wir unten zu Zieme gehen und ein Glas Bowle trinken.« »Meinetwegen!« »Auf Wiedersehen also!« »Auf Wiedersehen!« Zwanzig Minuten später schritten die beiden Fähnriche im besten Anzuge die Straße hinunter dem Marktplatz zu. Es war wieder ein schöner Morgen und die liebe Sonne hatte auch ihre Paradeuniform an und blitzte und blinkte vom Himmel herab, als wenn sie das ganze alte Nest vergolden wollte. Dem armen Klötersdorf war äußerst schlecht zumute, als er den Markt betrat. Obgleich es noch ziemlich früh war, stand doch alles schon in bester Ordnung und wartete der Dinge, die da kommen würden. Der schuldbewußte Fähnrich nahm den Säbel hoch, damit er nicht klappern sollte, und setzte die Füße, wie wenn er auf Eiern ginge. Als er näherkam, ließ er seine Blicke in furchtsamer Eile die Offizierlinie hinuntergleiten. Da stand, schon ziemlich weit oben unter den Sekondeleutnants, der alte Graf Schwülenberg. Klötersdorf gab sich die größte Mühe, seinen Gesichtsausdruck zu studieren; aber das Wasser, das er in den Augen hatte, ließ ihm alles unbestimmt erscheinen. Der ganze alte Graf sah aus, als wenn er auseinanderfließen wollte, als wenn alle Umrisse sich hin- und herbewegten, und namentlich der lange Schnurrbart schob sich immer auf und ab in dem mageren Antlitz, als wenn er losgegangen wäre und nun seine richtige Stelle nicht wiederfinden könnte. Klötersdorf bog, ohne ein Resultat seiner flüchtigen Forschung erzielt zu haben, um den rechten Flügel der Aufstellung und füllte einige Sekunden darauf die für ihn offen gelassene Lücke aus. Manche Offiziere unterhielten sich miteinander; manche starrten vor sich hin ins Blaue; die Dragoner machten feierliche Sonntagsgesichter. Da dröhnte es vom Rathausturm herab. Genau mit dem ersten Schlage trat der alte Oberst Hollprägel um die Ecke des Marktplatzes, und sowie Offiziere und Soldaten ihn erschaut, läuft es durch die Reihen wie ein elektrischer Schlag; alles reckt sich empor, gibt sich ein Ansehen und macht das Dienstgesicht. Der Oberst schreitet bis vor die Mitte der Offizierlinie, wo sein Adjutant ihn schon erwartet, wirft einen strengen Blick auf seine Unterbefehlshaber, klappt klirrend die bespornten Absätze zusammen und berührt grüßend den Tschako. Die Offiziere klappen ebenfalls die Absätze zusammen und machen ihm diese Bewegung nach. Nachdem die Hände wieder gesunken sind, treten die vier Rittmeister vor und melden nach der Reihe, daß nichts Neues vorgefallen sei. Der Oberst hört jeden dieser Berichte wißbegierig an, nur als Schimmelmann seine Meldung macht, tritt er unwillkürlich einen Schritt zurück, weil der Alte heute wieder ganz absonderlich bissig aussieht. Nachdem die Eskadronchefs in die Linie zurückgestackert sind, winkt der Oberst mit der Hand, und der Adjutant läßt die neue Wache Gewehr auf nehmen und präsentieren. Und der Oberst winkt wieder. Ein schmetterndes Signal ertönt, der Kommandeur faßt mit einem Schlag an die Kopfbedeckung, die Offiziere tun dasselbe, als wenn sie eine Mücke totklatschen wollten, die sich auf ihre Stirn gesetzt, und Padderow wirft dabei einen heimlich verliebten Blick nach der großen Tuba. Der Adjutant läßt die Wache im Viereck aufmarschieren; der Oberst tritt stolz in die Mitte, die vier Wachtmeister folgen ihm, den Ausdruck einer heiligen Andacht auf den Zügen. Der Oberst beugt sich etwas nach vorn und flüstert dem nächsten etwas ins Ohr, als wenn er ihm das wichtigste Staatsgeheimnis mitteilte. Der erste Wachtmeister sagt's dem zweiten, der zweite dem dritten, der dritte dem vierten und der vierte gibt es dann mit heiligem Ernst dem Oberst zurück. Das große Geheimnis ist ein kleines Wort, ein Städtename, den die Wachtmeister in ihrer roten Brieftasche notieren; dann wird er dem Unteroffizier auf Wache mitgeteilt, der ihn sorgsam ins Wachtbuch schreibt, und wenn der Offizier du jour abends die Wache revidiert, flüstert ihm der Unteroffizier die ihm in der Regel gänzlich unbekannte Stadt noch einmal zu. Das ist die Parole und weiter hat sie keinen Zweck. Nun schwenkt die neue Wache zur Ablösung der alten ab, die Musik bläst lustig voran, die fröhliche Jugend beiderlei Geschlechts nebenher, und Herr von Padderow sendet einen liebevollen Blick der dicken Baßtrompete nach. Dann sieht er nach dem alten Schimmelmann; aber der alte Schimmelmann merkt es nicht. Nachdem die neue Wache auf- und die alte abgezogen ist, treten die Trompeter in die Mitte des Marktplatzes, um ihre pflichtgemäßen drei Stücke zu blasen. Der Oberst blickt sinnend vor sich hin; die Offiziere tun mehr oder weniger dasselbe. Die Trompeter bilden einen Kreis, kleine Jungen halten die Notenblätter, das erste Stück beginnt, der Oberst spricht mit diesem und mit dem, und die Offiziere strecken die rechten Beine vor, um es sich bequemer zu machen. Padderow hustet, als wenn er wieder einen Käfer im Halse hätte, aber die Musik übertönt ihn. Die Hasenbalger Jugend umgibt den Kreis der Trompeter; die Offiziersöhnchen haben einen papiernen Federhut und einen blechernen Säbel an der Seite und zeigen schon im zarten Alter hervorragende Neigung für den Stand ihrer Väter und Ahnen. Die kleinen Schwesterchen haben sich an die Händchen gefaßt und tanzen Ringelringel-Rosenkranz; sie lächeln und wallen mit den Löckchen und drehen mit den kurzen Röckchen und setzen die kleinen Füße mit den kleinen Waden so allerliebst und kokett, daß es ein Vergnügen ist, zuzusehen. Auch sie zeigen schon im zarten Alter hervorragende Neigung für die Aufgabe ihres Geschlechts und instinktives Verständnis für Anwendung und Wirkung ihrer kaum knospenden Reize. Die Melodie klingt lustig durch die Stadt; hübsche und häßliche Gesichter drücken sich an die Fensterscheiben; die kleinen Mädchen tanzen immer wilder, und die Ammen wiegen, lächeln und tänzeln die jüngsten Früchte der Liebe in Schlaf. Das zweite Musikstück beginnt, ein Marsch, in dem die Baßtuba furchtbare Töne auszustoßen hat. Sofort versucht Padderows dickes Gesicht einen schwärmerischen Ausdruck anzunehmen und er schielt fortwährend nach Schimmelmann, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen; aber der alte Rittmeister schiebt mit der Oberlippe den buschigen Schnurrbart unter die Nase und starrt vor sich hin wie ein Menschenfresser. Nasewitz, der neben Padderow steht, blickt diesen lächelnd an. Die Baßtuba quält sich in einer Weise ab, daß es ordentlich schaurig klingt, und Padderow setzt einen Fuß vor, als wenn das dicke gelbe Ding ein Magnet wäre, der ihn mächtig anzöge. Nasewitz streckt ebenfalls das lange Bein aus und bringt durch ein geschicktes Manöver den langen Schleppsäbel seines Freundes unbemerkt zwischen dessen Füße. Padderow zieht das andere Bein nach und steht um einen Schritt vor der Offizierslinie; jetzt endlich hat er das Glück, von Schimmelmann gesehen zu werden, und sofort wird sein Gesicht noch um ein Bedeutendes schwärmerischer und er wiegt graziös den Kopf, daß der Tschako auf demselben hin und her zu rutschen beginnt und die Fangschnüre in eine tänzelnde Bewegung geraten. Der Rittmeister starrt ihn mit der größten Verwunderung an, doch der Musikschwärmer laßt sich nicht stören und wackelt immer weiter mit dem Kopf. Mit einem Male bekommt ihn auch der Oberst Hollprägel zu sehen, der auf dem rechten Flügel mit dem etatsmäßigen Major sprach. »Herr von Paddero... ow!« ruft er mit seiner hohen Stimme; »wo wollen Sie denn hin?« Der dicke Offizier bekommt einen Schreck, will schnell den Schritt zurückmachen, verwickelt sich aber dabei in den Säbel, der ihm zwischen die Beine gekommen ist, und fällt Nasewitz auf den Leib, der ihn aufhält, dann aber mit dem Fuß fest auf seinen rechten Sporn tritt. »Herr von Paddero... ow!« ruft der Oberst noch einmal; »was machen Sie denn... Sie torkeln ja... ist Ihnen nicht wohl?« Der dicke Offizier ist so bestürzt, daß er kein Wort erwidern kann, sondern erst sein Gleichgewicht herstellen muß. »Kommen Sie 'mal her«, sagt Hollprägel, selber näher stackernd ... »kommen Sie 'mal vor!« Padderow will dem Befehl gehorchen, aber Nasewitzens Fuß steht auf seinem rechten Sporn und er bewegt denselben nicht von der Stelle. »Ich muß sehr bitten, Herr von Paddero... ow!« bekommt der Oberst schon einen roten Kopf; »haben Sie mich nicht verstanden?« Der dicke Leutnant setzt erst den linken Fuß vor und macht dann eine verzweifelte Anstrengung, den rechten nachzuziehen. In diesem Augenblick nimmt Nasewitz seinen Stiefel von dem Sporn fort, und Padderows kurzes Bein schnellt dem jetzt ganz nahe getretenen Obersten beinahe bis an den Unterleib. Nasewitz macht das ernsteste Gesicht von der Welt. »Nanu!« weicht der alte Hollprägel erschrocken zurück; »was ficht Sie denn an? Sie wollen mir doch nicht etwa zu Leibe?« »Entschuldigen der Herr Oberst«, nimmt Nasewitz das Wort; »er hat den Krampf im Fuß.« »Den Krampf haben Sie im Fuß?« wiederholte der Oberst unbewußt den Unterleib einziehend; »da müssen Sie sich einreiben lassen... das ist ja ängstlich... damit können Sie 'mal ein Unglück anrichten.« Dann geht er wieder fort, wirft aber ab und zu noch einen besorgten Blick auf den Padderower, der mit Verwunderung sein krankes Bein besieht. Nachdem das dritte Stück geblasen ist, faßt der Oberst wieder an den Tschako, die Offiziere tun dasselbe, die Parade ist damit beendet, und alles geht auseinander. »Hören Sie, lieber Nasewitz!« ruft Schimmelmann seinen Leutnant zu sich heran. »Der Herr Rittmeister befehlen?« »Mit dem Padderow rappelt's doch schlimm.« Nasewitz zuckte entschuldigend die Achseln. »Die Geschichte ist ihm doch höllisch in die Krone gefahren.« Nasewitz lächelte. »Gestern hat er wieder bis nach Mitternacht gestanden... nachher bin ich zu Bett gegangen.« »Ich habe ihn um vier zu Hause kommen sehen.« »Nun nehmen Sie 'mal an... das ist doch beängstigend. Wenn er sich nur an die dicke Trompete gewohnen könnte... aber ich fürchte, es geht nicht... und dann ist alles vorbei...« »Man muß es abwarten, Herr Rittmeister... er gibt sich doch wenigstens Mühe.« »Hm!« brummte Schimmelmann; »na, da wollen wir's noch ein Weilchen mit ansehen...« »Morgen, lieber Nasewitz!« »Guten Morgen, Herr Rittmeister!« »Was wollte denn der Alte von dir?« fragte Padderow seinen Freund, als jener um die Ecke war. »Er sagte, du solltest dich noch mehr an die Tuba gewöhnen.« »Wie soll ich denn das machen?« »Ja... das ist deine Sache.« »Weißt du, das ist ein ekliges Ding«, meinte Padderow; »mir wird immer schwindlig, wenn ich so genau danach hinhöre... davon habe ich vielleicht auch den Krampf im Fuß bekommen.« »Sehr möglich, erhabener Waffenbruder!« »Wollen wir bei Zieme ein Gläschen Bowle trinken?« »Ich stehe wie immer zu Eurem Befehl.« Sonntags vormittags war es immer recht besucht unten in der Weinstube bei Zieme; Alltags trank nur hie und da jemand ein Schnäpschen oder höchstens ein Glas geschmuggelten Rotwein. Eigentlich war es die Wohnstube der Familie, ebenso wie bei Schenkelmann und später bei dem berühmten Klötzer. Das war so gemütlich, mit der ganzen Familie zusammenzusitzen; die Frau strickte lange keusche Wadenstrümpfe, die Kinder kreischten mit ihren Griffeln auf der Schiefertafel herum; die Gäste dampften ihre langen Pfeifen, und wenn der Wirt oder die Wirtin einmal herausgegangen waren und es klingelte im Materialladen neben der Stube, dann stand irgendein Gast auf und verkaufte einem alten Weibe ein Viertelpfund Kaffee oder einem dreijährigen Bengel für einen Pfennig Rosinenstengel. Die Weinstube von Zieme war also eigentlich seine Wohnung und lag unten rechts im Rathause. Das erste Zimmer war groß, aber räucherig und sehr dunkel, weil es unter den Kolonnaden lag. Aus demselben führte eine Tür in die Küche, aus welcher die bekannte Treppe zur Abendressource emporging. Neben dem großen Zimmer befand sich noch ein kleines, und neben diesem wieder ein Alkoven. In diesen Räumen hauste der alte Zieme mit seiner Frau und seinem noch unverheirateten einzigen Sohn, dem jungen Zieme, der vollkommen zu der Hoffnung berechtigte, daß er in seinem Alter einem Meerschweinchen ebenso ähnlich sehen werde wie sein Vater. - Als Nasewitz und Padderow in das eben beschriebene Lokal traten, war das erste Zimmer schon recht gefüllt. Auf dem schwarzen Sofa hinter dem großen runden Tisch saßen der wohlweise Herr Bürgermeister, der hier allsonntäglich ein kleines Glas Arak mit Zuckerkant zu schlürfen pflegte, wozu er aus seiner langen Pfeife künstliche blaue Rauchringel vor sich hin blies. Sprechen tat der gestrenge Herr wenig, weil er dafür desto mehr dachte. Neben dem Herrn Bürgermeister auf dem Sofa saß der Justizrat Schölplin, der wie ein Minister aussah und stets eine goldene Dose vor sich stehen hatte. Um den Tisch herum auf Stühlen bemerkte man den Premierleutnant von Ströllpitz, der schon wieder einen furchtbar roten Kopf hatte und mit dem Privatdienstgesicht vor sich hinstarrte; den Premierleutnant von Kreidefleck, der sich mit seinem boshaften Gesicht für alles zu interessieren schien und dabei seinen häßlichen Schnurrbart abknabberte; den Assessor Glutstein, mit den feinen weiblichen Zügen; den Tierarzt Krahl mit dem gutmütig pockennarbigen Lächeln und den unglaublich großen Händen, den Buchdrucker, Redakteur des Hasenbalger Wochenblattes und zeitweisen Theaterrezensenten Kajob, der aussah, als wenn er jeden Augenblick vor Gelehrsamkeit platzen wollte; den stets höhnisch lächelnden Schwadrons -Chirurgus, der mit seinen großen Augen wieder so lustig aussah, wie ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest guckt und mit dem glatten Köpfchen dreht. An einem kleinen Tisch, bescheiden an die Wand gedrückt, saßen die beiden Fähnriche von Klötersdorf und von Strammin. Ersterer hatte schon eine ganz geschwollene Nase und drückte sich zusammen, als wenn er den möglichst kleinsten Raum einnehmen wollte, und letzterer starrte in beschränkter Gedankenlosigkeit, mit einem Beisatz von Eitelkeit und Selbstbewußtsein, vor sich hin. Der alte Graf Schwülenberg saß auf dem Tritt am Fenster und träumte seinen alten Traum; der Leutnant von Rührbrägen saß auf dem Stuhl neben dem Sofa und freute sich und kniff mit den Augen und der bereits wieder dampfende Graf Plustra hatte sich mit dem eingebildeten Sponeck ans andere Fenster gesetzt. Der alte Zieme stand ans Büfett gelehnt, lächelte und hatte die Hände über dem dicken Bauch gefaltet. Seine Frau war in der Küche beschäftigt und verriet ihr Dasein nur ab und zu durch einen kreischenden Befehl, und der junge Zieme füllte immerzu aus der großen Bowle und bediente mit einer gewissen Artigkeit seine Gäste. »Ich entbiete sämtlichen Herren meinen Gruß, sowohl den Vertretern des Kriegerstandes, als den ruhig arbeitsamen Bürgern!« sagte Padderow beim Eintreten, mit einer würdevollen Handbewegung. Ein lebhafter Gegengruß scholl dem allbeliebten Ritter von der Tafelrunde zu, und der Herr Assessor Glutstein stand auf, wischte sich die Hand ab und drückte dann die kräftige Rechte des kriegerischen, jungen Mannes. Dann nahmen Padderow und Nasewitz ebenfalls an dem großen Tisch vor dem Sofa unter den zusammenrückenden anderen Gästen Platz. »Ein Gläschen Melniker für den Magen, Herr Zieme!« wandte der dicke Offizier den Kopf; »dann werde ich den Herren meine Gedanken sagen.« Er und Nasewitz wurden mit lächelnder Miene bedient. »Das erste Glas dem abwesenden holden Geschlechte!« leerte Padderow sein Viertel bis auf die Nagelprobe; »noch eins, liebster Zieme!« »Soll ich Ihr Toastchen der Frau Zieme in der Küche bestellen?« fragte Herr von Kreidefleck mit seinem unangenehmen Lächeln. Padderow antwortete nicht, und die anderen nahmen ebenfalls keine Notiz von der süßen Bemerkung. »Assessor, Sie müßten eigentlich im Namen des schönen Geschlechts danken«, knurrte der Justizrat Schölplin mit hochmütiger Miene; »Ihrer Frau Gemahlin werden so viele Aufmerksamkeiten erwiesen...« Der sanfte Glutstein errötete ein wenig und schien nicht recht zu wissen, wie er sich hierbei benehmen sollte. »Das wird wieder manches Ständchen diesen Winter geben«, knarrte der Justizrat weiter. »Dem Reinen ist alles rein!« dräuete des Padderowers hohe Stirn; »wer will die Nase darüber rümpfen, wenn holden deutschen Frauen von deutschen Jünglingen deutsche Ehre erwiesen wird... wenn die Seele poetisch erwärmt ist, dann muß sie serenaden...« »Wort und Gebrauch ›Serenade‹ kommt aber aus dem Italienischen und Spanischen«, sagte der Buchdrucker Kajob, indem er das ganze Gesicht in weise Falten zog; »in der Übersetzung würde es sich vielleicht mit ›Abendlied‹ wiedergeben lassen... denn serus... sera...servus... « Hier verhedderte er sich aber in seinen Kenntnissen, räusperte sich mit großer Wichtigkeit durch die Nase und verfiel wieder in gelehrtes Schweigen. »Das ist mir egal, woher es kommt«, sagte Padderow; »wir machen es hier auf unsere Art... aber jedenfalls über jeden hämischen Zweifel erhaben. - Wehe dem, der etwas Böses davon denkt!« »Weshalb habt Ihr das nicht französisch gesagt, edler Troubadour?« fragte Nasewitz. »Wie heißt doch der berühmte Ausspruch von dem gewissen englischen König... honni soit... honni soit ... Donnerwetter, wie geht es doch weiter, Herr Kajob?« Der Buchdrucker tat, als wenn er die Frage nicht gehört hätte, und schwoll noch ein bißchen mehr an vor Gelehrsamkeit. »Qui mal y pense!« sagte Graf Plustra und sog sich dann aus seinem Stummel wieder voll Tabaksrauch. »Richtig!« räusperte sich der Buchdrucker durch die Nase. Da fing mit einem Male der alte Graf an, sich zu bewegen. »Da ist nämlich... da hab' ich nämlich einmal eine Geschichte gehört...« kratzte er sich mit seinem gewöhnlichen matten Lächeln den Kopf... »da war nämlich 'mal ein englischer König... oder sollte es ein französischer gewesen sein... na, das ist ja egal... und der war 'mal mit seiner Geliebten.., auf einem Ball... und da verlor die Geliebte... hahahaha... das ist 'ne teufelmäßige Geschichte...« »Na; wie geht sie denn weiter, alter Graf?« fragte Nasewitz nach einer ganzen Weile. »Ja, wie sie weiter geht, das habe ich eigentlich vergessen...« schüttelte Schwülenberg den Kopf, »aber... hahahaha... eine teufelmäßige Geschichte war es.« »Sie kennen ohne Zweifel den Hergang, Herr Kajob«, wandte sich Nasewitz an diesen; »wollen Sie die Freundlichkeit haben, ihn uns mitzuteilen?« Der Buchdrucker saß wie ein Ölgötze und machte ein Gesicht, als wenn er im Begriff sei, die Quadratur des Zirkels zu finden. »War es nicht Eduard III.?« fragte der wirklich gebildete Nasewitz. »Ganz richtig!« rollte Kajob mit den Augen. »Die Geliebte verlor ein Strumpfband«, fuhr Nasewitz fort. »So war die Geschichte«, lebte der alte Graf wieder auf; »und da... und da...« »Und da hob es der König auf...« »Ja... und da... und da...« »Und als er es der Gräfin übergeben wollte, da faßte er...« »So war es... da faßte er...« »Aus Versehen ihr Kleid, und hob es...« »Hähähä!« lachte der Premierleutnant von Ströllpitz, der die Geschichte komisch zu finden schien. »Ach, da hat er wohl ihr Füßchen gesehen?« sagte Herr von Kreidefleck mit unangenehmer Süßlichkeit. »Ja... und deshalb rief der König: Honni soit, qui mal y pense, und stiftete den berühmten Hosenbandorden.« »The order of the garter!« begann der internationale Plustra zu dampfen. - »Na; ist das nicht 'ne teufelmäßige Geschichte?« fragte triumphierend der alte Graf, als ob er sie allein erzählt hätte. »Ich habe sie einmal in meinem Organ abdrucken lassen«, rückte Kajob an seiner Brille. - »Das muß lange her sein, denn Sie hatten sie schon wieder vergessen«, meinte Nasewitz. »Dem ritterlichen König dieses Glas!« trank Padderow. »Das arme Frauenzimmer muß aber trotzdem in eine scheußliche Verlegenheit geraten sein«, knarrte der Justizrat Schölplin, eine Prise aus seiner goldenen Dose nehmend. »I, Gott bewahre!« gähnte Sponeck; sie tun bloß so... das ist alles Komödie.« - »Ach, sie sind aber doch so niedlich«, machte Kreidefleck ein schiefes Köpfchen. »Manchmal können sie einem aber auch die Hölle tüchtig heiß machen«, kratzte sich der alte Graf, wie in Erinnerungen versunken, das grau werdende Haupt... »da hatte ich... da war nämlich ... und nachher dachten sie, ich hatte auf dem Baum gesessen...« Der Doktor Messe machte ein Gesicht, als wenn er etwas wüßte, und der Fähnrich von Klötersdorf fühlte einen eiskalten Schweiß vor der Stirn. »Um Gottes Willen!« dachte er; »wenn er es nun erzählt...« Der alte Graf schien eigentlich Lust zu haben, sich weiter über die beregte Angelegenheit auszulassen; aber da vieles zusammenhängende Reden nicht seine Sache war, so blickte er nur mit einem matt verschmitzten Lächeln auf Strammin und drohte ihm mit dem Finger. »Klettern können Sie aber gut, Fähnrich«, sagte er; »das muß Ihnen der Neid lassen.« Strammin wurde verlegen, weil er gar nicht wußte, was Schwülenberg eigentlich von ihm wollte, und Klötersdorf holte erleichtert Atem und dachte: »Er verwechselt mich mit ihm, Gott sei Dank!« »Wo ist er denn geklettert?« fragte der neugierige Kreidefleck. Aber der alte Graf hatte unterdes seine Blicke auf Klötersdorf hinübergleiten lassen. »Sie sind wohl gern auf Wache?« nickte er in dem angenehmen Gefühl, einen Witz zu machen. Klötersdorf kribbelte es in der Nase und zwei große Tränen flossen über seine schnupfigen Wangen; aber er antwortete nicht. »Müssen sich aber ein besseres Schilderhaus aussuchen«, lachte Schwülenberg, wie er es selten tat. »Er hat mich gesehen; aber er verwechselt mich mit Klötersdorf!« freute sich Strammin. Der eine hätte zwar gern vom andern gewußt, was das mit dem Klettern für eine Bewandtnis habe, und der andere hätte den einen gern gefragt, wie das mit dem Schilderhause zusammenhinge; aber sie hielten es doch beide für praktischer, ihre Neugier unbefriedigt zu lassen, weil sie befürchten mußten, daß gegenseitiges Aussprechen leicht zur Entdeckung ihrer wenig erbaulichen Abenteuer führen könne. »Was war dir denn eigentlich heute auf Parade, Padderow?« ging der alte Graf auf ein anderes Thema über: »Du tratst ja vor die Front und wackeltest mit dem Kopf, als wenn du einen Käfer im Ohr hättest...« Der andere geriet etwas in Verlegenheit, und um diese zu verbergen, steckte er eine ganze Weile die Nase ins Glas. »Und nachher wäre er beinahe über sein Säbelchen gefallen«, sagte Kreidefleck, dem das Wasser auf seine Mühle war. »Ja... es sah pudelnärrisch aus«, lachte der alte Graf... »und wie der Oberst zu ihm ging, stieß er ihm mit dem Fuß nach dem Bauch... nachher wagte sich Hollprägel gar nicht mehr in seine Nähe.« »Hähähä!« wieherte der Premierleutnant von Ströllpitz. »Solch' Witzchen gehört aber doch wohl nicht auf die Parade«, lächelte Kreidefleck auf seine boshafte Art. »Und solche Bemerkung gehört nicht hierher«, setzte Padderow schnell sein Glas ab; »ich hatte den Krampf im Fuß; lassen Sie sich das gesagt sein, Herr von Kreidefleck!« Der auf diese Weise Abgefertigte wurde rot vor Ärger, aber er machte dennoch ein liebliches Gesicht und knabberte sich an seinem Bärtchen. »Noch ein Glas, Herr Zieme!« sagte Padderow, sich ein haudegliches Ansehen gebend. Die beiden Fähnriche hätten auch gern noch ein Glas getrunken, aber sie wagten nicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Wenn Sie aber einen so schlimmen Krampf im Fuß haben, müßten Sie doch etwas dafür tun«, wandte sich der Doktor Mosse an den dicken Offizier. »Meinen Sie wirklich?« fragte dieser, nicht ganz ohne Besorgnis. – » Gewiß ... wenn es sich wiederholen sollte...« »Was würden Sie mir denn verordnen, Doktor?« »Hm... vor allem Blutverdünnung... ein recht eingreifender Brunnen... auch viel kaltes Wasser...« Der dicke Offizier schüttelte sich bei dem bloßen Gedanken daran. »Auch eine Heirat würde zu empfehlen sein«, lächelte der Doktor, ein wenig spitzig. Padderow machte ein gekniffenes Gesicht, wie immer, wenn dies Thema berührt wurde. »Und ein anderes Mittel haben Sie nicht?« fragte er. »Ja... schärfere Einreibungen... aber die würden weniger wirksam sein...« »Nehmen Sie die Sache nicht so leicht«, mischte sich der gelehrte Buchdrucker Kojab wieder in die Unterhaltung; »es könnte auch der Veitstanz werden, der im Mittelalter sehr gebräuchlich war... und da Sie sich für jene Zeit so interessieren...« »Was ist denn das, der Veitstanz?« fragte Padderow. »Auch eine Art Krampf«, belehrte ihn der Doktor Mosse; »welcher bei vollem, nüchternem Bewußtsein und bei völlig klarem, kaltem Kopf auftritt...« »Na; dann brauchst du dich vor der Krankheit nicht zu fürchten«, spottete der alte Graf auch einmal. »Eine Eigentümlichkeit des Krampfes ist die«, erklärte der Doktor weiter, »daß man Bewegungen macht, die man sonst unfähig wäre auszuführen, und daß diese Bewegungen dennoch den Charakter des Beabsichtigten annehmen...« »Was meint Ihr zum Heiraten?« fragte Nasewitz. »Später treten die Bewegungen häufiger auf«, sprach Mosse lächelnd weiter, »und es kommen immer neue dazu. Die Kranken schneiden die mannigfachsten Grimassen, drehen den Kopf und den Rumpf, zucken mit den Schultern, werfen die Arme und auch die Beine...« Der etwas nervöse Padderow fing wirklich schon an, mit den Schultern zu zucken und den Kopf zu drehen. »Donnerwetter, hören Sie auf?« fuhr er den Doktor an; »wenn man die Krankheit nicht hat, kriegt man sie ja von Ihrer Beschreibung ... wenn es wiederkommt, werde ich mich vom Doktor Klaubert einreiben lassen, und damit basta!« »Jedenfalls machen Sie, daß Sie zum Anfang der Bälle gesund werden«, krähte der Justizrat Schölplin. »Mit den Bällen wird es diesen Winter klötrig genug aussehen«, sagte der alte Graf, der trotz seiner gichtischen Beine ein wilder und leidenschaftlicher Tänzer war; »mit den Herren ginge es noch; aber wir haben ja keine Damen...« »In der Umgegend ist freilich nicht mehr viel«, mischte sich auch Rührbrägen einmal in die Unterhaltung; »ich habe alle Güter abgekloppt; eigentlich ist nur noch die Familie von Strahlen aus Klein–Poplow; sieben tanzfähige Töchter; aber die kommen ja nicht mehr.« »Ist dem alten Strahlen auch gar nicht zu verdenken«, lachte der Graf Plustra; »jedesmal wenn er auf dem Ball seinen ganz neuen Hut einmal aus der Hand stellt, kommt unser guter Tischdirektor Schädell durch den ganzen Saal gewatschelt und setzt sich mit seiner dicken Wetterseite darauf, daß er nachher aussieht wie ein Eierkuchen...« »Und weshalb tut das Herr von Schädell eigentlich?« fragte der Assessor Glutstein. »Weil er ihn nicht leiden kann... weiter hat er keinen Grund dazu«, amüsierte sich der sonst schweigsame Ströllpitz. Kreidefleck hatte sich geärgert und sprach gar nicht mehr. »Und in der Stadt sind auch nicht 'mal Damen«, sagte Rührbrägen. »Werden Sie Ihr Fräulein Braut noch tanzen lassen, wenn sie erst Ihre Gemahlin ist, Herr Graf?« wandte sich der Assessor Glutstein an Plustra. »Gewiß«, sagte dieser; »weshalb sollte ich ihr denn das Vergnügen entziehen?« »Und wann pfiückst du die Lilie von Hasenbalg, edler Griechenhäuptling?« wandte sich Padderow an den Bräutigam. »Du willst mit anderen Worten fragen, wann meine Hochzeit ist?« »Das war meine Absicht allerdings!« »Nun«, schmunzelte Plustra, nachdem er eben mit behaglichem Gesicht neuen Rauch eingesogen; »ich denke so in vierzehn Tagen... aufgeboten sind wir ja dreimal... also wenn die Wohnung vollständig eingerichtet ist, braucht nur der Prediger bestellt zu werden.« »Weiter also«, sagte Rührbrägen; »die Gräfin Plustra wäre mithin die Königin unserer tanzenden Damen; dann haben wir die beiden Möhrenstolzens...« »Leider!« meinte der Justizrat; »das sind die reinen Freibeuter und Korsaren; auf jeden machen sie Jagd, und wenn sie nur in die geringste Berührung mit einem getreten sind, lassen sie ihn nicht wieder los.« Dem armen Klötersdorf wurde wieder unwohl. Der alte Graf sah mit seinem verschmitzten Lächeln den Fähnrich von Strammin an, und der Doktor Mosse wackelte mit der großen Warze auf seiner kleinen Nase, als wenn er etwas wüßte. »Frau Justizrätin Schölplin nebst Fräulein Tochter ja nicht zu vergessen«, verneigte sich der Assessor Glutstein. »Und die Frau Assessorin auch nicht«, nahm jener lächelnd eine Prise. »Die vier Töchter vom Rittmeister Schimmelmann«, zählte Rührbrägen weiter. »Das sind nette und vortreffliche Mädchen, namentlich die älteste«, sagte Nasewitz, diesmal ohne seinen spöttischen Zug um den Mund; »schade nur, daß sie so selten sichtbar werden.« »Der Alte gibt kein Geld zu Toiletten«, meinte Schwülenberg. »Und niemals sieht er einen Menschen bei sich«, ergänzte Graf Plustra; »wenn die verheirateten Offiziere sich ganz von der Geselligkeit ausschließen wollen, da bleibt ja der Junggeselle nur auf die Kneipe angewiesen.« »Und weiter haben wir bis jetzt keinen Verheirateten«, sagte Rührbrägen. »Wißt Ihr 'was, wir müßten alle vierzehn Tage beim alten Schimmelmann Besuch machen«, sagte Nasewitz; »dann zwingen wir ihm vielleicht eine Abendgesellschaft ab. - Habt Ihr denn schon Besuch gemacht, Fähnriche?« »Zu Befehl, Herr Leutnant!« bekamen die beiden so plötzlich Angeredeten einen Schreck. »Haben Euch die Mädchen gefallen?« »Zu Befehl, Herr Leutnant!« »Haben Sie auch schon Besuch gemacht, Doktor?« wandte sich Nasewitz an Mosse. »Jawohl, wie ich zum Regiment kam«, entgegnete dieser; »der Herr Rittmeister machte mir selber auf, und als er mich erkannte, brummte er etwas in den Bart und schlug mir die Tür vor der Nase zu. - Nun gehe ich natürlich nicht wieder hin.« »Und Sie, Doktor Klaubert?« fragte Nasewitz weiter. Der kleine freundliche Mann wurde blutrot im Gesicht. »Ich wage es nicht«, sagte er. »Ist Ihnen etwa dasselbe passiert, wie Ihrem Kollegen?« »Nein... das nicht...« berichtete der Doktor mit zunehmender Verlegenheit; »auf einem kleinen Vergnügtsein im Freien engagierte ich Fräulein Melusine, die jüngste der vier Töchter, zu einer Polka...« »Und sie gab Ihnen einen Korb?« »Das nicht... als die Polka aber aus war und ich eben das Fräulein verlassen hatte, hörte ich, wie der Herr Rittmeister zu ihr sagte: »Nun?« »Schämst du dich nicht? Wie kannst du mit dem Pflasterkasten tanzen?« »Oh... oh! - Und was sagte das Fräulein?« »Sie sagte nichts«, entgegnete der Doktor; »als ich mich nachher aber umsah, begegnete ihr Blick dem meinen... als wenn er mich um Entschuldigung bitten wollte.« »Hm!« machte Nasewitz. »Ihr hättet den Alten auf ungeschliffene Schwerter fordern müssen«, machte Padderow ein kriegerisches Gesicht. »Welche von den vier Töchtern gefällt Euch denn am besten, edler Ritter?« »Natürlich die jüngste.« »Und weshalb nicht die älteste?« »Weil sie mir nicht romantisch genug ist!« Nasewitz senkte sinnend den Kopf und auf seiner hohen Stirn erschienen einige Wolken. »Wenn nur die Schauspieler erst hier wären«, seufzte Padderow; »dann hätte der Geist doch wieder etwas Nahrung.« »Das will ich meinen«, erwachte der Buchdrucker Kajob aus seinem tiefen Denken; »ich werde ihnen raten, einmal den Faust zu spielen, damit man doch etwas Ordentliches zu besprechen hat.« »Der versoffene Kloppey müßte gut sein als Faust...« »Und die dicke Emilie als Gretchen... da würde unser Padderow in Wonne schwelgen.« »Ich habe gehört, sie kommen nicht«, krähte der Justizrat; »sie haben vorigen Winter zu schlechte Geschäfte gemacht...« »Daß alles von diesem elenden Mammon abhängt!« bewegte Padderow mit tragischer Gebärde das kahl werdende Haupt. »Wißt Ihr 'was?« sagte Plustra; »wenn sie wirklich nicht kommen, bringen wir ein Liebhabertheater zustande.« »Ach... wir haben ja keine Talente«, streckte der blasierte Sponeck seine langen Beine vor sich. »Schadet nichts... die werden gebildet«, ereiferte sich Plustra; »auf diese Weise kommt doch ein bißchen Leben in unser Nest...« »Bravo!« rief Rührbrägen; »ich bin dabei...« »Na!« kratzte sich der alte Graf den Kopf; »ich auch... wenn nur das verdammte Auswendiglernen nicht wäre...« »Wir werden's dir schon eintrichtern«, lachte Plustra; »du spielst Väter, die nicht viel zu reden haben.« »Und Padderow die ersten, tragischen Helden«, meinte Nasewitz. »Die Idee ist ausgezeichnet«, blähte sich der Buchdrucker Kajob; »ich besitze eine Anzahl von Stücken, die ich den Herren zur Verfügung stellen könnte.« »Sehr gütig... das nehmen wir an!« »Und Sie besprechen dann unsere Leistungen in Ihrem Blatt.« »Mit dem größten Vergnügen!« »Noch einmal die Gläser gefüllt, Herr Zieme, und angestoßen darauf!« »Ich mache den Unsinn nicht mit«, weigerte sich der Premierleutnant von Ströllpitz; »darunter leidet der Königliche Dienst.« Herr von Kreidefleck lächelte beifällig mit sichtlichem Hohn. »Es ist in zehn Minuten eins«, sagte er dann, »wir müssen zu Tisch.« Die anderen Herren bezahlten nach der Reihe ihre geringe Zeche; der junge Zieme bekam die ganze Tasche voll Kleingeld; der alte Zieme benutzte die Gelegenheit der allgemeinen Beschäftigung, um sich einen hinter die Binde zu gießen und dann dasselbe meerschweinfreundliche Gesicht zu machen. Man sagte den Verschiedenen auf verschiedene Weise Adieu und ging einzeln oder in Gruppen auseinander. Der Premierleutnant von Kreidefleck, der in seiner kindlichen Jugendkraft selbst im Winter ohne Mantel ging, trabte lustig voran, begrüßte jeden Spießbürger, der ihm begegnete, mit lieblichem Nicken und mit ein paar albernen Wörtchen; dann kam hinterher, als Gros der Armee, der alte Graf Schwülenberg, Nasewitz, Padderow, Sponeck und Rührbrägen; als Zwischentrupp die beiden Fähnriche, und ganz hinten, weil er nicht so schnell gehen konnte, der alte Premierleutnant von Ströllpitz mit seinen steifen Beinen und seinem vor Pflichtgefühl strotzenden Dienstgesicht. - Der blasse Bürgermeister schritt über die Straße, als wenn das Leben aller Hasenbalger von seinem Feldzug abhinge; der Justizrat Schölplin machte ein Gesicht, als hätte er das Pulver erfunden; der Assessor Glutstein veranstaltete bei jedem Tritt einen unfreiwilligen Diener; der Tierarzt Krahl hatte ganz rote Pockennarben bekommen, und der Buchdrucker Kajob sah an jedem Hause empor, als könnte er dessen Geschichte erzählen. Die beiden Eskadronschirurgen Mosse und Klaubert dirigierten sich nach dem »Deutschen Hause«, um an der Table d´hote dieses ersten Hotels von Hasenbalg, in Gemeinschaft zweier Postsekretäre und eines pensionierten Steuerbeamten teilzunehmen. Der Graf Plustra schlich mit seinen feinen, des kleinstädtischen Pflasters ungewohnten Stiefeln um die Ecke des Rathauses, nach dem schmalen Giebelhäuschen zur Braut und zur künftigen Schwiegermutter. »Denke dir, Agathon«, trat ihm die bleiche Georgine gleich bei seinem Eintritt mit einem Briefe in der Hand entgegen; »der Rest unserer Möbel ist unterwegs; hier ist die Meldung; in wenigen Tagen kann alles hier sein.« Graf Plustra dampfte sich erst noch ein bißchen ab, ehe er dem Mädchen seiner Wahl einen Kuß gab; dann drückte er seinen gewichsten Schnurrbart auf ihre schmalgeschnittenen bleichen Lippen. »Gott sei Dank!« sagte er, nachher Mantel und Mütze an einen Nagel hängend; »dann stekt ja unserer Vereinigung nichts mehr im Wege; in acht Tagen schon kann die Hochzeit stattfinden. »O, wie glücklich ich bin!« reichte ihm Georgine ihre beiden weißen, blutlosen Hände. Die alte Mutter, die auf dem kleinen harten Sofa saß, bewegte ernst und langsam den grauen Kopf. Es war eine äußerst einfach gekleidete Frau, so einfach, wie man es heutzutage bei einer Doktorwitwe und künftigen Schwiegermutter eines Grafen schwerlich noch finden dürfte. Ihr mageres, faltiges Antlitz sah aus, als wenn es in seinem ganzen langen Leben nicht gelacht, geliebt und geküßt hätte. »Nur nicht so hastig, nur nicht so hastig«, sagte die alte Frau mit einer trockenen, klanglosen Stimme; »dazu ist immer noch Zeit genug.« »Aber, Mutter«, blickte Georgine sie an, während Plustra sich ans Fenster setzte; »haben wir nicht schon zwei ganze Jahre lang gewartet unter steter Sorge und Angst; weshalb denn das Glück noch weiter hinausschieben? - Jeder Tag ist ja ein Verlust.« »Das sagst du ... aber das sage ich nicht«, nickte die alte Frau; »weil ich die Welt kenne, aus Erfahrung... der Brautstand ist noch die glücklichste Zeit in unserm armen Leben... was fehlt Euch beiden?... Jeder sorgt für sich selbst, und Ihr seht Euch alle Tage... da kann man die Sorgen noch abhalten; aber später... später... dann wachsen sie uns über den Kopf und begraben unser Lebensglück.« Wie Georgine jetzt hoch aufgerichtet dastand und einen langen, wehmütigen Blick auf ihre Mutter warf, glich sie einer weißen Marmorstatue der Niobe. Die Gestalt war schlank und schön gewachsen; aber so mager, daß das weiße Kleid sich die größte Mühe geben mußte, über einige Formen zu täuschen. Das Antlitz war schön, aber unheimlich bleich. Die feinen farblosen Lippen sahen aus, als wenn sie niemals durch Küsse erwärmt werden könnten. Das lang herabfallende, prachtvoll blonde Haar schien gar keinem irdischen Wesen anzugehören, und nur in den dunkelblauen Augen glühte es auf, wie eine heiße Lebensfreude, die durch ihre eisige Hülle noch nicht zum Erkalten gebracht werden konnte. Im Gegenteil... die Glut noch höher angefacht, und der Schnee konnte vielleicht schmelzen an dem inneren Feuer. - Plustra kannte das alte Lied seiner künftigen Schwiegermutter und antwortete nicht mehr darauf. »Ich habe es immer gesagt und bleibe noch heute dabei«, fuhr die Alte fort; »ein Bürgermädchen paßt nicht für einen Grafen, und wenn nun gar das Bürgermädchen arm ist, und der Graf kein Geld hat, dann ist es das reine Elend. Großer Titel und nichts dahinter, das bißchen Schein nach außen gekehrt, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen, und zu Hause, in seinen eigenen vier Pfählen Hunger und Kummer.« »Wenn man sich nur liebt, Mutter!« entgegnete Georgine, wie ein Frühlingshauch aus einem Eisberge; »dann ist alles andere vollständig Nebensache.« »Wenn aber nichts zu essen auf dem Tisch steht, dann fliegt die Liebe bald zum Fenster hinaus«, entgegnete die Alte ernst; »Ihr habt zu wenig... ja, wenn die Ansprüche nicht wären... aber ein Graf... und eine Gräfin... die müssen doch ein Haus machen...« »Glauben Sie nur, wir werden uns schon einschränken«, sagte Plustra. »Hätten's lassen sollen«, nickte die Mutter; »hätten das reiche englische Fräulein nehmen sollen, das die Tanten für Sie bestimmt hatten, so wäre es richtig gewesen und besser für Euch beide... aber da verdreht dir dein Graf den Kopf, vielleicht erst aus Langeweile... dir steigt die Eitelkeit in die Seele... ehe Ihr es Euch verseht, wird das Verhältnis fester und fester... der Graf ist ein Ehrenmann und will nicht mehr zurück, obgleich ihm eine Millionärin angeboten wird... sehr schön in der Idee... aber in der Ausführung wird es nachher anders... die Reue hat einen lahmen Fuß und geht langsam, und die Enttäuschung schmeckt bitter nach dem kurzen Rausch des süßen Glücks.« »Und laß ihn noch so kurz sein, diesen Rausch«, glühte das bleiche Mädchen auf; »ein Jahr sein Weib, und ich bin zufrieden mit meinem Leben!« Sie sah fast aus wie eine Prophetin bei diesem Ausspruch. - Plustra richtete einen langen ernsten Blick auf seine Braut. »Georgine«, sagte er aufstehend; »mein teures Mädchen, du hast mir aus meiner Seele gesprochen; ich habe jetzt keinen anderen Gedanken, als deinen Besitz; weiter erstrecken sich meine Pläne nicht; aber sei überzeugt, daß ich nicht einen Augenblick geschwankt habe, als man mir die Wahl ließ zwischen der Millionärin und dir, und daß ich dich auch geheiratet hätte, selbst ohne die sechshundert Taler der gütigen Tanten.« Die Mutter senkte den Kopf auf die magere Brust und schwieg. »Und nun laß uns die notwendigen Angelegenheiten besprechen«, zog der Graf das blasse Mädchen an seine Seite; »wenn die Sachen kommen, wird alles schnell eingerichtet...« »Und eine ganz kleine, stille Hochzeit gemacht«, sprach die Alte dazwischen. »Nein... das nicht, Mutter...« meinte Plustra, nach einer kleinen Pause; »ich muß unter allen Umständen das Offizierkorps einladen... das geht nicht anders... das ist einmal Sitte...« »Sehen Sie wohl, da geht es schon los«, hob die Alte den Kopf; »das geht nicht anders... das ist einmal Sitte... man kann sich ja nicht ausschließen... mit den Wölfen muß man heulen... da kommt nun erst der Polterabend... und dann kommt die Hochzeit ... und dann kommt... und das kann in einem einzigen Jahr zweihundert Taler kosten...« »Du erscheinst auch beim Hochzeitsmahl, Mutter«, streichelte Georgine ihr die runzlige Hand. »Davor soll Gott mich bewahren«, sagte die alte Frau; »in die Kirche komme ich mit, wie es meine Pflicht ist; aber von der verschwenderischen, lärmenden Mittagstafel laß mich fern... ich kann diese lockeren Reden und Anspielungen nicht leiden... eine Soldatentochter mag sich eher darein schicken; aber du paßt nicht in den Kreis hinein, und ich noch weniger.« »Sei unbesorgt, sie werden uns nichts tun, Georgine!« tröstete Plustra die Geliebte. »Ich glaube es dir ja, Agathon.« Die alte Mutter hatte wohl eigentlich recht; aber die heiße Liebe will von kalten Vernunftgründen nichts wissen. 10. Seufzer Seit jenem Sonntage mochten mehrere Alltage vergangen sein, als Nasewitz, während sein Bursche ihm beim Ankleiden behilflich war und Joseph auf einem Stuhl am Kaffeetisch saß, das Fenster öffnete, um die Nase herauszustecken und nach dem Wetter zu sehen. Sonst hielt er sich hierbei gewöhnlich nicht lange auf, weil der Wind in der Regel gegen den Fensterflügel drückte, in der böswilligen Absicht, ihn einem gegen den Kopf zu schlagen, diesmal aber schien er mit seinen klimatischen Beobachtungen gar nicht fertig werden zu können. »Ich weiß gar nicht, was hier immer so seufzt«, wandte er sich endlich zu seinem Burschen um. Pittelko machte ein verschmitztes Gesicht und rieb sich die Hände an den Hosen, und Joseph sprang vom Stuhl auf den Tisch, um besser sehen zu können. Nasewitz lehnte sich abermals aus dem Fenster. »Weißt du nicht, was hier immer so seufzt?« bog er sich dann wieder zurück. Pittelko zog grieflachend die Schultern in die Höhe, und Joseph zuckte mit dem linken Nasenflügel. »Hast du es denn auch schon gehört, Kerl?« »Ja, Herr Leutnant, gehört habe ich's auch schon.« Joseph begann allmählich struppiger zu werden. »Was kann denn das sein?« »Ja, Herr Leutnant, das weiß ich auch nicht.« Joseph stieß einen unangenehmen, gequetschten Ton aus. Nasewitz legte sich wieder ins Fenster. »Das weiß der Teufel!« sagte er. »Ja, der wird's wohl wissen, Herr Leutnant.« »Gnirr!« machte Joseph. »Da geht's schon wieder los... nun klingt es mehr, als wenn jemand stöhnte.« »Vielleicht ist der alte Knelling unten krank, Herr Leutnant.« Joseph quietschte und trampelte mit den Vorderfüßen. »Ruhig, Köter!« Und Nasewitz horchte abermals. »Wenn ich nur erst wüßte, wo es herkommt«, sagte er. »Vielleicht ist es der Wind; der fängt sich beim Bäcker um die Ecke«, meinte Pittelko. In diesem Moment flog Nasewitz der Fensterflügel an den Kopf. »Donnerwetter!« fuhr er zurück. »Hat's schon wieder geseufzt, Herr Leutnant?« Joseph gähnte vor nervöser Aufregung. »Seid ruhig... alle beide!« stampfte Nasewitz mit dem Fuß; »ich habe eine Brausche an der Stirn, der Wind kommt ja vom Markt her!« »Ja; dann wird es wohl 'was anderes sein, Herr Leutnant.« »Es ist gut... mach' daß du 'rauskommst... und nimm den Köter mit!« »Zu Befehl, Herr Leutnant!... Joseph... hier... willst du wohl... pst, pst « Der Hund raste dem vorangehenden Burschen zwischen den Beinen hindurch und dann in wilden Sprüngen die Treppe hinunter. Nasewitz kühlte sich die Stirn mit einem nassen Handtuch. In den letzten Tagen war er eigentlich ein bißchen schlechter Laune gewesen, was ihm sonst nicht gerade oft passierte. Der Rittmeister Schimmelmann hatte ihm zwar, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, die Mitteilung gemacht, daß er Padderows Gläubiger beruhigt habe, und daß der verliebte Ritter auch regelmäßig jede Nacht am alten Nachtwächterhäuschen stehe; aber wie lange konnte diese Geheimnistuerei vorhalten. Wenn sie entdeckt wurde, hatte er Öl ins Feuer gegossen und die Geschichte ward nicht allein für Padderow schlimmer als sie gewesen, sondern der gefoppte Rittmeister war vollkommen berechtigt, seinen Zorn auf ihn zu lenken und ihn zur Verantwortung zu ziehen. Solange allerdings Strammin noch auf seinem Posten war, solange er von Schimmelmann nicht erkannt wurde, hatte es noch keine große Not, denn der Alte mußte doch immerhin warten, bis Padderow noch deutlicher und klarer einen Entschluß faßte, und wenn er den überhaupt unterließ, konnte er ja unterdes seine Gesinnungen geändert haben; dafür war er ja am Ende keinem Menschen Rechenschaft schuldig. Mit der Konditormamsell ließ sich der Plan ja auch weiterspinnen; das war keine große Gefährlichkeit. Also noch einmal mit dem Spruch getröstet: Zeit gewonnen, alles gewonnen. Vorstehende Erklärungen hatte er sich seit einigen Tagen wer weiß wie oft wiederholt, aber die Beängstigungen tauchten immer wieder auf, so daß er gar keine rechte Ruhe und auch kaum mehr Lust hatte, seinen Freund Padderow zu ärgern, und wenn der Fall bei ihm eintrat, dann war ihm nicht recht behaglich zumute. Und dann war auch der Fähnrich von Klötersdorf bei ihm gewesen und hatte ihm in seiner Todesangst das Abenteuer auf der Pappel vor der Lohmühle erzählt. Freiwillig würde er es gewiß nicht getan haben, aber obgleich der alte Graf geschwiegen, war die Geschichte doch ruchbar geworden. Der arme Fähnrich mußte überall Anspielungen hören, die in übertriebener Weise ihn gewaltig ins Bockshorn jagten. Da hatte er sich, denn keinen andern Rat gewußt, als Nasewitz, zu dem er das meiste Vertrauen hatte, den ganzen Hergang zu beichten und ihn um Rat und Hilfe zu bitten. Beides war freilich teuer in diesem Fall; denn die Tatsache konnte weder abgeleugnet noch augenblicklich wieder gut gemacht werden. Das ging Nasewitz sehr im Kopf herum; denn so gern er neckte, so gern half er auch; so gern er Verlegenheit bereitete und sich an derselben ergötzte, ebenso gerne setzte er auch alles daran, dieselbe aufzulösen und zu beseitigen. Wie so oft im Leben berühren sich auch hier die Gegensätze. Und daß er eben dem armen Klötersdorf nicht helfen konnte, das verstimmte ihn fast mehr als die Sorgen, die er sich um den zweifelhaften Ausgang der Padderowschen Angelegenheit machte. Der einzige Trost für den doppelnaturigen Nasewitz bestand also in beiden vorliegenden Fällen darin, daß er noch Zeit hatte, und Zeit ist nicht allein money , sondern noch sehr vieles andere. Nachdem Nasewitz seine Brausche vor dem Spiegel genau untersucht hatte, kleidete er sich vollends an, um einmal zum Padderower hinüberzuschlendern. Als er aus seiner Haustür trat, um über den Straßendamm zu gehen, stand er auf der Mitte desselben still und horchte wieder, erst mit dem rechten Ohr nach der einen Seite, und dann mit dem linken Ohr nach der andern. »Guten Morgen, Herr Leutnant!« störte ihn da eine Stimme in seinen Beobachtungen. »Guten Morgen, Herr Kajob!« dankte Nasewitz dem des Weges kommenden Buchdrucker. »Wohl geruht?« »Danke, danke, Herr Kajob; Sie doch auch?« »O ja... aber schon lange auf... in den Morgenstunden studiert sich's so...« »Pst!« legte Nasewitz ihm die Hand auf die Schulter. Der Buchdrucker blickte ihn verwundert an. »Hören Sie nichts?« fragte er. »Nein... was denn?« »Da... schon wieder...« »Der alte Kessel kreischt da vor der Tür beim Brauer Branz«, reckte Kajob den weisen Kopf empor. »Das meine ich nicht... es kommt von viel weiter her... da schon wieder.« »Hm, hm!« machte der Buchdrucker, der jetzt auch etwas gehört hatte. »Wofür halten Sie das?« »Es klingt beinahe, als wenn der Wind sich irgendwo klemmt...« Nasewitz schüttelte den Kopf und horchte angestrengter. »Oder als wenn jemand im Sterben liegt«, urteilte Kajob weiter. »Das läßt sich schon eher hören...« »Oder als wenn... oh...« Hier unterbrach sich der Buchdrucker plötzlich und schlug beschämt die Augen nieder, als wenn es ihm widerstrebte, seine neueste Entdeckung in Worte zu kleiden. »Was meinen Sie?« fragte Nasewitz. Kajob zuckte mit verlegener Gebärde die Achseln. »Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Leutnant, das ist stark«, sagte er mit einer gewissen Überwindung; »so etwas ist mir in meinem erfahrungsreichen Leben noch nicht vorgekommen... Guten Morgen, Herr Leutnant!« »Guten Morgen, Herr Kajob!« Und nach diesem plötzlichen und schleunigen Abschiede trottete der gelehrte Buchdrucker seines Weges weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit noch ganz ängstlich und verstört nach einer nicht zu bestimmenden Richtung umblickte. Um Nasewitzens feine Lippen spielte ein eigentümliches Lächeln. »Ach... es ist ja Unsinn«, murmelte er vor sich hin; wer kann denn... i Gott bewahre... das ist ja ganz unmöglich...« Dann gab er die ferneren Untersuchungen über Klangwirkung auf, ging über die Straße und trat in die Haustür des Brauers Branz. »Donnerwetter!« sagte er, plötzlich stillstehend und abermals horchend. Dann lächelte er aber nach einem Weilchen auf harmlos zufriedene Art. »Es ist ein Ochse hinten auf dem Hof«, sagte er; »und der dumme Kerl, der Kajob, dachte... daß man darauf nur nicht gleich gekommen ist, daß es ein Ochse war...« Als er oben auf dem Treppenabsatz angelangt war, stutzte er abermals. »Das ist doch kein Ochse...« horchte er; »es kommt ja aus dem Zimmer vom Padderower... es ist der Padderower in höchst eigener Person... er scheint Leibschmerzen zu haben... Gott wie tief das Stöhnen eben klang... und nun wieder als wenn der Wind durch den Schornstein geht... und jetzt klingt es wieder ganz fein, als wenn jemand die Stimmritze zugequetscht wäre und er auf dem letzten Loch pfiffe... i, das ist ja aber doch ängstlich... da will ich doch gleich einmal...« Dann klopfte er auf die gewöhnliche Art an die stets verschlossene Stubentür. Keine andere Antwort als ein tiefes, schauriges Stöhnen. Nasewitz klopfte lauter, länger. »Puh!« klang es wieder, als wenn der Wind durch den Schornstein heult. »Padderow!« »Qui...i...k« »Gott sei mir gnädig!« dachte Nasewitz; »dabei wird einem ja selber unwohl... das kann doch nicht mehr eine Nachwirkung von dem Rhabarber sein...« »Pad... de... row!« trommelte er mit beiden Fäusten an die Tür, daß die ganze, alte Wand zitterte. »Böh!« klang es wieder, wie aus den Grundtiefen einer gequälten Seele. Nasewitz wurde jetzt ernstlich besorgt um seinen Freund. »Der ist krank«, respektierte er, mit ganz ängstlichem Gesicht; »der ist ernstlich krank... ich werde den Doktor Klaubert holen, der wohnt hier am nächsten... erst will ich aber doch einmal in den Stall und mit Gründling sprechen...« Mit diesem Entschluß kletterte er die alte Treppe wieder hinunter. »Puh!« seufzte es herzzerreißend hinter ihm her. Nasewitz bekam eine Gänsehaut und eilte schnellen Schrittes über den Hausflur der Hintertür zu. In derselben begegnete er dem Brauer Branz, der ein trauriges Gesicht machte, weil der Erste vorüber war und er wieder keine Miete bekommen hatte. »Morgen!« grüßte Nasewitz ernst. »Morgen, Herr Leutnant!« dankte Branz ebenso. Nasewitz hatte nicht den Mut zu fragen, was oben vorgehe: das Herz schlug ihm dermaßen in der Brust, daß ihm die Stimme versagt wäre, wenn er wirklich hätte sprechen wollen. »Schlecht?« brachte er endlich heraus, indem er mit dem linken Daumen nach oben deutete. Der Brauer Branz nickte zustimmend mit der Hand. »Keine Hoffnung mehr!« »Ah!« machte der andere ein stillergebenes ungläubiges Gesicht. »Es ist richtig!« dachte Nasewitz, weiter über den Hof eilend; »der arme Padderow liegt in den letzten Zügen... und dabei immer die verschlossene Tür... bis zum Todeshauch die Furcht vor seinen blutsaugerischen Gläubigern... es ist ein trauriges Ende... oh, mein geliebter, unglücklicher Freund!« Als er über den dampfenden Dunghaufen in den warmen Stall trat, saß Gründling, der Bursche, auf dem Futterkasten, hatte den Kopf gesenkt und bammelte mit den Beinen, und der alte Babieca blickte sich um, und drehte dann, wie es seine Gewohnheit war, mit dem kurzen Stummel. Als der Bursche den Offizier eintreten sah, rutschte er mit dem Gesäß vom Futterkasten herunter, nahm eine militärische Stellung an, und ließ wohl unbewußt ein verlegenes Lächeln über sein breites Gesicht gleiten. »Wie steht's denn mit dem Leutnant, Gründling?« fragte Nasewitz zögernd, als fürchtete er sich vor der Antwort. »Ach, du lieber Gott!« zuckte Gründling die Achseln. »Wie ist er denn eigentlich dazu gekommen?« »Ja, das mag der liebe Himmel wissen, Herr Leutnant!« »Seit wann hat er denn das?« »Seit gestern abend, Herr Leutnant; wie er von der Ressource zu Hause kam, habe ich es zuerst bemerkt... aber da dauerte es bloß eine kleine halbe Stunde.« »Hm!... und wie war es heute morgen?« »Ganz wie immer. - Als ich ihn fragte: gestern abend war uns wohl ein bißchen unwohl, Herr Leutnant, da lächelte er, um mich zu täuschen, und sagte: i, Gott soll mich bewahren!« »Seltsam!« machte Nasewitz; »und dann?« »Na; dann fing die Geschichte gleich wieder an... kaum war ich fünf Minuten unten, da ging das Gestöhne wieder los, daß es hätte einen Stein erbarmen können... er will aber seine Krankheit verheimlichen, und das ist das allerschlimmste dabei, Herr Leutnant.« »Ich habe vorhin furchtbar geklopft«, sagte Nasewitz; »aber er scheint es nicht gehört zu haben, denn ich bekam keine Antwort.« »Kann er ja nicht gehört haben, Herr Leutnant«, hob Gründling, um sich klarer zu machen, den rechten Zeigefinger in die Höhe; »er liegt ja in der Schlafkammer und hat die Tür nach der Stube zugemacht.« »Ach so!« nickte Nasewitz. »Sehen Sie wohl, Herr Leutnant, davon kommt das ja.« Der Offizier senkte nachdenkend den Kopf. »Weißt du was, Gründling«, sagte er dann; »lauf schnell zu einem Schlosser; wir wollen die Vordertür mit dem Dietrich öffnen lassen; so kann die Geschichte doch unmöglich bleiben.« »Kann sie auch nicht, Herr Leutnant«, stimmte der Bursche bei; »aber der Schlosser nutzt uns nichts, weil von innen der Riegel vorgeschoben ist...« »Richtig, Gründling!« »Sehen Sie wohl, Herr Leutnant... aber wissen Sie, was wir machen können, Herr Leutnant?« »Nun?« »Wir könnten uns nämlich die lange Bodenleiter vom Brauer Branz hinten ans Haus stellen; dann kämen wir an unser Küchenfenster, was Sie da offenstehen sehen, und von der Küche können wir ungehindert in unsere Schlafkammer kommen... darauf ist mein Leutnant natürlich nicht vorbereitet.« Nasewitz stellte erst mit aufmerksamen Blicken die Operationsbasis fest, und dann gab er seine Zustimmung zu dem Plan. Gründling freute sich darüber, wuchtete mit starken Armen die lange Bodenleiter vom Dach, trug sie mit gekrümmten Knien über den Dunghaufen und lehnte sie schließlich mit dem oberen Ende an das offenstehende Küchenfenster. »So!« stöhnte er, Atem schöpfend; »nun kann's losgehen... wollen Sie zuerst, Herr Leutnant?« »Nein... krieche du nur voran.« »Schön, Herr Leutnant.« Und damit faßte Gründling mit jeder Hand einen Leiterbaum und klomm mit der Geschicklichkeit einer Katze die Sprossen empor, bis er erst das eine und dann das andere Bein über die Fensterbrüstung hob und sich nun in der unbenutzten Küche seines Herrn befand. »Nanu, Herr Leutnant!« nickte er hinunter. Nasewitz ahmte, so gut er konnte, das Beispiel seines Vorgängers nach und kroch, nur bedeutend langsamer und ungeschickter, die lange Leiter hinauf. Als er auf der obersten Sprosse war, reichte ihm Gründling die Hand und machte ihm den Eintritt in die Küche bequemer. Dann wollte er leise auf den Zehen nach der Tür schleichen, als Gründling ihn am Rockschoß zurückhielt. »Nicht doch!« flüsterte er, indem er auf ein kleines Fenster deutete, das, etwas über Männerhöhe angebracht, einen Einblick in die Schlafkammer des Padderowers gestattete. »Aha!« machte Nasewitz, dabei leise an das Fenster tretend. Aber so hoch er sich auch auf die Zehen hob, so erreichte er höchstens mit der Nasenspitze den unteren Rand des Mauereinschnittes und alles, was seine Augen erschauen konnten, war ein Teil von der Zimmerdecke. Da zupfte ihn Gründling wieder hinten am Rock. »So nicht«, schauspielte er dann, ohne die Worte auszusprechen; »so!« Und damit stellte er sich breitbeinig unter die Fensteröffnung, stemmte die Arme auf die Lenden und senkte den Kopf. In diesem Moment stöhnte es wieder, als wenn der letzte Seufzer sich der todesmatten Brust entränge, und gleich darauf kam jener scheußlich gequetschte Ton, der einem durch Mark und Bein ging. »Gott sei uns gnädig!« betete Gründling. Nasewitz zitterte ein Schauer durch den langen mageren Korper. Der Bursche versuchte nun mit Gebärdenspiel klarzumachen, daß der Leutnant sich rittlings auf ihn setzen solle, damit er erst den freien Blick ins Schlafzimmer bekäme, da ein schnelles, unvermutetes Eintreten dem Kranken leicht hätte gefährlich werden können. Nasewitz verstand abermals die stumme Gedankensprache, trat einige Schritte hinter Gründling zurück, wiegte sich, anstatt des sonst üblichen Anlaufs, einige Male auf dem linken Fuß, machte dann einen Satz und saß im nächsten Augenblick auf Gründlings breitem Rücken. »Uff!« machte dieser, sich nach leichtem Schwanken wieder fest stellend und Nasewitzens lange Beine unter beide Arme nehmend, während dieser seine Hände auf des Burschen Schulter legte und den Kopf so nahe wie möglich an die trüben Scheiben des kleinen Fensters brachte. Erst schloß der gute, weiche Mensch einen Moment die Augen, um den Anblick des totkranken Freundes noch etwas hinzuhalten, dann faßte er aber einen heldenhaften Entschluß und senkte den vollen Blick hinab ins Schlafgemach. Aber wer beschreibt sein Erstaunen bei dem Bilde, das sich ihm darbot. In der Mitte des kleinen Zimmers saß der dicke Padderow in seinem roten Morgenrock, die blaue Militärmütze auf dem Kopf, und hielt, krampfhaft zwischen die nackten Beine geklemmt, eine gewaltige Baßtuba, in die er von Zeit zu Zeit hineinpustete, daß er ganz rot im Gesicht wurde und ihm die Augen aus dem Kopfe traten. Und vor ihm auf der Erde saß Polko, der Freund und Hund, und blickte mit seinem lächerlich dummen Gesicht unverwandt auf den musikalischen Leutnant, und jedesmal, wenn dieser einen tiefen oder einen gänzlich mißlungenen Ton zum Vorschein brachte, dann verzog Polko sein häßliches Hundeantlitz, als wenn er weinen wollte, und jaulte dabei, daß es dem Hörer bis ins innerste Mark der Knochen ging. »Sieht er sehr schlecht aus?« flüsterte Gründling, dessen Kopf zwischen Nasewitzens Beine geklemmt war, nach oben hinauf. Der Leutnant stieß ihn mit den Hacken in die Seite, damit er ruhig sein sollte. Padderow füllte sich jetzt wieder die ganze Brust voll Luft und pustete dann wieder in das Mundstück der Baßtuba, aber die Luft strömte hörbar hindurch, ohne daß es einen musikalischen Ton gab. »I...i...i...ih!« quietschte Polko, eine entsetzliche Grimasse schneidend. »Wirst du wohl gleich ruhig sein!« schalt Padderow; »was hast du immer mitzusingen? - Du bringst einen ja ganz aus dem Takt.« Dann füllte er wieder die Brust mit Luft, quetschte die Lippen etwas fester zusammen und pustete in die Tuba, daß er aussah, als wollten ihm die bärtigen Backen platzen. »Böh!« brummte es in wunderbar sonorer Tiefe. »I... i... i... ih!« machte Polko noch eine Oktave höher als vorhin. »Still, dummes Vieh, du verstehst gar nichts von Musik!« sagte Padderow, aber mit dem Ausdruck sichtbarer Genugtuung über den gehabten Erfolg; »jetzt werde ich das Embouché bald bekommen, wie der Trompeter Stolzenburg sagt... ehe ich das Embouché nicht weghabe, eher kann ich kein Stück blasen lernen, und ein Stück muß ich doch blasen lernen, sonst hat es ja keinen Nutzen.« »Aha!« dachte Nasewitz; »er ist unbewußt auf dem richtigen Wege; er will ein Stückchen blasen lernen und ahnt nicht, daß Schimmelmann ihn seine Tochter zum Klavier oder zum Gesang begleiten lassen will. Na; dahin wird es nie kommen; wenn es soweit ist, kann er dem Alten allein etwas vorblasen.« »Sieht er sehr schlecht aus?« flüsterte Gründling von unten hinauf. Der Offizier drückte ihm mit den Beinen den Kopf zusammen, damit er ruhig sein sollte. »Der Nasewitz ist ein dummer Kerl!« brummte Padderow; »darauf hätte er doch gleich kommen müssen... an die Tuba gewöhnen, das heißt doch nicht ihren Ton ertragen lernen... das ist wohl eine Instruktion für Hunde, denen überhaupt die Musik unangenehm ist, aber doch nicht für Menschen und noch dazu für Kavalleristen, die das Ding alle Tage müssen brummen hören... wenn man zu einem Menschen sagt, er soll sich an die Tuba gewöhnen, dann heißt das, er soll sie blasen lernen. – Die Sache ist furchtbar einfach. – Wenn ich zum Beispiel zu jemand sage, er soll sich an den Grog gewöhnen, dann heißt das doch nicht, er soll ihn bloß ansehen, sondern es heißt: er soll ihn trinken lernen... das kann jeder gebildete Mensch einsehen, aber der Nasewitzer ist ein dummer Kerl.« »Jetzt seufzt er ja nicht mehr... jetzt ist er wohl tot!« flüsterte Gründling aus der Tiefe herauf. Nasewitz stieß ihn mit dem andern Absatz in die Rippen. »Uff!« machte Gründling, sich wieder feststellend. Dem langen Leutnant war es unterdes gelungen, unhörbar das kleine Fenster aufzuketteln und auf diese Weise einen noch freieren Blick zu bekommen. »Und was er mir da wieder von dem Krampf vorgefabelt hat«, setzte Padderow sein Selbstgespräch fort; »ich bekomme ihn ja gar nicht wieder... der Nasewitzer ist ein guter Mensch... sehr besorgt um mein körperliches und geistiges Wohl... aber dumm... wirklich dumm... es ist unglaublich, was mir der Mensch schon alles vorgeredet hat...« Der Betreffende lächelte. »Na«, nahm Padderow die Tuba wieder fester zwischen die Knie; »nun wollen wir nur noch ein bißchen pusten... sauer wird's einem, aber es hilft nichts... eine Hand wäscht die andere... schafft mir der Alte meine Gläubiger vom Halse, kann ich mir auch Mühe geben, um ihm einen Ohrenschmaus zu bereiten.« Während Padderow der Tuba keine Töne entlockte, hatte Polko, der Hund, seine Augen auch nicht mehr so fest auf ihn geheftet behalten, sondern dieselben beobachtend im Zimmer umherschweifen lassen. Mit einem Male wurde er Nasewitzens Kopf in der Fensteröffnung gewahr und fing an mit dem kurzen Schwanz auf die Dielen zu klopfen. »Was ist dir denn?« fragte Padderow, die Tuba wieder absetzend; »weshalb machst du denn mit einem Male solch freundliches Gesicht?« Polko behielt die Augen nach dem Fenster gerichtet und klopfte weiter. »Nanu?« sagte Padderow, der demselben den Rücken kehrte; »da sitzt wohl eine Wespe an der Wand, die du gern fangen möchtest... du bist ein unruhiger Schwerenöter.« Und damit veranstaltete er mit seinem dicken Körper eine Rückwärtsdrehung und blickte ebenfalls nach der dunklen Öffnung empor. Als der lange Leutnant dem Blick seines Freundes begegnete, fing er an, ihm lieblich zuzunicken. »Wie kommt Ihr denn da herauf, Edler von Nasewitz?« fragte Padderow mit ganz erstauntem Gesicht, indem er die Rückwärtsdrehung vollendete und nun direkt Front gegen das Fenster machte. »Ich bin mit einer Leiter in die Küche gestiegen«, nickte Nasewitz mit derselben Lieblichkeit weiter. »Weshalb habt Ihr denn das getan, würdiger Freund?« »Weil ich Euch stöhnen hörte und glaubte, daß Ihr im Sterben läget.« »Ganz richtig, wie ich gesagt habe«, dachte Padderow; »ein Mensch von größtem Mitgefühl für mich; aber dumm... kann nicht einmal einen Sterbeseufzer von einem schönen musikalischen Ton unterscheiden.« »Es ist wohl nicht so schlimm mit ihm?« fragte Gründling aus der Tiefe hinauf. »Nein, er ist ganz gesund.« »Weshalb hat er denn so gestöhnt, Herr Leutnant?« »Er hat gar nicht gestöhnt... sei ruhig.« »Herr Leutnant, ich kann es nun nicht mehr lange aushalten...« »Ruhig!« »Die Beine schlafen mir ein und das Genick tut mir weh.« »Ruhig!« »Mit wem sprecht Ihr denn da?« fragte Padderow erstaunt. »Mit Gründling, Eurem Waffenträger.« »Wie kommt denn der Esel da herein?« »Auf derselben Leiter wie ich.« »Worauf steht Ihr denn eigentlich, erlauchter Freund?« »Ich stehe auf gar nichts, hoher Herr!« »Dann schwebt Ihr wohl in der Luft?« »Auch das nicht, mannhafter Kämpe.« »Wie ist es denn aber möglich, daß Ihr durch das Loch sehen könnt?« »Weil ich auf Gründ...« Hier brach der Satz plötzlich auseinander, das Gesicht des Nasewitzers verschwand aus der Fensteröffnung, und es gab in der Küche einen lauten Knall. »Hoho!« machte Padderow ganz verwundert. Polko stieß vor Besorgnis einen häßlichen Ton aus. »Edler von Nasewitz!« rief Padderow hinauf. Keine Antwort. »Edler von Nasewitz! Wo seid Ihr denn geblieben? Kommt doch nochmal zum Vorschein!« Alles still. »Hm?« machte Padderow. Dann stand er auf, stellte die Tuba behutsam in eine Ecke, schlug sich den roten Schlafrock über die nackten Beine zusammen und klapperte mit seinen schweren Holzpantoffeln nach der Tür. Als er dieselbe öffnete und einen Blick in die Küche warf, sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen Gründling und Nasewitz lang ausgestreckt an der Erde liegen, und zwar genau in demselben Zusammenhange wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß sie jetzt in einem horizontalen und früher in einem lotrechten Verhältnis sich befanden. Sie waren umgesunken wie sie gestanden hatten und lagen nun in einer langen Linie auf dem Boden, erst Gründling, wie das dickere, untere Ende, und dann der Leutnant, wie die dünnere Zuspitzung. Die Beine des letzteren hatte der erstere noch treulich unter den Armen behalten. Polko trat zuerst hinan und beschnupperte die seltsame Gruppe, während Padderow dieselbe mit prüfenden Blicken betrachtete. »Ihr scheint auf dem Gründling geritten zu haben«, äußerte endlich der dicke Offizier. »So ist es, hoher Gönner!« antwortete Nasewitz mit matter Stimme und schmerzlichem Gesichtsausdruck. »Und nachher scheint Ihr umgefallen zu sein«, urteilte Padderow weiter. »Unendlich richtig, großer Logiker!« »Weshalb macht Ihr denn solche jämmerliche Miene?« »Weil mir alle Knochen weh tun von dem Fall!« »Sehen Sie wohl, Herr Leutnant, ich kann nichts dafür«, meinte Gründling, ebenfalls ein bißchen schwächlich; »ich habe es Ihnen gesagt, daß ich es nicht länger aushalten konnte.« »Ihr habt natürlich einen derberen Knuff bekommen, als Gründling«, setzte Padderow seine Betrachtungen fort; »weil Ihr einen größeren Bogen durch die Luft zu beschreiben hattet und also mit größerer Kraft auf die Dielen fielt.« »Außerordentlich definiert, großer Arithmetiker.« »Zerbrochen habt Ihr Euch doch nichts, würdiger Waffenbruder?« »Heiliges Donnerwetter!« »Weshalb flucht Ihr denn so abscheulich... tut Euch etwas weh?« »Der Köter, der Polko, leckt mir im Gesicht herum... pfui! Will Er wohl gleich weg!« »Hier, Polko!« rief Gründling... »pst, pst, pst!« »Ist es Euch vielleicht genehm, jetzt aufzustehen... oder wollt Ihr lieber noch ein bißchen liegen?« fragte Padderow. »Ich kann gerade nicht behaupten, daß das ein großes Vergnügen wäre«, reckte sich Nasewitz. Gründling machte ebenfalls Versuche, sich zu erheben. »Will Er wohl gleich meine Beine loslassen, Kerl!« strampelte der lange Offizier; »so geht's doch im Leben nicht!« »Nein, so geht's auch nicht«, bestätigte Padderow, mit der größten Aufmerksamkeit zusehend. Endlich stand der Bursche auf den Beinen, und der längere, ungeschicktere und heftiger gefallene Nasewitz war in seinen Auferstehungsversuchen erst so weit gelangt, daß er allerdings mit den Beinen auch schon stand, die Hände aber ebenfalls auf die Dielen stemmte, so daß er Ähnlichkeit mit irgendeinem mageren Tier hatte, das auf allen Vieren seinen Lebensweg wandelt. »Na... nun aufgerichtet... eins... zwei... drei!« ermunterte Padderow. »Äh!« stöhnte Nasewitz. »Geht es nicht, edler Märtyrer?« »Äh!« stöhnte Nasewitz. »Na, wartet nur... noch einen kleinen Augenblick Geduld«, sagte Padderow; »ich werde Euch gleich behilflich sein.« »Da würdet Ihr mich zu lebhaftem Dank verpflichten«, ächzte Nasewitz; »ich bekomme das verdammte Kreuz nicht gerade.« Der dicke Freund trat hinter seinen tief niedergebeugten Freund und machte ihm leise und vorsichtig die Rockschöße auseinander. »Was krabbelt Ihr mir denn da hinten?« fragte Nasewitz. Gründling sah mit dem lebhaftesten Interesse zu. »Noch einen Augenblick Geduld«, beruhigte Padderow. Dann nahm er eine Seitwärtsaufstellung von der Kehrseite seines Freundes, hielt sich mit der linken Hand vorn den roten Schlafrock zusammen, machte ein ernstes Gesicht, holte mit der ritterlichen Rechten weit aus und ließ dieselbe dann mit lautem Schalle auf der vorher erwähnten Achterseite niederfallen. »Donnerwetter!« schnellte Nasewitz wie eine Stahlfeder empor. »Das war aber gut!« lachte Gründling mit stiller Bewunderung. Polko, welcher der Ansicht war, daß sein Herr dort eine Wespe totgeschlagen habe, machte einen Satz nach der getroffenen Stelle und kniff mit seinen dicken Lippen leicht hinein. »Donnerwetter!« drehte Nasewitz sich wie ein Kreisel um. »Polko ... will Er wohl ... pst, pst!« machte Gründling. Padderow rieb sich die schmerzende Hand an seinem roten Schlafrock. »Was ficht denn Euch an?« wandte sich Nasewitz zu seinem Freunde, indem er mit dem rechten Fuß dem braven Polko einen Tritt versetzte und mit der linken Hand sanfte Frottierungen an der schmerzenden Stelle veranstaltete; »das ist doch gar keine Manier, ich habe so schon Schmerzen!« »Aber ein vortreffliches Mittel«, sagte Padderow ernst; »findet Ihr nicht, kühner Reiterführer?« »Mag der Teufel«, rieb Nasewitz weiter; »ich möchte Euch 'mal so traktieren... Ihr würdet ein schönes Lamento erheben.« Gründling machte jetzt Miene, in die Schlafstube zu gehen, aber Padderow hielt ihn davon zurück. »Nicht da hinein!« herrschte er ihm zu; »du kannst die Leiter wieder herunterklettern, wie du gekommen bist ... nachher werde ich vorne aufmachen.« Der Bursche zögerte noch einen Augenblick. »Also sind der Herr Leutnant wirklich nicht ...?« fragte er mit einem gutmütig besorgten Gesiebt. »I, Gott bewahre!« sagte Padderow. »Weshalb haben denn der Herr Leutnant so gestöhnt?« »Der Kerl ist ebenso dumm wie Nasewitz«, dachte der dicke Offizier. »Weshalb haben denn der Herr Leutnant so gestöhnt?« wiederholte Gründling, da er keine Antwort bekam. »Weil mir das Vergnügen macht, einfältiger Kerl!« »Werden der Herr Leutnant vielleicht ... wieder stöhnen?« »Natürlich ... noch sehr oft ... nun trotte dich aber von hinnen, neugieriger Schildknapp, sonst laße ich dich die Breite meiner guten Klinge fühlen!« Gründling warf noch einen letzten, besorgten Blick auf seinen Herrn, hob dann erst das eine und dann das andere Bein über die Brüstung des Küchenfensters. »Darf ich Euch nun bitten, in meine Staatsgemächer zu treten?« fragte Padderow mit graziöser Handbewegung. Nasewitz, welcher dachte, daß noch ein Auferstehungsversuch an ihm gemacht werden sollte, trat besorgt einen Schritt zurück. »Wollt Ihr die Freundlichkeit haben, voranzugehen«, sagte er, der Sicherheit halber. »Diese Unhöflichkeit würde ich mir nie zuschulden kommen lassen.« »In der Tat nicht?« »Ich schwöre es, beim Bart des Propheten!« Da Nasewitz aus Erfahrung wußte, daß gegen diesen furchtbarsten aller Padderowschen Schwüre nichts einzuwenden war, machte er zwei lange, schnelle Schritte, eilte dann mit einem dritten langen Schritt über die Schwelle der Schlafkammer und gelangte in die große, kahle Wohnstube seines Freundes, wo er sich sogleich auf seinem gewohnten Platz am kalten Ofen niederließ, um ferneren unangenehmen Möglichkeiten vorzubeugen. Fünf Sekunden nachher folgte ihm Padderow mit der Baßtuba unter dem linken Arm nach. »Das Ding lernt Ihr also blasen?« fragte Nasewitz, das dicke Blechinstrument mit aufmerksamem Blick betrachtend. »So ist es, würdiger Phylax...« »Ihr versprecht Euch schon wieder, erlauchter Herr.« »Wieso, Burgherr von Knelling?« »Pylades wolltet Ihr sagen.« »Pylades habe ich auch gesagt.« »Dann bitte ich um gnädige Verzeihung.« »Die Euch gern gewährt ist, wie immer.« »Das Ding lernt Ihr also blasen?« »Allerdings! Da die früheren Gewöhnungen an die Baßtuba dem Rittmeister Schimmelmann eher zu mißfallen als zu gefallen schienen, habe ich mir gedacht, daß er die Sache in diesem Sinne auffaßt, der auch weit natürlicher ist...« »Und zu welchem Zweck denkt Ihr, daß er das Verlangen an Euch stellt?« »Eine Schrulle«, zuckte Padderow die Achseln; »wie er so viele Schrullen hat... darüber zerbreche ich mir weiter nicht den Kopf ... vielleicht macht es ihm Vergnügen, sich ›Heil dir im Siegerkranz‹ von mir vorspielen zu lassen ... das soll ja sein Lieblingslied sein ...« »Und das wollt Ihr blasen lernen?« »Das will ich blasen lernen...« »Habt Ihr denn Unterricht?« »Noch nicht... der Trompeter Stolzenburg sagt, erst müßte ich das Embouché weghaben, sonst könnte es noch nichts nützen.« »Was ist denn das für ein Ding, ein Embouché?« »Das will ich Euch zeigen«, hielt Padderow ihm das Mundstück der Tuba hin; »pustet 'mal da in das Loch hinein.« Nasewitz nahm das ganze Mundstück zwischen die Lippen und pustete, doch gab es keinen Ton, sondern die Luft ging nur mit kaum hörbarer Strömung durch das enorm dicke Rohr. »Seht Ihr ... das ist das Embouché nicht «, nahm ihm Padderow die Tuba wieder weg, »nun werde ich mal blasen.« »Wollt Ihr Euch nicht erst den Schlafrock vorn zusammenmachen? Der dicke Offizier klemmte erst den Rock und dann die Tuba zwischen seine Knie, bog dann den Oberkörper ein wenig vornüber, preßte die Lippen an das Mundstück und pustete hinein, daß ihm die Augen aus dem Kopf quollen und ihm die Backen zu zerspringen drohten. »Bö... öh... uh!« klang es in wundervoller Tiefe. »I... i... i... ih!« quiekte Polko, indem er ein ängstlich nervöses Gesicht machte. »Das ist also wohl das Embouché!« fragte Nasewitz, sich leise schüttelnd. »Das ist es«, nickte Padderow mit einem kleinen Triumph ... »im Stehen kann ich nur noch nicht ordentlich... ich werde mich lieber hinsetzen...« »Nein... bitte, laßt das...« unterbrach ihn Nasewitz... »stellt das Ding wieder in die Ecke... ich habe jetzt eine vollständig klare Vorstellung vom Embouché.« Der dicke Leutnant trug sein Instrument wieder in die Schlafstube und schloß dieselbe zu. »Weshalb geht Ihr denn damit so geheimnisvoll um?« fragte Nasewitz. »Na, seht Ihr... was braucht denn das jeder zu wissen, daß ich auf dem Dinge spielen lerne... es ist ja gar nicht nötig... wozu soll man sich unnütz lächerlich machen...« »Man hört es ja aber unten auf der Straße, würdiger Gönner.« »Was Ihr sagt, erlauchter Freund!« »Ich hielt es erst für Seufzer eines Sterbenden ... und Gründling ebenfalls.« »Ist das die Möglichkeit!« »Und der Buchdrucker Kajob, der gerade vorbeiging, hielt es für noch etwas anderes.« »Auch ein furchtbar dummer Kerl!« »Auch?« fragte Nasewitz. »Was wollt Ihr damit sagen?« » Auch ein dummer Kerl?...« »Natürlich.« »Na ... wer ist denn der andere dumme Kerl?« »Gründling«, sagte Padderow, nachdem er ein klein bißchen verlegen geworden. »Das dachte ich mir«, meinte Nasewitz. »Nun... wer sollte es denn sonst sein?« lächelte Padderow. »Wißt Ihr, Eure Tugenden werden übrigens belohnt«, ging Nasewitz zu einem andern Thema über; »der Alte hat schon mit Euren Gläubigern gesprochen...« »Was Ihr sagt!« »Und sie haben sich von ihm beruhigen lassen ... fährt daher fort, recht fleißig Musik zu treiben...« »Nun, das ist doch selbstverständlich ...« »Ihr seht also wiederum, was Ihr für einen ...« Hier unterbrach sich Nasewitz selbst und heftete seinen Blick starr auf einen Punkt der lange nicht gescheuerten Dielen. »Was sehe ich wiederum?« fragte Padderow. »Was Ihr für einen Freund an mir habt«, beendete Nasewitz seinen Satz, indem er gleichzeitig aufsprang und mit großer Geschicklichkeit eine flinke Schwabe fing, die aus einer Ecke in die andere wollte. »Was habt Ihr denn da aufgehoben?« fragte Padderow, während Polko ein ebenfalls lebhaftes Interesse für den Vorfall bekundete. »Ich dachte, es wäre eine Nadel«, entgegnete Nasewitz, die zappelnde Schwabe unter seinem Rockschoß verbergend. »Wie soll denn hier eine Nadel herkommen?« wunderte sich Padderow. »Na... man kann doch nicht wissen...« »Wo seht Ihr denn jetzt schon wieder hin?« fragte der dicke Leutnant den dünnen, weil dieser den Blick mit getäuschter Aufmerksamkeit nach dem Fenster richtete. »Sitzt da nicht Joseph auf dem Dach?« reckte Nasewitz den Hals. »I ... wie soll denn Joseph auf das Dach kommen?« wandte der Padderower sich um. Diesen günstigen Augenblick benutzte der dünne Leutnant, um die zappelnde Schwabe seinem dicken Freunde unbemerkt auf den Strumpf zu setzen, und zwar so, daß sie den Kopf nach oben bekam. »Seht Ihr noch nichts?« fragte er dann, sich wieder auf seinen Stuhl zurücklehnend, während die flinke Schwabe, mit der diesen Tieren eigentümlichen Geschwindigkeit an dem Strumpf emporlief und bald das nackte Knie des Padderowers erreichte. »Äh!« fing dieser an zu jucken. Das durch die Nachstellung geängstigte Insekt lief mit erstaunlicher Schnelligkeit weiter an dem Beim empor. »Allmächtiger Gott!« schrie der dicke Leutnant, mit einem wilden Satz aufspringend und furchtbar das Gesicht verzerrend. »Was ist Euch, Ritter ohne Furcht und Tadel?« fragte Nasewitz mit schöner Teilnahme; »weshalb werdet Ihr denn mit einem Mal so lustig?« Doch der Padderower antwortete nicht, sondern eilte mit allen Zeichen der Verzweiflung in die Schlafstube, wohin Polko mit lebhaftem Interesse ihm folgte. »Wollt Ihr die Tuba holen, großer Künstler?« rief Nasewitz ihm nach. Dann klappte die aufgeschlossene Tür und alles war still. »Das ist die Revanche für den an mir verübten Auferstehungsversuch!« lächelte er selbstzufrieden vor sich hin. Nach fünf Minuten kam Padderow etwas bleich, aber doch bedeutend ruhiger aus seiner Schlafkammer zurück. »Es war eine Schwabe«, sagte er mit sichtbarer Erleichterung. »Was war eine Schwabe?« stellte Nasewitz sich unverständlich... »Die mir...« nickte Padderow... »Was denn?« »Angekrochen war ...« sagte der dicke Offizier mit einer gewissen Verschämtheit. »Ach so!« verstand nun Nasewitz. »Polko bat sie aufgefressen«, setzte Padderow ernst hinzu. Der Hund machte ein vergnügtes Gesicht und bewegte noch die Kinnbacken. Nachdem die beiden Freunde noch ein wenig sich unterhalten hatten, rüstete Nasewitz zum Aufbruch, nahm Mantel und Mütze und drückte dem Padderower fest und herzlich die Hand. »Guter Mensch!« dachte dieser, als der andere hinaus war; »vortrefflicher Mensch... aber dumm... nichts versteht er... keine Anspielung merkt er... man muß ihm alles erst deutlich machen... mit der Schwabe zum Beispiel wieder... es war aber ein ganz verfluchtes Ding... Donnerwetter!« 11. Irdische Seligkeit Wir überspringen einen Zeitraum von drei Wochen. – Das einzige Bemerkenswerte, was sich in dieser Zeit zugetragen, war eigentlich, daß der Ruf des armen Klötersdorf wirklich einen empfindlichen Knax bekommen und daß Herr von Padderow bedeutende Fortschritte auf der Baßtuba gemacht hatte. Da der unglückliche Fähnrich nicht zu den Möhrenstolzens hinging, so waren diese allmählich aus der Defensive in die Offensive übergegangen, hatten von der sonderbaren Annäherung des jungen Mannes gesprochen und dadurch unvorteilhafte Streiflichter auf ihn geworfen, die durch Wiedererzählen einen immer gehässigeren Charakter annahmen. Der arme Klötersdorf war darüber in stiller Verzweiflung und sein Freund Strammin war vom Neide zum Mitleid für ihn übergegangen. Was seine eigenen Angelegenheiten betrifft, so hatte Nasewitz durch einen abermaligen sehr geschickt geschriebenen Brief die nächtlichen Stelldichein verlängert, ohne daß Strammin Mißtrauen bekommen hätte oder in seiner erwartungsvollen Glut erkaltet wäre. Der alte Rittmeister Schimmelmann, nachdem er sich zur Genüge von dem nächtlichen Schildwachstehen überzeugt, hatte die ferneren Inspizierungen schließlich aufgegeben und sich, wie früher, um zehn aufs Ohr gelegt, jedoch mit dem festen und richtigen Bewußtsein, daß der Posten niemals fehle. Padderow hatte, wie bereits gesagt, sehr erfreuliche Fortschritte im Tubablasen gemacht; denn der Ton schnappte ihm nur noch höchst selten und hauptsächlich dann über, wenn er ein bißchen zuviel getrunken und die Lippe dadurch ihre Kraft verloren hatte. Wenn er gut aufgelegt war, konnte er »Heil dir im Siegerkranz« schon so blasen, daß es für ein musikgeübtes Ohr allenfalls zu erkennen war; Nasewitz meinte zwar immer, es wäre »Ach, du lieber Augustin«, weil Padderow nicht die entfernteste Ahnung von Takt und auch beinahe gar kein Gehör hatte, sondern die verschiedenen Töne, so rein und so unrein wie es gerade kam, der Reihenfolge nach hintereinander weg blies. Das Schwerste waren für ihn die hohen Töne. Was über c im dritten Zwischenraum ging, machte ihm schon Schwierigkeiten, und wenn d oder gar e kamen, dann schnappte ihm gewöhnlich der Ton über, oder die Luft ging auch bloß durch, ohne das Metall in die geringste Schwingung zu versetzen. Er selbst beurteilte sich natürlich äußerst günstig und hielt sich allen Ernstes für einen Virtuosen auf seinem Instrument. Mit seinen Kunstleistungen wuchs auch die Liebe zur Musik im allgemeinen und zur Tuba insbesondere, und er konnte schon keinen Abend mehr zu Bette gehen, ohne vorher noch einmal hineingepustet zu haben. Wenn es dann einen recht tiefen Ton gab, dann freute er sich und sagte »das war ein reizendes fis «. Was nun Gründling und Polko anbetraf, so hatten sie sich auch allmählich an das Unvermeidliche gewöhnt. Der Bursche war zu der Überzeugung gekommen, daß sein Herr an Darmkolik leide, die aber nicht gefährlich sei, und Polko schnitt gar nicht mehr so verzweifelte Gesichter wie früher, sondern kam seiner musikalischen Aufgabe schon näher, indem er sich bemühte, die ihm vorgeblasenen Töne in annähernder Richtung nachzuheulen. Nun bleibt uns nur noch anzuführen, daß die dicke Trompete von Fräulein Alphonsine Schimmelmann wieder dünn geworden und in ihre früheren Schönheitsgrenzen zurückgetreten war. Der alte Rittmeister hatte das allmähliche Schwinden des Riechwerkzeuges mit großem Interesse verfolgt, und als keine Spur von der Geschwulst mehr zu sehen war, blickte er seine Tochter oft so lange und freundlich an, wie er dies in seinem ganzen Leben sonst noch nicht getan. Wenn Alphonsine ihn dann manchmal fragte: »Väterchen, weshalb siehst du mich denn so freundlich an?« dann wurde der Alte förmlich verlegen und machte gleich wieder sein brummiges Gesicht und verließ das Zimmer. Aber vorgehen tut etwas in ihm; man konnte nur noch nicht recht wissen, was. - Es war jetzt Anfang Dezember, und ein früher Winter hatte sich über die Fluren gebreitet. Von den Bäumen waren jetzt auch die letzten, hartnäckigen Blätter abgerissen, und eine weiße, glänzende Decke breitete sich über die schmutzigen Felder. Die häßlichen Tabakstrünke waren teils schon verrottet, teils guckten sie schwarz aus dem zarten Schnee hervor; die nackten Bäume und Sträucher sahen alle aus, als wenn der Konditor Schlichter sie überzuckert hätte; die Pumpen und die Pfähle am Reitplatz hatten alle saubere, weiße Käppchen auf, und von den Dächern liefen, wenn die Mittagssonne schien, eine Menge heller, glänzender Tropfen, die beim Niederfallen kleine runde, schwarze Röhren in den hohen Schnee machten. Von dem Dach des schmalen Giebelhauses neben dem gelben Rathause tropfte es auch hernieder, beinahe wie Tränen, obgleich heute durchaus keine Veranlassung zum Weinen war, im Gegenteil, denn heute abend sollte der Polterabend gefeiert werden vom Grafen Agathon Plustra und Fräulein Georgina Reiher. Was war denn darüber zu weinen? Daß es ihr letzter Tag als Mädchen war, und daß sie morgen eine Frau werden sollte, und noch obendrein eine Gräfin. Darüber trauert doch kein Mädchen. Oder daß sie jetzt vor der Tür des Glückes stand, nach welchem ihr ganzes Wesen sich so lange gesehnt? Oder dachte sie vielleicht darüber nach, was das Glück wohl eigentlich sei, und ob es überhaupt auf dieser Erde wohne und feste Gestalt annähme, auf daß der Mensch danach greifen und es an sich ziehen könne? Heute abend sollte also der Polterabend gefeiert werden vom Grafen Plustra und Fräulein Georgina Reiher. Einladungen waren nicht ergangen, sondern man hatte es den Teilnehmenden überlassen zu kommen oder nicht zu kommen. Die alten, schiefen Dielen im Offizierspeisesaal waren so klar gescheuert worden, wie man sie bekommen konnte, die Decke war abgefegt, die Spinnweben mit dem Staubbesen aus den Ecken und hinter dem Ofen hervorgenommen, kurz, es war alles geschehen, um dem alten, angeschwärzten Raum ein möglichst freundliches und festliches Ansehen zu geben. Frauen und Fräulein, die heute abend das Paar beglückwünschen wollten, saßen in den Hinterzimmern und nähten und stichelten sich die leichten Roben zurecht, Freunde und Freundinnen gingen in den Läden umher und suchten nach Geschenken, die billig waren und doch ein bißchen Parade machten; die Offiziere befahlen ihren Burschen, die besten Sachen zurechtzulegen. In der Küche bei Strümpels dampfte und zischte es, daß der Rauch dick auf die Straße hinausquoll und einige Jungen herbeilockte, die mit offenen Nüstern die ungewohnten Düfte einsogen, und die Braut saß still zu Hause und besah ihr schönes, neues Kleid und den grünen Myrtenkranz, den sie morgen zur Trauung auf die blonden Locken drücken wollte. Der Abend kam und eine zahlreich bunte Menge durchwogte den Offizierspeisesaal und die angrenzenden Räume. Es war fast alles erschienen, was in Hasenbalg auf den Namen Honoratioren Anspruch machen konnte, nur die Möhrenstolzens fehlten, denn wenn sie auch auf öffentlichen Bällen geduldet wurden, so durften sie doch in Privatzirkel sich nicht eindrängen, namentlich in diesen nicht, da sie niemals mit der Familie der Braut in freundlichem Verkehr gestanden hatten. Nachdem die Glückwünsche entgegengenommen waren, nahm das junge Paar den Ehrenplatz ein und es wurden die üblichen Gedichte, gute und schlechte, passende und unpassende, vorgetragen. Padderow hatte eigentlich »Heil dir im Siegerkranz« auf der Baßtuba blasen wollen; aber Nasewitz hatte es ihm ausgeredet, weil es für die Situation nicht recht passend sei. Der alte Schimmelmann war ohne seine fünf Frauenzimmer gekommen, aus dem einfachen Grunde, weil das für jede zwei Toiletten gekostet hätte, und das war ihm denn doch zu starker Tabak. Morgen zum Hochzeitsdiner sollten sie gehen, dazu hatten sie noch Kleider, die wieder frisch aufgearbeitet und mit neuen Schleifen besetzt waren, und wenn nur eines sein sollte, war das Diner doch jedenfalls praktischer. Da wir morgen ebenfalls das Hochzeitsdiner und das nachfolgende Tänzchen mitzumachen haben, wollen wir uns auch den Beschwerden und Ermüdungen des Polterabends entziehen und das frohe Völkchen sich ohne uns amüsieren lassen. Es ist immer gut, wenn man sich zur Hochzeit die besten Kräfte spart. Als Plustra Braut und Schwiegermutter nach Hause gebracht hatte und nun über den Markt seinen Rückweg antrat, befand er sich in einer außerordentlich poetischen Stimmung. Punsch und Liebe hatten ihm Körper und Seele angenehm erwärmt, und die Phantasie flog mit leichtem Flügel durch den Raum und ließ ihm alles im glänzendsten Lichte erscheinen. Der auf der einen Seite abgeschabte Mond schien ihm die strahlende Sonne seines irdischen Glücks; die Milliarden Sterne blickten ihn freundlich grüßend an mit ihren flimmernden Kinderaugen, die alten schiefen Häuser schienen sich geisterhaft zu regen und täppische Bewegungen zu machen, als wenn sie sich freuten, und mit den müden, trüben Augen zu blinken, als wenn sie irgend etwas Pfiffiges hervorbringen wollten. Als Plustra in seine Wohnung kam, in die große, kahle Stube, mit dem öden Kabinett daneben, wo er so lange gelebt und wo er heut' zum letzten Male schlafen gehen sollte, überkam ibn ein eigentümliches Gefühl; halb erfüllte es ihn mit Wehmut, daß er Abschied nehmen sollte von den alten Wänden und dem alten Gerumpel, und auf der andern Seite jauchzte seine Seele wieder auf bei dem Gedanken, daß er morgen in sein schönes, neu eingerichtetes Quartier ziehen werde... mit ihr... Der trübe Schein des Talglichts goß ein fahles Licht durch das große Gemach, als wollte er ihm einen matten Abschiedskuß geben; dann neigte der Docht sich müd' auf eine Seite, wie wenn er einschlummern möchte für immer. Plustra nahm das Licht mit, die treffende Ironie auf den flammenhellen Diener, und setzte es auf den alten Stuhl vor seinem Bett, wo sonst noch Börse, Hausschlüssel und Uhr lagen und streckte seinen Körper zum letztenmal auf dem Junggesellenlager. An einem glücklichen Tage schläft man nicht lange, ebensowenig wie an einem traurigen; ich möchte beinahe sagen, man könnte beides nicht erwarten, sondern eilte ihm mit Ungeduld entgegen. Um zwölf Uhr beginnen die Glocken im Turm der Oberkirche ihr ernstes Lied zu singen und allmählich versammelt sich eine Schar Neugieriger vor dem Portal, größtenteils Frauen und Kinder. Um ein Uhr sieht man den Herrn Pastor in die Kirche gehen, dann naht bald der lange Wagenzug, denen sich noch viele Zuschauer zu Fuß anschließen. In der ersten Kutsche sitzt Graf Plustra neben Georgina; sie haben sich beide die Hände gegeben und blicken schweigend vor sich hin. Die Kirche ist voll zum Brechen, auf dem Altar brennen zwei dicke Kerzen, und der Pastor steht salbungsvoll davor und erwartet das junge Paar, das langsam herantritt. Rechts und links stehen die wenigen Verwandten und Trauzeugen; sie machen ernste, feierliche Gesichter, und die Damen haben weiße Taschentücher in den Händen, die oft zu den tropfenden Augen geführt werden. Die goldenen Ringe sind gewechselt, der Segen ist erteilt, der Bund ist geschlossen. Im langsamen Schritt waren die Kutschen gekommen, im lustigen Trabe fahren sie wieder fort; in diesen wohltätigen Gegensätzen liegt gleichzeitig die tiefste Philosophie und der größte Leichtsinn der menschlichen Seele. - In dem Speisesaale der Offiziere ist eine lange Tafel gedeckt... Der Raum ist angenehm erwärmt, und durch die zurückgebliebene Erinnerung einer Essigräucherung ziehen sich, wie trübe Gedanken, aus dem weißen Tischtuch aufsteigende Strömungen von schwarzer Seife. Die Servietten sind kunstvoll zusammengelegt, in der Mitte versteckt sich neckisch ein kleines Milchbrot, vor dem Kuvert stehen verschiedene durstige Gläser, und auf der Platte erheben sich verschiedene vergoldete Vasen mit natürlichen Blumen. Zwei schäbig aussehende Lohndiener stehen in verwitterten Fracks an den Türen und erwarten die Gäste. Das junge Paar tritt zuerst ein, um die Honneurs zu machen, die Mutter ist gleich von der Kirche nach Hause gefahren. Mit militärischer Pünktlichkeit und allen mit gutem Beispiel vorangehend kommt zuerst der alte Oberst von Hollprägel. Er hat sich heute zu der feierlichen Gelegenheit das spärlich schneeweiße Haar mit ganz besonderer Sorgfalt glattgekämmt und sieht so glau und niedlich aus, daß man ihm einen Kuß geben könnte. Wer weiß, ob er das auch nicht beabsichtigt, wenn der Wein erst die Gemüter erheitert hat; denn er ist eigentlich ein alter Genießer, der den Damen gern ein Küßchen stiehlt, oder sich freiwillig eins geben läßt. Er beglückwünscht das junge Paar und läßt sich dann mit der jungen Frau in eine längere Unterhaltung ein. Da öffnet sich abermals die Tür und mit einer Strömung von Küchengeruch kommt der alte Rittmeister Schimmelmann an der Spitze seiner ganzen Weiblichkeit. Nachdem er sich umgesehen, ob auch alle d'rin sind, stackert er um die Tafel herum, wo die anderen in der Fensternische stehen. »Na, Herr Oberst, nun bringe ich sie alle an... gnädige Frau.. lieber Graf, meinen besten Glückwunsch... na, wo seid Ihr denn, kommt doch 'ran!« »Ihr ältestes Fräulein Tochter ist längere Zeit unwohl gewesen?« fragt Hollprägel, während die fünf Damen der jungen Gräfin die Hand drücken und einen Knix über den andern dabei machen. »Na, Herr Oberst, sie hatte solche Trompete«, antwortet Schimmelmann, indem er zur nächsten Erläuterung die Faust auf seine Nase legt. »Aber, Alter!« zupfte ihn die kleine dicke Mutter am spitzen Leibrockschoß; »wer wird denn so etwas sagen?« »Ein reizendes Kleid, liebe Gräfin«, sagte die schlanke Alphonsine, um von dem Thema abzubringen, »und wie schön es Ihnen steht.« »Jaja«, meinte die freundliche Mama; »eine Braut sieht immer hübsch aus.« Schimmelmann warf einen Blick auf seine älteste Tochter, als wenn er etwas sagen wollte, aber er sagte nichts. Dann erschienen Padderow und Nasewitz. Der dicke Ritter, der schon in der Kirche gratuliert hatte, wie die meisten anderen, begrüßte den Obersten und dann mit besonderer Freundlichkeit seinen Rittmeister und dessen Damen. »Guten Tag, lieber Padderow!« reichte ihm Schimmelmann ermunternd die Hand, welche Ehre auch Nasewitz zuteil ward. Dann trat der dicke Leutnant zu Melusine, die ihm gerade am nächsten war, und sagte ihr einige orientalische Schmeicheleien. Der Rittmeister wackelte verwundert mit dem Schnurrbart, und Nasewitz wurde es ein bißchen unangenehm um den Magen herum, doch mit schneller Geistesgegenwart gibt er seinem Freunde unbemerkt einen Schupps, daß er mit einem Schlenkrich zu der entferntesten Alphonsine fliegt. »O, Herr von Padderow, fallen Sie nicht«, lächelte diese, ein klein wenig zurückweichend. »Wo wäre es schöner als zu Ihren Füßen!« läßt der dicke Leutnant eine seiner gewöhnlichen Phrasen los. Der Rittmeister.Schimmelmann macht ein freundliches Gesicht und stößt Nasewitz an, und Nasewitz macht ebenfalls ein freundliches Gesicht, als wenn er die Bedeutung des Puffs verstanden hätte. Der Saal füllt sich mehr und mehr; der Herr Prediger kommt; der Justizrat Schölplin mit Frau und Tochter, der Assessor Glutstein nebst Gemahlin, der Herr Bürgermeister und der jungen und alten Offiziere bunte Schar. Der Premierleutnant von Kreidefleck postiert sich neben dem Obersten, macht sein freundliches Dienstgesichtchen und paßt auf, wie ein Schoßhund, ob der Alte nicht einen Witz loslassen wird. Die beiden Fähnriche stehen wie gewöhnlich bescheiden in der Ecke, und Klötersdorf errötet immer einmal über das andere, wenn der alte Hollprägel seinen Blick auf ihm ruhen läßt. Die Eskadronschirurgen haben Uniform angelegt und fühlen sich weder behaglich in dieser, noch in der Gesellschaft, die ihnen fortwährende Demütigungen auferlegt. Als alles vollzählig ist, wird Platz genommen. Die Stühle rücken; das junge Paar sitzt in der Mitte der Tafel beieinander: sie sind ziemlich schweigsam, essen wenig, trinken wenig, schauen sich aber in die Augen und drücken sich verstohlen unter dem Tisch die Hände. Auf der andern Seite der jungen Frau sitzt der Oberst, neben Plustra der Herr Pastor. Alphonsine ist zwischen Nasewitz und Padderow plaziert, Euphrosine sitzt neben dem unglücklichen Klötersdorf, Cölestine dem Fähnrich von Strammin gegenüber, und Melusine schrägüber vom kleinen, freundlichen Doktor Klaubert. Wie die anderen sich plazieren, interessiert uns weniger. Bei der Suppe wird noch nicht viel gesprochen; man hört nur das Klappern der Löffel und das Schlürfen der warmen Flüssigkeit. Beim Rindfleisch wird es schon lebendiger, die Gläser der Herren füllen sich mit rotem und weißem Wein, während die Damen ihre Handschuhe hineinlegen; beiläufig gesagt, eine abscheuliche Sitte. Der Oberst spricht noch immer mit der jungen Frau. Der Herr Pastor liebäugelt mit seinem Wein. Der alte Schimmelmann schmunzelt von Zeit zu Zeit nach Padderow hin und seiner Alphonsine. Die dicke Frau Rittmeister läßt sich von Herrn von Kreidesteck Schmeicheleien sagen. Der Premierleutnant von Ströllpitz sieht furchtbar rot und diensteifrig aus. Alphonsine spricht mehr mit Nasewitz als mit Padderow. Klötersdorf denkt darüber nach, auf welche Weise er mit Euphrosine die Unterhaltung in Gang bringen will. Der Justizrat Schölplin sieht aus, als wenn er eben den Schwarzen Adlerorden bekommen hätte. Herr von Drenkenberg erzählt der Frau Assessorin Glutstein eine Jagdgeschichte. Der blasierte Sponeck hat vergessen, daß er zum Diner geladen ist, und bestellt sich eine Flasche Sekt. Der alte Graf trägt dem Fräulein Schölplin einen verwickelten Fall vor, verheddert sich aber darin und vergißt erst die Pointe und dann überhaupt, was er eigentlich hat erzählen wollen. Der dicke Rührbrägen spricht wenig, amüsiert sich aber über alles, und was die anderen machen, interessiert uns weniger. Zuletzt redet und schwirrt alles durcheinander. Die Köpfe der Herren werden röter; die Augen der Damen heller und lebendiger. Gleichzeitig mit dem Braten kommt der Champagner, damals noch eine große Seltenheit auf der Tafel der Offiziere. Die Damen lassen sich nun auch die spitzen Gläser füllen und nippen an dem prickelnden Schaum und lachen und kichern dabei, als wenn sie jemand kitzelte. Der Herr Pastor, der ganz unbemerkt sein Fläschchen Rotwein ausgelutscht und schon eine Vorahnung der Seligkeit zur Schau trägt, deren Süßigkeiten er so oft predigt, hält die erste freundliche salbungsvolle Rede an das junge Paar. Dann spricht der Oberst mit seiner hohen, hellen Stimme, und dann dieser und dann der, und es ist ein ewiges Aufstehen und Wandern und Küssen und Händedrücken. Padderow trinkt tüchtig, und Nasewitz hütet sich wohl, ihn zu necken, damit er ja auf Alphonsine und deren Vater einen günstigen Eindruck mache. Man sitzt weit länger bei Tisch, als es nötig ist, zwischen vier und fünf Stunden. Zuletzt werden Lichter auf die Tafel gestellt und noch immer weiter gezecht, als wenn sie den armen Plustra bankerott trinken wollten. Endlich hebt der Oberst die Tafel auf, mit zauberischer Geschwindigkeit verschwindet der Tisch und die Stühle, und ein Walzerpräludium auf Saiteninstrumenten fährt dem tanzlustigen Völkchen in das Herz und in die Beine. Die Kron- und Wandleuchter erhellen den Saal, die Herren ziehen weiße Handschuhe an und machen ihre Engagements. Dem armen Klötersdorf, der nicht tanzen kann, bricht der helle Angstschweiß aus. Der alte Oberst macht freundlich die Runde und läßt sich hier und da von schönem Mund ein Küßchen geben; die einen tun es offen und ehrlich, um schneller abzukommen; die anderen zieren und sträuben sich und machen ein Aufsehen, und wenn es endlich doch geschehen, dann halten sie die weißen Händchen vor die dunklen Augen und haben sich, als wollten sie sich das Seelchen aus dem Leibe schämen. – Es ist aber nicht so schlimm; sie tun bloß so. – Plustra eröffnet den kleinen Ball mit seiner jungen Frau. Er hält sie im Arm und führt sie graziös und schaut selig auf sie nieder. Dann folgen die anderen Paare. Der alte Graf Schwülenberg rast in fanatischem Eifer mit der kleinen Schölplin durch den Saal, daß sein langer Schnurrbart nur so stiegt; sie schwebt neben ihm her, leicht wie eine Sylphide, das Köpfchen fast an seine Schulter gelehnt, das Gesichtchen mit seinem eigenen Spiegelbilde kokettierend, das ihr aus jedem blanken Knopf entgegenblickt; das Herzchen pochend, der Busen wogend, die Wange glühend. Sie sieht allerliebst aus, die Kleine, und der Papa Justizrat macht ein Gesicht, als wenn er sie eben an einen Fürsten verheiratet hätte, und die Mama sitzt an der Wand, wie eine herbstliche Aster, und lächelt still vor sich hin und sieht in dem Kinde ihr eigen Ich, und träumt von der schönen Zeit, wo sie auch noch schön und jung war und so leicht dahinflog am Arme eines schmucken Tänzers. Der zerstreute Sponeck, der vergessen, daß er auf einem Ball ist, sitzt im Nebenzimmer und hat sich ganz gemütlich eine Zigarre angezündet. Rührbrägen hat bereits in der ersten Viertelstunde mit sämtlichen Damen getanzt; der dicke Padderow hüpft mit seinen kurzen Beinchen um die hochgewachsene Alphonsine herum, daß er kaum mit ihr von der Stelle kommt; Papa Schimmelmann verliert beide nicht aus den Augen und ärgert sich, daß sein ältestes Kind nachher auch mit Nasewitz ein Tänzchen macht, obgleich das viel besser vorwärts geht; der kleine Doktor Klaubert wird von der munteren Melusine zu einer Nullpolka aufgefordert. Der alte, steife Ströllpitz, der ordentlich ein Glas Wein getrunken, hat sich die Frau Assessor Glutstein geholt und opfert ihr seine letzten künstlerischen Leistungen. Er ist rot im Gesicht wie ein Puthahn, und quält sich furchtbar ab, das graue Haar wird ihm feucht auf dem Schädel, und die schmalen Frackschöße stehen hinten weit auseinander, weil das, was sie bedecken sollen, zu breit ist; aber die Frau Assessor Glutstein merkt das alles nicht, sie lächelt wie ein Kind an seinem Arm, und biegt sich und wiegt sich, als wenn sie ihren ersten Ball mitmachte. Strammin tanzt mit Cölestine und anderen, und Klötersdorf versteckt sich unter den alten Herren und schwitzt wie ein armer Sünder, der jeden Augenblick zum Galgen geführt werden kann. Der Premierleutnant von Kreidefleck endlich tanzt wie ein Fähnrich und ziert sich und verdreht lieblich die Augen und macht sich unangenehm, indem er den Angenehmen spielt. Die erste Mitternachtsstunde hat schon vom Rathaus und den beiden Kirchen geschlagen; aber die muntere Gesellschaft tanzt und trinkt weiter, als fürchteten sie sich gar nicht vor der Gespensterstunde. Graf Plustra schien auch einen gewissen Respekt vor der Geisterstunde zu haben, obgleich er sonst ein Mann von unerschütterlichem Mute war, denn als die zwölf ernsten Klänge von den Türmen hallten, warf er einen eigentümlichen Blick auf sein junges Weib, als wenn er besorgt um etwas wäre. Da trat die dicke Rieke in den Saal, die bei Tisch den Offizieren aufwartet und die heute ordentlich niedlich aussah. Mit verlegenen Blicken und linkischen Bewegungen geht sie zu der jungen Frau und flüstert ihr einige leise Worte ins Ohr. In die bleiche Wange des jungen Weibes tritt ein leichtes, fiüchtiges Rot; sie wirft einen schnellen Blick auf ihren Gemahl, und als sie sich von ihm beobachtet sieht, erglüht sie noch tiefer und verläßt den Saal. Die meisten haben es kaum bemerkt in ihrem munteren Vergnügungstaumel. Wenige Minuten darauf ertönt das Geräusch eines fortrollenden Wagens. Die alte Mutter hat ihre Tochter abgeholt, um sie in die neue Wohnung zu geleiten und dann die erste Nacht allein zu sein in ihrer kleinen Klause. Als der Wagen fortfährt, sieht Graf Plustra nach der Uhr. Bald nachher geht auch der alte Schimmelmann mit seinen Damen, dann folgt dieser und jener; es beginnt leer zu werden. Graf Plustra drückt sich ebenfalls unbemerkt aus dem Saal, obgleich es wohl noch nicht ganz Zeit ist; aber er fühlt das Bedürfnis, noch ein Viertelstündchen mit sich allein zu sein und seine heißen Schläfen kühlen zu lassen von dem Hauch der stillen Winternacht. Ihm ist das Herz so voll von Freude, daß er eine gute Tat tun möchte, oder jemand so recht von Herzen lieb haben. Auf der Treppe gibt er dem ganz erstaunten Justizrat Schölplin einen Kuß und scheint nicht abgeneigt, dessen Frau dieselbe Liebkosung angedeihen zu lassen, als es ihm glücklicherweise noch rechtzeitig einfällt, daß das doch wohl nicht recht passend sei. Ach, wie schon weht ihn der kalte, klare Hauch des Winters an. Er schlendert die öde, dunkle Straße hinab bis zum Reitplatz, und als er die dunkle Fläche vor sich liegen sieht, durchschauert es ihn plötzlich, wie ein unangenehmes Vorgefühl oder eine häßliche Prophezeiung. Er wendet sich wieder um, geht noch ein Stückchen wieder die Straße hinauf und wählt dann eines der kurzen Nebengäßchen, um auf den Markt zu gelangen, in dessen Nähe seine neue Wohnung liegt; denn nun wird's Zeit... eine gute halbe Stunde ist verflossen und länger wartet man doch nicht. Als er bei dem schmalen Giebelhäuschen neben dem Rathaus vorbeikommt, blickt er hinauf; oben brennt Licht, die alte Mutter ist schon wieder zu Hause... ja, ja... es ist Zeit. - Er fühlt sich mächtig angezogen, und dennoch zögert er, als wollte er noch ein Weilchen in traumhaften Vorgefühlen schwelgen. Doch plötzlich siegt das erstere Gefühl und er schreitet mit beschleunigten Schritten an dem Wachtposten vorbei. Da dringen laute, fröhliche Stimmen an sein Ohr und er sieht mehrere dunkle Gestalten über den Marktplatz kommen. »Sie gehen auch nach Hause«, lächelt der Graf; »ich will den lieben Menschen noch Gutenacht sagen.« Der Trupp ist jetzt bis auf wenige Schritte zu ihm heran. »Ah Plustra!« ruft der durch den Wein noch redseliger gemachte Drenkenberg: »da seid Ihr ja noch... was treibt Ihr Euch denn allein in der Nacht herum?« »Ich wollte Euch noch die Hände drücken zum Abschied«, sagt der Graf; »und Euch danken für alle Liebe und freundliche Teilnahme, die Ihr mir heute bewiesen habt.« Der kleine Rührbrägen wird in seiner Weinlaune so gerührt darüber, daß er Plustra um den Hals fällt und ihn herzlich küßt. »Nun aber gute Nacht, Kinder!« macht der junge Ehemann sich los; »ich will nach Hause gehen... schlaft alle wohl!« »Das war ein wundervoller Tag!« schwelgt der sonst nicht redselige Rührbrägen; »leider kommt er niemals wieder... wir müssen Abschied von ihm nehmen auf ewig!« »Das brauchen wir ja nicht«, ruft Padderow; »wenn er uns gefällt, dann bleiben wir noch etwas mit ihm zusammen...« »Bravo, bravo!« schreit Drenkenberg; »wir klopfen Zieme heraus und trinken noch ein Glas Wein!« »Aber, Kinder«, sagt Nasewitz; »ich dächte, wir hätten alle genug; laßt uns von Plustra Abschied nehmen und nach Hause gehen, das ist das Vernünftigste.« »Nein«, beginnt der selige Rührbrägen zu weinen; »so können wir unsern guten Plustra nicht gehen lassen... das wäre eine Rücksichtslosigkeit von uns, die wir uns nie vergeben könnten... sein letzter Abend als Junggeselle... der letzte Abend, wo er uns noch ganz gehörte...« »Rührbrägen hat recht«, zabbert Drenkenberg; »wir müssen noch einen Abschiedshumpen mit ihm trinken; das ist alte, ritterliche Sitte!« Dem armen Plustra wird ganz warm dabei, trotz der kalten Winterluft. »Bitte, laßt mich gehen«, sagte er sanft; »ein andermal... heute ist es wohl zu spät...« »Na; wenn's noch nicht zu spät ist«, meint der alte Graf, der wie gewöhnlich falsch verstanden hat; »dann könnten wir wirklich noch 'nen Beruhigungsschoppen trinken.« »Ich gehe nicht mit, adieu!« erwidert Plustra schon ein wenig energischer; »laßt's Euch gut schmecken, Kinder!« »Was... du weigerst dich, uns Bescheid zu tun, wenn wir das Wohl deiner Herzenskönigin trinken wollen?« ruft der dicke Padderow; »das hätten deine griechisch-italienischen Vorfahren nimmer getan, entarteter Plustra.« »Ich beschwöre Euch, Kinder...« »Nur einen Humpen, dann habt Ihr minniglicher Sitte genug getan und könnt nach Hause gahn!« »Gut...« gibt der junge Gatte, wohl oder übel, nach; »aber gewiß und wahrhaftig nur ein Glas.« »Gewiß und wahrhaftig nur ein Glas!« wiederholt der ganze Chor, und Nasewitz, der einsieht, daß sich nichts ändern läßt, schließt sich dem neuen Unternehmen an. Der junge Zieme wird herausgeklopft und bald nachher stehen die Weinflaschen auf dem Tisch. Der arme Plustra sitzt wie auf Kohlen, nachdem er das Glas auf seiner Gattin Wohl geleert, will er gehen; aber sie lassen ihn nicht trotz der inständigsten Bitten. – Seine Gedanken wandern und er lächelt wie im Traum, wenn er mit ihnen anstößt. Aus dem einen Glas wird eine Flasche, aus den fünf Minuten wird eine halbe Stunde. Endlich, endlich fühlen sie Mitleid, und nachdem sie ihn noch alle abgeküßt, darf er sich entfernen. »Ah!« holt er tief und erleichtert Atem, als er abermals in die frische Nachtluft hinaustritt. »Gott sei gelobt... nun ist es überstanden!« Und er schreitet die von dem Markt ausgehende Straße hinunter, an deren Ecke seine Wohnung liegt. Folgen wir ihm nicht von der Erde in den Himmel, sondern gönnen wir ihm die schwer erkaufte Ruhe und kehren zu den fröhlichen Gesellen zurück, die unten bei Zieme um den runden Tisch sitzen. »Kinder!« schüttelt der blasierte Sponeck mißbilligend den Kopf; »so kann die Geschichte unmöglich gehen...« »Was denn? Was meinst du?« fragen die anderen durcheinander. »Der Plustra hat uns ein wundervolles Diner mit Ball gegeben«, doziert Sponeck mit sehr ernster Miene weiter, »und wir tun gar nichts, wir essen und trinken, und wenn wir nicht mehr können, dann gehen wir nach Hause und bekümmern uns um unsern lieben und vortrefflichen Kameraden gar nicht mehr... das will mir nicht gefallen, meine Herren... das ist nicht so, wie es sich gehört...« »Ganz gut; aber was sollten wir denn noch tun?« fragen die anderen. »Und morgen um zwölf Uhr hat er uns auch noch zum Frühstück eingeladen, wie es allerdings alte Sitte ist«, fährt Sponeck, ohne sich unterbrechen zu lassen, fort; »das ist kein feiner Takt, meine Herren...« »Nein, das finde ich eigentlich auch nicht«, kratzt sich der alte Graf den Kopf; obgleich er keine Ahnung hat, um was es sich handelt. »Ja, aber dann machen Sie doch einen Vorschlag«, meinte Drenkenberg. »Wir geben ihm morgen ein Diner!« schreit Padderow. »Es ist ein zu netter Mensch!« weint Rührbrägen. »Nein, meine Herren«, predigt Sponeck mit wichtiger Miene weiter; »ein Diner ist zu materiell; wir müssen etwas Zartes und Poetisches wählen... etwas, was für die Situation paßt... wodurch wir das junge Paar auf eine angenehme und wohltuende Weise berühren...« »Und das ist? - Schieße doch endlich los!?« fragt es durcheinander. »Wir müssen die Trompeter wecken und ihm eine Nachtmusik bringen, meine Herren; das nenne ich eine zarte Aufmerksamkeit.« Um Nasewitzens Lippen spielte ein eigentümliches Lächeln. Der Vorschlag wurde aber mit lauter Zustimmung angenommen. Man schritt auch sofort zur Ausführung, indem man sich teilte, um die Trompeter herauszutrommeln und dann an der Ecke vom Markt wieder zusammenzutreffen. Nach Verlauf einer kleinen halben Stunde war alles zusammen und ein Zug dunkler Gestalten bewegte sich nach der Wohnung des Grafen Plustra und bildete unter dem Schlafzimmer desselben einen Kreis. Die Instrumente wurden unter den weiten Mänteln hervorgenommen und glänzten im Mondenschein; dann ertönte die leise, poetische, sehnsüchtige Melodie des damals sehr beliebten Liedes vom »Bild der Rose«. Kaum war der letzte zitternde Ton verklungen, als oben leise das Fenster geöffnet und eine weiße Gestalt in demselben sichtbar wurde. »Ich spreche Ihnen den herzlichsten Dank aus, meine Herren«, sagte Graf Plustra mit seiner weichen, einnehmenden Stimme; »ich bin tief gerührt von Ihrer Aufmerksamkeit.« Dann zog er sich wieder zurück; denn die Luft war doch zu kalt für ein so leichtes Kostüm. »Seht Ihr wohl«, meinte Sponeck; »habe ich es nicht gleich gesagt; das paßte für die Situation... das hat ihnen wohlgetan.« Nasewitz erwiderte nichts; aber er schien seine Gedanken dabei zu haben. Die Offiziere entfernten sich mit den Trompetern; denn die gewöhnlichen drei Stücke wären unter den obwaltenden Umständen zuviel gewesen. Da die Musik nun aber doch einmal beisammen war, brachte man noch der Frau Assessor Glutstein ein Ständchen, was in der Regel geschah, wenn man keine andere Verwendung hatte. Die beiden Gatten waren bereits nebeneinander eingeschlafen, als sie durch die nächtliche Serenade geweckt wurden. »Sie bringen mir wieder ein Ständchen, Fritz«, faßte die Frau nach ihrem Mann. »Laß sie bringen«, versuchte der Assessor wieder einzuschlafen; »das hat ja weiter keinen Zweck.« - Die Frau fühlte sich aber dennoch geschmeichelt und lauschte jedem Ton mit Vergnügen, bis der letzte verhallte. »Nun ist es richtig mit dem Schlaf vorbei«, sagte der Mann; »was macht man nun?« »Zähle bis hundert, lieber Mann!« »Nein, da gibt es doch noch bessere Mittel, um einzuschlafen...«– Manchmal sind die Wirkungen der Musik recht verschieden. Die Trompeter wurden entlassen, und die Offiziere kehrten in die Weinstube vom jungen Zieme zurück und zechten lustig weiter. Die Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um die Hochzeit des Grafen Plustra. Der alte Graf hatte die Augen zugemacht, Rührbrägen sprach viel und hatte fortwährend Tränen in den Augen, Padderow erging sich in Salbadereien, Nasewitz stichelte, Drenkenberg schwatzte, und der zerstreute und blasierte Sponeck schien in tiefen Gedanken zu sein. »Das hat mir wieder nicht gefallen, meine Herren«, begann er endlich mit seiner langweiligen Stimme; »das kann ich durchaus nicht taktvoll nennen...« »Nein ... sehr taktvoll war's auch nicht«, machte der alte Graf einen Moment die Augen auf. »Das freut mich, daß du meiner Ansicht bist«, legte ihm Sponeck die Hand aufs Bein; »bitte, sage mir einmal deine Gründe.« »Bitte... sage mir einmal Deine Gründe«, wiederholte der alte Graf und schlief wieder ein. Sponeck wartete ein Weilchen, ob noch etwas kommen würde; da aber nichts mehr kam, folgte er seinem eigenen Gedankengange. »Dadurch muß er sich geradezu verletzt fühlen«, redete er weiter; »ich begreife nicht, daß den Herren das nicht aufgefallen ist.« »Das wäre schrecklich, wenn der gute Plustra sich verletzt fühlte«, meinte Rührbrägen, der schon ganz rote Augen hatte. »Was haben wir ihm denn aber getan?« fragte Nasewitz. »Wir haben der alten Glutstein ebenfalls eine Nachtmusik gebracht«, schwätzte Sponeck; »das war taktlos, denn dadurch verlor Plustras Serenade an poetischem Wert.« »Eigentlich hat er recht«, meinte Drenkenberg. »Können wir denn das nicht wieder gutmachen?« sagte Padderow, nachdem er einen machtigen Zug genommen. »Das müssen wir sogar wieder gutmachen«, wurde Sponeck ordentlich eifrig; »das ist unsere Pflicht...« »Lassen wir also die Trompeter zurückholen«, nickte Drenkenberg. »Nein«, entgegnete Sponeck; »eine Wiederholung wäre ungeschickt ... es muß etwas Neues... Zarteres ersonnen werden... was für die Situation paßt und angenehm berührt... wie wäre es, Rührbrägen, wenn du etwas auf der Flöte bliesest?« »Ja!« fiel ihm der immer weicher werdende Leutnant um den Hals; das will ich tun; ich hole meine Flöte und bin in zehn Minuten wieder hier.« Und das war er denn auch. Nachdem noch ein volles Glas geleert, brach man abermals auf und bildete eine anmutige Gruppe unter Plustras Schlafgemach. Um halb zwei war der glückliche Graf zu Bett gegangen, um zwei hatte man ihm das Ständchen gebracht; jetzt schlug es halb drei vom grünen Rathausturm, und gleich darauf setzte Rührbrägen die Flöte an und spielte mit tiefem Gefühlsausdruck die schöne Melodie: Guter Mond, du gehst so stille, durch die Wolkenflur dahin. Kaum war der letzte wehmütige Ton in der stillen Winternacht verhallt, als oben leise das Fenster klang und eine weiße Gestalt in demselben sichtbar wurde. »Herzlichen Dank, meine Herren«, sprach die weiche, einnehmende Stimme des Grafen Plustra; »ich bin tief gerührt von Ihrer Aufmerksamkeit.« Dann zog er sich wieder zurück und hüstelte etwas. »Seht Ihr wohl«, meinte Sponeck; »das war wieder gut getroffen ... das hat ihm wohlgetan... man merkte es deutlich am Ton seiner Stimme.« Nasewitz antwortete wieder nichts; aber er lächelte, wie es seine Art war. Dann kehrten sie abermals zurück in die Weinstube vom jungen Zieme und pichelten, als wenn sie eben erst angefangen hätten. Die Unterhaltung drehte sich natürlich wieder um die Hochzeit. »Meine Herren«, begann Padderow, der furchtbar dem Glase zugesprochen hatte; »ich weiß gar nicht, wie mir heute abend zumute ist...« »Du bist betrunken«, sagte Nasewitz trocken. Der dicke Offizier warf ihm einen verschwommenen Blick zu, der eigentlich vernichtend sein sollte, und fuhr dann fort: »Meine Herren... ich kann wohl sagen, daß ich zu den intimsten Freunden unseres vortrefflichen Plustra zähle... daß sein heutiger Hochzeitstag mich mit... mich mit...« »Bravo, bravo!« rief Rührbrägen, dem die Sinne auch schon zu schwinden begannen. »Bravo, bravo!« murmelte der alte Graf, wie ein dumpfes, fernes Echo, indem er ein klein wenig die müden Augen öffnete. Padderow blickte mit Unwillen im Kreise umher. »Ich bitte die Herren, mich nicht zu unterbrechen«, sagte er dann streng; »wo war ich stehen geblieben?« »Daß sein Hochzeitstag mich mit...« half ihm Drenkenberg. »Haha!« machte Padderow; »daß sein Hochzeitstag mich mit.. mich mit...« »Mit süßem Wein erfüllt hat«, ergänzte Nasewitz. »Burgherr von Knelling«, wandte sich der Dicke an seinen Freund; »wenn Ihr Euch noch eine derartige Bemerkung erlaubt, stoße ich Euch mein Schwert durch die Gurgel und mache Euch stumm!« »Ich schweige und zittere, gestrenger Herr!« verneigte sich Nasewitz in Demut. Padderow fühlte sich befriedigt, dachte eine Weile nach und fuhr dann fort: »Ich weiß nicht mehr genau, wie ich meine Rede begonnen habe ... darauf kommt es auch eigentlich nicht an... ich wollte nur zu dem Schlußgedanken hinleiten... daß ich... den heutigen Freudentag unmöglich beschließen kann... ohne dem braven Plustra ... eine persönliche Huldigung dargebracht zu haben... ich bin überzeugt, daß ihn das aufs innigste rühren wird...« »Na, was willst du denn machen?« fragte Drenkenberg. »Singe doch dein Lieblingslied: Ein dicker Mohr, mit Namen Peter«, scherzte Sponeck. »In dem kein einziger Ton richtig herauskommt«, meinte Drenkenberg. »Die Herren befinden sich im Irrtum«, blickte Padderow wiederum entrüstet im Kreise umher; »meine Huldigung wird den Ihrigen nicht nachstehen in bezug auf Zartheit und Poesie... ich werde ihm auf der Baßtuba »Heil dir im Siegerkranz« vorblasen, das spricht zum Herzen und ist außerdem noch patriotisch.« »Hahahaha!« lachte die Gesellschaft auf. »Ha... ha!« kam der alte Graf wie ein eingeschlafenes Echo hinterher. »Worüber lachen die Herren?« fragte Padderow mit einem so aufgedunsenen Gesicht, daß eine Mimik gar nicht mehr möglich war. »Du willst dir wohl einen Scherz mit uns machen?« »Wie kommst du denn zur Bußtuba?« »Padderow und musikalisch ... hahaha!« »Herr Zieme... bitte schicken Sie zum Trompeter Stolzenburg und lassen Sie die Tuba holen!« sprach der dicke Leutnant; »ich werde die Zweifel dieser Herren durch das Faktum niederschmettern.« Herr Zieme gehorchte und nach Verlauf einer Viertelstunde langte das Instrument an. »Ich bitte die Herren, mir zu folgen«, stand Padderow, es unter den Arm nehmend, auf. »Wird es denn auch gehen?« fragte Nasewitz leise. Aber Padderow, im Gefühl seiner Unfehlbarkeit, sah ihn nur mit einem Blick voll unendlicher Hoheit an und schritt dann den anderen voraus aus der Weinstube. »Komm, alter Graf«, rüttelte Rührbrägen den fest Schlafenden empor. »Ist es denn schon sieben?« fragte dieser, sich mühsam auf die Beine stellend. »Freilich... du mußt in den Dienst.« Dann führte ihn Rührbrägen, wie einen blinden Mann, den Vorangehenden nach. Nach wenigen Minuten stand man wieder unter Plustras Schlafgemach und bildete eine anmutige Gruppe. Um halb zwei war der glückliche Graf zu Bett gegangen, um zwei hatte man ihm das Ständchen gebracht, um halb drei war Rührbrägens Flötensolo sanft erklungen, und jetzt war es einviertel auf vier. Padderow, im Bewußtsein seiner Würde und Sicherheit, klemmte die Tuba zwischen die Knie, bog seine Lippen zum Mundstück etwas hinab und suchte das Embouché. »Eins... zwei... drei... vier!« taktierte Rührbrägen. Padderow pustete, aber es gab keinen Ton. »Weshalb pausierst du denn so lange?« fragte Nasewitz. Padderow pustete noch einmal, aber es gab wieder keinen Ton. »Oho... fall' nur nicht um!« hielt Rührbrägen den alten Grafen fest; »eins... zwei... drei... vier!« »Du spielst zu leise«, sagte Drenkenberg; »man hört ja gar nichts ... das dicke Ding muß doch lauter gehen.« Padderow ärgerte sich, pustete zum drittenmal und brachte jetzt richtig einen Ton heraus, der ungefähr klang, als wenn ein Hund eine Katze sieht. »Donnerwetter!« schüttelte sich Drenkenberg, als hätte jemand mit nassem Finger an die Scheiben gequietscht. Der alte Graf stieß in seinem Dusel mit dem rechten Fuß, als wollte er etwas fortjagen. Padderow hatte jetzt seine ganze Kraft zusammengenommen und brachte fünf bis sechs klägliche, ineinander verschwommene Töne zum Vorschein. »Au«, sagte der alte Graf, der Leibschmerzen davon bekam. »Das scheint ein Misere« zu werden«, meinte der musikalische Rührbrägen. »Aber was macht Ihr denn, großer Künstler?« lächelte Nasewitz. Padderows Ehrgefühl wurde wieder angeregt und er pustete zum viertenmal, was die Lunge hergeben wollte. Kaum hatte er aber das neue Tongemälde heraus, als oben das Fenster klang und eine weiße Gestalt in demselben sichtbar wurde. »Wollen die verdammten Köters wohl weg!« schalt Graf Plustra mit schon bedeutend heiserer Stimme; »ich habe noch kein Auge zugetan bis jetzt!« Dann goß er als Abschreckungsmittel ein Glas Wasser heraus, das der alte Graf gerade ins Gesicht bekam, und zog sich aus dem Fenster zurück. »Schwerenot, das regnet ja!« schreckte Schwülenberg aus seinem Schlaf empor. »Ihr habt Eure Sache vortrefflich gemacht«, spottete Drenkenberg; »es gehört doch ein bedeutendes Talent dazu, so täuschend einen Hund nachzuahmen.« »Aber eine Katzenmusik hättest du ihm doch nicht bringen sollen«, tadelte der lange Sponeck. »Seht Ihr wohl; das habt Ihr davon!« tuschelte Nasewitz; »weshalb blast Ihr auch das Miserere und nicht ›Heil dir im Siegerkranz‹, das Ihr weit länger geübt habt?« »Ach... das sollte ja ›Heil dir im Siegerkranz‹ sein«, schämte sich Padderow; »ich kann nur nicht im Stehen... und dann war das alte Ding auch so kalt geworden... dann spricht es immer nicht so gut an.« Nach dieser letzten Ovation für den jungen Ehemann kehrte man nicht mehr in die Weinstube des jungen Herrn Zieme zurück, sondern jeder begab sich nach Hause, um auszuschlafen. – Am andern Morgen um dreiviertel auf sechs sah man eine dunkle, in einen Mantel gehüllte Gestalt durch die dunklen, schweigenden Straßen schreiten. Die Figur war etwas vornübergebeugt und mit dem einen Fuß ging er, als wenn der Stiefel ihn drückte. »I, wer mag denn das sein?« blickte ihm der Mond neugierig ins Gesicht; »was muß ich sehen... Graf Plustra... wie kommt denn der hierher?« – Der arme Graf hatte in seinem Rausch des Glücks total vergessen, daß er um sechs Uhr früh in die Bahn müsse; sonst hätte es ihn ein einziges Wort gekostet, um von seinem Rittmeister Urlaub zu bekommen. Nun aber hatte der Bursche um fünf geklopft und er mußte ohne Erbarmen hinaus in die kalte Winternacht und die feuchte Reitbahn. Deshalb hatte er auch gestern abend den prophetischen Schauer empfunden, als er an die Stelle kam. Jetzt dachte er daran, als er an dem öden Platz vorbeiging; aber nun war es zu spät; eine schlechtere Reitstunde hatte es in seinem ganzen Leben nicht gegeben. – 12. Der Floh hat seine Arbeit getan Am andern Morgen um zwölf Uhr versammelte sich alter Sitte gemäß das Offizierkorps, ohne Fähnriche und Damen, bei dem jungen Paar zum Frühstück. Graf Plustra hatte sein gestriges Festgewand wieder angelegt, aber sonst sah er gerade nicht sehr festtäglich aus. Sein Antlitz war bleich und übernächtig und die Augenlider erschienen etwas mehr gerötet als sonst. Die junge Gräfin trug ein einfaches Morgenkleid und das erste Häubchen auf dem reichen, blonden Haar. Das erste Häubchen, die Würde der jungen Frau, bezeichnet schon hinlänglich den Wechsel, der mit ihr und der Situation vorgegangen, die Grenze, welche überschritten wurde, den Übergang von der Poesie zur Prosa, vom Idealismus zum Realismus. Die junge Gräfin lehnt sich an den Grafen, wie eine Efeuranke an den starken Stamm, und während ihr Gemahl bei den Gratulationen der anlangenden Gäste einige Worte murmelt, hört sie dieselben schweigend an. Als aber Rührbrägen kommt, der in der Nacht so schön die Flöte blies, da glüht sie auf und schlägt die Augen nieder. Da Plustra in seiner kleinen Wohnung keinen großen Saal hat, um das ganze Offizierkorps zu plazieren, so hat man überall kleine Büfetts errichtet, an die jeder herantreten, essen und trinken kann, was ihm behagt, und das tun denn auch die Herren redlich. Bald stehen eine Menge leerer Flaschen unter den Tischen und in den Ecken, und die Köpfe werden wieder so rot und blank, als wenn sie gesotten wären. Der alte Oberst Hollprägel macht immer einen Witz über den andern, die beiden Premierleutnants von Ströllpitz und von Kreidefleck, die sich stets in seiner Nähe aufhalten, bewiehern dieselben im dienstfähigen Tempo, und der Rittmeister Schimmelmann sieht so lustig aus, wie ein alter Kater, der eine Maus gefangen. Er hat, wie er stets bei solchen Gelegenheiten tut, der Flasche tüchtig zugesprochen, lehnt nun mit dem Rücken an eine Fensterbrüstung und läßt seine kleinen grauen Augen durch die bunte plaudernde Menge schweifen, als wenn er sich noch eine Maus fangen wollte. Jetzt scheint er auch eine gefunden zu haben, denn seine Blicke bleiben auf dem Padderower haften, der eben mit königlichem Anstand ein Glas Rheinwein niedergießt. Die Pockennarben glühen wie Karfunkeln in dem karmesinroten Gesicht des alten Schimmelmann und er beugt den Oberkörper vor, als wenn er einen Satz machen wollte nach dem dicken Offizier, aber nicht, um ihn mit blutdürstigem Zahn zu zerreißen, sondern um ihn liebreich an sein Herz zu drücken. Der Wein hat die harte Rinde gelöst, die sonst sein Herz und sein Gemüt umschloß mit harter Kruste, und er ist jetzt mehr Mensch als Rittmeister, während er gewöhnlich mehr Rittmeister als Mensch ist. In der Brust eines jeden Kindes Gottes ruhen hartschalige echte Perlen, wie auf dem Grunde des verschwiegenen Meeres. Und der Mensch kennt sie kaum, hat keine Ahnung von den Schätzen, die er unbewußt besitzt. Aber da geht er einmal in die Kirche von Holz und Stein, mit einem hohen spitzen Turm darauf, wo ein Mann in einem langen schwarzen Anzug predigt, und wenn jener Mann mehr Mensch ist als Prediger, dann gehen wohl einige der Perlen auf und durchduften und durchwärmen seine Seele mit ihrem köstlichen Aroma; oder er geht auch in jene bessere Kirche von Luft und Erde, von Wald und Feld, von Meer und Flur, wo der Geist des allmächtigen Gottes predigt, so unhörbar und doch so verständlich, dann springen noch weit mehr der Perlen auf, wie bei der Rede des schwarzen Mannes auf der Kanzel; oder er trinkt auch ein Glas guten Wein, der weckt auch manches in uns, das sonst ruhig schlummert, daß es die freundlichen Augen aufschlägt und gar lieblich lächelt, aus der bisher trockenen Seele. – In der letzteren Situation befand sich also jetzt der Rittmeister Schimmelmann. Seit Jahren war er schmerzlich daran gewöhnt, seine vier Töchter hilf- und schutzlos, als alte Jungfern zu hinterlassen, nach dem Tode der Mutter auf ihrer Hände Arbeit angewiesen. Nun hatte seine Seele in den letzten Wochen sich wohltätig erwärmt an dem Gedanken, daß doch nun wenigstens eine versorgt sein würde. Wenn es auch noch lange dauern konnte bis zur Hochzeit, so war dies ja nicht so schlimm; eine solche Liebe, wie Padderow sie in seinem Herzen trug, konnte gewiß nimmer erkalten, und wenn die alte Tante einmal die Augen zumachte, dann war sein Schwiegersohn ein wohlhabender Mann, und die anderen drei Schwestern fanden vielleicht ein Heim bei ihm. Untergehen und in Not geraten ließ sie Padderow gewiß nicht, dazu hatte er ein viel zu weiches Herz. Als der dicke Padderow sein Glas ausgetrunken hatte und sich wohlgefällig den kleinen Schnurrbart ableckte, verließ Schimmelmann seinen Beobachtungsposten am Fenster und stackerte auf seinen künftigen Schwiegersohn los, offenbar in der Absicht, ihn freundlich anzureden. Als er bereits den halben Weg zurückgelegt, stand er aber still und schien sich anders zu bedenken. Nein, nein ... ein so direktes Entgegenkommen, das ging doch nicht ... das paßte weder für seine Stellung als Vorgesetzter noch als künftiger Schwiegervater ... aber was sollte denn daraus werden ... der arme Padderow konnte doch nicht sein ganzes Leben lang in dem kleinen Nachtwächterhäuschen stehen ... was hatte denn die Alphonsine davon, wenn sie es nicht wußte ... und nähern tat er sich nicht ... dazu war er zu schüchtern... sollte Schimmelmann ihn vielleicht auf den Arm nehmen und hinauftragen ... i, das wäre ja noch hübscher gewesen... aber, wie sollte es denn?... es war wirklich eine vermaledeite Geschichte... Da Schimmelmann es nun aufgegeben hatte, mit dem Herrn von Padderow zu sprechen, so machte er eine Halblinkswendung und wendete sich einem kleinen Ecktisch zu, auf welchem einladende Weinflaschen standen. In dem Augenblick, wo er ein Glas fassen wollte, griff auch eine andere Hand danach. »Ah ... bitte tausendmal um Entschuldigung, Herr Rittmeister«, wurde letztere wieder zurückgenommen. »Ah ... Sie sind es, lieber Nasewitz ... na ... nehmen Sie sich ein anderes und schenken Sie ein.« »Befehlen Sie rot oder weiß, Herr Rittmeister?« »Ist das Rheinwein, der weiße da?« »Jawohl ... Niersteiner, Herr Rittmeister.« »Na, wollen wir ihn 'mal versuchen?« »Wie Sie befehlen.« Nasewitz füllte die Gläser, und Schimmelmann stieß freundlich mit ihm an. Dann trank jeder ungefähr bis zur Hälfte. »Der ist gut«, schmunzelte der Rittmeister. »O, ja«, nickte Nasewitz. Dann tranken Sie die andere Hälfte und setzten die Gläser wieder hin. Schimmelmann schien etwas auf dem Herzen zu haben; denn er blickte seinen Leutnant fortwährend freundlich an, als wenn er ihm gern eine Mitteilung machen möchte, aber nicht recht wüßte, wie er es anfangen sollte. Nasewitz war schon ganz verlegen, weil er die Augen gar nicht mehr lassen konnte. »Darf ich Ihnen noch ein Glas einschenken, Herr Rittmeister?« fragte er endlich, um eine Ableitung zu finden. »Meinen Sie denn, Nasewitzchen, daß wir noch eins vertragen können?« »Oh, warum denn nicht, Herr Rittmeister ...?« »Na ... wenn Sie meinen ...« Und sie tranken noch eins miteinander, und zwar auf einen Zug, daß dem Alten die Augen übergingen, wie dem König von Thule. Als er eben das Glas auf den Tisch gesetzt hatte, ging Herr von Padderow durch das Zimmer, um sich nach einem anderen Büfett zu begeben. »Hat auch Durst!« nickte Schimmelmann dem Nasewitzer zu. »Nun natürlich«, lächelte dieser. »Ist kein Fehler... wenn er sonst nur das Herz auf dem richtigen Fleck hat...« »Nun natürlich«, lächelte Nasewitz, der nicht wußte, worauf das hinaus sollte. »Die Geschichte kann ja nichts mehr nutzen...« trat der Rittmeister noch näher an ihn heran, als wenn er die Absicht hätte, etwas vertraulicher zu werden. »Na, lieber Schimmelmann, wie geht's?« tönte da die hohe Stimme des alten Hollprägel hinter ihm; »Sie sehen ja heute wieder aus wie ein Jüngling.« »Oh, der Herr Oberst sind sehr gütig«, wandte sich der Rittmeister um, auf der einen Seite angenehm berührt durch die Schmeichelei, auf der andern ungern die Unterhaltung mit Nasewitz fallen lassend. »Ist Ihre Käthe immer noch so wild und unbändig?« führte Hollprägel ihn in der Unterhaltung ein Stückchen weiter; »das Tier hat ein merkwürdiges Feuer im Leibe.« »Ja ... neulich hat sie sich beinahe wieder mit mir überschlagen«, schmunzelte Schimmelmann; »aber ich habe sie doch gezwungen.« Dann verloren sie sich beide in der Menge. »Hm!« dachte der zurückbleibende Nasewitz, nachdem er sich noch ein Glas Wein einschenkte; »was hat er denn eigentlich damit sagen wollen? - Die Geschichte kann ja nichts mehr nutzen? - Welche Geschichte denn? - Wahrscheinlich dauert es ihm zu lange, bis Padderow kommt ... ja, ja, da kannst du lang? warten ... er denkt, es ist ihm wieder leid geworden und gibt es auf ... desto besser ... angenehmer konnte es sich ja gar nicht lösen ... der Alte hat die Gläubiger beruhigt, das hält eine Weile vor... und die Heiratsfabel hat er sich aus dem Kopf geschlagen, wie ich es voraussah ... na, Gott sei Dank... es hätte allerdings eklig werden können; denn es war doch immer eine gewagte Idee... eigentlich gar nicht zu rechtfertigen... aber was tut man nicht aus Freundschaft... und in der ersten, leidenschaftlichen Hitze ... na, wie gesagt ...« »Sehen Sie, die Geschichte kann ja nichts mehr nutzen«, brummte da wieder der alte Schimmelmann so dicht an seinem Ohr, daß das Ende seines langen Schnurrbarts ihm die Wange kitzelte. Nasewitz bekam erst einen kleinen Schreck; dann machte er freundlich Front gegen seinen Vorgesetzten. »Nein, Herr Rittmeister«, sagte er mit gutmütiger Zustimmung; »sie kann eigentlich nichts mehr nutzen.« »Nicht wahr? ... das sage ich auch«, nickte Schimmelmann; »was soll er denn da alle Abend stehen ... das fällt ja auch zuletzt auf.« »Nu eben!« zuckte Nasewitz die Achseln. »Alles muß doch 'mal ein Ende nehmen ... wie?« »Na, versteht sich.« Der Rittmeister schien darüber nachzudenken, ob er in seinen vertrauten Mitteilungen noch weiter gehen solle, und Nasewitz freute sich im stillen darüber, daß er die Sache richtig aufgefaßt. »Die Heiratsgeschichte hat er sich aus dem Kopf geschlagen«, dachte er; »nun werde ich meinen Strammin erlösen ... der arme Junge hat es schwer genug gehabt.« »Sehen Sie 'mal ... an die Trompete braucht er sich jetzt auch nicht mehr zu gewöhnen ... tuschelte Schimmelmann mit einer gewissen Verlegenheit weiter. »I, sieh 'mal«, dachte Nasewitz; »das hat er also auch fallen lassen ...« »Das ist jetzt alles in Ordnung und Richtigkeit«, fuhr der Rittmeister fort; »wie Sie gestern bemerkt haben werden.« Der Leutnant schien das nicht ganz verstanden zu haben. »Nun braucht er sich nicht mehr zu genieren ... was?« »Nein!« dehnte Nasewitz, dem es noch immer unklar war. »Nun kann er loslegen ... he?« »Ja gewiß«, machte Nasewitz; »nun kann er loslegen.« Schimmelmann lächelte über das ganze Gesicht. »Nun kann er zeigen, was er gelernt hat ...« nickte er. »I, was Teufel!« dachte Nasewitz. »Wenn die Brust so recht voll ist ... weshalb soll denn da nicht ein Ton 'rauskommen?« sagte der Rittmeister mit einer gewissen Entschlossenheit. Auf des Leutnants Gesicht zeigte sich jetzt der Ausdruck des Verständnisses. »Ach, du kriegst die Motten«, dachte er; »also da will er hinaus ... die Tubageschichte interessiert ihn doch noch ... merkwürdige Idee von dem Alten ... na ... am Ende hat er den Paoderower veranlaßt, das Ding spielen zu lernen; da erfordert es allerdings die Höflichkeit, daß er von dem Ergebnis Kenntnis nehmen will ... die Neugier tut vielleicht auch das Ihrige dazu ... und dann wünscht er ihm auch wohl etwas Angenehmes über sein Spiel zu sagen ... jede Mühe ist doch am Ende ihres Lohnes wert ...« »Glauben Sie nicht auch, daß er einen Ton 'rausbringen wird?« fragte Schimmelmann, der bis jetzt vergeblich auf Antwort gewartet hatte. »O ja!« sagte Nasewitz mit großer Bestimmtheit; »es werden sogar mehrere Tone herauskommen, aber ...« »Was ... aber?« »Mit dem Takt wird es ein bißchen hapern«, lächelte der lange Leutnant; »das werden der Herr Rittmeister gütigst entschuldigen müssen ... es ist merkwürdig, wie wenig Taktgefühl der Mensch hat.« Schimmelmann winkte geringschätzend mit der Hand. »Ach«, sagte er; »machen Sie doch keine Geschichten ... was frage ich viel nach dem Takt ... wenn ich nur 'nen guten Ton habe.« »Solchen Musikfreund habe ich auch noch nicht gesehen«, wunderte sich Nasewitz im stillen; »Töne ohne Takt, das gibt doch im Leben keine Melodie ... na, mir kann es ja egal sein, wenn es ihm nur gefällt.« »Ja ... wann befehlen denn der Herr Rittmeister?« fragte er laut; »soll ich Padderow vielleicht sagen, daß er ...« »Pscht!« machte Schimmelmann; »Gott bewahre ... so geht das ja nicht ... muß doch alles seine Formen haben ... ich werde es schon einrichten, daß es nichts Auffallendes bekommt ... na, Sie werden ja sehen ...« Nasewitz verbeugte sich zum Zeichen des Gehorsams. »Sagen Sie 'mal, lieber Schimmelmann«, tönte da wieder die hohe Stimme des alten Hollprägel; »wie ist denn das geworden mit dem Gefreiten Steinke und seiner Kassiopeia? ...« »Ah!« knurrte der Rittmeister unwillig; »gar nichts ist damit geworden ... der Jammerhahn lernt in seinem ganzen Leben nicht reiten; ich habe ihm jetzt die Kriemhilde gegeben, die ist so geduldig wie eine alte Kuh.« Der Oberst führte, das dienstliche Gespräch fortsetzend, Schimmelmann mit sich fort und bald verschwanden beide in einem anstoßenden Zimmer. »Hm!« dachte der zurückbleibende Nasewitz; »die Geschichte wäre soweit ganz gut abgelaufen ... der Heiratsprojekte hat er sich begeben, das ist klar ... er wird natürlich zu der Überzeugung gekommen sein, daß das bloß eine fixe Idee vom Padderower war, wie er schon so viele fixe Ideen gehabt hat ... auf solche Seifenblase baut man doch nicht das Glück seines Kindes ... und bei dem zähen Leben der alten Tante wären sie im besten Fall alt und grau geworden, ehe sie der Pastor vermählt hätte ... und selbst dann ... welche Ehe ... das konnte ja der Alte kaum verantworten... das Mädchen hätte mir leid getan... es ist ein gutes Mädchen ... ein vortreffliches Mädchen... die Trompetengeschichte wird aber beibehalten... die Gründe dafür habe ich mir schon klar gemacht... was sollte denn Padderow von ihm denken, wenn er ihm den Rat gibt, die Tuba blasen zu lernen, und sich nachher gar nicht mehr darum bekümmert ... es wäre ja geradezu lächerlich... er will sich also etwas von ihm vorspielen lassen... aber wo?... was geht das mich an? - Wahrscheinlich einmal beim Trompeterreiten in der verdeckten Bahn... mag er sich das arrangieren wie er will, ich spreche mit Padderow gar nicht darüber... der Alte tat ja, als wenn er meine Vermittelung nicht wünschte... desto besser...« Hier wurde Nasewitzens Gedankenmonolog durch das Geräusch des allgemeinen Aufbruchs abgeschnitten. Der Oberst Hollprägel hatte seinen Tschako unter den linken Arm genommen und verabschiedete sich mit ritterlicher Galanterie von dem jungen Paar, und die anderen folgten dann, ziemlich dem Alter nach, seinem Beispiel. Nasewitz und Padderow waren die letzten, weil der dicke Leutnant, der Ordnung wegen, noch eine Flasche austrinken wollte, die er allein bis zu diesem Ende gebracht. - Als die beiden jungen Eheleute allein waren, holte die Frau tief und erleichtert Atem. Gott sei Lob, nun war es überstanden, jede lästige, äußere Form erfüllt; von jetzt an gehörten sie sich erst beide. Das Leben ist praktisch. Obgleich poetisch und romanhaft veranlagt, ließ die junge Gräfin es jetzt ihre erste Sorge sein, die Weinneigen zusammenzugießen und die übriggebliebenen Eßwaren zu ordnen. Davon konnten sie noch mehrere Tage leben. – Nachdem auch die Krümeln von den Dielen gefegt waren, setzten sich die jungen Leute aufs Sofa und nahmen sich bei der Hand. Und am andern Morgen hatte Graf Plustra wohlweislich dafür gesorgt, daß er nicht wieder um sechs Uhr in die Bahn mußte. Der neugierige Mond guckte sich fast die Augen nach ihm aus; aber unser Gräflein ließ vergebens auf sich warten. Endlich wurde der Mond immer blasser vor Müdigkeit und er ging schlafen. »Ah!« sagte er gähnend; »was geht's mich an! Es ist ja überhaupt langweilig, immer zuzusehen.«– – – 13 Der Floh bekommt Kinder Der Rittmeister Schimmelmann schwankte ordentlich ein bißchen, als er nach Hause ging, und er mußte sich große Mühe geben, daß er immer auf die großen Steine trat und nicht mit dem Fuß in ein Loch geriet, was einem sehr leicht passieren konnte auf dem Hasenbalger Pflaster. Obgleich der plötzliche Übergang in die frische Luft ihn noch ein wenig mehr benebelte, als er es so schon war, so lächelte er doch freundlich und stillvergnügt vor sich hin, und nur wenn ihm ein Dragoner begegnete und steif wie ein Automat an die Kopfbedeckung faßte, dann machte er plötzlich ein wütendes Gesicht, schob mit der Oberlippe den buschigen Schnurrbart bis dicht unter die Nase und fuhr so energisch mit der Hand nach dem Tschako, als wenn er eine Wespe verscheuchen wollte, die ihm um den Kopf summte. Die Biegung um die scharfe Ecke, der Hauptwache gegenüber, ward ihm nicht ganz leicht und er war froh, als er sein Haus erblickte. Gleich darauf aber verfinsterten sich wieder seine Züge ein bißchen. »Da steht, hol' mich der Teufel, der Ruppsack, der Pätel, vor der Tür«, indem er sich die größte Mühe gab, recht gerade zu gehen; »wo der Kerl sein soll, da ist er nicht, und wo er ist, da soll er nicht sein... es ist ein nichtswürdiger...« Hier kam der alte Schimmelmann, trotz aller Vorsicht, doch mit dem Fuß in ein Loch, und hätte auf ein Haar einen Purzelbock geschossen. »Oho!« brummte er, nachdem er die Gefahr glücklich überstanden... »das kommt bloß davon, daß der infame Faulpelz, der Pätel, vor der Haustür steht... der maulaffige Lümmel der...« Dann blickte er sich um, ob auch noch jemand seine Torkelei gesehen, und stackerte weiter. Als er in der gastlichen Öffnung seiner Haustür anlangte, nahm Pätel die Absätze zusammen, reckte seinen kurzen, dicken Körper so lang wie möglich, brachte die kleinen Finger hinter die Linie der Hosen, welche früher durch die Biese markiert worden war, und sah auf diese Weise einem antiken Aschenkrug nicht ganz unähnlich, der auch einen dicken Kopf hat, und die Arme ebenfalls so ungraziös absperrt. »Knurr!« macht der Rittmeister, als er in gleicher Höhe mit ihm war. Pätel stellte sich noch gerader und machte sich so steif, daß er ganz blau im Gesicht wurde. Schimmelmann heftete den durchdringenden Blick auf dies starre, ausdruckslose Antlitz und schien mit seinen Beobachtungen zufrieden; denn er knurrte bloß noch einmal und tappste dann den holzgedielten Flur entlang. »Das Rindvieh hat nichts gemerkt«, brummte er in Gedanken; »sonst hätte ihn auch der Teufel bei lebendigem Leibe schinden sollen!« »Donnerwetter, unser Alter sieht ja heute so rot aus«, dachte der Bursche, noch immer in derselben steifen Nußknackerstellung: »der hat sich gewiß beim Grafen einen angesäuselt.« – Als Schimmelmann glücklich die Treppe hinaufgestolpert war, begab er sich erst in sein Zimmer, um den unbequemen Leibrock mit dem bequemen Oberrock zu vertauschen, den Federbusch vom Hut zu ziehen und beides sorgfältig in den betreffenden Karton zu legen. Dann schien er sich zu überlegen, was er tun sollte. Nachdem er bald zu einem Ergebnis gekommen war, tappste er den langen Flur nach dem vorderen Teil der Wohnung entlang und trat in das gemeinschaftliche Wohnzimmer der Familie. Es war niemand anwesend als seine kleine, dicke Frau, die auf dem Sofa saß und an einem langen blauen Strumpf strickte. Als sie die Tür gehen hörte, wandte sie den immer freundlichen Kopf und lächelte ihren Gatten an. Schimmelmann sah sie wieder an und lächelte ebenfalls. »Na... gut amüsiert, Alter?« nickte die Frau Rittmeisterin. »Hm... na ja!« schmunzelte der Gemahl. »Rot genug siehst du wenigstens aus...« »Unsinn... habe kaum drei Gläser getrunken...« Damit setzte er sich auf das Sofa neben seine Frau, was er seit mindestens zehn Jahren nicht getan hatte, und blickte freundlich vor sich hin. »Weißt du was, Alte?« wandte er sich dann plötzlich gegen sie. »Nun?« »Gib mir'n Kuß!« »Aber, Heinrich!« »Willst du mir einen Kuß geben oder nicht?« »Ich begreift nur gar nicht, wie du darauf kommst, Heinrich.« »Das wird dir auch noch klar werden«, schmunzelte Schimmelmann; dann umfaßte er mit dem linken Arm die dicke, weiche Taille seiner alten Frau, zog sie an sich und drückte einen langen, festen Kuß auf ihre Lippen. »Mein Gott«, sagte Auguste, als es vorüber war; »du hast mir ja ordentlich den Atem benommen... was ficht dich denn an? – Lege dich lieber ein Stündchen auf's Ohr, bis die Weinlaune ausgeschlafen ist.« »Du irrst dich, Alte, das ist keine Weinlaune«, rückte Schimmelmann noch ein bißchen näher. »Nun... was ist es denn sonst?...« »Die Stimme der Natur, Auguste«, nahm er ihr eine Hand vom Strickstrumpf weg und spielte mit dem blauen Zeigefinger, um den der wollene Faden geschlungen war. »Was?« fragte Auguste, mit einem Gemisch von Staunen und einer gewissen Ängstlichkeit. »Die Stimme der Natur... kannst du denn nicht hören?« wiederholte der Rittmeister; »ein Gefühl, das lange in mir geschwiegen hat, weil ich glaubte, daß es doch nichts mehr nützen würde...« »Heinrich!« blickte ihn seine Frau ernst und verweisend an. »Jetzt bin ich aber in die glückliche Lage gekommen, daß es wieder nützen wird«, fuhr Schimmelmann fort; »deshalb...« Auguste wollte ihm die Hand fortnehmen. »Was zuppst du denn, Alte?« hielt der Rittmeister desto fester; »du bist mir ja heute so wild...« »Laß mich zufrieden!...« »Nicht so laut doch... die Kinder sollen es ja nicht hören... also ehe sie wiederkommen...« »Heinrich... du reißt mir den Finger ab!« »Weshalb hältst du nicht still... weshalb hast du dich so absonderlich ... weshalb läßt du mich absolut nicht dazu kommen, dir eine Freude zu bereiten, die...« »Du bist betrunken, Heinrich!« »Fällt mir gar nicht ein... dir eine Freude zu bereiten... dir ein Glück zu verkünden...« »Glück... verkünden?« betonte die kleine Frau jene beiden Worte, indem sich eine weitere Steigerung des Staunens auf ihrem runden Antlitz zeigte. »Na ja!« nickte Schimmelmann. »Du willst also... zu mir... sprechen?...« »Nun natürlich... denkst du vielleicht, daß ich zu dir singen will?« Die alten Züge der Frau Rittmeisterin wurden von einer ganz leichten und flüchtigen Röte überhaucht. »Du machst heute lauter Scherze«, schmollte sie, ihm jetzt ohne Widerstreben den blauen Zeigefinger lassend; »nun, was hast du mir denn für ein großes Glück zu verkünden?« Schimmelmann schmunzelte wieder in den dicken Schnurrbart, als wenn er noch nicht recht wüßte, wie er die Geschichte anfangen sollte. »Weißt du was, Alte«, sagte er dann; »wir müssen eine Abendgesellschaft geben!« »Eine Abendgesellschaft!?« erstaunte die kleine Frau von neuem; »Alter... du bist wirklich betrunken... ich ängstige mich vor dir!« »Pscht... nicht so laut doch! Das geht nicht anders... und zwar eine recht große... und zwar noch in dieser Woche...« »Wirst du nun bald vernünftig mit mir sprechen?« »Pscht... nicht so laut... das ist ja eben die Geschichte...« »Welche Geschichte?« »Die glückliche...« »Wirst du mir nun bald erklären?...« »Ja doch... du mußt mir aber dein heiliges Versprechen geben, daß du den Mädchen kein Wort davon verraten willst...« »Ich verspreche es dir, Heinrich!« »So etwas muß man nach meiner Ansicht nicht vorbereiten... nicht beeinflussen... das muß sich von selbst machen...« »Was denn, Alter?« »Sieh mal, Auguste... die Gelegenheit darf man ihm bieten... das geht... für das Weitere muß er aber allein sorgen...« »Wer... wer?« »Und deshalb ist ja eben die Abendgesellschaft...« »Heinrich«, sagte die kleine Frau, indem ihr der Atem kurz wurde vor Neugier und Ungeduld. »Weil er zu schüchtern ist... er kommt ja nicht von selbst...« »Wer... wer denn... ich vergehe!« Schimmelmann streckte seinen rechten Arm aus und deutete nach dem Fenster. Die kleine Frau folgte mit den Augen der angegebenen Richtung, und da sie nichts sah, blickte sie verwundert auf ihren Mann. »Er hat ja acht Wochen unter ihrem Fenster gestanden«, nickte dieser. »Ich ersticke, Heinrich... wer?« »Nun, der sich für unsere Alphonsine interessiert...« »Für unsere Alphonsine!« »Pscht... nicht so laut... und der sie heiraten will!« Kaum hatte die kleine Frau die letzten Worte gehört, als sie wie ein Federball ihrem Mann an den Hals flog, mit beiden Händen seinen schwarzen Kopf faßte und ihn mit einer Heftigkeit küßte, daß dem Alten die Adern auf der Stirn anschwollen. »Don... Donner... Donnerwetter... laß los... ich... ich kann... ich kann's nicht länger aushalten«, stöhnte Schimmelmann in den kurzen Zwischenpausen der schonungslosen Küsse. »Heiraten will, hast du gesagt?« setzte Auguste ab. »Ich glaube, mir wackelt ein Zahn«, befühlte ihn der Rittmeister mit der Zunge; »nun natürlich ›heiraten will..‹ das ist ja keine Liebe mehr... das ist ja schon beinahe Wahnsinn...« »Gott, wie himmlisch... und nun sprich, wer ist dieser Engel?« Der Rittmeister winkte abweisend mit der Hand. »Nun weißt du genug!« sagte er; »du sollst auch 'ne Überraschung haben, ebensogut wie die Alphonsine... wenn der Abend kommt, wirst du es schon merken... ich will das Vergnügen haben, dein beobachtendes Gesicht zu sehen... haha... haha...« »Ach bitte, bitte, lieber, guter Alter, sage es mir doch!« »Kein Wort mehr... du weißt genug... und keine Silbe zur Alphonsine... das hast du mir versprochen...« »Ja, ja«, stand die kleine Frau auf und lief mit jugendlicher Lebendigkeit im Zimmer auf und nieder; »mein Gott, wer hätte so etwas denken sollen... wer kann es nur sein... acht Wochen unter dem Fenster gestanden... keine Liebe mehr, sondern Wahnsinn... wann soll die Abendgesellschaft stattfinden, Heinrich?... und gerade die Alphonsine... die älteste... wenn es noch lange dauert, halte ich es nicht aus... wollen wir denn eine Tafel decken... nein, das geht nicht, dazu haben wir keinen Raum... Pätel bekommt eine blaue Jacke und kann herumpräsentieren... acht Wochen... unter dem Fenster... und davon hat kein Mensch eine Ahnung gehabt ... erst geben wir natürlich Fleischbrühe aus Tassen... meinst du mit 'nem Ei drin? - Nein, das ist nicht vornehm... also ohne Ei... Heinrich, ich möchte rein aus der Haut fahren vor Vergnügen... und dann einen Fischsalat mit Krebsschwänzen... das besorgen wir uns alles allein... weißt du, ich könnte dem Menschen um den Hals fallen, Heinrich...; meinst du, daß wir die Nasen auch nehmen... es macht sich hübscher, so um die Schüssel herum... nehmen wir also die Nasen auf jeden Fall...« »Sage mal, hörst du nun bald auf, Auguste?« fragte Schimmelmann ungeduldig; »dabei kann ja der Mensch nervös werden...« »Gleich, Heinrich, gleich«, ereiferte sich die kleine Frau immer mehr, und je schneller sie lief, desto heftiger geriet ihre einst schön gewesene Büste ins Wackeln; »und dann gibt es natürlich Braten mit verschiedenen Kompotts... die Alphonsine kann sich ein bißchen ans Klavier setzen, das macht sich reizend... und wenn er dann so hinter ihr steht, nicht wahr... weißt du, Heinrich, ich konnte dich totküssen...« Der alte Schimmelmann streckte unwillkürlich die Hände vor, die Gefahr ging aber diesmal noch an ihm vorüher. Auguste war auch gleich wieder zu ihrem Lieblingsthema zurückgekehrt. »Ich mache ihr die Locken recht hübsch zurecht«, ließ sie ihre Zunge weiterlaufen; »so recht fest um den linken Daumen gewickelt... und zuletzt Butter und Käse... wie? - Obst ist wohl nicht nötig. - Und die Getränke... - Was gibst du für Getränke, Heinrich?« »Na«, machte Schimmelmann; »roten und weißen... das ist genügend.« »So... schön... wie du meinst... wenn es nur sein und nobel ist... es sieht auch vielleicht besser aus, als solche ungeheure Aufdonnerung ... die Leute müssen ja denken, daß man sich so furchtbar viel daraus macht... nicht wahr?... Na, so schlimm ist es doch auch nicht... mein Gott, Männer finden sich schon...« Hier unterbrach sich die kleine Mama selbst, aber die Füße blieben in Gang, das Antlitz nahm einen Ausdruck höchster Seligkeit an, und die fetten kurzen Hände rieben sich vergnügt aneinander. Dabei warf sie von Zeit zu Zeit förmlich kokette Blicke auf ihren Gemahl, der jetzt anfing, müde zu werden. »Du... Heinrich ...« trat sie endlich zu ihm heran. »Bist du denn noch nicht bald fertig, Alte?« »Lieber Heinrich...« streichelte sie ihm die bärtige Wange. »Na... was willst du denn?« »Aber... das nächste Mal... da wird es besser... wie?« »Welches nächste Mal?« »Nun... du weißt doch... wenn wir wieder ein Fest geben...« »Du denkst wohl, es wird sich gleich noch eine Tochter verloben?« »Ach nein... stelle dich doch nicht so dumm... wenn das erste glückliche Ereignis eintritt...« »Na... dies ist ja eben das erste glückliche Ereignis...« »Heinrich, ich begreife dich nicht«, schmollte die dicke Mama; dann bog sie sich zu ihrem Gatten hinab und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »I, Gott erbarm' sich!« brummte der Alte; »wer wird denn an solche Geschichten schon denken?« »Ach... davon versteht Ihr Männer nichts«, schüttelte Auguste kokett das Köpfchen; »das muß alles vorher bedacht werden... nicht wahr; dann gibst du aber Champagner... wie?« »Ich werd' mich hüten«, brummte Schimmelmann. »Wenn es auch nur nachgemachter ist, Alterchen... na?« »Meinetwegen!« nickte der Rittmeister; »aber unter einer Bedingung.« »Nun?« »Daß es ein Junge ist!« »Pfui, du alter Unart; ist denn ein Mädchen schlechter?... du hast doch vier Mädchen und nur zwei Söhne.« »Ich habe aber bei den einen ebensowenig Champagner gegeben wie bei den anderen«, stand der Rittmeister auf; »die Zeiten werden immer üppiger... weiß der Teufel, wo das noch hin soll... nun werde ich mich aber ein bißchen aufs Ohr legen... der Wein hat mich doch müde gemacht... na... denke nur noch über unser Fest nach... und wen wir einladen wollen... und vor allen Dingen kein Wort zur Alphonsine und den anderen Mädchen...« »Verlaß dich d'rauf, Alter.« »Na... gute Nacht... bist du nun zufrieden?« »Überselig, Heinrich!« »Kuß!« »Da! da! da!« »So... nun ist's aber gut... kannst heute nachmittag den Kaffee ein bißchen schärfer machen... es ist einem doch etwas ungewohnt im Magen.« Als Schimmelmann hinaus war, lief seine Frau sofort ans Fenster. »Da hat er also gestanden, der liebe, gute Mensch!« schlug sie die kleinen Hände immer einmal über das andere zusammen; »und wir haben hier oben geschlafen wie die Murmeltiere und nichts davon geahnt... mein Gott, wenn die Alphonsine das wüßte, die würde ... die würde...« »Was soll ich denn, Mama? sagte die älteste Tochter, die eben eingetreten war und die letzten Worte unbestimmt gehört hatte. Kaum hatte die kleine, furchtbar erregte Frau die Stimme ihres Kindes vernommen, als sie erst einen Schreck bekam und dann im Übermaß der Wonne und vollständig die Selbstbeherrschung verlierend, sich umwandte und dem Mädchen an die Brust sank. »Mein Gott, Mama, was ist dir... bist du krank?« fragte Alphonsine besorgt. »Nein... nein doch...« richtete sich die Mutter wieder auf und schaute ihrem Kinde mit glänzenden Augen ins Antlitz; »ich bin nicht krank... es ist ja nur die Freude... die Freude... über dein Glück!« »Über mein Glück, Mama?« fragte Alphonsine erstaunt. Die kleine Frau sah aus, als wenn das Geheimnis so mächtig in ihr anschwölle, daß sie es nicht mehr beherbergen könnte. »Ich kann's nicht länger aushalten«, sagte sie mit gepreßter Stimme; »etwas muß heraus, sonst drückt es mir das Herz ab... und wenn es auch nur ein ganz klein bißchen ist...« »Aber, Mama, du ängstigst mich...« »Dann will ich meinen Fehler wieder gut machen... so höre denn, Kind, du bist geliebt...« Das Mädchen machte große Augen und die Röte schoß ihr blitzschnell in die Wangen. »Angebetet!« bog sich die Mama in den Knien, als wenn sie in einer Quadrille stände. »Mutter!« »Er will dich heiraten!« zog die Alte jetzt, mit einem abermaligen Knix, ihr enges Röckchen auseinander. Alphonsine wurde totenbleich und legte die rechte Hand aufs Herz. »Zwei Monate hat er dort jede Nacht unter deinem Fenster gestanden, weil er zu schüchtern ist und nicht zu sprechen wagt... nun hat er sich aber dem Papa entdeckt, und deshalb geben wir eine Abendgesellschaft, damit es ihm bequemer gemacht wird...« »Mein Gott«, dachte Alphonsine... »ist es denn möglich... er... für den ich mich längst...« »Wer es ist, kann ich dir aber noch nicht sagen... weil ich es selber nicht weiß... Papa wünscht, daß uns eine Überraschung bereitet werden soll...« Das Mädchen lächelte, als wenn sie bereits wüßte. »Um Gotteswillen laß dir aber nichts merken«, machte die Mutter ein ängstliches Gesicht; »ich habe es Papa fest versprechen müssen, dir nichts zu sagen...« »Sei unbesorgt, Mama.« »Nun!« glühte diese plötzlich wieder in heller Lohe auf; »ist das nicht eine Freude... ist das nicht ein Glück?« »Jawohl... ein sehr großes!« lächelte das Mädchen, im Gefühl seiner inneren Seligkeit. In dem Höhepunkt ihres Freudentaumels hatten die beiden Damen aber nicht bemerkt, daß während der letzten Worte die drei anderen Mädchen in das Zimmer getreten waren. »Was ist eine Freude?« fragte Euphrosine neugierig. »Was ist ein Glück?« trat Colestine näher. »Darf man nicht auch Teil daran nehmen?« blinzelte die kleine Melusine. »Ach, du lieber Gott!« erschrak die kleine Mama und sank erbleichend auf einen Stuhl. »O weh!« klagte Alphon sine kaum hörbar und mußte sich ebenfalls setzen. – Die drei Mädchen betrachteten Mutter und Schwester mit erstaunten Blicken. »Aber was ist denn los?« fragte Euphrosine wieder; »so sprecht doch!« »Erst jauchzt Ihr vor Freude und Glück, und dann fallt Ihr beinahe in Ohnmacht?« meinte Colestine. »Oder sollen wir es vielleicht nicht wissen?« verzog Melusine ihr kleines Näschen. Die Mama atmete ein bißchen auf, weil sie jetzt sah, daß die Hauptsache nicht verraten worden war. »Wir geben eine große Abendgesellschaft«, sagte sie mit noch matter Stimme. »Ja... wir geben eine Abendgesellschaft«, lächelte Alphonsine, unter denselben Eindrücken wie die Mutter. Die drei Mädchen standen starr und stumm vor Staunen. » Eine Abendgesellschaft...« knickte Euphrosine auf einem Stuhl zusammen. »Eine große...« tat Colestine dasselbe. »Mir wird schwach... das haben wir ja sonst nie getan«, lief Melusine nach der Sofaecke, ließ sich hineinsinken, schloß die Augen und streckte ihre kleinen zierlichen Beine weit von sich. Da lagen sie alle Fünf, wie die geknickten Lilien; als sie sich jedoch ein wenig erholt hatten, da ging das Schnattern los, und es wurde beraten über Einladungen, Gerichte, Toiletten, bis der alte Schimmelmann mit verschlafenen Augen hereinkam und seinen Kaffee verlangte. 14. Vorbereitungen Am andern Tage liefen bereits sonderbare Gerüchte durch die Stadt. Der Rittmeister Schimmelmann hatte einen alten Leibrock zum Schneider geschickt, damit er die Schöße und Epaulettenhalter abschnitte und einen andersfarbigen Kragen aufsetzte. Was konnte das wohl zu bedeuten haben? Jeder Mensch in ganz Hasenbalg wußte, daß der Rittmeister Schimmelmann wahrhaftig nicht verschwenderisch mit seinen Sachen umging, im Gegenteil, er trug die alten Röcke, solange das letzte Fädchen Wolle darauf war, und manchmal ließ er sie sogar noch wenden, um sie im Winter unter dem Mantel zu verbrauchen. Ein ganz unwichtiger Grund konnte es also wohl nicht sein, weshalb der Rittmeister von seinem alten Leibrock die Schöße abschneiden und einen andern Kragen aufsetzen ließ. Der Schneider, ein aufgeklärter Mann, der in der Welt herumgekommen war, hatte gemeint, der Rittmeister Schimmelmann sei vielleicht zu einem andern Regiment versetzt worden und zwar zu den Husaren, die keine Schöße und Epaulettenhalter hätten, und nun wollte der Rittmeister es sich billig machen und die Dragoneruniformen umändern lassen. Das konnte man ihm allerdings zutrauen; denn sparsam war er, daß es beinahe zuviel wurde. In drei Tagen spätestens sollte die Arbeit fertig sein; das war wieder ein auffallender Umstand. Ein anderer schickt 'nen Rock zum Schneider und sagt gar nichts, oder sagt, ich brauche ihn bald, oder es hat keine Eile, das sind die gewöhnlichen drei Fälle, die weiter nichts Beunruhigendes haben; aber speziell anführen, in spätestens drei Tagen, da lag eben die Geschichte. Ein Schuster, der mit dem Schneider auf einem Flur wohnte, hatte gemeint, aus der Eigentümlichkeit der Bestellung ginge klar und deutlich genug hervor, daß der, Rittmeister den Rock auf jeden Fall in drei Tagen brauche, daß es ihm aber auch lieb wäre, wenn er ihn schon nach zwei, vielleicht gar schon nach einem Tage zurückbekäme ... sicher ist immer sicher, und was man hat, darauf braucht man nicht zu warten... das stand aber jedenfalls fest, nach drei Tagen mußte es bekannt werden, zu welchem Zweck der Rittmeister Schimmelmann den Leibrock hatte umändern lassen. - Für ihn selber mußte er doch sein... denn weiter oder enger sollte er ja nicht gemacht werden... und wenn er für ihn selber war, dann mußte er ihn doch anziehen... und wenn er ihn anzog, dann mußte er doch mit ihm ausgehen... »Und wenn er damit ausgeht, dann muß ihn doch jemand sehen!« legte der Schneider den Finger an die Nase, weil ihm die Logik des Schusters jetzt klar geworden war. »Siehst du wohl!« nickte dieser; »also lange kann die Ungewißheit nicht mehr dauern.« Mit diesem Resultat beruhigte man sich denn auch, bis der pensionierte Quartiermeister nachmittags über den Damm gehumpelt kam und mit langem Hals in das Fenster blickte. Als er den Schneider nicht bei der Arbeit, sondern hinter dem Achtel Korn und der Butterstulle sah, schüttelte er mit saurer Miene den Kopf, als wenn er sagen wollte, »na ja, da haben wir die Geschichte... das wußte ich ja, daß es so kommen mußte.« Damit schien er weitergehen zu wollen, aber der Schneider war aufmerksam geworden und rief ihn herein. Als der Schuster die Tür klappen hörte, legte er die Arbeit beiseite und kam auch ein bißchen 'rüber, und da saßen sie denn alle drei hinter dem Achtel Korn und jeder sah den andern an, ob er nicht etwas sagen wollte. Als keiner recht mit der Sprache heraus wollte, sah der pensionierte Quartiermeister endlich nach dem Stuhl, wo der alte Leibrock lag, dem bereits ein Schoß fehlte und der deshalb aussah wie ein Invalide. Als die beiden anderen den Blick des Quartiermeisters sahen, steckten sie die roten Nasenspitzen ins Schnapsglas und freuten sich darauf, daß sie nun bald ihre geheimnisvolle Weisheit auskramen könnten. »Wissen Sie schon die Geschichte?« fragte endlich der Schuster, der es nicht länger aushalten konnte. Der Quartiermeister nickte und warf dann einen mitleidigen Blick auf den Schneider. »Na?« meinte dieser; »was sagen Sie zu unserm neuen Husarenmajor?« »Husarenmajor?« wiederholte der pensionierte Quartiermeister; »Dragonermajor wollen Sie sagen.« »Dragonermajor?« erstaunte der Schuster; »dann hätte er den Rock nicht brauchen ändern zu lassen... die haben doch Schöße am Leibrock und Epauletten an der Schulter.« »Kinder, Ihr seht ja aber den Wald vor lauter Bäumen nicht«, winkte der Quartiermeister mit der Hand. Die beiden anderen machten große Augen. »Ist der Rittmeister Schimmelmann der älteste Rittmeister oder nicht?« fragte der Pensionierte. »Nun natürlich!« »Na... folglich ist er der nächste zum etatsmäßigen Major... und was hat der etatsmäßige Major unter sich...? die Schneiderkommission... begreift Ihr nun?« »Nein!« schüttelten die beiden anderen den Kopf. »Und der jetzige Regimentsschneider ist ein alter Krüppel, der seinem Geschäft nicht mehr vorstehen kann«, dozierte der Quartiermeister weiter; »nun ist also nichts einfacher, als folgendes: unser jetziger Etatsmäßiger wird die Nachricht bekommen haben, daß er ein Regimentskommando übernehmen soll... der Rittmeister Schimmelmann rückt an seine Stelle... sein erster Gedanke muß also sein, eine Persönlichkeit aufzufinden, die sich für den neuen Regimentsschneider eignet... merkt Ihr nun noch nichts?« »Nein!« schüttelten die beiden anderen den Kopf. »Was hat unser jetziger Regimentsschneider bekommen, ehe er fein Amt bekam?« fuhr der Quartiermeister fort; »eine Probearbeit hat ihm der Etatsmäßige gegeben, und weil er die gut gemacht hat, deshalb hat er die Stelle gekriegt.« Der Schneider sah den Schuster an, als wenn ihm etwas dämmerte. »Dasselbe ist nun mit Ihnen geschehen«, nickte der Pensionierte; »der Rittmeister Schimmelmann hat den alten Leibrock hergeschickt, weil doch nichts mehr mit ihm anzufangen war, und er hat die vorgeschriebene Änderung verlangt, um zu sehen, ob ein Schneider auch mal etwas anderes machen kann, wie immer nach der alten, hergebrachten Schablone...« »Aha!« nickten die beiden Zuhörer... »Ob er eine gewisse Genialität habe«, fuhr der Quartiermeister fort. »Hm, hm!« »Ob er eine kleine Arbeit nicht oberflächlich behandle, sondern mit Lust und Liebe vornehme...« »Ja, ja!« »Ob er sich gleich d'ran mache und sie nicht auf die lange Bank schiebe...« Der Schneider ließ die Unterlippe ein bißchen hängen. »Denn das ist eben ein guter Regimentsschneider«, beendete der Quartiermeister seine Auseinandersetzung; »der schnell und fleißig hintereinander fortarbeitet; aber nicht die Sachen alle Naselang aus der Hand legt, um sich hinter die Kümmelpulle zu setzen.« Damit trank der Quartiermeister die Neige in seinem Glase aus, wünschte guten Abend und ging. »Siehst du, wie du bist!« nickte der Schuster, als der andere fort war; »die Geschichte hatte wirklich Hand und Fuß.« Der Schneider aber sagte gar nichts, sondern wischte sich den Mund ab und säbelte den andern Rockschoß von dem alten Frack und noch an demselben Abend trug er die fertige Arbeit zum Rittmeister Schimmelmann. Am nächsten Tage war aber Hasenbalg schon ganz bedeutend aufgeregter. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde durch die Stadt verbreitet, der Etatsmäßige habe ein Regiment bekommen, und der Rittmeister Schimmelmann sei Etatsmäßiger geworden. Die beiden Betreffenden erfuhren natürlich nichts davon, wie es den Betreffenden gewöhnlich geht, und voreilig wollte man mit den Gratulationen auch nicht sein. So etwas kommt gewöhnlich zuerst durch einen Privatbrief des Brigadeadjutanten an den Regimentsadjutanten, und ein paar Tage darauf wird es erst offiziell. Eher darf man darüber nicht reden... aber stillschweigend kann man allerdings seine Teilnahme bezeugen und deshalb wunderten sich auch der Etatsmäßige und der Rittmeister Schimmelmann nicht wenig, daß sie mit einemmal von allen Offizieren weit freundlicher gegrüßt wurden, als das früher geschehen war. »Hm!« dachte der letztere; »sollten die schon erfahren haben, daß ich eine Abendgesellschaft geben will... eine feine Nase hätten sie dann... das muß man sagen.« Der Premierleutnant von Kreidefleck, welcher der nächste zur Schwadron war, wurde bedeutend jugendlicher als sonst und zog sich ganz neue Sachen an, damit er noch ein bißchen frischer und jugendlicher aussähe; und der alte Graf, der an seiner Stelle Premierleutnant geworden wäre, fühlte immerwährend mit der Hand nach dem Epaulett, ob er den Stern noch nicht daran habe. Am Nachmittag erzählte die dicke Schlächterfrau allen Leuten, die vorbeigingen, die Rittmeisterin Schimmelmann sei bei ihr gewesen und habe einen Kalbsbraten für fünfundzwanzig Personen bestellt. Nun war ja die Geschichte richtig. In einigen Tagen kam die Beförderung heraus und dann wollte der neue Major Schimmelmann einen Schmaus zum besten geben. Der dicke Gastwirt und Offizierrestaurateur Strümpel freute sich natürlich auch schon; denn es gab doch jedenfalls ein Abschiedsessen für den zum Regimentskommandeur ernannten Etatsmäßigen ... und der Rittmeister von Kreidefleck gab gewiß auch etwas zum besten, denn als er heute mittag in die Küche gekommen war, um seine geplatzte Kartoffel aus dem Kessel zu nehmen, da hatte er der alten Mutter Strümpel auf die Schulter geklopft und gefragt, ob sie noch schöne Sardellenbutter machen könnte. Geröstete Semmel mit Sardellenbutter gab es nämlich regelmäßig bei feierlichen Gelegenheiten; ein Mißverstehen von seiten der alten Strümpeln war also eigentlich gar nicht möglich. Der alte Graf kratzte sich auch schon den Kopf und dachte darüber nach, ob er eine Bowle bei sich zu Hause geben sollte oder ob er bei Schleckmann die Geschichte abmachte... er wollte doch mal 'rangehen und mit ihm reden, was er wohl dazu meinte. Als er aber in der Weinstube anlangte, hatte er vergessen, was er eigentlich gewollt, und das ihm auch nicht wieder einfiel, ließ er sich ein Viertel Rotwein geben, wie es seine Gewohnheit war und setzte sich in die rechte Sofaecke, weil außer ihm kein Mensch sich im Lokal befand. Als er so eine Weile gesessen hatte, kam Pätel, der Bursche von Rittmeister Schimmelmann, gab Herrn Schleckmann einen Brief und rieb sich dann verlegen die Hände an den Hosen. Der Weinhändler erbrach das Schreiben und las. »Na, nun steht die Welt nicht mehr lange«, schmunzelte er dann. »Wieso?« erwachte der alte Graf aus seinem Traum. »Es ist gut; ich werde es morgen früh schicken«, nickte Herr Schleckmann dem Burschen zu; »meine beste Empfehlung an die Herrschaft.« Pätel gab sich erst einen Ruck, machte dann eine ungeschickte Schwenkung und polterte wieder hinaus. »Sagten Sie nicht vorhin etwas von Welt untergehen?« sagte der alte Graf. »Freilich«, leckte sich Schleckmann die Lippen; »denken Sie doch, der Rittmeister Schimmelmann bestellt zwölf Flaschen von meinem billigsten Bowlenwein, zwanzig Flaschen Rotwein, eine Flasche Rum und ein halbes Dutzend Pomeranzen.« »Na ja«, besann sich Schwülenberg; »das ist ja eben deswegen ... weil...« Hier unterbrach er sich und kratzte sich wieder den Kopf, als wenn ihm plötzlich etwas anderes eingefallen wäre. »Weswegen ist das?« fragte Schleckmann, nachdem er eine ganze Weile gewartet. »Na... weswegen ich hergekommen bin... es war mir nur wieder aus dem Sinn gegangen...« »Sollten Sie denn auch den Wein für den Herrn Rittmeister bestellen?« fragte Schleckmann verwundert. »Ach!« schüttelte Schwülenberg den Kopf; »Unsinn... ich wollte bloß wissen, was das wohl kosten könnte, wenn man nämlich den Wein von Ihnen nimmt...« »Hm«, machte Schleckmann; »das ist leicht zu berechnen...« Dann blickte er noch mal in den Brief, bewegte ein bißchen die Lippen und sah den alten Grafen, der seinerseits ebenfalls schon wieder in Gedanken vertieft war, an. »Acht Taler zwanzig Silbergroschen«, nickte er dann. »Wenn man ihn holen läßt?« fragte Schwülenberg, nachdem er sich erst wieder ein Weilchen besonnen. »Ja!« sagte Schleckmann. »Und wenn man ihn hier trinkt?« »Das ist ganz dasselbe.« Der alte Graf machte eine saure Miene und schüttelte eine ganze Zeitlang mit dem graumelierten Kopf. Dann bezahlte er endlich sein Viertel und ging fort. »Donnerwetter, ist das aber teuer«, brummelte er vor sich, als er draußen auf der Straße war; »acht Taler zwanzig Silbergroschen für eine Premierleutnants-Bowle... Gott soll mich bewahren... dann gebe ich Punsch... das kommt mir doch bedeutend billiger..« Am dritten Tage war die Geschichte noch toller. Die Fischfrau unten an der Hase hatte nämlich allen Vorübergehenden erzählt, die Rittmeisterin Schimmelmann habe vier große Schüsselhechte bei ihr bestellt, und zwar zu morgen abend. Morgen abend mußte also alles heraus, die Beförderungen und das Abendessen, aber noch immer waren keine Einladungen ergangen; wahrscheinlich sollten es bloß Herren sein, denn in so kurzer Zeit konnten sich doch die Damen keine Toilette besorgen. Aufregung, Hoffnung, Trostlosigkeit im wunderbaren Verein hatten sich der Gemüter bemächtigt, und es gab in ganz Hasenbalg kaum einen einzigen Menschen, der sich nicht mehr oder weniger für die Sache interessierte. Je näher der Zeitpunkt herankam, der alles offenbar machen sollte, desto inniger wurde die Freundlichkeit gegen die Beteiligten, den Etatmäßigen, den Rittmeister Schimmelmann, Premierleutnant von Kreidefleck und Sekondeleutnant Graf Schwülenberg, und namentlich der letztere wurde durch die allgemeine Teilnahme dermaßen gerührt, daß er wieder überlegte, ob es nicht doch besser sei, Weinbowle anstatt der Punschbowle zu geben. So verging der dritte Tag unter allgemeinster Aufregung. Am Morgen des vierten, als Nasewitz noch im Bett lag, kam Pittelko, der Bursche, herein und hatte etwas Weißes in der Hand. »Was willst du?« fragte der Offizier, ein bißchen ungehalten. »Der Bursche vom Herrn Rittmeister hat einen Brief für den Herrn Leutnant abgegeben«, sagte Pittelko. »Was!?« fuhr Nasewitz im Bett empor; »ein Brief vom Rittmeister Schimmelmann?« »Zu Befehl, Herr Leutnant.« Nasewitz begann das Herz zu klopfen und er befürchtete unwillkürlich etwas Schlimmes. »Ach Herrje!« dachte er; »da ist entschieden etwas vorgefallen... hm, hm... die ganze Zeit über war er so freundlich und liebenswürdig und nun mit einem Male ein Brief... also eine so wichtige Mitteilung, daß er sie nicht bis zum Appell verschieben konnte... sollten Padderows Gläubiger doch wieder ungeduldig geworden sein ... schnell, zieh' das Rouleaux auf, Pittelko!« Der Bursche tat, wie ihm geheißen, und Nasewitz erbrach den Brief und las mit gierigen Augen folgendes: »Der Rittmeister Schimmelmann und Frau beehren sich Herrn Leutnant von Nasewitz heute abend sieben Uhr zum Souper einzuladen.« Und dann darunter die Worte: »Denken Sie an unser Gespräch beim Grafen Plustra.« »Aha!« dachte der Leutnant, indem ihm bedeutend leichter ums Herz wurde; »an der Geschichte war also doch etwas Wahres... der Alte wird Major und gibt deshalb heute abend ein Freudenfest ...kann's ihm nicht verdenken; denn er hatte wohl kaum darauf gerechnet, die großen Epauletten zu bekommen... und dabei will er Padderow zeigen lassen, was er auf der Tuba gelernt hat... das ist wirklich zartfühlend von dem alten Mann... ich sage es ja immer, die meisten Menschen sind bedeutend besser als sie scheinen... denken Sie an unser Gespräch beim Grafen Plustra... natürlich denke ich daran... ich soll Padderow seine Absicht mitteilen, damit er sich vorher noch ein bißchen üben kann... das ist wirklich ein Herz wie ein Juwel... auf den Mann lasse ich nichts mehr kommen... der bleibt mein Freund fürs ganze Leben.« Dann stand er schnell auf, trank Kaffee, zog sich an und ging zu seinem Freund Padderow hinüber. Als er in das große, kahle Zimmer trat, saß der dicke Offizier auf dem Sofa und hatte einen Brief in der Hand, während Polko sich vis-à-vis von seinem Herrn postiert hatte und die Adresse des Schreibens zu studieren schien. »Guten morgen, erlauchter Herr!« grüßte Nasewitz freundlich. »Guten morgen, edler Recke!« »Was habt Ihr denn da für einen Brief... hat die Tante Geld geschickt?« »Das letztere wäre mir allerdings lieber gewesen«, entgegnete der Dicke; »da... lest.« Nasewitz nahm den Brief, welcher dieselbe Einladung enthielt, wie er selbst sie bekommen, doch ohne die bekannten Schlußworte. »Was sagt Ihr dazu?« fragte Padderow. »Ich war darauf vorbereitet... ich bin ebenfalls eingeladen.« »Plagt denn aber den Alten der Teufel... wie kommt er eigentlich dazu?« »Sehr einfach... die Geschichte ist wahr mit seiner Beförderung... deshalb gibt er ein kleines Zauberfest!« »Meint Ihr wirklich... das ist ja ganz interessant, wie? - Da wird man sich amüsieren.« »Nun natürlich... ausgezeichnet... und Ihr werdet das Eurige zum allgemeinen Vergnügen beitragen.« »Der Padderower läßt überall seinen Geist glänzen, wohin er kommt«, strich der kleine Offizier seinen häßlichen Schnurrbart. »Na... diesmal sollt Ihr nun weniger durch Euren Geist glänzen, als durch Eure Kunst.« »Wie meint Ihr das, würdiger Schwertbruder?« »Ihr sollt Euch auf Eurem Instrument hören lassen.« »Macht keinen Unsinn, Nasewitzer.« »Fällt mir gar nicht ein... ich sprach niemals ernster in meinem ganzen Leben... neulich auf dem Frühstück hat es mir der Alte gesagt.« » Was hat er Euch gesagt?« wurde Padderow etwas unruhig. »Er hat Euch doch veranlaßt, die Tuba zu lernen... weshalb er es getan, wer kann das wissen... er ist ein Musikfreund, und da Ihr allem, was Ihr tut und vornehmt, eine eigentümliche Grazie und Genialität einhaucht, so hatte er gedacht, daß Ihr auch seinem Lieblingsinstrument, der Baßtuba, die ganze Poesie Eurer Seele mitteilen würdet.« »Meint Ihr das wirklich, Burggesessener von Knelling?« fragte Padderow, halb geschmeichelt, halb zweifelhaft. »Es ist meine feste, unumstößliche Ansicht.« Der dicke Offizier wribbelte wieder an seinem Schnurrbart herum. »Und bei Plustra hat er Euch davon gesprochen?« » Wie ich Euch sage... er hält Euch für einen Meister auf Eurem Instrument... er meinte, nun solltet Ihr einmal zeigen, was Ihr gelernt hättet... wenn er sich gar nicht um Eure Fortschritte bekümmert hätte, würde er Euch doch ohne Zweifel tief verletzt haben... anstatt dessen gibt er Euch Gelegenheit, vor einer glänzenden Gesellschaft Kunstverständiger zu blasen und Eure seltene Fertigkeit in hellstem Glänze zu zeigen... ist das nicht reizend von ihm?« Padderow sah Nasewitz an, als wenn er ihm nicht ganz traute. »Was ich Euch eben gesagt, ist die lautere Wahrheit«, legte der letztere die rechte Hand beteuernd aufs Herz. »Woher weiß er denn aber, daß ich... ein Meister bin?« »Wahrscheinlich hat er Euch phantasieren hören, wenn er hier vorbeiritt nach der Bahn.« Der dicke, eitle Mensch schmunzelte, weil er wirklich anfing, zu glauben. »Genierlich ist die Geschichte aber doch«, sagte er dann. »Weshalb?« warf Nasewitz mit wunderbarer Natürlichkeit hin; »ja, wenn Ihr ganz allein etwas vortrügt... aber so...« »Was?« fragte Padderow... »was soll denn das nun schon wieder heißen?« »Nun, es versteht sich doch ganz von selbst, daß Ihr Fräulein Alphonsine zum Klavier begleitet... das wäre ja eine schreckliche Unhöflichkeit, wenn Ihr das unterlassen wolltet...« Padderow schien eine gewisse Unbehaglichkeit zu empfinden. »Wißt Ihr, das geht nicht«, sagte er dann kleinlaut. »Weshalb soll das nicht gehen?« »Ach... Ihr wißt doch, daß ich immer nicht ordentlich Takt halten kann.« »Darüber laßt Euch keine grauen Haare wachsen«, klopfte ihm Nasewitz auf die fette Schulter; »der Fall ist bereits vorhergesehen ... wollt Ihr wissen, was der Alte zu mir gesagt hat? Was frage ich nach dem Takt... wenn nur er 'nen guten Ton hat.« »Knellinger... Witze macht Ihr doch nicht mit mir... was?« »Ich schwöre Euch, daß das seine eigenen Worte sind.« »Wahrscheinlich kann die Alphonsine auch nicht Takt halten«, meinte Padderow. »Sehr leicht möglich.« »Und darauf kommt es auch eigentlich gar nicht an... wie?« »I, Gott bewahre!« »Wenn nur die Melodie richtig ist.« »Nun natürlich.« »Und... einen guten Ton habe ich, meint Ihr... was?« »Ganz wunderbar, großer Meister!« »Ja... als ich aber das Konzert unter Plustras Fenster gab... da dachte er doch... es wären... Hunde... gewesen...« »Ach... das war ja natürlich Spaß... wie könnt Ihr denn Plustra für so unmusikalisch halten... ein halber Italiener...« »Nu eben...« »Ihr fehlt also, daß absolut dabei nichts zu riskieren ist...« »Verlassen kann ich mich doch auf Euch, Nasewitz?« »Wie auf einen Felsen, edler Herr!« »Es würde entsetzlich werden, wenn Ihr Euch einen Scherz mit mir gemacht hättet.« »Padderow... wie könnt Ihr nur den Gedanken fassen...!« »Nein«, reichte ihm der andere die dicke Hand; »ich glaube und vertraue Euch... ich will mir die Sache überlegen.« »Bedenkt aber auch, daß der Rittmeister ausdrücklich den Wunsch ausgesprochen hat, Euch zu hören... ich fragte ihn, ob ich Euch denselben mitteilen sollte... er erwiderte mir aber, so ginge das nicht, es müßte doch alles seine Formen haben... er würde es schon selber einrichten... nicht wahr, wie zart und fein?« »Ich kann seiner Handlungsweise allerdings meine Anerkennung nicht versagen«, richtete sich der Stolz in dem dicken Leutnant wieder auf; »ich selbst würde nicht haben ritterlicher handeln können.« »Nun blast Euch ›Heil dir im Siegerkranz‹ noch ein paarmal durch«, sagte Nasewitz, »damit es heute abend recht glatt geht und Ihr nicht stecken bleibt.« »Ach, Unsinn«, saß Padderow nun schon wieder auf dem hohen Pferde; »in der Melodie bleibe ich nie stecken... die weiß ich auswendig... wenn ich nur die Töne alle herausbekomme.« »Darüber bin ich ganz außer Sorge«, meinte Nasewitz mit dem glaubwürdigsten Gesicht der Welt. »Es ist auch wahr«, beruhigte sich der dicke Leutnant; »und wenn einer wirklich nicht ansprechen sollte, dann tue ich so, als wenn ich pianissimo blasen wollte.« »Bravo!« rief Nasewitz; »durch dieses Nuancieren macht Ihr jedenfalls einen riesigen Eindruck!« Padderow stand auf und schien schon im Vorgefühl seines Sieges zu schwelgen. »Nun werde ich aber doch noch ein bißchen üben«, sagte er dann; »sicher ist sicher.« »Tut das, großer Meister... adieu... auf Wiedersehen bei Tische.« »Gehabt Euch wohl, treuer Dienstmanne!« – Als Nasewitz unten auf der Straße angelangt war, stand er einen Augenblick still und horchte. »Böh!« tonte es von oben herab; »buh... brumm!« »I... i... ih!« sang Polko dazu durch die Fistel. »Das wird ein reizender Abend werden«, lächelte Nasewitz vor sich hin. Als er eben über den Rinnstein wollte, kam Graf Schwülenberg des Weges daher und schien in tiefe Gedanken versunken. »Guten Morgen, Alter«, sagte Nasewitz. »Ach, du bist es... na, guten Morgen.« »Was Neues in der Zeitung?« »Ach ne, weißt du... da steht nämlich allerhand Zeug drin... und dann war da namentlich aus Frankreich wieder ... das ist doch 'ne tolle Geschichte...« »Na... was sagst du zu der Einladung?« »Hm«, machte Schwülenberg; »weißt du, ich will doch lieber Wein nehmen... das kostet zwar acht Taler zwanzig Silbergroschen... aber mit dem Punsch ist's doch nichts... wie?« »Wovon sprichst du denn eigentlich, alter Graf?« »Na, weißt du, wenn man Premierleutnant wird, dann muß man doch... das ist doch nun mal so Sitte...« »Ach... ich wollte ja wissen, ob du heute abend auch bei Schimmelmann eingeladen wärst!« »Nun natürlich... weshalb sagst du denn das nicht gleich... du bist immer so zerstreut, Nasewitz.« »Böh!« tonte es von oben; »buh... quack!« Der alte Graf sah sich ganz verwundert um. »Was ist denn das?« sagte er; »das sind wohl die Hammel beim Brauer Branz auf dem Hof?« »Qui... i... i.. k!« machte Polko. »Donnerwetter!« verzog Schwülenberg das Gesicht... »danach kriegt man Schmerzen in die Beine... na, adieu, Nasewitz, ich muß in die Bahn.« »Adieu, Alter!« Und damit ging jeder seines Weges. - - Im Hause des Rittmeisters Schimmelmann ging es am nämlichen Morgen wild her. Der Alte war, seiner Gewohnheit entgegen, gar nicht in die Bahn geritten, sondern stand mit Pätel in seinem kleinen Zimmer und machte die Bowle. Die Wein- und Rumflaschen hatte der Bursche, wie eine lange Linie Rekruten, an die Wand gestellt, auf dem runden Tisch prunkte eine weiße Porzellanterrine und daneben lag ein mächtiger Pfropfenzieher. »Na, was stehst du da und hältst Maulaffen feil«, fuhr der Rittmeister seinen dienstbaren Geist an; »die Flaschen aufgezogen... schnell!« Pätel bekam einen Ruck, ergriff dann den Korkzieher, klemmte eine Flasche nach der andern zwischen seine dicken Knie, machte ein energisches Gesicht und zog die Pfropfen heraus, daß es ordentlich knallte. »Fertig?« grunzte Schimmelmann. »Fertig, Herr Rittmeister!« »Wasser!« Pätel stolperte erst über seine eigenen Beine, dann die Hintertreppe hinunter und kam nach einigen Minuten mit dem überschwippenden Stalleimer zurück. »Was soll denn das heißen, Esel? - Kleiner Napf voll Wasser ... Löffel zum umrühren... Zucker... Pomeranzen... von der gnädigen Frau... schnell!« Pätel bekam ganz blaue Backen vor Aufregung und raste dann nach der Küche zu ab. Nach wenigen Minuten kam er mit dem Verlangten zurück und stellte alles auf den Tisch. »Der Zucker ist ja so großkörnig und feucht«, meinte Schimmelmann. »Die gnädige Frau sagte, ich sollte ihn nur vom Küchentisch nehmen«, antwortete Pätel. »Hm!« machte der Alte; »vom besten scheinen sie nicht gekauft zu haben... schad't auch nichts... wird wohl ebensogut süßen.« Damit schüttelte er eine ganze Portion in die Terrine, goß Wasser darauf und rührte, bis die weiße Masse sich so ziemlich aufgelöst hatte und einen gräulichen Schleim bildete; dann wurde der weiße Wein draufgegossen und schließlich machte sich der alte Schimmelmann ans Pomeranzenschälen. Dabei schimpfte und brummte er, daß es schrecklich war mitanzuhören; dessenungeachtet machte er aber auf Pätel keinen besonderen Eindruck, im Gegenteil, das dumme Gesicht grieflachte vor sich hin, und als Schimmelmann eine Pomeranze wütend an die Wand warf, daß es einen runden, dunklen Fleck gab, dann wagte er es sogar, leise darüber zu lachen. Der Alte sah ihn an, als wenn er ihn mit Haut und Haar verzehren wollte. »Was untersteht Er sich, Lümmel!?« brauste er auf; »worüber lacht er... was?« »Ach, Herr Rittmeister... lachen tue ich ja eigentlich gar nicht«, schüttelte der Bursche gutmütig den Kopf; »der Herr Rittmeister tun mir ja bloß leid...« »Himmelhund!« pruschte ihn der Alte an; »was fällt Ihm ein?« »Na ja«, sagte Pätel, der mit seinem Herrn schon Bescheid wußte; »weshalb quälen Sie sich denn mit die schlechten Appel ab ... die sind ja noch ganz grün und unreif.« Kaum hatte Pätel seine Rede geendet, als ihm eine Pomeranze an den Kopf flog. »Ich werde Ihn lehren, Witze machen, dummer Dorfteufel!« schrie Schimmelmann wütend; »raus! Hat Er seine Jacke schon anprobiert?« »Zu Befehlen, nein, Herr Rittmeister!« »Dann tu' er's... nehme er den Stalleimer wieder mit!« Der Bursche leistete dem Befehl Folge und verschwand mit dem Eimer. »Das ist eine verfluchte Wirtschaft«, nahm Schimmelmann seine mühsame Arbeit wieder auf; »die Augen tränen mir schon, daß ich kaum mehr unterscheiden kann, ob ich einen Laubfrosch in der Hand habe oder 'ne Pomeranze... dreimal habe ich mir schon in die Finger geschnitten... aber, was hilft's... das Glück eines Kindes ist ein kleines Opfer schon wert...« In diesem Moment glitschte ihm eine Pomeranze zwischen den Fingern weg und sprang in die schwippenvolle Bowle; daß der Wein hoch auf und dem Rittmeister auf den Leib spritzte. »Daß dich der Teufel!« fluchte Schimmelmann, die nasse Hand ableckend... »pfui, noch schmeckt das Zeug nicht ordentlich ... der Zucker hat noch nicht gesüßt... und dann sind ja auch die Pomeranzen noch nicht d'rin... ich komme übrigens mit den Dingern nicht zurecht... die Melusine oder ein anderes Frauenzimmer kann weiterschälen... die haben geschicktere Finger zu so etwas...« Damit warf er die Schalen, die er selber abgesäbelt, in die Bowle, suchte stöhnend die beiden fortgeworfenen Pomeranzen wieder auf, pustete den Sand ab und ließ sie nebst den anderen ebenfalls leise und vorsichtig in die kühle Flut des Weines gleiten. Mit dem Rest, der noch auf dem Teller lag, schlug er den Weg zur Küche ein, die sonst sein Fuß noch nie betreten hatte. Als er die Tür öffnete, stieß das Dienstmädchen einen gellenden Schrei aus, der gleich darauf von der Mutter und den vier Töchtern wiederholt wurde. Schimmelmann bekam einen Schreck und stutzte. »Donnerwetter, was schreit Ihr denn?« schalt er dann... »was ist denn los?« »Ja, was ist denn eigentlich los?« wandte sich die Mutter an das Dienstmädchen, von dem der erste Schrei ausgegangen. »Ach Gott, ach Gott, ich habe mich so furchtbar über den Herrn Rittmeister erschrocken«, ließ sich das Mädchen auf einen Schemel fallen... »der Herr Rittmeister ist noch nie in der Küche gewesen ... ich dachte, es wäre ein Gespenst!« »Ja, es ist aber auch wahr, Alter, was willst du eigentlich hier?« sagte die Mama, die ganz rot war vor Aufregung und Arbeit; »wir haben hier alle Hände voll zu tun und nun kommst du uns auch noch dazwischen. - Munter, Kinder, immer flink wieder an's Werk... hast du die Krebsschwänze schon ausgepellt, Melusine?« »Noch nicht ganz, Mama; aber ich bin bald fertig.« »Was machen deine Nasen, Cölestine?« »Ich stopfe, Mama.« »Alter, steh' nicht mitten in der Küche herum«, schob die rührige, kleine Frau ihren Gemahl beiseite; »setze dich wenigstens, wenn du durchaus zusehen willst, da ist ein Schemel am Fenster...« Während Schimmelmann mit seinem Pomeranzenteller sich rückwärts nach dem ihm angewiesenen Sitz dirigierte, suchte die tätige Hausfrau überall umher, als wenn sie etwas vermißte. »Wo ist denn nun das Salz wieder geblieben?« fragte sie; »ich muß die Kalbskeule einreiben... ich habe doch zwei Pfund holen lassen...« »Schock Schwerenot!« stieß Schimmelmann in diesem Moment einen fürchterlichen Fluch aus. Die sechs weiblichen Wesen sahen sich erschrocken um. Der alte Mann hatte sich in die Wasserschüssel mit den noch lebenden Hechten gesetzt, und diese waren dadurch auf die Erde gefallen und zappelten und schlugen mit den Schwänzen, daß die Frauenzimmer abermals laut aufkreischten. »Aber, Heinrich«, zog die Frau den alten steifen Menschen wieder auf; »wie kann man nur solche Geschichten machen... sieh 'mal, nun bist du ganz naß hinten... greife die Fische wieder, Dörte... was hast du aber auch hier zu suchen, Alter...?« »Ja, Ihr laßt mich ja gar nicht zu Worte kommen«, befühlte sich Schimmelmann; »ich wollte eines von den Mädchen bitten, daß sie mir die Pomeranzen abschälte... ich komme nicht damit zu Rande ... glaubst du, daß ich mir 'nen Scherben eingedrückt habe? - Das wär' 'ne verdammte Geschichte.« Die praktische Frau faßte schnell unter seine Rockschöße und stellte eine Untersuchung an. »Nein...« nickte sie ihm freundlich zu; »geh' in deine Stube und zieh' dir andere Höschen an. Damit nahm sie dem ganz still und perplex gewordenen Schimmelmann seinen Pomeranzenteller aus der Hand, stellte ihn auf den Tisch und schob den Herrn Gemahl sachte zur Küchentür hinaus. »Wie leicht hätte mich da ein Hecht beißen können«, brummte dieser, als er den Flur entlang nach seiner Stube tappste; »burr... das ist mir doch verdammt kalt... ich werde mich ein bißchen ins Bett legen.« »Na... hat niemand das Salz gefunden?« drehte sich die kleine Mama ein paarmal rundum. Alles verneinte. »Ja; dann hilft es nichts, Dörte; dann mußt du noch zwei Pfund holen... zum Suchen haben wir keine Zeit, und es ist noch so viel zu tun, daß ich gar nicht weiß, wie wir bis zum Abend fertig werden wollen.« Dörte nahm sich ein grobes Tuch um und lief zum Kaufmann. »Mama, ich bin fertig mit meinen Krebsschwänzen«, machte Melusine ein selbstzufriedenes Gesichtchen. »Stelle sie auf den Herd, Kind, und dann geh' nach vorn, wickele Papier unten um die Wachslichter und stecke sie auf die Leuchter.« »Schön... erst will ich mir aber die Hände waschen... pfui, die alten häßlichen Krebse.« Die Mutter warf einen zufriedenen Blick um sich, dann bekam sie plötzlich in einem Gefühl aufwallender Freude die Alphonsine beim Kopf und küßte sie, daß jener die Lippen wehtaten. »I!« wunderte sich Euphrosine; »die bekommt einen Kuß und rührt bloß Sauce an, und wir tun die schwere Arbeit und gehen leer aus.« »Du hast wohl keinen Zucker an die Preiselbeeren getan, Cölestine?« bekam die Mutter eine große blaue Düte in die Augen. »Gewiß, Mama, eine ganze Portion.« Die Rittmeisterin lief nach dem Küchentisch und kostete das Kompott. »Vollkommen süß genug«, sagte sie; »da muß die dumme Dörte wieder mehr Zucker geholt haben, als ich ihr aufgetragen; na, das schadet nichts, umkommen tut er nicht und gebraucht wird er immer ... heute kommt's überhaupt nicht so genau d'rauf an ... du gute einzige Alphonsine, du!« »Schon wieder?« wunderte sich nun auch Cölestine; »was hat denn Mama heute mit der vor?« »Da ist das Salz!« preschte Dörte in die Küche; »puh, bin ich gelaufen ... sind die Leute auf der Straße aber neugierig ... sie sehen einen an, als ob man ein Wundertier wäre.« Die Mutter schmunzelte und gab Alphonsine noch einen Kuß. »Nun schuppe die Hechte, Dörte«, trieb sie dann wieder zur Arbeit; »na, nun bist du ja auch mit deinen Nasen fertig, Cölestine; lege sie sauber um die Schüssel herum; den Salat tun wir nachher auf.« »Willst du wohl gleich stilliegen, Racker«, schuppte Dörte ihren ersten Hecht. In dieser Weise ging es den ganzen Tag, an Mittagessen war natürlich nicht zu denken, jeder nahm hier und da einen Bissen in den Mund, wie es gerade die Gelegenheit bot, nur der Rittmeister, der doch seine warme Kost gewöhnt war, bekam ein Mehlsüppchen und ein bißchen aufgeschwitzten Braten von gestern. Als der Abend dämmerte, höchstens eine Stunde vor dem Eintreffen der Gäste, war alles fertig; die lustigen Hechte lagen jetzt still und friedlich auf der Schüssel, die Krebse, die den Salat garnierten, machten noch im Tode freundliche Gesichter, die Bouillon wärmte sich an mildem Feuer, der Kalbsbraten brodelte leise auf dem Herd, die Pomeranzen waren alle abgeschält und schwammen mitsamt ihren Schalen auf der Oberfläche der Bowle, die Rotweinflaschen hatten sich hübsche blanke Mützen aufgesetzt, die Tassen standen auf dem Präsentierbrett, die Weingläser auch, und die kleinen Kuchen vom Konditor Schlichter lagen in graziöser Gruppierung auf kleinen Tellern mit bereits etwas abgewaschenem goldenen Rande. Nun ging es, Hals über Kopf, ans Toilettemachen. Pätel, der Bursche, quälte sich unten in seiner Kammer die viel zu enge Jacke an; der Rittmeister, der in soldatischer Pünktlichkeit schon lange fertig war, lehnte mit dem Rücken am Ofen in seiner Stube, weil er noch immer an den Folgen des unfreiwilligen Sitzbades laborierte. Dörre stand in der Küche und seifte sich die dicken, roten Arme ab, mit einem Eifer, als wenn sie ihre Treppen scheuerte, und die rührige Mama, die sich am meisten beeilt, lief von einer Tochter zur andern, drehte hier ein Löckchen um den linken Zeigefinger, steckte dort eine Schleife zurecht, hakte hier ein Kleid zu, und half dort ein leichtes, hohles Armbändchen einknipsen, bis glücklich alle vier Mädchen so hübsch vor ihr standen in ihren einfachen Anzügen, daß es eine wahre Freude war, sie anzuschauen. »Ihr seht reizend aus, Kinder«, gab die Mama jeder einen Kuß und Alphonsine zwei; »nun kommt, nun wollen wir vorn die Lichter anstecken ... wir haben höchstens noch eine Viertelstunde, bis sie kommen ... Melusine, geh' und rufe den Papa ... er soll sich aber vorher noch den Mund ausspülen, wenn er geraucht hat ... flink, Mädchen; nimm das Feuerzeug mit, Cölestine.« Zehn Minuten weiter und die vorderen Gemächer strahlten in einem Glanze, wie man ihn noch nie gesehen; die alten Möbel sahen auch ordentlich aus, als wenn sie sich geputzt hätten, eine angenehme Wärme floß durch den festlichen Raum und in jeder Ofenröhre dampfte ein rotes Räucherkerzchen und verbreitete einen schmeichelnd lieblichen Wohlgeruch. Na ... nun konnten sie ja kommen. 15. Das Zauberfest bei Rittmeister Schimmelmann Zehn Minuten vor sieben Uhr stand also die Familie Schimmelmann empfangsbereit in der vordersten Stube. Der Alte hatte seinen besten Leibrock mit furchtbar hohem Kragen und seine am wenigsten hellen Hosen an und sah so freundlich und glücklich aus, wie man ihn nur selten zu sehen bekam. Die Mutter trug ein schwarzes, etwas aus der Mode gekommenes Seidenkleid und bewegte sich in demselben so munter und fröhlich, als wenn sie heute ihre Hochzeit mit dem alten Brummbär feierte, und die vier Mädchen, alle gleich und einfach angezogen, machten eben dadurch den wohltuendsten Eindruck. Alphonsine sah etwas still und gedankenvoll aus, die anderen aber scherzten und kicherten miteinander und schienen ganz selig über das Zauberfest, dessen schönste Zierden sie selber bilden sollten. »Was trippelt Ihr denn immer 'rum?« wandte sich Schimmelmann zu seiner weiblichen Nachkommenschaft; »stellt Euch hübsch ordentlich in ein Glied, wie sich's gehört ... nach der Größe ... Alphonsine auf dem rechten Flügel ... Melusine auf dem linken ... nun ausgerichtet ... Köpfe in die Höhe ... Brust 'raus ....« »Aber, Alter, ich bitte dich .... « kopfschüttelte die Mama. »Und du, Auguste, als etatsmäßiger Major vor die Front«, bekam sie ihr Gemahl beim Wickel, nachdem er die anderen zurechtgestellt und ausgerichtet; »so ... hier bleibst du stehen ... das macht doch einen besseren Eindruck, als wenn alles wie Kraut und Rüben durcheinander läuft .... Melusine, willst du wohl gleich die Hände zurücknehmen ....« In demselben Moment tönte der erste Schlag der siebenten Stunde vom gelben Rathause, und eine Sekunde nachher trat mit übermilitärischer Pünktlichkeit der Premierleutnant von Kreidefleck ins Zimmer; denn Klingeln gab es damals noch nicht in Hasenbalg, und das Anmelden war nicht Sitte. Der Mama Schimmelmann begannen sofort die Augen im Kopf zu glänzen und sie betrachtete jede seiner Bewegungen, jeden seiner Blicke .... »Sollte er es sein ... diese Pünktlichkeit ... diese Ungeduld ...« Der Premierleutnant von Kreidefleck, der ein Gesicht machte wie ein altgewordener kleiner Junge, der sich auf ein Bilderbuch freut, begrüßte zuerst den ihm entgegengehenden Schimmelmann. »Gratuliere, Herr Rittmeister«, flüsterte er mit lieblichem Blick und warmem Händedruck. »Nanu!« dachte der Alte; »der kann doch unmöglich schon wissen....« »Mein gnädiges Frauchen«, wandte sich Kreidefleck nun an die als etatsmäßiger Major fungierende Wirtin; »ich bin so glücklich, so ... « »Er ist es«, dachte die Mama, indem sie einen tiefen Knix machte. »Ich nehme so innigen Anteil an dem frohen Ereignis«, süßlächelte der Premierleutnant weiter....« »Anteil nimmt er... er ist es nicht«, machte die Hausfrau eine weniger tiefe Verbeugung; »aber, woher kann er denn erfahren haben? ... « »Meine lieben, gnädigen Fräuleinchens ... allerliebste Toilette ... und die niedlichen Löckchen, die das kleine Melusinchen hat...« dienerte der Premierleutnant die Front herunter. Der linke Flügelmann, durch die ihm zuteil gewordene Anrede beleidigt, warf den Kopf zurück und machte ein süßsäuerliches Gesichtchen. Der alte Schimmelmann hatte schmunzelnd die ganze Szene mitangesehen und sich hauptsächlich über seine Frau amüsiert. Da ging die Tür zum zweitenmal auf, und der Leutnant von Drenkenberg, mit der kleinen, blonden Perücke und dem großen Schnurrbart, trat ein. »Meinen besten Glückwunsch, Herr Rittmeister«, drückte er, den Alten begrüßend, die Hand und wandte sich dann sofort an die Wirtin. »Nanu... der auch?« wunderte sich Schimmelmann; »wie ist denn das aber nur möglich?« »Untertäniger Diener, gnädige Frau«, fuhr Drenkenberg fort; »das war ja, was man sagt, vorauszusehen... habe auch niemals daran gezweifelt... das ganze Offizierskorps war überzeugt davon... ganz gehorsamer Diener, meine verehrten Fräuleins...« Die vier Mädchen machten einen kalten Knix, weil sie den alten Schwätzer nicht leiden mochten. »Der ist es auch nicht... Gott sei Dank«, reflektierte die Mama; »der Mensch sieht aus wie 'ne Milchsuppe mit 'nem Schnurrbart... alle Welt scheint aber zu wissen, während ich selbst im Dunkeln tappe... das finde ich wirklich...« Damit warf sie ihrem noch immer schmunzelnden Gatten einen Blick zu, als wenn sie sagen wollte: »Warte nur, alter Ekel...« Drenkenberg erzählte den jungen Damen eben eine lange Geschichte, als der Oberst Hollprägel eintrat. Der Rittmeister ging ihm entgegen, als wenn er eine militärische Meldung machen wollte, die beiden Leutnants stellten sich sofort gerade und setzten Dienstgesichter auf, und selbst die Damen waren so vom soldatischen Geist durchhaucht, daß sie unwillkürlich die Schultern zurücknahmen und ernste, respektvolle Mienen machten. »Guten abend, lieber Schimmelmann«, reichte Hollprägel seinem Rittmeister die Hand; »ich erscheine mit Vergnügen auf Ihrem Zauberfest... schönen guten Abend, verehrte Frau...« »Der gratuliert nicht«, reflektierte Schimmelmann; »merkwürdig... ein Oberst soll doch eigentlich immer mehr wissen, als alle anderen... na, desto besser...« »Fräulein Alphonsine... seien Sie doch nicht so spröde... weshalb wollen Sie mir denn Ihre liebe Hand nicht reichen?« schäkerte Hollprägel, seiner Gewohnheit nach, mit dem rechten Flügelmann der schönen Linie. »Ich sinke in die Erde!« dachte die kleine Mama; »der Herr Oberst selbst ... auf den Gedanken wäre ich nicht gekommen ... und das dumme Mädchen ziert sich ...« Damit machte sie, hinter Hollprägel stehend, ihrer ältesten Tochter Zeichen, daß sie vernünftig sein solle. »Na, sehen Sie wohl, nun habe ich ja das Pätschchen«, streichelte es Hollprägel; »einem andern möchten Sie es natürlich lieber geben ... kann ich Ihnen nicht verdenken, liebes Kind ... aber wenn Sie einen Brautwerber brauchen ... dazu würden Sie mich wohl annehmen ... wie?« Alphonsine senkte die Augen und errötete. »Was soll denn das nun wieder bedeuten?« dachten die Schwestern. »Er ist es nicht selber, aber er scheint ihn zu kennen«, seufzte in schmerzlicher Enttäuschung die kleine Mama. »I, da schlage doch gleich der Teufel d'rein«, brummte Schimmelmann in Gedanken; »der Nasewitz muß geplaudert haben ... das ist ja ein ganz öffentliches Geheimnis.« Dann kam der Premierleutnant von Ströllpitz, der sich die grauen Haare wieder sehr glatt gekämmt hatte und, sowie er des Obersten ansichtig wurde, sein gewöhnliches, wütendes Dienstgesicht machte. Er stellte sich erst ganz gerade hin, bis Hollprägel ihm von weitem zunickte, dann drückte er Schimmelmann bedeutungsvoll, aber ohne zu sprechen, die Hand und verbeugte sich vor den Damen, die er aber, weil der Oberst bei ihnen stand, nicht anzureden wagte. Die kleine Mama wurde schon ungeduldig, weil der Rechte so lange auf sich warten ließ, und Alphonsine machte auch ein etwas schwermütiges Gesicht. Die nächsten waren der Justizrat Schölplin mit Frau und Tochter; er begrüßt alle mit knarrender Stimme und gesuchter Würde. Sie spielt die innig Freundschaftliche mit den Damen, und die kleine Ursula gibt den Mädchen die Hand und schlägt die Augen nieder, wenn ein Offizier sie anredet. Die Familie hat für die Mama Rittmeisterin nur sehr geringes Interesse, ebenso wie die nun folgenden Glutsteins. Verheiratete Männer waren der guten kleinen Frau heute vollständige Nullen; Staffage und Bewunderer des zu erwartenden Triumphes, weiter nichts. Nun kommen die beiden Fähnriche. Klötersdorf hat einen ganz roten Kopf vor Verlegenheit, und als der Oberst einen unwilligen Blick auf ihn wirft, den Ströllpitz und Kreidefleck pflichtschuldigst nachmachen, geht er unwillkürlich einen Schritt zurück und tritt Strammin auf den linken Fuß, daß dieser einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken kann. »Gott, der arme kleine Strammin«, denkt Cölestine; »er hat neulich so hübsch mit mir getanzt.« Klötersdorf macht einen Schritt seitwärts, dann stellen sich beide wie ein Paar Statuen an die Wand und machen Gesichter, als wenn sie in der Kirche wären und den Pastor sprechen hörten. Die beiden Doktoren sind auch geladen; der Rittmeister hat zwar eine Abneigung gegen sie; aber sie haben doch einmal Visite gemacht, und Melusine war ganz wütend geworden, als sie hörte, daß Doktor Klaubert ausgeschlossen werden sollte. Sie glaubte ihm dadurch eine kleine Genugtuung zu geben für die Kränkung, die ihm der Papa einmal zugefügt. Als die Herren eintreten, machen sie der Gesellschaft ein linkisches Gesamtkompliment und stellen sich als Gegenstück zu den beiden Fähnrichen an die andere Seite der Tür. Plinker und Rührbrägen kommen zusammen, machen keinen besonderen Eindruck und überzeugen die immer ungeduldiger werdende Mutter bald, daß keiner von ihnen der Rechte ist. Sie gratulieren beide dem Rittmeister. »Wo der Padderow nur bleibt!« wundert sich Schimmelmann; »gewiß ist er wieder zu blöde, und Nasewitz kann ihn nicht herbekommen... das ist überhaupt ein Mensch ohne Energie ... plaudert die Geschichte in der ganzen Stadt aus und verdirbt mir die Freude ... oder sollte man den Padderow da drüben haben stehen sehen? – Unmöglich wär's auch nicht ... na ... so viel ist gewiß, länger durften wir nicht warten, es war die höchste Zeit ... wenigstens scheinen sie alle mit der Partie zufrieden zu sein ... das ist doch auch etwas Angenehmes ...« Da geht die Tür auf und die beiden Freunde treten ein. Mama Auguste, die eine Zeitlang schon das Interesse verloren hatte, bekommt wieder Leben und heftet ihre Blicke fest auf die neuen Gäste, während Alphonsine eine leise Bewegung der Freude macht. Schimmelmann geht den beiden Offizieren entgegen und reicht Padderow mit großer Wärme die Hand. »Seien Sie mir herzlich willkommen«, sagte er; »ich freue mich aufrichtig, Sie bei mir zu sehen ... guten Abend, lieber Nasewitz.« »Der Herr Rittmeister sind zu gütig«, entgegnete der dicke Offizier mit sichtbarer Befangenheit, während Nasewitz die Begrüßung stumm erwidert. »Hm ... hm«, denkt Schimmelmann; »nach einem solchen Entgegenkommen von meiner Seite könnte er allerdings etwas weniger blöde sein ... man muß ihm noch ein bißchen Mut machen, sonst verunglückt am Ende heute abend die ganze Geschichte.« »Na, nur immer lustig!« klopft er Padderow auf die Schulter; »was man sich einmal vorgenommen hat, muß man auch ausführen ... frisch gewagt, ist halb gewonnen!« »Er hat den ganzen Vormittag geübt, Herr Rittmeister«, lächelt Nasewitz, um seinem Freunde zu helfen. »Nun sehen Sie mal an«, fragte sich der Alte; »wollen Sie's denn so lang machen? – Bündige Kürze ist immer das beste.« »Es dauert vielleicht zwei bis drei Minuten«, redet Nasewitz dazwischen. »Schwerenot!« denkt Schimmelmann; »das wird ja 'ne lange Rede werden ... na, mir kann's egal sein ...« »Werden Sie auch nicht stecken bleiben?« wendet er sich dann wieder laut an Padderow. »Ich denke nicht, Herr Rittmeister«, entgegnete der kleine Dicke; »wenn Ihr Fräulein Tochter mir nur ein bißchen behilflich ist ...« »Na, der macht sich's ja recht bequem«, denkt Schimmelmann; »sie soll ihm vielleicht weiterhelfen, wenn er stecken bleibt ... was zu toll ist, ist zu toll ...« »Sie wissen ... es ist wegen des Taktgefühls«, lächelt Nasewitz. »Ach so«, wird der Alte wieder freundlich ... »na, vor allen Dingen den richtigen Moment wahrgenommen und dann frei von der Leber weg ... haben Sie keine Angst, es wird schon gehen.« »Wenn der Herr Rittmeister und Fräulein Tochter mit meinen schwachen Leistungen zufrieden sein wollen«, lächelt Padderow mit schöner Bescheidenheit. Schimmelmann stutzt und macht ein verwundertes Gesicht. »Nanu!« denkt er; »der Mensch ist allerdings sehr ehrlich ... aber von so etwas spricht man doch eigentlich nicht ... na ... man muß die Menschen nehmen, wie sie sind ...« »Ohne Sorge, lieber Freund«, klopft er ihm dann noch einmal auf die Schulter; »ein Hundsfott macht's besser, als er kann.« »Was die nur da so lange miteinander zu tuscheln haben«, denkt die kleine Mama; »es ist unter allen Umständen Herr von Padderow ... hm ... ein anderer wäre mir eigentlich lieber gewesen.« Schimmelmann blickt sich mit einer gewissen Besorgnis um. »Merkwürdig«, denkt er; »erst gratulieren sie alle und nun ich fünf Minuten mich mit ihm unterhalte, nimmt kein Mensch Notiz davon.« Dann nickt er seinem kleinen Günstling noch einmal freundlich zu und geht dem gräflich Plustraschen Ehepaar entgegen, das eben eintritt. »Mehr Zuvorkommenheit kannst du nicht verlangen«, sagt Nasewitz, als der Rittmeister sich entfernt hat. »Es ist mir ja eben zu viel«, flüstert Padderow zurück; »vor all den Leuten kriege ich's gewiß und wahrhaftig nicht fertig.« »Unsinn!« ... wenn sie dir nur keiner draußen umstößt ...« »Ich habe sie ganz in eine dunkle Ecke gestellt, wo sie niemand sieht ...« »Hast du sie auch ordentlich blank putzen lassen?« »Gründling hat den ganzen Nachmittag daran gerieben ...« »Nun komm nur zu den Damen; die Frau Rittmeisterin sieht uns schon mit großen Augen an.« Damit traten sie zu der Wirtin heran und machten derselben ihr Kompliment, das mit der größten Freundlichkeit erwidert wurde. Dann wandte sich Padderow zu der kleinen Melusine, während Nasewitz mit Alphonsine sprach. Die Mama beobachtete verwundert beide Paare, was Schimmelmann nicht konnte, weil der Oberst ihn in ein Gespräch über das Packen des Mantelsacks verwickelt hatte. Der Leutnant von Schädell kam und begrüßte in seiner gewohnten, wortkargen Form, ohne recht bemerkt zu werden. Die rührige Wirtin begann schon ungeduldig zu werden, weil ihr noch zwei Gäste fehlten und sie doch nicht gern vor deren Ankunft die Bouillon herumreichen lassen wollte, als der lange blasierte Sponeck, eine halbe Stunde zu spät, ins Zimmer trat. »Bitte um Entschuldigung, Herr Rittmeister«, sagte er mit seiner langweilig näselnden Stimme; »ich dachte, Sie hätten um acht geschrieben ... guten Abend, gnädige Frau ... glaubte eigentlich, ich würde zu früh kommen ... guten Abend, meine Damen ... wirklich sehr unangenehm ...« Dann stellte er sich in eine Fensternische und bekümmerte sich um weiter nichts. Einige Offiziere sahen schon verstohlen nach der Uhr, weil sie sich nach etwas Warmem sehnten, als endlich um dreiviertel vor acht der alte Graf Schwülenberg erschien. Er sah halb aufgeregt und halb verlegen aus, musterte erst die Gesellschaft eine ganze Weile mit den Blicken und suchte sich schließlich den Wirt heraus, der seinen Eintritt nicht bemerkt hatte. »Es ist wirklich 'ne tolle Geschichte«, begann er seine Entschuldigung; »ich dachte eigentlich, die Bowle wäre heute bei mir ... es steht alles auf meinem Tisch bereit ... aber ich warte und warte und niemand kommt ... da lese ich nochmal Ihren Brief und sehe ... ich muß das total verwechselt haben ... begreife gar nicht, wie so 'was möglich ist ... werde mir also ein andermal die Ehre ...« Dann kratzte er sich den Kopf und vergaß vollständig den Damen sein Kompliment zu machen. Als die Wirtin sah, daß sie auf keine Begrüßung von seiner Seite zu rechnen hatte, ging sie hinaus, um die Bouillon und den kleinen Kuchen zu bestellen. Es dauerte gar nicht lange, so erschien der dicke Pätel mit den Tassen auf dem Präsentierbrett, während Dörte, in kurzen Ärmeln, mit den Kuchentellern hinter ihm herging. Pätel machte eine unglückliche Figur. Die aus dem alten Leibrock des Rittmeisters geänderte Livreejacke war ihm viel zu eng, so daß er aussah, als wenn er gewürgt werden sollte, und dazu trug er ein paar weiße, leinene Hosen, die fortwährend das vergebene Bestreben zeigten, die Stiefelschäfte zu erreichen. Er ging, seiner Instruktion gemäß, zuerst zum Obersten, stellte sich ungeschickt und breitbeinig vor ihn und präsentierte ihm eine Tasse zur gefälligen Auswahl, während die dicke Dörte mit ihren Kuchen ein verschämtes Gesicht machte und mit ihrer weißen Schürze kokettierte. Hollprägel bedeutete dem Burschen mit einer galanten Handbewegung, daß er zuerst zur Gräfin Plustra gehen solle. Pätel wurde blau im Gesicht, weil er die Geste nicht verstand. »Zur Gräfin gehen!« raunte ihm der Oberst zu. »Wollen Sie auch keinen Kuchen?« fragte ihn die dicke Dörte, sie sind ganz frisch.« Hollprägel winkte ihr, daß sie dem Burschen folgen sollte, der nun die Gräfin Plustra herausgefunden hatte und ihr den Präsentierteller dicht an den Körper hielt. Die junge Frau nahm eine Tasse und rührte mit dem Löffel darin herum; aber Pätel blieb vor ihr stehen, als wenn er angewachsen wäre. »Es ist gut?« nickte sie ihm freundlich zu; »präsentieren Sie weiter.« Aber Pätel hob den blauen Kopf zu ihr empor, blickte sie mit den hervorquellenden Augen gutmütig an und sagte, als wenn er es ihr von Herzen gönnte: »Sie können sich noch eine nehmen ... der Herr Oberst schenkt Ihnen seine.« »Gehen Sie doch weiter, Sie machen ja Unsinn«, tuschelte ihm Dörte von hinten zu, worauf der Bursche weiter tapste und das Mädchen der Gräfin mit freundlichem Gesicht ihre Kuchen anbot. Die Frau Rittmeisterin verfolgte jede Bewegung mit aufmerksamen Blicken und sah dann auch zwischendurch immer einmal nach ihren Töchtern. Nasewitz sprach noch immer mit Alphonsine, Padderow hatte sich an Cölestine gewandt, und die kleine Melusine war durch einen geschickten Linksabmarsch in eine Stellung gekommen, in welcher der Doktor Klaubert es unmöglich unterlassen konnte, sie anzureden, was natürlich zu einem längeren Gespräch führte. »Na, das ist ja aber merkwürdig«, dachte die Frau Rittmeisterin; »erst spricht Padderow mit Melusine und dann mit Cölestine und um die Alphonsine kümmert er sich gar nicht ... sollte er wirklich so schüchtern sein ... aha ... nun redet er Euphrosine an ... er schlängelt sich so langsam näher ...« In diesem Moment machte Nasewitz der Alphonsine ein artiges Abschiedskompliment, was diese schmerzlich zu empfinden schien; denn sie erblaßte leicht und der bisherige Glanz in ihren dunklen Augen erlosch. Drenkenberg trat zu Euphrosine und fing an, ihr eine lange Jagdgeschichte zu erzählen; da dies aber Padderow nicht interessierte, so verabschiedete er sich und es blieb ihm nun nichts anderes übrig, als einige Worte mit Alphonsine zu wechseln, die wenige Schritte davon stand. Die älteste Tochter antwortete auf seine schwungvolle Anrede aber sehr kalt und einsilbig, so daß die Unterhaltung gar nicht fortwollte. »Nun ist er bei ihr!« freute sich die kleine Mama; »Gott sei gelobt; das hat ja eine Ewigkeit gedauert.« Es hatte nun jeder seine Tasse Bouillon bekommen, und die beiden Bediensteten gingen mit ihren leeren Servierbrettern hinaus. Die Unterhaltung war jetzt schon ziemlich lebendig. Die verheirateten Damen hatten die Sofaplätze eingenommen; einige Herren, unter denen natürlich der Premierleutnant von Kreidesteck, saßen in galanter Unterhaltung bei ihnen, die Schimmelmannschen Mädchen blieben in ihrer Bescheidenheit aufrecht, der alte Graf hatte sich in eine Ecke gesetzt und die Augen zugemacht. Der lange Sponeck schien seine ganze Umgebung vergessen zu haben und gähnte immer einmal über das andere, und die rührige Frau Wirtin ging hinaus, um Pätel zu sagen, daß er die Bowle einschenken und herumreichen und daß Dörte zuerst mit dem Fischsalat, dann mit dem Kalbsbraten und Preiselbeeren folgen sollte. »Gott, wie langweilig die beiden nebeneinander aussehen«, ärgerte sie sich, indem sie beim Zurückkommen einen Blick auf Padderow und ihre Alphonsine warf; »in dem Menschen ist ja gar kein Feuer ... ich möchte ihn immer ein bißchen kneifen, damit er lebendiger wird ... und das Mädchen sieht auch aus, als wenn sie einschlafen wollte ... Herr Gott, es kribbelt mir überall vor Ungeduld!« »Na ... da hat er sie ja vor«, schmunzelte der alte Schimmelmann, den der Oberst eben freigegeben hatte; »aber er scheint nicht recht in Zug zu kommen ... nun geht er richtig von ihr weg ... Himmeldonnerwetter, ist das ein schüchterner Joseph!« Jetzt erregte das Eintreten Pätels mit den schwippervoll geschenkten Weingläsern und Dörtes mit dem Fischsalat und einem Stapel kleiner Teller nebst Messern und Gabeln die allgemeine Aufmerksamkeit. Es ging beinahe ein Geräusch durch die Versammlung, als wenn im Theater der Vorhang aufgezogen wird. Aus der schlabbrigen Bouillon machte sich der Leutnant nicht viel; aber ein Glas gute Bowle, das läuft ihm angenehmer durch die ewig durstige Kehle. Als der Rittmeister Schimmelmann seinen Burschen eintreten sah und seine Augen über den Präsentierteller gleiten ließ, machte er plötzlich ein wütendes Gesicht. In einem der Gläser schwamm nämlich eine große abgeschälte Pomeranze, die man doch bekanntlich nicht einmal in der Bowle liegen läßt, geschweige denn mit in die Gläser füllt. »Verfluchter dämlicher Ruppsack!« trat Schimmelmann schnell zu seinem Pagen heran; »weshalb hat Er denn die Pomeranze in das Glas getan ... was sollen denn die Herren von mir denken!?« Der Bursche war im ersten Augenblick so verdutzt, daß ihm der Rede Sinn nicht ganz klar ward und er deshalb seinen Gebieter mit seinen immer weiter vorquellenden Augen fragend anklotzte. »Raus!« grunzte Schimmelmann, in der Absicht, der Bursche solle das Zimmer verlassen und in der Küche das Versehen wieder gutmachen. Pätel aber, in seiner schrecklichen Verwirrung, faßte die Sache anders und eiliger auf, indem er blitzschnell mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Pomeranze aus dem Glase fischte, sich einen Moment besann, wo er das Ding lassen solle, und es dann mit bewundernswerter Geistesgegenwart in der enormen Öffnung seines Mundes verschwinden ließ. Schimmelmanns Pockennarben wurden dunkelkarmesinrot und er warf einen ängstlichen Blick um sich, ob es jemand gesehen; aber zum Glück schien es wirklich niemand bemerkt zu haben. »Zuerst zur Gräfin Plustra, dann zum Herrn Obersten«, brummte der Rittmeister; »dummer Dorfteufel du!« Die junge Frau dankte für den Wein, obgleich es schöne süße Bowle war, nahm aber etwas von dem Fischsalat, über den sie der Wirtin sogleich ein Kompliment machte, das diese mit einem verbindlichen Lächeln hinnahm. Schimmelmann knickerte hinter Pätel her, um neue Dummheiten desselben womöglich schon im Keim zu ersticken. Der größte Teil der Gesellschaft hatte nun, in Erwartung von Speise und Trank, Platz genommen, wo es gerade war, um Teller und Glas neben oder vor sich hinzustellen. Der alte Hollprägel nahm ein Glas und fragte den Burschen, ob es reiner Wein oder Bowle sei. Dieser, der die große Pomeranze in der Höhlung seines Mundes verbarg, machte eine verzweifelte Anstrengung, um eine Antwort zu geben; aber er brachte es nur zu einem unverständlichen Ton ohne Mitwirkung der Zunge, ähnlich den peinlichen Kehltönen, wie sie die Taubstummen auszustoßen pflegen, wenn sie in großen Eifer geraten. »Oh!« machte der alte Hollprägel ein verwundertes Gesicht; »was ist denn das ... der Kerl spricht ja wie ein Bauchredner ... will Er mir wohl gleich ordentlich Bescheid sagen.« Pätel, dem der Angstschweiß schon vor der Stirn stand, warf mit einer verzweifelten Anstrengung die Pomeranze aus der Mundhöhle in die linke Backe, so daß diese plötzlich furchtbar dick anschwoll; dann bemühte er sich abermals zu antworten, aber es kam wiederum etwas heraus, das nur geringe Ähnlichkeit mit menschlichen Tönen hatte. »Gott geb' Gnade!« krähte Hollprägel; »was ist denn dem Kerl ... der wird doch nicht Krämpfe bekommen?« Der Rittmeister, der, hinter dem Burschen stehend, die ganze Szene mit angehört hatte, bekam schon Zittern in den nicht allzufesten Knien. »Will Er wohl gleich ordentlich sprechen, Himmelhund, verdammter!« pruschte er ihn von hinten an; »der Teufel soll auf Ihm spazierenreiten, Er Sackermenter, Er!« Pätel, zwischen zwei Feuer gebracht und in tödlicher Angst, ließ die Pomeranze, die er für einen Apfel hielt, aus der linken Backe wieder in die Mundhöhle gleiten, zerkaute sie in rasender Hast, würgte sie hinunter und riß dann den Mund auf, als wenn er Feuer gegessen hätte. »Der Kerl schneidet ja Gesichter wie ein Nußknacker«, heulte Hollprägel mit seinem hohen Organ; »kommen Sie her Rittmeister, lassen Sie uns jeder ein Glas nehmen, damit er weiter kommt, sonst beißt er mich am Ende noch.« Schimmelmann trat mit plötzlich freundlicher Miene hinter seinem Burschen hervor, ergriff nach seinem Kommandeur ein Glas und warf dann noch einen verstohlenen Wutblick auf Pätel, der ein Gesicht machte, als wenn der Esel Disteln gekaut hat. »Prost, Schimmelmann, stoßen Sie mit mir an, Ihre verehrte Frau Gemahlin soll leben!« hielt Hollprägel ihm das Glas hin. »Zu gütig, Herr Oberst«, ließ der Rittmeister das seine leis dagegenklingen. Dann nickten sich beide noch einmal zu und taten einen ziemlich tiefen Zug. Plötzlich setzten sie aber gleichzeitig die Gläser ab und sahen einander mit einem gewissen Entsetzen an. »Was ist das?« ermannte sich endlich Hollprägel zu einer Frage. Schimmelmann geriet in eine furchtbare Verlegenheit und wußte nicht, was er darauf erwidern sollte. »Das schmeckt ja wie Glaubersalz«, verzog der Kommandeur das Gesicht. »Ich begreife in der Tat nicht, Herr Oberst«, wurde Schimmelmann immer betretener. »Wer hat denn die Bowle eigentlich gemacht?« »Ich selbst, Herr Oberst, und ich kann in der Tat nicht verstehen ... wollen der Herr Oberst mir gütigst Ihr Glas erlauben ...« »Was wollen Sie denn damit machen ...« »Ich will es fortsetzen, Herr Oberst ...« »Ach so ... ich dachte, Sie wollten es austrinken ... sehen Sie mal nach, ob die anderen Herrschaften denselben Wein bekommen haben ... Donnerwetter, wenn einem danach nur nicht schlimm wird.« »Ich werde sofort die Sache untersuchen«, entfernte sich Schimmelmann, in jeder Hand ein halbvolles Glas tragend. Er hatte aber noch nicht die Ausgangstür erreicht, als ihm Graf Schwülenberg mit einer Leidensmiene und einem ebenfalls halbvollen Glase entgegentrat. »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Herr Rittmeister«, sagte er, weil er sich wieder einbildete, daß die Gesellschaft bei ihm wäre; »die Bowle ist gar nicht zu genießen ... ich begreife gar nicht, woher das kommen kann ... es muß 'ne Katze in der Stube gewesen sein ... »Kellner!« rief der lange Sponeck aus seiner Fensternische; »das Zeug ist gar nicht zu trinken ... bringen Sie mir ein anderes Glas Grog!« Die übrigen Herren hatten natürlich sämtlich den entsetzlichen Eindruck auf ihre Geschmacksnerven ebenfalls empfunden; aber ihr Staunen oder ihr Unwille hatte sich in weniger deutlicher Art geäußert. Die einen hatten schweigend und mit befremdeter Miene ihr Glas fortgesetzt, die anderen ironisch lächelnd den Mund verzogen, die dritten sich geschüttelt, als wenn der Tod sie berührt hätte mit seinem kalten Knochenfinger. Bloß als Melusine den kleinen Doktor Klaubert gefragt: »Mein Gott, schmeckt Ihnen der Wein nicht?« hatte dieser schnell noch einen Schluck genommen und ganz freundlich erwidert: »O, ganz ausgezeichnet, mein Fräulein.« Padderow hatte geäußert: so dächte er sich den Morgenkaffee der Verdammten in der Holle, und Nasewitz, der heute abend überhaupt bei brillanter Laune war, beobachtete mit seinem höhnischen Lächeln die verschiedenen Gesichter und hatte seine stille Freude über dieselben. »Ein reizender Abend«, dachte er; »er verbindet auf eine höchst wohltuende Art das Nützliche mit dem Angenehmen ... habe mich lange nicht so gut amüsiert ... und das Beste kommt nun erst, wenn Padderow sein Konzert auf der Baßtuba pustet ... der Fischsalat ist gar nicht so übel ... er bringt einem den verdammten Bowlengeschmack aus dem Munde.« - »Heinrich, ich bitte dich um Gottes willen, was ist geschehen«, sagte die Frau Rittmeisterin mit atemloser Stimme zu ihrem Gemahl; »die Bowle schmeckt ja furchtbar ... wie ist denn das Salz da hineingekommen?« »Ich habe 'reingemacht, was du mir geschickt hast«, entgegnete Schimmelmann, ebenfalls ganz verstört vor Aufregung; »der Pätel hat ja die Tüte selbst geholt ... wo ist denn der infame Hundsfott, der die Pomeranzen in die Gläser gefüllt hat? ...« »Hier, Herr Rittmeister«, meldete sich eine schwache, jämmerliche Stimme aus einer Ecke her. Die beiden Gatten sahen sich um, und da saß Pätel mit leichenblassem Gesicht auf dem Torfkasten, drückte sich mit beiden Händen die Magengegend und machte ab und zu den Mund auf, als wenn er eine recht häßliche Empfindung darin hätte. »Was hast du aus der Küche geholt, du Schwerenöter?« fuhr ihn Schimmelmann an. »Ich habe Zucker von der gnädigen Frau verlangt«, wiegte Pätel den Oberkörper hin und her; »und da hat die gnädige Frau gesagt, ich soll die blaue Tüte nehmen, die auf dem Tisch stände.« »Himmlischer Vater, das war ja Salz!« blickte die kleine Wirtin mit gefalteten Händen zum Himmel; »himmlischer Vater, das war ja Salz ... deshalb wunderte ich mich ja auch, wo es geblieben war ... und daß so wenig vom Zucker fehlte ... himmlischer Vater, das war Salz!« »Na ... das haben wir nun schon oft genug gehört«, brummte der Rittmeister; »deshalb fühlte es sich auch so grobkörnig und so feucht an ... da haben wir uns furchtbar blamiert, weißt du das? - Ich könnte rein aus der Haut fahren ... nun ist die ganze Stimmung verdorben ... der dicke Padderow hat so keine rechte Lust zum Anbeißen ... die Alphonsine ist kalt, wie ein Eiszapfen ... Himmelkreuzbombendonnerwetter und kein Ende!« »Ach was!« ging die kleine, rührige Frau plötzlich von der Verzweiflung wieder zur Heiterkeit über; »das kann vorkommen, dadurch muß man sich nicht die Laune verderben lassen; jetzt kommt es vor allen Dingen darauf an, die Mißstimmung zu verscheuchen und in eine freudige umzuwandeln ... spüle die Gläser aus, Dörte, schnell ...« Das dicke Mädchen machte sich flink an die Arbeit, und im Umsehen standen die Gläser wieder blink und blank da. »Nun den Rotwein eingeschenkt«, kommandierte die Hausfrau. Schimmelmann nahm stöhnend eine Flasche nach der andern von der Erde und goß, diesmal höchst eigenhändig, jedes Glas dreiviertel voll. »So, Pätel; nun nehmen Sie das Brett und gehen Sie in die Zimmer zurück; du, Dörte, folgst mit dem Kalbsbraten und den Preiselbeeren!« »Schon, gnädige Frau«, ging das dralle Mädchen sofort ans Werk; »Herr Rittmeister, stehen Sie mir doch nicht immer im Wege!« schuppste sie den Alten etwas unsanft beiseite. »Nanu! dämliches Frauenzimmer!« pruschte sie Schimmelmann an. Doch ehe er seine schmeichelhafte Anrede fortsetzen konnte, hatte ihn seine Frau beim Kopf und küßte ihn ab, daß ihm der Atem verging. »Ach, nun nicht mehr gebrummt, Alter«, sagte sie; »ein freundliches Gesicht aufgesetzt, die Sache von der heitern Seite genommen ... wirst du nun gleich mal lachen«, kitzelte sie ihm mit dem rechten Zeigefinger in die Rippen. »Aber, Auguste ... i ... Donnerwetter, was machst du denn ...« stemmte sich der Alte nach einer Weile ... »laß mich doch ... hahaha ... na ja ... ich bin ja schon lustig ...« »Na ... so ist's recht, so gefällst du mir wieder ...« streichelte ihm Auguste die bärtigen Backen; »nun gehe nach vorn und sei die Liebenswürdigkeit selbst.« »Schön, Herr Oberstwachtmeister!« scherzte Schimmelmann, und dann ging er schmunzelnd und ganz guter Laune zu seiner Gesellschaft zurück. »Na ... Pätel ... wird's bald ... aufgestanden ...« kommandierte die kleine Frau weiter. »Ich kann wirklich nicht«, stöhnte der Bursche mit einem Leichengesicht ... »wenn Sie wüßten, was ich für Leibschmerzen habe ... mit mir ist's aus ... ich erlebe den morgenden Tag nicht mehr ...« »Ach was ... schwibbel schwabbel«, wuchtete Dörte ihn, unter beide Arme fassend, empor; »so ... nun festgestanden ... nicht umgefallen ... will Er wohl ... da! Nun den Präsentierteller genommen ... so schön ... vorwärts ... nicht so wackeln ... sehen Sie, daß es geht ...« Mit diesen Worten hatte sie Pätel richtig in die vorderen Zimmer geschoben und folgte ihm nun schnell mit dem Kalbsbraten und den Preiselbeeren, während die Frau Rittmeisterin auf einem anderen Wege zur Gesellschaft zurückkehrte. Bei dem Eintritt Pätels mit rotem Getränk lief wieder das eigentümliche Geräusch einer gewissen Aufregung durch die festlichen Räume. Wirt und Wirtin erschöpften sich in Liebenswürdigkeit. Sie erzählten mit Humor die Geschichte, wie sie sich wirklich zugetragen, der alte Oberst lachte laut auf, die anderen folgten seinem Beispiel Und in weniger als einer Viertelstunde war die Gesellschaft heiterer, als sie es vorher gewesen. Wenn der Rotwein auch nicht vom besten war, so ließ er sich doch trinken, und seine zusammenziehende Herbe wirkte sehr wohltuend auf die durch das vorige Getränk tief beleidigten Geschmacksnerven. Kalbsbraten und Preiselbeeren mundeten außerdem so vortrefflich, daß man eine ganze Zeitlang nichts hörte als das Klappern der Messer und Gabeln. Pätel trug übrigens auch nicht wenig zur allgemeinen Belustigung bei. Der arme Mensch sah so blaß und leichenhaft aus, als wenn er gestorben und nun bei des Mondes Dämmerschein zurückgekommen wäre, die Nacht zu entstellen. Sein Gang war schwankend und unsicher, wie der eines Matrosen, der nach langer Seereise einmal wieder das feste Land betritt. Die bleiche Miene drückte das tiefste Leiden aus, und manchmal zog er, wie von schmerzlichem Krampf ergriffen, das rechte Bein zum Unterleib empor, wie ein Kranich, der am Hahnentritt leidet. Die dicke Dörte, die hinter ihm ging, lächelte fortwährend darüber und blickte dann mit einer gewissen Verschämtheit auf den saftigen Kalbsbraten, der lieblich zu ihr emporduftete. Den alten Schimmelmann hatte noch kein Mensch in so rosenfarbener Laune gesehen; der dicke, buschige Schnurrbart wackelte ihm fortwährend vor Vergnügen, und indem er von einem zum andern ging, richtete er sogar ein paar Worte an den kleinen Doktor Klaubert, der darüber so lustig wurde, daß er aussah, wie eine glaue Schwalbe, die eben ihre ersten Eier ausgebrütet. Die Herren wurden wärmer und schäkerten und lachten mit den Damen. Die kleine Ursula Schölplin errötete immer einmal über das andere, die drei jüngsten Töchter des Gastgebers amüsierten sich wundervoll, nur Alphonsine war ein bißchen still und nachdenklich geworden und warf manchmal einen verstohlenen Blick auf Nasewitz, der wie Mephistopheles in seiner Fensternische stand und das Treiben des kleinen Erdenvölkchens ironisch belächelte. Der dicke Padderow hatte wie gewöhnlich der Flasche tüchtig zugesprochen und sah so rot und glänzend aus, als wenn der Mond die Gesichtsrose bekommen hat; dabei plauderte und renommierte er, als hätte er die wichtige Aufgabe ganz vergessen, deren Erfüllung ihm heute abend noch oblag. Die einzigen beiden Gäste, die gänzlich von der allgemeinen Heiterkeit unberührt blieben, waren der lange Sponeck und der alte Graf. Ersterer schien an gar nichts zu denken, und letzterer hatte sich aus Versehen mehr Preiselbeeren als Kalbsbraten genommen und schien jetzt in Zweifel darüber, ob er den Braten zu den Beeren, oder die Beeren zum Braten essen sollte. Obgleich nun aber Wirt und Wirtin so rosenfarbene Laune angenommen hatten, so warfen sie doch von Zeit zu Zeit besorgte und ungeduldige Blicke auf den dicken, roten Padderow, der immer eine Prahlerei über die andere zutage förderte, und auf ihr ältestes Kind, das immer stiller und trauriger wurde. »Der Nasewitz mag sagen, was er will«, reflektierte Schimmelmann mit lächelnder Lippe und trübem Sinn; »aber schüchtern und verlegen sieht der doch nicht aus ... bei Damen mag er freilich anders sein ... die Hauptsache ist aber, er macht sich nicht ran' ... wenn er wenigstens eine Volte um sie herum beschriebe ... das zeigte doch eine Sehnsucht nach dem Zentrum ... aber nichts ... keinen Blick ... keine Wendung nach ihr ... wenn da nicht kräftig nachgeholfen wird, habe ich meine ganze teure Abendgesellschaft umsonst gegeben und dann stellt er sich wieder unters Fenster und verhimmelt, was gar keinen praktischen Nutzen hat ... wenn ich nur wüßte, wie ich ihm eine kleine Hilfe geben könnte, ohne daß es zu auffallend wäre ...« »Will uns denn Fräulein Alphonsinchen heute nichts vorspielen«, wandte sich Justizrätin Schölplin mit lieblichem Lächeln an die Hausfrau ... »sie hat einen so reizenden Vortrag ...« »Ach, ja, bitte«, drehte nun auch die Frau Assessor Glutstein mit dem aufgeputzten Kopf. »Ein hübsches Märschchen vielleicht«, lächelte das alte Gesicht des Premierleutnants von Kreiderfleck mit der Miene eines kleinen Knaben. »Alphonsine«, wandte sich die Mutter mit ziemlich lauter Stimme zu ihrem ältesten Kinde; »die Herrschaften möchten gern, daß du etwas spieltest ... willst du dich nicht ans Klavier setzen?« Das Mädchen gehorchte, öffnete das Instrument und suchte unter den Noten herum. »Aha! Nun kommt Musik«, flüsterte Drenkenberg dem dicken Ströllpitz zu; »jetzt wird wohl der Oberst die Beförderung bekanntgeben.« »Donnerwetter!« dachte Schimmelmann; »das war ein Fehler meiner Frau; wenn die Alphonsine erst ins Klimpern kommt, hört sie die ersten zwei Stunden nicht wieder auf ... das muß auf jeden Fall verhindert werden ...« Dann trat er, einen schnellen Entschluß fassend, von hinten an Padderow heran und legte ihm sanft seine Hand auf die Schulter. Der dicke Leutnant sah sich um, und als er den Rittmeister erkannte, erhob er sich von seinem Platz. »Wollen Sie nicht noch ein Glas Wein trinken, lieber Padderow?« lockte ihn Schimmelmann ein wenig beiseite. »Der Herr Rittmeister sind zu gütig«, lächelte der Offizier. Der Gastgeber winkte zum Schein den schlottrig-geisterhaften Pätel herbei, und beide nahmen ein Glas. »Auf Ihr Wohl, Herr Rittmeister!« tat Padderow einen tiefen Zug. »Aha!« dachte Schimmelmann; »das Feuer ist doch noch nicht erloschen ... er hat eben auf ihr Wohl getrunken ... jetzt muß die Flamme geschürt werden, ehe sie wieder schwächlich zusammensinkt.« »Ich danke«, stieß er dann noch einmal mit dem feisten Leutnant an ... »aber ... nun wäre es wohl eigentlich Zeit ...« Padderow, der sein ganzes Gesicht in süßem Wein ertränkt hatte, blickte ihn fragend an. Schimmelmann winkte mit dem Kopf nach Alphonsine hin. Der Offizier folgte seinen Blicken und sah das Mädchen am Instrument sitzen. »Gott steh mir bei!« fiel ihm mit einemmal sein ganzer blühender Mut in die Stiefel. »Aha!« dachte Schimmelmann; »das hat ihn gepackt ... er ist ganz blaß geworden ...« »Aha!« dachte Nasewitz in seiner Fensternische; »nun fängt es an ... das wird eine köstliche Komödie ...« »Die ganze Gesellschaft wartet und freut sich darauf«, tuschelte der Rittmeister, in seiner Weinlaune beinahe über die Grenzen der Schicklichkeit hinausgehend; »sie haben ja alle gemerkt, weshalb ich eigentlich die Gesellschaft gegeben, und gratulierten, in allerdings nicht ganz passender Weise, schon vorher ...« »Ich weiß«, sagte Padderow; »man erwartete heute abend die Bekanntmachung ... des freudigen Ereignisses ...« »Ganz recht«, nickte der Rittmeister; »wenn Sie das selbst aber wußten, begreife ich nicht, weshalb Sie so lange zögern, Ihren Anteil daran zu erfüllen ...« »Er hat die verfluchte Musikgeschichte richtig nicht vergessen, ich soll also eigentlich bloß blasen, um das Fest seiner Rangerhöhung zu verschönern ... allerdings werden zu den Hoffesten in Berlin auch gewöhnlich große Künstler herangezogen, um durch ihr Talent die Stimmung zu veredeln...« Alphonsine begann jetzt zu präludieren. »Sehen Sie ... da geht's schon los«, drängte Schimmelmann; »nun ist kein Augenblick Zeit zu verlieren.« Padderow holte tief und ängstlich Atem. »Sie meinen also wirklich, daß ich mit Ihrer Fräulein Tochter ...?« fragte er verzagt. »Nun natürlich!« nickte Schimmelmann. Padderow seufzte noch einmal. »Mut doch, junger Mann ... verständigen Sie sich mit ihr ...« »Wie Sie befehlen, Herr Rittmeister!« raffte sich der dicke Leutnant auf und schritt dann mit seinem unvergleichlich stolzen Anstande der noch immer präludierenden Alphonsine zu. »Gott sei gelobt!« pustete Schimmelmann erleichtert. »Na, endlich!« dachte die kleine Mama. Die ganze Gesellschaft saß in andächtigem Schweigen, hatte die Blicke auf die junge Pianistin gerichtet und wartete des Tonstückes, das sie vor ihren Ohren entfalten würde. »Mein Fräulein, dürfte ich Sie um eine Gunst bitten ...« hauchte Padderow jetzt über des Mädchens Schulter hinweg. »Nun legt er los!« schmunzelte Schimmelmann. »Er scheint es sehr zart zu machen«, zitterte die kleine Mama vor Aufregung. »Was will denn der Herr von Padderow?« dachten die anderen; »das paßt sich doch eigentlich nicht, in diesem Moment das Fräulein zu stören ...« Nasewitz war noch um einige Zoll länger geworden und bohrte förmlich seine Blicke auf die beiden Plaudernden. »Womit könnte ich dienen?« fragte Alphonsine, die Hände auf den Tasten ruhen lassend und den Kopf leicht zurückwendend. »Wenn Sie die Freundlichkeit haben wollten, ›Heil dir im Siegerkranz‹ zu spielen ...« lächelte Padderow beinahe wehmütig. »Heil dir im Siegerkranz?« wiederholte etwas erstaunt das Mädchen. »Oder haben Sie die Noten nicht dazu ...?« »Nein!« kopfschüttelte Alphonsine. Padderow schien nicht zu wissen, ob er sich darüber freuen sollte, oder nicht. »Aber ich kann es auswendig«, nickte das Mädchen. »Das ist schön ... ich auch ...« »Wollen Sie also die Freundlichkeit haben, es zu spielen ...« »Sehr gern, Herr von Padderow ...« Der dicke Offizier zögerte noch ein Weilchen. »Dann ist es wohl nicht durchaus notwendig, daß ich ... neben Ihnen stehe?« »Gott bewahre!« lächelte das Fräulein; »aus der Entfernung klingt es weit hübscher ...« »Vollkommen Ihrer Ansicht«, entgegnete Padderow mit sichtbarer Erleichterung; »namentlich bei einem so starken Instrument ...« »O ja; es hat einen recht kräftigen Ton«, stimmte Alphonsine bei. »Wenn Sie also die Gewogenheit haben wollten, noch zwei Minuten zu warten und dann anzufangen ...« »Wie Sie wünschen«, lächelte das Mädchen leicht verwundert. »Vielen Dank!« verbeugte sich Padderow mit ritterlichem Anstände. »Bitte sehr«, verneigte sich Alphonsine ebenfalls. »Er hat angehalten«, dachte Schimmelmann; »sie sind beide einig ... na, die Geschichte wäre also in Ordnung.« »Sie hat ihm das Jawort gegeben«, zitterte die kleine Mama am ganzen Leibe; »ich glaubte nicht, daß sich die Alphonsine so schnell entschließen würde ... na ... es ist um so besser ... wenn er ihr gefällt ... mir wäre freilich ein anderer lieber gewesen ...« »Er scheint sich mit ihr über den Takt oder das Tempo verständigt zu haben«, hätte Nasewitz beinahe losgeprutscht ... »nun holt er seine dicke Trompete ... das ist der glücklichste Abend meines Lebens!« »Na; nun wird's endlich anfangen«, dachten die anderen; »Herr von Padderow hat wahrscheinlich um seinen Lieblingsmarsch gebeten ... weshalb wartet denn aber Alphonsinchen noch immer?« »Na?« winkte Schimmelmann dem dicken Offizier, als er nahe an ihm vorüber wollte. »Alles in Ordnung!« nickte Padderow. »Sie hat also gleich eingewilligt!« »Mit der größten Liebenswürdigkeit.« »Na, sehen Sie wohl ... gratuliere.« »Danke sehr, Herr Rittmeister ...« »Bleiben Sie doch ... wo wollen Sie denn so eilig hin?« »Ich geniere mich so vor den vielen Leuten, Herr Rittmeister!« »Na; das ist aber die Möglichkeit ... und deshalb wollen Sie 'rausgehen?« »Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Rittmeister ... ich kann nicht anders ...« »Na, was ist denn da übel zu nehmen ... wenn Sie nicht anders können ... kommen Sie denn bald wieder?« »In wenigen Minuten bin ich wieder da.« »Sie müssen doch nachher die Glückwünsche der Gesellschaft entgegennehmen ... in Gemeinschaft mit meiner Tochter ...« »Oh ... Ihr Fräulein Tochter wird sie wohl mehr verdienen als ich.« Damit schritt Padderow mit seinem gewohnten ritterlichen Anstande aus dem Zimmer. »Hübsch? Bescheidenheit«, dachte Schimmelmann; »aber für einen Mann und Soldaten doch ein bißchen zu blöde ... na, das wird sich geben mit der Zeit ... muß erst 'rausgehen und sich abkühlen ... sich wieder sammeln ... Herrje!« »Na!« dachte die kleine Mama! »was ist denn das? – Sollte er die Trauringe schon draußen im Mantel haben? – Die Alphonsine kann gar nicht spielen, so aufgeregt ist sie.« »Nun wird's gleich losgehen«, dachte Nasewitz;»ich freue mich bloß auf den Moment, wenn er mit der dicken Flöte in die Stube kommt. »Wie?« wunderte sich Alphonsine; »erst bittet er mich um ›Heil dir im Siegerkranz‹, und dann geht er hinaus ... wie lange soll ich denn noch warten?« An den anderen bemerkte man leichte Zeichen von Ungeduld. »Ach ... ich fange an«, dachte Alphonsine; »ich habe es ihm versprochen, zu spielen, folglich spiele ich es ... wenn er fortgeht, ist es seine Schuld.« Dann griff sie wieder in die Tasten und ließ die einfache Melodie des preußischen Volkslieds ertönen. Der eine Teil der Zuhörer schien enttäuscht, der andere befriedigt. »Wo bleibt denn aber der Padderow?« dachte Nasewitz; »Alphonsine fängt an, und er ist noch gar nicht da ... vielleicht ist er erst nochmal 'runtergegangen ... der Mensch hat heute abend wieder furchtbar getrunken ... es ist aber doch ärgerlich ...« Alphonsine mochte vielleicht fünf oder sechs Takte gespielt haben, als die ganze Gesellschaft sich umsah und nach etwas zu horchen schien. »Lieber Schimmelmann«, sagte der alte Hollprägel; »ich glaube, da ist irgendwo eine Ofenklappe offen, und der Wind bläst herein ... das kann leicht Zug geben.« »I«, sagte der Rittmeister; »das habe ich doch sonst noch nicht bemerkt ...« »Es ist wieder recht windig draußen«, zierte sich die Justizrätin Schölplin ... »ich bin so empfindlich dagegen ... und Ursula hat auch so zarte Nerven ...« »Ah!« spitzte Nasewitz die Ohren; »das kommt mir ja so bekannt vor; er wird doch nicht etwa unter dem Fenster ... das wäre eigentlich eine geniale Idee ...« Das Geräusch des hörbaren Luftstromes ließ sich schon wieder vernehmen, diesmal aber etwas stärker als vorhin. »Es zieht hier aber wirklich furchtbar«, näselte der lange Sponeck; »da kann man sich den schönsten Rheumatismus holen.« Die Damen zogen unwillkürlich die Umhänge etwas höher auf die Schultern, und der alte Graf rieb sich gewohnheitsmäßig das linke Bein. »Er kann wieder das Embouché nicht finden«, überlegte Nasewitz; »die Lippen sind ihm schlaff vom vielen Trinken ... und die alte Brummaschine ist auch wahrscheinlich wieder kalt geworden ... dann spricht sie immer nicht an ...« Alphonsine spielte ruhig ihre Melodie weiter, ohne daß das verdächtige Geräusch sich wiederholt hätte. Mit einem Male klang ein merkwürdiger Ton durch das Zimmer, im Anfang stark und dann in einem so seinen kläglichen Winseln ersterbend, daß sämtliche Gäste sich erschrocken umsahen. Die Damen blickten in ihren Schoß, der Justizrat Schölplin nahm eine Prise, der alte Graf sah vorwurfsvoll den blasierten Sponeck an, die dicke Dörte, die wieder hinter Pätel ging, wurde verlegen, der Doktor Klaubert machte ein pfiffiges Gesicht, und der Premierleutnant von Ströllpitz, der sich für so etwas interessierte, schmunzelte wohlgefällig vor sich hin. »Hören Sie, liebster Schimmelmann«, sagte der alte Hollprägel mit gedämpfter Stimme und ernster Miene; »mit Ihrem Burschen scheint es doch nicht ganz richtig zu sein ... der Kerl ist ernstlich krank ... lassen Sie ihn lieber zu Bett gehen ... das gibt hier noch Ärgernis.« »Er verfluchter Jammerhahn«, schimpfte der Rittmeister; »will er gleich raus!« Pätel machte ein überaus klägliches Gesicht und verließ das Zimmer, während die dicke Dörte sich hinter ihm her schämte. »Nun hat er das Embouché gefunden«, freute sich Nasewitz; »es klang allerdings ein bißchen verdächtig; aber wenn er erst angefangen hatte, dann geht ihm der Ton nicht wieder aus ... das kenne ich aus Erfahrung ...« Alphonsine spielte ruhig ihre Melodie weiter, indem sie durch die Nähe des volltönenden Instrumentes und die Versenkung in ihre Gedanken die Unruhe und deren Ursache nicht beachtete. Kaum hatte Pätel die Tür hinter sich zugemacht, als ein furchtbar tiefer Baßton durch die Räume dröhnte. Alphonsine schrak an ihrem Piano zusammen und hörte auf zu spielen, die Damen kreischten laut auf und bedeckten die Augen mit ihren zarten Händchen; die Herren sprangen von ihren Stühlen empor; der alte Graf stieß mit dem Fuß nach dem blasierten Sponeck, dem alles egal zu sein schien, der kleine Doktor Klaubert freute sich über das ganze freundliche Gesicht, und der dicke Ströllpitz wurde immer vergnügter. »Bravo, Padderow!« sagte Nasewitz in Gedanken; »gut gebrüllt, Löwe!« »Hören Sie, liebster Schimmelmann«, wandte sich Hollprägel abermals an den verlegenen Wirt; »Ihr Bursche ist doch unschuldig daran ... das kam von der Flurtür her ... wo Herr von Padderow vorhin 'rausgegangen ist.« Ein siedendheißer Gedanke schoß dem Rittmeister durch den Kopf. »Herr des Himmels ... sollte sich der arme Mensch draußen das Leben genommen haben und im Verenden sein? – Bei einer so wahnsinnigen Liebe ist alles möglich ... und zeitweilig gestört war er ganz entschieden ... er hat das Übermaß seines Glückes nicht ertragen können ... das arme, arme Luder, das!« Ein neuer, leiserer, aber unendlich schauriger Ton klagte durch das Gemach. »Schon wieder!« sagte Hollprägel. »Meine Ahnung täuscht mich nicht«, stackerte Schimmelmann nach dem betreffenden Ausgang. »Was ist denn los?« »Ein Unglück!« Ein Teil der Herren drängte dem Rittmeister nach, der jetzt mit zitternder Hand die Tür aufriß. »Allmächtiger!« rief er; »Licht, Licht!« Sofort waren einige Offiziere mit Kerzen an seiner Seite. Welcher Anblick bot sich den erstaunten Blicken dar. Der dicke Padderow lag auf dem Rücken an der Erde, hatte die dicke Tuba mit beiden Armen umklammert, wie eine Mutter ihr Kind, und preßte das weite Mundstück an seine Lippen, als wenn er es küssen wollte, daß es vergehen sollt'. »Padderow!« tönte es leise von den erstaunten Lippen. Als der unglückliche Virtuos plötzlich so viele Augen auf sich gerichtet sah, arbeitete er sich im ersten Schreck unter der dicken Tuba hervor, stellte sich mühsam auf die Beine, lehnte sein Instrument wieder in die Ecke und machte dann ein furchtbar verlegenes Gesicht. Da niemand sprach, glaubte er einige Worte zu seiner Entschuldigung anführen zu müssen. »Nehmen Sie es nicht übel, Herr Rittmeister«, sagte er mit leiser Stimme und niedergeschlagenen Augen ... »im Stehen ging es wieder nicht ... da habe ich mich hingesetzt ... und bei dem tiefen h bin ich umgefallen ...« Ein Murmeln des Unwillens lief durch die ganze Versammlung. »Das ist 'ne kostbare Geschichte!« freute sich Nasewitz; »wenn ich bloß lachen könnte, wie ich wollte ... prutsch ... pru ... so habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht amüsiert ... den heutigen Tag streiche ich mir im Kalender an.« »Das ist aber doch ein etwas unpassender Spaß, Herr von Padderow«, sagte der alte Hollprägel ernst. »Verzeihen der Herr Oberst«, entschuldigte sich der dicke Leutnant; »ich wollte nur Fräulein Alphonsine begleiten.« Pause. – »Ich glaubte, dem Herrn Rittmeister ein Vergnügen damit zu machen«, fuhr Padderow mit einer verlegenen Gutmütigkeit fort. »Merkwürdige Idee!« schüttelte Hollprägel den Kopf. Der verunglückte Virtuos kehrte in den Gesellschaftsraum zurück; der Rittmeister Schimmelmann schoß wütende Blicke auf ihn und Nasewitz, ohne daß die beiden es gewahr wurden; die Geschichte mit den Brummtönen klärte sich in hingeworfenen Worten auf; die Damen hatten sich jedoch zu sehr geängstigt, um wieder in Stimmung kommen zu können, und so rüstete man sich, da es ohnehin schon spät war, bald zum Aufbruch. Oberst Hollprägel verabschiedete sich zuerst bei Wirt, Wirtin nebst Fräulein Töchtern, dann folgten die anderen seinem Beispiel. Als die Herren dem Rittmeister Schimmelmann die Hand drückten, machten sie aber nicht mehr solch' freundliches Gesicht wie bei der Begrüßung, sondern auf ihren Zügen lag eher der Ausdruck des Mitleids und Bedauerns. Nasewitz war noch der lustigste von allen; denn er hatte sich zu gut amüsiert, um die Nachwirkungen davon verbergen zu können; außerdem konnte er ja nach dem Stande seines Wissens der Angelegenheit keine tiefere Bedeutung beilegen. Zuerst sagte er der Wirtin ganz heiter Adieu, als er aber dann zu Alphonsine trat und dieselbe ihn so eigentümlich ernst und traurig anblickte, glaubte er einige tröstende und erheiternde Worte mit ihr sprechen zu müssen. »Nehmen Sie sich die Sache doch nicht so zu Herzen«, sagte er; »es tut mir leid, daß nichts daraus geworden ist ... guter Wille war genug vorhanden; aber sollte einmal nicht sein ...nun ist's freilich vorbei damit.« »O, mein Gott«, dachte das Mädchen; »er hat es sich vorgenommen; aber er hat es nicht vollbringen können ... bei näherem Anschauen nach langer Zeit bin ich ihm zu häßlich erschienen.« Dann verlor sie die Fassung und sank matt und kraftlos auf einen Stuhl. Nasewitz, der sich bereits zum Gehen gewandt, achtete nicht darauf, sondern suchte nach dem Rittmeister Schimmelmann. »Was ist dir denn, Kind?« trat die Mama, die den Abschied von Nasewitz nicht gesehen, nach einem Weilchen zu ihr; »das Übermaß der Freude überwältigt dich wohl. – Er hat doch um dich angehalten?« »Nein ... er hat es nicht!« schloß das Mädchen, bleich wie der Tod, die Augen. »Was ist denn der Alphonsine?« kam jetzt auch der Papa dazu; »sie hat sich wohl geärgert, wie ich?« Die Mutter antwortete nicht, sondern starrte dumpf vor sich hin. »Der Mensch ist vollständig verrückt«, fuhr der Rittmeister fort; »aber nun wird es hoffentlich bald ein Ende nehmen; denn nach der Hochzeit pflegen doch die Schrullen aufzuhören.« »Nach der Hochzeit?« zuckte die Mutter aus ihrer Reglosigkeit »wer spricht von Hochzeit!?« »Na ... da er angehalten hat ...« »Er hat nicht angehalten«, unterbrach ihn Frau Auguste, mit fast geisterhaftem Ton. »Er hat nicht angehalten?« wiederholte Schimmelmann, als wenn er nicht recht gehört. »Nein ... aber das Herz hat er ihr gebrochen ... da liegt sie.« Der Rittmeister sah eine Weile mit stierem Blick seine Tochter an, dann nahm er die Frau beiseite. »Du hast ihr doch nichts gesagt?« fragte er mit leiser Stimme. »Leider ... ich konnte es nicht so lange in mir verschließen.« »Unglückliche, da hast du nun die Folgen deiner Schwatzhaftigkeit ... hättest du gehalten, was du versprochen, dann wäre es nicht so weit gekommen.« Die Mutter zuckte in dumpfer Ergebung die Achseln und antwortete nicht. »Jetzt müssen wir aber unsere Rolle beibehalten«, fuhr Schimmelmann fort; »kein weiteres Wort mehr darüber zu Alphonsine ... klagt sie nicht selber, rufe nicht ihre Klage hervor durch schmerzende Mitleidsäußerungen ... gönne der frischen Wunde Ruhe zum Vernarben... ich hatte gewollt, daß die Sache Geheimnis bleiben sollte, deshalb ist stilles Hinweggehen darüber am besten ... gib mir jetzt dein Wort, nicht mit ihr davon zu sprechen.« Mutter Auguste reichte ihm die Hand. »Diesmal wirst du es halten; nicht wahr?« »Ganz bestimmt.« »Das ganze Ergebnis ist nun, daß wir uns lächerlich gemacht haben«, wurde Schimmelmann plötzlich zornesrot; »sie gratulierten ja schon alle, wie sie kamen ... ich weiß zwar nicht, wie sie es erfahren haben können ... es müßte denn sein, daß Herr von Nasewitz geplaudert hätte ... o, dieser Nasewitz ... der ist schuld an dem ganzen Unglück, das über unser Haus gekommen ... wie schön konnte dieser Abend werden ... und nun anstatt der Freude... Verhöhnung ... Spott ... Mitleid... o, dieser Nasewitz ... ich könnte ihn ermorden.« Alphonsine, die bisher ganz teilnahmslos gesessen, zuckte bei den letzten Worten schmerzlich zusammen, jedoch ohne daß die Eltern es bemerkten. »Vielleicht wird es noch gut«, flüsterte die Mama zu ihrem Gatten. »Nein!« schüttelte dieser wild den schwarzen Kopf. »Vielleicht kommt er wieder!« lächelte Auguste schwach. »Nein!« ballte der Alte zornig die Faust; »der bekommt meine Tochter nie ... ich lasse mich und meine Familie nicht zum Narren halten ... o, dieser teuflische Nasewitz!« Es traten jetzt einige Personen heran, die sich empfehlen wollten, und der Wirt geleitete sie höflich zur Tür, während die Mama bei Alphonsine blieb und auch Cölestine hinzukam. »Empfehle mich ganz gehorsamst, Herr Rittmeister«, trat jetzt Nasewitz mit lieblichem Lächeln zu ihm heran; »Sie haben wirklich ein wundervolles Fest gegeben ... habe mich in meinem ganzen Leben nicht so amüsiert.« Schimmelmann blickte den scheinbaren Spötter so wütend an, daß sich ihm die Haare auf dem Kopf sträubten. »Die Sache ist allerdings ein bißchen verunglückt«, scherzte der lange Leutnant weiter; aber das tut nichts.« »Herr!« knirschte Schimmelmann mit den Zähnen. »Sie sind nicht zusammengekommen ... aber wir haben doch unsern Spaß gehabt, wie?« »Herr!!!« »An seinem guten Willen hat es nicht gelegen; darauf können Sie sich verlassen, Herr Rittmeister ...« »So?« glühte dieser vor Wut; »er hat ja gar nicht mal' angehalten!« Nasewitz schien nicht recht verstanden zu haben. »Wie?« fragte er; »angehalten?« »Nun natürlich!« »Ja ... wie sollte er denn darauf gekommen sein?« »Haben Sie mir das etwa nicht selbst gesagt?« »Ich, Herr Rittmeister ... das ist mir ja gar nicht eingefallen ...« »Herr, Sie sind ... da sehen Sie hin ... da liegt sie ...« »Wer liegt da?« »Die Alphonsine ...!« »Aber weshalb liegt sie da? ich begreife nicht ...« »Weil er ihr das Herz gebrochen hat!« zischte Schimmelmann, »und weil Sie die Hauptschuld dabei haben!« »Empfehle mich ganz gehorsamst, mein Herr Rittmeister«, kam der Justizrat Schölplin mit seiner näselnden Stimme dazwischen; »wünsche wohl zu schlafen.« Nasewitz benutzte die Gelegenheit, um sich zur Tür hinauszudrücken. »Heilige Mutter Gottes, was habe ich da angerichtet«, brach ihm schon auf der Treppe der kalte Angstschweiß aus; »ich denke, er hat sich die Heiratsgeschichte aus dem Kopf geschlagen und will bloß den Padderow blasen hören ... und nun bildet er sich plötzlich wieder ein, er habe um die Alphonsine anhalten wollen ... aber mit welcher Berechtigung denn, zum Teufel? – Die Gedanken kommen mir alle durcheinander ... ich soll die Hauptschuld daran haben? – Ich hätte ihm gesagt, Padderow wolle heute um Alphonsine anhalten ... im Gegenteil, er hat mir gesagt, er wolle den Padderower blasen hören ... das ist ein schauderhaftes Mißverständnis ... wie kann man das aber aufklären? – Wenn ich dem Alten die volle Wahrheit sage, entzieht er Padderow gänzlich sein Interesse, und mich hält er für einen der schwärzesten Intriganten, den je die Erde getragen ... ich komme dadurch in eine Lage, die mich unmöglich macht beim Regiment ... das hat man davon, wenn man seinen Freunden gefällig sein will ... Himmeldonner... und das nannte ich vorhin den glücklichsten Abend meines Lebens ... Schockschwe... mir wird mit einem Male furchtbar unwohl ... aufklären darf ich also den alten Schimmelmann nicht ... doch was sonst tun ... die furchtbare Tatsache ist nicht wegzuleugnen ... der Alphonsine ist das Herz gebrochen ... sie haben ihr natürlich vorher etwas gesagt ... das kommt von der verdammten Schwatzhaftigkeit ... wo ist denn eigentlich der Padderow geblieben mit seiner unglücklichen Trompete ... halt ... da kommt mir ein Gedanke ... i, natürlich ... das ist ja das Allereinfachste ... auf diese Weise wird das ganze Unglück gehoben ... ich will gleich zu ihm gehen und mit ihm sprechen ... die Sache ist so gut wie abgemacht.« – – – Im Hause des alten Schimmelmann erloschen allmählich die Lichter, und die Familie begab sich still zu Bett. Pätel wimmerte die ganze Nacht; Dörte wusch noch bis nach Mitternacht das Geschirr ab. Schimmelmann hatte fortwährend die Fäuste so fest zusammengeballt, daß er sich anfangs gar nicht ausziehen konnte; die Mama weinte ihr weißes Kissen naß, und die drei Schwestern konnten gar nicht begreifen, weshalb Alphonsine in Ohnmacht gefallen sei. – Als die Gäste gruppenweis nach Hause gingen, lachte man noch über den schlechten Witz von Padderow und tadelte ihn auch zugleich. Und nun war ja der alte Schimmelmann doch nicht Major geworden ... hm ... sollte sich der Brigadeadjutant geirrt haben ... oder sollte sonst ein Irrtum vorgefallen sein? – Der arme Mann ... es ist schade ... es ist wirklich schade ... – Als Nasewitz in Padderows Stube stürmte, saß dieser auf dem Sofa und hielt das Gesicht in eine vor ihm auf dem Tisch stehende Schüssel voll Wasser. »Guten Abend!« sagte Nasewitz in bedeutender Aufregung. »Blubber ... blubber!« machte Padderow, ohne das Gesicht aus dem Wasser zu nehmen. »Weshalb trinkt Ihr denn nicht aus dem Glase, wenn Ihr durstig seid?« fragte der andere. »Blubber ... blubber!« »Wollt Ihr gefälligst den Unsinn jetzt sein lassen ... ich habe Wichtiges mit Euch zu reden.« »Blumm!« »Ihr kühlt Euch wohl die Nase?« redete der lange Offizier weiter; »sie glühte Euch heute abend wieder wie eine Kohle.« »Blub ... blub!« »Ihr könnt Euch nachher weiter baden«, zog Nasewitz ihm die Schüssel weg; »erst aber sprecht mit mir; denn es ist die größte Gefahr im Verzuge.« Padderow hob den Kopf empor, aus dessen Haar und Bartwuchs das klare Wasser herniedertroff, wie von dem Haupt eines Tritonen, und blickte den späten Eindringling unwillig an. »Was wollt Ihr eigentlich hier bei nachtschlafender Zeit?« fragte er, indem er sich schüttelte wie ein nasser Pudel; »und weshalb sagt Ihr mir lauter Grobheiten?« »Wieso?« fragte Nasewitz. »Wie kommt Ihr darauf, die Behauptung aufzustellen, daß ich mir die Nase kühle? – Die Lippen kühle ich mir, weil ich sie mir wund geblasen habe ... gebt mir 'mal die Schüssel wieder her und dann macht, daß Ihr nach Hause kommt; ich habe heut' schon genug Unannehmlichkeiten gehabt und bedarf der Ruhe.« »Die bringe ich Euch eben, und mir dazu«, sagte der andere jetzt in einem milden, zum Herzen sprechenden Ton; »Padderow ... wollt Ihr Euch und mir einen großen Gefallen tun?« »Ihr wißt, daß die Gefälligkeit zu meinen schönsten Tugenden gehört.« »Padderow ... Ihr müßt die Alphonsine Schimmelmann heiraten.« Der dicke Offizier sah ihn mit einem ganz merkwürdigen Gesicht an. »Ihr müßt morgen vormittag schon um sie anhalten!« lächelte Nasewitz auf eine wirklich bestechende Art. »Ihr seid wohl verrückt geworden, Schloßgesessener zu Knelling«, sagte Padderow. »Nein ... im Gegenteil ... ich bin nie bei klarerem Verstande gewesen, deshalb wiederhole ich euch noch einmal: Ihr müßt Alphonsine heiraten, weil Ihr ihr das Herz gebrochen habt.« »Das Herz habe ich ihr gebrochen ...?« fragte der andere; »womit denn? – Ich kann ihr höchstens das Trommelfell gebrochen haben ... das alte Ding ging heute abend so stark. – Das kann man aber nie vorher berechnen ... namentlich das h sprach prachtvoll an ...« »Laßt jetzt Eure musikalischen Auseinandersetzungen«, unterbrach ihn Nasewitz; »ich werde Euch in Kürze einige aufklärende Mitteilungen machen, und nachdem Ihr dieselben ruhig angehört, gebe ich mich der vollsten Überzeugung hin, daß Ihr in ein gerechtes Verlangen willigen werdet.« »Na, da bin ich doch neugierig!« rubbelte sich Padderow den nassen Kopf ab. »Ich werde mich so klar und deutlich wie möglich ausdrücken.« »Dadurch würdet Ihr mich sehr verbinden ... Donnerwetter, 'nen Zahn habe ich mir auch lose geblasen.« »Ihr stecktet in Schulden bis über die Ohren; nicht wahr?« »Stecke ich noch,« verbesserte Padderow, das Beißwerkzeug hin- und herschiebend. »Wer versprach Euch zu retten?« »Ihr.« »Und damit die Sache glatt und ungehindert ginge, verschwieg ich Euch mein Mittel, das ich brauchte.« »Hm!« »Jetzt ist es über an der Zeit, Euch aufzuklären.« »Na, dann klärt nur zu.« »Um den Rittmeister Schimmelmann Euch günstig zu stimmen, um ihn Eure drängenden Gläubiger beruhigen zu lassen, erzählte ich ihm, Ihr wäret sterblich in seine älteste Tochter Alphonsine verliebt und ständet jede Nacht unter ihrem Fenster.« »Das war ein Verrat von Euch, Herr von Nasewitz, sagte Padderow mit zornsprühenden Augen. »Laßt mich ausreden; ich ging von dem Glauben aus, daß aus der Sache doch nichts werden... oder daß sie sich unter irgendeinem Vorwande von selbst erledigen lassen würde... dieser Glaube hat mich betrogen... Schimmelmann hat seiner Tochter von Eurer glühenden Liebe erzählt... das Mädchen hat sich die Geschichte zu Herzen genommen ... man hat heute abend, durch irgendein Mißverständnis geleitet, mit Bestimmtheit eine Erklärung von Euch erwartet... und da dieselbe nicht erfolgte... ist dem armen Mädchen das Herz gebrochen... ich habe sie selber liegen sehen ... bleich und kalt... es hat auch mir beinahe das Herz zerrissen; denn es ist ein gutes, vortreffliches Mädchen...« »Ihr habt mir ja aber gesagt, ich soll Musik machen«, stand Padderow in höchster Erregung auf; »Ihr habt mir gesagt, der Rittmeister wolle ein Duett von mir hören...« »Das ist eben das bis jetzt noch nicht aufgeklärte Mißverständnis«, entgegnete Nasewitz; »zu der von mir gemachten Äußerung war ich vollständig berechtigt. – So, nun wißt Ihr alles. – So stehen die Sachen. Ich habe Euch aus der Not helfen wollen; Ihr werdet mich nicht in der Patsche sitzen lassen; Ihr werdet mich nicht als Lügner und Intrigant an den Pranger der öffentlichen Meinung stellen... Ihr werdet nicht gegen Euer eigenes Fleisch wüten, indem Ihr dies tut... Ihr werdet nicht das Herz eines unglücklichen Mädchens brechen lassen, werdet nicht Unglück und Elend auf das trauernde, greise Elternpaar häufen, sondern werdet Vernunft annehmen, werdet den Regungen Eurer edlen, ritterlichen Seele folgen und die schone Alphonsine als eheliches Gespons zum Traualtare führen.« Padderow hatte während der langen Rede seine Ruhe und Fassung vollständig wiedergewonnen. »Hört jetzt meine Antwort, Edler von Nasewitz«, sagte er, stolz vor seinem Freunde stehen bleibend; »Ihr habt mich retten wollen... die Absicht war gut... aber sie verblaßt gänzlich von der Schändlichkeit der Ausführung. Ihr habt Euch eines niederträchtigen Mittels bedient, um mich zu retten, eines Mittels, das Euch den Stempel eines gewissenlosen Intriganten aufdrückt.« »Aber, Padderow...« »Still! Ich habe Euch ruhig ausreden lassen, gewährt mir dieselbe Gunst. Ich werde Euch weder verraten noch Lügen strafen ... das ist gegen meine mittelalterlichen Grundsätze...« »Ah!« lebte Nasewitz wieder auf. »Aber ich werde ebensowenig Fräulein Alphonsine Schimmelmann heiraten...« »Ist das vielleicht auch gegen Eure mittelalterlichen Grundsätze?« brauste der andere auf. »Durch schlechte Witze steigt Ihr nicht mehr in meiner Achtung«, entgegnete Padderow vornehm; »ich werde Fräulein Alphonsine Schimmelmann also nicht heiraten... weil ich mir gelobt habe, niemals ein Weib auf diese Weise zu beglücken... und ich werde mir keine Vorwürfe darüber machen; denn nicht ich habe ihr das Herz gebrochen, sondern Ihr ... nicht ich bringe Kummer und Elend über das greise Elternpaar, sondern Ihr ... nicht ich habe mir Gewissensbisse darüber zu machen, sondern Ihr .« »Aber, Padderow, ich bitte Euch um Gottes willen«, brach Nasewitz zum zweitenmal der Angstschweiß aus; »wenn Ihr mich auch nicht verratet, wenn Ihr auch über meinen Plan schweigt, so wird Schimmelmann mich doch immer zur Rechenschaft ziehen, weil ich die ganze Sache eingeleitet, so wird er Aufklärungen von mir verlangen, die ich ihm nicht geben kann! Ihr bringt mich ja an den Rand des Abgrundes, grausamer Ritter!« »Ihr habt Euch selbst dahin gebracht«, entgegnete Padderow kalt; »ich würde Euch aus dem Höllenschlunde holen und wenn mir Haar und Bart dabei versengen sollte; aber etwas Unmögliches kann ich Euch nicht bewilligen.« »Ist das Euer letztes Wort?« »Mein letztes Wort!« »So lebt denn wohl!« »Noch eins«, hielt ihn Padderow durch eine stolze Gebärde zurück; »Ihr habt mein Vertrauen mißbraucht, Herr von Nasewitz, Ihr habt Euch als einen falschen Freund gezeigt... Ihr habt ein frevelhaftes Spiel mit mir getrieben... Ihr habt mir eine Beleidigung zugefügt, die nur mit Blut getilgt werden kann.« »Ihr seid wohl toll geworden?« »Durchaus nicht... denn, übers Leben noch geht die Ehre!« zitierte Padderow aus Wallensteins Lager. »Macht doch keinen Unsinn, edler Recke!« »Ich werde Euch also morgen meinen Sekundanten schicken... Ihr, als der Geforderte, habt die Wahl der Waffen... vereinigt Euch mit ihm über Ort und Zeit... und damit Gott befohlen! – Gute Nacht!« »Hol' Euch der Teufel... wißt Ihr das!« brauste Nasewitz auf; »für Euch stippe ich keinen Finger mehr ins Wasser.« Damit verließ er das Zimmer, schlug die Tür hinter sich zu und eilte hinüber in seine Wohnung. »Der Mensch ist ja total verrückt geworden«, brummte er vor sich hin; »Donnerwetter, wie bringe ich mich aus der Patsche wieder heraus... da habe ich mir eine nette Pastete zusammengerührt... mit dem Duell, das ist ja Unsinn... eine von Padderows gewöhnlichen Großsprechereien... Herr des Himmels, was wird das morgen für eine Begegnung mit dem alten Schimmelmann werden?... und das arme Mädchen... und das arme Mädchen ... mein Gott, wer hätte das aber auch denken können!... Und das war der glücklichste Abend meines Lebens... das Schicksal vergilt mir meine Ironie. 16. Ein Doppelduell Am andern Morgen, als es noch dunkel war, klopfte es an Nasewitzens Schlafstubentür. Der lange Offizier wachte auf, legte sich auf die andere Seite und schloß dann wieder die Augen zum Weiterschlafen. Es klopfte noch einmal. »Donnerwetter!« fluchte Nasewitz in Gedanken; »was fällt denn dem Esel, dem Pittelko, ein... weshalb klopft er denn... mein Gott, bin ich noch müde.« Es pochte zum drittenmal. »Herein... ins Dreiteufelsnamen!« schrie der Offizier, ohne die Augen zu offnen. Die Tür ging auf, der alte Graf trat ein und suchte sich in dem dunklen Räume zu orientieren. »Weshalb klopfst du denn an, dummer Esel...was willst du überhaupt so früh?« fragte Nasewitz unwirsch. »Nanu... weshalb bist du denn gleich so grob?« entgegnete, etwas beleidigt, Graf Schwülenberg. Der andere richtete sich verwundert im Bett empor. »Du bist es, Alter?« sagt er; »wie kommst du denn so früh hierher?« »Ja; das ist 'ne tolle Geschichte«, machte Schwülenberg ihm die Sache klar; »da kam nämlich heute morgen um sechs... ich hatte gerade ein nasses Handtuch um die Waden gewickelt gegen meine verdammte Gicht...und da kam also, wie ich im besten Dampfe liege...« »Der Doktor?« half ihm Nasewitz, weil jener eine lange Pause eintreten ließ. »Ja, richtig... den Doktor soll ich auch noch bestellen...« kratzte sich der alte Graf den Kopf... »den kleinen Klaubert... weil der Mosse eigentlich ein boshafter Kerl ist...« »Du stehst aus deinem besten Dampfen auf, um dir selbst den Doktor zu holen?« fragte Nasewitz. Schwülenberg schien die Sache ein bißchen zu überlegen. »Na, wer soll es denn sonst... das ist ja meine Pflicht...« meinte er dann; »wohnt er nicht beim Kaufmann Brodfresser... na, adieu ... dann will ich nur wieder gehen, es ist die höchste Zeit...« »Sage 'mal, Alter«, hielt ihn Nasewitz zurück. »Was willst du denn noch?« »Weshalb kommst du denn eigentlich bei nachtschlafender Zeit zu mir, um mir zu erzählen, daß du dir den Doktor holen willst?« »Für mich will ich ihn doch nicht holen«, sagte Schwülenberg verwundert. »Na, für wen denn sonst?« »Für dich...« »Sage 'mal, Alter, nachtwandelst du auch nicht?« schüttelte Nasewitz den Kopf. »Für mich?« »Oder für Padderow... oder für Euch alle beide... es kommt d'rauf an, wer verwundet wird.« »Wieso?« – »Nun laß mich übrigens gehen und sei pünktlich auf dem Platz.« Dem langen Leutnant kam erst jetzt die Erinnerung des gestrigen Abends zurück. »Schwülenberg«, sagte er; »du hast noch nicht ganz ausgeschlafen; erlaube, daß ich dich ein bißchen examiniere, damit ich der Sache auf den Grund komme. – Wer hat dich zu mir geschickt?« »Na, der Padderow.« »Weshalb?« »Um dich zu fordern.« »Also wirklich?« »Nun natürlich!« Nasewitz schlug mit der Hand auf das Deckbett. »Also doch!« murrte er inwendig; »der Kerl hat den lebendigen Satan im Leibe... jetzt, wo mir so schon die Wellen der Verwirrung über dem Kopf zusammenschlagen, kommt mir der Mensch auch noch mit seinem ritterlichen Blödsinn in die Quere... aber, wenn er sich das einmal in den Kopf gesetzt hat, ist nichts zu machen ... da kenne ich ihn... also den Kelch bis auf den letzten Tropfen geleert... aber, wenn ich je noch einem Menschen gefällig bin, dann soll mich...« »Na, adieu!« sagte der alte Graf. »Schwülenberg!« hielt ihn Nasewitz abermals zurück; »welche Waffen?« »Ja; das sollst du ja eben bestimmen... du bist ja der Geforderte.« »Ach so... dann also unseren gewöhnlichen Säbel. – Wo?« »In der alten, verfallenen Ziegelei vor dem Plettiner Tor.« »Schön! – Wann?« »Punkt neun Uhr...hast du schon deinen Sekundanten?« »Wo soll ich denn den herbekommen... glaubst du vielleicht, daß ich mir immer einen vorrätig halte?« »Nein... weshalb soll ich denn das glauben?... na, adieu... komme nicht zu spät; es ist schon dreiviertel auf acht.« Damit fühlte sich der alte Graf aus dem dunklen Zimmer wieder hinaus und polterte die enge Treppe hinunter, um den kleinen Doktor Klaubert aufzusuchen. Nasewitz stand schnell auf, zündete Licht an, rief nach seinem Burschen, daß er die Sachen bringe und Kaffee koche, und dann kleidete er sich an. Drüben bei Padderow war auch Licht, und eine dunkle Gestalt schwebte in gewissen Zwischenräumen an den Fensterscheiben vorbei. »Scheußlicher Kerl!« knurrte Nasewitz in Gedanken; »schwarze undankbare Seele... dafür, daß man ihm aus der Patsche hilft, fordert er einen jetzt vors Messer... das ist ein gräulicher Unsinn... wenn die Geschichte ruchbar wird, kommt man schließlich noch auf Festung... wo sitzt die Logik... na, was hilft's... da die Sache nicht einmal zu ändern ist, muß man sie humoristisch nehmen, wie man kann... ich werde ihm nichts tun, sondern mich bloß decken... er, freilich wird wie ein wütender Berserker auf mich einhauen...« Drüben verlöschte das Licht in den Fenstern. »Nun geht er«, sinnierte Nasewitz; »und ich habe noch nicht einmal einen Sekundanten... es ist kein Augenblick mehr zu verlieren...« Damit schnallte er den Säbel um, nahm Mütze und Mantel und schickte sich zum Gehen an. »Der Herr Leutnant haben ja gar keinen Dienst«, sagte Pittelko verwundert. »Das weiß ich... ich will spazieren gehen...« »Mit dem Säbel?« »Ruhig... das geht dich gar nichts an... in einer Stunde bin ich wieder hier.« Nasewitz ging und Pittelko schüttelte bedenklich den Kopf, als wenn ihm die Geschichte höchst wunderbar vorkäme. Da der blasierte Sponeck am nächsten wohnte, so begab sich Nasewitz zu diesem, mit der Bitte, ihm zu sekundieren, was jener selbstverständlich annahm, aber mit einer so nervenangreifenden Langsamkeit seine Vorbereitungen traf, daß der andere beinahe außer sich geriet vor Ungeduld. Endlich, endlich bekam er ihn aber doch auf die Beine. Ungefähr zehn Minuten von dem Plettiner Tor, vielleicht zweihundert Schritte links von der Chaussee mit den schiefgewehten Bäumen, liegen die ausgebrannten Mauern einer kleinen Ziegelei, die im Spätherbst ein Raub der Flammen geworden und noch nicht wieder aufgebaut war. Der Morgen begann eben erst zu grauen, und es war um so dunkler, als wieder schwere, gespenstische Wolken in unheimlicher Eile von Westen nach Osten jagten. Und dazu strich der Wind über die beschneiten Felder, daß es beinahe klang wie das Wehklagen unsichtbarer Geister. Im Innern der schwarzen, ausgebrannten Mauern, in die des Himmels Wolken hoch hineinschauten, standen auf der weißen Schneedecke drei dunkle Gestalten, in lange Mäntel gehüllt. In der einen Ecke der Steinumhüllung schimmerte es weiß, als wenn der Schnee dort vom Winde in die Höhe getrieben worden sei. Die drei Männer standen schweigend da, und ihre Blicke waren erwartungsvoll auf den Eingang des Gemäuers gerichtet. Da klang von der Stadt her die morgenheisere, vor Kälte zitternde Stimme der Rathausglocke, welche die neunte Stunde verkündete, und gleich darauf sangen es ihr die beiden Kirchen nach, mit ihren sanfteren Demutsstimmen. Die mittlere der dunklen Gestalten machte eine ungeduldige Bewegung; aber sie enthielt sich noch des Wortes. Es mochten ungefähr noch fünf Minuten vergangen sein, als zwei andere, aber bedeutend längere, dunkle Gestalten mit sichtlicher Eile durch die Maueröffnung in den inneren Raum traten. Hinterher kam noch etwas, wie das abgerissene Stück eines verblaßten Schattens, das jedoch gleich darauf von den dunkleren Tinten der Mauern aufgesogen zu sein schien. Als die beiden langen Gestalten in der Mitte der schneebedeckten Fläche angelangt waren, faßten sie grüßend an die Kopfbedeckung, eine Höflichkeit, die von den drei anderen erwidert wurde. »Spät kommt Ihr – doch Ihr kommt! – Der weite Weg Graf Isolan, entschuldigt Euer Säumen.« klang eine Stimme, die man sofort als die des Herrn von Padderow erkannte. »Der lange Weg würde mir kein Hindernis gewesen sein«, entgegnete Nasewitz mit Galgenhumor; »ich konnte nur meinen langen Sekundanten nicht früher auf die Beine bringen... überhaupt, wenn man die Forderung so spät erhält...« »Sie folgt der Beleidigung auf dem Fuß«, sagte Padderow; »es drängte sich nur die untätige Nacht dazwischen.« »Das ist hier ein verdammter Zug«, räusperte sich der blasierte Sponeck; »und nasse Füße bekommt man auch... wenn ich wenigstens meine Überschuhe mitgenommen hätte.« »Ja...« ließ sich nun auch der alte Graf vernehmen... »das hilft nun doch 'mal nichts... nun müssen wir also namentlich in unserer Eigenschaft als Sekundanten... na... und wenn sie es denn nicht haben wollen, dann muß es losgehen.« Durch diesen unklaren Anfang wurde aber Sponeck dennoch an die Funktionen erinnert, die er an dieser Stelle zu erfüllen habe. »Es ist also zuvörderst unsere Aufgabe«, begann er, mit seiner langsamen, gelangweilten Stimme, »die beiden Herren zum Frieden und zur Versöhnung zu ermahnen... Herr von Padderow... wollen Sie die Ihnen zugefügte Beleidigung nicht vergessen und Ihrem langjährigen Freunde, Herrn von Nasewitz, verzeihen?« »Nein!« entgegnete der dicke Offizier mit großer Entschiedenheit; »eben weil er mein langjähriger Freund ist, erscheint die Beleidigung mir um so tiefer und verletzender... ehe nicht rotes Blut diesen weißen Schnee gefärbt, kann von keiner Versöhnung zwischen mir und diesem verräterischen Ritter die Rede sein. »Und Sie, Herr von Nasewitz«, erinnerte sich nun auch der alte Graf seiner Aufgabe; »würden Sie nicht geneigt sein... ich kriege schon wieder das Reißen in die linke Wade...« »Nein, ich würde nicht geneigt sein, den Herrn von Padderow um Entschuldigung zu bitten«, half ihm der Angeredete; »ich sage, wie er, ehe nicht edles Blut diesen Schnee gefärbt hat, darf der Ehre nicht Genüge getan sein.« »Na; dann können wir ja anfangen«, sagte Sponeck; »bitte die Mäntel abzulegen, meine Herren.« Es geschah. »Sind Sie bereit, Doktor?« »Zu Befehl!« »Ich bitte die Herren, Position zu nehmen, zu ziehen und sich auszulegen«, fuhr Sponeck fort. Die beiden Duellanten stellten sich in die kunstgerechte Position, legten die linken Hände auf den Rücken, die rechten Arme in die Deckung und kreuzten auf diese Weise die sanftgebogenen Säbelklingen. Die Sekundanten zogen ebenfalls blank und stellten sich neben ihre resp. Freunde, um die reglementswidrigen Hiebe aufzufangen. Der Doktor stand etwas mehr zurück. »Los!« kommandierte Sponeck. »Los!« wiederholte der alte Graf. Padderow holte sofort aus und führte einen so furchtbaren Hieb nach Nasewitzens Kopf, daß es dessen ganzer Kraft bedurfte, seine Parade nicht durchhauen zu lassen. »Hol' dich der Teufel!« fluchte er inwendig, als seine eigene Klinge beinahe bis auf den Mützenschirm heruntergedrückt wurde. Padderow ließ sich durch den ersten Mißerfolg nicht beirren, sondern holte noch weiter aus und führte einen noch mächtigeren Hieb nach seines Freundes Schädel. »Puh!« machte er, als er den Streich getan. Aber dieser hatte ihn abermals pariert und lag wieder ruhig in der Deckung. »Von oben geht's nicht«, dachte Padderow; »wollen 'mal von unten versuchen.« Und damit ging er, weil Nasewitz ihm nichts tat, ganz ungeniert aus der Parade, holte mit einem grimmigen Gesicht und aufgeblasenen Backen zum drittenmal aus und schlug mit einem unreglementsmäßigen Hieb nach Nasewitzens Unterleib. Doch der sonst so zerstreute Sponeck hatte diesmal gut aufgepaßt und parierte den Streich, und als der Graf sah, daß der andere Sekundant etwas tat, schlug er ebenfalls mit seinem Säbel darauf. Ein eigentümliches Geräusch drang jetzt durch die Pause. »Der Wind knurrt heute merkwürdig«, sagte der alte Graf. »Oder sollten es die knirschenden Tritte der Häscher sein, die die Auskämpfung unserer Ehrensache verhindern wollen«, meinte Padderow; »schneller die Plempe geschwungen, verräterischer Nasewitz, damit wir fertig sind, wenn sie hier eindringen!« Und mit diesen Worten begann der dicke Offizier auf den stets ruhig sich deckenden Nasewitz einzuhauen, als wenn er ihn in lauter Stücke zerhauen wollte. »Daß dich die Pest!« schimpfte er fortwährend dabei. »Hol' dich der Teufel!« brummte Nasewitz bei jeder Parade. Plötzlich aber schwoll jenes knurrende und knirschende Geräusch, das man vorhin in der kurzen Pause gehört hatte, zu einem wütenden Kläffen an, und gleich daraufließen die beiden Kämpfer die Säbel sinken. »Tod und Teufel!« fluchte Padderow, den rechten Fuß emporziehend, wie ein Storch auf der Wiese; »da kneift mich ja 'was in die Wade!« »Hölle und Verderben!« setzte Nasewitz in demselben Moment darauf; »mir krabbelt auch 'was zwischen den Beinen herum.« »Es ist dein infamer Joseph!« schlug Padderow mit dem Säbel um sich; »will Er gleich kuschen, Bestie!« »Es ist dein nichtsnutziger Polko!« stieß Nasewitz mit dem Spornstiefel nach ihm; »zurück, du dicke Canaille!« Aber die beiden Hunde, von dem edlen Eifer entflammt, ihren bedrohten Herren beizustehen, ließen nicht von ihrem Angriff ab, sondern rasten immer von neuem auf deren Feinde los, in der Absicht, mit dem scharfen Gebiß durch die Hose zu kommen. Das konnten natürlich die beiden Sekundanten nicht dulden, weil es durchaus reglementswidrig war, deshalb faßte der alte Graf den struppigen Joseph bei seinem kurzen Schwanz, während Sponeck den dicken Polko an seinem Stummel zurückzuziehen suchte. Als es mit der einen Hand nicht gehen wollte, nahmen sie beide, und da auch dies noch nicht zum gewünschten Resultat führte, schlugen sie mit den stachen Klingen auf die betreffenden Tiere los, um ihre Kampfeswut ein wenig abzukühlen. Das hieß aber im Gegenteil Öl ins Feuer gießen. Die an und für sich schon rasenden Tiere, durch die Tracht Prügel, die auf ihren Rücken regnete, noch rasender gemacht, wandten sich jetzt von ihren ursprünglichen Feinden ab und griffen mit gesträubtem Haar und unheimlich funkelnden Augen die neuen Widersacher an. »Au!« schrie der alte Graf; »das Aas hat mich gebissen... ich blute... ich fühle ja, wie es mir warm in die Stiefeln läuft.« »Polko... hol' dich der Teufel!« tanzte Sponeck auf dem einen, bald auf dem andern Bein, je nachdem er angegriffen wurde; »kennst du mich nicht, Bestie... will Er wohl... au... er hat meine Wade gefaßt... Donnerwetter, es kommt schon Blut...!« Was sollten die beiden Duellanten machen; wenn sie weiterkämpfen wollten, mußten sie erst ihre Sekundanten befreien, und das taten sie denn auch. Padderow prügelte seinen Polko, und Nasewitz prügelte seinen Joseph, bis beide, den Vernunftgründen ihrer resp. Autoritäten Gehör gebend, mit lautem Geheul in zwei entgegengesetzte Mauerecken flohen. »Ist einer von den beiden Herren verwundet?« trat der kleine Doktor Klaubert zu den Duellanten. »Ich nicht!« sagte Padderow mit stolzer Miene; »ich stehe unbesiegt da!« »Ich auch nicht«, meinte Nasewitz; »aber es hätte leicht kommen können.« »Kommen Sie 'mal, Doktor«, befühlte sich der alte Graf die Wade; »ich glaube, ich habe ein teufelmäßiges Loch im Bein... wahrhaftig, da ist schon ein großer Blutfleck im Schnee.« »Hier auch«, sagte Sponeck von der anderen Seite; »verbinden Sie mich, Doktor, mir wird schon ganz schwach.« »Stehe gleich zu Diensten«, nickte Klaubert freundlich; »es muß doch nach der Reihe gehen.« Damit ließ er den Grafen Schwülenberg auf einen Stein niedersitzen, zog ihm den Stiefel aus, krempte ihm das Hosenbein auf und legte ihm einen kunstgerechten Verband an. »So!« sagte er; »gefährlich ist es nicht...Sie können damit ausgehen, damit die Geschichte kein Aufsehen macht.« »Brennen tut's aber niederträchtig«, verzog der alte Graf schmerzlich das Gesicht. Dann wurde Sponeck verbunden und ihm derselbe Bescheid gegeben. »Wenn ich dem infamen Köter wieder begegne, schlage ich ihn tot!« zog der blasierte Leutnant den Stiefel wieder an. Padderow und Nasewitz standen sich wie zwei Recken der Vorzeit von neuem einander gegenüber, als warteten sie nur des Winkes, um abermals ihre furchtbaren Klingen Funken sprühen zu lassen. »Nun, meine Herren«, trat Sponeck hinkend und mißmutig näher; »ich dächte, der Ehre wäre auf beiden Seiten Genüge getan...« Padderow machte ein finsteres Gesicht und schien noch zu zaudern. »Die Herren haben beide gekämpft, wie die Helden«, gähnte der blasierte Sponeck vor Nervosität. »Ich hätte gar nicht gedacht, daß so'n Köter so scharfe Zähne hat«, juckte sich der alte Graf. »Edles Blut hat allerdings den Schnee gefärbt«, sah Padderow auf die beiden roten Flecke; »Ihr scheint aber den größeren Fleck zu haben.« »Das ist allerdings nicht mein Verdienst«, zeigte Nasewitz lächelnd auf seinen Sekundanten. »Meines auch nicht«, blickte dieser auf Polko, der in der Ecke saß und ganz abscheuliche Gesichter schnitt. »Also reichen sich die Herren die Hand zur Versöhnung«, sagte Schwülenberg; »es wird hier teufelmäßig kalt... wir wollen nach Hause gehen.« »Schlagt ein, Edler von Padderow«, hielt ihm Nasewitz die Rechte entgegen; »Ihr habt durch Eure Tapferkeit alle Ritter Kastiliens übertroffen.« »Auch Ihr habt trefflich gefochten, Edler von Nasewitz«, drückte der dicke Leutnant die ihm gereichte Hand; »ich kann nicht umhin, Euch meine Bewunderung auszusprechen.« »Also Freunde, wie zuvor!« »Alles vergeben und vergessen.« »Nun wollen wir aber auf verschiedenen Wegen in die Stadt zurückkehren«, meinte der Doktor; »wir müssen doch jedes Aufsehen vermeiden.« Der Vorschlag wurde angenommen, und nachdem man Abschied voneinander genommen, ging Klaubert allein; als zweite Gruppe die beiden Sekundanten, und als dritte Padderow und Nasewitz, gefolgt von den beiden Hunden, die sich fortwährend anknurrten und sich die Zähne zeigten. »Hört 'mal, alter Freund«, nahm Nasewitz Padderows Arm in den seinen; »nun unser Ehrenhandel also beigelegt und alles zwischen uns vergessen ist, laßt uns wieder einen gemeinsamen Strang ziehen, um dem herannahenden Unheil vorzubeugen.« »Ihr findet mich zu allem bereit«, entgegnete der Dicke; »nur nicht die Alphonsine heiraten.« »Hm!« machte Nasewitz; »was nicht ist, das ist nicht... dann müssen wir auf andere Weise versuchen, diesem Unheil zu begegnen ... die Alphonsine wird Euch vielleicht vergessen... und den Rittmeister muß man beruhigen... zu entschädigen suchen... wenn man nur wüßte, wodurch... oder womit... und wenn erst das Mißverständnis aufgeklärt wäre... na... kommt Zeit, kommt Rat!« »Das denke ich auch ... nun wollen wir aber bei Schlichter einen kleinen Kümmel trinken.« »Wie Ihr wollt, grimmiger Krieger... also überlaßt Ihr mir aufs neue die strategischen Operationen?« »Vollkommen... nun wollen wir aber wirklich 'nen kleinen Kümmel trinken.« »Sollten zwei nicht noch besser sein, gewaltiger Kämpe?« »Ihr habt manchmal gar nicht üble Gedanken, Lehnsherr von Knelling.« Dann betraten sie das Lokal des Konditor Schlichter. »Guten Morgen, göttliche Hebe!« trat Padderow mit königlicher Würde ein; »kredenze uns mit deinen Rosenlippen zwei Becher feurigen Doppelkümmels!« 17. Verwicklungen und Lösungen An demselben Vormittag um elf Uhr ging der Rittmeister Schimmelmann nach dem Reitplatze. Der Kopf war ihm noch gewaltig voll von den Eindrücken seines mißglückten Zauberfestes und er stackerte gar nicht so grimmig und bärbeißig über die Straße wie sonst, sondern hatte den Kopf traurig gesenkt und blickte starr vor sich hin auf die Pflastersteine. Er hatte auch wahrlich alle Ursache, niedergeschlagen zu sein; denn bei ihm zu Hause sah es gar übel aus. Die Alphonsine sprach kein Wort, war fortwährend in tiefe Gedanken versunken, und manchmal stahl sich auch eine stille Träne zwischen den dunklen Wimpern hervor und rollte wie eine verlorene Lebensfreude in ihren Schoß; die sonst so freundliche kleine Mama blickte kummervoll auf ihre Tochter und krankte an dem ihrem Gatten gegebenen Versprechen, über die unangenehme Sache zu schweigen; die drei anderen Schwestern zerbrachen sich die Köpfe darüber, was eigentlich los sei, und ärgerten sich, daß sie auf alle Fragen keine Antwort bekamen, und Pätel, der Bursche, war heute morgen gar nicht aufgestanden, weil er die furchtbarsten Leibschmerzen hatte. Das war wahrhaftig Grund genug, daß der Rittmeister Schimmelmann ein gutes Teil von seiner gewohnten Tatkraft vermißte. Dazu kam noch, daß ihm heute beim Frührapport der Wachtmeister Klinke die Geschichte vom Fähnrich von Klötersdorf erzählt hatte, wie er am späten Abend auf der Pappel vor der Lohmühle gesessen habe. Die ganze Stadt sprach davon; da es ihm nun aber dienstlich gemeldet war, so konnte er es doch unmöglich vertuschen, sondern mußte Notiz davon nehmen. Das ärgerte ihn ebenfalls, daß solche Geschichten bei seiner Schwadron vorkamen, auf deren sittliches Verhalten er so stolz war. Was sollte er aber jetzt machen, es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Obersten den häßlichen Fall anzuzeigen; denn sonst wagte er noch, daß der Alte es auf anderem Wege erführe, und was sollte er dann wohl von ihm denken? Als er nun so leidvoll und bedrückt die Straße hinunterknickerte, begegnete ihm der Premierleutnant von Kreidefleck, begrüßte ihn und reichte ihm dann mit einer Miene die Hand, als wenn er sagen wollte: Armer alter Mann, du dauerst mich... mein Beileid von ganzem Herzen. - »Na ja«, dachte Schimmelmann beim Weitergehen; »soweit ist es nun gekommen... gestern gratulierten sie, heute bedauern sie mich... und das habe ich alles dem Padderow und dem Nasewitz zu verdanken... was kümmert sich der lange Kerl darum, wenn der andere unter meinen Fenstern steht... was hat er mir das zu erzählen ... wenn Padderow keinen Mut hat, ist das seine eigene Sache... Jeder muß für sich selber handeln und nicht einer des anderen Vormund sein wollen... aus der unbefugten Voreiligkeit ist das ganze Unglück entstanden...« »Der arme alte Schimmelmann«, tönte da eine Stimme an sein Ohr. »Wieso?« fragte ein Zweiter. »Na, hast du denn nicht gehört von gestern abend? - Es ist nichts geworden, er hat sein großes Fest umsonst gegeben.« Der Rittmeister warf einen verstohlenen Seitenblick nach der Richtung, woher die Stimmen gekommen waren, und sah zwei Bürger in einem Torweg stehen, die ihm mitleidig nachschauten. »Die verfluchten Krämerseelen wissen es also auch schon«, zitterte eine Gänsehaut über des alten Mannes Körper; »ich bin bloßgestellt in der ganzen Stadt... nun bekommen meine Töchter erst recht keine Männer... es ist, um sich den Schnurrbart auszureißen.« Als er bei dem offenen Reitplatz ankam, ritten die verschiedenen Abteilungen schon ganz lustig im Kreise herum, und der lange Nasewitz stand in der Mitte am Pfahl und beobachtete seine Rekruten. »Da ist der verdammte Kerl«, fluchte Schimmelmann; »ich kann ihn gar nicht mehr sehen mit seinem niederträchtigen, knifflichen Gesicht.« Dessenungeachtet betrat er den Platz, erwiderte kalt Nasewitzens dienstlichen Gruß und stellte sich, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen, auf die andere Seite des Pfahls, ungefähr fünf Schritte von ihm entfernt. »Na, der macht ja ein gutes Gesicht«, grübelte der lange Leutnant; »heute will ich ihn lieber ungeschoren lassen, sonst bricht ein heiliges Donnerwetter über mich herein.« So standen die beiden, sich gegenseitig den Rücken kehrend, eine ganze Weile, als der alte Graf Schwülenberg angehinkt kam, zu dem Schimmelmann großes Vertrauen hatte, weil er eine biedere, ehrliche Natur war. »Na, Schwülenberg... was humpeln Sie denn?« fragte der Rittmeister, teils weil er den Drang nach Mitteilung fühlte, teils weil er seine Verstimmung so wenig wie möglich merken lassen wollte. »Ich hab' die Nacht wieder verdammtes Reißen gehabt«, schnitt der alte Graf ein Gesicht; »dann geht es des Morgens immer ein bißchen lahm.« »Gott sei Dank!« dachte Nasewitz; »nun hat er einen, mit dem er sprechen kann... nun wird er mich in Ruhe lassen.« »Ja, ja, so geht's, knurrte Schimmelmann; »der eine hat's hier, der andere hat's da... es wird schon jedem sein Päckchen aufgepackt.« »Das weiß der Teufel«, sagte der alte Graf. »Der bemitleidet mich wenigstens nicht«, freute sich der Rittmeister; »entweder ist er zartfühlender als die anderen, oder er hat's vergessen... es ist mir aber beides gleich wohltätig.« »Der Fähnrich steht da auch wieder in der Ecke und reckt keinem einzigen Kerl die Beine zurück«, blickte Schimmelmann auf den langen Klötersdorf, der in einiger Entfernung ebenso regungslos wie der Reitpfahl stand und über sein Unglück nachdachte. Schwülenberg schien eine Geschichte einzufallen; denn ein mattes Lächeln glitt über seine gelben, kränklichen Züge. »Wird auch in seinem ganzen Leben kein guter Soldat«, begann der Rittmeister sich allmählich einzuschimpfen, »im Dienst ist er teilnahmslos wie ein Klotz, aber sonst hat er es faustdick hinter den Ohren.« »Ja, ja; das hat er wohl«, nickte der alte Graf. »Treibt sich des Nachts auf der Straße herum...« wurde Schimmelmann immer knurriger. »Ja, ja; das tut er wohl«, sagte der alte Graf. »Also Sie kennen die Geschichte auch schon?« »Nun natürlich... ich habe ihn ja selbst unter den Fenstern gesehen«, lächelte Schwülenberg, der augenblicklich an Strammin dachte, den er an jenem Abend am Nachtwächterhäuschen bemerkt, den er aber in seiner Zerstreutheit jetzt mit Klötersdorf verwechselte. »Auf der Pappel?« brummte Schimmelmann. »Ne... auf der Pappel nicht... ach so... ja, nun fällt mir die andere Geschichte ein... auf der Pappel saß auch einer... aber das war wohl der andere... oder war es doch... ich weiß, hol' mich der Teufel, nicht mehr, welcher es war.« Der Rittmeister machte große Augen. »Wovon reden Sie denn, Schwülenberg?« sagte er; »besinnen Sie sich doch 'mal... haben Sie denn zwei gesehen?« »Heiliges Donnerwetter!« fluchte Nasewitz, der die ganze Unterhaltung anhörte, inwendig; »was wird der alte Mensch nun wieder für 'ne Quasselei vorbringen?« »Na ja«, kratzte sich Schwülenberg den Kopf, daß ihm die Mütze ganz schief zu sitzen kam; »der eine... das war ja den Abend, wo ich auch bei der Baronin war... der saß allerdings auf der Pappel ... ich glaube, das war Klötersdorf...« »Na ja«, nickte Schimmelmann... »Oder war es Strammin?« »Und wo haben Sie denn den andern gesehen?« »Na... am alten Nachtwächterhäuschen.. bei Ihnen gerade gegenüber...« »Was!!??« fuhr der Rittmeister auf. »Da haben wir die Geschichte!« dachte Nasewitz; »es ist um verrückt zu werden!« »Also, wer war es denn nun eigentlich, der auf der Pappel gesessen hat?« fragte der Rittmeister. »Hm... es kann doch wohl Strammin gewesen sein...« »Also hat Klötersdorf am Nachtwächterhäuschen gestanden?« »Das ist schon möglich... vielleicht hat er aber auch auf der Pappel gesessen.« »I, das ist ja aber ein toller Kerl!« brauste Schimmelmann auf; »mit dem darf man wirklich kein Federlesens mehr machen.« In diesem Augenblick schlug es halb; die alten Abteilungen marschierten auf und führten ab, und die neuen kamen auf den Platz. »-n Morgen, Herr Rittmeister; ich komme jetzt heran«, verabschiedete sich Schwülenberg von Schimmelmann. »Was zu toll ist, das ist zu toll«, boste sich dieser; »und solchen Taugenichts muß ich bei meiner Schwadron haben... sitzt auf der Pappel vor der Lohmühle... und dann steht er wieder... i, da muß ja der lebendige Teufel d'reinschlagen!« »Es ist jedenfalls am besten, ich drücke mich«, dachte Nasewitz; »der alte Graf hat da wieder 'ne nette Verwirrung angerichtet... der arme Klötersdorf sitzt nun noch mehr in der Patsche... mir brummt der Kopf... ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen...« »Herr von Nasewitz«, rief da der alte Schimmelmann; »auf ein Wort, wenn ich bitten darf.« »Da haben wir die Bescherung«, trat jener mit militärischer Begrüßung näher. »Ich wollte Sie nur um eine Aufklärung ersuchen.« »Bitte, Herr Rittmeister. -« »Ich denke, Herr von Padderow hat unter meinen Fenstern gestanden?« »Gewiß, Herr Rittmeister.« »Und da erzählt mir eben Graf Schwülenberg, daß der Fähnrich von Klötersdorf oder der Fähnrich von Strammin ... jedenfalls einer von beiden... ebenfalls am Nachtwächterhäuschen gewesen sei... er habe ihn mit eigenen Augen gesehen... was soll ich davon denken?« »Es war der Fähnrich von Strammin«, entgegnete Nasewitz schnell, ohne eigentlich recht zu wissen, welchen Zweck er dabei habe. »Also, das wissen Sie auch?« »Gewiß, Herr Rittmeister!« »Und Klötersdorf saß also auf der Pappel?« »Ganz recht... Klötersdorf saß auf der Pappel!« »Das wissen Sie ebenfalls?« »Gewiß, Herr Rittmeister!« »Und... wenn ich mir die Frage erlauben darf... aus welchem Grunde stand denn Strammin unter meinen Fenstern?« Nasewitz geriet in die größte Verlegenheit. »Wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, mir zu antworten?« drängte Schimmelmann. »Der Fähnrich von Strammin... liebt Ihr Fräulein Tochter«, stieß der lange Leutnant in seiner Seelenangst heraus. »Der liebt auch meine Tochter?« fragte der Alte, mit allen Zeichen des höchsten Erstaunens. »Allerdings Herr Rittmeister... der liebt auch Ihr Fräulein Tochter.« Schimmelmann blickte Nasewitz forschend an, aber dieser machte ein so glaubwürdig ehrliches Gesicht, daß bei jenem der Zweifel niedergedrückt wurde. »Es ist die Möglichkeit!« dachte er; »nun liebt der auch meine Tochter... erst wollte sie gar keiner, und nun sind schon zwei da.« »Haben die denn aber beide zusammengestanden?« fragte er dann weiter. »Nein, Herr Rittmeister... sie haben sich abgewechselt... erst der eine und dann der andere...« »Hm!« versank Schimmelmann wieder in Gedanken. »Donnerwetter, habe ich wieder gelogen?« stöhnte Nasewitz in den Tiefen seiner Seele. Der alte Rittmeister schien durch die neue Mitteilung, obgleich sie sich in seinem Geist noch nicht geklärt hatte, dennoch angenehm berührt... es war doch wenigstens ein Ersatz... und sein mißmutig gestimmtes Herz wurde ein wenig weicher und vertrauensvoller. »Sagen Sie, lieber Nasewitz...« wandte er sich, nach längerem Zögern, wieder an seinen Offizier; »weshalb hat denn der Padderow eigentlich gestern abend nicht angehalten?« »Er war zu schüchtern«, achselzuckte der Leutnant. »Merkwürdig! - Und weshalb kommt denn der Strammin nicht herauf und gibt seinen Wunsch zu erkennen?« »Auch zu schüchtern«, lächelte Nasewitz. »Das weiß der Teufel, daß alle Menschen, die meine Tochter heiraten wollen, zu schüchtern sind!« brummte Schimmelmann. »Manchmal wird es gern gesehen«, meinte der Leutnant. »Sonderbarer Geschmack.« Längere Pause. - »Sagen Sie 'mal, lieber Nasewitz«, begann dann der Rittmeister wieder, weil er nun doch das Thema der Aufklärung berührt hatte; »weshalb hat aber der Padderow den Unsinn mit der Posaune gemacht?« »Welchen Unsinn?« wunderte sich Nasewitz. »Na... daß er sich da draußen auf den Flur setzte und tutete!« »Er wollte Ihr Fräulein Tochter zum Piano begleiten... wie Sie es gewünscht hatten!« »Wie ich es gewünscht hatte?« »Gewiß, Herr Rittmeister.« »Sprechen Sie jetzt gefälligst ernsthaft, lieber Nasewitz.« »Ich spreche sehr ernsthaft... hatten Sie mir denn nicht gesagt, er solle sich erst an die dicke Trompete gewöhnen?« Schimmelmann schlug voller Verwunderung die Hände zusammen. »Sehen Sie wohl!« triumphierte Nasewitz. »Mit der dicken Trompete meinte ich ja aber Alphonsinens Nase, die ihr angeschwollen war!« Der andere sah ihn erstaunt an. »Ja, das ist allerdings ein Mißverständnis«, sagte er; »und Padderow dachte, Sie hätten ihn eingeladen, damit er durch seine Kunst Ihr Fest verherrlichen sollte, das Sie gaben, weil...« Hier stockte er und machte ein betrübt teilnehmendes Gesicht. »Nun... weil?« fragte der Rittmeister. »Weil Sie... Major geworden wären«, setzte der lange Offizier kleinlaut hinzu. »Weil ich Major geworden wäre?« riß Schimmelmann die Augen auf. »Nun gewiß; die ganze Stadt glaubte es ja.« »Und wie kam die ganze Stadt darauf, das zu glauben?« »Weil Sie einen Leibrock zum Ändern an den Schneider geschickt hatten... deshalb bildete man sich ein... Sie wären zu einem anderen Regiment gekommen.« »Himmlische Gerechtigkeit... das war ja die Jacke für Pätel.. und deshalb soll ich also auch wohl das Fest gegeben haben?« »Nun natürlich!« »Das wird ja immer hübscher«, ärgerte sich der Rittmeister... »nun bin ich doppelt blamiert... ich habe das Fest einzig und allein gegeben, um Padderow Gelegenheit zum Anhalten zu bieten... und Sie haben verstanden, er sollte Posaune blasen... das hätte er ja aber außerdem noch tun können... « »Ja... als ihm die Musik nun aber verunglückte... da war er noch schüchterner geworden...« »Ist das eine Verworrenheit!« »Eine furchtbare!« trocknete sich Nasewitz den Schweiß von der Stirn. Schimmelmann überlegte wieder. »Also, er liebt meine Tochter noch immer?« fragte er dann etwas freundlicher. »Gewiß, Herr Rittmeister.« »Und der Strammin auch?« »Allerdings!« »Nun soll ich wohl noch ein Zauberfest geben?« brummte Schimmelmann; »werde mich aber hüten... wenn die Herren auf keine andere Weise reden wollen, dann werde ich mir erlauben, mit ihnen zu reden.« »Gott steh' mir bei!« stöhnte der gequälte Nasewitz. »Und das noch am heutigen Tage«, setzte der Rittmeister hinzu. Dem langen Leutnant wurde es schwarz vor den Augen. »Na, das ist eine nette Geschichte«, dachte er; »Padderow will mich zwar nicht verraten, aber wenn ihm der Alte so plötzlich auf den Leib rückt, läßt er mich am Ende doch fallen, um sich selbst zu retten... und der Strammin, den ich unter einem ganz anderen Vorwande dorthin postiert habe... es ist zum Verzweifeln!« »Und noch in dieser Stunde!« stieß Schimmelmann seinen Säbel auf die Erde. »Herr Rittmeister«, keuchte Nasewitz in tausend Ängsten. »Was wünschen Sie?« »Tun Sie das nicht, Herr Rittmeister«, sprach der Leutnant mit benommenem Atem weiter; »es sieht doch immer nicht hübsch aus, wenn der Vater... die betreffenden Herren möchten denken, Sie könnten die Zeit nicht erwarten... bis Sie Ihre Töchter los wären ... und dadurch könnten sie stutzig werden... sich anders besinnen...« »Hm, hm«, machte Schimmelmann; »das läßt sich allerdings hören... aber etwas muß doch geschehen...« »Soll auch geschehen, Herr Rittmeister«, rang Nasewitz nach Rettung; »soll sogar viel geschehen... aber bitte... überlassen Sie mir die Vorbereitung!« »Sie wollten sich der Mühe unterziehen?« »Mit dem allergrößten Vergnügen, Herr Rittmeister... mit einem Eifer... einer Hingebung...« »Wenn Sie nun aber wieder etwas mißverstehen... neues Durcheinander machen...« »Wie können Sie das glauben, Herr Rittmeister; jetzt, da alles aufgeklärt ist... da ich von allem unterrichtet bin...« »Sie müssen sogar die Mißverständnisse aufklären.« »Gewiß... aber lassen Sie mir nur einige wenige Tage Zeit... dann wird alles zu Ihrer Zufriedenheit beendet werden.« »Na; dann will ich es nochmal mit Ihnen versuchen...« »Sie werden es gewiß nicht zu bereuen haben...« Es schlug voll, der Dienst für die Schwadron des alten Schimmelmann war vorbei, die Abteilungen marschierten auf, saßen ab und verließen den Reitplatz. »Ich werde also bald von Ihnen hören?« nickte der Eskadronschef. »Ganz gewiß, Herr Rittmeister.« »Guten Morgen, lieber Nasewitz!« »Guten Morgen, Herr Rittmeister!« »Na«, knurrte Schimmelmann, als er wieder nach Hause stackerte; »das wäre doch wieder ein kleines Pflaster auf die Wunde... ein geschickter Mensch ist der Nasewitz... diesmal wird er seine Sache wohl besser machen... die Leute haben mir also gratuliert und kondoliert, weil sie glaubten, ich sei Major geworden... das Mißverständnis ist mir immer noch lieber, als wenn meine Tochter in eine fragwürdige Lage gekommen wäre... Major werde ich doch nicht... und die Alphonsine kann doch nun noch Hausfrau werden... nun hat sie zwei für einen... da kann sie ja wählen, welcher ihr am besten gefällt... aber sagen tue ich diesmal meinen Frauenzimmern kein Wort von der Geschichte... die können ja nicht schweigen... und dann bricht ihnen immer gleich das Herz... also ein Schloß vor den Mund, bis wir Gewißheit haben... hm... das wäre nun alles soweit recht gut... bis auf den Klötersdorf... es ist mir unangenehm, aber ich kann nicht anders... ich muß ihn dem Obersten anzeigen... meine Pflicht erfordert es... will es aber noch bis morgen verschieben... heute ist mir der Kopf so voll von anderen Sachen.« »Na; das wird ja immer niedlicher«, dachte Nasewitz, als er sich ebenfalls vom Reitplatz entfernte; »wenn ich den alten Grafen gefragt hätte, was heute in der Vossischen Zeitung stand, die er zwei Stunden vor der Nase gehabt, so hätte er es ganz entschieden nicht gewußt... aber den unbedeutenden Strammin, den ich in dunkler Nacht in ein Schilderhaus stelle... den muß er bemerken... da muß er gerade vorbeigehen... so etwas von Pech gibt's in der ganzen Welt nicht mehr... und den anderen auf der Pappel sieht er natürlich auch... das wäre mir noch weniger unangenehm gewesen, obgleich er auch mein Schutzbefohlener ist... in seiner Drömelei verwechselt er aber meine beiden Fähnriche miteinander, und dadurch komme ich in eine Tinte, wie man sie gar nicht schöner wünschen kann. - Anstatt einer Lüge habe ich nun zwei auf dem Gewissen. - Anstatt eines Anbeters für seine Tochter habe ich dem alten Schimmelmann nun zwei aufgeschwindelt... ich dachte wenigstens, er würde seinen Mund halten; aber natürlich hat er es gleich der Alphonsine gesagt... armes gutes Mädchen... und wenn er nun nach Hause kommt, ist es natürlich sein erstes Geschäft, es der anderen auch noch zu sagen... er weiß aber gar nicht welche ... danach hat er in seiner Aufregung vergessen zu fragen... hätte ihm auch nicht viel genutzt, weil ich es selber nicht weiß... und in einigen Tagen soll ich die ganze Geschichte in Ordnung haben... dagegen ist eine Herkulesarbeit ein Kinderspiel... der eine zerhackt mich lieber in ganz kleine Stücke, als daß er heiratet... und der andere liebt vorläufig die Konditormamsell... wie soll ich denn den Menschen da heranbringen? - Na... einige Tage habe ich ja noch Zeit, und wenn mir dann unser grundgütiger Vater im Himmel nicht geholfen hat, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als ins Wasser zu springen... was gar nicht 'mal geht, weil die Hase zugefroren ist... auch wieder ein Pech, was nur ich haben kann... Donnerwetter nicht noch 'mal!« unterbrach er sich hier, weil er in seinen tiefen Gedanken an einen Menschen gerannt war. »Ach du gerechter Himmel!« stöhnte der andere, der wohl ebenfalls geträumt haben mußte. »Sie sind es, Herr Kajob?... Schwerenot, habe ich 'nen Puff bekommen!« »Zu dienen, Herr Leutnant... ich glaube, mir ist 'ne Rippe entzwei. »Die scheint mir in den Magen gedrungen zu sein... au!« »Sie haben wohl gerade den Säbel vorgehalten... oh!« »Nehmen Sie es nicht übel, lieber Herr Kajob...« »Bitte... im Gegenteil, lieber Herr Leutnant...« »Guten Morgen... auf frohes Wiedersehen.« »Danke ganz ergebenst... gleichfalls!« »Ach bitte, noch einen Augenblick...« »Stehe zu Diensten...« »Die Geschichte ist ja gar nicht wahr mit dem Rittmeister Schimmelmann...« »Welche... welche?« »Na... daß er gestern das Zauberfest gegeben hat, weil er zum Major befördert wäre...« »I, was Sie sagen...« »Kein wahres Wort daran... hat sich 'mal loslassen wollen; weiter gar nichts... reine, unverfälschte Menschenfreundlichkeit..« »Hätte man das glauben sollen... oh... dieser sparsame Mann...« »Na, adieu, Herr Kajob... empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin...! »Danke ganz verbindlich... mir sehr angenehm gewesen!« Damit drückten sich beide die Hände und gingen dann in verschiedenen Richtungen auseinander. »Netter Mann, der Herr von Nasewitz«, hielt sich der Buchdrucker den schmerzenden Magen. »Langweiliger Kerl, der Kajob«, dehnte sich der Leutnant; »aber nun steht die Berichtigung nächsten Sonnabend im Wochenblatt.. besser ist es auf keinen Fall unter die Leute zu bringen.« Dann nahm er den vorhin unterbrochenen Gedankengang wieder auf. »Wenn ich also nicht ins Wasser springen kann, was mache ich dann?« reflektierte er; »wenn ein paar so schwarze verleumderische Lügen ins Publikum und vor den Kommandeur kommen, dann ist meine soziale Stellung in Hasenbalg unmöglich... dann bleibt mir nichts anderes übrig, als den Abschied zu nehmen und zum Alten auf die Hufe zu gehen... da kann man nötigenfalls Hilfsschäfer werden... oder Kuhhirt... wenn Padderows stolzes Schuldengebäude bis dahin zusammenbricht, wandere ich vielleicht auch mit ihm nach Amerika aus... Arm in Arm mit ihm, so fordere ich mein Jahrhundert in die Schranken... untergehen können wir ja nicht... er gibt Konzerte auf der Baßtuba, und ich gehe mit dem Teller 'rum... in Amerika sind sie noch an nichts Besseres gewöhnt... namentlich unter den Indianern... wenn wir ihnen gefallen, schenken sie uns 'nen Schurz von Straußenfedern... und wenn wir ihnen mißfallen, fressen sie uns auf... Padderow wird in seinem eigenen Fett gebraten und ich in Butter... oder mit Bärenschmalz... und dann binden sie einen an den Pfahl und jeder schneidet sich ein Lieblingsstück ab... Padderow wird das beste Filet geben, während ich mich mehr zum Kotelette eigne...« »Guten Tag, Nasewitzchen«, unterbrach ihn da zum zweitenmal eine Stimme. »Guten Tag, lieber Kreidefleck.« »Nun sagen Sie 'mal bloß... was ist denn das?« machte der Premierleutnant ein Gesicht wie ein kleiner Junge, dem seine Butterstulle ins Wasser gefallen ist; »der alte Schimmelmann ist ja nicht Major geworden.« »Das haben Sie geglaubt?« »Die ganze Stadt glaubt es ja... und nun namentlich, da er das Fest gab...« »Gar kein Zusammenhang damit... reine Ente... er hat vielleicht 'was in der Lotterie gewonnen?« »Was Sie sagen... da wären ja die Töchter gute Partien!« »Nun natürlich!« nickte Nasewitz. »Und ich hatte mich so darauf gefreut, die Schwadron zu bekommen«, paute der alte Premierleutnant. »Gott, wie leid mir das tut!« »Sie gutes Seelchen, Sie!« »Adieu, liebes Kreidefleckchen... trösten Sie sich... lange kann es ja nicht mehr dauern.« »Meinen Sie... na... da wollen wir noch ein bißchen Geduld haben.« Dann gaben sie sich die Hände, und der Premierleutnant lief, in kurzem Träbchen und fröhlich in die Händchen klopfend, weiter. »Wieder ein Bekehrter«, verfolgte auch Nasewitz seinen Weg; »wenn es weiter nichts wäre, als dies Gerücht zu dementieren... du lieber Gott, damit wollen wir bald genug fertig sein... aber die andere Geschichte... die andere Geschichte... und der arme Klötersdorf auch noch... allen Menschen soll ich helfen, und mir selber hilft keiner... ich will einmal zu Padderow hinaufgehen; mein Herz ist zu voll und sehnt sich nach Mitteilung.« »Bum, bum, bum!« klopfte er auf die bekannte Art an die Tür. »Herein!« rief es von innen mit rauher Kommandostimme. »Zum zweitenmal guten Morgen, erlauchter Herr!« »Ich entbiete Euch meinen Gegengruß, streitbarer Ritter!« »Fühlt Ihr euch sehr angestrengt vom Blutverlust und dem wilden Kampf?« »Der Padderower achtet der Wunden nimmer!« »Und wie ist Euer kostbares Befinden sonst?« »Danke... die Lippen sind mir noch etwas angeschwollen, und der eine Vorderzahn wackelt ein bißchen... was ist Euch denn aber ... Ihr seht so aufgeregt aus.« »Da mag der Teufel nicht aufgeregt aussehen«, hing Nasewitz Mantel und Mütze an den Nagel und ließ sich selbst auf seinen gewohnten Platz am Ofen niedersinken. »Wieso?« fragte Padderow. »Die Geschichte wird immer verwickelter«, schlug der andere eines seiner langen Beine über das andere. »Welche Geschichte, rätselhafter Jüngling?« »Die mit Euch... und der Alphonsine«, entgegnete Nasewitz unwirsch... »ich habe eben den alten Schimmelmann auf dem Reitplatz gesprochen... da ist ein kolossales Mißverständnis vorgekommen...« »Gott sei Dank!« seufzte Padderow; »dann bin ich wohl heraus?« »Im Gegenteil, Ihr seid wieder drin.« »Wie das, ränkevoller Höfling?« »Schimmelmann hatte sich die Heiratsgeschichte nicht aus dem Kopf geschlagen... Ihr liebt jetzt wieder die Alphonsine.« »Herr Ritter, wahrt Eure Zunge!« »Die Angelegenheit mit der dicken Trompete verhält sich auch ganz anders.« »Wieso?« »Mit der dicken Trompete meinte Schimmelmann ja Alphonsinens Nase. »Auf der konnte ich aber doch nicht blasen lernen... oder sollte ich sie vielleicht pusten?« »Nein... Ihr sollt Euch daran gewöhnen, meinte der Rittmeister, weil sie gerade bedeutend angeschwollen war, als er Eure Liebe zu ihr erfuhr... und ich dachte, Ihr solltet Euch an den Ton der Tuba gewöhnen... und Ihr vervollkommnetet das Mißverständnis, indem Ihr auf dem Dinge spieien lerntet...« »Unseliger Gedanke!« sagte Padderow. »Und das gestrige Fest hat er nicht gegeben, weil er Major geworden war«, fuhr Nasewitz fort; »sondern weil er Euch Gelegenheit geben wollte, Eure Schüchternheit zu überwinden und um Alphonsine anzuhalten... das wollte er damit sagen, als er äußerte, Ihr solltet loslegen und zeigen, was Ihr gelernt hättet... Ihr solltet Euch mit dem Mädchen verständigen...« »Ich scheine mich schauderhaft lächerlich gemacht zu haben...« runzelte Padderow die hohe, vornehme Stirn. »I, wenn weiter nichts wäre!« machte Nasewitz eine geringschätzende Bewegung; »das ließe sich noch halten... aber dem armen Mädchen ist das Herz gebrochen... sie sehnt sich nach Euch... sie härmt sich hin...« Der dicke Offizier steckte die rechte Hand vorne in die Brust, wie Napoleon, wenn er großen Gedanken nachhing, und machte einige gewichtige Gänge durch das Zimmer. »Es tut mir leid um das arme Kind«, sprach er dann düster vor sich hin; »aber der Padderower hat einen feierlichen Eid geschworen, niemals ein Frauensbild zum Altar zu führen... niemals mit roher Hand eine holde Blume zu entblättern.« »Eure Mittel erlauben Euch das wohl nicht?« lächelte Nasewitz auf seine alte mephistophelische Art. Padderow warf ihm einen vernichtenden Blick zu und setzte mit derselben Würde seine Promenade fort. »Nun ja... ich weiß ja«, sagte der andere nach einer Weile; »ich bin von der Unmöglichkeit überzeugt, in dieser Beziehung ein Geschäft mit Euch zu machen... und darin liegt eben meine Verzweiflung ... ich sehe fortwährend das arme, todesblasse Mädchen ohnmächtig auf dem Stuhl liegen... ich höre fortwährend ihre leisen Seufzer, die mir das Herz zerreißen... ich sehe die trauernde Mutter... den alten bekümmerten Vater...« Padderow wischte sich verstohlen eine Träne aus der dunklen Wimper. »Mir zerreißt es ebenfalls die Seele«, sagte er; »aber ich kann nicht...« Nasewitz blickte ihn voll an. »Nein... ich kann nicht anders!« fuhr der dicke Offizier fort; »laß sie dahinwelken an ihrer hoffnungsvollen Liebe... ich kann nicht dafür, daß ich sie ihr eingeflößt habe... was sollte denn der arme Padderow machen, wenn er alle Mädchen beglücken wollte, die ihn geliebt und die ihn noch lieben...« »Ja; das wäre allerdings eine schreckliche Verlegenheit für Euch«, sagte Nasewitz, mit demselben Ton wie vorhin. »Und Ihr«, wandte sich Padderow dann an seinen Freund; »verzehret selber, was Ihr selber angerührt... ich kann Euch nicht helfen... macht Ihr mir aber neue Wirrungen... bringt Ihr mich noch einmal in ähnliche heikle Lage wie gestern abend, verhindert Ihr nicht, daß mir der alte Schimmelmann mit seiner Tochter auf den Hals kommt, dann nehmt mein ritterliches Wort, daß ich Euch den verräterischen Schädel spalte!« »Damit würdet Ihr mir sogar einen sehr großen Gefallen tun!« stand Nasewitz, von den Erinnyen gepeitscht, auf; »denn es liegt ja noch ein anderer Fall gegen mich vor; der alte Graf hat dem Rittmeister erzählt, daß er Strammin habe unter seinen Fenstern stehen sehen...« »Wie ist denn der da hingekommen?« fragte Padderow. »Ich habe ihn ja selber aufgestellt... weil Schimmelmann Euch die erste Nacht gesehen hatte... in Vertretung...« »Was ist das?« fragte Padderow. »Als Eurer Stellvertreter, edle Seele!« »Nasewitzer, mir graut vor Euch!« sagte der dicke Offizier entrüstet. »Mir graut es ebenfalls vor mir...« lief nun auch der andere im Zimmer auf und ab; »und nun habe ich, um das Maß des Unheils voll zu machen, dem alten Schimmelmann noch gesagt, der Strammin habe dagestanden, weil er auch seine Tochter liebte... er habe sich mit Euch abgewechselt...« »Also habt Ihr mich wieder hineingebracht?« »Wieso?« ^ »Wenn ich mich mit Strammin abgewechselt habe, muß ich doch um sein Geheimnis ebenfalls wissen!« »Wahrhaftig... daran hatte ich, noch gar nicht gedacht!« »Bedenk' dein Ende, junger Held!« drohte ihm Padderow unheimlich mit dem rechten Zeigefinger; »wir stehen bald auf einer Stufe!« »Und wenn Schimmelmann das zu Hause erzählt, dann wird noch eine Lilie geknickt«, fuhr Nasewitz sich mit beiden Händen durch die Haare; »dann wird noch ein Herz gebrochen... oder vielleicht auch drei... denn der Alte weiß ja nicht, welche Strammin liebt... und ich weiß es auch nicht... und Strammin noch weniger... und jede von den drei Schwestern wird sich natürlich einbilden, daß sie es sei... Herr Gott, bei dem Gedanken kann man wahnsinnig werden!« »Ihr tut mir leid, Nasewitz«, wiegte Padderow düster den dicken Kopf. »Ich danke Euch für Eure Teilnahme«, lief der andere immer heftiger auf und ab; »sie kann mir aber leider nichts helfen... ich muß mir selber helfen... ich muß... ich muß...« schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn; »ist denn hier kein einziger Gedanke mehr in dem alten, törichten Schädel...« Padderow folgte ihm mit trüben Blicken. »Halt!« rief Nasewitz plötzlich; »ich hab's... ich muß sie aneinanderbringen... die sich heiraten sollen, die müssen zusammen...« »Ich auch?« fragte der Dicke. »Natürlich... Ihr auch... alles durcheinander... ein Heidenwirrwarr muß es werden, vielleicht entsteht daraus am allerersten Ordnung... ich veranstalte Schlittenpartien...Tanzvergnügen... Liebhabertheater... alles Mögliche... dann müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich nicht dieser oder jener in die Schimmelmannschen Töchter verlieben sollte... namentlich, da der Alte in der Lotterie gewonnen hat. - Wer sie nachher heiratet, ob der Richtige oder Unrichtige, darauf kommt es so genau nicht an... dann hat man sich im schlimmsten Fall in der Person geirrt... morgen vormittag gehe ich zum Obersten und frage ihn um Erlaubnis, ob ich die betreffenden Vergnügungen vorbereiten darf... das müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich aus der Patsche nicht wieder herauskommen sollte!« »Na, Gott gebe Euch seinen Segen!« nickte Padderow; »mir scheint es, Ihr spielt ein gewagtes Spiel, wobei Ihr noch mehr verlieren könnt.« »Aber auch alles gewinnen!« leuchtete Nasewitz auf, indem er den Mantel umnahm und die Mütze aufsetzte; »nun lebt mir wohl, mein teurer Padderow; ich danke Euch... in Eurem Bankettsaal ist es mir licht in meinem Hirn geworden; ich werde Sorge tragen, daß es nicht wieder verlischt... gehabt Euch wohl!« »Gott geleite Euch auf allen Euren Wegen!« bewegte Padderow ernst und sorgenvoll das Haupt. Als der in hohem Grade aufgeregte Nasewitz unten über den Damm wollte, kam gerade der alte Graf Schwülenberg vom Reitplatz zurück. »Hör 'mal... du...« hielt er den Eiligen an. »Was willst du denn... ich habe keine Zeit.« »Ich weiß gar nicht, weshalb ich nicht Premierleutnant geworden bin«, sagte Schwülenberg grämlich; »ist denn der Schimmelmann auch nicht Major geworden?« »I, Gott bewahre... fällt ihm gar nicht ein!« »Na, gestern sagten sie doch aber alle... und dann hat er doch auch das große Zauberfest gegeben...« »Es war 'ne Ente... das Fest hat er bloß gegeben, weil er 'mal anderen eine Freude machen wollte... willst du nicht eine von seinen Töchtern heiraten?!« »Ne«, schüttelte der alte Graf den Kopf; »ich heirate gar nicht ... ich habe zuviel Reißen in den Waden...« »Na, das würde doch nichts schaden...« »Nutzen aber auch nicht... und außerdem sind in unserer Familie so viel Kinder Mode... das ist mir unbequem... und teuer wird das nachher auch...« »Ich glaube, der Alte hat in der Lotterie gewonnen...« »Ne... ich will doch nicht... das macht mir viel zu viel Umständlichkeiten ... aber... was ich eigentlich sagen wollte...« »Na, was wolllest du denn sagen?« »Ja, richtig...dann brauche ich eigentlich auch keine Premierleutnants -Bowle zu geben.« »Nein... wenn du nicht willst...^ »Wenn ich nur wüßte, ob ich den Wein bei Schleckmann schon bestellt hätte oder nicht... denn ich wollte doch Wein nehmen... das sieht anständiger aus als Punsch... wie?« »Natürlich!« »Na, denn adieu... das tut mir verdammt weh, wo mich der Köter gebissen hat... der kleine Klaubert muß mich manchmal verbinden. .. ne, über solch' Duell... Ihr beide kriegt gar nichts weg, und uns Sekundanten beißen die Hunde...« »Still doch... nicht so laut!« »Was ist denn los?« »Wenn es jemand hört, kommen wir alle fünf noch auf die Festung.« »Donnerwetter ... das wär 'ne teufelmäßige Geschichte... ne, dann wollen wir doch lieber nicht mehr davon reden... adieu, Nasewitz!« »Adieu, alter Graf!« »Mit dem ist auch kein Geschäft zu machen«, brummte der lange Leutnant mißmutig vor sich hin; »danh müssen wir andere Opfer suchen, oder den gnädigen Zufall schalten lassen.« – – – Als der Rittmeister Schimmelmann nach Hause kam, guckte er erst 'mal in den Stall und dann in die Kammer, die daneben war. »Na... oller Plöter!« rief er seinem Burschen zu, der noch im Bette lag. »Zu Befehl, Herr Rittmeister!« tönte eine matte, klägliche Stimme. »Es ist nicht so schlimm«, lächelte Schimmelmann, der den inneren Drang fühlte, seine verbesserte Gemütsstimmung wenigstens auf einen Menschen zu übertragen, der keine unglücklichen Folgerungen aus der Mitteilung ziehen konnte. »Ach ja, mir ist noch sehr schlimm, Herr Rittmeister!« stöhnte Pätel, als wenn er jeden Augenblick verscheiden wollte. »Unsinn! – Aufgestanden! – Pferde gefuttert!... Oller Jammerhahn!« schimpfte Schimmelmann. »Zu Befehl, Herr Rittmeister!« streckte Pätel gehorsam eines seiner dicken Beine aus dem ärmlichen Bett. »Na... siehst du wohl!« schmunzelte der Alte; »man muß nie das Vertrauen auf den lieben Gott verlieren... der hilft immer, wenn es Zeit ist.« »Zu Befehl, Herr Rittmeister!« Dann stand Pätel vollends auf, und Schimmelmann stackerte ganz heimlich in seine torfduftende Stube, damit ihn niemand hören und besuchen sollte, zündete sich seine Lieblingspfeife an, setzte sich damit ans Fenster, das nach dem Hof hinausging, und amüsierte sich über die kleinen Sperlinge auf dem Mist, wie sie miteinander kokettierten und sich küßten und Mann und Frau zusammen spielten. 18. Aller guten Dinge sind drei Am nächsten Morgen früh um acht Uhr saß der alte Oberst von Hollprägel schon gestiefelt und gespornt auf dem Sofa und rauchte behaglich seine Pfeife. Er wartete auf den Adjutanten, der nun bald kommen mußte, und deshalb war er schon in voller Uniform, das heißt im Oberrock, ohne Epauletten, aber sonst vollständig zugeknöpft und dienstlich fertig. Da öffnete sich die Tür und militärisch, ohne anzuklopfen, trat der Adjutant ins Zimmer, ein hübscher junger Mann, der an Bildung und Aufklärung den meisten anderen überlegen war, und der deshalb auch ein weit weniger eingefleischtes Dienstgesicht machte, als die übrigen Offiziere es getan haben würden, wenn sie zu ihrem Kommandeur ins Zimmer getreten wären. »Guten Morgen, lieber Rappenstill«, erhob sich Hollprägel von seinem Sitz und stellte die Pfeife fort; »was gibt's Neues?« »Habe nichts zu melden, Herr Oberst!« entgegnete in strammer Haltung, aber mit einem leisen Anflug von Lächeln, der Adjutant. Dann trat eine kurze Pause ein. »Das Regiment ist wirklich prachtvoll in Ordnung« begann der Kommandeur dann wieder; »es ist die größte Seltenheit, wenn etwas Neues passiert.« Herr von Rappenstill lächelte, und er durfte sich dieses Lächeln erlauben, denn der Adjutant ist der geheime Rat und Vertraute des Obersten, wie es der Wachtmeister beim Rittmeister ist. »Ja; dann wäre wohl weiter nichts, lieber Rappenstill«, blickte der Kommandeur verstohlen nach seiner Pfeife, ob sie auch noch nicht ausgegangen wäre. Der Adjutant schickte sich zum Gehen an. »Ja, doch... was ich noch sagen wollte...« hielt Hollprägel ihn zurück; »was ist denn eigentlich an der Geschichte mit dem Fähnrich Klötersdorf...?« »Genaues weiß ich auch nicht darüber, Herr Oberst...« zuckte der Adjutant die Achseln. »Er soll auf 'ner Pappel gesessen haben... bei der Lohmühle«, fuhr der Alte fort; »das kann ich mir gar nicht denken... die Tür der Baronin steht doch wahrhaftig für jeden weit genug offen, als daß jemand auf 'nen Baum zu klettern braucht, um einen Blick in die Geheimnisse des Innern zu tun.« »Das sollte ich auch meinen«, bestätigte der Adjutant. »Wenn es wahr wäre... wenn Klötersdorf in sträflicher oder unsittlicher Absicht auf den Baum geklettert wäre; dann dürfte ich es ja nicht ungeahndet lassen«, sprach Hollprägel weiter; »das Regiment müßte sich ja wundern, wenn ich solche Überschreitungen nicht strafte... aber ich weiß ja nichts Offizielles darüber... ich dächte, der Rittmeister Schimmelmann würde es, bei seiner bekannten Gewissenhaftigkeit, doch gemeldet haben...« »Wenn er es selbst schon weiß, Herr Oberst.« »Hm!« machte dieser; »das sollte man doch glauben... wenn es mir schon zu Ohren gekommen ist... aber... er wird schon ein bißchen schwach... wie?« Der Adjutant zuckte leicht die Achseln, als wenn er sich kein Urteil in dieser Angelegenheit erlauben wollte. »Da steht heute eine Geschichte im Wochenblatt«, fuhr der Oberst fort; »die mir ziemlich unverständlich ist... es wird berichtigt, daß Schimmelmann seine Abendgesellschaft gegeben habe, weil er zum Major befördert worden sei..., woher, zum Teufel, kann denn ein solches Gerücht gekommen sein? – Das kann sich der Alte auch unmöglich selber eingebildet haben... man hält ihn, solange es geht, als Rittmeister; aber eine Aussicht auf den Major hat er unter keinen Umständen. – Weshalb hat er aber sonst das Fest gegeben?.. das Wochenblatt sagt, aus reiner Menschenfreundlichkeit... und weil er etwas in der Lotterie gewonnen habe... daraus mag sich ein anderer einen Vers machen.« »Ich war nicht auf der Abendgesellschaft«, sagte der Adjutant; »ich befand mich jenen Abend nicht recht wohl.« »Da können Sie Ihrem Schöpfer danken, daß Sie von zwei Übeln das kleinste gewählt haben... wenn auch unfreiwillig...« lächelte Hollprägel; »die Bowle schmeckte wie Glaubersalz... ich habe von einem halben Glas Leibschmerzen bekommen.. und dann der Padderow... haben Sie denn die Geschichte von Padderow gehört!« »Jawohl, Herr Oberst.« »Nun nehmen Sie 'mal bloß an... wie ich ihn frage, sagt er mir, er hätte Fräulein Alphonsine begleiten wollen... mit der Baßtuba... zum Klavier... und dazu setzt er sich draußen auf den Flur und bringt Töne zum Vorschein, als wenn man einem heiseren Bullen mit einer Zange in den Schwanz kneift... ich glaube, der Padderow schnappt nächstens über... säuft auch zu viel... es ist ein Unglück...« Der Adjutant schwieg. »Also von der Klötersdorfschen Geschichte wissen Sie nichts Genaues«, kam Hollprägel wieder auf sein erstes Thema zurück; »tut mir leid... man ist doch gern unterrichtet über das, was im Regiment vorgeht... die Leute halten einen sonst für taub und blind...« »Der Leutnant von Nasewitz pflegt über solche Geschichten immer sehr genau orientiert zu sein«, sagte der Adjutant; will mich einmal bei ihm erkundigen...« »Tun Sie das, lieber Rappenstill; vielleicht können Sie mir morgen Bescheid sagen... aber, daß der alte Schimmelmann nichts davon erfährt, hören Sie wohl... ich möchte ihn doch nicht gern beleidigen.« »Herr Oberst können ganz ruhig sein.« »Na schön, lieber Rappenstill.« »Haben der Herr Oberst sonst noch etwas zu befehlen?« »Ich danke Ihnen.« Der Adjutant machte eine leichte, nicht ganz militärische Verbeugung und verließ das Zimmer. »Netter Mensch, der Rappenstill«, pustete Hollprägel in seine Pfeife; »nun ist sie richtig doch ausgegangen... hätte aber eigentlich den Nasewitz lieber zum Adjutanten gehabt... solche kalt gewordene Neige schmeckt doch lange nicht so gut, als wenn man ruhig hintereinanderweg raucht... der Rappenstill ist immer so zugeknöpft... so wenig ausgiebig... während der Nasewitz... es beißt einem ordentlich auf die Zunge... während also der Nasewitz weit mehr Geistesblitze hat... er erzählt so niedlich... und er weiß alles... das macht einem doch ein bißchen Vergnügen des Morgens... na, nun brennt ja sie wieder«, setzte sich Hollprägel auf seinen verlassenen Sofaplatz; »nun können wir noch ein halbes Stündchen an dem Pollack schmökern.« Er mochte sich ungefähr zehn Minuten diesem Vergnügen hingegeben haben, als die Tür aufging und, nach militärischer Sitte, unangemeldet der Leutnant von Nasewitz eintrat. »I guten Morgen, lieber Nasewitz«, stand Hollprägel abermals auf und stellte seine Pfeife in die Ecke; »Sie kommen ja wie lupus in fabula ... na, was bringen Sie denn Gutes? wollen Sie nicht einen Augenblick Platz nehmen?« »Der Herr Oberst sind zu gütig«, lächelte der lange Leutnant verbindlich. »Nehmen Sie sich 'nen Stuhl und legen Sie Ihren Tschako weg... so... erlauben Sie, daß ich meine Pfeife weiterrauche... na, ich danke Ihnen... nun bringen Sie also Ihre Angelegenheit zum Vorschein«, sagte der alte Hollprägel, nachdem er sich wieder in seine Ecke gesetzt. »Ich wollte den Herrn Oberst um Erlaubnis fragen, ob ich vielleicht in den nächsten Tagen eine Schlittenpartie veranstalten könnte...« »Eine Schlittenpartie... i, sehen Sie 'mal an«, ergötzte sich der Alte sichtlich; »nun natürlich erlaub' ich das... das ist ja eine ganz reizende Idee... ich fahre auch mit... wen soll ich denn fahren, lieber Nasewitz?« »Nun... ich dächte die Frau Rittmeister Schimmelmann... oder die Gräfin Plustra...« »Wissen Sie, die Gräfin Plustra ist mir lieber«, schmunzelte Hollprägel... »von der schmeckt mir das Schlittenrecht besser als von der alten, dicken Auguste...« »Nun, wie der Herr Oberst wünschen...« »Na schön, also arrangieren Sie nur los, lieber Nasewitz... das Trompeterkorps bewillige ich Ihnen selbstverständlich... und was die Geschichte kostet, das verteilen Sie nachher... was?« »Gewiß, Herr Oberst.« »Sie haben wohl noch 'was auf dem Herzen... Sie drucksen ja so...« lachte der Alte; zieren Sie sich nicht... schießen Sie immer los.« »Ich wollte den Herrn Obersten um Erlaubnis fragen, ob ich vielleicht ein Liebhabertheater ins Leben rufen dürfte«, sagte Nasewitz. »Ein Liebhabertheater? - Gott geb' Gnade! - So etwas ist ja hier nicht erlebt worden, solange das alte Nest steht«, heulte Hollprägel in seiner hohen Stimmlage. »Ich dächte, es müßte etwas mehr Geselligkeit geschaffen werden«, fuhr Nasewitz fort; »der Winter wird sonst zu öde... die Schauspieler kommen auch in diesem Jahre nicht... da könnte man ja selbst etwas Komödie spielen.« »Na... mir soll's recht sein«, nickte der Alte; »wenn Sie glauben, daß Sie die Geschichte zustande bringen... und wenn Sie alles übernehmen wollen... aber ich spiele nicht mit... zusehen will ich, soviel Sie es verlangen, aber mitspielen nicht... wissen Sie, ich darf mich nicht lächerlich machen... ich schwebe über den Wassern, wie der Geist Gottes.« »Alles, wie der Herr Oberst es wünschen«, verneigte sich Nasewitz auf seinem Stuhl. Hollprägel schien zu überlegen, ob er noch einen andern Gegenstand aufs Tapet bringen sollte oder nicht. Endlich siegte doch die Neugier und die unabweisbare Geschwätzigkeit des Alters. »Sagen Sie 'mal, lieber Nasewitz«, begann er endlich; »was ist denn das eigentlich für 'ne häßliche Geschichte mit dem Fähnrich Klötersdorf...?« »Ach Herrje!« dachte der Leutnant; »nun fängt er davon an... wäre ich doch lieber gleich gegangen...« »Er soll da auf der Pappel gesessen haben, vor der Lohmühle...« klopfte Hollprägel zögernd auf den Busch. »Da haben wir's«, wurde dem Leutnant schon wieder warm; »wissen tut er's nun einmal, also Leugnen wäre Unsinn... der Alte ist so guter Laune... ich möchte seine Stimmung benutzen und meinen Schützling zu retten versuchen... wenn ich nur ein bißchen Zeit zum Nachdenken hätte... mir ist der Kopf noch schwach von den letzten Ereignissen...« »Und das paßt sich doch gar nicht«, fuhr der Oberst fort; »ich wundere mich nur, daß mir der Rittmeister Schimmelmann die Sache noch nicht gemeldet hat... so etwas muß man doch disziplinarisch bestrafen...« »Gott sei Dank!« reflektierte Nasewitz in der Eile; »der Fall ist also noch nicht offiziell geworden... brechen wir ihm daher die Spitze ab... wenn der alte Schimmelmann bis jetzt die Geschichte nicht angezeigt hat, tut er es überhaupt nicht... da kenne ich ihn... er hat den Kopf zu voll mit seinen eigenen Geschichten... und dann wird er überhaupt vergeßlich... machen wir also die Sache tot, dann verblutet sie sich am schnellsten.« »Ist wohl nicht wahr?« lächelte Hollprägel. »Doch, Herr Oberst«, sagte Nasewitz. »Was Sie sagen?... das ist ja aber eine schauderhafte Verwegenheit ... da auf den Baum zu klettern und in die Fenster zu sehen... der Klötersdorf muß ja ein ganz ausgekochter Lüstling sein... ich habe Lust, ihn gar nicht zum Offizier vorzuschlagen...« »Herrje!« dachte Nasewitz; »wenn ich gewußt hätte, daß der Alte die Sache so streng auffaßt, würde ich meinen Klötersdorf lieber herausgelogen haben... nun ist's aber zu spät, nun muß man auf andere Weise durchzukommen suchen.« »Und der Rittmeister Schimmelmann meldet mir das nicht«, begann der Alte sich zu ereifern; »ich hätte wirklich die größte Lust, mit ihm darüber zu sprechen... vertuscht darf das unter allen Umständen nicht werden.« »Ich habe ein Pech ohnegleichen«, stöhnte Nasewitz inwendig; »jedes Mittel, das ich anwende, ist falsch... alle Wetter, wenn mir doch etwas einfallen wollte!« »Ich werde mir also den Rittmeister Schimmelmann im Vertrauen rufen lassen«, nickte Hollprägel vor sich hin. »Ach, Herr Oberst«, begann Nasewitz, ohne zu wissen, wie er enden sollte; »die Sache hat ja eine ganz andere Bewandtnis...« »Wieso?« blickte der Alte wieder auf. »Das ist ja gar nicht so schlimm, wie es aussieht«, druckste der Leutnant weiter; »der Fähnrich von Klötersdorf... ist nämlich deshalb auf den Baum gekrochen...« »Weil er ins Fenster sehen wollte... sonst kann ich mir keinen anderen Grund denken«, unterbrach ihn der Alte. »Ganz richtig, Herr Oberst«, konnte Nasewitz nicht umhin, zu bestätigen; »aber er wollte...« »Die schöne Molly belauschen«, fiel Hollprägel abermals dazwischen. »I bewahre, Herr Oberst«, wich Nasewitz aus; »es handelte sich ja...« »Na, um ein Frauenzimmer doch jedenfalls... ob er nach der einen guckt oder nach der andern, das ist ganz gleich straffällig...« »Aber, Herr Oberst, er hat ja nach gar keinem Frauenzimmer geguckt«, ritt sich Nasewitz immer tiefer hinein. »Nach gar keinem Frauenzimmer? - Nach wem denn sonst... vielleicht nach 'ner Mannsperson?« Der Leutnant nickte. »Na, da bin ich doch neugierig, wer könnte denn das gewesen sein?« Dem armen Nasewitz wogten eine Menge unklarer Gedanken durch den Kopf. »Der Fähnrich Strammin«, sagte er endlich, weil er den Blick des Alten nicht länger aushalten konnte. »Na, Gott geb' Gnade!« brauste Hollprägel auf; »das wird ja immer hübscher... mein einer Fähnrich sitzt auf dem Baum und mein anderer Fähnrich sitzt bei der Baronin in der Stube... das ist ja eine nette Wirtschaft beim Regiment!« »Donnerwetter!« brach Nasewitz der Angstschweiß aus; »nun habe ich den anderen auch in die Tinte gebracht... und zwar ganz unschuldigerweise... ich manövriere heute ausnehmend geschickt, das muß ich sagen...« »Ich will die Sache sofort untersuchen«, machte der Alte Miene, aufzustehen und zu klingeln. »Aber der Herr Oberst haben mich ja noch nicht auserzählen lassen«, schwitzte der Leutnant nun schon über den ganzen Körper. »Na... dann reden Sie aus...« blieb Hollprägel noch sitzen; »was hatte also der Fähnrich von Strammin bei der Baronin zu suchen... aus welchem Grunde war er da?« »Er war ja gar nicht da, Herr Oberst!« sagte Nasewitz schnell. »Was? - Er war nicht da? - Na; wie konnte denn aber Klötersdorf nach ihm sehen?« »Er glaubte, daß er da wäre, Herr Oberst.« »Ach so... er glaubte... er hielt es für möglich...« sagte Hollprägel; »weshalb hielt er es denn für möglich?« »Mein Gott«, zuckte der Leutnant die Achseln; »Strammin hatte vielleicht damit geprahlt... der Herr Oberst wissen ja, wie die jungen Leute sind...« »Und bloß um den anderen zu kontrollieren, bloß um zu wissen, ob er die Wahrheit gesagt, klettert Klötersdorf auf einen Baum und setzte sich der Gefahr aus, in die übelste Lage zu kommen«, schüttelte Hollprägel, energisch zweifelnd, den Kopf; »nein, das dürfen Sie mir nicht einreden, lieber Nasewitz, das glaube ich Ihnen unter keinen Umständen... da steckt noch ein anderer Grund dahinter.« »Nun freilich... steckt ja auch«, nickte der Leutnant, dem schon alles vor den Augen herumtanzte. »So?« machte Hollprägel; »nun wie verhielt sich denn die Sache?« »Der... der Klötersdorf... der war nämlich... der war nämlich...« stammelte der Offizier. »Eifersüchtig... wie?« »Ja«, nickte Nasewitz, dem das im ersten Augenblick ganz glaubhaft schien. »Aha«, machte der Oberst; »auf den Strammin?« »Ja«, nickte Nasewitz, schon ein bißchen erleichterter. »Also lieben sie alle beide die berühmte Molly?« runzelte Hollprägel die Stirn. »I, Gott bewahre«, lenkte der Leutnant schnell ab; »der Strammin liebt nämlich...« »Na, wen liebt er denn?« »Die Tochter vom Rittmeister Schimmelmann«, leuchtete Nasewitz auf, weil er glaubte, einen ausgezeichneten Gedanken gehabt zu haben. »I, das ist ja etwas ganz Neues«, erstaunte sichtlich der alte Oberst; »also der Strammin liebt die Tochter vom Rittmeister Schimmelmann?« »Jawohl!« nickte Nasewitz sehr freundlich. »Und der Klötersdorf liebt sie auch?« schmunzelte Hollprägel weiter. »Klötersdorf«, entgegnete der Leutnant; »Klötersdorf... nein... der...« »Na, wenn er eifersüchtig auf Strammin ist, dann muß er doch dieselbe Tochter lieben!« sagte der Oberst ungeduldig. Nasewitz überlief es siedendheiß. »Jawohl«, verbesserte er sich schnell; »ich... ich war bloß etwas zerstreut... wenn er eifersüchtig auf Strammin ist... dann... dann muß er natürlich dieselbe Tochter lieben...« Hollprägel schien über die Sache nachzudenken. »Nun reime ich's mir schon zusammen«, sagte er dann; »der Klötersdorf war also eifersüchtig auf den Strammin... und da der Strammin damit geprahlt hatte, daß er zu Möhrenstolzens ginge, so war das dem Klötersdorf aufgefallen, und er hatte geglaubt, der Strammin habe das bloß gesagt, um Klötersdorfs Aufmerksamkeit von seinem wahren Verhältnis abzulenken, und da ist der Klötersdorf auf die Pappel geklettert, um sich zu überzeugen, ob Strammin wirklich bei Möhrenstolzens sei.« »Sehr richtig, Herr Oberst!« fiel dem armen Nasewitz eine Zentnerlast von der Seele; »gerade so verhält sich die Sache.« »Das ist ja aber ganz reizend«, wurde Hollprägel wieder guter Laune; »da muß sich ja Schimmelmann außerordentlich freuen.« »Ja... das wird er wohl, Herr Oberst«, freute sich Nasewitz mit. »Und dann kann man es eigentlich dem Klötersdorf so übel nicht nehmen...« »Nein, das dächte ich auch, Herr Oberst...« »Man muß die Sachen zu vertuschen suchen...« »Der Ansicht bin ich ebenfalls...« »Schließlich erfahren ja die Leute doch den wahren Sachverhalt...« »Oder sie vergessen die ganze Geschichte«, dachte Nasewitz. Da schlug es neun vom grünen Rathausturm. Der Leutnant erhob sich schnell von seinem Stuhl. »Ach, Sie haben wohl Dienst, lieber Nasewitz?« »Zu Befehl, Herr Oberst!« »Na, dann leben Sie wohl und machen Sie uns einen recht lustigen Winter... freue mich schon im voraus darauf.« Der Leutnant machte eine militärische Verbeugung und verließ dann das Zimmer, um sich zu den Rekruten auf den Markt zu begeben. »Netter Mensch, der Nasewitz«, schmunzelte Hollprägel, als jener gegangen... »hätte ihn weit lieber zum Adjutanten als den förmlichen Rappenstill... weiß doch, was im Städtchen passiert... erzählt einem doch etwas... sorgt für Vergnügen... ist mir lieb, daß Schimmelmann die Sache mit dem Klötersdorf nicht an die große Glocke gehangen hat... der Alte wird den mildernden Grund selber eingesehen haben... obgleich, strenge genommen... na... ich hätte es ebenso gemacht und mache es ja noch nicht besser... was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß... ich weiß es freilich... aber nur als Mensch... nicht als Regimentskommandeur ... und die haben beide nicht gern miteinander zu schaffen... na... denken wir nun nicht mehr an die Geschichte, sondern freuen wir uns bloß, daß der alte Schimmelmann eine Tochter los wird...« Als Nasewitz unten auf der Straße ankam, war ihm noch ganz wirr im Kopf von den wechselnden Möglichkeiten der eben gehabten Unterhaltung; aber die Freude war doch das überwiegend vorherrschende Gefühl in seiner Brust. »Das ging ja vortrefflich«, wiederholte er den Fall; »erst reite ich mich auf eine unbegreifliche kopflose Art hinein, indem ich den armen Strammin auch noch verdächtige, und dann legt mir der alte Hollprägel Wort für Wort in den Mund, wie ich die beiden Fähnriche und mich selber wieder aus der Patsche herausbringe... es war wirklich kostbar... na... Glück muß der junge Mann haben ... puh... ist mir aber warm geworden da oben.« Unter diesem Selbstgespräch war er auf dem Markt bei seinen Rekruten angekommen, betrachtete dieselben mit freundlich liebevollen Blicken und ging dann, behaglich in seinen Mantel gewickelt, auf und nieder, indem er eben an nichts anderes dachte, als daran, daß seine Bedrängnisse heute einen günstigen Stand erreicht hätten. Ungefähr eine Viertelstunde später kröpelte der Rittmeister Schimmelmann über das halsbrecherische Straßenpflaster der Wohnung des Obersten von Hollprägel zu. Er sah wieder unwirsch aus, als wenn er Ärger gehabt hätte, oder als wenn seine Seele noch jetzt unter der Last einer Unannehmlichkeit seufzte. Vor dem Hause des Obersten angekommen, stand er zuerst noch eine Minute still, um sich zu verpusten, dann stackerte er steifbeinig die Treppe hinauf, und trat schließlich, ohne sich melden zu lassen, in dasselbe Zimmer, das Herr von Nasewitz vor einer Viertelstunde verlassen. »Guten Morgen, lieber Schimmelmann!« rief ihm Hollprägel, sich abermals erhebend, entgegen; »was bringen Sie Gutes?« Der Rittmeister schnitt ein Gesicht, als wenn er seine ganze Bowle allein ausgetrunken hätte. »Was Gutes ist es eben nicht, das ich bringe, Herr Oberst«, brummte er unter dem schwarzen struppigen Bart hervor. »Na, na«, machte Hollprägel, noch äußerst gut gelaunt; »machen Sie mich nur nicht graulich... hat sich irgendein Schwadronspferd während der Nacht den Schwanz gescheuert?« »Herr Oberst... ich bin gekommen, um Ihnen einen Fall vorzutragen«, sagte der Rittmeister sehr trübe. »Einen Fall«, scherzte der Kommandeur; »na, dann setzen Sie sich nur erst, lieber Schimmelmann... das nimmt ja solchen feierlichen Anfang, als wenn es nicht mit drei Worten abgemacht sein würde.« Hollprägel nahm wieder auf seinem Sofa Platz, und der Rittmeister ließ sich steifgliedrig auf einen Stuhl neben demselben nieder. »Na, nun legen Sie los, lieber Schimmelmann.« Der Alte druckste erst noch ein bißchen, ehe er anfing. »Herr Oberst«, faßte er sich dann endlich ein Herz... »es hat sich bei meiner Schwadron leider ein Fall zugetragen... der erst ganz vor kurzem zu meiner genauen Kenntnis gekommen ist...« »Nanu!« spitzte Hollprägel die Ohren. »Es handelt sich nämlich um den Fähnrich von Klötersdorf«, fuhr der Rittmeister fort: »derselbe hat sich einen groben Unfug zuschulden kommen lassen, den ich nicht umhin kann, dem Herrn Obersten dienstlich zu melden.« Auf Hollprägels Antlitz lagerte sich ein Ausdruck stiller Bewunderung. »Sie meinen die Geschichte mit der Pappel?« sagte er dann. Der Rittmeister machte große Augen. »Vor der Lohmühle...« fuhr der Kommandeur fort... »den Fenstern der Baronin Möhrenstolz gegenüber?« »Der Herr Oberst wissen schon?« fragte der alte Rittmeister, kleinlaut und höchst unangenehm berührt. »Ich weiß alles!« nickte Hollprägel. »Dann nehmen es mir der Herr Oberst nicht übel, daß ich so spät mit der dienstlichen Meldung komme«, entschuldigte sich der Rittmeister; »und daß ich erst heute den Herrn Obersten bitte, den Fähnrich von Klötersdorf mit der vollen Strenge des Militärgesetzes zu bestrafen.« Hollprägel antwortete nicht, aber der Ausdruck der Bewunderung auf seinen Zügen steigerte sich um ein Bedeutendes. »Der Herr Oberst können sich wohl denken, wie schwer mir der Gang geworden ist«, fuhr der Rittmeister noch gedrückter fort... Hollprägel schwieg noch immer. »Ich wollte es anfangs noch nicht glauben«, sprach Schimmelmann, der dies für Mißbilligung oder gar für Entrüstung hielt, weiter; »es ist ein so eigentümlicher Fall...«» »Wissen Sie, Schimmelmann, Sie haben Ähnlichkeit mit Brutus!« nickte ihm Hollprägel zu. Der Alte machte ein ganz erstauntes Gesicht. »Der seine eigenen Söhne zum Tode verurteilte«, fuhr der Kommandeur fort. »Ich habe doch meine Söhne nicht... zum Tode verurteilt?...« fragte der Alte immer verwunderter. »Ich spreche bildlich, lieber Schimmelmann ... nicht Ihre Söhne ... aber einen angehenden Schwiegersohn haben Sie, nun Ihre Pflicht obenan stellend, zur geistigen Schlachtbank geführt.« Der Rittmeister blickte seinen Vorgesetzten mit einer gewissen ängstlichen Besorgnis an. »Sie sind ein braver Mann«, reichte ihm Hollprägel die Hand; »Sie haben sich meine höchste Achtung verdient... aber nun will ich Ihnen auch etwas im Vertrauen sagen... so strenge müssen Sie die Sache nicht nehmen... die Tat geschah ja nicht aus Unfug oder Sittenlosigkeit, sondern aus Liebe und Eifersucht, und das entschuldigt vieles... beinahe alles.« Schimmelmann machte noch immer ein Gesicht, als wenn er durchaus nichts von der Geschichte verstände, die Hollprägel ihm vortrug. »Lassen wir also die Sache auf sich beruhen«, fuhr dieser fort; »sowie die Verlobung mit Ihrer Fräulein Tochter allgemein bekannt ist, können wir es ja ganz offen als einen Scherz erzählen.« »Die Verlobung mit meiner Tochter?« fuhr sich der Rittmeister mit einem Finger ins Ohr, als wenn er nicht recht gehört hätte. »Nun gewiß«, nickte Hollprägel; »ich würde Ihnen raten, gar nicht damit zu zögern ...« Schimmelmann blickte eine Weile nachdenklich vor sich hin. »Entschuldigen der Herr Oberst«, hob er dann wieder den Kopf; »was hat denn aber die Verlobung meiner Tochter mit dem Fähnrich von Klötersdorf gemein?« »Ja, allerdings«, meinte Hollprägel; »wenn Sie Strammin den Vorzug geben wollen...« »Vor Padderow?« vergaß sich Schimmelmann. »Ach, machen Sie doch keine Witze mit mir«, lächelte der Oberst; »wer spricht denn von Padderow?« »Na, von wem sprechen wir denn sonst?« »Alter, Sie sind ein bißchen zerstreut... von Klötersdorf sprechen wir.« »Von Klötersdorf? - Entschuldigen Sie, Herr Oberst ... Sie scheinen die beiden Fälle geneigtest zu verwechseln ... Klötersdorf ist ja der, der ...« »Na ja... der Ihre Tochter liebt!« winkte Hollprägel ungeduldig mit der Hand. »Der meine Tochter liebt?« wiederholte der Rittmeister; »belieben der Herr Oberst vielleicht zu scherzen?« »Wissen Sie, nun ist es genug, lieber Schimmelmann«, ereiferte sich Hollprägel ordentlich ein bißchen; »ich glaube nicht, daß Sie nötig haben, an der Liebe des jungen Mannes zu Ihrer Fräulein Tochter zu zweifeln ... denn, wenn er in seiner Eifersucht auf Strammin so weit getrieben wird, daß er auf einen Baum klettert, um zu sehen, ob jener dort ist, oder ob er ihm bloß seinen Besuch bei der Baronin vorgeschwindelt, um Klötersdorfs Aufmerksamkeit von seiner Liebe zu Ihrer Fräulein Tochter abzulenken, dann, lieber Schimmelmann, muß die Leidenschaft schon einen hohen Grad erreicht haben!« Der alte Rittmeister machte ein ganz merkwürdiges Gesicht. Bald blickte er verstohlen nach dem Obersten, bald senkte er wieder grübelnd den Kopf, als wenn er über den Fall nachdenken wollte. »Woher wußte nur Hollprägel die Geschichte? – Von Padderow, das konnte sich herumgesprochen haben... der konnte unter seinen Fenstern bemerkt worden sein... ebensogut wie Strammin... aber Klötersdorf... Klötersdorf auch... die Sache mit der Eifersucht hatte allerdings etwas Glaubhaftes... der junge Mensch war ja sonst als solide bekannt... wie sollte er also plötzlich auf die Idee kommen... das konnte man ja eigentlich gar nicht glauben...« »Na; habe ich nicht recht?« unterbrach Hollprägel diesen Gedankengang. »Ja«, nickte der Rittmeister; »der Herr Oberst haben allerdings wohl recht...« »Nun ... wem wollen Sie nun den Vorzug geben?« schmunzelte der Kommandeur. »Ja, das weiß der Teufel, Herr Oberst«, stöhnte der Alte; »darüber wird wohl meine Tochter entscheiden müssen.« »So ist's brav ... nur nicht die Kinder beeinflussen; das gibt gewöhnlich unglückliche Ehen... also von Bestrafen keine Rede mehr... was? »Nun, wenn der Herr Oberst nicht meinen? ...« »Unter keinen Umständen ... aber empfangen Sie im voraus meinen Glückwunsch ... entweder zu dem einen oder zu dem anderen.« »Der Herr Oberst sind zu gütig«, drückte Schimmelmann die ihm freundlich dargereichte Hand; »nun will ich aber zu meinen Rekruten auf den Markt.« Damit stand er auf, machte dem ebenfalls sich erhebenden Hollprägel eine steife Verbeugung und stackerte dann der Tür zu. Plötzlich stand er aber still und wandte sich noch einmal um. »Könnten der Herr Oberst mir vielleicht sagen«, brummelte er mit freundlichem Augenzwinkern, »von wem der Herr Oberst das wissen... daß der... Fähnrich von Klötersdorf... in meine... Tochter verliebt ist?« »Nein, lieber Schimmelmann, das kann ich Ihnen nicht verraten«, zuckte Hollprägel die Achseln; »es ist eine vertrauliche Mitteilung, zu der ich durch einen Zufall gekommen bin... ich weiß nicht, ob es dem Betreffenden angenehm sein würde, wenn ich seinen Namen nenne; lassen Sie ihn daher mein Geheimnis bleiben... von meiner Verschwiegenheit werden Sie wohl überzeugt sein.« »Gewiß, Herr Oberst ...« »Und noch einmal meinen Dank für Ihre seltene Uneigennützigkeit«, klopfte ihm Hollprägel auf die Schulter; »Sie sind ein Soldat von altem Schrot und Korn, dem die Pflicht über alles geht, selbst über das Glück seiner Familie... Sie sind ein Ehrenmann, durch und durch, lieber Rittmeister!« »Der Herr Oberst sind wirklich zu gütig«, dienerte der alte Mann, und dann machte er noch einmal kehrt und drückte sich aus der Tür hinaus. »Mir ist, als wenn ich ein Bienennest im Kopf hätte«, brummelte er, als er unten auf der Straße angekommen war; »der Oberst überhäuft mich da mit Schmeicheleien, die ich gar nicht verdiene... und dann die andere Geschichte, daß Klötersdorf auch in meine Tochter verliebt ist... da schlage Gott den Teufel tot... sie reißen sich jetzt förmlich um die Alphonsine... und früher, wo sie noch jünger war, hat sie keiner angesehen... na... nun hat sie drei, unter denen sie wählen kann... oder vielmehr zwei, denn das Verhältnis mit dem Padderow muß abgebrochen werden... der Mensch schnappt 'mal über... und außerdem hat er auch noch andere Unvollkommenheiten... na, die beiden anderen werden sie hoffentlich für den Verlust des ersten entschädigen... aber kein Wort geredet vorher; darin habe ich ein Haar gefunden... stumm wie das Grab, bis die Tatsachen selber sprechen.« Unter diesem Selbstgespräch war er auf dem Markt bei seinen Rekruten angelangt. Als Nasewitz seiner ansichtig wurde, trat er auf ihn zu und machte ihm die dienstliche Meldung. »Danke, danke«, schmunzelte Schimmelmann, indem er einen freundlicheren Blick als sonst über seine Rekruten gleiten ließ; »na, geht's denn heute gut mit den Wendungen?« »Ganz vortrefflich, Herr Rittmeister«, entgegnete der Leutnant, der noch immer in dem unklaren Gefühl seiner guten Laune schwamm. Schimmelmann lächelte noch einmal die lange ungeschickte Linie an; dann wandte er sich und machte einige Schritte nach der Mitte des Marktes. »Ach, bitte, lieber Nasewitz, auf ein Wort«, nickte er seinem Offizier zu. »Herr Rittmeister befehlen?« trat dieser näher, indem er militärisch grüßend die Hand an die Kopfbedeckung legte. »Ach, lassen Sie doch, liebster Nasewitz«, nahm Schimmelmann ihm sanft die Hand fort; »ich wollte nur eine Frage ... im Vertrauen an Sie richten ....« »Bitte, Herr Rittmeister ... « sagte der Leutnant sehr freundlich. »Ich war nämlich eben beim Obersten«, begann Schimmelmann mit leiser Stimme und einem pfiffig verlegenen Blick; »um den Klötersdorf zu melden ... wegen ... Sie wissen ja ....« »Oh!« dachte Nasewitz; »nun ist er also doch hingelaufen, na ... es schadet ja nichts«. »Und da hat mir der Oberst erzählt«, murmelte der Alte weiter. »Ach, Herrje!« überrieselte es den Leutnant. »Sie wissen ja ... die Geschichte von Klötersdorf, die Sie mir auf dem Reitplatz mitteilten ....« »Hat der Alte also doch geplaudert«, wurde es Nasewitz noch unbehaglicher; »das ist eigentlich sonst nicht seine Sache ... er ist im Gegenteil von einer Verschwiegenheit ....« »Aber die Gründe der Handlungsweise verändern doch sehr die Sache«, plauderte Schimmelmann weiter. »Da haben wir's?« bekam Nasewitz Gänsehaut; »der Oberst hat ihm also die ganze Geschichte erzählt, die ich unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt zu haben glaubte ... nun ist's natürlich am besten, den Unbefangenen zu spielen ... da der Oberst doch einmal meinen Namen genannt hat ....« »Ja, gewiß«, setzte er dann laut hinzu; »das habe ich dem Herrn Regimentskommandeur auch gesagt.« Schimmelmann lächelte ihn pfiffig an. »Sehen Sie, ich dachte es mir gleich, daß Sie es gewesen wären ...« sagte er; »der Alte wollte seinen Berichterstatter durchaus nicht namhaft machen ....« »Da bin ich wieder zu voreilig gewesen«, dachte Nasewitz; »ich hätte wirklich einen außerordentlichen Diplomaten abgegeben .... Himmel und kein Ende!« »Weshalb haben Sie mir denn aber jene Gründe nicht auch mitgeteilt?« fragte Schimmelmann. Der Leutnant geriet in die größte Verlegenheit. »Weshalb ich Ihnen jene Gründe nicht auch mitgeteilt habe...« stotterte er; »Gott, wissen Sie, Herr Rittmeister... das ist solche eigene Sache... ich hätte Sie vielleicht in Ihrem Pflichtgefühl beeinflußt...« »Braver, junger Mann!« drückte ihm der Alte die Hand. »Sehr gütig, Herr Rittmeister!« drückte sie ihm Nasewitz wieder. »Und deshalb sagten Sie dem Obersten ...« »Ach, das kam durch Zufall«, entgegnete der Offizier; »ich war zu ihm gegangen, um die Erlaubnis zu einer Schlittenfahrt, zu einem Liebhabertheater einzuholen ... das sind nämlich die gesellschaftlichen Veranstaltungen, die ich Ihnen versprochen habe, um die schüchternen Liebhaber zum Sprechen zu bringen...« »Ist denn Klötersdorf auch schüchtern?« »Ja... das ist der Allerschüchternste!« »Das ist die Möglichkeit! - Braver, junger Mann, was Sie alles für mich getan haben... ich werde es Ihnen nie vergessen...« »Der Herr Rittmeister sind zu gütig...« »Den schönsten Lohn tragen Sie aber in Ihrem eigenen, ruhigen Bewußtsein, eine gute Tat getan zu haben...« »Das weiß der Teufel!« dachte Nasewitz. »Also so furchtbar liebt der Klötersdorf meine Tochter?« schmunzelte Schimmelmann nach einem Weilchen wieder. »Ganz furchtbar, Herr Rittmeister«, wurde der lange Leutnant hautfeucht. »Es ist 'ne tolle Geschichte, lieber Nasewitz!« »Ja, es ist 'ne ganz tolle Geschichte, Herr Rittmeister.« »Na; Sie bringen mir alles hübsch in Ordnung, nicht wahr?« »Jawohl, ich bringe Ihnen alles hübsch in Ordnung, Herr Rittmeister.« »Na, adieu, lieber Nasewitz, noch einmal meinen besten Dank!« »Bitte ganz gehorsamst, Herr Rittmeister.« Dann ließ dieser noch einen liebevollen Blick über seine Rekruten gleiten, so daß diese gar nicht wußten, was das zu bedeuten habe, und knickerte über den Markt seiner Wohnung zu. »Nein, wer hätte das gedacht«, kopfschüttelte er immer sachte weg; »nun hat die Alphonsine drei... es ist eine förmliche Krankheit, die sie nach ihr haben ... und die anderen Schwestern werden Gesichter machen... hu! - Na, wenn sie nur erst 'ne Wahl getroffen hätte, damit wir wieder Ruhe bekämen.« - Nasewitz ging mit langen, aufgeregten Schritten den Markt auf und nieder. »Die ganze Hölle hatte sich gegen mich verschworen!« wirbelten seine Gedanken wieder wild durcheinander; »ein größeres Pech ist in der Weltgeschichte nicht dagewesen ... nun habe ich drei Liebhaber für Schimmelmanns Töchter... der erste, Padderow, will die Alphonsine nicht... die beiden anderen, Strammin und Klötersdorf, lieben eine von den drei übrigen... haben aber gar keine Ahnung davon ... wissen daher auch nicht, welche sie lieben ... und die drei übrigen haben ebenfalls keine Ahnung, daß, und von wem sie geliebt werden, oder vielmehr nicht geliebt werden... und aus dem Durcheinander soll ich unglückseligstes aller Menschenkinder einen Vers machen!« 19. Schlittenfahrt Bereits nach wenigen Tagen hatte Nasewitz ganz Hasenbalg in Alarm gesetzt. Der arme, lange Leutnant, der sonst ein so ruhiges Beobachtungsleben führte, der mit stillvergnügtem Spott die Torheiten der kleinen Welt belächelte, die ihn umgab, der fast niemals in Aufregung geriet, wußte jetzt, in des Wortes vollster Bedeutung, nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Vom ersten Morgengrauen bis zum trauten Abenddämmerschein lief er mit seinen langen Beinen in der Stadt umher, und wenn die anderen Offiziere vergnüglich auf der Ressource saßen, dann war der arme Nasewitz still zu Hause und rechnete und rechnete, daß ihm die Augen ganz blind wurden. So schwer hatte er es sich gar nicht gedacht, eine Schlittenpartie zu veranstalten. Da die Fahrt nach dem Försterhause im Krähenbruch gehen sollte und dort keine Gastwirtschaft war, so mußte natürlich eine Erfrischung gegeben werden, deren Zusammenstellung die allergrößte Schwierigkeit bot. Zuletzt überwand aber Nasewitz auch diese und das benötigte Festessen wurde von den Betreffenden zugesichert. So weit war also der geplagte Nasewitz gekommen. Das war aber alles eigentlich nur der Rahmen zu seinem Bilde, die Grundlage, auf der sein Plan zur Ausführung kommen sollte. Das Hauptaugenmerk für ihn mußte nun darin liegen, daß er, um dem alten Schimmelmann Sand in die Augen zu streuen und seinen Bewerbern Gelegenheit zum Verlieben zu geben, dafür sorgte, daß diese irgendeine Tochter des Rittmeisters um die Erlaubnis baten, sie fahren zu dürfen. Und dabei war keine Zeit zu verlieren, denn die Schimmelmannschen Damen waren, nächst der jungen Gräsin Plustra, die ersten im Städtchen, und da stürzten natürlich gleich die Rittmeister und Premierleutnants darüber her und schnappten sie weg, ehe noch die Toiletten fertig waren. Nasewitz versuchte es noch einmal mit Padderow, um seinen Mitteilungen an Schimmelmann doch nicht die Wahrheit zu rauben. Aber der dicke Offizier blieb, trotz aller Überredungskünste, hart wie ein Stein. »Ich kann die Alphonsine nicht fahren«, sagte er; »es ist ganz unmöglich ... meine erneute Annäherung würde die vielleicht im Verharschen begriffenen Wunden wieder aufreißen und das arme Mädchen abermals in Elend und Verzweiflung stürzen ... es geht nicht, alter Freund ... ihr Herz wird weniger brechen, wenn ich mich fern halte. - Nun, und wenn ich Alphonsine nicht fahre, kann ich eine andere Junge doch erst recht nicht auffordern ... das wäre ja eine absichtlich tödliche Beleidigung.« Dagegen konnte Nasewitz natürlich nichts einwenden, und er billigte es auch zuletzt, daß Padderow die alte Justizrätin Schölplin kutschieren wollte. Nun galt es also die beiden Fähnriche zu gewinnen, und das war wieder keine Kleinigkeit; denn die armen Jungen waren ja viel zu blöde und bescheiden, als daß sie es gewagt hätten, ihre Augen zu den Töchtern des Rittmeister Schimmelmann zu erheben. Unter solchen Umständen ist es am besten, den Wein zum Bundesgenossen zu nehmen, und das tat Nasewitz denn auch. Er ließ die beiden Fähnriche, Klötersdorf und Strammin, zum Frühstück bitten, stellte ein halbes Dutzend Flaschen und verschiedenen kalten Aufschnitt auf den Tisch und erwartete in fieberhafter Ungeduld seine Gäste, die sich mit militärischer Pünktlichkeit bei ihm einfanden. »Guten Tag, lieber, guter Klötersdorf ... guten Tag, lieber, guter Strammin«, nahm er den ganz erstaunten Jünglingen eigenhändig Mantel und Mütze ab; »freue mich ganz außerordentlich, Sie einmal bei mir zu sehen... wie geht's denn... gut?... na, das ist ja schön... nun setzt Euch, Kinder... rot oder weiß... na... das erste Glas auf die Damen unseres Herzens!« Die beiden Fähnriche, die schon beim Eintreten rot geworden waren, wurden noch röter und folgten des Leutnants Beispiel, indem sie mit einem Zuge austranken. Nasewitz schenkte sofort wieder ein, und dann unter oberflächlichem Geplauder noch einmal und noch einmal. Ob seine Gäste etwas aßen, darum kümmerte er sich gar nicht; das war ihm vollständig gleichgültig. »Na, Kinder, habt Ihr denn schon Eure Damen zur Schlittenfahrt?« fiel der ungeduldige Wirt dann plötzlich mit der Tür ins Haus. »Ach nein«, sagte Klötersdorf... »wir wollten eigentlich beide allein fahren ...« »Wir hielten es nicht für passend ...« ergänzte Strammin. »Aber, was muß ich hören«, eiferte Nasewitz; »die Fähnriche spielen ja die Hauptrolle bei solchen Festen ... i, das wäre ja noch schöner ... wollt Ihr mir einen Gefallen tun, Kinder?« »Mit großem Vergnügen«, sagte der dankbare Klötersdorf. »Fordert ein paar Töchter vom Rittmeister Schimmelmann auf. Die Fähnriche wurden jetzt karmesinrot im Gesicht. »Das dürfen wir wohl nicht wagen «, meinte Strammin kleinlaut. »Weshalb nicht... wagen darf man alles... der junge Mensch muß sogar wagen«, erregte sich der Offizier ... »das gehört zum Schlittenrecht: wer zuerst kommt, mahlt zuerst ... ein Korb darf nicht gegeben werden ... na, Klötersdorf, welche wollen Sie fahren ... die Cölestine... wie? Der junge Mann wurde sehr verlegen. »Oder eine andere?« setzte Nasewitz hinzu. »Wenn ich dann ... gehorsamst um Fräulein Euphrosine bitten dürfte ...« schlug Klötersdorf die hellblauen Augen nieder. »Schön... mir ist's egal... und Sie, lieber Strammin... die Melusine... wie?« , »Ach nein ...« stammelte der Fähnrich verlegen; »wenn ich gehorsamst dann um Fräulein Cölestine bitten dürfte...« »Schön ... mir ist's egal... na, also noch ein Glas und dann geht Ihr gleich hin zum Rittmeister Schimmelmann und engagiert Euch Eure Damen.« »Ach, könnten wir nicht vielleicht morgen?...« zögerte der schüchterne Klötersdorf. »Ach was, morgen!« wies Nasewitz ab; »damit Euch andere zuvorkommen ... nicht wahr?... Noch ein Glas, Kinder, und dann vorwärts... ich begleite Euch bis an die Ecke, und wenn Ihr wieder herunterkommt, sagt Ihr mir Bescheid... na... ausgetrunken... wupp ... bis auf die Nagelprobe!« Den beiden Fähnrichen gingen schon die Augen über, und von dem schnellen Trinken tanzte alles um sie herum. »Nun kommt!« drängte Nasewitz; »Ihr müßt Euch aber lieber melden lassen, weil Ihr noch Fähnriche seid und es keine dienstliche Angelegenheit ist.« Die drei nahmen Mantel und Mütze, kletterten die steile Zugbrücke der Veste Knelling hinunter und traten auf die Straße. Als sie vielleicht vierzig Schritte gegangen waren, kam der kleine Doktor Klaubert des Weges daher und machte so große freundliche Augen, als wenn er die ganze Welt lieb hätte. »Ach, Herr Leutnant«, lächelte der kleine Klaubert... »Was wollen Sie denn, lieber Doktor ... wir haben es sehr eilig...« »Ach, Herr Leutnant«, lächelte der kleine Klaubert ... »Sie haben doch die Schlittenfahrt arrangiert... könnten Sie nicht die Freundlichkeit haben, mir eine Dame zu verschaffen ... in unserer untergeordneten Stellung hält das so schwer...« »Eine Dame wollen Sie haben«, entgegnete der aufgeregte Nasewitz schnell; »damit kann ich Ihnen dienen ... kommen Sie mit!« Damit faßte er ihn am Arm und zog ihn mit sich fort die Straße weiter hinunter. »Dürfte ich vielleicht fragen, wen Sie für mich bestimmt haben?« fragte der kleine Doktor, der sehr lange Schritte machen mußte, um dem Leutnant zu folgen. »Eine Tochter vom Rittmeister Schimmelmann«, lief Nasewitz immer schneller ... »ich glaube Euphrosine...« »Nein!« rief Klötersdorf. »Oder... Cölestine...« »Bitte!« opponierte Strammin. »Ja, dann kann ich Ihnen nur noch die Melusine anbieten...« Klaubert erglühte wie eine Rose. »Ach, das wäre ja sehr schön«, lief er jetzt schon im kurzen Trab; »aber, darf ich denn das wagen ... der Herr Rittmeister ist immer so barsch und unfreundlich gegen mich ...« »Unsinn!« sagte Nasewitz; »so, hier sind wir beim Rittmeister angekommen... also nun 'nauf!« »Aber, Herr Leutnant...« stammelte Klötersdorf, während die beiden anderen auch ängstliche Gesichter machten. »'nauf!« faßte sie Nasewitz alle drei und schob sie in den offenen Torweg; »ich erwarte Euch beim Tabakshändler Psalter an der Ecke.« Nachdem die drei jungen Leute sich hatten melden lassen, machte Schimmelmann, der im gemeinschaftlichen Wohnzimmer allein war, ein verschmitztes Gesicht. »Klötersdorf und Strammin beide zusammen«, überlegte er; »das hat mir gewiß der gute Nasewitz besorgt ... wahrscheinlich kommen sie, um Alphonsinens Hand zu begehren ... aber weshalb haben sie denn den Pflasterkasten mitgebracht? - Sie werden sich doch hier bei mir nicht die Hälse brechen wollen? Na... immer 'rein damit,« wandte er sich dann an die wartende Dörte... »wird mir sehr angenehm sein!« Eine Minute später traten die beiden Fähnriche mit dem Doktor ein und rangierten sich, nach dem Dienstalter, in einem Gliede. »Donnerwetter, haben die Kerls rote Köpfe«, dachte Schimmelmann; »denen sieht ja die Liebesleidenschaft aus allen Poren ... das wird 'ne nette Geschichte werden, wenn die hier das Kabbeln bekommen.« »Na... was wollt Ihr denn?« brummte er endlich, weil keiner den Mund auftat. Die ganze Linie bekam einen Schreck und fing an aus der Richtung zu kommen; dann ermannte sich aber Klötersdorf, der auf dem rechten Flügel stand, das Wort zu ergreifen. »Herr Rittmeister«, sagte er mit ungeräusperter Stimme; »ich wollte mir die Ehre geben, Ihr Fräulein Tochter zur Schlittenfahrt aufzufordern.« »Aha!« dachte Schimmelmann; »auf die Art fangen sie es also an... na... auch gut... es macht sich so auch noch natürlicher.« »Also die Alphonsine!« fragte er dann in etwas milderem Ton. »Nein ... Fräulein Euphrosine...« errötete Klötersdorf noch intensiver. »Alphonsine!« schrie der Rittmeister ... »Sie verwechseln die Namen ... ich meine die älteste.« »Und ich meine... ganz untertänigst... Fräulein Euphrosine... die zweite...« stotterte Klötersdorf. Schimmelmann wollte erst aufbrausen; dann bezwang er sich und suchte den Fall mit seinem Verstande zu durchdringen. »Daraus mag der Teufel klug werden«, dachte er; »die Alphonsine liebt er, und mit der Euphrosine will er fahren ... wenn das nicht eine verrückte Art und Weise ist, dann will ich ein Plundermaß werden... oder... halt... die Geschichte hat am Ende doch ihre Begründung ... der Kerl traut sich wieder nicht... er hat keine Courage, ihr gegenüberzutreten ... deshalb hat er ihren Namen auch nicht über die Lippen gebracht... er will sie vielleicht erst aus der Ferne beobachten ... oder sie eifersüchtig machen... oder, was weiß ich... na... lassen wir ihm also seinen Willen und greifen wir nicht eigenmächtig in die Räder des Schicksalswagens... nur keine Verantwortung auf sich laden, das ist die Hauptsache.« »Euphrosine!« rief er dann in das anstoßende Zimmer. »Ja, Papa!« »Komm 'mal einen Augenblick herein!« Das Mädchen erschien und wurde verlegen, als es die drei Herren gewahrte. »Herr von Klötersdorf bittet um die Erlaubnis, dich nach dem Krähenbruch fahren zu dürfen«, redete Schimmelmann sie an. Euphrosine errötete und schlug die Augen nieder. »Na, willst du, oder willst du nicht?« ward der Alte ungeduldig. »Ja doch, lieber Papa!« schrak das Mädchen zusammen. »Gut; dann kannst Du wieder gehen!« Euphrosine tat, wie ihr geheißen. »Sie können auch abtreten, Klötersdorf«, wandte sich Schimmelmann an diesen. Der Fähnrich machte militärisch kehrt und verließ das Zimmer. »Was wollen Sie?« brummte der Alte dann den Herrn von Strammin an. »Herr Rittmeister«, faßte sich dieser gewaltsam ein Herz, »ich wollte mir ebenfalls die Ehre geben, Ihr Fräulein Tochter zur Schlittenfahrt aufzufordern.« »Na ja ... der auch«, dachte Schimmelmann ... »also die Alphonsine«, wandte er sich dann laut an den Fähnrich. »Nein ... Fräulein Cölestine...« hauchte dieser. »Alphonsine!« schrie der Rittmeister; »die älteste...« »Cölestine...« erstarb der Fähnrich; »die dritte.. « »Der Kerl macht's ebenso wie der erste«, dachte Schimmelmann; »es ist, als wenn sie sich verabredet hätten ... solche Blödigkeit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen ... vielleicht ist es ja aber auch Politik... gefällt mir aber nicht...krumme Wege sind mir zuwider ... aber meinetwegen ... wie es kommen soll, wird es schon kommen.« »Cölestine!« rief er dann in das anstoßende Zimmer. Das Mädchen erschien und wurde verlegen, als es die beiden Herren gewahrte. »Herr von Strammin bittet um die Erlaubnis, dich nach dem Krähenbruch fahren zu dürfen.« Cölestine errötete und schlug die Augen nieder. »Na, willst du, oder willst du nicht?« brummte sie der Alte an. »Ja doch, lieber Papa, sehr gern!« »Gut, dann kannst du wieder gehen!« Cölestine verschwand. »Sie können auch abtreten, Strammin«, wandte sich Schimmelmann an diesen. Der Fähnrich machte militärisch kehrt und trappste aus dem Zimmer. Schimmelmann richtete nun seinen Blick auf den kleinen Doktor, als wenn er ihn verschlingen wollte. »Na... und Sie?« grunzte er ihn endlich an. »Ich wollte mir ebenfalls die Ehre geben, Ihr Fräulein Tochter Melusine zur Schlittenfahrt aufzufordern«, antwortete Klaubert mit einem seelenvergnügten Gesicht. Der Alte wurde ganz struppig vor Staunen. »Was!?« rief er endlich mit lauter, aufgebrachter Stimme; »Sie wollen Schlitten fahren... mit meiner Melusine?« »Ja, Papa!« sprang die jüngste Schwester, die schon durch die Türritze auf ihren Namen gehorcht hatte, ins Zimmer. »Was willst du denn?« wandte sich Schimmelmann brummig nach ihr um. »Du hast mich ja gerufen, Papa.« »Ist mir gar nicht eingefallen«, ereiferte sich der Alte; »der Doktor kommt hierher und will mit dir nach dem Krähenbruch fahren...« »Ach, das ist ja reizend!« klopfte das Mädchen in die kleinen Hände. »Ruhig!« rief der Alte; »und da wollte ich ihm bloß zu verstehen geben...« »Daß ich einwillige... vielen Dank, lieber Papa!« »Ruhig!« »Auch meinen herzlichen Dank!« freute sich der kleine Klaubert über das ganze Gesicht; »also ich werde mir erlauben, Sie abzuholen.« Damit machte er einen zivilistischen Diener und verließ das Zimmer. »Der Kerl ist wohl verrückt geworden!« brauste Schimmelmann auf, als er mit seiner Tochter allein war. »Wieso denn, Papachen?« fragte diese. »Wie kann der Pflasterkasten sich unterstehen, dich Schlitten fahren zu wollen?« »Du hast es ihm ja aber erlaubt, Papachen!« »Der Teufel hat es ihm erlaubt; aber nicht ich!« »Pfui, Papachen; wer wird so fluchen ... nun ist es doch nicht mehr zu ändern ...« »Das weiß ich ... und das ärgert mich eben ...« »Wieso denn? ... Euphrosine und Cölestine werden doch auch gefahren...« »Das ist auch eine ganz andere Sache...« »Weshalb ist es denn eine andere Sache, Papachen?« »Ach, Unsinn ... das verstehst du nicht ... meinetwegen mag es nun so bleiben ... nun kannst du wieder gehen!« Melusine machte ein schelmisches Gesichtchen und hüpfte aus der Tür. »Die arme Alphonsine«, schüttelte der Rittmeister den Kopf; »was können ihr denn die drei Anbeter nutzen, wenn keiner mit ihr fährt... es kann noch kommen, daß sie ganz allein zu Hause bleiben muß ... na, wie Gott will... zuletzt wird sie doch die Glücklichste sein.« - Der Leutnant von Nasewitz hatte mit verzehrender Ungeduld an der Ecke vom Tabakshändler Psalter gewartet. Da kam Klötersdorf. »Na ... haben Sie sie?« »Ich habe sie, Herr Leutnant!« »Bravo, mein Kind!« Dann kam Strammin. »Na haben Sie sie?« »Zu Befehl, Herr Leutnant!« »Bravissimo, mein Kind!« Dann kam der kleine Doktor Klaubert. »Na, wie steht's?« »Gut, Herr Leutnant, ich fahre Fräulein Melusine.« »Verstehen Sie denn auch das Fahren, Doktor?« »Nun, ich werde mir schon ein Paar Pferde nehmen, Herr Leutnant.« »Ihr habt alle drei Eure Sache vortrefflich gemacht ... nun kommt wieder mit zu mir ... damit wir den Wein austrinken...« Die drei Verliebten nahmen die Einladung mit leichtem und freudigem Herzen an; denn der kritische Moment war ja glücklich vorübergegangen. »Eine Stunde vor der Schlittenfahrt werde ich die Jungen wieder zum Frühstück einladen«, dachte Nasewitz; »das schlägt gut bei ihnen an.« Fünf Minuten darauf saßen alle vier wieder in der großen Halle der Veste Knelling und zechten, daß es seine Art hatte, und als der letzte Tropfen Wein getrunken war, da gingen sie selig nach Hause und traten ordentlich ein bißchen mit einem Fuß über den andern, weil Wein und Freude zu stark auf sie gewirkt hatten. - Den Tag vor der beabsichtigten Schlittenpartie war alles glücklich in Ordnung gebracht. Der Oberst von Hollprägel fuhr, wie er beabsichtigt, die Gräfin Plustra; der kindliche Premierleutnant von Kreidefleck die kindliche Ursula Schölplin; der dicke Ströllpitz die Frau Assessor Glutstein: Padderow die Justizrätin Schölplin; Schwülenberg aus alter Anhänglichkeit Molly Möhrenstolz, oder eigentlich Molly Hitte; Plinker deren Schwester Charlotte; Klötersdorf die Euphrosine; Strammin die Cölestine; Klaubert die Melusine und Nasewitz selber, weil sie richtig keiner aufgefordert, die verlassene Alphonsine. Rührbrägen hatte sich die Frau vom Buchdrucker Kajob und Drenkenberg die Gattin des Apotheker Schwalbach engagiert. Was Sponeck betrifft, so dachte er erst so spät daran, als keine Dame mehr übrig war, und fuhr daher mit den anderen übriggebliebenen Herren. Schimmelmann freute sich, daß Alphonsine nun doch noch einen Ritter gefunden, wenn derselbe auch nur von Gutmütigkeitsrücksichten geleitet wurde. - Am nächsten Tage, als alle Beteiligten Mittag gegessen, entfaltete sich in Hasenbalg ein reges Leben. Durch alle Gassen und Straßen klingelten die nun ganz nett ausstaffierten Schlitten, hinten auf der Pritsche ein Offizier im Sonntagsanzuge, mit der kurzstieligen Peitsche knallend, daß die Ackerbürgerfrauen hinter ihrem Spinnrad erschreckt zusammenfuhren, und die kleinen Kinder in der Wiege zu schreien anfingen. Jeder Offizier fuhr nun zu der Wohnung seiner Dame, um sie abzuholen. Da die Herren in den fünf Schlitten keine Diener bei sich hatten, weil für dieselben auf den kleinen Fahrzeugen kein Platz war und sie deshalb nach dem Krähenbruch vorausgeschickt wurden, um die Pferde auszuspannen, so mußten die Damen schon allein die Treppe herunterkommen und sich ihren Rittern zur Verfügung stellen. Die kleine dicke Mama ging voran, kniete, vom Adjutanten respektvoll begrüßt, eine ganze Weile vor ihm herum und stieg endlich in den Schlitten, wo ihr eine warme Decke übergebreitet wurde. Dann kam Alphonsine, auf deren hübschem Antlitz man keine Spur des Kummers mehr entdeckte. Sie lächelte Nasewitz freundlich an, stieg leicht und graziös in den Schlitten und beantwortete heiter die an sie gerichteten Fragen. Als Euphrosine erschien, wurde Klötersdorf feuerrot im Gesicht, dann wollte er eine sorgsam vorbereitete Begrüßungsformel hersagen, verhedderte sich aber, wurde noch röter und vergaß seiner Dame beim Einsteigen behilflich zu sein. Diese lächelte und besorgte sich das Nötige selbst. Blödigkeit ist immer ein guter Empfehlungsbrief bei den Damen, denn sie halten dieselbe für die Wirkung ihres Liebreizes und ihrer Schönheit; erklärt sich jedoch späterhin die Schüchternheit als dauernd, dann ist sie nicht mehr gern gesehen. An den Courmacher stellt man eben andere Anforderungen als an den Herrn Gemahl. Mit den Zeiten verändern sich die Sitten. Cölestine ging es mit ihrem Strammin nicht viel besser, aber es ging doch. Auf die Formen kommt es ja überhaupt nicht an, sondern nur auf den guten Willen. Die kleine Melusine war am lustigsten. Um sich nicht zu beschmutzen, hob sie in ihrer freudigen Erregung die Röckchen ein klein wenig zu hoch, lief nach dem für sie bestimmten Schlitten, nickte dem Doktor Klaubert mit kindlicher Heiterkeit zu, sprang auf ihren Sitz und schlug sich dann lachend die warme Decke um die kleinen, zierlichen Füßchen. Ganz zuletzt kam der alte Schimmelmann, der seine Herren, bis auf den Doktor Klaubert, freundlich grüßte und dann nach dem Gasthof zum »Deutschen Hause« ging, wo die Schlitten für die übrigbleibenden Herren warteten. Nasewitz hatte die ganze Szene mit aufmerksamem Auge beobachtet. »Na!« dachte er; »für die zwei Flaschen Wein, die mir die beiden Fähnriche vorhin ausgetrunken haben, sind sie noch wie die Eiszapfen ... und mit solchen Bundesgenossen soll man den Sieg erringen.« Rappenstill knallt vorn, und der erste Schlitten klingelte dem Markt zu, wo allgemeines Stelldichein war; Klötersdorf und Strammin folgten auf dieselbe Weise. Der kleine Doktor, der des Fahrens gänzlich unkundig war, ruckte und zottelte mit der Leine, um die Pferde zum Anziehen zu veranlassen. »Hott... hott!« machte Melusine, und der Schlitten setzte sich in Bewegung. Klaubert, der die Sache wieder gutmachen und sich überhaupt ein Ansehen geben wollte, gab sich verzweifelte Mühe, seine lange Peitschenschnur zum Knallen zu bringen, schlug aber nur dem alten Zieme um die Ohren, der wie ein freundliches Meerschweinchen vor der Tür stand und die Hände über den Bauch gefaltet hatte. »Mein Gott, wir fahren ja falsch«, griff Melusine in die Zügel; »wir kommen ja aus der Reihe.« Klaubert, der hinter ihr auf der Pritsche ritt, machte ein freundliches Gesicht und schämte sich durchaus nicht. Der alte Zieme wunderte sich, wo der Schlag hergekommen wäre, ging dann einmal in die Stube und schmiß zur Schmerzstillung einen kleinen Kümmel hinunter. Auf dem Markt waren nun alle Schlitten aufgefahren; das Trompeterkorps, in einem Leiterwagen, den man auf eine Schleife gesetzt hatte, auf dem rechten Flügel; dann, nach der Altersfolge, die Offiziere mit ihren Damen, und auf dem linken Flügel die Schlitten mit den übriggebliebenen Herren. Der alte Oberst Hollprägel, der glau und kasch wie ein Fähnrich hinter der bleichen Gräfin Plustra saß, gab das Zeichen zum Abfahren, die Musik spielte einen lustigen Marsch, der Zug setzte sich in Bewegung, die Schlitten klingelten, die Peitschen knallten, die Sonne lachte, die Hunde bellten, und die Bürger und Bürgerinnen, die vor den Häusern standen oder in den Fenstern lagen, machten teils dumme, teils erstaunte Gesichter. So wand sich die lange Linie der Schlitten, wie eine bunte Schlange, durch die Straßen aus dem Plettiner Tor und kroch dann schnellen Laufes auf der glatten Chaussee fort. Gesprochen wurde bis jetzt noch ziemlich wenig. Die Situation war zu neu; manche Herren mit ihren Damen nicht recht bekannt; die Unterhaltung wollte sich noch nicht recht finden lassen. Der alte Oberst Hollprägel machte der Gräfin Plustra noch am eifrigsten den Hof. Nasewitz hatte sich mit Alphonsine in ein fesselndes Gespräch eingelassen; die beiden Fähnriche redeten kein Wort; die kleine Melusine machte ab und zu eine heitere Bemerkung zum Doktor Klaubert, der sich jedesmal furchtbar darüber freute; der Premierleutnant von Kreidesieck dalberte mit der dalbrigen Ursula Schölplin; Padderow entzückte die alte Justizrätin von Zeit zu Zeit durch seinen mittelalterlichen Redeschwall, und der alte Graf vergnügte sich über die Faxen, die ihm Fräulein Molly vormachte. Nach einer lustigen Fahrt von einer kleinen Stunde langte man vor dem Försterhause zu Krähenbruch an, das am Anfang eines kleinen Fichtenwaldes lag. Nachdem die Trompeter draußen unter einer offenen Halle sich ebenfalls an warmem Trank gelabt, bliesen sie eine lustige Polka. »Ach, du lieber Gott«, erbleichte der Fähnrich von Klötersdorf, der nicht tanzen konnte ;» wenn ich das geahnt hätte, wäre ich krank geworden und zu Hause geblieben, was soll ich Ärmster nun wohl anfangen?!« Natürlich tanzten die Herren den ersten Tanz mit den Damen, die sie gefahren. Der alte Hollprägel trat galant zur Gräfin Plustra und drehte sich dann mit ihr so niedlich herum, daß es ein Vergnügen war, dem Paar zuzuschauen. Die anderen Herren schlossen sich dem ersten Paar an, nur Fräulein Euphrosine Schimmelmann sah sich vergebens nach ihrem Ritter um, der sich in eine Ecke am Ofen gedrückt hatte und vor Scham hätte in die Erde sinken mögen. Da bemerkte der Justizrat Schölplin die übriggebliebene Dame, trat zu ihr, bat um den Tanz, der auch gewährt wurde, und entledigte sich dann seiner Aufgabe mit einer so steifen Würde, als hätte der Herzog von Alba mit der Königin von Spanien getanzt. »Nanu!« dachte der alte Schimmelmann; »die Geschichte ist richtig, wie ich sie mir gedacht habe... der Klötersdorf ist zu blöde gewesen, die Alphonsine zur Schlittenpartie aufzufordern, und nun tut's ihm leid... nun mag er mit der Euphrosine nicht tanzen und überläßt sie lieber dem alten Affen von Justizrat... das kommt davon, wenn man zu schüchtern ist... und der Padderower tanzt aus reiner Verzweiflung mit der dicken Justizrätin ... da hat er eben die Alphonsine angesehen, die mit Nasewitz tanzt... wie sich das gute Kind bezwingt... sie ist ordentlich freundlich zu ihm ... da sieht sie Padderow schon wieder an ... ja ja, weshalb hast du deine Gelegenheit nicht wahrgenommen... besser konnte es dir gar nicht geboten werden ... freut mich wenigstens, daß seine Gefühle echt waren... er kann sie ja noch nicht verleugnen ... da hat er schon wieder die Augen hin ... hm hm, tut mir eigentlich leid, der arme Kerl... aber er ist zu blöde, und dann hat er auch 'nen Sparren zuviel... bringe mir noch ein Glas Punsch, du!« »Das freut mich in der innersten Seele, daß der Nasewitz sich solche Mühe mit der Alphonsine gibt«, dachte Padderow, während er sich zierlich mit der dicken Justizrätin herumdrehte... »es schlägt aber auch an, wie es scheint... sie lächelt schon ... sie scherzt mit ihm ... ich will mich nur nachher ein bißchen fern von ihr halten, damit mein Anblick die alten Gefühle nicht von neuem in ihrem Busen wachruft... wie leicht die Weiber vergessen... diesmal ist's freilich, besser so ... werden Sie schon müde, meine Gnädige?« »Ach nein... durchaus nicht!« stöhnte die dicke Justizrätin. »Oh, dann wollen wir doch ja aufhören«, walzte Padderow mit ihr in einen entfernten Winkel, woselbst ihr Stühlchen stand. Dann holte er sich ein Glas Punsch zur Selbstbelohnung und schlürfte es behaglich aus. »Was mir das lieb ist, daß sich die Alphonsine über meinen Verlust getröstet hat«, freute er sich; »und der alte Schimmelmann macht auch ein solch niedliches Gesicht... der hat sich die Geschichte natürlich auch aus dem Kopf geschlagen... ah... wollen zur Feier dieses glücklichen Ereignisses noch ein Gläschen trinken.« »Na, was ist denn das mit dem Klötersdorf«, wunderte sich Nasewitz; »der verkriecht sich hinter dem Ofen und läßt den Justizrat mit seiner Dame tanzen ... das ist aber denn doch zu arg...« Der alte Graf raste mit seiner Molly wie ein Pfeil dahin und machte dabei ein so übereifriges Gesicht, als wenn er auf seinem mageren Fuchs in der Attacke ritt. Das schöne Mädchen hing wie ein selig lächelndes Kind in seinem Arm, und ihre lange rosa Schärpe schlang sich um seinen Leib, als wenn sie ihn mit sanften Banden noch inniger an sich ziehen wollte. »Ach«, blickte sie schüchtern und verschämt zu ihm empor; »das war so schön, was Sie mir eben gesagt haben.« »So?« erwachte Schwülenberg aus seinem Traum; »habe ich denn etwas gesagt? - Na, das ist mir lieb, wenn ich was gesagt habe.« »Herr Doktor, Sie sehen ja so lustig aus ...worüber freuen Sie sich denn so?« fragte die kleine Melusine ihren Tänzer. »Ach!« hoppste dieser weiter; »ich freue mich ... ich weiß selbst nicht recht worüber.« Der Walzer war zu Ende, die Herren führten die Damen zu ihren Stühlen zurück und labten sich dann an einem Glase heißen Punsches. »Hören Sie 'mal, Klötersdorf, was soll denn das heißen«, wandte sich Nasewitz zu dem Fähnrich hinter dem Ofen; »weshalb tanzen Sie denn nicht mit Ihrer Dame... das ist ja eine furchtbare Taktlosigkeit!« Der junge Mann geriet in die größte Verlegenheit. »Ach, Herr Leutnant, ich bitte tausendmal um Entschuldigung«, stammelte er ... »ich kann nicht tanzen ... ich habe es nicht gelernt...« »Unsinn!« zürnte Nasewitz; »das glaubt Ihnen ja kein Mensch ... mit solchen Flausen kommen Sie bei uns nicht durch.« Dann ging er einen Augenblick hinaus und sprach mit dem Stabstrompeter. Gleich darauf erklang das Vorspiel einer Polka. »Nullpolka!« rief Nasewitz als Festordner mit lauter Stimme. Ein freudiges Gemurmel lief durch das Zimmer, als wenn die Idee großen Beifall gefunden hätte, und dann forderten die Damen ihre Kavaliere auf, die sie gefahren. Euphrosine, die endlich ihren Fähnrich hinter dem Ofen entdeckt hatte, trat lächelnd zu ihm und machte ihm einen tiefen Knix. »Darf ich Sie um diesen Tanz bitten, Herr von Klötersdorf?« fragte sie mit liebenswürdiger Zartheit. Dem unglücklichen Menschen schoß das Blut siedendheiß in den Kopf, so daß es aussah, als wenn er plötzlich die Gesichtsrose bekommen hätte. Die Musik begann nach einer Pause von neuem. »Wenn Sie so gut sein wollen«, reichte ihm Euphrosine die Hand. Was sollte Klötersdorf machen? - Abweisen konnte er seine Dame unmöglich, also auf gut Glück das kühne Wagnis bestanden. Er wußte nicht einmal, wie er sie anfassen sollte. Anstatt den rechten Arm um ihre Taille zu schlingen, legte er die Hand auf ihre Schulter. »Aber, bitte«, errötete das Mädchen und schob die Hand fort, die dann unwillkürlich an die richtige Stelle zu liegen kam. »Reichen Sie mir die Linke!« Klötersdorf tat es. Dann machte er die Augen halb zu, horchte in seiner Todesangst nach einem neuen Takt, fing dessenungeachtet zwei Achtel zu spät an und trippelte nun, im grellen Widerspruch zu dem musikalischen Rhythmus, um seine Tänzerin herum, ohne mit ihr von der Stelle zu kommen. »Mein Gott; was machen Sie?« flüsterte diese. Dem jungen Menschen wurde es schwarz vor den Augen. »Vorwärts, Fähnrich!« rief der alte Graf, mit seiner Molly an ihm vorüberrasend. »Er kann wirklich nicht«, beobachtete Nasewitz, während er mit Alphonsine polkte; »ich möchte mich mit meinem Pech für Geld sehen lassen.« »Der Klötersdorf zieht ja die Beine wie eine Fliege, die aus der Buttermilch will«, schmunzelte Schimmelmann; »ich hab's ja gleich gesagt... mit Euphrosinen kommt er nicht in Zug ... die Alphonsine steckt ihm in den Gliedern ... nein, und der Padderow, wie freundlich er wieder nach ihr hinsieht... armer Kerl... tut mir leid... wenn man ihm ein bißchen helfen könnte... lieber wie die beiden pappstofflichen Junker ist er mir noch immer ...« »Vorwärts, Fähnrich!« raste der alte Graf zum zweitenmal an diesem vorbei; »Sie stehen ja im Wege... Sie stören ja die Tanzordnung...« »Wie stark und soldatisch Sie sind!« lächelte Molly zu ihm empor. »Na, ich danke«, entgegnete der alte Graf; »jetzt geht's wieder mit dem Rheumatischen ... wenn ich warm werde, sind meine Beine immer am besten.« Die ganze Gesellschaft hatte nun schon die Blicke auf Klötersdorf und seine Tänzerin gerichtet. »Um Gotteswillen«, hauchte diese; »lassen Sie uns wenigstens vorwärts kommen.« Der unglückliche Fähnrich gab sich einen Schwung, wollte in seiner Verzweiflung losrasen, wie der alte Graf, verwickelte sich aber mit dem Sporn in Euphrosinens Kleid und lag im nächsten Augenblick der Länge lang zu ihren Füßen. Sofort entstand eine Stockung unter den tanzenden Paaren; die Damen kreischten, die Herren lachten; aber Euphrosine, anstatt, wie es manche andere getan haben würde, ebenfalls zu kreischen und zu entfliehen, reichte dem armen Klötersdorf die Hand und half ihm empor. »Verzeihen Sie mir«, sagte sie mit leiser Stimme; »ich hätte mir das denken können... ich bin schuld an der Unannehmlichkeit.« Dem Fähnrich fielen die Worte wie lindernder Balsam in die geängstigte Seele und fast unwillkürlich zog er die Hand des Mädchens an seine fiebrisch glühenden Lippen, dann führte er seine Tänzerin zu ihrem Platz zurück. Sie hatte Mitleid mit ihm gefühlt, und das Mitleid ist eine gefährliche Sache für das schöne Geschlecht. - Was Liebe, Gewalt, Gewinnsucht über das weibliche Herz nicht vermögen, das bewirkt das Mitleid oft auf eine wunderbare Art. »Da haben wir die Geschichte«, brummte Schimmelmann; »unrecht Gut gedeihet nicht ... nun wird er die Euphrosine wohl zufriedenlassen.« »Bravo, bravo!« freute sich Nasewitz mit seinem feinen Menschenkennerblick; »der Zufall ist doch oft ein trefflicher Bundesgenosse.« Es wurden noch fünf bis sechs Tänze getanzt, an denen weder Klötersdorf noch Euphrosine sich beteiligten, und dann wurden die Vorbereitungen zur festlichen Tafel getroffen. Tische und Stühle wurden hereingetragen, weiße Tücher darüber gedeckt, Teller, Gläser, Flaschen hingesetzt, und in der Küche hatte die Frau Försterin mit ihrem Mädchen vollauf zu tun, um den Braten warm zu machen, die benötigten Kartoffeln zu kochen und alles Mitgebrachte sauber auf Schüsseln und Näpfe zurechtzulegen, damit es nicht bloß gut schmecke, sondern auch recht appetitlich aussehe. Als nun die dampfenden Braten erschienen,führten die betreffenden Herren ihre Damen zu Tische, und die Übrigbleibenden plazierten sich an beiden Enden der langen Tafel. Schimmelmann, der schon tüchtig Punsch getrunken hatte, aß nach Leibeskräften, wobei er auch das Trinken nicht vergaß, und Padderow, der, seiner Gewohnheit treu, wieder gehörig die Nase ins Glas gesteckt, gab sich die größte Mühe, mit dem kühlen Rotwein die durch den Punsch verursachten Gluten zu dämpfen. Der Vorfall mit Klötersdorf und Euphrosine war beinahe vergessen, und alles aß, trank und schwatzte durcheinander, daß man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Nachdem man wohl eine gute Stunde getafelt und natürlich auch einige Gesundheiten ausgebracht hatte, erhob sich die Gräfin Plustra und gab dadurch das Signal zum allgemeinen Aufstand. Ans Fortfahren ward deshalb aber noch nicht gedacht. Die Gesellschaft zerstreute sich in kleinere Gruppen, je nachdem sie zueinander gezogen wurden. Die verheirateten Damen saßen zusammen, einige Offiziere, unter ihnen der süße Kreidefleck, hielten es für ihre Pflicht, sie angenehm zu unterhalten; die jungen Damen aber hatten sich möglichst einzeln plaziert, um so ungestört wie möglich mit ihren Verehrern plaudern zu können und um so wenig wie möglich von Schwestern oder Freundinnen behorcht zu werden. Der Rittmeister Schimmelmann, der weder zu den alten, noch zu den jungen Damen eine besondere Hinneigung fühlte, saß in einer halbdunklen Ecke und schaute in seligster Weinlaune auf das bunte Treiben im Zimmer. Obgleich er für gewöhnlich niemals Wein trank, so pflegte er bei solchen Gelegenheiten, wo es auf gemeinschaftliche Kosten ging, seinen Preis gut herauszuschlagen, und deshalb hatte er auch heute das Mögliche geleistet und befand sich in so weicher Gemütsstimmung, daß er die ganze Welt hätte umarmen können. Da fiel sein Blick zufällig auf Padderow, der ebenfalls ganz gehörig angesäuselt war, und dessen Kopf so rot glühte, daß er förmliche Strahlen auswarf. »Liebster Freund«, nickte ihm Schimmelmann zu. Der dicke Offizier wandte das Haupt und lächelte. Schimmelmann hielt den rechten Zeigefinger empor und krümmte ihn dann viermal hintereinander, als wenn er den andern mit einem Liebeshäkchen heranziehen wollte. Padderow verstand den Wink und trat näher. »Setzen Sie sich ein bißchen zu mir«, legte der Rittmeister die Hand auf einen neben ihm stehenden Stuhl. Der dicke Leutnant tat nach seinem Wunsch. Dann sahen sich beide eine ganze Weile sehr freundlich an, ohne miteinander zu sprechen. »Sie sind doch ein netter Mensch«, klopfte endlich Schimmelmann seinen Nachbar freundlich auf die Lende. »Herr Rittmeister sind zu gütig ...« lächelte Padderow mit seinem gedunsenen Kopf. Schimmelmann rückte noch ein bißchen näher zu ihm heran. »Die anderen haben sich gut einen hinter die Binde gegossen«, flüsterte der Alte ,.. »sehen Sie 'mal, wie der dicke Ströllpitz pustet.« »Ja!« pustete auch Padderow; »mit dem ist's richtig.« »Sehen Sie, das gefällt mir auch an Ihnen, daß Sie sich nie die Nase begießen«, fuhr der Rittmeister fort; »Sie bleiben immer derselbe, wenn Sie ein Glas getrunken haben... Sie reden keinen Unsinn ... Sie werden nicht zärtlich ... das kann ich in den Tod nicht leiden«, streichelte er seinem Nachbar den feisten Rücken. »Nein, ich auch nicht!« stöhnte Padderow. »Sehen Sie bloß, wie der dicke Ströllpitz übertritt«, neigte sich Schimmelmann so weit seitwärts, daß er sich an Padderows Schulter lehnte... »er kann's Gleichgewicht kaum halten... da lob' ich doch uns beide... wir stehen wie die Felsen im...« »Hoho!« unterbrach er sich da plötzlich, weil Padderow dem Druck nachgegeben und beinahe vom Stuhl gefallen wäre; »was ist denn das ... was machen Sie denn?« »Ich wollte nur mein Glas nehmen, das ich da hingestellt habe«, entschuldigte sich der Dicke, wieder Stellung nehmend. Schimmelmann rückte sich ebenfalls wieder zurecht. Dann sah er seinem Nachbar lange mit einer gewissen, wehmütigen Freundlichkeit ins Antlitz und drückte ihm schließlich warm und fest die Hand. Padderow erwiderte den Druck ebenso herzlich. »Armer Mensch!« nickte er ihm dann zu. Der andere schien nicht recht zu wissen, was er darauf antworten sollte. »Sie tun mir leid . .. Sie sind elend«, fuhr der Rittmeister, immer weicher werdend, fort. »Weshalb soll ich denn elend sein?« dachte Padderow. »Glauben Sie vielleicht, daß ich Ihre Verzweiflung nicht bemerkt habe?« »Meine Verzweiflung!« überlegte der Dicke; »ich wüßte doch gar nicht, wo ich in Verzweiflung gewesen wäre.« »Seien Sie fest überzeugt, lieber Freund, daß ich den aufrichtigsten Anteil an Ihrem traurigen Schicksal nehme«, bekam Schimmelmann schon feuchte Augen. »Sollte sich mit meinen Gläubigern etwas ereignet haben?« schoß es Padderow durch den roten Kopf. »Denn Sie haben es eigentlich nicht verdient... Ihre Absichten sind die besten ... darin setze ich nicht den geringsten Zweifel ... aber es wird nichts ...« Der dicke Offizier sah ihn groß und beinahe ängstlich an. »Es ist Ihnen einmal nicht gegeben«, fuhr der Rittmeister fort; »Sie bringen es nicht fertig ...« Padderow wurde immer gekniffener. »Ich habe mich davon überzeugt, liebster Freund... und deshalb bin ich heute abend zu dem reiflichen Entschluß gekommen, Ihnen noch einmal zu helfen ... Ihnen entgegenzukommen ...« Der dicke Offizier dachte vergeblich darüber nach, was Schimmelmann eigentlich mit ihm anfangen wollte. »Kommen Sie näher 'ran, Kind ... ich will Ihnen eine vertrauliche Mitteilung machen ...« näherte der Alte seinen bärtigen Mund dem roten Ohr seines Nachbars. Padderow machte ein verlegen aufmerksames Gesicht. »Die Alphonsine hat jetzt noch zwei andere Anbeter ...« »Ah!« leuchtete der Feiste auf; »da wollte er hinaus ... Gott sei gelobt!« »Die ich Ihnen natürlich nicht nennen kann«, tuschelte Schimmelmann weiter. »Verlange ich auch gar nicht«, wisperte Padderow zurück. »Sie würden Sie töten ...« wurde der Alte ernst. Padderow schwieg, weil er nicht bejahen konnte. »Aber es soll zu keinem Blutvergießen kommen ... eine Erklärung ist noch nicht erfolgt... und um einer solchen vorzubeugen, sage ich Ihnen hiermit offen und frei, daß ich Ihnen den Vorzug gebe.« Der dicke Leutnant bekam einen furchtbaren Schreck. »Sie haben die ältesten Rechte auf meine Alphonsine...« rollten Schimmelmann die dicken Tränen über die pockennarbigen Wangen; »Sie haben sie geliebt und lieben sie noch ...« Padderow wollte unwillkürlich eine Einwendung machen. »Sie sind bloß zu schüchtern gewesen, es ihr zu sagen ...« schluchzte der Rittmeister; »aber Sie sind dennoch verstanden worden ... Sie werden auf eine fabelhafte Weise von ihr geliebt ... Sie haben beinahe ihr Herz gebrochen ... das Kind beherrscht sich nur ... sie will ihren Eltern keinen Schmerz bereiten . ..« »Aber, ich bitte Sie um Gotteswillen, Herr Rittmeister ...« brach» Padderow der Angstschweiß aus. »Ängstigen Sie sich nicht, Kind ... es wird ja bald besser werden ... wenn Sie erst den Mut gefaßt haben, ihr zu sagen ...« »Ich beschwöre Sie, Herr Rittmeister ...« »Weiß ja, weiß ja... will Sie ja nicht übereilen, Kind. .. will Ihnen ja vollständige Zeit lassen, bis Sie Ihre Schüchternheit überwunden haben ... die anderen sind ja auch schüchtern ... ängstigen Sie sich doch nur nicht, und vor allen Dingen lassen Sie die Verzweiflung.« »Aber ich bin ja gar nicht«, wollte Padderow ihm in die Rede fallen. »Das freut mich, daß ich Sie getröstet habe«, streichelte ihm Schimmelmann die dicken Backen; »Sie sind übrigens ein edler Mensch, Sie wollen mir Ihre Gemütsstimmung verbergen, um mir keinen Schmerz zu bereiten ... aber ich weiß recht gut, daß Sie aus Verzweiflung die dicke Justizrätin gefahren haben ...« »Herr des Himmels!« stöhnte Padderow. »Sie sind auch ein frommer Mensch, weil sich Ihr erster Gedanke im Glück nach oben wendet«, weinte der Rittmeister. Der dicke Offizier faßte in seiner Seelenangst Schimmelmanns beide Hände und neigte sich zu ihm, als wenn er sprechen wollte. »Ja... ja...« küßte ihn der alte Rittmeister; »ich weiß es ja ... Sie sind auch ein guter Mensch... Sie haben mich aufrichtig lieb ... mit welcher Hingebung und Gefälligkeit haben Sie die Baßtuba gelernt, weil Sie glaubten, mir eine Freude damit zu machen ... und nachher war es ein bloßes Mißverständnis ... da haben Sie sich noch lächerlich gemacht, um meinetwillen. .. das ... das ... war ein zu schöner Charakterzug von Ihnen ... das vergesse ich Ihnen in meinem ganzen Leben nicht.« »Gott sei mir gnädig!« ächzte Padderow in den Tiefen seiner Seele. »Wollen wir noch ein Glas Punsch zusammen trinken, Kind?« Was konnte der arme Padderow dagegen haben?« - Seine Kraft war ermattet, sein Wille gelähmt, seine Energie gebrochen. »Nun, lebe wohl, du guter Junge!« fiel ihm Schimmelmann heulend um den Hals, nachdem die Gläser geleert waren; »sie dürfen uns nicht so lange beieinander sehen ... das könnte auffallen ... gib mir noch 'n Kuß, Junge... du hast sie verdient... du ... sollst sie haben ... aber keine Übereilung ... gerade, wenn dir so zumute ist... adieu ... auf Wiedersehen, alte, ehrliche Seele.« Darauf stackerte der Rittmeister, mit naßgeweinten Wangen, und sich mit großer Mühe im Gleichgewicht erhaltend, zu dem dicken Ströllpitz, dem er in seiner Seligkeit ebenfalls einen Kuß gab. Padderow setzte sich wie ein flügellahmer Vogel traurig in eine Ecke. »Es ist gräßlich!« keuchte er; »ich werde die Geschichte nicht los... das wird noch mein Unglück... und das habe ich alles dem Nasewitz zu verdanken ... freilich hat er es gut gemeint ... er wollte mich retten . .. über das falsche Mittel, das er ergriff, ist bereits unser edles Blut geflossen... und hat den Fehler gesühnt... deshalb konnte ich ihn heute nimmer verraten . .. wenn ich dem alten Schimmelmann den wahren Sachverhalt mitgeteilt hätte, war ich heraus, und er saß d'rin ... aber das sei ferne von mir... lieber nimmt sich der Padderower das Leben, ehe er einen Freund verrät, der sich jetzt beinahe zerreißt, um den begangenen Fehler gut zu machen. Ich sehe keinen Ausweg mehr... und meine Tage sind vielleicht gezählt.« »Kommen Sie her... geben Sie mir 'n Kuß... Sie sind auch ein guter Mensch«, umarmte Schimmelmann den langen Nasewitz, der ihm gerade in die Quere kam; es gibt doch recht viele gute Menschen in der Welt!« »Na, der Alte hat's aber heute doch ein bißchen zu gut gemeint«, blickte ihm Nasewitz lächelnd nach, als er auf den Obersten lossteuerte. Nachdem man noch ein halbes Stündchen geplaudert, ward es Zeit, an den Aufbruch zu denken. Während die Schlitten angespannt wurden, trat der alte Hollprägel mit artiger Höflichkeit zu seiner Dame, der Gräfin Plustra, und bat um das Schlittenrecht. Die junge Frau errötete und blickte fragend ihren Gatten an, der ihr zur Seite stand. »Das kannst du immer tun, Georgina«, lächelte der Graf; »das ist altes Recht und honny soit qui mal y pense .« Die Gräfin wollte dem Obersten die Wange reichen, dieser streifte aber mit geschickter Bewegung einen Kuß von ihren zarten Lippen. »Einen Kuß in Ehren, kann niemand wehren, und wenn man sich nichts dabei denkt, dann hat man sich auch keine Skrupel darüber zu machen.« Die Gräfin Plustra dachte und empfand nichts dabei; war dasselbe bei den anderen Damen auch der Fall? Als die Offiziere sahen, daß der Oberst das Recht geltend gemacht hatte, beeilten sie sich, seinem Beispiel Folge zu leisten. Der alte Ströllpitz ging auf die Frau Assessor Glutstein zu und machte eine stumme Verbeugung, durch die er seine Bitte ausdrücken wollte. Die welke Frau suchte zu erröten und neigte leis die bleiche Stirn nach vorn. Ströllpitz spitzte schon vorher die dicken Lippen, suchte sich mit seinen roten, hervorquellenden Augen einen geeigneten Punkt aus, bog sich dann zu dem süßen Ziel hinab, verlor das Gleichgewicht und fiel im nächsten Moment der guten Dame um den Hals. »Ach Gott!« kreischte diese auf. »Bitte tausendmal um Entschuldigung«, suchte Ströllpitz sich von ihr aufzurichten, wobei er noch näher mit ihr in Berührung geriet. Da kam der freundliche Assessor Glutstein hinzugelaufen, faßte von hinten den dicken Leutnant um die Taille und wuchtete ihn so wieder in die Höhe. »Meinen besten Dank!« reichte ihm Ströllpitz die Hand. »Sie sind sehr gütig«, schlug der Assessor ein, nachdem er die seine abgewischt. - »Mein gnädig Fräuleinchen, darf ich Sie um ein Küßchen bitten«, lächelte der alte Kreidefleck wie ein kleiner Junge, der um einen Apfel bettelt. »Ach, bitte, nein«, drehte die kindliche Ursula den Kopf nach rückwärts. »Die Mama sieht's ja nicht.« Das Fräulein wandte den Kopf zurück, um sich davon zu überzeugen, und wupp... hatte sie ihr Küßchen weg. »Ach Gott...« paute sie, mit niedergeschlagenen Augen. Er hatte ihr gar nicht geschmeckt, aber sie zierte sich doch damit. Verständnis für die Sache war jedenfalls vorhanden. Padderow, der trotz seines Kummers und seiner gelähmten Seele dennoch die Ritterlichkeit gegen das schöne Geschlecht nicht aus den Augen setzen wollte, trat matt und schlotternd zu seiner Dame, aber seine Zunge war nicht imstande, die keusche Bitte zu lallen. »Ach Gott, Herr von Padderow«, drehte die alte Justizrätin auf ihrem Stuhl. Der dicke Leutnant stand unbeweglich vor ihr, betäubt und niedergedrückt von seines Hauses Mißgeschick. »Aber... meine Tochter sieht ja her, Herr von Padderow«, kam ihm die Dame immer etwas näher. Der Dicke rührte kein Glied, sondern starrte dumpf vor sich hin auf den Boden. »Was soll das Kind wohl von mir denken, Herr von Padderow?« Mit diesen Worten war sie ihm ganz nahe gerutscht, und da er durchaus keine Anstalten machte, hauchte sie einen schnellen Kuß auf seine roten, wulstigen Lippen. »Ach, pfui doch ... wie kann man so ungezogen sein!« hielt sie sich nachher schamhaft das Taschentuch vor die Augen. - »Na; was steht Ihr denn wieder wie die Stöcke«, tuschelte Nasewitz den beiden Fähnrichen zu; »wollt Ihr wohl gleich Euer Schlittenrecht fordern!« Die jungen Leute wurden rot und traten zu ihren Damen. Euphrosine reichte Klötersdorf die Hand, und dieser drückte einen schüchternen Kuß darauf. Das zartfühlende Mädchen wollte die Sache so schnell wie möglich abmachen, um nicht den unglücklichen Auftritt beim Tanz wieder ins Gedächtnis zu rufen. Strammin war schon kühner und küßte Cölestinens Stirn. Der kleine Doktor Klaubert, der Melusinen den ganzen Abend nicht von der Seite gegangen war, sah sie mit seinen großen Augen so freundlich an, als wenn er sich unbeschreiblich glücklich fühlte. »Na!« nickte das kleine Fräulein, ebenso lustig; »was wollen Sie denn?« Der Doktor trat einen halben Schritt näher und sah jetzt beinahe aus wie ein treues Hündchen, das mit dem Schwänzchen wedelt. »Na, sagen Sie es doch ... immer offen ... einen Kuß?« Klaubert nickte. »Da!« Im nächsten Moment preßten sich die Lippen aufeinander. »Geschmeckt?« Der Doktor antwortete nicht, aber er machte ein Gesicht, als wenn er gen Himmel fahren wollte. Das war vielleicht zu viel Natur; jedenfalls aber besser als zu wenig. Nasewitz trat mit respektvoller Bescheidenheit zu Alphonsine, gab ihr die Hand und küßte ihr die Stirn. Das Mädchen errötete tief und schlug die Augen nieder, weil eine Träne darin glänzte. Die Musik blies draußen eine schmetternde Fanfare und gab das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Die Damen gingen nocheinmal in das Schlafzimmer des alten Försterpaares, um ihre Mäntel und Kapotten anzulegen; die Herren traten hinter das Haus, um nach dem Wetter zu sehen, und dann vereinigte man sich wieder in der großen Stube. »Sie sind auch ein guter Mensch, Herr Oberst«, klopfte Schimmelmann dem alten Hollprägel auf die dicken Epauletten; »Sie haben neulich so nett mit mir gesprochen; aber der Padderow ...« »Was ist mit dem Padderow?« fragte Hollprägel. »Der Padderow, Herr Oberst, das ist doch ... der ist doch ...« »Nun was ist er denn, lieber Schimmelmann?« »Pst! - Puscht!« machte der Rittmeister, sich plötzlich besinnend mit einem ernsten Gesicht; »es ist ja noch nicht so weit ... ein Geheimnis ... pst!! ... puscht!!!« Der Oberst schüttelte lächelnd den Kopf und reichte der Gräfin Plustra den Arm, um sie zu ihrem Schlitten zu führen. Die übrigen Herren folgten seinem Beispiel, und die Ledigen schlossen sich hinten an. Nach wenigen Minuten setzte sich der Zug wieder in Bewegung, die Trompeter bliesen einen lustigen Marsch, die Schellen klingelten, die Peitschen knallten. Es war schon dunkel geworden bei dem kurzen Wintertage; die alten Kiefern sahen aus, als hätten sie sich die Schlafröcke zur nächtlichen Ruhe angezogen, und anstatt der hellglitzernden Sonnenstrahlen goß jetzt der Mond sein bläuliches Silberlicht auf den mattglänzenden Schnee. Der alte Nachtwächter am Himmel schien keinen Punsch getrunken zu haben, denn er sah blaß und ein bißchen verschwollen aus, als wenn ihn fröre in seiner luftigen Höhe. Das nächtliche Schlittengebimmel schien ihm aber doch Spaß zu machen, denn es sah beinahe aus, als wenn er das schiefe Gesicht zum Lachen verzöge und das eine Auge zudrückte, wie man zu tun pflegt, wenn man verschmitzte Gedanken hat. »Sie haben vergessen, mir ein Küßchen zu geben, böser Mann!« lehnte die schöne Molly sich in ihrem Schlitten hintenüber. »So? - Ach richtig ...« besann sich der alte Graf... »na das können wir ja nachholen... nehmen Sie es nicht übel.« Und dann bekam er drei statt einen. - Die Herren waren munter, und die Damen aufgetaut, deshalb gestaltete sich die Unterhaltung lebhafter als auf der Hinfahrt. Der Oberst sprach fortwährend mit seiner Gräfin; Molly plauderte unausgesetzt ihrem Grafen etwas vor; Kreidefleck kälberte mit der kindlichen Ursula und zupfte sie hinten an den Bändern ihrer Kapuze; Klötersdorf wagte ab und zu ein schüchternes Wort, Strammin war ein klein wenig mehr beredt; Padderow saß regungslos und steif, wie eine ägyptische Sphinx auf seiner Pritsche; Nasewitz unterhielt sich fein und angelegentlich mit Alphonsine; der Rittmeister Schimmelmann war selig eingeschlafen und der kleine Doktor Klaubert war dermaßen aufgeregt vor Freude und Seligkeit, daß er fortwährend verzweifelte Anstrengungen machte, zu knallen, anstatt dessen aber nur mit der langen Peitsche seinen Pferden an die Köpfe schlug. »Aber, was machen Sie denn? Sitzen Sie doch ein bißchen still!« sagte Melusine; »der ganze Schlitten wackelt ja.« Doch dem kleinen Doktor fiel es gar nicht ein, stillzusitzen; er wollte nun einmal seiner Dame zeigen, daß er ein ordentlicher regelrechter Kavalier war, und deshalb ließ er die Peitschenschnur den Gäulen um die Ohren sausen, daß diese schon ganz wild und aufgeregt wurden. »Ich ängstige mich, die Pferde werden scheu«, zitterte Melusine. Der Doktor Klaubert ängstigte sich aber durchaus nicht; denn die Liebe hatte seinen Mut unerschütterlich gemacht. Noch einmal schwang er den Peitschenstock, noch einmal sauste die Schnur den Pferden um die Ohren, und im nächsten Moment gingen die geplagten Tiere durch, was das Zeug nur immer halten wollte. »Doktor, ich beschwöre Sie!« flehte Melusine; »wir kommen ja zu Schaden... fahren sie doch sachte.« Aber,wer nicht sachte fahren konnte, das war der Doktor, und wer nicht sachte fahren wollte, das war wiederum der Doktor, denn sein aufgeregtes Innere harmonierte wohltuend mit der Wildheit der Situation. »Hoho!« schrie der alte Graf, als er an ihm vorüberraste, »Doktor ... wo wollen Sie denn hin? - Sind Sie denn ganz des Teufels, Herr?« Wer aber allerdings des Teufels war, das war wiederum der Doktor; je toller es ging, desto toller schlug er den Pferden um die Ohren, die zuletzt ausgriffen, als wenn der wilde Jäger auf ihnen ritte. »Heda! - Doktor! - Wo wollen Sie denn hin?« - schrie der alte Hollprägel, als der vorüberjagende Schlitten beinahe an den seinen angefahren wäre; »Holla he... Doktor!« Auf wen das aber alles keinen Eindruck machte, das war der Doktor, und so kam es denn, daß er eine volle Viertelstunde früher in das Hasenbalger Tor fuhr, als alle anderen. Die klugen Pferde, denen das »Wilde Jagen spielen« wahrscheinlich auch schon über war, liefen direkt vor Schimmelmanns Haus und standen dort wie eingerammt still. »I, sehen Sie 'mal, Herr Doktor«, wunderte sich Pätel, der vor der Tür stand; »Sie kommen ja so früh an.« »Jawohl... ich komme früh an«, sprang der kleine Klaubert von der Pritsche, um Melusine aus dem Schlitten zu helfen, während Pätel die Leine nahm. »Wilder Mann, was haben Sie mich geängstigt«, reichte ihm das Mädchen beim Aussteigen die Hand. Der Doktor drückte einen heißen Kuß darauf. »Gute Nacht, verwegener Ritter, schlafen Sie wohl und nehmen Sie meinen besten Dank«, eilte Melusine dem Hause zu. »Gute Nacht, gnädiges Fräulein; gute Nacht!« Dann fuhr Pätel mit dem Schlitten zu dessen Eigentümer, und Klaubert ging steifbeinig vom langen Reiten auf der Pritsche seiner stillen kleinen Wohnung zu. Nachher kamen auch bald die anderen an; und die Herren fuhren ihre Damen zu ihren Behausungen. »Du bist auch 'ne gute Frau ... gib mir'n Kuß, Alte«, umarmte Schimmelmann seine dicke Auguste, als sie eben im Wohnzimmer angekommen waren... »aber der Padde... aber der Pa...« Hier bekam er einen Schreck, weil sein Blick auf Alphonsine fiel, und stockte. »Was fiel denn dem verfluchten Pillenkneter ein?« wandte er sich dann, um seine Verlegenheit zu bemänteln, an Melusine; »der Kerl fuhr ja, als wenn er Hummeln im...« hier unterbrach er sich jedoch abermals, weil er sich noch rechtzeitig besann, daß er nicht auf dem Reitplatz war, und da er sich heute abend überhaupt nicht mehr viel zutraute, so sagte er Gute Nacht und ging zu Bett. Und das taten die anderen auch. Die vier Schwestern sprachen weniger als sonst beim Schlafengehen; aber sie dachten desto mehr, und als sie so im Eindruseln waren, da gab jede ihrem weißen Kopfkissen einen Kuß. 20. Die Kugel rollt Am anderen Morgen um acht Uhr war Nasewitz schon drüben bei Padderow. »Na ... war meine Schlittenpartie nicht gelungen?« stürmte er in großer Aufregung hinein. Der dicke Offizier saß wie ein Klümpchen Unglück hinter seinem unberührten Kaffee auf dem Diwan und starrte in dumpfem Schweigen vor sich hin. »Die Geschäfte gehen vortrefflich«, lief Nasewitz mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder; »ich bin außerordentlich zufrieden mit mir... das Glück hat mich über Erwarten begünstigt ... meine beiden Fähnriche haben sich zwar wie die schüchternen Josephs benommen ... Klötersdorf ist aber doch Euphrosinen zu Füßen gefallen ... das ist schon ein bedeutender Fortschritt, mein Lieber ... es war zwar unfreiwillig ... er hat ihr auch dabei eine Falte aus dem Rock gerissen... aber das sind Nebensachen... unbedeutende, begleitende Umstände ... die Hauptsache ist, er lag da ... und dem alten Schimmelmann wurde Sand in die Augen gestreut...hinhalten, das ist jetzt unsere Devise... dem glücklichen Zufall Zeit lassen, sich in unsere Angelegenheiten zu mengen... ihm auch Gelegenheit dazu geben ... der kleine Doktor Klaubert hat mir Spaß gemacht... schlechter Lückenbüßer, aber immer noch besser als gar keiner... er lief mir gerade ins Netz und da verwandte ich ihn im Rummel... die kleine Melusine wird sich geärgert haben, daß sie keinen besseren Kavalier bekam ... und nachher gingen die Pferde mit ihm durch ... hahaha ... habt Ihr's gesehen, Padderow?« Der dicke Leutnant stieß einen tiefen Seufzer aus und antwortete nicht. Nasewitz war viel zu aufgeregt, um darauf zu rücksichtigen. »Am meisten zufrieden bin ich aber mit mir selber«, lief er in immer schnellerem Tempo auf und ab; »ich habe mich vortrefflich mit Alphonsine unterhalten ... wirklich ein reizendes, seelengutes Mädchen ... und so vernünftig ... und so gefaßt... gar keine Idee mehr von gebrochenem Herzen... Ihr könnt Euch vollständig darüber beruhigen ...« Padderow seufzte noch schmerzlicher. Nasewitz achtete nicht darauf. »Ich habe alle möglichen Proben angestellt«, fuhr er fort; ich habe von Euch gesprochen... sie tut es auf die unbefangenste Weise von der Welt... sie scherzte... sie lachte sogar über Euch, als Ihr mit der dicken Justizrätin tanztet und sie Euch nachher einen Kuß aufbrannte...« »Verzweiflung!« winkte Padderow mit der Hand. »Was sagt Ihr, edle Seele?« »Verzweiflung!« wiederholte der Dicke. »Was wollt Ihr damit sagen?« »Wenn sie über mich gescherzt und gelacht hat, so ist das nur maskierte Verzweiflung.« »Wie könnt Ihr so eitel sein, tapferer Degen?« »Ich schenke Euch meine ganze Eitelkeit«, stöhnte Padderow; »die Sache steht schlimmer mit mir, denn je.« »Unsinn! Habt Ihr den alten Schimmelmann nicht gesehen... er schwamm in einem Meer von Wonne und Seligkeit... er war aufs höchste zufrieden mit mir... er hat mich sogar geküßt...« »Er war besoffen«, sagte Padderow; »und daraus entstand vielleicht das ganze Unglück...« »Ich verstehe Euch nicht, würdiger Streiter.« »Wie heißt das Sprichwort doch gleich ... in vinum...weinum ...veritum ...« » In vino veritas wollt Ihr sagen.« »Richtig«, nickte Padderow; » veri...tas ...er hat mich ja auch geküßt... weit mehr als Euch ...« »Nun, laßt Euch das doch lieb sein...« »Den Teufel lasse ich mir das lieb sein ... Ihr seid in einem furchtbaren Irrtum befangen, erlauchter Herr...« »Wieso?« stand Nasewitz still. »Ich werde noch immer auf eine fabelhafte Weise von der Alphonsine geliebt...« »Macht Euch doch nicht lächerlich ...« »Der Alte hat es mir ja selbst gesagt... und in vinum ...« » Vino. « » Veritum ...« setzte Padderow hinzu; »das Kind beherrscht sich nur... der Alte glaubt, daß ich sie ebenfalls fabelhaft liebe...« »Ihr spaßt, edler Don Juan...« »Fällt mir gar nicht ein ... ich bin bloß zu schüchtern, es ihr zu sagen ... ich soll mich nicht ängstigen ... er will mich auch nicht übereilen, sondern sie mir aufheben, bis ich den Mut haben werde, ihr meine Liebe zu gestehen.« »Das hat Euch der Alte wirklich gesagt?« wurde Nasewitz aufmerksam. »Nun natürlich ...« bejahte der Dicke; »er hat mir sogar noch viel mehr gesagt... ich habe bloß aus Verzweiflung die Justizrätin gefahren ... ich habe mich beherrscht, um ihm Schmerz zu ersparen... ich bin ein frommer Mensch ... ein guter Mensch ... ein edler Mensch... aber eigentlich bin ich ein Esel...« »Das hat er Euch auch gesagt? ...« »Nein... das sage ich mir selber, weil ich mein Schicksal in Eure Hände gelegt habe.« - Nasewitz schien nachzudenken. »Sagt 'mal, trefflicher Ritter ...« begann er mit ernst gerunzelter Stirn. »Was wollt Ihr denn wissen, Edler von Knelling?« »Waret Ihr gestern nicht auch selbst ein bißchen im Tee?« »Nun natürlich war ich das«, entgegnete Padderow; »aber bei den Nachrichten, die ich eben die Ehre hatte, Euch mitzuteilen, wurde ich sofort von einer erschreckenden Nüchternheit... ich höre noch jedes einzelne Wort, das er mir sagte... ich könnte es sogar beschwören...« Nasewitz ließ traurig die Unterlippe hängen. »Das ist schlimm!« sagte er. »Na seht Ihr wohl... so etwas richtet Ihr an... Ihr seid schuld an dem ganzen Unheil...« nickte Padderow trüber. Der andere antwortete nicht, sondern heuchelte weiter. »Ich hätte ja dem Alten reinen Wein einschenken können ...« sagte der dicke Offizier; »die Aufdeckung der Wahrheit hätte mich gerettet... aber dann wärt Ihr statt meiner im Unglück gewesen, und wenn der Padderower auf einem glühenden Rost gebraten würde, kein Wort des Verrats käme über seine sterbende Lippe, und das Geheimnis sänke mit ihm ins stille Grab. »Ihr seid ein edler Mensch!« fuhr Nasewitz aus seinem Sinnen auf. Padderow winkte abwehrend mit der Hand. »Ihr seid ein guter Mensch!« sprach der lange Leutnant weiter. »Wißt Ihr, das kann ich gar nicht mehr hören«, verzog der andere das dicke Gesicht; »das klingt mir noch von gestern in den Ohren, wie die Posaune des jüngsten Gerichts... laßt mich zufrieden mit Eurer Lobhudelei.« »Ihr seid aber mein Freund, Padderow«, reichte ihm Nasewitz die Hand; »wie ich der Eure bin ... fest und unverbrüchlich, wie auch die Brandung des Mißgeschicks uns umtobe...« Padderow nickte ihm freundlich zu. »Eure Mitteilung, ist wie ein vernichtender Blitz in die Maschinerie meiner Pläne gefahren«, sprach Nasewitz weiter; »der Alte glaubt also wirklich noch immer an Eure Liebe zu Alphonsine... das scheint festzustehen ... aber ich glaube nicht an Alphonsinens Liebe zu Euch...« »Wißt Ihr, ich glaube gar nichts mehr«, stöhnte Padderow; »ich denke auch über gar nichts mehr nach ... mir ist überhaupt alles egal... mein Gehirn tut mir weh... meine Kraft ist gebrochen...« »Unsinn!« brauste Nasewitz auf; »wer wird sich denn zu so kläglicher Schwäche hinreißen lassen... Ihr wollt ein Held und Ritter sein ... habt Ihr die Zeiten Eures Ruhms vergessen, wo Ihr mit dem feurigen Babieca durch die Flügel einer gehenden Windmühle hindurchrittet? Habt Ihr vergessen, daß Ihr mich, Euren besten Freund, vor Eure furchtbare Klinge fordertet, um mich zu strafen für eine Eigenmächtigkeit, die ich mir erlaubte? Und dieser eiserne Charakter, diese Brutusnatur, dieser Fels in den brandenden Wogen des Lebens will schwächlich zusammensinken, wenn er einmal in eine heikle Lage kommt... was würde die Welt dazu sagen, deren Blicke auf Euch gerichtet sind?« Der dicke Leutnant war sichtbar erstarkt an der geschwollenen Rede seines Freundes, und nach den letzten Worten erhob er sich aus seiner gesackten Stellung vom eingesackten Sofa, strich sich den dürftigen Schnurrbart und schritt im Zimmer auf und nieder, daß die Holzpantoffeln einen kräftigen Widerhall gaben, und die dicken nackten Beine wie beim Parademarsch unter dem roten Schlafrock hervorgerufen wurden. »Ihr habt recht, Burgherr von Knelling!« sagte er, wie Napoleon, die rechte Hand in die Brust steckend; »erzählt der Welt nimmer, daß Ihr mich schwach gesehen... sie würde es mir nie vergessen... ich will mannhaft meinem Mißgeschick die Stirn bieten ... und wenn auch einmal das erbärmliche Fleisch zittert, der kräftige Geist soll es bemeistern.« »Seht Ihr, so gefallt Ihr mir wieder recht, Ihr sprecht wie ein Friedländischer Reitersknecht!« klopfte ihm Nasewitz auf die fette Schulter; »kommt her ... gebt mir'n Kuß, alte Seele!« »Ne!« wehrte Padderow ab; »nicht küssen ... das ist mir noch von gestern so in der Erinnerung...« »Aber die Hand, mannhafter Recke!« »Von ganzem Herzen!« »Und kräftiges Zusammenhalten, wie der Sturm auch rase.« »Zählt ganz auf mich.« »Entzieht mir also nicht Euer Vertrauen«, belebte sich Nasewitz von neuem; »wenn ich auch einmal Fehlschläge habe, ich bin der Überzeugung, daß mein Werk gelingt... die Hauptsache scheint mir jetzt, die Gesellschaft in einen Strudel des Vergnügens zu stürzen ... sie gar nicht zu Atem kommen zu lassen... sie in einem steten Taumel zu erhalten und zusammenzurühren; da müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht etwas zusammensitzen bleiben sollte.« »Hoffen wir es!« sagte Padderow. »Das nächste Vergnügen wird nun das Liebhabertheater«, nahm Nasewitz Mütze und Mantel vom Haken; »ich denke, das soll noch besser wirken als die Schlittenpartie... nun muß ich aber gehen... ich habe noch eine Unmasse von Geschäften ... die Rechnung über Euren Kostenanteil wird Euch der Lohndiener bringen ... ich bin noch nicht ganz mit der Berechnung fertig...« »Wißt Ihr 'was, Nasewitz«, unterbrach ihn Padderow. »Nun, tadelloser Ritter?« »Der Lohndiener würde mich augenblicklich etwas unpäßlich finden ... meine Vasallen haben den Zins noch nicht bezahlt...« »Ihr wünscht also, daß ich die Kleinigkeit auslege...« »Ihr würdet mich dadurch verbinden«, sagte Padderow stolz; »schreibt's zu dem übrigen ... die Zahl ist Euch so gut wie bares Gold.« »Wer es wagte, daran zu zweifeln, dem würde ich meine Lanze durch den Leib rennen«, entgegnete Nasewitz in Padderows romantischer Sprache; »gehabt Euch wohl!« »Bis heute mittag bei der Tafelrunde!« machte der dicke Leutnant eine stolze Handbewegung. Nasewitz erwiderte dieselbe in ähnlicher Weise und verließ dann das Zimmer seines Freundes. »Durch den Zwischenfall mit dem alten Schimmelmann bin ich wieder einen Schritt zurückgekommen, aber er muß sich doch über meine beiden Fähnriche gefreut haben ... zwei Ersatzmänner für einen, das ist doch immer ein gutes Geschäft... aber, der Appetit kommt beim Essen, sagt das Sprichwort... nun der Alte zwei hat, will er auch den Dritten nicht fahren lassen ... es wird nicht lange dauern, dann verlangt er für die kleine Melusine auch 'nen Mann von mir... lieber möchte ich schon der Alphonsine einen besorgen... aber das geht doch vorläufig nicht... Die ist ja scheinbar mit Padderow verpflichtet... sollte sie ihn denn wirklich lieben? - Unsinn! ... Ich glaube es nicht... da müßte ich doch keinen Funken von Menschenkenntnis mehr haben ... nun will ich aber schnell einmal zu meinen beiden Fähnrichen... und dann muß ich wieder Rechnungen schreiben... in solcher Unruhe bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen ... ich werde schon ganz mager vom vielen Laufen.« »Na!« stürzte Nasewitz bald darauf bei Klötersdorf ins Zimmer; »gut amüsiert gestern?« »Ganz vortrefflich, Herr Leutnant.« »Nun, wie gefällt Ihnen Fräulein Euphrosine?« »Oh ... sehr gut«, errötete Klötersdorf. »Bravo, lieber Freund«, schüttelte ihm Nasewitz die Hand; »nun nur immer vorwärts auf der Bahn des Glücks.« »Wollen der Herr Leutnant nicht einen Augenblick Platz nehmen?« »Danke, danke... ist Strammin zu Hause? ...« »Jawohl, Herr Leutnant!« »Wissen Sie, Kind ... Sie brauchen gar keine Angst zu haben, wegen der Geschichte bei der Baronin ... Alles beigelegt ... und daß Sie gestern gefallen sind, schadet auch nichts ... nur immer vorwärts...und nicht so blöde... adieu, lieber Klötersdorf.« »Adieu, Herr Leutnant!« - »Na!« preschte Nasewitz drüben bei Strammin ins Zimmer; »war nett gestern; nicht wahr?« »Wunderschön, Herr Leutnant.« »Wie gefällt Ihnen Fräulein Cölestine... he?« »Ausgezeichnet«, errötete der junge Mann. »Bravo, lieber Freund«, schüttelte ihm Nasewitz die Hand; »nun nur immer vorwärts und nicht wieder gestutzt...« »Wollen der Herr Leutnant sich nicht setzen?...« »Danke, muß gleich wieder fort. - Wissen Sie, Kind, auf solche Geschichten müssen Sie sich nicht wieder einlassen, wie mit der Konditormamsell ... das paßt sich nicht für 'nen anständigen jungen Menschen ... das Mädchen kommt ja doch nicht zum Stelldichein ... führt Sie bloß an der Nase herum ... und dann sind Sie da am Nachtwächterhäuschen bemerkt worden... ich habe Sie herausgeredet und gesagt, Sie hätten beim Rittmeister nächtliche Fensterparade gemacht...« »Aber, Herr Leutnant...« »Pst... ganz still... kein Wort... lassen Sie mich machen, ich meine es gut mit Ihnen ... na, adieu, Kind ... nächstens wollen wir uns weiter vergnügt machen.« Damit stürzte Nasewitz wieder ab und die Treppe hinunter. Als er über den Markt eilte, begegnete ihm der alte Schimmelmann. »Morgen, Morgen, lieber Freund«, nickte er ihm zu. »Gut bekommen, Herr Rittmeister?« »Danke, lieber Nasewitz... ich hatte heute früh einen höllischen Durst... und dann ist mir der Kopf ein bißchen dick.« »Oh! Sie haben doch so wenig getrunken ...« »Na, das versteht sich ... wie immer ... aber wissen Sie, der Padderow hatte sich einen aufgeschwenkt...« »Was Sie sagen...« »Na, gehörig ... wie ein Brummkreisel, versichere ich Sie... aber doch ein netter Kerl... ein sehr netter Kerl...« »O ja... aber ein bißchen leicht... ein bißchen veränderlich...« »Nein; da irren Sie sich in ihm, lieber Nasewitz«, unterbrach ihn Schimmelmann; »der treueste, ehrlichste, edelste, frommste Mensch, den Sie sich denken können.« »Es ist richtig!« dachte Nasewitz! »Padderow hat ganz gut gehört, trotzdem er gekräuselt war; - den verehrten Damen doch auch gut bekommen?« setzte er dann laut hinzu. »O ja ... danke!« nickte Schimmelmann; »meine Alte ist ein bißchen müde... die Kinder haben sich ja gut amüsiert... freilich ... die Alphonsine... na, das werden Sie ja wohl selber bemerkt haben...« Nasewitz machte eine Bewegung, die man für zustimmend hätte halten können; aber er sagte nichts. »Na, adieu; ich will 'mal nach dem Reitplatz 'runter«, gab ihm Schimmelmann freundlich die Hand. »Adieu, Herr Rittmeister ... bitte, empfehlen Sie mich Ihren verehrten Damen.« »Danke... werd's bestellen. - Wissen Sie, das war recht unpassend von dem Doktor Klaubert«, wandte er sich noch einmal um ... was fällt denn solchem Salbenschmierer ein? - Ich weiß gar nicht, wie er auf die Idee gekommen ist...« »Ja... ich auch nicht«, sagte Nasewitz. »Ich hätte den Kerl auch 'rausgeschmissen«, brummte der Alte weiter; »aber die Melusine kam mir dazwischen ... sie hatte sich verhört und dachte wahrscheinlich, es wäre ein anderer, der sie fahren wollte... na... hat sich selber bestraft... gut amüsiert wird sie sich mit dem Menschenquäler nicht haben... wenn sie sich auch so stellt... ist ja alles nicht wahr, wissen Sie... diese Frauenzimmer können einem ein X für ein U machen ... denken Sie 'mal bloß an die Alphonsine.... na, guten Morgen, lieber Nasewitz ... ich muß nach dem Reitplatz 'runter...« »Empfehle mich ganz gehorsamst, Herr Rittmeister!« Damit gingen sie beide auseinander. - »Ich habe doch recht getan, den Padderow wieder in Gnaden anzunehmen«, reflektierte Schimmelmann; »was soll denn die gesetzte Alphonsine mit solchem grünen Fähnrich ... den nimmt sie ja schon gar nicht... wenn die jemals einen anderen liebt, wie ihren Padderow, dann laß ich mich an dem Reitpfahl aufhängen ... dann bin ich ein dummer Kerl und will Hans heißen ... die Alphonsine hat ja Stolz... die läßt sich mit etwas Untergeordnetem nicht ein... ein Fähnrich...puh... den sieht sie gar nicht an.« Wie Nasewitz also seinen Freund Padderow von Schimmelmanns zärtlicher Gunst und Alphonsinens wahnsinniger, von ihm jedoch angezweifelten Liebe befreien sollte, darüber befand er sich noch im vollständigen Irrtum. Für den Anfang hatte er kein anderes Ziel im Auge, als des Alten Phantasie mit zwei neuen Anbetern zu beschäftigen, und diesen immer mehr und mehr einzuheizen, bis sie den keuschen Josephsmantel ihrer Schüchternheit wegwerfen würden, um in unverhülltem Glanze feuriger Leidenschaft dazustehen. Wenn Schimmelmann zwei Schwiegersöhne anstatt eines einzigen bekäme, dann würde er sich auch zufrieden geben und sich allmählich über Padderows Verlust trösten. Alles übrige überließ er einer höheren Macht, die ja alles so einrichtet, wie es am besten ist. Der ganze Plan des langen Leutnants stand aber leider auf unsicherem Boden, weil er an einem Irrtum, oder vielmehr an einer Vergeßlichkeit seinerseits krankte. Er wußte recht gut noch, daß er mit dem alten Schimmelmann eines guten Abends auf dem schwarzen Sofa in der Ressource gesessen, er wußte recht gut noch, daß er ihm dort zuerst den Floh von Padderows Liebe zu seiner Tochter ins Ohr gesetzt, aber die näheren Umstände waren ihm leider im Drange der Geschäfte, in der Verwickelung der Situation und bei der Ungewöhnlichkeit des Falles aus dem Gedächtnis gekommen. Als er Schimmelmann sagte, Padderow liebe seine Tochter, hatte er auf dessen Frage, welche es sei, die jüngste bezeichnet, und darauf hatte ihm der Alte folgende denkwürdigen Worte erwidert: »Ja ... wenn Herr von Padderow Kreisrichter wäre, und ich Apotheker, dann ginge die Geschichte, wie Sie es wünschen, aber Herr von Padderow ist Leutnant, und ich bin Rittmeister... vom soldatischen Standpunkt aus müssen wir die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Alters aufrecht erhalten . .. der älteste Premierleutnant wird zuerst Rittmeister; dann kommt der zweite, dann der dritte und zuletzt der vierte. Der jüngsten Tochter aber zuerst die Haube aufzusetzen, das wäre eine schreiende Beleidigung und, Ungerechtigkeit gegen die anderen, eine Zurücksetzung, eine Übergehung ... ein übergangener Offizier muß den Abschied nehmen... eine übergangene Tochter bleibt sitzen und wird eine alte Jungfer.« Nachdem Nasewitz sich vergeblich bemüht, den Alten anderer Ansicht zu machen, hatte er endlich gesagt, er habe sich geirrt, er meinte nicht Melusine, sondern Alphonsine, das käme daher, weil die Namen alle so egal klängen. Darauf war denn auch Schimmelmann zufrieden gewesen, hatte steif und fest geglaubt, Padderow liebe die älteste, und als Nasewitz nachher mit den beiden Anbetern, Klötersdorf und Strammin kam, konnte er natürlich nichts anderes denken, als daß diese ebenfalls in Alphonsine verliebt sein müßten, weil deren Verhältnis zu Padderow noch nicht an die Öffentlichkeit getreten war. So viel militärischen Geist mußte er selbst einem Fähnrich zutrauen, daß er sich nicht unterstehen durfte, sich in eine jüngere zu verlieben, wenn eine ältere da war. Das war ein Gedanke, der dem alten Schimmelmann nie gekommen, und eine Regel, von der er nie abgegangen wäre. Diesen Umstand, wie gesagt, hatte Nasewitz vergessen, und deshalb stand sein ganzer Plan auf tönernen Füßen, deshalb waren seine ganzen Bemühungen fruchtlos; und wenn er Schimmelmann drei Freier für seine jüngeren Töchter zugeführt hätte, ohne auch die älteste zu versorgen, dann hätte der Alte die ganze Gesellschaft zum Tempel hinausgejagt, mit dem festen Glauben, daß er vollständig richtig gehandelt. Es war allerdings merkwürdig, daß ein so kluger und bedachter Mann, wie Nasewitz, so etwas Wichtiges vergessen konnte. - Aber er hatte es doch nun einmal getan. - Außerdem kann der Mensch vergessen, was er will. - Es ist schon bedeutenderen Männern Bedeutenderes aus dem Kopf gekommen. So standen also die Sachen, und zwar auf schwankenden Füßen, ohne daß der gute Nasewitz eine Ahnung davon hatte. Nachdem er die Kosten der Schlittenfahrt glücklich verteilt und einkassiert hatte, machte er sich mit allen körperlichen und geistigen Kräften daran, das Liebhabertheater ins Leben zu rufen, um die Hasenbalger Gesellschaft zu zerstreuen und durcheinanderzuwürfeln. Die Idee fiel allerseits auf den fruchtbarsten Boden; jedermann war dafür eingenommen, jeder wollte mitspielen, und dann sollte es vor allen Dingen so schnell als irgend möglich gehen. Die Hauptsache war vor allen Dingen die Bestimmung des zu gebenden Stückes, denn davon hingen natürlich Besetzung, Ausstattung und noch verschiedenes andere ab. Wo aber ein Stück herbekommen ... darin lag eine große Schwierigkeit. Zu einer Leihbibliothek hatte es Hasenbalg in jener Zeit noch nicht gebracht. Es war allerdings ein Buchbinder, namens Weidling, da, der besaß vielleicht vierzig Bände, die teils nicht von ihm abgeholt worden waren und die er anderenteils zurückbehalten hatte, wenn er einmal eine ganze Auflage von soundso vielen Exemplaren zu binden bekam; aber unter diesen Büchern befand sich durchaus nichts Dramatisches. Eine große Kenntnis der Tagesliteratur besaß Nasewitz auch nicht, und wenn man aufs Geratewohl an eine Berliner Buchhandlung hätte schreiben wollen, dann wäre vielleicht ein ganzer Ballen unbrauchbaren Zeuges angelangt, und nach großer Mühe des Durchlesens, nicht unbedeutenden Kosten und Zeitverlust, war man höchstwahrscheinlich seinem Ziel nicht einen Schritt nähergerückt. Es blieb also nur die Zuflucht zu Nasewitzens eigener Bibliothek, die an dramatischen Sachen aber nur die klassischen Stücke von Shakespeare, Goethe, Schiller und Lessing enthielt. Unter diesen sollte also gewählt werden, und die Gesellschaft war ganz entzückt, in klassischen Rollen auftreten zu dürfen. Es kam für Nasewitz jetzt hauptsächlich darauf an, seine beiden Fähnriche mit ihren Damen in nähere Berührung zu bringen; Alphonsine ging ihn ja gar nichts an, und Melusine ebensowenig; denn für diese beiden waren ja keine Liebhaber vorhanden. Also ein Stück, in dem zwei Liebespaare nebeneinander hergehen. Endlich, endlich, nach entsetzlichem Kopfzerbrechen blieb man bei Shakespeares Othello stehen. Die Wahl klingt allerdings auf den ersten Augenblick etwas befremdlich; aber bei näherem Eingehen hat sie doch ihre Berechtigung. Wenn die Rollen des Othello und der Desdemona auch nicht gerade geeignet sind, ein Liebespaar enger zu verbinden, so ist doch der einfältige venetianische Edelmann Rodrigo in die holde Senatorentochter verliebt; Cassio, der Leutnant seiner Mohrenschaft, hat eine schäkernde Szene mit der zweideutigen Bianca, die ihm das Muster von dem berühmten Taschentuch abnehmen soll, ohne welches das ganze Trauerspiel nicht möglich ist, und für den gefälligen Ludovico wollte Nasewitz eine selbstverfaßte Szene einlegen, in welcher er zu Emilia, des schnöden Jago Frau, in vertrauliche Beziehungen gebracht würde; denn Jago, der sein Weib ersticht, und die erstochene Emilia konnten doch ebenfalls nicht von zwei angehenden Liebenden dargestellt werden. Auf diese Weise ging die Sache, nun war die Hauptfrage also die Besetzung. Alphonsine hatte keine Lust mitzuspielen, weil ihr Gemüt augenblicklich zu ernst gestimmt war, um Mummenschanz zu treiben; die überflüssigen Möhrenstolzens wollte man nicht hinzuziehen, weil die darstellenden Mitglieder doch aus dem engeren Kreise der Hasenbalger Elite genommen wurden; es kam also hauptsächlich auf die Beschäftigung von Euphrosine und Cölestine an, die sich jedoch nicht für die Desdemona eigneten. Glücklicherweise meldete sich nun die kleine Melusine zu der Rolle, und das war Nasewitz auch ganz angenehm, weil er für den wütenden, mörderischen Othello keinen seiner beiden Liebhaber verwenden konnte. Nach reiflicher Überlegung bekam nun Klötersdorf den seinen Ludovico, weil er in der von Nasewitz zu verfassenden Szene mit Emilia in nähere Beziehung gebracht wurde, und besagte Emilia mußte natürlich dem Fräulein Euphrosine zugeteilt werden. Strammin, der andere Anbeter, erhielt die Rolle des Leutnants Cassio, weil er eine schäkernde Szene mit Bianca hatte, welche von Fräulein Cölestine gespielt werden mußte. Der Doktor Klaubert, auf den keine Rücksicht genommen zu werden brauchte, erhielt die Rolle des einfältigen Rodrigo, welcher die Desdemona liebt und von Jago um all sein Geld betrogen wird. Diese Liebe zu Othellos schöner Frau hat aber gar nichts zu sagen, da dieselbe nur hinter den Kulissen spielt und die beiden Genannten niemals auf der Szene zusammenkommen. Nun kam es darauf an, den Othello selbst zu besetzen. Nasewitz überlegte hin und überlegte her, und endlich blieb doch seine Wahl bei Padderow stehen. Die kurze gedrungene Gestalt, der dumpfe Ton der Sprache schienen ihm besonders für die Versinnbildlichung jener afrikanischen Natur geeignet, und obgleich der dicke Leutnant sich im Anfang durchaus nicht auf das Wagnis einlassen wollte, so gab er doch zuletzt nach, weil Nasewitz ihm schmeichelte und ihm zu bedenken gab, daß vielleicht kein Mensch auf Erden so viel Wildheit, Ritterlichkeit und Romantik für diese Rolle mitbringe, wie er. Nasewitz selbst wollte, seiner Eigentümlichkeit Rechnung tragend, den sehr schwierigen Jago übernehmen. Den würdigen Dogen von Venedig hatte der alte Graf Schwülenberg übernommen. »Kinder, wenn nur nicht zu viel zu lernen ist«, hatte er sich fortwährend den Kopf gekratzt; »spielen will ich schon; aber mit dem Sprechen ist das 'ne teufelmäßige Geschichte; das vergesse ich dann alles wieder, und dann ... und dann ... aber vorsagen müßt Ihr mir ordentlich lassen vom Souffleur, sonst bleib' ich, hol' mich der Teufel, immer einmal über das andere stecken.« Den über die Handlungsweise seiner Tochter tief entrüsteten Senator Brabantio, der im ersten Akt fortwährend nach Licht schreit und alle seine Vettern wecken läßt, dessenungeachtet aber niemand erscheint, übernahm der blasierte Sponeck, der sich ein großes Kunsturteil und auch nicht ungewöhnliche Befähigung für dramatische Gestaltung zutraute. Eigentlich hatte er den Othello spielen wollen, aber Nasewitz hatte ihm gesagt, er wäre zu lang und dünn für eine Mohrennatur; im nächsten Stück sollte er aber, als Entschädigung, den schwärmerischen Romeo spielen. Den bieder soldatischen Montano, Statthalter von Cypern, der von dem trunken gemachten Cassio einen schlimmen Degenstich bekommt, sollte der dicke Ströllpitz spielen, und damit war also die Besetzung bis auf unwichtige Nebenrollen, die uns hier nichts angehen, fertig. Nun ging es an ein Rollenausschreiben, Dekorationsmalen, Kostümeanfertigen, Bühnenaufschlagen, Requisitionsbesorgen und was der Geschäfte mehr waren. Nasewitz entwickelte aber eine so außergewöhnliche Tätigkeit, daß in acht Tagen alles so weit fertig war, daß, nach vorangegangener Leseprobe, die anderen Proben bereits auf der im Eßsaal der Offiziere aufgeschlagenen Bühne beginnen konnten. Das gab aber wieder eine Not für den unglücklichen Spielleiter und fast ebensoviel für den armen Rührbrägen, der den schwierigen Posten des Souffleurs übernommen hatte. Die einzigen, die ihre Rollen wie am Schnürchen konnten, waren die drei Schwestern Schimmelmann und Nasewitz, die anderen hatten noch gar keine Idee vom Wortlaut, geschweige denn von Auffassung und Deklamation. Die kleine Melusine gab ihre Desdemona mit einer hinreißenden Lustigkeit und sogar, wenn Othello im letzten Akt die Bettvorhänge zuzieht, um sie zu erdrosseln, konnte sie sich des Lachens nicht erwehren. Ihr einziger Kummer war, daß sie mit Rodrigo-Klaubert niemals auf der Bühne zusammenkam; sie meinte, Shakespeare habe da einen Fehler im Stück gemacht, denn wenn Rodrigo dermaßen in sie verliebt wäre, dann müßte er ihr doch auf Schritt und Tritt nachlaufen und jede Gelegenheit benutzen, sie zu sehen; anstatt dessen täte er aber nichts, wie Geld ausgeben, und man wüßte eigentlich nicht recht wofür, oder seine venetianischen Paläste, die er zu Geld gemacht, müßten denn sehr billig fortgegangen oder nicht viel wert gewesen sein. Der alte Graf wußte von seiner kleinen Rolle des Dogen noch nicht einen zusammenhängenden Satz auswendig und zankte sich fortwährend mit Rührbrägen, daß er ihm falsch souffliere. Dieser dagegen behauptete wieder, und wohl mit größerem Recht, daß Schwülenberg, anstatt seine eigenen Worte zu sprechen, immer redete, was die anderen zu sagen hätten. Padderow-Othello hatte noch so ziemlich gelernt; wenn er jedoch in Leidenschaft geriet, spielte er mit einer so naturwahren Hingebung, daß er die Worte darüber vergaß und in große Verlegenheit geriet. Die Szenen mit Nasewitz-Jago spielte er entschieden am schlechtesten, weil der lange Leutnant ihn dermaßen mit seinem grauen dämonischen Auge durchbohrte, daß er wie ein Pappstoffel dastand und kein Glied rührte. Dann blieb Nasewitz nichts anderes übrig, als ihn zu kneifen und dadurch wieder zu sich selbst zu bringen. Emilia-Euphrosine und Bianca-Cölestine spielten ihre Rollen ganz verständig, aber der würdige und tapfere Ströllpitz-Montano wollte es nie dulden, daß ihm der junge Strammin-Cassio einen Stich versetzte, sondern verteidigte sich so wütend, daß der arme Fähnrich stets vor ihm die Flucht ergriff. Da kann man sich denken, was für ein geplagter Mensch der arme Nasewitz war; aber er trug und duldete alles, um seines großen, edlen Zweckes willen. Was Schimmelmann betrifft, so sah er die Geschichte von weitem schmunzelnd an und dachte: »Der Nasewitz wird schon machen ... er kennt ja meine Absichten... der Padderow ist sein Freund... er wird ihn schon wieder heranbringen... dann sind die beiden Leute glücklich, und die Fähnriche können tüchtig mit den Rekruten reiten, dabei wird ihnen das Liebesfieber schon vergehen. - Dumme Jungens, die... sich in die Alphonsine verlieben ... dann könnten die anderen doch niemals einen Offizier bekommen, wenn die Älteste 'nen Fähnrich hat... oder sollte ihnen vielleicht ein Wachtmeister zugemutet werden ... na, das fehlte noch ... was solche Jammerhähne sich einbilden!« Die kleine dicke Mama, welche in die neueren Geheimnisse nicht eingeweiht war, freute sich, daß ihre Alphonsine viel heiterer geworden, und daß die anderen drei Mädchen sich so vergnügten, und was Pätel, den Burschen, anbetrifft, so hatte er sich bereits nach einigen Tagen vollständig von der heruntergeschluckten Pomeranze erholt, obgleich er eigentlich nicht begreifen konnte, wo sie geblieben war. Möhrenstolzens, die sich auf der Schlittenfahrt sehr gut unterhalten hatten, waren jetzt wütend, daß sie nicht zur Beteiligung beim Liebhabertheater aufgefordert, sondern einfach zum Zuschauen verdammt worden waren. Wie Nasewitz ganz richtig gefolgert, hatten sie von dem Moment an aufgehört, Klötersdorf mit ihrer Zudringlichkeit und Klatschsucht zu verfolgen, wo sie die Bemerkung machten, daß er in nähere Beziehung zur Familie des Rittmeisters Schimmelmann getreten sei; denn das wußten die Möhrenstolzens sehr gut, zu mausig durften sie sich nicht machen, sonst wagten sie, auch noch ihre geduldete Stellung zu verlieren und ganz der Vergessenheit preisgegeben zu werden. Sowie sie also sahen, daß Klötersdorf für sie verloren war, erkannten sie es mit der größten Dankbarkeit an, daß Graf Schwülenberg und Herr von Plinker die beiden Schwestern Molly und Charlotte gefahren, und ersten hatte, wie wir selber Zeuge gewesen sind, alle ihre Kindlichkeit aufgeboten, um den zerstreuten Grafen wieder in ihre Netze zu ziehen. Der gelehrte Buchdrucker Kajob studierte eifrig den Othello, um nachher eine recht gediegene Kritik schreiben zu können, die Damen stichelten an ihren Kostümen, die Schneider arbeiteten nach Nasewitzens Angabe an den Herrenanzügen, die Maler pinselten an den Dekorationen, ganz Hasenbalg nahm Anteil an dem zu erwartenden Ereignis, ein Tag nach dem andern verging; zuletzt wurden die Einladungen an die Umgegend geschickt, Theaterzettel gedruckt und das Datum der Vorstellung festgestellt. Das Stück ging zwar durchaus noch nicht, wie es sollte; aber Nasewitz hatte die Überzeugung gewonnen, daß es niemals besser werden würde, selbst wenn er noch ein ganzes Jahr probierte, und so mußte es denn gewagt werden. Bei Gott ist ja kein Ding unmöglich; weshalb sollte also in Hasenbalg Shakespeares Othello nicht gespielt werden können? - 21. Othello, der Mohr von Venedig Der verhängnisvolle Tag war gekommen. In dem Wohnzimmer des Rittmeister Schimmelmann sah es aus wie in einer Schneiderwerkstatt. Auf dem Sofa und den Stühlen lagen Stoffe, Kleider und bunter Flitter herum, und die drei jüngeren Schwestern saßen und stichelten mit einem Eifer, als wenn sie es für Geld täten. Alphonsine, die nur in den Zuschauerraum ging, wollte dasselbe Kleid anziehen, das sie auf Plustras Hochzeit getragen, deshalb hatte sie nichts zu tun, sondern schaute nur den anderen lächelnd zu; oder blickte auch wohl starr nach dem Fenster, als ob ihre Gedanken von etwas sehr Wichtigem in Anspruch genommen würden. Die flinke, rührige Mama half hier und dort, und als Melusine eben ein Leibchen fertig hatte und sich im Unterröckchen vor den Spiegel stellte, um es anzuprobieren, da trat sie flugs hinter sie, um die Haken in die Ösen zu fügen. »Mein Gott, wie eng du dir das wieder gemacht hast«, quälte sich die Mutter, daß ihr die kurzen, fleischigen Finger wehtaten; »das kannst du ja gar nicht aushalten, heute abend.« Das Mädchen stemmte beide Hände auf die vollen Hüften und half auf diese Weise das Mieder zusammenpressen. »Bitte, nochmal, Mama«, sagte sie; »so ... nun ... siehst du wohl, nun ist der unterste zu.« In diesem Moment öffnete sich die Tür und das schmunzelnde Gesicht des Rittmeisters Schimmelmann blickte ins Zimmer. »Nanu!« brummte er, »wie sieht denn das hier aus?« – Kaum hatte aber die Mutter den rauhen Ton gehört, als sie Melusinen schnell ein Tuch über die bloßen Schultern warf und dann wie ein Pfeil auf ihren Gatten losschoß. »Was hast du hier zu suchen, Alter?« stemmte sie ihre Arme gegen ihn, um ihn wieder hinauszudrängen; »gleich machst du die Augen zu ... das würde sich schicken ... nicht wahr?« Und damit verhinderte sie wirklich sein weiteres Eindringen, schloß die Tür und schob den Riegel vor. »Herrje!« brummte Schimmelmann, nach seinem Zimmer zurücktappsend; »was da nun wohl zu sehen ist ... ja, wenn ich ein Fähnrich wäre ...« – Die verschiedenen Kutschen fuhren alle nach dem Gasthof zum »Deutschen Hause«, wo man sich ein Zimmer geben ließ, um die Toilette aufzufrischen und noch manches andere zu besorgen, und dann wurde, nach einer oder zwei Stunden, noch einmal angespannt und zu dem Speisehaus der Offiziere gefahren, wo die angekündigten Genüsse sie erwarteten. Begeben wir uns jetzt ebenfalls dorthin. Die Fenster der ersten Etage werfen bereits ein strahlendes Licht auf die Straße hinab, wo eine schwarze Masse Neugieriger sich versammelt, um wenigstens in möglichster Nähe des großen Ereignisses zu sein; auf dem alten, häßlichen Flur brennt eine große, schmierige Stallaterne, die Treppe ist ebenfalls hell erleuchtet und auf dem Ruheplatz stehen zwei Lohndiener, welche die Überkleider abnehmen; während ein Unteroffizier von den Dragonern jedem eintretenden Gast einen von Herrn Kajob sauber gedruckten Theaterzettel einhändigt. Die Räumlichkeiten der oberen Etage sind uns ja wohl noch bekannt; in dem eigentlichen Speisesaal stehen die Stuhlreihen für die Zuschauer, die Flügeltür zu dem, in gleicher Front liegenden, großen Nebenzimmer ist ausgehoben und anstatt ihrer wallt ein etwas krummgetrockneter, von rotangestrichener Packleinwand gefertigter, Vorhang von der Decke herab und verhüllt dem neugierigen Blick noch die bunten Wunder der Bühne. Neben derselben sind zwei enge Kämmerlein zu Garderoben für die beiden Geschlechter eingerichtet. Zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum bilden acht quergestellte Stühle und ein markierter Stehplatz die Niederlassung für das Orchester. Es hat eben sechs Uhr geschlagen, und um halb sieben soll die Vorstellung beginnen. Das Parkett beginnt sich zu füllen. Die Herrschaften vom Lande sind die pünktlichsten, vielleicht gefiel es ihnen aber auch nicht länger in den kalten, kahlen und unheimlichen Gaststuben des »Deutschen Hauses«. Als Möhrenstolzens kamen, blickte sich alles neugierig um und begaffte die etwas auffallenden Damen; dann erschien der Justizrat Schölplin nebst Frau und Fräulein Tochter; der Assessor Glutstein nebst Gemahlin, noch manche andere Familie, die uns nicht interessiert, die Offiziere, die nicht mitspielten, der alte Rittmeister Schimmelmann mit Gemahlin und Tochter Alphonsine; der Oberst Hollprägel, dem in der ersten Reihe ein Ehrenplatz angewiesen war, und überhaupt alles, was als Gast zum Fest geladen worden. Der Buchdrucker Kajob saß mit verschränkten Armen und weisheitsschwangerer Miene auf seinem Rezensentenstuhl, wo er gut sehen und hören konnte, und sammelte sich auf den bevorstehenden Kunstgenuß, und fünf Minuten vor dem Anfang des Stückes erschienen auch die Trompeter mit ihren Instrumenten und in ihrer besten Uniform. Werfen wir einmal einen schnellen Blick hinter den Vorhang. Die Bühne war bereits erhellt; der Souffleur Rührbrägen saß mit der damals noch sehr neuen Schlegel-Tieckschen Übersetzung des Othello im Kasten, zu beiden Seiten ein Licht und zur Rechten eine Klingel; aber die Garderoben wollten noch immer nicht ihre Türen öffnen, um das darstellende Personal herauszulassen. Nasewitz lief bereits in höchster Unruhe umher und klopfte jede halbe Minute an die von innen verschlossenen Pforten. Es war noch fünf Minuten bis halb sieben; eine Probe in Kostüm hatte leider nicht stattfinden können, well die Anzüge eben erst im letzten Moment abgeliefert wurden, und wie leicht war es möglich, daß Fehler oder Irrtümer sich eingeschlichen. Nasewitz selbst sah vortrefflich aus; er trug ziemlich das historische Kostüm der venetianischen Offiziere damaliger Zeit; rotes goldgesticktes Wams, rote, weite, bis ans Knie reichende Beinkleider, und ein Paar Stulpenstiefel, die er früher zum Parforcereiten gebraucht, seinen krummen Dragonersabel in einer schwarzen, über die Schulter hängenden Schärpe, und einen runden Hut mit zwei langen, weißen Hahnenfedern aus dem Busch seines Dreimasters. Sein mageres Antlitz war nicht geschminkt und erschien deshalb durch das grell darauf geworfene Lampenlicht äußerst blaß. »Es schlägt halb, können wir anfangen?« fragte Rührbrägen aus seinem Kasten. »Nein doch!« rief Nasewitz hinunter; »es steht ja noch kein Mensch hinter den Kulissen ... ich bin in Verzweiflung.« »Sage 'mal ... ich komme ja wohl jetzt nicht gleich?« tönte da die Stimme des alten Grafen in seinem Rücken. Nasewitz wandte sich um. »Menschenkind, wie siehst du aus?« schlug er erstaunt die Hände zusammen. »Na, wie soll ich denn aussehen?« fühlte sich Schwülenberg beinahe verletzt. »Das kommt davon, daß ihr euch die Kostüme nicht früher besorgt habt, daß ich sie nicht mehr sehen konnte ... habe ich dir nicht gesagt, du müßtest einen langen roten Talar haben und eine Art von antikem Helm auf dem Kopf?« »Ja; das hast du mir allerdings gesagt«, entgegnete der alte Graf; »aber wo soll man denn so etwas herbekommen ... das ist nicht so leicht, wie du dir das denkst.« Sehen wir uns nun einmal den Dogen von Venedig an. Er hatte sich einen gelbgefütterten Schlafrock umgedreht und mit einen grauen Korde um den Leib zusammengebunden, unter demselben trug er weiße leinene Beinkleider, auf den Füßen rote Pantoffeln, und auf dem sehr unegal gepuderten Kopf, mit einer grauen und einer schwarzen Schnurrbarthälfte einen alten Kürassierhelm mit hohem Haarbusch, wie sie früher waren, und den ihm sein Bruder einmal dagelassen hatte, als er den Abschied genommen. »Weißt du, wie du aussiehst?« fragte Nasewitz. »Na?« sah ihn Schwülenberg an. »Wie dein Bruder, wenn er des Nachts wohin gehen will und sich in der Zerstreuung den Helm anstatt der Mütze aufgesetzt hat.« »Weißt du, wenn du grob wirst, spiele ich gar nicht!« machte der alte Graf ein ganz böses Gesicht. Nasewitz lenkte aber sofort wieder ein. »Ach ... wer wird denn gleich alles übel nehmen«, klopfte er dem Dogen von Venedig freundlich auf die gelbe Schulter; »du bist ganz hübsch ... kannst du denn deine Rolle auch noch?« »Ja, vorhin konnte ich sie noch ganz gut«, wollte sich Schwülenberg den Kopf kratzen. »Du ... nicht kratzen«, verhinderte ihn Nasewitz; »du hast so nicht mehr viel Kreide in den Haaren.« »Aber, wenn du einen immerzu ärgerst«, fuhr Schwülenberg fort; »dann kann einen leicht 'was entfallen ... sage 'mal ... komme ich nun eigentlich gleich ... oder wie ist die Geschichte?« »Geh nur in die Garderobe zurück, ich werde dich rufen, wenn es Zeit ist«, schob ihn der Fähnrich Jago von der Bühne, welche im nämlichen Augenblick Rodrigo-Klaubert betrat. »Gott sei Dank, daß Sie da sind, Doktor«, begrüßte ihn Nasewitz; »sind die anderen denn auch fertig?« »Zu Befehl, Herr Leutnant ... nur Herr von Padderow macht sich noch schwarz«, lächelte der Doktor mit seinen großen, freundlichen Augen, die vorläufig sehr gut zum Geist seiner dämlich vertrauenden Rolle paßten. »Sie sehen gut aus«, lobte Nasewitz den ähnlich wie er selbst gekleideten Klaubert; »ah, da ist ja auch Brabantio, Desdemonens Vater ... bravo, Sponeck; machst dich vortrefflich in deiner schwarzen Senatorentracht ... nun können wir übrigens anfangen, die erste auftretende Dame kommt ja noch lange nicht ... Rührbrägen ... klingeln!« rief er dann in den Souffleurkasten hinab. Rührbrägen klingelte, als wenn er einen Toten aus dem Schlaf erwecken wollte, ein lautes Stimmengewirr drang aus der erwartungsvollen Hörerschaft hinter den Vorhang. Der Stabstrompeter klopfte auf sein Notenpult, und die Musik spielte die Ouvertüre zum Kalifen von Bagdad. »Sage 'mal ... wo ist denn eigentlich mein Palast?« blickte sich der lange Sponeck um, »ich kann mich hier gar nicht ordentlich zurechtfinden.« »Da links ... hinter der zweiten Kulisse steigst du auf den Stuhl und siehst aus dem Fenster, wenn ich dich aus dem Schlaf rufe ... du weißt doch dein Stichwort?« »Na, wo werde ich denn mein Stichwort nicht wissen?« fühlte sich Sponeck beleidigt, und trat dann hinter die Kulissen. »Kommen Sie, Doktor; wir treten zusammen auf!« nahm Nasewitz seinen Gimpel Rodrigo mit in den Hintergrund. Die Ouvertüre schloß, Rührbrägen klingelte noch einmal, und der steifgetrocknete Vorhang ging mit großen Schwierigkeiten erst auf der einen und dann auf der anderen Seite in die Höhe. »Ah!« machte das verehrte Publikum. Die Bühne stellt eine Stadt dar, die ebensogut Hasenbalg wie Venedig sein konnte, aber die Häuser sahen ordentlich natürlich aus, bloß den Turm im Hintergrund hätte ein oberflächlicher Beobachter für einen Baum halten können. Jago und Rodrigo traten mit wehenden Mänteln und fliegenden Hutfedern aus der hinteren Kulisse auf die halbdunkle Bühne, weil es nämlich im Anfang Nacht sein muß. Jago erzählt seinem Begleiter, daß er den Mohren, ohne rechte Begründung, hasse, daß er ihm nur diene, um ihm Unglück zu bereiten, und endlich, daß Othello in dieser nämlichen Nacht die holde Desdemona aus dem Hause ihres Vaters entführt und sich habe mit ihr trauen lassen. Der Dialog ging ganz vortrefflich und schien auch den günstigsten Eindruck auf die aufmerksame Zuhörerschaft zu machen. Mit einem Male hatte aber Rodrigo-Klaubert die holde Melusine erschaut, die hinter den Kulissen stand und ihn ansah, und weg waren, wie fortgeblasen, die Gedanken. Er blickte ängstlich nach dem Souffleurkasten, wo Rührbrägen, mit derselben Ängstlichkeit, nicht gleich die betreffende Stelle finden konnte. Es entstand eine entsetzliche Pause. Da öffnet sich geräuschvoll das Fenster in der zweiten Kulisse links, und Sponeck-Brabantio, der nicht recht hören konnte, was auf der Bühne vorging und dem außerdem die Zeit bedenklich lang wurde, ruft mit seinem trocken-blasierten Ton herunter: »Was ist die Ursach dieses wilden Lärms? Was gibt es hier?« Natürlich sofortiger Ausbruch ungeheurer Heiterkeit im Publikum. Aber Nasewitz benutzt mit schneller Geistesgegenwart die Situation und zu seiner Rolle übergehend, schreit er hinauf: »Auf! Heraus! Weckt die schlaftrunk'nen Bürger mit der Glocke, Sonst macht der Teufel Euch zum Großpapa Auf, sag' ich, auf!« Doch Sponeck, den die Überspringung mehrerer Zwischenreden aus dem Zusammenhange gebracht hat, macht eine zweite Pause, um sich erst wieder in seine Rolle zu finden. Da tritt plötzlich der alte Graf Schwülenberg in seinem gelben Schlafrock und hohem Kürassierhelm aus der Seitenkulisse, zupft Nasewitz von hinten an der Schärpe, und sagt ziemlich laut: »Hör' 'mal, du wolltest mich ja rufen, wenn es Zeit wäre ... du hast es doch wohl vergessen?« Abermaliger Ausbruch von Heiterkeit. »Willst du wohl gleich weg!« flüstert ihm Jago mit dräuender Miene zu; »augenblicklich machst du, daß du fortkommst.« »Nanu!« sagte der alte Graf ganz laut und böse; »wenn du immer so grob bist, spiele ich gar nicht mehr mit.« Eine wiehernde Frohsinnsäußerung begleitet den Dogen von Venedig auf seinem Abgange hinter die Kulisse. »Dies ist Venedig, Mein Palast keine Scheuer!« spricht Sponeck-Brabantio von oben herab. Allmählich kommt der Dialog aber wieder in Gang und die Ruhe wird hergestellt. Das Publikum erfährt, daß Rodrigo früher die Hand der Desdemona begehrt habe, aber von dem Papa Brabantio abgewiesen sei. Schließlich bequemt sich letzterer auch, nachzusehen, ob seine Tochter wirklich geraubt, stürzt dann mit lautem Weheklagen auf die Bühne, schimpft und flucht, tut seinen Gefühlen so wenig wie möglich Zwang an, schreit nach Fackeln und Vettern, läßt sich ein Schwert oder vielmehr einen Dragonersäbel bringen, erzählt noch, daß das grause Ereignis mit seinem nächt'gen Traum zusammenstimme, bedauert, seine Tochter nicht Rodrigo gegeben zu haben, und eilt dann wütend ab, um den räuberischen Mohren und die pflichtvergessene Desdemona aufzusuchen. Klaubert weiß aber sehr gut, wo sie steht, und bei Brabantios Worten: »Wär' sie Euer doch!« treffen sich unwillkürlich ihre Blicke, dann geht Rodrigo furchtbar freundlich ab. In Ermangelung einer anderen Straßendekoration bleibt die erste stehen, und Othello tritt mit dem schon früher verschwundenen Jago und Gefolge auf. Das Erscheinen Padderows als Mohr zwingt die kunsthungrigen Hörer zur erstaunlichen Beachtung und zum Bangemachen. Der alte Schimmelmann wirft einen beobachtenden Seitenblick auf Alphonsine, was sie wohl für ein Gesicht dazu macht. Als Alphonsine lächelt, lächelt Schimmelmann auch. Othello sah aber auch wirklich prachtvoll aus. Sein Gesicht ist schwarz wie Ruß und das Weiße der Augen glänzt unheimlich aus dem dunklen Kopf. Von den breiten Schultern wallt ein weißes Bettlaken herab, das auf die Erde schleppt, unter demselben gewahrt man einen blinkenden Küraß von dem Bruder des alten Grafen Schwülenberg, enge weiße Lederhosen und hohe Kanonenstiefel mit mächtigen Anschnallsporen, obgleich Othello kein Kavallerist, sondern ein Seeheld ist. – Auf dem Haupte sitzt ein Dragonertschako, von welchem Hahnenfedern wallen, und an der linken Seite ist der Säbel so so tief an seiner Koppel herabgelassen, daß der Griff beinahe auf die Dielen klopft. Unter dem Küraß trägt er ein kurzes rotes Wams von Futterkattun mit dicken Streifen von Goldpapier besetzt. Da Othello und Jago ihre Rollen vortrefflich können, geht die Szene ohne Anstoß, Leutnant Cassio-Strammin mit einem anderen Trupp gesellt sich zu ihm, und zuletzt erscheint der wütende Brabantio mit seinen Leuten, der den Mohren merkwürdigerweise auf der Straße und nicht in seiner Wohnung sucht. Othello treibt sich aber, noch weit merkwürdigerweise, zwei Stunden nach seiner Vermählung, in seiner Hochzeitsnacht auf dem Markusplatz herum, wo er entschieden gar nichts zu suchen hat, und noch obenein im Küraß und vollem kriegerischen Schmuck. »Es ist Brabantio – faßt Euch, General! – Er sinnt auf Böses!« sagt ihm Fähnrich Jago. »Holla! Stellt Euch hier!« schreit Padderow, daß alle Damen im Parkett aufkreischen; dann fordert Desdemonens Vater seine Begleiter auf, den Mohren niederzuhauen. Doch Othello bückt sich tief zur Erde hinab, um seinen Säbel zu fassen, reißt ihn mit einer wilden Bewegung aus der Scheide und beginnt dann Rad damit zu schlagen, wie es den Dragonern gelehrt wird, um einen verfolgenden Feind abzuhalten. Wie der Wind stäuben Brabantios und auch Othellos eigene Leute vor der schwingenden Waffe zurück, und als dem Sieger endlich vom langen Drehen die Finger wehtun, steckt er den Säbel wieder ein und hört seines unfreiwilligen Schwiegervaters grause Schimpferei mit einer Ruhe und Würde an, die ihm Schimmelmanns vollste Bewunderung einträgt. »Das ist ein Mann, Alphonsine ... wie?« flüsterte er seiner Tochter zu. Und als diese lächelt, lächelt er auch. Endlich Hort Brabantio auf zu schimpfen und eilt nach dem Dogenpalast, um Othello zu verklagen, der ihm mit höchstem Anstand dahin folgt. Da keine Maschinerien zur Verwandlung da sind, fällt der Vorhang, bis die neue Dekoration zurechtgeschoben ist. Als die Gardine sich wieder mühsam emporquält, erblickt das erstaunte Publikum den Dogen mit den Senatoren an einer langen Tafel, im großen Saale des Palastes. Der alte Graf präsidiert der Sitzung in dem beschriebenen Kostüm und den hohen Kürassierhelm auf dem Kopf. Zuerst kommt eine sehr zusammengestrichene Szene, die recht gut geht, und dann treten Othello, Brabantio, Jago, Rodrigo und Gerichtsdiener auf. Sowie Schwülenberg-Doge seines Feldherrn ansichtig wird, begrüßt er ihn höflich in gewandter Rede folgendermaßen: »Tapferer Othello, Ihr müßt gleich in's Feld Wider den allgemeinen Feind, den ...« Hier stockt der alte Graf und besinnt sich. »Den Türken!« schreit Rührbrägen aus dem Souffleurkasten. Der alte Graf besinnt sich noch immer. »Den Türken!« ruft Rührbrägen so laut, daß es alle Zuschauer hören. »Ist nicht wahr!« wird Schwülenberg böse; »vorher hießen die Kerls anders ... Otto ... Otto ...« »Manen!« flüstert ihm Nasewitz zu, um die Sache wieder ins rechte Gleis zu bringen. »Na, siehst du wohl ... Ottomanen«, wendet sich der Doge mit ernstem Vorwurf an den Souffleur ... »Du willst mich wohl irr machen?« Das Publikum vergnügt sich wundervoll. Dann nimmt Schwülenberg seine Rede wieder auf, heißt den Senator Brabantio willkommen und sagt ihm, sein Rat und Beistand hätten ihm gefehlt, obgleich er ihn bloß brauchte rufen zu lassen, um ihn zuhaben, wenn anders es nicht Brabantios Senatorenpflicht war, von selbst zu erscheinen. Trotz der höflichen Anrede des Dogen läßt Desdemonens Vater aber Staatsgeschäfte Staatsgeschäfte sein, bekümmert sich den Teufel um den auf den Nägeln brennenden Türkenkrieg, vergißt, daß die venetianische Flotte noch in dieser Nacht nach Cypern segeln soll, sondern fängt sofort an, dem Dogen sein Familienunglück vorzujammern und um Bestrafung des Mohren zu bitten. Der gutmütige Regent der Republik läßt ebenfalls die Staatsgeschäfte liegen, hört Brabantios Schimpferei geduldig an, schickt nach Desdemona, und fordert Othello auf, sich von der Beschuldigung zu reinigen, daß er die schöne Senatorentochter durch Teufelskunst und Zauberei gewonnen. So einfältig abergläubisch konnte nur das naive Mittelalter sprechen; Othello aber, der seiner Zeit voraus war, hält eine wundervolle Verteidigungsrede: »Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand; Ich liebte sie um ihres Mitleids willen; Das ist der ganze Zauber, den ich brauchte.« Die Liebe wird nicht erweckt durch einen Trunk, der in den Magen fließt, sondern durch das süße Wort, das ins Herz dringt. Gerade in dem Moment, wo Othello fertig ist, kommt Desdemona wunderbarerweise im langen bräutlichen Gewände. Wo sie ein solches in der Eile herbekommen, als Othello sie bei nächt'ger Weil' entführt, ist schwer zu finden; denn vorrätig hat man doch solche Sachen nicht. Wenn sie aber wirklich einen Juden in der Merceria herausgetrommelt und das fertige Kleid von ihm erstanden, so ist es noch unbegreiflicher, daß sie den bräutlichen Schmuck noch nicht abgelegt. Man mußte sie sich doch im Bett denken, als sie gerufen ward, oder in weißem Nachtgewand, des Gatten wartend. – Höchst wunderbare Hochzeitsnacht! – Othello läuft in kriegerischer Rüstung auf dem Markt spazieren, obgleich er noch keine Ahnung vom Türkenfeldzug hat, und Desdemona läßt sich von ihren Frauen nicht entkleiden, sondern bleibt ebenfalls in der Hochzeitsuniform. – Daraus konnte ja gar nichts Vernünftiges werden, und deshalb ward auch nichts daraus. Desdemona-Melusine bestätigt mit der ihr angeborenen Heiterkeit Othellos Aussage, der Vater gibt das Paar notgedrungen zusammen, Rodrigo-Klaubert tritt unwillkürlich einen Schritt hervor, um es zu verhindern, wofür ein schneller Blick ihm lohnt, die Staatsgeschäfte werden endlich wieder aufgenommen und Othello der Befehl erteilt, noch diese Nacht zu segeln. »Heut nacht, mein Fürst?« fragt Desdemona schüchtern. Das Wort erinnert den kriegerischen Othello daran, daß er verheiratet sei und er führt sein junges Weib ab, indem er ihr sagt, daß nur ein Stündchen für die Liebe und anderen häuslichen Geschäfte bliebe; sie müßte also ihre Zeit benutzen. Rodrigo-Klauberts Augen glühen, als der Mohr Desdemonen bei ihm vorbeiführt, und er macht einige Schritte, um ihnen zu folgen; aber Nasewitz-Jago, der einen großen Auftritt mit ihm hat, holt ihn zurück, hört dann Rodrigos Geständnis an, daß er Desdemona liebe, gibt ihm den Rat, alles zu Geld zu machen, als venetianischer Offizier sich dem Zuge nach Cypern anzuschließen und dort in stiller ländlicher Einsamkeit Desdemonens Liebe zu gewinnen. Als Rodrigo wieder hinter die Kulissen tritt, belohnt ihn abermals ein holder Blick für seine Liebe, um derentwillen er nahe daran war, sich zu ersäufen, was man in Venedig so bequem haben kann. Jago bleibt allein auf der Szene, erzählt in hübschen Jamben dem Publikum, daß er ein nichtsnutziger Bube ist, und geht dann unter rauschendem Beifall ab. »Nicht wahr, Herr von Padderow sah prächtig aus!« wendet sich der alte Schimmelmann an seine Tochter. Alphonsine lächelt, und der Rittmeister lächelt ebenfalls. »Pfui; der Herr von Nasewitz ist ja ein ganz abscheulicher Mensch!« sagte die kleine natürliche Mama. Der erste Auftritt ist zu Ende. – »Er meint es nicht so«, wendet sich Alphonsine zu ihr. Den zweiten Akt können wir kurz fassen. Er beginnt am Hafen von Cypern. Der würdige Statthalter Montano-Strollpitz wartet mit mehreren Edelleuten auf die Ankunft der siegreichen venetianischen Flotte. Dann kommt Cassio-Strammin, den ein Sturm vom Mohren getrennt hat, und gleich darauf Desdemona, Emilia-Euphrosine, Jago und Rodrigo. Cassio ist äußerst höflich gegen die Frau seines Generals und küßt ihr mehrmals die Hand. Jago bemerkt es und beschließt, Othello tödliche Eifersucht ins Ohr zu gießen. Rodrigo-Klaubert empfindet sie bereits infolge eigener Anschauung. Desdemona-Melusine bemerkt es sehr wohl und lächelt schelmisch. Dann kommt Othello auf die Bühne gestürzt, freut sich furchtbar, sein junges Weib wiederzusehen und schickt dann seinen Fähnrich Jago nach der Bucht, um die Bagage ans Land zu schaffen. – Wenn Jagos Liebe zum Mohren dadurch nicht vermehrt wird, kann man es ihm eigentlich so übel nicht nehmen. In Venedig benutzt ihn Othello als Laufburschen, fordert seine Frau Emilia zu Desdemonens Bedienung, und jetzt schickt er ihn als Hausknecht zur Bucht, um das Gepäck zu besorgen. Das hätte auch einen weniger galligen Menschen geärgert, als Jago einer war. Alsdann veranstaltet der Fähnrich die Trinkszene, um Cassio bei Othello unbeliebt zu machen und an seine Stelle zu kommen. Cassio-Strammin wird mit wunderbarer Schnelligkeit so rasend betrunken, daß er mit Rodrigo-Klaubert Zank anfängt und ihn mit gezogenem Säbel auf die Bühne treibt. Der würdige Montano-Ströllpitz tritt dazwischen und will Cassio besänftigen; dieser dringt, seiner Rolle gemäß, auf ihn ein, da er jedoch im Leben Fähnrich und Ströllpitz Premierleutnant ist, so sind seine Angriffe schüchtern lau und so respektvoll, daß eine Verwundung des Statthalters Montano kaum denkbar erscheint. Ströllpitzens kriegerische Natur sträubt sich überhaupt gegen das Gefühl, von Cassio-Strammin besiegt zu werden, sondern haut so wütend auf ihn ein, daß dieser ganz ängstlich hinter die Kulissen flüchtet. Unterdes kommt Othello, durch die Sturmglocke geschreckt, auf die Bühne und erkundigt sich, was los ist. Montano-Ströllpitz antwortet nicht, sondern macht nur ein furchtbar wütendes Gesicht. »Er blutet«, hilft der mit allen Rollen vertraute Nasewitz; »er traf ihn tödlich.« »Pah! – Fällt mir gar nicht ein!« ruft der mannhafte Montano; »im Gegenteil, ich habe ihm eins über den Knebel gegeben.« Jago schiebt den würdigen Statthalter hinter die Kulissen, damit er nicht noch mehr Unsinn mache und erzählt den Hergang, wie er wirklich sein soll; Othello wird wütend und degradiert Cassio von seiner Leutnantsstelle; dann geht er wieder zu Bett, und Jago bleibt, wie gewöhnlich, zurück, dem Publikum zu erzählen, was er ferner für Bübereien ausführen wollte. Damit endet der zweite Akt. Im dritten Aufzug kommt nun die große Szene, in welcher Jago dem Othello das entsetzliche Gift der Eifersucht ins Ohr träufelt. Als der Mohr mit seinem Fähnrich auftritt, verläßt Cassio eben die Desdemona, bei welcher er um Wiedererlangung seiner Leutnantsstelle vorstellig wird, und Jago äußert, daß ihm das nicht gefalle. Gleich darauf bittet Desdemona ihren Gemahl in förmlich aufdringlicher Weise für Cassio, und Othello verspricht ihr auch zuletzt, um sie los zu werden, dem Cassio Gnade und Verzeihung wieder zuzuwenden. Jago bleibt nun mit Othello allein und die berühmte Eifersuchtsszene beginnt. Padderow hatte bis jetzt so vortrefflich gespielt, daß Nasewitz nicht die geringste Besorgnis mehr für ihn empfand und sich darauf freute, gerade diesen Schwerpunkt des Stückes recht schön zur Geltung zu bringen. Jago spielt ausgezeichnet; langsam ... Tropfen für Tropfen gießt er dem Mohren das zerstörende Gift durch das Ohr in die Seele, und nach jedem Tropfen beobachtet er mit schadenfrohem Blick die Wirkung. Othello fängt erst leise an zu zittern; als jedoch Jagos Gründe stärker werden, unterläuft sein Auge mit Blut, und der ganze Körper zuckt zusammen, wie unter den Bissen eines Skorpions. »Den Vater trog sie, da sie Euch geehlicht!« sagte Jago mit leiser, scharfer Stimme. »Ja wohl ... das tat sie!« schlägt sich Padderow mit dem schwarzen Handschuh vor die Stirn und wischt die Farbe ab. »Nun folglich: Sie, die so jung, sich so verstellen konnte, Daß sie des Vaters Blick mit Nacht umhüllte, Daß er's für Zauber hielt – doch scheltet mich – In Demut bitt' ich Euch, Ihr wollt verzeihen, Wenn ich zu sehr Euch liebe.« Aber Padderow, der bis jetzt so vortrefflich spielte, antwortet nicht, sondern blickt starr auf einen Punkt im Publikum. »Ich bin dir ewig dankbar!« ruft Rührbrägen aus dem Souffleurkasten hinauf. Aber Padderow spricht es nicht nach, sondern fährt fort, auf einen Punkt zu starren. »Sprecht doch weiter!« flüstert Nasewitz ihm zu. Kein Ton ... im Zuschauerraum beginnt es unruhig zu werden. Jago versucht seinen Feldherrn zu kitzeln, aber der Küraß macht ihn unempfindlich dagegen. »Ich seh', dies bracht' Euch aus der Fassung.« spricht Nasewitz sein nächstes Stichwort weiter. »Ja ... furchtbar!« stöhnt Othello; »ich kann kein Wort mehr reden.« Rührbrägen wird ganz wild unten in seinem Kasten. »Das ist ja falsch!« ruft er hinauf. »O gar nicht! gar nicht!« muß es heißen. Padderow läßt sich nicht im mindesten darauf ein. Ein allgemeines Summen geht schon durch den Saal. »Ich glaube, er sieht dich an«, tuschelt Schimmelmann seiner Tochter ins Ohr; »hinter uns sitzt Plinker; sollte er auf den eifersüchtig sein?« Alphonsine lächelt. »Ah!« lächelt auch der Rittmeister still in sich hinein; »der Padderow hat nichts zu befürchten ... die ist ihm treu wie Gold.« »Feldherr!« schreit Nasewitz den Mohren an; indem er ihn höchst unsanft auf das linke Elsterauge tritt. »Ich seh', Ihr seid bewegt!« »Ja!« schreit nun auch Othello los; »ich sag' Euch, furchtbar ... die Pest auf den verdammten Kerl!« »Oh weh!« denkt Nasewitz; »er fällt ja ganz und gar aus der Rolle ... er bringt den ganzen Charakter um ... es scheint, als ob ich ihn verwirre ... ich glaube, es ist am besten, ich kürze die Szene ab und gehe: »Lebt wohl, mein gnäd'ger Herr!« Kaum hat jedoch Jago einen Schritt von ihm gemacht, als Padderow sich ängstlich an seinen Arm klammert. »Um Gotteswillen, nehmt mich mit, Edler von Knelling«, flüstert er ihm zu; »laßt mich nicht hier allein ... ich kann das Gesicht von dem verdammten Kerl nicht vertragen.« »Aber, was fällt Euch denn ein, Padderow«, will Nasewitz ihn zum Bleiben bewegen; »Ihr habt ja noch die große Szene mit Desdemona ... wenn Ihr Euren Abgang gut macht, werdet Ihr unzweifelhaft gerufen.« »Ich will aber gar nicht gerufen werden«, hält sich Othello dicht an seiner Seite; »wenn der Kerl nicht weggeht, betrete ich die Bühne überhaupt nicht mehr.« »Aber von was für einem Kerl redet Ihr denn immer ... ich verstehe Euch gar nicht.« »Der verdammte Jude, der Mosis Mosner steht da hinten im Parkett ... ich bin ihm zweihundert Taler schuldig ... er ist imstande, mir das zuzurufen und mich öffentlich zu blamieren.« »Tut mir den Gefallen und bleibt, Padderow«, steht Nasewitz; »das Stück ist bis jetzt so gut gegangen, laßt es uns doch noch gut zu Ende bringen ... und dann bedenkt, was alles davon abhängt ... welche Hoffnungen wir auf das Gelingen gebaut haben ...« »Sieh' 'mal, wie sie zusammen tuscheln«, sagt die kleine Mama zu ihrer Tochter; »nun verleumdet der alte Nasewitz die Melusine noch einmal ... weißt du, das finde ich gar nicht hübsch von ihm.« »Padderow; ich beschwöre Euch beim Bart Eures Großvaters«, drang Jago weiter in ihn; »bleibt, und ich verpflichte mich, den Juden sofort zu entfernen.« »Wollt Ihr das wirklich, Nasewitzer?« »Ich verpfände Euch mein Haupt, erlauchter Herr!« Das schien dem tapferen Othello zu genügen; denn er wandte sich wieder der Bühne zu. »Denkt nur, ich war zu emsig in der Furcht, Und haltet sie für treu, mein edler Feldherr«, nimmt Jago seine Rolle wieder auf. »Sorg' nicht um meine Fassung!« sagt Othello. »Noch einmal nehm' ich Abschied.« Damit entfernte sich Nasewitz mit wallender Feder, und der Mohr blieb allein auf der Bühne. Obgleich er aber zu Jago gesagt hatte: »Sorg' nicht um meine Fassung«, so war es mit derselben doch noch ziemlich schwach bestellt. Er trat zwar vorn an die Lampen, aber anstatt seine große Rede zu sprechen, wandte er keinen Blick von Mosis Mosner, als wenn dieser ihn gebannt hätte. Jetzt sah er Nasewitz im vollen Kostüm unbemerkt hinter das Auditorium schleichen und zu dem unbewußten Störenfried herantreten. Von dem Grundsatz ausgehend, daß man gegen eine gewisse Klasse von Juden nur rücksichtslose Grobheit anwenden dürfe, machte er ihm mit leiser Stimme, aber in sehr verständlichen Ausdrücken, Vorwürfe, daß er es wage, seinen Schuldner bis in die Gesellschaft hinein zu verfolgen. Padderow atmete auf, aber er redete noch nicht; das Publikum hielt sein langes Schweigen für Seelenkampf. Nasewitzens Bewegungen wurden heftiger, und der Jude schien ebenso aufgeregt dagegen zu sprechen; endlich, endlich, bequemte er sich, nachzugeben und den Saal zu verlassen. Padderow atmete tief und erleichtert auf, und in demselben Augenblick kehrte er auch wieder zu seiner Rolle zurück und ereiferte sich mit weithallender Stimme: »Das ist ein Mensch von höchster Redlichkeit Und kennt mit wohlerfahr'nem Sinn das Treiben Des Weltlaufs.« Kaum hatte er jedoch die Worte gesprochen, als Mosis Mosner auf der Türschwelle sich noch einmal umkehrte und im schönsten Mauschelton ausrief: »Sehen Se woll, Herr Leitnant, was hat gesagt der Herr von Padderow ... ich bin ein Mensch von höchster Redlichkeit ... werde ich doch nicht kommen hierher, um ...« Die letzten Worte verhallten aber bereits ungehört, weil ihm Nasewitz einen so mächtigen Schupps gegeben hatte, daß er bis mitten ins Nebenzimmer flog, und als das erstaunte Publikum sich umwandte, war auch Nasewitz bereits verschwunden und niemand wußte eigentlich, was losgewesen war. Nach zwei Minuten war die Ruhe wiederhergestellt, namentlich weil der erleichterte Padderow seinen großen Monolog mit wunderbarer Verve zu Ende brachte. Dann folgt die Schnupftuchsszene mit Desdemona, darauf eine neue große Szene zwischen Othello und Jago, in welcher Padderow seinen Freund Nasewitz beinahe erwürgt hätte, dann fordert der Mohr das Taschentuch von seiner Frau, und, weil sie es nicht hat, bricht die Eifersucht in hellen Flammen aus. Zum Schluß des dritten Aufzuges kommt dann das Getändel zwischen Cassio-Strammin und Bianca-Cölestine, das beiden Gelegenheit gibt, sich mehr als einmal freundlich anzuschauen. »Aber, wie kann man nur so sein!« tadelt die kleine Mama Schimmelmann mit verschämtem Blick. Über den vierten Akt können wir schnell hinweggehen. Othellos Eifersucht nimmt immer mehr überhand, und er beschließt, Desdemona zu töten. Ludovico-Klötersdorf kommt als Gesandter des Senats aus Venedig und bringt dem Mohren einen Brief, laut welchem er ohne allen Grund, trotz des glänzenden Seesieges über die Türken, seines Amtes entsetzt, und Cassio zu seinem Stellvertreter ernannt wird. Dann kommt die von Nasewitz gedichtete und eingelegte Szene zwischen Ludovico-Klötersdorf und Emilia-Euphrosine, die beide in eine freundschaftliche Beziehung zueinander bringt. Es ging alles so vortrefflich, daß der geplagte Regisseur in Wonne schwamm und sich den schönsten Hoffnungen für die Zukunft hingab. Manche Rollen waren zwar nicht richtig aufgefaßt, aber das Publikum verstand es nicht besser und zeigte sich deshalb dankbar und zufrieden. Namentlich Desdemona-Melusine war durchaus nicht vom Geist ihrer Aufgabe durchdrungen. Im Anfang kleidete sie allerdings die Heiterkeit ganz gut; späterhin aber, als sie Othellos Eifersucht erwachen, als sie sich beleidigend und schlecht von ihm behandelt sieht, verändert sie sich nicht im mindesten, sondern wo sie den verliebten Rodrigo-Klaubert nur irgend erschauen kann, blickt sie verstohlen nach ihm hin, und ihr Gesichtchen spiegelt die Herzensfreude wider, die sie empfindet. Dadurch büßte sie natürlich ihre Sympathien ein, und Othello gewann, was sie verlor. Rodrigo-Klaubert war nun vollends aus dem Häuschen, so daß er kaum mehr wußte, was er tat, und immer auf die Bühne gelaufen kam, wenn er gar nicht hingehörte. Der fünfte Akt beginnt. Desdemona, nachdem sie sich im vorletzten Akt von Emilia hat entkleiden lassen, liegt im Hintergrunde in einem halbverhangenen Bett. Die kleine Mama kann seit der Entkleidungsszene gar nicht mehr die Augen aufschlagen, und Schimmelmann meint ebenfalls, daß so etwas nicht schicklich sei. Das übrige Publikum findet es reizend und macht lange Hälse, um noch mehr zu sehen. Da tritt Othello auf, im weißen Mantel, diesmal ohne Küraß, ein Wachslicht in der Hand. »Tu' aus das Licht, und dann – tu aus das Licht!« Nachdem er die Kerze gelöscht, tritt er an das Bett der schlafenden Desdemona. »Pflück' ich deine Rose, Nie kann ich ihr den Lebenswuchs erneu'n, Sie muß, muß welken! dufte mir vom Stamm.« Damit beugt er sich über sie und küßt sie scheinbar. »Ach, bitte, Herr von Padderow, nicht schwarz machen!« kichert die kleine Melusine. »Nein, das ist aber doch zu toll«, errötete die kleine Mama; »solche Sachen...« »Ja, wenn's noch Alphonsine wäre«, denkt Schimmelmann; »aber so...« »O, würz'ger Hauch, der selbst Gerechtigkeit Ihr Schwert zu brechen zwingt! - Noch einen! einen!« Rodrigo-Klaubert, der zusieht, will vor Eifersucht aus der Haut fahren. »Alter, das geht nicht... da mußt du dich ins Mittel legen«, kneift die Mama ihren Gatten in den Arm. Desdemona erwacht, Othello verkündet ihr, daß sie sterben müsse; der Mord geschieht, ein Angstschrei dringt durch den ganzen Zuschauerraum; Emilia kommt zeterschreiend ins Zimmer... der Mohr ersticht sich selbst... noch einige Worte und das Stück ist aus. »Gnädiges Fräulein... hat er Ihnen auch nichts zuleide getan?« tritt Klaubert, nachdem der Vorhang gefallen, zu Desdemona. Dann sprachen sie einige Minuten sehr freundlich miteinander. – Die Schauspieler kleiden sich um, schminken sich ab und mischen sich dann wieder unter das Publikum, von dem sie die Anerkennung für ihre künstlerischen Leistungen entgegennehmen. Nachdem ein Abendessen eingenommen, brechen die Herrschaften vom Lande auf und die Städter folgen bald ihrem Beispiel. »Na, hast du dich gut unterhalten, Alphonsine?« fragte Schimmelmann beim Nachhausegehen. »Sehr gut, lieber Papa.« »Nicht wahr, der Padderow war reizend?« »Ganz reizend, lieber Papa.« »Die Sache ist richtig«, schmunzelte der Alte in Gedanken; »sie ist bis über die Ohren verliebt in ihn... na, nun wird er wohl auch Courage bekommen haben... hm... wenn man solche Rollen geben kann... die Alphonsine hätte nur die Desdemona spielen müssen... na, vielleicht ist's so besser... die beiden Fähnriche können hingehen, wo der Pfeffer wächst... meine Alphonsine... haha... wenn die jemals etwas liebt, das unter ihrer Würde ist, dann heiße ich Hans ... da sollte einer meiner Alphonsine kommen, die würde ihm gut...« Als die vier Schwestern in ihre weißen Betten stiegen, wurde noch viel gescherzt und gelacht, dann aber nahmen sie die bunten Bilder ihrer Anbeter mit hinüber in den nächt'gen Traum. Wenn Nasewitz das gewußt hätte, würde er noch weit zufriedener eingeschlafen sein, als er es schon tat. 22. Nummer vier Am nächsten Morgen war Hasenbalg wieder in großer Aufregung, weil eigentlich erst jetzt die Erzählungen vom gestrigen Abend begannen und mit durstigem Ohr aufgesogen wurden. Lassen wir die Leutchen vergnüglich sein mit dem, was wir längst wissen, und wenden wir uns selbst zu unserer Geschichte zurück, die nun mit Riesenschritten ihrer Endkatastrophe entgegeneilt. Am nächsten Morgen also kam der kleine Doktor Klaubert freudestrahlend die lange Straße herunter, die vom Markt, beim Rittmeister Schimmelmann vorbei nach dem Balkamer Tor führt. Sein Gesicht glühte, als wenn er eine Zeitlang im feurigen Ofen gesungen hatte, die Augen schienen noch ein ganz Teil größer geworden, die Arme schlenkerten ihm am Leibe wie zwei Glockenstränge, die eine gewonnene Schlacht ausläuten und die kurzen Beinchen machten immer zwei Schritte auf einmal, als wenn sie gar nicht schnell genug am Ziel ihres Glückes ankommen könnten. Als der kleine Doktor Klaubert gerade zwischen der Veste Knelling und dem Hause angekommen war, wo der Kessel vor der Tür hängt, kam Padderow aus dem Torweg und schien zu seinem Freund hinüber zu wollen. Kaum aber war Klaubert des dicken Offiziers ansichtig geworden, als er mit langen Schritten auf ihr lossteuerte, mit kühnem Satz über den breitklaffenden Rinnstein sprang und freundlich grüßend seine blaue Mütze berührte. »Guten Morgen, Herr Leutnant«, sagte er mit ganz kurzatmiger Stimme. »Morgen, Morgen, Doktorchen... Sie sehen ja heute furchtbar lustig aus.« »Ich bin es auch«, keuchte Klaubert; »nicht allein lustig, sondern glücklich... über alle Maßen glücklich... ich weiß gar nicht, was ich vor Glück anfangen soll.« »Trinken Sie ein Glas Grog, Doktorchen«, nickte Padderow. Klaubert schüttelte den Kopf. »Ach nein«, sagte er; »das würde meine inneren Muten noch mehr anschüren... ich muß vors Tor... ich muß aufs Eis... ich empfehle mich Ihnen, Herr Leutnant!« »Na, warten Sie doch noch einen Augenblick, Doktor«, hielt Padderow ihn zurück; »Sie gebärden sich ja, als wenn Sie Quecksilber im Leibe hätten... was ist Ihnen denn eigentlich... so habe ich Sie ja noch niemals gesehen.« Klaubert schien einen Augenblick zu zogern, ob er es sagen sollte dann aber siegte der stürmische Drang der Mitteilung. »Ach, Herr Leutnant«, begann er, bis zur Ängstlichkeit erglühend; »ich weiß wirklich nicht, ob ich es Ihnen sagen darf.« »Nun weshalb denn nicht... glauben Sie, daß ich ein Geheimnis nicht bewahren kann?« »Ach, das wohl, Herr Leutnant... aber vielleicht wenden Sie mir Ihren Zorn zu...« »Sie haben mir ja nichts getan, Doktor ...« »O, vielleicht doch ... aber gerade deswegen halte ich es für meine Pflicht, offen und ehrlich gegen Sie zu sein ...« »Mich soll der Teufel holen, wenn ich Sie verstehe, Doktor.« Klaubert kämpfte einen kurzen, schweren Kampf. »Herr Leutnant ... ich liebe!« quoll es ihm dann wie ein Feuerstrom aus der Seele. »Nun sehen Sie 'mal an ...« lächelte Padderow; »ich gratuliere ...« »Aber, wenn Sie wüßten, wen ich liebe, Herr Leutnant ...« »Na, sagen Sie es mir doch, dann weiß ich's ja.« »Eine Tochter vom Rittmeister Schimmelmann«, sagte der Doktor kleinlaut. »Bravo, bravo! ... Weshalb sollte ich Ihnen aber deshalb böse sein?« Klaubert zögerte abermals unter dem Druck eines beängstigenden Gefühls. »Weil ich dachte ... daß Sie selbst...« hauchte er dann. »Weil er dachte, daß ich selbst?« wiederholte Padderow in Gedanken ... »sollte er die Alphonsine meinen?« »Weshalb dachten Sie denn das?« setzte er dann laut hinzu. »Gott ... man hört... man macht seine Bemerkungen ...« »Sollte der Nasewitz geplaudert haben?« fuhr es Padderow durch den Kopf. »Diese Zuneigung des Rittmeisters für Sie«, sprach Klaubert zögernd weiter; »diese auffallende Bevorzugung ...« »Aha!« dachte Padderow; »er spielt auf die Schimmelmannsche Abendgesellschaft an.« »Jetzt hat er mich verstanden ... er träumt von der gestrigen Vorstellung«, grübelte der Doktor. »Ihr feuriges Spiel ...« fuhr Klaubert fort. »Na ja ... da haben wir's«, überlegte der dicke Leutnant; »mein Konzert auf der Baßtuba.« »Und dann plötzlich diese Kälte ... diese Grausamkeit ... gegen ... gegen die .. « sagte der Doktor, an Padderows Zusammenspiel mit Desdemona denkend. »Es ist richtig ... es ist vollkommen richtig«, setzte der Offizier seine stillschweigenden Betrachtungen fort; »meine Kälte ... meine Grausamkeit ... es ging doch aber nicht anders ... ich mußte mich doch zurückziehen ... und nun hat sich der kleine Doktor in die Alphonsine verliebt ... hm ... er wird keine Gnade finden vor ihren Augen... bei ihrem Stolz... und mit meinem Bilde im Herzen... das ist nicht so leicht zu verdrängen... schade... schade...« Ich habe Sie gekränkt, Herr Leutnant«, sagte Klaubert mit inniger Teilnahme; »ich habe Ihre Seele zerrissen... aber ich mußte es Ihnen doch sagen... ich konnte Sie doch nicht betrügen...« »Nun natürlich... das ist sehr ehrenwert von Ihnen«, entgegnete Padderow; »ich befürchte nur... ich sehe ein neues Unglück kommen ... dem Sie zum Opfer fallen werden.« »O weh!« dachte Klaubert... »meine Ahnung war also vollkommen richtig... er hält sich noch für geliebt... wenn ich ihm nun erst mitteile... doch, ich muß... er hat den Kelch noch nicht völlig geleert.« »Herr Leutnant...« begann er dann laut, aber beinahe mit Mitleidstränen im Auge; »ich bin noch nicht zu Ende... ich habe Ihnen noch mehr zu sagen... bitte, hören Sie mich nur auf Rechnung meiner heißen Liebe... meines... Glückes...« Hier versagte dem Doktor die Stimme und er schwieg. »Der arme Mensch«, dachte er; »das Herz bricht ihm.« »Der arme Teufel«, reflektierte Padderow; »die Hoffnungslosigkeit kommt schon über ihn... er tut mir furchtbar leid.« Klaubert machte eine gewaltsame Anstrengung, um ihm auch den herbsten Bodensatz des Schierlingsbechers einzustoßen. »Herr Leutnant«, sagte er mit tonloser Stimme und trübem Mienenspiel; »bitte, erschrecken Sie nicht... ich bin auch ...« »Was sind Sie auch?« drängte Padderow, als jener abermals nicht weiter konnte. »Wieder... geliebt!« hauchte Klaubert. Einen flüchtigen Augenblick fühlte sich die Eitelkeit des dicken Offiziers verletzt, im nächsten Moment aber sank jede andere Rücksicht ohnmächtig zusammen, vor dem Gefühl einer alles überwältigenden Freude. »Sie werden wiedergeliebt!?« jubelte er auf. »Weh' mir... er wird wahnsinnig!« entsetzte sich Klaubert. »Wissen Sie das auch ganz gewiß, Doktor?« »Ganz gewiß, Herr Leutnant... sie hat es mir selbst gesagt. Nun konnte Padderow sich nicht mehr halten und, einem gewaltigen inneren Drange folgend, zog er mit seinen kräftigen Armen den kleinen Doktor an sich und küßte ihn, daß jenem der Atem verging. Klaubert wußte nicht genau, ob er Hilfe rufen oder sich willenlos dem wahnsinnigen Zorn seines Nebenbuhlers überlassen sollte. Endlich legte sich aber dessen stürmische Gefühlsäußerung. »Junger Mann«, schüttelte er, ihn loslassend, seine beiden Hände; »seien Sie ganz getrost... in mir finden Sie kein Hindernis Ihres Glückes... ich werde sogar Ihr Fürsprecher sein beim Alten... ich habe das Mädchen ja nie geliebt!« Damit stürmte er vollen Laufes und in höchster Erregung die Straße hinauf, der Wohnung des Rittmeisters Schimmelmann zu. »Was? – Er hat sie nie geliebt?« schüttelte Klaubert erstaunt den Kopf; »vorhin sagte er doch aber selbst... na... es ist ja auch noch besser so... ach, mein Gott, was bin ich glücklich!« Und dann hüpfte er in derselben Weise wie vorhin die Straße weiter hinab, seiner nahen Wohnung zu. – Padderow polterte die Hintertreppe beim alten Schimmelmann empor, daß er zweimal beinahe gefallen wäre und preschte dann mit hochrotem Gesicht und vulkanischer Aufregung ins Zimmer. »Na; da sind Sie ja«, stand der Rittmeister freundlich vom Sofa auf; »Gott sei gelobt... endlich wären wir also so weit... seien Sie mir herzlich willkommen, lieber Padderow!« Und dann zog er den ganz Atemlosen an sich und küßte ihn ab, daß jenen die Spitzen seines langen Schnurrbarts an der Nase kitzelten und er sich die größte Gewalt antun mußte, um nicht zu niesen. »Was machen Sie denn für ein merkwürdiges Gesicht«, sagte Schimmelmann, als er ihn losgelassen; »Sie werden doch nicht etwa anfangen zu weinen?« »Herr Rittmeister!« begann Padderow, nachdem er sich erst noch ein paarmal geschüttelt; »ich komme heute... ha... ich komme heute... hat...« »Mein Gott; was ist Ihnen denn?« fragte der Alte besorgt. »Hatschi!« pruschte Padderow los. »Zur Gesundheit!« »Danke! – ich komme also heute mit einer Nachricht... die dem Herrn Rittmeister hoffentlich sehr angenehm sein wird.« »Gewiß, gewiß, lieber Freund!« klopfte ihm Schimmelmann auf die Schulter. »Mir ist die Brust zu voll«, fuhr Padderow nach kurzem Überlegen fort; »ich komme gleich, ohne Umschweif, zur Hauptsache.« »Nun, das versteht sich ja von selbst...« schmunzelte der Alte, wie ein überglücklicher Kater. »Herr Rittmeister...« nahm Padderow einen Ansatz; »der Doktor Klaubert liebt Ihr Fräulein Tochter!« Schimmelmann machte eine Bewegung, als wenn er einen elektrischen Schlag bekommen hätte. »Sind Sie total wahnsinnig geworden, oder wollen Sie mich foppen?« trat er einen Schritt zurück. »Keins von beiden, Herr Rittmeister; der Doktor Klaubert hat es mir eben selbst gesagt.« »Was?« »Daß er Ihr Fräulein Tochter liebt.« »Die Alphonsine?« »Jawohl, Herr Rittmeister.« Der Alte wurde plötzlich ganz wild vor zorniger Erregung. »Das ist ja, um verrückt zu werden«, stackerte er im Zimmer auf und nieder; » auch wieder die Alphonsine... Alle die Alphonsine... und die Nachricht soll mir angenehm sein... und die bringen Sie mir, der Sie die Alphonsine selber lieben?« Padderow, der nicht ganz mit Überlegung gehandelt, geriet jetzt in Verlegenheit. Sollte er Nasewitz bloßstellen und ihn verraten, das ging doch nicht; aber die Sache ließ sich ja auch anders einrichten. »Ich liebte allerdings Ihr Fräulein Tochter«, sagte er dann; »aber ich liebe sie jetzt nicht mehr!« »Herr! Warum nicht?« brauste Schimmelmann auf. »Weil sie einen anderen liebt, Herr Rittmeister... und da trete ich natürlich zurück.« »Unsinn! – Wen liebt sie denn?« »Den kleinen Doktor Klaubert, Herr Rittmeister.« »Das ist nicht wahr... Herr... verstehen Sie mich?« wurde Schimmelmann immer wütender; »meine Alphonsine liebt Sie ganz allein... meine Alphonsine kann gar keinen anderen lieben... das ist ganz unmöglich... haben Sie mich verstanden? - Und den Doktor Klaubert kann sie erst recht nicht lieben... das ist 'ne Verrücktheit ... woher wissen Sie das... wer hat Ihnen das gesagt?« »Der Doktor Klaubert selbst, Herr Rittmeister; vor fünf Minuten.« »Und woher weiß der, daß er von meiner Tochter geliebt wird?« »Aus dem Munde Ihrer Fräulein Tochter.« Schimmelmann fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, daß er jetzt einem blutdürstigen Räuberhauptmann nicht unähnlich sah. »Herrje!« schrie er; »der Kopf platzt mir entzwei... vier Menschen verlieben sich in meine Alphonsine... meine Alphonsine liebt einen von diesen vieren wieder... und dieser eine tritt zurück, weil sie einen anderen vorziehen soll... die Geschichte wird mir jetzt zu toll, wissen Sie das? - Ich komme mir vor, wie ein Mensch, mit dem Schnippschnappschnurr gespielt wird... ich weiß nicht mehr, ob andere Leute verrückt geworden sind oder ich selber... Heiliges Himmeldonnerwetter... die Sache muß jetzt zu Ende kommen ... vier Menschen lieben meine Alphonsine und alle sind sie zu schüchtern, es ihr zu sagen... ist so 'was in der ganzen Welt schon dagewesen? – Und gerade der, den die Alphonsine liebt, der kommt und sagt, daß er sie nicht liebt... dazu ist er nicht zu schüchtern... da möchte man sich ja den Schnurrbart und noch verschiedenes andere ausreißen ... Kreuzhimmeldonner... länger lasse ich mich nun nicht an der Nase 'rumführen, wie ein Esel... Licht will ich haben... klar will ich sehen... und wehe dem, der sich unterstanden hat, mir einen Possen zu spielen... der alte Schimmelmann wird ihm zeigen, wo Bartel Most holt...« »Aber, Herr Rittmeister«, wagte Padderow ihn zu unterbrechen. »Ruhig, Herr! Haben Sie die Geschichte angefangen, können Sie sie nun auch zu Ende führen ... holen Sie mir den Doktor Klaubert hierher, und die beiden anderen auch, den Klötersdorf und den Strammin... alle viere muß ich sie zusammenhaben, und dann müßte es doch mit dem leibhaftigen Teufel zugehen, wenn ich nicht der Geschichte auf den Grund kommen sollte.« »Aber, Herr Rittmeister«, versuchte Padderow noch einmal einzuwenden. »Ruhig, Herr! – Sie sind ein netter Ritter, wenn Sie Ihrer Dame so schnell entsagen...« »Wenn sie aber einen anderen liebt, Herr Rittmeister...« »Ich sage Ihnen, daß das nicht wahr ist... aus ihrem eigenen Munde will ich es hören, eher glaube ich es nicht... der Doktor Klaubert ist noch besoffen gewesen von gestern abend und hat Ihnen 'was vorgelogen...« »Das ist ein ehrenwerter Mann, Herr Rittmeister!« »Ruhig, Herr... holen Sie mir jetzt die drei anderen her... aber ein bißchen schnell, wenn ich bitten darf, sonst ist es nicht unmöglich, daß ich unterdes den Verstand verliere... aus dem Munde meiner Alphonsine muß ich's hören, sonst glaube ich nicht ein Jota von der Geschichte.« Was sollte der arme Padderow machen? Er ging, aber mit schwerem Herzen. »Ich habe kein Glück in der Welt«, grübelte er unterwegs; »nun dachte ich, daß das ganze Ränkespiel so hübsch und einfach gelöst wäre, und wie Gott den Schaden besieht, steht es schlimmer mit mir, als zuvor. – Belogen wird mich Klaubert nicht haben; aber irren kann sich jeder Mensch... und wenn die Alphonsine mir nun mit eigenem Munde sagt, daß sie mich liebt ... dann ... dann haue ich mir nachher ein Loch in die zugefrorene Hase, stecke den Kopf 'rein und ersäufe mich. - Auf andere Weise wird der arme Padderow wohl keine Ruhe bekommen.« - Nach Verlauf einer kleinen halben Stunde kam Padderow mit den beiden Fähnrichen und dem kleinen Doktor Klaubert an. Unten auf dem Hausflur stand Pätel, der Bursche, und sagte, sie möchten die Vordertreppe hinaufgehen, der Herr Rittmeister erwarte sie im Wohnzimmer. Noch eine Minute später, und die vier Herren traten ein. Padderow sah aus wie eine dicke flügellahme Eule; die beiden Fähnriche hatten eine Angst, daß ihnen die Augen übergingen, und bloß der kleine Doktor schaute keck und fröhlich drein, als wenn ihn weiter nichts beseelte, als der Gedanke an sein süßes Lieb. Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer befanden sich Schimmelmann und dessen Gattin. Der Alte ging wie ein bissiger Igel im Zimmer auf und ab, und die kleine Mama, die bis jetzt nichts von dem erfahren hatte, was vorgegangen war und was noch vorgehen sollte, saß auf dem Sofa und machte ein gar wunderliches Gesicht. Als die vier Herren eingetreten waren, stellten sie sich dienstmäßig nach dem Alter in eine Linie, Padderow auf dem rechten Flügel, Klaubert auf dem linken, die beiden Fähnriche in der Mitte. Schimmelmann starrte sie erst eine Weile an, daß den armen Menschen ganz unheimlich dabei zumute ward, und dann brummte er, die Höflichkeit doch nicht ganz aus den Augen setzend: »Guten Morgen, meine Herren!« »Guten Morgen, Herr Rittmeister«, antwortete ihm ein gemischter Chor. »Freue mich, Sie hier alle vier versammelt zu sehen... die Geschichte muß nun nämlich, ohne fernere Rücksicht, sofort entschieden werden.« Die kleine Mama auf dem Sofa warf einen verwunderten Blick auf ihren Gatten und dann einen ebensolchen auf die zitternden Herren. Schimmelmann flackerte, wie der Ritter Blaubart, nach der Tür des Nebenzimmers und öffnete diese. »Alphonsine!« rief er hinein. »Ja, Papa!« »Komm' 'mal einen Augenblick heraus.« »Ja, lieber Papa!« riefen alle vier, vom weiblichen Instinkt getrieben. »Nein... die anderen nicht... dringeblieben... bloß die Alphonsine!« Die Gerufene erschien und begrüßte etwas erstaunt die sich verbeugenden Herren. Die drei anderen Schwestern horchten natürlich an der Tür. Der Rittmeister warf erst einen beobachtenden Blick auf seine Tochter, dann einen zweiten auf die Besucher. »Alphonsine«, sagte er mit gezwungener Ruhe; »du wirst von jedem dieser vier Herren geliebt.« Das Mädchen zuckte errötend zusammen, Padderow bekam eine Anwandlung von Schwindel, die drei anderen machten erstaunte Gesichter, und die kleine Mama auf dem Sofa wußte gar nicht, was sie davon denken sollte. »Du wirft am besten wissen, wen du wiederliebst«, fuhr Schimmelmann fort; »also nenne ihn, damit ich ihn ebenfalls kennenlerne.« »Nun wird's losgehen«, dachte Padderow, nach einer Stuhllehne greifend; »Gott sei meiner armen Seele gnädig!« »Aber, Alter, was ist denn das ... davon weiß ich ja gar nichts«, sagte die kleine Mama auf dem Sofa. »Ruhig! ... Wird es nun bald, Alphonsine! - Welchem von den vier Herren hast du deine Liebe zugewandt?« »Puh!« stöhne Padderow. »Aber, Papa«, geriet das Mädchen in Verwirrung; »ich kann unmöglich ... ich...« »Na, liebst du, oder liebst du nicht?« stampfte Schimmelmann wild mit dem Fuß. »Ja, lieber guter Papa ...« ängstigte sich Alphonsine. »Na, siehst du wohl ... nun wissen wir's ja ... also welchen?« »Papa, ich wiederhole dir ... diese Herren sind ... ich bitte, mich entfernen zu dürfen ...« »Hiergeblieben!« schrie der Alte; »willst du es jetzt augenblicklich sagen, welchen von den vier Herren du liebst, oder willst du es nicht sagen?« »Nein, Papa ... ich kann es ja nicht ...« schlug das geängstigte Mädchen die Augen nieder. »Gut!« sagte Schimmelmann; »wenn du störrisch bist, werden wir es auf andere Weise herausbekommen.« »Aber, Heinrich!« sagte die kleine Mama auf dem Sofa. »Still!« Dann wandte er sich zuerst an den rechten Flügelmann. »Herr von Padderow«, sprach er ernst; »ich fordere Sie auf, mir zu sagen, ob Sie meine Tochter lieben.« »Nein, Herr Rittmeister«, hauchte der dicke Leutnant. »Sie bleiben also dabei, zurückzutreten... bleiben also nur noch drei.« Alphonsine hätte in die Erde sinken mögen. »Herr von Klötersdorf«, ging Schimmelmann nun zu dem zweiten in der Linie über; »ich fordere Sie auf, mir zu sagen, ob Sie meine Tochter lieben ... laut!« »Ja, Herr Rittmeister!« krächzte der Fähnrich, dem die Kehle zugeschnürt war, »aber ...« »Ruhig! ... Kein aber! ... Ich weiß genug.« »Herr von Strammin«, fuhr der Alte fort; »ich fordere Sie auf, mir zu sagen, ob Sie meine Tochter lieben ... laut!« »Ja!« schrie der andere Fähnrich; »ich liebe sie ... aber es ist ja ...« »Ruhig! ... Kein aber ... das Faktum genügt ...« Dann ging er zum kleinen Klaubert über. »Und Sie sind also auch in meine Tochter verliebt ... was?« »Jawohl, Herr Rittmeister, aber ich erlaube mir, zu bemerken ...« »Daß Sie von ihr wiedergeliebt werden, nicht wahr?« »Allerdings, Herr Rittmeister, ich bin so glücklich; aber ich erlaube mir ganz gehorsamst zu bemerken, daß ...« »Ruhig! - Das andere ist Nebensache... meine Tochter liebt also einen Pillenkneter ... Donnerwetter!« »Aber, Alter«, machte die kleine Mama auf dem Sofa. »Still!« »Da hast du die Aussagen deiner Anbeter«, wandte er sich dann wieder an Alphonsine ... sie lieben dich alle drei ... der Doktor behauptet sogar, deine Gegenliebe zu besitzen ... suche dir also gefälligst einen aus.« »Gott sei gelobt!« stöhnte Padderow in tiefster Seele; »der kleine Klaubert hat sich doch nicht geirrt ... sonst würde er es doch in ihrer Gegenwart nicht offen sagen ...« Alphonsine zitterte wie Espenlaub; denn dieser seltsamen und unerwarteten Situation war ihre zarte Natur nicht gewachsen. »Na ... wie lange besinnst du dich noch?« fuhr sie Schimmelmann an; »einig wirft du doch wohl schon mit dir sein.« In diesem Moment ertonte aus dem Nebenzimmer ein lautes Kreischen, Weinen und Jammern. »Herrje!« hielt sich Schimmelmann mit beiden Händen die Ohren zu; »was ist denn das für ein Spektakel!« »Mein Gott; es hat sich vielleicht eine verbrannt«, läuft die Mama ins andere Zimmer und läßt in der Eile die Tür offen. »Ruhig!« schreit der Alte; »das ist nicht zum Aushalten ... mir platzt das Trommelfell!« »Aber, was ist Euch denn, Kinder, so sprecht doch, was weint Ihr denn?« ruft die Mutter mit lauter Stimme durch den immer stärker werdenden Lärm. »Die Alphonsine wird von allen geliebt ... wir haben es recht gut gehört ... mit uns hat man gespielt ... wir sind betrogen worden ... er ein Verräter; wer hätte das gedacht... also solche Augen können auch lügen ... wir wollen sterben ... ich gehe ins Kloster ...« so tönte es von den drei Schwestern wild und wirr durcheinander. Alphonsine wollte sprechen; aber sie kam in dem Getöse nicht zum Wort. Die vier Herren wollten ebenfalls sprechen; aber da es unmöglich war, sich Gehör zu verschaffen, so machten sie halb ängstliche, halb verzweiflungsvolle Gesichter und schwiegen. »Was soll denn das nun wieder bedeuten?« brüllte Schimmelmann, als wenn er seine Schwadron kommandierte; »wer hat Euch betrogen? - Wer ist ein Verräter? - Was geht es Euch überhaupt an, von wie vielen Männern Alphonsine geliebt wird?« Der Lärm im Nebenzimmer wurde immer furchtbarer. »Die Alphonsine braucht doch nur einen... weshalb nimmt sie uns denn unsere Anbeter auch noch fort!« kreischte es durch den Lärm.« »Ich habe Euch gar keinen fortgenommen!« machte sich die ältere Schwester jetzt mit Gewalt hörbar; »ich weiß nicht, wie die vier Herren darauf kommen, mich zu lieben; ich liebe gar keinen von ihnen.« »Nun liebt sie wieder gar keinen!« griff sich Schimmelmann in die Haare. »Wir lieben Fräulein Alphonsine ja auch nicht!« riefen die vier Herren wie aus einem Munde. »Was?« schrie der Alte; »erst lieben sie alle, und nun liebt sie wieder gar keiner ... mir ist der Kopf schon wie Blei!« »Das ist nicht wahr; das ist nicht wahr!« weinten die anderen Schwestern; »die Herren haben es ja vorhin selber gesagt!« »Es ist aber doch wahr!« wurde jetzt Alphonsine ebenfalls heftig; »ich liebe Herrn von Nasewitz!« »Schön! - Das wird ja immer bunter«, brüllte Schimmelmann; »das ist also der fünfte... vielleicht kommen noch mehr ... ruhig, zum Donnerwetter, oder ich schicke Euch auf die Hauptwache!« Es wurde aber nicht ruhig, im Gegenteil, das Weinen und Jammern bekam jetzt etwas Herzzerreißendes. »Herr von Padderow!« faßte Schimmelmann den dicken Offizier am Epaulette; »wollen Sie mir einen Gefallen tun?« »Sehr gern, Herr Rittmeister!« »Bitte, holen Sie mir den Herrn von Nasewitz.., den müssen wir auch hier haben... der hat überhaupt die ganze Geschichte eingerührt... aber schnell... bitte... man kann ja nicht wissen, wie lange man noch seinen gesunden Menschenverstand behält.« Padderow eilte ab, die drei anderen Herren standen wie die traurigen Kraniche, die Mädchen weinten, die Mutter tröstete und Schimmelmann hielt sich die Ohren zu und lief auf und nieder wie ein wildes Tier im Käfig. Nach einer kleinen Viertelstunde erschien Paddcrow mit Nasewitz. Kaum waren beide eingetreten, als der Alte sofort auf den langen Offizier losstürzte. »Sie haben mir gesagt, daß Herr von Padderow meine Tochter liebte«, schrie er ihn an; »ist das wahr?« »Gewiß, Herr Rittmeister«, bestätigte Nasewitz; »Fräulein Alphonsine.« Die Betreffende sah ihn fast erschreckt an. Nasewitz fühlte den Blick, und schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen. »Ist das wahr, Herr von Padderow?« wandte sich nun Schimmelmann an diesen; »liebten Sie meine Tochter?« Der dicke Leutnant machte ein dumm-wehmütiges Gesicht und wußte nicht, was er antworten sollte. »Sage doch ja«, kniff ihn Nasewitz von hinten; »du hast mir ja gesagt, daß sie dich nicht will, sondern daß sie einen andern liebt.« »Wollen Sie die Freundlichkeit haben, zu antworten!« schrie Schimmelmann. »Jawohl, Herr Rittmeister«, nickte Padderow; »ich liebte Fräulein Alphonsine.« Die Betreffende schüttelte höchst verwundert den Kopf, im Nebenzimmer ward es stiller. »Gut!« sagte der Alte; »also weiter; Herr von Nasewitz, Sie haben mir bestätigt, Herr von Klötersdorf liebe meine Tochter; ist das wahr?« »Gewiß, Herr Rittmeister«, lächelte der Leutnant; »Fräulein Euphrosine.« »Was?« schrie Schimmelmann... »die Euphrosine... ich denke die Alphonsine?« Die Betreffende war bei der letzten Wendung der Unterhaltung ins Zimmer getreten und lächelte durch Tränen. »Da müssen sich der Herr Rittmeister doch verhört haben«, meinte Nasewitz; »Herr von Klötersdorf hat immer Fräulein Euphrosine geliebt... nicht wahr, Herr von Klötersdorf?« »Jawohl!« antwortete der Fähnrich mit einer hohen und einer tiefen Silbe. »Alterchen, du wirst dich wohl verhört haben«, streichelte ihn die glückliche kleine Mama; »du bist jetzt überhaupt so zerstreut... du hast ja sogar vergessen, mir von der Sache auch nur ein Wort zu sagen.« Schimmelmann blickte eine Weile starr vor sich hin; dann setzte er sein Examen weiter fort. »Herr von Nasewitz«, fuhr er diesen plötzlich wieder an, daß er zusammenschreckte; »Sie haben mir gesagt, Herr von Strammin liebe meine Tochter... ist das wahr?« »Gewiß, Herr Rittmeister«, lächelte der Leutnant; »Fräulein Cölestine.« »Donnerwetter!« fluchte Schimmelmann... »ich dachte wieder die Alphonsine!« Die Betreffende war bei Nennung ihres Namens verschämt ins Zimmer getreten und lächelte nun ebenfalls durch Tränen. »Du hast dich verhört, Alter!« streichelte ihn die kleine Mama. »Herr von Strammin«, wandte sich Nasewitz an diesen; »haben Sie nicht immer Fräulein Cölestine geliebt?« »Jawohl, Herr Leutnant!« bestätigte dieser. Schimmelmann schien sich besinnen zu wollen; dann ging das Fragen aber wieder los. »Und nun kommt der Padderow«, sagte er; »und macht mir die Mitteilung: der Doktor Klaubert liebe meine Tochter und habe Gegenliebe gefunden.« »Ganz recht, Herr Rittmeister«, nickte der Doktor furchtbar freundlich; »Fräulein Melusine.« »Na, da schlag Gott den Teufel tot!« fluchte Schimmelmann; »ich dachte wieder , es wäre die Alphonsine.« »Ach so!« dachte Padderow; »diesmal liegt die Verwechslung an mir...« »I, sieh' 'mal an«, frcute sich Nasewitz; »das macht sich ja prächtig... nun sind ja schon drei untergebracht ... bloß die arme Alphonsine bleibt übrig.« »Du hast eine schreckliche Verwirrung angerichtet, Alterchen«, streichelte ihn die kleine Mama. Schimmelmann preßte sich die Hand vor die Stirn, als wenn er seine Gedanken klarer machen wollte. »Also ich habe die Konfusion gemacht«, sagte er; »ich dachte eigentlich, die anderen wären es gewesen... aber es muß doch wohl seine Richtigkeit haben ... wie, Mädchen?« Die drei jüngeren Schwestern nickten freundlich mit dem Kopf. »Hm!« machte Schimmelmann; dann fiel ihm aber plötzlich wieder etwas ein. »Herr von Nasewitz!« wandte er sich abermals an den langen Offizier. »Herr Rittmeister befehlen?« »Nun sagt mir aber vorhin meine Tochter Alphonsine, daß sie in Sie verliebt sei... wie verhält sich's denn damit?« Die älteste Tochter wurde dunkelrot vor Verlegenheit und Scham und schlug die Augen zu Boden. Nasewitz bekam ein Gefühl, als wenn der Blitz ihn getroffen; dann aber durchströmte es auch ihn siedendheiß. »Ganz recht, Herr Rittmeister«, entgegnete er dann schnell, weil nicht gezögert werden durfte; »ich liebe Fräulein Alphonsine.« Das Mädchen legte unwillkürlich die Hand aufs pochende Herz. »So!« sah ihn der Alte an; »seit wann lieben Sie sie denn?« »O ... schon lange«, sagte Nasewitz. »Weshalb hinterbrachten Sie mir denn aber, daß Herr von Padderow sie liebe?« »Weil es die Wahrheit war, Herr Rittmeister!« »Und deshalb traten Sie freiwillig zurück?« »Weil ich meinen Freund von dem Fräulein geliebt glaubte und mich nicht aufdrängen wollte.« Alphonsine warf ihm einen mild vorwurfsvollen Blick zu. »Edler Mann!« drückte Schimmelmann den langen Leutnant an sein Herz. »Und weshalb entsagten Sie denn nun wieder, Herr von Padderow?« wandte sich der Alte an diesen. »Weil ich wußte, daß Nasewitz geliebt sei«, sagte jener. »Edler Mann!« drückte Schimmelmann den kleinen Dicken ans Herz; »ich wünschte, ich hätte noch eine Tochter, um sie Ihnen geben zu können.« »Sie meinten also ... die Alphonsine ... als Sie zu mir kamen?« fragte der Alte weiter; »die Sache ist mir noch nicht recht klar ... da Sie zurücktreten wollten, mußten Sie allerdings die Alphonsine meinen ... aber Sie sprachen doch auch vom Doktor Klaubert...« »Ja ... natürlich ...« nickte Padderow; »ich wollte Ihnen beides sagen ... und brachte es in der Aufregung nur ein bißchen durcheinander...« »Haha!« machte Schimmelmann; »Donnerwetter; nun sind wir sie ja alle vier los!« »Gott, ist das ein Glück!« klopfte die kleine Mama in die Hände. »Na«, schmunzelte jetzt auch der Rittmeister; mir soll's recht sein ... wollt Ihr Euch also wirklich alle zusammen heiraten?« »Ja!« tönte es von acht Lippenpaaren. »Na, dann nehmt Euch... und Gott sei mit Euch!« nickte Schimmelmann, dem Wasser in die Augen kam. Die Anbeter traten zu ihren Angebeteten und gaben ihnen die Hand und blickten ihnen ins Antlitz. »Wie konnten Sie aber glauben, daß ich Herrn von Padderow liebe?« fragte Alphonsine leise. »Die Liebe ist ja blind!« küßte ihr Nasewitz zärtlich die Hand. Nun wollen wir aber die vier Paare verlassen, damit wir nicht die glücklichste Stunde ihres Lebens stören. - - Zu Mittag gingen die Herren Bräutigame fort, weil die kleine Mama nicht hinreichend Essen für sie hatte. - »Donnerwetter, kannst du aber lügen!« sagte Padderow zu Nasewitz. »Na, du hast auch das deinige geleistet«, entgegnete Nasewitz zu Padderow. »War das aber eine tolle Geschichte, Edler von Knelling.« »Ja!« lachte dieser; »es war die Geschichte von einem Menschen, der seinen Freund von Gläubigern retten wollte und, ohne daß er es beabsichtigt, die vier Töchter eines Rittmeisters verheiratete.« »Und dabei bist du selber zu einer Frau gekommen, du weißt nicht wie?« »Da hast du recht, alte Seele; aber ich glaube nicht, daß ich es bereuen werde.« 23. Nachklänge Nun kam eine recht glückliche Zeit für die Familie Schimmelmann und deren neuen Zuwachs. Der Alte hatte ein ganz anderes Gesicht bekommen, und es war ihm unmöglich, im Dienst grob zu werden. Manchmal gab er sich förmlich Mühe dazu, aber es gelang ihm nicht mehr, denn wenn er wirklich für einen Augenblick den dicken Schnurrbart wütend unter die Nase geschoben hatte, dann ließ er ihn sofort wieder sinken und lächelte den Dragoner an, den er herunterreißen wollte. Auf der Straße nickte er auch jedem freundlich zu, und wenn er ein kleines Kind sah, dann stackerte er darauf los und klopfte ihm die Backen und fragte, wie es hieße und dergleichen. Manchmal wurde er aber des Abends plötzlich traurig und meinte, er wäre nun gar kein ordentlicher Soldat mehr, sondern bereitete sich zur Kinderfrau vor, und sein Gedächtnis müßte doch auch bedenklich gelitten haben, indem er nicht bemerkt hätte, daß die vier Herren vier verschiedene Töchter haben wollten. Nasewitz tröstete ihn dann aber damit und meinte, das wäre ja gerade ein Beweis von seiner kernigen soldatischen Natur, daß er gar nichts anderes hätte denken können, als daß die älteste Tochter zuerst verlobt werden müsse. Der Wachtmeister Klinke, der früher seinen Chef immer in der Wut kopiert hatte, tat es jetzt natürlich auch in der Liebe, obgleich es ihm im Anfang recht schwer wurde. Zuletzt machte es sich aber schon recht niedlich, und wenn der Alte schmunzelnd voranging, dann schmunzelte er mit demselben Stillvergnügtsein hinterher. »Herr; was grienen Sie denn immerzu!« fuhr ihn der Alte manchmal an. »Ach, der Herr Rittmeister grie... lachen ja auch!« sagte dann der Wachtmeister. Und dann wurden sie beide noch bedeutend lustiger. – Die Hochzeiten von Nasewitz, Klötersdorf und Strammin fanden in möglichst abgekürzter Frist an einem Tage statt, weil die Väter einesteils ihre Einwilligung nicht versagten und sie andernteils so wohlhabend waren, daß sie den nötigen Zuschuß ohne Schwierigkeit leisten konnten. Das Festdiner fand natürlich im Speisesaal der Offiziere statt; nachher reisten aber die drei jungen Paare auf vierzehn Tage zu ihren Eltern aufs Land, weil sie die nächtlichen Konzerte, namentlich aber Solis auf der Baßtuba und Flöte nicht liebten. Die kleine flinke Melusine, die gerade am wenigsten Talent zum Warten hatte, mußte sich volle drei Jahre gedulden, bis der kleine Klaubert als Bataillonsarzt nach einer anderen Stadt versetzt wurde; dann machte es ihr aber auch ein dreifaches Vergnügen, und sie erzählte jedem Menschen, wie glücklich sie wäre. Nasewitz und die beiden Fähnriche, die bald nachher Offiziere wurden, dienten noch ein paar Jährchen, nahmen dann den Abschied und gingen mit ihren jungen Frauen auf die Hufe, wo ihre Ehen und ihre Felder reichlich gesegnet wurden. Joseph ging auch mit und machte es zu seiner Hauptbeschäftigung, die Puten und Hühner aus dem Korn zu jagen. Als er älter und kurzsichtiger wurde, banden ihm Nasewitzens kleine Kinder ein rotes Bändchen um den Hals und spielten Pferd mit ihm. Der alte Rittmeister Schimmelmann wurde natürlich niemals Major; dazu war er selbst für damalige Zeit zu alt und klapprig geworden. Eines guten Morgens brachte ihm der Postbote einen blauen Brief, und da wußte er schon, was die Glocke geschlagen hatte. Er war in Gnaden verabschiedet, mit einer kleinen Pension, Regimentsuniform, dem Titel als Major und dem Roten Adlerorden vierter Klasse. Wenn nun der gute Nasewitz nicht seine vier Töchter verheiratet hätte, würde es allerdings jetzt übel ausgesehen haben; so aber war es nicht so schlimm. Er zog mit der kleinen dicken Mama zu seinem ältesten Schwiegersohn aufs Gut und schmunzelte dort bis zu seinem sanftseligen Tode. Als er aber in Zivilkleidern in der alten gelben Postkutsche aus Hasenbalg herausfuhr, da machte er doch ein trauriges Gesicht, wenn ein altes schiefes Haus nach dem anderen an ihm vorbeihuschte und ihn zum letztenmal ansah aus seinen halbblinden Augen. Und die Leute, die vor den Türen standen, nickten ihm alle freundlich zu, und die Dragoner wußten nicht, ob sie ihn noch militärisch grüßen oder ebenfalls nicken sollten, und zuletzt wurden dem alten Schimmelmann die Augen ebenso trüb und blind wie den alten Häusern, und er mußte sich von seiner Frau abwenden, damit die nicht sah, daß er weinte. Damit hatte es aber keine Not; denn die kleine Mama blickte schon eine ganze Weile nach der anderen Seite und wischte sich fortwährend das Gesicht ab, mit demselben Eifer, als wenn sie zu Hause einen Spiegel polierte. Das war aber das letzte Mal, wo sie weinten. – Der ritterliche Padderow hatte auch nicht mehr lange unter dem Druck seiner Schulden zu leiden. Ungefähr ein Jahr nach Nasewitzens Hochzeit starb seine Tante und hinterließ ihm ein rundes Sümmchen von fünfzigtausend Talern. Damit bezahlte er seine Gläubiger bis auf den letzten Pfennig, und als sein Freund Nasewitz den Abschied nahm, folgte er seinem Beispiel und zog nach Berlin. In den heißen Sommermonaten aber besuchte er regelmäßig den Burgherrn von Knelling und plauderte bei einem Gläschen von der guten alten Zeit in Hasenbalg. In einem modernen Buche soll allerdings gestanden haben, daß Padderow späterhin in einer kleinen Residenz, Schwippe, eine Wurzelberger geheiratet habe; das halten wir aber für eine Erfindung. Das Schicksal der übrigen Personen, mit denen wir so lange verkehrten, wird von geringem Interesse sein. Der alte Oberst von Hollprägel bekam trotz seines Alters dennoch eine Division, und als ihm doch zuletzt der alte weiße Kopf zu sehr wackelte, nahm er den Abschied und zog nach dem stillen Hasenbalg, wo er seine letzten Tage verlebte. Zuletzt trugen sie ihn auf den Kirchhof hinaus, wo auch die Gräfin Plustra ruhte. – Die arme Frau! Sie genoß nicht lange das Glück, Gräfin zu sein, weil sie den Tod schon im Herzen trug. Als sie geheiratet hatte, wurde sie immer bleicher und bleicher, bis sie zuletzt die Augen zumachte, um sie nicht wieder zu öffnen. Ihr Gemahl hat nachher noch ein buntes Leben geführt; wie er geendet, wissen wir nicht. Die Baronin Möhrenstolz zog mit ihren beiden Töchtern nach Berlin und errichtete ein Bureau de Placement – sie soll gute Geschäfte gemacht haben. – Der alte Graf Schwülenberg wurde zuletzt so zerstreut, daß er doch nicht länger im Dienst bleiben konnte; er nahm deshalb den Abschied und zog zu seinem alten Vater aufs Gut, wo er bald nachher gestorben ist. – Alles tot, was damals in Hasenbalg lebte. Aber die alte schiefe Stadt steht noch immer; wenn man mit der Eisenbahn nach Plettin hinauffährt, kann man sie deutlich sehen; den hohen Kirchturm, der unten schwarz und oben rot ist ... das gelbe Rathaus mit der grünen Mütze ... da ... an der Ecke wohnte der Konditor Schlichter ... derselbe Rahmen noch, nur andere Menschen drin, die von den Leutchen unserer Geschichte wohl nur noch wenig wissen. – Noch fünfzig Jahre weiter, und die Erinnerung ist auch gestorben; alles hinweggespült vom schnellen Strom der Zeit. Deshalb freut es uns, daß wir noch ein Bild festgehalten haben aus jener alten guten Zeit, und wer unser harmloses Büchlein liest, der schmunzelt vielleicht noch in späteren Jahren über den alten Rittmeister Schimmelmann, der gar nicht so bärbeißig war wie er aussah.